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                    <text>Uebersicht ueber den Ost- West- Handel
II.Halbjahr 1955
Bedeutung, Moeglichkeiten und Grenzen der Automatisierung.
sind am Ende des Bandes

eingeordnet.

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE NATO IST EINE REALITÄT

OSLO - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
V/ortlaut einer Rede, die der Generalsekretär der
Nordatlantikpakt-Organisation, Lord Ismay, am
15« Mai 1956 vor dem norwegischen Atlantik-Ausschuß
gehalten hat.

Viele Schwierigkeiten, Zweifel und Unsicherheiten haben wir zu
überwinden. Es ist daher nötiger denn je, daß die Völker der Mitgliedstaaten die wahren Ziele der NATO verstehen und daß sie die Gründe
für die ständigen Opfer und Anstrengungen, die man immer noch von
ihnen verlangt, kennen und billigen.
Um die derzeitige Lage in der richtigen Perspektive sehen zu
können, müssen wir rasch einen Blick auf die Vergangenheit werfen.
Vor sieben Jahren sah sich Westeuropa der Gefahr eines drohenden
Angriffs durch stark überlegene sowjetische Truppen ausgesetzt. In
jener Stunde einer tödlichen Gefahr wurde der Nordatlantikpakt unterzeichnet. Der Entschluß, diesem Bündnis beizutreten, erforderte von
vielen Mitgliedern Weitsicht und großen Mut. Für die Vereinigten
Staaten von Amerika bedeutete es die Aufgabe ihrer traditionellen
Politik, sich aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten,
für Norwegen und andere bedeutete es die Aufgabe ihrer stets hochgehaltenen Tradition der Neutralität. Die freie Welt schuldet den
Staatsmännern, die für die Außenpolitik der westlichen Demokratien
in jenen Tagen verantwortlich waren, großen Dank: unter diesen
Männern ist vor allen anderen der norwegische Außenminister Lange
zu nennen, der von Anbeginn an eine so starke Stütze unserer Sache war,
Ihr Weitblick hat uns allen reichen Gewinn gebracht. Das Bündnis, das sie ins Leben riefen, hat die freie Welt vor einer unausdenkbar drohenden Katastrophe bewahrt. So wurde der Friede in Europa erhalten, dem Vordringen der Sowjets nach dem Westen Einhalt geboten.
Eine Schutzwehr aus bewaffneten Streitkräften wurde gebildet, die,
wenn auch noch nicht stark genug, um ein-em Großangriff Widerstand zu
leisten, doch über genügend Kräfte verfügt, um nicht von der Militärmacht überwältigt zu werden, die die Sowjets außerhalb der Sowjetunion
unterhalten. Die NATO ist heute kein Traum mehr, sie ist eine Realität .
Es

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�AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

Es wurde aber noch etwas anderes vollbracht, das zwar unsichtbar und unfaßbar, aber dennoch vielleicht die größte Leistung überhaupt ist. Ich meine die Verbundenheit, die sich zwischen den Mitgliedstaaten entwickelt hat. Sie ist vielleicht unser kostbarster
und mächtigster Besitz. Die Lage heute unterscheidet sich also weitgehend von der zur Zeit der Unterzeichnung des Vertrages, und man
könnte behaupten, die NATO sei die erfolgreichste Koalition, die je
zu Friedenszeiten zwischen Völkern eingegangen wurde; und doch, so
paradox dies auch erscheinen mag, hat gerade dieser Erfolg eine Reihe
weiterer Schwierigkeiten mit sich gebracht.
Die führenden Männer der Sowjetunion haben das nordatlantische
Bündnis, seine Zielsetzung, stets abgelehnt und gefürchtet. Sie haben
ja auch alles in ihren Kräften otehende getan, um zu verhindern, daß
• es überhaupt entstand. Sie v/erden sich erinnern, daß die norwegische
Regierung zu dem gleichen Zeitpunkt, als der von uns hochgeschätzte
norwegische Außenminister Lange im Begriff war, nach Washington zu
reisen, um sich über den Nordatlantikpakt zu informieren» von der
sowjetischen Regierung in einer Note aufgefordert wurde, einen
Nichtangriffspakt mit der UdSSR abzuschließen. Norwegen traf seine
Wahl. Es hat das russische Angebot abgelehnt-und am 3. März 1949
beschlossen, dem atlantischen Bündnis beizutreten, wobei es jedoch
keinen Zweifel darüber ließ, daß es die Stationierung ausländischer
Streitkräfte in Norwegen strikt ablehnen werde, solange das Land nicht
angegriffen werde oder von einem Angriff bedroht sei. Den Sowjets war
es also nicht gelungen, eine Unterzeichnung des Vertrages zu verhindern; das hat sie aber nicht v^n ä ü V&amp;rsuch abgehalten, die Einbeziehung weiterer Staaten in das Bündnis oder dessen Stärkung zu verhindern. Als zum Beispiel der Beitritt Griechenlands und der Türkei
zur NATO zur Debatte stand, boten die Sowjets ein Äußerstes an Lockungen und Drohungen auf, um dies zu verhindern. Und vor zwei Jahren
taten sie genau das gleiche, als die Frage des Eintritts der Bundesrepublik Deutschland erwogen wurde.
Da all ihre Versuche, die NATO zu schwächen und zu sprengen,
fehlgeschlagen waren, und da sie sahen, wie das Bündnis an Festigkeit,
Stärke und Geschlossenheit zunahm, beschlossen die sowjetischen Führer vor etwa einem Jahr, ihre Taktik zu ändern. Statt drohender Mienen
zeigen sie uns heute ein Lächeln. Freundschaftsbesuche in allen Teilen der Welt sind an die Stelle völliger Abgeschlossenheit hinter den
Mauern des Kreml getreten. Stalin, den das sowjetische Volk als einen
Gott zu verehren gelernt hatte, wird heute als ein Tyrann beschimpft,
den die freie Welt schon immer in ihm gesehen hat. Statt Drohungen
und Beschimpfungen hören wir heute schöne Worte über "friedliche
Koexistenz" und "Lockerung der Spannungen zwischen Ost und West".
Wenn wir glauben könnten, daß diese Wandlungen grundsätzlicher
Natur und von Dauer seien, wie glücklich könnten wir uns schätzen.
Aber ist es richtig, wenn wir unsere Pläne auf einen derartigen Glauben aufbauen? Erst kürzlich warnte Chruschtschow selbst uns davor,
als er sagter
"Im
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�AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

"Im Westen sagt man, die Sowjetführer lächeln, aber ihre Taten
entsprechen diesem Lächeln nicht. Ich aber versichere, daß dieses
Lachein ehrlich ist. Es ist nicht künstlich. Wir wollen in Frieden
leben. Aber wenn irgend jemand glaubt, daß unser Lächeln eine Abwendung von den Lehren Marx1 und Lenins" (das heißt, daß das Endziel
der sowjetischen Politik die Weltrevolution ist) "oder ein Verlassen
unseres kommunistischen Weges bedeute, so hält er sich selbst zum
Narren."
Mit anderen Worten halten die Sowjets nach ihrer eigenen Darstellung an der Ideologie und am Ziel der Weltrevolution fest. Und
es gibt noch andere Gründe, den sowjetischen "New Lexik" nicht nach seinem äußeren Schein zu bewerten.
Die Militärmacht der Sowjets nimmt nach wie vor zu. Sie beteuern,
sie wollten Abrüstung, die wir seit Jahren bei Ihnen durchsetzen
wollen; und um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, gaben sie erst gestern bekannt, daß sie eine Herabsetzung ihrer gewaltigen Streitmacht
um 1,2 Millionen Mann planen. Tatsächlich haben wir mit dieser Freistellung von Arbeitskräften für Industrie und Landwirtschaft bereits
seit einiger Zeit gerechnet.
Das ist aber noch kein zuverlässiger Beweis dafür, daß die Sowjets
tatsächlich abzurüsten beabsichtigen. Im Gegenteil, ihre Rüstungsindustrie arbeitet auf Hochtouren und erzeugt große Mengen modernster
Waffen, und die Tatsache bleibt bestehen, daß sie jeden unserer Vorschläge auf Schaffung eines Inspektions- und Kontrollapparats ablehnen, der allein eine erfolgreiche Abrüstung gewährleistet. Sie predigen friedliche Koexistenz, aber ihr Eiserner Vorhang ist fast so
undurchdringlich wie nur je. Denn er bildet nach wie vor eine Schranke,
die es den Völkern der westlichen demokratischen Länder verbietet,
unbehindert nach und durch Rußland zu reisen, und es ebenso den
Menschen aus dem sowjetischen Machtbereich unmöglich macht,unbehindert
unsere Welt zu bereisen und unsere Lebensform kennenzulernen. Der Kampf,
den wir führen, ist ein Kampf um die Seele der Menschen: und wenn es
unbehinderten Verkehr zwischen Ost und West gäbe, dann wäre jeder
Zweifel ausgeschlossen, welche Seite Sieger bleiben würde. Und schließlich, was könnte die Sowjetführung daran hindern, ihre Taktik abermals zu ändern, wie und wann immer es ihr gerade paßt? Es gibt weder
ein Parlament noch eine öffentliche Meinung, die sie daran hindern
könnten. Darf ich Sie an den Salto mortale der Kommunisten im Jahre
1940 erinnern? Auf viele Häuserwände in England hatten sie die Parole
"Macht diesem imperialistischen Krieg ein Ende!" geschrieben. Als
aber Hitler am 21. Juni 1940 Rußland überfiel, wurde diese Parole
über Nacht abgekratzt und durch die Forderung "Jetzt die zweite
Front" ersetzt.
Wir haben also durchaus keine Garantie, daß das Lächeln nicht
wieder zürnenden Mienen, die schönen Worte nicht wieder Drohungen
und Beschimpfungen weichen werden.
Die

�"AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

Die Atlantikpaktmächte begrüßen daher zwar die jüngst zu verzeichnende Lockerung der Spannungen und sind ernsthaft entschlossen,
alles zu tun, um eine dauernde Beilegung der Differenzen mit den
Sowjets zu erreichen; sie können es sich aber nicht leisten, in ihrer
Wachsamkeit nachzulassen. Täten sie das, so würden sie damit womöglich
alle ihre Opfer und Anstrengungen der letzten sieben Jahr aufs Spiel
setzen.
Nach allem Für und Wider aber muß man zugeben, daß die sowjetischen
Argumente plausibel genug sind, um ihren Eindruck auf die Öffentlichkeit in vielen Mitgliedländern nicht zu verfehlen. Und das aus naheliegenden Gründen. Viele unserer Völker haben den Krieg erlebt oder
haben seit nahezu 50 Jahren unter der Kriegsdrohung gelebt. Wir alle
sehnen uns leidenschaftlich nach Frieden. Wir alle ersehnen den Tag,
da wir nicht mehr so viel Geld für so wenig einträgliche Dinge wie
Rüstung ausgeben und es statt dessen dem Glück und Wohl aller Menschen
dienstbarmachen können. Zu dieser Tatsache, daß wir schon das V/ort
"Krieg" nicht mehr hören konnten, kam die Furcht, die die Alliierten
einte; diese ist jetzt etwas in den Hintergrund getreten. Daher ist
die Versuchung sehr groß, die Dinge rosiger zu sehen als sie sind und
sich in Sicherheit zu wiegen. Die Gefahr, die dies aber mit sich
bringt, sowie die nackten Tatsachen der Lage, in der wir uns befinden,
müssen der Öffentlichkeit klar gemacht werden. Daneben besteht im
Ausland ein gewisser Pessimismus, ja beinahe Defätismus, der auf die
unruhigen Verhältnisse in so großen Teilen unserer Welt zurückzuführen
ist - der Streit um Zypern, an dem drei Mitglieder der NATO beteiligt
sind, Frankreichs Schwierigkeiten in Nordafrika, die eine vorübergehende Zurückziehung eines großen Teils der der NATO zugewiesenen
französischen Streitkräfte nötig machten, die Spannungen zwischen
Israel und der arabischen Welt, das Problem der Wiedervereinigung
Deutschlands und anderes mehr.
Niemand kann bestreiten, daß die Gefahren und Schwierigkeiten,
mit denen wir heute fertigwerden müssen, sehr groß sind; aber ich
behaupte, daß sie nicht größer sind als die, die wir bereits erfolgreich überwunden haben. Diese Erkenntnis muß der Öffentlichkeit eingeprägt werden. Und auch hier können freiwillige Organisationen von
Nutzen sein.
Nun aber möchte ich mich einer anderen Quelle der Mißverständnisse zuwenden. In den Besprechungen, die Anfang dieses Monats abgehalten wurden, beschloß der Ministerrat der Nordatlantikpaktorganisation, es sei für die NATO nunmehr die Zeit gekommen, sich aktiver auf
nichtmilitärischen Gebieten zu betätigen und sich um die gleiche Einigkeit, die in Militärfragen erzielt wurde, auch in politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen zu bemühen. Mit diesem
Ziel vor Augen ernannte der Rat einen Drei-Mann-Ausschuß, bestehend
aus Mr. Pearson, Kanada, Signor Martino, Italien und Ihrem Außenminister Lange, der Mittel und Wege ausfindig machen soll, wie dieses
Ziel zu erreichen sei. An dieser Idee ist natürlich nichts Neues.
Man hatte ein derartiges Vorgehen von Anfang an ins Auge gefaßt und
Artikel 2 des Vertrages bietet die Handhabe hierfür; dort heißt es,
der Vertrag solle mehr als lediglich ein Militärbündnis darstellen,
und sein Endziel sei die Schaffung einer echten atlantischen Gemein-

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�"AMERIKA PIETIST"

23. Mai 1956

•Gemeinschaft in jedem 3inne dies« Yörtes - das heißt eine Gruppe
gleichgesinnter Nationen, die in allen Fragen gemeinsam beraten und
gemeinsam handeln. Mit anderen V/orten ist der jüngste Beschluß des
Rates nur eine ganz natürliche Weiterentwicklung der grundsätzlichen
Ideen. In manchen Kreisen jedoch wurde er dahingehend ausgelegt, daß
die militärischen Aufgaben der NATO inzwischen erfüllt seien und daß
die Organisation sich nunmehr fast ausschließlich auf nichtmilitärische Ziele zu konzentrieren habe.
Das ist natürlich ein vollkommenes Mißverständnis, wie dies
schon aus dem vor knapp zwei Y/ochen veröffentlichten Kommunique
hervorgeht, das ja für sich selbst spricht: "Die Sicherheit ist
nach wie vor eines der fundamentalen Probleme, und die Atlantikmächte müssen der Erhaltung ihrer Einigkeit und Stärke auch weiterhin
den Vorrang geben." Diese 7/orte besagen eindeutig, daß die auf nichtmilitärischen Gebiet zu ergreifenden Maßnahmen die Tätigkeit auf
militärischem Gebiet ergänzen, nicht aber an ihre Stelle treten sollen
Erlauben Sie mir nunmehr, das Gebiet der Politik zu verlassen
und kurz eine Frage zu streifen, die ich als Vorausplanung für den
Kriegsfall bezeichnen möchte. Y/ir alle wissen aus harten Erfahrungen,
daß der moderne Krieg keine Angelegenheit der Seeleute, Soldaten und
Flieger allein ist. Das Können des Kommandeurs, die Tapferkeit der
Truppe, die vorzügliche Qualität ihrer Ausrüstung sind belanglos,
wenn die Heimatfront nicht in der Lage ist, die Belastungen des
Krieges durchzustehen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung,
daß die nötigen Pläne bereits im Frieden ausgearbeitet und entsprechende Vorbereitungen getroffen werden, um zu gewährleisten, daß
die Zivilbevölkerung aller Mitgliedstaaten Unseres Bündnisses im
Falle eines Krieges -_dsn Gott verhüten möge - organisiert ist und
die gesamte zivile Tätigkeit zweckentsprechend gelenkt werden kann.
Mit Plänen dieser Art beschäftigen wir uns zur Zeit intensiv.

* * * * *

�EI3ENH0V/ER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER ENGEREN
ZUSAMMENARBEIT DER FREIEN WELT
WACO (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, die er am 25.Mai
1956 in der Baylor-Universität in Waco (Texas)
gehalten hat.

Meine Damen und Herren, die jetzt die Universität verlassen,
liebe Landsleute aus Texas !
Die Ehre, vor Ihnen sprechen zu dürfen, gibt mir die Gelegenheit, vor eine bedeutende Schule von großen Traditionen, von großen
Errungenschaften und hohen Zielsetzungen hinzutreten. Die zehn Fakultäten und Colleges der Baylor-Universität sind die Früchte, die
im Jahre 1845 gesät worden sind. Die Studenten von Baylor, die ich
später zu führenden Positionen aufgeschwungen haben, legen von der
Weisheit und Voraussicht der Gründer der Baylor-Universität Zeugnis ab. Ihre wunderbare Armstrong-Browning-Bibliothek illustriert
das Heranwachsen dieser Universität zu einem führenden Kulturzentrum des Südwestens.
Diese Universität hat sich der wahren Erziehung verschrieben,
sie strebt danach, die Weisheit zu fördern, eine Weisheit, die über
den Bereich des reinen Wissens hinausgeht und das Verständnis für
das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen untereinander in einer
Welt v/eckt, die für sie geschaffen ist, um als Sachwalter Gottes
zu dienen.
Es ist Ihnen hier gelehrt worden, Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu üben und demütig vor unseren Schöpfer zu treten, auch wenn
Sie jede Möglichkeit ausnützen, sich in dem Beruf zu verbessern, für
den Sie hier ausgebildet worden sind.
Sie treten nunmehr in eine neue Phase Ihrer Lebenserfahrungen
ein - in einer Welt, in der die Prinzipien, nach denen Sie leben,
so oft verspottet und ignoriert werden. Welchen Platz nehmen Sie
in dieser Welt ein? Was können Sie zu ihrer Verbesserung tun? Im
besonderen, was kann jeder einzelne von Ihnen als Persönlichkeit
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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Persönlichkeit zur Förderung einer Weltgemeinschaft beitragen,
die die Werte respektiert, an die Sie und diese Schule so tief
glauben? Die Gedankengänge, die ich Ihnen heute vortrage, behandeln in erster Linie - und zwar kurz skizziert - die internationalen Phasen einer möglichen Antwort.
Ich spreche aus einem sehr einfachen Grunde über internationale Angelegenheiten. In dem fundamentalen Kampfe, in dem die
Welt gegenwärtig steht, werden fast alle inneren Fragen und Probleme durch internationale Streitfragen ausgelöst oder zumindest beeinflußt .
Die klare Erkenntnis der hiermit zusammenhängenden grundlegenden Faktoren ist für die führenden Männer und die Beamten sowie
jeden Bürger dieses Landes wie auch der freien Welt von entscheidender Bedeutung. Ich unterstelle, daß ein derartiges Verständnis
gerade für Sie als junge Menschen, die Sie zwangsläufig diese kritischen Gegenwartsprobleme gegen einen Horizont der nächsten zehn,
zwanzig oder vierzig Jahre betrachten müssen, von besonderer Bedeutung sind.
Heute wird ein großer Teil der Welt mit mehreren Hundert
Millionen ihrer Bevölkerung von einer militanten und aggressiven
kommunistischen Doktrin beherrscht. In der Nachkriegsperiode haben
wir diese Doktrin sich in einer besonders zynischen Art und Form
des Kolonialismus ausleben sehen, wie er in der kommunistischen
Unterjochung freier und stolzer Nationen in Europa und Asien seinen
Ausdruck fand. 7/ährend der gleichen Zeit gewannen sechshundert
Millionen Menschen in über einem Dutzend Staaten (18) in der freien
Welt ihre Unabhängigkeit.
Der Kommunismus verneint die geistigen Prinzipien, auf denen
Ihre Erziehung aufgebaut ist. Nach der Doktrin des Kommunismus
gibt es keinen Gott, keine unsterbliche Seele des Menschen und
keine andere Befriedigung als die der alltäglichen Bedürfnisse.
Die Konsequenz ist, daß der Kommunismus gegen den Menschen als
Individuum grausam, intolerant und atheistisch ist. Diese Doktrin,
die Verlockung, Einschüchterung und Gewalt als Mittel für ihre
Herrschaft einsetzt, sucht die politischen Konzeptionen und Institutionen zu zerstören, die uns teurer als das Leben selbst sind.
So stellt der Kommunismus eine Bedrohung dar, der gegenüber selbst
diese mächtige Nation nicht völlig immun ist.
Und doch ist der Kommunismus im eigentlichen Sinne ein gigantischer Versager. Selbst in den Ländern, wo er an der Macht ist, hängen mehrere Hundert Millionen Menschen, die dort leben, nach wie vor
ihrem alten religiösen Glauben an. Sie werden noch immer von den
Zielsetzungen der Gerechtigkeit und Freiheit angesprochen, die nicht
nur durch mehr Stahl und größere Bomber befriedigt werden können.
Sie trachten noch immer nach einem Lohn, der jenseits des Geldes
oder der Machtstellung liegt. Sie erträumen noch immer den Tag, wo
sie ohne Furcht in der Fülle ihrer menschlichen Freiheiten leben
können.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Die Bestimmung des Menschen liegt in der Freiheit und Gerechtigkeit unter seinem Schöpfer. Jede Ideologie, die diesen weltweiten Glauben leugnet, wird letztlich untergehen oder umgeformt
werden. Dies ist die erste große Wahrheit, die all unserem Denken, unserem gesamten Streben in dieser Welt des Kampfes zugrunde
liegen muß.
Eine zweite Wahrheit ist, daß die fundamentalen Prinzipien
der menschlichen Freiheit und der freien Regierungsform starke
Quellen der Energie, der Loyalität und der Hingabe sind - Richtlinien für einen dauerhaften Erfolg. Sie sind mächtiger als
Rüstungen und Armeen.
Die Amerikaner haben diesen beiden Wahrheiten in den historischen Dokumenten der Republik Rechnung getragen. Sie werden in der
Präambel der politischen Grundsatzerklärung zu den gegenwärtig
von uns laufend herausgegebenen Direktiven für die nationale Sicherheit wiederholt. In dieser Präambel heißt es unter anderem:
"Die geistige, moralische und materielle Stellung der Vereinigten Staaten von Amerika beruht auf den bewährten Prinzipien, die
während der ganzen Geschichte der Republik durchgesetzt und verteidigt worden sind. Der Geist, die Stärke und die Verheißungen Amerikas
gründen sich auf die Hingabe, mit der seine Bevölkerung und seine Re.gie#ung die Würde, die Gleichheit und die Freiheit der Menschen unter
Gott vertreten.
Diese Konzeptionen kommen in unseren Institutionen zum Ausdruck, die sie in Gerechtigkeit pflegen und stärken. Sie sind das
Bollwerk unserer freien Gesellschaft und bilden die Grundlage der
Achtung und der führenden Rolle, die unserem Land von den Völkern
der Welt zugestanden worden ist."
So sehr wir uns auch diesem Ausdruck erhabener Gefühle hingeben mögen, so zählt das doch nur wenig, wenn nicht jeder Amerikaner - entsprechend seinem Einfluß und seinen Fähigkeiten - täglich diese Ideale durch die Praxis seines Lebens beseelt. Die Bewährungsprobe dafür ist die Bereitschaft des einzelnen, an den
Prinzipien festzuhalten und sei es unter Hintansetzung kleinerer,
aber handgreiflicher Gewinne.
Für Sie, die Sie die Universität verlassen und für alle
anderen Bürger werden die Gelegenheiten, unseren Kampf gegen
Ungerechtigkeit und Bigotterie zu stärken, so zahlreich sein,' '
wie die vor Ihnen liegenden Aufgaben und die Menschen, denen Sie
im täglichen Leben begegnen werden. Ich wüßte nichts hinzuzufügen,
wodurch ich Ihnen helfen könnte, solche Gelegenheiten rascher zu
erkennen und fester darauf zu reagieren. Aber das eine ist sicher,
in dieser Erkenntnis und der entsprechenden Reaktion werden das
Ausmaß für Amerikas künftige Sicherheit, für seine Größe und seinen
Fortschritt zu suchen sein.
Die dritte große Wahrheit, die unserem Denken in bezug auf die
internationalen Probleme zugrunde liegt, ist die» Es sind die Völker,
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�AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Völker, die zählen. Ein mitfühlendes Verstehen der Zielsetzungen,
der Hoffnu- en und Sorgen, der Traditionen und des Stolzes anderer
Völker und Tationen ist für die Schaffung eines gegenseitigen Wohlstandes tu Friedens notwendig. Ein derartiges Verstehen stellt ein unumgängliches Erfordernis für jeden von uns dar, wenn wir als Volk
unserer unabdingbaren nationalen Verantwortung nachkommen sollen,
der Welt b^i der Stärkung der Freiheit und Menschenwürde voranzugehen .
Der Kommunismus trachtet danach, zu herrschen oder zu vernichten. Die Freiheit hingegen sucht aufzubauen und anderen beim Aufbau
zu helfen. Aber diese grundlegenden Unterschiede treten nicht von
selbst ans Licht. Daher denken die Völker der Welt notwendigerweise
nicht in Begriffen von diametral entgegenstehenden Konzeptionen,
nämlich der kommunistischen Diktatur und der Menschenrechte und
der Freiheit.
Vielmehr scheint heute die unnachgiebigste Form, in der Völker
ihr Wollen zum Ausdruck bringen, ein starker Nationalismus zu sein.
Hierin allein liegt noch keine Gefahr. Das Recht eines Volkes, das
zur Selbstregierung fähig ist, auf seine eigenen politischen Institutionen, ist tief in dem amerikanischen Denken verwurzelt. Wir
glauben, daß sowohl zwischen Völkern wie auch unter unseren eigenen
Bürgern das Recht der Schwachen mit dem des Starken identisch ist.
Und wir haben in der Vergangenheit zahlreichen kleinen Nationen zur
Unabhängigkeit verholfen. Wir werden auch weiterhin mit Genugtuung die
Geburt jeder neuen Nation begrüßen, deren Volk, nachdem es Unabhängigkeit und Freiheit erlangt hat, ein friedliches Mitglied der Weltgemeinschaft wird.
Zu diesem Zeitpunkt jedoch, da jede neue Nation auf dem Wege
zu einem unabhängigen Platz in der Völkerfamilie voranschreitet,
wird ein akutes wirtschaftliches Problem noch dringlicher. Neue
Nationen schaffen mit ihrem Entstehen neue politische Grenzen. Nur
zu oft werden diese politischen Grenzen zu gefährlichen Schranken
für den Handel.
Derartige Schranken gewinnen täglich größere Bedeutung, da
eine verstärkte Industrialisierung und Spezialisierung die wirtschaftliche Abhängigkeit der Völker untereinander in kritischer
Weise verstärkt. Die in einem Gebiet vorgenommene Spezialisierung,
die eine unausgeglichene Binnenwirtschaft eines Landes bedingt,
stellt nicht notwendigerweise eine Schwäche dar, vorausgesetzt freilich, daß eine Möglichkeit für den freien Austausch eines Teils dieser spezialisierten Produkte für andere Erzeugnisse besteht, die
für die Deckung des Bedarfes der Bevölkerung erforderlich sind.
Wenn irgendeine Nation innerhalb ihrer Landesgrenzen nicht
die Grundlagen für eine im großen und ganzen ausgeglichene Wirtschaft besitzt, so wird diese Nation unter diesen Umständen normalerweise daran gehindert, die höchstmögliche Befriedigung der
Bedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung zu erreichen und eine
stabile Prosperität zustande zu bringen. So müssen wir feststellen, daß emotionale Appelle, die sich für die Schaffung

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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Schaffung einer vollständig unabhängigen nationalen Existenz aussprechen, mit dem gleichermaßen vorhandenen Wunsch nach einem höheren Lehensstandard in Konflikt geraten können.
Dieser Konflikt wird häufig verkannt, so klar erkennbar er
auch eigentlich ist. Aber selbst die Produktivität und der Wohlstand unseres großen Landes würden verschwinden, wenn unsere
Bundesstaaten 48 unabhängige Nationen wären, die politische
und wirtschaftliche Schranken an allen ihren Grenzen errichten und
jeden Verkehr von Gütern, Menschen und Informationen verhindern
oder erschweren würden.
Wir müssen uns selbst die Frage vorlegen» Wie können wir
zugleich das starke Verlangen der Völker nach einer .
unabhängigen, selbständigen Existenz und das Bedürfnis für eine
wirtschaftliche Union oder wenigstens eine wirkungsvolle Zusammenarbeit der Nationen untereinander befriedigen helfen?
Diese Frage ist für jede Nation von lebenswichtiger Bedeutung.
Unglück, Unruhe und Unzufriedenheit, wie sie durch einen deprimierenden Lebensstandard verursacht werden, können genauso akut sein,
wie wenn sie durch politische Ungerechtigkeit verursacht sind. Eine
in irgendeinem Teil der Welt über längere Zeit bestehende Unzufriedenheit kann zu politischen Erschütterungen und einer schweren
weltweiten Krise führen. In den kommunistischen Ländern wird dieses Problem durch Zwangsmethoden gelöst.
I

Aber eine wirksame Zusammenarbeit ist unter freien Nationen
nicht leicht zu erreichen. Gestatten Sie mir, durch ein Beispiel
die Schwierigkeit aufzuzeigen, die unter freien Völkern hinsichtlich des Fortschrittes zu einer derartigen Union besteht.
Die Staatsmänner in Westeuropa sind sich seit langem bewußt,
daß nur durch eine umfassende und wirksame Zusammenarbeit unter
den westeuropäischen Nationen eine echte Sicherheit für alle zu
finden ist. Sie wissen, daß e'ne wirkliche Vereinigung der nebeneinander bestehenden Länder diese Gesamtheit von 250 Millionen
hochzivilisierter Menschen zu einer mächtigen Säule der freiheitlichen Stärke in der modernen Welt machen würde. Freie vereinigte
Staaten von Europa würden durch das Geschick und Können ihrer
Bevölkerung stark sein, über entsprechende materielle Hilfsquellen
verfügen und auf ein reiches gern insames kulturelles und künstlerisches Erbe zurückgreifen können. Sie würden eine außerordentlich
blühende Gemeinschaft darstellen.
Ohne einen solchen Zusammenschluß könnte in Europa die Geschichte des vergangenen halben Jahrhunderts zu einer traurigen
Wiederholung werden und möglicherweise zu der schließlichen Zerstörung aller der Werte führen, die diesen Völkern an teuersten
sind. Mit einem Zusammenschluß würde für Europa und für die freie
Welt eine neue Sonne der Hoffnung, der Sicherheit und des Vertrauens sheinen.
Warum
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�"AMERIKA DIENST"

30. Hai 1956

Warum nun ist dieses große Ziel von so intelligenten Völkern
nicht erreicht worden? Die Hauptgründe sind ganz einfach: Erstens
setzt jede Nation ihren großen Stolz darein, getrennt für sich zu
existieren; zweitens ist es die große Furcht, in einer solchen Einheit die hochgeschätzten völkischen Traditionen und die kulturellen
und politischen Institutionen zu verlieren - und vorübergehende
wirtschaftliche Rückschläge zu erleiden. Wir erkennen natürlich das
Gewicht derartiger Erwägungen an - und sind daher geduldig -, selbst
wenn die Geschichte dieses größten unserer Staaten, der USA, die Befürchtungen zerstreut, die in so starkem Maße in Europa zutage treten.
Ein weiteres Hindernis für die europäische Einheit ist der Umstand, daß die Völker als Ganzes die politischen, wirtschaftlichen und
sicherheitsmäßigen Vorteile einer Einigung auf lange Sicht nicht
eingesehen haben. Dies sind Dinge, die nicht für eine die Gemüter
bewegende Ansprache anläßlich eines Feiertages passen. Sie können
nur durch Gedankenarbeit, durch Klugheit und fast - so möchten wir
sagen - durch Gebete gelöst werden.
Trotzdem sind glücklicherweise viele Fortschritte erzielt worden.
Vor Jahren haben unsere europäischen Partner angefangen, zu planen
und zu handeln. Wo immer möglich, hat unser Land dabei Hilfe gewährt,
weil unsere eigene künftige Sicherheit und Prosperität unzertrennlich
mit jener unserer europäischen Freunde verbunden ist. Es wurde der
Brüsseler Pakt geschlossen, es wurden die Organisationen für die
Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Europäische Zahlungsunion, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl und der
Europarat gebildet. Die Nordatlantikpaktorganisation (NATO), obwohl
eine Organisation, die mehr Gebiete als Westeuropa umfaßt, schuf den
gemeinsamen Mechanismus für eine größere Sicherheit dieses Gebietes.
Alle diese Organisationen wurden ins Leben gerufen, um dringende Probleme gemeinsam zu lösen.
Trotz Rückschlägen und Schwierigkeiten haben diese Gremien mit
ständig wachsender Wirksamkeit gearbeitet. So scheint heute die Europäische Union, einer der größten Träume der westlichen Menschheit,
näher gerückt zu sein als jemals zuvor in Jahrhunderten - jener Union,
die für die Zukunft unserer europäischen Freunde sowie für die Mehrung
und Stärkung der Freiheit so große Verheißungen mit sich bringt.
Auf einer größeren geographischen Ebene arbeiten die Mitglieder
der atlantischen Gemeinschaft auf zahlreichen verschiedenen Wegen und
über viele verschiedene Organisationen zusammen. Eine derartige Zusammenarbeit kann jedoch nutzbringend weiter entwickelt werden. Auf
der NATO-Tagung vor mehreren Wochen wurde beschlossen, daß die Mitglieder der atlantischen Gemeinschaft "aktiv weitere Maßnahmen prüfen
sollten, die zu diesem Zeitpunkt zu einer wirksameren Forderung ihrer
gemeinsamen Interessen ergriffen werden könnten". Sie nominierten einen
aus drei Außenministern bestehenden Ausschuß, der "Mittel und Wege zur
Verbesserung und Ausweitung der Zusammenarbeit auf nichtmilitärischen
Gebieten sowie zur Entwicklung einer größeren Einheit innerhalb der
atlantischen Gemeinschaft" vorschlagen soll.
In

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�'AMERIKA DIENST"

50. Mai 1956

In diesem Bemühen findet die Wahrheit ihre Anerkennung, daß alle
Völker der freien Welt lernen müssen, wirksamer an der Lösung unserer
gemeinsamen Probleme mitzuarbeiten, wenn der Kampf um die Freiheit
des Menschen gewonnen werden soll. Unter gleichen Partnern, die sich
an die Durchführung einer schwierigen Aufgabe machen, ist die Zusammenarbeit durch nichts zu ersetzen.
Es ist für alle von uns eine große Befriedigung zu wissen, daß
Senator V/alter George sich bereit erklärt hat, als mein persönlicher
Vertreter und Sonderbotschafter für diese neue Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft zu arbeiten. Nichts könnte für die ausschlaggebende Bedeutung dieses Projektes stärker Zeugnis ablegen, als die
Bereitschaft Senator Georges, diese Aufgabe zu übernehmen.
Wir müssen geduldig, aber beharrlich weiterarbeiten. Wir
müssen dem Verlangen der Menschheit nach Freiheit und Brot Rechnung
tragen. Wir müssen uns der Würde aller Menschen wie auch der Macht
einiger Männer bewußt sein. Dann werden schließlich Recht und Gerechtigkeit über Selbstsucht und Gewalt triumphieren.
Der Verantwortung für die Verwirklichung des amerikanischen
Beitrages zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit kann
man nicht an einem Schreibtisch und in einem Regierungsbüro gerecht
werden. Man kann ihr jedoch gerecht werden, wenn alle von uns in und
außerhalb der Regierung gemeinsame Anstrengungen unternehmen, wenn
alle das notwendige Verständnis dafür aufzubringen suchen, daß jedes
internationale Problem in Wirklichkeit ein menschliches Problem ist.
Sie, die Sie jetzt diese bedeutsame Bildungsstätte verlassen, sind
in einer besonders günstigen Lage, die Führung bei der Entwicklung
dieser Art von Denken und Verstehen zu übernehmen.
Sie schulden es sich selbst und Ihrem Vaterland, weiterhin die
großen internationalen Fragen unserer Tage zu studieren und kritisch
zu analysieren. Sie können sich mit gleichgesinnten Männern und Frauen
der zahlreichen freiwilligen Organisationen zusammentun, die den Kontakt von Volk zu Volk auf der Welt pflegen. Durch Ihre Mitwirkung
werden die dornigen Probleme unserer Zeit von vielen Gesichtspunkten
her untersucht. Von vielen Wegen aus werden Lösungen erdacht. Die schö
ferische Phantasie erhält neue Impulse. Das gegenseitige Verständnis
wird gefördert.
Daher wird jeder denkende Mensch begreifen lernen, daß die Zukunft unseres Landes heller wird, wenn sich das Los der übrigen Mensch
heit verbessert und daß kein Volk auf lange Sicht blühen und gedeihen
kann, wenn sich nicht auch die Welt einer steigenden Prosperität
erfreut.
Wir müssen in der Tat Partner für Frieden, Freiheit und Prosperität sein, wenn diese Worte genauso zu Leistungen führen sollen wie sie
ein Wunschbild zum Ausdruck bringen.
Die

�AMERIKA DIENST"

39- Mai 1956

Die Außenpolitik dieser Republik muß - wenn sie den unverrückbaren Zielen und dem für die Vereinigten Staaten Guten dienen
soll - stets auf diesen Grundwahrheiten basieren und damit die von
der Vernunft getragenen Interessen des gesamten amerikanischen
Volkes zum Ausdruck bringen.
Zweifellos wurden die von den Vereinigten Staaten in diesem
Jahrhundert ergriffenen grundlegenden außenpolitischen Maßnahmen
in dieser V/eise entwickelt. Sie sind nicht das Gedankengut einer
bestimmten politischen Partei - sie sind amerikanisch. Diese Maßnahmen reichen von unserer Unterstützung der Organisation der
amerikanischen Staaten (OAS) bis zu unserer Mitgliedschaft bei
den Vereinten Nationen und unserem derzeitigen Programm der Partnerschaft und Unterstützung.
Gerade durch ihren Umfang stellen die Vereinten Nationen eine
einzigartige Gemeinschaft dar, innerhalb deren Nationen der verschiedenartigsten politischen Färbung und Lebensanschauung ihren
Platz haben. Die kleineren Gruppierungen, denen die USA als Mitglied
angehören, sind durch die Achtung vor den gemeinsamen Werten und
Grundsätzen zusammengeschweißt. Sie stimmen selbstverständlich mit
der Charta der Vereinten Nationen überein. Aber die Gleichheit, die
in jeder Organisation hinsichtlich des hinter ihr stehenden Interesses
oder der Zielsetzungen besteht, welche die Mitgliedschaft und die begrenzte geographische Reichweite charakterisierten, innerhalb deren die Organisation arbeitet, sichert eine wirkungsvollere Ausübung ihrer Funktionen zu,als dies in einer so großen Gruppierung wie den Vereinten Nationen möglich wäre.
V/ir werden uns weiterhin den Vereinten Nationen gegenüber
loyal verhalten. Aber wir sollten zur gleichen Zeit unsere anderen
internationalen Vereinigungen weiter ausweiten und stärken.
Obwohl einige von ihnen erst seit wenigen Jahren bestehen,
sind sie bereits zu allgemein bekannten Begriffen geworden, die
als große Beiträge für den Wohlstand und die Sicherheit der betreffenden Gebiete der freien Welt - und auch für uuseren eigenen
Wohlstand und unsere Sicherheit - anerkannt werden.
Und doch gibt es keine hundertprozentige Antwort auf irgendeines
unserer internationalen Probleme. Auch die NATO muß so betrachtet werden.
Ein geeintes Westeuropa mag vielleicht immer noch fern in der Zukunft liegen. Trotzdem ist die NATO eine große Allianz, die reich an
menschlichen und natürlichen Hilfsquellen ist. Aber dieser große Länderkomplex kann sich selbst weder allein erhalten noch versorgen. Seine
Freiheit, sein Wohlstand und seine Sicherheit sind untrennbar mit der
Freiheit, dem Wohlstand und der Sicherheit zahlreicher anderer Nationen
- alter und neuer und auch solcher, die erst noch entstehen werden verknüpft - Völkern, die einen noch weit größeren Teil der Erde bewohnen.
Innerhalb dieser Gemeinschaft der Freiheit genießen alle ein weit größeres Maß an Unabhängigkeit, Wohlstand und Sicherheit, wenn sie sich alle
anschließen, so daßt
der
- 8 -

�50. Mai 1956

AMERIKA DIENST"

der gemeinsame Handel gestärkt wird, die legitimen politischen
und wirtschaftlichen Wünsche gefördert und die kulturellen Traditionen
geachtet werden.
Die Schwierigkeiten und das Unglück der Schwächeren werden
durch die Hilfe der Stärkeren gemildert. Rückständigkeit oder Kleinlichkeit können bei der Verwirklichung dieser Wahrheit nur zu größeren Risiken und größeren Kosten - zu weit größeren Kosten für uns
führen.
Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie Fortschritte auf diesen
vier Wegen erzielt werden können. Der erste, über den ich ausführlicher gesprochen habe, ist die Notwendigkeit, innerhalb unseres
eigenen Volkes ein größeres und umfassenderes Verständnis zu schaffen. Der nächste ist, daß die Völker der übrigen Länder durch ähnliche Studien und Gedanken zusammen mit uns die Notwendigkeit für
diese Art der Zusammenarbeit anerkennen müssen. Dies allein schon
ist nicht ganz einfach. Zahlreiche Nationen, deren Kultur zwar
alt und reich an menschlichen Werten ist, verfügen nicht über die
Hilfsmittel, um ihrer Bevölkerung die notwendige Ausbildung zuteil
werden zu lassen. Aber sie können eine Hilfe klug ausnutzen, die
ihre Traditionen und Lebensformen respektiert.
Die gesamte freie Welt würde zum Beispiel stärker dastehen,
wenn es ausreichende moderne technische und wissenschaftliche Institutionen in Gebieten gäbe, wo der Hunger nach Wissen und die
Fähigkeit, dieses Wissen einzusetzer., nicht gestillt sind, weil
die Erziehungseinrichtungen oft nicht dem vorhandenen Bedarf entsprechen.
Stehen wir hier nicht einer würdigen Aufgabe für die Universitäten Amerikas und die von ihnen ausgebildeten jungen Menschen
gegenüber? Ich bin der festen Überzeugung, daß die Aussichten für
eine friedliche und glückliche Welt wesentlich verbessert werden
würden, wenn einige oder alle unserer großen Universitäten, die von
den zahlreichen bestehenden privaten Stiftungen finanziert werden,
von Stiftungen, die von dem Eifer und den Impulsen gebildeter
Amerikaner entzündet sind, sich dieser Aufgabe widmen würden.
Der Zweck dieser Institutionen sollte niemals darin bestehen,
die Haltung, die Formen und die amerikanischen Lebensgewohnheiten
in ein anderes Gebiet zu verpflanzen. Die personelle Besetzung,
das Niveau, der Lehrplan jeder Schule würde der Verantwortung des
Volkes unterliegen, in dessen Land diese Anstalt errichtet werden
würde. Jede dieser Schulen würde der jeweiligen Nation bei der
Entwicklung ihrer menschlichen und natürlichen Hilfsquellen helfen
und darüber hinaus ein geistiges Geben und Nehmen ermöglichen. Wir
würden aus den unschätzbaren Werten der Tradition und dem stolzen
Erbe eines anderen Volkes neues Wissen und neue Weisheit gewinnen.
Jenes Volk würde hinwiederum seine Kenntnis auf technischem und
wissenschaftlichem Gebiet vertiefen, auf einem Gebiet also, wo wir
früher angefangen haben zu arbeiten.
_.

- 9-

�AMERIKA DIENST

JO,

Mai 1956

Ein derartiges aus freien Stücken erfolgendes Bemühen in einer
Partnerschaft von Volk zu Volk würde einen dynamischen und fruchtbaren
Beitrag zu den drei Elementen bilden, die in der von unserer Regierung
befolgten Außenpolitik bereits bestimmend am Werke sind: zu unserem
"Atome-für-den-Frieden"-Programm; zu unsern Bemühungen um die Schaffung
eines Klimas, in dem eine weltweite Abrüstung gedeihen kann und zu
unserer seit langem betriebenen Kampagne um den Austausch von Wissen
und auf Tatsachen beruhenden Informationen zwischen den Völkern.
Zielsetzungen und Projekte, wie die soeben angeführten - von
Republikanern und Demokraten formuliert -, sind Teile einer umfassenden Anstrengung, um den Bedürfnissen der Gegenwart und Zukunft
gerecht zu werden und die Probleme in dem von der Vernunft getragenen
Eigeninteresse der Vereinigten Staaten zu lösen. Dabei werden unsere
globalen Interessen auf allen Kontinenten und allen Ozeanen in Rechnung gestellt.
Es handelt sich hierbei nicht um aufs Geratewohl oder als Notbehelf ergriffene Maßnahmen zur Überwindung kurzlebiger akuter Krisen - seien diese nun groß, klein oder nur imaginärer Art.
Sie bilden vielmehr eine Basis für die Entwicklung einer stabilen,
blühenden und in Frieden lebenden Welt. Unsere Außenpolitik - so sehr
sie sich auch unmittelbar mit diesem und dem nächsten Jahr befaßt ist ein realistischer Weg zu einer besseren Welt für alle im Jahre 19&amp;6,
1976 und 1996.
Die von mir umrissenen grundlegenden politischen Zielsetzungen
entsprechen den Aspirationen derjenigen, die unsere Republik gegründet
haben. Diesen Zielen wird klar gedient, wenn wir bei uns selbst die
Bedingungen festigen und sichern, unter denen dieses System der Freiheit existieren kann und unter denen ein fruchtbarer Boden für seine
Aufnahme und Weiterentwicklung bereitet wird.
Daher sind unsere Sicherheit und unsere Zielsetzungen mit der
Sicherheit und den Zielsetzungen zahlreicher freiheitsliebender Völker
verbunden. Es ist unnütz, mit ihnen über gemeinsame Interessen ir bezug
auf die Verteidigung zu sprechen, ohne dabei die gemeinsamen Interessen
in bezug auf das anzuerkennen, was verteidigt werden soll.
Die Sicherheit kann nicht durch Waffen allein erreicht werden,
ganz gleich welche Zerstörungskraft diese Waffen besitzen oder in
welcher Menge sie zur Verfügung stehen.
So ist es heute von lebenswichtiger Bedeutung, daß wir und die
anderen die Wege entdecken und weiter verfolgen, durch die kulturelle
und wirtschaftliche Hilfe für die Stärke, Stabilität und Solidarität
der freien Welt mehr als nur militärische Maßnahmen bedeuten.

Ihr

�^'AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Ihr Jahrgang muß wie alle Amerikaner gemäß den Geboten
der Gegenwart handeln. Zur gle chen Zeit sollten Sie besonders
in den Begriffen der Jahre den'/.en, die jetzt noch so weit entfernt
zu liegen scheinen.
Vom heutigen Tage an wird sich der Einfluß der Männer und
Frauen Ihres Alters auf unsere Entwicklung in den USA und im Ausland in immer stärkerem Ausmaß bemerkbar machen. Es ist vernünftig,
wenn Sie sich unverzüglich Gedanken über unsere Republik und die
Welt, die sie umgibt, machen.
n können Sie für die Art des
Vaterlandes und der Welt arbeiten, die Sie für Ihre Kinder und
Kindeskinder als Heimat haben wollen.
In dem Ihnen überkommenen Erbe liegen die dynamischen
Prinzipien, die große Zukunftsvisionen in der Menschheit wachgerufen haben. Sie verfügen in Ihren Herzen und Ihrem Geist über
die Mittel, um die Augen der Männer und Frauen über den öden und
trostlosen Horizont des Hasses, der Furcht und der Hoffnungslosigkeit zu erheben.
Denn Sie, meine Freunde von der Baylor-Universität, als
Texaner und Amerikaner in Ihrem Glauben an die Bruderschaft
aller Menschen und in die Rechte des Menschen auf Freiheit - gemeinsam mit all den Millionen opferbereiter Männer und Frauen in
den USA und in Partnerschaft mit vielen Hundert Millionen gleichgesinnter Menschen auf der Welt - verbunden, Sie verkörpern die
gewaltigste zur Zeit auf Erden existierende Kraft.

* * * * *

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

VrrAiiLj;-im 1956

Teil

II:
Der Kongreß der Vereinigten S t a a t e n

ieite

1

Die Rolle der Staatsgouverneure
in den USA

Seite

5

* * #

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai

1956

DER KONGRESS DER VEREINIGTEN STAATEN

( 110 seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Herrschaft des Volkes in den Vereinigten
Staaten beruht auf dem Recht der Bevölkerung, über politische Fragen
und Kandidaten frei abzustimmen und mit den führenden Persönlichkeiten der Exekutive und Legislative auch den jeweiligen Kurs auf innenwie außenpolitischem Gebiet selbst zu wählen.
Deshalb ist 1956,- im Jahr der Präsidentenwahl, die Wahl von Kitgliedern des amerikanischen Kongresses ebenfalls von eminenter Bedeutung, da diese Mitglieder ja die direkten Vertreter des Volkes in
jener Körperschaft sind, die die Gesetze erläßt und ihre Durchführung
ermöglicht.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten setzt sich aus zwei Körperschaften zusammen - aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus. Diese
Zusammensetzung, die durch die Verfassung vorgeschrieben wird, ist
dazu bestimmt, für eine vollständige und gerechte Volksvertretung
jedes der 48 Staaten zu sorgen. Der Zweck dieser Vorschrift wird
durch ein System erreicht, das jedem Staat als Ganzem ebenso wie
dem Lokalbereich eine seiner Bevölkerungszahl angemessene Vertretung
gewährleistet.
Der Senat hat 96 Mitglieder, das heißt zwei aus jedem Staat,
ohne Rücksicht auf dessen Ausdehnung oder Bevölkerungsdichte; jeder
der Senatoren wird auf sechs Jahre gewählt. Im Repräsentantenhaus dagegen sind die Staaten gemäß ihrer Einwohnerzahl vertreten. Die 435
Sitze, über die es verfügt, sind unter den 43 Staaten auf Grund der
bei der jeweils letzten Volkszählung ermittelten Zahlen prozentual
aufgeteilt. So entsendet zum Beispiel der Staat New York mit seinen
15 Millionen Einwohnern 43 Abgeordnete; die dünnbesiedelten Staaten
Delaware, Nevada, Vermont und Wyoming wiederum sind nur durch je einen
Abgeordneten vertreten. Das Mandat für das Repräsentantenhaus erstreckt
sich über zwei Jahre.
Ein Kandidat für den Senat muß mindestens 30 Jahre alt sein, wenigstens neun Jahre lang die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und

- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

und seinen Wohnsitz in dem Staat haben, für den er aufgestellt werden
will. Die Mitglieder des Repräsentantenhauses aber müssen mindestens
25 Jahre alt und seit sieben Jahren Bürger der Vereinigten Staaten
sein. Es ist die Regel, daß die Kongreßabgeordneten ihren Wohnsitz in
dem von ihnen vertretenen Staat beziehungsweise Wahldistrikt haben.
Die Mandatsbezirke selbst sind Unterteilungen, die innerhalb der
Staaten nach rein politischen Gesichtspunkten vorgenommen und als
"aneinandergrenzende und zusammenhängende Gebiete mit möglichst gleicher Einwohnerzahl" definiert werden. Jeder Bezirk, dessen Grenzen
durch den betreffenden Staat gesetzlich festgelegt sind, erfaßt durchschnittlich 318 000 Personen.
Die sechs Jahre, die das Mandat eines Senators währt, geben diesem Zeit genug, sich eine reiche Arbeitserfahrung anzueignen und sich
mehrere Jahre voll und ganz öffentlichen Angelegenheiten zu widmen,
ohne bis kurz vor Ablauf des Mandats sich um eine eventuelle Wiederwahl bemühen zu müssen. Diese Faktoren tragen weitgehend zur Stabilität und Kontinuität der für die Gesetzgebung maßgeblichen Kammer bei
und erfüllen damit genau den Zweck, den die Urheber der Verfassung
durch diese Maßnahme ja auch beabsichtigten.
Die Kontinuität der Senatsarbeit ist ferner durch das System gewährleistet, nach dem die Senatoren gewählt werden und ihr Amt ausüben. Nach Ablauf von zwei Jahren erlischt jeweils ein Drittel der
Mandate, so daß bei jeder Kongreßwahl, die alle zwei Jahre stattfindet, 32 Senatoren neu gewählt werden müssen. Wird jedoch durch Tod
oder Krankheit eines Senators ein Mandat vorzeitig frei, so wird durch
den Gouverneur des betreffenden Staates ein Ersatzmann ernannt, der
so lange dieses Amt ausübt, bis das zuständige Parlament die Abhaltung
einer Wahl verfügt.
Da der Senat demgemäß eine kontinuierliche Körperschaft ist, von
der etwa zwei Drittel der Mitglieder mindestens zwei Jahre, meistens
aber sogar noch länger, ständig zusammen gearbeitet haben, gewinnen
gewisse Präzedenzfälle und Traditionen für die zu treffenden Entscheidungen im Lauf der Jahre eine zunehmende Bedeutung.
Die Wahl der Mitglieder des Repräsentantenhauses erfolgt nach
einem anderen System. Da ihre Amtszeit bereits nach zwei Jahren abläuft

- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

abläuft, können beziehungsweise müssen sich die Abgeordneten am Ende
dieser Periode in ihrem jeweiligen Distrikt erneut den Wählern stellen,
die durch Stimmenabgabe über deren Wiederwahl entscheiden. Die Wahlen
sowohl für die Senatoren als auch für die Mitglieder des Repräsentantenhauses finden jeweils in Jahren mit geraden Endziffern - beispielsweise 1956, 1958 - statt.
Diese in der Verfassung festgelegte Wahlperiode von nur zwei
Jahren für die Mitglieder des Repräsentantenhauses soll den Wählern
möglichst häufig Gelegenheit geben, ihre Zustimmung oder Mißbilligung
in bezug auf die von der Mehrzahl der direkt gewählten Volksvertreter
geleistete Arbeit auf entscheidende Weise auszudrücken. Zu der Zeit,
als die amerikanische Verfassung schriftlich niedergelegt wurde, war
man sogar überzeugt, daß "die Abschaffung jährlicher Neuwahlen den
Anfang der Gewaltherrschaft bedeute."
Ein solches Verfahren, bei dem sich jeder Volksvertreter schon
nach zwei Jahren erneut den Wählern stellen muß, bewährt sich sowohl
auf innen- wie auf außenpolitischem Gebiet heute nicht minder als in
früherer Zeit; es garantiert, daß der Wille des Volkes allein die
fundamentale Macht hinter der Regierung bleibt.
Bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen stimmt der Wähler
gleichzeitig auch für "seine" Kandidaten zum Senat und zum Repräsentantenhaus. Er ist dabei - wie bei allen Wahlen in den Vereinigten
Staaten - jedoch keineswegs verpflichtet, sich für die Kandidaten
nur einer Partei zu entscheiden. Es bleibt vielmehr seinem Ermessen
überlassen, ob er den Bewerber um den Senatorenposten aus der einen
und den Kandidaten für das Repräsentantenhaus aus der anderen Partei
nimmt. Die Abstimmung ist völlig geheim, und deshalb weiß außer ihm
auch niemand, für wen er seine Stimme tatsächlich abgegeben hat.
Deshalb ist es auch weiter kein Grund zur "Überraschung, wenn zum
Beispiel ein Staat einen republikanischen und einen demokratischen
Senator nach Washington zusammen mit republikanischen und demokratischen Abgeordneten ins Repräsentantenhaus schickt. Obgleich die
Parteizugehörigkeit im allgemeinen ein bedeutender, einflußreicher
Paktor für die Stimmenabgabe ist und daher den Ausgang vieler Wahlkämpfe entscheidend bestimmt, stellen 'Wähler wie Kandidaten oft einen
Grad von Unabhängigkeit zur Schau, der manchmal an sich schon determinierend ist.

_.
.
Niemand

�9. Mai 1956

"AMERIKA DIENST

Niemand aber kann einen Amerikaner - gleich welcher Parteirichtung - zwingen, einen Kandidaten in ein bestimmtes Amt zu wählen.
Ebensowenig ist der in ein Amt gewählte Kandidat gezwungen, sich blind
an die von der Führung seiner Partei gegebenen Richtlinien zu halten.
Wenn es gar um Probleme von nationaler oder internationaler Bedeutung geht, arbeiten häufig Senatoren und Abgeordnete als die Vertreter beider Parteien auf überparteilicher Grundlage zusammen, soweit
sie dies im nationalen Interesse für notwendig halten. Dieses Verfahren ist besonders in den letzten Jahren immer üblicher geworden.
Angesichts der gespannten weltpolitischen Lage, wie sie durch die
kommunistische Aggression verursacht wurde, und der daraus sich
ergebende! Notwendigkeit für entschlossenes und gemeinsames Handeln
haben sowohl Gesetzgeber als auch Wähler ihre Bereitschaft gezeigt,
selbst in wichtigen Dingen ihre Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen und zum Wohle aller zusammenzuarbeiten.

* * * * *

- 4-

�"AMERIKA PIEKST"

9. Mai 1956

DIE ROLLE DER STAATSGOUVERNEURE IN DEN USA
(85 Zeilen)
7/ASHINGTON - (AD) - Im Jahr der amerikanischen Präsidentschaftswahlen konzentriert sich das Interesse der Wähler erklärlicherweise
hauptsächlich auf die von den Republikanern und Demokraten nominierten
Kandidaten für das Präsidenten- und das Vizepräsidentenamt.
Trotzdem ist auch das Interesse am Ergebnis der gleichzeitig
stattfindenden Wahl der Staatsgouverneure natürlich außerordentlich
groß, da diese Männer - oder Frauen - die höchste Amtsgewalt der jeweiligen Staaten verkörpern. Sie sind politisch völlig unabhängig von
jedermann, selbst vom Präsidenten der Vereinigten Staaten - bloß nicht
von ihren eigenen Wählern. In nationalen Angelegenheiten können sie daher einen großen Einfluß ausüben, und tun es auch oft; ganz abgesehen
davon, daß ihr Amt zu einem Sprungbrett für das des Präsidenten werden
kann. So ist allein seit Beginn dieses Jahrhunderts, also in 56 Jahren,
da« Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten insgesamt nicht w*iiger
als 32 Jahre lang in den Händen ehemaliger Staatsgouverneure gewesen.
In diesem Jahre werden die Gouverneure von 30 Staaten sowie zahllose Staats-, Kreis- und Kommunalbeamte gewählt. Im Augenblick stehen
27 der Demokratischen Partei angehörende Gouverneure 21 republikanischen
Gouverneuren gegenüber. Dieses Verhältnis kann sich natürlich völlig
ändern, sobald die jetzt fälligen Wahlen in den 15 zur Zeit demokratisch
und 15 zur Zeit republikanisch regierten Staaten vorüber sind.
Die Grundbedingungen, die ein Bewerber um den Posten eines Staatsgouverneurs erfüllen muß, sind höchst einfach. Er muß Einwohner des betreffenden Staates, Bürger der Vereinigten Staaten und (mit Ausnahme
ganz weniger Staaten) mindestens 30 Jahre alt sein. Frauen können ebenfalls kandidieren und wurden auch schon mehrfach gewählt.
Dennoch ist der Gouverneur eines Staates keineswegs nur eine
Repräsentationsfigur. Als Träger der Amtsgewalt obliegt ihm unter
anderen verantwortungsvollen Aufgaben auch die, die Politik, die von
der, ebenfalls vom Volke gewählten gesetzgebenden Versammlung bestimmt
wird, durchzusetzen. Diese oft nicht bequeme oder gar angenehme Pflicht
wird ihm aber dadurch erleichtert, daß, zum mindesten in den meisten
Staaten, ein Gouverneur ausschließlich infolge schwerwiegender Vergehen
im Amte vor Ablauf seines Mandates abgesetzt werden kann. In der ganzen

�"AMERIKA SIEHST"

9. Mai 1956

ganzen Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein derartiger Fall
bisher jedoch erst zwölfmal vorgekommen.
In einigen Staaten aber ist es gesetzlich möglich, die Abberufung eines Gouverneurs oder anderer Beamten mittels einer Petition,
die von einer bestimmten Anzahl von wahlberechtigten Personen unterzeichnet sein und gleichzeitig eine Sonderwahl fordern muß, auch aus
ganz anderen Gründen zu erreichen. In diesem Fall werden mehrere Kandidaten nominiert; erhält einer von ihnen mehr Stimmen als der bisherige
Gouverneur, dessen Rücktritt gefordert wird, dann muß er sein Amt an den
Sieger einer solchen Wahl abgeben, der es jedoch nur bis zum Abschluß
des ursprünglichen Mandats behält. Entsprechendes gilt auch für die
vorzeitige Abberufung anderer Beamten.
Diese Maßnahmen bieten die Gewähr dafür, daß es über einen Gouverneur keinerlei Kontrolle gibt außer der, die durch das Volk des von ihm
selbst regierten Staates ausgeübt wird.
In denjenigen Staaten, in denen die Gouverneurskandidaten in Vorwahlen direkt nominiert werden, kann jedes wahlberechtigte ordentliche
Mitglied einer politischen Partei ohne Mittelsmann für denjenigen aus
seiner Partei stimmen, den er - ganz gleich aus welchen Interessen als Gegenkandidat der anderen Partei zu sehen wünscht. In anderen Staaten
wiederum wird der jeweilige Kandidat für die Gouverneurswahlen bei einem
Konvent der Parteiorganisation des betreffenden Staates aufgestellt.
Die Amtsdauer der Gouverneure ist in den Verfassungen der verschiedenen amerikanischen Staaten nicht einheitlich festgelegt. Während
das Mandat in einigen Staaten vier Jahre läuft, währt es in anderen wenigstens vorläufig - it«r S M i * Aber auch in diesen Staaten neigt man
immer mehr dazu, die Amtszeit auf vier Jahre heraufzusetzen. In der Pegel kann ein Staatsgouverneur auch beliebig oft wiedergewählt werden;
nur in einigen amerikanischen Staaten ist verfassungsmäßig eine unmittelbare Wiederwahl des jeweiligen Gouverneurs nicht zulässig.
Die V/ahl der meisten Staatsbeamten ist natürlicherweise eine Angelegenheit von mehr kommunalem denn von nationalem Interesse. Aber Staatsgouverneure sind 3eamte von großer innenpolitischer Bedeutung, und daher
wird ihre Wahl auch häufig von rein innenpolitischen Erwägungen beeinflußt. So ist beispielsweise die Agrarpolitik der amerikanischen Bundesregierung und die wirtschaftliche Lage der Farmer geeignet, die Entscheidung für oder gegen einen Gouverneurskandidaten der Regierungspartei in Washington zu bestimmen. Das gleiche gilt für die Interessen

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

Interessen der Arbeiterschaft, der Geschäftswelt und der Industrie.
Ungekehrt kann ein Gouverneur seinen Einfluß natürlich auch auf
hundespolitische Entscheidungen ausdehnen. Denn obgleich in den WestStaaten zum Beispiel alle derartigen Projekte zur Hochwasserbekämpfung,
künstlichen Bewässerung, Errichtung von V/asserkraftwerken und anderen
•hauptsächlich von der Bundesregierung finanziert und durchgeführt
werden, sind solche Großunternehmen - vor allem im Planungsstadium größtenteilr ja auf die Mitarbeit der Einzelstaaten angewiesen.
Gelegentlich kommt es selbstverständlich auch zu scharfen
Meinungsverschiedenheiten über einzelne, solche Vorhaben betreffenden
Fragen in den Staaten selbst. In diesen Fällen liegt es in erster Linie
am Gouverneur, die Entscheidung der Bundesregierung in Washington
durch eine entsprechende Stellungnahme zu beeinflusSan.
Infolge der zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der
Bundesregierung und den Regierungen der Einzelstaaten auf Grund gemeinsamer Interessen besonders an sozialen Maßnahmen dürften die Gouverneurswahlen in diesem Herbst ein Spiegelbild der amerikanischen öffentlichen
Meinung in Angelegenheiten von keineswegs nur lokaler, sondern allgemein
innenpolitischer Bedeutung sein und eine dementsprechende Tragweite
besitzen.

* * * * *

*

- 7-

�A M E R I K A

WAHLJAHR

D I E N S T

1956

�WAHLJAHR -"956

Teil III
1.

W

Rol e

er p

itischen Parteien in den USA

Seite

1

2.

Die Bundes-Parte konvente in den Vereinigten
Seite

3

Seite

5

Seite

7

Seite

10

Meinung in den USA

Seite

13

7«

Der Primat der Außenpolitik

Seite

16

0.

Bildmaterial:

Staaten
3«

Der V/ah L

4.

Der geschieh liehe V/erdegang der amerikanischen
Parteien
Die R&lt;"11e der Minderheitsparteien im
politischen Leben Amerikas
Politische Parteien u d ofi'entli he

5.
6.

dzug

a)

Dwight D. Eisenhower während der großen
Wahlkampagne des Jahres 1952

b)

Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, während
des Wahlfeldzugs des Jahres 1952

c)

Vier amerikanische Bürger aus dem Mil ionenheer freiwilliger Helfer

d)

Auch die Jugend arbeitet mit

* * *

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE ROLLE DER POILTISCHEN FLRTEIEH IN DEN USA
WASHINGTON - (AD) - Die hundert Millionen wahlberechtigter
Manne
star

und Fr uen in den Ver

n'g en Staaten sind ein ungeheuer

r po'it scher Fak.or. Dies

bedeutende politische Macht, die

sie v rkörper , bedeute e je och wenig
sche

»

ohne die von den amerikani-

Parteien in wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik immer

wieder an den Tag gelegte Einigk ' t. Obwohl die amerikanischen Parteien
kein anderes Mittel als

i.

berzeugung.-kraft haben, um die Wähler für

•ich zu gewinnen, sind sie doch diejenige

Instanz in den USA, die

Mei ung und Zielse zung der Bevölkerung auf innen- und außenpolitisch

, militärisch, m .'.nd sozia' irtschaftlichem Gebiet analysiert,

synone .isiert und im

ah"vr gramm vertritt. Sie sind der Beweis dafür,

daß ein demokratisches V ^lk sich sowohl der politischen und persön1 c er; Freiheit als auch einer ordentlichen Regierung erfreuen ka:~n.
Sc kam es, daß die Masse der amerikanischen Wähler am Tage d r
Vo 'ksentscheidung ihre S imme meist einer der großen Parteien gegeben
ha . Zwar gab es in der Zeit nach 1826 verschiedene unabhängige politische Bewegungen, die praktisch einer dritte:-. Partei gleichkamen,
d ch fanden diese in den meisten Fällen immer nur wenige Anhänger.
D es geht auch aus der Parteienstatistik hervor, die besagt, daß in
d n Jah en von 1928 bis 1948 keine der kleineren Parteien bei Präsidentschaf -swahlen nie mehr all 0,5 bis 2,5 Prozer.t der abgegebenen Stimmen
für sich buchen konnte, wenngleich sie auch mitunter stark genug waren,
um auf den Ausgang der Wahlen nicht ohne Wirkung zu bleiben.
Es "regiert" in den USA immer eine Partei, und sie trägt damit
die volle .'erantwortung für alles politisc/.e, wirtschaftliche und
soziale Geschehen, während li« andere bereitsteht, die gleiche Funktion
ebenso gewissenhaft und in ähnlicher Form zu übernehmen, wenn sie durch
die Wahl dazu berufen wird.
Mit die vielleicht wichtigsten Aufgaben der Parteien sind, das
amerikanische Volk über Gesetzesvorlagen, die dem Kongreß unterbreitet
werden, auf dem laufenden zu halten und es dazu anzuhalten, an den
Wahltagen tatsächlich und voll seiner staatsbürgerlichen Pflichten
zu genügen.

Die Vorlage von Gesetzentwürfen durch die verschiedenen
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni

1^6

verschiedenen politischen Parteien gibt der Wählerschaft Gelegenheit, die
be'derseitigen Standpunkte zu hör«] und daraus die eigen.: Meinung zu bilden.
Die Parteien der USA formulieren nicht nur die Wünsche und Forderungen ihrer Wählerschaft und stellen Regierungsprogramme auf, sondern wählen
und nominieren aus ihren Reihen auch Kandidaten für Ämter im öffentlichen
Diens'. V/ird ein Kandidat für eine solche Aufgabe eingesetzt, gilt die
Partei, die ihn in Vorschlag gebracht hat, als Garant dafür, daß die
Ausübung dieses Amtes ordnungsgemäß und zur allgemeinen Zufriedenheit
geschieht, darüber wachen sowohl die Partei, die zur Zeit "am Ruder"
ist, als auch die, deren Ziel es ist, aus der nächsten Wahl als Sieger
hervorzugehen.
Eine außerordentliche Bedeutung für die Vereinigten Staaten haben
die politischen Parteien auch dadurch, daß sie Millionen Menschen der
verschiedensten Rassen, Religionen, Kulturen und Berufsgruppen zusammenhalten .
Hinter jeder der amerikanischen Parteien stehen vier Gruppen von
Anhängern. Einmal sind es Personen, die einen großen Teil ihrer Zeit
der Parteiarbeit widmen

- Parteiführer und Organisatoren. Sie sind

ehrenamtliche und bezahlte Helfer sowie Anwärter und Inhaber von Ämtern
im öffentlichen Dienst. Dann folgt die zahlenmäßig stärkere Gruppe der
Mitglieder, die sich genau an die Parteilinie hält und sich aktiv einsetzt, wenn immer die Möglichkeit sich bietet. Die dritte Gruppe besteht
aus den Anhängern, die im allgemeinen mit den Auffassungen und der Arbeit
der Partei übereinstimmen, manchmal aber auch abweichender Ansicht sind,
kritisieren und gelegentlich sogar für den Kandidaten der Gegenpartei
stimmen. Schließlich gibt es noch die '.'/ahlberechtigten, die eine Partei
zwar manchmal aktiv unterstützen, aber sich nicht an sie gebunden fühlen
wollen und daher als "Unabhängige" gelten.
Kein Bürger der Vereinigten Staaten, der das Stimmrecht besitzt,
kann in irgendeiner Form gezwungen werden, sich einer dieser vier Gruppen
anzuschließen oder sich parteipolitisch zu betätigen. Die Parteien erheben keine Mitgliedsbeiträge, und niemand kann ausgeschlossen werden, es
sei denn, man sieht sich dazu veranlaßt, nach außen hin zu bekunden, daß
die Partei nicht länger gewillt ist, für den Inhaber eines öffentlichen
Amtes als "Garant'1 einzutreten.
Die meisten Amerikaner sind entweder Republikaner oder Demokraten,
aber wie viele Anhänger jede der beiden großen Parteien tatsächlich
hat, kann lediglich geschätzt werden, da es keine Mitgliedskarteien
gibt.
* * * * *
- 2 -

�»

"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE BÜNDES-PARTEIKONVENTE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
WASHINGTON -(AD) - Es war vor 124 Jahren, als auf dem Bundeskonvent einer der beiden großen amerikanischen Parteien der Plan
entstand, aus den Reihen der Teilnehmer Kandidaten für die höchsten,
durch Wahl zu besetzenden Ämter in den Vereinigten Staaten von Amerika
zu nominieren.
Der Vorschlag fand die allgemeine Zustimmung der Delegierten, und
so kam es auf diesem Bundeskonvent, der im Mai 1832 von den Demokraten
in Baltimore durchgeführt wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der
USA zu einer Nominierung von Präsidentschaftskandidaten durch eine
Parteiversammlung. Einstimmig entschieden die Partei-Delegierten,
Andrew Jackson für eine zweite Amtsperiode als US-Präsident aufzustellen und als Vizepräsident Martin van Buren zu benennen. Damals
betrug die Bevölkerungszahl ier Vereinigten Staaten nicht wie heute
167 Millionen, sondern nur 13 Millionen Einwohner.
Dieses System der Kandidatenaufstellung ist seit jener Zeit beibehalten worden, und auch in diesem Jahr werden die beiden großen Parteien in den USA ihre Kandidaten für die am 6.November stattfindenden
Präsidentschaftswahlen wieder auf ihren Bundeskonventen nominieren,
die für die Republikaner am 20.August 1956 in San Francisco und für
die De-nokraten am 13 «August 1956 in Chicago abgehalten werden.
Die Einberufung und Durchführung der Konvente ist ausschließlich
Sache der Partei und in keiner V/eise an irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen gebunden. Auch die Unkosten werden zum größten Teil von den
Parteien selbst bestritten; allerdings helfen die Städte gerne mit
einer finanziellen Unterstützung, wenn solche Veranstaltungen in ihren
Mauern stattfinden.
Es sind immerhin 10 000 bis 15 000 Amerikaner und Amerikanerinnen,
die an einem Bundes- Parteikonvent teilnehmen. Sie alle versammeln sich
in einem riesigen Saal, der mit Fahnen, Spruchbändern und Bildern ausgeschmückt ist. Es gibt in den USA kaum eine andere große festliche Zusammenkunft oder Tagung, auf der man noch farbenfrohere Dekorationen,
noch mehr spannungsvolle Erwartung findet als auf den Bundeskonventen.
Nach der offiziellen Eröffnung durch den Parteivorsitzenden folgt
ein kurzes Gebet mit der Bitte um Gottes Segen für die wichtige Ent-

- 5-

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Entscheidung, die getroffen werden muß. Danach singen alle Anwesenden die amerikanische Nationalhymne "The Star Spangled Banner", und
anschließend wählen die Delegierten unter den vom Bundesausschuß der
Partei vorgeschlagenen Mitgliedern einen Vorsitzenden für die gesamte
Dauer des Konvents. Die Aufstellung des engeren Mitarbeiterstabes
dieses Vorsitzenden erfolgt durch Ernennung.
Nachdem die einzelnen Partei-Ausschüsse Bericht erstattet haben
und allgemeine Fragen erörtert worden sind, geht der Konvent zu einem
der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung über: die Vorlesung des
Partei-Programms. Durch diese öffentliche Erklärung über die Prinzipien und Ziele der Partei erhält jeder Wähler vor seiner Stimmenabgabe im November Gelegenheit, sich über die Stellungnahme der Partei
in innen- und außenpolitischen Fragen sowie über die von der Partei
vorgesehenen Maßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit zu informieren.
Unmittelbar nach der Verlesung des Parteiprogramms kommt es
zum Höhepunkt des Konvents, der Nominierung der Kandidaten für das
Amt des Präsidenten und das Amt des Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten.
Gewöhnlich bringen die Delegierten in einzelnen Gruppen, die
sich in beliebiger Zahl zusammengefunden haben, je einen Kandidaten
zum Vorschlag. Aus den Reihen dieser Anwärter wird dann der endgültige
Kandidat der Partei gewählt, und zwar dadurch, daß die Leiter der
Delegationen der Einzelstaaten in alphabetischer Reihenfolge die
Hand erheben und angeben, wie viele Stimmen von ihrer Delegation
für jeden einzelnen Vorgeschlagenen abgegeben werden. Der Abstimmungsvorgang wird so lange wiederholt, bis einer der Delegierten eine klare
Stimmenmehrheit erhält. Meistens erfolgt dann die endgültige Nominierung
des Präsidentschaftskandidaten einstimmig, um nach außen die innere Einheit der Partei zu demonstrieren.
Der von der Partei für das Amt des Vizepräsidenten der USA aufgestellte Kandidat wird im allgemeinen durch führende Parteimitglieder ausgewählt, nachdem sie darüber mit dem eben gewählten Kandidaten für das
Amt des US-Präsidenten beraten haben. Diese Nominierung muß sowohl die
Billigung des Kandidaten für das Präsidentschaftsamt als auch der Partei
selbst finden, da die beiden höchsten Amter in den USA durch einen Wahlgang besetzt werden und die Partei auch den Wahlkampf für ihre beiden
Kandidaten gemeinsam führt. Zum Abschluß des Konvents wird die Entscheidung
über den Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten von allen Delegierten
gemeinsam gebilligt, und noch über einzelne Fragen von geringerer Bedeutung beraten. Die Bundeskonvente beider Parteien finden alle vier Jahre,
jeweils im Jahr der Präsidentschaftswahlen, statt.
* * * * *

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�"ALIERIKA DIENST"

6. Juni 1956
DER WAHLFELDZUG

(AD) - Schon ist die Kampagne zur Wahl des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Kongreßmitglieder für das Jahr 1956 in Amerika im
Gange. Ihren eigentlichen Impetus jedoch wird sie erst erhalten, wenn
die beiden großen Parteien, die Demokraten und die Republikaner, auf
ihren Partei-Konventen die Kandidaten für das Amt des Präsidenten sowie des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten aufgestellt haben.
Diese Konvente tagen im August, und im November findet dann die Wahl statt.
Immer mehr Bürger der Vereinigten Staaten neigen zu der Ansicht, daß
die Wahlkampagne, die sich von der Benennung der Kandidaten bis zur Wahl
über mehrere Monate erstreckt, eine zu starke Belastung für die Anwärter
auf die öffentlichen Ämter darstellt. Denn oftmals gehen die von den Parteien zur Nominierung ausersehenen Kandidaten schon lange vor dem Konvent
auf Wahlreisen, so daß sie nahezu ein Jahr ständig unterwegs sind. Das
bedeutet besonders für diejenigen, lie gegen eine starke Opposition antreten, daß sie in Hunderten von öffentlichen Versammlungen, über den
Rundfunk und im Fernsehen sprechen müssen.
So hat zum Beispiel Genera] Eisenhower in der Präsidentschaftskampagne des Jahres 1952 insgesamt 228 Ansprachen gehalten und annähernd
80 000 Kilometer zurückgelegt? und Gouverneur Stevenson ist mit 203 Reden und 52 000 Kilometer nicht weit hinter ihm zurückgeblieben. Dazu
kommen noch die sogenannten "whistle-stop Speeches" (Bahnsteigreden),
die beide Kandidaten in zahllosen kleineren Städten und Orten, die
sie auf ihren Wahlreisen passierten, sozusagen aus dem Stegreif halten
mußten.
Wohl wird der Kampf der beiden Kandidaten um das Amt des Präsidenten mit größter Leidenschaft geführt und mit gespanntester Aufmerksamkeit vom ganzen Volke verfolgt. Doch darf man nicht vergessen,
daß gleichzeitig Tausende von Kommunal-, Kreis- und Staatsbeamten
sowie ein Drittel der Senatoren und sämtliche

Mitglieder des Reprä-

sentantenhauses neu gewählt werden.
Die Wahlkampagne in Amerika ist zweifellos eine aufreibende
Angelegenheit. Aber sie dient auch manchem guten Zweck. Hier lernt der
Staatsbürger die von ihm mit einem öffentlichen Amt zu betrauenden Persönlichkeiten kennen. Hier stellt sich heraus, ob es Männer - oder
Frauen - mit einer echten, gefestigten politischen Überzeugung sind,

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

sind, fähig, den Rat anderer anzuhören, und sich doch eine eigene
Meinung zu ' ilden; ob es Persönlichkeiten mit Mut, klarem Verstand
und einwa dfrei m Charakter sind.
Unter den mannigfaltigen Anford.rangen und Belastungen der
Wahlkampagne zeigt es sich, aus we chem tfolz ein Kandidat geschnitzt
ist. Mag er sich nun um das Amt des Präsidenten, eines Senators oder
eines Abgeordneten bewerben - von allen Seiten dringt man auf ihn ein,
seine Ansichten über innenpolitische und internationale Fragen zu
äußern. Er muß sich mit der Außenpolitik, mit wirtschaftlichen und
sozialen Problemen befassen. Er muß den Standpunkt der führenden
Männer seiner Partei kennen. Er muß bereit sein, die traditionelle
Politik seiner Partei abzulehnen, wenn sie den Angehörigen seines
Wahlbezirkes nicht genehm ist und seiner eigenen Überzeugung widerspricht. Auf seinen Reisen durch seinen Wahlbezirk, seinen Staat oder
das ganze Land darf er sich nicht nur mit Politikern und führenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterhalten, sondern muß
versuchen, mit möglichst vielen einfachen Bürgern in Kontakt zu kommen,
um ihre Ansichten, ihre Sorgen und Nöte, die Schwierigkeiten ihrer
Heimatgemeinden kennen zu lernen.
All dies stürmt auf den Kandidaten während der Wahlkampagne ein.
Er muß diese Dinge verarbeiten und Stellung dazu nehmen. Und wenn er
die Punktion des von ihm angestrebten politischen Amtes richtig versteht, so wird er sich in seinem Denken und Handeln stets sowohl von
eigenen Erkenntnissen als auch von der Meinung des Volkes leiten
lassen - denn er ist sowohl Vertreter des Volkes als auch Führer.

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�AFRIKA DIENST"

6. Juni 1956

DER GESCHICHTLICHE WERDEGANG DER AMERIKANISCHEN PARTEIEN

(AD) - Im Laufe der 180jährigen Geschichte der Vereinigten
Staaten haben die beiden großen amerikanischen Parteien, deren An^
fange auf die Gründungszeit der Republik zurückreichen, sehr unterschiedliche Bezeichnungen geführt.
In den achtziger Jahren des 18.Jahrhunderts entwickelten sich
unter den Articles of Confederation - dem obersten Gesetz, das sich
die 13 amerikanischen Staaten vor der späteren Verfassung gegeben
hatten - zahlreiche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Handel und Gewerbe verlangten deshalb nach einer starken Zentralregierung. Sie bezeichneten sich selbst als Föderalisten im Gegensatz zu den Farmern
und Pflanzern, die Anti-Föderalisten. Die letzteren waren ganz zufrieden mit dem losen Zusammenschluß von Staaten, wie er unter den
Articles of Confederation bestand und wendeten sich deshalb gegen
eine Ratifizierung der Verfassung, die eine Stärkung der Zentralgewalt vorsah. Als sie mit ihrer Auffassung nicht durchdringen konnten
und in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzung den kürzeren
gezogen hatten, fanden sie sich schließlich mit der Verfassung ab und
lösten sich als politische Gruppe auf.
Die Föderalisten übten dann zwölf Jahre hindurch, während der
beiden Amtsperioden Washingtons und der von John Adams, die Kontrolle
über die Regierung aus; in diesem Zeitabschnitt konsolidierte sich
die Zentralregierung.
Bei der Landbevölkerung stießen die Föderalisten mit ihrem Regierungsprogramm auf wenig Gegenliebe. Die Farmer hatten das Gefühl
einer großen Benachteiligung durch das von den Föderalisten entwickelte Steuersystem. Aus diesem Grund scharte sich die Landbevölkerung um
Thomas Jefferson, der später der dritte Präsident der Vereinigten
Staaten werden sollte, und gründete die (Jeffersonsche) Republikanische Partei. Diese Kreise drängten auf buchstabentreue Einhaltung der
Verfassung und wandten sich gegen ihre sehr freizügige Auslegung im
Sinne einer Verstärkung der Befugnisse des Bundes.
Im Jahre 1798 erließen die Föderalisten Gesetze, die die Deportation "gefährlicher Ausländer" gestatteten und die Kritik an der Re-

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Regierung untersagten. Die Republikaner lehnten diese Gesetze als
verfassungswidrig ab and konnten bei den Präsidentschaftswahlen im
Jahre 1801 mit ihrer Parole von der Notwendigkeit einer Stärkung
der Rechte der Einzelstaaten ihren Kandidaten Thomas Jefferson
durchbringen. Das war der Anfang vom Ende der Föderalisten, deren
politischer Einfluß bald völlig aufhörte.
Mehr als ein Jahrzehnt lang nach dem Krieg gegen England
von 1812 bestand so etwas wie eine Einparteien-Regierung unter den
Republikanern. Doch bald bildeten sich innerhalb der Republikanischen Partei zwei Flügel heraus - die "alten Republikaner", die
an dem ursprünglichen Grundsatz einer strengen Begrenzung der Befugnisse der Bundesregierung festhielten und die "jungen Republikaner", die eine stärkeis Bundesregierung erstrebten.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1824 stand die Republikanische Partei allein im Wahlkampf, in dem sich vier ihrer führenden
Männer um die Präsidentschaft bewarben. John Quincy Adams behielt die
Oberhand über Andrew Jackson, der ebenfalls über eine starke Anhängerschaft verfügte. Aus diesem tyahlkampf entwickelte sich in den
zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein rechter Flügel,
die National-Republikaner (die Anhänger von Adams und späteren Whigs)
und ein linker Flügel, die sogenannten Demokratischen Republikaner
unter Jackson, die man bald nur noch die Demokraten nennen sollte.
Die Demokratische Partei unserer Tage stammt also aus der Zeit
der Wahl Jacksons zum Präsidenten im Jahr 1828, wenngleich ihre ersten
Anfänge und politischen Grundsätze auf Jefferson zurückgehen, den die
Demokraten den politischen Vater ihrer Partei nennen.
In den Jahren nach 1830 entwickelte sich aus den Reihen der
National-Republikaner die Partei der Whigs, die als Vertreter der
Interessen des Handels und des Gewerbes in Opposition zu Jackson trat.
In den Jahren 1840 und 1848 stellten die Whigs den Präsidenten. Über
der Sklavenfrage, die in den Jahren nach 1850 immer mehr in den Vordergrund trat, kam es dann zur Spaltung dieser Partei und zur schließlichen Auflösung.
Das Kansas-Nebraska-Gesetz vom Jahre 1854 erlaubte die Haltung
von Sklaven im nördlichen Trans-Mississippi-Territorium. Dieses Gesetz
wurde Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, und so zog im Jahre
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6. Juni 1956

Jahre I854 eine Mehrheit von Parteilosen in den Kongreß ein, die
allgemein nur als Anti-Nebraska-Leute bezeichnet wurden und ihre
Aufgabe darin sahen, das genannte Gesetz zu Fall zu bringen.
Zusammen mit Whigs, die sich ebe Calla gegen die Sklaverei wandten,
bildeten sie die Republikanische Partei und wählten Abraham Lincoln
zum Präsidenten.
Als si .h im Jahre 1861 die Nord- und Südataaten über der Sklavenfrage entzweiten und der Süden im Sezessionskrieg die Loslösung von
der Union erstrebte, schlössen sich viele uniontreue Demokraten aus
dem Norden mit den Republikanern in der sogenannten "Verfassungs- und
Unions-Partei" (Constitutional Urion Party) zusammen, die allerdings
schon bald nach dem Krieg zu besteh n aufhörte, da sich ihre Mitglieder den Republikanern oder Demokrat &gt;n anschlössen.
Nach

em Jahre 1826 kam es zur Gründung mehrerer kleinerer Partei-

en, die zum Teil sogar eine wichtige Rolle in der örtlichen, regionalen
und nationalen Politik gespielt haben. Die meisten dieser Parteien bestanden aber nur kurze Zeit; dennoch ist ihr Einfluß nicht zu unterschätzen, sind ihre Mitglieder doch häufig den beiden großen Parteien
beigetreten und haben deren Politik mitgestaltet. In manchen Fällen ist
es kleineren Parteien sogar gelungen, so viel Stärke zu gewinnen, daß
sie die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen beeinfluSBem konnten.
Das Programm einer solchen kleineren Partei - der Populist Party wurde im Jahre I896 zum bestimmenden Element der amerikanischen Innenpolitik und lebt noch heute in der Demokratischen Partei weiter. Die
Demokraten haben damals ihren Kurs radikal geändert und sich die Auffassung der Populisten in

er Frage eines staatlichen Eingreifens in

die Wirtschaft im Intereaae des gesamten Volkes zu eigen gemacht.
In Wahljahren leg;.n die großen Parteien der Bevölkerung des Landes
ihr Wahlprogramm vor, ine Klärung bezüglich der Grundsätze und Vorhaben, für die sie im Falle pines Wahlsieges einzutreten beabsichtigen.
Diese Wahlpro^ramme unterteil ^den sich meist in innerpolitischen Fragen,
in den großen außenpolitischen Fragen sind sie jedoch im allgemeinen
ähnlich, gelegentlich s-»gar -öllig gleich.
Alles in allem genomme: . stellen die mehr als 100 Mill.Wähler in den
USA eine gewaltige Macht dar. Diese Macht aber würde zersplittert und durch
das Gegeneinander zahlreicher Kräfte wirkungslos werden, gäbe es nicht die
Parteien,die sie organisieren und auf ein Ziel ausrichten. Die Parteien
sind der Krist?llisationspun".t um den sich die Wähler scharen, um ihrem
politischen Willen ausdrack und Geltung zu verschaffen. Die Beleuchtung
der politischen Tagesiragen durch die Sprecher der Parteien ermöglicht es
dem Wähler, seine auf Kenntnis der politischen Fakten beruhende freie
Entscheidung zu treffen.
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"AMERIKA DIENST"
DIE ROLLE DE1! MINDERHEITSPARTEIEN IM
POLITISCHEN LEBEN AMERIKAS

(AD) — Wohl ist das Zwei-Parteien-System in den Vereinigten
Staaten seit den frühesten Tagen der jungen Republik fester Bestandteil der amerikarischen Regierungsform, und der Wille der Mehrheit bestimmt den politichen Kurs des Landes. Daneben aber hat es im Laufe der
Geschichte e ne ganze Reihe von Minderheitsparteien gegeben, die bei
den großen nationalen Wahlen die Unterstützung des Volkes für ihre
Wünsche und Ansichten zu gewinnen suchten, und so haben auch die Minderheiten von jeher einen starken formenden Einfluß auf das öffentliche
Leben Amerikas ausgeübt.
Bei diesen Minderheitsparteien handelte es sich niemals um ethnische, rassische oder religiöse Gruppen. Sie entstanden vielmehr stets
als Verfechter bestimmter praktischer Interessen und Grundsätze. Ihre
politische Skala reichte von d-r ;ußersten Rechten bis zur äußersten
Linken. Aus ihren Namen ist oft .ch n zu ersehen, wofür sie eintreten:
da gab es die Preimarrergegner, die Frei-Land-Bewegung, die Prohibitionisten, die Sozialisten, die Populisten und Kommunisten, die Arbeiterund die Arbeiter- und Bauernpart 1.
Die bedeutendste dieser kleinen Partei ~r war die Partei der Populisten, auch V lkspartei genannt, sie wu de an äßl'ch der Wahlkampagne
des Jahres 1892 ins Leben gerulen, besta d et a ein Jahrzehnt und verschwand dann wieder von der Bildfläche. An^aß zu ih er Entstehung war
die Unzufriedenheit der Landbevölk rungrai. der Wi t chaftspolitik
der beiden großen Parteien. Ihre Ziele wäre

f ei und unbegrenzte

Prägung von Gold- und Silbermünzen, b sohl u igte St igerung des Geldumlaufs, um den /nforderungen der wachsenden Indus r'e zu genügen,
Überführung von Eisenbahnen, Telegraph, Telephon und Lx htversorgung
in öffentlichen Besitz sowie unmittelbar

Wahl der S natoren durc

die

Wähler.
Dieses Programm fand einen überraschend starken W'de.hall in der
Bevölkerung. Bei den Präsidentenwahlen 1892 erh .elten die Populisten

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Populisten reichlich eine Million Stimmen. Vier Jahre später bildeten
sie einen gemeinsamen Block mit den Demokraten und konnten nahezu 6,5
Millionen Stimmen für sich erringen. Ihr Verschwinden ist im wesentlichen auf drei Ursachen zurückzuführen! den zunehmenden Wohlstand der
Farmer nach 1900, das Bündnis mit den Demokraten und vor allem auf
die Erfüllung der meisten ihrer Forderungen.
Die 1869 gegründete Prohibitionspartei konnte sich am längsten
behaupten. Sie kämpfte gegen die Legalisierung dea Alkoholhandels,
die sie als "einen Verstoß gegen die obersten Pflichten einer Regierung" bezeichnete. Ihren größten Erfolg errang diese Partei im Jahre
1892, als der von ihr aufgestellte Kandidat General Bidwell 270 00Q
Stimmen für sich buchen konnte.
Bisher ist es noch keiner Minderheitspartei gelungen, ihren Präsidentschaftskandidaten durchzubringen.
Ihr eigentliches Ziel ist es auch meist gar nicht, den Präsidenten
zu stellen; sie suchen vielmehr möglichst weite Kreise für ihre Ideen
zu gewinnen, und zwingen so die beiden großen Parteien, ihr Programm
weitgehend zu übernehmen, da sie auf die Stimmen der unabhängigen
Wähler nicht verzichten können. Auf diese Weise ist es diesen kleinen
Parteien oftmals gelungen, zumindest einen gewissen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen.
Aber nicht nur auf dem Wege über politische Parteien suchen die
Minderheiten in den USA ihren Einfluß geltend zu machen. Die Amerikaner
haben von dem in den ersten zehn Zusatzartikeln zur Verfassung - der
Bill of Rights - verankerten "Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Mißständen
zu ersuchen" seit jeher weitgehend Gebrauch gemacht. Manche Bewegung,
die von einer kleinen Gruppe ausging, hat schließlich so weite Kreise
erfaßt, daß sie die gesetzliche Verankerung der von ihr angestrebten
Ziele erreichen konnte. Man denke nur an die Bewegung für das Frauenwahlrecht, das Recht der Arbeiter auf gewerkschaftlichen Zusammenschluß,
das Verbot der Kinderarbeit sowie die Bestimmungen über den Verkauf
unverfälschter Lebensmittel und Medikamente.
Gelegentlich

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6. Juni 1956

Gelegentlich arbeiten kleinere Gruppen, die die Verwirklichung
politischer Ziele anstreben, innerhalb der großen politisc-en Parteien.
Ein Beispiel hierfür waren die "Abolitionisten', die Gegner der Sklaverei,
die im vergangenen Jahrhundert über die Republikanische Partei die Abschaffung der Sklaverei anstrebten und erreichten. Oft genug aber besitzt eine ihrer Natur nach unpolitische Interessenvertretung genug
Stoßkraft, um in ihrem Sinne auf die öffentliche Meinung ei zuwirken
und üoer diese wiederum die Gesetzgebung ihres Einzelstaates oder der
Union zu beeinflussen. Zu den bekanntesten Vereinigungen die-er Art
gehören unter anderem der Amerikanische Bauernverband, der Amerikanische
Landwirtschaftliche Zentralverband, die erst kürzlich zusammengeschlossenen Gewerkschaftsverbände AFL und CIO, der Amerikanische Ärzteverband, der Verband Amerikanischer Bankiers, der Amerikanische Virband
für Bürgerrechte und der Rat der Christlichen Kirchen Amerikas.
So ist fast jede soziale, politische und wirtschaftliche In eressengruppe in den Vereinigten Staaten durch eine Gesellschaft ode^ einen
Verein vertreten. Diese Gruppen unterrichten die breite Öffentlichkeit
durch Versammlungen, Publikationen und Tagungen über die von ihnen vertretenen Ideen. Sie lassen Petitionen zirkulieren und regen die Öffentlichkeit an, zu den in Vorbereitung befindlichen Gesetzen Stellung

u

nehmen und den Kongreß über ihre Ansichten zu informieren.
Viele dierer Vereinigungen haben auch ihre bezahlten Agenten, &lt;ie
sogenannten "Lobbyisten", die in den Wandelhallen (Lobby) des Kongreßgebäudes die Abgeordneten oder Senatoren für ihre Sache zu gewinnen
suchen. Die Tätigkeit dieser Lobbyisten, ihre Befugnisse und Rechte,
sind gesetzlich genau festgelegt. Sie werden häufig auch vor Kongreßausschü se geladen, um sachdienliche Auskünfte zu den ge &gt;1&lt;nten gesetzgeberischen Maßnahmen zu machen. Sie versorgen die Kongreßmitglieder
gegebenenfalls mit dem Tür den Er aß - oder die Unterbindung - ei-es
Gesetzes erforderlichen Tatsachenmaterial.
Dieses wechselseitige Kräftespiel der verschiedenen Verbände und
Gesellschaften, die jeweil

über einen starken Rückhalt m

den einzel-

nen Bevölkerungsschichten ve'fügen, trägt wesentlich zur Sicherung und
Erhaltung der demokratischen Staa sform in den USA bei.
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�AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

POLITISCHE PARTEIEN UND ÖFFENTLICHE MEINUNG IN DEN USA

(AD) —

In

eder

'emokr- ie stellt die öffentliche Meinung die

Macht dar, die hinter de

R gie

ng steht. In den Vereinigten Staaten

jedoch ist wegen d'-s Umfangs der B

. erung so

e der großen Zahl der

in ihrer Haltu g stark vo ei ander abwei henden Gruppen und verschiedenartige

teressen

&gt;r j

e

ige Standpunkt der öffentlichen Mei-

1

nung nich ; leich

rora s abzu chätz n.

Die pol: t-sehr-

Pa te

sind in den

ere'nigten Staate1" aus dem

Bestreben der Staat»bü -ger erwa h en, gern 1 sare Grundlagen herauszu'nden, auf dener
s

'ie v e ~&gt;n v rs h^ed n n Gruppen zu einer uberein-

mmung gelangen .md dann t d e

eg-erung durch die Zustimmung der

Reg'' &gt;rten sichern kc mer .
In der amer'kanischen Ve~ fas^ung werder pol't -che Parteien überhaup

nicht erwähnt. Dennoch ha en s'e stets

inf wichtige Rolle in der

dem'k atischen Entwi klung dtr Ve einigt n Staa en gespi lt. Denn es
erw es sich als notwend g, der Öffentlichen Mein
keiten

u verschaffen, sich zur Geltung zu

g geregelte Möglich-

r n. en, un" ihr bei d"?r

Gestal - ng der Regierungspolitik prak" sehen Einfluß einzuräumen. Diese
Lücke

ü lten die Parteien aus.
Di&lt;- älteste der heute noch bestehenden amerikan s"hen Pa teien,

d e Demo ratische Partei, ist die politische Erbin einer Bewegung, die
in den sp' en
Jeffers n a

790er Jahren von dem dama igen

z Präsidenten-Thomas

dem Gefühl heraus ins Li-ben gerufen wur^e, daß die Grund-

sätze der Föceralisten, der zu jener Zeit herrsche de

Par e , ni ht

mit der Verfassu g vereinbar seien. Bei den Wahler des Jahres 1800
unte br-lt ter Jefferson und seine Anhänger diese F^age den Abstimmender, nn . dem Ergebnis, daß er, Jef erson, zum Prä'identen gewählt
wurde.
Was Je fersen und seine Partei im Jahre 1800 taten, stellt eine
der gro

n u d wesentlichen Funktionen e ner politisc

jeder Demokra ie dar - nämlich die Aufgabe, das Interesse

Par ei in
er öffent-

lichen Meining auf einen Brennpu kt zu kon entrieren und die Parolen

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"AMERIKA DIENST

Parolen für die Volkswahl vorzubereiten. In den Vereinigten Staaten
sind die politischen Parteien und die öffentliche Meinung eng miteinander verknüpft.
Amerikas Wählerschaft, mit ihren zwei großen politischen Parteien,
setzt sich aus vielen auseinanderstrebenden Gruppen zusammen. Die Aufgabe der politischen Parteien besteht nun darin, diese unendlich verschiedenen rassischen und sozialen Gruppen, wirtschaftlichen, lokalen
und partikularistischen Interessen für die Zwecke des repräsentativen
RegierungsSystems zusammenzufassen. Auf diese Weise wird der öffentlichen Meinung eine Richtung gegeben und ihr Ausdruck verliehen.
Alle vier Jahre, im Sommer vor dem Wahltag im November, tritt
jede politische Partei zu einem Konvent zusammen, um eine Wahl-Plattform auszuarbeiten - das heißt eine Erklärung über die Parteipolitik
in bezug auf die großen zur Entscheidung stehenden Fragen und über die
leitenden Grundsätze überhaupt, welche die Partei zu vertreten verspricht -, eine Plattform, die für die verschiedenartigen Elemente,
aus denen sich die Partei zusammensetzt, möglichst gleichermaßen annehmbar ist. Das ermöglicht den Wählern, sich auf Grund der Politik und der
Programme der beiden Parteien für die eine oder die andere zu entscheiden.
Nachdem man sich in beiden Lagern über die Plattform geeinigt hat,
wird diese im Laufe eines sehr intensiven Wahlfeldzuges, der von den
Männern und Frauen, die sich um ein Amt bewerben, geführt wird, den
Wählern immer wieder eingehämmert. Jeder Kandidat legt seiner Wahlkampagne die Grundsätze des von seiner Partei aufgestellten Programms zugrunde. Den Wählern werden d^e Argumente für jedes der beiden Parteiprogramme wieder und wieder dargelegt, und dann treffen diese ihre Entscheidung.
Da der Wähler häufig nicht alle Konsequenzen, die sich aus seiner so oder so getroffenen Entscheidung ergeben, von vornherein zu übersehen vermag, bemühen sich die politischen Parteien, durch ihre Wahlkampagne zur Aufklärung der politischen Meinung auch in dieser Hinsicht
beizutragen. Indem sich der Wähler, nachdem die Parteien alle zur Debatte stehenden Fragen kritisch erörtert haben, für die Republikaner
oder die Demokraten entscheidet, bestimmt er damit, welcher Aktionsrichtung er den Vorzug gibt; und durch die Stimmabgabe für einen
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einen Präsidentschaftskandidaten und einen Kongreß, welche diese Richtung vertreten, gibt der Bürger zugleich seine politischen Wünsche bekannt. Es liegt dann in der Verantwortlichkeit der gewählten Partei das heißt des Präsidenten u..d der Kongreßmitglieder dieser Pa te. -,
die bei der Abstimmung zutage getretenen Wünsche der öffentlichen Meinung nach Möglichkeit zu verwirklichen, (in vielen Fälle., allerdin s,
vor allem in auswärtigen Angelegenheiten, verfolgen der Präsident und
beide Parteien - in überparteilicher Aktion - eine gemeinsame Politik,
um ein von allen gleichermaßen erstrebtes Ziel zu erreichen.)
Demgemäß obliegen der politischen Partei drei Hauptfunktionen:
1. die öffentliche Meinung zu lenken; 2. den Sieg bei der Wahl zu erringen, und 3« dafür zu sorgen, daß die Wünsche der Wähler Gesetzeskraft
erhalten.
Zuweilen ist es in der amerikanischen Politik vorgekommen, daß ein
erheblicher Teil der öffentlichen Meinung nicht mit der Art und Weise
zufrieden war, in der die beiden großen Parteien sich einer von ihr
für wichtig gehaltenen Frage gegenüber verhielten. Bei einigen dieser
Anlässe trat dann eine dritte Partei auf. Solche kleineren Parteien
bilden sich, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Anschauungen zu lenken, in der Hoffnung, daß die öffentliche Meinung dann die
eine oder die andere der beiden großen Parteien oder gar beide zwingen
wird, ihren Standpunkt sich zu eigen zu machen. Tritt dieser Fall ein,
dann löst sich meist die dritte Partei ebenso schnell wieder auf, wie
sie entstand, da ihr Zweck erfüllt ist.
Die gegenwärtige Republikanische Partei war ehemals auch eine
dritte Partei. Sie wurde 18 54 ins Leben gerufen, um in der Hauptfrage
der damaligen Zeit - der Frage der Sklaverei - ihr Votum in die Waagschale zu werfen. Da die beiden großen Parteien in jenen Jahren, die
Demokraten und die Whigs, in dieser Frage von innen her gespalten
waren, war keine von ihnen in der Lage, hier einen festen Standpunkt,
dafür oder dagegen, einzunehmen. So gewannen die Republikaner aus beiden Parteien die Unterstützung von Gegnern des Sklavensystems, und anstatt die eine oder die andere zu zwingen, sich ihre Haltung in dieser
Frage zu eigen zu machen, erhielten sie genügend Unterstützung aus der
Wählerschaft, um eine ständige politische Partei zu bilden. Im Jahre
1860 wählte die Bevölkerung Abraham Lincoln zum Präsidenten, und die
Republikanische Partei wurde fortan zu einer der großen Parteien.
Innerhalb des traditionellen "Zwei-Parteien"-Systems der Vereinigten Staaten weisen die Parteien, welche den engsten Kontakt mit der
öffentlichen Meinung haben, auch die längste Lebensdauer auf.
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�"AMFRIKA DIETTST"

6. Juni 1956
DER PRIMAT DER AUSSENPOLITIK

(AD) - Das heute in Amerika bestehende Parteiensystem macht es
möglich, alle lebenswichtigen, insonderheit politisch strittigen
Prägen vor das Forum der Wähler zur Entscheidung zu bringen und dadurch selbst die tiefsten Gegensätze, die sich auf dieser Ebene manchmal im Volke zeigen, zu überwinden. Denn nachdem dieses gesprochen
hat, wird die Kation sich stets zusammentun, um die Politik, die die
Billigung der Mehrheit gefunden hat, auch wirklich durchzusetzen.
Nicht selten sind die Fragen, die bei den Wahlen zum Austrag
kommen, von fundamentaler, den Gang der nachfolgenden Außen- und
Innenpolitik unmittelbar bestimmender Bedeutung. In solchen Fällen
wird das ganze Land aufgerüttelt. Politische Instinkte werden entfesselt, die Leidenschaften schlagen hoch - doch die Parteien verstehen gewöhnlich, sie in die richtige Bahnen zu lenken.
Nur ein einziges Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten
ist es nicht gelungen, mit den friedlichen Mitteln der Politik eine
vom ganzen Lande anerkannte Entscheidung herbeizuführen. Die Frage
nach Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei teilte die amerikanische
Union in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in zwei Lagerj es kam zum
Bürgerkrieg, der nach fünf Jahren erbitterten Kampfes die Nation letzten
Endes nur enger zusammenschloß.
In anderen grundsätzlichen Fragen, derentwegen es ebenfalls zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war, brachten jedoch die Wahlen
die Entscheidung. Hierzu gehörten beispielsweise die Auseinandersetzungen über Schutzzölle, die fast hundert Jahre lang die Präsidentenwahlen überschattet und eine tiefe Kluft zwischen den beiden großen
Parteien aufgerissen hatten. Zu einer anderen, nicht weniger tiefgreifenden Streitfrage wurde das Problem der Währung, die nach dem Willen
der einen auf Gold, nach dem der anderen jedoch auf Silber basiert werden sollte. Und schließlich stritten sich die Parteien nach dem ersten Weltkrieg auch über die Frage, ob die USA Mitglied des Völkerbundes werden
sollten oder nicht. Die politischen Leidenschaften, die von den Befürwortern und Gegnern dieser Alternativfrage entwickelt wurden, erreichten - wi« schon oft - den Siedepunkt. Zu guter Letzt jedoch kam es auf
Grund vernünftiger Erwägungen noch immer zu einem Übereinkommen, das
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das vielleicht den Charakter eines Kompromisses zwischen den Parteien trug, aber sich noch stets als das praktisch Klügste und auch
das Beste herausstell e.
Am wirksamsten aber hat sich die politische Disziplin über alle
Parteigegensätze hinweg immer dann erwiesen, wenn es galt, das Bemühen
der Union um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu unterstützen.
Vor allem, wenn es sich um die Beilegung internationaler Krisen handelte,
haben die Amerikaner sich besonders eng zusammengeschlossen und vorbehaltlos hinter ihre aus freier Wahl hervorgegangenen Regierung gestellt.
Ein geradezu klassisches Beispiel dafür bildete das Verhalten Wendeil
Willkies, des republikanischen Kandidaten für die Präsidentenwahl von
1940» der sofort nach seiner Wahlniederlage seinen großen Einfluß dazu
gebrauchte, die Unterstützung der Republikaner für die Außenpolitik
der demokratischen Regierung zu gewinnen. Das erkannte auch Präsident
Franklin D. Roosevelt an, als er einmal ausdrücklich feststellte, daß
die Vereinigten Staaten "jedenfalls weder das Pacht- und Leihgesetz,
das Dienstpflichtgesetz noch jine ganze Menge anderer Dinge hätten, wenn
es keinen Wendell Willkie gegeben hätte. Er wurde in dem Augenblick,
als wir seiner am meisten bedurften, zu einem wahren Segen für dieses
Land."
Im Verfolg einer solchen Politik war es nur natürlich, daß sich die
Führer der großen Parteien immer häufiger zusammensetzten, Abstriche von
den eigenen Forderungen machten und auf diese Weise nach und nach eine
politische Linie entwickelten, die im Grunde überparteilich ist. Das
zeigte sich nicht zuletzt darin, daß bei internationalen Anlässen den
amerikanischen Regierungsmissionen auch Mitglieder der bei der Wahl
unterlegenen Partei zur Unterstützung beigegeben wurden.
So wurde beispielsweise John Foster Dulles, Außenminister der
gegenwärtigen republikanischen Regierung, selbst ein alter Republikaner,
schon unter dem demokratischen Präsidenten Truman der amerikanischen
Delegation zu den Vereinten Nationen als beratendes und später sogar als
ordentliches Mitglied beigeordnet. Außerdem fungierte er im Kabinett
Präsident Trumans als Sonderberater im Außenamt und war als solcher auch
der eigentliche Schöpfer des japanischen Friedensvertrages.
Aber es gibt wohl keinen Namen, der noch enger mit der völligen Unparteilichkeit der amerikanischen Außenpolitik verbunden wäre als der

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der Arthur H. Vandenbergs, des - verstorbenen - republikanischen
Senators vom Staate Michigan. Vandenberg hatte noch während des zweiten
Weltkrieges seine Überzeugung, daß Amerika eine isolationistische Politik betreiben müsse, über Bord geworfen und war statt dessen zum leidenschaftlichen Verfechter interparteilicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der Außenpolitik geworden. Einen der beachtlichsten Beiträge, die er als
Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses und Mitglied verschiedener Delegationen geleistet hatte, bildete die sogenannte Vandenberg-Resolution zum Artikel 51 der UN-Charta, der Vorkehrungen zur Erhaltung einer regionalen Kollektivsicherheit vorsieht und zur eigentlichen Grundlage der Nordatlantikpaktorganisation wurde.
Ganz gleich, welcher Meinung hierzu und zu anderen lebenswichtigen
Fragen die Parteien im einzelnen waren und heute sind, ganz gleich auch,
wie hart die politischen Gegensätze gelegentlich einer Wahl aufeinanderprallen und mit welcher Erbitterung die Kämpfe gegeneinander geführt
werden - bis auf ganz wenige Ausnahmen hat sich bisher noch immer erwiesen, daß die Amerikaner durchaus in der Lage sind, dort, wo es um
wirklich fundamentale Dinge geht, die notwendige Einigkeit über parteipolitische Differenzen zu stellen.

* * * * *

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�WORTLAUT DER HEDE DES ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
KIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEL1 XX. PARTEIK0KCRE3S IN L.ÜSKAU

�WORTLAUT DER REDE DES ERSTEN SEKRETARS DER KPdSU
NIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEM XX.PARTEIKONGRESS IN MOSKAU

Das amerikanische Außenrainisterium hat am
4 «Juri 1956 die ir; Washington vorliegende
Version der Rede des Ersten Sekretärs der
KPdSU veröffentlicht, die dieser am 25.Februar 1956 vor dem XX.Parteikongreß in Moskau gehalten hat.
Das amerikanische Außenministerium gab dazu
folgende Erklärung abt
"Das amerikanische Außenministerium hat kürzlich aus einer vertraulichen Quelle ein Exemplar eines Dokuments- erhalten, das offenbar eine
Version der Rede des Ersten Parteisekretärs
Nikita Chruschtschow ist, die er auf dem XX.Parteikongreß der KPdSU am 25.Februar 1956 hielt.
Zu der Sitzung waren nur die Delegierten aus
der UdSSR zugelassen.
Das Dokument wird auf Grund zahlreicher Anfragen veröffentlicht. Die vorliegende Version ist
dem Vernehmen nach als Anleitung für die Parteiführerachaft einer kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion ausgearbeitet worden. Das
amerikanische Außenministerium kann sich für
die Authentizität des Dokuments nicht verbürgen
und möchte mit seiner Veröffentlichung es für
sich selbst sprechen lassen".
Die vorliegende Rede hat folgenden V/ortlaut t
Genossen! Im Bericht des Zentralkomitees der Partei an den
XX.Parteikongreß, in einer Anzahl von Reden der Parteikongreßdelegierten und schon zuvor auf den Plenarsitzungen des ZK der KPdSU
ist vieles über den Peraönlichkeitskult und seine schädlichen Folgen gesagt worden.
Nach dem Tode Stalins leitete das ZK der Partei eine Aufklärungspolitik ein, um mit zwingender Konsequenz nachzuweisen, daß
es unzulässig und dem Geiste des Marxismus-Leninismus zuwider ist,
eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen,
der
- 1 -

�der gottähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem
Menschen, der angeblich alles weiß, alles sieht, für alle denkt
alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin, ist bei uns
viele Jahre lang kultiviert worden.
Der Zweck des gegenwärtigen Berichts besteht nicht darin, eine
gründliche Bewertung des Lebens und der Aktivität Stalins durchzuführen. Über Stalins Verdienste ist schon zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Brosch ren und Einzeluntersuchungen verfaßt worden. Die Rolle Stalins bei der Vorbereitung und
Durchführung der Sozialistischen Revolution, wä rend des Bürgerkrieges und im Kampf für den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist
allgemein bekannt. Darüber weiß jeder gut Besch 'd. Wir haben uns
mit der jetzt und künftig für die Partei überaus wi. tigen Frage zu
befassen, wie der Kult mit der Person Stalins sich allmählich entfalten konnte, dieser Kult, der in einer ganz bestimmten, k nkreten
Phase zur Quelle einer Reihe außerordentlich ernster und schwerwiegender Verfälschungen der Parteigrundsätze, der innerparteilichen
Demokratie und der revolutionären Gesetzlichkeit wurde.
Da noch nicht alle Genossen restlos begriffen haben, eiche
praktischen Konsequenzen sich aus dem Persönlichkeitskuxt ergeben
und wie überaus schädlich die Verletzung des Prinzips der kollektiven
Führung innerhalb der Partei ist, aus der die Zusammenballung ungeheurer, unbegrenzter Macht in den Händen eines einzelnen resultiert,
hält es das Zentralkomitee für absolut notwendig, dem XX.Parteik&lt; ngreß
der KPdSU das diese Angelegenheit betreffende Material Zugang"ich zu
machen.
Gestatten Sie mir zunächst, Sie daran zu erinnern, mit we' .-.her
Schärfe die Klassiker des Marxismus-Leninismus jede Äußerung des Persönlichkeitskults verurteilt haben. In einem Brief an den deutschen
Politarbeiter Wilhelm Bios erklärte Marx» "Im Widerwillen gegen allen
Personenkult habe ich während der Zeit der Internationale die zahlreichen Anerkennungsmanöver, womit ich von verschiedenen Ländern aus molestiert ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen, ich
habe auch nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel. Als
Engels und ich dem Geheimbund der Kommunisten beitraten, verlangten
wir die Entfernung all dessen aus den Statuten, was dem Autoritätsglauben förderlich sein konnte. Lassalle tat nachher genau das Gegenteil."
Einige Zeit später schrieb Engeist "Wir beide, Marx und ich, haben
immer jedwede öffentliche Manifestation zu Ehren von einzelnen abgelehnt, von solchen Fällen abgesehen, in denen ein wichtiger Grund vorlagt
wir widersetzten uns ganz energisch solchen Manifestationen, die uns
persönlich zu unseren Lebzeiten betrafen."

Die

�Die große Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir
Iljitsch Lenin, ist bekannt. Lenin betonte immer die Rolle des Volkes
als Schöpfer der Geschichte, die leitende und organisatorische Rolle
der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus und
ebens. die Rolle des Zentralkomitees.
Der Marxismus negiert aber nicht die Rolle der Führer der Arbeiterklasse bei der Leitung der r volutionären Befreiungsbewegung.
Während er der Rolle Jer Führer und Organisatoren der Kassen große
Bftdeatung beimaß, brardnarrte Lenin gleichzeitig schonungslos jede
Äußerung des Person!icnkeitskults, bekämpfte unerbittlich die dem
Ma xismus fremden Auffass ngen üter den 'Helden" und die "Menge'
uvid verwahrte s.ch gegen jeden Verbuch, den Massen und dem Volk einen
•(elden" gegenüberzisteilen.
Lenin lehrte, daß die Stärke d«f Partei auf ihrer unauflöslichen
Verbundenheit mit den Massen b.-ruht, dar»uf, daß hinter der Partei das
\rolk steht - die Arbeiter, die Bauern und die Intelligenz. "Nur der
wird die Macht erringen und behalten'', sagte Lenin, "der an das Volk
glaubt, der untertaucht in •dem Brunnen der lebendigen Schöpferkraft
des Volkes."
Lenin sprach mit Stolz von der boliche"istischen Kommunistischen
Partei als der Führerin und Lehrerin des Volkes. Er verlangte, daß
alle wichtigen Fragen den bewußten Arbeitern und ihrer Partei zur
Kenntnis gebracht und in diesem Kreise zur Diskassion gestellt werden
sollten. Er sagte: "Wir glauben an sie, wir sehen in ihr die Weisheit,
die Ehre und das Gewissen unserer Epoche."
Lenin wandte sich entschieden gegen jeden Versuch, die leitende
Rolle der Partei im Gefüge des Sowjetstaates zu bagatellisieren oder
zu schwächen. Er entwickelte die bolschewistischen Prinzipien der
Parteiführung und die Normen des Parteilebens, wobei er die Kollegialität als Richtschnur der Parteiführung betonte. Schon in den
Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der
Partei als ein Führungskollektiv, als den Hüter und Interpreten der
Paiteiprinzipien. "Im Intervall zwischen den Parteitagen", erklärte
Lenin, 'hütet und interpretiert das Zentralkomitee die Parteiprinzipien". Die Rolle und Autorität des Zentralkomitees der Partei kennzeichnete Wladimir Iljitsch mit den Worten: "Das Zentralkomitee konstit ierte sich als streng zentralisierte und höchst maßgebende Gruppe"'.
Zu Lenins Lebzeiten war das Zentralkomitee der Partei der echte
Ausdruck der kollektiven Führung der Partei und der Nation. Als aktivistischer, revolutionärer Marxist, der in Prinzipienfragen allzeit
unbeugsam blieb, drängte Lenin seinen Mitarbeitern doch niemals ge-,
waltsam seine Ansichten auf. Er versuchte vielmehr, sie zu überzeugen;
geduldig erklärte er anderen seine Auffassung. Stets war Lenin sorgsam darauf bedacht, daß die Normen des Parteilebens verwirklicht,
daß die Bestimmungen des Parteistatuts befolgt, daß die Parteitage
und die Plenarsitzungen des Zentralkomitees regelmäßig abgehalten
wurden.
Abgesehen

- 3-

�Abgesehen von 71.1. Lenins großen Verdiensten um den Sieg der
Arbeiterklasse und der werktätigen Bauern, um den "^eg unserer Partei und um die Anwendung der Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus auf das Leben zeigte sich sein Scharfblick auch darin, daß er
beizeiten jene negativen Charaktereigenschaften Stalins aufdeckte,
die später so ernst zu nehmende Konsequenzen zeitigten, Aus Besorgnis um die künftigen Geschicke der Partei und des Sowjetvolkes wies
er auf die Notwendigkeit hin, die Entfernung Stalins vom Posten des
Generalsekr tärs in Erwägung zu ziehen, da Stalin au brutal sei,
nicht die richtige Einstellung zu den Genossen zeige, launisch sei
und seine Macht mißbrauche. Im Dezember 1922 erklärte WladimiP
Iljitsch in einem Brief an den Parteitag* "Genosse Stalin hat dadurch,
daß er Generalsekretär geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen
Händen vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er es immer
verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen."
Eieser Brief, ein politisches Dokument von außerordentlicher Bedeutung, das in der Parteigeschichte als "Lenins Testament" bekannt
ist, wurde allen Delegierten des XX.Parteikongresses ausgehändigt.
Sie haben es gelesen, und sie werden es zweifellos noch mehr als einmal studieren. Denken Sie über die klaren Worte Lenins nach, in denen
Wladimir Iljitschs Besorgnis über die Geschicke der Partei, des
Volkes, des Staates und über die künftige Führung der Parteipolitik
zum Ausdruck kommt.
Wladimir Iljitsch sagtei "Stalin ist zu grob, und wenn dieser
Fehler auch in unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen
Weg zu finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen und dafür
einen anderen Mann auszuwählen, der sich aber in jeder Beziehung nui
dadurch von Stalin unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler,
höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht so launisch,
usw."
Dieses Dokument wurde auch den Delegierten des XIII.Parteitags
bekanntgegeben, die die Frage der Entfernung Stalins aus der Position
des Generalsekretärs diskutierten. Die Delegierten befürworteten jedoch
die Belassung Stalins auf seinem Posten in der Hoffnung, er werde sich
die kritischen Bemerkungen Vladimir Iljitschs zu Herzen nehmen und
imstande sein, die Fehler abzulegen, die Lenin so ernste Sorgen bereitet
hatten.
Genossen! Der Parteikongreß sollte sich auch mit zwei weiteren
Dokumenten vertraut machen, die die Beurteilung des Charakters Stalins
bestätigen, welche Wladimir Iljitsch Lenin bereits in seinem "Testament"
gegeben hatte. Bei diesen Dokumenten handelt es sich um einen Brief von
Nadeshda Konstantinowna Krupskaja an Kamenew, den damaligen Vorsi-tzendeh
des Politbüros, und um ein Schreiben, das Wladimir Iljitsch persönlich
an Stalin richtete.

Ich

�Ich möchte diese Dokumente Jetzt zur Verlesung bringen.
"Lew Borisowitsch!
Wegen eines kurzen Briefes, den ich in den V/orten niedergeschrieben hatte, die mir Wladimir Iljitsch mit ärztlicher Erlaubnis diktierte,
gestattete sich Stalin gestern mir gegenüber eine ungewöhnlich grobe
Ausfälligkeit. Ich bin nicht erst seit einem Tage Parteimitglied, aber
in all diesen dreißig Jahren habe ich niemals von irgendeinem Genossen
ein grobes Wo^t gehört. Die Sache der Partei und Iljitschs ist mir
nicht weniger teuer als Stalin. Ich muß im Augenblick ein Höchstmaß von
Selbstbeherrschung aufbieten. Was man mit Iljitsch besprechen kann
oder nicht, weiß ich besser als jeder Arzt, weil ich weiß, was ihn
nervös macht und was nicht. Auf jeden Fall weiß ich es besser als
Stalin. Ich wende mich an Dich und an Grigorij als den Genesen,
die W.I. viel näher stehen, und ich bitte Euch, mich vor solchen
rücksichtslosen Einmischungen in mein Privatleben, vor so gemeinen
Beleidigungen und Drohungen zu schützen. Ich habe keinen Zweifel,
wie die einmütige Entscheidung der Kontrollkommission ausfa'len wird,
mit der Stalin mir drohen zu müssen glaubte; doch habe ich weder genügend Kraft noch Zeit, um sie auf diesen dummen Streit zu verwenden.
Ich bin schließlich ein lebendiger Mensch, und meine Nerven sind bis
zum Äußersten angespannt.
N. Krupskaja."
Nadeshda Konstantinowna schrieb diesen Brief am 2}.Dezember 1922.
Zweieinhalb Monate später, im März 1923» sandte Lenin folgenden Brief
an Stalint
"An Genossen Stalin.
Abschriften an Kamenew und Sinowjew.
Lieber Genosse Stalin!
Du hast Dir erlaubt, meine Frau in grober Form ans Telephon zu
zitieren und sie sehr grob zu tadeln. Obwohl sie Dir gesagt hat, sie
wolle Deine Bemerkungen vergessen, haben Sinowjew und Kamenew dennoch
durch sie von der Sache erfahren. Ich habe nicht die Absicht, etwas
•o leicht zu vergessen, was gegen mich gerichtet ist, und ich brauche
hier wohl nicht zu betonen, daß ich alles als gegen mich gerichtet
betrachte, was meiner Frau angetan wird. Ich ersuche Dich deshalb,
sorgfältig zu prüfen, ob es Dir lieber ist, Deine Worte zurückzunehmen
und Dich zu entschuldigen, oder ob Du den Abbruch der Beziehungen
zwischen uns vorziehst..
5.März 1923

Lenin.*
(Bewegung im Saale)

Genossen! Ich möchte diese Dokumente nicht kommentieren. Sie sprechen beredt genug für sich selbst. Wenn Stalin sich zu Lenins Lebzeiten
so benehmen konnte, wenn er Nadeshda Konstantinowna Krupskaja so behandeln konnte, die die Partei kennt und schätzt als treue Gefährtin Lenins
und

�und als aktive Kämpferin für die Sache der Partei seit deren Begründung, dann können wir uns leicht vorstellen, wie Stalin andere
Leute behandelte. Diese seihe negativen Charaktereigenschaften haben
sich ständig weiterentwickelt, so daß man in den letzten Jahren mit
ihm absolut nicht mehr auskommen konnte.
Wie die späteren Ereignisse bewiesen haben, waren Lenins Befürchtungen gerechtfertigt. In der ersten Zeit nach Lenins Tod beherzigte
Stalin zwar noch seinen Rat, aber dann begann er, die ernsten Ermahnungen '.Vladimir Iljitschs außer acht zu lassen.
V/enn wir Stalins Praxis bei der Führung der Partei und des Landes
analysieren, wenn wir reiflich bedenken, was Stalin alles angerichtet
hat-, dann müssen wir zu der Überzeugung gelangen, daß Lenins Befürchtungen berechtigt waren. Die negativen Charakterzüge Stalins, zu
Lenins Zeit erst im Ansatz vorhanden, entfalteten sich immer stärker
und "ührten in den letzten Jahren zu einem folgenschweren Mißbrauch
der Macht durch Stalin, der der Partei unsagbaren Schaden zufügte.
'.Vir müssen diese Angelegenheit ernsthaft erörtern und korrekt
analysieren, um jede Möglichkeit einer Wiederholung, gleichgültig in
welcher Form, all dessen ausschalten zu können, was zu den Lebzeiten
Stalins geschah, der absolut keine Kollegialität der Führung und der
Arbeit duldete, der mit brutaler Gewalt nicht nur gegen jeden Widerstand vorging sondern auch gegen alles, was nach seiner launischen
und despotischen Veranlagung seiner Auffassung zu widersprechen schien.
Stalin hielt sich nicht damit auf, die Menschen zu überzeugen,
aufzuklären und geduldig mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern er
zwang anderen seine Ansichten auf und verlangte absolute Unterwerfung
unter seine Meinung. Wer sich seiner Konzeption widersetzte oder
einen eigenen Standpunkt zu vertreten, die Korrektheit der eigenen
Position zu beweisen suchte, wurde unweigerlich aus dem Führungskollektiv ausgestoßen und anschließend sowohl moralisch als auch
physisch vernichtet. Dies zeigte sich in besonderem Maße in der Zeit
nach dem XVII.Parteikongreß, als zahlreiche prominente Parteiführer
und einfache Parteimitglieder, die der Sache des Kommunismus mit
aufrichtiger Hingebung dienten, dem Despotismus Stalins zum Opfer
fielen.
Dabei ist festzuhalten, daß sich die Partei in einem harten Kampf
gegen die Trotzkisten, die Rechten und die bürgerlichen Nationalisten
durchgesetzt und daß sie alle Feinde des Leninismus ideologisch entwaffnet hatte. Der erfolgreiche Verlauf dieses ideologischen Kampfes
hatte die Partei gestärkt und gestählt, und hierbei spielte Stalin
eine positive Rolle.
Die Partei führte damals eine große politisch-ideologische Auseinandersetzung mit Vertretern antileninistischer Thesen in ihren eigenen Reihen durch, die eine parteifeindliche, der Sache des Sozialismus
abträgliche Linie propagierten. Es war ein verbissener und schwieriger
Kampf, aber er war notwendig, weil sowohl die politische Linie des Blocks
der Trotzkisten und Sinowjewisten als auch jene der Bucharinist«n zur
Wiederherstellung des Kapitalismus und zur Kapitulation vor der Weltbourgeoisie geführt hätten. Denken wir nur einen Augenblick daran, was

_ 6-

�was passiert wäre, wenn sich 1928/29 die politische Linie der
Rechtsabweichler bei uns durchgesetzt hätte, oder die Orientierung
auf die "Kattun-Industrialisierung", oder jene auf die Kulaken usw.
Dann hätten wir heute keine mächtige Schwerindustrie, wir hätten
keine Kolchosen, wir befänden uns waffenlos und schwach inmitten
der kapitalistischen Einkreisung.
Eben aus diesem Grunde führte die Partei einen unerbittlichen
ideologischen Kampf und klärte alle Parteimitglieder sowie die parteilosen Hassen darüber auf, wie schädlich und gefährlich die antileninistischen Vorschläge der trotzkistischen Opposition und der
rechten Opportunisten waren. Und diese gewaltige Aufklärungsarbeit
über die Parteilinie trug Fruchtet sowohl die Trotzkisten als auch
die rechten Opportunisten wurden politisch isoliertf die überwiegende
Mehrheit der Partei erklärte sich für die leninistische Linie. Es
gelang der Partei, die werktätigen Massen wachzurütteln und zu organisieren, um sie für die leninistische Parteilinie und den Aufbau des
Sozialismus zu gewinnen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß selbst während dieses erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten,
Bucharinisten und andere Gruppen noch keine radikalen Unterdrückungsmaßnahmen angewandt wurden, da sich der Kampf auf ideologischer Grundlage abspielte. Erst einige Jahre später, als die Fundamente des Sozialismus in unserem Land gelegt, die ausbeutenden Klassen im allgemeinen
liquidiert waren, als sich die soziale Struktur der Sowjetunion von
Grund auf geändert hatte und die soziale Basis für parteifeindliche
Gruppen und Bewegungen entscheidend eingeengt war, als die ideologischen
Gegener der Partei politisch längst geschlagen waren, da erst setzten
die gegen sie gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen ein.
In dieser Periode, von 1935 bi» 1938» begann die Massenunterdrückung
durch den Regierungsapparat. Sie richtete sich zunächst gegen die Feinde
des Leninismus - die Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten -,
nachdem diese von der Partei längst politisch besiegt worden waren.
In der Folge griff sie aber auch auf zahlreiche aufrechte Kommunisten
über, auf diejenigen Parteikader, die die schwere Last des Bürgerkriegs, der ersten und schwierigsten Jahre der Industrialisierung
und Kollektivisierung getragen, auf Männer, die aktiv gegen die
Trotzkisten und die Rechten für die leninistische Parteilinie gekämpft hatten.

Von

�Von Stalin stammt der Begriff des "Volksfeindes". Dieser Terminus
machte es von vornherein überflüssig, einer Person oder Personengruppe,
die sich mit ihm im Widerspruch befand, ideologische Irrtümer nachzuweisen. Dieser Terminus ermöglichte die Anwendung grausamster Unterdrückung, die Verletzung aller Normen der revolutionären Gesetzlichkeit
zum Nachteil derer, die in irgendeinem Punkt nicht mit Stalin übereinstimmten, bei denen auch nur der geringste Verdacht feindlicher
Absichten bestand und die nicht gut angeschrieben waren. Dieser Begriff
des "Volksfeindes" machte jede Form des ideologischen Kampfes beziehungsweise jede freie Meinungsäußerung zu dieser oder jener Frage, auch wenn
sie rein praktischer Natur war, unmöglich. In der Regel genügte als
einziger Schuldbeweis, im Widerspruch zu allen Normen der Rechtswissenschaft, das "Geständnis" des Angeklagten selbst; wie sich später herausstellte, wurden die "Geständnisse" durch physischen Druck von den Angeklagten erpreßt.
Dies führte zu flagranten Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit und dazu, daß viele vollkommen unschuldige Personen, die in
früheren Jahren für die Parteilinie eingetreten waren, diesen Methoden
zum Opfer fielen.
Wir müssen feststellen, daß auch bei Personen, die seinerzeit
in Widerspruch zur Parteilinie geraten waren, oft keine stichhaltigen
Gründe für ihre physische Vernichtung vorlagen. Die Formel vom "Volksfeind" wurde eigens als Handhabe für die physische Vernichtung solcher
Personen eingeführt.
Es ist eine Tatsache, daß viele Personen, die in der Folge als
Partei- und Volksfeinde liquidiert wurden, Mitarbeiter Lenins waren.
Einige von ihnen haben, als Lenin noch lebte, Irrtümer begangen, aber
gleichwohl hat Lenin aus ihrer Arbeit Nutzen gezogen, er hat sie korrigiert und sein Möglichstes getan, um sie der Partei zu erhalten. Er
spornte sie an, ihm zu folgen.
In diesem Zusammenhang sollten die Delegierten des Parteikongresses
von einer bisher unveröffentlichten Notiz Kenntnis nehmen, die W. I.
Lenin im Oktober 1920 dem Politbüro des Zentralkomitees zugehen ließ.
Die Aufgaben der Kontrollkommission umreißend, schrieb Lenin, die
Kommission müsse zu einem wirklichen "Organ des Partei- und proletarischen Gewissens" gemacht werden. "Als besondere Aufgabe der Kontrollkommission", heißt es in dieser Notiz, "wird die Herstellung einer
engen individuellen Verbindung, die in manchen Fällen eine Art Heilbehandlung sein sollte, zu den Vertretern der sogenannten Opposition
empfohlen, zu denen, die wegen eines Fehlschlages in ihrer Sowjet- oder
lartei lauf bahn in eine psychologische Krise geraten sind. Man sollte
bemüht sein, sie zu beruhigen, ihnen die Sache in der unter Genossen
üblichen Art zu erklären, für sie (ohne ihnen Befehle zu erteilen)
eine Aufgabe zu finden, die ihrer psychologischen Verfassung entspricht. Ratschläge und Richtlinien hierfür sind vom Organisationsbüro des Zentralkomitees auszuarbeiten."
Es
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�Es isv jedermann bekannt, wie unversöhnlich Lenir gegenüber den
ideologischen Feinden des Marxismus und gegenüber denjenigen war, die
von der korrekten Parteilinie abwichen. Aber Lenin hat gleichzeitig,
wie aus dem erwähnten Dokument hervorgeht, in seiner Praxis der Parteiführung den engsten Parteikon+akt zu Leuten gefordert, bei denen trotz
gewisser Schwankungen oder zeitweiliger Abweichungen von der Parteii.'nie noch immer die Möglichkeit bestand, daß sie auf den Weg der
Partei zurückfanden. Lenin empfahl, diese Leute geduldig zu erziehen,
ohne extreme Methoden anzuwenden.
Lenins Weisheit im Umgang mit Menschen trat in seiner Kaderarbeit
klar zutage.
Ganz anders war dagegen die Einstellung Stalins zu seiner Umgebung. Lenins charak*eris'isehe Eigenschaften - geduldige Arbeit mit
den Menschen im Interesse ihrer unablässigen und gew.ssenhaften Schulung, seine Fähigkeit, die Menschen für sich zu gewinnen, so daß sie
ihm ohne Zwang, xediyiich unter dem ideologischen Einfluß des gesamten
Kollekt vs folgten - warer: Stalin vollkommen fremd. Stalin gab die
leninistische Methode der Überzeugung und Erziehung auf, er vertauschte
die Meth de des ideologischen Kampfes mit der der adminis rativen
Gewaltanwendung, der Masse Unterdrückung und des Terrors. Er stützte
sich bei seinen Aktionen in zunehmendem Maße und mit wachsendem Starrsinn auf die StrafOrgane und verletzte dabei häufig alle bestehenden
Normen der MoraL und des sowjetischen Rechts.
Die Willkür des einen war zugleich Ansporn und Freibrief für
die Willkür der anderen. Ma senverhaftungen und Verschickungen, die
Tausende von Menschen betrafen, Hinrichtungen ohne ordnungsgemäßes
Untersuchungs- und Gerichtsverfahren schufen Unsicherheit und verbreiteten Furcht, ja sogar Verzweiflung.
Das förderte natürlich nicht die Einigkeit innerhalb der Partei
und alier Schichten der werktätigen Bevölkerung - im Gegenteil, es
hatte zur Folge, daß loyale, aber Stalin unerwünschte Arbeiter vernichtet beziehungsweise aus der Partei ausgeschlossen wurden.
Unsere Partei kämpfte für die Verwirklichung der Pläne Lenins,
für den Aufbau des Sozialismus. Das war ein ideologischer Kampf.
Wären Lenins Grundsätze im Verlauf dieses Kampfes befolgt werden,
hätte man die Prinzipientreue der Partei geschickt mit lebhafter
und eifriger Sorge um die Menschen gepaart, wären die Menschen nicht
zurückgestoßen und vergeudet, sondern auf unsere Seite gezogen worden,
dann wäre es bestimmt nicht zu so brutalen Verstößen gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit gekommen,und viele Tausende wären nicht den
Terrormethoden zun Cr. fer gefallen. Außergewöhnliche Maßnahmen hätte
man dann nur gegen jene ergriffen, die wirklich verbrecherische Handlungen gegen las SOAjetsystem begangen hatten.

In

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�In diesem Zusammenhang möchte ich an verschiedene geschichtliche
Tatsachen erinnern.
In der Zeit vor der Oktoberrevolution lehnten zwei Mitglieder des
Zentralkomitees der Bolschewistischen Partei, Kamenaw und Sinowjew,
Lenins Plan eines bewaffneten Aufstands ab. Außerdem veröffentlichten
sie am 18.Oktober in dem Menschewiken-Organ "Nowaja Shisnj" eine Erklärung des Inhalts, daß die Bolschewiki einen Aufstand vorbereiteten,
was ihrer Ansicht nach eine Abenteurer-Politik sei. Kamenew und
Sinowjew verrieten also dem Feind den Beschluß des ZK, einen Aufstand
zu entfesseln, der binnen kurzem stattfinden sollte.
Das war Verrat an der Partei und an der Revolution. In diesem
Zusammenhang schrieb W.I. Lenir. : "Kamenew und Sinowjew verrieten den
Beschluß des Zentralkomitees ihrer Partei über den bewaffneten
Aufstand an Rodsjanko und Xerenskij". Lenin forderte das Zentralkomitee auf, über der. Ausschluß Sinowjews und Kamenews aus der Partei
zu beraten.
Aber nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurden
Sinowjew and Kamenew bekanntlich mit führenden Stellungen betraut.
Lenin gab ihnen Posten, auf denen sie äußerst verantwortungsvolle Parteiaufgaben zu bewältigen hatten und an der Tätigkeit der führenden Parteiund Sowjetorgane aktiv teilnahmen. Es ist bekannt, daß Sinowjew und
Kamenew zu Lebzeiten Lenins eine Anzahl weiterer schwerer Irrtümer begingen. In seinem "Testament" hob Lenin warnend hervor, daß "Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall war." Aber Lenin
forderte wedae ihre Verhaftung und noch viel weniger ihre Erschießung.
Nehmen wir einmal das Beispiel der Trotzkisten. In diesem Augenblick,
mit genügend langem historischem Abstand, können wir übsr den Kampf gegen
die Trotzkisten in völliger Ruhe sprechen und diese Angelegenheit mit
ausreichender Objektivität betrachten. Alles in allem befanden sich in der
Umgebung Trotzkis Leute, die keineswegs der bürgerlichen Gesellschaft
entstammten. Ein Teil von ihnen gehörte zur Parteiintelligenz, und ein
gewisser Teil kam aus der Arbeiterschaft. Wir können einige nennen, die
sich damals den Trotzkisten anschlössen, Leute, die an der Arbeiterbewegung vor der Revolution, während der Sozialistischen Oktoberrevolution
selbst und auch bei der Festigung des Sieges dieser größten aller Revolutionen aktiven Anteil gehabt haben. Viele von ihnen brachen mit dem
Trotzkismus und kehrten zum Leninismus zurück. War es nötig, solche
Leute zu vernichten? '«Vir sind zu tiefst davon überzeugt, daß gegen
viele von ihnen, wenn Lenin noch gelebt hätte, solche extremen Methoden
nicht angewandt worden wäiren.
Das sind nur ein paar geschichtliche Tatsachen. Aber kann man sagen,
daß Lenin sich nicht für die Anwendung der schärfsten Mittel gegen die
Feinde der Revolution entschieden hat, wenn dies tatsächlich notwendig war?
Nein, das kann niemand behaupten. Wladimir Iljitsch forderte ein kompromißloses Vorgehen gegen die Feinde der Revolution und der Arbeiterklasse, und
im Notfall griff er unbedenklich zu entsprechenden Methoden. Sie brauchen
nur an seinen Kampf gegen die Sozialrevolutionäre zu denken, die den antisowjetischen Aufstand organisierten, gegen die konterrevolutionären Kulaken
im Jahre 1918 und gegen andere Gruppen,-als er ohne Zögern die radikalsten
Methoden gegen die Feinde anwandte.
° ö
Allerdings
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�Allerdings brauchte er sie nur gegen tatsächliche Klassenfeinde,
nicht aber gegen Leute, die nur einen Fehler gemacht, die sich geirrt
hatten, also gegen diejenigen, die man möglicherweise durch ideologische
Einflußnahme leiten und sogar in der Führung behalten konnte. Lenin
benutzte harte Methoden nur im äußersten Notfall, solange die ausbeutenden Klassen noch existierten und der Revolution heftigen Widerstand
leisteten, das heißt, wenn der Kampf um den Fortbestand seine schärfsten
Formen angenommen hatte, die sogar den Bürgerkrieg einschlössen.
Stalin dagegen griff zu radikalen Methoden und zu Ma senunterdrückungen in einer Zeit, als die Revolution schon siegreich und der
Sowjetstaat gefestigt war, als nach der Liquidierung der ausbeutenden
Klassen die sozial stischen Produktionsverhältnisse in allen Zweigen
der Volkswirtschaft bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatten, als unsere
Partei politisch gefestigt»zahlenmäßig gewachsen und ideologisch' erstarkt
war. Es ist klar, daß Stalin sich hier in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und daß er seine Macht mißbrauchte.
Anstatt seine" politische Korrek heit zu beweisen und die Massen zu
mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer
Vernichtung ein, und zwar n'cht nur gegen tatsächliche Feinde sondern
auch gegen Personen, die keine /erbrechen gegen die Partei und die
Sowjetregierung begangen hat en. Hier ist keine Weisheit, sondern
nur die Demonstration brutaler Gewalt festzustellen, die schon Lenin
so sehr beunruhigt hatte.
In letzter Zeit, zumal nach df r Entlarvung der Beri ja-Bande, mußte
sich das Zentralkomitee mit einer Reihe von Fälschungen befassen, die
auf diese Bande zurückgingen. Datei am ein sehr häßliches Bild brutaler
Eigenmächtigkeiten zum Vorschein, und zwar wiederum in Zusammenhang mit
dem unkorrekten Verhalten Stalins. D e Tatsachen beweisen, daß sich Stalin auf Grund seiner unbegrenzten Macht viele Übergriffe erlaubte.
Dabei berief er sich auf das Zentralkomitee, ohne dessen Mitglieder,
ja nicht einmal die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees, um
ihre Meinung zu befragen. Oft unterr"chtete er diese nicht einmal über
seine persönlichen Entscheidungen in sehr wichtigen Partei- und Regierungsangelegenheiten.
Bei der Behandlung der Frage des Persönlichkeitskults müssen wir
zuerst jedem einzelnen klarmachen, welcher Schaden dieser Kult den
Interessen der Partei zufugte.
Wladimir Iljitsch Lenin hatte stets d e Rolle und Bedeutung der
Partei ei der Leitung der sozialistischen Arbeiter- und Bauernregierung b tont; hierin sah er die wesentliche Vorbedingung für einen
erfolgr i hen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande. Lenin verwies auf
die gr ße Verantwortung der Bolschewistischen Parte' als der regierenden Pa tei m Sowjetstaat und forderte eine peinlich genaue Beachtung
aller Normen des Parteilebens; er forderte die Verwirklichung der Prinzipiell der Kollegialität in der Führung von Partei und Staat.

Die

�Die kollektive Führung ergibt sich unmittelbar aus dem Charakter
der Partei, einer Partei, die auf den Prinzipien des demokratischen
Zentralismus beruht. "Dies bedeutet", sagte Lenin, "daß alle Parteiangelegenheiten - unmittelbar oder durch Vertreter - von allen Parteimitgliedern geregelt werden, die ausnahmslos den gleichen Regein unterworfen sind; außerdem sind alle Verwaltungsfunktionäre, a ~.e Führungskollegien, alle Inhaber von Parteiposten wählbar, müssen über ihre Tätigkeit Rechenschaft ablegen und können abberufen werden«"
Bekanntlich gab Lenin selbst ein Beispiel strengster Beachtung
dieser Prinzipien. Jede Angelegenheit war Lenin wichtig genug, um sie
nicht allein, ohne Beratung und ohne Billigung der Mehrheit der Mitglieder des Zentralkomitees oder der Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees,zu entscheiden.
In der für unsere Partei und unser Land schwersten Periode hielt
es Lenin für notwendig, regelmäßig Parteitage, Parteikonferenzen und
Plenarsitzungen des Zentralkomitees einzuberufen, auf denen alle
wichtigen Fragen diskutiert und die vom Führungskollektiv sorgfältig
ausgearbeiteten Beschlüsse gebilligt wurden.
Wir erinnern beispielsweise an das Jahr 1918» als unser Land durch
den Angriff der imperialistischen Interventionisten bedroht war. In
dieser Situation wurde der VII. Parteitag einberufen, um eine lebenswichtige, unaufschiebbare Angelegenheit zu diskutieren: den Frieden.
Während im Jahre 1919 der Bürgerkrieg tobte, trat der VIII. Parteitag zusammen, auf dem ein neues Parteiprogramm angenommen und über
wichtige Fragen wie das Verhältnis zu den Massen der Bauern, den Aufbau der Roten Armee, die führende Rolle der Partei in der Arbeit der
Sowjets, die Verbesserung der sozialen Zusammensetzung der Partei
und andere Fragen entschieden wurde. Im Jahre 1920 wurde der IX. Parteitag einberufen, der die Richtlinien für die Parteiarbeit auf dem
Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus festlegte. Im Jahre 1921 billigte
der X. Parteitag Lenins Neue ökonomische Politik und den historischen
Beschluß "Über die Einheit der Partei".
Zu Lenins Lebzeiten wurden regelmäßig Parteitage einberufen;
jedesmal, wenn eine einschneidende '(Vendung in der Entwicklung der
Partei und des Landes erfolgte, hielt es Lenin für unbedingt notwendig,
daß die Partei alle Grundfragen der Innen- und Außenpolitik sowie Fragen
der Entwicklung von Partei und Regierung eingehend diskutierte.
Es ist sehr bezeichnend, daß Lenin seine letzten Artikel, Briefe
und Bemerkungen an den Parteitag als höchste Parteiinstanz richtete.
In der Zeit zwischen den Parteitagen hielt sich das Zentralkomitee
als höchstes Führungskollektiv peinlich genau an die Prinzipien der
Partei und führte ihre Politik aus.
So war es zu Lenins Lebzeiten.
Wurden die heiligen leninistischen Prinzipien unserer Partei
auch nach dem Tode Wladimir Iljitschs beachtet?
Während
- 12 -

�Während in den ersten Jahren nach Lenins Tod Parteitage und
Sitzungen des ZK-Plenums mehr oder weniger regelmäßig stattfanden,
wurden diese Grundsätze später, als Stalin seine Macht immer mehr
mißbrauchte, in brutaler Weise verletzt. Das zeigte sich besonders
während seiner letzten fünfzehn Lebensjahre. Kann man noch von normalen Verhältnissen sprechen, wenn zwischen dem XVIII. und dem XIX.
Parteikongreß dreizehn Jahre verstrichen, Jahre, in denen unsere Partei
und unser Land so viele wichtige Ereignisse durchmachten? Diese Ereignisse verlangten kategorisch nach Parteibeschlüssen über die Landesverteidigung während des Großen Vaterländischen Krieges und über den
friedlichen Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges. Selbst nach
Kriegsende dauerte es sieben Jahre, bis wieder ein Parteikongreß stattfand.
Es wurden kaum noch ZK-Plenarsitzungen einberufen. Man braucht
nur zu erwähnen, daß während des ganzen Großen Vaterländischen Krieges keine einzige Sitzung des Plenums des Zentralkomitees stattgefunden
hat.
Zwar wurde im Oktober 1941 der Versuch unternommen, das gesamte
Zentralkomitee einzuberufen, als die Mitglieder des Zentralkomitees
aus der ganzen Sowjetunion nach Moskau beordert wurden. Aber sie warteten
zwei Tage lang vergeblich auf die Eröffnung des Plenums. Stalin wünschte
nicht einmal,die Mitglieder des Zentralkomitees persönlich zu sprechen.
Diese Tatsache zeigt, wie demoralisiert Stalin in den ersten Kriegsmonaten war und mit welcher Überheblichkeit und Verachtung er die Mitglieder des Zentralkomitees behandelte.
In der Praxis setzte sich Stalin über die Normen des Parteilebens
hinweg und trat den leninistischen Grundsatz der kollektiven Führung
mit Füßen. Stalins Eigenmächtigkeit gegenüber der Partei und ihrem
Zentralkomitee trat nach dem XVII. Parteitag, der 1934 abgehalten wurde,
voll und ganz in Erscheinung.
Das ZK, das sich im Besitze zahlreicher Unterlagen über die brutale und willkürliche Behandlung der Parteikader befindet, hat eine
Parteikommission eingesetzt, die unter der Kontrolle des Präsidiums
des Zentralkomitees steht. Die Kommission wurde beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die
Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (ß) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.
Die Kommission hat umfangreiches Material aus den NKWD-Archiven
und andere einschlägige Dokumente gesichtet und in zahlreichen Fällen
festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche
Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden - was zum Tode unschuldiger
Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei,
der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu
"Volksfeinden" gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde,
Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte
Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten
sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger

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�länger ertragen konnten (nach den Weisungen der Untersuchungsrichter - und Wahrheitsverfälscher), aller möglichen schweren und unwahrscheinlichen Verbrechen. Die "Kommission hat dem Präsidium des
Zentralkomitees umfangreiches Dokumentenmaterial über Massenrepressalien gegen die Delegierten des XVII.Parteitags und gegen Mitglieder des Zentralkomitees, die auf diesem Parteitag gewählt worden
waren, unterbreitet. Das Präsidium des Zentralkomitees hat dieses
Material eingehend geprüft.
Es wurde festgestellt, daß von den auf dem XVII.Parteitag gewählten 139 Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei
98 Personen, das sind 70 Prozent, in den Jahren 1937 bis 1938 verhaftet und liquidiert wurden.
(Entrüstung im Saale)
Wie war die Zusammensetzung der Delegierten des XVII.Parteitags?
Es ist bekannt, daß 80 Prozent der stimmberechtigten Delegierten dieses
Parteitags in den Jahren der Verschworung vor der Oktoberrevolution und
während des Bürgerkriegs, also vor 1921, der Partei beigetreten waren.
Nach der gesellschaftlichen Herkunft handelt es sich bei der Masse der
Delegierten dea XVII.Parteitags um Arbeiter (60 Prozent der Stimmberechtigten
Schon aus diesem Grunde mußte es unfaßbar scheinen, daß ein Parteitag mit einer solchen gesellschaftlichen Struktur ein Zentralkomitee
gewählt haben soll, das in der Mehrheit aus Parteifeinden bestand.
Der einzige Grund, warum 70 Prozent aller Mitglieder und Kandidaten
des Zentralkomitees als Feinde der Partei und des Volkes angeprangert
wurden, war der, daß man Verleumdungen gegen sie vorbrachte, falsche
Anschuldigungen gegen s'e konstruierte und die revolutionäre Gesetzlichkeit in unzulässiger V/eise aushöhlte.
Das gleiche Schicksal ereilte nicht nur die Mitglieder des Zentralkomitees sondern auch die Mehrzahl der Delegierten des XVII.Parteitags . Von 1966 stimmberechtigten oder beratenden Delegierten wurden
1108 Personen, also über die Hälfte all^r Delegierten, unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrecher, verhaftet. Allein diese
Tatsache beweist, wie absurd, phantastisch und widersinnig die Beschuldigungen wegen gegenrevolutionärer Verbrechen waren, die, wie
wir jetzt sehen können, der Mehrheit der Delegierten des XVII.Parteitags zur Last gelegt wurden.
/_ . .. . _ . B--i 's
0
0 0
(.Entrüstung im Saale;
»Vir sollten uns dara erinnern, daß der XVII.Parteitag als Parteitag der Sieger in die Geschichte einging. Die Delegierten dieses Parteitags nahmen aktiv am Aufbau unseres sozialistischen Staates teil} viele
von ihnen litten und kämpften in den vorrevolutionären Jahren der Verschwörung und an den Fronten des Bürgerkriegs für die Interesse der Partei. Tapfer kämpften sie gegen ihre Feinde und schauten oft dem Tod kaltblütig ins Angesicht. Wie konnten wir da glauben, diese Menschen seien
Doppelzüngler und hätten in der Zeit nach der politischen Liquidierung
der Sinowjewisten, Trotzkisten und Rechten, sowie nach den großen Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus im Lager der Feinde des Sozialismus gestanden?
»
Dies
- 14 -

�Dies war das Ergebnis des llachtmi ßbrauchs Stalins, der nun mit
den Mitteln des Massenterrors gegen die Parteikader vorzugehen begann.
Wie ist es zu erklären, daß nach dem XVII. Parteitag die Massenrepressalien gegen Aktivisten immer mehr zunahmen? Stalin hatte sich
damals derart über Partei und Nation erhoben, daß er fortan weder
auf das Zentralkomitee noch die Partei Rücksicht nahm. Während Stalin
vor dem XVIII. Parteitag noch mit der Meinung des Kollektivs rechnete,
mißachtete er nach der restlosen politischen Liquidierung der Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten - nachdem die Partei durch
diesen Kampf und die Siege des Sozialismus ihre Einheit erreicht
hatte - in zunehmendem Maße die Meinung der Mitglieder des Zentralkomitees und selbst der Mitglieder des Politbüros. Stalin glaubte,
er könne alles allein entscheiden und brauche nur noch Statisten.
Er behandelte alle andern so, daß sie ihm nur noch zuhören und Beifall klatschen durften.
Die Massenunterdrückungen und brutalen Verstöße gegen die
sozialistische Gesetzlichkeit begannen nach dem Meuchelmord an
S. M. Kirow. Am Abend des 1. Dezember 1934 unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees, Jenukidse, auf
Veranlassung Stalins(ohne die Genehmigung des Politbüros, die beiläufig erst zwei Tage später erteilt wurde) folgende Weisung;
"1. Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der
wegen Vorbereitung beziehungsweise Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu behandeln.
2. Die Gerichtsorgane werden angewiesen, die Vollstreckung der
wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht
im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da:- das
Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme
von Eingaben dieser Art nicht für möglich erachtet.
3. Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten
(NKWD) werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher, die der
oben angeführten Kategorie angehören, unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu vollstrecken."
Diese Weisung war die Grundlage für den massiven Mißbrauch der
sozialistischen Gesetzlichkeit. In zahlreichen arangierten Gerichtsverfahren wurden die Angeklagten "der Vorbereitung" von Terrorakten
beschuldigt; dadurch waren sie jeder Möglichkeit beraubt, ihre Fälle
überprüfen zu lassen, selbst wenn sie vor Gericht aussagen, ihre
"Geständnisse" seien erpreßt worden oder wenn sie in überzeugender
Weise die gegen sie erhobenen Anschuldigungen entkräften konnten.
Es muß festgestellt werden, daß die Umstände der Ermordung
Kirows bis auf den heutigen Tag in vielen Punkten ungeklärt und
mysteriös sind, so daß sie noch einer gründlichen Überprüfung be
dürfen. Der Verdacht scheint begründet, daß der Mörder Kirows,
Nikolajew, von jemanden unterstützt wurde, dessen Pflicht es gewesen

- 15 -

�gewesen wäre, Kirows Person zu schützen. Anderthalb Monate vor dem
Mord war Nikolajew wegen verdächtigen Verhaltens verhaftet, dann aber
ohne Vornahme einer Leibesvisitation wieder freigelassen worden. Es
erscheint ungewöhnlich verdächtig, daß der für Kirows Schutz verantwortliche Tschekist, als er am 2. Dezember 1954 zum Verhör gebracht
wurde, bei einem "Verkehrsunfall" ums Leben kam, bei dem sonst kein
anderer Mitfahrender Schaden erlitt. Nach Kirows Ermordung erhielten
Spitzenfunktionäre des Leningrader NKWD ganz minimale Strafen, aber
1937 wurden sie erschossen. Es ist anzunehmen, daß man mit ihrer
Erschießung die Spuren der Organisatoren des Mordes an Kirow-auslöschen wollte. (Erregung im Saale)
Ende 1936, nach einem Telegramm, das Stalin und Shdanow am
25. September 1936 von Sotschi aus an Kaganowitsch, Molotow und andere
Mitglieder des Politbüros gerichtet hatten, nahmen die Massenunterdrückungen ungewöhnlichen Umfang an. Das Telegramm lautete:
"Wir halten es für unbedingt notwendig und dringlich, daß Genosse
Jeshow zum Volkskommissar für Innere Angelegenheiten ernannt wird.
Jagoda hattsich endgültig als unfähig erwiesen, den Block der Trotzkisten und Sinojewisten zu entlarven. Die GPU ist in dieser Angelegenheit um vier Jahre im Verzug. Das wird von allen Parteifunktionären und den meisten NKWD-Mitarbeitern bemerkt."
Es sei darauf hingewiesen, daß Stalin genau genommen mit Parteifunktionären gar nicht mehr zusammenkam und ihre Ansichten deshalb
gar nicht kennen konnte.
Diese Stalinsche Formulierung, daß das "NKWD" bei der Anwendung
von Massenrepressalien " vier Jahre im Verzug" sei, und daß die
Notwendigkeit bestehe, diesen Rückstand "aufzuarbeiten", trieb die
NKWD-Mitarbeiter geradezu auf die Bahn der Massenverhaftungen und
-hinrichtungen.
Wir betonen, daß diese Formulierung auch dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU(ß) vom Februar-März 1937 aufgezwungen wurde.
Die Resolution des Plenums billigte sie auf Grund von Jeshows
Bericht "Lehren aus der Schädlings-Diversions- und Spionagetätigkeit der japanischen, deutschen und trotzkistischen Agenten" mit
folgenden Worten:
"Das Plenum des ZK der KPdSU(B) ist der Ansicht, daß alle
Tatsachen, die im Laufe der Untersuchung in der Angelegenheit des
antisowjetisch-trotzkistischen Zentrums und seiner Anhänger in der
Provinz enthüllt wurden, beweisen, daß das Volkskommissariat für
Innere Angelegenheiten bei seiner Aufgabe, diese unerbittlichsten
Feinde des Volkes zu entlarven, mindestens vier Jahre in Verzug
geraten ist."
Die

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�Die damaligen Massenunterdrückungen erfolgten unter der Losung
des Kampfes gegen die Trotzkisten. Waren denn die Trotzkisten zu Jener Zeit tatsächlich eine solche Gefahr für unsere Partei und den
Sowjetstaat? In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß
1927» kurz vor dem XV.Parteitag, nur ungefähr 4000 Stimmen für die
trotzkistisch-sinowjewistische Opposition, gegenüber 724 000 für die
Parteilinie abgegeben wurden. Im Verlauf der zehn Jahre vom XV.Parteitag bis zum Februar-März-Plenum des Zentralkomitees wurde der Trotskismus völlig entwaffnet. Viele Trotzkisten hatten ihre ehemaligen Ansichten geändert und arbeiteten in verschiedenen Sektoren am Aufbau
des Sozialismus mit. Es ist doch klar, daß zu dieser Zeit des Sieges
des Sozialismus kein Anlaß zum Massenterror in unserem Lande bestand.
Stalins Bericht auf der Plenartagung des Zentralkomitees im
Februar und März 1937 über "Mängel in der Parteiarbeit und Methoden
für die Liquidierung von Trotzkisten und anderen Doppelzünglern"
stellte den Versuch einer theoretischen Rechtfertigung der Politik
des Massenterrors unter dem Vorwand dar, daß der Klassenkampf sich
angeblich im Fortschreiten auf dem Wege zum Sozialismus zunehmend
verschärfen müsse.
Stalin versicherte, diese Erkenntnis aus der
Geschichte und Lenins Werken abgeleitet zu haben.
Lenin lehrte aber'tatsächlich, daß die Anwendung revolutionärer
Gewalt durch den Widerstand der Ausbeuterklassen notwendig werde, und
er bezog sich dabei auf die Zeit, da diese Ausbeuterklassen noch bestanden und über Macht verfügten. Als sich aber die politische Lage
des Landes gebessert hatte, nachdem nämlich die Rote Armee im Januar
1920 Rostow eingenommen und damit einen höchst bedeutsamen Sieg über
Denikin errungen hatte, wies Lenin Dsershinskij an, Massenterror einzustellen und die Todesstrafe abzuschaffen. Lenin begründete diesen
wichtigen politischen Schritt des Sowjetstaates in seinem Bericht
vor dem Allunions-Zentralexekutivkomitee am 2.Februar 1920 folgendermaßen t
"Der Terror, den die Entente ausübte, als starke Weltmächte ihre
Horden auf uns losließen, die vor nichts zurückschreckten, zwang uns
unsererseits zur Anwendung von Terror. Wir hätten uns keine zwei Tage
behaupten können, hätten wir diese Versuche von Offizieren und Weißgardisten nicht mit rücksichtslosen Maßnahmen beantwortet, das heißt
mit der Anwendung von Terror, der uns aber erst durch die Terrormethoden
der Entente aufgezwungen wurde.
Sobald wir aber einen entscheidenden Sieg errungen hatten, also
schon vor Kriegsende unmittelbar nach der Einnahme Rostows, schafften
wir die Todesstrafe ab und lieferten damit den Beweis, daß wir unser
Programm in der versprochenen Form durchzuführen beabsichtigten. Wir
erklären, daß die Anwendung von Gewalt der Entschlossenheit entsprang,
die Ausbeuter zu vernichten, die Großgrundbesitzer und Kapitalisten;
als dies erreicht war, verzichteten wir auf alle außergewöhnlichen
Methoden. Dafür haben wir den praktischen Beweis erbracht."
Stalin wich von diesen klaren und unmißverständlichen Richtlinien
Lenins ab. Stalin benutzte die Partei und das NKWD für die Ausübung
des Massenterrors zu einer Zeit, als die Ausbeuterklassen in unserem
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�unseren Lande bereits vernichtet und keine ernsthaften Gründe mehr
für die Anwendung des außergewöhnlichen Massenterrors gegeben waren.
Dieser Terror richtete sich im Grunde genommen nicht gegen die
Überreste der zerschlagenen Ausbeuterklassen, sondern gegen ehrbare
Funktionäre der Partei und des Sowjetstaates; sie wurden in verlogener,
verleumderischer und absurder Weise der "Doppelzüngelei", der "Spionage",
der "Sabotage", der Vorbereitung angeblicher "Verschwörungen" usw. beschuldigt .
Auf der Plenartagung des Zentralkomitees vom Februar bis März 1937
bezweifelten auch tatsächlich viele ZK-Mitglieder die Richtigkeit des
festgelegten Kurses der Massenrepressalien unter dem Vorwand des Kampfes
gegen die "Doppelzüngelei".
Genosse Postyschew brachte diese Zweifel überaus einleuchtend zum
Ausdruck»wenn er sagtet
"Ich habe mir folgendes überlegtt die schweren Jahre des Kampfes
sind vorüber; die Parteimitglieder, die kein Rückgrat besaßen, sind
zerbrochen oder in das Lager des Feindes übergegangen; die gesunden
Elemente haben für die Partei gekämpft. Das war in den Jahren der
Industrialisierung und Kollektivisierung. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß Karpow und andere jetzt, nachdem diese schwere Zeit
zu Ende gegangen ist, sich im Lager des Feindes finden würden (Karpow
war Mitglied des Ukrainischen Zentralkomitees und persönlich gut mit
Postyschew bekannt). Und nunmehr hat es nach Zeugenaussagen den Anschein,
daß Kapow 1934 von den Trotzki3ten angeworben wurde.
Ich persönlich glaube nicht, daß ein anständiges Parteimitglied,
das den ganzen Weg des erbarmungslosen Kampfes gegen die Parteigegner
und für den Sozialismus mitgegangen ist, im Jahre 1934 ins Lager der
Feinde übergewechselt sein kann. Ich glaube es nicht ... Ich kann mir
nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, daß jemand in den schwierigen
Jahren zur Partei hält, um sich dann im Jahre 1934 den Trotzkisten anzuschließen. Das ist eine merkwürdige Geschichte ..."
(Bewegung im Saal)
Unter Berufung auf Stalins These, daß die Zahl der Feinde wä~h3t,
je mehr wir uns dem Sozialismus nähern, und unter Berufung auf dio Entschließung des Februar-März-Plenums des Zentralkomitees, die sich auf
den Jeschow-Bericht stützte, begannen die Provokateure, die im Verein
mit gewissenlosen Karrieremachern die Staatssicherheitsorgane durchsetzt
hatten, den Massenterror gegen Parteikader, Kader des Sowjetstaates und
gewöhnliche Sowjetbürger mit dem Parteiinteresse zu bemänteln. Die
Feststellung dürfte genügen, daß die Anzahl der Verhaftungen unter der
Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrechen von 1936 bis 1937 auf das
Zehnfache anstieg.

Es

�Es ist bekannt, daß brutale Willkür gegen viele der Parteiarbeiter angewandt wurde. Die vom XVII. Parteitag gebilligten Parteistatuten stützten sich auf die leninistischen Grundsätze, wie sie auf
dem X. Parteitag zum Ausdruck gebracht worden waren. In ihnen heißt
es, daß extreme Maßnahmen wie der Parteiausschluß gegen ZK-Mitglieder,
ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission nur angewandt
werden können, wenn vorher "das Plenum des Zentralkomitees einberufen
und auch alle ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission
zu dieser Plenarsitzung eingeladen worden sind"; nur wenn zwei Drittel
der Mitglieder einer solchen Generalversammlung verantwortlicher Parteiführer dies für notwendig erachten, kann ein ZK-Mitglied oder ein
ZK-Kandidat ausgeschlossen werden.
Die meisten der ZK-Mitglieder und -Kandidaten, die auf dem XVII.
Parteitag gewählt und 1937/38 verhaftet wurden, hat man durch brutalen
Mißbrauch der Parteistatuten widerrechtlich aus der Partei ausgeschlossen, da die Frage ihres Ausschlusses nie vom Plenum des Zentralkomitees erörtert worden ist.
Als nunmehr die Fälle einiger dieser sogenannten "Spione" und
"Saboteure'1 untersucht wurden, hat sich gezeigt, daß diese Fälle
restlos erfunden waren. Die Schuldgectändnisse vieler Personen, die
verhaftet und volksfeindlicher Tätigkeit bezichtigt wurden, waren
mit Hilfe grausamer und unmenschlicher Folterungen erpreßt worden.
Gleichzeitig hat Stalin, wie uns inzwischen von damaligen
Mitgliedern des Politbüros berichtet wurde, ihnen die Erklärungen
vieler angeklagter politischer Aktivisten vorenthalten, in denen diese
ihre Geständnisse vor dem Militärtribunal widerrufen und eine objektive Untersuchung ihrer Fälle gefordert hatten. Es gab zahlreiche
derartige Erklärungen, und Stalin kannte sie genau.
Das Zentralkomitee hält es für absolut notwendig, den Parteikongreß über viele derartige konstruierte "Fälle" gegen Mitglieder
des Zentralkomitees der Partei, die auf dem XVII. Parteitag gewählt worden waren, zu unterrichten.
Ein Beispiel niederträchtiger Provokation himmelschreiender
Entstellung und verbrecherischer Verstöße gegen die revolutionäre
Gesetzlichkeit ist der Fall des ehemaligen Politbüro-Kandidaten,
des hervorragenden Funktionärs der Partei und der Sowjetregierung,
Genosse Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte.
Genosse Eiche wurde am 29. April 1938 auf Grund verleumderischen
Materials und ohne Genehmigung des Generalstaatsanwaltes, die schließlich nach 15monatiger Haft eintraf, verhaftet.
Die Untersuchung des Falles Eiche wurde in einer Weise durchgeführt, die einen äußerst brutalen Verstoß gegen die sowjetische
Gesetzlichkeit darstellte, wobei Willkür und Fälschungen stark ins
Gewicht fielen.
Eiche

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�Eiche wurde durch Folterungen gezwungen", von vornherein ein
Geständnisprotokoll zu unterzeichnen, das die Untersuchungsrichter
ausgearbeitet hatten und in dem er antisowjetischer Tätigkeit beschuldigt wurde.
Am 1. Oktober 1939 sandte Eiche seine Erklärung an Stalin, in
der er kategorisch jede Schuld bestritt und eine Überprüfung seines
Falles verlangte. In dieser Erklärung schrieb er:
"Es gibt kein größeres Elend, als im Gefängnis des Staates zu
sitzen, für den ich immer gekämpft habe."
Es ist auch eine zweite Erklärung Eiches erhalten, die er am
27. Oktober 1939 an Stalin sandte; in dieaer Erklärung führt er sehr
überzeugende Tatsachen an und widerlegt die gegen ihn erhobenen verleumderischen Beschuldigungen; er führt an, diese provokatorische
Beschuldigung seien einerseits das Werk echter Trotzkisten, deren
Verhaftung er als 1. Parteisekretär der Region Westsibirien gebilligt
hatte und die sich aus Rache gegen ihn verschworen; andererseits sei
sie das Ergebnis der gemeinen Fälschung des Materials durch die Untersuchungsrichter •
Eiche schrieb in seiner Erklärung: "... Am 25. Oktober dieses
Jahres teilte man mir mit, die Untersuchung meines Falles sei abgeschlossen, und man gewährte mir Einsicht in das Untersuchungsmaterial.
Hätte ich auch nur den hundertsten Teil der mir zur Last gelegten
Verbrechen begangen, so hätte ich nicht gewagt, Ihnen vor meiner Hinrichtung diese Erklärung zu übersenden; ich habe jedoch auch nicht
eine einzige der mir zur Last gelegten Handlungen begangen, und mein
Herz kennt auch nicht einen Schatten von Gemeinheit. Ich habe Ihnen
nie in meinem Leben ein unaufrichtiges Wort gesagt,und in diesem Augenblick, da ich bereits mit beiden Füßen im Grabe stehe, lüge ich ebensowenig. Mein ganzer Fall ist ein typisches Beispiel für Provokation,
Verleumdung und Verletzung der elementaren Grundlagen revolutionärer
Gesetzlichkeit...
... Die Geständnisse, die man in meinen Akt aufgenommen hat,
sind nicht nur absurd, sie enthalten auch gewisse Verleumdungen über
das Zentralkomitee der KPdSU(ß) und den Rat der Volkskommissare, da
richtige Beschlüsse des ZK der KPdSU(B) und des Rats der Volkskommissare, die nicht auf meine Veranlassung und ohne meine Teilnahme gefaßt wurden, als feindliche Akte konterrevolutionärer Organisationen
hingestellt werden, die auf meine Anregung entstanden...

Ich

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�Ich komme jetzt zu dem schändlichsten Tun meines Lebens und
meiner wirklich schweren Schuld gegenüber der Partei und Ihnen. Es
ist dies mein Geständnis konterrevolutionärer Arbeit ... Die Sache
liegt folgendermaßen: Da ich die Folterungen durch Uschakow und
Nikolajew - insbesondere den ersteren -,die wußten, daß meine
gebrochenen Rippen noch nicht geheilt waren und mir große Schmerzen
bereiteten, nicht ertragen konnte, habe ich unter Zwang mich selbst
und andere beschuldigt.
Mein Geständnis ist zum größten Teil von Uschakow erfunden oder
diktiert, der Rest besteht aus von mir selbst rekonstruiertem NKWDMaterial aus West-Sibirien, für das ich volle Verantwortung übernommen hatte. Wenn ein Detail der von Uschakow fabrizierten und von mii"
unterzeichneten Geschichte nicht zusammenpaßte, wurde ich gezwungen,
eine andere Fassung zu unterschreiben. So war es mit Ruchimowitsch,
der mir zuerst als Mitglied des 'Reservenetzes• benannt wurde, dessen
Nanfe aber später nicht mehr auftauchte, ohne daß mir dies mitgeteilt
wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Leiter des angeblich von
Bucharin im Jahre 1935 geschaffenen 'Reservenetzes' . Zuerst setzte
ich meinen Namen ein, dann sagte man mir, ich solle den von Meshlauk
einsetzen. Solche Dinge kamen öfters vor.
... Ich ersuche und bitte Sie, meinen Fall nochmals zu überprüfen,
nicht etwa, um mich zu retten, sondern um die niederträchtige Provokation
zu enthüllen, die jetzt infolge meiner erbärmlichen und verbrecherischen
Verleumdung zahlreiche Personen wie eine Schlange umstrickt. Nieraals habe
ich Sie oder die Partei verraten. Ich weiß, daß ich auf Grund der niederträchtigen uhd gemeinen Arbeit der Feinde der Partei und des Volkes,
die diese Provokation gegen mich inszenierten, umkommen werde."
Man sollte meinen, eine so wichtige Erklärung sei einer Untersuchung
durch das Zentralkomitee wert gewesen. Dies geschah jedoch nicht, und die
Erklärung wurde an Berija weitergeleitet, während die fürchterliche
Mißhandlung des Politbürokandidaten, Genosse Eiche, weiterging.
Am 2.Februar 1940 wurde Eiche vor Gericht gestellt. Hier gab er
keinerlei Schuld zu und sagte folgendes»
"In all meinen sogenannten Geständnissen habe ich mit Ausnahme
meiner Unterschrift unter die von mir erpreßten Protokolle auch nicht
einen einzigen Buchstaben geschrieben. Ich habe unter dem Druck des Untersuchungsrichters, der mich von Beginn meiner Verhaftung an folterte, Aussagen gemacht. Danach begann ich dann, all diesen Unsinn zu schreiben ...
das Wichtigste für mich aber ist, dem Gericht, der Partei und Stalin zu sagen, daß ich nicht schuldig bin. Ich habe mich nie einer Verschwörung schuldig gemacht. Icn werde sterben in dem Glauben an die Richtigkeit der Politik
der Partei wie. ich das mein Leben lang geglaubt habe."
Am 4.Februar wurde Eiche erschossen. (Entrüstung im Saal.) Heute ist
einwandfrei erwiesen, daß der Fall Eiche fabriziert wurde') Eiche wurde posthum rehabilitiert.
Genosse Rudsutak, Politbürokandidat und Parteimitglied seit 1905» der
10 Jahre in einem zaristischen Verbannungslager schmachtete, hat vor Gericht
die von ihm erzwungenen Geständnisse voll und ganz widerrufen. Das Sitzungsprotokoll des Kollegiums des Obersten Militärgerichts enthält folgende
Äußerung Rudsutaks i
..
Sein«

�"... Seine einzige Bitte an das Gericht geht dahin, das Zentralkomitee der KPdSU(B) möge informiert werden, daß es im NKWD eine bisher noch nicht liquidierte Clique gibt, die auf hinterhältige Weise
Fälle fabriziert und unschuldige Menschen zu Geständnissen zwingt; es
gibt keine Möglichkeit zu beweisen, daß man an den durch die Geständnisse verschiedener Leute bezeugten Verbrechen nicht beteiligt war.
Die Untersuchungsmethoden sind derart, daß die Menschen gezwungen werden, zu lügen und über die bereits Angeklagten hinaus völlig unschuldige
Personen zu verleumden. Er bittet das Gericht, ihm zu erlauben, das
Zentralkomitee der KPdSü(B) von all diesen Dingen schriftlich zu unterrichten. Er versichert dem Gericht, daß er persönlich in bezug auf die
Politik unserer Partei niemals etwas Böses im Schilde führte, da er
mit der Politik der Partei auf wirtschaftlichem und kulturellem
Gebiet stets voll und ganz einverstanden gewesen sei."
Diese Erklärung Rudsutaks wurde gar nicht beachtet, obgleich
Rudsutak zeitweise Leiter der Zentralen Kontrollkommission gewesen
war, die auf Lenins Veranlassung zum Zwecke des Kampfes für die Einheit der Partei ins Leben gerufen wurde ... So fiel der Leiter dieses
äußerst maßgeblichen Parteiorgans, brutaler Willkür zum Opfer; er wurde
nicht einmal vor das Politbüro des ZK zitiert, da Stalin nicht mit
ihm sprechen wollte. Binnen 20 Minuten war das Urteil gefällt,und
er wurde erschossen. (Entrüstung im Saal)
Nach sorgfältiger Untersuchung des Falles im Jahre 1955 wurde
festgestellt, daß die Beschuldigung gegen Rudsutak zu Unrecht erhoben
worden war und auf verleumderischen Unterlagen beruhte. Rudsutak wurde
posthum rehabilitiert.
Auf welche Art und Weise die ehemaligen Mitarbeiter des NKWD die
verschiedensten fiktiven "antisowjetischen Gruppen" und "Blocks" mit
Hilfe provokatorischer Methoden konstruierten, geht aus dem Geständnis des Genossen Rosenblum hervor, der der Partei seit 1906 angehörte
und 1937 vom Leningrader NKWD verhaftet wurde.
Anläßlich der Untersuchung des Falles Komarow enthüllte Rosenblum
folgende Tatsache: Als Rosenblum 1937 verhaftet wurde, unterzog man
ihn furchtbaren Folterungen/ in deren Verlauf man ihn zwang, falsche
Aussagen über sich selbst und andere zu machen. Dann wurde er in das
Büro Sakowskijs gebracht, der ihm die Freiheit anbot, unter der Bedingung, daß er vor Gericht ein wahrheitswidriges Geständnis über
"Sabotage, Spionage und Diversionsarbeit im Rahmen einer Terroristengruppe in Leningrad'1 ablegte, das das NKWD im Jahre 1937
fabriziert
hatte'. (Bewegung im Saal.) Mit unglaublichem Zynismus schilderte ihm
Sakowskij den üblen "Apparat", der mit der heimtückischen Erfindung
"antisowjetischer Komplotte" beauftragt war.

Zur
- 22 -

�"Zur Illustration", erklärte Rosenblum, "zählte mir Sakowskij
verschiedene mögliche Varianten des Organisationsschemas dieser
Gruppe und ihrer Unterabteilungen auf. Nachdem er mich über die
Organisation im einzelnen aufgeklärt hatte, sagte mir Sakowskij,
das NKDW würde den Fall in die Hand nehmen und fügte hinzu, das
Gerichtsverfahren werde öffentlich sein.
Gegen vier oder fünf Mitglieder dieser Organisation sollte
Anklage erhoben werden, nämlich Tschudow, Ugarow, Smorodin, Posern,
Frau Schaposchnikowa (Tschudows Frau) sowie gegen weitere Personen
und außerdem gegen zwei oder drei Mitglieder der Unterabteilungen
dieser Gruppe ...
...''Der Fall der Leningrader muß fest untermauert sein und aus
diesem Grunde werden Zeugen benötigt. Die soziale Herkunft des Zeugen
(die ursprüngliche natürlich) und seine Stellung in der Partei werden
dabei keine geringe Rolle spielen.
Sie persönlich1, erklärte Sakowskij, 'brauchen garnichts zu erfinden. Das NKWD wird für Sie genaue Unterlagen über alle Unterabteilungen der Gruppe zusammenstellen; Sie brauchen diese nur sorgfältig
zu studieren und müssen sich sämtliche Fragen und Antworten einprägen,
die das Gericht an Sie stellen kann. In vier bis fünf Monaten oder
vielleicht in einem halben Jahr wird dieser Fall zur Verhandlung kommen.
Während dieser ganzen Zeit müssen Sie sich entsprechend vorbereiten,
damit sie weder die Untersuchungen gefährden noch sich selbst bloßstellen. Vom Verlauf der Gerichtsverhandlungen und ihrem Ergebnis hängt
Ihre eigene Zukunft ab. Wenn Sie auf Lügen oder falschen Aussagen ertappt werden, haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Wenn es
Ihnen gelingt, durchzuhalten, retten Sie Ihren eigenen Kopf, und wir
werden für Sie bis an Ihr Lebensende auf Regierungskosten sorgen'."
Auf diese niederträchtige Weise wurden die Dinge damals gehandhabt.
(Bewegung im Saale)
Noch verbreiteter waren die Rechtsbeugungen in der Provinz. Das
NKWD-Kommando des Gebiets Swerdlowsk "entlarvte" den sogenannten "Auf-.Standsstab Ural" - ein Organ des "Blocks der Rechten, Trotzkisten, Sozialrevolutionäre und Kirchenführer" -,dessen angeblicher Leiter der
Gebietssekretär von Swerdlowsk, ZK-Mitglied der KPdSU, Kabakow, gewesen
sein soll, der seit 1914 der Par/tei angehörte. Das Untersuchungsmaterial
aus dieser Zeit zeigt, daß in fast allen Regionen, Gebieten und Republiken
"Spionage-, Terror-, Diversions- und Sabotageorganisationen und Zentren
der Rechten und TrotzkistfenV bestanden und daß die Führer dieser Organisationen - aus keinem ersichtlichen Grunde - gewöhnlich Erste Parteisekretäre von Gebieten oder von den Zentralkomitees der Republiken waren.
Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge
dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben,weil jedes noch so verleumderische "Geständnis" akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. In gleicher Weise wurden die "Fälle" gegen hervorragende Parteiund Staatsfunktionäre wie Kossior, Tschübary, Postyschew, Kosarjew und andere
fabriziert.
In
- 23 -

�In diesen Jahren wurden Unterdrückungsmaßnahmen in größtem Maßstab durchgeführt, denen nichts Greifbares zugrunde lag und die schwere
Verluste an Parteikadern zur Folge hatten.
Dem NKWD wurde die niederträchtige Praxis gestattet, Listen von
Personen zusammenzustellen, für deren Fälle das Oberste Militärgericht
zuständig war und bei denen die Urteile im voraus feststanden.
Jeshow pflegte diese Listen zur Bestätigung der vorgeschlagenen
Strafen an Stalin persönlich zu senden. In den Jahren 1937 bis 1938
wurden 383 solcher Listen mit den Namen vieler Tausender von Parter-,
Sowjet-, Komsomol-, Armee- und Wirtsqhaftsfunktionären Stalin zugesandt.
Und diese Listen wurden von ihm gebilligt.
Ein großer Teil dieser Urteile wird gegenwärtig überprüft und
ein großer Teil von ihnen aufgehoben, weil sie unbegründet sind und
auf Fälschungen beruhen.
Ich brauche hier nur zu erwähnen, daß seit 1954 der Militärsenat
des Obersten Gerichts 7^79 Personen rehabilitiert hat, die zum großen
Teil erst nach ihrem Tode rehabilitiert werden konnten.
Die Massenunterdrückungen hatten in moralischer und politischer
Hinsicht eine negative Wirkung* auf die Partei; sie erzeugten eine
Situation der Unsicherheit, sie trugen zur Verbreitung eines ungesunden Argwohns bei und säten Mißtrauen unter den Kommunisten. Verleumder und Karrieremacher aller Art waren am Werk. Die im Januar 1938
vom ZK-Plenum der KPdSü(B) gefaßten Beschlüsse hatten zwar gewisse Verbesserungen für die Organisation der Partei zur Folge, aber auch im
Jahre 1938 waren die Repressalien noch weitverbreitet.
Nur dank ihrer großen moralisch-politischen Kraft gelang es
der Partei, die schweren Prüfungen der Jahre 1937 his 1938 zu überstehen und neue Kader heranzubilden. Es besteht jedoch kein Zweifel,
daß wir in unserer Entwicklung zum Sozialismus und in'unseren Verteidigungsvorbereitungen noch größere Erfolge erzielt haben könnten,
wenn wir nicht durch die unbegründeten und widersinnigen Massenunterdrückungen in den Jahren 1937 his 1938 so furchtbare Kaderverluste
erlitten hätten.
V/irvklagen Jeshow mit Recht für die gemeinen Handlungen des Jahres
1937 an. Wir müssen jedoch folgende Fragen beantworten: Konnte Jeshow
zum Beispiel ohne Wissen Stalins Kosior verhaften lassen? Gab es einen
Meinungsaustausch oder einen Politbüro-Beschluß in dieser Angelegenheit?
Nein, es gab sie nicht, genausowenig wie in allen anderen Fällen dieser
Art. Konnte Jeshow eine Entscheidung in einer so wichtigen Angelegenheit
fällen, in der es um das Schicksal so prominenter Parteiführer ging?
Nein, es wäre naiv,dies als das alleinige Werk Jeshows zu betrachten.
Es ist klar, daß solche Dinge allein von Stalin entschieden wurden und
daß ohne seine Befehle und ohne seine Billigung Jeshow niemals hätte
so handeln können.
Wir

- 24 -

�Wir haben die Fälle untersucht und Kosior, Rudsutak, Postyschew,
Kosarjew und andere rehabilitiert. Auf Grund welcher Verfehlungen wurden sie verhaftet und verurteilt? Eine Prüfung des Beweismaterials
zeigt, daß es keine Gründe dafür gab. Wie so viele andere wurden auch
sie ohne Wissen des Staatsanwaltes verhaftet. In einer solchen Situation
bedurfte es auch keiner Bestätigung, denn welche Art von Bestätigung
hätte es denn auch geben können, wenn Stalin alles allein entschied?
Er war selbst der Generalstaatsanwalt in diesen Fällen. Stalin
genehmigte nicht nur Haftbefehle, sondern er stellte sie auch selbst
aus. Wir müssen den Delegierten des Kongresses dies sagen, damit sie
sich damit auseinandersetzen und ihre .eigenen Schlüsse daraus ziehen
können.
Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und
unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit
erfolgten; Stalin war ein sehr argwöhnischer, krankhaft mißtrauischer
Mensch; wir wußten das aus unserer gemeinsamen Arbeit. Er konnte einen
Menschen ansehen und fragen: "Warum flackern Deine Augen heute so?"
oder, "Warum wendest Du Dich heute immer ab und vermeidest es, mir in
die Augen zu sehen?" Der krankhafte Argwohn erzeugte in ihm ein allgemeines Mißtrauen selbst gegenüber hervorragenden Parteifunktionären,
die er seit Jahren kannte. Überall und in allem sah er "Feinde",
"Doppelzüngler" und "Spione".
Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er im höchsten Maße
selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die
Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen
nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.
*

Wenn Stalin befahl, daß dieser oder jener zu verhaften sei, dann
mußte man es eben in gutem Glauben hinnehmen, daß der Betreffende
wirklich ein "Volksfeind" war. Inzwischen überschlug sich dann die
Berija-Bande, die die Staatssicherheitsorgane beherrschte, die Schuld
des Verhafteten und die Echtheit der von ihr gefälschten Unterlagen
zu beweisen. Und welche Beweise legte man vor? Die "Geständnisse" der
Verhafteten - und die Untersuchungsrichter akzeptierten sie! Und wie
ist es möglich, daß ein Mensch Verbrechen zugibt, die er gar nicht begangen hat? Nur auf eine V/eise, nämlich- auf Grund der Anwendung physischer Gewalt zur Geständniserpressung - indem man ihn bis zur Bewußtlosigkeit foltert und ihn seiner Urteilsfähigkeit und seiner menschlichen Würde beraubt. Auf diese Weise kamen die "Geständnisse" zustande.
Als die Welle der Massenverhaftungen im Jahre 1939 zurückging und die
örtlichen Parteiführer begannen, das NKWD und seine Zwangsmethoden
gegenüber den Verhafteten anzuprangern, schickte Stal-in am 20. Januar
1939 ein chiffriertes Telegramm an die Parteisekretäre der Gebiete und
Regionen, an die Zentralkomitees der Republiken, an die NKWD-Kommissare
der Republiken und an die Leiter der NKWD-Sonderorganisationen. Das
Telegramm hatte folgenden Wortlaut: "Das ZK der KPdSU(ß) stellt klar,
daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 auf Grund einer Genehmigung des ZK der KPdSü(B) zulässig ist ... Es ist bekannt, daß alle
bourgeoisen Geheimdienste Methoden der physischen Beeinflussung gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats anweriden, und zwar in

- 25 -

�in der schlimmsten Art. Es erhebt sich daher die Frage, warum der
sozialistische Geheimdienst gegenüber den tollwütigen Agenten der
Bourgeoisie, den Todfeinden der Arbeiterklasse und der Kolchosbauern,
humaner sein soll. Das ZK der KPdSU(B) ist der Ansicht, daß physisdhei
Druck in jenen Ausnahmefällen, bei denen es sich um bekannte und unbelehrbare Volksfeinde handelt, als durchaus gerechtfertigte und angemessene Methode obligatorisch anzuwenden ist."
Damit hat Stalin im Namen des ZK der KPdSü(B) die brutalste Vergewaltigung der sozialistischen Gesetzlichkeit, näflilich Folterungen und
Unterdrückungen,sanktioniert, die - wie wir sahen - zur Verleumdung und
Selbstanklage unschuldiger Menschen geführt haben.
Vor nicht langer Zeit - nur einige Tage vor dem gegenwärtigen
Parteikongreß - zitierten wir und befragten den Untersuchungsrichter
Rodos, der seinerzeit die Untersuchung gegen Kosior, Tschubar und
Kosarjew führte und diese verhörte zur Einvernahme vor das ZK-Präsidium.
Er ist. ein gemeines Subjekt, mit einem Vogelhirn, und moralisch durch
und durch verkommen. Und dieser Mann war es, der über das Schicksal
prominenter Mitarbeiter der Partei entschied. Dabei betrafen seine Entscheidungen auch die politische Seite dieser Fragen, da er ja, nach der
Feststellung der "Verbrechen" der Beschuldigten diesbezügliches Material
beschaffte, aus dem wichtige politische Folgerungen gezogen werden
konnten.
Es erhebt sich die Frage, ob ein Mann mit einem so beschaffenen
Intellekt allein aus sich heraus die Untersuchung so führen konnte, daß
die Schuld von Männern wie Kosior und anderen hinreichend bewiesen war.
Nein, er konnte das nicht ohne entsprechende Anweisungen. In der
Sitzung des ZK-Präsidiums erklärte er uns: "Mir wurde gesagt, daß
Kosior und Tschubar Volksfeinde seien und daß ich als Untersuchungsrichter sie also zu dem Geständnis zu bringen habe, daß sie Feinde
seien." (Entrüstung im Saale)
Er konnte dies nur mit lang andauernder Folterungen erreichen,
für die er detaillierte Instruktionen von Berija erhielt. Wir müssen,
berichten, daß er in der Sitzung des ZK-Präsidiums zynisch erklärte:
"Ich war der Meinung, daß ich die Befehle der Partei ausführte." Auf
diese Weise wurden Stalins Direktiven über die Anwendung physischen
Drucks gegen die Verhafteten in der Praxis durchgeführt.
Diese und zahlreiche andere Tatsachen zeigen, daß alle Normen für
die Herbeiführung im.Sinne der Partei korrekter Lösungen der Probleme
außer Kraft gesetzt waren und alles von der Willkür eines einzigen Mannes
abhing.

Die

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�Die in den Händen einer einzigen Person, nämlich Stalins, angehäufte
Macht hatte ernste Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.
Wenn man viele unserer Romane, Filme und historischen "wissenschaftlichen Studien" betrachtet, dann hat man den Eindruck, daß Stalin während
des Großen Vaterländischen Krieges eine höchst unwahrscheinliche Rolle
spielte. Stalin hatte danach alles vorausgesehen. Die Sowjetische Armee
befolgte auf der Grundlage eines schon lange vorher von Stalin vorbereiteten strategischen Planes die Taktik der sogenannten "aktiven Verteidigung", das heißt eine Taktik, die, wie wir wissen, die Deutschen an Moskau
und Stalingrad herankommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die sowjetische Armee später, angeblich wiederum nur dank der genialen Konzeption
Stalins, 'zur Offensive über und überwältigte den Feind. Den heldenhaften
Sieg,', ier von der bewaffneten Macht des Sowjetlandes, von unserem heroischen Volke errungen wurde, schreiben Romane, Filme und "wissenschaftliche Studien" dieser Art, voll und ganz dem strategischen Genie Stalins
zu.
Wir müssen diese Angelegenheit sorgfältig analysieren, weil sie eine
ungeheure Bedeutung nicht nur vom historischen, sondern besonders auch
vom politischen, erzieherischen und praktischen Gesichtspunkt aus besitzt.
Wie verhält es sich nun mit den Tatsachen in dieser Angelegenheit?
Vor dem Kriege waren unsere Presse und unsere gesamte politische Erziehungsarbeit charakterisiert durch ihren prahlerischen Ton: Wenn ein
Feind den heiligen Sowjetboden verletzt, dann werden wir jeden Schlag
des Feindes mit drei Schlägen beantworten, wir werden den Kampf gegen
den Feind in seinem eigenen Lande führen und ohne großen Schaden für
uns selbst den Sieg davontragen. Aberdiese optimistischen Erklärungen
stützten sich nicht überall auf konkrete Vorkehrungen, die geeignet gewesen wären, die Unverletzlichkeit unserer Grenzen wirklich zu garantieren.
Während des Krieges und danach brachte Stalin die These auf, die
Tragödie, die unsere Nation während der ersten Kriegsphase erlebte', sei
das Ergebnis des "Überraschungsangriffs" der Deutschen auf die Sowjetunion gewesen. Aber, Genossen, das ist vollkommen unwahr. Sobald Hitler
in Deutschland zur Macht kam, stellte er sich selbst die Aufgabe, den
Kommunismus zu liquidieren. Die Faschisten sagten dies ganz offenj sie
machten keinerlei Hehl aus ihren Plänen.
Um diesen aggressiven Endzweck zu erreichen, wurden Pakte und Blocks
aller Art geschmiedet, wie die berühmte Achse Berlin-Rom-Tokio. Zahlreiche
Tatsachen aus der Vorkriegsperiode zeigten klar, daß Hitler darauf ausging,
einen Krieg gegen den Sowjetstaat anzufangen, und daß er starke bewaffnete
Verbände einschließlich Panzereinheiten in der Nähe der sowjetischen
Grenzen konzentriert hatte.
Aus Dokumenten, die jetzt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß
Churchill am 3.April 1941 Stalin durch den englischen Botschafter in der
UdSSR, Cripps, persönlich warnen ließ, daß die Deutschen mit einer Umgruppierung ihrer Streitkräfte begonnen hätten, in der Absicht, die Sowjetunion anzugreifen. Selbstverständlich hat Churchill dies nicht etwa aus
Freundschaft für die sowjetische Nation getan. Er hatte dabei seine eigenen
imperialistischen Ziele im Auge: Er wollte Deutschland und die Sowjetunion
in einen blutigen Krieg verwickeln, um dadurch die Position des britischen
Imperiums zu stärken. Genau derselbe Churchill bestätigte in seinen Schriften
- 27 -

�Schriften, daß er versucht hatte, "Stalin zu warnen und seine Aufmerksamkeit auf die Gefahr zu lenken, die ihn bedrohte." Churchill betonte
dies wiederholt in seinen Depeschen vom 18. April und den folgenden
Tagen. Stalin nahm jedoch von diesen Warnungen keine Notiz. Und was
noch schlimmer ist, Stalin befahl, daß Informationen dieser Art kein
Glauben zu schenken sei, um nicht den Beginn militärischer Operationen
herauszufordern.
Wir müssen feststellen, daß uns Informationen dieser Art, die
sich auf eine drohende deutsche Invasion des sowjetischen Territoriums
bezogen, auch über unsere eigenen militärischen und diplomatischen
Quellen zugingen; aber wegen der Voreingenommenheit der Führung gegen
solche Nachrichten war man ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.
So hieß es zum Beispiel in einer Meldung des sowjetischen Militärattaches in Berlin, Hauptmann Woronzow, vom 4« Mai 1941' "Der Sowjetbürger Böser .... berichtete dem stellvertretenden Marineattachb nach
einer Behauptung eines gewissen deutschen Offiziers aus Hitlers Hauptquartier bereite sich Deutschland darauf vor, am 14. Mai die Sowjetunion durch Finnland, die baltischen Staaten und Lettland hindurch
anzugreifen. Zugleich sollen schwere Luftangriffe gegen Moskau und
Leningrad geführt und Fallschirmtruppen in den Grenzstädten abgesetzt
werden..."
In seinem Bericht vom 22. Mai 1941 meldete der stellvertretende
Militärattache in Berlin, Chlopow; "... Der Angriff der deutschen Armee
ist Berichten zufolge auf den 15» Juni festgesetzt, doch möglicherweise
kann er auch bereits in den ersten Tagen des Juni beginnen..."
In einem Telegramm von unserer Botschaft in London vom 18. Juni
1941 hieß es: "Wie die Sache jetzt steht, ist Cripps zutiefst von der
Unausweichlichkeit eines bewaffneten Konflikts zwischen Deutschland
und der UdSSR überzeugt, der nicht später als Mitte Juni ausbrechen
werde. Nach Cripps haben die Deutschen gegenwärtig 147 Divisionen
(einschließlich Luftwaffen- und Nachschubeinheiten) entlang der sowjetischen Grenzen konzentriert..."
Trotz dieser überaus ernsten'Warnungen wurden nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um die Verteidigungsbereitschaft des
Landes sicherzustellen und es vor Überraschungen zu bewahren.
Hatten wir die Zeit und die Möglichkeiten zu solchen Vorbereitungen? Jawohl, wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten. Unsere Industrie war bereits so weit entwickelt, daß sie imstande war, die Sowjetarmee mit allem Notwendigen zu versorgen. Der Beweis hierfür wurde
durch die Tatsache erbracht, daß wir während des Krieges zwar fast
die Hälfte unserer Industrie und wichtige industrielle und landwirtschaftliche Produktionsgebiete durch die feindliche Besetzung der
Ukraine, des nördlichen Kaukasus und anderer westlicher Landesteile
einbüßten, daß die sowjetische Nation jedoch trotzdem imstande war,
die Rüstungsproduktion in den östlichen Landesteilen aufzubauen, die
aus den westlichen Industriegebieten verlagerten Produktionsmittel dort

- 28

�dort neu zu installieren und unsere Streitkräfte mit allem zu versorgen, was wir zur Vernichtung des Feindes brauchten.
Wäre unsere Industrie rechtzeitig und systematisch mobilisiert
worden, um die Armee mit dem notwendigen Material zu versorgen, so
wären unsere Kriegsverluste entschieden geringer gewesen. Die Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig begonnen. Und bereits in den
ersten Tagen des Krieges stellte sich heraus, daß unsere Armee schlecht
bewaffnet war und nicht über genügend Artillerie, Panzer und Flugzeuge
verfügte, um den Feind zurückzuwerfen.
Die sowjetische Wissenschaft und Technik hatte vor dem Kriege
ausgezeichnete Modelle von Panzern und Geschützen entwickelt. Aber
die Massenproduktion war noch nicht angelaufen, und so begannen wir
tatsächlich erst am Vorabend des Krieges, unsere militärische-Ausrüstung zu modernisieren. So verfügten wir zur Zeit des feindlichen
Angriffs gegen das Sowjetland weder über genügend alte Produktionsmittel - da diese aus der Rüstungsproduktion bereits herausgenommen
waren - noch über genügend neue Maschinen, da deren Einführung in
die Rüstungsproduktion noch im Stadium der Planung steckte. Besonders
schlecht war es mit der Flak bestellt, und auch die Produktion von
Panzerabwehrgranaten war nicht organisiert. Als der Angriff begann,
zeigte sich, daß viele befestigte Sperrzonen nicht verteidigt werden
konnten, weil die alten Waffen zurückgezogen, neue aber noch nicht verfügbar waren.
Dieser Mangel herrschte aber leider nicht nur bei Panzern,
Artillerie und Flugzeugen. Bei Ausbruch des Krieges standen uns nicht
einmal genügend Gewehre zur Verfügung, um die mobilisierten Verbände
zu bewaffnen. Ich erinnere mich, daß ich in jenen Tagen den Genossen
Malenkow von Kiew aus anrief und ihm sagte: "Es haben sich viele Freiwillige für die neue Armee gemeldet und verlangen nach Waffen. Ihr
müßt uns die Waffen schicken."
Malenkow antwortete mir: "Wir können Euch keine Waffen schicken.
Wir schicken alle Waffen nach Leningrad, und Ihr müßt Euch selbst
bewaffnen." (Bewegung im Saal)
Das war der Stand der Rüstung.
In diesem Zusammenhang können wir zum Beispiel folgendes nicht
vergessen: Kurz vor der Invasion der Sowjetunion durch die Hitlerarmee
schrieb Kirponos, der Leiter des Militärbezirks Kiew, der später an
der Front gefallen ist, an Stalin, die deutsche Armee stehe am Bug,
bereite einen Angriff vor und werde wahrscheinlich sehr bald mit einer
Offensive beginnen. In diesem Zusammenhang schlug Kirponos vor, eine
starke Verteidigung zu organisieren, 300 000 Menschen aus den Grenzgebieten zu evakuieren und dort Befestigungen mit Panzergräben, Unterständen und so weiter anzulegen.
Moskau

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�Moskau beantwortete diesen Vorschlag mit der Bemerkung, daß dies
eine Provokation darstellen würde, daß im Grenzgebiet keine Verteidigungsvorbereitungen getroffen werden sollten, damit man den Deutschen
keinen Vorwand für die Einleitung militärischer Aktionen gegen uns
biete. So waren unsere Grenzen für die Abwehr des Gegners ungenügend
vorbereitet.
Als die faschistischen Armeen dann tatsächlich in sowjetisches
Gebiet einmarschiert waren und die militärischen Operationen begonnen
hatten, gab Moskau Befehl, das deutsche Feuer nicht zu erwidern.
Warum? Weil Stalin trotz aller Beweise glaubte, der Krieg habe noch
nicht begonnen, daß es sich nur um eine Provokation seitens einiger
undisziplinierter Einheiten der deutschen Armee handelte und daß
unsere Reaktion den Deutschen die Handhabe bieten könne, einen Krieg
vom Zaun zu brechen.
Auch folgende Tatsache ist bekannt: Am Vorabend der Invasion
des sowjetischen Staatsgebiets durch die Hitlerarmee kam ein deutscher
Staatsbürger über die Grenze und teilte mit, die deutschen Armeen
hätten Befehl erhalten, die Offensive gegen die Sowjetunion in der
Frühe des 22. Juni um drei Uhr zu beginnen. Stalin wurde sofort davon
in Kenntnis gesetzt, aber er ignorierte selbst diese Warnung.
Wie Sie sehen, wurde alles ignoriert: die Warnungen verschiedener Truppenkommandeure, die Aussagen von Deserteuren der feindlichen Armee und sogar die offenen Feindseligkeiten des Gegners. Ist
dies vielleicht ein Beispiel für die Wachsamkeit des Führers von
Partei und Staat in diesem besonders bedeutsamen historischen Augenblick?
Und was war das Ergebnis dieser sorglosen Haltung, dieser Außerachtlassung offenkundiger Tatsachen? Das Ergebnis war, daß der Feind
bereits in den ersten Stunden und Tagen des Krieges große Teile unserer Luftstreitkräfte, Artillerie und anderer Waffen in den Grenzgebieten zerstört hatte; er vernichtete eine große Zahl unserer militärischen Kader und desorganisierte unsere militärische Führung; infolgedessen konnten wir nicht verhindern, daß der Feind tief in unser
Land eindrang.
Sehr ernste Konsequenzen, die sich besonders bei Kriegsausbruch
bemerkbar machten, hatte die Liquidierung zahlreicher militärischer
Führer und politischer Funktionäre, die in der Zeit von 1957 bis 1941
auf Grund von Stalins Mißtrauen und verleumderischer Beschuldigungen
erfolgte. In diesen Jahren wurden bestimmte Teile des Militärapparats,
und zwar buchstäblich vom Kompaniechef und Bataillonskommandeur aufwärts bis zu den höheren militärischen Führungsstäben Repressalien
unterworfen. In dieser Zeit wurde der Führungskader, der in Spanien
und im Fernen Osten militärische Erfahrungen gesammelt hatte, fast
vollständig liquidiert.
Die

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�Die Politik, Repressalien in großem Maßstab gegen militärische
Kader zu ergreifen, führte auch zur Untergrabung der militärischen
Disziplin, da Offiziere aller Dienstgrade und sogar einfache Soldaten
in den Partei- und Komsomolzellen jahrelang angehalten wurden, ihre
Vorgesetzten als verkappte Feinde zu "entlarven" .(Bewegung im Saal.)
Natürlich übte dies einen negativen Einfluß auf die militärische
Disziplin in der ersten Phase des Krieges aus.
Wie Sie wissen, hatten wir vor dem Krieg hervorragende militärische Kader, die der Partei und dem Vaterland fraglos treu ergeben
waren. Hier genügt der Hinweis, daß sich diejenigen von ihnen, die
die schweren Folterungen in den Gefängnissen überlebten, von den ersten
Kriegstagen an als wahre Patrioten erwiesen und heldenhaft für den
Ruhm des Vaterlands gekämpft haben. Ich denke dabei an Genossen wie
Rokosowskij, der bekanntlich im Gefängnis saß, Gorbatow, Marezkow,
der diesem Parteikongreß als Delegierter angehört, Podlas, der als
hervorragender Truppenführer an der Front fiel, und viele, viele
andere. Zahlreiche Kommandeure kamen jedoch in Lagern und Gefängnissen
um, und die Armee sah sie nie wieder.
All dies führte zu den Verhältnissen, die bei Kriegsbeginn
herrschten und die unser Vaterland aufs schwerste gefährdeten.
Man darf auch nicht vergessen, daß Stalin nach den ersten
schweren Niederlagenund Rückschlägen an der Front glaubte, daß
dies das Ende sei. In einer seiner Reden sagte er damals: "Alles,
was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren."
Stalin leitete danach lange keine militärischen Operationen mehr
und tat überhaupt nichts. Die aktive Führung übernahm er erst wieder,
als ihn einige Mitglieder des Politbüros aufsuchten und ihm erklärten,
es sei notwendig, gewisse Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage
an der Front einzuleiten.
Die drohende Gefahr, der unser Vaterland in der ersten Kriegsphase ausgesetzt war, resultierte deshalb hauptsächlich aus den verfehlten Methoden, mit denen Stalin sowohl die Nation als auch die Partei leitete. Hier ist jedoch nicht nur vom Kriegsbeginn die Rede, der
eine bedrohliche Desorganisation unserer Armee und bedeutende Verluste
mit sich brachte. Auch nach dem eigentlichen Kriegsbeginn zeigte Stalin
Anzeichen von Nervosität und Hysterie, die, da er sich laufend in die
militärischen Operationen einmischte, unserer Armee ernstlichen Schaden
zufügten.
Stalin hatte nicht das geringste Verständnis für die wirkliche
Situation, die sich an der Front entwickelte. Dies war nur natürlich,
denn er hat während des ganzen Vaterländischen Krieges niemals einen
Frontabschnitt oder eine beffeite Stadt be.sucht, wenn man von einer
kurzen Fahrt auf der Moshaijsker Rollbahn bei ruhiger Frontlage absieht.
Dieser Episode wurden später viele phantasievolle literarische Werke
jeglicher Art sowie viele Gemälde gewidmet. Stalin mischte sich gleichzeitig in Operationen ein und erteilte Befehle, die die wirkliche Situa- 31 -

�Situation an den einzelnen Frontabschnitten außer acht ließen und
die deshalb zwangsläufig zu schweren Verlusten führen mußten.
Ich möchte mir in diesem Zusammenhang erlauben, einen charakteristischen Vorfall zu schildern, der beispielhaft zeigt, wie Stalin die Operationen an der Front leitete. An diesem Parteikongreß nimmt auch Marschall
Bagramjan teil, der seinerzeit Chef der Operationsabteilung beim Oberkommando der Südwestfront war und der bestätigen kann, was ich Ihnen
sagen werde.
Als sich im Jahre 1942 im Räume Charkow eine für unsere Armee
höchst bedrohliche Situation entwickelte, hatten wir uns ganz richtig für den Abbruch einer Operation entschieden, deren Ziel die Einkreisung von Charkow war, da die Fortführung dieser Operation in Anbetracht der damaligen Gegebenheiten katastrophale Folgen für unsere
Armee hätte haben können.
Wir erstatteten an Stalin Bericht darüber und wiesen darauf hin,
daß die Lage eine Änderung der Operationspläne erforderlich mache, um
zu verhindern, daß der Feind große Teile unserer Armee in diesem Raum
vernichten könne.
Gegen jede Vernunft lehnte Stalin unseren Vorschlag ab und gab
den Befehl, die Einkreisung Charkows fortzusetzen, obwohl viele Teil«,unserer Armee selbst in Gefahr waren, eingekreist und vernichtet zu werden.
Ich telefonierte mit Wasilewskij und bat ihnt "Alexander Michailowitsch
(Wasilewskij ist ebenfalls hier anwesend), nimm eine Landkarte und erkläre dem Genossen Stalin die Situation, in der wir uns hier befinden."
Dabei muß man wissen, daß Stalin militärische Operationen auf einem
Globus plante.
(Heiterkeit im Saal)
Ja, Genossen,«" pflegte den Frontverlauf auf einem Globus einzuzeichnen. Ich sagte zu Genossen Wasilewskij t "Erkläre ihm die Situation
.auf einer Landkarte; in der gegenwärtigen Lage können wir die geplante
Eperation nicht fortsetzen. Die alte Entscheidung muß aus sachlichen
Gründen revidiert werden."
Wasilewskij antwortete mir, Stalin habe das Problem bereits studiert
und er (Wasilewskij) werde Stalin die Sache nicht mehr vortragen, da
letzterer (Stalin) bezüglich dieser Operation nicht mehr mit sich
reden lasse.
Nachdem ich mit Y/asilewskij gesprochen hatte, rief ich Stalin in
seiner Villa an. Doch nicht Stalin war am Apparat, sondern Malenkow.
Ich sagte .dem Genossen Malenkow, daß ich von der Front anrufe und daß
ich Stalin persönlich zu sprechen wünsche. Stalin J.ieß mir durch Malenkow
ausrichten, daß ich m it diesem sprechen solle. Ich sagte zum zweitenmal,
daß ich Stalin persönlich über die bedrohliche Situation unterrichten
wolle, die sich für uns an der Front ergeben habe. Aber Stalin hielt es
nicht für nötig, selbst an den Apparat zu kommen und wiederholte, ich
solle über Malenkow mit ihm sprechen, obgleich Stalin nur wenige
Schritte vom Telefon entfernt war.
Nachdem er auf diese Weise unseren Notruf "zur Kenntnis genommen"
hatte, sagte Stalin: "Laßt alles so, wie es ist!"
Und
- 32 -

�Und was war daa Resultat? Das Schlimmste, was wir befürchteten.
Die Deutschen schlössen unsere Truppenmassierungen ein, und wir verloren so Hunderttausende unserer Soldaten.
Das war Stalins "Feldherrngenie", und das hat es uns gekostet.
(Bewegung im Saal)
Gelegentlich einer Zusammenkunft Stalins mit Mitgliedern des
Politbüros nach dem Kriege äußerte Anastasj Iwanowitsch Mikojan,
Chruschtschow habe damals doch wohl recht gehabt, als er seinerzeit
wegen der Charkow-Operation anrief»und es sei ein Unglück gewesen,
daß man auf seinen Vorschlag nicht gehört habe.
Sie hätten Stalins Zornesausbruch sehen müssen! Wie konnte zugegeben werden, daß er, Stalin, nicht recht gehabt hatte! Schließlich
war er ein "Genie", und ein Genie hat immer recht. Jeder kann irren,
nur Stalin glaubte, daß er niemals irrte und daß er immer recht hatte.
Er gab niemals zu, daß er einen Fehler gemacht hatte, weder einen großen
noch einen kleinen, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß er nicht wenig
Fehler machte - sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Nach dem
Parteikongreß werden wir wahrscheinlich viele militärische Operationen
des letzten Krieges neu bewerten und im Lichte der Tatsachen darstellen
müssen.
Die Taktik, auf deren Durchführung Stalin ohne die elementarsten
Kenntnisse der Kriegsführung bestand, kostete uns viel Blut,bis wir
den Gegner zum Stehen gebracht hatten und selbst zur Offensive übergehen konnten.
Die Militärs wissen, daß Stalin Ende 1941» statt bereits damals,
großangelegte Umfassungsmanöver im Rücken des Feindes einzuleiten,
pausenlose Frontalangriffe und die Einnahme von einer Ortschaft nach
der anderen verlangte. Dafür mußten wir mit großen Verlusten bezahlen,
bis unsere Generale, auf deren Schultern die ganze Last der Kriegsführung ruhte, die Umstellung auf eine beweglichere Kampfesweise erringen
konnten, was dann sofort bedeutende und für uns günstige Veränderungen
an der Front mit sich brachte.

- 33 -

�Um so schädlicher war es, daß Stalin nach unserem großen Sieg
über den Feind, der so viele Opfer kostete, zahlreiche Kommandeure,
die soviel zum Sieg über den Feind beigetragen hatten, herabzusetzen
begann, weil er jede Möglichkeit ausschließen wollte, daß die Leistungen an der Front einem anderen als nur ihm selbst angerechnet würden.
So interessierte Stalin sich sehr dafür, wie andere den Genossen
Schukow als militärischen Führer einschätzen. Er wollte oft meine Meinung über Schukow wissen. Ich sagte ihm damals: "Ich kenne Schukow
seit langem. Er ist ein guter General und ein guter militärischer
Führe-r."
Nach dem Krieg begann Stalin allen möglichen Unsinn über Schukow
zu erzählen, unter anderem folgendes: "Ihr habt Schukow gelobt, aber er
verdient es nicht. Man erzählt sich, daß Schukow vor jeder Operation
an der Front sich folgendermaßen benahm: er nahm eine Handvoll Erde
auf, roch daran und sagte 'Wir können die Offensive beginnen', oder
aber 'Die geplante Operation kann nicht durchgeführt werden1." Ich
sagte damals: "Genosse Stalin, ich weiß nicht, wer das erfunden hat,
aber es ist nicht wahr."
Es ist möglich, daß Stalin selbst diese Dinge' erfand, um die Rolle
und das militärische Können von Marschall Schukow herabzusetzen.
Was dies anbelangt, so hat Stalin sich selbst recht tatkräftig
als großen Führer hingestellt; auf alle mögliche Art und Weise versuchte er, im Volke die Vorstellung zu erwecken, daß alle vom Sowjetvolk im Großen Vaterländischen Kriege errungenen Siege dem Mut, der
Kühnheit und dem Genie Stalins und sonst niemandem zu verdanken seien.
Genau wie Kusma Krjutschkow (Anmerkung des Übersetzers: ein berühmter
Kosak, der große Heldentaten im Kampf gegen die Deutschen vollbrachte),
hat er sich mit fremden Federn geschmückt. (Heiterkeit im SaalJ
Auf der gleichen Linie liegen beispielsweise unsere historischen
und militärischen Filme sowie einige literarische Werke; da kann es
einem übel werden. Ihr eigentlicher Zweck ist es, Stalins Feldherrngenie zu verherrlichen. Erinnern wir uns an den Film "Der Fall von
Berlin". Hier ist es einzig und allein Stalin, der handelt} er gibt
Befehle in einer Halle mit vielen leeren Stühlen, und nur ein einziger
Mann nähert sich ihm, um ihm etwas mitzuteilen - das ist Poskrebyschew,
sein ergebener Schildknappe. (Lachen im Saal)
Und wo bleibt die militärische Führung? Wo bleibt das Politbüro?
Wo bleibt die Regierung? Was tun sie, und womit beschäftigen sie sich?
Von ihnen hört und sieht man nichts in diesem Film. Stalin handelt
für alle und jeden. Er rechnet mit keinem anderen, er fragt niemanden
um Rat. So wird dem Volk alles in diesem falschen Licht gezeigt. Warum?
Um Stalin mit der Gloriole des Ruhmes zu umgeben, ganz im Gegensatz
zu den Tatsachen und im Widerspruch zur historischen Wahrheit.

Damit

- 54 -

�Damit erhebt sich die Frage: Wo bleiben die Militärs, auf deren
Schultern die ganze Last des Krieges ruhte? Sie sehen wir in dem
Film nicht; wenn Stalin auf der Bildfläche erscheint, ist kein Raum
mehr für sie.
Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen
Soldaten, das ganze Sowjetvolk - sie sind es, die uns den Sieg im
Großen Vaterländischen Krieg sicherten. (Stürmischer und anhaltender
Beifall)
Die Mitglieder des Zentralkomitees,, Minister, unsere Y/irtschaftsführer, die führenden Männer der Sowjetkultur, die Leiter der regionalen Partei- und Sowjetorganisationen, Ingenieure und Techniker - jeder
auf seinem Arbeitsplatz setzte seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen
ein, um uns den Sieg über den Feind zu sichern.
Ganz besonderes Heldentum bewies der Kern unseres Volkes - ruhmgekrönt ist unsere ganze Arbeiterklasse, unsere.Kolchosbauernschaft,
die Sowjetintelligenz, die unter der Führung der Parteiorganisationen
unerhörte Entbehrungen ertrugen und, die Lasten des Krieges auf sich
nehmend? ihre ganze Kraft für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzten.
Große und tapfere Taten vollbrachten auch unsere sowjetischen
Frauen im Kriege, die auf ihren Schultern die schwere Last der Arbeit
in den Fabriken, auf den Kolchosen und auf den verschiedensten Gebieten unseres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens trugen; viele
Frauen standen im Großen Vaterländischen Krieg unmittelbar an der
Front; unsere tapfere Jugend hat an der Front und in der Heimat
Unermeßliches für die Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes und
die Vernichtung des Feindes geleistet.
Unsterblich sind die Verdienste der Sowjetsoldaten, unserer
Kommandeure und politischen Funktionäre; nach de,m Verlust eines beträchtlichen Teils der Armee in den ersten Kriegsmonaten haben sie
nicht den Kopf verloren, sondern brachten es fertig, noch während
der Kämpfe die Streitkräfte zu reorganisieren; im Verlaufe des Krieges schufen sie eine starke und heroische Armee, die sich immer mehr
festigte, und hielten nicht nur dem Druck des starken und heimtückischen Feindes stand, sondern warfen ihn zu Boden.
Die herrlichen, heroischen Taten von Hunderten von Millionen
Menschen in Ost und West im Kampfe gegen die schreckliche Gefahr einer
Unterwerfung durch die Faschisten werden durch die Jahrhunderte und
Jahrtausende in der Erinnerung einer dankbaren Menschheit fortleben.
(Donnernder Applaus)
Die Hauptrolle bei der siegreichen Beendigung des Krieges spielten
unsere Kommunistische Partei, die Streitkräfte der Sowjetunion und die
Millionen von unserer Partei geschulten Sowjetmenschen. Ihnen gebührt
das Hauptverdienst. (Donnernder und anhaltender Beifall)
Genossen,

- 35 -

�Genossen, lassen Sie mich noch einige andere Dinge erörtern. Mit
Recht wird die Sowjetunion als mustergültiger Vielvölkerstaat angesehen, weil wir in der Praxis die Gleichheit aller in unserem großen
Vaterlande freundschaftlich zusammenlebenden Völker sichergestellt
haben.
Um so ungeheuerlicher sind die Taten, die auf Veranlassung Stalins
begangen wurden und schwere Verstöße gegen die fundamentalen leninistischen Grundsätze der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates darstellen. Wir meinen die Massendeportationen ganzer Völkerschaften mitsamt allen Kommunisten und Komsomolzen, ohne jede Ausnahme. Diese Deportationen waren durch keinerlei militärische Überlegungen diktiert.
So wurde bereits gegen Ende des Jahres 1943t als sich im Großen
Vaterländischen Kriege durch die Durchbrüche unserer Armee an den Fronten das Blatt zugunsten der Sowjetunion wendete, ein Beschluß über die
Deportation sämtlicher Karatschaijer aus ihrem angestammten Lande gefaßt und durchgeführt. Im gleichen Zeitraum, Ende Dezember 1943» ereilte die gesamte Bevölkerung der Autonomen Kalmückenrepublik dasselbe
Schicksal. Im März 1944 wurden sämtliche Tschetschenen und Inguschen
deportiert, und die Autonome Republik der Tschetschenen und Inguschen
wurde aufgelöst. Im April 1944 wurden alle Balkaren aus dem Gebiet der
Autonomen- Republik der Kabardiner und Balkaren in entlegene Gebiete
verschleppt und die autonome Republik selbst wurde in Autonome Kabardinische Republik umgetauft. Die Ukrainer entgingen diesem Schicksal
lediglich deshalb, weil sie zu zahlreich sind und kein Raum vorhanden
war, wohin man sie hätte deportieren können. Sonst hätte er auch sie
deportiert. (Gelächter und Heiterkeit im Saal)
Kein Marxist-Leninist und überhaupt kein vernünftiger Mensch kann
verstehen, wie, es möglich ist, ganze Völker, samt Frauen und Kindern,
alten Leuten, Kommunisten und Komsomolzen für feindliche Handlungen
verantwortlich zu machen, Massenrepressalien gegen sie anzuwenden und
wegen der Schädlingsarbeit einzelner und kleinerer Gruppen der Not
und dem Elend auszusetzen.

Nach

- 36 -

�Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das
Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege
einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges
gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die
Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.
Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte "Leningrader
Affäre" ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser
Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr
Leben lassen mußten, gehören die Genossen Wosnesenskij, Kusnezow,
Rodionow, Popkow und andere.
Bekanntlich waren Wosnesenskij und Kusnezow hervorragende und
begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran
zu erinnern, daß Stalin Wosnesenskij zum ersten Stellvertreter des
Vorsitzenden des Ministerrates machte, und daß Kusnezow zum ZK-Sekretär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kusnezow mit der
Überwachung der Staatssicherheitsorgane betraute, beweist, welches
Vertrauen dieser genoß.
Wie kam es, daß diese Personen als Volksfeinde gebrandmarkt und
liquidiert wurden?
Die Tatsachen beweisen, daß die "Leningrader Affäre" ebenfalls
der Willkür Stalins gegenüber den Parteikadern entsprang.
Wenn im ZK und im Politbüro des ZK normale Verhältnisse geherrscht
hätten, dann wären Angelegenheiten wie diese nach der regulären Parteipraxis überprüft und alle einschlägigen Tatsachen ermittelt worden,
folglich wären derartige Dinge überhaupt nicht passiert.
Wir müssen aber feststellen, daß die Lage nach dem Kriege sogar
noch komplizierter wurde. Stalin wurde, wenn möglich, noch launischer,
reizbarer und brutaler; vor allem sein Mißtrauen wuchs. Sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmaße. Er sah es förmlich vor Augen,
wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden. Und so entfernte Stalin
sich nach dem Kriege noch weiter vom Kollektiv. Alles entschied er
selbst, ohne auf irgend jemand oder irgend etwas Rücksicht zu nehmen.
Dieses unglaubliche Mißtrauen machte sich der erbärmliche Provokateur
und niederträchtige Feind Berija, der Tausende Kommunisten und loyale
Sowjetbürger hingemordet hatte, geschickt zunutze. Die Rangerhöhung
Wosnasenskijs und Kusnezows ließ Berija aufhorchen. Wie sich inzwischen
herausgestellt hat, war es Berija selbst, der Stalin "vorschlug", ihn und
seine Komplizen mit der Beschaffung von Material in Form von Erklärungen!
anonymen Briefen, allerhand Gerüchten und Indiskretionen zu beauftragen.
Das

- 37 -

�Das Zentralkomitee der Partei hat diese sogenannte "Lenin^rader
Affäre" untersucht; Personen, die unschuldig leiden mußten, sind nunmehr rehabilitiert, und auch die Ehre der glorreichen Leningrader Parteiorganisation ist wiederhergestellt. Abakumow und andere, die diese
Fälle konstruiert hatten, wurden vor Gericht gestellt; der Prozeß fand
in Leningrad statt, und sie erhielten die verdiente Strafe.
Es erhebt sich nunmehr die Frage, warum wir die Wahrheit über
diese Dinge jetzt erfahren und warum wir nicht schon zu Lebzeiten
Stalins etwas unternommen haben, um das Leben Unschuldiger zu retten?
Dies erklärt sich daraus, daß Stalin die "Leningrader Affäre" persönlich in die Hand genommen hatte und daß der größte Teil der Politbüromitglieder damals nicht alle Umstände dieser Angelegenheiten erfuhr
und deshalb auch nicht eingreifen konnte.
Nachdem Stalin verschiedene Unterlagen von Berija und Abakumow
erhalten hatte, ordnete er ohne vorherige Prüfung des verleumderischen
Materials eine Untersuchung der "Wosnesenski.j-Kusnezow-Affäre" an.
Damit war deren Schicksal besiegelt. Ebenso aufschlußreich ist der
Fall der "Mingrelisehen Nationalistenorganisation1', die angeblich in
Georgien bestanden hat. Bekanntlich faßte das Zentralkomitee der
KPdSU(B) im November 1951 und im März 1952 in dieser Angelegenheit
mehrere Beschlüsse. Diese Entschließungen kamen ohne vorherige Erörterungen im Politbüro zustande. Stalin selbst hatte sie diktiert. Sie
enthielten schwere Anschuldigungen gegen zahlreiche loyale Kommunisten.
Gefälschte Dokumente wurden als Beweis dafür angeführt, daß ir. Georgien
angeblich eine nationalistische Organisation bestand, die die Liquidierung der Sowjetmacht in jener Republik mit 'Hilfe imperialistischer
Mächte plante.
In diesem Zusammenhang wurde eine Reihe verantwortlicher Parteiund Sowjetarbeiter in Georgien verhaftet. Wie sich später erwies, handelte es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine gegen die Parteiorganisation Georgiens gerichtete Verleumdung.
Wir wissen, daß sich in Georgien ebenso wie in verschiedenen anderen Republiken gelegentlich der örtliche bourgeoise Nationalismus
bemerkbar machte. Es erhebt sich die Frage: Ist es denkbar, daß in
jener Zeit, in der die genannten Beschlüsse gefaßt wurden, tatsächlich die Gefahr bestand, daß sich Georgien von der Sowjetunion loslösen und der Türkei anschließen würde? (Heiterkeit und Gelächter im
Saal)
Dies ist natürlich Unsinn, und es ist einfach unvorstellbar, wie
man auf so etwas verfallen konnte. Es ist allgemein bekannt, welch
großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Georgien unter der
sowjetischen Herrschaft erlebte.

Die

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�Die Industrieproduktion der Georgiachen Republik ist heute
27mal so groß wie vor der Revolution. Es sind zahlreiche neue Industrien in Georgien entstanden, die es vor der Revolution dort
überhaupt nicht gabt Eisengießereien, Erdölindustrie, Maschinenbau
und so weiter. Seit langem schon gibt es in Georgien keine Analphabeten mehr, während vor der Revolution 78# der Bevölkerung Analphabeten waren.
Konnten die Georgier, wenn sie die Lage in ihrer Republik mit
der bedrängten Lage der werktätigen Massen in der Türkei verglichen,
einen Anschluß an die Türkei wünschen? Im Jahre 1955 betrug die
Stahlproduktion Georgiens pro Kopf der Bevölkerung das Ißfache der
türkischen. Georgien erzeugt pro Kopf der Bevölkerung neunmal so
viel Strom wie die Türkei, Wie die Volkszählung aus dem Jahre 1950 zeigt,
sind 65$ der Gesamtbevölkerung und 80$ der weiblichen Bevölkerung der
Türkei Analphabeten. In Georgien bestehen 19 akademische Lehranatalten
mit insgesamt 39 000 Studenten. Auch der Wohlstand der werktätigen Bevölkerung Georgiens ist unter der sowjetischen Herrschaft gewaltig angestiegen.
Es ist klar, daß die Quelle, aus der der bourgeoise Nationalismus
seine Kraft schöpft, in dem Maße versiegt, in dem Wirtschaft und Kultur
aufblühen und das sozialistische Bewußtsein der werktätigen Massen
Georgiens wächst.
Wie sich herausstellte, hat es in Georgien keine nationalistischen
Organiaationen gegeben. Tausende unschuldiger Menschen wurden das Opfer
von Willkür und Rechtlosigkeit. All dies geschah unter der "genialen"
Führung Stalins, des "größten Sohnes des georgischen Volkes" wie die
Georgier
selbst Stalin gern
bezeichneten.
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•
(Heiterkeit
Die Willkür Stalins zeigte sich nicht nur in seinen Entscheidungen
zu innenpolitischen Fragen, sondern auch in den Beziehungen der Sowjetunion zum Ausland.
Das Juli-Plenum des ZK untersuchte die Gründe für die Entstehung
des Konfliktes mit Jugoslawien in allen Einzelheiten. Stalin.hat dabei
eine schändliche Rolle gespielt. An der "Jugoslawienaffäre" war nichts,
was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln
lassen. Es lag kein ernsthafter Grund vor, um daraus eine "Affäre" zu
machen; es wäre durchaus möglich gewesen, den Abbruch der Beziehungen
mit diesem Land zu verhindern. Da8 bedeutet jedoch nicht, daß die führenden Männer Jugoslawiens keine Fehler begangen hätten oder frei von
Unzulänglichkeiten waren. Diese Fehler und Unzulänglichkeiten wurden von
Stalin aber in monströser Art und Weise aufgebauscht, so daß es darüber
zum Abbruch der Beziehungen zu diesem befreundeten Staat kam.
Ich erinnere an die ersten Tage des Konfliktes zwischen der
Sowjetunion und Jugoslawien, als man diese Angelegenheit künstlich
aufzubauschen begann. Gerade aus Kiew nach Moskau gekommen wurde ich
damals zu Stalin bestellt, der mir die Kopie eines soeben an Tito abgeschickten Briefes zeigte und fragte» "Hast Du dies gelesen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort* "Ich brauche nur meinen
kleinen Finger zu rühren - und schon wird es keinen Tito mehr geben.
Er wird fallen."
Wir

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�Wxr haben einen hohen Preis für dieses "Rühren des kleinen Fingers" bezahlt. Dieser Ausspruch ist bezeichnend für Stalins Größenwahn; und so handelte er auch: "Ich werde meinen kleinen Finger
rühren - und es wird keinen Kosior mehr geben"; "ich werde meinen kleinen Finger noch einmal rühren, und es wird keinen Postyschew und keinen
Tschubar mehr geben"; "ich werde meinen kleinen Finger abermals rühren
und Wosnesenskij, Kusnezow und viele andere wird es auch nicht mehr
geben".
Tito verschwand aber nicht, so viel oder so wenig Stalin seinen
kleinen Finger und was sonst noch rühren mochte - er brachte Tito nicht
zu Fall. Warum wohl? Der Grund ist der, daß Tito bei diesem Streitfall
mit den jugoslawischen Genossen einen Staat und ein Volk hinter sich
hatte, die durch eine harte Schule des Kampfes für die Freiheit und
Unabhängigkeit gegangen waren, ein Volk, das seine führenden Männer
unterstützte.
Sie sehen, wohin Stalins Größenwahn führte. Er hatte völlig den
Sinn für die Realitäten verloren; er demonstrierte sein Mißtrauen und
seine Arroganz nicht nur in den Beziehungen zu einzelnen Menschen hier
in der Sowjetunion, sondern auch in den Beziehungen zu ganzen Parteien
und Staaten.
Wir haben den Fall Jugoslawien sorgfältig untersucht und haben
eine vernünftige Lösung gefunden, die sowohl von den Völkern der Sowjetunion und Jugoslawiens als auch von den werktätigen Massen aller Volksdemokratien und auch der gesamten fortschrittlichen Menschheit gebilligt wird. Die Normalisierung der Beziehungen zu Jugoslawien erfolgte
im Interesse des gesamten sozialistischen Lagers und im Interesse der
Stärkung des Friedens in der gesamten Welt.
Lassen Sie mich auch die "Affäre der Ärzteverschwörung" erwähnen
(Bewegung im Saal). Im Grunde genommen gab es eine solche "Affäre" überhaupt nicht, wenn man von der Aussage der Ärztin Timaschuk absieht,
die wahrscheinlich von irgend jemand beeinflußt oder angewiesen war
(schließlich war sie eine geheime Mitarbeiterin der Staatssicherheitsorgane), an Stalin einen Brief zu richten, in dem sie die Ärzte beschuldigte, unsaubere Behandlungsmethoden anzuwenden.
Ein derartiger Brief genügte Stalin, um daraus sofort zu folgern,
daß in der Sowjetunion ein Ärztekomplott bestünde. Er befahl eine
Gruppe hervorragender medizinischer Spezialisten zu verhaften und gab
persönlich Anweisungen bezüglich der Durchführung der Untersuchung und
der Verhörmethoden gegen die verhafteten Personen. Er bestimmte, das
Akademiemitglied Winogradow in Ketten zu legen und daß ein anderer
zu schlagen sei. Hier auf diesem Parteikongreß ist der ehemalige Minister
für Staatssicherheit, Genosse Ignatjew, als Delegierter anwesend. Stalin
erklärte ihm rundheraus: "Wenn Sie kein Geständnis von den Ärzten beibringen können, dann werden wir Sie um einen Kopf kürzer machen".
(Tumult im Saal)
Stalin

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�Stalin berief den Untersuchungsrichter zu sich, erteilte ihm
Instruktionen und gal; Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden; diäs-e Methoden waren sehr einfacht schlagen, schlagen und nochmal schlagen.
Kurz nach der Verhaftung der Ärzte erhielten wir Mitglieder des
Politbüros die Protokolle über ihre Schuldgeständnisse. Nachdem die
Protokolle verteilt waren, erklärte uns Stalin: "Ihr seid blind wie
junge Katzen; was werdet Ihr ohne mich«.machen? Unser Land wird zugrunde
gehen, weil Ihr es nicht versteht Feinde zu erkennen."
Der Fall wurde uns so dargestellt, daß niemand die Tatsachen nachprüfen konnte, auf denen die Untersuchungen beruhten. Es gab keine
Möglichkeit einer Nachprüfung der Tatsachen dadurch, daß man etwa
versuchte, mit denen in Verbindung zu treten, die ein Schuldbekenntnis abgelegt hatten.
Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten Ärzte
nicht ganz stimme. Verschiedene dieser Leute waren uns persönlich
bekannt, weil sie uns früher einmal behandelt hatten. Als wir nach
Stalins Tod diesen "Fall" untersuchten, stellten wir fest, daß er von
Anfang bis Ende erfunden war.
Dieser schändliche "Fall" war von Stalin konstruiert worden;
doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen - zu einem
Ende in seinem Sinne -, und daher sind die Ärzte noch am Leben. Heute
sind sie sämtlich rehabilitiert; sie kehrten an ihren alten Arbeitsplatz zurück; sie behandeln hervorragende Persönlichkeiten, darunter
auch Mitglieder der Regierung; sie besitzen unser volles Vertrauen,
und sie erfüllen ihre Pflicht so gut wie zuvor.
Bei der Inszenierung der verschiedenen schmutzigen und beschämenden Fälle hat der tollwütige Gegner unserer Partei und Agent eines
ausländischen Spionagedienstes, Berija, der sich Stalins Vertrauen
erschlichen hatte, eine sehr üble Rolle gespielt. Wie war es möglich,
daß dieser Provokateur eine solche Stellung in der Partei und im
Staate erlangte, daß er Erster Stellvertretender Vorsitzender des
Ministerrats der Sowjetunion und Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees werden konnte? Es steht heute fest, daß dieser Schurke über
unzählige Leichen zu den höchsten Regierungsämtern emporgestiegen ist.
Gab es irgendwelche Anzeichen dafür, daß Berija ein Feind der
Partei war? Sicher gab es die. Bereits im Jahre 1937 erklärte der
ehemalige Volkskommissar für das Gesundheitswesen Kaminskij vor dem
ZK-Plenum, Berija habe für den Mussavat-Nachrichtendienst gearbei*
tet. Doch unmittelbar nach Beendigung des ZK-Plenums*wurde Kaminskij
verhaftet und anschließend erschossen. Hat Stalin die"Erklärung
Kaminskijs nachgeprüft? Nein, Stalin vertraute Berija, und das
genügte ihm. Und wenn Stalin zu einer Person oder Sache Vertrauen
hatte, konnte niemand etwas vorbringen, was seiner Meinung widersprach. Jeder, der gewagt hätte, eine gegenteilige Ansicht zu äußern,
hätte das gleiche Schicksal wie Kaminskij erlitten.
Es
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�Es gab auch andere Anzeichen. Interessant ist eine vom Genossen
Snegow vor dem ZK der Partei abgegebene Erklärung. Hier sei nebenbei
erwähnt, daß er vor kurzem ebenfalls rehabilitiert wurde, nachdem
er siebzehn Jahre als Gefangener in Lagern zugebracht hat. In dieser
schriftlichen Erklärung sagt Snegowt
"In Verbindung mit der vorgeschlagenen Rehabilitierung des ehemaligen ZK-Mitglieds, Kartwelischwili-Lawrentjew habe ich dem Vertreter des Staatssicherheitskomitees einen detaillierten Bericht über
die Rolle übergeben, die Berija bei der Behandlung des Falles Kartwelischwili gespielt hat sowie über die verbrecherischen Motive, von
denen sich Berija dabei leiten ließ. "
Nach meiner Ansicht ist es unerläßlich, an eine wichtige, diesen
Fall betreffende Tatsache zu erinnern und das Zentralkomitee davon in
Kenntnis zu setzen, weil es mir nicht richtig erscheint, sie in die
Untersuchungsakten aufzunehmen. Auf der Sitzung des ZK-Orgbüros der
KPdSü(B) vom 30.Oktober 1931 legte der Parteisekretär der Transkaukasischen Region, Kartwelischwili, einen Bericht vor. Von den leitenden
Mitgliedern des Regions-Exekutivkomitees, die sämtlich anwesend waren,
bin ich als einziger noch am Leben.
Auf dieser Sitzung beantragte Stalin am Schluß seiner Rede, Kartwelischwili zum ersten und Berija zum zweiten Sekretär des Transkaukasischen Regionskomitees zu ernennen - dies war das erste Mal in der
Geschichte der Partei, daß Berija als Kandidat für eine Parteifunktion
benannt wurde. Kartwelischwili erwiderte, Berija sei ihm wohl bekannt,
und gerade deswegen müsse er eine Zusammenarbeit mit ihm kategorisch
ablehnen. Stalin schlug daraufhin vor, die Angelegenheit in der Schwebe
zu lassen und sie im Verlauf der praktischen Arbeit zu regeln. Zwei
Tage später wurde beschlossen, Berija die Parteifunktiön zu übertragen
und Kartwelischwili aus dem Transkaukasus zu deportieren.
Die Genossen Mikojan und Kaganowitsch, die der Sitzung beiwohnten, können dies bestätigen.

Es

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�Es war allgemein bekannt, daß seit langem zwischen Kartwelischwili
und Berija Spannungen bestanden, die aus der Zeit datierten, da Genosse
Sergo im Transkaukasus tätig war; Kartwelischwili war Sergos engster
Mitarbeiter gewesen. Die gespannten Beziehungen bewogen Berija, gegen
Kartwelischwili einen "Fall" zu konstruieren.
Bezeichnenderweise wurde Kartwelischwili in diesem "Fall" eines
Terrorakts gegen Berija beschuldigt.
Die Anklageschrift gegen Berija enthält eine Darstellung seiner
Verbrechen. Man sollte sich jedoch einige Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, da möglicherweise nicht alle Delegierten des Parteikongresses
dieses Dokument gelesen haben. Ich möchte daran erinnern, mit welchen
bestialischen Methoden Berija die Fälle Kedrow, Golubiew und der Adoptivmutter Golubiews, Baturina.erledigte, als diese das Zentralkomitee über
Berijas verräterische Tätigkeit zu informieren beabsichtigten. Sie
wurden ohne jede Gerichtsverhandlung erschossen, und das Urteil wurde
erst post factum nach der Hinrichtung gefällt.
Hören Sie,was der alte Kommunist, Genosse Kedrow, durch Vermittlung des Genossen Andrejew (Genosse Andrejew war damals ZK-Sekretär) an das Zentralkomitee schrieb:
"Ich rufe Euch aus einer düsteren Zelle des Lefortorskij-Gefängnisses um Hilfe an. öffnet Eure Ohren meinem Schreckensschrei; bleibt
nicht taub; nehmt mich in Euren Schutz; bitte, helft diesen Alpdruck
der Verhöre von mir zu nehmen und zeigt, daß alles ein Irrtum ist.
Ich leide unschuldig; bitte, glaubt mir. Die Zeit wird die Wahrheit erweisen. Ich bin kein Agent-Provokateur der zaristischen Ochrana;
ich bin kein Spion; ich bin nicht Mitglied einer antisowjetischen
Organisation, v/as man mir auf Grund von Denunziationen vorwirft. Ich
habe mich auch keiner anderen Verbrechen gegen die Fartei und die Regierung schuldig gemacht. Ich bin ein alter Bolschewik, frei von jedem
Makel; ich habe fast vierzig Jahre lang ehrenhaft in den Reihen der
Partei für das ;Vohl und das Gedeihen des Landes gekämpft....
.... Heute bedrohen die Untersuchungsrichter mich, einen 62 Jahre
alten Mann, mit noch schärferen, grausameren und erniedrigenderen
Methoden der körperlichen Folter. Sie - die Richter - sind gar nicht
mehr imstande, ihren Irrtum einzusehen und zu erkennen, daß ihre Art
der Behandlung meines Falles ungesetzlich und unzulässig ist. Sie versuchen, ihr Tun dadurch zu rechtfertigen, daß sie mich als einen verhärteten und wütenden Feind hinstellen und fordern noch größere Repressalien. Aber laßt die Partei wissen, daß ich unschuldig bin und
daß es nichts gibt, was einen treuen Sohn der Partei in ihren Gegner
verwandeln könnte, selbst bis zu seinem letzten Atemzuge nicht.
Aber für mich gibt es keinen Ausweg mehr. Ich kann die neuen
furchtbaren Schläge, die ich kommen sehe, nicht von mir abwenden.
Alles aber hat seine Grenzen. Meine Qualen haben das äußerste
erreicht. Meine Gesundheit ist zerrüttet, meine Kraft und Energie

- 43 -

�Energie schwinden, das Ende rückt heran. In einem sowjetischen Gefängnis zu sterben, als gemeiner Verräter des Vaterlandes gebrandmarkt - was kann es für einen aufrechten Mann Furchtbareres geben?
Und wie ungeheuerlich dies alles ist. Unermessliche Bitterkeit erfüllt
mein Herz. Nein! Nein! Dies wird nicht geschehen; das kann nicht sein so rufe ich. Weder die Partei noch die Sowjetregierung noch der Volkskommissar L. P. Berija werden diese grausame, nicht wieder gutzumachende Ungerechtigkeit zulassen. Ich bin fest überzeugt, daß es bei ruhiger, objektiver Prüfung, ohne üble Beleidigungen., ohne Zorn und ohne
diese fürchterlichen Foltern, ein Leichtes wäre, die Grundlosigkeit
der Beschuldigungen zu beweisen. Ich glaube inständig, daß Wahrheit
und Gerechtigkeit triumphieren werden. Ich glaube es. Ich glaube es!"
Der Altbolschewik, Genosse Kedrow, wurde vom LIilitärsenat für
unschuldig befunden. Aber trotzdem wurde er auf Berijas Befehl erschossen. (Entrüstung im Saale)
Berija hat auch die Familie des Genossen Ordshonikidse grausam
behandelt. Warum? Weil Ordshonikidse versucht hatte, Berija an der
Durchführung seiner abscheulichen Pläne zu hindern, Berija hat alle
Personen die ihm im Wege stehen konnten, beiseite geräumt. Ordshonikidse war stets ein Gegner Berijas gewesen,was er Stalin auch sagte.
Aber anstatt diese Angelegenheit zu untersuchen und entsprechende
Schritte einzuleiten, ließ Stalin es zu, daß Ordshonikidses Bruder
liquidiert wurde und brachte Ordshonikidse selbst so weit, daß er
sich erschoß. (Entrüstung im Saal.) - Das war Berija.
Berija wurde vom Zentralkomitee der Partei kurz nach dem Tode
Stalins entlarvt. Auf Grund eines ganz besonders eingehenden Itechtsverfahrens wurde erwiesen, daß Berija ungeheuerliche Verbrechen begangen hatte, und Berija wurde erschossen.
Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Hißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen Dingen
und handelte mit Stalins Unterstützung.
Genossen, der Persönlichkeitskult nahm vor allem deshalb so
ungeheuerliche Formen an, weil Stalin selbst mit allen denkbaren
Methoden, die Glorifizierung seiner Person unterstützte. Dies wird
durch zahlreiche Tatsachen erhärtet. Eines der bezeichnendsten Beispiele für Stalins Selbstverherrlichung und für seinen Mangel an
elementarster Bescheidenheit ist die Herausgabe seiner "Kurzen
Biographie", die 1948 erschien.
Dieses Buch ist Ausdruck der hemmungslosesten Schmeichelei, ein
Beispiel dafür, wie man einen Menschen zum Götzen macht, wie man ihn
in einen unfehlbaren Weisen verwandelt - in den "größten Führer", in
den "hervorragendsten Strategen aller Zeiten und Völker". Schließlich
konnte man überhaupt keine anderen Worte mehr finden, um Stalin in den
Himmel zu heben.
Wir

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�Wir brauchen hier keine Beispiele für die widerwärtige
Beweihräucherung zu geben, die dieses Buch füllt. Wir brauchen
nur zu sagen, daß Stalin personlich alles billigte und selbst
redigierte und manches sogar eigenhändig in das Manuskript einfügte .
Was hielt Stalin für so wesentlich, daß er es selbst in dieses
Buch schrieb? Wollte er den Eifer seiner Schmeichler ein wenig abkühlen, die seine "Kurze Biograp: ie" zusammenstellten? Nein, er
strich ausgerechnet jene Stellen an, wo seine Verdienste seiner Ansicht nach nicht genügend gerühmt wurden.
Hier sind einige charakteristische Beispiele für Stalins Verbesserungen, die er mit eigener Hand eingefügt hatt
"In diesem Kampf gegen die Skeptiker und Kapitulanten, die Trotzkisten, Sinowjewisten, Buchariristen und Kamenewisten wurde nach dem
Tode Lenins der Führerkader der Partei endgültig zusammengeschweißt...
der das große Banner Lenins hochhielt, die Partei um Lenins Wort
scharte und das Sowjetvolk auf die breite Bahn der Industrialisierung
des Landes und der Kollektivisierung der Landwirtschaft führte.
Führer dieses Kaders und leitende Kraft der Partei und des Staates
war Genosse Stalin."
So schreibt Stalin selbst. Und dann fügt er hinzut
"Obgleich er seine Aufgabe als Führer-der Partei und des Volkes
mit vollendeter Kunst meisterte und die uneingeschränkte Unterstützung
des ganzen Sowjetvolkes genoß, ließ Stalin es niemals zu, daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde,"
Wo und wann konnte ein führender Politiker sich selbst so loben?
Ist das eines Führers marxistisch-leninistischen Typs würdig? Nein.
Gerade dagegen haben sich Marx und Engels so entschieden verwahrt.
Und auch '/Vladimir Iljitsch Lenin hat dies immer aufs schärfste verurteilt.
In dem Manuskript seines Buches taucht folgender Satz auft
"Stalin ist der Lenin unserer Tage." Dieser Satz erschien Stalin zu
schwach. So änderte er ihn eigenhändig um, so daß er nunmehr lauteti
"Stalin ist der würdige Fortsetzer von Lenins 'Aerk oder, wie es in
unserer Partei heißt, Stalin ist der Lenin unserer Tage." Da sehen
Sie nun selbst, nicht das Volk sagte es, sondern Stalin.
Man könnte viele derartige selbstverherrlichende Urteile von
Stalins eigener Hand in diesem Manuskript finden. Mit besonders großzügigem Lob bedenkt er sein Feldherrngenie und seine strategische Begabung.
Ich möchte noch eine Einfügung Stalins zitieren, die sich auf das
militärische Genie Stalins bezieht.
"Die fortschrittliche sowjetische Militärwissenschaft wurde", so
schreibt er, "in den Händen des Genossen Stalin weiter entwickelt. Genosse

- 45 -

�Genosse Stalin entwickelte die fh«ori&lt; de.- per::.-»nent wirkenden Faktoren, d'e übei d^.n Au.gang der ?:riegt entschieden} der iktiven Verteidigung und d r Gesetze vor Gegenangriff und Angriff} des Zusammenwirkers sämtlicher Waffengattunger. und .Vaffen in der modernen Kriegfunrung; der Rille der großen Panzermassen und der Luftwaffe im modernen Krieg sowie der Artillerie als der wirkungsvollsten Waffengattung. In den verschiedenen Phasen des Krieges fand Stali * Genius
dr e richtige Lösung, bei der alle Umstände der jeweiligen L .g.. in
die Berechnungen einbezogen wurden." (Bewegung im Saal)
Und weiter sehr' ibt Stalin:
"Stalins militärische Meisterschaft zeigte sich sowohl in d r
Defensive als auch in der Offensive. Genosse Stalins Genie ermöglichte es ".hm, 'xie Pläne des Gegners vorauszusehen und zu durchkreuzen.
Die Seh?aciten, in denen Gen.sse Jtalin die sowjetischen Armeen ührte,
sind gxänzende Beispiele operativer Führungskunst."
Ir die-er V/eise wurde Stalin als Stratege gelobt. V/er aber tat dies?
Stalin selbst, nicht in seiner Rolle als Stratege, sondern in der Rolle
des Autors und Herausgebers, als e:;ner der Hauptschöpfer seiner von
Selbstlob triefenden Biographie.
Dies, Genossen sind die Tatsachen. Wir sollten eher sagen: die
beschämenden Tatsachen.
Und noch eine weitere Tatseche aus derselben "Kurzen Biographie"
Stalins: Bekanntlich wurde der "Kurze Lehrgang der Geschichte der
KPdSU(B)" von einer Kommission des Zentralkomitees der Partei verfaßt.
Nebenbei gesagt, ist auch dieses von., einer besonders ausgewählten
Autorengruppe verfaßte Buch vom Persönlichkeitskult durchsetzt. Diese
Tatsache spiegelt sich in den folgenden Formulierungen im Korrekturexemplar der "Kurzen Biographie" Stalins:
"Eine Kommission
des ZK der KPdSU(ß) hat unter der Leitung des Genossen Stalin und
mit seiner tatkräftigen persönlichen Beteiligung einen 'Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSü(B)' verfaßt."
Aber selbst diese Formulierung befriedigte Stalin nicht. An ihre
Stelle trat in der endgültigen Fassung der "Kurzen Biographie" der
folgende Satz: "Im Jahre 1930 erschien das Buch 'Geschichte der
KPdSU(B), Kurzer Lehrgang' verfaßt vom Genossen Stalin und gebilligt
von einer Kommission des ZK der KPdSU(B)." Braucht man dem noch • twas
hinzuzufügen? (Heiterkeit im Saal)
Wie Sie sehen, verwandelte eine überraschende Ivietar.orph -e da:
von einer Gruppe von Genossen geschriebere Werk in ein v u S* ilii
verfaßtes Buch. Man braucht nicht darzulegen, wie und w.rum : es»
Metamorphose erfolgte.
N

- 46 -

�Nun erhebt sicn die berechtigt. Fra : Wenn Stalin der Verfasser
dieses Buches ist. warum hatte er es d.-v ti nötig, gerade die Person
Stalins so sehr zu loben uni die gesamte geschichtliche Entwicklung
unserer glorreichen Kommunistischen i rtei in der Periode nach der
Oktoberrevolution 1 diglich in eine ;.-.tion Jej "genialen Stalin"
umzudeuten?
Spiegelte dieses Buch in zutreffender Weise die Anstrengungen
der Partei bei der sozialistischen Umgestaltung des Landes, beim
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, bei der Industrialisierung
und Kollektivisierung des Landes und alle anderen Maßnahmen der
Partei wider, die unbeirrbar den von Lenin gewiesenen Weg weiterverfolgte? Dieses Buch spricht hauptsächlich von Stalin, von seinen Reden, von seinen Berichten. Alles, ohne die geringste Ausnahme, wird
mit seinem Namen verknüpft.
Und wenn Stalin in eigener Person versichert, daß er den "Kurzen
Lehrgang der Geschichte der KPdSU(B)" selbst geschrieben habe, dann
ist das zumindest höchst verwunderlich. Kann ein Marxist-Leninist
derart über sich selbst schreiben, indem er seine eigene Person zum
Himmel erhebt?
Oder greifen wir einmal die Stalinpreise auf. (Bewegung im Saal.)
Nicht einmal die Zaren stifteten Preise, denen sie ihren eigenen
Namen gaben. Stalin wählte als besten Text für die sowjetische Nationalhymne ein Elaborat aus, das kein einziges Wort über die kommunistische
Partei enthält; dafür aber die folgende, beispiellose Lobpreisung
Stalins: Stalin erzog uns in Treue zum Volk - er beflügelte uns zu
großen Werken und Taten."
In diesen Zeilen der Hymne wird die ganze erzieherische, leitende und anspornende Funktion der großen leninistischen Partei Stalin
zugeschrieben. Und das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei. Wir möchten zu Ihrer Unterrichtung hinzufügen,
daß das Präsidium des Zentralkomitees bereits einen Beschluß über
die Abfassung eines neuen Textes der Hymne gefaßt hat, der die Rolle
des Volkes und die Rolle der Partei richtig wiedergibt. (Lauter,
anhaltender Beifall)
Und ist es ohne Stalins Wissen gescheher., daß viele der größti i
Betriebe und Städte nach ihm benannt wurden? Und ist es ohne otalins
Wissen geschehen, daß überall im Lande Stalindenkmäler errichtet
wurden - diese "Gedenksteine des Lebenden?" Es ist eine Tatsache,
daß Stalin selbst am 2. Juli 1951 einen Beschluß des Ministerrats
der UdSSR unterzeichnete, der die Errichtung eines eindrucksvolLei
Stalindenkmals am Wolga-Don-Kanal betraf. Am 4« September des gleichen
Jahres ordnete er selbst die Bereitstellung von 53 Tonnen Kupfer für
die Errichtung dieses imposanten Monuments an. Ein jeder, der Stalingrad besucht hat, muß die riesige Statue gesehen haben, die dort gebaut wird und zwar an einer Stelle, die kaum besucht wird.
Zu

- 47 -

�Zu einer Zeit, da die Bewohner dieser Gegend seit Kriegsende
noch immer in Hütten lebten, wurden Unsummen für den Bau dieses Denkmals ausgegeben. Überlegen Sie selbst, ob Stalin recht hatte, wenn er
in seiner Biographie schrieb, er habe niemals zugelassen, "... daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde."
Gleichzeitig lieferte Stalin Beweise für seinen Mangel an Respekt
für Lenins Gedächtnis. Es ist kein Zufall, daß ungeachtet des vor
dreißig Jahren gefaßten Beschlusses, einen "Palast der Sowjets" als
Denkmal für Wladimir Iljitsch zu bauen, dieser Palast niemals errichtet,
seine Ausführung stets hinausgezögert und das Projekt schließlich gänzlich aufgegeben wurde.
Wir wollen auch nicht den Beschluß der Sowjetregierung vom 14«
August 1925 vergessen,- in dem die "Stiftung eines Lenin-Preises für
erzieherische Arbeit" gefordert wurde. Dieser Beschluß wurde sogar
in der Presse veröffentlicht; aber bis heute gibt es noch keinen
Leninpreis. Auch das sollte geändert werden. (Langanhaltender, tumultartiger Beifall)
Zu Stalins Lebzeiten wurden mit den von mir erwähnten Methoden
und durch Zitate aus Stalins "Kurzer Biographie" sämtliche Ereignisse
so wiedergegeben, als habe Lenin selbst während der Sozialistischen
Oktoberrevolution stets nur eine sekundäre Rolle gespielt. In vielen
Filmen und in vielen literarischen Werken wurde die Gestalt Lenins
unrichtig dargestellt und in unzulässiger Weise herabgesetzt.
Mit Vorliebe sah sich Stalin den Film "Das unvergessliche Jahr 1919"
an, in welchem er auf den Stufen eines Panzerzuges gezeigt wird und
den Feind praktisch mit blankem Säbel niederschlägt. Möge nur unser
guter Freund Kliment Jefremowitsch Woroschilow den nötigen Mut aufbringen und die Wahrheit über Stalin schreiben; denn wer weiß schon, wie
Stalin gekämpft hat. Es wird eine schwierige Sache für den Genossen
Woroschilow sein, aber es wäre ganz gut, wenn er es täte. Jedermann
wird ihm dankbar sein, das Volk und die Partei. Selbst seine Enkel
würden ihm dafür noch dankbar sein. (Langanhaltender Beifall)
Bei der Behandlung der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges
wurde stets der Eindrück erweckt, Stalin habe immer die Hauptrolle
gespielt und bei jeder Gelegenheit Lenin instruiert, was und wie es
zu tun sei. Dieses ist jedoch eine Verleumdung Lenins. (Langanhaltender
Beifall)
Ich komme wahrscheinlich nicht mit der Wahrheit in Konflikt, wenn
ich sage, daß 99 ^ der hier Anwesenden vor 1924 wenig von Stalin gehört oder gewußt haben, während Lenin dagegen allen bekannt war. Er
war&gt;. der gesamten Partei, der gesamten Nation, den Kindern wie den
Greisen*, bekannt. (Tummultöser, langanhaltender Beifall)

All

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�All dieses muß gründlich revidiert werden, damit die Geschichte,
die Literatur und die bildende Kunst die Rolle Lenins, die großen
Leistungen unserer Kommunistischen Partei und des sowjetischen Volkes,
des schöpferischen Volkes, im richtigen Lichte würdigen. (Beifall)
Genossen! Der Persönlichkeitskult hat zur Anwendung falscher
Prinzipien in der Parteiarbeit und in der Wirtschaft geführt; er
hatte grobe Verstöße gegen die innerparteiliche und Sowjetdemokratie
steriles Administrieren, Abweichungen aTier Art, Vertuschung von
Fehlleistungen und Schönfärberei zur Folge. Unsere Nation brachte
viele Schmeichler und Spezialisten für Zweckoptimismus und Augenwischerei hervor.
Wir sollten aber nicht vergessen, daß auf Grund der Verhaftung
zahlreicher Partei-, Sowjet- und Wirtschaftsführer viele Funktionäre
in ihrer Arbeit unsicher und übervorsichtig wurden, alle Neuerungen
und schließlich ihren eigenen Schatten fürchteten und dadurch immer
weniger Initiative entwickelten.
Nehmen wir zum Beispiel die Partei- und Regierungsbeschlüsse.
Sie kamen routinemäßig, oft ohne Berücksichtigung der konkreten Situation, zustande. Dies ging so weit, daß Parteifunktionäre, selbst in
den kleinsten Sitzungen, ihre Reden ablasen. Baraus ergab sich für
die Partei- und Regierungsarbeit die Jefahr des Formalismus und der
Bürokratisierung des gesamten Apparate«.
Stalins Lebensfremdheit und die Tatsache, daß er über die wahren
Zustände in der Provinz nicht Bescheid wußte, ergibt sich aus seiner
Landwirtschaftspolitik.
Jeder der sich auch nur im geringsten um unser« Situation kümmert«,
sah die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft - Stalin aber sah sie
nie. Haben wir Stalin informiert? Ja, das haben wir getan, aber er
unterstützte uns nie. Warum? Weil Stalin niemals reist«, nie Arbeiter
in den Städten oder auf den Kolchosen besuchte 5 er war nie über die
wahre Lage im Lande informiert.
Er kannte das Land und die Landwirtschaft nur aus Filmen. Und
diese Filme waren frisiert und gaben ein rosiges Bild der Lage der
Landwirtschaft. In diesen Filmen über das Kolchosenleben bogen sich
die Tische vielfach unter der Last der Truthähne und Gänse. Offensichtlich
glaubte Stalin, daß dies die Wirklichkeit sei. Wladimir Iljitsch Lenin
dagegen betrachtete das Leben anders; er war dem Volk immer nahe, er
empfing Bauerndelegationen und sprach oft auf Betriebsversammlungen, er
pflegte auch in die Dörfer zu gehen und mit den Leuten zu reden.
Stalin schloß sich vom Volk ab und ging nie irgendwo hin. Das war
so Jahrzehnte lang. Zum letzten Mal besuchte er im Januar 1928 eine Stadt
als er wegen der Getreideerfassung eine Sibirienreise unternahm. Woher
konnte er also wissen, wie es im Lande aussah?
Als er einmal in einer Diskussion darauf aufmerksam gemacht wurde,
daß die Lage auf dem Lande schwierig und daß es besonders schlecht um die
Viehzucht und Fleischproduktion bestellt sei, wurde eine Kommission gebildet,
und mit der Abfassung eines Beschlusses über "Wege zur Weiterentwicklung der
Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen'* beauftragt. Wir machten einen entsprechenden Entwurf. Natürlich berücksichtigten unsere damaligen Vorschläge noch nicht alle Möglichkeiten, aber wir zeigten Mittel und Wege» um

- 49 -

�um die Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen zu verbessern. Wir
haben damals vorgeschlagen,die Preise für Agrarprodukte zu erhöhen,
um den Kolchos-, Sowchos- und MTS-Arbeitern einen materiellen Anreiz
für die Entwicklung der Viehzucht zu geben. Aber unser Entwurf wurde
abgelehnt und im Februar 1953 wurde er endgültig zu den Akten gelegt.
Aber schlimmer noch: Als wir an diesem Projekt arbeiteten,
schlug Stalin vor, die Steuern der Kolchose:, und Kolchosbauern um
40 Milliarden Rubel zu erhöhen, denn er war der Ansicht es gehe der
Landbevölkerung sehr gut und ein Kolchosarbeiter braucht nur ein
Huhn mehr zu verkaufen, um seine Steuer bezahlen zu können.
Stellen Sie sich vor, was das heißt. 40 Milliarden Rubel sind
eine Summe, die die Kolchosbauern für den Teil ihrer Produktion, den
die Regierung erhielt, nicht bekamen. Im Jahre 1952 zum Beispiel haben
die Kolchose und die Kolchosbauern für sämtliche an die Regierung gelieferten und verkauften Erzeugnisse nur 26,28 Milliarden Rubel erhalten. Stützte sich Stalin damals überhaupt auf irgendwelche statistischen Unterlagen? Natürlich nicht.
In solchen Fällen interessierten ihn Tatsachen und Zahlen nicht.
'.Venn Stalin etwas sagte, dann war es eben so - schließlich war er ein
"Genie", und ein Genie braucht nicht zu rechnen, es braucht nur hinzusehen und kann sofort sagen, wie es gemacht werden muß. 'flenn es
seine Meinung kundtut, muß jeder sie wiederholen und diese Weisheit
bewundern.
Aber welche Weisheit steckte in dem Vorschlag, die Steuer für
die Landwirtschaft um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen? Keine, absolut
keine, weil der Vorschlag nicht auf einer sachlichen Beurteilung der
Situation beruhte, sondern auf den phantastischen Ideen, die zwischen
Oksa Erson und der Wirklichkeit standen. Wir fangen jetzt langsam an,
uns aus den Schwierigkeiten unserer Landwirtschaft herauszuarbeiten.
Was einige der Delegierten auf dem XX.Parteikongreß gesagt haben, bereitet uns allen Freude; wir freuen uns darüber, daß viele Delegierte
Reden halten, und darüber, daß in der Viehzucht, gute Voraussetzungen
zur Erfüllung des 6.Fünfjahresplans - nicht in fünf sondern in zwei
bis drei Jahren gegeben sind. Wir sind sicher, daß die Aufgaben des
neuen Fünfjahresplans erfolgreich erfüllt werden.
(Lang anhaltender Beifall)
Genossen!

- 50 -

�Genossen!
Wenn wir heute den Persönlichkeitskult, der zu Stalins Lebzeiten
so verbreitet war, scharf kritisieren, und wenn wir über die vielen
negativen Erscheinungen sprechen, die durch diesen Kult, der dem Geist
des Marxismus-Leninismus so fremd ist, ervorgerufen wurden, mag mancher fragen: V/ie konnte das geschehen? Stalin stand 30 Jahre lang an
der Spitze der Partei und des Landes, und viele Siege wurden zu seinen
Lebzeiten errungen. Können wir dies abstreiten? Meiner Meinung nach können
so nur Leute fragen, die durch den Persönl-chkeitskult hoffnungslos
verblendet und hypnotisiert sind, die das Wesen der Revolution und des
Sowjetstaates nicht begreifen, und die Rolle der Partei und der Nation
bei der Entwicklung der sowjetischen Gesel schaft nicht im Sinne Lenins
erfassen.
Die sozialistische Revolution wurde von d r Arbeiterklasse und
der Dorfarnut mit teilweiser Unterstützung der Mittelbauern durchgeführt. Sie wurde vom Volke durchgeführt unter der Führung der Bolschewistischen Partei. Lenins große Leistung bestand darin, daß er eine
militante Partei der Arbeiterklasse schuf, aber dazu besaß er das
marxistische Verständnis der Gesetze der sozial n Entwicklung und war
gewappnet mit der Wissenschaft vom Siege des Proletariats im Kampf
gegen den Kapitalismus; und er härtete diese Pa - tei im Feuer des revolutionären Kampfes der Volksmassen. In diesem Kampf verteidigte die
Partei konsequent die Interessen des Volkes und führte die Massen als
•erfahrene Führerin zur Macht und zur Errichtung des ersten sozialistischen Staates. Sie erinnern sich wohl der weisen Worte Lenins, daß der
Sowjetstaat deshalb so stark ist, weil die Massen sich der Tatsache
bewußt sind, daß Geschichte von Millionen und aber Millionen von
Menschen gemacht wird.
Unsere historischen Siege wurden erzielt dank der organisatorischen Arbeit der Partei, ihrer vielen regionalen Gliederungen, und
dank der aufopfernden Arbeit unseres großen Volkes. Diese Siege sind
das Ergebnis des großen Arbeitselans der Nation und der Partei in
ihrer Gesamtheit; sie sind keineswegs die Frucht der persönlichen Führung .Stalins, wie dies während der ganzen Periode des Persönlichkeitskults
dargestellt wurde.
Wenn wir diese Angelegenheit als Marxisten-Leninisten betrachten,
müssen wir eindeutig feststellen, daß die Führungspraxis, die sich in
den letzten Lebensjahren Stalins herausgebildet hat, zu einem ernsthaften Hindernis auf dem Wege der sowjetischen Gesellschaftsentwicklung
geworden ist.
Stalin ließ oft außerordentlich wichtige Fragen des Partei- und
Staatslebens monatelang in der Schwebe, obwohl ihre Lösung eigentlich
nicht aufgeschoben werden durfte. Während Stalins Herrschaft wurden
unsere friedlichen Beziehungen zu anderen Nationen oftmals bedroht,
weil sich aus den Ein-Mann-Entscheidungen große Komplikationen ergeben konnten - wie dies auch oft der Fall war.

Als

- 51 -

�Als es uns in den letzten Jahren gelang, uns von der nachteiligen Praxis des Perscnlichkeitskultes zu befreien und als wir
einige richtige Schritte auf innen- und außenpolitischem Gebiet
unternahmen, konnte jedermann mit eigenen Augen sehen, wie aie
Aktivität, die schöpferische Aktivität der werktätigen Massen sich entfaltet«», ja wie günstig sich all dies auf die wirtschaftliche und
kulturelle Gesamteitwicklung auswirkte.
(Beifall)
Manche Genoss n mögen uns fragen» Wo waren die Mitglieder des
Politbüros de;- Zentralkomitees9 Warum setzten sie sich nicht rechtzeitig geg«n den P^rsönlichkeitskult zur V/ehr? Und warum tut man
es erst jetzt?
Zunächst müssen wir bedenken, daß die Mitglieder des Politbüros diese Dinge zu verschiedenen Zeiten ver-chieden beurteilten.
Anfangs unterstützten viele von ihnen Stalin +atkräftig, weil er
einer der stärksten Marxisten war und mit seiner Logik, seiner
Festigkeit und seinem Willen die Kader und Parteiarbeit erheblich
beeinflußt« .
Es ist bekannt, daß Stalin nach Lenins Tod und insbesondere in
den ersten Jahren danach aktiv für den Leninismus eintrat und ihn
gegen die Feinde der leninistischen Lehre und gegen Abweichler verteidigte. Von Lenins Lehre ausgehend, nahm die Partei mit dem
Zentralkomitee an der Spitze auf breiter Basis die sozialistische
Industrialisierung des Landes, die Kollektivisierung der Landwirts "ha t - nd die kulturelle Revolution in Angriff. Zu jener
Zeit gewann Stalin große Popularität, Sympathie und Unterstützung.
Die Partei wußte gegen jene kämpfen, die das Land von dem nichtigen leninistischen Weg abzubringen suchtenj sie mußte gegen die
Trotzkisten, Sinowjewisten, Rechten und die bourg«oisen Nationalisten kämpfen. Dieser Kampf war unerläßlich Später allerdings
begann Stalin seine Macht in zunehmendem Maße zu mißbrauchen, den
Kampf auf hervorragende Partei- und Regierungsfunktionäre auszudehnen, zu kämpfen und mit Terrormaßnahmen gegen ehrbare Sowjetbürger
vorzugehen. Wie wir bereits dargelegt haben, erledigte Stalin auf
diese Weise so hervorragende Männer der Partei und der Regierung
wie Kosior, Rudsutak, Eiche, Postyschew und viele andere.
Wer

- 52 -

�Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer. Ein
typisches Beispiel hierfür bietet der Sturz des Genossen Postyschew.
Stalin brachte in einer seiner Reden seine Unzufriedenheit mit
Postyschew zum Ausdruck und fragte ihn; "Was sind Sie eigentlich?"
Fostyschew antwortete unmißverständlich: "Ich bin Bolschewik, Genosse
Stalin, ein Bolschewik".
Biese Entgegnung wurde zunächst als Respektlosigkeit gegenüber
Stalin angesehen; später machte man daraus einen Schädlingsakt, der
dann Postyschews Beseitigung und grundlose Anprangerung als "Volksfeind" zur Folge hatte.
In der damaligen Situation habe ich oft mit Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin gesprochen; als wir einmal zu zweit im Auto fuhren,
sagte er: "Es kann passieren, daß jemand einer Einladung Stalins als
Freund Fölgf leistet; und wenn er dann mit Stalin zusammensitzt, weiß er
nicht, ob er anschließend nach Hause oder ins Gefängnis geschickt wird."
Es ist klar, daß solche Verhältnisse jedes Mitglied des Politbüros in eine sehr schwierige Situation brachten. Wenn wir dazu noch
in Betracht ziehen, daß das ZK-Plenum in den letzten Jahren nicht mehr
einberufen wurde, und daß Politbürositzungen nur nooh gelegentlich
von Zeit zu Zeit stattfanden, dann wird verständlich, wie schwierig
es für die Politbüromitglieder war, sich gegen die eine oder andere
ungerechte oder unkorrekte Maßnahme
gegen schwere Irrtümer und Unzulänglichkeiten in der Führungspraxis aufzulehnen.
Wie bereits dargelegt, wurden viele Entscheidungen entweder überhaupt nur von einer Person oder aber hintenherum und ohne Diskussion
im Kollektiv getroffen. Das traurige Schicksal des PolitbüromitgliedB,
Genossen Wosnesenskij, der ebenfalls den Repressalien Stalins zum
Opfer fiel, ist allen bekannt. Es ist bezeichnend, daß der Beschluß
über seine Ausstoßung aus dem Politbüro niemals diskutiert worden ist,
sondern auf irreguläre Art zustande kam. Das gleiche gilt für den
Beschluß über die Amtsenthebung Kusnezows und Rodionows.
Die Stellung des Politbüros des Zentralkomitees wurde geschwächt
und seine Arbeit durch die Schaffung verschiedener Politbüroausschüsse der sogenannten "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" - desorganisiert. Hier sei als Beispiel ein Beschluß des Politbüros vom J. Oktober 1946 angeführt:
"Stalins Vorschlag:
1. Die Kommission für auswärtige Angelegenheiten des Politbüros
(Sechserkommission) soll sich in Zukunft zusätzlich zu außenpolitischen
Fragen auch mit Angelegenheiten des inneren Aufbaues und der Innenpolitik befassen.
2. Die

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�2. Die Sechserkommission ist um den Vorsitzenden der Staatskommission für Wirtschaftsplanung der UdSSR, Genossen Wosnesenskij,
zu erweitern und soll fortan als Siebenerkummission bezeichnet werden.
gez.: Der Sekretär des Zentralkomitees, J. Stalin."
Welch ein Kartenspielertrick. (Gelächter im Saal.) Es ist klar,
daß die Schaffung dieser Art von Ausschüssen innerhalb des Politbüros
- der "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" gegen das Prinzip der kollektiven Führung verstieß. Dies führte dazu,
daß einige Mitglieder des Politbüros von der Mitwirkung beim Zustandekommen wichtiger, den ganzen Staat betreffender Entscheidungen ausgeschlossen waren.
Eines der ältesten Mitglieder unserer Partei überhaupt, Kliment
Jefremowitsch Woroschilow, befand sich in einer nachgerade unmöglichen
Situation. Jahre hindurch hat man ihm praktisch das Recht auf Teilnahme an den Sitzungen des Politbüros vorenthalten. Stalin untersagte
ihm die Teilnahme an den Tagungen des Politbüros und verwehrte ihm
die Einsicht in die Unterlagen. Wenn das Politbüro tagte und Genosse
Woroschilow davon erfuhr, rief er jedes Mal an und fragte, ob ihm die
Teilnahme gestattet sei. Manchmal gab Stalin die Erlaubnis, brachte
jedoch stets sein Mißfallen zum Ausdruck.
Infolge seines übergroßen Argwohns spielte Stalin auch mit dem
absurden und lächerlichen Verdacht, Woroschilow sei ein englischer
Agent. (Gelächter im Saal.) Sie hörten richtig - eir englischer Agent.
Um seine Gespräche zu überwachen, wurde eine Abhöranlage in seine Wohnung eingebaut. (Entrüstung im Saal)
Stalin schloß auch noch ein anderes Mitglied durch seine eigenmächtige Entscheidung von der Mitarbeit im Politbüro aus: Andrej
Andrejewitsch Andrejew. Dies war einer der hemmungslosesten Willkürakte.
Lassen Sie mich nun auf die erste Sitzung des Zentralkomitees nach
dem XIX. Parteikongreß eingehen, als Stalin im Rahme;, einer Charakterisierung von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und Anastasj Iwanowitsch
Mikojan andeutete, diese alten Parteiarbeiter hätten sich irgendwelcher,
natürlich frei erfundener, Verfehlungen schuldig gemacht. Es ist nicht
ausgeschlossen, daß die Genossen Molotow und Mikojan auf diesem Parteikongreß hier keine Reden mehr hätten halten können, wenn Stalin noch
einige weitere Monate länger am Ruder geblieben wäre.
Offensichtlich beabsichtigte Stalin, sich der alten Politbüromitglieder zu entledigen. Er hat oft erklärt, daß die Mitglieder des
Politbüros durch neue ersetzt werden sollten.
Als er nach dem XIX. Parteikongreß den Vorschlag machte, 25 Mitglieder für das ZK-Präsidium auszuwählen, zielte dies auf die Beseitigung alter Politbüromitglieder und ihre Ersetzung durch weniger erfahrene Personen ab, die seinen Ruhm auf jede Weise verbreiten sollten.

Es

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�Es ist anzunehmen, daß er damit zugleich auf die spätere Vernichtung der alten Mitglieder des Politbüros hinarbeitete, um sämtliche
von ihm begangenen schändlichen Handlungen zu kaschieren, jene Handlungen, mit denen wir uns heute befassen.
Gerossen! Damit sich die ir der Vergangenheit begangenen Irrtümer
nicht wiederholen, hat sich das Zentralkomitee energisch gegen jeden
PersönlichkeitskuJt ausgesprochen. Wir sind der Ansicht, daß Stalin
in übertriebenem Maße herausgestellt wurde. Andererseits hat Stalin
in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dienste geleistet.
Dieses Problem wird d. durch kompliziert, daß alles, was wir soeben
erörtert haben, zu Lebzeiten Stalins,unter seiner Fuhrung und mit seiner Billigung geschah; Stalin war überzeugt, daß dies alles im
Interesse der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Anschläge der
Feinde und gegen die Angriffe des imperialistischen Lagers notwendig.
gewesen sei. Er betrachtete diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der
Interessen der Arbeiterklasse, der Interessen der Werktätigen, des
Sieges des Sozialismus und Kommunismus. '«Vir dürfen nicht sagen, daß
dies Handlunger. eines vcm Sch.vindel befallenen Despoten gewesen seien.
Nach seiner Ansicht lagen diese Handlungen im Interesse der Partei,
der werktätigen Massen, der Sicherung der Errungenschaften der Revolution. Hierin liegt die ganze Tragödie!
Genossen! Lenin hat oft betont, daß Bescheidenheit ein unerlässliches Merkmal jedes echten Bolschewisten ist. Lenin selbst war die
lebendige Verkörperung höchster Bescheidenheit. Wir können nicht sagen,
daß wir diesem Beispiel Lenins in jeder Hinsicht gefolgt sind. Es genügt »darauf hinzuweisen, daß zahlreiche Städte, Fabriken und Industriebetriebe (Kolchose und Sowchose, Sowjet-, und Kulturinstitutionen,
so als ob sie - mit Verlaub zu sagen - unser Privateigentum wären,
mit dem Namen dieses oder jenen führenden Regierungs- oder Parteifunktionärs bedacht würden, der nech im Amt ist und sich bester Gesundheit
erfreut. Viele von uns machten mit, wenn es galt, Städte, Rayons, Industriebetriebe und Kolchose nach uns zu benennen. Das müssen wir abstellen.

Dies

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�Dies aber sollte langsam und mit Ruhe gemacht werden. Das Zentralkomitee wird über diese Angelegenheit beraten und sie sorgfältig
untersuchen, um Irrtümer und Überspitzungen zu vermeiden. Ich erinnere mich, wie es war, als die Ukrainer von der Verhaftung Kosiors
hörten. Radio Kiew pflegte bis dahin seine Sendungen mit den Worten
einzuleiten» "Hier ist Radio Kosior1. Als eines Tages die Sendung
ohne Erwähnung des Namens Kosior begann, war es für jedermann klar,
daß mit Kosior etwas los sei, daß man ihn wahrscheinlich verhaftet
habe.
Wenn wir uns also heute daranmachen würden, überall die Bezeichnungen und Namen zu entfernen oder zu ändern, würden die Leute
denken, diesen Genossen, denen zu Shren die betreffenden Werke}.
Kolchose oder Städte benannt wurden, sei das gleiche widerfahren,
und wir hätten sie ebenfalls verhaftet.
(Heiterkeit im Saal)
7/onach beurteilt man das Prestige und die Bedeutung eines
führenden Mannes? Danach, wieviele Städte, Industriewerke und
Fabriken, Kolchose und Sowchose seinen Namen tragen. Ist es nicht
allmählich an der Zeit, daß wir diesen "Privatbesitz" abschaffen
und die entsprechenden Fabriken, Industriewerke, Kolchose und Sowchose
"verstaatlichen"?
(Gelächter, Beifall, Zwischenrufe! "Richtig
Das wird unserer Sache nur dienlich sein. Schließlich ist auch dies
ein Ausdruck des Persönlichkeitskults.
Wir sollten die Frage des Persönlichkeitskults mit größtem
Ernst prüfen. Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den Reihen
der Partei hinaus, insbesondere nicht in die Presse, dringen lassen.
Aus diesem Grunde behandeln wir sie hier auf einer geschlossenen
Sitzung des Parteikongresses. Wir müssen die Grenzen kennen; wir
dürfen dem*Feind keine Munition liefern; wir dürfen unsere
schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen. Ich denke,
die Delegierten des Parteikongresses werden alle diese Vorschläge
verstehen und richtig beurteilen.
(Tosender Beifall)
Genossen! Wir müssen den Persönlichkeitskult entschlossen abschaffen, ein für allemal; wir müssen die entsprechenden Konsequenzen
ziehen, und zwar sowohl hinsichtlich der ideologisch-theoretischen
als auch der praktischen Arbeit.
Dies ist aus folgenden Gründen nütig«
Erstens müssen wir als echte Bolschewisten den Persönlichkeitskult verurteilen und mit der Wurzel ausrotten, weil er dem MarxismusLeninismus fremd ist und im Widerspruch zu den Grundsätzen der Parteiführung und den Normen des Parteilebens steht, und wir müssen alle
Versuche, diese Praktiken auf die eine oder andere Art wieder einzuführen, unerbittlich bekämpfen.
Wir

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�Wir müssen in unserer gesamten ideologischen Arbeit zu den wichtigsten Thesen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft vom Volk
als der bewegenden Kraft der Geschichte und dem Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter der Menschheit, von der entscheidenden
Rolle der marxistischen Partei im revolutionären Kampf für die Umwandlung der Gesellschaft, vom Siege des Kommunismus zurückkehren
und sie in die Praxis umsetzen.
Was dies anbelangt, so werden wir viel tun müssen, um die mit
dem Persönlichkeitskult verlundeien weitverbreiteten irrigen Ansichten auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung, der Philosophie,
der Volkswirtschaft und anderer Wissenschaften sowie in der Literatur
und den bildenden Künsten von marxistisch-leninistischen Standpunkt
kritisch zu untersuchen und
richtigzustellen. Vor allem ist es nötig, daß wir bereits in allernächster Zukunft ein ernst zu
nehmendes Lehrbuch über die Geschichte unserer Partei ausarbeiten,
das mit wissenschaftlich-marxistischer Objektivität verfaßt ist,
ein Lehrbuch über die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, ein
Bach, das den Ereignissen des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges gerecht wird.
Zweitens müssen wir systematisch und konsequent die Arbeit fortführen, die das Zentralkomitee der Partei in den letzten Jahren geleistet hat, eine Arbeit, die sich durch die genaueste Beachtung der leninistischen Grundsätze der Parteiführung in sämtlichen Parteiorganisationen, von den Grundeinheiten bis zur Spitze,auszeichnete, vor allem
aber durch Befolgung des wichtigsten Grundsatzes der kollektiven Führung, durch die Beachtung der in den Parteistatuten festgelegten Normen des Parteilebens, sowie schließlich durch umfassende Kritik und
Selbstkritik.
Drittens müssen wir den leninistischen Grundsätzen der sowjetischsozialistischen Demokratie, wie sie in der Verfassung der Sowjetunion
niedergelegt sind, wieder volle Geltung verschaffen und die Willkür
einzelner Personen bekämpfen, die ihre Macht mißbrauchen. Die üblen
Polgen aller Verstöße gegen die revolutionäre sozialistische Gesetzlichkeit, die sich im Laufe der Jahre infolge des schädlichen Einflusses des Persönlichkeitskults häuften, müssen restlos beseitigt werden*
Genossen!
Der XX. Parteikongreß der KPdSü(B) war ein erneuter kraftvoller
Beweis für die unerschütterliche Einheit unserer Partei, ihrer Verbundenheit mit dem Zentralkomitee, ihres entschlossenen Willens, die
große Aufgabe des Aufbaus des Kommunismus zu vollbringen. (Tosender
Beifall.) Und die Tatsache, daß wir die mit der Überwindung des dem
Marxismus-Leninismus fremden Persönlichkeitskults verbundenen Grundprobleme in all ihren Formen und auch das Problem der Liquidierung seiner
lästigen Folgen dargelegt haben, ist ebenfalls ein Beweis für die große
moralische und politische Kraft unserer Partei. (Langanhaltender Beifall)
Wir

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�Wir sind zutiefst überzeugt, daß unsere Partei mit dem Rüstzeug
der historisch bedeutsamen Entschlüsse des XX. Kongresses das Sowjetvolk auf dem Wege Lenins zu neuen Erfolgen, zu neuen Siegen führen wird.
(Donnerr.dcr, anhaltender Beifall)
Lang lebe das siegreiche Banner unserer Partei - der Leninismus!
(Langanhaltender, in stürmische Ovationen übergehender-Beifall.-Alle
erheben sich von den Plätzen)

* * * # *

�A M E R I K A

N

S T

JOHN FOSTER DULLES: AUCH DER FRIEDEN HAT SEINEN PREIS

AME3 (I owa) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die
der Außenminister der Vereinigten Staaten,
John Foster Dulles, am 9« Juni 1956 anläßlich
der Verteilung der Abschlußzeugnisse vor dem
Iowa State College in Arnes (Iowa) gehalten hat.

Sie gehen heute hinaus in eine Welt, in der Sie die Segnungen
der Freiheit in Frieden zu genießen hoffen. Es ist dies jene Welt,
die zu schaffen die Vereinigten Staaten durch ihre Außenpolitik anstreben.
Heute haben wir Frieden; kein Land befindet sich zur Zeit mit
den Vereinigten Staaten im Kriegszustand.
Und wir genießen mancherlei Gutes. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den meisten Ländern der Welt. Weder fürchten wir sie, noch
müssen sie uns fürchten. Wir unterhalten Handelsbeziehungen und ähnliche Verbindungen mit ihnen, alles zu gegenseitigem Nutzen und
beiderseitiger Freude.
Für diesen Frieden und das Gute, dessen wir uns erfreuen, können
wir aus tiefstem Herzen dankbar sein.
Aber all dies fällt uns nicht in den Schoß. Vor Ihnen sind
bereits andere mit hochgespannten Hoffnungen in die Welt hinausgezogen. Ihre Hoffnungen aber fanden auf dem Schlachtfeld ein rasches
Ende, und die daheim geblieben waren, fühlten ihre Herzen schwer
werden. Reiche Mittel, die zum Aufbau wirtschaftlichen Wohlstandes
hätten verwendet werden können, wurden im Kriege verschleudert.
Dieser Preis, der in der Münze des Krieges entrichtet wird,
wird immer zu zahlen sein, wenn die Menschen nicht bereit sind,
bereits in Friedenszeiten für die Erhaltung des Friedens zu zahlen.
Aber anscheinend lernen die Menschen das nicht. Denn die Vorstellung ist nicht auszurotten, daß man sich den Frieden nur zu
wünschen brauche, um ihn zu bekommen. Wenn dies zuträfe, dann wäre

- 1 -

�'AMERIKA DIENST"

20. Juni

1956

wäre der Krieg schon vor vielen Jahrhunderten abgeschafft worden.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer, ja noch schwerer ist, den Frieden
zu erhalten wie einen Krieg zu gewinnen. Kriege wurden schon viele gewonnen. Einen dauernden Frieden zu erringen, ist bisher noch nie gelungen. Um den Krieg endgültig zu besiegen, sind Planung und Taten
erforderlich, die Voraussicht, kluge Berechnung, Mut und gelegentlich
Opfer erfordern. Und zwar werden diese Opfer unter weniger dramatischen
und anscheinend weniger dringenden Umständen gefordert als im Kriege.
Wir werden niemals einen dauernden Frieden haben, solange die Menschen
ihre edelsten Geistesgaben in den Dienst des Krieges stellen. Denn auch
der Frieden hat seinen Preis.
Ich möchte Ihnen dies am Beispiel einer unserer Bemühungen um den
Frieden, die wir zur Zeit unternehmen, deutlich machen. Man könnte dies
Bemühungen auch als eine Art Versicherung auf den Frieden bezeichnen,
für die wir etwa 40 Milliarden Dollar jährlich zahlen müssen.
Unsere Friedensversicherung
Die Grundelemente dieser Friedensversicherung leiten wir von den
ersten erfolgreichen Anfängen der amerikanischen Außenpolitik her.
Lassen Sie mich also auf die Zeit der Monroe-Doktrin verweisen.
Im Jahre 1823 erklärte Präsident Monroe der unter Führung des
zaristischen Rußland stehenden despotischen Allianz, daß "wir jeden
Versuch ihrerseits, ihre Regierungen auf irgendein Gebiet der westlichen Hemisphäre zu übertragen, als eine Bedrohung unseres Friedens
und unserer Sicherheit betrachten" und "ein solches Eingreifen, in
welcher Form es auch geschehen möge, nicht gleichgültig mit ansehen"
werden.
Es beweist tatsächlich Voraussicht und Kühnheit, daß unsere junge
Nation so ihr eigenes Interesse mit der Freiheit und Unabhängigkeit
von Ländern verknüpfte, die viele Tausend Kilometer entfernt liegen.
Die Verkündigung dieses Grundsatzes aber wurde, wie Webster berichtet,
"mit einhelligem Jubel" begrüßt.
Dieser Grundsatz ist in unseren Tagen noch erweitert worden.
Seine umfassendste Anwendung finden wir in der Charta der Vereinten
Nationen. Da aber auf Grund des Vetorechts kein unbedingter Verlaß
auf ein Eingreifen seitens der UN besteht, haben sich viele Nationen
miteinander in Verträgen zusammengeschlossen, die auf dem Prinzip der
Monroe-Doktrin beruhen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben die
Vereinigten Staaten mit Zustimmung beider Parteien derartige Verträge
mit 42 Ländern in Amerika, in Europa und Asien abgeschlossen.
Durch diese Verträge wird1 zwischen den Partnerstaaten der Grundsatz der Neutralität abgeschafft, demzufolge ein Land seine Sicherheit
am ehesten dadurch wahren kann, daß es sich dem Schicksal anderer Länder gegenüber gleichgültig verhält. Diese Konzeption jedoch wird in
steigendem Maße als veraltet empfunden, und sie ist auch, außer unter
ganz besonderen Umständen, eine unmoralische und kurzsichtige Politik.
Die

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20. Juni 1956

Die freie Welt ist heute stärker und der Friede gesicherter, weil so
viele freie Nationen tapfer die bereits erwiesene Tatsache anerkennen,
daß ein Angriff auf die Freiheit eines anderen Landes ihre eigene
Sicherheit und ihren Frieden gefährden würde.
Indessen ist es angesichts der heutigen Verhältnisse nicht genug,
wenn die freien Nationen lediglich ihre Absicht verkünden, zueinanderstehen zu wollen. Wir brauchen Streitkräfte, um diesen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Beim Ausbruch des ersten wie des zweiten Weltkrieges verfügten
die Vereinigten Staaten nur über geringe militärische Kräfte. Auch
im Falle des Koreakrieges reichten unsere Streitkräfte zunächst nicht
aus. In diesen Fallen jedoch waren die Kriegsumstände so geartet, daß
wir genügend Zeit hatten, unsere Militärmacht auszubauen.
Seit jenen Tagen aber haben die dem Menschen zu Gebote stehenden
zerstörenden Kräfte sich plötzlich in einem Maße vergrößert, das unser
Fassungsvermögen übersteigt. Heute kann eine einzige Bombe zerstörende Kräfte von gleicher Intensität entwickeln, wie sämtliche in den
fünf Jahren des zweiten Weltkrieges geworfenen Bomben. Ein etwaiger
Gegner könnte»sofern er nicht bereits im allerersten Anfang auf Widerstand stößt, in kürzester Zeit größte V rheerunge
anrichten, so daß
wir das Hasardspiel nicht wagen dürfen, unsere volle militärische
Stärke erst nach erfolgtem Angriff zu entwickeln. Um einen Gegner von
Aggressionen abzuschrecken und Fehlkalkulationen auszuschließen, sind
Warnungen nicht genug; hinter diesen Warnungen .müssen vielmehr Streitkräfte stehen, die über die nötige Schlagkraft für Vergeltungsoperationen verfügen. Das macht unsere Versicherungspolitik für den Frieden so
teuer.
Die Kosten für den Unterhalt der amerikanischen Streitkräfte im
In- und Ausland belaufen sich auf jährlich etwa 36 Milliarden Dollar.
Das sind fast $0fo der Gesamtaufwendungen für unsere Friedensversicherung,
die jährlich etwas mehr als 40 Milliarden Dollar betragen.
Die restlichen zehn Prozent, grob gerechnet also 4 Milliarden
Dollar, dienen dem Aufbau der Militärkräfte anderer Länder im Rahmen
unseres Programms für gemeinsame Sicherheit. Auf dieses Programm möchte
ich jetzt näher eingehen und Ihnen darlegen, warum es ein Bestandteil
unserer Friedensversicherung ist.
Ich werde dabei die zu erwartenden Aufwendungen zugrunde legen.
Um aber das derzeitige Tempo beibehalten zu können, muß der Kongreß
für das nächste Jahr mehr als die vorgesehenen Aufwendungen bewilligen,
denn bereits in diesem Jahr liegen die tatsächlichen Aufwendungen um
rund 1 Milliarde Dollar über den Bewilligungen.
Der Ferne Osten
Die größten Ausgaben im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit entfallen auf den Pazifischen Raum und den Fernen Osten.
Diese Aufwendungen dienen dem Ausbau der militärischen Stärke von

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von Ländern, mit denen wir kollektive Verteidigungsverträge geschlossen haben. Dieses Gebiet ist zur Zeit eindeutig einem feindlichen
Druck ausgesetzt.
In Korea herrscht Waffenstillstand. Aber die chinesischen Kommunisten sind noch nie ernstlich zu einem Frieden bereit gewesen, der
eine Wiedervereinigung Koreas durch freie, unter der Kontrolle der
Vereinten Nationen abgehaltene Wahlen bringen würde. So stehen sich
in Korea feindliche bewaffnete Streitkräfte an der durch den Waffenstillstand geschaffenen Demarkationslinie gegenüber.
Taiwan (Formosa), heute Sitz der Regierung der Republik China,
steht unter ständiger Bedrohung des Krieges. Das kommunistische China
lehnt es hartnäckig ab, eine klare Verzichterklärung hinsichtlich dieses Gebiets abzugeben.
Weiter ist da Vietnam, in dem ebenfalls Waffenstillstand herrscht,
aber noch kein offizieller Friede geschlossen wurde.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in Form von Verträgen feierlich erklärt haben, daß ein bewaffneter Angriff in diesen Gebieten auch eine Gefahr für unseren eigenen Frieden und unsere eigene
Sicherheit darstelle.
Der Kongreß hat gegen nur vier Stimmen den Präsidenten ermächtigt, die Streitkräfte der USA zur Verteidigung Taiwans (Formosas)
einzusetzen, falls er es für notwendig erachten sollte. Allerdings
wünschen wir nicht, daß es notwendig werde, um die Erhaltung der
Freiheit in diesen Gebieten zu kämpfen. Unser Ziel ist es, den Krieg
zu vermeiden. Aus diesem Grunde gewähren wir den freien Regierungen
dort militärische und finanzielle Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, eigene Streitkräfte in einer Stärke zu unterhalten, die sie
und wir angesichts der bestehenden Gefahr einer Aggression und unserer genau aufeinander abgestimmten Pläne zur Verhinderung einer solchen Aggression als angemessen betrachten.
Wir wenden im kommenden Jahr voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar
für Militär- und Verteidigungshilfe in diesem Gebiet auf. Der größte
Teil dieser Gelder wird der Republik Korea, Nationalchina und den drei
indochinesischen Ländern zugute kommen. Geringere Beträge gehen an die
übrigen Verbündeten in diesem Gebiet - die Philippinen, Thailand und
Japan.
Der Nahe Osten
Ich möchte mich nun dem Nahen Osten zuwenden. In diesem Gebiet wird
das für die Industrien Westeuropas und die Streitkräfte der NATO erforderliche Erdöl gefördert. Ein Stocken der Öllieferungen wäre für
die Erzeugerländer ein großes Unglück, da sie weitgehend auf die Einnahmen aus der Erdölförderung angewiesen sind. Außerdem müßten wir uns
dann mit Europa in die ölreserven unserer westlichen Hemisphäre teilen,
das heißt, wir hätten Mangel an Erdöl statt des bisherigen Überflusses.
Aus

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Aus diesem Grunde unterstützen wir die vier Länder des Nahen
Ostens, die das Tor zum Süden bilden, wo sich die Ölreserven befinden;
und unmittelbar dahinter liegt das Tor nach Afrika. Die Aufwendungen
für die Militärhilfe an diese Länder dürften im kommenden Jahr schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar liegen.
Die NATO
Und nun Westeuropa. Dort wachen die Streitkräfte der NATO über
die reichsten Industrien und größten Militäranlagen, über die die freie
Welt verfügten - die der Vereinigten Staaten ausgenommen. Dieses Gebiet
halten wir für so wichtig, daß die Vereinigten Staaten dort allein annähernd sechs Divisionen stationiert haben. Ich hoffe, die westeuropäischen Mitglieder der NATO werden selbst weitgehend zur Verteidigung
dieses Gebiets beitragen. Immerhin unterstützen wir auch sie durch
Lieferung bestimmter Waffentypen, deren Kosten im Budget unseres Programms für gemeinsame Sicherheit enthalten sind.
Wir unterstützen Westberlin als ein Symbol der Freiheit hinter
dem Eisernen Vorhang. Wir arbeiten an der Errichtung von Stützpunkten
in Spanien, die einen beträchtlichen Kostenaufwand erfordern. Wir halten es auch für klug, Jugoslawien zu helfen, solange es entschlossen
ist, seine volle Unabhängigkeit zu wahren. Jugoslawien hat eine Gesellschaftsordnung, die uns nicht gerade gefällt. Aber Marschall Tito hat
Moskau die Stirn geboten und sich behauptet. Und selbst wenn dieser
Streit heute beigelegt ist, stellt Jugoslawien doch ein bemerkenswertes
Beispiel für die nationale Unabhängigkeit eines Landes in Osteuropa dar.
Die uns im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in
Europa erwachsenden Kosten werden im kommenden Jahr schätzungsweise eine
Milliarde Dollar betragen.
Diese von mir aufgezählten Aufwendungen sind dazu bestimmt, mit
einem Mindestkostenaufwand unsererseits den Fortbestand von Ländern zu
gewährleisten, deren Sicherheit Teil unserer eigenen Sicherheit ist.
In diesem weitgespannten und enggeknüpften Netz unseres Sicherheitssystems verfügen wir auf diese Weise als wertvolles Nebenergebnis über
eine große Reihe von Basen überall auf der Erde, von denen aus wir und
unsere Verbündeten Gegenschläge gegen einen etwaigen Aggressor führen
könnten. Die Mannigfaltigkeit ist gerade in diesem Zusammenhang von
größter Bedeutung; denn wenn die Start- und Abschußbasen auf ein einziges Gebiet beschränkt wären, so könnten sie bereits beim ersten Angriff des Gegners vernichtet werden. Auch gibt das derzeitige Verteidigungssystem die Möglichkeit, billigere Flugzeuge mit kürzerem Aktionsradius mit Aufgaben zu betrauen, die sonst den Einsatz sehr viel kostspieligerer Maschinen erfordern würden.
So dienen diese Aufwendungen der Erhaltung unseres Friedens und
unserer Sicherheit.
Wirtschaftshilfe
Es bleiben also 700 Millionen Dollar oder rund 2^&gt; der Gesamtkosten
für unsere Friedensversicherung. Diese werden für die sogenannte

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sogenannte "Wirtschaftshilfe" verwendet. Hauptzweck dieser Wirtschaftshilfe ist es, jenen Nationen, die erst kürzlich ihre Unabhängigkeit
erlangt haben, sowie den unterentwickelten Ländern zu helfen, ihre
Unabhängigkeit ungeachtet der Verschwörungen des Weltkommunismus zu
wahren.
Wie in der Caracas-Resolution in bezug auf die westliche Hemisphäre
betont wurde, sind Friede und Sicherheit auch andernorts bedroht, wenn
der Weltkommunismus in irgendeinem der Länder der westlichen Hemisphäre
die politische Macht an sich reißt. Mit diesem Teil unseres Programms
für gemeinsame Sicherheit soll den Bemühungen feindlicher Kräfte begegnet werden, ihre Macht durch den Zugriff auf neue Reserven an
Menschenkraft und materielle Güter sowie durch die Schaffung neuer
strategischer Positionen zu vergrößern. Die Wirtschaftshilfe wird
aber noch durch viele andere Dinge gerechtfertigt.
Die Vereinigten Staaten verfügen bei weitem über die höchstentwickelte Wirtschaft der Welt. Die Produktivität unserer Wirtschaft
ist beinahe doppelt so hoch wie die der übrigen Länder.
Seit jeher haben wirtschaftlich hochentwickelte Länder den
wirtschaftlich rückständigeren Gebieten beim Ausbau ihrer Wirtschaft
geholfen. Uns half Europa,als wir begannen, diesen Kontinent wirtschaftlich zu erschließen. Es ist dies eines der Gesetze innerhalb
der menschlichen Gesellschaft, und wir können nur bei Gefahr unseres
Unterganges dagegen verstoßen.
Die uns damit auferlegten Lasten werden dadurch erleichtert,
daß unsere Wirtschaftshilfe zu einem ansehnlichen Teil in der Belieferung anderer Länder mit überschüssigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen besteht. Darüber hinaus werden alle Hilfeleistungen, die 200
Millionen Dollar übersteigen, in Form von rückzahlbaren Darlehen,
also nicht als Schenkungen gegeben.
Die Bedeutung dieses wirtschaftlichen Teils unserer Friedensversicherung wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Sowjetunion jetzt ebenfalls dazu übergegangen ist, ihre Interessen durch
Kreditgewährung an andere Länder zu fördern.
Die neue Taktik der Kommunisten verlangt gebieterischer denn je,
daß wir die Wirtschaftshilfe im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit fortführen, ja vielleicht noch ausbauen sollten. Es wäre
wirklich eine Ironie, wollten wir ausgerechnet in jenem Augenblick
unsere Tätigkeit auf diesem Gebiet einstellen, da die Sowjetunion
mit derartigen Vorhaben beginnt.
Die von mir hier kurz beschriebenen Aufwendungen - 36 Milliarden
Dollar, plus 3&gt;3 Milliarden Dollar plus 700 Millionen Dollar - belaufen
sich auf insgesamt rund 40 Milliarden Dollar und sind der Preis, den
wir jährlich für unsere Friedensversicherung entrichten müssen. Was die
zur Unterhaltung unserer eigenen Streitkräfte benötigten 36 Milliarden
Dollar anbetrifft, so sind die Auffassungen darüber, in welcher Weise

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Weise diese Summe zu benutzen sei, geteilt. Aber nur wenige meinen,
es sollte über aupt nicht soviel Geld dafür ausgegeben werden. Mehr
Auseinandersetzungen gibt es dagegen über die 4 Milliarden Dollar, die
wir im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in der von
mir eben beschriebenen Weise verwenden.
Was dies anbelangt, möchte ich noch einige Fragen beantworten.
Auslandshilfe keine "Schenkung"
Vor allem die eine Frage: Ist die Auslandshilfe eine "Schenkung",
um derentwillen man den Amerikanern höhere Steuern auferlegt, nur um
dem Ausland zu helfen?
Die Antwort hierauf ist ein glattes "Nein". Ich hoffe, daß dies
bereits aus meinen Ausführungen klar geworden ist. Es ist durchaus richtig, daß die im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit ausgegebenen Gelder anderen Ländern helfen sollen. Doch kann man eine Hilfsaktion nicht deshalb als eine "Schenkung" bezeichnen, weil anderen damit
geholfen wird. Denn oft genug helfen wir mit der anderen Ländern gewährten Hilfe uns selbst mehr als wir es in irgendeiner anderen Weise
tun könnten. Das trifft auch auf unser Programm für gemeinsame Sicherheit zu. Es trägt zur Sicherung unserer eigenen Freiheit bei, da es
die Freiheit in unserer Umwelt fördert. Das entscheidende Motiv bei
jedem einzelnen Posten unserer Aufwendungen im Rahmen des Programms für
gemeinsame Sicherheit ist unser wohlverstandenes Eigeninteresse.
Mit allem Nachdruck möchte ich zu diesem Punkt der Begründung
betonen, daß nicht ein einziger Dollar im Rahmen dieses Programms ausgegeben wird, der nicht amerikanischen Interessen dient. Bereits in
den ersten Jahren ihres Bestehens war die amerikanische Nation überzeugt, daß die Freiheit in anderen Teilen der Welt für den Frieden
und die Sicherheit unserer eigenen Nation von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Wenn ein Krieg diese Freiheit bedrohte, haben wir in diesen Krieg
eingegriffen, um sie zu retten. Das ist die kostspieligste Methode,
uns zu schützen. Heute hegen wir die Hoffnung, uns mit weniger kostspieligen Methoden schützen zu können. Das ist der Zweck des Programms
für gemeinsame Sicherheit.
Wir versuchen nicht, uns die Dankbarkeit anderer zu erkaufen.
Vergeuden wir unsere Auslandshilfe, weil die Empfänger nicht dankbar genug sind oder weil sie unsere Ansichten nicht widerspruchlos
teilen? Nein, wir verlangen von ihnen weder Dank noch Gefügigkeit.
Wir wissen, daß sich Dankbarkeit niemals erkaufen läßt, und wir geben
das Geld des Steuerzahlers nicht für solche Torheiten aus. Wir wollen
und verlangen keine Unterwerfung. Unsere Politik wird von weiten
Kreisen des Auslandes respektiert, weil sie gut ist. Doch muß der
Erfolg unseres Auslandshilfeprogramms nicht nach der Dankbarkeit oder
Unterordnung unter uns beurteilt werden, sondern danach, ob sie der
Freiheit in anderen Ländern förderlich ist und damit die Freiheit in
unserem eigenen Lande festigt. Das ist der Prüfstein für unser Programm.
Genau

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"AMERIKA DIENST
Genau kalkulierte Summen

Da also die Notwendigkeit für das Programm für gemeinsame Sicherheit gegeben ist, erhebt sich die weitere Frage, ob sich die angeforderten Beträge auch in vernünftigen Grenzen halten. Wir sind überzeugt, daß das der Fall ist. Selbstverständlich läßt sich nicht von
vornherein feststellen, ob diese oder jene Aufwendung das Zünglein
an der Waage zwischen erhöhter Gefahr und erhöhter Sicherheit oder
zwischen Krieg und Frieden bildet. Wenn ss uns aber gelingt, Sicherheit
und Frieden zu wahren, so läßt sich immer leicht einwenden, daß wir
alles wesentlich billiger hätten haben können. Dagegen läßt sich auch
kein Gegenbeweis führen. Nur an den Fehlschlägen erkennt man, daß
die Aufwendungen zu niedrig gewesen sind. Doch ist es dann zu spät.
Ich versichere Ihnen, daß wir alle, die wir an 1 iesem Programm
mitarbeiten, bestrebt sind, unserem Vaterlande zu dienen und die Ausgaben so niedrig zu halten, wie sich mit unseren nationalen Interessen
vereinbaren läßt. Unsere Vorschläge stützen sich auf Informationen,
die wir aus allen Teilen der Welt erhalten und die uns helfen, die
Stärke und die Absichten uns feindlicher Elemente in der ganzen Welt
und das Widerstandsvermögen der uns befreundeten Mächte zu beurteilen.
Fehlbeurteilungen sind daher natürlich nicht ausgeschlossen und abweichende Meinungen werden, sofern sie ehrlich sind, berücksichtigt.
Unsere Maßnahmen werden jedoch mit großer Sorgfalt durchgeführt und
von zahlreichen Regierungsstellen überprüft. Das endgültige Ergebnis,
wie es dem Kongreß unterbreitet wird, spiegelt die Meinung wider, die
sich der Präsident und der Nationale Sicherheitsrat nach bestem Vermögen gebildet haben. In der Frage der Sicherheit und des Friedens für
die amerikanische Nation bedeutet es ein Risiko, um den Preis zu
feilschen. Ein geringer Preis bedeutet nicht immer eine Ersparnis bringt aber wohl eine Erhöhung des Risikos eines Krieges mit sich.
Werden die Beträge von der Regierung richtig verwendet?
Es erhebt sich die Frage, ob diese Summen richtig verwendet werden.
Erfüllen die von uns im Interesse des Friedens und der Sicherheit gemachten Aufwendungen auch ihren Zweck? Die Antwort hierauf ist, daß
ein Teil dieser Ausgaben als Verlust abgebucht werden muß. Wie viele
der im zweiten Weltkrieg abgeschossenen Granaten mögen ihr Ziel getroffen haben? Sicher nur ein geringer Prozentsatz.
Trotzdem haben wir niemals gezögert, unsere kämpfende Truppe
mit Munition zu versorgen. Nicht alle Ziele eines gestellten Programms
werden ganz erreicht. Es ist der Preis, den wir für menschliche Unzulänglichkeiten zahlen müssen. Wir sind ständig bemüht, unsere Leistungen zu steigern. Doch der Mangel an vollkommener Treffsicherheit ist
kein Grund, die erforderliche Dollarmunition zu verweigern, die benötigt wird, um den Frieden zu gewinnen.
Sind die nationalen Streitkräfte anderer Länder notwendig? Es
wird des weiteren die
Frage erhoben, ob nicht die abschreckende
Macht und Schlagkraft der US-Streitkräfte den Unterhalt nationaler
Streitkräfte seitens der einzelnen Länder überflüssig mache, so daß
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daß sich die Kosten für diese einsparen lassen. Gewiß ist die Notwendigkeit für den Unterhalt nationaler Streitkräfte in den einzelnen
Ländern angesichts unserer Streitmacht geringer. Es wäre tatsächlich
unpraktisch, in allen Staaten rings um den sowjetischen Machtbereich
nationale Streitkräfte von einer Stärke zu unterhalten, die ausreichte,
einen etwaigen Angriff abzuschlagen. Doch dürfen wir uns nicht völlig
auf die an zentralen Punkten bereitstehenden strategischen Streitkräfte
verlassen. Bedrohte Nationen halten es für zwingend notwendig, sich
selbst zu verteidigen. Tatsächlich würden sie, wenn sie dieses Gefühl
nicht hätten, weder unsere Unterstützung verdienen noch würde diese einen
Zweck haben. Des weiteren sind nationale Streitkräfte, die ihrer Regierung treu ergeben sind, zur Verhinderung von kommunistisch unterstützten Umsturzversuchen im Inneren notwendig.
Aber nicht nur unsere militärische Stärke stellt ein Abschreckungsmittel gegen eine Aggression dar, sondern auch die Gewißheit, daß ein
offener bewaffneter Angriff sofort auf tapferen und organisierten
Widerstand stoßen würde. Dieser würde, verstärkt durch die Einlösung der
vertraglichen Verpflichtungen bezüglich Kollektivaktionen, Konsequenzen
nach sich ziehen, über die ein Angreifer keine Kontrolle hätte und die
er nicht beschränken könnte.
Ist ein Ende abzusehen?
Schließlich wird die Frage gestellt, ob diese Kosten denn für eine
unbegrenzte Dauer getragen werden sollen. Ist denn kein Ende für diese
gewaltigen Ausgaben von insgesamt 40 Milliarden Dollar im Jahr, die als
Versicherungsprämie zur Erhaltung des Friedens zu zahlen sind, abzusehen?
Die Antwort hierauf ist, daß wir die Kosten für die Abwendung
dieser Gefahr solange aufbringen müssen als diese Gefahr besteht.
Die sowjetischen Machthaber unternehmen gegenwärtig gewaltige Anstrengungen, um ihr militärisches Potential zu erhöhen und ihren Herrschaftsbereich auszuweiten. Sie unterhalten eine Militärmacht, die der
unsrigen etwa entspricht, und sie scheuen keine Kosten, uns zu überflügeln. Rotchina und den ihnen verbündeten osteuropäischen Satelliten
gewähren sie militärische Unterstützung. Dabei handelt es sich um
Summen, die in die Milliarden Dollar gehen. Auch die Völker der freien
Welt werden von ihnen mit Kreditangeboten für die Beschaffung wirtschaftlicher und militärischer Güter umworben. Kredite in einer Gesamthöhe von 500 Millionen Dollar sind von ihnen bereits vergeben worden,
und weitere Kreditangebote über mehrere Hundert Millionen liegen vor.
Fast 500 Millionen Dollar werden von ihnen jährlich für Zwecke der
Auslandspropaganda ausgegeben.

für
tet
wie
für

Fast 20 Prozent ihres Bruttosozialprodukts wendet die Sowjetunion
militär- und außenpolitische Maßnahmen auf, die gegen uns gerichsind. Solange sie an einer solchen Politik festhält, müssen wir,
es heute geschieht, etwa 10 Prozent unseres Bruttosozialprodukts
Zwecke der Friedenssicherung ausgeben.
Wir

�•'

"AMERIKA DIENST"

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Wir können diese Opfer bringen und dabei gleichzeitig unseren
Lebensstandard erhöhen. Der Beweis dieser Tatsache hat einen gewaltigen
Einfluß auf die internationale Politik ausgeübt.
Niemals wird eine verantwortungsbewußte Regierung ihr Vertrauen
in Friedensbeteuerungen und Bezeugungen des guten Willens setzen, die
auf keiner verläßlichen Grundlage beruhen, die die Nation der Isolierung in der Welt aussetzen oder sie der Möglichkeit zum Zurückschlagen
berauben würao, das zur Abwendung eines überraschenden Angriffs notwendig ist.
Doch gibt es Anzeichen dafür, daß ein neuer Tag anbrechen kann.
Die sowjetischen Machthaber geben heute vor, sie haben der Doktrin
abgeschworen, daß Gewalt ein notwendiger Bestandteil ihrer Außenpolitik sei. Sie reißen Stalin herunter, den sie 25 Jahre lang als Halbgott verehrt haben. Seine Schriften, die seit 25 Jahren das Glaubensbekenntnis des Kommunismus bildeten, werden jetzt eingezogen. Zum ersten
Mal seit der bolschewistischen Revolution wird in diesem Jahr die
Bibel in Rußland wieder gedruckt und an die Bevölkerung verkauft. Dem
russischen Volk wird eine größere persönliche Sicherheit zugestanden,
und die Arbeiterschaft erhält größere Freiheit in der Wahl des Arbeitsplatzes .
Offensichtlich verlangen die geknechteten Nationen nach größerer
Unabhängigkeit und die unterworfenen Völker innerhalb und außerhalb
Rußlands nach größerer Freiheit von Furcht und nach einem höheren
Anteil an den Früchten ihrer Arbeit, statt daß diese Früchte für eine
Politik verwendet werden, die allein der Machterweiterung des Staates
dient. Diese Forderungen werden im Volke allgemein und in steigendem
Maße laut. Das allein erklärt die außerordentlichen Anstrengungen der
sowjetischen Machthaber, den Anschein zu erwecken, daß grundlegende
Veränderungen eingetreten sind. Auf Grund dieser Entwicklung könnte zwar nicht in diesem oder im nächsten Jahr - doch eines Tages eine
Regierung gebildet werden, die den berechtigten Wünschen des Volkes
Rechnung trägt und die alle expansionistischen Ziele aufgibt.
Zahlreiche Ereignisse bestärken uns in unserem Vertrauen, daß
diese Politik fortgesetzt wird, wenn wir stark bleiben, wenn wir uns
für die Freiheit einsetzen, und die Segnungen, die die Freiheit mit
sich bringt, klar und deutlich herausstellen.
Es wird niemals eine Zeit geben, in der wir beruhigt unsere
Pläne und unsere Arbeit im Interesse des Friedens aufgeben können
und keine weiteren Opfer für den Frieden mehr zu bringen brauchen.
Doch läßt sich erkennen, daß, sofern wir standhaft bleiben, eine Zeit
kommen wird, in der die Gefahr geringer sein wird und auch unsere Kosten entsprechend reduziert werden können. Doch bis dahin ist es unsere
patriotische Pflicht, an dem festzuhalten, was sich als gut bewährt hat.
* * * * *

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�A M E R I K A

DULLE3:

D I E N S T

FREIE WELT MUSS WACHSAM BLEIBEN
SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den 7/ortlaut einer Rede des US-Außenministers John Foster Dulles, gehalten am 21.Juni
1956 in S a n Francisco vor der "Kiwanis International"-Vereinigung. Dulles geht darin auf die
neuerlichen Friedensbeteuerungen der Sowjets ein
und beleuchtet die augenblickliche Situation der
Weltpolitik.

"Ihre Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf internationaler Ebone intelligente, aufgeschlossene und pflichtbewußte
Bürger zu erziehen. Ich weiß, daß Sie daher an der heutigen Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotismus außerordentlich
interessiert sind.
Es ist ja wohl nichts Neues, daß sich Despotismus und Freiheit
bekämpfen. Dies war schon seit Urzeiten so. Heute aber hat diese
Auseinandersetzung ein Ausmaß und eine Intensität erreicht, die für
unser Zeitalter charakteristisch geworden sind.
Die Kräfte des Despotismus sind besser organisiert als je
zuvor. Sie beherrschen bereits ein Drittel der ganzen Menschheit
und sie propagieren ganz offen ihr Ziel, ihr System auf die ganze
Welt auszudehnen.
Bisher haben sie ihre Erfolge durch die Anwendung oder die
Androhung von Gewalt erzielen können. Während der Ära Stalins wurden
15 Nationen ganz oder zum großen Teil mit Gewalt der sowjetkommunistischen Herrschaft
unterworfen, .über die freien Nationen sind
gegenüber der Gefahr wach geworden. Sie haben ihre Abwehrkraft aufgebaut und sich in Maßnahmen zur kollektiven Verteidigung zusammengeschlossen. Der sowjetische Kommunismus konnte nicht mehr länger
eine Nation nach der andern einzeln herausgreifen.
Jetzt sagen die Sowjetmachthaber, daß sie künftig auf Gewaltanwendung verzichten werden. Aber sie erklären zugleich, daß sie
weiterhin damit rechnen, daß ihr System sich in der Welt durchsetzen wird, weil es so gut ist, daß alle Menschen es wünschen
werden.
Wir begrüßen diese Entwicklungen und werden sie unterstützen.
Es_
- 1 -

�AMERIKA DIENST"

27- Juni 1956

Es wäre jedoch töricht, wollte man annehmen, daß die Gefahr nunmehr vorüber ist und daß -.vir unsere Politik der gemeinsamen Sicherheit, die die alten sowjetischen Taktiken vereitelte, aufgeben
können. Die Sowjetmachthaber behalten weiterhin eine Position, die
es ihrer, ermöglicht, schnell zu ihren alten Gewalt- und Zwangsmethoden
zurückzukehren, und sie würden gewiß versucht sein, dies zu tun,
wenn die freien Nationen jemals ihre ""o'itik des Zusammenstehens
aufgäben. Denn die klassische und na'ür'iche Taktik des SowjetKommunismus, wie er nicht nur von Stalin sondern auch von Lenin
gelehrt wird, ist die Gewalt. Die sov^etische Industrie arbeitet
auf Hochtouren, um immer stärkere At m- und Kernwaffen zu produzieren. Die thermonuklearen /ersuche in der Sowjetunion werden in
größerer Zahl durchgefünrt. Sie arbeite unermüdlich daran, die
Mittel für den Einsatz neuer Waffen dur&lt;h Bomber, InterkontihentalRaketen und Unterseeboote zu vermehren.
Sie entwickeln auch neue Techni en der indirekten Aggression.
Sie versuchen zum Beispiel, ihre Age te . in andere Länder zu schleusen - Männer, die Techniker sind, aoer auch gleichzeitig dem politischen Apparat des internationalen "Kommunismus angehören. Sie versuchen Länder, die der Hilfe bedürfen, mit wirtschaftlichen Versprechungen zu umgarnen. Sie bereite,, sich auf die Möglichkeit
vor, andere Regierungen gegen den Willen, ja ohne Wissen der jeweiligen Völker zu unterwandern.
Es ist daher von lebenswichtiger Bedeutung, daß die freien
Nationen auf der Hut bleiben und an ihrer Politik der Sicherung
des Friedens festhalten - wozu in unserem Falle auch das Programm
der gemeinsamen Sicherheit gehört, das jetzt dem Kongreß vorliegt.
Auf der anderen ^eite nehmen wir jedoch voller Zuversicht die
Herausforderung der sowjetischen Kommunisten an, unsere Systeme
einem Vergleich zu stellen.
Wir stellen zuerst einmal die Frage: V'enn der Kommunismus so
gut ist, daß - wie seine Führer sagen - die anderen ihn um seiner
Verdienste willen aus freien Stücker akzeptieren v/erden, warum sollte
man dann nicht denen die erste Wahl lassen, die ihn am besten kennen?
Das russische Volk hat jetzt 39 Jahre Zeit gehabt, um die Qualitäten
des sowjetkommunistischen Systems schätzen zu lernen. Die osteuropäischen Völker hatten zehn und mehr Jahre Zeit, um dieses System
zu bewerten. Wenn der Kommunismus auf Grund seiner eigenen Verdienste
den Sieg davontragen kann,und zwar unter den Bedingungen einer wahrhaft freien Wahl, warum stellen seine Verfechter dies nicht den Ländern unter Beweis, wo er heute an der Macht ist?
Die sowjetischen Machthaber versprachen auf der Konferenz auf
höchster Ebene im vergangenen Juli, daß sie dem deutschen Volk freie
Wahlen zugestehen wollten. Rund 17 Millionen der Deutschen kennen den
Kommunismus sozusagen aus erster Hand, und die meisten anderen kennen
Augenzeugenberichte. Warum sagt die sowjetische Regierung nun, wie sie es
im November vergangenen Jahres in Genf erklärt hatte und immer noch wiederholt, daß sie die versprochenen freien Wahlen nicht gestatten wird, weil
sie fürchtet, das deutsche Volk würde sich von den sogenannten 'sozialen
Errungenschaften' abwenden, die das kommunistische Regime Ostdeutschland
auferlegt hat?
- 2 Dürfen

�"AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Dürfen die freien Völker nicht mit Recht annehmen, daß an einem
System, das von keinem Volk bisher freiwillig akzeptiert wurde und das
die sowjetischen Machthaber selbst nicht dem Urteil jener Völker unterwerfen wollen, die es am besten kennen, grundsätzlich etwas falsch sein
muß?
Wir wollen aber nicht nur auf der Basis dieser Annahme argumentieren, so einleuchtend sie auch ist. Wir wollen das sowjetische System
einmal näher beleuchten.
Sicher scheint die Diktatur in einem engbegrenzten Bereich das
vorteilhaftere System zu sein. Sie gestattet einen opportunistischen
Kurs. Sie ermöglicht eine Beweglichkeit im Handeln, wie sie Regierungssystemen abgeht, die auf dem Grundsatz der Demokratie basieren. Despotische Herrscher können heute eine Richtung einschlagen und schon am
anderen Tage eine Schwerkung um 180 Grad vornehmen, ohne ihren Zickzackkurs der Öffentlichkeit erklären oder vor ihr rechtfertigen zu müssen.
Sie sind weder an Anweisungen eines Parlaments noch an einen festen
Haushaltsplan gebunden. Sie können die Erziehung ihres Volkes jeweils
dem Gebot der Stunde anpassen, und sie haben die Möglichkeit, nach ihrem
eigenen Gutdünken Menschen zu zwingen, im In- und Ausland für die Regierung zu arbeiten. Die kommunistischen Diktaturen, die sich vom
Atheismus und Materialismus leiten lassen, können darüber hinaus die
menschliche Arbeitskraft wie eine Ware behandeln, die dazu da ist, um
für die Glorifizierung des Staates aufgebraucht zu werden. Und sie tun
es auch.
Auf Grund dieser Machtbefugnisse können Diktatoren Dinge bewerkstelligen, die andere Regierungen, die ihre Macht von der Zustimmung
des regierten Volkes herleiten, nic-t zu vollbringen vermögen.
Viele despotisch regierte Völker haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Denkmäler hervorgebracht - Pyramiden, Kolosseen, Paläste
und Tempel -, die von Sklaver: in mühevoller Arbeit errichtet wurden,
um Könige und Potentaten zu glorifizieren, die den Staat personifizierten. Der Sowjetstaat kann ähnliche Errungenschaften für sich verbuchen. Durch die rücksichtslose Ausbeutung von Zwangsarbeitern haben
die Diktatoren moderne Monumente in Gestalt von Industrieanlagen, Elektrizitätswerken und ähnlichem geschaffen. Sie haben ihr Wirtschaftssystem einem erzwungenen und unausgeglichenen Wachstum unterworfen und
mit Hilfe reicher natürlicher Hilfsquellen und unter der Gunst eines
gemäßigten Klimas die Industrialisierung und die Ausbildung von technischen Fachkräften rasch vorangetrieben.
All diese Erfolge werden von der Sowjet-kommunistischen Propaganda
herausgestrichen. Aber auch diese Medaille hat ihre Kehrseite.
Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, sämtliche Übel des
sowjet-kommunistischen Despotismus aufzuzählen. Ich möchte allerdings
Ihre Aufmerksamkeit auf die Enthüllungen lenken, die Herr Chruschtschow,
der derzeitige Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, in
seiner zunächst geheimgehaltenen Rede vor dem XX. Parteikongreß der

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27. Juni 1956

der KPdSU gehalten hat. Diese Rede ist die schlimmste Verdammung
des Despotismus, die je aus dem Munde eines Despoten gekommen
ist. Sie allein sollte allen freien Völkern Anlaß genug sein, jene
Form des Despotismus zu meiden, so wie sie vor der Pest fliehen
würden.
Chruschtschow hat aus verständlichen Gründen versucht, seine
Hede geheimzuhalten.
'Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den
Reihen der Partei, insbesondere nicht in die Presse dringen lassen',
so sagte er. '-.. Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern, und
wir sollten unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen'.
Inzwischen ist Chruschtschows Rede bekannt geworden. Man sollte
sie in allen Teilen der Welt lesen und sorgfältig studieren.
7/as hat Chruschtschow gesagt? Er hat erklärt, daß eben jener
Mann, der für Jahre hindurch an der Spitze der Kommunistischen Partei
der Sowjetunion und der Sowjetregierung stand, der als ein Halbgott
dargestellt wurde, und dessen Schriften dem Kommunismus in aller Welt
als bindende Richtschnur galten, in Wirklichkeit, was seine Lehre
anging, ein 'Abweichler' war; daß er sich als Führer des Staates
den Gefahren gegenüber, die dem Staat drohten, so blind gezeigt
habe, daß seine Handlungsweise schon fast an Verrat grenze; und
daß er als Mensch in seinem Charakter so brutal und sadistisch gewesen sei, daß er einem der übelsten der römischen Kaiser, Caligula,
den Rang streitig mache. Darüber hinaus - und das ist der wichtigste
Punkt - stellte Chruschtschow die Unfähigkeit des sowjet-kommunistischen Systems bloß, sich seiner eigenen schlechten Führung zu entledigen, da ja eben diese schlechten Führer es waren, die die höchste
Macht besaßen, andere zu liquidieren.
Ich darf Ihnen hier kurz einige der wichtigsten Punkte der langen
Rede Chruschtschows aufzählen.
Chruschtschow erklärte nach einem Hinweis auf verschiedene der
Schriften Stalins: 'Das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei.'
Chruschtschow erklärte weiter, daß Stalin vor Hitlers Angriff auf
Rußland hinreichend gewarnt worden war, daß aber 'trotz dieser überaus
ernsten Warnungen nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen worden sind, um eine Verteidigungsbereitschaft des Landes sicherzustellen
und es vor Überraschungsangriffen zu bewahren.'
Chruschtschow erklärte, daß die Furcht vor Stalin so groß gewesen
sei, daß diejenigen Männer, die mit der Sammlung und Auswertung von
Nachrichten beauftragt waren, ihrer Aufgabe nur mit Zittern und Zagen
nachkamen, auf daß nicht das, was sie berichteten»Stalin aufrege und
damit ihr eigenes Leben gefährden könne. Er erklärte wörtlich 'wegen
der Voreingenommenheit der Führung gegen solche Nachrichten; war man
ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.'
Chruschtschow

�"AMERIKA DIENST"

27. Juni

1956

Chruschtschow gab an, daß Stalin, um seinen Sadismus zu befriedigen, immer wieder die Anwendung von Folterungen verlangte, um falsche
Geständnisse zu erpressen, die dann zur Grundlage von Justizmorden gemacht wurden. Er befahl 'lange Folterungen' und hat gewöhnlich selbst
'den Untersuchungsrichter zu sich gerufen, um ihm Instruktionen zu erteilen und Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden
zu geben; diese Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und
nochmal schlagen'. Chruschtschow führt Fall um Fall der Anwendung
der Folter auf.
Chruschtschows Rede beschwört ein abscheuliches Bild herauf.
Man kann diese Rede nicht ohne Grauen und Abscheu lesen. Doch dürfen
wir nicht bei dieser instinktiven gefühlsmäßigen Reaktion verweilen.
Wir müssen weitergehen und die grundlegende Frage stellen: Warum wurden
diese Dinge nicht zu Stalins Lebzeiten aufgedeckt? und nicht erst
ganze drei Jahre nach Stalins Tod?
Chruschtschow versucht, dies zu begründen. Er verweist auf Berija
als Stalins wichtigsten Handlanger bei Folter und Mord, und erklärt:
'Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Mißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen
Dingen und handelte mit Stalins Unterstützung.'
Kurz, das kommunistische Regime in der Sowjetunion bietet keinerlei Sicherungen selbst gegen so extremen Mißbrauch der Macht, wie
Chruschtschow ihn schildert. Es gibt keinerlei Schranken und Gegengewichte. Das System ist, wie selbst Lenin es ausdrückte, ein System
der 'unumschränkten Macht, die sich auf Gewalt, und nicht auf das
Recht gründet'. Alles vollzieht sich im Dunkel. In diesem System gibt
es keine Handhabe, den Herrscher durch einen anderen zu ersetzen,
Wird diese Herrschaft mißbraucht, so bringen nur Tod oder Gewalt das
sichere Ende dieses Mißbrauchs; und selbst der Tod gibt noch keine
Gewähr dafür, denn Berija, den Chruschtschow noch schlimmer als Stalin
nennt, wäre wahrscheinlich Stalins Nachfolger geworden, wenn er nicht
in dem nach Stalins Tode einsetzenden Kampf um die Macht beseitigt
worden wäre.
Die heute führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in
Rußland waren sämtlich Freunde Stalins und wußten ganz genau, was
vor sich ging. Chruschtschow und Bulganin waren Stalins enge Mitarbeiter und, weiß Gott, die Nutznießer seiner Säuberungen innerhalb der
Partei. Und heute müssen sie zugeben, daß es kein Mittel gibt, selbst
den größten Mißbrauch der Macht zu verhindern, wenn das von ihnen
verfochtene System erst einmal in einem Lande Fuß gefaßt hat.
Auch ist zu beachten, daß zwar die kommunistischen Führer der
Sowjetunion heute unter sich über Stalins Verbrechen sprechen und
sich in der Öffentlichkeit von Stalin distanzieren wollen und anscheinend wirklich hoffen, eine Wiederholung dieser Schreckensherrschaft
zu vermeiden, daß aber in der kommunistischen Partei Chinas, die versucht, das System ihres Landes auf ganz Asien auszudehnen, und deren
Führer Stalins eifrigste und ergebenste Nachahmer waren, nicht

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�"AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

nicht einmal diese Einsichten zu erkennen sind. Mao Tse-tung erklärte in einem Artikel über Stalin nach dessen Tode: ".Vir scharten
uns um ihn, baten ihn ständig um seinen Rat und sogen ideologische
Kraft aus seinen Werken'. Der Delegierte der Kommunistischen Fartei
Chinas auf dem XX.Parteikongreß in Moskau, auf dem Chruschtschow seine
Rede hielt, rühmte 'die Festigkeit und Unbesiegbarkeit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Lenin geschaffen und Stalin großgemacht hat.
Ja, die chinesischen Kommunisten haben sogar versucht, Stalin
an Brutalität noch zu übertreffen. Und wehrend Stalins Nachfolger
in Rußland zumindest vorgeben, auf dem Gebiet der internationalen
Politik keinerlei Gewalt anzuwenden, lehnen die chinesischen Kommunisten dies nach wie vor ab. Wir haben geduldig versucht - und versuchen dies noch immer - sie dazu zu bringen, sich eindeutig gegen
alle Gewaltmaßnahmen zu erklären, insbesondere was das Gebiet von
Formosa anbelangt; aber leider bisher ohne jeden Erfolg.
So sehen wir nun das System unverhüllt vor uns, vo"! dem Bulganin
und Chruschtschow sagten, sie hofften, daß die freien Völker der '.Veit
es freiwillig akzeptieren würden. Es ist ein System, das wieder einmal
die Wahrheit von Lord Actums Ausspruch beweist, daß 'Macht die Tendenz
hat, die Menschen zu korrumpieren; und absolute Macht bedeutet absolute
Korruption'. Es ist ein System, in dem Mißbräuche unvermeidlich sind
und das keinerlei Handhabe bietet, diese Mißbräuche abzustellen.
Und diesem System steht das System der freien Gesellschaftsordnungen gegenüber, wo die Regierung mit Wissen und Zustimmung der
Regierten ihre Aufgaben erfüllt, und wo die Regierung abgesetzt wird
und eine neue an ihre Stelle tritt, wenn die Regierten es wünschen.
Der größte Vorwurf der sowjetischen Kommunisten gegen diese Gesellschaftsordnungen ist der, daß sie reaktionär seien, Gesellschaften,
in denen der 'Status quo* herrsche. Aber wie sieht es in diesen Gesellschaften aus?
Es ist eine schöne Sitte der freien Gesellschaft, Selbstkritik
zu üben und ihre Mängel offen zu bekennen. Aber hin und wieder ist es
angebracht, einmal eine Bestandsaufnahme der ungeheuren positiven
Wandlungen vorzunehmen, die in den Ländern mit einer echten Volksvertretung erreicht wurden. Dies ist um so notwendiger, als friedliche Wandlungen selten die Aufmerksamkeit der Menschen in dem
gleichen Maße auf sich ziehen wie jene Veränderungen, die durch
Gewalt herbeigeführt werden.
Lassen Sie uns also die friedliche Evolution betrachten, die
sich in unserer amerikanischen Gesellschaft seit 1917 vollzogen hat,
als die 'revolutionären' Bolschewisten in Rußland die Macht ergriffen.
Unsere freie Gesellschaft erhält ihren Hauptimpuls von
giösen Charakter, von dem sie bestimmt wird. Wir glauben an
ge Natur des Menschen und an die Menschenwürde als Ergebnis
sache, daß der Mensch seinen Ursprung in Gott hat, der sein
bestimmt.

dem relidie geistider TatSchicksal
Ein

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�"ALIERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Ein solcher Glaube ist ein ständiger und mächtiger Antrieb, die
Welt mit friedlichen Mitteln zu verändern und eine bessere Welt zu
schaffen.
In dem Zeitraum, von dem ich spreche, haben gewaltige Veränderungen
stattgefunden.
Die rechtliche Benachteiligung, die seit Jahrhunderten das Los
der Frau gewesen war, wurde beseitigt, und heute unterscheidet sich
ihre politische, wirtschaftliche und soziale Stellung völlig von der,
die sie vor 40 Jahren besessen hatte.
Wenn auch noch nicht völlig beseitigt, so ist die Rascendiskriminierung doch rasch im Verschwinden begriffen. Die heutigen Verhältnisse
lassen sich nicht mit denen vor 40 Jahren vergleichen.
In steigendem Maße wurden Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit eingeführt. Die Kindersterblichkeit ging um 75 Prozent zurück. Zahlreiche
gefährliche Krankheiten wurden ganz ausgerottet.
Die Wissenschaft vollbringt Wunder. Wissenschaftler der freien
Welt haben als erste das Atom gespalten und gewaltige neue Möglichkeiten des Fortschritts auf den Gebieten der Wirtschaft und der Medizin
eröffnet. Durch internationale Abmachungen werden diese Möglichkeiten
in der ganzen Welt greifbar, und wir erwarten als Folge von Präsident
Eisenhowers 'Atome-für-den-Frieden'-Vorschlag vor den Vereinten Nationen
die baldige Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde.
Die amerikanische Produktivität hat sich in den vergangenen 40 Jahren etwa verdreifacht.
Der Lebensstandard der Arbeiterschaft ist gestiegen. Ihre Löhne
sind höher, die Arbeitszeit wurde verkürzt, der Arbeitsplatz ist gesicherter und die Altersversorgung ausgebaut. Die Löhne sind hoch und
die Arbeitszeit kurz. Im Jahre 1916 betrug der durchschnittliche Arbeitslohn bei einer Arbeitszeit von 49 Stunden in der Woche, gemessen an
der Kaufkraft des Dollars im Jahre 1955» etwa 32 Dollar. Heute beträgt
er etwa 76 Dollar bei einer 41stündigen Arbeitswoche. Der Unterschied
zwischen dem Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters und eines
leitenden Angestellten ist in den Vereinigten Staaten geringer als in
der Sowjetunion.
In den vergangenen 40 Jahren ist aber der Lebensstandard nicht
nur beträchtlich gestiegen, sondern gerade die unteren Einkommensschichten waren daran verhältnismäßig am stärksten beteiligt.
In den letzten Jahren erhöhte sich das Bruttoeinkommen im obersten
Fünftel der Einkommensskala um 35 Prozent, während das Bruttoeinkommen
des untersten Fünftels um 125 Prozent anstieg. Ferner werden die Einkommen- und Erbschaftssteuern,im Gegensatz zu der Zeit vor 40 Jahren,
wo diesen fast keine Bedeutung zukam, heute zum großen Teil von den
höheren Einkommensgruppen im Interesse des Allgemeinwohls getragen.
Dadurch erhöht sich der Anteil der niedrigeren Einkommen am Sozialprodukt noch weiter.
Das

�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Das Miteigentum an den Produktionsmitteln, das 1917 noch sehr
gering war, ist heute weit gestreut, über acht Millionen sind heu^e
Besitzer von Aktien amerikanische.' Industriegesellschafton. über 22
Millionen Familien besitzen ein eigenes Haus, während es vor 40 Jahren
nur sieben Millionen waren.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind selbst auf dem Gebiet des höhe1", n
Schulwesens erheblich erweitert. Heute besuchen 57 Prozent der jungen
Menschen im Alter von 18 bis 21 Jahren Lehranstalten, während es im
Jahre 1920 lediglich 8 Prozent waren.
All diese und viele weitere Fortsc ritte sind im Rahmen unserer
freien Gesellschaftsform erzielt worden.
Auf internationalem Gebiet ist gleichfalls ei um' ^send.r '7echsel eingetreten. Ein großer Fortschritt wurde hins chtlich der Entwicklung von kollektiven Sicherheitssystemen gemacht. Dies Ist der
Weg der Vernunft. In einer entwickelten und vernunftre^i rten Gesellschaft bekämpft man das Verbrechen durch ein kollektives .olizeisystem,
bekämpft das Feuer mit einer gemeinsamen Feuerwehr und die Krankheit
durch öffentliche Gesundheitsdienste. Dieses Prinzip ein., kollektiven
Anstrengung tritt jetzt auf internationaler Ebene hervo.. . Seine Initiatoren waren die freien Nationen, einmal im Rahmen der Organisation
der Vereinten Nationen, zum anderen durch die kollektiven üicherheitsverträge. Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit 42 anderen Nationen
durch solche Verträge verbunden. Diese Entwicklung ist ei;:.; Anwendung
des großen Moralprinzips, daß 'wir alle Glieder einer großen Familie
sind und einer für den anderen da ist.'
In gleicher V/eise ist der Grundsatz der Menschenwürde auf das
Kolonialproblem angewandt worden. In einer Zeit, in der der internationale Kommunismus mit Gewalt seine Herrschaft über mehr als 65O Millionen Menschen ausdehnte und die Unabhängigkeit von 15 Nationen vernichtete oder beschnitt, gewährten die freien Nationen 17 Ländern mit
einer Bevölkerung von rund 65O Millionen Menschen die Unabhängigkeit.
Damit wird der gewaltigste Gegensatz zwischen dem dynamischen Liberalismus freier Gesellschaften und dem brutalen Rückschritt jener, die
die Gewalt anbeten, deutlich. Ob wir also die Entwicklung auf nationaler
oder auf internationaler Ebene betrachten,
so sehen wir den ungeheuren und wohltuenden V/andel, den der Prozeß
der Freiheit hervorgebracht hat.
Aber wir dürfen uns nicht einfach zufriedengeben und der Meinung
sein, daß unsere Vergangenheit automatisch unsere Zukunft sichert.
Es ist wesentlich, daß der dynamische und liberalisierende Einfluß
der Freiheit ständig zum Tragen gebracht wird, und zwar nicht nur mit
Worten, sondern durch Taten.

In

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

In jedem Wettstreit mit dem Despotismus sind die freien Gesellschaften, wie es mitunter scheint, in mancher Hinsicht im Nachteil. Sie decken ihre Schwächen und Mängel auf, während die Despoten
sie in der Regel verbergen. Die freien Gesellschaften erscheinen
daher oft schlechter als sie sind, und die Despoten können zuweilen
besser erscheinen als sie in Wirklichkeit sind.
Es geschieht nicht oft, daß der Despotismus öffentlich entlarvt
werden kann wie durch die Publikation der Chruschtschowrede. Um diesem
Vermögen des Despotismus, sich selbst zu maskieren, die Wirkung zu
nehmen, müssen die freien Gesellschaften ihre eigene beständige Hingabe an die liberalen Prinzipien des friedlichen Wandels über allen
Zweifel klar herausstellen.
Zu beweisen, daß der Despotismus vom Übel ist, ist nicht genug.
Es ist genauso notwendig, daß man wieder und wieder beweist, daß die
Freiheit gut ist. Sofern die freien Völker das nicht tun, wird der
Despotismus siegen und sei es nur aus dem Grunde, weil die in Not
lebenden Völker, wie zum Beispiel in den neuaufstrebenden Ländern,
leicht durch die Aussicht auf einen raschen wirtschaftlichen Wandel
verführt v/erden können, worauf die sowjetischen Machthaber spezialisiert sind.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen weihen.
Wenn wir weiterhin die Freiheit als eine dynamische, liberalisierende
Kraft aufzeigen können, dann brauchen '.vir die Ergebnisse eines friedlichen Wettstreits, den die Sowjetmachthaber anzubieten vorgeben,
nicht fürchten. Vielmehr können wir hoffen, daß die derzeit innerhalb
der Sowjetunion und in den von den Sowjets geknechteten Völkern am
Werk befindlichen Kräfte fordern werden, daß diejenigen, die herrschen, sich in zunehmendem Maße an die Prinzipien der Freiheit halten.
Daa bedeutet, daß sie in zunehmendem Maße die Würde des Einzelmenschen
anzuerkennen haben, daß sie die Wünsche und Hoffnungen des Volkes immer
mehr zufriedenstellen und daß sie sich selbst immer stärker einem
friedlichen Wandel gemäß dem Willen der von ihnen regierten unterstellen. Auf diese Weise wird eine weitweite Ära eines wahren
Liberalismus ihren Anfang nehmen.
Diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren
klar ersichtlich. Sie sollte uns zu wachsender Anstrengung anspornen. Nunmehr können wir die Zuversicht haben, daß es unserer
Generation möglich sein könnte, am Aufbau einer solchen Welt teilzunehmen, die wir mit Stolz unseren Kindern hinterlassen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

ZIEL DER USA:

D I E N S T

FREIHEIT IN EINER V/ELT DES FRIEDENS

MIAMI (Florida) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Ansprache,
die der Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 30«Juni 1956 vor der 39«Jahresversammlung der Lions International in Miami
(Florida) gehalten hat.

Ich habe mir für heute ein Thema ausgesucht, das meiner festen
Überzeugung nach die bedeutsamste und lebenswichtigste*Fragestellung
unserer Zeit überhaupt betrifft. Ich darf es Ihnen vielleicht in Form
einer Frage vorlegen: Welche Politik seitens der Vereinigten Staaten
ermöglich" uns am ehesten die Erreichung jenes Zieles, das wir um unserer selbst willen und im Interesse anderer erstreben - die Freiheit
in einer Welt des Friedens?
Lassen Sie mich drei Dinge von vornherein klarstellen:
Diese Fragen lassen sich nur in völliger Unparteilichkeit behandeln. Keine politische Partei hat ein Monopol auf den Patriotismus oder
auf rie Hingabe an die grundlegenden Zielsetzungen, die alle Amerikaner
teilen, nämlich unser Land stark, das Volk frei und der Welt den Frieden
zu erhalten.
Unter Menschen, die sich gleicherweise von den besten Absichten
leiten lassen, bestehen dennoch oftmals verständliche und ehrenhafte
Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Politik wir in d ieser unserer Zeit verfolgen sollten. Der eine vertritt die Auffas sung, wir
gebe: zu viel, der andere, wir geben zu wenig für die Vert eidigung
aus. Der eine mag meinen, wir sollten unsere Auslandshilfe verstärken,
der andere, wir sollten sie kürzen. Der eine argumentiert, daß wir
angesichts der jüngsten Ereignisse der kommunistischen Wel t gegenüber
eine zu unnachgiebige Haltung einnehmen, während ein ande rer behauptet, daß wir zu nachgiebig verfahren.
Der dritte Punkt, den ich klarstellen möchte, ist der, daß ich
für meinen Teil keineswegs eine Unfehlbarkeit oder Allwissenheit auf
diesem Gebiet in Anspruch nehme. Ich unterbreite Ihnen keine geheimen
Informationen - auch keine Zauberformel. Ich möchte Ihnen vielmehr
ein Bild aufzeigen von den Problemstellungen, denen sich die Männer
in Washington gegenübersehen, die unseren politischen Kurs bestimmen,
und ich möchte dabei so objektiv verfahren, wie ich nur vermag. Darüber
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�"AMERIKA DIENST"

11 . Juli 1956

Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu erkennen geben, wie wir diese
Probleme anpacken können.
Der amerikanische Standpunkt
Lassen Sie mich zuerst den Standpunkt der Vereinigten Staaten
gegenüber dieser großen Frage untersuchen.
Die Friedenssehnsucht ist tief im Herzen jedes einzelnen Amerikaners verwurzelt und findet auf jedem Blatt der Geschichte unseres
Landes ihren Niederschlag. Die Scharen von Einwanderern, die unseren
Staat groß gemacht haben, kamen hierher, um dem Zank und Hader in
ihrer alten Heimat zu entgehen und hier einen Hort der Freiheit und
ein Land des Friedens zu finden.
Wir stehen aber in unserem Streben nach Erhaltung des Friedens
nicht allein da. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erheben
Millionen von Menschen in einem Land nach dem anderen ihre Stimme,
um ein Ende des Krieges und des Blutvergießens zu fordern.
Der Krieg war für diejenigen Männer, die aktiv an ihm teilnehmen
mußten, noch niemals eine Verlockung. Der Kitzel und die Erregung der
Schlacht und auch die Freude des Triumphes sind Gefühle, die gelegentlich den Zuschauer befallen mögen, der den Krieg nur aus der Ferne
erlebt. In Romanen und Theaterstücken wird der Krieg oftmals als der
Weg zum Ruhm dargestellt. Das sind aber nicht die Gedanken jener, die
in der Mitte des Kampfgetümmels stehen. Der todmüde Soldat, eine ihrer
Söhne beraubte Mutter und die Witwen und Waisen - sie alle können in
der rauhen Wirklichkeit der Zerstörung und des Todes keine Verlockung
und keinen Kitzel sehen.
Diese Rücksichtnahme auf die Grundforderungen menschlicher Anständigkeit spiegelt sich in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
wider. Wir wurden zum Krieg gezwungen, und nur mit Zögern griffen wir
zu den Waffen. Wenn wir kämpften, so nicht deshalb, weil wir plötzlich
den Wert des Friedens gering achteten, sondern weil wir das Gefühl
hatten, daß die Freiheit das wichtigere sei. Es ist kein Zufall, daß
die großen führenden amerikanischen Staatsmänner, die den Krieg aus
eigener Anschauung kennengelernt haben, angefangen von unserem ersten
Präsidenten George Washington bis in unsere Tage zu Präsident Eisenhower,
verzweifelt darum gerungen haben, der Menschheit ein zweckloses Gemetzel
zu ersparen.
Die Vereinigten Staaten begehren nichts, was anderen Völkern gehört, und wir wollen keine anderen Länder beherrschen. Wir erstreben
eine Welt, in der die unermeßlichen Energien des Atoms und die anderen
großen Entdeckungen der modernen Wissenschaft für Zwecke des Aufbaus und
nicht der Zerstörung benutzt werden. Die einzigen Feinde, gegen die wir
ankämpfen, sind Armut, Krankheit, Unwissenheit und Furcht. Wir hoffen,
daß die gesamte Welt einschließlich jener Völker, die gegenwärtig.unter
kommunistischer Herrschaft leben, eines Tages teilhaben werden an der
Prosperität und Freiheit, die wir zu unseren Errungenschaften zählen.
Dieses Streben nach Frieden und einer weltweiten Prosperität ist das
Ziel der offiziellen Politik der Vereinigten Staaten. Es wurde von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles immer und immer wieder dar-

�"AMERIKA DIENST"

11 . Juli 1956

Der Kampf für den Frieden wird aber nicht einfach dadurch gewonnen, daß wir uns für den Frieden erklären. Kein Allheilmittel,
keine Formel und kein Schlagwort kann diese Schlacht entscheiden,
nur harte, langwierige, erschöpfende und hingabevolle Arbeit vermag uns an dieses Ziel zu führen. Aus diesem Grund dürfen wir uns,
meiner Meinung nach, glücklich schätzen, daß wir diese kritische
Zeit unter der weisen, erfahrenen und inspirierenden Führung eines
Mannes durchleben, der den Krieg kennt und in aller Welt als ein
Symbol des Friedens gilt» Präsident Eisenhower.
Das Problem, wie wir unsere friedlichen Zielsetzungen erreichen
könne::, ist auch dann schwer zu lösen, wenn wir wissen, in welcher Lage
wir uns befinden. Es ist aber noch weit schwieriger, wenn Uneinigkeit i
in der Beurteilung des Wesens und der Größe der Bedrohung des Friedens
herrscht. Wir befinden uns heute in einer solchen mißlichen Lage, wenn
wir versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden» Welche Politik
betreiben die Sowjetunion und die in ihr Lager gehörigen kommunistischen Staaten im gegenwärtigen Augenblick?
Die kommunistische Politik im Wandel
Die sowjetischen Führer haben die Möglichkeit einer friedlichen
Koexistenz zwischen den kommunistischen Staaten und der übrigen Welt
proklamiert und den Stab über einige der politischen Praktiken Stalins
gebrochen. Sie haben Reisen nach verschiedenen Ländern unternommen, um
Bündnisse mit neutralen Staaten zu schließen. Sie haben des weiteren
den sozialistischen Parteien in aller Welt die Freundeshand dargeboten
und behauptet, daß nunmehr eine Zusammenarbeit für die gleichen Ziele
möglich sei.
Noch mehr überraschte aber, daß Anzeichen für einen Wandel in der
inneren Verwaltung der kommunistischen Staaten bestehen. Es ist vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß die Feuerzeichen der
Freiheit entzündet worden sind; immerhin wurde der rigorose Terror
früher Jahre zumindestens auf Zeit teilweise gelockert.
Was bedeuten diese Schritte? Die sowjetischen Führer sprechen
vom Frieden. Stehen ihre Handlungen aber im Einklang mit ihren Worten?
Wir sollten diese Frage ohne Zynismus und ohne Bitterkeit stellen. Wenn
wir sicher sein könnten, daß die Sowjetführer dazu bereit sind, in
aller W.elt für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Freiheit einzutreten, dann sollten wir bereit sein, den Alptraum der vergangenen
40 Jahre zu vergessen und Gott dafür danken, daß wir zum Wohle aller
zusammenarbeiten können.
Wir befinden uns in einem schmerzlichen Zwiespalt. Wenn wir die
sogenannten "Friedensschritte" der Sowjets zurückweisen, dann besteht
die Gefahr, daß uns manche Völker für Kriegstreiber halten. Nehmen wir
diese Angebote jedoch kritiklos an, dann schwächen wir damit vielleicht
unsere Bündnissysteme und beschwören damit gerade jenen Krieg herauf,
den wir so sehr vermeiden wollen.
Wie können wir diesem Dilemma entgehen? Meiner Meinung nach am
einfachsten und ehrenhaftesten dadurch, daß wir, so wie wir dies schon
getan haben, vor der ganzen Welt unsere Bereitschaft bekunden, auf

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11 . Juli 1956

auf Worte des Friedens zu hören, daß wir aber nur dann handeln werden,
wenn diesen Worten auch Taten folgen. Manche Kreise wenden dagegen ein,
daß eine solche Politik zu fest und zu starr sei. Eine feste Politik
wird jedoch dpn Kreml nicht entmutigen, wenn er wirklich den Frieden
sucht. Die Führer Rußlands sind Realisten, und sie wissen, daß angesichts
der Geschichte der vergangenen Jahre die Beweislast auf ihnen ruht. In
nahezu 49 Jahren gab es in der sowjetischen Politik zahlreiche Veränderungen und Wendungen. Die Ereignisse haben aber immer gezeigt, daß diese
Wandlungen trügerisch waren. Sie zielten darauf ab, die freie Welt
irre zu führen - allzu oft sogar mit Erfolg.
Man kann uns sicherlich nicht beschuldigen, wir verhielten uns der
Sache des Friedens gegenüber gefühllos und gleichgültig, wenn wir dieser
Tatsachen eingedenk bleiben. Ich bin sicher, daß uns die gleichen kommunistischen Machthaber, die den Frieden und die Koexistenz proklamieren,
als Schwachköpfe verachten würden, wenn wir nicht ganz eindeutige Beweise
forderten, daß sich die Verhältnisse in der kommunistischen Welt, tatsächlich geändert haben.
Die sowjetische Politik in der Vergangenheit
Lassen Sie mich in dieser Hinsicht zunächst einmal einen Blick auf
die Geschichte werfen. In den letzte» 35 Jahren hat es in der sowjetischen Politik acht völlige Kehrtwendungen gegeben.
Im Jahre 1920 gewährte die Sowjetunion den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen - die Unabhängigkeit, um sie im Jahre 1940
dann zu annektieren.
Im Jahre 1921, also nicht allzu lange nach Gründung der Sowjetunion,
stieß Lenin 3ein eigenes Programm um, Rußland in kurzer Frist eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu geben. Statt dessen ermutigte er das
private Unternehmertum im eigenen Lande und forderte selbst ausländische
Ingenieure und Techniker auf, am Aufbau der sowjetischen Industrie mitzuwirken.
Im Jahre 1929 verfiel Stalin gerade auf das Gegenteil; er zerschlug
die private Wirtschaft und zwang die Bauern zur Kollektivierung ihrer
Höfe, wobei er Millionen verhungern ließ oder ins Gefängnis warf, die
sich diesen Maßnahmen widersetzten.
Sechs Jahre später wies Stalin, gebannt von der Furcht vor Hitler,
sämtliche kommunistische Parteien in der Welt an, eine neue Politik einzuschlagen. Sie sollten sich fort-an a:htbarer Methoden bedienen und mit
allen Nichtkommunisten in der Einheitsfront gegen die Faschisten zusammenarbeiten.
Im Jahre 1939 aber reichten sich die beiden grausamen Diktatoren,
Stalin und Hitler,die blutigen Hände zu einem hastig geschlossenen
Freundschaftspakt. Dieser sicherte Hitlers Ostfront und führte damit
zum zweiten Weltkrieg.
Als sich Hitler im Jahr 1941 gegen seinen Partner wandte, verkündete
Stalin abermals seine Hingabe an die Sache der Freiheit und Demokratie.
Unter dem Einfluß dieser Politik erklärte Earl Browder (der damalige
Führer der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten), daß Kapitalismus

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�"AMERIKA DIENST"

11 . Juli 1956

Kapitalismus und Kommunismus nach dem Krieg nebeneinander bestehen können.
Zwei Jahre später wurde Browder ausgebootet, als man die eiserne
Faust wieder zeigte und die sowjetischen Truppen sich anschickten, hilflose Völker in Europa und Asien unter ihre Gewalt zu zwingen.
Heute sind die Kommunisten wieder zur These Earl Browders aus dem
Jahre 1943 zurückgewährt.
Die Geschichte ist ein großer Lehrmeister, und in diesem Fall
mahnt sie uns sicherlich zur Vorsicht.
Wie Außenminister Dulles vor neun Tagen erst erklärt hat, ist es
einer Diktatur, wie die Tatsachen zeigen, durchaus möglich, einen politischen Kurs vor der öffentlichkeit zu vertreten und eine andere, ja
sogar völlig gegenteilige Politik in der Praxis zu betreiben. Eine
Diktatur ist durchaus so gestaltet, daß sie Unbedachte zu täuschen vermag, da sie über alle ihre Handlungen einer, eisernen Vorhang der Zensur
breiter, kann. Sie ist niemanden für ihre politische Handlungsweise verantwortlich. Im Umgang mit der übrigen Welt kann sie, ganz wie sie das
wünscht, alles enthüllen und alles verbergen. Solange dieser eiserne
Vorhang nicht hochgezogen wird, können wir nicht sicher sein, daß
hinter den honigsüßen V/orten auch Realitäten stehen.
Erprobung der sowjetischen Absichten
Gibt es demnach überhaupt irgend etwas, was wir mit Sicherheit
über die kommunistische Welt und ihre Taktik und Strategie in der vor
uns liegenden Zeit wissen? Lassen Sie uns einmal untersuchen, was in
der Öffentlichkeit über die derzeitigen Pläne der Sowjets auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet und bezüglich umstürzlerischer Umtriebe bekannt ist. Lassen Sie mich in dieser vier Bereichen
einmal die Worte der Kommunisten mit ihren Taten vergleichen. Das wird
uns allen ein größeres Verständnis für die Außenpolitik unseres eigenen
Landes in diesen verwirrenden Zeiten vermitteln.
Die militärische Stärke
Auf militärischem Gebiet haben die sowjetischen Machthaber eine
Verringerung ihrer Streitkräfte um 1,2 Millionen Mann, die Verschrottung einiger Flotteneinheiten und andere Maßnahmen bekanntgegeben,
die scheinbar den Schluß zulassen, daß nunmehr geringerer Nachdruck
auf militärische Bereitschaft gelegt wird.
Das mindestens behaupten die sowjetischen Führer. Untersuchen
wir einmal, was dies in der Praxis bedeutet, wobei wir von der Annahme
ausgehen wollen, daß die angekündigte Verringerung der sowjetischen
Streitkräfte tatsächlich erfolgt ist» Die militärische Stärke wird
davon in ihrem Kern nicht berührt. Die Sowjetunion ist eine der stärksten Militärmächte der Welt. Um mit Außenminister Dulles zu sprechen»
"Die sowjetische Industrie arbeitet auf Hochtouren, um immer stärkere
Atom- und Kernwaffen zu produzieren." Die Sowjetunion verfügt über eine
hervorragende und starke Luftwaffe, eine große und schlagkräftige Armee
und eine Marine mit Hunderten der modernsten und besten Unterseeboote.
Die Forschungsarbeiten, die dort hinsichtlich des Einsatzes ferngelenkter Geschosse durchgeführt wurden, scheinen sich jetzt bezahlt zu machen.
. R _
Ein

�"AMERIKA DIENST"

11. Juli I956

Ein echtes Abrüstungsprcgramm muß sich besonders auf dr^&gt;'. Arten
von Offensivwaffen er*trecken - Atomwaffen, Bomber und Fernl-^nkwaf en
sowie auf U-Boote mit e-nem grcße- Aktionsradius. Solange in ü ese
Beziehung keine korkreten Maßnahmer ergriffen werden - Maßnahmen, die
durch ein entsprechendes Jberwachungssystem nachgeprüft werden können solange läßt sich nicht sagen, daß in dieser Phase der sowjetischen
Friedensoffensive den Worten Taten gefolgt sind.
Diplomatie und Politik
Im Bereich der Diplomatie und Politik sind die Führer der Sowjetunion äußerst aktiv geweser., um Allianzen zu bilden und Freunde zu gewinnen. Innerhalb des kommunistischer Ra mes wurden die Beziehungen zu
Jugoslavien verbessert, v d zum ers+en Mal wurde vom Krem einer kii nistischen Nation d~'e poii ische Unabhängigkeit zugestanden. Mit den
raffiniertesten Methoden w.rder söge annt- neutrale Nationen umworben.
Zarlreichei Ländern gegenüber, die heate in Defensivbündnissen gegen
e' ie kommunistische Aggression zusammengeschlossen sind« macht man
freundliche Gesten. Ministerpräsiden' Bu"ganin and Herr Chruschtschow
scheuten keine Mühe, zah reiche Nationen 'on dem sowjetischen Wuneohe
nach einer friedlichen K existenz zu überzeugen.
Auf er anderen Seite jedoch beobachten wir Handlungen, die beunruhigend sind und die im Widerspruch zu de. Friedensbeteuerungen s behe .
Die Waffentransporte nach dem Mittle- en Ost-r verstärkten die Möglichkeiten eines kriegerischen Konfi'ctes in diesen Krisengebieten. Die
sowjetischen Machthaber hal- -n s- ch hartnäckig geweigert, die unnatürliche Te'lung Deuts -hlands BU b-enden. Auch weigerten sie sich, Frankreich bei der Schaffung friedlicher Verhältnisse in Nrrdafrika zu unterstützen. Während Außenminister Sc'.epilow in Ägypten /erkundet, daß
die Sowjets jeden Koionialimperia"ismns ablehnten, gaben sie doch keinen
Fulib &gt;it Boden auf, den sie sich in den letzten 15 Jahre.: mit Gewalt
ant-igreten, ausgen^r me*- einei kiel j n Teil von Finnland und das von
ihner übel ausgeplünderte Ös+ er ei~h. Wie der Aufstand i Po en, . n
aem jetzt die Presse berichtete, so sinnfällig zeigt, wird kein Wortscnw-Il die Schreie von Millionen versklavter Menschen ersticken, die
unter dieser modernen Form des v n n den Kommunisten auferlegten Kolonialimperialismus leide .
Äit anderen Worten bedi- .en s:.ch heute die Sowjets einer zweifachen
Taktik in der Diplomatie. Einmal der Politik der leichten Hand, die sie
anwenden, um Nationen zu umwerben, die erst vor kurzem ihren KO'onia'en
Status verloren hab n. Zu dieeer Politik gehört auch di- Förderung von
Handelsbeziehungen; wem dies im Interess- der Sowjetunion liegt. Sie
verfolgen aber ebens auch eii en narten, beinahe rücksi hcslosen Kurs,
wie sie ihn gegenüber Deutschland, Frankreich oder jeder anderen Nation
einschlagen, die versucht, won ihnen konkrete und brauchbare Friedenszusi herungen zu erhalten. Ist es angesichts dieser Politik ungerech
wenn wir uns fragen, ob der -owjetische Wunsch nach ein^r friedlichen
Koexistenz echt ist oder ob sie diese Taktik nicht lediglich als ein
Mittel benutzen, um Verbünde+e zu finden und neutrale Staaten für sich
zu rewinnen?
Wirtschaftspolitik

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11. Juli 1956

Wirtschaftspolitik
Als drittes wollen wir ihr Verhalten im Welthandel untersuchen.
Es werden entschlossene Anstrengunger. unternommen, um den Warenaustausch .
mit anderen Ländern zu erhöhen: insbesondere mit Nationen, die erst anfangen, ihre natürlichen Hilfsquellen zu erschließen. Zahlreichen Nationen werden Kredite angeboten, oder es werden ihnen Techniker und Ingenieure zur Verfügung gestellt, damit sie die Expansion ihrer Wirtschaft vorantreiben können.
Geschähe dies in einer friedlichen Welt, so würden wir diese
Ausweitung des Handels von Herzen begrüßen. Wir würden uns besonders
darüber freuen, daß die Unterstützung Nationen gewährt wird, deren
Lebensstandard im Vergleich zu dem unsrigen so riedrig ist.
Doch die früheren sowjetischen Handelsprogramme haben sich für die
betreffenden Partner nicht vorteilhaft ausgewirkt. Die Beweggründe für
diese Programme waren viel zu sehr politischer Natur. Manchmal stellten
sie einen Versuch dar, die Wirtschaft eines Landes so eng an die der
Sowjetunion zu binden, daß es schließlich auch politisch in völlige Abhängigkeit geriet. In anderen Fällen wiederum bezweckten sie, Agitatoren
und politische Agenten zu decken, die im Gastlande den inneren Aufruhr
schürten.
Mit anderen Worten trugen diese Programme nicht den Charakter rechtmäßiger Maßnahmen innerhalb des Welthandels. Vielmehr waren sie in verschleierter Form Ausdruck eines wirtschaftlichen Imperialismus, der im
vergangenen Jahrhundert die so berechtigte Ablehnung hervorrief. Wir
können nicftit umhin, uns die Frage zu stellen, ob dieser Handel dazu
bestimmt ist, anderen Nationen zu helfen oder aber sie wirtschaftlich
zu Satelliten der Sowjetunion zu machen.
Politische Wühlarbeit
Ein echter Prüfstein für die friedlichen Absichten der Sowjets ist
die Frage der politischen Wühlarbeit innerhalb der freien Nationen.
Kommunistische, im Auftrag Moskaus arbeitende Agenten sind seit langer
Zeit in fast allen Ländern der Erde tätig. In weiten Gebieten Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas bilden sie heute eine ernste Gefahr. Es sind
noch keine 14 Tage her, daß unsere Presse Berichte über Schwierigkeiten
in Brasilien brachte, die auf die Aktivität der Kommunisten zurückzuführen waren.
Burma und die malaiischen Staaten sind von Bürgerkriegen heimgesucht,
die von den Kommunisten angezettelt wurden. Und die Vorgänge in China,
Korea und Indochina sind uns ja allen bekannt.
Erneut müssen wir, wenn wir die Politik der friedlichen Koexistenz
mit der tatsächlichen kommunistischen Praxis zu vergleichen suchen, feststellen, daß verhältnismäßig nur wenige Beweise für einen grundlegenden
Wandel vorliegen. Gewiß haben, wie Außenminister Dulles bereits Anfang
der Woche ausführte, die großen kommunistischen Parteien in Frankreich
und Italien an der sowjetischen Führung Kritik geübt. Zweifellos hat die
Verdammung Stalins starke innere Spannungen hervorgerufen und innerhalb
dieser Parteien manchen zum Nachdenken veranlaßt.
Doch

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11 . Juli 1956

Doch trotz all dieser Schwierigkeiten halten sie an den Grundsätzen von Marx und Lenin fest. In ihren Auseinandersetzungen geht
es eher um ihre Beziehungen untereinander, nicht aber um ihre grundlegenden Überzeugungen, die nach wie vor materialistisch und gottlos
sind. Während wir nun diese Anzeichen für Unstimmigkeiten im kommunistischen Lager begrüßen sollten, dürfen wir doch nicht glauben, daß
die kommunistische Wühlarbeit nachlassen wird. Selbst wenn diese Parteien bis zu einem gewissen Grade auch die alten Formen der unumschränkten Kontrolle seitens Moskaus abschütteln sollten, werden ihre Prinzipien und Ziele doch nach wie vor denen der freien Welt entgegengesetzt
sein.
Diese vier Sektoren also - militärische, politische und wirtschaftliche Programme der Sowjetunion sowie Versuche eines politischen Umsturzes
- bilden Prüfsteine für das tatsächliche Verhalten im Sinne der sowjetisch-kommunistischen Politik neuesten Stils. Gerade an Hand dieses Prüfsteins aber sehen wir keine Garantien, die es uns erlauben würden, in
unseren Verteidigungsanstrengungen nachzulassen. Diejenigen, die von uns
verlangen, unsere gegenwärtigen Programme aufzugeben und eine sogenannte
"kühne Außenpolitik" einzuschlagen, vergessen, daß der Hang der Sowjets
zum Bösen noch immer besteht und daß ihre Absichten nicht reiner geworden
sind. Falls sich die Lage in der V/eise ändert, daß Kräfte liberaleren
Charakters am Werke sind, dann ist das zum großen Teil auf die von der
freien Welt befolgte Politik zurückzuführen.
Bedeutet das nun, daß wir den von den sowjetischen Machthabern
eingeschlagenen neuen Kurs völlig ignorieren? Keineswegs. Doch es bedeutet, daß wir ein Programm, das sich zur Eindämmung der kommunistischen
Expansion als erfolgreich erwiesen und die Machthaber im Kreml gezwungen
hat, eine neue Taktik anzuwenden, nicht aufgeben.
Die politische Haltung Amerikas
Die von uns einzuschlagende Politik ist damit klar.
Unsere militärische Stärke müssen wir aufrecht, erhalten, und wir
müssen auch in Zukunft unseren Verbündeten in der freien Welt helfen,
die ihrige ebenfalls zu bewahren, bis weitere konkrete Beweise dafür
vorliegen, daß die sowjetischen Machthaber ihr militärisches Potential
verringern.
Was den wirtschaftlichen Sektor anbetrifft, so müssen wir uns
darüber klar sein, daß die Männer im Kreml eine neue Front aufgebaut
haben. Damit tragen sie in Wirklichkeit nicht nur den Erfolgen unserer
Programme Rechnung, die die militärische Schlagkraft der freien Welt erhöhten, sondern auch den Erfolgen unseres Marshallplanes, des PunktVier-Programms und anderer wirtschaftlicher Hilfsprogramme. Was uns betrifft, so haben wir uns nicht dazu hinreissen lassen, die sowjetischen
Machthaber durch eine Politik der Aggression oder durch Förderung eines
politischen Umsturzes herauszufordern. Sie dagegen haben sich veranlaßt
gesehen, uns herauszufordern, und zwar mit den Mitteln unseres eigenen
Wirtschaftssystems, im Wettbewerb der Möglichkeiten des Kommunismus einerseits und der freien Wirtschaft andererseits in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Es

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�"AMERIKA DIENST"

H.

Ju ii 1 9 5 6

Es wäre dumme Überheblichkeit, würden wir diese Herausforderung
ignorieren. '.Vir müssen ständig nach neuen Mitteln und 'liegen suchen, um
unser Wirtschaftsprogramm wirksamer zu gestalten, wenn wir der neuen
sowjetischen Taktik gewachsen sein wollen. Ich kenne die Argumente der
Ungeduld, die von wohlmeinenden Leuten im ganzen Lande gegen diese Programme vorgebracht werden. Sie bringen zum Ausdruck, daß man die Programme
als unnütze Verschwendung betrachtet, daß unsere Hilfe von den Empfängern
nicht gewürdigt werde und daß diese in den internationalen Organisationen
unsere Politik nicht unterstützten.
Der Zweck der Wirtschaftshilfe
Lassen Sie uns, was diesen Punkt betrifft, die Ziele untersuchen,
die wir mit unsern wirtschaftlichen Auslandshilfsprogrammen verfolgen.
Wir beabsichtigen damit nicht, die Freundschaft anderer Völker zu erkaufen. Das wäre töricht und auch gar nicht zu verwirklichen. Sie zielen
nicht darauf ab, uns überall in der Welt gehorsame wirtschaftliche
Satelliten zu schaffen, wie es bei den sowjetischen Wirtschaftsprogrammen
der Fall ist.
Was aber ist dann unsere Absicht? Wir wissen, daß ein Volk, das
wirtschaftlich stark genug ist, um seine Unabhängigkeit und Freiheit zu
bewahren, dem Druck seitens einer Despotie: jeder Art, einschließlich der
kommunistischen Despotie, zu widerstreben vermag. Und ein Programm, das
irgendeinem Lande die Unabhängigkeit, erhalten hilft, hilft damit allen
Ländern, die gewillt sind, die ihre zu bewahren.
Jegliche subversive Tätigkeit der Kommunisten in unserem eigenen Lande
müssen wir fair, vernünftig und wirksam bekämpfen. Mit der naiven Idee,
es gäbe so etwas wie eine amerikanische kommunistische Partei, sollte
ein für allemal aufgeräumt werden. Womit wir uns aber auseinandersetzen
müssen, ist eine vom Ausland her gesteuerte, umstürzlerische kommunistische Organisation in den Vereinigten Staaten. Ihre Mitglieder und Anhänger schulden den Vereinigten Staaten keine Treuepflicht,und deshalb sollten sie auch entsprechend den diesbezüglichen Gesetzen unseres Landes behandelt werden.
Unser Informationsprogramm muß noch mehr intensiviert werden, und
wie ich vor einigen Wochen bereits im Lafayette College erklärte, ist es
von besonderer Bedeutung, daß wir unsere Austauschprogramme für Studenten
und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus anderen Ländern
erweitern. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, daß unsere Gast
von heute die Botschafter des guten Willens von morgen sind. Aus persönlicher Anschauung erkennen sie, welche Früchte Freiheit und Demokratie bringen. Sie wissen, daß wir ein friedliebendes Volk sind und keinem anderen
Volk gegenüber Böses im Schilde führen.
Austausch mit kommunistischen Nationen
Besonders wichtig ist es, keine Gelegenheit zu versäumen, um den
Austausch von Personen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern
hinter dem Eisernen Vorhang zu erweitern. Jede Aufforderung zu einem
ehrlichen Meinungsaustausch sollten wir akzeptieren. Das sollte geschehen nicht weil wir den naiven Gedanken hegen, daß sich alles gewandelt hat, daß
alles über Nacht besser werden wird, sondern einfach deshalb, weil wir ehrliche Verfechter des Friedens sind.
Wir

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11. Juli 1956

Wir können freundschaftliche Beziehungen unterhalten, ohne einen
einzigen Abstrich von unseren Prinzipien der Freiheit und der Demokratie zu machen. Mit dem russischen Volke und den Völkern der übrigen
kommunistischen Länder können wir von Mensch zu Mensch sprechen, doch
mit dem kommunistischen System selbst können wir keine Kompromisse
schließen. Gewiß sind naive und mit den Verhältnissen nicht vertraute
Personen in der Vergangenheit durch solche Besuche häufig getäuscht
worden. Ich bin aber der Meinung, daß gut informierte und kompetente
Persönlichkeiten aus den Vereinigten Staaten, die das System des Kommunismus kennen und verstehen, diese Gelegenheiten nutzen könnten, um
sich aufrichtig und ehrlich mit ihren Partnern von der anderen Seite
des Eisernen Vorhangs auszusprechen. Auf diese Weise könnten wir die
Ideen von der Freiheit und Gerechtigkeit verbreiten, die schließlich
ihre Früchte tragen würden.
Was die Bürger kommunistischer Länder anbetrifft, die die
Vereinigten Staaten besuchen, so sollten wir begreifen, daß Informationsmittel wie Rundfunkberichte, Broschüren, die Veröffentlichung
von Nachrichtenmaterial und so weiter heute weniger auf die Menschen
hinter dem Eisernen Vorhang wirken als früher. Von ihren eigenen politischen Führern ist ihnen erst in jüngster Zeit, gesagt worden, daß
praktisch alles, was sie in den vergangenen 29 Jahren unter der Herrschaft Stalins gehört und gelesen hatten, zumindest ungenau, schlimmstenfalls aber ausgesprochene Lüge war. Infolgedessen dürften die
Menschen hinter dem Eisernen Vorhang heute vor allem davon beeindruckt
werden, was sie sehen, nicht aber davon, was sie lesen oder hören.
Aus diesem Grunde ist hier der Personen-Austausch von so überragender
Bedeutung.
Mit einer solchen Politik können wir in die Verwirrung und die
Ungewißheit, die der sowjetische "New Look" in zahlreichen Kreisen
bewirkt hat, eine Bresche schlagen. Unsere Politik muß einfach sein,
und sie muß ein positives Ziel haben. Wenn die Taten der Sowjets mit
ihren Friedensbeteuerungen nicht übereinstimmen, müssen wir unsere
militärische, politische und wirtschaftliche Stärke aufrechterhalten,
die das einzig sichere Abschreckungsmittel gegen einen Krieg ist. Und
wo immer sich die Möglichkeit bietet, die Segnungen der Freiheit zu
verkünden, müssen wir für den Glauben eintreten, der Amerika groß
gemacht hat.
Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut, das jedem einzelnen am
Herzen liegt, unbeschadet seiner materiellen Armut oder seiner niedrigen sozialen Stellung. Sie liegt auch den Völkern der Sowjetunion und
der Satellitenländer am Herzen. Sie wird in Indien und in Indonesien
geachtet. Wie ein Feuer hat sie sich unter den Kolonialvölkern Afrikas
verbreitet. Wir glauben an die Freiheit. Wir leben in einer Welt der
Freiheit. Wir wünschen sie für uns selbst ebenso wie für die ganze
übrige Welt.
Mit dieser unserer Botschaft können wir in einer Auseinandersetzung
mit der Versklavungsphilosophie des Kommunismus niemals unterliegen.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

USA UM EIN PROGRAMM ZUR BESCHRÄNKUNG DER
KERNWAFFEN BEMÜHT

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Im folgender übermitteln wir den V/ortlaut
der am 13«Tuli v^n dem amerikanischen Vertreter in der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen, Jame3 Wsdsworth, abgegebenen
Erklärung:

Ich möchte meine Aufmerksamkeit heute morgen einige Augenblicke dem Thema Atomwaffenversuche zuwenden.
Gestern nachmittag wurde dieser Kommission die Auszeichnung
zuteil, zwei bemerkenswerte Ansprachen zu hören: die erste von
dem Vertreter Indiens, Krishna iwanon, die zweite von dem Vertreter
Frankreichs, Jules Moch. Ich will versuchen, soweit ich kann, nicht
die Punkte zu wiederholen, die M. Moch in seinem Bestreben herausgestellt hat, die von Mr. Menon in seiner außerordentlich beredten
Darstellung vorgebrachten Punkte näher zu beleuchten.
Lassen Sie mich zuerst damit beginnen, festzustellen, daß die
Versuche mit diesen neuen Waffen tatsächlich große Sorgen in der
Welt hervorgerufen haben. Eine allgemeine Unruhe über diese Versuche ist nur natürlich, da wir es mit einer Kraft zu tun haben,
die weitgehend unbekannt ist und die Menschheit gezwungen hat,
neue Maßstäbe anzulegen.
Dennoch glaube ich, daß der Kern des Problems einfach ist.
Wir befinden uns in einem Wettstreit um die Entwicklung einer
neuen und schrecklichen Waffe. Aber jede Seite weiß, so hoffe ich,
sehr gut um die Gefahren, die in der Entwicklung dieser Waffe liegen Gefahren, die so viel größer sind als jene, die die Entwicklung jeder
anderer Waffe der Geschichte begleitet haben.
Aus Gründen, die ich noch niher erklären werde, ist es der Wunsch
meiner Delegation, sich ganz entschieden dem Standpunkt anzuschließen, den gestern nachmittag der Vertreter Frankreichs eingenommen
hat. Er hatte unterstrichen, daß es nach seiner Ansicht und nach
Ansicht meines Landes die einzig verläßliche Maßnahme sei, die
Waffe selbst und ihre Liefermöglichkeiten internationalen Sicherungen und Begrenzungen zu unterwerfen, und zwar im Rahmen eines Prograrms-, das in gleicher V/eise auf alle beteiligten Nationen anwend- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

anwendbar wäre.
Da es kein solches Übereinkommen gibt, sind die Vereinigten
Staaten gezwungen, die Waffe für ihre eigene Sicherheit und die
ihrer Freunde in der Welt zu entwickeln. Wir werden uns wie in der
Vergangenheit auch weiterhin für ein Übereinkommen über die Kontrolle
der thermonuklearen Bedrohung einsetzen, in dem die Beschränkung der
Versuche ein wesentlicher Bestandteil sein muß. Und in der Zwischenzeit werden wir gewiß alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, daß die Strahlung aller Strahlungsquellen einschließlich
der Atomversuche, nicht über ein tragbares Maß hinausgeht.
Bier, Herr Vorsitzender, stimmen wir mit Mr. Menon überein, daß
keine Nation das Recht hat, Leben in der Luft, auf der Erde und in
den Meeren unmöglich zu machen oder die Erbmasse zu zerstören. Das
haben die Vereinigten Staaten nicht getan, und wir werden es auch
nicht tun. Wir sind um das Wohlergehen unseres Volkes und seiner
künftigen Generationen ebenso besorgt wie zum Beispiel die Regierung
Indiens um ihr Volk, wie Großbritannien um seine Untertanen oder wie
jede andere Regierung um ihr Volk besorgt ist.
Gestern hat M. Moch, der von uns allen am besten Qualifizierte,
gezeigt, und zwar, wie ich glaube, umfassend, daß Versuche bei Beachtung cer notwendigen Sicherheitsvorkehrungen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit und Sicherheit darstellen. Ich möchte seine Bemerkungen
noch mit einigen Erkenntnissen ergänzen, die in Studien und Erfahrungen
der Vereinigten Staaten gewonnen wurden.
Die Regierung der Vereinigten Staaten und Präsident Eisenhower
persönlich sind von tiefer und ernster Sorge um das Problem der atomaren
Bedrohung erfüllt, das auf der Welt lastet. Kaum eine Angelegenheit,
mit der sich die Regierung befassen muß, ist intensiveren und auf höherer
Ebene durchgeführten Studien und Erwägungen unterworfen.
Auf Grund dieser sorgfältigen Erwägungen glauben die Vereinigten
Staaten, daß die Frage der Versuche mit Atomwaffen notwendigerweise mit
der größeren Frage eines Übereinkommens über ein wirkungsvolles Abrüstungsprogramm verbunden ist. Diese Fragen sind tatsächlich nicht voneinander
zu trennen, wenn wir uns mit den wirklich damit zusammenhängenden Problemen
befassen wollen. Die Beschrankung der Versuche mit Atomwaffen ist, vom
Standpunkt der Sicherheit aus, nur logisch,zwangsläufig und richtig- als
integraler Teil eines Abriistungsprogramms, in dem wir übereingekommen sind,
die atomare Gefährdung selbst zu mindern. So führen unsere Überlegungen
zu zwei Folgerungen:
1) daß richtig durchgeführte Atomversuche keine Gefahr für die
menschliche Gesundheit und Sicherheit bilden;
daß, solange kein Übereinkommen über die Ausschaltung oder Begrenzung von Atomwaffen unter angemessenen Sicherungen besteht,
die Fortführung der Versuche für unsere nationale Verteidigung
und die Sicherheit der freien Welt wesentlich ist.
Lassen Sie mich nun eine kurze Erklärung zu diesen beiden SchlußIm
folgerungen geben.
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�"AMERIKA PIEKST"

18. Juli 1956

Im vergangenen Jahr machten die Vereinigten Staaten den Vorschlag,
daß die Vereinten Nationen das Wissen der Welt über die Auswirkungen
der atomaren Strahlungen auf die menschliche Gesundheit in Berichten
zusammenfassen sollten. Im Dezember gründete die Vollversammlung einen
wissenschaftlichen Sonderausschuß, der die von den Regierungen empfangenen Berichte über die Strahlungen und die die Wirkung der Strahlung
betreffenden wissenschaftlichen Beobachtungen sammelt, auswertet und
verteilt.
Die Vereinigten Staaten arbeiten mit diesem Komitee hinsichtlich
der Sammlung und Verbreitung von Angaben zu diesem Gegenstand in größtmöglicher Weise zusammen. Wir glauben, der erste Schritt bei der Beschäftigung mit irgendeinem wissenschaftlichen Problem ist es, alle
Quellen zu mobilisieren, das zu nutzen, was bekannt ist, und auf das
hinzuweisen, was noch getan werden muß. Wir glauben, daß die Arbeit
dieses Sonderausschusses kompetente Autoritäten zu weiterem Studium
anreizen, den internationalen Austausch von Informationen ermutigen
und jede Nation mit Angaben in einem Ausmaße versehen wird, die es
ihr ermöglichen, eigene Schlußfolgerungen in der Angelegenheit zu
ziehen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften, die aus der Mitarbeit
und der Erfahrung einer großen Anzahl der bestqualifizierten und international anerkannten Experten schöpft, gab am 12.Juni einen Bericht
über ihr jahrelanges Studium heraus. Und dieser Bericht enthielt diese
unantastbare Schlußfolgerung: "Die Atomwaffenversuche haben die weltweite Strahlung nicht auf ein biologisch gefährliches Maß erhöht. Dies
wird auch nicht der Fall sein, wenn die Versuche sich im gleichen Rahmen
halten wie bisher."
Seit undenklichen Zeiten empfangen die Menschen ständig eine
mittlere Strahlungsmenge aus natürlichen Quellen» aus dem Weltraum,
der Erdrinde und, wie M. Moch gestern ausführte, selbst von ihren
eigenen Körpern. Der Medizinische Porschungsrat von Großbritannien
stellte, wie schon aufgezeigt worden war, im vergangenen Monat fest,
daß, wenn man die natürliche Strahlung mit derjenigen vergleiche"* die
von den Versuchsexplosionen ausgehe, die Radioaktivität - falls die
Kernwaffenversuche im gleichen Umfange wie in den vergangenen Jahren
für unbestimmte Zeit fortgesetzt würden - in einem Zeitraum von hundert
Jahren allmählich eine Höhe erreichen würde, welche den Durchschnittsmenschen für die Dauer von 50 Jahren einer Strahlungsmenge aussetze,
die weniger als ein Prozent dessen betrage, was er während des gleichen
Zeitraums aus natürlichen Quellen empfange.
Nun, Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten und Großbritannien
geben der Öffentlichkeit volle Informationen über den Beginn und den
Ort ihrer Versuche. Diese Regierungen verbinden sich auf der Grundlage
der Zusammenarbeit mit anderen Regierungen bei der Entwicklung und Ausführung umfassender Sicherheitsmaßnahmen. Wir glauben, daß diese Art
des Vorgehens größeres Interesse an der Sicherheit der Allgemeinheit
zeigt als die Methode, unangekündigte, geheime Explosionen in den abgelegenen Teilen der eurasischen Landmasse auszuführen. Ich betone daldie Vereinigten Staaten durch ihre eigenen wissenschaftlichen Studien,
durch ihre Unterstützung der Studien der Vereinten Nationen auf diesem
Gebiet und die ausgedehnten Vorsichtsmaßnahmen, unter denen sie ihre
Versuche durchführen, gezeigt haben, daß sie sich ihrer Verpflichtung

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�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Verpflichtung gegenüber den eigenen Bürgern und der Menschheit zur
genügenden Sich-rung gegen die schädlichen Wirkunger der Strahlung
aus jeder nur möglichen Quelle vollau4 bewußt Bi
Wir versuchen nicht zu sagen, daß es keine Gefahr gäbe; aber
wir sagen, daß diese Gefahr unter Kontro'le gehalten werden kann.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich fest verpflichtet, und ich
wiederhole diese Verpflichtung, keine Kernwaffen oder irgendwelche
anderen Waffen in irgendeiner mit der Charta der Vereinten Nationen
nicht übereinstimmenden Weise zu benutzen.
Wie dem aber auch immer sei, die Vereinigten Staaten haben eine
Verpflichtung nicht nur ihrem eigenen Volke, sondern allen Völkern der
freien Welt gegenüber, ihre Kapazität zur Selbstverteidigung und zur
Abschreckung einer Aggression aufrechtzuerhalten. Durch solches Tun
tragen sie zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit bei, die die Grundziele der Charta darstellen.
Die Grundlage aber für die Fähigkeit der Vereinigten Staaten,
sich selbst zu verteidigen und abschreckend gegen eine Aggression
zu wirken, bildet eine dementsprechende Waffenkapazität. Aber im
Zeitalter eines voranstürmenden wissenschaftlichen Fortschritts ist
eine solche Kapazität nicht etwas, das man einmal erreichen und dann
ohne weitere Bemühungen beibehalten kann. Das wird angesichts der
kürzlichen sowjetischen Prahlereien hinsichtlich der Überlegenheit
ihrer Kernwaffen und ihrer Erklärung, diese so schnell zu entwickeln,
wie es ihnen ihre Quellen und ihre Technik erlauben, besonders dautlich.
Solange es kein wirksames Sicherheitsabkommen zur Begrenzung dieser
Waffen gibt, sind ständige Bemühungen um ihre Verbesserung unerläßlich.
Wie Präsident Eisenhower kürzlich erklärte, bezwecken wir mit den
Atomversuchen nicht die Entwicklung einer noch vernichtenderen Waffe.
Angesichts der technischen Möglichkeiten wissen wir, daß wir sie haben
könnten. Unsere Absicht aber ist, wie der Präsident weiter ausführte,
"Mittel und Wege zu finden, diese Waffe zu begrenzen, sie für Verteidigungszwecke dienstbar zu machen, beispielsweise zur Abwehr gegen
einen Massenangriff von Flugzeugen, ihre radioaktiven Aschenregen zu
reduzieren und ihr mehr den Charakter einer militärischen Abwehrwaffe,
denn den einer Waffe zur Massenvernichtung zu geben.
Es ist eine Binsenweisheit, daß, solange es keine Rüstungskontrolle
gibt und sich ständig neue Entwicklungen anbahnen, die verschiedensten
Waffen erforderlich sind, um sich mit der nötigen Schlagkraft und
Elastizität gegen eine Aggression verteidigen zu können - wann, wo und
wie immer sie geführt werden mag. Keine Nation, Herr Vorsitzender,
deren Vertreter hier sitzt, würde ernstlich den Vorschlag machen oder
akzeptieren, daß sie von sich aus, ohne das Vorhandensein irgendeines
Abkommens oder irgendwelcher Sicherungen, sämtliche Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten und beispielsweise auch jegliche Erprobung von
Militärflugzeugen einstellen sollte. Und meiner Ansicht nach ist die
Notwendigkeit, jede Beschränkung der Forschung und Entwicklung von Kernwaffen mit dem Zustandekommen eines mit Garantien versehenen Abkommens
zu verbinden, ebenso klar.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Wenn ein Abrüstungsabkommen erreicht werden kann - und wir
wünschen dies sehnlichst -, um an Hand ausreichender Sicherungen
die Kernwaffen zu beschränken, dann wären natürlich auch die Vereinigten Staaten bereit, Beschränkungen hinsichtlich der Versuche
mit solchen Waffen zuzustimmen. Der Vertreter der USA in dem in
London tagenden Unterausschuß hat diese Absicht voll bestätigt.
Präsident Eisenhower hat in seinem Brief vom 1.März an Marschall
Bulganin einen Vorschlag unterbreitet, wie man die Lösung des Grundproblems anpacken könnte. Ich möchte hier einen Absatz aus diesem
Brief zitieren. Der Präsident, erklärtet
"Meiner Ansicht nach müssen unsere Bemühungen vor allen Dingen
darauf gerichtet sein, die atomare Bedrohung unter Kontrolle zu bringen.
Als eine wichtige Maßnahme in dieser Hinsicht und unter Zugrundelegung
eines zufriedenstellenden Funktionierens unseres Systems der Luft- und
Bodenüberwachung wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen mit
anderen Nationen geeignete und sichere Vereinbarungen zu treffen, um
zu verhindern, daß die künftige Produktion von spaltbarem Material in
der ganzen Welt nicht mehr daz*u verwendet wird, die Arsenale von
Explosivwaffen zu vergrößern. Damit könnte auch mein Vorschlag vom
8.Dezember 1953 kombiniert werden, 'nun damit zu beginnen und in Zukunft
fortzusetzen, gemeinsame Zuwendungen aus den vorhandenen Beständen an
natürlichem Uran und spaltbaren Materialien an eine internationale
Atombehörde zu machen 1 . Diese Maßnahmen würden, werden sie entsprechend
verwirklicht, die gegenwärtig die Welt beherrschende Tendenz, die
nuklearen Kampfmittel ständig zu vermehren, in ihr Gegenteil verkehren."
Der Delegierte Indiens hat freundlicherweise das Wort "in ihr
Gegenteil verkehren" besonders betont.
"Ich hege letztlich die Hoffnung", so fuhr damals Präsident
Eisenhower fort, "daß die gesamte Produktion an spaltbarem Material
in der ganzen Welt ausschließlich für friedliche Zwecke verwendet werden
wird."
Die Vereinigten Staaten warten noch immer darauf, daß die Sowjetunion den Brief des Präsidenten beantwortet.
Wir sind also überzeugt, Herr Vorsitzender, daß diese Vorschläge
den Kern einer Lösung für das große Problem in sich bergen, mit dem
wir uns alle auseinanderzusetzen haben - des Problems nämlich, die
Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Das Streben nach Seelenfrieden,
nach Sicherheit angesichts einer ungeheuerlichen, aber viel zu wenig
verstandenen Bedrohung,hat eine fast spontane Anstrengung zur Folge
gehabt, das Böse zu verdammen und zu unterdrücken - und ich meine,
Herr Vorsitzender, daß wir hier den vielen hilfreichen und inhaltsvollen Reden unseren Tribut zollen sollten, die von den Mitgliedern
dieser Kommission, besonders von jenen, die nicht dem Unterausschuß
angehören, gehalten worden sind.
Gleichzeitig sind wir aber auch überzeugt, daß der richtige Weg
wäre, das Übel an den Wurzeln zu packen und durch intensive diplomatische Bemühungen ein Programm zur Beschränkung der Kernwaffen und zur

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�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

zur Förderung der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie zu
entwickeln, in dem die Beschränkung der Atomversuche eine wichtige
Rolle spielt. Mögen wir mit Gottes Hilfe bald den Tag erleben,
an dem dies der Fall ist.
Dieser Aufgabe, Herr Vorsitzender, widmen wir unsere ganze Kraft,

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

LODGE FORDERT ERNEUT KONTROLLIERTE ABRÜSTUNG

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Erklärung, die der Vertreter der Vereinigten Staaten, Botachafter Henry Cabot
Lodge jr., am 16.Juli 1956 vor der Abriistungskommission der Vereinten Nationen abgegeben hat.

Sämtliche Mitglieder unserer Kommission haben jetzt mindestens
einmal das Wort ergriffen. Die Unterlagen sind daher nahezu vollständig, und wir sind in der Lage, Schlußfolgerungen aus dem gegenwärtig
gen Stand der Verhandlungen zu ziehen.
Die Abrüstungskommission hat die Aufgabe, sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Unterausschusses zu befassen, das Problem
deutlich herauszuarbeiten und den Weg für eine mögliche Lösung der
Probleme frei zu machen.
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Denn schon taucht das
Problem der weitreichenden Pernlenkgeschosse vor uns auf. Gehören
sie erst einmal zu den Standardwaffen, dann hat keine Nation mehr
als eine Viertelstunde Zeit, um sich auf ihre Verteidigung einzurichten und den Gegenschlag zu führen.
Die Zeit ist heute nicht mehr fern, wo verschiedene Nationen
über Atomwaffen verfügen, Atomgeschütze zur normalen Ausrüstung
einer Armee gehören und der kleinste militärische Zusammenstoß,
der sich irgendwo in der Welt ereignet, einen nuklearen Weltbrand
auszulösen vermag.
Wir müssen handeln, ehe diese tödlichen Geschosse im geheimen
für den Einsatz bereit gehalten werden und das Problem der atomaren
Kontrolle für eine Behandlung allzu verschwommen wird und überhaupt
nicht mehr faßbar ist.
Die Vereinigten Staaten sind daher überzeugt, daß es dringend
notwendig ist, ein wirksames System zu schaffen, das auf internationaler Basis eine Regelung und Beschränkung sämtlicher Rüstungen und
Streitkräfte gewährleistet. Wie wir bereits verschiedentlich erklärt
haben, sind wir der Meinung, daß ein solches System unter folgenden
Bedingungen geschaffen werden kann»
Erstens
1 -

�"AMERIKA DIENST"

? 5 . J u ii

l95g

Erstens sollte unter wirksamer internationaler Kontrolle und
ohne Verzug eine beträchtliche Reduzierung der Streitkräfte, der Rüstungen und der militärischen Ausgaben auf einen Stand vorgenommen
werden, wie er unter Berücksichtigung der gegenwärtigen instabilen
Weltlage angebracht erscheint.
Zweitens müssen weitere Beschränkungen stufenweise erfolgen, sobald sich die internationale Lage bessert una die Möglichkeiten zu einem
befriedigenden Abschluß jeder einzelnen Phase erwiesen sind. Wir sind
der Meinung, daß vorberei bend«, zunächst versuchsweise durchgeführte
Maßnahmen von Nutzen ^eir könnten.
Drittens glauben w'.r ferner, daß die Hauptgefahr für die Sicherheit der Welt die atomare Bedrohung ist und daß dringende Maßnahmen erforderlich sind, um sie unter Kontrolle zu bringen. Am I.März 1956 hat
Präsident Eisenhower an Ministerpräsident Bulganin ein Schreiben gerichtet, in dem er solche "aßnahmen vorschlägt.
Viertens glauben wir, daß eine zuverlässige Methode internationaler
Überwachung, einschließlich einer Luftüberwachung, unbedingt notwendig ist,
um einem Überraschungsangriff vorzubeugen und zu gewährleisten, daß vertraglich eingegangene Verpflichtungen auch gewissenhaft eingehalten werden.
Diese Grundhaltung der Vereinigten Staaten in der Abrüstungsfrage
wird auch in einer von Mr. Nutting am 3.Juli eingebrachten Resolution,
die unsere volle Unterstützung hat, zum Ausdruck gebracht.
Nach unserer Meinung verdienen diese Vorschläge,von jedem unterstützt zu werden, der ar einer Abrüstung ernsthaft interessiert ist.
Bedauerlicherweise hat sich die Sowjetunion bisher nicht in der Lage
gesehen, hierzu ihre Zustimmung zu erteilen.
Herrn Gromykos Rede vom 12.Juli erweckt in uns einige Zweifel hinsichtlich der Haltung der Sowjetunion gegenüber einigen dieser Vorschläge,
und sie zeigt deutlich die noch immer negative Einstellung zu anderen
Punkten.
Jedoch ist nach der Erklärung des sowjetischen Vertreters seine
Regierung heute anscheinend bereit, als ersten Schritt einer zahlenmäßigen Begrenzung der Streitkräfte der UdSSR und der USA auf-je 2,5 ...
Millionen Mann und der Streitkräfte Frankreichs sowie Großbritanniens
auf je 750 000 Mann zuzustimmen. Wenn man es tatsächlich so gemeint hat,
wie es den Anschein erweckt, dann ist das eine erfreuliche Nachricht.
Ich sage dies deshalb, weil die sowjetische Bereitschaft zu einer Begrenzung der Streitkräfte auf 2,5 Millionen Mann dem von Mr. Harold
Stassen in London gemachten Vorschlag in etwa entspricht.
Wir hoffen, daß damit die Sowjetunion ihrer Erkenntnis Ausdruck
gibt, daß die Reduzierung in diesem Maßstab den Realitäten der gegenwärtigen Weltlage entspricht und dem internationalen Vertrauen wie auch
einem umfassenderen Abrüstungsabkommen förderlich wäre.
Als verantwortungsbewußte Männer müssen wir uns jedoch darüber
klar sein, daß die Sowjetunion einer mit den modernsten Mitteln durchzuführenden wirksamen internationalen Überwachung, einschließlich einer
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�"AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

einer gewissen Luftüberwachung, bisher noch nicht zugestimmt hat. Wir
wissen daher nicht, ob die neue sowjetische Erklärung ein ernstgemeinter Vorschlag oder nur leeres Gerede ist.
Ferner möchte die Sowjetunion anscheinend die Streitkräfte aller
übrigen Länder, einschließlich einiger äußerst wichtiger Bundesgenossen
der freien Welt, auf 250 000 Mann beschränken.
Diese Sitzungen der «brüstungskommission haben es ferner deutlich
gemacht, daß die Sowjetunion auf ihre früher verfolgte Politik, nämlich
die Abschaffung der Atomwaffen zur Voraussetzung eines jeglichen Abrüstungsprogramms zu machen, zurückgegriffen hat. Das heißt mit anderen V/orten,
"ächtet die Bombe und vertraut der Sowjetunion".
Es ist ferner klar geworden, daß die Sowjetunion immer noch an dem
von Ministerpräsident Bulganin im vergangenen Monat gemachten Vorschlag
bezüglich einer Reihe von einseitigen, nicht nachprüfbaren Abrüstungsbeschränkungen bei verschiedenen Staaten ohne das Vorhandensein eines
Abkommens und einer Überwacnung festhält.
Man könnte sich vorstellen, daß gegen eine einseitige Abrüstung an
sich nichts einzuwenden wäre, vorausgesetzt, daß sie auch wirklich erfolgt.
Da sie jedoch ohne Überwachung erfolgt, bietet sie keine sichere Gewähr,
und sich auf etwas Falsches zu verlassen, könnte verheerende Folgen haben.
Diese einseitigen Abrüstungsbeschränkungen erwecken nicht den Anschein, daß sie eine Verminderung der Schlagkraft der sowjetischen Streitkräfte bedeuten. Marschall Schukow stellte die Situation richtig dar, als
er vor dem Kommunistischen Parteikongreß erklärte, daß
"die großen Leistungen der Schwerindustrie die Neubewaffnung unserer
Armee, Flotte und Luftstreitkräfte mit erstklassiger militärischer Ausrüstung ermöglicht haben." Auch können uns die Berichte keine große Befriedigung geben, die besagen, daß die Sowjets 30 000 Mann aus Deutschland
abgezogen haben - ebensowenig die propagandistisch stark ausgeschlachtete
Nachricht von einer Verlegung veralteter Flugzeuge nach neuen, nur verhältnismäßig wenige Kilometer zurückgelegenen Stützpunkten. Die auf deutschem Gebiet stehenden sowjetischen Streitkräfte würden - selbst nach
Vornahme, der Reduzierungen - immer noch stärker sein als diejenigen sämtlicher übriger Länder zusammengenommen. Notfalls könnte das Vielfache,
ihrer Zahl auf dem raschesten Wege wieder nach Deutschland zurückgebracht
werden. Sie brauchen nicht erst, wie ich es zweimal erlebt habe, einen
fast 5000 Kilometer breiten, von U-Booten wimmelnden Atlantischen Ozean
zu überqueren, um Europa vor einer Aggression retten zu helfen.
Was tatsächlich geschieht, ist folgendes: Die Sowjetunion geht jetzt
erst daran, ihre Streitkräfte auf eine Stärke zu reduzieren, die die Vereinigten Staaten schon vor einiger Zeit erreicht haben - eine begrüßenswerte, doch reichlich verspätete Maßnahme.
Jahr für Jahr veröffentlichen die Vereinigten Staaten detaillierte
Zahlen über die Stärke ihrer Streitkräfte. Ich habe sie häufig genannt.
Die Sowjetunion aber denkt trotz mehrfacher Aufforderung nicht daran,
ein Gleiches zu tun.
Trotzdem

�"A?flERIKA DIENST"

25. Juli 1956

Trotzdem erhebt Herr Gromyko in seinen beiden Reden den Anspruch,
daß die von den sowjetischen Streitkräften seit dem zweiten Weltkrieg
vorgenommenen Rüstungsbeschränkungen "bei weitem die Rüstungsbeschränkungen der bewaffneten Streitkräfte der Westmächte übertroffen haben".
'.Vir sind natürlich nur auf Vermutungen angewiesen, doch sind wir überzeugt, daß diese Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen.
Ich komme jetzt zur zweiten Frage - dem Zeitplan und den einzelnen
Phasen eines Abrüstungsprogramms: Herr Gromyko hat versucht, den Eindruck hervorzurufen, daß das, was er den "Westen" nennt, nicht daran
denke, eine Beschrankung der Rüstungen vorzunehmen, bis "zuvor strittige
internationale Probleme geregelt worden sind".
Herr Vorsitzender diese Erklärung ignoriert einfach, was ich bereits
betont habe, nämlich: daß die Vereinigten Staaten bereit sind, bei entsprechender Bescnränkung der Rüstungen und der militärischen Ausgaben der
ganzen Welt, so wie sie sich heute darbietet, oder in einer der heutigen
ähnlichen Weltsituation, die Zahl ihrer Streitkräfte auf 2,5 Millionen
Mann zu reduzieren, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen Gegensätze - vorausgesetzt, daß eine angemessene Überwachung geschaffen wird,
einschließlich einer Luftüberwachung. Und dieses Angebot ist von uns im
vergangenen Frühjahr gemacht wordenj von der Sowjetunion wurde es abgelehnt.
Unser Vorschlag, sofort, ungeachtet politischer Regelungen, die
atomare Bedrohung zu vermindern, beschränkt sich nicht nur auf das Gebiet
der konventionellen Waffen. Präsident Eisenhower schlug beispielsweise
am 8.Dezember 1953 vor, "sofort und auch in Zukunft gemeinsame Beiträge
aus den vorhandenen Beständen gewöhnlichen Urans und spaltbarer Materialien an eine internationale Atomenergiebehörde zu leisten".
Wir machten diese Angebote, weil wir glauben, daß sie zur Beilegung
politischer Spannungen beitragen, was wiederum eine weitergehende Abrüstung erlauben und so einen Zyklus auslösen würde, der allen zum Segen
gereicht. Herr Gromyko zieht es jedoch vor, zu betonen, "daß Abrüstung
und die Lösung offenstehender politischer Probleme 'ganz verschiedene
Dinge sind', um ihn hierzu wörtlich zu zitieren, und daß sie miteinander
zu verbinden weiter nichts bedeuten würde als sie einfach in einen Topf zu
werfen und beide noch mehr zu komplizieren".
Ich habe zwei Vorschläge erwähnt, die die Vereinigten Staaten vorgebracht haben; 1) Beschränkungen in den herkömmlichen Waffen, und 2) Zeitplan. Unser dritter Vorschlag bezieht sich auf die Kontrolle und Beschränkung der atomaren Bedrohung. Jeder Sprecher hat sich dafür eingesetzt, daß
sich ein Abrüstungsplan mit der atomaren Bedrohung befassen müsse, daß es
nicht genüge, auf ältere Waffen zu verzichten oder mehr Infanteristen in
das Reserveheer einzureihen.
Herr Belaunde als Vertreter Perus hat darauf hingewiesen, wie absurd
es sei, eine Beschränkung bei älteren Waffentypen einzuführen und "gleichzeitig dem tragischen Rüstungswettrennen mit nuklearen Waffen freien Lauf
zu lassen".
Herr Brilej als Vertreter Jugoslawiens traf den Kern der Sache, als
er erklärte, daß "gegenwärtig zwar unüberwindbare Hindernisse für die

- 4-

�'AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

die Errichtung eines wirksamen Kontrollsystems hinsichtlich der Abschaffung der atomaren Waffen bestehen", daß aber "die Überwachung von Maßnahmen in bezug auf den völligen Produktionsstop bei nuklearen Waffen
keineswegs unmöglich ist." Er hat völlig recht, wenn er sagt, daß
"erste Vereinbarungen sowohl eine wirksame Reduzierung der herkömmlichen
Waffen und bewaffneten Streitkräfte als auch gewisse Maßnahmen in bezug
auf nukleare Waffen sowie ein angemessenes Kontrollsystem vorsehen sollten."
In seinem Brief vom I.März 1956 erklärte Präsident Eisenhower, daß
die Vereinigten Staaten bereit seien, zusammen mit anderen Nationen "geeignete und sichere Vorkehrungen zu schaffen, so daß spaltbares Material
nirgends auf der Welt weiterhin zur Verstärkung der Vorräte an Explosivwaffe:
verwendet werden kann". Er schlug ferner vor, diese Maßnahmen mit dem Programm der Eeisteuerung atomaren Materials aus vorhandenen Beständen an
die Internationale Atomenergiebehörde zu verbinden, sobald diese einmal
besteht. Auf diese Weise hofft der Präsident, "die die ganze Welt beherrschende Tendenz, den Bestand an nuklearen Waffen beständig zu vermehren,
in ihr Gegenteil zu verkehren".
In ihren Vorschlägen vom 27«März 1956 und in den Briefen Ministerpräsident Bulganins vom 6.Juni 195&amp; empfiehlt die Sowjetunion keinerlei
Maßnahmen zur Bekämpfung der nuklearen Bedrohung. Sie behauptet nur, daß
eine Reduzierung der konventionellen Streitkräfte die Abschaffung der
nuklearen Waffen erleichtern würde und schlägt vor, Militärstreitkräfte
in Deutschland nicht mit Atomwaffen auszurüsten.
Am 5«Juli jedoch brachte Herr Gromyko eine Resolution ein, in der
ein bedingungsloses Verbot der Verwendung; von Atomwaffen gefordert wurde;
und in seiner Rede vom 12.Juli sprach er von der Vernichtung aller Atombombenvorräte .
In der Rede von Herrn Gromyko findet man keinerlei Hinweis darauf,
daß eine Bestandsaufnahme der nuklearen Materialien, besonders solcher,
die in der Vergangenheit produziert worden sind, irgendwelche besonderen
Schwierigkeiten bereitet. In Wahrheit aber ist es niemand anderes als
die Sowjetunion selbst gewesen, die in ihrer Note vom 10.Mai 1955 klipp
und klar erklärte, Reserven nuklearen Materials könnten der internationalen Kontrolle entzogen und dazu verwendet werden, insgeheim die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben zu organisieren.
Die Resolution der Sowjetunion gründet sich auf das Verbot - entweder
Verbot überhaupt oder Verbot der Verwendung.
Unter den gegenwärtigen Umständen jedoch läßt sich nicht auf die
Realisierung eines gegebenen Versprechens, nämlich des Verbots von
Atomwaffen, dringen. Und wie bei allen undurchführbaren Gesetzen wird
die Herrschaft des Rechts, in diesem Fall das Völkerrecht, in Mißkredit
gebracht.
Der sowjetische Delegierte hat außerdem andere Länder kritisiert, daß
sie sich weigerten, das Versprechen zu geben, niemals Atomwaffen zu verwenden oder als erste zu verwenden, und daß sie die sowjetische Auffassung
nicht akzeptieren, in Deutsehland stationierte militärische Streitkräfte
nicht mit nuklearen Waffen-Auszurüsten.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

Dies muß unsere Aufmerksamkeit des weiteren auf die Tatsache lenken,
daß ein Verbot des Einsatzes, wie es die Sowjetunion vorschlägt, für
einige Parteien ungerecht und nachteilig wäre - in diesem Fall für die
freien parlamentarischen Demokratien und ihre Verbündeten.
Dieser gleiche Punkt wurde auch im vergangenen Jahr vom Politischen
Ausschuß der UN-Generalversammlung vor der Annahme seiner an uns gerichteten Direktive vom 16.Dezember 1955 gründlich erforscht.
Wie der Delegierte Belgiens damals dem Ausschuß erklärte, würden
"solche Unternehmungen, falls es einen potentiellen Aggressor in der
Welt gibt, bewirken, daß dieser über die Konsequenzen der von ihm geplanten Handlung beruhigt sein kann und folglich ermutigt wird, die
aggressive Handlung zu begehen".
Die Vereinigten Staaten schließen sich dieser Analyse voll an. Wir
glauben nicht, daß kleineren Ländern in strategisch besonders wichtiger
geographischer Lage und mit großen Reserven an Menschen und Atomwaffen
das wichtigste Mittel der Verteidigung und Abschreckung gegenüber einer
Aggression vorenthalten werden sollte. Wenn diese gleichen Länder echte
Demokratien sind, die gerade aus der Natdr ihrer Institutionen heraus nicht
dazu neigen, den ersten Kriegsstreich zu tun, könnte jegliche Übereinkunft
der Art, wie Herr Gromyko sie vorschlägt, Selbstmord bedeuten.
Die Vereinigten Staaten werden getreu ihren Verpflichtungen im Rahmen
der UN-Charta niemals Atomwaffen oder andere Waffen - Kanonen, Bomben,
Schiffe oder Flugzeuge - einsetzen, es sei denn zur Abwehr und Niederschlagung einer verbrecherischtn Aggression. Aber sie geben sich auch
nicht dazu her, den Verfechtern der Freiheit die Hände zu binden, wenn
sie gegen die Aggression kämpfen müssen.
Aus diesem Grunde erheben wir Einspruch gegen die Resolution, die der
Vertreter der Sowjetunion am 3.Juli 1956 eingebracht hat.
Ich komme schließlich zu FCage Nr. 4&gt; der überaus wichtigen Frage
der Inspektion. Wir freuten uns, daß wir im Vorschlag der Sowjetunion
vom 27-März zum erstenmal eine, wenn auch sehr einschränkende Liste •
darüber vorfanden, was im Rahmen des Planes inspiziert werden könnte;
wir waren und sind aber erstaunt darüber, daß in dem Brief Ministerpräsident Bulganins an Präsident Eisenhower vom 6.Juni 1956 von einem Inspektionsplan überhaupt nicht die Rede ist.
Es ist für mich enttäuschend, daß die Sowjetunion anscheinend ihre
ablehnende Haltung gegen Präsident Eisenhowers Plan der "offenen Himmel"
verstärkt hat. Wir sind überzeugt, daß letzten Endes die Weltmeinung auf
die Verwirklichung dieses Planes dringen wird.
Der Plan der offenen Himmel, Herr Vorsitzender, erlegt der Sowjetunion keine Bürde auf, die nicht auch wir zu tragen bereit wären.
Er beabsichtigt nicht irgendein dunkles Unternehmen aus Spionagegründen; er ist vielmehr unabdingbarer Bestandteil eines Abrüstungsplanes.
Herrn

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�"AMERIKA DIENST"

25: Juli 1956

Herrn Gromyko sind in seiner Erklärung zur Haltung cor Tier
Mächte in der Frage der Inspektion zwei seltsame Fehler unterlaufen.
Er sagt erstens, die Sowjetunion habe ein "sehr detailliertes
Kontrollsystem" unterbreitet, und zwar in der Form des Bulganin-Planes,
der die Stationierung von Beobachtern in Schwerpunkten militärischer Anlagen vorsieht, daß jedoch die Westmächte 'die ganze Angelegenheit auf
die Durchführung von Luftaufnahmen zusammendrängen wollen...".
Sicherlich ist Herrn Gromyko bekannt, daß auch vir den Bulganin-Plan
akzeptieren. Er weiß ferner, daß die Luftinspektoren nicht einfach blind
durch die Gegend fliegen, sondern die ausgetauschten Informationen
überprüfen.
Zweitens behauptet er, daß die Frage der Durchführung vor Luftaufnahmen über außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika gelegenen Gebieten 'in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten völlig fehlt".
Sicherlich kann er die Versicherungen nicht übersehen haben, die wir
immer und immer wieder gegeben haben, daß dieser Plan auf Stützpunkte
ausgedehnt werden könnte, die die Vereinigten Staaten außerhalb ihres
Territoriums mit Zustimmung der betreffenden Nationen benutzen.
Hinsichtlich der Frage der Inspektion scheint daher die Sowjet nion
ein oder zwei Schritte vorangekommen zu sein, wenn sie die zu inspizierenden Objekte identifiziert und den Bulganin-Plan vorlegt, um jedoch
gleichzeitig wieder ein oder zwei Schritte zurück zu tun, indem sie ihre
Haltung gegen die Luftaufklärung versteift und unsere Vorschläge verdreht
darstellt.
Die Meinung der Mitglieder dieser Kommission steht, so glaube ich,
bereits fest. Sie wollen festgestellt wissen, daß ein gewisser Fortschritt erreicht wurde. Es wird aber auch an jeden btaat der Appell ge^L
richtet, so schnell wie möglich Maßnahmen zu ergreifen, um alles Erdenkliche im Rahmen einer angemessenen Kontrolle zu unternehmen, noch bevor ein umfassendes Programm erarbeitet wird; die Kommission wünscht
eine daran anschließende Abrüstung, die für jeden Staat stufenweise
durchgeführt wird, die jedoch auf einem zufriedenstellenden Verhalten
der einzelnen beruht und mit einem zunehmenden Vertrauen in den internationalen Beziehungen eng verbunden ist; sie wünscht ferner Maßnahmen zur
Kontrolle sowohl der herkömmlichen als auch der nuklearen V/affen; sie
setzt große Hoffnungen in die vorbereitenden und Teilmaßnahmen zur
Überwindung des toten Punktes; sie ist fest von der Notwendigkeit einer
gründlichen Inspektion, von Vorkehrungen gegen einen umfassenden Überraschungsangriff und Sicherheiten dafür überzeugt, daß die Verpflichtunge
getreu eingehalten werden.
Wenn ich hier diese einfachen, aber zwingenden Wünsche noch eirmal
zitiere, unterstreiche ich damit, daß sie alle in dem Resolutionsentwurf
enthalten sind, den Mr. Nutting am 5.Juli eingebracht hat. Ich bin mir
auch bewußt, daß sie den Wünschen der Menschlichkeit in aller Welt entsprechen .
**-***

�I

Dokumente:
Lenin über Stalin

.»

�Von: US State Department, Washington, 30. Juni 1956

Dokumente: Lenin über Stalin
D a s US-Außenministerium erhielt kürzlich aus
vertraulicher Quelle verschiedene Dokumente, die
vermutlich am 25. Februar 1956 unter den Delegierten des XX. Parteitages der KPdSU verteilt
worden sind, sozusagen als ergänzendes Material
zur Rede des Ersten Parteisekretärs N. S. Chruschtschow, deren Text das US-Außenministerium
am 4. Juni 1956 veröffentlichte.* Es handelt sich um
18 Dokumente zur sowjetischen Innenpolitik der
Jahre 1922/23, die vom US-Außenministerium inzwischen auf ihre etwaige frühere Veröffentlichung
oder Erwähnung überprüft worden sind.
Angesichts der Tatsache, daß die KPdSU am
30. Juni 1956 einen Teil der Dokumente dieser
Reihe der Öffentlichkeit übergab, hat sich das U S Außenministerium entschlossen, die in seinem
Besitz befindlichen Dokumente im Interesse der
wissenschaftlichen Forschung und de* historischen
Einordnung der Ereignisse der Jahre 1922/23 ebenfalls bekanntzugeben.
Nachstehend eine Liste der Dokumente mit Anmerkungen über deren Erstveröffentlichung.
1. Protokoll über Notizen Lenins, ausgefertigt am
18. Mai 1924 von N. K. Krupskaja (Lenins Frau)
und Kamenew. Unveröffentlicht.
2. Notizen einer Kommission des ZK-Plenums
über die Notizen Lenins, ausgefertigt am 19. Mai
1924. Unveröffentlicht.
3. Lenins „Brief an den Parteitag" vom 23. Dezember 1922 über die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
4. Lenins Ergänzungen zu diesem Brief vom
24. und 25. Dezember 1922 und Nachschrift vom
4. Januar 1923 (bekannt als Lenins „Testament").
Veröffentlicht u. a. in L. Trotzkij, „The Real Situation in the Soviet Union", S. 320 bis 323.
5. Notizen Lenins vom 26. Dezember 1922 über
die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
6. Notizen Leni ns vom 27. Dezember 1922 zur
Übertragung
legislativer
Funktionen
an die
Gosplan-Kommission. Unveröffentlicht; Auszüge
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
5. 76, und Max Eastman, „Since Lenin Died", S. 15.
•Vgl. O-P 8. Jahr, S. 867 ff.

7. Dasselbe, Fortsetzung vom 28. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
8. Dasselbe, Fortsetzung vom 29. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
9. Notizen Lenins vom 29. Dezember 1922 über
die Erhöhung der Zahl der ZK-Mitglieder. Unveröffentlicht.
10. Memorandum vom 16. April 1923 an die Mitglieder des ZK im Zusammenhang mit der Übermittlung der folgenden Dokumente. Unveröffentlicht.
11. Schreiben Trotzkijs vom 16. April 1923 an
Stalin und die ZK-Mitglieder zu einem Artikel
Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht; Inhaltsangabe bei M. Eastman, „Since Lenin
Died'i, S. 23.
12. Lenins Artikel über die Nationalitätenfrage
vom 30. und 31. Dezember 1922. Abgedruckt bei
R. Pipes, „The Formation of the Soviet Union,
Communism and Nationalism, 1917-1923", S. 273
bis 274.
13. Schreiben Lenins vom 5. März 1923 an
Trotzkij über Bedenken Lenins wegen der Einstellung Stalins zur Lage in Georgien. Abgedruckt
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
S. 81.
14. Mitteilung der Sekretärin Lenins an Trotzkij
vom 5. März 1923. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 91.
15. Schreiben von L. Fotijewa, einer der Sekretärinnen Lenins, vom 16. April 1923 an Kamenew
und Trotzkij zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 82.
16. Empfangsbestätigung Kamenews vom 16. April
1923 über den Eingang des Schreibens der Fotijewa.
Unveröffentlicht.
17. Schreiben der Fotijewa vom 16. April 1923 an
Stalin zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
18. Erklärung Stalins vor den ZK-Mitgliedern
am 16. April 1923 zur Übersendung des LeninArtikels über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.

I

�Unveröffentlichte Dokumente
verteilt a n die Delegierten des X X . P a r t e i t a g s der
K P d S U zum ausschließlichen Gebrauch der P a r t e i organisationen
1. Dokument
Ich übermittelte die Notizen, die W. I.* mir während
seiner Krankheit vom 23. Dezember bis zum 23. Januar
diktierte — 13 verschiedene Notizen. In dieser Sammlung ist die Notiz zur nationalen Frage noch nicht enthalten (Marija Iljinischna** hat sie). Einige Notizen
wurden bereits veröffentlicht (die über die Arbeiterund Bauerninspektion sowie die über Suchanow). Zu
den unveröffentlichten Notizen gehören die vom 24.
und 25. Dezember 1922 und die vom 4. Januar 1923, die
persönliche Charakterisierungen einiger ZK-Mitglieder
enthalten. Wladimir Iljitsch hat ausdrücklich' gewünscht, daß diese Notiz nach seinem Tode dem nächsten Parteitag zu dessen Information unterbreitet wird.
N. Krupskaja
Die im Schreiben der Genossin N. K. Krupskaja
erwähnten Dokumente, die der Kommission des ZKPlenums -unterbreitet werden sollen, habe ich am 18.
Die oben erwähnten und dem Genossen Kamenew
übermittelten Notizen Wladimir Iljitschs sind mir
sämtlich bekannt und wurden von Wladimir Iljitsch
zur Übermittlung an die Partei bestimmt.
18. 5. 1924
N. Krupskaja
Für die Richtigkeit des Protokolls:
L. Kamenew
N. Krupskaja
2. Dokument
Nach Einsichtnahme in die Dokumente, die dem
Genossen Kamenew von N. K. Krupskaja am 18. 5.
1924 übergeben wurden, beschloß die Kommission des
ZK-Plenums, sie dem nächsten Parteitag zu dessen
Information vorzulege'n.
19. 5. 1924

G. Sinowjew
A. Smirnow
M. Kalinin

N. Bucharin
J. Stalin
L. Kamenew

3. Dokument
Brief a n den P a r t e i t a g
I. Ich halte es für sehr angezeigt, daß auf diesem
Parteitag einige Veränderungen in unserer politischen
Organisation vorgenommen werden.
Ich möchte Ihnen die Überlegungen mitteilen, die ich
für die wichtigsten halte.
Ich schlage vor, weil ich dies für besonders wichtig
halte, die Mitgliederzahl des ZK auf mehrere Dutzend,
wenn möglich sogar auf hundert Mitglieder zu vergrößern. Mir scheint, daß unser Zentralkomitee großer
Gefahr ausgesetzt wäre, wenn die zukünftige Entwick•Wladimir Iljitsch Lenin. (O-P)
" L e n i n s Schwester. (O-P)
•••Lenin starb am 21. Januar 1924. Der XIII. Parteitag der KPdSU (B) fand in der Zeit vom 23. bis
31. Mai 1924 statt. (O-P)
4

lung einen für uns ungünstigen Verlauf nehmen würde
(und wir dürfen uns auf nichts verlassen), ohne daß
wir eine derartige Reform durchgeführt haben.
Weiter möchte ich die Aufmerksamkeit des Parteitags
auf den Vorschlag lenken, demzufolge den GosplanBeschlüssen unter bestimmten Voraussetzungen Gesetzeskraft zu geben sei, wobei die Anregung des Genossen Trotzkij bis zu einem gewissen Grade und unter
bestimmten Bedingungen in Betracht zu ziehen ist.
Was den ersten Punkt, d. h. die Vergrößerung der
Mitgliederzahl des ZK betrifft, so bin ich der Auffassung, daß dies notwendig ist für die Stärkung der
Autorität des ZK, für unsere auf die Verbesserung
des Apparats gerichteten ernsthaften Bemühungen und
im Interesse der Verhinderung von Konflikten zwischen
kleinen ZK-Gruppen, die sich auf den Bestand der
gesamten Partei höchst nachteilig auswirken würden.
Meiner Ansicht nach hat die Partei das Recht, der
Arbeiterklasse 50 bis 100 ZK-Mitglieder abzufordern,
die sie auch abstellen könnte, ohne daß ihre Kraft über
Gebühr beansprucht wird.
Diese Reform würde-den Grundstein für eine Festigung
unserer Partei legen und würde sie bei ihrem Kampf
gegen die Umkreisung durch die Feindstaaten unterstützen, einem Kampf, der sich nach meiner Meinung
in den nächsten Jahren wesentlich verschärfen kann
und muß. Ich glaube, daß eine solche Maßnahme die
Stabilität unserer Partei vertausendfachen würde.
23. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.
4. Dokument*
Fortsetzung

der Notizen,

24. 12. 1922

IL Unter einer Festigung des Zentralkomitees, von
der ich oben sprach, verstehe ich Maßnahmen, die eine
Spaltung verhindern sollen, soweit solche Maßnahmen
überhaupt getroffen werden können. Denn der Weißgardist der „Russkaja Mysl" (ich glaube, es war S. F.
Oldenburg) hatte natürlich durchaus recht, als er bei
den Aktionen gegen Sowjetrußland seine Hoffnungen
in erster Linie auf eine Parteispaltung und in zweiter
Linie auf ernstliche Meinungsverschiedenheiten in
unserer Partei bei der Erörterung dieser Spaltung
setzte.
Unsere Partei stützt sich auf zwei Klassen, und
deshalb ist eine Erschütterung ihrer Stabilität möglich, und wenn es zu keiner Einigung zwischen diesen
beiden Klassen kommt, ist sogar ihr Zusammenbruch
unvermeidlich. In einem solchen Falle wäre es zwecklos, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen oder überhaupt über die Festigung des Zentralkomitees zu debattieren. In einem solchen Falle könnten keine Präventivmaßnahmen eine Spaltung verhindern. Aber ich
hoffe, daß das ein noch zu weit in der Zukunft liegendes und auch zu unwahrscheinliches Ereignis ist, um
jetzt darüber zu reden.
Ich denke heute an eine Festigung als Garantie
gegen eine Spaltung in naher Zukunft und will hier
eine Reihe von Betrachtungen rein persönlicher Natur
anstellen.
•Vgl. Ruth Fischer, „Stalin und der deutsche Kommunismus", Frankfurt a. M. 1950, S. 293 ff. (O-P)

�Ich glaube, daß unter diesem Gesichtspunkt der
Schlüssel zur Festigung bei ZK-Mitgliedern wie Stalin
und Trotzkij liegt. Die Art der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen enthält nach meiner Meinung
den größeren Teil der abzuwendenden Spaltungsgefahr; diese Gefahr kann meiner Ansicht nach, abgesehen von anderen Gründen für diese Maßnahme,
am besten dadurch gebannt werden, daß man die
Mitgliederzahl des ZK auf 50 oder 100 Personen
erhöht.
Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär
geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen
vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er
es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen. Auf der anderen
Seite besitzt Genosse Trotzkij, wie sich in seinem
Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für das Verkehrswesen zeigte, nicht
nur ausgezeichnete Fähigkeiten — persönlich ist er
vermutlich der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK
—, sondern gleichzeitig auch ein Übermaß an Selbstbewußtsein und einen übergroßen Hang zur rein
administrativen Regelung der Probleme.
Diese beiden Charakterzüge der beiden begabtesten
Führer des gegenwärtigen ZK könnten ganz gegen
deren Willen zu einer Spaltung führen; und wenn
unsere Partei keine Maßnahmen dagegen ergreift,
kann diese Spaltung ganz unerwartet eintreten.
Ich will nicht weiter versuchen, die persönlichen
Eigenschaften der anderen ZK-Mitglieder zu charakterisieren. Ich will nur daran erinnern, daß Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall
war, daß man dies aber ebensowenig gegen sie ins
Treffen führen darf wie gegen Trotzkij die Tatsache,
daß er früher kein Bolschewik war.
Zu den jüngeren ZK-Mitgliedern übergehend, möchte
ich einige Worte über Bucharin und Pjatakow sagen.
Diese sind nach meiner Meinung die fähigsten Kräfte
unter diesen Jüngsten, doch ist dabei folgendes zu beachten: Bucharin ist nicht nur ein sehr wertvoller und
sehr prominenter Parteitheoretiker, sondern er kann
recht eigentlich als der Favorit der ganzen Partei betrachtet werden; trotzdem dürfen seine theoretischen
Ansichten nur mit größtem Vorbehalt als restlos
marxistisch angesehen werden, denn es steckt in ihm
ein Stück von einem Scholastiker (er hat die Dialektik
nie studiert und, wie ich glaube, auch niemals ganz verstanden).
Nun zu Pjatakow; er ist ein zweifellos willensstarker
und sehr begabter Mann, der jedoch viel zu sehr dem
Verwaltungswesen, der rein administrativen Seite
der Dinge ergeben ist, als daß man sich in einer
wichtigen politischen Frage auf ihn verlassen könnte.
Selbstverständlich bezieht sich die erste wie die
zweite Bemerkung nur auf die Gegenwart, aber beide
sind gerade für den Fall gemacht worden, daß diese
beiden fähigen und loyalen Mitarbeiter nicht imstande
sein sollten, gelegentlich ihr Wissen abzurunden und
ihre Einseitigkeit zu überwinden.
25. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.

Nachschrift

zum Brief

vom 24. Dezember

1922

Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in
unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns
Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs.
Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu
finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen
und dafür einen anderen Mann auszuwählen, der sich
aber in jeder Beziehung nur dadurch von Stalin
unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht
so launisch usw. Diese Dinge mögen wie unwichtige
Kleinigkeiten erscheinen. Ich glaube jedoch, daß sie
unter dem Blickwinkel der Verhinderung einer Spaltung und meiner Bemerkungen über die Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzkij keine Kleinigkeiten sind,
oder wenn doch, daß es Kleinigkeiten sind, die entscheidende Bedeutung gewinnen können.
4. Januar 1923
Lenin
Niederschrift durch L. F.
5. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

26. 12. 1922

III. Die Erhöhung der Mitgliederzahl des ZK auf
50 oder sogar 100 soll, wie ich es sehe, einem zweioder dreifachen Zweck dienen; je mehr Mitglieder
das ZK zählt, um so mehr Personen werden die
Arbeit des ZK kennen lernen und um so geringer
wird die Gefahr einer Spaltung infolge einiger unbedachter Schritte sein. Die Berufung zahlreicher
Arbeiter in das ZK wird es unseren Arbeitern ermöglichen, die Leistungsfähigkeit unseres Apparats* zu
erhöhen, der viel zu wünschen übrigläßt. Praktisch
haben wir ihn von dem alten Regime übernommen, da
es für uns vollkommen unmöglich war, ihn in so kurzer
Zeit völlig zu reorganisieren, vor allem in einer Zeit
des Krieges, der Hungersnot usw. Aus diesem Grunde
kann man den „Kritikern", die in geringschätziger oder
sarkastischer Weise die Mängel unseres Apparats hervorheben, die klare Antwort geben, daß sie keine
Ahnung von den Bedingungen haben, unter denen sich
unsere gegenwärtige Revolution vollzieht. Eine wirksame Reorganisation des Apparats binnen fünf Jahren
war völlig unmöglich — besonders in der Revolutionsperiode. Es ist genug, daß es uns in den fünf Jahren
gelungen ist, eine Regierung neuen Typs zu schaffen,
in der die Arbeiter an der Spitze der Bauern gegen
die Bourgeoisie stehen, und das zu einer Zeit, da wir
von einer Welt von Feinden eingekreist sind. Das war
eine ungeheure Leistung. Dieses Bewußtsein sollte
uns jedoch nicht blind gegenüber der Tatsache machen,
daß es praktisch der alte Apparat ist, den wir übernommen haben, der Apparat des Zaren und der Bourgeoisie, und cfaß nunmehr, nachdem wir den Frieden
errungen und unsere Mindestbedürfnisse befriedigt
haben, alle unsere Anstrengungen darauf konzentriert
werden müssen, die Leistungsfähigkeit des Apparats
zu verbessern. Ich male mir das so aus: Setzt man
mehrere Dutzend Arbeiter in die Maschinerie des ZK,
so werden sie besser als alle anderen imstande sein,
sich mit der Kontrolle, der Leistungssteigerung und der
•Gemeint ist offenbar der Regierungs- bzw. Verwaltungsapparat. (O-P)

8

�Umgestaltung unseres Apparats zu befassen. Es hat
sich gezeigt, daß die Arbeiter- und Bauerninspektion,
die ursprünglich diese Funktion ausübte, der Aufgabe
nicht gewachsen ist und daß sie den betreffenden ZKMitgliedern nur als „Hilfe" oder unter gewissen Umständen als „Stütze" von Nutzen ist. Die in das ZK
berufenen Arbeiter sollten meiner Ansicht nach nicht
aus den Reihen derer genommen werden, die bereits
eine lange Dienstzeit im Sowjetapparat hinter sich
haben (in diesem Passus meines Briefes rechne ich die
Bauern unterschiedslos zu den Arbeitern), da diese
Arbeiter bereits gewisse Gewohnheiten und Vorurteile
angenommen haben, deren Bekämpfung ich für besonders notwendig halte.

Schritte zur Erweiterung der Gosplan-Befugnisse
unternehmen.
Ich stelle mir diese Schritte folgendermaßen vor:
die Gosplan-Beschlüsse können durch das normale
Regierungsverfahren nicht beiseite geschoben werden, sondern dazu wäre ein besonderes Verfahren
erforderlich, z. B. Behandlung der Angelegenheit auf
einer ZEKU-Sitzung* und Bearbeitung gemäß besonderer Weisungen, sowie Beifügung besonderer Vorschriften und Anmerkungen, die für die Beurteilung
notwendig sind, ob ein bestimmter Gosplan-Beschluß
aufgehoben werden soll, und schließlich Überprüfung
der Gosplan-Beschlüsse in regelmäßigen, genau festgelegten Abständen usw.

Der Stab des ZK sollte weitgehend aus den Reihen
Meiner Meinung nach könnte und sollte die Mitjener Arbeiter aufgefüllt werden, die eine Stufe unter arbeit des Genossen Trotzkij in dieser Angelegenheit
denjenigen stehen, die in den letzten fünf Jahren in
sichergestellt werden, aber nicht in dem Sinne, daß
Positionen des Sowjetapparats berufen wurden, aus den ' einer unserer politischen Führer zum Gosplan-VorReihen derer, die dem einfachen Arbeiter und Bauern
sitzenden oder zum Vorsitzenden des Obersten Wirtam nächsten sind, der weder direkt noch indirekt der schaftsrates ernannt wird. Es scheint mir, daß die
Klasse der Ausbeuter angehört. Ich glaube, daß grundlegende Erörterung dieser Frage zu eng mit
Arbeiter, die allen ZK-Sitzungen und allen Politbüro- persönlichen Erwägungen verknüpft ist. Es scheint
Sitzungen beiwohnen und dazu die Möglichkeit haben,
mir, daß die neuerdings vorgebrachten Einwärjde
alle ZK-Dokumente zu lesen, durchaus imstande wären, gegen den Gosplan-Vorsitzenden
Krshishanowskij
einen Kader loyaler Anhänger des Sowjetsystems auf
und seinen Stellvertreter Pjatakow zwei Seiten
die Beine zu stellen. Sie würden außerdem 1. die
haben. Auf der einen Seite übt man an ihnen Kritik,
Stabilität des ZK selbst erhöhen und 2. wirklich etwas
weil sie die Dinge zu leicht nehmen, weil sie sich
für die Reorganisation und Leistungssteigerung des nicht durchsetzen können, weil es ihnen an CharakApparats tun.
terfestigkeit fehlt, auf der anderen Seite wirft man
ihnen vor, daß sie angeblich ungewandt sind, daß sie
6. Dokument
sich wie Feldwebel benehmen, daß sie keine hin. reichend soliden wissenschaftlichen
Vorkenntnisse
Fortsetzung der Notizen, 27. Dezember 1922
besitzen usw. Es scheint mir, daß diese Kritik zwei
Z u r Ü b e r t r a g u n g legislativer F u n k t i o n e n an die Aspekte der Frage in extremer Formulierung zuGosplan-Kommission*
sammenfaßt und daß wir im Gosplan eine gute Kombination der beiden Typen, dem einen von Pjatakow,
IV. Wie mir scheint, ist dieser Gedanke erstmals vom
dem
andern von Krshishanowskij repräsentiert, geGenossen Trotzkij vorgetragen worden. Ich lehnte ihn
biauchen.
ab, weil ich der Ansicht war, daß dadurch ein grundsätzlicher Widerspruch in das System unserer legisMeiner Ansicht nach sollte an der Spitze der Goslativen Institutionen hineingetragen würde.
Nach
gründlicher Überprüfung dieses Problems bin ich plan-Kommission ein Mann mit wissenschaftlichen
gleichwohl zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser Vor- Vorkenntnissen, besonders auf technischem oder
schlag einen im Grunde gesunden Gedanken enthält, landwirtschaftlichem Gebiet stehen, ein Mann mit
nämlich, daß der Gösplan von unseren legislativen großen praktischen Erfahrungen, die er in mehreren
Institutionen etwas abgesondert ist, ungeachtet der Dutzend Jahren in der Technik oder Landwirtschaft
Tatsache, daß er als Gremium sachkundiger Einzel- gesammelt hat. Meiner Ansicht nach müßte ein solpersonen, Fachleute und Vertreter von Wissenschaft cher Mann nicht so sehr ein guter Verwalter als vielund Technik tatsächlich die meisten Daten kennt, die mehr eine überaus erfahrene Führerpersönlichkeit sein.
27. 12. 1922
Lenin
man zur Beurteilung der Lage benötigt.
Niedsrschrift durch M. W.
Bisher haben wir jedoch die Auffassung vertreten,
daß der Gosplan die Staatsorgane mit zuverlässigen
Materialzusammenstellungen versorgen sollte, auf die
7. Dokument
sich jene bei Entscheidungen über RegierungsangelegenFortsetzung
des Briefes über die
legislativen
heiten stützen können. Ich halte es für notwendig, daß
wir in der gegenwärtigen Situation, da sich die ReFunktionen
der
Gosplan-Kommission,
gierungsangelegenheiten ungewöhnlich kompliziert ha28. Dezember 1922
ben, da es fortgesetzt erforderlich ist, bei Einzelentscheidungen das Sachwissen der Gosplan-Mitglieder in An- V. Ich habe festgestellt, daß einige Genossen, die
Positionen bekleiden, in denen sie die Staatsangelegenspruch zu nehmen, während nur gelegentlich über Fragen zu befinden ist, die kein derartiges Sachwissen vor- heiten beeinflussen können, die administrative Seite
des Problems in entscheidender Weise überbetonen. Das
aussetzen, und da es — wichtiger noch — erforderlich
ist, Fragen zu klären, die teils von Gosplan-Fachleuten, ist zu gegebener Zeit und am gegebenen Ort natürlich
teils nicht von ihnen zu entscheiden sind — halte ich unerläßlich, aber man sollte nicht dem Irrtum veres für notwendig, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt
»Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees
der
Union. (O-P)
•Kommission für den Staatswirtschaftsplan. (O-P)
6

�fallen, diese Seite den wissenschaftlichen Kenntnissen,
der Fähigkeit zum Begreifen der umfassenden Realitäten, dem Führertalent usV. gleichzustellen.
Jede Regierungsinstitution und besonders der Gosplan bedarf der glücklichen Kombination dieser beiden
Eigenschaften. Als mir deshalb Genosse Krshishanowskij berichtete, es sei ihm gelungen, Pjatakow für
die Arbeit im Gosplan zu interessieren und daß zwischen ihnen ein Einvernehmen über die Arbeitsteilung
bestehe, habe ich, als ich meine Zustimmung gab, auf
der einen Seite in meinem Innern gewisse Zweifel
gehabt, auf der anderen Seite aber die Möglichkeit
erkannt, vielleicht auf diese Weise die gewünschte
Kombination der beiden Typen des leitenden Regierungsfunktionärs zu verwirklichen. Ob meine Hoffnung sich realisiert hat, müssen wir abwarten. Im
Laufe der Zeit müssen wir dies in der Praxis überprüfen; im Prinzip — glaube ich — können wir jedoch
nicht daran zweifeln, daß die ordnungsgemäße Funktionsweise der Regierungsinstitutionen eine derartige
Kombination von Charakteren und Typen (von Männern, Eigenschaften) absolut erforderlich macht. Nach
meiner Ansicht ist übertriebenes „Administrieren"
ebenso schädlich wie jede Übertreibung schlechthin.
Der Leiter einer Regierungsinstitution sollte ein
Höchstmaß von Führertalent besitzen und dazu solide
wissenschaftliche und technische Kenntnisse in dem
Umfang, der für die Überwachung der Arbeit anderer
notwendig ist. Das ist wichtig. Ohne dies kann wirkliche Arbeit nicht geleistet werden. Auf der anderen
Seite muß der Betreffende sich auch auf die Verwaltung
verstehen, und er bedarf zu diesem Zweck eines geeigneten Gehilfen oder sogar mehrerer Gehilfen. Es
ist zweifelhaft, ob wir die Kombination dieser beiden
Eigenschaften in einer Person vereinigt finden werden;
es ist ebenfalls zweifelhaft, ob eine derartige Kombination notwendig ist.
Niederschrift durch L. F.
28. 12. 22

Lenin

8. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 29. Dezember
1922
VI. Der Gosplan ist anscheinend im Begriff, sich restlos in eine Kommission von Fachleuten zu verwandeln.
An der Spitze dieser Institution sollte ein Mann stehen,
der große und umfassende Erfahrungen auf technischem
Gebiet besitzt. Administrative Fähigkeiten sollten hier
nur eine nützliche Beigabe sein. Der Gosplan muß
zweifellos bis zu einem gewissen Grade unabhängig
und selbständig sein, mit dem einzigen Vorbehalt, daß
die Mitarbeiter dieser Institution ehrlich und aufrichtig
bemüht sind, unseren Plan des wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus zu verwirklichen.
Die letztgenannte Eigenschaft ist heute natürlich nur
in Einzelfällen zu finden, da die große Mehrzahl der
Wissenschaftler, aus denen sich die Gosplan-Kommission naturgemäß zusammensetzt, mit bourgeoisen Ansichten und Vorurteilen nur allzu sehr belastet ist. Die
Überwachung dieser Leute in dieser Hinsicht sollte
Aufgabe mehrerer Personen sein, die das GosplanPräsidium bilden könnten; sie müssen Kommunisten
sein und im Ablauf der Arbeit täglich feststellen, in
welchem Maße die bourgeoisen Wissenschaftler der
Sache ergeben sind, ob sie ihre bourgeoisen Vorurteile
ablegen und auch, ob sie sich allmählich den sozialisti-

schen Standpunkt zueigen machen. Diese Zweigleisigkeit — wissenschaftliche Kontrolle in Verbindung mit
rein administrativer Arbeit — ist das Ideal, das den
leitenden Gosplan-Funktionären vorschweben sollte.
Ist es zweckmäßiger, die Gosplan-Aufgaben in einer
Reihe von Einzeldirektiven aufzuspalten, oder sollten
wir umgekehrt die Schaffung eines ständigen Spezialisten-Gremiums anstreben, das einer systematischen
Kontrolle durch das Gosplan-Präsidium untersteht, das
seinerseits Entscheidungen über die Gesamtheit der in
den Gosplan-Aufgabenbereich
fallenden
Probleme
fällen könnte? Nach meiner Auffassung ist das zweite
vernünftiger, und wir sollten uns bemühen, die Zahl
der brennenden und wichtigen Einzelprobleme zu
begrenzen.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
9. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

29. Dezember

1922

Zum Thema
E r h ö h u n g der Anzahl der ZK-Mitglieder
VII. Bei der Erhöhung der Anzahl der ZK-Mitglieder
ist es meiner Ansicht nach nötig, wahrscheinlich als
allererstes das Problem der Kontrolle und Leistungssteigerung unseres Apparats zu lösen, der überhaupt
nichts taugt. Für diesen Zweck sollten wir die Dienste
hochqualifizierter Spezialisten in Anspruch nehmen; die
Aufgabe, diese Spezialisten verfügbar zu machen, fällt
in den Bereich der Arbeiter- und Bauerninspektion.
Wie die Arbeit dieser Kontrollspezialisten, die auch
ausreichende Kenntnisse besitzen müssen, mit der
Arbeit der neuen ZK-Mitglieder zu koordinieren ist,
sollte die Praxis entscheiden. Mir scheint, daß die
Arbeiter* und Bauerninspektion (infolge ihrer Entwicklung und auch infolge von Zweifeln hinsichtlich
dieser Entwicklung) in ein neues Stadium eingetreten
ist, wie wir jetzt beobachten können, nämlich in ein
Stadium des Übergangs von einem besonderen Volkskommissariat zur Beauftragung von ZK-Mitgliedern
mit Sonderaufgaben. Dieser Übergang bedeutet die
Abkehr von einer Einrichtung, die absolut alles beaufsichtigt — die Abkehr von einer Gruppe, die nur aus
wenigen Mitgliedern besteht, welche allerdings erstklassige und deshalb hochbezahlte Inspektoren sind
(dies ist geradezu unerläßlich in unserer Zeit, wo man
alles bezahlen muß, und in einer Situation, da die Inspektoren nur in den Behörden arbeiten, die ihnen
bessere Bezahlung bieten).
Wenn die Anzahl der ZK-Mitglieder in angemessener
Weise erhöht wird und wenn sie alljährlich an einem
Verwaltungslehrgang für Regierungsarbeit teilnehmen,
wobei ihnen hochqualifizierte Spezialisten und Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion zur Hand
gehen, die auf allen Arbeitsgebieten gut beschlagen
sind, dann, meine ich, werden wir dieses Problem erfolgreich lösen, das so lange ungelöst geblieben ist.
Daher zusammenfassend: ungefähr 100 ZK-Mitglieder
und nicht mehr als 400 bis 500 Gehilfen, die in ihrer
Eigenschaft als Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion weisungsgemäß die Kontrolle ausüben.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
7

�10. Dokument
Proletarier aller Länder vereinigt euch!
Die Kommunistische Partei (Bolschewiki) Rußlands
Das Zentralkomitee
Abteilung des Büros des Sekretariats
Nr. 12 644
16. April 1923
An alle ZK-Mitglieder der KPR
Auf Weisung des Genossen Stalin werden zur Information der ZK-Mitglieder übersandt:
a) Ein Schreiben des Genossen Trotzkij an die ZKMitglieder;
V
b) Artikel des Genossen Lenin zur nationalen Frage,
verfaßt Ende Dezember 1922;
c) Ein Schreiben der Genossin Fotijewa an Genossen
Kamenew zusammen mit dessen Antwort;
d) Ein Schreiben der Genossin Fotijewa an Genossen
Stalin;
e) Eine Erklärung des Genossen Stalin.
Stellvertretender ZK-Sekretär
A. Nazaretjan.
11. Dokument
An Genossen Stalin
An alle Mitglieder des ZK der KPR
Ich erhielt heute die beigefügte Abschrift eines
Briefes der Privatsekretärin des Genossen Lenin, Genossin Fotijewa, an den Genossen Kamenew, der einen
Artikel des Genossen Lenin über die nationale Frage
betrifft.
Ich habe den Artikel des Genossen Lenin am 5. März
zusammen mit drei Notizen des Genossen Lenin erhalten, die ebenfalls in Abschriften hier beigefügt sind.
Ich fertigte seinerzeit eine Abschrift von di«sem Artikel an, der ein Dokument von geradezu grundlegender
Bedeutung ist, und benutzte diese als Basis sowohl für
meine (von Genossen Stalin akzeptierte) Richtigstellung
der Thesen des Genossen Stalin, als auch für meinen
eigenen Artikel über die nationale Frage, den die
„Prawda" veröffentlicht hat.
Dieser Artikel ist, wie gesagt, von geradezu grundlegender Bedeutung. Er enthält auch eine scharfe
Verurteilung von drei ZK-Mitgliedern. Solange auch
nur der geringste Hoffnungsschimmer bestand, daß
Wladimir Iljitsch irgendwelche Weisungen über die
Weitergabe dieses Artikels an den Parteitag — für den
er nach allen Anzeichen und insbesondere nach den
Notizen der Genossin Fotijewa offenbar gedacht war —
erteilt hat, vermied ich es, diesen Artikel zur Sprache
zu bringen.
In der Situation, die sich inzwischen ergeben hat —
auch dies wird aus dem Brief der Genossin Fotijewa
klar — blieb mir keine andere Wahl, als diesen Artikel
den ZK-Mitgliedern zur Kenntnis zu bringen, da diesem
Artikel nach meiner Meinung vom Standpunkt der
Parteipolitik in der nationalen Frage keine geringere
Bedeutung zukommt als dem früheren Artikel über die
Frage des Verhältnisses zwischen. Proletariat und
Bauernschaft.
Falls kein ZK-Mitglied — aus innerparteilichen
Beweggründen, deren Bedeutung auf der Hand liegt —
diesen Artikel in der einen oder anderen Form der
8

Partei oder dem Parteitag zur Kenntnis bringt, werde
ich für meinen Teil dies als einen Beschluß zum
Schweigen ansehen, einen Beschluß, der midi — im
Zusammenhang mit dem Parteitag — von jeder persönlichen Verantwortung für diesen Artikel entbindet.
16. 4. 1923
Nr. 199/T
L. Trotzkij
Anlagen: Brief der Genossin Fotijewa
Drei Notizen und ein Artikel des Genossen
Lenin.
Eingegangen 20.10 Uhr
16. 4. 1923
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja.
12. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 30. Dezember 1922
Über die nationale F r a g e oder die „Autonomie"
Ich glaube, ich habe den Arbeitern Rußlands schwere
Unbill zugefügt, weil ich nicht mit hinreichender
Energie und Schärfe auf die Klärung der wohlbekannten Frage der Autonomie gedrängt habe, die meines
Wissens offiziell als Frage der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken bezeichnet wird.
Im Sommer, als diese Frage aufkam, war ich krank,
und dann im Herbst war ich meiner Genesung zu gewiß und glaubte, auf die Klärung dieser Frage auf
dem Oktober- und Dezemberplenum drängen zu können. Ich konnte jedoch weder dem Oktoberplenum
(das sich mit diesem Problem befaßte) noch dem Dezemberplenum beiwohnen; und so geschah es, daß die
Behandlung dieser Frage fast gänzlich ohne mich erfolgte.
Es gelang mir nur, mit Genossen Dzierzyhski zu
sprechen, der aus dem Kaukasus zurückgekehrt war
und mir berichtete, wie es mit dieser Frage in Georgien
steht. Ich konnte ferner ein paar Worte mit Genossen
Sinowjew wechseln und ihm meine Besorgnis hinsichtlich dieser Frage zum Ausdruck bringen. Was ich von
Genossen Dzierzyhski hörte, der vom Zentralkomitee
zum Leiter einer Kommission zur „Untersuchung" der
Vorkommnisse in Georgien bestellt worden war, ließ
mich das Schlimmste befürchten. Wenn es bereits soweit gekommen ist, daß sich Ordshonikidse bis zur
Anwendung physischer Gewalt erniedrigen konnte, wie
mir Genosse Dzierzyhski berichtete, dann kann man
sich vorstellen, in was für einen Sumpf wir geraten
sind. Offensichtlich ist die ganze „Autonomie"-Konzeption von Grund auf falsch und unangemessen.
Es wird gesagt, wir brauchten die Einheit des Apparats. Woher kamen diese Versicherungen? Kamen sie
nicht aus dem gleichen russischen Apparat, den wir,
wie ich bereits an anderer Stelle meines Tagebuches
vermerkte, vom Zarismus übernommen und nur oberflächlich mit dem Heiligen Sowjetöl gesalbt haben?
Es kann nicht bezweifelt werden, daß wir in dieser
Frage hätten warten sollen, bis wir sagen konnten, daß
wir nicht nur für unseren Apparat, sondern auch für
uns selbst eine Antwort wüßten. Und jetzt sollten wir
ganz aufrichtig genau das Gegenteil sagen, nämlich,
daß wir einen Apparat unser eigen nennen, der uns
völlig fremd ist, der ein bürgerlich-- ristisches Mischmasch ist, und daß wir in den letzten fünf Jahren keine

�Möglichkeit hatten, ihn unter Bedingungen, da das
„Kriegsgeschäft" und der Kampf gegen die Hungersnot
wichtiger waren, und ohne die Hilfe unserer Republiken
in seine Schranken zu weisen.
Unter solchen Bedingungen ist es ganz natürlich, daß
sich der Punkt vom „Recht der Loslösung von der
Union", mit dem wir uns rechtfertigen, als ein Fetzen
Papier erweisen wird, der keineswegs ausreicht für den
Schutz fremder Völker in Rußland gegen die Übergriffe
des Russen schlechthin, des Großrussen, des Chauvinisten, ja des Schurken und Plünderers, der der typische
russische Bürokrat nun einmal ist. Es steht außer
Zweifel, daß der unbedeutende Prozentsatz sowjetischer
und sowjetisierter Arbeiter in diesem chauvinistischen
Meer großrussischer Schuftigkeit ertrinkt wie eine
Fliege in der Milch.
Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wird vorgebracht, daß die Volkskommissariate, die sich mit
Fragen der nationalen Eigenart, der nationalen Erziehung befassen, autonom sind. In diesem Zusammenhang erhebt sich jedoch die Frage, ob es möglich ist,
die Volkskommissariate völlig losgelöst vom Zentrum
zu halten, und dazu die zweite Frage, ob wir mit der
nötigen Umsicht Maßnahmen zum Schutz fremder
Völker gegen den generellen, den typischen russischen
„Dershimorda"*ergriffen haben. Meiner Meinung nach
haben wir derartige Maßnahmen nicht ergriffen, obgleich wir dies tun konnten und getan haben sollten.
Ich glaube, daß die Eile und das administrative Ungestüm Stalins und auch seine Verbohrtheit in den
berühmten „Sozial-Nationalismus" hier eine verhängnisvolle Rolle spielten. In der Politik gibt es im allgemeinen und in der Regel nichts Schlimmeres als
solche Verbohrtheit.
Ich fürchte auch, daß sich Genosse Dzierzynski, als
er zur Untersuchung der „Verbrechen" dieser „SozialNationalisten" in den Kaukasus ging, durch seine
typisch russische Einstellung auszeichnete (es ist allgemein bekannt, daß russifizierte Angehörige anderer
Nationalitäten stets zur Übertreibung neigen, wenn es
sich um das typisch russische Verhalten handelt)**; die
Objektivität, mit der er sich seines gesamten Auftrags
entledigte, ist durch die „Leistungen" Ordshonikidses
gekennzeichnet. Ich bin der Meinung, daß diese
Heldentaten der Russen aus keinerlei Provokationen
und Beleidigungen gerechtfertigt werden können und
daß Genosse Dzierzynski nicht wieder gutzumachendes
Unheil anrichtete, als er diese Vorkommnisse bagatellisierte.
Alle Bewohner des Kaukasus betrachteten Ordshonikidse als Regierungsvertreter. Ordshonikidse hatte
kein Recht zu dem impulsiven Vorgehen, mit dem er
und Dzierzynski sich später zu entschuldigen suchten.
Ganz im Gegenteil: Ordshonikidse war zu größerer
Selbstbeherrschung verpflichtet als jeder einfache Bürger, von jenen Bürgern gar nicht zu reden, die eines
„politischen" Verbrechens bezichtigt waren. Die „SozialNationalisten" waren jedenfalls Bürger, die eines politischen Verbrechens beschuldigt waren, und alle Umstände der Anklage besagten genau dasselbe.
•Brutal-arroganter Gendarm aus Gogols Komödie
„Der Revisor". (O-P)
••Dzierzynski war Pole. (O-P)

Hier kommen wir zu einer ganz grundsätzlichen
Frage: Was verstehen wir unter Internationalismus?
Lenin
Fortsetzung

der Notizen,

31. Dezember

1922

Über die nationale Frage oder die „Autonomie"
In meinen Arbeiten, die die nationale Frage behandeln, habe ich bereits dargelegt, daß eine abstrakte
Konzeption vom Nationalismus vollkommen wertlos
ist. Man muß zwischen dem Nationalismus eines
herrschenden Volkes und dem Nationalismus eines
beherrschten Volkes, zwischen dem Nationalismus eines
großen Volkes und dem Nationalismus eines kleinen
Volkes unterscheiden.
Über den Nationalismus der zweiten Art ist zu sagen,
daß wir, die Angehörigen eines großen Volkes, uns
fast immer in der Geschichte unzähliger Gewalttätigkeiten schuldig machen und — was noch schlimmer
ist — es nicht einmal bemerken, daß wir zahllose Gewalttaten und Mißbräuche begehen; ich brauche nur
von meinen eigenen Erfahrungen im Wolgagebiet zu
berichten, um klarzumachen, mit welcher Verachtung
wir die Nichtrussen behandelten; ein Pole ist bei uns
immer ein „Polack", ein Tatar wird sarkastisch als
„Graf", ein Ukrainer als „Chochol", ein Georgier und
andere Angehörige der Kaukasus-Völker als „Kaukasier" bezeichnet.
Aus diesem Grunde sollte der Internationalismus des
herrschenden Volkes oder des sogenannten „großen"
Volkes (selbst wenn es nur in seinen Gewalttaten groß
ist, groß, wie eben nur ein Herrscher „groß" sein kann)
nicht nur durch die formale Wahrung der Gleichheit
unter den Völkern, sondern auch durch die Wahrung
jener Ungleichheit bestimmt sein, durch die das herrschende Volk, das große Volk, die tatsächlich im Leben
bestehende Ungleichheit kompensieren würde. Wer
das nicht begreift, begreift nicht die echt proletarische
Einstellung zur nationalen Frage, vertritt in Wirklichkeit noch immer kleinbürgerliche Ansichten und muß
daher notwendigerweise auf die bürgerliche Position
abgleiten.
Was ist für einen Proletarier wichtig? Für einen
Proletarier ist es nicht nur wichtig, sondern sogar eine
zwingende Notwendigkeit, daß ihm andere Nationalitäten ein Maximum an Vertrauen im proletarischen
Klassenkampf schenken. Welcher Voraussetzung bedarf
es hierzu? Vom Proletarier wird mehr als die Wahrung
einer nur formalen Gleichberechtigung gefordert. So
oder so muß er durch seine Haltung oder durch Zugeständnisse gegenüber anderen Nationalitäten das
Mißtrauen, den Argwohn und die Mißstände kompensieren, die diese in der historischen Vergangenheit unter dem Regime des „Großmacht"-Volkes zu erdulden hatten.
Ich glaube, für Bolschewiken und Kommunisten bedarf es keiner weiteren Erklärung. Ich glaube, daß
der vorliegende Fall, der Fall des georgischen Volkes,
ein typisches Beispiel ist, das von uns bei wirklich
proletarischer Einstellung besondere Behutsamkeit,
Einsicht und Konzessionsbereitschaft erfordert. Ein
Georgier, der diese Seite der Angelegenheit auf die
leichte Schulter nimmt, der leichtfertig über die Beschuldigung des „Sozial-Nationalismus" daherredet
(während er selbst nicht nur ein waschechter „Sozial9

*

�Nationalist" ist, sondern sogar ein brutaler großrussischer „Dershimorda"), ein solcher Georgier schädigt in
Wirklichkeit die Interessen der proletarischen Klassensolidarität, da nichts die Entwicklung und Stärkung der
proletarischen Klassensolidarität mehr hemmt als nationale Ungerechtigkeit; die Angehörigen der beherrschten Völker sind in keinem anderen Punkt so empfindlich wie gerade in der Frage ihrer Gleichheit und in der
Frage der Mißachtung dieser Gleichheit durch die proletarischen Genossen, selbst wenn dies nur auf Unachtsamkeit zurückzuführen ist oder in Form eines
Scherzes zum Ausdruck kommt. Gerade aus diesem
Grunde sollte man hier lieber durch zu große als durch
zu geringe Konzessionen und Nachsicht gegenüber den
nationalen Minderheiten sündigen. Gerade deshalb fordern in diesem Falle die Grundinteressen der proletarischen Solidarität und damit auch die des proletarischen
Klassenkampfes, daß wir in der nationalen Frage niemals bei Formalitäten stehen bleiben, sondern stets die
unabdingbaren Unterschiede im Auge behalten sollten,
die im Verhältnis zwischen einem beherrschten (oder
kleinen) proletarischen Volk und dem beherrschenden
(oder großen) Volk bestehen.
Lenin
Fortsetzung

der Notizen,

31. Dezember

Über die nationale F r a g e oder die

ganze, echt großrussisch-nationalistische Kampagne
muß voll und ganz Stalin und Dzierzyhski zur Last gelegt werden.
Viertens: Wir müssen sehr strenge Vorschriften über
den Gebrauch der Nationalsprache in den unserer
Union angehörenden Republiken schaffen; und wir
müssen sicherstellen, daß diese Vorschriften peinlich
genau befolgt werden. Zweifellos werden wir unter
dem Vorwand der Einheit der Eisenbahnverwaltung,
unter dem Vorwand der Einheit der Finanzverwaltung
usw. zahllosen Mißbräuchen turjanschen Stils begegnen. Wir müssen außerordentlich wachsam sein, um
diese Mißbräuche abzustellen; dies muß über die besondere Integrität hinaus von den Personen gefordert
werden, die sich diesem Kampfe widmen wollen. Wir
brauchen hierzu detaillierte Richtlinien, die ungeachtet
eventueller Mängel nur von Angehörigen der betreffenden Nationalität ausgearbeitet werden können,
die in der entsprechenden Republik ansässig sind.
Hiermit soll jedoch nicht ausgeschlossen sein, daß wir
gleichwohl auf dem nächsten Sowjetkongreß die Rückkehr zu dem alten Zustand in Betracht ziehen können,
d. h. daß wir die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nur im militärischen und diplomatischen
Bereich beibehalten, während auf allen anderen Gebieten Jedes Volkskommissariat völlig unabhängig ist.

1922

„Autonomie"

Welche praktischen Maßnahmen müssen in der Situation, die sich jetzt entwickelt hat, getroffen werden?
Erstens: Wir müssen die Union der Sozialistischen
Republiken beibehalten und stärken; darüber darf es
keinen Zweifel geben. Wir brauchen sie ebenso, wie das
kommunistische Proletariat der ganzen Welt sie braucht
im Kampf gegen die internationale Bourgeoisie und in
der Abwehr ihrer Anschläge.
Zweitens: Wir müssen die Union der Sozialistischen
Republiken auch hinsichtlich des diplomatischen Apparats beibehalten. Hier ist zu bemerken, daß dieser
Apparat innerhalb des Regierungsapparats eine Sonderstellung einnimmt. Wir haben jeden ausgeschlossen,
der im alten zaristischen diplomatischen Apparat auch
nur den mindesten Einfluß hatte. Hier gibt es einen
Apparat, der trotz seines geringen Einflusses vollkommen mit Kommunisten besetzt ist. Daher kann dieser
Apparat (das dürfen wir mit Stolz sagen) als kommunistischer Apparat bezeichnet werden, der geprüft und
von allen zaristischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Einflüssen in unvergleichlich viel stärkerem
Maße gesäubert wurde, als dies in den Apparaten der
anderen Volkskommissariate der Fall ist, mit denen
wir uns begnügen müssen.
Drittens: Genosse Ordshonikidse muß exemplarisch
bestraft werden (ich stelle dies mit um so größerem
Bedauern fest, als ich selbst zum Kreis seiner Freunde
zähle und mit ihm im Ausland, in der Emigration zusammengearbeitet habe); es ist ebenso notwendig, die
Akten der Dzierzyiiski-Kommission erneut zu überprüfen, um die unzähligen Ungerechtigkeiten und Fehlurteile zu korrigieren, die in ihnen tatsächlich registriert sind. Die politische Verantwortung für diese

Wir müssen im Auge behalten, daß die Spaltung der
Volkskommissariate und die mangelhafte Koordination
ihrer Arbeit in bezug auf Moskau und andere Zentren
nur durch die Autorität der Partei in hinreichendem
Maße überwunden werden kann, vorausgesetzt, daß
diese Autorität mehr oder minder umsichtig und unparteiisch ausgeübt wird. Der Schaden, der unserem
Staat aus Mangel an Einheitlichkeit zwischen den nationalen Apparaten und dem russischen Apparat entsteht, wird unvergleichlich, ja unendlich viel geringer
sein als es jener andere Schaden für uns und für die
gesamte Internationale, für die Hunderte von Millionen
Menschen der asiatischen Nationen sein würde, die uns
folgen und in allernächster Zukunft auf der historischen Bühne erscheinen werden. Es wäre ein unverzeihlicher Opportunismus, wenn wir am Vorabend des
Aufbruches des Ostens, in der Morgenröte seines Erwachens, in seinen Augen unsere Autorität auch nur
durch die kleinste Taktlosigkeit und Ungerechtigkeit
gegenüber unseren eigenen Bürgern anderer Volkszugehörigkeit aufs Spiel setzen würden. Anders verhält es sich mit der Notwendigkeit einer Solidarität gegenüber dem westlichen Imperialismus, der die kapitalistische Welt verteidigt. In dieser Beziehung gibt es
keinen Zweifel, und ich brauche nicht zu betonen, daß
ich die diesbezüglichen Maßnahmen ohne Einschränkungen billige. Etwas ganz anderes ist es dagegen,
wenn wir feststellen, daß wir selbst in unserem Verhältnis zu den beherrschten Nationalitäten, sei es auch
nur in ganz unwesentlichen Punkten, eine imperialistische Einstellung entwickeln; dies untergräbt restlos
unsere gesamte Prinzipienfestigkeit und unsere gesamte prinzipielle Begründung des Kampfes gegen den
Imperialismus. Denn der morgige Tag wird in der Weltgeschichte eben jener Tag sein, da die vom Imperialismus beherrschten Völker erwachen und der lange,
harte Entscheidungskampf für ihre Befreiung beginnt.
Lenin

10

»

�13. Dokument

16. Dokument

Lieber Genosse Trotzkij!
Ich bitte Dich dringend, im ZK der Partei die Verteidigung in der Georgien-Affäre zu übernehmen. Stalin und Dzierzyhski haben sich gegenwärtig diesen
Fall „aufs Korn genommen", und ich kann bei ihnen
nicht mit Objektivität rechnen. Eher mit dem Gegenteil.
Ich wäre beruhigt, wenn Du Dich einverstanden erklären würdest, die Verteidigung in dieser Affäre zu
übernehmen. Könntest Du Dich dazu aus irgendeinem
Grunde nicht bereit finden, so sende mir bitte alle Unterlagen zurück. Das wird für mich das Zeichen Deiner
Ablehnung sein.
Niederschrift durch M. W.
Herzliche Parteigrüße,
5. März 1923
Lenin
Für die Richtigkeit: M. Woloditschewa

A n t w o r t des Genossen K a m e n e w an das
ZK-Sekretariat
Soeben, 35 Minuten nach 5, erhielt ich von Genossin
Fotijewa die beigefügte Notiz. Ich übersende diese
Notiz dem ZK, da sie nichts enthält, was mich persönlich betrifft. Nach meiner Meinung sollte das ZK die
Frage, ob Wladimir Iljitschs Artikel zu veröffentlichen
ist, sofort positiv entscheiden.
16. 4. 1923
L. Kamenew
5.45 Uhr
Für die Richtgkeit: E. Lepeschinskaja.
17. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa
Genosse Stalin!

14. Dokument
An Genossen Trotzkij!
Wladimir Iljitsch bat mich, Ihnen zusätzlich zu dem
Brief, dessen Inhalt Ihnen bereits telefonisch durchgegeben wurde, mitzuteilen, daß Genosse Kamenew am
Mittwoch nach Georgien reist; Wl. II. möchte wissen,
ob Sie nicht etwas von sich selbst dorthin mitzugeben
haben.
5. März 1923
M. Woloditschewa
15. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa an
Genossen K a m e n e w , Abschrift an Genossen Trotzkij
Lew Borisowitsch!
Ich teile Ihnen als kommissarischem Vorsitzenden
des Politbüros ergänzend zu unserem Telefongespräch
folgendes mit:
Wie ich Ihnen bereits am 31. 12. 1922 mitteilte, hat
Wladimir Iljitsch einen Artikel über die Nationalitätenfrage diktiert.
Er war an dieser Frage sehr interessiert und bereitete
sich darauf vor, diese Frage auf dem Parteitag selbst
zur Sprache zu bringen.
Kurz vor seiner letzten Erkrankung teilte er mir mit,
daß er diesen Artikel veröffentlichen wolle. Aber danach wurde er krank, ohne eine letzte Weisung erteilt
zu haben.
m
W. I. betrachtete seinen Artikel als richtungweisendes
Dokument und hielt ihn für sehr wichtig. Auf Anordnung Wladimir Iljitschs wurde dieser Artikel Genossen Trotzkij zugesandt, dem W. I. die Verteidigung
seines Standpunktes in dieser Frage auf dem Parteitag
anvertraut hatte, da beide in dieser Angelegenheit einer
Meinung waren.
Die einzige Abschrift dieses Artikels, die ich besitze,
ist auf W. I.'s Anordnung in seinem Geheimarchiv aufbewahrt.
Ich übersende sie Ihnen zu Ihrer Information.
Ich konnte dies nicht früher erledigen, weil ich nach
längerer Krankheit erst heute die Arbeit wieder aufgenommen habe.
Privatsekretärin des
16. 4. 1923
Genossen Lenin
L. Fotijewa
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja

Ich habe mich heute von Marija Iljinischna in der
Frage beraten lassen, ob der Artikel Wladimir Iljitschs,
den ich Ihnen zusandte, veröffentlicht werden soll, da
Wladimir Iljitsch die Absicht geäußert hatte, ihn im
Zusammenhang mit einer Rede zu veröffentlichen, die
er auf dem Parteitag halten wollte.
Marija Iljinischna meinte, der Artikel sollte nicht gedruckt werden, da W. I. keine klare Anweisung für
seine Veröffentlichung gegeben hat; sie erlaubt lediglich, den Artikel den Delegierten dieses Parteitages zur
Kenntnis zu bringen.
Von meinem Standpunkt aus brauche ich nur hinzuzufügen, daß W. I. die Form seines Artikels noch nicht
für endgültig and druckreif hielt.
16. 4. 1923
L. Fotijewa
21 Uhr
18. Dokument
E r k l ä r u n g des Genossen Stalin
(allen ZK-Mitgliedern
zugestellt)
Ich bin sehr überrascht, daß Genosse Trotzkij es für
zulässig hält, die Artikel des Genossen Lenin, die
zweifellos grundsätzliche Bedeutung haben und die
er schon am 5. März dieses Jahres erhalten hat. über
einen Monat lang als sein persönliches Geheimnis zu
behandeln und ihren Inhalt dem Politbüro oder dem
ZK-Plenum bis zum Vortage des XII. Parteitags vorzuenthalten. Wie mir heute die Parteidelegierten mitteilten, ist das Thema dieser Artikel Gegenstand von
Diskussionen, Gerüchten und Gesprächen unter den
Delegierten; diese Artikel sind, wie ich heute erfuhr,
Personen bekannt, die mit dem ZK nichts zu tun
haben; die ZK-Mitglieder selbst müssen ihre Informationen diesen Gerüchten und Erzählungen entnehmen, während es auf der Hand liegt, daß der Inhalt
dieser Artikel zuerst dem ZK hätte mitgeteilt werden
müssen.
Ich bin der Meinung, daß die Artikel des Genossen
Lenin in der Presse veröffentlicht werden sollten. Es
ist nur zu bedauern, daß diese Artikel — wie aus dem
Brief der Genossin Fotijewa klar hervorgeht — offenbar nicht veröffentlicht werden können, weil sie der
Genosse Lenin nicht noch einmal durchgesehen hat.
22 Uhr
16. 4. 1923
J. Stalin
11

�A M E R I K A

D I E N S T

V/ORTLAUT DES SCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN
MINISTERPRÄSIDENT BULGANIN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut eines Schreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower an den
Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Bulganin,
das am 7« August 1956 von dem amerikanischen Botschafter in Moskau, Charles E,, Bohlen, überreicht
wurde und womit Eisenhower das Schreiben Bulganins
vom 6. Juni 1956 beantwortete.
"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Ich nehme hiermit auf Ihr Schreiben vom 6. Juni Bezug, mit dem
ich mich eingehend beschäftigt habe.
Es bestätigte Ihre Bekanntgabe vom vergangenen Mai, daß Sie
planen, die Stärke Ihrer bewaffneten Streitkräfte etwas zu reduzieren. Ich begrüße eine derartige Reduzierung. Sie würde den Handlungen
der amerikanischen Regierung entsprechen, die seit Ende des zweiten
Weltkrieges - mit lediglich einer Ausnahme während der Zeit des Korea«
krieges - die Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte ständig reduziert
hat.
Ich bezweifle jedo ch, ob derartige Reduzierungen dieser besonderen Art, wie sie unse re Regierungen in ihr em jeweiligen nationalen Interesse durchführ en mögen, an der Bese itigung der Furcht sowie
der durch die nationale Rüstung entstandenen hohen Kosten wirksam
beitragen können. Es be steht eine Offensicht liehe.Notwendigkeit zur
Schaffung von internati onalen überwachungsme chanismen und Kontrollen,
die zu größeren Reduzie rungen ermutigen. Ich bedauere, daß wir in
dieser Hinsicht einen s o geringen Portschrit t erzielt haben.
Vor einiger Zeit habe ich Ihrem Vorschlag für eine Bodeninspektion unter der Voraussetzung zugestimmt, daß Sie gleichfalls
meinem vor einem Jahr in Genf gemachten Vorschlag für eine Luftkontrolle und einen militärischen Informationsaustausch zustimmen würden,
Wie ich höre, haben Sie diesen Vorschlag bisher aus dem Grunde abgelehnt, weil er in das Gebiet des Geheimdienstes fallen würde. Was ich
vorschlug, sollte mit einem vollständigen Austausch militärischen
-1

�8. August 1956

"AMERIKA DIENST"

militärischen Informationsmaterials eingeleitet v/erden, und hatte den
Zweck, den anderen jeweils davon in Kenntnis zu setzen, daß keiner
von uns einen plötzlichen massiven Angriff plant und daß jeder von uns
solche "übereinkommen achten wird, die wir, wie ich zuversichtlich
glaube, auf dem Gebiet der Abrüstung zu erreichen imstande sein werden.
Sicherlich ist diese Art von Informationen wünschenswert und notwendig und liegt im Interesse des Friedens und des internationalen Vertrauens, Können wir hierin keinen Fortschritt erzielen?
Ich verweise ferner auf mein Schreiben an Sie vo.:: 1. März 1956,
in dem ich vorschlug, daß von einem noch zu vereinbarenden Zeitpunkt
an die Produktion von spaltbarem Material'in aller Welt nicht länger
mehr zur Vergrößerung der Lager an Sprengwaffen verwendet werden sollte.
Ich hatte gehofft, daß dieser Vorschlag, der mir von erheblicher Bedeutung zu sein schien, von Ihnen als ein wichtiger Schritt dahingehend angesehen würde, die Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Sie
haben jedoch niemals auf diesen Vorschlag geantwortet und Ihr Schreiben vom 6. Juni nimmt auf die Kontrolle der Atomwaffen nicht Bezug.
Darf ich Sie erneut nachdrücklich ersuchen, dieser Frage und insbesondere meinem Vorschlag vom vergangenen März sorgfältige Beachtung
zu schenken.
Sie gehen in Ihrem Schreiben auf eine mögliche Reduzierung unserer beiderseitigen Streitkräfte in Deutschland ein. Es ist ganz
offensichtlich, daß das Problem der Streitkräfte in Deutschland nicht
als eine isolierte Frage behandelt werden kann. In dieser Hinsicht
muß ich bekennen, daß ich durch die Entwicklungen stark beunruhigt
bin, die seit unserem Treffen in Genf im vergangenen Jahr eingetreten
sind. Wir stimmten dort überein, daß die Wiedervereinigung Deutschlands der gemeinsamen Verantwortung der vier in Genf zusammengekommenen Regierungen unterliegt, und wir stimmten ferner überein, daß
Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt v/erden sollte, die in
Einklang mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes und den
Interessen der europäischen Sicherheit durchgeführt werden. Es ist
dies nicht nur nicht geschehen, sondern ich höre auch von Erklärungen von Ihrer Seite, die anzudeuten scheinen, daß Ihre Regierung entschlossen iqt, die Teilung Deutschlands auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten.
Ich muß gestehen, daß ich mir eigentlich nicht vorstellen kann,
wie wir konstruktiv zusammenarbeiten sollen, wenn Vereinbarungen, die
auf höchster Ebene nach umfassendster Prüfung ausgehandelt worden
sind, nicht verläßlich zu sein scheinen.
Es ist nichtsdestoweniger meine aufrichtige Hoffnung, daß wir
Mittel und Wege finden werden, um hinsichtlich einer sinnvollen Rüstungskontrolle Fortschritte zu machen; dies ist eine Hoffnung, die,
wie ich glaube, nicht nur von uns sondern auch von den Völkern der
ganzen Welt geteilt wird.
Meine Mitarbeiter und ich haben niemals aufgehört, dieser ganzen
Angelegenheit einer Rüstungsbegrenzung und vor allem der Beseitigung
der wachsenden Bedrohung durch die Kernwaffen und modernen Kampfmittel

- 2

�'

,

"AMERIKA DIENST"

8. August 1956

Kampfmittel unsere größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie zu prüfen.
Wenn sich aus dieser Prüfung weitere Möglichkeiten internationaler
Maßnahmen ergeben sollten, wovon ich fest überzeugt bin, dann werde
ich sie Ihnen entweder direkt oder durch die zuständigen Organe der
Vereinten Nationen mitteilen. In diesem Zusammenhang muß ich erklären,
daß ich Ihre Ansicht über die Tätigkeit des Unterausschusses der UNAbrüstungskommission nicht teile. Die dort geführten Diskussionen
haben wesentlich dazu beigetragen, Licht auf dieses schwierige Problem
zu werfen und, wie ich hoffe, die zwischen unseren Ansichten bestehende
Kluft einzuengen.
Können wir nicht, Herr Ministerpräsident, mehr zur Realisierung
der Hoffnungen tun, die durch unser Treffen in Genf wachgerufen wurden? Wir machten damals Versprechungen, besonders in bezug auf Deutschland, die mit äußerster Dringlichkeit erfüllt werden müssen. Wir
verpflichteten uns feierlich zu Abrüstungsanstrengungen, aus denen für
die gesamte Welt Gutes ersprießen würde, wenn wir uns nur über liberwachungs- und Kontrollmaßnahmen einigen könnten, die realisierbar
sein sollten, wenn keiner von uns irgend etwas Feindseliges zu verbergen hat. Wir suchten einen Weg zur Entwicklung von Kontakten, die
unsere Völker in die Lage versetzen würden, durch besseres Wissen
über das andere Land ihre Freundschaft zu stärken, die ein wertvolles
Bollwerk für den Frieden bilden kann.
Wir erkennen an, daß in Ihrem Lande Bestrebungen im Gange sind,
einen Teil der Untaten einer vergangenen Epoche aus der Welt zu schaffen. Wir begrüßen dies. Aber ich hoffe, daß Sie und Ihre Mitarbeiter
diese Anstrengungen nicht nur auf diese Untaten beschränken werden,
wie sie in Ihrem Lande und Ihrer Partei zutage getreten sind. Diese
Untaten wirkten sich auch auf internationaler Ebene aus. Selbst heute
noch stellen sie ein ernstes Hindernis dafür dar, daß die Dinge geschehen, die, wie wir beide übereinstimmten, getan werden müßten.
Diese Situation muß also durch einen neuen Geist gebessert werden,
um den ich aufrichtig an Sie appelliere.

Ihr sehr ergebener
Dwight D. Eisenhower"

- 3 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3 PRÄZISIERT WESTLICHEN SUEZPLAN

LONDON - (AD) - Der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles präzisierte am 20. August 1956 auf der
Londoner Suezkonferenz den Plan, der von westlicher
Seite zur Lösung des Problems vorgeschlagen wird.
Der amerikanische Suezplan hat folgenden Wortlaut:
"Die an der Londoner Suezkanalkonferenz teilnehmenden Regierungen, die diese Erklärung billigen, haben sich, besorgt über die ernste
Lage in bezug auf den Suezkanal; in dein Streben nach einer friedlichen Lösung in Übereinstimmung mit den Zielen und Zwecken der Vereinten Nationen; und in Anerkennung der Tatsache, daß eine befriedigende Lösung auf der einen Seite den souveränen Rechten Ägyptens,
einschließlich seinem Recht auf eine gerechte und faire Entschädigung
für die Benutzung des Kanals, Rechnung tragen und zum andern den
Suezkanal in Übereinstimmung mit der Suezkanalkonvention vom 19.
Oktober 1888 als eine internationale Wasserstraße sichern muß, zu
folgender Darlegung ihres Standpunktes entschlossen:
1. Sie unterstreichen, daß, wie in der Konvention von 1888 festgelegt, 'ein definitives System' ausgearbeitet werden soll, 'das geeignet ist, zu allen Zeiten und für alle Mächte die freie Benutzung
des Suez-Schiffahrtkanals zu garantieren.'
2. Ein solches System muß sicherstellen:
a) die reibungslose und zuverlässige Inbetriebhaltung, Erhaltung
und Entwicklung des Kanals als eine freie, offene und sichere internationale Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der
Konvention von 1888}
b) die Heraushaltung des Betriebs des Kanals aus dem Einfluß der
Politik irgendeiner Nation;
c)

die Respektierung der Souveränität Ägyptens;

d) einen Erlös für Ägypten aus der Benutzung des Kanals, der
fair und gerecht und mit der Ausweitung der Kapazität und des Verkehrs steigen sol];

ei
- 1 -

�'AMERIKA DIENST

22. August

1956

e) die Zahlung solcher Summen an die allgemeine Suezkanalgesellschaft, wie sie im Sinne einer gerechten Entschädigung als angemessen
betrachtet werden.
f) die Festsetzung der Kanalgebühren auf einen so niedrigen Stand,
wie er zur Erfüllung der obengenannten Bedingungen erforderlich ist
und mit Ausnahme des obengenannten Absatzes d) keinen Gewinn bringt.
Um diese Ergebnisse auf einer dauerhaften und zuverlässigen Grundlage zu erreichen, soll durch eine Konvention folgendes vereinbart werden:
A) Institutionelle Abmachungen über die Zusammenarbeit Ägyptens
und anderer interessierter Nationen in dem Betrieb, der Erhaltung und
der Entwicklung des Kanals und zur Abstimmung und Sicherung ihrer jeweiligen Interessen am Kanal. Zu diesem Zweck würde der Betrieb, die
Erhaltung und die Entwicklung des Kanals sowie sein Ausbau zur Steigerung des Verkehrsvolumens im Interesse des Welthandels und Ägyptens
der Verantwortlichkeit eines Suezkanalamtes obliegen. Ägypten müßte
diesem Amt alle Rechte und Einrichtungen übertragen, die für dessen hier
umrissene Funktionen notwendig sind. Außer Ägypten würden Mitglieder
dieses Amtes andere Staaten sein, die nach einem Verfahren gewählt
werden, über das sich die Signatarstaaten der Konvention einigen, wobei
der Umfang der Benutzung, die Art des Handels und die geographische
Lage entsprechend zu beachten wären. Die Zusammensetzung müßte dergestalt sein, daß sichergestellt ist, daß das Amt seine Aufgaben einzig
im Hinblick auf die bestmöglichen Betriebsergebnisse und ohne politische Motivierung zugunsten oder zum Nachteil irgendeines Kanalbenutzers erfüllt. Das Amt müßte in regelmäßigen Zeitabständen den Vereinten Nationen Bericht erstatten.
B) Eine Schiedskommission zur Regelung irgendwelcher Streitigkeiten bezüglich der gerechten Erlöse für Ägypten oder der fairen Entschädigung der allgemeinen Suezkanalgesellschaft oder anderer sich aus
dem Betrieb des Kanals ergebender Fragen.
C) V/irksame Sanktionen gegen jede Verletzung der Konvention
durch eine Signatarmacht oder irgendeine andere Nation,einschließlich
von Bestimmungen über Maßnahmen bei der Anwendung oder Androhung von
Gewalt zur Störung der Benutzung oder des Betriebes des Kanals als
einer Bedrohung des Friedens und einer Verletzung der Ziele und Zwecke
der Charta der Vereinten Nationen.
D) Bestimmungen über eine zweckentsprechende Assoziierung
mit den Vereinten Nationen und eine Revision, wie sie als notwendig
angesehen werden könnte."

* * *

- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

22.August 1 956

Bei der Unterbreitung des Suezplanes machte der amerikanische
Außenminister folgende Ausführungen»
"Nachdem wir nunmehr den Teil, den man als 'allgemeine Debatte1
bezeichnen kann, beendet haben, erhebt sich naturgemäß die Frage»
Was tun wir jetzt? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum
großen Teil aus dem Wesen dieser Konferenz. Diese Konferenz ist manches
nicht; sie ist nicht eine Konferenz, um Entscheidungen zu fällen, die
diejenigen binden, die nicht ihre Zustimmung geben. Unsere Wirksamkeit
steigert sich in dem Maße, wie wir ein Übereinkommen zeigen, und ganz
gewiß sollten wir danach streben. Aber keine noch so große Majorität
kann eine Minorität, und sei sie noch so gering, binden. Dies ist auch
keine Konferenz, um mit Ägypten zu verhandeln, denn Ägypten ist nicht
anwesend, Wenn Ägypten die Einladung zur Konferenz angenommen hätte,
dann hätte die Konferenz wohl einen anderen Aspekt angenommen. Da
Ägypten es jedoch für richtig befand, der Konferenz fernzubleiben,
wird die Konferenz, wie sie sich jetzt zusammensetzt, automatisch
daran gehindert, eine Verhandlungsbasis mit Ägypten darzustellen.
Dies ist ferner keine Konferenz, durch die ein Ultimatum in irgendeiner Form an Ägypten gerichtet werden kann. Niemand von uns hier
würde auch nur für einen Augenblick ein derartiges Ziel verfolgen.
Wozu wir meiner Ansicht nach hier sind, ist, zu der größtmöglichen
Übereinstimmung zu gelangen, auf welche V/eise der Suezkanal am besten
und zuverlässigsten seinem ursprünglichen Zweck dienen kann, den freien
und sicheren Güteraustausch zwischen den Ländern der Welt zu fördern und
vor allem ein sicheres Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu sein.
Diese Verbindung darf nicht getrennt werden. Wir schulden es der
Welt und uns selbst, in dieser Frage eine nüchterne Ansicht zu äußern.
Ich meine, daß irgendwelcher Ausdruck unserer Meinung nicht auf
solchen Spekulationen beruhen sollte, ob die ägyptische Regierung zustimmt oder nicht zustimmen wird. Wir sollten vielmehr in aller Ehrlichkeit eine Ansicht über die Maßnahmen äußern, die Vertrauen für die
Zukunft schaffen und zur gleichen Zeit den souveränen Rechten Ägyptens
Rechnung tragen. Soweit dies die Vereinigten Staaten betrifft, beruht
die von uns vorgetragene Meinung auf unserer Einschätzung der tatsächlichen Lage, Wenn es die Regierung der Vereinigten Staaten auf außen-,
politischem Gebiet für opportun erachten würde, nicht irgendwelche
neuen Garantiemaßnahmen anzustreben, so würde jene politische Entscheidung faktisch keine Gewähr dafür bieten, daß unsere privaten Staatsbürger in Zukunft irgendwelche Pläne für die Schiffahrt oder für die
Erschließung von Absatzmärkten für ihre Produkte oder Lieferungsquellen
entwickeln können in der Annahme, daß die Durchfahrt durch den Kanal
auf Grund vernünftiger Bedingungen und verläßlich gewährleistet sein
würde. Zweifelsohne sind andere Regierungen in der gleichen Lage.
Nach Ansicht der amerikanischen Regierung ist es hier unsere Aufgabe, so klar wie möglich und mit der größtmöglichen Einmütigkeit die
wahren Bedingungen niederzulegen, die den Millionen von Menschen, deren
wirtschaftliche Bemühungen bewußt oder unbewußt durch eine verläßliche
Durchfahrt durch den Suezkanal berührt werden, eine wirtschaftliche Sicherheit geben. Eine politische Entscheidung, die weniger als das fordert,
was für dieses Ziel nötig ist, würde irreführen und der Sache, der wir hier
dienen wollen, abträglich sein. Wollte man mehr verlangen

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�22. August 1956

AMERIKA DIENST"

verlangen, dann würde dies in gleicher Weise falsch und der Sache,
der wir hier dienen wollen, ebenfalls abträglich sein. Die hier geäußerten Ansichten, die dann schließlich auf einfache Bestimmungen
reduziert wurden, sollten daher der ägyptischen Regierung unterbreitet werden, so daß diese dann entscheiden kann, was sie in diesem
Zusammenhang zu tun wünscht.
'.Venn Ägypten diese Ansichten als eine Verhandlungsbasis für
einen Vertrag oder eine Konvention allgemein akzeptabel findet,
dann würde es die Aufgabe sein, einen Vertrag zwischen Ägypten und
denjenigen zu formulieren, die sich mit diesen Ansichten einverstanden erklären. Falls Ägypten andererseits nicht bereit ist, auf
einer Basis zu verhandeln, die den Ländern, welche in erster Linie
den Kanal benutzen und auf ihn angewiesen sind, unerläßlich scheint,
dann, so meine ich, wird dadurch eine neue Situation geschaffen, die
von unseren Regierungen zum gegebenen Zeitpunkt erörtert werden muß.
In diesem Fall wird es vielleicht - oder vielleicht auch nicht weitere gemeinsame Entscheidungen zwischen allen oder einigen Teilnehmern an dieser Konferenz geben. Das müßte von den Regierungen gemäß den entsprechenden Umständen entschieden werden.
Aus dieser Sicht heraus hat die amerikanische Delegation ein
Dokument vorbereitet und in Umlauf gebracht, in dem gewisse Ansichten
niedergelegt sind, wie der zukünftige Betrieb des Suezkanals auf eine
sichere Basis gestellt werden kann. Dieses Dokument trägt den Meinungen Rechnung, die auf dieser Konferenz geäußert worden sind.
Die große Mehrheit derjenigen, die hier gesprochen haben und
die jene Nationen vertreten, welche bei weitem am meisten auf den
Kanal angewiesen und seine größten. Benutzer sind, scheint der Ansicht zu sein, daß die in diesem Dokument vorgeschlagenen Sicherungen die erforderliche Garantie geben, die notwendig ist, wenn sie
und ihre Landsleute auf eine verläßliche Durchfahrt durch den Kanal
rechnen wollen. Wenn wir alle oder die meisten von uns eine wesentliche
Einigung über eine Erklärung dieser Art erzielen, dann wird dies, so
meine ich, in erheblichem Ausmaße zu einer friedlichen Lösung des gegenwärtigen ernsten Problems beitragen. Ich bin der Überzeugung, daß
Ägypten die erörterten und gemeinsamen Ansichten jener Länder kennen
sollte, die im Vertrauen auf den Vertrag aus dem Jahre 1888 und das
bisher vorherrschende System ihre '.Virtschaften und ihren Handel entwickelt haben, wobei sie sich auf den Kanal als auf einen internationalen Wasserweg verließen.
Es mag vielleicht keine vollständige Einigkeit über diesen Punkt
herrschen, meiner Ansicht nach ist es aber wichtig, den größtmöglichen
Grad von Einigkeit zu erzielen. '.Venn es andere hiervon abweichende Ansichten gibt, dann sollten sie' ebenfalls niedergelegt und Ägypten mitgeteilt werden. Der Plan der Vereinigten Staaten stellt angesichts der auf
dieser Konferenz gemachten Bemerkungen ein ehrliches Bemühen dar, das
aufzuzeigen, was, wie es scheint, von den meisten von uns als die notwendigen Forderungen der Situation angesehen wird. Genauso wie ich glaube,
daß niemand aus politischen Gründen mehr verlangen sollte als praktisch
von den harten Tatsachen des Wirtschaftslebens gefordert wird, so glaube
ich nicht, daß wir auf Grund von Spekulationen hinsichtlich dessen, was
Ägypten annehmen wird, weniger verlangen sollten.
Die

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�AMERIKA DIENST"

22. August 1956

Die Souveränität Ägyptens ist hier nicht mißachtet worden. Was
vorgeschlagen worden ist, war daß Ägypten einen Vertrag machen sollte
Während jeder Vertrag eine gewisse Aufgabe der souveränen Rechte bedingt, ist der Abschluß eines Vertrages an sich ein Akt der höchsten
Souveränität. Was wir vorschlagen, geht dahin, Ägypten in höflicher
Weise über gewisse Tatsachen zu informieren und es zu fragen, ob es
bereit ist - oder nicht -, in Verhandlungen zum Abschluß einer Konvention einzutreten, die diesen Tatsachen Rechnung trägt. V/enn es
dies tun will, dann übt es seine Souveränität in einer Lage aus, der
ein großes internationales Interesse entgegengebracht wird. Durch
diesen Weg werden wir einer Pflicht genügen, die uns als Signatarmächte des Vertrages von 1888 oder als wichtige Benutzer des Suezkanals auferlegt worden ist. Wir können hoffen, daß Ägypten mit
gleicher Einstellung seine Verantwortlichkeit einsehen und so eine
faire und konstruktive Lösung ermöglichen wird, die die gesamte
Welt mit Spannung erwartet."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY 19 r ;6
3 . S e p t e m b e r 1956

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

BOTSCHAFTER ZUM LABOR DAY
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen Botschaften führender Männer des amerikanischen
öffentlichen Lebens zum amerikanischen "Tag der Arbeit"

Die Labor Day-Botschaft des amerikanischen Arbeitsministers,
James P. Mitchell, hat folgenden Wortlaut:
"Heute sind Hammer und Säge
maschine steht still. Kein Rauch
Schreibmaschinen sind stumm. Die
Verkaufsabschluß. Die Nation und

im Werkzeugkasten, die Produktionssteigt aus den Fabrikschloten. Die
Registrierkassen verzeichnen keinen
ihre 66 Millionen Arbeiter ruhen aus.

Was ist die Ursache dafür, daß die produktive Kraft der Nation
ruht und ihre Arbeitskraft das Werkzeug niedergelegt hat?
Es ist der Tribut, den wir den Männern und Frauen zollen, die
mit Herz, Geist und Händen die Güter und Dienstleistungen unserer
Nation schaffen. Auf diese Weise sagen wir der amerikanischen Arbeiterschaft Dank für die gute Arbeit.
Es ist eine Gelegenheit, bei der wir daran denken, daß Arbeit
die Mühe wert ist, daß die Gewerkschaften für Produktion und Fortschritt wesentlich sind, und daß die Arbeiter der Nation die Stärke
der Nation sind.
1

Wie geht es unseren arbeitenden Männern und Frauen? Wie leben
sie 1956? Sie haben einträglichere Anstellungen denn je zuvor. Sie
verdienen höhere Löhne, und sie können mit diesen Löhnen mehr für sich
und ihre Familien kaufen. Kurz, es geht ihnen besser als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte unserer Nation.
Dies ist so, wie es sein sollte. Da mehr und mehr Menschen ein
eigenes Heim besitzen und an den Früchten ihrer Arbeit teilhaben, erkennen die Amerikaner in immer steigender Zahl das wahre Erbgut dieses großen Landes. Es besteht zumindest Grund zu der Hoffnung, daß
alle Amerikaner eines Tages den Traum erfüllt sehen, der die Menschen
über die unsicheren Wasser aus allen vier Himmelsrichtungen der ganzen Welt in unser Land führte.
Es ist unser aller- ob wir uns zur Arbeiterschaft, Betriebsführung oder Regierung rechnen - Verantwortlichkeit, sicherzustellen,
daß der amerikanische Traum für eine ständig wachsende Zahl unserer
Bevölkerung Wirklichkeit wird; daß die Früchte unserer Arbeit immer
weiter verteilt werden, und daß die Mußezeit, die dem Körper Gesundheit und dem Geist Frieden bringt, immer reichlicher zur Verfügung
steht."
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson
erklärte:
"Dies ist der erste Labor Day seit der historischen Fusion von
zwei der größten Organisationen arbeitender Männer und Frauen auf der
ganzen Welt.
Neuerworbene Stärke bringt neue Verantwortlichkeiten und neue Möglichkeiten mit sich - Möglichkeiten für eine Führungsaufgabe, auf daß
in diesem Zeitalter der Fülle alle einen gerechten Anteil an dem Reichtum, den sie schaffen, haben mögen.
Angemessene Wohnungen, gute Schulen, gleiches Recht für alle, mehr
Freiheit für den einzelnen, Schutz gegen die unnötige Not im Alter, bei
Arbeitslosigkeit und Krankheit - diese Ziele braucht Amerika heute diese und Frieden in der Welt.
Ich bin zuversichtlich, daß die Gewerkschaften, die heute mächtiger denn je zuvor sind, in dem amerikanischen Bemühen um ein besseres
Leben den Weg weisen werden."
Der Fraktionsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, John
W. McCormack, sagte:
"Im vergangenen Jahre ist in unserem Lande die Einheit der Arbeiter eine Realität geworden. Das positive und konstruktive Programm
der organisierten Arbeiter hat nicht nur die Arbeitsbedingungen der Gewerkschaftsmitglieder im ganzen Lande verbessert, sondern gleichzeitig
das Wohlergehen der 65 Millionen arbeitenden Menschen im Lande erhöht."

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

George Meany, der Vorsitzende, des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO:
"Die arbeitenden Männer und Frauen Amerikas haben guten Grund, den
diesjährigen Labor Day zu feiern,denn die geeinte Arbeiterbewegung
ist kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit.
Es ist nicht meine Gewohnheit, große Voraussagen zu machen. Ich
habe jedoch die feste Zuversicht, daß die fusionierte Gewerkschaftsbewegung im Zusammenwirken mit ihren 15 Millionen Mitgliedern in den
kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.
Was erwarten die Gewerkschaften? Welches sind ihre Ziele? Ständig
höre ich diese Fragen. Und es scheint mir, daß der Labor Day ein guter
Anlaß ist, über diese Dinge zu sprechen.
Wir wollen zu allererst einen gerechten Anteil an dem, was wir
produzieren helfen. Das heißt, mehr als den reinen Lebensunterhalt.
Das heißt, ein Einkommen, das ausreicht, um anständig und angenehm
leben zu können, es heißt, die Möglichkeit haben, um den Kindern des
Arbeiters eine gute Erziehung angedeihen und sie in einer gesunden
Umwelt aufwachsen zu lassen. Das heißt, Sicherung gegen mögliche Unglücksfälle und Sicherheit für das Alter. Das sind jene Ziele, die
in der Sprache der Gewerkschaftsbewegung die 'Brot- und Butterziele'
genannt werden.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß wir diese Vorteile nicht
für uns allein anstreben. Wir bemühen uns darum, Millionen unorganisierter Arbeiter zu organisieren, so daß auch sie bessere Bedingungen
erhalten können. Ja, wir versuchen, den Lebensstandard aller Amerikaner zu erhöhen.
Jeder, der die Gewerkschaftsbewegung richtig verstehen möchte,
sollte sich darüber im klaren sein, daß sie ebenso viel Wert auf das
Geben wie auf das Nehmen legt. Wir sind entschlossen, unseren Teil zum
Aufbau besserer Gemeinden und einer stärkeren Nation beizutragen. Wir
sind ebenso entschlossen, einen echten Beitrag zur Schaffang von Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Menschen der ganzen Welt zu leisten.
Die Gewerkschaft hat ein großes und vorausschauendes Programm.
Sie ist durch Opposition und zeitweilige Rückschläge nicht zu entmutigen,und sie ist sich ihrer Verantwortlichkeit hinsichtlich der eigenen Disziplin voll bewußt. Sie hat ein Programm, das mit der freien
und demokratischen Lebensart vollständig übereinstimmt.
Wenn ich die wesentlichen Punkte des Gewerkschaftsprogramms zusammenfasse, möchte ich die wichtigsten Dinge an den Anfang stellen.
Wir können nicht leben und Fortschritte erzielen ohne Frieden. Wir
»
die wir im Atomzeitalter leben, wissen, daß ein Krieg eine gewaltige Katastrophe wäre, durch die ganze Nationen ausgelöscht und
durch die über Nacht alles zerstört werden würde, wofür wir Jahrhunderte lang gekämpft haben.

Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

Es gibt nur eine Macht auf der Erde, die stark genug und bedenkenlos genug wäre, die Welt in einen solchen Krieg zu stürzen - Sowjetrußland. Der geschickte Propagandafeldzug des Kreml - seine wiederholten Hinweise auf seine friedlichen Absichten, seine kürzliche Verurteilung der Verbrechen Stalins -, keines dieser Manöver kann die
zentrale und unumgängliche Tatsache verdecken, daß das Ziel der Kommunisten noch immer die Beherrschung der Welt ist, und daß sie sich nie
mit weniger zufrieden geben werden.
Das ist der Kernpunkt, dem sich Amerika in seiner führenden Rolle
in der freien Welt entgegenstellen muß. Wir müssen einen sorgfältigen
Kurs steuern, um den Frieden zu erhalten, ohne dabei die Freiheit irgendeiner Nation, die der kommunistischen Aggression ausgesetzt ist,
zu gefährden oder zu opfern. Wir müssen ein starkes nationales Verteidigungsprogramm und eine klare außenpolitische Linie entwickeln, die
den Krieg durch das einzige Abschreckungsmittel, das die Kommunisten
respektieren,mit größtmöglicher Sicherheit verhindern können: die Machtüberlegenheit .
Die freie, amerikanische Gewerkschaftsbewegung wird sich niemals
durch das Süßholzgeraspel von Diktatoren täuschen lassen, die durch
Massenunterdrückung regieren und mit Zwangsarbeit ihren Militärapparat
stärken.
Aber wir sind uns darüber im klaren, daS verzweifelte Menschen
in weit entfernten Ländern, die keine Hoffnung sehen, um ihrem gegenwärtigen Elend zu entkommen, dem Kommunismus auf Grund falscher Versprechungen von Brot und Sicherheit verfallen können. Das ist bereits
geschehen. Es kann wieder geschehen. Die Kommunisten unternehmen gewaltige Anstrengungen, die Herrschaft über die arbeitenden Massen in
Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu gewinnen. Sie haben gezeigt,
daß sie in dem Augenblick, da sie die Arbeiterbewegung eines Landes
in der Hand haben, sie auch die politische Macht in die Hand bekommen
und den Eisernen Vorhang vorverlagern können, ohne zu militärischen
Mitteln greifen zu müssen.
Dies ist der Kampfplatz, auf dem die freien Gewerkschaften unter
dem Banner des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften ihren
größtmöglichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit
der Menschheit zu leisten entschlossen sind. In den letzten sieben
Jahren ist jeder Versuch der Kommunisten, durch Infiltrierung weiter .
vorzudringen, vereitelt worden. Der Einfluß der Kommunisten in den Gewerkschaftsbewegungen der freien Nationen ist eingedämmt worden. Die
freien Gewerkschaften haben die Absicht, einen immer wirksameren Feldzug auf diesem lebenswichtigen Gebiet zu führen.
Was die Lage in Amerika selbst anbelangt, so sehen die Gewerkschaften die Notwendigkeit einer fortschreitenden Stärkung der amerikanischen Wirtschaft ein, was letztlich dem Handel, den Farmern und
Industriearbeitern in Form von größeren Einkünften zugute kommt. Wir
haben ständig darauf beharrt, daß eine höhere Kaufkraft der Massen der
Schlüssel zu einer dynamischen Wirtschaft und wachsendem Wohlstand ist.
Aber die Verbrauchsrate muß mit der ständig wachsenden Produktionskapazität Amerikas Schritt halten. Andernfalls werden wir mit Überschüssen

"4

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Überschüssen überschwemmt, die tödliche Gefahren in sich bergen. So
ist der Druck der Gewerkschaften, durch den auf dem Wege über Kollektivverhandlungen höhere Löhne erzielt werden sollen, im öffentlichen
Interesse.
Ebenso unser Bemühen, unorganisierte Arbeiter zu organisieren,
denn sie werden bessere Kunden, wenn sie nach Gewerkschaftstarifen
bezahlt werden. Der amerikanische Lebensstandard kann, solange die
Räder seiner Produktionsmaschine laufen, nicht einfrieren.
Natürlich erschrecken manche kurzsichtigen Menschen bei dem
Gedanken an eine fortwährende Expansion. Sie fürchten, daß der Fortschritt nicht unbegrenzt andauern kann. Tatsache ist, daß die Grenzen
des amerikanischen Fortschritts noch nicht abzusehen sind. Es gibt noch
viel in unserem Land zu tun, was leider zu lange vernachlässigt worden ist - umfassende Projekte, die nur von der Bundesregierung geplant
und durchgeführt werden können.
Das ist zum Beispiel der Mangel an Schulen. Alles in allem stellt
das Schulwesen des ganzen Landes einen dringenden Notstand dar. Die
Einzelstaaten und Gemeinden haben nicht das Geld, um genug Schulen
zu bauen und durch bessere Bezahlung den Lehrberuf für mehr Menschen
attraktiver zu gestalten. Die einzige Lösung ist nach Meinung unparteiischer Experten eine Hilfe durch den Bund - die der Kongreß bisher
noch nicht zur Verfügung gestellt hat.
Die Gewerkschaften sind über die Schulkrise so besorgt, daß sie
die Forderung eines angemessenen Programms des Bundes für das Schulwesen an die Spitze ihres Legislativprogramms gestellt haben. Wir
setzen uns außerdem für ein großzügiges Wohnungsbauprogramm auf Bundesebene ein, um die Slums und ungesunden Viertel aus unseren Städten
verschwinden zu lassen und Menschen der niedrigen und mittleren Einkommensklassen und älteren Personen angemessene Wohnungen zu beschaffen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Amerika Fortschritte in Richtung auf
eine verbesserte Sozialversicherung gemacht. Aber immer noch klafft
eine Lücke in dem Schutzwall, den wir errichtet haben. Es existiert
noch kein angemessenes Versicherungsprogramm, um die Kosten ärztlicher
Behandlung zu decken, eine Tatsache, die für die Durchschnittsfamilie
unselige Folgen haben kann. Der AFL-GIO tritt für eine Krankenversicherung auf Bundesebene ein, die die Freiheit der Patienten und Ärzte
in gleicher Weise garantiert.
Unser Legislativprogramm sieht schließlich noch ein Gesetz zur
Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen vor, das beiden Seiten des Konferenztisches gerecht wird und gleichzeitig das öffentliche
Interesse schützt. Führer der beiden großen politischen Parteien haben
ihre Hilfe für die Beseitigung der offensichtlichen Ungerechtigkeiten
zugesichert, die das Taft-Hartley-Gesetz den amerikanischen Arbeitern
auferlegt. Aber nichts ist getan worden. Ebenso gibt es in 17 Staaten
immer noch die sogenannten 'Recht-auf-Arbeit'-Gesetze, die auf die
völlige Zugrunderichtung der Gewerkschaftsverbände ausgerichtet sind
und die schleunigst aufgehoben werden sollten.
TT

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29- August

1956

Um mit seinem Legislativprogramm Erfolg zu haben, sah sich der
AFL-CIO genötigt, politisches Gebiet zu betreten. Wir sind überzeugt,
daß Amerika - um weiter zu kommen - eine fortschrittlichere und vorausblickende Regierung braucht. Unser politisches Aktionsprogramm ist einfach. Wir appellieren an alle unsere Mitglieder und ihre wahlberechtigten Familienangehörigen, sich für die Wahl registrieren zu lassen und
ihrer Wahlpflicht zu genügen. Wir beschaffen ihnen Material über die
Kandidaten und ihre Einstellung zu den wichtigsten Problemen, so daß
sie mit Überlegung wählen können. Wir versuchen weder, eine der politischen Parteien zu dirigieren, noch uns von einer beherrschen zu lassen. Unsere Haltung ist unabhängig, bester amerikanischer Tradition gemäß.
In diesem Wahljahr ist es für jeden arbeitenden Mann und für jede
arbeitende Frau in Amerika zwingender denn je, sich registrieren zu lassen und ihrer Wahlpflicht zu genügen. Ich kann diese Staatsbürgerpflicht
gar nicht genug betonen.
In dieser Botschaft zum Labor Day habe ich eine Reihe künftiger
Ziele bekanntgegeben. Jetzt, da die Gewerkschaftsbewegung geeint ist, befindet sie sich in einer weit besseren Lage, diese Ziele zu erreichen.
Natürlich erwarten wir nicht, über Nacht Wunder zu vollbringen. Aber mit
Geduld, stetigem Bemühen, in der Verfolgung der hohen Grundsätze der Begründer unserer Bewegung und im Zusammenstehen gegen die Hindernisse auf
unserem Weg können und werden wir einen wesentlichen Fortschritt erzielen.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter und Angestellten des
amerikanischen Fernmeldewesens und Vorsitzende des Ausschusses der AFLCIO für die im öffentlichen Dienst Beschäftigten, Joseph A.Beirne.
erklärte:
"Wenn sich die amerikanischen Arbeiter an diesem Labor Day des
Wohlstandes und der Freiheit erfreuen, so darum, weil wir stark genug
sind, für diese beiden Güter das ganze Jahr über zu kämpfen. Der Tag,
an dem wir fett und träge werden sollten, würde den Beginn der Zeit bedeuten, da wir beide verlieren würden.
So lange Gewerkschaften und andere die Freiheit sichernde Institutionen von der eisernen Faust irgendwelcher Art von Totalitarismus
niedergehalten werden,kann es keinen echten Frieden geben.Wir müssen deshalb die Gewerkschaften der freien Welt erhalten und ihre weitere Entwicklung fördern.
Hier in unserem Lande hat die organisierte Arbeiterschaft in den
42 Millionen Amerikanern, die sich keiner Organisation angeschlossen
haben, eine schwere Last mitzuschleppen. Wir alle sind es uns selbst
schuldig, etwas zur Behebung dieses mangelnden Gleichgewichts zu unternehmen, wenn wir unseren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten gerecht
werden wollen - in der Heimat und auch draußen im Ausland."
George M. Harrison, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten und Leiter des Bildungsausschusses der AFL-CIO, gab folgende Erklärung ab:
"Das neue Abzeichen der AFL-CIO zeigt zwei Hände, die sich über
dem nordamerikanischen Festland zusammenschließen. An diesem Labor Day
habe ich den Wunsch, diese selbe Art des Händedrucks auf alle anderen
Gewerkschaftsangehörigen auszudehnen, nicht nur _in
- £

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

in Nordamerika, sondern rings in der ganzen Welt.
Es ist die Hand eines Freundes, die ich ausstrecke. Wenn ihr je
ihrer bedürfen solltet, dann hoffe ich, daß sie sich hilfreich erweisen wird. Und wenn dies der Fall ist, dann haben wir nur die Bitte, daß
auch ihr wiederum die gleiche helfende Hand allen anderen Mitgliedern
der Gewerkschaftsbewegung entgegenstreckt."
0. A. Knight, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter der
Erdöl-, chemischen und Atomkraftindustrie Amerikas und Mitglied des
Ausschusses für inter-amerikanische Angelegenheiten der AFL-CIO,
führte aus:
"An diesem Labor Day, dem ersten seit der Schaffung des Gewerkschaftsverbandes 'American Federation of Labor and Congfess of Industrial Organizations', erscheint es vielleicht angebracht, festzustellen,
daß die organisierte Arbeiterschaft ihre historische Aufgabe, zum beste..
der Interessen aller Amerikaner zu wirken, auch weiterhin durchgeführt
hat, ungeachtet der Kassandra-Warnungen, welche die Geburt der AFL-^IO
von manchen Seiten her begleiteten.
Und da wir uns jetzt der ersten Präsidentenwahl seit unserem Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Körperschaft nähern, dürfte es auch
angemessen sein, darauf hinzuweisen, daß wir in unserer politischen
Tätigkeit denselben Kurs weiterverfolgen wie bisher.

was
Wir
für
gen
das
gen

Das bedeutet, daß wir auch künftig für alles das eintreten werden,
recht ist, selbst dann, wenn es unpopulär sein sollte, so zu handeln.
werden fortfahren, die Interessen zu verteidigen, die lebenswichtig
die "Wohlfahrt unseres Landes sind. Und wir werden nicht zögern, gejegliches Sonderinteresse zu kämpfen - und unbarmherzig zu kämpfen -,
versucht, seine eigenen beschränkten Zwecke auf Kosten aller übrivon uns zu fördern.

Diesem Geiste weihen wir uns, unter nochmaliger Bekräftigung der
Grundsätze.,, für die wir uns stets eingesetzt haben, an diesem Labor
Day von 195&amp; aufs neue."
James B. Care_y, der Vorsitzende der internationalen Gewerkschaft
der Arbeiter der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie und Leiter des
Ausschusses für staatsbürgerliche Rechte der AFL-CIO, betonte:
"Die Gewerkschaftsbestrebungen und die Vertretung der Rechte des
Staatsbürgers hängen eng miteinander zusammen. Das eine kann keine
Fortschritte machen, wenn nicht auch das andere gefördert wird. Und
ebenso kann auch keines von beiden gehemmt werden oder Schaden erleiden,
ohne daß zugleich das andere dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird.
Seit den frühen Tagen der dreißiger Jahre haben sich sowohl die Gewerkschaften als auch die Rechte des Staatsbürgers nicht solch vielfältigen
und großen Aufgaben gegenübergesehen.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEITER

29. August 1956

'Der Versuch, die Bevölkerung Amerikas und der Welt nach ihrer
Hautfarbe aufzuteilen, stellt uns vor eine große Bewährungsprobe. Früher
war es die Religion, zu anderen Zeiten waren es Nationalismus, Regionalstolz oder irgend etwas anderes, das dem Zweck dienen sollte, die amerikanischen Werktätigen untereinander zu spalten und sie von den Arbeitern des Auslandes zu isolieren.
Das ist der Feind, um den man sich kümmern muß. Lächerlich ist es
jedoch, anzunehmen, daß jemand allein durch den Beitritt zu einer Gewerkschaft sozusagen automatisch seine ganze frühere Haltung abstreifen, die Vorurteile, die ihm ein ganzes Leben lang anhafteten, verlieren wird. Zahlreiche neue Gewerkschaftsmitglieder kennen nicht die Lektion, welche die Gewerkschaftsbewegung auf ihrem schweren Weg gelernt
hat: daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder die Waffen des Vorurteils
und des Hasses in Anwendung gebracht sahen, um die Werktätigen voneinander zu trennen, wobei das Endergebnis die Schwächung der Gewerkschaft,
die Verfolgung einiger weniger und das allgemeine Leiden vieler war.
Teilung unter dem Gesichtspunkt der Rasse, der Hautfarbe, der Religion oder der nationalen Abstammung, das ist unsere größte Tragödie,
unsere stärkste Bedrohung. Sobald jeder Werktätige diese Wahrheit begreift, haben wir nichts zu fürchten. Dann können wir alle vorwärts
schreiten, um der reichen Verheißung teilhaftig zu werden, die Amerika
stets den kommenden Generationen geboten hat."
"Ein reicheres und friedlicheres Leben für alle ungeachtet Rasse
und Glauben sei die Hoffnung der amerikanischen Arbeiterschaft, die
in der neugeeinten Arbeiterbewegung erstarkt ist", sagte A. Philip
Randolph, Vorsitzender der Gewerkschaft der Schlafwagenschaffner,
in einer Sonderbotschaft zum Labor Day. "Dieser Labor Day", fuhr Randolph fort, "ist ein wichtiger und bedeutender Markstein im Leben
der amerikanischen Arbeiterbewegung; denn es ist der erste Labor Day
seit dem Tage der historischen Verschmelzung der American Federation of
Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO).
Die Tatsache, daß die Arbeiterschaft in Amerika vereinigt ist,
verleiht ihr eine moralische Autorität, die sie in die Lage versetzen
wird, nicht nur dem Ziele der Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter und ihrer Familien erfolgreicher zu dienen, sondern gleichzeitig
ein großes Bollwerk amerikanischer Demokratie gegen die totalitären
Mächte des Kommunismus und des Faschismus zu sein.
Sämtliche Arbeiter der amerikanischen Arbeiterbewegung haben ein
Recht darauf, hinsichtlich der Arbeit unserer großen Bewegung für
gesunde wirtschaftliche, politische, ethische und internationale
Grundsätze, zu denen die Vollbeschäftigung, ein reicheres Leben, Sicherung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, Demokratie und Weltfrieden gehören, voller Glaube und Hoffnung in die Zukunft zu schauen".
In

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

In einer Botschaft zum amerikanischen Lahor Day erklärte der Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation, David A. Morse:
"Dieser Labor Day fällt in ein für die demokratische Gewerkschaftsbewegung außerordentlich bedeutsames Jahr und stellt den Anfang zu etwas dar, was eine Ära noch größerer Errungenschaften für die amerikanischen Arbeiter zu werden verspricht.
Da ich immer an die Einheit der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung geglaubt habe, grüße ich Sie, die Sie in den vergangenen zwölf
Monaten die große und bedeutungsvolle Fusion der American Federation
of Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO) vollzogen haben, mit tiefer Befriedigung.
Sicherlich ist dieser Schritt ein Zeichen für künftige größere
Dinge. Seine zu erwartenden Vorteile scheinen mir an diesem Labor Day
unbegrenzt zu sein.
In ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in allen Teilen der
Welt zollt die Internationale Arbeitsorganisation heute den Problemen
der Zwangsarbeit, der Rechte der Gewerkschaften, der ArbeitgeberArbeitnehmer-Beziehungen und der Diskriminierungen am Arbeitsplatz viel
Aufmerksamkeit, Erhebliche Arbeit wird auch auf eine Studie über die
Probleme der Automation aufgewandt.
Diese und andere Bemühungen sind zusammen mit den Bestrebungen
einer wiedervereinten und gestärkten amerikanischen Gewerkschaftsbewegung unter der Voraussetzung eines dauerhaften Friedens in der Welt
dazu angetan, zu einer besseren Zukunft für uns alle zu führen."
*
Der Leiter der National Catholic Weifare Conference, Monsignore
George G. Higgins. sagte in einer Botschaft zum amerikanischen Labor
Day, die vereinte Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten sei
"das Symbol einer neuen Är^ auf dem Gebiet der betrieblichen Beziehungen" .
"Sie symbolisiert", so sagte Monsignore Higgins, "die Tatsache, daß
die organisierte Arbeiterschaft in den Vereinigten Staaten mündig geworden ist und sich nunmehr auf ihre wesentliche Rolle im wirtschaftlichen Leben der Nation konzentrieren kann, nämlich als ebenbürtiger
Partner unter Anwendung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit mit
der Betriebsführung zusammenzuarbeiten. Früher war die organisierte
Arbeiterschaft dazu gezwungen gewesen, unverhältnismäßig viel Zeit und
Energie auf die Verteidigung des Rechts der Arbeiter, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln, zu verwenden.
Während

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Während die Organisierung der Arbeiter noch nicht abgeschlossen,
ist und wahrscheinlich in einer Generation noch nicht abgeschlossen
sein wird, ist das Recht auf Organisierung und Kollektivverhandlungen
heute doch so fest begründet, daß es niemals wieder ernstlich in Frage
gestellt werden kann, außer natürlich, wenn es eine Spaltung der nationalen Einheit und Lahmlegung der Volkswirtschaft herbeiführen würde.
Es scheint aber - wenn überhaupt - wenig Furcht vor einer solchen
Katastrophe zu herrschen, denn glücklicherweise hat die Mehrheit der
wirklich einflußreichen amerikanischen Wirtschaftsführer weitgehend
ihre Bereitschaft gezeigt, die Vergangenheit zu vergessen und in Zusammenarbeit mit der organisierten Arbeiterschaft ein neues und konstruktiveres Bild der Wirtschaftspolitik und industriellen Probleme
zu entwickeln.
Diesen weitsichtigen Unternehmern und ihren Gegenspielern in der
Gewerkschaftsbewegung sollte alle gebührende Anerkennung für ihre
staatsmännische Wirtschaftspolitik gezollt werden...
Natürlich wird es - wie in der Vergangenheit auch in der Z'.^unft viele Meinungsverschiedenheiten zwischen Gewerkschaften und Management
geben. Das steht zu erwarten. Dennoch besteht, wie wir bereits angedeutet haben, Grund zu der Annahme - und sie scheint die Zustimmung
aller Experten auf diesem Gebiet zu finden -, daß wir in eine neue Ära
treten, in der Gewerkschaften und Betriebsführung es dann möglich finden
werden, harmonischer denn je zuvor zusammenzuarbeiten, und zwar nicht
nur zu ihrem gegenseitigen Vorteil, sondern zum Besten der ganzen
Nation."

* * *

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S T

EISENHOWER: DAS GESPRACH VON VOLK ZU VOLK FÖRDERE

WASHINGTON - (AD) - Im folgenden geben wir den
Text der Ausführungen Präsident Eisenhowers vor
der Konferenz über eine Intensivierung der Völkerverständigung in Washington am 11. September
bekannt:

"Ich trete mit etwas gemischten Gefühlen vor diese Versammlung.
Unter den Anwesenden sind so viele meiner Freunde, die meiner Meinung
nach zu dieser Zusammenkunft wie zu einer Art Familientreffen mit den
gleichen freudigen Empfindungen gekommen sind, wie wir sie alle bei
derartigen Anlässen kennen.
Wenn ich auf diese Versammlung kluger und fähiger amerikanischer
Männer und Frauen blicke - einige von Ihnen haben gerade attf jenen Gebieten, über die ich hier sprechen will, reiche Erfahrungen gesammelt so muß ich schon sagen, daß mich eine gewisse Scheu, ja ein Gefühl der
Befangenheit erfaßt.
Und doch erkühne ich mich hier vor Ihnen zu sprechen, da der Zweck
dieses Treffens das höchste und lohnendste Ziel unserer heutigen Welt
darstellt: mitzuhelfen einen Weg zum Frieden zu suchen, mitzuhelfen
einen Weg zu dauerndem Frieden zu finden.
Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, entspringt zu einem Teil
der Annahme, daß kein Volk als solches den Krieg wünscht - daß alle
Völker Frieden wollen.
Wir wissen, daß diese Annahme zutrifft; wir wissen aber auch,
daß man in gewissen Teilen unserer Erde nicht dieser Ansicht ist.
Manchen Völkern erzählt man - und sie können sich ja kein eigenes
Urteil bilden -, daß andere Völker, und damit sind auch wir gemeint,
den Krieg wünschen: daß wir kriegslüstern sind, daß wir materialistisch sind, daß wir in Wahrheit nur auf eine Katastrophe dieser Art
hoffen, damit - wie sie sagen - einige wenige aus dem Elend der Welt
ihren Nutzen ziehen.
Was mich anbetrifft - und ich bin ja nicht erst von heute und
weiß daher mehr oder weniger Bescheid über alle Kriege, die die Vereinigten Staaten geführt haben - ich meinerseits kann zu Ehren des

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�12. September 1956

"AMERIKA DIENST

des amerikanischen Geschäftsmannes nur sagen, daß ich noch keinen getroffen habe, der vom Kriege nicht anders als mit Bedauern gesprochen
und der Hoffnung Ausdruck gegeben hätte, daß es nie wieder Krieg geben
möge.
Wenn wir die von uns als zutreffend angenommene Tatsache, daß alle
Menschen den Frieden wünschen, richtig nutzen wollen, dann geht es
also um das Problem, daß die Menschen sich zusammenfinden und ihre Regierungen dazu bringen - wenn nötig unter Umgehung der Regierungen nicht nur einen V/eg, sondern tausend Wege ausfindig zu machen, wie die
Völker allmählich ein wenig mehr voneinander erfahren und übereinander
lernen können.
Es geht dabei um folgende Fragen: Was können wir gegen die Unwissenheit tun? Wie legen wir unsere eigene Sache klar? Wie stärken wir
die Bande der Freundschaft? Wie erfahren wir etwas von anderen Völkern? Das sind die Probleme, die wir zu lösen haben.
Die Kommunisten unterwerfen natürlich alles der Kontrolle des
Staates, und wenn sie ein großangelegtes Propagandaprogramm starten,
istim -voraus schon alles bis ins einzelne festgelegt - und jeder fügt
sich. Sie tun dies in allen Lebensbereichen, in allen Dingen. Und eine
Zeitlang hat es auch wirklich den Anschein, als ob sie damit augenfällige Erfolge erzielten.
Natürlich ist ihre große Schwäche die, daß in Zeiten starker Belastungen, wenn zum Beispiel im Volke die Liebe zur Freiheit stärker
wird als die Angst vor der Pistole im Nacken, die Diktatur stürzt. Im
Kriege war es ja tatsächlich so, daß die Heere der Diktatoren Auflösungserscheinungen zeigten, als die Angst vor dem Maschinengewehr des
Feindes stärker war als die Angst vor der Maschinenpistole im Genick.
Wir gehen da einen anderen V/eg. Wir rekrutieren die Kräfte der
Initiative, des unabhängigen Handelns und unabhängigen Denkens von
168 Millionen Menschen. Manchmal erweckt .dies den Anschein der Langsamkeit und Ungeschicklichkeit - den Anschein von Schwäche. Da wir
aber allen Krisen gemäß dem Willen der großen Mehrheit begegnen, ist
es tatsächlich so, daß mit zunehmenden Schwierigkeiten die Verbundenheit des Volkes und damit seine Schlagkraft wächst.
Wir stehen heute vor dem bereits von mir erwähnten Problem: nämlich, das Verständnis der Völker füreinander zu wecken. Hier sind
Menschen, die, so hoffen wir, uns führen werden. Die Regierungen können nicht mehr tun als den Weg weisen und auf technisch-sachlichem
Gebiet Erleichterungen schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit amtlich zu unterrichten.
Aber ich spreche hier über den Austausch von Professoren, Studenten und führenden Männern, der Bereitstellung technischer Unterstützung
und von den gewöhnlichen Auslandsreisenden. Ich spreche von Ärzten,
die an der Bekämpfung von Krankheiten mitwirken, von unseren freien
Gewerkschaften, die anderen Völkern Einblick in ihre Arbeit geben, die

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�12. September

"AMERIKA DIENST

1956

die zeigen, was der Amerikaner verdient, wie er sein Geld verdient und
was er sich dafür leisten kann.
Kurzum, wir müssen jeden auch noch so kleinen Spalt im Eisernen
Vorhang erweitern und die Familie der russischen Völker oder jedes
andere Land hinter dem Eisernen Vorhang, das sich um eine Besserung des
Loses seiner Kinder bemüht - wie es ja Menschen in der ganzen Welt tun mehr in unseren Kreis einbeziehen. Wir wollen ihnen zeigen, wie wir leben,
und dann uns mit ihnen zusammensetzen und uns fragen 'Was können wir
tun, um unser beider Los zu bessern'?
Dies ist, so meine ich, wohl der sicherste 'Neg zum Frieden. Alles
andere, was wir unternehmen, sind nur Augenblickslösungen oder dazu bestimmt, die eingeschlagene Linie zu halten, während konstruktive Kräfte
dieser Art allmählich zum Zuge kommen.
Jede Bombe, die wir fabrizieren können, jedes Flugzeug, jedes
Schiff, jede Kanone - sie alle dienen, auf die Dauer gesehen, nur einem
negativen Zweck - wir wollen damit Zeit gewinnen, den andern davon abzuhalten, einen Krieg vom Zaune zu brechen, da wir selbst, und das
wissen wir genau, diesen nie beginnen würden.
Die Wirksamkeit der Milliarden Dollar, die wir für diese Sache
aufwenden, sollte durch eine große Anstrengung des ganzen amerikanischen
Volkes noch unterstützt werden, eine positive und konstruktive Anstrengung, die uns unmittelbar dahin bringt, wohin wir alle wollen; Zu einem
echten und bleibenden Frieden.
Wenn ich mich nun an Sie wandte, dann aus dem Wunsch heraus trotz der Scheu, von der ich bereits gesprochen habe - Ihnen zu sagen,
daß es nach Ansicht meiner Regierung keine wichtigere Aufgabe gibt
als die, an der mitzuwirken wir Sie bitten. Kein Problem, dem sich das
amerikanische Volk, ja die ganze Welt heute gegenübersieht, bestimmt
derartig unser Tun, unser Denken und unser Handeln wie das, den Frieden
zu wahren und für unsere Sicherheit zu sorgen.
Mag dieses Problem heute Suez und morgen wieder anders heißen,
es gibt nichts, was unseren Alltag mehr berühren könnte. Es diktiert
schon beinahe die Höhe unserer Steuern. Es färbt gewissermaßen jede
Frage, mit der wir uns zu Hause auseinandersetzen müssen.
Wenn Sie nun mit Ihrer Arbeit beginnen, wenn Sie Kontakt mit den
Regierungsvertretern aufnehmen, die mit Ihnen zusammenarbeiten, dann
werden Sie verstehen, daß es hier um eint Sache geht, die sowohl der
Regieru: g als auch jedem einzelnen in Amerika - und wir sind sogar überzeugt,
r ganzen Welt - sehr am Herzen liegt, mit Ausnahme jener wenigen, Li« entgegen Recht und Zuständigkeit ihre Herrschaft anderen
aufzwang n wollen.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

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D I E N S T

DULLES UNTERBREITET PLAN FÜR EINE
VEREINIGUNG DER KANALBENUTZER
Die Erklärung des US-Außenministers auf der Londoner Suez-Konferenz

Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
unterbreitete am 19» September auf der zweiten Londoner Suez-Konferenz, an der die 18 Nationen teilnahmen, die dem auf der ersten Konferenz ausgearbeiteten Vorschlag für eine internationale Suezkanalbehörde zustimmten, einen Plan für die Errichtung
einer ständigen Vereinigung, die provisorische Abmachungen für einen befriedigenden Betrieb des Kanals treffen soll, während eine endgültige Lösung
ausgearbeitet wird. Bei der Darlegung des französisch-britisch-amerikanischen Planes schlug Dulles
vor, daß die zu gründende Vereinigung mit einem nicht
zu großen Arbeitsfonds ausgestattet werde, einen kleinen Stab unter der Leitung eines Verwaltungsbeauftragten einstellen und ein Direktorium zur Durchführung des Planes wählen soll.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministers auf
der Eröffnungssitzung der zweiten Londoner Suez-Konferenz hat folgenden Wortlaut:
"Unsere hiesige Zusammenkunft im vergangenen Monat gab Anlaß zu
der festbegründeten Hoffnung, daß das Suezkanalproblem gelöst werden
könnte. Achtzehn von uns waren zu einer Übereinkunft gelangt. Wir repräsentieren Nationen aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika. Die Schiffe unserer Länder machten über 90 Prozent des gesamten Suezkanal-Verkehrs aus.
Unter uns waren Länder, deren Handel eine unterschiedliche,
allerdings wesentliche Abhängigkeit von dem Kanal aufweist. Es war
kein geringer Erfolg, daß trotz dieser Unterschiedlichkeit ein Übereinkommen erzielt wurde. Dies war nur möglich, weil unter uns ein
Geist der Versöhnlichkeit und ein Gefühl für die Dringlichkeit vorherrschte, geboren aus dem Ernst der Lage, vor die uns die ägyptische
Regierung gestellt hatte.
Wir einigten uns auf ein Programm, durch das für immer in wirksamer und zuverlässiger Form Betrieb, Unterhaltung und Ausbau des

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15. September 1956

des Suezkanals im Einklang mit dem Vertrag aus dem Jahre 1888 sichergestellt werden sollte.
Dieses Programm respektierte die Souveränität Ägyptens aufs
genaueste. Die ägyptische Regierung hat es jedoch, wie unser Fünferausschuß uns soeben berichtet hat, regelrecht abgelehnt, unseren Vorschlag als eine Verhandlungsgrundlage zu betrachten. Sie machte keinen
Gegenvorschlag.
Diese Haltung Ägyptens hat eine neue und schwierige Situation
geschaffen. Während wir uns die Zurückhaltung auferlegen, zu der uns
die Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, suchen wir weiterhin
mit friedlichen Mitteln eine Lösung dieses schwierigen Problems zu
erreichen. Bestimmte Dinge sind, so glaube ich, klar:
Erstens: Die Konvention aus dem Jahre 1888 gibt unseren Schiffen
das Recht, zu jeder Zeit den Suezkanal als eine freie und offene
Wasserstraße zu passieren.
,
Zweitens: Diese Rechte werden durch den Schritt der ägyptischen
Regierung gefährdet, durch den sie die allgemeine Suezkanalgesellschaft
an der Ausübung ihrer Funktionen, so wie dies vereinbart war, hinderte
und selbst alle diese Funktionen widerrechtlich an sich riß.
Es trifft zu, daß die ägyptische Regierung, obwohl sie einseitig
die Konzession der allgemeinen Suezkanalgesellschaft aufgehoben hat,
die Teil des oben erwähnten Systems war und durch die Konvention aus
dem Jahre 1888 ins Leben gerufen wurde, erklärt, daß sie sich trotzdem
an die Konvention halten und einen fairen und gerechten Betrieb des
Kanals gewährleisten will. Der Prüfstein aber ist, ob die ägyptische
Regierung es akzeptiert, daß die Partner und Nutznießer der Konvention
aus dem Jahre 1888 wirklich über die Einrichtungen verfügen, die ihnen
die Ausübung ihrer Rechte gewährleisten. Wenn die ägyptische Regierung
darauf besteht, daß die Schiffskapitäne qu.asi Entrechtete sind, die
den Kanal niemals durchfahren können, es sei denn unter solchen Bedingungen, wie sie die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit erläßt,
dann besteht keine Garantie mehr für eine freie und sichere Durchfahrt,
wie sie die Konvention aus dem Jahre 1888 fordert.
Ich weiß, daß die ägyptische Regierung argumentiert hat, sie
könne jederzeit durch die Anwendung von Gewalt den Verkehr durch den
Kanal unterbrechen und die Passage müsse daher von dem guten Glauben
und dem guten Willen Ägyptens abhängen. Es gibt jedoch zahlreiche Sanktionen gegen eine offene und gewaltsame Unterbrechung der freien Durchfahrt. Das gilt aber nicht, wenn eine einzige Regierung alle Phasen des
Betriebs beherrscht und kontrolliert.
Der Betrieb des Suezkanals ist eine überaus komplizierte und heikle
Angelegenheit. Er bietet unendliche Möglichkeiten für heimliche und versteckte Verletzungen, sowie die Praxis verschleierter Bevorzugungen
und diskriminierender Maßnahmen. Mangel an Tüchtigkeit kann zu einer
ernsten Gefahr werden. Gegen solche Risiken können - und ich meine sollten sich die Benutzer bei der Ausübung ihrer Rechte im Rahmen des

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19. September 1956

des Vertrages aus dem Jahre 1888 schützen. Das wirtschaftliche Wohlergehen zahlreicher Nationen und Völker steht auf dem Spiel, und es gibt
keine angemessenen Sanktionen gegen die von mir aufgezeigten Gefahren.
Drittens: Als dritten Punkt möchte ich folgendes anführen: Wenn
lebenswichtige Rechte bedroht sind, ist es nur natürlich und elementar,
daß man sich zusammenschließt, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen.
Die ägyptische Regierung hat uns vor einem Zusammenschluß in einer
Vereinigung gewarnt. Es ist nur natürlich, daß Ägypten es vorzieht,
wenn die Kanalbenutzer nicht organisiert und gespalten sind. Ich erinnere daran, daß sich die ägyptische Regierung in ihrem Memorandum vom
zehnten September 1956 an den Generalsekretär der Vereinten Nationen
und an zahlreiche Regierungen um die Bildung eines Verhandlungsgremiums bemüht hat, das gegensätzliche Ansichten widergibt.
Für jene, die sich in Gefahr sehen, ist es jedoch ein elementares
Recht, zusammenzukommen und ihre Ansichten in Einklang zu bringen ein Recht, auf das nicht verzichtet werden kann. Worum bemühen wir uns
denn? Es ist nichts, was sich gegen Ägypten richtet oder ihm schadet.
Lassen Sie mich kurz den Vorschlag für eine Vereinigung erläutern,
so wie die Regierung der Vereinigten Staaten ihn versteht.
1) Er bedeutet vor allem andern, daß wir unseren gegenwärtigen
Zusammenschluß beibehalten sollten, und zwar nicht, damit irgendeiner oder eine Gruppe von uns den andern Mitgliedern die eigenen
Ansichten aufzwingt. Die einzige Basis für einen Zusammenschluß ist
ein gemeinsamer Wille, der in einem freien Meinungsaustausch zustandekommt. Es ist auch nicht unser Ziel, auf Ägypten einen Zwang auszuüben.
Es ist lediglich so, daß die Erfordernisse der Situation einen fortdauernden Zusammenschluß für uns und für alle, die auf den Kanal angewiesen sind, zweckmäßig machen. Eine derartige Vereinigung wird auch
im Interesse Ägyptens sein, wenn es tatsächlich bereit ist, sich mit
jenen Ländern in konstruktiver Weise um eine Lösung zu bemühen, die
in erster Linie betroffen sind. Es liegt auch im Interesse des Weltfriedens, wenn wir fest zusammenstehen.
2) Wir sollten - so meine ich - auch weiterhin an unserer gemeinsamen Erklärung vom 23- August 1956 als Verhandlungsbasis für eine
endgültige Lösung festhalten.
3) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, über einen kleinen
Betriebsstab zu verfügen, der bereit steht, um unseren Schiffen sowie
den Schiffen, die unsere Länder bedienen, bei der Durchfährt durch den
Kanal zu helfen. Wir brauchen dabei, so glaube ich, nicht die Möglichkeit auszuschließen, auf der Basis einer provisorischen De-facto-Arbeit
regelung ein gewisses Maß an Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden zu finden, selbst wenn Ägypten vielleicht zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht bereit ist, einer ständigen Regelung in Vertragsform
zuzustimmen.
Ein

�AMERIKA DIENST

19. September 1956

Ein solcher Stab könnte, so schlage ich vor, einem Verwaltungsbeauftragten unterstehen, der in Schiffahrtsfragen erfahren ist und
der, falls dies gewünscht wird, im Auftrage der Schiffe unserer Mitglieder handeln könnte. Er könnte die Schiffe unserer Mitglieder
insofern unterstützen, als er Vorkehrungen für ihre reibungslose
Eingliederung in den Kanalverkehr trifft. Er könnte bei der Koordinierung der Schiffahrtsrouten durch den Kanal oder in der Nähe des
Kanals, falls dies letztere sich als erforderlich erweisen sollte,
helfen. Er könnte ermächtigt werden, als Beauftragter der Schiffseigentümer zu handeln sowie solche Geldbeträge einzuziehen und auszuzahlen, wie dies im Zusammenhang mit der Unterhaltung des Kanals und
des Verkehrs durch den Kanal sowie der Erfüllung seiner anderen Verpflichtungen angemessen ist.
4) Es würde, so denke ich, für unsere Vereinigung nützlich sein,
wenn sie ein kleines aus unseren Reihen gewähltes Direktorium hat,
das uns hinsichtlich der weiteren Entwicklungen auf dem laufenden
hält, uns, wenn immer ein Anlaß hierzu besteht, zusammenruft, den
Verwaltungsbeauftragten ernennt und seine Vollmachten sowie die Richtlinien festlegen könnte, die die von ihm im Namen der Vereinigung
ergriffenen Maßnahmen umreißen und bestimmen würden.
Es ist unvermeidbar, so glaube ich, daß die an dem Passagierund Frachtverkehr zwischen dem Osten und dem Westen sowie an der
Produktion von Erdöl und anderen Gütern für diesen Verkehr Interessierten nunmehr auf lange Sicht an Alternativen zu dem Suezkanal denken
sollten.
Es wird augenblicklich viel von größeren Tankern gesprochen, die
bei größerer Wirtschaftlichkeit um das Kap der lehaten Hoffnung fahren
könnten als die gegenwärtig den Kanal durchfahrenden kleineren Tanker.
Es wird von neuen Ölleitungen geredet.
Ich möchte annehmen, daß das Direktorium der Vereinigung der Kanalbenutzer alle diese Projekte weiter verfolgen und die Mitglieder
über alle bedeutsamen Entwicklungen unterrichtet halten würde, die
unser Wirtschaftsleben wesentlich beeinflussen könnten.
5) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, wenn die Vereinigung
über ein bescheidenes Betriebskapital verfügt, das zunächst von den
Mitgliedsstaaten vorgeschossen und ihnen später aus den durch die
geleisteten Dienste eingenommenen Geldern zurückerstattet wird.
6) Die Mitgliedschaft in der Benutzervereinigung würde nicht die
Übernahme irgendwelcher Verpflichtungen seitens der einzelnen Mitglieder
bedeuten. Man darf jedoch hoffen, daß die Mitglieder der Vereinigung in
bezug auf ihre Schiffer, und die Bezahlung der Kanalgebühren freiwillig
solche Maßnahmen ergreifen werden, die die Arbeit der Vereinigung
erleichtern sowie ihr Prestige und ihre Autorität stärken und damit auch
ihre Zweckdienlichkeit' fördern.
Dies

�19. September 1956

AMERIKA DIENST"

Dies könnte in groben Umrissen die Vereinigung sein, die wir aufbauen wollen. Das Ausmaß ihres wirklichen Nutzens hängt natürlich,
wenn auch nicht völlig, von der Haltung Ägyptens ab. Abor unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer praktisch durchführbaren Basis zusammenzuarbeiten, ist eine erneute Demonstration unseres Wunsches, in
dem Bemühen um eine Lösung dieses ernsten, und praktisch die ganze
Welt konfrontierenden Problems., .keinen vernünftigen Schritt unversucht
zu lassen.
Unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer provisorischen De-facto
Betriebsbasis zusammenzuarbeiten, kann vielleicht auch zu einer provisorischen Lösung führen, die die Vereinten Nationen vielleicht als
nützlich erachten könnten, während die Suche nach einer dauerhaften
Lösung andauert.
Es ist, wie ich weiß, die Ansicht vieler von uns, daß von den
Diensten der Vereinten Nationen Gebrauch gemacht werden sollte, wenn
die Hauptparteien der am Suezstreitfall beteiligten nicht in der Lage
sind, durch Mittel ihrer eigenen Wahl eine Lösung zu finden.
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß Maßnahmen auf
der hier vorgeschlagenen Linie die Möglichkeiten für eine friedliche
und konstruktive Lösung in nützlicher Weise vergrößern werden."
Zum Schluß der Nachmittagssitzung ergriff der amerikanische
Außenminister erneut das Wort und unterstrich, daß eine friedliche
Lösung des Suezproblems, so erstrebenswert sie an sich sei, allein
nicht ausreiche, wenn sie nicht im Einklang mit dem Völkerrecht und
der Gerechtigkeit stehe. Der amerikanische Außenminister appellierte
gleichzeitig an die Delegierten, bei der friedlichen Lösung des Problems entsprechend der im einzelnen von ihm auf der Vormittagssitzung
erläuterten Vereinigung der Kanalbenutzer zusammenzustehen.
Bei der Diskussion des Dreimächteplanes wurden gegensätzliche
Meinungen laut. Zu den Befürwortern des Planes gehören Australien,
Neuseeland, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien. Zwei Nationen - Dänemark und Pakistan lehnten das Projekt ab. Norwegen sprach sich für eine vorläufige Annahme
des Planes aus, während das ganze Problem sofort der UN vorgelegt werden
solle. Von dänischer Seite war darauf hingewiesen worden, daß ohne
Mitwirkung Ägyptens der Plan nicht funktionsfähig sei. Der pakistanische
Außenminister Malik Firoz Khan Noon forderte erneute Bemühungen, um
zu Verhandlungen mit Ägypten zu gelangen.
Angesichts der Meinungsverschiedenheiten warnte der amerikanische
Außenminister davor, in der Annahme» die Gefahr sei vorüber, auseinanderzulaufen. "Wir würden uns damit einen schlechten Dienst erweisen",
sagte er\ wörtlich.
Das Problem, um das es hier gehe, sei mehr als die Frage, ob ein
Schiff den Kanal passieren könne oder nicht. Man befasse sich in London
mit einem der wichtigsten Aspekte des Nachkriegslebens, sagte Dulles
weiter. "Wir alle wünschen eine Welt, in der es keine Gewaltanwendung
gibt, aber das ist nur die eine Seite meines Anliegens. Wir müssen auch

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19. September 1956

auch eine Welt haben, in der eine gerechte Lösung von Problemen,
wie wir sie jetzt vor uns haben, erreicht werden kann."
Dulles fügte hinzu, daß es bei der Suche nach einer Lösung einen
Ersatz für die Gewaltanwendung geben müsse, da andernfalls die »Veit
in "Anarchie und Chaos" zurückfallen würde. In der Charta der Vereinten Nationen werde nicht nur gesagt, daß die Welt in Frieden leben
müsse, sondern die Mitgliedsstaaten der Weltorganisation seien darüberhinaus verpflichtet, auf friedliche Weise und in Übereinstimmung mit
den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrrechts Lösungen zustandezubringen.
Der amerikanische Außenminister erklärte, man fördere nicht die
Sache des Friedens, wenn man nicht erkenne, daß man genau so eine Lösung in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts anstreben müsse, wie man sich bemühen müsse, die Anwendung von Gewalt zu verhindern.
Wenn man sich nur auf einen Aspekt der Angelegenheit, nämlich
auf die Gewalt, konzentriere, so sagte Dulles weiter, dann wären
alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Man sei vor ein Problem
von großer Gefahr gestellt, das durch Gewalt hätte gelöst werden
können. Angesichts dieser großen Gefahr sei große Zurückhaltung geübt
worden. Dies könne in Zukunft nur dann fortgesetzt werden, wenn man
sich weiterhin mit allen Kräften um eine friedliche Lösung bemühe.
Der amerikanische Außenminister ging dann auf Fragen ein, die
in der Nachmittagssitzung gestellt worden waren. Im Zusammenhang
mit den Vorschlägen, die Angelegenheit den Vereinten Nationen zu
unterbreiten, sagte Dulles, die 18 Mächte würden gegenüber der Weltorganisation eine Pflicht erfüllen, wenn sie sich zunächst um eine
Lösung außerhalb der Vereinten Nationen bemühten.
Auch von den Befürwortern des Planes war die Anrufung der Vereinten Nationen bei einer weiteren Ablehnung Nassers als letzter Ausweg akzeptiert worden.

* * * * *

�J

A M E R I K A

D I E N S T

AUSSENMINISTER DULLES AUF DER SUEZKANAL-KONFERENZ
AM 19.SEPTEMBER IN LONDON

LONDON - (AD) - Im folgenden geben wir auszugsweise die Äußerungen wieder, die der
amerikanische Außenminister, John Foster
Dulles, auf der Londoner Konferenz am 19»
September 1956 über den Suez-Konflikt aus
dem Stegreif zu dem Problem machte:
"Wie ich bereits heute vormittag andeutete, wird der Vorschlag
auf Schaffung einer kooperativen Vereinigung, die ein wenig beständiger ist als unsere ad hoc-Konferenz, den Weg zu konstruktiven
Maßnahmen in den Vereinten Nationen womöglich ebnen. Es scheint
doch notwendig, die Angelegenheit vor dieses Forum zu bringen, da
die von uns in Aufsicht genommenen Maßnahmen womöglich zum Scheitern verurteilt w~ren.
Die Vereinten Nationen sind nicht allmächtig, ihre Machtbefugnisse sind sorj-fä.'. tig definiert. Anläßlich unserer letzten Beratung haben die 18 hier vertretenen Nationen Ägypten ihre Vorschläge für eine neue n , wie wir hofften, dauernde Lösung des
Suezproblems unter1 reitet, und wir hatten Ägypten vorgeschlagen,
einen neuen Vertrag zu schließen. Aber so große Vorzüge unser
Vorschlag auch gehabt haben mag, die Vereinten Nationen sind nicht
befugt, den Abschluß eines neuen Vertrages von einer Nation zu verlangen .
Wie ich die Charta e r Vereinten Nationen verstehe, geht dies
vielleicht über die Korr.net enzen des Sicherheitsrates hinaus. Er
kann wohl verlange , daß b ereits bestehende Verträge eingehalten
werden. Er kann die Partei en auffordern, provisorische Maßnahmen
anzuerkennen; ich glaube j edoch nicht, daß der Sicherheitsrat, geschweige denn die Generalv ersammlung berechtigt sind, etwas zu erzwingen, was wir durch fre iwillige Vereinbarungen bei. unserem
letzten Zusammetsein zu er reichen hofften, nänrich den Abschluß
eines neuen Vertrages, in dem die Rechte beider Parteien neu festgelegt werden und in dem d iese Frage endgültig geklärt wird.
So richtig also unser Vorschlag auf unserer letzten Tagung
auch war, so entspricht e doch nicht der Verfahrensweise und den
Befugnissen der UN, weder jenen des Sicherheitsrates noch viel
weniger denen der Generalversammlung, die in jedem Falle nur Emp- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Empfehlungen machen kann. Ich glaube daher, Herr Vorsitzender,
daß die Gründung unserer Vereinigung hier an Ort und Stelle etwaige Schritte der UN wesentlich erleichtern würde, wenn es denn
notwendig erscheint, die Sache zum Zwecke einer endgültigen Lösung
vor diese Körperschaft zu tragen, sofern unsere eigenen Maßnahmen
fehlgeschlagen sind.
Die Angelegenheit wird in zweierlei Hinsicht für die UN erleichtert» Erstens ist es eine Tatsache, daß mit der Festigung unserer
Position die beiden Parteien in diesem Streitfall in einem gewissen
Sinne klar herausgestellt werden. Wohl trifft es zu, daß gewissermaßen jedes Land der Welt an einer Lösung des Suezkanal-Problems
interessiert istt aber gerade die Größe der Aufgabe macht sie praktisch unlösbar, wenn wir sie von dieser Seite aus angehen.
Wenn wir sie auf praktisch durchführbare, lösbare Maße reduzieren wollen, so muß sie in vernünftige Proportionen gebracht
werden. Die 18 Anwesenden hier repräsentieren jene Länder, die für
sich, und in gewisser Hinsicht als typische Vertreter der an dem
Kanal interessierten Länder gemeinsam mit Ägypten eine Lösung finden
könnten, die, sofern Ägypten und wir sie akzeptieren, meiner Ansicht
nach von der ganzen Welt angenommen werden würde. Wir vertreten hier
über 90$ der Kanalbenutzer. Wir vertreten Länder aus aller Welt. Wir \
vertreten verschiedene Formen des Handels. Wir vertreten Gruppen, die,
sofern sie zusammenhalten und eine Einheit bilden, den Vereinten Nationen etwas an die Handl geben würden gegenüber Ägypten. 'Wenn wir uns
aber spalten und schließlich ganz auseinanderfallen, dann vermag ich
nicht, so ohne weiteres zu sehen, wie das Problem durch die Vereinten
Nationen zu lösen ist.
Zweitens sind die Vorschläge, die wir hier für eine praktisch
durchführbare provisorische Lösung machen, etwas, womit, die Vereinten
Nationen etwas anfangen können. Ich zweifle sehr, ob die Vereinten
Nationen von irgendeinem souveränen Staat verlangen können, einen
Vertrag anzunehmen, in dem seine künftigen Rechte und Pflichten festgelegt werden. Vielleicht ist es möglich, aber es ist ganz sicher
zweifelhaft, und so, wie ich die Charta der UN verstehe, kann ich in
ihr keinerlei Anhaltspunkte dafür finden.
Was die Vereinten Nationen tun können, ist, praktische Möglichkeiten zur Lösung des Problems vorzuschlagen, provisorische Lösungen in
Vorschlag zu bringen, die kein neues Vertragsverhältnis zum Inhalt haben, die kein Land verpflichten, Rechte aufzugeben oder Rechte anderer
zu übergehen. Was wir hier anregen, ist ein Vorschlag zu einer provisorischen Lösung der Art, wie sie genau dem Rahmen der Vereinten Nationen
entspricht, während sie mit dem Vorschlag, den wir bei unserem AugustTreffen machten, nichts hätten anfangen können.
Wir sehen in den Vereinten Nationen nicht lediglich ein Mittel,
dieses Problem auf die lange Bank zu schieben, um es loszuwerden,
damit wir uns nicht weiter damit abzuquälen brauchen. Wenn wir nur
daran interessiert wären, die Verantwortung von uns abzuwälzen und
das Problem als unlösbar an die Vereinten Nationen abzuschieben, dann
bedarf es natürlich keinerlei vorbereitender Arbeiten mehr.
Ich
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�"AMERIKADIENS T"

26. September 1956

Ich glaube nicht, daß dies in der Absicht irgendeiner der hier
vertretenen Regierungen liegt. Ich glaube, wenn wir die Absicht haben, dieses Problem den Vereinten Nationen zu unterbreiten, dann
wollen wir es diesem Forum vortragen nicht als ein Mittel, es los
zu werden, nicht als ein Mittel, es auf die lange Bank zu schieben,
sondern als: ein Mittel, es zu einer echten Lösung zu führen. Wenn
es also das Ziel ist, Umstände zu schaffen, die eine tatsächliche
Lösung des Problems durch die UN gestatten, dann scheint es mir
als erstes erforderlich, unsere Position zu festigen, um sozusagen
eine verhandlungsfähige Körperschaft gegenüber Ägypten zu haben und
um zu zeigen, daß «umindiet wir bereit sind, eine provisorische
Lösung anzunehmen, die eine Überbrückung der gegenwärtigen Schwierigkeiten darstellt, ohne daß irgend jemand von uns seine Rechte aufgeben muß.
Ich möchte versuchen, ein wenig die großen Zusammenhänge darzulegen, in denen zumindest die Vereinigten Staaten diese unsere
Tagung betrachten. Bei dieser Tagung geht es um weit wichtigere
Dinge als nur um die Frage, ob ein Schiff durch den Kanal kommt
oder nicht, ja selbst ob der Verkehr im Kanal zum Erliegen kommt.
Wir haben es hier mit einer der bedeutsamsten Erscheinungen unserer
Nachkriegszeit zu tun. Die Frage, ob wir tatsächlich dabei sind,
eine friedliche Welt aufzubauen, hängt, meiner Meinung nach, weitgehend davon ab, was wir in diesem Falle tun.. Dies ist die volle Bedeutung des Problems, mit dem wir es hier zu tun haben. Warum sage
ich das? Ich sage das, weil wir alle eine Welt wünschen, in der es
keine Gewaltanwendung gibt. So wahr dies ist, es ist nur die eine
Seite der Medaille. Wenn wir eine Welt wollen, in der es keine Gewalt gibt, so müssen wir auch eine Welt haben, in der Probleme dieser
Art eine gerechte Lösung finden können.
Es ist mir gleichgültig, was alles in der Charta der Vereinten
Nationen über die Nichtanwendung von Gewalt geschrieben steht; wenn
es in der Praxis nicht eine Form des Friedens gibt, die eine gerechte
Lösung derartiger Probleme auf die eine oder andere Weise ermöglicht,
wird die Welt doch unweigerlich wieder in Anarchie und Chaos zurückfallen.
Und ich möchte weiter darauf hinweisen, meine verehrten Herren
Delegierten, daß es in der Charta der Vereinten Nationen nicht einfach
heißt 'es soll Friede herrschen'. Wie heißt es denn dort? Im allerersten Artikel der Charta der Vereinten Nationen heißt es bereits,
Zweck und Ziel der UN sei es, Konflikte durch 'friedliche Mittel und
in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des
Internationalen Rechts' beizulegen. Und wenn man diesen Teil der
Charta vergißt, so wird man den ersten TeiS ganz sicherlich ignorieren.
Und wenn wir es mit Fragen dieser Art zu tun haben, so müssen wir
uns darüber klar sein, daß wir letztlich der Sache des Friedens nicht
dienen - selbst nicht der Erhaltung des Friedens für uns selbst, die
wir dem Problem, um das es hier geht, scheinbar so fern stehen -, wenn
wir nicht wissen, daß wir ebenso sehr verpflichtet sind, nach einer
Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und
des Internationalen Rechts' zu suchen, wie wir verpflichtet sind, die

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�AMERIKA DIENST"

26. September 1956

die Anwendung von Gewalt tunlichst zu vermeiden. Wenn wir nur die
eine Seite des Problems sehen und die andere vergessen, dann werden
alle unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt sein, und ebenso die
Bestrebungen, wie sie in dieser Charta der Vereinten Nationen ihren
Ausdruck finden.
Wir haben es hier mit einer Frage zu tun, die eine große Bedrohung für die großen Nationen darstellt.
Ich glaube, niemand kann diese Tatsache hinwegdisputieren. Es
ist eine Bedrohung, die sie ohne weiteres beseitigen könnten, wenn
sie sich der Methoden bedienten, die vor der Annahme dieser Charta
als: Recht anerkannt waren. Dann säßen wir nicht hier - und vielleicht
würde jemand anders auch nicht dort sitzen, wo er sitzt. Diese Zeiten
aber sind hoffentlich vorbei, und angesichts einer so großen Gefahr hat
man sich große Zurückhaltung auferlegt und hält sich auch weiterhin im
Zaume. Aber man kann nicht erwarten, daß dies nun in alle Ewigkeit so
weitergeht, wenn nicht diejenigen von uns, die das Problem in seinem
ganzen Umfang erkennen und daran teilhaben, alles daran setzen, eine
Beilegung des Konfliktes zu finden, nicht, nur eine friedliche Lösung,
sondern eine Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts.'
Manch einer mag denken, ich glaube allerdings nicht, daß dies für
irgend jemanden in diesem Kreise gilt - doch könnte wohl ein Volk, das
nicht unmittelbar von dem Konflikt betroffen ist, so denken -, das
einzige, was ihn an diesem Streitfall interessiert, ist die Frage des
Friedens« Wenn der gesichert sei, so brauche man sich um alles andere
nicht mehr zu kümmern. Das ist jedoch nur der eine Teil der Angelegenheit} dieses Problem kann aber nicht durch halbe Maßnahmen gelöst
werden, die nur den Frieden betreffen und bei denen nicht unsere ganze
Kraft darauf verwendet wird, eine Lösung zu finden, die unserer Ansicht nach in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Internationalen Rechts, steht.
Nun, wir sind uns darüber einig geworden, was unserer Ansicht nach
die Grundsätze der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts in bezug
auf diese Angelegenheit sind. Unsere Schlußfolgerungen haben ihren Niederschlag gefunden in der Erklärung, auf die wir uns im August einigten.
Wir sind hier vor allem versammelt, um jene achtzehn Nationen zu vertreten, die nicht nur selbst großes Interesse an der Sache haben, sondern
auch weil wir uns über die Grundsätze des Internationalen Rechts und der
Gerechtigkeit im Hinblick auf diesen Fall einig sind. Ich glaube, wir
sind es uns selbst und allen an diesem Problem beteiligten Nationen
schuldig, gemeinsam zu versuchen, diese Sache zu einem Ende zu bringen,
und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt, der Erhaltung des Friedens,
sondern so zu Ende zu führen, daß eine gerechte Lösung in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gefunden, wird.
Mir scheint, wenn wir das nicht tun, wenn wir zulassen, daß die Einstellung an Boden gewinnt, das Problem sei gelöst, weil die Kriegsgefahr
vielleicht ein wenig vermindert erscheint, dann haben wir uns selbst
meiner Meinung nach einen schlechten Dienst erwiesen.
„,

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�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Was wir in dieser Hinsicht tun - sofern wir uns so verhalten, wie ich eben ausführte - » würde auf uns selbst zurückfallen
und uns in alle Zukunft heimsuchen. Darum sage ich, lassen Sie uns
gemeinsam an diesem Vorschlag festhalten und weiterhin nicht n*ür
für 'den Frieden1 arbeiten, sondern für einen Frieden 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts'."

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�A M E R I K A

D I E N S T

USA FORDERN V/ELTWEITE SICHERHEITSMAS5NAHMEH BEI DER
FRIEDLICHEN NUTZBARMACHUNG DES ATOMS

VEREINTE NATIONEN (New York) -(AD)- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede,
die Botschafter James J. Wadsworth, amerikanischer Vertreter auf der gegenwärtig in New York
stattfindenden Konferenz zur Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde, am 24. September 1956 bei der ersten Arbeitssitzung hielt
"Wir ste hen jetzt vor den letzten Maßnahmen zur Gründung der
international en Atomenergiebehörde, die Präsident Eisenhower hier an
dieser Stelle am 8. Dezember 1953 vorgeschlagen hat. Wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind - wie ich hoffe und glaube -, dann
wird diese be deutsame Konferenz von 81 Nationen ihre Arbeit nicht beenden, bevor sie die Statuten für diese Behörde in ihrer endgültigen
Form angenomm en hat. Damit werden wir einen entscheidenden Schritt
zur Verwirkli chung des Wunschbildes getan haben, das uns alle angespornt hat - des Bildes einer internationalen Zusammenarbeit auf
atomarem Gebi et.
Zahlreiche Nationen haben im Laufe der letzten drei Jahre an
diesem schöpferischen Bemühen teilgehabt, Nationen aus allen Teilen
der Welt. Die Arbeit der Diplomatie in den letzten zehn Jahren hat was Umfang und den konstruktiven Geist anbetrifft - wohl kaum ihresgleichen. Es mag daher angebracht sein, einen kurzen Überblick über
den Weg zu geben, den wir zurückgelegt haben.
Als Präsident Eisenhower die Gründung dieser Behörde vorschlug,
schwebten ihm zwei Hauptziele vor, die beide die Stärkung des Weltfriedens zum Inhalt hatten. Das erste Ziel war, nukleare Materialien
aus nationalen Beständen einer neuen internationalen Behörde zur Verfügung zu stellen und damit den Anfang zu - um mit den Worten Präsident Eisenhowers zu sprechen - 'einer Verminderung der potentiellen
Vernichtungskraft der atomaren Vorräte auf der Welt' zu machen. Das
zweite Ziel war die Ausarbeitung von Maßnahmen, durch die spaltbares
Material zum Nutzen der friedlichen Bestrebungen der Menschheit bereitgestellt wird.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Die Vereinigten Staaten haben sich von Anfang an von diesen
beiden Zielsetzungen leiten lassen. Wir waren uns seit jeher darüber
im klaren, daß keines dieser Ziele von einer Nation allein, oder selbst
einer kleinen Staatengruppe, erreicht werden kann, sondern daß wir es
hier vielmehr mit einem wahren internationalen Unterfangen zu tun haben. Aus diesem Grunde hahen wir uns bei diesem Vorhaben immer wieder
an die Vereinten Nationen gewandt, und aus diesem Grunde haben sich
unsere Verhandlungen selbst auch auf einen immer größer werdenden
Kreis erstreckt. Es mag nützlich sein, die Hauptmaßnahmen im Zuge
dieser Verhandlungen noch einmal zu skizzieren.
Erstens: Anfang 1954 kam eine aus acht Nationen bestehende Arbeits
gruppe zusammen, um einen ersten Statutenentwurf für die vorgeschlagene Behörde vorzubereiten.
Zweitens: Dieses Thema wurde 1954 in Anwesenheit von 60 Nationen
in der neunten UN-General-Versammlung ausführlich behandelt.
Drittens: Am 22. August 1955 wurde der Statutenentwurf in seiner
damaligen Form in Umlauf gebracht, um die Ansichten aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen oder ihrer Sonderorganisationen mithin die Ansichten von 84 Staaten - zu erfahren.
Viertens: Dieses Thema wurde auf der zehnten General-Versammlung
im Jahre 1955 erneut erörtert; es wurde einstimmig eine Resolution
angenommen, in der die Bemühungen der Verhandlungsgruppe gutgeheißen
wurden.
Fünftens: Die Arbeitsgruppe, die durch die Hinzuziehung Brasiliens, der Tschechoslowakei, Indiens und der Sowjetunion inzwischen
auf zwölf Nationen angewachsen war, traf am 27. Februar dieses Jahres
erneut in Washington zusammen. Nahezu zwei Monate lang arbeitete diese
Gruppe an einer Revision des Statutenentwurfes, wobei sie durch eine
Resolution der General-Versammlung der Vereinten Nationen ermutigt
und geleitet wurde. Die Gruppe hat bei ihrer Arbeit nicht nur die Ansichten und Vorschläge der vier neuen Mitglieder, sondern auch anderer Nationen aus aller Welt, von denen Stellungnahmen eingingen,
eingehend erörtert und vielfach angenommen.
Sechstens: Der aus diesen Beratungen resultierende Entwurf, der
von der aus zwölf Nationen bestehenden Arbeitsgruppe am 18. April
einstimmig angenommen wurde, liegt nunmehr dieser Konferenz zur endgültigen Beschlußfassung vor.
Herr Präsident, Sie - der Sie in so fähiger Weise als Leiter
der brasilianischen Delegation auf der Konferenz dieser Arbeitsgrupper, gewirkt haben - werden mit mir sicherlich darin übereinstimmen,
daß dies ein eindrucksvoller Erfolg gewesen ist. Wir stellten fest,
daß die Meinungsverschiedenheiten oft groß waren. Größer aber war noch
der Wille, diese Unterschiede der Meinungen zu überbrücken. Alle Delegationen zeigten ohne Ausnahme eine der Bedeutung der Aufgabe entsprechende Geduld und Ausdauer. Als Ergebnis dieser Einstellung wurde
der uns heute vorliegende Statutenentwurf einstimmig angenommen. Diese
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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Diese Einmütigkeit ist in einer durch zahlreiche politische Meinungsverschiedenheiten zerrissenen Welt überaus vielversprechend für diese
Konferenz, Wenn auch zu besonderen Punkten einige Einwendungen gemacht
worden sind, so werden wir doch durch die Tatsache ermutigt, daß die
noch zu lösenden Fragen - im Vergleich zu den Meinungsverschiedenheiten,
auf die wir im Verlaufe unserer gemeinsamen Bemühungen trafen und die
wir überwinden konnten - nicht groß erscheinen,
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten waren eine jener Nationen,
die zusammen mit anderen einstimmig und vorbehaltlos den Statutenentwurf gebilligt haben. In dem Entwurf gibt es Teile, von denen wir wünschten, daß sie anders lauteten. Ich bin sicher, daß keiner der Befürworter die Statuten von seinem eigenen und besonderen Standpunkt aus als
vollkommen erachtet.
In gleicher Weise bin ich jedoch sicher, daß alle Befürworter des
Entwurfes mit uns der Ansicht sind, daß er die Grundlage für eine
Behörde legt, die arbeitsfähig ist und gute Arbeit leisten wird - eine
Behörde, der wir voller Hoffnung und Zuversicht unsere ganze Unterstützung geben können. Die Vereinigten Staaten sind bereit, diese Statuten zu unterstützen. Wir haben gegenwärtig nicht die Absicht, irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen - außer dem einen, gemeinsam
befürworteten Zusatz, der die Funktionen der vorbereitenden Kommission
klären würde, wie sie im Anhang Nummer I vorgesehen ist.
Gleichzeitig kommen wir zu dieser Konferenz in der vollen Bereitschaft, allen unterbreiteten Zusätzen eine gebührliche Erörterung
zuteil werden zu lassen. Wir werden jene Vorschläge unterstützen, die
nach unserer Ansicht die Statuten verbessern und ihre Annahme fördern.
Wir werden uns jedoch gegen jene stellen, die nach unserer Meinung
diese Funktion nicht erfüllen würden - vor allem gegen jene, die eine
volle Unterstützung von seiten irgendeiner spezifischen Staatengruppe
schwierig oder unmöglich machen könnten.
Ich möchte meinen, daß dies eine vernünftige Einstellung ist. Der
Statutenentwurf spiegelt in einem großen Ausmaß eine Angleichung der
Ansichten von zahlreichen Staaten wider. Jede vorgeschlagene Änderung
sollte daher sorgfältig geprüft werden, um nicht nur sicherz stellen,
daß sie tatsächlich ei e Veränderung zum Besseren ist, sondern aach
um zu gewährleisten, daß si nicht das bisher erreichte Gleichgewicht
der Ansichten gefährdet.
Herr Präsident, es ist jetzt nicht die Zeit, ein Bild der materiellen Segnungen zu entwerfen, die der Menschheit durch die volle Nutzbarmachung des Atoms für den Frieden zuteil werden könnte. Die geradezu ./underbaren Möglichkeiten der A-omtechnik s:nd aller Welt bekannt.
Die Atomenergiebehörde wird die friedliche atomare Revolution entscheide d vorantreiben. Sie wird die der Menschheit zu Diensten stehende
Energie auf mannigfache Weise vervielfachen, die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und den A1 stausch wissenschaftlicher Erkenntnisse
fördern. Der uns vorliegende Statutenentwurf würde unserer Ansicht nach
die Behörde in den Stand setzen, dieses hohe Ziel zu verwirklichen, und

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

und rechtfertigt daher eine großzügige Unterstützung von seiten der
Vereinigten Staaten.
Zusätzlich zu der Forderung, daß die Statuten die Behörde befähigen, die friedliche Verwendung der Atomenergie voranzutreiben,
ist es unerlässlich, daß es eine wirkliche Garantie dafür gibt, daß
die Tätigkeit dieser Behörde die Anwendung der Atomenergie für militärische Zwecke nicht fördert und die Gesundheit oder die Sicherheit
nicht gefährdet. Die Atomenergie ist einzigartig gefährlich, genauso
wie sie einzigartig verheißungsvoll ist. Der Brennstoff für einen
Reaktor kann zum Explosivstoff einer Bombe werden; die Strahlung,
welche heilt, kann genauso gut töten.
Die Vereinigten Staaten haben dem Problem des Schutzes und der
Sicherheit mit allen seinen Auswirkungen große Aufmerksamkeit geschenkt.
Dieses Problem war ebenfalls ein ernstes Anliegen für andere Staaten.
Wir erinnern an den ursprünglich von der Sowjetunion vertretenen Standpunkt, daß die Förderung der friedlichen Entwicklung der Atomenergie
überall auf der V/elt die Unsicherheit vergrößern werde, weil dadurch
die Vorräte an jenen Materialien wachsen würden, aus denen nukleare
Waffen hergestellt werden können. Wir stellen mit Freude fest, daß
die Sowjetunion nunmehr genau wie wir der Ansicht ist, daß die richtige Lösung in der Anwendung angemessener Sicherheitsmaßnahmen und
nicht in der Beschneidung der friedlichen Entwicklung liegt.
Die Bestimmungen, die in dem Statut im Hinblick auf Sicherheitsmaßnahmen enthalten sind, sollen eine friedliche Entwicklung der Atomenergie ohne Gefährdung des Schutzes und der Sicherheit der Welt gestatten. Herr Präsident, ich darf zunächst auf Artikel II verweisen,
in dem die Grundziele der Behörde niedergelegt sind. Er lautet wie
folgt:
•Die Behörde soll sich um einen beschleunigten und vergrößerten
Beitrag der Atomenergie für den Frieden, die Gesundheit und das Wohlergehen der Welt bemühen. Sie soll dafür Sorge tragen - soweit ihr dies
möglich ist -, daß die von ihr oder auf ihr Ersuchen hin oder unter
ihrer Aufsicht und Kontrolle gewährte Unterstützung nicht so angewandt wird, daß dadurch irgendein militärischer Zweck gefördert wird'.
Damit das letztere Ziel erreicht werden kann, sind in Artikel
XII definitive Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Die Anwendung dieser
Sicherheitsmaßnahmen würde ein gemeinsames Bemühen unter internationaler Beteiligung sein müssen. Die Statuten würden die Behörde außerdem
in den Stand setzen, diese Sicherheitsvorkehrungen auf bilaterale oder
multilaterale Abmachungen zu erweitern, die sonst nicht in den Bereich
ihrer Überwachung oder Kontrolle fallen würden, falls die Vertragspartner dies wünschen. Die Vereinigten Staaten hoffen, daß die Partner
in bilateralen Abmachungen überall auf der Welt von dieser Bestimmung
Gebrauch machen werden und so zur schließlichen Schaffung eines einheitlichen Systems von Schutzmaßnahmen auf weltweiter Ebene beitragen.
Wenn dies der Fall ist, Herr Präsident, dann können die Vereinigten
Staaten die Behörde zum Grundpfeiler ihrer internationalen Tätigkeit
auf dem Gebiete der Atomenergie machen.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Wenn die Vereinigten Staaten diese Sicherheitsmaßnahmen unterstützen, so sind sie sich völlig im klaren darüber, daß das Ziel begrenzt ist, selbst wenn alle 'außerhalb' der Behörde stehenden bilateralen Abmachungen letztlich unter diese Sicherheitsmaßnahmen fallen
würden. Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewußt, daß ein großer Teil
der militärischen Gefahr des Atoms außerhalb des Bereichs dieser Maßnahmen und damit auch außerhalb der Reichweite der Behörde .selbst liegt.
Wir wissen, daß der Statutenentivurf nichts enthält, was die einzelnen
Staaten hindern könnte, ihre nuklearen Waffen aus eigenen Hilfsquellen
aufzubauen. Wir wissen auch, daß der Statutenentwurf in keiner Weise
jene Staaten, die heute nukleare Waffen produzieren, an der Fortsetzung
dieser Produktion hindern kann. Aber die Tatsache, daß die Behörde
nicht das ganze und ungeheure internationale Problem der Kontrolle
nuklearer. Waffen lösen kann, hält uns nicht davor, zurück, alles in
unseren Kräften Stehende zu tun, um für die Schaffung von vollen Sicherheitsvorkehrungen für den eigenen Tätigkeitsbereich der Behörde Sorge
zu tragen.
Ich darf meine Mitdelegierten daran erinnern, daß der Präsident
der Vereinigten Staaten vor kurzem einen Vorschlag unterbreitet hat,
wonach die zukünftige Produktion spaltbaren Materials nicht mehr für
eine Vergrößerung der Vorräte an explosiven Waffen benutzt werden soll.
'Meine letzte Hoffnung', so sagte er, 'ist, daß die gesamte Produktion
an spaltbarem Material überall in der Welt ausschließlich friedlichen
Zwecken zugeführt wird' . Die Annahme dieses amerikanischen Vorschlages
würde bedeuten, daß die Sicherheitsmaßnahmen auf die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien und andere Länder angewendet werden, die in der Lage sind, Atomwaffen herzustellen. Diese Maßnahmen
müßten sicherlich umfassender und durchgreifender sein als diejenigen,
die im Rahmen dieser Statuten für die Empfängerstaaten vorgesehen sind.
Wir werden uns weiterhin mit allen Kräften um ein Abkommen bemühen,
das den Vorschlag Präsident Eisenhowers in die Wirklichkeit umsetzt.
Was wir in der Zwischenzeit tun, um die Arbeit innerhalb.der neuen
Behörde zu sichern, ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege zu diesem
Ziel. Die internationale Atomenergiebehörde kann durch ihre eigenen
Sicherheitsmaßnahmen das gegenseitige Vertrauen fördern, sowie die
technischen und politischen Erfahrungen liefern, die uns auf dem Wege
zu unserem noch ehrgeizigeren Ziel, nämlich einer Welt, in der das
Atom ausschließlich dem Frieden dient, von Nutzen sind.
Herr Präsident, ich bin in der Frage der Sicherheitsmaßnahmen in
Einzelheiten gegangen, um zu unterstreichen, was die internationale
Atomenergiebehörde tun kann, ja tun muß, um einem zerstörerischen
Mißbrauch Einhalt zu gebieten. Der noch grundlegendere Zweck der Behörde ist die positive und schöpferische Entwicklung des atomaren Zeitalters für das Gedeihen und das Wohlergehen der Menschheit. Wir wollen
uns keinen Illusionen hingeben: Es muß noch viel getan und viel gelernt werden, bevor das Atom in großem Ausmaß und auf wirtschaftlicher
Grundlage für die Energiegewinnung verwendet werden kann. Es ist die
Pflicht der Behörde, diese Arbeit und dieses Lernen zu beschleunigen.
Gegen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Gegen Ende dieser Konferenz sollte, sobald dies praktisch durchführbar ist, die in den Statuten vorgesehene vorbereitende Kommission
zusammentreten, um mit den für die Errichtung der Behörde notwendigen
Arbeiten zu beginnen. Eine der ersten Fragen, die die vorbereitende
Kommission erörtern muß, wird der Sitz der Behörde sein. In diesem
Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten Wien befürwortet - eine
Stadt) die ein großes Kulturzentrum ist und nach unserer Ansicht einen
idealen Sitz für die Behörde abgeben würde.
Die allgemeine Konferenz der Behörde sollte einberufen werden,
sobald genug Ratifikationen vorliegen, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Wir treten ferner dafür ein, daß die vorbereitende Kommission
in der Zwischenzeit ein realistisches, vertrauenerweckendes und praktisches Arbeitsprogramm zur Erörterung und Billigung durch die erste
allgemeine Konferenz und das Direktoriuni der Behörde ausarbeitet.
Auf diese Weise sollten .vir innerhalb eines Jahres die internationale Atomenergiebehörde in voller Arbeit sehen, bestrebt, einen
entscheidenden Beitrag zu einer friedlichen und stabilen Welt zu leisten .
Herr Präsident, die Statuten, die wir hier erörtern, existieren
lediglich auf Grund der unbeirrbaren Entschlossenheit eines jeden der
zwölf Länder, die an ihrer Formulierung teilhatten. Diese Länder mit
all ihren nachdrücklich vertretenen und verschiedenen Ansichten waren
sich in einer Sache einig, in dem Willen, zu einer Übereinstimmung zu
gelangen.
Wir haben bereits die Verwirklichung eines glühenden, von Präsident
Eisenhower am 8. Dezember 1955 geäußerten Wunsches erlebt - des Wunsches,
daß sein Vorschlag einen 'neuen Weg für eine friedliche Diskussion"
öffnen möge. Dieser Weg ist heute offen. Ich, Herr Präsident, bin der
Überzeugung, daß er offen bleiben wird, weil jede hier vertretene
Delegation, dessen bin ich sicher, denselben Glauben und dieselbe Entschlossenheit, zum Erfolg zu gelangen, hat.
Die im vergangenen Jahr abgehaltene Atomen°rgip-Konferenz in Genf
hat eine neue Atmosphäre für den Austausch wissenschaftlicher und technischer Informationen und Kenntnisse geschaffen - eine Atmosphäre, die
Offenheit und Gemeinsamkeit an die Stelle von Geheimhaltung und Abgeschlossenheit setzte. Die Aufgabe unserer Konferenz - und das ist zugleich eine der großen Aufgaben unserer Zeit schlechthin - ist, ob wir
den gleichen Wechsel in der internationalen politischen Atmosphäre
zustandebringen können, ob wir Einrichtungen ins Leben rufen können,
die es gestatten, daß die eindrucksvollste wissenschaftliche Errungenschaft der Menschheit für ihr Wohlergehen eingesetzt wird.
Die Welt von Morgen wird in hohem Maße davon abhängen, was mit der
Atomenergie geschieht. Und was mit der Atomenergie geschieht, wird wiederum weitgehend von dem Ergebnis dieser Konferenz abhängen. Wir wollen
hoffen, daß wir in einigen Wochen zu unseren Mitmenschen sagen können:
Wir haben hier etwas erreicht, was dazu beiträgt, daß ihr und eure Kinder ein Leben in Frieden führen könnt."
* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

MURPHY VOR DER ERNST-REUTER-GESELLSCHAFT

BERLIN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede, die der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium, Robert Murphy, am 4«Oktober 1956 vor der
Ernst-Reuter-Gesellschaft in Berlin gehalten
hat.

Gestern hatte ich die Ehre, an der Grundsteinlegung zur Kongreßhalle im Tiergarten teilzunehmen, und ich erwähnte dort, wie
sehr es mir angebracht erscheint, daß dieses Gebäude dem Gedenken
Benjamin Franklins geweiht sein soll; ist es doch einer der Vertreter jenes großen Zeitabschnittes der Aufklärung, dem wir so viel
an gemeinsamen Wissen und an geistigen Werten verdanken.
Heute sind wir hier versammelt im Gedenken an einen der größten
Bürger Berlins, Bürgermeister Ernst Reuter. Wenn wir uns den Mut
ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem Ihre und änsere Vorfahren um
die Schaffung unserer beiden Länder gerungen haben, dann werden wir
auch an Ernst Reuter erinnert, seinen Geist, seine Willenskraft und
seine Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich selbst hatte
die Ehre, ihn in seinem Wirken in jenen harten Jahren aus der Nähe
zu beobachten. Er war nie schwankend und niemals verzweifelt. Er
war uns allen Vorbild. Dieser Mann, der selbst so viel gelitten
hat, der von Tyrannen des Landes verwiesen worden war, und der in
eine Stadt zurückkehrte, die restlos in Trümmern lag, um ihren Wiederaufbau unter den ungünstigsten Umständen, denen sich je ein
großes Volk gegenübersah, in Angriff zu nehmen - dieser Mann symbolisiert den unbezwingbaren Geist der Bevölkerung dieser großen
Stadt und ihren Glauben an die Freiheit.
Zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volk bestehen
zahlreiche gemeinsame Bande. Der Glaube der Amerikaner an die Zukunft eines freien, unabhängigen und geeinten Deutschlands ist angesichts von Männern wie Ernst Reuter nur um so stärker.
In meiner gestrigen Rede anläßlich der Grundsteinlegung der
Kongreßhalle bin ich auf jene dunklen Tage in der Berliner Geschichte
- T -

�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Geschichte eingegangen, als vor 150 Jahren die Gegenwarts- und
Zukunftsaussichten so düster waren und die Menschen in Verzweiflung und Mutlosigkeit lebten.
Vor 150 Jahren war Berlin von fremden Truppen besetzt und
Deutschland aufgespalten und schwach. Die Geschichte aber, das
vergröferte Spiegelbild des menschlichen Lebens, ist wie dieses
selbst oft von überraschenden Entwicklungen gekennzeichnet und
nicht voraussagbar. Welch größere Überraschung hat sie gebracht,
als das Wiedererwachen der Lebenskraft, wie sie das Berlin des
19«Jahrhunderts erlebte? Die Hauptstadt eines kleinen Staates,
dessen Territorium andere untereinander aufgeteilt hatten, sollte
100 Jahre später Hauptstadt eines großen Landes sein, eine der drei
oder vier größten Städte der Erde, Mittelpunkt des geistigen Lebens und einer gewaltigen Wirtschaft.
Wenn wir die Jahre zwischen 1806 und 1871 näher betrachten,
dann bekommen wir eine Vorstellung von dem Glauben, dem Willen und
der Beharrlichkeit, die auch bei dem langsamen Prozeß der Errichtung eines geeinten Landes am Werke waren.
Für uns liegt die Lehre jener Jahre in dem Erfolg, in der
Tatsache nämlich, daß ein geeinter deutscher Staat schließlich
Wirklichkeit wurde. Es war dies ein Erfolg, der die Bemühungen
eines Volkes krönte, das entschlossen war, frei zu sein und seine
Einigung zu vollziehen. Wir können aber auch noch eine andere
Lehre aus jenem halben Jahrhundert der Hoffnungen und Anstrengungen
ziehen, eine Lehre, der wir stets eingedenk bleiben sollt'en, da sie
von größter Bedeutung ist« Man kann Menschen weder die Freiheit noch
die nationale Einheit vorenthalten, wenn geistige Stärke und Entschlossenheit gleichzeitig gegeben sind.
Wir Amerikaner teilen diese Erkenntnis mit Ihnen. Wir machten
von 1763 ^Ls 1788 ebenfalls 25 Jahre des Kampfes um unsere Eigenstaatlichkeit durch. Dies waren Jahre häufiger Enttäuschungen, und
selbst während des Unabhängigkeitskrieges machten wir Zeiten bitterster Verzweiflung durch. Mehir als einmal war es nur noch der Glaube
unserer Vorfahren und ihr fester Wille, einen geeinten freien Staat
zu gründen, der sie in ihren Bemühungen fortfahren ließ.
Deutschland weiß ebenso wie die Vereinigten Staaten, was solche
Jahre der Entmutigung bedeuten können - beide Länder haben solche
Zeiten durchgemacht und wissen, daß Glauben und Willenskraft letzten
Endes unüberwindbar sind. Heute haben Sie und wir diesen Glauben und
Willen gemein. Wir wissen, daß der geeinte Wille freier Menschen
sich durchsetzen und der Tag kommen wird, an dem ein vereinigtes,
unabhängiges und freies Deutschland seinen ihm gebührenden Platz
in der Familie der Völker wieder einnehmen wird, wenn auch noch so
große Opfer und noch so aufreibende Anstrengungen hierzu erforderlich sein mögen.
In den seit Ende des Krieges vergangenen elf Jahren sahen wir
uns in der freien Welt einer Bedrohung unserer Existenz gegenüber.
In Reaktion auf diese Bedrohung kam es zur Evolution einer neuen
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3. Oktober 1956

neuen Politik unter den freien Völkern, die unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht einmal als eine der bedeutsamsten historischen
Entwicklungen überhaupt ansehen werden.
Diese Periode zeichnete sich dadurch aus, daß die freien
Nationen der Welt sich in zunehmendem Maße der Gemeinsamkeit
ihrer Interessen bewußt wurden. Wir Völker der freien Welt haben
eine Bedrohung unserer nackten Existenz erlebt, die Gefahr, unsere
Unabhängigkeit und Freiheit zu verlieren, wenn wir nicht schleunigst unsere Hilfsquellen und Kräfte in einer gemeinsamen Anstrengung zusammenschließen.
In diesen elf Jahren hat eine Macht, die eine Mischung aus
altem russischen Expansionismus und aggressiven Kommunismus darstellt, die einst unabhängigen Länder Osteuropas durch.Einschüchterung, Drohungen und Gewalt auf den Stand unseliger Satelliten
herabgedrückt. Diese Macht hat die Massenaufstände in Griechenland
geleitet. Sie hält Ostdeutschland in Fesseln; sie hat versucht,
sich ganz Berlin zu unterwerfen; asiatische Länder hatten unter
gegenseitigen, vom Kommunismus entfachten Aggressionen zu leiden;
Norwegen, Dänemark, die Türkei und vor allem die Bundesrepublik
Deutschland mußten sowohl Schmeicheleien als auch Drohungen über
sich ergehen lassen, als sie sich der Nordatlantikpaktorganisation
anschlössen; und in Korea tobte der Krieg.
Diese ununterbrochene Serie der verschiedenartigsten Manöver
im Laufe der Nachkriegsjähre hat es den meisten Völkern der freien
Welt auf unbarmherzige Weise klar gemacht, daß sie ständig der Gefahr einer Unterwerfung durch den sowjetischen Kommunismus ausgesetzt waren. Sie haben erkannt, daß sie ihre eigene Sicherheit nur
erhalten können, wenn ein System der gemeinsamen Sicherheit geschaffen wird.
Wir Amerikaner sind uns klar darüber, daß uns auf Grund unserer
Stellung und unserer Stärke ein besonderes Maß an Verantwortung beim
Aufbau dieses Sicherheitssystems in Gemeinschaft mit unseren Freunden
auferlegt ist.
Unsere Verbündeten und die Vereinigten Staaten haben die Nordatlantikpaktorganisation, die Südostasienpaktorganisation, den
ANZUS-Pakt mit Australien und Neuseeland sowie den Riopakt mit
unseren Nachbarn der westlichen Hemisphäre geschaffen. Insgesamt
haben die Vereinigten Staaten mit etwa 42 Nationen Verträge über
die gemeinsame Sicherheit, geschlossen.
Diese, auf dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit basierende
Politik der freien Völker hat sich als erfolgreich erwiesen.. Sie
sieht die Schaffung eines geeinten Europas vor. Dem Expansionsstreben
der Sowjetunion wurde Halt geboten- Es wurden allgemein günstigere
Bedingungen geschaffen, die schließlich zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland! zur NATO und zur Wiederherstellung der Souveränität
Japans führten; diese beiden letztgenannten Erfolge ließen sich nur
gegen den eisernen Widerstand der Sowjetunion erringen.
Noch

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Noch ist die Bedrohung unserer Lebensform nicht vollständig
beseitigt. Doch lassen wir uns durch diese Bedrohung weder im Denken
noch im Handeln beeinträchtigen und lähmen. Präsident Eisenhower sagte
einmal, die Politik unseres Landes müsse "nicht nur auf einen Augenblick, sondern auf eine ganze Epoche der Bedrohung" abgestimmt seinj
und das trifft für die gesamte freie Welt zu.
Uns verbinden die gleichen Interessen und der Glaube an die
gleichen Werte. Wir glauben an ethische Werte und lassen uns nicht
durch einen primitiven Materialismus beeindrucken. Der Begriff des
Präventivkrieges ist für die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten nicht annehmbar. Solange die Kommunisten uns den Krieg nicht aufzwingen, müssen wir uns zur Erhaltung unserer Sicherheit auf unsere
gemeinsame strategische Planung verlassen.
Wir stehen vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe, die je eine
Gruppe verbündeter Nationen zu lösen unternommen hat. Wir müssen unsere
Einigkeit, erhalten und gleichzeitig einen Gegner von Grund aus umstimmen, um ihn im Laufe der Zeit dazu zu bringen, seine expansionistische Politik aufzugeben und vernünftig und verantwortungsbewußt
in weltpolitischen Fragen mitzuarbeiten, und wir sind entschlossen,
dieses Ziel zu erreichen, ohne zum Mittel des Krieges zu greifen.
Die freien Nationen können es nicht dulden, daß wir ewig in der
Vorstellung einer geteilten und ständig gefährdeten Welt leben, in
der der Friede lediglich auf der durch den Gleichstand der atomaren
Rüstung bedingten Furcht beruht. Wir Angehörigen der atlantischen
Gemeinschaft sind ganz besonders verpflichtet, alle unsere materiellen
Reserven und unsere geistigen Kräfte in dem unermüdlichen Bestreben zu
sammeln, eine Siltuation zu schaffen, die ein Nebeneinander verschiedener Wirtschaftssysteme und Ideologien ermöglicht, ohne daß grundlegende Prinzipien oder Werte geopfert werden müssen, eine Situation,
in der der Friede gewährleistet wird durch feststehende und notfalls
erzwingbare Garantien gegen einseitige und aggressive militärische
Handlungen seitens irgendeines Staates oder einer Staatengruppe.
Es ist richtig, daß wir heute stärker sind als je zuvor. Bisher
hat es auf der Welt noch kein Bündnis so vieler verschiedener Länder
mit so unterschiedlichen Kulturen gegeben. Doch steht uns ein gewaltiger feindlicher Länderblock gegenüber, der auf die Weltherrschaft
erpicht, ist. In unserer heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Verflechtungen auf lebenswichtigen Gebieten bilden Raum und Zeit keine
absolut sicheren Bollwerke mehr.
Wir leben heute in einer Zeit, die weise Führung und feste Nerven,
Zielsicherheit und Sparsamkeit, unbeirrbare Entschlossenheit und Wendigkeit in der Wahl des einzuschlagenden Weges erfordert.
Wir Amerikaner wollen unsere eigene Stärke bewahren. Wir bilden
den Kern der Bündnisse innerhalb der freien Welt, und Festigkeit und
Stärke des Kerns lassen sich durch nichts ersetzen.
Das System der kollektiven Sicherheit, das in den Nachkriegsjahren aufgebaut wurde, wird beibehalten werden und eine weitere
Stärkung erfahren.
Wir

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Wir müssen darauf bedacht sein, daß sich der Bereich der Freiheit
noch mehr erweitert und daß die Nationen, die jetzt unbeteiligt beiseite stehen, sich ihrer Zugehörigkeit zur freien Welt bewußt werden.
Außenminister Dulles hat erklärt* "Es genügt nicht, zu beweisen,
daß Despotismus etwas Schlechtes ist, vielmehr ist es ebenso notwendig, immer und immer wieder zu beweisen, daß die Freiheit etwas Gutes
ist.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen verschrieben haben. Wenn wir auch weiterhin die Freiheit als eine dynamische,
dem Geist des Liberalismus dienende Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Resultate des friedlichen Wettbewerbs, den die sowjetischen
Machthaber nach ihrer eigenen Aussage anbieten, nicht zu fürchten. Ja,
wir können sogar hoffen, daß die Kräfte, die jetzt innerhalb der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten am Werke sind, die Herrschenden veranlassen, in zunehmendem Maße sich den Grundsätzen der Freiheit zu unterwerfen."
Seit dem Tode Stalins, und besonders seit dem Frühjahr 1955» zeigt
der kommunistische Block eine merkliche Veränderung in seinem außenpolitischen Verhalten. Er., legt seitdem auf Druck und Gewalt we^^^r Wert
und hat militärische Operationen und politische Wühlarbeit in°Korea,
Indochina, in den Malaienstaaten und auf den Philippinen eingestellt.
Er hat sich um eine Normalisierung seiner Beziehungen besonders zu
seinen Nachbarn bemüht und hat die militärische Besetzung Österreichs
beendet. Er hat in zunehmendem Maße Anlehnung an die traditionellen
diplomatischen Beziehungen gesucht. Staatsbesuche wurden empfangen und
Gegenvisiten arrangiert, Wirtschaftskredite wurden erweitert, Waffenverkäufe wurden offen getätigt und nicht mehr insgeheim vorgenommen,
und das kulturelle Austauschprogramm wurde mehr als verdoppelt.
Im besonderen haben die Kommunisten der Pflege der Beziehungen
von Regierung zu Regierung neue Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt kaum
ein Land, dem gegenüber nicht irgendeine liebenswürdige sowjetische
Geste gemacht wurde. Kurzum, sie haben versucht, ein völlig neues Bild
von der UdSSR in den Augen der Weltöffentlichkeit zu schaffen, das Bild
eines achtbaren, friedliebenden, aufgeschlossenen, wohlmeinenden Landes,
das stark ist, das aber niemand fürchten braucht.
Diese Wandlung im Verhalten der Sowjets mag schon zu Lebzeiten
Stalins erwogen worden sein, sein Tod beschleunigte sie jedenfalls.
Nach dem Tod Stalins konnten die sowjetischen Machthaber daran gehen,
die Weltlage nach völlig neuen Gesichtspunkten zu beurteilen. Bei dieser Beurteilung scheinen säe zu folgenden vier Schlüssen gekommen zu
sein t
. 1) Ein Krieg mit Kernwaffen, speziell in einer Zeit, in der die
sowjetischen Kräfte denen des Westens unterlegen sind, dürfe unter
keinen Umständen stattfinden.
2) Di« von Stalin allgemein verfolgte Taktik habe einen Punkt
erreicht, an dem sie immer weniger einbringe und wo ihre weitere Anwendung möglicherweise ein unnötiges Risiko bedeute.
3) Die enormen Kosten einer Rüstung mit modernen Waffen, einschließlich der Luftverteidigung, verstärkten noch die binnenwirtschaftlichen
Probleme und verzögerten die innere Entwicklung.
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4) Trotz der politischen Probleme, die isetoÄ Stalins ^Eod bei der fie,gelung
der nachfolge 8ntstBhearsroß*efc, , und trotz der mit einer raschen Industrialisierung verbundenen wirtschaftlichen Probleme sah die Sowjetunion keinen zwingenden Grund, eine endgültige Regelung mit der freien
Welt zu suchen.
Hinsichtlich der von der sowjetischen Politik einzuschlagenden Richtung bedeuteten diese Schlußfolgerungen offenbar die Vermeidung von Extremen. Auf der einen Seite war es gefährlich, einen Kurs zu wählen, der
möglicherweise zu einem Weltkrieg hätte führen können. Auf der anderen
Seite war es angesichts der sowjetischen Stärke, einschließlich der erfolgreichen thermonuklearen Versuche, unnötig, sich damit zu befassen,
nach echten Lösungen in den Streitfragen mit der freien Welt zu suchen.
Daher blieb als einzige Alternative die "friedliche Koexistenz". Diese
Konzeption ist jedoch keineswegs passiver Natur. Die letzten achtzehn
Monate - eine deir dynamischsten Phasen in der Geschichte der Sowjetdiplomatie - zeugen davon, daß die sowjetischen Machthaber die "Koexistenz"
als eine aktivistische Politik mit neuen günstigen Gelegenheiten zur Förderung der internationalen Ziele der Sowjets betrachten.
Gerade das Neuartige an einigen der jüngsten sowjetischen Aktionen
hat Aufmerksamkeit und in gewissen Teilen des Auslandes. Hoffnungen erweckt, daß die Sowjetunion sich im Stadium der Umorientierung zu einem
neuen Kurs befinde. Gewiß können die Veränderungen, die sich vollzogen
haben, nicht einfach von der Hand gewiesen werden. Sie verlangen eine
sorgfältige Beurteilung und ständige Beobachtung.
Ferner ist es von größter Bedeutung, diejenigen Elemente in der
UdSSR aufmerksam zu beobachten, die sich bisher nicht verändert haben.
Zunächst einmal ist die Sowjetunion nach wie vor eine Diktatur.
Die Macht Stalins ist auf ein Kollektiv übergegangen, in dem Chruschtschow einen unverhältnismäßig hohen Anteil hat; jedoch die Ersetzung
eines einzelnen Machthabers durch einen Exekutivausschuß ändert nichts
an dem diktatorischen Charakter des Systems. Die Verurteilung des sogenannten Persönlichkeitskulta muß erst einmal durch die Einführung von
Schranken und Gegengewichten gegen das Erscheinen eines anderen Despoten
ergänzt werden. Die Entscheidungsgewalt - die Befugnis, die gewaltigen
Hilfsquellen der Sowjetunion in jeder gewünschten Richtung einzusetzen ist nach wie vor das ausschließliche und absolute Recht einiger weniger,
die weder durch Gesetz noch durch demokratische Institutionen oder moralische Überlegungen in Schranken gehalten werden.
Zweitens bleibt die Sowjetunion nach wie vor mit einer uns feindlichen
Ideologie verbunden. Gewiß haben die sowjetischen Machthaber das Thema von
der "friedlichen Koexistenz" neu aufgegriffen, doch haben sie sich nicht
gescheut, seine wahre Bedeutung zu verbergen. "Die Tatsache, daß wir eine
Politik der friedlichen Koexistenz unterstützen ...", erklärte Chruschtschow
vor dem 2.0.Kongreß der KPdSU, "bedeutet nicht, daß wir in unserem Kampfe
gegen die bürgerliche Ideologie nachlassen werden ..." In Indien drückte
er sich offen und fantasievoll aus; "Den Herren, die damit rechnen, daß
die Sowjetunion ihr politisches Programm ändern wird, erklären wir: 'Da
werden Sie warten bis die Schweine fliegen können'."
Drittens

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Drittens hält die Sowjetunion nach wie vor einen gewaltigen
militärischen Apparat aufrecht. Es erübrigt sich, im einzelnen auf
die ständige Entwicklung des sowjetischen militärischen Potentials
auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft einzugehen. Die sowjetischen
Streitkräfte sind nicht mehr länger ausschließlich zum Einsatz für
Massenschlachten auf dem eurasischen Kontinent bestimmt. Besondere
Betonung wurde auf die Entwicklung nuklearer Waffen gelegt. Es ist
uns bekannt, daß das sowjetische Programm für ferngelenkte Beschösse
weit fortgeschritten ist. Moskaus so laut in die Welt posaunte Reduzierung seiner Streitkräfte findet keine Parallele in einer Beschränkung; der Entwicklung und Produktion modernster Waffen.
Viertens forciert die Sowjetunion nach wie vor die Entwicklung
der Schwerindustrie. Wirtschaftliche Macht und nicht das Wohl der
Menschen ist noch immer das oberste Ziel. Das nachstalinische Regime
hat sich um eine Verbesserung der Bedingungen in den bisher vernachlässigten Wirtschaftssektoren - besonders in der Landwirtschaft bemüht; das Hauptgewicht der industriellen Entwicklung liegt aber nach
wie vor auf der Schwerindustrie.
Abschließend können wir feststellen, daß trotz der verschiedenen
inzwischen in der Sowjetunion erfolgten Veränderungen, die wichtigsten
Elemente, die die UdSSR zu einer Bedrohung unserer Sicherheit machen,
nach wie vor unverändert geblieben sind.
Um dieser neuen Situation zu begegnen, müssen wir, wie Präsident
Eisenhower es ausdrückt, dynamische und elastische Mittel anwenden,
um nicht nur die sowjetische Taktik zu bekämpfen, sondern auch um unsere eigenen Ziele zu fördern.
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird bestimmt von unver- •
änderlichen und grundsätzlichen Prinzipien, über die sich alle Amerikaner, welcher politischen Partei sie auch angehören mögen, einig sind.
Sie in Berlin kennen alle diese grundsätzlichen Prinzipien. Es sind:
Die Aufrechterhaltung der Stärke und Einigkeit der freien Welt und die
Entwicklung der Institutionen, die ein Ausdruck dieser Stärke und Einigkeit sind, sowie die Fortführung unserer Opposition gegen eine durch
Willkür- und Despotismus bestimmte Herrschaft bis au einem Punkt - und
wir sind überzeugt, daß dieser Punkt erreicht wird -, wo die sowjetischen
Machthaber schließlich einsehen, daß ihre Beurteilung der Weltsituation
und besonders ihrer eigenen Deutschlandpolitik falsch ist und einer
Änderung bedarf.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß eine Stärkung der
atlantischen Gemeinschaft von größter Bedeutung ist. Dies läßt sich
zum Teil durch die Entwicklung der Methoden für eine engere europäische
Zusammenarbeit und zum Teil durch eine Stärkung der Nordatlantikpaktorganisation erreichen.
In der Zusammenarbeit der europäischen Länder sind seit dem Kriege
Fortschritte erzielt worden. Die machtpolitische Entwicklung des feindlichen Sowjetblocks seit 1945 hat die westlichen Nationen, die sich durch
ihre Geschichte und ein gemeinsames Erbe verbunden fühlen, in dem Bewußtsein bestärkt, daß sie durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse zusammengehören und ein gemeinsames Schicksal haben.
Dieses

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Dieses Gefühl der Gemeinschaft hat sich im zweiten Weltkrieg
und in den darauf folgenden Jahren noch vertieft. Unabhängig von der
sowjetischen Bedrohung sind die Völker Europas nach t945 zu der Erkenntnis gelangt,, daß ihr künftiger Wohlstand und sogar ihre Existenz
nur durch gemeinsames politisches und wirtschaftliches Handeln und nicht
durch eine ausschließlich nationale Politik und nationale Maßnahmen gesichert werden können. Aus dieser Notwendigkeit heraus sind die verschiedensten Organisationen auf der Basis der internationalen Zusammenarbeit
entwickelt worden, die die europäischen Nationen miteinander verbinden
und die auf die Lösung gemeinsamer Probleme gerichtet sind. Verschiedene
dieser Organisationen, wie der Europarat, der Europäische Wirtschaftsrat
und die Montanunion haben auf dem Wege zur Integration Europas bedeutsame Fortschritte erzielt. Und kürzlich erst haben wir zwei bedeutende
Schritte auf dem Wege zur Integration Europas erlebt, nämlich die ernsthaften Erörterungen über die Schaffung von Euratom und einen "gemeinsamen
Markt."
Im Februar 1955 sagte Präsident Eisenhower: "Ich kann die Bedeutung, einer stärkeren wirtschaftlichen, industriellen und sozialen
Verbindung und schließlich sogar einer stärkeren politischen Verbindung zwischen den Nationen eines freien Europa gar nicht stark genug
unterstreichen."
Ein anderer Faktor von grundlegender Bedeutung für die Festigung
der atlantischen Gemeinschaft ist die ständige Weiterentwicklung der
Schlagkraft der Nordatlantikpaktorganisation. Dies wird stets eines
der wichtigsten und vordringlichsten Elemente in unserer Planung bleiben.
Die politischen Funktionen der NATO sollten dementsprechend!, erweitert
werden. Solange die sowjetische Politik in ihren Grundzügen die gleiche
bleibt, wie heute, muß die militärische Kraft der NATO erhalten und
weiter ausgebaut werden. Wir Amerikaner sind entschlossen, alles zu tun,
um dieses Ziel zu erreichen. Wir haben bereits außerordentlich viel zum
Erfolg unserer gemeinsamen Verteidigungsbemühungen beigetragen und werden
das auch in Zukunft tun.
Ich möchte die Bedeutung der NATO als eines gemeinsamen Unternehmens
zu unserer Verteidigung hervorheben, eines Unternehmens, zu dem jedes
Mitglied der NATO entsprechend seinen Kräften und seiner geographischen
Lage beitragen muß. Mit Hilfe dieser Beiträge der einzelnen Länder
soll eine wohlausgewogene und wendige Verteidigungsmacht aufgebaut werden, die für den Einsatz in allen militärischen Lagen geeignet ist. Das
gilt ebenso für die militärische Planung der Vereinigten Staaten wie
für die NATO selbst. In Anbetracht der so verschiedenartigen geschichtlichen Entwicklung und der unterschiedlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten und den anderen Mitgliedstaaten der NATO, war diese
Organisation ein außerordentlich brauchbares Instrument, das uns gute
Dienste dabei leistete, anderen Mitgliedern im Rahmen der gmeinsamen
Verteidigungsbestrebungen zu helfen. Ich kann mir nur schwer vorstellen,
wie wir ohne sie eine ebenso wertvolle Hilfe hätten leisten können. Wie
Sie wissen, ist der wichtigste Grundsatz der NATO die Einigkeit, die aus
dem gegenseitigen Verständnis und der freiwilligen Zusammenarbeit ihrer
Mitglieder erwächst; in allen unseren gemeinsamen Unternehmungen waren wir
stets erfolgreich; wenn aber Angehörige der NATO gegen diesen Geist der
Zusammenarbeit verstoßen haben, so hatte die gesamte Organisation: darunter
zu leiden..
T .
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Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es eines der wichtigsten
Ziele der Vereinigten Staaten ist, ihren Widerstand ge^en eine von
Willkür und Despotismus bestimmte Herrschaft fortzusetzen.
Bezüglich derjenigen Nationen, die einst freie Mitglieder der
europäischen Völkerfamilie waren und die ihre Freiheit einbüßten:,
haben wir wiederholt klar und deutlich ausgesprochen, daß wir uns
niemals mit ihrer Versklavung einverstanden erklären und keine Verträge schließen werden, die den Status quo bestätigen oder sanktionieren. Außenminister Dulles erklärte hierzu im vergangenen Jahr:
"Wir werden niemals den Versuch unternehmen, dieses Unrecht durch
Anwendung von Gewalt wiedergutzumachen. Wir können und wollen aber das
Wissen um dieses Unrecht im Bewußtsein der Menschheit wach erhalten und somit
die Macht der Weltmeinung zur Geltung bringen, die durch ständiges Bemühen
zum Ziele führen wird. Denn keine Nation, wie mächtig sie auch immer sei,
möchte sich in ständig steigendem Maße einer Verurteilung iurch die Welt
ausgesetzt sehen.
Die Welt muß wissen, daß die amerikanische Nation an diesem Kreuzweg der Geschichte nach wie vor an ihren Idealen festhält, nämlich andere an den Erkenntnissen sowie, geistigen und materiellen Früchten unserer freien Gesellschaft teilnehmen zu lassen, den Geknechteten zu
helfen, wieder frei zu werden, und den Freien, ihre Freiheit zu wahren."
Sie werden sich vielleicht daran erinnern, wie Winston Churchill
in einem denkwürdigen Wort eine bestimmte Phase des zweiten Weltkrieges
umriß, als er erklärte: "Wir stehen nicht am Ende und auch nicht am
Anfang vom Ende, sondern am Ende vom Anfang." Je mehr; wir von dem
heute in der Sowjetunion und in ihrem Satellitenblock vor sich gehenden Gärungsprozeß hören, um so mehr hat es - wenigstens für mich - den
Anschein, daß wir an einem ähnlichen Kreuzweg in den Beziehungen zwischen
der freien Welt und dem Sowjetblock stehen.
Vieles läßt darauf schließen, daß die Sowjetführer zum mindesten
für eine gewisse Zeit auf Gewaltmittel in außenpolitischen Angelegenheiten weniger Wert legen und im eigenen Lande, eine gewisse; Toleranz zulassen. Vielleicht hatte auch unsere eigene Politik Einfluß auf diesen
bedeutungsvollen Fortschritt. Es ist noch zu früh, etwas darüber auszusagen, ob die bis heute gefaßten Entscheidungen der Sowjets den Charakter
des Unabänderlichen tragen; die Elemente, bei denen die Staatsgewalt im
sowjetischen System ruht, sind auch heute noch größtenteils unkontrolliert
durch gesetzliche Sicherungen oder die Macht einer echten öffentlichen
Meinung;. Aber wir haben es jetzt zum ersten Mal mit einer sowjetischen
Gesellschaft zu tun, die den Kinderschuhen entwachsen ist, und die Sowjetführer müssen sich endlich mit den dem Kommunismus eigenen Widersprüchen
auseinandersetzen;
- wie soll man eine neue Klasse von Wissenschaftlern, Managern und
Beamten heranziehen, die frei genug für eine fortschrittliche Weiterentwicklung, aber- auch Sklave genug sind, um das abgegriffene Dogma eines
aus dem 19»Jahrhundert stammenden Rezepts für eine despotische Staatsform
zu akzeptieren?
- wie lassen sich die gegensätzlichen Forderungen vereinbaren, einerseits Machtpolitik zu betreiben und zum andern weniger mit Zwang und Druck

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Druck zu arbeiten, den Verbrauch auch weiterhin beschränkt zu halten
und die Hilfsquellen in zunehmendem Maße für die Schwerindustrie und
die militärische Technik zu nutzen?
- wie soll man verläßliche kommunistische Bewegungen in den
Entwicklungs-Ländern aufrechterhalten und gleichzeitig so tun, als
wünsche man diese Staaten darin zu unterstützen, ihre Unabhängigkeit
zu stärken und ihren gemäßigten, nichtkommunistischen Regierungen zum
Erfolg zu verhelfen?
Diese und andere ihrem System innewohnenden Widersprüche, zu.,
denen wir auch die Tatsache, rechnen" müssen, daß es keine geregelte
Nachfolge in der Führung kennt - und dies wird, sich vielleicht noch
einmal als ein verhängnisvoller Fehler erweisen -, lassen den Sowjets
nicht viel Spielraum bei ihren Entscheidungen und binden ihnen die Hände.
Wir unsererseits haben eine wichtige Bedingung zu erfüllen. Wir dürfen
den Sowjetführern keine Siege überlassen. Die freie Welt muß mit Geschick
und Entschiedenheit verhindern, daß die Sowjets mittels Gewalt oder List
weitere Eroberungen machen. Nur auf diese Weise wird man sie allmählich
dahin bringen können, sich verantwortungsbewußt an der Lösung internationaler Fragen zu beteiligen. Wir müssen sie durch eine feste und
kraftvolle Haltung zu der Erkenntnis zwingen, daß sie sich ihrer Gewaltmethoden nicht ungestraft bedienen können. Und durch unsere politische
Haltung müssen wir ihnen zeigen, daß sie sich in die Welt des 20.Jahrhunderts einpassen und den Forderungen nach Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle Völker gerecht werden müssen. Diese politischmilitärische Haltung zu wahren, ist unser aller Aufgabe.
Wir Amerikaner glauben, daß diese Ziele durchaus realistisch und
erreichbar- sind. Wir glauben, daß diese Aufgabe zu erfüllen ist.
Wenn sie erfüllt wird und die Deutschen in Ost- und Westdeutschland
ihrem Entschluß, ein freies und geeintes Volk zu sein, treu bleiben,
dann, so glauben wir fest, können wir eine allmähliche Wandlung der
sowjetischen Führer in ihrer Gesamteinstellung und eine Revision
ihres Standpunktes in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands
in Freiheit herbeiführen.

. -.1.0 -

�A&gt; M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ERLÄUTERT AMERIKANISCHE POLITIK HINSICHTLICH
DER ATOMWAFFENVERSUCHE
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung über
die amerikanische Politik hinsichtlich der
Atomwaffenversuche, die Präsident Eisenhower
am 5-Oktober 1956 abgegeben hat.

"Die Politik der amerikanischen Regierung hinsichtlich der
Erprobung großer nuklearer Waffen ist in dem gegenwärtigen politischen Wahlkampf zu einem Streitpunkt gemacht worden.
Ich bedaure dies. Die Art und Weise, in der diese Frage aufgeworfen wurde, kann nur zu Verwirrung in den USA und zu Mißverständnissen im Ausland führen. Es gibt nichts Schwierigeres als
die Erörterung dieser Frage vor dem Auditorium der gesamten Welt,
das naturgemäß auch die einschließen muß, die uns feindlich gegenüberstehen. Es gibt kein Thema, für das die amerikanische Bevölkerung ein einheitlicheres Verständnis haben sollte - ein Verständnis, das frei von Verwirrung oder parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten ist.
Ich spreche als Präsident, der im Rahmen der Verfassung mit
der Verantwortung für die Verteidigung und Sicherheit unserer
Nation betraut ist.
Ich muß daher die folgenden entscheidenden Punkte unserer
nationalen Politik unterstreichen*
Erstens: Die Erprobung von Atomwaffen ist bis heute ein unerläßlicher Teil unseres Verteidigungsprogramms gewesen und wird
es auch weiterhin sein. Die Entwicklung dieser Waffen war ein
wesentliches, wenn nicht gar ein entscheidendes Mittel der Abschreckung für die kommunistische Aggression in den vergangenen
Jahren. Und wie wichtig es ist, daß wir auf diesem besonderen
Gebiet stark sind, wird durch die zahlenmäßige Überlegenheit der
kommunistischen Welt nachdrücklich unterstrichen.
Zweitens« Gleichzeitig hat die amerikanische Regierung als
Teil eines allgemeinen Abrüstungsprogramms immer wieder ihre Bereitschaft, ja ihren entschlossenen Willen bestätigt und bekräftigt,
sowohl die Erprobung als auch die Anwendung nuklearer Waffen im
Rahmen eines spezifischen und überwachten internationalen Abrüstungsabkommens zu beschränken und zu kontrollieren. Diese Tatsache ist
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ist allen Regierungen der Welt bekannt. Sie kann auch kaum den informierten amerikanischen Bürgern unbekannt sein.
Drittens« Was das Waffenentwicklungsprogramm der USA anbetrifft,
so sind besondere Regierungsbeamte - vor allem die Mitglieder der
Atomenergiekommission und des gemeinsamen Stabes der US-Streitkräfte
sowie der Präsident - dafür verantwortlich, zu allen Zeiten genau abzuwägen, welcher Nachdruck und Schwerpunkt auf die verschiedenen Waffentypen und -großen, auf ihre Erprobung und Entwicklung gelegt werden
soll. Ein solcher Schwerpunkt muß zwangsläufig immer wieder von neuem
festgelegt und überprüft werden. Diese spezifische Angelegenheit kann
natürlich - aus verständlichen Sicherheitsgründen - nicht Gegenstand
einer ins einzelne gehenden öffentlichen Diskussion sein.
Auf Grund dieser unserer Politik muß ich auf bestimmte Vorschläge
eingehen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten unterbreitet wurden.
Ich muß in diesem Zusammenhang auf folgende Pakten hinweisen«
Erstens: Es wurden mehr als ein Vorschlag unterbreitet. Diese Vorschläge unterschieden sich voneinander. Diese Unterschiede haben Verwirrung hervorgerufen.
Am 21 .April wurde vorgeschlagen, daß 'wir der Einstellung der
Wasserstoffbombenversuche sofortige und ernsthafteste Aufmerksamkeit
schenken sollten'. Dies wäre eine so einseitige amerikanische Maßnahme
gewesen, daß hinzugefügt wurde, 'wir könnten unsere Politik ja überprüfen', wenn andere Länder diesem Beispiel nicht folgten.
Am 5«September bezog man sich auf meinen 'Vorschlag vom vergangenen Frühjahr, die weitere Erprobung großer nuklearer Waffen einzustellen
unter der Bedingung, daß auch die anderen Atommächte eine ähnliche
Politik einschlagen'.
Am 20.September wurde in einer neuen Formel gefordert, daß die
USA 'Bei dem Vorhaben, die Begrenzung der Wasserstoffbombenversuche
aller Nationen zu fördern, die Führung übernehmen sollten' .
Zweitens« Die Unklugheit einer solchen, ohne wirkliche internationale Sicherheitsmaßnahmen durchgeführten Aktion wurde sofort von
dem demokratischen Vorsitzenden des gemeinsamen Atomenergieausschusses
des Kongresses, Senator Clinton Anderson, unterstrichen. Er sagte«
'Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Rußland seine Versuche einstellen
würde. Unter diesen Umständen glaube ich nicht, daß wir unsere Versuche abbrechen können.'
Die Stellungnahme eines so verantwortlichen Demokraten macht
klar, daß es sich hierbei nicht - wie es auch nicht der Fall sein
sollte - um eine' parteipolitische Frage, sondern um einen Punkt
handelt, der von einer Einzelperson aufgeworfen wurde.
Drittens« Die Vorschläge berücksichtigen in keiner V/eise, was
das Ergebnis der Einstellung unserer Versuche sein würde. Die Versuche
mit großen Waffen, von welcher Nation sie auch immer vorgenommen werden,
können zwar, sobald sie erfolgen, registriert werden. Einem jeden dieser
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dieser Versuche gehen jedoch zahlreiche Monate der Forschung und der
Vorbereitung voraus. Lies bedeutet, daß umfassende Versuche von anderen
Nationen ohne unser Wissen vorbereitet werden könnten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir davon erführen, könnte unsere gegenwärtige eindrucksvolle
Führung auf dem Gebiet der Kernwaffen reduziert oder gar überholt sein.
Auf diese Weise würde unsere Fähigkeit, über den Frieden zu wachen, gemindert werden.
Viertens : Die gemachten Vorschläge ignorieren einige wesentliche
Gründe für die Versuche.
a) Unsere jüngsten Versuche waren dergestalt, daß sie zu dem
Wissen beigetragen haben, wie wir Waffen herstellen können, die nicht
in erster Linie größere Vernichtungswaffen, sondern Waffen zum Schutz
unserer Städte vor einem feindlichen Luftangriff sind.
b) Ein wichtiges Ergebnis unserer jüngsten Versuchsreihe war, daß
wir gelernt haben, Waffen herzustellen, bei denen der radioaktive Niederschlag auf ein Minimum begrenzt wird und deren Vernichtungskraft auf
militärische Ziele konzentriert werden kann.
Fünftens: In der sprachlichen Verwirrung, die diese Vorschläge
umgab, wurde der Versuch gemacht, große internationale Persönlichkeiten,
ja selbst seine Heiligkeit Papst Pius XII., zu zitieren, die 'ähnliche
Vorschläge' gemacht hätten. Alle diese Persönlichkeiten - wie auch die
Mitglieder der amerikanischen Regierung, alle verantwortungsbewußten
und bedachten Politiker der freien Welt, Staatsmänner oder Kirchenführer - sind aufrichtig um ein internationales Abkommen bestrebt, das
eine wirkungsvolle Kontrolle aller Rüstungen - der nuklearen, wie der
herkömmlichen - gestattet.
Der Papst hat in seiner letzten Weihnachtsbotschaft an die Welt
gefordert, den nuklearen Waffenversuchen durch ein internatioibales
Waffenabkommen Einhalt zu gebieten. Er erklärte, daß ein solcher Schritt
drei Stufen einschließe: Den Verzicht auf Versuche mit Atomwaffen, den
Verzicht auf die Anwendung solcher Waffen und eine allgemeine Kontrolle
der Rüstungen. Und er forderte, daß alle diese drei Vorsichtsmaßnahmen
gemeinsam durchgeführt werden.
Sechstens: In der letzten Woche ist jedoch noch ein weiterer Vorschlag unterbreitet worden. Dieser Vorschlag kritisierte das 'Beharren'
der Regierung auf einer 'vollkommenen' oder 'narrensicheren' Überwachung
der Abrüstung und bezeichnete diese als eine 'Gefahr', die ein mögliches
internationales Abkommen gefährdet.
Ich muß in feierlicher Form erklären, daß ich damit nicht übereinstimme. Ich werde auch weiterhin beharrlich dabei bleiben, solange
mir die höchste Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes übertragen ist.
Die Gefahr liegt genau in der anderen Richtung. Sie liegt in der
vergeblichen Hoffnung, daß bereits irgend etwas, was nicht so weit geht

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geht wie sichere Garantien, eine Verminderung des Potentials zu
unserer eigenen Verteidigung, zur Verteidigung unserer Verbündeten und zur Verteidigung der freien Welt rechtfertigen würde.
Und schließlich unterstreiche ich erneut die feste Absicht
meiner Regierung, sich unablässig um eine Verringerung der
Rüstungslasten nicht nur für einige wenige Länder, sondern
für alle Völker der V/elt zu bemühen."

* * * * *

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D I E N S T

DÜLLE5; FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT SIND UNTEILBAR

WILLIAMSTOWN (Massachusetts) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede über Probleme
des Friedens, die der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles am 6. Oktober 195&amp; vor dem Williams College
in Williamstown in Massachusetts gehalten hat und in der
er sich für eine friedliche und gerechte Lösung des SuezKonfliktes einsetzte.

"Ich möchte heute zu Ihnen über einige Probleme des Friedens
sprechen. Ich weiß, daß dies ein altbekanntes Thema ist, aber es ist
auch ein sehr akutes Thema.
Quincy Wright führt in seiner 'Studie des Krieges1 278 Kriege
an, die zwischen 1480 und 1941 ausgetragen wurden. Mehrere dieser
Kriege, darunter auch der zweite Weltkrieg, wurden geführt, nachdem
der Völkerbund geschaffen worden war und nachdem der Vertrag von
Paris alle Nationen zur Ä*chtung des Krieges verpflichtet hatte. Auch
nach der Gründung der Ver einten Nationen im Jahre 1945 sind verschiedene Kriege geführt worde n, dazu gehören der Korea-Krieg, der Krieg
in Indochina und der isra elisch-arabische Krieg. In verschiedenen
Teilen der Welt sind Krie ge heute bedrohlich in den Bereich des
Möglichen gerückt.
Es ist eine Tatsache, daß der Krieg solange eine immerwährende
Gefahr sein wird, bis es besser entwickelte Institutionen des Friedens, wie eine angemessene Körperschaft des Völkerrechts und eine
internationale Polizeimacht, gibt und eine Reduzierung der Rüstungen erfolgt ist. Wir leben heute - und ich fürchte noch für lange
Zeit - unter der Drohung des Krieges. Nur wenn wir uns dieser Tatsache voll und ganz bewußt sind, werden wir die Anstrengungen unternehmen können, die zur Verhinderung des Krieges notwendig sind.
Ich möchte also wieder einmal über den Frieden sprechen.
Zunächst einmal muß man sich darüber im klaren sein, daß Kriege
nicht allein dadurch verhindert werden, daß man den Krieg haßt und
den Frieden liebt. Seit Menschengedenken haben die Völker der Welt
den Krieg gehaßt und sich nach Frieden gesehnt. Doch dadurch wurde
der Frieden nicht erreicht. Es hat sich immer wieder erwiesen, daß
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daß die Wahrscheinlichkeit des Friedens nicht an der Intensität der
Friedensbeteu- ungen gemessen werden kann. Dafür ist die S ockholmer
Friedensresoli tion ein Beispiel. Durch diesen Trick haben die Sowjets
versucht, den weltweiten Wunsch nach Frieden für ihre eigenen Zwecke
auszunutzen. Diese Resolution hat nichts zum Frieden beigetragen.
Selbst ein so aufrichtiges Bemühen wie der Vertrag von Paris zeigte,
wie vergeblich der Versuch ist, den Krieg zu ächten, wenn nicht gleichzeitig angemessene und wirksame Institutionen geschaffen werden, die
den Krieg als Mittel der Politik ersetzen.
Es ist eine Tatsache, "laß die Friedensliebe allein noch niemals
ausreichte, um vor einem Krieg abzuschrecken.
Einer der großen Fortschritte unserer Zeit ist die Erkenntnis,
daß einer der Wege zur Verhütung des Krieges darin besteht, den Willen
und die Macht zu haben, zur Bestrafung eines Aggressors Gewalt anzuwenden. Dabei bedarf es innerhalb der Völkerfamilie der Bemühungen,
das gleiche Prinzip anzuwenden, das zur Abschreckung von Gewalttaten
innerhalb einer Gemeinde angewandt wird. Hier in der Gemeinschaft
werden Gesetze erlassen, die die Verbrechen und ihre Bestrafung definieren. Damit wird ein mächtiges Bollwerk gegen Gewalttaten errichtet.
Dieses Prinzip der Abschreckung funktioniert jedoch selbst in den
bestgeordnetsten Gemeinden nicht hundertprozentig. Aber es wird als
brauchbar und wirksam angesehen und kann also zweckmäßigerweise auf die
Völkerfamilie ausgedehnt werden. Dieses Prinzip wurde in die Charta
der Vereinten Nationen aufgenommen. Artikel 44 ermächtigt den Sicherheitsrat, Gewalt anzuwenden, und die Mitglieder sind verpflichtet,
die Streitkräfte "zur Verfügung zu stellen, die zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig sind. Diese Bestimmungen
der Charta sind jedoch auf Grund des sowjetischen Vetos niemals angewandt worden. Der Grundsatz der Abschreckung mußte daher seinen Ausdruck in kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung finden, wie
sie im Artikel 51 der Charta erlaubt sind.
Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig mit 42 anderen Staaten
durch solche kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung verbunden.
Diese Abmachungen dienen dem Zweck, jedem potentiellen Aggressor im
voraus klarzumachen, daß ein Angriff auf ein einzelnes Land zu einer
Reaktion vieler Länder, darunter der Vereinigten Staaten, führen würde,
die darauf gerichtet wäre, den Aggressor so hart zu bestrafen, daß sich
eine Aggression nicht mehr lohnen würde.
Senator Vandenberg hat dies dargelegt, als er im Senat für den
Nordatlantikpakt eintrat;
'Die unüberwindliche Kraft für den Frieden, die in diesem Vertrag
liegt, ist die abschreckende Tatsache, daß jeder Aggressor gegen die
Nordatlantische Gemeinschaft von vornherein weiß, daß er in demselben
Augenblick, in dem er angreift, einer solchen geballten Stärke dieser
verbündeten Staaten gegenübersteht, wie diese nach ihrem eigenen Ermessen für notwendig erachten, um ihn auf die Knie zu zwingen und Frieden
und Sicherheit wiederherzustellen. '
Durch

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Durch die Weiterentwicklung dieser 'Warnung vor einem k.o.', um
mit Vandenberg zu sprechen, ist ein nicht zu übersehender Schutzwall
gegen den Krieg errichtet worden. Es wäre jedoch töricht anzunehmen,
daß die Warnung allein schon ein unüberwindliches Hindernis für einen
Krieg darstellt. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, daß innerhalb der
zusammengeschlossenen Gruppe von Ländern ständig sowohl der Wille als
auch die Macht vorhanden ist, im Falle einer Aggression v/irksam zu
handeln. Das militärische Programm der Vereinigten Staaten, einschließlich der sogenannten 'Auslandshilfe' bildet die Kosten für diese Art
der Friedensversicherung. Es handelt sich hier um eine notwendige,
wenn auch zugegebenermaßen nur um eine Teilversicherung.
Ein weiterer Aspekt des Problems liegt darin, daß es auf lange
Sicht niemals einen echten Frieden geben kann, wenn nicht Recht und
Gerechtigkeit herrschen. Auch heute noch bestehen schwere Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel die Knechtschaft der sowjetischen Satelliten und die Teilung Deutschlands. Aber selbst wenn einmal die vollkommene Gerechtigkeit erreicht würde, dann wäre dies nicht automatisch
ein ewiger Zustand. Der Wandel ist das Gesetz des Lebens,und es entstehen immer wieder neue Verhältnisse, die nach einer Lösung verlangen,
wenn es nicht neue Ungerechtigkeiten geben s'oll.Solche Ungerechtigkeiten neigen dazu, immer wieder letztlich zur Anwendung von Gewalt zu
führen, wenn nicht andere Mittel existieren.
Dieser Punkt wird durch einen Geschichtsatlas unterstrichen.
Ich denke, keiner wird der Ansicht sein, daß die politische Aufteilung
der Welt, wie sie etwa vor 50» 100 oder 500 Jahren bestand, hätte verewigt werden sollen. Und doch war fast die einzige Möglichkeit der
Veränderung die Anwendung von Gewalt. Innerhalb einer Nation oder
einer Völkerfamilie ist die Gewalt unvermeidlich, wenn es keine friedlichen Möglichkeiten gibt, etwa auftretende Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Diese Beziehung zwischen Frieden und Gerechtigkeit wurde häufig
erörtert, als die Charta der Vereinten Nationen formuliert wurde.
Die Charta setzte in ihrer ursprünglichen, in Dumbarton Oaks ausgearbeiteten Form keinen Maßstab für den Begriff der Gerechtigkeit fest.
Der Nachdruck wurde ausschließlich auf den Frieden gelegt, als ob
ein ständiger Friede unabhängig von der Gerechtigkeit erreicht werden
könnte.
Ich erinnere an meine Forderung vom März 1945» als ich erklärte,
'daß diese Organisation von ethischen Werten, dem Geist der Gerechtigkeit, erfüllt sein sollte'. Ferner sagte ich damals wörtlich:
'Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, daß der Begriff 'Gerechtigkeit' nicht leicht zu definieren ist. Er hat für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutungen. Aber für alle hat er irgendeine
Bedeutung, und zwar eine sehr entscheidende. Die Charta sollte von
der neuen Organisation verlangen, daß sie als ersten Punkt der Geschäftsordnung die schwierige, aber entscheidende Aufgabe in Angriff
nimmt, eine Konzeption der Gerechtigkeit zu entwickeln, von der sie
geleitet wird. Nur auf diese Weise wird die Organisation bestehen
können.'
,_

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"AMERIKA D I E N Ü T "

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Auf der Konferenz von San Franzisco wurde diese Ansicht allgemein
akzeptiert. Die Charta wurde entsprechend abgeändert. Die wichtigste
Änderung kann in dem ersten Artikel der Charta gefunden werden. Ursprünglich bezeichnete es der Artikel 1 als das Ziel der Vereinten
Nationen, 'auf friedliche Weise Schlichtungen oder Lösungen internationaler Streitfälle oder Situationen herbeizuführen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten.' In San Franzisco wurde erklärt, daß die
friedliche Lösung in 'Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts1 erreicht werden müßten.
Wenn sich also die Vereinten Nationen mit dem Problem der Schlichtung und Lösung von Streitfällen und Situationen befassen, die den Frieden gefährden könnten, dann ist es erforderlich, daß die Weltorganisation als ein Forum der Unparteilichkeit fungiert, wobei die Prinzipien
der Gerechtigkeit so angewandt werden, wie sie für die jeweiligen tatsächlichen Gegebenheiten relevant sind.
Dies ist nicht immer leicht. Die öffentliche Meinung der Welt
lehnt zwar bereitwillig die Gewalt ab. Sie unterstützt jedoch nicht
genauso leicht die 'Gerechtigkeit', die oft nur eine vage und strittige
Konzeption ist. Dennoch müssen diejenigen, welche den Frieden lieben
und ihn wünschen, sich darüber im klaren sein, daß sie keinen Frieden
haben werden, wenn sie sich nicht genauso nachdrücklich für die Gerechtigkeit einsetzen wie für den Frieden. Der Friede ist eine Münze,
die zwei Seiten hat. Die eine Seite ist der Verzicht auf die Gewalt,
die andere Seite die Anerkennung der Gerechtigkeit.
Frieden und Gerechtigkeit sind unteilbar.
Ein praktisches Beispiel für die gegenseitige Abhängigkeit von
Frieden und Gerechtigkeit ist das gegenwärtig akute Suezproblem. Hier
hat die ägyptische Regierung plötzlich die alleinige Kontrolle des
Betriebs dieser Wasserstraße an sich gerissen, die seit ihrem Bau von
einer internationalen Gesellschaft verwaltet wurde. Die ägyptische
Regierung nahm diese Handlung unter Bedingungen vor, die ihre Absicht
erkennen lassen, diese Kontrolle nicht im allgemeinen Interesse auszuüben, sondern der sogenannten "'Größe' Ägyptens dadurch zu dienen, daß
man in der Lage ist, auf andere Länder einen wirtschaftlichen Druck
auszuüben und Tribute von ihnen zu fordern.
Es gibt viele Länder, für die der Suezkanal im wahrsten Sinne
des Wortes eine Lebensader darstellt. Ihr wirtschaftliches Gedeihen
hängt davon ab, daß ihnen der Kanal zur Verfügung steht und technisch
in einwandfreiem Zustand ist. Es darf hier kein Risiko einer offenen
oder versteckten Diskriminierung unter den Benutzern geben, denen
die freie und unbehinderte Durchfahrt durch den Vertrag aus dem Jahre
1888 für ewige Zeiten zugestanden wurde. Es kann keiner Nation zugemutet werden, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben.
Auf der ganzen Welt war man dagegen, daß diese Situation durch
die Anwendung von Gewalt bereinigt wird. Das ist nur natürlich und
richtig. Aber diejenigen, die um den Frieden besorgt sind, sollten in
gleicher Weise auch um die Gerechtigkeit besorgt sein. Ist es gerecht

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gerecht oder auch nur erträglich, daß große Nationen, die im Rahmen
des Vertrages aus dem Jahre 1888 Rechte habai und deren Wirtschaften
von der Benutzung des Kanals abhängen, eine exklusive Kontrolle dieses
internationalen Wasserwegs durch eine Regierung akzeptieren, die aus
ihrer bitteren Feindseligkeit kein Hehl macht? Das ist die Frage, die
nunmehr dem Weltsicherheitsrat vorliegt, und sie stellt dieses Gremium
vor eine entscheidende Probe.
Lassen Sie mich als letzten Punkt betonen, daß der Frieden niemals gewonnen v/ird, wenn man sich nicht genauso unermüdlich für die
Erreichung dieses Zieles einsetzt, wie man in Kriegszeiten mit allen
Kräften nach dem Siege strebt. '»Vir haben gesehen, daß man durch die
Jahrhunderte hindurch den Frieden gewünscht hat, daß es aber dennoch
Kriege gab. Wir können auch durch die Jahrhunderte hindurch verfolgen,
daß in Kriegszeiten nicht denen der Erfolg zufällt, die den Sieg wünschen,
sondern denen, die die Fähigkeiten und die Opferbereitschaft zeigen,
wie sie zu einem Siege notwendig sind. Andererseits sieht man gemeinhin
in dem Frieden eine Zeit des Ausspannens, in der keine besonderen Anstrengungen und keine besonderen Opfer erforderlich sind.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer ist, dem Frieden zu dienen
»WJLa-Krieg zu führen. Das erstere erfordert fast die gleichen Fähigkeiten wie das letztere und zumindest ein gewisses Maß an Opfern. Die
Vereinigten Staaten bringen heute in ihrem Feldzug für den Frieden
beträchtliche Opfer. Diese lassen sich mit dem Militärdienst unserer
Jugend messen, mit der Ausgabe von rund zehn Prozent unseres Bruttosozialproduktes für Verteidigungszwecke, mit der Gewährung von militärischer und wirtschaftlicher Hilfe an solche Länder, die bedroht
sind und den Willen zum Widerstand haben, und schließlich mit den
aufopfernden Bemühungen vieler einzelner nicht nur auf militärischem
Gebiet, sondern auch vor allem in unserem diplomatischen Dienst.
Aber diese Opferbereitschaft reicht noch nicht aus. Immer wieder
bittet die amerikanische Regierung um die Dienste besonders geeigneter Personen für wichtige Aufgaben, die im Rahmen des Feldzuges für
den Frieden gelöst werden müssen. In Kriegszeiten würden die so aufgerufenen Personen keinen Augenblick zögern. In Friedenszeiten finden
sie mancherlei Gründe, den Ruf auszuschlagen. Die Gründe mögen echt
sein, aber sie spiegeln die allgemeine Einstellung wider, daß der
Friede nicht die Opfer erfordert, die man in Kriegszeiten ohne Zögern
bringen würde.
Die Menschheit wird niemals einen dauerhaften Frieden erringen,
solange die Menschen ihr volles Können nur für die Aufgaben des Krieges einsetzen. Die Aufgaben des Friedens erfordern die gleichen Anstrengungen, die erforderlich sind, um einen großen Krieg zu gewinnen.
Warum sollten wir diese Anstrengungen nicht vollbringen? Die furchtbaren Schrecken eines dritten Weltkrieges vermag niemand zu schildern.
Warum sollten wir nicht, um den Frieden zu gewinnen, die Fähigkeiten
entwickeln und einsetzen, die sonst aufgebracht würden, um einen Krieg
zu gewinnen? Dies ist eine Frage, die auf nationaler Ebene beantwortet werden muß, wenn wir danach streben, den Frieden zu einem Dauerzustand zu machen. Es ist aber auch eine Frsge, die jeder für sich
selbst beantworten muß. Sie oder manche von Ihnen mögen eines Tages
aufgerufen werden, diese Frage damit zu beantworten, was Sie aus Ihrem
eigenen Leben machen. Wenn Sie und andere das für den Frieden tun, was
Sie für den Krieg tun würden, dann dürfen wir hoffnungsvoller in die
ukunf t blicken ."
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D I E N S T

DULLES LEGT STANDPUNKT DER USA ZUM SUEZ-KONFLIKT DAR

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am 9«0ktober
1956 vor dem Weltsicherheitsrat hielt.
"Wenn sich unsere allgemeine Aussprache nunmehr dem Ende nähert,
ist es wichtig, erneut einige Grundsätze aufzuzeigen:
Erstens: Wir sind hier, um uns mit einer Lage zu befassen, die
die Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt gefährdet. Dies wird von allen Beteiligten zugegeben.
Zweitens» Die Länder der Welt und im besonderen die 76 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben uns, die wir diesen Rat
bilden, die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit übertragen.
Drittens: Wir müssen bei der Ausübung dieser Pflicht im Einklang mit den Zielen und Prinzipien der Vereinten Nationen handeln,
und das bedeutet, daß wir mit friedlichen Mitteln und im Einklang
mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, und des Völkerrechts eine Bereinigung dieser gefährlichen Situation herbeiführen.
Unsere Aufgabe ist klar. Sie besteht darin, durch friedliche
Mittel eine Lösung zu suchen, die mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht. Wir haben damit eine
zweifache Verantwortung; ihr einer Aspekt betrifft den Frieden, der
andere die Gerechtigkeit und die Beachtung von Recht und Gesetz.
Lassen Sie uns diese beiden Aspekte unserer Aufgabe betrachten.
Welche Möglichkeiten bestehen dafür, eine Lösung durch friedliche Mittel zu erzielen? Die Chancen dafür sind gut.
Fast zweieinhalb Monate sind vergangen, seitdem Ägypten am
26.Juli von der allgemeinen Suezkanalgesellschaft Besitz ergriffen
und sie damit de facto daran gehindert hat, die Pflichten auszuüben,
die ihr im Jahre 1868 bis zum Jahre 1968 übertragen worden waren.
Die durch diese Maßnahme tief gekränkten und gefährdeten Nationen haben darauf mit keinerlei Gewaltmaßnahmen reagiert. Sie
haben sich aufs genaueste an ihre auf Grund der Charta übernommene
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übernommene Verpflichtung gehalten, zuerst einmal auf der Verhandlungsbasis oder durch andere friedliche Mittel eine Lösung zu suchen.
Am I.August 1956, vier Tage nach der Besitzergreifung der Suezkanalgesellschaft durch Ägypten, traten die Regierungen Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten zusammen und beschlossen,
daß eine Lösung zunächst durch Einberufung einer Konferenz der 24 in
erster Linie betroffenen Nationen gesucht werden sollte. Das war der
erste Friedensschritt. Vom 16. bis zum 24.August fand diese Konferenz
statt. Ägypten lehnte eine Teilnahme ab. Aber es waren alle sieben der
unbestreitbar noch existierenden Unterzeichnerstaaten des Vertrages
von 1888 vertreten sowie sieben weitere Staaten, die die Hauptbenutzer
des Kanals sind und acht andere Staaten, deren Wirtschaft in stärkstem
Maße von dem Kanal abhängt.
Diese Konferenz führte zu einem Übereinkommen, in dem sich
18 der 22 Konferenzteilnehmer auf eine Lösungsformel einigten, die
nach ihrer Ansicht sowohl für Ägypten als auch für die Nationen, die
den Kanal benutzen oder von ihm wirtschaftlich abhängig sind, akzeptabel sein sollte. Das war der zweite im Sinne des Friedens unternommene
Schritt.
Auf dieser Konferenz wurde ein aus fünf Ländern bestehender
Ausschuß unter dem Vorsitz des australischen Ministerpräsidenten
gebildet, um die Ansichten der 18 Teilnehmerländer an Ägypten weiterzugeben und herauszufinden', ob diese als Verhandlungsgrundlage für
akzeptabel gefunden würden. Dabei wurde eine Zusammenkunft in Genf
vorgeschlagen. Die ägyptische Regierung gab jedoch zu verstehen, daß
sie nur in Kairo selbst mit dem Ausschuß zusammenzukommen geneigt sei.
Der aus einem Ministerpräsidenten, drei Außenministern und einem stellvertretenden Außenminister bestehende Ausschuß reiste daher in seiner Suche
nach dem Frieden nach Kairo. Dies war der dritte Friedensschritt.
Der Ausschuß hielt sich vom 3« bis 9»September in Kairo auf und
legte den Vorschlag der 18 Nationen dar und erläuterte ihn. Dies war
der vierte Schritt in der Suche nach dem Frieden.
Die ägyptische Regierung lehnte die Vorschläge der 18 Nationen
selbst als Verhandlungsgrundlage ab und unterbreitete keine Gegenvorschläge. Dessen ungeachtet kamen die 18 Nationen am 19»September erneut zusammen, um nach weiteren Möglichkeiten einer friedlichen Regelung zu suchen. Sie überprüften und bestätigten ihre Vorschläge vom
August als eine faire Grundlage für eine friedliche Lösung des Suezkanalproblems, die den Interessen der Benutzernationen ebenso gerecht würde
wie den Interessen Ägyptens.
Sie suchten weiter praktische Mittel und Wege einer Zusammenarbeit
mit Ägypten zu finden. Sie waren der Auffassung, daß Ägypten vielleicht
zu diesem Zeitpunkt nicht bereit wäre, einer endgültigen Lösung zuzustimmen, daß aber vielleicht irgendeine praktische Verbindung zwischen
den Kanalbenutzern und der ägyptischen Kanalbehörde geschaffen werden
könnte. Sie entschlossen sich daher, eine kooperative Vereinigung zu
gründen, die in ihrem Auftrage handelnd mit den ägyptischen Kanalbjehörden
über diese Fragen verhandeln könnte. Dies war der fünfte Friedensschritt.
Die
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Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens ergriffen dann
Maßnahmen, um das Augenmerk dieses Rates auf die Situation zu lenken.
Das war der sechste Schritt .
Angesichts dieser Gegebenheiten kann wohl keiner, so meine ich,
zu Recht die friedlichen Bestrebungen derjenigen in Frage stellen,
die von der ägyptischen Maßnahme betroffen worden waren. Wohl kaum
wurden jemals vergleichbare Anstrengungen unternommen, um eine Frage
von solch gefährlichen Ausmaßen auf friedliche Weise zu lösen. Der
Rat weiß sehr wohl, daß er es nicht mit Regierungen zu tun hat, die
sich der Anwendung von Gewalt verschrieben haben. Selbst die am
meisten Betroffenen, haben den Wunsch zum Ausdruck gebracht, auf
friedlichem Wege eine gerechte Lösung zustandezubringen.
Wir wenden uns jetzt dem zweiten Aspekt unseres Problems zu
- das heißt, der Suche nach einer Lösung, die sowohl den Grundsätzen
der Gerechtigkeit als auch des Völkerrechts entspricht. Hier wiederum ist der Weg klar.
Wir stehen oftmals Situationen gegenüber, für die es kein verbindliches Instrument des Völkerrechts gibt. Aber für die gegenwärtige Situation gibt es einen verbindlichen Vertrag, nämlich die
Konvention aus dem Jahre 1888. Sie sieht vor, daß die Schiffe aller
Nationen für alle Zeiten das Recht auf freie und gleichberechtigte
Durchfahrt durch den Suezkanal haben. Sie fordert ein 'jfenau festgelegtes System", das ein solches Benutzungsrecht garantieren soll,
und sie schließt durch direkten Hinweis die der allgemeinen Suezkanalgesellschaft erteilte Konzession des Jahres 1868 ein, die die
Gewähr für ein solches System bietet.
Es ist viel über die Notwendigkeit gesagt worden, die 'Souveränität' Ägyptens in bezug auf den Kanal zu respektieren.
,
Souveränität besteht dort, wo ein Staat tun kann, was er will.
Allgeme'in gesprochen, kann eine Nation innerhalb ihres eigenen Gebietes tun und lassen, was soft" will. Und allgemein ausgedrückt, hat
kein Staat auf dem Gebiet eines anderen souveränen Staates irgendwelche Rechte.
Der Kanal führt selbstverständlich durch ein Gebiet, das jetzt
zu Ägypten gehört, und in diesem Sinne ist der Kanal 'ägyptisch'.
Aber der Kanal ist keine interne Angelegenheit Ägyptens und ist
dies niemals gewesen, so daß Ägypten etwa tun könnte, was es wilL. •.
Er bildete immer - schon vom Tage seiner Eröffnung an - eine internationale Wasserstraße, die für die freie Durchfahrt der Schiffe
aller Länder offenstand. Sein Charakter als ein internationaler
und frei benutzbarer Verkehrsweg wurde für alle Zeiten durch die
Konvention von 1888 garantiert. Ägypten kann rechtmäßig keinem
Schiff oder Frachtgut den Durchgang durch den Kanal verwehren. Und
wenn die Benutzer dieses freien Verkehrswegs daran die Sicherstellung der Beachtung ihrer Rechte knüpfen, so ist dies keine Verletzung der ägyptischen Souveränität, sondern eine eindeutige Ausübung
der durch das Völkerrecht, nämlich die Konvention von 1888, zugestandener Rechte.
Ägypten

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Ägypten hatte diesen Rechtsstandpunkt an sich akzeptiert und ihn
sogar vor diesem Rat erläutert.
Am 5.August 1947 sprach der Vertreter Ägyptens vor dem Sicherheitsrat über die Situation, die bestand, als Großbritannien vertraglich gesicherte Rechte in an den Kanal angrenzenden Ländern hatte. Er wies dara
hin, daß die Freiheit der Kanaldurchfahrt damit nicht von Großbritannien
abhängig wurde. Im Verlauf seiner Ausführungen erklärte er«
'Der Status des Suezkanals ist völlig verschieden von dem anderer
künstlicher Wasserwege, die als Hauptadern des internationalen Verkehrs
dienen, denn er ist durch jenes mehrseitige internationale Abkommen
festgelegt, auf das ich soeben Bezug genommen habe. (Die Konvention
von Konstantinopel aus dem Jahre 1838). Der Suezkanal war von Anbeginn
an ein internationales Unternehmen, und schon wenige Jahre nach Eröffnun
des Kanals traten die Großmächte Europas mit dem ottomanischen Reich, da
für Ägypten handelte, zusammen, um Bestimmungen über den Kanalverkehr,
sowie die Neutralität und die Verteidigung des Kanals zu treffen'.
(Sicherheitsrat, 175.Sitzung, P. 1756).
Am 14« Oktober 1954 erklärte der ägyptische Vertreter, der zum
Bat Galim-Fall vor dem Sicherheitsrat das Wort ergriff, unter anderem:
'.... Die Kanalgesellschaft, die die Durchfahrt kontrolliert, ist
eine internationale Gesellschaft, die von Stellen geleitet wird, die
weder ägyptisch noch notwendigerweise von einer bestimmten anderen
Nationalität sind. Sie ist eine allgemeine Gesellschaft, die funktioniert, und die Dinge werden auch in Zukunft weiterhin in dieser V/eise
gehandhabt werden'. (Sicherheitsrat, 682.Sitzung, P. 31)•
Soviel über die rechtliche Seite des Falles.
Ferner ist da die Frage der Gerechtigkeit. Was ist in diesem Falle
gerecht? Der Sicherheitsrat sollte meiner Ansicht nach, den Ergebnissen
großes Gewicht beimessen, zu denen die 18 Nationen gelangten, die sich
im vergangenen August in einer Darlegung ihrer Standpunkte vereinten.
Zu diesen 18 Staaten gehörten alle noch existierenden Signatarmächte der
Konvention von 1838 mit einer Ausnahme. Sie vertreten über 90 Prozent
des gesamten Kanalverkehrs, und außerdem befinden sich unter ihnen
Länder, deren '»Virtschaft weitgehend vom Kanal abhängt. Unter diesen
18 Nationen waren Länder aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika.
Diese Länder bekräftigten erneut ihre Ansicht, daß, wie in der
Präambel der Konvention aus dem Jahre 1888 festgelegt ist, ein 'genau
festgesetztes System' geschaffen werden soll, 'das für alle Zeiten
und für alle Mächte die freie Benutzung des Suez-Schiffahrtskanals
garantiert'.
Sie stellten vier Grundprinzipien heraus, die unter angemessener
Berücksichtigung der Souveränitätsrechte Ägyptens durch ein solches
System ihren Ausdruck finden sollten. Diese waren:
1. Einen wirksamen und zuverlässigen Betrieb des Kanals sowie
seine Unterhaltung und seinen Ausbau als einer freien, offenen und
sicheren internationalen Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Konvention aus dem Jahre 1888.
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2. Der Kanalbetrieb soll frei von dem Einfluß der Politik
irgendeiner Nation gehalten werden.
3« Ägypten soll Einnahmen aus dem Betrieb äes Suezkanals haben,
die fair und gerecht sind und mit der Ausweitung der Durchfahrtskapazität und der Benutzung staigen.
4. Die Kanalgebühren sollen so niedrig festgesetzt werden, wie
dies mit den vorgenannten Erfordernissen zu vereinbaren ist, und abgesehen von dem Anteil Ägyptens soll kein Gewinn entstehen.
Wie kann wohl jemand diese Grundsätze anfechten? Nur eines dieser
Prinzipien wurde auf der Konferenz im August in Frage gestellt und ernsthaft nur von der Sowjetunion angegriffen. Es handelte sich dabei um den
zweiten vorhin genannten Grundsatz, daß nämlich der Betrieb des Kanals
von dem Einfluß der Politik irgendeines Landes frei gehalten werden sollte.
Aber ist das nicht gerade der springende Punkt? Wir haben es hier
mit einem Wasserweg zu tun, der, wie die ägyptische Regierung selbst erklärt hat, 'von Anfang an ein internationales Unternehmen war'. Die
'.Virtschaft von 20 oder mehr Nationen in Europa, Asien und Afrika hängt
entscheidend vom Suezkanal ab. Wenn ein solcher Wasserweg von irgendeiner Regierung, die ihn faktisch kontrolliert, als ein Instrument der
nationalen Politik benutzt werden kann, dann wird er notwendigerweise
ein internationaler Zankapfel werden. Dann kann sich keine Nation, die
von dem Kanal abhängt, sicher fühlen. Alle außer der kontrollierenden
Nation sind dann dazu verurteilt, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert1 zu leben. Das würde die Konvention von 1888 zunichlß machen und
eine Verletzung von Recht und Gesetz bedeuten.
Wenn wir uns - wie die Charta es verlangt - um Gerechtigkeit
bemühen, dann müssen wir darin übereinstimmen, daß der Betrieb dieses
internationalen Wasserweges getrennt von der Politik eines jeden Landes
sein muß.
Ich bin der Überzeugung, daß der Sicherheitsrat die von den 18 Nationen dargelegten Grundsätze als Prinzipien der Gerechtigkeit akzeptieren kann.
Die 18 Staaten gingen dann daran, einen Mechanismus auszuarbeiten,
durch den diese Grundsätze zum Tragen kommen können. Sie schlugen vertragliche Abmachungen für eine Zusammenarbeit zwischen Ägypten und anderen interessierten Ländern sowie die Schaffung einer Suezkanal-Behörde
vor, in der Ägypten und andere Länder vertreten sein würden. Diese Behörde, so lautete der Vorschlag, sollte mit den Vereinten Nationen assoziiert
sein und der Weltorganisation in regelmäßigen Abständen Bericht erstatten.
Sie schlugen ferner vor, daß Einigung über ein Schiedsgericht, erzielt
werden sollte, das Streitfälle beizulegen habe, und daß wirksame Sanktionen gegenüber denen ergriffen werden sollten, die das Abkommen verletzen.
Natürlich gibt es eine große Anzahl von Möglichkeiten, mit deren
Hilfe die von den 18 Nationen formulierten Grundsätze verwirklicht werden
könnten. Ich glaube nicht, daß irgendeines dieser Länder die von ihnen
vorgeschlagenen, besonderen Abmachungen als unantastbar ansieht. Und ich
bin der Ansicht, daß der Sicherheitsrat sich nicht irgendeinem Alternativvorschlag, der gemacht werden könnte, verschließen sollte.
Aber

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Aber was die Grundprinzipien anbetrifft, so vermag ich nicht
zu verstehen, wie sie von diesem Rat außer'Seht gelassen werden
können, wenn die Grundsätze der Gerechtigkeit zur Fra&amp;e stehen.
Das Problem, dem wir gegenüberstehen, liegt daher nicht in der
Zügelung aggressiver Nationen, die einen Krieg wünschen. Es geht auch
nicht darum, ein neues Instrument des Völkerrechts zu schaffen oder
Gerechtigkeit zu üben, wo das Prinzip der Billigkeit nicht klar erkennbar ist. Der Friede wird von allen erstrebt, und die Grundsätze der
Gerechtigkeit und des Völkerrechts sind klar. Wir sehen uns dem Problem
gegenüber, uns gleichzeitig mit dem Frieden und der Gerechtigkeit zu
befassen, so wie dies in unserer Charta gefordert wird.
Keine Nation aber hat der Korrelation von Frieden und Gerechtigkeit
beredter Ausdruck verliehen als die ägyptische Regierung.
Man wird sich erinnern, daß unsere Charta, so wie sie in Dumbarton Oaks von den drei Großmächten entworfen wurde, keine Bezugnahme
auf die Gerechtigkeit enthält. Sie forderte lediglich den Frieden einen Frieden, der voraussichtlich von Bestand sein würde, nicht weil er
gerecht ist, sondern weil er durch die Macht einiger weniger Großmächte
erzwungen wurde.
Dieser Entwurf wurde in San Francisco abgelehnt. Hier wurde die
gegenseitige Abhängigkeit von Frieden und Gerechtigkeit anerkannt und
Artikel 1 unserer Charta umgeschrieben, so daß er an diese Organisation
die Forderung stellt, sich darum zu bemühen, 'mit friedlichen Mitteln
und in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts einen Ausgleich oder eine Beilegung der internationalen
Streitigkeiten oder solcher Situationen zu suchen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten'. Und es wurde gefordert, daß dieser Sicherheitsrat bei der Erfüllung seiner vornehmsten Pflicht - der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit in Einklang mit diesem Artikel handeln solle.
In San Francisco war Ägypten gerade die Nation, die für diesen Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit am glühendsten, am nachdrücklichsten und mit beredten V/orten eintrat. Ich möchte hier einen Ausschnitt
aus einer der Erklärungen zitieren, die damals von dem Vertreter Ägyptens
abgegeben wurde:
'... Wir sind der Überzeugung, daß der Rat, der Sicherheitsrat, tatsächlich die Rolle des politischen Gerichtshofes spielen wird, und es unerläßlich ist, daß die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit immer bei
seinen Beratungen gelten. Das letzte Argument, mit dem wir uns auseinanderzusetzen hatten, war, daß es die Bürde für die Organisation schwerer
machen würde, und insbesondere die Last der Mächte, die für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit hauptsächlich verantwortlich sind,
wenn wir den Sicherheitsrat auffordern, die Gerechtigkeit und das Völkerrecht zu achten.
Ich bin der Überzeugung, daß solche zusätzliche Bürden, wie sie
aus der Annahme unseres Abänderungsvorschlages resultieren würden,
nicht groß wären gemessen an den Opfern, die wir alle gebracht haben und
alle erneut für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit in der
Welt zu bringen bereit sind. Wenn wir nur den Frieden und die Sicherheit
bewahren wollten, dann würden wir uns nicht sehr von Hitler unterscheiden,
der

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der dies auch versuchte und der tatsächlich teilweise Erfolg hatte.
Der Unterschied liegt jedoch darin, daß wir den Frieden und die Sicherheit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Völkerrechts und der
Gerechtigkeit aufrechterhalten wollen'.
So sprach damals Ägypten, und wir können, so glaube ich, alle
diesen Gedankengängen zustimmen.
Man kann die Bedeutung dieses Problems wohl kaum übertreiben. Unser
Rat erfreut sich auf der einen Seite eines deutlich zum Ausdruck gekommenen Wunsche3 nach Frieden für alle Beteiligten. Auf der anderen Seite
wird die Lage durch Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit bestimmt,
wie sie selten so deutlich zutage traten. Wenn unter diesen günstigen Bedingungen und bei all diesen positiven Gegebenheiten unser Rat nicht in
der Lage ist, eine Regelung mit friedlichen Mitteln in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts sicherzustellen,
dann wäre unser Versagen ein Unglück von ungeheurem Ausmaß.
Dies scheint von denen erkannt zu werden, die hier in diesem Raum
gesprochen haben. Die allgemeine Debatte ist im großen und ganzen gemäßigt und konstruktiv gewesen.
Ich sage 'im großen und ganzen', denn es gab Ausnahmen. Eine
solche Ausnahme war die von dem sowjetischen Außenminister gegebene
Darstellung der sogenannten 'amerikanischen Monopolisten1, die - wie er
sagte - in 'Unschuldsgewändern' gekleidet und mit 'gierigem Appetit'
durch die 7/elt streifen und überall neue Opfer suchen.
Eine weitere Ausnahme war der Vorschlag des sowjetischen Außenministers, daß wir das Problem an einen Ausschuß überweisen sollten,
von dem der sowjetische Außenminister sagte: 'Das wiphtigste Erfordernis
ist, daß die Zusammensetzung des Ausschusses so ausgeglichen ist, daß
das Vorherrschen eines bestimmten Standpunktes verhindert wird'. Offenbar hält er es für unglücklich, daß sich 18 Nationen, die mehr als
90 Prozent des Verkehrs und eine Vielfalt von Benutzerinteressen repräsentieren, über eine Lösung einigen könnten. Er möchte daher einen neuen
Beginn durch die Einsetzung eines Ausschusses machen, der so beschaffen
ist, daß man im voraus wissen kann, er wird niemals zu einer Einigung gelangen .
Es ist nicht das erste Mal, daß eine Regierung glaubt, sie könne
durch die Verewigung eines Streites nur gewinnen. Wir kennen das Sprichwort vom 'Fischen im Trüben'. Im allgemeinen ist es zwar üblich, einen
solchen Zweck zu verschleiern. Kaum jemals ist jedoch wohl das Vorhaben,
Meinungsverschiedenheiten zu verewigen, so klar enthüllt worden.
Die ägyptische Regierung hat in einem konstruktiveren Schritt vorgeschlagen, daß wir ein Verhandlungsgremium schaffen, welches sich von
einer Reihe von Arbeitsprinzipien sowie im Auge zu behaltenden und zu
erreichenden Zielen leiten lassen soll. Dies war genau der Gang der
Dinge, den wir auf der Londoner Konferenz vom vergangenen August einzuhalten suchten, auf der - wie wir gesehen haben - eine Reihe von Grundsätzen ausgearbeitet und gewisse Ziele umrissen worden sind. Der Kern des
Problems, so scheint es uns, ist die Annahme des Prinzips, daß ein System
existieren muß, welches die Gewähr dafür bietet, daß der Kanal von keinem
Land als ein Instrument seiner nationalen Politik benutzt werden kann.
Wenn

. 7-

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1Q. Oktober 1956

Wenn Ägypten dieses einfache und elementare Prinzip der Gerechtigkeit akzeptier^ dann glaube ich, daß die unteigeordneten Probleme gelöst werden können. Wenn dieses Prinzip jedoch verworfen wird,
dann läßt sich nur schwer voraussehen, welche nützliche Rolle einem
Verhandlungsgremium zukommen sollte. Ja, unter solchen Umständen ist
es schwierig, überhaupt irgendeine Lösung vorauszusehen, die mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht.
Wenn aber dieser Fall nicht so gelöst werden kann, dann wird das
gesamte System de» Friedens in Gerechtigkeit unterminiert sein, das
durch diese Charta geschaffen werden sollte.
Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Ich bin davon überzeugt,
daß keine Nation hier andere als freundschaftliche Beziehungen mit
Ägypten zu unterhalten wünscht. Tatsächlich würde denn auch die von
den Kanalbenutzerstaaten, die zu über 90 Prozent an dem gesamten Kanalverkehr beteiligt sind, vorgeschlagene Lösung den Wohlstand Ägyptens
fördern. Eine friedliche und unparteiische Lösung dieses Problems würde
einen neuen hoffnungsvollen Ausblick für ein Gebiet der Welt eröffnen,
das unter Kriegsalarmen und den wirtschaftlichen Lasten der Kriegsvorbereitung schwer zu leiden hat. Gleichzeitig aber können wir der
gesamten Menschheit neue Hoffnung geben, die begonnen hat, ihr Vertraue
in die Fähigkeit dieser Organisation zur Sicherung des Friedens und der
Gerechtigkeit zu verlieren.
7/enn man die Möglichkeiten, die wir haben, klar überdenkt, wer
kann dann noch zweifeln, welche Wahl wir treffen werden?
Herr Präsident, die britisch-französische Resolution verkörpert
die grundlegenden Prinzipien, auf die wir Bezug genom-nen haben. Sie
wird diesen Rat in die Lage versetzen, eine Wahl zu treffen, die,
wie wir zuversichtlich erwarten können, den Frieden in Gerechtigkeit
erhalten wird. Sie wird die Autorität und das Prestige dieser Organisation aufrechterhalten. Daher beabsichtigten die Vereinigten Staaten,
wie ich am vergangenen Freitag sagte, für diese Resolution zu stimmen."

* * * * *

�A M E R I K A

E N S T

DIE POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ZUKUNFT DER NATO

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
stellvertretende Unterstaatssekretär für
europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Burke Eibrick, am 5«Oktober
1956 auf der 8.Jahrestagung der "Konferenz
über Welthandelsfragen" in Old Point Comfort
(Virginia) gehalten hat.

Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihrer Einladung Folge
zu leisten, um an den Diskussionen über die NATO und ihr Verhältnis
zu verschiedenen Problemen und Möglichkeiten teilzunehmen, die uns
Amerikanern auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen erwachsen.
Ich möchte mit Ihnen gemeinsam die Probleme erörtern, die sich
aus unserer Stellung innerhalb der atlantischen Gemeinschaft ergeben,
Ihnen die bisher erzielten Erfolge aufzeigen, und ich möchte insbesondere Ihr Interesse auf die zwischen unseren europäischen Verbündeten
und uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen lenken und kurz auf
die Rolle eingehen, die die NATO und unsere Beteiligung an ihr in der
amerikanischen Außenpolitik spielt.
In Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung hat sich der Name
"Atlantische' Gemeinschaft" für dieses Bündnissystem eingebürgert, das
Kanada, die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuropas einschließt,
einen Raum, der ein großes gemeinsames Erbe und eine gemeinsame Geschichte besitzt, die gekennzeichnet ist von dem Streben nach Gerechtigkeit und individueller Freiheit.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich bet onen, daß die Aufrechterhaltung der Einigkeit und die Zusammenarbe it mit denjenigen
Ländern Westeuropas, mit denen wir durch enge wir tschaftliche und
kulturelle Bande verbunden sind, seit 1945 eines der unveränderlichen
Ziele der amerikanischen Außenpolitik gewesen ist . Das gemeinsame
Erbe, das wir mit den Völkern Westeuropas teilen, ist sowohl für sie
wie für uns ein Band von größter Bedeutung. Darüb er hinaus verfügt
Westeuropa über 25 bis 30 Prozent der gesamten In dustriekapazität,
Hilfsquellen und qualifizierten Arbeitskräfte der Welt. Auf Grund
dieser Tatsachen allein ist es absolut notwendig, daß Westeuropa im
Kampfe gegen die von Moskau gesteuerten despotisc hen Kräfte der
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17« Oktober 1956

der kommunistischen Weltverschwörung unser Verbündeter bleibt.
Wir sind uns dessen bewußt, daß die Politik des "Teilens und
Herrschens" zu den Manövern der Kommunisten zählt, mit deren Hilfe
sie die Weltherrschaft zu erreichen suchen. Das ist einer der Gründe
dafür, daß wir der Einigkeit unter den Staaten und Völkern, die gleich
uns die Prinzipien der menschlichen Freiheit und Recht und Gesetz
achten, so große Bedeutung beimessen.
Wie könnte diese heute so feste Verbundenheit unter den Mitgliedern
der atlantischen Gemeinschaft erzielt werden, und wie läßt sie sich
weiter aufrechterhalten und stärken?
Die einzige Körperschaft, durch die die Regierungen der Atlantikanliegerstaaten auf allen Gebieten - politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell - zusammenarbeiten können, ist die Nordatlantikpaktorganisation. Das soll nicht etwa heißen, daß alle unsere Beziehungen
zu unseren europäischen Freunden ausschließlich über die NATO abgewickelt werden müssen, sondern daß wir in der NATO ein erprobtes und
elastisches Instrument besitzen, das den Ländern der atlantischen Gemeinschaft die Zusammenarbeit in jedem von ihnen gewünschten Maße gestattet und ermöglicht.
Auf dieser Tagung sind heute verschiedene Formen der militärischen
Zusammenarbeit diskutiert worden, wie sie durch die NATO ermöglicht wurden. Der Einfluß dieser Zusammenarbeit auf die Moral der Völker Westeuropas, die im Jahre 1949 der Bedrohung durch eine eventuelle sowjetische Aggression fast wehrlos gegenübergestanden hatten, kann nicht
hoch genug veranschlagt werden.
Die NATO hat sich zum mächtigsten und schlagkräftigsten kollektiven Verteidigungsinstrument entwickelt, das jemals in Friedenszeiten
von freien Nationen geschaffen worden ist. Sie hat Europa in den Jahren,
als es von Gefahr bedroht war, den Frieden erhalten. Seit ihrer Gründung
hat der Kommunismus in Europa keine territorialen Eroberungen mehr gemacht, sondern im Gegenteil sogar verschiedene vorgeschobene Positionen
aufgegeben. Innere Unruhen, politische Streiks und andere Erscheinungsformen der Zwietracht und der Unordnung, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren von den Kommunisten mit beträchtlichem Erfolg gefördert
wurden, haben zum großen Teil aufgehört. Inzwischen ist es den europäischen Völkern gelungen, hinter dem Verteidigungsschild der NATO ihre
im Kriege zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen, ihren Handel zu erweitern und ihren Lebensstandard zu erhöhen.
Die Erfolge, die die NATO aufzuweisen hat, sind in der Tat beträchtlich. Wir alle wis?en jedoch, daß wir in einer Welt leben, die
es nicht zuläßt, daß wir auf unseren Lorbeeren ausruhen. Rasten heißt
rosten. Lorbeeren haben die unangenehme Eigenschaft, sich gelegentlich
in Dornen zu verwandeln. Die Existenz und die Weiterentwicklung der atlantischen Gemeinschaft - und der gesamten freien Welt - wird nicht
durch Leistungen gesichert, die wir in der Vergangenheit erzielt haben,
sondern wird davon abhängen, wie wir mit den Problemen der Zukunft fertig werden.
Die3e
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Diese Probleme sind zahlreich und kompliziert. Im Rahmen des
heutigen Vortrages aber möchte ich mich mit vier großen Problemkreisen auseinandersetzen. Der erste betrifft die Aufrechterhaltung
einer starken und der technischen Entwicklung angepaßten Verteidigung.
Der zweite betrifft die Schaffung gesunder und entwicklungsfähiger
Wirtschaftssysteme in den Ländern der freien Welt. Der dritte ist die
Förderung der Einheit unter den europäischen Nationen selbst. Und
der vierte betrifft die künftige Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes mit dem Ziel, die Zusammenarbeit auf allen Gebieten
menschlicher Tätigkeit zu fördern und die dauernde Solidarität der
westlichen Kulturländer zu sichern.
Das erste große Problem der atlantischen Gemeinschaft liegt so
klar zutage, daß man manchmal fast geneigt ist, es überhaupt zu übersehen. Seit einiger Zeit hören wir viel von einem Wechsel der sowjetischen Taktik, einem Übergang von militärischen zu nichtmilitärischen
Eroberungsmethoden. Manche Leute haben daraus den voreiligen Schluß
gezogen, daß der militärischen Verteidigung nicht mehr die erste Stelle
gebühre. Dieser Schluß ist ebenso gefährlich wie falsch. Wenn auch nicht
bestritten werden soll, daß sich tatsächlich ein Wechsel in der sowjetischen Taktik vollzogen hat, und wenn es auch stimmt, daß wir unsere Aufmerksamkeit in steigendem Maße den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Aspekten der weltpolitischen Auseinandersetzung zuwenden müssen, so bedeutet das keineswegs, daß wir unsere
militärische Verteidigung vernachlässigen dürfen. Wir müssen uns vor
Augen halt en, daß sich die militärische Bedrohung durch die wirtschaftlich-politische Offensive der Sowjets nicht etwa verringert, sondern
eher erhöht hat. Nach wie vor unterhalten die Sowjetunion und ihre
Satelliten gewaltige Streitkräfte, die in der Lage sind, sowohl eine
örtlich begrenzte als auch eine allgemeine Aggression durchzuführen.
Diese Streitkräfte werden ständig verstärkt durch die zunehmende Anhäufung nuklearer Waffen, durch Luftstreitkräfte mit einem immer größeren Aktionsradius, durch verbesserte elektronische Geräte und ähnliche
moderne Kriegsgeräte. Wenn wir auch die begründete Hoffnung hegen, daß
die vernichtenden Vergeltungswaffen der amerikanischen und alliierten
Streitkräfte den kommunistischen Block auch künftig davon zurückschrecken
lassen werden, das Risiko eines Krieges einzugehen, so haben wir doch
keine Gewähr dafür, daß dies der Fall sein wird. Es ist daher unerläßlich, -unsere Sicherungen gegen Agressionen ständig zu verbessern.
Man darf auch nicht vergessen, daß es sich hier nicht um eine Art
Versicherungspolice handelt, die je "abgedeckt" werden könnte. Militärwissenschaft und Technik sind nicht statisch. Jedes Jahr bringt Neuerungen auf dem Gebiet der Waffenkonstruktion und der militärischen Technik,
die man noch wenige Jahre zuvor als phantastisch bezeichnet hätte. Daher
kommt es nicht nur dafauf an, unsere Streitmacht zu erhalten, sie muß
vielmehr auch ständig dem neuesten Stand der Entwicklung angepaßt werden.
Das ist für uns Amerikaner wie für unsere Alliierten eine recht kostspielige Angelegenheit. Tun wir es aber nicht, so heißt das womöglich,
unsere Vernichtung heraufbeschwören.
Es mag immer noch Amerikaner geben, die das Problem der Verteidigung
unseres Landes rein vom nationalen Standpunkt aus betrachten und die Bedeutung eines kollektiven Vorgehens, wie es die NATO darstellt, in ihrer
Bedeutung unterschätzen. Sie glauben wohl, daß unsere eigenen Vorräte an_

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an Atomwaffen, unsere strategische Luftwaffe, unsere große industrielle
Kapazität und die anderen Hilfsquellen unseres Landes für die Verteidigung der Vereinigten Staaten ausreichen und daß die Beiträge unserer
Alliierten nur geringen Wert nahen.
Diese Auffassung zeugt jedoch von großer Kurzsichtigkeit. Europa
hat vieles zu bieten. Es geht nicht ohne die jährlich 12 Milliarden
Dollar, die unsere europäischen Verbündeten im Rahmen der gemeinsamen
Verteidigungsanstrengungen aufwenden - das sind grob gerechnet 6 Dollar
auf jeden Dollar, den sie in Form unserer Militärhilfe erhalten. Wir
brauchen ihre Soldaten, deren sie mehr haben als wir. Wir brauchen Europas
Flotten- und Luftstützpunkte, die für eine wirksame Verteidigung und für
Vergeltungsmaßnahmen im Falle einer Aggression von lebenswichtiger Bedeutung sind. Wir brauchen Europas Fabriken und Bergwerke, die der atlantischen Gemeinschaft zusammen mit unseren eigenen nahezu 'JO'fo der Industriekapazität der Welt sichern. Wir brauchen Europas Wissenschaft und Technik,
die bei der Herstellung der ersten Atombombe eine so unersetzliche Rolle
spielten und die nach wie vor eine unschätzbare Ergänzung zu Amerikas
wissenschaftlichen Möglichkeiten darstellen. Gemeinsam verfügen Nordamerika
und Europa über die Mittel, sich gegen jede erdenkliche Kombination feindlicher Mächte zu verteidigen; für einen von ihnen allein könnte sich diese
Aufgabe leicht als zu schwierig erweisen.
Aus dem eben Gesagten geht eindeutig hervor, daß die Verteidigungskraft eines Landes weitgehend eine wirtschaftliche Frage ist und daß wir
uns eine derartige militärische"Versicherungspolice" in angemessener
Höhe letzten Endes nur dann leisten können, wenn die Mitgliedstaaten
eine gesunde und gut funktionierende Wirtschaft haben. Und ebenso trifft
es zu, daß wir im Rahmen des weltumspannenden Ringens mit dem kommunistischen Block auf nichtmilitärischem Gebiet nur dann konkurrieren können das heißt also, andere Nationen und Völker für unsere Sache gewinnen und
uns ihre Gefolgschaft erhalten können -, wenn unsere Wirtschaft stabil
ist und weiter ausgebaut wird.
Und damit sind wir bei dem zweiten großen Problem, das ich bereits
erwähnte. Ungeachtet der aufgezeigten gewaltigen Aktivposten, über die
Europa verfügt, haben unsere Alliierten mit ernsten Wirtschaftsproblemen
zu kämpfen. Einkommen und Lebensstandard sind in Westeuropa im Durchschnitt noch nicht einmal halb so hoch wie in Amerika. Die europäischen
Länder sind in weit stärkerem Maße vom Außenhandel und von Auslandsin*estitionen abhängig als wir, und ihre Wirtschaft kann durch gegenläufige
Entwicklungen in anderen Teilen der Erde sehr leicht aus dem Gleichgewicht
gebracht werden. Sie haben unter ständigen Devisenschwierigkeiten zu leiden.
Hinzu kommt, daß die Wachstumsrate der Wirtschaft in Europa zur Zeit nur
halb so hoch ist wie die der Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Diese
Tendenz ist sehr beunruhigend, ungeachtet der Tatsache, daß die Sowjets
auf einem sehr viel niedrigeren Stand zu beginnen hatten als Westeuropa.
Ein erfreuliches Zeichen ist jedoch, daß die Rate de* wirtschaftlichen
Wachstums in Westeuropa in jüngster Zeit eine starke Steigerung erfahren
hat. Tatsächlich war das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung der westeuropäischen Länder in den letzten Jahren schneller als in den Vereinigten
Staaten.
Wir Amerikaner können Europas Wirtschaftsprobleme nicht lösen. Das
müssen die Europäer selbst tun. Doch sind diese Probleme großenteils nur

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nur in Verbindung mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt zu lösen. Es ist klar, daß unsere eigene Wirtschaftspolitik die gesamte Weltwirtschaftslage weitgehend beeinflußt.
Welche Außenhandelspolitik haben die Vereinigten Staaten in bezug
auf diese Entwicklungen in Europa verfolgt?
So unabhängig Amerika in früheren Jahren von der übrigen Welt gewesen sein mag, so wissen wir heute nur allzu genau, daß auch für uns
kein Verlaß auf Friede und Sicherheit ist, solange in irgendeinem anderen Teile der Erde Hunger, Armut und Unruhe herrschen. Diese Zustände
lassen sich nur mildern, wenn wir selbst und die übrigen Länder der
Erde den Handel ständig erweitern, unsere Wirtschaft ausbauen und unseren Lebensstandard heben.
Angesichts der großen wirtschaf4" ichen Kraft und Stabilität der
Vereinigten Staaten fällt es uns manchmal schwer, uns vorzustellen,
wie mühsam nicht nur die kleineren Lander, sondern selbst verhältnismäßi
große und hoch indust^ alisierte Lände wi- Großbritannien, Frankreich
und Deutschland ihr wirtschaftliches G ] e" chgewicht wahren. Die Stärke
und Stabilität unserer Wirtschaft hängt v.n der Ausweitung unseres Handels ab, doch müssen wir ständig nach Mitteln und Wegen suchen, wie wir
eine Ausweitung des Handels ermöglichen und fördern können, ohne befreundete Nationen, deren Wirtschaft nicht so stark und elastisch wie
unsere ist, nachteilig zu beeinflussen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft an ihrer bisherigen
Politik festhalten, die eine Beseitigung der Handelsschranken zwischen
den einzelnen europäischen Ländern und der gesamten freien Welt zum
Ziel hat. Wir machen den unabhängigen souveränen Staaten Europas keinerlei Vorschriften, und wir sind uns klar darüber, daß sie ihre verschiedenen wirtschaftlichen Probleme selbst lösen müssen; wir können sie aber
wohl darauf hinweisen, daß die Prosperität unseres Landes zu einem nicht
geringen Maße daher rührt, daß wir in unseren 48 Staaten keinerlei
Handels- und Devisenbeschränkungen kennen.
Es ist nicht nötig, die gewaltigen Fortschritte, die die westeuropäischen Länder seit 1945 i m Aufbau ihrer Wirtschaft, der Ausweitung ihres Handels und der Hebung ihres Lebensstandards erzielten, hier
nochmals aufzuzählen. Natürlich hat die Hilfe der Vereinigten Staaten
bei dieser erstaunlichen Entwicklung keine geringe Rolle gespielt; doch
sind noch viele schwierige Probleme zu lösen.
Die Kommission für Außenhandelspolitik, die sogenannte RandallKommission, hat in ihrem Bericht vom Jahre 1954 in dem Bestreben, den
Kurs für die künftige Wirtschaftsentwicklung festzulegen, einige Richtlinien ausgearbeitet, die ich der Erwähnung wert finde. In diesem
Bericht heißt es: "Die freie Welt muß ihre Zukunft aufbauen; und zwar
nicht mit ungewöhnlich starken Hilfeleistungen seitens der Vereinigten
Staaten, sondern mit den eigenen Hilfsquellen und der Arbeifskraft der
Menschen der einzelnen Länder selbst. Daß die Grundlagen für eine derartige internationale Wirtschaft bereits.gelegt sind, ist unbestreitbar,
und man darf mit Recht hoffen, daß es bei gegenseitiger Unterstützung
und bei gegenseitigem Verständnis gelingen wird, ein lebensfähiges Handels- und Zahlungssystem für die Zukunft zu schaffen. Vieles

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Vieles deutet darauf hin, daß wir am Beginn einer Epoche der
allgemeinen Ausweitung des Welthandels stehen. Die Industrieländer
benötigen immer mehr Rohstoffe, die ihnen die weniger entwickelten
Länder liefern können. Und diese wiederum benötigen immer mehr Maschinen, Industriegüter und hochveredelte Konsumgüter, die das Merkmal einer entwickelten Industrie sind. Die Zeit scheint gekommen, in
der Völker der Segnungen eines zunehmenden internationalen Handels
teilhaftig werden.
Um dieses Wachstum zu erreichen, muß die freie Welt jedoch viele
Hindernisse beseitigen, die noch immer dem freien Verkehr von War««,
Kapital und Devisen im Wege stehen. Alle beteiligten Länder müssen
durch eine gesunde Finanz- und Steuerpolitik zu einer größeren Stabilität der 7/irtschaft beitragen. Sie müssen zeigen, daß sie Vertrauen
in ihre Fähigkeit besitzen, auf eigenen Füßen stehen zu können. Viele
der betroffenen Länder müssen ihre eigenen Bemühungen stärker als bisher intensivieren, sie müssen mithelfen, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
das sowohl ihren eigenen Bürgern als auch dem ausländischen Kapital einen
Anreiz für Kapitalinvestitionen bietet, und sie müssen die Restriktionen
aufheben, die den internationalen Zahlungsverkehr in seiner Bewegungsfreiheit behindern.
In all diesen Dingen müssen die Vereinigten Staaten die Führung
übernehmen und mit Weisheit ausüben. Dabei müssen wir uns stets der
Tatsache bewußt bleiben, daß das Bündnis der freien Welt auf Vereinbarungen zwischen souveränen Staaten beruht.
Wenn auch die wirtschaftliche Position Westeuropas eng mit der
Wirtschaftslage in der gesamten freien Welt verknüpft ist, so ist es
doch auch richtig, daß gewisse W'rtschaftsprob eme al .ein für E .ropa
zutreffen. Daß es den europäischen Nationen i den vergangenen Jahren
nicht gelang ihre Einheit zu verwirklichen . hat 11« Entwicklung ein r
dynamischen europäischen Wirtschaf- sehr behindert. Aus diesem Grundwar die Förderung der Einheit Europas eines der Hauotz-ele der amerikanischen Politik.
Europas Produktion und Märkte sind in viele kleine Teile aufgespalten,
die häufig wirtschaftlich schwach sind. In der langen Geschichte \er
es europäischen Länder sind viele Bräuche, Vorurteile und 1&gt;ka e Interessen
erstarrt, die einst aus Selbstschutz entstanden • sie b'lden nu sc were
Hindernisse für einen freieren Handelsverkehr. Die Kartelle, Zollschranken
und andere Handels- und Währungsbeschränkungen die vor vielen Jahren errichtet worden sind, behindern die Entwicklung, d e mit den modernen Methoden der Produktion, des Vertriebs und der Finanzierung erreicht werder kö n
Als Europa sich nach dem zweiten Weltkrieg langsam erholte, wurde
vielen Staatsmännern und Wirtschaftlern klar, daß die alteingeführten
Wirtschaftsformen durch einen freieren Handel und engere Zusammenarbeit
oder einen Zusammenschluß ersetzt werden müssen, wenn Europa in dieser
Epoche eines ständig expandierenden Handels erfolgreich mit den anderen
Ländern konkurrieren will.
Im Jahre 1947 beschlossen Belgien, Luxemburg und die Niederlande, den
ersten Schritt zu einer Wirtschaftsunion zu tun. Sie beseitigten sämtliche

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sämtliche Zollschranken im Warenverkehr untereinander und einigten
sich auf einheitliche Zollsätze für die Importe aus anderen Ländern.
Zweck der Benelux-Zollunion war es, eine Wirtschaftseinheit zu schaffen,
die groß genug ist, um den Teilnehmerstaaten auf dem Weltmarkt einen
erfolgreichen Wettbewerb mit den größeren Wirtschaftsländern zu ermöglichen. Noch sind nicht alle zur Schaffung einer rollkommenen
Wirtschaftseinheit erforderlichen Maßnahmen durchgeführt, aber der
bisher erzielte Erfolg ist doch sehr vielversprechend.
1947 wurde die Wirtschaftskommission für Europa (ECE) errichtet,
um ein Zusammengehen der Länder beim Wiederaufbau zu erreichen, die
Wirtschaftstätigkeit im allgemeinen zu beleben und die wirtschaftlichen Beziehungen unter den europäischen Mitgliedern der Vereinten
Nationen und mit den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt zu erhalten und zu festigen.
Ein wichtiger Schritt zur europäischen Einheit war die Unterzeichnung des Brüsseler Paktes im Jahre 1948» der eine engere Zusammenarbeit
auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet sowie in der
Frage der gemeinsamen Verteidigung zwischen Frankreich, Belgien, Luxemburg,
den Niederlanden und Großbritannien vorsah.
Als der Kongreß 1948 das Gesetz über den Wiederaufbau in Europa
erließ, das wir unter dem Namen Marshall-Plan kennen, wurde die Organisation für die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC) gegründet,
um eine Zusammenarbeit der 16 europäischen Mitgliedstaaten bei ihrem
wirtschaftlichen Aufbau zu gewährleisten, der eine Ausweitung von Produktion und Handel, die Modernisierung der Industrie, der Stabilisierung des Finanzwesens und die Beseitigung zahlreicher Handelsschranken
einschließen sollte. In Verbindung mit ihrer Zweigstelle, der Europäischen
Zahlungs-Union zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten, hat sich die OEEC als eine sehr nützliche Organisation bei der
Behandlung einiger recht verzwickter europäischer Wirtschaftsprobleme
erwiesen.
Und noch ein weiterer Schritt Europas auf dem Wege zu seiner wirtschaftlichen Integration ist erwähnenswert. Die Europäische Gemeinschaft
für Kohle und Stahl, die auf Initiative des ehemaligen französischen
Außenministers Robert Schuman im Jahre 1952 von Frankreich, Deutschland,
Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gegründet wurde, um die
nationalen Hindernisse für den Handel mit Kohle und Stahl unter diesen
Ländern aus dem Wege zu räumen und restriktive Abmachungen über Produktion und Absatz dieser Grundstoffe zu beseitigen.
Mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Integration unter den
europäischen Staaten in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde es
immer klarer, daß eine engere politische Zusammenarbeit erforderlich
ist, wenn nennenswerte Fortschritte in der Lösung der Wirtschaftsprobleme in Europa erzielt werden sollen. Die Folgen zweier Weltkriege in
diesem Jahrhundert haben allzu deutlich gezeigt, welch furchtbare Folgen
ein zügelloser Konkurrenzkampf und zügelloser Nationalismus haben können.
Ich erwähnte den Brüsseler Pakt, durch den im März 1948 ein Zusammenschluß von Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien zum Zwecke einer engeren Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem.

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wirtschaftlichem, -.»oaitlem und kulturellem Gebiet und zur gemeinsamen
Verteidigung erfolgte. Der Y/unsch nach stärkerer Einheit, dem der Pakt
entsprungen war, führte ein Jahr später zur Gründung des Europarates
durch die fünf Teilnehmerländer des Brüsseler Abkommens sowie Italien,
Irland, Norwegen, Dänemark und Schweden, dem sich später auch Island,
die Bundesrepublik Deutschland, Griechenland, die Türkei und das Saargebiet anschlössen. Der Europarat hat nur die Befugnis, den angeschlossenen Regierungen gewisse Empfehlungen zu erteilen} er bildet aber immerhin ein brauchbares Forum, um gewisse Maßnahmen auszulösen und die öffentliche Meinung auf die großen europäischen Probleme hinzuweisen.
Von außerordentlicher Bedeutung für den Gedanken der europäischen
Einheit war der Plan zur Schaffung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in deren Rahmen die sechs Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihre Streitkräfte in eine einzige
übernationale Streitmacht zusammenschließen sollten. Es war ein schwerer Schlag für die Europabewegung, daß dieser Plan nicht verwirklicht
wurde j allerdings konnten einige wesentliche Elemente dieses Planes
durch die Schaffung der Westeuropäischen Union gerettet werden, die
sich auf den ursprünglichen Brüsseler Pakt stützt. Ungeachtet dieses
Rückschlages ist die Idee eines geeinten Europa nach wie vor sehr
lebendig. Zrar Zeit ptüfen die Regierungen der europäischen Länder
die Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen bei der Erzeugung und
Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken sowie Vorschläge für
einen großen gemeinsamen Markt. Obwohl einer Realisierung dieser Vorschläge viele Hindernisse im Wege stehen und es noch zu früh ist, das
Endergebnis vorauszusagen, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß
viele führende Politiker in Europa nach wie vor entschlossen sind,
diesem Kontinent die Kraft und Stabilität zu geben, die ihm allein
die Einheit zu bringen vermag«
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird auch weiterhin alle
auf die Einheit Europas gerichteten praktisch durchführbaren Maßnahmen
fördern, da wir uns darüber klar sind, daß die Integration Europas wesentlich zur Stärke und Solidarität der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes
beitragen kann. Während diese Entwicklung weiter voranschreitet, müssen
wir unser Augenmerk auf ein zweites Ziel richten - die Ausweitung und
Festigung des atlantischen Bündnisses selbst. Insbesondere müssen wir
Mittel und Wege prüfen, die NATO als ein Instrument der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit sowie als Verteidigungssystem weiter zu entwickeln.
Die neue sowjetische Taktik der politischen, wirtschaftlichen und
psychologischen Durchdringung läßt es mehr denn je notwendig erscheinen,
die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der NATO zu vertiefen. Die Gefahren der neuen sowjetischen Politik sind nicht zu unterschätzen. Die Russen sind Meister einer Propaganda, die die Tatsachen
zu verschleiern weiß. Sie verfolgen die unvermeidlichen Reibungen zwischen den freien Nationen mit größter Aufmerksamkeit und zögern nicht,
d4.ese für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Sie werden jede Möglichkeit
^greifen, Zwietracht zu säen und die freie Welt zu schwächen. Ergänzt
*|ird diese Strategie durch einen geschickt getarnten wirtschaftlichen
Äruck und verlockende Angebote. Weil die russische Wirtschaft völlig
vom Staat kontrolliert wird, kann sie ohne weiteres - wie dies ja auch
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auch häufig genug der Fall ist - für rein politische Ziele benutzt
werden. Angebote bezüglich sowjetischer Absatzmärkte und Rohstoffe erscheinen bedrängten Westeuropäern oftmals verlockend genug, auch wenn
sie die ihnen unterliegenden Beweggründe erkennen. Für die Vereinigten
Staaten ist es leicht, die wirtschaftlichen Angebote der Sowjets zu
ignorieren, unsere europäischen Freunde sind aber dazu nicht immer in
der Lage. In Erkenntnis der Gefährlichkeit des sowjetischen Werbens
werden die westeuropäischen Staaten weitere Schritte zur Integrierung
ihrer Wirtschaft, zur Erhöhung ihrer Produktivität und zur Beseitigung
der Handelsschranken unternehmen, so daß die Sowjets sich eines Tages
gezwungen sehen werden, ihre Wirtschaftsoffensive, mit deren Hilfe sie
im Grunde genommen nur die Einheit der atlantischen Gemeinschaft zu
zerbrechen suchen, wieder abzublasen.
Welche Politik sollen wir nun befolgen, um die NATO zu stärken
und dieser Bedrohung zu begegnen?
Soll die NATO versuchen, die Außenpolitik ihrer Mitglieder aufeinander abzustimmen?
Soll sie versuchen, die Probleme zu lösen, die mit den wirtschaftlichen Angeboten der Sowjets an die Länder der freien Welt zusammenhängen?
Soll die NATO als Forum dienen, auf dem die zwischen ihren Mitgliedern bestehenden politischen Fragen entschieden werden?
Soll die NATO einen Informations- und Kulturaustausch organisieren, mit dem Ziel, die Einigkeit unter ihren Mitgliedern Zu vertiefen?
Diese sowie zahlreiche weitere Probleme sind Gegenstand eines
Fragebogens, der sämtlichen NATO-Mitgliedstaaten vorgelegt worden ist.
Ein unter dem Namen die "Drei Weisen" bekannter Ausschuß ist gegenwärtig
dabei, die Antworten auszuwerten. Wir sind sicher, daß das Ergebnis dieser Untersuchung seinen Niederschlag in den Richtlinien über die künftige
Entwicklung dieser Organisation finden wird.
Wenn diese Untersuchung auch noch nicht völlig abgeschlossen ist,
so zeichnen sich doch bereits bestimmte Grundzüge ihrer Ergebnisse ab.
Es ist klar, daß sich kein Land irgendeine Art von "übernationaler
Regierung" wünscht - worum wir uns alle bemühen,ist eine wirksamere
Zusammenarbeit auf der Basis der Freiwilligkeit. Allgemeine Übereinstimmung herrscht ferner darüber, daß sich die NATO nicht in die Funktionen
anderer internationaler Organisationen, wie die Vereinten Nationen und
die OEEC, einmischen beziehungsweise gleichlaufende Funktionen ausüben
soll. Auch wollen wir nicht, daß die NATO als Organisation Funktionen
übernimmt, die die einzelnen Regierungen selbst viel besser ausüben
können. Trotz dieser Einschränkungen gibt es unserer Ansicht nach zahlreiche Möglichkeiten, um zu einer besseret Zusammenarbeit zwischen den
Mitgliedstaaten der NATO zu gelangen. Durch eine erweiterte und verstärkte
gegenseitige Konsultation über politische und wirtschaftliche Fragen hoffen
wir, zu einem engeren und dauerhafteren Zusammenhalt zu gelangen und auch
zu einer größeren Einigkeit in der Zielsetzung und im Handeln, als sie
jemals zuvor zwischen Staaten bestanden hat.
Welche

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Welche Veränderungen aber auch immer vorgeschlagen werden mögen,
um die Organisation und die Funktionsfähigkeit der NATO zu verbessern,
so besteht die grundlegende Aufgabe nach Ansicht der Vereinigten Staaten doch darin, die Einigkeit zwischen^den Mitgliedstaaten der atlantischen Gemeinschaft zu erhalten und zu stärken. Statt unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die uns drohenden Gefahren zu konzentrieren,
müssen wir unsere Gedanken in steigendem Maße auf die sich bietenden
Möglichkeiten richtdn sowie auf Methoden, wie wir unsere politische,
wirtschaftliche und geistige Stärke mehren-.Rönnen. Solche Bemühungen
könnten, wenn sie erfolgreich sind, sowohl in materieller als auch in
anderer Hinsicht günstige Möglichkeiten bieten, die weit über die bloße
Einigkeit hinausgehen, wie sie für unsere Verteidigungsanstrengungen
erforderlich sind.
Die Schaffung einer einigen und aufstrebenden atlantischen Gemeinschaft würde allen Mitgliedern der NATO, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sehr zum Vorteil gereichen.
Abschließend darf ich noch bemerken, daß die Vereinigten Staaten
und die übrigen Nationen der atlantischen Gemeinschaft meiner Meinung
nach über die materiellen Hilfsquellen, die organisatorischen Institutionen und die Fähigkeiten verfügen, die andere vor einer Aggression
zurückschrecken lassen, die sie auch in die Lage versetzen, gesunde und
fortschrittliche wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und eine starke,
dauerhafte und in sich einige Gemeinschaft der freien Völker zu entwickeln.
Notwendig hierfür ist die Entschlossenheit, diese Hilfsquellen und Fähigkeiten in noch größerem Maße als bisher für die Lösung der Probleme einzusetzen, die aus der historischen Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der NATO selbst
und der Verwirrung unter ihnen entstanden sind, die der sowjetische
Kommunismus zu stiften versuchte.

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D I E N S T

KANONEN SIND MACHTLOS GEGEN FREIHEITLICHE GEDANKEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen eine Rede Präsident
Eisenhowers vom 25.Oktober 1956 vor der
dem AFL-CIO angeschlossenen Gewerkschaft
amerikanischer Zimmerleute und Tischler.

"Die Vorläufer Ihrer Gewerkschaftsbewegung waren sich darüber
im klaren, daß die industrielle Revolution neue Probleme geschaffen
hatte, die eine neue Haltung, einen neuen Weg zur Lösung auf seiten
des Arbeiters wie des Unternehmers erforderten - eine Haltung, die
zum Ausdruck bringt, daß Arbeiterschaft und Unternehmer die gleiche
Würde und die gleiche Verantwortung tragen.
Deshalb tritt heute auch Ihre Organisation ein für: die
Freiheit sich zu organisieren, die Freiheit zum Aushandeln von
Lohnabkommen, die Freiheit zu streiken - vor allem aber für die
Freiheit der völlig unabhängigen Wahl. Man sagte mir, daß dies
eine der ersten Resolutionen war, die vor 75 Jahren Ihre Vorgänger
in der Zimmermanns- und Tischlergewerkschaft einbrachten.
Indem sie für all diese Dinge eintreten, tragen Sie dazu bei,
den Bereich der Freiheit des Menschen immer mehr zu erweitern und
unserer Vorstellung von dieser Freiheit einen immer weiteren Horizont zu geben.
Andere, Männer wie Marx und Lenin, sahen die neuen Probleme,
die die industrielle Revolution schuf, in einem ganz anderen Licht
und in einem ganz anderen Rahmen. Die Antwort, die sie für ihre
Lösung bereit hatten, war eine völlig andere und setzte an die
Stelle einer freien Arbeiterschaft und eines freien Unternehmertums den allmächtigen Staat.
Die Welt in unserem Industriezeitalter ist in zwei Lager getrennt - in eines, das die Idee der Freiheit verficht, und in das
andere, in dem das Leben unter der kommunistischen Weltanschauung
streng reglementiert ist.
Ich möchte zu Ihnen kurz darüber sprechen, wozu der kommunistische Imperialismus führt, wie wir dies heute täglich aus den Satellitenländern erfahren. Lassen Sie mich ein Land als Beispiel herausgreifen .
Den
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�"AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Den Polen als Volk ist die Freiheit wohlbekannt.
Daraus erklärt sich auch, daß Männer wie Kosciuszco, Pulaski
und zahllose andere an der Freiheit Amerikas mitgebaut haben. Und
ein nach Hunderttausenden zählendes Heer von Menschen polnischer
Abstammung war am Aufbau des industriellen Amerikas und der freien
Arbeiterbewegung beteiligt.
Aber seit nunmehr 17 Jahren ist das polnische Volk das Opfer
zweier aufeinanderfolgender Diktaturen.
Keine von beiden duldete die Freiheit.
Und das polnische Volk erhob sich gegen beide, denn die Liebe
zur Freiheit war und ist sein stärkster Wesenszug.
Einem Volk wie den Polen, das einmal die Freiheit kennengelernt
hat, kann nicht in alle Ewigkeit die nationale Unabhängigkeit und die
persönliche Freiheit vorenthalten werden. Und dies gilt für jedes
Volk in Osteuropa, das einmal in Unabhängigkeit und Freiheit gelebt
hat.
Diese Wahrheit mag für eine gewisse Zeit überschattet sein. Der
Tyrannei mag es für eine gewisse Zeit gelingen, eine trügerische
Fassade materieller Errungenschaften aufzurichten. Aber diese Illusion
ist kein Ersatz für die Freiheit, wie sie Männer und Frauen meinen, die
ihre Kinder in der Liebe zur Familie erziehen, sich nach eigenem Ermessen ihren Arbeitsplatz, ihre Freunde und Kollegen aussuchen und die
ihre Religion ohne Furcht ausüben.
Schließlich ist, wie wir dies heute am Beispiel der Satellitenländer sehen, der Preis, den ein einstmals stolzes und unabhängiges
Volk dafür zu zahlen hat, höher als der 7/ert der Monumente oder Fabriken - oder Gefängnisse -, die unter der Diktatur errichtet worden
sind.
In solchen Ländern sind die Früchte des Imperialismus Unzufriedenheit, Unruhe oder Aufstände an dem einen Ort und Demonstrationen
am anderen, bis entweder die Tyrannei zerbricht oder die Machthaber
verjagt sind.
Wo durch das Eingreifen bewaffneter Streitkräfte Protestaktionen
zu selbstmörderischen Handlungen werden, mag der Tag der Befreiung auf
Später verschoben werden. Die Weltgeschichte legt jedoch Zeugnis ab
dafür, daß die Freiheit nicht durch Furcht vor Kanonen aus dem Gedächtnis zu tilgen ist, und daß die Liebe zur Freiheit größere Lebenskraft
hat als die Macht der Tyrannei. Es ist aber unbedingt notwendig, daß der
Geist der Freiheit und die Annehmlichkeiten, deren sich diejenigen erfreuen, die die Freiheit besitzen, den Unterdrückten zur Kenntnis gelangen.
In diesem Lichte betrachtet haben wir als Volk eine Aufgabe, eine
Mission als Vorkämpfer der menschlichen Freiheit zu erfüllen. Sie
lautet*
Erstens:
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�"AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Erstens» In all unseren internationalen Beziehungen dürfen
wir niemals das Grundprinzip gefährden, daß alle Völker, die einmal den Beweis ihrer Fähigkeit zur Selbstregierung erbracht haben,
auch das Recht auf eine unabhängige Regierung ihrer eigenen, völlig
freien Wahl besitzen.
Zweitens» Wir müssen den freiheitliebenden Völkern, die unsere
Hilfe brauchen, sie wünschen und nutzbringend verwerten können, in
einer V/eise helfen, daß sie Portschritte in ihren Bemühungen um wirtschaftliche Unabhängigkeit erzielen und die Sicherheit und den Frieden
der freien Welt zu stärken vermögen.
Drittens: Wir müssen unsere Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern so gestalten, daß wir in einer echten Partnerschaft des Handels verbunden sind, und eine stetig wachsende, von allen geteilte Prosperität fördern, die ein Schutzschild gegen alle Propaganda und politische Wühltätigkeit ist.
Viertens» Wir müssen hier bei uns ein Beispiel für die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen, den Lohn für gut getane Arbeit, für all die
Errungenschaften eines freien Systems geben, damit die Welt erkennt, daß
die Freiheit des Menschen der einzig sichere Weg zum Guten ist.
Wenn wir auf diese
weiten können, wo freie
den dazu beitragen, daß
genutzt und Regierungen
werden .

Ziele hinarbeiten, werden wir den Bereich ausMenschen, freie Regierungen gedeihen. Wir werdie Grenzen der Bereiche, in denen Menschen ausgestürzt werden können, immer enger gezogen

Bei der Erfüllung dieser Mission dürfte wohl niemand eine wichtigere Rolle spielen als die freie amerikanische Arbeiterschaft. Und die
Welt wird ihre Stimme hören. Denn Ihre Worte haben Gewicht, Sie gehören
zur arbeitenden Bevölkerung Amerikas.
Und Sie sind vor allem im Kampf zwischen der Sache der Freiheit
und der Sache des Kommunismus der lebendige Beweis dafür, daß Marx
Unrecht hatte.
Die freie amerikanische Arbeiterschaft hat an der Entwicklung aller
Lebensbereiche in stetig wachsendem Maße teilgenommen - sie hat Teil am
gesamten Volksbildungswesen und verfügt über mehr Freizeit für Erholung
und kulturelle Dinge} sie hat gewonnen an Würde und Geist
aber nicht dadurch, daß sie sich etwa in einen Klassenkampf einließ;
nicht dadurch, daß sie zugunsten des Staates auf Freiheiten und
Verantwortungen verzichtete ;
nicht dadurch, daß sie irgendein Eecht oder eine Pflicht freier
Menschen gegen ein Linsengericht von Staatsgarantien verschacherte}
sondern durch freiwilligen Zusammenschluß mit dem Ziel zu verhandeln und zu Tarifabkommen zu gelangen;
sie hat erkannt, daß eine gedeihliche Entwicklung von Landwirtschaft

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�"AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft nur auf der Basis
der Gemeinsamkeit zu erreichen ist;
sie hat in der Fabrik, auf Gewerkschaftsversammlungen und in
der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben, daß das Amerikanertum
mit seinen Freiheiten und Verpflichtungen auf dem festen Glauben
an die Gleichheit in der Würde und in den Rechten aller Männer
und Frauen basiert.
Deshalb bin ich als amerikanischer Bürger und als Präsident
der Vereinigten Staaten stolz und glücklich, heute abend hier stehen
zu können und mit Ihnen den 75»Jahrestag der Gründung der "United
Brotherhood of Carpenters and Joiners of America", der Vereinigten
Gewerkschaft amerikanischer Zimmerleute und Tischler, festlich zu
begehen.
Die Gewerkschaft hat sich in ihrer Geschichte als ein echter
Repräsentant der freien amerikanischen Arbeitersrchaft, als eine
dynamische Kraft im Aufbau der freien amerikanischen Gesellschaft
erwiesen."

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES SPRICHT ZUR GEGENWÄRTIGEN WELTLAGE

DALLAS (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vom 27. Oktober 1956, i n der er
in Dallas vor dem Rat für Internationale Angelegenheiten in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen Weltlage Stellung nahm.

Ich erinnere mich, daß ich fast genau vor vier Jahren hier
weilte. Wenige Tage darauf wurde ich zum Außenminister des neuen
Kabinetts ernannt, und seitdem war ich stets sehr beschäftigt. Ich
bin jedoch froh, daß ich es ermöglichen konnte, hierher nach Dallas
zurückzukehren und an den Feierlichkeiten des fünften Jahrestages
Ihres Rates für I nternationale Angelegenheiten teilzunehmen.
Als ich das letzte Mal hier weilte, sprachen wir über einige
der vor uns liegenden Probleme. Ich schlage vor, daß wir das gleiche
heute abend tun werden, wobei wir zunächst einmal die Bedeutung
einiger großer Prinzipien betrachten wollen. Dies sind keine von
einer einzelnen Partei getragenen Prinzipien. Sie sind vielmehr
zum großen Teil das Ergebnis der überparteilichen Beratungen zwischen
der Exekutive und dem Kongreß.
.

Dann werde ich auf das..Suezproblem zu sprechen kommen. Es ist
dies ein spannungsgeladenes Drama, das noch nicht seinen Abschluß
gefunden hat und das jene oft als "Kampf um den Frieden" bezeichnete Bemühungen illustriert, die noch für viele Jahre und in vielen
Fragen Tag um Tag notwendig sein werden, solange wir einen gerechten
und dauerhaften Frieden erstreben.
Lassen Sie mich zuerst von unserer militärischen Stärke sprechen,
denn mit der moralischen Stärke allein ist es nicht getan, Wären wir
in bezug auf die gewaltige Militärmächt, die in den Händen skrupelloser Menschen liegt, relativ schwach, dann wären wir nicht Herr unseres eigenen Schicksals.
Während es nun verhältnismäßig einfach ist, sich für militärische Stärke zu entscheiden, ist es doch schwierig, die Entscheidung zu treffen, wie diese Stärke erreicht werden soll. Es gibt
viele Wege - Luftwaffe, Armee, Kriegsmarine - konventionelle und

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31 . Oktober 1956

und Atomwaffen, Defensive oder Offensive. Wir können nicht auf all
diesen Gebieten immer und überall in der gleichen Weise stark sein,
ohne uns eine untragbare Last aufzubürden.
Zum Glück brauchen die Vereinigten Staaten nicht allein die gesamte militärische Macht zu besitzen, die notwendig ist, um gegenüber
dem Sowjetblock das Gleichgewicht zu halten. Wir haben Verbündete,
und sie tragen einen Teil zu der gemeinsamen Verteidigung bei. Auf
uns ruht allerdings eine besondere Verantwortung. Wir allein besitzen
die wirtschaftliche und finanzielle Stärke und das praktische Wissen,
um zu verhindern, daß die Welt von den Atom- und Kernwaffen beherrscht
wird, die die Sowjetunion fieberhaft entwickelt. Wir müssen die Fähigkeit besitzen, Vergeltungsmaßnahmen in solcher Stärke durchführen
zu können, die ausreichen, um vor jeder bewaffneten Aggression abzuschrecken. Wir müssen diese Fähigkeit besitzen, nicht weil wir damit
rechnen, sie anwenden zu müssen, sondern weil wir sie wahrscheinlich
niemals anzuwenden brauchen, sofern wir sie besitzen.
Aber es könnte örtlich begrenzte Aggressionen geben, eine Art
Aushöhlungsversuche, bei denen nicht sogleich die stärksten Waffen
aufgeboten werden. Wir und unsere Alliierten sollten unter uns über
die Fähigkeit verfügen, mit solchen Fällen fertig zu werden, ohne daß
durch unsere Aktion ein allgemeiner Kernwaffenkrieg ausgelöst wird.
Außerdem wäre es jedoch auch unvorsichtig, wollte man alles auf eine
Form der Rüstung setzen, da niemand mit Sicherheit voraussagen kann,
welche Anforderungen ein künftiger Krieg stellen wird.
Daher sollten wir und unsere Alliierten zusätzlich zu einer
starken nuklearen Macht über konventionelle Streitkräfte verfügen,
die zur Verteidigung der freien Welt beitragen können. Die kombinierte militärische Stärke der freien Welt muß genügend ausbalanciert,
anpassungsfähig und so formiert sein, daß sie sowohl große wie kleine
Aggressionen abschrecken oder sie zunichte machen kann.
Selbstverständlich ist ein Friede, der auf der abschreckenden
Wirkung einer militärischen Macht beruht, kein idealer Friede. Es
müßte eine kontrollierte Rüstungsbegrenzung geben. Die Erreichung
dieses Zieles aber gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben des
Friedens. Wenn die Schwierigkeiten vielleicht auch groß sind, so ist
die Notwendigkeit, sie zu überwinden, nicht weniger groß. Lassen
Sie uns Sorge tragen, daß unsere Maßnahmen den Glauben widerspiegeln,
daß das, was getan werden muß, getan werden kann.
Ich wende mich nun einem zweiten großen Gebiet zu, das unsere
Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Die Erhaltung und Stärkung unserer
kollektiven Sicherheitsabmachungen.
Die Vereinigten Staaten unterhalten gegenwärtig mit 42 anderen
Nationen Sicherheitsabkommen. Die wichtigsten Verträge sind hier
der Rio-Pakt der amerikanischen Republiken, der Nordatlantikpakt und
der Südostasienpakt.
Alle

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Alle diese Vereinbarungen sind in ihrer gegenwärtigen Form
das Ergebnis eines Gefühls der Gefahr, das aus der aggressiven
und heftigen Außenpolitik machthungriger Diktatoren erwuchs - zunächst einmal Hitler, dann die kommunistischen Machthaber in der
Sowjetunion und in China.
Heute jedoch ist dieses Gefühl der Gefahr etwas schwächer geworden. Die Sowjetunion hat zwar ihre Anstrengungen zur Erlangung
der militärischen Vormachtstellung mit gleicher Intensität fortgesetzt, sie war aber auch - mindestens bis zu dieser Woche - bestrebt, den Eindruck eines friedliebenden Staates zu erwecken. Aus
dieser Tatsache entwickelte sich, ob zu Recht oder zu Unrecht bleibe
dahingestellt, weithin das Gefühl, daß die Gefahr eines allgemeinen
Krieges geringer geworden sei. Das einende Band der Furcht war wohl
stark genug, uns zusammenzubringen, erscheint aber nicht stark genug,
uns zusammenzuhalten.
Das ist unlogisch, denn die grundlegende Gefahr besteht nach
wie vor: eine unerhörte militärische Macht in den Händen einer
Diktatur, die in ihrer Handlungsfreiheit nicht von ethischen Grundsätzen eingeengt wird. Wir sollten deshalb an dem festhalten, was
uns allen größere Sicherheit eingebracht hat. Wir können aber die
Tatsache nicht außer acht lassen, daß Menschen, sobald die Gefahr
nachläßt, immer die Tendenz haben, den Zusammenhalt aufzugeben - es
sei denn, sie finden eine Grundlage für die Einigkeit, die sich als
noch stärker erweist als jenes Gefühl der Gefahr.
Dies trifft vielleicht am ehesten auf den Fall der Organisation
der amerikanischen Staaten (OAS) zu. Diese Vereinigung hat eine
würdige Tradition. Ihr Ziel ist es nicht nur, eine eventuelle Aggression von außen her zurückzuschlagen, sondern auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den amerikanischen Republiken zu beseitigen. Auf
der letzten Konferenz in Panama wurde eine Vereinbarung getroffen,
daß in Zukunft mehr Nachdruck auf den Ausbau der wirtschaftlichen
und kulturellen Beziehungen gelegt werden soll. Gegenwärtig ist man
deshalb allenthalben bemüht, diese Konzeption in die Tat umzusetzen.
Dem gleichen Problem sehen wir uns auch in bezug auf die Nordatlantikpaktorganisation gegenüber. Ihre Mitgliedstaaten sind im
Augenblick dabei, die Möglichkeiten zu einer Vertiefung der nichtmilitärischen Bindungen zu überprüfen. Senator Walter George ist
der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten für diese Fragen und
seine großen Erfahrungen und sein Können werden ihm bei dieser
Aufgabe sehr zustatten kommen.
Im Falle unserer Bündnisse im pazifischen und asiatischen Raum
ist die Problemstellung etwas anders geartet, weil dort das kommunistische China die Furcht lebendig erhält. Es bedroht weiterhin die
Republiken Korea und Vietnam mit militärischer Macht. In periodischen
Abständen verkündet das kommunistische China die Absicht, Formosa mit
Gewalt zu erobern, und es hat auch bereits Teile von Burma mit seinen
Streitkräften besetzt.
Im

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Im Fernen Osten ist es klar erkenntlich, daß die Gefahr nach wie
vor besteht, wenngleich auch dort das kommunistische China gelegentlich den Versuch macht, durch gleißnerische Versprechungen Freunde zu
gewinnen. Somit können wir noch nicht einmal dort voll auf die einigende Wirkung der Furcht vertrauen. Gesündere Bindungen zu finden,
wird deshalb eine der Aufgaben der Außenminister der Staaten der Südostasienpakt-Organisation auf ihrer nächsten Tagung im Frühjahr nächsten
Jahres sein.
Wir wollen dabei selbstverständlich die Vereinten Nationen nicht
vergessen. Sie wurden mit dem Ziel gegründet, allen Völkern eine kollektive Sicherheit zu geben sowie eine stärkere wirtschaftliche und
soziale Zusammenarbeit herbeizuführen. Die Vereinten Nationen leisten
in dieser Hinsicht, ebenso wie in der Vergangenheit, auch heute ausgezeichnete Dienste. Allerdings blieb das bisher Erreichte hinter den
gesteckten Zielen zurück. Die Stärkung der Vereinten Nationen ist deshalb eine weitere lebenswichtige Phase der gemeinsamen Anstrengungen
zur Festigung von Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.
Ein drittes wichtiges Problem bilden die 700 Millionen Menschen
in den 18 jungen Staatswesen, die in der Zeit seit Ende des zweiten
Weltkrieges ihre volle Unabhängigkeit erlangt haben.
Diese neuen Nationen unterscheiden sich in vieler Hinsicht sehr
deutlich voneinander. Aber sie gleichen sich insofern, als sie alle
von Nationalbewußtsein und Patriotismus durchdrungen sind, die ihnen
die Freiheit eingebracht haben. Ebenso huldigen sie dem Fortschritt,
von dem sie sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erhoffen.
Ein Teil dieser erst seit kurzer Zeit unabhängigen Staaten ist
sich darüber im klaren, daß ihre Unabhängigkeit am besten durch
kollektive Sicherheitsvereinbarungen, wie wir sie dargelegt haben,
gewährleistet wird. Wir sind stolz darauf, mit diesen Nationen verbunden zu sein, und sind fest entschlossen, das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Es gibt auch junge unabhängige Nationen, die es vorziehen, sich
nicht irgendwelchen kollektiven Sicherheitspakten anzuschließen. Wir
respektieren natürlich vollauf ihre Entscheidungsfreiheit.
Wir haben ein außerordentliches Interesse an der Unabhängigkeit
all dieser jungen Nationen und sind bereit, ihnen durch einen Beitrag
aus unseren Erfahrungen und Hilfsquellen zu helfen, eine solide Grundlage für ihre Freiheit zu schaffen.
Dies ist für die freie Welt Problem und Aufgabe zugleich. Denn
auf die Dauer gesehen sind politische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wohlergehen voneinander abhängig. Vieles ist bereits getan
worden und wird gegenwärtig getan, um diesem Problem gerecht zu werden.
Aber dies war nur eine schrittweise Entwicklung. Die Suche nach zufriedenstellenden und verlässlichen Methoden dauert noch immer an.
Die

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Die freie Welt ist sehr wohl in der Lage, die Gewähr dafür zu
geben, daß ein Volk, da3 sich der Freiheit verschrieben hat, nicht
gezwungen ist, zwischen kommunistischer Versklavung und wirtschaftlicher Not zu wählen.
Eine weitere wesentliche Sorge unserer Außenpolitik gilt den
in Unfreiheit lebenden Völkern der '»Veit. Wir hatten den zweiten Weltkrieg als einen Befreiungskrieg betrachtet. Die Atlantik-Charta und
die Deklaration der Vereinten Nationen verpflichten alle Alliierten, die
Souveränitätsrechte und die Selbstregierung allen jenen zurückzugeben,
denen sie gewaltsam genommen worden waren, und das Recht aller Völker
anzuerkennen, sich selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie
leben wollen. Leider sind diese feierlichen Versprechen verletzt worden,
und in Osteuropa ist eine Art der Unterjochung nur durch eine andere
abgelöst worden.
Aber patriotischer Geist und die Sehnsucht der Menschen "nach Gedanken- und Gewissensfreiheit und nach dem Recht, sich ihr Leben selbst
zu gestalten, sind Kräfte, die an den eisernen Banden der Sklaverei
nagen und sie schließlich zerbrechen.
Wir erleben heute dramatische Beweise für diese Wahrheit. Das
polnische Volk lockert nunmehr den sowjetischen Griff um das Land,
das es liebt. . Und die heldenhafte Bevölkerung Ungarns bietet dem
mörderischen Feuer der Panzer der Roten Armee Trotz. Für diese Patrioten
bedeutet die Freiheit mehr als das Leben. Und alle, die sich der Freiheit in Frieden erfreuen, haben die feierliche Pflicht, mit allen geeigneten Mitteln danach zu trachten, daß die Menschen, die jetzt für
die Freiheit sterben, ihr Leben nicht umsonst gegeben haben.
Die Schwäche des sowjetischen Imperialismus hat sich deutlich
gezeigt. Diese Schwäche ist nicht militärischer Natur, auch beruht
sie nicht auf einem Mangel an materieller Macht. Er ist schwach, weil
er versucht, durch Unterdrückung menschlicher Wünsche, die sich nicht
dauernd unterdrücken lassen, und durch Verschleierung von Wahrheiten,
die sich nicht dauernd verheimlichen lassen, eine unnatürliche Gewaltherrschaft aufrecht zu erhalten.
Nach außen erwecken die imperialistischen Diktaturen oft einen
furchterregenden Eindruck. Eine Zeitlang erscheinen sie hart, glänzend
und unwiderstehlich. Tatsächlich aber erweisen sie sich "wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind
sie voller Totengebein und Unflat." Sie haben verwundbare Stellen,
die nicht leicht erkennbar sind.
Von Anfang an ist die amerikanische Nation überall in der Welt
für politische Unabhängigkeit und menschliche Freiheit eingetreten.
Von unserer Unabhängigkeitserklärung sagte Lincoln, daß sie "nicht
nur den Menschen dieses Landes die Freiheit, sondern auch der Welt
Hoffnung für alle Zukunft" gebe. In der Zeit, als unsere Nation gegründet wurde, befand sich der Despotismus auf einem Höhepunkt. Doch

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Doch unsere freie Gesellschaft und die großen Erfolge, die sie zeitigte, wurden überall in der V/elt bekannt und tragen dazu bei, die Unterdrückten Völker der damaligen Zeit dafür zu begeistern, Möglichkeiten
zu fordern und zu erlangen, um ihr eigenes Schicksal in die Hand zu
nehmen. Heute setzt unsere Nation ihre historische Aufgabe fort. Bei
den unterworfenen Völkern soll kein Zweifel darüber bestehen, daß sie
in uns einen aufrichtigen und selbstlosen Freund besitzen, der ihre
Hoffnungen teilt. Sie müssen wissen, daß sie während der Zeit des
Umstellungsprozesses ihrer Wirtschaft, def unvermeidlich ist, wenn sie
ihre produktiven Bemühungen in den Dienst ihres eigenen Volkes und
nicht mehr in den Dienst ihrer ünte- drücker stellen, von unserem Überfluß erhalten können. Auch stellen wir nicht die Bedingung, daß wirtschaftliche Bindungen zwischen uns von der Annahme irgendeines bestimmten Gesellschaftssystems abhängig sind.
Lassen Sie mich folgendes aussprechen, was über jeden Zweifel erhaben ist« In ihrem Wunsche, die Satellitenländer frei zu sehen, verfolgen die Vereinigten Staaten keine hintergründigen Absichten. Wir
haben den aufrichtigen Wunsch, daß diese Völker, die so viel zu unserem eigenen nationalen Leben beigetragen haben, ihre Souveränität wiedererhalten und daß sie Regierungen nach eigener freier Wahl bilden können.
Wir betrachten diese Nationen nicht als potentielle militärische Verbündete. Wir betrachten sie als Freunde und als Teil eines neuen befreundeten und nicht mehr länger geteilten Europas. Wir bauen darauf, daß ihre
Unabhängigkeit, wenn sie ihnen unverzüglich gewährt wird, außerordentlich
zur Festigung des Friedens in ganz Europa, im Westen und im Osten, beitragen wird.
Ich möchte hierbei noch ein Wort über die künftigen Beziehungen
mit den Völkern hinzufügen, aus denen sich die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammensetzt. Auch sie dürfen hoffen. Mit
der zunehmenden Bildung der breiten Massen und der Entwicklung der
Industrie entstand ein wachsendes Verlangen nach geistiger Freiheit,
nach größerer gesetzlich geschützter persönlicher Sicherheit und
nach der Möglichkeit, die schönen Dinge des Lebens zu genießen.
Diesen Forderungen ist in gewissem Maße stattgegeben worden.
Es besteht Grund zu der Annahme, daß sich diese Entwicklung
als unwiderruflich erweisen wird. Sie mag eines Tages dazu führen,
daß das amerikanische Volk mit dem russischen Volke die Beziehungen der Freundschaft unterhalten kann, die es sich wünscht und die
Regierungen unserer Länder als Freunde miteinander verhandeln können.

Ich

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Ich habe nur die allgemeinen Punkte berührt. Daneben gibt es die
speziellen Probleme. In einer Welt, die so deutlich die menschlichen
Leidenschaften und Unzulänglichkeiten widerspiegelt, werden ständig
besondere Situationen entstehen, die den Frieden oder die guten Beziehungen zwischen den Nationen bedrohen. Die Geschichte weist eine
lange Reihe solcher Probleme auf; es gibt sie heute und wird sie in
Zukunft geben. Ich will kurz auf eines davon eingehen - den Streit um
den Suezkanal. Ich greife gerade dieses Problem heraus, weil es von
unmittelbarer und großer Bedeutung ist, und weil es das ständig gegenwärtige Problem des "Kampfes für den Frieden" deutlich macht.
Der Suezkanal ist die wichtigste künstliche Wasserstraße der
Welt. Sie ist durch Vertrag internationalisiert. Seit ihrer Eröffnung
vor 90 Jahren wurde sie von der unter Beteiligung der ganzen Welt gegründeten Suez-Kanal-Gesellschaft betrieben. Am 26. Juli 1956 hat die
ägyptische Regierung aus nationalen Erwägungen heraus das Vermögen der
Gesellschaft beschlagnahmt und den Betrieb des Kanals in eigene Regie
übernommen.
Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten traten unmittelbar darauf zu einer Konferenz zusammen,
um darüber zu beraten, welche Schritte unternommen werden könnten.
In einigen Kreisen vertrat man die Auffassung, daß man auf der Stelle
Gewaltmaßnahmen ergreifen solle, um die Verhältnisse wiederherzustellen,
wie sie vor dem ägyptischen Schritt bestanden hatten. Unsere drei Regierungen kamen jedoch überein, die 24 unmittelbar betroffenen Staaten,
darunter auch Ägypten, zu einer Konferenz einzuladen.
Das war "Friedensbemühung Nummer eins".
Diese Konferenz fand in London im August statt. Nur zwei der
eingeladenen Staaten, darunter Ägypten, erschienen nicht auf der
Konferenz. Auf dieser Konferenz formulierten 18 Staaten aus Europa,
Asien, Afrika, Australien und Amerika, auf die zusammen 90 Prozent
des gesaraten Schiffsverkehrs durch den Suezkanal entfallen, einen
Vorschlag, dessen Ziel es war, einen erfolgreichen und zuverlässigen
Betrieb sowie den Unterhalt und den weiteren Ausbau des Kanals gemäß
der Konvention von 1888 sicherzustellen.
Diese Londoner Konferenz war "Friedensbemühung Nummer zwei".
Im Anschluß daran entsandten die 18 Staaten, die-dem erwähnten
Vorschlag beipflichteten, eine aus Vertretern von fünf Ländern gebildete Mission nach Kairo, an deren Spitze der australische Ministerpräsident Menzies stand und die die Aufgabe hatte, dem ägyptischen
Staatschef Nasser ihren Vorschlag zu unterbreiten.
Diese Mission nach Kairo war "Friedensbemühung Nummer drei" .

Als

�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Als Staatschef Nasser diesen Vorschlag zurückwies, traten die
18 Staaten im September abermals in London zu einer Konferenz zusammen. Sie arbeiteten dort einen Plan bezüglich der Schaffung einer
kooperativen Vereinigung zur Vertretung der Interessen der Kiilil«
benutzer aus. Dies geschah in der KfrffMUift &gt;lsP äi%§§ fafSifl4#ifl|h
die zunächst auf eine provisorische Arbeitsbasis gestellt wurde, in
ausreichendem Maße zu einer Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden gelangen möge.
Diese Konferenz vom September war "Friedensbemühung Nummer vier".
Während die Vereinigung der Kanalbenutzer noch im Begriff stand,
sich zu konstituieren, brachten Großbritannien und Frankreich die
Suez-Frage vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Nach neuntägigen Beratungen billigte der Sicherheitsrat sechs
Grundsätze für die Lösung des Suez-Problems. Diese sechs Grundsätze
waren im wesentlichen die gleichen, die von den 18 Benutzerstaaten auf
der Londoner Konferenz vom August angenommen worden waren.
Frankreich und Großbritannien schlugen ferner Maßnahmen vor,
die eine Verwirklichung dieser Grundsätze beschleunigen sollten.
Dieser Teil der entsprechenden Entschließung erhielt neun von insgesamt elf Stimmen, wurde allerdings auf Grund; des Vetos der Sowjetunion angenommen.
Dieses Vorgehen des Sicherheitsrates war "Friedensbemühung Nummer
f ünf".
Während die formellen Erörterungen im Sicherheitsrat noch im
Gange waren, kam es zu einem inoffiziellen privaten Meinungsaustausch
zwischen den Außenministern Großbritanniens, Frankreichs und Ägyptens,
der durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen angeregt worden
war.
Diese privaten und inoffiziellen Besprechungen waren "Friedensbemühungen Nummer sechs".
Man hofft jetzt, daß es zwischen den drei genannten Regierungen
zu einem weiteren Gedankenaustausch kommt. Diese Konferenzen wären,
wenn sie Zustandekommen, "Friedensbemühung Nummer sieben".
Ich bin überzeugt, daß diese Aufzählung Sie nicht ermüdet hat.
Ich kann Ihnen versichern, daß die praktischen Bemühungen selbst,
wenn sie auch hohe Anforderungen stellten, für die vielen Menschen
aus den zahlreichen Ländern keineswegs ermüdend waren, die auf diese
Weise versuchten, eine friedliche und gerechte Lösung für eine Situation zu finden, wie sie durch die Beschlagnahme einer Einrichtung von
großer internationaler Bedeutung seitens der ägyptischen Regierung
entstanden ist.
Unter

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31 . Oktober 1956

Unter den Verhältnissen in der Welt, wie sie vor der Annahme der
Charta der Vereinten Nationen bestanden, wäre es mit größter Wahrscheinlichkeit binnen kurzem zum Krieg gekommen. Wir sehen noch nicht klar,
wie sich die künftige Entwicklung gestalten wird. Aber seit drei Monaten bemüht man sich nahezu unaufhörlich, eine Lösung auf dem Verhandlungswege zu erzielen. Der Kampf um den Frieden ist mit Intensität und
Einfallsreichtum geführt worden. Die nächste Phase, die vielleicht entscheidend sein wird, hängt in erster Linie von den drei am unmittelbarsten betroffenen Regierungen ab - den Regierungen Prankreichs,
Englands und Ägyptens -, wobei auch der Generalsekretär der Vereinten
Nationen eine wichtige Rolle spielt.
Wir glaubten von Anfang an, daß jede Lösung, wie sie auch ausfallen würde, zwei Grundtatsachen berücksichtigen müsse. Das eine
Prinzip ist, daß ein internationaler Wasserweg wie der Suezkanal, der
stets einen internationalen Status hatte, rechtens nicht zum Instrument
der Politik irgendeiner Regierung werden darf, was bedeuten würde,
daß das gleiche Recht aller auf Durchfahrt von der Gunst dieser Regierung abhängig gemacht werden kann. Ägypten braucht sich deshalb
nicht der Rechte zu begeben, die ihm als einem souveränen Staat, durch
dessen Hoheitsgebiet dieser internationale Wasserweg führt, normalerweise zustehen. Dies bedeutet aber, daß es Ägypten nicht möglich
sein darf, offen oder versteckt nach eigener Willkür den Betrieb dieses
internationalen Wasserwegs zu regeln, so daß die Staaten, die auf ihn
angewiesen sind, in Wahrheit ständig unter einem wirtschaftlichen
Damoklesschwert leben. Das wäre ein unerträglicher Zustand. Er wäre
unvereinbar mit den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen,
die besagen, daß solche Situationen in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts gelöst werden müssen.
Der zweite wichtige Grundsatz ist, daß die gegenseitige Abhängigkeit Europas, Asiens und Afrikas in wirtschaftlicher Hinsicht, die
den Suez-Kanal so unentbehrlich macht, durch Zwang und Gewalt nicht
aufrechterhalten werden kann.
Wenn die Verwirklichung dieser beiden Grundsätze im Geiste der
Aufrichtigkeit angestrebt wird, dann kann eine Vereinbarung auf dem
Verhandlungswege zustande kommen.
Ich kann nicht voraussagen, wie sich die Dinge weiterentwickeln
werden. Die Situation ist ernst. Es gibt mehrere störende und die
Dinge noch komplizierende Faktoren, die nichts mit der Kanalfrage
selbst zu tun haben. Wenn jedoch die Regierungen der am meisten
betroffenen Staaten, die Regierungen also von Frankreich, Großbritannien und Ägypten, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu einem Übereinkommen gelangen sollten, dann haben sie dem jahrhundertealten Kampf
um einen gerechten und dauerhaften Frieden ein ermutigendes Kapitel
hinzugefügt. Sie werden dann jenes Lob verdienen, das die öffentliche
Meinung in aller Welt und die Geschichte ihnen bestimmt zuerkennen
worden.
Was

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31 . Oktober 1956

Was ich hier über die Suezfrage gesagt habe, läßt vielleicht
auch den Schluß zu, daß sich keine der allgemeinen Richtlinien bezüglich der einzuschlagenden Politik, wie ich sie im ersten Teil meiner
Rede aufgezeigt habe, in die Tat umsetzen lassen wird, ohne daß sich
dabei eine Vielzahl von Hindernissen auftut, die es zu überwinden gilt.
Wir alle kennen die Hindernisse, denen sich Menschen in Zeiten
des Krieges gegenübersehen und die sie überwinden, um den Sieg zu
erringen. Man scheint dagegen nicht zu erkennen, daß es in Zeiten
des Friedens vergleichbarer Anstrengungen bedarf, um den Frieden zu
erhalten. Der Friede wird so lange nicht gewonnen werden, wie die
Menschen ihr Bestes nur im Krieg zu leisten bereit sind. Auch der
Friede muß erkämpft werden, genauso wie Kriege durchgekämpft werden,
und Menschen und Völker haben tatkräftig und opferbereit darauf hinzuarbeiten, der Bedrohungen von Frieden und Gerechtigkeit Herr zu
werden.
Ich sehe keinen Grund dafür, daß dies nicht möglich sein sollte.
Der Friede ist sicherlich ein Ziel, dessen Erringung die gleiche Hingabe verdient, wie die Erringung des Sieges im Kriege. Heute ist dies
wichtiger denn je zuvor, da wir in einer Welt leben, bei der es im
Falle eines Krieges vielleicht noch nicht einmal einen Sieger geben
wird.
Ich vertraue darauf, daß die von mir hier aufgezeigte Geisteshaltung dem Denken des amerikanischen Volkes und seiner politischen
Führung, gleichgültig welcher Partei diese angehört, entspricht. Wenn
die Völker und Führer anderer Länder sich zu der gleichen Geisteshaltung aufschwingen, dann können wir einer Zukunft entgegengehen,
die uns trotz vielfältiger verwirrender Phänomene hoffnungsvoll zu
großen schöpferischen Taten aufruft.

* * * * *

I

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�EISENHOWER: VERTRAUEN UND VERSTÄNDNIS UNTER ALLEN
VÖLKERN SCHAFFEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des 'US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 2$. Oktober 1956, in
der er auseinandersetzt, warum die USA die H-Bombenversuche fortsetzen werden. .
Der Präsident gab diese Erklärung im Rahmen
eines Berichtes über die nukleare Abrüstung,
der auf Informationen des US-Außen- und des
US-Verteidigungsministeriums und der US-Atomenergie-Kommission basiert und vom Weißen Haus
nunmehr veröffentlicht wurde.

"Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es im öffentlichen Interesse
liegen würde, wenn ich vor Ihnen, dem amerikanischen Volk, und vor der
Welt einen umfassenden und klaren Überblick über die Politik und die
Maßnahmen unserer Regierung in bezug auf die Entwicklung und Erprobung der nuklearen Kampfmittel gebe, soweit diese unsere nationale
Verteidigung, unser Streben zur Herbeiführung einer Weltabrüstung
und unseren 'Wunsch nach einem sicheren und gerechten Frieden für alle
Nationen betreffen.
Bei diesem Dienst am "Weltfrieden darf eine Tatsache niemals außer
acht gelassen werden. Es ist diese: Das kritische Problem besteht
nicht darin, Kernwaffen zu prüfen, sondern darin, ihre Anwendung in
einem Atomkrieg zu verhindern. Amerika hat wiederholt seine Bereitschaft, ja den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, alle nuklearen Kampfmittel für dauernd abzuschaffen, die Erprobungen derartiger Waffen einzustellen, einen Teil unserer gewaltigen Rüstungsausgaben in den wichtigeren Dienst der Förderung des Wohles der Menschheit zu stellen - alle diese Dinge zu tun, wann immer und sobald dem
einen grundlegenden Erfordernis Ganüge getan ist, dem Erfordernis
nämlich, daß wir als Nation und alle anderen Völker vor einem Angriff
sicher sind.
Aus diesem Geiste und dieser Erkenntnis heraus haben wir als
Nation zwei Aufgaben zu erfüllen. Einmal müssen wir - und wir tun
das auch - unermüdlich danach streben, mit anderen Nationen Abkommen zu treffen, die Vertrauen und Verständnis unter allen Völkern

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31 . Oktober 1956

Völkern schaffen. Zwei tens müssen wir zur gleichen Zeit und bis zu dem
Zeitpunkt, wo das internationale Vertrauen endgültig sichergestellt
ist, darauf achten - und wir tun dies -, daß die Qualität und Quantität unserer militärischen Waffen einen derartigen Respekt gebieten, daß
sie jede Nation von der Versuchung
abhalten, eine Aggression zu beginnen.
Deshalb entwickeln wir Waffen, nicht um Krieg zu führen, sondern
um ihn zu verhindern. Nur im hellen Lichte dieser größeren Wahrheit
können wir die untergeordnetere Frage der Erprobung unserer Kernwaffen
korrekt prüfen.
Ich habe in der vergangenen Woche in dieser Angelegenheit die
zuständigen Ministerien und Stellen unserer Regierung angewiesen, mir
eine Zusammenfassung aller wichtigen Fakten aus ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich zu unterbreiten. Dieses Material umfaßt die Zeitspannen der letzten elf Jahre - seit der ersten Atomexplosion, die bei
einem Versuch in Neu-Mexiko stattfand. In diesem Zusammenhang mag die
Feststellung angemessen sein, daß ich mich in diesen elf Jahren in fast
ununterbrochener Folge persönlich mit diesen Dingen befaßt habe, nämlich in meiner Eigenschaft als Stabschef der Armee, als Berater des
Verteidigungsministers, als Oberster Befehlshaber der alliierten Truppen in Europa und seit 1953 als Ihr Präsident und als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte.
Die Liste der von Ihrer Regierung getroffenen politischen Schritte
und Maßnahmen wird hiermit der Öffentlichkeit übergeben
soweit dies
ohne die nationale Sicherheit zu gefährden - möglich ist. Sie umfaßt
Fakten aus dem Bereich der nationalen Verteidigung, der wissenschaftlichen Entwicklung und der diplomatischen Bemühungen. Dieses Material
spiegelt in klarer und konsequenter Weise die beständigen, friedlichen
Zielsetzungen unserer Nation wider.
Ich halte es in diesem Überblick für angemessen, auf die wichtigsten Fakten des anliegenden Berichtes hinzuweisen.
Erstens: Unsere Regierung hat in ihren Bemühungen nicht nachgelassen, die Rüstungslasten in der gesamten Welt zu erleichtern, eine
wirkungsvolle internationale Kontrolle der Erprobung und Anwendung
aller Kernwaffen zu schaffen und die internationale Anwendung der
Atomenergie für friedliche Bedürfnisse und Ziele zu verwirklichen.
Die sichtbaren Beweise dieser Anstrengungen erstrecken sich vom Beginn unserer Regierung bis auf heute:
a) meine Rede vom 16. April 1953» in der ich bereits diese besonderen Zielsetzungen zur Verwirklichung empfahl;
b) das im Dezember gleichen Jahres unterbreitete "Atome-für-denFrieden"-Programm;

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31 . Oktober 1956

c) die Ernennung eines Sonderbeauftragten für Abrüstungsfragen
mit Ministerrang, um unsere Abrüstungsbemühungen zu entwickeln und zu
koordinieren;
d) mein während der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli
1955 unterbreiteter Vorschlag, den Austausch militärischer Pläne zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion'sowie eine gemeinsame
Luftinspektion durch die Formel der "Offenen Himmel" unverzüglich zu be
ginnen;
e) die Annahme des sowjetischen Vorschlags für die Schaffung von
Bodeninspektionsgruppen, sofern diese mit der Luftinspektion gekoppelt
sindf
f) die i n dieser Woche erfolgte Annahme der Statuten für die Internationale Atomenergiebehörde, an deren friedlichen Zielsetzungen
sich 81 Nationen beteiligen; und
g) unsere fortgesetzte konstruktive Beteiligung an der Arbeit der
UN-Abrüstungskommission.
Tatsachen, wie die hier aufgeführten, haben meiner Erklärung
vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 8. Dezember 1953
Inhalt und Gültigkeit gegeben. Damals sagte ich:
'Die Vereinigten Staaten geloben vor Ihnen und damit vor aller
Welt, daß sie entschlossen sind, das furchtbare, durch das Atom geschaffene Dilemma zu lösen - und daß sie all ihre Kräfte des Herzens
und des Verstandes daran setzen werden, einen Weg zu finden, damit des
Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht,
sondern seinem Leben geweiht wird.1
Zweitens: Das unerlässliche Prinzip, auf dem wir bestanden haben,
war die Gewährleistung wirksamer Maßnahmen und Kontrollen in einem
jeden Abrüstungsprogramm. Unsere Bereitschaft, mit einer Abrüstung im
Rahmen solcher Sicherheitsmaßnahmen zu beginnen, ist in den letzten
dreieinhalb Jahren immer wieder bestätigt und bekräftigt worden. Auf
der Genfer Außenministerkonferenz vom vergangenen Herbst hat der amerikanische Außenminister diese Bereitschaft unter besonderer Bezugnahme
auf die nuklearen Waffen und ihre Erprobung erneut bestätigt.
Es gibt nur einen einzigen Grund, warum bis jetzt kein sicheres
Abkommen getroffen worden ist: die Weigerung der Sowjetunion, irgendein verlässliches System gegenseitiger Sicherheitsgarantien anzunehmen. Allein in den letzten beiden Jahren hat die Sowjetunion nicht
weniger als 14 amerikanische Vorschläge zur Abrüstung und Kontrolle
nuklearer Waffen abgelehnt.
Drittens: Angesichts dieser Tatsachen hat unsere Regierung ihre
Bestände an Kernwaffen ständig vergrößert und die Entwicklung und
Erprobung der modernsten nuklearen Kampfmittel fortgesetzt. Die Macht
dieser Waffen zur Abwehr einer Aggression und zur Wahrung des Weltfriedens könnte verloren gehen, wenn wir es versäumen, unsere Überlegenheit

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31. Oktober 1956

Überlegenheit hinsichtlich dieser Waffen aufrecht zu erhalten. Und
die Bedeutung unserer Stärke auf diesem speziellen Gebiet der Waffentechnik wird nachdrücklich durch die unumstößliche Tatsache unserer
zahlenmäßigen Unterlegenheit gegenüber den Kommunisten unterstrichen.
Viertens: Die Fortdauer der gegenwärtigen Rate von Wasserstoffbombenversuchen stellt nach dem ganz nüchternen und verantwortungsbewußten Urteil der Wissenschaft keine Gefährdung der Gesundheit der
Menschheit dar. Was die Menge des aus diesen Versuchen resultierenden
radioaktiven Niederschlages einschließlich des Strontium 90 anbetrifft,
so kommt wohl dem darüber von der unabhängigen Nationalen Akademie der
Wissenschaften abgegebenen Urteil die größte Autorität zu. Sie berichtete im vergangenen Juni im Anschluß an eine von 150 der namhaftesten
Wissenschaftler durchgeführte Studie, daß die Menschen auf Grund aller
bisherigen Waffenversuche und bei Fortdauer der gegenwärtigen Rate
dieser Versuche nur einem Bruchteil der Strahlungen ausgesetzt sind,
die sie normalerweise während ihres Lebens auf Grund natürlicher Strahlenquellen und medizinischer Röntgenstrahlen aufnehmen.
Fünftens: Andererseits zeitigt die Fortsetzung dieser Versuche
zwei wichtige segensreiche Resultate.
Einmal geben uns die jüngsten Versuche nunmehr die Möglichkeit,
unsere Waffen genauer und wirksamer zu gestalten und zu kontrollieren,
den radioaktiven Niederschlag drastisch zu reduzieren und diese Waffen
so zu bauen, daß sie sich - wenn sie je eingesetzt werden sollten leichter auf militärische Ziele konzentrieren lassen. Man rechnet zuversichtlich mit weiteren Fortschritten in dieser Richtung.
Zum anderen haben diese jüngsten Versuche uns bei der Entwicklung
von Waffen geholfen - Waffen, die nicht in erster Linie eine größere
Zerstörungskraft haben, sondern für die Verteidigung unseres Volkes
gegen jeden etwaigen Angriff bestimmt sind - sowie Kenntnisse vermittelt, die für unser gesamtes ziviles Verteidigungsprogramm von entscheidender Wichtigkeit sind.
Sechstens: Radioaktiver Niederschlag, auch radioaktives Strontium
90 tritt nach allen Kernwaffenversuchen - gleich welcher Größe _ auf.
Allerdings ist der radioaktive Niederschlag von der Art der Waffe und
ihrer Größe abhängig. Ein solcher Niederschlag kann nicht - wie gesagt
worden ist - durch die Begrenzung der Versuche auf kleinere Waffen vermieden werden. Niederschlag von Strontium 90 ist eine Folge des Atomspaltungsprozesses. Die Atomspaltung aber ist sozusagen das Grundphänomen aller kleineren Waffen. Somit beruht der Gedanke, daß wir
•die Ausstreuung dieses gefährlichen Materials in die Luft beenden
können', indem wir uns auf kleinere durch Atomspaltung wirksame Waffen
konzentrieren, auf einer anscheinenden Unkenntnis dieser Tatsachen.
Siebtens: In bezug auf die Sowjetunion ist folgendes zu sagen:
Es ist unbestreitbar, daß die Sowjetunion mit dem Gedanken einer
Einstellung der H-Bombenversuche sympathisiert. Dieser Gedanke spiegelt lediglich das seit der Erörterung des Baruch-Planes im Jahre

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AMERIKA DIENST"

Jahre 194&amp; wiederholt gezeigte Beharren der Sowjetunion wider, daß
alle Abrüstungspläne auf einfachen, freiwilligen Abkommen basieren
sollen. Diese Formel sieht heute, genauso wie früher, keinerlei Sicherheitsmaßnahmen, keine Kontrollen und keine Inspektion vor.
Achtens: Man kann ein einfaches Abkommen zur Einstellung der
H-Bombenversuche nicht als etwas ansehen, das sich automatisch Geltung
verschafft, indem man von der durch nichts bestätigten Annahme ausgeht,
daß derartige Versuche sofort und auf sichere Weise entdeckt werden
können. Es stimmt zwar, daß Versuche mit sehr großen Waffen vermutlich
in dem Augenblick registriert werden können, wo sie durchgeführt werden.
Wir sind der Ansicht, daß wir praktisch alle bisher erfolgten derartigen Versuche entdeckt haben. Es ist jedoch in Anbetracht der ungeheuren sowjetischen Landmasse, durch die eventuelle zukünftige Versuche
abgeschirmt werden können, unmöglich, eine absolut positive Gewißheit
hinsichtlich einer solchen Registrierung zu haben, ausgenommen im Falle
eines Versuches mit den größten Waffen. Es ist auch nicht möglich, unmittelbar, nachdem ein in weiter Entfernung erfolgter Versuch entdeckt
worden ist, den Umfang und die Art dieses Tests zu bestimmen.
Neuntens: Wenn unsere Regierung die Forschungs- und Vorbereitungsarbeiten für Versuche und auch die Versuche selbst einstellen sowie
derartige Vorbereitungen erst nach Kenntnisnahme der Tatsache wiederaufnehmen sollte, daß eine andere Nation eine weitere Wasserstoffbombe
zur Explosion gebracht hat, so würden wir vielleicht feststellen müssen,
daß unsere gegenwärtige eindeutige Führung auf dem Gebiet der thermonuklearen Waffen verlorengegangen oder sogar ins Gegenteil verkehrt worden
ist.
Zehntens: Wenn unsere Regierung lediglich die Versuche einstellen,
•vorsichtshalber jedoch Forschung und Vorbereitungsarbeiten fortsetzen
sollte, sofern dies überhaupt durchführbar ist, dann könnten wir noch
immer einen schwerwiegenden militärischen Nachteil erleiden. Um derartige Versuche wie jene, die auf unserem Versuchsgelände im Pazifischen
Ozean durchgeführt wurden, vorzubereiten und durchzuführen, benötigt
man mindestens ein Jahr.
Diese Tatsachen führen zwangsläufig zu zwei Schlußfolgerungen:
Einmal müssen wir unsere Stärke hinsichtlich der modernsten Waffen
im Interesse unserer eigenen nationalen Sicherheit, im Interesse aller
freien Nationen und im Interesse des Friedens selbst solange weiter
entwickeln, bis internationale Abkommen mit angemessenen Sicherheitsgarantien erreicht werden können.
Zum anderen müssen und werden wir unablässig danach streben,
keine illusionäre, sondern eine wirkliche Abrüstung in der Welt zu
erreichen. Die Illusion kann in diesem Fall zwei Formen annehmen. Sie
kann bedeuten, daß man Abkommen ohne Sicherheitsgarantien vertraut.
Oder sie kann in der Annahme bestehen, daß eine einfache Einstellung
unserer Atomversuche, ohne dabei sichere Kenntnis von den Aktionen der
anderen Mächte zu besitzen, einen Fortschritt und keine Gefahr bedeutet.
In

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31. Oktober

1956

In der Nachkriegsgeschichte gibt es nichts, was die Ansicht rechtfertigen würde, wir sollten bei irgendwelchen Abrüstungsvereinbarungen
etwas akzeptieren - oder könnten dies auch nur wagen -.was weniger
darstellt als gesunde Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen.
Ich habe auch weiterhin die feste Hoffnung, daß wir die Verwirklichung einer bedeutsamen internationalen Abrüstung erleben werden,
wenn wir stark und unbeirrt bleiben.
Wir haben allen Grund zu glauben, daß die Länder der Welt über
ein System verlässlicher, die Abrüstung bestimmender Kontrollen Einigung erzielen können, wenn auf allen Seiten eine aufrichtige und friedliche Zielsetzung vorhanden ist. Wir werden niemals aufhören, dieses
Ziel anzustreben."

* * * * *

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�A M E R I K A

US-BEITRAG ZUR WELTATOMBEHÖRDE:

D I E N S T

5000 KILOGRAM URAN 235

VEREINTE NATIONEN (NEW YORK) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Botschaft des US-Präsidenten Dwight D.
Eisenhower, vom 26.Oktober 1956, in der er erklärt, daß die Vereinigten Staaten der neuen
Internationalen Atombehörde, die ihren Sitz
voraussichtlich in Wien haben wird, 5000 kg
Uran 235 und darüber hinaus bis I.Juli i960
die gleiche Menge spaltbaren Materials zur
Verfügung stellen wird wie alle anderen Mitgliedstaaten zusammen.
Die Botschaft wurde vom Vorsitzenden der USAtomenergiebehörde auf der Schlußsitzung der
internationalen Konferenz für die neue Weltatomenergiebehörde in New York verlesen.
"Herr Präsident, meine Herren Delegierten der Konferenz über
das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde!
Fast drei Jahre sind vergangen, seit ich die Ehre hatte, auf
eine Einladung hin vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. Bei diesem Anlaß schlug ich im Namen der Vereinigten Staaten vor, daß die Atomkraft - die größte Kraft, die die
Wissenschaft jemals in die Hände der Menschen gelegt hat - der
Arbeit für den Frieden dienstbar gemacht werden sollte.
Im einzelnen zielte mein Vorschlag darauf ab, daß erstens
die Regierungen damit beginnen und darin auch fortfahren, aus
ihren für Kriegszwecke angelegten Atommaterialvorräten gemeinsame Beiträge an eine internationale Behörde zu entrichten und
daß zweitens diese Behörde dafür verantwortlich sein sollte., Verfahren auszuarbeiten, wie diese Atommaterialien für die Nöte der
Landwirtschaft, der Medizin sowie andere friedliche Aufgaben der
Menschheit dienstbar gemacht werden können.
Die Vereinigten Staaten gaben dann ein feierliches Versprechen
ab, alle ihre Kräfte des Herzens und des Verstandes daran zu setzen,
einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe
nicht zu seiner Vernichtung gebraucht, sondern seinem Leben geweiht
wird.
Das
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31. Oktober 1956

Das Atom wurde im Jahre 1953 als eine furchtbare Waffe des
Krieges betrachtet. Seit der ersten Explosion im Jahre 1945 hatten
die Menschen in furchtbarer Weise seine Zerstörungskraft vervielfacht. Die Menschen wußten, daß ein einziges Kampfgeschwader eine
Bombenladung von einer größeren Vernichtungskraft mit sich führen
könnte, als sie alle die Bomben zusammen besaßen, die während des
zweiten Weltkrieges über England abgeworfen wurden. Mehrere Nationen
hatten es gelernt, atomare Waffen herzustellen und diese schnell über
Ozeane und Kontinente zu transportieren. Vielen Menschen schien der
Untergang der Zivilisation in einem Atomkrieg unvermeidlich. Wenn sie
vorwärts blickten, so sahen sie keine Hoffnung für eine friedliche Zukunft mehr.
Der im Jahre 1953 von den Vereinigten Staaten gemachte Vorschlag
bot anstelle der Apathie Handeln, anstelle von Verzweiflung Hoffnung
und anstelle des Strudels eines allgemeinen Krieges einen Weg in den
Hafen eines künftigen Friedens.
Von dem Augenblick an, da dieser Vorschlag gemacht war, habe
ich mit glühender Erwartung das Ergebnis all der Arbeit verfolgt,
die von den den Vorschlag unterstützenden Mächten und von den Arbeitsgruppen geleistet wurde, die in den Debatten der Generalversammlung und schließlich von dieser das Werk krönenden Konferenz
verrichtet wurde. Das Planen und das Entwerfen des Rahmens für die
Internationale Atomenergiebehörde hat zahlreiche Monate geduldiger
und verständnisvoller Bemühungen erfordert. Diese Arbeiten sind nunmehr mit der Billigung des Statuts durch die Konferenz zu einem Abschluß gebracht worden.
Ich beglückwünsche die Konferenz zu dem, was sie erreicht hat.
Das Statut und die internationale Behörde, für die es geschaffen ist,
geben der Welt eine neue Hoffnung auf Frieden.
Seit die Vereinigten Staaten im Jahre 1953 ihren Vorschlag unterbreiteten, ist die Zerstörungskraft des Atomes erneut, erheblich vervielfacht, worden. Zu ihrer eigenen Rettung stehen die Menschen unter
einem nicht abzuleugnenden Zwang, diese furchtbare, gewaltige Kraft
statt für die Zerstörungen des Krieges für die konstruktiven Ziele
und Taten des Friedens nutzbar zu machen. Dies ist auch der Grund,
warum die Welt eine neue Hoffnung braucht - eine neue Chance für das
Zusammenwirken der Menschen, um die Enttäuschungen und die Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit zu beseitigen.
Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten niemals aufhören werden, nach zuverlässigen Abkommen zu suchen, unter denen alle
Nationen zusammenarbeiten können, um eine Atomabrüstung zu erreichen.
Um das Kommen dieses Tages zu beschleunigen, haben die friedliebenden Völker auf die Verwirklichung; der friedlichen Anwendungsmöglichkeiten des Atoms zum Wohle und Segen der Menschen gedrängt. In
dem Maße, wie das erweiterte 7/issen die Kraft des Atoms immer furchtbarer macht, bringt sie auch die Verwirklichung der in ihm wohnenden
Kräfte für das Gute mit sich. Aus der Zusammenarbeit der Völker kann
Frieden ersprießen. Wenn die Völker eine gemeinsame Sache und ein ge- 2 -

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31. Oktober 1956

gemeinsames Interesse haben, so werden sie durch dieses Band enger miteinander verbunden.
Wir - als eine der friedliebenden Nationen - waren bestrebt, unser
Wissen um das Atom und unsere atomaren Materialien mit anderen zu teilen. Im vergangenen Februar haben wir angeboten, befreundeten Ländern
für friedliche Zwecke 20 000 Kilogram nuklearer Materialien zur Verfügung zu stellen - eine Menge, die der entspricht, die innerhalb der
Vereinigten Staaten für die gleichen Zwecke zugewiesen wurde. Und
wir haben mit 57 auf dieser Konferenz vertretenen Ländern Abkommen
abgeschlossen - mit weiteren 14 laufen Verhandlungen -, um mit ihnen
beim Bau ihrer eigenen Atomreaktoren - Reaktoren aller Typen und
Größen - für friedliche Zwecke zusammenzuarbeiten.
Die Völker haben ihren Wissensdrang nach einem Verständnis der
verwickelten Geheimnisse der neuen Atomwissenschaft gezeigt. Wir
haben versucht, diesen Drang zu befriedigen, Türen aufzubrechen,
die das von ihnen erstrebte Wissen verschlossen, indem wir große
wissenschaftliche Kongresse anregten und indem wir Bibliotheken,
Lehrgänge und Schulen zur Verfügung stellten. Wir waren glücklich,
unser Wissen über die Möglichkeiten einer friedlichen Nutzbarmachung
des Atoms anbieten zu können - der Möglichkeiten, wie die Atomisotopen
in der Behandlung und Heilung von Kranken, in der Landwirtschaft und in
der Industrie verwendet werden können. Da die Wissenschaft keine Grenzen
kennt, kann das gemeinsame Wissen und die friedliche Anwendung dieser
neuen Wissenschaft uns allen helfen, einander besser zu verstehen.
Bei all diesen Dingen, die wir als Regierung tun, erstreben die
Vereinigten Staaten weder Herrschaft noch Kontrolle oder Gewinn. Wir
werden dies auch niemals tun.
Es steht nunmehr bei den Nationen, die hier auf dieser Konferenz
versammelt sind, das Statut offiziell anzunehmen.
Ich schlage daher im Namen der Vereinigten Staaten folgendes vor»
Erstens, ich werde Sorge tragen, daß das Statut beim Wiederzusammentreten des amerikanischen Kongresses zur offiziellen Ratifizierung durch
den amerikanischen Senat gemäß unserer Verfassung vorgelegt wird und
daß um die notwendige Kongreßvollmacht ersucht wird, der Internationalen Atomenergiebehörde besonderes kemeaktives Material zu übergeben.
Ich habe den Wunsch, daß mein Land unter den ersten ist, die durch
eine offizielle Maßnahme das von Ihrer Konferenz Geleistete Anerkennen.
Zweitens, um die Internationale Atomenergiebehörde nach ihrer
Errichtung durch die entsprechenden Maßnahmen der Regierungen in die
Lage zu versetzen, die Atomforschungs- und Atomkraftprogramme unverzüglich zu beginnen, werden die Vereinigten Staaten der Internationalen
Behörde unter Bedingungen, die mit der Behörde noch abzusprechen sind,
5000 kg Uran 235 als Kernbrennstoff von den insgesamt 20 000 kg dieses
Materials zur Verfügung stellen, die von den Vereinigten Staaten im
Februar für friedliche Zwecke befreundeter Nationen bereitgestellt wurden.
Drittens, zusätzlich zu den oben erwähnten ersten 5000 kg Uran 255

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�AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Uran 235 werden die Vereinigten Staaten der Internationalen Atomenergiebehörde weiteres kernreaktives Material verfügbar machen, das in seiner
Menge dem Gesamtquantum derartiger Materialien entsprechen wird, die in
ähnlicher Weise und unter vergleichbaren Bedingungen von allen anderen
Mitgliedern der Internationalen Behörde für den Zeitraum zwischen der
Errichtung der Behörde und dem I.Juli i960 zur Verfügung gestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dieses kernreaktive Material auf Ersuchen der Atomenergiebehörde für die von der Behörde gebilligten Projekte
ausliefern.
Unter der Voraussetzung, daß alle auf der Konferenz vertretenen
Nationen - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - entsprechende Schritte ergreifen, können wir gemeinsam die vor uns liegenden Hindernisse überwinden und den Beweis erbringen, daß internationale Kontrollen nicht
nur durchführbar, sondern auch allgemein als ein Weg zur Erreichung
des Friedens annehmbar sind.
Ein rasches und erfolgreiches Arbeiten der Behörde kann der Beginn
sein für die Nutzbarmachung der zahllosen Verwendungsformen der Atomenergie
zum Aufbau eines besseren Lebens in unserem Heim, am Arbeitsplatz, für
unsere Reisen und unsere Muße.
Gegenwärtig erblicken wir lediglich die ersten Früchte dieser atomaren Expansion. Atomkraft-Anlagen, die in diesem und verschiedenen
anderen Ländern geplant oder bereits im Bau sind, werden in wenigen
Jahren Energie für den zivilen Bedarf liefern - werden die Räder der
Fabriken treiben und Licht für unzählige Häuser liefern.
Wir wollen bei den Menschen nicht di§ Erwartung wecken, daß das
Atomzeitalter sozusagen über Nacht da sein wird. In vielen Ländern wird
es langwieriger und geduldiger wissenschaftlicher Versuche und Erprobungen bedürfen, ehe aus der Atomenergie Elektrizität gewonnen werden kann,
die mit der aus der verfügbaren Kohle, aus Öl, Gas oder Wasserkraft erzeugten zu konkurrieren vermag. Aber in der Zwischenzeit wird die Internationale Atomenergiebehörde alle derartigen wissenschaftlichen Arbeiten
und Forschungen unterstützen, um damit die Herankunft des ersehnten Tages
zu beschleunigen.
Viele der Segnungen, die aus der Nutzbarmachung des Atoms für
friedliche Zwecke unserem täglichen Leben erwachsen werden - mehr und
billigere Elektrizität, Beleuchtung, Bewässerung "Hori Dürregebieten,
billigere Transportmöglichkeiten, Aufbau von Industrien in Gebieten,
die bislang keine Möglichkeit dazu hatten - viele dieser Segnungen kommen
langsamer zum Tragen als wir es eigentlich wünschen. Aber es gibt etwas,
was wichtiger ist als diese materiellen Vorteile. Ich meine jene Wege, die
zu ausgeglichenen und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern führen.
Die Menschen haben seit langem nach einem Weg für friedliche Erörterungen gesucht. Die Internationale Atomenergiebehörde bietet einen solchen
Weg. Während der vergangenen drei Jahre, in denen über ihre Errichtung
und ihre Tätigkeit beraten wurde, ist dieser Weg offengehalten worden.
Es wird das Ziel der Vereinigten Staaten sein, diesen Weg zu verbreitern
und alle zu seiner Benutzung aufzufordern.
Eines

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�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Eines Tages, so hoffen wir inständig, wird die Vernunft Herr
über den Hang des Menschen zur Zerstörung werden. Jbnmi kann die
Welt ihre Schwerter in Pflugscharen verwandeln. Alle Nationen können
dann ihre Anlagen, die kenreaktives Material herstellen, ausschließlich für den zivilen Bedarf arbeiten lassen, und die Kernenergie, di
in den aufgespeicherten Kernwaffen ruht, kann gleichfalls für die
Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen verwandt werden. In
dieser glücklichen Zeit kann der Gigant der Atomenergie, anstatt
ein Schreckensbild des Zerstörungskrieges zu sein, zu einem gehorsamen Diener in einer blühenden und friedlichen Welt werden.
Die große Vision einer Atomzukunft liegt nicht so sehr in dem
materiellen Überfluß, den sie schließlich für des Menschen Bequemlichkeit und Lebenskomfort bringen dürfte, sondern sie liegt darin,
daß man durch das gemeinsame Teilhaben an diesem Überfluß einen Weg
findet, um die Nationen der Welt zu freundlich miteinander verkehrenden Nachbarn der gleichen Straße zu machen."

* * * * *

�PRÄSIDENT EISENHOWER ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower
nahm am 5t.Oktober 1956 in einer Rundfunkansprache" zu den jüngsten Entwicklungen im
Mittleren Osten und in Osteuropa Stellung,
die folgenden Wortlaut hat:

"Heute Abend berichte ich Ihnen als Ihr Präsident. Wir alle
sind uns der Tatsache bewußt, daß wir gegenwärtig mitten in der
alles umfassenden und völlig offen geführten Debatte eines politischen Wahlkampfes in den USA stehen. Aber die Ereignisse und die
Probleme, die ich Ihnen heute abend vortragen möchte, stehen in
keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen parteipolitischen Fragen.
Sie gehen jeden Amerikaner - sein gegenwärtiges Leben und seine
Zukunft an.
Ich möchte Ihnen daher in einem Bericht die notwendigen Tatsachen geben, damit Sie sich - gleichgültig ob Sie einer der beiden
großen Parteien angehören oder nicht - auf Grund Ihrer Überlegungen
und der Tatsache ein wohlfundiertes Bild über diese sich schnell ändernde Weltlage machen können.
Diese Änderungen, von denen ich hier spreche, sind in zwei Gebieten der Welt - in Osteuropa und im Mittleren Osten - eingetreten.
In Osteuropa scheint die Morgenröte eines neuen Tages angebrochen zu sein. Ihr Kommen hat lange auf sich warten lassen und ist
nicht leicht erfolgt.
Nach dem zweiten Weltkrieg benutzte die Sowjetunion ihre Militärmacht, um den osteuropäischen Staaten* Regierungen nach sowjetischer
Wahl aufzuzwingen, die Diener Moskaus waren.
Die Vereinigten Staaten haben sich in ihrer Politik - unabhängig
von Parteirichtungen - Konsequent darum bemüht, diese Situation zu beenden und das im Krieg gegeberP Versprechen der Vereinten Nationen zu
erfüllen, daß diese Länder, die von den Kriegsarmeen überrannt wurden,
einmal wieder zu Souveränität und Selbstregierung kommen sollten.
Wir konnten eine solche Politik natürlich nicht durch Zufluchtnahme zur Gewalt verwirklichen. Eine solche Gewaltanwendung wäre in
gleicher Weise den wahren Interessen der osteuropäischen Völker wie
den unverrückbaren Grundsätzen der Vereinten Nationen zuwider gewesen.
Aber wir halfen, die Hoffnung dieser Völker auf Freiheit am Leben zu
erhalten.
«
Darüber

�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Darüber hinaus bedurften diese Völker von uns keiner Unterweisung über den Wert der nationalen Freiheit und der persönlichen Unabhängigkeit, denn zur Zeit der amerikanischen Revolution waren gerade aus diesen Ländern viele nach Amerika gekommen, um unserer Sache
beizustehen. Nun ist der Druck des Willens dieser Völker zu nationaler Unabhängigkeit immer stärker und nachdrücklicher geworden.
Vor einigen Tagen hat das polnische Volk - mit seiner stolzen
und unsterblichen Freiheitsliebe - sich angeschickt, einen friedlichen Übergang zu einer neuen Regierung zu vollziehen. Und diese Regierung wird, wie es den Anschein hat, sich ehrlich bemühen, dem
polnischen Volke zu dienen.
Dann hat die gesamte Welt mit Aufmerksamkeit die dramatischen
Ereignisse in Ungarn verfolgt, wo dieses tapfere Volk, wie so oft in
seiner Vergangenheit, sein Leben für die Unabhängigkeit von fremder
Herrschaft eingesetzt hat. Heute scheint ein neues Ungarn aus diesem
Kampf zu erstehen, ein Ungarn, das wie wir aus tiefstem Herzen hoffen,
seine volle und freie nationale Existenz erlangen wird.
Wir haben mit Freude diese historischen Ereignisse verfolgt.
Erst gestern hat die Sowjetunion eine bedeutsame Erklärung über
ihre Beziehungen zu allen Ländern Osteuropas abgegeben. In dieser Erklärung wurde die Notwendigkeit einer Revision der sowjetischen Politik
und einer Änderung dieser Politik anerkannt, um der Forderung des Volkes nach größerer nationaler Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit
gerecht zu werden. Die Sowjetunion erklärte ihre Bereitschaft, den
Abzug der sowjetischen 'Berater' in Erwägung zu ziehen - die in Wahrheit
die herrschende Macht in den sowjetisch besetzten Ländern darstellten und auch den Abzug der sowjetischen Truppen aus solchen Ländern wie
Polen und Ungarn zu erwägen.
Noch wissen wir nicht, ob diese bekanntgegebenen Absichten auch
wirklich durchgeführt werden.
Zwei Dinge pind jedoch klar geworden.
Zum ersten sind die Leidenschaft dieser Völker und die von ihnen
im Namen der Freiheit gebrachten Opfer an sich schon ein echtes Versprechen, daß bald wieder das Licht der Freiheit in ihrem Dunkel
scheinen wird.
Wenn zum zweiten die Sowjetunion wirklich getreulich so handeln
wird, wie sie es versprochen hat, dann wird die Welt Zeuge des größten
Schrittes nach vorwärts auf dem Wege zu Gerechtigkeit, Vertrauen und
Verständigung unter den Nationen während unserer Generation werden.
Dies sind die gegebenen Tatsachen. Wie hat nun unsere Regierung
darauf reagiert?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Bereitschaft klar zum Ausdruck
gebracht, den neuen und unabhängigen Regierungen dieser Länder wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Wir stehen bereits - seit einigen Tagen in dieser Frage 'in Kontakt mit der neuen polnischen Regierung. Wir haben
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�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

haben weiter bereits öffentlich erklärt, daß wir von diesen Regierungen
nicht die Einführung irgendeiner speziellen Gesellschaftsform als Bedingung für unsere Wirtschaftshilfe verlangen. Das einzige, was uns
dabei bewegt, ist, daß sie frei sind - frei um ihrer selbst willen und
frei um der Freiheit willen.
Wir haben weiter - im Hinblick auf die Sowjetunion - alle falschen
Ängste und Befürchtungen eindeutig zu zerstreuen gesucht, daß wir neue
Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als mögliche militärische
Verbündete betrachten könnten. Wir verfolgen keinerlei derartige Zwecke
und Ziele. '.Vir betrachten diese Völker als Freunde, und wir wollen ganz
einfach nur, daß sie Freunde sein sollen, die frei sind.
Ich wende mich nun jenem anderen Teil der Welt zu, wo in diesem
Augenblick eine sehr düstere Lage besteht. Ej-'ist dies keine Lage, die
Anlaß zu übertriebener Furcht oder Hysterie gibt. Sie erregt allerdings
unsere ernste Besorgnis.
Ich spreche natürlich vom Mittleren Osten. Dieses Gebiet, in dem sich
in der Geschichte die Wege der Völker kreuzten, stand, wie wir alle wissen,
lange Zeit unter einer Kolonialherrschaft. Diese endete nach dem zweiten
Weltkrieg, als alle Länder in diesem Raum ihre völlige Unabhängigkeit
gewannen. Aus dem Mandatsgebiet Palästina wurde der neue Staat Israel
gebildet.
Dieser historische Wandel konnte jedoch die in Jahrhunderten gewachsenen Animositäten nicht mit einem Schlag auslöschen. Israel und.
seine arabischen Nachbarn fanden sich bald! in einen gegenseitigen Krieg
verstrickt, und die arabischen Völker gaben fortlaufend ihre Verärgerung
über ihre früheren Kolonialherrn, insbesondere über Großbritannien und
Frankreich, zu erkennen.
Die Vereinigten Staaten haben in den Jahren seit Beendigung des
zweiten Weltkriegs unermüdlich darauf hingearbeitet, Frieden und Stabilität in diesem Gebiet zu sichern.
Wir haben es als eine Grundsatzfrage der amerikanischen Außenpolitik
betrachtet, den neugegründeten Staat Israel zu unterstützen und gleichzeitig unsere Bindungen sowohl zu Israel als auch zu den anderen arabischen
Staate!) zu festigen. Aber die Leidenschaft drohte in diesem Gebiet unglücklicherweise all diese Jahre hindurch die Oberhand über friedliche
Bestrebungen zu gewinnen, und so gab es hier in der einen oder anderen
Form ständig Kampf.
Die Situation wurde in jüngster Zeit unnötigerweise durch das Vorgehen Ägyptens erschwert, das unter anderem eine Wiederaufrüstung mit
von den Kommunisten gelieferten Waffen einschloß. Wir vertraten unsererseits die Auffassung, daß die ägyptische Regierung in dieser Politik
nicht gut beraten sei. Der Staat Israel seinerseits empfand wachsende
Besorgnis für seine Sicherheit. Und Großbritannien und Frankreich begannen mehr und mehr zu fürchten, daß die ägyptische Politik den Suez-Kanal
bedrohe, den sie als ihre 'Lebensader' ansehen.
Die Dinge spitzen sich zu, bis es am 26.Juli dieses Jahres zu einer
Krisis kam, als die ägyptische Regierung die internationale Suez-Kanal-

�"AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereint
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe §es SuezkarraTs vor,"' der etifff -4?8. km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir »issen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar: Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaunge
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereinten
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe §es Suezkänals vor,"' der ettfff" I ?8 km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir wissen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar» Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaungen
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

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�"AMERIKA DIENST"

?• November 1956

Jetzt müssen wir unseren Blick auf die Zukunft richten.
Angesichts der von mir aufgeführten Umstände,, wird es zu keinem
Eingreifen der Vereinigten Staaten in die darzeitigen Feindseligkeiten
kommen. Ich habe deshalb auch nicht die Afcsicht, den Kongreß zu einer
Sondersitzung einzuberufen. Selbstverständlich werden wir auch weiterhin in ständigem Kontakt mit den führenden Männern beider Parteien im
Kongreß bleiben.
Gleichzeitig ist und bleibt es das erklärte Ziel unserer Regierung,
alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Kampfhandlungen jgu lokalisieren und den Konflikt zu beenden.
I

Den ersten Schritt in dieser Hinsicht haben wir gestern unternommen. Wir wendeten uns an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
mit der Forderung, daß die Streitkräfte Israels sich auf ihr eigenes
Land zurückziehen und die Feindseligkeiten in diesem Gebiet eingestellt
werden sollen. Dieser Vorschlag wurde wegen des Vetos Großbritanniens
und Frankreichs nicht angenommen.
Die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen sind jedoch noch
nicht erschöpft. Es ist unser Wunsch und Wille, daß diese Angelegenheit
vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen gebracht werden möge.
In diesem Gremium - wo es kein Veto gibt - kann die Meinung der Weltöffentlichkeit sich fruchtbringend für unsere Suche nach einer gerechten Lösung dieses beunruhigenden Problems auswirken. In den vergangenen
Jahren haben die Vereinten Nationen bewiesen, daß sie Wege zu finden vermögen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. Wir sind überzeugt, daß
sie dies auch in diesem Falle tun können und tun werden.
Meine Mitbürger, wenn ich den Ablauf der Ereignisse auf der Welt
in den letzten Jahren überblicke, so festigt sich meine Überzeugung,
daß die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen noch weiter
ausgebaut und fester verankert werden müssen. Ich spreche hier insbesondere davon, ihre Befugnisse zu erweitern, Gerechtigkeit im
Rahmen des V&amp;Ikerrechts zu gewährleisten.
Bei all den jüngsten Wirren im Mittleren Osten haben nun tatsächlich
alle darin verwickelten Völker Ungerechtigkeiten erlitten. Ich glaube
aber nicht, daß ein anderes Instrument des Unrechts - der Krieg - diesen
Schaden heilen kann.
Ohne Gesetz kann es keinen Frieden geben. Und es kann kein Gesetz
geben, wenn wir einen Kodex über das Verhalten der Völker für diejenigen aufstellen, die anderer Ansicht wie wir sind, und einen anderen
für unsere Freunde.
Die Völkergemeinschaft hat lange gebraucht, ehe sie Mittel fand,
um diese Wahrheit in die Praxis umzusetzen.
Aber das leidenschaftliche Verlangen nach Frieden, das auf seiten
aller Völker besteht, zwingt uns, unsere Suche nach einem neuen und
wirksameren Instrument der Gerechtigkeit zu beschleunigen.
Der

�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Der Friede, den wir suchen und brauchen, bedeutet mehr als
das bloße Nichtvorhandensein eines Krieges. Er bedeutet die Anerkennung des Rechts und die Förderung der Gerechtigkeit in der ganzen
Welt.
Wir müssen fest zu den Grundsätzen stehen, die uns in diesem
Bemühen leiten. Auf diese Weise können wir den Hoffnungen aller Menschen auf eine Welt entsprechen, in der ein wahrer und gerechter
Friede herrschen wird."

* * * * *

- 6-

�A M E R

I

K A

D I E N S T

RESOLUTION "EINIGKEIT FÜR DEN FRIEDEN" ERNEUT VOR DEN UN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am
I.November 1956 auf der außerordentlichen Sitzung der UN-Generalversammlung in New York gehalten hat.

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Mitdelegierte,
Ich möchte bezweifeln, daß je ein Delegierter von diesem Pult
aus mit so schwerem Herzen gesprochen hat, wie ich heute abend. Wir
sprechen über eine Angelegenheit von lebenswichtiger Bedeutung, in
der 'sich die Vereinigten Staaten nicht in der Lage sehen, die Ansicht
von drei Nationen zu teilen, mit denen sie eine enge Freundschaft
verbindet, für die sie Bewunderung und Achtung hegen und von denen
zwei unsere ältesten, vertrauenswürdigsten und verläßlichsten Verbündeten sind.
Die Tatsache, daß wir anderer Ansicht sind als diese unsere
Freunde, hat uns veranlaßt, unsere Haltung nochmals mit größter Sorgfalt zu überdenken und abzuwägen, und dies ist auf höchster Regierungsebene geschehen. Nach dieser nochmaligen Abwägung kamen wiie aber wiederum zu dem Schluß, daß sie anderer Meinung sind. Da es uns scheint,
daß diese Meinungsverschiedenheit Grundsatzfragen in sich schließt,
die über die unmittelbare Streitfrage weit hinausgehen, sehen wir uns
gezwungen, unseren Standpunkt hier von Ihnen und durch Sie der ganzen
Welt klar zu machen.
Es ist dies das erste Mal, daß diese Versammlung gemäß den Bestimmungen der im Jahr 1950 angenommenen Resolution "Einigkeit für
den Frd*den" zusammentritt. Ich war damals Mitglied der Delegation
der Vereinigten Staaten und trug die Hauptverantwortung für die Behandlung dieses Vorschlages im Ausschuß und vor der Generalversammlung. Wir erlebten damals den kommunistischen Angriff auf die Republik
Korea, und wohl kaum einer hätte damals daran gedacht, daß diese Resolution zum ersten Mal in einer Situation zitiert wird, wie wir sie
jetzt erleben.
Welche Tatsachen sind es, die uns hier zusammenführen?
Da ist zunächst die Tatsache, daß am Monatg dieser Woche israelische Streitkräfte weit nach Ägypten vorzudringen begannen. Dann folgte
sehr rasch auf dieses Vorgehen die Aktion Frankreichs und Groß1 -

�AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Großbritanniens, die Ägypten zunächst ein auf 12 Stunden befristetes
Ultimatum stellten, und dann einen bewaffneten Angriff begannen, der
gegenwärtig aus der Luft mit dem erklärten Ziel geführt wird, zeitweilig die Kontrolle über den Suez-Kanal zu erlangen, um, wie man
annehmen darf, eine erhöhte Sicherheit des Kanals zu gewährleisten.
Als dritte Tatsache ist hier zu erwähnen, daß man versuchte, die
Angelegenheit, nachdem sie dem Sicherheitsrat vorgelegt worden war,
durch eine Resolution beizulegen, gegen die Großbritannien und Frankreich ihr Veto einlegten, und zwar als die einzigen, die gegen die
Resolution stimmten.
Daraufhin wurde die Angelegenheit gemäß den Bestimmungen der Resolution "Einigkeit für den Frieden" auf Antrag des Generalsekretärs
der Vereinten Nationen hier vor die Generalversammlung gebracht. Dieser Antrag war von einem Beschluß von sieben Mitgliedern des Sicherheitsrates ausgelöst worden, der eine Einberufung der Generalversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung innerhalb von 24 Stunden gefordert hatte.
Herr Präsident und verehrte Mitdelegierte, die Vereinigten
Staaten sind sich voll bewußt, daß die Tatsachen, die ich hier angeführt habe, nicht die einzigen einschlägigen Fakten zu dieser Situation darstellen. Eine lange und traurige Kette von Reibereien und
Provokationen ging voraus. Es kam zu Verletzungen des Waffenstillstands seitens Israels und gegen Israel. Es kam seitens Ägyptens
zu Verletzungen des Vertrages von T888 über die Verwaltung des SuezKanals und zu einer Mißachtung der Resolution des Sicherheitsrates
von 1951&gt; die die Abfertigung israelischer Sohiffe und Frachten im
Suez-Kanal regelte. Es kam zu einer schweren Wiederaufrüstung Ägyptens unter ziemlich ominösen Umständen. Da war ferner die plötzliche
Beschlagnahme der Internationalen Suez-Kanal-Gesellschaft durch
Ägypten, die den Suez-Kanal, größtenteils unter britischer und französischer Leitung, seit seiner Eröffnung vor 90 Jahren verwaltete.
Es kam wiederholt eine feindselige Haltung der Regierung Ägyptens
gegenüber anderen Regierungen zum Ausdruck, mit denen sie dem Namen
nach freundschaftliche Beziehungen unterhielt, beziehungsweise hätte
unterhalten sollen.
Herr Präsident, wir sind nicht blind gegenüber der Tatsache, daß
das, was in den letzten zwei oder drei Tagen geschah, aus einer düsteren Vergangenheit erwuchs. Wir sind aber zu dem Schluß gekommen,
daß diese Provokationen, so ernst sie auch sind, dennoch den Einsatz
von bewaffneten Streitkräften, zu dem es in den letzten zwei und drei
Tagen gekommen ist und der auch heute abend noch weitergeht, nicht
rechtfertigen.
Es ist richtig, die Vereinten Nationen haben vielleicht nicht
alles getan, was sie hätten tun sollen. Ich habe des öfteren, vor
allem in den letzten Wochen, darauf hingewiesen, daß die Charta der
UN in Artikel 1, Absatz 1, die Regelung dieser Dinge in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen
Rechts fordert; dieser Artikel fordert also nicht nur eine friedliche
Regelung,sondern eine gerechte Lösung. Die Vereinten Nationen waren
in der Behandlung der zahlreichen Ungerechtigkeiten im Zusammenhang
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

7» November 1956

Zusammenhang mit den Verhältnissen in Nahost vielleicht ein wenig
langsam, ein wenig schwach. Aber ich bin der Auffassung, wir sollten
und werden uns vielleicht bei der nächsten regulären Tagung der Generalversammlung eingehend und ernsthaft mit der Frage beschäftigen, was wir
unternehmen könnten, um in diesem Falle den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen Rechts Gültigkeit zu verschaffen. Wir haben
in dieser Hinsicht nicht alles getan, was wir hätten tun sollen, und
insofern geht ein Teil der Verantwortung für die derzeitigen Ereignisse
auf unser Konto.
Wenn wir hingegen, Herr Präsident, zu dem Schluß kommen sollten, die
in der Welt herrschende Ungerechtigkeit, die unsere Organisation bisher
noch nicht beseitigen konnte, bedeute, daß der Grundsatz des Verzichts
auf jede Gewaltanwendung nicht mehr geachtet wird und daß eine Nation,
die da glaubt, es sei ihr Unrecht widerfahren, nach wie vor das Recht
hat, zur Behebung dieses Unrechts auf das Mittel der Gewalt zurückzugreifen - damit, Herr Präsident, wäre, so fürchte ich, die Charta der
Vereinten Nationen in Fetzen gerissen und die Welt abermals der Anarchie
ausgeliefert. Und all die kühnen Hoffnungen, die wir auf diese unsere
Organisation und unsere Charta gesetzt haben, wären damit zunichte gemacht. Wir ständen wieder da, wo wir bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges
standen, und hätten eine tragische Enttäuschung mehr anstelle der von
uns erhofften - und noch immer zu erhoffenden - Schutzwehr gegen den
Ausbruch eines Weltkrieges, der, wie es in der Präambel unserer Charta
heißt, "zweimal im Laufe unseres Lebens unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,"
Dieses Problem des Suez-Kanals, Herr Präsident, das vielleicht
weitgehend den jetzt unternommenen Gewaltmaßnahmen zugrunde liegt, ist
im Laufe des letzten Vierteljahres bei vielen Anlässen und in mancherlei Art und Weise behandelt worden. Ich wage zu bezweifeln, ob im Laufe
der Geschichte schon einmal mit so viel Ernst und Ausdauer versucht
worden ist, eine gerechte und friedliche Lösung für ein Problem zu
finden.
Als die ägyptische Regierung am 26.Juli sich unvermittelt der
Internationalen Suez-Kanalgesellschaft bemächtigte, war sich die ganze
Welt darüber klar, daß damit eine Krise ungeahnten Ausmaßes ausgelöst
worden war. Innerhalb von drei Tagen, glaube ich, traten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs in
London zur Beratung darüber zusammen, was angesichts dieser Situation
zu unternehmen sei. Schon damals wurden Stimmen laut, daß man sofort
mittels Gewalt versuchen sollte, den Status, wie er vor der Beschlagnahme durch Ägypten bestanden hatte, wiederherzustellen. Aber alle
drei Regierungen kamen zu dem Schluß daß kein Grund zur Gewaltanwendung vorliege, zumindest sicherlich nicht unter den damaligen Umständen, und daß erst eine friedliche und gerechte Lösung angestrebt werden
aolle.
Die drei Regierungen kamen überein, in diesem kritischen Augenblick
keinerlei Gewalt anzuwenden, sondern statt dessen eine Konferenz der
wichtigsten Benutzer des Suez-Kanals einzuberufen - der 24 Nationen,
die einwandfrei als Nachfolger der Signatarmächte der 1888 geschlossenen
Konvention anzusehen sind, darunter acht Länder, auf die der Hauptanteil

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�"AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Hauptanteil des Verkehrs durch den Kanal entfällt und acht weitere
Länder, die in ihrem Handel besonders auf den Kanal angewiesen sind*
Und von diesen 24 Nationen nahmen 22 an der Konferenz teil. Ägypten
lehnte eine Teilnahme ab. Von den 22 Konferenzteilnehmern einigten sich
18 auf ein Vergehen, das ihrer Ansicht nach vernünftigen Grundsätzen
für eine friedliche Lösung entsprach, die gerecht und anständig gewesen
wäre und die freie Benutzung dieses Schiffahrtsweges für die Zukunft
hätte gewährleisten können.
Diese Vereinbarung der 18 Länder wurde Präsident Nasser in Kairo
als Lösungsvorschlag unterbreitet. Er lehnte jedoch ab.
Daraufhin traten die 18 Nationen abermals in London zusammen und
berieten erneut über einen Vorschlag, einen Verband, eine Vereinigung
der Kanalbenutzer zu schaffen.
Wir glaubten, dieser Verband könnte auf praktischer Grundlage mit den
ägyptischen Kanalbehörden eine für beide Teile annehmbare Regelung ausarbeiten, um den weiteren Betrieb des Kanals auf einer freien und unparteiischen Grundlage zu gewährleisten. Dann, während die Benutzervereinigung
organisiert wurde, brachten Frankreich und Großbritannien die Angelegenheit vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. In diesem Gremium
wurden sechs Grundsätze einstimmig angenommen und auch von Ägypten.'gebilligt, das an den Verhandlungen teilnahm, obgleich es nicht im Sicherheitsrat vertreten ist. Diese Grundsätze deckten sich im wesentlichen
mit den Grundsätzen, die von den 18 Konferenzteilnehmern in London gebilligt worden waren. Die vom Sicherheitsrat angenommene Resolution hatte
noch einen zweiten Teil, der sich mit der Verwirklichung dieser Grundsätze
befaßte. Dieser zweite Teil wurde nicht angenommen, und zwar auf Grund
eines Vetos der Sowjetunion.
Aber trotz dieser Tatsache fand auf Anregung des Generalsekretärs,
dem ich für seinen diesbezüglichen großen Beitrag zu einer gerechten und
friedlichen Lösung Dank und Anerkennung aussprechen möchte, ein Meinungsaustausch darüber statt, wie diese sechs Grundsätze praktisch verwirklicht
werden könnten. Meiner Meinung nach ist es keine Übertret 011/1?. »enn*L$hh
hier erkläre - und ich glaube, er würde mir darin beipflichten -, daß erhebliche Fortschritte erzielt worden sind. Es schien, als ob eine gerechte,
friedliche und für alle Parteien annehmbare Lösung in greifbare Nähe gerückt wäre, und so durfte man hoffen, daß diese Verhandlungen fortgesetzt
werden würden.
Ich erinnere an meine Erklärung am Schluß der 74.Sitzung des Sicherheitsrates, der sämtliche Mitglieder beipflichteten oder ihr stillschweigendes Einverständnis gaben und die besagte, daß sich der Sicherheitsrat
auch weiter mit dem Problem befassen solle und daß zu hoffen sei, die Erörterungen und der Meinungsaustausch zwischen dem Generalsekretär und den unmittelbar betroffenen drei Ländern - Ägypten, Frankreich und Großbritannien .rui'aen fortgesetzt.
Sie wurden nicht fortgesetzt, obwohl mir kein unüberwindbares Hindernis
für ihre Fortsetzung bekannt ist. Statt dessen kam es zu den von mir erwähnten Ereignissen - Gewaltanwendung zunächst von Seiten Israels und anschließend
von seiten Frankreichs und Großbritanniens -, die zu einer nochmaligen Behand-

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�7. November 1956

"AMERIKA DIENST'

Behandlung der Frage vor dem Sicherheitsrat führten und die angesichts
des eingelegten Vetos zur Folge hatten, daß das Problem heute abend
vor diesem Forum diskutiert wird.
Wir können wohl mit Recht behaupten, daß die Anwendung friedlicher Mittel,, wie sie die Charta von jedem Mitglied fordert, nicht
völlig ausgeschöpft worden ist» Selbst im Falle Israels, das auf Grund
der Tatsache, daß sich Ägypten niemals an die Resolution des Sicherheitsrates vom Jahre 1951 bezüglich des Rechtes Israels auf die Benutzung des Suezkanals gehalten hat, berechtigten Anlaß zur Klage hat selbst in diesem Falle bestanden günstigere Aussichten, da die vom Sicherheitsrat unter Billigung Ägyptens angenommenen Grundsätze die Abfertigung von Schiffen und Schiffsladungen im Kanal ohne jede Bena
Ligung einzelner Länder verlangten und (bestimmten, daß- der Kanal nicht für
die nationalen Zwecke irgendeines Landes, einschließlich Ägyptens, gebraucht oder mißbraucht werden dürfe.
Herr Präsident und meine Herren Mitdelegierten, Kräfte für eine
friedliche Lösung schienen also am Werk, die, wie ich schon sagte,
mindestens unserer Auffassung nach, nicht völlig genutzt worden sind.
Und, Herr Präsident, während ich der letzte bin, der behaupten wollte,
daß niemals Umstände eintreten könnten, die die Anwendung von Gewalt
rechtfertigen würden - und gewiß ist eine Anwendung von Gewalt für
Zwecke der Verteidigung nach Artikel. 51 möglich - erscheint es uns,
daß unter den von mir aufgezeigten Umständen die Zuflucht zur Gewalt,
ein gewaltsamer bewaffneter Angriff durch drei unserer Mitglieder auf
ein viertes, als nichts anderes als ein schwerer Irrtum behandelt werden kann, der im Widerspruch zu den Grundsätzen und Zielen der Charta
steht und der, falls er fortgesetzt werden sollte, unsere Charta und
diese Organisation aushöhlen würde.
Die Frage ist nun:

Was sollen wir tun?

Es erscheint uns dringend! geboten, daß etwas geschieht, weil die
in offensichtlichem Widerspruch zu unserer Charta erfolgten Handlungen
noch nicht so weit gediehen sind, daß sie dieser Organisation einen
nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt odee sie gar «rschlagen
haben. Unsere Resolution "Einigkeit für den Frieden" zielte tatsächlich
darauf ab, Situationen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der geeinte
Wille dieser Organisation kann noch immer einen maßgebenden Einfluß
auf die Lage, ausüben, der vielleicht in der ganzen Welt spürbar werden
kann. Nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern zum Wohle der
kommenden Geschlechter sollte gezeigt werden, daß hier ein Anfang gemacht wurde, um der Welt eine Ordnung zu geben. Wir alle leben nicht
in Gesellschaftssystemen, in denen sich keine Verstöße gegen die Ordnung
ereignen.
Wir alle leben vielmehr in Gesellschaftssystemen, in denen
bei solchen Verstößen die Obrigkeit Maßnahmen ergreift, um mit ihnen
fertig zu werden. Im gegenwärtigen Augenblick stellen wir hier die Obrigkeit dar. Und wenn uns auch auf Grund der Charta keine Handlungsbefugnis
zukommt, so haben wir doch die Befugnis, Empfehlungen zu erteilen, eine
Befugnis, die - sofern sie das moralische Urteil der Welt, die Weltmeinung
widerspiegelt - meiner Meinung nach die gegenwärtige. Situation zu beeinflussen vermag.
Angeregt

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�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Angeregt durch derartige Überlegungen haben die Vereinigten
Staaten eine Resolution eingebracht, die ich Ihnen, Herr Präsident,
vorlesen möchte:
"Die Generalversammlung
nimmt Kenntnis davon, daß die Partner der israelisch-arabischen
Waffenstillstandsabkommen aus dem Jahre 1948 hei zahlreichen Gelegenheiten die Bestimmungen dieser Abkommen mißachtet haben und
daß die Streitkräfte Israels unter Verletzung des allgemeinen
Waffenstillstandsabkommens zwischen Ägypten und Israel tief in
ägyptisches Gebiet eingedrungen sind;
nimmt Kenntnis davon, daß die Streitkräfte Frankreichs und Großbritanniens militärische Operationen gegen ägyptisches Gebiet
führen;
bringt ihre ernste Besorgnis über diese Entwicklung zum Ausdruck
und
fordert 1) mit größter Dringlichkeit, daß alle gegenwärtig
in die Feindseligkeiten in diesem Raum verwickelten Parteien einer
sofortigen Feuereinstellung zustimmen und als Teil dieser Maßnahme
die Truppenbewegungen und den Einsatz von Waffen in diesem Gebiet
beenden;
fordert 2) die Partner der Waf fenstills'tandsabkommen auf,
unverzüglich alle Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinie
zurückzunehmen, sich aller Angriffe über die Waffenstillstandslinien in benachbartes Gebiet hinein zu enthalten und die Bestimmungen
der Waffenstillstandsabkommen strikte zu befolgen;
empfiehlt 3 ) , daß alle Mitgliedstaaten davon Abstand nehmen,
militärisches Material in das Kampfgebiet zu liefern, und darüber
hinaus sich aller Maßnahmen enthalten, die die Verwirklichung dieser Resolution verzögern oder verhindern könnten;
fordert 4)» daß nach Wirksamwerden der Feuereinstellung; Schritte
unternommen werden, um den Suezkanal wieder zu öffnen und die Freiheit der Schiffahrt wiederherzustellen;
ersucht 5) den Generalsekretär der Vereinten Nationen, die
Einhaltung dieser Resolution zu überwachen und dem Sicherheitsrat
sowie der Generalversammlung darüber unverzüglich zu berichten, damit
weitere Schritte unternommen werden können, wie sie der Sicherheitsrat und die Generalversammlung in Übereinstimmung mit der UN-Charta
für angebracht halten;
beschließt 6 ) , daß die Sondersitzung solange andauert, bis
diese Resolution verwirklicht ist."
Dies, Herr Präsident, ist also der Vorschlag der Delegation der
Vereinigten Staaten.
Ich bin mir wohl darüber im klaren, daß eine Empfehlung, die lediglich eine Feuereinstellung zum Ziele hat sowie eine Zurücknahme der Landstreitkräfte in Ägypten - unseres Wissens nach bis heute also lediglich

- 6-

�4

"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

lediglich die Streitkräfte Israels - auf die Waffenstillstandslinie,
eine Einstellung der Luftangriffe und eine Verhinderung der Entsendung
weiterer Streitkräfte in dieses Gebiet und dann eine alsbaldige Wiederinbetriebnahme des Suezkanals,- daß also eine Resolution, die den Nachdruck in erster Linie auf diese Dinge legt, keine ausreichende oder umfassende Form der Behandlung dieser Angelegenheit darstellt. Wir alle,
so meine ich, möchten hoffen, daß diese Tragödie ein besseres Ergebnis
zeitigen wird, als lediglich die Wiederherstellung jener Verhältnisse,
aus denen diese Tragödie erst erwuchs. Wir müssen zu einer besseren
Lösung als dieser gelangen. Diese Organisation hat sicherlich die Verpflichtung, mit allen Kräften auf eine solche bessere Lösung hinzuarbeiten.
Wenn wir aber nur dies tun, dann hätten wir noch immer sehr nachlässig
gehandelt und nur eine Seite des Problems angepackt.
Ich habe schon einmal gesagt, und ich bin von der Richtigkeit nach
wie vor fest überzeugt, daß der Friede eine Münze mit zwei Seiten ist,
deren eine die Vermeidung von Gewaltanwendung und deren andere die Schaffung gerechter Verhältnisse darstellt. Und auf lange Sicht ist das eine
ohne das andere nicht möglich.
Ich möchte durch die Form dieser Resolution keineswegs den Anschein
erwecken, daß ich etwa die Auffassung vertrete, diese Situation ließe
sich allein schon durch die Schritte, wie sie in der Resolution vorgeschlagen werden, bereinigen. Wir müssen etwas Besseres schaffen als jmie
unruhigen Verhältnisse, wie sie durch die seit nunmehr acht Jahren zwischen
Israel und den arabischen Nachbarländern bestehenden Waffenstillstandsabkommen herbeigeführt wurden. Das Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit
hinsichtlich eines freien und gleichberechtigten Betriebs des Kanals muß
noch fester werden als es seit der Zeit ist, als Präsident Nasser vor drei
Monaten die Suezkanal-Gesellschaft beschlagnahmte. Ich glaube, daß diesen
Dingen größte Bedeutung zukommt.
Wenn wir aber, Herr Präsident- und meine verehrten Mitdelegierten, uns
die Auffassung zu eigen machen, daß die Kämpfe ruhig fortdauern können, bis
diese Schwierigkeiten beigelegt und die damit zusammenhängenden komplizierten
Fragen geregelt worden sind, dann wird damit meiner Meinung nach eine Situation geschaffen, in der eine solche Regelung überhaupt nicht mehr möglich
sein wird, in der der Krieg an Heftigkeit zunehmen kann und sich vielleicht
weiter ausbreiten wird, eine Situation auch, in der die Welt durch neue
Bitterkeit gespalten sein wird und in der die Grundlagen des Friedens in
tragischer Weise, in Scherben geschlagen sein werden,
Biese Maßnahmen, von denen ich hier sprach, müssen ergriffen werden.
Ich glaube, daß man bereits, dabei ist, sie zu ergreifen, denn der Sicherheitsrat ist bereits mit diesen Fragen befaßt und hat in konstruktiver
V/eise auf eine Lösung hingearbeitet. Ich glaube aber, wir müssen den wichtigsten Schritt.zuerst tun. Dieser wichtigste Schritt besteht meiner
Auffassung nach darin, daß zunächst einmal die Kampfhandlungen so schnell
wie möglich beendet werden, damit aus ihnen nicht eine Feuersbrunst wird,
die uns alle gefährden würde - und das liegt keineswegs jenseits des Bereichs
des Möglichen,
Wie

�7. November 1956

"AMERIKA DIENST"

Wie Präsident Eisenhower vergangenen Abend erklärt hat, ist es
das Wichtigste,die Kampfhandlungen zu beschränken und einzustellen,
und zwar soweit dies, und so seh: eil dies nur irgend möglich ist.
Ich hoffe deshalb, Herr Präsident und meine Mitdelegierten, daß
dieser Gesichtspunkt, der auch in unserer Resolution zum Ausdruck
kommt, allgemeine Billigung finde: wird.
Ich fürchte, daß, falls wir nicLt handeln und zwar sofort handeln
und mit hinreichender Einmütigkeit handeln, auf daß unsere Empfehlungen
auch wirklich von Einfluß sind, die große Gefahr besteht, daß sich das,
was man nun einmal angefangen und eine Polizeiaktion genannt hat, zu
etwas entwickeln wird, was weit ernster wäre. Aber selbst wenn das
nicht der Fall ist, dann kann durch die offensichtliche Unfähigkeit
dieser Organisation, diese Angeleganheit erfolgreich zu behandeln,
ein Präzedenzfall geschaffen werden, der andere Staaten veranlassen könnteV
die Lösung dessen, was sie als ihnen angetanes Unrecht erachten, in die
eigene Hand zu nehmen.
Als wir in San Francisco im Jahre 1945 die Charta der Vereinten
Nationen verfaßten, glaubten wir, daß wir das Schlimmste, was ein Krieg
mit sich bringen kann, erlebt hätten, und wir glaubten, daß es unsere
Aufgabe sei, eine nochmalige V/iederholung dessen, was sich zuvor ereignet
hatte, zu verhindern. Und was sich damals abgespielt hatte, war tragisch
genug. Heute aber wissen wir, daß das, was in Zukunft noch geschehen
kann, noch unendlich tragischer wäre als das, was wir im zweiten Weltkrieg erlebten.
Ich glaube, daß wir es in dieser kritischen Stunde uns selbst,
unseren Völkern und der Nachwelt schuldig sind, Maßnahmen zu ergreifen,
die ein Gewähr dafür bieten, daß sich das Feuer, das man entzündet hat,
nicht ausbreitet, sondern rasch erstickt wird. Dann werden wir uns mit
erneuter Tatkraft der Beseitigung der Ungerechtigkeiten zuwenden,
aus denen heraus sich diese Schwierigkeiten ergeben haben.

- 8 -

�Ministerpräsident Nagy hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, und ich muß sagen, dafür haben wir volles Verständnis. Nach
den unheilvollen Meldungen der letzten Tage ist die Lage in Ungarn
nunmehr allzu klar geworden. Es enthüllt sich uns ein übelkeiterregendes Bild der Doppelzüngigkeit und des Doppelspieles. Während die
Regierung der UdSSR diese Brutalität größten Stils beging, hat der
sowjetische Delegierte hier in diesem Saale den Frieden gerühmt,
seine: Abscheu vor der Aggression bekundet und seine Hände über das
Blutvergießen im Nahen Osten gerungen. Wir alle, die wir hier mit
jeder Faser unseres Seins um den Frieden in Nahost ringen, werden
diesen unaussprechlichen Zynismus niemals vergessen können.
In den letzten Tagen wurde laufend von sowjetischen Truppenverschiebungen nach Ungarn berichtet. Zur gleichen.Zeit, als wir diese
Berichte hörten, versicherten die Sowjets den Vereinten Nationen und
der ungarischen Regierung, daß die sowjetischen Truppen in Ungarn
nicht verstärkt worden seien und auch in Zukunft nicht verstärkt
werden würden. Die gemeldeten Truppenbewegungen stellte man als
eine Umgruppierung der in diesem Lande stationierten Sowjettruppen
hin.
Noch
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�"AMERIKA DIENST"

7. November

1956

Noch um zehn Uhr gestern abend begannen V rtreter der Sowjetunion
Verhandlungen - oder das, was sie als Verhano. ungen bezeichneten mit Vertretern der ungarischen Regierung angeb ich über den Rückzug
sowjetischer Truppen auf Grund der ungarischen Entscheidung, aus dem
Warschauer Pakt auszutreten.
Die Sowjetunion hat in jüngster Zeit ihr Bestreben, Ungarn durch
die Macht ihres Militärapparates zu beherrschen, kaum verschleiert.
Noch kurz vorher sprach sie von einem neuen Verhältnis zu ihren Satellitenstaaten, das auf voller Souveränität und Gleichheit, auf Unabhängigkeit und absoluter Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Länder aufgebaut sein sollte» Sie sprach von Verhandlungen im Rahmen des Warschauer Paktes über den Abzug ihrer Streitkräfte aus einigen dieser Länder, so insbesondere aus Ungarn, v/o, wie
sie selbst einräumte, das weitere Verbleiben ihrer Truppen nur "Anlaß
zu einer weiteren Verschlechterung der Lage bilden" könne - eine
Verschlechterung der Lage, die nun auf so tragische Weise eingetreten
ist.
Welch ein betrügerisches Schauspiel rollte hier vor unseren
Augen ab!
Als Ministerpräsident Nagy seine Regierung bildete, schrieb
selbst die "Prawda", das sowjetische Regierungsorgan, am 28. Oktober
wie folgt über die Regierung Nagy: "Eeute verkündete Radio Budapest
die Bildung einer neuen nationalen Regierung der ungarischen Volksrepublik auf einer breiten demokratischen Grundlage durch den Genossen
Imre Nagy. Die neue Regierung hat ihre Arbeit unverzüglich aufgenommen.
Geleitet von dem Wunsche, nicht einen einzigen Angehörigen dieses
aufrechten, aber mißgeleiteten Volkes zu bestrafen, verkündete die
ungarische Regierung eine Amnestie für alle, die freiwillig ihre
Waffen niederlegen." Am 30. Oktober berichtete Radio Moskau, das
natürlich wie in allen totalitären Staaten die offizielle Rundfunkstation der Regierung ist - etwas, was wir hier gar nicht kennen seinen Hörern in Europa, daß "unter der Führung der Regierung Imre
Nagys glücklicherweise •».. das Leben allmählich wieder in normale
Bahnen zurückkehrt"; und am gleichen Tage berichtete Radio Moskau
dem eigenen Volk: "Die arbeitende Bevölkerung Ungarns hat mit Befriedigung die gestrige Erklärung Imre Nagys, die von der ungarischen
Arbeiterpartei gebilligt ist und in der Nagy das Aktionsprogramm der
Regierung bekanntgab, zur Kenntnis genommen."
So sprachen Radio
Moskau und die "Prawda" damals. Heute hingegen bezeichnete die "Prawda"
den ehemaligen "Genossen" Nagy als "einen Komplicen reaktionärer
Kräfte".
Andere benachbarte Völker, die die Bedeutung des Kampfes des
ungarischen Volkes voll zu würdigen verstehen, äußerten sich ebenfalls über die Regierung Nagy. Hier einige Beispiele:
Die kommunistische "Vereinigte Polnische Arbeiterpartei" veröffentlichte am 29. Oktober eine Erklärung, in der sie das Programm
der neuen Regierung Nagy begrüßte und darlegte, daß es ganz im Sinne

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7. November 1956

Sinne der ungarischen Kommunisten und im Interesse der Sache des Friedens gehalten sei. Das kommunistische Parteiorgan "Tribuna Ludu" erklärte
am gleichen Tage Polens "tiefempfundene Solidarität" mit Ungarns neuer
Führung und versprach die Unterstützung ihres Programms. Dieses Programm, so meinte das polnische Blatt, "ist ganz ähnlich gehalten wie
unser eigenes und entspricht, wie auch unser eigenes Programm, dem
tiefsten Wunsch der Massen". Das ist die Meinung eines der kommunistischen .Nachbarländer .
Am 29. Oktober schickte Staatspräsident Tito einen Brief an die
Ungarn, in dem er seine Überzeugung ausdrückte, daß sie "unter ihrer
neuen Führung" alle Schwierigkeiten meistern würden. Er sprach von
seiner tiefen Bewunderung für all jene "fortschrittlichen Männer in
dem uns benachbarten Ungarn, die in den letzten Tagen all ihre Kräfte
dafür einsetzten, diesen tragischen Kampf in eine Zeit der Wiedergeburt
umzuwandeln". Das jugoslawische Volk, sagte Tito, "begrüßt einstimmig
die Bildung der neuen Staatsführung und einer neuen politischen Führung sowie die Erklärung der ungarischen Regierung vom 28. Oktober."
Präsident Tito schloß sein Schreiben mit den Worten, er wünsche Nagy
"Erfolg in seinen Bemühungen".
Am 29. Oktober sandte auch die tschechoslowakische Regierung eine
Botschaft an die Regierung Nagy, in der sie die großen Bemühungen
der ungarischen Regierung zur Errichtung des Friedens in diesem Lande
"aufrichtig begrüßte",.Bemühungen, die, wie es in der Botschaft hieß,
"mit den fundamentalen Interessen des gesamten ungarischen Volkes
übereinstimmen." Die tschechoslowakische Regierung gab ihrer festen
Überzeugung Ausdruck, daß "die ungarische Regierung, gestützt auf die
Anerkennung des Volkes und die Kraft der sozialistischen Demokratie,
die Erfüllung der ihr gestellten Aufgaben erfolgreich gewährleisten
werde".
Am 29. Oktober sandte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eine Botschaft an die ungarischen Kommunisten, in der es hieß,
Ministerpräsident Nagy sei selbst ein Kommunist, der versuche, sein
Land aus der sowjetischen Versklavung zur Freiheit zu führen und in
der es ferner hieß, daß sie Nagys Bemühungen "um den Fortschritt" und
zur "Vertiefung der sozialistischen Demokratie" unterstützten. So
sprachen sie am 28. und 29» Oktober.
Nun, wodurch hat sich die Lage in so kurzer Zeit verändert? Durch
den Wunsch Ministerpräsident Nagys ,Ungarn im Interesse der Ungarn zu
regieren? Fürchtete sich die Sowjetunion davor? Die ständige heimliche
Verstärkung der Sowjettruppen in Ungarn in diesen schicksalsschweren
Tagen beweist, daß sie es tat.
Aus zuverlässiger Quelle wird jetzt berichtet, Herr Präsident,
daß Sowjettruppen das Parlamentsgebäude in Budapest besetzt haben.
Ministerpräsident Nagy und andere Mitglieder seiner Regierung befinden sich in Haft. Pal Maleter, der Verteidigungsminister und heldenhafte Verteidiger der Maria-Theresia-Kaserne gegen die sowjetischen
Angriffe, der erst gestern Verhandlungen mit sowjetischen militärischen

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7« November

1956

militärischen Vertretern über einen Abzug der Truppen führte, ist ebenfalls verhaftet. Die Sowjets stellten ei,n bis zum Mittag befristetes
Ultimatum, das die Kapitulation Budapests verlangte, und drohten, die
Stadt zu bombardieren, falls sie nicht kapituliere.
Wie ich in der Sitzung des Sicherheitsrates heute morgen um 4 Uhr
bekanntgab, haben Kardinal Mindszenty und sein Sekretär in der amerikanischen Gesandtschaft in Budapest Zuflucht gesucht. Deshalb ist es,
glaube ich, am Platze, hier eine Rundfunkansprache zu zitieren, die
Kardinal Mindszenty erst gestern über Radio Budapest gehalten hat.
Ich möchte gerne einen Abschnitt daraus wörtlich anführen, weil dies
die letzten von Kardinal Mindszenty in der Öffentlichkeit gesprochenen
Worte sind, die wir haben: "Nationales Empfinden sollte nie wieder
eine Ursache zum Kampf zwischen Ländern werden, sondern Anlaß zur
feierlichen Verpflichtung sein, Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zu üben. Laßt das nationale Bewußtsein in aller Welt auf dem
Felde gemeinsamer Kultur blühen und gedeihen. So wird der Fortschritt
des einen Landes weitergetragen werden zum anderen Land, von einer
Nation zur anderen, die nach den Gesetzen der Natur immer mehr auf
einander angewiesen sind. Wir Ungarn wollen als Bannerträger der Völkerfamilie der europäischen Nationen leben und handeln. Laßt Zusammenarbeit
die echte Freundschaft zwischen Nationen bedeutet, die Basis sein.
Und indem wir unser Auge in die Ferne schweifen lassen, äußern wir,
die kleine Nation, den Wunsch, mit den großen Vereinigten Staaten
von Amerika und dem mächtigen russischen Reich gleichermaßen in Freundschaft und gegenseitiger Achtung zu leben, in guten nachbarlichen
Beziehungen auch mit Prag, Bukarest, Warschau - und in diesem Zusammenhang darf ich nicht unerwähnt lassen, daß jedem Ungarn Österreich durch
sein brüderliches Mitempfinden unserer gegenwärtigen Leiden lieb und t
teuer geworden ist."
Dies, Herr Präsident, so wie es Kardinal Mindszenty geäußert hat,
ist etwas, was wahrlich im besten Sinne des Wortes als ein Ausdruck'
des Geistes der friedlichen Koexistenz, bezeichnet werden könnte.
Aber die sowjetische Heuchelei hat diesen Begriff seiner ganzen Glaubwürdigkeit beraubt.
Wir dürfen uns durch diesen zynischen und willkürlichen Akt der
Aggression gegen das ungarische Volk und seine Regierung nicht täuschen lassen. Eine kleine Gruppe sowjetischer Strohmänner ließ in dem
Augenblick, in dem die sowjetischen Truppen ihren Angriff begannen,
verlauten, daß sie von sich aus eine Regierung gebildet hätte. Wir
haben keinen Übergang der Regierungsgewalt von einer ungarischen Regierung auf eine andere erlebt, sondern nur das Entstehen einer
Marionettenclique und den Sturz einer liberalen sozialistischen Regierung, die sich in ihrem Wunsch nach Abzug der Truppen dem Willen
des Volkes beugte. Zwei Stunden nach Beginn des Angriffes appellierte
die neue Gruppe von Strohmännern an die Sowjetunion, ihr zu Hilfe
zu kommen. Die Behauptung kann deshalb nicht aufrechterhalten werden,
daß die sowjetische Aktion auf Grund irgendeines Hilfeersuchens unternommen wird. Die "Hilfe", und ich gebrauche dieses Wort ausdrücklich
in Anführungszeichen, erschien lange vor dieser Aufforderung auf dem
Plan.
Parteisekretär

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7. November

1956

Parteisekretär Janos Kadar, die kommunistische Marionette, der
heute morgen auf Grund der sowjetischen militärischen Intervention
eingesetzt wurde, war es, der anläßlich der Regierungsübernahme von
Ministerpräsident Nagy sagte: "Ich stimme aus vollem Herzen mit Nagy
überein, meinem alten Bekannten und Freund, meinem hochgeschätzten
und geachteten Genossen." Ein wundervoller Freund - er ging mit ihm
durch dick und dünn.
Wir müssen hier in dieser Versammlung drastische und entscheidende
Maßnahmen ergreifen, um den Appell der ungarischen Regierung zu beantworten. Die Delegation der Vereinigten Staaten unterbreitet deshalb
einen Resolutionsentwurf, über den unserer Ansicht nach sofort abgestimmt werden sollte. Ich möchte hiermit die Resolution vorlesen:
"&gt;Die Generalversammlung fordert:
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich die Vereinten Nationen auf dem Prinzip der souveränen Gleichberechtigung all
ihrer Mitgliedstaaten gründen;
daß die Gewährung der Menschenrechte und der fundamentalen Freiheiten in Ungarn ausdrücklich durch den Friedensvertrag zwischen
Ungarn und den alliierten und assoziierten Mächten, der am 10.
Februar 1947 unterzeichnet wurde, garantiert worden ist, und daß
die allgemeinen Grundsätze dieser Rechte und Freiheiten in der
Charta der Vereinten Nationen bestätigt worden sind;
in der Überzeugung, daß die jüngsten Ereignisse in Ungarn den
Wunsch der ungarischen Bevölkerung klar zu erkennen geben, ihre
fundamentalen Rechte und Freiheiten sowie ihre Unabhängigkeit
auszuüben und voll zu genießen;
in der Verurteilung der Tatsache, daß sowjetische Streitkräfte
eingesetzt worden sind, um die Anstrengungen des ungarischen
Volkes zur Wiedererlangung seiner Rechte zu unterdrücken;
unter Hinweis auf die Erklärung der sowjetischen Regierung
vom 30. Oktober 1956, in der sie eine Politik der Nichteinmischung
in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gelobte;
unter Kenntnisnahme der Mitteilung der ungarischen Regierung
an den Generalsekretär vom 1. November 1956 i n bezug auf Forderungen, die jene Regierung der Regierung der UdSSR auf unverzügliche und sofortige Zurückziehung der sowjetischen Truppen
gestellt hat;
ferner" unter Hinweis auf die Mitteilung vom 2. November 1956» die
die ungarische Regierung an den Generalsekretär gerichtet hat
und worin sie den Sicherheitsrat ersucht, die Regierungen der
Sowjetunion und Ungarns zu einem sofortigen Beginn der Verhandlungen über die Zurückziehung der sowjetischen Streitkräfte anzuhalten;
unter

�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

unter Hinweis darauf, daß die Intervention der sowjetischen militärischen Streitkräfte in Ungarn zu schweren Verlusten und zu einem
großen Blutvergießen unter der ungarischen Bevölkerung geführt hat;
und unter Hinweis auf den Rundfunk-Appell des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy vom 4« November 1956
erstens die Regierung der UdSSR auf, sich aller militärischen Aktionen gegen die ungarische Bevölkerung sowie jeder Form der Intervention,
insbesondere der bewaffneten Intervention, in die inneren Angelegenheiten
Ungarns unverzüglich zu enthalten;
sie fordert zweitens die UdSSR auf, den Einmarsch weiterer Streitkräfte nach Ungarn zu unterbinden und alle ihre Streitkräfte unverzüglich von ungarischem Boden abzuziehen;
sie bekräftigt drittens das Recht des ungarischen Volkes auf eine
Regierung, die auf seine nationalen Aspirationen eingeht und die sich
für seine Unabhängigkeit und seinen Wohlstand einsetzt;
sie ersucht viertens den Generalsekretär, die durch die ausländische Intervention in Ungarn heraufbeschworene Situation zu untersuchen, die Lage durch von ihm ernannte Vertreter direkt zu beobachten
und die Generalversammlung zum frühesten Zeitpunkt darüber zu unterrichten und so schnell wie möglich Methoden zur Beendigung der krassen
ausländischen Intervention in Ungarn in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen vorzuschlagen;
sie fordert fünftens die Regierungen.Ungarns und der Sowjetunion
auf, den vom Generalsekretär bestimmten Beobachtern die Einreise in
das ungarische Gebiet zu gestatten, ihnen dort volle Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu geben, ihre Ergebnisse dem Generalsekretär zu berichten;
sie fordert sechstens alle Mitglieder der Vereinten Nationen auf,
mit dem Generalsekretär und seinen Vertretern bei der Ausübung ihrer
Pflichten zusammenzuarbeiten;
sie ersucht siebtens den Generalsekretär, nach Rücksprache mit
den leitenden Vertretern der UN-Sonderorganisationen unverzüglich
Erhebungen über den dringendsten Bedarf des ungarischen Volkes an
Nahrungsmitteln, Medikamenten und ähnlichen Lieferungen anzustellen
und darüber der Generalversammlung so schnell wie möglich zu berichten;
sie ersucht achtens alle Mitglieder der Vereinten Nationen und die
nationalen und internationalen karitativen Organisationen, bei der Bereitstellung solcher Lieferungen zusammenzuarbeiten, wie sie von dem
ungarischen Volk benötigt werden können."
Das ist der Inhalt unserer Resolution. Sie hat das Ziel, sicherzustellen, daß schnell gehandelt wird, um der ernsten Situation begegnen zu können. Wir glauben nicht, daß es genügt, die Sowjetunion lediglich aufzufordern, sich eines weiteren Eingreifens in die inneren Angelegenheiten Ungarns zu enthalten und unverzüglich ihre sämtlichen Truppen zurückzuziehen.
Wir

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7. November 1956

Wir stellen ferner das dringende Ersuchen, daß der Generalsekretär der Vereinten Nationen unverzüglich die Situation in Ungarn von
sich aus überprüft und sobald wie möglich der Generalversammlung hierüber Bericht erstattet. Wir fordern die Sowjetunion und Ungarn auf,
Vertretern des Generalsekretärs die Einreise in ungarisches Gebiet
zu gestatten, haben sie doch ihrerseits, wenn sie nichts zu verbergen
haben, von dem Besuch unparteiischer Beobachter nichts zu befürchten.
In diesem Zusammenhang möchte ich den sowjetischen Vertreter daran
erinnern, daß die Sowjetunion vorgibt, für bestimmte grundlegende Prinzipien einzutreten, die von der Bandungkonferenz im April 1955 als
allgemein verbindliche, internationale Verhandlungsmaßregeln angenommen
worden waren.
Man hatte dort zehn Grundsätze für die Herbeiführung
einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationen aufgestellt.
Fünf von ihnen betreffen, soweit mir bekannt ist, die sogenannte friedliche Koexistenz, für die sich die Sowjetunion wohl in Reden, aber nicht
durch Handlungen eingesetzt hat. Diese Prinzipien, die von den sowjetischen Führern anläßlich ihrer Besuche verschiedener asiatischer Länder
ausdrücklich bekräftigt worden sind, treffen auf die Situation in Ungarn
zu. Was die Sowjetunion in den letzten Stunden in Ungarn getan hat, beweist, wie nichtssagend diese sowjetischen Äußerungen des Lobes über die
Bandungerklärung sind.
Wir richten an die Mitglieder dieser Versammlung die Frage:
Hat die Sowjetunion bei ihrer Aktion in Ungarn "die fundamentalen
Menschenrechte und die Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten
Nationen respektiert"?
Hat sie "die Souveränität und die territoriale Unverletzlichkeit
aller Nationen respektiert"?
Und diese Fragen sind von wörtlichen Zitaten aus der BandungDeklaration abgeleitet".
Hat sich die Sowjetunion des "Eingreifens und der Einmischung in
die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" enthalten?
Hat sie sich "der Aggressionshandlungen oder -drohungen oder der
Anwendung von Gewalt gegenüber der territorialen Unverletzlichkeit im
Interesse der politischen Unabhängigkeit eines Landes" enthalten?
Ich habe mich bei diesen Fragen der Sprache der Bandungkonferenz
bedient, die Tatsachen jedoch sprechen für sich selbst.
Wir können nicht untätig zusehen, wenn die Ungarn wieder gewaltsam
unterjocht werden, gerade zu einem Zeitpunkt, als sie dabei waren, ihre
Freiheit und Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Die in der Charta der
Vereinten Nationen niedergelegten Prinzipien stehen auf dem Spiel. Das
immer wieder von dieser Versammlung bekräftigte grundsätzliche und fundamentale Recht der Selbstbestimmung ist schwer bedroht. Wenn wir nicht handeln, wäre das ein gemeiner Verrat gegenüber dem ungarischen Volke, das
uns um Hilfe gebeten hat.
Das

�-'AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Das ungarische Volk darf sicher sein, daß die
seine Sache zu ihre: ei• nen machen werden.

'erei-.ten Nationen

Es kann ferner s'.ch r sein, daß die Vere'.nten Nationen a^le ihr
zu Gebote stehenden Mittel aufbieten werden, um sicherzus'el er , daß
das ungarische Volk, -as in diesen furchtbaren Tagen so leidenschaftlich für seine Unabhängi -keit und Freiheit gekämpft hat, ein hilfreiches Echo bei ...
Soeben erhalte ich on Präsident Eisenhower eine Botschaft, die
ich Ihnen gern zur Kenntnis geben möchte. Sie ist nur sehr kurz»
"Ich bin der Ansicht, daß die Weltmeinurg, die noch vor wenigen
Tagen angesichts der Nachricht über den beabsichtigten Abzug der Truppen der Sowjetunion aus Ungarn so viel neue Hoffnung schöpfte, heute
in gleichem Maße über den sowjetischen Angriff aaf das Volk und die
Regierung Ungarns bestürzt und entsetzt ist.
Ich suchte heute Außenminister Dulles im Walter-Peed-Krankenhaus
auf und konferierte später mit dem stellvertretenden Außenminister,
um Mittel und Wege zu erörtern, die den Vereinigten Staaten zur Erreichung folgender Ziele zur Verfügung stehen»
1.

Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungern

2.

Gewährleistung des Rechtes Urgarns auf Selbstbestimmung
und auf Wahl serner Regierung

Ich habe an Ministerpräsident Bulganin eine dringende Botschaft
bezüglich dieser Fragen -esandt.
Die Lage im Mittleren Osten und die Maßnahmen, die gegenwärtig
von den Vereinten Nationen unternommen werden, um den Frieden in diesen Gebiet wiederherzustellen sowie den Boden für eine konstruktive
Lösung der dort gegebenen Probleme zu bereiten, wurden in gleicher
Weise einer gründlichen Überprüfung unterzogen."
Herr Präsident, wir müssen heute nachmittag hier Schritte unternehmen, damit die Vereinten Nationen ihre Hilfsquellen mobilisieren,
um sicherzustellen, daß das ungarische Volk, das in diesen furchtbaren
Tagen so leidenschaftlich um seine Unabhängigkeit und Freiheit gekämpft hat, hilfreiches Echo bei den Völkern jener Länder findet,
die das Glück haben, diese kostbaren Güter zu besitzen, auf daß
sie ihm materielle Hilfe und Trost bringen und seine Leiden und
sein Unglück zu lindern helfen.
* * * * *

I

�A M E R I K A

HOOVERt

D I E N S T

UN SOLLEN INITIATIVE IN UNGARN ERGREIFEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der stellvertretende
US-Außenminister Herbert Hoover jun. am
16.November 1956 vor der UN-Generalversammlung hielt.

"Herr Präsident,
Außenminister Dulles hat mich gebeten, Ihnen sein tiefes Bedauern darüber auszusprechen, daß er nicht hier sein kann, um diese
Ansprache selbst zu halten. Ich möchte ferner dem neuen Präsidenten
der Generalversammlung, unserem hochverehrten Freund aus Thailand,
die Glückwünsche des Außenministers übermitteln.
Die Vereinten Nationen und die gegenwärtige Krise
Die Generalversammlung tritt zu einem Zeitpunkt zusammen, da
zahlreiche Probleme auf die Völkergemeinschaft der Welt einstürmen.
Einige dieser Probleme sind äußerst bedrohlich. In der kurzen Spanne
weniger Wochen sahen wir uns zwei Bedrohungen des Weltfriedens gegenübergestellt .
Die Vereinten Nationen haben in den kritischen Ereignissen der
vergangenen Wochen in Europa und im Mittleren Osten eine entscheidende
Rolle gespielt. Sie haben schnell gehandelt, um die betreffenden Streitfragen in den Brennpunkt der Weltraeinung zu stellen. Sie haben gerechte
und praktische Vorschläge für friedliche Lösungen unterbreitet. Die
Welt kann nicht anders als den moralischen Kräften für den Frieden ihre
Aufmerksamkeit zu schenken, die die Vereinten Nationen in diesen letzten|
Wochen demonstriert haben. Die Vereinten Nationen haben ihre Hingabe an
die Prinzipien ihrer Charta sowie ihre Fähigkeit bewiesen, zur Verteidigung dieser Prinzipien schnell zu handeln.
Präsident Eisenhower hat in seiner Ansprache an das amerikanische Volk am 31.Oktober erklärt: 'Wenn ich die Entwicklung der internationalen Ereignisse der letzten Jahre überdenke, bin ich noch stärker davon überzeugt, daß die Fortschritte der Vereinten Nationen die
gesündeste Grundlage für den Frieden in der Welt darstellen.'
Das
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�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Das Grundziel der Charta ist Frieden in Gerechtigkeit. Die
Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß die Vereinten Nationen
das beste Mittel zur Erreichung dieses Zieles sind. Der Friede "allein
genügt nicht. Denn ohne Gerechtigkeit ist der Frieden nur eine Täuschung und von begrenzter Dauer. Auf der anderen Seite würde die Gerechtigkeit ohne Frieden von den grenzenlosen Ungerechtigkeiten eines
Krieges fortgeschwemmt werden.
Die Vereinten Nationen haben in den letzten Wochen unverzüglich
gehandelt, um den Frieden in Gerechtigkeit zu bewahren. Ihre Bemühungen können jedoch nicht lediglich auf Grund ihrer Resolutionen beurteilt werden. Die Bewährungsprobe besteht darin, daß ihre Resolutionen
zum Tragen kommen.
In Osteuropa sind die Beschlüsse der Vereinten Nationen, die sich
mit der tragischen Situation in Ungarn befassen, immer noch unbeachtet
geblieben. Die sowjetischen Streitkräfte sind nicht zurückgezogen worden. Wir hören jetzt bestürzende Berichte, wonach das ungarische Volk
die Barbarei der Massendeportationen erdulden muß.
'.Vir können nicht ruhig bleiben, • während ungarische Männer, Frauen
und Kinder unter Anwendung von Gewalt deportiert werden, nur weil sie
es gewagt haben, den sowjetischen Unterdrückern zum Trotze ihren patriotischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deshalb sind die USA der Ansicht,
daß die Vereinten Nationen unverzüglich die Initiative ergreifen müssen,
um dieser tragischen Situation abzuhelfen.
Herr Präsident, diese Frage erfordert die dringende Aufmerksamkeit
der Generalversammlung. Die USA werden alle Änderungen in der Tagesordnung der Generalversammlung unterstützen, die notwendig werden mögen, damit diese unerhört wichtige Angelegenheit mit Vorrang behandelt
werden kann.
Die Forderung des UN-Generalsekretärs nach Zulassung von UNBeobachtern in Ungarn ist abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß wir
unsere Unterstützung seiner Bemühungen verdoppeln müssen. Gleichzeitig müssen wir mit Vorrang die nächsten Schritte erörtern, die die
Vereinten Nationen unternehmen können. Die brutale Unterdrückung der
Freiheit durch die Fremdherrschaft wird sich in dem Gewissen der Welt
unauslöschlich einprägen.
Im Mittleren Osten begrüßen wir die Erklärungen der Zusammenarbeit,
die dort auf die Forderungen der Vereinten Nationen hin abgegeben wurden, die militärischen Operationen einzustellen, die bewaffneten Streitkräfte zurückzuziehen und die Streitmacht der Vereinten Nationen einzusetzen.
Es ist auch davon gesprochen worden, sogenannte 'Freiwillige'
nach dem Mittleren Osten zu bringen. Eine derartige Maßnahme würde in
klarem Widerspruch zu der am 2.November angenommenen Resolution stehen,
die von 64 Mitgliedern dieser Versammlung unterstützt wurde. Es ist die
eindeutige Pflicht aller, einschließlich derer, die in Feindseligkeiten
verwickelt sind, davon Abstand zu nehmen, daß außer der Polizeitruppe der
Vereinten Nationen noch andere Streitkräfte in das Gebiet der jüngsten
Kämpfe entsandt werden.
Kein
?

�'AMERIKA DIENST"

22.November 1 956

Kein Land sollte die Schwierigkeiten der Vereinten Nationen bei
der Wiederherstellung des Friedens vergrößern. Wenn ausländische Streitkräfte in das Kampfgebiet gebracht würden, dann würde dies bestimmt
die Bemühungen erschweren, die gegenwärtig gemacht werden, ja, dies
würde eine Bedrohung für die Streitkräfte der Vereinten Nationen darstellen, die gegenwärtig in das Gebiet einrücken. Die Vereinten Nationen
würden dann die Verpflichtung haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Präsident Eisenhower;hat angekündigt, daß die USA derartige Maßnahmen voll und ganz unterstützen würden.
Als die USA am 1. November ihre Resolution zur Feuereinstellung
einbrachten, erklärte Außenminister Dulles hier an dieser Stelle, daß
die Waffenruhe allein sowie die Rückkehr zu dem ehemaligen Zustand
nicht genügen würden. Er wies darauf hin, daß die Gewaltanwendung aus
einer in höchstem Maße verworrenen und in vieler Hinsicht provozierenden
Situation heraus erfolgte, sowohl im Hinblick auf den Suezkanal als
auch auf den Waffenstillstand in Palästina. Er unterstrich, daß weder
der Friede noch die Gerechtigkeit gesichert werden könnten, wenn wir
nicht mehr erreichten als die alte und unruhige Lage von früher wiederherzustellen.
Die Vereinten Nationen haben ihre Fähigkeit, die öffentliche Meinung der Welt gegen die Anwendung von Gewalt zu mobilisieren, unter
Beweis gestellt. Es ist viel schwerer, die Meinungen in dem gleichen
Maße für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten zu mobilisieren, die
den Nährboden für die Gewaltanwendung bilden. Solange wir jedoch nicht
bis zu den Wurzeln dieser Spannungen vorstoßen, können wir nur begrenzte
Fortschritte auf dem Wege zur Lösung der Probleme eines dauerhaften
Friedens machen.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten am 3« November der
Sondersitzung der Generalversammlung zwei Resolutionen unterbreitet,
die das Ziel hatten, sich mit den Ursachen der Krise im Mittleren
Osten auseinanderzusetzen. Die erste bezieht sich auf den Suez-Kanal.
Am 13. Oktober nahm der Sicherheitsrat eine Entschließung an, die sechs
Leitgedanken enthielt, die das Ziel hatten, die Grundlage für eine Lösung zu schaffen, die das internationale Vertrauen und eine wirksame
Inbetriebhaltung gewährleistet. Nichts ist geschehen, was die Grundvoraussetzung geändert hat, wonach den Benutzern des Kanals unter
Wahrung der Souveränität Ägyptens die Zusicherung einer freien Durchfahrt ohne jede Diskriminierung gegeben werden muß, und zwar unter
verlässlichen und voraussagbaren Bedingungen, die von der Politik eines
jeden Landes unabhängig sind. Was nun not tut, ist die Verwirklichung
dieser.fundamentalen Grundsätze. Wir haben daher eine Resolution vorgelegt, die auf die Ausarbeitung von Maßnahmen zur Wiederinbetriebnahme des Kanals abzielt, sowie auf die Entwicklung eines Planes, um
in Übereinstimmung mit den interessierten Ländern seine Inbetriebnahme und Inbetriebhaltung vorzubereiten und die freie Durchfahrt
durch den Kanal gemäß der Konvention von 1888 zu gewährleisten. Wir
glauben, daß ein derartiger Ausschuß unverzüglich gebildet T/erden und
daß er seine Arbeit sobald als möglich aufnehmen sollte.

Die

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�AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Die Vereinigten Staaten haben ferner eine Resolution unterbreitet,
die die Errichtung eines Ausschusses vorsieht, der die Partner eines
Waffenstillstandsabkommens beraten und Empfehlungen hinsichtlich einer
Lösung der großen, zwischen den arabischen Staaten und Israel stehenden
Probleme machen soll.
Wir haben sofort Maßnahmen ergriffen, um uns mit der durch den
Ausbruch der Feindseligkeiten entstandenen dringlichen Lage zu befassen. Die Ankunft des ersten Kontingents der UN-Pol'izeitruppe sollte es
möglich machen, nunmehr ohne irgendwelche Verzögerung die übrigen
Empfehlungen dieser Generalversammlung zu verwirklichen, besonders diejenigen, die sich auf den Abzug der Truppen beziehen.
Wir müssen nunmehr mit der gleichen Schnelligkeit und Einmütigkeit
handeln, um eine Lösung der Probleme zu erreichen, die zu dieser dringlichen Lage führten.
Auch zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in diesem Raum sind neue Anstrengungen nötig. Die dortige Krise hat unsere
Bemühungen von der Aufgabe, für die Zukunft zu sorgen, abgelenkt. Es
gibt vieles, was wir tun können, damit die Völker in diesem schwer
heimgesuchten Gebiet jenen wirtschaftlichen und sozialen Lebensstandard
erreichen, nach dem sie sich so sehr sehnen.
Wir brauchen nicht auf die endgültigen Lösungen zu warten, ja,
es wäre falsch, würden wir warten. Eine Zusammenarbeit auf solchen
Gebieten wie Wasserwirtschaft und Handel sowie gut geplanten Entwicklungs- und Modernisierungsprojekten könnte wesentlich dazu beitragen,
die Grundlagen für den Frieden zu legen.
Wir haben jetzt die Chance für einen neuen Beginn;, unser Ziel
sollte sein, die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden und die
Stabilität in diesem Gebiet zu legen.
Im August vergangenen Jahres umriß Außenminister Dulles einige
Vorhaben, die unbedingt erforderlich sind. Er erwähnte mehrere spezielle
Projekte, die durchgeführt werden sollten, und erklärte wörtlich:
'Wenn diese Vorhaben Lasten mit sich bringen, dann würden sich die USA
an diesen Lasten beteiligen.1 Ich kann heute die Bereitschaft der USA,
zur Unterstützung eines gesunden Programmes voll und ganz beizutragen,
erneut bekräftigen.
Andere Probleme der elften Sitzungsperiode
Ich möchte ferner kurz über zwei weitere Punkte sprechen, die vor
diese Sitzung der Generalversammlung kommen werden.
Der erste Punkt ist die Internationale Atomenergiebehörde. Wir
können ermutigt sein, daß das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde, das in diesem Saale vor wenigen Wochen von über JQ Ländern
unterzeichnet wurde, nunmehr in das Stadium der Ratifizierung getreten
ist. Dies bedeutet einen großen Fortschritt für die internationale

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�'AMERIKA DIENST"

22. November 1956

internationale Völkergemeinschaft, der durch Gespräche und Verhandlungen
erreicht worden ist. Dieser Fortschritt bringt den Tag näher, an dem
das Atom als ein wirklich internationaler Diener der Menschheit arbeiten
kann.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß ein Ausschuß dieser
Generalversammlung mit der neuen Behörde Verhandlungen über den Entwurf
eines Abkommens aufnehmen sollte, um ein geeignetes Verhältnis zwischen
dieser Behörde und den Vereinten Nationen herzustellen.
Zweitens wird der Generalversammlung das Problem der Abrüstung
unterbreitet werden, wenn die Abrüstungskommission ihren Bericht über
die erreichten Fortschritte vorlegt. Die Verhinderung eines Atomkrieges
ist das Anliegen jeder Nation und jedes Menschen. Und doch wird die
Produktion nuklearer Waffen fortgesetzt, und noch immer schwebt die
fürchterliche Drohung eines Atomkrieges über der Menschheit.
Wenn eine Einigung in dieser Frage bisher nicht erzielt werden
konnte, so sind die Vereinten Nationen hierfür nicht direkt verantwortlich. Diese Tatsache ist aber auch kein Grund, die Hoffnung aufzugeben oder in unseren Bemühungen nachzulassen. Wir müssen danach trachten, soweit uns das möglich ist, Fortschritte auf allen Gebieten zu erzielen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin jede Gelegenheit ergreifen, um ein echtes Abkommen zu erreichen. Wir dürfen uns aber nicht dabei
ertappen lassen, leere Versprechungen mit echten Vorschlägen zu verwechseln.
Der Kern des Problems ist auch weiterhin die Frage der Schaffung
eines wirksamen Inspektions- und Kontrollsystems. Jeder Abrüstungsplan
ist unbefriedigend, wenn er nicht gleichzeitig von Maßnahmen begleitet
»ird, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, daß die Vertragspartner
ihren Versprechungen auch tatsächlich nachkommen.
Die Sowjetunion hat sich bisher immer gescheut, sich einem wirksamen System der Inspektionen und Kontrollen zu unterstellen. Die
Vereinigten Staaten hingegen haben einem derartigen System zugestimmt.
T
ene Länder, die über das Potential für eine nukleare Kriegführung verfügen, haben die große Verantwortung, diese Gefahr im Rahmen der Autorität der Vereinten Nationen zu beseitigen. Herr Präsident, die Vereinigten Staaten bezeugen hiermit erneut ih^e Hingabe an diese große Aufgabe.
Die vor uns liegenden Aufgaben
Die Aufgaben, die vor den Vereinten Nationen liegen, sind ungeheuer. In ihrer Suche nach einem Frieden in Gerechtigkeit müssen sie
*ege finden, die zu einem friedlichen Wandel führen.
Dis Vereinten Nationen müssen dazu beitragen, daß rechtmäßige Veränderungen stattfinden. Aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, zu
verhindern, daß diese Veränderungen den Frieden erschüttern oder die
legitimen Interessen der anderen verletzen. Die wachsende Abhängigkeit
der Nationen untereinander ist genauso eine Tatsache des internationalen
Lebens geworden wie der Drang nach einer Änderung. Es ist die Aufgabe

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�"AMERIKA DIENST"

22. November

1956

Aufgabe der Staatsmänner, dieses Streben sowohl in friedliche wie auch
in gerechte Bahnen zu lenken.
In unseren Bemühungen,einander entgegenstehende Ansprüche und
Interessen miteinander auszugleichen, werden wir oftmals nur langsam
Fortschritte erzielen. In einigen Fällen werden wir vielleicht vorübergehende oder Teillösungen annehmen müssen. '.Vir dürfen nicht entmutigt
werden, wenn wir für den gegenwärtigen Zeitpunkt bestenfalls nur eine
Einstellung der Kampfhandlungen oder einen Waffenstillstand erreichen
können. Wir müssen unsere Probleme mit einem Gefühl für das Mögliche
und einer Entschlossenheit, das Mögliche zu finden, angehen.
Die wachsende Stärke der Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen gehen an diese Aufgaben mit wachsender
Stärke und Vitalität heran. Die kürzliche Aufnahme von 19 Mitgliedern
hat der Weltorganisation neue Kraft und einen größeren Wirkungsbereich
verliehen. Vor allem möchte ich die Delegierten Marokkos, Tunesiens
und des Sudans begrüßen, die erst in jüngster Zeit in unsere Reihen
getreten sind.
Es gibt jedoch noch andere Länder, vor allem im Fernen Osten,
die in gleicher Weise qualifiziert sind und hier vertreten sein sollten.
Japan ist durch die Stimme eines einzigen Landes ausgeschlossen worden.
Wir hoffen, daß baldige Maßnahmen getroffen werden können, die den Weg
für die Aufnahme Japans zum frühestmöglichen Zeitpunkt ebnen. Die Republik
Korea und die Republik Vietnam verdienen gleichermaßen die Zulassung und
sollten ohne weitere Verzögerung in die Vereinten Nationen aufgenommen
werden.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin der Aufnahme der
Vertreter des rotchinesischen Regimes widersetzen, eines Regimes, das
von den Vereinten Nationen als Angreifer verurteilt worden ist, das
seine Mißachtung für diese Organisation bei zahlreichen Anlässen bewiesen und auch sonst entgegen der Charta gehandelt hat.
Die Ausweitung der Organisation von 60 auf 79 Mitglieder hat sich
auf den Umfang solcher wichtigen Körperschaften wie des Sicherheitsrates
und des Wirtschafts- und Sozialrates nicht ausgewirkt.
Die asiatischen Länder sind im Weltsicherheitsrat noch nie ausreichend vertreten gewesen. Nach der Aufnahme von weiteren sechs asiatischen
Ländern sollte dieser Mangel unverzüglich abgestellt werden. In ähnlicher
Weise würden die zehn neuen europäischen Staaten eine verstärkte Vertretung für den europäischen Bereich rechtfertigen. Nach den obwaltenden
Umständen würde es wünschenswert scheinen, dem Sicherheitsrat zwei neue
nichtständige Sitze hinzuzufügen. Es wäre gleichfalls vernünftig, die
Mitgliederzahl im Wirtschafts- und Sozialrat vielleicht um vier Sitze
zu erhöhen.
Das

�"AMERIKA DIENST

22. November 1956

Das vergangene Jahr brachte ferner eine bedeutende Ausweitung
der Rolle des Generalsekretärs. Durch beständige und unermüdliche
Bemühungen hat er auf vielerlei Weise zur Lösung ernster Streitfragen
beigetragen. Die Rolle, die er, besonders im Mittleren Osten, gespielt
hat, zeigt, in welch hohem Maße der Generalsekretär zum Weltfrieden
beitragen kann. Die Vereinigten Staaten möchten hiermit ihren Dank
an Generalsekretär Hammarskjöld zu Protokoll geben, sowohl für seine
Hingabe an diese Aufgabe wie auch für seine persönlichen Fähigkeiten
als Mann des Friedens und ihn hierzu beglückwünschen.
In den vergangenen Wochen haben die Vereinten Nationen erneut
ihre Daseinsberechtigung erwiesen, indem sie neue Instrumente für den
Frieden schufen. Ein historischer Schritt wurde mit der Aufstellung
einer Polizeitruppe der Vereinten Nationen getan, die die Einstellung
der Feindseligkeiten im Mittleren Osten gewährleisten und überwachen
soll.
Die Polizeitruppe der Vereinten Nationen mußte auf schnellstem Y/ege
ins Leben gerufen werden. Die Erfahrungen, die bei der Bildung und dem
Einsatz dieser Truppe gesammelt wurden, werden von unschätzbarem Wert
für die Zukunft sein. Dies unterstreicht aber auch die Notwendigkeit,
einen kollektiven Mechanismus zu entwickeln, der zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig ist.
Die Entwicklungsfähigkeit, die die Vereinten Nationen bei der
Beantwortung konkreter Herausforderungen bewiesen haben, hat auch die
Kraft der UN als Institution gezeigt. Die Aufgabe, diese Fähigkeit
zur friedlichen Lösung von Streitfällen und zur Förderung eines gerechten Wandels auf friedlichem Wege zu steigern, hört niemals auf. Wir
haben ganz gewiß noch nicht alle Möglichkeiten der Charta für diese
Zwecke erschöpft.
Beispielsweise steht ein ausreichender Apparat zur Verfügung,
um die internationalen Rechtsstreitigkeiten richterlich zu entscheiden.
Doch wird diese Maschinerie selten verwandt. Nur 53 Staaten haben die
verbindliche Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofes angenommen. Andere Länder haben sich im allgemeinen geweigert, ihre Meinungsverschiedenheiten gerichtlich entscheiden zu lassen, wenn sie dazu
angehalten worden sind. Wenn die Herrschaft des Rechts geschaffen werden
soll, dann müßte es auch zur allgemein akzeptierten Norm werden, daß
man sich an dieses Recht, wie es in der Urteilsfindung eines unabhängige
Gerichtshofs zum Ausdruck kommt, hält.
Zusammenfassung
Herr Präsident, wir leben gegenwärtig in ernsten Zeiten. Sie
fordern von allen Nationen äußerste Zurückhaltung sowie ein gutes
Urteilsvermögen. Sie fordern schöpferische neue Versuche, um das alte
Problem eines gerechten und dauerhaften Friedens einer Lösung zuzuführen.
Unser

�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Unser Ziel muß eine Welt sein,, in der die Nationen und Völker Seite an
Seite nebeneinander leben können, ohne Rücksicht auf ihre innerpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, ohne Furcht und mit
echter Hoffnung auf Erfüllung unserer Ziele. Die Vereinten Nationen
können als Organisation von unschätzbarem Wert sein, um die Arbeit
in Richtung auf dieses Ziel zu unterstützen. Wir dürfen nicht fragen,
ob sie bei dieser ihrer Aufgabe Erfolg haben werden; wir müssen vielmehr dafür sorgen, daß eie Erfolg haben.
Nichts könnte einleuchtender sein als die Tatsache, daß eine
wirkungsvollere Organisation der Vereinten Nationen den Interessen
jeder einzelnen Nation dient. Wir müssen danach streben, Institutionen
zu entwickeln, mit deren Hilfe die Rechte aller Nationen respektiert
werden können und die Gerechtigkeit auf friedlichem Wege gewährleistet
werden kann. So wollen wir uns hier vereinen, um eine Brücke von der
Vergangenheit in die Zukunft zu bauen, über die wir gemeinsam in einem
neuen Geiste des Vertrauens wandeln können.
Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten unermüdlich an
dieser Aufgabe arbeiten werden." ,

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

ERKLÄRUNG VON BOTSCHAFTER LODGE VOR DER
UN-GENERALVERSAMMLUNG

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung
über die Deportation ungarischer Staatsbürger, die
der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge jun., auf der Vollsitzung der UN-Generalversammlung am 19» November 1956
abgegeben hat.

"Die Erklärungen, die heute morgen von den Persönlichkeiten abgegeben wurden, die angeblich hier für Ungarn sprechen, müssen alle
im Lichte der sehr einfachen Tatsache gesehen werden, daß die Behörden
dort keine freien Wahlen zulassen werden - sondern höchstens inszenierte
Wahlen nach kommunistischer Art, Ganz offensichtlich würden freie Wahlen zu dem schnellen Verschwinden des kommunistischen Regimes führen.
Genauso offensichtlich ist dies auch der Grund, warum das kommunistische
Regime keine freien Wahlen zuläßt. Wo es keine Freiheit gibt, da kann
es auch nur sehr wenig Wahrheit geben, Und ich glaube wirklich, daß
dies auch für die Reden zutrifft, die von den beiden Vertretern des
kommunistischen Ungarn heute morgen gehalten wurden.
So möchte ich mich denn dem zuwenden, was der sowjetische Vertretter sagte. Er sprach erstens über die Legislative in den Vereinigten
Staaten. Die Gesetzgebung und die Taten der Vereinigten Staaten hinsichtlich der osteuropäischen Völker sind nicht ganz so, wie er das
darstellt. Wie ich neulich abends erklärte, suchen die Vereinigten Staaten, was die osteuropäischen Völker anbetrifft, deren Magen mit Lebensmitteln zu füllen, während die Sowjets ihn mit Blei füllen. Das
ist der einzige Unterschied,
Der sowjetische Vertreter möge ferner zur Kenntnis nehmen, und
dies ist, was die Amerikaner anbetrifft, von grundlegender Bedeutung,
daß das amerikanische Volk, das über seinen Kongreß handelt, jede
Unterdrückung ablehnt, wo immer dies auch sein mag. Dies hat für
dieses Land schon immer - von Anbeginn seiner Geschichte an - gegolten. Abraham Lincoln erklärte, als er über die Unabhängigkeitserklärung - das zur Zeit der amerikanischen Revolution erlassene grundlegende Dokument der amerikanischen Verfassung - sprach, daß dieses
Dokument nicht nur dem amerikanischen Volke die Freiheit brachte t

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28. November

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brachte, sondern auch der gesamten Welt für alle künftigen Zeiten
Hoffnung gab. Abraham Lincoln betrachtete die Ideale der Freiheit
nicht als etwas, das man einfach hinnimmt und in seinem Herzen trägt,
sondern als etwas, das man anderen zu bringen wünscht.
Dieser Geist nun liegt der Gesetzgebung zugrunde, auf die sich
der sowjetische Vertreter bezog.
Selbstverständlich waren die sowjetischen Anschuldigungen gegen
die amerikanische Gesetzgebung schon verschiedentlich auf früheren
Sitzungen dieser Generalversammlung zu hören, andere sowjetische Vertreter haben sie in Entschließungen vorgebracht. Den diesbezüglichen
Entschließungen wurde jedoch niemals von der Generalversammlung stattgegeben. Was nun die Erklärung anbetrifft, wir hätten den Eindruck
zu erwecken gesucht, daß es seitens der Vereinigten Staaten militärische Hilfe in Ungarn geben würde, so erkläre ich mit allerhöchster Vollmacht - und dies ist sehr genau nachgeprüft worden -, daß
niemand jemals in irgendeiner Weise - sei es durch Rundfunksendungen
oder auf irgendeinem anderen Wege - von den Vereinigten Staaten zur
Rebellion aufgerufen worden ist.
Der Rest der sowjetischen Rede widerspricht natürlich, wie wir
alle wissen, den allgemein bekannten Tatsachen. Es war das typische
sowjetische Aneinanderreihen von Zeitungsausschnitten, die nur der
eigenen Sache dienten. Ich hörte der Rede sehr sorgfältig zu, aber
es ist durchaus möglich, daß ich hier oder dort ein Wort überhört
habe. Aber soweit ich der Rede folgte, habe ich nicht ein einziges
direktes Wort vernommen, durch welches in Abrede gestellt wurde, daß
diese Deportationen aus Ungarn tatsächlich erfolgten. Ich habe nur
etwa ein Drittel der Rede gelesen, aber während ich ihr zuhörte, habe
ich nicht eine einzige eindeutig klare Zurückweisung dieser Behauptungen
vernommen. Die Rede war ihrem Ton nach defensiv und brachte praktisch
nichts Neues. Genauso wie seine Vorgänger, bestritt der sowjetische
Vertreter kurz und bündig die sowjetischen Untaten. Ja, er weigerte
sich, Beobachtern der Vereinten Nationen die Einreise in dieses Land
zu gestatten, um die Wahrheit festzustellen. Sicherlich, Herr Präsident,
würde der sowjetische Vertreter, wenn er seinen eigenen Erklärungen wirklich Glauben schenken würde, eine unparteiische Untersuchungskommission
der Vereinten Nationen begrüßen. Indem er jedoch Beobachter der Vereinten
Nationen ablehnte, hat sich Außenminister Schepilow in die wohl schwächste Position gebracht, in die sich ein Sprecher vor einem öffentlichen
Forum auch nur bringen konnte. Praktisch hat er zu dieser Generalversammlung gesagt, 'ich glaube selbst nicht, was ich soeben gesagt habe.*
Nun, die Tatsachen sind durchaus nicht mysteriös. Seit über zwei
Wochen hat die Welt die ungarische Tragödie beobachtet - das Drama
eines großen Volkes, das sich erhob, um die Ketten der Unterdrückung
zu brechen, und dessen Erhebung durch die Strategie der Doppelzüngigkeit und des Terrors von der Sowjetunion zunichte gemacht wurde.
Herr

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Herr Präsident, hier handelte es sich um eine Erhebung der Arbeiter, der Bauern, der Studenten - der jungen Menschen. Dies ist auch der
Grund, warum die Arbeiter in allen freien Ländern empört sind. Die Aufmärsche der arbeitenden Menschen, diese Demonstrationen in aller Welt
fanden nicht statt, weil etwa einige alte Faschisten sich plötzlich erhoben hatten. Sie fanden statt, weil man vielmehr erkannt hatte, daß
es sich hier um eine echte Erhebung der Arbeiter und der -Jugend handelte.
Die Welt erlebte zuerst eine massive Konzentration sowjetischer
Panzer und Truppen, die um Budapest und in ganz Ungarn mobil gemacht
worden waren. Uns wurde erzählt, daß Verhandlungen im Gange seien, um
den Abzug dieser Truppen sicherzustellen. Dann enthüllte die Sowjetunion
ihre wahren Absichten. Diese Truppenbewegungen waren keine Ablösung, wie
die Sowjets behauptet hatten, sie erfolgten im Rahmen eines Planes, um
die sowjetische Kontrolle über das ungarische Volk wiederherzustellen,
getarnt durch einen abgekarteten 'Hilferuf der ungarischen Behörden.
Die sich anschließenden Ereignisse enthüllten die wirkliche Lage, die
ich als den notwendigen Hintergrund für die jüngsten Ereignisse kurz
schildern werde.
Im Morgengrauen des 4» November begannen sowjetische Truppen ihren
Angriff auf das ungarische Volk und dessen Regierung. Zwei Stunden später suchte eine Gruppe von Männern, die sich seitdem als die Regierung
Ungarns bezeichnet hat, diesem Akt der Aggression eine rechtliche Grundlage zu geben, indem sie einen Hilferuf an die sowjetischen Truppen gegen
das ungarische Volk erließ. Seit diesem Zeitpunkt ist uns immer wieder
erzählt worden, daß die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Hilferufes
in Aktion traten, und daß sie ihre Aktion auf Ersuchen der ungarischen
Regierung durchführen. Wie der hochverehrte Außenminister von Belgien,
Monsieur Spaak, neulich so treffend erklärt hat, muß die Sowjetunion
denken, daß wir alle Toren sind, weil wir dieser Propaganda angesichts
des gegenteiligen konkreten Beweismaterials glauben.
Der Mut und die Entschlossenheit des ungarischen Volkes sind ein
anspornendes Beispiel für alle freien Länder. Auch jetzt noch liegen
Berichte von Kämpfen, Streiks oder weiterem Widerstand vor - so groß
ist die Liebe zur Freiheit im Herzen dieses Volkes.
Die Sowjetunion hat sich bisher allen Bitten der Vereinten Nationen
gegenüber taub gezeigt. Sie hat ihre Truppen nicht zurückgezogen. Den
Vertretern des Generalsekretärs ist die Einreise nach Ungarn zur Prüfung
der Lage verweigert worden. Unserem hochverehrten Generalsekretär selbst
mit all dem ihm auf Grund seines Amtes und seiner eigenen persönlichen
Fähigkeiten zustehenden Prestige ist nicht einmal die einfachste Höflichkeit erwiesen worden, die ihm von einem Mitglied der Vereinten
Nationen gebührt. Sein Angebot, nach Budapest zu gehen, wurde mit einem
Vorschlag beantwortet, daß er mit einem Vertreter Ungarns an einem Platz
zusammentreffen sollte, der weit entfernt von den Ereignissen liegt, die
uns hier so große Sorge bereiten. Als Höhepunkt dieser Geschichte des
Terrors führt die Sowjetunion nunmehr Massendeportationen von ungarischen Staatsbürgern durch. Wir verfügen über Tatsachenmaterial, das die
zahlreichen in der Presse erschienenen Berichte noch erhSrtet. Die der

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28. November 1956

der amerikanischen Regierung vorliegenden Informationen zeigen, daß
bis zum 14» November wenigstens 16 000 Menschen allein aus Budapest
deportiert wurden. Am 13. November zum Beispiel fuhren den Berichten
zufolge wenigstens drei Züge mit je 60 Güterwagen, in die jeweils
50 bis 60 Menschen hineingepfercht worden waren, auf der Strecke MonorSzolnok-Debrecen nach Osten. Am 9« November wurde gemeldet, daß sich
ein Zug mit 1500 Männern, Frauen und Kindern in Debrecen befand; ein
gleicher Bericht liegt für den 11. November vor.
Aus diesen Zügen wurden Zettel geworfen, auf denen die Finder
gebeten wurden, die Verwandten zu benachrichtigen.
Unsere Berichte zeigen, daß diese Deportationen immer noch andauern. Wir erhielten die Bestätigung, daß ein Zug mit jungen Ungarn,
die in plombierten Güterwagen transportiert wurden, sich über Cluj,
Predeal und Ploesti in Rumänien auf die sowjetische Grenze zu bewegt.
Und Menschen in Rumänien, die sie sahen, erzählten, daß die Ungarn sie
um Hilfe zur Flucht baten.
Herr Präsident, soweit ich weiß, ist die Witterung in Ungarn zu
dieser Jahreszeit noch recht mild, aber es ist bereits in Rußland und
in Sibirien sehr kalt. Es ist ganz unvermeidlich, daß viele der Menschen
in diesen Güterwagen, zumal es sich um offene Güterwagen handelt, an
Kälte und Entbehrungen sterben werden - so wie die unglücklichen Opfer
der Nazi-Konzentrationslager auf den Güterwagen starben. Wie ich es
mit meinen eigenen Augen im Jahre 1945 überall in der Gegend des furchtbaren Nazilagers in Dachau sah.
Dies sind alle Informationen, die der amerikanischen Regierung
vorliegen. Keine dieser Information rührt aus Presseberichten her.
Um jedoch eine weitere Bestätigung zu geben, zitiere ich die folgende
Sendung des offiziellen ungarischen Rundfunks. Am 14« November um
16.00 Uhr brachte der Budapester Rundfunk in seiner Ungarn-Sendung
folgende Nachricht: 'Im Bezirk Svolnok ist mit der Wiederaufnahme der
Arbeit in den vergangenen Tagen begonnen worden. Etwa 40 bis 50 Prozent
der Arbeiter sind wieder in den Fabriken und Betrieben. Der Eisenbahnbetrieb ist zu einem gewissen Maß wieder aufgenommen worden. Den jüngsten Berichten zufolge sind jedoch Gefangene in plombierten Güterwagen
von Budapest nach Osten befördert worden. Angeblich haben die Eisenbahner daraufhin den Streik wieder aufgenommen. Diese Nachricht wurde
an die verschiedenen Fabriken weitergegeben und immer mehr Arbeiter
verließen daraufhin ihre Arbeitsplätze.'
Während der vergangenen 24 Stunden haben die Vereinigten Staaten
weiteres zuverlässiges Beweismaterial erhalten. Am 16. November wurde
eine Gruppe junger Menschen in der Nähe des Budapester Südbahnhofs von
sowjetischen Soldaten umringt. Ebenfalls am 16. November holten sowjetische Soldaten eine Anzahl verwundeter Jugendlicher aus einem Krankenhaus in der Peterfy Sandor Utca ab. Am 17» November wurde beobachtet, wie sowjetische Soldaten Jugendliche aus einer Schule an der
Varesmarty Utca abholten. Das ist erst in allerletzter Zeit geschehen.
Auf

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28. November 1956

Auf Grund dieser Berichte begrüßen die Vereinigten Staaten die
von der kubanischen Delegation ergriffene Initiative. Diese Berichte
verleihen der Notwendigkeit neue Dringlichkeit, den Resolutionen der
Generalversammlung vom 4« und 9» November nachzukommen, in denen der
Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn und die Entsendung von
Beobachtern durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen nach
Ungarn gefordert werden.
Während wir heute nachmittag hier sitzen, fahren die mit diesen
unglücklichen Menschen vollgepferchten Güterwagen weiter in die
sibirische Kälte hinein. Wir fordern die Sowjetunion dringend auf, der
Weltmeinung eine angemessene Achtung entgegenzubringen, diese Deportationen umgehend einzustellen und die Ungarn sofort wieder in ihre
Heimat zurückzubringen, die bereits in das Exil entführt worden sind.
Wir ersuchen die ungarischen Behörden nachdrücklichst, den Bestimmungen der UN-Charta und des Friedensvertrages von 1947 nachzukommen, die sie auffordern, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, daß sich alle Menschen 'der Menschenrechte
und der grundlegenden Freiheiten, darunter der Freiheit der Rede,
der Presse, der Publikation, der Religionsausübung, der politischen
Meinungsäußerung und der öffentlichen Versammlung erfreuen können.'
Lassen Sie mich den Vertreter Ungarns daran erinnern, daß er
erst neulich, als er von diesem Rednerpult sprach, die feierliche
Versicherung abgab, daß seine Regierung die Charta der Vereinten
Nationen einhalten wird.
Herr Präsident, es bedeutet vielleicht nicht viel, über diese
Resolution abzustimmen, aber es ist doch etwas. Dadurch werden
natürlich die Toten nicht wieder zum Leben zurückgerufen. Aber einige
Worte werden vielleicht durchsickern und den tapferen Männern und
Frauen in Ungarn Gewißheit geben, daß sie nicht vergessen sind. Die
Worte dieser Resolution werden selbstverständlich in allen Teilen
der freien Welt umlaufen und das Ausmaß der Verdammung noch erhöhen,
die bereits dem internationalen Kommunismus einen solch schweren
Schlag versetzt hat.
Die Verabschiedung dieser Resolution kann angesichts der tapferen
Toten bestehen, deren Opfer es fordert, daß wir alle in unseren
Kräften stehenden Schritte unternehmen, Herr Präsident, angesichts
dieses riesigen Ausmaßes der von Menschen gegenüber Menschen begangenen Unmenschlichkeiten bedeutet die Verabschiedung dieser Resolution nicht viel. Aber sie bedeutet doch immerhin etwas, und wir
sollten sie daher ohne jede Verzögerung verabschieden»

* * * * *

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�A M E R I K A

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LQDGE ZUR LAGE IN ÄGYPTEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Erklärung,
die der Chefdelegierte der USA bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Henry Cabot Lodge, am 24.
November vor der UN-Generalversammlung abgegeben
hat.

Der UN-Generalversammlung liegt der Bericht des Generalsekretärs
über die Stationierung und die Aufgaben der UN-Polizeitruppe in Ägypten sowie die Räumung der Hindernisse aus dem Suez-Kanal vor. V/ir
billigen seine Erklärung und seinen Bericht.
Der Generalsekretär hat in seinem Bericht die Generalversammlung
um die Vollmacht ersucht, sich um praktisch wirksame Maßnahmen zu bemühen und über die erforderlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Räumungsarbeiten im Suezkanal zu verhandeln. Wir sind der Auffassung,
daß die Generalversammlung diese Vollmacht sofort erteilen sollte.
Die Vereinigten Staaten sind ferner der Auffassung, daß das
Aide-memoire des Generalsekretärs über die UN-Streitkräfte U/3575)
von der Generalversammlung gebilligt werden sollte.
Die praktische Verwirklichung der von der Generalversammlung
festgelegten allgemeinen Grundsätze hinsichtlich Wesen und Aufgabe
der UN-Polizeitruppe ist im vorliegenden Fall eine sowohl heikle als
auch dringliche Angelegenheit. Die Vereinigten Staaten sind ferner
der Auffassung, daß die dringlichen Besprechungen zwischen dem UNGeneralsekretär und den direkt betroffenen Regierungen fortgeführt
werden sollen, um diese Angelegenheiten in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen der Generalversammlung zu regeln. Der Generalsekretär
hat in bezug auf die Weiterführung dieser Gespräche unser volles
Vertrauen.
Was den Bericht des UN-Generalsekretärs betrifft, so haben
die Vereinigten Staaten drei weitere Feststellungen zu treffen:
Erstens: Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Räumung der Hindernisse aus dem Kanal durch die Vereinten Nationen,
sobald wie dies praktisch und technisch möglich ist, in Angriff genommen werden sollte. Wir können der Auffassung nicht beipflichten.

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beipflichten, daß der Abzug der ausländischen Streitkräfte erst nach
Abschluß der Räumungsarbeiten im Kanal erfolgen solle. Umgekehrt
glauben wir nicht, daß dem Beginn der Aufräumungsarbeiten der Abzug
der Truppen vorausgehen müsse. Die Vorkehrungen des Generalsekretärs
für die Räumungsarbeiten sollten sofort beginnen, und er kann
sie
unserer Meinung nach auf Grund der einschlägigen Entschließungen
der Generalversammlung ohne irgendwelche Verzögerungen der Räumungsarbeiten treffen. Mit jedem Tag, den der Kanal noch weiter für die
Schiffahrt , geschlossen bleibt, vergrößert sich der materielle Schaden,
den zahlreiche Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bereits erlitten
haben und gewinnt somit die Wiederinbetriebnahme des Kanals nur eine
um so lebenswichtigere Bedeutung.
Zweitens: Es ist von gleich entscheidender Bedeutung, daß weitere
UN-Polizeikräfte sobald wie möglich in dieses Gebiet verbracht werden
und zwar in hinreichender Stärke. Es sollten alle nur möglichen Schritte
unternommen werden, um die Verlegung dieser Truppen zu beschleunigen.
Der Aufbau und die Entsendung der UN-Polizeitruppe ist eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit. Wenn auch bereits vieles getan
wurde, so sollten doch alle Beteiligten in ihren Bemühungen fortfahren,
eine rasche Verbringung der UN-Streitmacht in dieses Gebiet sicherzustellen.
Drittens: Wir vertreten die Auffassung, daß der Abzug der französischen, britischen und israelischen Streitkräfte ohne Verzug vonstatten gehen müsse. Wir hoffen, daß sich die Verlautbarungen über bereits
im Gang befindliche Rückzugsbewegungen von Verbänden, die von Seiten
Großbritanniens, Frankreichs und Israels erfolgt sind, als ein gutes
Vorzeichen für eine rasche Befolgung der Entschließung der Generalversammlung bezüglich des Abzugs aller nichtägyptischen Streitkräfte erweisen werden.
Viertens: Lassen Sie mich Ihnen noch einmal die Erklärung ins Gedächtnis zurückrufen, die wir in Erläuterung unserer Stimmabgabe zur
Entschließung vom 7« November abgegeben haben: "Wie wir die Dinge sehen,
wird also der Abzug Zug um Zug mit dem alsbaldigen Eintreffen der internationalen UN-Truppe vollzogen. Wir hoffen, daß diese schrittweise
Operation, wie sie in der Entschließung vorgesehen ist, sobald wie
möglich und je eher je besser anläuft."
Wir sind somit auch weiterhin der Auffassung, daß der Abzug der
französischen, britischen und israelischen Truppen rasch und Zug um
Zug mit dem Eintreffen der UN-Polizeitruppe voranschreiten wird.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß jeder Fortschritt
in der Bereinigung von Fragen mit grundsätzlicher Bedeutung, die uns
so sehr angehen und im Hinblick auf die wir die beiden gegenwärtig
zur Beschlußfassung vorliegenden Resolutionen unterstützen, von einer
restlosen und unverzüglichen Befolgung der Empfehlungen der Generalversammlung abhängt. Wir werden auch weiterhin darauf drängen, daß alle

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alle nur möglichen Mittel und Wege zu einer beschleunigten Lösung dieses
Konfliktes erwogen werden. Das ist ein weiterer Grund, warum jede nur
mögliche Anstrengung unternommen werden muß, um mit diesen Dingen voranzukommen.
Die Lage ist nach wie vor prekär. Wenn irgendeine der beteiligten Regierungen entgegen der von den Vereinten Nationen verfolgten Politik handelt, wird sich die Lage weiter verschärfen. Die
ganze Angelegenheit unterliegt der Kollektivverantwortung der UNGeneralversammlung. Keine Regierung kann allein auf sich gestellt die
Bedingungen für ihre Lösung diktieren. Aber wenn wir auf dem eingeschlagenen Weg fortfahren, uns getreu an die betreffenden Entschließungen der Generalversammlung halten und dem Generalsekretär unsere
uneingeschränkte Unterstützung gewähren, dann können Frieden und Sicherheit einziehen. Lassen Sie uns also mit Optimismus und Vertrauen an die
Arbeit gehen und nicht unnötig Zeit verlieren, indem wir darauf bestehen,
daß erst alles bis aufs I-Tüpfelchen festgelegt werde.
Unserer Ansicht nach wurde bisher folgendes erreicht*
Erstens, das Feuer ist eingestellt worden.
Zweitens, die Vereinten Nationen haben die Aufstellung einer
Polizeimacht beschlossen, um die Feuereinstellung zu erreichen
und zu überwachen. Diese Polizeimacht befindet sich bereits in
dem Gebiet und wird von Tag zu Tag verstärkt.
Drittens, die ägyptische Regierung hat die Vereinten Nationen
um ihre Hilfe bei den Aufräumungsarbeiten im Gebiet des Suezkanals gebeten.
Viertens, ziehen sich die israelischen Streitkräfte, Berichten
zufolge, aus der Kanalzone, und zum Teil sogar überhaupt aus
ägyptischem Gebiet zurück. Meldungen über eine gänzliche Zurücknahme hinter die Waffenstillstandslinie liegen noch nicht vor.
Fünftens, Frankreich hat den Beginn des Abzugs seiner Truppen
angekündigt.
Sechstens, Großbritannien hat Pläne für den Rückzug eines
Bataillons seiner Truppen angekündigt.
Wir begrüßen diese Verlautbarungen. Ganz besonders begrüßen wir
auch alles, was der sehr verehrte Herr Außenminister Mr. Lloyd gestern
hier äußerte, nämlich daß seine Regierung den Wunsch hegt, mit den
Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit wird sicherlich in hohem Maße zu einer Lösung dieser ernsten Probleme beitragen.
Aus den oben dargelegten Gründen werden wir für die SechsmächteEntschließung stimmen, die wir gemeinsam mit anderen Nationen eingebracht
haben (Dokument Nr. A/3386). Die in Dok. A/3385 enthaltene Resolution bringt
Gedanken zum Ausdruck, die sich in jeder Beziehung mit unserer Politik
decken, und wir werden daher auch für diese Entschließung stimmen, obgleich wir sie nicht unbedingt für erforderlich halten.
* * * * #

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NIXON ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 6. Dezember 1956 vor
dem Verband Amerikanischer Automobilfabrikanten in New York gehalten hat.

Nichts in unserem Wirtschaftsleben kennzeichnet unser ständiges
Streben nach Vollkommenheit und Fortschritt besser als die jährlich
stattfindende Automobil-Ausstellung, auf der immer neue, starke und
komfortable Modelle gezeigt werden. Wenn wir unsere Wagen von heute
mit den langsamen, unschönen Modellen von vor 50 Jahren vergleichen,
sehen wir nicht nur, was amerikanischer Erfindungsgeist und amerikanische Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit hervorgebracht haben,
sondern wir sehen dann auch, daß unserer ständigen wirtschaftlichen
Entwicklung eine fast atemberaubende Zukunft bevorsteht.
/
Wenn die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, lediglich
wirtschaftlicher Natur wären, könnten wir bezüglich der künftigen
Entwicklung beruhigt, ja sogar selbstzufrieden sein. Der Umstand,
daß die 60 Millionen Amerikaner stolze Besitzer solcher Autos oder
ähnlicher älterer Modelle sind, kann an sich bereits als ein Zeichen
eines Wohlstandes gewertet werden, an dem tatsächlich alle Schichten
unserer Gesellschaft teilhaben. Zum ersten Mal in der Geschichte
nähern wir uns einem Zustand, in dem Armut und wirtschaftliche Ausbeutung in einem großen Industriestaat abgeschafft werden.
Doch in der Welt von heute ist kein Platz für Selbstgefälligkeit,
wieviel Anlaß auch immer zu einer solchen Haltung gegeben zu sein
scheint. Keiner unter uns kann sich der Tatsache verschließen, daß
über unsern Häuptern eine düstere Wolke schwebt, eine Wolke der
Sorge, ja sogar der Furcht. Sie erscheint uns als eine pilzförmige
Wolke, die eine ernste Warnung ausspricht - die Warnung nämlich,
daß dieser Wohlstand in einem einzigen Augenblick durch das furchtbare Aufflammen eines Krieges mit thermo-nuklearen Waffen hinweggefegt werden kann.

Aus

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Aus diesem Grunde halte ich es für angebracht, am heutigen Abend
auf die großen Ereignisse der letzten 40 Tage einzugehen, die einen
so gewaltigen Einfluß auf unsere Zukunft haben werden.
Von verschiedenen Beobachtern der internationalen Politik sind
zum Teil recht niederschmetternde und alarmierende Kommentare zu diesen Ereignissen geliefert worden. Die Kritiker der Verzweiflung und
die Propheten des Untergangs verkünden uns, daß alles verloren ist.
Aus den entmutigenden Schlußfolgerungen, die wir in der letzten Zeit
gehört und gelesen haben, greife ich folgende heraus:
Die Sache der ungarischen Freiheit hat durch die Macht der Sowjets
ein für allemal den Todesstoß erhalten.
Im Vorderen Orient sind die Kräfte der Diktatur stärker denn je
zuvor, und die Sowjetunion hat in diesem Teil der Welt einen gewaltigen
Sieg errungen.
Das atlantische Bündnis ist unwiderruflich zerstört, und der
Bruch zwischen den Vereinigten Staaten und seinen europäischen Verbündeten und Freunden läßt sich niemals mehr heilen.
Und schließlich, Schuld an dieser unheilvollen Entwicklung
trägt in erster Linie die Politik der Vereinigten Staaten.
Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Außenpolitik nicht zum
Gegenstand der Kritik werden dürfe. Die Unterstützung, die unsere
Politik von beiden politischen Parteien genießt - und sie wurde sowohl im Senat wie im Repräsentantenhaus großzügig und aus patriotischem Geist heraus gewährt - bedeutet keine automatische und hundertprozentige Billigung jeder Regierungsmaßnahme, und gewiß ist es in
einer Demokratie die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit auf diesem
wie auf anderen Gebieten ungehindert zu informieren und freie Kritik
zu üben.
Bei aller Fairness bin ich jedoch überzeugt, daß einige unter den
Kritikern die Probleme unter kurzsichtigen und von Unreife zeugenden
Gesichtspunkten betrachten. Kurzsichtig deshalb, weil sie über augenscheinlichen unmittelbaren Vorteilen schwerwiegende künftige Nachteile
übersehen. Und die Forderung nach einer amerikanischen Politik, die unmittelbare und glänzende Erfolge aufweisen müsse, ist der Beweis für
eine gefährliche Unreife.
In dieser komplizierten und unvollkommenen Welt müssen wir immer
mit Schwierigkeiten und sogar mit gelegentlichen Rückschlägen rechnen.
Das beste, was wir erhoffen können, ist, daß die Basis unserer politischen Grundhaltung ihrem Kern nach richtig ist und daß sie sich schließlich
durchsetzt. Ich schlage daher vor, daß wir die Ereignisse der vergangenen
Wochen in diesem Sinne analysieren.
Vor sechs Wochen standen wir an einem Wendepunkt in der Geschichte.
Am Sitz der Vereinten Nationen in New York waren alle Augen der Welt auf
den Sprecher der Vereinigten Staaten gerichtet. Ich bitte Sie, sich
die Dramatik dieser Situation vorzustellen.
Hier

�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Hier stand eine Nation, die einstmals eine isolationistische
Politik betrieb, und die sich nunmehr zur Idee der kollektiven Sicherheit bekennt. Wir, die wir einst den Völkerbund ablehnten, gehören zu
den Völkern,die die Vereinten Nationen gründeten und unterstützen.
Wir, die wir uns noch vor 60 Jahren unserer offenkundigen Sendung in Asien und Lateinamerika rühmten, haben dem Kolonialimperialismus abgeschworen und uns verpflichtet, die Nationen zu unterstützen,
die früher einmal Kolonien der Großmächte waren.
Wir haben uns gewandelt, doch viele Menschen in der Welt zweifelten daran, daß wir uns wirklich gewandelt hätten. Zahlreiche Nationen Asiens und Afrikas wollten im Kalten Kriege lieber als Neutrale abseits stehen, bis sie sicher sein können, daß wir es mit unserer Versicherung der Freundschaft und Achtung gegenüber allen Völkern und Staaten, wie groß oder stark sie auch immer seien, aufrichtiger meinen als die Sowjetunion. Die uns befreundeten Nationen Lateinamerikas, die uns heute vertrauen, hatten noch beunruhigende
Erinnerungen an die frühere Kanonenbootdiplomatie.
Dann kam die Stunde der Prüfung. Unsere Freunde und Verbündeten
hatten die Vereinten Nationen übergangen und zur Regelung einer politischen Auseinandersetzung der Vereinten Nationen direkte militärische
Maßnahmen ergriffen. Gewiß sind sie schwer provoziert worden. Nach
den noch vor 50 Jahren allgemein anerkannten internationalen Maßstäben, hätte sich ihre Aktion verteidigen, wenn nicht sogar rechtfertigen lassen.
®
Aber eine neue Kraft ist in Erscheinung getreten, die moralische
Kraft der Vereinten Nationen, deren sämtliche Mitgliedstaaten sich
verpflichtet haben, ihre Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem
Wege zu regeln.
Bei allen Delegationen der Vereinten Nationen stellte man sich
die Frage: Werden die Vereinigten Staaten für die von ihnen verkündeten Prinzipien eintreten oder so tun als sei nichts geschehen? An
diesem Wendepunkt der Geschichte erschien Außenminister Dulles persönlich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, um unsere
Haltung zu umreißen, eine Haltung, die von der überwältigenden Mehrheit
der Nationen der Welt geteilt wurde.
Unser Standpunkt war klar und einfach. Wir verurteilten die
Anwendung von Gewalt, sofern sie nicht durch den Zwang zur Selbstverteidigung oder durch ein Mandat der Vereinten Nationen gerechtfertigt ist. In der anschließenden Debatte legten unsere Freunde
ihr Veto ein und verhinderten eine Aktion seitens des Sicherheitsrates.
Für uns gab es kein Zögern. Wir ersuchten um Einberufung einer Sondersitzung der Generalversammlung, die kein Vetorecht kennt. Auf dieser
Sitzung wurde unsere Haltung von praktisch allen Ländern der Welt gutgeheißen.
Die

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12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden Weltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der V/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Verein ten Nationen mar dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten,wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen Welt verloren.

Weil

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12. Dezember 1956

V/eil wir aber eine andere Haltung einnahmen, wissen die Völker
Afrikas und Asiens heute, daß wir moralisch an ihrer Seite stehen und
daß wir für Rechtsnormen eintreten, die für den Westen und den Osten
gleichermaßen gelten. Sie wissen auch, daß sich die Vereinigten Staaten keinen Illusionen über die "Bürde des weißen Mannes" oder die
"Überlegenheit der Weißen" hingeben.
Wenn wir die schwere Bewährungsprobe aber bestanden haben, die die
Geschichte uns in den vergangenen sechs Wochen auferlegt hat - und ich
glaube, daß wir diese Bewährungsprobe bestanden haben -, dann schuldet
unsere Nation Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles ewigen Dank.
Die Entscheidung, die sie zu treffen hatten, wäre zu jeder Zeit schwer
gewesen. Sie war zehnfach schwerer angesichts der Verwirrung und Uneinigkeit, wie sie im Endstadium eines Wahlkampfes herrschen. Männer geringeren Formates würden am Vorabend einer Wahl Lösungen angestrebt haben,
die ihnen auf leichte Weise Stimmen zugeführt hätten. Sie aber entschieden sich für staatsmännisches Handeln und für die Grundsätze der
Moral.
Es ist leicht, seine Feinde zu verurteilen, wenn sie im Unrecht sind;
doch es gehört Mut dazu, seine Freunde zu verurteilen. Es ist verlockend, ein geringfügiges Unrecht zu übersehen, um sich das zu sichern, was als das höhere Ziel erscheinen mag. Der Grundsatz aber,
daß die Mittel den Zweck ehiligen, ist unvereinbar mit der Moral.
Wir wußten, daß unsere Freunde unter einer schweren Provokation handelten und daß ihre Geduld fast bis zum äußersten auf die Probe gestellt worden war. Es wäre einfach gewesen, den Blick von diesen
Dingen abzuwenden und jede Handlung so lange hinauszuzögern, bis es
zu spät gewesen wäre. Doch der einfache Weg ist nicht immer der rechte
Weg.
Der militärische Sieg unserer Freunde im Nahen Osten hätte das
Problem nicht gelöst. Dauerhafte Lösungen lassen sich selten nach
einem Krieg mit all seinen Zerstörungen erzielen,und der Friede, um
den wir uns im Vorderen Orient bemühen, muß von Dauer sein. Die Geschichte wird einmal unserem Präsidenten und unserem Außenminister
ewigen Dank dafür zollen, daß sie den schweren Weg des Festhaltens
an den Grundsätzen der Moral und nicht den einfachen Weg des geringsten Widerstandes beschritten haben. Heute steht es uns als Mitglieder der neu belebten Vereinten Nationen frei, uns um einen gerechten
und dauerhaften Frieden in diesem Gebiet zu bemühen.
Lassen Sie uns jetzt die Ereignisse untersuchen, die sich in
Ungarn abgespielt haben. V/eil wir entschlossen gegen die Anwendung von
Gewalt in Ägypten eingetreten sind, hatten wir die moralische Berechtigung, das rücksichtslose und barbarische Vorgehen der Sowjets gegenüber diesem tapferen Volke zu verurteilen. Ohne zu zögern und ohne
zynische Hintergedanken konnten wir die moralischen Kräfte der Welt
gegen dieses ungeheuerliche Unrecht mobilisieren.
Die

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12. Dezember 1956

Die Vereinten Nationen verfügen über keine Armeen, die sie den
heldenhaften Freiheitskämpfern in Ungarn hätten zu Hilfe senden können.
Es bestanden keine Verträge, auf Grund deren die freien Völker bewaffnete Hilfe hätten leisten können. Die einzige Waffe, die uns hier
zur Verfügung stand, war die moralische Verurteilung, da die einzige
Alternative ein Eingreifen unsererseits war, das den dritten und
sicherlich letzten Weltkrieg hätte auslösen können.
Es gibt Leute, die erklären, daß moralische Kraft ohne gleichzeitige militärische Aktionen, die ihr Geltung verschaffen, nichts
zu bedeuten habe. Wir sollten aber niemals die Kraft der moralischen
Verurteilung der Welt unterschätzen. Sogar die Sowjetunion sieht sich
gezwungen, dies anzuerkennen. Auch sie kann nicht vor die Welt treten,
wenn sie für die Knechtschaft, den kommunistischen Kolonialimperialismus und Gewaltanwendung eintritt, die Wesensbestandteile der kommunistischen Doktrin sind. Wie verbrecherisch ihre Taten auch immer
sind, sie sieht sich doch gezwungen, mit Begriffen wie Freiheit des
Individuums, Unabhängigkeit der Völker und Weltfrieden zu operieren.
Die Tatsache, daß sich die Machthaber im Kreml im vollen Scheinwerferlicht der Weltkritik zu bewegen haben, mag das ebenso heldenhafte polnische Volk davor bewahrt haben, das Schicksal Ungarns zu
erleiden. Polen besitzt heute ein wenigstens beschränktes Maß an
Unabhängigkeit.
Welche Auswirkungen werden die ungarischen Ereignisse auf die
internationalen Auseinandersetzungen hervorrufen? Nur zu viele kurzsichtige und oberflächliche Beobachter vertreten die Auffassung, daß
die Kommunisten in Ungarn einen großen Sieg errungen haben. Doch bei
einer nüchternen, realistischeren Beurteilung kommt man zu der Einsicht, daß die Kommunisten, wenn sie auch die Auseinandersetzung um
die Herrschaft in Ungarn gewonnen haben mögen, damit den Krieg um
die Beherrschung der Welt, den sie mit so viel Fanatismus zu gewinnen
suchen, verloren haben. Ich bin überzeugt, daß sich die Ereignisse in
Ungarn als ein wichtiger Wendepunkt im Kampf um die Niederringung des
Weltkommunismus ohne Krieg erweisen werden.
Lassen Sie uns untersuchen, in welcher Lage sich die Männer im
Kreml zur Zeit befinden. Vor dem ungarischen Zwischenfall hatte die
Sowjetunion selbst den Schiffbruch der stalinistischen Methoden zugegeben. 7/ährend der vergangenen zwei Jahre versuchten die sowjetischen Führer, durch einen Feldzug des Lächelns das zu gewinnen, was
sie durch nackte Gewalt und zügellosen Terror nicht erobern konnten.
Sie haben versucht, sich mit ihren Satellitenstaaten auf freundschaftlicher Basis zu einigen. Ihre Handlanger der Sklaverei versuchten,die
neutralen Nationen für sich zu gewinnen, indem sie für Frieden, wirtschaftlichen Fortschritt, Unabhängigkeit und die Gleichberechtigung
aller Völker eintraten. Der Eiserne Vorhang war ein wenig angehoben
worden, damit etwaige Besucher sich selbst davon überzeugen konnten,
daß die Sowjetunion die kritischen Blicke Außenstehender nicht zu
scheuen brauche.

Auf

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12. Dezember 1956

Auf diese Weise machten sie anscheinend recht beunruhigende
Fortschritte; aber wie stehen sie heute da? Die Lehren des ungarischen Aufstandes haben sich tief in das Denken und Fühlen der Menschen eingegraben. Infolge dieser Ereignisse brechen die kommunistischen Parteien in allen Ländern der Welt auseinander. Die Sowjets
können sich nicht auf die Loyalität eines einzigen Satellitenlandes,
ja nicht einmal auf die ihrer eigenen Truppen verlassen. Ihr Feldzug
zur Gewinnung der neutralen Länder ist geplatzt.
Kann man denn im Ernst annehmen, irgendein Land der V/elt würde
heute noch den Schlächtern von Budapest Glauben schenken? Die Geschehnisse in Ungarn sind eine ernste Warnung an alle Staatsmänner, daß
jeder, der sich mit den Kommunisten einläßt, das gleiche wüste Massaker
riskiert, das über die ungarischen Freiheitskämpfer hereinbrach.
Diese wissen, daß die Kommunisten nicht Unabhängigkeit, Freiheit,
wirtschaftlichen Fortschritt und Frieden bringen, wie sie es versprechen, sondern Kolonialismus kommunistischer Provenienz, Sklaverei,
wirtschaftliche Ausbeutung und Krieg.
Gleichzeitig aber haben die Ereignisse in Ungarn unseren noch
schwankenden Freunden eindringlich vor Augen geführt, warum die Vereinigten Staaten so fest von der Richtigkeit des Prinzips der kollektiven Sicherheit überzeugt sind. Wir sind nur darum militärisch stark,
weil wir wissen, daß dies heute zur Erhaltung des Friedens unbedingt
notwendig ist. Wir lehnen die Anwendung von Gewalt zur Beilegung von
Streitigkeiten ab, sind uns aber gleichzeitig darüber im klaren, daß
starke Streitkräfte solange zur Selbstverteidigung unerläßlich sind,
wie der kommunistische Block an seiner Politik der Weltherrschaft
durch Macht und Gewalt festhält.
Wir schließen Bündnisse, um schwächere Nationen vor einem ähnlichen Schicksal wie das der Ungarn zu bewahren. Niemand wird heute
, .noch meinen, Ungarn, Rumänien, die Tschechoslowakei oder andere sowjetische Satelliten seien frei oder unabhängig. Hingegen konnten diejenigen
Länder, die sich mit den Vereinigten Staaten in Verträge über die gemeinsame Sicherheit zusammenschlössen,
feststellen,
daß ihre
Unabhängigkeit durch dieses Bündnis in keiner Weise beeinträchtigt
worden ist.
Bei einem Überblick über die Ereignisse der letzten 40 Tage im
Nahen Osten und in Ungarn müssen wir meiner Ansicht nach zwangsläufig
zu folgendem Schluß kommen» Wir können und dürfen nicht einen Augenblick lang die ungarische Tragödie unterschätzen, und wir müssen der
Tatsache eingedenk bleiben, daß die Lage im Nahen Osten nach wie vor
äußerst prekär bleibt und daß unser Bündnis mit unseren Freunden in
Europa einer schweren Belastung ausgesetzt ist. Aber mögen wir auch einige Rückschläge erlitten haben, es wurde doch ein festes Fundament gelegt
für den Aufbau einer auf Recht und nicht auf Gewalt beruhenden Weltordnung sowie für die Bezwingung des Kommunismus ohne das Mittel des
Krieges.
Wir werden dieses Ziel aber nur erreichen, wenn wir den Dingen
nicht ihren Lauf lassen, wenn wir als führende Nation
klug und einsichtig sind und wenn wir über ein reifes Urteilsvermögen verfügen.
Mir

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12. Dezember 1956

Mir scheint, die Grundsätze, auf denen unsere Politik beruhen
sollte, hat Präsident Eisenhower im Laufe der letzten 7/ochen unmißverständlich formuliert. Am 31.Oktober sagte er in einer Pernseh-Anspraches "Der Friede, den wir erstreben und brauchen, ist sehr viel
mehr als lediglich das Fehlen des offenen Kriegszustandes. Er bedeutet Anerkennung des Rechts und Förderung der Gerechtigkeit in der
ganzen Welt ... Ohne Recht kann es keinen Frieden geben. Und es
kann kein Recht geben,wenn wir für unsere Freunde und unsere Feinde
verschiedene Rechtsnormen für die Gestaltung der internationalen Beziehungen anwenden."
Einen Tag später sagte er anläßlich einer Rede in Philadelphia»
"In wenigen Jahren sind wir vom Isolationismus, der jeden Gedanken:
an kollektive Sicherheit ablehnt, zu einer Politik der unbedingten
Unterstützung der Vereinten Nationen übergegangen, und an die Stelle
des Gefühls, unser Land könne sich selbst absolut Genüge sein und
habe mit anderen Nationen nichts zu schaffen, trat die lebendige Erkenntnis, daß unser obdrstes Ziel - ein gerechter und dauernder
Friede - nur zu erreichen ist, wenn alle übrigen Nationen diesen
Frieden mit uns gemeinsam genießen."
Wir wollen diese Grundsätze auch auf die Probleme anwenden,
denen wir uns gegenwärtig gegenübersehen.
Zunächst einmal müssen wir uns in bezug auf unsere Verbündeten
unbedingt darüber klar werden, daß die Geschichte dereinst vielleicht
einmal zu dem Spruch gelangen könnte, daß weder wir selbst noch unsere
Verbündeten in unseren Reaktionen auf die Ereignisse, die uns in die
derzeitige Krise führten, frei von Schuld waren. Unsere Freunde sind
der Meinung, wir hätten das Ausmaß der Provokationen, die sie zu ihrem
Vorgehen veranlaßten, nicht ganz erkannt und wir seien unserer Verantwortung mit Bezug auf die Lösung der grundlegenden Fragen in diesem
Gebiet nicht voll gerecht geworden.
Wir andererseits waren der Meinung, wir hätten ein gewisses
Recht, ihr Vorgehen zu diesem Zeitpunkt zu kritisieren.
Mir scheint es an der Zeit, zu erkennen, daß gegenseitige Beschuldigungen zu nichts führen können. Es hieße der Sache des Friedens einen
schlechten Dienst erweisen, wollten wir es zulassen, daß diese Ereignisse oder irgendein anderes Geschehen einen Keil zwischen uns und unsere
Verbündeten treibt.
Als politisch reife Völker wissen wir ganz genau, daß wir nicht in
allen Dingen mit unseren Freunden stets einer Meinung sein können. Die
wahre Feuerprobe eines jeden Bündnisses und jeder Freundschaft sind
immer die schlechten Zeiten, nicht die guten. Überlebt aber eine Freundschaft oder ein Bündnis solche Krisenzeiten, dann werden sie daraus
immer nur gestärkt hervorgehen.
Wir sind stolz auf unsere Verbindung mit Frankreich und England und
auf unser gemeinsames Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, das uns
im ersten wie im zweiten Weltkrieg zusammenschweißte.
Wir

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12. Dezember 1956

Wir sind uns klar darüber, daß sie eine Reihe aggressiver Aktionen,
die bis an die Grenze der Gewaltanwendung reichten, zu erdulden hatten;
hinzu kam eine bedrohliche militärische Aufrüstung in einem Lande, das
ihrer Ansicht nach ihre vitalsten Interessen gefährdete. In diesem Niemandsland zwischen Krieg und Frieden ist die Entscheidung über den zu
steuernden Kurs sehr schwierig.
Es wird ihnen immer zur Ehre gereichen, daß sie sich dem Beschluß
der Vereinten Nationen fügten, als sie der Feuereinstellung zustimmten
und ihre Streitkräfte zurückzogen, obgleich dieser Entschluß ihrer
Meinung nach ihren Interessen zuwiderlief. Sie verzichteten darauf,
ihre überwältigende militärische Überlegenheit zur Erreichung ihrer
Ziele einzusetzen, und das zu einem Zeitpunkt, als ihnen der vollständige Sieg sicher schien. Sie haben die Befriedung im Nahen Osten der
internationalen Polizeimacht der UN anvertraut.
Vergleichen Sie dieses Verhalten mit dem eines anderen Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, der Sowjetunion. Die sowjetischen Führer
spotteten der Entscheidung der Vereinten Nationen, mit der ihre Aggression in Ungarn verurteilt wurde. Angesichts einer echten Krisis kehrten
die Kommunis ten zu ihren alten Methoden zurück und offenbarten damit
aller Welt die grenzenlose Grausamkeit und die zynische Verachtung
der grundlegenden Menschenrechte, die ihrem System innewohnen.
Nun, da unsere Verbündeten ihrer Ansicht nach die Interessen ihres
Landes dem Schiedsspruch der Vereinten Nationen untergeordnet haben,
ist es unsere heilige Verpflichtung, ein Programm der Vereinten Nationen zu entwickeln und zu unterstützen, das eine friedliche Lösung
aller Probleme gewährleistet, durch die der bewaffnete Konflikt in
diesem Gebiet heraufbeschworen wurde.
Wenn die aggressive Gewalt als Mittel der nationalen Politik für
ungesetzlich erklärt werden soll, dann müssen andere Mittel und Wege
gefunden werden, um die berechtigten Interessen von Staaten zu schützen,
die mit Mitteln bedroht werden, die hart an die Grenze der Gewalt reichen .
Über das unmittelbare Problem hinaus, die Wiederinbetriebnahme
des Suez-Kanals unter Modalitäten zu beschleunigen, die diese wichtige
Lebensader nicht erneut der Gefahr einer willkürlichen Schließung aussetzen, geht es darum, die moralischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen zu mobilisieren, um folgende Ziele im Nahen Osten zu
erreichen:
Die absolute Garantie der Souveränität aller in diesem Gebiet
liegenden Länder und eine gerechte Lösung aller offenen Streitfragen.

Eine

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12. Dezember 1956

Eine allmähliche Rüstungsbegrenzung seitens der Länder in diesem
Gebiet.
Eine großzügige Unterstützung dieser Länder bei der Lösung ihrer
sehr realen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, damit diese Völker aus
Armut und Krankheit zu einem besseren Leben aufsteigen können.
Wir, die wir selbst soviel besitzen, dürfen die Bedeutung der
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht übersehen, die einige Nationen für
die Sirenentöne aus Moskau anfällig gemacht haben. Wir sollten niemals
so in den Fragen der Tagespolitik aufgehen, daß wir darüber unser Ziel
auf lange Sicht vergessen, nämlich die Förderung von Frieden und 'Wohlstand in allen Ländern der Welt.
Früher haben die Staaten im Nahen Osten, die nach unseren Maßstäben gemessen arm sind und schwer um ihre wirtschaftliche Existenz zu
ringen haben, ihre•spärlichen Hilfsquellen dafür verwendet, ihre militärische Stärke zu mehren. Heute haben wir die einzigartige Gelegenheit, ihnen zu zeigen, was erreicht werden kann, wenn diese Hilfsquellen
in den Dienst der Gesundheit und des Wohls ihrer Völker gestellt werden,
statt sie für die unfruchtbaren Zwecke der Aufrüstung zu verwenden. Wir
wollen nicht zu dem bewaffneten Waffenstillstand der letzten acht Jahre
zurückkehren. Wir wollen einen echten und dauerhaften Frieden als die
Grundlage einer neuen Xra des wirtschaftlichen Wohlstandes dieser stolzen und achtbaren Völker.
Solange noch Millionen Menschen in anderen Ländern in Armut und
Not leben, solange ist unser eigener wirtschaftlicher Wohlstand fragr
würdig. Auch unsere moralische Position wäre dann fragwürdig, denn
wir könnten uns als gottesfürchtiges Volk kaum wohlfühlen, wenn wir
nicht versuchten, jenen zu helfen, die Mangel selbst an lebensnotwendigen Dingen leiden, während wir uns des Luxus erfreuen. Auch unsere
militärische Position wäre fragwürdig, denn Unruhe und Unzufriedenheit führen zu internationalen Spannungen. Spannungen aber können wiederum zum Kriege führen. Und selbst ein begrenzter Krieg könnte sich
plötzlich jeder Kontrolle entziehen und sich zu dem großen, endgültigen Krieg der gesamten Menschheit auswachsen, dem so gefürchteten
Atomkrieg.
Ein unmittelbares Problem, das sich uns infolge der Krise im Nahen
Osten stellt, ist die schlechte Finanzlange unserer Freunde in Großbritannien. Mir scheint es sowohl in unserem eigenen als auch in ihrem
Interesse zu liegen, wenn wir ihnen in dieser schweren Stunde beistehen,
und ich bin überzeugt, daß «'ine solche Hilfeleistung die Billigung der
Vertreter beider Parteien im Kongreß finden wird.
Um nochmals auf die Lage in Ungarn zurückzukommen, so müssen wir
auch weiterhin in der Bereitstellung einer sicheren Zuflucht für jene
tapferen Menschen, die sich der sowjetischen Tyrannei zu widersetzen
wagten, beispielgebend voranschreiten.
In den Vereinten Nationen wie bei jeder anderen sich bietenden
Gelegenheit müssen wir immer wieder vor dem Forum der Weltmeinung nicht

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�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

nicht nur auf die vergangenen Ereignisse hinweisen, sondern auch
darauf, daß sowohl die ungarische Marionettenregierung als auch
die Regierung der Sowjetunion es ablehnen, sich den Beschluß der
überwältigenden Mehrheit der Vereinten Nationen zu beugen.
Wir dürfen Unterdrückung oder Sklaverei niemals und in keinem
Teil der Welt ruhig hinnehmen.
Wir müssen die friedliche Befreiung der versklavten Völker in
jeder nur möglichen Weise unterstützen und zu ihr ermutigen.
Wenn wir diese Politik konsequent und rückhaltlos verfolgen,
kann sie letzten Endes nur das eine Ergebnis zeitigen - die unumgängliche Lockerung der Sklavenfesseln, die heute noch so vielen
Millionen Menschen auferlegt sind.
Man pflegt heute gern zu sagen, Amerika habe die Führung in
allen weltpolitischen Fragen übernommen. Unsere militärische und
wirtschaftliche Stärke hat uns diese furchtbare Verantwortung eingebracht, ob wir wollen oder nicht. Unsere politische Macht und
die damit verbundene Verantwortung haben aber angesichts der Ereignisse der jüngsten Zeit noch zugenommen.
Wir sind nunmehr sowohl in moralischer als auch in militärischer
und wirtschaftlicher Hinsicht die führende Nation. Und die an unsere
Generation gestellte Forderung lautet, daß wir uns den Erwartungen
der Geschichte in dieser Stunde der Entscheidung gewachsen zeigen
müssen. Heute ergeht der Ruf nach Weitblick und Größe nicht nur
an die Regierung, sondern an jedem einzelnen Amerikaner, gleichgültig
welcher Schicht des Volkes er angehört.
Heute geht es darum, audh auf dem Gebiet der internationalen
Politik Fortschritte zu erzielen, ebenso augenfällige Fortschritte,
wie wir sie bei unseren Automobilen sehen können. Ob wir wollen oder
nicht, die Diplomatie des 19«Jahrhunderts ist heute ebenso überlebt
wie die Automodelle von vor 50 Jahren. Im Zeitalter der Atomenergie
ist kein Platz mehr für militärische Aggression, koloniale Ausbeutung
oder Machtimperialismus. Diese Methoden waren sowieso niemals moralisch
zu rechtfertigen; heute aber sind sie noch weit gefährlicher als je
zuvor. Ein Land, das heute einen kleinen Krieg beginnt, kann damit
eine Kettenreaktion auslösen, die unsere gesamte Kultur und Zivilisation vernichten könnte.
Im Interesse der Zukunft der gesamten Welt und der Sicherheit unserer Kinder und Kindeskinder willen müssen wir uns stärker als je
zuvor für einen auf Gesetz und Recht beruhenden Frieden einsetzen.
Ein auf alle Völker der Erde gle.ich anzuwendender Rechts- und Sittenkodex muß die Grundlage dieses Friedens bilden.
Das Gerüst dieses Friedens bilden militärische und wirtschaftliche
Stärke. Und Architekt dieses Friedens müssen die Vereinten Nationen
sein, die ihrem Bemühen, Recht und Gerechtigkeit überall auf unserer
Erde Geltung zu verschaffen, die volle Unterstützung unseres Landes
genießen.
Wenn
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12. Dezember 19

Wenn wir untrer Verantwortung "-egenüber der Welt gerecht
werden wollen, sc erfordprt d^et. nicht nur wohldurchdachte Grunesätze und eine geschickt? Diplomatie auf seiter dei Regi-rung,
sondern auch Mut, Hingabe and Cpfer auf Seiten andres VcTkes.
Der Ausgang des Ringens um die Gefolgschaft der Welt wird Jetzte
Endes davon abhängen, was aus jenen Millionen Menscnen wird, die
sich zar Zeit neutral -verhalten und zu einer Entscheidung da-aber
zu gelangen suchen, ob sie si,ch den kommunistischen Landern oder*
der freien Welt anschließen sollen.
Was wir als Pogierurg ihnen sagen, ist außerordentlich wichtig}
was wir aber als Vclk darstellen, ist vielleicht sogar noch wichtiger.
Unsere Regierung kann ihren sa^en, daß wir für das, was sie arstrehe ,
voll und ganz eintreten: Unabhängigkeit, Freiheit, Wirtschaft lieber
Fortschritt und Anerkennung ihrer Menschenwürde. Aber so beredt Wit
auch sprechen mögen, unsere Sache wird auf sehr viel sichereren
Füßen stehen, wenn wir im e'genen Lande das verwirklichen, was wir
anderen Völkern predigen.
Daher ist es von so ungeheurer Bedeutung, daß wir einen erfolgreichen Kampf gegen die vereinzelt noch in einigen Gebieten unseres
eigenen Landes anzutreffende Armut führen.
Und aus dem gleichen Grunde ist es von größter Wichtigkeit, daß
wir auch weiterhin entscheidende Fortschritte in der Beseitigung der
letzten Überreste früherer Diskriminierung und Vorurteile, die sioh
noch in den Vereinigten Staaten finden und die die Feinde der Freie
heit in anderen Ländern so erfolgreich gegen uns auszuschlachten verstehen, erzielen. So wie wir die Gleichheit aller Völker der Erde
vor dem Recht auf unser Banner geschrieben haben, so müssen wir für
die Gleichheit aller Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem
Gesetz eintreten, welcher Rasse sie auch angehören oder welcher Abstammung sie aucn sein mögen.
Amerika hat sich schon vor manche Bewährungsprobe geste.lt gesehen und sich ihr gewachsen gezeigt. Heute stehen wir der vielleicht
größten Aufgabe in unserer Geschichte gegenüber. Wenn wir an diese
Aufgabe mit dem gleichen Geist, dem gleichen Schwung und der gleichen Entschlossenheit herangehen wie einst an den Aufbau unserer,
gewaltigen Industrie- und Wirtsoaftsmacht, wie sie sich in dar •
von ihnen vertretenen großen Industrie offenbart, so werden wir
uns auch dieser Aufgabe gewachsen erweisen nd den Kampf um Frieden und Freiheit für die gesamte Menschheit gewinnen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSS UNTERBREITET VORSCHLAGE ZUR AUSWEITUNG
UND BESCHLEUNIGUNG DES ENTWICKLUNGSPROGRAMMS
FÜR LEISTUNGSREAKTOREN IN DEN USA

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission,Lewis L. Strauss, am
11. Dezember 1956 vor der Amerikanischen Gesellschaft
für Kernforschung und Kerntechnik in Washington gehalten
hat.

"Es ist mir ein Vergnügen, heute abend unter Ihnen weilen und
an dieser Zusammenkunft der ersten und einzigen Berufsvereinigung
amerikanischer Wissenschaftler und Ingenieure teilnehmen zu können,
die auf dem Gebiet der Kernenergie tätig sind.
Ich halte es für angemessen, Ihnen zunächst einen mir vorliegenden Brief Präsident Eisenhowers zur Kenntnis zu bringen; dieser
Brief hat folgenden Wortlaut;
'Ich bitte Sie, den offiziellen Vertretern und den Mitgliedern
der Amerikanischen Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik
mein aufrichtiges Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß es
mir nicht möglich ist, an dieser Zusammenkunft am Dienstag abend
in Washington teilzunehmen. Wohl keine zweite Gruppe von Menschen
in unserem Land trägt eine größere Verantwortung für unseren Fortschritt und die Wahrung unserer technisch führenden Position in
der friedlichen Weiterentwicklung dieser großen wissenschaftlichen
Entdeckung, die zu unseren Lebzeiten gemacht worden ist. Jn voller
Würdigung der überaus wichtigen Rolle, die den Mitgliedern der Gesellschaft zukommt, übermittle ich anläßlich dieser ersten Wintertagung der Gesellschaft meine herzlichsten Glückwünsche; möge der
Organisation weiterhin voller Erfolg für eine aktive und konstruktive Arbeit beschieden sein.
gez. Dwight D. Eisenhower.'

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19. Dezember 1956

In allernächster Zeit begehen Sie den zweiten Jahrestag der Gründung Ihrer Gesellschaft, und somit dürften Sie die jüngste unter den
wissenschaftlich-technischen Verein'gungen Amerikas überhaupt sein.
Man könnte vielleicht sagen, daß Ihre Gesellschaft gerade zu einem
Zeitpunkt ins Leben gerufen wurde, an dem das Zeitalter der Kernforschung den Kinderschuhen entwachsen &lt;var.. Genau sechzig Jahre sind vergangen, seit Becquerel durch Zufall das Phänomen der Radioaktivität
entdeckte, und fünfzig Jahre, seit Einstein seine berühmte Formel
über das Maß-Energie-Äquivalenzprinzip niederschrieb. Auch wenn es
uns heute so vorkommen mag, als wäre es erst gestern gewesen, sind
es doch schon fünfundzwanzig Jahre her, seit Chadwick das Neutron
entdeckte, und in der vergangenen Woche waren es vierzehn Jahre,
daß an einem Dezembernachmittag in Chicago Enrico Fermi das Zeichen
gab, die Regelstäbe aus dem ersten Atommeiler herauszuziehen und damit die gesteuerte Kettenreaktion in Gang zu setzen. Zum ersten Mal
hatte der Mensch erkannt, daß er in der Lage ist, einen Teil der im
Atomkern gebundenen Energie zu nutzen»
Aber abgesehen von den durch den Krieg bedingten fieberhaften
Bemühungen^ auf Grund dieser Entdeckungen eine Atombombe zu konstruieren, hatten die auf dem Gebiet der Kernforschung erzielten Fortschritte zum großen Teil nur akademischen Charakter. Erst in den
allerletzten Jahren ist diese Wissenschaft aus der Abgeschiedenheit
der Laboratorien in das Licht der Öffentlichkeit getreten.
Als die Amerikanische Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik vor zwei Jahren gegründet wurde, gab es immer noch Leute, die
bedenklich den Kopf schüttelten und die Meinung vertraten,'daß diese
Sache niemals zu einem praktischen Erfolge gebracht werden würde 1 ,
oder zumindest viele Jahre hindurch große Anstrengungen nötig sein
würden, um auf kommerzieller Basis Atomenergie praktisch nutzbar
zu machen •Ich erwähne diese noch gar nicht so lange zurückliegenden Kommentare nicht, um hier Vergangenes wieder hervorzuholen, sondern um
deutlich zu machen, einen wie weiten Weg wir in so kurzer Zeit in
unseren Bemühungen um die Nutzbarmachung der Atomenergie zurückgelegt
haben.
So haben nun also die Schwarzseher und Propheten der Verzweiflung in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren das Feld räumen müssen.
Die Menschheit nimmt die Versprechungen bezüglich der friedensmäßigen Nutzung der Atomenergie nicht nur einfach hin, sondern erwartet
mit einer gewissen Ungeduld ihre baldige und umfassende Verwirklichung., Und aus diesem Grund behaupte ich, daß Ihre Gesellschaft in
der seit ihrer Gründüng im Januar 1955 verflossenen Zeit Zeuge des
Heranreifens der Kernwissenschaft zu einem unabdingbaren Bestandteil
unserer Zeit und der Zukunft der Menschheit geworden ist.
Viele unter Ihnen, meine verehrten Zuhörer, haben selbst zu
diesem Prozeß der Reife maßgeblich beigetragen und arbeiten auch
heute noch im gleichen Sinne weiter, sei es nun durch die Weiterentwicklung der Technik in den Laboratorien, deren Mitarbeiterstab Sie
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�"AMERIKA DIENST"

19» Dezemiber 1956

Sie angehören,
, oder sei es durch die experimentellen und kommerziellen Projekte Ihrer Firmen.
Ein großer Teil der Projekte, an denen Sie arbeiten, hat selbstverständlich die Erzeugung von elektrischem Strom aus Kernbrennstoffen
für kommerzielle Zwecke zum Ziel; und gerade 'hierüber möchte ich
heute abend zu Ihnen sprechen.
Unsere bisherigen Erfolge in der Nutzung der Atomenergie sind
bemerkenswert. Sie haben viele erst drei oder vier Jahre zurückliegende
Vorhersagen von Fachleuten längst übertroffen, und ich vertraue darauf,
daß sich im Rahmen der weiteren Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Industrie sowohl das Ausmaß als auch das Tempo des Fortschritts in
den vor uns liegenden Monaten und Jahren noch steigern wird.
Es ist bedauerlich, daß das Verständnis der Öffentlichkeit für
die Erfolge, die wir bereits in der Nutzung der Atomenergie erzielt
haben, zum Teil durch Meinungsverschiedenheiten überschattet wurde,
die über der Frage entstanden, welche Rolle die Regierung und welche
Rolle die private Wirtschaft bei den Bemühungen spielen .solle , um Verfahren zur Nutzung der Atomkraft für die Energiegewinnung beschleunigt
zu entwickeln.
Um sich ein Urteil in dieser Frage bilden zu können, muß man bedenken, daß die Entwicklung der Kernenergie bis zum 30« August 1954
in allen ihren Phasen striktes Regierungsmonopol war. Privatfirmen
und öffentlichen Versorgungsbetrieben war es durch Gesetz verboten,
Leistungsreaktoren in eigener Regie zu bauen oder zu betreiben. Das
neue Atomenergiegesetz vom Jahre 1954 brachte hier eine grundlegende
Wandlung. Durch dieses Gesetz wurde die Zwangsjacke des Regierungsmonopols beseitigt und weiten Kreisen des Volkes Gelegenheit zur Mitarbeit an der Erschließung der Kernenergie gegeben; damit wurde auch
auf diesem Gebiet das Tor zu einer Entwicklung aufgestoßen, wie sie
der Tradition der amerikanischen Wirtschaft und des technischen Fortsähritts angemessen ist.
In seinen Einleitungsbestiramungen verkündete das neue Gesetz seinem Geist und seinem Zweck entsprechend - folgendes (und ich zitiere hier aus dem Gesetz):
'Entwicklung, Nutzung und Kontrolle der Atomenergie sollen so
gelenkt werden, daß diese dem Weltfrieden und dem allgemeinen Wohl
diene, zur Steigerung des Lebensstandards beitrage und den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke1.
Den Satz 'den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'
möchte ich besonders hervorheben, weil das Programm der AtomenergieKommission zur Entwicklung von Leistungsreaktoren sich auch an dieses
Ziel gebunden hielt, das der Kongreß meiner Ansicht nach in kluger
Erkenntnis der Dinge in dem Gesetz von 1954 verankerte. Wir sind infolgedessen eine Art Partnerschaft mit der Industrie eingegangen. Der

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Der Industrie wurde Gelegenheit gegeben, ihre auf Kostenersparnis
ausgerichtete Initiative und ihren Wettbewerbsgeist für die Lösung
der mit der Erzeugung von Atomstrom verbundenen Probleme einzusetzen das heißt für die^Erschließung einer Energiequelle, die mit den herkömmlichen Energiequellen zur Stromerzeugung auch wirklich konkurrieren
kann - und ihr Geld in derartigen Unternehmen zu investieren.
Solange noch das Regierungsmonopol gültig und nicht durch das Gesetz
von 1954 durchbrochen war, konnte die Entwicklung von Atomkraftanlagen
für kommerzielle Zwecke in unserem Lande nur geringe Fortschritte erzielen. Es war ja nicht nur die Industrie aus diesem Geschäft geschlossen,
sondern auch die Regierung selbst hatte ein sehr vorsichtiges Programm
für die Erforschung der Möglichkeiten zur Schaffung einer Kernenergiewirtschaft aufgestellt. Unser einziges größeres Versuchsunternehmen auf
diesem Gebiet war kurz nach dem Krieg im Knolls-Laboratorium der Kommission
in Schenectady angelaufen, aber 1950 wieder eingestellt worden. Zwei
sehr viel kleinere Versuchsobjekte mit Leistungsreaktoren waren von der
Kommission in den Kernforschungsinstituten Argonne und Oak Ridge in Angriff genommen worden. Ehe wir uns aber diesen recht begrenzten Versuchen
gegenüber kritisch äußern, sollten wir uns doch daran erinnern, daß damals eine ganze Anzahl von Atomwissenschaftlern jeden Vorschlag zu einem
Entwicklungsprogramm für wirtschaftlich rentable Kraftreaktoren sehr
skeptisch betrachteten.
Diese Einstellung der Wissenschaftler änderte sich auch im Laufe des
Jahres 1952 nicht, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, den der gemeinsame
Atomenergieausschuß des Senats und des Repräsentantenhauses im Dezember
des genannten Jahres herausgab und in dem bezüglich der Einstellung des
Projekts in den Knolls-Laboratorien folgender Passus enthalten ist:
'Seit dem Frühjahr 1950 gibt es kein großes Projekt zur Entwicklung
eines Reaktors, der unmittelbar der Erzeugung von elektrischer
Energie für industrielle Zwecke dient.'
Im Jahr 1953 setzte jedoch eine rege Tätigkeit auf diesem Gebiet
ein, und Anfang 1954 ließ die Kommission ihr FünfJahresprogramm zur
Entwicklung von Leistungsreaktoren anlaufen. Dieses Programm, das vor
Erlaß des neuen Gesetzes in Angriff genommen wurde, war in bezug auf
seinen Umfang zwangsläufig durch das alte Gesetz beschränkt, denn das
Regierungsmonopol war noch unangetastet. Dieses Programm stützte sich
in erster Linie auf staatliche Initiative und auf staatliche Gelder,
und der Industrie war jeder Weg zu einer nennenswerten Beteiligung
versperrt.
Das

�"AMERIKA DIENST

19. Dezember 1956

Das erste Atomkraftwerk, das im Rahmen dieses Programms fertiggestellt und an das Stromnetz angeschlossen wird, ist das Werk in
Shippingport ( Pennsylvanien). Diese Anlage, die in Zusammenarbeit von
Regierung, der Duquesne Light Company und der Westinghouse Company
gebaut wird, nähert sich ihrer Vollendung und wird im neuen Jahr in
Betrieb genommen; sie soll zunächst 65 000 Kilowatt, später 100 000
Kilowatt Strom für den Haushalts- und Industriebedarf im Gebiet um
Pittsburgh liefern. Ungeachtet anderslautender Berichte wird es das
erste Atom-Großkraftwerk der Welt sein, das ausschließlich zivilen
Bedürfnissen dient, denn das dort anfallende Plutonium ist ein reines
Nebenprodukt. Es handelt sich hier um ein Kraftwerk.
Der nächste Schritt nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes im
Sommer 1954 bestand darin, der Industrie - das heißt den privaten Ver"sorgungsbetrieben, den Kraftwerken in öffentlichem und genossenschaftliche» Besitz sowie den Herstellerbetrieben - den Weg frei zu machen,
um eigene Kraftwerke zu bauen und zu betreiben, die natürlich den
allgemeinen Sicherheitsbestimmungen und so weiter unterworfen sein
müssen, aber im übrigen frei von den Beschränkungen sind, wie sie
Unternehmen in staatlicher Regie nun einmal anhaften.
Dieser Prozeß wurde beschleunigt durch ein Entwicklungs- und
Versuchsprogramm für Leistungsreaktoren. Private wie öffentliche Unternehmen wurden aufgefordert, Vorschläge für den Bau von Leistungsreaktoren verschiedenster Typen und Größen einzureichen und die Regierung
zu ersuchen, in bestimmten Fällen sich an den Kosten für Forschungsund Entwicklungsarbeiten zu beteiligen, die eine - für alle Interessierten zugängliche - Reaktortechnik fördern.
Die erste Aufforderung an die Industrie im Rahmen des Leistungsreaktors-Entwicklungsprogramms erging im Januar 1955» und acht Monate
später folgte die nächste Ausschreibung, die sogenannte "zweite Vorschlagsaktion" - durch letztere sollte das Interesse an Kraftwerken
mit einer elektrischen Leistung zwischen 5000 und 40 000 Kilowatt
geweckt werden. Im ganzen gingen zehn Vorschläge für Atomkraftwerke
mit einer Gesamtkapazität von 400 000 Kilowatt ein.
Die Erfolge, die im Rahmen dieses Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in knapp zwei Jahren erzielt wurden, lassen indessen nur zu
einem Bruchteil erkennen, welche verheißungsvollen Aussichten wir in
den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf bis sechs Jahren auf diesem Gebiet haben. Denn hinzu kommen noch mindestens sieben andere
Atomkraftwerke, die amerikanische Unternehmen vollkommen aus eigenen
Mitteln, ohne unmittelbare finanzielle Hilfe seitens der Regierung,
erstellen wollen. Diese Industriefirmen sind so von dem zwangsläufigen
Siegeszug der Atomkraft überzeugt, daß sie bereit sind, Summen in Höhe
von 250 bis 300 Millionen Dollar in diesen sieben Atomkraftwerken zu
investieren, die eine Gesamtkapazität von 900 000 bis eine Million
Kilowatt besitzen sollen.

Alles

�'AMERIKA DIENST

19. Dezember 1956

Alles in allem, das heißt einschließlich des Entwicklungsprogramms
für Leistungsreaktoren mit seinen Partnerschafts- und Kostenaufteilungsplänen, den eigenen Projekten der Industrie und der Reaktoren, die
im Rahmen des Versuchsprogramms der Regierung gebaut werden sollen wozu auch das Werk in Shippingport zählt -, existieren Pläne in den
verschiedensten Entwicklungsstadien für den Bau von wenigstens 18 Atomkraftwerken für zivile Zwecke in Amerika, die bis 1962 in Betrieb genommen werden sollen. Diese 18 '.Verke stellen ein Investitionskapital
von reichlich 650 Millionen Dollar'dar, die zu einem großen Teil von
der Privatwirtschaft selbst aufgebracht werden sollen.
Seit Anlaufen dieses Programms zum Bau von Kraftwerksreaktoren
in Übereinstimmung mit dem Gesetz von 1954 war die Kommission bestrebt,
die Entwicklung zu beschleunigen, indem sie sich um die Freigabe der
wichtigen technischen Informationen für den Bau von Atomkraftreaktoren
bemühte - mit Ausnahme solcher Fälle, wo die Freigabe die militärische
Sicherheit der USA gefährden könnte. Immer mehr derartiges Material
wird laufend freigegeben und veröffentlicht.
Dieser Prozeß einer ordnungsgemäßen und vorsichtigen Freigabe
wichtigen Informationsmaterials ist seit 2 1/2 Jahren im Gange, und
wir hoffen, bald einen weiteren wichtigen Schritt in dieser Richtung
tun zu können. Auf Grund der jüngsten Besprechungen zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Kanadas über
neue Richtlinien für die drei Mächte bezüglich der Freigabe von Geheimmaterial ist damit zu rechnen, daß zusätzlich umfassende technische Datön, die sich auf die Konstruktion, den Bau und den Betrieb von
industriellen Kraftwerksreaktoren beziehen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und damit nicht mehr unter die Geheimhaltungsvorschriften fallen.
Abgesehen von dieser Freigabe technischer Informationen haben wir
in den letzten Jahren der amerikanischen Industrie und unseren Freunden
im Ausland die Zusicherung gegeben, daß sie ausreichende Lieferungen
von Kernbrennstoff für den Betrieb solcher Reaktoren erhalten werden,
und wir haben ihnen das für die Errechnung der Kosten erforderliche
Unterlagenmaterial zur Verfügung gestellt.
Im Februar dieses Jahres hat Präsident Eisenhower unsere Empfehlung, 40 000 Kilogramm Uran-235 zur friedensmäßigen Nutzung zur Verfügung zu stellen, begrüßt. Von dieser Menge wird die Hälfte den uns
befreundeten Nationen und der neugegründeten Internationalen Atombehörde zur Verfügung gestellt werden, sobald diese Behörde ihre Tätigkeit aufgenommen und der US-Senat bis dahin die Statuten dieser Behörde
akzeptiert hat.. Die gleiche Menge Uran-235 ist zur Verwendung in den
Vereinigten Staaten selbst vorgesehen, in erster Linie natürlich für
Atomkraftwerke. Die Kommission wird in Zukunft dem Präsidenten von
Zeit zu Zeit Vorschläge auf zusätzliche Zuteilung von Kernbrennstoff
zur Förderung der Atomkraftwerksprogramme in den USA und im Ausland
unterbreiten. Wir hoffen, mit diesen Zuteilungen die ausreichende
Versorgung mit Kernbrennstoff für eine Zeitdauer gewährleisten zu
gönnen, die für die Amortisierung der Investitionen in Atomkraftwerken unerlässlich ist.
-r

- 6-

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Im vergangenen Monat hat die Kommission bekanntgegeben, welche
Preise die US-Regierung für Atombrennstoff berechnen und was sie für
Plutonium zahlen würde, das als Nebenprodukt in den von den USA mit
Kernbrennstoff versorgten Atomkraftwerken des Auslands anfällt.
In diesem Zusammenhang darf ich hinzufügen, daß die Kommission
ihr Forschungsprogramm zur Entwicklung von Verfahren, die' die Verwendung von Plutonium als Brennstoff für Kraftreaktoren ermöglichen
soll*n, intensiv weiter verfolgt. Es ist Ihnen wohl allen bekannt, daß
das gesamte bei uns zur Zeit gewonnene Plutonium - mit ausnähme der für
Forschungszwecke er*orderlichen Mengen - im Hahmen unseres Rüstungsprogramms verbraucht wird. Wie fest wir mit einer erfolgreichen Durchführung dieses Forschungsprogramms rechnen, bezeugt schon die von uns gegebene Versicherung, daß in Zukunft das gesamte Plutonium, das im Rahmen
unserer Abkommen mit befreundeten Katio en über eine friedliche Nutzung
der Atomenergie aufgekauft wir , vsschließlich zu friedlichen Zwecken
Verwendung findet»
Die AEC-Maßnahmen der letzten drei Jahre, also seit Aufnahme eines
klar umrissenen Programms zum Aufbau einer Atomenergiewirtschaft, haben,
was die Aussichten auf eine reichliche und rentable Erzeugung von Atomstrom betrifft, eine erfolgreiche Entwicklung gebracht.
Aber da wir nun einmal V^n den außerordentlichen, segensreichen
Möglichkeiten zur Gewinnung vom Atomstrom überzeugt sind, können wir
uns mit den erreichten Fortschritten, so wesentlich diese auch sein
mögen, nicht zufrieden geben.
Unser Ziel ist es nicht, "illkürlich eine Anzahl von Atomkraftwerken
zu bauen oder eine bestimmte Leistung an Kilowattstunden zu erreichen.
Unser Ziel, das uns gleichzeitig klüger und konstruktiver erscheint, ist
es vielmehr, die Konstruktionstec mik für Leistungsreaktoren der verschiedensten Typen und Größen so weit zu vervollkommnen, daß sie mit
den bisherigen Verfahren der Stromerzeugung konkurrieren können.
Um aber die hierzu erforderlichen technischen und wirtschaftlichen
Kenntnisse zu sammeln, brauchen w'r in Amerika ein umfangreiches Programm für den Bau von Kraftwerksreaktoren. Das heißt, wir müssen
Atomkraftwerke bauen, um die im Laboratorium gesammelten Erfahrungen
und Erkenntnisse in der Praxis zu rufen und auszuwerten. Es bleibt
uns kein anderer Weg.
Aus unserem Entwicklungsprogramm für Leistungsreaktoren, das wir
seit zwei Jahren durchführen, haben wir vertvolle Erkenntnisse und
Richtlinien für die Zukunft gewönne . Unter anderem haben wir durch
dieses Programm erfahren, daß wir unser Partnerschaftsprogramm zwischen
Regierung und Privatwirtschaft sowohl elastischer gestalten als auch
weiter ausbauen müssen.
Ich bin daher der Meinung, da3 es im Interesse weiterer und größerer
Fortschritte auf dem Wege zu einer Lösung des Problems der Erzeugung von
Atomstrom gut wäre, wenn wir eine Reihe von Verbesserungen durch die
Abänderung unseres Atomstrom-EntwicKlungs-Programms in Betracht zögen,
insbesondere was die "Grundregeln' unseres Entwicklungsprogramms für
Leistungsreaktoren angeht.
-.

�"AMERIKA DIENST"

19^ Dezember 1956

Ich kann hier und in diesem Augenblick von derartigen Änderungen
nicht im Namen der Kommission sprechen; ich muß sie daher nur in meiner
Eigenschaft als Mitglied dieser Kommission erörtern. Ich empfehle den
Mitgliedern der Kommission jedoch ein neues Achtpunkte-Programm: denn
nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß ein
derartiges Programm die Entwicklung künftiger Kernreaktoren zur Erzeugung von Kraftstrom beschleunigen dürfte»
Ich hoffe, daß noch in diesem Monat oder Anfang Januar die USAtomenergie-Kommission in der Lage sein wird, dieses erweiterte Programm
.in Erwägung zu ziehen und vielleicht sogar einmütig zu unterstützen, und
daß der Kongreßausschuß für Fragen der Atomenergie.fl der gleich uns von
den vielversprechenden Möglichkeiten der Kernkraft für die Energiegewinnung
überzeugt ist - auch seinerseits das Projekt befürwortet und unterstützt.
Das eigene Versuchsprogramm der amerikanischen Regierung, das im
Jahr 1954 aufgestellt worden war und zunächst fünf verschiedene Reaktortypen vorsah, wurde inzwischen um weitere vier Typen erweitert; ich
empfehle daher, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um den Bau von
mindestens zwei weiteren großen und drei kleinen Leistungsreaktoren
für den zivilen Gebrauch bis spätestens 30.Juni 196? zu gewährleisten.
Diese Anlagen würden sich hinsichtlich Typ und Konstruktion völlig von
den für eine kommerzielle Verwendung bestimmten Leistungsreaktoren unterscheiden, die gegenwärtig geplant oder im Bau sind. Sie könnten vielleicht
Prototypen von Reaktoren sein, deren Entwicklung Teil des Versuchsprogramms
der US-Regierung ist»
Dieses umfassende Ziel würde im Rahmen des von mir vorgeschlagenen
Achtpunkte-Programms erreicht, das folgende Maßnahmen in sich schließt»
Erstens« Ich schlage vor, daß die Atomenergie-Kommission so rasch
wie möglich in einer dritten Aktion zur Einreichung von Vorschlägen im
Rahmen des Programms zur Entwicklung von Leistungsreaktoren auffordert,
allerdings mit folgender bedeutsamen Abweichung von dem bisherigen Verfahren« Jeder unterbreitete Vorschlag wird einzeln und sofort nach Eingang bei der Kommission behandelt. Darüber hinaus würde, im Gegensatz zur
jetzigen Gepflogenheit, ein besonderer Termin als Einsendeschluß für
derartige Vorschläge fortfallen. Es wäre damit ein fortlaufendes und
ständig überprüftes Programm geschaffen, das schnellste Durchführungo
sowie die bestmöglichen Chancen für eine Revision oder Ausweitung, wie
es die Umstände gerade erfordern, garantiert. Aber nur solche Vorschläge
werden in Erwägung gezogen, die die Fertigstellung der betreffenden Anlage vor dem 30.Juni 19&amp;2 versprechen.
Zweitens« Weder für die Größe noch den Typ der Atomkraftwerke, für
die Konstruktionspläne eingereicht werden, sind irgendwelche Begrenzungen
vorgesehen. Entscheidend ist nur, ob sie dazu geeignet sind, billig,
reichlich und gefahrlos Atomstrom zu liefern. Die neu eingereichten Vorschläge würden, ebenso wie im Fall der ersten und zweiten Ausschreibung, .
ohne irgendwelche Diskriminierung der Einsender angenommen und in Erwägung
gezogen werden, gleichgültig ob sie von Einzelfifmen oder Firmengruppen
als den Vertretern privater Versorgungsbetriebe, von genossenschaftlich
oder öffentlich verwalteten Versorgungsbetrieben oder von Firmen kommen,
die die erforderlichen Ausrüstungen liefern.
Drittens t
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

1 9 . Dezember 1956

Drittens» Bei der Prüfung der eingereichten Vorschläge wurde
die Kommission dr«i spezielle Reaktortypen bevorzugt gemäß dieser
Reihenfolge erörtern: an erster Stelle eine mit natürlichem Uran
und Schwerem Wasser als Moderator arbeitende Groß-Reaktoranlage
deren elektrische Leistung mindestens 100 000 Kilowatt beträgt;
an zweiter Stelle ein Groß-Reaktorsystem mit flüssigem Reaktorbrennstoff, der auf wässerigen Lösungen und (bzw. oder) Aufschwimmungen
von uran- und (bzw. oder) thoriumhaltigen Stoffen basiert und ebenfalls eine Mindestleistung von 100 000 Kilowatt besitzt; und an
dritter Stelle drei neuartige kleine Reaktorprojekte verschiedener
Konstruktion.
Viertens: Unter diesen Punkt fällt das Angebot der Atomenergie
Kommission, hinsichtlich des Baues dieser Leistungsreaktoren der Industrie den Vorrang einzuräumen. Sollten jedoch in bezug auf alle
genannten Typen nicht innerhalb eines annehmbaren Zeitraums brauchbare Vorschläge eingereicht werden, so würde die Kommission von sich
aus prompte und positive Schritte zum Bau solcher Reaktoren unternehmen.
Für alle auf staatliche Initiative errichteten Anlagen gilt eben alls
der 30.Juni 1962 als Endtermin.
Fünftens: Wir müssen und können jetzt rascher voranschreiten nicht nur was den tatsächlichen Bau von Versuchs- und Modell-Atomkraftwerken im natürlichen Maßstab, sondern auch was die Ausweitung unserer
wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse durch eine umfassend-re Forschung und Entwicklung anbetrifft. Ich schlage deshalb vor, daß die
AEC die vorha. denen Möglichkeiten für eine von der Regierung in dieser
Hinsicht gewährte Unterstützung wesentlich erweitert, indem sie, deutlich
unterschieden von den tatsächlichen Baukosten, einen größeren Anteil an
den Kosten der Forschung und Entwicklung übernimmt. Diese Ausweitung
der staatlichen Hilfe - zu der noch die eigenen Versuchsprojekte fler AEC
hinzukommen - würde sich nicht nur auf Vorschläge erstrecken, die bei
der dritten Ausschreibung im Rahmen des Demonstrationsprogramms von
Leistungsreaktoren akzeptiert werden, sondern auch auf Projekte, die
nach der ersten und zweiten Ausschreibung bereits in Angriff genommen
wurden. Ich bin überzeugt, daß eine solche Unterstützung von Forschung
und Entwicklung seitens der Regierung der gesamten Kernindustrie einen
gewaltigen Auftrieb geben wird. Sie würde nicht nur die Konstruktionstechnik von Reaktoren selbst fördern, sondern auch eine Verbesserung der
Baustoffe, die Entwicklung billigerer und ergiebigerer Brennstoffelemente, die Weiterentwicklung der Reaktorphysik, der Methoden der Wärmeübertragung, der Strömungslehre, der chemischen Verfahren und der Verfahren der Abfallbeseitigung, der Sicherungseinrichtungen am Reaktor
und vieler anderer Dinge, bewirken, die für die billige, reichliche
und ungefährliche Erzeugung von Atomstrom eine wichtige Rolle spielen.
Sechstens
werde ich mich im Rahmen meines Vorschlags dafür e nsetzen, weitere Unterstützung in der Form zu gewähren, daß die von der
Kommission bei der Verpachtung von Brennstoffelementen zum kommerziellen
Betrieb von Reaktoren erhobenen Benutzungsgebühren reduziert oder schrittweise überhaupt aufgehoben werden, und daß ferner die Kommission im Zusammenhang mit der Schwerwasser-Beschickung eines mit natürlichem Uran
arbeitenden Reaktors, dem Schweres Wasser als Moderator dient, auf die
Dauer von fünf Jahren überhaupt keine Gebühren erhebt.
q-ip-htens«

�"AMERIKA DIENST" •

19. Dezember 1956

Siebtens: Ich schlage der Kommission vor, sehr bald Schritte
zur Festsetzung der Gebühren zu unternehmen, zu denen sie nach bindenden Vereinbarungen die chemische Aufbereitung von KernbrennstoffElementen in staatseigenen Anlagen übernehmen will.
Achter und letzter Punkts Die neue und viel elastischere Partnerschaft der Atomenergie-Kommission mit der Industrie - die sich zwar in
erster Linie auf die Errichtung von Atomkraftwerken erstrecken soll müßte auch breit genug angelegt sein, um Reaktorprojekte für andere
komaerzielle Verwendungszwecke, beispielsweise für Heizanlagen, chemische Herstellung oder Behandlung von Kunststoffen oder irgendwelche
anderen Vorhaben aus der ständig wachsenden Zahl der Anwendungsmöglichkeiten von Reaktorwärme zu ermöglichen, die gegenwärtig noch von Wissenschaftlern und Ingenieuren geprüft werden.
Ich bin der Meinung, daß ein derart erweitertes Programm für die
Reaktorentwicklung, wie ich es eben hier dargelegt habe, für den Fall,
daß es angenommen wird, von Jahr zu Jahr von der Kommission neu überprüft und, wenn erforderlich, modifiziert werden sollte, um stetige
rasche Fortschritte zu garantieren. Diese Überprüfung würde jeweils im
Herbst stattfinden, so daß das entsprechende Programm in den Haushaltsplan aufgenommen werden kann, der in seiner endgültigen Form gewöhnlich
im November oder Dezember ausgearbeitet wird, um im Januar dem Kongreß
unterbreitet zu werden.
Mit diesen Vorschlägen habe ich nur die Möglichkeiten zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in den Vereinigten Staaten umrissen, und ich habe dabei die wesentliche Hilfe, die wir anderen Ländern beim Aufbau eigener AtomenergieProgramme leisten, nur kurz gestreift.
Ich möchte jedoch gerne noch hinzufügen, daß diese Vorschläge - so
wie ich mir ihre Verwirklichung denke - weitgehend auf unser Hilfsprogramm für befreundete Kationen wie auch das gesamte Programm zur Erzeugung
von Atomstrom hier in den Vereinigten Staaten anwendbar wären. Wir
würden damit den Fortschritt in der weiteren Erschließung der Atomkraft
unter allen friedliebenden Völkern fördern. Amerikanische Konstrukteure
und Herstellerfirmen von Industrie-Reaktoren und deren Zubehör bekämen
dadurch bessere Chancen, mit dem Ausland, insbesondere mit jenen Ländern
ins Geschäft zu kommen, die mehr auf die Erzeugung von Atomstrom angewiesen sind als - gegenwärtig - die Vereinigten Staaten.
Ich habe hier nicht viel mehr tun können, als diesen Programmvorschlag zur Ausweitung und Beschleunigung der Entwicklung von Atomkraftwerken zu umreißen; viele Details müssen noch in diesen Rahmen hineingearbeitet werden. Aber ich bin überzeugt, daß er vieles enthält, was
ihn einer ernsthaften Erwägung und der Unterstützung seitens der Atomenergie-Kommission, der Industrie und auch von Ihrer Seite wert macht, die
Sie als Kernwissenschaftler und Ingenieure die Fachleute auf diesem Gebiet sind und die verschiedenen, von mir hier erwähnten interessierten
Kreise fachmännisch beraten.
Ein für den Aufbau einer gesunden und entwicklungsfähigen Atomindustrie unerläßliches Erfordernis habe ich nicht in mein Achtpunkte- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Achtpunkte-Programm einbezogen, obgleich ich es im Augenblick für
dringlicher halte als jede andere Maßnahme.
Ich meine die Schwierigkeiten, die infolge des Fehlens angemessener Versicherungsbestimmungen über die Haftpflicht der Initiative
der Privatindustrie, Atomkraftwerke zu bauen, im Wege stehen. Eine
diesbezügliche Gesetzesvorlage war zwar vom Kongreßausschuß für
Fragen der Atomenergie während der letzten Sitzungsperiode des
Kongresses gebilligt worden, wurde jedoch nicht zur Entscheidung
in den Kongreß selbst eingebracht.
Es ist dringend notwendig, daß der neue Kongreß sich umgehend
mit dieser Angelegenheit befaßt, um das größte Hindernis für die
beschleunigte Durchführung eines Leistungsreaktor-Programms in den
Vereinigten Staaten zu beseitigen."

* * * * *

- 11 -

�EMBASSY OF THE UNITED STATES
Office of Economic Affairs
Bonn-Bad Godesberg
November 1956

ÜBERSICHT ÜBER DEN OST-WEST-HANDEL II. HALBJAHR 1955

Achter HalbJahresbericht an den U.S.-Kongress über die Durchführung
des Gesetzes zur Überwachung der Gegenseitigen Verteidigungshilfe
(Mutual Defense Assistance Control Act) vom Jahre 1951-

�INHALTSVERZEICHNIS

KAPITEL
I.

II.

Seite
Gestaltung des Handels
Handelsvolumen
West-Europas Handel mit dem Roten Block
Ausfuhren-der COCOM-Staaten nach dem
Roten Block
Rot-Chinas Handel mit der freien Welt
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den
europaeischen Laendern im Roten Block
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
gcgenueber Rot-China

1
4

Handel Lateinamerika - Roter Block
Sonstige Handelsbeziehungen
Handelsabkommen

8
8

7

Die Zeit der Handelskontakte und de3 landwirtschaft- .'
liehen Delegationsaustauscnes
Die Genfer Besprechungen
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen
die Vereinigten Staaten
Sowjetisch-amerikanischer nandel und
US Senatoren
Konferenz der UN Wirtschaftskommission fuer
Europa ueber Wirtschaftsfragen

III.

6

10
11
12
12

Industriemessen als Instrument der Aussenpolitik
des Roten Blocks
Haeufigkeit, Kosten, Schwerpunktgebiete
Ziele ,,,.,.,
Die Beteiligung des Roten Blocks
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Das Eesseprogramm der Vereinigten Staaten

....;

13
16
17
17
19

�KAPITEL
IV.

Seite
Rote Y/irtschaft3-"Diplonatic" in den entwicklungsbeduerftigon Staaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoffensive

21

Ilintergruende der Ilandelsoff ensive
Handelsvertraege und Kredite

23

Propaganda gehoert dazu

24

Vorstoesse in den Ilahen Osten

25

Kanonen fuer Baumwolle

26

Bulganins und Chru3 cht sehe v/s Peise
nach Sued-Asien
Der Peis als Y/aPfe

i

27
28

Der Klingende Rubel
Pubelklaenge in Lateinanerika

30

Y.'ie wird der Herausforderung begegnet?

32

�KAPITEL I

G E S T A L T U N G

DES

H A N D E L S

Handelsvolumen
Der Warenaustausch zwischen der freien Welt und dem Roten Block*)
betrug im Jahre 1955 wertmaessig insgesamt 4,46 Milliarden Dollar, wie
nachstehende Zahlen und Darstellung I zeigen. Das sind gegenueber 1954
mit seinen 3,6 Milliarden Dollar 24$ mehr.
Gesamtwert des Handels der freien Welt mit dem Roten Block
in den Jahren 1954 und 1955
(in Millionen US Dollars)

1955 (vorlaeufig)
Ü5J

Roter Block
insgesamt

Europaeischer
Sow.jetblock"

RotChina

4-461,4
5-599,8

5.646,0
2.923,4

805,8
669,4

Waehrend die Ausfuhr nach dem Roten Block im Jahre 1954 1,76
Milliarden Dollar betrug, stieg sie im Jahre 1955 um 15$ auf schaetzungsweise 2,03 Milliarden Dollar (Darstellung II). Die Einfuhr aus dem Roten
Block im Jahre 1955 erhoehte sich mit circa 2,43 Milliarden Dollar um 32$
gegenueber 1,83 Milliarden Dollar im Jahre 1954- Die Ausfuhr der freien
Welt nach dem Roten Block stieg also nicht im gleichen Masse an wie die
Einfuhr von dort. Damit erfuhr die Lage gegenueber dem Jahre 1954 eine
Umkehrung.
•Die Ausweitung der Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block
ergibt sich in erheblichem Masse aus erhoehten Exporten nach den euro'paeischen Satellitenstaaten, hauptsaechlich nach der Tschechoslowakei,
Ungarn und Polen. An den erhoehten Bezuegen der freien Welt aus dem Roten
Block sind fast alle Rotblockstaaten beteiligt, voran die Sowjet-Union,
gefolgt von Rot-China, der Tschechoslowakei und Polen.
Dem weiteren Anstieg des Handels der freien Welt mit dem Roten
Block entsprach das Anwachsen des Handels innerhalb der Gemeinschaft
der freien Voelker. Die beschleunigte Entwicklung der Handelstaetigkeit ist in erster Linie dem anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft in
den Vereinigten Staaten und Westeuropa und der sich gleichfalls fortsetzenden allgemeinen Besserung der Wirtschaftslage in der ganzen '.Veit
zuzuschreiben. Dabei hat sich der Anteil des Roten Blockes an dem
Handelsvolumen der freien Veit im Jahre 1955 prozentmaessig nur um
einen Bruchteil'gegenueber 1954 erhoeht, und zwar von etwa 2,3$ auf
etwa 2,6$.

*) Zum Roten (Sowjetisch-Chinesischen)Block gehoeren die SowjetUnion, die europaeischen Satelliten, Rot-China (einschl. Innere
Mongolei, Mandschurei und Tibet), Nord-Korea, Aeussere Mongolei
und Nord-Vietnam.

- 1 -

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK
|

1954 und 1955 (vorlaeufig)

(

($) - 1 Milliarde Dollar

Roter Block Insgesamt:
1955s(vorlaeufig) S 4,5 Milliarden
1954
8 3,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
(in Millionen U1J Dollars)
t
Roter Gesamt Europaeische Sowjet..
Block
Satelliten
Union

Rot-China

1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halbjahr

(vorläufig)

938,0
1.094.7

549,3
599,6

242,5
328,2

..SaShiL—.—1Ä142*2.. M ——2Z2IZ..

146,2
166.9

21hl.—.

1954:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479.3
896,7

336,7
236.8
573,5

137,4
156.6
294,0

�Warenbezüge der freien Welt aus dem Roten Block in den Jahren 1954 und 1955;
(in Millionen Dollar)
Roter Gesamt
Block ;

Europäische
Satelliten;

Sowjetunion:

RotChina ;

255,5
588,5
643,8

240,4
252.5
492,7 2&gt;

1955:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)

1.095,2
1 .353,5
2.428,7 1^

1954»
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

806,3
1.029,3

433,7
519.0

193,3
507.2

175,4
200,0

1.855,6 1 ^

952,7

500,5

375,4

595,7
686.9
1.282,6

Dagegen erreichte der Handel Afghanistans, Ägyptens, Finnlands, Hongkongs
Islands, Irans, der Türkei und Jugoslawiens mit dem Roten Block mehr als 10$
des gesamten Außenhandelsvolumens dieser Länder.
Die Handelsziffern des Roten Blocks für 1955 waren gegenüber 1954 kaum
verändert. Es entfielen also wieder rund 80$ auf den Handel innerhalb des
Roten Blocks und 20$ auf den Handel mit der freien Welt. Rot-China als RotBlock-Staat für sich allein betrachtet, weist hinsichtlich seines Handels
etwa das gleiche Zahlenverhältnis auf. Die Entwicklung des Handels des Roten Blocks wurde in den Ausführungen über "Sowjetische Hindernisse für
eine Ausweitung des Welthandels" behandelt (siehe 7.Halbjahrsbericht,
Kapitel I und Kapitel III).
Am Ende der Dekade 1946 bis 1955 betrug das Gesamt-Handelsvolumen der
zentral-gelenkten kommunistischen Wirtschaftssysteme untereinander mehr als
das Zwei'einhalbfache des Standes vor dem Zweiten Weltkrieg. Dagegen erreichte ihr Handel mit der übrigen Welt noch nicht die Hälfte des Vorkriegsstandes. Das geht aus der "Übersicht über die Weltwirtschaft im
Jahre 1955" der Vereinten Nationen hervor. Die Ausweitung des Außenhandels der Sowjetunion im Jahre 1954 war besonders hervorstechend. Sie betrug mehr als das Vierfache des Vorkriegsstandes. Der starke Anstieg des
Handels der Rot-Blockstaaten untereinander ist ein Teilergebnis des immer
weiter fortschreitenden allgemeinen Integrationsprozesses innerhalb des
gesamten Roten Blockes. Bei diesem Zusammenwachsen spielte der Wille zur
Schaffung und Weiterentwicklung einer unabhängigen und praktisch autarken
Handelssphäre die entscheidende Rolle.

1) Äußere Mongolei und Nord-Korea sind zahlenmäßig, aber nicht geographisch zum kommunistischen Gesamtblock hinzugerechnet. Werte für 1954
und 1955» 7 bzw. 9,6 Millionen Dollar.
2) Die Warenbezüge der freien Welt aus Rot-China erscheinen etwas vermehrt
infolge doppelter Zählung von Wiederausfuhren aus Hongkong.
Quelle; U.S. Handelsministerium

- 3 -

�West-Europas Handel mit dein Roton 31ock.
Waehrend der gesanten ersten 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
war es vorwiegend das nichtkommunistische ".'.'Osteuropa mit dem die europaeischen Laender in Roten 31ock Handel trieben. Besonders auffallend
war die warenmaessige Gestaltung des ITachkriegshandels der osteuropaeischen Laender. Er "bestand naemlich in erhoehtem Export von Haschinen und Ausruestungsgegenstaenden. Demgegenueber und im Vergleich zur
Vorkriegsdekade sind die ITahrungsmittelexporte fast aller dieser Laender gesunken.
Der Handel der europaeischen Laender im Roten Block mit Westeuropa wurde im Jahre 1955 i n ungefaehrdem gleichen Tempo ausgeweitet,
wie 1954,1 In* Jahre 1955 aber bestand der eigentliche Anstieß.]
in höheren Ausfuhren Osteuropas nach Westeuropa. Diese Entwicklung
war der des Jahres 1954 direkt entgegengesetzt. Damals lieferte Westeuropa mehr nach Osteuropa. Ausser den traditionellen Waren, die die
europaeischen Laender im Roten Block nach Westeuropa lieferten - also
Weizen und andere Lebensmittel, Kohle, Erdoel und Holz - kamen in zunehmenden Lasse Industriegueter , u.a. Maschinen und Ausruestungen,
in einigen westeuropaeischen Laendern auf den Harkt. Auch Roheisen und
Baumwolle wurden in erheblichen Mengen an den Westen verkauft.
Die ausnehmend grossen Butter - und Fleischexporte Westeuropas
nach osteuropaeischen Laendern im Jahre 1954 wurden 1955 stark eingeschraenkt. Dagegen wurden die Getreidelieferungen fortgesetzt, und in
Bezug auf die Sowjetzone und Polen rechnete man sogar mit einer Portsetzung der Lieferungen trotz der guten Ernte des Jahres 1955« Die Gesamteinfuhren Osteuropas aus Westeuropa nahmen weiterhin in schnellem
Tempo zu und zwar z.T. infolge der erheblichen Zunahme der Haschinenund Ausruestungslieferungen. Weitere Bezuege groesseren Umfangs bestanden in Chemikalien, Rohwolle, Kupferdraht und Gummi.
Die Bundesrepublik Deutschland, Grcss-Britannien und Frankreich
verzeichneten fuer 1955 jeweils doe groesste Zunahme ihrer Umsaetze
im Handel mit dem Roten Block. Das Handelsvolumen der Bundesrepublik
Deutschland stieg um 154 Mio Dollar, das Grossbritanniens um 147 Mio
Dollar und das Prankreich» um.70 Mio Dollar.
Wertmaessig fuehrend waren im Aussenhandel der Bundesrepublik
Deutschland : Chemikalien - 44»2 Mio Dollar; Eisen- und Stahlerzeugnisse - 17»4 Mio Dollar; Schiffe(seegehende und Kuestenfahrzeuge)
-16,3 Mio Dollar; Kupferdraht - 12,7 Mi« Dollar und Maschinen (ausgenommen elektrische) - 10,7 Mio Dollar. In dem Wert dieser Waren, die
nicht auf der Verbotsliste standen, ist jedoch der Handel mit der
deutschen Sowjetzone nicht enthalten.
Ihrem Werte nach rangierten die von Grossbritannien im Handel mit
der. Roten Block hauptsaechlich exportierten Waren wie folgt: ungewickelter Draht und Kupferkabel - 28»8 Mio Dollar; reexportierter Rohgummi
(einschliesslich synthetischen und regenerierten Gummis) - 20,5 Mio
Dollar; Kammzuege - 20,1 Mio Dollar; Wiederausfuhren von Schaf- und
Lammwolle (roh) - 14 Mio Dollar und Textilmaschinen nebst Zubehoer 12,9 Mio Dollar (durchweg Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen).
Frankreichs Ilauptausfuhren dem Werte nach waren: Eisen- und Stahlhalbzeug sowie Stahlwaren - 30,4 Mio Dollar; Weichweizen 29,9 Mio Dollar;
Chemikalien 11,5 Mio Dollar; Weizenmehl 8,9 Mio Dollar; Rindfleisch 7,4 Mio Dollar; Auebenzucker(roh) - 5»3 Mio Dollar. Auch hier handelte
e s sich ausschliesslich um Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen.
- 4 -

�Auch Finnland und Oesterreich wiesen eine "bedeutende Steigerung ihres
Handels nit dem Roten Block, naemlich um 35 "bzw. 37 Mio Dollar auf. Die
Steigerung in Falle Jugoslawiens um das Fuenffache auf ueher 58 Millionen Dollar, ergab sich aus der ..'iederherstellung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien auf
der Grundlage der Belgrader Deklaration vom 2. Juni 1955. Dagegen sank
Daenenarks Handel r.it den ".loten Block um 27 Millionen Dollar "bezw. etwa

259*.
Ausfuhren der COCOH-Staatcn nach dorn Roten Block
Das Ceccr.thandclcvolur.en der 15 CCCOM-Jtaaten*) r.it dem Roten Block
stieg von 1,0 : illiarden Dollar im Jahre 1954 um etv.as ueber 406 Lallionen Dollar auf nahezu 2,3 Milliarden Dollar in Jchre 1955« Die Export«
der COCOM-Iaender nach den Roten Block waren nit ueber 9^5 Millionen
Dollar in Jahre 1955 um circa 150 Millionen Dollar hoehcr als im Vorjahre(835 Millionen Dollar).
Rot-Chinas Handel nit der dreien ".Veit
In Handel Rot-Chinas mit der freien Y/elt ist - j/cgenueber dem Jahre
1954 nit 669,4 Mio Dollar - in Jahre 1955 e i n Anwachsen des .'ecehaeftsvolunens auf 305»8 Mio Dollar zu verzeichnen. Die 16 lp der OEBO zusammengeschlossenen Lacnder waren daran mit 28&gt;J und Japan nit etwa 14,' "beteiligt.
Der Wort der Ex;-orte Mot-Chinas nach den nichtkonr.unistischen Laendern "belief sich im Jahre 1955 Mif etwa 493 Mio Dollar-::) und liegt damit un 117 Mio Dollar hoehcr, als in Jahre 1954« Die Ausfuhren nichtkonmunistischer Laender nach Rot«China erreichten 1955 etwa 313 Mio Dollar £
gegenueber 294 : io Dollar in Jahre 1954» 207 Mio Dollar im Jahre 1953 und
273 Mio Dollar im Jahre 1952.
In Vergleich zu 1954 wuchs der Y/ert direkter Export« aus Y/c3teuropa
nach Rot-China in Jahre 1955 un nahezu 257'' an. Jedoch wurde diese Steigerung
reichlich ausgeglichen durch geringere Exporte auc Hongkong. Da die Ausfuhren auc Hongkong groscenteils in Umschlag von Erzeugnissen au3 "..est curopa bestanden opicgeln diese Angaben in erster Linie ..or.dcrungcn in
der Versandart und weniger das Handelsvolumen wider. Mach steilem Anwachsen in der zweiten Jahreshaelfte 1954 hielt sich der Export Ja.ans
nach Rot-China in Jahre 1955 durchweg unveraendert auf gleicher Hooho.

*) Im COordinating COMnittee (Ostwesthandelsausschuss) in Paris, in den
sich eine Reihe von Staaten zusanmenfand, un in der -'rage der Ueber«
wachung der Exporte strategisch wichtiger Gueter zusammenzuarbeiten,
sind vertreten: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Daencr.ark,
Frankreich, Griechenland, Italien, Japan. Hanada, Luxemburg, iiö lliedcrlande, ".Torwegen, Portugal, die Tuerkei, Gross-Britannien und die
Vereinigten Staaten.
t*) Diese Zahl schliesst Ausfuhren nach Hongkong in Y/erte von 157 Mio
Dollar ein, die zun grossen Teil reexportiert wurden und ein zweites Mal als Bezuege aus Rot-China erfasst sind.

- 5-

�Industriegueter waren die i.auptausfuhrartikel Westeuropas,
Japans und Hongkongs nach Rot-China. Chemische Erzeugnisse, u.a.
Duengemittel, Farbstoffe, Medikamente und Chemikalien fuer die Industrie
waren die Hauptartikel der Lieferungen. Einen erheblichen Prozentsatz der Lieferungen bildeten auch Textilfasern und Gewebe, Metalle
und Manufakturwaren.
Die Warenbezuege Rot-Chinas aus Asien(ausschliesslich Japans
und Hongkongs) Ozeanien und dem Nahem Osten bestanden dagegen grossenteils in Agrarerzeugnissen. Aus Pakistan und Aegypten kam ueberwiegend Rohbaumwolle, aus Ceylon in der Hauptsache Rohgummi, irmp
lieferte vor allem Reis (siehe S. * ) , Indonesien und die Malaiischen Inseln Kopra und Kokosnussoel, Australien '.Volle und Kammzuege
und Indien Jutesaecke und Rohbaumwolle.
Rot-China lieferte an nichtkommunistische Laender in der Reihenfolge
des Anteils der Waren am Gesamtvolumen: Kahrungsmittel(u.a. Reis und
andere Naehrmittelr Rohstoffe, rflanzenoele fuer Speisezwecke, Eier,
Obst, Gemuese, Huelsenfruechte und Tee); Celsaaten und andere Agrarrohstoffe(Textilfasern, aetherische Oele, Felle und Rauchwaren, Tungoel sowie diverse Rohstoffe fuer Destillationszwecke and schliesslich
eine Anzahl Gueter verschiedener Art(insbesondere Erze, Mineralien
und Erzeugnisse der Leichtindustrie).
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den Europaeischen
Laendern im Roten Block.
Der Wert der Ausfuhren der Vereinigten Staaten nach den europaeischen Laendern im Roten Block im Jahre 1955 ist mit 7&gt;3 Mio
Dollar zu veranschlagen. Das sind 18/« mehr als der Gesamtausfuhrwert
fuer 1954 niit seinen 6,1 Mio Dollar,
Allerdings sind in den Zahlen fuer 1954 und 1955 die im Rahmen
des Ueberschwemmungshilfsprogramms des Praesidenten der Vereinigten Staaten fuer das Donaubecken an Ungarn, die Tschechoslowakei
und die Sowjetzone Deutschlands gelieferten Mengen Getreide fuer
die menschliche Ernaehrung, Insektenvertilgungsmittel und Medikamente mit 4&gt;7 Mio Dollar enthalten. Die Exporte der Vereinigten
Staaten nach der Sowjet-Union und seinen europaeischen \asallen
im Jahre 1955, hatten, ausschliesslich der vorerwaehnten Gratislieferungen, einen Gesamtwert von 5&gt;7 Mio Dollar, also einen etwa
doppelt so hohen Wert wie im Jahre 1954(2,9 Mio Dollar). Diese
Exportmengen blieben erheblich hinter den Gesamtmengen der Jahre
1947 und 1948 zurueck. Damals betrug der Wert der Lieferungen der
Vereinigten Staaten nach den europaeischen Laendern im Roten Block
339,9 Mio bezw. 123,2 Mio Dollar.
Unter den von den Vereinigten Staaten an die Sowjet-Union
und seine europaeischen Vasallen in den letzten Jahren hauptsaechlich gelieferten Waren stehen Wollabfaelle im Jahre 1955mit
etwa $0 r/o der Gesamtausfuhr an erster Stelle. Es folgen Mais
(nicht fuer Saatzwecke) mit etwa 2QJB und danach Haeute und Felle
sowie Talg fuer industrielle Zwecke.
Die Warenbezuege der Vereinigten Staaten aus den europaeischen Laendern im Roten«Block erreichten 1955- gegenueber 1954fl»it42,4 Mio
Dollar - einen Gesamtwert von 55»5 Mio Dollar, das entspricht

- 6 -

�einer Zunahme von 31/'« In erster Linie wurden importiert: Delikatessschinken-Xonserven, Speck, Daerme zur Wurstbereitungim \7ertt
von 19»Q Mio Dollar} Pelze und I.ianufakturwaren in Werte von 8,4
I.Iio Dollar; Benzol im Y/erte von 6,5 Mio Dollar; Duengemittsl und
Duengemittelrohstoffe im YYsrte von 2,3 Mio Dollar; photographisch«
Artikel im Werte von 2 Mio Dollar; Glaswaren im Y/ert« von 1,7 Mio
Dollar und Borsten im Wert« von 1,3 Mio Dollar.
Am 3» Kovember 1955 verkuendete des Handelsministerium der Vereinigten Staaten, es beabsichtige die Herausgabe einer Liste mit einer Auswahl strategisch unwichtiger Y/aren,*), die rn die europaeischen Laender im Roten Block im Rahmen einer allgemein gueltigen
Ausfuhrgenehmigung geliefert werden koennen; d.h. also, ;s sollte keine fuer einen Einzelfall gueltige Genehmigung mehr benoetigt v/erden.
Diese Lockerung sollte dem von Praesident Bisehhower auf der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli 1955 als mit allen Mit«
teln erstrebenswert herausgestellten Siel dienen, "Bedingungen zu
schaffen, die geeignet sind,in allen Staaten das Inter«sso an einem
weltweiten Austausch ziviler Gueter zu foerdern."
Die Vereinigten Staaten und ihrei Handelssperre
gegenuebor Rot-China
V.:ie schon in frueheren Berichten eusgefuehrt, erliessen die Vereinigten Staaten sofort nach dem Einfall in Sued-Korea am 25. Juni
1 950 ein allgemeines Verbot fuer die Ausfuhr von 'Aaren nach ITordKorea. Die allgemeine Ausfuhrsperre gegenueber Rot-China und der
Mandschurei wurde am 3. Dezember 1950 verhaengt, als Rot-Ghina in dem
Krieg in Korea eintrat. Die Ausfuhrsperre wurde strikt durchgefuehrt
und besteht noch heute. Y/arenbezuege aus Rot-China und Hord-Korea sind
ebenfalls verboten, sofern sie nicht vom Amerikanischen Pinanzministerium genehmigt sind, und Genehmigungen zu Einfuhren aus diesen Gebieten werden nicht erteilt. Y.'arenlief erungen seitens der Vereinigten Staaten an Rot-China bezw. Hord-Korea heben seit der Ausfuhrsperre nicht stattgefunden, ausgeno men die Lieferung zweier fuer die
diplomatische Vertretung einer befreundeten Kation in Rot-China bestimmter Personenkraftwagen im Gesamtwerte von 6.000 Dollar sowie die
Lieferung von Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen, die auch
sonst allgemein verkaeuflich sind, im Y/erte von 2.530 Dollar. Im dritten Vierteljahr 1955 genehmigte das .Amerikanische "andelsninisterium
einen Antrag zur Ausfuhr ei .es Personenkraftwagens. im Y.erte von 1 .000
Dollar und von Autoersatzteilen im Werte von 60 Dollar, leides v;ar
fuer diplomatische Vertretungen befreundeter Laender bestimmt. Die
Lieferung von Seitschriften und sonstigen Druckschriften, fuer die
keine Geheimhaltungspflicht besteht, erfolgte im vierten Quartal 1955
im Pahmen eines allgemein gueltigen Genehmigungsverfahrens, wonach
wissenschaftliche Schriften und Schriften fuer Bildungs- und Erziehungsfragen unterschiedslos nach allen Laendern versandt werden koennen.
*) Die Liste mit ueber 700 auf etwa 57 Warengruppen verteilten Positionen v.urde am 26. .'.pril 1956 veroeffentlicht. Die sich daraus
ergebende Vereinfachung des Genehmigungsverfahrens bei Lieferungen
an die curopaeischen Yteaten im Roten Block wird erst im Keunten
Bericht ueber die Gestaltung des Ost-West Hendels im ersten Halbjahr 1956 behandelt werden.

- 7-

�Handel Lateinanerika - Roter Bleck
Der Handel Latein-Amerikas nit dem Roten Block erreichte im Jahre
1955 einen neuen Rekord mit einem auf 340 I.Iio Dollar geschaetzten Volumen, das damit die 254 Hio Dollar des Jahres 1954 um etwa 34/J uebersteigt.
Demgegenueber betraegt das Gesamtvolumen des Handels der Vereinigten
Staaten mit Lateinamerika mit etwa 7 Llilliarden Dollar ungefaehr das 20fache.
Argentinien und Brasilien waren auch im Jahre 1955 die Hauptpartner im Handel Lateinamerikas mit den Staaten im Roten Block. Das Volumen
des Handels zwischen dem Roten Block und Argentinien im Jahre 1955 &gt; cLer
zu einem erheblichen Guthabensaid© gegenueber der Sowjet-Union fuehrte,
erreichte einen Wert von 193 Klo Dollar. In Handel mit Brasilien wurden bei einer Steigerung um 42 I.Iio Dollar, d.h. um das Doppelte gegenueber 1954» 85 Mio Dollar erreicht..Uruguay, das im Handel mit dem Roten Block 1954 a-n dritter Stelle stand, wurde 1955 infolge erhoehter
Bozuege kubanischen Suckers seitens der Sowjet-Union von Kuba ueberfluegelt.
Die Exporte Lateinamerikas nach dem Roten Block wuchsen im Jahre
1955 um circa 20f$ auf schaetzungsweise 169 Mio gegenueber 142 Mio Dollar im Jahre 1954 an. Diese Ausweitung ergab sich hauptsaechlich durch
die erhoehten Ausfuhren aus Kuba und Brasilien. Der Versand von 500,000
t kubanischen Zuckers nach der Sowjet-Union in Werte von 37»4 Mio Dollar und die erhoehten Ausfuhren Brasiliens, insbesondere an.Kaffee,
wurden durch den Rueckgang der Exporte Uruguays nach dem Roten Block
um 13»3 Mio Dollar teilweise ausgeglichen. Dieser Rueckgang der Exporte Uruguays um etwa 50&gt;J war die Folge geringerer Warenbezuege durch
die Sowjet-Union.
Der Wert der V.'arenbezuege Lateinanerikas aus dem Roten Block stieg
1955 auf 171 Mio Dollar an. Gegenueber 1954 mit 112 I.Iio Dollar bedeutet das eine Zunahme um 53$« Die I.Iehrzahl der Staaten Lateinanerikas
erhoehten ihre Importe aus dem Roten Block. Besonders hervorzuheben
sind Argentiniens erv/eiterte Einkaeufe im Jahre 1955 im Werte von
120 Mio Dollar, verglichen mit 83 Mio Dollar im Jahre 1954» sowie die
Brasiliens mit 38 Mio Dollar im Vergleich zu T'9 Mio Dollar in Jahre
1954. Zun grossen Teil.erstreckten sich diese Einkaeufe auf Fabrikerzeugnisse und Rohstoffe fuer die Industrie .
Obgleich der Anteil der Laender des Roten Blocks an Gesantaussenhandel Lateinamerikas im Jahre 1955 genau wie 1954 nur 2^ betrug, gewann der Handel mit den Roten Block fuer einzelne Staaten dennoch
v/achsende Bedeutung. Im Falle Argentiniens betrug der Anteil des Roten Blocks am Gesantaussenhandel dieses Landes 1955 9$» im Falle Brasiliens 1,3$ und im Falle Kubas etwa 1$. Uruguays Handel nit dem Roten
Block dagegen sank von 5/' seines gesamten Aussenhandelsvolumens in Jahre
1954 auf ¥'0 im Jahre 1955.
Sonstige Handelsbeziehungen
Australiens Handel nit dem Roten Block blieb 1955 wertmaessig um
nahezu 18 I.Iio Dollar oder um 25$ hinter dem 1954 erreichten Volumen
zurueck. Dieser Rueckgang ergab sich aus einem Absinken der Ausfuhren
nach der Sowjet-Union infolge der Verschlechterung der 'politischen Beziehungen zwischen den beiden Laendern auf Grund der im April 1954 erfolgten aufsehenerregenden Enthuellung , dass die Sowjetische Botschaft
in Canberra ein Spionagenetz unterhielt.
Das Volumen des Handels zwischen dem Roten Block und Japan bzw. der Tuerkeistieg um 56 bzw. 60 I.Iio Dollar an. In Kapitel IV dieses Berichtes
vird der Handel des Roten Blocks nit den entwicklungsbeduerftigen Laendern besprochen.

�Handelsabkommen
Etwa 65^ des Handels des Roten Blocks mit der freien Welt im Jahre
1955 entfielen auf den Warenaustausch mit solchen Ländern, mit denen
der Rote Block zweiseitige Handelsabkommen getroffen hat. Im vergangenen
Jahr bestanden 174 gültige Handels- und Zahlungsabkommen zwischen dem
Roten Block und der freien Welt [
„ / Fünf weitere im Jahre
1955 abgeschlossene Abkommen sollten erst 1956 in Kraft treten. Mit 29
der somit insgesamt 179 Abkommen *) wurden früher bestehende freie Vereinbarungen über zu tätigende Kompensationsgeschäfte und andere geschäftliche Transaktionen durch formgerechte ersetzt. Nur sechs der
neuen Abkommen wurden mit westeuropäischen Ländern abgeschlossen, die
fast durchweg schon seit der ersten Nachkriegszeit Handelsabkommen mit
Staaten im Roten Block hatten. Die übrigen wurden mit entwicklungsbedürftigen Ländern getroffen, d.h. mit 13 im Nahen Osten, 8 in Südostasien und 2 in Lateinamerika.
Diesseits des Eisernen Vorhangs war Jugoslawien hinsichtlich des Abschlusses von Handelsabkommen sehr rührig. Es schloß nämlich deren acht
ab. Es stellte seine wirtschaftlichen Beziehungen zu allen europäischen Staaten im Roten Block völlig wieder her, die es infolge seines
Zerwürfnisses mit dem Kominform im Jahre 1948 abgebrochen hatte. Das
vorläufige 194 Mio.Dollar-Kreditabkommen, das es mit der Sowjetunion
am 1.9« 1955 abschloß, war die beachtlichste der von Belgrad erzielten Vereinbarungen. Im Rahmen dieses Abkommens erhielt Jugoslawien Kredite in Höhe von schätzungsweise 110 Mio.Dollar zum Bau von Düngemittelfabriken und verwandten Betrieben sowie für den Wiederaufbau dreier
kleiner Bergwerke und andere geplante Vorhaben; weitere 54 Mio.Dollar
für den Bezug von Kohle, Öl und Baumwolle aus der Sowjatunion und 30
Mio.Dollar in Gold oder gleichwertigen Devisen für die Jugoslawische
Staatsbank. Es heißt, daß alle diese Kredite eine Laufzeit von 10 Jahren bei einer Verzinsung von 2&lt;fo haben. Im November gewährte Polen Jugoslawien einen Kredit von 20 Mio.Dollar zum Ankauf von Bergwerksausrüstungen und Ausrüstungen zur Nahrungsmittelherstellung sowie von
Eisenbahnfahrzeugen.

*)Zu den Abkom-nen zählen alle von Regierung zu Regierung abgeschlossenen Handels- bzw. Zahlungsabkommen im Verkehr zwischen Ost
und West sowie halbamtliche Abkommen, auf Grund derer sich die Handelstätigkeit im Jahre 1955 noch eine Zeitlang vollzog. Die halbamtlichen Abkommen wurden in ihrer Mehrzahl von besonderen Handelskontoren
- die von Ländern der freien Welt, welche das kommunistische Regime
nicht anerkennen, eingerichtet sind - mit den Handelsbehörden der
Sowjetzone Deutschlands getroffen. In der Praxis unterscheiden sich
diese Abkommen nicht wesentlich von den Abkommen von Regierung zu
Regierung. In fast allen Abkommen werden Mengen oder Wertquoten festgelegt, die, wenn auch nicht bindend, so doch ungefähr den Umfang andeuten, in welchem die betr. Regierung bereit ist, für die in Betracht
kommenden Waren Ein- und Ausfuhrgenehmigungen zu erteilen. Es besteht
im allgemeinen die Möglichkeit, die Quoten jeweils nach vorheriger
Vereinbarung zwischen den Kontrahenten zu erhöhen oder sonstwie zu
ändern.

- 9-

�\

Es folgt Griechenland mit den Abschluss von sieben Abkommen mit
europaeischen Laendern in Roten Block. Die Tuerkei, Island und Argentinien
brachten es auf je sechs und Kolumbien auf eines. Birma schloss neue Abkommen mit fuenf Laendern im Roten Block und erneuerte ein Abkommen
aus dem Jahr 1954 mit Rot-China. Der Sudan und Syrien unterzeichneten
je zwfci. Der Sudan und Kolumbien trafen erstmalig ein Handelsabkommen
mit dem Roten Block.
Zu den erwaehnenswerten Abkommen gehoert auch das zwischen der
Sowjet-Union und Oesterreich nach Abschluss des Staatsvertrags getroffene,
Bulgarien unterzeichnete vier neue Yertraege und fuehrt damit vor Ändere
Rotblock-Staaten. Das kommunistische ITord-Vietnam traf mit seinen Vertrag
nit Frankreich sein erstes Handelsabkönnen nit der freien Welt.
Anzahl und Umfang aller dieser Handelsvertraege verdeutlichen die in
der Ausweitung der Handelsplanung des Roten Blocks liegenden Absichten.
KAPITEL II
DIE ZEIT DER HAITDELSKONTAKTE U1TD DES DELEGATION AUSTAUSCHES
Die Genfer Besprechungen
In Siebenten Bericht(Seite 1und 2) wurden in kurzen Umrissen die erfolglosen Bemuehungen der Vereinigten Staaten, Gross-Britanniens und Frankreichs auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli 1955 und gelegentlich des Treffens der Aussenminister daselbst Im Oktober/lTovember skizziert, mit der Sowjet-Union zu einer Vereinbarung ueber die allmaehliche
Beseitigung von Hindernissen zu gelangen, die einem friedlichen Handelsverkehr entgegenstehen. Die Unterhaendler der Sowjet-Union erklaerten sich,
wie in dem erwaehnten Bericht ausgefuehrt wird, auf der Konferenz im Herbst
lediglich bereit, ueber eine Beendigung der Ueberwachung des Handels mit
kriegswichtigen C-uetern zu diskutieren. Die Vertreter der V.'estmaechte erhielten auf ihre Bereitschaft, etwaige Vorschlaege der Sowjetischen Delegation im Interesse einer fuer beide Seiten erspriesslichen und dem Frieden
dienlichen Entwicklung der Handelsbeziehungen wohlwoMend zu pruefen, keine
positive Antwort. Die Vereinigten Staaten, Grossbritannien und Frankreich
legten der Sowjet-Union nahe, die Schwierigkeiten abzubauen, nit denen Kaufleute aus dem Y/esten zu kaenpfen haben, die die Sowjet-Union besuchen und sich
dort niederlassen wollen. Ferner wurden sie ersucht, wirtschaftlichen Eigentumsrechten, u.a. Patenten, angemesseneren Schutz zu gewaehren und in groesseren Hasse Produktions- und Handelsstatistiken zu veroeffentlichen. Die
westlichen Delegierten betonten, dass die ueberwachten, strategisch wichtigen Exporte, am Gesamtvolumen des Handels gemessen, nur einen geringen Prozentsatz ausmachten und dass sich der Sowjet-Union ausreichende Koeglichkeiten zur Beteiligung am Handel mit zivilen Guetern booten, wenn sie ihre
autarkischen Bestrebungen aufgaebe.
Am 31. Oktober 1955 entschloss sich Aussenminister Dulles im Interesse
der Foerderung des Handels mit zivilen Guetern zu einer wirklich vorcoehnlichen Geste, indem er ankuendigte, dass die Regierung der Vereinigten
Staaten "nach und nach" gewisse Vereinfachungen in den fuer Exporte nach
den europaeischen Laendern im Roten Block angewandten Verfahrensweisen
herbeifuehren wolle. (Vergl. Seite 7)«
In einer 14 Tage spaeter abgegebenen Srklaerung lehnte es der sowjetische Aussenminister I'olotow ab, auf das Problem der Ausweitung des
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�Handels mit zivilen Guetern einzugehen; er forderte stattdessen
die Beseitigung der Ueberwachung des Handels mit strategisch wichtigen
Guetern. Er sagte :
"seit einiger Zeit werden von einer Anzahl Laender des Westens, besonders den Vereinigten Staaten, Massnahmen ergriffen, die sich auf
den Handel mit der Sowjet-Union und anderen Staaten nachteilig auswirken. Die Beendigung dieser Benachteiligung und Beseitigung der dem
internationalen Handel in letzter Zeit in den Weg gelegten Hindernisse und Erschwerungen waere fuer beide Seiten, Ost und West, von
Nutzen. Ohne die Beseitigung dieser Hindernisse koennen sich keine
normalen Beziehungen zwischen Ost und West entwickeln."
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen die Vereinigten
Staaten.
Die Fuehlungnahme der freien Welt mit den europaeischen Laendern im
Roten Block wurde in der zweiten Haelfte des Jahres 1955 verstaerkt.
Der auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs ausgesprochene Wunsch
nach staerkerem Kontakt zwischen den Voelkern in Ost und West fuehrte
zum Austausch einer Reihe von Delegationen. Auch die Sowjet-Union erleichterte die Einreise von Privatpersonen. Dagegen stellte sie ihre
ins Ausland reisenden Staatsangehoerigen weiterhin zu "gelenkten"Abordnungen zusammen, anstatt ihnen zu gestatten, sich als Einzelreisende
frei zu bewegen. Die Sinnesaenderung der Sowjets in der Frage der Einreisegenehmigung fuer auslaendische Abordnungen und Privatreisende
fuehrte dazu, dass sich die Zahl der nach der Sowjet-Union reisenden
Amerikaner - sowohl Privatpersonen als auch solche in amtlichem Auftrage - erhoehte.
Bis zu einem gewissen Grade benutzte die Sowjetregierung das Austauschprogramm als Mittel zur Verbesserung der Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel besuchte eine vom amtierenden Landwirtschaftsminister Wladimir Maskewitsch gefuehrte 12-koepfige Abordnung im
August 1955 die USA, um dort die landwirtschaftliche Praxis, insbesondere die Schweinehaltung auf der Grundlage der Maisfuetterung zu studieren.
Die sowjetischen Landwirte waren stark am Kauf grosser motorisierter
Maehmaschinen, von Radschleppern aller Groessen und Neuballenpressen
interessiert. Waehrend ihres Aufenthalts in den USA kaufte die Abordnung 15 Bullen zur Verbesserung der Wirtschaftsrassen in der SowjetUnion.
Gegen Ende November besuchte eine zweite, fuenfkoepfige landwirtschaftliche Delegation aus Sowjet-Russland unter Puehrung von Ilja
Emeljanow, stellvertretendem Direktor der wissenschaftlich-technischen
Abteilung des Sowjetischen Landwirtschaftsministeriums, die Vereinigten Staaten, um Hybrid-Saatmais und die zu dessen Pflanzung , Pflege
und Ernte notwendigen Geraete einzukaufen, wofuer dem Vernehmen nach
ein Gesamtpreis von 1 Mio Dollar gezahlt wurde. Der Generaldirektor
einer Saatzuchtfirma des mittleren Westens, deren Spezialitaet HybridSaatmais ist, hatte die Sowjet-Union und Rumaenien vorher besucht und
die sowjetrussischen Fachleute eingeladen.
Als erster Vasallenstaat im Roten Block entsandte Rumaenien eine dreikoepfige Handalsdelegation nach den Vereinigten Staaten. Ihr gehoerte
der stellvertretende Landwirtschaftsminister Dr. Virgil Gligor an. Sie
folgte, ebenso wie die zweite sowjetische Abordnung, einer Einladung
der vorerwaehnten Firma und traf am 27. November zu einem einmonatigen Besuch in New York ein.

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�Die rumaenische Delegation verfolgte den gleichen Zweck wie die
zweite sowjetische Abordnung: Sie war gekommen, um Hybrid-Saatmais
und Geraete zu kaufen. Sie erklaerte hei ihrer Ankunft, dass Rumaenien
die Handelsbeziehungen mit den USA wieder aufzunehmen wuensche und beabsichtige, 500,000 bis 1 Mio Dollar fuer den Ankauf von Hais zu Saatzwecken und 10 Satz Landwirtschaftsgeraet in bar auszugeben. 3s wurde
versichert, dass weitere Kaeufe getaetigt wuerden, sofern man mit dem
Saatgut und dem Geraet zufrieden sei.
Sowjetisch-Amerikanischer Handel und US-Senatoren
llikita S. Chruötschew, der Erste Sekretaer der Kommunistischen
Partei der Sowjet-Union, erklaerte in einem Interview mit fuenf USSenatoren am 12. September, dass die Sowjet-Union aus den Vereinigten Staaten Maschinen und landwirtschaftliche Erzeugnisse beziehen
wolle. Er liess durchblicken, dass Moskau im Austausch gegen amerikanische WarenMangan und andere strategisch wichtige Rohstoffe anbieten wuerde und meinte, eine Ausweitung des Sowjetisch-Amerikanischen Handels wuerde zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen
den beiden Laendern fuehren. Chrustschew ruegte., waehrend Hinister»
praesident beifaellig nickte, die Ueberwachungsnassnahmen der Vereinigten Staaten bezueglich des Handels mit kriegswichtigen Guetern
und forderte deren Beendigung. Dann erklaerte er rund heraus: "Wir
begruessen den Warenaustausch weniger aus wirtschaftlichen Gruenden,
als vielmehr aus politischen Erwaegungen heraus als ein Mittel, zwischen unseren beiden Laendern bessere Beziehungen zu schaffen." Die
politischen und wirtschaftlichen Ziele der sowjetischen Handelspolitik wurden im Kapitel III des Siebenten Berichtes behandelt und
untersucht.
.
...
Konferenz der Uli Wirtschaftskommission fusr Europa ueber
Wirt schaft sfragen
Vom 26. September bis 14. Oktober, also zu einer Zeit, da der versoehnliche"Geist von Genf" noch lebendig war, kamen Vertreter von 26 Laendern zur vierten Sitzung des Handelsausschusses der Uli Wirtschaftskommission fuer Europa. (ECE) in Genf zusammen, ur. ueber den Ost-West
Handel und seine "Wachstunsschwierigkeiten" zu konferieren. Achtzehn
Laender '.'.Osteuropas und die Sowjet-Union sowie ihre Vasallenstaaten
sandten Abordnungen. Ebenso waren die Vereinigten Staaten und Kanada
vertreten. Ausser den genannten Laender-Delegationen entsandte der fuer
den Osten zustaendige, im Januar 1949: z u r Erweiterung der "wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen der Sowjet-Union und den europaeischen
Laendern im Roten Block ins Leben gerufene Ausschuss fuer gegenseitige
Wirtschaftshilfe '(CEl.IA) seinen General-Sekretaer, A.A. Pawlow(SowjetUnion) , der in zwangloser Form Verbindungen zum SCE-Sekretariat herstellen sollte.
Der Ausschuss eroerterte die Punkte der Tagesordnung in einer
freundlichen Atmosphaere. Ausser einer allgemeinen Aussprache ueber den
Umfang des Handels zrischen Ost und V/est, die I'oeglichkeiten einer Erweiterung dieses Handels und die Handelsbeziehungen zwischen bestimmten Laendern, befa^ste sich der Ausschuss auch mit sich aus der Erweiterung des Ost-West Handels ergebenden Einzelfragen, wie z.B. mit der
Ilotwendigkeit, Vereinbarungen ueber die Kontenabrechnung zu treffen.
Waehrend der Konferenz fanden 120 zweiseitige Handelsgespraeche
statt. Sic wurden aber im allgemeinen mit Zurueckhaltung gefuehrt und
waren entsprechend unergiebig. V/aehrend dieser Gespraeche tauschten die
Ilandelssachverstaendigen besondere Listen ueber Waren aus, die sie
- 12 -

�.»uenschterj»
Im Laufe der Ausschüsseeratungen wiederholten die europaeischsowjetischen Blockstaaten die Behauptung, dass das Haupthindernis
fuer eine Erweiterung des Handels ihre Benachteiligung durch die Laender des Westens sei. Als Beispiel dafuer, wie sie benachteiligt wuerden, fuehrten die Rotblock-Staaten das Liberalisierungsprogramm des
Westens an, das, wie sie behaupteten, gegen den Grundsatz der Ileistbeguenstigung Verstösse, weil seine Vorteile nicht allen Laendern zugute kaemen. Die Ueberwachung des Handels mit kriegswichtigen Guetern
wurde nicht ausdruecklich erwaehnt, aber fast alle Vertreter aus Osteuropa spielten darauf an, indem sie von "unzulaessigen Geschaeftsmethoden" sprachen, die den Export aus westlichen Laendern behinderten.
Die europaeisch-sowjetischen Laender stellten fest, dass dieses Geschaeftsgebahren das fuer den Welthandel notwendige, gegenseitige Vertrauen zerstoere und den Grundsatz der Heistbeguenstigung verletze.
Immerhin fassten sie sich in der Bekanntgabe ihrer diesbezueglichen
Ansichten im allge einen kurz und trugen dies in einer dem freundlichen
Konferenzklima gemaessen Weise vor.
Die Beratungen des Ausschusses brachten keine Aufhebung von I.lassnahmen zur Verhinderung der Ausweitung des Handels zwischen dem Westen
und dem Sowjetblock, da der Ausschuss nicht er-aechtigt war, die Handelspolitik der Regierungen zu aendern. Das wesentlichste Ergebnis des
Treffens war vielleicht eine Besserung der psychologischen Voraussetzungen fuer die Behandlung von Handelsfragen und Fragen der Handelspolitik.
Die Abgesandten des europaeisch-sowjetischen Blocks befürworteten allgemein eine v/eitere Verstaerkung des Handels zwischen dem
Westen und ihrem Block und betonten die I.Ioeglichkeiten, die eich ihrer
Meinung nach fuer einen erhoehten Warenaustausch boeten. Auch mehrere
Laender des Westens bekundeten ihr Interesse an verstaerkten Handelsbeziehungen zum europaeisch-sowjetischen Block. Gunnar Kyrdal., Verv.altungssekretaer der ECE, bezeichnete die Ergebnisse der Besprechungen
als "nicht gerade grossartig", prophezeite jedoch vorsichtig eine langsame, wenn auch stetige Zunahme des Handels zwischen dem europaeischsowjetischen Block und dem uebrigen Europa.

KAPITEL III
INDUSTRIEMESSEN ALS INSTRUMENT DER.
AUSSEITPOLITIK DES R0TE1I BLOCKS
Haeufigkeit, Kosten und Schwerpunktgebiete
Mit dem Ziele, kommerzielle, politische und propagandistische Absichten miteinander zu verknuepfen, beteiligte sich der Rote Block im
Jahre 1955 an 149 Industrie-Hessen und Ausstellungen in 41 Laendern. Wie
die umstehende Darstellung zeigt, war also die Beteiligung staerker
als in den vier vorhergehenden Jahren:

13

�Übersicht über die Beteiligung des Roten Blocks an internationalen
Industriemessen und Ausstellungen in den Jahren 1951 - 1955
Anzahl der Länder, in
denen der Rote Block
sich beteiligte

1951
1952
1953
1954
1955

Anzahl der Messen
und Ausstellungen
mit Rotblockbeteiligung

Freie Welt

Roter Block

6
13
21
23
32

2
2
2
3
9

8
20
58
60
149

Beteiligung der
Rotblock-Länder
nach Anzahl etgcner Messestände

20
92
120
125
288

Im Jahre 1954 hatte der Rote Block seine Erzeugnisse auf 60 Ausstellungen in 26 Ländern gezeigt und dazu schätzungsweise 10 Mio Dollar aufgewendet. Die Ausstellungskosten im Jahre 1955 betrugen etwa 38 Mio
Dollar!, also beinahe das Vierfache dessen, was 1954 aufgewendet wurde*).
Ein eindrucksvolles Merkmal dieser bedeutsamen, zunehmend verstärkten
systematischen Beteiligung des Roten Blocks an Messen war die etwa
130$ige Zunahme der Anzahl der gezeigten Artikel von 125 im Jahre 1954
auf 288 im Jahre 1955 Obgleich Westeuropa das Haupthandelsgebiet des Roten Blocks in der freien Welt ist, waren dessen Aufwendungen für Industriemessen in Westeuropa im Jahre 1955 etwas geringer, als für Ausstellungen in den entwicklungsbedürftigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens, auf die in
zunehmendem Maße der Rote Block seine handelspolitischen Anstrengungen
konzentriert und wofür er dementsprechend auch mehr und mehr seine Geldmittel verwendet (Vergl. Übersicht III). Teure und oft geradezu luxuriöse Ausstellungsstücke wurden unter heftiger Anpreisung in Zeitungen,
Zeitschriften und über Lautsprecher in 16 der sich neu entfaltenden
Ländern, wie z.B. Indien, Pakistan, Indonesien, Ägypten und Syrien,
gezeigt.
Der Rote Block gab für Industriemessen in Indien mehr Geld aus als in
irgend einem anderen nichtkommunistischen Lande; er beteiligte sich
ebenfalls stark an Messen in Jugoslawien, der Türkei, Griechenland,
Österreich, den Niederlanden und Schweden sowie in geringerem, jedoch
noch beachtlichem Maße in Argentinien, Island und Französisch-Marokko.
Im Dezember hieß es, daß der Rote Block im Jahre 1956 noch stärker auf
Industriemessen vertreten sein wolle, daß die Planung besser und die
Anzahl der ausgestellten Erzeugnisse größer und eindrucksvoller sein
werde als in vergangenen Jahren.

Die angegebenen 38 bezw. 10 Mio Dollar sind auf Grund der von den
Vereinigten Staaten vergleichsweise für Messezwecke gemachten
Aufwendungen geschätzt.

- 14 -

�Uebersicht III
Teilnahme des Roten Blocks an Industriemessen, Ausstellungen und
Sonderschauen ausserhalb seiner politischen Einflusssphaere
im Jahre 1955
Land, v/o
"essen, Ausstellungen
oder Sonderschauen stattf.

Beteiligung des Roten Blocks * )
Tschecho 3ow Zone Un- Po Ru- Bul- RotAnzahl UdSSR Slowakei BeutschL garn len maen .gar.China
X

Australien
Oesterreich
Belg. Kongo
Belgien
Bolivien
Burma
Kanada
Kolumbien
Zypern
Daenemark
Ecuador
Aegypten
Aethiopien
Finnland
Frankreich
Franz. Marokko
Deutschs.BundesRepublik
Gross-'ritannien
Griechenland
Island
Indien
Indonesien

Italien
Japan
Libanon
lliederlande
Pakistan
Portugal
Schweden
Schweiz
Syrien
Tibet
Tunis
Tuerkei
Ver.Staaten
Jugoslawien

5

X

7

X

2

3

X
X

9
2
16

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4

1
1
10
2
11
2
1

9
3
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2

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*) Die Kreuze in der Aufstellung bedeuten, dass das betreffende kommu nistische Land mindestens auf einer Lesse, Ausstellung oder Sonderschau der »hg«g*benen Laender, aber nicht unbedingt auf allen dort
veranstalteten vertreten war.

^15; *

�Ziele
Kapitel I des Sechsten Halbjahresberichtes mit der Ueberschrift
"Die Y/irtschaft als Waffe Moskaus" handelte von der Art und Weise, in
welcher der Rote Block seit 1952 die Industriemessen dazu benutzt, um
auch in den entwicklungsbeduerftigen Laendem Einfluss zu gewinnen, und
kam zu dem Ergebnis, dass mit dieser Politik"viel weiter gesteckte Ziele
als nur die Absatzfoerderung" verfolgt werden. Kurzum der Rote Block
brauche e ine "Mehr zweck-Waffe'.* , um damit gleichzeitig Handel, Politik
und Propaganda treiben zu koennen. Entsprechend der Entwicklung der aussenwirtschaftlichen Politik und Programmgestaltung des Roten Blocks und
insbesondere mit zunehmenden sowjetrussischer Leistungsfaehigkeit und
Lieferbarkeit von exportfaehigen Xapitalguetern wurden Industriemessen
zu einem Instrument, dessen sich der Rote Block bediente, um seine Handelsbeziehungen zu "normalisieren" und auszuweiten."3ie dienten seitdem
ferner zur Verwirklichung der Handelspolitik des Roten Blocks in seiner
Gesamtheit und wurden zu einem integrierenden Bestandteil eines offenbar
abgesprochenen Programms, das den Abschluss von Handelsabkommen und Kompensationsgeschaeften mit ueberschuessigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die Gewaehrung von Krediten fuer den Ankauf von Kapitalguetcrn
durch die entwicklungsbeduerftigen Laender und die Behandlung der Frage
der ITiederla ssung staendiger Vertreter am Platzevxunfassie. Im Jahre 1955
gab es Anzeichen fuer ein anpassungsfähigeres Geschaeftsgebahren der
Rotblock-Staaten auf Industriemessen und fuer eine groessere Bereitschaft,
zur Sicherung ihres Ausstellungserfolges von frueheren Geschaeftsmethoden
abzugehen. In frueheren Jahren ist es vorgekommen, dass Aussteller aus
Rotblock-Staaten nicht in der Lage oder nicht geneigt waren, Auskuenfte
ueber Preise, technische Einzelheiten, Lieferzeiten, Ersatzteile, Vertreter und Verkaufsstellen zu erteilen. Es zeigte sich ferner haeufig,
dass sie fuer die Herstellung einer grossen Anzahl der ausgestellten
Erzeugnisse zu Exportzwecken nicht eingerichtet waren. Dennoch wurden
1955 Ensehnlicht Vertraege und Handelsabkommen auf Ausstellungen abgeschlossen, und sov/eit Geschaefte nicht zustande kamen, wurde die Grundlage fuer spaetere Verhandlungen geschaffen. Berichten zufolge waren
europaeische Satellitenstaaten auf Grund von vorbereiteten Verkaufsprogrammen fuer exportfaehige Gueter in der Lage, an Ort und Stelle Auftraege entgegenzunehmen. In einigen Faellen waren Ausstellungsartikel dem
Gastland entweder zum Verkauf oder als Geschenk angeboten worden.
Auch im Jahre 1955 war die Propaganda wieder ein Hauptmoment bei
der Beteiligung des Roten Blocks an den Industriemessen. Plugblaetter
wurden auf den Ausstellungen verteilt und Reden wurden von RotblockFunktionaeren gehalten, in denen die sowjetische Version einer "friedlichen Koexistenz" empfohlen und auf eine "weltweite Entspannung", die
"Wiedervereinigung Deutschlands" und die "Beseitigung von Handelssperren"
gedrungen wurde. Die Groesse der Ausstellungspavillons des Roten Blocks,,
sov/ie die Anzahl und Vielfalt der ausgestellten Erzeugnisse sollten die
Besucher beeindrucken und ihnen sowohl die technische Vervollkommnung
als auch das Wirtschaftspotential und damit die unter dem Kommunismus
gemachten Fortschritte vor Augen fuehren und so die Anziehungskraft
des Kommunismus verstaerken und das Prestige des Roten Blocks erhoehen.

- 16 -

�Die Beteiligung des Roten Blocks.
In 18 Laender gingen im Jahre 1955 die Ausstellungsstücke der wesentlichsten sowjetrussischen Industrieerzeugnisse; zwei Drittel
wurden nach nichtkomnunistischen Gtr.aten verschickt. Im Vergleich
zu 1954 war die Sowjetunion in Jahre 1955 auf Industriemessen elfmal
vertreten. Zur Ueberraschung der Gastlaender sagte die Sowjetunion
im Vorjahr ihre Teilnahme an 11 bedeutenden Ausstellungen ab. Bi
wurden zwar keine besonderen Gruende angegeben, doch ist es moeglich,
dass die Absagen erfolgten, weil die Sowjets den Wettbewerb mit den
Vereinigten Straten die sich in verstaerktem Masse an Ausstellungen
beteiligen, scheuten oder weil die Veranstalter der Ausstellungen
absichtlich oder aus Unfaehigkeit nicht genuegend Platz fuer eine
grosse sowjetische Standardschau geschaffen hatten.
Anlaesslich der Genfer Konferenz im Sommer ueber die Verwendung der
Atomkraft zu friedlichen Zwecken , hatte die Sowjetunion eine
interessante Schau veranstaltet. Lieberhaupt bildeten Aucstellungscegenstaende zur Demonstration der Iloeglichkeiten fuer eine friedliche Verwendung der Atomenergie einen Hauptanziehungspunkt ruf
1955-er I.'.essen.
Die Entwicklung des Ausstellungswesens in Jahre 1955 ist gekennzeichnet durch das Erscheinen Rot-Chinas als bedeutendes Ausstellungsland und durch die fuehrenden Ste1lungen , die die Tschechoslowakei
und die Sovjetzone Deutschlands eingenommen haben, '.'.'aehrend Rot-China
in Jahre 1954 &amp;n drei Industriemessen teilnahm, waren es im Jahre 1955
24. In Jahre 1955 war die Tschechoslowakei, was die Beschickung von
Ausstellungen zur Foerderung des Außenhandels anbetrifft, der ruehrigste Re^-raesentant des Roten Blocks. Sie war auf 50 Ausstellungen in
allen Teilen der V.relt vertreten. Auch Polen war sehr aktiv. Die Tschechoslowakei und die uebrigen Laender in Roten Block" .konzentrierten ihre 3emuehungen hauptsaechlich auf Ausstellungen in entwicklungsbeduerftigen
Laendern, um ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesen zu verbessern.
Die Politik der Sowjetzone Deutschlands zur Foerderung des Aussenhandels
war u.a. wesentlich auf die Teilnahme an internatio alen Industrieausstellungen gerichtet. Im Jahre 1955 beschickte die Sowjetzone Deutschlands 16 bedeutende Industrieausstellungen ausserhalb des Roten Blocks.
Sowjetzonen-Funktionaere stellten sehr kuehne Behauptungen ueber das
erfolgreiche Abschneiden ihrer Zone auf Ausstellungen auf. Es ist zuzugeben, dass die Sowjetzone Deutschlands propagandistische und kommerzielle Erfolge erzielt hat. Diese Erfolge fanden ihren Ausdruck
nicht nur in der Verleihung der Goldenen Medaille an die Sowjetzone
anlaesslich der Messe in Damaskus, und zwar in Anerkennung der "vorbildlichen Aufmachung ihres Pavillons", sondern auch in der Reaktion
westdeutscher Hersteller, die bedauerten dass ihre Regierung, die
sich durch Teilnahme an derartigen Ausstellungen bietenden Moeglich'-eiten nicht in gleichem Masse wahrnehme.

Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Die Ausstellungen des Roten Blocks in ITeu-Delhi und Buenos-Aires
im Jahre 1955 gehoeren zu den mit den lautesten Fanfarenstoessen
in nichtkommunistischen Laendern veranstalteten. Die Indische Industriemesse in ITeu-Delhi fand im ITovember/Dezember statt und wurde
schaetzungsweise von 3 Millionen Menschen besucht. Ihre Beteiligung
an dieser Messe benutzte die Sowjetunion zu heftigen Benuehungen
um die Foerderung des Absatzes ihrer Industrieausruestungen auf jenem
Markt , der nach ihrem Dafuerhalten besonderen Vorrang verdient, und
um ihre industrielle Leistungsfaehigkeit zu beweisen. Sie zeigte

-17-

�Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Lastwagen, Traktoren, Fahrraeder,
optische Artikel, Druckereimaschinen u.a.m. Die Tschechoslowakei zeigte eine Auswahl von technischen Erzeugnissen und Oelbohrgeraete. V/as
die Blockstaaten austsiellten, sollte offensichtlich das Interesse von
Regierungsvertretern und Geschaeftsleuten auf sich lenken, die nach
Lieferquellen zur Ausweitung ihres Fabrikationsprogranms Ausschau hielten. Die Vertreter der Tschechoslowakei behaupteten, Auftraege im Y/erte
von 7 Mio Dollar gebucht zu haben. Auch die Sowjetpresse meldete, dass
eine Reihe von Geschaeftsabschluessen fuer die Lieferung von Werkzeugmaschinen, Traktoren und Bohranlagen zustande gekommen sei.
Der sowjetische Pavillon auf der Ausstellung in Heu-Delhi beanspruchte
eine Flaeche von 2.000 qm. Dazu benoetigte die Sowjet-Union noch eine
Freiflaeche von 2.500 qm. Um ihrer Aufmachung noch ein besonderes Gepraege zu geben und auch das allgemeine Besucherpublikum anzulocken,
zeigte die Sowjet-Union Einiges, das nicht zum eigentlichen Ausstellungsgeschaeft gehoert, wie z.B. ein erleuchtetes Schaubild, welches das Wasserkraftwerk in Kuibyschew veranschaulichte, die Darstellung einer im
Bau befindlichen, grossen Fabrik an der Wolga, das.I.'odell eines Hochofens,
wie er von sowjetischen Technikern in dem propagandistisch schon ausreichend ausgewerteten Stahlwerk in Bhilai/lndien aufgestellt wird, sowie ein in Betrieb befindliches Fernsehaufnahmegeraet.
Auf der Industrieausstellung in Bombay im Februar zeigten zwoelf tschechische Exportorganisationen Waren im Y/erte von ueber 2 Hillionen Dollar,
vorwiegend technische Erzeugnisse und Flugzeuge. ITach Presseberichten
fand da3auf dem tschechoslowakischen Stand Gezeigte bei amtlichen indischen Stellen eine sehr guenstige Aufnahme.
Der Umfang und die luxurioese Aufmachung der Staende der Sowjets und
anderer Rotblockstaaten sowie die viele Reklame, die fuer sie gemacht
wurde, alles dies haette leicht den Eindruck entstehen lassen koennen,
dass der Rote Block eine bedeutende Stellung in Indiens Aussenhandel
einnaehme. Tatsaechlich aber war der Rote Block im Jahre 1955 an Indiens Einfuhren nur mit 1,7$ und- an dessen Ausfuhren nu* mit 2,^.beteiligt.
Die Hesse in Buenos Aires wurde am 21. Hai eroeffnet und dauerte 40
Tage. Dort wurden zum ersten I.Tal - und damit in Lateinamerika ueberhaupt - russische Y/aren gezeigt. Eine grosse Auswahl an Industrieerzeugnissen war von den Sowjets ausgestellt. Berichten zufolge haben
rund 2,3 Hillionen I.Ienschen einschliesslich einer grossen Zahl von Leuten aus lateinamerikanischen Hachbarlaendem diesen Stand besucht. Es
war ganz offensichtlich, dass die sowjetische Schau, die eine Flaeche
von 20.000 qm beanspruchte, dazu dienen sollte, die Geschaeftswelt Argentiniens mit Industrieerzeugnissen bekannt zu machen, die die Sowjets
nach Argentinien liefern koennen. Es gab auch Anzeichen dafuer, dass
der argentinischen Regierung-ihrerseits daran gelegen war, das Vertrauen und Interesse bezueglich sowjetischer Haschinen fuer Fabrikationsanlagen zu staerken, schon allein, reil sie glaubte, dass dies der
von ihr selbst im August 1953 in aller Form uebernonnenen Verpflichtung ,
sich im Zuge ihrer Bestrebungen zur Entwicklung einer Anzahl eigener Industrien fuer die'Einfuhr sowjetischer Haschinen einzusetzen, nur dienlich sein koenne.
Die Ausstellung der Sowjets auf der Zagreber Hesse nach Aussoehnukg
mit der Tito-Regierung war mit grosser Sorgfalt vorbereitet und durchgefuehrt worden. Die UdSSR zeigte die besten I.Iodelle ihrer Haschinen
fuer die Schwerindustrie - Turbogeneratoren, Dieselmotoren, Bergwerks - 18 -

�und elektrische Ausruestungen, Lastwagen und Traktoren. Zur Unter haltung des Besucherpublikums zeigten die sowjetischen Aussteller
eine fahrbare Fernsehanlage.
Auf der Internationalen Industrienesse in Toronto im Mai und
Juni war als einziges Land im Roten Block die Tschechoslowakei vertreten. Sie war der Hauptaussteller aus dem Ausland und benoetigte
ueber lO^Sder circa 20.000 qm messenden, an auslaendische Teilnehmer
vermieteten Gesamtflaeche.
In einem Bericht ueber die Hesse in Djakarta im August meinte
die'HTew York Times", der Stand der Tschechoslowakei sei nicht nur
sehr eindrucksvoll, sondern auch dreimal so gross, wie der Stand
der Vereinigten Staaten gewesen.
Wenn die Teilnahme Polens an Industriemessen in der freien
V/elt auch in erheblich kleinerem Umfang erfolgte, als die der
Tschechoslowakei, so haben die polnischen Behoerden dennoch nicht
verabsaeumt, sich gelegentlich der Rosener Hesse 1955 um verstaerkte Handelsbeziehungen zu den Laendern der freien V/elt zu bemuehen. Die vom 3« bis 24« Juli dauernde Hesse wurde von 15 Laendern diesseits und 8 Staaten jenseits des eisernen Vorhangs beschickt.
Der polnische Stand war der groesste, gefolgt vom sowjetischen .
llach /.ussagen polnischer Hessebeamten schlössen die Teilnehmerstaaten Haufvertraege im Gesamtwert von 115 Hio Dollar ab.
Die Sowjetzone Deutschlands hatte weder Kosten noch "uehe gescheut, um die Leipziger Hesse wieder zur fuehrenden Ausstellung
Europas und zu einem zentralen Handelsplatz fuer Ost und V/est zu
machen, und war dabei nicht einmal ganz erfolglos. Seit V/iedereinfuehrung der Fruehjahrs- und Herbstmessen in Leipzig ist jedesmal
die Zahl der Aussteller und Besucher aus Ost und V/est gestiegen.
Sehr sorgfaeltig waren die Vorbereitungen zu den Hessen des Jahres
1956, und die Ausstellungsleitung sprach die Hoffnung aus, dass sie
einen neuen Besucherrekord und eine noch groessere Anzahl von Ausstellern, insbesondere aus entwicklungsbeduerftigen Laendern, wie
beispielsweise Indien und Aegypten, wuerde verzeichnen koennen.
Im Jahre 1955 erkannte man, dass das Hesseprogramm des Roten
Blocks sich wirtschaftlich positiv auswirke und geeignet sei, zur
Verbesserung der Aussichten fuer die Handelsausweitung des Roten
Blocks beizutragen. Hit Hilfe seiner Ausstellungen könnt« der
Rote Block seine kommerziellen und politischen Beziehungen zu vielen Laendern, vor allem zu den entwicklungsbeduerftigen Staaten ,
verbessern und festigen . Als wichtige und nuetzliche V/affe der
kommunistischen Diplomatie dienten Ausstellungen, um dem Roten
Block zu Einfluss und fuehrender Stellung in der V/elt zu verhelfen.
Das Hesseprogramm der Vereinigten Staaten
Die Betaetigung auf dem Gebiet der Hessen im Jahre 1955 war natürlich nichi ueberwiegend oder gar ausschliesslich den Roten Block
vorbehalten. Das in Zusammenarbeit mit der eigenen Industrie auf- •
gestellte Programm der Regierung der Vereinigten Staaten fuer die
Beschickung internationaler Hessen und Ausstellungen wird immer
umfangreicher und wirkungsvoller. Das Programm dient nach den V/orten Praesident Eisenhowers dazu, "beredtes Zeugnis abzulegen von der
freien Wirtschaft in unserem Lande und soll wirksam zur Foerderung
des V/elthandels beitragen. " .
Die erste

- 19 -

�Ausstellung, an der die Vereinigten Staaten in Rahmen des neuen Regierungsprogranms teilnahmen, war die Messe in Bangkok vom 7. bis 16.
Dezember 1954- Seit der Hesse in Bangkok und "bis Ende Dezenter 1955
waren die Vereinigten Staaten auf 27 Ausstellungen in Asien, Europa,
Ilahost und Lateinanerika vertreten.*)
KAPITEL IV
ROTE "Y/IRTSCIIAPTS-DIALOMATIE" IN DEIT
BITTYAICKLU1TGS3BDUERFTIGEH LAE1IDERII
Marx und seine Apostel
Ein entwicklungsbeduerftigos Land ist nach der Definition des Volkswirtschaftlers und Leiters des Forschungsinstituts in 3tanford"Dr.
Eugene Staley", gekennzeichnet 1) durch staendige und nicht etwa durch
eine vorueborgehende Aatastrophe hervorgerufene allgemeine Armut unter
der Bevoelkerung: 2) durch eine veraltete gewerbliche Technik und gesellschaftliche Struktur. Die Armut ist demnach nicht allein eine Folgt des Mangels an !Taturschaetzen, sondern koennte durch Ergreifung von
Massnahmen, die sich bereits in anderen Laendern bewaehrt haben, gemildert v/erden. **) Entsprechend dieser Definition gehoeren zur Mategorie der entwicklungsbeduerftigen Laender alle Staaten Asiens und
Afrikas, fast alle Laender Lateinanerikas und einige Europas. Mach Dr.
Stale^r betraegt die Gesamtzahl der Menschen in diesen entwicklungsbeduerftigen Laendern etwa 1,6 Milliarden. Das sind also zwei Drittsei
der 2,4 Milliarden zaehlenden C-esantbevoelkerung der Erde. In Rannen
dieses Kapitels jedoch beschraenken sich die Ausfuehrungenueber die .
Ausdehnung der "Rubeldiplonatie" auf die entwicklungsbeduerftigen Laender
des ITahen Ostens, Suedasiens und Lateinamerikas. ***)
In den Schriften von Aarl Marx bzw. seinen Betrachtungen und Voraussagen hinsichtlich der Unverneidbarkeit eines toedlichen Konfliktes
zwischen Hapital und Arbeit spielen die entwicklungsbeduerftigen Gebiete keine besondere Rolle. Marx glaubte, dass dieser entscheidende
Mampf sich innerhalb der hochentwickelten industrialisierten

*) V.'eitere Einzelheiten ueber dies Programm sind den ersten 6 Vierteljahrsberichten ueber den besonderen Hilfsfonds des Praesidenten
dem sogenannten "Energency Fund for Participation in International
Affairs", fuer den Zeitraum August 1954/Dczcnber 1955.und den Artikel "U.S. Exhibits win Acclain at International Trade Fairs" in
"Foreign Co: r.erce Y.'eekly" vom 9. Januar 1956 zu entnehmen. .
**)

Eugene Staley : "The Future of Underdeveloped Countries, (3. 13),
herausgegeben 1954 von Harperc; Brothers, Hew York, fuer den
Council on Foreign Relations.

;:

Genauere Ausfuehrungen ueber die in dieser Hinsicht entfaltete
Taetigkeit enthaelt die Abhandlung "Soviet Technical Assistance",
Staff Study Ho. 7, July 12, 1956, Senate Foreign Subcomnittee on
Technical Assistance Programs, 84th Congress, 2nd Session, United
States Government Printing Office, 'Washington 1956.

")

- 20 -

�Gesellschaft abspielen wuerde und dass das Vorhandensein "zurueckgebliebener"Gebiete sich aus der Tatsache erigebe, dass andere Staaten
sich auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt haetten. Es blieb den Aposteln des Marxismus, einem Lenin, Staj lin und I.Iao-Tse-tung vorbehalten, die ungeheuere Bedeutung entwicklungsI beduerftiger Gebiete zu erkennen und auf sie in Theorie und Praxis aufmerksam zu machen.
Grundlagen der Handelsoffensive
Die Wirtschaftsplaner des Roten Blocks sind zweifellos der Ansicht, dass
innerhalb der roten Sphaere nunmehr die vier grundlegenden Voraussetzungen fuer ein erfolgreiches Vordringen des Roten Blocks in die Tüchtigsten
Gebiete Asiens, des ITahen Ostens, Afrikas und Lateinamerikas - naemlich
ausreichende Wirtschaftskraft, kulturelle Grundlagen, technisches Personal und innere Ordnung und Stabilitaet - gegeben sind. In den erwaehnten Gebieten beginnt also jetzt das weltweit wirkende Spiel der
Wirtschafts-"Diplomatie". Die erste Voraussetzung, eine ausreichende
wirtschaftliche Grundlage, hat die Sowjet-Union nach und nach erarbeitet, und sie wird in Bezug auf industrielle Erzeugung zur Zeit nur von
den Vereinigten Staaten uebertroff en. In allen korimunistischen Laendern
stieg im Jahre 1955 die Industrieproduktion . ITach der von den Vereinten ITationen herausgegebenen"Uebersicht ueber die Weltwirtschaft im Jahre
1955" und dem "Wirtschaftsstatistischen Handbuch fuer Europa, 1955"».
herausgegeben von der UN Wirtschaftskommission fuer Europa (ECE) erhoehte sich die Gesamterzeugung in der Sowjet-Union um 12$, waehrend
bei einer getrennten Betrachtung von Produktionsguetern und Verbrauchsguetern fuer erstere ein Anwachsen um 16$ und fuer letztere um 9$ zu
verzeichnen war. Das Plan-Soll wurde ueberschritten beispielsweise bei
elektrischen Ausruestungen, Ausruestungen fuer das Verkehrswesen sowie
Ausruestungen fuer die Schwerindustrie, ferner bei der Oelfoerderung,
Stromerzeugung, bei Chemikalien und Motorfahrzeugen. Bei den Verbrauchsguetern wurden die Planziffern ungefaehr erreicht, aber es gab
auch eine Uebererfuellung des Solls beispielsweise bei den so wichtigen
Textilien, Schuhwaren, Molkereierzeugnissen und Pflanzenoel. Andererseits waeren auch Beispiele fuer Uichterfuellung angekuendigter SollZahlen anzufuehrenj dazu gehoeren Eisenbahnfahrzeuge, Roheisen, Schwefelsaeure u.a. Erzeugnisse.
In der Mehrzahl der Laender hat die Agrarerzeugungerheblich aufgeholt.
Die Getreideernte in der gesamten Sowjet-Union war 1955 22$ hoeher als
im schlechten Srntejahr 1954« Sur Erhoehung der landwirtschaftlichen
Erzeugungin den Laendern des Roten Blocks trugen bessere Wetterbedingungen und Massnahmen zur Besserstellung der Landwirtschaft bei; z.B.
eine erhebliche Steigerung in der Belieferung.mit Duengenitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Geraeten und Baumaterialien, die Senkung
von Steuern und des Ablieferungssolls, hoehere regierungsseitig vorgeschriebene Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse und ein erhoehtes Angebot in technischen Verbrauchsguetern auf dem Lande. Die SowjetUnion erhoehte nicht nur ihre Wirtschaftskraft, sondern verstaerkte auch
ihren technischen Nachwuchs durch Erweiterung der Ausbildung von Ingenieuren und Technikern, die damit zum Einsatz in den entwicklungsbeduerftigen Laendern und auch im eigenen Lande zur Verfuegung standen, bzw.
stehen. ITun, da die Sowjet-Union anscheinend ueber dieses wachsende
Wirtschaftspotential verfuegt, wird sie noeglicAerweise ansehnliche
Mengen an Maschinen und Rohstoffen exportieren
und

- 21 -

�ausgebildete Techniker in Laender der freien Welt entsenden koennenf
ohne dadurch die Erfuellung ihres intern-wirtschaftlichen Investitionspro grainms zu gefaehrden.
Hintergruende der Händelsoffensjve.
Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass die Herrscher Russlands schon immer gehofft und davon getraeumt haben, in Ilahost und
Suedasien festen Puss fassen zu koennen. Das trifft auch auf die
kommunistischen Machthaber zu. Ihre Taktik ist es, die einheimischen
Zustaende in den entwicklungsbeduerftigen Gebieten, also z.B.die Wellen des llationalismus und den Drang nach Unabhängigkeit, ausgedehnte
Armut, soziale Unzufriedenheit sowie andere sich aus der "Revolution
der sich steigernden Erwartungen" ergebenden Momente fuer ihre Zwecke
auszunutzen. Diese Momente und die Taktik der Kommunisten stellen die
freie Welt vor eine grosse Anzahl unheimlich verwickelter Problem».
Jä8 war das unverhuellte Ziel des Roten Blocks im Jahre 1955»
die kommunistischen Einflussgebiete politisch, wirtschaftlich und
kulturell zu erweitern. Das Endziel, die ganze Welt kommunistisch
zu beherrschen und zu unterjochen, bleibt das gleiche. Eine verstaerkto Ilandelsoffensive, verbunden mit einer regen diplomatischen
Aktivitaet und Propaganda, war das Hauptmerkmal der 1955er Kampagne
in den entwicklungsbeduerftigen Laendern. Auf dem Umweg ueber Handelsbeziehungen, Kreditgewaehrung, technischen Beistand und Industrieausstellungen war der Rote Block bestrebt, das noetige Interesse auf sich
zu lenken und in den entwicklungsbeduerftigen Laende^Eingang zu finden, um die I.'achtsphaere des Roten Blocks auszudehnen. Andererseits
suchte er unter Ausnutzung politischer Spannungen, wie z.B. des Konflikts zwischen den Arabern und Israel, Zwietracht zu saeeen und. den
Westen zu spalten, und legte es mehreren Laendern dringend nahe, eine
neutrale Haltung einzunehmen bezw. zu bewahren.
Naturprodukte machen etwa vier Puenftel der Gesamterzeugung
entwicklungsbeduerftiger Laender aus. Fuer Reis, Gummi, Baumwolle,
Zucker, Jute, Getreide und andere in diesen Laendern ueber den Eigenbedarf hinaus erzeugten Haturerzeugnisse waren die freien Weltmaerkte nicht ausreichend aufnahmefaehig. Diese Situation bot einen
Anreiz zu Kompensationsgeschaeften mit dem Roten Block und fuehrte
zum Austausch von Naturprodukten aus entwicklungsbeduerftigen Laendern gegen Industrieerzeugnisse einschliesslich ganzer Fabrikanlagen
aus dem Roten Block. Ob diese Art des Tausches sich auf die Dauer
vorteilhaft fuer die entwicklungsbeduerf tigen Staaten ausv/irken
wird, bleibt abzuwarten.
Wiewohl es sich im allgemeinen und an Weltnassstaeben gemessen
nur um kleine Mengen handelte, hatten diese dennoch ihre Bedeutung
fuer einzelne Laender, wie z.B. Birma, Aegypten, Afghanistan. Die
mit diesen Lr.endern und auch mit Indien, Indonesien und Syrien abgeschlossenen Handelsvertraege sahen die Lieferung ganzer Industrieanlagen durch die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, die Sowjetzone
Deutschlands und Polen vor. Dieser neue Zug in der Entv/icklung des

-22-

�Handels mit dem Roten Block, der sich erheblich auf den Welthandel
auswirken kann, wurde zurückgeführt.
1. auf allgemeine taktische Überlegungen auf kommunistischer
Seite,
2. auf den wachsenden Bedarf der Rotblock-Länder an Rohstoffen
und ihren steigenden Ausstoß von Kapitalgütern,
J. auf den Bedarf der entwicklungsbedürftigen Länder an Kapitalgütern und die sich in den auf die Ausfuhr ihrer Agrarerzeugnisse angewiesenen Ländern stauenden Überschüsse.
Diese großen Überschüsse, die auf die Preise drückten oder auch
zu Preisschwankungen führten, veranlaßten die erwähnten Länder, auf
die handelspolitischen Avancen des Roten Blocks einzugehen. In einer
Anzahl von Fällen erbot sich der Rote Block zur Zahlung von Überpreisen für solche Waren, die die entwicklungsbedürftigen Länder
auf den Märkten des Westens nur schwer absetzen konnten.

Handelsverträge und Kredite
Wie im Kapitel I ausgeführt, ergab sich Umfang unü Gestaltung
des Handels zwischen dem Roten Block und den Ländern der freien Welt
in erster Linie aus den abgeschlossenen Handels- und Zahlungsabkommen.
67 der Ende 1955 in Kraft gewesenen 174 Handelsverträge bestanden
zwischen dem Roten Block und entwicklungsbedürftigen Ländern in Nahost, Afrika, Asien und Lateinamerika. Sechs dieser Abkommen, und zwar
zwischen der UdSSR und Birma, zwischen der Tschechoslowakei und Ceylon,
zwischen Polen und Birma bezw. Paraguay sowie zwischen Rotchina und
Ägypten bezw. Syrien, wurden im Laufe der zweiten Hälfte 1955 abgeschlossen. Im gleichen Halbjahr und mit dem Ziel einer Inkraftsetzung
ab 1956 schloß Syrien neue Verträge mit der Sowjetunion, der Sowjetzone
Deutschlands und Polen ab, während Ceylon und Polen zu Vereinbarungen
gelangten. In Nahost hatte Ägypten die meisten Handelsabkommen abgeschlossen, nämlich sieben. In Süd- und Südostasien führte Indien mit
acht, gefolgt von Indonesien mit sieben. Es scheint, daß die RotblockStaaten im allgemeinen ihre Waren in zufriedenstellender Qualität geliefert und die Bedingungen der Handelsverträge erfüllt haben.
Die wirtschaftsdiplomatische Aktivität des Roten Blocks zeigte
sich vielleicht am augenfälligsten in der erheblich erweiterten Verwirklichung der roten Vorstellungen von einer "wirtschaftlichen und
technischen Hilfeleistung". In keinem Falle war diese Hilfestellung
mit finanziellen Leistungen verbunden, abgesehen von kleinen Beiträgen
zum technischen Hilfsprogramm der Vereinten Nationen. Während vor
1955 noch wenige Kredite gegeben wurden, erweiterten die Sowjetunion
und die Tschechoslowakei ihre Planung für 1955 i n materieller Hinsicht und konzentrierten ihre Bemühungen auf die unterentwickelten
Länder. Die mit diesen Ländern im Laufe des Jahres 1955 getroffenen
Kreditabkommen lauteten auf insgesamt nahezu 600 Mio Dollar. Den
überwiegenden Anteil erhielten Jugoslawien, Ägypten, Afghanistan und
Indien. Über zwei Drittel der Gesamtkreditsumme stellte die Sowjetunion. Im Rahmen der Bedingungen beträgt der Zinssatz 2 bis 2 1/2 $j
die Rückzahlungsfristen können verlängert werden, und in bestimmten
Fällen

- 25 -

�ist die Rueckzahlung in Landsswaehrung oder in Landeserzeugnissen
moeglich.
Bis zum Sommer 1953 hatte der Sowjetblock die technischen Hilfsprogramme der Vereinten Kationen mit der Begruendung boykottiert, dass
damit bezweckt werde, die unterentwickelten Laender zu "Rohstofftraban ten" der Vereinigten Staaten und anderer Westmaechte zu machen. Am 15.
Juli 1955 verkuendete die Sowjetregierung, sie werde sich mit 4 Mio
Rubel(nach dem offiziellen Umrechnungskurs etwa 1 Mio Dollar am Fonds
zur Finanzierung technischer Hilfsprogramm« der Vereinten Hationen beteiligen. Der Beitrag wurde 4 Monate spaeter auf einer Besprechung
ueber die Unterstuetzung der technischen Hilfsprogramme amtlich zugesagt. Auf dieser Konferenz sagte ferner. Polen 75«000 Dollar, Weissrussland 50.000 Dollar, die Ukraine 125.000 Dollar zu. Die Tschechoslowakei erklaert«, sich 1954 beteiligen zu wollen.
Diese Zusagen liessen erkennen, dass die neue Politik in einem
gemeinsamen Vorgehen der Sowjetblock-Laender bestand und auffallend
mit einer allmaehlich verstaerkten Hinwendung zu kommerzieller und
technischer Hilfe fuer die entwicklungsbeduerftigen Laender einherging.
Als Beweggruende wurde allgemein angenommen, dass die UdSSR einmal die
nachteilig« propagandistische Wirkung ihres Abseitsstehens erkannte,
zum anderen auf dem Umweg ueber die Vereinten Hationen den kommunistischen Einfluss in den entwicklungsbeduerftigen Laendern verstaerken
wollte, indem sie sowjetrussische Techniker ins Ausland entsandte und
Stipendien an sowjetrussischen Universitaeten gewaehrte, und ferner
danach strebte, die entwicklungsbeduerftigen Hationen fuer den Abschluss
vonllandelsvertraegen zu gewinnen und Rohstoff« von ihnen zu beziehen.
Propaganda gehoert dazu
Die Benvuehungen des Sowjetsblock«, in den entwicklungsbeduerftigen Laendern vorzudringen, waren von honigsuessen Erklaerungen des
Parteichefs der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union Ghruschtschew
und seiner Genossen begleitet. Danach seien die Beziehungen des Sowjetsblocks zu den genannten Laendern auf den Grundsaetzen friedlicher
Koexistenz, der Gleichberechtigung und Achtung der Rechte kleiner Voelker, der ITichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Voelker und Abstandnahme von Angriffshandlungen sowie der gegenseitiger- Begünstigung aufgebaut. Das Verlockendste an diesen Freundschaftsbeteuerungen waren die Hinweise auf gemeinsame Interessen, auf die moegliche
Ausweitung internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit , auf die
Aussichten fuer einen riesigen Absatzmarkt im Sowjetblock und schliesslich auf die Moeglichkeit der Erlangung nationaler Lnabhaengigkeit , dejr
wirtschaftlichen '.','eiterentwicklung durch schnelle Industrialisierung
und des sozialen Fortschritts. ITach den abgegebenen Versicherungen seien
die technischen Hilfsprogranme der Sowjets rein geschaeftlicher Hatur,
d.h. es seien keine politischen Ziele damit verknuepft, wohingegen die
Programme der Vereinigten Staaten nach sowjetischen Behauptungen die
Forderung nach unterstuetzung des "agressiven Ililitarismus" Amerikas beinhalteten. Kit diesen Behauptungen vrarden die "kapitalistischen Firmen"
so hingestellt, als ob sie versuchten, alle llaerkte mit ihren Waren
zu ueberschwemmen, v/aehrend es die Politik des Sowjetblocks sei, ata»
die Erzeugnisse zu liefern, die die entwicklungsbeduerftigen nicht gut
selbst herstellen

- 24 -

�koennten. Vertreter des Sov/jetblocks erklaerten nachdruecklich, dass
ihre Anleihebedingungen guenstiger seien, als die der Laender der
freien Welt, und die entwicklungsbeduerftigen Staaten nicht zur Unfreiheit verurteilten, wie es die Bedingungen der kapitalistischen Laender taeten.
Im Rahmen ihrer Handelspolitik, ihrer Plaene fuer die Gewaehrung
technischen Beistandes und ihrer Propaganda verlegten sich die Staaten
im Sowjetblock aus psychologischen und Reklamegruenden teilweise auf die
Durchführung von Vorhaben sichtbaren und bleibenden Wertes (wie z.B.
die Pflasterung der Strassen von Kabul) und fanden damit Anklang bei
den Empfaengerstaaten. Der Sowjetblfcck.sorgte ferner fuer den beschleunigten Abschluss von Vertraegen ueber die Gewaehrung technischer Hilfe,
und ungefaehr einen Monat nach Vereinbarung des technischen Beistandes
erschienen gewoehnlich die roten Techniker zur Aufnahme ihrer Arbeit an
den jeweiligen Vorhaben. Technische Vertretungen foerderten nicht nur
den Verkauf von Ausruestungen aus den Sowjetblock-Laendern, sondern
sorgten auch fuer eine Ausweitung und Staerkung des kommunistischen
Einflusses. Nach bis heute vorliegenden Einzelheiten scheinen die technischen Beistand aus den Laendern im Sowjetblock in Anspruch nehmenden
Staaten mit der geleisteten Arbeit und dem erzielten Fortschritt zufrieden zu sein, und die neutralen und "ungebundenen" Laender scheinen
die laufende wirtschaftliche und technische Hilfe des Sowjetblocks als
fuer ihre Unabhaengigkeit ungefaehrlich anzusehen.
Vorstoesse in den Nahen Osten.
Im Jahre 1955 konzentrierte der Rote Block (also einschliesslich Rote»
Chinas) seine Bemuehungen auf den Hahen Osten. Seine "Offensive" bis nach
ITordafrika bestand in der Anknuepfung von Handelsbeziehungen, in der
Gewaehrung von Waffenhilfe^wirtschaftlichen und technischen Beistandes
sowie in der Anbahnung kultureller Beziehungen. Bei einer BeyoelI:erung
von ueber 100 Millionen Koepfen foerdert der Nahe Osten 20$ der Weltproduktion an Rohoel und Erdgas. Er verfuegt, soweit festgestellt, ueber
zwei Drittel der gesamten Rohoelreserven der Erde. Der ITahe Osten macht
einen Wandlungsprozess durch} er umfasst ein Gebiet von zunehmender
wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Die ungeklaerte politische
Lage und der wachsende arabische Nationalismus.bieten dem Konmunismus
verlockende Gelegenheiten zu Manoevern und zur Wahrnehmung, eigener
Vorteile.
Das Gesamtvolumen des Handels zwischen dem Roten Block und dem
Nahen Osten stieg im Jahre 1955 wertmaessig mit 85 Mio Dollar deutlich
an, und es ist zu erwarten, dass die Aufwaertsbewegung anhalten wird.
Auffallend war die Verlagerung des Handels mit ITahost in den Jahren
1954/55 von der freien Welt nach dem Roten Block. Der Ilahosthandel
Nordamerikas und Westeuropas eing in diesen. Jahren zurueck. Das lag dem
Bericht der Vereinten Nationen ueber die "Wirtschaftliche Entwicklung
im Vorderen Orient, 1954 und 1955"(Economic Development in the Middle
East") zufolge zum Teil an Absatzschwierigkeiten fuer groessere Posten
der jeweilige* landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse und demgemaess
an einer Zunahme der Kompensationsgeschaefte (ueberschuessige Naturprodukte gegen Maschinen) tnit der kommunistischen Welt. Da die Laender
in Nahost keine preisgünstigen Maerkte fuer ihre Erzeugnisse in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Kanada fanden, schalteten sie auf

- 25 .

�den Handel mit dem Roten Block um.
Dem Beispiel anderer ITahostlaender (ausser Israel) folgend, "bauten
die Tuerkei und der Iran - "beide Laender sind LIitglieder des antikommunistischen Bagdad-Takts - ihre Handelsbeziehungen zum Roten Block
systematisch aus. Der Umsatz der Tuerkei im Handel mit dem Roten Block
stieg 1955 ölt einer wertmaessigen Erhoehung um 60 Mio Dollar merklich
an, Im Laufe der Jahre 1955 bis 1955 erhoehte sich der Anteil der 3ezuege der Tuerkei aus den Rotblocklaendern an ihrer Gesamteinfuhr um
das Dreifache, und zwar von 5 t5$ auf 18,3^« Die Exporte der Tuerkei
nach dem Roten Block - es handelte sich dabei hauptsaechlich um Tabak,
Baumwolle. Viehfutter und Nuesse, also um Waren, die keiner Sperre unterliegen - erreichten 1955 einen Gesamtwert von 68,6 Hio Dollar gegenueber 5511 Hio Dollar im Jahre 1954» Gegenueber 16,5$ im Jahre 1954 erhoehte sich der Anteil der Exporte der Tuerkei nach dem Roten Block an
ihrem Exporthandel mit der gesamten Welt im Jahre 1955 auf 21,8$.
Israel zeigte augenscheinlich keine Neigung, seine Handelspolitik
auf den Roten Block umzustellen, sondern zog es vor, seinen Handel mit
Finnland, Jugoslawien und der Tuerkei auszuweiten. Dagegen war Syrien
sehr an Geschaeftsverbindungen mit dem Roten Block gelegen. Es schloss
daher im November einen Handelsvertrag mit der Sowjetunion ueber Lieferungen von syrischer Baumwolle, Trockenobst, Oelfruechten, Tabak,
Kunstseids u.a.m. gegen Fabrikausruestungen, landwirtschaftliche Geraets,
Lastwagen usw.
Kanonen fuer Baumwolle
Auf Aegypten konzentrierten sich 1955 das Interesse und die Bemuehungen des Roten Blocks. Zu seinen Schritten wurde er ermutigt, durch
Aegyptens Staatspraesident Gamal Abdel Nasser, der bei verschiedenen Gelegenheiten erklaert hatte, dass Aegypten kommerzielle, wirtschaftliche
und technische Hilfe von kommunistischen Laendern annehmen werde, wenn
dies in seinem nationalen Interesse laege.
Aegyptens Umsaetze im Handel mit dem Roten Block stiegen 1955 u™
etwa 59 Mio Dollar. Der Anteil des Roten Blocks an Aegyptens Gesantausfuhr
betrug etwa 27$. Im Laufe der Jahre 1955-1955 verdoppelte Aegypten den
Anteil seiner Exporte nach dem Roten Block. Zum Teil ist diese llandelsausweitung dem Abschluss von sieben Handelsabkommen zwischen Aegypten
und Rotblock-Staaten im Jahre 1955 zuzuschreiben. Rot-China hatte
wachsenden Anteil an dem.sich ausweitenden Handel, angeblich auf Grund
der Besprechungen, die Staatspraesident Nasser mit dem Llinisterpraosü
denten Rot-Chinas, Tschu En-Lai, auf der asiatisch-afrikanischen Konferenz in Bandung im April 1955 fuehrte.
Baumwolle bildet die Grundlage der aegyptischen Wirtschaft. Sie
ist der Ilauptposten im Volkseinkommen und Aögypten3 Ilauptdevisenbringer.
Von jeher bestand der Gesamtexport Aegyptens zu mehr als 80$ aus Baumwollieferungen. Kitte 1955 war die Lage auf dem Weltmarkt infolge grosser Baumwollueberschuesse beunruhigend flau und man fuerchtete in Kairäi
dass. die Baumwollpreise weiter sinken wuerden. Den Rotblock-Staaten,
die sich unbedingt eine BrueckenkopfStellung am.Nil schaffen wollten,
kamen die Baumwollueberschuesse und Aegyptens Befuerc/.tungen sehr ge-

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�legen, un Abkommen mit Aegypten ueber den Austausch von Reis und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und Waffen zu treffen.
Ilitte Juli 1955 unterzeichneten Aegypten und die Tschechoslowakei
ein Handels- und Zahlungsabkommen. Am 22. August folgte ein Dreijahresabkomnen mit Rot-China. Ein Tauschgeschäft - Baumwolle gegen Erdoel wurde mit der UdSSR vereinbart, und im Ilovember kam ein Handelsvertrag
mit der Sowjetzone Deutschlands zustande. Auf Grund der verschiedenen
Handelsvertraege erhoehte sich der Anteil der kommunistischen Laender
an Aegyptens Baumwollausfuhr, der waehrend der Jahre 1946-1954 im Durchschnitt 1 y/j betragen hatte, auf 21j£ im ersten Halbjahr 1955 und auf 40/a
im zweiten Halbjahr 1955« Einige Rotblock-Stc.aten haben angeblich ueber
der. Weltmarktpreis liegende Preise fuer Aegyptens langfaserige Baumwolle
gezahlt.
Ir. September erklaerte Staatspraesident Hasser, der einen I'onat vorher eine Einladung zur. Besuch der Sowjet-Union erhalten hatte, oB cei
ein von den Sowjets vermitteltes Ceschaeft eingegangen, wonach er tschechische Waffen im Werte von angeblich 100 bis 250 Mio Dollar erhalte,
die mit Baumwolle zu bezahlen seien. Vor amtlicher Bekanntgabe des Tauschgeschaefts, ueber das schon mehrere Wochen lang Geruechte in Umlauf.gewesen waren, hatten Vertreter Aegyptens erklaert, daes Aegypten sowjetische Waffenlieferungsangebote annehmen muesse, falls sein Land keine
Waffen aus dem Westen erhalten koenne. Am 20. Oktober lief der sowjetische Frachter "Stalingrad" mit der ersten V.'affcnladung aus der Tschecho Slowakei in Alexandria ein. Die Ladung bestand aus 133 Eisten; damit soll
zum ersten 1,'al ueberhaupt ein kommunistisch regierter Staat Waffen an ein
arabisches Volk geliefert haben.
Bulganins und Chruschtschews Reise nach Suedasien
Im ITovember/Dezember machten Ilinisterpraesident Bulganin und
Chruschtschew eine triumphale "Freundschafts"-Rundreise durch Indien,
Birma und Afghanistan. Die einmonatige Reise, die am 17» Ilovember in
I'oskau begann, wurde in der Sowjet-Union als ein gewaltiger Schritt in
Richtung auf die Srfuellung des ehrgeizigen Wunsches von Generationen
von Staatsmaennern Russlands, Einflussgebiete in Suedasien zu gewinnen,
angesehen. Der aeussere Anlass der Reise war der Wunsch, die vorangegangenen Besuche Bandit llehrus und U ITus, des Ministerpraesidenten von Birma,
zu erwidern. Der wahre Zweck aber war der, durch Festigung der"Freundschaft" und durch Foerderung der Handelsbeziehungen sowie als Gegengewicht
gegen die vom Westen gestuetzte Suedostaoien-Fakt-Organisation (die 3EAT0)
die neutralen Voelker Asiens zu einer Front zu vereinigen. Dem Besuch der
beiden Sowjetpolitiker gingen Bemuehungen voraus, Indien, Birma und Afghanistan handelspolitisch an den Roten Block zu binden - man denke z.B. nur
an das Abkommen ueber den Bau eines Stahlwerks im Herzen Indiens(Vgl. Bericht VI, Kapitel 1).
Das in wirtschaftlicher Hinsicht Bemerkensy/erteste er. diasa- z\ a i £tch
bedeutsamen Reise durch Indien war das am 13. Dezember herausgegebene gemeinsame Kommunique;, mit dem der Abschlucs eines Handelsvertrags bekannt
gegeben wurde. Danach kauft Indien der Sowjet-Union im Laufe von 3 Jahren
gerechnet ab 1956, 1 Mio t. Stahl und verschiedene Ausfuehrungen von Bohrund Bergwerksausruestungen sowie andere Geraete ab. Dafuer erklaerte sich
die UdSSR bereit, Rohstoffe und Fertigwaren im entsprechenden Gegenwert

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�von Indien zu beziehen. Der Vertrag sieht ferner die Einrichtung von
Dampferlinien vor, die von indischen und sowjetischen Schiffen "befahren
werden sollen, um die Transporte in beiden Richtungen zu bewerkstelligen. Indien und die UdSSR kamen ueberein, baldigst Abordnungen auszutauschen, um Zahlungs- und Lieferbedingungen zu eroertern und um zu
wirtschaftlichen Abmachungen zu gelangen, die die Erreichung des groesstmoeglichen Volumens im Handel zwischen den beiden Laendern sicher
stellen sollten. Es wurde so gerechnet, dass das Inkrafttreten des Handelsvertrages zeitlich mit dem Anlaufen des zweiten indischen Fuenfjahresplan im April 1956 zusammenfallen solle.
soft
Mit dem Besuch von Bulganin und Chrutschew erreichte die "Bearbeitung" Indiens durch die Sowjets ihren Hoehepunkt. Die Sowjet-Union
konnte als Ergebnis erhebliche propagandistische Gewinne buchen. Weitere
l,!omente»die sich fuer die Stellung der Sowjet-Union guenstig auswirkten,
waren 1) ihr Angebot, Indien ihre mit der friedlichen Verwendung der Atomenergie und dem Bau von Fabrikanlagen gewonnenen Erfahrungen zur
Verfuegung zu stellen} 2) der Eingang von Lieferungen zur Ausruestung
des Stahlwerks und die Ankunft von Fachleuten in Indien; 3) das Angebot, Indien in allen Bereichen der Schuerfarbeiten, der Oelgewinnung
und der Oelraffinerie Hilfe zu gewahren; 4) der Eingang der -'eraetschaften fuer ein 15.000 Morgen grosses Staatsgut, deren Lieferung dem Ministerpraesidenten ITehru bei seinem Besuch in Iloskau zugesagt worden war.
Die Gesamtunsaetze im Handel zwischen dem Roten Block und Suedasien sowie dem Fernen Osten erhoehtat sich 1955 um etwa 120 Mio Dollar.
Indiens Handel mit dem Roten Block stieg wertmaessi- um ueber 18 Ilio
Dollar. 3is Ende 1955 hatte Indien acht Händelsvertraege mit RotblockStaaten abgeschlossen. Dennoch war der Rote Block an Indiens Einfuhr
nur mit 1,7/3 und an dessen Ausfuhr nur mit 2,1$ beteiligt. Die Umsaetze
im Handel zwischen dem Roten Block und Indonesien, mit welchem sieben
Handelsabkommen bestanden, stiegen 1955 um etwa 50 Mio Dollar, im Falle
Ceylons dagegen gingen sie um $6 Ilio Dollar zurueck.
Der Reis als Waffe.
Reis ist das landwirtschaftliche Haupterzeugnis und bildet die
Hauptnahrung der Bevoelkerung in allen Laendern Asiens. Bei seinen Bestrebungen, in Birma Einfluss zu gewinnen, operiert der Rote Block
hauptsaechlich mit dem Aufkauf von Reis, einer Ware, die Birma mit
sehr erheblichen Ueber3chuessen erzeugt und daher stark exportieren
nuss, um seine wirtschaftliche Stabilitaet zu erhalten. Der Anteil des
Heishandels an Birmas Exporterloesen betraegt 70 bis 80$,und die Staatseinnahmen haengen stark vom Reishandel ab. Da Birma Schwierigkeiten
mit dem Absatz des Reises auf seinen traditionellen Harkten hatte, fanden die Rotblock-Staaten mit ihren im Jahre 1955 staendig zunehmenden
Reisaufkaeufen die geeignete Einbruchstelle, um die Wirtschaft Birmas
von sich abhaengiger machen zu koennen.
Im Jahre 1955 stieg der Wert der im Handel zwischen Birma und dem
Roten Block umgesetzten Waren nach vorlaeufi^en Schaetzungen um ueber
23 Mio Dollar. Mit 12$ war der Rote Block 1955 an Gesamtexport Birmas
beteiligt gegen weniger als 1$ waehrend des Seitraums 1950-54. Fuenf
neue Händelsvertraege schloss Birma mit Rotblock-Staaten ab, und zwar
mit der UdSSR, der Tschechoslowakei, der Sowjetzone Deutschlands, Un-

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�garn und Polen; es erneuerte einen Vertrag mit Rot-China aus den Jahre
1954. Im Rahmen dieser Vertraege wurden Reis, Mineralien, Gummi, Holz
und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und einige Verbrauchsgueter
ausgetauscht. Reis war das Ilaupthandelsobjekt. Die Reisnengen, die Birma
ausfuehrte, stiegen von 1,5 Mio in Jahre 1954 auf 1,7 Tonnen im Jahre
1955 an. 2%a davon nahmen die Rotblock-Staaten ah. Die kommunistischen
Abnehmerstaaten verwendeten den Reis nicht ausschliesslich fuer sich,
sondern lieferten ihn teilweise weiter an ITordvietnam und ITordkorea.
Einige Mengen wurden sogar an Laender der freien Welt v/eiterverkauft.
Als I.iinisterpraesident U ITu Ende Oktober Moskau besuchte, dankte
er der UdSSR fuer die Befreiung seines Landes von einer Y/irtschaftskrise
durch Abnahme seiner Reisueberschuesse und sprach den Wunsch aus, fuer
den Reis Fabrikausruestungen und Maschinen sowie Techniker aus der SowjetUnion zur Verfuegung gestellt zu erhalten. Am 22..Februar 1955 hatte er
angekuendigt, dass die Sowjet-Union in Baelde 200.000 t Reis aus Birma
beziehen und Birma im Austausch mit Industrieausrüstungen beliefern
v.'uerde.
Am 7» Dezember trugen Bulganin und Chruschtschew ihre "Reis-Offensive"
vor, indem sie mit Birma ein Wirtschaftsabkommen schlössen. Danach
nimmt Birma die Hilfe der Sowjets fuer seine landwirtschaftliche Aeiterentwicklung, fuer den Bau von Berieselungsanlagen und die Errichtung
von Industrieanlagen in Anspruch. Die Sowjet-Union versprach auch den
Bau einer technischen Hochschule in Rangun und die Lieferung des dafner
notwendigen Inventars als Geschenk an das birmesische Volk. Das Abkommen sieht vor, dass Birma die fuer seine Landwirtschaft und Industrie
gewaehrte Hilfe mit Reis bezahlt und dass die Sowjet-Union mit einem
Zahlungsaufschub einverstanden ist, wenn nicht genuegend Reis zur Verfuegung steht.
Der klingende Rubel
Die Ruehrigkeit, mit der die Sowjets versuchen, Afghanistan ihren
"technischen Beistand" angedeihen zu lassen, geht auf ihre Bemuehungen
um die Erweiterung ihrer Handelsbeziehungen zurueck. Es scheint jedoch,
dass eher strategische Interessen auf lange Sicht im Spiele sind, als
das Bestreben, aus Einfuhren aus Afghanistan unmittelbar ilutzen zu
ziehen.
Bis Mitte November 1955 waren als Ergebnis der Werbung Moskaus
um Afghanistan Pressemeldungen zufolge 500 sowjetische Techniker an
Ort und Stelle, um den Afghanen beim Bau von Oeltanklagern, Getreidesilos und der Ausfuehrung sonstiger Grossbauvorhaben zu helfen.
Zeitungskorrespondenten meldeten "glaenzende Erfolge". Als Folge seiner
heftigen Anstrengungen zur Foerderung der Handelsbeziehungen zu
Afghanistan war der Sowjet—Block im Jahre 1955 vermutlich zu etwa 50$
am gesamten Aussenhandel dieses Landes beteiligt. Das Wirken der Sowjets in Afghanistan wird noch unterstuetzt und ergaenzt durch die
Satellitenstaaten, besonders durch die Tschechoslowakei, die eine
Zementfabrik baut. Im Anschluss an die Meldung des afghanischen Rundfunks, da3s Afghanistan der Einladung, eine Militaermission nach der
Tschechoslowakei zur Besichtigung des moderasten'
Kriegsmaterials

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�Kriegsmaterials zu entsenden, Folge leisten werde, war im ITovember
aus Zeitungsberichten zu entnehmen, dass Afghanistan ein Y/affenlieferungsangebot der Tschechoslowakei anzunehmen heahsiehtige.
Kinisterpraesident 3ulganin und Chruschtschew besuchten zum
Abschlüss ihrer Reise durch Suedasien Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Den Iloohepunkt des Besuches bildete am 18. Dezember
d?*c Erklaerung, dass die Sowjet-Union Afghanistan einen langfristigen 1 CG Mio Dollar-Kredit zur landwirtschaftlichen Weiterentwicklung., zun Bau von Wasserkraftwerken, Berieselungsanlagen,
Autoreparaturwerkstaetten und zur, Y.'iederaufbau des Plughafens
von Kabul oinraeumen werde. Die beiden Staaten kAmen' ferner ueber
ein, die freundschaftlichen Beziehungen politisch und kulturell
auszubauen* Y/aehrend ihres Besuches machten die Sowjetfuehrer
Afghanistan: ein Krankenhaus, mit einhundert Betten sowie der Stadt
Kabul 15 Omnibusse zun Geschenk. Diese grossangelegte Hilfeleistung
erfolgt - so wird da3 jedenfalls gedeutet - im Rahmen eines Plans
der Sowjets, ihre Stellung in Afghanistan zu festigen und dessen
dauernde Keutralitaet sicherzustellen, 30wie als Gegengewicht zur
Freundschaft der Vereinigten Staaten mit der Tuerkei, den Iran und
Pakistan.
Rubelklaenge in Lateinamerika
Kur drei Staaten Suedamerikas, naemlich Argentinien, Uruguay
und Kexi':o, unterhalten diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union,
waehrend mehrere andere Laender derartige Beziehungen zu sonstigen
Straten im Sowjetblock haben. Der Anteil des Koten Blocks (unter
Einschluss Rot-Chinas) an Gesantaussenhandel Suedamerikas oetrug
1955» v/ie auf Seite 8 erwaehnt, nur 2$6« Innerhin sind die Benuehungen des Roten Blocks tun eine Ausweitung seiner Handelsbeziehungen
zu Suedanerika seit 1953 nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die
Geschaeftsleute in den Vereinigten Staaten unterschae.tzen keineswegs die Bedeutung des handelspolitischen Vordringens des Roten
Blocks nit der damit verbundenen Aussicht auf schaerfere Konkurrenz und den sich fuer die kommunistischen Parteien in. den einzelnen Laondern ergebenden Vorteile.
In Verlauf der roten "Friedensoffensive" 1954/55 bekam Lateinanerika des sowjetische Draengen nach Koexistenz und nach engeren
wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu spueren. Es wurden
allerdings keine direkten Angebote bezueglich technischen Beistandes
genacht.
In Jahre 1955 benuehte sich der Sowjetblock eifrig, die Zahl
der zv/eiseitigen Handelsvertraegc nit lateinanerikanischen Staaten
zu vermehren und sie auf eine breitere Grundlage zu stellen. Auf der
Konferenz der Uli Wirtschaftskommission fuer Lateinaneyika (ECLA) in
Bogota im August piaedierten polnische und tschechische Beobachter
fuer einen erweiterten Handel zwischen Suedanerika und den Laendern
hinter den Eisernen Vorhang und wiesen dabei auf die Koeglichkeit
fuer Suedanerika hin, sich neue und bleibende Absatznaerkte dort
zu schaffen.
An 31« Dczenber 1955 waren 18 Ilandelsvertraege zwischen lateinanerikanischen Staaten und europaeischen Laendern in Sowjetblock

- 30 -

�in Kraft. Dem Beispiel ihrer Vasallenstaaten folgend, hatte sich
auch die Sowjet-Union ein eigenes System direkter Verträge mit südamerikanischen Staaten geschaffen. Die 18 Handelsverträge mit ihren
großzügigen Kreditbedingungen sehen einen jährlichen Warenaustausch
im Betrage von 500 Mio Dollar vor. Im Vergleich au 1954 mit einem
Handelsvolumen im Werte von 200 Mio Dollar und au 1953 mit 70 Mio
Dollar ist dao eine imponierende Zahl. Im ganzen sind die Ausfuhren
aus Südamerika auf verhältnismäßig, wenige Warensorten beschränkt.
Argentinien liefert Leinöl, Häute und Fleischj Brasilien Kaffee,
Baumwolle, Kakao und ".Vollej Uruguay Gefrierfleisch und V/olle und
Mexiko Kaffee. Die Gegenlieferungen des Sowjetblooks umfassen landwirtschaftliche Maschinen, Fabrikausrüstungen, öl, Rohstoffe,
Schienen, Zement und Spiegelglas. Wie auf Seite 8 ausgeführt, bewirkten
größere Ankäufe von Zucker und Kaffee durch Sowjotblock-Staaten im Jahre
1953 eine Erhöhung der Exporte Südamerikas nach dort um 20^.
Im Herbst 1955 erschienen Berichte, wonach der Sowjetblook seinen
handelsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Argentinien, Brasilien,
Uruguay, Mexiko und anderen Staaten nicht voll nachkomme, so daß erhebliche Salden zugunsten der südamerikanischen Staaten entstanden
seien. Nach amtlich nicht bestätigten Schätzungen blieb die Erfüllung
der Verträge zwischen den Sowjctblock-Staaten und Argentinien im Jahre
1954 um.etwa j\',l und der Verträge zwischen Brasilien und den Sowjotblock•tarten um 4^/ hinter den eingegangenen Verpflichtungen zurück. 7,'iewohl
der Umfang der gegenseitigen Lieferungen hinter den Erwartungen zurückblieb, erfüllten die lateinamerikanischen Staaten im allgeiaoinon die
Verträge dennoch besser, als die Sowjotblockstaaten. &amp;• wurdo Klage* darüber geführt, daß die Lieferungen an Argentinien mengenmäßig nioht nur
nicht den gemachten Zusagen entsprochen hätten, sondern daß auch die
Qualität der Werkzeugmaschinen und ähnlicher Erzeugnisse im Vorgleioh
zu entsprechenden U3A-Erzeugnis3on mindorwortig und veraltet (5-15 Jahr*
alte Modelle) gewesen seien.
Der Sowjetblock richtoto seinen wirtschaftspolitischon Vorstoß
im Jahre 1955 in erster Linie auf Argentinien und Uruguay. Im Laufe
des Jahres hatte Argentiniens Handel mit dem Jowjctblock einen starken
Aufschwung genommen, und am Jahruscndo bootanden zwischen Argentinien
und kommunistischen Ländern sechs Handelsverträge. Der wichtigste in
Kraft befindliche Vertrag war mit der Sowjet-Union am 5« August 1953
abgeschlossen worden und sah ursprünglich wortmäßig ein Handelsvolumen
von 150 Mio Dollar sowie einen sowjetischen 30 Mio Dollar-Kredit zum
Ankauf von Investitionsgütern vor. In einom für 1955 gültigen Handelsprotokoll wurde der 30 Mio Dollar-Kredit auf 4 Mio Dollar herabgesetzt,
aber dennoch in keinor Weise von Argentinien in Anspruch genommen*
Im Spätjähr 1955 erklärte dor argentinische Gesandte in Moskau,
die Beziehungen seines Landes zur Sowjet-Union trügen zur Festigung
des argentinischen Handels bei, solange Argentinien auf den riesigen
sowjetrussischen Markt Absatzmöglichkeiten habe, und fügte hinzu,
daß Argentinien seinerseits sowjotische Fertigwaren zum Aufbau seiner
Industrie zu kaufon beachsichtige.

- 31 -

�Unbestaetigtc Kleidungen im Juli deuteten darauf hin, dass die
Sowjet-Union Brasilien, dessen fi nanzielle Lage damals bedenklich war,
verlockende Handelsvorschlage gemacht habe. Dazu gehoerte angeblich
drs Angebot, Brasilien zunaechst einmal 1.000 t Kaffee und 20.000 t
Zucker abzukaufen. Beim Kaffee handelte es sich um eine unbedeutende
Lenge; sie betrug nur 0,1/j der Durchschnittsekaffeeernte in Brasilien.
Die Zuckerankaeufe dagegen hatten schon groessere Bedeutung, zumal Brasiliens hohe Zuckerpreise auf dem V/eltmarkt nicht konkurrenzfaehig .waren.
YVaehrend der Lraesidentenwahlen in Brasilien im Spaetsommer und
Herbst 1955 hatten die drei Ilauptkandidaten ihren V/illen bekundet,
wenigstens Handelsbeziehungen zu allen Staaten zu unterhalten. Die
zunehmende Stimmungsmache fuer die Aufnehme kommerzieller und diplomatischer Beziehungen zur Sowjet-Union und ihren Vasallenstaaten
wurde mehr mit wirtschaftlichen als mit politischen Ueberlegungen
begruendet, denn Brasilien war auf der Suche nach neuen Absatzmaerkten
und auskoemmlichen Preisen fuer seine Erzeugnisse, vor allem fucr seinen
Kaffee.
Im Dezember besuchte der sowjetische Gesandte in Kexiko Ekuador.
Der Lraesident und der Aussenninister empfingen ihn zu einem offiziellen Fruehstueck. Seit dem Besuch hat die Regierung von Ekuador immer
wieder in der Presse erschienene Geruechte dementiert, nach denen uober
einen Vertrag zur Gewaehrung technischen Beistandes durch die Sowjets
r.nd ein Angebot zur Lieferung von V/affen an Ekuador verhrndelt worden
sei.
Gegen Ende 1955 war in ganz Suedamerika ein wachsendes Interesse
an der Ausweitung der Handelsbeziehungen zum Sowjetblock feststellbar,
wenn auch die roten Avancen immer noch mit einiger Skepeii beobachtet
wurden.
¥:• e wird der Herausforderung begegnet?
Hit Ablauf des Jahres 1955 ging eine neue Seitspanne zuende,
waehrend welcher die Staatsmaenner des Y/estens verfolgen konnten, wie
sich die wirtschaftliche und politische Offensive des Roten Blocks in
den politisch nicht gebundenen und entwicklungsbeduerftigen Gebieten
immer mehr verstaerkte. Der kalte Krieg war in eine neue Phase getreten, in der der Kote Block offenbar weniger mit militaerischen Drohungen, politischer V.'uehlarbeit und Hetzpropaganda operierte, als vielmehr mit dem Angebofeines ITebeneinanderbestehens in friedlichem Wettbewerb" und "wirtschaftlich-technischer Hilfe" fuer die entwicklungsbeduerftigon Staaten. Kassgebende Leute in der freien Welt hatten die
von den Sowjets betriebene Politik von jener Seit an, als man noch kaum
davon sprechen konnte, dass den Sowjets an einem wirtschaftlichen Wohlergehen der sich neuerdings entwickelnden Laender gelegen war, da sie
diese beim wirtschaftlichen Aufbau praktisch garnicht unterstuetzte,
bis zur Propagierung des Aussenhandels als "einesintegrierenden Bestandteils des sozialistischen Wirtschaftssystems und sowjetischer Aussenpolitik"?), beobachtet. Eine in der sowjetischen Presse im Juli 1955
*) Diese Zitate aus einer Veroeffentlichung ueber den sowjetischen Aussenhandel sind der"3oviet Technical Assistance"aaO., 3. 4» entnommen.

32

�erschienene Notiz, worin zum erstenmal von einer "Hauptverwaltung fuer
wirtsohaftliohe Beziehungen" die Hede war, blieb nioht unbemerkt. Es
handelt sich hier um eine selbstaendige Behoerde, die den Hinisterat
der Sowjet-Union unmittelbar untersteht und offenbar fuer die Gesamtkoordinierung und Lenkung der Massnahmen der Sowjets zur Gewaehrung
wirtsohaftlioh-teohnisoher Hilfe verantwortlich dät". Sie Einriehtung dieser Behoerde spricht dafuer, welohe Bedeutung die.Sowjetregierung neuerdings den Y/irtsohaftshilfsproGrammen beinliest.
Die Nordatlantikpakt-OrGanisation (1TAT0) trklasrte in einem am
16. Dezember herausgegebenen Kommunique, mit ihrem Vorgehen in ITahost
und ihrer waohsenden militaerischen Staerke "fordere die Sowjet-Union
die freie Welt erneut heraus". Die Vereinigten Staaten begegnen dieser
Herausforderung mit ihren Hilfsprogrammen zur Gtwaehrleistung gemeinsamer Sicherheit. Sie erhoehen damit die Wirtschaftskraft und die militaerisohe Sicherheit ihrer Partner in der freien Welt. Im Neunten
HalbJahresbericht ueber das Programm fuer die Gemeinsame Sicherheit
fuer die Zeit vom 1* Juli bis 31» Deiember 1955 heisst est
"An bereits erzielte Fortschritte anknuepfend setzten die Vereinigten
Staaten die den freien Voelkern in aller Welt gewaehrte Hilft fort. Die
eigenen und gemeinsamen Anstrengungen dieser Voelker zur Sicherheit ihrer Unabhaengigkeit und zur Weiterfuehrung ihrer Massnahmen fuer eine
Verbesserung der eigenen wirtsohaftliohen Bedingungen wurden damit weiterhin wirksam unterstuetit*.... Hit den Sicherheitshilfsprogrammen, in
deren Rahmen die Vereinigten Staaten mit den in der wirtschaftlichen
Entwicklung begriffenen Laondem in dem üomuehen, deren Wirtschaftslage
zuver•bessern, zusammenzuarbeiten, ist man waehrend der in Rede stehenden
seohs Monate ebenfalls vorangekommen. "*)

*) Aus dem "Report to Congress on the Mutual Seourity Program" fuer das
zweite Halbjahr 1955t S% 1i

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- 53 -

�A M E R I K A

D I E N S T

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die nachfolgende Artikelserie, die von führenden Fachleuten geschrieben ist, befaßt sich mit den wirtschaftlichen,
technischen, sozialen sowie anderen Problemen der Automatisierung.
1 ) Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von Kalifornien
2) Die
und
Von
der

Bedeutung der "Automation" für die US-'.Virtschaft
die US-Autoindustrie
Robert T. Keller, Vizepräsident
"Chrysler Corporation"

3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. '.Veldon B. Gibson, Direktor der Abteilung
für '.Virtschaftsforschung, "Stanford Research Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe
Von Paul '.Vishart, Präsident
der "Lünneapolis-Honeywell Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis, Vizepräsident und'Leiter
der Registraturabteilung der "Metropolitan Life
Insurance Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von '.7.K. Scott, "U3-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours Company"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
" Von Frederick K. Leisch, "A.G. Nielsen Company"
1 0) "Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M.E. Salveson, "General Electric Corporation"

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die unter diesem Titel in den folgenden Ausgaben von
"Amerika Dienst, Wirtschaft und Arbeit" erscheinende und von
führenden Fachleuten geschriebene Artikelserie befaßt sich
mit den wirtschaftlichen, technischen, sozialen sowie anderen
iroblemen der Automatisierung. Die einzelnen (Artikel werden
sich dabei mit den folgenden Themen befassen:
1) Die Automatisierung und der Mensch, von L.M.K. ?oelterUniversität von Kalifornien
2) Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie, von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel, von Dr. Weldon B. Gibson, Direktor der Abteilung für Wirtschaftsforschung, "Stanford Research
Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe,
von Paul Wishart, Präsident der "Minneapolis-Honeywell
Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben,
von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter der Registraturabteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb, von Nathaniel
Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie, von W.K.
Scott, "US-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie, von
V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours r.&lt;cr.&lt;c*v.v"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik, von Frederick K. Leisch, "A.G. Mielsen Company"
10)"Automation"und industrielle Betriebsführung, von M.E.
Salveson, "General Electric Corporation"

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEIT UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (i)
Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von
Kalifornien
( 250 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die überall feststellbare Neigung,
Maschinen und ganze Arbeits- und Produktionsprozesse zu automatisieren, ja schließlich alle Betriebsmittel voll automatisch zu betreiben, wurde einmal durch das Streben gefördert,
jegliche Plackerei so weitgehend wie nur möglich auszuschalten
und zum anderen durch die Konstruktion immer besserer mechani^
scher und elektronischer Kontroll- und Steueranlagen.
Die Weitergabe von Energie, Material und Wissen sowie
deren^Umwandlung innerhalb dieser Dreiteilung der Natur oder
ihre Überleitung von der einen in die andere Gruppe beschäftigten den Geist des Menschen von Anbeginn. Im Laufe der Zeit
lernte der Mensch in seiner lenkenden und überwachenden Funktion immer größere Kräfte in der Hand des einzelnen zu vereinigen. Es sei hier an den gruppenweisen Einsatz von Menschen
etwa als Ruderer auf Schiffen, an die Nutzbarmachung der Kräfte des^Windes durch Segel und die Zähmung etwa des Pferdes als
Last- und Zugtier erinnert. Der Mensch bewies seine Fähigkeit,
sich fremde Kräfte planmäßig zunutze zu machen und sie zu kontrollieren.
Er fand immer neue Medien für die Umwandlung und Weitergabe: das Rad, das Feuer, die Wasserkraft und anderes. Die
Überwachung und Lenkung aber fand ihre Limitation in den Grenzen des menschlichen Nervensystems. So kann man die Automatisierung unserer Tage als die Befreiung des Menschen von gewissen Kontrollaufgaben und ihre Übertragung auf "äußere"
mechanische und elektronische Geräte bezeichnen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der erste Schritt
in der Mechanisierung die Befreiung des Menschen von einem
Teil seiner krafterzeugenden Funktion brachte. Der zweite
Schritt soll den Menschen von einem Teil seiner geistigen
Aufgaben und der damit zusammenhängenden physischen Belastung
entbinden.
Den Menschen von irgendwelchen Aufgaben (und damit auch
von Verantwortung) zu befreien, kann nicht unbedingt als eine
Wohltat angesehen werden. Es lassen sich aber andererseits
viele Prozesse, insbesondere sich stets wiederholende Vorgänge, soweit schematisieren und dann auf Maschinen übertra-

�i

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

übertragen, daß der Mensch Zeit und Kraft für ein reicheres
und erfüllteres Leben zu gewinnen vermag.
Die Funktionen des Überwachens und Lenkens sind mit denen
der produktiven Betätigung sowohl physiologisch als auch psychologisch eng verknüpft. In dieser Tatsache finden verschiedene seltsame Entwicklungsformen auf dem Weg zur Automatisierung
ihre Erklärung.
Es sei hier verwiesen auf die Peitschenhalter bei den
ersten Automobilen, auf die Roboter, denen man die Gestalt
des Menschen zu geben suchte, und auf die erste maschinelle
Anlage zur Herstellung der Glaskörper von Glühbirnen, bei der
man die Arbeitsweise der Glasbläser bis ins einzelne kopierte.
Bei der Automatisierung in ihrer höchstentwickelten Form
werden sämtliche Arbeitsgänge von der Anlieferung der Rohstoffe
an bis zum Versand des Fertigproduktes ohne jegliche menschliche Arbeit oder Überwachung automatisch ausgeführt. Der Mensch
hat lediglich den Fertigprozeß sowie die dazu erforderlichen
Maschinen zu entwerfen, die Maschinen in Gang zu setzen oder
zu stoppen und ihre Wartung und Instandsetzung zu besorgen.
Wie Cledo Brunetti, der Leiter der Abteilung technische Forschung und Entwicklung der General Mills, Inc., in Minneapolis
vor der 82.Landeskonferenz für Sozialarbeit vom 29«Mai bis
30.Juni 1955 in San Francisco ausführte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß die Entwicklung uns eines Tages zu einer
völlig von Menschen entblößten Fabrikationsweise führen wird.
Arbeiter werden immer nötig sein. Brunetti gibt dafür zwei
Gründe an: 1. wichtige administrative Entscheidungen werden
immer dem Menschen vorbehalten bleiben und 2. der Mensch kann
bei bestimmten Arbeitsgängen - wenn man die Kosten für Arbeitskraft und Maschinen miteinander vergleicht und unter der Voraussetzung, daß die betreffende Arbeit keine Gefährdung der Gesundheit mit sich bringt - mehr leisten, als die Maschine.
Die erwähnten wichtigen Entscheidungen werden in erster
Linie deshalb vom Menschen zu treffen sein, weil er allein durch
seinen Verstand über die Fähigkeit verfügt, verschiedene Daten
zueinander in Beziehung zu setzen, für die eine rationale Formel noch nicht existiert oder die zu schaffen einfach zu kostspielig wäre. Was Brunettis zweiten Punkt angeht, so werden
oftmals Zeitdruck und Raummangel es als zweckmäßig erscheinen
lassen, sich bei Prozessen der Umwandlung und Überleitung der
menschlichen Arbeitskraft zu bedienen. Die Verwendung der
menschlichen Kraft ist naturgemäß und zweckmäßig, wobei man
immer die Grenzen beachten muß, die dem Menschen auf Grund
seiner physiologischen und psychologischen Struktur und seiner
Individualität und Umwelt erwachsen.
Die Methode der Erfassung der Verhaltensmerkmale von technischen Systemen wird Betriebsforschung oder Betriebsanalyse
genannt. Das Entwerfen solcher Systeme und die Sammlung und
Auswertung der hierfür erforderlichen Daten ist Aufgabe der
sogenannten Systeme-Technik. Die hierbei angewendeten Methoden
und Praktiken sind nicht immer Forschungsgegenstand und Lehr- 3 -

�V

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Lehrstoff der Technischen Hochschulen. Die Technik hat sich
in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend mit den Komponenten oder Elementen solcher Systeme, kaum aber mit den
Systemen selbst befaßt.
Ein Teilgebiet der Systeme-Technik ist die Bestimmung des
optinalen Wirkungsgrades innerhalb eines jeden Arbeitsganges
und seiner Beziehung zu dem gesamten Produktionsprozeß unter
den Gesichtspunkten der Kostenrechnung, der Zeit, des Materials
und der Arbeitskraft. Diese Bestimmung des optimalen Wirkungsgrades kann in bezug auf den Menschen nicht analytisch erfolgen;
sie darf aber dennoch beim Entwurf von Systemen nicht außer
acht gelassen werden. In der Planung für ein automatisiertes
System müssen seine Rückwirkungen auf alle Menschen, die unmittelbar in es verwickelt sind - die Belegschaft, die leitenden Angestellten, die Aktionäre und die Kunden sowie ihre
Familien -, und auch deren Beziehungen zu diesem System in
ähnlicher Weise nach ihrer optimalen Wirkung untersucht werden,
wie dies für nichtautomatisierte Systeme üblich ist.
Die Automatisierung, die Norbert Wiener in seinem Buch
"The Human Use of Human Beings, Cybernetics and Society" (Der
Einsatz der menschlichen Arbeitskraft unter menschlichen Bedingungen, Kybernetik und Gesellschaft) als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet, wurde von Brunetti in dem
schon einmal erwähnten Vortrag als ein sich Schritt für Schritt
vollziehender und bereits seit langem währender Prozeß.bezeichnet, der seine Wurzel im Nervensystem des Menschen hat. Die
Auswirkungen der Automatisierung aber auf die Belegschaft und
Betriebsführung sowie auf deren Familien und die gesamte Gesellschaft werden je nach dem Tempo des Übergangs zum automatischen Betrieb günstig oder abträglich sein. Sie werden ferner bestimmt von einer entsprechenden Rücksichtnahme auf bestehende Sitten, Bräuche, Gesetze und anderes, vom Vorliegen
geeigneter langfristiger Pläne und schließlich auch noch davon,
inwieweit es gelingt, die breite Masse durch entsprechende Aufklärung auf die bevorstehende Entwicklung vorzubereiten.
Um nur ein Beispiel zu geben: die Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln, ist typisch für die moderne Gesellschaft.
Diese freie Beweglichkeit tendiert dahin, die Familien- und
Gruppenbande zu schwächen und sie kann und wird, wenn sie zu
weit getrieben wird, das Gefüge des Staates erschüttern.
Dieses Faktum müßte man bei der Einführung der Automatisierung
berücksichtigen, insbesondere, wenn sie größere Bevölkerungsteile zwingen sollte, sich nach einem neuen Arbeitsplatz an
anderen Orten umzusehen.
V.'enn die Automatisierung nun aber einen gleichen oder noch
höheren Beschäftigungsstand zu bringen verspricht, dabei aber
zahlreiche Arbeitnehmer zwingt, ihren Arbeitsplatz oder Beruf
zu wechseln, dann müßte man heute schon eine entsprechende
Periode der Umschulung und Anpassung einplanen. Ein Wechsel
von einer rein physischen Arbeit auf eine Aufsichtstätigkeit
wird oftmals eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Anpassung vom einzelnen erfordern, und seine Reparatur- und Wartungs- 4 -

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Wartungsarbeiten werden oftmals als weniger reizvolle Beschäftigung angesehen werden als ein unmittelbares Mitwirken an der Schaffung neuer Produkte. Andererseits erfordern
gerade Reparaturarbeiten ein hohes Maß an Findigkeit und
Einfühlungsvermögen, und damit logisches Denken, so daß
viele Menschen hier ein weit gemäßeres Betätigungsfeld finden dürften als am Fließband mit seinen rein routinemäßig
immer wiederkehrenden Handgriffen.
Es scheint auch angebracht, sich über die Frage heute
schon Gedanken zu machen, inwieweit die Automatisierung sich
nachteilig auf die Erziehung auswirken könnte. Schon der
Schüler in der Grundschule mag auf den Gedanken kommen, daß
Rechnen für ihn doch völlig unwichtig sei, da alle Rechenoperationen ja von Maschinen ausgeführt werden.
Nach Auffassung des Verfassers braucht es aber zu keinerlei physiologischen, psychologischen oder pädagogischen
Schwierigkeiten zu kommen, wenn man auf allen Sektoren des
gesellschaftlichen Bereichs bei der Verwirklichung der Automatisierung entsprechend umsichtig verfährt.
Die Automatisierung bietet auch die Möglichkeit, sorgsamer mit unseren Rohstoffquellen umzugehen, sei es auch nur
deshalb, weil eie die zunehmende Entropie eines Systems stark
abschwächt. Eine weitgehende Analyse aller lebensbereiche,
wie sie Voraussetzung für die Automatisierung ist, wird dazu
beitragen, die Erkenntnis zu verbreiten, wie beschränkt unsere
Rohstoffvorräte und wie unersättlich die Nachfrage angesichts
der stets wachsenden Bevölkerungszahl der Erde sind.
Die Verteilerfunktion und die mit ihr zusammenhängende
und ihr nachgeordnete Service-Funktion unserer Industrie geben
das Bild einer sich mit großer Geschwindigkeit und in wirksamer Form vollziehenden Operation; wenn man sie jedoch beispielsweise vom Standpunkt der Konzentration heterogener Komponente sowohl von Material und Zeit aus betrachtet, so zeigt
sich, daß hier noch eine wesentliche Verbesserung möglich ist.
Las Verhältnis zwischen Einzelhandelspreis und Gestehungskosten läßt erkennen, ein wie großer Fortschritt hier möglich
ist. Während man im allgemeinen davon ausgeht, daß eine Automatisierung in erster Linie für die Produktion in Frage komme,
so dürfte sich doch schon bald erweisen, daß sie selbst bei
einer noch so elementaren Anwendung auch in der Verteilung
hervorragende Dienste zu leisten vermag.
Ein erster Beitrag der Automatisierung zur Verteilerfunktion könnte in einer verbesserten Informierung bestehen.
Die Schaffung eines Systems der Informationszirkulation müßte
von drei Gesichtspunkten ausgehen:
a) Eine möglichst weitgehende Verringerung der zu speichernden oder zu übermittelnden Informationen in Verbindung mit einer entsprechenden Auswahl.
b) Zeitliche Abstimmung der Übermittlung solcher Information.
c) Größtmögliche Genauigkeit in der Übermittlung (und somit eine möglichst geringe Entropie).
Die
- 5 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Die Tendenz, allzuviele Informationen zu sammeln und zu
speichern, ist so alt, wie die Verwendung von elektronen Geräten selbst. Es gilt hier also erst noch entsprechende Kriterien zu schaffen. Wenn es darum geht, erst einmal zu bestimmen, was unter den Begriff der "unentbehrlichen Informationen" fällt, so versagen die früher verwendeten Verfahren
der Auswahl. Die Verteilung von Informationen ist übrigens
gleichfalls eine Angelegenheit auf Gegenseitigkeit. Sowohl
in den einzelnen Betrieben als auch auf allen Lebensbereichen
muß man sich darum bemühen, allen denjenigen, die gestaltend
an der Entwicklung teilhaben, möglichst weitgehende Informationen an die Hand zu geben.
Das Transportwesen - die Beförderung von Menschen und
Gütern - muß gleichfalls als ein Problem der Systeme-Technik
aufgefaßt werden, um hier zu Zeiteinsparungen und Kostensenkung bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungsgrades gelangen zu könrf&amp;i.
Es sei hier auch darauf verwiesen, wie wichtig es ist,
für den Fall irgendeiner örtlichen Betriebsstörung einen Ersatzprozeß vorzubereiten, um den Gesamtbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Planung solcher Systeme, bei der auch
wirtschaftliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind und
die solche Ersatzlösungen von vornherein einbeziehen muß,
verdient eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung,
damit alle Auswirkungen auf die Produktion und die Verteilung
erfaßt werden.
Große Summen werden bei zunehmender Automatisierung für
die Umstellung der Arbeits- und Produktionssysteme auf den
automatischen Betrieb aufgebracht werden müssen. Der erforderliche Energieaufwand pro Arbeiter dürfte die Investitionen so
hoch treiben, daß sich eine Automatisierung in gewissen Fällen
vielleicht von selbst verbietet. Bereits heute deuten gewisse
Anzeichen darauf hin, daß erhebliche Kräfte einem rationellen
"Fortschritt oder Wandel" auf dem Gebiet der Massenproduktion
entgegenstehen.
Schlußbetrachtung
Jede technische Entwicklung läßt sich sowohl zum Guten
wie zum Bösen verwenden. Es gibt graduelle Unterschiede, die
sich durch die Art der Ausnutzung der entsprechenden Entwicklung bestimmen.
Die Art und Weise ihrer Verwendung und das Tempo ihrer
Übernahme in die Praxis erfordern weitreichende Entscheidungen,
die nur nach eingehenden Studien getroffen werden können.
Allgemein gesprochen, erfordern diese Entscheidungen angesichts
der umfassenden Auswirkungen der Automatisierung "horizontale"
und oft wohl nur kurzlebige Organisationen innerhalb deren
alle beteiligten Personen und Gruppen an der Sammlung der
Daten und Informationen sowie an ihrer Analyse und Verteilung
mitwirken.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBBIT

4. Januar 1956

Die prophezeite "zweite industrielle Revolution" wird dann
zu einer Schritt für Schritt verlaufenden und allgemein gebilligten Evolution werden, deren wichtige Anfangsphase wir gegenwärtig
durchmachen. Dies kann der Lauf der Dinge sein, wenn wir mit Überlegung handeln und unsere Entscheidungen auf die in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen - insbesondere auf die Erfahrungen
der ersten industriellen Revolution - stützen und dann unsereSchlußfolgerungen unter gebührender Berücksichtigung aller Faktoren ziehen, die das Gesicht der Gesellschaft heute formen.

* * * * *

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"AMERIKA DIENST" - WIR/.CHAFT UND ARBEIT

11. Janaar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
Los Angeles (Kalifornien)
1. Die Automatisierung und ihre Auswirkungen
auf die Wirtschaft
^

Wenn man in der Frage der Automatisierung ein
klares Bild gewinnen will, dann darf man sie
nicht nur vom Standpunkt des Produzenten aus
sehen. Aus diesem Grunde will der Verfasser
im Rahmen dieses Aufsatzes versuchen, nicht
nur am Beispiel der Automobilindustrie zu zeigen, welche praktischen Ergebnisse die Automatisierung in der Wirtschaft bisher gebracht
hat, sondern auch einen Überblick über die
möglichen Auswirkungen der Automatisierung
auf die Gesellschaft zu geben.

(200 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Welche Bedeutung die schnell voranschreitende Automatisierung für den einzelnen hat und welchen
Einfluß sie auf die gesamte Wirtschaft und auf die Gesellschaft
ausüben wird, sind Fragen, auf die die Industrie der Allgemeinheit eine befriedigende Antwort geben muß. Für viele Menschen
ist die Automatisierung - oder das, was unter ihr verstanden
wird - ein Schreckgespenst. Dabei wird häufig übersehen, einen
wie hohen Lebensstandard und welchen Wohlstand sie bei richtiger
Anwendung dem Menschen verspricht. Ängstliche Menschen sehen nur,
daß die alte Ordnung sich ändert und fürchten Folgen, die dieser
Wandel für ihre berufliche Existenz und ihre Sicherheit haben kann.
Die Geschichte hat aber meiner Auffassung nach ziemlich überzeugende Beweise dafür geliefert, daß man sich vor den Auswirkungen
des Fortschritts keineswegs zu fürchten braucht,
- 1 -

I»

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Im Jahre 1830 erfand ein armer französischer Schneider die
erste brauchbare Nähmaschine. Dieser große Fortschritt rief so
starke Befürchtungen hervor, daß der Mob, der die wirkliche Bedeutung der Maschine verkannte, den Laden des Schneiders stürmte
und den Erfinder beinahe ermordet hätte. Als der berühmte Nähmaschinenproduzent Isaac Singer seine Maschine patentieren lassen
wollte, suchte ihn seine Frau von diesem Plane abzubringen, weil
sie eine Massenarbeitslosigkeit befürchtete.
Heute lächeln wir über solche Befürchtungen. Die Nähmaschine
hat Millionen von Stunden harten Mühens eingespart. Ihre allgemeine Verwendung brachte eine erhöhte Produktion, eine steigende
Beschäftigtenzahl in der Bekleidungsindustrie und ein größeres
Warenangebot. Die Automatisierung verspricht der Menschheit ähnliche Vorteile, Vorteile, wie man sie sich bisher nicht einmal
erträumen konnte.
Es ist oft behauptet worden, die Automatisierung sei. nichts
Neues, sondern lediglich eine Weiterführung des Prinzips des
Fließbandes und der Massenproduktion, wie wir sie seit Jahren
kennen. In gewissem Sinne trifft das auch zu. Die Automatisierung ist tatsächlich eher ein evolutionärer Vorgang. Aber diese
Evolution hat in den vergangenen Jahren ein sehr schnelles Tempo angenommen und die durch sie bedingten veränderten Methoden
der Produktion, der Konstruktion, der Planung und sogar des
Absatzes haben neue Wünsche und Bedürfnisse geschaffen.
Die Automatisierung, wie wir sie heute kennen, hat uns gerade zur rechten Zeit erreicht. Dies gilt mindestens für die
Vereinigten Staaten. Ohne sie wären wir nicht imstande, de*
amerikanischen Volk immer neue und bessere Erzeugnisse anzubieten, immer neue Erfindungen auf den Markt zu bringen und
den erreichten Lebensstandard zu halten, der der höchste in
der Geschichte der Menschheit schlechthin ist.
Eine Leistungssteigerung in der Produktion führte bisher
noch immer dazu, daß sich neue und bessere Arbeitsplätze auftaten. Es erhebt sich heute somit die Frage, ob genügend Männer
und Frauen zur Verfügung stehen, um die neuen Arbeitsplätze besetzen zu können.
Hier liegt eine große Chance für die Arbeiter in den Betrieben, ein höheres Einkommen zu erlangen. Wer heute sein berufliches Können erweitert und sich jene Fertigkeiten erwirbt,
die in den automatisierten Betrieben verlangt werden, kann auf
ein gutes Fortkommen rechnen. Ein besonders hoher Bedarf besteht bei Elektrikern, Werkzeugmachern und Mechanikern, die die
automatischen Maschinen bauen und instandhalten können.
Es zeigt sich heute schon, daß die Automatisierung viele
neue technische Fertigkeiten fordern wird, von denen man bisher
niemals etwas gehört hat. Weitsichtige Unternehmen warten nicht
erst, bis außerbetriebliche Stellen entsprechenden Nachwuchs
heranbilden. Sie helfen ihren Arbeitern, sich die Fähigkeiten
in Spezialschulen und Kursen anzueignen.
Ohne Zweifel lassen sich bei manchen Arbeitsvorgängen
o
durch

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

durch die Verwendung automatischer Ausrüstung Arbeitskräfte
einsparen. Dennoch wird auch die Automatisierung, wie jedes
Verfahren zur Beschleunigung der Produktion, zu einem Ansteigen der Beschäftigtenzahl in der Industrie und in den Dienstleistungsbetrieben führen.
Die wirkliche Gefahr, die heute droht, ist nicht eine allgemeine Arbeitslosigkeit sondern ihr gerades Gegenteil. In den .
vor uns liegenden zwei Jahrzehnten werden sich die Vereinigten
Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach einer steigenden Verknappung an Arbeitskräften gegenübersehen. In diesem Zusammenhang darf ich auf die Feststellungen verweisen, die der bekannte
Soziologe und Publizist Peter Drucker in einem sehr informativen
Aufsatz in "Harper's Magazine" über die voraussichtliche Entwicklung Amerikas in den nächsten 20 Jahren getroffen hat. Da
die Männer und Frauen, die in 5, 10., 15 und 20 Jahren an der
Spitze unserer Wirtschaft stehen oder als Arbeiter und Angestellte in den Fabriken tätig sein werden, bereits geboren sind,
kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, was uns in der
näheren Zukunft an Arbeitskräften zur Verfügung stehen wird.
Die Bevölkerungsstatistiken lassen erkennen, daß sich die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten in den nächsten zehn Jahren
von heute 165 Millionen auf ungefähr 190 Millionen und bis zum
Jahre 1975 auf mindestens 220 Millionen erhöhen wird.
Die Gesamtzahl -der Beschäftigten wird aber keineswegs im
selben Ver ältnis zunehmen. Es wird vielmehr ein starkes Anwachsen der sogenannten "unproduktiven Altersgruppen" zu verzeichnen sein. Einer Zunahme der Gesamtbevölkerung um fast
30 Millionen innerhalb der nächsten zehn Jahre wird eine Zunahme der Jahrgänge zwischen 20 und 65 - also die Altersgruppen,
aus denen sich unsere arbeitende Bevölkerung rekrutiert - um
nicht mehr als sieben Millionen gegenüberstehen. Von diesen
sieben Millionen werden wiederum nur etwa vier Millionen tätig
sein, während die anderen drei Millionen auf Hausfrauen, Arbeitsunfähige, Studenten und andere entfallen werden. Andererseits müssen wir damit rechnen, daß wir sechs Millionen mehr
Menschen über 65 und 16 Millionen mehr Jugendliche unter 20 Jahren haben werden als heute.
Daraus ergibt sich für die Wirtschaft die Folgerung, daß
unser Lebensstandard nur dann in gleichem Maße wie in den vergangenen 25 Jahren weiter steigen wird, wenn es uns gelingt,
unsere Produktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent
zu erhöhen.
Angesichts dieser Tatsachen können wir dankbar sein, daß
wir dank der Automatisierung heute an der Schwelle eines neuen
Industriezeitalters stehen. Die erhöhte Produktivität, die sie
uns verheißt, wird uns helfen, mit diesen Problemen fertig zu
werden.
Bei zunehmender Automatisierung der Betriebe wird auch die
Zahl der Beschäftigten in jenen Berufen steigen, die man heute
meist als unproduktiv bezeichnet: ich meine das Instandsetzungspersonal und die technischen Spezialisten, die sich mit der nie
endenden Aufgabe der Wartung der Maschinen und der Verbesserung

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Verbesserung und Verfeinerung der technischen Methoden beschäftigen.
Was die beruflichen Aussichten anbetrifft, so eröffnen
sich ungeahnte Möglichkeiten für diejenigen, die bereit sind,
ein neues Handwerk und neue Arbeitsmethoden zu erlernen.
Würde man die sich bietenden Gelegenheiten nicht erkennen und
ergreifen, so könnten sich daraus sehr abträgliche Folgen für
die gesamte Wirtschaft ergeben. Wenn der einzelne die Sicherheit, die sein gegenwärtiger Beruf bietet, jedem Vorwärtskommen und Aufstieg vorziehen wollte, so könnte sich ein solches
Verhalten als der größte Hemmschuh für die Automatisierung und
alles, was dieser Begriff im Sinne einer erhöhten Produktivität und einer steigenden Verbesserung des Lebensstandards in
sich schließt, erweisen. Ohne Facharbeiter und entsprechend
geschultes Fersonal kann man weder Maschinen konstruieren und
arbeiten lassen, noch sie instündhalten und kontrollieren.
Deshalb muß jeder von uns bereit sein, sich den neuen
Arbeits- und Denkmethoden anzupassen. Dabei drängt die Zeit.
Wer nämlich nicht mit der Entwicklung Schritt hält, muß damit
rechnen, daß seine Arbeitsplätze von einem anderen besetzt
werden, der mehr Weitblick und eine größere Anpassungsfähigkeit besitzt. Das gleiche gilt auch für die Betriebe. Auch
hier ist die Bereitschaft erforderlich, Umstellungen vorzunehmen, und neue Erfindungen zu machen und aufzugreifen.
Jeder einzelne ist daher verpflichtet, seine Fähigkeiten
voll zu entwickeln. Darüber hinaus sind die Unternehmer es
ihrem Lande und ihren Betrieben schuldig, ihre Angestellten
und Arbeiter in die Lage zu versetzen, sich die Kenntnisse und
Fertigkeiten anzueignen, die in den Fabriken von Morgen gebraucht
werden. Sie müssen ihren Belegschaften und Nachwuchskräften
Schulungsmöglichkeiten bieten und die Mittel für die Ausbildung
bereitstellen.
Es gilt ein dem Studium günstiges Klima zu schaffen, ein
Klima, das die schöpferischen Kräfte in den jungen Menschen zur
Entfaltung kommen läßt.
Die Automatisierung wird somit zu jenen Kräften zählen,
die unsere Welt von Morgen und damit auch die gesamte Wirtschaft formen werden. Die Aufgaben vor die wir gestellt sind,
sind große. Ich bin daher überzeugt, daß die amerikanische
Industrie und das amerikanische Volk diese Aufgaben mutig und
mit aufgeschlossenem Sinn in Angriff nehmen werden. Die Automatisierung gehört zu den Werkzeugen, mit denen wir an einer
großen Zukunft bauen werden.

Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der Automobilindustrie11
* * * * *

- 4-

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER
AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Ä~utöindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"

2. Die Automatisierung in der Automobilindustrie

(180 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Automatisierung ist ein faszinierendes Thema. Es ist heutzutage kaum möglich, eine Wirtschaftsoder Fachzeitschrift aufzuschlagen, die nicht mindestens einen
Aufsatz über die Automatisierung bringt. Wenn man aber nach einer
genauen Definition des Begriffs sucht, zeigt sich, daß sich jeder darunter etwas anderes vorstellt und davon spricht, wie der
Blinde von der Farbe. Der Elektroingenieur wird unter Automatisierung etwas anderes verstehen als ein Mechaniker und der
Werksingenieur wird noch eine andere Definition bereithalten.
Ich möchte ihnen ein Bild der Automatisierung entwerfen,
wie ich sie vom Gesichtspunkt eines Automobilproduzenten aus
sehe. Soweit ich dies vermag, werde ich versuchen, die Automatisierung als ein Ganzes zu beurteilen, um ein Bild davon zu
entwerfen, welche Wirkung sie auf unsere Wirtschaft ausübt,
welche Probleme sie mit sich bringt und welches Versprechen
sie für die Zukunft birgt.
Wenn ein Unternehmen Klarheit darüber zu gewinnen sucht,
in welchem Ausmaß und in welcher Form es den Betrieb oder
einzelne Arbeitsgänge automatisieren kann, dann muß es sich
insbesondere drei sehr wichtige praktische Fragen vorlegen:
1. Welche Investitionen sind notwendig?
2. Welche Ausrüstungen sind auf dem Markt erhältlich oder
können eigens für den gedachten Zweck entwickelt werden?
3. Welche Einsparungen ermöglicht die Automatisierung des
Betriebs und welchen tatsächlichen Nutzen bringt sie
demnach?
Erfahrungsgemäß
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�•

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Erfahrungsgemäß sind die Anschaffungskosten automatischer
Betriebsmittel beträchtlich. Das Gute fällt einem nicht in den
Schoß. Dabei sollte man berücksichtigen, daß als eigentliche
Kosten der Automatisi«erung eigentlich nur der Differenzbetrag
anzusprechen ist, der sich aus dem Vergleich der Aufwendungen
für den Einbau und den Betrieb automatischer Anlagen mit den
Kosten des Einbaus und der betriebsherkömmlichen Ausrüstung
ergibt. Dieses Bild ist jedoch nicht ganz vollständig.
Es gilt auch zu berücksichtigen, daß ein Unternehmen, das
die Automatisierung aus Furcht vor den hohen Anschaffungskosten
unterläßt, Gefahr läuft, wegen seiner veralteten Ausrüstung
von der Konkurrenz überflügelt zu werden.
Gerade die Automobilhersteller wissen, was die Kosten für
Betriebsmittel bedeuten, sind sie doch gezwungen in jedem Jahr
ein neues und verbessertes Modell auf den Markt zu bringen,
und so müssen sich viele unserer teuren Werkzeugmaschinen oft
in einem einzigen Jahr amortisieren. Sie können sich denken,
was für Probleme das mit sich bringt. Dieser Zwang hat sich
aber schließlich doch für uns zum Vorteil ausgewirkt, indem
er uns zu Fortschritten in der Technik der Automatisierung
anspornte. Er hat zur Entwicklung von Maschinen geführt, die
eine jahrelange vielfältige Verwendung gestatten. Abgesehen
von größeren Werkzeugmaschinen haben wir in steigendem Maße
sogenannte "mechanische Produktionshilfen" im Betrieb installiert. Ich denke dabei an elektronische Steueranlagen, Spezialtransportbänder, Hebe- und Krananlagen, Kippeinrichtungen
und Greifwerkzeuge. Sie bilden in gewisser Hinsicht das Gerüst
für die Automatisierung des Betriebs. Da sie äußerst anpassungsfähig sind, lassen sie sich auf Jahre hinaus verwenden. Auf
diese Weise kann die Amortisierung auf acht, zehn,ja unter
Umständen sogar auf zwölf Jahre ausgedehnt werden.
Der Wert oder Unwert der Automatisierung hängt von der Zuverlässigkeit der Maschinen ab. In den Anfangsstadien der
Automatisierung bestand die Tendenz, immer größere und kompliziertere Maschinen zu bauen. Doch bald schon war der Punkt
erreicht, wo die tatsächlichen Ergebnisse hinter den errechneten Leistungen zurückblieben. Die Maschinen wurden so schwerfällig und unhandlich, daß sie schnell veralteten. Die Wartung
dieser Maschinen war äußerst schwierig, und wenn ein einziger
kleiner Maschinenteil ausfiel, stand oft der ganze Betrieb
still. Deshalb geht heute die Tendenz dahin, was wir bei
Chrysler "integrierte Automatisierung" nennen.
Was wir brauchen,sind kleine, schnell arbeitende, einfach
konstruierte Maschinen, die durch mechanische Produktionshilfen zu vielfältig verwendbaren automatischen Anlagen verbunden
werden. Mit ihnen konnten eindrucksvolle Produktionsergebnisse
erzielt werden. Die"Chrysler Corporation" hat ihr neues Motorenwerk in Plymouth nach diesen Gesichtspunkten aufgebaut. Die
Anlage dürfte, wenn sie in wenigen Monaten den Betrieb voll
aufnehmen wird, die am stärksten automatisierte Motorenwerkanlage in der Welt sein. Dieses neue Werk wird das Dreifache der
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

der heutigen Produktion an V8-Motoren für Plymouthwagen liefern.
An zwei parallellaufenden Transportbändern mit einer Länge von
400 m werden von 70 Maschinen 157 Arbeitsvorgänge zur Herstellung von Zylinderblöcken geleistet. Diese Bänder sind so entwickelt, daß die Blöcke nach Bedarf in jedem Stadium der Bearbeitung von einem Band auf das andere versetzt werden können.
Reparaturen und das Auswechaeln von Kopfstücken sind bequem
durchzuführen. Die ganze Anlage ist so gehalten, daß sich auch
jede einzelne Maschine leicht auswechseln läßt, falls Änderungen im Produktionsvorgang dieses notwendig machen oder falls
bessere Maschinen verfügbar werden.
Eine Überprüfung unserer Erzeugnisse auf ihre Qualität
ist eines unserer Hauptanliegen. Das trifft besonders für die
Produktion von Zylinderköpfen zu, wo an vier getrennten Bändern
von je 120 m Länge 67 Arbeitsvorgänge stattfinden. An unserem
rund 800 m langen Kurbelwellenband werden mit Hilfe von 70
hochmodernen Maschinen Kurbelwellen von einer bisher unerreichten Gleichförmigkeit hergestellt.
Das Plymouth-Werk wird auch, was
Sicherheit des Personals und Betriebshygiene anbetrifft, zu den modernsten Motorenwerken der Automobilindustrie gehören, da jede Maschine
mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet worden ist.
Während man sich heute allenthalben darüber klar ist, wie
sehr eine erfolgreiche Automatisierung von der sachgemäßen
Konstruktion der Maschinen abhängt, scheint die Bedeutung,
die einer entsprechenden Ausrichtung der Konstruktionsentwürfe
der Produktion auf den Maschinenpark zukommt, allgemein unterschätzt zu werden. Die Konstrukteure müssen, um brauchbare Entwürfe liefern zu können, mit dem Wesen der automatischen Fertigung vertraut sein. Ob beispielsweise an einer Flansch-Karosserie eben ein Flansch so konstruiert ist, daß er nach außen
statt nach innen gebogen werden muß, kann bei Übertragung des
Entwurfs auf das Fließband den Unterschied zwischen manueller
und automatischer Arbeit ausmachen. Auf diese Weise können oft
Millionen verschwendet oder eingespart werden.
Was die Frage der durch Automatisierung möglichen Einsparungen angeht, so gibt es zunächst verschiedene Mißverständnisse
und Irrtümer klarzustellen.
Bei der Beurteilung der möglichen finanziellen Gewinne und
eventuellen Einsparungen muß man folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
1. Einsparungen an erforderlicher Bodenfläche,
2. Betriebssicherheit,
3. Steigerung des Ausstoßes und
4. Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse.
Die Raumfrage ist für viele Betriebe von größter Bedeutung.
Und gerade hier bietet die Automatisierung erhebliche Vorteile.

Im

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18. Januar 1956

Im Dodge-Werk in Detroit zum Beispiel werden heute auf
einem mit automatischen Maschinen ausgerüsteten Fließband täglich 2400 V8-Motoren in denselben Werkshallen gebaut, in denen
früher nur 1500 Sechszylindermotoren pro Tag hergestellt werden
konnten.
Noch wichtiger ist aber der weit größere Schutz für Leben
und Gesundheit, den die Automatisierung gegenüber dem bisherigen
Betrieb bietet. Ich möchte nur ein Beispiel hierfür anführen.
Vollautomatisierte Ziehpressen sind mit automatischen Ein- und
Ausführvorrichtungen ausgestattet, so daß die die Maschinen bedienenden Arbeiter niemals mit den Händen in die Presse zu
fassen brauchen.
Die Erhöhung der Betriebssicherheit bringt aber auch noch
sekundäre Vorteile. Durch Verminderung der Anzahl und Schwere der
Unfälle verringern sich die Schadenersatzforderungen der Arbeiter
gegen die Firma sowie die Arbeitsausfälle.
Die Verwendung mechanischer Produktionshilfen gestattet eine
90prozentige Ausnutzung der Kapazität der Maschinen, da die Werkstücke im Arbeitsrhythmus der Maschinen auf das Band versetzt werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Automatisierung.
Hierbei ist zu beachten, daß diese Steigerung des Produktionstempos keine arbeitsmäßige Mehrbelastung des Bedienungspersonals
mit sich bringt. Im Gegenteil, automatische Versetzmaschinen, mechanische Produktionshilfen und automatische Kontrolleinrichtungen
verringern die physische Belastung des einzelnen Arbeiters ganz
erheblich.
Ein weiteres, zwingendes Argument, das für die Automatisierung spricht, ist die durch sie erreichbare erhebliche Steigerung
der Qualität.
Wenn ein Werkstück von einer automatischen Maschine bearbeitet wird, die nur eine einzige Möglichkeit für die Verrichtung des
entsprechenden Arbeitsvorgangs kennt, wird das Endprodukt immer
gleichförmiger sein als bei manueller Fertigung. So gewährleistet
die Automatisierung eine gleichbleibende hohe Qualität der Ware.
In unserem Zeitalter des Wettbewerbs dürfen und können die
Unternehmen nicht erwarten, mit veralteten Qualitätsmaßstäben davonzukommen. Unsere Zeit fordert eine ständige qualitative Verbesserung der Produkte. Die sich aus dfr Automatisierung ergebende
Qualitätsverbesserung kann ein entscheidender Faktor für die Stellung eines Unternehmens in einer Wettbewerbswirtschaft sein.
Die Automatisierung bildet den Schlüssel zur Zukunft, sie
muß aber begriffen und verwirklicht werden, wenn wir die Tore zu
einer reichen und blühenden Wirtschaft aufstoßen wollen. Sie ist
keine gebrauchsfertige Lösung für alle unsere Probleme. Sie schafft
aber auch neue Probleme, von denen viele so gewaltig und so kompliziert sind, daß sie unsere ganze Energie, unsere Vorstellungskraft

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Vorstellungskraft und unsere gesamten Fähigkeiten in Anspruch
nehmen werden. •
Die Automobilindustrie hat durch die Automatisierung gewaltige Fortschritte erzielt. Dennoch muß noch vieles getan
und versucht werden. Die Entwicklung von Maschinen für die automatische Fertigung, die ein Vielfaches der Probleme der herkömmlichen Fertigung aufwirft, steckt noch immer in den Kinderschuhen. Auf dem Gebiet der automatischen Fließbandmontage hat
unsere Industrie bereits schöne Anfangserfolge erzielt, wir
sind aber noch weit davon entfernt, ganze Wagen automatisch
z usamme nzusetzen.
Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel"

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG-, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (III)
Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. Weldon B. Gibson,
Direktor der Abteilung Wirtschaftsforschung am
"Stanford Research Institute"
( 90 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die von der Industrie in Auftrag gegebene
Vertragsforschung dient auf lange Sicht in erster Linie der Steigerung des Umsatzes. Deshalb ist es Aufgabe der angewandten
Wirtschaftsforschung, die Grundlagen für Entscheidungen hinsichtlich neuer Investitionen in Anlagen und Betriebsmitteln zu schaffen. In diesem Zusammenhang sieht der Verfasser die Automatisierung der Produktion insofern als einen bedeutsamen Vorgang an,
als hierbei größere Geldbeträge der Firmen in Betriebsmitteln
angelegt werden, die dem jüngsten technischen Fortschritt Rechnung tragen.
Man muß dabei die Tiefen- und Breitenwirkung in Betracht
ziehen, die jede technische Neuerung grundlegender Art auf die
Wirtschaft und auch auf die Menschen hat, die am Produktionsprozeß beteiligt sind und als Verbraucher auftreten. Zwei Aspekte
scheinen dabei von besonderem Interesse zu sein:
1. Wie wird sich die zunehmende Automatisierung auf die
nicht von dieser Neuerung betroffenen Sektoren der Wirtschaft auswirken? und
2. Welchen Einfluß wird die Steigerung der Produktion, die
bei einer Umstellung auf ein vollautomatisches Herstellungsverfahren zu erwarten ist, auf den Welthandel haben?
Unter den von der Automatisierung nicht betroffenen Sektoren
wird man jene Wirtschafts- und Industriezweige zu verstehen haben,
bei denen keine überdurchschnittliche Zuwachsrate in der Produktivität zu erwarten ist.
Welche

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Welche Wirtschaftszweige sich auf Automatisierung umstellen
werden und in welchem Tempo sich diese Umstellung vollziehen
wird, läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Es läßt sich
aber bereits so viel sagen, daß die Verwendung von elektrischen
Rechen-, Buchungs- und Büromaschinen stark zunehmen wird. Auch
die Produktion von gleichförmigen Massengütern wird in zunehmendem
Maße automatisiert werden. Indessen dürfte in naher Zukunft kaum
mehr als ein Viertel der Gesamtindustrie von der Automatisierung
erfaßt werden.
Jene Industriezweige, die bereits heute gleichförmige Massengüter herstellen, sind mit der Erforschung und Entwicklung
von Verfahren und Maschinen zur automatischen Produktion verhältnismäßig weit fortgeschritten. In diesen Industriezweigen
darf man von der Umstellung auf eine automatische Produktion
eine erhebliche Steigerung der Produktivität erwarten, und es
scheint sehr wahrscheinlich, daß ein Teil der hier beschäftigten
Arbeitskräfte in andere Industrie- und Wirtschaftszweige abwandern wird, die nicht von der Automatisierung betroffen sind.
In gewissen Grundindustrien zeigt sich bereits heute bei steigender Produktion eine Abnahme der Zahl der unmittelbar im Produktionsprozeß stehenden Arbeitskräfte.
Wenn die gegenwärtigen Schemata gültig bleiben, so darf der
in einem automatisierten Betrieb verbleibende Arbeiter darauf
hoffen, daß ihm 40$ der sich aus einer erhöhten Produktivität
ergebenden Vorteile in Form von Freizeit zugute kommen worden.
Die restlichen 60$ werden sich etwa zu gleichen Teilen in Form
von Preissenkungen und Lohnerhöhungen bemerkbar machen. Es könnte
sich somit so etwas wie eine Aristokratie der Arbeiterschaft,
die in der automatisierten Industrie Beschäftigten, herausbiläTelh.
Was geschieht in den anderen Wirtschafts- und Industriezweigen? Wer wird die Initiative ergreifen, um die Mittel für die
Erforschung der Möglichkeiten einer Automatisierung im Handel
im Bank- und Versicherungswesen in den Dienstleistungsbetrieben,
in der Landwirtschaft und in der Bauindustrie zur Verfügung zu
stellen? Wenn sich diese Segmente der Wirtschaft einer Erneuerung
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Erneuerung ihrer Produktionsmethoden und -verfahren verschließen,
dann ist es durchaus möglich, daß sie hinsichtlich des Produktivitätszuwachses bald gegenüber jenen Teilen der Wirtscha ft ins
Hintertreffen geraten, die sich erfolgreich auf die Automatisierung umgestellt haben.
Was den Welthandel angeht, so haben die Vereinigten Staaten
heute einen relativen Vorsprung in der Erzeugung vieler Güter.
Dieser Vorsprung ist zum größten Teil auf die höhere Produktivität
zurückzuführen. Wird eine vollautomatisierte Produktion auch die
Absatzmöglichkeiten für andere Industriegüter vermehren? Wird
sie Preissenkungen gestatten und könnte man an die Schaffung
von Massenmärkten, ähnlich wie in den USA, auch in anderen Ländern denken? Gewisse Kreise glauben, daß die Entwicklung diesen
Verlauf nehmen wird. Aber das Hauptproblem lautet nach wie vor:
Welche Güter können jene anderen Länder produzieren, um in ähnlicher Weise einen solchen relativen Vorsprung zu gewinnen? Von
einer befriedigenden Lösung dieses Problems wird es abhängen,
ob alle Völker an den Früchten einer Automatisierung teilhaben
werden.
Ein anderes Problem, das die internationale Fachwelt interessiert, besteht darin, ob es möglich sei, in wirtschaftlich
unterentwickelten Gebieten Fabriken mit vollautomatischen Produktionsverfahren zu erstellen. Man denkt dabei besonders auch
an solche Fabrikationsanlagen, die ihren Energiebedarf aus Atomkraftwerken decken. Wenn man von der Voraussetzung ausgeht,
daß die wenigen zur Bedienung einer solchen vollautomatischen
Produktionsstätte erforderlichen Techniker vorhanden sind,
dann rückt es durchaus in den Bereich des Möglichen, die Produktion unter Umgehung eines Zwischenstadiums von der primitiven
Fertigung direkt auf den modernsten Stand zu bringen. Sofern die
erforderlichen Rohstoffe verfügbar sind und entsprechende Massenmärkte offenstehen, können solche Unternehmen sicherlich wirtschaftlich rentabel arbeiten.
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

.YTRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 1)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
(

32 Zeilei
WASHINGTON - (AD) - Der Einfluß der Automatisierung auf die
'.Virtschaft ist eine Frage, die heute die amerikanische Geschäftswelt, insbesondere aber die Klein- und Mittelbetriebe stark
beschäftigt.
Die automatisierte Produktion und ihr frühreifes Kind,
die "Automation", basiert im wesentlichen auf einer immer
stärkeren Verwendung automatischer Kontrollvorrichtungen.
Meine Firma, die "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
gehört seit 1885 zu den Herstellern solcher Maschinen und
Anlagen. Seit dieser Zeit haben wir uns um den technischen
Fortschritt auf diesem Gebiet bemüht und großen Anteil an
der schnellen Entwicklung der Automatisierung, nicht nur in
der Industrie und Landwirtschaft, sondern auch in zahlreichen
anderen Gebieten gehabt.
Wenn unsere Firma Erfolg haben soll, müssen wir also nicht
nur mit den Aufgaben in unserem eigenen Betrieb fertig werden,
sondern auch unsere Kundschaft zufriedenstellen.
Wir versuchen, mit denselben Methoden und automatischen
Kontrollvorrichtungen und -anlagen, die wir für unsere Kunden
entwickeln, auch unsere eigenen Betriebe zu automatisieren und
die Qualität unserer Erzeugnisse zu verbessern. Vor fünf Jahren
noch hatten nur drei unserer 16 Betriebe eine Belegschaft von
über 500 Arbeitern und Angestellten - und waren somit als Kleinbetriebe anzusprechen. Selbst heute liegt die Beschäftigungszahl
von sieben unserer Betriebe unter dieser Zahl.
Der Begriff "Automatisierung" wird von mir in einem etwas
weiten Sinne angewendet. Im allgemeinen versteht man darunter
heute die ständig steigende Verwendung von immer leistungsfähigeren Maschinen und Anlagen, besonders solcher, die mit automatischen Kontrollmechanismen arbeiten. In Kreisen der Wissenschaft setzt man Automatisierung gleich mit der Verwendung von
Denkmaschinen - absolut zuverlässig arbeitenden Denkmaschinen.
Es
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist verständlich, wenn manche Kreise der Automatisierung,
angesichts des ständigen vielen Geredes über sie, mißtrauisch
gegenüber stehen. Sie als Wirtschaftler übersehen zu wollen,
wäre aber töricht.
Wenn wir uns heute mit der Automatisierung und ihrem Einfluß auf das Wirtschaftsleben beschäftigen, dann geschieht das,
weil eine größere Zahl von kapitalkräftigen Firmen dort automatische Betriebsmittel einsetzt, wo sich dies lohnt, und weil andere Unternehmen den Wettbewerb derjenigen zu spüren bekommen,
die ihre Betriebe stärker automatisiert haben.
Besonders kleinere Unternehmen müssen damit rechnen, daß
ihre Entwicklung durch die steigende Automatisierung beeinflußt
wird. Diese kleineren Betriebe stehen nun vor der Wahl, sich von
der Entwicklung überraschen zu lassen und das Feld zu räumen,
oder aber, durch ein sorgfältiges Studium der sich abzeichnenden
Entwicklung der Wirtschaft und ihres speziellen Geschäftszweiges,
den Verlauf der Dinge vorauszusehen und ihre Betriebs- und Produktionsplanung bereits heute auf die künftigen Erfordernisse abzustimmen.
Von den schätzungsweise 28 Milliarden Dollar, die die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1955 für die Beschaffung von Betriebsmitteln ausgegeben hat, entfällt ein wesentlicher Teil auf kleinere Betriebe. Das läßt den Schluß zu, daß gerade die Klein- und
Mittelbetriebe in steigendem Maße zur Automatisierung übergehen.
Die kleineren Betriebe haben offensichtlich ein ebenso großes Interesse an der Automatisierung wie die großen Gesellschaften,
und die Banken haben sie durch die bereitwillige Gewährung von
Krediten in ihrer Absicht nur bestärkt.
Mein Thema schließt auch die Frage ein, inwieweit die Automatisierung die Wettbewerbsbedingungen der Kleinbetriebe günstig
oder ungünstig beeinflußt. Meiner Meinung nach kann und wird
der Kleinbetrieb auch in einer automatisierten Welt gedeihen,
wenn er sein Arbeitsprogramm sorgfältig genug wählt.
Ob ein Zubehörteil im Betrieb selbst hergestellt oder von
einer anderen Firma bezogen werden soll, ist für viele große
Werke eine wichtige Frage. Von ihrer Antwort hängt in jedem einzelnen Fall viel für die Kleinbetriebe ab. Hier liegt aber auch
die große Chance der kleineren Unternehmen, wenn sie sich ihrer
günstigeren Position in bezug auf Kosten und Qualität bewußt
sind.
Bei Gütern, die in großen.Serien hergestellt werden, und bei
denen Konstruktions- oder Formänderungen im Rahmen des automatisierten Prozesses vorgenommen werden können, wird der Großbetrieb
dem Kleinbetrieb gegenüber noch mehr als bisher im Vorteil sein.
Andererseits müssen gerade die Großbetriebe mit ihren hochspezialisierten und aufeinander abgestimmten automatischen Maschinen auf
große Serien bedacht sein und können kaum auf Kundenwünsche bezüglich Konstruktions- und Formänderungen eingehen. Jede Änderung
bedingt zeitraubende Umstellungen des Betriebes. Hier liegt eine
eindeutige Chance des Kleinbetriebs.
Es
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist klar, daß der kleine Unternehmer angesichts seiner
beschränkten finanziellen Mittel nicht in jedem beliebigen Gebiet mit den großen Industriekolossen in Wettbewerb treten kann.
Wir lesen heute zum Beispiel viel über Transistoren und Dioden.
Wenn das, was die Ingenieure uns erzählen, zutrifft - nämlich
daß die bei der Herstellung von Halbleitervorrichtungen verwendeten Materialien bei Berührung durch die menschliche Hand jene
spezifischen Eigenschaften verlieren, auf die es gerade ankommt -, so scheint die vollautomatische Verarbeitung eine unerlässliche Notwendigkeit. Dazu sind jedoch Investitionen in Höhe
vieler Millionen Dollar unvermeidlich. Wenn ein Unternehmen diese
nicht vornehmen will oder kann, dann sollte es sich lieber ein
anderes Tätigkeitsfeld aussuchen. Einige der besten Beispiele
für die Vorteile der Automatisierung bieten heute die Zulieferbetriebe, denen sie im Verein mit einer weitgehenden Spezialisierung und Erfahrung sowie mit einem beschränkten Produktionsprogramm zu hervorragenden Erfolgen verholfen hat.
Eine der am vollständigsten automatisierten Abteilungen
der Firma Honeywell beschäftigt gleichzeitig auch die geringste
Zahl von Arbeitern und Angestellten. Gerade dieser Betrieb hat
mit einem beschränkten vollautomatischen Werkzeugpark von grundsätzlich einfacher Konstruktion und ohne große Aufwendungen ganz
hervorragende Leistungen vollbracht.
Auch auf dem Gebiet der leichtverderblichen Nahrungsmittelerzeugnisse, wie Brot, Milch, Speiseeis usw., ist der Kleinbetrieb eher Regel als Ausnahme, und doch sind diese Betriebe,
wie Sie alle wissen, gewöhnlich sehr stark automatisiert.
Außerdem hängen bestimmte weiterverarbeitende Betriebe,
besonders die Ölraffinerien und die chemische Industrie, weitgehend von hochentwickelten technischen Werkzeugen ab. Das
trifft für Groß- und Kleinbetriebe gleichermaßen zu. Ganze Arbeitsvorgänge in den einzelnen Stadien des Fabrikationsprozesses
werden hier von automatischen Meßapparaten und Melde- und Kontrollvorrichtungen überwacht.
Eine erhöhte Ausstattung der Industrie mit technischer Ausrüstung - die Automatisierung also - bietet günstige Gewinnaussichten. Wir sind auf Grund unserer eigenen Verkaufserfahrungen
überzeugt, daß dies nicht nur für Großunternehmen, sondern auch
für eine große Anzahl von Kleinbetrieben gilt, wo die Ausstattung mit technischen Ausrüstungsgegenständen eine Modernisierung
des Betriebes bewirken kann, zu einer Senkung der Preise und
gleichzeitiger Verbesserung der Qualität führt.
Hier erhebt sich nun die Frage: "Wie kann der einzelne Unternehmer sich erfolgreich der Automatisierung bedienen?' Ich
möchte den Unternehmern empfehlen, sich die Erfahrungen anderer
Betriebe zunutze zu machen, technische Berater zuzuziehen, Verbesserungsvorschläge aus den Reihen der Belegschaft zu prämieren
und sich eingehend mit der einschlägigen Fachliteratur zu befassen.
Besondere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AR3EIT

1. Februar 1956

Besondere Aufmerksamkeit verdient die sehr sachliche Abhandlung von James R. Bright "How to Evaluate Automation" (7/ie läßt
sich die Automatisierung auswerten?), die in der "Harvard Business
Review" erschienen ist. Der Verfasser zeigt darin an Hand von
Tabellen und Übersichten auf, welche Möglichkeiten die Automatisierung großen und kleinen Betrieben bietet.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 2)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
( 170 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich möchte bei dieser Gelegenheit
feststellen, daß die zunehmende Automatisierung voraussichtlich erhebliche Veränderungen in der organisatorischen Struktur vieler Unternehmen mit sich bringen wird.
Die Anforderungen an das berufliche Können der technischen
Angestellten werden infolge der schnellen Entwicklung in Wissenschaft und Technik in Zukunft ständig steigen. Die Verwendung
der neuesten und nur sehr schwer verständlichen Ergebnisse der
Wissenschaft und Technik bringt schwerwiegende technische Entscheidungen ganz spezieller Natur mit sich, die oftmals die
gesamte Entwicklung des Betriebes beeinflussen.
Daher wird ein auf einem bestimmten Gebiet ausgebildeter
Techniker immer weniger imstande sein, eine technische Entscheidung eines seiner Untergebenen zu beurteilen, dessen spezielles
Können auf einem anderen Gebiet liegt. Ein nicht sachkundiger
Betriebsinhaber befindet sich sogar in einem noch größeren
Nachteil. Ohne Frage muß der einzelne Ingenieur heute Entscheidungen treffen, -für die eigentlich die Betriebsleitung zuständig ist, und er muß daher als Vertreter der Betriebsführung betrachtet werden, ebenso wie der Werkführer oder Vorarbeiter auf
Grund der ihm übertragenen Entscheidungen der Betriebsleitung
zugehörig betrachtet werden muß.
Nach Auffassung mancher Kreise werden bei zunehmender Verwendung automatischer Dokumentations- und Auswertungssysteme
verschiedene neuerer Methoden der Betriebsführung wie Betriebsforschung für Fließbandplanung eine'so große Bedeutung erlangen,
daß bald schon die in diesen Methoden bewanderten Fachleute die
•Betriebsführer alten Stils ablösen werden.
Meiner Ansicht nach ist das eine unrealistische Vorstellung.
Die Stellung des Betriebsführers wird unter dem integrierenden
Einfluß einer gesteigerten Automatisierung einerseits kompli-

�"AMERIKA DIENST11 - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

komplizierter und andererseits allgemeiner werden. Die traditionellen Qualifikationen eines erfolgreichen Betriebsführers
werden vielmehr nach wie vor gefordert werden müssen. Die organisatorische Struktur eines Betriebes allerdings wird sich
dahingehend verändern, daß der Betriebsführer entsprechend
ausgebildete Fachleute als Berater zur Seite haben wird, die
es ihm ermöglichen, auch in hochspezialisierten technischen
Fragen die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Während zahlreiche der größeren Unternehmen bereits über
umfangreiche Stäbe kompetenter Techniker verfügen, die Automatisierungsprogramme planen und vorschlagen, können sich die
kleineren Betriebe den Luxus solcher Abteilungen nicht leisten.
Sie genießen aber einen anderen, bemerkenswerten Vorteil.
Die wachsende Zahl von Herstellern von automatischen Ausrüstungen sind natürlich daran interessiert, ihren Produkten einen
großen Absatzmarkt zu sichern. Nun ist es eine Tatsache, daß
die Zahl der Betriebe mit einer Belegschaft von weniger als
1000 Beschäftigten überwiegt, und daß gerade diese Unternehmen
als wichtigste Käufer der Erzeugnisse der Herstellerfirmen von
elektronischen Geräten in Frage kommen. Sie werden daher bestrebt
sein, ihre Produktion soweit als möglich auf die Bedürfnisse
dieses Käuferkreises abzustimmen.
Ich möchte damit nicht sagen, daß automatische Ausrüstungen für alle denkbaren Betriebsvorgänge zu irgendeinem Zeitpunkt
so quasi "auf Abruf" bereitstehen werden. Doch bin ich überzeugt,
daß das Interesse der Herstellerfirmen an der Marktausweitung
zahlreichen kleinen und nicht sehr kapitalskräftigen Unternehmen
hilft, die in einem gewissen Umfange an der Automatisierung profitieren wollen, Aufwendungen für die Planung einer automatisierten Produktion zu ersparen.
Vermutlich werden wir in zehn Jahren einmal erstaunt sein,
welchen großen Auftrieb die Automatisierung durch das Angebot
von standardisierten automatischen Ausrüstungen auf dem offenen
Markt erhalten hat, die entwickelt wurden, um den auf einen
gemeinsamen Nenner gebrachten Bedürfnissen von Tausenden kleiner
und mittlerer Betriebe zu entsprechen.
Sehr wichtig ist auch die Frage, welchen Einfluß die Automatisierung auf die Qualität der Erzeugnisse ausübt. Die bisher
gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin, daß sie unabhängig
von der Größe des Unternehmens im allgemeinen nur zu einer Verbesserung der Qualität führt. Darauf weisen sämtliche von uns
gesammelten Erfahrungen hin.
Die Konstruktion automatischer Maschinen setzt eine noch
gründlichere Kenntnis des Produkts und der Produktionsvorgänge
voraus, als sie schon der mechanisierte Betrieb erforderte. Das
bedeutet, daß dem Material, den Werkzeugen, dem innerbetrieblichen Transport und allen übrigen Einzelheiten größere Aufmerksamkeit gezollt werden muß, damit die erwarteten Abweichungen in
der automatischen Vorrichtung, dem Arbeitsvorgang oder der Art
des Betriebes voll berücksichtigt werden können.
Ich

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Ich gebe zu, daß die Automatisierung eine Anpassung an neue
Verhältnisse nötig macht und jede Betriebsführung vor große Aufgeben stellt, und ich weiß, daß eine erhöhte Automatisierung
auch ein erhöhtes Risiko mit sich bringen wird, und zwar insbesondere auch für die kleinen Betriebe. Dies wird aber dem
Wettbewerb nur förderlich sein.'
Tn diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, daß sich
jeder einzelne Klein- und Mittelbetrieb darüber klar wird, von
welcher Seite ihm die schwersten Gefahren der Konkurrenz drohen.
Hier gilt es zu berücksichtigen, daß ein weitsichtiges
Automatisierungsprogramm ein einzelnes Unternehmen - fast über
Nacht - in die Lage versetzen kann, den gesamten Markt auf
seinem Produktionsgebiet in Aufruhr zu versetzen. Vor dieser
Gefahr müssen heute sämtliche Betriebe auf der Hut sein.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein technische
Frage, die man an irgendeine Abteilung innerhalb des Betriebs
delegieren kann. Die wichtigen Fragen der Betriebspolitik werden nach wie vor von der Betriebsführung - den Besitzern oder
Direktoren - entschieden. Ich meine damit die großen grundsätzlichen Entscheidungen: die Positionsbestimmung des Unternehmens
.innerhalb der eigenen Industrie, die Entscheidung darüber, ob
das Produktionsprogramm vielschichtig gehalten sein soll oder
ob man sich auf nur ein oder einige wenige Erzeugnisse beschränken soll, und ähnliches.
Angesichts dieser Sachlage scheint es notwendig, die Begriffe Statistik und Forschung neu zu interpretieren, da sie
die Zukunft eines Betriebes, des großen wie des kleinen, auf
weite Sicht bestimmen. Heute ist eine Betriebsführung gezwungen, nur alle jene Faktoren in ihre Planung einzubeziehen, die
die Entwicklung des Betriebes oder seine Existenz schlechthin
berühren.
Vieles was heute mit dem Begriff Automatisierung bezeich
net wird, ist tatsächlich nichts anderes als eine vervollkommnete Technisierung.
Ich meine den Ersatz einer Maschine oder eines Produktionsverfahrens durch eine bessere Maschine oder ein besseres Produktionsverfahren. Wenn das jedoch alles wäre, würde sich die ganze
Diskussion um die Automatisierung erübrigen.
Die Automatisierung ist weit mehr, sie ist eine gewaltige
neue Kraft, die alle Möglichkeiten zum Guten oder Bösen enthält, wie sie großen Veränderungen innewohnen.
Was wir bei der Beurteilung der Möglichkeiten, die die
Automatisierung bietet, am meisten brauchen, ist der Wille, den
Tatsachen ins Gesicht zu sehen und harte geistige Arbeit zu
leisten, um die notwendigen Gleichungen zu lösen, deren einzelne Größen die Stärke, die Schwächen, der geschäftliche Ehrgeiz
und das Bankkonto des einzelnen Betriebes sind.
Wir dürfen uns in die Frage der Automatisierung nicht von
halben Wahrheiten in die Irr« führen lassen. Man hört häufig die
Behauptung, daß der Mensch durch die Maschine verdrängt wird.

�"AMERIKA DIENST" - '»VIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

!Dem ist entgegenzuhalten, daß sich bisher im großen und ganzen
in jeder Industrie, die ihre Investitionen pro Arbeitsplatz erhöht hat, auch die Zahl der Beschäftigten erhöhte. Die Stahlund Automobilindustrie, die Unternehmen der Fernmeldetechnik
und die chemische Industrie bewiesen dies ganz eindeutig. So
führt der einzigartige Anstieg des amerikanischen Lebensstandards, das Ergebnis unseres Systems der freien Marktwirtschaft,
zwangsläufig zu dem Schluß, daß die Automatisierung, weit entfernt, eine Gefahr für die Industriebetriebe jeder Größe zu
sein, von wesentlicher Bedeutung für die künftige Entwicklung
unserer Wirtschaft ist.
Ihre Entwicklung ist eine evolutionäre und keine revolutionäre. Sicherlich wird der kleine Unternehmer nur selten in
den Schlagzeilen der Zeitungen als Beispiel für eine wirksame
Automatisierung genannt werden. Er wird aber auf jeden Fall
Nutzen aus der gesteigerten Betriebsleistung, den geringen Produktionskosten und den größeren Gewinnmöglichkeiten ziehen,
sofern er gewillt ist, der veränderten Lage Rechnung'zu tragen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Automatisierung
(Teil- oder Vollautomatisierung) dazu beitragen kann, die Freise
zu senken, die Qualität der Produkte zu verbessern und auf diese
Weise mehr Waren von verbesserter Qualität auf den Markt zu brin
gen. Selbst die pessimistischsten Wissenschaftler bezweifeln
nicht, daß das Bruttosozialprodukt in den Vereinigten Staaten
bis zum Jahre 1965 auf 500 Milliarden Dollar steigen wird. Eies
entspricht einer Zunahme von über 30 Prozent, dem ein Bevölkerungszuwachs von 14 Prozent gegenüberstehen dürfte. Natürlich
ist eine solche Entwicklung des Bruttosozialproduktes nur durch
eine ständige Steigerung der Produktivität zu erreichen. Die
Automatisierung kann hierzu beitragen und sie darf deshalb,
trotz aller Probleme, die sie aufwirft, und aller Risiken, die
sie einschließt, als ein Prozeß angesehen werden, der für das
Wachstum und den Wohlstand der Vereinigten Staaten von größter
Bedeutung ist.

* * * * *

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�"ÜMERIKA

DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15- Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(1.Teil)
(145 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Es ist nun etwa 4V2 Jahre her, seit das
Statistische""Bundesamt der Vereinigten Staaten die erste große
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine für die Ausführung aller
erdenklichen Berechnungen und Büroarbeiten in Betrieb genommen
hat. Heute werden die Verwendungsmöglichkeiten derartiger Maschinen nebst ihrer Zusatz-Aggregate bereits in weiten Kreisen der
Wirtschaft, insbesondere auch im Versicherungswesen, geschätzt.
Die "Metropolitan Life Insurance Company" hat beispielsweise bereits vor mehr als einem Jahr die erste derartige Maschine in Betrieb genommen. Eine Untersuchung der Gründe, die unsere
Firma zu diesem Entschluß bewogen haben, gewährt mancherlei Aufschlüsse über die vielfältigen Aspekte der Automatisierung im
Versicherungswesen.
Den Ausschlag gab wohl die Tatsache, daß Bürokräfte nur
noch sehr schwierig zu beschaffen sind, und daß in nächster Zukunft kaum mit einer Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu
rechnen ist.
Im Februar 1948 gründete die Gesellschaft eine Untersuchungskommission, um die Möglichkeit zur Verwendung elektronischer Rechen- und Buchungsmaschinen im eigenen Betrieb zu untersuchen.
Die Erjebnisse fielen so aus, daß wir im August 1953 eine erste
derartige Versuchsanlage in Auftrag gaben, die im Jahre 1954
geliefert wurde. Es handelt sich um eine Magnetband-Elektronenrechenmaschine mit Zubehör, wie Band-Lochkarten- und LochkartenBand -Übertrager , Schreibautomat und ähnliche Geräte. Die Gesellschaft entschloß sich hierzu, obwohl die Untersuchung gezeigt
hatte, daß diese Elektronengeräte noch nicht den denkbar höchsten Grad der technischen Vollkommenheit erreicht haben.
Welche Eigenschaften dieser neuen Geräte haben nun die Versicherungsunternehmen veranlaßt, sie in so kurzer Zeit in so hohem Maße in ihren Betrieb einzubeziehen? Was können sie leisten?
Und inwieweit bedingen sie Änderungen des gesamten Betriebsablaufs?
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- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Im Versicherungswesen bedeutet die Automatisierung die
Einführung neuer elektronischer Maschinen zur Bewältigung von
Aufgaben, die bisher von Bürokräften oder Hollerithmaschinen
beziehungsweise von beiden gemeinsam ausgeführt wurden. Elektronische Geräte haben die Fähigkeit, Büroarbeiten in außergewöhnlich kurzer Zeit zu bewältigen und benötigen bei der
Ausführung selbst mehrerer Arbeitsgänge hintereinander kaum
irgendwelcher Überwachung durch Menschen.
Um die Bedeutung vollautomatischer Buchungsmaschinen im
Versicherungswesen würdigen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal eine klare Vorstellung von normalen Betriebsablauf solcher Unternehmen zu gewinnen.
Die heutige Arbeitsweise entwickelte sich aus der durch
das ständige Wachstum der Versicherungsunternehmen bedingten
Trennung und Unterteilung der verschiedenen Funktionen innerhalb des Betriebes. Diese Methode der immer weitergehenden Unterteilung der Büroarbeit brachte das Entstehen eines vielschichtigen Systems eng miteinander verflochtener Abteilungen und Unterabteilungen mit sich, von denen jede einzelne nur einen ganz
bestimmten engbegrenzten Arbeitsbereich hat. Auf Grund dieser
Arbeitsteilung mußte fast jede Abteilung eine eigene Aktenablage einrichten, und so ist es heute nicht selten, daß ein und
derselbe Akt in zehn verschiedenen Registraturen steht. Dies bedeutet selbstverständlich gewaltige Mehrarbeit und viel Leerlauf.
Vor der Einführung elektronischer Büromaschinen war die
Mechanisierung in der Büroarbeit durch die Verwendung von "Maschinen für nur einen Arbeitsgang" - die Schreibmaschine, die
Rechenmaschine und die Hollerithmaschine beispielsweise - gekennzeichnet. Sie brachten eine weitgehende Spezialisierung
mit sich und gliederten den Arbeitsablauf in einer Weise, die
der Serienfertigung am laufenden Band vergleichbar ist. Sie
führte einerseits zu einer Senkung der Betriebskosten, erforderte aber andererseits eine große Zahl von AufSichtskräften,
um die Arbeit in den verschiedenen Abteilungen zu koordinieren und die einzelnen Abteilungen doch als ein zusammenhängendes Ganzes funktionieren zu lassen.
Um ein Beispiel aus der lebensversicherungspraxis zu geben, so muß ein Antrag auf Zahlung der Versicherungssumme bei
Fälligkeit erst einmal zur Registratur laufen, wo der erste
Antrag auf Aufnahme in die Versicherung aufbewahrt wird. Zusammen mit diesem Schriftstück geht der Akt zu der Inkassoabteilung, um die Höhe der vom Versicherungsnehmer geleisteten Beiträge festzustellen und von dort zu einer dritten Abteilung,
wo nachgeprüft wird, ob bereits irgendwelche Zahlungen auf die
Police zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sind und so weiter.
Erst wenn der Akt alle einschlägigen Abteilungen durchlaufen
hat, kann schließlich die Auszahlungsanweisung ausgefertigt
werden.
Wenn alle Angaben bezüglich der betreffenden Versicherung
in Elektronen-Buchungsmaschinen gespeichert sind, dann vollzieht
sich der ganze vorstehend geschilderte Prozeß in einem einzigen
Arbeitsgang, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt. Die wichtigste
Möglichkeit, die sich deshalb für die Verwendung von Elektronen-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Elektronengeräten abzeichnet, ist die Einführung eines zentralen automatisierten Arbeitsganges für mehrere Arbeitsgänge verschiedener Abteilungen. Somit wird die mehrfache Aufbewahrung
ein und desselben Aktes überflüssig.
Die sich hieraus ergebenden Konsequenzen werden gegenwärtig vom Versicherungsgewerbe eingehend geprüft. Die Gesellschaft
der Registraturangestellten hat hierzu bereits zwei größere
Studien fertiggestellt, die eine Fülle von Informationen zu
diesem Fragenkomplex enthalten*). Die Versicherungsunternehmen
sind bei ihren Untersuchungen zu dem Schluß gelangt, daß die
vorstehend aufgezeigten Möglichkeiten die Verwendung solcher
Maschinen bereits restlos rechtfertigen. Inzwischen haben auch
bereits mehrere Versicherungsunternehmen solche Maschinen in
Auftrag gegeben oder in Betrieb genommen.
Der Übergang von der bisher geübten Praxis auf die Verwendung von Elektronenmaschinen macht selbstverständlich eine grundlegende Reorganisierung des gesamten Betriebsablaufes erforderlich. Hierfür lassen sich nach den bisher gesammelten Erfahrungen folgende Gesichtspunkte aufstellen:
Erstens: die Automatisierung muß auf den ganzen Arbeitsprozeß ausgedehnt werden, sie darf sich also nicht auf einzelne
Abteilungen beschränken.
Zweitens: kleinere Arbeiten müssen mit anderen zusammengelegt werden, um jenes Arbeitsvolumen zu schaffen, das erst
den lohnenden Einsatz von Elektronengeräten ermöglicht.
Drittens: die verschiedenen Aktenablagen müssen durch
eine einzige Registratur ersetzt werden, in der alle Angaben
in der für Elektronengeräte erforderlichen Form "gespeichert"
werden.
Viertens: alle zu erledigenden Arbeiten müssen in einem
Arbeitsgang durch die Elektronenmaschine bewältigt werden (wobei ein mehrmaliges Passieren etwa eines Magnetbandes durchaus
als ein Arbeitsgang anzusehen ist).
Fünftens: bei der Ausarbeitung des zu wählenden Verfahrens müssen Arbeiten wie das Aufsuchen von Akten und Angaben
sowie das aktenmäßige Erfassen des Vorganges so weitgehend wie
nur möglich durch arithmetische und logische Operationen ersetzt werden.
Sechstensj das verwendete System muß ausreichende Kontrollorgane besitzen, damit sich eine mühsame Überwachung und Fehlerkorrektur erübrigt.
Wenn diese Grundsätze befolgt werden und wenn man das Wesen
und den Sinn der bisher üblichen Methoden gebührend würdigt und
*) Der zweite der beiden Berichte wurde von der Gesellschaft
der Registraturangestellten (Society of Actuaries, 208 South La
Salle Street, Chicago 4, 111.) in gedruckter Form veröffentlicht
und kann zum Preis von 2 Dollar durch sie bezogen werden.

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�/-.'."•iRIKA DIENST" - '.YIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

und berücksichtigt, dann dürfte sich die Umstellung auf elektronische
Maschinen mit Erfolg bewerkstelligen lassen.
Der letztere der beiden vorstehend erwähnten Berichte der Gesellschaft der Registraturangestellten bringt eine Übersicht über
die Pläne von acht großen amerikanischen Versicherungsgesellschaften,
die eine Umstellung auf elektronische Verfahren beabsichtigen. Die
Gesellschaften sind übereinstimmend der Auffassung, daß eine solche
Umstellung möglich und zweckmäßig sei, wenngleich angesichts der Größe
der zu bewältigenden Aufgaben bisher keine von ihnen die Umstellung
wirklich vorgenommen hat.

- 4-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
(2.Teil)
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und.Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(175 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Ein gut Teil des Arbeitsanfalls bei den
Versicherungsgesellschaften erwächst aus der regelmäßigen Benachrichtigung der Versicherungsnehmer bezüglich der Fälligkeit
von Beiträgen, Versicherungsleistungen sowie aus der Beantwortung
von Anfragen. Hierbei sind im wesentlichen folgende Arbeiten zu
verrichten:
Erstens: die Auswertung der Angaben der Unterlage, die den
Vorgang auslöst.
Zweitens: die Auswertung der Angaben aus den vorliegenden
Akten.
Drittens: die Bearbeitung der Auswertung,sergebnisse zur
Schaffung neuer Informationen.
Viertens: die Ausfertigung der Dokumente, die für die Ausführung der sich daraus ergebenden Transaktion
notwendig sind.
Fünftens: die aktenmäßige Erfassung der ausgeführten Transaktionen in der Registratur und Rechnungsstelle.
Wenn ein Versicherungsnehmer beispielsweise seine Adresse
ändert, so werden nur die Vorgänge 1 und 5 ausgelöst, bei Fälligkeit einer Versicherung müssen dagegen alle fünf Vorgänge ausgeführt werden. Andererseits entfällt für eine ganze Reihe von
Transaktionen Vorgang 1.
Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen sowie ihr Zubehör
sind universell verwendbar. Sie bearbeiten Informationen Jeder
Form, stellen Auszüge aus Akten her, kombinieren nach mathematischen und logischen Gesichtspunkten Angaben, um neue Informationen zu schaffen, fertigen Dokumente aus und so weiter. Sie
lassen sich praktisch auf allen Teilgebieten der Büroarbeit verwenden.
Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß es auch eine ganze
Reihe von Arbeiten gibt, für die sie nicht zu gebrauchen sind.
Dies gilt insbesondere für Arbeiten, die ihrem Wesen nach nicht
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�"AMERIKA DIENST1* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

nicht eine Wiederholung eines einmal festgesetzten Arbeitsablaufs sind, oder die ein gewisses Maß an Urteilskraft erfordern.
Von den fünf erwähnten Vorgängen läßt sich Vorgang 3 - die
Schaffung neuer Informationen aus bekannten Angaben - am besten
mit Elektronengeräten erledigen. Gerade diese Arbeiten verursachen bei dem bisher üblichen Verfahren gewöhnlich den größten
Kostenaufwand. Die Zusatzgeräte zu den elektronischen Rechenund Buchungsmaschinen lassen sich auch mit günstigen Ergebnissen
für die Vorgän£e 4 und 5 verwenden, das heißt also für die Ausfertigung von Dokumenten und für die aktenmäßige Erfassung erfolgter Transaktionen. Was Vorgang 2 angeht, so ermöglichen
Elektronengeräte hier insbesondere die Vermeidung von Doppelarbeit durch mehrfache Aktenhaltung. Für Vorgang 1, die Auswertung der Angaben aus der Unterlage, die die Transaktion auslöst, scheinen sich wenige, wenn nicht sogar überhaupt keine
Vorteile zu ergeben, mindestens nach dem derzeitigen Stand der
Entwicklung.
Insgesamt erweist sich die Verwendung von Elektronengeräten der bisher entwickelten Typen auf zwei Sektoren als nicht
befriedigend.
Als erstes ist hier die Umwandlung neu hinzukommender Angaben und Informationen in die "Sprache" und Form, wie sie Elektrunenmaschinen erfordern, zu nennen. Hier ist noch immer die
menschliche Arbeitskraft unentbehrlich. Allerdings ist die Industrie bereits dabei, sogenannte "Intelligent Readers" zu entwickeln, das sind Geräte, die gedruckten Text - etwa dem Rasterverfahren vergleichbar - erfassen, automatisch kopieren und in
die "Sprache" von Elektronenmaschinen umsetzen können.
Ein weiterer Arbeitsgang, bei dem Elektronengeräte bisher
keine wesentliche Beschleunigung des Arbeitstempos versprechen,
ist die Aussortierung eines bestimmten Komplexes von Informationen aus einer Vie^zrhl solcher Informationen - beispielsweise etwa das Aussortieren der Karteikarte für eine bestimmte
Police etwa aus einer Registratur mit 100 000 solcher Karten.
Doch auch hier ist die Industrie bemüht, ent sprechende&gt;,Geräte
zu entwickeln.
Die Automatisierung der Arbeitsvorgänge im Versicherungswesen wird jedoch nicht nur zu einer erheblichen Kostensenkung
fahren, sondern auch erhebliche organisatorische Umstellungen im
Betrieb erfordern. Dies wird nicht ohne Schwierigkeiten abgehenVon besonderer Bedeutung dürfte die Tatsache sein, daß bei
Verwendung von Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen und ähnlichen Apparaten die gesamte Arbeit von ein oder zwei wichtigen
Schlüssel-Geräten abhängt. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit,
diese Maschinen ständig in betriebsbereitem Zustand zu halten und
eventuell auftretende Mängel raschestens festzustellen und zu beheben, um einen Stillstand des gesamten Betriebes zu vermeiden.
Da dies sehr schwierig sein dürfte, scheint der einzige mögliche
Ausweg darin zu bestehen, jeweils Austauschmaschinen in Reserve
zu halten.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß die Ar-»
beitsplanung für die Maschine und die Festlegung des Arbeitsab- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

Arbeitsablaufs eine sehr schwierige und zeitraubende Aufgabe
darstellt. Doch auch hier ist die Industrie bemüht, entsprechende Maschinen und Verfahren auszuarbeiten, daß die "Arbeitsprogramme" künftig mit Hilfe elektronischer Maschinen festgelegt
werden können.
Zu der großen Abhängigkeit vom Funktionieren der Maschinen und den Schwierigkeiten der Festlegung des Arbeitsprogrammes der Maschinen kommt eine unerwünschte Abhängigkeit von bisher
ohnehin schwer zu beschaffenden Fachkräften. Zum Betrieb einer
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine sind an sich nur zwei Arbeitskräfte notwendig; sollten sie jedoch aus irgendeinem Grunde
ausfallen, so läuft der ganze Betrieb Gefahr, ins Stocken zu geraten. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß eine Doppelbesetzung
der entsprechenden Positionen notwendig wird. Damit kommt ein
völlig neues Element in die Lohnpolitik, da hier nicht mehr die
Arbeit honoriert wird, die eine Arbeitskraft leistet, sondern
das, was sie gegebenenfalls zu leisten vermag.
Sehr bedenklich scheint auch die Tatsache, daß die Direktoren und leitenden Angestellten, die den Bürobetrieb überwachen,
höchstens in Ausnahmefällen mit elektronischen Geräten vertraut
sein dürften. Auf die Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse der
Betriebserfordernisse, die gerade diese Menschen sich in- Jahren
und Jahrzehnten erworben haben, kann man jedoch keinesfalls verzichten. Es besteht hier die Gefahr, daß sie, wenn es ihnen an
einem entsprechenden Verständnis für die Möglichkeiten und Begrenzungen elektronischer Maschinen mangelt, in eine unerwünschte Abhängigkeit vom rein technischen Personal kommen. Aus diesen Erwägungen heraus ist eine entsprechende Schulung des leitenden Personals eine unerläßliche Notwendigkeit.
Die Mechanisierung aller Arbeitsvorgänge ist innerhalb des
Versicherungswesens ein seit Jahrzehnten bekannter betrieblicher
Vorgang. Sie brachte eine allmähliche Verringerung des Büropersonals mit sich. Allerdings konnten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, für jene Kräfte, deren Positionen überflüssig geworden
waren, jeweils andere Arbeitsplätze gefunden werden, die ihnen
mindestens den gleichen, wenn nicht sogar einen höheren Lohn
sicherten. Wie sich durch zahlreiche Beispiele beweisen läßt,
hat die Mechanisierung in vielen Fällen sogar zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze geführt und vielen Angestellten eine höhere gehaltliche Einstufung eingebracht. Bei der Automatisierung scheint
sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen.
Solange man auf seiten der Arbeitgeber den Grundsatz anerkennt, daß man für überflüssig werdende Arbeitskräfte entsprechend neue Arbeitsplätze schaffen muß, und daß dadurch entstehende Mehrkosten in der Praxis dem Kaufpreis der Maschinen zuzuschlagen sind, wird die Umstellung auf den automatischen Betrieb keine ernste Situation auf dem Arbeitsmarkt heraufbeschwören. So betrachtet, ist die Automatisierung praktisch nur ein
weiterer, wenn auch sehr folgenschwerer Schritt der Mechanisierung, die schon seit Jahrzehnten betrieben wird.
Zusammenfassung
Die Automatisierung kann im Versicherungswesen als die Verwendung von Maschinen zur automatischen Erledigung sämtlicher

_ 3 .

�»AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

sämtlicher Arbeitsgänge aufgefaßt werden. Sie bedingt eine Reorganisation des gesamten Betriebes, in deren Zug sich die Zahl
der verschiedenen Abteilungen erheblich verringern läßt. Nerventötende Routinearbeiten werden dem einzelnen abgenommen werden
können. Das Ergebnis der Automatisierung im Versicherungswesen
dürfte eine erhebliche Einsparung an Betriebs- und VerwaLtungskosten und damit eine Senkung der Beitragsleistungen sein. Sie
wird auch eine erhebliche Entlastung des stark angespannten Arbeitsmarktes mit sich bringen.
Die Anpassungsfähigkeit eines mit elektronischen Maschinen
ausgestatteten Unternehmens an die sich ändernden Geschäftserfordernisse ist wesentlich größer als bei einem nach alten Verfahren arbeitenden Betrieb. Der derzeitige Betriebsablauf, der
mehr oder weniger dem Fließbandverfahren gleicht, ist seinem
ganzen Wesen nach ziemlich starr, da jede Änderung des Verfahrens eine entsprechende Umschulung von Hunderten, wenn nicht
sogar Tausenden von Arbeitskräften erfordert. Da elektronische
Geräte nur ganz wenig Bedienungspersonal benötigen, wird eine
Betriebsumstellung viel einfacher und rascher vor sich gehen
können. Die bisherigen Erfahrungen, die die "Metropolitan Life
Insurance Company" in rund eineinhalb Jahren mit dem Betrieb von
elektronischen Rechen und Buchungsmaschinen sammeln konnten,
waren sehr befriedigend. Gegenwärtig arbeiten diese Maschinen in
zwei Schichten. Die Kosten für den Betrieb mit elektronischen
Geräten sind etwa nur halb so hoch wie die bei der Verwendung moderner Hollerithmaschinen. Die Gesellschaft hofft, daß sie schon
in Kürze das Arbeitstempo der Elektronenmaschinen verdoppeln
kann, so daß sich die zweite Schicht erübrigt.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten begünstigt die Umstellung vom mechanisierten auf den automatisierten Betrieb. Die Verknappung von Bürokräften einerseits
und die starke Expansion der Industrie andererseits schaffen
denkbar günstige Voraussetzungen.
Elektronische Rechen- und Buchungsmaschinen können praktisch sämtliche Arbeitsgänge an einem Ort und gleichzeitig sowie in jeder gewünschten Kombination und Variante bewältigen.
Ihre Verwendung erfordert jedoch höchstes fachliches Können und
eine geistige Wendigkeit, wie sie hisher praktisch nur von wissenschaftlich geschultem Personal verlangt wurden.
Angesichts des Gesagten dürfte es kaum verwundern, daß sich
gerade die Versicherungsunternehmen besonders für die Möglichkeiten der Verwendung elektronischer Geräte interessieren. Sie
sind sich dabei-durchaus im klaren, daß es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden gilt, ehe die Möglichkeiten, die diese Maschinen bieten, voll ausgeschöpft werden können. Sie unterschätzen die Probleme, die die Umstellung des Betriebes auf automatische Verfahren mit sich bringt, keineswegs. Sie wissen aber auch,
daß ihnen die Automatisierung, sobald erst einmal das Entwicklungsstadium überstanden ist, eine erhebliche Verbesserung der
Arbeit im Betrieb und des Dienstes am Kunden gestatten wird.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb")
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (Vi)
Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
/
(Teil I)
t120 Zeilen)
WASHINGTON - (AP) - Jedes publizistische Unternehmen erstrebt
eine möglichst weitgehende Verbreitung seines Druckerzeugnisses in
Form von Wort und Bild. Der Erfolg hängt wesentlich von der Schnelligkeit ab, die aber nicht die vom Leser und Anzeigengeber erwartete Qualität hinsichtlich des Druckes und der redaktionallen Zusammenstellung beeinträchtigen darf. Wenn man die für eine Veröffentlichung vorgesehenen Nachrichten und Artikel und die aufgegebenen Annoncen als das Eingabematerial bezeichnet, die Funktionen der Redaktion, Auswählen, Umschreiben und Aufteilen, mit
der Tätigkeit einer auswertenden Rechenmaschine gleichsetzt und
die gedruckte und ausgelieferte Zeitung als das Ausgangsmaterial
definiert, dann ist das publizistische Gewerbe hauptsächlich ein
Dokumentationsbetrieb. Das heißt mit anderen Worten, daß das
publizistische Erzeugnis nicht in Tonnen Papier und Kanister
Druckerschwärze gemessen werden kann, sondern als die Summe von
Informationen. Eines sei hier von vornherein klargestellt, nämlich daß die Funktionen der Redaktion wohl immer von Menschen
ausgeübt werden müssen und sollen.
Ein genaues Studium der periphären Tätigkeiten eines publizistischen Betriebs, nämlich die Absatzförderung, die Abonnentenwerbung, der Verkauf von Platz für Werbezwecke und die Massenproduktion und -Verteilung der fertigen Zeitschrift, zeigt sofort,
daß die Verhältnisse hier völlig anders geartet sind. Hier müssen
wir mit unseren Überlegungen ansetzen, wie wir das Verhältnis
zwischen Arbeitsstunden pro Kopf und Arbeitsstunde pro Maschine
noch besser gestalten können, damit wir ein besseres Erzeugnis
zu einem niedrigeren Preis herstellen und verteilen können.
Die Material- und Herstellungskosten, die bei der Erzeugung
und Verteilung einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift mit
hoher Auflage entstehen, sind mit der größte Unkostenfaktor im
Zeitschriften-Betrieb. Der Erfolg einer Zeitschrift hängt weitgehend von folgenden Gesichtspunkten ab: Kosten, Qualität,
Schnelligkeit und Aktualität. Nichts ist wertloser als beispiels- 1 -

�"iiMEKIfCt DIENST" - WIRTSCHAFT UNI ARBEIT

29- Februar 1956

beispielsweise ein Nachrichtenmagazin, das nicht aktuell ist und
über alle wichtigen Geschehnisse berichtet.
Man bemüht sich allenthalben bereits um die Entwicklung
schnellerer und vielseitigerer Druckmaschinen, automatischer
Falz- und Bindemaschinen, die Herstellung besseren und billig
geren Papiers und einer schnelleren und qualitätsmäßig verbesserten Klischierung. Die immer weitergehende Verwendung von
automatischen Kontrollvorrichtungen für Schnellpapiermaschinen,
Pressen und Bindemaschinen ist eine heute bereits feststehende
Tatsache. Hiervon darf man sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich der Qualität, der Kostenrechnung und der Schnelligkeit
versprechen. Die Herstellung eines Druckstockes, das Setzen, Umbrechen der Seiten und Zusammensetzen der Bogen verschlingt noch
viel Zeit und verursacht relativ hohe Kosten. Die Lösung dieses
Problems liegt in einer Presse, die automatisch für den Druckvorgang durch eine Beschickung mit Daten vorbereitet werden
kann, so daß die Presse sozusagen von vornherein weiß, was gedruckt wird. Darüber hinaus müssen aber noch Mittel und Wege
gefunden werden, um das redigierte Druckmaterial in eine Form
zu bringen, daß man es auf elektrischem Wege übermitteln und
sofort in die Presse geben kann.
Vielleicht wird die Richtung, in der sich die Entwicklung
aller Wahrscheinlichkeit nach bewegen wird, noch deutlicher,
wenn wir hier einmal ein Idealsystem - so wie wir es eines Tages erhoffen - beschreiben. Es soll auf Produktionsverfahren
fußen, die teilweise bereits heute angewandt werden, teilweise
erst in unserer Vorstellung existieren, dabei aber durchaus im
Bereich des Möglichen liegen.
Das zum Druck eingehende Material (Werbetexte, Annoncen,
Nachrichten, Leitartikel und andere Artikel) wird bis zur Umbruchkorrektur fertiggestellt. Der Korrekturbogen entspricht genau
der Zeitschrift, wie sie dem Leser ausgeliefert wird, nachdem
die Redaktion ihre Billigung erteilt hat, gefcft; dieser Bogen zur
Produktionsabteilung. Hier wird er in Analogzeichen oder Digitzahlen umgesetzt und allen Druckhäusern übermittelt. Diese müssen
das Material speichern, um etwaige Fehler, die bei der Weiterverarbeitung auftreten, berichtigen zu können. Gleichzeitig
wird das Material in einen Umsetzungsmechani'smus geschleust,
von wo aus die Pressen für den Druck vorbereitet werden. Nachdem die Druckmaschinen vorbereitet sind, kann der eigentliche
Druckvorgang beginnen. Nach'Abschluß de,s Druckvorganges werden
die "Gedächtnisse1' oder Druckzylinder der Pressen getilgt und
damit die Maschinen wieder für den nächsten Druckauftrag frei.
Es liegt auf der Hand, daß die heute üblichen Methoden der
Vorbereitung der Druckplatten für Hoch-, Flach- und Tiefdruck-,
pressen für ein solches System ungeeignet sind. Die Drucke'reitechnik macht jedoch in der Verwendung der neuesten Erkenntnisse der Elektrostatik, Elektromagnetik und Elektrochemie so
große Fortschritte, daß man sich ruhig in Spekulationen über
die zukünftige Entwicklung ergehen kann.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

Wenn diese Möglichkeiten erst einmal Realitäten geworden sind - und wir sind fest davon überzeugt, daß dies bald
schon der Fall sein wird -, dann wird das, was wir heute unter schneller Herstellung und Verteilung verstehen,,wie ein
Schneckentempo anmuten. Freilich ist es durchaus wahrscheinlich, daß die Zahl der Druckereien, die am Ausdruck einer
Zeitung oder Zeitschrift beteiligt sind, erheblich steigen
wird, damit der Leser auch wirklich in den Genuß der Zeitverkürzung zwischen Redaktionsschluß und Auslieferung kommen
kann.
Obwohl die Frobleme, die beim Druck and der Auslieferung
einer Zeitschrift auftreten, eher in das Gebiet der automatisierten Erzeugung als in das Gebiet der Dokumentation mit mechanischen Mitteln fallen, sollen hier jedoch beide Aspekte
behandelt werden, da sie für den Herausgeber einer Zeitschrift
gleichermaßen wichtig sind. Wenden wir uns daher nunmehr der
betriebstechnischen und kaufmännischen Seite in dem Bestreben
zu, eine Auflagenerhöhung durch einen vermehrten Absatz herbeizuführen und den Kreis der Abonnenten weiter zu ziehen.
In beiden Fällen würde sich die Verwendung von Maschinen der
automatischen Dokumentation sehr günstig auswirken, wobei zu
bemerken ist, daß die Kostenfragen hier eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen als technische Frobleme.
Wenn man vom Beispiel der Zeitschriften "Time" und "Life"
ausgehen darf, so ist zu sagen, daß die Anstrengungen, eine
Auflagenerhöhung herbeizuführen, auf einen vermehrten Umsatz
an Kiosken, in Buchläden und eine Vermehrung der festen Abonnenten £erichtet sind. Der Verkauf an Kiosken gehöht mit zu
den wichtigsten Problemen des Vertriebs. Eine Verkaufssteigerung wird allgemein durch zweierlei ürten der Werbung erreicht: einmal durch Nutzung der Mittel der Masseninformation, wie Radio, Fernsehen, Film und Fresse, und zum anderen
durch ein individuelles Ansprechen potentieller Käufer in
Form von Briefen. Hier nun erschließen sich zahlreiche Möglichkeiten für die Verwendung automatischer Dokumentationsmaschinen.

(Teil II folgt in Nr. 1 0/C vom 7.3.1956)
* * * * * *

�A1.1ERIKA DIENST

- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VI )

Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
(Teil

II)

( 125 Seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Werbung neuer Käufer durch Postsendungen
setzt voraus, daß man im Besitze einer Adressenliste ist. Schnell arbeitende Dokumentationsapparate würden es ermöglichen, im Sinne der
Werbung wirksamere Listen zusammenzustellen, indem sie nämlich von
vornherein jene Kreise ausschlössen, die auf Grund vorliegender Forschungsergebnisse gar nicht als potentielle Käufer anzusprechen sind.
Zugleich könnten hier mühelos jene Personen aus der Liste ausgeschieden werden, die bereits feste Abonnenten sind. Das würde bedeuten, daß
die Zahl der von vornherein aussichtslosen Werbesendungen erheblich
kleiner wird und der Werbeaufwand pro neuen Abonnenten wesentlich günstiger zu liegen käme als heute.
Im Falle des Absatzes an Kiosken und in Buchläden ist es durchaus
denkbar, daß das verzwickte Problem der richtigen Verteilung bei Vermeidung von Unter- oder l'berbelieferung durch eine weitgehende Verwendung
automatischer Dokumentationsmittel gelöst v/erden kann. Ob dabei alle
Einzelhändler individuell erfaßt werden müssen oder nur die Grossisten
in den einzelnen Vertriebsgebieten, ist eine nicht so absolut wichtige
Frage; entscheidend allein bleibt, daß man zu einer Verteilerliste kommt,
die einen möglichst hohen Absatz bei einer möglichst geringen Zahl von
Remittenden garantiert. Zu ber.chten sind in diesem Falle ferner die
nicht unbedeutenden jahreszeitlich bedingten Absatzschwankungen. Die
Bevölkerungszahl von Nantucket Island (Badeort) schwankt zum Beispiel
während der Sommersaison zwischen 3500 und 35.000. Das sind ungefähr
die Schwankungen, die ein Dokumentationsapparat in den Versandlisten erfassen müßte, und je umfangreicher die verwendbaren Angaben sind, um so
erfolgreicher wird diese Arbeit sein.
Die
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7- März 1956

Die weitaus größte Zahl der Käufer von "Tirne" und "Life" sind feste
Abonnenten. Inwieweit der Kunde wirklich befriedigt wird, hängt nicht
nur von der journalistischen Qualität des

Erzeugnisses,sondern auch

davon ab, wie schnell dieses Erzeugnis an jeden vom Kunden gewünschten
Ort ausgeliefert werden kann. In einem weiteren Sinne handelt es sich bei
Presseunternehmen bei der Erfüllung der Abonnentenwünsche um eine Dokumentationsarbeit großen Ausmaßes.
Das Interesse an weiteren Verbesserungen ist deshalb so groß,
weil wir uns von einer technisch verfeinerten Anlage der mechanischen Dokumentation ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen
Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine erhoffen. Ein
günstigeres Verhältnis würde bei gleichbleibenden Kosten einen besseren
und schnelleren Kundendienst bedeuten. Bisher lagen jedoch die Kosten
für die Beschaffung und Verwendung elektronischer Maschinen viel zu
hoch. Der Grund hierfür ist in dem Umstand zu suchen, daß mit den bisher
erhältlichen elektronischen Anlagen die Aufgaben, die ein zufriedenstellender Kundendienst mit sich bringt, nicht bewältigt werden können.
Das wird verständlich, wenn wir einmal den Aufgabenbereich der
Vertriebszentrale von "Life" und "Time" in Chicago näher untersuchen.
Es werden hier täglich zwischen Jü 000 und 80 000 Postsendungen geöffnet
und registriert. Der größte Teil dieser Postsendungen stammt von neuen
oder alten Abonnenten. Die Kartei der 7 Millionen Abonnenten der Zeitschriften "Time", "Life" und "Sports Illustrated" müssen ständig auf dem
laufenden gehalten werden. Jede Woche werden für die drei Hauptverteilstellen 7 Millionen Klebeadressen gedruckt und ausgeliefert. Unter Anleitung der Werbeabteilung werden darüber hinaus wöchentlich rund eine
Million V/erbe Sendungen gedruckt und versandt. Eine weitere Aufgabe
dieser Stelle ist es, die Konten der alten und neuen Abonnenten laufend
zu überwachen und Statistiken für die Werbe- und Rechnungsabteilung sowie
die Redaktion auszuarbeiten.
In diesem Falle wären die Posteingänge als Eingabematerial zu bezeichnen. Sie müssen allerdings erst in eine für das kodifizierte Registratursystem verwendbare Form gebracht werden. Da die Verlagsleitung
nun aber keinen Einfluß darauf hat, in welcher Form der Kunde seine
Wünsche vorbringt, müssen alle Eingänge sofort in entsprechende Symbole

- 2 -

�"ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Symbole übersetzt v/erden. Heute werden die Posteingänge geöffnet, gelesen, nach Sachgebieten sortiert und anschließend alle darin enthaltenen
Angaben von 70 Locherinnen auf Lochkarten übertragen. Diese Leute arbeiten sehr angestrengt, da sie mit dem Tempo der Posteingange unbedingt
Schritt halten müssen.
Da Lochkarten nur eine begrenzte Speicherkapazität haben und
die Geschwindigkeit in der Bearbeitung von Lochkarten und Unterlagen
in der Registratur nicht unbegrenzt zu steigern ist, müssen wir gegenwärtig mit zwei Ablage- und Registratursystemen arbeiten. Es lohnt sich
daher, einmal die Aussichten näher zu untersuchen, die eine Einführung
automatischer Dokumentationsmittel verspricht.
Wir gehen bei unseren Betrachtungen von der Annahme aus, daß eine
Registratur mit gegenwärtig 7 Millionen und spater 10 Millionen Aktenvorgängen für den Betrieb erforderlich ist. Für unsere Zwecke genügen 200
Symbole pro Aktenvorgang. Der Aktenumschlag pro Jahr beträgt gemessen
am Gesamtbestand der Registratur 112 Prozent. Um einen Akt zu bearbeiten,
muß das gesamte Lochkartenmaterial durch die Maschinen laufen. Die Einführung von mechanischen Dokumentationsmitteln lohnt sich deshalb nur,
wenn dadurch sichergestellt wird, daß nur noch jene Aktenstücke bearbeitet werden müssen, die. wirklich einer Bearbeitung bedürfen. Die Lösung für dieses Problem liegt unserer Ansicht nach in der beschleunigten
Entwicklung- eines für die Eingäbe auf die einfachste Formel gebrachten
leistungsfähigen Speichersystems. Mit einem solchen System ließe sich bei
dem heutigen Stand der Elektronentechnik bereits eine Methode zur Be- •
wältigung unserer Aufgaben entwickeln, die uns unsere Arbeit wesentlich
erleichtern würde. Es wäre dann nicht mehr notwendig, den täglichen
Arbeitsablauf nach Sachgebieten geordnet anzusetzen; die Post könnte
dann einfach in der Reihenfolge des Eingangs aufgearbeitet werden.
Derartige maschinelle Dokumentationsmittel haben für uns nur dann
einen Zweck, wenn die Speicherkapazität groß genug, ein schneller Zugang zu den einzelnen Vorgängen gesichert und eine Höhe der Betriebskosten gewährleistet ist, die ein wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht.
Für uns genügt ein Speichersystem, mit dem man wöchentlich 250 000 Abonnenten erfassen kann, wobei pro Abonnent 200 Symbole und für die Wahl
eines Aktenvorganges höchstens 5 Sekunden veranschlagt sind. Wir sind der

- 3-

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"AMERIKA
DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

der Auffassung, daß sich solche Dokumentationsmittel herstellen lassen,
«Mi daß sich wirtschaftlich mit ihnen arbeiten läßt.
Wir sind um so mehr davon überzeugt, weil die "Time Incorporated"
in ihren Springdale-Laboratorien bereits Versuche durchführt, die darauf
abzielen, einen Prototyp solch eines Gerätes zu entwickeln und seine
Leistungsfähigkeit im Chicagoer Verlagshaus unter Beweis zu stellen.
Außerdem unterstützen wir die Bemühungen eines anderen Laboratoriums,
das sich zwar mit dem gleichen Problem befaßt, es aber von einer anderen
S^ite her lösen w.ill. Dies alles schließt aber nicht aus, daß wir auch
andere Lösungen in Betracht ziehen würden, sofern sie technisch vernünftig und wirtschaftlich tragbar erscheinen.
Nicht nur ein Redakteur muß ein ausgeprägtes Gefühl für die menschlichen Probleme haben, sondern auch der Techniker. V/enn wir uns um eine
Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine bemühen, dann dürfen wir uns nicht von einer vielleicht
im Augenblick eintretenden Verdrängung von Arbeitskräften täuschen lassen,
••ndern müssen auf längere Sicht hinaus planen. Bei einer sachlichen
Analyse dieses Fragenkomplexes zeigt sich nämlich, daß die Einführung
automatischer Dokumentationsmittel wesentlich zur Stabilisierung des
Arbeitsmarktes gerade in jenen Industrien führen kann, deren Ausstoß
stärkeren Schwankungen unterworfen ist. Rein menschlich gesehen ist es
doch besser, wenn Maschinen nicht voll ausgelastet sind, als wenn Arbeiter
in Zeiten eines schlechten Geschäftsganges entlassen werden müssen. Und je
günstiger das Verhältnis zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde
pro Maschine ist, desto stabiler wird die Lage. Warum also das Sträuben
gegen eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten läßt? Die industrielle
Revolution hat immer weiteren Bevölkerungskreisen einen Lebensstandard gerbracht, wie wir ihn in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht kennen. Die
Automatisierung des Produktionsprozesses wird diesen Kreis noch weiter
ziehen und den Lebensstandard noch höher heben, und damit verspricht sie
uns größere soziale Gerechtigkeit und Sicherheit als je zuvor.
(Dieser Artikel wurde stark gekürzt. Auf Wunsch kann der volle Wortlaut
zur Verfügung gestellt werden)
Nächster Artikel dieser Serie:
"Die Automatisierung in der Stahlindustrie"
* * * * *

- 4-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIl)

Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von W. K. Scott, leitender Ingenieur der
Columbia-Geneva Steel Division der United States Steel Corporation
San Francisco (Kalifornien)

( 200 Zeilen)
.JHINGTON - (AD) - Bei einem Rückblick auf die Entwicklung der
Stahlindustrie in den letzten Jahrzehnten fällt sofort ins Auge, daß
hier seit dem Jahre 1920 erstaunliche Veränderungen eingetreten sind.
Die Arbeitslast des Arbeiters ist ständig geringer geworden; komplizierte und teure Maschinen verrichten heute, einzeln oder in Gruppen
zusammengefaßt, die schwere und ermüdende Arbeit, die dem Arbeiter der
Stahlindustrie aus den früheren Jahren noch bekannt ist. Heute hat
der Arbeiter eine kürzere Arbeitszeit, verdient im Durchschnitt etwa
dreimal soviel wie früher, und sein Lebensstandard ist erheblich höher,
da er hochwertige Waren in erstaunlicher Auswahl zu geringeren Preisen
kaufen kann.
Wie war dies möglich? Erstens durch die einzigartige amerikanische
Art, den Wunsch, mehr und bessere Waren bei geringerem Kostenaufwand
herzustellen. Zweitens dank dem amerikanischen Erfindergeist in Verbindung mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische, der zuverlässig
arbeitende automatische Maschinen erfand und damit die feste Grundlage für die Automatisierung der Betriebe legte, auf der wir heute
weiterbauen.
Diese Entwicklung hat im Laufe der Zeit mancherlei Namen, wie
Mechanisierung, automatische Bedienung, vollautomatische Fließbandfertigung und so fort erhalten. Diese sich überschneidenden Begriffe
werden jeweils sehr umfassend verstanden, Wenn man diese Begriffe
miteinander vergleicht, so kann man erkennen, wie sich im Laufe der
Jahre eine immer umfassendere Konzeption dessen herausgebildet hat,
was wir heute als "Automatisierung" bezeichnen. Die Probleme der einfachen Mechanisierung des Arbeitsprozesses sind weitgehend gelöst;
heute sind es die erstaunlichen Möglichkeiten der Automatisierung
der Betriebe, die die Phantasie der fortschrittlich denkenden Menschen
beschäftigen.
Wie die meisten derartigen neuen. Entwicklungen, hat man auch
hier zunächst einmal jeden Fortschritt als einen revolutionären Umschwung bezeichnet. Rückschauend darf aber wohl gesagt werden, daß
der evolutionäre Charakter des Übergangs von der Handarbeit zur
mechanischen Fertigung und nunmehr zum automatischen Betrieb ganz
eindeutig ist.

In
- 1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14« März 1956

In der Stahlindustrie waren diese Bemühungen zu einer Verbesserung
der Qualität und Steigerung der Produktivität in der Anfangsphase dieser
Entwicklung auf d'ie Mechanisierung gerichtet, das heißt die Übertragung anstrengender Arbeiten auf Maschinen. Der nächste logische Schritt
war dann~die "automatische Bedienung", bei der eine Maschine so gebaut
ist, daß sie mehrere eng miteinander verknüpfte Arbeitsgänge hintereinander ausführt. In jüngster Zeit ging man dann zur "kontinuierlichen
Fließbandfertigung" über. Hier nun sind mehrere automatische Maschinen
durch automatisch arbeitende Transportbänder, Kräne und ähnliche Produktionshilfen miteinander verbunden, die das Werkstück von Maschine zu
Maschine weiterleiten. Vielfältige elektronische Geräte haben jene
mannigfaltigen Kontrollfunktionen übernommen, die einstmals der Mensch
mit seinen Sinnesorganen ausübte.
Die vollautomatische Fließbandfertigung in den Stahlwerken war
das geeignete Mittel zur Erhöhung des Produktionstempos und zur Verbesserung der Qualität. Sofern allerdings Te&gt;mpo und Exaktheit der Arbeit nicht richtig aufeinander abgestimmt oder diese Abstimmung nicht
auch beibehalten werden konnte, erwies sich die vollautomatische Fließbandfertigung meist als eine Methode, große Mengen Ausschuß zu produzieren. Da die Bedienung der Maschinen vom Personal bei "Entscheidungen"
und im "Handeln" sowohl Schnelligkeit als auch Exaktheit verlangt und
die Beibehaltung der genauen Abstimmung große Aufmerksamkeit erfordert,
besteht hier die Gefahr, daß sich die Arbeitslast für den Arbeiter
sogar erhöht. Der kritische Punkt war erreicht, wenn die Leistung der
Maschine das Reaktionsvermögen des bedienenden Arbeiters übertraf, so
daß dieser die Abstimmung nicht mehr rasch genug vornehmen konnte und
damit erhöhter Anfall von Ausschuß auftrat. So ging man dazu über, auch
die bisher den Menschen vorbehaltenen Funktionen der "Überwachung und
Abstimmung der Maschine gleichfalls durch automatische Vorrichtungen
zu ersetzen. Damit wurde dem bedienenden Arbeiter eine Reihe rasch zu
treffender Entscheidungen abgenommen, so daß er seine ganze Kraft und
Aufmerksamkeit auf die schwierigen Entscheidungen konzentrieren konnte,
die Urteilsvermögen und verstandesmäßige Überlegungen erfordern. Und
damit sind wir bei der "Automatisierung" angelangt, wie wir sie heute
verstehen, das heißt bei einem Betriebsablauf, bei dem sich Maschinen
oder Gruppen von miteinander gekoppelten Maschinen in einem fortlaufenden Produktionsprozeß selbst nach einem vorher festgelegten elastischen Schema bedienen, und dabei gleichzeitig imstande sind, sich
selbst in ihrer Arbeit zu korrigieren, wenn ihre Kontrollorgane eine
Abweichung feststellen.
Daher ist die Automatisierung etwas viel Umfassenderes als die
einfache Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen.
Heute gibt es in der Stahlindustrie Maschinen, die so konstruiert
sind, daß sie wie der Mensch ständig den Produktionsprozeß verfolgen,
Vergleiche anstellen, Routine-Entscheidungen treffen und notfalls
Korrekturen vornehmen, sofern irgendwelche Abweichungen von der Norm
eintreten. Das entscheidende Merkmal der Automatisierung ist, daß eine
Maschine durch eine andere kontrolliert wird. Durch diese Kontrolle
werden die verschiedenen Funktionen wie Materialbereitung, Einrichten
der Maschinen, überwachen sowie die Sammlung und Verarbeitung statistischer Daten unter Umständen in einem einzigen Arbeitsgang zusammenge-

�"AMERIKA PIEKST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

In modernen, vollautomatisierten Warmwalzwerken wird der Stahl
in einem durchgehenden Prozeß entzundert,kalt reduziert, zwischengeglüht, angelassen und abgeschert. Das Walzgut wird nicht mehr plattenweise "bearbeitet, sondern durchläuft den Prozeß als ein unendliches
Band. Eine solche Walzenstraße bearbeitet je Schicht 10 000 t Stahl,
wobei für die Bedienung der Öfen und der Walzenstraße, von den Rohlingen
bis zum fertigen Stahlblech also, nur 25 bis 28 Arbeiter und Techniker
erforderlich sind. Die Dicke des Walzgutes wird an mehreren Stellen
röntgenographisch gemessen und am Steuerpult registriert; ein mit
infraroten Strahlen arbeitendes Meßgerät kontrolliert laufend die
Breite des Walzstromes und stellt sicher, daß die zulässigen Toleranzen
nicht überschritten werden. Eine Fernsehanlage am Rolltisch läßt die
jeweilige Position des Walzgutes und eventuelle Verwindungen sofort
erkennen, so daß Verstauchungen an den Bandführungsrollen vermieden
werden.
Die Automatisierung kann für die Lösung von mindestens zwei Problemen, denen sich die Stahlindustrie heute gegenüber sieht, von entscheidender Bedeutung sein: Senkung der Produktionskosten je Werkstück
auf ein Minimum bei gleichzeitig größtmöglicher Verbesserung der Qualität .
Da andere Baumaterialien auf dem Markt mit Stahl konkurrieren,
gilt es die Produktivität der Stahlwerke noch weiter zu steigern, um
die Gestehungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Hierbei erweist
sich die Automatisierung als ein wertvolles Instrument, da die Produktivität einer Gruppe von Maschinen durch die Automatisierung beträchtlich erhöht werden kann, ohne daß dem Bedienungspersonal eine wesentliche körperliche oder geistige Mehrbelastung erwächst.
Darüber hinaus ist eine weitere qualitative Verbesserung der
Erzeugnisse der Stahlindustrie auch im Hinblick auf die steigenden
Ansprüche der Abnehmer unbedingt erforderlich, die ihrerseits wieder
eine Folge des ständigen technischen Fortschritts in der Verwendung
von Stahlprodukten ist. Auch hierbei erweist sich die Automatisierung
als ein vorzügliches Hilfsmittel. Denn der vollautomatisierte Betrieb
bietet eine größere Gewähr für gleichbleibend hohe Qualität der Erzeugnisse, da der Mensch mit all seinen Schwankungen und seiner Unzulänglichkeit als Kontrollorgan weitgehend entfällt. Die Uniformität der Erzeugnisse wird durch die vollkontinuierliche Bandstraße verbessert, da
bei gleichbleibendem Tempo und dem daraus sich ergebenden gleichmäßigen Materialstrom die Abstimmung auf die verschiedenen Komponenten des
Bandes und damit genauere Ergebnisse gesichert werden können. Eine
sich wiederholende derartige Angleichung dürfte die Wahrscheinlichkeit
eines kontinuierlichen .Ausstoßes uniformer Erzeugnisse noch erhöhen.
Die Automatisierung begünstigt einen grundlegenden Wandel in der
Stahlindustrie. Bis vor kurzem wurde die Qualität der Stahlerzeugnisse
und in geringerem Grade auch das Produktionstempo durch das Können und
die Urteilsfähigkeit des einzelnen Arbeiters bestimmt. So kam es, daß
vollkommen gleiche Maschinen eine verschieden hohe Produktivität aufwiesen. Und ebenso schwankte die Qualität der Erzeugnisse je nach der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

der Geschicklichkeit des bedienenden Arbeiters. Heute wird die Herstellung bei zahlreichen Stahlwaren mehr und mehr zu einem wissenschaftlichen denn handwerklichen Prozeß. Gerade darin dürfte der stärkste
Einfluß der Automatisierung auf die Industrie bestehen. V/o Produktivität und Qualität im wesentlichen vom handwerklichen Können abhängen,
v/ird der Fertigungsprozeß uneinheitlich sein, da er in erster Linie
vom Menschen und dessen schwankendem Arbeitstempo und Können bestimmt
wird. Hier kann sich die Automatisierung als ein wertvolles Werkzeug
erweisen, indem sie den Produktionsprozeß zu einem wissenschaftlichen
Verfahren macht, bei dem die Normen hinsichtlich Tempo und Qualität
vorher festgesetzt und ständig beibehalten werden können.
Für den rentablen Betrieb vollkontinuierlicher Bandstraßen ist
es von entscheidender Bedeutung, daß der Stillstand von Maschinen,
insbesondere der nicht beabsichtigte Stillstand, auf einem Minimum
gehalten wird. Die Maschinen und Anlagen müssen so konstruiert sein,
daß jeder Arbeiter mit durchschnittlichem Können in der Lage ist,
sachgemäße Reparaturen vorzunehmen. Das hierfür erforderliche Können
solLte mit nicht allzu großem Aufwand an Zeit, Kosten und Anstrengung
auf seiten sowohl des einzelnen Arbeiters als auch des Unternehmers
erworben werden können. Wenn es an qualifizierten Arbeitskräften fehlt,
die für den Betrieb, die Wartung und Reparatur vollautomatischer Anlagen unerlässlich sind, können derartige Anlagen zu einem erheblichen
finanziellen Fiasko führen.
Da ein zuverlässiges und reibungsloses Arbeiten der Maschinen und
der übrigen Komponenten beim vollautomatisierten Betrieb eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Produktion ist, sollten die
einzelnen Komponenten einer vollkontinuierlichen Bandstraße in Konstruktion und Arbeitsweise vollkommen aufeinander abgestimmt sein.
Das Ziel ist, eine vollkommen integrierte Produktionsanlage zu
schaffen, in der Reparaturen und das Auswechseln von Maschinen so weitgehend von vornherein in die Planung einbezogen sind, daß ein Stillstand im Produktionsablauf so gut wie ausgeschlossen ist. Die Kette
ist so stark wie ihr schwächstes Glied; das heißt die Leistungsfähigkeit einer Bandstraße ist so groß wie die ihrer schwächsten Komponente.
Die Aufwendungen für Automatisierung sollten sich ebenso bezahlt
machen wie die Aufwendungen für irgendwelche anderen Produktionssysteme.
Die Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens läßt sich, wie die Erfahrung
zeigt, mit den konventionellen Methoden ermitteln, die man gewöhnlich
bei der Analyse von Kapitalaufwendungen anwendet.
Auf Grund der bei der Konstruktion oder dem Betrieb automatisierter
Produktionsanlagen gesammelten Erfahrungen können sich Veränderungen
auch des Erzeugnisses als notwendig erweisen. Wenn man vom Standpunkt
der Form allzu sehr am Althergebrachten festhält, besteht die Gefahr,
daß die Möglichkeiten der Vollautomatisierung nicht ganz und gar ausgeschöpft werden. Bei den Eisen- und 'Weißblechen ist die Stahlindustrie
beim rohen Werkstück von einer Reihe kurzer Stücke zu einem einzigen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

einzigen langen Stück übergegangen, das erst im letzten Arbeitsgang
zu einzelnen Stücken-zerschnitten wird.
Die Automatisierung bringt auch Veränderungen organisatorischer
Art mit sich. Beispielsweise steigt die Zahl der nur mit hochqualifizierten Kräften zu besetzenden Arbeitsstellen, und viele einfache
Arbeiter steigen zu Automatentechnikern auf, zum Bedienungspersonal
elektronischer Geräte. Andere einfache Arbeiter werden Maschinenwarte:
oder Techniker für die Herstellung von Austauschaggregaten. Diese wiederum müssen von höherer Qualität sein, weil die Herstellung qualitativ
besserer Waren immer größere Präzision erfordern wird.
Manche Komponenten werden sich auf Grund des verschärften Produktionstempos schneller abnutzen. Die letztgenannten Faktoren machen den
steigenden Bedarf an höher qualifiziertem Arbeitspersonal - Ingenieuren,
Technikern und technisch geschultem Bedienungspersonal - besonders
deutlich. Ebenso verlangt die Planung und Abstimmung der Produktion ein
größeres Maß an Können und Leistungsfähigkeit.
Wie in vielen anderen Industriezweigen so gibt es auch in der
Stahlindustrie bestimmte Arbeitsgänge oder Gruppen von Arbeitsgängen,
die sich besser als andere zur Automatisierung eignen. Im allgemeinen
sind der praktische Anwendungsbereich der Automatisierung und die ihr
gesetzten Grenzen unschwer zu erkennen. Bei manchen Arbeitsgängen erweist sich ein Übermaß rasch als unrentabel. Die Automatisierung wird
immer dann zweckmäßig sein, wenn die für die Automatisierung vorgesehenen
Arbeitsgänge mit den gegebenen Kontrollanlagen in Einklang gebracht
werden können. Die Stahlindustrie ging bei der Automatisierung von dem
Gesichtspunkt aus, daß eine logisch bedingte Gruppierung von Arbeitsgängen unter Berücksichtigung der gegebenen Möglichkeiten der automatischen Kontrolle erstrebenswert sei.

(Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der chemischen Industrie")

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIIl)

Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik der
Firma E.I. du Pont de Nemours &amp; Company, Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil I)
(100 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich will mich in diesem Aufsatz nicht mit jenem
sagenhaften Wunder befassen - einer vollautomatisierten Fabrik mit einem
Netz von Rohrleitungen und Transportbändern, fabelhaften Schalträumen und
wunderbaren automatischen Rechen- und Fakturieranlagen, einer Produktionsanlage, die den Rohstoff ohne menschliches Zutun in das fertige Produkt
verwandelt. Ebensowenig möchte ich jedoch den Eindruck erwecken, als sei
eine derartige Fabrik lediglich eine Ausgeburt der Phantasie. Ich habe
noch nie ein Werk gesehen, das alle diese Wundereinrichtungen besessen
hätte. Ich habe allerdings schon Fabriken besichtigt, wo ich buchstäblich
Kilometer durch Werkshallen wanderte, ohne einen einzigen Arbeiter zu sehen.
In diesen Fabriken wurden sämtliche Koordinierungs- und Steuerungsfunktionen
in einem zentralen Schaltraum mit ein oder zwei Automatenführern zusammengefaßt. Genau besehen, handelte es sich bei diesen beiden nicht um Automatenführer im strengen Sinn, sondern um Kontrollingenieure, denn die Bedienung
erfolgt ja auch automatisch und kann bei derartigen Fabriken mit Rücksicht
auf die komplizierten Arbeitsgänge nur automatisch sein.
Das bedeutet nun nicht notwendigerweise, daß die Tage der Fabriken
alten Stils gezählt seien. Denn der Grad der Automatisierung wird sowohl
durch wirtschaftliche als auch durch technische Erwägungen bestimmt. In
kleineren Betrieben macht sich zum Beispiel ein Maschinenpark, wie er zur
Fertigung kleiner Serien üblich ist, durchaus bezahlt. Vollautomatisierung
eines solchen Betriebes wäre wahrscheinlich reiner Wahnsinn. Großbetriebe
jedoch, die billige Massenprodukte herstellen, müssen weitgehend automatisiert werden, wenn sie rentabel arbeiten sollen.
Die wirtschaftlichen Erfordernisse
In der .chemischen Industrie macht sich die Tatsache recht schmerzlich
bemerkbar, daß im Laufe des letzten Jahrzehnts die Preise für Rohmaterialien
um das Doppelte und die Löhne um mehr als 150 Prozent angezogen haben, während der Verkaufspreis für chemische Fertigprodukte lediglich um 30 bis AOfo
Das
gestiegen ist.
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

Das Faktum, daß nicht sämtliche chemischen Werke unter diesen Umständen Bankrott gemacht haben, legt den Gedanken nahe, daß eine technische Evolution stattgefunden hat. Und das ist auch tatsächlich der
Fall. Die Automatisierung trägt nun einen sehr beträchtlichen Anteil an
dieser Evolution. Wir sprechen häufig von der Automatisierung, als sei
dies ein neuer Begriff. Tatsächlich aber begann unsere Gesellschaft beispielsweise bereits im Jahre 1802, nämlich bei ihrer Gründung, mit einem
derartigen Programm, einer "Automatisierung" des Betriebs. In jener Zeit
war das Bestreben, Unfälle bei der Fabrikation von Schwarzpulver zu vermeiden, das treibende Moment für die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft
durch Maschinen. Auch heute noch - im Zeitalter der Automatisierung - ist
das Sicherheitsmoment in den chemischen Betrieben ein bestimmender Faktor
einer immer ausgedehnteren Verwendung von Maschinen anstelle menschlicher
Arbeitskraft.
Es kommen natürlich noch andere Motive hinzu, unter anderem betriebswirtschaftliche Erwägungen. Wichtiger jedoch ist die Tatsache, daß die
Fabrikation vieler Erzeugnisse, die noch vor zehn Jahren in rein manueller
Fertigung nicht hätten hergestellt werden können, erst durch die Automatisierung möglich geworden ist. Auch die technische Weiterentwicklung der
automatischen Maschinen, Servosysteme, elektronischer Apparate und verwandter Instrumente, die im Kriege entwickelt wurden, hat weitgehend zu
dieser Evolution in der chemischen Industrie beigetragen.
Mannigfaltigkeit der chemischen Erzeugnisse
Die chemische Industrie stellt heute eine Vielzahl an Waren her, die
man zum größten Teil gar nicht mehr als Chemikalien in engerem Sinne ansprechen kann. Unsere Gesellschaft und ihre Tochterbetriebe zum Beispiel
fabrizieren so unterschiedliche Artikel wie Schwerchemikalien, Kunstdünger,
Parfüms, Farben, Zahnbürsten, Filme und Textilfasern, um nur einige zu
nennen. Von den echten chemischen Produkten erreichen nur sehr wenige den
Verbraucher in der Form, in der sie unsere Werke verlassen. Wenn ich also
ein umfassendes Bild der Automatisierung in der chemischen Industrie geben
wollte, müßte ich ein riesiges Gebiet bearbeiten.
Automatisierung in der chemischen Industrie
Für uns umfaßt die Automatisierung alle jene Maßnahmen, durch die
sich die Produktivität erhöhen und die Kosten senken lassen. Unter anderem
gehören dazu sowohl sämtliche Bearbeitungsmaschinen, der innerbetriebliche
Materialtransport, die zweckmäßige bauliche Ausgestaltung der Werksanlage,
ala

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

als auch die automatischen Maschinen und Instrumente. Meist setzt man
aber in unserem Industriezweig die Automatisierung gleich mit der Verwendung automatischer Apparate, Geräte und Steueranlagen, die eine sorgfältige Überwachung des Fertigungsprozesses ermöglichen. Und auf diesem
Gebiet wurden auch ganz gewaltige Fortschritte erzielt, die ihrerseits
wiederum einen erheblichen Einfluß auf die Gestaltung moderner Werksanlagen und auch auf die Herstellungsverfahren ausüben. Diese Auswirkungen
sollen Gegenstand der nachstehenden Ausführungen sein.
Das Kontrollverfahren jedes einzelnen Fertigungsprozesses läßt sich
auf folgende einfache graphische Formel reduzieren:
Materialeingang

^_____.

Fertigungsprozeß

Fertigprodukt

:

4^~
' Förderanlage

•4-

•. j Kommandogerät _.

Prüfgerät

Stellt das Prüfgerät eine Abweichung des Fertigprodukts von der Norm
fest, so tritt das Kommandogerät in Aktion und bestimmt, was zu tun ist,
um den Materialeingang über die Förderanlage, etwa eines mechanischen Ventils, so zu justieren, daß der Ausstoß wieder der gesetzten Norm entspricht.
Dies nennt man die "direkt wirkende" Kontrolle.
Die Verwendung von Servomechanismen hat sich bei der'Bestimmung des
dynamischen Ablaufs des Fertigungsprozesses und der Steuerung sehr bewährt.
Es ist auf diese Weise gelungen, ein Höchstmaß an Kontrolle zu erreichen.
Allerdings sind die meisten Autoren durch die Erfolge geblendet, die man mit
der Methode der mathematischen Berechnung durch Servomechanismen bei der Ermittlung des dynamischen Verhaltens der im Fertigungsprozeß verwendeten Geräte und Kontrollanlagen erzielt hat, daß sie die Begrenzungen nicht erkennen
wollen, die uns durch ein Element unseres obigen Schaubildes auferlegt werden
Das Prüfgerät. Es wird nämlich allzu häufig einfach als eine unter vielen Maschinen betrachtet, während ja doch von ihm Erfolg oder Versagen des gesamten
Kontrollsystems abhängt. Meines Wissens ist das Versagen des Kontrollsystems
meist auf Unzulänglichkeiten des Prüfgeräts zurückzuführen. Im allgemeinen
erklärt sich das Versagen daraus, daß man eine Eigenschaft des Fertigprodukts

an Hand der für eine andere Eigenschaft ermittelten Meßwerte kontrollieren
wollte .
Früher mußten wir uns auf Kontrollverfahren beschränken, bei denen man
von Temperatur, Druck, Flüssigkeitsspiegel, Strömung und einigen anderen mit
den üblichen Meßgeräten zu ermittelnde Grundwerten ausging.
Heute werden Instrumente angeboten, mit denen praktisch jede bekannte
Variable zu messen und zu kontrollieren ist. So verwenden wir beispielsweise
Instrumente, mit denen wir Drücke von 1 0 " 1 U bis zu 10 000 at, Temperaturen voi
absoluten Nullpunkt (-273°) bis zu mehreren Millionen Grad, und Strömung von
wenigen Millilitern bis zu Tausenden von Litern in der Minute messen können.
# # # (Teil II folgt in Nr.13/C, 28.3.1956)

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�'ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VIIl)
Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V. F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik
der Firma E. I. du Pont de Nemours &amp; Comp. Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil 2)
(120 Zeilen)
Fortschritte in der Meßtechnik

v

Wenn auch diese Variablen des Fertigungsprozesses sehr wichtig
sind und den größten Teil der Kontrollelemente beim automatischen Fertigungsprozeß erfordern, so erkannten wir doch bald, daß eine laufende
Messung auch anderer Variablen des Fertigungsprozesses noch weitere
Verbesserungen sowohl der'Maschinen und Apparaturen als auch der
Qualität des Fertigproduktes ermöglichen würde. Zu diesen Variablen
gehören unter anderem chemische Zusammensetzung, Farbe, Molekulargewicht
sowie die Viskosität. Weitere Verbesserungen wären die laufende Messung
des Gewichts per Längeneinheit bei Garnen und Fasern, der Dicke von
Filmen und Scofi'en und des molekularen Aufbaus bei Filmen und Fasern.
Meßinstrumente für solche laufende Kontrollen gab es aber noch nicht.
Wir waren uns klar darüber, daß die Hersteller von Meßinstrumenten
derartige komplizierte Geräte nicht liefern konnten, da die Entwicklungskosten sehr hoch liegen und der Markt verhältnismäßig klein ist.
Hierzu kommt noch, daß sie jene Probleme, die wir gerne gelöst hätten,
gar nicht genügend kannten.
Daher haben viele chemische Werke und Ölgesellschaften ihre eigenen Forschungslaboratorien und Konstruktionsbüros eingerichtet, um sich
die für ihre besonderen Zwecke nötigen Geräte selbst zu bauen. In
vielen Fällen erhielten die Herstellerfirmen von Meßgeräten eine
Lizenz, die in diesen Laboratorien und Konstruktionsbüros entwickelten
Geräte für die gesamte Industrie herzustellen. Ein auf diese Weise heute
allgemein erhältliches neues Instrument, durch das eine ganze Reihe
neuer Arbeitsgänge möglich wurde, ist der kontinuierlich arbeitende
Gasstrom-Analysator. Vor zehn Jahren noch gab es nur ganz wenige

- 1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

wenige Instrumente zur laufenden Bestimmung der Gaszusammensetzung,
durch die der Fertigungsprozeß hätte automatisch gesteuert werden
können. Heute haben wir Verfahren zur Analyse jedes beliebigen Gasstroms
an der Hand, mit deren Hilfe sich Gase in einer Konzentration von
millionstel Bruchteilen bis zu 1 00/Ü nachweisen lassen. Diese neuen Instrumente reagieren so schnell, daß sie sich bei Koppelung mit einer
Kontrollvorrichtung zur automatischen Steuerung des Fertigungsprozesses
verwenden lassen. Die vielseitigsten dieser Instrumente arbeiten nach
dem Prinzip der Lichtabsorption. Außerdem gibt es neuartige Instrumente,
die die Fertigprodukte auf Dicke, Form, Farbe, Dichte, Viskosität oder
andere meßbare physikalische Eigenschaften prüfen. Gegenwärtig wird an
der Entwicklung von Instrumenten gearbeitet, die eine laufende Analyse
von Flüssigkeiten und festen Stoffen ermöglichen. Einige dieser Instrumente sind regelrechte Chemiewerke en miniature, um die zur Ermittlung zuverlässiger analytischer Werte erforderliche Empfindlichkeit
zu sichern.
Diese Erfindungen haben nicht nur einen entscheidenden Einfluß
auf die Gestaltung neuer Werke, sie können auch ganz wesentlich zur
Kostensenkung bei den bisher üblichen Fertigungsverfahren beitragen.
Es läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß es in unserer Industrie keinen
Fertigungsprozeß gibt, der nicht durch einige dieser modernen Instrumente verbessert werden könnte, es sei denn, man verwendet bereits
moderne Apparate, die einen Ertrag von 1QC&gt; oder darüber abwerfen und
einen Aufwand an Arbeitskosten verursachen, der gleich Null ist.
Einrichtung eines mit modernsten Instrumenten gesteuerten
Fertigungs-Programms
Damit ergibt sich die Frage, was die chemische Industrie tun
könne, um diese neuen Erfindungen praktisch auszunutzen. Die Betriebsingenieure sind im allgemeinen so überlastet mit Routinearbeiten,
daß sie häufig jeder Änderung eines eingespielten Produktionsverfahrens geradezu feindlich gegenüberstehen. Im allgemeinen sind sie mit
dem üblichen Produktionsablauf und dem vorhandenen Maschinenmaterial
zufrieden, solange der Ausstoß der gesetzten Norm entsprieht. Dies
trifft vor allem für Ingenieure zu, die bereits einige Jahre auf ihrem
Posten arbeiten. Daher muß die oberste Betriebsleitung die Initiative
ergreifen, wenn ein Automatisierungsprogramm erfolgreich sein soll.

In
- 2 -

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

In den einzelnen Pertigungsabteilungen sollten Forschungsstäbe
für den Einsatz von Instrumenten gebildet werden, um die Anwendbarkeit
neuer Meß- und Kontrollmethoden auf bestehende Fertigungsverfahren zu
prüfen. Sodann sollten gewinnversprechende Anlagen eingebaut werden,
um den Setriebsingenieuren die Möglichkeit zu geben, aus erster Hand
die Vorteile des Arbeitens mit Instrumenten kennenzulernen, die ein
genaues Bild vom jeweiligen Stand der Fertigung geben und ein rechtzeitiges korrigierendes Eingreifen gestatten.
Der springende Punkt hierbei ist lediglich, wo man das technisch
geschulte Personal für diese Arbeit findet. Hierzu sind nämlich Kenntnisse auf den Gebieten der Chemie, des chemischen Apparatebaus, des
Elektroapparatebaus, der Physik, der Instrumentenkunde und so weiter
erforderlich. Die Absolventen der Colleges sind zwar nicht, wenn ich
so sagen darf, das von uns gewünschte "Fertigfabrikat", sie sind jedoch
ausgezeichnetes "Rohmaterial". Hier helfen unsere Fortbildungskurse
weiter, bei denen begabten Nachwuchskräften- in praktischer Arbeit und
unter Anleitung erfahrener Ingenieure Gelegenheit geboten wird, das
erforderliche Fachwissen zu sammeln. Wir brauchen aber auch sachkundiges Personal für Pflege und Unterhalt der Maschinen. Der "Meßingenieur
alten Stils wird sich diesen neumodischen Erfindungen zunächst widersetzen. Daher muß man ihm Männer zur Seite geben, die etwas von Elektronengeräten und Optik verstehen, Männer, die einen Lötkolben oder
eine Federzange statt eines Schweißbrenners und einer Rohrzange zu
handhaben wissen.
Bei dem heutigen Stand der Technik lassen sich mit den auf dem
Markt angebotenen Geräten etwa 80 bis 90 c/o aller jener Probleme lösen,
die mit der Automatisierung durch Verwendung neuer Apparate verknüpft
sind. Die Modernisierung der heute üblichen Fertigungsverfahren durch
solche Apparate wird sich reichlich bezahlt machen. Die großen Herstel»
lerfirmen derartiger Instrumente verfügen auch über Verkäufer, die das
nötige Fachwissen mitbringen und bei der Lösung dieser Probleme helfen
können. Es ist dies ein Gebiet, auf dem die betrieblichen Forschungsstäbe von den bisher gesammelten Erfahrungen profitieren können. So
werden sie auf gar nicht so kostspielige Art das Fachwissen erwerben,
das sie in die Lage versetzen wird, allmählich schwierigere Probleme der

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

der Automatisierung zu meistern. Diese Erfahrungen werden dann die
Grundlage für Forschungsprojekte bilden, die die künftigen Erfordernisse des Werkes im voraus bestimmen sollen.
Schlußbemerkungen
Während die Investitionen für Instrumente und Geräte vor zehn
Jahren etwa 1 bis 2c/o des Anlagevermögens ausmachten, ist ihr Anteil
bei den Werken, die in den letzten vier bis fünf Jahren gebaut wurden,
auf 7 bis '[Qffo angestiegen. Diese verstärkte Ausrüstung mit Apparaten
wird voraussichtlich so lange zunehmen, als sich die Gesamtaufwendungen für Investition und Betriebskosten durch die Verwendung kleinerer Apparaturen - das Ergebnis der schnelleren und exakteren Kontrolle - senken lassen. Es gibt viele verlockende Möglichkeiten, die
Gesamtbetriebskosten zu senken, indem man die im Fertigungsprozeß
benutzten Apparate mit den Kommandogeräten koppelt, um den Materialfluß zu steuern und zu überwachen und buchhaltungstechnisch

zu erfassen.

Viele der großen Gerätebaufirmen versuchen, die Industrie für Apparate
zu interessieren, die diese Kopplung ermöglichen. Dies wird das letzte
Glied der Kette zur Verwirklichung des vollautomatisierten Chemiewerkes bilden. Bis es so weit sein wird, muß die chemische Industrie
auch weiterhin Pionierarbeit bei der Entwicklung jener vielen Spezialapparate leisten, die eine laufende Kontrolle über jede Phase
des Produktionsprozesses ermöglichen. Sie müssen ihren eigenen Mitarbeiterstab heranbilden, der eine erfolgreiche Arbeit auf diesem Gebiet gewährleistet. Diesem Stab müssen qualifizierte Apparatemechaniker, Apparatebauer sowie Physiker für Forschung und Entwicklung
angehören. Die oberste Betriebsleitung muß sich darüber informieren,
welchen Gewinn ein Automatisierungsprogramm verspricht. Sofern es
rentabel erscheint, wird es nur zu verwirklichen sein, wenn sie sich
aneingeschränkt dafür einsetzt.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Bedeutung der
Automation für die Betriebsstatistik")
* * * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(IX)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Möglichkeiten zur Verwendung automatischer Dokumentationsmittel in der
Marktforschung
Von Frederick K. Lei seh
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil I)
( 134 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Art und Weise, wie angebliche Wirtschaftsfachleute in den letzten Jahren zur Frage der Automatisierung Stellung nahmen, erinnert sehr an jenen Straßenpassanten, der einem Bagger bei
Ausschachtungsarbeiten zusieht und in den Ruf ausbricht: "Diese Maschine macht 100 Schachtarbeiter brotlos." Was Wunder, wenn ihm jemand
zur Antwort gibt: "Nein, sogar 5000 Arbeiter, denn man könnte ja auch
mit Teelöffeln graben lassen."
Wir dürfen nicht den Rückschritt predigen, sondern müssen den
Weg für den weiteren Fortschritt ebnen. Das gilt auch für die Automatisierung.
In Wahrheit ist die Automatisierung nichts anderes als die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der bereits in der Steinzeit einsetzte, als der Mensch sich die ersten Werkzeuge schuf: Knüppel, Hammer,
Hebel, Rad und so weiter.
Wir beschleunigen heute lediglich einen Entwicklungsprozeß, der
den Menschen geistig befreien wird, so wie die sogenannte industrielle
Revolution ihm physisch befreit hat.
Diese Entwicklung muß allein schon deshalb gefördert werden, weil
sonst die notwendige rasche Expansion unserer Wirtschaft angesichts
des nur geringfügig zunehmenden Arbeitspotentials,nicht möglich ist.
Überblick
Soviel zur Notwendigkeit der Automatisierung. Ich will nunmehr
versuchen, einen allgemeinen Überblick über die Gründe zu geben, die
die "A.C. Nielsen Company" nach eingehenden Erwägungen veranlaßt haben, elektronische Rechenmaschinen zu verwenden. Zunächst einmal darf
ich einiges über die Tätigkeit unserer Gesellschaft sagen. Seit 1953
haben wir uns mit der Erforschung von Massenmärkten und dem Einfluß
der Massenwerbungsmedien Rundfunk und Fernsehen auf den Absatz befaßt. Unsere Marktforschung richtet sich hauptsächlich auf Arzneiund Lebensmittel.
' Alle

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4. April 1956

Alle zwei Monate werden durch 200 Angestellte unseres Außendienstes die Kassenbelege und Lagerlisten von über 3000 Lebensmitteleinzelhandelsgeschäften, Drogerien und Apotheken erfaßt. Auf Grund des
so gewonnenen statistischen Materials wird in unserer Zentrale in
Chicago der Nielsen-Lebens- und Arzneimittelindex zusammengestellt,
der insgesamt 150 Warengattungen umfaßt. Die Zentrale und unsere
Kundendienst-Außenstellen in Chicago, New York und San Francisco beschäftigen insgesamt 1100 Angestellte. Weitere 1000 Mitarbeiter sind
in acht kleineren Auslandsfilialen tätig.
Das zusammengetragene Material besteht in erster Linie aus Zahlenangaben, die handschriftlich in besondere Formblätter eingetragen
wurden. Diese Formblätter zeigen für jede Warengattung und jeden zu
beobachtenden Artikel, eventuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Abpackung, eine gesonderte Spalte, in die - für jeden erfaßten Betrieb gesondert - der Umsatz während der vorausgegangenen zwei Monate
und andere einschlägige Angaben für jeden einzelnen angeführt werden.
Die Eintragungen zeigen:
1. Die früheren und die gegenwärtigen Lagerbestände und die in
den Lagerbeständen eingetretenen Veränderungen in Wareneinheiten;
2. die Käufe des Einzelhändlers in Wareneinheiten und Dollars;
3. den Absatz in Wareneinheiten, errechnet auf Grund der Ab- und
Zugänge des Lagers;
4. die Verkaufspreise der erfaßten Waren, nach denen sich der
Dollarwert der Umsätze bei den einzelnen Warengattungen berechnen
läßt; und schließlich
5. Angaben über die Absatzentwicklung, aus denen sich die Auswirkungen besonderer Kaufanzeigen, wie etwa Ausstellungen, Sonderangebote und Rabatte, ersehen läßt.
Alle zwei Monate senden unsere Außenstellen fast 350 000 Formblätter mit den oben beschriebenen Daten an unsere Chicagoer Zentrale,
diese Formblätter enthalten etwa 1,5 Millionen Spalten mit Zahlenangaben. Nach vorsichtigen Schätzungen werden in unserer "Zahlenfabrik"
in Chicago also alle zwei Monate etwa 150 Millionen Zahlen verarbeitet.
Nach gründlicher manueller Aufbereitung durch einen Stab von 180
Angestellten wird jede einzelne Ziffer aus den Unterlagen auf eine
80-spaltige Lochkarte übertragen. Im allgemeinen wird dabei jede
Spalte der vom Außendienst eingereichten Formblätter auf eine sogenannte Einzelkarte gelocht. Unsere Lochabteilung, die mit IBM-Lochern des Typs 024 ausgerüstet ist und 22 Locherinnen beschäftigt,
stellt also alle zwei Monate mindestens 1,5 Millionen solcher Karten
her.
Der nächste Schritt ist das sogenannte Tabellieren. Hierbei werden gleiche Angaben von sämtlichen erfaßten Geschäftsbetrieben zusammengestellt, nach den Ergebnissen der Repräsentativerhebung wird dann

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

dann mathematisch der Gesamtindex für jeden Artikel für die zwei Monate
des Berichtzeitraums errechnet.
Ende des Jahres 1954 beschäftigte die Abteilung, die die eingeenen Unterlagen in der geschilderten V/eise auswertet, 67 Angestellte.
Sie waren mit einem 16 OOO-Punkte-IBM-Maschinensatz ausgerüstet, der
aus Sortiermaschinen vom Typ 082, Kartenmischern vom Typ 077, Kartendopplern vom Typ 513, Tabelliermaschinen vom Typ 416 und Rechenlochem
der Typen 6O4 und 607 bestand.
In der ersten Phase des Tabellierens wurden die anderthalb Hillionen
Einzelkarten nach den einzelnen Warengattungen und Artikeln aussortiert.
Dann werden die Karten je Artikel in etwa 125 sogenannten "Sollzahlgruppen" unterteilt. In den Sollzahlgruppen werden die Auswertungsergebnisse nach Art, Größe und geographischer Lage der Geschäftsbetriebe,
von denen die ursprünglichen Unterlagen stammen, zusammengefaßt.
Mit Hilfe der so gewonnenen 125 "Ausweitungsfaktoren" werden nach
dem Verfahren der arithmetischen Projektion die Angaben der erfaßten
Betriebe bezüglich ihrer Einkäufe, Verkäufe und des Inventars zum
Beispiel für die Beurteilung der Absatzmöglichkeiten in einem bestimmten
Gebiet verallgemeinert. Eine zweite Variable der Projektions-Kontrollgleichung ist der Faktor der "verflossenen Tage", der automatisch die
Veränderungen berücksichtigt, die zwischen dem Tag der Ausfüllung der
Formblätter und dem Stichtag für den Index verstrichen sind.
Die bearbeiteten Daten gelangen schließlich in die Berechnungs-,
Prüfungs- und Vervielfältigungsabteilung. Hier werden von etwa 100
ganztägig beschäftigten Mitarbeitern die Endergebnisse ermittelt und
festgehalten. Für diese Arbeiten lassen sich nach dem gegenwärtigen
Stand der Technik nur halbautomatische Büro- und Rechenmaschinen
verwenden.
Entwicklung der Arbeits- und Materialkosten
Für die hier aufgezeigten Arbeiten beschäftigen wir etwa 37O
Angestellte. Für Gehälter, Maschinenmieten und Materialkosten wendeten
wir im Jahre 1954 in diesem Teil unseres Betriebes insgesamt 1,59
Millionen Dollar auf.
Dies ist ein relativ niedriger Stand, wenn man berücksichtigt,
daß wir bei den soeben beschriebenen Arbeitsvorgängen, in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 5 Jahren, von 1950 bis einschließlich 1954,
eine 28prozentige Steigerung der Arbeitsleistung, ein Ansteigen der
Zahl der Beschäftigten um nur 10yo (von etwa 34O auf insgesamt 370),
Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 43 r/o (gegenüber einem
allgemeinen Anstieg der Löhne und Gehälter in Chicago um 35%) sowie
•eine 88prozentige Erhöhung der Mieten der Tabuliermaschinen und
der Preise für Lochkarten zu verzeichnen hatten.
Dem steht ein nur 60prozentiges Steigen der direkten Kosten von
knapp 1 Million Dollar auf die genannten 1,59 Hill.
Dollar gegenüber.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

Diese Zahlen erfüllen mich mit Stolz, zeigen sie doch, daß unsere
Rationalisierungsfachleute Mittel und Wege gefunden haben, die es uns
durch Verwendung mechanischer Betriebsmittel gestatten, bei einer nur
geringfügigen Erweiterung einer besser ausgebildeten und besser bezahlten Belegschaft eine weit größere Arbeitslast zu bewältigen.
Hätten wir an den Methoden des Jahres 1949 festgehalten, dann
wären wir gezwungen gewesen, im Jahre 1954 435 statt 370 Personen
zu beschäftigen.
Eine so große Einsparung an Personal ist selbstverständlich von
Bedeutung. Die nachfolgend genannten Tatsachen sind kaum von geringerer
Bedeutung.
1. Diese Einsparungen sind einzig und allein von unseren eigenen
Rationalisierungsfachleuten in Zusammenarbeit mit den Vertretern der
Kundendienste der Firmen erzielt worden, die uns die Ausrüstung geliefert haben.
2. Die Verbesserungen der letzten fünf Jahre krönen eine fast
sechzehnjährige evolutionäre Entwicklung innerhalb unseres Betriebes.
J. Die gesamte mit dieser Entwicklung zusammenhängende Mechanisierung wurde bis zum Jahre 1954 ausschließlich mit den üblichen
Lochkarten-Tabelliermaschinen und
lochkartengesteuerten Rechenmaschinen bewirkt.
Diese Tatsachen berechtigen, meiner Ansicht nach, zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung darstellt, die bereits seit sehr langer
Zeit unter anderer Bezeichnung vonstatten geht.

(Teil II folgt in Nr. 15/c vom 4.4. 1956)

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11. April 1956

WTRT5CHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(ix)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil II)
In dem ersten Teil des Artikels geht Leisch
auf die Entwicklung der Automation ein und
berührt dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten, sich schon im Jahre 1946 eingehend
mit diesem Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufs und der Rationalisierungs-Maßnahmen während der letzten Jahre
kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung ist.
(150 Zeilen)
Untersuchung der Verwendungsmöglichkeiten elektronischer
Rechenmaschinen
Schon im Jahre 1946 begannen wir, ein aktives Interesse für elektronische Rechenmaschinen zu zeigen. Unsere Gemüter erhitzten sich bei
dem Gedanken, daß wir bei all den geschilderten Arbeitsgängen mit einer
Investierung von nur 350 000 Dollar jährlich 600 000 Dollar einsparen
können.
Im Jahre 1950 aber begann sich unsere Begeisterung zu legen. iVir
hatten nach vierjährigen Untersuchungen der Verwendungsmöglichkeiten
elektronischer Rechenmaschinen gelernt, uns mit der unvermeidlichen Tatsache abzufinden, daß sich eine entsprechende Umstellung unseres Betriebes wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließe.
Wie sich später herausstellte, war unser voreiliger und scheinbar
unfruchtbarer Vorstoß in das Gebiet der elektronischen Rechenmaschinen
doch nicht so ergebnislos. Einmal hatte sich gezeigt, daß wir im eigenen
Betrieb über Leute verfügten, die wohl imstande waren, alle jene Fragen
zu lösen, die im Zusammenhang mit der Verwendung von Elektronenrechenmaschinen auftauchen könnten. Wir hatten ferner gelernt, daß es unseren
Leuten gegebenenfalls leichter sein werde, ihre Kenntnisse von den Rechenmaschinen zu vervollkommnen, als betriebsfremden Spezialisten eine
klare Vorstellung von unseren Betriebserfordernissen zu geben.
Unsere Untersuchungen in den Jahren 1946 bis 1950 haben sich übrigens sehr vorteilhaft auf die von uns angewandten herkömmlichen Methoden
der Datenbearbeitung ausgewirkt. Nachdem wir unsere Studien im Jahre 1950
mit einem scheinbaren Mißerfolg abgebrochen hatten, machten wir uns ernsthaft ans Werk, um das Äußerste aus den herkömmlichen Methoden herauszuholen, mit denen wir uns, wie es damals schien, noch lange Zeit wurden
begnügen müssen.
Dennoch
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Dennoch waren wir, als sich im Herbst 1952 neue Aussichten boten,
nach wie vor'bereit, uns abermals mit der Frage der Elektronenrechenmaschinen zu beschäftigen. Wir hatten damals erfahren, daß inzwischen
einige der Unzulänglichkeiten dieser Maschinen, die uns vor zwei Jahren
veranlaßt hatten, von der Umstellung abzusehen, behoben worden waren.
Wir zogen deshalb drei der am besten qualifizierten Leute, die bereits von 1946 bis 1950 unserem Untersuchungsstab angehört hatten, aus
dem Arbeitsprozeß heraus und setzten sie im September 1952 wieder für
Arbeiten am Projekt der elektronischen Rechenmaschine an. Es war ihre
Aufgabe 1
1. Die Konstruktionsmerkmale und Kapazitäten aller auf dem Markt
erhältlichen und bereits praktisch erprobten Elektronenrechenmaschinen
nach folgenden Gesichtspunkten zu überprüfen: Verwendbarkeit für unsere Aufgaben, Betriebsbereitschaft im Hinblick auf unsere notwendigerweise termingebundene Arbeit, Zuverlässigkeit und Möglichkeiten der
Fehlerkontrolle, Arbeitstempo und Lieferbarkeit.
2. Kostenvorschläge für diejenigen Maschinen oder Maschinenanlagen,
die diesen Voraussetzungen entsprechen, entweder für den gesamten Betrieb oder für die in Frage kommende Abteilung anzufertigen. Zu diesem
Zweck mußten - unter Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Betriebskosten und der Zeitpläne - die Verteile der verschiedenen Maschinen
gegeneinander abgewogen werden. Auch galt es zu untersuchen ob solche
Maschinen gemietet, gepachtet oder erworben werden sollten.
Die einzelnen Phasen dieser Untersuchungen zu schildern würde zu
weit führen. Ich beschränke mich deshalb auf eine Darstellung der Ergebnisse sowie auf die daraus resultierenden Entscheidungen und deren
praktische Durchführung.
Gesammelte Erfahrungen
Das wichtigste Ergebnis war vielleicht die Bestätigung unserer
schon in den Jahren 1946 bis 1950 gesammelten Erfahrungen, daß es
keine Patentlösung oder auch nur eine leicht verallgemeinernde Antwort auf irgendein spezifisches Problem der Verwendung von elektronischen
Rechenmaschinen gibt.
Die Untersuchungen sowie die Abfassung des Berichtes und der Vorschläge, wie sie von der Betriebsleitung schließlich angenommen wurden,
nahm 16 Monate in Anspruch.
Die Programmierung des Arbeitsablaufes sowie die Ausbildung von
Programmern, Ködern und Automatentechnikern füllte die ganzen 12 Monate
aus, die von der Erteilung des Auftrags bis zur Inbetriebnahme der
ersten Maschine verstrichen.
Wir benötigten also insgesamt 28 Monate vor Beginn der Untersuchungen bis zur Arbeitsaufnahme der ersten Maschine. Die Kosten für die
durchgeführten Studien beliefen sich auf 51 000 Dollar.
Jeder Bericht über die Erfahrungen, die wir im Verlauf unserer
Untersuchungen machten, muß notwendigerweise unter der strikten Voraus- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Voraussetzung gegeben - und entgegengenommen - werden, daß diese Beobachtungen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, auf die Dokumentationsarbeit in unserem eigenen Betrieb zutreffen.
Im einzelnen sind wir zu folgenden Erkenntnissen gelangt.
1. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine elektronische Rechenmaschine für wissenschaftliche Aufgaben oder in einem Betrieb verwendet
wird. Bei wissenschaftlichen Problemen wird normalerweise mit relativ
wenigen Eingabedaten und Endresultaten gearbeitet, die oftmals ziemlich
komplizierte mathematische Berechnungen erfordern. In einem Betrieb fallen
gewöhnlich - und ganz besonders in unserem Falle - erhebliche Mengen an
primären Daten und entsprechend viele Resultate an, die meist durch relativ einfache arithmetische Berechnungen gewonnen werden können.
2. Es hat wenig Sinn, bei der Verarbeitung der Daten ein phantastisch
schnelles Tempo zu erreichen, wenn nicht auch die Eingabe der Daten entsprechend rasch erfolgen kann.
3. Eine große Speicherfähigkeit ist immer dann ein kostspieliger
Luxus, wenn diese nicht wirklich dringend benötigt wird und wenn sich
beliebige Einzeldaten nicht durch einfache Programmierung rasch und
prompt herausziehen lassen.
4.. Die Lochkarten bieten, wenigstens in unserem Falle, auch weiterhin erhebliche Vorteile als externes Speichermedium, sofern ein Betriebsvorgang umfangreiche Sortierarbeit einschließt. Die Arbeit mit Lochkarten
gestattet überdies die Verwendung relativ billiger Zusatzgeräte für die
Eingabe und den Ausstoß an Daten.
5. Besondere Bedeutung kommt der Durchführung von Vorversuchen zu.
In unserem Falle wäre es sehr riskant gewesen, von der Programmierung
auf dem Papier sofort zum automatischen Betrieb überzugehen, ohne vorher
sowohl die Maschinen als auch den programmierten Betriebsablauf praktisch
zu erproben.
Angesichts der Tatsache, daß unser Index und unsere Berichte auf jeden
Fall termingemäß herauskommen müssen, wäre eine Automatisierung des Betrieb
für uns völlig undenkbar gewesen, wenn uns die Lieferfirma nicht bereits
vorher eine gleiche oder ähnliche Maschine für Versuchszwecke hätte überlassen können.
6. Die Umstellung von einem Betriebssystem auf das andere muß ohne
Beeinträchtigung der laufenden Arbeiten erfolgen. In unserem Falle wäre
es vollkommen unmöglich gewesen, den Betrieb von einem Tag zum anderen
umzustellen. Wir standen deshalb vor der Wahl, einen längeren Zeitraum
hindurch beide Betriebsmethoden gleichzeitig anzuwenden oder aber uns
für eine Rechenmaschine zu entscheiden, die sich ihrer Konstruktion und
Arbeitsweise nach eher für eine evolutionäre als für eine revolutionäre
Umstellung des Systems eignet. Das war für uns nicht so sehr eine Frage der
Kostensenkung der Umstellung als der Einhaltung der Ablieferungstermine
für unsere Berichte.
7. Maschinen von geringerer Kapazität mögen unter Umständen größeren
beziehungsweise schnelleren Typen in der Praxis sogar überlegen sein.
Das traf aus zweierlei Gründen in unserem Falle zu.
Der

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"AMERIKA DIENST" - '.VIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Der erste dieser Gründe war der, daß sich unser Betrieb - wie
schon gesagt - viel besser für eine schrittweise als für eine plötzliche Umstellung eignet.
Die zweite Überlegung, die für die Verwendung von Rechenmaschinen
geringerer Kapazität sprach, war das Argument, daß man eben nicht alles
auf eine Karte setzen soll. Man darf von einem Elektronengerät von solcher Kompliziertheit niemals erwarten, daß es ständig betriebsbereit
ist. Infolgedessen bietet die Verwendung mehrerer kleinerer Einheiten
größeren Vorteil.
8. Auch Personalfragen sollten bei der Auswahl von Elektronenrechenmaschinen berücksichtigt werden. Die Art unserer Tätigkeit bringt
es mit sich, daß wir eine intensive innerbetriebliche Schulung unseres
Personals betreiben müssen. So bilden wir nun unseren Nachwuchs für gehobene Positionen selbst heran. Im vorliegenden Falle bedeutete das,
daß wir logischerweise einer Rechenmaschine den Vorzug geben mußten,
die die besten Umschulmöglichkeiten für unser Personal bieten würde.
9. V/as den eventuellen Erwerb solcher Maschinen angeht, so galt es
schließlich noch die Frage zu überlegen, in welchem Zeitraum wir die
Kapitalabschreibung vornehmen konnten. '.Vir kamen gegen Ende des Jahres
1953 zu dem Schluß, daß Maschinen auf Grund der raschen Entwicklung auf
dem Gebiet der Elektronentechnik sehr bald veralten würden. Dieser Umstand und das statistische Material über die voraussichtlichen Betriebskosten und Einsparungen führten mit zu unserer •'Entscheidung, die Rechenanlagen zu mieten und nicht käuflich zu erwerben.

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�"ALIERIKA DIENST" - ,/IRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Apfil

1956

y/IRTJCHAPTiJ REPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IX)
Die B e d e u t u n g d e r " A u t o m a t i o n " f ü r d i e B e t r i e b s s t a t i s t i k

(Teil III
und S c h l u ß )

Von Frederick K. Leisch,
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Company
(Quellenangabe erforderlich)

( 130 Zeilen)
In den beiden ersten Artikeln geht Leisch auf
die Entwicklung der Automation ein und berührt
dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten,
sich schon im Jahre 1946 eingehend mit diesem
Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufes und der Rationalisierungsmaßnahmen
während der letzten Jahre kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich
eine Fortsetzung einer evolutionären Entwicklung
ist. Der Verfasser beschreibt dann im einzelnen
die tec'nischen Verwendungsmöglichkeiten von
elektronischen Rechenmaschinen und führte die
gemachten Erfahrungen seines Unternehmens an.

Die Realisierung unserer Pläne
Die von mir soeben geschilderten Überlegungen führten dahin,
daß wir im Februar 1954 einen früher erteilten vorläufigen Auftrag
für einen Satz von fünf IBM-Magnettrommel-Rechenmaschinen Typ 65O,
Modell 2, bestätigten.
Bei diesem Typ handelt es sich um eine numerische, dezimale
Magnettrommelmaschine. Das Modell 2 besitzt die hohe Kapazität von
20 000 Dezimalziffern bei einer durchschnittlichen Reaktionszeit
von 2,4 tausendstel Sekunden. Eingabe und Ausgabe der Karten erfolgen
mit einer Geschwindigkeit von 200 beziehungsweise 100 pro Minute.
Die Maschine vermag in der Sekunde 80 bis 200 Rechenoperationen auszuführen.
Vier dieser Anlagen sollen bei der Zusammenstellung des NielsenLebensmittelindexes und die fünfte für unsere Meinungsforschung beim
Rundfunk- und Fernsehpublikum verwendet werden.

1

-

T

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND A

18. April 1956

Im Hinblick auf die geplante schrittweise Umstellung des Betriebs
erklärten wir uns damit einverstanden, daß die erste Anlage im Januar
1955 und die übrigen Maschinen zwischen September 1955 und September
1956 in etwa dreimonatigen Abständen geliefert werden.
Bisher konnte dieser Zeitplan eingehalten werden. Die erste
Maschinenanlage wurde am 14. Januar 1955 aufgestellt und eine Woche
später in Betrieb genommen. Die zweite Maschine traf im Herbst ein.
Alle vorbereitenden Programmierungsarbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgewickelt.
Bei einem so komplizierten Umstellungsprozeß, der sich noch
dazu über so viele Monate erstrecken mußte, ist es natürlich viel
zu früh, die erzielten Kosteneinsparungen abschätzen zu wollen. Ich
kann im Augenblick nur soviel sagen, daß die erste Anlage unsere Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen hat - und zwar in so hohem
Grade übertroffen hat, daß unsere Techniker an vorläufigen Kostenund Rentabilitätsrechnungen im Augenblick völlig desinteressiert sind.
i/enn wir sämtliche vier Anlagen vom Typ 65O, die für die Zusammenstellung des Lebensmittelindexes vorgesehen sind, in Betrieb genommen
haben und wenn sie, wie geplant, 1 1/} Arbeitstage für die Datenbearbeitung tätig sind, erwarten wir eine Kostensenkung von sieben bis
acht Prozent gegenüber dem bisherigen Auswertungsverfahren. Wir hatten
uns, von der Aufstellung der ersten Anlage an gerechnet, eine Prist
von 21 Monaten für die völlige Umstellung des Betriebes auf vier
elektronische Anlagen gesetzt, um die höheren Anfangskosten wieder
hereinzuholen. Unsere vorläufigen Schätzungen zeigen, daß wir Einsparungen über diese beiden Ziele hinaus erreichen können.
Regelmäßige halbstündige Pflege und Wartung vor jedem Einsatz
bieten die Gewähr für ein im wesentlichen störungsfreies Arbeiten der
Anlage. Etwa 15 Prozent der Betriebszeit werden gegenwärtig noch für
Programmierung und Versuchsarbeiten aufgewendet} wir schaffen damit
jetzt schon die Voraussetzungen für die restlose Umstellung des Betriebs auf elektronische Dokumentationsmittel nach Lieferung sämtlicher Anlagen.
Was die Exaktheit anbetrifft, so wurden alle unsere Erwartungen
weit übertroffen. In den ersten Betriebsmonaten ist der Maschine nicht

�"AMERIKA DIENST" -

./IrfUCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

nicht ein einziger Fehler unterlaufen.
Neben der ständigen Betriebsbereitschaft und der Exaktheit in
der Datenverarbeitung ist für einen Betrieb wie den unseren der Faktor
Geschwindigkeit von ausschlaggebender Bedeutung. Ein frühzeitiges
Erscheinen unseres Gesamtberichts wird selbstverständlich erst mit
der Inbetriebnahme sämtlicher elektronischer Anlagen möglich sein.
Wir konnten jedoch dank der Verbesserungen der Arbeitsmethoden,
die auf Einführung der ersten Anlage zurückzuführen sind, bereits
die Herausgabe verschiedener Veröffentlichungen beschleunigen und
unsere Kundendienstbüro' in New York und in San Francisco mit vollständigerem Material beliefern.
Die Vollständigkeit der Angaben, die das Elektronengerät Typ
65O in Lochkartenform von sich gibt, und die automatische Projektion
der Zwischensummen auf das voraussichtliche Gesamtresultat - also auf
den Landesindex - gestatten es uns, unsere Tabuliermaschinen der Type
416 mit dreiteiligen "durchschlagpapierfreien" Kopierformblättern zu
speisen und die auf der Ausgabenseite anfallenden Kopien an unsere
Kundendienst-Stellen zu verteilen.
Die praktische Durchführung unserer Entscheidung
Da die aufgezeigten bisherigen Erfolge nicht etwa das Ergebnis
bloßer Zufälle, sondern die Früchte einer sachlichen, vernünftigen
Planung sind, darf ich noch darauf hinweisen, welche Probleme auftauchen und gelöst wurden, nachdem wir im Februar 1954 unseren Auftrag über die Lieferung von 5 Elektronenrechenmaschinen erteilt hatten.
Bei unseren vorbereitenden Arbeiten mußten wir unsere Aufmerksamkeit auf drei große Fragenkomplexe richten:
1.

Für welche Arbeit soll die erste Anlage eingesetzt werden?

2.

Nach welchen Gesichtspunkten soll das Betriebspersonal
ausgesucht werden?

3.

Wie können wir unsere gesamte Belegschaft am besten über
unsere Entscheidungen und deren Auswirkungen informieren?

Die Frage, für welche Arbeit die Maschine eingesetzt werden sollte,
dürfte für ein größeres Publikum uninteressant sein. Grundsätzlich mußten
wir uns entscheiden, ob die erste Anlage ein Viertel der Warenkategorien selbständig bearbeiten oder an allen Arbeitsgängen zu einem Viertel

�"ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Viertel beteiligt werden sollte.
Wir entschieden uns für den zweiten Weg, weil die routinemäßigen Arbeiten sämtlicher Abteilungen ohne größere Unterbrechungen
fortgeführt werden konnten. Wir gewannen so auch Zeit für die Programmierung und Kodifizierung der Arbeit der später zu liefernden Anlagen
und konnten dann noch feststellen, daß dies das am wenigsten kostspielige Umstellungsverfahren war.
Paradoxerweise stieg unsere gesamte Arbeitslast von Beginn des
Jahres 1955 an so stark, daß wir unsere herkömmliche Tabulierungsausrüstung sogar noch ergänzen mußten, statt sie, wie wir anfänglich
planten, zu reduzieren. Die der ersten elektronischen Anlage zuzuschreibenden Einsparungen fanden ihren Niederschlag also nur in einer Senkung der Kosten für die Erstellung des Indexes, nicht aber in einer
direkten Senkung der Gesamtausgaben.
Von Anfang an wurde der Auswahl des Personals größte Bedeutung
beigemessen. Im April 1954 wurde innerhalb unseres eigenen Betriebs
ein Ausbildungskurs für die Programner und Köder eingerichtet. Gleichzeitig wurden erfahrene Industriepsychologen beauftragt, Tests für
den Eignungsnachweis für Automatenführer und -techniker auszuarbeiten.
Heute verfügt unsere Organisation über zwei beratende Techniker,
die dem Produktionschef unserer Lebensmittelindexabteilung beigegeben
sind sowie zwei Programmer, zwei Köder und fünf Automatenführer, die
dem Leiter der Tabellierungsabteilung für den Lebensmittelindex unterstehen.
Ehe wir unsere erste elektronische Rechenanlage in Betrieb nahmen, haben wir ein umfassendes und sorgfältig geplantes Orientierungsprogramm für unsere gesamte Belegschaft gestartet.
Es begann im Grunde genommen bereits im Jahre 1946, als wir bezüglich unserer ersten Vorstudien über die Verwendung elektronischer
Rechenmaschinen eine, wenn ich so sagen darf, Politik der offenen
Tür betrieben.
Diese freimütige Behandlung der Fragen, die uns, die Betriebsleitung, beschäftigten, setzten wir auch im Jahre 1952 fort. Und daran
hat sich bis zum heut.igen Tage nichts geändert.
Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Im September 1954 - etwa drei Monate, ehe die erste Maschine eintreffen sollte - wurden die Herren der Geschäftsleitung, die Abteilungsleiter und die Betriebsingenieure zu einer Besprechung zusammengerufen, um ihnen einen ersten umfassenden Überblick über den Stand unserer Automatisierungsplane zu geben.
In kleineren Besprechungen wurden in den folgenden zwei Monaten
die betreffenden Herren dann über die theoretischen Möglichkeiten zur
Verwendung elektronischer Rechenmaschinen unterrichtet. Sie gewannen
so schon im voraus ein Bild davon, was die Maschinen leisten und was
sie nicht leisten konnten.
In diesen Besprechungen wurden unsere Betriebsingenieure darauf
hingewiesen, wie richtig eine enge Zusammenarbeit zwischen allen betroffenen Abteilungen gerade während der Umstellung sei. Sie

wurden

ferner aufgefordert, ihren Untergebenen alle nur denkbaren Informationen
zu geben.
Letzten Endes war das alles nichts anderes als eine Portsetzung
der erwähnten Politik der offenen Tür. Sie erwies sich aber als ein
hervorragend geeignetes Mittel, um während der Periode des Übergangs
ein Absinken der Arbeitsmoral oder ein Nachlassen der Produktivität
zu vermeiden.Daß dies gelang, ist zweifellos mindestens zum Teil darauf
zurückzuführen, daß unsere gesamte Belegschaft seit langem schon mit
einem unablässigen Auswechseln alter Maschinen durch neue vertraut ist.
Unsere Belegschaft weiß so gut wie wir selbst, daß der Erfolg
unseres Unternehmens zum großen Teil von dieser Art Evolution abhängt.
Und ob der einzelne Angestellte dieses Phänomen nun mit diesem V/ort
umreißen würde oder nicht, so hat er doch sicher das Bewußtsein,
daß auch die Automatisierung nichts weiter ist als die beschleunigte
Fortsetzung einer uns bekannten und notwendigen Entwicklung.

(Quellenangabe erforderlich)

* * * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

. ^TSCKAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DEII AUTOMATISIERUNG

(X)

"Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M. &amp;'• Salveson, Management Consultation Services
(Kundenberatungsdienst)
General Electric Company

- Quellenangabe erforderlich -

( 220 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Bis gegen Ende des Jahres 1955 hatten Privatfirmen in den USA mehr als 40 Großrechenanlagen der Typen UNIVAC,
IBM 702 sowie einige Hundert kleinerer elektronischer Dokumentationsanlagen, wie etwa die UNIVAC-Registratur-Rechenmaschine oder die
IBM 65O, installiert oder in Auftrag gegeben.
Kein Wunder, daß man angesichts solcher Zahlen sehr optimistische
Prognosen über den Siegeszug der Automatisierung zu hören bekommt.
Einschränkend muß ich aber aus meiner eigenen langjährigen Erfahrung
hinzufügen, daß viele Firmen die sehr kostspieligen automatischen
Dokumentationsanlagen nur deshalb erwerben, damit "sie nicht hinter
der Konkurrenz zurückbleiben". Vielfach ist bei einer solchen Auftragserteilung die Frage der Wirtschaftlichkeit derartiger Geräte
bei Verwendung in dem betreffenden Betrieb noch gar nicht hinreichend
geklärt und oft ist dann die Enttäuschung groß und der Mißerfolg
eklatant. Die Entwicklung und der Übergang zu einer wissenschaftlich
fundierten Betriebsplanung werden durch derartige Experimente nicht
gefördert, sondern eher gehemmt.
Im folgenden seien einige jener Erkenntnisse zusammengefaßt,
die der Verfasser auf Grund jahrelanger eigener Forschungen und in
der Zusammenarbeit mit Firmen sammeln konnte, die teils mit Erfolg,
teils aber auch mit enttäuschenden Ergebnissen ihren Betrieb auf
automatische Dokumentaticnsmittel umgestellt haben.
I. Der Betrieb soll die Art der zu verwendenden Dokumentationsmittel bestimmen und nicht umgekehrt.
Das mag eine Binsenweisheit sein. Nur allzuoft aber wird nicht
berücksichtigt, daß die heute verfügbaren elektronischen Geräte an

- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April 1956

an sich für ganz spezifische Zwecke, so etwa wissenschaftliche Berechnungen, gebaut wurden; hier nur arbeiten sie wirtschaftlich. Aber die
Arbeitsgänge bei wissenschaftlichen Rechnungen sind nicht notwendigerweise die gleichen wie bei der im Betrieb zu bewältigenden mechanischen
Dokumentation. Einer Entscheidung darüber, welche elektronischen
Anlagen in einem Betrieb verwendet werden können und sollen, muß
daher zunächst einmal eine genaue Analyse des gesamten Arbeitsanfalls
vorangehen. Dabei ist sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Analyse des zu bewältigenden Arbeitskomplexes unerlässlich.
Eine wesentliche Schwierigkeit, die Elektronentechnik den Anforderungen der modernen Betriebsführung anzupassen, liegt in dem Umstand,
daß wir uns bisher bei solchen Untersuchungen weitgehend auf qualitative Schätzungen verlassen mußten. Infolgedessen ist das verfügbare
quantitative Material - das heißt Angaben in Dollar und Cent ausgedrückt -, auf Grund dessen entsprechende Dokumentationsmittel entwickelt und von den Betrieben ausgewählt werden könnten, auch entsprechend gering. Wir müssen daher folgende Fragenkomplexe genau analysieren:
1)

Kontakte zur Außenwelt; Quellen und Häufigkeit der der Betriebsleitung zufließenden Informationen, Art und V/eise,
wie diese Informationen gesammelt und für innerbetriebliche
Zwecke verwandt und ausgewertet werden.

2)

Innerbetriebliche Informationen; Quellen, Verfügbarkeit und
Koordination der Informationen, Niveau der zu treffenden
Entscheidungen, Terminerfordernisse, Häufigkeit und Größenordnung der Entscheidungen.

Sind alle diese Fragen beantwortet, so erscheint der Betrieb
als "System", und wir haben nunmehr eine feste Grundlage für die Beurteilung, ob sich die Einführung elektronischer Dokumentationsmittel
auch wirtschaftlich lohnt. Auf diese Weise wird der Betrieb zum Modell,
und wir können im voraus bestimmen, welche Auswirkungen ein Eingriff
in den Arbeitsablauf - etwa die Aufstellung einer neuen Maschine auf den Gesamtbetrieb haben wird. Dieses Wissen erleichtert die Entscheidung über die später zu verwendenden Anlagen.
II. Die Verwendung von Elektronenrechenmaschinen für die Ausführung von Büroarbeiten kann deren Einsatz für Aufgaben der Betriebsführung unmöglich machen.
Gemeinhin wird die Anschaffung kostspieliger mechanischer Dokumentationsmittel immer mit dem Hinweis auf die hohen Einsparungen
an Personal und Arbeitszeit in den Büros begründet. Soweit die Kapazität solcher Anlagen nicht voll ausgelastet ist, denkt man an ihre
Verwendung für Aufgaben der Betriebsplanung und -leitung. Die Hoffnung
auf eine doppelte Verwendbarkeit wird einer genauen Nachprüfung nicht
in allen Fällen standhalten.
Die Hauptschwierigkeit liegt in den unterschiedlichen Anforderungen an die Maschinen und in Überschneidungen bei Terminarbeiten. Die
verwaltungstechnischen Arbeiten in der Betriebsführung (Buchhaltung,
Lohnbuchhaitung,iiestandskontrolle) müssen oftmals kontinuierlich abwickelt werden und laufen vielfach nebeneinander her. Sie erfordern
- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

erfordern in den meisten Fällen lediglich ganz einfache arithmetische
Berechnungen. Deshalb eignen sich für diese Aufgaben einfache und nicht
sehr kostspielige Moduleinheiten am besten, die so kombiniert werden
können, daß sie den jeweiligen Anforderungen genügen. Andererseits
benötigt man, wenn das Ziel eine Verbesserung der Entscheidungen der
Betriebsleitung auf Grund wissenschaftlicher Analysen ist, komplizierte,
hochleistungsfähige und schnellarbeitende Großrechenanlagen. Die hier
zu leistenden Arbeiten - Zusammenstellung und Auswertung von Statistiken und die Ausführung schwierigster mathematischer Berechnungen sind ebenso schwierig und komplex wie die Aufgaben in Wissenschaft und
Technik.
Entschließt sich nun ein Betrieb zur Anschaffung von Elektronengeräten, die sich sowohl für Büroarbeiten als auch die betriebliche
Planung verwenden lassen, so besteht die Gefahr, daß Zeitschwierigkeiten auftreten. Während die Rechenanlage beispielsweise routinemäßige Rechenarbeiten, wie etwa die Lohnabrechnungen, erledigt, wird
sie von der Betriebsführung für die Ermittlung wichtiger Daten benötigt. So blockieren an sich weniger wichtige Aufgaben die Maschine
für die Betriebsplanung, und der Betriebsführung geht auf diese Weise
notfalls wichtige und kostbare Zeit verloren.
Aber auch psychologische Erwägungen sprechen gegen die heute allgemein vorgebrachten Rechtfertigungsgründe für die Anschaffung derartiger Geräte. Der Kaufpreis beziehungsweise die Mieten für solche Geräte
sind derartig hoch, daß die Senkung der übrigen Bürokosten - Personaleinsparungen und ähnliches - als unerlässliche Vorbedingung für die
Automatisierung erscheint. Man wird sich also mit unverhältnismäßig
großem.Nachdruck der Mechanisierung einzelner Arbeitsgänge zuwenden
und dabei Gefahr laufen, darüber die Verbesserung des Gesamtbetriebes
zu vernachlässigen. Vielfach wird man auch versucht sein, alle nur erdenklichen Arbeitsgänge von den elektronischen Geräten ausführen
zu lassen, nur um sie auszulasten. Dies führt dann gelegentlich dazu,
daß eine Elektronenanlage, deren Betriebsstunde 300 Dollar kostet,
mit Arbeiten beschäftigt wird, die sich anderweitig für 3 Dollar je
Stunde verrichten ließen.
Diese Einstellung zur Automatisierung ist aber auch noch aus
einem anderen Grunde völlig falsch. Sie räumt den Planungs- und Entscheidungsfunktionen der Betriebsleitung nicht den bedingungslosen
Vorrang ein, der ihr unbedingt zukommt. Obwohl schon Taylor mit
Nachdruck auf diesen wichtigen Gesichtspunkt verwiesen hat, v/ird er
auch heute oftmals noch übersehen.
III. Elektronenanlagen sind Werkzeuge des Menschen, nicht
Selbstzweck.
Auf Grund des ungeheueren Arbeitstempos und der beträchtlichen
Anschaffungskosten nehmen die elektronischen Dokumentationsmittel
innerhalb des Betriebs oftmals eine beherrschende Stellung ein.
Wenn es sich dabei auch nur um eine passive dominierende Rolle handelt,
so können sich daraus doch sehr nachteilige Folgen ergeben. Es sei hier
als Beispiel auf die Tendenz verwiesen, jedwedes Problem mit Hilfe der
Anlage zu lösen, gleichgültig ob sie dafür nun das geeignetste Instrument ist oder nicht,
'.
Be i

�J

"j^lERIKA DIENST" - „•IRT./.'KAFT UND A

25. April 1956

Bei meinen Untersuchungen der Frage, wie elektronische Rechenanlagen, Zusatzgeräte und das Bedienungspersonal am besten in die Gesamtstruktur eines Betriebes eingeordnet werden können, bin ich zu
völlig neuen Ergebnissen gekommen. Die wesentlichste Erkenntnis scheint
mir zu sein, daß Konstruktion, Typenauswahl und Anwendung elektronischer
Rechenanlagen, was die Bewältigung von Aufgaben einer modernen Betriebsführung angeht, eng mit der Anwendung entsprechend moderner Methoden
wissenschaftlicher Forschung und betriebswirtschaftlicher Analysen verbunden sind, wenn nicht sogar von ihr abhängen. Die Verwendung von
Rechenanlagen als wissenschaftliche Instrumente ist nur dann sinn- und
zweckvoll, wenn sie für betriebswirtschaftliche Ziele und nach Methoden
und Ideen eingesetzt werden, die nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen erarbeitet werden.
Dies wiederum setzt natürlich das Vorhandensein eines Stabes
wissenschaftlich geschulten Personals voraus. Das sind unsere Betriebswissenschaf tler . Sie werden zu einer wichtigen Komponente
innerhalb des Betriebsgefüges. Sie sind für die wissenschaftliche
Analyse der Ziele, Pläne und die Festsetzung der Größenordnungen, mit
denen der Gesamtbetrieb arbeitet, sowie für eine Koordinierung der
betriebswirtschaftlichen Methoden innerhalb der einzelnen Abteilungen
verantwortlich. Die Planung, die Methoden und die Größenordnungen der
einzelnen Abteilungen wie Fertigung, Verkauf und Buchhaltung sind
der Gesamtplanung untergeordnet.
Großrechenanlagen oder andere größere elektronische Systeme,
die in erster Linie für die Betriebsführung arbeiten sollen und dem
Zweck dienen, durch Auswertung statistischen Materials die Planung
für den Gesamtbetrieb aufzustellen, sollten den Betriebswissenschaftlern als Hilfsmittel beigegeben und ihnen nicht nur zeitweilig etwa
von der Buchhaltung überlassen werden.
Ehe ein Betrieb also eine Elektronenrechenmaschine aufstellt,
muß sich die Betriebsführung Klarheit darüber verschaffen, für welche
Aufgaben sie eingesetzt werden soll und an welcher Stelle im Betrieb
sie den größten Nutzeffekt zeitigen wird. Vor allem muß man sich
fragen, soll durch ihren Einsatz eine Automatisierung oder Beschleunigung des Arbeitsablaufes oder eine Verbesserung der betrieblichen
Gesamtplanung erreicht werden?
Die dringende Notwendigkeit, eine Antwort auf diese Fragen
zu finden, läßt erkennen, wie genau man die Möglichkeiten zu einer
wissenschaftlichen Untersuchung der gesamten Betriebstätigkeit im
voraus studieren muß und wie v/ichtig es ist, daß diese Untersuchungen
von den richtigen Leuten innerhalb des Gesamtunternehmens durchgeführt werden.
Es gibt genügend Gründe, die für ein solches Vorgehen sprechen.
Auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Analyse sind viele neue Methoden entwickelt worden, die heute für eine Betriebsführung nach wissenschaftlichen Grundsätzen unerlässlich sind. Elektronische Rechenund Dokumentationsgeräte werden eine besonders wertvolle Hilfe sein,
dem Betriebsleiter und Betriebswissenschaftler neue Einsichten in
das Wesen und die Funktion seines Betriebes zu vermitteln. Diese
neuen Einsichten werden sich aber nur dann voll und ganz verwirklichen

4-

�f*

"AMERIKA DIENST" - .VIRTJGIiAFT UNS AI:

25. April 1956

verwirklichen lassen, wenn alle an der Ausarbeitung beteiligten Personen auf das engste mit der Betriebsleitung und den Abteilungsleitern zusammenarbeiten.
IV. Die bildungsmäßigen Anforderungen an Angehörige der Betriebsführung werden einen Wandel erfahren
Es ist wohl klar ersichtlich, daß diese Entwicklung eine Veränderung der Ausbildungsmethoden für die leitenden Angestellten in der
Wirtschaft nach sich ziehen muß. Die neuen Positionen, die geschaffen
werden, erfordern ein kompetentes, gut ausgebildetes und in den
Methoden der wissenschaftlichen Analyse erfahrenes Personal, das
gleichzeitig die Funktionen und das Wesen des Betriebes als System
zu verstehen gelernt hat.
Der Hauptunterschied zwischen den heute üblichen Ausbildungsmethoden und denen der Zukunft ist s' her darin zu suchen, daß die
Grundlage für die Ausbildung bisher im allgemeinen die Geisteswissenschaften bildeten, wohingegen nunmehr die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik, diese Stelle einnehmen werden. Bisher haben
nur wenige Universitäten in den Vereinigten Staaten ihren Lehrplan
darauf eingerichtet, Studierenden eine Ausbildung und Schulung angedeihen zu lassen, die ihn im Verein mit der späteren praktischen
Erfahrung durch die Tätigkeit im Betrieb auf eine Laufbahn in der
modernen Betriebsführung vorbereitet.
Solange solche Nachwuchskräfte noch nicht zur Verfügung stehen,
muß das vorhandene Personal auf die neuen Aufgaben umgeschult werden.
Die Auswahl der hierfür in Frage kommenden Personen soll auf der
Grundlage ihrer Kenntnis in der Betriebsleitung und ihrer verstandesmäßigen und analytischen Anlagen erfolgen. Gewöhnlich wird es sich
um Ingenieure handeln, die in gehobene Positionen in der Betriebsleitung aufgerückt sind. Es können aber auch Verwaltungsfachleute sein,
die ihr mathematisches, statistisches und naturwissenschaftliches
V/issen weiter vervollkommnet haben.
Zusammenfassend darf also gesagt werden:
Die Art des Betriebes muß den Typ der zu verwendenden elektronischen Geräte bestimmen. Elektronische Geräte sind Mittel, nicht
Zweck.
Man muß sich von vornherein darüber im klaren sein, was mit der
Anschaffung erreicht werden soll. Will man die gegenwärtigen Verfahren beschleunigen beziehungsweise weiter mechanisieren, oder will
man ein Mittel an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe man eine genaue
wissenschaftliche Analyse über das Wesen des Betriebes erarbeiten kann,
um auf ihr die v/eitere Planung aufzubauen.
Hierbei muß man vor allem die Möglichkeiten der wissenschaftlichen
Analyse des Betriebs und seine Fähigkeit richtig einschätzen. Eine
solche Analyse kann Klarheit darüber schaffen, wo ein wirklicher Bedarf an elektronischen Geräten besteht und in welcher Weise diese angewendet werden sollten.
Derartige Analysen setzen voraus, daß der Betrieb über die erforderlichen Fachkräfte verfügt, die in Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung dann die neuen Entscheidungen formulieren, auf Grund deren der
Betrieb wirtschaftlicher und rationeller arbeiten kann.
- Quellenangabe erforderlich

- 5-

* * * * *- *

�</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST - SONDERBEILAGEN

1964

= = = = = s= = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = =:s±

DER WEG ZUM V/ELTFRIEDEN
von Walt W. Rostow
EINE V/ELT OHNE KRIEG
Praesident Johnsons
Botschaft ueber die Lage der Nationen. 8. Januar 1964»
DIE NATO HEUTE - EINE ANALYSE
Ansprache des Botschafters George C. McGhee,
vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft im AmerikaHaus, Frankfurt/M., 15. Januar 1964«
DIE WIRTSCHAFTSBOTSCHAFT - PRAESIDENT JOHNSONS
A u s z u e g e
aus dem Wirtschaftsbericht, den
Praesident Johnson am 20. Januar 1964 dem amerikanischen
Kongress vorgelgt hat.
DAS NEUE US-BUDGET EUER 1964/65
Zusammenfassung des neuen US-Haushalts,
den Praesident Johnson am 21. Januar 1964 dem
amerikanischen Kongress vorgelegt hat.
WACHSENDE WIRTSCHAFTSSCHWIERIGKEITEN IN DER
SOWJETUNION
Ein Bericht des US-Zentrslamtes fuer Nachrichten
und Abwehr. (CIA)
DIE OST-WEST-BEZIEHÜNGEN HEUTE
Ansprache des Botschafters George C. McGhee
vor der Deutschen Gesellschaft fuer Auswaertige Politik e.V.,
in Bad Godesberg am 18. Februar 1964»
KEINE VERSCHWENDUNG, KEIN ZURUECKWEICHEN
19. Maerz 1964, V/ortlaut.
Praesident Johnson unterbreitet dem US-Kongress
Auslandshilfe-Botschaft.
WIR HABEN EINE NEUE ARENA BETRETEN
W o r t l a u t
der grossen aussenpolitischen Rede
des US-Praesidenten Lyndon B. Johnson, am 20.April 1964»
N.S. "SAVANNAH"
Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt.
DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANDIERENDEN WELTWIRTSCHAFT
Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee,
gehalten in der Freien Universitaet Berlin, am I.Juli 1964.

�- 2 -

WARREN - BERICHT *)
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen.
*) Report of The President's Commission on the
Assassination of President John P. Kennedy;
United States Government Printing Office,
Washington,D.O.,1964.
GAERUNGSZONE OSTEUROPA
.Ansprache des US-Botschafters George C.McGhee,
vom 13» Oktober 19^4» im Amerika-Haus, Kassel.
DER WELTHANDEL UND DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
von Dean Rusk
W o r t l a u t

der Rede vom 16. November 1964»

�A M E R I K A

Sonderbeilage

D I E N S T

Allg./XVIl/Nr. 1
•
DER WEG ZUM WELTFRIEDEN
Von W a l t W. Rostow

V o r s i t z e n d e r d e s R a t e s f ü r p o l i t i s c h e P l a n u n g im
Außenministerium der Vereinigten Staaten

Präsident Johnsons Entschlossenheit, die Auslandspolitik des verstorbenen Präsidenten Kennedy fortzusetzen, hat die außenpolitische Konzeption der
USA erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit
gerückt. Die nachfolgenden drei Artikel aus der
Feder des Vorsitzenden des Rates für politische
Planung im US-Außenministerium legen diese Konzeption noch einmal dar.
Der Nachdruck der Artikel ist frei und unterliegt
keinerlei Copyright-Beschränkungen.

�Teil I
DAS FEHLSCHLAGEN DER KOMMUNISTISCHEN OFFENSIVE
IN DER NACH-SPUTNIK-PERIODE

Mehr als siebzehn Jahre sind vergangen, seit Stalin im Februar
1946 erklärt hat, die Sowjetunion habe nicht die Absicht, nun mit der
Welt Frieden zu schließen, sondern sei vielmehr entschlossen, den Kampf
bis zur Verwirklichung der Weltherrschaftsziele des Kommunismus fortzusetzen. Diese Haltung der Sowjetunion ist der Grund, warum unsere Nation sich nun seit mehr als einer Generation mit dem Geschäft des Kalten Krieges befassen muß, einem Geschäft, das hohe Anforderungen an
ihre Reserven, Talente und Energien stellte und wahrscheinlich noch in
Zukunft stellen wird.
In dieser Zeit haben wir zwei kommunistische Hauptoffensiven erlebt,
die dazu bestimmt waren, Macht und Einfluß der Kommunisten über die als
Ergebnis des zweiten Weltkrieges gewonnenen Gebiete hinaus auszudehnen.
Von 1946 bis 1951 drängte Stalin heftig, zuerst im Westen und dann im
Osten. Er versuchte, den Iran, die Türkei, Griechenland, Frankreich und
Italien ideologisch- zu durchdringen, und 1948 blockierte er Berlin. Stalins Offensive in Richtung Westen

wurde gestoppt durch die Truman-Dok-

trin, den Marshall-Plan, die Gründung der NATO und durch den Erfolg der
Berliner Luftbrücke.
Seine asiatische Offensive, zu welcher die ausgedehnte Partisanenkriegführung in Indochina, Malaya, Indonesien und auf den Philippinen sowohl als auch der Versuch zur Eroberung Südkoreas gehörten, kam im Frühjahr 1951

zum

Stillstand, nachdem die reorganisierten Truppen der Ver-

einten Nationen in Korea die chinesisch-kommunistischen Armeen auf den
38. Breitengrad zurückgeworfen hatten.
Als im Sommer 1951 in Korea die Waffenstillstandsverhandlungen begannen, hatte Stalin bereits Osteuropa konsolidiert und hatte Mao Tsetung das chinesische Mutterland in seine Gewalt gebracht. Das Schwergewicht der internationalen Macht aber lag noch immer bei den Staaten der
freien Welt.

_T ,
Nach
-

1

-

�Nach dem Tode Stalins, im März 1953, leitetendie neuen Männer in
Moskau mit einer Reihe von Veränderungen auf innenpolitischem, militärischem und außenpolitischem Gebiet ein Programm ein, das einige
Jahre zum Anlaufen brauchte. Außerdem sah man sich einem unterirdisch
schwelenden Machtkampf im Inneren gegenüber, den Chruschtschow erst
1957 für sich entscheiden konnte. So setzte - nach einer relativ ruhigen Phase des Kalten Krieges - erst in diesem Jahr, und zwar kurz nach
dem Start des ersten Sputniks, die zweite große kommunistische Offensive ein. Vor dem Hintergrund dieser technischen Errungenschaft und der
Raketenschlagkraft, die sie verkörperte, begann Chruschtschow seine Raketenerpressungskampagne, initiierte die Berlin-Krise und übte starken
Druck auf die Entwicklungsländer in Südostasien, Mittelost, in Afrika
und Lateinamerika aus.
Die Kommunisten versuchten in diesen Gebieten Subversionsagitation,
Handel und Hilfe aufeinander abzustimmen; sie appellierten an die antikolonialistischen und nationalistischen Instinkte der Bevölkerung und
suchten den Entwicklungsländern auf Kosten des Westens den Kommunismus
als die beste Methode zum Aufbau unterentwickelter Gebiete schmackhaft
zu machen.
Das 1955 m it Ägypten geschlossene Waffenlieferungsabkommen und der
Vertrag über den Bau des Assuan-Staudammes waren erste Schritte in dieser Richtung gewesen. Aber erst drei Jahre später sollte - im Gefolge
des ersten Sputniks - Chruschtschows Offensive auf der Basis dieser
Pläne Gestalt annehmen. Es war im Jahre 1958» als Chruschtschow das
Berlin-Ultimatum stellte und damit einen härteren Kurs bezüglich Berlin
einschlug. Es war im Jahre 1958» als die kommunistische Partei in
Hanoi bekanntgab, daß sie versuchen werde, die Regierung in Saigon
durch einen Guerillakrieg zu stürzen, und sich dann anschickte, dieses
Ziel mit Hilfe des Pathet-Lao systematisch zu verwirklichen.
Es war in dieser Zeit nach dem Start des ersten Sputniks, als die
Kommunisten anfingen, die Unruhen und die Verwirrung im Kongo dazu
zu benutzen, ihn als Basis für die weitere Expansion des Kommunismus
in Zentralafrika auszubauen; und sie investierten eine Milliarde Dollar
an Militärhilfe, um den Bruch - wenn nicht gar einen Krieg - zwischen

-

2

-

�zwischen Indonesien und den Niederlanden herbeizuführen und den
kommunistischen Einfluß in Indonesien zu stärken. Es geschah auch
zu eben jener Zeit - vielleicht war es Zufall ,-,daß Fidel Castro in
Kuba das Regiment übernahm.
Indes, zweimal in diesem Jahre 1958 konnten die Vereinigten
Staaten durch ihre entschlossene Haltung den Kommunisten Einhalt
gebieten, und zwar während der Auseinandersetzung zwischen dem Libanon und Jordanien und in der Quemoy-Matsu-Krise. Dennoch besaß
die von den Kommunisten geführte höchst intensive politische, wirtschaftliche und subversive Kampagne

in den Entwicklungsländern Süd-

ostasiens, Afrikas und Lateinamerikas noch eine erhebliche Schwungkraft.
Kennedy schließlich gelang es im ersten Jahr nach seinem Regierungsantritt im Januar 1961, der kommunistischen Offensive einiges
von ihrem Elan zu nehmen, indem er die Fadenscheinigkeit der beiden
Hypothesen aufzeigte, die die Grundlagen dieser Offensive bildeten.
Nach der im Mai 1961 unter prekären Umständen erreichten Feuereinstellung in Laos und nach der Beilegung der Kuba-Krise im Oktober
1962 war die Aufgabe praktisch vollbracht.
Die erste Zurechtweisung - in bezug auf ihre nuklearen Erpreasungsversuche - erhielten die Sowjets während des Verlaufs der BerlinKrise in den Jahren 1961/62 und im besonderen mit Präsident Kennedys
Erklärungen vom Juli 1961 und den nachfolgenden militärischen Maßnahmen .
Nachdem es den Sowjets nicht gelungen war, die Einheit der westlichen Allianz durch ihre Übergriffe auf die Berliner Luftkorridore
im Februar-März 1962 aufzuspalten, war es ihnen offensichtlich zu
riskant, weitere direkte Unterminierungsversuche zu wagen. Sie zogen
das kubanische Raketenspiel auf, doch sein denouement zwang die Sowjets
zumindest für den Augenblick, ihre Annahme, daß die freie Welt angesichts der atomaren Kriegsdrohung auf Lebensinteressen verzichten
würde, zu revidieren.
Die zweite Zurechtweisung, die die.

Frage betraf, ob es dem

Westen gelingen würde, die kommunistische Expansion in den unterentwickelten Gebieten auszuschalten, wurde den Sowjets auf verschiedene

-

3 -

�verschiedene Weise erteilt, und zwar in Laos, in Vietnam, in Indonesien, in Afrika und Lateinamerika sowie durch die Isolierung der
kommunistischen Regierung auf Kuba und die Gründung der Allianz für
den Fortschritt.
Nach der Beilegung der Kuba-Krise im Herbst 1962 hatte die
kommunistische Offensive in den Entwicklungsländern erheblich an
Stoßkraft verloren. In der Folge ergab sich eine Reihe von Situationen, die sich auf die künftige Sowjetpolitik auswirken mußten.
Erstens hatte der wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas - der
größte seit 1914 - nichts an Schwung eingebüßt, und Europas Heranreife»

zur Großmacht war ebenso wahrscheinlich wie seine wachsende

nukleare Rolle. Moskau kann nicht darauf bauen, daß Westeuropa auf
ewig im Schußbereich der sowjetischen Mittelstreckenraketenstreitmacht verharren wird ohne aktiv an der Abwehr dieser Raketenbedrohung
teilzunehmen.
Zweitens hatten, sieht man von den Bemühungen der USA ab, der Su
versionstätigkeit der Kommunisten in den Entwicklungsländern Einhalt
zu gebieten, die jungen Nationen ihre Unabhängigkeit mit zunehmendem
Geschick und großer Entschlossenheit zu verteidigen gewußt; es sind
dort Kräfte am Werk, die eine kommunistische Machtübernahme in diesen
Gebieten als ein unrealistisches Vorhaben erscheinen lassen - wenngleich diese Tatsache von den Politikern in Moskau - ganz zu schweige»
von Peking, Hanoi und Havanna - offensichtlich noch nicht in ihrer
vollen Tragweite erkannt wird.
Drittens verstärkten die unterschwellig vorhandenen nationalistischen Bestrebungen in den vom Kommunismus beherrschten Staaten, vo
allem aber der chinesischTsowje tische Ideologienstreit, die Tendenz
zur Aufsplitterung des kommunistischen Blocks.
Viertens wirkte sich, ganz abgesehen von der chronischen Unfähigkeit kommunistischer Staaten, ihre landwirtschaftliche Produktion so zu organisieren, daß ihre Völker nicht zu darben brauchen,
die stark rückläufige industrielle Zuwachsrate im Sowjetblock nachtei
lig auf die gesamte Wirtschaft auf. Im Jahre 1962 z.B. hatten die
NATO-Staaten eine durchschnittliche Zuwachsrate von 4,8 Prozent des
Bruttosozialprodukts aufzuweisen, der kommunistische Block dagegen ohne Rotchina - brachte es nur auf 3«6 Prozent.
Diese

�Diese r ü c k l ä u f i g e Entwicklung, d i e ein Absinken der Gesamtzuwachsrate von rund sieben Prozent in früheren Jahren auf

vielleicht

Tier Prozent oder d a r u n t e r bewirkt h a t , d ü r f t e sich bei d i e s e r - an
• i c h »och immer r e c h t hohen - Zuwachsrate mit S i c h e r h e i t auf jene
M i t t e l a u s w i r k e n , d i e der Sowjetunion für die A u s l a n d s h i l f e , für Rüstungsausgaben und Inlandsvorhaben zur Verfügung s t e h e n .
Und s c h l i e ß l i c h werden die Tendenzen zur L i b e r a l i s i e r u n g der
Gesellschaftssysteme

in Rußland und in Osteuropa - t r o t z der mit

großem E k l a t g e s t a r t e t e n Nach-Sputnik-Offensive

der Sowjets - auf

lange S i c h t n i c h t ohne Wirkung b l e i b e n , ebensowenig wie das Verlangen
der Völker nach g r ö ß e r e r Betonung i h r e r n a t i o n a l e n Belange und i h r
a l l g e m e i n e r Wunsch nach F r i e d e n .

-

5

-

�Teil II
DIE GRÖSSTE GEFAHR, DIE UNS DROHT

Wie sollen wir die Periode definieren, in der wir uns gegenwärtig befinden?
Was Chruschtschow unter "Entspannung" versteht, hat er eindeutig
klargestellt, als er erklärte, daß er einer Regelung der deutschen Frage,
die nicht gleichzeitig eine Anerkennung des Ulbricht-Regimes einschlösse,
nicht zustimmen könne, daß eine deutsche Einheit nur unter kommunistischen Auspizien denkbar sei, daß eine Inspektion der Sowjetunion durch
internationale Abrüstungskontrollorgane nicht in Frage komme, daß eine
friedliche Koexistenz auf

ideologischem Gebiet einfach unmöglich sei -

d.h., daß die kommunistischen Parteien weiterhin jede Schwäche oder
Uneinigkeit in der freien Welt für die Sowjetunion und den Kommunismus
ausnutzen werden.
Das Atomteststopp-Abkommen und die Einrichtung des "heißen" Drahtes zwischen Washington und Moskau beweisen jedoch, daß es Interessen
gibt, die Chruschtschow mit uns teilt: nämlich die unkontrollierte
Ausbreitung der Atomwaffen und einen Krieg aus Versehen oder durch
Fehleinschätzung der Lage zu verhindern. Auch hat er sich an einer Ausweitung des Handels mit den Ländern außerhalb des kommunistischen
Blocks durchaus interessiert gezeigt.
Dies also ist die heutige sehr schmale Basis gegenseitiger Verständigungsmöglichkeiten. Was sich über diese Zeit des Abwartens grundsätzlich sagen läßt, ist, daß die nach dem Start des ersten Sputniks
eingeleitete ambitiöse Offensive - zumindest für kurze Zeit - zum
Stillstand gebracht wurde und daß der Kreml, der sich im eigenen Land
wie im Ausland ernsten Problemen gegenübersieht, nunmehr gezwungen ist,
eine völlig neue strategische Konzeption zu entwickeln.
Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Vereinigten Staaten
und den Westen? Was sollten unsere Ziele in dieser Zeit des Atemholens
sein, die wir zum großen Teil unserer Politik der Stärke, der Entschlossenheit und der Einigkeit der freien Welt verdanken?
Ich

�Ich möchte diese Frage zunächst vom Negativen her beantworten.
Die größte Gefahr für uns wäre, daß wir und unsere Verhündtte«
diese Pause zum Anlaß nehmen würde», nunmehr weniger entschlossen
und weniger wachsam gegenüber den nocj) ifjmer zahlreichen, immer noch
schwelenden Gefahrenherden in der Welt ftu sein.
Die Männer im Kreml aber könnten bestenfalls hoffen, daß die
Vereinigten Staaten und der Westen nicht in der Lage sind, den jetzigen Kurs zu halten; daß Fehleinschätzungen der Lage den Kalten Krieg
beenden werden; daß wir - aus Überdruß oder wegen starker innerpolitischer Inanspruchnahme oder aus dem Wunsche heraus, uns rein nationalen Aufgaben zu widmen - dem Kommunismus neue Expansionsmöglichkeiten
eröffnen werden.
So müssen wir darauf gefaßt sein, daß uns die fünf Grundfragen,
mit denen wir uns als Nation und als eine Gemeinschaft freier Menschen
im Verlauf der Stalinschen und der Chruschtschowschen Offensiven seit
1946 auseinandersetzen mußten,auch in Zukunft immer wieder gestellt
werden.
Das heißt:
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin fest zu ihrer Verpflichtung stehen, die Sicherheit des Westens zu gewährleisten;
Westeuropa muß auch künftig seine wirtschaftliche, soziale und
politische Lebensfähigkeit unter Beweis stellen;
der gesamte Westen muß darauf vorbereitet sein, jedem kommunistischen Vorstoß, der über die Grenzen des Kalten Krieges hinaus geht,
wirksam zu begegnen;
wir müssen die noch unzureichenden Bemühungen in den unterentwickelten Gebieten fortführen und damit den Völkern und Regierungen zeigen,
daß sie mit unserer Hilfe ihre Unabhängigkeit sichern und den Aufbau
ihrer modernen Gesellschaftssysteme in Einklang mit ihren Traditionen,
ihrer Kultur und ihren eigenen Zielsetzungen und Hoffnungen vollenden
könnenj
das heißt schließlich, daß der Westen seine politische, wirtschaftliche und militärische Stärke so ausbauen muß, daß die nukleare
Erpressung eine sowohl diplomatisch als auch militärisch unproduktive
Technik bleibt.
Nachdem

�Nachdem sie uns seit 1946 vor eine Reihe von harten Prüfungen
gestellt haben, werden die Herren in Moskau wohl nur zögernd auf
Methoden zurückgreifen, die sich in der Vergangenheit als wirkungslos erwiesen; doch der Kommunismus ist keine sich selbst genügende
Erscheinungsform.
Wir können gewiß sein, daß Moskau jede Schwäche der freien Welt
zu seinem eigenen Vorteil nutzen wird, wann immer ihm dies ohne große
Kosten und Risiken möglich erscheint. Wir müssen also darauf achten,
den Kommunisten möglichst wenige Ansatzpunkte zu bieten, und wir
müssen sicherstellen, daß solche Ausbeutungsversuche für sie mit untragbar hohen Kosten und Risiken verbunden bleiben.
Ist diese Annahme korrekt, ergeben sich daraus für uns gewisse
Schlußfolgerungen: Es darf kein Nachlassen unserer militärischen Schlagkraft geben. Dies ist nicht nur eine Frage der Verteidigungsbudgets,
sondern auch der Aufrechterhaltung unserer eigenen sowie der Streitkräfte unserer Verbündeten in Übersee, die gebraucht werden, um den
Kommunismus vor jeder Gewaltanwendung abzuschrecken. Wir müssen ferner unsere Auslandshilfeprogramme beibehalten und unsere Verbündeten
in Japan und Westeuropa immer wieder auffordern, ihre eigenen Hilfsprogramme noch weiter auszubauen.
Die Staaten Westeuropas, die sich von den Kriegsfolgen wieder
voll erholt haben, sind nun dabei, eine größere Rolle im Weltgeschehen
zu übernehmen.
Sie glauben - und zwar mit Recht - ein größeres Mitspracherecht
bei der Erörterung jener Fragen beanspruchen zu können, die ebensosehr
für ihr eigenes Schicksal wie für unseres entscheidend sind. Kernpunkt
des Gesamtproblems aber ist die Frage, wie sich Europa organisieren
soll und wie sich seine künftigen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gestalten werden.
Es ist nur natürlich, daß in dieser Periode des Übergangs Diskussionen stattfinden und Meinungsverschiedenheiten auftreten, handelt es sich doch um die Errichtung des größten internationalen Organisationsgefüges, das je in Friedenszeiten geplant wurde. Wesentlich ist
jedoch, daß sich mit der Fortdauer der Verhandlungen - die die Schlagzeilen abgeben - auch eine stärkere Bereitschaft zur Zusammenarbeit einstellt.

*

�Teil III
DER FRIEDE ALS FRUCHT DER POLITIK UND GESCHICHTE

In der ersten Nachkriegszeit, Mitte der fünfziger Jahre und in
jüngster Zeit haben wir ernsthafte Anstrengungen unternommen, Klarheit darüber zu gewinnen, ob Verhandlungen ein geeigneter Weg sind,
den Weltfrieden zu sichern und stabilere Verhältnisse zu schaffen.
Wir befinden uns gewissermaßen in der dritten Runde derartiger Versuche .
Den Erklärungen aus Moskau und der sowjetischen Politik nach zu
urteilen, besteht im Augenblick kein Grund zur Hoffnung auf eine baldige ,umfassende Regelung der strittigen Fragen. Fortschritte auf dem
Weg zu einer friedlicheren Welt können wir deshalb bestenfalls als
Ausfluß einer historischen Entwicklung, nicht aber als Folge eines
einzigen, fest umrissenen Ereignisses erwarten.
Es erhebt sich die Frage: Welche Aussichten bieten sich uns im
Verlauf eines solchen geschichtlichen Prozesses? Inwieweit dürfen
wir hoffen, daß die geschichtliche Entwicklung in Richtung auf eine
friedliche Lösung der gegebenen Streitfragen verlaufen wird?
Eine Feststellung sei vorweggenommen: der Kommunismus konnte
immer dann an Boden gewinnen, wenn die Vereinigten Staaten und der
Westen Zeichen der Schwäche oder Verwundbarkeit erkennen ließen,
und umgekehrt herrschten immer dann relativ stabile Verhältnisse,
wenn etwaigen kommunistischen Vorstößen ein klares Halt entgegengesetzt werden konnte.
Es war zweifellos die einseitige amerikanische Demobilisierung
in den Jahren 1945/46 im Verein mit der wirtschaftlichen, politischen
und sozialen Schwäche Westeuropas, die Stalins Appetit weckte. Es war
die offenkundige Schwäche und Verwundbarkeit Asiens, die Stalins und
Maos Hoffnungen in den späten vierziger Jahren beflügelte. Und es
war die angenommene Schutzlosigkeit des Westens gegenüber einer
nuklearen Erpressung und die erwiesene Schutzlosigkeit der Entwicklungsländer gegenüber kommunistischen Übergriffen, die die Basis

-

9

�Basis für Chruschtschows Vorstöße in der Zeit nach dem Start des
ersten Sputniks abgaben.
Die erste Lehre aus unseren Erfahrungen lautet mithin: Die
Friedensaussichten stehen in einer direkten Beziehung zu der Stärke
und Einigkeit des Westens und der Wirksamkeit unserer Politik in
allen Teilen der Welt.
Und es ist da noch vieles andere. Die innerhalb des kommunistischen Machtblocks wirksamen Kräfte tendieren alle in ein und dieselbe Richtung: der Nationalismus ist i* Rotehiwa ebenso wie in Osteuropa und sogar in der Sowjetunion auf dem Vormarsch. Einer der
ältesten Ansprüche des Kommunismus - eine Lehrei-und eine Bewegung
zu sein, die über alle nationalistischen Aspirationen hinausgewachsen
ist - hat daher noch nie so wenig Überzeugungskraft besessen wie im
gegenwärtigen Augenblick. Im Gegensatz dazu war die nicht-kommunistische Welt mit Erfolg um Mittel und Wege bemüht, die es traditionsreichen und selbstbewußten Nationalstaaten gestatten, um eines gemeinsamen höheren Zieles willen gemeinsam zu handeln. Das gilt für Europa,
die Atlantische Gemeinschaft, Asien, Lateinamerika und Afrika gleichermaßen.
Des weiteren läßt sich die Behauptung der Kommunisten, eine wirksame,

wenn auch vielleicht etwas rauhe Methode zur Entwicklung wirt-

schaftlich rückständiger Gebiete gefunden zu haben, heute nicht mehr
länger aufrechterhalten. Lenkungsmaßnahmen kommunistischen Stils haben
sich beispielsweise als gänzlich ungeeignet erwiesen, die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern zu verbessern,
in denen drei Viertel der Bevölkerung mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt sind. Dies hat das kommunistische China in den letzten fünf
Jahren vor den Augen der gesamten Welt mehr als hinreichend demonstriert, und die Ereignisse in Nord-Vietnam und auf Kuba sind dazu
angetan, dies nur noch mehr zu unterstreichen.
Je länger man in den hochindustrialisierten Ländern die Entwicklung in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern verfolgt, um so deutlicher zeigt sich, daß der Kommunismus als eine
Methode zur Organisierung moderner Gesellschaften hinsichtlich des
Wachstums, der Stabilität und der sozialen Gerechtigkeit aber auch

10

�auch nichts zu tun vermag, was sich unter einer demokratischen Gesellschaftsordnung nicht weit besser bewerkstelligen ließe. Tatsachen und Ereignisse^und nicht theoretische Überlegungen,demonstrieren, daß der Kommunismus eine technisch unterlegene und menschlich
untragbare Alternative darstellt.
Auch in Osteuropa besteht Grund zu Hoffnungen. Nach fast einem
Menschenalter eines Monopols im Bereich der Propaganda und Erziehung
heftet die Jugend dieser Länder heute ihren Blick auf die rasche soziologische Evolution im Westen und besinnt sich im kulturellen Bereich
auf nationale Traditionen, die mit denen der Völker Westeuropas engstens verknüpft sind.
In Ostdeutschland sehen wir ein einer Besatzung gleichkommendes
Regime, das von der Welt als ein historischer Anachronismus empfunden
wird.
Keine dieser historischen Tatsachen oder Tendenzen wird für sich
allein einen Fortschritt auf dem Weg zum

Frieden bewirken. Doch wenn

wir hier im Westen standhaft bleiben, unsere Stärke wahren, nach größerer Einigkeit streben, eine immer besser funktionierende Gemeinschaft
freier Staaten aufbauen und treu zu unseren Verpflichtungen stehen,
dann haben wir allen Anlaß zu der Hoffnung, daß wir nicht untergehen
und daß die Grundsätze, für die wir eintreten, eines Tages triumphieren
werden.

*

-

11

�Präsident Johnson:
Eine Welt ohne Krieg

Botschaft über
Die Lage der Nation
8. Januar 1964

United States Information Service

�Mr. Speaker, Herr Praesident, Mitglieder des Hauses und des Senats,
meine amerikanischen Mitbuerger,

ich werde mich kurz fassen - denn unsere Zeit ist notwendigerweise kurz bemessen,und unsere Tagesordnung ist schon lang genug.
Die letztjaehrige Sitzungsperiode des Kongresses war die
laengste in Friedenszeiten.

Von dieser Grundlage ausgehend,wollen

wir zusammenarbeiten, damit die diesjaehrige Sitzungsperiode die
beste in der Geschichte unseres Landes wird.
Lassen Sie uns dafuer sorgen, dass diese Sitzungsperiode des
Kongresses als diejenige bekannt wird, in der mehr fuer die Buergerrechte getan wurde als in den letzten hundert Sitzungsperioden
zusammen;
Als die Sitzungsperiode, die die umfassendste Steuersenkung
unserer Zeit beschlossen hat;
Als die Sitzungsperiode, die der Armut unter den Menschen und
der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten einen totalen Krieg
erklaert hat;
Als die Sitzungsperiode, die sich endlich der Sorgepflicht fuer
unsere aelteren Buerger auf gesundheitlichem Gebiet bewusst geworden
ist;
- 1-

�Als die Sitzungsperiode, die unsere verwirrenden Transportund Transitbestimmungen reformiert hat;
Als die Sitzungsperiode, die das wirksamste und leistungsfaehigste Auslandshilfeprogramm aller Zeiten beschlossen hat;
Und als die Sitzungsperiode, die darauf hingewirkt hat, dass
mehr Wohnungen, mehr Schulen, mehr Bibliotheken und mehr Krankenhaeuser gebaut werden als waehrend irgendeiner Sitzungsperiode des
Kongresses in der Geschichte unseres Landes.
Alles dies und noch mehr kann und muss getan werden.
Es kann bis zum kommenden Sommer getan werden.
Und es kann ohne eine Steigerung der Ausgaben getan werden.
Es kann tatsaechlich im Rahmen des Budgets getan werden, das ich in
Kuerze vorlegen werde, und es kann bei gleichzeitiger Senkung der
Bundesausgaben und bei gleichzeitiger Verringerung der Zahl der
Bundesbediensteten erreicht werden.
Wir haben im Jahre 1964 eine einmalige Chance - aber auch
Verpflichtung -,den Erfolg unseres Systems unter Beweis zu
stellen - und die Zyniker und Kritiker im eigenen Land und im
Ausland, die unsere Zielsetzung und unsere Kompetenz in Zweifel
ziehen, zu widerlegen.
Wenn wir versagen - wenn wir unsere Chance verpassen und
vertun, sei es in unnoetigen und sinnlosen Streitereien zwischen
Demokraten und Republikanern,
Oder zwischen Repraesentantenhaus und Senat,
Oder zwischen Sueden und Norden,

- 2-

�Oder zwischen Kongress und Regierung —
Dann wird die Geschichte zu Recht hart mit uns ins Gericht
gehen.
Wenn wir aber Erfolg haben Wenn wir diese Ziele erreichen, indem wir in diesem Lande ein
noch staerkeres Gefuehl der Zusammengehoerigkeit schaffen,
Dann - und nur dann - koennen wir volle Befriedigung und
Genugtuung ueber die Lage der Nation empfinden.

II.
Hier im Kongress koennen Sie echte Fuehrungsqualitaeten im
gesetzgeberischen Bereich unter Beweis stellen, indem Sie sich Ihrer
im oeffentliehen Interesse liegenden Aufgabe mit Weitblick und ohne
Verzug entledigen - indem Sie wichtige Vorlagen billigen oder verwerfen, in jedem Falle aber sie unter fairen Bedingungen zur
endgueltigen Abstimmung bringen.
Wir wollen die Plaene und Programme von John Fitzgerald Kennedy
weiterfuehren, nicht aus Kummer oder Anteilnahme, sondern weil sie
gut sind.
Im Gedenken an ihn fordere ich insbesondere die Angehoerigen
meiner eigenen politischen Richtung auf, in diesem Wahljahr das Land
ueber die Partei und in den Debatten das Grundsaetzliehe ueber das
Persoenliche zu stellen.
Ich fuer meinen Teil verbuerge mich fuer eine Regierung, die
tatkraeftig, ehrlich und sparsam ist.
Das Budget, das schon in Kuerze unterbreitet werden wird, steht

- 3

�in voller Uebereinstimmung mit dieser Zusicherung.
Es wird unser Defizit auf die Haelfte senken

- von 10

Milliarden Dollar auf 4,9 Milliarden Dollar.
Es wird in Relation zum Bruttosozialprodukt den niedrigsten
Haushalt seit 1951 ausweisen.
Es wird eine betraechtliehe Verringerung der Zahl der im Bundesdienst Beschaeftigten bringen - ein Schritt, den wir in den letzten
zehn Jahren nur ein einziges Mal unternommen haben.
Waehrend es die Beibehaltung unserer vollen Verteidigungsstaerke gewaehrleistet, wird es die Zahl der Zivilbeschaeftigten des
Verteidigungsministeriums auf den niedrigsten Stand seit 1950 bringen.
Es umfasst Gesamtausgaben in Hoehe von 97,9 Milliarden Dollar
gegenueber 98,4 Milliarden Dollar im laufenden Haushaltsjahr - eine
Verringerung um ueber 500 Millionen Dollar.
Es erfordert neue Ausgabeermaechtigungen in Hoehe von 103,8
Milliarden Dollar - eine Verringerung um ueber 4 Milliarden Dollar
gegenueber den im Vorjahr beantragten 107,9 Milliarden Dollar.
Dies ist jedoch kein Budget des Stillstands - denn Amerika
kann sich einen Stillstand nicht leisten. Unsere Bevoelkerung
waechst staendig.

Unsere Wirtschaft wird immer komplizierter. Der

Bedarf unserer Bevoelkerung wird immer groesser.
Durch Schliessung ueberholter Einrichtungen Durch Einschraenkung weniger dringlicher Programme Durch Kuerzungen, wo Kuerzungen angebracht sind Durch die beharrliche Forderung, dass wir fuer jeden ausgegebenen Dollar einen echten Gegenwert erhalten muessen - 4 -

�Ist es mir moeglicti, fuer das Erziehungswesen, fuer das Gesundheitswesen, fuer die Umschulung der Arbeitslosen und fuer die
Foerderung der wirtschaftlich und koerperlich Behinderten in diesem
reduzierten Budget die bisher groesste Unterstuetzung von seiten
des Bundes in der Geschichte der USA zu empfehlen.
Dieser Haushalt

und das Gesetzgebungsprogramm dieses Jahres

sind darauf abgestellt, jedem einzelnen amerikanischen Buerger dabei
zu helfen, dass seine grundlegenden Hoffnungen Erfuellung finden:
Seine Hoffnungen auf eine faire Chance, voranzukommen;
Seine Hoffnungen auf eine gerechte Behandlung unter dem Gesetz;
Seine Hoffnungen auf einen vollen Arbeitsplatz mit voller
Bezahlung;
Seine Hoffnungen auf ein bescheidenes Heim fuer seine Familie
in einer ordentlichen Gemeinde;
Seine Hoffnungen auf eine gute Schule fuer seine Kinder mit
guten Lehrern;
Und seine Hoffnungen auf Sicherheit bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit oder im Alter.

III.
Leider leben viele Amerikaner am Rande der Hoffnung - einige
infolge ihrer Armut, andere infolge ihrer Hautfarbe, und nur allzu
viele aus beiden Gruenden.
Unsere Aufgabe ist es, dafuer zu sorgen, dass anstelle ihrer
Verzweiflung bessere Chancen treten.
Meine Regierung erklaert hier und heute der Armut in Amerika

- 5-

�den bedingungslosen Krieg.

Ich fordere diesen Kongress und alle

Amerikaner auf, mir dabei zur Seite zu stehen.
Der Kampf wird weder kurz noch leicht sein. Keine einzelne
Waffe oder Strategie wird genuegen. Aber wir werden nicht ruhen,
bis dieser Krieg gewonnen ist.
Die reichste Nation der Erde kann es sich leisten, ihn zu
gewinnen.
Wir koennen es uns nicht leisten, ihn zu verlieren.
Tausend Dollar, die wir heute in die Rettung eines nicht zu
beschaeftigenden jungen Menschen investieren, koennen einen Ertrag
von 4C,0G0 Dollar oder mehr waehrend seines Lebens bringen.
Armut ist ein nationales Problem, das ein besonderes Zusammenwirken und Helfen innerhalb der Nation erforderlich macht. Aber
dieser Angriff auf die Armut ist nur wirksam, wenn er auf einzelstaatlicher und kommunaler Ebene organisiert und von einzelstaatlichen und kommunalen Bemuehungen getragen wird.
Denn der Krieg gegen die Armut wird nicht in Washington
gewonnen werden. Er muss draussen im Land gewonnen werden - in
jedem Heim und in jeder Behoerde, vom Gerichtssaal bis zum
Weissen Haus.
Das Programm, das ich vorschlagen werde, wird eine solche
gemeinschaftliche Inangriffnahme noch besonders hervorheben, um
dazu beizutragen, dass jenes Fuenftel amerikanischer Familien mit
zu geringem Einkommen das Notwendige zum Leben erhalten.
Unsere wichtigsten Waffen in einem gezielten Vorgehen sind
bessere Schulen, ein besseres Gesundheitswesen, bessere Wohnungen,
- 6-

�bessere Ausbildung und bessere Arbeitsmoeglichkeiten, um mehr
Amerikanern - insbesondere den jungen Leuten - zu helfen, von Not
und Elend freizukommen.
Sehr oft sind der Mangel an Arbeitsplaetzen und Geld nicht die
Ursache, sondern das Symptom der Armut.
Die Ursache kann tiefer liegen - naemlich in unserem Unvermoegen,
unseren Mitbuergern eine faire Chance zur Entfaltung ihrer Faehigkeiten zu bieten - in mangelnder Schul- und Berufsbildung, in
mangelnder Gesundheitsfuersorge und Wohnungsbeschaffung, in einem
Mangel an soliden Gemeinwesen, um darin leben und Kinder grossziehen
zu koennen.
Was auch immer ihre Ursache sein mag, die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Gemeinden muessen auf die Beseitigung der Armut
gerichtet sein, wo immer sie existiert In den Slums der Gross- und Kleinstaedte,
In den Huetten der Kleinpaechter,
In den Lagern der Wanderarbeiter,
In den Indianerreservationen,
Sowohl unter der weissen als auch der farbigen Bevoelkerung,
Unter den jungen als auch den alten Menschen,
In den bluehenden Staedten und in den Notstandsgebieten.
Wir wollen nicht nur die Symptome der Armut bekaempfen, sondern
die Armut selbst beseitigen - und vor allem sie verhindern.
Einzelgesetze jedoch werden nicht ausreichen:
Wir muessen besondere Anstrengungen in den chronischen Notstandsgebieten in den Appalachen machen.
- 7-

�Wir muessen unser kleines, aber erfolgreiches Programm zur
Verbesserung der wirtschaftlichen Struktur in den Notstandsgebieten
ausbauen.
Wir muessen eine Jugendarbeitsgesetzgebung verabschieden, um
arbeitslose, ziel- und hoffnungslose Jugendliche einer nuetzlichen
Arbelt zuzufuehren.
Wir muessen im Rahmen eines weiter gestreckten Programmes zur
Verteilung von Lebensmittelgutscheinen mehr Nahrungsmittel zur
Verfuegung stellen.
Wir muessen einen nationalen Hilfsdienst schaffen, um den
wirtschaftlich Benachteiligten in unserem eigenen Lande zu helfen,
wie das Friedenskorps dem Ausland hilft.
Wir muessen unsere Arbeitslosenversicherung modernisieren und
auf hoher Ebene eine Kommission ueber Automation einsetzen.

Wenn

wir ueber das Wissen verfuegen, um solche Maschinen erfinden zu
koennen, dann verfuegen wir auch ueber das Wissen, um sicherzustellen, dass sie zu einem Segen und nicht zu einem Fluch fuer die
Menschheit werden.
Wir muessen den Geltungsbereich unserer Gesetze ueber Mindeststundenloehne ausdehnen, sodass ueber zwei Millionen weitere
Arbeiter erfasst werden, denen jetzt dieser grundlegende Schutz
ihrer Kaufkraft fehlt.
Wir muessen durch Bereitstellung besonderer Schulhilfe-Fonds
im Rahmen unseres Erziehungsprogramms die Qualitaet des Unterrichts,
der Ausbildung und der Berufsberatung in unseren am schwersten
betroffenen Gebieten verbessern.

- 8 -

�Wir muessen ueberall mehr Bibliotheken bauen - und im Rahmen
des Hill-Burton-Gesetzes mehr Krankenhaeuser und Pflegeheime - und
wir muessen mehr Schwestern fuer diese Krankenhaeuser und Heime
ausbilden.
Wir muessen fuer unsere alten Mitbuerger eine Krankenhauskostenversicherung schaffen, die von jedem einzelnen Arbeitnehmer
und Arbeitgeber im Rahmen der Sozialversicherung durch einen Beitrag
von nicht mehr als einem Dollar pro Monat waehrend des Arbeitsverhaeltnisses finanziert wird, um den Einzelnen in seinem Alter in
wuerdiger Weise - ohne Kosten fuer den Staatssaeckel - gegen die
verheerende Last einer laengeren oder wiederkehrenden Krankheit zu
schuetzen.
Wir muessen im Rahmen eines revidierten Haus- und Staedtebauprogramms allen denen, die durch Beseitigung der Slums ihre Unterkunft verloren haben, mehr Hilfe zukommen lassen und fuer unsere
Armen und Alten bessere Wohnungen bauen und schliesslich als
letztes Ziel unseres Systems freien Unternehmertums danach streben,
dass jede amerikanische Familie ein anstaendiges Heim besitzt.
Wir muessen mithelfen, um innerhalb unserer Gemeinden eine
Modernisierung des Massenverkehrs und zwischen unseren Gemeinden
billige Transportverbindungen zu schaffen.
Vor allem aber muessen wir die elf Milliarden Dollar aus der
Steuersenkung in den Strom der Privatausgaben leiten, um in jedem
Teil unseres Landes neue Arbeitsplaetze und neue Maerkte zu
schaffen.

- 9-

�IV.
Diese Programme sind selbstverstaendlich nicht fuer die Armen
oder die vom Schicksal weniger Beguenstigten alleine gedacht.
Jede amerikanische Familie wird aus der Erweiterung der Sozialversicherung zur Deckung, der Krankenhauskosten ihrer alten Familienangehoerigen Nutzen ziehen:
Jeder amerikanischen Gemeinde kommt der Bau oder die Modernisierung von Schulen, Buechereien, Krankenhaeusern und Pflegeheimen,
die Ausbildung weiterer Krankenschwestern sowie die Sanierung der
Staedte und des oeffentliehen Verkehrs zugute.
Und jeder einzelne amerikanische Steuerzahler und jede Koerperschaft wird

aus der fruehestmoeglichen Verabschiedung des anste-

henden Steuersenkungsgesetzes Nutzen ziehen - sowohl aus den neuen
Investitionen als auch aus den neuen Arbeitsplaetzen, die das
Gesetz mit sich bringen wird.
Dieses Steuergesetz ist ein Jahr lang eingehend eroertert
worden.

Jetzt muessen Taten folgen.

Das neue Budget laesst die Steuersenkung ganz eindeutig zu.
Unsere Steuerzahler verdienen sie unbedingt.
Unsere Wirtschaft fordert sie mit Nachdruck.

Jeder Monat

Verzoegerung verwaessert ihre positiven Auswirkungen auf den
Verbrauch, auf die Investitionstaetigkeit und auf den Arbeitsmarkt
fuer 1964.
Denn solange das Gesetz nicht unterzeichnet ist, kann mit den
Investitionsanreizen nicht gerechnet werden, und die Saetze fuer die

- 10 -

�einzubehaltende Steuer koennen nicht gesenkt werden.

Und das

Schaedlichste und Verheerendste, was man einem Geschaeftsmann in
Amerika antun kann, ist, ihn ueber unsere Steuerpolitik im Zweifel
und im Unklaren zu lassen.

Und ich sage daher, dass die Saetze fuer

die einzubehaltende Steuer jetzt auf 14 Prozent statt auf 15 Prozent
gesenkt werden sollten.

Ich ersuche daher den Kongress nachdrueck-

lich, dieses Gesetz, wenn irgend moeglich, bis zum ersten Februar
zu verabschieden.
Wie stolz wir auch auf den bisher noch nie dagewesenen
Fortschritt sind, den unsere freie Unternehmerwirtschaft in den
vergangenen drei Jahren zu verzeichnen hatte, so koennen wir es uns
doch nicht leisten, eine Ruhepause einzulegen.
Im Jahre 19b3 haben wir zum ersten Male in der Geschichte auf
dem Beschaeftigungssektor die Siebzig-Millionen-Grenze ueberschritten - aber wir werden bald mehr als 75 Millionen Arbeitsplaetze benoetigen.
Im Jahre 1963 hat unser Bruttosozialprodukt die SechshundertMilliarden-Grenze erreicht - es lag damit um 100 Milliarden Dollar
hoeher als zu dem Zeitpunkt, da wir die Regierung uebernahmen. Aber
das Bruttosozialprodukt haette heute ohne weiteres 30 Milliarden
Dollar hoeher liegen koennen und sollen.
Loehne, Gewinne und Familieneinkommen haben ebenfalls ihren
hoechsten Stand in der Geschichte des Landes erreicht - aber vier
Millionen Arbeiter und 13 Prozent unserer industriellen Kapazitaet
liegen immer noch brach.
Wir brauchen eine Steuersenkung jetzt, damit unser Land weiter
- 11 -

�Fortschritte macht.

V.
Denn unser Ziel ist es nicht, die vorhandene Arbeit lediglich
gleichmaessig zu verteilen, unser Ziel ist es vielmehr, neue
Arbeitsplaetze zu schaffen.
Nach meiner Ansicht wuerde die Einfuehrung der 35-Stunden-Woche
die Produktionskosten wesentlich erhoehen, die Inflation herausfordern, unsere Wettbewerbsfaehigkeit beeintraechtigen und nur zu
einer Umverteilung der Beschaeftigung fuehren, statt neue Bescha«ftigungsmoeglichkeiten zu schaffen.
Genauso bin ich gegen eine 45- oder 50-Stunden-Woche in jenen
Industriezweigen, in denen durch den fortgesetzten exzessiven Ueberstundenmissbrauch der Arbeitslosigkeit Vorschub geleistet wird.
Ich empfehle daher ein Gesetz, das die Bildung von DreierAusschuessen in der Industrie ermoeglicht, deren Aufgabe es sein
wuerde, in jedem einzelnen Industriezweig zu untersuchen, inwieweit
eine Erhoehung der tariflichen Zuschlaege auf Ueberstundenarbeit
zu einer Vermehrung der Zahl freier Arbeitsplaetze - ohne eine
uebermaessige Kostensteigerung - fuehren koennte, und das die
Festsetzung solcher hoeheren Zuschlaege ermoeglichen wuerde.

VI.
Lassen Sie mich einen Grundsatz meiner Regierung unmissverstaendlich klarstellen: Alle diese verbesserten Moeglichkeiten auf dem Sektor der Beschaeftigung, der Erziehung, des Wohnungsbaus
und auf jedem anderen Gebiet - muessen allen Amerikanern,

- 12 -

�gleichzeitig welcher Hauefarbe, offenstehen.
Soweit der Arm des ßundesgesetzes reicht, muessen wir die
Rassendiskriminierung nicht nur teilweise,sondern ganz und gar
beseitigen.
Denn dies ist nicht nur eine wirtschaftliche oder eine soziale,
politische oder internationale Angelegenheit.

Es ist eine moralische,

und wir muessen ihr dadurch gerecht werden, dass die jetzt im Repraesentantenhaus anstehende Vorlage in dieser Sitzungsperiode
verabschiedet wird.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten auch gleichberechtigten Zugang zu den Einrichtungen haben, die fuer die Allgemeinheit
da sind.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten in gleicher Weise in
den Genuss der Leistungen des Bundes kommen, die von der Allgemeinheit finanziert werden.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten die gleiche
Moeglichkeit haben, oeffentliehe Vertreter zu waehlen, ihre Kinder
in gute oeffentliehe. Schulen zu schicken und durch ihre Faehigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit beizutragen.
Heute stehen Amerikaner aller Rassen Seite an Seite in Berlin
und in Vietnam.
Sie starben Seite an Seite in Korea.
Also muessen sie auch in ihrem eigenen Lande Seite an Seite
arbeiten, essen und reisen koennen.

- 13 -

�VII.
Wir muessen ausserdem durch Gesetz die Schranken der Diskriminierung beseitigen, die diejenigen hindern, die in unser Land
kommen moechten, vor allem bei denen, die ueber sehr gefragte
Fertigkeiten verfuegen, und denen, die mit ihren Familien vereint
werden moechten.
ßei der Festsetzung von Praeferenzen kann eine Nation, die von
Emigranten aus allen Laendern aufgebaut wurde, diejenigen, die
hinzukommen wollen, wohl fragen:

'Was kannst du fuer unser Land

tun?1
Wir sollten jedoch nicht fragen:

'In welchem Land bist du

geboren?'

VIII.
Denn unser hoechstes Ziel ist eine Welt ohne Krieg, eine Welt,
die die Vielfalt gewaehren laesst und in der alle Menschen, Gueter
und Ideen die volle /reizuegigkeit ueber Landes- und Staatengrenzen
hinweg geniessen.
Wir muessen diesem Ziel im Jahre lc&gt;b4 auf mindestens zehn
verschiedenen Wegen zustreben, nicht als Parteianhaenger, sondern als
Patrioten:
Erstens muessen wir - was wir auch bei dem verringerten
Verteidigungshaushalt durchaus vermoegen - vor allem jenes Mass
an militaerischer Sicherheit und Ueberlegenheit aufrechterhalten,
das wir errungen haben, indem wir drei Jahre hindurch unsere

- 14 -

�strategischen, konventionellen und zur Partisanenbekaempfung
geeigneten Streitkraefte in qualitativer und quantitativer Hinsicht
beharrlich verstaerkt haben. Wir werden 1964 mehr denn je darauf
vorbereitet sein, die Sache der Freiheit zu verteidigen, gleichgueltig,ob sie von einer offenen Aggression oder durch eine
Infiltration bedroht ist, wie sie in Hanoi und in Havanna von jenen
praktiziert wird, die Waffen und Menschen ueber internationale
Grenzen verbringen, um Aufruhr zu verbreiten.

Und wir muessen diese

Staerke auch weiterhin benutzen, so wie John Kennedy sie waehrend
der Kuba-Krise und im Zusammenhang mit dem Atomversuchsstopp-Vertrag
benutzt hat, um sowohl die Zwecklosigkeit eines Krieges mit Kernwaffen als auch die Moeglichkeiten eines dauerhaften Friedens
aufzuzeigen.
Zweitens muessen wir zur Kontrolle und schliesslich zur
Abschaffung der Ruestungen neue Schritte unternehmen, und so werden
wir in Genf neue Vorschlaege unterbreiten.

Selbst wenn keine Ver-

einbarung vorliegt, duerfen wir nicht Waffen ueber unseren Bedarf
hinaus stapeln oder ein Uebermass an militaerischer Macht suchen,
das sowohl herausfordernd wirken als auch Verschwendung bedeuten
koennte.

Aus dieser Geisteshaltung heraus reduzieren wir in diesem

Finanzjahr unsere Produktion an angereichertem Uran um 25 Prozent,
setzen wir vier Plutonium-Reaktoren ausser Betrieb und schliessen
wir zahlreiche nicht unbedingt notwendige militaerische Einrichtungen.

Und aus der gleichen Geisteshaltung heraus fordern wir unsere

Gegner auf, das gleiche zu tun.
Drittens muessen wir die bei uns produzierten Nahrungsmittel

- 15 -

�verstaerkt als Instrument des Friedens nutzen, sie durch Verkauf,
Handel, auf Kredit oder durch Schenkung hungrigen Menschen verfuegbar machen - in allen jenen Nationen, die uns von ihren Noeten
berichten und gerechte Bedingungen fuer die Verteilung akzeptieren.
Viertens muessen wir unsere fuehrende Position in der friedlichen Eroberung des Weltraums sichern, wobei wir uns - nach
Moeglichkeit gemeinsam mit anderen Laendern, wenn notwendig allein auf eine Expedition zum Mond noch in diesem Jahrzehnt konzentrieren.
Fuenftens muessen wir den Welthandel ausweiten. So wie wir in
dem 1962 erlassenen Gesetz zur Ausweitung des Handels eingesehen
haben, dass wir sowohl kaufen als auch verkaufen muessen, erwarten
wir nun auch von unseren Handelspartnern die Einsicht, dass wir
verkaufen und kaufen muessen. Wir sind bereit, ihnen unter
Konkurrenzbedingungen Zugang zu unserem Markt zu geben - wobei wir
nur verlangen, dass auch sie uns gegenueber dasselbe tun.
Sechstens muessen wir wie in juengster Zeit - durch Massnahmen wie die Zinsausgleichssteuer und das Entgegenkommen anderer
Nationen - weitere Fortschritte auf dem Gebiet des Ausgleichs
unserer internationalen Zahlungsbilanz erzielen.
Meine Regierung muss und wird den gegenwaertigen Goldwert des
Dollar stabil erhalten.
Siebtens muessen wir in ein besseres Nachbarschaftsverhaeltnis
zu den freien amerikanischen Staaten treten - indem wir mit den
Gremien der OAS, mit einer staerkeren Allianz fuer den Fortschritt
und mit allen Maennern und Frauen unserer Hemisphaere zusammenarbeiten, die an Freiheit und Gerechtigkeit fuer alle glauben.

- 16 -

�Achtens muessen wir die Faehigkeit der freien Nationen ueberall
auf der Welt zur Entwicklung ihrer Unabhaengigkeit und zur Hebung
ihres Lebensstandards staerken - und damit die Plaene jener vereiteln, die aus Armut und Chaos ihren Vorteil ziehen.

Zu diesem

Zweck muessen die Reichen den Armen helfen - und wir muessen
unseren Teil dazu tun.

Wir muessen eine straffere Handhabung

unserer Entwicklungshilfe erreichen, wobei privaten Kapitalgebern,
anderen Industrienationen, internationalen Behoerden und den
Empfaengerstaaten selbst eine groessere Rolle zufallen soll.
Neuntens muessen wir unsere atlantische und pazifische
Partnerschaft staerken, unsere Buendnisse aufrechterhalten und die
Vereinten Nationen zu einem wirksamen Instrument fuer die nationale
Unabhaengigkeit und die internationale Ordnung machen.
Zehntens und letztens muessen wir mit unseren Alliierten neue
Mittel zur Ueberbrueckung der Kluft zwischen Ost und West finden dabei der Gefahr, wo immer sie existiert, kuehn ins Auge blicken,
aber genau so mutig nach neuen Uebereinkommen suchen, durch die
die Hoffnungen aller vergroessert, aber die Interessen von niemand
verletzt werden koennen.
Kurzum - wir muessen staendig auf das Schlimmste gefasst sein,
dabei aber bestaendig auf das Beste hinarbeiten stark genug, um einen Krieg zu gewinnen, und klug und
ueberlegen genug, um ihn zu verhindern.
Wir werden nicht als Aggressoren auftreten, aber auch keine
Aggression dulden.

- 17 -

�Mir wollen niemand zu Grabe tragen - aber auch von niemand
zu Grabe getragen werden.
Wir koennen kaempfen, wenn wir dies muessen, so wie wir
frueher gekaempft haben - aber wir beten darum, dass wir nie wieder
kaempfen muessen.
Meine Freunde und amerikanischen Mitbuerger:

In diesen

vergangenen sieben sorgenvollen Wochen haben wir von neuem gelernt,
dass nichts so dauerhaft ist wie das Vertrauen und nichts so
erniedrigend wie der Hass.
John Kennedy war ein Opfer des Hasses - aber er war auch ein
Begruender des Vertrauens, des Vertrauens in unsere amerikanischen
Mitbuerger, welcher Richtung oder Hautfarbe sie angehoeren oder aus
welchen Kreisen sie kommen, und des Vertrauens in die Zukunft der
Menschheit, wie sehr diese auch geteilt und wie unterschiedlich sie
auch sein mag.
Dieses Vertrauen fand in allen Teilen der Welt ein Echo. Auf
jedem Kontinent und in jedem Land, das Mrs. Johnson und ich
besuchten, fanden wir Vertrauen und Hoffnung und Liebe zu unserem
Land Amerika und seiner Bevoelkerung.
Ich bitte Sie jetzt - Sie hier im Kongress und Sie draussen
im Lande -, gemeinsam mit mir dieses Vertrauen zum Ausdruck zu
bringen und es zu erfuellen
- gemeinsam mit mir fuer eine Nation zu arbeiten, die frei von
Not, und fuer eine Welt, die frei von Hass ist
- eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, der Freiheit
und der Fuelle fuer unsere Generation und fuer alle kommenden.
- 18 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Aiig./xvn-3

Sonderheilage

DIE

N A T O

H E U T E

E I N E

A N A L Y S E

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten auf einer Gemeinschaftsveranstaltung
der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und des Amerika-Hauses Frankfurt
am 15« Januar i964.ini Frankfurter Palmengarten

�D .1 E

NA

T o

H E U T E

- E I N E

A N A.ir r s £

Ich freue mich, heute zu Ihnen über die NATO sprechen zu können,
jene in der Geschichte bisher einmalige Organisation unseres Bündnisses, das das Fundament der Außenpolitik Ihrer ebenso wie meiner
Regierung bildet. Es ist sehr ermutigend, daß Gesellschaften wie die
Ihre, die der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften angeschlossen ist, zur Aufrechterhaltung der Stärke unseres Bündnisses beitragen, indem sie sich aktiv und eingehend mit wichtigen NATO-Problemen
befassen.
Daß das Bündnis nicht frei von Problemer. ist, wird niemand bestreiten wollen. Es wurde schließlich ausdrücklich zu dem Zweck geschaffen, die schwierigsten Fragen unserer Zeit zu lösen und der größten aller Herausforderungen zu begegnen. Der fortwährende technische
Wandel und die sich laufend ändernden politischen Umstände werfen zwangsläufig immer neue Fragen auf. Es wäre in der Tat merkwürdig, würden sie
keine Meinungsverschiedenheiten und heftigen Erörterungen innerhalb der
Allianz auslösen.
Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, unter den Mitgliedern des sogenannten Warschauer Paktes, wird jede derartige Debatte im
Keime erstickt. Es liegt uns hier im Westen nichts an einer Übereinstimmung ohne vorherige Diskussion. Die Bereitschaft, eine Vielzahl
von Standpunkten zu einem Problem zu Wort kommen zu lassen, gehört mit
zu den Stärken unserer Demokratie.
Wir alle wissen, um wieviel lieber wir hier im Westen über unsere
Schwierigkeiten reden als auf unsere Leistungen pochen. Zudem pflegen
wir unsere Angelegenheiten in aller Offenheit zu behandeln. In der
freien Gesellschaft, in der wir leben, finden Meinungsverschiedenheiten zwangsläufig auch Eingang in die Presse- und Rundfunkberichterstattung - wenn sie nicht gar erst von kompetenten Publizisten und
Fachgelehrten, die sich in unseren Ländern laufend mit derartigen
Fragen beschäftigen, aufgezeigt werden.

-

1

-

„

.,

�Soweit ihnen keine Sicherheitserwägungen entgegenstehen, halte
ich derartige Erörterungen für ausgesprochen nützlich. Wir sollten
uns allerdings bemühen, in unseren Debatten den Sinn für die rechten
Proportionen zu wahren.
Wir bekommen heutzutage immer wieder zu hören, das Atlantische
Bündnis mache gegenwärtig eine Krisenperiode durch. Das ist insofern
richtig, als wir uns im Augenblick kritischen Problemen gegenüber sehen.
Die Vorstellung aber, die NATO würde an einem Meinungsstreit zerbrechen oder das Bündnis könnte die Stürme nach 1969 - wenn die Staaten
das Recht haben, den Nordatlantikpakt aufzukündigen - nicht mehr bestehen, beruht auf einer völlig irrigen I

nätzung der Dinge.

Ganz im Gegenteil scheinen mir die derzeitigen Debatten über grundlegende Fragen des Bündnisses ein eindeutiger Luxus zu sein, den wir
uns nur deshalb gestatten können, weil die NATO insgesamt eine Zeit der
Prosperität durchmacht und relativ stark ist. Wie in der Vergangenheit
würden wir auch heute unsere Differenzen ohne weiteres der Notwendigkeit
zur Solidarität unterordnen, sollten wir uns einer ernsthaften und unmittelbaren Bedrohung durch einen möglichen Aggressor ausgesetzt sehen.
Es kommt uns nur deshalb zu, unsere Meinungsverschiedenheiten über interne Fragen der Organisation und Strategie in aller Offenheit zu behandeln, weil wir der grundsätzlichen politischen Einigkeit unter uns
im Falle eines offenen Angriffs oder einer Subversion gewiß sein können,
denn die Grundstruktur der Allianz ist intakt, unsere demokratisch organisierten Gesellschaften prosperieren und - ein letztes - die Verteidigungsvorkehrungen der NATO mit der schlagkräftigen amerikanischen
Abschreckungsmacht im Rücken sind voll wirksam.
Als erstes möchte ich deshalb die grundsätzliche Einigkeit der
NATO herausstellen und der Atlantischen Gemeinschaft,die sie repräsentiert. Wir sind nur allzusehr bereit, dies als gegebene Tatsache hinzunehmen und als eine unausgesprochene Prämisse unserer Debatten gelten
zu lassen. Vielleicht sollten wir öfter von dieser Einigkeit sprechen,
stellt sie doch ein neues Phänomen in der Geschichte dar, wenn wir uns
auch inzwischen an sie gewöhnt haben mögen. In wenigen Jahren ist der
nordatlantische Raum im Frieden zu einer Identität in den Zielsetzungen
und zu Normen der Zusammenarbeit gelangt, die einmalig in der Geschichte

-

2

-

�Zweitens darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf die erwiesene Elastizität der politischen und militärischen Struktur der NATO lenken.
Seit die Staaten des Westens 1949 aus der Notwendigkeit der Selbstverteidigung heraus den Aufbau der NATO begannen, ist sie angesichts
sich wandelnder Umweltverhältnisse mehr und mehr mit ihrer gesamten
Struktur in die Institutionen hineingewachsen, die wir heute unterhalten.
Viel von dem, was wir erreicht haben, verdanken wir der NATOStruktur. Sie hat es uns ermöglicht, die territoriale Unversehrtheit
und politische Freiheit all ihrer Hitgliedstaaten in einer Zeit
aufrechtzuerhalten, in der in anderen Kontinenten keine stabilen Verhältnisse herrschten und die Grenzen in Bewegung gerieten. Sie war die
Voraussetzung für den auffallend dynamischen Prozeß des Wiederaufbaus
und des wirtschaftlichen Fortschritts. Sie gab die solide Grundlage
ab für den Zusammenschluß Europas und widerstand Schockeinwirkungen,
wie sie die Blockade Berlins und der Start des ersten Sputniks zum
Flug in den Weltenraum darstellten. Wenn wir heute in eine erst in
schwachen Umris.sen erkennbare ,aber durchaus hoffnungsvolle neue Phase
der Ost-West-Beziehungen eintreten, so ist das sicherlich zu einem
guten Teil ein Verdienst der Solidarität der NATO.
Es ist mithin von größter Wichtigkeit, dieses so sehr bewährte
Gefüge auch weiterhin intakt zu halten, seine Stärke zu bewahren

und

uns vor schwächlichem Wunschdenken zu hüten, dabei aber gleichzeitig
danach zu streben, die Organisation der Atlantischen Gemeinschaft den
Verhältnissen anzupassen, denen wir uns heute gegenüber sehen.
Wir müssen dies sowohl auf politischem als auch auf militärischem Gebiet tun. Was das erstere angeht, wird unser Verhalten vor allem danach
beurteilt

werden, wie wir auf etwa sich ergebende Möglichkeiten zu

nutzbringenden Verhandlungen mit dem Sowjetblock reagieren werden.
Paradoxerweise kann uns die Zukunft auch mit den Gefahren konfrontieren, die unserem eigenen Erfolg innewohnen. Wenn eine Besserung
des internationalen Klimas eingetreten ist - das dürfen wir nicht vergessen - dann nur deshalb, weil die NATO stark war. Die Kuba-Krise
und die jüngsten Vorfälle auf der Autobahn nach Berlin sollten uns
daran erinnern, daß die Provokationen des Kalten Krieges vielle icht

*

�vielleicht nur vorläufig aufgehört haben. Ihr Aufhören wäre mit
Sicherheit nur vorübergehend, wollten wir in unserer Wachsamkeit nachlassen.
Wir müssen des weiteren euch vor allen Formen eines indirekten
Druckes auf der Hut sein. Die NATO hat den Gefahren einer Subversion
und wirtschaftlichen Durchdringung gegenüber ebenso wachsam zu sein,
wie sie es gegenüber jeder militärischen Bedrohung ist. Gleichzeitig
muß die NATO flexibel genug sein, ajif Vorschläge für Ost-West-Verhandlungen klug und überlegt zu reagieren.
Das jüngste Zusammentreffen zwischen Bundeskanzler Erhard und
Präsident Johnson ergab ein klares Einvernehmen zwischen unseren beiden Ländern hinsichtlich künftiger Gespräche mit den Sowjets über alle
wichtigen Streitfragen zwischen Ost und West. Auch im größeren Rahmen
der NATO besteht, wie ich glaube, ein weiter Bereich der Übereinstimmung
darüber, wie bei künftigen Gesprächen verfahren werden sollte.
Wir sind uns einmal einig, daß wir ständig bestrebt sein sollten,
auf seiten der Sowjets eine eventuelle Bereitschaft zu entdecken - oder
eine solche zu wecken -, in wichtigen, ungelösten Fragen zu einer Verständigung mit dem Westen zu gelangen. Zum anderen besteht ein festes
Einvernehmen zwischen uns, daß wir auf der Suche nach eventuellen Bereichen der Übereinstimmung mit den Sowjets darauf bedacht sein müssen,
die Grundinteressen der einzelnen westlichen Länder zu schützen und
das für den Westen günstige derzeitige militärische Kräfteverhältnis
beizubehalten. Im Falle Deutschlands bedeutet dies, daß wir weiterhin
auf Fortschritte in Richtung auf eine Beendigung der gegenwärtigen
Spaltung Ihres Landes in Übereinstimmung mit dem Selbstbestimmungsrecht hinarbeiten müssen.
Die Einigkeit

hinsichtlich unserer künftigen Einstellung zu

strittigen Deutschland- und Europa-Fra'gen hängt in hohem Grade davon
ab, welches Maß an Freimut und wechselseitigem Vertrauen wir hier im
Westen in unseren Gesprächen untereinander aufbringen. Was die zweiseitigen deutsch-amerikanischen Beziehungen betrifft, so bewegen wir
uns meiner Meinung nach mehr und mehr auf eine immer engere Zusammenarbeit und ein immer größeres Einvernehmen zu. Anläßlich der jüngsten
Begegnung unserer beiden erst kurze Zeit in ihrem neuen Amt tätigen

- 4 -

�tätigen Regierungschefs "bekräftigten beide Länder erneut ihre Absicht, bezüglich aller sie gemeinsam angehenden Fragen in Zukunft
einen engen Gedankenaustausch zu pflegen.
Auf dem Feld der multilateralen Konsultation jedoch ist eine
weitere Verbesserung der Verhältnisse wünschenswert. Zwar bestehen innerhalb der NATO schon seit Jahren Verfahrensregelungen für wirksame
Konsultationen. Da die NA50 aber im großen und ganzen hinter verschlossenen Türen arbeitet, bleibt der Öffentlichkeit im allgemeinen
die weite Skala der laufend erörterten politischen Themen und der zur
Harmonisierung unterschiedlicher nationaler Auffassungen im Ständigen
NATO-Rat zur Verfügung stehende Mechanismus unbekannt.
Daß dieses Verfahren so gut funktioniert, hat eine Reihe von
Gründen. Erstens und allem voran herrscht in der NATO - wie ich bereits ausgeführt habe - eine grundlegende Übereinstimmung in den Zielsetzungen und Auffassungen. Dies bedeutet, daß sich Meinungsverschiedenheiten eher um die Mittel und Wege als um den Zweck drehen. Zweitens verfügen die ständigen Vertreter im NATO-Rat über reiche Erfahrungen in Verhandlungen und setzen sich mit garzer Kraft für die Bündnisinteressen ein. Drittens können sie auf vertraulicher und informeller
Basis miteinander sprechen und auf diese Weise allen -vorhandenen Einigungsmöglichkeiten restlos auf den Grund gehen. \riertens halten die
Außen- und Verteidigungsminister sowie auch andere hohe Regierungsbeamte
der NATO-Staaten durch ihre laufende Berichterstattung auf den Ratssitzungen die Verbündeten über die aktuellen Entwicklungen auf dem laufenden. Fünftens steht dem NATO-Rat die Hilfe und Unterstützung eines
Stabes pflichtbewußter NATO-Beamter und -Offiziere aller Ränge bis
hinauf zum Generalsekretär zur Verfügung.
Das Verfahren der Konsultation kann sich jedoch als recht unvollkommen erweisen, sobald Krisensituationen sofortiges Handeln verlangen oder wenn die Interessen des einen oder anderen Verbündeten
stark von denjenigen anderer Verbündeter abweichen. Der Größenunterschied unter den einzelnen NATO-Mitgliedstaaten und die hieraus resultierende Inkongruenz ihrer Interessenbereiche werfen zusätzliche Probleme auf. Trotzdem haben wir samt und sonders in den letzten Jahren
viel dazu getan, sinnvolle politische Konsultationen zur festen Praxis

-

5 -

�Praxis zu erheben. Meine Regierung ist ihrerseits stets für möglichst
eingehende politische Konsultationen innerhalb der NATO eingetreten.
Angesichts der neuen Verhältnisse werden die Vereinigten Staaten diese
Bemühungen'intensivieren und ihre Verbündeten zu einem gleichen Vorgehen
ermutigen.
Man muß allerdings begreifen, was derartige Konsultationen darstellen, und was nicht. Sie sind kein Gesetzgebungsverfahren, und sie
werden nicht einfach gepflogen, um Mehrheiten gegen Minderheiten abzugrenzen oder um einen Mitgliedstaat, der in einer bestimmten Frage
mit seinen Verbündeten zufällig nicht einig geht, unter Druck zu setzen.
Sie sind ein Instrument des freimütigen und umfassenden Informationsund Gedankenaustauschs unter Vertretern verschiedener Nationen, die
als Sprecher höchster Regierungsstellen auftreten. Der Zweck eines
solchen Gedankenaustauschs liegt nicht nur darin, das Vertrauen zueinander zu erhalten, sondern wo irgend möglich Übereinstimmung hinsichtlich
eines gemeinsamen Standpunktes zu erzielen, dem sich alle Verbündeten
anschließen können. In einer Situation, in der die NATO im Grunde genommen in ein Zwiegespräch mit dem Sowjetblock verwickelt ist, vermag
nur dies und nichts, was darunter bliebe, die Wahrung der alliierten
Interessen zu garantieren.
In diesem Zusammenhang erscheint mir die Überprüfung der sowjetischen Haltung hinsichtlich aktueller, die Ost-West-Verhandlungen betreffender Fragen sehr nützlich, die kürzlich von der NATO vorgenommen
wurde . Alle NATO-Länder hatten Gelegenheit, diese Fragen in allen Details au besprechen, so daß der Standpunkt der einzelnen Länder klar
und deutlich zum Ausdruck kam und eine größere Übereinstimmung bezüglich der Möglichkeiten eines künftigen Vorgehens erzielt werden konnte.
Diese Besprechungen sollen fortgesetzt werden. Wichtig ist dabei, daß
jeder NATO-Mi tgliedstaat den politischen 7/illen aufbringt, solche
bedeutende internationale Probleme mit seinen Verbündeten zu besprechen,
damit endgültige politische Entscheidungen nur unter Berücksichtigung
der Ansichten aller Verbündeten getroffen werden.
Außenminister Rusk hat im Oktober vergangenen Jahres in Frankfurt
darauf hingewiesen, daß bei Verhandlungen mit den Sowjets die wachsende
Stärke und Einheit des Westens nicht gefährdet werden dürfe. Er hat

-

6 -

�hat ferner erklärt, daß in diesen Fragen weder die Vereinigten
Staaten noch irgendein anderes Land einseitige Entscheidungen treffen
können oder werden. Aus eben diesen Erwägungen kommt der Frage der
politischen Konsultation ganz besondere Bedeutung zu. Lassen Sie
mich gerade deshalb hier noch einmal die von Außenminister Rusk gegebene feste Zusicherung bekräftigen, "daß von meinem Lande kein Abkommen, das unsere Verbündeten betrifft, ohne derartige Konsultationen geschlossen wird".
Ein weiteres wesentliches Element unserer Allianz ist unser gemeinsames Bestreben, den Blick auf die Zukunft zu richten - Entwicklungen vorauszusehen, die sich heute vielleicht erst vage abzeichnen,
aber dennoch eines Tages für die NATO als Ganzes größere Bedeutung erlangen können. Aus diesem Grunde hat mein Land die Schaffung des unter
der Bezeichnung APAG bekannten atlantischen Politischen Beratungsausschuases voll und ganz unterstützt. Dieses Gremium wurde vor etwa zwei
Jahren als eine politische Planungsgruppe der NATO geschaffen, die von
Zeit zu Zeit zusammenkommen und in einer informellen Atmosphäre

mög-

liche künftige Probleme prüfen sollte. Mit dem regulären NATO-Apparat
weniger stark verflochten, stellt der Politische Beratungsausschuß eine
nützliche Ergänzung des NATO-Rates dar. Er beschäftigt sich eingehend
mit jenen Fragen, die als nicht ausschließbare Eventualfälle im voraus
geprüft werden sollten. Auf diese Weise können wichtige Probleme, sollten
sie sich später der Allianz unter Krisenbedingungen stellen, von dieser
an Hand einer bereits vorher gemeinsam erarbeiteten stichhaltigen Analyse angegangen werden.
Muß das Bündnis den Zusammenhalt auf politischem Gebiet laufend
demonstrieren, so gilt dies in nicht geringerem Maße auch für den
militärischen Bereich. Denn die militärische Struktur der NATO in ihrer
heutigen Gestalt ist das entscheidende Moment für unsere gemeinsame Sicherheit.
Unsere beiden Staaten bestreiten in Zusammenarbeit mit anderenNATO-Mitgliedstaaten einen hohen Anteil an der militärischen Gesamtstärke der NATO. Daran dürfte sich meiner Erwartung nach auch in Zukunft nichts ändern, komme was mag.

Sowohl der verstorbene Präsident

Kennedy als auch Präsident Johnson haben wiederholt die Absicht der
Vereinigten Staaten bekundet, Truppen in Stärke der sechs gegenwärtig

- 7 -

�gegenwärtig in Europa stationierten Divisionen dort so lange zu
belassen, wie sie gebraucht werden. Wir rechnen in dieser Hinsicht
mit keinen Veränderungen. Wir anerkennen jedoch gleichzeitig den
großen Beitrag, den die Bundesrepublik durch den raschen Aufbau ihrer
Streitkräfte zur Gesamtstärke der NATO in Europa leistet.
Die Existenz gesonderter nationaler Streitkräfte - sowohl der
bereits erwähnten wir auch anderer - böte an sich noch keine Garantie
für die Sicherheit der Allianz, wiürden ihr Einsatz und die Einsatzplanung nicht innerhalb der Militärstruktur koordiniert, die die
NATO nach ihrer Gründung entwickelt hat. Die Militärbehörden und die
NATO-Oberbefehlshaber planen unablässig für eine Vielzahl von Eventualfällen, die die Sicherheit der Allianz gefährden könnten, und
treffen entsprechende Vorbereitungen. Im Laufe der Jahre haben sie
innerhalb der NATO einen Grad der militärischen Integration erreicht,
der es ohne Beeinträchtigung der Grundlagen der nationalen Souveränität gestattet, unsere gesonderten nationalen Komponenten zu einer
schlagkräftigen Streitmacht zusammenzufassen, die auf jeden Angriff
entsprechend zu reagieren vermag. Es muß meines Erachtens ein Hauptziel der Politik der NATO sein, diese militärische Einheit von Schwert
und Schild unversehrt zu erhalten und, soweit nötig, weiter auszubauen.
Ich mache mir keine Illusionen über die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens in einer Zeit, da die Gefahr eines Angriffs weit
hergeholt erscheinen mag. Ihre Landsleute tragen ebenso wie meine und
die Bevölkerung anderer NATO-Mitgldedstaaten eine große Bürde, um
Streitkräfte im derzeitigen Umfange zu unterhalten. Wir sind uns aber
darüber im klaren, daß die Verteidigungsstärke, über die wir heute
verfügen, unser bester Katastrophenschutz ist. Er darf nicht Abmachungen geopfert werden, die sich als illusorisch erweisen, und auch nicht
vorübergehenden Erleichterungen, die letztlich unsere Sicherheit gefährden.
Wenn wir uns in diesem gegenseitigen Versprechen einig sind,
können wir meiner Auffassung nach die Meinungsverschiedenheiten, die
sich ganz natürlich in Fragen der Strategie und Truppenstärken innerhalb der Allianz ergeben, in die rechte Perspektive rücken. Diese
Differenzen waren - und sind zum Teil noch - recht ausgeprägt, aber

-

8

�aber sie konnten bisher noch immer geregelt werden ohne an den Grundfesten der NATO-Verteidigung zu rütteln, und sie werden sich, dessen
bin ich sicher, auch in Zukunft so regeln lassen. Ich möchte Ihnen
nunmehr in Einzelheiten jene entscheidenden Bereiche der Politik und
Strategie aufzeigen, über die die Mitglieder des Bündnisses im Grunde
völlig einig sind.
Als ersten glaube ich die Überzeugung nennen zu dürfen, daß die
Allianz durchaus stark genug ist, sich selbst mit Erfolg zu verteidigen, wenn sie den politischen Willen aufbringt, sich zu diesem Zwecke
zu organisieren. Ob man die Dinge unter dem Gesichtspunkt der Bevölkerungsstärke, des Bruttosozialprodukts oder dem der technischen
Fähigkeiten betrachtet, man kann meines Erachtens nur zu dem Schluß
kommen, daß die NATO es mit jedem potentiellen Gegner aufzunehmen
vermag. Wir haben selbstverständlich mancherlei Schwierigkeiten, das
Gewicht unserer Stärke voll zum Tragen zu bringen. Wir operieren über
große Entfernungen hinweg; das Nebeneinander gesonderter Verteidigungskräfte mit unterschiedlicher Ausrüstung wirft technische Probleme auf,
und als freiheitliche Länder müssen wir uns selbstverständlich auf
eine Verteidigungs- und keine Angriffsplanung stützen.
Kurzum, wir nehmen auf uns, was der Demokratie und Mannigfaltigkeit als der Zier unserer freien Gesellschaft nun einmal an Nachteilen anhaftet - und wir tun dies gern. Dennoch lautet die Hauptaufgabe der NATO als einer militärischen Organisation, die gesonderten
nationalen Streitkräfte der Mitgliedstaaten zu einem schlagkräftigen
Team zusammenzuschweißen, um unsere kombinierte Stärke zu größerer.-Wirkung zu bringen, als sie die Summe unserer nationalen Einzelstärken
hätte. Die NATO hat hinsichtlich der Lösung dieser Aufgabe bemerkenswerte Fortschritte erzielt, und solange sie diese ihre Rolle in Zukunft mit gleicher Vehemenz weiterspielt, hege ich hinsichtlich der
Grundlagen unserer Sicherheit keinerlei Befürchtungen.
Zweitens sind wir uns in der Entschlossenheit einig, unsere Bündnisverpflichtungen im Hinblick auf die Verteidigung des NATO-Territoriums - des ganzen NATO-'^erritoriums - zu erfüllen. Das bedeutet
unter anderem, daß die Bündnispartner verpflichtet sind, das Territorium der Bundesrepublik zu verteidigen, wo und wie immer es verletzt werden sollte. Diese Verteidigung beginnt an der deutschen

-

9 -

�deutschen Grenze und ist, wenn Sie so wollen, eine Vorwärtsverteidigung mit dem Ziel, nichts von dem preiszugeben, was uns gehört.
Die Vereinigten Staaten sind sich dieser Verpflichtung besonders
bewußt. Unsere Truppen wären gemeinsam mit den Ihren und mit jenen
der anderen an unserer Seite stehenden Verbündeten vom ersten Augenblick an der ganzen Wucht eines Angriffs ausgesetzt. Denn wir wissen
sehr wohl, daß ein solcher Angriff, sollte er jemals erfolgen, nicht
nur die Bundesrepublik, sondern die ganze NATO einschließlich unser
selbst gefährden würde.
Einen dritten Bereich (äer Übereinstimmung sehe ich in unserer
gemeinsamen Absicht, für die Verteidigung der Allianz alle etwa notwendigen Mittel einzusetzen.
Wir beschränken uns vernünftigerweise nicht ausschließlich auf
eine rein konventionelle oder eine rein atomare Strategie - und wir
könnten das auch nicht. So zu handeln, liefe darauf hinaus, uns
selbst eine Hand auf dem Rücken festzubinden, ehe wir in den Ring
steigen. Die amerikanische Regierung hat mit einem riesigen Kostenaufwand eine strategische nukleare Abschreckungsmacht ohnegleichen
aufgebaut, die zu sofortigem Einsatz bereitsteht.
Auch in Europa leisten die Vereinigten Staaten den Hauptbeitrag zur nuklearen Stärke der NATO-Streitkräfte. Die Gesamtschlagkraft solcher NATO-Waffen, von denen zahlreiche auf den Einsatz mittels alliierter Trägersysteme vorbereitet sind, wurde in den vergangenen zwei Jahren um über 60 Prozent erhöht. Wie Verteidigungsminister
McNamara am 18. November 19&amp;3 erklärte: "Die Tausende amerikanischer
Sprengköpfe, die über den europäischen Kontinent verteilt für die
Sofortverteidigung Europas bereitliegen, besitzen eine Gesamtsprengkraft, die 10 OOOmal größer ist als die der Atomwaffen, die mithalfen,
den zweiten Weltkrieg zu beenden."
Die Experten mögen sich über den genauen Zeitpunkt streiten,
von dem an wir spezielle Teile dieses Atomarsenals einsetzen sollten.
Als Militärplaner haben sie jedes Recht

dazu, ist es doch ihre Auf-

gabe, sämtliche Eventualitäten in Betracht zu ziehen. Für uns persönlich als Angehörige der Atlantischen Gemeinschaft jedoch ist lediglich das eine wichtig: daß die von uns abgegebene Zusicherung

10

-

�Zusicherung bezüglich der Beteiligung an der gemeinsamen Verteidigung unserer Territorien gegebenenfalls den Einsatz sämtlicher
militärischer Mittel einschließlich der Atomwaffen vorsieht.
Die zwangsläufige Folge dieses besonderen Wesenszugs der NATOVerteidigung ist unsere gemeinsame Einsicht, daß wir einen totalen
Atomkrieg selbstverständlich nicht unnötigerweise auslösen dürfen,
der in Kürze weite Teile der nördlichen Halbkugel in Schutt und Asche
verwandeln würde. Das ist ein viertes Gebiet grundsätzlichen Einverständnisses. Wer die Kuba-Raketenkrise im Oktober 1962 unmittelbar
miterlebt hat, weiß, welch ein kalter Atem einen angesichts der drohen
den Gefahr der nuklearen Vernichtung anweht.
Ich wage auch zu sagen, daß das leichtfertige Gerede über den
Abschreckungseffekt eines massiven atomaren Vergeltungsschlags der natürlich einen Gegenschlag auslösen würde - in Situationen hart
an der Grenze einer eindeutigen Aggression erheblich an Glaubwürdigkeit verlieren würde, sollte ein solcher Fall tatsächlich

eintreten.

Würden wir aber einer Verringerung unserer konventionellen Streitkraft
in der Erwartung zustimmen, daß sich alle denkbaren Zwischenfälle durc
die Drohung mit einer massiven nuklearen Vergeltung bereinigen lioSen,
dann hätten wir uns selbst in eine traurige Lage manövriert. Es bliebe
uns im Falle kleinerer Verwicklungen dann vielleicht nur die entsetzliche Wahl zwischen nuklearer Vernichtung und Kapitulation.
Wir dürfen einen potentiellen Gegner nicht durch Vernachlässigung
unserer konventionellen Rüstung ermuntern, uns vor solch eine schreckliche Alternative zu stellen. Wenn wir aber sowohl unsere nuklearen
als auch unsere konventionellen Waffen schlagkräftig erhalten, bleibt
uns das erspart. In diesem Fall wird ein planmäßiger Großangriff auf
die NATO unwahrscheinlich, und wir könnten kleineren Zwischenfällen,
die sich eventuell aus Zufall oder aus einer Fehleinschätzung ergeben,
mit den der jeweiligen Bedrohung angemessenen Mitteln begegnen. Mit
anderen Worten, die NATO muß sowohl über eine ausreichende atomare
als auch über eine starke konventionelle Rüstung verfügen, um freie
Hand bei der Wahl der Antwort auf jede etwaige Angriffshandlung zu haben. Es ist klar, daß ein solcher Gegenschlag wirkungsvoll sein müßte,
aber auch nicht stärker,als dies für die Sicherstellung des Erfolges

-

11

-

�Erfolges notwendig ist. Andernfalls könnte sich ein relativ kleiner
Zwischenfall leicht zu einem atomaren Inferno ausweiten.
Ein fünfter Punkt der Übereinstimmung unter uns dürfte sein,
daß die für eine umfassende nukleare und konventionelle Verteidigung
notwendigen Truppenstärken durchaus zu beschaffen sind, sofern wir
nu» den Willen und die Ausdauer aufbringen, sie tatsächlich zu beschaffen. Es ist gar nicht notwendig, unsere Truppen zahlenmäßig
wesentlich zu verstärken oder uns fiskalisch oder in der Produktion
auf Kriegsverhältnisse einzustellen. Die im Rahmen der Bündnisplanung
vereinbarten Sollstärken sehen im allgemeinen nur eine unwesentliche
Erhöhung des Mannschaftsbestandes vor. Was die Allianz braucht, sind
bessere Streitkräfte, hinsichtlich Qualität Ausrüstung, Ausbildung,
Reserven und Versorgung. Dadurch werden zwar die Kosten steigen, doch
es bewirkt ja in expandierenden Volkswirtschaften selbst schon die
Bereitstellung eines stets gleichbleibenden Anteils am Bruttosozialprodukt für die Verteidigung eine laufende Erhöhung der verfügbaren
Mittel. Uns erscheint allerdings in einigen NATO-Staaten der für Verteidigungsaufgaben abgezweigte Prozentsatz vom Bruttosozialprodukt noch zu niedrig.
/
Die NATO nimmt gegenwärtig eine erneute Prüfung aller Sollstärken vor. Wir können daher zu gegebener Zeit mit einer dem neuesten Stand
entsprechenden Analyse rechnen, die darüber Aufschluß geben wird, welche Möglichkeiten sich bieten, einen vertretbaren Anteil der NATOHilfsquellen auf den Ausbau nationaler Streitkräfte zu verwenden, damit die vereinbarten strategischen Ziele tatsächlich erreicht werden.
Es besteht jedoch kein Grund zu der Annahme, hierdurch werde unsere
allgemeine Hypothese umgestoßen, derzufolge wir konventionelle Streitkräfte der erforderlichen Stärke ohne übermäßige zusätzliche Anstrengungen aufrecht erhalten können, sofern wir es nur wollen.
Schließlich besteht allgemeine Übereinstimmung bezüglich des
Problems der Beteiligung an der Verantwortung für die Kontrolle der
Machtmittel der NATO. Wir haben in den letzten Jahren merkliche
Fortschritte in der Lösung dieser heiklen Frage erzielt. Wir haben
Richtlinien für den Einsatz von Atomstreitkräften ausgearbeitet und
bindende Zusagen gegeben, vor ihrem Einsatz in Konsultationen einzutreten, wenn dies möglich ist. Die Vereinigten Staaten haben anderen

- 12

�anderen NATO-Partnern Informationen über Wirkung und andere
Charakteristika der Atomwaffen in zunehmendem Umfang zugänglich
gemacht. Amerikanische Polaris-U-Boote und britische Bomber sind
dem Obersten Alliierten Befehlshaber,Europa (SACEUR) unterstellt
worden, die die Kampfkraft und Reichweite seiner Einsatzkräfte erhöht
haben. Europäische NATO-Of fiziere werden laufend dem Hauptquartier
des Strategischen Luftkommandos der USA in Omaha zugeteilt, um
gemeinsam mit amerikanischen Offizieren an der Koordinierung der Pläne
für den Einsatz der Atomwaffen der USA und der NATO zu arbeiten.
Im Obersten Hauptquartier der Alliierten Mächte Europa

(SHAPE^

wurde die Stellung eines Stellvertreters für atomare Verteidigung
eingerichtet, dum ein entsprechender Stab zur Seite steht.
Das alles geschah in den letzten drei Jahren. Es ist eine recht
eindrucksvolle Entwicklung, jedoch kein abgeschlossener Prozeß. Es wird
noch mehr getan werden, um die Kenntnisse der NATO-Länder im Bereich
der nuklearen Strategie zu mehren und ihre Rolle auf diesem Gebiet
auszuweiten .
Wir betreten damit schwieriges Gelände,, Wir bemühen uns um eine
breitere Basis für die Mitgestaltung der nuklearen Strategie der
NAT0| wollen dabei aber die Schaffung zusätzlicher nationaler Atomstreitkräfte vermeiden. Der Grund hierfür ist meiner Auffassung nach
klar und allgemein akzeptabel. Eine Ausbreitung des Kernwaffenbesitzes auf weitere Staaten würde die Gefahr, daß Auseinandersetzungen
mit Atomwaffen ausgetragen werden, außerordentlich verstärken. Sie
würde Furcht und Mißtrauen in einem Maße säen, das alle Erfahrungen
unserer jüngsten Vergangenheit übersteigt. Sie würde eine Reihe von
relativ kleinen Kernwaffenstreitkräften schaffen, die in Krisenzeiten
zu Präventivangriffen geradezu einladen, ohne den Großmächten mit
ihren heutigen Beständen an Atomwaffen je Paroli bieten zu können.
Kurzum, die Schaffung neuer nationaler Atomstreitkräfte vermag uns
höchstens zu spalten und unser Bündnis zu schwächen, statt zum Aufbau der von uns angestrebten koordinierten Starke !.
Die natürliche Reaktion in dieser Situation ist es, das Problem
vom Standpunkt der Allianz aus zu betrachten und die kollektiven
Hilfsquellen und Fähigkeiten der NATO-Gemeinschaft darauf zu verwenden,
zu der angestrebten nuklearen Stärke zu gelangen. Auf dieser Basis

13

�Basis könnten wir eine Streitmacht schaffen, die militärisch sinnvoll wäre und innerhalb der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Mitgliedstaaten läge. Sie würde verantwortungsvoll zum Besten der Allianz
genutzt. Und sie würde nicht zuletzt ein verbindendes Element darstellen, das die Beteiligten zu engerer Zusammenarbeit und größerer Einheit
zwingt. In einer Zeit, in der die zersplitternden Kräfte des politischen und wirtschaftlichem Nationalismus noch stark sind, ist ganz
gewiß jeder Schritt in Richtung auf die Integration begrüßenswert.
Dies ist die Basis, auf der wir in den Vereinigten Staaten vor
einigen Jahren zu dem Schluß gelangten, eine von den NATO-Ländern organisierte multilaterale Atomstreitmacht könnte die beste mögliche
Lösung für das Atomproblem der NATO darstellen. Unter drei Präsidenten Eisenhower, Kennedy und Johnson - haben die Vereinigten Staaten ihren
europäischen Verbündeten angeboten, sich an der Schaffung einer solchen
Streitmacht zu beteiligen. Heute stimmen Ihre und meine Regierung weitgehend darin überein, daß eine solche Streitmacht tatsächlich der bestmögliche Weg zu einer weitergehenden Beteiligung an der n-jklearen
Verantwortung der NATO ist. Ich glaube, daß andere europäische Regierungen,die gegenwärtig diesen Vorschlag prüfen, nach Abschluß ihrer
Untersuchungen die

gleiche Folgerung ziehen. Ich sehe die Zeit kommen «,

und zwar schon in wenigen Jahren -, wo

es als Teil der Abschreckungs-

macht der NATO eine multilaterale Raketenflotte geben wird.
Alle's in allem bestehen somit weite Bereiche der Übereinstimmung
in Fragen der NATO-Strategie und der nuklearen Schlagkraft. Wir sehen
uns vielen Problemen gegenüber, aber sie lassen sich-erfolgreich lösen,
solange die grundlegende Übereinstimmung fortbesteht, von der hier die
Rede war. In einem gesunden NATO-Bündnis treten zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten zu diesem oder jenem inneren Problem auf. Wir werden
durch fortgesetzte Erörterungen und Nachgiebigkeit Lösungen für derartige Probleme finden müssen, um die Leistungskraft der NATO in einer
Zeit der Entwicklung und des Wandels zu erhalten. Die Stärke und die
Stellung der Bundesrepublik innerhalb der Allianz befähigen Ihr Land,
einen wertvollen Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe zu leisten.

Ich

�Ich vertraue darauf, daß die Bundesrepublik diesen Beitrag
auch in Zukunft leisten wird. Sie darf dabei sicher sein, daß die
Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihr im Geiste der Partnerschaft
und der gegenseitigen Verpflichtung zur Verteidigung des nordatlantischen Raums auf die Erreichung unseres höheren gemeinsamen Ziels
innerhalb der Atlantischen Gemeinschaft hinarbeiten werden.

-

15 -

�Sonderbeilage

Wi./XVI - 3

DIE WIRTSC EAFTSBOTSCHAFT PRÄSIDENT JOHNSONS

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen Auszüge aus
dem Wirtschaftsbericht, den Präsident Johnson am 20. Januar 1964
dem amerikanischen Kongreß vorgelegt

hat.

Die wesentlichen Teile der Wirtschaftsbotschaft des Präsidenten
haben folgenden V/ortlaut:
"Dies ist mein erster Bericht, den ich Ihnen gemäß dem Beschäftigungsgesetz von 1946 unterbreite.
Als damaliges Mitglied des Kongresses
für dieses historische Gesetz zu stimmen.

war ich darauf stolz,

Heute, als Ihr Präsident, bin ich darauf stolz, die Forderungen des Gesetzes zu erfüllen - den Auftrag, 'für eine maximale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft' im Rahmen des auf Wettbewerb
eingestellten freien Unternehmersystems zu sorgen.
Nicht weniger als das Maximum wird unseren Erfordernissen
genügen.
Unser Bruttosozialprodukt ist im 4« Quartal 1963 - auf Jahresbasis umgerechnet - auf 600 Mrd. Dollar gestiegen.
Die Arbeitslosenrate von 5,5 Prozent wirft jedoch weiter einen
dunklen Schatten auf unseren Stolz über das Erreichte und erinnert
uns daran, daß noch viel zuviel von unserem kostbaren Menschenpotential brachliegt.
Wie ich bei einer Darlegung meiner politischen Überzeugungen
vor sechs Jahren erklärt habe, erachte ich die Nutzung des vollen
Potentials unserer Hilfsquellen - der natürlichen, menschlichen
und anderen - als die höchste Zielsetzung der Regierungspolitik nach
dem Schutz jener Rechte, die wir als unveräußerlich betrachten.
Der
-

1

-

�,

"AMERIKA DI BT ST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Der Weg zur Nutzung des vollen Potentials ist noch weit. Aber wir
sind in den letzten drei Jahren stetig und beachtlich vorangekommen.
Die Steuersenkung wird unsere Aufwärtsentwicklung zu unseren Zielen der Vollbeschäftigung, des schnelleren Wachstums, der Gleichheit
der Chancen, des Ausgleichs unserer Zahlungsbilanz und der Preisstabilität beschleunigen...
Unsere Rekordexpansion um 100 Mrd. Dollar seit Anfang 1961 hat uns
auf dem Weg zu einem besseren Leben ein bedeutendes Stück weitergebracht.
Zum ersten Mal in der Geschichte - 1963 - überschritt das Bruttosozialprodukt am Jahresende die 600-Mrd.
Dollar-Grenze;
- überstiegen die Durchschnittslöhne in der Industrie am Jahresende 100 Dollar in der Woche;
- erreichte das Personaleinkommen - vor Abzug der Steuern - am
Jahresende eine Durchschnittsrate von rund 2500 Dollar pro Kopf der
Bevölkerung;
• überstieg dag gesamte Personaleinkommen - nach Abzug der Steuern
- 400 Mrd. Dollar;
- überschritten die Gesellschaftsgewinne 50 Mrd. Dollar vor Abzug
der Steuern und 25 Mrd. Dollar nach Abzug der Steuern;
- wurden mehr als 25 Mrd. Dollar für den Wohnungsbau aufgewandt;
- stieg die Zahl der Beschäftigten auf über 70 Millionen an.
Diese eindrucksvollen Statistiken zeigen uns, wo wir stehen. Aber
sie zeigen nicht, welche Strecke und wie schnell wir diese Strecke zurückgelegt haben.
In den nahezu drei Jahren der ununterbrochenen Expansion seit
Anfang 1961
- ist das Bruttosozialprodukt - gemessen am konstanten Dollarwert
- um 16 Prozent gestiegen;
- erhöhte sich die industrielle Produktion um 2J Prozent;
- stieg die Zahl der außerhalb der Landwirtschaft Beschäftigten
um 2,75 Millionen;
- stieg das Personaleinkommen um 70 Mrd. Dollar oder 17 Prozent;
- stiegen die Gesellschaftsgewinne vor Abzug der Steuern um 17
Mrd. Dollar oder 44 Prozent;
•

-

2 -

- stieg

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
- stieg das Nettoeinkommen pro Farm 1963 um fast 575 Dollar
oder 12 Prozent;
- stieg das Gesamteinkommen des amerikanischen Volkes nach
Abzug der Steuern um 56 Mrd. Dollar oder 16 Prozent;
- stieg das verfügbare Realeinkommen pro Familie um über 600
Dollar oder 8 Prozent.
Man muß billigerweise fragen, wie sich die Expansion von 196I-63,
was Produktion und Einkommen anbetrifft, im Vergleich zu früheren Expansionen der amerikanischen Wirtschaft darstellt.
Dies ist die Antwort:
1. Für den Anstieg des Bruttosozialproduktes um 100 Dollar in
2 3/4 Jahren gibt es keine Parallele in unserer Wirtschaftsgeschichte
in Friedenszeiten.
2. Ein Anstieg des Arbeitseinkommens um 51 Mrd. Dollar ist ebenfalls noch nie dagewesen. Das durchschnittliche Realeinkommen der
außerhalb der Landwirtschaft Beschäftigten ist um 345 Dollar pro Jahr
gestiegen - ein Zuwachs, der in einer vergleichbaren Zeitspanne noch
niemals übertroffen wurde.
3. Die Zunahme der Gesellschaftsgewinne von einer Jahresrate von
38,5 Mrd. Dollar Anfang 1961 auf rund 55 Mrd. Dollar Ende 1963 ist
beachtlich...
Am ermutigendsten für mich ist, daß diese Gewinne des amerikanischen Arbeiters und des amerikanischen Geschäftsmannes nicht auf Kosten
des
- amerikanischen Verbrauchers, dessen Einkommen nicht länger
von der Inflation ausgehöhlt wird, ... und der
- Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Exporte erzielt wurden...
Eine so lange, starke und von Auswüchsen freie Expansion, wie
wir sie heute erleben, 'kommt nicht von ungefähr1:
- Die Unternehmer haben im allgemeinen die Preise in Schach gehalten...
- Die Gewerkschaften haben sich in ihren Kollektivverhandlungen
und in ihren Beiträgen zur Steigerung der Produktivität konstruktiv
verhalten. ..
- Die Regierung hat ständig eine fiskalische und monetäre Politik verfolgt, die darauf angelegt war, den Wiederaufschwung zu fördern,
die Expansion zu beschleunigen und das Vertrauen des Unternehmers und
des Verbrauchers zu festigen...
Die

-

3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die vor una liegende Aufgabe
Ein neu erreichtes Hochplateau ist noch nicht der Gipfel. Ihn
müssen wir noch besteigen.
Unser von 1961-63 erreichter Fortschritt ist zwar eindrucksvoll,
anhaltend und nicht inflationär, war aber nicht weitgehend und rasch
genug,
- um die von unseren Arbeitslosen benötigten Arbeitsplätze zu
schaffen,
- um unsere Fabriken mit der gewünschten Kapazität arbeiten
zu lassen,
- um unser Bruttosozialprodukt auf den maximal möglichen Umfang
- und die Wachstumsrate unseres Produktionspotentials wieder auf
das Tempo zu bringen, das wir in den ersten Nachkriegsjähren als
selbstverständlich angesehen haben,
- um das Einkommen der Farmerfamilien auf einen Stand zu heben,
der eher mit dem der Nichtfarmer-Familien vergleichbar wäre,
- um die Investitionen und Gewinne so auszuweiten, daß unser
Kapital eher im eigenen Lande bleibt und dadurch unser Zahlungsbilanzdefizit verringert wird.
Das Ausmaß der vor uns liegenden Aufgabe ist zu ermessen an
/
1. der Arbeitslosigkeit - 5*5 Prozent unserer Arbeitskräfte
liegen immer noch brach, selbst bei einem jährlichen Anwachsen
unseres Bruttosozialprodukts um 30 Mrd. Dollar. Berücksichtigen wir
die bei einem greß-eren Angebot an Arbeitsplätzen neu hijjafcukommenden
Arbeitskräfte, die eine Beschäftigung suchen, dann brauchen wir heute
mindestens zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze, nur um mit dem
ständigen Zuviel an Arbeitslosen fertig zu werden;
2. der Steigerung der Produktivität - Wir brauchen jedes Jahr
etwa zwei Millionen neue Arbeitsplätze, um die arbeitsersparende
Wirkung der zunehmenden Produktionsleistung pro Arbeiter auszugleichen;
3. dem Anwachsen der Zahl der Arbeitskräfte - Jedes Jahr werden über eine Million zusätzliche Arbeitsuchende auf den Arbeitsmarkt
kommen. Wir werden also bald 75 Millionen Arbeitsplätze brauchen^
4. der ungenutzten Kapazität - Die Produktionsrate in der Fertigungsindustrie liegt durchschnittlich noch immer bei nur 87 Prozent
der Kapazität - gegenüber einer 92-Prozent-Rate, die sich die Betriebsleiter wünschen;
IM.

- 4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
5. der Verschwendung von Potential - Die heute brachliegenden Menschen, Maschinen und Materialien könnten zu unserem Bruttosozialprodukt von 600 Mrd . Dollar ohne weiteres noch rund JO Mrd.
Dollar hinzufügen;
6. dem Zahlungsbilanzdefizit - Obwohl es durch die im Juli bekanntgegebenen energischen Schritte stark reduziert worden ist, haben wir immer noch ein Defizit. Und der Goldabfluß, der zwar 1§63 nur
halb so stark war wie 1962 und der in den drei Jahren von 1961 bis
1965 noch nicht einmal halb so stark war wie in den Jahren 1958 bis
196O, ist nicht abgestellt worden.
Wenn wir diese Probleme bewältigen wollen, müssen wir vor allem
erst einmal das Steuersenkungsgesetz verabschieden
- nicht in ein oder zwei oder drei Monaten, sondern sofort;
- nicht in einer verwässerten, sondern in einer noch konzentrierteren Fassung, wobei der bei der Einkommenssteuer einzubehaltende
Satz sofort von 18 Prozent auf 14 Prozent gesenkt werden soll...
Sparsames Wirtschaften schließt keineswegs eine expandierende
Wirtschaft aus. Indem wir kühles Rechnen und Expansion, Sparsamkeit
und Großzügigkeit vereinen, werden wir
- den Haushalt 1965 niedriger als den Haushalt 1964 halten und
das Defizit um die Hälfte senken;
- für jeden ausgegebenen Dollar den vollen Gegenwert erhalten,
uns aber nicht scheuen, einen Dollar auszugeben, wann und wo immer
die Nation davon profitieren wird.
- unsere Programme zur Beseitigung dringender menschlicher Not
stärken;
- unseren Verteidigungserfordernissen voll nachkommen und die
Forderungen nach wirtschaftlichem Fortschritt erfüllen; sowie
- der Wirtschaft gleichzeitig in einem noch nie dagewesenen Ausmaß einen steuerlichen Anreiz geben.
Die Steuersenkung wird der amerikanischen Wirtschaft auf Jahre
hinaus stetigen Aufschwung verleihen. Sobald sie sich im Jahre 1965
voll auswirkt, werden pro Jahr 11 Milliarden Dollar mehr durch die
Lebensadern der Wirtschaft fließen...
Für die nahe Zukunft wird uns die Steuersenkung die unbedingt
notwendige fiskalische Garantie geben, die wir zum Schutz gegen eine
Rezession benötigen. Sie wird einen bereits lange andauernden starken
Aufschwung zu der längsten und stärksten Expansion unserer Friedensgeschichte machen...
Die

-

5 -

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Die wirtschaftlichen Aussichten für 1 9&amp;4
Wir treten in das Jahr 19^4 mit Optimismus ein
- von der starken Woge einer Expansion getragen, die das Bruttosozialprodukt bereits auf über 600 Mrd. Dollar ansteigen ließ, und
- angesichts der zu erwartenden Belebung auf Grund einer bald
zu verabschiedenden Steuersenkung um 11 Mrd. Dollar.
Wenn die Steuersenkung umgehend verabschiedet wird, dann dürfte
unser Bruttosozialprodukt von 585 Mrd. Dollar im Jahre 1963 auf
schätzungsweise 623 Mrd. Dollar im Jahr 1964 ansteigen (wobei diese
Zahl als Mittelwert mit einer möglichen Abweichung von 10 Mrd. Dollar
nach beiden Seiten zu werten ist).
Bei einer Steuersenkung wird das Vertrauen in die Wirtschaft gestärkt: Die Wirtschaftsexperten rechnen mit einem fünf- bis sechsprozentigen oder noch höheren Anstieg des Bruttosozialprodukts von 1963
bis 1964.
Bei einer Steuersenkung wird die Arbeitslosigkeit 1964 wesentlich
absinken.
Bei einer Steuersenkung werden die Gewinne weiter ansteigen, und
der übliche Rückgang nach dem ersten oder zweiten Jahr einer.Expansion
wird vermieden werden.
Bei einer Steuersenkung werden sich für unsere Zahlungsbilanz
Vorteile ergeben, und zwar aus der grundlegenden Verbesserung
- unserer Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten, da die
Kosten durch die niedrigeren Steuern direkt und durch die Modernisierung indirekt gesenkt werden,
- und unserer Fähigkeit, das Kapital im Lande zu halten und neues
anzuziehen, da die Erträge der Investitionen im Inland bei höherer
Produktionszahl und geringeren Stückkosten ansteigen.
Bei einer Steuersenkung werden die Verbraucherausgaben, gestärkt
durch etwa 8,8 Mrd. Dollar zusätzlicher Löhne, der Wirtschaft im Jahre
1964 weiteren Auftrieb geben.
Bei einer Steuersenkung werden die Kapitalinvestitionen der Wirtschaft 1964 stärker ansteigen als 1963, und die Nachfrage nach Wohnungen und Kraftfahrzeugen wird weiterhin stark bleiben.
Bei einer Steuersenkung wird 1964 - in einem Satz gesagt - ein
Jahr des starken, stetigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden...
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die Aussichten sind günstig, daß 1964 unsere guten Erfolge hinsichtlich der Preisstabilität und stabiler Arbeitskosten anhalten
werden...
Ich rechne nicht mit einer erneuten Lohn-Preisspirale - einer
Spirale, die unsere Expansion schwächen und unsere Zahlungsbilanzposition verschlechtern würde.
Unsere Politik für 1964
Ein starker 7/irtschaftsaufschwung nach der Steuersenkung muß
nicht unbedingt zu knappem Geld oder hohen Zinssätzen führen, vor
allem wenn
- unsere Zahlungsbilanz sich auf Grund der 1961 eingeleiteten und
im vergangenen Juli verstärkten Maßnahmen weiter so nachdrücklich verbessert;
- der Haushalt für das Finanzjahr 19&amp;5 ^ a s Defizit auf die Hälfte
senkt und den Druck auf die Zinssätze für Staatspapiere mildert...
Aber die Währungspolitik muß flexibel sein, damit sie
- schnell auf die Defensive umschalten kann, falls ganz unerwartet eine Inflation droht oder sich die Zahlungsbilanz verschlechtert,
- unsere Steuerpolitik zur Förderung der Expansion im eigenen
Lande verstärken kann, wenn monetäre Defensivmaßnahmen nicht notwendig
sind.
Unsere Zahlungsbilanz wird auch weiterhin aus dem im vergangenen
Juli in Angriff genommenen Sonderprogramm Vorteile ziehen. Dies bedingt jedoch
- eine baldige Verabschiedung des Gesetzes über die Zinsausgleichssteuer, die die Kosten ausländischer Anleihen auf unserem Kapitalmarkt
erhöhen soll, ohne daß hierdurch die Zinssätze auf dem einheimischen
Markt angehoben werden;
- weiterhin Sparsamkeit bei den Dollarausgaben für die einzelnen
Regierungsprogramme im Ausland, ohne daß dabei jedoch unsere Anstrengungen zur Erhaltung der Stärke der freien Welt beeinträchtigt werden;
- weiterhin stabile Preise und Förderung des Exports, um die
Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportgüter zu erhalten oder zu verbessern.
Ausweitung des Handels und der Entwicklungshilfe
1. Die Kennedy-Runde. Die von den Vereinigten Staaten seit J&gt;0 Jahren unternommenen Bemühungen zum Abbau der internationalen Handelsschranken - und die durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Auswei tung

-

7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Ausweitung des Handels von 1962 angekündigte verstärkte Verfolgung
dieses Zieles - werden 1964 einen Höhepunkt erreichen...
2. Die Entwicklungsländer. Der Abbau der Handelsschranken wird
zu einer Ausweitung des Exports führen und einer wachsenden Zahl von
Entwicklungsländern helfen, sich selbst zu erhalten.
Aber für die meisten ärmeren Länder ist der Zeitpunkt noch weit
entfernt,zu dem sie sich völlig selbsterhalten können. Wir müssen ihnen
helfen, einen Weg zur Entwicklung durch Freiheit - und zur Freiheit
durch Entwicklung - zu finden.
Unsere Entwicklungshilfeanstrengungen müssen und werden noch viel
gezielter erfolgen und strenger überwacht werden. Wir werden die anderen Länder auffordern, sich in stärkerem Maße an dieser Last zu
beteiligen, und wir werden den privaten Investitionen einen größeren
Aufgabenkreis zuweisen. Aber ein starkes Entwicklungshilfeprogramm ist
auch weiterhin von entscheidenderWichtigkeit für unser Ziel: Frieden
und Stabilität in einer freien Vifelt,..
Der Beitrag, den die steigende Produktivität unserer Landwirtschaft zu dem wirtschaftlichen Aufschwung unseres Landes geleistet
hat, wird nur zu oft übersehen.
Wir brauchen nur auf die Behinderung des nationalen Wachstums in
den Sowjetblockländern zu blicken, um zu ermessen, was es für ein Land
und seine Bevölkerung bedeuten kann, wenn die Produktivität der Landwirtschaft nicht ansteigt...
- Das äußerst erfolgreiche Lebensmittel-für-den-Frieden-Programm
erfordert dieses Jahr eine neue legislative Ermächtigung.
- Wir müssen ferner der Forschung und-Entnicklung die Unterstützung
geben, die für das Fortbestehen der Stärke, Anpassungsfähigkeit und Expansion der amerikanischen Landwirtschaft notwendig ist...
Im Jahre 1964 müssen wir unsere Anstrengungen zur Lösung folgender Probleme unserer arbeitenden Bevölkerung verdoppeln...
- Auf hoher Ebene soll eine Sonderkommission eingesetzt werden,
um festzustellen, wie die Vorteile der Automation bei einem Minimum
an Nachteilen für den Arbeiter am besten verwirklicht werden können...
- Die von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeiter müssen umgeschult werden, und durch einen verbesserten Bundes-Einzelstaatlichen
Vermittlungs- und Beratungsdienst muß ihnen geholfen werden, den Weg
zurück in ein produktives Leben zu finden.
- Und wir müssen unsere Erziehungs- und Ausbildungseinrichtungen
auf allen Ebenen verbessern, um unserer Jugend die Grundlagen und
das Wissen zu vermitteln, das unsere sich schnell entwickelnde Wirtschaft braucht...
Die Belastungen, die sich für den einzelnen aus einem Arbeitsplatzwechsel ergeben, müssen durch eine Erweiterung und Verbesserung

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBKIT
Verbesserung unseres Arbeitslosen-Versicherungsprogramms gemildert
werden.•.
Wir sollten und werden unser gegenwärtiges Arbeitslosenproblem
durch Ausweitung der Nachfrage lösen und nicht dadurch, daß wir die
normale wöchentliche Arbeitszeit auf 35 Stunden senken...
Gleichzeitig dürfte regelmäßige Überstundenarbeit in großem
Ausmaße in einigen Industrien die Arbeitsmöglichkeiten zu sehr einschränken.
Daher werde ich die Verabschiedung eines Gesetzes fordern, das
auf der Basis der einzelnen Industriezweige eine Erhöhung der Überstundenzuschläge vorsieht, sofern ein Dreierausschuß festgestellt
hat, daü solche Zuschläge die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze
bewirken würden, ohne daß hierdurch die Kosten unangemessen ansteigen.
Es gibt zwei Hauptansatzpunkte für unseren spezifischen Angriff
auf die Arbeitslosigkeit in Amerika:
erstens jeden einzelnen in die Lage zu versetzen, seine Erwerbsfähigkeit voll zu entwickeln;
zweitens allen Bürgern einen angemessenen Lebensstandard zu
garantieren, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Rückschläge oder die
Vechselfälle des menschlichen Lebens und der Gesundheit...
Lassen Sie uns niemandem die Möglichkeit verwehren, seine
ihm angeborenen Fähigkeiten voll zu entwickeln und zu nutzen...
Die entscheidenden Punkte für die Erwerbsfähigkeit sind:
1. Erziehungswesen - Armut und Unwissenheit gehen Hand in Hand:
- Wir müssen das Erziehungswesen für unsere gesamte Jugend verbessern, um sowohl den Wohlstand der Menschen zu heben als auch das
wirtschaftliche Wachstum des Landes zu beschleunigen.
- Wir müssen jedoch, und das ist äußerst wichtig und sollte mit
Unterstützung des Bundes geschehen, Erziehung und Ausbildung der Kinder der Armen verbessern, so daß sie ihren Eltern nicht in die Armut
zu folgen brauchen...;
2. Gesundheitswesen - •.•Wir müssen unsere Anstrengungen beschleunigen und intensivieren, um gerade den Gesundheitsstand der
Armen weiter zu verbessern;
3« Kenntnisse und Arbeitsplatz - Wir müssen sowohl den jungen
Menschen wie den älteren Arbeitern helfen, sich durch die bereits
aufgeführten Programme die geforderten Kenntnisse zu erwerben;
4- Sanierung von Stadt- und Landgebieten - Energische Maßnahmen
der Kommunen mit zusätzlicher Unterstützung des Bundes können den
furchtbaren Teufelskreis, wie er in zu vielen Land- und Stadtgebieten
zu finden ist, durchbrechen...
Das

- 9-

�AMERIKA DIENST" - ',71RTSCHAFT UND ARBEIT
Das Gesetz über die Verbesserung der wirtschaftlichen Struktur in den Notstandsgebieten muß erneuert und belebt, und die ländlichen Gemeinden müssen bei dem Bemühen um neue wirtschaftliche
Stärke unterstützt werden.
Ferner werde ich demnächst in einer Sonderbotschaft ein neues
Programm unterbreiten, das sich speziell mit unserem am schwersten
daniederliegenden Gebiet - den Appalachen - befaßt;
5. gleiche Möglichkeiten für alle - ...Selbst über die Bürgerrechtsgesetzgebung hinaus macht der Kampf zur Beendigung der
Diskriminierung konstruktive Maßnahmen seitens aller Behörden und
aller Bürger erforderlich, um sicherzustellen - und zwar in der Praxis wie auch prinzipiell -, daß allen Amerikanern gleiche Möglichkeiten für Erziehung und Ausbildung, für einen guten Gesundheitsstand, für Arbeitsplätze und für anständige Wohnungen geboten werden.,
Der zweite Ansatzpunkt für unseren Angriff auf die Armut ist der
Schutz des einzelnen und seiner Familie vor Not, wenn die Einkünfte
auf Grund von hohem Alter, Erwerbsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder
anderen familiären Gegebenheiten nicht ausreichend sind.

Die wirtschaftliche Aufgabe Amerikas
Im Jahre 1964 und in den folgenden Jahren bemühen wir uns um
eine freie und expandierende Wirtschaft, die
- allen, die bereit und fähig sind zu arbeiten, eine produktive
Beschäftigung bietet;
- das volle.Potential unserer menschlichen und materiellen Hilfsquellen nutzt;
- das freie Unternehmertum, die Modernisierung und den Wettbewerb aller Bürger in allen Lebensbereichen fördert;
- Rückschläge durch Rezession oder Inflation verhindert;
- ein ständiges und schnelles Wachstum der Produktivität, der
letztlichen Quelle eines höheren Lebensstandards, bewirkt, während
sie gleichzeitig die nötigen Kenntnisse und Arbeitsplätze vermittelt,
die die von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeiter brauchen;
- in immer größerem Maße den Bedürfnissen und Wünschen unserer
Bürger gerecht wird, wie sie in der Öffentlichkeit und in den Amtsstuben frei zum Ausdruck kommen;
- denen, die es wünschen, mehr Freizeit und befriedigende
Möglichkeiten zu ihrer Nutzung bietet;
- die

-

10

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
- die Sicherheit der Nation und der freien Welt garantiert,
indem sie in wirksamer Weise die wirtschaftliche Entwicklung und
die politische Unabhängigkeit der weniger entwickelten Länder unterstützt;
- einen für beide Seiten vorteilhaften Handel mit anderen Ländern fördert und in zunehmendem MaSe die den internationalen Wettbewerb behindernden Schranken abbaut;
- in freien internationalen Transaktionen genügend verdient,
um unsere Zahlungsbilanz auszugleichen und uns doch unseren Verpflichtungen in der Welt nachkommen zu lassen;
- die Früchte des wirtschaftlichen Wachstums unter Verbrauchern
und Erzeugern, Arbeitnehmern und Arbeitgebern gerecht verteilt;
- ständig auf dem Wege zur Erfüllung des amerikanischen Traumes
von der Gleichheit der Chancen für alle amerikanischen Bürger, gleichgültig welcher Rasse oder Religion, welchen Geschlechts oder an welchem
Wohnort und gleichgültig welchen sozialen oder wirtschaftlichen Standes
bei der Geburt, voranschreitet;
- es jedem Amerikaner gestattet, für Produktion und Verdienst
alle seine Fähigkeiten bis zum Letzten auszuschöpfen;
- mit der Großzügigkeit und dem Weitblick, zu denen eine freie
und in Fülle produzierende Wirtschaft fähig ist, vermeidbares Leiden
und Unsicherheit für unsere Bürger ausschaltet.
Diese Bestrebungen und Wünsche werden nicht leicht zu verwirklichen sein; aber sie liegen auch nicht außerhalb unserer Reichweite.
Die Politik, die wir - auf dem öffentlichen wie auf dem privaten
Sektor - verfolgen müssen, braucht nicht erst entdeckt zu werden. Wir
kennen sie und wir müssen sie anwenden. In der Hauptsache müssen wir uns
auf private Erfindungskraft, Initiative und Fleiß stützen. Aber es ist
die Pflicht der Regierung:
- das pulsierende und ständige Wachstum der Wirtschaft zu unterstützen,
- die Möglichkeiten des freien Unternehmertums zu erweitern,
- vor seinen Auswüchsen auf der Hut zu sein und
- den wirtschaftlichen Interessen der gesamten Bevölkerung zu
dienen . ..
Gestärkt durch die von mir in diesem Bericht dargelegten Programme, wird die Nation bei der Realisierung ihres vollen Potentials
stetige Fortschritte machen."

* * * -x- *

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderfaeiläge

Wi ./XVI - 5

DAS NEUE US-BUDGET FÜR 1964/65

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen eine Zusammenfassung des neuen US-Haushalts, den Präsident Johnson am
21 . Januar 1964 dem amerikanischen
Kongreß vorgelegt hat.

Präsident Johnson hat dem amerikanischen Kongreß am Dienstag
den neuen Haushalt für das am 1 . Juli beginnende Finanzjahr 1965
(1964/65) vorgelegt, der mit Einnahmen von 93 Milliarden Dollar
und Ausgaben von 97»9 Milliarden Dollar ein Defizit von 4»9 Milliarden Dollar ausweist.
In seiner Botschaft an den Kongreß unterstreicht Johnson, daß
die Ausgaben im neuen Haushaltsjahr um rund 900 Millionen Dollar
hinter den ursprünglichen Ausgabenvoranschlägen für das - noch
laufende - Haushaltsjahr 1964 C19^3/64) und immer noch um rund
500 Millionen Dollar hinter den voraussichtlichen tatsächlichen
Ausgaben in diesem Haushaltsjahr zurückbleiben werden. Auf der anderen Seite dürften die Haushaltseinnahmen um rund 4»6 Milliarden
Dollar höher liegen als im Haushaltsjahr 1964 - Dieser Zunahme, so
hebt Johnson hervor, liege die Erwartung zugrunde, daß die amerikanische Wirtschaft auf Grund des bald zu verabschiedenden Steuersenkungsprogramms einen weiteren nachdrücklichen Aufschwung nehmen werde,
wobei die zu erwartenden Einnahmenausfälle auf Grund der niedrigeren
Steuersätze bereits berücksichtigt seien. Von besonderer Bedeutung
sei, daß der Haushalt lediglich ein Defizit von 4&gt;9 Milliarden
Dollar ausweise, das damit um rund 5»1 Milliarden Dollar hinter dem
für das laufende Haushaltsjahr zu erwartenden Defizit von rund 10
Milliarden Dollar zurückbleibe.
Haushalt der Sparsamkeit und des Fortschritts
Der neue Haushalt, so betont Johnson, sei ein Haushalt der Sparsamkeit und des Fortschritts. Auf der einen Seite sehe er eine Verringerung der Regierungsausgaben gegenüber dem vorangegangenen Haushaltsjahr vor, was in den vergangenen neun Jahren nur einmal der Fall gewesen sei. Dazu fordere der neue Haushalt eine wesentliche Verringerung der Zahl der Regierungsangestellten, das srste Mal seit 1956 -

-

1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
1956 - dem Jahr, in dem erstmalig die Gesamtzahl der Regierungsangestellten im Haushalt ausgewiesen wurde. Und schließlich werde
in dem neuen Haushalt das Defizit praktisch auf die Hälfte reduziert. Dies bedeute einen wichtigen ersten Schritt in Richtung auf
einen ausgeglichenen Haushalt bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung
und einer prosperierenden Wirtschaft«
"Auf der anderen Seite", so heißt es in der Botschaft,
"sichert der neue Haushalt jedoch den Frieden, indem er eine weitere Verstärkung der abschreckendsten Verteidigungseinrichtungen
bringt, die die Welt jemals gekannt hat. Der neue Haushalt empfiehlt
eine Fortsetzung der militärischen Hilfe an die Länder, die durch
die kommunistische Aggression direkt und indirekt bedroht sind. Er
bringt Wirtschaftshilfe für die Länder, die bereit sind, die zur
Wahrung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit erforderlichen Maßnahmen
in Form von wirtschaftlicher Selbsthilfe zu ergreifen. Er sieht die
erforderlichen Mittel vor, damit wir in der Bezwingung des Weltraums
- bis zur Verwirklichung der Landung eines Menschen auf dem Mond
noch in diesem Jahrzehnt - fortfahren können. Er sorgt für eine vernünftige Verwaltung und Erschließung unserer natürlichen und unserer
landwirtschaftlichen Hilfsquellen. Und in seinen Empfehlungen für
das Erziehungswesen, das Wohnungswesen, die Schulung von Arbeitskräften, das Gesundheitswesen und die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten
für Jugendliche stellt er mehr Mittel für die Entwicklung der wichtigsten Hilfsquelle unseres Landes, nämlich seiner Bevölkerung, bereit, als dies jemals zuvor in unserer Geschichte der Fall war.
Darüber hinaus sieht dieser Haushalt neue und umfassende Bemühungen vor,
um den Teufelskreis der chronischen Armut zu durchbrechen, der Millionen unserer Mitbürger einen gerechten Anteil an den Segnungen des Lebens in unserem Lande verwehrt."
In diesem Zusammenhang kündigt Johnson an, daß er dem Kongreß
in Kürze eine Sonderbotschaft mit seinen Empfehlungen zur Bekämpfung
der Armut unterbreiten werde. Gleichzeitig unterstreicht der Präsident, daß die in diesem Haushalt empfohlenen "dringenden und notwendigen" Erweiterungen von Programmen mit den Ersparnissen finanziert
würden, die durch strikte Einsparungsmaßnahmen und eine eingehende
Überprüfung der bestehenden Programme erzielt werden sollen.
Eine Aufstellung des Gesamtzahlungsplans gibt folgendes Bild:

Gesamt Zahlungsplan

-

2

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
GesamtZahlungsplan

Finanz jähr
1963

1964

1965

(Voranschlag)
in Milliarden Dollar

Ha ushaltseinnahmen

86,4

88,4

93,0

Einnahmen aus Treuhandfonds

27,6

30,2

30,8

Abzüglich interne Transaktionen
Gesamteinnahmen

4,3

-

109,7

4,2

-

4,1

114,4

119,7

Haushaltsausgaben

92,6'

98,4

97,9

Ausgaben aus Treuhandfonds

26,6

29,3

29,4

Abzüglich interne Transaktionen -

5,4
113,8

Gesamtausgaben

-

5,0
122,7

-

4,6
122,7

Der Gesamtzahlungsplan der Regierung umfaßt neben dem eigentlichen Regierungshaushalt, der lediglich Ausgaben von 97,9 Milliarden Dollar ausweist, die aus ordentlichen Haushaltseinnahmen - wie
Steuern - abgedeckt werden müssen, auch die Ausgaben aus den sogenannten Treuhandfonds von 29,4 Milliarden Dollar, die durch eigene
Einnahmen dieser Fonds finanziert sind. Da verschiedene Posten wie etwa Sozialleistungen und -beitrage - sowohl im eigentlichen
Regierungshaushalt als auch unter Treuhandfonds als Ausgaben und
Einnahmen erscheinen und also doppelt verbucht wären, werden diese
Posten jeweils unter der Rubrik "Abzüglich interne Transaktionen"
einmal abgesetzt, um eine korrekte Gesamtsumme zu erhalten.
Bei Gesamtaufwendungen von 122,7 Milliarden Dollar im neuen
Haushaltsjahr und Gesamteinnahmen von 119,7 Milliarden Dollar ergibt
sich somit ein Gesamtausgabenüberhang von rund drei Milliarden Dollar,
während das Defizit des eigentlichen Regierungshaushalts - die Differenz zwischen Haushaltseinnahmen und Haushaltsausgaben - 4,9 Milliarden Dollar beträgt.

RegierungsProgramme

-

3

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Regierungsprogramme mit Minimum an Kosten für Steuerzahler
Die in dem neuen Regierungshaushalt ausgewiesenen Ausgaben, so
unterstreicht Johnson, "sind notwendig, um den Bedarf unserer gewachsenen Gesellschaft zu decken, um die grundlegende Stärke unserer
Nation zu festigen, um unsere weltweiten Verpflichtungen einhalten
und um unseren finanziellen Zusagen nachkommen zu können". In diesem
Zusammenhang weist der Präsident darauf hin, daß die Bevölkerungszahl
der USA in den zehn Jahren von 1955 bis 1965 u m fast 30 Millionen oder
17 Prozent zugenommen haben dürfte, wobei der größte Zuwachs bei den
jungen und bei den alten Bevölkerungsgruppen auftritt. "Die Vereinigten Staaten", so sagt Johnson, "werden auch weiterhin mit einem schnellen Bevölkerungszuwachs zu rechnen haben, während wir uns um eine Verbesserung der wirtschaftlichen Wachstums rate bemühen. Und auf lange
Sicht gesehen wird sich dies in einer Forderung nach höheren Regierungsausgaben für zivile Programme auswirken. Trotzdem sollten wir,
wo immer dies möglich ist, versuchen, die Kosten zu senken, die weniger dringlichen Vorhaben einzuschränken und andere Einsparungsmöglichkeiten zu finden, damit die notwendigen neuen oder auch die größer
werdenden Programms mit einem Minimum an Kosten für den Steuerzahler
finanziert werden können. Diese Politik liegt dem neuen Haushalt zugrunde. Es werden die notwendigen Dienstleistungen bereitgestellt,
während gleichzeitig der Ausgabenvoranschlag des Regierungshaushalts
im Finanzjahr 1965 gegenüber dem Finanzjahr 1964 um über eine halbe
Milliarde Dollar niedriger ist."
Die Gesamtausgaben der Regierung schlüsseln sich wie folgt auf:
Finanz jähr
1963

1964
1965 •
(Voranschlag)

in Milliarden Dollar
Haushaltsausgaben:
52,8
2,6
2,6
7,0
2,4
2,8
0,1
4,8
1,2
5,2
10,0
2,0
-

Nationale Verteidigung
Internationale Angelegenheiten
Weltraumforschung und Technik
Landwirtschaft
Nationale Hilfsquellen
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau u.Städteentwi cklung
Gesundheits- u.Sozialprogramme
Erziehungswesen
KriegsVeteranen
Zinsendienst
Allgemeine Regierungsausgaben
Sonstiges
Abzüglich Posten der Rech-.
nungsangleichung

-

Gesamtsumme Haushaltsausgaben

_22j6=_

0,9

54,0
2,2
5,0

55,5
2,4
4,4
6,1
2,5
5,2
0,2

4,9

2,6
5,1
0,5
5,8
1,7
5,1
11 ,1
2,2
0,7

5,5
1,5

5,4
10,7
2,2
0,1
-

0,9

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-

0,8

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Finanz jähr
1963

1964
1965
(Voranschlag)
in Milliarden Dollar

Treuhandfonds:
Gesundheits- U.Sozialprogramme
Handel- U.Transportwesen
Nationale Verteidigung
Wohnungsbau- und
Städteentwicklung
KriegsVeteranen
Sonstiges
Abzüglich Posten der
Rechnungsangleichung

21,9
2,9
0,7
- X)
0,8
0,8
-

-

0,5
26,6

Gesamtsumme Treuhandfonds
Abzüglich interne Transaktionen

-

23,5
3,5
1,2

1,6
0,6
0,6

0,5
0,5
0,7
-

0,5

-

5,4

5,0

122jJ

0,5
29,4

29,3

U2*2

Gesamtsumme der Ausgaben

22,7
3,4
0,9

4,6

„...ISiZ.,.

X) weniger als eine halbe
Million Dollar

55 Prozent Ausgaben für die nationale Verteidigung
Von den Gesamtausgaben des eigentlichen Regierungshaushalts von
97,9
Milliarden
Dollar eentfallen
55 rProzent
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Verteidigung, 5,1 Prozent auf Weltraumforschung und Technik, 2,2 Prozent auf Internationale Angelegenheiten, 5,9 Prozent auf Gesundheitsj

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und das Transportwesen, für den Wohnungsbau und die Städteentwicklung,
für das Erziehungswesen sowie für die Kriegsveteranen und auf die
allgemeinen Ausgaben der Regierung.
Legt man jedoch die Gesamtausgaben der Regierung - einschließlich der Ausgaben aus den Treuhandfonds - von 122,7 Milliarden Dollar
zugrunde, so entfallen nur 44 Prozent auf die nationale Verteidigung,
zwei Prozent auf Internationale Angelegenheiten, 24 Prozent auf Gesundheits- und Sozialprogramme einschließlich der Sozialversicherungs- und
sonstigen Sozialleistungen der Treuhandfonds, sieben Prozent auf den
Zinsendienst, vier Prozent auf Weltraumforschung und Technik, vier
Prozent auf die Landwirtschaft, vier Prozent auf Leistungen für Kriegsveteranen und elf Prozent auf alle sonstigen Programme. Las Geld zur
Bestreitung dieser Gesamtausgaben von 122,7 Milliarden Dollar wird zu
40 Prozent über die Einkommensteuer, zu 21 Prozent über die Körperschaftssteuer, zu 14 Prozent über Sozialbeiträge zu den Treuhandfonds,
zu 23 Prozent über sonstige Steuern und Beitragsleistungen sowie zu
zwei Prozent über den Kapitalmarkt aufgebracht.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die Ausgabenvoranschläge des neuen Haushalts, so unterstreicht
Johnson, sollen die Regierung in die Lage versetzen, die unbedingt
erforderlichen Dienstleistungen bereitzustellen. Dagegen müsse der
Auftrieb, dessen die Wirtschaft bedürfe, damit Produktion, Einkommen
und Beschäftigtenstand ein neues, noch höheres Niveau erreichen
können, in erster Linie von privater Seite ausgehen statt mit Regierungsgeldern finanziert zu werden. Aus diesem Grunde sei die Verabschiedung des dem Kongreß gegenwärtig vorliegenden Steuersenkungsgesetzes ein integraler und entscheidend wichtiger Bestandteil der
neuen Haushaltsvorschläge.
In diesem Zusammenhang weist Johnson darauf hin, daß die USA sich
gegenwärtig in der vierten Expansionsperiode ihrer Wirtschaft seit dem
letzten Kriege befindenr die im Februar 1961 einsetzte und nunmehr
fast drei Jahre andauert. Allein im vergangenen Jahr sei das Bruttosozialprodukt um 5&gt;4 Prozent auf 585 Milliarden Dollar angestiegen,
während das Personaleinkommen um 4&gt;7 Prozent, die industrielle Produktion um 5»1 Prozent und die Gesellschaftsgewinne um 10,5 Prozent
zunahmen. Gleichzeitig habe die Preisstabilität - und zwar im sechsten aufeinanderfolgenden Jahr - gewahrt werden können. Trotzdem sei
diese Expansion immer noch nicht so nachhaltig gewesen, daß die Wirtschaft die Arbeitslosen und die ungenutzten Produktionskapazitäten
hätte voll absorbieren können. Obwohl in den fast drei Jahren seit
der letzten Rezession rund 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen
worden seien, betrage die Arbeitslosenrate immer noch 5&gt;5 Prozent,
erreiche die Industrie immer noch nicht ihre optimale Produktionsrate
und bleibe das Bruttosozialprodukt um wenigstens 50 Milliarden Dollar
hinter dem möglichen Stand zurück.
Diese Kluft, für die die USA einen hohen Preis in Form von
brachliegenden Hilfsquellen - sowohl menschlichen als auch natürlichen - zahlen müßten, so unterstreicht Johnson, müsse geschlossen
werden, und zwar umgehend, wie dies Präsident Kennedy schon vor einem
Jahr gefordert habe. Zu lange bereits hätten die Arbeitslosen auf
neue Arbeitsplätze gewartet, die ganz einfach dadurch geschaffen werden könnten, daß man den Verbrauch und die Investitionstätigkeit
anregt. Bei sofortiger Verabschiedung des Steuersenkungsgesetzes
werde sich die Wirtschaftsexpansion 1 9&amp;4 verstärkt fortsetzen, und
als Folge der ersten Phase der Steuersenkung werde das Bruttosozialprodukt auf etwa 623 Milliarden Dollar ansteigen. Sobald die Steuersenkung später voll wirksam geworden sei, werde sie auch zu einer
Einengung der Kluft zwischen dem tatsächlichen und dem potentiellen
Bruttosozialprodukt sowie zur Schaffung von etwa zwei Millionen neuen
Arbeitsplätzen führen. Und mit der zusätzlichen Ausweitung der Geschäftstätigkeit, des Personaleinkommens und der Unternehmergewinne
würden auch die Bundeseinnahmen ansteigen. Diese höheren Einnahmen
würden dann zusammen mit den durch eine sparsame Haushaltsführung
erzielten Ersparnissen einen ausgeglichenen Haushalt in einer
prosperierenden Wirtschaft ermöglichen.
Zu

�"AMERIKA DIENST" - "•IRTSCHAFT UND ARBEIT
Zu den einzelnen Bereichen der Regierungsausgaben führt
Präsident Johnson in seiner Haushaltsbotschaft unter anderem aus:
Nationale Verteidigung
"Um in diesen Jahren eines unsicheren Friedens die Freiheit
zu erhalten und unsere lebenswichtigen nationalen Interessen zu
schützen, haben die Vereinigten Staaten große Summen in die Verbesserung ihrer Verteidigung investiert. Wir haben uns entschlossen,
unseren Gegnern bei keiner Art eines möglichen Konflikts - sei er
ein Atomkrieg, ein konventioneller Krieg oder ein Partisanenkonflikt - eine Überlegenheit zu konzedieren.
Wir haben die Stärke unserer Streitkräfte bis heute so erhöht,
daß wir angesichts jeder Aggressionsdrohung so antworten können,
wie es der Situation entspricht. Mit den gegenwärtigen Streitkräften und den jetzt geplanten werden wir diese lebenswichtige militärische Kapazität weiterhin aufrechterhalten.
Während der vergangenen drei Jahre haben wir eine bemerkenswerte Erhöhung unserer militärischen Bereitschaft erzielt, einschließlich
Einer 1OOprozentigen Steigerung der Zahl der für die strategischen Einsatzstreitkräfte verfügbaren Kernwaffen;
einer 60prozentigen Verstärkung der taktischen Kernstreitkräfte,
die in Westeuropa stationiert sind;
einer 45pr°zentigen Steigerung der Zahl der kampfbereiten
Heeresdivisionen;
einer 35prozentigen Erhöhung der Zahl der taktischen Jagdgeschwader;
einer 75prozentigen Steigerung der Lufttransportkapazität
zur Verbesserung der Beweglichkeit.
Diese raschen Zunahmen resultieren aus einer Erhöhung der
tatsächlichen Ausgaben für militärische Zwecke von 47»7 Milliarden
Dollar im Jahre 1961 auf 56 Milliarden Dollar im Jahr 1964« Gleichzeitig... haben nachhaltige Bemühungen zur Sparsamkeit in der Verwaltung unserer Streitkräfte zu bedeutsamen Einsparungen geführt.
Wir sind deshalb in der Lage, in den tatsächlichen Ausgaben für die
nationale Verteidigung im Haushaltsjahr 19&amp;5 eine Verringerung um
800 Millionen Dollar vorzuschlagen (1,3 Milliarden Dollar im Regierungshaushalt) und gleichzeitig unsere Position der Stärke aufrechtzuerhalten.. ."
Internationale Angelegenheiten
"Die Entwicklungsländer stehen gegenwärtig in einem entscheidenden Kampf um ihre politische Unabhängigkeit und ihren wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser Kampf nimmt viele Formen an, von der Bekämpfung der bewaffneten Aggression und Subversion in Vietnam bis
zu den nationalen Bemühungen zur Verringerung der Armut und des

- 7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
des Analphabetentums in Südasien, Lateinamerika und anderen Gebieten. Vom Ausgang dieses Kampfes wird die Stabilität und Sicherheit
fast der ganzen Welt abhängen. Durch unsere Auslandshilfeprogramme
gewähren wir ihren Völkern Unterstützung und fördern wir gleichzeitig unsere eigenen Lebensinteressen.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß wir mit einem
Teil unserer großen Hilfsquellen und technischen Kenntnisse
hin bei den aufstrebenden Nationen Hoffnung und geordneten
schritt fördern, der an die Stelle von Not, Feindschaft und
tritt. . .

kleinen
weiterFortGewalt

Die Anforderungen für 1965 spiegeln die Erfolge wider, die wir
dabei hatten, die Abhängigkeit einiger Nationen von niedrigverzinslichen Auslandshilfeanleihen ... zu verringern...
Die Ernsthaftigkeit unserer Zielsetzungen in Übersee wird durch
die äußerst erfolgreiche Arbeit des Friedenskorps beispielhaft zum
Ausdruck gebracht..."
Weltraumforschung und Technik
"Unser Plan, in diesem Jahrzehnt einen Menschen auf dem Mond
zu landen, bleibt unverändert bestehen. Es ist ein ehrgeiziges
und bedeutsames Ziel. Abgesehen davon, daß es großen wissenschaftlichen Nutzen bringt, wird es zeigen, daß unsere Fähigkeiten im Weltraum hinter den Fähigkeiten keiner anderen Nation zurückstehen. Es
liegt jedoch auf der Hand, daß wir dieses Ziel ohne ausreichende
Mittel nicht erreichen können, so ausgezeichnet unsere Wissenschaftler und Techniker, so weitsichtig unsere Planer und Manager oder so
sparsam unsere Verwalter und Kontraktoren auch sein mögen. Es gibt
keine Zweite-Klasse-Fahrkarte in den Weltraum."
Der Präsident weist in diesem Zusammenhang darauf hih, daß
die bewilligten Mittel im Haushaltsjahr 1964 um rund 600 Millionen
Dollar unter dem geforderten Betrag gelegen haben und daher das Programm für den bemannten Mondflug verzögert worden sei. Johnson fordert daher eine zusätzliche Bewilligung von 141 Millionen Dollar für
das laufende Haushaltsjahr. Für 1965 ersucht er um die Bewilligung
von 5&gt;3 Milliarden Dollar, 65 Millionen Dollar mehr als für 19&amp;4
einschließlich der vorgeschlagenen zusätzlichen Bewilligung."Die
Empfehlungen für 1964 und I965", so heißt es in der Botschaft, "stellen
den Minimalbetrag dar, der zur Erreichung unserer Ziele im Weltraum
notwendig ist."
Die Gesamtausgaben der Regierung für die wissenschaftliche
Forschung und Entwicklung im neuen Haushaltsjahr werden sich auf
15,287 Milliarden Dollar stellen. Hiervon entfallen auf den Haushalt
des Verteidigungsministeriums 7&gt;107 Milliarden Dollar, auf den
Haushalt des US-Amtes für Luft- und Raumfahrt (NASA) 4,990 Milliarden
Dollar, auf den Haushalt der US-Atomenergie-Kommission (AEC) 1,557
Milliarden Dollar, auf den Haushalt des Ministeriums für Gesundheits-,

-

8

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT
Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen 0,79^ Milliarden Dollar,
auf die amerikanische Stiftung der Wissenschaften 0,204 Milliarden
Dollar und auf alle übrigen Regierungsdienststellen 0,655 Milliarden
Dollar.
Als eine weitere wichtige Aufgabe der Regierung bezeichnet der
Präsident in seiner Botschaft die Verbesserung der amerikanischen
Zahlungsbilanz, deren Defizit bereits wirksam abgebaut werden konnte.
Hierzu hätten insbesondere die anhaltende Preisstabilität amerikanischer Erzeugnisse, die vorgeschlagene Zinsausgleichssteuer und die
Anhebung der Zinssätze für kurzfristiges Geld beigetragen. Während
der letzten anderthalb Jahre seien alle Tätigkeiten der Bundesregierung, die sich auf die Zahlungsbilanz auswirken, genauestens überprüft worden, um nach Einsparungsmöglichkeiten zu suchen. "Auf Grund
der durchgeführten Überprüfungen und Maßnahmen", so heißt es in der
Botschaft wörtlich, "wird der jährliche Netto-Abfluß durch Programme
der Bundesregierung - Zahlungen abzüglich normaler Einkünfte - zwischen 1965 und 1965 um schätzungsweise 800 Millionen Dollar zurückgehen ."
Abschließend stellt Präsident Johnson in seiner Botschaft fest:
"Dieses Budget wird bei seiner Billigung
- ein Haupthindernis für ein schnelleres Wachstum auf dem privaten Sektor der Wirtschaft beseitigen, indem die Steuerlasten reduziert
und Investitionsanreize geschaffen werden;
- äie Verteidigungs- sowie die internationalen und innenpolitischen Erfordernisse und Ansprüche unseres Landes erfüllen;
- in großzügiger Weise den menschlichen Erfordernissen gerecht
werden und, mit Hilfe örtlicher Maßnahmen, den Niststätten menschlicher Not und Entbehrung in unserem Lanc1 energisch zu Leibe gehen;
- eine wirksame und sparsame Verwaltung in der Regierung fördern, so daß jeder Steuerdollar vernünftig ausgegeben sein wird.
Das für 1965 vorgeschlagene Programm sollte eine genügende
Garantie unserer Entschlossenheit sein, die Kosten unter fester
Kontrolle zu halten und das Steuersenkungsgesetz einer schnellen
Verabschiedung zuzuführen. Es sollte auch Beweis genug dafür sein,
daß in einer Nation, die so reich an moralischer wie
an materieller Stärke ist, kritische nationale Probleme nicht ungelöst zu bleiben
brauchen und menschliche Not beseitigt werden kann.
Eine Regierung, die stark ist, eine Regierung, die solvent ist,
eine Regierung, die großzügig ist, ist auch eine Regierung, die von
Dauer ist.

Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Es liegt kein Widerspruch darin, klug und sparsam, wachsam
und stark, feinfühlig und wohlwollend gegenüber den unerfüllten
Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein.
Dies ist das Ziel meiner Regierung. Es ist ein Ziel, das
erreicht werden wird.
Ich bin der festen Überzeugung, daß mit den in diesem Budget
enthaltenen Vorschlägen der Nation ein guter Dienst geleistet wird,
und ich bitte um die Unterstützung des Kongresses und des amerikanischen Volkes bei der Verwirklichung dieser Vorschläge."

* * -x * *

/

10

-

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

Wi./XVI-4

WACHSENDE WIRTSCHAFTSSCHWIERIGKEITEN IN DER SOWJETUNION Ein Bericht des US-Zentralamtes für Nachrichten und Abwehr (CIA)

Die Begleitmusik zu Moskaus aggressiver Außenpolitik bildete
in den letzten Jahren das kühne Versprechen, die Sowjetunion werde bis 1970 Amerika auf dem Gebiet der Produktion einholen und
überflügeln und auf diese Weise den Kapitalismus - so Chruschtschow
- ohne Krieg besiegen. Eine vergleichende Analyse der jüngsten
Wirtschaftsentwicklungen in der UdSSR und den USA führt jedoch zu
genau der entgegengesetzten Schlußfolgerung: die Sowjetunion fällt
im Wirtschaftsrennen immer weiter zurück.
Die ersten Jahre unter Chruschtschow waren durch eine Serie
von Erfolgen gekennzeichnet. Für die Landwirtschaft brachte die
Ausweitung der Anbaufläche im Rahmen des Neulandprogramms den ersten echten Auftrieb seit 1937« Das wirtschaftliche Wachstum vollzog sich in raschem Tempo - zwischen 1950 und 1959 mit einer
durchschnittlichen Vfachstumsrate von schätzungsweise mehr als 6
Prozent pro Jahr, wobei sich Kürzungen im Personalstand der Streitkräfte und im Militäretat, die 1956 und 1957 vorgenommen wurden,
günstig auswirkten.
Während Wohnraum nach wie vor sehr knapp blieb, rar im Vergleich zu den letzten Stalin-Jahren eine merkliche Hebung des Lebensstandards, besonders auf dem Ernährungssektor und auch im
Konsumgüterangebot, zu verzeichnen.
Nach 1959 begann sich das Tempo des Wirtschaftswachstums jedoch spürbar zu verlangsamen. Die Zuwachsrate für Kapitalgüterinvestitionen, die Basis jedes Wirtschaftswachstums, wurde nicht
aufrechterhalten, sondern fiel auf die Hälfte des früheren Satzes
ab und erreichte 1962/63 nur noch zwischen 4 und 5 Prozent. Ein
scharfer Wachstumsrückgang war die zwangsläufige Folge. Das sowjetische Bruttosozialprodukt betrug 1962 rund 260 Milliarden Dollar
und lag damit bei 47 Prozent der amerikanischen Vergleichsziffer.
Da sich die Differenz zwischen den Wachstumsraten beider Länder
verringert hat, ist in den nächsten Jahren kaum mit einer Veränderung dieser Relation zu rechnen.
Die sowjetischen Wirtschaftsschwierigkeiten lassen sich zum
großen Teil auf eine Reihe von Programmen zurückführen, die angesichts der verfügbaren Mittel allzu ehrgeizige Ziele verfolgten.
Bei einem Bruttosozialprodukt, das nicht ganz fünfzig Prozent des

- 1

�"AI.IERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
des amerikanischen ausmacht, hat die Sowjetführung in neue Fabrikationsanlagen und Ausrüstungen fast ebenso hohe Beträge investiert
wie die Vereinigten Staaten; zugleich betreibt sie dabei ein militärisches Weltraumprogramm, dessen tatsächliche Kosten den amerikanischen Aufwendungen nahekommen.
Für das jüngste Absinken der Wachstumsrate ist weitgehend die
starke Erhöhung der sowjetischen Verteidigungsausgaben verantwortlich, die zwischen 1959 und 1963 um rund ein Drittel angestiegen
sind. Problematisch ist jedoch weniger die Gesamthöhe des Verteidigungsetats als vielmehr das Abzweigen knapper und kritischer Material- und Arbeitskraftreserven für Rüstung und Verteidigung, die einen besonders großen Bedarf an hochqualifizierten Wissenschaftlern,
Technikern und Konstrukteuren sowie an hochwertigen Maschinen und
Rohstoffen haben. Folgen dieser verstärkten Rüstungsanstrengungen
traten in Gestalt von Investitionsmittelverknappungen in der Industrie, besonders der chemischen Industrie, und starken Planrückständen innerhalb der industriellen Automations- und Modernisierungsprogramme zutage.
Obwohl das Absinken der Industrieproduktion nicht ohne Wirkung
geblieben ist, sind für den ernsten Wachstumsrückgang der Jahre
1962/1963 großenteils Fehlschläge in der Landwirtschaft verantwortlich.
Die forcierte Entwicklung der Schwerindustrie zog zwangsweise
eine Vernachlässigung der Landwirtschaft nach sich. Als Stalin starb,
konnte sie sich infolge fehlenden Investitionskapitals nur noch mit
Mühe auf den Beinen halten.. Chruschtschow gelang es, diese Abwärtstendenz ohne großen Kostenaufwand wenigstens zeitweise umzukehren.
Das Neulandprogramm.erbrachte höhere Getreideernten, die sich in
größeren Zuteilungen für die Bevölkerung, mehr Futtermitteln für die
Viehzucht und erhöhten Getreideexporten niederschlugen. Unter dem
Gesichtspunkt der politischen Stabilität waren verstärkte Ausfuhren
nach den europäischen Satellitenländern zur Schließung der dort vorhandenen Lücke in der Nahrungsmittelerzeugung von besonderer Bedeutung. Aber die Anfangserfolge in den 1955 bis 1958 neu unter den
Pflug genommenen Anbaugebieten-waren nicht von Dauer. Sobald die ursprüngliche Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit des Bodens erschöpft war,
gingen die Erträge zurück. Im Jahre 1963 führte eine schwere Dürreperiode sowohl in den traditionellen Anbaugebieten wie auch in Kasachstan und Sibirien fast zu einer Katastrophe. Der Pro-Kopf-Ertrag
lag 1963 etwa 10 Prozent niedriger als 1958* Bie Gesamtagrarerzeugung
ging 1962 um rund 4 Prozent und 1963 wahrscheinlich um mehr als 4
Prozent zurück.
Auch das Nahrungsmittelangebot in der Sowjetunion ist ein Spiegel der Notlage auf dem Agrarsektor. An Gesamtkalorien erhält der
russische Durchschnittsbürger kaum weniger als ein Bürger der USA.
Zu 70 Prozent besteht die sowjetische Ernährung jedoch aus Getreide
und Kartoffeln, gegenüber 20 Prozent in den Vereinigten Staaten.
Hochwertige Lebensmittel wie Fleisch, Gemüse und Obst machen nur 25
Prozent aus.
Wie

2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Wie sich eine schlechte Getreideernte bei einem solchen Speisezettel auswirkt, liegt auf der Hand. Der Brotverbrauch muß eingeschränkt, Viehherden müssen verringert werden. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, daß in letzter Zeit I.Iehllieferungen ausgeblieben sind, Notschlachtungen vorgenommen wurden und Werkskantinen die
freie Brotzuteilung eingestellt haben.
Wie in anderen Teilen der Welt steigen auch in der Sowjetunion
die Lebensansprüche, und Chruschtschow hat erkannt, daß das Sowjetregime ernsteren Problemen gegenübersteht als zu Stalins Zeiten.
Steigende Lebensmittelpreise, ungenügende Fleisch- und Brot Zuteilungen, der Rückgang des Wohnungsbaus und nur eine unwesentliche Erhöhung der Dauergütererzeugung führen zu immer stärkerer Unzufriedenheit unter den Verbrauchern.
Die Sowjetführung fordert z.Z. die Lösung der Agrarprobleme
sowie eine raschere Produktionssteigerung für bestimmte Konsumgüter
durch Ausweitung der chemischen Industrie und verwandter Industriezweige. Sie scheint dazu entschlossen, die hierzu erforderlichen
Mittel in reichlichem Maße bereitzustellen. Das neue Wirtschaftsprogramm in der Fassung, die Chruschtschow am 9« Dezember 1963 dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU vorgelegt hat, sieht eine Verdreifachung der Produktion von Chemikalien bis 1970 vor. Zu den wichtigsten Planzielen zählt eine Steigerung der Düngemittelerzeugung von
20 Millionen Tonnen auf 70 bis 80 Millionen Tonnen, ebenfalls bis
zum Jahr 1970.
Chruschtschow hat offensichtlich erkannt, daß die Forderungen
dieses neuen Programms mit den Erfordernissen anderer Wirtschaftszweige in Konflikt geraten werden. Er ließ durchblicken, daß die
für eine Ausweitung der chemischen Industrie benötigten Mittel zum
Teil dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum entzogen, zum Teil durch
Einfuhren beschafft und aus Fonds genommen werden sollen, die eigentlich für kommunale Dienstleistungen und den Wohnungsbau vorgesehen
waren. Ebenso wies er auf die Notwendigkeit hin, mögliche Kürzungen
innerhalb der Streitkräfte in Erwägung zu ziehen.
Unter der Voraussetzung günstigerer Witterungsverhältnisse für
die Landwirtschaft dürfte die sowjetische Gesantwirtschaft die niedrige Wachstumsrate des vergangenen Jahres von 2,5 Prozent wieder
übertreffen; die Aussichten aber, das Niveau der fünfziger Jahre mit
ihren anhaltend hohen Wachstumsraten wiederzuerlangen, sind nicht gerade günstig.
Um die industriellen Investitionen auf einen Höchststand bringen
zu können, wendet sich die Sowjetunion an den Westen, von dem sie umfangreichere Kredite bei großzügigeren Rückzahlungsfristen als die
zur Zeit üblichen 5 Jahre zu erhalten sucht. Moskaus Goldreserven von
weniger als zwei Milliarden Dollar werden heute als gerade noch über
dem notwendigen Minimum liegend angesehen.
Das fortgesetzt zu geringe Angebot an Exportgütern und das daraus
resultierende ungenügende Volumen der Ausfuhren nach dem Westen, das
zur Abdeckung der steigenden Einfuhren nicht ausreicht, haben zu einem
ständigen Goldabfluß geführt. Die sowjetischen Goldverkäufe erreichten

- 3 -

�"AIIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
erreichten 1963 eine Höhe von 400 bis 500 Millionen Dollar bei einer Jahresproduktion von zuletzt etwa 150 bis 175 Millionen Dollar einer Produktion, die selbst für sowjetische Verhältnisse mit sehr
hohen Kosten verbunden ist.
Der beschleunigte Goldabfluß in den Jahren 1963/64 steht in einem direkten Zusammenhang mit den Zahlungsverpflichtungen, die sich
aus 'dem Kauf von nahezu 10 Millionen Tonnen Getreide in der freien
Welt ergeben. Die Mittel, die zur Einfuhr von Maschinen und Ausrüstungen der chemischen Industrie, hauptsächlich zur Produktion von
Düngemitteln, erforderlich sind, werden einige hundert Millionen
Dollar pro Jahr übersteigen und könnten insgesamt eine Höhe von 2
Milliarden Dollar erreichen.
Der zur Zeit von den Sowjets unternommene Versuch, neue Auslandskredite und längere Rückzahlungsfristen auszuhandeln, hängt
daher unmittelbar mit Moskaus Wunsch zusammen, zu verhindern, daß
die Rüstungsproduktion durch den Ausbau der chemischen Industrie
allzu sehr beeinträchtigt wird. 1962/63 beliefen sich die neuen
mittelfristigen Kredite aus den westlichen Industrieländern auf rund
300 Millionen Dollar jährlich. Kapitalrückzahlungen und Zinsendienst
für früher gewährte Kredite ließen 1963 jedoch hiervon nur einen
kleinen Nettoüberschuß übrig. Da der Exportzuwachs bei praktisch allen wichtigen Ausfuhrgütern - Erdöl, Holz, Getreide - sein Tempo verlangsamt hat oder überhaupt rückläufig ist, bildet eine gesteigerte
Kreditbeschaffung das einzige erfolgversprechende Mittel zur Finanzierung wesentlich größerer Maschinenimporte.
Während die Sowjets einerseits vom Westen größere Kredite zu
erhalten suchen, steigen andererseits die Kosten der sowjetischen
Entwicklungshilfe ständig an. Die neuen Kredit zusagen gingen 1963
zwar nicht über 200 Millionen Dollar hinaus - gegenüber mehr als
800 Millionen Dollar im Jahr 1959; gleichzeitig jedoch wurden zugesagte sowjetische Kredite in verstärktem Maße abgerufen,und zwar 1963
bis zu einer Höhe von mehr als 400 Millionen Dollar (unter Ausschluß
abgerufener Militärhilfekredite).
Alles in allem versucht der Kreml seit einigen Jahren, mit zu
wenig Mitteln zu viel zu erreichen. Dieses Leben von geliehenem Geld,
dieses Experimentieren mit billigen, aber doch nur provisorischen
Lösungen für Grundprobleme wie in der Landwirtschaft und dieses beständige Vernachlässigen einer ausgewogenen Entwicklung zugunsten
spektakulärer Fortschritte auf eng begrenzten Teilgebieten haben der
Sowjetunion letztlich ihre heutigen Schwierigkeiten eingetragen. Eine
nahezu katastrophale Mißernte im Jahr 1963 war nicht die eigentliche
Ursache der gegenwärtigen Wirtschaftsschwierigkeiten Moskaus; sie .
verschärfte aber viele der weniger im Vordergrund stehenden Probleme
der Sowjetwirtschaft erheblich und zwang den Kreml so zu einer Überprüfung seiner Wirtschaftsplanung.

* * *

- 4-

�Sonderbeiläge

Allg./XVII-7

DIE OST-Y/EST-BEZIEHUNGEN HEUTE

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz,

des B o t s c h a f t e r s

der V e r e i n i g t e n

Staaten,

GEORGE C. HCGHEE

g e h a l t e n vor d e r
Deutschen G e s e l l s c h a f t

für Auswärtige P o l i t i k

i n Bad G o d e s b e r g am 1 8 . F e b r u a r

1964

e.V,

�DIE OST-WEST-BEZIEHUNGEN HEUTE

Es ist für mich eine hohe Ehre, daß Sie mich heute abend zu
sich gebeten haben. Die Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik ist im Ausland als eine Körperschaft bekannt, die sich eine
zielstrebige und nüchterne Analyse wichtiger aktueller weltpolitischer
Probleme angelegen sein läßt. Wir in den Vereinigten Staaten schätzen
sie als eine angesehene Vereinigung prominenter Persönlichkeiten des
politischen, wirtschaftlichen und akademischen Lebens in Deutschland,
die den Wert der deutsch-amerikanischen Freundschaft im Gesamtrahmen
einer atlantischen Partnerschaft stets anerkannt und gefördert haben.
Manifestationen des engen Einvernehmens zwischen Ihrem und meinem
Land gibt es in großer Zahl. Ich hatte kürzlich den Vorzug, Bundeskanzler Erhard und Außenminister Schröder anläßlich ihres Besuchs bei Präsident Johnson zu begleiten. Mein heutiges Thema nahm in den nützlichen
Gesprächen, die in der freundlichen Atmosphäre der Johnson-Farm in
Texas geführt wurden, breiten Raum ein. Ich möchte Ihnen zu Beginn
meiner Darlegungen eine Stelle aus dem Kommunique ins Gedächtnis zurückrufen, das nach der Beendigung dieser Besprechungen veröffentlicht
worden ist:
Der Präsident und der Bundeskanzler erörterten ausführlich den
derzeitigen Stand der Ost-West-Beziehungen. Sie stimmten in ihrer Entschlossenheit überein, daß die grundlegenden Rechte und
Interessen der freien Völker verteidigt werden müßten, und waren
insbesondere gemeinsam der Auffassung, daß keine Regelung getroffen werden dürfte, die zur Fortdauer der Spaltung Deutschlands
führen würde, dessen einem Teil die Grundrechte und Grundfreiheiten vorenthalten werden. Unter dieser Voraussetzung-waren sich
der Präsident und der Bundeskanzler darüber einig, daß es äußerst
wichtig sei, auch weiterhin alle Möglichkeiten für die Verbesserung
der Ost-West-Beziehungen, die Verminderung der Spannungen und die
Stärkung der Aussichten auf einen Frieden zu erkunden, der dauerhaft sein kann, weil er gerecht ist. Sie hoffen nach wie vor, daß

-

1

-

�daß die Sowjetunion auf diese Bemühungen der Westmächte in
konstruktiver Weise eingehen wird.
Die von unseren beiden Regierungschefs gemeinsam abgegebene
Erklärung ist gewissermaßen das Leitmotiv, das ich hier abwandeln
möchte. Eines aber darf ich erklärend vorausschicken. Die Ost-WestPolitik ist lediglich ein Aspekt der Weltpolitik, so, wie die von
mir eben zitierten Worte nur Teil eines umfangreicheren Dokuments
sind, das auch noch andere Fragen anschneidet. Die Frage der Verringerung der Spannungen und der Förderung der Friedensaussichten in
den Ost-West-Beziehungen scheint mir jedoch eine eingehendere Untersuchung durch uns in besonderem Maße zu verdienen - und nicht nur wegen ihrer Wichtigkeit, sondern deshalb, weil sie von allen entscheidenden Komponenten der Außenpolitik am schwierigsten zu behandeln ist
und von der Öffentlichkeit am ehesten mißverstanden wird.
Ich darf betonen, daß ich in meinen Ausführungen hier keine
neue Politik umreißen werde und daß sie auch keine Neugestaltung
oder Schwergewichtsverlagerung der amerikanischen Gesamtpolitik ankündigen. Ich habe mir das viel bescheidenere Ziel gesetzt, Ihre
Aufmerksamkeit auf eine Argumentation zu lenken, die eine Einstellung
zum Ost-West-Verhältnis untermauert, wie sie die amerikanische Außenpolitik seit langem mit großer Beharrlichkeit vertritt, läßt sie sich
doch über drei Regierungswechsel hinweg zurückverfolgen.
Ich werde mich dabei der Methode bedienen, Ihnen heute abend
die Argumente vorzutragen, die für und gegen zwei sehr unterschiedliche Lösungsversuche für die derzeitigen Probleme der Ost-WestBeziehungen sprechen. Der eine ist die geduldige Suche nach möglichen
Gebieten der Übereinstimmung, seien sie auch noch so klein; er beruht
auf dem Glauben, die Lösung selbst kleiner Meinungsverschiedenheiten
sei nicht nur an sich schob lohnend, sondern könne den Boden für die
spätere Lösung größerer Schwierigkeiten bereiten. Der andere Kurs
läuft auf die 'Weigerung hinaus, angesichts des Fehlens von Fortschritten in Richtung auf eine Lösung der Zentralprobleme zwischen
Ost und West überhaupt irgendwelche Regelungen zu treffen; er beruht
auf dem Glauben, ein allgemeiner Spannungszustand der Weltpolitik
übe einen nützlichen Druck aus, der den Osten schließlich zum

-

2

-

�zum Einlenken in den großen Fragen veranlassen dürfte. Sie werden,
wie ich hoffe, am Ende meiner Ausführungen mit mir darin übereinstimmen, daß die erste Alternative - sie ist die Politik meines
Landes - der Kurs ist, den die nordatlantischen Völker einschlagen
sollten.
Meine Ausgangsthese lautet, daß mit zunehmender Ost-West-Spannung die Positionen nur immer mehr zu erstarren drohen, sowohl was das
Grundsätzliche als auch was die eigentliche Durchführung der Politik
angeht. Damit werden die Aussichten für eine Verbesserung der Lage
geringer und hoffnungsloser. Wenn aber diese Spannung nachläßt, verlieren die Positionen an Starrheit, die Gelegenheiten für eine Verbesserung der Lage vervielfachen sich und bringen neue Hoffnungen
mit sich. Wenngleich wir nicht hoffen dürfen, die Spannungen beseitigen zu können, ehe wir nicht ihre Ursachen beseitigt haben, vermag die
Verringerung von Spannungen doch dazu beizutragen, den Zielen der
westlichen Alliierten näher zu kommen.
Sie werden bemerkt haben, daß ich mit meiner Einleitung einem
Rat des Horaz gefolgt bin, der sich wiederum auf das Vorbild Homers
stützte, gleich zu Beginn in medias res zu gehen. Meine Zuhörerschaft
hier ist in mindestens einer Hinsicht Homers Hörerschar vergleichbar.
Ich brauche Sie nicht erst daran zu erinnern, daß dem gegenwärtigen
Augenblick lange Jahre der Auseinandersetzung vorausgegangen sind,
und es erübrigt sich auch, darauf hinzuweisen, daß die Fragen, die
wir hier gemeinsam untersuchen wollen, nicht das Ende der Geschichte
sind, sondern nur für eine kurze Geschichtsperiode stehen, in der sich
noch alles in der Schwebe befindet. Die Mitglieder dieser Gesellschaft
kennen die Geschichte der Nachkriegszeit ohnehin zur Genüge, Ich möchte
aber einen kurzen Augenblick darauf verwenden, sozusagen den Rahmen
der Diskussion abzustecken, indem ich Ihnen eine kurze Beschreibung
der Situation zwischen Ost und West gebe, wie sie heute besteht.
In gewisser Hinsicht entwickelten sich die Ereignisse des Jahres
1963 und damit auch die unmittelbaren Aussichten für 1964 im Schatten
des Versuchs der Sowjetunion, das Gleichgewicht der Kräfte durch die
Stationierung offensiver Raketenwaffen auf Kuba zu ihren Gunsten
zu verändern. Der Sprung der Sowjets nach Kuba erfolgte plötzlich

-

5 -

�plötzlich und rücksichtslos. Gerade diese Rücksichtslosigkeit
gab dem kubanischen denouement so starke und dramatische Akzente,
wie sie beispielsweise für die sowjetischen Schritte in Berlin in
jüngerer Zeit nicht kennzeichnend sind. Die Schwere der Herausforderung und die Festigkeit mit der wir ihr entgegengetreten sind,
haben dem dramatischen Geschehen um Kuba im Jahr 1962 die A n "
erkennung als

Wendepunkt der Weltpolitik in der Folgezeit einge-

bracht.
Die Kuba-Krise war die Fortsetzung einer Serie planmäßiger Bemühungen der Kommunisten, ihre Macht und ihren Einfluß in neuen Gebieten geltend zu machen. Derartige Versuche wurden nach 1945 in
vielen Gebieten, am nachdrücklichsten aber im Iran, in der Türkei,in
Griechenland, Berlin, Korea, Laos und Vietnam unternommen. In jedem
Falle wurden diese Bemühungen vom Westen erfolgreich durchkreuzt,
wenngleich unsere Aufgabe in Laos und Süd-Vietnam ebenso wie in
Kuba noch nicht vollständig gelöst ist. Die besondere Bedeutung Kubas
ergibt sich daraus, daß wir es hier nicht nur mit der gewagtesten, sondern vielleicht auch letzten Episode einer gefährlichen Strategie der
Drohung mit Kernwaffen zu tun hatten, die auf den Start des ersten
Sputnik im Jahre 1957 zurückzugehen scheint.
Wenn die letzten 14 Monate Beweise für eine neue Nüchternheit
in der Lagebeurteilung durch die Sowjets erbracht haben, dann dürfte
sie auf folgende Faktoren zurückzuführen sein:
Erstens hat die westliche militärische Stärke erheblich zugenommen. Während die Sowjetunion seit 1958 mit einem ungenügenden
Blatt ihr Spiel überreizte, hat sich die Position des Westens darüber
hinaus in der Folgezeit durch die umfassende Mobilisierung aller
Kräfte wesentlich gebessert. Wie Präsident Johnson in seiner Haushaltabotschaft vom 21. Januar ausführte, haben die Vereinigten
Staaten innerhalb der letzten drei Jahre den Bestand an Atomwaffen
ihrer strategischen Streitkräfte um 100 Prozent erhöht und ihre
taktischen Atomstreitkräfte, die in Westeuropa stationiert sind, um
60 Prozent vermehrt. Wir haben des weiteren die Zahl unserer einsatzbereiten Kampfdivisionen um 45 Prozent und die unserer taktischen
Jagdstaffeln um 35 Prozent erhöht.

„

..

�Zweitens haben wir sowohl in Kuba als auch in Berlin den festen
Willen bewiesen, diese Kräfte notfalls in die Waagschale zu werfen.
Die Kommunisten können hierüber keinen Zweifel hegen.
Drittens hat die Sowjetunion gegenwärtig mit ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten als Folge der schlechten wirtschaftlichen Planung und der übermäßigen Abzweigung von Hilfsquellen für einen völlig unelastischen Rüstungs- und Raumfahrthaushalt zu kämpfen. Das
Ergebnis war der Rückgang der Agrarproduktion und die Unfähigkeit,
materielle und finanzielle Hilfsquellen in ausreichendem Umfang
für lebenswichtige andere Segmente der Industrie bereitzustellen.
Viertens ist die Vertiefung der chinesisch-sowjetischen Spaltung eine weitere wichtige Tatsache, mit der die Sowjets nunmehr zu
rechnen haben, wenngleich ihr Einfluß auf die sowjetische Politik
gegenüber dem Vifesten vorläufig nur sehr schwer genau zu bemessen ist.
Peking hat die Autorität Moskaus direkt angegriffen und befindet sich
gegenwärtig in einem unmittelbaren Wettstreit um die Führungsrolle in
der kommunistischen Weltbewegung und in den Entwicklungsländern in
Asien, Afrika und Lateinamerika.
Mit der zweifellos unnötigen Warnung, keine dieser Überlegungen
auch nur im mindesten als Hinweis auf einen sowjetischen Verzicht auf
das Endziel der Weltherrschaft zu interpretieren, wende ich mich nunmehr dem eigentlichen Thema zu, auf das ich Ihre Aufmerksamkeit lenken
möchte.
Ich darf zunächst einmal ein Argument gegen die Versuche ausräumen, mit dem Osten zu Übereinkünften zu gelangen, das streng von dem
bereits erwähnten Argument zu unterscheiden ist.
Den Kommunisten kann man, wie man oft hört, nicht trauen. Die
Sowjetunion scheint internationale Vereinbarungen nur solange als
bindend anzusehen, als sie sich zur Förderung ihrer eigenen Interessen auf ihre Bestimmungen berufen kann. Das kommunistische China ist
von noch brutalerer Offenheit, wenn es darum geht, seine eigenen Interessen gegen die Herrschaft des Rechts und zum Nachteil des Friedens
der Völkergemeinschaft durchzusetzen. In Berlin, in Südostasien und
in anderen Teilen der Welt spricht die Zahl der Fälle, in denen die

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5 -

�die Kommunisten ihre internationalen Verpflichtungen mißachtet haben, eine so eindeutige Sprache, daß sich jeder Kommentar erübrigt.
Das ist leider eine Tatsache des internationalen Lebens, auf die
sich die Staatsmänner des Westens einstellen müssen. Dies hat einige
Beobachter zu der Auffassung geführt, man dürfe keine Vereinbarungen
mit den Sowjets schließen, da die westlichen Signatarstaaten sie als
bindend und damit als Beschränkung ihrer Handlungsfreiheit ansähen,
die östlichen Mächte hingegen nicht.
Darüber hinaus kann man argumentieren, die Vorstellungen der
Kommunisten von Verhandlungen seien so geartet, daß allein schon
die Erörterung möglicher Übereinkünfte Gefahr berge. Oft genug sind
ihre Verhandlungsangebote weniger von dem Wunsch inspiriert,zu einer
Übereinkunft mit uns zu gelangen, als von der Hoffnung getragen, sie
könnten, ohne etwas von ihrer Position aufzugeben, Zugeständnisse vom
Westen herausschlagen. Sie versuchen, jegliche Konzessionen, die der
Westen als Teil seiner Kompromißvorschläge offeriert, ohne Gegenleistung einzustreichen. Sie scheuen sich nicht, als Wiedergutmachung
für eine Verletzung einer Übereinkunft durch sie selbst eine Konferenz
zum Abschluß einer neuen Vereinbarung vorzuschlagen, die ihnen verschafft, was sie wollen. Für sie sind Verhandlungsgegenstand zu jedem
beliebigen Zeitpunkt nicht etwa die Differenzen zwischen den Positionen
des Ostens und des Westens, sondern die Differenz zwischen dem, was
sie besitzen, und dem, was sie zu erlangen trachten. Wenn es nach
ihnen ginge, wären Verhandlungen eine Art Viehgatter,an dem sich
die ahnungslosen Völker des Westens, von Kommunisten angetrieben,
entlang bewegen, langsam vielleicht, aber einem unausweichlichen
Schicksal entgegen.
Ich habe nichts gegen Leute, die mit Nachdruck darauf bestehen,
es sei töricht, Lippenbekenntnissen des guten Willens seitens der
Kommunisten zu trauen, wenn diese Vereinbarungen eingehen. Meiner
Meinung nach führt aber kein logischer Weg von dieser Prämisse zu
dem Schluß, der Westen dürfe deshalb keine Gespräche mit dem Osten
führen und keine Verträge mit ihm schließen. Eine solche Schlußfolgerung spiegelt nicht Mißtrauen gegen die Kommunisten, sondern mangelndes Vertrauen in uns selbst wider. Dies zu folgern hieße auch,

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6 -

�auch, unser Geschick und unsere Erfahrung in der Führung von OstWest-Gesprächen und in der Erschließung von Mitteln und Wegen zur Gewährleistung der Einhaltung getroffener Vereinharungen zu unterschätzen. Es ließe ferner die Tatsache außer acht, daß sich die
Sowjets unter gewissen Umständen aus Rücksicht auf ihre eigenen Interessen zu einem Abkommen bereitfinden können, das auch in unserem
Interesse liegt.
Bevor ich auf diesen Punkt weiter eingehe, möchte ich mit Ihnen
die Vorstellung etwas eingehender erörtern, ein gewisses Maß an Spannung im Ost-West-Verhältnis sei für den Westen vorteilhaft. Dabei müssen
wir uns, wie ich glaube, vor allem vor dem üblichen Fehler hüten, die
Spannungen als ein Phänomen zu behandeln, das unabhängig von den wirklichen Problemen und Ereignissen unserer Welt ein Eigenleben führt. Und
wir dürfen auch nicht versäumen, streng zwischen den Ursachen dieser
Spannung und ihren Wirkungen zu unterscheiden.
Spannungen zwischen Staaten oder Staatengruppen entstehen,wenn
sich wichtige nationale und Gruppenzielsetzungen überschneiden oder
miteinander in Konflikt geraten, wie dies gegenwärtig zwischen Ost
und West der Fall ist.
Vor allem ist hier die Unvereinbarkeit der kommunistischen Ziele
mit dem Wunsch anderer Nationen zu nennen,unbehelligt in Frieden zu
leben. Die Auseinandersetzung über den einzuschlagenden Weg, in die
die kommunistischen Mächte gegenwärtig verstrickt sind, hindert sie
nicht,gemeinsam und beharrlich an der Idee von der Weltrevolution
festzuhalten. Ich möchte diesen Punkt noch besonders durch ein Zitat
aus einer Erklärung des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow
unterstreichen, die im vergangenen Monat in der Zeitschrift "Kommunist"
veröffentlicht wurde:
"Es versteht sich von selbst, daß der Wettstreit zwischen
Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen im Zustand
der friedlichen Koexistenz nicht an Schärfe verliert. Friedliche
Koexistenz bedingt im Gegenteil ein wirtschaftliches Ringen in
Form eines ökonomischen Konkurrenzkampfes und einer politischen
und ideologischen Auseinandersetzung."
Eine

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�Eine weitere Spannungsquelle ist die Tatsache, daß die kommunistischen Führer heute weite Gebiete der Welt beherrschen, darunter
die Ostzone Deutschlands, der die Erfüllung berechtigter nationaler
Wünsche verweigert wird.
Spezifische Streitfragen und Situationen, die zu Spannungen führenkönnen, gibt es in großer Zahl und Vielfalt. In der medizinischen
Terminologie bezeichnet man krankhafte Spannungszustände häufig als
Syndrom, und diese Analogie erweist sich als recht nützlich für die
Diskussion der hier in Rede stehenden Spannungen. Ein Syndrom bezeichnet einen Komplex

von ursprünglich unzusammenhängenden Sympto-

men, die jedoch im Zusammenspiel einen kumulativen Effekt weit gefährlicherer Art ergeben als die Summe der einzelnen Einflüsse. In ähnlicher Weise werden die Spannungen zwischen Nationen insofern verschärft,
als sie in vielfältigen Formen - auf militärischem, politischem, wirtschaftlichem und ideologischen Gebiet - in Erscheinung treten und sich
gegenseitig beeinflussen und potenzieren können.
Eine der Hauptursachen militärischer Spannung ist die Bedrohung Europas, wie sie eich au

der Anhäufung kommunistischer Waffen im

Osten ergibt. Dem gegenüber steht in Europa die NATO-Stärke, die ungeachtet notwendiger Verbesserungen doch über eine eindrucksvolle Schlagkraft in allen militärischen Bereichen verfügt.
Die Spannungen, die sich aus dieser Konfrontation in Europa ergeben, werden durch die Tatsache verstärkt und kompliziert, daß die
Kommunisten in anderen Teilen der Welt - auf Kuba, in Laos und SüdVietnam - ihre Ziele mit Mitteln der aktiven Subversion und des
Terrors verfolgen. All dies überlagert das Gleichgewicht des atomaren
Schreckens zwischen Ost und West, das auf zerstörerischen Kräften
basiert, die im Falle ihres Einsatzes im Laufe von Stunden Millionen
und aber Millionen Menschenleben fordern würden. Alle diese: Faktoren
ergeben • izusammen das Syndrom der Weltspannung.
Die entscheidenden Streitfragen zwischen Ost und West werden
zu Schlagzeilen, wenn die Sowjets versuchen, Raketen auf Kuba zu plazieren, wenn sie alliierte Konvois auf der Autobahn nach Berlin stoppen oder wenn sie, wie im letzten Monat, völlig sinnlos Offiziere der

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8

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�der amerikanischen Luftstreitkräfte abschießen, die mit ihrem unbewaffneten bbungsf lugzeug über ostdeutsches Gebiet geraten waren.
Es wäre eine allzu grobe Vereinfachung der Dinge, behaupten zu
wollen, die Spannungen hätten aufgehört, wenn die kommunistischen
Mächte es gerade vorziehen, sich solcher Handlungen zu enthalten.
Daß das Nichtvorhandensein einer Krisensituation einer detente gleichkomme ist genau das, was die Kommunisten uns glauben machen wollen.
Es liegt keineswegs in unserem Interesse, so zu sprechen und zu handeln, als treffe dies zu.
Daraus folgt hinwiederum nicht, daß es in unserem Interesse liege,
die Spannung zwischen Ost und West in Streitgesprächen, Krisen und
Machtproben zum Ausdruck kommen zu lassen. Tatsächlich käme eine
solche Haltung einem Einschwenken auf das kommunistische Argument
gleich, daß Spannungen nicht existent sind außer in ihren akuteren
Manifestationen. Wir müssen den verantwortungsvolleren Weg einschlagen
und uns bemühen, diese Manifestationen unter Kontrolle zu bringen, damit daraus keine allgemeinen Konflikte entstehen, während wir versuchen, zu den tatsächlichen Ursachen solcher Spannungen vorzudringen.
Manche behaupten, der Druck auf die kommunistischen Mächte, dem
Westen gegenüber nachzugeben, sei dann am stärksten, wenn sich die Beziehungen zwischen Ost und West an einem Tiefpunkt befinden. Meines Erachtens bedeutet diese Ansicht eine Fehleinschätzung der Ursachen und
Gefahren der Spannung. Tatsache ist, daß der Westen auf den Osten nur
einen Druck mit friedlichen Mitteln ausübt. Wir brauchen unsere militärische Stärke zur Abschreckung und Abwehr militärischen Drucks seitens des Ostens; wir haben, den Verteidigungsfall ausgenommen, auf
die Anwendung dieser Stärke feierlich verzichtet, und dies ist unseren Widersachern wohl bekannt.
Eine Verschlechterung der Beziehungen gibt dem Westen also
keine neue Handhabe, die Mächte des Ostens aus ihrer Igelstellung
herauszuholen. Die Hilfsquellen und die Anziehungskraft unserer
prosperierenden freien Gesellschaft sind die uns zur Erreichung unserer eigenen Ziele verfügbaren geeigneten Instrumente,zu denen noch diegemeinsame Entschlossenheit hinzukommt, die Lösung von Problemen mit allen
nur erdenklichen friedlichen Mitteln durchzusetzen. In Krisenzeiten

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9 -

�Krisenzeiten aber sind diese Instrumente nicht wirksamer, sondern
weniger wirksam als in einer Zeit relativer Ruhe.
Es "besteht kein Grund zu der Hoffnung, der Widersacher werde
uns aus freien Stücken und uns zuliebe die bedingungslose Kapitulation anbieten. Ein Zustand verstärkter Spannungen und Konflikte
schwängert die Atmosphäre mit Furcht und Mißtrauen. Sind die Völker
einmal aufgebracht, werden sie ihren politischen Führern nicht erlauben, Zugeständnisse zu machen - und selbst in kommunistischen
Staaten müssen die politischen Führer wenigstens einige Rücksicht auf
die Volksmeinung nehmen. Jegliche Aussicht auf eine friedliche Regelung durch ein beiderseitiges Entgegenkommen der Kontrahenten schwindet dahin. Probleme minderer Bedeutung werden aufgebauscht und vervielfacht statt gelöst. Streitigkeiten werden vom Zaun gebrochen,
die es niemals zu geben brauchte. Gewalttätigkeit oder sogar Krieg
könnte aus solch künstlichen Provokationen entstehen, die selbst
nie Teil des ursprünglichen Konflikts über lebenswichtige Interessen
waren .
Andere Kreise behaupten, eine Einigung in Fragen von geringerer
Bedeutung könne den Westen aus der Illusion der Entspannung heraus
zu einer unangebrachten Selbstzufriedenheit verleiten und der Westen
könne den status quo so akzeptabel finden, daß langfristige Ziele
darüber in Vergessenheit geraten und man sich damit abfindet, Probleme von zentraler Bedeutung weiterhin ungelöst zu lassen. Es könnte
tatsächlich so sein, aber es muß nicht so sein. So kurz ist das Gedächtnis der Völker wiederum nicht. Ein entschlossenes und weitblickendes Volk wird unablässig auf die Verwirklichung seiner höheren Zielsetzungen oder die Lösung seiner Grundprobleme bedacht sein.
Meiner Überzeugung nach besitzen die Nationen des Westens, einschließlich der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik, die notwendige Entschlossenheit. Das Wissen darum ist der Maßstab unseres
gegenseitigen Vertrauens. Schließlich schlagen wir uns schon fast
eine Generation lang gemeinsam mit den Problemen der Ost-West-Beziehungen herum. Ich halte uns nicht für so unklug oder unsere Zielstrebigkeit für so gering, daß wir uns erst durch Krisen oder Zusammenstöße mit dem Gegner jeweils an unsere Pflichten erinnern

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�erinnern lassen müßten. '.Vir sehen unsere gemeinsamen Ziele deutlich
vor uns, und ich glaube nicht, daß wir sie je aus den Augen verlieren werden.
Die von uns vorgeschlagene Alternative zu einer Politik der Vermeidung jeglicher Abmachungen ist eine Politik der Suche nach Einigungen, wann und wo immer sie möglich erscheinen. Wenn auch derartige
Bemühungen in der Praxis mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zu begrenzten
Vereinbarungen als zu umfassenden Regelungen führen, schließen wir
letztere nicht etwa aus diesem Grunde gänzlich aus. Der Staatsvertrag
mit Österreich ist ein Beispiel für einen echten Durchbruch, der durch
langes und geduldiges Sondieren möglich wurde und zu einer mit den
lebenswichtigen Interessen beider Seiten zu vereinbarenden Übereinkunft geführt hat.
Ein solcher Kurs setzt das geduldig geführte Gespräch mit der
Gegenseite voraus, um die strittigen Punkte zu klären und die relativ
begrenzten Gebiete ausfindig zu machen, auf denen zum gegenwärtigen
Zeitpunkt Verhandlungen möglich sind. Die unerläßliche Geduld zu
üben, wird von vielen hervorragenden Sachkennern empfohlen, so auch
von Wilhelm Y/olfgang Schütz vom Kuratorium "Unteilbares Deutschland".
In einer Rede über die deutschen Wiedervereinigungsbestrebungen sagte
er:
"Wir müssen den Mut haben, auch einen längeren Weg einzuschlagen,
wenn uns niemand den kurzen Wsg zeigen kann. Das bedeutet, wir müssen
den Mut haben, uns unter Umständen auch über Etappen auf diesem
Weg zur Einheit zu unterhalten."
Präsident Johnson kleidete in einer Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen den gleichen Gedanken in folgende Worte:
"Der Weg zum Frieden ist weit, und er kann nur Schritt für
Schritt gegangen werden."
Dieses Verfahren, zwischen Differenzen zu unterscheiden, über
die verhandelt oder nicht verhandelt wird, ist an sich schon langwierig und beschwerlich. Dennoch hat es selbst in diesem Stadium
Resultate gegeben. Es bedeutet schon einen Gewinn für 'ins ,

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�uns, in den Ost» und West trennenden zentralen Streitfragen
klarer zu sehen. Zu den größten Gefahren unserer Zeit gehört die
Möglichkeit, daß die kommunistischen Führer in einen Krieg hineinstolpern, weil sie unsere lebenswichtigen Interessen verkennen. So
haben beispielsweise die zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion seit geraumer Zeit immer wieder aufgenommenen Gespräche
über Berlin bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt. Sie haben uns jedoch die Möglichkeit gegeben, unmißverständlich klarzumachen, daß
der Westen lebenswichtige Interessen in Berlin hat, die die Sowjetunion nicht antasten darf. Insoweit wurde mithin die Gefahr eines
Krieges durch Fehleinschätzung verringert.
Die meisten Gespräche zwischen Ost und West sind keine Verhandlungen in dem Sinn, in dem wir diesen Begriff im Westen gebrauchen.
Unter gewissen Umständen können sie - wie dies auch tatsächlich geschieht - zu echtem und sogar erfolgreichen Verhandeln führen, selbst
wenn solche Umstände nur begrenzt sein mögen. Da man von keinem Menschen und auch von keinem Volk die freiwillige Preisgabe lebenswichtiger Interessen erwarten darf, müssen sinnvolle

Verhandlungen auf

Dinge beschränkt bleiben, die von keiner Seite als im Widerspruch zu
ihren lebenswichtigen Interessen stehend betrachtet werden. Auf anderen Gebieten aber können Gespräche zu echten und erfolgreichen Verhandlungen führen.
Am Rande möchte ich noch anmerken,"was nach amerikanischer Auffassung Ost-West-Verhandlungen nicht sind. Sie werden nicht einzig
und allein deshalb geführt, um die Sowjets zu einer entgegenkommenden
Haltung zu bewegen oder eine oberflächliche, durch keine konkreten
Beweise eines Fortschrittes erhärtete detente herbeizuführen. Sie
beruhen nicht auf der vagen Hoffnung, wir könnten die Sowjets, wenn .
wir ihnen einseitige Konzessionen machen, so oder so zu einer von
gutem Willen getragenen Haltung veranlassen oder in ihnen das Gefühl
wecken, sie seien auch ihrerseits als Gegenleistung zu freiwilligen
Zugeständnissen verpflichtet. Die Geschichte unserer Beziehungen
mit den Sowjets gibt uns keine Gewähr dafür, daß solche Erwartungen
gerechtfertigt sind.
Doch

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�Doch selbst wenn der Bereich unserer Beziehungen durch eine
vorsichtige Skepsis gegenüber den sowjetischen Absichten eingeengt
wird, so zeigt die Erfahrung, daß immer noch Spielraum für Fortschritte
vorhanden ist. Nicht alle Vereinbarungen müssen von Vertrauen getragen sein. Bei der häufigsten Transaktion zwischen Menschen überhaupt dem Austausch von Waren gegen Bargeld über den Ladentisch hinweg spielt das Element des Vertrauens keine Rolle. In den Ost-West-Beziehungen muß der Grundsatz "caveat emptor" besonders sorgfältig
beachtet werden. Haben jedoch beide Parteien die Vorteile einer Vereinbarung richtig analysiert und erfolgt, wie im Falle eines Kaufes,
Zug um Zug der Austausch der frei vereinbarten Gegenwerte - dann
läßt sich selbst bei fehlendem Vertrauen eine Basis für erfolgreiche
Vereinbarungen schaffen.
Wo eine Abmachung eine Reihe von Schritten über längere Zeit hinweg erforderlich macht, sind selbstverständlich auch besondere Sicherungen nötig. Man braucht dazu einen Kontrollmechanismus oder Apparat,
der den Austausch der Gegenwerte zwischen den Parteien nach dem Prinzip
der Billigkeit und Gleichzeitigkeit regelt, wobei jede Seite jederzeit einhalten
kann, wenn sich zeigt, daß die Gegenseite ihre Zusicherungen nicht mehr
länger erfüllt. Innerhalb dieser Grenzen - über die sich alle im
klaren sind, die Erfahrungen im Verhandlungswesen besitzen - ist die
Durchführung von Vereinbarungen in genau abgesteckten Bereichen durchaus möglich.
Die Zielsetzungen von Ost und West sind so gegensätzlich, daß
sich Bereiche gleichlaufender Interessen beider nur schwer herausfinden lassen. Immerhin haben wir gewisse äerartige Bereiche gefunden,
und wir sind sicher, daß es noch weitere geben muß. Als von gemeinsamem Interesse erkannten wir zum Beispiel die Beendigung der Großversuche mit Kernwaffen, eine Tatsache, die wir*1 9^3 in dem Abkommen
über die teilweise Einstellung der Atomversuche bekräftigt haben. Ich
möchte die Bedeutung dieser Entwicklung nicht überbetonen. Sie illustriert jedoch die Beharrlichkeit und Kontinuität, mit der mehrere
aufeinanderfolgende amerikanische Regierungen Fortschritte auf diesem
Gebiet zu erreichen suchten, wie auch die Langwierigkeit, mit der wir
bei solchen Fortschritten zu rechnen haben. Das Abkommen über die

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�die Einstellung der Atomversuche geht auf Vorschläge zurück, die
die Vereinigten Staaten im April 1959 unterbreitet haben und die
auf Grund gemeinsamer britisch-amerikanischer Initiativen 1961 und
1963 weiterentwickelt .worden sind.
Es wurden noch weitere kleine Schritte im gegenseitigen Einverständnis unternommen. Der erste führte zu der Vereinbarung über
den "heißen Draht", der in Krisenzeiten die direkte Kontaktaufnahme
zwischen Washington und Moskau ermöglicht. Seitens der Sowjetunion bedeutete dies eine begrenzte Anerkennung des gemeinsamen Interesses,
den Ausbruch eines Krieges aus Zufall oder durch Fehleinschätzung
zu verhindern. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben
die von den Vereinten Nationen angenommene Erklärung bezüglich des
Verbots der Stationierung von Atomwaffen im Weltraum gemeinsam formuliert. Eine weitreichende Übereinkunft über Rechtsgrundsätze in
Weltraumfragen war damit erreicht.
7,'ir führön ferner mit der Sowjetunion Besprechungen über gewisse rein zweiseitige Abkommen; so verhandeln wir zur Zeit über einen
Konsularvertrag und ein neues Kulturaustauschprogramm. Besonders im
Rahmen des Austauschprogramms suchen wir Kontakte mit den Völkern
Osteuropas herzustellen. Diese Kontakte vervielfältigen sich durch
den Reiseverkehr und die größere Freizügigkeit zwischen Ost und West.
Derartige Begegnungen tragen auch unmittelbar zur Auflockerung und
Liberalisierung der geschlossenen Gesellschaftssysteme bei.
Es gibt somit Beweise, daß die Sowjetunion in gewissen sehr
engbegrenzten Bereichen die Existenz gemeinsamer Interessen mit dem
Westen zu erkennen beginnt. Zweifellos ist Ihnen die Botschaft Präsident Johnsons zur Eröffnung der Genfer Abrüstungskonferenz am
20. Januar dieses Jahres bekannt. Die fünf Hauptvorschläge Präsident
Johnsons sind ein

Unterpfand unserer festen Übereeugung, daß eine

weitere Begrenzung des Rüstungswettlaufs und der Kriegsgefahr durch
Vereinbarungen möglich ist.
Die Probleme sind zu ernst und die Gefahren zu real, als daß wir
die Möglichkeit weiterer Vereinbarungen in der leichtfertigen Annahme
abtun könnten, daß eine Regelung, der die Sowjetunion zustimmt, in
jedem Falle unseren Interessen zuwiderlaufen müsse. Diese Annahme

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-

�Annahme ist nicht unbedingt gültig.

Ergibt eine sorgfältige Ana-

lyse, daß sich die Vor- und Nachteile für beide Seiten in etwa die
Waage halten, kann eine Vereinbarung ein Nettogewinn für beide
sein. Das Wesen jeder normalen Geschäftstransaktion liegt darin,
daß jede Seite, von ihrem eigenen Gesichtspunkt aus gesehen,
Vorteil daraus zieht,.. Es gibt keinen Grund, warum wir bei entsprechender Vorsicht und mit viel Geduld ni^ht mit der Sowjetunion zu
Vereinbarungen dieser Art gelangen können.
Und selbst die zuversichtliche Entschlossenheit, uns und unsere Interessen z.u schützen, schließt - auch bei Fehlen eines vorherigen Übereinkommens

- die Möglichkeit nicht aus,' daß beide Seiten

Zug um Zug unabhängige und wechselseitig ausgewogene Schritte derArt unternehmen, wie sie bereits unternommen werden. Die Vereinigten
Staaten haben ihren Militärhaushalt gekürzt. Sie sind dabei, bestimmte
Produktionsstätten für spaltbares Material stillzulegen und haben
die Sowjetunion aufgefordert, das gleiche zu tun. Die Sowjetunion
hat eine Kürzung ihres Militärbudgets angekündigt, deren tatsächliche Auswirkungen wir zur Zeit prüfen. Echte Fortschritte in Richtung auf eine Verringerung der Spannungen könnten sich ergeben, wenn
Maßnahmen der einen Seite ihre Entsprechung in Maßnahmen der anderen
Seite fänden. Dies setzt voraus, daß wir - soll das Gleichgewicht
gewahrt bleiben - nicht für widerrufliche Maßnahmen der Gegenseite mit
unwiderruflichen Maßnahmen unsererseits bezahlen.
Die Möglichkeiten für begrenzte Vereinbarungen reichen leider
noch nicht unmittelbar an die zentralen Fragen der Auseinandersetzung
zwischen Ost und West heran. Auf der Suche nach Lösungen für weniger
wichtige Fragen auf dem Wege über Verhandlungen und Kompromisse müssen
wir logischerweise bedenken, inwieweit sie sich erschwerend oder erleichternd auf eine künftige Regelung von Zentralproblemen auswirken .
Ich möchte zwei Thesen aufstellen: Erstens bietet die Geschichte
kaum Anlaß zu dem Glauben, daß sich ernsthaftere Meinungsverschiedenheiten zwischen Völkern durch friedliche Verhandlungen überwinden
lassen, die zu einem einzigen großen Kompromiß führen. Üblicherweise
dauern solche Meinungsverschiedenheiten so lange an, bis entweder

-

15

"

�entweder die eine Seite der anderen ihren Willen aufzuzwingen
vermag, oder "bis die Zeitläufte und die politische Entwicklung die
Weltlage so weitgehend ändern, daß sich diese Probleme ihrem Wesen
nach wandeln oder sich überlebt haben.
Meiner Überzeugung nach müssen Vereinbarungen hinsichtlich
der Hauptdifferenzen zwischen Ost und West in den meisten Fällen
bis zu einem Wandel in den Weltbeziehungen zurückgestellt werden,
der so drastisch ist, daß die in Rede stehenden Probleme
länger

nicht

mehr zur Kategorie der lebenswichtigen Interessen gehören.

Bezüglich dieser Probleme müssen wir uns also großer Zurückhaltung
befleißigen. Wir müssen Lösungen auf Umwegen suchen - durch die Förderung eines evolutionären Wandels der Gesamtzusammenhänge, in denen
diese Probleme in der Weltpolitik stehen.
Meine zweite These besagt, wird jenes grundsätzliche Gleichgewicht zwischen Vor- und Nachteilen erst einmal erreicht, besteht
kein Grund, bei den Versuchen, hinsichtlich der weniger wichtigen
Probleme zu Vereinbarungen zu gelangen, auf die Lösung der lebenswichtigen Fragen zu warten*. Lassen Sie mich wieder eine Analogie
aus der Medizin anführen. Stellt ein Arzt beispielsweise fest, daß
ein Patient nicht nur an einer ernsten und chronischen Krankheit,
sondern auch an kleineren Beschwerden leidet, die seinen Krankheitszustand komplizieren, und kann er die schwere Krankheit nicht sofort
ausheilen, wird er deshalb sicherlich nicht etwa die Behandlung der
kleineren Beschwerden unterlassen. In den Ost-West-Beziehungen kann
uns die Beseitigung kleinerer Differenzen einmal eine genauere
Diagnostizierung der größeren Probleme und zum anderen auch die
Ausschaltung von Begleiterscheinungen gestatten, die uns daran
hindern, der eigentlichen Probleme Herr zu werden.
Darüber hinaus weckt der Abschluß selbst unwichtigerer Abkommen
die Überzeugung und Erwartung, daß

weitere folgen werden. Das Gefühl

beginnt sich zu durchzusetzen, daß vielleicht auch andere Differenzen
ähnlicher Art beizulegen sind. Vielleicht dämmert allmählich selbst
ein wenig Hoffnung herauf, auch die größeren Streitfragen könnten
mit einiger Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden. Das
Gefühl einer sich anbahnenden Bewegung in dem scheinbar für alle
Ewigkeit in völliger Bewegungslosigkeit erstarrten polaren Packeis-

-

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-

�Packeis antagonistischer Positionen greift um sich.
Selbstverständlich birgt dies Gefahren. Ich sage nicht,
wir sollten unsere Vorsicht und .unsere Wertmaßstäbe aufgeben. Wir
dürfen uns nicht vom Strom des Optimismus in Fallen treiben lassen,
die uns kommunistische List stellen mag. Ich glaube jedoch, daß
Vereinbarungen eher aus Vereinbarungen hervorgehen

als aus Si-

tuationen, in denen sich beide Seiten aus gegensei tigern Mißtrauen
sinnvoller Kontakte enthalten, um sich mit gegenseitigen Beschuldigungen zu überhäufen. Sind kleinere Spannungen in hinreichender
Zahl durch isolierte Vereinbarungen beseitigt, könnte sich zudem
herausstellen, daß die noch offenstehenden Fragen weniger schwerwiegend sind als ursprünglich angenommen.
Außenminister Rusk hat die Aussichten für die nächste Zukunft
in folgenden Worten zusammengefaßt:
"Ich sehe am Horizont keine eindrucksvollen und durchgreifenden Lösungen für die Probleme, die uns trennen und bedrohen.
Aber wir müssen stetig, geduldig und unermüdlich an ihnen arbeiten. Kleine Schritte lohnen sich, weil sie möglicherweise
zu größeren führen..."
Abschließend möchte ich Ihnen also zu bedenken geben, daß es
für den Westen von '/orteil ist, dort Vereinbarungen mit dem Osten zu
suchen, wo sich in beiderseitigem Interesse Gründe für praktisch
durchführbare Abkommen finden lassen. Wir sollten uns dieser Aufgabe
ohne allzu hochgespannte Erwartungen auf einen raschen oder spektakulären Erfolg, doch unverzagt widmen. Wir müssen uns unablässig _
auf allen Ebenen und im Hinblick auf alle leichten und selbst
schwierigste

Fragen - um sie bemühen.

Es läßt sich nicht mit mathematischer Sicherheit nachweisen,
ob uns ein Kachlassen der Spannungen als Folge einer Reihe von
kleineren Vereinbarungen dem Endziel der vollkommenen Entspannung
näher bringen kann. Das Gegenteil aber läßt sich meiner Überzeugung
nach wirklich beweisen: daß nämlich eine Politik unterlassener Entspannungsversuche zwangsläufig die Möglichkeit verbaut, dieses Ziel
zu erreichen.

,--

-

17

-

�Es gibt meines Erachtens aber Vereinbarungen, die jetzt auf
den Gebieten der Abrüstung, der Verhinderung eines Krieges durch
Fehleinschätzung, des Handels und Kulturaustauschs sowohl zwischen
einzelnen Staaten wie auch Staatengruppen zustande gebracht werden
können. Y/ir müssen stets bedenken, daß dort, wo Staatengruppen beteiligt sind, volle Einigkeit hinsichtlich der zu machenden grundlegenden Vorschläge: herrschen muß. Kein Land kann ohne seine Verbündeten in Alleingang vorpreschen.
Wenn wir Vorschläge für weniger wichtige Vereinbarungen machen,
müssen wir stets zugleich endgültige Lösungen für die Hauptprobleme
in unsere Überlegungen einbeziehen, wie gering auch immer die Aussichten für erfolgreiche Verhandlungen scheinen. Beispielsweise
muß der Westen jederzeit darauf vorbereitet sein, über eine Wiedervereinigung Deutschlands im Rahmen der Sicherheit Europas zu verhandeln, wie er auch in der Lage sein sollte, Fragen wie die Beschränkung des Kernwaffenbesitzes zu erörtern.
Obwohl natürlich solche Verhandlungspositionen in den Hauptfragen nicht erst dort beginnen, wo mit einem Ende von Verhandlungen
zu rechnen ist, müssen sie doch mehr sein als reine Propagandapositionen. Sie müssen, wo immer dies möglich ist, nicht nur die Psychologie, sondern auch die Lebensinteressen des Gegners berücksichtigen. Andernfalls werden die Positionen beider Verhandlungspartner
stets zu weit auseinanderklaffen, um feststellen zu können, ob sie
miteinander in Einklang zu bringen sind oder nicht.
Mit diesen Bemerkungen habe ich versucht, einen Abriß der Gedankengänge zu geben, die eine positive Einstellung zu den Ost-WestBeziehungen rechtfertigen. Die Formulierung solcher Ideen erscheint
mir in dieser historischen Entscheidungsphase wesentlich. Zu dieser
Schlußfolgerung veranlaßt mich nicht das Gefühl,daß in dieser Angelegenheit das letzte Wort schon gesprochen sei, sondern die Hoffnung,
damit vielen anderen Anregung zur Erörterung dieser Gedanken in Wort
und Schrift zu geben.
Die Haltung, die wir in unseren Beziehungen zum Osten jetzt einnehmen, wird bedeutende Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit
haben. Wir können es uns nicht leisten, daß unsere Haltung entweder
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�entweder durch eine instinktive Reaktion auf eine von uns wahrgenommene Gefahr oder durch eine plötzlich aufsteigende impulsive
Hoffnung bestimmt wird. Weder das eine noch das andere gibt eine
brauchbare Basis für eine Politik ab, die gleichzeitig den Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, und den Hoffnungen, die wir hegen,
Rechnung tragen muß.
Unsere Demokratien können Übereinstimmung am besten durch freie
Diskussion und Konsultation erreichen. Meiner Ansicht nach ist es
für uns an der Zeit, die Ost-West-Beziehungen von neuem zu erörtern.
Weder das starre Festhalten an unterschiedlichen Auffassungen noch
ein nicht von der Vernunft diktiertes Einschwenken auf einen bestimmten Kurs ist eine angemessene Antwort auf die Probleme, denen
wir uns gegenübersehen. Uneinigkeit schwächt uns. Das passive Hinnehmen einer bestimmten Politik beraubt uns der Unterstützung der
breiten Masse und bringt die Quellen der Ideen und diplomatischen
Geschicks zum Versiegen, die, in gemeinsamem Bemühen genutzt, die
besondere Stärke des Westens sind.
Letzten Endes muß der Westen als Ganzes bestimmen, welchen
Kurs er in ssinen Beziehungen zum Osten einschlägt. Für uns alle
und für spätere Generationen ist nichts wichtiger, als zu den vor
uns liegenden schicksalsschweren, gemeinsamen Entscheidungen mit
Weisheit, Mut und Zielstrebigkeit beizutragen.

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19

-

�)

A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

W1./XVI-12

KEINE VERSCHWENDUNG, KEIN ZURÜCKWEICHEN
Präsident Johnson unterbreitet dem US-Kongreß
Auslandshilfe-Botschaft

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
der Auslandshilfe-Botschaft, die
Präsident Johnson am 19« März 1964
dem amerikanischen Kongreß unterbreitet hat.

An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Das wichtigste Element in der Entwicklung einer Nation ist weder der Umfang noch die Art der Hilfe von außen, es ist vielmehr der
Wille und die Entschlossenheit der direkt betroffenen Regierung und
Bevölkerung.
Für diejenigen Nationen, die sich dem Portschritt in Freiheit
verschreiben, kann die Hilfe von uns oaer von anderer Seite das Plus
bedeuten, aas über Fehlschlag oder Erfolg entscheidet.
Darum geht es hier.
Die in dieser Botschaft enthaltenen Vorschläge bringen gleichzeitig damit, daß sie unsere nationalen Ideale verkünden, unser Eigeninteresse zum Ausdruck.
Wir säen eine Saat des Bösen für uns und unsere Kinder, wenn wir
vor der Aufgabe zurückschrecken, Armut und Unwissenheit in der Welt
zu bekämpfen. Sie sind die finsteren Rekrutenwerber des Kommunismus.
Wo immer wir versagen, blüht ihr Geschäft. Wenn wir uns vor unseren Verpflichtungen drücken, wird der Kommunismus seine Ambitionen
nur noch steigern.
Das ist die harte Gleichung, die unser Zeitalter beherrscht und
die sich weder mit Logik noch in Ehren umgehen läßt.
Keine Verschwendung, kein Zurückweichen
Es widerspricht unserem nationalen Interesse, wenn wir in irgendeinem dieser Programme Verschwendung, Leerlauf oder Extravaganz dulden. Aber es verstößt genauso gegen unser nationales Interesse, wenn
- 1

�wenn wir uns vor unseren Verpflichtungen und Zusagen drücken, solange die Belagerung der Freiheit anhält.
Wir wissen, daß die Vereinigten Staaten die Last dieser Programme nicht allein tragen können und sollten.
Auch die anderen Nationen werden bei dieser Aufgabe der gegenseitigen Hilfe gebraucht. Es gibt ermutigende Zeichen dafür, daß der
Prozeß aer Beteiligung an der Last Fortschritte macht.
Der beste Weg für die Vereinigten Staaten, diesen Fortschritt
anzuregen und diese Partnerschaft in Freiheit auszudehnen, besteht
darin, daß wir unser eigenes Beispiel zu einem Anreiz für unsere
Freunde und Verbündeten machen.
Wir brauchen die Garantie der Stabilität und des Fortschritts
in einer Welt, die von Gefahren und Nöten beunruhigt wird.
Umsichtige und verantwortungsvolle Programme
Wir haben nicht die Absicht, in diesem Programm die ganze Welt
zu berücksichtigen. Hilfe in einem weltweiten Ausmaß gehört nicht
zu unseren Zielen.
Wir bemühen uns vielmehr - durch umsichtige und verantwortungsvolle Programme -, solchen mit Sorgfalt ausgewählten Ländern Hilfe
zu gewähren, deren Weiterbestehen in Freiheit von wesentlicher Bedeutung ist - und deren Zusammenbruch der kommunistischen Expansion
neue Chancen bieten würde.
Leichte Siege gibt es in dieser Kampagne nicht. Es kann jedoch
zu sehr plötzlichen Katastrophen kommen. Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen, während die Freiheit in Gefahr ist. Die
lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten erfordern es, daß
wir weiterkämpfen. Wir dürfen die Sache nicht im Stich lassen.
Wirtschaftliche und militärische Hilfe - zur rechten Zeit und
in der rechten Form - können unserer Außenpolitik eine unerläßliche
Stütze sein, indem sie den Vereinigten Staaten die Möglichkeit geben, auf den Gang der Ereignisse einen Einfluß auszuüben, anstatt
sich lediglich reaktiv zu ihnen zu verhalten. Indem wir einen kleinen Teil unserer Hilfsquellen hierfür einsetzen, noch bevor es zu
wirklichen Krisen kommt, verringern wir die Gefahr und Häufigkeit
derartiger Krisen.
Unsere Voraussicht wird somit zu einem Schutzschild gegen Unheil,
Die in dem Programm für das Haushaltsjahr 1965 enthaltenen Empfehlungen sind dazu bestimmt, das Hilfsprogramm in diese Richtung zu
lenken.
Sie geben die Ansichten und Erfahrungen des Kongresses, der Exekutive und sachkundiger privater amerikanischer Bürger wieder.
Fünf Grundkonzeptionen für ein erfolgreiches Programm
Erstens* Die Anforderungen für die Mittel müssen realistisch
sein.
Für die Wirtschaftshilfe werden neue Ausgabeermächtungen in Höhe
von 917 Millionen Dollar für das Haushaltsjahr 1965 empfohlen. Im einzelnen empfehle ich für die wirtschaftliche Verteidigungshilfe 335
Millionen Dollar, für die technische Hilfe 225 Millionen Dollar, für
- 2 -

�für Beiträge an internationale Organisationen 154 Millionen Dollar,
für den Sonderfonds des Präsidenten 150 Millionen Dollar, und für
Verwaltungs- und sonstige Ausgaben 73 Millionen Dollar.
Für die Militärhilfe empfehle ich, daß der Kongreß eine laufende Ausgabeermächtigung erteilt, die einer alljährlichen Überprüfung hinsichtlich der in jedem Jahr vorgelegten Vorschläge durch die
zuständigen Ausschüsse beider Häuser des Kongresses unterliegt.
Für das Haushaltsjahr 19^5 empfehle ich keine zusätzlichen Ausgabeermächtigungen für die Allianz für den Fortschritt oder für die
Entwicklungskredithilfe in Asien und Afrika. Die für diese Programme
erteilten Ausgabeermächtigungen sind angemessen.
Die für das Haushaltsjahr 19^5 empfohlenen Ausgabeermächtigungen betragen insgesamt 1 Milliarde Dollar für die Militärhilfe und
2,4 Milliarden Dollar für die Wirtschaftshilfe.
Im Haushaltsjahr 1964 lagen die ursprünglichen Anforderungen
bei 4»9 Milliarden Dollar, die dann später auf 4&gt;5 Milliarden Dollar
reduziert wurden.
Im neuen Haushaltsjahr liegt der angeforderte Betrag von 3,4
Milliarden Dollar um 1,1 Milliarden Dollar unter den Anforderungen
des Vorjahres, obwohl er etwa ebenso hoch ist wie die im laufenden
Haushaltsjahr - bei Berücksichtigung der aus dem vorangegangenen
Jahr noch vorhandenen Überhanggelder - zur Verfügung stehenden Mittel.
Ferner werden über 80 Prozent der für die Auslandshilfe zur Verfügung stehenden Mittel in den Vereinigten Staaten verausgabt werden.
Die Auswirkungen des Programms auf unsere Zahlungsbilanz werden geringer als je zuvor sein.
Sicherung gegen kriegerische Verwicklungen
In diesen Anforderungen kommt die Entschlossenheit zum Ausdruck,
die Hilfsprogramme weiterhin sowohl hinsichtlich ihrer Konzeption
wie ihrer Verwaltung zu verbessern. Die angeforderte Gesamtsumme ist
eine Menge Geld; aber es ist ein Betrag, den wir - mit aller Klugheit
und Umsicht - aufwenden sollten, um wesentlichen Interessen der Vereinigten Staaten dienen und unseren Verpflichtungen in der ganzen
Welt nachkommen zu können.
Mehr als eine Million amerikanische Soldaten sind zur Zeit außerhalb der USA stationiert. Um sicherzustellen, daß sie und die Nation
nicht in einen größeren Konflikt verwickelt werden, schlagen wir vor,
einen Betrag von nicht einmal vier Cent von jedem Steuerdollar für
die Hilfsprogramme auszugeben.
Wenn es noch eine andere Sicherung gegen einen Krieg gibt, so
dürfte sie in einer Erhöhung des Verteidigungsbudgets zu suchen sein.
Dies aber würde nicht nur ein Vielfaches der 3,4 Milliarden Dollar
erfordern - bei einem Militärbudget, für das ohnehin schon 50 Cent
von jedem Steuerdollar abgezweigt werden -, sondern außerdem auch eine Erhöhung unserer militärischen Mannschaftsstärke um ein Mehrfaches
notwendig machen.
Die

�Die angeforderte Auslandshilfe wird Sorge tragen für:
die entscheidend wichtige Hilfe, die wir den Völkern Lateinamerikas, welche sich Programmen des wirtschaftlichen und sozialen
Fortschritts verschrieben haben, zusicherten;
die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Indien, Pakistan
und der Türkei im Rahmen großer internationaler Hilfe-Konsortien,
in denen wir mitarbeiten;
den amerikanischen Anteil an freiwilligen Beiträgen zu den Programmen der technischen Zusammenarbeit der Vereinten Nationen und zu
solchen internationalen Sonderprogrammen wie dem Kinderhilfsfonds
der Vereinten Nationen (UNICEF) und der Entwicklung des Indus-Beckens;
die Mittel zur Erfüllung unserer Verpflichtungen für die Freiheit
der Völker in Südvietnam und Korea sowie der anderen Verpflichtungen,
die wir in Asien und Afrika eingegangen sind.
Zweitens: Die von mir angeforderten Mittel werden dort konzentriert werden, wo sie die besten Resultate zeitigen und die Umstellung
von amerikanischer Hilfe auf Selbsthilfe, wo immer möglich, beschleunigen.
Zwei Drittel der vorgeschlagenen Militärhilfe werden an elf Nationen an der Peripherie des sino-sowjetischen Blocks gehen, von Griechenland und der Türkei über Thailand und Vietnam bis zur Republik
China und zu Korea. Diese Mittel sind ein entscheidender Faktor dafür,
daß über 3,5 Millionen Mann unter Waffen gehalten werden, die von den
Empfängerländern dieser Hilfe gestellt und in weitgehendem Maße auch
von ihnen unterhalten werden.
Die Notwendigkeit für wirtschaftliche Verteidigungshilfe - Mittel,
die hauptsächlich in Ländern benutzt werden, die außergewöhnliche Aufwendungen für die Verteidigung oder die Sicherheit machen müssen wird weiterhin geringer werden. Allein 14 Länder, die noch vor drei
Jahren wirtschaftliche Verteidigungshilfe erhielten, werden im Haushaltsjahr 1965 keine mehr erhalten.
Vier Fünftel der vorliegenden Anforderungen werden auf vier Länder entfallen: Korea, Vietnam, Laos und Jordanien.
Zwei Drittel der für das Haushaltsjahr 19^5 vorgeschlagenen Entwicklungskredithilfe - einschließlich der Entwicklungsanleihen im Rahmen der Allianz für den Fortschritt - werden sich auf sechs Länder
konzentrieren; Chile, Kolumbien, Nigerien, die Türkei, Pakistan und
Indien.
&gt;
Die Mittel für eine Zusammenarbeit auf den Gebieten des Erziehungswesens und der Technik - um mitzuhelfen, neue Schulen, Gesundheitseinrichtungen, landwirtschaftliche Versuchsstationen, Kreditinstitutionen und zahlreiche weitere Einrichtungen zu schaffen - konzentrieren sich nicht auf einige wenige Länder. Sie werden vielmehr
für ausgewählte Projekte eingesetzt werden, um die weniger begünstigten Völker besser in die Lage zu versetzen, ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Für die Durchführung dieser Projekte bemühen wir uns um die
Mitarbeit der besten in den Vereinigten Staaten verfügbaren Fachkräfte - von Fachkräften aus privaten Organisationen, aus den Universitäten, aus den Verwaltungen der Einzelstaaten und der Gemeinden und aus
den Bundesbehörden.
Wo

- 4. -

�Wo immer möglich, werden wir den Übergang von einer Abhängigkeit von der Hilfe zur Selbsthilfe beschleunigen.
In 17 Ländern ist dieser Übergang bereits abgeschlossen, und
die Wirtschaftshilfe ist eingestellt worden. 14 Länder nähern sich
dem Zeitpunkt, da Wirtschaftskredite zu Sonderbedingungen und nichtrückzahlbare Zuwendungen nicht länger mehr notwendig sind. Die Zahl
der Länder, für die neue Mittel für nicht-rückzahlbare Zuwendungen
zur Beschaffung militärischer Ausrüstungen im Haushaltsjahr 19^5 angefordert werden, liegt um sieben niedriger als im laufenden Haushaltsjahr.
Drittens: Wir müssen mehr tun, um die private Initiative in den
Vereinigten Staaten - und in den Entwicklungsländern - stärker für
die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im Ausland einzuspannen .
Während des vergangenen Jahres wurden
die ersten neuen Häuser, die mit privaten amerikanischen Geldern
und einer Ausfallbürgschaft des US-Amtes für Internationale Entwicklung (AID) finanziert wurden, in Lima (Peru) fertiggestellt;
die ersten Untersuchungen im Zusammenhang mit Elektrifizierungsprojekten auf dem Lande, die von dem Verband amerikanischer landwirtschaftlicher Elektrizitätsgenossenschaften im Auftrage des US-Amtes
für Internationale Entwicklung (AID) durchgeführt worden waren, abgeschlossen und die erste Anleihe für ein Elektrifizierungsprojekt auf
dem Lande - in Nikaragua - gewährt;
die erste Vereinbarung zwischen Kalifornien und Chile getroffen,
um die öffentlichen und privaten Hilfsquellen eines unserer Bundesstaaten für ein Entwicklungsland verfügbar zu machen.
Alle diese Anstrengungen müssen noch verstärkt werden. Daher fördern wir die Schaffung eines Führungskräfte-Korps der Wirtschaft. Dies
wird amerikanischen Geschäftsleuten eine Möglichkeit bieten, auf entsprechende Ersuchen hin Geschäftsleuten in den Entwicklungsländern auf
technischem und betriebswirtschaftlichem Gebiet beratend zur Seite zu
stehen.
Während des laufenden Haushaltsjahres werden die Möglichkeiten
für eine Mobilisierung weiterer privater Hilfsquellen für die Entwicklungsaufgaben von dem Beratungsausschuß für Fragen der Einschaltung der Privatwirtschaft in die Auslandshilfe erschlossen werden, der
auf Grund des Auslandshilfegesetzes von 1963 geschaffen wurde.
In diesem Zusammenhang werden von mir zwei spezifische legislative
Schritte empfohlen:
1 . ein Gesetz zur Gewährung von Steuervergünstigungen für Privatinvestitionen der US-Wirtschaft in den Entwicklungsländern;
2. eine zusätzliche Ermächtigung für die endgültige Schaffung eines Modellprogramms, durch das Ausfallbürgschaften für private amerikanische Wohnbauinvestitionen in Lateinamerika übernommen werden.
Viertens: Wir werden auch weiterhin eine stärkere internationale
Beteiligung an der Auslandshilfe anstreben.
Seit Anfang der fünfziger Jahre haben andere Industriestaaten der
freien V/elt ihre Auslandshilfe-Zusagen ständig erweitert. Es gibt

- 5-

�gibt Anzeichen dafür, aaß dies in Zukunft noch stärker der Fall sein
wird. Kanada hat erst kürzlich bekanntgegeben,.daß es damit rechnet,
seine Aufwendungen für die Auslanashilfe im kommenden Jahr um 50 Prozent erhöhen zu können. Ein 196$ veröffentlichtes britisches Weißbuch und ein im Januar 1964 herausgegebener offizieller französischer
Bericht weisen in die gleiche Richtung. Andere Länder haben die Zinssätze für Anleihen an die Entwicklungsländer herabgesetzt und die
Laufzeiten verlängert.
Von großer Wichtigkeit für diese Bemühungen ist die Arbeit der.
Internationalen Entwicklungsgesellschaft (IDA) . Auf Grund, des Abkommens zur Aufstockung der Mittel dieser Gesellschaft, das gegenwärtig
dem Kongreß zur Billigung vorliegt, werden sich die Beiträge der anderen Länder auf mehr als 1,40 Dollar für jeden Dollar stellen, den
die Vereinigten Staaten zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten
zu Sonderbedingungen beitragen, die von der Weltbank in Ordnung befunden worden sind - Projekten, für die die Entwicklungsländer die
Mittel zu den normalerweise üblichen kommerziellen Bedingungen nicht
aufbringen können. Dies ist eine internationale Aufteilung der Hilfsanstrengungen, wie sie sein sollte. Denn in dem Maße, in dem wir der
IDA Mittel zur Verfügung stellen, die durch Beiträge anderer Länder
aufgestockt werden, wird den Bedürfnissen der Entwicklungsländer Rechnung getragen und verringern sich damit die für unsere eigenen bilateralen Hilfsprogramme benötigten Mittel.
Im Rahmen des Ihnen vorliegenden Programms werden die Vereinigten Staaten ermächtigt, innerhalb eines DreiJahreszeitraumes Beiträge in Höhe von $12 Millionen Dollar zu entrichten. Auf der anderen
Seite haben die übrigen Länder Zusagen in Höhe von 438 Millionen Dollar gemacht, die nichtig wären, sollten die amerikanischen Beiträge
nicht eingezahlt werden. Es muß jetzt gehandelt werden, damit die IDA
weiter neue Projekte in Angriff nehmen kann, selbst wenn die ersten
Geldbereitstellungen nicht vor Beginn des US-Haushaltjahres 1966 erforderlich werden.
Ich ersuche den Kongreß nachdrücklich, die Beteiligung der USA
an diesen zusätzlichen Beiträgen für die IDA zu billigen.
Fünftens: Wir müssen auf eine stetig wachsende Wirksamkeit unserer Hilfsprogramme bedacht sein.
Nach sorgfältiger Prüfung habe ich mich entschlossen, die Grundstruktur für die Durchführung der Auslandshilfe weiter beizubehalten,
wie sie nach einer umfassenden Überprüfung im Jahre 1961 geschaffen
worden ist. Die Wirtschaftshilfe wird auch künftig zentral vom Amt
für Internationale Entwicklung (AID) gelenkt werden, die Militärhilfe vom Verteidigungsministerium. Für beide wird der Außenminister
feste außenpolitische Richtlinien geben.
Maßnahmen zur Steigerung der Wirksamkeit uer Auslandshilfe
Ein Beamter, Unterstaatssekretär Mann vom US-Außenminioterium,
ist beauftragt worden, über alle Aspekte unserer Auslandshilfe in Lateinamerika in Verfahrensfragen eine feste Kontrolle wahrzunehmen.
Das neugeschaffene Interamerikanische Komitee uer Allianz für
den Fortschritt, das den Aspekt der Partnerschaft innerhalb der Allianz stärken soll, wird unsere volle Unterstützung.erhalten.
Der

- 6-

�Der Administrator des US-Amtes für Internationale Entwicklung (AID) hat Anweisung, ein umfassendes Programm zur Verbesserung der fachlichen Eignung seiner Mitarbeiter in Angriff zu
nehmen und die Gesamtzahl der AID-Angestellten bis zum Ende des
Haushaltsjahres 19&amp;5 u m 1200 zu verringern.
Der AID-Administrator ist angewiesen, die Angliederung der
AID-1'.Iissionen an die US-Botschaften fortzusetzen und, wo immer
möglich, gesonderte AID-Hissionen im Ausland abzuschaffen.
Der Verteidigungsminister ist angewiesen worden, weitere
wesentliche Kürzungen bei dem den Militärhilfegruppen und Missionen zugeteilten Personal vorzunehmen.
In diesem Zusammenhang empfehle ich zwei spezifische
legislative Maßnahmen:
1. Ein Gesetz, das den AID-Administrator ermächtigt, ungeachtet anderer gesetzlicher Bestimmungen einer begrenzten Zahl
von höheren und mit Weisungsbefugnissen ausgestatteten Mitarbeitern zu kündigen und die für den auswärtigen Dienst zur Zeit
bestehenden "Auswahlbestimmungen" auf andere Mitarbeiter auszudehnen.
Dies ist notwendig, wenn der Administrator meinem Wunsch und dem des Kongresses - entsprechen soll, daß die Qualität der
AID-Mitarbeiter verbessert und gleichzeitig ihre Gesamtzahl verringert wird.
2. Ein Gesetz, das die noch offene Vertretung der USA in
dem Interamerikanischen Komitee für die Allianz für den Fortschritt
unter Leitung von Botschafter Teodoro Moscoso regelt..
Schließlich ernenne ich einen allgemeinen Beratungsausschuß
für Fragen der Wirtschafts- und der Militärhilfe an andere Länder,
so wie er von Senator Cooper und anderen vorgeschlagen worden ist.
Dieser Ausschuß wird sich aus namhaften amerikanischen Bürgern verschiedener Wissensgebiete zusammensetzen und mir mit seinem Rat
ständig zur Seite stehen. Neben seinen allgemeinen Aufgaben wird
der Ausschuß auch Hilfsprogramme in einzelnen Ländern überprüfen.
Diese Überprüfungen werden von Mitgliedern des Beratungsausschusses,
denen erforderlichenfalls weitere Fachkräfte beigegeben werden, vorgenommen. Ich möchte hoffen, daß zumindest die Überprüfungen in vier
oder fünf Ländern, darunter in zwei oder drei lateinamerikanischen
Ländern, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein werden.
Ein Programm zur Stärkung der freien Völker
Ich bin überzeugt, daii dieses Programm die Vereinigten Staaten
in die Lage versetzen wird, in einer turbulenten Welt mit einem größeren Maß an Sicherheit und ehrenvoll fortzubestehen.
Unsere Herzen sind von der großen und edlen Hoffnung erfüllt, daß
es gelingt, die Familie der freien Völker zu stärken, während es auf
der anderen Seite unsere Pflicht ist, die bösen Absichten der Feinde
der Freiheit zunichte zu machen.

Wir

- 7 -

�Vir v/ollen eine Welt schaffen, in der die Schwachen ohne
Furcht voranschreiten und in der selbst die kleinsten Kationen
ihr eigenes Schicksal ohne Gefahr von Gewalttätigkeiten und
Aggressionen gestalten können.
Dieses Programm, das auf dem Prinzip der gegenseitigen
Hilfe basiert, kann einen entscheidenden Beitrag zu diesen Zielen leisten, von denen unser Land durch alle Schwierigkeiten
dieser gefährlichen Jahre hindurch geleitet wurde.
Ich empfehle dieses Programm der gewissenhaften Prüfung
des Kongresses in der festen Überzeugung,
daß es die Stärke der freien Welt vermehren,
die Ambitionen des kommunistischen Imperialismus zunichte machen,
die Gefahren eines weit um sich greifenden Konflikts verringern
und
die moralische Verpflichtung aller freien llenschen, auf eine
gerechte und friedliche Welt hinzuarbeiten, stärken wird.
* * *

�A M E R I K A

D I E N S T

�Unser Land ist seit einer Generation - ohne Rücksicht auf
Partei, Region oder Stand - einig in-bezug auf die Grundzüge
einer Außenpolitik, die dieser Erfahrung zwangsläufig entspringt.
Die Grundsätze dieser Außenpolitik sind im Kampf geformt, in
der Gefahr erprobt und im Erfolg bewahrt worden. Sie wurden unter
vier Präsidenten der Vereinigten Staaten beibehalten, weil sich
in ihnen die Realitäten unserer Welt und die Ziele unseres Landes
widerspiegeln.
Spezifische Haßnahmen müssen den durch die Ereignisse veränderten Umständen angepasst werden. Wir müssen wachsam sein gegenüber
veränderten Realitäten, sich ergebenden Möglichkeiten und neuen Gefahren. Aber wir dürfen die täglich auftretenden Veränderungen nicht
irrtümlicherweise für fundamentale Vorgänge im Geschichtsablauf
halten. Es erfordert oft mehr Hut und Entschlossenheit, eine durch
die Zeit erprobte Politik beizubehalten, als sie angesichts des
Drucks augenblicklicher Umstände zu ändern.
Unsere Außenpolitik beruht auf erprobten Grundsätzen.
Erstens: Seit Korea haben wir uns bemüht, eine Militärmacht von
einmaliger Stärke aufzubauen. Das ist uns gelungen. Wenn die Kriegsgefahr geringer geworden ist, dann weitgehend deshalb, weil unsere'
Gegner einsehen, daß ein Angriff zu ihrer Vernichtung führen würde.
Diese Anstrengungen waren kostspielig. Aber die Schwäche kostet weit
mehr als die Stärke, und dafür zahlen ist weitaus schmerzlicher. Das
ist der Grund, warum die amerikanische Regierung den gesamten Bereich
der amerikanischen Verteidigung verstärkt und die Verteidigungsausgaben um 17 Milliarden Dollar erhöht hat.
Zweitens: Wir haben den Bemühungen der Kommunisten, ihren Herrschaftsbereich auszudehnen und ihre Macht zu erweitern, widerstanden.
Wir haben die Risiken auf uns genommen und die Macht gebraucht, die
ihr Prinzip verlangt. Wir haben zwecklose Provokationen und nutzlose
Abenteuer vermieden.
Die Berliner Luftbrücke, der Koreakrieg, die Verteidigung
Formosas, Die Kuba-Krise, der Kampf in Vietnam - sie beweisen unsere
Entschlossenheit, der Aggression Widerstand zu leisten, und unsere Fähig
keit, auf jede Drohung die entsprechende Antwort zu finden.
Drittens: Wir haben uns für die Erneuerung der Stärke unter unseren Alliierten eingesetzt: zunächst um die durch den Krieg geschwächten Nationen vor dem kommunistischen Zugriff zu bewahren; auf lange
Sicht,^ weil unsere eigene Zukunft von der Lebenskraft und der Einheit
der westlichen Gesellschaft, zu der wir gehören, abhängt.
Viertens: Wir haben die Unabhängigkeit und den Fortschritt der
Entwicklungsländer gefördert - sowohl unserer alten Freunde wie auch
der jungen Nationen. Wir fühlen uns sicherer und geborgener in einer
Welt, in der alle Völker sich auf ihre Weise regieren können und in
der alle Nationen die innere Stärke haben, einer Beherrschung von
außen Widerstand entgegenzusetzen.
Fünftens: Wir sind jeder Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden
nachgegangen. Vom Baruch-Plan bis zum Atomteststoppabkommen haben wir
Übereinkommen, die die Gefahr ohne Beeinträchtigung der Sicherheit

2

�Sicherheit verringern, angestrebt und begrüßt. Im Rahmen dieser Bemühungen waren wir zwanzig Jahre lang die führende Macht bei der
Unterstützung der Vereinten Nationen. Im Rahmen dieser Bemühungen
werden wir auch dieses Jahr wie in jedem Jahr weiter darauf hinarbeiten, Abkommen über Haßnahmen zur Reduzierung der Rüstungen und
zur Verringerung der Kriegsgefahr zu erreichen.
Heute wenden wir die gleichen Prinzipien auf eine Welt an, die
sich seit 1945 erheblich verändert hat. Huropa bemüht sich um eine
neue Rolle der Stärke statt um den Schutz der Schwäche. Die Einigkeit
des Kommunismus ist durch die starken Kräfte des Nationalismus und
auseinandergehende Interessen zunichte gemacht worden. Eine völlig
neue Gruppe von Gemeinwesen erkämpft sich mühsam den Weg zur modernen
Welt.
Unsere Grundprinzipien passen für diese sich ändernde Welt« Aber
Außenpolitik ist mehr als nur eine Zusammenfassung allgemeiner Prinzipien. Sie ist die wechselnde Anwendung dieser Prinzipien auf spezifische Gefahren und Möglichkeiten. Zu ihr gehören die Kenntnis der Stärken
und das Y/issen um die Grenzen in jeder neuen Situation. Das Vorhandensein von Offensivraketen auf Kuba war eine Tatsache. Das Vorhandensein
radioaktiver Ausfällungen in der Atmosphäre ist 'eine Tatsache gewesen.
Das Vorhandensein von Guerilla-Streitkräften in Vietnam ist eine Tatsache. Solche Tatsachen lassen sich nicht einfach durch Geschichtsbetrachtungen oder allgemeine Richtlinien bewältigen. Sie erfordern konkrete Maßnahmen - Mut, Klugheit und Zurückhaltung.
Diese Kräfte der Beständigkeit und der Erneuerung, der Kontinuität
und des Wechsels wirken auf wenigstens sechs Hauptgebieten, denen unsere
ständige Sorge gilt.
Das erste Gebiet ist unsere Beziehung zur Sowjetunion - das Gebiet,
das im Mittelpunkt unserer Sorge um den frieden steht.
Die Kommunisten versuchen mit Gewalt und Intrige, eine kommunistischbeherrschte Welt zu schaffen. Unsere Überzeugungen, unsere Interessen,
unser Bestand als Nation fordern, daß wir diesen Versuchen mit Entschiedenheit entgegentreten. Dieser Vorgang ist der einzige und alleinige
Grund für den Kalten Krieg zwischen uns.
Denn die Vereinigten Staaten brauchen den friedlichen Wettstreit
nicht zu fürchten. Wir begrüssen ihn vielmehr, und wir werden ihn gewinnen. Gerade unser System muß in einer Y/elt, die frei von Kriegsfurcht
ist, wachsen und gedeihen. Außerdem würde ein solcher Wettstreit für
alle Völker der Y/elt von Nutzen sein.
Es gibt heute neue Belastungen und neue Realitäten, die hoffen lassen, daß das Streben nach Frieden genauso im Interesse der Sowjetunion
wie in unserem liegt.
Vielleicht wird gerade unsere eigene maßvolle Haltung die sowjetischen Führer davon überzeugen, daß wir weder auf Krieg noch auf die
Zerstörung der Sowjetunion aus sind.
So hoffe ich, daß wir jenem Tag ein großes Stück näher kommen können, an dem - wie es im Buch des Propheten Micha heißt - "kein Volk wider
das andere ein Schwert aufheben wird und sie nicht mehr Kriegen lernen
werden".
Wir

- 3 -

�Wir müssen uns vor Augen halten, daß der Friede nicht über
Nacht kommen wird. Er wird nicht in dramatischer Weise aus einem
einzigen Abkommen oder einer einzigen Begegnung hervorgehen. Er
wird vielmehr durch konkrete und begrenzte Anpassungen, durch das allmähliche Wachsen gemeinsamer Interessen, durch eine größer werdende
Erkenntnis der sieh verlagernden Gefahren und Tendenzen sowie durch
das Wachsen des Vertrauens in den guten Willen gefördert, der fest
auf einer vernünftigen Weltsicht fundiert ist.
Unsere eigene Position ist klar. Wir werden über jedes Problem
sprechen, jeden Vorschlag anhören, uns um jedes Abkommen bemühen und
jede Maßnahme ergreifen, die die Möglichkeit eines Krieges vermindern
könnte, ohne daß die Interessen unserer Verbündeten oder unsere eigene Fähigkeit, die Allianz gegen Angriffe zu verteidigen, geopfert werden.
Zwei Maßnahmen sind von mir ergriffen worden, die sowohl unseren
Wunsch widerspiegeln, die Spannungen zu reduzieren, als auch unsere Entschlossenheit, kein Risiko der Schwäche einzugehen.
Ich habe eine weitere wesentliche Reduzierung unserer Produktion
an angereichertem Uran angeordnet, die sich über einen Zeitraum von vier
Jahren erstrecken soll. Mit früheren Kürzungen zusammen wird dies eine
Gesamtverminderung der Produktion von Plutonium um 20 Prozent und von
angereichertem Uran um 4-0 Prozent bedeuten.
Dadurch, daß die Produktion auf unsere Erfordernisse abgestimmt
wird - und die Statistik zeigt, daß unsere Produktion den Punkt erreicht
hat, daß unser Bedarf an dem Punkt angekommen ist, und unsere heutige
Kürzung dies bewerkstelligen wird - glauben wir die Spannungen zu verringern, während wir gleichzeitig die ganze erforderliche Stärke aufrechterhalten.
'wir müssen kein Kernenergieprojekt im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms betreiben, nur um Arbeitsplätze zu schaffen, wenn unser
Bedarf gedeckt ist. Diese Entscheidungen habe ich in enger Konsultation
mit Premierminister Douglas-Home getroffen. Gleichzeitig mit meiner
jetzigen Bekanntmachung gibt auch Ministerpräsident Chruschtschow um
zwei Uhr unserer Zeit in Moskau eine Erklärung heraus, in der er bestimmte Verpflichtungen für Schritte in Richtung auf eine höchst friedliche Welt eingeht. Er erklärt sich bereit, den Bau von zwei großen
Atomreaktoren zur Produktion von Plutonium für die nächsten Jahre einzustellen, die Produktion von Uran-235 für Kernwaffen wesentlich zu reduzieren und mehr spaltbares Material für friedliche Zwecke-abzuzweigen.
Das ist keine Abrüstung. Das ist auch keine Friedenserklärung. Aber
es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, und es ist ein Schritt vorwärts, den
wir begrüssen und der uns hoffen läßt, daß die Welt eines Tages vielleicht
doch ohne Kriegsfurcht leben kann.
Gleichzeitig habe ich erneut sichergestellt, daß alle die Vorkehrungen zur Verhinderung einer Schwächung unserer nuklearen Stärke, die
wir zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Atomteststoppabkommens getroffen haben, wirksam bleiben.
Das zweite Gebiet, dem unser Ständiges Bemühen gilt, ist die Entwicklung der atlantischen Partnerschaft mit einem stärkeren und enger vereinten Europa. Wir haben diese Politik in einer Zeit begonnen, da die Gefahr
groß war, und wir werden sie jetzt, da der Erfolg näher rückt, nicht aufgeben.
Wi r

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�Wir haben auf ein stärkeres und blühendes Europa hingearbeitet,
und Kuropa ist heute über alle Erwartungen hinaus stark und blühend.
Wir sind für eine enge Partnerschaft mit einem enger vereinten
Europa eingetreten. In den vergangenen fünfzehn Jahren sind mehr
friedliche Schritte in dieser Richtung getan worden als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte.
Das Streben nach diesem Ziel wird gleich dem Streben nach jeder
anderen großen und lohnenden Sache nicht leicht und mühelos sein.
Aber die Tatsachen der modernen Veit lehren uns, daß wachsende Größe
und wachsender Wohlstand eine wachsende Einigkeit und Partnerschaft
bedingen.
Die treibenden Kräfte des europäischen Lebens beseitigen alte
Schranken und überwinden alten Argwohn. Gemeinsame Institutionen erweitern das gemeinsame Interesse. Auf Grund der Auswirkungen des Reiseverkehrs) des Handels und des Nachrichtenwesens verlieren die nationalen Grenzen ständig an Bedeutung. Eine neue Generation wächst heran
- unberührt von alten Feindseligkeiten und früheren Ambitionen, in
dem Bewußtsein, Europäer zu sein, in Werten denkend, die durch die
gemeinsame westliche Kultur geformt sind. Diese Kräfte und die stetigen Bemühungen aller, die nach den gemeinsamen Zielen streben, werden die Zukunft gestalten. Und Einigkeit, die sich auf Hoffnung begründet, wird sich letztlich stärker erweisen als Einigkeit, die auf
Furcht basiert.
Wir sind uns darüber im klaren, daß, wenn wir die Last der Führung mit anderen teilen wollen, wir auch die Verantwortung der Ivladht
teilen müssen. Als einen Schritt in dieser Richtung unterstützen wir
die Schaffung einer multilateralen Atomstreitmacht, die sich aus jenen
Kationen zusammensetzt / welche daran teilzunehmen wünschen. Wir begrüßen
ferner vereinbarte neue Mechanismen für die politische Konsultation in
Fragen gemeinsamer Interessen überall -auf der Welt - mit all den organisatorischen Veränderungen, die sich als notwendig erweisen mögen,
um derartige Konsultationen zu beschleunigen und wirksam zu gestalten.
Die Erfahrungen zweier Weltkriege haben uns gelehrt, daß die grundlegenden Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und die Interessen Europas die gleichen sind. Was wir in Zeiten des Krieges gelernt
haben, wollen wir in Friedenszeiten nicht vergessen.
Hehr als ein Jahrzehnt lang waren wir bestrebt, die Unabhängigkeit
der Völker Osteuropas zu fördern und ihr hartes Los zu mildern. Wir
haben uns der Werkzeuge des friedlichen Austauschs - des Ware»», Personen- und Ideenaustauschs - bedient, um die Verbindung mit diesen
nicht zur Ruhe kommenden Nationen aufzunehmen. Wir haben uns einer begrenzten direkten Unterstützung bedient, wo die Erfordernisse unserer
Sicherheit es uns gestatteten, dem Appell an unser Mitgefühl Folge zu
leisten. In diesem Sinne habe ich im vergangenen Monat die mir vom
Kongreß gewährte Vollmacht ausgeübt und das Recht auf freien Handel
mit Polen und Jugoslawien erneut bestätigt.

Auf dem dritten Gebiet, dem unsere ständige Sorge gilt - Lateinamerika - haben wir unsere Verpflichtung gegenüber der Allianz für den
Fortschritt erneuert, uns um friedliche Beilegung der Streitigkeiten
zwischen den amerikanischen Staaten bemüht und den Versuch der Organisation

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�Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), das von den Kommunisten
kontrollierte Kuba zu isolieren, unterstützt.
Die Allianz für den Fortschritt ist die Hauptaufgabe der westlichen Hemisphäre. Bei ihrer Lösung werden Portschritte gemacht.
Aber diese Allianz bedeutet mehr als bloße wirtschaftliche Unterstützung oder Investitionen. Sie erfordert, daß wir jene demokratischen politischen Kräft-e ermutigen und unterstützen, die die unerläßlichen Veränderungen im Rahmen konstitutioneller Regiefungsformen
zu erreichen versuchen. Das bedeutet, daß man die rasche Evolution als
einzige wirkliche Alternative zur gewaltsamen Revolution wählen muß.
Um den Status quo in Lateinamerika zu kämpfen hieße "Sand gegen den
Wind werfen".
Wir müssen natürlich gegenüber kommunistischer Subversion auf der
Hut sein. Aber Antikommunismus allein genügt nicht zur Sicherung unserer Freiheit oder zur Erfüllung unserer Träume. Dazu bedarf es einer
Führung, die mit aller Hingabe für wirtschaftlichen Fortschritt ohne
unwirtschaftliche Privilegien - für soziale Umgestaltung, die die
soziale Gerechtigkeit fördert - für politische Reform, die die menschliche Freiheit vermehrt, eintritt.
Die Viederaufnähme der Beziehungen mit Panama beweist wieder einmal
die unübertroffene Fähigkeit unseres interamerikanischen Systems, Streitfälle zwischen guten Nachbarn zu lösen. Gleich zu Beginn des Disputs
erklärten wir unsere Bereitschaft, nach einer Lösung aller Probleme ohne Bedingungen irgendwelcher Art - zu suchen. Diese Bereitschaft haben
wir niemals aufgegeben. Auf dieser Grundlage wurde der Streit beigelegt.
Wir nähern uns jetzt einer Lösung, und zwar mit der Hilfsbereitschaf t von Freunden, die erkennen, daß - wie Woodrow Wilson sagte -"es
Freundschaft zu keinen anderen Bedingungen geben kann als zu denen der
Gleichberechtigung".
Die Benutzung Kubas als Basis für Subversion und Terror stellt sich
unseren Hoffnungen für die westliche Hemisphäre in den Weg. Unsere erste
Aufgabe muß es daher sein - wie es bisher der Fall gewesen ist -, Kuba
von dem interamerikanischen System zu isolieren, seine Bemühungen, freie
Regierungen zu stürzen, zu vereiteln und für alle die Häßlichkeit des
Kommunismus sichtbar zu machen. Diese Politik bewährt sich. Die Probleme
dieser Hemisphäre wären weitaus ernster, wenn Castro in den Gremien der
OAS säße, die Debatte störte und Entscheidungen blockierte, wenn er über
offene Handels- und Verbindungskanäle verfügte, die für Subversion und
Terror benutzt werden könnten; wenn seine Wirtschaft ein erfolgreiches
Modell statt ein abschreckendes Beispiel wäre. Die Wirksamkeit unserer
Politik ist mehr als eine Sache der Handelsstatistik. Sie hat die Erkenntnis des Unterschiedes und der Gefahr vermehrt, die brutale Natur des
kubanischen Regimes enthüllt, die Möglichkeiten der Subversion vermindert,
die Zahl der Anhänger Castros reduziert und die Hilfsquellen unserer
Gegner erschöpft.
Wir v/erden diese Politik mit allen uns zu Gebote stehenden friedlichen Mitteln fortsetzen.
Das vierte Gebiet, das von Kontinuität und Wechsel gekennzeichnet
wird, ist der Kampf für die Freiheit im Fernen Osten.
Während

�Während der vergangenen zwanzig Jahre, in zwei Kriegen, haben
Hillionen Amerikaner gekämpft, um die bewaffnete Eroberung des freien
Asiens zu verhindern. Wir wollen in der Gegenwart nicht schwächen,
wofür wir in der Vergangenheit soviel eingesetzt haben.
Die erste amerikanische diplomatische Mission nach dem Fernen
Osten hatte Anweisung, alle Länder davon in Kenntnis zu setzen, daß
"wir niemals Eroberungen machen oder von irgendeiner Nation verlangen, zuzulassen, dab wir uns in ihrem Lande etablieren".
Dies war unsere Politik im Jahre 1832; es ist auch heute noch
unsere Politik. Unsere siegenden Streitkräfte verließen Asien nach
dem zweiten Weltkrieg, mit weniger Gebiet unter unserer Plagge als
zuvor. Aber so wie wir für uns keine Eroberungen wünschten, so haben
wir sie auch standhaft bei anderen abgelehnt. Die Unabhängigkeit der
asiatischen Nationen ist mit unserer eigenen Freiheit verknüpft.
In Korea haben wir die Sinnlosigkeit einer direkten Aggression
unter Beweis gestellt. In Vietnam versuchen die Kommunisten jetzt
weniger offene, aber genau so gefährliche Methoden der Subversion, des
Terrors und der Guerillakriegführung. Sie führen einen Kampf, der von
Hanoi aus organisiert, gelenkt, mit Nachschub unterstützt und geschürt
wird .
Der bewaffnete kommunistische Argriff auf Vietnam ist eine Realität.
Der Kampfgeist Südvietnams ist eine Realität. Das Ersuchen eines Freundes um unsere Hilfe ist eine Realität. Die Erklärung der SEATO-Verbündeten, daß die Niederzwingung der Kommunisten "unerläßlich"ist, ist eine
Realität. Wenn wir uns vor diesen Realitäten drücken, dann würde dies
unsere Ehre als Nation schmälern, das Vertrauen der Welt in unseren
Mut untergraben und jede Nation in Südasien überzeugen, daß sie sich,
um zu überleben, den kommunistischen Bedingungen beugen muß.
Die Lage in Vietnam ist schwierig. Aber es gibt ein altes amerikanisches Sprichwort, das in etwa besagt: "Wenn es hart hergeht, dann
schlagen wir hart zu". Es soll keiner daran zweifeln, daß wir so la.nge
in diesem Kampf stehen werden, wie Südvietnam unsere Hilfe wünscht
und wie es unsere Unterstützung zum Schutze seiner Freiheit braucht.
Ich habe bereits Maßnahmen angeordnet, um die Kampfkraft der
3tidvietnamesischen Streitkräfte zu erhöhen, um dazu beizutragen, den
IVohlstand und die Moral der Zivilbevölkerung zu heben, und um unsere
Truppen auf einem solchen Stand zu halten, wie ihn die Bewahrung der
Unabhängigkeit erfordert.
In Vietnam ist keine Lösung auf dem Verhandlungswege möglich, solange die Kommunisten hoffen, den Sieg durch Gewalt zu erringen. Erst
wenn der Krieg aussichtslos erscheint, ist vielleicht Frieden möglich.
Die Tür ist stets offen für jede Lösung, die gewährleistet, daß Südvietnam unabhängig bleibt und es ihm freisteht, um Hilfe zu seinem Schutz
nachzusuchen.
In Laos unterstützen wir weiterhin die Genfer Abkommen, die die
beste Hoffnung auf Frieden und Unabhängigkeit für jenes von Unruhen
zerrissene Land bedeuten. Auf meine Anweisung hin ist Unterstaatssekretär William Bundy bereits nach Laos gereist, um sich aus erster Hand
über die Entwicklungen der letzten 48 Stunden zu informieren.
Was

�Was China selbst anbetrifft, so kann es keine Verbesserung der
Beziehungen geben, solange die chinesischen Kommunisten den Konflikt
anstreben und Gewalt predigen. Es gibt einige, die eine Änderung dieser
Politik prophezeien. Wir müssen unsere Handlungen jedoch auf gegenwärtige Realitäten und nicht auf zukünftige Hoffnungen stützen. Nicht wir
müssen unsere Ansicht über China überprüfen. Es sind die chinesischen
Kommunisten, die ihre Ansicht über die Welt überprüfen müssen. Ebenso
kann keiner unsere unabänderliche Verpflichtung für die Verteidigung
und Freiheit des freien China anzweifeln. Inzwischen sagen wir unseren
durch die Geschichte mit uns verbundenen Freunden, dem talentierten
und mutigen chinesischen Volk auf dem Festland, daß wir genauso, wie
wir uns gegen eine Aggression gegen sie wandten, uns auch gegen eine
Aggression seitens ihrer Machthaber wenden müssen - und zwar aus den
gleichen Gründen.
Das fünfte Gebiet, dem unsere Sorge gilt, sind die jungen Kationen
in Afrika und Asien. Wir begrüßen ihr Entstehen, denn ihre Ziele beruhen auf Hoffnungen, wie auch wir sie hegen. Wir machten den Anfang mit
der Auflehnung gegen die Kolonialherrschaft - der Auflehnung, die nun
die Kontinente umgestaltet und neue Nationen entstehen läßt. Unsere
Meisterung der Technik hat dazu beigetragen, daß die Menschheit lernte,
daß Armut nicht unvermeidlich ist und daß Krankheit und Hunger nicht
ein Gesetz der Natur sind. Nachdem wir dazu beigetragen haben, Hoffnungen zu wecken, müssen wir auch dazu beitragen, sie zu erfüllen oder aber wir werden eine immer größere Unzufriedenheit erleben, die
schließlich unser eigenes Wohlergehen bedrohen könnte.
Was wir für die Entwicklungsländer wünschen, ist genau das, was
wir für uns selbst wünschen - wirtschaftlichen Fortschritt, der es
ihnen gestattet, ihre eigenen Institutionen zu schaffen, und die Unabhängigkeit, die es ihnen erlaubt, einen würdigen Platz innerhalb der
Völkergemeinschaft einzunehmen.
Es darf keinen Zweifel daran geben, daß wir die feste Absicht
haben, den Krieg gegen die Armut in Amerika zu gewinnen, sowie dazu beitragen, diesen Krieg überall auf der Welt zu führen. Dieser Kampf wird
nicht leicht und nicht kurz sein. Es erfordert viel Zeit, junge Menschen
auszubilden und die Struktur einer modernen Volkswirtschaft zu formen.
Aber es darf nicht geschehen, daß die Welt in reiche und arme Nationen,
in weiße und farbige Nationen aufgeteilt wird. Eine solche Teilung
würde die Saat furchtbarer Zwietracht und Gefahr für kommende Jahrzehnte in sich tragen. Denn die Mauer zwischen den Heichen und den
Armen ist eine Mauer aus Glas, durch die alle hindurchsehen können.
Wir sind uns der Notwendigkeit bewußt, stabilere Preise für die
Rohstoffe zu schaffen und die Handelsmöglichkeiten auszuweiten. Wir sind
bereit, dazu beizutragen, daß diesen Forderungen entsprochen wird, wie
wir dies zum Beispiel bei den Verhandlungen über das internationale
Kaffee-Abkommen getan haben und wie wir dies auch in der Kennedy-Runde
tun werden.
Wir werden die direkte Wirtschaftshilfe fortsetzen, die zwanzig
Jahre lang ein entscheidend wichtiger Bestandteil unserer Politik war.
Im vergangenen Jahr hat der Kongreß die Auslandshilfe auf einen
Gesamtbetrag von 3,4 Milliarden Dollar reduziert, gegenüber einem angeforderten Betrag von 4,5 Milliarden Dollar. In diesem Jahr habe ich

�ich angeordnet, daß unsere Anforderung auf das absolute Minimum, das mit
unseren Verpflichtungen und unserer Sicherheit vereinbar ist, beschränkt
wird. Das ist geschehen.
Jeder Dollar, um den wir diese Anforderung kürzen, wird die Sicherheit der Vereinigten Staaten unmittelbar vermindern, Wenn trotz dieser
klaren Notwendigkeit und dieser klaren Warnung auch in diesem Jahr
an militärischen oder wirtschaftlichen Mitteln wieder wesentliche Kürzungen vorgenommen werden, dann wird es meine ernste Pflicht als Präsident sein, nachträgliche Anforderungen für zusätzliche Gelder zu
unterbreiten, bis die erforderlichen Mittel bewilligt sind.
Auf diesen Gebieten und auf anderen Interessengebieten werden wir
unseren erprobten Grundsätzen und unseren tiefen Überzeugungen treu
bleiben, während wir gleichzeitig unsere Maßnahmen den sich verlagernden Gefahren und neuen Möglichkeiten anpassen.
Dieses Jahr ist ein Wahljahr in den Vereinigten Staaten. Weder
Freund noch Feind im Ausland sollte in diesem Jahr fälschlicherweise
die wachsende Diskussion für wachsende Uneinigkeit, die Auseinandersetzung über Programme für eine Auseinandersetzung über Prinzipien, die
politische Meinungsverschiedenheit für politische Lähmung^halten.
Mögen jene hier zu Hause, die an der großen demokratischen Auseinandersetzung teilhaben, sich vor Augen halten, daß die Welt ihnen
zuhört, daß der Angriff auf eine bewährte Politik die verantwortungsbewußte Darlegung neuer Möglichkeiten erfordert, daß beim Schutz unserer
Sicherheit die Parteipolitik sich der nationalen Notwendigkeit unterordnen muß.
Ich erkenne an, daß jene, die große öffentliche Fragen zu erörtern
suchen, über diese Fragen informiert sein müssen. Daher habe ich das
Außenministerium, das Verteidigungsministerium und das Zentralamt für
Nachrichten und Abwehr (CIA) angewiesen, bereit zu sein, den Hauptkandidaten für das Amt des Präsidenten jede nur mögliche Information zukommen
zu lassen, die der Erörterung der amerikanischen Politik dient. Ich
hoffe, daß die Kandidaten dieses Angebot in dem Geist akzeptieren werden, in dem es gemacht wird - nämlich der Förderung einer verantwortungsbewußten Diskussion, die der Prüfstein des demokratischen Prozesses ist.
In den vergangenen zwanzig Jahren ist uns immer mehr klargeworden,
daß Amerika unlösbar mit dem weltpolitischen Geschehen verwoben, daß
unsere eigene Zukunft mit der Zukunft aller verknüpft ist. In großen
Hauptstädten und in kleinen Dörfern, in Ministerräten der Großmächte
und in Arbeitsräumen unbekannter Planer werden Ereignisse in Gang gesetzt,
die ständig unsere Aufmerksamkeit und unsere Hilfsquellen beanspruchen.
Vorhersagen sind immer unsicher. Aber wenn es irgend etwas gibt,
das sicher ist, so ist es dies, daß unsere Nation sich niemals wieder von
der Weltverantwortung zurückziehen kann. Wir werden für den liest unserer
Geschichte mit der Welt verknüpft bleiben. Wir müssen uns daran gewöhnen,
in der Gemeinschaft der Völker für die Freiheit zu wirken, so wie wir sie
in unserer Gemeinschaft von Einzelstaaten verfochten haben.
Der Kampf ist nicht nur lang. Er wird niemals zu Ende sein. Denn
er gehört zu dem uralten Streben des Menschen, seine inneren Leidenschaften, seine geistigen Ambitionen ebenso wie die Härten der Natur zu

�zu meistern. Wir ha"ben eine neue Arena betreten. Die Tür hat sich
hinter uns geschlossen, und die alte Szenerie ist Geschichte gev/or
den.
An die Stelle alter Gefahren werden neue treten, an die Stell
alter Aufgaben neue; wo alte Hoffnungen schwinden, werden neue auf
gehen. Es gibt kein Abweichen von diesem Klugheit Und Ausdauer erfordernden Kurs, solange der Käme Amerika noch auf dieser Erde erklingt .

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

�Allg./-I2.6.1964

N.S. "SAVANNAH"
Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt

Die N.S. "SAVANNAH", das erste atomkraftgetriebene Handelsschiff der Veit, ist am 8. Juni I964 von New York zu ihrer ersten
Transatlantikfahrt ausgelaufen. Bis zum Frühjahr 19^5 wird sie in
16 europäischen Hafenstädten erwartet. Ihr erster Auslandsbesuch
gilt der Bundesrepublik, wo sie am 18. Juni in Bremerhaven anlegt,
um von dort am 2J. Juni nach Hamburg weiterzufahren. Die SAVANNAH
absolvierte allerdings schon Besuche in Häfen an der amerikanischen Ost- und Westküste, auf Hawaii, im Golf von Mexiko und in
der Kanalzone. Dabei wurde sie von insgesamt 340 000 Menschen besichtigt, und ungefähr 1000 Personen konnten bereits an Hochseefahrten teilnehmen.
Viele Hoffnungen knüpfen sich an dieses Schiff, für dessen
Bau sich Präsident Dwight D. Eisenhower in einer Rede in New York
im April 1955 einsetzte. Es ist seiner Natur nach nicht mehr als
eine schwimmende Versuchsstation, verwirklicht aber gleichzeitig
einen politischen und einen technischen Traum. N.S. "SAVANNAH"
demonstriert vor aller V/elt, daß die Vereinigten Staaten alles
tun, um die Atomkraft für friedliche, produktive Zwecke zu nutzen,
und daß der Antrieb durch Kernenergie in der Handelsschiffahrt
Zukunft hat. Erst vor wenigen Wochen, auf der dritten internationalen Reaktortagung in Kiel Ende Mai 19^4» äußerten sich Fachleute aus verschiedenen Ländern ganz im Sinne dieser Idee. "Wir
erwarten", so erklärte E.B. Delson (USA) als Vertreter von General
Electric u.a., "daß die erste Flotte kommerzieller Schiffe mit Kernenergieantrieb I967 einsatzfähig ist." Das klingt sehr optimistisch,
jedoch ist dieser Optimismus angesichts der Fortschritte im Bau von
Schiffsreaktoren und atomkraftgetriebenen Schiffen berechtigt. Die
amerikanischen Behörden, insbesondere die Atomenergie-Kommission
und die für Neuentwicklungen und Schiffbau verantwortliche Schifffahrtsverwaltung im US-Handelsministerium betrachteten ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet als Allgemeingut und stellten sie deshalb bereitwillig zur Verfügung.
Von Anfang an hatte niemand angenommen, daß das erste Schiff
dieser Art rentabel sei. Die ursprünglichen Kostenvoranschläge für
Entwicklung und Bau der SAVANNAH sind längst überschritten; nach
neuesten Angaben belaufen sich die durch das Projekt entstandenen
Kosten auf 8 3 Millionen Dollar.
Die

- 1 -

�Die SAVANNAH ("N.S." ist die Abkürzung für "Nuclear Ship" und
bezeichnet den Antrieb durch Kernenergie) ist ein ausgesprochen
schönes Schiff. Sie gleicht eher einer großen schnittigen Jacht als
einem kombinierten Fahrgast-Frachtschiff mit 110 Mann Besatzung, das
in elegant ausgestatteten Kabinen 60 Passagieren Raum bietet und
außerdem 10 000 Tonnen Fracht befördern kann. Schiffbautechnisch wie
architektonisch sind modernste Konzeptionen verwirklicht. So gleichen
z.B. kreiselgesteuerte, hydraulisch betätigte Stabilisatoren Rollbewegungen zu 90 Prozent aus. Das Schiff hat eine Gesamtlänge von 181 m
und eine größte Bordbreite von 2 5,7 m.
Die Energie für die Turbinen und damit den Antrieb der Schiffswelle (nominale Leistung 20 000 WPS) kommt aus dem Reaktor. Der Dampf
wird mit der Reaktionswärme erzeugt, die bei der Spaltung von Iranatomen entsteht. Die Verwendung eines Reaktors macht herkömmliche
Heizanlagen samt Schornstein überflüssig. Ein derart ausgerüstetes
Schiff kann fast 340 000 Seemeilen bei durchschnittlich 21 Knoten
Geschwindigkeit zurücklegen, ehe der "Treibstoff", d.h. der Kernbrennstoff - 7718 kg Urandioxyd--nach ca. 3 1/2 Jahren erneuert
werden muß. Direkt verbraucht werden dabei kaum mehr als 60 kg U02
mit dem spaltbaren üran-235« Ein Schiff herkömmlicher Bauart würde
bei entsprechender Leistung insgesamt JQ 000 Tonnen Heizöl verfeuern.
Die Hauptargumente für und wider den Bau von atomkraftgetriebenen Handelsschiffen konzentrieren sich auf "Wirtschaftlichkeit"
und "Sicherheit". Lange Zeit gingen die Meinungen in diesen Fragen
weit auseinander - nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern
auch in Europa. Inzwischen wird jedoch diesseits wie jenseits des
Atlantik an verschiedenen Projekten mit fortgeschrittenen Schiffsreaktoranlagen gearbeitet. Wie groß in Europa das Interesse an
atomkraftgetriebenen Handelsschiffen ist, zeigt nicht zuletzt die
Tatsache, daß der Besuch des ersten Atoinhandelsschiffes der Welt in
deutschen Häfen mit dem Stapellauf des ersten deutschen Atomfrachters
zeitlich fast zusammenfällt.
Im Fall der SAVAIIiTAH ist der Faktor "Sicherheit" nach menschlichem Ermessen vollkommen, ja vielleicht sogar in übertriebener
Weise berücksichtigt. Der Reaktor wurde mit einer 2000 Tonnen
schweren "biologischen" Abschirmung umgeben, die das Aussickern
auch geringster Strahlenmengen verhindert. Eine weitere Abschirmung
durch Stahl und Stoßmatten an den Seiten gewährleistet, wie zahlreiche Modellversuche ergaben, einen praktisch lOüprozentigen Schutz
des Reaktorteils selbst im Fall einer Kollision mit einem schnellen,
großen Schiff. Menschliches oder maschinelles Versagen führt innerhalb 1,6 Sekunden automatisch zum Abschalten des Reaktors und zur
Auslösung von Alarm. Die speziell für den Dienst auf dem Atomschiff
ausgebildete, nach sehr strengen Gesichtspunkten ausgewählte Besatzung stellt einen zusätzlichen Sicherheitsfaktor dar. Und Kapitän
David B. McMichael sowie Stanley D. Wheatley, der Leitende Ingenieur,
verfügen über die beste seemännische und technische Erfahrung, um
das unter der Flagge der "American Export and Isbrandtsen Lines"
fahrende Schiff sicher zu führen.
Bau und Betrieb der SAVAEKAH setzten auch verwaltungstechnisch
ganz neue Maßstäbe. Versicherung, Lohnprobleme, Aufenthalt und Wartung

- 2 -

�Wartung im Hafen bildeten beispielsweise einige der Fragenkomplexe,
bei denen Lösungen gefunden werden mußten, die für die Regierung d.h. die US-Atomenergie-Kommission (AEC) und die Schiffahrtsverwaltung -, für Reederei, Hafenbehörden und die Öffentlichkeit gleichermaßen akzeptabel waren.
Die Lehren und praktischen Erfahrungen aus dein Projekt SAVANNAH
dürften richtungweisend sein für den Bau rentabler Handelsschiffe
mit Kernenergieantrieb. Nach Professor Glenn T. Seaborg, Direktor
der AEC, verfügt die amerikanische Handelsmarine über ungefähr 1000
Schiffe in der Größe von 1000 Tonnen und darüber - aber nur 60 von
ihnen fahren mit Geschwindigkeiten von 18 Knoten oder mehr. Natürlich lassen sich auch noch wesentlich schnellere Schiffe mit "herkömmlichem1! Antrieb bauen. Ihr Treibstoffbedarf ist jedoch unvergleichlich höher, und das wiederum geht auf Kosten des Frachtraums
und damit der Rentabilität.
Die N.S. "SAVAHKA.H" ist der Schrittmacher für eine neue Epoche
in der Handelsschiffahrt, ähnlich wie es ihre Namensschwester
S.S. "SAVANNAH" vor 145 Jahren war. Der 319 Tennen große, mit einer
holzgefeuerten 90 Pü-maschine als Zusatzantrieb ausgerüstete Segler
war das erste Schiff der Welt, das bei der uberquerung des Atlantik
Dampfkraft benutzte. Sie brauchte für die erste Fahrt im Jahr 1819
von der amerikanischen Hafenstadt Savannah (Georgia) nach Liverpool
in England 2J Tage; 80 Stunden davon fuhr sie mit Dampf, der zwei
große Schaufelräder trieb.

BEAKTÜRANLAGE DER N.S. "SAVAiillAH"
Die SAVANNAH ist der Prototyp für ein Handelsschiff mit Kernenergieantrieb. Aus diesem Grunde sind bei der Konstruktion und der
Wahl der Ausrüstung mehr Einrichtungen als notwendig berücksichtigt
worden. Einzelne Komponenten, ja selbst ganze Systeme, werden notfalls geändert, wenn sich dadurch die technischen Voraussetzungen
verbessern lassen. Die bisher vorgenommenen Veränderungen bezogen
sich auf die Verbesserung der Strahlenmeßeinrichtung an Bord, die
Belüftung der Reaktorstation und die Reaktorinstrumentierung.
Der SAVANNAH-Reaktor hat die maximalen Leistungsanforderungen
weit übertroffen, Wie die Herstellerfirma Babcock &amp; Wilcox Co. berichtet, wurden auf Probefahrten 22 314 WPS und Geschwindigkeiten von
24 Knoten erreicht. Man entschied sich für einen Druckwasserreaktor,
weil dieser das geforderte Höchstmaß an Sicherheit bietet. Er besteht
im wesentlichen aus einem schweren Stahlgefäß, in dem sich der Reaktorkern mit dem spaltbaren Material befindet. Gewöhnliches Wasser fließt
unter einem Druck von 123 at an den Brennelementen vorbei, um die bei
der Kernspaltung entstehende Wärme abzuführen. Dieses Wasser bildet
das Strömungsmedium in dein geschlossenen, primären Kühlsystem.
Es tritt in das Reaktorgefäß an der Basis ein, strömt in genau
dosierten Mengen durch die Brennzone und verläßt das Gefäß an der
Oberseite mit einer Temperatur von ungefähr 271,6 Grad Celsius. Dann

- 3-

�Dann strömt es durch zwei Wärmeaustauscher, die genügend Wärme abführen, um den Reaktor auf einer Durchschnittstemperatur von 264,4
Grad Celsius zu halten.
Die Wärmeaustauscher sind große Bündel schmaler Röhren, durch
die das Wasser des Primärkreislaufs gepreßt wird und die von dem
Wasser des Sekundärkreislaufs umspült werden. Da dieses Wasser
unter wesentlich geringerem Druck steht, wird es unter der Hitzeeinwirkung des Primärwassers zum Sieden gebracht. Der dabei entstehende Dampf wird gesammelt und in Kesseln "getrocknet", um überschüssige Feuchtigkeit abzuführen. Von dort strömt er zu einer
Dampfturbine, die die Hauptwelle für den Schiffspropeller der
SA7AHHAH treibt.
Der SAVAHHAH-Reaktor gehört auf Grund seines hohen Hutzeffekts
zu den fortschrittlichsten Reaktoren, die heute gebaut werden können.
Dennoch ist er ein "konservativ" konstruierter Druckwasserreaktor konservativ deshalb, weil er völlig sicher ist und eine viel höhere
Leistung entwickelt als für den Antrieb der SAVANIiAH gebraucht wird.
Der Kernbrennstoff - leicht angereichertes Urandioxyd - ist in J2
Brennelementen zu je I64 Stäben, ummantelt von rostbeständigem Stahl,
in der Bienenwabengeometrie angeordnet, wie man sie bisher nur bei
stationären Atomkraftwerken anwandte.
Der Druckwasserreaktor kann nicht "durchgehen". Es kann höchstens
zu einer überhitzung kommen, beispielweise beim Bruch eines Kühlwasserrohrs. In diesem Fall würde der Reaktorkern schmelzen. Das geschmolzene Ketall bliebe jedoch im Druokgefäß eingeschlossenj die
Kettenreaktion wäre "ausgelöscht".
Ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor ergibt sich daraus, daß
Kraftstation, Primärsystem und ein großer Teil der Hilfsausrüstungen
im Sicherheitsbehälter hermetisch abgekapselt sind, so daß Passagiere
und Besatzung auch nicht der geringsten radioaktiven Strahlung ausgesetzt werden. Blei und Polyäthylen in der Stärke von jeweils 15,3 cm
umgeben die obere Hälfte des Sicherheitsbehälters und absorbieren
die normale Reaktorstrahlung. Die untere Hälfte ist mit 120 cm
dickem Schwerbeton abgesichert.
'.'/eiche Ingenieuraufgaben beim Bau der Reaktoranlagen zu bewältigen waren, aeigen folgende Beispiele: Ana einer kreisrunden
Stahlplatte von 386 cm Durchmesser und 16,5 cm Dicke mußte mit einer
Presse unter dem Druck von 65OÜ Tonnen der Reaktordeckel (Gewicht
14,8 t) geformt werden. Stahlblech der gleichen Stärke mußte für
den 275 Tonnen schweren Reaktorbehälter von 7»9 "&gt; Höhe und 2,4 m
Durchmesser geschweißt, geformt und maschinell bearbeitet werden.
Mehr als 25OÜ Qualitätsprüfungen, u.a. mit Dauerbelastung bei 211 at
Druck, wurden im Verlauf des Herstellungsprczesses allein an diesem
Eehälter vorgenommen. Fast 13 000 m Rohre aus best qualifiziertem
rostbeständigen Stahl stellte das Röhrenwerk von Babcock &amp; V.ilcox
für den primären Kühlkreislauf her.
Steuerwerk und Instrumentierung der Regelanlage für den Reaktor
gewährleisten ein sofortiges Abschalten bei bestimmten Anomalien im
Betrieb. Dazu werden automatisch unter 87,8 at Druck auf hydraulischem
Wege die 21 Regelstäbe (Borstahl) in den Reaktor vollständig eingeschoben. Die Verbindung des Reaktordeckels mit dem Hauptgefäß wurde

-4 -

�wurde durch 1,80 m lange, 158 kg schwere Bolzen vorgenommen, die
unter "besonderer Zugspannung stehen, um zusätzliche Druckbelastungen
des Reaktorgefäßes infolge ihres hohen Gewichts zu verhindern.
Wirtschaftlichkeit
Nach Ansicht von Ingenieuren der Herstellerfirma kann heute schon
der Kernenergieantrieb für Handelsschiffe mit dem Antrieb durch herkömmliche Schiffsmaschinen konkurrieren. Die neuen Erkenntnisse und
Erfahrungen aus dem Bau und Betrieb der SAVAHHAH führten inzwischen
zur Entwicklung kleinerer, billigerer und leistungsfähigerer Schiffsreaktoren. So vereint beispielsweise der Typ CNSG ("Consolidated
Nuclear Steam Generator") die Reaktorbrennzone und den Dampfgenerator
in einem einzigen Druckgefäß. Die Betriebskosten für ein mit einem
CNSG-Systein von 60 000 Wellen-PS ausgerüstetes Schiff lägen auf
Atlantikrouten um 7 Prozent, auf Pazifikrouten sogar uml5 Prozent
niedriger als bei Schiffen mit herkömmlichem Antrieb.
«

LEHREN AUS DEM PROJEKT "SAVANHAH"
Die N.S. "SAVANNAH" legte bis zum Antritt ihrer Reise nach Europa
mit Reaktorkraft bereits eine Strecke zurück, die größer ist als der
Erdumfang. Die Leistung des Schiffes in bezug auf Geschwindigkeit,
Betrieb und Manövrierbarkeit war dabei alles in allem sehr zufriedenstellend. Gewisse Schwierigkeiten hatten sich zunächst mit neu entwickelten Radar- und Tiefenmeßgeräten ergeben. Schmutz hatte Störungen in einigen hydraulischen Systemen verursacht. In der Propellernabe zeigte sich ein Riß. Alle diese Fehler waren jedoch bald korrigiert .
Das Hauptinteresse galt naturgemäß der Reaktoranlage. Man erkannte, daß die einzelnen Komponenten des ganzen Primärsystems noch
wesentlich besser angeordnet werden können, und daß der Schlüssel
zu reibungslosem Funktionieren darin liegt, die Vorgänge innerhalb
des Sicherheitsbehälters gegen Störungen praktisch immun zu machen.
Außerdem schien es ratsam, die Abschirmung so leicht wie nur irgend
möglich zu gestalten. Beim Bau der SAVANNAK war man darauf bedacht
gewesen, sowohl nach den Gesichtspunkten des konventionellen Seeschiffbaus als auch zur Vermeidung einer Strahlengefahr für Passagiere,
Besatzung sowie andere Schiffe in stark frequentierten Häfen den
denkbar höchsten Sicherheitsstandard zu erreichen. Aber schon damals
war man sich darüber im klaren, daß die gestellten Anforderungen zum
Teil weit über das benötigte Haß hinausgingen.
Verbesserungen im technischen wie im seemännischen Betrieb schienen
auf Grund der späteren praktischen Erfahrungen nur noch durch weitere
Vereinfachung erreichbar zu sein, das heißt, durch ein noch besseres
Aufeinanderabstimmen einzelner betrieblich-technischer Funktionen.
Ingenieurwissenschaftliche Untersuchungen ergaben, daß mindestens
15 Zusatz- und Hilfsaggregate sowie Teile des Rohrsystems im Primärkreislauf überflüssig waren. Größe und Gewicht des Reaktorteils konnten
also noch wesentlich reduziert werden. Es genügt durchaus, kleinere

- 5-

�kleinere Abschirmungen, kleinere Sicherheitsbehälter, kleinere Stoßmatten und eine weniger stark mit Beton verstärkte Reaktorbasis zu
verwenden. Die Ergebnisse zahlreicher Punktionstests fanden bereits
in den modernen, kompakten Schiffsreaktoranlagen ihren Niederschlag.
Ein kleinerer Sicherheitsbehälter verringert u.a. die Anforderungen an den Strahlenschutz und erleichtert routinemäßige Überprüfungen. Für diese wiederum wurden vereinfachte Methoden ausgearbeitet, ebenso für die laufende Strahlungsmessung. Die praktische
Erfahrung hat zu einer erheblich günstigeren Placierung der einzelnen
Ausrüstungen im Sicherheitsbehälter geführt und auch gezeigt, welche
Ausrüstungen nicht hineingehören.
Die ursprüngliche Konzeption, sämtliche radioaktiven Abfälle bis
zur Übergabe an Aufbereitungs-Unternehmen in bestimmten Häfen zu
sammeln, wurde dahin gehend geändert, sie zur Wiederverwendung so weit
wie möglich schon an Bord zu verarbeiten. Im Fall der SAVANNAH wird
jedoch noch das ältere System angewandt. Niedrigaktive flüssige Stoffe
werden in Tanks gesammelt, bis sie - unter genau kontrollierten Bedingungen und mit einer noch weit unter den AEC-Toleranzgrenzen
liegenden Radioaktivität - ins Meer abgelassen werden. Feste Stoffe
v/erden grundsätzlich gesammelt, gasförmige dagegen direkt bzw. nach
entsprechender Verdünnung abgeblasen. Alle zur Kontrolle an Bord verwendeten Strahlenmeßsysteme arbeiten auf verschiedenen Kanälen, wobei
jeder Kanal bestimmte Aktivitätsgrade erfaßt.
Die Erfahrungen in bezug auf Überwachung und Steuerung des
Reaktors führten zu dem Schluß, daß Kontrollraum, Betriebsanlagen,
Meß- und Regelarmaturen noch besser angelegt werden könnten. Auch
sollten Möglichkeiten geschaffen werden, von der Brücke aus den Gesamtbetrieb in jeder Phase besser zu kontrollieren.
Für die Ingenieuroffiziere auf Schiffen mit Kernenergieantrieb
ist, wie sich herausstellte, die praktische Ausbildung am Simulator
und am Bordreaktor nicht ausreichend. Vielmehr sind auch ganz detaillierte theoretische Kenntnisse erforderlich, wenn sie ihren Aufgaben
wirklich gerecht werden sollen. Die neuen Lehrpläne an den Marineakademien berücksichtigen dies bereits; Offiziere der alten Schule
jedoch müssen den theoretischen Unterricht in Sonderkursen nachholen.
Auch die Wachoffiziere müssen auf einer breiteren Basis ausgebildet
werden, ohne sie aber besonders zu spezialisieren.
Ein amerikanisches Unternehmen entwickelte inzwischen neue Verfahren zur Steuerung und Instrumentierung von Schiffsreaktoren, das
Oak Ridge National Laboratory fand eine Methode zur besseren Belüftung
der Reaktorstation sowie zur Reinigung und laufenden Kontrolle der
Luft. Routineprüfungen umfangreicher integrierter Systeme innerhalb des
geschlossenen Reaktorteils werden heute an Bord durchgeführt. Technische
Normen und Vorschriften, Prüf- und Abnahmebestimmungen, Ausbildung,
Voraussetzungen für die Lizenzerteilung, notwendige Wartung im Hafen,
kontinuierliche Überwachung sämtlicher Decks und Innenräume an Bord
einschließlich des Frachtraums, die für den reibungslosen Betrieb
notwendige Mindeststärke der Besatzung - alle derartigen Probleme
können nur auf der Basis praktischer Erfahrung gelöst werden. Die
ersten kommerziellen Reedereien für Passagier- und Frachtschiffe mit
Kernenergieantrieb dürfen gewiss sein, ihre Projekte auf solide Er-

- 6 -

�Erfahrung, n i c h t aber auf t h e o r e t i s c h e V o r s t e l l u n g e n gründen zu
können .
*

DER ROTE FADEN
Von der Atomforschung zum Projekt SAVANNAH
Die Besuche der * atomkraftgetriebenen SAVANNAH in europäischen
Häfen in diesem Jahr sind ein konkretes Ergebnis revolutionärer Entwicklungen in der amerikanischen Forschung auf dem Gebiet der Kernenergie während der Nachkriegs jähre. Diese Forschung gründete sich
jedoch auf Arbeiten, die in erster Linie in Europa durchgeführt und
später von europäischen Wissenschaftlern in den Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren amerikanischen Kollegen fortgesetzt worden waren.
Gordon Dean, ehemaliger Vorsitzender der US-Atomenergie-Kommission,
formulierte dies einmal mit den Worten: "Keinesfalls könnte man behaupten,
das Atom stamme aus Amerika. Man könnte höchstens sagen, daß es hier eingebürgert, im Grunde aber europäischer Herkunft ist." Es ist sicher nicht
übertrieben, wenn man sagt, daß ohne den zweiten Weltkrieg und die durch
die politischen Verhältnisse ausgelöste Übersiedlung so vieler bedeutender
Wissenschaftler aus Europa nach den Vereinigten Staaten und England die
SAVANNAH sich heute wohl erst im Planungsstadium befände.
Nahezu alle wichtigen Schritte zum Verständnis des Aufbaus des Atoms
und zur Freisetzung der in ihm gebundenen Energien wurden in Europa getan.
Nur einige der großen Eioniere sollen hier genannt werden. Einer von ihnen
ist der Franzose Henri Becquerel, der I896 entdeckte, daß Uran, ein bis
dahin uninteressantes Metall, radioaktiv ist. Zwei Jahre später fanden
Pierre und Marie Curie zwei weitere "strahlende" Elemente - sie nannten
sie "Polonium" und "Radium". Die daraufhin von den Engländern Rutherford
und Soddy durchgeführten Untersuchungen mit Radium, das eine zweimillionenfach stärkere Radioaktivität als Uran besitzt, klärten die Frage
des Ursprungs der Radioaktivität und gaben auch bereits Hinweise auf
die chemisch und physikalisch nachzuweisende Umwandlung von strahlenden,
"instabilen" Elementen.
Den nächsten Schritt taten die Curies mit ihrer Feststellung, daß
Radium nicht nur eine Quelle von Strahlung, sondern auch von schier unerschöpflicher Wärme ist. Das ließ auf das Vorhandensein riesiger Mengen
gebundener Energie schließen, die in einem sehr, sehr langsam ablaufenden
Prozess freigesetzt wird. Jahre vergingen, ehe diese Entdeckung voll verstanden wurde. Einstein fand 1905 die theoretische Erklärung mit seiner
berühmten Gleichung von der Äquivalenz zwischen Masse und Energie, derzufolge selbst die kleinste Masse unvorstellbar große Energiemengen enthalten muß.
Lange Zeit gab es keinen Beweis für diese Theorie; niemand hatte
eine Vorstellung davon, wie nach der Einsteinschen Gleichung Masse in das
Äquivalent an Energie verwandelt werden könnte. Auch wußte man ja von der
Struktur des Atoms so gut wie nichts. Erst Rutherford und kurze Zeit danach
Niels Bohr halfen mit neuen Theorien der Wissenschaft weiter. Sie entwickelten hypothetische Modelle, die beim Atom Kern und Schale unter-

- 7-

�unterscheiden, wobei sich fast die gesamte Kasse auf den winzigen Kern
konzentriert. Der Kern wurde mit der Sonne verglichen, um die die
Elektronen wie Planeten kreisen und durch ihre große Bewegungsenergie
das Kräftegleichgewicht innerhalb des Atoms halten. Aber auch damit
war noch keine Antwort auf die vielen offenen Fragen nach dem Wesen des
Atomkerns gefunden. Die Wissenschaftler begannen dieses Problem mit
Experimenten anzugehen, bei denen man die Kerne der verschiedensten
Elemente einem Bombardement durch die von Radium ausgesandten Strahlen
- sogenannten Alpha-Teilchen - sowie mit Protonen aussetzte. Ein Nebenergebnis dieser Versuche war die Entdeckung des Neutrons im Jahr 1932
durch den britischen Physiker Chadwick. Aber dieses elektrisch neutrale
Teilchen, ein Bestandteil des Atomkerns, wurde jetzt zu einem unschätzbar wertvollen Hilfsmittel der Atomforschung.
Der italienische Physiker Enrico Permi begann 1934» radioaktive
Elemente mit Neutronen zu beschießen. Wenig später waren ähnliche
Experimente am Kaiser-V.'ilhelm-Institut für Chemie in Berlin im Gang.
Ende 1938 schließlich gelang dort Otto Hahn und Fritz Strassmann zum
ersten Mal die Spaltung von Atomkernen des Urans, des schwersten unter
den natürlichen Elementen. Die tatsächliche Bedeutung dieses Versuchs
erkannten zuerst Wissenschaftler in Dänemark und in den Vereinigten
Staaten. Auf dem Hahnschen Versuch aufbauende neue Experimente ergaben,
daß bei der Spaltung des Urankerns die Atomfragmente, unter ihnen auch
Neutronen, mit großer Geschwindigkeit auseinandergetrieben werden. Mit
den freigesetzten Neutronen aber bot sich die Möglichkeit zur Auslösung
eine.r Kettenreaktion. Sie konnten andere Atomkerne spalten, die ihrerseits neue Neutronen freisetzen würden. Es war also denkbar, auf diese
Weise eine schier unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen.
Der Krieg brachte es mit sich, daß für die Anwendung dieser gewaltigen Energie zunächst nur militärische Erwägungen galten. Aber nach
Kriegsende gingen Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten daran,
nach Möglichkeiten für die friedliche Nutzbarmachung der Atomkraft zu
suchen. Heute ist die Freisetzung atomarer Kräfte im Reaktor und ihre
Nutzung für den Schiffsantrieb nur eine Möglichkeit unter vielen. Im
Jahr 1954 wurde der Reaktor für das erste amerikanische Schiff mit
Kernenergieantrieb, das Unterseeboot NAUTILUS, in Betrieb genommen.
Die Reaktorstation des 1959 vom Stapel gelaufenen Handelsschiffes
SAVANNAH erzeugt mit 313 kg spaltbarem Uran-235 &lt;ü e gleiche Menge
Energie, die in 1 Million Tonnen Kohle enthalten ist.

-x- * *- * *

�N.S. "SAVANNAH" in Stichworten
Benannt nach;

S.S. "SAVANNAH", die hei der Überquerung des Atlantik
als erstes Schiff der Welt mit Dampfkraft fuhr. Sie
lief am 22. Mai 1819 von Savannah (Georgia) aus und '
erreichte 27 Tage später Liverpool. Zur Erinnerung an
dieses Ereignis wird seit 1933 in den Vereinigten
Staaten der 22. Mai als "Tag der Schiffahrt" "begangen.

Genehmigung:

Mit Gesetz Nr. 848 vom 30. Juli 1956 wurden der Schifffahrtsverwaltung (MARAD) im US-Handelsministerium und
der US-Atomenergie-Kommission (AEC) die Baugenehmigung
erteilt. Die Voranschläge für Bau- und Verwaltungskosten sowie für den Versuchsbetrieb beliefen sich auf
55 Millionen Dollar.

Entwurf:

George G. Sharp, Inc., New York, im Auftrag der Schifffahrtsverwaltung nach Vertrag vom 4. April 1957

Bau:

New York Shipbuilding Corp., Camden, New Jersey, im
Auftrag von Schiffahrtsverwaltung und AtomenergieKommission nach Vertrag vom 10. Dezember 1957

Kiellegung:

22. Mai 1958 (Tag der Schiffahrt)

Stapellauf:

21. Juli 1959

Reederei:

American Export and Isbrandtsen Lines, Inc.

Merkmale:

Länge ueber
alles:

181 m

Länge zwischen
den Loten:

I65»7 m

RT brutto:

13 599 Tonnen

RT netto:

7 513 Tonnen

Zuladungsgewicht:

9 900 Tonnen (nur Fracht: 9 400 Toren)

Wasserverdrängung:
Tiefgang:

21 840 Tonnen (voll beladen)
11 850 Tonnen (geleichtert)
8,96 m (voll beladen)
5,62 m (geleichtert)

Maschine:

De Laval-Dampfturbine mit 20 000 Wellen-PS Normalleistung, 22 000 WPS Maximalleistung; Getriebe mit
doppelter Übersetzung

Propeller:

fünfflügelig, Nickel-Mangan-Bronze

Geschwind^
keit:

20,25 Knoten bei Vollfahrt

Besatzung:

Normalstärke 110 Mann, dazu mindestens 20 Ingenieure
und Deckoffiziere zur Ausbildung

Passagierei

60

Ladebäume

�Ladebäume:

Weitere
Ausrüstung;

modernste und dabei leichteste Konstruktion nach System
Ebel unter Verwendung starrer Rohrrahmen. Ein bis zwei
Decksleute machen in weniger als einer Stunde sämtliche
1O-Tonnen-Ladebäume an Bord betriebsfertig; das Schwenken
der Bäume von Bord auf Kailadeposition kann von den Winchleuten von ihrem Stand aus in 1-2 Minuten ausgeführt
werden.
vier Aluminium-Rettungsboote für 190 Personen; zwei
5500 kg schwere Buganker aus Gußstahl und ein gleich
schwerer Reserveanker.

Reaktor;

AEC-Kontrakt mit Babcock &amp; Wilcox, New York, über Entwurf (begonnen am 2. Juli 1956), Entwicklung und Bau am
4. April 1957 unterzeichnet. Als Reaktortyp wurde ein
Druckwasserreaktor gewählt, bei dem leichtes Wasser als
Kühlmittel und Neutronen-Bremsmedium dient. Der Kernbrennstoff - insgesamt 7718 kg Urandioxyd - ist zu 4&gt;4
Prozent mit dem spaltbaren Uran-235 - 315 kg - angereichert.
Zwei Dieselgeneratoren von je 750 kW Leistung und ein
300 kW-Generator übernehmen die Energieerzeugung während
der Liegezeit im Hafen und bei Ausfall des Reaktors.

Leistung:

maximal 80 Megawatt

Brennzone
(Reaktorkern) :

Druckgefäß:
Primärabschirmung:

167 cm hoch, 157 cm Durchmesser, enthält 7718 kg UO2
in Form zylindrischer Körper von Fingerhutgröße. Das
aus mehr als 10 000 Tonnen Erz in komplizierten Trennverfahren gewonnene spaltbare Material ist auf 32 Brennelemente, bestehend aus je 164 Stäben von 1,5 m Länge,
verteilt. Die Stabumhüllung ist rostbeständiger Stahl.
Lebensdauer: 52 000 Megawatt-Tage
786 cm hoch, 250 cm Innendurchmesser, umschließt den
Reaktorkern
durch wassergefüllten Tank aus Stahl und Blei, der das
Druckgefäß umgibt

Sicherheitsbehälter:
horizontaler Stahlblechzylinder von 15»4
10,6 m Durchmesser
Sekundärabschirmung:

m

Länge und

Polyäthylen, Blei, Beton, Stahl. Holzbohlen und Stahlplatten, abwechselnd in Schichten montiert, wirken außerdem als Stoßfänger bei einer Kollision; zur besseren Gewichtsverteilung wurde der Boden unter der Reaktoranlage
in breiter Fläche durch Stahlbeton verstärkt.

Gesamtgewicht von
Reaktor samt
Abschirmung: 2 500 Tonnen
Druck:
- 10 -

�Druck:

123 Atmosphären im Primärkreislauf

Temperaturen:

268,3° C am Zufluß, 271,6° G am Abfluß im Primärkreislauf

Reaktorsteuerung:
Sicherheitsvorkehrungen:

Spezialausbildung der
Besatzung:

Leistungspegel wird durch 21 bewegliche Borstahlstäbe
gesteuert
entsprechen den strengsten Sicherheitsbestimmungen der
Schiffahrtsverwaltung (MARAD) , der US-AtomenergieKumxiösion (AEC), der Küstenwacht und des Öffentlichen
Gesundheitsdienstes der Vereinigten Staaten

Die Ausbildung der zweiten Besatzung - die erste Gruppe
mußte nach Arbeitsstreitigkeiten aufgelöst werden - begann im September 1963« Die Mehrzahl der 25 Ingenieure
und 13 Deckof i'iziere, die alle über viel seemännische
Erfahrung verfügen, hatte bereits an Kursen über Kerntechnik teilgenommen oder war mit dem Reaktorbetrieb
vertraut. In einem sorgfältig vorbereiteten dreimonatigen
Lehrgang an der Handelsmarineschule erhielt diese Gruppe
theoretischen Unterricht in Spezialfächern wie Reaktorbau, Mathematik, Kern- und Strahlenphysik, verbunden mit
einem eingehenden Praktikum am Steuerpult-Simulator der
SAVANKAH. Daran schlössen sich zwei weitere Monate der
Ausbildung an Bord des Schiffes an, bis schließlich die
Ingenieure die vorgj hriebenen Prüfungen bei der Atomenergie-Kommission zur Erlangung des Patents als
Reaktoroperateur ablegten.
Parallel dazu lief ein Lehrgang über fünf Monate für
eine zweite Gruppe von 20 Ingenieuren und acht Deckoffizieren; diese erhalten ihre Bordausbildung während
der Besuchsfahrten der SAVANNAH zu Hafenstädten in den
Vereinigten Staaten und in Europa im Verlauf dieses
Jahres .
Auch Spezialisten für Strahlenschutz, Nuklearmedizin und
Nuklearinstrumentation gehören zur Besatzung. In der
Maschinenstation wurden zusätzliche Planstellen für
Instrumentation und Elektronik geschaffen, die mit einem
Offizier und vier Ingenieuren besetzt sind.

Aktionsradius:

Der Kernbrennstoff liefert die Energie für 16 000 Betriebsstunden bei Vollfahrt, was dreieinhalb Jahren
normalem Betrieb entspricht. Die SAVANIIAH kann mit einer
einzigen Brennstoffladung 336 000 Seemeilen bei 21 Knoten
Geschwindigkeit zurücklegen. Ein mit Heizöl betriebenes
Schiff würde für die gleiche Strecke 90 000 Tonnen Öl
verbrauchen.

- 11 -

�KAPITÄN DAVID B. McMICHAEL erhielt im August I963 von der
amerikanischen Reederei "American Export and Isbrandtsen Lines",
unter deren Flagge die SAVANKAH fährt, das Kommando über das Schiff.
In dieser Eigenschaft ist er für den seemännischen Betrieb, die Besatzung und die Gesamtsicherheit des Schiffes verantwortlich. Der
51jährige erfahrene Handelsmarineoffizier war einer der ersten, der
die Schaffung einer Flotte atomkraftgetriebener Handelsschiffe befürwortete. Schon kurz nach dem Stapellauf der SAVAMAH im Jahr 1959
wurde er in das von der amerikanischen Atomenergie-Kommission (AEC)
und der Schiffahrtsverwaltung im US-Handelsministerium (MARAD)
durchgeführte Projekt eingeschaltet.
Kapitän McMichael absolvierte 1935 die Seefahrtsschule in
Kalifornien und arbeitete sich bis 1942 bei verschiedenen amerikanischen Reedereien vom Vollmatrosen bis zum Zweiten Offizier empor.
Von 1942 bis 1951 war er für den amerikanischen Seefahrtsdienst
(U.S. Maritime Service) als Ausbildungsoffizier und Kommandant verschiedener Ausbildungsschiffe und -Stationen tätig. Anschließend
fuhr er bis 1958 a l s Erster Offizier und Kapitän auf Schiffen der
"States Marine Lines", unter deren Reedereiflagge die SAVANIIAH zuerst
geführt wurde. Als Angestellter dieser Reederei war McMichael für
die Ausrüstung des Schiffes verantwortlich, machte sich mit dem
Reaktorbetrieb vertraut und verhandelte auch im Auftrag der amerikanischen Schiffahrtsverwaltung über die Besuche der N.S. "SAVANriAH" in
amerikanischen und ausländischen Häfen.

•

*

*

-

#

*

*

�Folgende Bilder werden auf Anforderung zur Verfügung gestellt:
1) IT.3. "SAVA1T17AH". Modernste elektronische Geräte ergänzen die herkömmlichen Ausrüstungen zur Navigation und Positionsbestimmung. Durch
die kontinuierliche Ermittlung verschiedenster meteorologischer Daten
wird das Schiff praktisch auch zu einer schwimmenden "Wetterstation. Ein
Faksimile-Empfänger zeichnet nach den verschlüsselten Funksignalen meteorologischer Stationen vollständige V/el twetterkarten. Die 3AVANNAH,
durch zehn durchgehende Schotten in elf Sektionen unterteilt, ist mit
sechs Decks ausgestattet:
a) Brückendeck mit IJavigations räumen und Funkerkabinen
b) Bootsdeck mit messe und Offizierskabinen
c) Promenadendeck für die Passagiere mit Wandelgängen, Gesellschaftsund Unterhaltungsräumen, Swimming-pool etc.
d) A-Deck mit 30 elegant eingerichteten Fahrgastkabinen, Ilaupthalle,
Frisier- und Kosmetiksalon, Krankenräumen, Ambulatorium und
Strahlenschutzlabor
e) B-Deck mit großem Speisesaal, Küche, Teil der Mannschaftsunterkünfte
f) C-Deck und darunter liegende Stockwerke mit liannschafts- und Betriebsräumei, dazu auf dem C-Deck große verglaste Galerie, von der
aus die Passagiere Maschinenraum, Reaktor- und Maschinenleitstand
beobachten können.
2) Ließuhrkonsolen im Reaktorleitstand der SAVAITNAH.
3) Jedes Stäubchen könnte den Reaktorbetrieb stören. Deshalb ist beim
Einsetzen der Brennelemente in den Reaktor Sauberkeit höchstes Gebot.
Die Aufnahme zeigt eines der J2 Brennelemente mit je 164 dünnen Stahlröhren, in denen sich das spaltbare Material befindet.
4) Stahl, Aluminium, Kunststoffe und Kunstfasern waren die bevorzugten
Werkstoffe bei der Ausstattung der eleganten Fahrgast- und Gesellschaftsräume .
5) David B. McMichael, Kapitän der SAVAI717AE.

•x- * -x- * *

- II -

�A M E R I K A

Sonderbeilage

D I E N S T

W1./XYI-26

DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANDIERENDEN WELTWIRTSCHAFT

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. IICGHEE

gehalten vor Dozenten und Studenten des Geologisch-Paläontologischen
Instituts der Freien Universität Berlin am 1. Juli 1964

�DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANLIERENDEN WELTVIRTS CHAFT

I. Das wirtschaftliche Wachstum

Wirtschaftsexpansion lautet die Devise der Welt in den
sechziger Jahren. Nie zuvor war ein so großer Teil der Veltbevölkerung überzeugt, daß eine beträchtliche Erhöhung der Produktion und des Angebots an nützlichen Dingen durchaus erreichbar,
ja schnell erreichbar sei. i^s liegt auf der Hand, wie wichtig
diese Entwicklung für den Geologen und Geophysiker ist.
Als die Vereinten Nationen die sechziger Jahre zun Jahrzehnt
der Entwicklung proklamierten, trugen sie einem gewichtigen Phänomen Rechnung, das bereits allenthalben in Erscheinung getreten war.
Die Vereinten Nationen suchten mit dieser Proklamation lediglich
der Entwicklungsarbeit sichtbare und institutionelle Gestalt zu
verleihen, die Völker und Staaten in aller Veit bereits leisten.
Eine expandierende Virtschaft ist heute mehr als nur eine Idealvorstellung oder das Ziel einiger weniger. Sie wurde gewissermaßen
zu einer Veitanschauung, die ihren Niederschlag in den nationalen
Zielsetzungen der Staaten und den Plänen für eine organisierte Zusammenarbeit zwischen ihnen findet. Die Resignation, das Sich-Abfinden mit einem Leben am Rande des Existenzminimums und die Hinnahme des Status quo gehören der Vergangenheit an. Natürlich geht dies
alles nicht ohne Opfer ab, und es wird immer neben Portschritten auch
Rückschritte geben; das Bekenntnis zum Fortschritt aber wird rückhaltlos gegeben und ist universell.
Hehr und mehr wird auch das tatsächliche Bevölkerungswachstum
bei der Festlegung der Ziele des wirtschaftlichen Wachstums einkalkuliert, die dann ihren statistischen Ausdruck m

Angaber. pro

�pro Kopf der Bevölkerung finden: höhere Produktion, wachsender
enhandel, verstärkte Investitionen, größerer technischer FortI und bessere Absatzmethoden.
Dies gilt sowohl für die industrialisierten Staaten als auch
die Entwicklungsländer. Der Ministerrat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der die meisten
Industriestaaten der Welt angehören, hat in seiner ersten Sitzung
die zehn Jahre von 196O bis 1970 eine reale Erhöhung des Bruttosozialprodukts der heute 21 Mitgliedstaaten un 50 Prozent gefordert.
e derartige Zunahme würde die Wirtschaftskraft der atlantischen
Gemeinschaft in einem Maße stärken, wie es sonst nur durch die Einbeziehung eines weiteren Landes von der Größe und dem Reichtum der Vereinigten Staaten möglich wäre, und einen denentsprechenden zusätzlichen Energie- und Rohstoffbedarf wecken.
Die OECD-Staaten sind sich auch über die Relation der wirtschaftlichen Expansion zur strategischen Macht und damit zu ihren Auseichim klaren, nicht nur den wirtschaftlichen Portschritt zu garantie, sondern auch ihre nationale Sicherheit zu stärken. Dies ist von
besonderer Wichtigkeit auch im Hinblick auf die künftige Schlagkraft
Nordatlantikpaktorganisation (NATO), deren Mitglied

diefee

Staaten

fast alle sind.
Der dem Fortschritt dienliche Gärungsprozeß beschränkt sich aber
wegs auf die nordatlantische Gemeinschaft allein. Auch in andeilen der freien Welt trägt man sich mit umfassenden Entwicklungsund macht man zahlreiche diesbezügliche Anstrengungen. Die Allianz
für den Fortschritt ist ein solches Unterfangen - ein Unternehmen, dem
die Vereinigten Staaten außerordentliche Bedeutung beimessen. Die amerikanischenRepubliken mit Ausnahme Kubas sind gemeinsam bemüht, einen
ftigen und kontinuierlichen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung sicherzustellen.
Sie haben erkannt 4 daß jedes Land in Lateinamerika eine Wirtschaftswachstumsrate von mindestens 2,5 Prozent pro Kopf der Bevölkerung und
erreichen müsse, sollen die Ziele der Allianz für den Fortschritt

- 2 -

�Fortschritt in einer vertretbaren Zeitspanne verwirklicht werden.
Die betreffenden Länder wurden aufgefordert, ihre eigenen Wachstumsziele unter Berücksichtigung ihres gegenwärtigen sozialen
und wirtschaftlichen Entwicklungsstandes, ihrer Rohstoffquellen
und ihrer Löglichkeiten, die vorhandenen Kräfte in den Dienst der
Entwicklung zu stellen, festzusetzen.
Auch in Asien und Afrika hegt man ehrgeizige' Entwicklungspläne.
Indien zum Beispiel hat sich für seine Wirtschaft eine jährliche
Wachstumsrate von 5 Prozent zum Ziel gesetzt, Pakistan plant
eine Steigerung des Einkommens pro Köpf der Bevölkerung um 2,5 Prozent, und Nigerien erstrebt eine Erhöhung des Bruttosozialprodukts
um jährlich 4 bis 4»5 Prozent, was einer Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens um 2,5 Prozent gleichkäme.

II. Steigender Rohstoffbedarf
Diese weltweiten Pläne zur Erhöhung der Produktion werden einen
gewaltigen Anstieg des Bedarfs an Energie und industriellen Rohstoffen
nach sich ziehen. Eine Ausweitung der Produktion ohne eine dementsprechende Verbreiterung der Rohstoffbasis wäre in der Tat gänzlich un, lieh.
Der Veitbedarf an Mineralstoffen und Metallen, der sich in den
fünfziger Jahren gegenüber den dreißiger Jahren mehr als verdoppelt
hat, dürfte bis 1970 erneut etwa um 100 Prozent zunehmen. Nach einer
leren Analyse des europäischen Bedarfs i

um Beispiel der Alumi-

nium- und Kupferverbrauch bis 1970 auf etwa das Doppelte des Standes
i 1955 steigen, der von Zink um rund 50 Prozent, der von Blei um
25 Prozent und der von Zinn um 15 Prozent.
Der Veitverbrauch an den wichtigsten Nichteisenmetallen dürfte in
den sechziger Jahren um insgesamt 45 his 50 Prozent über dem ohnehin
schon sehr hohen Verbrauch der fünfziger Jahre liegen. So wi '3 beispiels
weise der Velt-Aluminiumverbrauch aller Wahrscheinlichkeit nach auch
in den sechziger Jahren eine überdurchschnittliche Wachstumsrate aufweisen - bei einem Jahresverbrauch von im Durchschnitt 5 750 000 Tonnen

- 3-

�Tonnen gegenüber nur 2 860 000 Tonnen in den fünfziger, 1 260 000
Tonnen in den vierziger und 390 000 Tonnen in den dreißiger Jahren.
Der Bedarf an Erdölprodukten wird ebenfalls wachsen, wenn
Industrie und Transportwesen einen so großen Aufschwung nehmen. In
der freien Welt dürfte der Erdölverbrauch im Verlauf der sechziger
Jahre um rund 50 Prozent, von gegenwärtig 2,6 auf 3&gt;8 Millionen
Tonnen täglich,ansteigen. Dieser Anstieg würde im Vergleich zur
7prozentigen Zuwachsrate der Nachkriegszeit einer durchschnittlichen
jährlichen Zunahme von 4»5 Prozent entsprechen und einer erheblichen
Mengen zunähme gleichkommen. Y/esteuropa wird mit 6 bis 7 Prozent auch
weiterhin eine der höchsten regionalen Jahreszuwachsraten aufzuweisen haben.
In dieser Entwicklung spiegelt sich die wachsende Bedeutung wider,
die das Erdöl als Energieträger für Westeuropa gewinnt. Der 1960 registrierte Tagesverbrauch von über 500 000 Tonnen entspricht einem Anteil von etwa 35 Prozent an der gesamten Energieversorgung. In den
nächsten zehn Jahren wird die Zuwachsrate des Erdölverbrauchs in diesem Gebiet doppelt so hoch liegen wie die des Gesamtenergieverbrauchs.
Daraus folgt, daß der zu erwartende Tagesverbrauch von 0,9 bis 1,1 Millionen Tonnen im Jahre 1970 rund 45 Prozent des Gesamtenergiebedarfs
decken wird, was etwa dem heutigen Verhältnis in den Vereinigten Staaten entspräche.
Um echte wirtschaftliche Fortschritte erzielen zu können, müssen
die meisten Entwicklungsländer zuerst einmal ihre landwirtschaftliche
Produktion auf eine wirtschaftlich gesündere Basis stellen. Eine Intensivierung der Agrarwirtschaft wird sich wiederum kräftig auf die Nachfrage nach Mineralstoffen wie Phosphaten, Nitraten und Kalisalzen auswirken.
Diese Länder werden für ihre expandierenden Industrien mehr Rohstoffe und natürlich auch mehr Mineralien brauchen. Sie benötigen des
weiteren billige Energie in ausreichendem Maße für die Erzeugung von
Wärme und für das Transportwesen, vor allem in Form von Elektrizität.
Da hochindustrialisierte Staaten zwanzig- bis vierzigmal soviel
Energie pro Kopf der Bevölkerung verbrauchen wie manche Entwicklungsländer! wird der Bedarf letzterer an Erdölprodukten zwangsläufig

- 4-

�zwangsläufig überdurchschnittlich steigen.
Das Bedeutsame an dieser Entwicklung ist, daß sie sich nicht,
wie in der Vergangenheit, nur auf wenige besonders begünstigte
Länder konzentrieron, sondern praktisch auf die ganze Welt erstrecken
wird. In Anbetracht des wachsenden Bedarfs könnte das derzeitige
Überangebot bestimmter Hineralstoffe einer allgemeinen Verknappung
weichen. Sowohl die Erdöl- als auch die Erzreserven werden angesichts
des ständig zunehmenden Bedarfs mehr und mehr unzureichend erscheinen.
Die Mineralöl- und Metallindustrien v/erden auf ein möglichst starkes
Rohstoffpolster bestehen, um die volle Nutzung ihrer zunehmend höheren Investitionen sicherzustellen.
Die derzeitige Fülle ist eine Frucht der Weitsicht - das Ergebnis der Lagerstättenforschung und Entwicklungsarbeit

ir

den vier-

ziger und fünfziger Jahren. Doch weder die Lagerstättenforschung
noch die Investitionen konnten im großen Umfang früherer Jahre fortgesetzt werden. Hinzu kommt, daß die Erschließung von Rohstoffquellen,
wie sie zur Deckung des Bedarfs der siebziger Jahre notwendig sein
werden, eine beträchtliche Anlaufzeit erfordert - und diese ist bei
bestimmten Mineralien sogar noch länger als bei Erdöl. Eine Verstärkung der Anstrengungen auf dem Gebiet der Lagerstättenforschungsund Entwicklungstätigkeit noch in den sechziger Jahren ist somit ein
dringendes Gebot.
Der für die Ausrichtung der Llineralstoff- und Metallproduktion
auf den voraussehbaren Weltverbrauch notwendige Kapitalbedarf wird
daher sehr groß sein. Die direkten amerikanischen Privatinvestitionen
in Förder- und Verhüttungsbetriebe im Ausland erhöhten sich von buchwertmäßig rund 1,1 Milliarden Dollar im Jahre 1950 über fast 2,4 Milliarden Dollar Ende 1957 auf

:;ber 3 Milliarden Dollar Ende 1 961 .

Dabei wird sich der künftige Kapitalbedarf noch laufend weiter erhöhen,
Kapital aber nur dann verfügbar sein, wenn die Mineral- und Mineralölindustrien neben angemessenen Erträgen auch angemessene Laders' er :ea
ven vorweisen können . Solche Laasrstätt^, auf z.isn'ine^ , bedarf es rler j'orschun .
Y/enn auch die Schätzungen über die voraussichtlich erforderlichen
Neuinvestitionen der Mineralölwirtschaft auseinandergehen, so sind sich

- 5-

�sich die Fachleute doch darüber einig, daß es sich um riesige
Summen handeln wird. Während sich der l.'ineralölverbrauch der
freien V*'elt von 9»7 Milliarden Tonnen in den fünfziger Jahren auf
16,8 Milliarden Tonnen in den sechziger Jahren erhöhen wird, dürften die Kapitalaufwendungen der Ölindustrie im gleichen Zeitraum
sogar um mehr als 50 Prozent zunehmen, nämlich von rund 90 auf 1 40
Milliarden Dollar. Die Kapitalgüterinvestitionen, die sich 1 96O
auf etwa 10,5 Milliarden Dollar beliefen, werden sich im Jahre 1970
voraussichtlich auf 15 bis 16 Milliarden Dollar beziffern.
Ungeachtet der großen bekannten Kapazitäten, die gegenwärtig
noch nicht genutzt werden, können wir auf allen Kontinenten eine
sehr lebhafte Lagerstättenforschungs- und Erschließungstätigkeit
beobachten. Jedes Land hat dabei seine eigenen Gründe, eine Ausweitung der Produktionskapazität von öl und eine Veibesserung der Aussichten auf die künftige Ölversorgung anzustreben.
Der Bedarf an den elementarsten Grundstoffen, an Land, V/asser
und den gewöhnlichen mineralischen Industrierohstoffen läßt sich ebenso
wie der Energiebedarf relativ leicht vorausbestimmen. Wir müssen aber
von vornherein damit rechnen, daß immer wieder einmal ein für bestimmte Zwecke bevorzugtes Material von einem anderen verdrängt wird. Es
ist daher unmöglich, über einige wenige Jahre hinweg eine Voraussage
über Art und Eenge

all der zahlreichen Rohstoffe zu treffen, die später

einmal für militärische oder friedliche Zwecke benötigt werden. Stoffe,
die heute kaum irgendwelche wirtschaftliche Bedeutung besitzen, können
morgen schon stark gefragt sein.
Im Hinblick auf mögliche künftige Engpässe in der Versorgung mit
gewissen Mineralien betreibt man heute auf vielen Seiten ernsthafte
und nutzbringende Forschungen. Selbst wenn einige Stoffe "ausgehen"
sollten, können wir in den meisten Fällen entweder auf Erze mit geringerem Gehalt als dem der heute abgebauten oder aber auf Ersatzstoffe zurückgreifen. Die Entwicklungsgeschichte der Kupferindustrie zum Beispiel ist durch die Ausbeutung von Erzen fortschreitend geringerer
Konzentration ohne wesentliche Kostensteigerungen gekennzeichnet. Öl
kann aus Schiefer- oder Teersandlagern zu Kosten gewonnen werden, die
schließlich die Förderkosten für Erdöl nur unwesentlich übersteigen
dürften.
Doch

- 61

�Doch selbst bei einem Auftreten solcher Verknappungen könnten die heute üblichen Verbrauchsprodukte in der Regel weiter geliefert werden, wenn auch vielleicht zu etwas höheren Preisen.
Der Technik gelang es bisher fast in jedem Falle, durch materialsparende Fertigungsmethoden einen Ausgleich für Materialverknappung
zu schaffen. In schwierigen Situationen bleibt immer noch der Ausweg, die Produkte selbst zu verändern oder andere Möglichkeiten zur
Befriedigung des Bedarfs zu erschließen.

III. Aufgabe und Verpflichtung

Aus der außerordentlich starken Zunahme des Rohstoffbedarfs
in den sechziger Jahren erwachsen uns große Aufgaben und Verpflichtungen - das gilt besonders auch für Sie in diesen Berufen. Sie werden jedem von Ihnen die höchsten Leistungen abverlangen, deren er
fähig ist.
Die Verteilung der Mineral- und Hineralölvorkomnen über die
Erde richtet sich nicht im geringsten nach etwaigen Landesgrenzen.
Die Geologen werden die benötigten zusätzlichen Rohstoffe deshalb
dort aufzuspüren und abzubauen haben, wo sie lagern. In Verfolg dieser
ihrer Aufgabe werden sie mehr als bisher in die Vjelt hinausziehen müssen,
da die Industriestaaten als Rohstofflieferanten an Bedeutung verlieren,
während die Entwicklungsländer in gleichem Maße an Bedeutung gewinnen.
In dem Bemühen, die Privatwirtschaft und die Öffentlichkeit stärker
an der Erschließung der Rohstoffquellen zu interessieren, werden Sie
enger mit den führenden Männern aus Industrie und Wirtschaft sowie mit
Kapitalgebern und Regierungsvertretern zusammenarbeiten.
Und dies trifft um so mehr zu, als viele Entwicklungsländer bestrebt sein werden, neue Vorkommen aufzuspüren, noch ehe die Steigerung der Rohstoffgewinnung überhaupt notwendig wird. Der Sonderfonds
der Vereinten Nationen wurde vornehmlich in der Absicht gebildet, solche geologische
vielfach

Bestandsaufnahmen zu finanzieren, da diesen Ländern

die hierzu erforderlichen Kittel fehlen. Ihrem Beruf werden

hieraus neue Anforderungen erwachsen.
Ein

- 7-

�Ein großer Teil dieser Länder wird sicher die Erforschung
der Lagerstätten an Mineral- und anderen Rohstoffen selber betreiben wollen; das heißt,

man v/ird

wünschen, daß diese Arbeiten

in Auftrag der Privatwirtschaft oder der Regierung

3es

Landes

ausgeführt werden. Die Geologen werden somit bereit sein müssen,
in diesen Ländern sowohl mit privaten Gruppen und staatlichen Stellen als auch mit den internationalen Organisationen Hand in Hand
zu arbeiten, die diesen Ländern helfen.
Hinzu kommt, daß wir in vielen dieser Länder auch noch mit
einem Druck seitens der Sowjetunion zu rechnen haben. Sie schickt
Geologen und Geophysiker in beträchtlicher Zahl in die Entwicklungsländer, um diesen bei der Erforschung und Ausbeutung ihrer Lagerstätten behilflich zu sein. Das gilt zum Beispiel für Indien, wo
russische Untersuchungen zur Entdeckung bedeutender Ölvorkommen
geführt haben. Idr können es uns nicht leisten, hintanzustehen. V.rir
müssen vielmehr die Kommunisten noch übertreffen, indem wir diesen
Ländern unsere Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Lagerstättenforschung in reichlicherem Maße zur Verfügung stellen.
Das bedeutet, daß wir die Sowjets nicht nur hinsichtlich der
Quantität, sondern auch in der Qualität überrunden müssen. Die Sowjets
haben ihre Tüchtigkeit bei der Erforschung von Ol- und anderen Mineral
vorkommen bewiesen. Ihr Geschick in der Ausbildung guter Geologen bedeutet ein großes Plus in ihrem Streben, ihre Macht und ihren Einfluß
auf die 'Entwicklungsländer auszudehnen. Unsere Fähigkeit, noch bessere
Geologen und Geophysiker heranzubilden, wird sich daher als ein noch
größeres Plus erweisen, '.vir müssen diese Fähigkeit kultivieren und
weiter entwickeln. Unsere Universitäten müssen sich auf den zunehmenden Bedarf an Fachleuten mit Spezialkenntnissen in der Lagerstättenforschung und die auf diesem Gebiet entwickelten neuen Methoden einstellen. Vir müssen nach den Besten unter der Jugend Ausschau
halten und sie veranlassen, diesen Beruf zu ergreifen, birgt doch die
Zukunft gerade für den Geologen hervorragende Aussichten, im Dienste
der Menschheit Großes zu leisten.
Die

- 8 -

�Die sich verändernden Dimensionen des hier angeschnittenen
Problems lassen die Notwendigkeit, immer bessere Methoden zu entwickeln, nur um so größer erscheinen. Auf dem Gebiet der Erforschung von Ölvorkommen zeichnet sich, wie Sie wissen, ein Trend ab,
statt großer auch kleine,

statt nahe an der Oberfläche liegender

auch tiefer gelegene und statt einfach gegliederter auch komplexe
Lager anzugehen. Vormals war es relativ leicht, Olfeider zu orten;
künftig aber wird man Öl nur mit Hilfe der fortschrittlichsten
Verfahren und einem Höchstmaß an Fachkenntnis und Spürsinn entdecken können. Das gilt natürlich für andere Mineralstoffe nicht
minder.
Aber auch die politische Führung sieht sich vor neue Aufgaben
und Verpflichtungen gestellt, will sie den neuen politischen Problemen des anbrechenden Zeitalters steigender Produktion gerecht
werden. Eine Entwicklungstätigkeit so großen Stils fordert von
den Staaten, die sich um den Zugang zu ausländischen Märkten und
ausländischen Rohstoffquellen bemühen, immer gebieterischer eine
eingehendere Konsultation und größere gegenseitige Zusammenarbeit.
Jedes Land möchte sich einen angemessenen Anteil an dem Reichtum und
der Fülle sichern,die wir für die Zukunft erwarten.
Ein besonderes Problem wirft in diesem Zusammenhang die Instabilität der Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse auf,
entfällt doch auf diese der Hauptanteil des Devisen- und Steueraufkommens vieler Entwicklungsländer. Wenn wir uns den Zugang zu den
Rohprodukten anderer Länder für die Zukunft erhalten wollen, müssen
wir diesen stabilere Preise garantieren, allerdings in einer '••eise, die
mit den großen Linien unserer Wirtschaftspolitik in Einklang steht.
Wir müssen außerdem eine Außenhande

ipolitik treiben, die den

Rohstoff-Erzeugerländern den notwendigen Zugang zu den Märkten der
Industriestaaten ermöglicht. Und wir müssen eine Auslandshilfepolitik
verfolgen, die den Entwicklungsländern das für die Verbesserung ihrer
wirtschaftlichen Infrastruktur und die Hebung des Lebensstandards erforderliche Kapital verfügbar macht. Kurz, wir müssen uns um ein neues
Modell der Beziehungen zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern bemühen, das für beide Ländergruppen nützlich und akzeptabel

- 9-

�akzeptabel ist und veraltete Leitbilder des Kolonialismus abzulösen
vermag.
Darüber hinaus müssen wir die Beziehungen unter den Industriestaaten noch enger gestalten, um unsere diesbezügliche Politik
v/irksam aufeinander abzustimmen. Wir bemühen uns um eine solche
Vertiefung der wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa vor allem auch deshalb, weil wir sicherstellen
wollen, daß die Industriestaaten über ihre Hilfsmaßnahmen und ihre
Handelspolitik einen immer wirksame an Beitrag zum Aufbau der Entwicklungsländer leisten.
Ich habe von den Aufgaben gesprochen, vor die sich die-Angehörigen Ihres Berufs ebenso wie die Politiker durch die fortgesetzte
Expansion der Weltwirtschaft gestellt sehen. Die politische Führung
muß die Voraussetzungen schaffen und sichern, ohne die der Fachmann
nicht nach jenen Ländern ziehen kann, wo seine Kraft in der Forschung
und Produktion benötigt wird. Doch zwischen dem Staat einerseits und
dem einzelnen Fachmann steht die alles überragende Frage der Finanzierung und einer zweckmäßigen Organisierung aller einschlägigen wirtschaftlichen Anstrengungen. Hier kommt der Wirtschaft eine Führungsaufgabe zu.
Für unsere großen Firmen wird es deshalb unumgänglich sein, mehr
Investitionskapital aufzubringen und ihre Tätigkeit auf eine breitere
Basis zu stellen. Kein Land ist hinsichtlich der Deckung seines Rohstoffbedarfs gänzlich unabhängig von anderen. Und die Abmachungen und
Beziehungen, durch die sich die Industriestaaten in der Vergangenheit
mineralische und andere Rohstoffe in ausreichenden Lengen und zu relativ
niedrigen Preisen sicherten, werden im Gefolge des nach dem zweiten
Weltkrieg eingetretenen Wandels in den politischen und sozialen Verhältnissen sicherlich manchem neuen Druck ausgesetzt sein.
Es mußten neue Abmachungen getroffen und neue Beziehungen geknüpft
werden, um diesen veränderten Verhältnissen wenigsten zum 'Teil Rechnung
zu tragen,und es werden wahrscheinlich auch noch andere Anpassungen
erforderlich sein. Die Bedingungen von Regierungsvereinbarungen bezüglich der Erschließung natürlicher Hilfsquellen werden in vielen Fällen

- 10 -

�Fällen von den traditionellen

r

orbildei

abweichen. So wird man

die Tätigkeit der Privatwirtschaft künftig stärker als bisher darauf überprüfen, ob sie mit dem öffentlichen Interesse und der Politik vereinbar ist. Deshalb muß die Geschäfts- und die Investitionspolitik
zunehmend variabler und flexibler gestaltet werden.

IV. Deutschlands Rolle

Die Deutschen haben bei der Erschließung der Ilineralvorkommen
in aller Welt eine bedeutende Rolle zu spielen. Die Geschichte der
Geologie und Geophysik ist reich an Namen berühmter deutscher V/issenschaftler. Da ist vor allem Alexander von Humboldt zu nennen, der
letzte in der Reihe jener Männer, von denen man sagen kann, daß sie
so gut wie das ganze naturwissenschaftliche Wissen ihrer Zeit beherrschten. Es sei auf seine großen Zeitgenossen aus dem Adelsstand
von Buch, von Baer und von Hoff verwiesen, auf Werner auch, und
ihre Schüler von Zittel, Jaekel und den Feuerkopf Haeckel, der die
Fackel Darwins hochhielt. In späterer Zeit ist V/egener zu nennen, einer
der ersten Geophysiker, und wir wollen hier auch IL.ns Stille, dem letzten noch lebenden ! itbegründer der Geotektonik, unseren Respekt zollen.
In der Geophysik dürfen wir besonders Emil V/iecherts aus Gcttingen gedenken, des Begründers der angewandten Seismologie, ur

seines

Schülers Lutger Hintrop, des Gründers der geophysikalischen Forschungsgesellschaft "Seismos", die 1922 in meinen Heimatstaat Texas kam und
dort den großen Anwendungsbereich und die Brauchbarkeit der seismischen Refraktionsmethode demonstrierte. Doch schon 75 Jahre davor hatte
Ferdinand Römer, später ?rc assor in Breslau, in der Analyse der Geologie von Texas Pionierarbeit geleistet. Im Jahre 1649 veröffentlichte
er dann ein Buch mit dem Titel "Texas mit besonderer Rücksicht auf
deutsche Auswanderung, und die physikalischen Verhältnisse des Landes
nach eigener Beobachtung geschildert".
Unter den später nach Amerika gekommenen Deutschen befanden sich
mehrere Geologen und Geophysiker. Die Namen Robert Balke, Benno Gutenberg, Ernst Cloos, JCurt Teichert und Peter Misch dürften geläufig sein.
Leider
- 11 -

�Leider ist Robert Balke schon früh bei einem Plugzeugunglück auf
tragische './eise ums Leben gekommen. Aber Gutenberg, Cloos, Ilisch
und noch viele andere gehören mit zu den prominenten Lehrmeistern
einer neuen Generation von tüchtigen und strebsamen amerikanischen
Geologen und Geophysikern. Und sicher v/erden die Namen noch mancher
unter den jungen Leuten, die nach Amerika gegangen sind, eines Tages
einen ebenso guten Klang haben.
Die Demokratien Amerikas und Westeuropas bilden den Kern der
freien Welt, die nur dann fortbestehen kann, wenn sie ihre Vorrangstellung auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik, den eigentlichen
Quellen ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und militärischen
I£acht, zu wahren versteht. Die sicherste Garantie für die Aufrechterhaltung dieser Vorrangstellung ist der natürliche Prozeß des Hinstrebens wissenschaftlicher und technischer Fachkräfte nach den Orten, wo
ihnen die besten Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden. In den Vereinigten Staaten sind es die großen Universitäten und Forschungsstätten,
die der Y/issenschaf t solche reichen Entfaltungsmöglichkeiten bieten.
Und auch in V/esteuropa und Deutschland herrscht daran kein Mangel. Von
diesen Institutionen dürfen wir in der Zukunft Führung und technisches
Wissen ebenso wie gründlich vorgebildete Fachkräfte erwarten, einschließlich jener für die geologische und geophysikalische Forschung.
Diese bedeutende Universität hier im freien Berlin ist eine solche
Stätte, ebenso die Technische Universität, wie ich mich selbst bei Gelegenheit überzeugt habe. Ob künftig noch größere und bessere derartige Institutionen in Deutschland geschaffen werden, hängt ganz von
Ihnen ab. Sie können sie haben, wenn Sie bereit sind, den Preis dafür aufzubringen - wenn Sie einen größeren Teil des neugewonnenen Reichturas Ihrer Kation in Hochschulen und technisch-wissenschaftlichen Forschungsstätten
investieren. Die Russen zum Beispiel haben dies getan, und zwar unter
weit größeren Opfern, als sie Ihnen abverlangt würden. Das Wunderbare
an der wissenschaftlichen und technischen Forschungsarbeit ist, daß ein
höherer Aufwand auch einen Gewinn abwirft, insofern nämlich, als sie
den Weg zu dem erstrebten Wohlstand ebnet. Natürlich gibt es eine
obere Grenze, von der an eine weitere Erhöhung des Forschungsaufwands
wirtschaftlich nicht mehr vertretbar wäre; ich bin aber sicher, daß

- 12 -

�daß diese Grenze bisher nirgendwo auf der 7/elt auch nur annähernd
erreicht worden ist.
Da statistische Angaben über den Forschungs- und Entwicklungsaufwand in den einzelnen Ländern nicht sehr zuverlässig sind, wollen
Sie bitte auch die Zahlen, die ich Ihnen jetzt nennen werde, mit
Vorsicht behandeln, Die Vereinigten Staaten geben etwa 3» 5 Prozent
ihres gewaltigen Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung
aus. Für Rußland liegen keine Zahlen vor, aber sie sind ohne Zweifel
hoch. Großbritannien, Frankreich und Japan wenden 2,0 bis 2,7[ Prozent
ihres Bruttosozialprodukts für Forschungszwecke auf. Und Deutschland
- hier zögere ich tatsächlich, die mir von meinen Mitarbeitern genannte und so unglaublich klingende Ziffer auszusprechen - Deutschland
also, wurde mir gesagt, gibt höchstens 1,5 Prozent seines Volkseinkommens für Forschung und Entwicklung aus. In dieser Zahl ist der gesamte Forschungsaufwand - die Ausgaben des Bundes einschließlich der
für die militärische Forschung und Entwicklung, die Aufwendungen der
Länder und privater Geldgeber sowie die Summe, die die Industrie für
ihre eigene Forschung aufbringt

enthalte

V. Aufgaben der Forschung und Technik

Der rasch steigende Bedarf an mineralischen Rohstoffen kann nur
durch eine entsprechende Ausweitung der geologischen und geophysikalischen Lagerstättenforschung auf weltweiter Basis und die Anwendung
besserer Abbau- und Aufbereitungsriethoden gedeckt werden. Da die Entdeckung neuer hochwertiger Tineralvorkomnen naturgemäß immer seltener
wird, müssen wir unser Augenmerk auch auf weniger ergiebige urze richten
znd lernen, uns ihre wertvollen Beetandteile zunutze zu machen.
Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, auch das aufzuspüren, was unte
wertlosen Sedimentgestein, LavamasBen,

as

ü ! I

verborgen liegt,

dürfte es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Vorkommen mit einem
Vielfachen der Ergiebigkeit der uns heute bekannten Lagerstätten handeln
Die Forschung wird viel zu leisten haben, um die bisherigen geologischen
und geophysikalischen Lethoden dementsprechend zu verfeinern und neue

- 13 -

�neue zu ersinnen.'Vor allen aber müssen wir, wo dies von der
Theorie her möglich ist, in unserer geophysikalischen Sondierungsarbeit die Aufgliederung ermittelter Formationsdetails mit Hilfe
gravinetrischer, seismischer, magnetischer und elektrischer ließverfahren und durch eine verbesserte Interpretation der registrierten physikalischen Parameter verfeinern.
Auch hier ist Teamarbeit alles. Der Geophysiker muß sich mit
dem Geologen und Stratigraphen, mit dem Likrop iäontologen und dem
Geocheniker zusammentun. Großen Xutzen verspricht beispielsweise
die Anwendung der neuen Lethoden der Isoto

j

mmung. Darüber hinaus

gilt es die fornationskundlichen Erforschungen der Schichtsedimente
zu verstärken und die Entstehungsgeschichte der Erdölvorkommen noch
eingehender zu erforschen. Außerdem dürfen wir die Grundwasser-Geologie und die Hydrologie nicht vernachlässigen. Das Wachstum der Industrie und die Intensivierung der Landwirtschaft bedingen einen steigenden Wasserbedarf. Allzu häufig kommt es schon örtlich und auch
regional zu Wassermangel. Deshalb ist eine ausgedehntere und intensivere Erforschung der Wasservorkommen über und unter der Erde geboten,
und wir müssen darauf hinwirken, daß sich mehr Geologen und Ingenieure
auf das Gebiet der Gewässerkunde spezialisieren.
Die Meeresgeologie und die Meeresgeophysik stecken noch in den
Kinderschuhen, vor allem was die Erforschung der Kontinentalschelfe
anlangt. Eines Tages v/erden die Wissenschaften uns den Zugang zu urafi
reichen neuen Bodenschätzen off •••• , doch erst nachdem wir diesen jungen Zweig der Wissenschaft von der Erde und den Heeren durch tatkräftige Forschungsanstrengungen zur Reife geführt haben. Nicht weniger e'u.rgisch müssen wir uns um die Entwicklung sicherer Abbaumethoden bemühen, die ein Arbeiten in bis zu mindestens 200 I.Ieter Wassertiefe
gestatten. Obwohl der Abbau in hohem Maße mechanisiert sein wird,
müssen dennoch

auch Menschen hinuntersteigen, und sie sollen dies mit

destens der gleichen Zuversicht tun können, wie dies heute in Bergwerken auf dem Festlande möglich ist.
Und schließlich - und damit wende ich mich nun an jene, die
gefährlich leben und bereit sind, das Risiko eines sehr einsamen
Todes einzugehen - dürfte sich in Kürze schon in der Lunargeologie

-14-

erne

�Lunargeologie ein neues Aufgabengebiet eröffnen. Und irgendwo
in einem Kindergarten ist vielleicht schon der erste Karsgeologe
gerade dabei, in Spiel seinen kindlichen Wissensdurst zu befriedigen.
Die geologische und geophysikalische Forschung bietet eine
großartige Gelegenheit zu internationaler Zusammenarbeit. Die geologische und geophysikalische

Feldarbeit in fernen Kegionen der

Erde ist heute noch eine ebenso faszinierende Aufgabe wie eh und
je. Wir wollen hoffen, daß deutsche Forscherteams bald in wachsender Zahl tätig werden - im eigenen Lande, wo es immer noch Möglichkeiten gibt, besonders vor der Kordseeküste und in den geologischen
Tiefbecken, und vor allem auch in den Entwicklungsländern. Dort wer
den die Mitglieder der wahrhaft internationalen Bruderschaft der
geologischen und geophysikalischen Feldforschung - darunter viele
Amerikaner -, die sämtlich hinsichtlich ihrer Ausbildung wie ihres
Berufsethos manchen Anstoß gerade von Deutschen erhalten haben, sie
herzlich willkommen heißen.

- 15 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

A11K./XVII-55

V A R R E N

-

B E R I C H T

Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Der Bericht des Präsidialausschusses zur
Untersuchung der Ermordung Präsident Kennedys, an dessen Spitze der Oberste Bundesrichter der Vereinigten Staaten, Earl War«
ren, stand, umfaßt mit allen Darlegungen,
Beweismitteln, Vernehmungsprotokollen und
sonstigen Schriftstücken insgesamt 35 Bände,
Er wurde Präsident Lyndon B. Johnson am
24« September 1964 überreicht und am 27»
September veröffentlicht. Der vom Amerika
Dienst in dieser Sonderbeilage wiedergegebene 'feil "Zusammenfassung und Schlußfolgerungen" stellt Kapitel I des Berichtes dar.
Er gliedert sich in die Abschnitte
Hergang
Polgerungen
Empfehlungen

Seite 1
Seite 29
Seite 42

)Report of The President's Commission on the Assassination of

President John F. Kennedy, United States Government Printing

Office, Washington, D.C., 1964

�Kapitel 1
Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Die Ermordung von John Fitzgerald Kennedy an 22. Kovember 1*965
war eine grausame und schockierende Gewalttat, die sich gegen einen
IJenschen, eine Familie, eine Kation und gegen die ganze Menschheit
richtete« Eine junge und starke Führerpersönlichkeit, die noch viele
re im Dienst

der Öffentlichkeit und im privaten Lehen vor sich

hatte, war das Opfer des vierton Präsidentenmordes in der Geschichte
eines Landes, das sich den Ideen vernünftiger Argumentation und eines
politischen Wandels auf friedliche;.! Wege verschrieben hat. Diese Kommission wurde an 29« November 1963 in Anerkennung des Hechtes aller
Menschen auf eine völlige und wahrheitsgemäße Uhterrichtung über
diese Ereignisse geschaffen. Der vorliegende Bericht versucht, diesem Hecht zu entsprechen und diese Tragödie in aller Vernunft und
Fairness darzustellen. Er wurde im vollen Bewußtsein der Verantwortung der Konnission abgefaßt, den amerikanischen Volk einen objektiven Bericht über die mit den Keuchelnord in Verbindung stehenden Tatsachen vorzulegen...

Hergang

Am Freitag, den 22. November 1963» um 11.40 Uhr Ortszeit trafen
Präsident John F. Kennedy, Krs. Kennedy und ihre Begleitung am Flugplatz Love Field in Dallas (Texas) ein. Sie hatten den ersten Tag einer bereits fünf Konate zuvor von Präsidenten, von Vizepräsident Lyndon 3. Johnson und den Gouverneur von Texas, John 3. Connally ,jr. ,

�jr., geplanten:Reise durch Texas hinter.sich.. Der Präsident, der
am Donnerstagmorgen das Weiße Haus verlassen hatte, war zunächst
nach San Antonio geflogen, wo Vizepräsident Lyndon.B. Johnson zu
seinem Gefolge.stieß und.der Präsident.neue Forschungsinstitute der
Akademie für Plug- und Raumfahrtmedizin der US-Luftstreitkräfte ihrer
Bestimmung übergab. Nach einem Dinner in Houston zu Ehren des Kongreßabgeordneten Albert Thomas flog der Präsident nach Fort Worth, wo er
die Rächt verbrachte und am Freitagmorgen bei einem Frühstück in größerem Kreis sprach.
Las weitere Programm für diesen Tag sah die Fahrt durch Dallas
mit einer Fahrzeugkolonne, eine Ansprache während des Festessens
im Trade Hart und einen Flug nach Austin vor, wo der Präsident an
einem Empfang teilnehmen und bei einem Galadinner zugunsten des Spendenfonds der Demokratischen Partei sprechen sollte. Von Austin aus
sollte er sich dann zu der Ranch des Vizepräsidenten in Texas begeben.
Diese Reise demonstrierte die verschiedenartigen Rollen, die ein amerikanischer Präsident wahrzunehmen hat - als Staatsoberhaupt, Regierungschef, Parteiführer und - in diesem Fall - voraussichtlicher Kandidat
für die Wiederwahl*
Die Fahrt im Kraftwagen durch Dallas würde, so hoffte man, zu einer Demonstration der Popularität des Präsidenten in einer Stadt werden, die ihm bei den Wahlen von 1 96O ihre Unterstützung versagt hatte.
Uachdem entschieden worden war, für die Fahrt nach Texas zwei Tage anzusetzen, waren sich die Verantwortlichen für die Planung, in erster
Linie Gouverneur Connally und Kenneth O'Donnell, ein Sonderreferent des
Präsidenten, darüber einig, daß eine Fahrt mit der Fahrzeugkolonne
durch Dallas wünschenswert sei. Am 8. November wurde dem Geheimdienst
mitgeteilt, daß für die Fahrt der Kolonne vom Flughafen Love Field
bis zum Ort des Festessens, das von führenden Persönlichkeiten der Geschäftswelt und der Bürgerschaft von Dallas zu Ehren des Präsidenten
geplant rar, 45 Minuten zur Verfügung stünden. Nach Prüfung der Örtlichkeiten und Sicherheitsprobleme bei verschiedenen Gebäuden wurde der
Trade Hart als Ort des Festessens ausersehen. Angesichts dieser Entscheidung und der üblichen Praxis, möglichst vielen Menschen Gelegenheit

- 2 -

�Gelegenheit zu geben, den Präsidenten zu sehen, erscheint die festgelegte Fahrtroute der Fahrzeugkolonne.als die naturgegebene. Die
Route wurde am .18. November von -örtlichen Gastgeherkomitee und von
Vertretern des Weißen.Hauses gebilligt und vom 19« November an in
den Lokalzeitungen veröffentlicht. Aus diesen Yorausveröffentlichungen ging bereits klar hervor, daß die Fahrzeugkolonne auf ihrem Weg
über den Stemmons Freeway zum Trade Hart von der Hain Street in die
Houston und von dort in die Elm Street einbiegen werde.
Am Vormittag des 2 2» November klärte sich der Himmel über Dallas
auf, so daß kein Regen mehr zu erwarten war, und Präsident Kennedy
grüßte die Menge von seinem offenen Vagen aus, dessen Verdeck - damals
eine Plastikkuppel, die Schutz nur gegen ungünstige Witterung zu bieten vermochte - abgenommen worden war. Links neben dem Präsidenten
saß im Fond I.irs. Kennedy. Auf den Klappsitzen hatten Gouverneur Connally - er saß vor dem Präsidenten

- und zur Linken des Gouverneurs

Hrs. Connally Platz genommen. Am Steuer saß der Sicherheitsbeamte
William R. Greer und zu seiner Rechten der Sicherheitsbeamte Roy H.
Kellerman.
Unmittelbar hinter der Präsidentenlimousine folgte ein offenes
Begleitfahrzeug mit acht Sicherheitsbeamten, von denen je zwei ihre
Plätze vorn,

hinten und auf den beiden Trittbrettern hatten. In Ein-

klang mit den regulären Sicherheitsbestimmungen hatten diese Beamten
den Auftrag, die Zuschauernenge, Dächer und Fenster von Gebäuden, Überführungen und Kreuzungen auf Anzeichen von Störungen hin zu beobachten.
Hinter dem Begleitfahrzeug folgte der Wagen des Vizepräsidenten, in dem
sich neben dem Vizepräsidenten auch Urs. Johnson und Senator Ralph W«
Yarborough befanden. Es schlössen sich ein Begleitfahrzeug des Vizepräsidenten und mehrere Wagen und Busse für weitere prominente Persönlichkeiten, Pressevertreter und andere an.
Die Wagenkolonne fuhr kurz nach 11.50 Uhr von Love Field ab, nahm
ihren Weg durch Wohnsiedlungen, wobei sie auf Wunsch des Präsidenten,
der einzelne Gruppen unter der winkenden Zuschauermenge begrüßen wollte,
zweimal anhielt. In beiden Fällen begaben sich Beamte vom Begleitfahrzeug zum Wagen des Präsidenten, um den Präsidenten und Urs. Kennedy

- 3 -

�Kennedy abzusichern. Als die Wagenkolonne Main Street erreichte,
eine von Ost nach West verlaufende Hauptverkehrsader in der Innenstadt von Dallas, nahmen .die .Ovationen.tumultartige Ausmaße an.
An äußersten westlichen; Ende .von. Main Street."bog die Wagenkolonne
nach rechts in die Houston Street.ein und.bewegte.sich einen Häuserblock in nördlicher Richtung /weiter, um dann.nach links in die Elm
Street einzubiegen, den direktesten und bequemsten Zufahrtsweg zum
Stemnons Freeway und zum Trade Hart. Der Präsidentenwagen näherte
sich der Kreuzung Houston Street - Elm Street, an deren Kordwestecke
sich genau in Fahrtrichtung ein siebenstöckiges, orangefarbenes Backsteingebäude , das des Texas School Eook Depositor^, ein Lager- und Bürohaus, erhebt. Wie P.ufus W. Youngblood, ein Sicherheitsbeamter im
Wagen des Vizepräsidenten, bemerkte, zeigte die Uhr an dem Gebäude
12.30 Uhr, die Zeit der geplanten Ankunft am Trade hart.
Der Präsidentenvagen, der bis dahin in nördlicher Richtung gefahren war, bog in einer scharfen Hehre nach Südwesten in die Elm Street
ein. Mit einer Geschwindigkeit von rund 18 km/h fuhr er bei leichtem
Gefälle auf eine Eisenbahnunterführung zu, die die Fahrzeugkolonne
vor Erreichen des Stemmons Freeway zu passieren hatte« Die Stirnseite
des Texas School Book Depository befand sich jetzt rechts vom Präsidenten, der im Vorüberfahren der Menge» die sich dort versammelt hatte,
zuwinkte. Links vom Präsidenten erstreckte sich die Dealey Plaza, ein
offenes Parkgelände, das die Westgrenze der Innenstadt von Dallas bildet. Ein Sicherheitsbeamter der Wagenkolonne teilte über Funksprech
seinen Kollegen am Trade Hart mit, der Präsident werde in fünf Minuten
eintreffen.
Sekunden später peitschten in rascher Folge Schüsse auf. Der Präsident griff sich an den Hals. Pur Augenblicke schien er sich aufzubäumen und auf seinem Sitz leicht vornüberzukippen. Ein Geschoß hatte
ihn am Hackenansatz, etwas rechts von der Wirbelsäule getroffen. Es
drang schräg nach unten und trat vorn am Hals wieder aus, wobei es
den Hrawattenknoten des Präsidenten am unteren Ende einriß. Ehe die
Schüsse fielen, hatte sich Gouverneur Connally der Menge auf der
rechten Seite zugewandt. Er begann sich gerade nach links zu wenden,

- 4-

�wenden, als er plötzlich einen Schlag in seinen Kücken verspürte.
Der Gouverneur war von einen Geschoß,getroffen worden, das ganz
rechts an einen Punkt unterhalb der Achselhöhle in seinen Rücken
eindrang. Das Geschoß durchschlug seine Brust.auf seinen Weg schräg nach
vorn unten, trat unter seiner rechten Brustwarze aus, durchdrang
sein rechtes Handgelenk, das auf seinen Schoß gelegen hatte, und
verursachte dann eine Verletzung an linken Oberschenkel. Die Vucht
des Geschosses schien den Gouverneur nach rechts zu schleudern, und
Urs. Connally zog ihn auf ihren Schoß nieder. Ein weiteres Geschoß
traf sodann Präsident Kennedys Hinterkopf und verursachte dabei
eine schwere und tödliche Verletzung. Der Präsident fiel nach links
Urs. Kennedy auf den Schoß.
Der Sicherheitsbeamte Clinton J. Hill, der auf dem Trittbrett
des nachfolgenden Begleitfahrzeuges nitfuhr, hörte ein Krachen, das
der Detonation eines Feuerwerkskörpers ähnelte, und sah, wie der Präsident sich plötzlich vornüber und nach links lehnte. Hill sprang
von Wagen ab und lief auf den Wagen des Präsidenten zu. Auf den Vordersitz des Wagens des Vizepräsidenten, hörte der Sicherheitsbeamte
ioungblood eine Explosion und stellte eine ungewöhnliche Bewegung in
der Menge fest. Er sprang auf den Rücksitz und setzte sich auf den
Vizepräsidenten, un ihn zu schützen. Zur gleichen Zeit wandte sich
der auf den Vordersitz der Präsidentenwagens sitzende Sicherheitsbeamte Kellernan

nach hinten, un nach den Präsidenten zu sehen. Als

Kellernan sah, daß der Präsident getroffen war, gab er den Fahrer Anweisung: H Wir nüssen hier heraus, wir sind getroffen." Das Spitzenfahrzeug des Konvois wies er über Funk an: "Bringen Sie uns sofort
zum Krankenhaus." Der Sicherheitsbeamte Greer beschleunigte das Präsidentenfahrzeug sofort. Während der Wagen

beschleunigte, gelang es

Hill, auf das Heck zu klettern, wo Urs. Kennedy sich festgeklammert
hatte. Hill schob sie auf den Rücksitz des Vagens zurück und deckte
den verwundeten Präsidenten und Mrs. Kennedy mit seinem Körper, während der Wagen des Präsidenten mit hoher Geschwindigkeit zun 6,4 km
entfernten Parkland Memorial Hospital fuhr.
Im

- 5-

�Im Parkland Hospital wurde der Präsident sofort von einer
Gruppe iirzte "behandelt, . die .über das Polizeipräsidium von Dallas
auf die Ankunft des Präsidenten auf Grund eines Funkspruches vorbereitet worden waren, den die Begleitkolonne unmittelbar nach der
Schießerei abgesetzt hatte. Die Arzte stellten unregelmäßige Atembewegungen fest und schlössen eine Herztätigkeit nicht aus, obwohl
sie keinen Puls beobachten konnten. Sie bemerkten eine breite Wunde
am Kopf des Präsidenten und eine kleinere von etwa 6 mm Durchmesser
am unteren Drittel seines Halses. Um die Atmung zu erleichtern, nahmen die Ärzte einen Luftröhrenschnitt vor, wobei sie die Halswunde
erweiterten und eine Kanüle einführten. Ganz von der unmittelbaren
Aufgabe in Anspruch genommen, das Leben des Präsidenten zu erhalten,
wendeten die behandelnden Arzte den Körper des Präsidenten nicht,
um auch seinen Kücken zu untersuchen. Um 1.00 Uhr, nachdem die Herztätigkeit völlig ausgesetzt hatte und ein Priester die letzte Ölung
gegeben hatte, wurde der :Jod des Präsidenten festgestellt. Gouverneur Gonnally wurde operiert und erholte sich später von seinen
schweren Verletzungen.
Als Vizepräsident Johnson vom Tode des Präsidenten erfuhr,
verließ er das Parkland-Krankenhaus unter strenger Bewachung und
begab sich zum Präsidentenflugzeug auf dem Love Pield-Plugplatz.
Urs. Kennedy, die die Leiche ihres Hannes begleitete, bestieg kurz
danach das Plugzeug. Um 14*38 Uhr wurde Lyndon B. Johnson in der
Mittelkabine des Plugzeugs als der 36. Präsident der Vereinigten
Staaten durch Sarah T. Hughes, Richterin am Bundesdistriktsgericht,
vereidigt. Das Flugzeug startete unmittelbar darauf nach Washington
und landete auf dem Andrews-Plugplatz, Maryland, um 17.58 Uhr Ortszeit. Die Leiche des Präsidenten wurde zum national Naval Medical
Genter in Bethesda, Maryland, gebracht, wo eine vollständige pathologische Untersuchung durchgeführt wurde. Bei der Autopsie wurde die
schon im Parkland-Krankenhaus beobachtete große Kopf- sowie die Halswunde festgestellt, die von den Ärzten im Parkland-Krankenhaus erweitert worden war, als sie den Luftröhrenschnitt ausführten. Beide
Wunden wurden in dem Autopsiebericht als "möglicherweise tödlich"

•

- 6-

�tödlich" "bezeichnet. Außerdem wurde durch die Autopsie eine kleine
Einschußwunde an Hinterkopf des Präsidenten festgestellt sowie
eine andere Einschußwunde nahe den Nackenansatz. Der Autopsiebericht gibt als Todesursache "Gewehrschußverletzung, Kopf" an, und
die Kugeln, die den Präsidenten trafen, sind den Bericht zufolge
"von einem rückwärtigen und zum Verstorbenen etwas höher gelegenen
Punkt" abgefeuert worden.
Am Tatort bestand anfänglich eine offensichtliche Verwirrung
in bezug auf die Richtung, aus der die Schüsse kamen. In den Zeugenaussagen wichen die Angaben über die Richtung, aus der die
Schüsse zu hören waren, voneinander ab. In wenigen I'.Iinuten jedoch
konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf das Texas School Book
Depository Building als Herkunftsort der Schüsse. In dem Gebäude
ist eine Privatfirma untergebracht, die "Texas School Book Depository Co.", die Schulbücher von mehreren Verlanen vertreibt und
Räume an Verlagsvertretungen vermietet. Die meisten der im Gebäude
tätigen Angestellten arbeiteten für diese Verlage. Der Rest, darunter 15 Lageristen, war bei der Texas School Book Depository Co.
selbst angestellt.
Mehrere Augenzeugen vor dem Gebäude berichteten, sie hätten
gesehen, wie aus dem in der Südostecke des sechsten Stockwerks gelegenen Fenster des Lagergebäudes der Texas School Book Depository
ein Gewehr abgefeuert worden sei. Der Aurenzeuge Howard L. Brennan
beobachtete die Kolonne von einem Punkt an der Elm Street direkt
gegenüber dem Gebäude mit dem Gesicht zu diesen. Er erklärte unmittelbar danach einem Polizisten, er habe einen schlanken, etwa
1,75 Meter großen Ilann gesehen, Anfang der Dreißigerjähre, der vom
Eckfenster im sechsten Stockwerk aus genau Ziel genommen und ein Gewehr in Richtung auf den Wagen des Präsidenten abgefeuert habe.
Brennan glaubte, er werde in der Lage sein, den llann zu identifizieren, da er ihn an dem Fenster bereits einige Minuten vor den Einbiegen der Wagenkolonne in die Ein Street gesehen habe. Um 12.34 Uhr
bezeichnete der Polizeifunk von Dallas das Lagergebäude als den möglichen Herkunftsort der Schüsse, und um 12.45 Uhr verbreitete der

- 7-

�der Polizeifunk eine Beschreibung des mutmaßlichen Attentäters,
die sich vornehmlich auf die Beobachtungen Brennans stützte.
Als die Schüsse fielen, fuhr ein Polizist der KotorradStaffel,
Harrion L« Baker, innerhalb der Kolonne einige Wagenlängen hinter
dem Präsidenten. Er war von der Main Street nach rechts in die
Houston Street eingebogen und befand sich gerade etwa 60 Meter südlich der Elm Street, als er einen Schuß hörte. Baker, der kurz zuvor
von einem einwöchigen HochwildJagdaufenthalt zurückgekehrt war, war
sicher, daß der Schuß von einem Jagdgewehr herrühre. Er blickte nach
oben und beobachtete, wie Tauben vom Gebäude des Texas School Book
Depository Co.

aufflogen. Er raste sofort zu dem Gebäude, sprang

ab, beobachtete aufmerksam das Gebiet nach Vesten und bahnte sich
einen Weg durch die Zuschauer zum Eingang. Bort stieß er auf Roy
Truly, den Hausmeister des Gebäudes, der ihm seine Hilfe anbot. Sie
betraten gemeinsam das Gebäude und rannten zu den beiden Aufzügen
im rückwärtigen Teil. Da sich gerade beide Aufzugkabinen in einem
höheren Stockwerk befanden, rannten sie die Treppe hinauf. Seit die
Schüsse gefallen waren, waren nicht mehr als zwei Minuten vergangen.
Als sie auf ihrem Weg nach oben im zweiten Stockwerk angekommen
waren, glaubte der Polizist Baker, durch das kleine Glasfenster in
der Tür zwischen der Aufgangshalle und dem kleinen Vestibül, das zur
Kantine führte, jemanden gesehen zu haben. Hit der Pistole in der
Hand stürzte er zur Tür und erblickte etwa in sechs Meter Entfernung
einen llann, der zun anderen Ende der Kantine ging. Der Mann hatte
nichts in der Hand. Auf Bakers Anruf drehte sich der mann um und
kam auf Baker zu. Truly, der Baker bereits zum dritten Stockwerk
vorausgeeilt war, kam zurück, um nachzusehen, weshalb der Polizist
zurückgeblieben war. Baker fragte Truly, ob er den Mann in der Kantine
kenne. Truly erwiderte, daß der llann im Haus arbeite, worauf Baker
den llann stehenließ und zusammen mit Truly nach oben ging. Der Llann,
den sie angetroffen hatten, hatte am 16. Oktober 1963

im

Texas School

Book Depository Building die Arbeit aufgenommen. Seine Kollegen beschrieben ihn als sehr ruhig - als einen "Einzelgänger". Sein Käme
war Lee Harvey Oswald.
Binnen

- 8 -

�Binnen einer Minute nach seinem Zusammentreffen mit Baker und
Truly wurde Oswald gesehen, als er durch die Büroräume im zweiten
Geschoß ging. In seiner Hand "befand sich eine gefüllte Coca-ColaFlasche, die er einem Verkaufsautomaten in der Kantine entnommen
hatte. Er befand sich auf dem Wege zur Stirnseite des Gebäudes, wo
ein Personenaufzug sowie ein paar Treppen den Zugang zum Haupteingang im ersten Stockwerk des Gebäudes gestatteten. Etwa sieben Minuten später, gegen 12.40 Uhr, bestieg Oswald an einem Punkt der Elm
Street, der sieben kurze Häuserblocks entfernt östlich von dem Lagerhaus lag, einen Bus. Der Bus fuhr in westlicher Richtung auf das Gebäude zu, aus dem Oswald gerade gekommen war. Die Buslinie führte
durch den Stadtteil Oak Cliff im südwestlichen Teil von Dallas, sieben Straßenblocks östlich der Pension im Hause Hr. 1026 der North
Beckley Avenue, wo Oswald wohnte. Im Bus befand sich Urs. Mary Bledsoe, eine frühere Zimmerwirtin Oswalds, die diesen sofort erkannte.
Oswald hielt sich etwa drei oder vier Minuten in dem Bus auf, der in
dieser Zeitspanne wegen der Verkehrsstauung, die durch die Fräsidentenkolonne sowie durch das Attentat verursacht worden war, lediglich zwei Straßenblocks weitergekommen war. Oswald verließ

dann den

Bus.
Wenige Minuten später bestieg er vier Blocks weiter ein freies
Taxi und bat den Fahrer, ihn an einem Punkt der North Beckley Avenue,
mehrere Blocks von seiner Pension entfernt, abzusetzen. Die Fahrt
dauerte fünf oder sechs Minuten. Etwa um 13*00 Uhr kam Oswald in der
Pension an. Die Verwalterin, Mrs. Earlene Roberts, Tfar erstaunt, Oswald um die Mittagszeit zu sehen, und sagte zu ihm, er müsse wohl in
ziemlicher Eile sein. Sie erhielt jedoch keine Antwort. Wenige Minuten darauf kam Oswald wieder aus seinem Zimmer, zog den Reißverschluß
seiner Jacke zu und eilte aus dem Haus.
Ungefähr 14 Minuten danach, und genau 45 Minuten nach dem i.Iordanschlag, ereignete sich in Dallas eine weitere Schießerei. Das
Opfer war der Streifenpolizist J.D. Tippit von der Polizei in Dallas,
ein Beamter, der sich in den mehr als elf Jahren seiner Polizeidienstzeit stets gut geführt hatte. Er wurde an der Einmündung der Tenth

- 9-

�•Tenth Street in die Patton Avenue erschossen, etwa 1,5 Kilometer
von Oswalds Pension entfernt. Zun Zeitpunkt der Ermordung befand
sich Tippit allein in seinem Streifenwagen - eine Besetzung, wie
sie bei den meisten Polizeiwagen in Dallas um diese Tageszeit
üblich ist. Um 12.45 Uhr hatte er über Punk den Befehl erhalten,
zum Zentrum des Ste

eils Oak Cliff weiterzufahren, als Teil der

I.laßnahmen zur Abriegelung des Stadtzentrums von Dallas durch Polizeifahrzeuge nach dem Attentat. Um 12.54 Uhr gab Tippit durch, daß
er die Order ausgeführt habe und auf weitere Einsatzbefehle warte.
Bis dahin hatte der Polizeifunk mehrere Durchsagen über den mutmaßlichen Täter gemacht, wie Brennan ihn am Tatort beschrieben hatte
- ein schmaler, bleicher Mann, ungefähr 30 Jahre alt, ca. 1,75 Meter
groß und 75 Kilo schwer.
Etwa um 13*15 Uhr fuhr Tippit langsam in östlicher Richtung
auf der Ostseite der Tenth Street in Oak Cliff. Zirka 30 Meter hinter
der Kreuzung Tenth Street - Patton Avenue rollte er an den Gehsteig
heran, auf dem ein Mann in gleicher Richtung lief. Auf ihn hätte die
Beschreibung für den im Zusammenhang mit dem Mordanschlag gesuchten
Mann passen können. Er ging auf Tippits Wagen zu, stützte seine Arme
auf die Tür an der rechten Wagenseite und sprach

offensichtlich

durch das Fenster mit Tippit. Dieser öffnete die Tür auf der linken
Seite, stieg aus und setzte an, um seinen Vagen vorn herumzugehen.
Als er die Höhe des Vorderrads auf der Fahrerseite erreicht hatte,
zog der Mann auf dem Gehsteig einen Revolver und gab in schneller
Folge mehrere Schüsse ab; Tippit wurde viermal getroffen und war auf
der Stelle tot. Der Automechaniker Domingo Benavides hörte die Schüsse;
er brachte seinen Lieferwagen auf der anderen Straßenseite etv/a siebeneinhalb Meter vor Tippits Wagen zum Stehen. Er sah, daß der Schütze
zur Patton Avenue zurückging, während er die leeren Patronenhülsen
aus dem Revolver holte. Benavides eilte zu Tippit hinüber. Der Polizist war

off einsichtlich tot und lag auf seinem Revolver, der aus

dem Halfter genommen war. Benavides benutzte die Funkeinrichtung in
Tippits Wagen und gab sofort den Vorfall an das Polizeipräsidium
durch. Die Meldung wurde dort kurz nach 13*1 6 Uhr empfangen.
Der
- 10 -

�Der Schütze entfernte sich vom Schauplatz, eilte zur Patton
Avenue zurück, bog dort links ein und lief in südlicher Richtung
weiter. An der Hordwestecke Tenth Street und Patton Avenue stand
Helen Markham, die die Patton Avenue in Richtung Süden entlangging
und gesehen hatte, wie beide, der Mörder und Tippit, vor ihr die
Kreuzung passierten, als sie stehenblieb, um vor dem Überschreiten
der Straße den Verkehr vorüberzulassen. Sie war Zeuge der Schießerei
geworden und hatte gesehen, wie der Mann mit der Pistole in der Hand
zurückging, dabei den V/eg über den Rasen des Eckhauses nahm, bevor
er in die Patton Avenue einbog und dort in südlicher Richtung weiterlief.
Im Eckhaus selbst hörten Urs. Barbara Jeanette Davis und ihre
Schwägerin, Urs« Virginia Davis, die Schüsse und eilten zur Tür, gerade noch rechtzeitig, um den Mann über den Rasen laufen zu sehen;
er schüttelte einen Revolver, als ob er Patronenhülsen herausleeren
wollte. Später am gleichen Tag fand jede der beiden Frauen in der
Nähe des Hauses eine Patronenhülse. Als der Schütze um die Ecke bog,
lief er an einem Taxi vorbei, das auf der Patton Avenue, einige Meter
von der Tenth Street entfernt, parkte. Der Fahrer, William T&gt;7. Scoggins,
hatte die Mordtat miterlebt und stand nun geduckt hinter seinen Wagen
am Straßenrand. Als der Schütze durch das Gebüsch auf dem Rasen lief,
blickte Scoggins auf und sah den Mann etwa 4 Meter von sich entfernt.
Er hatte eine Pistole in der Hand und sprach Vorte vor sich hin, die
wie "poor dumb cop" (armer dummer Polizist) oder "poor damn cop" (armer

verdammter Polizist) klangen.

Nachdem der Schütze an Scoggins vorbei war, überquerte er die
Patton Avenue zur westlichen Straßenseite und lief in südlicher Richtung zum Jefferson Boulevard, einer Hauptdurchgangsstraße im Stadtteil Oak Cliff. Auf der Ostseite der Patton Avenue, zwischen der
Tenth Street und dem Jefferson Boulevard, hatte Ted Callaway, ein
Gebiauchtwagenhändler, die Schüsse gehört und lief auf den Gehsteig.
Als der Mann mit der Pistole vorbeirannte, rief Callaway: "ITas ist
hier los?" Der Mann zuckte nur die Achsel, rannte weiter'zürn Jefferson Boulevard und bcg nach rechts ein. An der nächsten Straßenecke

- 11 -

�Straßenecke war eine Tankstelle mit einem Parkplatz dahinter. Der
Mörder lief auf den Parkplatz, warf seine Jacke weg und setzte
dann seine Flucht auf der Westseite des Jefferson Boulevard fort.
In einem Schuhgeschäft, ein paar Querstraßen weiter westlich
im Jefferson Boulevard, hörte der Geschäftsführer, Johnny Calvin
Brev:er, die Sirene eines Polizeiwagens wenige Augenblicke, nachdem
über das Radio in seinem Laden die Erschießung des Polizisten in Oak
Cliff geneidet worden war. Brewer sah einen kann, der rasch in den
Eingang zum Laden lief und dort mit dem Rücken zur Straße stehenblieb. Als der Polizeiwagen umkehrte und den heg in kichtung auf
den Ox-t zurückfuhr, wo Tippit erschossen worden war, ging der Mann
weg, und Brewer folgte ihm. Er sah ihn in das [Texas Theatre, ein
etwa 20 Heter entferntes kino, gehen, ohne eine Eintrittskarte zu
kaufen. Brewer machte die Kassiererin, Urs. Julia Postal, darauf
aufmerksam, die die Polizei rief. Es war wenige Minuten nach 13*40
Uhr.
Um 13*29 hatte der Polizeifunk auf die Ähnlichkeit in den Beschreibungen des Verdächtigen im Pall der Erschießung Tippits und
des Mordes am Präsidenten hingewiesen« Um 13*45 Uhr gab der Polizeifunk auf den Anruf Urs. Postals hin die Alarmmeldung. "Haben Meldung,
daß ein Verdächtiger gerade in das Texas Theatre auf der Westseite
des Jefferson Boulevard gegangen ist." In wenigen Minuten war das
kino umstellt. Bann wurde die Beleuchtung im Zuschauerraum eingeschaltet. Polizist II.II. kcLonald und mehrere andere Beamte vom Streifendienst gingen auf den kann zu, der ihnen von Brewer bezeichnet
worden war.
kcDonald forderte den Mann auf, aufzustehen, und hörte ihn dann
sagen: "Hun ist alles vorbei." Ber kann zog mit einer Hand eine Pisto
le aus der Hemdbluse und versetzte mit der anderen Hand dem Beamten
einen Schlag. I.IcDonald schlug mit der rechten Hand zu und bekam mit
der linken die Pistole zu fassen. Nach einem kurzen Handgemenge entwaffneten I.IcDonald und einige andere Streifenbeamte den Verdächtigen,
legten ihm Handschellen an und fuhren mit ihm zum Polizeipräsidium,
wo sie gegen 14*00 Uhr ankamen.
Nach
- 12 -

�Nach der Ermordung des Präsidenten waren auf Grund der vielen
Punkdurchsagen, denen zufolge die Schüsse aus dem Texas School Book
Depository abgegeben worden sein sollten, Polizeiwagen zu dem Gebäude gerast. Inspektor J. Herbert Sawyer vom Polizeipräsidium von
Dallas befand sich, kurz nachdem er um 12.34 Uhr die erste dieser
Polizeifunkmeldungen gehört hatte, an Ort und Stelle. Einige der
Polizeibeamten, die für die Zeit der Durchfahrt der Kolonne in die
Houston und Elm Street beordert worden waren, sprachen mit Augenzeugen und beobachteten das Gebäude, als Sawyer eintraf. Sawyer betrat
den Bau und fuhr mit einem Personenaufzug in das vierte Stockwerk,
bis zu dem dieser Aufzug ging. Er nahm die Örtlichkeit kurz in
Augenschein, kehrte zum Erdgeschoß zurück und ordnete - etwa zwischen 12.37 und 12.40 Uhr - an, daß niemand das Gebäude verlassen
dürfe.
Kurz vor 13.00 Uhr traf Capt. J. Will Pritz, Chef des Mord- und
Raubdezernats des Polizeipräsidiums von Dallas, ein, um die Untersuchung zu übernehmen. Bei der Durchsuchung des sechsten Stockwerks bemerkte Sheriff Luke Llooney einen Stapel von Kartons in der südöstlichen Ecke. Er zwängte sich durch den Kartonstapel hindurch und erkannte sofort, daß er die Stelle entdeckt hatte, von der aus die Schüsse
abgegeben worden waren. Auf de

Boden lagen drei leere Patronenhülsen.

Ein Karton war offenbar an der Seite des Fensters auf den Boden gepackt
worden, von der aus eine auf dem Karton sitzende Person die Elm Street
in Richtung auf die Straßenunterführung im Auge behalten konnte und
von draußen kaum wahrzunehmen war. Zwischen diesem Karton und dem halböffneten Fenster waren drei weitere Kartons so zueinander plaziert,
daß ein auf dem obersten Karton ruhendes Gewehr direkt auf die Fahrzeugkolonne gerichtet war, während sich diese von dem Gebäude entfernte. Der hohe Stapel von Kartons, der zuerst die Aufmerksamkeit
Kooneys erregte, schirmte eine am Fenster stehende Person gegen jede
Sicht von Flur her ab.
Die Entdeckung llooneys führte zu einer Intensivierung der Suche
nach weiterem Bevreismaterial im sechsten Stockwerk, und um 13&gt;22 Uhr,
etwa 10 Minuten nach der Auffindung der Patronenhülsen, richtete

- 13 -

�richtete der stellvertretende Sheriff Eugene Boone seine Taschenlampe auf zwei Kartonreihen in der Nordwesteoke nahe dem Treppenhaus. Zwischen den beiden Reihen stak ein Mehrladegewehr mit Zielfernrohr. Das Gewehr wurde nicht "berührt, bevor es fotografiert
war» Als Lt. J.C. Day vom Erkennungsdienst der Polizei feststellte,
daß der Holzschaft und der Metallknopf am Ladehebel keine Fingerabdrucke aufwiesen, hielt er das Gewehr am Schaft fest, während
Capt. Fritz durch Betätigung des Ladehebels eine scharfe Patrone
herausspringen ließ. Lt. Day stellte sogleich fest, daß das Gewehr
selbst die Seriennummer "G2766" sowie die Kennzeichen "1940"» "Made
in Italy" und "Cal. 6.5"

trug. Das Gewehr war da* 100 cm lang und

konnte zerlegt in einem handgefertigten Papierbehälter untergebracht werden, der nach dem Kord in der Südostecke des Gebäudes, nur
wenige Meter von den Patronenhülsen entfernt, gefunden wurde.
Als Fritz und Day im sechsten Stockwerk mit der Untersuchung
dieses Gewehres befaßt waren, trat Roy Truly, der Hausverwalter, hinzu, um eine Information zu übermitteln, von der er das Gefühl hatte,
daß sie der Polizei zur Kenntnis gebracht werden sollte. Truly hatte
vorher, während die Polizisten die Angestellten verhörten, festgestellt, daß Lee Harvey Oswald, einer der 15 Männer, die in dem Waren«
haus beschäftigt waren, fehlte. Nachdem Truly Oswalds Kamen, Adresse
und allgemeine Personenbeschreibung der Polizei zur Verfügung gestellt
hatte, begab sich Fritz zum Polizeipräsidium. Kr traf kurz nach 14.00
Uhr im Präsidium ein und beauftragte zwei Kriminalbeamte, den Angestellten, der im Lagerhaus des Texas School Book Deposiiorry nicht
zugegen gewesen war, festzunehmen. In der Nähe standen die Polizeibeamten, die gerade mit einem Kann eingetroffen waren, den sie im
Texas Theatre festgenommen hatten. Als Fritz den Kamen des fehlenden
estellten erwähnte, erfuhr er, daß sich der Mann bereits im Verhörraum befand. Der fehlende Angestellte des School Book Depository
und der Verdächtige, der im Texas Theatre festgenommen worden war,
•an ein und dieselbe Person: Lee Harvey Oswald.
Der

- 1' -

�Der Verdächtige, den Fritz im Begriff war im Zusammenhang mit
der Ermordung des Präsidenten und den Mord an einem Polizisten ins
Verhör zu nehmen, war am 18. Oktober 1959 in Lew Orleans, zwei
Monate nach dem Tode seines Vaters, geboren. Seine Mutter, Marguerite
Claverie Oswald, hatte noch zwei altere Kinder. Das eine, John Pic,
war ein Stiefbruder Leos aus einer früheren geschiedenen Ehe. Das
andere war Robert Oswald, fünf Jahre älter als Lee und dessen leiblicher Bruder. Als Lee Oswald drei Jahre alt war, gab ihn Lrs . Oswald in ein ',.L.isenhaus, wo sein Stiefbruder und sein Bruder bereits
lebten. Sie tat dies in erster Linie, weil sie berufstätig r.'ar.
Im Januar 1944» als Lee vier Jahre alt war, wurde er aus dem
'.Waisenhaus genommen, und kurz danach zog seine Lutter mit ihm nach
Dallas in Texas um, wo die beiden älteren Jungen nach Abschluß des
Schuljahres ebenfalls eintrafen. Im Mai 1945 heiratete Llarguerite
Oswald ihren dritten Mann, Edwin A. Ekdahl. Während die beiden älteren Jungen ein Lilitärinternat besuchten, lebte Lee zu Hause und entwickelte eine warme Zuneigung zu Ekdahl; er begleitete seine Mutter
und seinen Stiefvater gelegentlich auf Geschäftsreisen. Lee wurde in
Benbrook in Texas eingeschult. Aber nachdem sich seine Mutter im
Herbst 1946 von Ekdahl getrennt hatte, ließ sie ihn noch einmal in
der ersten Klasse in Covington in Louisiana anfangen. Im Januar 1947
- Lee befand sich immer noch in der ersten Klasse - verzog die Familie
nach Fort Lorth in Texas, nachdem es zu einem Aussöhnungsversuch zwischen Ekdahl und Lees Mutter gekommen war. Anderthalb Jahre später,
- Lee war noch nicht ganz neun Jahre alt - wurde seine Lutter von ihrem dritten Mann, Ekdahl, auf dessen Betreiben hin geschieden. In den
folgenden fünfeinhalb Jahren in Fort Vorth zeigte Lee in der Schule
durchschnittliche Leistungen, die sich allerdings von Jahr zu Jahr
im allgemeinen verschlechterten. Lehrer und andere Personen, die ihn
in jener Zeit gekannt hatten, wissen nichts von ungewöhnlichen persönlichen Zügen oder Eigenschaften zu berichten.
Eine weitere Veränderung ergab sich für Lee Oswald im August 1952,
einige Monate nach Beendigung der sechsten Schulklasse . Larguerite

- 15 -

�Marguerite Oswald und ihr zwölfjähriger Sohn zogen nach New York,
wo Ilarguerites ältester Sohn, John Pic, bei der Küstenwacht diente.
Die folgenden eineinhalb Jahre in New York waren durch die Weigerung Oswalds, die Schule zu besuchen, und durch emotionelle und
psychologische Probiene gekennzeichnet, die anscheinend ernster
Natur waren. Da Lee ein notorischer Schulschwänzer geworden war,
wurde er im Youth House beobachtet, einer New Yorker Anstalt für
Jugendliche, die die Schule nicht regelmäßig besuchten oder mit dem
Gesetz in Konflikt geraten waren und offenbar psychiatrisch beobachtet werden mußten oder anderweitig der Führung bedurften. Die
mit dem Fall betraute Sozialhelferin bezeichnete ihn als "stark abgesondert", "in sich zurückgezogen"

und bemerkte "auch recht er-

freuliche, anziehende Eigenschaften an diesem seelisch hungernden, gefühlskalten Jungen". Lee hatte gegenüber der Sozialhelferin, geäußert,
seine Hutter liebe ihn nicht und betrachte ihn als Bürde. Er bildete
sich dann und wann ein, alle Macht zu haben und Menschen weh zu tun,
aber während seiner Aufenthalts im Jugendheim stellte sein Verhalten
offensichtlich keine Probleme. Er schien in sich gekehrt und menschenscheu, ein Junge, der lieber für sich allein blieb und seine
Zeit mit Lesen und Fernsehen verbrachte. Bei den Tests zeigte sich,
daß er in bezug auf Intelligenz über dem Durchschnitt seiner Altersgruppe lag. Der leitende Psychiater des Jugendheimes diagnostizierte
die Schwierigkeiten Lees mit "Störung des Persönlichkeitsbildes mit
schizoiden Zügen und passiv-aggressiven Tendenzen". Er schloß mit
der Bemerkung, daß es sich bei dem Jungen um "einen emotionell erheblich gestörten Jugendlichen" handele und er psychiatrische Behandlung empfehle.
Im Hai 1955» nach einem dreiwöchigen Aufenthalt im Jugendheim,
kehrte Lee Oswald zur Schule zurück, die er vorübergehend wieder
regelmäßiger und mit besserem Erfolg besuchte. Im darauffolgenden
Herbst berichtete jedoch der Bewährungshelfer, daß sich praktisch
jeder Lehrer über das Verhalten des Jungen beschwere. Seine Mutter
hielt daran fest, daß der Junge keine psychiatrische Führung benötige.
Obgleich sich in den nächsten Monaten das Verhalten Lees offenbar

- 16 -

�offenbar etwas gebessert hatte, empfahl das Gericht weitere" Behandlung. Im Januar 1954» als Lees Fall noch anhängig war, zog
Ilarguerite mit Lee nach New Orleans, seiner Geburtsstadt, um.
Nach seiner Rückkehr nach New Orleans erhielt Lee mittelmäßige Zensuren, hatte offensichtlich aher keine Verhaltensschwierigkeiten. Nachbarn und andere, die ihn außerhalb der Schule kennenlernten, erinnerten sich an ihn als einen stillen, einzelgängerischen und introvertierten Jungen, der viel las und dessen Wortschatz
ihn recht sprachgewandt machte. Etwa einen Monat nachdem er in die
10. Klasse versetzt worden war, und 11 Tage vor seinem 16. Geburtstag im Oktober 1955 brachte er ein angebliches Schreiben seiner
Mutter

mit in die Schule, in dem es hieß, seine Familie ziehe nach

Kalifornien um. Das Schreiben stammte von Lee selbst. Ein paar Tage
später ging er von der Schule ab und versuchte fast unmittelbar
danach, ins Marinekorps einzutreten. Da er erst 16 Jahre alt war,
wurde er zurückgewiesen.
Nachdem er die Schule verlassen hatte, nahm Lee während der
nächsten zehn Monate in New Orleans mehrere Stellen als Bürobote
oder Gehilfe an. Um diese Zeit begann er auch mit der Lektüre kommunistischer Literatur. In Unterhaltungen pries er gelegentlich den
Kommunismus und sprach zu Kollegen von seinem Wunsch, der kommunistischen Partei beizutreten. Etwa zu diesem Zeitpunkt - er war noch
nicht siebzehn - schrieb er an die Socialist Party of America und
bekundete seinen Glauben an den Marxismus.
Ein weiterer Ortswechsel folgte im Juli 1956, als Lee mit seiner Mutter nach Fort Worth zurückkehrte. Wieder besuchte er die
Oberschule, ging jedoch nach ein paar Monaten erneut ab und wurde
am 24» Oktober 1956, sechs Tage nach seinem 17« Geburtstag, ins
Marinekorps aufgenommen. Am 21. Dezember 195&amp; erreichte Oswald während seiner Grundausbildung in San Diego beim Schießen mit dem
M-1-Karabiner eine Wertung von 212 Punkten - zwei Punkte mehr, als
für eine Einstufung als "Scharfschütze" in der Leistungsskala
Marksman/Sharpshooter/Expert

(Meisterschütze/Scharfschütze/Leistungs-

- 17 -

�Leistungsschütze) erforderlich sind. Nach seiner militärischen
Grundausbildung erhielt Oswald eine Ausbildung in Grundlagen der
Flugtechnik und in Radarbeobachtung.
Die Mehrzahl der Personen, die Oswald vom Marinekorps her
kannten, beschreiben ihn als einen "Einzelgänger", der sich von
anderen nicht gerne Befehle erteilen ließ. Er verbrachte einen
großenTeil seiner Zeit mit Lesen. Er wurde einmal wegen des Besitzes
einer nicht angemeldeten eigenen Waffe vor ein Militärgericht gestellt und ein weiteres Mal, weil er einem Unteroffizier gegenüber
herausfordernde Reden geführt hatte. Im ganzen gesehen war er jedoch in der Lage, sich in die Disziplin des Marinekorps einzufügen,
wenngleich seine im Liarinekorps genachten Erfahrungen den von ihm
gehegten Erwartungen nicht entsprachen.
Oswald diente 15 Monate - bis zum November 1958 - ira Ausland,
die meiste Zeit davon in Japan. Während seines letzten Marinekorpsjahres war er überwiegend in Santa Ana in Kalifornien stationiert,
wo er ein auffallendes Interesse an der Sowjetunion zeigte und manchmal mit dogmatischer Überzeugung politisch radikale Ansichten vertrat. Oswald nahm am 6. Mai 1959 erneut an einem Übungsschießen mit
dem M-1-Karabiner teil und erzielte diesmal auf kürzere Entfernung
eine Wertung von 191 Punkten, ein Ergebnis, das nur um einen Punkt
über dem für einen "Meisterschützen" geforderter Minimum lag. Nach
den Aussagen seiner Kameraden vom Marinekorps zeigte Oswald kein
besonderes Interesse an seiner Schießleistung, und von seiner Einheit
wurde nicht die übliche Schießleistung erwartet. In dieser Zeit äußerte er große Bewunderung für Fidel Castro und zeigte sich daran interessiert, in die kubanische Armee einzutreten. Er versuchte bei seiner Umgebung den Eindruck eines Intellektuellen hervorzurufen, doch
manchen erschienen seine Gedanken seicht und starr.
Oswalds Dienstzeit im Marinekorps endete am 11. September 1959«
An diesem Tage wurde er auf sein Gesuch hin einige Monate vor der
planmäßigen Entlassung freigestellt. Als Gründe für sein Ausscheiden

- 18 -

�Ausscheiden führte er den schlechten Gesundheitszustand und die
schwierige wirtschaftliche Lage seiner Mutter an. Er kehrte nach
Fort Worth zurück, blieb jedoch nur drei Tage bei seiner Mutter
und fuhr dann nach New Orleans, wobei er seiner Mutter erklärte,
daß er dort im Versand- oder Import-Exportgeschäft arbeiten wolle.
In New Orleans buchte er auf dem am 20. September 1959 "von New
Orleans nach Le Havre in Frankreich auslaufenden Frachter "SS
Marion Lykes" eine Überfahrt.
Lee Harvey Oswald hatte diesen Schritt in seinem Leben vermutlich seit geraumer Zeit geplant. Im März 1959 hatte er an das Albert-Schweitzer-College in der Schweiz ein Aufnahmegesuch für das
im Frühjahr 1960 beginnende Semester gerichtet. Sein Bewerbungsschreiben enthielt viele eklatante Unwahrheiten, was seine Qualifizierung und seinen Werdegang anbetraf. Einige Wochen vor seiner
Entlassung hatte er einen Pass beantragt und erhalten, wobei er die
Sowjetunion als eines der Länder anführte, die er besuchen wollte.
Während seiner Dienstzeit im Marinekorps hatte er eine verhältnismäßig große Summe - möglicherweise sogar 1500 Dollar - erspart, was,
wie man annehmen muß, nur durch ein bemerkenswert bescheidenes
Leben möglich war und offensichtlich für einen bestimmten Zweck erfolgte.
Der Zweck, für den diese angesparte Summe verwandt werden sollte, wurde bald bekannt. Am 16. Oktober 1959 traf Oswald in Moskau
ein. Er hatte die sowjetische Grenze von Finnland kommend überquert
und sich dabei ein Visum für einen sechstägigen Aufenthalt in der
Sowjetunion beschafft. Er stellte sofort einen Einbürgerungsantrag.
Am Nachmittag des 21. Oktober 1959 wurde Oswald aufgefordert, die
Sowjetunion noch am selben Tage bis acht Uhr abends zu verlassen.
Am gleichen Nachmittag brachte sich Oswald in seinem Hotelzimmer
bei einem offensichtlichen Selbstmordversuch einen Schnitt am
linken Handgelenk bei. Er wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht.
Am 31• Oktober - drei Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus - erschien Oswald in der amerikanischen Botschaft, erklärte,
daß er seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben und russischer

- 19 -

�russischer Staatsbürger werden wolle, und überreichte dem Botschaftsvertreter eine von ihm für diesen Anlaß angefertigte schriftliche
Erklärung. Nach den Gründen für seinen Schritt befragt, erwiderte
Oswald: "Ich bin ein Uarxist." Oswald hat die erforderlichen Schritte,
die für eine Aufgabe der amerikanischen Staatsbürgerschaft erforderlich sind, in ihren Formalitäten niemals erfüllt. Die Sowjetunion
lehnte sein Einbürgerungsgesuch ab, doch erhielt er im Januar 196O
die Erlaubnis, weiterhin auf der Basis einer von Jahr zu Jahr zu
erneuernden Genehmigung in der Sowjetunion zu bleiben. Gleichzeitig
wurde Oswald nach Minsk geschickt, wo er als ungelernter Arbeiter
in einer Radiofabrik arbeitete. Im Januar 1961 wurde seine Aufenthaltsgenehmigung für die Sowjetunion um ein weiteres Jahr verlängert.
Eine Wochen später - im Februar 1961 - schrieb er an die amerikanische Botschaft in Moskau und gab seinem V/unsch Ausdruck, in die
Vereinigten Staaten zurückzukehren.
Im folgenden Monat lernte Oswald dann eine neunzehnjährige
Russin, Marina Nikolajewna Prusakowa, kennen. Sie war Pharmazeutin
und in Leningrad aufgewachsen, lebte damals aber bei einer Tante
und einem Onkel in Minsk. Sie heirateten am JO. April 1961« Bas ganze
folgende Jahr hindurch korrespondierte Oswald mit amerikanischen und
sowjetischen Behörden in dem Bemühen, für sich und seine Frau die Genehmigung zur Ausreise nach den Vereinigten Staaten zu erhalten. Im
Rahmen dieser Bemühungen suchten Oswald und seine Frau im Juli 1961
die amerikanische Botschaft in Moskau auf. Die Botschaft kam in erster Linie auf Grund eines Interviews und eines Fragebogens, der
dort vervollständigt wurde« zu dem Schluß, daß Oswald seine Staatsbürgerschaft nicht verloren hatte - eine Entscheidung, die dann auch
vom Außenministerium in Washington, D.C., bestätigt wurde« Nach ihrer
Rückkehr nach Minsk beantragten Oswald und seine Frau bei den sowjetischen Behörden die Genehmigung, zusammen ausreisen zu dürfen. Ihr
offizieller Antrag wurde im Juli 1961 gestellt, und am 25» Dezember
1961 wurde Marina Oswald dahin gehend unterrichtet, daß ihrea Antrag
stattgegeben würde« Im Februar 1962 bekamen Oswalds eine Tochter. In
den folgenden Monaten bereiteten sie sich auf ihre Rückkehr in die

- 20 -

�die Vereinigten Staaten vor. Am 9« Hai 1962 stimmte die amerikanische EinwanderungsDehörde auf Ersuchen des Außenministeriums der
Aussetzung einer gesetzlichen Bestimmung zu, die die Ausstellung
eines amerikanischen Visums für Oswalds russische Frau verhindert
haben würde, solange sie die Sowjetunion nicht verlassen hatte.
Schließlich verließen

die Oswalds am 1. Juni 1962 Hoskau, und sie

erhielten hierbei Hilfe von Seiten des Außenministeriums in Form
eines Kredits über 435&gt;71 Dollar zur Bestreitung ihrer Reisekosten.
Zwei Wochen später trafen sie in Fort Worth in Texas ein.
Einige Wochen lang lebten Oswald, seine Frau und das Kind bei
Oswalds Bruder Robert. Anschließend wohnten sie etwa die gleiche
Zeit bei Oswalds llutter, bis sie Anfang August in eine eigene Wohnung zogen. Oswald erhielt am 16. Juli eine Anstellung als Arbeiter in einer Fabrik für I.Ietallbleche. Während dieser Zeit in Fort
Worth wurde Oswald zweimal von Beamten des Bundeskriminalamtes interviewt. Der Bericht über das erste Interview, das am 26. Juni stattfand, beschreibt ihn als arrogant Und nicht willens, über die Gründe
zu sprechen, warum er nach der Sowjetunion gegangen war. Oswald bestritt, daß er in irgendeiner Form für den sowjetischen Geheimdienst
tätig sei, und sagte zu, daß er das Bundeskriminalamt unterrichten
werde, falls sich jemals sowjetische Vertreter mit ihm in Verbindung
setzen würden. Oswald hatte am 16. August ein zweites Interview, bei
dem er eine weniger feindselige Haltung zeigte und bei dem er sich
erneut bereit erklärte, das Bundeskriminalamt über jeden Versuch zu
unterrichten, ihn für eine Geheimdiensttätigkeit anzuwerben.
Anfang Oktober 1962 gab Oswald seinen Arbeitsplatz in der Metallblechfabrik auf und zog nach Dallas. Als sie noch in Fort Worth lebten, wurden die Oswalds in eine Gruppe russisch sprechender Amerikaner aus dem Kaum Dallas - Fort Worth eingeführt. Viele von ihnen halfen den Oswalds, indem sie ihnen kleine Hangen an Lebensmitteln, Bekleidung und Haushaltsgegenständen zukommen ließen. Oswald selbst
war bei den meisten Angehörigen dieser Gruppe nicht beliebt, deren
Hilfe für die Familie in erster Linie aus Sympathie für Marina

- 21 -

�Marina Oswald und das Kind erfolgte. Trotz der Tatsache, daß Oswald die Sowjetunion aus Enttäuschung über deren Regierung verlassen hatte, schien Oswald fester denn je zuvor zu seinen marxistischen Konzeptionen zu stehen. Er zeigte Verachtung für die
Demokratie, den Kapitalismus und die amerikanische Gesellschaftsform im allgemeinen. Er war äußerst kritisch gegenüber der Gruppe
der russisch sprechenden Amerikaner, weil sie sich den amerikanischen Auffassungen von Demokratie und Kapitalismus verschrieben
zu haben schienen und bestrebt waren, ihre wirtschaftliche Lage zu
verbessern.
Im Februar 19^3 begegneten die Oswalds Ruth Paine auf einer
gesellschaftlichen Veranstaltung. Ruth Paine, die von ihrem Kann
zeitweilig getrennt lebte, wohnte zusammen mit ihren beiden Kindern
in Irving in Texas, einem Vorort von Dallas. Auf Grund ihres Interesses an der russischen Sprache und ihrer Zuneigung zu Marina Oswald , die kein Englisch sprach und nur über geringe finanzielle
Uittel verfügte, freundete sich Ruth Paine mit llarina an und besuchte sie während der nächsten zwei Monate verschiedentlich.
Am 6. April 1 9£&gt;3 verlor Oswald seinen Arbeitsplatz bei einer
Photofirma. Eüge Tage später, am 10. April, versuchte er, den aus
der Armee ausgeschiedenen Generalmajor Edwin A. Walker zu ermorden.
Hierfür benutzte er ein Gewehr, das er per Post einen Ilonat vorher
unter falschem Kamen bestellt hatte. Llarina Oswald erfuhr von der
Tat ihres Hannes, als sie ihm eine Notiz vorhielt, die er zurückgelassen hatte und die Verhaltensanweisungen für den Fall enthielt,
daß er nicht zurückkommen sollte. Dieser Vorfall sowie ihre allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten veranlaßten Marina Oswald,
ihrem Mann den Vorschlag zu machen, Dallas zu verlassen und nach
New Orleans zu gehen, um dort einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.
Oswald machte sich am 24« April 1963 auf den Weg nach New Orleans.
Ruth Paine, die von dem Anschlag auf Walker nichts wußte, lud Llarina
Oswald ein, sich zusammen mit ihrem Baby so lange in dem bescheidenen

- 22 -

�bescheidenen Hein der Paines aufzuhalten, wie Oswald in New
Orleans Arbeit suchte. Anfang Hai, nachdem ihr Oswald mitgeteilt
hatte, daß er einen Arbeitsplatz gefunden habe, fuhr Ruth Paine
mit ihrem Wagen Marina Oswald und das Baby nach New Orleans, um
sie wieder mit Oswald zusammenzuführen.
Während seines Aufenthalts in New Orleans gründete Oswald
eine fiktive Ortsgruppe des "Fair Play for Cuba Committee". Ex trat
als Sekretär dieser Organisation auf und erklärte, daß A.J. Hidell
der Präsident sei. Tatsächlich jedoch handelte es sich bei Hidell
um eine fiktive, von Oswald erfundene Person, und Oswald selbst
war das einzige Mitglied dieser Organisation« Am 9« August wurde
Oswald nach einem Handgemenge verhaftet, das sich ereignete, als
Oswald Castro-freundliche Plugblätter verteilte. Am nächsten Tag
wurde Oswald auf der Polizeiwache von einem FBI-Beamten vernommen,
nachdem er zuvor die Polizei um ein solches Gespräch ersucht hatte.
Oswald erteilte dem Beamten falsche Auskünfte über sein Vorleben
und gab ausweichende Antworten auf Fragen über die Tätigkeit des
"Fair Play for Cuba Committee". In den nächsten beiden Wochen war
Oswald zweimal im Radio zu hören, wobei er angab, der Sprecher dieses Komitees für New Orleans zu sein.
Am 19» Juli 1963 verlor Oswald seine Arbeit als Schmierer von
Kaffeeröstmaschinen. Im September, nach einem Briefwechsel mit
Marina Oswald, fuhr Ruth Paine nach New Orleans und brachte am 23»
September Marina, das Rind und die Habseligkeiten der Familie nach
Irving in Texas. Ruth Paine maohte Marina Oswald, die Ende Oktober
ihr zweites Kind erwartete, den Vorschlag, bis nach der Geburt ihres Kindes im Hause der Paines zu bleiben. Oswald blieb zurück, angeblich, um sich entweder in Houston oder in einer anderen Stadt um
Arbeit zu bemühen. Statt dessen reiste er mit dem Bus nach Mexiko,
wo er in Mexico City am 27» September ankam und sofort die kubanische und die sowjetische Botschaft aufsuchte. Seine Absicht war es
angeblich, eine offizielle Genehmigung für einen Besuch Kubas auf
dem Wege nach der Sowjetunion zu erhalten. Bie kubanische Regierung
wollte ihm jedoch nur unter der Voraussetzung ein Visum geben, daß

- 23 -

�daß auch die sowjetische Regierung ihn ein Visum für die Einreise
nach Rußland erteilte. Oswalds Bemühungen, sich diese Visa zu verschaffen, hatten keinen Erfolg. Er reiste nach Dallas, wo er am
3. Oktober

1963 eintraf.

Als er an nächsten Tag seine Frau sah, wurde beschlossen, daß
Oswald selbst sich ein Zimmer in Dallas mieten und seine Familie
an den Y'ochenenden besuchen sollte. Er mietete für eine Uochc ein
Zinner bei Urs. Bledsoe, jener Frau, die ihn später kurz nach dem
Attentat in Bus sah. An 14« Oktober 1963 mietete er dann das Zimmer
in der Beckley Avenue, wobei er seinen Namen mit O.H. Lee angab.
Am gleichen Tag rief Urs. Paine auf Vorschlag eines Nachbarn das
Texas School Book Depository an und erfuhr, daß dort eine Stelle
frei sei. Sie unterrichtete Oswald, der sich am nächsten Tag dort
vorstellte und am 16. Oktober 1963 seine Arbeit aufnahm.
Am 20. Oktober wurde Oswalds zweite Tochter geboren. Im Laufe
des Oktobers und Novenbers begann Oswald, regelmäßig am Vochenende
nach Irving zu fahren; er traf Freitag nachmittags dort ein und
kehrte am l.Iontag früh mit einen Kollegen, Buell T..resley Frazier, der
in der Nähe der Raines wohnte, nach Dallas zurück. An Freitag, den
15. llovenber, blieb Oswald auf Vorschlag seiner Frau, die ihn sagte, das Haus werde wegen der Geburtstagsparty von Ruth Paines Tochter voller Leute sein, in Dallas. Am l.Iontag, dem 18. llovenber, stritten sich Oswald und seine Frau heftig am Telephon, da sie zum ersten
Mal erfahren hatte, daß er unter angenommenem Hamen in einer Pension
wohnte. Am Donnerstag, dem 21. November, sagte Oswald zu Frazier,
er wolle nach Irving fahren und ein paar Vorhangstangen für eine
Wohnung in Dallas abholen. Seine Frau und Urs. Paine waren über sein
Erscheinen ziemlich überrascht, da es erst Donnerstag abend

war.

Sie glaubten, er sei zurückgekommen, um den Streit vom Hon tag wieder beizulegen. Er zeigte sich versöhnlich, doch Marina Oswald war
noch immer

verärgert.

Später am Abend, als Urs. Paine ihre Küche in Ordnung gebracht
hatte, ging sie in die Garage und stelle fest, daß Licht brannte.
Sie war sicher, daß sie es nicht hatte brennen lassen; allerdings

- 24 -

�allerdings erschien ihr das damals nicht wichtig. In der Garage
befand sich der größte Teil von Oswalds persönlicher Habe. An nächsten Morgen verließ Oswald das Haus, während seine Frau noch in
Bett den Säugling fütterte. Weder sie noch Ruth Paine sahen ihn
weggehen. Auf den Toilettentisch ihres Zinners hatte er seinen Trauring zurückgelassen, was noch nie zuvor geschehen war. Seine Brieftasche nit 170 Dollar Inhalt lag unberührt in einer Schublade des
Toilettentisches.
Oswald ging zu Fuß zu Fraziers etwa einen halben Straßenblock
entfernt gelegenen Haus und legte ein längliches, sperriges Paket aus
Packpapier und Klebestreifen auf den Hintersitz des Wagens« Frazier
gegenüber erklärte er, in Paket befänden sich Vorhangstangen. Als sie
auf dem Parkplatz des Depository anlangten, ging Oswald

schnell vor-

aus. Frazier folgte ihn und sah, wie Oswald nit seinen länglichen
Paket das Depository-Gebäude betrat.
An Ilorgen des 22. November verfolgte Marina Oswald die Ereignisse
um Präsident Kennedy auf dem Fernsehschirm. Sie und Ruth Paine weinten, als sie hörten, daß Präsident Kennedy erschossen worden sei. R'uth
Paine übersetzte Marina Oswald die Nachricht von den Attentat, als sie
über das Fernsehen verbreitet wurde, und zugleich auch den Bericht,
der besagte, die Schüsse seien wahrscheinlich aus dem Gebäude, in dem
Oswald arbeitete, abgegeben worden. Marina Oswald erinnerte sich beim
Zuhören an die Walker-Affäre und daran, daß ihr Mann noch immer das
Gewehr besaß. Ruhig ging sie zur Garage der Paines, wo das Gewehr, in
eine Decke gehüllt, bei ihrer Habe versteckt gelegen hatte. Ihr kam es
vor, als sei das Gewehr noch vorhanden; allerdings wickelte sie die
Decke nicht auf.
Etwa um 15«00 Uhr traf die Polizei in Haus der Paines ein und
befragte Marina Oswald, ob ihr Mann ein Gewehr besitze. Sie antwortete: ja, führte sie dann in die Garage und deutete auf die zusamnengerollte Decke. Als ein Polizeibeanter sie hochhob, hing die Decke über
seinen Arn zu beiden Seiten schlaff herab. Das Gewehr war verschwunden.
Im

- 25 -

�Im Polizeipräsidium hatte Captain Fritz mittlerweile mit dem
Verhör Oswalds begonnen. Kurz nach Beginn der ersten Vernehmung
trafen Beamte des Bundeskriminalamtes und des Geheindienstes ein
und beteiligten sich am Verhör. Oswald stritt jedwede Beteiligung
an der Ermordung Präsident Kennedys oder des Polizisten Tippit
ab. Er behauptete, zur Zeit der Ermordung gerade zu Kittag gegessen
und dann fünf oder zehn I.Iinuten mit seinem Vorarbeiter gesprochen
zu haben, ehe er nach Hause ging. Er stritt den Besit z eines Gewehres

ab und behauptete, als man ihm in einem späteren Verhör

ein Bild vorlegte, auf dem er ein Gewehr und eine Pistole in der
Hand hielt, sein Gesicht sei hineinmontiert worden« Er verweigerte
jede Antwort auf Fragen bezüglich einer in seiner Brieftasche befindlichen Ausweiskarte der Wehrerfassungsbehörde, die sein Bild und den
Hamen" Alek J. Kideil" trug.
Lhrend Oswald im dritten Stockwerk des Polizeipräsidiums verhört
v;urde, drängten sich mehr als hundert Vertreter von Presse, Rundfunk
und Fernsehen in dem Korridor, den Oswald auf dem Weg von seiner
Zelle zum Büro von Captain Fritz, wo die Verhöre stattfanden«, passieren mußte. Reporter versuchten Oswald bei diesen Gängen zu interviewen. Zwischen Freitag nachmittag und Sonntag vormittag passierte
er den Korridor secfcBehn Mal. Die allgemein chaotischen Verhältnisse
inner- und außerhalb von Captain Fritz' Büro erhöhten die Schwierigkeiten des polizeilichen Verhörs. Nachdem die Poli.ei Oswald darüber
aufgeklärt hatte, daß er einen Anwalt hinzuziehen könne, führte Oswald am Sonnabend mehrere Telephongespräche in dem Bemühen, durch
einen von ihm selbst bestellten Anwalt vertreten zu. werden; er dis- •
kutierte die Angelegenheit auch mit dem Präsidenten der örtlichen
Anwaltskammer, der sich erbot, einen Anwalt zu stellen. Oswald lehnte
indes das Angebot mit der Begründung ab, daß er sich selbst um einen
Anwalt bemühen wolle. Bis Sonntag früh hatte er sich jedoch noch Iceinen Anwalt genommen.
Um 19.10 Uhr am 22. November 1963 wurde Lee Harvev Oswald offiziell mitgeteilt, daß man ihn den Kord an dem Polizeibeamten J»D.

�J.D. Tippit zur Last lege. Mehrere Augenzeugen des Mordes an
Tippit und der ansohließenden Flucht des Schützen hatten Oswald hei der polizeilichen Gegenüberstellung eindeutig identifiziert. Obwohl ein eindeutiger Beweis durch die Waffenanalyse
zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlag, gehörte der Revolver, den
Oswald zur Zeit seiner Festnahme bei sich trug, zu jenem Waffentyp, aus dem die tödlichen Schüsse auf 'Tippit abgefeuert worden
sein konnten.
Die offizielle Anklage gegen Oswald, den I.iord an Präsident
Kennedy verübt zu haben, erfolgte am Sonnabend, dem 23« November
1963, kurz nach 1.30 Uhr. Gegen 22.00 Uhr am Tage der Ermordung
war es dem Bundeskriminalamt gelungen, die Herkunft des im sechsten Stockwerk des Texas School Book Depository Building gefundenen Gewehrs festzustellen. Es stammte von einem Versandhaus in
Chicago, das es wiederum von einem Großhändler in New York gekauft
hatte. Etwa sechs Stunden später teile die Chicagoer Firma mit,
daß dieses Gewehr im März 1965 von einem gewissen A. Hidell per
Adresse Dallas, Texas, Postfach 2915» ein von Oswald gemietetes
Postfach, bestellt worden war. Die Bezahlung des Gewehrs erfolgte
durch Postanweisung, die mit A. Hidell unterzeichnet war« Um 18.45
Uhr am 23« November konnte das Bundeskriminalamt der Polizei in
Dallas auf Grund einer Schriftanalyse der Eaufdokumente mitteilen,
daß Lee Harvey Oswald das Gewehr bestellt hatte.
Während des gesamten Freitags und Sonnabends veröffentlichte die
Polizei von Dallas zahlreiche Einzelheiten über die vorgebrachten Beweise gegen Oswald. Die Polizeibeamten von Dallas sprachen über wichtige Aspekte des Falles gewöhnlich im Verlauf von improvisierten
und konfusen Pressekonferenzen auf dem Korridor des dritten Stockwerkes. Einige der bekanntgegebenen Informationen waren falsch. Die
Bemühungen der Korrespondenten der Nachrichtendienste, das Verbrechen zu rekonstruieren und Einzelheiten sofort zu melden, führten
häufig zu falschen und einander widersprechenden Berichten. Auf Drängen der Presseleute brachte Polizeichef Jesse E. Curry Oswald kurz

- 27 -

�kurz nach Mitternacht des Tages seiner Inhaftierung zu einer Pressekonferenz in den Versammlungsraum der Polizei. Der Raum war überfüllt mit Reportern, die aus allen Teilen des Landes nach Dallas
gekommen waren. Sie riefen Oswald Fragen zu und richteten Blitzlichtkaneras auf ihn. In dieser Gruppe befand sich auch ein 52
Jahre alter Kachtklübbecitzer aus Dallas, Jack Rüby.
Am Sonntagraorgen, dem 24» November, wurden Vorbereitungen für
die Überführung Oswalds aus dem Stadt- in das rund 1,6 km entfernte
Kreisgefängnis von Dallas getroffen. Die Nachrichtenmedien waren am
Samstagabend darüber informiert worden, daß die Überführung Oswalds
nicht vor Sonntag, 10.00 Uhr, stattfinden werde. Am frühen Sonntagmorgen, zwisohen 2.JO Uhr und 3*00 Uhr, erhielt das Büro des Bundeskriminalamtes in Dallas und das Büro des Kreissheriffs anonyme
Telephonanrufe mit Horddrohungen gegen Oswald« Dennoch standen am
Sonntagmorgen die Vortreter von Fernsehen, Rundfunk und Presse dicht
gedrängt im Erdgeschoß, um über die Überführung zu berichten. Sobald
die Fernsehkameras aufgebaut waren, sollte Oswald durch eine Tür
unmittelbar gegenüber den Kameras herauskommen und zu dem Überführungswagen gehen. Rechts von den Kameras befand sich eine von der
Main Street im Korden herunterführende, links eine zur Commerce
Street im Süden heraufführende Rampe.
Der gepanzerte 'Zagen, in dem Oswald transportiert werden sollte,
traf kurz nach 11.00 Uhr ein. Polizeibeamte entschieden dann jedoch,
daß ein nicht als solcher erkennbarer Polizeiwagen auf Grund seiner
größeren Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit für die Fahrt vorzuziehen sei. Etwa gegen 11.20 Uhr trat Oswald aus dem Untergeschoß
des Polizeigefängnisses, flankiert von Kriminalbeamten, die neben
und hinter ihm gingen. Er machte einige Schritte in Richtung auf den
Wagen und befand sich gerade im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras,
als plötzlich ein Mann von einer Stelle rechte der Kameras, wo sich
Presseleute aufhielten, nach vorn sprang. Der Kann hielt einen Colt
vom Kaliber O.30 in seiner rechten Hand, lief, während Millionen
Menschen an ihren Fernsehgeräten zusahen, ganz dicht an Oswald heran

- 28 -

�heran und feuerte einen Schuß in Oswalds Unterleib ab. Oswald
stöhnte vor Schmerzen, während er zu Boden fiel, und verlor rasch
das Bewußtsein. Innerhalb von sieben Hinuten war Oswald in Parkland-Krankenhaus, wo er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu
haben, um 13*07 Uhr für tot erklärt wurde.
Der l.Iann, der Oswald tötete, war Jack P.uby. Er wurde auf der
Stelle verhaftet und Hinuten später in eine Zelle in fünften Stock
des Polizeigefängnisses von Dallas gebracht. '.Während des Verhörs
bestritt er, daß der Schuß auf Oswald in irgendeiner 1'eise in
Zusammenhang mit einer Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys
gestanden habe. Er erklärte, daß er Oswald in einen vorübergehenden
Anfall von Depression und aus Empörung über den Tod des Präsidenten
erschossen habe. lluby wurde an folgenden Tage in das Kreisgefängnis
übergeführt, ohne daß die Presse oder die an der Überführung nicht
direkt beteiligten Polizeistellen vorher benachrichtigt wurden« Am
26. Kovenber von Staate Texas des Kordes an Oswald angeklagt, wurde
Ruby an 14« Kärz 1964 für schuldig befunden und zun Tode verurteilt.
In September 1964 befand sich sein Fall in der Berufung.

Folgerungen

Dieser Ausschuß wurde gebildet, um die Tatsachen bezüglich der
vorausgegangenen Zusammenfassung der Ereignisse darzulegen und die
wichtigen Fragen zu untersuchen, die sich daraus ergeben. Der Ausschuß hat sich dieser Aufgabe gewidmet und ist dabei zu gewissen
Folgerungen gelangt, die sich auf alle verfügbaren Beweise stützen.
Den Ausschuß sind in seiner Ermittlungstätigkeit keinerlei Beschränkungen auferlegt worden; er hat seine eigenen Untersuchungen durchgeführt, und alle Regierungsbehörden sind ihrer Pflicht, mit der
Kommission bei ihren Untersuchungen zusammenzuarbeiten, voll und
ganz nachgekommen. Diese Schlußfolgerungen stellen das wohlbegründete Urteil aller liitglieder der Kommission dar, und sie werden nach
Abschluß von Ermittlungen vorgelegt, die die Kommission mit dem

- 29 -

�den Bewußtsein erfüllen, die Wahrheit über die Ermordung des Präsidenten Kennedy in den Umfang herausgefunden zu haben» wie es eine so
ausgedehnte und gründliche Untersuchung ermöglicht.
1 . Die Schüsse, die Präsident Kennedy töteten und Gouverneur
Connally verwundeten, wurden aus dem Fenster an der Südostecke des
sechsten Stockwerks des Texas School Book Depository abgegeben.
Diese Ortsbestimmung ergibt sich aus folgendem:
a) Tatortzeugen des Attentats beobachteten, wie ein Gewehr aus
dem Fenster des sechsten Stockwerks des Lagergebäudes abgeschossen wurde, und einige Zeugen sahen .ein Gewehr im Fenster
unmittelbar nach Abgabe der Schüsse.
b) Das fast vollständige Geschoß, das auf der Tragbahre Gouverneur Connallys im Parkland kemorial Hospital gefunden wurde,
und die beiden Geschoßfragmente, die sich auf dem Vordersitz des Präsidentenwagens fanden, wurden aus dem 6,5 mmKannlicher-Carcano-Gewehr eingegeben, das im sechsten Stockwerk des Lagergebäudes gefunden wurde, womit alle anderen
Waffen ausgeschlossen sind.
c) Die drei leeren Patronenhülsen, die sich in der Nähe des
Fensters in sechsten Stockwerk an der Südostecke des Gebäudes
fanden, stammen aus demselben Geweh r, aus dem £,uch die vorstehend genannten Geschosse und Geschoßfragmente abgefeuert
wurden, womit alle anderen Waffen ausgeschlossen sind.
d) Die V/indschutzscheibe des Präsidentenwagens wurde von einem
Geschoßfragnent auf der Innenseite des Glases getroffen, aber
nicht durchschlagen.
e) Die Art der Geschoßwunden, die Präsident Kennedy und Gouverneur
Connally davontrugen, und der 8ta.ndort des Vagens zum Zeitpunkt der Abgabe der Schüsse beweisen, daß die Geschosse von
oben und hinter dem Präsidentenwagen abgefeuert wurden und
den Präsidenten und den Gouverneur in folgender Weise trafen:
1 .

�1. Präsident Kennedy wurde zuerst von einem Geschoß getroffen,
das am Hacken eindrang, am unteren Teil des

a;

wieder

austrat und eine Wunde verursachte, die nicht unbedingt
hätte tödlich sein müssen. Der Präsident wurde ein zweites
1.1a 1 von einem Geschoß getroffen, das an der rechten Seite
des Hinterkopfes eindrang und eine große, tödliche Verletzung
verursachte.
2. Gouverneur Connally wurde von einem Geschoß getroffen, das
an der rechten Seite seines Rückens eindrang, die rechte Brustseite nach unten durchschlug und in Höhe der rechten Brustwarze austrat. Dieses Geschoß durchschlug dann sein rechtes
Handgelenk und traf auf den linken Oberschenkel, wo es eine
Oberf lächenwunde verursachte.
f) Es gibt keinen

stichhaltigen Beweis dafür, daß die Schüsse

von der dreibahnigen Unterführung, auf die die Fahrzeugkolonne zufuhr, oder von irgendeinem anderen Ort aus abgegeben wurden.

2. Das Beweismaterial gibt in seiner Gesamtheit zu erkennen, daß
drei Schüsse abgefeuert wurden.

3. Obwohl es für die Tatsachenfindung der Kommission unerheblich ist, festzustellen, durch welchen Schuß Gouverneur Connally getroffen wurde, ergeben überzeugende Expertengutachten, daß dasselbe
Geschoß, das den Hals des Präsidenten durchschlug, auch die Verwundungen Gouverneur Connallys verursacht hat. Allerdings gaben die Aussagen Gouverneur Connallys und gewisse andere Paktoren Anlaß zu einigen
Meinungsverschiedenheiten bezüglich dieser Uährscheinlichkait• Dennoch
steht es bei allen Ausschußmitgliedern außer Präge, daß alle Schüsse,
die den Tod des Präsidenten und die Verwundungen Gouverneur Connallys
zur Folge hatten, aus dem Fenster des sechsten Stockwerks des Texas
School Book Depository abgegeben worden sind.

- 31 -

.^

�4. Die Schüsse, die Präsident Kennedy töteten und Gouverneur
Connally

verwundeten, v/urden von Lee Harvey Oswald abgegeben. Die-

se Folgerung ergibt sich aus dem folgenden:
a) Das 6,5 mm-Ilannlicher-Carcano-Gewehr italienischer Herkunft,
aus dem die Schüsse abgefeuert wurden, war Eigentum Oswalds
und befand sich in seinem Besitz.
b) Oswald schaffte dieses Gewehr am Morgen des 22. November 19&amp;3
in das Lagerhaus«
c) Oswald war zum Zeitpunkt des Attentats am Fenster, aus dem
die Schüsse abgegeben wurden.
d) Kurz nach dem Attentat wurde das Oswald gehörende MannlicherCarcano-Gewehr nur zum Teil verdeckt zwischen einigen Kartons
gefunden, und die beh elfsmäßige Verpackung, in der Oswald das
Gewehr in das Lagerhaus gebracht hatte, wurde dicht neben
dem Fenster entdeckt, von dem aus die Schüsse abgegeben wurden.
e) Auf Grund der Aussagen von Experten und ihrer Analyse von Filmen über den Hergang des Attentats kam die Kommission zu der
Überzeugung, daß ein Gewehrschütze mit den Fähigkeiten Lee
Harvey Oswalds die Schüsse aus dem bei dem Attentat benutzten
Gewehr innerhalb der während der Schüsse verstrichenen Zeit
abgegeben haben könnte. Die Kommission ist ferner zu dem
Schluß gelangt, daß Oswald so großes Geschick im Ungang
mit Gewehren besaß, daß er das Attentat auszuführen vermochte.
f) Bei seiner polizeilichen Vernehmung nach der Festnahme machte
Oswald in wichtigen Punkten zur Sache falsche Aussagen.
g) Oswald hatte am 10. April 1963 versucht, Generalmajor a .D.
Edwin A. V/alker zu ermorden, und damit seine Bereitschaft
zum Töten bewiesen.
5« Oswald tötete den Polizisten J.D. Tippit aus Dallas etwa 45
Minuten nach dem Attentat. Dieser Tatbestand unterstreicht die Fest«

- 32 -

�1

,

Dswatld die Schüsse

eben hat, die Präsident

iteten und Gouverneur Connally verwundeten» Er \ ird durch
das Folgende noch erhärtetj
a) Zwei Augenzeugen sahen, wie Tippit nieder

:ssen wurde,

und sieben Augenzeugen hörten die Schüsse und sahen, wie der
Schütze den Tatort mit den Revolver in der Hand vorließ.
Diese neun Augenzeugen identifizierten Oswald eindeutig als
den Mann, den sie gesehen hatten.
b) Die am Tatort gefundenen leeren Patronenhülsen stammten aus
den Revolver, der sich bei

der

Verhaftung im Besitz Os-

walds befand, womit alle anderen "..'•
c) Der Revolver, der sich zu der Zeit

chlossen sind.
der

Fe

lds Besitz fand, wurde von Oswald gekauft un&lt;

e in Oshörte i

d) Oswalds Jacke wurde auf den Weg gefunden, den der Sohütze hei
seiner Flucht von Tatort einschl
6. 80 Minuten nach den Attentat und 35 Minuten nach der Tötung
its widersetzte sich Oswald seiner Festnahme in einen Lichtspieltheater, indem er versuchte, einen anderen Angehörigen der Polizei
von Dallas zu erschießen.
7» Der Ausschuß ist zu folgenden Schlußfolgerungen hinsichtlich
des Verhörs Oswalds und seiner Inhaftierung durch die Polizei von
Dallas gelangt:
a) Abgesehen von der Gewaltanwendung, die zu seiner Festnahme erforderlich war, ist von eeiten der Rechtsvollzugsorgane auf Oswald keinerlei physischer Zwang ausgeübt worden. 2IT wurde belehrt, daß er nicht zur Aussage gezwungen werden könne und
daß jede seiner Erklärungen vor Gericht gegen ihn verwendet
werden könnte. Er wurde auch darauf aufmerksam gemacht, daß
er einen Anwalt beanspruchen könne. Es wurde ihm ferner Gelegenheit gegeben, einen eigenen Anwalt zu benennen, und es wurde
ihm durch die Anwaltskammer von Dallas Rechtsbeistahd angeboten, den er zu jener Zeit ablehnte.

2d

�b) Zeitungs-, Rundfunk- und Pernsehreporter hatten uneingeschränkten Zugang zu allen ertlichkeiten, die Oewald auf
dem Wege von der Zelle zun Vernehmungsraum und zu anderen
Gebäudeteilen passieren mußte. Dadurch war Oswald Belästigungen ausgesetzt, und es ergaben sich chaotische Verhältnisse, die einer ordnungsgemäßen Vernehmung sowie der Nahrung der Hechte des Inhaftierten abträglich raren.
c) Die zahlreichen und oft unzutreffenden Erklärungen, die während dieser Seit der Verwirrung und Unordnung auf der Polizeistation von verschiedenen örtlichen Vollzugsbevnten an
die Presse abgegeben wurden, hätten ein faires Gerichtsverfahren gegen Oswald ernstlich behindern können. Insoweit als
diese Erklärungen unrichtig oder irreführend waren, trugen
sie dazu bei, die Zweifel, Spekulationen und Befürchtungen
wachzurufen, die in der Öffentlichkeit kursierten und zu
denen es andernfalls wahrscheinlich nicht gekommen wäre.

8. Die Kornmission ist hinsichtlich der Ermordung Oswalds durch
Jack Ruby am 24« November 1963

zu

folgenden Schlußfolgerungen gelangt:

a) Ruby betrat das Kellergeschoß des Polizeipräsidiums von Dallas
kurz nach 11,17 Uhr vormittags und tötete Lee Karvey Oswald
ÜB 11.2; Uhr.
b) Obgleich es kei ie . schlüssigen Beweis d "rür gibt, auf welche
1/eise Ruby sich Zutritt verschaffte, so deutet die Gesamtheit der Beweise doch darauf hin, daß Ruby die Kampe benutzte, die von Ijain Street in das Kellergeschoß des Polizei

-

bäudes führt.
c) Er-, gibt keinen Beweisf dar das Gerücht bestätigt. Kuby sei
bei der Ermordung Oswalds von Kit gliedern der Polizei von
Dallas unteratl
d) Die Entscheidu:

srden«
' sx Polizei von Dallas, Oswald in aller Öffent-

lichkeit in das iE. ii
1

die Vor

,

Ls zu überführen, war unklug. Und
Polizeipräsidium am Sonnta^mor^en.

- 34 -

�Sonntagmorgen, nur wenige Stunden vor der geplanten Überführung, traf , waren unzulänglich. Von entscheidender Bedeutung war die Tatsache, daß Vertretern der Hachrichtenmedien
und anderen der Zugang zun Kellergeschoß nicht verboten
worden war, obwohl die Polizei von Morddrohungen gegen Oswald wußte. Diese Nachlässigkeiten haben zum Tode Lee Ilarvey Oswalds beigetragen.
9« Die Kommission hat keinen Beweis dafür gefunden, daß Lee
Harvey Oswald oder Jack Rüby Teil

irgendeiner in- oder ausländischen

Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys waren« Die Gründe für
diesen Schluß sind:
a) Die Kommission hat keinerlei Beweise dafür festgestellt, daß
irgend jemand Oswald bei der Planung und Ausführung des Attentats unterstützt hat. Sie hat in diesem Zusammenhang neben anderen Paktoren auch die mit der Planung des Pahrtweges der
Fahrzeugkolonne durch Dallas zusammenhängenden Umstände, die
am 15. Oktober 1963 erfolgte Anstellung Oswalds bei der Texas
School Book Depository Co., die Art und '.leise,

wie das Gewehr

ins Gebäude gebracht wurde, das Aufstellen von Buchkartons am
Fenster, Oswalds Flucht aus dem Gebäude und die Aussagenvon
Augenzeugen des Attentats einer gründlichen Prüfung unterzogen.
b) Die Kommission hat keinerlei Beweise dafür festgestellt, daß
Oswald mit irgendeiner Person oder Gruppe in eine Verschwörung
zur Ermordung des Präsidenten verwickelt war, obwohl sie neben
anderen möglichen Hinweisen alle Einzelheiten der Verbindungen,
Finanzen und persönlichen Gewohnheiten Oswalds, besonders in
der Zeit nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion im Juni 1962«
einer gründlichen Prüfung unterzogen hat.
c) Die Kommission hat keinerlei Beweise festgestellt, die den
Schluß zulassen, Oswald sei von irgendeiner ausländischen
Regierung zur Ermordung Präsident Kennedys gedungen, über-

- 35 -

�überredet oder ermutigt worden oder er sei ein Agent irgendeiner ausländischen Macht ;:ev:esen, obwohl die Kommission
die mit Oswalds Übertritt zur Sowjetunion verbundenen Umstände, und - soweit rekonstruierbar - auch sein Lehen dort
von Oktober 1959 ^ i s Juni 1962, seine bek

»rdenen Kon-

takte mit dem "Fair Play for Cüba"-Ausschuß sowie seine Besuche in der kubanischen-und in der sowjetischen Botschaft
in Mexiko City . ' '

id seiner Mexikoreise vom 26. September

bis zu:: 3« Oktober 1963 und seine bek

en Kontakte

zur Sowjetbotschaft in den Vereinigten Staaten überpri
t.
d) Die Kommission ist allen Versuchen Oswalds nachgegangen, sich
mit verschiedeneu politischen Gruppen einschließlich der
Kommunistischen Partei der USA, des "Fair Play for Cuba"-Ausjhusses sowie der Socialist Workers Party zu identifiziereni
aber es war ihr niohi
findeni daß die von i]

lieh, irgendwelche Beweise dafür zu
gebahnten Kontakte in irgendeiner

Beziehung zu der späteren Ermordung des Präsidenten durch
ild stand
e) Das

be dar Kommission zur Verfügung stehende Bev'eisruate-

rial zeigt ein

,

nichts vorliegt, was die Vermutung

"tzt, 0swa3|d sei ein Agent, ei:.. -.

»stellter oder ein Infor-

it dos FBI, der CIA oder einer anderen B

;sbehörde

Ben. Sie hat alle Beziehungen, die Oswald vor dem Attentat
zu US-

:

".

ibe] 'h:den u I

.at, sorgfältig fiber-

liehe Kontakte,die Regierungsstellen mit Oswald

ttenf standen

] ,ng mit der normalen Ausübung ih-

rer unterschiedlichen B

Lsse»

f) Die Kommissiojn hat keine direkte oder indirekte Verbindung
zwii •'

]

'..

ld und Jaok Ruby zu entdecken vermocht,

noch war sie in der Lage, irgendeinen stichhaltigen Beweis
dafür zu findlen, daß der eine den anderen kannte, und das, obwohl die zi

:hen Gerüchte und Spekulationen, in denen von

�von solch einer Beziehung die Rede v:ar, eingehend geprüft
wurden«
g) Die Kommission hat keine Beweiss dafür finden können, daß
Jack Ruby hei der Tötung des Lee Harvey Oswald mit jemandem anderen gemeinschaftlich gehandelt hat.
h) Nach eingehender Prüfung hat die Kommission auch keinen
stichhaltigen Beweis dafür zu finden vermocht, daß Ruby und
der von Oswald getötete Polizist ffippit sich kannten, oder
daß Oswald und Tippit sich gekannt hätten.
Angesichts der Schwierigkeit, negative Sachverhalte mit Sicherheit zu "beweisen, läßt sich auch die Möglichkeitf daß
andere entweder mit Oswald oder Ruby in einem Zusammenhang
standen, nicht kategorisch beweisen, sollte dennoch diesbezügliches Beweismaterial existieren, so blieb es dem Zugriff aller
Untersuchungsbehörden entzogen, lag jenseits der Grenzen staatlicher L'rmittlungsmöglichkeit und konnte daher der Kommission
auch nicht zur Kenntnis gelangen.
10. Die Kommission ist während ihrer gesamten Untersuchungstätigke.it auf keinen Beweis für eine Verschwörung, Subversion oder einen
Verstoß gegen die Trcuepflicht seitens eines Beamten des Bundes, der
üinzelstaaten oder Gemeinden gestoßen.
11. Auf der Basis des der Kommission vorliegenden Bev;eismatcrials
kommt sie zu dem Schluß, daß Oswald allein gehandelt hat. Um die kotive
für die Ermordung Präsident Kennedys herauszufinden, muß man sich daher
dem Attentäter selbst zuwenden. Anhaltspunkte für Osvalds kotive können
in seiner Familiengeschichte, in seiner krziehung beziehungsweise dem
.1 an

rziehung, seinen Handlungen, seinen Schriften sowie in den

Erinnsrungen derjenigen gefunden werden, die im Laufe seines Lebens
in engerem Kontakt zu ihm gestanden haben. Die Kommission veröffentlicht in diesem Bericht alles Hintergrundmaterial, in dessen Besitz
sie gelangt ist, soweit es für die kotivierung von Bslang ist. In
gleicher keise können auch andere das Leben Lee Oswalds untersuchen

- 37 -

�untersuchen und werden vielleicht zu ihren eigenen Schlüssen
bezüglich seiner möglichen Motive können.
Die Kommission konnte bezüglich der Uotive Oswalds zu keinem
definitiven Schluß gelangen. Sie hat sich bemüht, Paktoren herauszuschälen, die seinen Charakter mitgeformt haben und die ihn bei
seiner Entscheidung Präsident Kennedy zu ermorden, beeinflußt v: ben könnten. Diese Paktoren waren:
a) seine tiefverwurzelte Abneigung gegen jede Autorität) die
in einer Feindseligkeit 6gegen
jede Gesellschaft zum Aus°6
druck kam, in der er lebte;
b) seine Unfähigkeit, in eine echte Beziehung zu anderen Men-'
sehen zu treten, und eine fortgesetzte Ablehnung seiner
Umwelt in dem Streben nach einer immer neuen Umgebung;
c) sein Drang, einen Platz in der Geschichte zu erringen,
und seine zeitweilige Verzweiflung über das Scheitern v\ ;schiedener seiner Unternehmungen;
d) seine Anlage zur Gewalttätigkeit, die sich in seinem Versuch manifestiert hat, General 'Jalker zu töten;
e) sein offenes Bekenntnis zum Marxismus und Kommunismus in
der Porm, wie er die Begriffe verstand und wie er sie
selbst interpretierte; dies kam in seinem Antagonist
gegenüber den Vereinigten Staaten, in seinem Übertritt zur
Sowjetunion, in seinem Unvermögen, sich mit dem Leben in
den Vereinigten Staaten selbst nach seiner Abkehr von der
Sowjetunion abzufinden, sowie in seinen wenn auch fehlgeschlagenen Anstrengungen zum Ausdruck, nach Kuba, zu gel

All dies trug zu seiner Bereitschaft bei, in brutalen und i
verantwortlichen Handlungen alles aufs Spiel zu setzen.
12. Die Kommission ist sich darüber im klaren, daß die verschiedenen Amtspflichten des Präsidenten es erfordern, daß er häufig Reisen in alle Teile der Vereinigten Staaten und ins Ausland unternimmt. Von ihrer hohen Verantwortung her gesehe] ,

! Pr

�Presidenten niemals vor jeder potentiellen Gefahr beschützt werden.
Die Schwierigkeiten des Geheimdienstes hei der Erfüllung seine
Schutzfunktionen variieren mit den Tätigkeiten und Eigenschaften
desjenigen, der das Amt des Präsidenten bekleidet, sowie seiner
Bereitschaft, sich den Plänen für seine Sicherheit anzupassen« Bei
einer Beurteilung der Erfüllung der Aufgaben durch den Geheimdienst
sollte beachtet werden, daß er seine Arbeit innerhalb solcher Beschränkungen verrichten muß. 'Trotzdem ist die Kommission der Auffassung, daß angesichts der bei dieser Untersuchung zutage geförderten
Tatsachen Empfehlungejn für die Verbesserung des Schutzes des Präsidenten eine zwangsläufige Folgerung sind.
a) Die Vielfalt der Aufgaben des Präsidenten hat in den letzten
Jahre so rapide zugenommen, daß der Geheimdienst nicht in
der Lage war, einen zur Erfüllung seines wichtigen Auftrages
angemessenen Bestand an Personal und Zilfsmitteln aufzubauen
und aufrechtzuerhalten« Dieser Zustand sollte sofort geändert
werden.
b) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß die Sichtlinien
und Verfahren des Geheimdienstes, die dazu dienen, Personen,
die als Gefahr für den Präsidenten anzusehen sind, zu identifizieren und gegen sie Schutzmaßnahmen zu treffen, vor dem
Zeitpunkt des Attentats unzureichend waren.

1. Die Abschirmabteilung des Geheimdienstes, die für solche vorbeugenden llaßnahmen zuständig ist, verfügte nicht über genügend ausgebildete Leute und nicht über die notwendigen mechanischen und technischen Hilfsmittel, um ihre Aufgabe erfüllen zu können.
2. Vor dem Attentat bezogen sich die Richtlinien des Geheimdienstes auf direkte Bedrohungen des Präsidenten. 'Jenn der Geheimdienst
den direkten Bedrohungen des Präsidenten auch gerecht wurde, so fehlte
es ihm doch an der Llrkenntnis der Notwendigkeit, andere potentielle
Gefahrenquellen für seine Sicherheit zu identifizieren. Der Geheim-

- 39 -

�Geheimdienst hat keine ausreichenden und spezifischen Richtlinien
entwickelt, die jene Personen oder Gruppen definieren, die eine
Gefahr für den Präsidenten darstellen könnten. Praktisch verließ
eich der Geheimdienst weitgehend darauf, daß andere Behörden des
Bundes oder der Einzelstaaten Informationen lieferten, die er für
die Erfüllung seiner vorbeugenden Schutzaufgaben brauchte, wenngleich
er auch selbst um Informationen über direkte Bedrohungen des Präsidenten ersuchte.
c) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß der Austausch
und die Koordinierung von Informationen zwischen dem Geheimdienst und anderen Bundesbehörden, die notwendigerweise mit
dem Schutz des Präsidenten befaßt sind, unzureichend waren.
Obwohl das Bundeskriminalamt (PBl) bei der normalen Durchführung seiner Aufgaben viel Material über Lee Ilarvey Oswald gesammelt hatte, war es im Rahmen der zur Zeit der
Reise des Präsidenten nach Dallas gültigen GeheimdienstRichtlinien nicht offiziell gehalten, dem Geheimdienst die
ihm vorliegenden Informationen über Oswald zuzuleiten. Die
Kommission ist jedoch zu dem Schluß gelangt, daß sich das
Bundeskriminalamt vor dem Attentat von einer unangebracht
engen Auslegung seiner Rolle in der vorbeugenden Kachrich- und Abwehrtätigkeit hat leiten lassen. Eine sorgfältiger koordinierte Behandlung des Falles Oswald durch das Bundeskriminalamt hätte sehr wohl dazu führen können, daß der
Geheimdienst auf die [Tätigkeit Oswalde aufmerksam geworden
re.
i) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß einige der vom
leimdienst in Dallas getroffenen Vorbereitungen, wie die
ins einzelne k fhenden Sicherheitsmaßnahmen auf dem Plugplatz
Love Pield und im Trade Hart, gründlich und gut ausgeführt
rden sind. In anderer Hinsicht jedoch ist die Kommission
zu dem Schluß g ikommeni daß die Vorbereitungen für die Reise

- 40 -

�Reise des Präsidenten unzureichend waren.

1 . Obwohl sich der Geheimdienst in hohem Maße auf örtliche
Rechtsvollzugskräfte stützen muß, enthielten seine Dienstvorschriften zur Zeit der Dallas-Reise keine genau umrissenen Instruktionen über die jeweilige Verantwortung der Polizeibeamten
und anderer zum Schutz des Präsidenten herangezogener Personen.
2. Die Dienstvorschriften, auf deren Grundlage der Geheimdienst die am Fahrtweg der Wagenkolonne gelegenen Gebäude auf
die Anwesenheit eines Attentäters zu untersuchen hatte, waren
unzureichend. In praxi überprüfte der Geheimdienst zur Zeit der
Dallas-Reise kein einziges Gebäude längs des für die Wagenkolonne
des Präsidenten vorgesehenen Weges und veranlaßte auch keine solche Überprüfung durch andere. In die Aufgabe, die Fenster der
betreffenden Gebäude während der Vorüberfahrt der Fahrzeugkolonne
zu beobachten, teilten sich örtliche Polizeikräfte, die auf der
Straße zur Absperrung postiert waren, und Sicherheitsbeante innerhalb der Wagenkolonne« Auf Grund ihrer Ermittlungen ist die Kommission zu dem Schluß gekommen, daß diese Vorkehrungen während
der Dallas-Reise eindeutig unzureichend waren.

e) Die Einordnung des Präsidentenwagens und die Plazierung
der Sicherheitsbeamten innerhalb des ''rre:is

gaben den

Beamten nicht die Möglichkeit, bei dem ersten Gefahrenzeichen dem Präsidenten unverzüglich in solcher '..'eise
b ei zuspringen, wie dies angebracht gewesen wäre.

f) Doch innerhalb dieser Grenzen haben nach den Feststellungen der Kommission die für die Sicherheit des Präsidenten
unmittelbar verantwortlichen Beamten sehr prompt reagiert,
als die Schüsse vom Gebäude des Texas School Book Depositor;/- abgefeuert wurden.
Empfehlungen

- 41 -

�Empfehlungen

Veranlaßt durch die Ermordung Präsident Kennedys, hat der Geheimdienst eine umfassende und kritische Überprüfung seines gesamten Dienstbetriebes eingeleitet. Als Ergebnis von Untersuchungen,
die während der vergangenen Monate vorgenommen wurden, und in Zusammenarbeit mit dieser Kommission

hat der Geheimdienst einen mit dem

Datum des 27« August 1964 versehenen Plan ausgearbeitet, in dem verschiedene vom Geheimdienst zur Verbesserung seiner Methoden und Vervollkommnung seiner Hilfsmittel für notwendig erachtete Maßnahmen
vorgeschlagen werden. Die Kommission hat mit Befriedigung von den
Bemühungen Kenntnis genommen, die der Geheimdienst seit der Ermordung
Präsident Kennedys in die Wege geleitet hat,und unterbreitet die
folgenden Empfehlungen»
1. Einem Kabinettsausschuß, dem der Finanz- und der Justizminister angehören sollten, oder dem Nationalen Sicherheitsrat sollte die
Aufgabe übertragen werden, die Schutzmaßnahmen des Geheimdienstes
und der übrigen mit der Währung der Sicherheit des Präsidenten befaßten Bundesbehörden zu überprüfen und zu beaufsichtigen. Ist eine solche
Verantwortung erst einmal gegeben, wird dieses Gremium auch die Gewähr
bieten, daß ein Höchstmaß an bundesstaatlichen Hilfsquellen für den
Schutz des Präsidenten eingesetzt wird, und Hichtlinien erlassen, die
eine allgemeine Definition der im In- und Ausland Tür die Sicherheit
des Präsidenten bestehenden Gefahren zum Gegenstand haben.
2. Der Kommission wurden Vorschläge unterbreitet, denen zufolge
die Verantwortung des Geheimdienstes für den Schutz des Präsidenten
ganz oder teilweise einem anderen Bundesministerium oder einer anderen
Regierungsbehörde übertragen werden sollte. Die Kommission ist der Ansicht, daß eine Entscheidung über eine eventuelle Neuverteilung dieser
Aufgaben

und Functionen gegebenenfalls von der Exekutive und vom

Kongreß.zu treffen war«, vielleicht auf der Grundlage von Empfehlungen,

- 42 -

�Empfehlungen, wie sie der oben vorgeschlagene Ausschuß auf Grund
seiner Untersuchungen erarbeiten könnte.
3« Zur Verbesserung der täglichen Beaufsichtigung des Geheimdienstes innerhalb des Finanzministeriums empfiehlt die Kommission inzwischen die Ernennung eines Sonderreferenten

durch den

Finanzminister, dem die Aufsicht über den Geheimdienst obliegt.
Dieser Sonderreferent sollte über genügend Ansehen und Erfahrung
auf den Gebieten des Rechtsvollzugs und der Abwehr sowie in verwandten Bereichen verfügen, um eine fortgesetzte wirksame Beaufsichtigung zu gewährleisten und den Minister

über die Tätigkeit des Ge-

heimdienstes laufend zu unterrichten. Eine der vordringlichsten
Aufgaben dieses Sonderreferenten wäre die Überwachung der derzeitigen Bemühungen des Geheimdienstes, seinen gesamten Dienstbetrieb
zu revidieren und zu modernisieren.
4« Die Kommission empfiehlt dem Geheimdienst eine vollständige
Neuorientierung seiner Praktiken, die auf eine frühzeitige Aufdeckung
potentieller Bedrohungen des Präsidenten gerichtet sind. Hierzu schlägt
die Kommission folgende Maßnahmen vor:

a) Der Geheimdienst soll so schnell wie möglich bessere und präzisere Definitionen zur Bestimmung jener potentiellen Bedrohungen des Präsidenten aufstellen, die ihm durch andere
Dienststellen zur Kenntnis gebracht werden sollten. Dazu
sollte u.a. auch eine Bestimmung gehören, die eine umgehende
Benachrichtigung des Geheimdienstes von der Rückkehr solcher
Personen vorsieht, die sich von den Vereinigten Staaten losgesagt hatten.
b) Der Geheimdienst sollte seine derzeitigen Pläne für die Verwendung von Hochleistungs-Datenverarbeitun£Sverfahren beschleunigt durchführen.
c) Sobald der Geheimdienst die neuen Richtlinien ausgearbeitet
hat, in denen die gewünschten Informationen im einzelnen
aufgeführt sind, sollte er Vereinbarungen mit den einzelnen

- 43 -

�einzelnen Bundesbehörden treffen, die den Eingang solcher Informationen sicherstellen.
5» Die Kommission empfiehlt, daß der Geheimdienst die Schutzvorkehrungen im Rahmen der Planung und Durchführung von Fahrten
des Präsidenten in einer Wagenkolonne verbessert. Insbesondere
sollte der Geheimdienst seine gegenwärtigen Anstrengungen zur vorbeugenden Absicherung von Bauwerken, an denen die Fahrzeugkolonne
vorüberfährt, in Zukunft noch verstärken.
6. Die Kommission empfiehlt, daß der Geheimdienst seine in der
letzten Zeit begonnenen Bemühungen um eine Verbesserung und Formalisierung der Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeibehörden in Gebieten, die der Präsident besucht, fortsetzt.
7« Nach Ansicht der Kommission sind nach Inkrafttreten der
neuen Richtlinien und bei Anwendung der neuen Verfahren der Personalbestand bzw. die Einrichtungen des Geheindienstes nicht mehr ausreichend. Die Kommission empfiehlt, den Geheimdienst in dem I.Iaße mit
Personal und Hilfsmitteln auszustatten, wie sie der Geheindienst
und das Finanzministerium zur Erfüllung seiner wichtigen Aufgabe als
erforderlich nachweisen sollte.
8. Selbst bei einer Erhöhung der Personalstandes im Geheimdienst
wird der Schutz des Präsidenten weiterhin den Einsatz des Apparats
und die Mitarbeit der Beamten vieler Bundesbehörden verlangen. Die
Kommission empfiehlt, daß diese Behörden, speziell das Bundeskriminalamt, die bisher - insbesondere seit der Ermordung Präsident Kennedys - entwickelten Praktiken weiterführen und auf Anforderung den
Geheimdienst durch Bereitstellung von Personal und anderweitiger
Hilfe unterstützen, und daß engere Bindungen und Kontakte zwischen
dem Geheindienst und allen Bundesbehörden geschaffen werden.
9« Die Kommission empfiehlt, daß der Arzt des Präsidenten diesen während seiner Reisen stets begleitet und einen Platz in seiner
Nähe einnimmt, von dem aus er in jedem Notfall sofort Beistand leisten kann.
10.

- 44 _

�10. Die Kommission empfiehlt dem Kongreß den Erlaß eines
Gesetzes, den zufolge die Ermordung des Präsidenten und des Vizepräsidenten als ein unter Bundesrecht fallendes Verbrechen zu behandeln ist. Ein Zustand, in dem Bundesbehörden keine klar definierte Vollnacht besitzen, um die Ermordung eines Präsidenten zu
untersuchen, ist anomal.
11. Die Kommission hat die Behandlung des Falles Oswald durch
das Außenministerium untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß
dabei strikt nach dem Gesetz verfahren wurde. Die Konnission glaubt
jedoch, daß das Außenministerium in Übereinstimmung mit seinen eigenen Verfahrensregeln große Sorgfalt in allen Fällen der Rückführung
von Überläufern walten lassen sollte, die erwiesenermaßen ein unloyales oder feindseliges Verhalten gegenüber den Vereinigten Staaten an den Tag gelegt oder den Wunsch zum Ausdruck gebracht haben,
ihre amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben; werden Personen
unter solchen Umständen rückgeführt, sollte für eine bessere Verteilung von Informationen über sie unter den Sicherheitsbehörden der
Regierung Sorge getragen werden.
12. Die Kommission empfiehlt, daß die Vertreter der Anwaltskammern und der Vereinigungen der Rechtsvollzugsbeamten sowie der Nachrichtenmedien zusammenarbeiten, um ethische Normen in bezug auf das
Sammeln und die Verbreitung von Informationen In der öffentlichkeit
zu schaffen, so daß es nicht zu einer Einmischung in schwebende
Ermittlungsverfahren, in ein Gerichtsverfahren oder in das Recht
des einzelnen auf einen fairen Prozeß kommen kann.
* * *

- 45 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

A l l g . / XVII - 34

GÄRUNGSZONE. OSTEUROPA

ANSPRACHE.

Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten
in der Bundesrepublik Deutschland,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten am 13• Oktober 1964 auf einer gemeinsamen Veranstaltung des
Jugendbildungswerks der Stadt Kassel und des Amerika-Hauses Kassel

�GÄRUNGSZONE OSTEUROPA

Ihre Einladung zur Teilnahme an diesem alljährlich hier stattfindenden Symposium nahm ich mit großer Freude an. Das nicht zuletzt,
weil sie mir willkommene Gelegenheit bot, wieder einmal nach Kassel
zu kommen - einer Stadt, der mein Interesse schon seit längerem in
besonderem Maße gilt. Der Besuch, den meine Familie und ich kürzlich
Ihrer Stadt abstatteten, verlief sehr eindrucksvoll und wurde zum
Anlaß, die hervorragende Sammlung von Zeugnissen moderner Kunst kennenzulernen, die hier für die Documenta III

zusammengetragen worden

waren» Diese Ausstellung mit ihrer den Rahmen des Üblichen sprengenden Eigenart gereicht ihrem Initiator Professor Bode und Kassel gleichermaßen zur Ehre.
Nunmehr versetzt mich Ihre Einladung in die Lage, mich eingehend
über ein Gebiet zu informieren, auf dem Ihre Stadt wiederum Hervorragendes leistet - ich meine das zukunftsweisende Jugendbildungswerk der
Stadt Kassel. Ich beglückwünsche Sie zu diesem Unternehmen. Es ist
nach meiner Auffassung von allergrößter Wichtigkeit«, daß die heranwachsende Generation in der freien Volt und vor allem auch die jungen
Ilenschen im freien Deutschland mit jenen Problemen vertraut gemacht
werden, die in absehbarer Zukunft unsere Zeit beherrschen werden.
Ich möchte heute zu Ihnen über die Lage in den osteuropäischen
Staaten sprechen sowie über die Politik, die meine Regierung ihnen
gegenüber verfolgt. Osteuropa ist ein Gebiet von größter Bedeutung
nicht nur für mein Land, sondern auch für das Ihre und ganz Westeuropa.
V/as dort gegenwärtig vorgeht, läßt ahnen, vor welche neuen Aufgaben wir
uns in Zukunft gestellt sehen werden, vor welche Gelegenheiten auch,
die wir sicherlich nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen.
Lassen

�Lassen Sie mich aber von vornherein klarstellen, daß ich meine
Erörterungen nicht auf die Lage in der Sow.jetzone Deutschlands ausdehnen werde.. Das will nicht etwa besagen, die Zone werfe nicht auch
wichtige Probleme auf - Probleme, die gleichfalls eine Erörterung verdienen. Die durch die Teilung Deutschlands geschaffenen Probleme geben uns in der Tat nicht weniger Anlaß zu großer Besorgnis als Ihnen.
Am 26. Juni dieses Jahres haben wir gemeinsam mit den Briten und
Franzosen in der Drei-Hächte-Erklärung -unsere Überzeugung zum Ausdruck
gebracht, daß es so lange keine Sicherheit und Stabilität in Europa
geben könne, wie Deutschland geteilt bleibe. Obwohl die allgemeine Entwicklung in Osteuropa nicht ohne Einfluß auf die Verhältnisse in der
Zone bleibt, wäre doch ein gut Teil dessen, was ich hier über die Länder Osteuropas sagen möchte, zumindest

irreführend, wollte man es

auch auf die Zone ausdehnen. Die Zone ist kein Land, sie ist der verstümmelte Teil eines Landes und ein Sonderfall auch hinsichtlich anderer wichtiger Aspekte.
Selbst mit dieser Einschränkung ist das Thema Osteuropa fast zu
weitgespannt, um es innerhalb der Grenzen eines einzigen Vortrages abzuhandeln. Ich glaube, alle intelligenten Beobachter und Kenner dieses
Gebietes werden mit mir darin übereinstimmen, daß die Lage in Osteuropa
nicht mehr länger einfach durchschaubar und nicht mehr statisch ist.
Angesichts der Eigenart der Veränderungen, die sich gegenwärtig in jenem
Teil Europas vollziehen, wird es darüber hinaus allmählich sinnlos, von
diesem Gebiet nur in breiten Verallgemeinerungen zu reden. Osteuropa
wird gegenwärtig durch starke Unterschiede im Inneren gekennzeichnet
und nicht durch Homogenität, durch sich anbahnende Gegensätze zwischen
den Staaten und nicht durch Einmütigkeit. Ich möchte daher die Länder
Osteuropas einzeln behandeln.
Doch ehe wir dies tun, wollen wir aus Gründen der Zweckmäßigkeit
erst die gegenwärtige Situation in Osteuropa mit den Verhältnissen zur
Zeit Stalins vergleichen. Stalin war bestrebt, in Osteuropa die Basis
zu schaffen, von der aus die Sowjetunion ihre Kontrolle schließlich auf
ganz Westeuropa ausdehnen konnte. Um jene Basis au konsolidieren, versuchte er, Osteuropa gegen die freie Welt abzuriegeln. Nach sowjetischem
Lluster aufgebaute Polizeistaatsysteme begannen die unglücklichen Tölker

- 2 -

�Völker in den osteuropäischen Ländern zu t jrrorisieren. Ihre stark
unterschiedlichen Volkswirtschaften und nationalen Institutionen
wurden in ein festes Schema gezwängt, den Prokrustesbett vergleichbar, auf daß sich ihre natürlichen Hilfsquellen um so einfacher für
die Zwecke der Sowjetunion ausheuten ließen. Polnische Kohle, rumänisches Öl und tschechisches Uran - alles diente der Sowjetunion.
Die Landwirtschaft Osteuropas wurde durch die Kollektivierung in
ein Chaos gestürzt und ihre Produktionskraft geschwächt - nur um
Stalins Vorstellungen von Uniformität zu entsprechen.
Die so erzwungene Gleichförmigkeit wurde durch Terror aufrechterhalten. Führende Kommunisten der östlichen Länder, die gegen Stalins
Mißachtung der unterschiedlichen nationalen Erfordernisse aufzubegehren wagten, verschwanden schnell von der Bildfläche, wurden liquidiert oder anderweitig aus dem Weg geräumt. Der Eiserne Vorhang rassei
te herunter und vernichtete mit einem Schlag alle Hoffnungen, die die
Völker Osteuropas bezüglich der Aufrechterhaltung ihrer traditionellen
Kontakte mit dem Vesten gehegt hatten. Dem äußeren Anschein nach wurden die osteuropäischen Staaten zu reinen Marionetten ohne Gesicht,
ohne Stimme und ohne spezifische Eigenart. Hur noch ein kurzer Schritt
schien sie davon zu trennen, gänzlich von der internationalen Bühne
zu verschwinden, um vielleicht als Teil der Sowjetunion wieder zum
Vorschein zu kommen.
Wie wir heute wissen, ist Stalins Versuch, die von ihm beherrschten Völker zu einen dauerhaften monolithischen Block zusammenzuschmieden, letzten Endes gescheitert. Stalin duldete nicht die geringste
Manifestation der Kräfte des Nationalbewußtseins und des Eigeninteresses in Osteuropa, diese Kräfte selbst aber konnte er nicht vernichten. Im Verein mit der menschlichen Sehnsucht nach Freiheit und einem
besseren Leben haben diese Kräfte nunmehr den Monolith

zum Bersten ge

bracht. Die Isolierung der osteuropäischen Staaten vom Westen wird in
zunehmendem Maße brüchig, und ihre unterschiedlichen natürlichen und
nationalen Wesenszüge treten mehr und mehr zutage.
Stalins Monolith hat nicht einmal dessen Leben überdauert. Jugoslawien hat sich - wie Ihnen allen noch in Erinnerung,sein dürfte - be
reits 1948 aus ihm gelöst und sich fortan zu Stalins ptändigem, aber
fruchtlose

Ärger aus ihm herausgehalten. Wenngleich Jugoslawien _in

- 3 -

�in jüngster Zeit seine Beziehungen zu Moskau verbesserte, hat es
sich seine Unabhängigkeit in allen politischen, militärischen und
internationalen Angelegenheiten bewahrt. Das Land gehört keinem
Militärpakt an, übt dafür aber großen Einfluß auf die blockfreien
Staaten in allen Teilen der Welt aus und unterhält
che Beziehungen zu

freundschaftli-

den Vereinigten Staaten und anderen Ländern des

Westens« Die Bundesrepublik hat keine diplomatischen Beziehungen zu
Marschall Tito-, um so mehr freut es uns, eine Verbesserung des deutschjugoslawischen Verhältnisses zu beobachten. Vir begrüßen die kürzlich
erfolgte Unterzeichnung der Vereinbarungen zwischen, der Bundesrepublik
und Jugoslawien, die das Waren« und Zahlungsabkommen von 1952 verlängern und erweitern.
Im Bereich der Innenpolitik verfolgt Marschall Tito konsequent
das von ihm proklamierte Ziel, jenen Kurs zu steuern, den die Kommunisten als "nationalen Weg des Sozialismus" bezeichnen. Jugoslawien
hat sich in der Tat einige der Aspekte einer freien Marktwirtschaft
zu eigen gemacht: es hat einzelnen genossenschaftlichen Betrieben
eine größere Selbständigkeit zugebilligt, seine Außenhandelsbestimmungen weitgehend liberalisiert und sein Einfuhrlizenaierungssystem größtenteils durch ein Gefüge fester Zölle ersetzt, das übrigens bis in
Einzelheiten den in Brüssel aufgestellten Zollklassifikationen der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gleicht. Über "JCF/J des jugoslawischen Außenhandels entfallen auf Länder der freien Welt. Jugoslawien
beteiligt sich seit 1959 a-n der Arbeit des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) und nimmt auch an den Zollverhandlungen im Rahmen
der Kennedy-Hunde teil. Das Land ist dabei, seinen Außenhandel allmählich zu dezentralisieren, indem es einigen Betrieben gestattet,
direkt mit ihren ausländischen Abnehmern zu verhandeln und mit den erlösten Devisen Auslandskäufe zu tätigen.
In Polen wurde der Trend zur Unabhängigkeit vor etwa acht Jahren
deutlich. Im Jahr 1956 kehrten die polnischen Machthaber unter dem
Druck der Volksmeinung und der Probleme, die die Anwendung kommunistischer Praktiken heraufbeschworen hatte, der kommunistischen Lehre
in ihrer orthodoxesten Form den Rücken und setzten der völligen Unterwerfung unter das Gebot Moskaus ein Ende. Wenngleich die Kirche in

- 4-

�in Polen nach wie vor gewissen Kontrollen und Beschränkungen
unterliegt, konnte sie dennoch ihre Position als eines der entscheidenden Elemente im Leben des Volkes halten. Polen hat auch
hinsichtlich der Kollektivierung der Landwirtschaft nicht mit den
anderen kommunistischen Staaten gleichgezogen, sind doch noch
85$ der Anbauflächen dieses Landes in Privatbesitz. Es beteiligt
sich gleichfalls seit 1959 an der Arbeit des GATT, stimmt seine
Außenhandelspolitik auf die Erfordernisse des Handels mit den Freimarktstaaten des Westens ab und rechnet damit, in der Kennedy-Runde
eine Rolle zu spielen.
Die Entwicklung in Rumänien während der jüngsten Zeit ist ebenfalls sehr bedeutsam und beweist das Streben der Regierung und des
Volkes nach größerer Unabhängigkeit.
Auch in anderen osteuropäischen Staaten deuten Anzeichen darauf hin, daß die Regierungen die Forderungen der Bevölkerung nach
einer Besserung ihres Loses erkennen und versuchen, ihnen zu entsprechen. In Ungarn haben mäßigende innere Reformen und die Bemühungen
um einen nationalen Ausgleich zu einer sehr beträchtlichen Besserstellung der Bevölkerung geführt. Sämtliche. osteuropäischenStaaten bemühen sich um einen Ausbau ihres Handels mit dem Westen und haben, als
Gruppe genommen, in dieser Hinsicht seit 1955 beträchtliche Erfolge
erzielt. Das Gesamtvolumen ihres Handels mit dem Westen erweiterte sich
von rund 2 Ililliarden Dollar im Jahre 1955 auf t Milliarden Dollar im
Jahr 1963» wobei sich Aus- und Einfuhren so ziemlich die Waage halten.
Das Handelsvolumen von 19^3 i n Höhe von 4 Mrd• Dollar kommt dem des
Jahres 1938 nahe, wobei man allerdings noch die inzwischen eingetretenen Veränderungen im Preisgefüge berücksichtigen müßte.
Die meisten osteuropäischen Staaten unternehmen kräftige Anstrengungen zur Ausweitung des Fremdenverkehrs. Die Regierungen ermutigen
nicht nur ausländische Reisende zum Besuch ihrer Länder, was letzteren wirtschaftlich sehr zugute kommt, sondern machen es darüber hinaus
auch ihren eigenen Staatsangehörigen leichter als bisher, ins Ausland
zu reisen. Sie haben ihr Interesse am Kulturaustausch wie auch an
anderen Formen des Austausches mit dem Westen bekundet. Kurz gesagt.

- 5-

�gesagt, fast sämtliche Länder Osteuropas "bemühen sich immer stärker
und mit wachsendem Erfolg, die Verbindungen mit dem übrigen Europa
und dem Westen wiederherzustellen.
Ich möchte hier meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß der
Ileiseverkehr für sich allein schon, sofern er ein entsprechendes
Volumen erreicht, einen sehr nachhaltigen Einfluß im Sinne eines konstruktiven Wandels innerhalb der osteuropäischen Staaten auszuüben
vermag. Der Touristenstrom bringt nicht nur Geld in diese Länder, er
bietet auch Gelegenheit, das gegenseitige Verständnis und die Freundschaft zu mehren. Im Jahr 1961 zählten die osteuropäischen Staaten
513 000 Besucher aus Westeuropa und Nordamerika. Diese Ziffer, die
39 000 Amerikaner einschließt, entspricht etwa 25$ aller ausländischen Besucher. Vergleichszahlen für 19&amp;2 sind nicht verfügbar; die
Zahl der westlichen Besucher Osteuropas dürfte aber nach unseren
Schätzungen in jenem Jahr um 20p zugenommen haben.
Persönliche Kontakte mit Touristen lehren die Bevölkerung Osteuropas natürlich, die Verhältnisse in der freien Welt so zu sehen, wie
sie wirklich sind - und nicht so, wie sie ihnen eine irreführende Propaganda fast ein I.Ienschenalter lang dargestellt hat. Einige osteuropäische
Staaten gestatten heute auch die Einfuhr westlicher Zeitungen als Lektüre für die Touristen. Die Regierungen der osteuropäischen Staaten
sind sich darüber im klaren, daß sie ausländische Besucher, wollen sie
ihr Land für Fremde attraktiv machen, nicht via in der Vergangenheit
den in Polizeistaaten üblichen Methoden aussetzen können; ja sie müssen
sich selbst in der Behandlung ihrer eigenen Staatsangehörigen ganz erhebliche Zurückhaltung auferlegen.
Der Reiseverkehr hat über den offenkundigen Zweck hinaus, als lohnende und jederzeit ausbaufähige Devisenquelle für das Gastland zu
fungieren, noch andere langfristige wirtschaftliche Auswirkungen. Die
Fremdenverkehrsindustrie erfordert erhebliche Anfangsinvestitionen in
Anlagen und Dienstleistungsbetriebe, und hat der Touristenstrom erst
einmal eingesetzt, so läßt sr sich nicht einfach wieder abstellen, weil
sonst die investierten Mittel verloren sind und gleichzeitig die lohnende Einkommensquelle versiegt. Aus diesem Grunde stellt meiner Meinung nach der Ausbau der Fremdenverkehrsindustrie durch die Staaten in

- 6 -

�in Osteuropa eine echte Basis für dauerhafte Kontakte mit dem
Y/esten dar.
Ich möchte noch einmal darauf aufmerksam machen, daß man jede
Verallgemeinerung über Osteuropa vor Anwendung auf ein einzelnes
Land sehr genau auf ihre Gültigkeit speziell für dieses überprüfen
sollte. Die Anzeichen der im Gang "befindlichen Veränderung sind in
gewissen Ländern nicht so augenfällig wie in anderen. Albanien zum
Beispiel fällt gegenüber seinen Nachbarn völlig aus dem Rahmen und
sieht sich deshalb von Osteuropa isoliert und mit Rotchina verbündet.
Albanien ist ein weiterer Beweis für das Zerbrechen des sowjetischen
Blocks.
Man darf ferner nicht vergessen, daß die Entwicklung innerhalb
der einzelnen Länder nicht einheitlich verläuft. Sie vollzieht sich
nicht ohne Änderungen der jeweiligen Methoden oder ohne Umschwünge
in den Tendenzen. Sie zeigen deutlich das Auf und Ab der Entwicklung,
die hier in Rede steht. Mit kurzen Worten, die politische Evolution
in Osteuropa vollzieht sich ungleichmäßig, aber sie schreitet voran.
Den Kennern der Verhältnisse im kommunistischen Block gibt die
Entwicklung in Osteuropa manche Fragen auf. Ihre Beurteilung der
Gründe für die zu verzeichnenden Tfandlungen dürfte für uns alle recht
interessant sein. Sie gelangen zu dem Schluß, die Ursache für die inzwischen eingetretene Entwicklung sei mit größter Wahrscheinlichkeit
in den katastrophalen Fehlern zu suchen, die die marxistischen Theoretiker in der Lenkung der Volkswirtschaften der kommunistischen Länder Osteuropas begangen haben. Nach Jahren wirtschaftlicher Schwierigkeiten, in denen die Regierungen das materielle Wohlergehen der Bevölke:rung nicht zu mehren oder - in einigen Fällen - auch nur auf dem erreichten Stand zu halten vermochten, übte die allgemeine Auflehnung
seitens der Bevölkerung einen unwiderstehlichen Druck in Richtung
auf einen Wandel der Verhältnisse aus.
Die in starkem Kontrast hierzu stehende wirtschaftliche Dynamik
der freien Länder des Westens und ihr sozialer Fortschritt sind nicht
ohne tiefen Einfluß geblieben. Die rasche wirtschaftliche Erholung
Westeuropas -\besonder.s in Deutschland - in der Nachkriegszeit und der

- 7-

�der fortgesetzte Anstieg des Lebensstandards haben eine geradezu
magnetische Wirkung» was die Bevölkerung und die Führung der Länder Osteuropas angeht. Hieraus erklärt sich u.a. auch die unwiderstehliche Anziehungskraft des Westens auf die östlichen Länder.
Vir müssen ferner anmerken, daß sich Stalins Nachfolger, von
denen einige den Machtappai t der Tyrannei glücklicherweise nicht
ganz so rücksichtslos und brutal handhaben wie jener, nicht imstande
sahen, der steigenden Flut des Verlangens nach einem Wandel der Verhältnisse länger Hinhält zu gebieten. Wenn sie auch Stalins blutige
Ilethoden verwarfen, so raren sie doch ohne weiteres bereit, 1956 in
Ungarn zu Unterdrücicung und Blutvergießen als den Mittel zu greifen,
einer Evolution Einhalt zu gebieten, die sich zur Revolution gewandelt hatte. Doch die neuen Gebieter über die sowjetische Macht haben
offensichtlich erkannt, daß ein Wandel unausweichlich war, wollten sie
sich nicht jeder Hoffnung begeben, Osteuropa halten zu können.
Eine wichtige Rolle hat hierbei zweifelsohne das Beispiel Jugo1t. Die Entschlossenheit, mit der jenes Li
Unabhängigkeit best-

•, hat

if seirer

Ibst treue Anhänger der Sowjetur.Ion in

anderen osteuropäischen Staaten ermutigt, sich langsam und vorsichtig
an einen Kurs heranzutasten, der mehr im Einklang mit den eigenen nationalen Interessen steht.
Schließlich ist das gegenwärtige Zerwürfnis zwischen Rotchina und
der Sowjetunion - diese Schlußfolgerung bietet sich meiner Meinung nach
zwangsläufig an - ein weiterer Faktor, der zu diesem Wandel in Osteuropa beigetragen hat« Während die beiden Giganten des kommunistischen
Machtbereichs sich mit Beleidigungen und Drohungen überschütten, werden
sich die Länder in Osteuropa immer deutlicher ihrer zunehmenden Handlungsfreiheit bewußt. Obwohl «diese Staaten an ihrer Identifizierung mit
dem Kommunismus - dem sowjetischen Kommunismus zumeist - festhalten,
suchen sie innerhalb des Spielraums, den sie zu haben glauben, so selbständig wie nur möglich zu handeln.
auch immer die Gründe hierfür sein mögen, der Prozeß des Wandels in Osteuropa wird sich zwangsläufig fortsetzen« Die Frage, der
wir alle uns hier im Westen gegenübersehen, lautet; Was sollen wir

- 8 -

�wir angesichts dieser Entwicklung unternehmen, welche Zielsetzungen sollte unsere Politik in Osteuropa verfolgen und wie können
wir diese verwirklichen?
Nun gibt es meiner Auffassung nach hei der Festlegung unserer
Politik einige Grundhegriffe, die wir im Auge behalten müssen. Wenn
wir den Begriff "Osteuropa" anwenden, sollte der Ton auf dem zweiten
Wortbestandteil - Europa - liegen. Denn schließlich ist Osteuropa
Teil Europas - eine Tatsache, die um so deutlicher wird, je mehr
die Mannigfaltigkeit, die im Westen nie verlorengegangen ist, auch
im Osten wieder in Erscheinung zu treten beginnt.
Und diese Entwicklung auf eine Annäherung an ch
schränkt sich tiLcht nur auf solche Erschei

sten hin beDie osteuropä-

ischen Staaten wollen mit dem Westen Handel treiben. Sie müssen ihre
Wirtschaftssysteme zwangsläufig so weitgehend u:

, daß sie in

die Lage kommen, dies mit einigem Erfolg zu versuchen. Ich will damit
nicht behaupten, die Marxisten Osteuropas würden zu Verfechtern der
freien Wirtschaft werden. Die wirtschaftlichen Einrichtungen in Osteuropa werden sich aber unter dem Einfluß des Handels mit dem Westen
unweigerlich in zunehmenden Maße den unseren angleichen.
In ähnlicher Weise werden Kontakte auf kulturellem und auf anderen Gebieten mithelfen, das in den Völkern Osteuropas tief verwurzelte
Bewußtsein europäischer Gemeinsamkeiten wiederzubeleben. Jahrhundertelang waren Kunst, Literatur, Geschichte und Tradition der osteuropäischen Staaten en~ mit denen des übrigen Europa verflochten. Polnische,
tschechische und ungarische Musiker - Paderewski, Chopin, Dvorak,
Liszt und andere - werden in einem Atemzug mit ihren westeuropäischen
Zeitgenossen genannt. Die historische Rolle, die der Polenkönig Jan
Sobieski vor knapp 300 Jahren bei der Rettung Europas - Ost- und Westeuropas - und seiner Kultur vor den einfallenden türkischen Heeren
gespielt hat, ist noch nicht vergessen.
Ihr Land hat von alters her starke Bindungen zu den osteuropäischen Staaten. Es gibt im Osten zahlreiche Beispiele für den Einfluß
deutscher Kultur. Deutschland ist ferner traditionsgemäß einer der

v

_ 9-

�der wichtigsten Abnehmer von Waren aus Osteuropa und auch einer der
Hauptlieferanten von Industrieprodukten dorthin. Heine Regierung begrüßt die vorausschauenden Bemühungen der Bundesrepublik, die Grundlagen für bessere Beziehungen zu den Ländern in Osteuropa zu schaffen.
Die Bundesrepublik hat durch den Abschluß von Handelsvereinbarungen mit mehreren dieser Länder - Polen, Rumänien und Ungarn - sowie
durch die Einrichtung von Handelsmissionen auf der Basis der Gegenseitigkeit die Bindungen verstärkt, die Deutschland zu jenem Gebiet hat.
Der deutsche Außenhandel mit den Ländern dieses Bereichs hält sich
mit weit über 500 Millionen Dollar im Jahr auf beträchtlicher Höhe.
Dies ist ein Gebiet, auf dem Deutschland im Interesse des gesamten
Westens eine wichtige Rolle übernehmen kann. Die Vereinigten Staaten
wünschen Ihnen bei diesen Bemühungen aufrichtig Erfolg.
Wir hoffen sehr, daß die Zugehörigkeit der Länder Osteuropas zu
Gesamteuropa von den westeuropäischen Staaten auf ihrem Weg zur wirtschaftlichen Integration über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
nicht übersehen wird. Diese Entwicklung stellt die Länder im Osten vor
ernste Probleme, stört sie doch viele ihrer traditionellen Handelsbeziehungen. Es ist dies ein Problem, das es zu lösen gilt, sollen sich
die Dinge in Osteuropa weiterhin günstig entwickeln.
Ich bin mir dessen bewußt, daß es im Westen Kreise gibt, die gerne
eine Hauer zwischen dem Westen und dem gesamten kommunistischen Machtbereich errichteten - und damit Osteuropa für alle Zeiten Moskau überantworter. würden. Diese Leute sähen es gern, wenn wir gegenüber allen
kommunistischen Staaten eine simple und allgemeingültige
Politik verfolgten. Sie wollen uns dazu bestimmen, Albanien genauso zu
behandeln wie Polen und auch umgekehrt.
Die Politik meiner Regierung ist weit vielschichtiger und, wie
ich meine, klüger. Wir sind bestrebt, die im kommunistischen Machtbereich einsetzende Entwicklung in Richtung auf die nationale Unabhängigkeit, eine friedliche Zusammenarbeit und eine offene Gesellschaft zu
fördern. Wir suchen in Osteuropa jene Entwicklungetendenzen zu begünstigen, die bei weiterer Verstärkung zur Beendigung der Spaltung

- 10 -

�Spaltung Europas und, als zwangsläufige Folge, auch der Spaltung
Deutschlands führen können. Nach unserer Auffassung lassen sich
diese Zielsetzungen der Verwirklichung am besten durch eine flexible
Politik näher bringen, die den unterschiedlichen Verhalten der einzelnen kommunistischen Länder beziehungsweise dem wechselnden Verhalten überhaupt jeden Landes Rechnung trägt. Nach unserer Ansicht
würde eine starre Politik den von Land zu Land verschiedenen Verhältnissen nicht gerecht. Sie würde auch seitens unserer Gegner
nicht als Zeichen der Stärke gewertet werden. Unsere Politik spiegelt nicht Schwäche und mangelnde Entschlußfreudigkeit, sondern jene
Flexibilität wider, die sich der leisten kann, der stark ist.
Dies alles besagt nichts Feindseliges gegenüber der Sowjetunion
und stellt auch keinen Versuch dar, die kleinen europäischen Staaten
gegen die Sowjets zu mobilisieren. Wir sind uns meines Erachtens alle
darüber im klaren, daß diese Staaten zufriedenstellende und freundschaftliche Beziehungen zu ihrem gewaltigen Nachbarn im Osten unterhalten müssen, wollen sie ein wenigstens einigermaßen dauerhaftes Gefühl der Sicherheit haben. Ich befürworte hier lediglich, in Osteuropa die Schaffung von Verhältnissen zu begünstigen, die.es den Staaten dieses Gebietes gestatten, unbehindert Beziehungen sowohl zum
Osten als auch zum Westen zu pflegen, und zwar unter Bedingungen, die
von ihren natürlichen Interessen und nicht von Zwang diktiert sind.
Die amerikanische Politik verfolgt in Osteuropa im einzelnen
folgende Zielsetzungen:
a) Sorge zu tragen, daß diese Völker völlig unabhängig werden,
ein angemessenes Auskommen finden und ihre natürlichen und historischen
Bindungen zum übrigen Europa und

der freien Welt neu knüpfen können.

Diese Konzeption gründet sich auf unsere Überzeugung, derzufolge die
Verwirklichung der Selbstbestimmung in Osteuropa und anderswo von entscheidender Bedeutung für die Schaffung einer gerechten und auf lange
Zeit gesicherten Vfeltordnung ist;
b) die fortschreitende Lockerung der Reglementierung und Kontrolle
der osteuropäischen Staaten von außen her wie auch das Anhalten der
gegenwärtigen Entwicklungstendenzen in Richtung auf die nationale

- 11 -

�nationale Autonomie und eine größere Mannigfaltigkeit zu fördern.
Eine solche Entwicklung folgt keinem beschwerlichen Weg, führt aher
in di

richtige Richtung und am Ende zu Freiheit und Unabhängigkeit;
c) alle Entwicklungen zu fördern, die die Völker Osteuropas in

die Lage versetzen, über ihre eigene Regierungsform frei zu bestimmen und sich der Früchte nationaler Selbständigkeit zu erfreuen.
Dies würde zum Frieden in Europa beitragen und normalere, stabilere
und gesündere Beziehungen zwischen diesen Völkern und ihren Kachbarn
im »Testen und auch zur Sowjetunion zur Folge haben.
Welches sind nun, konkret gesprochen, die Mittel, deren sich die
Vereinigten Staaten zur Durchführung dieser ihrer Politik gegenüber
den osteuropäischen Staaten bedienen? Vir haben unser Vorgehen in
allen wesentlichen Bereichen auf die unterschiedlichen Erfordernisse
und Möglichkeiten eines jeden einzelnen Falles abgestimmt. Verschiedentlich ist die Initiative zu einer Verbesserung der Beziehungen zu
den Vereinigten Staaten von osteuropäischen Ländern selbst ausgegangen. Wir haben solche Initiativen begrüßt und dementsprechend reagiert
sofern es stichhaltige Beweise für den echten Wunsch nach Besserung
des Verhältnisses zu uns gab. Es ist in diesem Zusammenhang bedeutsam,
daß die Störung der Sendungen der Stimme Amerikas in Osteuropa fast
aufgehört hat. Der Fortschritt Polens in Richtung auf seine nationale
Unabhängigkeit veranlaßte uns, diesem Lande die Behandlung nach dem
Grundsatz der Leistbegünstigung zuzugestehen und ihm landwirtschaftliche Produkte gemäß unserem Gesetz /[80 über die Verwendung überschüssiger Agrarbestände zu liefern.
Rumäniens jüngste Anstrengungen, seine Handelsverbindungen und
anderen Kontakte zum Westen veiter auszubauen, schlössen auch Schritte
zur Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten ein. Wir
haben demgemäß reagiert. Im Mai dieses Jahres nahmen die Vereinigten
Staaten und Rumänien gemeinsam eine Überprüfung ihrer gegenseitigen
Beziehungen vor und einigten sich auf eine Reihe spezifischer Maßnahmen, die dem Handels- und Reiseverkehr zwischen beiden Ländern sowie
auch der; Y/issenschafts- und Kulturaustau: sh dienlich sein sollen. Vir

- 12 -

�Wir "beobachten die Entwicklungen in den Ländern Osteuropas sehr
sorgfältig und werden alle die Verbesserung des Loses ihrer Bevölkerung versprechenden Tendenzen nach Kräften ermutigen.
Wie ich noch einmal unterstreichen möchte, sind das, was wir
in Osteuropa zu erkennen vermeinen, Entwicklungstendenzen - nicht
etwa Formen einer bereits bestehenden neuen Ordnung. Unsere Politik
übersieht keineswegs die tragische Tatsache, daß diese Länder nach
wie vor von Kommunisten regiert werden. Die Amerikaner haben zu viele
historische, persönliche und kulturelle Bindungen zu Osteuropa, um
sich nicht schmerzlich dessen bewußt zu bleiben, daß die Bevölkerung
dieses Gebietes ihrem freien Willen noch immer nicht Ausdruck geben
kann. Es bestehen auch nach wie vor tiefgehende Ueinungsverschiedenheiten zwischen den Staaten in Osteuropa und dem Westen. Und insoweit
sich deren kommunistische Regierungen weiter zu dem Gedanken der Weltrevolution bekennen, stellt unsere Politik auch dieses Faktum in Rechnung.
Diese Politik wurde somit in voller Kenntnis der Tatsache formuliert, daß der Kommunismus ganze Völker tyrannisiert und den Weltfrieden gefährdet. Sie wurde aber auch in dem - durch die Entwicklung in
Osteuropa hinreichend begründeten - Glauben formuliert, daß die vom
Kommunismus beherrschten Gebiete von Völkern bewohnt werden, in denen
der Freiheitsdrang nicht schon erstorben ist. Diese beiden '.,'ahrheiten
diktieren den Kurs, den wir verfolgen - einen von klaren Grundsätzen
bestimmten Kurs, der sich in sorgfältig abgestuften Handlungen dokumentiert. Versuchen der Kommunisten zur Ausweitung ihrer Macht treten wir
mit aller Stärke entgegen; Schritte in Richtung auf die nationale Unabhängigkeit und größere Freiheit im Inneren seitens der Staaten des
kommunistischen Machtbereichs ermutigen wir mit allen friedlichen Mitteln, die uns zu Gebote stehen.
Dies ist nicht die am leichtesten zu verfolgende Politik, doch
sicherlich die klügste. Sie verlangt von uns den fortgesetzten Gebrauch
unseres Urteilsvermögens und ein sorgfältiges Abwägen von Maßnahmen,
die oberflächlich betrachtet gleich geartet sein mögen, aber bei

- 13 -

�"bei Anwendung unter unterschiedlichen Verhältnissen gänzlich entgegengesetzte Ergebnisse zeitigen können. Es ist dies keine Politik,
die große Schlagworte abgibt. Ihre Durchführung erfordert Geduld
und eine nie erlahmende Beachtung selbst von Kleinigkeiten. Doch
wenn wir sie beharrlich verfolgen, werden wir es erleben, wie der
in Osteuropa im Gang befindliche Gärungsprozeß in einem anbrechenden neuen Zeitalter einen neuen Wein der Hoffnung hervorbringen
wird.
* * #

- 14 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./xvi-37

Sonderbeilage

PER WELTHANDEL UND DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
Von Dean Rusk
Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika
NEW YORK - (AD) - Wortlaut der Rede des
amerikanischen Außenministers vom 16. November 1964 vor dem "National Foreign Trade
Council" anläßlich der Eröffnung einer Tagung
über die Probleme des Welthandels und der
wirtschaftlichen Entwicklung.
Sie heginnen mit Ihren Beratungen über den Welthandel und die
wirtschaftliche Entwicklung an einem bedeutungsvollen Tag.
In Genf haben heute die führenden Handelsnationen ernstlich die
sechsten und in der Sache weitestreichenden Verhandlungen der Nachkriegszeit im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens aufgenommen. Die wirtschaftlichen Aussichten der freien Welt gewinnen
dadurch freundlichere Aspekte.
Wir haben diesen Punkt in der Kennedy-Runde erst nach vielen
Verzögerungen sowie nach langen und schwierigen Vorverhandlungen mit
unseren Handelspartnern erreicht. Das Gesetz über die Ausweitung des
Handels ("Trade Expansion Act") wurde im Oktober 1962 verabschiedet.
Damals hofften wir auf Grund der dem Präsidenten vom Kongreß übertragenen Zollverhandlungsermächtigungen, gemeinsam mit unseren Handelspartnern einen auf breiter Front angelegten Angriff auf die Welthandelsschranken sofort beginnen zu können.

In

�In der Fol.^e jedoch erlebten wir eine Reihe von Enttäuschungen
und Schwierigkeiten - einige davon waren vorauszusehen, andere dagegen trafen uns unerwartet. Die Verhandlungen über einen Beitritt
Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die bis
zum Herbst 1962 gut vorangegangen waren, schlugen fehl. Unsere Anpassung an das im Aufbau befindliche europäische System brachte neben
einer wesentlichen Handelsausweitung auch diesbezügliche Probleme mit
sich.
Wie wir vorausgesehen hatten, konzentrierten sich unsere Probleme
auf den Handel mit Agrarprodukten. Wir haben immer gewußt, daß der
Prozeß der europäischen Einigung eine gemeinsame Landwirtschaftspolitik
und einheitliche Preise erforderlich macht und daß diese Politik für
uns Probleme mit sich bringen wird. Die Auseinandersetzungen über den
Handel mit Geflügel waren ein dramatisches Beispiel hierfür. Dennoch
hoffen wir auch weiterhin, daß die gemeinsame europäische Landwirtschaftspolitik sich - im Interesse Europas - nicht autarkistisch, sondern - im Interesse aller - als weltoffen erweisen wird.
Daneben offenbarten die Vorverhandlungen der Kennedy-Runde schwerwiegende technische und wirtschaftliche Probleme. Zum Teil spiegelt
sich hierin die Tatsache wider, daß durch diese Verhandlungen auf dem
Gebiet der Handelsbesprechungen zwischen Nationen Neuland umbrochen
wird und daher auch neue Verfahrensregelungen notwendig sind.
Die Aufgabe des Sonderbevollmächtigten des Präsidenten für Handelsverhandlungen, Gouverneur Herters, war also bisher undankba.r und schwierig und zeitweilig auch enttäuschend. Dennoch ist er von den Hauptzielen
unserer Politik nicht abgewichen. So haben wir also im Geist eines hoffnungsvollen Realismus mit dem bedeutenden Versuch begonnen, die Zölle
der wichtigsten Handelsnationen weiter zu senken. Wir haben uns vorgenommen, einer wirksamen internationalen Arbeitsteilung ein gutes Stück
näher zu kommen. Wir werden auch weiterhin das anstreben, von dem Präsident Kennedy im Mai 1962 sprach: ein größeres wirtschaftliches Wachstum im eigenen Lande, größeren Portschritt in aller Welt und die Entwicklung einer größeren atlantischen Partnerschaft. Wir wollen das

- 2 -

�das u n s r i g e dazu "beitragen, damit d i e s e Verhandlungen e i n Erfolg
werden.
II.

In der Kennedy-Runde haben zwei alte Grundziele der amerikanischen
Außenpolitik ihren Niederschlag gefunden: die Bemühungen um einen freieren Handel und um einen verstärkten Güteraustausch in der gesamten
Vv'elt; die Unterstützung der Bemühungen um ein vereinigtes Europa, das
fähig ist, in Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten hei der Lösung
der großen vor uns liegenden Aufgaben mitzuwirken.
Unser Eintreten für ein freies Welthandelssystem geht auf das Jahr
1934 und auf einen meiner hervorragendsten Vorgänger im Amt zurück,
Außenminister Hüll. Damals, als die Welt hoffnungslos in einem Hetz von
Handelskontrollen und Handelsrestriktionen verstrickt war, kämpfte er
um das "Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen" (Reciprocal Trade
Agreements Act). Trotz riesiger Hindernisse konnte er sich durchsetzen.
Sein Beispiel und seine Weitsicht übertrugen sich über den Krieg hinaus bis in die ersten Nachkriegs jähre, die ungemein produktive Fortschritte im Welthandel brachten.
Während der Zollverhandlungen von 1947» die nach der Erneuerung
des "Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen" im Jahre 1946 stattfanden, benutzten wir zum ersten Mal die multilaterale Zollverhandlungstechnik, die daraufhin im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen
codifiziert wurde. Den einschneidenden Zollsenkungen des Jahres 1947
folgten weitere in den Jahren 1949, 1951, 1956 und 1960/61, die alle
durch das Beispiel der Vereinigten Starten ermöglicht wurden.
Aber nicht nur die Zollsätze wurden im Laufe dieser Jahre gesenkt,
auch im Rahmen des GATT und des Weltwährungsfonds bemühten wir uns um
einen schnellen Abbau aller anderen Formen von Handelsrestriktionen,
wie Quoten und Währun^cskontrollen, die im Verkehr zwischen den Industrieländern weitgehend beseitigt worden sind.
Der

- 3 -

�Der Lohn dieser liberalen Handelspolitik liegt offen auf der
Hand. Der Welthandel ist aufgeblüht. Die freie Welt tauscht heute
Waren im Wert von 300 llrd. Dollar pro Jahr aus» und der Wert nimmt
ständig weiter zu. Unser Außenhandelsvolumen bewegt sich auf einer
Höhe von mehr als 42 Llrd. Dollar. In zehn Jahren haben unsere Exporte
um 7 Llrd. Dollar - oder um 50 Prozent - zugenommen. Wir alle sind
reicher, unsere Lebensansprüche mannigfaltiger und unsere Länder deshalb leistungsfähiger geworden, weil wir uns von den Fesseln vieler
Handelsrestriktionen befreit haben.
Unsere Bemühungen um eine europäische Einigung sind seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges einer der Hauptfäden der amerikanischen Außenpolitik gewesen. Sie kamen im I.iarshall-Plan zum Ausdruck, im ITordatlantikpakt sowie in unserer Unterstützung von EURATOli, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und des Gemeinsamen Marktes«
D'.

edeutenden Entwicklungen haben ein Westeuropa ins Leben

gerufen. Wenn wir einmal die Au^en von den täglichen Schlagzeilen abwenden und die beiden vergangenen Dekaden perspektivisch betrachten,
so sehen wir ein verändertes Europa - blühend, vollbeschäftigt und
technisch modern. Die europäische Wirtschaft wächst, der Handel
expandiert, und die wirtschaftlichen Aussichten sind ausgezeichnet.
Das im Grunde gesunde politische Klima stellt darüber hinaus eine
feste Grundlage für diese Veränderung dar. Die Bedrohung durch die
kommunistischen Parteien - vor etwas mehr als zehn Jahren noch allgegenwärtig und in Prankreich und Italien so unheildrohend - ist verhältnismäßig zu einem Schatten geworden. Die alten Rivalitäten in
Europa sind verschwunden. Ein vereinigtes Europa kann heute als ein
realisierbares Projekt anges I en werden, und zwar nicht nur von Träumern, sondern auch von verantwortlichen Geschäftsleuten.
Seit den Tagen, als Westeuropa verwüstet, geschwächt und der
ernsten direkten Gefahr einer politischen Katastrophe ausgesetzt war,
h-ben wir in der Tat viel erreicht.
Auch hierin kann man den Lohn für eine feste Politik erkennen:
Ein blühendes Europa trägt zur Prosperität der USA bei. Das Volumen
unseres Handels mit Westeuropa hat sich in den vergangenen zehn

�zehn Jahren um 125 Prozent ausgeweitet - eine Wachstumsrate, die sehr
viel größer ist als die für unseren gesamten Außenhandel. Parallel
dazu haben seit Gründung der EWG im Jahre 1958 unsere Exporte allein
in die sechs Länder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft um 85
Prozent oder um mehr als 2 Milliarden Dollar zugenommen. Damit wird
der Leitsatz der Wirtschaftler "bestätigt, daß der Handel in dem Haße
wächst, wie die Volkswirtschaften expandieren.
Von noch größerer Bedeutung jedoch ist die Tatsache, daß wir
heute ein starkes, politisch festgefügtes Europa haben. Solch ein
Europa ist eine unerläßliche Voraussetzung für eine starke und in
Sicherheit lebende freie Welt. Die uns immer noch drohenden Gefahren
sind für jeden von uns schrecklich genug. Aber wir sehen uns nicht
länger den Gefahren eines wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs in einem entscheidenden Gebiet der westlichen Allianz gegenüber. Denn wir haben heute in Europa zwei aufstrebende Handelsgruppierungen und eine sich entwiekelnde Gemeinschaft, die mannigfaltige
Aussichten für umfassendere Formen gemeinsamen atlantischen Handelns
bietet.
Selbstverständlich haben unsere europäischen /erb' ndeten ihre
eigenen Ansichten. Wie sollte es auch anders sein? Und vier würde heute
schon behaupten wollen, daß unsere Interessen - und unsere eigene
Sicherheit - durch die in Westeuropa gemachten Portschritte nicht ungemein gefördert worden sind?

III.
Die Prämisse unserer Politik war von Anfang an, daß ein wiederbelebtes, prosperierendes und geeintes Eur pa in der Lage sein würde,
zusammen mit den Vereinigten Staaten die Lasten und die Verpflichtungen
zu tragen, die wir seit Ende des zweiten Weltkrieges auf uns genommen
und auch erfüllt haben. Westeuropa, als Ganzes gesehen, verfügt über
ein Industriepotential und eine gesamtwirtschaftliche Kapazität, die
der der Vereinigten Staaten sehr nahe oder gleichkommt. Zusammen sind
wir in der Lage, das für unsere gemeinsame Verteidigung erforderliche

- 5-

�den Welthandel und die wirtschaftliche Entwicklung in alier Welt
werden sich bis in eine ferne Zukunft hinein fortsetzen und verstärken. Die Vereinigten Staaten haben die neue ZollVerhandlungsrunde von Anfang an als sehr wesentlich für vorteilhafte Beziehungen
zum Gemeinsamen Markt angesehen« Kit dem Gesetz über die Ausweitung
des Handels erhielten wir die gesetzliche Ermächtifirung, uns mit der
neuen europäischen Gruppe und anderen Gruppen zu vereinigen, um einen
großen Schritt auf dem Wege zum Abbau und zur Beseitigung von Handelshindernissen im Welthandel zu tun. Wir waren und wir sind bereit, auf
der Basis der Reziprozität dem Gemeinsamen Harkt die Konzessionen zu
machen, die er berechtigterweine von uns für eine Herabsetzung des
ihn jetzt noch abschirmenden gemeinsamen Außonzoils fordern kann.
Bei dem heute in Genf vollzogenen Akt handelte es sich um die
Hinterlegung der Ausnahmelisten - eine Aufstellung all jener Industrieerzeugnisse, die auf Grund der Durchführungsbestimmungen für die
Kennedy-Runde von der generellen 50prozentigen Zollsenkung ausgenommen
werden sollen. Nach dem Willen der GATT-Länder sollte dabei die Zahl
der von einer linearen Zollsenkung ausgenommenen Positionen auf ein
Mindestmaß beschränkt bleiben, wobei in jedem Fall nur "alles beherrschende nationale Interessen" eine Ausnahme rechtfertigttt sollten.
Wir haben dabei mitgeholfen, diese Ausnahmeregeln zu formulieren,
und wir haben - wie ich glaube - eine Ausna^raeliste vorgelegt, die
ihnen in Geist und Buchstaben entspricht. Wir erwarten von unseren
Handelspartnern, daß sie ähnlich begrenzte Ausnahmelisten vorlegen.
Da v/ir schon einmal die Verfahrensgrundlagen festgelegt und ihnen
zugestimmt haben, damit die nationalen Zölle auf der Basis der Reziprozität im großen Rahmen gesenkt v/erden können, wäre es wirklich
bedauerlich, wenn wir nicht bis zum Schluß durchhalten würden.
V.
Tatsächlich sollten wir und andere Industrienationen uns über
unsere eigenen Interessen in diesen Verhandlungen im klaren sein. In
den Verhandlungen werden sich zwar Gegensätze offenbaren, aber das
Ergebnis wird für uns alle letztlich von Vorteil sein.
Die

�erforderliche Produktionsniveau und den Grad des technischen Fortschritts aufrechtzuerhalten- Zusammen können wir die Kapitalquellen,
die technische Hilfe und die expandierenden Märkte stellen, die für
die Entwicklungsländer verfügbar sein müssen, damit diese ihre faire
Chance in der Zukunft haben. Zusammen können wir für Frieden und
Freiheit in einer prosperierenden V/elt arbeiten.
Das gesamte Bruttosozialprodukt der Atlantischen Gemeinschaft
beläuft sich im Jahre 1964 auf über eine Billion Dollar. Zusammen
mit Japan verfüge^ diese Länder über den weitaus größten modernen
Industriepark der V/elt. Sie besitzen die Forschungseinrichtungen und
die technischen ur.d wissenschaftlichen Kenntnisse, um stetige und
eindrucksvolle P^roduktivitätsanstiege zu ermöglichen. Ihr Vermögen,
Spareinlagen anr 2usarame ±llf

^si

enorm. Ihre Einrichtungen, diese Er-

sparnisse produktiv einzusetzen, sind leistungsfähig.
Für uns i^t die auf das Ziel gerichtete Zusammenarbeit, unsere
Länder und uns,ere Völker reicher zu machen und ihnen eine größere
Sicherheit zu geben, nicht eine Frage von neuen Organisationen und
Verfahren. Ziara größten Teil verfügen wir bereits über die Mittel zu
einer besser.en Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Handels, der Finanzen, der Verteidigung, und der Auslandshilfe - oder wissen zumindest,
wie sie zv schaffen sind. Wir haben jetzt unseren politischen V.rillen
zu Dev;eisen&gt; d ^ e Gelegenheiten zu ergreifen, die wir in langer und
schwerei Arbeit geschaffen haben.

IV.
Die Kennedy-Runde ist eine solche Gelegenheit. Sie bietet den
^reinigten Staaten und dem Gemeinsamen Markt, dem Vereinigten Königlich und seinen Partnern der Freihandelszone, Kanada, Japan und
lllen an den Verhandlungen teilnehmenden Ländern die Möglichkeit, die
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu verbessern, die dazu beitragen,
uns einander näherzubringen. Eine erfolgreiche Kennedy-Runde kann die
Exporte jeder teilnehmenden Nation ausweiten und ihre Volkswirtschaft
stärken. Außerdem kann sie allen Entwicklungsländern ohne Diskriminierung große Märkte eröffnen. Ihre günstigen Auswirkungen auf den

- 6-

�Die Ursache dafür ist in der wirtschaftlichen Struktur unserer gegenwärtigen Welt zu suchen. Es ist eine auffällige Tatsache,
daß wir mit Industriestaaten mehr Handel treiben als mit Entwicklungsländern unr! daß wir in ihnen mehr Investitionen tätigen als in
Entwicklungsländern. So konzentrieren sich etwa zwei Drittel unseres
. Außenhandels und nahezu der gleiche Anteil unserer Investitionen auf
Kanada, Japan, Australien und die Länder Westeuropas. Darüber hinaus
stiegen während der Nachkriegsperiode unser Handel mit diesen Ländern
und unsere Investitionen in diesen Ländern am raschesten an. Sie bilden den dynamischen Sektor unserer privaten wirtschaftlichen Aktivität im Ausland.
All dies läuft der Marxschen Lehre völlig zuwider. Diese Entwicklungen spotten in der Tat der traditionellen marxistischen Ansicht,
wonach der Außenhandel primär ein von Kolonialmächten geführter Kampf
um Märkte ist und wonach ausländische Investitionen mit Ausbeutung
gleichzusetzen sind.
Die Sprache der Zahlen beweist dagegen eindeutig, was in der
amerikanischen Wirtschaft längst bekannt ist: Höhere Einkommen tragen
zur Steigerung von Handel und Investitionen bei. Wir können den Handel
mit unseren Konkurrenten verstärken, weil wir größere und spezialisiertem Märkte haben und v/eil der Warenaustausch uns allen die. Möglichkeit bietet, unn etwas stärker auf die Produktion und den Verkauf
von solchen Gütern zu konzentrieren, bei denen wir führend sind.
Darüber hinaus ist es uns möglich gewesen, trotz unserer höheren
Löhne unsere Wettbewerbsposition wenn nicht gerade zu verbessern so
doch zumindest zu behaupten. Der Stundenlohn in unseren auf den Export ausgerichteten Industriezweigen liegt bei durchschnittlich 3t50
Dollar - und damit ist er wesentlich höher als der Durchschnittslohn.
den unsere durch hohe Zölle geschützten, nicht auf den Export ausgerichteten Industriezweige zahlen. Im wesentlichen lassen die Zahlen
erkennen, daß unsere fortschrittlichsten Industriezweige zugleich .
auch die wettbewerbsfähigsten im Ausland sind.
In anderen Industrieländern herrschen die gleichen Verhält.'
Und darum müssen wir weiterhin zusammenarbeiten und uns gegen^

- 8 -

�gegenseitig dabei unterstützen, die Handelsbeschränkungen abzubauen. Zwar scheint es bedeutend einfacher zu sein, den Druck
der ausländischen Konkurrenz durch protektionistische Haßnahmen
abzuwenden, aber solche Maßnahmen fordern Gegenmaßnahmen heraus,
verbauen Kntwicklungsmöglichkeiten, verursachen steigende Kosten
und wirken sich schließlich nachteilig für alle Beteiligten aus.
Weder wir noch andere Industrienationen können es sich leisten,
die eigenen Märkte als wirtschaftliche Sonderreservate zu betrachten,
zu denen die ausländische Konkurrenz keinen Zutritt hat. Wir in
Washington sind manchmal erstaunt darüber, daß wir so oft von jenen
zu hören bekommen, die durch die Importe Einbußen erleiden, aber nur
selten von jenen, die aus d e m Außenhandel Gewinn ziehen.

VI.

Ahnliche Überlegungen gelten auch für die Landwirtschaft.
Ich bedauere, daß wir noch nicht zu einer Verständigung mit der
EWG über die Regeln zur Verminderung der Hindernisse auf dem Gebiet
des internationalen Agrarhandels gelangt sind. Die besonderen sozialen
und politischen Paktoren, die auf dem landwirtschaftlichen Sektor
eine Rolle spielen, sind uns bekannt, aber sie gelten ja nicht für
ein einzelnes Land oder eine einzelne Region. Wir wissen auch, daß
der technische Fortschritt die Landwirtschaft in eine Industrie umwandelt, die vieles mit den anderen geraeinsam hat. Je weiter diese
Entwicklung fortschreitet, d- sto kostspieliger dürfte es sein, den
relativen Leistungsfaktor hei der Behandlung des Agrarhandels außer
Betracht zu lassen.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits erwarten, daß d' e Verhandlungen über den Industriesektor mit den Verhandlungen über den Agrarbereich einhergehen werden. Das entspricht auch den Beschlüssen des
Ministerrates vom Mai 1963 und Mai 19^4• Wir haben die feste Hoffnung,
daß zu den Ergebnissen der Kennedy-Runde auch vertraglich gesicherte
Maßnahmen zu einer erheblichen Ausweitung des Agrarhandels auf kommerzieller Basis gehören werden.
VII.

- 9-

�VII.
\

Meine Ausführungen zu den Handelsverhandlungen haben sich bisher notwendigerweise auf die Rolle der Regierungen beschränkt. Aber
es liegt auf der Hand, daß die Ergebnisse, die wir auf dem Gebiet
des Außenhandels und der Investitionen erreichen, weniger von der
Politik der Regierungen als vielmehr von der privaten Initiative abhängig sein werden. Die Regierung kann zwar die Richtlinien entwickeln, die Grundregeln verbessern und Auskünfte erteilen, aber die
eigentlichen Instrumente des Fortschritts sind doch die privaten
Entscheidungen der Virtschaft.
Eine unserer Hauptaufgaben "J esteht .daher darin, Ihre Anstrengungen - die Sie als Geschäftsleute auf dem Gebiete des Außenhandels
und der Investitionen unternehmen - wirksamer zu machen. In diesem
Zusammenhang möchte ich auf einige Aspekte unseres stark verbesserten Programms zur Unterstützung von Geschäftsleuten auf diesem Gebiet
eingehen.
Jeder unserer Beamten im auswärtigen Dienst hat vom State Department die Anweisung erhalten, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu befassen, wobei der Botschafter tonangebend ist. Annähernd 150 Diplomaten sind gegenwärtig ausschließlich oder überwiegend mit Fragen der
Förderung des Handels befaßt. Weitere 350 Beamte des auswärtigen
Dienstes sind ebenfalls in dieses Programm eingeschaltet.
Während des vergangenen Jahres berichteten unsere Auslandsvertretungen über 13 000 Geschäftsmöglichkeiter in Verbindung mit ausländischen Firmen. Sie stellten amerikanischen Geschäftskreisen
außerdem Informationen über 4000 öffentliche Ausschreibungen oder
geplante Bauprojekte ausländischer Regierungen zur Verfügung. Vir
unterhalten gegenwärtig fünf Handelszentren in bedeutenden Städten
des Auslandes. Und wir haben unsere Teilnahme an ausländischen Hessen
in der ganzen Welt erheblich erweitert.
Ähnliche

- 10 -

�Ähnliche Initiativen gingen vom amerikanischen Handelsministerium
aus. über seine 42 Außenstellen hat das Ministerium sein Programm "beträchtlich erweitert, das darauf abzielt, alle am Export interessierten amerikanischen Firmen mit den von unseren Auslandsvertretungen
hereingeholten Informationen vertraut zu machen. 1200 Mitglieder sind
heute in den regionalen Ausschüssen zur Urv iterung des Exports vertreten. In zahlreichen im ganzen Land abgehaltenen Seminaren wurden
amerikanische Geschäftsleute über die besten Methoden zur Durchführung
der Auslandstätigkeit informiert.
Diese Anstrengungen im Ausland und in den USA zeitigten eindeutige Ergebnisse. In den vergangenen drei Jahren stieg die Zahl der
amerikanischen Exportfirmen um ein Drittel, und zwar von 12 000 auf
16 000 Firmen. Ich bringe meinen tiefen Respekt vor allen zum Ausdruck, die an dieser großen Entwicklung beteiligt waren.
Außerdem verfügen wir über ein umfassendes Programm zur Unterstützung amerikanischer Firmen, die an Investitionen in den Entwicklungsländern interessiert sind.
Zunächst einmal haben wir die Vereinbarungen über die Investitionsgarantien erheblich erweitert. Der amerikanischen Bundesregierung
ist es nunmehr möglich, privat vorgenommene Investitionen in 61 befreundeten Ländern und Gebieten gegen eine Vielzahl von politischen
Risiken abzusichern. Allein während dieses Jahres hat das Amt für
Internationale Entwicklung im Zuge dieser neuen Vereinbarungen Verträge über neue amerikanische private Investitionen im Gesamtumfang
von mehr als 500 Millionen Dollar ausgefertigt. Das ist eine neue
Rekordsumme für dieses Programm.
Zweitens wurde angestrebt, amerikanischen Firmen, die an Investitionen in den Entwicklungsländern interessiert sind, mehr und bessere
Informationen an die Hand zu geben. So hat das Amt für Internationale
Entwicklung erst kürzlich ein Informationszentrum für Geschäftsleute
eingerichtet und alles greifbare Material zwecks Auswertung durch
potentielle amerikanische Kapitalgeber zusammengestellt.
Ich bin der Meinung, daß das Klima für private wirtschaftliche
Unternehmungen - Investitionen und Handel - sich auch in anderen

- 11 -

�anderen Teilen der Welt ständig verbessert. Im Ausland ist ein
Wandel der Auffassung von solider Leistung und Wirtschaftlichkeit
festzustellen, und es ist kein Zufall, daß man hinter dem Eisernen
Vorhang mehr und mehr solche Begriffe verwendet wie Initiative und
Profit als Mittel Z U T Stimulierung der Produktion.
Drittens gibt es di° noch unerledigte Gesetzesvorlage über
steuerliche Vergünstigungen, die von Präsident Johnson am 12. März
1964 im Kongreß eingebracht wurde. Dieses Gesetz würde wesentlich zu
ein^r Verstärkung der amerikanischen privaten Investitionstätigkeit
in den Entwicklungsländern beitragen. Ich hege die feste Hoffnung,
daß der Kongreß der Vorlage die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient.
Aber ich muß auch hinzufügen, daß noch sehr viel zu tun bleibt.
Wir können zwar alles tun, um die amerikanische Geschäftswelt mit
zweckdienlichen Informationen über Markt Chancen und Investit ionsmöglichkei+en zu versorgen, und wir können anch die nötigen diplomatischen Verhandlungen zur Öffnung der Märkte führen, aber die eigentliche Arbeit bleibt doch den Geschäftsleuten überlassen.
Was den Handel anseht, so müssen wir ständig unser Interesse an
ausländischen Märkten wachhalten un^ unsere Wettbewerbsfähigkeit auf
diesen Märkten sicherstellen.
Was die Kanitalsei^e betrifft, so müssen wir lernen, uns wirksamer Investitionsverfahren in den Entwicklungsländern zu bedienen
und die Investitionen in einer unserer Zeit entsprechenden Weise einzusetzen. Wir müssen in vermehrtem Umfange mit neuen Investitionsformen experimentieren: mit gemeinsamen Anlageunternehmen, mit Lizenzabsp-^achen und einem ganzen Spek+rum vielfacher Formen von Kanitalbeteili^oingsvereinbarungen. So oder so muß sich das amerikanische private Unternehmertum stärker und extensiver als bisher an Entwicklungsprojekten beteiligen.
VIII.
Wir müssen die Kennedy-Runde in di"sem großen Rahmen des Handels
und der wirtschaftlichen Entwicklung betrachten - also allgemein im

- 12 -

�im Rahmen der Beziehungen nicht nur der Industrienationen untereinander,
sondern auch der Beziehungen zwischen den Industrieländern auf der einen
Seite und den Entwicklungsländern auf der anderen. Die Kennedy-Runde ist
ein weiterer Schritt in Richtung auf ein internationales Klima, durch
das der Austausch von Gütern, Kapital, technischem Wissen und Ideen
unter den Nationen gefördert und vergrößert wird.
Es wird harte Verhandlungen gehen, und so sollte es auch sein.
Es geht um wichtige Interessen. Die technischen und wirtschaftlichen
Probleme sind kompliziert. Und die damit verbundenen politischen Fragen
sind überaus zahlreich. Wir sollten nicht überrascht sein, daß dies so
ist, denn wir und unsere wichtigsten Handelspartner operieren auf
privatwirtschaftlicher Basis, auf der Basis der freien Initiative und
des freien Unternehmertums. Profitstreoen sowie immanente Rastlosigkeit
erklären dieses unser System, das uns zu atemberaubenden Leistungen anspornte.
Die Kennedy-Runde könnte - wie andere große im Gang befindliche
Unternehmungen - im Sande verlaufen. Aber ein Mißerfolg der KennedyRunde wäre mehr als nur eine Enttäuschung. Er wäre ein Zeichen dafür,
daß die Industrienationen nicht geneigt sind, das eigenbrötlerische
Wirtschn.f tsdenken aufzugeben, das uns in der Vergangenheit so teuer zu
stehen kam. Er wäre eine Konzession an die Strömung der engstirnigen
Reaktion in der internationalen Gemeinschaft.
Ebenso wichtig ist aber auch die Tatsache, daß ein Fehlschlagen
der Kennedy-Runde einem Vertrauensbruch gegenüber den jungen Nationen
der Welt gleichkäme. Wenn wir und andere Industrienationen uns als so
kurzsichtig erweisen sollten, daß wir unsere Märkte voreinander verschließen, so würden wir mehr tun als nur uns Schaden zufügen. Wir
würden ebenso die Exportmöglichkeiten und damit die Entwicklungshoffnungen der ärmeren Nationen der Welt verringern. Das aber liefe darauf
hinaus, daß unsere Handelspolitik und unsere Entwicklungshilfepolitik
entgegengesetzte Ziele verfolgen würden. Diese Tatsache beschreibt nur
noch einmal das Ausmaß unserer- v/achsenden Interdependenz, ein Ausmaß,
das zu ignorieren wir uns nicht leisten können.
Die

- 13 -

�Die im Rahmen der Allianz für den Fortschritt eingesetzten ausländischen Hilfsquellen machen nur zwei Prozent des Bruttosozialprodukts Lateinamerikas aus. Was mit den anderen 98 Prozent geschieht,
kann ausschlaggehend dafür sein, ob Lateinamerika freie Institutionen
zustande bringen wird oder nicht.
Ich denke nicht an den Hißerfolg. John F. Kennedy liebte es, den
Geschichtsablauf der Menschheit mit den Gezeiten zu vergleichen. Die
Gezeiten tendieren heute in Richtung auf Partnerschaft und Freiheit,
und zwar sowohl im Handel als auch im politischen Leben.
Wir müssen diesen Geist erfassen und uns von den Gezeiten tragen
lassen. Wir müssen unsere Anstrengungen darauf richten, die dynamischen
Möglichkeiten der Zukunft zu unserem Nutzen zu gestalten, nicht aber
sie an den sinnlosen Versuch

verschwenden, das gegenwärtig Erreichte

zu horten. Die Exportleistungen der freien Welt nehmen jährlich um 10
Milliarden Dollar zu. Indem wir gemeinsam voranschreiten, können wir
sicherstellen, daß sich das Wachstum noch beschleunigt.
Wie Präsident Johnson es treffend charakterisierte, gehören "diese
Verhandlungen nicht zu jenen, bei denen einige Nationen Verluste erleiden, während andere Gewinne einstreichen. Der Erfolg der Verhandlungen wiid für alle von Vorteil sein. Es besteht also die Möglichkeit,
zunächst zwischen den Industrienationen der freien Welt und dann zwischen diesen und den Entwicklungsländern eine Partnerschaft des Fortschritts zu gründen.
Heute haben wir in Europa einen wichtigen Schritt vollzogen, und
es ist sehr wichtig, daß die folgenden Schritte im Interesse unserer
Prosperität und Einigkeit zu einem fruchtbaren Ergebnis führen. Und indem wir diese Verhandlungen erfolgreich gestalten, beweisen wir zugleich die Fähigkeit, Stärke und Einigkeit, die den freien Institutionen
derjenigen innewohnen, die gemeinsame Verpflichtungen tragen und die
entschlossen sind, zu zeigen, daß der Mensch frei bleiben kann, wenn er
das Ziel einer größeren Prosperität anstrebt.

*

* #

- 14 -

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                <text>&lt;p&gt;A. 10. 1.&lt;br /&gt;Der Weg zum Weltfrieden&lt;br /&gt;Von Walt W. Rostow&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17.1.&lt;br /&gt;Eine Welt ohne Krieg&lt;br /&gt;Präsident Johnsons&lt;br /&gt;Botschaft über die Lage der Nationen 8. Januar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 24. 1.&lt;br /&gt;Die NATO heute - Eine Analyse&lt;br /&gt;Ansprache des Botschafters George . McGhee, vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft im Amerika-Haus, Frankfurt / M., 15. Januar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 24. 1.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Die Wirtschaftsbotschaft - Präsident Johnson&lt;br /&gt;Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht, den Präsident Johnson am 20. Januar 1964 dem amerikanischen Kongress vorgelegt hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 24. 1.&lt;br /&gt;Das Neue US-Budget für 1964/65&lt;br /&gt;Zusammenfassung des neuen US-Haushalts, den Präsident Johnson am 21. Januar 1964 dem amerikanischen Kongress vorgelegt hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 31. 1.&lt;br /&gt;Wachsende Wirtschaftsschwierigkeiten in der Sowjetunion&lt;br /&gt;Ein Bericht des US-Zentralamtes für Nachrichten und Abwehr (CIA)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 21. 2.&lt;br /&gt;Die Ost-West-Beziehungen heute&lt;br /&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. in Bad Godesberg am 18. Februar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 27. 3.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Keine Verschwendung, kein Zurückweichen&lt;br /&gt;19. März 1964, Wortlaut&lt;br /&gt;Präsident Johnson unterbreitet dem US-Kongress Auslandshilfe-Botschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 24. 4.&lt;br /&gt;Wir haben eine neue Arena betreten&lt;br /&gt;Wortlaut der großen außenpolitischen Rede des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, am 20. April 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 12. 6.&lt;br /&gt;N. S. "Savannah"&lt;br /&gt;Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 3. 7.&lt;br /&gt;Die Rolle des Geologen und Geophysikers in einer expandierenden Weltwirtschaft&lt;br /&gt;Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee, gehalten in der Freien Universität Berlin, am 1. Juli 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 2. 10.&lt;br /&gt;Warren - Bericht&lt;br /&gt;Zusammenfassung und Schlussfolgerungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 16. 10.&lt;br /&gt;Gärungszone Osteuropa&lt;br /&gt;Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee, vom 13. Oktober 1964, im Amerika-Haus, Kassel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 4. 12.&lt;br /&gt;Der Welthandel und die atlantische Partnerschaft von Dean Rusk&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede vom 16. November 1964&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>Verzeichnis der Sonderausgaben
des Amerika Dienstes 1954
6/1
13/l

Praesident Eisenhower berichtet ueber die Lage der Nation

7/l

13/l

Kongressbotschaft praesident Eisenhowers ueber die Lage
der US-Landwirtschaft
Wortlaut der Kongressbotschaft Praesident Eisenhowers
ueber Aenderungsvorschlaege der Arbeitsgesetzgebung
Hintergrundmaterial zum neuen US-'armprogramm
Rueckblick auf ein Jahr als Hochkommissar (Ein Interview
mit Dr, James B.Conant)
Aus8enminister Dulles umreisst US-Aussenpolitik

20/l

Dulles-Erklaerung zur Revision der UN-Charta

1 9/1

20/l

Eisenhower legt neuen Haushalt vor

2l/l

13/l
13/l
13/1

3/lI
27/l
10/ll
17/ll
24/lI
17/lH
17/lH
17/lH
17/lH
31 'TU
31/lU
31/lU
7/lV

11/1
1l/l

12/l

Jahresbericht des Praesidenten der USA Dwight Eisenhower
ueber die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten
28/l
Der Randall-Bericht
Cläre Booth LuceiZur Bekraeftigung unseres Glaubens...
Die Geschichte der Republikanischen Partei der Vereinigten
Staaten
Die Atombotschaft Praesident Eisenhowers
17/ll
Robert D. Murphy:Einigkeit der freien *elt,beste
Hoffnung fuer die Zukunft
Robert D.Murphy Frankreich kaempft fuer die Freiheit
in Indochina
Dulles:Methoden des internationalen Kommunismus
DullesiStaerke der freien Voelker
Dulles umreisst US-Asienpolitik
Parteitage und Statut der SED
Eisenhower umreisst US-Aussenhandelspolitik
•Lewis L.Strauss: "H-Bombenexplosion war zu keiner Zeit
unserer Kontrolle entzogen"

10/lII
10/lII
8/lII
29/lU
30/lII
31/lU

7/lV

EisenhowerjVertrauensvoll in die Zukunft blicken

5/lV

7/lV

Dulles ueber die Ziele der amerikanischen Aussenpolitik

5/lV

21/lV
28/lV

Strauss zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie
Eisenhower ruft zum Kreuzzug fuer bessere internationale
Zusammenarbeit und Verstaendigung auf

19/lV
22/lV

28/lV

Dr.James B.Conant zur Lage in Deutschland

28/lV

28/lV

Dulles ueber die Entwicklung des Korea-Konflikts

28/lV

5/V

UN-Sonderausschuss:Arbeiter in Ketten im Arbeiterparadies

5/v

Strau88:Die Atomkraft,die amerikanische und die
Weltwirtschaft

28/lV

�-25/V

John I Jernegan: Der Nahe Osten und Suedasien-Das Problem
der Sicherheit

12/V

Alfred le Sesne Jenkins» Die Chinapolitik der Vereinigten
Staaten

12/y

Dulles berichtet dem amerikanischen Volk ueber
Asienkonferenz

2/lV
die Genfer
7/T

19/V

Stephan Dorseys ^ie wirtschaftliche Zusammenarbeit der USA
mit den Nahost-Staaten

19/V

Dulles: Kernprobleme der amerikanischen Aussenpolitik

15/V

19/V

Oberster US-Bundesgerichtshof erklaert Rassentrennung
in oeffentlichen Lehranstalten fuer Verfassungswidrig

17/V

Dr.Heinz Krekeler: Deutschland und die Vereinigten
Staaten von Amerika

19/V

Henry Cabot Lodge: USA auch weiterhin gegen die Aufnahme
Rotchinas in die UN

25/V

2/VI

Eisenhower zur Weltlage

31/V

9/VI

John Poster Dulles fordert Portfuehrung des US-Auslandshilfsprogramms

19/V

26/7

Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA
23/vi
11/vill Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden

4/VI
18/VI
5/VIII

25/7111 Dwight D. Eisenhower:Rede vor dem Kongress des
Weltkirchenrates in Evanston

19/VIII

25/VIII Stas8en:Revidierung der"Battle Act"-Liste

25/VIII

1/IX
1/IX

Eisenhower vor der "Amerika Legion"rUS-Politik muss
ueberparteilich sein

30/viII

Eisenhower in Des Moines:Die freie Welt ist trotzdem
ueberwaeltigend stark

30/VIII

1/IX

Dulles: unverzuegliche Einberufung des NATO-Rates und baldige
Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer
1/IX

8/lX

Eisenhower in Shippingport: Bemuehungen zur Schaffung
eines internationalen Atompools werden fortgesetzt

6/lX

8/IX

John Foster Dulles zur Eroeffnung der Manila-Konferenz

6/lX

22/IX

Aussenminister Dulles berichtet ueber Manila-Konferenz

15/lX

29/IX

Dulles Rede vor der UN-VollVersammlung

23/lX

29/lX

Botschafter Dr.Conant zur Eroeffnung der amerikanischen
Atomenergie-Ausstellung in Berlin
Amerikanisch-Sowjetischer Notenwechsel ueber Schaffung
eines, internationalen Atompools
James Wadsworth:Die Frage der Internationalen Abruestung
vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen

25/lX

Winthrop W.Aldrich: Fuer staerkere Liberalisierung des
amerikanischen Augganhandels
Dulles berichtet ueber die Pariser Konferenz

.
4A
2
3/X

29/IX
13/X
20/X
27/X

24/lX

12/x
1

�-5-

A.

V

10/XI
10/XI

Henry Cabot Lodge jr.legt amerikanischen Atomplan vor

5/XI

Botschafter Dr. James B.Conant zur Präge der europaeischen
Integration und Wiedervereinigung Deutschlands(ueber RIAS
Berlin)
9/XI

A.

1&gt;Ai

Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung
vor
10/XI

A.

17/XI

Eisenhower legt pariser Vertraege dem US-Senat zur
Ratifizierung vor

15/XI

Lodge:USA stellen 100 K ilo spaltbares Material fuer
den internationalen Atompool

15/XI

DullesiDas Ziel der amerikanischen Aussenpolitik

29/XI

A.
A.
k.

17/XI
1/XII
1/XII

Dr.James B.Conant in Cleveland zur politischen
Situation in Deutschland
T.
n «
x in Chicago» Wir muessen auf die
Dr.James B.Conant
•
demokratischen Kraefte im deutschen Volk vertrauen

2/xiI

15/xiI Lodge1 Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea

8/xiI

4 /»TT
1/XII

i

1/XII

�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENRWUR BERICHTET ÜBER DIE LAGE DER NATION
WASHINGTON — (Amerika Dienst) —
In einer großangelegten Rede vor beiden Häusern des amerikanis cV&gt; en
Kongresses berichtete Präsident Eisenhower am 7. Januar 1954 in der traditionellen "State of the Union
Message" über die bisher von seiner Regierung geleistete Arbeit und legte sein Regierungsprogramm für
das kommende Jahr dar.

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut;
"Herr Präsident, Herr Sprecher, Mitglieder des 83. Kongresses! Es ist mir eine große Ehre, dem Kongreß erneut meine Ansichten über die läge der Nation vorlegen zu dürfen und Maßnahmen
zur Steigerung der Sicherheit, der Prosperität und des Wohlergehens des amerikanischen Volkes zu empfehlen.
Alle Teile dieser Regierung - und ich darf sagen beide großen Parteien - können das allgemeine Ziel der heute von mir vorgelegten Empfehlungen unterstützen, denn deren Ziel ist der Aufbau eines stärkeren Amerikas. Wenn ich sage ein stärkeres Amerika, dann meine ich eine Nation, in der jeder zu kühnen Hoffnungen wohlberechtigt ist, wo die Mühe belohnt und der Wohlstand
von allen geteilt wird, wo die Freiheit wächst und der Frieden
gesichert ist.
Während des ersten Amtsjahres dieser Regierung hat sich die
Bewegung auf dieses Ziel hin mit wachsendem Schwung vollzogen.
Diesen Impuls gedenken wir aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
Wir wollen eine bessere Zukunft für dieses Land aufbauen.
Vieles ist während des letzten Jahres geschehen, für das
wir dankbar sein können.
In erster Linie sind wir von Herz en dankbar, daß unsere
Söhne nicht länger fern der Heimat in den koreanischen Bergen
sterben müssen. Wenn sie auch immer no ch von Hause fort zu den
Waffen gerufen werden müssen, so werde n sie doch nicht mehr
länger auf das Schlachtfeld geschickt.
Für die amerikanische Nation ist das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr in ihrer Geschichte über haupt soeben zu Ende gegangen. Die schädigende Auswirkung inf lationistischer Tendenzen
auf Löhne, Pensionen, Gehälter und Ers parnisse aller amerikanis
sehen Bürger sind bereits unter Kontro lle gebracht worden. Die
_ 1 _

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Steuern haben zu sinken begonnen. Die Kosten unseres Regierungsapparates Wurden reduziert und die Arbeit der Regierung
wird mit rund 183 000 Angestellten weniger weitergeführt. Damit
ist in unserem Falle die Tendenz moderner Regierungen zu grenzenloser Ausweitung des Beamtenappara ,es in das Gegenteil umgekehrt worden. Die Kosten für die Bewaffnung werden weniger
drückend, je näher wir unseren Verteidigungszielen kommen, und
dennoch wächst unsere militärische Stärke mit jedem Tag. Das
im Verlauf des Jahres geschaffene neue Ministerium für Gesundheitswesen, Erziehung und öffentliche Wohlfahrt ist symbolisch
für die Anteilnahme und Sorge, mit der unsere Regierung die
menschlichen Probleme unserer Bürger behandelt.
Die Rassentrennung in den bewaffneten Streitkräften und
anderen Bundeseinrichtungen geht ihrem Ende entgegen. Wir haben
ferner Fortschritte mit ihrer Beseitigung im Distrikt of Columbia erzielt. Dies sind Schritte in unseren ständigen Bemühungen,
die zwischen den Rassen bestehenden Schwierigkeiten zu beseitige
Einige Entwicklungen jenseits unserer Küsten waren in gleicher Weise ermutigend. Die kommunistische Aggression, der in
Korea Einhalt geboten wurde, trifft in Indochina weiterhin auf
den energischen Widerstand Frankreichs und der assoziierten
Staaten, die durch rechtzeitige Hilfe von uns unterstützt werden. In Westdeutschland, in Persien und in anderen Gebieten der
Welt sind durch die Kräfte der Stabilität und der Freiheit ermutigende Siege errungen worden, langsam aber sicher gewinnt die
freie Welt an Stärke. Inzwischen liegen von jenseits des Eisernen Vorhangs Anzeichen vor, daß die Tyrannei in Schwierigkeiten
geraten ist, sowie Hinweise dafür, daß ihre innere Struktur so
brüchig ist, wie ihre Oberfläche hart.
Im vergangenen Jahr hat sich in der Welt tatsächlich ein
großer strategischer Wandel vollzogen. Die Initiative, dieser
kostbare, unwägbare Begriff, wird mehr und mehr unser. Unserer
Politik, die sich nicht auf die bloße Reaktion auf von anderen
hervorgerufene Krisen beschränkt, steht es nicht nur im Ausland sondern auch im eigenen Lande frei, sich nach den Richtlinien unserer Wahl zu entwickeln. Der Grundtenor der amerikanischen Politik im kommenden Jahr soll unsere gemeinsame Entschlossenheit sein, diese Initiative zu behalten und zu nützen.
Wir müssen diese Initiative zur Förderung von drei großen
Zielen benutzen: Erstens, die Freiheit unseres Volkes zu schützen; zweitens, eine starke, sich ausdehnende Wirtschaft zu erhalten und drittens, uns mit den menschlichen Problemen des einzelnen Bürgers zu befassen.
Nur ein aktives Bemühen um jedes dieser Ziele gibt uns die
Sicherheit, daß wir den Weg zu einem besseren und stärkeren
Amerika beschreiten. Alle meine heutigen Empfehlungen dienen
der Förderung dieser drei Ziele.
Erstens:

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

195 4

Erstens: Außenpolitik.
Die Freiheit Amerikas ist so lange bedroht, wie die kommunistische Weltverschwörung in ihrem gegenwärtigen Umfang, ihrer gegenwärtigen Stärke und Feindseligkeit besteht. Stärker denn je
zuvor ist die Freiheit Amerikas mit der der übrigen Völker verknüpft. In der Einheit der freien Welt liegt unsere beste Chance
für eine Verringerung der kommunistischen Bedrohung ohne einen
Krieg. Bei der Aufgabe, diese Einheit zu erhalten und alle ihre
Partner zu stärken, fällt die größte Verantwortung naturgemäß
denen zu, die, wie wir, die größte Freiheit und Stärke besitzen.
Wir werden daher fortfahren, die Sache der Freiheit an den
Fronten im Ausland zu fördern.
Im Fernen Osten haben wir weiterhin ein wesentliches Interesse an Korea. Wir haben mit der Republik Korea über ein gemeinsames
Sicherheitsabkommen verhandelt, das unser Sicherheitssystem im
Pazifik erweitert und das ich umgehend dem Senat unterbreiten
werde, damit dieser der Ratifikation zustimmt. Wir sind darauf
vorbereitet, jedem Wiederaufleben einer bewaffneten Aggression
in Korea zu begegnen. Wir werden unseren Stützpunkt auf Okinawa
für unbegrenzte Zeit behalten. Ich werde den Kongreß um die Bewilligung weiterer materieller Hilfe ersuchen, um den erfolgreichen Abschluß des Kampfes in Indochina zu beschleunigen. Diese
Hilfe wird ferner den Tag näher bringen, an dem die assoziierten
Staaten sich der bereits von Frankreich zugesicherten Unabhängigkeit erfreuen können. Wir werden unsere Militär- und Wirtschaftshilfe für die nationalchinesische Regierung ebenfalls fortsetzen.
In Südasien findet in den freien Nationen, die ihre Fähigkeiten zum Fortschritt durch demokratische Methoden demonstrieren, ein tiefgreifender Wandel statt. Sie bieten einen ermutigenden Gegensatz zu den diktatorischen Methoden und dem Rückschritt
in Rotchina. Die freien Völker Südasiens dürfen in diesen nicht
nachlassenden Bemühungen der Unterstützung der Vereinigten Staaten sicher sein.
Im Mittleren Osten, wo Spannungen und ernste Probleme vorhanden sind, werden wir wohlwollende und unparteiische Freundschaft
zeigen.
In Westeuropa ruht unsere Politik fest auf dem Nordatlantikpakt. Soweit wir überhaupt sehen können, wird sie sich auf diesen
Pakt stützen. Innerhalb seiner Organisation ist die Schaffung
einer europäischen Gemeinschaft, einschließlich Frankreichs und
Deutschlands, von entscheidender Bedeutung für ein freies und auf
eigenen Füßen stehendes Europa. Dieses wird durch die europäische
Verteidigungsgemeinschaft gefördert werden, die eine Garantie für
die Sicherheit Europas bietet. Mit der kommenden Einheit Westeuropas
wird die Wirksamkeit der Unterstützung, die die amerikanische Nation
für die Sicherheit Europas und der freien Welt zu leisten imstande
ist, vervielfacht werden.
In der westlichen Hemisphäre werden wir fortfahren, mit unseren
Nachbarn eine harmonis che und allen Beteiligten zum Wohle gereichende Zusammenarbeit zu pflegen. Die feste Freundschaft mit allen unseren amerikanischen Nachbarn ist in der Tat der Eckpfeiler unserer
gesamten Politik.
_
7

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

In der Welt als Ganzes gesehen,bedeuten die Vereinten Nationen, die sich zugegebenermaßen immer noch in einem Stadium
der Entwicklung befinden, für die Vereinigten Staaten sehr viel.
Die Vereinten Nationen haben in vielen Fällen einmalig wertvolle
Dienste geleistet, wo die Gewalt sich drohend erhob. Sie sind
das einzige wirkliche Weltforum, das uns die Möglichkeit bietet,
unsere Sache auf internationaler Basis vorzutragen und zu vertreten. Sie sind ein Ort, wo die Völker der Welt, wenn sie wollen, kollektive Maßnahmen für Frieden und Sicherheit ergreifen
können. Sie sind ein Ort, wo die Schuld in aller Eindeutigkeit
denjenigen zugesehrieben werden kann, die es versäumen, die für
die Erhaltung des Friedens notwendigen Schritte zu unternehmen.
Die Vereinten Nationen verdienen weiterhin unsere nachdrückliche
Unterstützung.
Auslandshilfe und Außenhandel.
• Mit der praktischen Anwendung unserer Außenpolitik betreten
wir das Feld der Auslandshilfe und des Außenhandels.
Die Verteidigungshilfe muß fortgesetzt werden. Auch die
technische Hilfe müssen wir weiterhin durchführen. Die Wirtschaftshilfe kann reduziert werden. Unsere wirtschaftlichen
«iederaufbauprogramme in Korea und einigen anderen kritischen
Punkten der Welt sind jedoch von besonderer Bedeutung und ich
werde den Kongreß ersuchen, diese Programme im nächsten Haushaltsjahr weiterzuführen.
Die neue Haushaltsbotschaft wird die Aufrechterheltung
der Vollmachten des Präsidenten hinsichtlich der Transferierbarkeit aller Hilfsgelder vorschlagen und um die Vollmacht ersuchen, diese Mittel mit den regulären Verteidigungsmitteln zusammenzulegen. Sie wird ferner vorschlagen, daß dem Verteidigungsminister, im Sinklang mit den vom Außenminister herausgegebenen politischen Richtlinien, die Haupt Verantwortung für die
Verwaltung der militärischen Auslandshilfe zufällt.
Die Tatsache, daß wir nunmehr das Ausmaß unserer wirtschaftlichen Auslandshilfe in zahlreichen Gebieten verringern können,
ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß ihre Ziele erreicht worden sind. Bei Fortdauer der hohen über dem Vorkriegsstand
liegenden wirtschaftlichen Aktivität,- gewinnt West-Europa an
Selbständigkeit. Damit tritt unser Verhältnis zu diesen Länder
in eine neue Phase, die, sofern noch ein weiterer Schritt getan
wird, Ergebnisse zeitigen kann, die sowohl zum Nutzen der amerikanischen Steuerzahler wie auch unserer Verbündeten sein werden.
Bei

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bei diesem Schritt handelt es sich um die Schaffung eines
gesünderen und freieren Handels- und Zahlungssystems innerhalb
der freien Welt - eines Systems innerhalb dessen unsere Verbündeten ihren eigenen Unterhalt zu verdienen imstande sind und
unsere eigene Wirtschaft weiter florieren kann. Die freie Welt
kann sich nicht mehr länger die willkürlichen Handelsbeschränkungen leisten, die seit Ende des Krieges dauernd üblich waren.
Zu diesem Problem werde ich dem Kongreß ins einzelne gehende
Empfehlungen vorlegen, nachdem unser gemeinsamer Ausschuß für
Außenhandelspolitik seinen Bericht ausgearbeitet hat.
Atomenergievorschlag
So wie wir unsere militärische Stärke im kommenden Jahr
aufrechterhalten und die Bande mit unseren Verbündeten enger
knüpfen werden, werden wir auch in einer günstigeren Lage sein,
mit der Sowjetunion wichtige Probleme zu erörtern. Wir sind
sogar glücklich, dies tui zu können, wo immer eine berechtigte
Aussicht auf kontruktive Ergebnisse besteht. In diesem Geiste
wurden kürzlich die Atomenergievorschläge der Vereinigten Staaten der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbreitet.
Eine wirklich konstruktive Reaktion der Sowjetunion wird einen
neuen Beginn für ein Zeitalter des Friedens und eine Abkehr von
dem tödlichen Weg zum Atomkrieg ermöglichen.
Verteidigung
Da unsere Hoffnung der Frieden ist, schulden wir uns und
der Welt eine aufrichtige Erklärung für die militärischen Maßnahmen, die wir zur Sicherung dieses Friedens unternehmen.
Während wir in das neue Jahr eintreten, wächst unsere militärische Stärke ständig. Diese Stärke dient unserer eigenen Verteidigung und soll vor einer Aggression abschrecken. Wir werden
nicht die Aggression sein, aber wir und unsere Verbündeten verfügen über sehr große Möglichkeiten, zurückzuschlagen, und werden uns diese weiter erhalten.
Lassen Sie mich einige Punkte unserer Verteidigungsplanung
darlegen:
Während wir erstens entschlossen sind, die Atomkraft für
friedliche Zwecke einzusetzen, tragen wir gleichzeitig der großen und wachsenden Zahl atomarer Waffen sowie der äußerst wirkungsvollen Möglichkeiten Rechnung, diese gegen einen Aggressor
einzusetzen, sofern dies zur Er altung der Freiheit notwendig
ist. Unsere Verteidigung wird noch stärker sein, wenn wir unter
geeigneten Sicherheitsvorkehrungen mit unseren Verbündeten gewisse Kenntnisse über den taktischen Einsatz atomarer Waffen teilen. Ich ersuche den Kongreß dringend, die hierzu erforderlichen
Vollmachten zu geben.
Zweitens: Die Anwendungsmöglichkeiten dieser neuen Waffen
schaffen neue Beziehungen zwischen Menschen und Material. Diese
neuen Beziehungen ermöglichen in dem Maße wie wir Streitkräfte
aufbauen, die unserer Situation in der heutigen Welt angepaßt
sind, eine Einsparung an Menschen. Wie aus der Haushaltsbotschaft
am 21.Januar ersehen werden kann, wird auf die Luftmacht unserer
Marine und unserer Luftstreitkräfte großer Nachdruck gelegt.

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Drittens: Unsere strategischen Reserven müssen zentral plaziert und jederzeit aufmarschbereit sein, um einer plötzlichen
Aggression gegen unser Land oder unsere Verbündeten begegnen zu
können.
Viertens: Unser Verteidigungssystem muß auf einem gut ausgebildeten Personal und seinem Einsatz nach wirtschaftlichsten
Grundsätzen bei größter Beweglichkeit aufgebaut sein. Der Berufssoldat ist das Herz jeder Armee. Er ist Lehrer und Führer derer,
die vorübergehend ihrer Verpflichtung zur Verteidigung der Republik nachkommen. Eine gute Bezahlung allein wird unseren Streitkräften nicht die nötige Zahl von Berufssoldaten sichern« Ich
empfehle daher nachdrücklich eine großzügigere Anwendung anderer
Vergünstigungen, die für die Moral der Streitkräfte wichtig sind.
Hierher gehören bessere Unterkünfte, Wohnungen für Familien und
Krankenbetreuung für Angehörige.
Die Kommission für Fragen der militärischen Ausbildung und
ein von dem Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung ernannter Ausschuß haben soeben Untersuchungen über das militärisch
verfügbare Menschenpotential abgeschlossen. Eine offensichtliche
Schwäche besteht in der Einsatzbereitschaft und der Organisation
der Reservestreitkräfte. Maßnahmen zur Behebung dieser Mängel
werdeh dem Kongreß zu einem späteren Zeitpunkt zugehen.
Fünftens, die Fähigkeit, von einer teilweisen zu einer gesamten Mobilisierung übergehen zu können, ist für unsere Sicherheit unumgänglich notwendig. Zum ersten Male haben Beamte von .
Mobilisierungsdienststellen den Bedarf für 1 000 Hauptausrüestungsgegenstände für militärische Zwecke festgestellt. Diese Zahlen,
die wir jetzt zum zivilen Bedarf und unserem Versorgungspotential
in Bezug setzen, werden uns die Lücken in unserer Mobilisierungsbasis aufzeigen. Dadurch werden wir einen realistischeren Überblick über die Ziele zur Erweiterung der Produktionsstätten und
der Vorratslager bekommen. Wir werden die Erreichung dieser Ziele beschleunigen. Die amerikanische Nation muß schließlich eine
den gegebenen Erfordernissen entsprechende Basis für die Mobilisierung haben - die Grundlage eines gesunden Verteidigungsprogramms,
Zu dieser Grundlage gehört selbstverständlich auch unser kontinentales Transportsystem. Ein Teil unseres entscheidend wichtigen schweren Materials kommt in zunehmendem Maße aus Kanada.
Unsere Beziehungen zu Kanada, die glücklicherweise immer eng waren,
stützen sich tatsächlich mehr und mehr auf die unzerreißbaren Bande der gegenseitigen strategischen Abhängigkeit. Beide Nationen
brauchen heute sowohl aus militärischen als auch aus wirtschaftue
chen Gründen den Seeweg über den St. Lorenzstrom. Ich ersuche den
Kongreß dringend, die amerikanische Beteiligung an seinem Ausbau
zu billigen.
Sechstens, die militärischen und nichtmilitärischen Maßnahmen
für die kontinentale Verteidigung müssen verstärkt werden und werden verstärkt. Im laufenden Haushaltsjahr weisen wir für diese
Zwecke einen steigenden Betrag unserer Gesamtausgaben an, und im
kommenden Haushaltsjahr werden wir fast eine Milliarde Dollar mehr
dafür ausgeben als 1953.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

1954

Unsere Verteidigungsanstrengungen auf dem zivilen Sektor
sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Sicherheitsvorkehrungen auf dem amerikanischen Kontinent. Hierin werden wir
nur dann erfolgreich sein, wenn uns die uneingeschränkte Mithilfe
der Gouverneure der Bundesstaaten, der Bürgermeister in den
Städten und der freiwilligen Bürgervereinigungen zuteil wird.
Unter ihrer Mitwirkung können wir ein auf Zusammenarbeit abgestelltes Programm in Angriff nehmen, durch das im Falle eines
Angriffes zahllose Menschenleben gespart und die Zerstörungen
verringert werden können.
Das im Budget für das Haushaltsjahr 1954/55 vorgeschlagene
Verteidigungsprogramm steht in Einklang mit allen vorstehend aufgeführten Erwägungen. Es stützt sich auf ein neues Militärprogramm,
das vom gemeinsamen Generalstab einstimmig empfohlen und von mir
im Anschluß an die Erörterung durch den nationalen Sicherheitsrat
gebilligt wurde. Dieses neue Programm wird die Vereinigten Staaten in diesem Zeitalter der Gefahr slark machen und stark erhalten.
Seine Durchführung darf durch nichts behindert werden.
Die von mir vorstehend umrissene Außenpolitik wird uns zusammen mit den Verteidigungsvorkehrungen in die Lage versetzen,
von einer Position der Stärke aus zu verhandeln und gleichzeitig
unseren entschlossenen Kurs zur Schaffung einer befriedeten Welt
beizubehalten-. Wenden wir uns nunmehr Prägen zu, die man gewöhnlich als Innenpolitik ansieht, wobei wir uns dessen bewußt bleiben wollen, daß unsere außenpolitischen Maßnahmen Rückwirkungen
auf jedes einzelne innenpolitische Problem haben müssen - angefangen von der Höhe der Steuern bis zum Denken jedes einzelnen.
Sicherheit im Inneren.
Auf Grund der neuen Sicherheitsbestimmungen für Bundesbedienstete wurden mehr als 2 200 Personen aus ihren Stellungen
entfernt. Unsere nationale Sicherheit erfordert es, daß die Überprüfung von Bewerbern und die Auswertung von zu Bedenken Anlaß
gebenden Informationen über derzeitig im Regierungsdienst stehende
Personen beschleunigt und so bald wie möglich abgeschlossen wird.
Ich werde dem Kongreß empfehlen, wo immer dies zur Beschleunigung
dieser wichtigen Maßnahmen erforderlich ist, zusätzlich Geldmittel
bereitzustellen.
Von der Frage der Anforderungen, die wir an die Bundesbediensteten stellen müssen, darf ich mich nunmehr dem Problem der
Staatsbürgerschaft zuwenden. Der umstürzlerische Charakter der
kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten ist auf vielfache
Weise, auch durch Gerichtsverfahren, demonstriert worden. Wir sollten
durch Gesetz eine Tatsache anerkennen, die allein einsichtigen
Bürgern schon lange klar ist, nämlich, daß wir es hier mit Handlungen zu tun haben, die wesensverwandt mit Hoch- und Landesverrat
sind, d.h. wenn ein Bürger wissentlich an der kommunistischen
Verschwörung teilnimmt, dann hört er auf, sich seinem Vaterland
verpflichtet zu fühlen.
_.

�"AJÜIERIKA

DIENST"

6. Januar 1954

Ich ersuche den Kongreß, die erforderlichen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit ein amerikanischer Bürger,
der in gerichtlichen Verfahren eines Eintretens für den Umsturz unserer Regierung durch Gewalt oder Waffengewalt für
schuldig befunden wurde, in Zukunft so behandelt werden kann,
als habe er seinem Vaterland die Treue aufgekündigt und damit
sein Recht auf Staatsbürgerschaft verwirkt.
Ferner wird der Justizminister in Kürze vor den Ausschüssen
beider Häuser erscheinen, um seine Empfehlungen über die nötigen
gesetzlichen Grundlagen zur Bekämpfung umstürzlerischer Elemente
in diesem Lande und zur Behandlung der Frage einer beanspruchten
Rechtsimmunität zu unterbreiten«
Zweitens: Eine stabile Wirtschaft
Ich darf mich jetzt dem zweiten großen Aufgabengebiet zuwenden: der Erhaltung einer stabilen, sich ausweitenden Wirtschaft bei gleichzeitigen Maßnahmen zum Schutze der Freiheit.
Die amerikanische Wirtschaft ist eines der großen Wunder
dieser Erde.. Sie ist das Fundament unserer internationalen Position, unserer militärischen Sicherheit und des Lebensstandards
jedes einzelnen Bürgers. Unsere Regierung ist entschlossen,
unser wirtschaftliches System stark zu halten und eine ständige
Ausweitung zu sichern.
Wir befinden uns in diesem Augenblick in einem Übergang
von einer Kriegs- zu einer Friedenswirtschaft. Ich bin zuversichtlich, daß wir diesen Übergang ohne ernsthafte Störungen
unseres wirtschaftlichen Wachstums durchführen können. Wir werden jedoch diese für uns lebenswichtige Angelegenheit nicht dem
Zufall überlassen. Wirtschaftliche Bereitschaft ist für das
Land genau so wichtig wie militärische Bereitschaft.
Die späteren besonderen Botschaften und der Wirtschaftsbericht am 28.Januar werden die weiteren Pläne der Regierung und
ihre Empfehlungen, über die der Kongreß zu entscheiden hat, darlegen. Diese schließen ein: flexible Kredit- und Schuldenpolitik; steuerliche Maßnahmen, um den Konsumenten und der Wirtschaft einen Anreiz zu höheren Ausgaben zu geben; geeignete
Maßnahmen auf dem Gebiet der Auslandshilfe; verstärkte Maßnahmen auf dem Gebiet der Altersversorgung und Arbeitslosenversicherung; verbesserte landwirtschaftliche Programme; auf lar
ge Sicht ausgearbeitete Pläne für die Vorhaben der öffentlichen
Hand; größere Möglichkeiten für den internationalen Handel und
für Investitionen im Ausland. Diese reine Aufzählung der einzelnen Gebiete zeigt das ungeheure Ausmaß der Studien, Koordinierungsmaßnahmen und Planungen auf, - nicht zu sprechen von der
gesetzgeberischen Arbeit, - die zusammen erst unsere wirtschaftliche Bereitschaft vollständig machen.
Falls neue Bedingungen zusätzliche administrative oder legislative Maßnahmen erfordern sollten, so wird die Regierung ebenfalls hierauf vorbereitet sein. Eine Regierung, die wie die unsrige immer zu zeitlich richtig abgestimmten und energischen Maßnahmen bereit ist, und eine Wirtschaft, die wie die unsrige immer
gewillt ist, kühn und zuversichtlich zu planen, können untereinander ein Klima schaffen, das eine stetige wirtschaftliche Expansion gewährleistet.
R

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Das Budget.
Ich werde dem Kongreß am 21. Januar das erste von dieser
Regierung ausgearbeitete Budget, für den Zeitraum vom 1. Juli 1954
bis Ende Juni 1955 unterbreiten.
Dieses Budget ist den laufenden Anforderungen der Regierung
angepaßt. Es beruht auf der Erkenntnis, daß der Bundeshaushalt
ein stabilisierender Paktor in der Wirtschaft sein soll. Seine
Steuer- und Ausgabenprogramme werden die Initiative des Einzelnen
und das wirtschaftliche Gedeihen fördern.
Da die Übermittlung meiner Haushaltsbotschaft noch bevorsteht,
werde ich hier nur einige wenige Punkte bezüglich unserer Haushaltslage erwähnen.
Erstens: Einer unserer ersten Schritte war es, in Zusamm narbeix mit dem Kongreß das Budget zu revidieren, das ausgearbeitet
worden war, bevor diese Regierung ihr Amt antrat. Die Anträge auf
neue Bewilligungen wurden stark beschnitten. Darüber hinaus wurde
der in diesem Budget für das laufende Haushaltsjahr vorgesehene
Ausgabenstand um etwa sieben Milliarden Dollar gedenkt. Im kommenden Haushaltsjahr rechnen wir mit einer weiteren Kürzung der Ausgaben um über fünf Milliarden Dollar. Damit wird der Stand der Ausgaben in beiden Haushaltsjahren zusammen um über 12 Milliarden Dollar niedriger werden. Ferner werden wir auch unsere Anträge auf
neue Bewilligungen einschränken.
Zweitens« Trotz des erheblichen Einnahmerückgangs im kommenden Haushaltsjahr, der auf die nunmehr in Kraft getretenen Steuerermäßigungen und die Steuerangleichungen zurückzuführen ist, die
ich noch vorzuschlagen beabsichtige, werden unsere reduzierten Au gaben den neuen Haushalt einem Ausgleich näher bringen.
Drittens: Indem wir die Anforderungen auf Bewilligung neuer
Mittel unter den geschätzten Einnahmen halten, werden wir das
ungeheure Ausmaß der ungedeckten Verpflichtungen weiter verringern,
die die Regierung auf Grund früherer Bewilligungen eingegangen
ist.
Viertens: Erst wenn die Anforderungen an die Einnahmen unserer Regierung weiter reduziert sind, kann dem Ansteigen der
Staatsverschuldung vollkommen Einhalt geboten werden. Aus diesem
Grande: weil die Rechnungen der Regierung jeden Monat bezahlt
werden müssen, und die Steuergelder im Laufe des Jahres sehr ungleichmäßig eingehen, - und weil eine größere Flexibilität erforderlich ist, um die riesige Schuldenlast abdecken zu können, erachte ich es für notwendig, meine Forderung nach Erhöhung der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze für die Staatsverschuldung zu
erneuern.
Steuern

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�6. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

Steuern.
Das neue Budget sieht eine Besteuerung vor, die unter der
in den vorausgehenden Jahrer üblichen Höhe liegt. Vor sechs Tagen
wurden die Einkommensteuersätze herabgesetzt und die Übergewinnbesteuerung fallen gelassen. Diese Steuerermäßigungen sind nur auf
Grund der erheblichen Senkungen der Regierungsausgaben möglich,
die wir bereits vorgenommen haben oder zur Zeit vornehmen. In
demselben Maße, in dem weitere Kürzungen der Ausgaben allmählich
aber ständig in Sichtweite kommen, können und werden weitere
Steuersenkungen vorgenommen werden. Wenn Budgeteinsparungen und
eine gesunde Finanzpolitik der Regierung gewährleistet sind, dann
sollte auch die Steuerlast verringert werden, um so dem Steuerzahler die Möglichkeit zu bieten, sein eigenes Geld in der ihm
gemäß erscheinenden Vrt und Weise auszugeben.
Wenn wir eine geringere Besteuerung anstreben, so müssen wir
gleichzeitig unser gesamtes Steuersystem einer gründlichen Überprüfung unterziehen. Die Grundlagen für eine derartige Revision
wurden bereits durch den Bewilligungsausschuß des Repräsentantenhauses in enger Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium geschaffen. Wir sollten nunmehr die augenfälligsten steuerlichen Härten,
insbesondere gegenüber den niedrigen Einkommensgruppen beseitigen;
die die Kleinbetriebe behindernden Bestimmungen vermindern und
andere Änderungen vornehmen, die geeignet sind, die Initiative und
den Unternehmergeist anzuspornen und die Produktion zu steigern.
Meine Haushalts-Botschaft wird fünfundzwanzig daraufbezügliche
Empfehlungen enthalten.
Ohne hier den Versuch machen zu wollen, diese vielfachen
Reformen zusammenfassend darzustellen, darf ich doch die allgemeine Richtung, in die sie weisen, näher erläutern.
So schlagen wir beispielsweise eine großzügigere steuerliche
Veranlagung von arbeitenden Jugendlichen, die im Haushalt leben,
von Witwen und Witwern mit minderjährigen Kindern sowie eine umfassendere steuerliche Berücksichtigung von Ausgaben für medizinische Zwecke vor. Für Betriebe, die ihre Anlagen erweitern oder
modernisieren wollen, schlagen wir eine freizügige steuerliche
Veranlagung der Aufwendungen für Abschreibungen, Forschungs- und
Entwicklungszwecke sowie nicht ausgeschüttete Gewinne vor.
Aus Etatserwägungen treten wir für eine Beibehaltung der
Körperschaftssteuer mit dem gegenwärtigen Satz von 52 Prozent
für ein weiteres Jahr ein; und die Verbrauchs- und Verkehrssteuern,
auch auf alkoholische Getränke, Raiichwaren, Benzine und Autos,
die am 1. April dieses Jahres reduziert werden sollten, müssen in
der gegenwärtigen Höhe beibehalten werden.
Ferner

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Ferner ist die sofortige Verlängerung des Gesetzes über die
gemeinsame Beschaffung von Verteidigungsmaterial für alle Waffengattungen (Renegotiation Act) aus dem Jahre 1951 erforderlich,
um überhöhte Profite und unnötige Aufwendungen aus Mitteln der
öffentlichen Hand beim Kauf von Verteidigungsmaterial zu verhüten.
Landwirtschaft
Das allgemeine Wohl unseres Volkes von 160 Millionen Mensehen erfordert, daß unsere Landwirtschaft stabil ist und gedeiht« Umgekehrt aber weiß jeder amerikanische Farmer, daß es
ihm nicht gut gehen kann, wenn Amerika nicht blüht* Wenn wir
uns um eine Erhöhung unseres Lebensstandards bemühen, dann
müssen wir sicherstellen, daß auch der amerikanische Farmer an
dieser Erhöhung teilhat. Daraus ergibt sich, daß ein landwirtschaftliches Programm zur Förderung der Stabilität und des
Wohlstandes aller Zweige unserer Landwirtschaft dringend erforderlich ist.
Die gegenwärtig geltenden Agrargesetze haben den ihnen während des Krieges zugedachten Zweck, bei zahlreichen landwirtschaftlichen Produkten einen Anreiz zu einer Höchsterzeugung zu
bieten, erfüllt. Heute übersteigt eine derartig hohe Erzeugung
bei diesen Produkten bei weitem den gegenwärtigen Bedarf. Trotzdem sind die Gesetze, die zu einer solchen hohen Erzeugung ermutigen, immer noch in Kraft. Die Einlagerungsmöglichkeiten der
Warenkreditgesellschaft sind mit Überschußbeständen von Molkereierzeugnissen, Weizen, Baumwolle, Mais und bestimmten pflanzlichen ölen ausgenutzt, und die der Gesellschaft gegenwärtig zugestandene Kreditspanne von 6,750 Milliarden Dollar ist nahezu
ausgeschöpft. Bei einigen Erzeugnissen, die preislich auf dem
amerikanischen Markt, und anderen, die preislich auf den Weltmärkten nicht mehr abzusetzen sind, haben sich riesige Regierungsbestände angesammelt. In einer Welt, in der Millionen von Menschen hungern, wäre eine Vernichtung von Lebensmitteln selbstverständlich unverantwortlich. Und doch bedrohen die Überschußbestände auch weiterhin den Markt, und trotz der auf Grund der
gegenwärtigen Gesetzgebung genehmigten Anbaukontrollen nehmen
diese Bestände laufend weiter zu.
In diesem Zusammenhang stehen wir vor zwei Möglichkeiten.
Die erste besteht darin, eine noch weitergehende Beschränkung
der Anbaufläche bei einigen Feldfrüchten zu verfügen und eine
strenge staatliche Kontrolle über die Verwendung der davon betroffenen Felder durchzuführen. Dies führt zu einer Lenkung
der Erzeugung sämtlicher Grundnahrungsmittel. Damit wird die
Produktion aller entsprechenden Feldfrüchte unter die Verfügungsgewalt und die Kontrolle der Bundesregierung in Washington
gestellt..
Diese

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�•AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Diese Möglichkeitsteht im Widerspruch zu den fundamentalen
Interessen nicht nur der I*raA&gt;evölkerung sondern der gesamten
Nation«, Sie stellt darüber hinaus noch nicht einmal eine echte
Lösung für das uns gestellte Problem dar.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, dem Marktpreis für
diese landwirtschaftlichen Produkte allmählich einen größeren
Einfluß auf die Anbauplanung des einzelnen Farmers zu gestatten,
und gleichseitig die Hilfe der Regierung fortzuführen. Dies ist d
die einzig vernünftige Einstellung hierzu« Um den Erfolg sicherzustellen» müssen die beim Anlaufen dieses Programms vorhandenen
Überschüsse aus dem normalen Handel herausgenommen und für beson»
dere Verwendung verfügbar gemacht werden. Unter diese Sonderverwendung fallen das Schulspeisungsprogramm, die Katastrophenhilfe,
die Soforthilfe für befreundete Staaten und - als wichtigstes die Anlage von Reserven für einen eventuellen nationalen Notstand,
Ausgehend von den landwirtschaftlichen Gesetzen der Jahre
JE948 und 1949 sollten wir ein Preisstützungs-Programm ausarbeiten,
das anpassungsfähig genug ist, einen Anreiz für die ausreichende
Erzeugung wichtiger Bedarfsgüter zu bieten und den Verbrauch jener
ÖÜter zu fördern, mit denen gegenwärtig der amerikanische Markt
überschwemmt ist« Der Übergang zu einem neuen Paritätssystem der
Preise kann nur allmählich vollzogen werden«
Auf keinen Fall
darf es zu einem plötzlichen Absinken der Preisstützung, weder
der absoluten Dollaraufwendungen noch der prozentualen Preisparität, kommen«
Am kommenden Montag werde ich dem Kongreß in allen Einzelheiten meine Empfehlungen zur Lösung dieser Frage darlegen« Diese
wurden in Zusammenarbeit eine» großen, an Fragen der Landwirtschaft interessierten Personenkreises ausgearbeitet« Meine Sonderbotschaft am Montag wird in knapper Form auf die Untersuchungen und die Vorschläge eingehen, die seit zehn Monaten bezüglich
des ganzen Programms gemacht werden.
Ich habe dieses Landwirtsohaftsprogramm gewählt, weil es den
Aufbau der Märkte, die Nahrungsmittelversorgung der Verbraucher
sichert und die Gewähr dafür bietet, daß die Lebensmittel dem
Verbrauch, nicht aber den Lagerhäusern zugeführt werden. Es ist
ein Programm, das den Farmer von der Bedrohung durch diesen Produktionsüberhang befreien wird, ein Programm, das seinen Anreiz
für die Produktion knapper Ware sowie für den Verbrauch solcher
Güter bieten wird, die reichlich zur Verfügung stehen« Darüber
hinaus wird es die Freiheit, das Verantwortungsbewußtsein und die
Initiative, die den amerikanischen Landwirt auszeichnen, fördern,
und anregen. Und schließlich verspricht es unseren Farmern auf
Jahre hinaus einen höheren und gleichmäßigeren Ertrag als irgendein anderer Plan, indem es unserer Landwirtschaft volle Parität
auf dem Markt erreichen hilft«
Die

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen
Die Natur- und Bodenschätze unseres Landes sind Teil des
kostbaren Erbes unserer Nation. Auf ihre Erhaltung und Erschließung hinzuarbeiten, ist die gemeinsame Aufgabe des Bundes, der
Bundesstaaten und der Gemeinden. Eine enge und harmonische Zusammenarbeit ist hierbei unerläßlich»
Gegenwärtig werden sämtliche Regierungsprogramme zur Erhaltung und Entwicklung unserer natürlichen Hilfsquellen überprüft.
Programme, die dieser Überprüfung standhalten, werden weitergeführt. Neue Projekte, an denen sich die Bundesregierung beteiligt,
müssen auf gesunden wirtschaftlichen Grundlagen beruhen, und eine
Kostenteilung mit örtlichen Stellen ist zu fordern, wo immer sie
tunlich und durchführbar erscheint. Im kommenden Finanzjahr werden 23 Projekte in Angriff genommen werden, die diesen Kriterien
entsprechen. Die Bundesregierung wird sich auch weiterhin an
der Errichtung und am Unterhalt wirtschaftlich gesunder Vorhaben auf dem Gebiet der Hochwasserkontrolle, der Energiewirtschaft,
der Bewässerung und der Trinkwasserversorgung beteiligen, sofern
diese Projekte die Möglichkeiten und die Initiative der öffentlichen Hand und privater Gruppen auf lokaler Ebene übersteigen
und im Einklang mit den Erfordernissen des ganzen Volkes stehen.
Unser Programm zur Erhaltung der natürlichen Hilfsquellen
stellt auch die wichtige Rolle in Rechnung, die den Farmern in
der Erhaltung der Ertragsfähigkeit unseres Bodens zukommt. Ich
empfehle die Schaffung entsprechender Gesetze, die geeignet
sind, die Bodenkonservierung und die Hochwasserkontrolle in
den Flußoberläufen voranzutreiben und einen Ausgleich durch
größere Hochwasserschutzbauten in den Unterläufen zu erzielen.
Von Zeit zu Zeit werden wir Empfehlungen unterbreiten in
bezug auf: eine einheitliche und kontinuierliche Gesetzgebung
auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft;
eine revidierte Politik hinsichtlich des Landbesitzes der
öffentlichen Hand; ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm
zum Schutz der Eigenproduktion knapper und strategisch wichtiger Metalle und Erze;
darüber hinaus werden wir auch weiterhin Maßnahmen zum
Schutze und zur Pflege unserer Staatsforsten, Naturschutzgebiete, Denkmäler und anderer historischer und landwirtschaftlicher Sehenswürdigkeiten wie auch des Wildes unserer Wälder
und der Fische unserer Flüsse treffen. Ich hoffe, daß die
gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Gesetzesentwürfe zur
Verbesserung der bestehenden Bestimmungen über die Konservierung und Verwaltung des in Staatsbesitz befindlichen
Grünlandes und der Staatsforste in Kürze gebilligt werden.
Bundesstraßen

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bundesstraßen.
Die Bundesregierung wird zum Schutze der lebenswichtigen
Interessen jedes einzelnen Bürgers an einem sicheren und angemessenen Straßennetz auch in Zukunft eine führende Rolle auf diesem Gebiet übernehmen.
Um sicherzustellen, daß der größtmögliche Portschritt bei der Abstellung der gegenwärtigen Mängel
des Bundesverkehrs-Straßennetzes gemacht wird, müssen wir die
Bundessteuer auf Benzin von 2 Cent pro Gallone beibehalten. Das
heißt,die sonst am 1. April in Kraft tretende Steuersenkung um
einen halben Cent kann nicht durchgeführt werden, - die Steuern
müssen bleiben, damit wir ein vergrößertes Bundesstraßen-Programm
in die Sege leiten können. Sobald die Kommission zum Studium
der Frage der Beziehungen zwischen den Regierungen der Bundesstaaten ihr Gutachten über die Finanzierung des Baues von Bundesstraßen abgegeben hat, werde ich es dem Kongreß und den Gouverneuren der Staaten zur Überprüfung zuleiten.
Postwesen.
Es ist offensichtlich, daß die beträchtlichen Einsparungen,
die bereits vom Postministerium gemacht worden sind, und die
noch vorgenommen werden sollen, das Defizit bei der Postverwaltung nicht beseitigen können. Ich empfehle daher, daß der Kongreß das gegenwärtig dem Repräsentantenhaus vorliegende Gesetz
billigt, welches die Angleichung bestimmter Posttarife vorsieht.
Um den langfristigen Aspekten dieses Gesetzes zu entsprechen,
empfehle ich ferner, daß der Kongreß eine ständige Kommission einsetzt, die künftig von Zeit zu Zeit faire und angemessene Posttarife festsetzt.
Drittenss Menschliche Probleme.
Neben dem Schutz der Freiheit und der Erhaltung einer starken und wachsenden Wirtschaft sieht unsere Regierung eine dritte
große Aufgabe; Die Sorge um die menschlichen Probleme unserer
Bürger. In einer modernen industriellen Gemeinschaft sind die
Beseitigung der bittersten Not und die Milderung der Schläge,
die persönliches Unglück dem Einzelnen zufügen, Angelegenheiten,
die allen Zweigen des Regierungsapparates, einschließlich der
Bundesregierung, obliegen. Dies ist besonders dort der Fall, wo
Hilfs- und Vorbeugungsmaßnahmen die Möglichkeiten des Einzelnen
übersteigen.
Arbeit und Soziale Wohlfahrt.
Von den zahlreichen Problemen dieses Gebietes werde ich
zunächst diejenigen behandeln, die für die vielen tätigen Menschen in den USA von besonderer Wichtigkeit sind. Diese Menschen erzeugen mit ihrer Hände Arbeit, mit ihrem Geist und ihren
Herzen einen Großteil des Reichtums unseres Landes.
Der

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6. Januar

1954

Der Schutz gegen eine vorübergehende Arbeitslosigkeit muß
auf jene 6 1/2 Millionen Arbeiter, einschließlich der Bundesbediensteten, ausgedehnt werden, die jetzt .noch nicht in den
Genuß dieses Schutzes kommen. Darüber hinaus wird der Arbeitsminister den Bundesstaaten in Kürze ein Gutachten und Empfehlungen
über die wöchentlichen Unterstützungsgerder, die Laufzeit der
Unterstützung und über eine eventuelle Erweiterung des Kreises
der Unterstützungsberechtigten vorlegen. Die Wirtschafts-Botschaft
wird sich mit der damit eng zusammenhängenden Frage der Mindestlöhne und des davon zu erfassenden Personenkreises beschäftigen.
Das Gesetz über die Beziehung zwischen den Sozialpartnern
(Labor Management Relations Act) aus dem Jahre 1947 ist im Grunde
ein vernünftiges Gesetz. Jedoch haben sechs Jahre praktischer
Erfahrungen erwiesen, daß es in mancher Hinsicht verbessert werden
könnte. Ich werde dem Kongreß am 11. Januar Verbesserungsvorschläge
unterbreiten, die darauf abzielen, den Grundgedanken dieses Gesetzes schärfer herauszuarbeiten.
Unser grundlegendes Sozialversicherungsprogramm und das
Altersversicherungs- und Hinterbliebenenversorgungssystem, zu dem
der einzelne während der Jahre seiner Berufstätigkeit beiträgt
und aus dem er später Unterhaltsleistungen gemäß seiner früheren
Bezüge erhält, zielt darauf ab, diese Menschen vor Not zu bewahren.
Im vergangenen Jahr empfahl i^h die Ausweitung des Sozialversicherungssystems auf weitere zehn Millionen Personen. Ich ersuche
darum, diese Ausweitung umgehend zu verwirklichen. Diese und weitere wesentliche Verbesserungen des Versicherungssystems wer .en
zu einer erheblichen Erhöhung der Leistungen und einer Ausweitung
des versicherten Personenkreises führen und damit eine Verringerung
der Bundesbeihilfen für derartige Zwecke ermöglichen. Es wird
deshalb eine neue Aufschlüsselung vorgeschlagen, die eine progressive Verringerung dieser Beihilfen in dem Maße ermöglicht, wie
die Notwendigkeit ihrer Gewährung entfällt.
Die mit Bundesbeihilfen finanzierten Wohlfahrtsprogramme,
die bisher auf verschiedenen Gesichtspunkten aufgebaut waren,
sollten vereinfacht werden. Zu 14 dieser Programme werden den zuständigen Ausschüssen konkrete Vorschläge zugeleitet.
Ein besonders weitgehender Ausbau ist hinsichtlich des
Programms zur Wiedereingliederung körperbehinderter Personen in
den Arbeitsprozeß notwendig, durch besondere Berufsausbildung werden gegenwärtig jährlich 60 000 körperbehinderte Personen in die
Lage versetzt, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn dieses
Programm allmählich an Wirksamkeit gewinnt, dann wird es möglich
sein, noch weit mehr Körperbehinderte vor der Untätigkeit und der
Abhängigkeit von fremder Hilfe zu bewahren. Meine detaillierten
Empfehlungen zu diesem Punkt und zu anderen bereits hier erwähnten Fragen der sozialen Sicherheit werden dem Kongreß am 14. Januar zugeleitet werden.
Gesundheitswesen

�"AMERIKA DIENST»

6. Januar 1954-

Gesundheitswesen.
Ich lehne eine Sozialisierung des Gesundheitswesens entschieden ab. Die Aufgabe, Krankenhäuser und ärztliche Betreuung
in dem erforderlichen großen Ausmaß zur Verfügung zu stellen,
wird am besten durch private Krankenversicherungsprogramme gelöst.
Allerdings ist es leider richtig, daß die Kosten für ärztliche
Betreuung steigen und vielen Familien bereits große Härten auferlegen« Die Bundesregierung kann hier vielfach helfend einspringen und dennoch eine Sozialisierung des Gesundheitswesens umgehen.
Die Bundesregierung sollte die medizinische Forschung in
ihrem K^mpf gegen so furchtbare Geißeln wie Krebs und Herzkrankheiten fördern und auch weiterhin die Programme des Gesundheitswesens und zur Wiedereingliederung Körperbehinderter in den Einzelstaaten unterstützen. Das derzeitige Gesetz über eine Untersuchung des Hospitalwesens und den Bau neuer Krankenhäuser
(Hospital Survey and Construction Act) sollte erweitert werden,
um die zur Betreuung chronisch Kranker erforderlichen Anlagen
bereitstellen zu können und den Bau von Kliniken, Heilstätten
und Pflegeheimen zu ermöglichen. Im Kampf gegen Krankheit und
Seuchen ist außerdem eine bessere Zusammenarbeit zwischen Regierung und privaten Stellen erforderlich. Private und gemeinnützige Krankenversicherungen, die sich auf die Erfahrung und die
Initiative der Menschen in den betreffenden Gemeinden stützen, sind
bereits vorhanden.
Begrenzte Sicherheitsgarantien des Staates
an die privaten und gemeinnützigen Versicherungsgesellschaften würde es diesen ermöglichen, noch mehr Familien, die einer Krankenversicherung bedürfen und sie haben sollen, einen umfassenderen
Versicherungsschutz zu bieten. Am 18. Januar werde ich dem
Kongreß eine Sonderbotschaft zuleiten, in der ich ihm das von mir
im einzelnen ausgearbeitete Programm für das Gesundheitswesen
unterbreiten werde.
Erziehungswesen.
Wir haben unsere Jugend - die größte Kraftquelle einer
Nation - in einer ganz außerordentlich wichtigen Hinsicht vernachlässigt. Die Nation bildet nicht genügend Lehrer aus und baut
nicht genügend Schulen in dem Tempo, wie es das Anwachsen unserer
Bevölkerung erfordert.
Die Ausbildung von Lehrern - wie überhaupt die Überwachung
und Lenkung der öffentlichen Erziehung - ist Sache der Staaten
und Gemeinden. Jedoch sollte die Bundesregierung jederzeit zur
Unterstützung jener Staaten bereit sein, die erwiesenermaßen
nicht genügend Schulneubauten durchführen können. Um den wirklichen Bedarf feststellen zu können, würde ich es begrüßen, wenn
in diesem Jahr in allen Staaten eine Konferenz über Fragen des
Erziehungswesens abgehalten würde, die durch eine Bundeskonferenz
gekrönt werden müßten. Von diesen Konferenzen müßten die zuständigen Verwaltungen aller Ebenen - vom Bund bis hinunter zur Gemein*
de - die zur Lösung dieses dringlichen Problemes erforderlichen
Informationen erhalten.
Wohnraumbe Schaffung
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�AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954
V/ohnraumbe Schaffung

In einer Sonderbotschaft werden dem Kongreß am 25»Januar
Einzelheiten zu einem Programm unterbreitet werden, das weiten
LBevölkerungskreisen bessere Möglichkeiten zum Erwerb eines
zweckentsprechenden Eigenheimes bieten wird#
Dieses Programm umfaßt:
Verbesserung des Programms zur Gewährung von Bürgschaften
für Hypotheken zur Eigenheimfinanzierung durch die Bundesregierung;
Neugestaltung des gegenwärtigen Systems der Gewährung von
Krediten und Beihilfen an die Städte zur Beseitigung von Slums
und zur städtebaulichen Verbesserung;
Gewährung der Vergünstigungen, die für durch Bürgschaften
gesicherte Kredite bestehen, auch an private Geldgeber, welche
Mittel für städtebauliche Verbesserungsvorhaben zur Verfügung
stellen;
Gewährung von Bürgschaften für langfristige Hypotheken an
Familien mit geringem Einkommen nach Einzahlung eines geringen
Barbetrages; und
Fortführung der Wohnbauvorhaben der öffentlichen Hand gemäß dem Wohnungsbaugesetz aus dem Jahre 1949, wenn sich andersgeartete Programme nicht als besser erweisen sollten.
Wenn sich jeder .einzelne, die Gemeinden, die Regierungen
der Einzelstaaten und die Bundesregierung, mit gleicher Tatkraft
diesem Programm widmen, dann wird jede amerikanische Familie ihr
Eigenheim besitzen.
Betreuung ehemaliger Kriegsteilnehmer
Die interne Umorganisation in den Organen zur Betreuung von
Kriegsteilnehmern vollzieht sich mit meiner vollen Zustimmung.
Nach Abschluß dieser Umorganisation wird eine einzige Behörde
alle Aufgaben, einschließlich der ärztlichen Versorgung, wahrnehmen und sich um das Wohl der 20 000 000 ehemaligen Kriegsteilnehmer, denen unser Volk so viel verdankt, besser kümmern
können.
Wahlrecht
Die wenigen Empfehlungen, die ich hier noch vorbringen
möchte, beziehen sich alle auf ein Grundrecht unserer Bürger
- das Recht, an den Entscheidungen der Regierung mitzuwirken».
Ich hoffe, daß die Bundesstaaten mit dem Kongreß zusammenarbeiten werden, um einheitliche Wahlgesetze zu schaffen, die
es den in Übersee stationierten Angehörigen unserer Streitkräfte erlauben, ihr Wahlrecht als Staatsbürger auszuüben.
Es

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Es ist höchste Zeit, der Bürgerschaft des District of
Columbia das Wahlrecht zuzugestehen, und das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung auch auf die Bundeshauptstadt anzuwenden.
Ich ersuche den Kongreß dringend, baldigst entsprechende Schritte
in dieser Hinsicht zu unternehmen und auch die fiskalischen Maßnahmen zu revidieren, um die erforderlichen Verbesserungsarbeiten
an Projekten der öffentlichen Hand durchführen zu können.
Hawaii muß nunmehr als Bundesstaat zugelassen werden.
Ich ersuche erneut darum, die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit Hawaii seine Exekutive und seine Volksvertreter in Washington zusammen mit den anderen Bundesstaaten im Herbst
dieses Jahres wählen kann.
Seit langem werden die jungen Amerikaner zwischen 18 und 21
Jahren in Zeiten der Gefahr zur Verteidigung des Landes aufgerufen.
Sie sollten ein Recht auf Mitsprache in den politischen Vorgängen
haben, die zu einem so schicksalsschweren Befehl führen. Ich ersuche den Kongreß dringend, den Bundesstaaten einen Zusatz zur
Verfassung vorzuschlagen, damit die Bürger der Vereinigten Staaten
mit dem achtzehnten Lebensjahr das Wahlrecht erhalten.
Zusammenfassung.
Ich möchte ganz kurz auf den allgemeinen Zweck eingehen,
der mit diesen vielen Empfehlungen beabsichtigt ist.
Die Vollmachten unserer Regierung sind wohlweislich durch
die Verfassung begrenzt. Aber ganz abgesehen von diesen Einschränkungen gibt es gewisse Dinge, die eine Regierung niemals tun darf
oder versuchen sollte zu tun.
Eine Regierung muß sich, wie die unsere, mit allen Kräften
um die Erhaltung eines Wirtschaftssystems bemühen, das Raum läßt
für Unternehmergeist und Strebsamkeit - jene persönlichen Eigenschaften, auf denen ein wirtschaftlicher Aufstieg zu einem guten
Teile beruht. Aber Unternehmergeist und Strebsamkeit sind Dinge,
die eine Regierung nicht zu geben vermag. Wir preisen uns glücklich,
daß die amerikanische Regierung sich hierüber keine Sorge zu machen
braucht. Unser Volk hat von diesen Eigenschaften ein gerüttelt Maß.
Eine Regierung kann sich aufrichtig um die Erhaltung des
Friedens bemühen, wie wir das tun, und die Bevölkerung ihres Lanuds aufrufen, für die Erhaltung des Friedens Opfer zu bringen.
Aber keine Regierung kann den Herrschern fremder Lander das Samenkorn des Friedens ins Herz legen. Es ist somit eine Pflicht vor uns
selbst und gegenüber der Sache der Freiheit, geistig, wirtschaftlich und militärisch stark zu bleiben, damit wir uns ein Höchstmaß an Sicherheit gegen eine mögliche Aggression von Seiten anderer
erhalten.

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Keine Regierung kann ihr Volk gegen den tödlichen Materialismus, der unsere Epoche heimsucht, immun machen. Zum Glück
hat sich unser Volk, obgleich es wie kein anderes in der Geschichte mit materiellen Gütern gesegnet ist, stets in erster
Linie von geistigen Dingen leiten lassen, dem eigentlichen Quell
jener Freiheit, die wir höher als alle materiellen Güter schätzen.
Eine Regierung aber kann versuchen, so wie wir es tun, das
innerste Denken und Trachten des Volkes zu ergründen, und diesem Denken in der Innen- und Außenpolitik des Landes Ausdruck
zu verleihen. Sofern wir in unserem Wollen und Tun demütig und
aufrichtig im Angesicht des Allmächtigen das Gute erstreben,
sehe ich kein Hindernis für den weiteren Aufstieg Amerikas und
keine Grenze dessen, war wir zu geben vermögen..
*

* * * *

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�KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER DIE
LAGE DER US-LANDWIRTSCHAFT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die von Präsident Eisenhower dem amerikanischen Kongreß
am 11.Januar 1954 vorgelegte Botschaft über
die Entwicklung in der amerikanischen Landwirtschaft hat folgenden Wortlautj
"Zur wohlwollenden Beachtung unterbreitetich hiermit dem
Kongreß einige Empfehlungen, die die amerikanische Landwirtschaft
betreffen. Das landwirtschaftliche Problem ist heute ein genau
so schwerwiegendes und kompliziertes wie die vielen anderen,
mit denen Sie sich in der letzten Sitzungsperiode zu befassen
hatten. Schnelles Handeln ist erforderlich, um den wachsenden
Gefahren,die unser gegenwärtiges Landwirtschaftsprogramm bedrohen, zu begegnen und um zu verhindern, daß hieraus Schwierigkeiten in der Landwirtschaft resultieren.
Ich habe den amerikanischen Farmern die Versicherung gegeben,
daß die Unterstützung der gegenwärtigen Landwirtschaftsgesetze,
einschließlieh des Farmpreisstützungsprogramms während des Jahres 1954 zu 90 Prozent der Parität' ) eine moralische und gesetzliche Verpflichtung ist, die aufrechterhalten werden muß. Um
dieses Versprechen zu erfüllen, wurden in den vergangenen
12 Monaten alle Anstrengungen unternommen, damit den Farmern
ihr voller Anteil an dem Einkommen gesichert wird, das von
einem stabilen und wirtschaftlich blühenden Land geschaffen
wird. Damit diese Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind, ist
ein neues Farmprogramm erforderlich, das die gegenwärtige Lage in der amerikanischen Landwirtschaft berücksichtigt.
Durch diese Botschaft wird dem Kongreß das neue Programm
unterbreitet. Es ist mit dem Ziel ausgearbeitet worden, im
Laufe der Jahre eine Stabilität und ein Anwachsen des Einkommens
zu erreichen, auf das unsere Farmer Anspruch haben, und das die
Nation im Interesse der 160 Millionen unseres Volkes garantieren muß.
Problemstudien
Bei der Ausarbeitung dieses Programmes ist es der Regierung gelungen, das beste Gedankengut unserer Farmer und Landwirtschaftsexperten zu koordinieren. Über 60 verschiedene Studiengruppen und mehr als 500 der bedeutendsten Landwirtschafts*) Paritätspreis = Preisverhältnis der
Einzelprodukte zu dem Durchschnitt
Von 1910 - 1924.

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar 1954

landwirtschaftsführer des Landes waren an dieser Studie beteiligt.
Landwirtschaftliche Hochschulen und Forschungsinstitute stellten
dabei die Ergebnisse ihrer Arbeit und ihre Ideen zur Verfügung.
Zahlreiche Produzenten, Verarbeiter und Handelsgruppen sowie verschiedene nationale landwirtschaftliche Vereinigungen, steuerten
ihre Meinungen und Vorschläge bei. Tausende Briefe von einzelnen
Farmern, und die Ergebnisse von Meinungsforschungen unter der
Landbevölkerung sind analysiert und in Betracht gezogen worden.
Die aus den beiden Parteien gebildete, repräsentative nationale
landwirtschaftliche Beratungskommission hat während der letzten
12 Monate ständig an diesem Problem mitgearbeitet und ihre Ratschläge gegeben. Auch zahlreiche landwirtschaftliche Handelsorganisationen wurden zu Rate gezogen. Viele Mitglieder des Kongresses haben ihre reichen Erfahrungen für diese Sache zur Verfügung gestellt. So konnte, wie vor einem Jahr versprochen, die
gründlichste und umfangreichste Studie, die je über das Farmproblem und die Farmprogramme der Regierung gemacht wurden, entstehen.
Empfehlungen nach Einzelprodukten
Die Empfehlungen, die aus all diesen Untersuchungen heranreiften, sind das Ergebnis einer traditionellen guten Zusammenarbeit der beiden Parteien hinsichtlich der Landwirtschaftsgesetzgebung. Sie wissen, daß jede Farmernte ihre besonderen Probleme hat und daß diese Probleme einer besonderen Behandlung bedürfen. Demzufolge enthält auch der erste Teil dieser Botschaft
detaillierte Vorschläge über die Behandlung von 16 Produkten und
Produktengruppen. Ich selbst beschränke mich hierbei auf solche
Aspekte des Farmprogramms, an denen alle Farmer und alle Bürger
gleichmäßig stark interessiert sind.
Einige fundamentale Betrachtungen
Bei der Behandlung dieses Problems, hat sich die Regierung
auf folgende Grundsätze gestützt:
1. Für den Wohlstand der Vereinigten Staaten ist eine stabile,
blühende und freie Landwirtschaft erforderlich.
2. Ein Farmprogramm muß sowohl die Interessen der Erzeuger
als auch der Verbraucher in wirklich fairer Weise repräsentieren.
3. Wenn jedoch große Vorräte an Nahrungsmitteln vorhanden sein
sollten, so dürfen diese nicht vernichtet werden. Übermäßig große
Lager können aus dem Handel gezogen und konstruktiven Zwecken zugeführt werden, die entweder den Bewohnern der Vereinigten Staaten
oder aber ihren Freunden in der Welt zum Nutzen gereichen.
4. Auf Grund verschiedener Ursachen unterliegen die Farmerzeugnisse weit größeren Preisschwankungen als andere Güter. Der
einzelne Farmer oder Rancher hat jedoch weniger Einfluß auf die
Preisgestaltung, als der Hersteller in den meisten Industriezweigen. Eine Preisstützung der Regierung muß aus diesem Grunde gewährleistet sein, damit die notwendige Stabilität des landwirtschaftlichen Einkommens sowie der Produktion erreicht wird.
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�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

5. Vor allem sollte ein Farmprogramm der Landwirtschaft helfen, ihren angemessenen Anteil am Volkseinkommen sicherzustellen.
Es muß gleichermaßen auch auf eine Stabilität der Farmeinkommen
abzielen. Aus diesem Grunde sollten allzu große Schwankungen
in der Höhe der Stützungspreise von Jahr zu Jahr vermieden werden.
6. Kein einzelnes Programm kann auf die Landwirtschaft in
ihrer Gesamtheit bezogen werden. Einige Farmerzeugnisse sind
verderblich, andere nichtj einige Farmen verbrauchten die Erzeugnisse anderer Farmen, einige Nahrungsmittel und Naturfasern
können wir exportieren, einige müssen wir importieren. Ein allumfassendes Farmprogramm muß an diese und andere Unterschiede
angepaßt werden können, und darf dennoch für einzelne Farmgruppen
keine Härten und für andere keine Vorteile mit sich bringen.
7. Ein arbeitsfähiges Farmprogramm muß der Regierung genügend Spielraum lassen, damit zeitliche Änderungen hinsichtlich
Politik und Methoden, einschließlich der Höhe der Preisstützungen,
deren Grenzen gesetzlich festgelegt sind, durchgeführt werden
können. Dadurch kann die Regierung auftauchende Schwierigkeiten
in der Landwirtschaft rechtzeitig erkennen und in Rechnung stellen,
und braucht sie nicht erst nach Eintritt mit gesetzlichen Maßnahmen zu bekämpfen.
8. Die Umstellung auf ein neues Farmprogramm muß allmählich
und im Interesse der Farmbevölkerung und der Gesamtwirtschaft
vollzogen werden.
9. Forschung und Ausbildung, die fundamentalen Funktionen
des Landwirtschaftsministeriums seit seiner Gründung, sind immer
noch unerläßlich, wenn unsere Farmer die Produktivität ßteigern
und ihre Märkte vergrößern wollen.
10. Das natürliche Fundament unserer Nationalökonomie ist
ihr Boden-, Wasser- und Waldreichtum. Aus diesen Quellen kommt
unsere Nahrung, der größte Teil unserer Kleidung und unseres Obdachs. Wenn wir diese Hilfsquellen gut schützen und entwickeln,
werden sie einen direkten Einfluß auf den zukünftigen Lebensstandard der ganzen Nation haben.
Die augenblicklich geltenden Gesetze lassen einen erhöhten
Verbrauch an Weizen, Mais, Baumwolle und Pflanzenölen nicht ratsam erscheinen, sie fördern jedoch eine gesteigerte Produktion
dieser Erzeugnisse. Die ungeheuren und stetig wachsenden Überschüsse, die die Regierung besitzt, bilden jedoch eine ständige
Bedrohung der normalen Märkte für diese Produkte. So zeitigen
die zur Zeit geltenden Gesetze Ergebnisse, die sich für diejenigen
nachteilig auswirken, denen die Gesetze eigentlich helfen sollten.
Im Laufe der letzten drei Jahre ist das landwirtschaftliche Einkommen, zum Teil wegen dieser übermäßig hohen Bestände, stetig
gesunken.
Die

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13. Januar 1954

Die Dringlichkeit dieser Lage wird durch einige grundlegende Tatsachen am besten veranschaulicht. Im Laufe des vergangenen
Jahres hat sich die Investitionssumme der Agrarkreditgesellschaft
(Commodity Credit Corporation) für landwirtschaftliche Erzeugnisse
mehr als verdoppelt, sie stieg um ungefähr 2,5 Milliarden Dollar.
Als Ergebnis davon sind die finanziellen Verpflichtungen der Gesellschaft hart an die 6,75 Milliarden Dollar-Kreditgewährungsgrenze gerückt. Um zu garantieren, daß die augenblicklichen Verpflichtungen in bezug auf Preisstützung für die Ernten von 1953
und 1954 eingehalten werden können, werde ich den Kongreß auffordern, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, damit die Kapitalverluste
der Agrarkreditgesellschaft bis zum 30. Juni 1954 wieder ausgeglichen werden können und die Kreditgewährungsgrenze ab 1. Juli
1954 auf 8,5 Milliarden Dollar erhöht werden kann.
Die Warenbestände der Regierung sind außerordentlich groß.
Allein für Weizen belaufen sich ihre Investitionen auf mehr als
2 Milliarden Dollar. In dieser Summe sind 440 Millionen Bushel
Weizen einbegriffen, die der Regierung gehören. Etwa 400 Millionen weitere Bushel sind von der Regierung beliehen worden;
wobei es wahrscheinlich ist, daß der größte Teil davon im Besitz
der Regierung kommt. Dieser Bestand reicht aus, um den Weizenbedarf der gesamten Nation für mehr als ein Jahr zu decken.
Der Bestand an Baumwolle wird sich auf ungefähr 9»6 Millionen
Ballen belaufen. Auch hier entspricht der Bestand etwa dem Jahresbedarf der ganzen Nation.
Der Bestand an Pflanzenölen beträgt annähernd 1,5 Milliarden
Pfund, das ist, grob geschätzt, mehr als die Hälfte des Bestandes,
der normalerweise beibehalten werden sollte.
Da bereits solche enorme Vorräte vorhanden sind, mußten
für Weizen und Baumwolle Anbaubeschränkunge und Marktquoten eingeführt werden. Es erscheint unvermeidlich, daß die Regierung eine
erhebliche Reduzierung der Anbaufläche für Mais in Erwägung ziehen
wird, Man erwartet, daß die Anbaufläche ür diese Produkte im Jahr
1954 wie folgt verringert wird: Weizen 16,5 Millionen Acres; Mais
5-6 Millionen Acres} Baumwolle 3,5 Millionen Acres. Ohne sorgfältige Handhabung könnte innerhalb eines einzigen Jahres eine Zweckentfremdung von 25 Millionen Acres produktiven Ackerlandes - etwa
8 Prozent der Gesamtfläche - einen überaus nachteiligen Einfluß
auf die gesamte Wirtschaft ausüben.
Selbst diese Reduktionen werden wahrscheinlich die Überschüsse
an Weizen und Baumwolle nicht wesentlich verringern, da die Wahrscheinlichkeit besteht, daß man versuchen wird, aus den verkleinerten Anbauflächen größere Ernteerträge zu gewinnen und da die
Märkte weiterhin als Folge der starren Preisstützen schwinden werden. Man schätzt, daß beispielsweise auf Landflächen, die dem
Maisanbau entzogen wurden, Hafer, Gerste und Sorghum angebaut
werden, um den Bestand an Futtergetreide auf der derzeitigen Höhe
zu halten, wodurch die mit der Verringerung der Anbauflächen für
Mais verbundene Absicht unwirksam wird.
_,

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13. Januar 1954

Es wird ebenfalls erwartet, daß auf etwa 3 Millionen zweckentfremdenden Acres Sojabohnen angebaut werden, wodurch die übermäßig hohen Bestände an Pflanzenölen noch vermehrt werden. Die
Produktion, die auch aus anderen abgezweigten Anbauflächen zu
erwarten ist, bedroht die Farmer, die Kartoffeln, Zuckerrüben,
Reis, Alfalfa, Flachs, Gemüse und viele andere Feldfrüchte anbauen. Aus diesem Grunde müssen wir darangehen, den fundamentalen Ursachen unserer augenblicklichen übermäßig hohen Bestände
an landwirtschaftlichen Erzeugnissen ohne Zögern auf den Grund
zu gehen.
Das landwirtschaftliche Problem der Nation ist nicht das
einer allgemeinen Überproduktion: Der Verbraucherbedarf verläuft weiterhin auf Rekordhöhen oder nähert sich diesen. Die
Durchschnittspreise landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die keine
direkten Preisstützen besitzen, waren in den vergangenen Jahren
genau so hoch, wie die der Produkte mit Preisstützung. Das Problem ist vielmehr in einer unausgewogenen landwirtschaftlichen Produktion zu erblicken, die spezielle, durch die gegenwärtigen starren Preisstützen unvermeidliche Überschüsse zur
Folge hat. Das Problem wird noch kompliziert durch den fortwährenden Verlust einiger Auslandsmärkte, von denen die Landwirtschaft der Vereinigten Staaten zum großen Teil ihren Wohlstand ableitete.
Hauptpunkte des Landwirtschaftsprogramms
Das neue Landwirtschaftsprogramm, das hier vorgeschlagen
wird, stimmt mit allen zuvor erwähnten Verhältnissen und grundlegenden Erwägungen überein. Es weist 5 Hauptmerkmale auf:
1.. Dem neuen Programm sollte zuerst eine Anlaufmöglichkeit
ohne die Belastungen der großen Überschüsse gegeben werden.
Dies kann dadurch erreicht werden, daß gewisse llengen überschüssiger Nahrungsmittel beiseite gestellt werden, indem man
sie von den Preisstützungsberechnungen ausschaltet.
2. Die Landwirtschaftsgesetze des Jahres 1948 und 1949 waren gründlich ausgearbeitet worden und erhielten die Unterstützung beider Parteien. Die Prinzipien»auf die sie sich
gründeten, sind besonders auf die landwirtschaftliche Industrie von heute anwendbar. Obgleich die vorgeschlagene Landwirtschaftsgesetzgebung des Jahres 1954 im allgemeinen auf diesen Grundsätzen beruht, enthält sie doch gewisse neue Merkmale, Verbesserungen und Modifikationen.
3.. Die Abänderung des Landwirtschaftsgesetzes von 1949,
die obligatorische starre Preisstützung vorsieht, den Kriegserfordernissen angepaßt und für Friedenszeiten vollkommen ungeeignet ist, wird hiermit aufgehoben. Nach Einbringung der
Ernte des Jahres 1954 wird das Niveau der Preisstützen für die
grundlegenden landwirtschaftlichen Güter allmählich der Nachfrage angepaßt, wodurch den Farmern eine größere Stabilität des
Einkommens gewährleistet wird.
4.

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13. Januar 1954

4.. Im Gesetz ist vorgesehen, daß ab I.Januar 1956 für alle
landwirtschaftlichen Verbrauchsgüter eine zeitgemäße Parität in
Kraft treten soll. Es soll dafür Sorge getragen werden, daß
die Oberleitung von der alten auf die neue Parität schrittweise
und zwar um jeweils 5 Prozentpunkte der alten Parität pro Jahr
erfolgt, bis der Wechsel von der alten zur neuen Parität vollzogen ist.
5. Der Schlüssel des neuen Programms besteht in einer allmählichen Angleichung an die neuen Umstände und Verhältnisse.
Die Anwendung der neuen Parität und das Verhältnis der Grundprodukte zur Höhe des Angebots erfordern eine Übergangszeit,
um eine stabile Landwirtschaft zu gewährleisten. Dieser Übergang soll auf vorsichtige und sorgfältige Weise erreicht werden, um scharfe Angleichungen zu vermeiden, die unter Umständen den Erfolg des Programms in Frage stellen würden.
6. In Befolgung des Prinzips des allmählichen Übergangs
wird der Landwirtschaftsminister seine Vollmacht nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 ausüben, um zu gewährleisten, daß
die von Jahr zu Jahr vorzunehmenden Veränderungen hinsichtlich : .
der Höhe des Stützpreises sich in Grenzen halten.
7.« Der Landwirtschaftsminister behält weiterhin die Vollmacht, Preisstützungen bei mehr als 90 Prozent der Parität anzuwenden, wenn das nationale Wohlergehen oder die nationale
Sicherheit es verlangen.
Parität und Preisstützungen
Nach den Bestimmungen der Landwirtschaftsgesetze der Jahre 1948 und 1949 wird die Regierung:
1) die Preise der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse derjenigen Farmer unterstützen,_die den AnbaubesChränkungen u.
Marktquoten unterliegen;
2) die Preisstützungshöhe für verschiedene Fruchtarten bekanntgeben, bevor diese angepflanzt werden, soweit es möglich
ist;
3) das Preisniveau bis zu 90 Prozent der Parität unterstützen. Für einige Erzeugnisse werden außerdem Mindestpreise
aufgestellt werden gemäß dem Landwirtschaftsgesetz des Jahres
1949» und zwar zwischen 75 und 90 Prozent der Parität nach dem
Verhältnis von Total- und Normalangebot;
4) die Preisstützungshöhe um einen Prozentpunkt verändern
für jeweils 2 Prozentpunkte der Abweichung im Gesamtangebot.
Ist das Angebot zu gering, so wird ein höherer Stützungspreis
zu größerem Anbau ermutigen. Besteht ein überreiches Angebot,
so wird ein niedrigerer Preis den Verbrauch fördern. Hierdurch
wird nicht nur erreicht, daß die Preise der Haupterzeugnisse
eine feste Grundlage erhalten, sondern auch die Schwankungen
in Preis und Angebot werden dahin tendieren, sich gegenseitig
auszugleichen und so das Einkommen des Farmers stabilisieren.
Modernisierte

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Modernisierte Parität
Die Paritätsberechnungen für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnissenbasieren gemäß der alten Formel auf Preisverhältnisse und Kaufgewohnheiten von vor vierzig Jahren. Da
sich die Methoden der landwirtschaftlichen Produktion erheblich geändert haben, hat der Kongreß klugerweise den Paritätsbegriff den heutigen Verhältnissen angepaßt. Die neue Parität
berücksichtigt die Preisverhältnisse der letzten zehn Jahre.
Sie gestattet Veränderungen in der landwirtschaftlichen Technologie und der Verbrauchernachfrage, um sich in der Höhe des
Stützpreises auszudrücken und stellt die wahren Beziehungen
zwischen den landwirtschaftlichen Erzeugnissen wieder her.
Für die Haupterzeugnisse sieht das Gesetz bis zum I.Januar
1956 vor, daß die alte oder die neue Parität Anwendung findet,
je nachdem welche höher ist. Für alle Güter mit Ausnahme von
Weizen, Mais, Baumwolle und Erdnüsse wird die neue Parität bereits angewandt.
Gleiche Behandlung der verschiedenen Güter erfordert, daß
ab I.Januar 1956 - wie im Gesetz verankert - die neue Parität
für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse angewandt wird.
Isolierung der landwirtschaftlichen Produktionsüberschüsse von den Märkten
Die Beseitigung drohender gewaltiger Überschüsse der landwirtschaftlichen Produktion von der laufenden Marktwirtschaft
bildet einen wesentlichen Teil des hier vorliegenden Programms.
Die Vernichtung dieser Überschüsse kann unter keinen Umständen geduldet werden. Sie können von den Märkten abgezweigt
und für konstruktive Zwecke verwendet werden. Man kann sie u.a.
Schulspeisungen zuweisen, bei Katastrophenfällen zur Verfügung
stellen, man kann der Bevölkerung anderer Länder damit helfen
oder auch in der Heimat Reserven bilden für Kriegsfälle oder
sonstige nationale Notstände.
Ich empfehle daher, die Bildung von Reserven im Werte von
2,,5 Milliarden Dollar aus denen, über die zur Zeit die Agrarkredit-Gesellschaft verfügt, zu genehmigen. Die Verwendung dieser "eingefrorenen" Reserven sollte unumschränkter Vollmacht
unterliegen. Diese Vollmacht sollte Hand in Hand gehen mit gesetzlichen Sicherheitsmaßnahmen, um au verhindern, daß diese
Reserven einheimischen oder ausländischen Märkten zugeführt
werden, was Störungen in der Abwicklung der normalen Handelsbeziehungen mit sich bringen würde. Dem Verderb unterliegende Reserven sollen natürlich umgesetzt, Vorratslager für Weizen,
Baumwolle, Pflanzenöle und vielleicht Molkereiprodukte nach dem
Inkrafttreten dieses Programms abgestoßen werden.

Die

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Die besonderen Gegebenheiten in bezug auf die Ernte und der
Zeitpunkt der Einführung des vorgeschlagenen neuen Programms
sollten maßgebend sein für die Schaffung einer jeden Waren-Reserve.
Dieses Reserve-Programm wird dann wirksam sein, wenn es sorgfältig mit dem neuen Programm als ein großes behandelt wird. Die
Isolierung unserer überschüssigen Reserven an Nahrungsmitteln
und Pasern bildet einen wesentlichen ersten Schritt zum Inkrafttreten dieses neuen Programms.
Erweiterung der Märkte im Ausland
Einen unserer wesentlichsten Kanäle für die Abzweigung des
gegenwärtigen Warenüberflusses bilden die uns befreundeten Länder.
Die Verwendung der beträchtlichen Warenmengen kann weiterhin
nachdrücklich vorangetrieben werden dadurch, daß Überschüsse an
Nahrungsmitteln und Pasern zur Unterstützung fremder Länder und
zur Linderung und Hilfe in Katastrophenfällen in größtmöglichem
Umfang zur Verfügung gestellt werden. Ich beantrage eine Portdauer der Erlaubnis, die landwirtschaftlichen Überschüsse diesem
Zweck zugänglich zu machen.
Die Anwendung dieser Maßnahmen genügt jedoch nicht, um die
Überschüsse dem Verbrauch zuzuführen. In keinem landwirtschaftlichen Programm sollten die ständige,wirtschaftliche Entwicklung
und Expansion übersehen werden. Durch den gewaltigen Anstieg
der landwirtschaftlichen Produktivität nach dem zweiten Weltkriege ermöglichten die amerikanischen Farmer es unserem Lande,
in immer größerem Umfang zum Nahrungsmittelbedarf der Welt beizusteuern. Der Aufbau von Märkten zum Absatz dieser erhöhten Produktion bildet einen Teil der größeren Aufgabe, ein freieres
Handels- und Zahlungssystem innerhalb der ganzen freien Welt zu
schaffen.
Da unsere Farmer in großem Umfang von den ausländischen
Märkten abhängig sind, wird ihren Interessen besonders gedient
werden,durch die Arbeit des Landwirtschaftsministeriums, das die
Aufgabe hat, in- und ausländische Märkte zu erschließen. In
meiner Budgetbotschaft werde ich den Einsatz ausreichender Mittel
für diesen Zweck empfehlen.
In der Zwischenzeit werden zahlreiche Handelsmissionen, die
mit unseren überseeischen Vertretungen zusammenarbeiten, aus den
Vereinigten Staaten nach Europa, Asien und Südamerika entsandt
werden, um in allen diesen Ländern die Möglichkeiten zur Erweiterung des internationalen Handels mit Nahrungsmitteln und Pasern zu untersuchen. Außerdem wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Außenminister für einen Meinungsaustausch mit ausländischen Landwirtschaftsministern Sorge
tragen. Es wird dabei alles erörtert werden, was die Verwendung
der landwirtschaftlichen Überschüsse und Vorratshaltungen betrifft.
Verwendung

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Verwendung nicht bebauter landwirtschaftlicher Nutzflächen
Außer der Reduzierung von Überschüssen und der erforderlichen Märkteerschließung müssen besondere Maßnahmen ergriffen
werden hinsichtlich der Verwendung von Landflächen, die nicht
dem üblichen Anbausystem unterliegen. Um diese Schwierigkeiten
zu vermeiden, muß die landwirtschaftliche Nutzfläche, die für
die gewöhnliche Ernte entfiel, auf ein Minimum beschränkt werden. Las vorgesehene Programm will dies erreichen durch erhöhten
Warenverbrauch, was dann auch zu der Notwendigkeit führt, die
Einschränkung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Fortfall
zu bringen.
Wenn Land von der Bebauung zurückgestellt werden muß, so
ist es erforderlich, daß dies im Hinblick auf die Grunderfordernisse der Bodenkonservierung geschieht - nämlich um das Land
zu schützen und zu verbessern. Wo immer diese Bodenausnutzung
auf besondere Schwierigkeiten stößt, werden die für das landwirtschaftliche Programm aufgewendeten Mittel eingesetzt werden,
um den Farmern eine
Erreichung dieser Ziele in der Form zu
ermöglichen, daß die Bodenpflege Förderung erfährt und langfristige Leistungen erzielt werden.
Kleine Farmen
Die hauptsächlichen Nutznießer unserer Preisunterstützungspolitik waren die 2 Millionen größeren, hochmechanisierten Farmen, die etwa 85 Prozent unserer landwirtschaftlichen Erzeugung
auf sich vereinigen. Die Erzeugung der 3,5 Millionen Einzelfarmen ist so jainimgl, daß ihre Bewirtschafter nur geringe Vorteile
aus der Preisunterstützungspolitik ziehen. Im Laufe dieses Jahres wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit
der "National Agricultural Advisory Commission" (Nationaler
landwirtschaftlicher Beratungs-Ausschuß) den Problemen der Besitzer kleinerer Farmen besondere Beachtung schenken.
Folgerung
Las in diesem Abschnitt und in dem folgenden zweiten Teil
vorgeschlagene landwirtschaftliche Programm will neue inländische und ausländische Märkte nicht nur für die gegenwärtig bestehende Produktion, sondern auch für die zukünftige erschließen. Las Programm will eine feste Basis schaffen, an der sich
unsere Farmer halten können, wenn sie langfristige Produktionsund Absatzpläne entwerfen. Jahrein und jahraus wird dieses
Programm die besten Aussichten für stabile und anwachsende
Farmeinnahmen bieten.
Es wird dem Farmer zum völlig gleichwertigen Partner auf
den Märkten verhelfen. Es wird die Schaffung belastender Über=
Produktion vermeiden. Es will die vorherrschende Notwendigkeit
der Produktionsplanung beschränken, das Problem der unbenutzten
Anbauflächen verkleinern und den Farmern größere Entscheidungsund Aktionsfreiheit verschaffen. Es will die landwirtschaftliche
Gütererzeugung mehr dem Verbraucherbedarf anpassen. Es will die
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die landwirtschaftlichen Interessen im Zuge des allgemeinen
öffentlichen Interesses fördern. Es will jeder von Jahr zu Jahr
krasser auftretenden Veränderung der Preise und Einkommen entgegenwirken.
Das Programm will wieder Anregung geben für eine gute landwirtschaftliche Wirtschaftsführung. Es will willkürliche Kontrollen von Seiten der Regierung verhindern und dem einzelnen
Farmer die größtmögliche Freizügigkeit lassen. Es wird für zusätzliche Anreizmittel sorgen, um den besten Gebrauch von allen
unseren landwirtschaftlichen Hilfsquellen zu machen und verspricht dem landwirtschaftlichen Sektor des Landes verläßlichere
und stabilere Einkommensverhältnisse als jeder andere Plan.
Ich befürworte die baldige Genehmigung des Programms durch
den Kongreß.
II. Teil
In diesem Teil der Sonderbotschaft beziehen sich die bereits
im I.Teil entwickelten Grundsätze auf besondere Waren und Warengruppen.
Weizen
Weizen bildet ein Musterbeispiel für die Ergebnisse eines
UnterStützungsprogramms, das nicht in der Lage ist, den notwendigen Bedarf zu decken. Seit dem 16.Dezember 1953 wurden mehr
als 2 Milliarden Dollar aus den Mitteln der Agrarkredit-Gesellschaft in Weizen investiert.
Der Exportmarkt, der für unsere Farmer seit jeher sehr
wesentlich war, war selbst teilweise verantwortlich für die
ausgedehnte Erzeugung amerikanischen V/eizens während der Kriegsund Nachkriegs jähre,. Zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs der
zerstörten Länder behielten die Farmer ihren hohen Erzeugungsstandard auch nach dem Kriege bei und erwiesen so der Menschheit und der Sache des Friedens in der ganzen Welt einen großen Dienst.« Diese großen Absatzgebiete haben sich seitdem verkleinert. Dennoch blieb der Stützungspreis auf dem den Kriegsverhältnissen angepaßten Niveau. Daraus ergibt sich, daß die
Produktion auf dem Kriegsniveau verblieb und jährlich immer umfassendere Mengen dieser Produktion überschüssig wurden.
Auf den ausländischen Märkten bildete das starre Stützungsprogramm der Vereinigten Staaten einen Schirm für andere Konkurrenten. Dadurch wurde eine künstliche Konkurrenzlage geschaffen,
welche den amerikanischen Farmer einen wesentlichen Teil seines
Weizenmarktes auf der ganzen Welt kostete. Während der vergangenen zwei Jahre sank unsere Weizenausfuhr außerhalb des Internationalen Weizenabkommens von 220 Millionen BushelL auf 64
Millionen Busheis, während Kanadas freie Marktverkäufe von
105 auf 161 Millionen Bushel^ anstiegen. So schnürt unsere
Preispolitik gerade den Markt ein, der andererseits unsere
Überproduktion aufnehmen könnte.
Bei
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�"AFRIKA LIEBST" - V H R T S C H A J T UND ARBEIT

13. Januar 1954

Bei Fortdauer des gegenwärtigen Preisstützungsniveaus für
Y.'eizen würden wir uns vor zwei unerwünschte Alternativen gestellt sehen:
1) Herabsetzung der Anbaufläche, so daß nur der Eigenbedarf und geringe Mengen für den Export anfallen. Dadurch würde eine Reduzierung der Weizenanbaufläche um
etwa 40 Prozent, von 79 Millionen Acres, die 1953 bebaut wurden, auf 45 bis 50 Millionen Acres erforderlich.
2) Subventionierung des Weizenverbrauchs durch anwachsende schwere Belastung der Steuerzahler.
Die aufgezeigten Alternativen zeigen immer deutlicher, daß
wir von dem hohen, starren UnterStützungsniveau für Weizen abgehen müssen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1. Ein wesentlicher Teil des gegenwärtigen Weizenüberschusses vom Markt abgezogen und als Notstandsreserve beiseitegestellt wird.
2. Nach Einbringung der Ernte des Jahres 1954 soll die
Hohe der Preisstützung für Weizen sich nach dem Angebot richten.
Da beträchtliche Überschüsse vorhanden sind, würde die Errechnung des Stützpreises gemäß der Bestimmungen des Landwirtschaftsgesetzes von 1949 eine allmähliche Änderung der Stützungshöhe
gewährleisten. Der Landwirtschaftsminister wird sich mit allen
ihm gemäß dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 zu Gebote stehenden
Vollmachten dafür einsetzen, daß die Höhe der Preisstützung nur
geringfügig von Jahr zu Jahr schwankt.
3. Ab I.Januar 1956 soll die Angleichung von der alten auf
die neue Parität um jährlich 5 Prozent vorgenommen werden.
4.» Anbau- und Marktquoten sollen beibehalten werden, wobei
erwartet wird, daß das angeglichene Preisstützungsniveau zu
einer weitergehenden Verwendung von Weizenland für andere Zwecke
beiträgt.
Reis
Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent
sind in Jüngster Zeit nicht gewährt worden. Die Marktpreise lagen auf gleicher Höhe wie die Preisstützung oder darüber; Produktionsbeschränkungen waren nicht erforderlich; die Vorräte
sind nicht angewachsen. Immerhin können die derzeitigen Preisstützungen für Reis eine etwa erforderliche Angleichung verhindern, wie es auch bei Weizen der Fall war, als eine Angleichung notwendig wurde.
Es wird daher empfohlen, daß die zwangsweisen Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent nach Einbringung der
Ernte von 1954 aufhören.
Mais
Mais ist ein wesentlicher Faktor in der Futtergetreide« und
Viehwirtschaft. Diese Wirtschaft ist ein vielfach ineinandergrei- 14 -

�•AiüKhUCA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AfiBLIT

13*- Januar 1954

ineinandergreifender Prozeß der Erzeugung von Futtermitteln und
damit der Aufzucht von Vieh, das wiederum in Form von Fleisch,
Molkereiprodukten und Eiern in den Konsum wandert. Preise sind
ein wesentlicher Faktor, um diese Wirtschaft im Gleichgewicht
zu halten, da sie jeweils eine Verstärkung oder Verminderung
der Viehhaltung bewirken, die Futtermittel rationieren, wenn
Mangel daran herrscht, und umgekehrt ihren Konsum von Fleisch
erhöhen, wenn dieses reichlich vorhanden ist. Wenn der Mais
nutzbringend verwertet werden soll, so ist eine gewisse freie
Preisgestaltung unerläßlich.
Ein starres System hoher Preisstützungen für Futtergetreide birgt die Gefahr einer Minderung unseres Viehbestandes und
einer mengenmäßigen Begrenzung der Vieherzeugnisse für den Konsum. Wir haben in der Maiserzeugung große Fortschritte gemacht,
die zum Teil auch dem Konsumenten in Form von verbilligten
Fleisch- und Molkereiprodukten zugute kamen. Unser Preisstützungsprogramm für Mais soll diese Tendenz fördern.
Maisfelder und Mais haben für den Farmer etwa die gleiche
Bedeutung wie Weideland und Heu. Nur in Ausnahmefällen gelangen
mehr als 25 Prozent des angebauten Maises auf den Markt, wobei
noch der größte Teil hiervon von anderen Farmern als Futtermittel
verwendet wird. Die Farmer sind also die Hauptkonsumenten von
Mais. Daraus geht hervor, daß durch einen hohen Stützungspreis
für diejenigen Farmer, die Mais zum Verkauf anbauen, die Selbstkosten derjenigen Farmer, die Mais und anderes Futtergetreide
einkaufen müssen, erhöht werden.
Die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen variablen Preise und Einkommens-Ausgleichsmaßnahmen sind im ganzen zur
Lenkung des Preisstützungsprogramms für Mais sehr geeignet. Die
darin festgelegte Höhe des Stützungspreises zielt darauf ab,
Absatzmöglichkeiten für Mais zu schaffen. Dadurch können die
Viehzüchter laufend mit einem Angebot von Futtermais zu tragbaren Preisen rechnen.
Nach der bisherigen Paritätsberechnung liegt der Stützungspreis für Mais im Verhältnis zu den Preisen für Fleisch und
Molkereiprodukte zu hoch. Die neue Parität, die am I.Januar
1956 in Kraft treten soll, wird dazu beitragen, dieses außerordentlich wichtige Preisverhältnis auszubalancieren.
Daher wird empfohlen:
1) die neue Parität für Mais ab I.Januar 1956 in Kraft ztt
setzen mit der Maßgabe, daß die jährliche Übergangsrate auf
5 Prozent begrenzt bleibt;
2) mit Ausnahme der Maßnahmen unter 3) und 4) die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen Bestimmungen bereits
auf die Maisernte des Jahres 1955 und der folgenden Jahre anzuwenden;
3) das Gesetz von 1949 dahingehend zu ergänzen, daß bei
einer Parität zwischen 75 und 90 Prozent eine Veränderung des
Angebots um 1 Prozent der Stützpreise ebenfalls um 1 Prozent
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1 Prozent variiert, wodurch die Stützpreise für Mais elastischer
werden und eine übermäßige Vorratsbildung auf staatlicher Seite
verhindert wird;
4) ein Gesetz zu erlassen, demzufolge der in das nächste
Erntejahr überzunehmende Gesamtlagerbestand an Mais sich von
1G auf 15 Prozent des Inlandsverbrauchs zuzüglich der Exporte
erhöht; das Gesetz soll für das Ernte jähr 1955 in Kraft treten.
Dies würde zu einer Stabilisierung des Angebots in Futtermitteln
beitragen und die Auswirkungen der derzeitigen Vorräte aus den
Übernahmequoten auf künftige Produktionskontrollen und die Höhe
der Stützungspreise vermindern;
5) bei Annahme obiger Empfehlungen das System der Absatzquoten abzuschaffen.
Futtergetreide, ausschließlich Mais
Das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 sieht die
Preisstützung für solche landwirtschaftliche Produkte vor, die
nicht zu den sechs wichtigsten Bodenprodukten rechnen, wie für
Hafer, Gerste und Sorghum, in Höhe von maximal 90 Prozent des
Paritätspreises. Die Höhe der Preisstützung, die Form und die
Bedingungen sowie die zeitliche Dauer ihrer Gewährung werden
durch das landwirtschaftsministerium unter Berücksichtigung der
verschiedenen Auflagen des Gesetzes festgelegt.
Insoweit sich dieses Programm in der Durchführung bewährt
hat, empfehle ich seine Weiterführung.
Schlachtvieh
Die Tatsache, daß die obligatorischen Preisstützen im Falle von Schlachtvieh nicht im Einklang mit den Erfordernissen
stehen, ist dem Landwirtschaftsministerium seit Jahren schon
bekannt. Die neue Gesetzesvorlage sieht Bestimmungen vor, die
geeignet sind, eine Lösung der Probleme der Viehzüchter herbeizuführen.
Molkereiprodukte
Das Landwirtschaftsgesetz von 1949 fordert eine Preisstützung für Molkereiprodukte zu einer Parität zwischen 75 und
90 Prozent, sofern dies für eine ausreichende Belieferung des
Marktes notwendig ist. Es sind hier genügend Möglichkeiten
offengelassen worden, um das Programm zufriedenstellend durchführen zu können. Ich empfehle, diese gesetzlichen Bestimmungen
auch weiterhin beizubehalten,
Geflügel und Eier
Die Geflügelzüchter haben keinen generellen Wunsch nach
einer Preisstützung zu erkennen gegeben. Zu Zeiten und unter
besonderen Umständen kann sich eine Preisstützung jedoch als
eine große Hilfe erweisen.
Es
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Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die Bestimmungen des Gesetzes aus dem Jahre 1949 für Geflügel und Eier beizubehalten mit uneingeschränkter Vollmacht
des Landwirtschaftsministers die Preise bis zu, aber nicht über
90 Prozent der Parität zu stützen;
2) die uneingeschränkte Vollmacht, Geflügel aufzukaufen
für Schulspeisungen, gemeinnützige Institutionen und für gewisse andere Zwecke»
Baumwolle
Baumwolle ist ebenso wie Weizen ein exportorientierted Erzeugnis, dessen Stützpreis gegenwärtig über dem des Weltmarktniveaus liegt. Die Vofräte sind in den USA in den beiden letzten
Jahren schnell angewachsen. Diese Lager werden im August wahrscheinlich etwa 9,6 Millionen Ballen erreichen. Diese Menge entspricht in etwa einem vollen Jahresbedarf der USA.
Unser sehr straffes Preisstützungsprogramm fördert den Wettbewerb der ausländischen Erzeuger und vermindert unsere Exporte.
Während der zwanziger Jahre und zu Beginn der dreißiger übertrafen die Nettoexporte an Baumwolle im allgemeinen den Eigenverbrauch. Die gegenwärtigen Exporte belaufen sich auf kaum
ein Drittel des weit größeren Eigenbedarfes. .
Unsere Aufgabe ist es, ein Programm zu entwickeln, das den
Erzeugern hilft, sich allmählich den wandelnden Verhältnissen
anzupassen, einschließlich dem steigenden in- und ausländischen
Wettbewerb.
Das Landwirtschaftsgesetz des Jahres 1949 sieht Preisstützungen für Baumwolle auf der Höhe zwischen 75 Prozent und 90
Prozent der Parität vor, je nach Höhe des Angebots. Auf diese
Weise gleichen sich die Veränderungen in Angebot und Preis untereinander aus und sichern so ein verhältnismäßig stabiles Einkorns
men. Dieser Plan läßt begrenzte Preisschwankungen zu und gibt
so den Parmern einen vernünftigen, stabilen Markt und bietet zugleich einen Anreiz für einen erhöhten Baumwollverbrauch in
Jahren des Überflusses.
Durch Sondergesetze wurden die Preisangleichungsbestimmungen des Gesetzes des Jahres 1949 für Baumwolle außer Kraft gesetzt. Der Landwirtschaftsminister ist jetzt durch das Gesetz
ermächtigt, derartige Markt- und Ankaufquoten festzusetzen, damit das vorgesehene Preisstützungsniveau selten, wenn überhaupt,
unter 90 Prozent der Parität fallen kann. Anstatt sich teilweise auf die Gruüclpreisskalen, wie sie in dem Gesetz aus dem
Jahre 1949 vorgesehen sind, zu verlassen, erfordert das Gesetz
fast ausschließlich eine Ausrichtung auf die Produktionskontrollen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) ein wesentlicher Teil der gegenwärtig zu erwartenden
großen Lagerbestände an Baumwolle, besonders gelagert wird als
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�"AMERIKA DIENST" - MRTSüHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

als Reserve für den Notfall und aus dem Markt genommen wird;
2) nach der Ernte 1954 die Höhe des Stützpreises für Baumwolle dem Verbrauch angepaßt wird. Auf Grund der beträchtlichen
Einlagerungsreserve gewährleisten die Berechnungen der.Stützungshöhen nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949» daß Veränderungen
der Stützungshöhen allmählich erfolgen. Der Landwirtschaftsminister wird die Vollmachten des Landwirtschaftsgesetzes Von
1949 benutzen, um zu gewährleisten, daß die jährlichen Schwankungen in der Preisstützungshöhe begrenzt bleiben»
3) die neue Parität für Baumwolle wie vorgesehen ab
I.Januar 1956 wirksam wird;
4) der Kongreß die gegenwärtig bestehenden Bestimmungen
aufhebt, wodurch die Maximalanwendung der Produktionsbeschränkungen erforderlich wird, ehe irgendeine Senkung des Preisstützungsniveaus möglich ist»
Tabak
Die Tabakpflanzer haben ihre Fähigkeit bewiesen, die Produktion auf den Bedarf abgestimmt und gleichzeitig auf der
Preisstützungshöhe gehalten zu haben, ohne daß für die Regierung Verluste entstanden. Die verhältnismäßig kleinen Anbauflächen für Tabak und die wenigen Gebiete, die für Tabakanbau
geeignet sind, haben die Anwendung der Produktionskontrolle
leichter gemacht als für andere Erzeugnisse.
Der Unterstützungssatz beträgt für die/Snbaukontrollen :
unterliegenden Erzeuger 90 Prozent des Paritätspreises in jedem
Jahr, in welchem Marktquoten in Kraft sind.
Es wird empfohlen, das Tabakprogramm in der gegenwärtigen
Form fortzusetzen.
Erdnüsse
Das Gesetz erfordert, daß die vorgeschriebene Preisstützung
von 90 Prozent für Erdnüsse bis Ende 1954 weitergeführt wird und
die alte Parität bis Ende des Jahres 1955 in Kraft bleibt.
Dieses Programm, bei dem sich bei der Angleichung von Angebot und Nachfrage auf den Stützungspreis einige Schwierigkeiten
ergaben, kann jedoch bei Vornahme gewisser Änderungen wirkungsvoll arbeiten.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 für Erdnüsse am 1.Januar 1955 in Kraft tritt;
2) der Übergang zur neuen Parität für Erdnüsse entsprechend
den gesetzlichen Bestimmungen am I.Januar 1956 eingeleitet wird;
3) eine Übergangsregelung erfolgt, um die Änderung von der
alten auf die neue Parität nicht größer werden zu lassen als
5 Prozent.
,,
Aleunte18 -

�"AjaEhlKA LIEHST" - 'WIRTSCHAFT ÜML ARBEIT

13. Januar 1954

Aleurite-Samen und Honig
Aleurite-Samen und Honig sollten zu der gleichen Kategorie
wie andere Erzeugnisse gehören, für die Preisstützungen zwar
zulässig, aber nicht unbedingt erforderlich erscheinen. Es wird
deshalb empfohlen, daß die vorgeschriebene Preisstützung für
diese Produkte eingestellt wird.
Ölsaaten
Preissubventionen sind vorgesehen für Sojabohnen, Baumwollsamen und Flachs, wobei 90 Prozent der Parität nicht überschritten werden dürfen. Es wird empfohlen, daß die Bestimmungen des
Landwirtschaftsgesetzes von 1949 für diese Erzeugnisse weiterhin in Kraft bleiben.
Obst und Gemüse
Las gegenwärtige Gesetz erlaubt 30 Prozent der Zolleinnahmen zur Förderung des Exportes und Inlandsverbrauchs landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu verwenden. Im Fall einer
Marktstörung können diese Mittel benutzt werden, um einen
begrenzten Ankauf des Marktüberschusses solcher verderblicher Güter wie Obst und Gemüse zu ermöglichen. Ankäufe sollen
in solchen Fällen nicht geschehen, wenn Absatzmöglichkeiten
nicht vorhanden sind.
Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die gegenwärtigen Bestimmungen über die Verwendung der
aus den Zolleinkünften stammenden Fonds beizubehalten;
2) die Vollmachten für die Anwendung von Marktabkommen
weiterzufahren und zu liberalisieren um
a) die Einbeziehung weiterer Produkte auf die Marktregelungen zu gewährleisten;
b) die Vollmachten der auf Grund der Marktordnung geschaffenen Stellen zu erweitern und zu klären, sich
innerhalb vernünftiger Grenzen in Marktforschungsarbeiten entsprechend den Marktaufträgen einzuschalten
oder diese zu finanzieren;
c) die störungsfreie Lurchführung der Marktabkommen
trotz kurzfristiger Preisschwankungen und erforderlichenfalls die reibungslose Verteilung während der
Marktsaison zu gewährleisten;
d) Erweiterung und Klarstellung der Vollmachten für
die Anwendung der Marktordnung, um die Wirksamkeit der
Märkte zu erhöhen; hierzu gehören auch die Bestimmungen über die Verpackung von Frischobst und Frischgemüse.
Kartoffeln
Es wird empfohlen, daß der Gesetzgeber ermächtigt wird,
de Kartoffelanbauern die gleichen Hilfsmaßnahmen zu gewähren
wie den Erzeugern von Obst und Gemüse.
- ,
°
Zucker
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�"AFRIKA D I ^ S T " - Y.IBISCiiAlT UND ARBEIT

1 3 . J a n u a r 1954

Zucker
las Zuckerprogramm, das 1951 erweitert wurde, arbeitete allgemein zufriedenstellend. Es wird empfohlen, daß dieses Programm
in seiner bisherigen Form weitergeführt wird»
Wolle
Die Preisstützungen für Wolle in einer Höhe, die über dem
Marktpreis liegt, hatte zur Folge, daß sich bei der A_r rkreditGesellschaft sowie durch die Bevorzugung von Imporg-Wolle gegenübe der einheimischen riesige Vorräte angesammelt haben - heute
sind etwa 100 Millionen Pfund Wolle eingelagert. Zwei Drittel
der Wolle, die in den USA verarbeitet wird, ist importiert,
während sich die einheimische Wolle in den Lagerhäusern zu Bergen stapelt.
Hier '.st ein Programm erforderlich, das gleichbleibende
R ckvergütungen an den Schaf Züchter vorsieht, und der Erzeugung
und dem Markt genügende Anreize bietet. Die staatlichen Vorschriften für Erzeuger und Verarbeiter sollten auf einem Mindestmaß gehalten werden, so daß Steuerzahler und Verbraucher
nur geringstmögliche Lasten zu tragen haben, sie müssen dabei
mit der allgemeinen Agrarpolitik und der internationalen Handelspolitik vereinbar sein.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) sich der Preis für im Inland erzeugte Wolle bilden sollte, indem er mit dem anderer Fasern und der Importwolle in Wettbewerb tritt und so nur ein Wollpreis entsteht - nämlich der
Marktpreis *
2) die Direktzahlungen an den einheimischen Erzeuger in
ausreichender Höhe geleistet werden, wenn diese dem durchschnittlichen Marktpreis der Saison zugeschlagen sind, um den
Durchschnittserlös pro Pfund auf 90 Prozent der Parität zu
heben;
3) jeder Erzeuger die gleiche Vergütung für Jedes Pfund
Wolle erhält statt einer variablen Rate, die von äem erzielten
Marktpreis abhängt. Wenn jeder Erzeuger einen angemessenen
Gewinn aus dem Markt ziehen kann, werden ausreichende Produktion und wirksame Marktmethoden gefördert. Dies bietet den
weiteren Vorteil, daß seitens der Regierung nicht unbedingt
Subventionen geleistet, oder andere Vorschriften-Regulierungen
für die des Marktes erlassen werden müssen. Darüber hinaus
erhebt sich keine Notwendigkeit für zeitweilige Importkontrollen,
die das einheimische Preisstützungsprogramm schützen sollen^
4) Mittel für Stützungskäufe bei Wolle der Staatskasse entnommen werden, und zwar bis zur Höhe der nicht zweckgebundenen
Zolleinnahmen für Wolle;
5) ähnliche Methoden der Stützung angewendet werden sollen
für Wollzüge und für Mohais unter besonderer Berücksichtigung der
Preisbeziehungen zu ähnlichen Erzeugnissen.
Dwight D. Eisenhower
Weißes Haus, 11.Januar 1954
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�: A M E R I K A

D I E N S T

WORTLAUT DER KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER
ÄNDERUNGSVORSCHLÄGE DER ARBEITSGESETZGEBUNG
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einer Botschaft unterbreitete Präsident Eisenhower dem
amerikanischen Kongreß verschiedene Vorschläge
zur Abänderung der amerikanischen Arbeitsgesetzgebung, insbesondere des Taft-Hartley-Streikgesetzes. Die Botschaft hat folgenden Wortlaut:
Hiermit unterbreite ich dem Kongreß zur Begutachtung eine
Reihe von Empfehlungen über eine Änderung der bestehenden arbeitsgesetzlichen Bestimmungen. Diese Empfehlungen berücksichtigen die Interessen sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber. In einem weiteren Sinne liegen diese Änderungsvorschläge im Interesse unseres gesamten Volkes, dessen Wohlergehen in so hohem Maße von der gegenseitigen Achtung und dem
guten Einvernehmen zwischen den Sozialpartnern abhängt.
Die Geschichte der Arbeitsgesetzgebung ist lang und reich
an Konflikten. Es hat lange gedauert, ehe sich gewisse Rechtsgrundsätze herauskristallisierten, die auf dem so verwickelten
Gebiet der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern von beiden
Teilen als Basis für eine Einigung anerkannt werden konnten.
Obgleich diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und
vielleicht nie zu einem Ende kommen kann, haben wir auf diesem
Gebiet inzwischen so viele praktische Erfahrungen gesammelt
und eine solche politische Reife erlangt, daß der Arbeitsfrieden
in jüngster Zeit verhältnismäßig wenig gestört war. Daher sind
im gegenwärtigen Zeitpunkt durchgreifende gesetzliche Neuerungen auf diesem Gebiet weder wünschenswert noch erforderlich.
Die Arbeitsgesetzgebung des Bundes kann bestenfalls den
Rahmen für freie Tarifverhandlungen bilden. Sie darf die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern, die sich in erster Linie durch Gutwilligkeit und Aufgeschlossenheit auszeichnen sollten, nicht durch willkürliche Beschränkungen oder einen
schwerfälligen Apparat belasten.
Das Bundesgesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten - der sogenannte Wagner-Act - angenommen im Jahre 1935
mit Unterstützung beider Parteien - wurde erlassen, um das

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar 1954

das Recht der arbeitenden Männer und Frauen Amerikas auf Koalitionsfreiheit und Führung von Kollektivverhandlungen mit den Arbeitgebern durch selbstgewählte Vertreter gesetzlich zu fixieren.
Mit wachsender Stärke der Gewerkschaften erwies es sich als notwendig, die legitimen Rechte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
zu schützen und die Gesamtheit des Volkes vor den Folgen nicht beigelegten Arbeitsstreitigkeiten zu bewahren, die möglicherweise
eine Gefährdung des Wohls und der Sicherheit der Nation nach sich
ziehen. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1947 das Gesetz über die
Beziehungen zwischen den Sozialpartnern, das als das sogenannte
Taft-Hartley-Gesetz bekannt ist, mit der Mehrheit beider Parteien
angenommen.
Alle Gesetze, die der Kongreß auf dem Gebiet des Arbeitsrechtes
erlassen hat, bauen sich auf den bereits bestehenden Gesetzen auf.
Es gab keinen Rückschritt, und das Gesetz über die Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern vom Jahre 1947 bildete keine Ausnahme.
Es bezieht sich auf das Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten und hat das Recht der arbeitenden Männer und Frauen auf
Koalitionsfreiheit und zur Führung von Kollektivverhandlungen mit
ihren Arbeitgebern nicht nur bestätigt, sondern untermauert. Dieses Recht wird nur gesetzlich geschützt und es sollte fortan Teil
der Politik unserer Regierung sein, diesen Schutz zu garantieren.
Das Gesetz über die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
vom Jahre 1947 hat Hand und Fuß. Aus den Erfahrungen jedoch, die
wir in der Anwendung des Gesetzes machten, geht hervor, daß Änderungen angebracht wären, um den Grundgedanken schärfer herauszuarbeiten.
Der Erlaß einer einstweiligen Verfügung in arbeitsrechtlichen
Fragen ist stets ein strittiges Problem gewesen. Hingegen liegt
es auf der Hand, daß die mit einer einstweiligen Verfügung erreichte
Zurückhaltung der streitenden Parteien einfach im Interesse der Gerechtigkeit liegt, wenn ein nicht wieder gut zu machender Schaden
droht. Wo das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern jedoch auf
Kollektivverträgen aufgebaut ist, hat der Erlaß einer einstweiligen
Verfügung allerdings oft die Beilegung eines Streitfalls, auf Grund
dessen die Verfügung überhaupt erst erlassen wurde, noch erschwert.
Daher empfehle ich, daß bei Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Grund des Gesetzes über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten in solchen Fällen, in denen das Verhältnis zwischen den
Sozialpartnern auf Kollektivverträgen basiert, die Schlichtungsorgane des Bundes einen örtlichen Ausschuß einsetzen, der gemeinsam
mit beiden Parteien zum Zwecke der Beilegung des Streitfalles verhandelt. Weiter empfehle ich, daß in Secondary-Boycott-Fällen *
Antragsstellung auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung Ermessenssache ist.
Die in diesem Gesetz gegen Sympathiestreiks enthaltenen Verbote dienen dem Zweck, unbeteiligte Dritte vor Nachteilen zu
schützen, die ihnen aus Arbeitsstreitigkeiten,in die sie nicht
* Ein Streik gegen einen Unternehmer, der Materialien eines bestreikten Betriebes verwendet oder verkauft} unterscheidet sich
von einem Sympathiestreik dadurch, daß eine Geschäftsverbindung
zwischen den Unternehmern des Hauptstreiks und des Secondary
Streik existiert.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

nicht verwickelt sind, erwachsen können. Der echte SecondaryBoykott kann nicht gebilligt und geduldet werden. Das Gesetz
soll jedoch berechtigte Kollektivmaßnahmen gegen andere als
unbeteiligte Dritte nicht verbieten. Ich empfehle daher, das
Gesetz genauer zu formulieren und klar festzulegen, daß 1.)
Kollektivmaßnahmen gegen einen Arbeitgeber, der im Auftrag eines
anderen Arbeitgebers, dessen Belegschaft sich im Streik befindet,
einen Subkontrakt ausführt, oder 2.) gegen einen Arbeitgeber,
der gemeinsam mit anderen Arbeitgebern im Rahmen eines gemeinsamen Bauvorhabens bei diesem Projekt den Auftrag ausführt,
nicht als Secondary-Boykott anzusehen sind.
Nach der jetzigen Fassung des Gesetzes ist es den wegen
Lohnforderungen streikenden Arbeitern untersagt, an Wahlen von
Vertretern zur Führung von Kollektivverhandlungen teilzunehmen.
Um es einem Arbeitgeber unmöglich zu machen, die Gewerkschaft
seiner Arbeitnehmer unter Benutzung dieser Bestimmung auszuschalten, empfehle ich, es möge dem Bundesschlichtungsausschuß im
Falle von Lohnstreiks untersagt sein, dem Antrag eines Arbeitgebers auf Aberkennung des Vertretungsrechtes der streikenden
Gewerkschaft stattzugeben. Ich empfehle ferner, den Schlichtungsausschuß dahingehend anzuweisen, daß er innerhalb von vier Monaten nach Streikbeginn keinem Antrag einer anderen Gewerkschaft,
die die Arbeitnehmer zu vertreten, vorgibt, stattgeben darf. Das
Verbot, dem Antrag eines Arbeitgebers stattzugeben, soll für die
Dauer des Streiks gelten, vorbehaltlich einer anderen Frist» die
ich auf ein Jahr zu beschränken vorschlage.
Das Gesetz ist dahingehend ausgelegt worden, daß selbst bei
Vorliegen eines Kollektivvertrages beide Parteien berechtigt sind,
auf einer Wiederaufnahme der Vertragsverhandlungen zwecks Erörterung von Fragen zu bestehen, die bei Vertragsabschluß nicht
Gegenstand der Verhandlungen gewesen sind. Auf diese Weise ist
es möglich, daß die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern nicht einmal für die Laufzeit des Vertrages stabilisiert
sind. Ich empfehle daher, das Gesetz möge so abgeändert werden,
daß beide Sozialpartner vor weiteren Verhandlungen, ehe der noch
gültige Vertrag abgelaufen ist, geschützt werden, es sei denn,
daß der Vertrag dies ausdrücklich vorsieht oder beide Vertragspartner sich damit einverstanden erklären.
Die für den Fall eines nationalen Notstandes vorgesehenen
Bestimmungen des Gesetzes sind im Interesse des Wohles unseres
Volkes und der nationalen Sicherheit von wesentlicher Bedeutung.
Gemäß der jetzigen Fassung des Gesetzes muß der Untersuchungsausschuß, der die Ursachen der den Notstand bedingenden Streitigkeiten festzustellen hat, dem Präsidenten Bericht erstatten, ohne
seine Empfehlungen beizufügen. Demgegenüber empfehle ich, den
Präsidenten zu ermächtigen, vom Ausschuß Empfehlungen einzuholen,
und zwar nachdem dieser seinen letzten Bericht unterbreitet und
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, und - falls
die
Streitigkeiten nicht bereits beigelegt sind - den Ausschuß wieder
einzuberufen und ihn um Abgabe von Empfehlungen zwecks Beilegung

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13. Januar 1954

Beilegung der Streitigkeiten zu ersuchen. Obwohl die Empfehlungen des Ausschusses für die streitenden Parteien nicht bindend
sein können, messen wir doch den Empfehlungen sachkundiger und
unparteiischer Männer bei der Beilegung von Lohnstreitigkeiten,
die das Wohl des Volkes und die nationale Sicherheit bedrohen,
große Bedeutung zu»
Die Arbeiter der Vergnügungs-, Bau- und Schiffsbauindustrie
sehen eich einem besonders gearteten Problem gegenüber, da sie
in der Regel Gelegenheitsarbeit leisten und in keinem festen Arbeitsverhältnis stehen. Pur diese Berufe empfehle ich daher,
es möge dem Arbeitgeber gestattet werden, mit der jeweils in
Frage kommenden Gewerkschaft vor Anstellung einen Vertrag abzuschließen, auf Grund dessen die Gewerkschaft zunächst als der
Vertreter des Arbeitsnehmers bei Kollektivverhandlungen auftritt.
Weiter empfehle ich, es möge den Arbeitgebern und Gewerkschaften
dieser Industrien gestattet werden, einen Vertrag zwischen Betriebsführung und Gewerkschaft abzuschließen, gemäß dem die Angestellten innerhalb sieben Tagen nach Arbeitsaufnahme einer
Gewerkschaft beizutreten haben.
Nach der gegenwärtigen Passung des Gesetzes sind sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitgeber für die Handlungen ihrer Bevollmächtigten verantwortlich. Um klarzustellen, daß eine Gewerkschaft nicht für die Handlungsweise eines einzelnen Mitgliedes nur wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gewerkschaft verantwortlich gemacht werden kann, empfehle ich eine Abänderung
des Gesetzes dahingehend, daß auch für solche Fälle die traditionellen Bestimmungen des Common Law über die Stellvertretung
angewendet werden können.
Das Gesetz sieht gegenwärtig vor, daß sich nur solche Gewerkschaften an den Bundes-Schlichtungsausschüfi wenden können,
deren Funktionäre eidesstattliche Versicherungen darüber abgegeben haben, daß sie nicht Mitglied kommunistischer Organisationen
sind. Auf Arbeitgeber treffen diese Bestimmungen gegenwärtig
nicht zu. Ich empfehle, sie auch auf Arbeitgeber auszudehnen.
Besondere Gesetzesentwürfe, die sich mit der kommunistischen Infiltration im allgemeinen befassen, werden zur Zeit geprüft.
Falls nun neu in Kraft tretende Gesetze die Bestimmung dieses Gesetzes über die eidesstattliche Versicherung, nicht einer kommunistischen Organisation anzugehören, überflüssig machen, werde
ich ihre völlige Aufhebung empfehlen.
Das Recht auf Redefreiheit gehört zu den Grundfreiheiten.
Der Kongreß sollte klar herausstellen, daß das Recht der Redefreiheit, so wie es jetzt im Gesetz definiert ist, auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen in all ihren Beziehungen
zutrifft.
Das Gesetz verbietet es,heute einem Arbeitgeber, einen Beitrag zur Unterstützung des Fürsorge-Fonds der Gewerkschaften
zu leisten, wenn der Fonds nicht gewissen Ansprüchen gerecht
wird. Die diesbezüglichen Vorschriften sind tkriZuretchehd für
den Srhnt£ tmJ'älc Brh£ltninfi aöle^Ji? P-riie, die treuhänderisch

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�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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treuhänderisch zugunsten des einzelnen Gewerkschaftsmitgliedes
verwaltet werden. Ich möchte dem Kongreß empfehlen, eine eingehende Untersuchung der Unterstützungs- und Pensionsfonds, die
auf Grund von Tarifverträgen verwaltet werden, einzuleiten mit
dem Ziele, Gesetze zum Schutze und der Srhaltung dieser Fonds
im Interesse der Millionen berufstätiger Männer und Frauen, denen
sie zugute kommen, zu erlassen.
Das Gesetz soll klar definieren, daß die Bundesstaaten und
m
Territorien im Falle von Notständen, die die Gesundheit oder Sicherheit der Bürger gefährden, nicht infolge eines etwaigen tatsächlichen oder angenommenen Widerspruchs mit der Bundesgesetzgebung,des Rechts verlustig gegangen sind, bei derartigen Notständen einzugreifen. Die Notwendigkeit, die Frage der Zuständigkeit auf arbeitsrechtlichem Gebiet zwischen den Regierungsbehörden des Bundes, der Einzelstaaten und der Territorien zu klären, wurde erst kürzlich durch die jüngste Entscheidung des
Obersten Bundesgerichtes zu dieser Angelegenheit mit ihren weitreichenden Implikationen unterstrichen. Die Leiter der zuständigen
Behörden und Ministerien untersuchen gegenwärtig auf mein Ersuchen hin die verschiedenen Gebiete, auf denen Überschneidungen der
einzelnen Aufgabenbereiche zu verzeichnen sind*. Nach Abschluß
dieser Untersuchungen werde ich dem Kongreß meine Gesetzesvorschläge zur Bereinigung dieses Mangels unterbreiten.
Im Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer gibt es nichts,
was den einzelnen Arbeitnehmer.so trifft wie die Einbuße seines
Lohnes, wenn er zum Streik aufgefordert wird. Bei einem so wichtigen Beschluß sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, sich in einer unter Segierungsaufsieht durchgeführten geheimen Abstimmung
frei zu entscheiden.
Außerdem empfehle ich zwei weitere Abänderungen dieses Gesetzes. Die Vollmacht des Arbeitnehmers zur Einbehaltung der
Gewerkschaftsbeiträge durch seinen Arbeitgeber sollte nicht vor
Ablauf des Kollektivvertrages erlöschen, in dem diese Bestimmung
enthalten ist, es sei denn, der Arbeitnehmer zieht diese Ermächtigung vorher zurück. Die gesetzlichen Bestimmungen, denen zufolge die Gewerkschaften über ihre Organisation und FinanzVerhältnisse berichten müssen, sollten vereinfacht werden, um Wiederholungen in der Berichterstattung zu vermeiden.
Ich darf wohl hoffen, daß der Kongreß die genannten Änderungen umgehend vornimmt, denn durch sie werden die Grundgedanken
des Gesetzes scharfer herausgearbeitet. Ich bin sicher, daß die
zuständigen Kongreßausschüsse den Wunsch haben, dieses Gesetz
ständig zu überprüfen und unter Berücksichtigung der damit gemachten Erfahrungen weitere Zusätze einzubringen, um seine Ziele
erreichen und seine praktische Durchführung ständig verbessern
zu können.
Die Regierung sollte stets darauf bedacht sein, vernünftige
und krisenfeste Maßnahmen zur Verbesserung des Loses der im Berufsleben stehenden Männer und Frauen zu finden, sich dabei aber bewußt bleiben, daß die Arbeitsbedingungen und -anforderungen ebenso

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13. Januar 1954.

ebenso Veränderungen unterworfen sind wie die produzierten
Güter, die Gewohnheiten und Bedürfnisse der arbeitenden Menschen.
Es ist eine der vordringlichsten Aufgaben der Regierung, die
Hoffnungen und Wünsche der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes genau zu definieren,so daß allen die Möglichkeit gegeben
wird, einen angemessenen Anteil zu haben an den Erfolgen der
schöpferischen Leistungen unserer Zeit* die die Grundlage für
die materiellen Annehmlichkeiten der Gegenwart und für unsere
großen Hoffnungen auf die Zukunft sind.

* * * * #

�A M E R I K A

D I E N S T

Zum besseren Verständnis des von Präsident
Eisenhower in seiner Kongreß-Botschaft aufgezeigten neuen Farmprogramms, geben wir
nachstehend einige Erläuterungen über die
wichtigsten Begriffe in der US-AgrarGesetzgebung.
HINTERGRUNDMATERIAL ZUM NEUEN ÜS-PARMPROGRAMM
Washington — (Amerika Dienst) — Das Prinzip der Preisstützung für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse
wurde von Präsident Eisenhower in seiner dem US-Kongreß am
11. Januar zugeleiteten Sonderbotschaft über die Lage der
Landwirtschaft nicht in Zweifel gezogen. Damit ist dieses Prinzip nunmehr als Mittel zur Sicherung stabiler Verhältnisse in
der Landwirtschaft anerkannt.
Es ging gar nicht um ein ja oder nein zur Frage der Preisstützung, sondern um die Frage, ob die Preise auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent zu stützen seien, oder aber nach einem
flexibleren Verfahren, das dem Landwirtschaftsminister die
Möglichkeit bieten würde, die Preisstützung auf einer Paritätsbasis zwischen 75 und 90 Prozent zu variieren.
Der Begriff der Parität, der in dieser Fragestellung eine
entscheidende Rolle spielt, ist durch Gesetz definiert. Demnach versteht man unter Parität den Preis, der dem Farmer angemessene Einkünfte unter Berücksichtigung seiner Aufwendungen
für Arbeitslöhne, den Kauf von Maschinen, Saatgut und Düngemitteln sichert. Nach der derzeit bestehenden gesetzlichen Regelung wird der "Paritätspreis" für die meisten landwirtschaftlichen Produkte auf Grund der Preisverhältnisse während der
Jahre 1910-1914 berechnet, da während dieser fünf Jahre ein gesundes Verhältnis zwischen den Ein- und Verkaufspreisen der
Landwirtschaft auch in Beziehung zur gesamten Volkswirtschaft
bestanden hat.
Gegenwärtig werden die Preise der sechs wichtigsten BodenProdukte - Weizen, Mais, Reis, Tabak, Erdnüsse und Baumwolle auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent gestützt. Dies geschieht
auf Grund eines im Jahre 1952 vom Kongreß verabschiedeten Gesetzes, das bis Ablauf des Ernte Jahres 1954 in Kraft bleiben
wird. Nach diesem Gesetz ist das Landwirtschaftsministerium
verpflichtet, im Falle des Absinkens der Preise eines der

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der genannten sechs Erzeugnisse unter 90 Prozent Parität, die
Marktbestände aufzukaufen, bis der Preis die 90 Prozent Parität
wieder erreicht bzw. überschritten hat.
Dieses Preisstützungssystem führte dazu, daß sich in staatlichen Lagern ungeheure Überschüsse bestimmter landwirtschaftlicher Erzeugnisse angesammelt haben. Allein die Weizenvorräte
repräsentieren schon einen Wert von 2 Milliarden Dollar. Diese
Vorräte schließen 440 Millionen Bushel Weizen ein, die direktes
Regierungseigentum sind, und weitere 400 Millionen Bushel, die
auf Grund von Kreditleistungen an Farmer auf Lager gelegt wurden.
Diese Weizenmenge ist größer als der gesamte Jahresverbrauch an
Weizen in den Vereinigten Staaten.
Das Prinzip der Paritätspreise wird auch auf eine ganze Reihe
weiterer Landwirtschaftsprodukte angewandt. Der Landwirtschaftsminister ist nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge beispielsweise
ermächtigt, im Falle von Molkereiprodukten eine Preisstützung zwischen 75 und 90 Prozent Parität zu gewähren, bei Honig und Aleuritesöl zwischen 60 bis 90 Prozent und bei fast allen anderen Produkten,
mit Ausnahme von Kartoffeln, zwischen 0 und 90 Prozent.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner Botschaft an den
Kongreß, daß die in den bestehenden Gesetzen vorgesehenen Stützpreise auch im Jahre 1954 beibehalten werden. Dies, so führte er
aus, sei "eine moralische und gesetzliche Verpflichtung, an der wir
festhalten müssen."
Was nach Ablauf des Ernte-Jahres 1954 geschehen wird, hängt davon
ab, welche Maßnahmen während der derzeitigen Sitzungsperiode des
Kongresses ergriffen werden.
Der Präsident schlägt dem Kongreß vor, ein flexibleres System
der Preisstützung auszuarbeiten, das auf einer "modernisierten Parität" beruhen müsse, wie Eisenhower es nannte.
Erstens sollen
als Erhebungszeitraum für die Parität nicht mehr die Jahre 1910
bis 1914 gelten, sondern jeweils die letzten 10 Jahre vor dem betreffenden Erntejahr. Zweitens schlägt der Präsident vor, daß die
landwirtschaftlichen Produkte vom 1. Januar 1956 an durch anpassungsfähige staatliche Subventionen zwischen 75 und 90 Prozent
der Parität gestützt werden.
Die Frage der Preisstützung für landwirtschaftliche Erzeugnisse
steht gegenwärtig im Mittelpunkt heftiger Debatten in allen Teilen
der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Landbevölkerung nimmt,
wie die stark unterschiedlichen Stellungnahmen der landwirtschaftlichen Organisationen zeigen, keinen einheitlichen Standpunkt in
der Frage ein, welche Maßnahmen die Regierung ergreifen solle.
Die größte dieser Organisationen, die American Farm Bureau
Federation, setzt sich für die Einführung der vom Präsidenten vorgeschlagenen flexiblen Preisstützung ein. Die zweitstärkste Farmervereinigung, National Grange, zog bisher eine starre Preisstützung
vor, nannte hierfür jedoch in jüngster Zeit nur bestimmte Landwirtschaftsprodukte. Sie fordert "die vorläufige Weiterführung der

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13- Januar

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der gegenwärtigen Politik der Preisstützung unter Jeweiliger Berücksichtigung der gesammelten Erfahrungen." Die Farmers Union,
die unter den landwirtschaftlichen Vereinigungen an dritter Stelle
steht, erachtet es für notwendig, daß die gegenwärt'gen GarantieSätze für die Preisstützung erhöht, nicht aber gesenkt werden.
Für die erwähnten sechs wichtigsten Bodenprodukte verlangt sie
eine Erhöhung des derzeitigen Paritätssatzes von 90 auf 100 Prozent.
Das steigende Angebot an landwirtschaftlichen Produkten ist
in den Vereinigten Staaten die Folge einer allgemeinen Erhöhung
der Hektarerträge innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre. Pro Landarbeiter werden heute soviel Nahrungsmittel und Faserstoffe erzeugt, daß 16 Personen damit versorgt werden können. Dies ist
durch eine weitgehende Mechanisierung der Arbeit, Verwendung besserer Düngemittel, hervorragendes Saatgut, Bodenkonservierung
und durch die praktische Auswertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse möglich geworden.
Eines steht jedoch fest: es werden keinerlei Ernteüberschüsse
vernichtet werden; vielmehr sollen sie das Los der Menschheit verbessern helfen. Präsident Eisenhower erklärte wörtlich: "Die Vernichtung von Ernteerträgen darf unter keinen Umständen erwogen
werden. Man kann sie dem Markt fernhalten und vernünftig anderweitig verwenden, beispielsweise für Schulspeisungen, Notstandshilfe,
Unterstützung anderer Staaten und Vorratsbildung für den Fall eines
Krieges oder nationalen Notstandes."

*

*

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�A M E R I K A

E N S T

In wenigen Tagen vollendet Dr. James B. Conant
das erste Jahr seiner Tätigkeit als amerikanischer Hochkommissar und Botschafter in Deutschland. Aus diesem Anlaß stellen wir Ihnen das
folgende Interview zur Verfügung.

RÜCKBLICK AUF EIN JAHR ALS HOCHKOMMISSAR
Ein Interview mit Dr. James B. Conant
Von John Andrews

BONN, Mitte Januar — "Bitte, machen Sie es so kurz wie
möglich," bat mich die Sekretärin zwischen Tür und Angel.
"Eine ganze Reihe von anderen Besuchern wartet schon - wie
gewöhnlich."
So aufgefordert sprang ich mitten ins Gespräch, sobald
ich dem amerikanischen Hochkommissar gegenübersaß. "Was betrachteten Sie als Ihre erste Aufgabe, als Sie vor einem Jahr
in Deutschland ankamen?", fragte ich.
"Zuerst wollte ich einmal selbst sehen und hören, wie
sich das heutige Deutschland entwickelt," antwortete Dr. Conant.
"Ich habe Deutschland von Schleswig-Holstein bis Bayern, vom
Schwarzwald bis nach Berlin durchreist. Ich habe Fabriken,
Siedlungen, Universitäten, Flüchtlingslager, Regierungsstellen,
öffentliche Versammlungen, Wohnbunker besucht und mich mit Menschen aus allen politischen, wirtschaftlichen und geistigen
Gruppen unterhalten."
Dr. Conant lehnte sich lächelnd zurück. Er wisse natürlich, daß es für einen Botschafter nicht immer leicht sei,
eine ganz offene Meinung zu hören zu bekommen. "Aber auf jeden
Fall ist der Gedankenaustausch mit meinen deutschen Gesprächspartnern inzwischen recht lebhaft geworden. Sehen Sie selbst mein Posteingang."
Er schob mir eine Mappe mit Briefen zu: Briefe von Studenten, von Flüchtlingen, von zurückgekehrten Kriegsgefangenen;
freundliche, kritische, lobende, mahnende Briefe} Einladungen,
Zeitungsausschnitte, gute Ratschläge, Kommentare zu einer kürzlichen Rede des Hochkommissars. "Ich glaube fast, daß ich die

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die deutschen Ansichten doch recht offen zu hören bekomme."
Ich mußte ihm recht geben. In den Briefen spiegelten sich
die Meinungen, Sorgen, Nöte und Hoffnungen unserer Zeit, manchmal sehr geschickt, manchmal sehr unbeholfen, aber vorwiegend
mit unverkennbarer Offenheit ausgedrückt. Selbstverständlich
auch ein paar närrische Briefe. Einer begann: "Als Wissenschaftler werden Sie den Wert meiner revolutionären Erfindung erkennen,
die bisher von allen anderen verlacht wurde. Schicken Sie mir
sofort zehntausend Mark."
Was aus der verwirrenden Vielfalt der neuen Eindrücke in
Deutschland ihm besonders bedeutsam erscheine, fragte ich den
Hochkommissar.
Natürlich sei er, so sagte Dr. Conant, wie jeder andere
von den gewaltigen Aufbauleistungen der letzten Jahre beeindruckt, nicht nur von dem Aufbau der Städte, sondern auch dem
Aufbau der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen in Deutschland. Noch bedeutsamer aber als der Aufbau sei
ihm die Tatsache, daß es sich dabei tatsächlich um einen schöpferischen Neubeginn handele. "Ich habe Deutschland im Jahre 1925
gesehen und hatte damals die größten Sorgen um die Zukunft der
demokratischen Staatsform in Deutschland. Heute dagegen - trotz
aller noch ungelösten Probleme, die ich nur zu gut kenne - bin
ich Optimist. Nicht etwa nur, weil die rabiaten Extremisten in
der Bundestagswahl geschlagen wurden, so erfreulich das auch war.
Daß sich Berlin trotz aller kommunistischen Einschüchterungsmanöver so eindeutig zur Demokratie bekennt und daß die Deutschen
in der Sowjetzone ihre Verachtung für die aufgezwungene Diktatur
so mutig zum Ausdruck brachten, das sind Tatsachen, die uns das
Recht zum Optimismus geben."
Auch der Wille der deutschen Jugend, die jahrhundertealten
Feindseligkeiten in Europa endlich zu begraben und am Aufbau
eines vereinten Europas mitzuarbeiten, sei ihm ein gutes Omen
für die Zukunft, fügte Dr. Oonant hinzu.
"Sind Sie auch Optimist in der Frage der deutschen Wiedervereinigung?", wollte ich wissen.
Ja, antwortete Dr. Conant, Optimismus bedeute keineswegs
Schönfärberei,sondern vertrage sich recht gut mit einer nüchternen und objektiven Betrachtung der Sachlage. Als nüchterner
Optimist sei er aber der Überzeugung, daß die Sowjets auf die
Dauer eine Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit nicht verhindern können. Das genaue Wie und Wann der Wiedervereinigung wage er nicht vorauszusagen, aber er hoffe sehnlichst, daß das neue Jahr die deutsche Wiedervereinigung zumindest bedeutend näherbringen werde. Die bevorstehende Viermächtekonferenz werde die Gelegenheit geben, die Möglichkeiten zu erforschen.
Die Sekretärin kam ins Zimmer und legte ein Buch auf einen
Nebentisch, auf dem schon ein Buch über die Sowjet-Union, ein
Essay über die Geschichte des Mittelalters, das neueste Werk
eines großen deutschen Physikers und ein Bändchen Kunstgeschichte
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�AMERIKA DIENST"

13 • Januar 1954.

Kunstgeschichte lagen. "Zur Erholung von den Amtsgeschäften,"
sagte Dr. Conant und seufzte. "Leider bleibt wenig Zeit dafür."
Aber er sei besonders dankbar, daß er gewissermaßen in die deutsche
Gelehrtenwelt aufgenommen worden sei. Deutsche Volkswirtschaftler
Politiker, Historiker, Geistliche, Naturwissenschaftler und
Schriftsteller hätten ihm im vergangenen Jahr ihre Veröffentlichungen zugeschickt. Damit er wenigstens einige davon genau
durchlesen könne, benütze er sie beim Deutschunterricht.
Neben den Büchern liegt eine Mappe mit Zeitungsausschnitten,
eine kunterbunte Sammlung von Artikeln und Kommentaren über den
Hochkommissar. "Ursprünglich wollte ich solche Zeitungsausschnitte als Andenken in ein Buch kleben - damals ahnte ich
noch nicht, wieviele es sein würden. Jetzt weiß ich, daß die
Kleberei meine ganze Freizeit beanspruchen würde. Die interessanteren hebe ich mir aber doch auf."
Interessant ist diese Sammlung allerdings, teilweise auch
amüsant. Da sind Artikel über die Staatsbesuche bei den Länderregierungen, über den Deutschunterricht des Hochkommissars, Auszüge aus Dr. Conants Reden vor deutschen Universitäten, ein
bitterböser Angriff aus einer ostdeutschen Zeitung, Kommentare
zu einer Rede vor dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Dr. Conants Nachruf auf Berlins großen Bürgermeister
Ernst Reuter und unzählige Zeitungsbilder, die den Hochkommissar
bei jeder nur erdenklichen Tätigkeit zeigen.
"Daß das Photographiertwerden gefährlich sein kann, habe
ich vor einem Jahr auch noch nicht gewußt," sagte der Hochkommissar. "Heute weiß ich es. Vor einigen Monaten, zum Beispiel,
wurde ich im Hofbräuhaus in München mit einem riesigen Maßkrug
photographiert. Wenige Tage später erhielt ich einen empörten
Brief von einem amerikanischen Antialkoholiker, der mich aufforderte, sofort meinen Maßkrug oder mein Amt niederzulegen. Später wurde ich in Rothenburg mit dem Meistertrunkhumpen photographiert. Diesmal beklagte sich ein deutscher Kritiker darüber,
daß es mir nicht gelungen sei, den Humpen in einem Zug auszutrinken."
Ich lachte noch, als die Sekretärin wieder ins Zimmer trat
und mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Ich verstand und
verabschiedete mich. Der nächste Besucher kam schon zur Tür,
als ich hinausging.
* * * # *

�A M E R I K A

D I E

AUSSENMINISTER DULIES UMREISST US-AUSSENPOLITIK
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
gab am 12. Januar 1954 vor dem Rat für
außenpolitische Prägen in New York einen
umfassenden Überblick über die amerikanische Außenpolitik. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Die Außenpolitische Entwicklung
Es ist nun fast ein Jahr her, seit Präsident Eisenhower die
Regierung der USA übernahm, Während dieses Jahres habe ich
häufig das Wort ergriffen, um zu verschiedenen Aspekten unserer
Außenpolitik Stellung zu nehmen. Heute Abend i möchte ich Ihnen
einen umfassenden Überblick über die Politik geben, die für unsere nationale Sicherheit erforderlich ist.
Die guten Seiten an der Außenpolitik der Vorgänger
Zuallererst wollen wir klarstellen, daß viele außenpolitische Maßnahmen meiner Vorgänger im Amt gut gewesen sind. Die
Militärhilfe für Griechenland und die Türkei hat den kommunistischen Vormarsch zum Mittelmeer aufgehalten. Das europäische Äiederaufbauprogramm hat es den westeuropäischen Völkern
ermöglicht, sich aus dem Morast der Nachkriegsjähre herauszuarbeiten. Die Westmächte haben in Berlin erfolgreichen Widerstand geleistet und die Blockade durch die Luftbrücke zum
Scheitern gebracht. Als loyales Mitglied der Vereinten Nationen haben die Vereinigten Staaten kraftvoll reagiert, um die
kommunistische Aggression in Korea zurückzuschlagen. Als diese
Aktion unsere militärische Schwäche aufzeigte, haben wir unsere militärische Stärke in großer Schnelligkeit wiederaufgebaut.
Wir strebten auch einen schnellen Aufbau der bewaffneten Stärke Westeuropas an.
Dies waren die Maßnahmen einer Nation, die die Gefahren
des sowjetischen Kommunismus erkannt hatte; die sah, daß ihre
eigene Sicherheit mit der anderer Völker eng verflochten war.
Es waren die Maßnahmen eines Volkes, das kühn und schnell handelte, um Notständen zu begegnen. Dies sind große Werte, die
man anerkennen muß. Wir köennen in diesem Zusammenhang auch die
Außenpolitische Unterstützung durch beide P&amp;rteien des amerikanischen Kongresses lobend erwähnen, die die Interessen der Nation über die der Partei gestellt haben.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

DIg schlechten Selten der Politik der Amtsvorgänger
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alle unsere Maßnahmen
in erster Linie Notstandsmaßnahmen waren, die uns unsere Gegner diktierten. Darf ich Ihnen das nälper illustrieren:
1. Wir sandten unsere Truppen nicht nach Korea, weil wir
von vornherein überzeugt waren, daß es eine sichere militärische Strategie sei, unsere Armeen zur Führung eines Landkrieges nach Asien zu entsenden. Wir hatten uns für einen Rückzug aus Korea entschieden, und «s war eine von den Sowjets angezettelte Aktion, die uns nach Korea zurückbrachte.
2. Wir wußten nicht von vornherein, daß es sich als klug
erweisen würde, wenn wir jährlich Milliarden Dollar an wirtschaftlicher Hilfe ausschütten würden. Wir entschlossen uns
zu diesem politischen Kurs, als die Kommunisten den Versuch
unternahmen, die freien Wirtschaftssysteme der Länder Westeuropas zu sabotieren.
3. Wir bauten unsere Armeen nicht in einem solchen Tempo auf, das enorme Haushaltdefizite nach sich ziehen mußte,
zur Minderung der Kaufkraft des Dollars führte und ein ungesundes Klima in unserer .Wirtschaft schuf, wei 1 dies uns von vornherein als eine sehr gute Politik erschienen war. Ja, wir
entschieden uns erst anders, als die militärische Bedrohung
seitens der Sowjetunion klar erwiesen war.
Wir leben in einer Welt, in der Notstände stündlich auftreten können, und unser Portbestand kann leicht davon abhängen,
inwieweit wir in der Lage sind, diesen Notständen entgegenzutreten. Wir bitten aus tiefstem Herzen, daß unser Volk sich
diese Fähigkeit bewahren möge. Aber nachdem dies nun gesagt
ist, ist es doch notwendig, darauf hinzuweisen, daß Notstandsmaßnahmen, wie gut sie auch immer für den Augenblick sein mögen, nicht notwendigerweise eine gute Politik auf lange Sicht
sein müssen. Notstandsmaßnahmen sind kostspielig, oberflächlich und sind ein Eingeständnis, daß die Initiative beim Gegner liegt. Man darf nicht erwarten, daß sie den Interessen
der Vereinigten Staaten auf lange Sicht dienlich sind«.
Die Notwendigkeit einer Politik auf lange Sicht
Dieser Faktor der Planung "auf lange Sicht" ist von entscheidender Bedeutung. Die sowjetischen Kommunisten zielen in
ihrer Planung auf etwas ab, was sie als "ganzes geschichtliches Zeitalter" bezeichnen. Wir sollten das gleiche tun. Sie
versuchen durch vielerlei Manöver, die freien Nationen Schritt
für Schritt zu teilen und zu schärähhen, indem sie ihnen übermäßige Anstrengungen aufzwingen, die, wie es Lenin ausgedrückt
hat, "über ihre Stärke hinausgehen,so-daß sie zum praktischen
Bankrott kommen." Dann, so sagt Lenin, "ist unsef Sieg sicher".
Und dann, so sagte Stalin, wird der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen sein.
Angesichts
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2

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13. Januar 1954

Angesichts dieser Strategie können Maßnahmen, die nur eine
unmittelbare Gefahr abwenden, nicht als ausreichend angesehen
werden. Solche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, aber es ist
ebenso notwendig, daß wir sie durchführen, ohne uns selbst zu
erschöpfen.
Als die Regierung Eisenhower diesen Kurs einschlug, waren
wir der Auffassung, daß einige Umwandlungen notwendig waren.
Es ist keine gesunder militärische Strategie, die amerikanischen Landstreitkräfte in Asien dauernd in einem Maße einzusetzen, das uns keine strategischen Reserven beläßt»
Es ist weder eine gesunde .Wirtschaftspolitik noch eine gute
Außenpolitik, ständig andere Länder zu unterstützen, denn dies
schafft auf die Dauer genau so viel schlechten Willen wie guten
Willen.
Es ist auch nicht gesund, dauernd zu so hohen militärischen Ausgaben verpflichtet zu werden, da3 sie "zum praktischen
Bankrott" führen.
Ein Wechsel war unumgänglich, um die physische Kraft für
eine dauernde Sicherheit zu gewährleisten. Aber es war in gleicher Weise unumgänglich, daß dieser Wandel von einem Verständnis
unserer wahren Ziele und Zwecke begleitet wurde. Ein plötzlicher und auffallender Wandel mußte vermieden werden.
Andernfalls hätte es vielleicht eine Panik unter unseren
Freunden und eine auf falschen Voraussetzungen beruhende Aggres&gt;
sion unserer Feinde geben können. Wir können, so glaube ich,
in dieser Hinsicht einen guten Bericht ablegen.
Kollektive Sicherheit
Wir brauchen Verbündete und eine kollektive Sicherheit. Unser Ziel ist es, diese Beziehungen v/irksamer und weniger kostspielig zu gestalten. Dies kann dadurch getan werden, daß man
mehr Gewicht auf die abschreckende Macht legt und sich weniger
auf die örtliche Verteidigungsstärke verläßt.
Dies ist eine allgemein anerkannte Praxis, was örtliche
Gemeinschaften angeht. Wir haben Schlösser an unseren Türen,
aber wir haben nicht vor jedem Haus einen Wachtposten. Wir
verlassen uns grundsätzlich auf das Sicherheitssystem der Gemeinde, das gut genug entwickelt ist, um jeden Bestrafen zu können,
der einbricht und stiehlt,so daß jeder mögliche Angreifer ganz
allgemein abgeschreckt wird. Das tst der heutige Weg, um einen
größtmöglichen Schutz bei tragbaren Kosten zu erreichen. Was die
Regierung Eisenhower anstrebt, ist ein ähnliches System der internationalen Sicherheit. Wir wünschen, für uns selbst und für
die anderen freien Nationen, eine größtmögliche Abschreckung
bei tragbaren Kosten.
Die örtliche Verteidigung wird immer wichtig sein. Aber es
gibt kein örtliches Verteidigungssystem, das für sich allein die
riesige Macht der kommunistischen Welt in Schach halten könnte.Die

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14. Januar 1954

Die örtlichen Verteidigungssysteme müssen dadurch verstärkt werden, iaß eine massive Verteidigungsmacht als Abschreckung wirkt.
Ein möglicher Aggressor muß wissen, daß er nicht immer die Kampfbedingungen vorschreiben kann, die ihm passen. Andernfalls könnte zum Beispiel ein potentieller Aggressor, der über ein ungeheures Menschenreservoir verfügt, versucht sein, im Vertrauen darauf,
daß der Widerstand nur auf dem Menschenpotential beruhe, anzureifen. Er könnte versucht sein, dort anzugreifen, wo seine
berlegenheit entscheidend wäre.
Für die Gemeinschaft der freien Nationen liegt der Weg, die
Aggression abzuschrecken, darin, willens und in der Lage zu sein,
mit Macht und Entschlossenheit an selbstgewählten Punkten und mit
selbstgewählten Mitteln zurückzuschlagen.
Solange unsere außenpolitischen Grundkonzeptionen nicht
klar umrissen waren, konnten unsere Militärs bei dem Aufbau unserer militärischen Stärke nicht wählerisch sein. Wenn ein Feind
in der Lage sein könnte, Zeit, Ort sowie Art und Äeise eines Angriffs nach Belieben festzusetzen, - und wenn unsere Politik
gemäß ihrer Tradition weiter daran festhalten soll, einer Aggression direkten örtlichen Widerstand entgegenzusetzen, dann mußten
wir bereit sein, in der Arktis und in den Tropen zu kämpfen, in
Asien; im Nahen Osten und in Europa, zur See, auf dem Lande und
in der Luft, mit alten und mit neuen Waffen,

§

Die Gesamtkosten unserer .Bemühungen zur Erhaltung unserer
nationalen Sicherheit in der Heimat und im Ausland beliefen sich
jährlich auf über 50 Millarden Dollar und hatten für 1953 ein
geplantes Haushaltsdefizit von 9 Milliarden Dollar und haben für
1954 voraussichtlich ein Defizit von 11 Milliarden Dollar zur
Folge. Dies ging im Vergleich noch über die Steuerlasten der
Kriegsjähre hinaus; und die Kaufkraft des Dollars wurde herabgemindert. Die Kräfte unserer Alliierten wurden in gleicher Weise
über Gebühr beansprucht. Diese Entwicklung konnte nicht von
langer Dauer sein, wenn nicht ernste finanzpolitische, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen heraufbeschworen werden sollten.
Bevor jedoch die militärische Planung geändert werden konnte,
mußten der Präsident und seine Berater im nationalen Sicherheitsrat Entscheidungen von grundlegender politischer Bedeutung treffen. Dies ist geschehen. Der grundlegende Entschluß ging dahin,
sich in erster Linie auf die besten und geeignetsten Möglichkeiten
verlassen zu können, um sofort zurückzuschlagen - und zwar mit den
Mitteln und an den Orten, die unserer Wahl unterliegen. Nunmehr
sind das Verteidigung .inisterium und die Chefs unserer gemeinsamen Stäbe in der Lage, unsere militärische Organisation nach den
politischen Erfordernissen auszurichten. Sie brauchen nicht mehr
zu versuchen, eine passende Antwort auf die zahlreichen Möglichkeiten und Absichten des Feindes zu finden. Dies erlaubt eine Auswahl der militärischen Machtmittel statt einer Vervielfältigung
dieser Mittel. Dies hat nun zur Folge, daß es möglich ist, eine
größere nationale Sicherheit mit geringeren Kosten zu erreichen und
daran teilzuhaben.
Der
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�"AMERIKA DIENST»

13. Januar 1954
Der gerne Osten

Wir wollen nun prüfen, inwieweit diese Konzeption auf
unsere Außenpolitik angewandt wurde. Ich darf mich zuerst
dem Fernen Osten zuwenden.
In Korea gelang es unserer Regierung, eine grundlegende
Änderung herbeizuführen. Der Kampf wurde zu ehrenhaften Bedingungen beendet. Das wurde möglich, weil sich der Angreifer bereits bis zu seiner Ausgangsbasis und darüber hinaus zurückgeworfen - der Möglichkeit gegenübersah, daß sich die Kampfhandlungen zu seinem eigenen Nachteil in Kürze auch auf andere,
nicht von ihm gewählte Räume und Methoden ausdehnen könnte».
Der hohe Blutzoll, den die amerikanische Jugend entrichtet
hat, hat aufgehört, und die Aufwendungen von vielen Milliarden
Dollar für unproduktive Zwecke konnten eingestellt werden. Darüber' hinaus sind unsere Streitkräfte nicht mehr in erster Linie
an das asiatische Pestland gebunden. Wir können damit beginnen,
strategische Reserven anzulegen, was unsere Defensivstellung wesentlich verbessert.
Diese Wendung verleiht der Warnung der am Kampfe in Korea
beteiligten Mitgliedstaaten der UN noch mehr Nachdruck, daß
die Gegenmaßnahmen der Vereinten Nationen im Falle einer erneuten Aggression der Kommunisten in Korea nicht notwendigerweise
auf Korea beschränkt bleiben würden.
Ich habe in bezug auf Indochina gesagt, daß die Konsequenzen, die sich aus einer offenen fot-chinesisehen Aggression in
Indochina ergeben müßten, "schwerwiegend sein würden und nicht
nur auf Indochina beschränkt bleiben könnten.*
Während des Vergangenen Monats verwies ich auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, ihre Position in Okinawa zu halten.
Das ist notwendig, um eine angemessene Kampfkraft zur Verwirklichung der Konzeption der kollektiven Sicherheit zu gewährleisten.
All dies hat Präsident Eisenhower in seiner bedeutsamen
Erklärung vom 26. Dezember zusammengefaßt. Der Präsident gab
die allmähliche Verringerung der amerikanischen Landstreitkräfte in Korea bekannt. Er verwies darauf, daß sich die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Fernen Osten nun in
erster Linie "aus schnellbeweglichen Marine-, Luft-und amphibischen Verbänden zusammensetzen werden." Und er stellte dabei
fest, daß die Vereinigten Staaten trotz der Reduzierung der
Landstreitkräfte in der Lage sein werden, eine Aggression "mit
noch größerer Wirkung als bisher zurückzuschlagen."
Der Abzug eines Teiles unserer Landstreitkräfte ist gleichzeitig ein beredtes Zeugnis dafür, *ie unsinnig die kommunistische Beschuldigung eines "Imperialismus" wirklich ist.
NATO

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954
NATO

Wenn wir uns Europa zuwenden, so sehen wir eine Neuausrichtung in den kollektiven Sicherheitsbemühungen der NATO.
Senator Vandenberg bezeichnete die Verpflichtungen des Nordatlantikpaktes einmal als die "realste Abschreckung und Verhinderung des Krieges, die der menschliche Geist bisher erdacht hat".
Aber er hat auch weiter erklärt: "Wenn es das Konzept und das
Ziel ist, ausreichende Einsatzbereite Streitkräfte aufzubauen,
um die Sowjets in ihren Grenzen zu halten ... so ergeben sich
daraus vernichtende Polgen sowohl in den USA wie in Übersee".
In den ersten Jahren des Bestehend der NordatlantikpaktOrganisation nach der Aggression in Korea führten ihre Mitglieder ein Notaufbauprogramm der militärischen Stärke durch. Ich
stelle das Urteilsvermögen jener Zeit nicht in Frage. Die damals aufgebaute Stärke Hat der Sache des Friedens gut gedient,
aber das ursprünglich festgesetzte Tempo des Aufbaues konnte
nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden.
Auf der Tagung des NATO-Rates im April legten die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption dar, die heute als das Programm
der "Planung auf lange Sicht" bekannt ist. Diese Planung bedeutet eine stetigere Entwicklung der Verteidigungsstärke in einem Tempo, das die wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten
und der USA aufrechterhält und nicht erschöpft. Diese Entwicklung würde durch die Schlagkraft einer strategischen Luftmacht
gestärkt werden, die auf international festgelegten Stützpunkten stationiert ist.
Wir haben auf der NATO-Tagung im vergangenen Dezember gesehen, daß das Konzept der Planung auf lange Sicht allgemein anerkannt wurde, und haben die Erkenntnis vorgefunden, daß ea
den eventuellen Bedürfnissen besser entspricht, als das Bemühen,
eine volle Verteidigungsstärke zu Lande auf Kosten unserer
Wirtschaft zu schaffen.
Die

E V &amp;

Ein Zeichen dafür, wie sehr die Nordatlantikpakt-Organisation aus einem Notstand heraus geschaffen wurde, ist die Tatsache, daß man an ihren Aufbau ging, noch ehe eine feste Grundlage dafür vorhanden war.
So kann beispielsweise Westeuropa nicht mit Erfolg verteidigt werden, wenn man Westdeutschland nicht verteidigt, Westdeutschland aber kann nicht ohne die Mitwirkung der Deutschen
verteidigt werden. Der Beitrag Westdeutschlands wird durch die
noch immer in Kraft befindlichen Waffenstillstandsbedingungen
verhindert.
Die Bundesrepublik Deutschland muß von diesen Bestimmungen
befreit werden; es sollten neue politische Vereinbarungen getroffen werden, um sicherzustellen, daß ein Wiederbewaffnetes
Deutschland der gemeinsamen Sache und niemals wieder den Zielen
des deutschen Militarismus dient,
Frankreich
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13. Januar 1954

Frankreich schlug einen Plan vor, um dieses Problem zu
lösen»- Ss sollte eine europäische Verteidigungsgemeinschaft
geschaffen werden, der Prankreich, Itelien, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Westdeutschland angehören sollen. Es würde dann eine Suropa-Armee bestehen, in der auch Deutsche dienten,
aber es gäbe keine National-Armeen in Westeuropa.
Der Vertrag über die Gründung dieser Verteidigungs-Gemeinschaft wurde im Mai 1952 unterzeichnet. Aber als die Regierung
Präsident Eisenhowers im Januar des vergangenen Jahres ihr Amt
übernahm, hatte noch keine Regierung ihr Parlament um Ratifizierung des Vertrages ersucht, und der ganze Plan war nahe daran,
vergessen zu werden und zu verstauben.
Präsident Eisenhower ist fest davon überzeugt, daß es für
Europa und damit auch für die westliche Welt, einschließlich
der USA - weder eine Garantie für Sicherheit auf lange Sicht
noch Stärke geben kann, wenn es nicht zu einer Einigung unter
Einschluß Prankreichs und Deutschlands kommt und der Zwist und
Hader begraben wird, der immer wieder zu Kriegen geführt hat in unserer Generation allein zu zwei Weltkriegen. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte der NATO.und in seinem jetzigen
Amt als Präsident der Vereinigten Staaten hat er immer wieder
klar gemacht, welche Bedeutung die USA der Verwirklichung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft beimessen, und,wie wir
hoffen möchten, der danach zu gründenden politischen Gemeinschaft.
Aber bis wir das Ziel der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erreicht haben, ist die Nordatlantikpaktorganisation und der zukünftige Friede in Gefahr. Das Mißtrauen zwifr
sehen Frankreich und Deutschland kann jederzeit zu neuen Auseinandersetzungen führen und schon sehen kommunistische Agenten
in diesem Mißtrauen das Mittel, um einen neuen Weltbrand zu
entfachen.
Es gibt natürlich enorme Schwierigkeiten auf dem Weg zur
Einigung zwischen Frankreich und Deutschland zu überwinden.
Aber wir erwarten, daß der Friede bald auf der festen Grundlage der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft aufgebaut werden kann.Wirtschaftshilfe
Die neuen Konzeptionen auf dem Gebiet der kollektiven
Sicherheit bewirken eine Reduzierung der unproduktiven militärischen Ausgaben unserer Alliierten bis zu einem Punkt, wo es
tunlich und praktisch ist, die Wirtschaftshilfe gleichfalls
zu verringern. Es bestand die Notwendigkeit* die Beziehungen
mit anderen Staaten auf die Basis einer größeren Selbstachtung
zu stellen, und das ist genau das, was unsere Alliierten woBien. Gesunde Handelsbeziehungen, größere Märkte und freie
Investierungsmöglichkeiten sind wirtschaftlich viel gesünder
als bilaterale Wirtschaftshilfen.
Es

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13. Januar 1954

Präsident Eisenhower ließ die Welt mit seinem Vorschlag
aufhorchen, die Atomenergie von einem Mittel der Vernichtung
in eine Quelle des Lebens zu verwandeln, und der Menschheit
damit eine große Last der Furcht zu nehmen. Am gestrigen Tage
habe ich mit der sowjetischen Regierung die vorbereitenden
Besprechungen auf diesem Gebiet aufgenommen.
Wir haben zusammen mit unseren Verbündeten darauf bestanden,
die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung Österreichs anzustreben. Die sowjetischen Machthaber haben sich
jetzt bereit erklärt, diese Prägen zu erörtern. Wir erwarten,
in Kürze in Berlin mit ihnen zusammenzutreffen. Ich hoffe, daß
Sie mit denselben ernsthaften Absichten kommen werden wie wir.
Wir haben eine Konferenz angestrebt, um Korea wieder zu
vereinen und das Land von der Besetzung durch ausländische
Truppen zu befreien. Bisher ist unsere Beharrlichkeit nicht belohnt worden, aber wir haben nicht aufgegeben.
Dieses auf Verhandlungen gerichtete Bemühen entspricht
nur den normalen Gepflogenheiten einer Regierung, die vom Geist
der Freiheit durchdrungen ist. Sie haben nichts mit einem Plan
für eine Teilung der Weltmacht mit solchen Partnern zu tun,
die die Freiheit unterdrücken.
Wenn wir den von mir dargelegten Kurs weiter verfolgen,
dann werden wir die Diktatoren vor eine Aufgabe stellen, die
ihre Kräfte auf die Dauer übersteigt. Denn wenn sie ihre Methoden nicht ändern, dann werden sie jenes Streben des Menschen
unterdrücken müssen, das seine Erfüllung nur in der Freiheit
finder, wie an unserem Beispiel deutlich werden soll.
Wenn die Diktatoren auf ihrem gegenwärtigen Kurs beharren,
dann\ werden sie es sein, die sich mit oberflächlichen Erfolgen
begnügen müssen, während das Fundament ihres Reiches unter dem
Tritt ihrer Marschstiefel zusammenbricht.
Der Mensch strebt in deb meisten Fällen nach einfachen
Dingen. Er will Gott dienen, wie es ihm sein Gewissen befiehlt.
Aber das werden jede, die einen gottlosen Glauben vertreten,
nicht leicht zulassen.
Der Mensch will sich in seinem Denken von der Vernunft
leiten lassen. Aber das werden jene, die ein autoritäres Regime vertreten, nicht ohne weiteres billigen.
Der Mensch will seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen
austauschen. Die Menschen wollen sich gegenseitig überzeugen
und überzeugen lassen, wenn sie die Argumente mit ihrem Gewissen
vereinbaren können und sie ihnen vernünftig erscheinen. Aber
dieses Recht können jene nicht zugestehen, die an eine Absolut
einseitig ausgerichtete Gesellschaft glauben.
§ie wollen zu Haus ohne Furcht leben. Das kann keiner wünschen, der an ein polizeistaatliches Prinzip glaubt.
Sie wollen aufbauend und produktiv arbeiten und die Früchte

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13. Januar 1954

Früchte ihrer Arbeit ernten. Aber keiner, der den Menschen nur
als ein Mittel zur Schaffung einer riesigen Maschine für die Beherrschung der Welt ansieht, kann dafür eintreten.
Wir können sicher sein, daß - selbst innerhalb der Sowjetunion - eine heimliche Kraftprobe zwischen der herrschenden
Schicht und den vielen unterdrückten Menschen entbrannt ist.
Jeder einzelne mag ohne Zweifel machtlos erscheinen, wenn er
seinen Kampf für sich allein kämpft. Aber die Bestrebungen
vieler Vereinigen sich zu einer unwiderstehlichen Kraft«
Es liegen Anzeichen vor, daß sich die kommunistischen
Herrscher einigen Wünschen ihrer Völker beugen. Man verspricht
mehr zu essen, mehr Haushaltswaren, eine größere wirtschaftliche
Freiheit.
Das heißt jedoch nicht, daß die Herren im Kreml ihre Ansicht geändert haben. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, daß
sie möglicherweise eine grundlegende Tatsache zu erkennen beginnen, das heißt, sie sehen, daß kein Herrscher den menschlichen
Geist auf unbegrenzte Zeit unterdrücken kann.
In diesem von Gott gewollten Umstand liegt unsere größte
Hoffnung. Sie ist unsere größte Kraftquelle. Auch wenn der
Pfad vor uns lang und steinig wäre, so braucht er flobh kein
Kriegspfad zu sein. Wir dürfen gewiß sein, daß dieser Weg
letzten Ende zu den Segnungen des Friedens führen wird."

* # * * *

- IC -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES-ERKLÄRUNG ZUR REVISION DER UN-CHARTA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister
John Poster Dulles gab am 19« Januar 1954 vor
dem Unterausschuß für die Revision der UN-Charta
des außenpolitischen Senatsausschusses eine längere Erklärung ; ab, in der er den amerikanischen
Standpunkt in dieser Frage darlegte. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden V/ortlaut:

"Die Charta der Vereinten Nationen stellt das entschlossenste und erfolgversprechendste Bemühen der Welt dar, die Menschheit vor der Katastrophe des Krieges zu bewahren und ein gerechtes Verhältnis zwischen den Nationen herzustellen. Bei den Verhandlungen über die Bestimmungen der Charta waren die Vereinigten Staaten durch eine hochverdiente überparteiliche Delegation
vertreten, und die Charta wurde vom amerikanischen Senat beinahe
einstimmig ratifiziert.
Auf den so zustandegekommenen Vereinten Nationen ruhten die
glühenden Hoffnungen des amerikanischen Volkes, ja aller Völker
der Erde. Die verantwortlichen Staatsmänner der USA, ohne Ansehen der Partei, haben immer wieder erklärt, daß die UN-Charta
den Eckpfeiler der amerikanischen Außenpolitik darstellt.
Es muß mit aller Offenheit gesagt werden, daß sich die
hohen Erwartungen, die aus der San Franzisko-Konferenz des Jahres 1945 entsprangen, nicht voll verwirklicht haben. Das hat
zwei Hauptursachen.
Erstens: Viele der anfänglich gehegten Hoffnungen waren
übertrieben. Durch einen Federstrich wird weder der Krieg für
immer aus der Welt geschaffet, noch ein System der Gerechtigkeit errichtet. Wäre das so einfach, dann hätten wir seit langem einen Weltfrieden und eine internationale Gerechtigkeit.
Ein gerechter und dauerhafter Friede erfordert jedoch unablässige und klug gelenkte Anstrengungen, die von einer Hingabe getragen sein müssen, wie sie notwendig ist, um einen Krieg zu
gewinnen.
Das geschriebene Wort übt jedoch weiterhin eine seltsame
faszinierende Wirkung aus, und es besteht immer wieder die Tendenz, das als bereits getan anzusehen, was einem Vertrag zufolge
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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

zufolge eigentlich erst getan werden müßte. Hoffnungen, die sich
allein auf diese Basis stützten, mußten notwendig in Enttäuschungen enden.
Zweitens beruhten zahlreiche Bestimmungen der Charta auf der
Zusammenarbeit zwischen den sogenannten "großen Mächten". Die Mitgliedstaaten des sowjetisch-kommunistischen Blocks haben tatsächlich jedoch eine Politik verfolgt, die vom Geiste und vom Buchstaben der Charta abwich.
Dessenungeachtet können die UN jedoch auf eine Reihe hervorragender Erfolge zurückblicken. Unter den hauptsächlichen politischen Ergebnissen, die auf Grund der Arbeitsweise der Vereinten
Nationen zustandekamen, sind die folgenden erwähnenswert:
Der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Persien,
die Unterstützung des von den Kommunisten angegriffenen
Griechenlands, der Abschluß eines dauernden Waffenstillstandes zwischen Israel und den arabischen Staaten, die Errichtung der Republik Korea, die Regelung der Frage der italienischen Kolonien in Afrika und die Errichtung des Staates Libyen,
die Errichtung der Republik von Indonesien, und die Organisation eines wirksamen Widerstandes gegen die bewaffnete Aggression in Korea.
Wenn auch die USA den Hauptteil der Last der Vereinten Nationen in Korea trugen, so sollte doch nicht vergessen werden, daß
weitere 15 Mitgliedstaaten Streitkräfte entsandten und 46 andere
Länder in irgendeiner anderen Form, sei es militärisch oder wirtschaftlich, Beiträge leisteten.
• Damit wurden die Vereinten Nationen zur ersten internationalen Organisation, die einen wirksamen kollektiven 7/iderstand gegen die bewaffnete Aggression organisiert hat.
Die Vereinten Nationen haben dazu beigetragen, den Kolonialismus in Selbstregierung zu verwandeln. Die Rolle der UN in dieser
Angelegenheit ist strittig gewesen und in mancher Beziehung berechtigter Kritik ausgesetzt. Die UN haben jedoch durch die Förderung
friedlicher anstelle gewaltsamer Entwicklungen hier einen nützlichen Einfluß ausgeübt.
Über die politischen Erfolge hinaus haben die UN Mittel und
Wege für wirtschaftliche und soziale Entwicklungen geschaffen, die
einem großen Teil der Menschheit zugute gekommen sind.
Zusätzlich zu den einzelnen Erfolgen hat die Vollversammlung
als ein Weltforum zur Darlegung verschiedener Standpunkte gedient.
Sie ist zu einem Ort geworden, wo die öffentliche Meinung der Welt
zum Ausdruck kommen und eine moralische Autorität ausüben kann,
die keine Nation, so mächtig und despotisch sie auch sein mag,
öffentlich beiseite schiebt oder völlig mißachtet.
Der schwächste Punkt der Vereinten Nationen - und dies wurde
bereits in San Franaisko vorausgesehen - ist die Unfähigkeit des
Sicherheitsrates, seiner "hauptsächlichen Verantwortung für die
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�20. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit"
gerecht zu werden. (Artikel 24).
Es hat sich für den Sicherheitsrat als nichtdurchführbar
erwiesen, die Streitkräfte, die Unterstützung und die Einrichtungen zu organisieren, die vorgesehenermaßen dem Sicherheitsrat
zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit zur Verfügung gestellt werden sollten» (Artikel 43)«
Das Unvermögen des Sicherheitsrats, im Rahmen seiner geplanten Funktionen zu arbeiten, ist vor allem au:r den Mißbrauch zurückzuführen, den die Sowjetunion von dem sogenannten Vetorecht
gemacht hat.
Dieses Vetorecht wurde von der Sowjetunion schon mißbraucht,
um viele Länder von der Mitgliedschaft bei den UN auszuschließen,
Länder, die auf Grund der Bestimmungen des Artikels 4 für eine
Mitgliedschaft voll qualifiziert waren. Dieser Artikel sieht vor,
daß die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen allen friedliebenden Staaten offensteht, die die in der derzeitigen Charta
aufgeführten Verpflichtungen übernehmen und willens sind, diesen
Verpflichtungen nachzukommen.
Durch das sowjetische Veto wurden folgende Staaten ausgeschlossen: Österreich, Kambodscha, Ceylon, Pinrland, Irland, Italien, Japan, das Königreich Jordanien, die epublik Korea, Laos,
Libyen, Nepal, Portugal, Vietnam.
Wir nähern uns einem Zeitpunkt, in dem höchstwahrscheinlich
eine Überprüfung der Charta im Hinblick auf eine mögliche Abänderung erfolgen wird. Artikel 109, Abschnitt 3 der Charta sieht
vor, daß ein Vorschlag zur Einberufung einer derartigen Konferenz
in die Tagesordnung der 10. Jahres-Vollversammlung der UN, die
im Jahre 1955 stattfinden wird, aufgenommen werden soll, und
gegenwärtige Anzeichen sprechen dafür, daß eine Revisionskonferenz
abgehalten werden wird.
Die Vereinigten Staaten haben bereits angedeutet, daß sie
die Abhaltung einer Revisionskonferenz zu befürworten gedenken.
Die Regierung begrüßt die koordinierte Aktion des Senats
hinsichtlich der Untersuchung der Probleme, vor die sich eine
derartige Konferenz gestellt sehen wird.
Die Regierung geht dieser Konferenz mit dem klaren Bewußtsein entgegen, daß eine Vervollkommnung der Charta höchst wünschenswert wäre, aber auch mit der Entschlossenheit, das Gute,
was bereits vorhanden ist, nicht auf der Suche nach etwas Besserem zu verlieren.
Wir haben im Hinblick auf Änderungen der Charta noch keine
feste Position bezogen» Wir wollen das solange aufschieben, bis
wir in unseren Untersuchungen weiter vorangekommen sind und uns
ein klares Bild über die Ansicht der amerikanischen Bürgerschaft,
des Kongresses und anderer Nationen verschafft haben. In diesem
Zusammenhang dürfen wir auch nicht vergessen, daß Änderungen der

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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

der Charta der Zustimmung des Senats bedürfen.
Unter diesen Umständen werde ich mich darauf beschränken,
einige der Hauptfragen zu berühren, mit denen sich die ChartaRevisionskonferenz möglicherweise befassen muß und über die die
öffentliche Meinung aufgeklärt sein sollte.
i

1. Universalität
Es ist nützlich, daß eine Organisation besteht, die, allgemein gesprochen, universal ist, und deren Arbeitsweise die ganze
Welt umfaßt. Im anderen Falle würde die Vereinigung den Charakter
eines Bündnisses annehmen. Universalität bedeutet natürlich, daß
Nationen zusammenkommen, deren Regierungen ganz verschiedener
Meinung sein können. Das hat seine Nachteile. Aber eine derartige
Organisation hält den Kontakt zwischen möglichen Gegnern aufrecht,
bietet die Möglichkeit, unnötige Mißverständnisse zu beseitigen
und stellt, wie Präsident Eisenhower in seiner "State of the
Union Message" vom 7. Januar 1954 erklärt hat, das einzige wirkliche Weltforum dar, wo wir die Möglichkeit haben, auf internationaler Basis unseren Standpunkt darzulegen und Angriffe zurückzuweisen. Diese Methode ist dazu geeignet, wenn auch langsam,
eine Übereinstimmung in bezug auf einen gemeinsamen Standard herbeizuführen.
Es ist natürlich unwahrscheinlich, daß es eine Universalität
im wahrsten Sinne des Wortes geben wird. Unglücklicherweise gibt
es Regierungen oder Machthaber, die die elementaren Regeln des AnStandes in den internationalen Beziehungen mißachten, so daß sie
nicht ordnungsgemäß in die organisierte Völkerfamilie aufgenommen
werden können. Dies wird deutlich bei dem Regime, das heute das
chinesische Festland regiert.
Selbst eine annähernde Universalität bringt natürlich gewisse
Nachteile mit sich. Es müssen zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten auftreten, die die Wirksamkeit der Aktion begrenzen.
Zweifellos werden bei der Revisionskonferenz diese Probleme
einer universellen oder begrenzten Mitgliedschaft in Betracht gezogen werden. Man wird wahrscheinlich erwägen, ob der Artikel 4»
auf den ich vorhin Bezug nahm, die für eine Mitgliedschaft wünschenswerten Normen zum Ausdruck bringt.
In diesem Zusammenhang sollte man daran denken, daß die Artikel
5 und 6 eine Suspendierung und Ausschließung erlauben, obwohl dies
eine Aktion des Sicherheitsrats erfordert, die wiederum einem Veto
ausgesetzt ist.
Es scheint, als seien gegenwärtig die meisten Mitglieder der
UN der Ansicht, daß es besser ist, Mitgliedstaaten in der Organisation der UN zu haben, die womöglich in ihren Meinungen auseinandergehen, als zu versuchen, die Mitgliedschaft nur auf diejenigen Staaten zu beschränken, die die gleichen Ansichten vertreten.
Und hier muß man sich auch überlegen, daß nur sehr wenige
Staaten über längere Zeit hinweg die gleichen Ansichten über alle
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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

alle Dinge haben. Sind sie in bezug. auf das Problem der Sicherheit
eines Sinnes, oder besteht zwischen ihnen eine regionale Gemeinschaft, dann können sie sich auf Grund des Artikels 51» des Artikels über die kollektive Sicherheit, oder auf Grund der Bestimmungen der Artikel 52-54, der Artikel über die regionalen Gliederungen, untereinander organisieren.
2. Sicherheit
Durch die Charta (Artikel 24) ist der Sicherheitsrat verpflichtet, "hauptsächlich die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit" auszuüben. Kann
er durch Änderungen der Charta besser in die Lage versetzt werden, seinen Verpflichtungen nachzukommen? Oder muß diese "hauptsächliche Verantwortung" den Sicherheitsorganisationen überlassen
werden, deren Bildung durch Artikel 51 vorgesehen ist? Oder sollte
der Vollversammlung, bei der es kein Veto gibt, eine größere Verantwortlichkeit zugebilligt werden?
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Resolution "Frieden durch Einheit" aus dem Jahre 1950 erinnern, die die Vollversammlung in die Lage versetzt, im Hinblick auf Frieden und Sicherheit eine entscheidende Rolle zu spielen, falls der Sicherheitsrat durch ein Veto gelähmt ist.
3. Sicherheitsrat
Sind die gegenwärtigen Bestimmungen für Mitgliedschaft und
Abstimmung im Sicherheitsrat bis zu ihrer maximalen Wirksamkeit
durchführbar? Sollte das Vetorecht in bezug auf Fragen, die sich
um die friedliche Regelung von Meinungsverschiedenheiten drehen
(Kapitel VI) und in bezug auf die Aufnahme neuer Mitglieder aufgehoben werden, wie dies in der sogenannten Vandenberg—Resolution
empfohlen wurde? Die Vereinigten Staaten würden voraussichtlich
zögern, jetzt in der Aufgabe ihres Vetorechtes weit über diese
Vorschläge hinauszugehen.
4. Abstimmung in der Vollversammlung
In der Vollversammlung hat jede Nation eine Stimme - ist
dies die beste Lösung? Wenn die Vollversammlung eine größere Verantwortung übernehmen soll, sollte dann nicht eine Form der Stimmberechtigung nach Gewicht eingeführt werden, so daß Nationen,
die selbst nicht in der Lage sind, größere militärische oder finanzielle Verantwortung zu übernehmen, diese Verantwortung nicht
anderen Staaten aufbürden können? Sollte in manchen Fällen eine
kombinierte Stimmabgabe erfolgen, bei der eine positive Maßnahme
der Mehrheit aller Mitglieder sowohl auf der Basis der Gleichheit
als souveräne Staaten als auch der Mehrheit auf der Basis einer
Stimmabgabe nach Gewicht bedarf - einer Stimmabgabe, die Bevölkerungszahl, die natürlichen Hilfsmittel usw. in Rechnung stellt.
5.

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954
5. Das Problem der Rüstung

Seit der Annahme der Charta haben die Möglichkeiten der Massenvernichtung, vor allem was Atomenergie und kernreaktive Waffen
anbetrifft, in gewaltigem Maße zugenommen.
Ich habe an der San Franzisko-Konferenz im Frühjahr 1945
teilgenommen und kann mit Überzeugung sagen, daß die Delegierten
in San Pranzisko - hätten sie gewußt, daß wir im Begriff standen,
in das Zeitalter des Atomkrieges einzutreten, darauf gesehen haben würden, daß die Charta sich mit den dadurch entstehenden Problemen in einer realeren Form befaßte. Vielleicht sollte man nun
die Schaffung eines speziellen Organs der Vereinten Nationen in
Erwägung ziehen, das - vergleichbar dem Wirtschafts- und Sozialrat und dem Treuhänderrat der UN - sich ständig mit dem Problem
der Rüstung befaßt, durch das die in der Präambel der Charta zum
Ausdruck gebrachten Hoffnungen der Völker in so grauenhafter Weise
bedroht werden.
In diesem Zusammenhang verweise ich nachdrücklich auf den
epochemachenden Vorschlag Präsident Eisenhowers vom 8. Dezember
1953 vor den Vereinten Nationen, in dem der Präsident zur Schaffung einer internationalen Atomenergiebehörde aufforderte. Diese
Behörde soll gewöhnliches Uranium und spaltbares Material erhalten und die Aufgabe haben, Methoden auszuarbeiten, nach denen das
verfügbare Material verteilt wird, um der Menschheit für friedliche Zwecke zu dienen.
6. Völkerrecht
Sind die Bestimmungen der Charta (Artikel 13, Abschnitt 1)
im Hinblick auf die Bedeutung des Rechts als anerkanntem Standard
des internationalen Verhaltens ausreichend? Diese Bestimmungen
fordern die Vollversammlung auf, Untersuchungen anzustellen und
Empfehlungen vorzulegen, um den Fortschritt auf dem Gebiet des
Völkerrechte und seiner Kodifizierung zu ermutigen. Bisher wurden
jedoch nur wenige Fortschritte erzielt. Dies ist ein schwerer
Nachteil für die Ordnung in der Welt, denn es bedeutet, daß die
Entscheidungen und Empfehlungen der Vereinten Nationen zwangsläufig mehr von dem Gesichtspunkt der politischen Zweckmäßigkeit und
weniger von den anerkannten Regeln des Völkerrechts beherrscht werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Überzeugung des verstorbenen Senators Robert Taft erinnern, der erklarte, daß "auf
die Dauer der einzige Weg zum Frieden die Formulierung eines Gesetzes ist, dem jede Nation zustimmt, und das die Beziehungen
dieser Nationen miteinander bestimmt, und weiter die feierliche
Verpflichtung all dieser Nationen, sich an dieses Gesetz zu halten und ihre Entscheidungen nach ihm zu fällen." (A Foreign Policy
for Americans, 1951).
Ein gleichzeitiger Fortschritt in ,inem globalen Ausmaß wird
zur Zeit durch den Riß erschwert, der die Welt in bezug auf das
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

das Wesen des Gesetzes durchzieht. Die Regierungen der meisten
Völker der Erde sehen das "Gesetz" als die Bemühung des Menschen
an, moralische Prinzipien in den menschlichen Angelegenheiten und
Fragen zur Anwendung zu bringen. Damit ergibt sich eine objektive
Rechtsnorm, auf die man sich berufen kann. Ein Drittel der Bevölkerung der Welt jedoch wird von Männern beherrscht, die ein moralisches Gesetz nicht anerkennen und das menschliche "Gesetz"
lediglich als ein Mittel ansehen, das den Machthabern dazu dient,
ihre Ziele zu erreichen und ihre Feinde zu vernichten.
Die angeführten Punkte sind die wichtigsten Abänderungen
d^r Charta, die vor allem die Vereinigten Staaten angehen. Zweifel1 3 gibt es andere Aspekte, die für andere Staaten von großem Belan
Bind. Doch will ich zu diesem Zeitpunkt darüber keine weiteren
Ausführungen machen.
Es ist meiner Ansicht nach wichtig, daß die Vereinigten Staaten an das Problem einer Revision der Charta mit der klaren Erkenntnis herangehen, daß die Charta so wie sie jetzt ist, durchaus
als ein Mittel dienen kann, um der Sache des Weltfriedens und der
internationalen Gerechtigkeit zu dienen. Die Mängel der Charta
lassen sich zu einem beträchtlichen Teil durch Maßnahmen korrigieten, die nach den Bestimmungen der Charta zulässig sind. Es ist
bereits eine allgemein akzeptierte Gepflogenheit, daß die Stimmenthaltung eines ständigen Mitglieds des Sicherheitsrats kein Veto
darstellt, trotz der Tatsache, daß Artikel 27, Abschnitt 3,
"die
ausdrückliche Zustimmung von sieben Mitgliedern einschließlich der
einmütigen Zustimmung der ständigen Mitglieder" vorsieht.
Ich habe bereits auf die Resolution "Frieden durch Einheit"
verwiesen, die der Versammlung in Fragen der Sicherheit eine Vollmacht ohne Vetorecht gab.
Wir dürfen ferner nicht vergessen, daß viel im Rahmender
Charta erreicht werden kann, ohne eine eigentliche Abhängigkeit
von der Verfahrensweise der Vereinten Nationen selbst. Ich habe
auf den Artikel 51 Bezug genommen, der das Recht der kollektiven
Selbstverteidigung anerkennt. Dies wurde in weitgehendem Maße
genutzt. Viele Nationen, deren Sicherheitsinteressen die gleichen
sind, haben sich durch Sicherheitspakte verbunden. Es bestehen der
RIC-Pakt, der Nordatlantikpakt sowie ähnliche Sicherheitsabkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern im westlichen Pazifik. Die Sowjets haben ebenfalls durch eine Reihe von sogenannten Verträgen mit ihren Satelliten ihr eigenes Sicherheitssystem aufgebaut.
Derartige Abmachungen unterliegen nicht dem Veto des Sicherheitsrates, obwohl Maßnahmen zur Selbstverteidigung dem Rat berichtet werden müssen.
Ich habe hier einige Probleme aufgezeigt, die möglicherweise
auf einer Revisionskonferenz im Jahre 1956 zur Sprache kommen,
ohne den Versuch zu machen, eine endgültige Antwort zu geben. Dies
wäre meiner Ansicht nach noch zu früh. Ich möchte jedoch wiederholen, daß eine Revisionskonferenz zwar als eine Möglichkeit zur
Stärkung der Vereinten Nationen begrüßt werden sollte, daß jedoch
die Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie die Charta zu
ändern ist, dann nicht bis zu einem Punkt gesteigert werden sollten

�"AFRIKA DIENST"

20. Januar 1954

sollten, an dem die Revisionskonferenz zu einer Unterminierung oder
Spaltung der Vereinten Nationen führen würde. Die Vereinten Nationen
sind so, wie sie sind, besser als gar keine Vereinten Nationen.
Man darf nicht vergessen, daß den Bestimmungen der derzeitigen
Charta zufolge jedes ständige Mitglied des Sicherheitsrates ein
Vetorecht in bezug auf die Abänderungen hat, die die Revisionskonferenz unter Umständen vorschlagen könnte. Das Bestehen dieses
Vetorechts bedeutet aber nicht, daß die Revisionskonferenz zur
Ergebnislosigkeit verurteilt ist. In San Franzisko hatte jede
Nation, die an der Ausarbeitung der •Dumbarton Oaks-Vorschläge'
teilnahm, ein Vetorecht über Abweichungen von diesen Vorschlägen.
Dennoch haben sie von diesem Veto keinen Gebrauch gemacht, sofern
es sich um Änderungen handelte, die vernünftig waren und von der
Weltmeinung gefordert wurden. Wir dürfen hoffen, daß die gleichen
Bedingungen bei der künftigen Revisionskonferenz vorherrschen werden. Wir können mit gutem Grund unsere Pläne auf die Arbeitshypothese
stellen, daß keine Nation tatsächlich in der Lage sein wird, willkürlich Veränderungen aufzuzwingen oder gegen Veränderungen ihr
Veto einzulegen.
Ich möchte mit der erneuten Versicherung schließen, daß ich
weiterhin an die Vereinten Nationen glaube. Ich teile voll und
ganz die von dem amerikanischen Senat in seiner Resolution vom
11. Juni 1948 zum Ausdruck gebrachte Meinung, daß es die Politik
der Vereinigten Staaten ist, den Weltfrieden und die Weltsicherheit durch die Vereinten Nationen zu erreichen. So hat auch Präsident Eisenhower dem Kongreß am 7. Januar 1954 erklärt, daß
"die Vereinten Nationen unsere weitere feste Unterstützung verdienen.
Ich bin überzeugt, daß es in unserer Macht liegt, die großen
Ziele der Vereinten Nationen zu fördern, wenn wir nur geduldig,
einfallsreich und entschlossen und von dem Glauben beseelt sind,
daß der Mensch die Fähigkeit hat, das Böse durch das Gute zu
überwinden.

# * * * *

- 8-

�Bitte Sperrfrist; 21. Januar 1954, 18 Uhr MEZ, beachten
EISENHOWER LEGT NEUEN HAUSHALT VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst^ — Präsident
Eisenhower unterbreitete am 21. Januar 1954
dem amerikanischen Kongreß den Haushaltsvorschlag für das Finanzjahr 1954/5*5, der Ausgaben in Höhe von 65,6 Milliarden Dollar und
Einnahmen in Höhe von 62,7 Milliarden Dollar
vorsieht. Das verbleibende Defizit wird auf
2,9 Milliarden Dollar veranschlagt und bleibt
damit noch um 400 Millionen Dollar hinter dem
für das laufende Haushaltsjahr erwarteten Defizit zurück.
In seiner Botschaft an den Kongreß, die in zwei Hauptteile
zerfällt - erstens eine allgemeine Übersicht über den Gesamthaushalt unter Berücksichtigung der wichtigsten Aspekte und
zweitens detaillierte Vorschläge zu den einzelnen Punkten führte der Präsident unter anderem aus:
"... Als diese Regierung am 20. Januar vergangenen Jahres
die Amtsgeschäfte übernahm, befaßte sie sich zuerst mit
dem von der vorangegangenen Regierung am 9« Januar dem Kongreß
unterbreiteten Haushaltsvoranschlag für das Finanzjahr 1954.
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß wurde dieser Voranschlag umgehend überprüft und reduziert. Das neue Budget ist das erste,
das von dieser Regierung in seiner Gesamtheit allein ausgearbeitet worden ist.
Das Budget wird meiner Ansicht nach den Aufgaben der
nationalen Verteidigung und der internationalen Verantwortung
der USA in ausreichender Form gerecht - einer Verantwortung,
die wir als Führer der freien Welt auf uns nehmen mußten. Von
dem Erfolg dieser Führerschaft hängt unsere nationale Sicherheit
und unser Wohlstand ab. Das Budget trägt den gegenwärtigen
Bedürfnissen der Regierung Rechnung und läßt konstruktive Maßnahmen in bezug auf die vom amerikanischen Volke übernommene
Verantwortung sowie die inneramerikanischen Programme zu. ~

�»

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

20. Januar 1954

Das vorgeschlagene Budget ermöglicht eine weitere Stärkung
unserer Verteidigungsstellung, Portschritte in der Entwicklung
und Produktion von Atomwaffen, die Ausweitung unseres kontinentalen Verteidigungssystems, die Unterstützung bedreundeter Nationen beim Aufbau ihrer Verteidigungsstärke sowie die Durchführung von Programmen für eine schnelle Mobilisierung, sofern
ein derartiger Notstand eintreten sollte. Ferner wird die Bewilligung von Mitteln für neue und weitergehende Entwicklungsarbeiten zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie empfohlen
in der aufrichtigen Hoffnung, daß die gegenwärtigen internationalen Beziehungen verbessert und die Wunder der Atomkraft allmählich der Erschließung eines glücklicheren und schöneren Lebens
uns und der gesamtenMenschheit dienstbar gemacht werden können.
Das Budget enthält Vorkehrungen für gesetzliche Empfehlungen hinsichtlich der Ausdehnung des Versicherungsschutzes und
der Erhöhung der Sozialleistungen im Rahmen unseres Sozialversicherungssystems, der Schaffung besserer Wohnverhältnisse und
Förderung des Privathausbesitzes, der Verbesserung unseres Erziehungssystems, der Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen,
der Verhinderung von Hochwasserschäden und Bodenerosion, der
Sicherstellung einer erweiterten ärztlichen und KrankenhausBetreuung für unsere Bevölkerung sowie für andere konstruktive
Zwecke innerhalb der USA, die alle darauf abgestellt sind, die
Fundamente einer stabilen und blühenden Wirtschaft zu stärken.
In diesem Budget werden die ständigen Bemühungen während
des vergangenen Jahres, sowohl die Anforderungen für neue Bewilligungen als auch die Regierungsausgaben zu senken, fortgesetzt. Die bisher schon vollzogenen Einsparungen zusammen
mit den noch vorgesehenen rechtfertigen die Steuersenkungen, die
am 1. Januar in Kraft getreten sind sowie weitere Steuersenkungen, die ich noch empfehlen werde. Diese neuen Steuersenkungen
werden einen neuen Anreiz .zu hohen Kapitalinvestitionen und Verbraucher-Ausgaben geben. Trotz des beträchtlichen Einnahmenausfalls, der diese Steuersenkungen zur Folge haben, sind wir
einem ausgeglichenen Budget näher gekommen.
Eines der ersten Probleme dieser Regierung bestand darin,
den Staatshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Dieses wurde
im wesentlichen durch die Revision des ursprünglichen Haushaltsplanes für das Finanzjahr 1954 erreicht. Nunmehr kommt ein etwa
gleich großer Betrag, wie er durch diese Revision eingespart
wurde, der Allgemeinheit in Form von Steuersenkungen und Änderungen fcvgute. Dieser Betrag übersteigt das geschätzte Budgetdefizit wesentlich.
Bei der Ausarbeitung dieses Haushaltsplanes hat die Regierung ihre Aufmerksamkeit den wesentlichen Tätigkeiten und Programmen gewidmet und nicht jenen, die von einigen vielleicht
zur Zeit als wünschenswert angesehen werden. Dieses Budget setzt
einigermaßen stabile Verhältnisse - sowohl in den USA wie auch
im Ausland - während der Periode, die es umfaßt, voraus. Es

- 2 -

�r

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Es versetzt uns in die Lage, weiterhin die schweren Lasten des
Verteidigungsprogramms zu tragen. Wenn wir jedoch auch in Zukunft
bestrebt sind, die weniger erwünschten und unnötigen Regierungsausgaben zu reduzieren und zu eliminieren, so wird es durchaus
möglich sein, sich anderen Aufgaben zuzuwenden, die auf Grund ihres
Nutzens für alle als wünschenswert erscheinen.
Meine Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, in der Erfüllung
der Erfordernisse für die nationale Sicherheit und der notwendigen
und wohlbegründeten Funktionen der Regierung mehr zu leisten und
größere Sparsamkeit walten zu lassen.
Die gegenwärtigen Voranschläge für das Budget für 1954 zeigen,
daß die Anträge auf Neubewilligungen um etwa 12,5 Milliarden Dollar,
auf neue Vorgriffsmittel um über 11 Milliarden Dollar vermindert
wurden und daß die Ausgaben um 7 Milliarden Dollar niedriger lagen
als im offiziellen Gesamtvoranae&amp;lag der vorherigen Regierung für
das Haushaltsjahr 1954 vorgesehen war.
Ähnliche Einsparungen werden auch im Haushaltsplan für 1955
eingebaut werden. Die empfohlene Summe für Vergriffsmittel liegt um
4,4 Milliarden Dollar niedriger als in dem gegenwärtigen Voranschlag für das Haushaltsjahr 1954, um 15»5 Milliarden Dollar
niedriger als in dem offiziellen Haushaltsplan für das Jahr 1954
und um 23,9 Milliarden Dollar niedriger als 1953. Die Voranschläge
für das Finanzjahr 1955 liegen um 5,3 Milliarden Dollar unter den
Schätzungen, die für das Finanzjahr 1954 vorliegen, um 12,3 Milliarden Dollar unter der für das Haushaltsjahr 1954 offiziell empfohlenen
Summe, und um 8,4 Milliarden Dollar unter dem Betrag von 1953.
So wurden seit der Amtsübernahme dieser Regierung die Beträge
für die Vorgriffsmittel um 15,5 Milliarden Dollar, für die Voranschläge um 12,3 Milliarden Dollar vermindert.
Diese Reduzierungen rechtfertigten eine Senkung der Steuern.
Ohne Steuersenkungen wäre im Finanzjahr 1955 mit einem Haushallgüberschuß zu rechnen gewesen.
Um sicherzustellen, daß der größte Teil der Einsparungen den
amerikanischen Steuerzahlern im allgemeinen und damit auch unserer
gesamten Wirtschaft zugute kommt, hielt ich einen Kurs für das
beste, der sowohl zu einem ausgeglichenen Budget als auch zu
Steuersenkungen führt.
Die Verminderung der Ausgaben im Haushaltsjahr 1954 sollte
einen Abbau des hohen Defizits bewirken, wie es in dem offiziellen
Haushaltsplan für 1954 veranschlagt worden war. Die voraussichtlichen Einsparungen im Haushalt des Jahres 1955 haben bereits in
dem am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretenen Steuersenkungen
ihren Niederschlag gefunden und werden auch in den von mir in der
vorliegenden Botschaft empfohlenen Steuerreformen berücksichtigt.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Diese Steuersenkungen werden insgesamt etwa 5 Milliarden
Dollar ausmachen.
Wir werden den gegenwärtigen Schätzungen zufolge auch
im Haushaltsjahr 1955 mit einem Defizit von etwas weniger als
3 Milliarden Dollar rechnen müssen. Aber wir werden uns weiterhin mit Entschlossenheit um Einsparungsmaßnahmen bemühen,
um dieses Defizit im Haushaltsjahr 1955 weiter zu verringern.
Überdies wird nunmehr trotz der Einbuße an Bargeldeingängen infolge der Steuersenkungen und -reformen der Gesamtbetrag
für Bargeldtransaktionen zwischen Regierung und Öffentlichkeit
im Finanzjahr 1955 etwas höher veranschlagt.
Gesamtzahlen der Haushaltsposten im Finanzjahr 1954
Das tatsächliche Haushaltsdefizit für das Finanzjahr 1953
betrug 9,4 Milliarden Dollar. Das Haushaltsdefizit für das
Finanzjahr 1954 wurde, wie aus dem offiziellen Haushaltsplan
für 1954 hervorgeht, mit 9»9 Milliarden Dollar veranschlagt.
Die gegenwärtigen Schätzungen über den Haushalt in diesem Jahr
ergeben ein Haushaltsdefizit von 3,3 Milliarden Dollar.
Der Gesamthaushalt für das Finanzjahr 1955
Das Defizit für das kommende Haushaltsjahr wird nach Schätzungen etwa 2,9 Milliarden Dollar betragen. Das vorliegende
geschätzte Defizit für das kommende Haushaltsjahr steht in
scharfem Gegensatz zu dem vom Budgetamt gemachten Defizitvoranschlag für das Finanzjahr 1954. Die Weiterführung der bereits bestehenden Programme, die in der Budget-Botschaft für
1954 aufgeführt worden waren, wiesen angesichts der damals
bestehenden Steuersätze für das Haushaltsjahr 1955 ein Defizit
auf, das ungefähr fünfmal größer war als das nun geschätzte
Defizit....
Das Budget erlaubt eine voraussichtliche Einnahmeminderung
von fast 5 Milliarden Dollar auf Grund der am I.Januar in Kraft
getretenen Steuersenkung und auf Grund der vorgeschlagenen
Steuerreformen, sofern diese das Haushaltsjahr 1955 betreffen.
Auf Jahresbasis gerechnet wird sich die Einnahmeverminderung
der sechs Milliardengrenze nähern
Die auf dem Wege zu einem ausgeglichenen Haushalt gemachten Fortschritte sind das Ergebnis eines entschlossenen und
ständigen Bemühens, die Finanzgebarung der Regierung unter
Kontrolle zu bekommen.
Neue Vorgriffsmittel
Meine Empfehlungen für neue Bewilligungen und andere neue
Vorgriffsmittel für das kommende Steuerjähr belaufen sich auf
56,3 Milliarden Dollar, stellen also eine weitere Verminderung
der während der letzten Jahre bewilligten Beträge dar.
._.
- 4 -

�"AMERIKA DIENST" • WIRTSCHAFT UND ARbr&lt;±±

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•

... Die geringeren Aufwendungen der neuen Vorgriffsmittel
und der angesammelten noch nicht ausgegebenen Mittel für 1954
und 1955 werden in diesen und den kommenden Jahren zu geringeren Ausgaben führen. Bei der Revision des für 1954 und 1955 vorgesehenen Haushalts zeichnet sich deutlich ein Trend zu einem
ausgeglichenen Etat ab.
Die Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes 1954/55 werden
auf 65»6 Milliarden Dollar geschätzt. Die Vergleichszahlen für
die vorhergehenden Jahre waren wie folgt:
Haushaltsjahr 1952 65,4 Milliarden
1953 74,0 Milliarden
1954 Nach dem Voranschlag Trumans vom 9.
Januar 1953,77,9 Milliarden und 70,9
Milliarden nach der Revision durch die
Regierung Eisenhower.
1955 Geschätzter Wert 65,6 Milliarden ,
Die vorgeschlagenen Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes
für das Finanzjahr 1954/55 gliedern sich in drei große Kategorien:
1) Nationale Sicherheit,
2) Größere, mit den erlassenen und zu schaffenden Gesetzen kaum
genau zu kontrollierende Vorhaben und 3) alle anderen Regierurigsprogramme.
Die Aufwendungen für die hauptsächlichen Sicherheitsprogramme,
d.h. für die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums,
das Programm für gemeinsame Sicherheit, die Atomenergie und die
Anlegung von Vorräten strategisch wichtiger Rohstoffe, beherrschen
das Budget und werden für das Finanzjahr 1954/55 mit 44,9 Milliarden Dollar veranlagt. Dem steht als Vergleichszahl ein Schätzungswert für das Finanzjahr 1953/54 mit 48,7 Milliarden Dollar und
für das Finanzjahr 1952/53 mit 50,3 Milliarden Dollar gegenüber.
Der prozentuale Anteil der Aufwendungen für die militärische
Sicherheit am Gesamthaushalt ist in allen drei Jahren etwa gleich.
In enger Beziehung zu diesen großen Sicherheitsprogrammen
stehen andere, dem gleichen Zwecke dienende Vorhaben, die an
anderer Stelle des Haushaltsplanes aufgeführt werden. Die Ausland shitfeprogramme und das Informationsprogramm sind besonders
wichtig, um einen Aggressor abzuschrecken und die Kräfte des
Friedens dieser Welt zu stärken.
Der größte Anteil der vorgeschlagenen Kürzungen an einem
Einzelposten im Haushalt 1955 entfällt auf die Aufwendungen für
nationale Sicherheit. Ich möchte ausdrücklich darauf verweisen,
daß diese Einsparungen dadurch möglich wurden, daß die bestehenden Programme überprüft, der Schwerpunkt verlagert, die Beschaffung besser durchorganisiert und die Verwaltung verbessert wurden.
Unsere Sicherheit ist dabei größer - nicht geringer geworden.
Darüber

- 5 -

�"AMERIKA LIEJÜST" - WIRTSCHAFT JAP ARBi.iT

Januar 1954

Darüber hinaus werden die Einsparungen bei gewissen Posten auf
andere Programme überschrieben werden.
Von allen Aufwendungen für die großen vier Sicherheitsprogramme sind die im Haushalt 1954/55 aufgeführten Posten für
die Atomenergie-Kommission und für das gemeinsame Verteidigungsprogramm höher als sie je zuvor seit ihrem Bestehen gewesen sind.
Im Rahmen der Aufwendungen für das Verteidigungsministerium
im Haushaltsjahr 1954/55 erhalten die Luftstreitkräfte den seit
dem zweiten Weltkrieg höchsten Anteil. Die für die kontinentalen
Verteidigungsprogramme vorgesehenen Mittel sind höher als in
irgend einem anderen Jahr ... •
Die Aufwendungen für die Vorratshaltung an strategisch
wichtigen Rohstoffen - der vierte Posten in der Kategorie der
großen Sicherheitsprogramme - liegen in diesem Haushalt unter
den Voranschlägen für das Haushaltsjahr 1953/54. Dies wurde
dadurch möglich, daß die Erfordernisse zur Anlegung von Vorräten in gewissen Fällen fast erfüllt wurden und daß die Weltmarktpreise für jene Rohstoffe, deren Bevorratung noch immer
notwendig ist, stark sanken»
Die im Haushalt aufgeführten Ausgaben für gewisse Regierungsaufgaben sind durch Gesetz relativ festgelegt und hängen
zu einem guten Teil von Faktoren ab, die sich nicht durch den
Haushaltsplan im voraus bestimmen lassen. Obwohl die Zahl der
hier zu nennenden Regierungsaufgaben klein ist, entfallen auf
sie hohe Summen, die jedes Jahr im Haushalt zu berücksichtigen
sind. Beispielsweise hängt nach Inkrafttreten der Gesetze die
Höhe der an die Bundesstaaten für eine Vielzahl von Zwecken zu
zahlenden Zuschüsse davon ab, inwieweit die einzelnen Staaten
die Darlehensprogramme der Bundesregierung in Anspruch nehmen;
die Höhe der Aufwendungen für Kriegsteilnehmer-Pensionen wird
durch die Zahl der berechtigten Antragsteller bedingt; die Höhe
der Aufwendungen für landwirtschaftliche Subventionen richtet
sich nach den Ernteerträgen und der Nachfrage nach subventionierten Erzeugnissen, und die Höhe der Zahlungen für die Verzinsung
der Staatsschuld wird durch die Höhe der Staatsschuld selbst und
den Zinssatz bestimmt.
Im Finanzjahr 1954/55 werden zur Durchführung dieser Programme schätzungsweise 14,1 Milliarden Dollar erforderlich.
Diese Summe ist etwa genau so hoch wie der zur Zeit für
1954 veranschlagte Betrag und liegt fast um 800 Millionen Dollar
unter ähnlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1953.
Die budgetmäßigen Ausgaben für andere Regierungsaufgaben,
die mehrere durch die Veranlagung lenkbare Sparten betreffen,
werden gegenüber dem Finanzjahr 1952/53 und 1953/54 um schätzungsweise 2,2 Milliarden Dollar niedriger sein. Dies ist eine
Einsparung für routinemäßige Regierungsaufgaben von etwa 25 Prozent gegenüber den obengenannten Jahren. Die Regierungsaufgaben
betreffen zahlenmäßig den größten Teil der im Budget angeführten
Posten, während sie, was die veranschlagten Summen angeht etwa
ein Zehntel des Gesamtbudgets ausmachen.
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�"AMERIKA DIENST"

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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In dieser Kategorie ergeben sich auf Grund der Verringerung
des Defizite im Post- und Fernmeldewesen und gewisser Einsparungen in der Verwaltung sowie Einschränkungen der Tätigkeitsbereiche erhebliche Senkungen der Aufwendungen. Andererseits werden
die geschätzten Aufwendungen für die Tennessee-Talverwaltung (TVA),
für den Wohnungsbau und für städtebauliche Verbesserungen, für
Kredite für Studentenwohnheime, für die National Science Foundation
(Nationaler Forschungsrat), für die Wildhege und das Fischereiwesen, für das Schulspeiseprogramm und andere dem ganzen Volke zugutekommende Projekte höher sein, als je zuvor in der Geschichte
der Vereinigten Staaten.
Gesamtausgaben für die wichtigsten Vorhaben im Finanzjahr
1954/55 (in Millionen Dollar)
Nationale Sicherheit 44 860
Vorsorgungsleistinngen für ehemalige Kriegsteilnehmer 4 223
Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
1 885
Sozialleistungen, Fürsorge- und Gesundheitswesen 1 807
Wohnungs- und Städtebau 1 903
Forschungs- und Erziehungswesen 233
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen 6 752
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen 1 337
Transport- und Verkehrswesen 4 277
Vorhaben des Arbeitsministeriums 282
Allgemeine Regierungsausgaben 1 164
Zinsendienst 6 875
Finanzwesen, Handel und Industrie 917
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 150
Insgesamt 76 655
Abzüglich der Einkünfte aus staatlichen Unternehmen 11 085
Gesamtausgaben 65 570
Staatseinnahmen und Steueraufkommen
Die Staatseinnahmen auf Grund der derzeitigen und der vorgeschlagenen Gesetze werden für das Finanzjahr 1954/55 auf 62,7
Milliarden Dollar geschätzt. Dies sind 4,9 Milliarden weniger,als
die Einnahmen im derzeitigen Finanzjahr 1953/54 nach den gegenwärtigen Schätzungen betragen werden. Das sind 1,9 Milliarden Dollar
weniger als 1953 und 1,3 Milliarden Dollar mehr als 1952.
Die

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar

1954

Die gesamten Regierungsausgaben und die Steuern sind augenblicklich so hoch, daß wir unseren Kurs sorgfältig planen müssen,
um unzureichende Einnahmen auf der einen und eine wirtschaftshemmende Besteuerung auf der anderen Seite zu vermeiden. Ich bin bemüht, die Steuern so rasch wie möglich zu senken, soweit dies ohne
Auflaufen inflationistischer Defizite möglich ist. Meine Regierung
ist fest entschlossen, weitere Steuersenkungen so bald vorzunehmen
wie sich dies auf Grund der zu erwartenden Staatseinnahmen und
der Senkung der Ausgaben rechtfertigen läßt. Es wird dabei unser
Ziel sein, dem Volk einen möglichst großen Anteil an dem Geld
zur Verwendung nach eigenem Wunsch zurückzugeben, das die Regierung bisher an seiner Statt ausgegeben hat...
Ich unterbreite und erläutere nun die hierzugehörigen Einzelheiten des Budgets. Die in dem Haushaltsvoranschlag aufgeführten
Zahlen sind auf Grund der gegenwärtigen und übersehbaren Verhältnisse sorgfältig geschätzt worden. Änderungen des Haushalts können
durch Maßnahmen des Kongresses herbeigeführt werden. Andere können
durch wirtschaftliche Faktoren bedingt sein, die die Preise von
solchen Gütern verändern, die die Regierung gekauft hat, oder
Einkommens- und Steuerhöhe schwanken lassen. Ebenso könnten neue
Entwicklungen auf dem außenpolitischen und innerpolitischen Sektor
eine Änderung des Haushaltsplanes von 1955 notwendig machen.
Die Vorgriffsvollmacht umfaßt den Gesamtbetrag aller Vorgriff smittel, die es Kraft gesetzlichen Beschlusses des Kongresses den Regierungsbehörden ermöglichen, finanzielle Verpflichtungen
einzugehen. Diese umfassen neben neuen Bewilligungen in erster Linie Vollmachten, bereits vor der Bereitstellung von Mitteln durch
den Kongreß vertragliche Verpflichtungen zu übernehmen, sowie Vollmachten, Aufwendungen aus Anleihen zu bestreiten.
Neue Vorgriffsvollmachten auf Grund des Hauptprogramms für
1955 (in Milliarden Dollar):
Nationale Sicherheit
54,9
Versorgungsleistungen für
ehemalige Kriegsteilnehmer
4,0
Internationale Aufgaben und
finanzielle Verpflichtungen
1,5
Sozialleistungen, Fürsorge- und
Gesundheitswesen
1,8
Wohnungs- und Städtebau
0,2
Forschungs- und Erziehungswesen
0,2
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen
2,8
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen
1 ,0
Transport- und Verkehrswesen
1,5
Finanzwesen, Handel und Industrie weniger als 50 Millionen
Vorhaben des Arbeitsministeriums
0,3
Allgemeine Regierungsa.sgaben
1,0
Zinsendienst
6,9
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 0,2
Insgesamt
56,3
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UDIL ARBEIT

20. Januar 1954

In früheren Jahren umfaßte die Vorgriffsvollmacht auch den
vom Kongreß bewilligten Übertrag nicht verbrauchter Mittel auf
das neue Haushaltsjahr. In Übereinstimmung mit der Verfahrensordnung des Kongresses sind in diesem Budget die Überträge bereits bewilligter, aber nicht verbrauchter Mittel für zwei große Programme, nämlich das Programm für gemeinsame Sicherheit
und das Bauprogramm der Atom-Energie-Kommission, nicht als Vorgriff svollmacht ausgewiesen. Diese Programme werden jährlich
bewilligt, laufen aber ständig weiter» Die daraus sich ergebende
Verminderung der Vorgriffsvollmachten wird durch eine entsprechende Erhöhung des Betrages unverbrauchter, bewilligter Gelder
ausgeglichen, die von einem Finanzjahr in das nächste übertragen
werden.
Der Voranschlag für die Gesamtsumme der Bewilligungen und
anderer Vollmachten für das Finanzjahr 1953/54 und ebenso die
von mir empfohlene Gesamtsumme der Vorgriffsvollmachten für das
Finanzjahr 1954/55 sind niedriger als die veranschlagten Haushaltsausgaben und auch niedriger als die veranschlagten Einnahmen für die betreffenden Jahre. Dies steht in direktem Gegensatz zu den erheblich höheren Beträgen der Bewilligungen gegenüber den Einnahmen in den letzten Jahren. Es bedeutet, daß wir
nunmehr den hohen Betrag noch offener, durch Einkünfte nicht
ausgeglichener Verpflichtungen, wie sie aus den Bewilligungen
der letzten Jahre aufgelaufen sind, abbauen und künftig das Ausgabenniveau nach Möglichkeit senken werden.
Die wichtigsten Programme für die nationale Sicherheit erfordern noch immer den Hauptanteil der Bewilligungen für den
neuen Haushalt. Vom Gesamtbetrag der Vorgriffsmittel, die für
das Finanzjahr 1954/55 zur Bewilligung empfohlen werden, entfallen allein 34,9 Milliarden Dollar oder etwa 62 Prozent auf
die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums, das
Atom-Energie-Programm, das militärische Programm für gemeinsame
Sicherheit mit unseren Verbündeten in der freien Welt, und die
Vorratsbildung strategisch wichtiger und knapper Güter«
Dem Budget liegt eine neue Konzeption hinsichtlich der
Planung und Finanzierung der Programme für die nationale Sicherheit zugrunde - eine Konzeption, auf der teilweise bereits unsere
Empfehlungen im vergangenen Frühjahr über eine Revision des Haushaltes 1954 fußten.
Unsere militärische Planung war bisher bestimmt von Schätzungswerten bezüglich des Eintretens einer höchsten Gefahr, wobei
man diese Werte von Zeit zu Zeit heu festlegte und die Pläne über
die Beschaffung und Festlegung der numerischen Stärke auf diese
jeweiligen Daten abstimmte. Dieses Budget zielt jedoch auf die
Erhaltung einer starken militärischen Position über einen längeren Zeitraum ab, in dem der Friede noch nicht voll gesichert
ist.
Mit diesem Haushaltsplan sollen moderne Luftstreitkräfte geschaffen, unterhalten und voll genutzt werden. Unsere militärischen Strategen und die für die militärische Planung der anderen
Nationen

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Nationen der freien Welt Verantwortlichen Stimmen darin überein,
daß die Luftstreitkräfte von größter Bedeutung sind. Aber die
Luftstreitkräfte müssen durch Amphibische und Landestreitkräfte,
eine Kriegsmarine und Einheiten zur Bekämpfung von U-Booten ergänzt
werden. Die besondere Betonung der Luftstreitkräfte macht unsere
.Pläne zur Verbesserung der kontinentalen Verteidigung gegen einen
möglichen feindlichen Angriff vollständig. Wir hoffen, die Kampfkraft unserer Streitkräfte durch eine Ausrüstung mit neuen Waffen und Ausbildung in neuen Verfahren der Kriegführung zu verbessern und letztlich eine weit größere Wendigkeit zu erreichen,
als
dies bisher der Fall war. Wir werden unsere strategischen Reserven immer dann aufrufen, wenn dies die Weltlage erforderlich macht , und die Streitkräfte'in einer steten Einsatzbereitschaft halten, damit sie mit möglichen Angriffshandlungen
jederzeit fertig werden können. Dieses Budget zielt darauf ab,
dieses komplexe Gebilde unserer militärischen Stärke auf einen
höchsten Stand an Wirksamkeit zu bringen. Es sieht größere Aufwendungen für die Luftstreitkräfte vor, als diese jemals seit
dem zweiten Weltkrieg erhalten haben. Die Neuausrichtung unserer
Verteidigungsstrategie macht dies bei geringeren Gesamtausgaben
für die nationale Sicherheit möglich.
Mit der Schwerpunktverlagerung auf die volle Ausnützung der
Luftmacht und der modernen Waffen sind wir in der Lage, mit einer
geringeren Inanspruchnahme unserer Hilfsquellen an Menschen, Material und Geldmitteln starke nationale Sicherheitsprogramme auf
unbestimmte Zeitdauer durchzuführen.
Wir haben heute einen Waffenstills tand in Korea. Nach drei
Jahre währenden Feindseligkeiten befinden wir uns heute im ersten
Jahr eines bewaffneten Friedens. Doch ist es noch ein weiter Weg
bis wir einen Frieden haben, wie wir ihn wünschen. Solange die
freie Welt vom Kommunismus bedroht wird, müssen wir in enger Zusammenarbeit mit den übrigen Nationen der freien Welt Vorsorge
treffen, um eine ausreichende militärische Stärke aufrechtzuerhalten.
Das grundsätzliche Ziel unserer Sicherheit besteht darin,
weitere Aggressionen zu verhindern. Durch die Aufrechterhaltung
einer starken militärischen Position sowohl in der Heimat wie
im Ausland müssen wir das notwendige Abschreckungsmittel gegenüber einem potentiellen Angreifer schaffen. Zur Durchführung dieser Aufgabe sind Entschlossenheit, ausreichende Hilfsquellen an
Menschen und Material sowie eine sorgfältige Planung erforderlich.
Der Abschnitt über die nationale Sicherheit im Haushaltsplan
führt daher nicht nur die Posten für die militärischen Aufgaben
des Verteidigungsministeriums auf, sondern auch die Mittel für
das gemeinsame Verteidigungsprogramm, die Entwicklung der Atomenergie und die Bevorratung strategischen Materials und knapper
Rohstoffe. Diese vier Hauptprogramme sind eng miteinander verbunden und dienen den wichtigsten Erfordernissen unserer Sicherheit.
Sie ergänzen sich gegenseitig und müssen mit den Planungen auf
weite Sicht abgestimmt sein, auf die sich das Regierungsprogramm
in fiskalischer und gesetzgeberischer Hinsicht stützt.
In

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In der Vergangenheit waren unsere Verteidigungshaushalte
sogenannte
"2m. viel oder zu wenig"-Budgets und richteten
sich nach dem jeweiligen Stand der internationalen Lage. In
Friedenszeiten wurden die Bewilligungen gewöhnlich stark herabgesetzt. In Kriegszeiten dagegen blieben fiskalische Überlegungen großenteils unberücksichtigt. Unsere gegenwärtigen Haushaltspläne stellen eine Abkehr von dieser Gewohnheit dar. Sie sehen
die dauernde Unterhaltung starker militärischer Streitkräfte vor,
soweit es im Rahmen der finanziellen Leistungsfähigkeit einer
gesunden Wirtschaft möglich ist. Wir können es uns nicht leisten,
unsere militärische Stärke auf Kosten unserer Wirtschaft aufzubauen. Wir müssen in jeder Hinsicht stark sein.
Die Aufwendungen für das Verteidigungsministerium und für
die Vorratsbildung wurden im Finanzjahr 1953/54 bereits gekürzt,
und ich befürworte eine weitere Reduzierung für das Haushaltsjahr 1954/55. Die Verringerung der Gesamtausgaben des Verteidigungsministeriums wird ermöglicht werden, obwohl die Aufwendungen für die Luftstreitkräfte, den Schiffsbau, elektronengesteuerte Geräte, ferngelenkte Geschosse, Bauvorhaben, Forschungsund Entwicklungsarbeiten sowie zahlreiche andere verteidigungswichtige Aufgaben auch weiterhin für Friedenszeiten nahezu auf
Rekordhöhe liegen werden. Ich empfehle ferner für das Finanzjahr 1954/55 eine gewisse Erhöhung der Aufwendungen für das gemeinsame Verteidigungs-Programm und für die Atomforschung, die
damit eine Rekordhöhe erreichen werden. Dennoch werden die Gesamtausgaben für Aufgaben der nationalen Sicherheit vom Haushaltsjahr 1953/54 schätzungsweise um 1,6 Milliarden Dollar zurückgehen; vom Haushaltsjahr 1953/54 zum Haushaltsjahr 1954/55
wird mit einer weiteren Einsparung von 3,9 Milliarden Dollar
gerechnet.
Dieser Rückgang bei den Aufwendungen für die nationale
Sicherheit ist eine Auswirkung der vom Gemeinsamen Generalstab
vorgeschlagenen dynamischen und langfristigen Planung für unsere Streitkräfte; die Einsparungen sind das Ergebnis der von
meiner Regierung verwirklichten Sparsamen Finanzpolitik, der
Einstellung der Feindseligkeiten in Korea und der Einschränkung
in der Materialbeschaffung - insbesondere bei Kraftfahrzeugen,
Munition und den für die Versorgung der Truppe bestimmten Gütern,
die durch unsere verbesserte Versorgungs- und Rohstofflage ermöglicht wurde.
Die Ausgaben für die Armee und die Marine werden auf je rund
10 Milliarden Dollar geschätzt, das bedeutet eine Senkung um etwa 4 bezw. 1 Milliarde Dollar; die Ausgaben für die Luftstreitkräfte werden auf über 16 Milliarden Dollar geschätzt, das sind
600 Millionen mehr als im Haushaltsjahr 1954.
Die

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Die Höhe der für die nationale Sicherheit bewilligten Vorgriff smittel, soll gemäß Regierungsvorschlag 34,859 Milliarden
Dollar betragen, das sind 4,5 Milliarden Dollar weniger als der
für das Haushaltsjahr 1954 geschätzte Betrag. Für Marine und Luftstreitkräfte soll dieses Vorgriffsrecht der Regierung für etwa
den gleichen Betrag wie im Jahre 1954 gelten, während sich der für
die Armee erforderliche Betrag um etwa ein Drittel des für 1954
vorgesehenen Betrages senken würde. Die für das Haushaltsjahr 1955
vorgesehenen Aufwendungen zur Weiterentwicklung und Kontrolle
der Atomenergie werden auf 2 425 Millionen Dollar geschätzt, das
sind etwa 225 Millionen Dollar mehr als im Haushaltsjahr 1954. Die
neuen Vorgriffsmittel sollen gemäß Regierungsvorschlag 1 366
Millionen Dollar betragen, was einer Erhöhung um rund 300 Millionen
Dollar entspricht...
Vor einiger Zeit gab ich unseren Plan bekannt, zwei Divisionen
der US-Armee aus Korea äazuziehen und ihren Standort in die USA zu
verlegen. Dies stellt eine erste Maßnahme unseres Planes dar,
die amerikanischen Bodentruppen in Korea allmählich zu verringern.
Diese Verringerung ist durch die Einstellung der Feindseligkeiten
in Korea, durch die vermehrte Beweglichkeit und Schlagkraft unserer Luftstreitkräfte sowie anderer Kampfverbände und durch die
vermehrte Kampfkraft der Streitkräfte der Republik Korea ermöglicht worden. Diese Maßnahme gefährdet in keiner Weise unsere
Bereitschaft und Schlagkraft, wenn notwendig jeder neuen kommunistischen Offensive mit größerer Wirkung als bisher Widerstand zu
leisten. Die Streitkräfte der USA im Fernen Osten werden in einer
ausreichenden Stärke aufrechterhalten werden, wobei der größte
Nachdruck auf schnellbewegliche Marine- Luft- und amphibische
Streitkräfte gelegt wird. In dem Haushaltsvoranschlag werden dem
Verteidigungsministerium zur weiteren Unterstützung der Streitkräfte der Republik Korea und Erhaltung ihrer gegenwärtig hohen
Schlagkraft Mittel zur Verfügung gestellt.
Nach der vom Gemeinsamen Generalstab vorgelegten Planung auf
weite Sicht kann die Anzahl der jetzt bestehenden Heeres-Divisionen möglicherweise verringert werden, jedoch wird die größere
Beweglichkeit und die Ausrüstung an modernen Waffen jeder einzelnen Division eine immer stärkere Schlagkraft verleihen. Im Rahmen
des Programms für eine bessere Verteidigung des Festlandes, wird
die Anzahl der Flak-Bataillone mit ferngelenkten Geschossen erheblich vergrößert werden.
Im gegenwärtigen Zeitpunkt verfügen die Luftstreitkräfte und
Marine-Luftstreitkräfte insgesamt über annähernd 33 000 Flugzeuge,
davon etwa ein Drittel Düsenflugzeuge. Daß sich das Schwergewicht
auf die Luftstreitkräfte verlagert hat, geht daraus hervor, daß
während der nächsten drei Jahre der Bestand an Flugzeugen erster
Linie auf 40 000 Maschinen erhöht werden soll, wovon über die
Hälfte Düsenflugzeuge sein sollen. Nach Erreichung dieses Zieles
wird die Luftwaffe über 137 Geschwader verfügen - davon 126 Kampfgeschwader - die durch eine entsprechende Anzahl von Hilfsverbänden

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Hilfsverbänden ergänzt werden. Die Marine-Luftstreitkräfte werden
über 16 Plugzeugträger-Verbände und 15 U-Boot-Abwehr-Staffeln
verfügen, während die Marine-Infanterie drei Marine-Luftgeschwader unterhalten wird. All diese Einheiten werden durch die entsprechende Anzahl von Hilfseinheiten ergänzt.
Neben der Verstärkung ihrer einsatzfähigen Luftmacht wird
die Marine ihre Seestreitkräfte weiterhin modernisieren, wobei
das Schwergewicht auf den Kampfverbänden liegen soll. Die MarineInfanterie wird drei dinsatzbereite Divisionen unterhalten.
Der Plan für die im Haushaltsjahr 1955 zu unterhaltenden
Streitkräfte erlaubt eine Senkung der für Sold, Zulagen und andere
direkte personelle Kosten vorgesehenen Aufwendungen um annähernd
600 Millionen Dollar. Die Kosten für Betrieb und Unterhalt sollen
auf einem Minimum gehalten werden, so daß die Aufwendungen für
diesen Sektor gesenkt werden können.
Größere Aufwendungen für Anschaffungen werden im ganzen um
rund 15 Prozent niedriger gehalten werden als im Jahre 1954, doch
ist der Betrag von 14,5 Milliarden Dollar, die voraussichtlich
für diesen Zweck bereitgestellt werden sollen, fast immer noch
viermal so groß wie der im Haushaltsjahr 1951 - dem ersten Jahr
des Ausbaus unserer Verteidigung nach dem Angriff in Korea.
Das gemeinsame Verteidigungsprogramm
Da unsere eigene nationale Sicherheit von der beständigen
Stärke unserer Alliierten überall in der freien Welt in weitestem Maße abhängig ist, haben wir in den vergangenen Jahren Verpflichtungen übernommen, diese beim Aufbau ihrer Streitkräfte
zu unterstützen, die zur Abschreckung einer kommunistischen
Aggression von außen oder eines Umsturzversuches von innen notwendig sind. Seit Beginn des militärischen Hilfsprogramms im
Haushaltsjahr 1950 als sich die militärische Stärke der freien
Welt auf einem Tiefstand befand, wurden 18 Milliarden Dollar zur
Verfügung gestellt, um befreundete Nationen mit militärischer
Ausrüstung zu versorgen und ihre Streitkräfte auszubilden. Bei
Ablauf des Haushalte Jahres 1954 wird über die Hälfte dieser Summe
ausgegeben worden sein. Diese Unterstützung zusammen mit ihren
eigenen Hilfsquellen setzt unsere Freunde und Alliierten instand,
eine Streitmacht auszurüsten und auszubilden, die 175 Heeresdivisionen, etwa 220 Luftstaffeln, fast 1 500 Marineflugzeuge , über
440 Einheiten der Kriegsmarine und zugehöriger Kampf- und N".chschubverbände zur Unterstützung dieser Streitkräfte entspric" t.
Diese verbündeten Streitkräfte, die sich in strategischen
Schlüsselstellungen zur Verteidigung der freien Welt befinden,
werden großenteils von den betreffenden Ländern selbst unterhalten. Ferner werden starke Armee-Verbände von unseren Alliierten
ausschließlich selbst unterhalten. Ohne diese gesamten Streitkräfte
würden sich die Vereinigten Staaten potentiell so schweren finan-

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finanziellen Verteidigungslasten gegenüber sehen, daß diese
sehr wohl die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Nation
erschöpfen könnten. Diese (befreundeten) Streitkräfte stellen
einen wesentlichen Bestandteil der militärischen Stärke der
freien Welt dar.
Da das gemeinsame Verteidigungsprogramm so eng mit unseren
eigenen militärischen Plänen und Programmen zusammenhängt, wird
es in diesem Jahre, im Kapitel Verteidigung im Teil II des
Haushaltsplanes ausgewiesen und dort als Teil unseres nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Da das militärische Hilfsprogramm auch ein Teil unserer Außenpolitik ist, wird der Verteidigungsminister auch weiterhin in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen des Außenministers und gemäß der Bestimmungen der
vom Kongreß erlassenen Gesetze über die gegenseitige Sicherheit
das Programm für gemeinsame Verteidigung verwalten«
In diesem Budget sind die für das gemeinsame Verteidigungsprogramm bestimmten Summen in die neuen Vorgriffsmittel des Verteidigungsministeriums eingeschlossen. Jedoch wird dieses Verfahren zur Zeit überprüft, - ich werde meine diesbezüglichen
Empfehlungen zusammen mit Vorlagen zu den Bewilligungsgesetzen
dem Kongreß zuleiten, diese Bewilligungsgesetze sollten Abänderungen in bezug auf die Zusammenstellung unserer Hilfsprogramme gestatten, damit diese der Jeweiligen internationalen Entwicklung angepaßt werden können«. Es ist daher erforderlich» daß
der Kongreß die dem Präsidenten gegenwärtig zustehenden Überschreibungsbefugnisse für sämtliche Mittel der Auslandshilfe,
sei es für militärische, technische oder wirtschaftliche Unterstützung, auch weiterhin bewilligt«
Die Konferenz der Nordatlantikpaktorganisation in Paris
hat kürzlich für die 14 Mitgliedsstaaten erreichbare Ziele (für
die Streitkräfte festgesetzt, die eine wesentliche Steigerung
der Verteidigungskraft der NATO vorsehen. Der größte Teil der
Erstausrüstung sowie bestimmte Mobilmachungsreserven, die zur
Erreichung der neuen Ziele notwendig sind, werden im Rahmen
des gemeinsamen Verteidigungsprogrammes geliefert. Inzwischen
haben auch unsere Alliierten selbst schwere lasten übernommen.
Die Militär-Ausgaben in ihren Haushaltsplänen überschreiten
seit Anlaufen dieses Programms den Wert der von uns gelieferten
Ausrüstung um das Vielfache. Sie haben ihre Entschlossenheit
bekundet, ihre Anstrengungen mit aller Kraft fortzusetzen.
Trotz der Portschritte, die die Nordatlantikpaktorganisation gemacht hat, sehen wir uns dennoch der dringenden Notwendigkeit gegenüber, die für die Stärke und Sicherheit des
nordatlantischen Raumes erforderliche Einheit Europas herzustellen. Wie allgemein bekannt ist, ist der Vertrag über die
Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft noch nicht
in Kraft getreten. Ich brauche hier nicht länger die Gründe
darzulegen, warum die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
unerläßlich ist.
Jedoch

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Jedoch bin ich überzeugt, daß die Europäer, die ihre Entscheidung
über diesen wichtigen Schritt auf dem Wege zu einer Europäischen
Gemeinschaft zu fällen haben, sich wohl bewußt sind, was auf dem
Spiele steht, und daß sie diese Entscheidung in Kürze treffen
werden.
Strategie und Taktik der Nordatlantikpakt-Organisation werden gegenwärtig überprüft, um sie der in Kürze zu erwartenden
Bereitstellung von Atomwaffen anzupassen. Diese Überprüfung
macht es erforderlich, wenn sie überhaupt Sinn haben soll, daß
den Kommandeuren der Streitkräfte der NATO gewisse Informationen
über Atomwaffen zugänglich gemacht werden. Dies wird einen entscheidenden Einfluß auf die Planungsarbeit der NATO haben und
einen Beitrag dazu leisten, daß alle in größerer Sicherheit leben
können. Ich werde dem Kongreß eine Novelle zum Atomenergie-Gesetz
unterbreiten, damit wir unseren Alliierten Geheiminformationen
über den taktischen Einsatz von Atomwaffen geben können. Dies
würde natürlich unter strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen erfolgen. Es ist unbedingt notwendig, daß der Kongreß noch während
seiner gegenwärtigen Sitzungsperiode gesetzgeberische Schritte
in dieser Richtung unternimmt.
In Indochina, wo die Streitkräfte der französischen Union
und der assoziierten Staaten die Bemühungen der Kommunisten bekämpfen, in das freie Asien einzudringen, leisten die Vereinigten
Staaten einen wesentlichen Beitrag zu diesem Kampf, indem sie
militärische Ausrüstungsgegenstände bereitstellen und andere militärische Unterstützung leisten. Die Höhe dieser Unterstützung
wie auch der Zeitpunkt, zu dem sie gewährt wird, sind wesentliche
Paktoren zur Verbesserung der dortigen Lage. Weitere einheimische
Streitkräfte müssen ausgebildet und ausgerüstet werden, um die
Defensivstärke Indochinas zu erhalten. Diese Unterstützung ist
erforderlich, damit diese tapferen Soldaten eine Offensive mit
Aussicht auf einen Sieg weiterführen können.
Wir haben den nationalchinesischen Streitkräften bei dem
Ausbau der Verteidigung der Insel Formosa geholfen. Diese Unterstützung wird fortgeführt, wie auch die Hilfe für andere Länder
der freien Welt, etwa die Philippinen und Thailand sowie einige
der amerikanischen Republiken.
Das Gemeinsame Verteidigungsprogramm wie auch die Pläne,
für die Verteidigung unseres eigenen Landes sind so angelegt,
daß wir eine maximale Stärke auf lange Sicht und nicht im Hinblick auf ein festgesetztes Datum schaffen. In Übereinstimmung
damit konzentrieren wir unsere Unterstützung auf die Ausrüstung
von Streitkräften, die unsere Verbündeten von sich aus über einen
längeren Zeitraum hinweg bei kleinstmöglicher Abhängigkeit von
der Hilfe der Vereinigten Staaten unterhalten können.
Unser Programm für Gemeinsame Sicherheit erstreckt sich auf
zwei eng miteinander zusammenhängende Gebiete, wobei der für das
wirtschaftliche und technische Programm vorgesehene Betrag wesentlich niedriger ist als die für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
festgesetzte Summe, auf die nachstehend in dem Kapitel Auslandsvorhaben eingegangen wird. Dieses Kapitel bringt eine vergleichende
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�"MEfilKA DIENST" -ftIRTbüHAFTUNL ARBEIT

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vergleichende Zusammenfassung des gesamten Erogramms.
Entwicklung und Kontrolle der Atomenergie
In meiner Rede vor den Vereinten Nationen am 8.Dezember
1953 machte ich Vorschläge, wie die der ganzen Welt durch die
Atomwaffen drohende Gefahr gebannt werden könne. Meine in der
vorliegenden Botschaft enthaltenen Empfehlungen hinsichtlich
des Programms der Atomenergie-Kommission während des Haushaltsjahrs 1955 berücksichtigen sowohl neue Forschungen zur
Verwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke als auch die
zusätzliche Erzeugung spaltbarer Stoffe. Alle wohlmeinenden
Menschen hoffen, daß diese spaltbaren Stoffe, die ebenso für
friedliche Zwecke als auch für die militärische Verteidigung
verwendet werden können, letzten Endes einzig und allein dem
Frieden und dem Wohle der Menschheit dienen m. gen.
Nach den in dieser Botschaft enthaltenen Empfehlungen
werden die Aufwendungen für die Atomenergie-Kommission im
Haushaltsjahr 1955 ihren bisherigen Höchststand erreichen.
Die Betriebskosten werden beträchtlich ansteigen, wenn die
neugebauten Anlagen die Produktion aufnehmen. Der Stand der
Investitionen wird sehr hoch bleiben, da der Bau der in den
letzten Jahren genehmigten großen Anlagen weiter vorangetrieben wird. Auf Grund der Betriebsausweitung liegen äle für
1955 vorgesehenen Vorgriffsmittel über denen des Jahres 1954.
Die Zahl der geplanten Bauvorhaben liegt unt r der der letzten
Jahre, und die Neubauten werden sich im wesentlichen auf Anlagen beschränken, die unmittelbar mit dem Pro uktionsprogramm
sowie dringend benötigten Forschungsstätten in Zusammenhang
stehen. Die Kommission ist nach besten Kräften bestrebt, auf
allen Gebieten Einsparungen zu machen, und die Kosten der
einzelnen Anlagen werden gesenkt.
Die Erhöhung der Betriebskosten von 912 Millionen Dollar
im Haushaltsjahr 1954 auf 1 182 Millionen Dollar im Jahre 1955
ist in erster Linie auf die Ausweitung des Betriebes in den
Anlagen der Kommission in Oak R dge, Paducah, Portsmouth,
Hanford und Savannah River zurückzuführen, da diese Anlagen
fertiggestellt und voll in Betrieb genommen wurden. Um einen
noch größeren Bedarf an Rohstoffen für diese ausgeweitete Produktionskapazität decken zu können, werden größere Mengen an
Uranerzen und Konzentraten gekauft werden. Dank unserer energischen Bemühungen während der letzten Jahre, unsere Rohstoffquellen im eigenen Land und im Ausland zu vergrößern, werden
jetzt größere Mengen verfügbar, um den gestiegenen Bedarf
decken zu können.
Die Entwicklungsarbeiten an Atommeilern werden sich besonders auf die Gewinnung von Atomenergie für kommerzielle,
friedliche Zwecke konzentrieren. Die Kommission wird einen großen Atommeiler bauen, mit dessen Erstellung noch im Haushaltsjahr 1954 begonnen werden wird. Er stellt einen bedeutsamen
Fortschritt in der Technik der Verwendung von Atomenergie für
friedliche Zwecke dar,
Die
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Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, einschließlich des
Bauee von Versuchsanlagen, werden auch bei verschiedenen anderen
Arten von Atommeilern fortgeführt, von denen man annehmen darf,
daß sie eines Tages eine wirtschaftliche Energieerzeugung ermöglichen.
Der. bevorstehende Stapellauf der "Nautilus", des ersten AtomUnterseebootes , wird im Haushaltsjahr 1955 der Stapellauf des
"Seewolfs", eines zweiten Atom-U-Bootes anderer Bauart, folgen.
Die Erforschung der noch schwierigeren Probleme des Atomantriebs
für Plugzeuge wird weiter vorangetrieben.
Mit dem Eintritt verschiedener technischer Entwicklungen in
der Atomforschung und mit dem steigenden Angebot an Rohstoffen
und spaltbarem Material ist die Zeit für eine Abänderung der einschlägigen Gesetze auf diesem Gebiet gekommen, um die Privatindustrie und andere öffentliche oder private Gruppen unseres Landes
stärker für die Entwicklung dieser neuen, vielversprechenden
Energiequelle für friedliche Zwecke zu interessieren. Eine solche
Beteiligung auf breiter Basis würde sich als ein Stimulans und als
treibende Kraft auf diesem wichtigen Gebiet erweisen und würde
der besten Tradition der industriellen Entwicklung Amerikas entsprechen. Der Kongreßausschuß für Atomenergie hielt im vergangenen
Jahr öffentliche Beratungen ab» die höchst nützlich waren für
die Klärung und Darlegung der Probleme wie auch der Möglichkeiten,
die sich zu dem Zeitpunkt ergeben, da wir uns anschicken, das bestehende Monopol der Bundesregierung auf diesem Gebiet aufzugeben.
Dem Kongreß werden Gesetzesvorlagen über Maßnahmen zugeleitet
werden, die einen Anreiz für eine solche Beteiligung bieten, dabei aber eine Überwachung dieser furchteinflößenden Kräfte durch
die Bundesregierung gewährleisten.
Eine weitere Abänderung des Atomenergiegesetzes ist notwendig,
damit wir in die Lage versetzt werden, den Wert unserer Atomforschung für die Verteidigung der freien Welt voll zur Geltung zu
bringen. Ich werde Änderungen vorschlagen, die, bei angemessenen
Sicherungen, einen erweiterten Austausch geheimer Informationen
mit unseren Alliierten erlauben würden,.um deren militärische Verteidigung, wie bereits erwähnt, zu stärken und es ihnen zu ermöglichen, sich stärker als bisher an der Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke zu beteiligen. Ich werde ferner eine
Änderung vorschlagen, die die Übergabe spaltbaren Materials an
befreundete Nationen erlaubt, um sie bei den Atomforschungsarbeiten für friedliche Zwecke zu unterstützen; besonders jene
Nationen, die uns das Ausgangsmaterial, Uran, liefern. Dieser
Änderungsvorschlag wird wie auch die vorher erwähnten Abänderungsanträge, ausreichende Vorkehrungen für die Sicherheit der Vereinigten Staaten enthalten. Diese gesetzgeberischen Empfehlungen sind
unabhängig von meinem kürzlich gemachten Vorschlag für die Schaffung einer internationalen Behörde zur Förderung der friedlichen
Atomforschung, für die eine gesonderte Gesetzgebung notwendig sein
wird.
Internationale

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20. Januar 1954

Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
Die in meiner Budget-Botschaft enthaltenen Empfehlungen
bezüglich der Auslandsvorhaben der Regierung werden die Voraussetzungen dafür schaffen, daß uns die eben erst gewonnene Initiative
in der Weltpolitik verbleibt und uns in die Lage versetzen, einem
dauerhaften Frieden näher zu kommen. Der Posten internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen schließt die Aufwendungen
für die Tätigkeit des Außenministeriums, für die Programme zur
wirtschaftlichen und technischen Unterstützung fremder Staaten und
für unsere Informations- und Austauschprogramme im Ausland ein.
Das Programm für die gemeinsame militärische Sicherheit, das
früher im Budget zusammen mit den genannten Programmen unter dem
Posten "Internationale Sicherheit und Auslandsbeziehungen" ausgewiesen wurde, ist in diesem Budget als Teil des nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Die militärische Hilfe steht in engem
Zusammenhang mit unserer Außenpolitik und muß im Sinne einer Förderung dieser Ziele verwaltet werden.
Der Umfang unserer Auslandshilfe sowohl im Rahmen des Gemeinsamen Verteidigungsprogramms wie auch des wirtschaftlichen und
technischen Hilfsprogramms ist aus einer nachstehend angeführten
Tabelle zu ersehen. Diese Tabelle enthält alle Einzelpunkte unseres gegenwärtigen Gemeinsamen Sicherheitsprogramms. Das gesamte
Programm dient dem Zweck, in überseeischen Gebieten Bedingungen
zu schaffen, die auf die eine oder andere Art geeignet sind, zu unserer eigenen Sicherheit und zu unserem Wohlergehen beizutragen.
(Aus einer beigeschlossenen Tabelle ist ersichtlich, daß die
geschätzten oder empfohlenen Ausgaben für das gesamte Gemeinsame
Sicherheitsprogramm während des Haushaltsjahres 1954/55 sich auf
5,4 Milliarden oder 100 Millionen weniger als die für das Jahr
1953/54 veranschlagte Summe belaufen.)
Der Präsident schätzt die für das Finanzjahr 1954/55 erforderlichen Aufwendungen für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
auf 4 275 Millionen Dollar; das sind 75 Millionen mehr als im
Finanzjahr 1953/54. Das gemeinsame wirtschaftliche und technische
Hilfsprogramm für das Finanzjahr 1954/55 wird auf 1 125 Millionen
Dollar veranschlagt} das sind 175 Millionen weniger als im Voranschlag für das Haushaltsjahr 1953/54.
An Vorgriffsmitteln wurden für das gesamte Programm 3 510
Millionen Dollar beantragt} das sind 1 216 Millionen weniger als
für das Haushaltsjahr 1953/54. Von den Empfehlungen für das Haushaltsjahr 1954/55 sind 2,5 Milliarden für militärische Vorhaben
und 1,01 Milliarden für das wirtschaftliche und technische Hilfsprogramm beantragt.
Unsere nationalen Sicherheitsprogramme und die internationalen
Vorhaben dienen dem Ziel, einen möglichen Aggressor, der die Vereinigten Staaten oder ein anderes Land der freien Welt' angreifen
will, abzuschrecken. Es soll ferner unsere Anstrengungen zur

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zur Erhaltung des Friedens auf jede nur geeignete Weise, einschließlich diplomatischer Verhandlungen mit den Sowjets, unterstützen. Von einer Position der Stärke aus wird die energische und erfolgreiche Führung unserer Außenpolitik durch das
Außenministerium zum Eckpfeiler unserer Bemühungen, den Frieden zu gewinnen. Noch niemals in der Geschichte hing die künftige Sicherheit und das Wohl unseres Landes mehr von einem
klugen und maßvollen Gebrauch der uns zugefallenen führenden
Stellung im Bereich der Weltpolitik ab. Meine Empfehlungen bezüglich der Bereitstellung von Mitteln für das Außenministerium
werden dieses in die Lage versetzen, den ihm gestellten Aufgaben gerecht zu werden.
Gewisse Staaten befinden sich noch immer in einer wirtschaftlichen Situation, die ihnen entweder einen Beitrag zu
den notwendigen militärischen Anstrengungen oder aber eine für
unsere gemeinsamen Ziele gleichermaßen wichtige Ausweitung
ihrer Wirtschaft gestattet. Es ist daher noch immer erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zusätzlich Güter, Dienstleistungen und Fachleute zur Verfügung stellen, und es wird
darum ersucht, im Finanzjahr 1955 zur wirtschaftlichen und
technischen Entwicklung weitere Mittel zu bewilligen. Über
unser Informations- und Austauschprogramm versuchen wir, bei
den anderen Völkern Verständnis für unsere Ziele und unseren
Lebensstil zu wecken, und umgekehrt bei uns die Kenntnis der
Bestrebungen und der Kultur anderer Länder zu vertiefen. Ein
gegenseitiges Verstehen in diesem Sinne versetzt uns besser in
die Lage, in den gemeinsamen Anstrengungen der freien Völker
um die Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele eine starke, verständnisvolle und auf Zusammenarbeit gegründete Führerrolle zu
übernehmen.
Während des vergangenen Jahres wurden Fortschritte im Hinblick auf die Erreichung der Ziele unserer internationalen Programme gemacht. Unsere Alliierten und Freunde sind nicht nur
militärisch erstarkt; eine fortgesetzt hohe Produktion und gestiegene Gold- und Dollarreserven haben es den europäischen
Ländern ermöglicht, nahezu auf eigenen Füßen zu stehen. Diese
Besserung der Lage gestattet es, die in diesem Budget enthaltenen Kostenvoranschläge für die wirtschaftlichen und technischen
Hilfsprogramme noch wesentlich niedriger zu halten als die bereits reduzierten Aufwendungen im Haushaltsjahr 1954- Faktoren,
die wesentlich zu diesem Fortschritt beigetragen haben, sind
unsere Hilfeleistungen in vergangenen Jahren sowie die positiven und konstruktiven fiskalischen und anderen wirtschaftlichen
Maßnahmen, die diese Länder von sich aus getroffen haben. Infolgedessen stellt das Haushaltsjahr 1955 gewissermaßen eine
Übergangszeit von weitgehender Abhängigkeit einer großen Anzahl
Länder von umfangreicher bilateraler Wirtschaftshilfe seitens
der Vereinigten Staaten auf eine Inanspruchnahme solcher Hilfe
in weit geringerem Maße dar. In einem solchen Übergang hängt der
Fortschritt im allgemeinen davon ab, in welchem Maße unsere eigene Politik und die unserer Freunde zu erhöhter privater Investitionstätigkeit, vermehrten Exporten nach den Vereinigten Staaten,
internen Finanz- und Wirtschaftsreformen in einigen Ländern und
zu multilateraler- Zusammenarbeit zur Erreichung starker, sich
selbst tragender Wirtschaftssysteme beitragen.
Das

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20. Januar 1954

Die Bürde der enorm gestiegenen Verantwortung in der Führung unserer Außenpolitik lastet schwer auf dem Außenministerium,
da der Außenminister als dem Präsident unterstellt für den Ablauf
und die Überwachung der gesamten Außenpolitik sowie für die Herstellung von guten Beziehungen zu ausländischen Regierungen und
internationalen Institutionen verantwortlich ist. Um dieser großen Verantwortung gerecht werden zu können,. müssen unseren führenden Staatsmännern bei Verhandlungen auf höchster Ebene, wie in
Bermuda oder Berlin, gut informierte und sicher urteilende Diplomaten zur Seite stehen. Daher haben wir 273 diplomatische Missionen
und Konsulate im Ausland, die die USA vertreten. Wir müssen auch
in Zukunft die Vereinten Nationen und andere internationalen
Organisationen entschlossen unterstützen, und einen Anteil der
Kosten und Aufwendungen für ihre Programme übernehmen. Wenn unsere
Außenpolitik mit Erfolg geführt werden soll, dann muß das Außenministerium die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Ausland genau analysieren und darüber Bericht erstatten,
allen für die Durchführung unserer Programme in Übersee tätigen
Behörden die erforderlichen Direktiven zugehen lassen und auch
unsere im Ausland laufenden Programme gemäß unserer Außenpolitik
koordinieren. Schließlich müssen auch über die außenpolitischen
Auswirkungen innerpolitischer Programme Hinweise gegeben werden.
Die Netto-Aufwendungen für das Außenministerium sind für das
Haushaltsjahr 1955 mit 125 Millionen Dollar veranschlagt. Diese
Summe liegt um 4 Millionen Dollar unter den Aufwendungen für
das Haushaltsjahr 1954, was infolge von Personalkürzungen und
Einsparungen an anderen Ausgaben möglich wurde.
Die Netto-Aufwendungen für wirtschaftliche und technische
Entwicklungsprojekte während des Finanzjahres 1955 sind mit 1 028
Millionen Dollar veranschlagt, während für das Haushaltsjahr
1954 rund 1 555 Millionen Dollar vorgesehen waren.
Aus diesem Budget wird - wie bereits aus dem Haushalt des
Vorjahres - ersichtlich, daß Asien, Afrika und Süd-Amerika stärker
in den Vordergrund getreten sind. Es enthält nur ganz wenige neue
Posten für eine Unterstützung europäischer Staaten.
Im Fernen Osten ist es notwendig, einen Beitrag zur Linderung
der Not in Korea zu leisten, und nunmehr, da die Feindseligkeiten
eingestellt sind, ein Wiederaufbauprogramm für die im Krieg schwer
heimgesuchten Gebiete in Angriff zu nehmen. Wir empfehlen ferner,
die Bereitstellung von Mitteln, die zur Aufrechterhaltung der Stärke
und der Sicherheit Formosas und für die weitere Unterstützung der
Anstrengungen unserer Freunde verwendet werden sollen, die die
kommunistische Aggression in Indochina bekämpfen. Dieser Haushaltsplan sieht auch Zuwendungen für technische und wirtschaftliche
Entwicklungsprogramme in Indien, Pakistan, auf den Philippinen
und in anderen Staaten Asiens vor, um einen kontinuierlichen
Fortschritt der Bemühungen dieser Völker um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu gewährleisten.
w

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Was den Vorderen Orient anbetrifft, sieht das Budget finanzielle Hilfe zur Linderung der Not der arabischen Flüchtlinge vor,
die über die UN-Flüchtlingskcmmission zur Verteilung gelangen
soll, sowie technische Hilfe und andere Formen der Wirtschaftsförderung in den arabischen Staaten, Israel und Iran.
Das Budget befürwortet im weiteren die Fortführung des technischen Hilfsprogrammes für Südamerika. Das seit Jahren in Südamerika laufende Programm trägt dazu bei, die Zahl der wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu verringern - Probleme, die ein
Nährboden für den Kommunismus sind und die Entwicklung stabiler
und gesunder Wirtschaftssysteme hemmen.
Überschüssige Lagerbestände an landwirtschaftlichen
Produkten
Ich werde den Kongreß in Kürze um die Vollmacht ersuchen,
einen Teil unserer überschüssigen Lagerbestände an landwirtschaftlichen Produkten dazu zu verwenden, die Wirtschaftssysteme befreundeter Staaten zu stärken oder auf andere Weise als Mittel zur Förderung der Ziele unserer Außenpolitik zu verwenden. Ich werde um
die Vollmacht ersuchen, im Verlaufe der nächsten drei Jahre derartige Lagerbestände im Werte von einer Milliarde Dollar, die von
der Agrar-Kreditgesellschaft verwaltet werden, für diese Zwecke
einzusetzen. Dieses Budget enthält einen Antrag, für die zusätzliche Gewährung von 300 Millionen Dollar während des Finanzjahres
1955 zur Abgeltung von bereits von der Agrar-Kreditgesellschaft
gelieferten Waren.
Dieses Programm zur Verwendung von Lagerbeständen soll unser
allgemeines Programm für die wirtschaftliche und technische Entwicklung ergänzen und muß auf dieses abgestimmt werden. Das Programm
über die Verwendung überschüssiger Lagerbestände an Agrarprodukten
macht die Verwendung von Lagerbeständen aus dem Besitz der Agrarkreditgesellschaft erforderlich. Bei der Disposition dieser Güter
sind keine gesonderten Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes erforderlich.
In Zusammenarbeit mit diesem Programm muß darauf hingewiesen
werden, daß es lediglich von begrenzter Dauer sein soll und auf
der Voraussetzung beruht, daß das Agrarprogramm angenommen wird,
im Rahmen dessen keine weiteren großen Überschüsse aufgestapelt
werden sollen. Es wird besondere Sicherheitsmaßnahmen vorsehen,
nach denen verlangt wird, daß gelieferte Waren zusätzlich über
die Mengen hinausgehen müssen, die sonst eingeführt worden wären
und die normalen Marktauflieferungen aus den USA und befreundeten
Ländern nicht verdrängen dürfen.
Auslandsinformation und Austauschprogramme
Dieses Budget sieht Ausgaben in Höhe von 97 Millionen Dollar
für Auslandsinformationen und Austauschprogramme vor. Dabei sind
die Ausgaben für die Funktionen des neuen amerikanischen Informationsamtes (USIA) eingeschlossen. Dies bedeutet gegenüber den
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�"AMERIKA DIENST" - ».-IhTSChAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

den Ausgaben für Auslandsinformation und Austauschprogramme im
Haushaltsjahr 1954 eine Zunahme um zwei Millionen Dollar.
Auf Anregung des Nationalen Sicherheitsrates habe ich im
vergangenen Oktober das amerikanische Informationsamt angewiesen, Programme auszuarbeiten, die anderen Völkern zeigen, daß
die Zielsetzung und Politik der Vereinigten Staaten ihre berechtigten Wünsche und Hoffnungen auf Freiheit, Fortschritt und
Frieden unterstützen. Ich bin überzeugt, daß die Völker der
Welt, wenn sie unsere Ziele und unsere Politik kennen, sich
uns in den gemeinsamen Bemühungen anschließen werden, der Drohung des kommunistischen Imperialismus Widerstand zu leisten und
unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß dem amerikanischen Informationsamt die notwendigen Mittel und Einrichtungen zur Verfügung stehen, diese
Aufgaben durchzuführen.
Das amerikanische Informationsamt ist in der Lage durch
Eundfunk, Presse, Filme oder über Informationszentren 77 Länder der freien Welt zu erreichen und Rundfunksendungen in
10 Länder hinter dem Eisernen Vorhang auszustrahlen«
Die in meinen Budget vorgelegten Empfehlungen für Auslandsinformation und Austauschprogramme schließen 15 Millionen Dollar
an Vorgriffsmitteln für Austauschprogramme auf dem Gebiet des
Erziehungswesens ein. Diese Programme sollen durch den Austausch
von Studenten und Personen, die im Leben ihres Volkes eine Rolle
spielen oder spielen werden, ein aufgeschlossenes Klima der
öffentlichen Meinung im Ausland schaffen.
Soziale Sicherheit. Sozialleistun&amp;en und Gesundheitswesen
Ich bin überzeugt, daß wir gleichzeitig mit den notwendigen
Anstrengungen zum Schutze der Freiheit unseres Volkes und zur
Aufrechterha tung einer starken und expansiven Wirtschaft, größere und erfolgreichere Anstrengungen als bisher machen müssen,
um die soziale Sicherheit zu verstärken und die Gesundheit der
amerikanischen Bürger zu verbessern. Wenn wir dies tun, arbeiten
wir für die ukunft und zeigen der aufmerksam beobachtenden
Welt, daß eine freie Nation trotz der aller gegenwärtigen Spannungen die Mittel und Wege zum Fortschritt der Gesellschaft
finden kann und finden wird.
Der Eckpfeiler unseres heutigen sozialen Sicherheitsprogramms ist das System der Alters- und Hinterbliebenenversicherung, im Rahmen dessen fast 70 Millionen Menschen versichert
sind und zur Zeit rund sechs Millionen Menschen Renten beziehen.
Der wirtschaftliche Schutz, der durch diese Sozialversicherung
gewährleistet wird, ist heute als Grundlage für unsere Gesellschaftsordnung anerkannt. Aber dieses System weist noch erhebliche Mängel auf. In meiner vor kurzem vorgelegten Sonderbotschaft über die Sozialversicherung habe ich besondere Empfehlungen zur Behebung dieser Mängel vorgetragen.
Finanz.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Finanz, Handel und Industrie
Im Rahmen der durch die Erfordernisse der nationalen Verteidigung und'unserer Wirtschaft gezogenen Grenzen sind wir ständig
darum bemüht, die direkte Beteiligung der Regierung am Bankwesen
und an Industrie und Handel zu vermindern. Beispielsweise wird
die Wiederaufbaufinanzierungs-Gesellschaft liquidiert, und die
xegierungseigenen Betriebe für synthetischen Kautschuk werden zum
Verkauf angeboten. Zur gleichen Zeit werden die vom Handelsministerium ausgearbeiteten Programme zur Förderung des Handels und
der Industrie verstärkt. Die Verwaltung für Kleinbetriebe ist
geschaffen worden, um den besonderen Bedürfnissen der kleinen
Unternehmer Rechnung zu tragen. Wirtschaftliche Interessenverbände sind dabei, ihre Arbeitsweise zu vereinfachen und größeren
Nachdruck auf Zusammenarbeit als auf Zwangsmaßnahmen zu legen,
ohne dabei der Öffentlichkeit geringeren Schutz zu bieten.
Schätzungen zufolge werden die Brutto-Ausgaben für Programme
auf dem finanzpolitischen, handelspolitischen und industriellen
Sektor im kommenden Haushaltsjahr rund 917 Millionen Dollar ausmachen, das sind 234 Millionen Dollar weniger als im laufenden
Haushaltsjahr. Rund 60 Prozent dieser Ausgaben sollen der finanziellen Unterstützung dienen, wie sie im Defense Production Act
niedergelegt worden ist. Weitere 30 Prozent sollen für die Produktionsprogramme - in der Hauptsache für Kautschuk und Zinn verwendet werden, die von der Wiederaufbaufinanzierungsgesellschaft ausgearbeitet worden sind. Man nimmt an, daß sich die
Einnahmen dieser Unternehmen als Ganzes in dem gleichen Maße
verringern werden wie ihre Ausgaben. Entsprechend werden die
Netto-Ausgaben von 162 Millionen Dollar im kommenden Haushaltsjahr die etwa gleichen bleiben wie 1954.
Allgemeine Regierungsaufgaben
Die Nettoausgaben für die allgemeinen Regierungsaufgaben
werden für das Finanzjahr 1955 auf 1,16 Milliarden Dollar veranschlagt; verglichen mit 1,175 Milliarden Dollar im Finanzjahr
1954. Mit diesen Ausgaben sollen in erster Linie die traditionellen Aufgaben der Regierung, die an anderer Stelle nicht gesondert
aufgeführt sind - die Ausarbeitung der Gesetze und deren Durchführung, das Einziehen der Steuereinnahmen, die Verwaltung und
Bedienung der Staatsschuld, die Bewachung und Verwaltung der
öffentlichen Gebäude und Archive - durchgeführt werden...
Zinsendienst
Die Aufwendungen für den Zinsendienst belaufen sich gegenwärtig, in erster Linie infolge der großen Zunahmen der Staatsschuld während des zweiten Weltkrieges, auf nahezu 10 Prozent der
Gesamtausgaben der Bundesregierung. Ihre Höhe wird vor allem durch
den Umfang der Staatsverschuldung sowie die Höhe der hierfür zu
entrichtenden Zinsen bestimmt.
_.„

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Aufwendungen für den Zinsendienst werden für das Finanzjahr 1955 auf 6,8 Milliarden Dollar veranschlagt und liegen damit
um 275 Millionen Dollar über den geschätzten Aufwendungen des
laufenden Finanzjahres sowie um 297 Millionen Dollar höher als
die tatsächlichen Ausgaben im Finanzjahr 1953«
Der Haushalt der Vereinigten Staaten ist der finanzpolitische
Ausdruck des Regierungsprogramms für das kommende
Finanzjahr.
Jeder Bürger sollte sich auf das Äußerste bemühen, die Tragweite
und den Inhalt dieses Planes zu verstehen. Als ich vor- einem Jahr
die Regierungsgeschäfte übernahm, versprach ich dem Kongreß und
dem amerikanischen Volk, daß die neue Re ierung eine Finanz- und
Wirtschaftspolitik konzipieren wolle,- die die eingeplanten Defizite reduzieren und das Budget ausgleichen würde.
Ich sprach damals -'ie Warnung aus, da;5 dieses Ziel nicht einfach zu erreichen sein werde. Noch immer lasten die hohen Ausgaben
für die nationale Verteidigung schwer auf unserer Wirtschaft. Ein
wesentlicher Teil dieser Ausgaben wir 3 auf Grund der bestehenden
gesetzlichen Bestimmungen der Öffentlichkeit dargelegt.
Die weitreichenden Funktionen der amerikanischen Bundesregierung sind außerordentlich kompliziert. Trotz der damit gegebenen Schwierigkeiten haben wir große Fortschritte erzielen können.
Die Ausgaben der Bundesregierung sind wesentlich verringert worden, Steuersenkungen konnten gerechtfertigt und das Haushaltsdefizit konnte wesentlich reduziert werden. Darüber hinaus haben
wir ausreichende Mittel für unsere nationale Sicherheit
- und für unsere internationalen
Verpflichtungen bereitgestellt. Wir sind in der Lage gewesen,
gewisse Erhöhungen unserer Regierungsausgaben vorzuschlagen,
die dem Wohlstand und der Wirtschaft in unserem Lande zugutekommen sollen. Ich bin deshalb fest davon überzeugt, daß dieser
Haushaltsvorschlag ein Regierungsprogramm darstellt, das nicht
nur unsere Lebensform schützen, sondern auch unsere wirtschaftliche Grundlage stärken und das Wohlergehen aller unserer Bürger
steigern wird.
Dwight D. Eisenhower am 21. Januar 1954

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JAHRESBERICHT DES PRÄSIDENTEN DER USA DWIGHT D.EISENHOWER
ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER VEREINIGTEST STAATEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident Eisenhower
übermittelte dem US-Kongreß am 28. Januar den Jahresbericht
über die wirtschaftliche Lage in den Vereinigten Staaten. Im
folgenden bringen wir den Begleitbrief zu diesem Bericht sowie größere Auszüge aus seinen beiden Teilen.
Begleitbrief (Wortlaut)
An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Ich lege hiermit meinen Wirtschaftsbericht gemäß Artikel
3 (A) des "Employment Act" von 1946 vor.
Bei der Zusammenstellung des Berichtes stand mir der Wirtschaftsrat unterstützend und beratend zur Seite. Auch die Leiter der Ministerien und der selbständigen Regierungsstellen trugen mit ihrem Rat zu diesem Bericht bei.
Ich fasse nachstehend, größtenteils mit den Worten des Berichtes, die Punkte zusammen, die mir die wichtigsten scheinen.
unsere Ziele
Dem amerikanis chen Volk bietet sich eine große Chance.
Der von uns eingeschlagene Weg, einet* Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, ermöglicht e? uns, unsere
Aufmerksamkeit in Zukunft in größerem Maße auf eine kontinuierliche Hebung des Lebensstandards zu richten.
Ziel unserer Wirtschaftspolitik ist eine Steigerung des
Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars.
Diese Steigerung soll allen Bevölkerungsteilen,die zu ihr beitragen, in gerechter Weise zugutekommen.
Eine kontinuierliche Expansion der Wirtschaft ist für die
Wohlfahrt, ja für den Fortbestand der Vereinigten Staaten und
der freien Welt unerläßlich.
Obwohl der Lebensstandard des amerikanischen Volkes im
Durchschnitt genommen heute höher als je zuvor liegt, gibt es
doch gewisse Bevölkerungsteile, deren Kaufkraft weit unter dem
erstrebenswerten Stand bleibt. Wir können noch in dieser Generation entscheidende Schritte unternehmen, um auch diesen Gruppen einen angemessenen Lebensstandard zu sichern.
Ein'
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3- Februar 1954

Ein stetig steigendes Volkseinkommen bietet die beste Gewähr
•ü einen harmonischen Verlauf des sozialen und wirtschaftlichen
Um chichtungsprozesses. In einem Staat, in dem die miteinander im
Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes
der schrumpfendes Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen
uchen., ist der Friede im Inneren nicht gesichert.
Die Rolle der Regierung in der Wirtschaft
Die Forderungen des modernen Lebens und die Tatsache, daß
wir in einer unbefriedexen Welt leben, weisen der Regierung eine
wesentlich wichtigere Rolle zu als sie früher und in ruhigeren
Zeiten spielte.
In einer freien Gesellschaft ist es Aufgabe der Regierung,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, in dem der einzelne Unternehmer
in konstruktiver Arbeit zum wirtschaftlichen Fortschritt beitragen kann. Es ist ferner Aufgabe der Regierung, die allgemeine
Spartätigkeit zu fördern und die wirtschaftlichen Verbindungen
mit der übrigen Welt zu pflegen und zu erweitern.
Um den einzelnen davor zu bewahren, unverschuldet in Not zu
geraten, muß sich die Regierung um Fragen des Gesundheitswesens,
der sozialen Sicherheit und der Wohlfahrt kümmern.
Die Regierung muß ihr ständiges Augenmerk ferner auf die soziale Gefahr richten, die jeder Monopolbildung innewohnt, und die
strenge Einhaltung der Anti-Trust-Gesetze erzwingen.
Es ist Pflicht der Regierung, ihre gesamte Macht darauf zu
verwenden, den derzeitigen Beschäftigungsstand, die Kaufkraft und
die Stabilität der Preise aufrechtzuerhalten.
Die Regierung muß alle wirtschaftlichen Entwicklungen einschließlich ihrer tausendfältigen eigenen Tätigkeit genauestens
verfolgen und bereit sein, jederzeit entsprechend zu reagieren. Sie
muß fähig sein, gegebenenfalls vorbeugende oder ausgleichende Maßnahmen zu ergreifen und muß jeder neuen Lage gerecht werden. Es
kann nicht ihre Aufgabe sein,nur dann in die Wirtschaft einzugreifen, wenn besondere Umstände dies dringend erforderlich machen;
sie muß die wirtschaftliche Entwicklung ständig in die richtige
Bahn lenken-.
Der Regierung steht zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität ein reiches Arsenal an Mitteln zur Verfügung.
Hierzu gehören die durch das Federal-Reserve-Bankensystem ausgeübte Kreditlenkung, die Maßnahmen des Schatzamtes zur Regelung der
Staatsschuld, die Befugnis des Präsidenten, die Bedingungen für
die Gewährung staatlich garantierter Darlehen zu variieren; Flexibilität in der Verwaltung des Staatshaushaltes; Stützung der Landwirtschaft, Änderungen in der Steuerstruktur und Vergebung von
Aufträgen der öffentlichen Hand. Wir werden nicht zögern, gegebenenfalls die eine oder andere dieser Maßnahmen und, wenn notwendig, alle zusammen anzuwenden.
Die derzeitige Wirtschaftslage
Das Jahr 1953 darf angesichts der Rekordhöhe des Warenausstoßes, der Streuung des Volkseinkommens auf immer weitere
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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

weitere Bevölkerungskreise, der niedrigen Zahl der Arbeitslosen
und der im allgemeinen stabil gebliebenen Preise als ein erfolgreiches Jahr angesehen werden.
In der zweiten Hälfte des Vorjahres war ein geringer Geschäftsrückgang zu verzeichnen, der in einigen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte. Die Ursache hierfür ist in einer gewissen
Zurückhaltung auf seiten der Wirtschaft bezüglich der Aufwendungen für Kapitalgüterbeschaffung zu sehen. Auf anderen Sektoren, insbesondere im Einzelhandel, hat sich die Geschäftstätigkeit auf der bisherigen Höhe bewegt.
Die Expansion unserer Wirtschaft wird voraussichtlich in die
sem Jahr wieder einsetzen, insbesondere dann, wenn der Kongreß
durch Verwirklichung der weitreichenden Programme der Regierung
ein besseres Wirtschaftsklima schafft.
Begründetes Vertrauen auf die Zukunft
Die Aufhebung von Lohn-und Preiskontrollen, die Stabilisierung der Preise, die Entwicklung neuer Verbrauchsgüter und die
Besserung der wirtschaftlichen Lage der freien Welt stellen eine
ungewöhnlich günstige Konstellation für die Zukunft dar.
Während die Ausgaben des Bundes im vergangenen Jahr auf vielen Gebieten gekürzt wurden, stiegen bei einem Gesamtaufwand für
Forschungszwecke von rund vier Milliarden die Aufwendungen der
Regierung für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben auf 2,5
Milliarden Dollar. Zahlreiche neue Industrien und Produkte darunter die Atomenergie, radioaktive Isotopen, Elektronengeräte,
Hubschrauber, Düsentriebwerke, Titan und hitzebeständige Stoffe,
Plastikmassen, synthetische Fasern, Mittel zur Bodenaufbereitung
u.a. - leiten sich von solchen Forschungsarbeiten her. Die Aufwendungen für die Erweiterung unseres Wissens müssen auch in Zukunft getragen werden, da diese Ausgaben die sichere Gewähr für
eine ständige Ausweitung unserer Wirtschaft bieten.
Auf Grund der Einsparung von mehreren Milliarden an Regierungsausgaben im ersten Jahr der neuen Regierung, konnten zum
1 . Januar wesentliche Steuersenkungen vorgenommen werden. Das
amerikanische Volk wird über fünf Milliarden Dollar an Steuern
sparen können und dieser Betrag wird seine Kaufkraft entsprechend
stärken. Zusätzliche Steuersenkungen werden vorgenommen werden,
sobald eine weitere Verringerung der Regierungsausgaben in Aussicht steht.
Eine anfallende starke Nachfrage nach Verbrauchsgütern, die
ihrerseits wiederum von der Höhe des Einkommens der Gesamtbevölkerung abhängt, wird des weiteren durch die steigende Eigentumsbildung und Einkommensstreuung und durch die gewaltigen Anstrengungen des amerikanischen Volkes, den Lebensstandard zu
heben, gesichert.
Die Summen, die die amerikanische Industrie in Betriebsmittel zu investieren beabsichtigt, stellen einen wesentlichen
Beitrag zur amerikanischen Gesamtwirtschaft dar.
Trotz

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

3. Februar 1954

Trotz der Rekordbautätigkeit in den letzten Jahren besteht
noch immer ein großer Bedarf an Wohnungen. Der Bedarf an Wohnraum in den Städten gewährleistet, mit geringen Ausnahmen, einen
richtigen Wettbewerbsmarkt.
Es ist mit einem stetigen Anstieg der Ausgaben der Bundesstaaten und Gemeinden zu rechnen. In zahlreichen Gebieten besteht
noch ein ausgesprochener Mangel an Schulen und Krankenhäusern;
das Straßennetz, die Kanalisation und die Wasserversorgung müssen ausgebaut und auch die sonstigen Versorgungseinrichtungen verbessert werden. Die Ausgaben des Bundes werden auch weiterhin ein
bestimmender und stützender Wirtschaftsfaktor bleiben.
Unsere Geldinstitute sind durchaus in der Lage, allen berechtigten Kreditwünschen zu entsprechen und können jeder Belastung standhalten.
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Um das Gleichgewicht der Wirtschaft aufrechtzuerhalten und
zu sichern,pollten wir kühne Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung} Ausdehnung der Altersversorgung auf
einen größeren Personenkreis und Erhöhung der Versorgungsleistungen}
Gewährung der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeit von Verlusten
eines Geschäftsjahres gegen Gewinne aus den Vorjahren} Erteilung
weitgehender Ermessensbefugnisse an die Exekutive, um ihr unter
Berücksichtigung der jeweiligen Umstände eine begrenzte Änderung
der Bedingungen für die von der Regierung garantierten Kredite
und Hypotheken zu gestatten} Schaffung eines Marktes für Zweithypotheken im Wohnungsbau und Verbesserung der Planung von Arbeitsvorhaben der öffentlichen Hand.
Um die Expansionsfähigkeit der einzelnen Betriebe voll auszunutzen, sollten wir folgende Maßnahmen treffen: Revision der
Steuergesetzgebung um der Wirtschaft neue Impulse zu geben und
gewisse Beschränkungen der Industrie, insbesondere der Kleinund Mittelbetriebe, zu beseitigen, Verbesserung des Kreditsystems für den Erwerb von Eigenheimen, für Renovierungsarbeiten
und Aufgaben der Städteplanung, Ausbau des Straßennetzes, Umstellung der Landwirtschaft auf die Bedarfslage und den neuesten
Stand der Technik.
Schlußbemerkungen
Die Beschäftigungslage im Januar 1954 war etwas ungünstiger
als im Januar 1953. Es scheint ein gewisser Zusammenhang zwischen
der Verschlechterung der Beschäftigungslage und der Tatsache zu
bestehen, daß die Vereinigten Staaten im Januar 1953 noch in
Korea Krieg führen mußten, während heute dort Waffenruhe herrscht.
Wir können den Übergang auf einen geringeren Mobilmachungsstand
ohne ernsthafte Behinderung der Expansion unserer Wirtschaft
vollziehen. Die. Vereinigten Staaten und die freie Welt können
auch in Friedenszeiten eine prosperierende Wirtschaft aufrechterhalten.
Es gibt zahlreiche Faktoren, die unser Vertrauen in die Zukunft rechtfertigen. Die Regierung wird alles in ihren Kräften
Stehende tun, um durch ihr Programm zur Förderung einer expansiven und dynamischen Wirtschaft dazu beizutragen, damit diese Hoffnungen auch Wirklichkeit werden.
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�WIRTSCHAFTSBERICHT (AUSZÜGE):
Teil I
1. Kapitel
WIRTSCHAFTLICHER FORTSCHRITT UND REGIERUNG

Dem amerikanischen Volke bietet sich eine große Chance. Die
Vereinigten Staaten sind in der Lage, den Lebensstandard unverzüglich zu erhöhen und auf diesem neugewonnenen Niveau zu halten.
Während des zweiten Weltkrieges hatten natürlich die Forderungen
unserer Armee und der Beitrag, den die USA zu den militärischen
Anstrengungen ihrer Verbündeten leisteten, Vorrang vor '"allen
anderen Ansprüchen an unsere Wirtschaft. Die Jahre nach dem Kriege waren in erster Linie damit angefüllt, den durch den letzten
Krieg und die vorangegangene. Periode der Depression bedingten
Nachholbedarf zu decken. Infolge des Koreakonfliktes mußten wir
erneut, die Bedürfnisse unserer Armee allem anderen voranstellen. Wir glauben jedoch, daß diese Notwendigkeit gegenwärtig
und in der Zukunft nicht mehr von so großer Bedeutung sein wird.
Der von uns eingeschlagene Weg, einen Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, macht es möglich, einen immer
größeren Teil der gesamten Produktion auf die Erzeugung ziviler
Güter umzustellen. Hierin liegt eine uns allen willkommene Chance
damit unser Volk sie aber auch wahrnehmen kann, muß die Bundesregierung weiterhin darum bemüht sein, jene akuten Probleme zu
beseitigen, die sich aus einer Umstellung der Wirtschaft von
Krieg und Inflation auf Frieden und stabile Währungsverhältnisse
ergeben.
Unser wirtschaftliches Ziel ist eine Erhöhung des Nationaleinkommens, an der alle, die einen Beitrag zu dieser Steigerung
leisten, in gleicher Weise teilhaben sollen} der sichtbare
Ausdruck hierfür soll ein Dollar mit stabiler Kaufkraft sein.
Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, dann müssen die dynamischen Kräfte unserer Wirtschaft voll zum Zuge kommen können.
Entsprechend müssen die Regierungspläne so angelegt sein, daß
sie der Aufrechterhaltung einer angemessenen wirtschaftlichen
Stabilität in Zeiten einer Wirtschaftsumstellung und einer auf
lange Sicht bemessenen Ausweitung der Wirtschaft förderlich sind.
Wir müssen die uns vom Kongreß in seinem Gesetz zur Sicherung
der arbeitenden Bevölkerung in Zeiten wirtschaftlicher Krisen
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Krisen (Employment Act) übertragene Aufgabe, "einen Höchststand
der Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft auf eine Weise zu erzielen, daß der freie Wettbewerb und der allgemeine Wohlstand gefördert werden," stets vor Augen haben. Dieser Bericht umreißt
all jene Maßnahmen, die die Bundesregierung im Hinblick auf diese
Ziele zu ergreifen gedenkt.
Wirtschaftlicher Fortschritt ist wichtig
Ein starkes und kontinuerliches Wachstum der Wirtschaft ist
für den Wohlstand, wenn nicht sogar für die weitere Existenz der
Vereinigten Staaten und der Länder der freien Welt notwendig. Die
USA bringen gegenwärtig - und diese Politik wird noch einige Zeit
weitergeführt werden müssen - ihre Sicherheitsstreitkräfte auf
einen Stand der ausreicht, einen eventuellen Angreifer abzuschrekken und es erlaubt,gegebenenfalls zurückzuschlagen. Diese Bemühungen um die Verbesserung unserer Sicherheit und die damit gleichlaufenden Anstrengungen, das Verteidigungspotential und den Lebensstandard unserer Verbündeten zu erhöhen, hängen ebenso sehr von
dem Produktionsstand unserer Industrie ab wie die Führung eines
Krieges selbst. Inwieweit wir bei diesen Bemühungen Erfolg haben
werden, ist zu einem guten Teil eine Frage der Steigerung unserer
Produktion.
Eine progressive Entwicklung unserer Wirtschaft bedeutet nicht
nur größere Sicherheit. Eine Erhöhung des Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars macht es uns möglich, Maßnahmen
zu ergreifen, um einen angemessenen Lebensstandard zu sichern. Der
Lebensstandard Amerikas ist heute im Durchschnitt höher und die
Eigentumsstreuung größer als je zuvor. Der Konsum bestimmter Gruppen liegt jedoch weit unter dem Durchschnitt. Die Sicherung eines
angemessenen Lebensstandards ist ein Ziel, das sich noch zu Lebenszeiten vieler von uns verwirklichen läßt, wenn die Wirtschaft
sich weiterhin stark ausdehnt.
Die Aussicht auf einen sich kontinuierlich erhöhenden Lebensstandard ist darüber hinaus die beste Garantie dafür, daß sich
wirtschaftliche und sozaa le Umschichtungsprozesse ohne Schwierigkeiten vollziehen. Es kann in einem Staat keine dauernde und echte Gemeinschaft geben, wenn die miteinander im Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes oder schrumpfendes
Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen suchen. Bei einer
allgemeinen Aufbesserung der Einkommen lassen sich Interessen, die
miteinander im Wettstreit liegen, eher in Einklang bringen und
jedermanns Bemühungen ungehindert in den Dienst für die Gesamtheit
stellen.
Aus allen diesen Gründen ergibt sich für die Bundesregierung
die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Förderung der Wirtschaft zu treffen. Um diese jedoch wirksam gestalten zu können, darf man nie die
Voraussetzungen für eine hohe Ausweitungsquote in unserem Lande
und zu unserer Zeit überhaupt aus dem Auge verlieren.
Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Es gibt natürlich keine Formel, die eine günstige wirtschaftliche Entwicklung garantieren könnte. Fortschritt ist zu einem
guten Teil ein Produkt aus der Kultur - oder der Lebensart, wenn
man so will - eines Volkes, zu der auch solche schwer definierbaren und geistigen Werte wie religiöse Ideale, der Glaube an
die Würde des Menschen, die Überzeugung, der Mensch könne durch
eigenes Streben zu einer sittlich höheren Stufe gelangen, der
Wille zur Zusammenarbeit und die Bereitschaft gehören, sich veränderten Verhältnissen anzupassen. Eine durchdachte Politik der
öffentlichen Hand kann dem Fortschritt dienen, geradeso wie eine
kurzsichtige oder verantwortungslose Politik ihm hinderlich sein
kann. Allem voran aber sollte die Politik der öffentlichen Hand
anerkennen, daß das geistige Klima, in dem die Menschen ihrer
Tage Mühen nachgehen, ebenso wichtig für eine progressive Entwicklung ist, wie die körperlichen Kräfte, die sie dabei aufwenden.
Freiheit für den einzelnen
Unsere Geschichte beweist immer und immer wieder, daß eine
Welt, in der der Mensch innerhalb weit gezogener Grenzen seinen
Interessen nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen nachgehen kann, eine der fundamentalen Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt ist. Die amerikanische Lebensform ist
Ausdruck wirtschaftlicher und politischer Freiheit sowie der
Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden. Seit eh und je waren
die Bemühungen unserer Bundesregierung darauf gerichtet, eine
Demokratie zu schaffen und zu erhalten, in der jeder die Freiheit
und besonders das Recht hat zu arbeiten, sein Geld nach eigenem
Gutdünken auszugeben, zu sparen und zu investieren, und die auch
den nötigen Anreiz dafür bietet, daß jeder im vollsten Sinne von
diesen Chancen Gebrauch macht.
Diese Auffassung von der Rolle, die die Bundesregisrung im
öffentlichen Leben spielen sollte, hat sich durch die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte nicht geändert. Infolge Zweier
Weltkriege und einer weltweiten Depression sind der Bundesregierung immer mehr Aufgaben zugefallen^ aber diese Tatsache rechtfertigt nicht die vielverbreitete Ansicht, daß die Bundesregierung
künftighin noch mehr Aufgaben übernehmen müsse.
Es darf aber nicht vergessen werden, daß unser modernes Leben und die ungeklärte Weltsituation eine viel aktivere Beteiligung der Regierung und eine weit höhere Besteuerung erfordern,
als dies frühere Generationen für angebracht hielten. Gerade
deshalb muß die Regierung große Sorgfalt in der Formulierung ihrer Politik walten lassen, um die Initiative der Wirtschaftskräfte zu stärken, statt sie zu dämpfen oder gar zu unterbinden,
wie es schon so oft in der Weltgeschichte geschehen ist. Es müssen vernünftige Sicherheiten dafür geschaffen werden, daß Mühen
auch gebührend belohnt werden. Der Lohnempfänger muß wissen,
daß größere Anstrengungen, mehr fachliches Können und eine Erweiterung seiner beruflichen Fähigkeiten ihm auch mehr Lohn einbringen. Der Sparer muß sicher gehen, daß er aus dem Geld, das
er in den Wirtschaftsprozeß fließen läßt, auch einen angemessenen Gewinn ziehen kann. Ebenso muß der risikotragende Geldgeber
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3- Februar

1954

Geldgeber eine Gewißheit dafür haben, daß ein erfolgreiches Wagnis auch den entsprechenden Profit einbringt. In einer Gesellschaft, die diese Sicherheiten nicht zu geben vermag, werden Forderungen nach größeren Leistungen gegenstandslos, die Kapitalbildung geht nicht rasch genug voran und es besteht die Möglichkeit, daß die Wirtschaft stagniert.
Offene Märkte und wirksame Konkurrenz sind die Mittel, in
einem System des privaten Unternehmertums Anstrengungen um eine
Erhöhung der Produktivität so zu lenken, daß auch sozialen Zwecken
gedient wird. Die Märkte müssen von Beschränkungen frei bleiben,
die den Neuling gegen eingeführte Firmen oder Erzeugnisse nicht
aufkommen lassen. Offene Märkte bieten dem Neuling die Möglichkeit, sich emporzuarbeiten. Der Wettbewerb muß seine traditionellen Funktionen beibehalten, zu regulieren und neuen Auftrieb zu
geben, unsere wirtschaftlichen Hilfsquellen so zu lenken, daß
den Bedürfnissen oder dem Geschmack des Verbrauchers am besten
entsprochen wird. Diese Rolle der wettbewerbsfähigen Märkte ist
ebenso eine Voraussetzung für das Funktionieren unserer Wirtschaft,
wie auf politischem Gebiet die geheime Wahl für unsere Demokratie.
Die Regierung trägt hierbei eine äußerst wichtige Verantwortung,
die durch die gewaltigen Kapitalansammlungen von Großbetrieben
und großen Arbeiterorganisationen noch immens kompliziert wird.
Aber es ist auch klar, daß die Größe allein einen wirksamen
Wettbewerb nicht ausschließt. Die Fälle häufen sich immer mehr,
wo der Wettbewerb zwischen großen Firmen mit ähnlichen Erzeugnissen dazu führt, daß man sich ständig um eine Verbesserung der
Qualität der Produkte und um eine Senkung der Gestehungskosten
bemüht und damit den technischen Fortschritt beschleunigt und
nicht selten dem Verbraucher billigere Waren anbieten kann.
Dennoch muß die Regierung gegenüber den Gefahren der Monopolwirtschaft ständig wachsam bleiben und, über die Anti-Trust-Gesetze, jedem Überhandnehmen monopolistischer Kräfte Schach bieten.
Sie muß ständig darüber wachen, daß der Wettbewerb erhalten und
gefördert wird.
Eine weitere Voraussetzung für den wirtschaftlichen Fortschritt
innerhalb unserer Gesellschaft ist ein ausreichendes Vorhandensein von Spargeldern, denn davon hängt die Bildung echten Kapitals
ab. Es ist wesentlich, daß die Wirtschaftspolitik zum Sparen ermutigt. In einer dynamischen Wirtschaft ist kein Raum für die
Furcht um das Sparkapital. Zur Förderung der Spartätigkeit und
damit auch zur Kapitalbildung vermag die Regierung wohl keinen
größeren Beitrag zu leisten als Sicherheiten dafür zu bieten,
daß ein heute gesparter Dollar nicht morgen durch Inflation oder
Preiserhöhungen verloren ist.
Ebenso erforderlich ist die Verfügbarkeit von Kapital, das
der Ausweitung von Produktion und Handel Schritt hält. Diese
wachsende Kapitalbildung ist notwendig, um es nicht zu einem deflatorischen Druck kommen zu lassen, um Geld- und Warenwert innerhalb gesunder Beziehungen zu halten und die Stabilität der Kaufkraft
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3« Februar 1954

Kaufkraft des Dollar zu gewährleisten«
Vom Standpunkt unserer Gesellschaft aus gesehen, gehen Ersparnisse aber verloren, wenn sie nicht produktiv angelegt werden. Dies bedeutet, daß die Wirtschaft ein leistungsfähiges,
wettbewerbsförderndes Finanzsystem besitzen muß, das in der
läge ist, Gelder - sowohl Risiko-Kapital als auch Kredite - so
zu lenken, daß sie nach menschlichem Ermessen am produktivsten
arbeiten.
Eine Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt ist
die ständige Erweiterung der wissenschaftlichen und technischen
Erkenntnisse. Aus solchem Wissen ergeben sich neue Möglichkeiten
zur Investition und zum Aufbau neuer Industrien, die auf der Entwicklung neuer Materialien und Produkte, ergiebigeren Verfahren
und der Verbesserung älterer Warentypen basieren. Wissenschaftliche Forschung und Fortentwicklung haben zu einer schier endlosen Liste neuer Industrien und Produkte geführt, darunter Atomenergie, radioaktive Isotope, Elektronik, Hubschrauber, Düsenmotoren, Titan, Hitzebeständige Materialien, Plastikmassen Chemiefasern, Mittel zur Bodenaufbereitung, Hybridensaatgut und unzählige andere. Im Jahr 1953 betrugen die Aufwendungen der Industrie,
der Institute, der gemeinnützigen Stiftungen und der Regierung
für die wissenschaftliche Forschung und Weiterentwicklung insgesamt etwa 4 Milliarden Dollar. Eine auf Fortschritt bedachte
Politik erfordert, daß dieser Trend kräftig gefördert wird.
Eine Wirtschaft des freien Wettbewerbs, die dem einzelnen
die Initiative überläßt und die Entwicklung technischer Neuerungen
begünstigt, kann natürlich nicht absolut stabil bleiben. Es ist
unvermeidlich, daß der wirtschaftliche Fortschritt Schwankungen
unterworfen ist. Selbst wenn die Wirtschaft als Ganzes eine Aufwärtsentwicklung verzeichnet, kommen manche Industrien rascher
voran als andere, und einige müssen vielleicht sogar Rückschläge
hinnehmen. Diese Tatsache ist für die Wirtschaftspolitik des
Staates deshalb wichtig, weil sie die Notwendigkeit für Beweglichkeit und Elastizität in dem Wirtschaftssystem aufzeigt.
Die erstrebenswerte Stabilität des allgemeinen Preisniveaus
darf nicht so interpretiert werden, als ob die Preise für die
einzelnen Güter konstant bleiben müßten. Im Gegenteil, für den
wirtschaftlichen Fortschritt ist es sogar notwendig, daß die
Einzelpreise variieren, so daß die Rohstoffe und Wirtschaftsreserven aus jenen Sparten, in denen sie der Arbeiterschaft, den
Unternehmern und dem Kapital wenig einbringen, solchen zugeleitet
werden, wo der Ertrag entsprechend hoch ist. Industrien, die von
den Fortschritten der Technik oder durch Konsumverlagerungen profitieren, bieten neue Beschäftigungsmöglichkeiten, während andere,
für deren Produkte keine große Nachfrage mehr besteht, auch weniger
Arbeitsplätze zu besetzen haben. Die Aufgabe der Regierung besteht
nun nicht darin, eine Angleichung an veränderte Verhältnisse
zu verhindern, sondern vielmehr in der Forderung,darin eine allgemeine Lage zu schaffen, in der die Angleichung mit einem Minimum
an Härten oder Schwierigkeiten vor sich gehen kann.
Die

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3. Februar 1954

Die wichtigste Voraussetzung für eine tatsächliche wirtschaftliche Angleichung ist eine gewisse Stabilität des Beschäftigtenstandes und der Einkommenhöhe. Ein zeitweiliges Absinken der industriellen Produktion war für den gesamten wirtschaftlichen Fortschritt kein unüberwindliches Hindernis, solange eine große und kräftig sich entwickelnde Landwirtschaft die
Arbeitslosen vorübergehend aufnehmen könnte. Doch stellt die
Landwirtschaft heute nur einen verhältnismäßig kleinen Teil im
Wirtschaftsgefüge dar und ist auf Grund ihrer stärkeren "Industrialisierung" ebenfalls den Schwankungen im Wirtschaftsleben
unterworfen. Infolge der katastrophalen Krise der dreißiger
Jahre rufen heute bereits kleine wirtschaftliche Rückschläge,
die frühere Generationen überhaupt nicht beachtet hätten, Unruhe und Besorgnis im Einzelhandel und bei den Konsumenten hervor. Solange die Regierung nicht darauf vorbereitet und willens
ist, ihre großen Vollmachten zur Aufrechterhaltung des Beschäftigtenstandes und der Kaufkraft einzusetzen, kann selbst eine geringfügige Umschichtung innerhalb der Wirtschaft schon eine
Lohn- und Preisspirale auslösen. Daher haben auch beide Parteien im Kongreß in weiser Erkenntnis deje in unserem Zeitalter gegebenen Umstände, der Furcht vor Wirtschaftsschwankungen und
der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die dem
amerikanischen Volke aus einer Wirtschaftskrise erwachsen würden,
den "Employment Act 1946" gebilligt, durch den die Bundesregierung gehalten ist, kraft ihrer Vollmachten dazu beizutragen,
daß die Wirtschaft einen graden Kurs steuert.
Eine weitere Vorbedingung für den wirtschaftlichen Fortschritt in der heutigen Zeit ist die Gewährleistung der sozialen
Sicherheit und es ist Pflicht einer Regierung, dazu beizutragen,
diese Sicherheit zu schaffen. In einer dynamischen, hochentwickelten Volkswirtschaft ist der einzelne zahlreichen Wechselfällen ausgesetzt. Heute verfügen wir nicht mehr über freien
ungenutzten Boden im Westen der Staaten, wo alle, die eine neue
Existenz aufbauen wollen sich ansiedeln könnten. Die Zunahme
der privaten Alters- und Krankenversicherungen sowie der SozialversicherungspiDgramme in den letzten Jahren hat die wirtschaftlichen Wachstumskräfte gestärkt, da diese Einrichtungen den
einzelnen von den Sorgen bei Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Alter befreien. Daher ist ein weiterer Ausbau der
Sozialversicherungsprogramme äußerst wünschenswert. Doch darf
man dabei nicht übersehen, daß auch der einzelne, soweit er
dazu in der Lage ist, für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist, und daß die Regierung am meisten zum Wohle des einzelnen beizutragen vermag, wenn sie die allgemeine Produktivität steigert.
Schließlich muß man sich darüber klar sein, daß der wirtschaftliche Fortschritt in unserem Lande eng mit dem Fortschritt
der übrigen Welt verknüpft ist, denn die wechselseitige Abhängigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist nicht geringer als auf
politischen. Genau so wie Amerika nicht vor Angriffen sicher
ist, solange andere freie Nationen von einer Aggression bedroht
werden, kann es auch keine großen Fortschritte machen, wenn die
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die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern stagniert
oder schrumpft. In jedem Programm zur Wirtschaftsförderung in
Amerika muß daher beachtet werden, daß die wirtschaftlichen
Bande, die Amerika mit der übrigen Welt verbinden, vermehrt und
gefestigt werden. Ein stärkerer Güter- und Kapitalaustausch
unter den Nationen würde die wirtschaftliche Entwicklung in der
ganzen Welt fördern.
Dies sind also die Vorbedingungen für einen wirtschaftlichen
Fortschritt in unserem Land und in unserer Zeit. Um die Entwicklung
im eigenen Lande so weit wie möglich voranzutreiben, muß die Regierung den wirtschaftlichen Wettbewerb fördern, den Wirtschaftskräften einen Anreiz geben und die wissenschaftliche und technische Forschung unterstützen. Sie muß ihre weitreichenden Vollmachten benutzen, um die Stabilität der Kaufkraft zu erhalten,
den Beschäftigtenstand hoch zu halten und dem einzelnen materielle Sicherheit zu bieten. Es genügt nicht, daß sie sich zur Lösung der Probleme auf dem Gebiet des internationalen Handels
und der Währungspolitik mit anderen Nationen verbindet, aie muß
auch gewappnet sein, dabei die Führung zu übernehmen.
Um systematisch an die Lösung dieser schwierigen Aufgaben
heranzugehen, wurden im vergangenen Jahre Vorkehrungen zu einer
Überprüfung der von der Bundesregierung für die Entwicklung und
Stabilisierung der Wirtschaft ergriffenen Maßnahmen getroffen.
Der Wirtschaftsrat des Präsidenten wurde umgebildet. Lie Regierung veranlaßte besondere Untersuchungen der Probleme in der
Landwirtschaft, im Wohnungsbau, in der Außenhandelspolitik sowie
der Beziehungen zwischen def Bundesregierung, den Regierungen
der Einzelstaaten und den Gemeindeverwaltungen. Darüber hinaus
wurden alle Ministerien und Dienststellen der Regierung angewiesen, beim Studium der in ihrem Bereich auftauchenden Fragen
stets das eigentliche Ziel einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung im Auge zu behalten. Einige der Vorschläge, die
dieser Entwicklung dienen sollen, sind im vorliegenden Bericht
niedergelegt. Aber ehe wir auf die Empfehlungen, welche Politik
einzuschlagen ist, eingehen, ist es angebracht, die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahr zu überprüfen, sich die
Maßnahmen der Regierung in diesem Zusammenhang zu vergegenwärtigen und die derzeitige Lage unserer Volkswirtschaft und ihre
weiteren Aussichten einer Analyse zu unterziehen

Kapitel 5
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Im Eingangskapitel dieses Berichtes wurde die Notwendigkeit für eine Wirtschaftsausweitung betont und in großen Umrissen die Rolle aufgezeigt, die die Regierung bei der Schaffung
der Voraussetzungen für eine solche Entwicklung spielen kann.
Anschließend wurde ein Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung im Jahre 1953 einschließlich des Kurses der Wirtschaftspolitik gegeben, der von der Regierung eingeschlagen wurde, sp- 11

�"AMERIKA DIENST" - MRTSCHAFT UNL ARBEIT

3. Februar 1954

sowie eine Beurteilung der gegenwärtigen Wirtschaftslage. Daraus
ergibt sich die Folgerung, daß unsere Wirtschaft im Wesen gesund
ist, die gegenwärtige wirtschaftliche Umstellung vermutlich nur
von kurzer Lauer sein wird und mit einer automatischen Normalisierung gerechnet werden darf; es besteht jedoch kein Anlaß zur
Selbstzufriedenheit.
Gemessen an jedem historischen Standard steht unsere Wirtschaft heute in einer unwahrscheinlichen Blüte. Die Beschäftigungsziffer ist hoch, die Preise sind stabil und die Löhne und
Kapitalerträge im allgemeinen zufriedenstellend. Ler Verbrauch
ist weiterhin hoch. Investitionen für die Erstellung von
Wohnungen und Industrieanlagen sowie für Kapitalgüter halten
sich im allgemeinen auf dein bisher sehr hohen Stand. Las gleiche
gilt von den Ausgaben der öffentlichen Hand, wobei die Ausgaben
der Bundesstaaten und der Gemeinden zum Großteil die rückläufigen Bundesausgaben ausgeglichen haben. Und wenn auch seit Mitte
des vorigen Jahres die Gesamtproduktion sowie die Zahl der Beschäftigten etwas zurückgegangen ist, was in verschiedenen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte, hat die Wirtschaft als Ganzes den Übergang von eiöer durch die politischen Umstände bedingten Hochkonjunktur auf den normalen Stand einer Friedenswirtschaft vollzogen.
Es würde jedoch unklug sein, sich angesichts einer Wirtschaft,
die sich in Bewegung befindet, von Augenblickseindrücken bestimmen zu lassen. Lie amerikanische Regierung ist sich dessen
bewußt, daß es von lebenswichtiger Bedeutung ist, ob die GesamtArbeitslosenziffer von drei Prozent durch ein Ansteigen oder
Absinken erreicht wurde und ob der Prozentsatz des Steigens oder
Sinkens hoch oder niedrig ist. Zwar ist der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den vergangenen sechs Monaten nur gering gewesen und beschränkte sich großenteils auf eine Verringerung
der Ausgaben der Wirtschaft zur Ergänzung der Warenlager, es
ist jedoch keine Garantie gegeben, daß die Abwärtsbewegung sich
nicht auf andere Ausgabengebiete ausdehnen wird* Wenn wir sicher
sein könnten, daß der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität,
wie er sich jetzt abzeichnet, nur auf eine Angleichung der Warenbestände zurückzuführen ist, brauchte die Regierung in dem
Bewußtsein, daß die bereits unternommenen Maßnahmen genügen,
nicht zu intervenieren. Es gibt in diesen Lingen jedoch keine
Gewißheit. Lie Vorsicht und der Wunsch, die Wirtschaft zu stärken,
verlangen, daß die Regierung sowohl eine sofortige Balebunfe als
äanja Bin*' Jangftistige Wirtschaftsexpansion ins Auge faßt»
Auf zweierlei Weise können wir in diesem Jahr den Aufbau
einer stärkeren Wirtschaft durchführen.
Wir sollten zum Schutz und zur Förderung der Stabilität unserer Wirtschaft folgende kühnen Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung; Erweiterung des Personenkreises und d e r
Leistungen der Alters- und Hinterbliebenenfürsorge; Gewährung
der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeiten eines Geschäftsjahres
auf Gewinne der Vorjahre;
Gewährung

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Gewährung umfassender Ermessens-Befugnisse an die Exekutive, um
dieser innerhalb gewisser Grenzen und im Einklang mit den jeweiligen Umständen die Möglichkeit zur Variierung der Bedingungen
für die Gewährung von durch die Regierung gedeckten Anleihen und
Hypotheken zu geben; Bereitstellung von Zweithypotheken; und bessere Planung der Programme für öffentliche Arbeiten.
Gleichzeitig sollten wir Schritte unternehmen, um die Expansionskraft der privaten Unternehmen auszunutzen - und zwar durch
eine Revision der Steuergesetze, um einen Anreiz zu bieten und
gewisse Hemmnisse für die Unternehmen,vor allem für die kleineren
Geschäftsleute zu beseitigen; durch bessere Kreditmöglichkeiten
für den Wohnungsbau und die Renovierung sowie Städteplanung; durch
Ausbau des Straßensystems und durch Angleichung der Landwirtschaft
an die gegenwärtigen Bedingungen des Marktes und der Technik.
Diese Maßnahmen zur Stärkung unserer Wirtschaft stellen zusammengenommen ein zur Durchführung geeignetes Sofortprogramm
dar. Es ist kein Programm von Notmaßnahmen der Legislative, da
die gegenwärtige Lage ein solches durchaus nicht verlangt. Stattdessen ist es ein Programm zur Förderung des wirtschaftlichen
Wachstums und der Ausschaltung jeder Gefährdung der Wirtschaft
in der Zukunft. Das Programm wird wesentlich dazu beitragen, die
Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt zu leisten,
wie er am Anfang dieses Berichtes aufgezeigt wurde.
Die nachfolgenden Ausführungen behandeln mehr ins Detail gehende Punkte des Wirtschaftsprogramms der Regierung.
Kapitel 6
Reform des Steuersystems
... Es ist daher an der Zeit, das System der Bundessteuern
den Interessen einer dynamischen und expansiven Wirtschaft ohne
inflationistische Tendenzen anzupassen. Das Steuersystem des Bundes kann und sollte geändert werden, um die Lasten auf die Steuerzahler gleichmäßiger zu verteilen; der Wirtschaft neue Anreize
zur Expansion zu geben und das Steuersystem zu einem wirksameren
Stabilisierungs-Faktor zu machen. Die Gelegenheit zu einer Reform
des Steuersystems sollte unverzüglich ergriffen werden, auch dann,
wenn allgemeine Steuersenkungen verschoben werden müssen. Unter
den vordringlichsten Zielen der Steuerreform sind diejenigen zu
nennen, die in stärkerem Maße die Interessen der Verbraucher berücksichtigen und einen größeren Anreiz zur höheren Leistung bieten, die Investitionstätigkeit fördern, den Arbeitsmarkt beleben
und tüchtigen Betriebsführern stärkere Anreize bieten, und die
das Steuersystem in seiner Anwendung zu einem stärkeren Faktor
der Stabilisierung machen. Diese Ziele lassen sich nicht auf
schnellem Wege erreichen; der Trend einer solchen Reform zeichnet
sich jedoch in ihren großen Umrissen klar ab. ...
... Eine Reihe weiterer steuerlicher Maßnahmen sollte bereits
jetzt in Angriff genommen werden, um die Kräfte für eine Expansion
des Arbeitsmarktes und der Produktion zu stärken. Diese Maßnahmen,
die die Staatseinnahmen zwar zunächst verringern würden, schaffen
jedoch die Grundlagen für ein steigendes Steuereinkommen in der
Zukunft;dieser ist die automatische Folge der von ihnen angeregten
Wirtschaftsausweitung.
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Der Zeitraum, in dem die Einzelunternehmen und Kapitalgesellschaften ihre geschäftlichen Nettoverluste steuermäßig aufrechnen
dürfen, sollte von zwei auf drei Jahre ausgedehnt werden...
Die Beseitigung der Doppelbesteuerung von Dividenden sollte
in Angriff genommen werden, indem man den Besitzern von Aktien
gestattet, einen Teil der von den Gesellschaften bereits entrichteten Steuern bei ihrer eigenen Einkommensteuer geltend zu
machen...
Die Abschreibungen sollten großzügiger gehandhabt werden...
Klare Bestimmungen über die steuerliche Behandlung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sollten erlassen werden...
Die Kapitalbildung aus Geschäftsgewinnen, die für die Betriebsausweitung benötigt werden, sollte steuerlich nicht benachteiligt werden...
Wege zu einer künftigen Reform
... Mit den im vorliegenden Bericht empfohlenen Sondermaßnahmen sind die Möglichkeiten, wie unser nationales Steuersystem
einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung besser dienen könne,
noch nicht erschöpft. Sie stellen lediglich die ersten Schritte
auf dem Wege zu Reformen dar, die in den kommenden Jahren folgen
sollten. Die gesamte Struktur des nationalen Steuersystems bedarf
einer neuen, gründlichen Überprüfung unter dem Gesichtspunkt
seiner künftigen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Stabilität der ganzen Wirtschaft ...
... Ein gutes, auf dem Grundsatz des freien Wettbewerbs beruhendes Steuersystem, das eine Förderung der produktivsten Wirtschaftszweige ermöglicht, ist die erste Voraussetzung für einen
wirtschaftlichen Fortschritt. Die Ausweitung der Produktion, des
Beschäftigtenstandes und der Märkte in einer Geldwirtschaft hängt
in jeder Phase davon ab, daß Kredite und Kapital in dem erforderlichen Ausmaß zur Verfügung stehen. Diese Mittel müssen zu
wirtschaftlich tragbaren und vernünftigen Bedingungen und in einer
Art und Weise bereitgestellt werden, die den jeweiligen wirtschaftlichen Erfordernissen gerecht wird.
In einer freien Gesellschaft
ist es Aufgabe der Regierung, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem private Finanzinstitute diese Funktionen zufriedenstellend
erfüllen können.
....
Kapitel 10; Planung öffentlicher Arbeiten
Voraussetzung für eine starke Wirtschaft ist, daß der Bodenkonservierung und einer sparsamen Wasserwirtschaft entsprechend
Beachtung geschenkt wird. Nicht weniger wichtig ist es, Schulen
und Wohlfahrtseinrichtungen, Autostraßen und Flughäfen, Binnenschiffahrtswege und Häfen, Parks, Sportplätze, Grünanlagen und
andere unentbehrliche öffentliche Institutionen in dem Maße auszubauen und zu verbessern, wie es steigende Einkommen verlangen.
Ja, wenn wir es unterlassen, das Gemeingut zu mehren, dann könnte
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könnte dies eines Tages das Anwachsen des privaten Wohlstandes
beeinträchtigen ähnlich der Entwicklung, die sich bei unserem unzulänglichen Straßennetz, das den Erfordernissen der 55 Millionen
Kraftfahrzeuge nicht mehr genügt, bereits abzuzeichnen beginnt.
Eine aufstrebende Wirtschaft macht die Durchführung immer
neuer Bauvorhaben und technischer Projekte erforderlich, die nicht
Sache der Privatwirtschaft sind. Diesen Bedürfnissen -.z.B. dem
Bedarf an Schulen - sollte jeweils sofort entsprochen werden.
Natürlich läßt sich eine gewisse Anzahl öffentlicher Vorhaben
mehr oder weniger lange hinausschieben.
Unsere öffentlichen Vorhaben sollten so geplant und durchgeführt werden, daß sie zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen,
indem sie in Zeiten schleppenden Geschäftsganges vorangetrieben,
in Zeiten der Konjunktur hingegen etwas gestoppt werden. In gewissen Grenzen lassen sich die Ausgaben für öffentliche Vorhaben
zeitlich so einteilen, daß sie zur Stabilisierung beitragen} dies
wird allerdings nur dann der Fall sein, wenn in gewissem Umfange
technische Unterlagen und Pläne zusammengetragen und fertig gestellt sind, lange bevor die Durchführung solcher Vorhaben akut
wird. Die Bundesregierung, die Regierungen der Einzelstaaten und
die Kommunalverwaltungen haben bereits Entwürfe und detaillierte
Voranschläge für eine große Anzahl öffentlicher Vorhaben fertiggestellt und bereiten zur Zeit weitere Projekte vor. Wenn nötig,
könnten die Anforderungen des Bundes für öffentliche Arbeiten
innerhalb eines Jahres um die Hälfte oder mehr erhöht werden. Die
Anforderungen der Einzelstaaten und der Gemeinden, die gegenwärtig ihren bisher höchsten Stand erreicht haben, ließen sich in
einem ähnlichen Ausmaß erhöhen, sofern auch die technischen Fragen der Finanzierung darauf abgestimmt werden...
Auf dem Wege zu einer freien Weltwirtschaft
... Dank der ihnen innewohnenden Kräfte haben die freien
Institutionen den Belastungen zweier Weltkriege und einer Weltwirtschaftskrise riesigen Ausmaßes standgehalten. Obwohl die
Wirtschaftskontrollen, die auf Grund der oben genannten Ereignisse notwendig geworden sind, ständig zunehmen, ist der Handel
zwischen den Ländern der freien Welt noch immer in überwiegendem
Maße Sache privater Geschäftsleute, aber nicht der Regierungen...
... In Amerika wie im Ausland hat man die Notwendigkeit einer
Liberalisierung des Handels und des Zahlungsverkehrs erkannt. Die
Regierungen haben die Aufgabe, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem der Privathandel seine Transaktionen bei einem Minimum
an Devisenkontrollen oder Handelsrestriktionen ausführen kann.
Gesicherte Prosperität in einer Welt, wie der unseren, wo der
eine auf den anderen angewiesen ist - das ist die Aufgabe aller
freien Nationen, die zusammerarbeiten wollen.
Wir sollten uns nicht mit den bisher erreichten Erfolgen in
bezug auf eine Liberalisierung des Welthandels und des internationalen Zahlungsverkehrs zufrieden geben, sondern uns energisch

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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energisch bemühen, auch die letzten Schranken niederzureißen,
die den freien Welthandel behindern. Dazu gehören u.a. die unvoraussehbaren Entwicklungen, die auf Grund der Sensibilität
fremder Wirtschaften gegenüber allen Schwankungen der amerikanischen Wirtschaft ausgelöst werden. Das in diesem Bericht umrissene Programm zur Aktivierung der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung und zur Festigung der Widerstandskraft gegen deflationistische Tendenzen im Verein mit der festen Entschlossenheit
der Bundesregierung, alle ihre Vollmachten zur Verhinderung künftiger Krisen einzusetzen, sollte nicht nur dem amerikanischen Volk,
sondern auch den anderen Völkern Vertrauen in die Zukunft geben.
Gemeinsam mit anderen Ländern sind die Vereinigten Staaten entschlossen, nach wie vor auf das eine, gemeinsame Ziel hinzuarbeiten - eine kontinuierlich expansive Weltwirtschaft.
Die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft
Eine Politik zur Förderung der Expansion und Stabilität der
Wirtschaft darf sich nicht auf inneramerikanische Angelegenheiten
beschränken, sondern muß sich notwendigerweise auch auf unsere
Beziehungen zu anderen Nationen erstrecken. Eine der grundlegenden Lehren der Geschichte ist, daß zwischen der eigenen Prosperität und der anderer Länder ebenso wie zwischen einer Wirtschaftskrise im eigenen Lande und Wirtschaftskrisen im Auslande Wechselbeziehungen bestehen. Diese engen Bindungen könnten natürlich
durch eine gewisse Autarkie, d.h. durch Maßnahmen gelöst werden,
die geeignet sind, einzelne Nationen und Gebiete zu isolieren
und gegen Wirtschaftsschwankungen im Auslande immun zu machen.
Die Argumente gegen eine solche Politik wiegen jedoch weitaus
schwerer. Die Opfer, die dabei in bezug auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Lebensstandard gebracht werden- müssen,sind
seit langem hinlänglich bekannt und brauchen daher nicht noch
einmal erläutert zu werden. Die stren'gen Kontrollen, die notwendig wären, um eine solche ..Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten,
sind nicht zumutbar. Ebensowenig ist eine -wirtschaftliche Isolierung die Garantie für innere Stabilität. Die schwere Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren wurde noch verschärft durch engstirnig-nationalistische Maßnahmen, mit denen sie bekämpft werden sollte; man führte eine Politik auf Kosten des Nachbarn,die in
einem Land nach dem anderen den Verfall der Währungen, Zollerhöhungen, Einfuhrbeschränkungen und Devisenkontrollen zur Folge
hatte. Flexible Handels- und Kapitalbewegungen, ergänzt durch eine
Politik der Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Zentralbanken,
dürften mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, die Volkswirtschaften zu stabilisieren, ein Polster gegen die Einflüsse
interner Störungen zu bilden und zu verhindern, daß solche Störungen die ganze Welt erfassen.
Wir müssen also auf ein System hinarbeiten, das immer mehr
Möglichkeiten für allseits vorteilhafte Handelsbeziehungen zwischen
den freien Nationen bietet, und das funktionsfähig ist, ohne daß
eine Nation immer wieder Wirtschaftshilfe leisten muß. Weder die
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die Vereinigten Staaten, noch eine andere Nation könnendurch die
eine oder andere Maßnahme ein solches System schaffen. Dazu bedarf es vielmehr einer Vielzahl von Maßnahmen seitens aller N a tionen. Der wichtigste Beitrag, den die Vereinigten Staaten zu
einem alle Teile zufriedenstellenden Welthandel
und internationalen Zahlungsverkehr leisten können, besteht darin, sich eine
kraftvolle gesunde und expansive Wirtschaft zu erhalten.
Abbau der internationalen

Handelsschranken

Damit ist es jedoch nicht getan. Der Welthandel war in den
vergangenen Jahren ständig dadurch bedroht, daß alle wichtigen
Importländer neue Handelsschranken errichten konnten. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, so sind bei anderen Nationen Zwei-,
fei über die Kontinuität unserer Außenhandelspolitik aufgekommen,
die seit Jahren heiß umstritten ist. Zwar haben wir in den vergangenen Jahren energische Maßnahmen zur Senkung der Zölle durchgeführt, wobei wir aber mit vielen Unbekannten rechnen mußten. U n sere Handelspolitik und Zollverwaltung sollten jedoch bei der
übrigen freien Welt das Gefühl der Kontinuität,der Stabilität und
der Weiterentwicklung erwecken.
Diese Politik der Vereinigten Staaten sollte von ähnlichen,
auf Verringerung der staatlichen Einmischung in den freien Güteraustausch und den Kapitalfluß gerichteten Maßnahmen anderer N a tionen begleitet sein und diese erleichtern. Im Rahmen eines solchen Programms sollte mit Priorität an die Abschaffung der bilateralen und diskriminierenden Handels- und Zahlungsmethoden herangegangen werden, die das eigentliche Hindernis für einen internationalen Wettbewerb und eine freie Konvertierbarkeit der Währungen
darstellen. Damit wäre die Basis für eine stetige Entwicklung in
Richtung auf einen generellen Abbau der Handelsschranken geschaffen, gemäß den bestehenden internationalen Abmachungen nicht nur
gemeinsames Ziel ist, sondern bereits in Angriff genommen wurde.
Gleichzeitig sollte auf jede Behinderung des
freien Flusses von
Privatkapital verzichtet werden, damit dieses eine größere Rolle
bei der Entwicklung neuer Rohstoffquellen, der Errichtung neuer
Produktionsanlagen und der Erhöhung des Lebensstandards in der
ganzen freien Welt spielen könnte.
Die Regierung ist gegenwärtig intensiv damit beschäftigt, die
Ergebnisse und Vorschläge des kürzlich fertiggestellten Berichtes
der Kommission für Außenhandelsfragen auszuwerten. Ein auf diesem
Bericht basierendes umfassendes Programm wird dem Kongreß zur B e handlung vorgelegt werden...
Maßnahmen, die im Notfall ergriffen werden müssen
Da Wirtschaftsschwierigkeiten verschiedene Ursachen haben
und häufig ein unterschiedliches Vorgehen für ihre Behebung erfordern, können von verantwortungsbewußten Menschen im voraus keine
spezifischen Verhaltungsmaßregeln für irgendwelche Eventualitäten
gegeben werden. Es gibt jedoch gewisse breitangelegte
Grundsätze, von denen sich die amerikanische Regierung angesichts
der möglicherweise drohenden Gefahr einer Depression leiten läßt.
Diese sollten ganz klar herausgestellt werden.
„ _ + _._,

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Erster und wichtigster Grundsatz ist, Präventivmaßnahmen zu
ergreifen, wie es im vergangenen Jahr geschehen ist und in diesem Bericht auch für das künftige Verhalten empfohlen wird. Der
zweite Grundsatz ist, eine doktrinäre Haltung zu vermeiden,
den Hebel an mehreren Stellen gleichzeitig anzusetzen und zu
gewährleisten, daß die unternommenen Schritte miteinander harmonieren und sich ergänzen. Der dritte Grundsatz ist die Ergreifung von Maßnahmen, die die private Aktivität dadurch fördern,
daß sie den Verbraucher veranlassen, mehr auszugeben, und den
Geschäftsmann, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, so daß der Expansionsprozeß der Wirtschaft mit neuer Kraft weitergeführt
werden kann. Der vierte Grundsatz ist promptes und energisches
Handeln, falls die wirtschaftlichen Gegebenheiten dies erfordere
Die Regierung wird nicht zögern, die Währungspolitik, die
Behandlung der Staatsschuld und die Kreditpolitik stärker zu aktivieren, was auch eine liberalisierte Handhabung der Bundesbürgschaften für private Obligationen, eine Modifizierung des
Steuersystems, oder eine Steuersenkung, oder eine Ausweitung des
Bauprogramms der öffentlichen Hand, oder irgendwelche anderen
eventuell erforderlich werdenden Maßnahmen einschließen kann. Die
Regierung muß und wird bereit sein, mit allen sich etwa ergebenden Fragen fertig zu werden. Ein wesentlicher Faktor in diesem
Gewappnetsein unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist die Erhöhung der Grenze für die Staatsschuld, die schon für eine erfolgreiche Durchführung der gegenwärtigen Regierungsvorhaben erforderlich ist.
Die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und Bereitschaft
seitens der Regierung rechtfertigt jedoch nicht ständige Einmischung oder unaufhörliche Aktivität. Geringe Schwankungen in der
wirtschaftlichen Aktivität treten nicht nur in einem freien Wirtschaftssystem, sondern in jeder Volkswirtschaft auf. Die Regierung wird sich nicht scheuen, auf das Arsenal der stabilisierenden Gegenmittel zurückzugreifen - jedoch nicht häufiger, als
dies zur Sicherung einer gesunden Stabilität erforderlich ist.
Wir werden uns dieser Maßnahmen, die die Fluktuationen der Wirtschaft auf ein Minimum beschränken sollen, nicht
mehr als unbedingt notwendig bedienen, damit wir die wünschenswerten fiskalischen
Ziele wie Senkung der Aufwendungen des Bundes, Senkung der Steuern
und Herbeiführung eines Haushaltausgleiches auch wirklich erreichen können.
Grundlage des Fortschritts
Die Regierung kann in hohem Maße zur Aufrechterhaltung des
V/ohlstandes beitragen. Man tut jedoch gut daran, sich auch der
in Generationen gesammelten Erfahrungen zu erinnern, die uns lehren, daß eine Regierung von sich aus nicht in der Lage ist, eine
echte und dauerhafte Prosperität zu schaffen. Eine blühende Wirtschaft ruht vornehmlich auf den Unternehmungen von Millionen von
Menschen, die für sich, ihre Familie und Gemeinde arbeiten. Das
amerikanische Volk verfügt über berufliches Können, Phantasie,
Unternehmungsgeist und Weitblick. Den besten Dienst, den die Regierung, außer einem Beitrag zur Erhaltung der Stabilität und Sicherung
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Sicherung einer festen wirtschaftlichen Basis für die Bevölkerung,
daher der Wirtschaft leisten kann, ist die Schaffung von Verhältnissen, in denen bereitwillig neue Arbeitsplätze eingerichtet,
neue Produktionsmittel erworben und die alten verbessert oder
außer Dienst gestellt werden, in denen neue Produkte fabriziert
und neue Märkte erschlossen werden, die Leistung allgemein eine
Steigerung erfährt und die es auch erlauben und wünschenswert
machen, höhere löhne zu zahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Bundesregierung fördert jetzt und auch in Zukunft
die Entwicklung solcher Verhältnisse.
Wir haben heute eine stark prosperierende Wirtschaft, mit
einem starken, gesunden Fundament... Der in verhältnismäßig engen
Grenzen gehaltene Umschichtungsprozeß, der sich seit Mitte 1953
vollzieht, ist wahrscheinlich bald beendet, besonders wenn die
Empfehlungen der Regierung angenommen werden. Diesen Empfehlungen
liegt, ebenso wie die Analyse der gegenwärtigen Situation, auf der
sie basieren, die Überzeugung zu gründe, daß der amerikanische
Lebensstandard ebenso wie die Wirtschaft eine stetige Aufwärtsentwicklung erfährt. Die Zuversicht ist wohlbegründet, daß unser
System des freien Unternehmertums, das die Bewunderung aller verdient, auf unabsehbare Zeit die Quelle ständig steigenden und allgemein verbreiteten Wohlstandes sein wird.

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DER RANDALL-BERICHT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einem rund
35 000 Wörter umfassenden Bericht hat am vergangenen Wochenende die vom amerikanischen Präsidenten im August letzten Jahres eingesetzte 17-köppfige Randall-Wirtschaftskommission ihre Ansichten und Empfehlungen hinsichtlich der Ausweitung
des Welthandels und der Stärkung der US-Wirtschaft veröffentlicht." Dieser Bericht, der rein
empfehlenden Charakter hat, soll dem amerikanischen Präsidenten als Richtlinie für die künftige nationale und internationale Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten dienen« Inwieweit
der Präsident die ihm unterbreiteten Empfehlungen für künftige Maßnahmen heranziehen wird,
bleibt abzuwarten, zumal der Bericht nicht die
übereinstimmende Ansicht sämtlicher Ausschußmitglieder widergibt und viele zu verschiedenen Punkten eine andere Stellung bezogen. So stimmten
u.a. die Senatoren Millikin, Hickenlooper, Byrd
und George sowie die Abgeordneten Reed und Simpson den Empfehlungen der Stabilisierung der
Rohstoffpreise nicht zu, während der Gewerkschaftler McDonald und der Bankier Whitney diese Vorschläge als nicht weitgehend genug bezeichneten. Reed und Simpson zeigten sich ferner im allgemeinen nicht mit den Zollempfehlungen einverstanden, wobei sie sowohl den Gehalt
dieser Empfehlungen als auch die Art ihrer Schlußfolgerungen kritisierten. Auch in der Frage des
Ost-West-Handels wichen einige Mitglieder von
der Meinung der Mehrheit ab,
I. Zusammenfassende Übersicht
Als die wichtigsten Voraussetzungen für die Ausweitung des Welthandels in "einem Geiste des gegenseitigen
Vertrauens" bezeichnet der Bericht den Abbau der den
internationalen Güteraustausch behindernden Handelsschranken. Er spricht sich dafür aus, daß die USA ihre
Außenhandelspolitik den anderen Ländern in eindeutiger
Form
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

Form darlegen sollen, um auf diese Weise zur Schaffung einer
"Atmosphäre des Vertrauens" beizutragen»
Im einzelnen tritt der Ausschuß $n seinem Bericht, der für
die amerikanische Regierung in keiner Weise bindend sondern lediglich als Richtlinie für die von Präsident Eisenhower geplante Neuausrichtung der amerikanischen Außenhandelspolitik gedacht
ist, dafür ein, daß die amerikanische Wirtschaftshilfe auf
Schenkungsbasis so schnell wie möglich eingestellt werden soll.
Nach Ansicht des Ausschusses sei eine weitere Hilfe nur gerechtfertigt, wenn diese zur Erhöhung der Sicherheit der Vereinigten
Staaten beitrage. Das von der Regierung durchgeführte Off shoreBeschaffungsprogramm müsse ausschließlich nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten sowie strategischen Erwägungen durchgeführt werden. Auf keinen Fall, so wird in dem Bericht betont, dürfe es
für Zwecke einer allgemeinen Wirtschaftshilfe mißbraucht werden.
In den Fällen, in denen mit den USA befreundete Nationen
um Unterstützung zur Aufrechterhaltung ihrer Verteidigungsstreitkräfte nachsuchen, so wird in dem Bericht betont, sollten - sofern dies für die Sicherheit der USA wichtig ist - Schenkungen
und keine Anleihen gegeben werden. Dagegen sollten, wenn sich im
Interesse der USA eine wesentliche Wirtschaftshilfe als notwendig erweise, für die kein privates Kapital zur Verfügung stehe,
Anleihen und keine Schenkungen gewährt werden.
Der Ausschuß spricht sich weiter für eine Fortsetzung des
technischen Hilfsprogramms (Punkt$4-Programm) aus. Dieses dürfe
kein Programm des "Großkapitals" werden und auch nicht Kapitalinvestitionen einschließen. Die Vereinigten Staaten sollten
darüber hinaus auch weiterhin das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten Nationen sowie das Programm der Organisationen der amerikanischen Staaten unterstützen. Keines der
an diesen Programmen beteiligten Länder dürfe jedoch aus eigenen Mitteln mehr als 60 Prozent zur Finanzierung dieser weltweiten, gemeinnützigen Bemühungen beitragen«
Der Bericht tritt dafür ein, daß die amerikanische Regierung alles in ihren Kräften stehende zur Förderung privater
Auslandsinvestitionen unternehmen soll. Die Förderung der
wirtschaftlichen Erschließung anderer Länder müsse in der
Hauptsache Aufgabe des Privatkapitals bleiben. In diesem
Zusammenhang empfahlt der Bericht, daß die amerikanischen
Körperschaftssteuern auf Gewinne aus Auslandsinvestitionen um
"wenigstens 14 Prozent" gesenkt werden. Privatpersonen solle
es erlaubt werden, die im Ausland für diese Gewinne abgeführten Steuern voll in den USA abzusetzen. Ferner solle dem Garantieprogramm des US-Amtes für $uslandshilfe (FOA) gegen Enteignungsversuche eine weitere Bewährungsfrist gegeben werden.
Der Ausschuß empfiehlt, daß die amerikanische Export-Import-Bank weiterhin Anleihen gewähren soll, die im besonderen
Interesse der Vereinigten Staaten liegen und die den Regeln
einer gesunden Kreditpolitik entsprechen. Zu dem im vergangenen Jahr abgeschlossenen internationalen Weizenabkommen wird
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�"Ai£hRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UMD ARBEIT

27. Januar 1954

wird erklärt, daß die Möglichkeiten dieses Abkommens während
seiner Laufzeit in vollem Umfange zur Lösung der drängenden .
Weizenprobleme ausgenutzt werden müssen.
Der Ausschuß setzt sich weiter für eine möglichst baldige
Beseitigung des starren Preisstützprogramms für die Landwirtschaft ein. Dieses Programm habe lediglich zu fixierten Preisen, zu Subsidien und zur Einführung von Importquoten sowie zu
übertrieben hohen Zöllen geführt. Der Bericht weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die schwankenden Rohstoffpreise
nicht durch Rohstoffabkommen stabilisiert werden können, jedoch
in erster Linie durch Beseitigung der Handelsbeschränkungen.
Die Volkswirtschaften der Länder, die gegenwärtig in zu starkem
Maße von der Erzeugung einiger Produkte lebten, müßten auf eine
breitere Basis gestellt werden.
Der Bericht fordert weiter eine Abänderung des "Buy American
Act" in der Form, daß der Präsident hinsichtlich der Berücksichtigung ausländischer Angebote gewisse Ausnahmen zulassen darf.
Ferner soll die Zollkommission umgehend eine Studie für eine
Vereinfachung der amerikanischen Zollbestimmungen sowie eine
etwaige Änderung der Zollsätze ausarbeiten. Die Vollmachten
des Präsidenten zum Abschluß von Handelsabkommen auf Grund des
Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen sollen mindestens
um weitere drei Jahre verlängert werden. Gleichzeitig soll der
Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zollsätze in jedem dieser drei Jahre um bis zu fünf Prozent zu senken.
Der Bericht tritt für ein Fortbestehen des Exportverbots
nach Rotchina und Nordkorea ein, solange die gegenwärtige Ge-r
fahr für die Sicherheit der freien Welt anhalte. Darüber hinaus
sollten sich die USA auch weiterhin darum bemühen, daß entsprechende Maßnahmen von den übrigen freien Nationen durchgeführt werden. Gleichzeitig sollten die USA ihre Bemühungen, die
Exporte von solchen Gütern nach den europäischen Sowjetblockstaaten zu unterbinden, die zur Stärkung des militärischen Potentials
dieser Länder beitragen könnten, solange fortsetzen, bis ein echter Friede gewährleistet ist. Dagegen sei gegen einen stärkeren
Handel mit "friedlichen" Gütern zwischen Westeuropa und dem
Sowjetblock nichts einzuwenden, soweit dies ohne Gefährdung
der militärischen Sicherheit der USA und unter Beachtung des
Embargos für den Handel mit Rotchina und Nordkorea möglich sei.
Der Ausschuß fordert weiter einen allmählichen und positiven Fortschritt auf dem Wege zur freien Konvertierbarkeit der
Währungen, betont jedoch, daß die Verantwortung für derartige
Maßnahmen bei den betreffenden Ländern selbst liegen müsse.
Die freie Konvertierbarkeit der Währungen sei eine "unerläßliche" Voraussetzung für einen weltweiten, multilateralen Handel wie auch für einen ausgeglichenen Handel auf einem relativ
freien Weltmarkt. In diesem Zusammenhang setzt sich der LBericht dafür ein, daß die 3,3 Milliarden Dollar Gold- und Währungsreserven des internationalen Währungsfonds in stärkerem
Maße für einen "allmählichen und kontrollierten" Versuch in

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in Richtung auf eine etwaige volle Konvertierbarkeit der Währungen eingesetzt werden sollten.

II. Auszüge
Auslandshilfeprogramm
••••• Dieser Bericht will in erster Linie untersuchen,
welche Maßnahmen die Vereinigten Staaten treffen müssen, um
einen Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der Welt zu leisten, - Maßnahmen, die aber auch mit den wirtschaftlichen,
politischen und militärischen Interessen der U.S.A. in Einklang stehen.
Die Kommission wird größte Vorsicht bei ihren
Empfehlungen hinsichtlich jener Programme oder Verpflichtungen walten lassen, die bereits angelaufen oder in die die
Vereinigten Staaten bereits eingetreten sind. Wir haben jedoch zur Kenntnis genommen, daß die im Augenblick verfügbaren 7,3 Milliarden Dollar für laufende Programme und Verpflichtungen im Verlauf mehrerer Jahre verausgabt werden sollen.
Die Kommission unterbreitet für die Planung künftiger Programme auf der Grundlage späterer Bewilligungen folgende
Anmerkungen und Empfehlungen*
Die Kommission empfiehlt, binnen kürzester Frist die
Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen
(Grants) einzustellen. Weitere Hilfe ist nur dann gerechtfertigt, wenn dadurch die Sicherheit de;. Vereinigten Staaten
erhöht wird. Die Sicherheit Amerikas eifordert es, daß wir
uns in unserem eigenen Lande und in allen Teilen der Welt gegen eine Aggression oder Unterwanderun durch die Kommunisten
schützen. Für Zwecke der militärischen "erteidigung werden
gegenwärtig die meisten Aufwendungen gemacht, aber wir müssen
in unserer Sicherheitspolitik viele politische und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen. Die Sicherheit der USA ist
eng mit der der freien Welt verknüpft
Die Vereinigten Staaten unterstützen gegenwärtig
mehrere Länder wirtschaftlich, deren Wirtschaftskapazität nicht
groß genug ist, um die vom Nordatlnntikrat und unserer Regierung zur Abschreckung eines möglichen Aggressors für notwendig
erachteten Anstrengungen durchzuhalten. An dieser Stelle sind
Griechenland, die Türkei, Spanien und Jugoslawien in Europa
und Indochina und Formosa im Fernen Osten zu nennen. Auch
Frankreich wird von den USA weitgehend unterstützt, um es in
die Lage zu versetzen, mit noch größeren Anstrengungen auf einen
erfolgreichen Abschluß der Feindseligkeiten in Indochina hinzuarbeiten. Ferner erhalten Großbritannien, Italien und Berlin
für besondere Zwecke kleinere Beträge. Diese Art der Unterstützung läuft unter der neuen Bezeichnung ,lVerteidigungshilfeM
oder w

A

&lt;=

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oder "Mittel für die gemeinsame Verteidigung". Der genaue
Unterschied zwischen dem, was wirtschaftliche und militärische Hilfe ist, wird durch derartige Termini bis zu einem
Grade verwischt, den die Kommission als unangebracht bezeichnen muß. Obwohl die "Verteidigungshilfe" in erster Linie
dazu dient, ein unerwünschtes Nachlassen in den Verteidigungsanstrengungen zu verhüten, wird sie auch zur Förderung jener
wirtschaftlichen Ziele eingesetzt, die in der Vergangenheit
zur Rechtfertigung einer Wirtschaftshilfe genannt wurden.
Die "Verteidigungshilfe" ist eine Form von wirtschaftlicher
Unterstützung und sollte demnach unter dieser Bezeichnung
laufen.
Ferner erhalten unsere Verbündeten, einschließlich Großbritanniens, eine allgemeine Unterstützung ihrer Wirtschaft
durch die sogenannten "Off shore-Käufe"•
Die Kommission
ist sich wohl bewußt, daß diese Off shore-Käufe vom wirtschaftlichen Standpunkt gewisse Vorteile gegenüber den verlorenen
Zuschüssen haben, die wir im Rahmen des Marshall-Planes verteilten. Wenn man bei cen Off .hore-Aafträgen so verfährt,
daß die Produktionskapazität auf der Grundlage eines gesunden
Wettbewerbes gesteigert wird, dann konnten sie vielleicht einen
Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der europäischen Länder
leisten. Die Off shore-Käufe jedoch lenen rein militärischen
Zwecken. Um dieses Ziel auch wirklich erreichen zu können,
empfiehlt die Kommission Aufträge über die Erzeugung militärischer Ausrüstungsgegenctände im Auslande untei Berücksichtigung des Kostenfaktors, der Lie;erbarkeit und Qualität zu
vergeben, wie dies in Ausführung einer wi ksamen Beschaffungspolitik in den Vereinigten Staaten üblich isü, oder unter Berücksichtigung allgemeiner strategischer Erwägungen hinsichtlich der Art und des Standortes des Erzeugungsbetriebes für
militärische Güter, von dem der Erfolg der gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen abhängt. Das Off shore-Programm sollte nicht als eine Form allgemeiner Wirtschaftshilfe benutzt
werden. Die Kommission empfiehlt weiterhin die Gewährung von
nicht rückzahlbaren Zuwendungen anstelle von Anleihen an jene
Länder, die eine Unterstützung zur Unterhaltung der Streitkräfte oder zur Durchführung gewisser militärischer Operationen benötigen, die einen Einfluß auf unsere eigene Sicherheit
haben und über die wirtschaftlichen Kräfte eines Landes gehen.
In anderen Fällen, wo eine weitgehende wirtschaftliche
Unterstützung im Interesse der Vereinigten Staaten erforderlich ist, aber von privaten oder internationalen Organisationen nicht gewährt werden kann, sollten die U.S.A. Anleihen,
jedoch keine verlorenen Zuschüsse gewähren.
Der von der Kommission gebrauchte Begriff Wirtschaftshilfe
schließt die sogenannte "technische Unterstützung" nicht mit
ein
Die Kommission empfiehlt eine energische Fortführung des
Programms für technische Zusammenarbeit innerhalb der vom Kongreß durch seine Bewilligungen gesetzten Grenzen, sowie unter

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unter der Voraussetzung, daß nur erfolgversprechende Projekte
in Angriff genommen werden und tüchtige Techniker und Verwaltungsfachkräfte vorhanden sind. Es braucht - und sollte auch
nicht - ein "Programm der Riesensrummen" werden und darf keinesfalls Anlagekapitalinvestitionen einschließen.
Die Kommission empfiehlt ferner, die Vereinigten Staaten
mögen das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten
Nationen sowie das Programm der Organisation der Amerikanischen Staaten auch weiterhin unterstützen, da beide einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung des technischen Fachwissens
vieler Nationen leisten und eher den Weg zur Lösung regional
bedingter Probleme sowie der Probleme der abhängigen Territorien ebnen als dies bilaterale Programme tun können.
Die Kommission mißt der Unterstützung des technischen
Hilfsprogramms der Vereinten Rationen besondere Bedeutung zu.
Sie ist hingegen überzeugt, daß icein Land für sich allein über
60 Prozent der gesamten finanziellen Lasten dieses auf einer
weltweiten Zusammenarbeit beruhenden Programmes tragen sollte.
Die Kommission hält eine Ausweitung des Programmes für wünschenswert, jedoch sollte der auf die Vereinigten Staaten entfallende
prozentuale Anteil an der Finanzierung des Programmes reduziert
werden.
Amerikanische Auslandsinvestitionen
Die amerikanischen Investitionen im Ausland haben nicht in
dem Maße zugenommen, wie wir das nach dem zweiten Weltkrieg erwarteten. Es wurde nicht alles getan* um in den Genuß all jener
Vorteile zu gelangen, die ein ausgeweitetes Volumen klug placierter Auslandsinvestitionen hätte bieten :ö nen. ...
Die Bundesregierung kann und muß im Ausland mit diplomatischen Mitteln die Anerkennung und das Verständnis für jene
Prinzipien durchzusetzen versuchen, die allein geeignet sind,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, das einen Anreiz für die
Investition amerikanischen Kapitals bietet. Dies erfordert
eine bessere Zusammenarbeit und Koordinierung der Tätigkeit
der verschiedenen amerikanischen Behörden und Vertreter auf
dem Gebiete der Außenhandelspolitik, ganz besonders aber eine
klare Formulierung der Stellung der Bundesregierung hinsichtlich privater Kapitalanlagen im Ausland mit besonderer Betonung der Unterstützung des Systems der freien Wirtschaft sowie
der Interessen der amerikanischen Kapitalgeber.
Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte auch
weiterhin versuchen, auf vertraglicher Grundlage die Bedingungen für eine faire Behandlung des amerikanischen Auslandskapitals zu sichern. Die Verhandlungen sollten zunächst mit Ländern gleicher Grundansichten aufgenommen und allmählich in dem
Grade auf die anderen Staaten ausgedehnt werden, in dem diese
zu der Überzeugung gelangen, daß eine wohlwollende Einstellung
gegenüber den freien Unternehmern für sie günstige Folgen
haben würde.
_.
Die
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�"AFRIKA LIEHST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

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Die Bundesregierung sollte ferner Unklarheiten in ihrer
Politik beseitigen, die sich in irgendeiner Weise auf die Auslandsinvestitionen auewirken
So ist es beispielsweise ungewiß, inwieweit die Bestimmungen
des amerikanischen Anti-Trust-Gesetzes Anwendung auf eine Tätigkeit im Ausland finden. Die Anti-Trust-Politik sollte dahingehend neu formuliert werden, daß das Recht jedes Staates, den
Handel innerhalb seiner eigenen Grenzen selbst zu regeln, ausdrücklich anerkannt wird. Gleichzeitig sollte es klar gemacht
werden, daß ausländische Gesetze oder etwa übliche Handelspraktiken, durch die Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen
gefördert werden, die Bereitschaft der amerikanischen Wirtschaft
für Auslandsinvestitionen nicht erhöhen und die aus den Investitionen ausländischen Kapitals erwachsenden Vorteile auf ein
Minimum reduzieren werden.
Eine weitere Quelle von Unsicherheit, die die Bereitwilligkeit des Auslands zur Hereinnahme von Privatkapital beeinträchtigt, steht mit dem Finanzgebaren der amerikanischen Regierung
bei der Finanzierung öffentlicher Aufträge in Zusammenhang.
Die US-Regierung sollte klarstellen, daß für die Unterstützung
des Ausbaus der ausländischen Wirtschaft in erster Linie Privatkapital in Anspruch genommen werden muß. Sie sollte darauf
hinweisen, daß die Fonds des amerikanischen Staates zur Bereitstellung öffentlicher Kredite begrenzt und im Verhältnis zu
dem Gesamtbedarf an Investitionsgeldern unzureichend sind; und
daß die öffentliche Kreditvergebung und andere Wege der Finanzierung durch den Staat keinen Ersatz für Investierungen seitens
der privaten Wirtschaft darstellen
Die Kommission empfiehlt, die Körperschaftssteuer auf die
Einkünfte aus Auslands-Investitionen um mindestens 14 Prozent
zu senken .... Sie ersucht den Kongreß, ebenso Maßnahmen - etwa
durch eine Senkung der Sätze, Anrechnung der im Ausland entrichteten Steuerbeträge oder anderes - zur bevorzugten steuerlichen
Behandlung solcher Einzelpersonen zu ergreifen, die im Ausland
Kapital investieren; hierbei können die Maßnahmen als Richtschnur dienen, die für die Behandlung von Investierungen tätigenden Handelsgesellschaften empfohlen worden sind. Falls es überdies in den Vereinigten Staaten zu einer allgemeinen Senkung
der Einzelbesteuerung auf Aktiengewinne kommen sollte, dann
müßten die Steuersenkungen gleichermaßen auf Dividendeneinkünfte
aus dem Ausland angewandt werden. Diese Maßnahmen würden für
amerikanische Staatsangehörige und Kapitalgesellschaften einen
Anreiz bieten, Kapital in ausländischen Privatunternehmen zu
investieren, und sie würden dazu beitragen, den riesigen amerikanischen Effektenmarkt auch für die Möglichkeiten lohnender
Auslands-Investitionen zu interessieren
Die Kommission empfiehlt dem Kongreß die Aufhebung mehrerer
Restriktionen, die es gegenwärtig Personen mit ausländischen
Kapitalsanlagen unmöglich machen, die hierauf im Ausland zu entrichtenden Steuern voll gegen ihre Steuerverpflichtungen im In*-

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Inland aufzurechnen. Die Bereitschaft zur Kapitalinvestierung
im Ausland wird beeinträchtigt, da auf Grund dieser Restriktionen das Gesamteinkommen aus Auslandsinvestierungen höher besteuert wird als aus Inlandsinvestitionen.
Unter dem gegenwärtigen Gesetz kann eine amerikanische
Kapitalgesellschaft, die mindestens 10 Prozent der stimmberechtigten Aktien einer ausländischen Gesellschaft besitzt, auf die
daraus bezogenen Dividendeneinkünfte einen prozentualen Anteil
der Gewinn-Steuern aufrechnen, die das ausländische Unternehmen an den eigenen Staat entrichtet hat. Diese 10-ProzentKlausel sollte gesenkt oder überhaupt abgeschafft werden .....
Ein einzelner Kapitalgeber kann gegenwärtig Auslandssteuern,
die auf sein Einkommen im Ausland direkt erhoben werden, aufrechnen
Diese Gutschrift verfällt jedoch, wenn dieser
amerikanische. Staatsbürger seine Investierung über eiha Kapitalgesellschaft vornimmt; es sollte sichergestellt werden, daß
diese Kapitalgesellschaften nicht nur den Status des individuellen Kapitalgebers erhalten, sondern die Gutschrift auch
auf den einzelnen Aktionär übertragen werden kann
Nach Ansicht der Kommission dürfte die amerikanische Gesetzgebung die Kapitalgeber nicht dafür bestrafen, daß sie eine bestimmte Organisationsform akzeptieren, die ihnen durch die Gesetze oder Geschäftsbedingungen des fremden Landes diktiert
wirdx Um die Möglichkeiten für solche Benachteiligungen einzuschränken, empfiehlt die Kommission, es dem eigenen Ermessen
einer amerikanischen Handelsgesellschaft zu überlassen, bei
der Entrichtung der Steuer das ausländische Unternehmen, in
dem sie direkt Kapital investiert hat, entweder als Filialbetrieb oder als Tochtergesellschaft zu behandeln, ohne Rücksicht
darauf nehmen zu müssen, welche der beiden Organisationsformen
für den Auslandsbetrieb tatsächlich gewählt wurde. Die für
die Steuerberechnung einmal getroffene Wahl sollte jedoch bindend sein, bis das US-Schatzamt sich mit einer Änderung des
Status* einverstanden erklärt
Probleme der Landwirtschaft und der Rohstoffe
Nach Ansicht der Kommission ist es notwendig, unsere Agrarpolitik mit unserer Außenhandelspolitik in Einklang zu bringen,
ohne dabei die vernünftigen Ziele beider aufzugeben.
Der eigentliche Gegensatz besteht an sich nicht zwischen
der Außenhandels- und der Agrarpolitik, und den Methoden, die
bei der Durchführung einer wichtigen Phase unserer Agrarpolitik
angewandt werden. Um es gerade heraus zu sagen, starre Preisstützungsprogramme, welche die Preise auf dem Binnenmarkt über
den Weltmarktpreisen halten, laufen praktisch auf Preisfestsetzungen hinaus und führen zu einer Anhäufung von Überschüssen,
die sonst auf dem Binnen- oder Auslandsmarkt abgesetzt worden
wären. Um solche Programme der festen Preise auch weiter aufrecht zu erhalten, kann es für die Vereinigten Staaten zum
Schutze gegen ausländische Importe notwendig werden, Handelsbet»

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Handelsbeschränkungen der verschiedensten Art, einschließlich
von Einfuhrkontingent'eh-* einzuführen. Um die teuren preisgestützten Überschüsse exportieren zu können, könnte es sich als
notwendig erweisen, den Export zu subventionieren oder Maßnahmen des Dumpings anzuwenden, die im Falle ihrer Anwendung bei
Einfuhren in die Vereinigten Staaten die Anwendung unserer AntiDumping- und Ausgleichszollgesetze zur Folge haben würden. Preisfestsetzungen, besonders im Hinblick auf Waren, die dem internationalen Handelsaustausch unterliegen, sind ihrem Wesen nach unvereinbar mit den Prinzipien des privaten Handels, des freien
Unternehmertums und eines Welthandels-Systems, in dem keine
Nation benachteiligt sein soll
Wenn zu einem System festgesetzter Agrarpreise der zwangsläufig damit verbundene Apparat von Produktionskontingenten,
Einfuhrkontrollen und'Exportsubventionen hinzutritt, wird die
Landwirtschaft ihre Fähigkeit, bei der Ausweitung des internationalen Handels dauernd eine dynamische Rolle zu spielen,
großenteils verlieren. Das würde nicht nur für die Landwirtschaft selbst, sondern auch für unsere gesamte Wirtschaft und
für die Produktionskapazität der freien Welt ein schwerer Verlust sein. Darüber hinaus würden sich die Rückwirkungen auf
die Handelspolitik unserer Freunde und Verbündeten in der freien
Welt sehr nachteilig für alle Beteiligten auswirken
Die Kommission ist der Ansicht, daß eine dynamische Außenhandelspolitik, soweit sie die Landwirtschaft betrifft, nicht
aus einem verwirrenden Knäuel restriktiver Maßnahmen führen
wird, wie starren zu Festpreisen führenden Preisstützungsprogrammen, offenen oder verschleierten Exportsubventionen, Einfuhrkontingentierungen in den USA und im Auslande, Devisenbeschränkungen und Regiebetrieben. Wenn wie eine Außenhandelspolitik haben wollen, die ihren größten Beitrag zur Stärkung
unserer langfristigen'Vorhaben zur Erschließung von Auslandsmärkten unserer Landwirtschaft leisten soll, müssen wir so
schnell wie möglich unsere Politik auf eine Beseitigung derartiger Maßnahmen, als ein Teil oder als Ergänzung unserer eigenen Agrarpolitik,ausrichten
Instabilität der Rohstoffpreise
Die Kommission ist der Ansicht, daß die konstruktiven Beiträge, die die amerikanische Regierung zur Erreichung einer
größeren Stabilität der Weltmarktpreise leisten kann, in folgenden Schritten bestehen:
1) Maßnahmen ergreifen, die auf einen Abbau oder die Beseitigung der für den amerikanischen Außenhandel bestehenden
Hindernisse abzielen und andere Länder zu einer ähnlichen Politik anregen;
2) eine Politik einzuschlagen, durch die jenen Ländern,
die zu sehr von der Produktion einer nur geringen Anzahl von
Gütern abhängig sind, eine Auflockerung ihres Wirtschaftssystems
erleichtert wird; gleichzeitig sollen die Regierungen dieser
Länder zu einer Politik ermutigt werden, die eine Beteiligung aus-

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ausländischer Kapitalgeber an dieser wirtschaftlichen Auflockerung
wahrscheinlich macht;
3) Unterlassung von Maßnahmen, die mit unseren eigenen Programmen zur Produktionskontrolle und Bevorratung in ursächlichem
Zusammenhang stehen und sich unnötigerweise auf die Weltmarktpreise auswirken;
4) mit anderen Nationen einen ständigen Gedankenaustausch
zu pflegen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um bessere Informationen über Angebot und Nachfrage bei Rohstoffen und Lebensmitteln zu erhalten und Mittel und Wege zu finden, Schwankungen nach Möglichkeit auszuschalten;
5) Maßnahmen zu ergreifen, um die Fluktuationen des amerikanischen Marktes, die die Weltmarktpreise stark beeinflussen,
abzufangen.
Nach Sneicht der Kommission sollten Zölle und andere Einfuhrbeschränkungen für Rohstoffe nur nach wirtschaftlichen Überlegungen festgesetzt werden
Zoll- und Handelspolitik
.... Alle mit den Zollsätzen, der Zollpolitik und der Zollverwaltung im Zusammenhang stehenden Fragen fanden weit mehr
das Interesse der Öffentlichkeit als die vielen anderen Probleme, mit denen sich die Kommission zu befassen hatte. Zu den
Zollfragen wurden mündlich und schriftlich weit zahlreichere
Vorschläge an uns herangetragen als zu allen anderen von der
Kommission zu untersuchenden Problemen. Auf keinem anderen Gebiet wurden so eindeutig einander widersprechende, subjektive
Darstellungen von Tatsachen, so unterschiedliche Meinungen und
so entgegengesetzte Empfehlungen zum Ausdruck gebracht*
Die Argumente zugunsten eines freien Außenhandels sind
uns wohlbekannt. Die Feststellung möge hier aber genügen,
daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen für die Vereinigten
Staaten nach Ansicht der Kommission ein völlig liberalisierter
Handel nicht möglich ist. Wenn wir auch eine größere Handelsfreiheit anstreben, so müssen wir doch alle Lenkungsmaßnahmen
in den Vereinigten Staaten selbst und in anderen Ländern berücksichtigen, die die Prämissen geradezu negieren, auf die
sich solche Argumente stützen. Wir müssen bedenken, daß nicht
nur die Vereinigten Staaten gewisse Handelsbeschränkungen in erster Linie in Form von Zöllen und in besonderen Fällen
durch Festsetzung von Einfuhrquoten - aufrechterhalten, sondern
daß dies auch andere Länder tun. Vielmehr bedienen sich andere
Staaten des Quotensystems in weit stärkerem Maße als die U.S.A.
und wenden es sowohl gegenüber anderen Staaten als auch gegenüber uns in weit größerem Umfange an; darüber hinaus gibt es
bei ihnen eine gewisanbewirtschaftung und andere, in den USA
nicht übliche Maßnahmen.
Wie die Erfahrung lehrt, wird die amerikanische Zollpolitik,
vom Psychologischen und vom Wirtschaftlichen her gesehen, von
der Öffentlichkeit sowohl in den Vereinigten Staaten als auch
in anderen Ländern als der entscheidende Faktor schlechthin ge- 10 -

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gewertet. Wir glauben» daß man ihr hier ei» zu starke Bedeutung zumißt» da nicht angenommen werden darf, daß irgendwelche
Maßnahmen seitens der Vereinigten Staaten in Bezug auf Zollverwaltung und Zollpolitik automatisch eine vollständige Lösung
des bereits vorstehend dargelegten Problems der Störung des
Gleichgewichts im Außenhandel bringen können. Jedes diesbezügliche Programm erfordert in den Vereinigten
Staaten wie auch in anderen Ländern entsprechende Maßnahmen auf
breiter Front, wobei diese die Konvertierbarkeit und Investitionstätigkeit einschließen, steh aber nicht auf sie beschränken brauchen« Ebenso wenig darf man annehmen, daß die amerikanischen Zölle sowie die Zollverfahren in erster Linie für
die zahlreichen Hindernisse verantwortlich sind, die dem internationalen Güteraustausch und dem vorteilhaftesten Einsatz von
Kapital und Arbeitskräften entgegenstehen. Es ist auf Grund
des von der Kommission begutachteten Materials klar, daß zwar
zahlreiche amerikanische Zölle hoch und viele unserer Zollverfahren langwierig und schwerfällig sind, daß aber auf der anderen Seite auch viele Zollsätze sehr niedrig liegen und die
Hälfte aller unserer Einfuhren völlig unverzollt nach den Vereinigten Staaten gelangen.
Wir sind uns der Gefahren der Verallgemeinerung bewußt.
Welche Maßstäbe man immer such anlegt, so steht jedenfalls
fest, daß die Vereinigten Staaten nicht mehr zu den Ländern
mit den höchsten Zollsätzen zählen. Im großen und ganzen sind
unsere Handelsrestriktionen nicht mehr und nicht weniger die
Ursache für unausgeglichene Handelsbilanzen als die Lenkungsmaßnahmen anderer Staaten. Andererseits sind die Beschränkungen von Import und Export wahrscheinlich nicht weniger wichtig
als die Kartellbeschränkungen, die nicht vorhandene Freizügigkeit der Arbeiter und der tiefverwurzelte Widerstand gegen
technische Neuerungen im Ausland, mit denen sie in ursächlichem Zusammenhang stehen. Das gleiche gilt für die Starrheit
im amerikanischen Wirtschaftssystem als Folge der Preisstützungsprogramme, der Gesetzgebung über Mindestlöhne, der Gesetze über die Preisbildung der zweiten Hand und dergleichen
mehr.
In Wirklichkeit ist es so, daß eine industrielle Spezialisierung in der Welt von heute überhaupt nicht mehr möglich ist.
Einige der oben genannten Lenkungsmaßnahmen werden beibehalten
werden müssen. Andere, die beispielsweise mit Rücksicht auf
die Verteidigung der freien Welt notwendig sind, können für
die Dauer einer drohenden kommunistischen Aggression nicht
fallengelassen werden. Das heißt, daß ein völlig freier Außenhandel nicht möglich ist.
Die Staaten der freien Welt wären jedoch viel stärker,
und der Zusammenhalt unter ihnen viel fester, wenn ein Teil der
Handelsschranken abgebaut, unnötige Unsicherheiten und Zeitverluste - die Folge derartiger Handelsschranken - beseitigt und
entsprechende internationale Abmachungen getroffen würden, die
es möglich machten, die allen gemeinsamen Eandelsprobleme zu er
örtern und eine Lösung für sie zu finden. Die nachstehend auf- 11 -

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aufgeführten Maßnahmen sollen zur Erreichung dieser weitgesteckten Ziele beitragen.
Das Gesetz über die Bevorzugung amerikanischer Lieferfirmen
bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act) sowie die Beetimmungen anderer auf dem gleichen Grundsatz beruhender Gesetze
sollten dahingehend ergänzt werden, den Präsidenten zu ermächtigen, Bewerber aus Ländern ,die die amerikanischen Firmen genau so
wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen
Bestimmungen zu befreien. Bis zum Erlaß derartiger Zusatzbestimmungen sollte der Präsindet die Beschaffungsämter durch Regierungserlaß anweisen, im Interesse der Öffentlichkeit ausländische Angebote, die alle anderen Erfordernisse erfüllen, auf
gleicher Preisbasis wie Angebote inländischer Firmen zu behandeln
Der Kongreß sollte den Präsidenten ersuchen, die ZollKommission zu veranlassen, unverzüglich die Zollsätze zu überprüfen mit dem ausdrücklichen Ziel, Vorschläge zur Vereinfachung
der Warenbezeichnungen und Tarifstrukturen auszuarbeiten; diese
Überprüfung sollte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen sein, und der Mitarbeiterstab der Zoll-Kommission zu diesem
Zweck vergrößert werden. Der Kongreß sollte den Präsidenten ermächtigen, auf Grund dieser Vorschläge, die von ihm für angemessen erachteten Änderungen der Warenbezeichnungen und Tarife
zu verkünden, vorausgesetzt, daß der Gesamtbetrag der Zolleinnahmen gemäß den von derartigen Vereinfachungen betroffenen
Positionen, soweit sie sich auf Einfuhren in einem näher definierten Zeitraum beziehen, durch diese Modifikationen keine
wesentliche Änderung erfährt«
Die Nicht-Diskriminierung im Handel, wie sie in mnserer
von keinen Bedingungen abhängigen Politik der Meistbegünstigung
zum Ausdruck kommt, sollte nicht geändert werden.
Die Vereinigten Staaten sollten ihre traditionelle Politik
der Nicht-Diskriminierung in ihren Handelsbeziehungen mit anderen freien Völkern fortsetzen. Nur eine an keinerlei Bedingungen geknüpfte Meistbegünstigungs-Doktrin steht mit einer solchen Politik in Einklang. Führten die Vereinigten Staaten
Präferenzen gegenüber bestimmten Ländern ein, so würde diese
Maßnahme bereits eine Diskriminierung darstellen und wäre mit
der Position der Vereinigten Staaten in der freien Welt nicht zu
vereinbaren. Unsere gegenwärtige nicht-diskriminierende Handelspolitik ist seit 30 Jahren in Kraft. Widerriefen wir sie jetzt,
so würde das unseren Bemühungen, andere Länder zur Abschaffung
von gegen uns gerichteten Präferenz-Verträgen zu veranlassen,
sehr abträglich sein.
Über die organisatorischen Bestimmungen des GATT sollte neu
verhandelt werden mit dem Ziel, die Vertragspartner in ihren
Funktionen darauf zu beschränken, daß sie multilaterale Handelsvertragsverhandlungen fördern, den gesetzgebenden oder* awäearen
zuständigen Körperschaften der jacÜnzelmäxL^ Länder allgemeine
Empfehlungen zur Handelspolitik unterbreiten, und ein Forum für
Beratungen über internationale Handelsstreitigkeiten bilden. Die
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�"AMEBIKA PIEKST« - WIRTSCHAFT UNI; A&amp;BSIT

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Die gemäß diesem Vorschlag neu formulierten organisatorischen
Bestimmungen sollten dem Kongreß entweder in Form eines Vertrages oder eines gemeinsamen Beschlusses beider Häuser zur
Billiggng Torgelegt werden.
Die Vollmacht des Präsidenten gemäß dem Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen, Verträge auszuhandeln und in Kraft zu
setzen, sollte, unter Einhaltung bestimmter Sicherungen, für
einen Zeitraum von mindestens drei Jahren verlängert werden.
Eine solche Verlängerung sollte Zeit geben, sich über die Auswirkungen der in diesem Bericht enthaltenen Empfehlungen und
der im Ausland getroffenen Maßnahmen zur Wiederherstellung des
früheren multilateralen Handels- und Zahlungsverkehrs klar zu
werden und es dem Kongreß zu ermöglichen, die gemäß den obigen
Empfehlungen neugefaßten organisatorischen Bestimmungen des
GATT hinlänglich zu erörtern. Es sollte dann in Erwägung gezogen werden, das Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen
($eciprocal frade Agreement) für einen Zeitraum von mehr als
drei Jahren zu verlängern, wobei Einschränkungen gemacht werden könnten, soweit sie sich durch die Praxis als Sotwendig
erwiesen haben.
Der Präsident sollte auf Grund diese Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen weitgehende Vollmachten erhalten, multilaterale Verhandlungen über einen graduellen Abbau der Zölle
einzuleiten. Die Vollmacht des Präsidenten, Zolltarife heraufzusetzen, soll dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der Präsident soll für die Dauer der drei auf die Erneuerung dieses
Gesetzes folgenden Jahre ermächtigt werden, Zolltarife im folgenden Rahmen zu senken«
a) im Verfolg multilateraler Handelsvertragsverhandlungen
sollte der Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zolltarife in jedem der drei ersten Jahre der Laufzeit des neuen
Gesetzes um nicht mehr als 5 Prozent der gegenwärtigen Sätze
zu senken;
b) der Präsident sollte ermächtigt werden, auf Grund von
Informationen der Zollkommission Zolltarife ohne Rücksicht
darauf, ob gegenseitige Konzessionen gemacht werden, um
höchstens die Hälfte der seit I.Januar 1945 in Kraft befindlichen Sätze bei Erzeugnissen zu senken, die nicht oder nur
in sehr geringem Umfang eingeführt werden. Jede Zollsenkung
sollte schrittweise im Verlauf von drei Jahren vorgenommen
werden«
c; der Präsident soll ermächtigt werden, alle über die
obengenannte Höchstgrenze hinausgehenden Zolltarife auf 50 Prozent ad valorem oder den entsprechenden Satz zu senken, jedoch
wiederum graduell innerhalb eines Zeitraumes von 3 Jahren!
d) die sich aus den vorgenannten Empfehlungen ergebenden
Tarifsenkungen dürfen nicht kumulativ auf einzelne Warengattungen angewandt werden«
e) in Ausübung dieser Vollmachten sollten die derzeitigen
Verfahrensweisen für Vorverhandlungen wie auch für die Vorladung
und das Erscheinen vor der Zollkommission und interministerielle
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�"AMERIKA DIENST" ± WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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interministerielle Ausschüsse eingehalten und entschieden werden,
wann eine Gefährdung der einheimischen Wirtschaft einsetzt. Außerdem sollen auf die gemäß diesen Vollmachten ausgesprochenen Zollsenkungen die Bestimmungen der Rücktrittsklausel (Escape Clause)
angewandt werden»..
... Die Rücktrittsklausel und die Bestimmungen über Gefährdungsgrenzen sollen beibehalten werden. Jedoch sollten die Statuten dahingehend abgeändert werden, daß dem Präsidenten ausdrücklich das Recht eingeräumt wird, sich über diesbezügliche
Untersuchungsergebnisse hinwegzusetzen» sofern er zu der Auffassung gelangt, daß die nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten es erfordern.
Arbeitsbedingungen und internationaler Wettbewerb
Amerikanische Arbeitskräfte dürfen nicht einem unlauteren
Wettbewerb als Teil eines Programmes ausgesetzt werden, das der
Ausweitung des amerikanischen Außenhandels dient. Der Begriff
"unlauterer Wettbewerb" muß jedoch völlig klar umrissen werden.
Wie sich gezeigt hat, kann' nicht allein die Höhe der Löhne als
Richtschnur dienen. Unsere Exportindustrien gehören zu jenen
amerikanischen Industriezweigen, die ohnehin die höchsten Löhne
zahlen, und konkurrieren dennoch erfolgreich auf den Weltmärkten
mit Ländern, die ein niedrigeres Lohnniveau besitzen und sich
zum Teil durch besondere Handelsschranken gegen unsere Exporte
schützen.
Die Arbeitskosten pro Einheit sind ebensowenig ein zuverlässiger Maßstab. Die Unterschiede in den Gestehungskosten sind
die Grundlage im Welt- und Binnenhandel überhaupt. Weder niedrige
Löhne noch niedrige Arbeitskosten pro Einheit sind "unlauterer
Wettbewerb" an sich.
Ein ganz klarer Fall unlauteren Wettbewerbs liegt vor, wenn
die Arbeiter in einer bestimmten Branche niedrigere Löhne erhalten, als sie den anerkannten Arbeitsbedingungen in dem betreffenden Exportland entsprechen. In solchen Fällen sollten unsere Verhandlungsdelegationen unmißverständlich darauf hinweisen, daß bei
Importgütern, die von unterbezahlten Arbeitern hergestellt wurden, keine Zollkonzessionen gemacht werden.
Es wäre für die Vereinigten Staaten nur von Vorteil, wenn
die Arbeitsbedingungen in der ganzen Welt verbessert würden.
Viele der Empfehlungen, die an anderer Stelle dieses Berichtes
gemacht wurden, gelten einer Erhöhung der Produktivität und des
Lebensstandards anderer Länder. Sofern es den Vereinigten Staaten
möglich ist, zu einer allgemeinen Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage anderer Länder beizutragen, ohne diesen
zwingende Vorschriften zu machen, sollten sie dies tun. Wahrscheinlich wäre es von Amerika nicht klug gehandelt, in Handelsbesprechungen auf einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen als
Gegenleistung für einen Abbau der Zollschranken zu bestehen. Die
Kommission empfiehlt jedoch, daß die Vereinigten Staaten versuchen, eine Hebung der Arbeitsbedingungen dadurch zu erwirken,
daß sie eine beratende Funktion ausüben und auf internationalen
Konferenzen, wie beispieslweise den von der ILO geförderten Tagungen mitarbeiten.
.. .
Randprobleme

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar

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Randprobleme zur Handelsangleichung^
Während eich eine wirksame Korrektur der Handels- und Zahlungsbilanz nur durch Auslandsinvestitionen, Konvertierbarkeit
der Währungen und Anpassung der Außenhandelspolitik, auf die
in einem anderen Teil dieses Berichtes eingegangen wird, finden
läßt, können wichtige Beiträge zur Lösung dieses Pro-blems auch
auf anderen Gebieten geleistet werden. Hierher gehören unter
anderem der Ost-West-Handel, die Schiffahrt und der Fremdenverkehr, die nachstehend erörtert werden.
Ost-West-Handel
Bezüglich der Frage, welche Haltung die Vereinigten Staaten
zu dem immer stärker werdenden Wunsche einiger unserer westeuropäischen Alliierten nach Handel mit den Ostblockstaaten einnehmen
sollen, scheinen zwei Punkte vollkommen klar.
Erstens, das gegenwärtige Embargo auf Exporten aus den Vereinigten Staaten nach Rotchina und Nordkorea wie auch unsere Bemühungen, andere Staaten zur Durchführung derartiger Maßnahmen
zu bewegen, müssen fortgeführt werden, bis die gegenwärtig- akute
Bedrohung unserer Sicherheit und der Sicherheit der anderen freien
Nationen dieses Gebietes nicht mehr besteht?
zweitens, unsere gegenwärtigen Bemühungen, solche Exporte an
die Länder des sowjetischen Blocks in Europa zu verhindern, durch
die ihre militärische Stärke noch gesteigert werden würde, müssen
fortgeführt werden, bis ein echter Friede hergestellt ist.
Aber neben diesen beiden Kategorien bestehen noch weitere
Möglichkeiten für einen Ost-West-Handel mit solchen Gütern, durch
die die Stärke der Streitkräfte für einen militärischen Angriff
nicht erhöht werden würde - einen Handel, der den Ländern des Westens wohl zum Vorteil gereichen könnte.
Und besonders auf diesem Gebiete stehen die Vereinigten Staaten vor einem gewissen Problem.
Seit vielen Generationen besitzt Mitteleuropa eine Handelsstruktur, die wesentlich zur Stützung der Wirtschaftsprobleme
jener Länder beitrug, die heute unsere Verbündeten sind. Diese
Staaten bezogen früher aus der Sowjetunion, Polen, Ost-Deutschland und den Balkanländern Lebens- und Futtermittel, Erd-Öl und
andere Rohstoffe. Sie verkauften dafür diesen Staaten Industrieprodukte.
Seitdem die Absichten der Sowjets gegen die Länder des westlichen Kulturbereiches klar erkannt wurden, haben wir uns zusammen
mit anderen freien Nationen um eine Einschränkung des Handels bemüht. Dadurch wurden die wirtschaftlichen Systeme unserer Verbündeten geschwächt? die Notwendigkeit einer Unterstützung durch die
Vereinigten Staaten wuchs.
Wenn diese Unterstützung einmal nicht mehr gewährt werden
wird, dann erhebt sich für uns die schwerwiegende Frage, ob wir

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wir diese verbündeten Staaten auch weiterhin davon abhalten
sollten, sich diese» normalen und traditionellen Hand*lsschemas
zu ihrem Vorteil zu bedienen.
Es ist darüber hinaus sehr wohl möglich, daß ein erweiterter Handel mit Gütern der Friedensproduktion dazu dienen könnte,
den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und uns dem Tage näherzubringen, da mit den Staaten Osteuropas wieder normale Beziehungen
aufgenommen werden können.
Die Kommission empfiehlt daher, die Vereinigten Staaten
mögen, soweit das ohne Gefährdung der militärischen Sicherheit
möglich ist und vorbehaltlich des Embargos gegen Rotchina und
Nordkorea, einen erweiterten Handel mit Gütern der Friedensproduktion zwischen Westeuropa und dem Sowjetblock zulassen....
Konvertierbarkeit der Währungen
Die Kommission ist sich klar darüber, daß zwischen der sofortigen Einführung einer allgemeinen Konvertierbarkeit der
Währungen und einer langsamen und vorsichtigen Entwicklung in
dieser Richtung ein wesentlicher Unterschied besteht. Und sie ist
sich weiter darüber klar, daß die allgemeine Wirtschaftslage
heute eher die Voraussetzungen zur Einführung einer allgemeinen
Konvertierbarkeit der Währungen bietet als je zuvor seit Kriegsende. Die Kommission ist der Ansicht, daß die Einführung einer
allgemeinen Konvertierbarkeit der Währungen Sache der in Frage
kommenden Länder selbst sei, und daß alle darauf bezüglichenEntscheidungen, Verfahren und die Festsetzung der einzelnen Phasen
des Übergangs ihnen überlassen bleiben müßten. Sie ist sich jedoch bewußt, daß eine Konvertierbarkeit der Währungen im Lichte
der von den anderen Ländern, insbesondere den USA, verfolgten
Wirtschaftspolitik erwogen werden mußj und sie ist überzeugt,
daß die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Empfehlungen
es den anderen Ländern erleichtern werden, Handels- und Zahlungsbeschränkungen aufzuheben, so schnell dies eine vorsichtige Wirtschaftspolitik gestattet.
Im Lichte dieser Erwägungen gestattet sich die Kommission
einige allgemeinen Bemerkungen über die Konvertierbarkeit der
Währungen zu machen. Die Kommission ist der Ansicht, daß die freie
Konvertierbarkeit der Währungen eine unerlässliche Voraussetzung
für die Schaffung eines weltweiten multilateralen und die Beibehaltung eines ausgeglichenen Handels in einem relativ freien
Markt ist. Und sie würde es bedauern, wenn lediglich eine rein
formale, nur durch Handelsbeschränkungen aufrechterhaltene Konvertierbarkeit der Währungen erreicht würde, ßie ist der Ansicht,
die Aufhebung von Zahlungs- und Handelsbeschränkungen sollte Hand
in Hand gehen, und befürwortet eine allmähliche, aber positive
Entwicklung in Richtung auf eine allgemeine Konvertierbarkeit.
Sie ist der Ansicht, daß die sogenannte "Konvertierbarkeit der
Verbrauchsgüter"("Commodity Convertibility"), durch die z.B.
ausländischen Inhabern von Kontokorrent-Sterling-Konten gestattet
wird, ihre Salden in immer stärkerem Umfang zum Ankauf von Dollargütern zu benutzen, we*in England seine großen Märkte für Verbrauchsgüter wieder öffnet - ein Prozeß, der bereits im Gange ist vom Standpunkt einer wirksamen Handelskontrolle wesentlich vor- 16 -

�"AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954
i

vorteilhafter sein dürfte als die allgemeinere Konvertierbarkeit der Sterlingsalden.
Die Kommission tritt nicht für eine "übereilte" Umstellung
der Währungen auf allgemeine Konventierbarkeit oder für die
Methode der "unkontrollierten Währungsangleichung" ein, da
eine solche Verfahrensweise die Gefahr einer endlosen Inflationsschraube in sich birgt und größere Reserven erfordert,
als vorhanden sein dürften,um eine schrankenlose Währungsabwertung zu verhindern. Die Kommission steht jedoch der Auffassung vom "beweglichen Kurs" wohlwollend gegenüber, da
dieser die Möglichkeit einer Anpassung an die jeweiligen Erfordernisse des Handels und zum Abfangen spekulativer Preisund Währungsbewegungen bietet. Ob ein Staat im Inneren und
Äußeren stark genug ist, ein derartiges System wirksam zur
Durchführung zu bringen, kann mit einiger Sicherheit nur von
den jeweiligen Staaten selbst entschieden werden.
Die Kommission wünscht jedoch mit Nachdruck auf die von
ihr vertretene Ansicht zu verweisen, daß gesunde wirtschaftliche Verhältnisse im Innern, bei denen eine Kontrolle des
Geldumlaufes und des Haushaltes als Schutzmaßnahmen gegen
inflationistische Tendenzen sowie eine zur Nutzung aller vorhandenen Hilfsquellen notwendige Beweglichkeit gewährleistet
ist und die der Kapitalbilc'ung zur Produktivitätssteigerung
und einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt förderlich sind, eine Voraussetzung für die Konvertierbarkeit der Währungen darstellen. Die Kommission ist ferner
überzeugt, daß die Zeit, die ein Land braucht, um diese Voraussetzungen zu erfüllen, als Maßstab dafür dienen kann, wann es
sein WährungsSystem auf freie Konvertierbarkeit umstellen darf.
Eine andere, sehr wichtige Frage ist, welche Auswirkungen
eine Konvertierbarkeit des Sterling (und anderer europäischer
Währungen) auf die Europäische Zahlungsunion haben würde« Wie
die Dinge jetzt stehen, und nach über einjährigen Untersuchungen des Direktoriums der EZU, soll dieses auf Ersuchen
des Europäischen Wirtschaftsrates im März 1954 zur Frage der
Kon errtierbarkeit der Währungen (besonders des Ste ling) und
der weiteren Funktionen der EZU Stellung nehmen. Die Kommission ist überzeugt, daß die Europäische Zahlungsunion seit
jeher als eine temporäre Institution betrachtet wurde, und
nach ihrem eigenen Wirken auch als solche betrachtet werden
muß - d.h. als ein Organ zur Regelung des Waren- und Zahlungsverkehrs zwischen den europäischen Ländern (einschließlich
ihrer überseeischen Besitzungen). Aber die Zahlungsunion ist
weitgehend erfolgreich gewesen - besonders wurde durch ihr
Wirken deutlich, daß eine Liberalisierung des Handels mit der
des Zahlungsverkehrs Hand in Hand gehen muß. Die Kommission
glaubt, sie sollte sich hinter keine Maßnahmen stellen, an der
die Zahlungsunion scheitern könnte, bis sie durch eine bessere
Institution ersetzt wird. Dies ist ein Problem, das die
Mitgliedstaaten der OEEC (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa) untereinander aushandeln müssen, wobei
- 17 -

�"AMERIKA DIEJüST" - WIRTSCHAFT JND ARBEIT

27. Januar 1954

wobei besonderes Augenmerk darauf zu richten ist, daß die von
ihnen gefundene Lösung nicht den Aufbau eines weltweiten, multilateralen Waren- und Zahlungsverkehrssystems erhindert.
Schließlich bleibt noch die wohl wichtigste Frage angemessener Reserven zu erörtern. Man sollte sich stets vergegenwärtigen, daß der Sterling eine Schlüsselwährung ist, d.h. eine
Währung, die zur Finanzierung des Ha.dels dritter Länder benutzt wird. Selbst heute noch werden etwa 40 Prozent des gesamten 7/elthandels in Sterling verrechnet* wenn man also die
freie Konvertierbarkeit des Sterling einführte, o wäre das
englische Pfund weit mehr HandelsSchwankungen und Spekulationen
ausgesetzt alr irgend eine andere europäische Wäh ung. Hierin
liegt in der Tat der Grund, warum wir unt._ angemessenen Verhältnissen für eine freie Konvertierbarkeit des S erling im
Interesse eines freien Waren- und Zahlungsverkehrs im Rahmen
eines weltweiten multilateralen System eintreten- In dem Maße,
in dem andere, stark am Welthandel beteiligten Länder ihre
Währungen zusammen mit dem St rling auf freie Konvertierbarkeit umstellen, würde natürlich die Belastung des englischen
Pfundes abnehmen. Die Kommission ist hingegen überzeugt, daß
die Reserven Großbritanniens rhöht werden müssen, um das
volle Vertrauen in den Sterling wiede herzustellen.
Nach eingehender Beratung und genauem Studium der Gutachten der vor der Kommission im Ausland und in den Vereinigten Staaten erschienenen kompetenten und zuständigen Sachverständigen ist sie zu der Ansicht gelangt, daß sich ausreichende Reserven zum Zwecke einer allmählichen Umstellung auf die
freie Konvertierbarkeit der Währungen . nich aber um Zwecke
der Kapitaltransferierungen oder zum Ausgleich aufgelaufener
Saldi) durch eine nunmehr we.t größere Inanspruchnahme der
Goldbestände des Internationalen Währungsfonds, d e sich jetzt
auf 3,3 Milliarden Dollar belaufen, bes haffen ließen. Die
Kommission heißt alle zu diesem Zwecke vom Internationalen
Währungsfonds erlassenen Modifikationen, wie e ne Abänderung
der zeitlichen Begrenzung bei der Inanspruchnahme on Quoten
und der Klausel, durch die der Kreis der Mitgliedstaaten genau
umgrenzt wird, gut.
Als eine zweite Möglichkeit zum Aufbau von Währungsreserven und zur Durchführung sekundärer Maßnahmen auf dem Gebiete des ausländischen Zahlungsverkehrs, die gleichfalls
einen Beitrag zur Schaffung eines Systems der freien Konventierbarkeit leisten können, schlagt die Kommission or, die Banken
des Federal Reserve System sollten mit den Zentralbanken anderer Länder Verhandlungen aufnehmen um die Möglichkeit der
Gewährung von Krediten auf Abruf und die An ichten bezüglich
der Kredithöchstgrenzen zu sondieren. Uns sind eine ganze
Reihe derartiger Abkommen aus den Jahren vor dem Kriege bekannt.
Die Kommission ist der Überzeugung, daß diese Methode jeder
anderen überlegen ist, die zur zusätzlichen Beschaffung von
Dollar vielleicht in Vorschlag gebracht we.den könnte, weil
sich damit einmal eine Erhöhung der Staatsschuld umgehen ließe
und sie zum anderen anpassungsfähiger und weniger formell, dadurch aber wirksamer wäre, als eine formelle Gewährung von Krediten durch das amerikanische- Finanzministerium.
# # * * #

�A M E R I K A

D I E N S T

ZUR BEKRÄFTIGUNG UNSERES GLAUBENS...

Über die Ziele und Ideale, die die Nationen der
freien Welt, insbesondere Westeuropa, und die
Vereinigten Staaten miteinander verbinden, sprach
kürzlich die amerikanische Botschafterin in Rom,
Mrs. Cläre Booth Luce, vor dem Centro di Studi per
la Riconciliazione Internationale. Im folgenden
geben wir die wesentlichsten Ausschnitte ihrer Rede
wider:
ROM — (Amerika Dienst) — Die Menschen der freien Welt,
vor allem diejenigen, die in Westeuropa und in den Vereinigten
Staaten leben, teilen die feste Überzeugung, daß ein sicherer
Weg zur Förderung der Sache des Friedens darin besteht, einer
gröJ3tmöglichen Anzahl der Menschen, die diesen Erdball bevölkern,
die größte Möglichkeit zur Zufriedenheit - und zum Glück - zu
bie ten.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli
1776 in Philadelphia angenommen wurde, ist eine Manifestation
des Glaubens, daß alle Menschen "von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen auch
Leb sn, Freiheit und das Anrecht auf Glück gehören". Dies bezieht sich nicht nur auf Amerikaner, sondern auf alle Menschen.
Die Amerikaner stehen heute zu dieser Erklärung und - wie alle,
die guten Willens sind, zugeben werden - sie haben in diesen
Naclikriegsjähren alles versucht, ihr Nachdruck und Sinn zu geben für die Menschen überall in dieser geplagten Welt.
Gleichheit vor Gott
Wir, die Angehörigen der freien Welt, sind uns auch einig
in 3er Ansicht, daß dem Menschen als Individuum unsere wichtigste soziale und politische Achtung gebührt. Wir glauben, daß
jed 3r Mensch das Recht auf Gleichheit besitzt - Gleichheit der
Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten und schließlich unter
menschenwürdigen Umständen begraben zu werden. Wir versuchen,
dem Menschen diese Gleichheit zu garantieren, die er vor dem
Thron Gottes besitzt. Wir behaupten daher, daß "unabhängig
davon, wie komplex unsere Gesellschaft sein oder werden mag, das
Ind Lviduum im Mittelpunkt aller öffentlichen und privaten Bemühungen stehen müsse... daß der Mensch jenen göttlichen Funken
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Funken besitzt, der allein den Fortschritt zu einer besseren Welt
verbürgt... daß eben in Anbetracht dieses göttlichen Funkens jedes Individuum jene Grundrechte besitzt, die zu verteidigen und
zu erweitern das Selbstinteresse der Gesellschaft verlangt - in
Übereinstimmung freilich mit den Rechten der Gruppe, der es angehört. "
Freimütig und offen geben wir die Berechtigung jenes aufrührerischen Ausrufes zu, in den im 19« Jahrhundert der philippinische
Rebell Rizal ausbrach: "Wir sind Menschen!" Wir alle stehen fest
zu dem in der Präambel der UN-Charta festgelegten Gelöbnis, in
dem wir "den Glauben an die Grundrechte des Menschen, an die Würde und den Wert der Person, an die Rechtsgleichheit von Mann und
Frau..." bekräftigen.
Wir sind uns alle darüber im klaren, daß die Menschen, ähnlich
wie Bäume, zur Erreichung des vollen Maßes ihrer menschlichen Ehre
und Würde "den richtigen Boden und genügende Freiheit von Unterdrückung" brauchen. Wir wissen, daß - wie der englische Philosoph
Bertrand Russell es ausdrückte - "der Boden und die Freiheit, die
für das Wachsen eines Menschen notwendig sind, unvergleichlich
schwieriger zu entdecken und erhalten sind als der Boden und die
Freiheit, die für das Wachsen eines Baumes notwendig sind." Aber
wir teilen miteinander die gemeinsame Entschlossenheit, alles,
was in unserer Macht liegt, zu tun in dem Versuch, den richtigen
Boden und die Freiheit von Unterdrückung zu schaffen.
Stärke durch Einheit
Die meisten von uns sind sich einig in dem Glauben, daß, wenn
unsere allmähliche Entwicklung zur Universalität, zur Realisierung
der Brüderlichkeit der Menschen nicht für ein Jahrhundert oder mehr
unterbrochen werden soll, der nächste Schritt die Vereinigung Westeuropas sein muß.
Dies ist ein alter Traum, dem schon italienische Träumer die wie viele große Träumer bewiesen haben, daß sie höchst praktische Männer waren - Gestalt gaben. Unsere höchste Verpflichtung
ist es heute, alles zu versuchen, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Angesichts dieses gemeinsamen Glaubens an die richtige Form der Gesellschaft und der Welt und an den gerechten Platz,
den der individuelle Mensch in dieser einnimmt, dürfen wir, die
wir der freien Welt angehören, nicht überrascht sein, daß unsere
wechselseitigen Bindungen immer stärker werden.
Kein

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Kein Mensch und keine Nation kann allein gehen
Y»ras den Bomben in Pearl Harbor zum Opfer fiel, war nicht
in erster Linie die tapfere Flotte, die im Hafen lag. Es war
die amerikanische Isolation. In jenem Augenblick empfing die
Idee, daß eine Nation sich physisch von der übrigen Welt isolieren könne, ihren Todesstoß. Ea mag so scheinen, als ob
diese Idee in den Vereinigten Staaten schon vor langer Zeit
im Sterben gelegen habe. Heute aber akzeptieren nahezu alle
denkenden Amerikaner im ganzen gesehen die Wahrheit dessen,
was der amerikanische Präsident Woodrow Wilson schon im Mai
1916 erkannte und formulierte:
"Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, an dem Leben der
Welt beteiligt. Die Interessen aller Nationen sind nun auch
unsere eigenen. Wir sind Partner der übrigen. Das, was die
Menschheit berührt, ist unausweichlich ebenso unsere Angelegenheit wie die Europas oder Asiens".
Die Menschen der freien Welt erkennen nun, daß dieser rapide zusammenschrumpfende Globus, den in Kürze düsenbetriebene
Flugzeuge umkreisen werden, schließlich - was bisher nur als
Theorie und Prophetie galt - wirklich eine Welt ist. Auf
dieser Erkenntnis basiert die größte Hoffnung aller Menschen,
daß es nie wieder ein Pearl Harbor geben wird.
Geduld und Verständnis sind notwendig
Die meisten von uns sind sich darüber im klaren, daß diese
"eine Welt" keineswegs eine Welt ist, auf der es sich leicht
leben läßt - auch wenn hirnverbrannte Sentimentalisten uns das
Gegenteil einzureden versuchen. Wir werden ein gehöriges Maß
an Geduld, Mitgefühl und Verständnis aufbringen müssen, wenn
wir alle glücklich unter einem Dach leben wollen. In Westeuropa und in den Vereinigten Staaten haben wir einen vielversprechenden Anfang zur Erreichung des für das Leben in
einer Welt notwendigen Verständnisses gemacht. Wir sind bereits fest miteinander verbunden, durch Bande, die niemand
zu zerreißen vermag. Das Ausmaß der politischen Bindung
zwischen der Alten und der Neuen Welt wird kein aufmerksamer
Beobachter übersehen - sie äußert sich deutlich in den sich
überstürzenden Ereignissen unserer Zeit. Nicht weniger augenfällig ist das Ausmaß unserer wirtschaftlichen und technologisbhen Abhängigkeit. Vor hundert Jahren sagte der englische
Historiker und Staatsmann Thomas Babington Macaulay: "Der
Hauptgrund für die mangelhafte Verschmelzung der verschiedenen
Elemente der Gesellschaft war die außerordentliche Schwierigkeit» mit der unsere Vorfahren sich von einem Ort zum andern
begeben konnten
"
Die

�"AFRIKA DUNST"

10. Februar 1954

Die Völkerfamilie des alten Rom wurde viele Jahrhunderte
lang durch die von Römern erbauten großen geraden Fernverkehrsstraßen zusammengehalten. Wer vermöchte das Ende unserer Zivilisation abzusehen, einer Zivilisation, die über Schnellschiffe,
Automobile, Blitzzüge und Überschallflugzeuge verfügt ?
Ein weiteres Zeugnis für die gegenseitige wirtschaftliche
.Abhängigkeit zwischen den Nationen ist die Anteilnahme, die
andere Dänder der Wirtschaft der beiden Amerikas zuwenden, mit
der, wie sie genau wissen, ihre eigene Wirtschaft untrennbar
verbunden ist, sowie die nicht weniger klare Einsicht der Amerikaner, daß sie sich niemals eines wahren Wohlstandes erfreuen
werden, wenn es anderen Völkern nicht auch gut geht.
Und weiterhin: der ständig anwachsende, von Präsident
Eisenhower mit allem Nachdruck geförderte Außenhandel verstärkt
die zwischen den freien Nationen bestehenden Bande immer mehr.
Und für das Ausmaß der militärischen Gemeinschaft, die aus den
Notwendigkeiten der Nachkriegswirren erwuchs, legt der Atlantikpakt ein beredtes Zeugnis ab.
Die geistigen Bande zwischen den Völkern
Das amerikanische Volk hat ferner ein ungeheures kulturelles
Erbe mit den Völkern Europas gemeinsam. Die Idee, aus der sich
die Amerikanische Revolution und schließlich die Vereinigten
Staaten selbst als eine unabhängige Nation entwickelten, ist
weitgehend europäischen Ursprungs.
Es wird oft gesagt, daß
die Gründerväter Amerikas den besten Ideen der Alten Welt
auf dem Gebiete der Politik größere Klarheit und Folgerichtigkeit verliehen hätten. Wenn dies auch wahr sein mag, so waren
doch die großen Männer wie Washington, Jefferson, Hamilton,
Franklin und Madison am Beginn der amerikanischen Geschichte
durchaus vertraut mit der Gesellschaftsphilosophie, den Regierungssystemen und den Gesetzen Griechenlands, Roms, Frankreichs
und Großbritanniens. Sie alle waren Schüler Piatos, Aristoteles'
und Cicercs. Sie bauten auf dem besten Gedankengut der
Alten Welt. Und sie waren ebenfalls dem Wahrheitsgehalt
unserer religiösen Glaubensbekenntnisse tief verpflichtet.

Auch

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Auch die Künste und Wissenschaften Amerikas wurden von Strömen
bewässert, deren Quellen in anderen Ländern liegen. Sie wurden genährt von Geistern wie Homer, Praxiteles, Archimedes und Botticelli. Heute beginnt Amerika seinerseits durch die Werke eines
Philosophen wie Henry James, eines Architekten wie Frank Lloyd
Wright, eines Dramatikers wie Eugene O'Neill sein geistiges Erbteil zurückzuerstatten. Amerikas Ballettgruppen und Symphonieorchester haben internationalen Ruf erlangt, und auch auf dem Gebiet der Theologie und Philosophie beginnt die Nation ihre eigenen Wege zu gehen. Was auch immer für neue Formen die amerikanische
Kultur unter dem Himmel der westlichen Hemisphäre entwickeln wird:
sie ist mit der Kultur Europas verwandt, inspiriert diese rückwirkend und wird wiederum von neuem inspiriert. Die Ähnlichkeiten
zwischen Europäern und Amerikanern sind sehr viel größer als die
Unterschiede.
Unterschiede zwischen den Nationen sind kein Hindernis
Die Menschen Europas und die Amerikaner haben gemeinsame Ahnen. Sie kommen aus derselben rassischen Wurzel. Sie haben dieselben Gesetze. Ihr geistiges Erbe ist ein und dasselbe. Die Fa-r
milie ist der Grundstein ihrer Gesellschaft, und sie haben den
gleichen tiefen unbeirrbaren Glauben an Gott. Aber sie haben
genau so auch ihre Unterschiede, innen wie außen, und sie haben
ihre spezifischen Fehler. Einige seichte Internationalisten behaupten,
daß es zwischen den Menschen der einen Nation und denen einer anderen keine wesentlichen Unterschiede gäbe. Das ist eine trübselige, mechanistische Ansicht vom Menschen und von der Nation. Völker haben durchaus ihre Charakteristika, die sich durch die Jahrhunderte hindurch erhalten. Was wir lernen müssen ist, daß diese
natürliche Verschiedenheit nicht unbedingt zu blutigen Konflikten
führen muß. Wir können lernen, die Verschiedenheiten zu pflegen.
Was die freien Menschen dieser Welt wollen, ist eine auf das gemeinsame Wohl gerichtete Zusammenarbeit von Nationen, die in ihrer sozialen Artung ebenso wie in ihren jeweiligen lokalen Interessen voneinander abweichen.
In vielen Ecken der Welt gibt es ernste Ursachen zu Vorurteil
und Mißtrauen gegen Amerika und seine Bevölkerung. Ein wichtiger
Unterschied zwischen Amerika und, um nur ein Beispiel zu nennen,
der Bevölkerung Europas manifestiert sich in den Worten "Alte Welt"
und "Neue Welt". Weil die Vereinigten Staaten eine "junge Nation"
seien, wirft man ihnen oft politische Unreife vor und glaubt, daß
sie für die große Rolle, die die Geschichte ihnen auferlegt hat,
noch nicht reif seien. Amerika ist absolut bereit, anzuerkennen,
daß es eine junge Nation ist. Das ist vielleicht einer der Gründe
dafür, daß es mit einigem Zögern an seine internationalen Aufgaben
herangeht, wie es eben junge Menschen in der Gegenwart ihrer Eltern befällt. Doch wenn die Umstände die Amerikaner zwingen, auszusprechen, was sie für richtig halten, so sind sie andererseits
auch bereit»zuzuhören. Sie sind bereit, Ratschläge anzunehmen.
Sie glauben nicht, daß sie die Weisheit gepachtet hätten. Der
amerikanische Außenminister John Foster Dulles legte dafür in erfrischender Weise Zeugnis ab, indem er sagte, daß "Amerika in einer
Welt des Einverständnisses leben" wolle.
Aber
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�"AMERIKA DIENST"

10« Februar 1954

Aber welche Nation, sei sie alt oder jung, ist heute hinreichend ausgerüstet, um die schweren Verantwortungen auf sich
zu nehmen, die ungeheuren Lasten und Entscheidungen, die das
Gewicht dieses historischen Augenblicks in sich birgt ?
Welcher Nation in der Welt könnte man attestieren, daß sie
die volle Reife und die perfekte Fähigkeit habe, um die Führung der Welt zu übernehmen ?
In der Jugend kann Stärke liegen
Es ist wahr, daß die Alte Welt auf eine längere Geschichte
als die Neue Welt zurückblicken kann. Aber es ist auch wahr,
daß das amerikanische Regierungssystem ein gut Teil länger auf
einer gesunden Basis arbeitet als manche andere Regierung, die
zur Zeit existiert«.
Im Jahre 1787, als die Amerikaner die Verfassung ausarbeiteten, die noch heute Gültigkeit hat, war zum Beispiel von
einer deutschen Reichsgründung durch Bismarck noch nicht die
Rede. Italien war politisch zerrissen und zum großen Teil
unter fremder Herrschaft. In Großbritannien sollte es noch
fünfzig Jahre dauern, ehe es etwas gab, das einer öffentlichen
Wahl gleichkam. Louis XVI. regierte Frankreich ohne daß seine
Gedanken von dem Schatten kommender blutiger Ereignisse getrübt
gewesen wären. Katharina die Große hatte die Regierungsgewalt in Rußland inne, und nichts ließ die Umwälzungen ahnen,
die Lenin, Trotzki und Stalin herbeiführen würden. China war
eine uralte Monarchie, die sich noch nichts von Sun Yat-Sen,
Chiang Kai-Schek und Mao Tse-Tung träumen ließ. Was die
Lauer ihrerfiegierungsformenund ihrer Gesellschaftsphilosophie
angeht, sind viele Nationen der Welt im Vergleich zu den
Vereinigten Staaten noch Kinder zu nennen.
Die dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich erst vor
nicht einmal zweihundert Jahren mit dem gemeinsamen Ziel der
Unabhängigkeit die Hand reichten, waren an sich beinahe genau
so eifersüchtig auf ihre Souveränität und ihre ökonomischen
Sonderinteressen wie manche andere Nation heutzutage. Mehr als
einmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten bestand die
Gefahr, daß solche Eifersucht die Union zerbrach. So hatten
die Amerikaner sich bei der Abfassung ihrer Konstitution wie
später bei ihrer praktischen Ausführung stets bemüht, sich
dessen bewußt zu sein, daß der Preis der Einheit die beständige Balance zwischen den Rechten und den Pflichten des
einzelnen Bürgers ist, zwischen der lokalen Verwaltung und
der Regierung des Einzelstaates sowie der Bundesregierung
- daß die Beschränkungen der verschiedenen Souveränitäten
sorgfältig definiert und unnachsichtig kontrolliert werden
müssen.

Eine

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Eine freie Nation ist stets bereit, der Zukunft ins Auge zu sehen
Ein Pendant zu der Beschuldigung, daß es den Vereinigten Staaten an politischer Reife ermangele, ist die, bei unseren Feinden
so sehr beliebte Phrase, wir seien eine "Kriegshetzer-Nation."
Amerikaner werden mitunter aber auch "Friedenshetzer" geschimpft
und es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie in ihrer Absicht, den
Krieg zu vermeiden, sich der Gefahr aussetzen»ihre Führerstellung
zu riskieren.
Jene, die die Geschehnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genau studiert haben, werden die Widerlegung dieser beiden
Beschuldigungen nicht fordern. Die Amerikaner haben sich alle Mühe
gegeben, den Frieden zu erhalten. Der Krieg, der kam, war ihnen
von ihren Feinden stets aufgezwungen worden - sehr zum späteren
Verdruß eben dieser Feinde.
Viele Male haben die Vereinigten Staaten sich um die Beschränkung der Rüstung bemüht, stets nur um alle ihre Hoffnungen
durch imperialistische Obstruktionspolitik vereitelt zu sehen. Das
amerikanische Volk hat in loyaler und uneingeschränkter Weise die
Ziele der Vereinten Nationen unterstützt. Es war geduldig und
wird auch weiterhin geduldig sein. Es wird jederzeit versuchen,
der Beschuldigung zu entgehen, daß es in internationalen Angelegenheiten, die den Krieg bedeuten könnten, übereilt gehandelt
hätte. Die Amerikaner werden immer bereit sein, ihre Friedensziele
vor der großen Schranke der Weltmeinung der Beurteilung darzulegen. Und sie werden dies tun ohne Einbuße der Ehre oder ihrer
Integrität. Einige dieser Dinge sind ihnen unveräußerliches Gut,
und sie werden nicht müßig dabeistehen, während sie in den Staub
getreten und dort zertrampelt werden.
"Optimismus" ein Wort für freie Staaten
Amerikaner werden oft wegen ihres als exzessiv erachteten
Optimismus von vielen Leuten scheel angesehen. Es ist durchaus
wahr, daß auf Grund der günstigen Umstände, unter denen die Amerikaner ihr Experiment der Selbstregierung durchführen konnten, auf
Grund ihres Erfolges in der "Zähmung der Grenzen", sie sich gewohnheitsmäßig so verhalten als könnten sie allen Schwierigkeiten,
die uns das Dasein auf diesem Planeten auferlegt, ins Auge sehen
und sie meistern. Ein wohlbekanntes Sprichwort der Amerikaner ist:
"Was getan werden muß, kann auch getan werden." Es war der nationale Erfolg, der dem Volk der Vereinigten Staaten gab, was D.W. Brogan,
der scharfsichtige irische Kritiker als dessen "ungeheuren und unbezähmbaren Optimismus" bezeichnet hat, der dem Europäer, mit dem
langen Weg seiner Geschichte und seiner entmutigenderen Lebenserfahrung so fremd ist.
Heute gibt es bereits sichtbare Anzeichen dafür, daß dieser
"exzessive" amerikanische Optimismus eine Mäßigung erfährt. Die
harten Erfahrungen der Nachkriegs jähre haben in den meisten Amerikanern eine neue Nüchternheit geweckt, einen neuen Realismus, mit
dem sie an ihre Vorhaben herangehen, ein wachsendes Verständnis
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�"Aj.EhlKA LIEHST"

10. Februar 1954

Verständnis dafür, daß die Weltpolitik wie die nationale Politik "die Kunst des Möglichen" ist, - ein gutes Vorzeichen für
die Zukunft.
Pessimismus führt zu Verzweiflung und Niederlage
Im Grunde aber lebt der amerikanische Optimismus weiter.
Das ist gut so, denn es darf mit Recht angenommen werden, daß
ohne diesen optimistischen Drang Dinge unterbleiben würden,
die getan werden müssen, um eine Weltkatastrophe zu verhindern.
Blinder, gedankenloser Optimismus, der daran glaubt, menschlicher Portschritt sei unaufhaltsam, daß das Morgen sich von
selbst ergeben werde, ist schlecht, keinesfalls schlechter als
blinder gedankenloser Pessimismus, der die Schlacht noch vor
der Beteiligung am Kampf als verloren ansieht, der kampflos
aufgibt und sich der Verzweiflung überläßt.
Was wir in der freien Welt am meisten zu fürchten haben,
ist die Verzweiflung, Verzweiflung die zersetzt, Verzweiflung,
die jegliches Handeln hemmt, Verzweiflung, die lähmt. Verzweiflung und jenes Übel, das die Verzweiflung schürt und ausnützt - der Zynismus. Aber dort, wo westeuropäisches und
amerikanisches Denken konform gehen, sollten wir den Mittelweg des Vertrauens ohne Illusionen finden können, Glauben
ohne Fanatismus, nüchternen Realismus ohne Zynismus, Dinge, die
wir brauchen werden um mit den Problemen dieses, aus den Fugen
geratenen Zeitalters fertig zu werden.
Um gerecht zu sein, um die Waagschalen auszugleichen, ist
es nur fair, zu erwähnen, daß - berechtigter- oder unberechtigterweise - der Durchschnittsamerikaner das Gefühl hat, daß
er einen zu großen Teil der lasten der Verteidigung - wirtschaftlicher und militärischer Natur - unserer gesamten zivilisierten Welt, was letztlich doch eine allgemeine Bürde ist,
zu tragen habe. Der Amerikaner ist der Ansicht, daß die
Steuerlast für die gemeinsame Sicherheit, für die Wirtschaftshilfe, die Unterstützung der Vereinten Nationen und deren Sonderorganisationen, für die er mitarbeiten muß, zu schwer sei.
Deshalb schaut er mit Unwillen auf das, was ihm als wachsender
"Neutralismus" überall in der Welt erscheinen muß. Er sieht
sofort, was viele Menschen anderer Nationen nicht sehen: daß
Neutralismus nur ein neues Wort für "Isolationismus" ist,
genau das, was die Kritiker Amerikas so lange Zeit als das
schlimmste Zeichen amerikanischer Unreife bezeichnet haben.
Was von uns gefordert wird - den Völkern V/esteiropas und
dem Volk der Vereinigten Staaten - ist ein ehrliches Bemühen
um die gegenseitige Verständigung, ein Bemühen geboren aus der
Erkenntnis, daß alle vorhandenen Unterschiede unsere alles
andere überragende Einheit nicht stören dürfen.
Wir brauchen bessere Schriften und Berichte über die eine
und die andere Welt - mehr de Tocquevilles, Bryces, Barzinis,
die den Europäern von Amerika berichten, mehr Franklins, Jeffersons, Santayanas, die die Alte Welt für die Neue interpretieren.
Solange
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�"AFRIKA DIENST"

10. Februar 1954

Solange wir sie nicht haben, wird dem großen Vorhaben, den
internationalen Komitien, nicht gedient sein.
Alexis de Tocqueville war einer der beredsamsten und
freundlichsten Kritiker der USA. Er schrieb vielleicht das
größte Buch über das amerikanische Experiment, da er es verstand, was viele heute nicht tun, daß der amerikanische Traum
durchaus kein amerikanischer, sondern ein europäischer Traum
ist, der von Europäern geträumt und verwirklicht worden ist.
Amerika mit seinen vielen und großen Fehlern ist noch immer
das Land der Verheißung, als das die Europäer es sich ursprünglich vorgestellt haben.
Kann es sein, daß die europäische Seelenpein um Amerikas
Unzulänglichkeiten geboren ist aus dem Wunsch des Träumers,
der auf die Erfüllung seines Traumes hofft, darauf, daß er
vollkommen wahr werde - wahr bis zur Vollkommenheit ?
# * * * *

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�LIE GESCHICHTE LEE REPUBLIKANISCHEN PARTEI L Ü R
VEREINIGTEN STAATEN
Sonderbericht zum 100.Jahrestag ihrer Gründung
Am 28.Februar 1954 besteht die Republikanische
Partei Amerikas genau einhundert Jahre. Aus diesem
Grunde geben wir Ihnen nachstehend eine vollständige Geschichte der Grand Old Party - der GOP, wie
die Republikanische Partei oft kurz genannt wird mit dem Elefanten im Wappen. Verfasser ist Nicholas
Roosevelt, früher US-Gesandter in Ungarn, der sie
für die ENCYC10PAELIA AMERICANA verfaßt hat.
WASHINGTON - (Amerika Lienst) - Die Gründung der Republikanischen Partei im Jahre 1854 war eine Folge der wachsenden Sklavenfeindlichkeit der Nordstaaten und der Unzufriedenheit mit den
Whigs und anderen in Opposition zu den Demokraten des Südens
stehenden Parteigruppen. Ler Streit um die Ehre, wer der neuen
Partei ihren Namen gegeben habe, ist noch nicht,entschieden, und
auch über den genauen Geburtsort der Partei hat man sich bisher
nicht endgültig geeinigt. Anspruch darauf erheben die Staaten
Michigan, Wisconsin, New York, Massachusetts und Maine. Wichtiger als solche Einzelheiten ist die Tatsache, daß im Jahre 1854
in all diesen Staaten vorausblickende Männer eine politische Reform für nötig erachteten. Sie schlössen sich zusammen und
stellten für ihre neue "republikanische" Partei Kandidaten auf.
Bereits ein Jahr später waren von den damals 62 Mitgliedern des
Senats 15 und von den 236 Abgeordneten des Repräsentantenhauses
108 Mitglieder der Republikanischen Partei und in den darauffolgenden Jahren 1854, 55 und 56 wurden in mehreren Staaten bereits
republikanische Kandidaten zu Gouverneuren und Abgeordneten gewählt.
Lern ersten Landeskonvent der Republikanischen Partei in
Philadelphia (Pennsylvanien) am 17.Juni 1856 wohnten auch
Edwin L. Morgan, Owen Lovejoy, Thaddeus Stevens, Horace Greely,
James G. Blaine, Ebenezer R. Hoar und John Bigelow bei, die
später eine politische Rolle in den USA spielen sollten. Zu den
aussichtsreichsten Anwärtern auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur gehörte auch William H. Seward. Lie endgültige Entscheidung fiel aber zugunsten des von' Romantik umwitterten,
volkstümlichen "Pfadfinders", Offiziers und Pioniers John C.
Fremont aus, und als Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten
wurde William L. Layton aufgestellt, während Abraham Lincoln auf
diesem Parteitag merkwürdigerweise nur 110 Stimmen erhielt, die
- 1 -

�"AFRIKA DIENST"

17. Februar 1954

die zu einer Nominierung nicht ausreichten.
Die Aufstellung Fremonts erwies sich nicht als besonders
glücklich und der siegreiche demokratische Kandidat James
Buchanan hatte nur wenig Einfluß auf das amerikanische Volk,
so daß die Republikaner bei den Kongreßwahlen im Jahre 1858
wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus erlangen konnten,
während ihnen im Senat von insgesamt 66 Sitzen 26 zufielen.
Bereits im Jahre 1860 besaßen sie die eindeutige Mehrheit in
beiden Häusern des Kongresses, und in fast allen Staaten des
Nordens wurden ihr Präsidentschaftskandidat Abraham Lincoln
und ihr Vizepräsidentschaftskandidat Hannibal Hamlin ins
Weiße Haus gewählt.
Besonders bemerkenswert ist es auch, daß Lincoln bei der
Wahl des Jahres 1860 nicht nur von den bei der 1856er Wahlkampagne führenden Republikanern unterstützt wurde, sondern
daß auch William M. Evarts, George William Curtis, Charles A.
Dana, Chauncey Depew und Carl Schurz für ihn eintreten. Mit
anderen Worten, der jungen Republikanischen Partei war es bereits in den ersten 6 Jahren ihres Bestehens gelungen, die
Unterstützung und Mitarbeit der fähigsten Männer der jüngeren
Generation für sich zu gewinnen und einen der größten Amerikaner zum Präsidenten zu wählen.
Noch niemals vorher war einem Präsidenten gleich unmittelbar nach seiner Amtsübernahme eine so große Last aufgebürdet
worden wie Lincoln. Ohne jegliche verwaltungstechnische Erfahrung, ohne irgendwelche strategische Ausbildung und ohne
eine genaue Kenntnis der politischen Gegebenheiten mußte er
bereits 6 Wochen nach der Einführung in sein neues Amt die
politische Führung und den militärischen Oberbefehl über eine
Nation übernehmen, die mit sich selbst uneins, in einen Krieg
verwickelt war, dessen Ende er nicht einmal um eine Woche
überlebte.
In diesem Zusammenhang verdienen drei Dinge am Rande des
politischen Geschehens noch besondere Beachtung: daß auf den
Stimmzetteln für die Präsidentschaftswahl im Jahre 1864 der
Name "Republikanische Partei" durch "Union-Partei" ersetzt
worden war; daß Präsident Lincoln ernsthafte Vorkehrungen traf,
um im Falle seiner Niederlage seinem Nachfolger mit allen
Kräften zu helfen, den Krieg zu gewinnen; daß Andrew Johnson,
der zum Vizepräsidenten gewählt worden war, nicht der für das
.Amt des Präsidenten geeignete Mann war.
Es war nur natürlich, daß die Führung auf den Parteikongressen der Republikaner schon von Anfang an in den Händen von
Männern aus den Nordstaaten lag. Darüber hinaus wurde die neue
Organisation, die als Opposition gegen eine bestehende Ordnung
entstanden war, schnell zu einem Sammelbecken für Geschäftsleute vom Mittelstand bis zur Großindustrie, zumal der Sezessions
krieg die Industrialisierung in den Nordstaaten beschleunigte
und die Republikanische Partei schon von Anfang an die Einführung von Schutzzöllen befürwortete. Sie wandte sich an die
Vertreter jenes traditionellen Konservativismus, der in der
persönlichen
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17. Februar 1954

persönlichen Initiative den einzigen Schlüssel zu materiellem
Erfolg erblickt, und der diesen Erfolg nur nach Dollars und Cents
zu messen pflegt.
32 Jahre nach dem Tode Abraham Lincolns wurde William
McKinley Präsident; in seine Amtszeit fällt die Grundlegung der
amerikanischen Großindustrie. Die Männer der Geschäftswelt galten damals als Schöpfer und Baumeister einer großen amerikanischen
Zukunft, und die Bankiers spielten in Klein- und Großstädten eine'
führende Rolle. In atemberaubendem Tempo vollzog sich die Entwicklung der Vereinigten Staaten, riesige Vermögen wurden in dieser
Ära der Prosperität erworben und wieder verloren. Im Norden und
Westen der Vereinigten Staaten verschmolzen die Begriffe Prosperität und Republikanische Partei so eng miteinander, daß die Wähler
in schlechten Zeiten dazu neigten, gegen die Republikaner zu stimmen. Wer nicht teilhatte an der wirtschaftlichen Blüte, welche
die rasche Industrialisierung des Nordens mit sich brachte, schloß
sich den Demokraten oder der Popularpartei an.
Die Republikanische Partei bekannte sich offen zum "big
business", sie war die Partei der großen Geschäftsleute und Industriellen und von diesen Kreisen finanziell abhängig. Ihre Parteiführer waren durchaus konservativ;
Chronologisch gesehen ergibt sich folgendes Bild der Geschichte der Republikanischen Partei.
Nachdem Johnson die zweite Amtszeit Lincolns zu Ende geführt
und sich dabei die heftige Gegnerschaft beider Parteien zugezogen
hatte, nominierten die Republikaner General Ulysses S. Grant,
der 1868 Präsident wurde. Er erhielt auch 1872 die Mehrheit der
Stimmen, obwohl eine republikanische Splittergruppe Horace Greely
als Gegenkandidaten aufgestellt hatte. Während seiner ersten Amtsperlode konnte sich Grant auf eine ansehnliche Mehrheit in beiden
Häusern des Kongresses stützen, doch die Unzufriedenheit über Art
und Weise seiner Wiederaufbaupolitik in den Südstaaten nach dem
Sezessionskrieg sowie die Entrüstung über den nicht ganz einwandfreien Lebenswandel einiger seiner engsten Freunde und Mitarbeiter fanden 1874 in einer demokratischen Mehrheit im Abgeordnetenhaus ihren Ausdruck. Es ist jedoch nicht mehr als recht und billig,
darauf hinzuweisen, daß diese Reaktion gegen die am Ruder befindlichen Republikaner ihren Grund zum Teil in der Finanzkrise des
Jahres 1873 und der weitverbreiteten Unzufriedenheit in den FarmDistrikten des Mittelwestens hatte. Schuyler Colfax amtierte im
ersten und Henry Wilson im zweiten Kabinett Grant als Vizepräsident. Grants persönliche Beliebtheit war noch so groß, daß ihn
eine beachtliche Anzahl von Parteiführern zum dritten Mal nominieren wollte. Doch der republikanische Konvent entschied sich für
Rutherford B. Hayes aus Ohio als Präsidentschafts- und William A.
Wheeler aus New York als Vizepräsidentschaftskandidaten. Die Demokraten dagegen nominierten Samuel J. Tilden aus New York und
Thomas A. Hendricks aus Indiana. Ihre Kandidaten erhielten die
meisten Wählerstimmen, doch die Wahlmännerstimmen der Staaten SüdKarolina, Florida, Louisiana und Oregon wurden angefochten und
von beiden Partein beansprucht. Diese Auseinandersetzung beschäftigte
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beschäftigte lange Zeit einen besonderen Überprüfungsausschuß,
der schließlich entschied, daß er nicht die Stimmzettel untersuchen könne, auf.denen die Wahlmännerstimmen der einaelnen
Staaten beglaubigt worden waren. Daher wurden Hayes und Wheeler
185 Wahlmännerstimmen zugesprochen, während Tilden und Hendricks
nur 184 erhielten. Hayes ernannte John Sherman, den Bruder des
Generals William T. Sherman,zum Finanzminister. Dieser schuf
die Grundlagen für ein gesundes Finanzwesen des amerikanischen
Bundes. Unter Hayes wurden auch die Truppen aus den Südstaaten
zurückgezogen.
Präsident Hayes war nicht beliebt genug, um ein zweites
Mal nominiert zu werden. Im folgte im Jahre ,1880 James A. Garfield,.
Ein enttäuschter Bewerber verübte am 2. Juli 1881 ein Attentat
auf Präsident Garfield, der am 19. September des gleichen Jahres
starb. Sein Nachfolger wurde Vizepräsident ehester Arthur, der
aber den Anforderungen des hohen Amtes nicht gerecht wurde, so
daß die Demokraten nach den Kongreßwahlen des Jahres 1882 wieder
mit einer Mehrheit von 73 Stimmen das Abgeordnetenhaus beherrschten. Die Republikaner stellten 1884 James G. Blaine und John A.
logan als Kandidaten auf. Bei den Wahlen siegten aber die Demokraten mit Grover Cleveland und Thomas A. Hendricks, und in das
Abgeordnetenhaus zog wieder eine demokratische Mehrheit ein.
Dabei ist die Feststellung interessant, daß Cleveland seinen
Sieg nur einer Mehrheit von 1 149 Stimmen von den insgesamt
1 200 000 Stimmen des Staates New York verdankte.
1888 wählten die Republikaner Benjamin Harrison aus Indiana.
Durch ihn wurden die Schutzzölle durch das sogenannte McKinleyGesetz von 1890 erhöht und im gleichen Jahre das Sherman-Arftitrust-Gesetz angenommen. Das Kabinett Harrison verhandelte auch
über einen Vertrag, nach dessen Bestimmungen die Inselgruppe von
Hawaii an die Vereinigten Staaten angeschlossen werden sollte.
Das Abkommen wurde zunächst von den demokratischen Senatoren abgelehnt und erst angenommen, als die Republikaner nach der zweiten Amtsperiode Clevelands wieder ans Ruder kamen.
Trotz seiner Popularität wurde Harrison bei den Wahlen im
Jahre 1892 von Grover Cleveland geschlagen, und die Demokraten
gewannen die Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im
Senat. Die demokratische Partei wandte sich gegen hohe Zölle und
trat dafür ein, daß die Bundesregierung Zölle überhaupt nur zur
Steigerung der Staatseinnahmen erheben dürfe. Neben der Unsicherheit in der Schutzzollfrage mit ihren Rückwirkungen auf die
heimische Industrie bildete vor allem die Schrumpfung der nationalen Goldreserven von 190 Millionen Dollar im Jahre 1890
auf 95 Millionen im Jahre 1893 und das gleichzeitige Schwinden
des Überschusses des amerikanischen Finanzministeriums von 105
Millionen auf 2 Millionen die Hauptursache der Finanzpanik des
Jahres 1893, die zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen in
der amerikanischen Geschichte gezählt werden muß.Wie so oft
schon, waren auch die Kongreßwahlen des auf die Finanzpolitik
folgenden Jahres durch eine Ablehnung der regierenden Partei

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17. Februar 1954

Partei gekennzeichnet, und so erlangte die Republikanische Partei
die Kontrolle über beide Häuser.
Im Jahre 1896 stellten die Republikaner William McKinley
als Präsidentschaftskandidaten und Garret A. Hobart für den
Posten des Vizepräsidenten auf und sprachen sich für ein Festhalten am Goldstandard und für die Erhebung von Schutzzöllen
aus. Der Kandidat der Demokratischen Partei, William J. Bryan,
der in seiner Wahlkampagne für eine freie und uneingeschränkte
Prägung von Silbergeld bei einem Verhältnis von 16 zu 1 eintrat,
erlebte eine eindeutige Niederlage. McKinley wurde gewählt und
unterzeichnete kurz nach seiner Amtsübernahme das sogenannte
Dingley-Zollgesetz. Zur selben Zeit verschlechterte sich die
Lage auf Kuba zusehends,,und der Ruf nach Intervention der USA
wurde immer lauter. Am 15« Februar 1898 wurde das amerikanische
Schlachtschiff Maine im Hafen von Habana in die Luft gesprengt.
Zwei Monate später befanden sich Amerika und Spanien im Kriegszustand, der mit Unterzeichnung des Pariser Friedensvertrages im
Dezember 1898 sein Ende fand. Puerto Rico, die Philippinen und
Guam wurden an die Vereinigten Staaten abgetreten und Kuba zeitweilig unter amerikanische Schutzherrschaft gestellt. Auf diese
Weise fand sich Amerika plötzlich in eine überseeische Expansionspolitik verwickelt, die von den Demokraten als "Imperialismus"
abgelehnt wurde. Präsident McKinley, eine volkstümliche Gestalt,
wurde 1900 abermals als Präsident gewählt. Doch bereits sechs Monate nach Beginn seiner zweiten Amtsperiode wurde er am 6. September 1901 von einem Anarchisten in Buffalo (New York) niedergeschossen und erlag eine Woche später, am 14« September, seinen Verletzungen.
Sein Nachfolger wurde der Vizepräsident Theodore Roosevelt,
der nach Beendigung seiner kurzen aber Aufsehen erregenden militärischen Laufbahn auf Kuba zunächst das Amt eines Gouverneurs
von New York übernommen hatte. Präsident Roosevelt verpflichtete
sich, die Politik McKinleys weiterzuführen und behielt das Kabinett seines Vorgängers bei, dem John Hay als Außenminister und
Elihu Root als Kriegsminister angehörten. Im zweiten Jahr seiner
Präsidentschaft brach in Amerika ein Bergarbeiterstreik aus, der
die Gefahr einer Kohlennot während des Winters 1902 heraufbeschwor. Roosevelt brachte eine Aussprache zwischen den Unternehmern
und den Arbeiterführern zustande und ernannte eine Kommission,
der es schließlich gelang, eine Einigung herbeizuführen. Auf außenpolitischem Gebiet nutzte er die Gelegenheit einer Revolution in
dem damals zu Kolumbien gehörenden Gebiet von Panama aus und anerkannte die Bildung eines neuen selbständigen Staates Panama, mit
dem er sogleich Verhandlungen aufnahm, um den Vereinigten Staaten das Recht zum Bau und zur späteren Verwaltung eines Kanals
durch den Isthmus von Panama zu sichern.
Roosevelt, der während des größten Teils der zweiten Amtsperiode McKinleys den Posten des Präsidenten bekleidet hatte,
wurde bei der Präsidentschaftswahl im Jahre 1904 zusammen mit
Charles W. Fairbanks als Vizepräsidenten nominiert. Er konnte
von den Stimmen der 476 Wahlmänner 336 für sich gewinnen. Da er
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17. Februar 1954

er mit so großer Majorität gewählt worden war, fühlte er sich berechtigt, eine neue Politik, deren endgültiges Ziel die Freimachung der Republikanischen Partei von der Beherrschung durch
die Interessen des Großkapitals war einzuleiten, er erwirkte die
Ermächtigung den Aufgabenbereich der Interstate Commerce Commission
(eines Bundesausschusses zur Kontrolle des Transportwesens) zu erweitern und die Eisenbahntarife festzusetzen. Auch erhob er Klage
gegen mehrere große Industrieunternehmen, die einer Verschwörung
zur Behinderung des Handels beschuldigt wurden. Der erste und
wichtigste unter diesen Prozessen war der sogenannte Nord-AktienFall. Sein Vorgehen wurde vom Großkapital schärfstens kritisiert
und zog den Verlust der Unterstützung zahlreicher konservativer
Führer der Republikaner nach sich. Die Beliebtheit des Präsidenten beim Volk erfuhr allerdings dadurch keinerlei Beeinträchtigung.
Auf außenpolitischem Gebiet half Theodore Roosevelt bei
der Vermittlung des Friedens nach dem Russisch-Japanischen Krieg
und bot während der Marokko-Krise seinen ganzen Einfluß auf, um
einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu verhindern.
Von Dezember 1907 bis Februar 1909 sandte er die amerikanische
Flotte auf eine Weltreise und bekannte sich offen zu dem politischen Grundsatz, daß eine Nation nur dann geachtet wird, wenn
sie stark ist.
Präsident Theodore Roosevelt nahm entscheidenden Einfluß
auf die Nominierung seines Nachfolgers William Howard Taft auf
dem Parteikongreß der Republikaner im Jahre 1908. Taft war vorher bereits Kriegsminister und Generalgouverneur der Philippinen.
Seine Aufstellung durch den Parteikongreß wurde allgemein als ein
hervorragender Schachzug angesehen und er gewann zusammen mit
James S. Sherman als Vizepräsidenten die Stimmen von 321 der insgesamt 483 Wahlmänner.
Präsident Taft sympathisierte besonders mit konservativen
Elementen innerhalb der Republikanischen Partei, und so war eine
Spaltung zwischen den Anhängern Theodore Roosevelts und Tafts unvermeidbar. Diese Kluft griff vom Kabinett ausgehend auch auf
den Kongreß über, wo es zwischen den Republikanern aus dem Osten
und dem Westen zu Meinungsverschiedenheiten über die Zollfrage
kam. Die sogenannte Payne-Aldrich-Zollakte von 1909 befriedigte
nur wenige. Inzwischen setzte sich Taft eifrig für den Abschluß
eines wechselseitigen Vertrags mit Kanada ein, dessen Bestimmungen die Weiterentwicklung der Landwirtschaft und Industrie zahlreicher republikanisch gesinnter Staaten ernstlich gefährdeten.
Vor Ende der Sitzungsperiode des 61. Kongresses am 4. März 1911
blieb ihm die Annahme versagt, und als er dann die Billigung des
folgenden Kongresses fand, änderte Kanada seine Meinung und versagte dem Vertrag die Ratifizierung.
Als Theodore Roosevelt nach einer Jagdexpedition in Afrika
und einer Rundreise durch Europa im Jahre 1910 nach Amerika zurückkam, bemühten sich zahlreiche seiner Freunde, ihn für eine
Anti-Taft-Politik zu gewinnen. Zunächst lehnte er es aber ab,
die Innenpolitik Tafts zu kritisieren, um sich dann aber doch zu
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17. Februar

1954

zu Beginn der Wahlschlacht im Jahre 1912 als Gegenkandidat Tafts
für die Präsidentschaftswahl aufstellen zu lassen. Durch den
Bruch zwischen den beiden Männern wurde die Republikanische
Partei in zwei Gruppen aufgespalten. Roosevelt und Taft erschienen beide auf dem Parteikonvent der Republikaner in Chikago und
behaupteten, die Mehrheit der anwesenden Delegierten hinter sich
zu haben. Doch die Taftgruppe beherrschte den Parteitag. Darauf
kam es zu einer Spaltung der republikanischen Partei, und die
Anhänger Roosevelts gründeten die progressive party (Portschrittspartei) , gewöhnlich nach ihrem Emblem, dem Elchbullen, Bull
Moosepartei genannte. Im August veranstalteten sie einen Parteitag in Chikago und stellten Theodore Roosevelt als Präsidentschaftskandidaten und Hiram W. Johnson als Vizepräsidentschaftskandidaten auf. Bei den Wahlen im November trug wegen der Spaltung der Republikaner jedoch der demokratische Kandidat Woodrow
Wilson den Sieg davon, während Roosevelt 4 200 000 Stimmen und
Taft 3 400 000 Stimmen erhielt. 1916 wurde die Spaltung in der
Republikanischen Partei durch Theodore Roosevelts Aufforderung
an seine Anhänger, für den republikanischen Abgeordneten Charles
E. Hughes zu stimmen, nur teilweise überbrückt. Das Rennen zwischen Wilson und Hughes, der als Gouverneur des Staates New York
einige Reformen durchgeführt hatte und deswegen als liberal galt,
verlief so knapp, daß viele Zeitungen Hughes als den neugewählten Präsidenten vorstellten. Als jedoch die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellte es sich heraus, daß Hughes im Wahlkollegium nur 254 Stimmen bekommen hatte, während Wilson mit
277 Stimmen erneut zum Präsidenten gewählt worden war. In den
letzten Monaten des Jahres 1918 wuchs dann die allgemeine Unzufriedenheit mit der Kriegführung des Präsidenten Wilson, und als
er bei der Einberufung eines demokratischen Kongresses die Loyalität der demokratischen Partei in Frage stellte, antwortete das
amerikanische Volk mit einem Sieg der Republikaner bei den Kongreß-Neuwahlen. Es war also so gut wie sicher, daß der nächste
Präsident ein Republikaner sein würde.
Nach Wilsons Tod stellte die Demokratische Partei den wenig
bekannten Gouverneur von Ohio, James M. Knox, als Präsidentschaftskandidaten und den Gouverneur des Staates New York, Franklin D-.
Roosevelt, als Vizepräsidentschaftskandidaten auf.
Auf dem republikanischen Parteitag in Chikago im Jahre 1920
bewarben sich drei, auf ihrem Fachgebiet sehr angesehene Männer
um die Präsidentschaftskandidatur, der Gouverneur des Staates
Illinois, Frank Lowden, der Generalmajor Leonard Wood und der
Senator Hiram Johnson. Von ihnen war jedoch keiner besonders beliebt. Die Parteiführer warteten ab, bis die Verhandlungen auf
einem toten Punkt angekommen waren und beantragten dann die Ernennung des ihren Wünschen eher entsprechenden Senators von Ohio,
Warren H. Harding, zum Präsidentschaftskandidaten. Aus Propagandagründen wurde noch der volkstümliche Gouverneur von Massachusetts, Coolidge, als Vizepräsident auf die republikanische
Wahlliste gesetzt. Coolidge war während eines Streiks der Bostoner
Polizei durch seinen Ausspruch "niemand ist jemals oder unter
irgendwelchen Umständen berechtigt, gegen die öffentliche Sicherheit zu streiken" in ganz Amerika berühmt geworden.
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jrrasicienx

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17. Februar 1954

Präsident Harding brachte zwar eine Anzahl tüchtiger Leute in
sein Kabinett, z.B. Herbert Hoover als Handelsminister und Charles
Evans Hughes als Außenminister, aber er selbst war nicht der geeignete Mann für das Amt eines Präsidenten. Wie die Geschichte des
Teapot Dome ölskandals beweist, versuchten dunkle Kräfte der
Republikanischen Partei, Harding für ihre Zwecke auszunützen,
Andererseits fand unter Hardings Regierung im November 1921 die
Flottenabrüstungskonferenz in Washington statt. Die auf der Konferenz entworfenen Verträge wurden im Jahre 1922 ratifiziert. Ein
Jahr darauf starb Präsident Harding, und Calvin Coolidge wurde
sein Nachfolger. Er beseitigte zunächst die unsauberen Elemente aus
der ehemaligen Umgebung Hardings und bemühte sich dann hauptsächlich um eine Tilgung der Staatsschuld und um die Herabsetzung der
Steuern.
1924 wurde Coolidge, ein einwandfreier Charakter und ein kluger Politiker, auf dem republikanischen Parteitag erneut als Präsidentschaftskandidat aufgestellt und mit ihm Charles G. Dawes als
Vizepräsidentschaftskandidat. Unter Coolidge erlebte Amerika, was
es sich ersehnt hatte, eine Zeit ruhiger Verwaltung ohne Sensationen.
1927 berief er die Genfer Flottenkonferenz ein, auf der das für
Schlachtschiffe geltende Kräfteverhältnis 5:3:3 der drei großen Seemächte (England, USA, Japan) auch auf Kreuzer ausgedehnt werden
sollte. Die Konferenz verlief jedoch ergebnislos. 1928 gab Coolidge
auf die Frage, ob er sich wieder als Präsidentschaftskandidat
aufstellen lassen wolle, die berühmte Antwort: "Ich ziehe es vor,
nicht zu kandidieren", und auf dem republikanischen Parteitag beteiligte sich Coolidge, treu seiner charakteristischen Zurückhaltung,
nicht an der Nominierung seines ehemaligen Handelsministers Hoover
zum Präsidentschaftskandidaten. Später unterstützte er allerdings
seinen früheren Minister rückhaltlos.
Hoover und sein Vizepräsidentschaftskandidat Charles Curtis
wurden mit einer Stimmenmehrheit gewählt, wie sie die amerikanische
Geschichte noch kaum erlebt hatte. Bei Hoover waren alle Voraussetzungen für einen großen Präsidenten gegeben, denn er hatte sich
in den Kabinetten der Präsidenten Harding und Coolidge einen guten
Namen gemacht und besaß weitgehende Erfahrungen auf dem Gebiete der
Außenpolitik; außerdem war er ein bekannter Ingenieur und Philanthrop. Es kam jedoch anders als man erwartet hatte, denn während
Hoovers Amtszeit ereignete sich die größte Wirtschaftskatastrophe
der neueren Geschichte, die Weltwirtschaftskrise von 1929• Der
Präsident sah sich Kräften gegenüber, denen er wie seine Ratgeber
hilflos gegenüberstand. Unter dem Eindruck der wachsenden Arbeitslosigkeit, wandten sich die Amerikaner nach kurzer Zeit gegen Hoover
und machten ihn für ihre Leiden verantwortlich. Bis 1932 war Hoover
in den Augen des amerikanischen Volkes soweit mit der Wirtschaftskrise identifiziert worden, daß seine Wiederwahl unmöglich war.
An Hoovers Stelle trat der demokratische Kandidat Franklin Delano
Roosevelt. 1936 stellten die Republikaner den tüchtigen Gouverneur
von Kansas, Alfred M. Landon, einen guten Beamten und typischen
Republikaner mit gesunden konservativen Wirtschaftsansichten als
Präsidentschaftskandidaten auf. Mit ihm kandidierte Franklin M.Knox
für das Amt des Vizepräsidenten. Landon war für eine Wahlkampagne
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17. Februar

1954

Wahlkampagne gänzlich ungeeignet und wurde von seinem volkstümlichen und brillanten Gegenspieler Roosevelt völlig in
den Schatten gestellt. Auf dem republikanischen Parteitag im
Jahre 1940 entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen einer
Gruppe von Parteiführern, die den Senator Robert Taft aus Ohio
als Präsidentschaftskandidaten vorschlug und einer anderen Gruppe,
die Thomas E. Dewey, den Gouverneur von New York, aufstellen
wollte. Der Konflikt wurde auf eine für die Republikanische
Partei ziemlich ungewöhnliche Weise bereinigt, denn weder Taft
noch Dewey, sondern Wendeil Willkie wurde vom Parteitag vorgeschlagen, und zum Vizepräsidentschaftskandidaten wurde McNary
nominiert. Willkie führte eine wirkungsvolle Wahlkampagne, aber
auch er konnte gegen Roosevelt nicht aufkommen. 1944 wurde
Dewey und sein Vizepräsidentschaftskandidat John D. Bricker aus
Ohio von Roosevelt geschlagen, obwohl hinter Dewey ein gut organisierter Apparat stand.
Im Kongreß beschränkten sich in dieser Zeit die Republikaner auf die Ablehnung fast aller von Roosevelt vorgeschlagenen
Maßnahmen. Nach Roosevelts Tod änderte sich die Lage jedoch zugunsten der Republikaner, und 1946 errangen sie sowohl im Repräsentantenhaus
(246 : 188) als auch im Senat (51 : 45) die
Mehrheit. Auf Grund dieses Sieges und angesichts des scheinbar
ständig schwindenden Prestiges des Präsidenten Truman prophezeiten viele politische Beobachter und Führer beider Parteien
für 1948 einen republikanischen Sieg. Doch als im November 1948
die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellten die Demokraten
nicht nur den Präsidenten, sondern gewannen sowohl im Senat
(54 :42) als auch im Repräsentantenhaus (263 : 171) die Mehrheit.
Nach ununterbrochener 20jähriger Herrschaft der Demokraten
in den USA brachte das Wahljahr 1952 wieder einen Republikaner
auf den Platz des obersten Beamten: den Feldherrn und Universitätspräsidenten Dwight D. Eisenhower. Das Ergebnis dieser denkwürdigen Wahl am 4. November 1952,das Ike mit 34 Millionen Stimmen
zum Präsidenten der USA machte - sechs Millionen Stimmen mehr
als je bei einer amerikanischen Wahl einem einzelnen Mann gegeben wurden - nannte die öffentliche Meinung einen politischen
"Erdrutsch".
* * * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

DIE ATOMBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Sonderbotschaft,
die Präsident Eisenhower am 17. Februar 1954 dem Amerikanischen Kongreß unterbreitete und in der er eine Abänderung des Atomenergiegesetzes von 1946 vorschlug,
hat folgenden Wortlaut:

"Ich ersuche den Kongreß, mit dem Ziele einer Stärkung
der Verteidigung und Wirtschaft der Vereinigten Staaten und
der freien Welt, eine Reihe von Novellen zum Atomenergiegesetz aus dem Jahre 1946 zu erlassen. Mit diesen GesetzesErgänzungen würde dieses Ziel bei entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen auf folgenden Wegen erreicht werden können:
1) Erweiterte Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in
gewissen, die Atomenergie betreffenden Fragen;
2) Verbesserung der Verfahren zur Überwachung und Freigabe von Informationen über die Atomenergie;
3) Förderung einer auf breiterer Basis betriebenen Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke in den
Vereinigten Staaten.
Fortschritte auf dem Gebiete der Atomforschung
Als das Atomenergiegeset z im Jahre 1946 formuliert wurde,
befand sich die Welt an der S chwelle zum Atomz eitalter. Im
Jahr zuvor hatten die Vereini gten Staaten eine neue und elementare Quelle gewaltiger Ene rgie erschlossen, Diese Kraft
friedlichen und produktiven Z wecken nutzbar zu machen, war
schon damals unser Wunsch und unser Ziel, aber die furchterregende Zerstörungskraft verd unkelte uns den S inn, um die
Möglichkeiten der Atomenergie zum Wohle der Me nschheit Recht
zu erkennen. Die meisten Mens chen setzten die Atomenergie mit
der Atombombe gleich, und die Bombe bedeutete die restlose
Zerstörung ganzer Städte und den Tod von Mllli onen Männern,
Frauen und Kindern.
Darüber hinaus war das Monopol, das unser Volk auf dem
Gebiet der Atomwaffen besaß, von entscheidender Bedeutung für
die internationalen Beziehungen. Im Interesse der gemeinsamen
Verteidigung und des Weltfriedens war es notwendig, dieses
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24. Februar 1954

dieses Monopol durch die strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen zu
schützen und zu erhalten.
Unter diesen Umständen wurde das Atomenergie-Gesetz erlassen. Vollauf den damaligen Bedingungen genügend, entspricht das
Gesetz auch heute noch im wesentlichen den Erfordernissen unseres Staates.
Seit 1946 haben wir jedoch große Portschritte in der Atomforschung und der praktischen Anwendung der Atomenergie gemacht.
Wissenschaftliche Entwicklungen, die sonst während Generationen
zur Reife gelangten, wurden in weniger als einem Jahrzehnt zur
Vollendung gebracht. Jahr auf Jahr haben wir auf dem Gebiete der
ik
ging und das Atomenergie-Gesetz verabschiedet wurde, sind bei
weitem in den Schatten gestellt worden.
Eine der damals allgemein grassierenden Annahmen - daß die
Vereinigten Staaten ihr Atomwaffen-Monopol für längere Zeit würden halten können - erwies sich bald als irrig. Dieses Monopol
besteht seit 1949 nicht mehr, d.h. es war schon drei Jahre nach
Erlaß des Atomenergie-Gesetzes nicht mehr vorhanden. Aber andererseits gibt es auch gewisse Dinge, die diesen Verlust so gut wie
wettmachen.
Viele der Atomwaffen, die man im Jahre 1946 für Konstruktionen einer weit entfernten Zukunft hielt, zählen heute in den
Ausrüstungen unserer Streitkräfte bereits zu den herkömmlichen
Waffen. Gemessen an den thermonuklearen Waffen von heute, die
es vor acht Jahren überhaupt noch nicht gab, ist die zerstörende
Kraft der Atomwaffen winzig. Die Durchführbarkeit des Baues eines mit
Atomenergie getriebenen U-Bootes schien im Jahre 1946 fraglich;
der Stapellauf der U.S.S. "Nautilus" vor drei Wochen hat es ganz
deutlich gemacht, daß die Verwendung von Atomenergie zum Antrieb
von Schiffen sich letzten Endes doch einmal allgemein durchsetzen
wird. Im Jahre 1946 wollte es scheinen, als sei die Zeit, da man
Industriestrom aus Atomenergie-Quellen erhalten könne, noch recht
entfernt -. heute stehen wir unmittelbar an der Schwelle dieser
Ära.. Die Verwirklichung dieses Zieles ist größtenteils nur noch
eine Sache weiterer Forschung und Entwicklung und hängt in gewissem Sinne davon ab, daß wir Bedingungen schaffen, in denen ein
Unternehmungsgeist blühen kann.
Es ist ganz offensichtlich, daß derartige Entwicklungen in
so kurzer Zeit einen tiefgreifenden Einfluß auf unsere Politik
auf dem Gebiete der Atomenergie hätten haben müssen. Aber in mancher Beziehung ist unser Atomenergie-Gesetz noch immer so, daß
es den Verhältnissen von 1946 entspricht.
Viele der gesetzlich geregelten Einschränkungen, die sich
auf solche im Jahre 1946 wirklich realen Tatsachen, wie das bestehende amerikanische Atomwaffen-Monopol und die begrenzte Verwendung der Atomenergie auf dem zivilen und militärischen Sektor,
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24- Februar 1954

Sektor, gründeten, stehen heute im Jahre 1954 nicht mehr im Einklang mit den wirklichen Gegebenheiten auf dem Gebiete der Atomforschung. Darüber hinaus stellten diese Einschränkungen ein Hindernis für die richtige Ausbeutung der Atomenergie zum Segen des
amerikanischen Volkes und unserer Freunde in allen Teilen der
Welt dar.
Eine objektive Beurteilung dieser verschiedenen Faktoren
führt eindeutig zu folgenden Schlußfolgerungen: Was unsere eigene
Verteidigungsplanung angeht, so werden wir unsere Schlagkraft auf
dem Gebiet der Atomkriegführung wesentlich erhöhen, wenn wir den
mit uns in der gemeinsamen Verteidigung verbundenen Nationen gewisse,
genau festgesetzte Informationen über den Einsatz von Atomwaffen
ohne größere Schwierigkeiten zugänglich machen können. Hinsichtlich der Verwendung von Atomenergie zu friedlichen Zwecken sei
darauf verwiesen, daß dies sich schneller erreichen läßt und die
Segnungen eher einem weiteren Kreis von Menschen zuteil werden
können, wenn wir unsere Zusammenarbeit mit verbündeten Nationen
erweitern und die amerikanische Industrie in einem größeren Maße
daran teilhaben lassen. Durch eine Steigerung der militärischen
Schlagkraft unterbauen wir unsere Bemühungen, einen Aggressor
abzuschrecken; durch eine Erweiterung der Möglichkeiten, die'Atomenergie auch für friedliche Zwecke zu verwenden, fördern wir den
Fortschritt unserer Nation und stärken wir die freie Welt.
Teil I
des Atomenergie-Gesetzes von 1946 hat in weiser
Voraussicht die Notwendigkeit zukünftiger Revisionen des Gesetzes
anerkannt. In seinem Geist und seiner Behandlung von Fragen, die
für die Verteidigung und das Wohlergehen der Nation von äußerster
Wichtigkeit sind, schlage ich vor, daß der Kongreß eine Reihe von
Ergänzungen zum Atomenergiegesetz beschließen möge.
Zusammenarbeit mit anderen Nationen
In diesem Atomzeitalter ist die Vertiefung der internationalen
Zusammenarbeit zur Verteidigung der freien Welt die erfreulichste
Entwicklung auf außenpolitischem Gebiet. Die Vereinigten Staaten
haben mit vielen Freunden gemeinsame Maßnahmen ergriffen, um einen
Aggressor abzuschrecken und, wenn dies notwendig werden sollte,
den Aggressor zu besiegen. Die unser Land und unsere Freunde
bindenden Abkommen auf dem Gebiet einer gemeinsamen Verteidigung
stellen für jeden möglichen Aggressor eine Warnung dar, daß er
einer schnellen Bestrafung und einer unvermeidlichen Niederlage
entgegengehen wird. Diese mächtigen, dem Frieden dienenden Bestrebungen müssen so stark und überzeugend wie möglich gemacht werden.
Die Mehrzahl der mit uns verbündeten Staaten haben bisher
kaum Gelegenheit gehabt, Informationen über den Einsatz von Atomwaffen einzuholen. Gemäß den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen
dürfen wir ihnen keine taktischen Informationen zugänglich machen,
die für eine wirksame Beteiligung dieser Nationen zusammen mit
uns an gemeinsamen militärischen Operationen und Planungen sowie
für ihre eigene Verteidigung gegen einen mit Atomwaffen geführten
Angriff ganz unerläßlich sind.
Unsere eigene Sicherheit wird in dem Maße größer, in dem unsere
Alliierten Informationen über die Verwendung von Atomwaffen und
die Verteidigung gegen einen mit diesen Waffen geführten Angriff
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24. Februar 1954

Angriff erhalten. Einige unserer Verbündeten stellen ja in der
Tat spaltbares Material oder Waffen selbst her und fördern eine
wirksame Atomenergie-Forschung sowie Arbeiten über eine friedliche Verwendung der Atomkraft. Aber alle sollten besser über
die Probleme eines mit Atomwaffen geführten Krieges informiert
werden, d.h. besser gerüstet, den Erfordernissen einer solchen
Kriegführung zu entsprechen. Damit die freie Welt eine wirksame
Verteidigungseinheit werden kann, muß sie über alle Tatsachen
auf dem Gebiete der Atomforschung unterrichtet sein.
Ich schlage daher vor, daß der Austausch von taktischen Informationen mit solchen Ländern, die sich zusammen mit den Vereinigten Staaten an gemeinsamen Defensiv-Abkommen beteiligen,
gesetzlich gestattet wird. Bei diesem Informationsaustausch handelt es sich um solche Informationen, wie sie für die Entwicklung
der Verteidigungspläne und für die Ausbildung des für die atomare
Kriegführung vorgesehenen Personals notwendig sind. Die noch in
dieser Sonderbotschaft zu empfehlenden Zusätze zur Definition
"Geheiminformationen" werden gleichfalls dazu beitragen, eine
notwendige verwaltungsmäßige Elastizität bei dem atomaren Informationsaustausch mit solchen Nationen herbeizuführen.
Um einem im Jahre 1951 bestehenden spezifischen Erfordernis
unserer Landesverteidigung entgegenzukommen... nahm der Kongreß
ein sorgfältig begrenztes Verfahren beim Informationsaustausch
über die Verarbeitung atomarer Rohstoffe, über die Entwicklung
des Kernreaktors, über die Produktion von spaltbaren Materialien
und über die hiermit zusammenhängende Forschungsarbeit und Entwicklung an. Diese Einschränkungen sollten nun so modifiziert
werden, daß die den heutigen Verhältnissen besser angepaßte Genehmigung für einen Informationsaustausch im Interesse unseres
Landes wirksamer angewendet werden kann.
Was die Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der friedlichen
Verwendung von Atomenergie anbetrifft, so sind zusätzliche Ergänzungen erforderlich, damit die Vereinigten Staaten wirksam
mit den befreundeten Nationen zusammenarbeiten können. Eine derartige Kooperation macht den Austausch bestimmter "Geheiminformationen" über die industrielle Anwendung von Atomenergie sowie
die Freigabe von spaltbarem Material in solchen Mengen notwendig,
die für eine Verwendung in Industrie und Forschung ausreichen.
Ich empfehle daher eine Erweiterung des Atomenergie-Gesetzes, um
eine solche Zusammenarbeit gesetzlich zu sanktionieren. Diese
Novelle soll ausdrücklich die Bestimmung erhalten, daß jede Nation vor Abschluß eines Abkommens hinsichtlich der Überlassung
von spaltbarem Material die notwendigen Sicherheiten geben muß,
diese nicht für militärische Zwecke zu verwenden.
Wenn wir anderen Nationen derartige Informationen überlassen,
dann entsteht dabei natürlich ein Risiko, das in jedem einzelnen
Falle gegen den Vorteil, der sich daraus für die Vereinigten
Staaten ergibt, abgewogen werden muß. In jedem Falle müssen wir
uns folgende Fragen vorlegen; Wie müssen diese Angaben in bezug
auf Geheimhaltung eingestuft werden und wie wichtig sind sie,
welchem besonderen Zweck werden sie dienen, inwieweit ist der mit

�24. Februar 1954

"AMERIKA DIENST

mit uns zusammenarbeitende Staat gegen Spionage gefeit, welche
Rolle spielt er in der Verteidigung der freien Welt und welchen
Beitrag hat er geleistet und kann er zu den gemeinsamen Bestrebungen um die Sicherheit leisten? Derartige Erwägungen müssen sowohl beim Austausch oder der Freigabe von Informationen über die
allgemeine Verteidigungsplanung und den Einsatz von herkömmlichen
Waffen als auch hinsichtlich von solchen Informationen berücksichtigt werden, die gemäß diesen Empfehlungen ausgetauscht werden
sollen.
Diese Empfehlungen stehen in keinem Zusammenhang mit meinem
Vorschlag, eine neue Grundlage für eine internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Atomenergie zu suchen, den ich in meiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im
vergangenen Dezember unterbreitete. Ehe wir zusätzliche gesetzgeberische Maßnahmen in Erwägung ziehen, die für eine Verwirklichung
dieses Vorschlages notwendig werden könnten, sollten wir abwarten,
auf welchen Gebieten als Folge unserer Verhandlungen mit anderen
Nationen Übereinstimmungen erzielt werden konnte.
Auf ähnliche Weise stehen die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen auch einer direkten oder indirekten Erzeugung von
spaltbarem Material durch natürliche und juristische Personen
aus den Vereinigten Staaten im Auslande entgegen, es sei denn,
der Präsident entscheidet, daß die geplante Tätigkeit die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit nicht beeinträchtigt. Bei
den Fragen, die unter diese Gesetzesbestimmungen fielen, handelte
es sich zumeist um ganz gewöhnliche kaufmännische oder kommerzielle
Vorhaben, die dennoch von diesen allgemeinen Bestimmungen erfaßt
werden, weil sie - in welchem geringen Grade auch immer - einen
Beitrag zu Atomenergie-Programmen anderer Nationen leisten könnten.
Der Präsident sollte die Möglichkeit erhalten, die AtomenergieKommission zu ermächtigen, diesbezügliche Entscheidungen in Zukunft selbst zu treffen. Dieser Zusatzantrag steht in engem Zusammenhang mit der Novelle den Austausch von Atominformationen
betreffend, da Abkommen über die Autorisierung eines Austausches
von Informationen mit verbündeten Nationen die Teilnahme von
amerikanischen Bürgern und Firmen, die im Ausland arbeiten, nach
sich ziehen könnten. Mit der von mir vorgeschlagenen Novelle
würde die Atomenergie-Kommission ermächtigt, eine solche Teilnahme
zu sanktionieren.
Aus den hier in Vorschlag gebrachten Zusatzanträgen sollte
ersichtlich geworden sein, daß die übertragene Befugnis nur in
Übereinstimmung mit den vom Präsidenten zum Schutze der gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit erlassenen Bestimmungen ausgeübt
werden darf.
Schutz der Informationen über Atomenergie
Die Kategorie der "Geheiminformationen" ist vom Gesetz so
definiert worden, daß sie praktisch alle für unsere Sicherheit
wesentlichen Informationen einschließt. Die "Geheiminformationen"
fallen in dem Gesetz unter besondere Spionageabwehr-Bestimmungen,
die sich auf die Kontrolle, die Verbreitung und die Freigabe derartiger Informationen sowie auf die Erfordernisse hinsichtlich der
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�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

der Überprüfung des Personals auf Unbedenklichkeit beziehen.
Unbedenklichkeit des Personals
Die diesbezüglichen Bestimmungen des Gesetzes müssen in
verschiedener Hinsicht verbessert werden. Das Gesetz kennt keine
Unterschiede hinsichtlich der Wichtigkeit von 'Geheiminformationen'. Bei allen Arten von 'Geheiminformationen" gelten die
gleichen Erfordernisse hinsichtlich der Überprüfung, gleichgültig ob ungelernten Bauarbeitern der Zugang zu "Geheiminformationen" gewährt werden soll, die für die Sicherheit nur geringe
Bedeutung haben, oder ob ein Wissenschaftler Zugang zu den geheimsten Informationen der atomaren Waffenherstellung erhalten
soll. Unter dem gegenwärtigen Gesetz hat die Atomenergie-Kommission
nicht genügend Bewegungsfreiheit, um über das Ausmaß der für die
Gewährleistung einer ausreichenden Sicherheit erforderlichen Überprüfung des Personals zu entscheiden. Viele kostspieligen Untersuchungen über das Vorleben des Personals, wie sie von dem gegenwärtigen Gesetz gefordert werden, sind unnötig. Der AtomenergieKommission sollte die Erlaubnis gegeben werden, den Umfang der
gesetzlich erforderlichen Untersuchung davon abhängig zu machen,
inwieweit Zugang zu Geheiminformationen gewährt werden soll.
Dieser Zusatz eignet sich in besonderem Maße für die vorgeschlagene Ausweitung der Beteiligung privater Stellen an der
Entwicklung der Atomkraft. Obwohl derartige private Stellen Zugang zu "Geheiminformationen" über die Grundprinzipien des Baus
von Kernreaktoren fordern werden, ist eine umfassende Überprüfung aller ihrer Angestellten, die Zugang zu derartigen Informationen haben werden, nicht gerechtfertigt, da ein großer Teil
dieser Informationen, was die Sicherheit anbetrifft, nicht von
besonderer Bedeutung ist. Darüber hinaus würden derartige Überprüfungen die erwünschte Beteiligung behindern und nicht dazu
ermutigen sowie für beide Teile, Regierung und Industrie, mit
unnötigen Kosten verbunden sein. In den Fällen, in denen es sich
um wichtigere •Geheiminformationen* handelt, muß die Kommission
selbstverständlich umfassende Überprüfungen fordern.
Ein weiteres Problem hinsichtlich der Überprüfung der Unbedenklichkeit betrifft das Personal der Dienststellen des Verteidigungsministeriums sowie das Personal der Unternehmer, die mit
diesen Dienststellen zusammenarbeiten. Die Atomenergie-Kommission
(AEC) darf gegenwärtig 'Geheiminformationen' an diejenigen Angehörigen dieser Dienststellen und Unternehmen weitergeben, die vom
Verteidigungsministerium auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft
sind. Die auf diese Weise weitergegebenen 'Geheiminformationen'
sind damit entsprechend den Sicherheits-Bestimmungen des Verteidigungsministeriums geschützt. Und dennoch ist es den Unternehmern, die mit der Kommission zusammenarbeiten, durch Gesetz
untersagt, dem gleichen Personenkreis Zugang zu den gleichen
'Geheiminformationen' zu gewähren, solange diese nicht eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der AEC beitzen, die auf Grund von
Überprüfungen durch den Bundesfahndungsdienst oder die Kommission
für Zivilbedienstete ausgestellt ist.
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�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

In dem Maße, in dem die bewaffneten Streitkräfte mit Atomwaffen ausgerüstet werden, erhöht sich die Notwendigkeit, daß
die im Auftrage der Atomenergie-Kommission arbeitenden Firmen
und die Teilnehmer ähnlicher Vorhaben des Verteidigungsministeriums
ihre "Geheiminformationen" untereinander austauschen. Der gegenwärtige Zustand, daß das von Militärbehörden mit einer Unbedenklichkeitserklärung ausgestattete Personal, das an Projekten für
die Streitkräfte arbeitet, keinen Zugang zu den "Geheiminformationen" bezüglich der Vorhaben der Atomenergie-Kommission erhalten darf, ist einer Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums
und der Atomenergie-Kommission auf Gebieten gemeinsamen Interesses
hinderlich und führt zu unnötiger Verschwendung von Zeit und Geld.
Ich empfehle daher, die Atomenergie-Kommission in die Lage zu
versetzen, ihre Kontraktoren und Lieferfirmen zu ermächtigen,
solchen Personen Zugang zu 'Geheiminf ormationen'' zu verschaffen,
die an Projekten des Verteidigungsministeriums arbeiten, derartige Informationen zu ihrer Arbeit benötigen und eine von den
Militärbehörden ausgestellte Unbedenklichkeitserklärung vorweisen können.
Die Definition der Geheiminformationen
1) Nach dem gegenwärtig gültigen Gesetz bezieht sich ein großer Teil der 'Geheiminformationen' in der Hauptsache auf den militärischen Einsatz der atomaren Kampfmittel. Mit der Verantwortung für die Kontrolle eines großen Teils dieser Informationen
über diese Waffen sollte logischerweise das Verteidigungsministerium und nicht die Atomenergie-Kommission betraut werden. Viele
Schwierigkeiten verwaltungsmäßiger Art, die von einem doppelten
Sicherheitssystem hervorgerufen werden, würden dadurch beseitigt,
daß man die Informationen über diese Waffen aus der Kategorie der
•Geheiminformationen' herauslöst und sie in der gleichen Weise
und unter denselben Sicherheitsbestimmungen wie andere militärische Geheimnisse der Obhut des Verteidigungsministeriums unterstellt.
Diese Art, einen Informationsaustausch über Waffen durchzuführen, ist unter dem gegenwärtigen Gesetz nicht möglich. Die
'Geheiminformationen' können aus der im Gesetz festgelegten Kategorie der 'Geheiminformationen» nur durch Freigabe auf Grund
eines Beschlusses der Atomenergie-Kommission herausgelöst werden,
wonach die Veröffentlichung solcher Informationen nicht die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit in nachteiliger Weise beeinflussen würde. Offensichtlich ist die Freigabe nicht das Heilmittel. Dieses liegt darin, daß man hierbei den allgemeinen Sicherheitsbestimmungen des Benutzers, des Verteidigungsministeriums,
vertraut. Ich schlage deshalb vor, daß die im Gesetz erfolgte
Definition des Begriffes der 'Geheiminformationen' so abgeändert
werden soll, daß alle Informationen über den taktischen Einsatz
der atomaren Kampfmittel ausgenommen sind, nicht aber die Informationen über ihre theoretischen Grundlagen, ihr Muster und ihre
Fertigung.
2) Neben den Informationen, die voll und ganz unter den Begriff Einsatz fallen, gibt es Informationen, die sich zwar in
erster Linie mit dem Einsatz von Waffen befassen, die aber auch
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24. Februar 1954

auch Angaben über deren Konstruktion und Herstellung enthalten.
Um Schwierigkeiten in diesem Grenzgebiet zu vermeiden, empfehle
ich eine gesetzliche Verfügung, die ebenfalls zur Herauslösung
derartiger Informationen aus der Kategorie der 'Geheiminformationen' ermächtigen würde. Dies würde lediglich dann geschehen,
wenn die Kommission und das Verteidigungsministerium gemeinsam
entscheiden, daß diese Informationen in erster Linie den militärischen Einsatz von Atomwaffen betreffen, und daß sie im Rahmen des Spionageabwehrgesetzes sowie anderer anwendbarer Gesetze
als unter die Geheimhaltungsbestimmungen fallende Verteidigungsinformationen in ausreichendem Maße geschützt werden können.
3) Im Einklang mit diesen Änderungen empfehle ich, daß das
Verteidigungsministerium zusammen mit der Atomenergie-Kommission
die •Geheiminformationen• freigibt, die in erster Linie den militärischen Einsatz atomarer Waffen betreffen und ohne Gefährdung
der Sicherheit der USA veröffentlicht werden können. Auf diese
Weise wird das Verteidigungsministerium eine entsprechende Stimme
beim Schutz und bei der Freigabe derartiger 'Geheiminformationen'
haben und die Verantwortung der Kommission im Hinblick auf alle
übrigen ,Geheiminformationen, wird geklärt.
Erschließung der Atomenergie in den USA
Was im Jahre 1946 nur eine Hoffnung und ein entferntes Ziel
war - eine Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit kann bald eine Realität sein. Unseren Wissenschaftlern und Technikern
bieten sich ungeahnte Möglichkeiten, die Atomenergie friedlichen
Zwecken nutzbar zu machen. Die Bundesregierung kann hier bahnbrechende Arbeit leisten. Aber hierbei bedarf es des Unternehmungsgeistes, der Initiative und des Mutes des einzelnen und ganzer
Gruppen innerhalb unserer freien Wirtschaft, um die größtmögliche
Wirtschaftlichkeit und den größtmöglichen Fortschritt bei den geringsten Kosten für die Öffentlichkeit sicherzustellen.
Das Interesse der Industrie auf diesem Gebiet liegt bereits
klar auf der Hand. In Zusammenarbeit mit der Atomenergie-Kommission
führen eine Anzahl privater Firmen, meist auf eigene Kosten, Untersuchungen über die verschiedenen Typen von Kernreaktoren durch, die
sich eventuell für die Erzeugung von Industrie-Strom eignen. Es
gibt Anzeichen dafür, daß diese Firmen ihre Bemühungen erheblich
steigern würden, falls Privatkapital in solchen Anlagen investiert
werden könnte. Wenn wir das Gesetz abändern um derartige Investitionen möglich zu machen, muß Vorsorge getroffen werden, daß die
Entwicklung dieser neuen Industrie auf möglichst normalen Wegen
gefördert wird, wobei Probleme der nationalen Sicherheit sowie
Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung besonders berücksichtigt
werden müssen. Dieses Programm muß sich so entwickeln, daß diese
neue Industrie sich selbst erhalten und auf eigenen Füßen stehen
kann.
Die Schaffung von Möglichkeiten für eine Ausweitung der industriellen Beteiligung wird es der Regierung erlauben ihre Tätigkeit
auf dem Gebiet der Kernreaktionsforschung und Entwicklung einzuschränken, sobald die Privatindustrie ihre Tätigkeit auf diesem
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24. Februar

1954

diesem Sektor voll aufgenommen hat. Zusätzlich zu ihren Bemühungen,
zur technischen Weiterentwicklung von Kernreaktionen beizutragen,
wird die Regierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiterhin die Portschritte auf dem Gebiet der hiermit zusammenhängenden technischen
Entwicklung von Antriebsreaktoren für militärische Zwecke intensivieren. Die sich gegenwärtig ergänzenden Maßnahmen der Industrie
und Regierung werden daher weitergehen, und der Industrie sollte
durch die Verabschiedung entsprechender Gesetze ein Anreiz gegeben
werden, auf diesem Gebiet eine wesentlich größere Rolle zu spielen.
Zu diesem Zweck schlage ich Zusätze zum Atomenergiegesetz vor,die
1) die im Gesetz, enthaltenen Verbote hinsichtlich des Besitzes
oder der Verpachtung spaltbarer Materialien und vorhandener Möglichkeiten zur Herstellung von spaltbarem Material lockern;
2) privaten Herstellern den Besitz und die Inbetriebnahme
von atomaren Kernreaktoren sowie die Ausübung hiermit zusammenhängender Tätigkeiten vorbehaltlich
notwendiger
Sicherheitsmaßnahmen sowie einer Genehmigung durch die AtomenergieKommission gestatten;
3) die Kommission ermächtigen, Mindestnormen über den Schutz
und die Sicherheit aufzustellen, die für alle Besitzer und Verarbeiter spaltbaren Materials bindend sein sollen;
4) die Kommission ermächtigen, im Anfangsstadium der neuen
Industrie Lizenzfirmen besonderes Material und Dienste zu einem
solchen Preis zu überlassen, durch den die Regierung angemessen
für den Wert des Materials und der Dienste und die Aufwendungen
für eine Überlassung entschädigt wird;
5) die Patentbestimmungen des Atomenergiegesetzes liberalisieren, in erster Linie durch eine Ausweitung der Gebiete, auf denen private Patente erworben werden können, einschließlich der Produktion und Verwendung spaltbaren Materials. Gleichzeitig soll für
einen begrenzten Zeitraum die Vollmacht bestehen bleiben, wonach
ein Patentinhaber anderen eine Lizenz zur Auswertung einer Erfindung
erteilen kann, die für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie
notwendig ist.
Bis die Industrie an der Verwendung der Atomenergie auf einer
breiteren Basis beteiligt werden kann, machen es Erwägungen der
Gerechtigkeit erforderlich, gewisse Maßnahmen zu treffen, daß die
begrenzte Anzahl von Firmen, die gegenwärtig als Kontraktoren der
Regierung Zugang zu derartigen Projekten haben, nicht ein PatentMonopol aufbauen können, durch das andere Firmen, die sich ebenfalls auf diesem Gebiet betätigen wollen, ausgeschlossen würden.
Ich hoffe, daß das Interesse an der Entwicklung der Atomkraft sich
in den nächsten fünf Jahren so ausweitet, daß derartige Maßnahmen
nicht mehr erforderlich werden.
Um den größtmöglichen Fortschritt in der friedlichen Verwendung
der Atomenergie innerhalb Amerikas zu fördern, bedarf es einer gewissen Anpassungsfähigkeit bei der Erteilung von Lizenzen und im

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im Hinblick auf die vom Kongreß erlassenen Kontrollbestimmungen.
Bis wir mit dieser neuen Industrie unsere Erfahrungen gesammelt
haben, wäre es unklug, durch Gesetz all die vielen Probleme, die
sicher auftreten werden, von vornherein zu regulieren. Genau
so wie das erste Atomenergiegesetz auf Grund seiner Bestimmungen
anerkannte, daß es in vieler Hinsicht nur ein Versuch sei, so
werden auch diese Zusatzanträge Änderungen und weiteren Ausarbeitungen in Zukunft unterworfen sein.
Das Schicksal aller Nationen in diesem Jahrhundert wird
stark von der Richtung und dem Tempo der Entwicklung auf dem
Gebiete der Atomenergie in den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern abhängen. Die vorstehend unterbreitete Revision des
Atomenergiegesetzes will einen Beitrag dazu leisten, daß sowohl
die von öffentlicher als auch von privater Seite getragene Entwicklung auf dem Gebiete der Atomenergie in den USA eine große
und wirksame Rolle dabei spielen kann, die Menschheit in eine neue
Ära des Fortschritts und Friedens zu führen."

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�A M E R I K A

D I E N S T

EINIGKEIT DER FREIEN WEIT»BESTE HOFFNUNG FÜR DIE ZUKUNFT

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Die Notwendigkeit der europäischen Integration angesichts der nach wie vor bestehenden Drohung
aus dem Osten unterstrich der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium
Robert D. Murphy in einer am 10. März 1954
im Stadthaus von Los Angeles gehaltenen Rede,
die wir im Auszug wiedergeben:

Es ist etwas über ein Jahr her, daß Joseph Stalin starb.
Es war um es genau zu sagen, am 5. März. Sein Tod erfüllte
die Welt mit Hoffnungsträumen. Selbst der größte Pessimist
hatte ein wenig von dieser Hoffnung. Warum auch nicht? Für
einen vernünftigen Menschen sind die sowjetischen Ideen der
Weltbeherrschung ja Unsinn. Moskau sollte einsehen, daß es
allen Grund hat, zu versuchen, mit der übrigen Welt auszukommen. Und Malenkow schien vernünftiger zu reden als sein
Vorgänger.
Die Situation ließ Hoffnungen keimen, nach denen viele
Menschen, besonders in Europa, gierig die Hände ausstreckten.
Die Russen taten natürlich nichts, aber man hätte immerhin
glauben können, daß sie nur auf den richtigen Augenblick für
eine versöhnliche Geste warteten.
Die Berliner Konferenz ließ diese bescheidenen Hoffnungen
zunichte werden. Sie gab der Welt ein genaues Bild der sowjetischen Ziele für die Zeit nach Stalins Tod. Die Katze läßt
das Mausen nicht. Herr Molotow hat es deutlich klargemacht.
Mag sie auch in den sanftesten Tönen flöten, sie hat einen
räuberischen Appetit. Wir haben jetzt Grund genug zu der Annahme, daß die Rückkehr zur Gruppenherrschaft anstelle des
Einmann-Regimes im Kreml die Grundlinie der (sowjetischen)
Politik nicht geändert hat und daß die UdSSR nicht daran denkt,
auch nur einen Fußbreit Boden freizugeben.
Mit bemerkenswerter Offenheit bemühte sich Molotow die
westliche Welt zu entzweien. Vom Anfang bis zum Ende der Konferenz war er auf der Suche nach schwachen Stellen unserer
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17. März 1954

unserer Einigkeit. Beständig und hartnäckig war er bestrebt, aus
eventuellen Differenzen Kapital zu schlagen. Die USA waren natürlich sein Hauptangriffsziel. Es war ein ziemlich sarkastisches
Kompliment, daß er keinen Versuch unternahm, uns zu besänftigen.
Wir waren der Feind. Er versuchte, Frankreich und Großbritannien
in einen europäischen Block zu ziehen, der die USA ausschließen
würde. Dies mißlang ihm. Frankreich und Großbritannien standen
fest. Nach der Konferenz waren die Westmächte sogar noch fester
zusammengeschlossen. Wie Außenminister Dulles berichtete, war
die Einigkeit unter den Westmächten bei Beendigung der Konferenz
gefestigter als vor ihrem Beginn.
Das ist von besonderer Wichtigkeit. Die Geschlossenheit der
Atlantikmächte ist und bleibt ein Bollwerk der freien Welt in
ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Freiheit.
Warum?
Nun, betrachten Sie die Landkarte. Schauen Sie über den
Atlantik. Dort sind die Nationen und die Menschen, aus deren Mitte
die meisten von uns kommen. Die Bindungen, durch Blut und Kultur,
sind stark. Wir haben die gleichen Ansichten über die Freiheiten
des Menschen.
Vielleicht ist das der Grund, daß wir uns manchmal nicht vertragen. Wir streiten uns wie die Mitglieder einer Familie. Wir
betrachten einander kritischer als wir Fremde betrachten würden.
Wir erwarten mehr voneinander.
Wir können es uns leisten, verschiedener Meinung zu sein, weil
unsere lebensideale im Grunde die gleichen sind. Im Angesicht von
Gefahren, die uns in der Vergangenheit gemeinsam bedrohten, wurden
wir gewahr, daß diese Ideale stärker sind als unsere vorübergehenden Meinungsverschiedenheiten. So ist es heute wieder.
Das ist jedoch nicht einmal die eigentliche Streitfrage.
Darin liegt auch keine Erklärung dafür, daß die Sowjets auf die
lostrennung Europas von Amerika solchen Wert legen.
Es ist eine Frage der Macht, des technischen Geschicks, der
industriellen Kapazität und der materiellen Reserven.
Das zweitgrößte Reservoir an Arbeitskräften besitzt Europa.
Eine der großen Schwächen der Sowjets ist ihr Mangel an Facharbeitern. Sie werden Jahre brauchen, bis sie genügend Techniker
ausgebildet haben, um sich mit der Atlantikgemeinschaft in der
Industrie zahlenmäßig messen zu können. Darum wirkt, obwohl Lenin
sagte, der Weg nach Paris führe über Peking, die Zitadelle Ruhr
auf sie wie ein Magnet.Molotow drückte es so aus: Deutschlands
Weg ist der Weg Europas.
Die Produktion ist in den sowjetischen Gebieten gestiegen,
aber nicht schnell genug für die Ziele und Zwecke der Sowjets.
Der letzte Bericht des Amtes für Auslpndshilfe vom 30. Juni 1953
illustriert diesen Punkt mit Statistiken über Kohle und Stahl, die
Grundlagen der Industriewirtschaft.
Die

�17. März 1954

"AMERIKA DIENST"

Die Stahlproduktion der USA und ihrer europäischen Verbündeten ist mehr als dreimal größer als die des Sowjetblocks
einschließlich China, das nur sehr wenig produziert. In der Kohlenförderung ist das Verhältnis zwei zu eins.
Die Sowjets wenden sicherlich einen großen Teil ihrer Produktion für Rüstung auf. Aber auch das ist eine Schwäche. Es
ist eine Schwäche, die sogar von Malenkow erkannt wurde, als er
kürzlich eine Steigerung der Verbrauchsgütererzeugung in Aussicht
stellte. Ein Versprechen, das er einhalten muß, wenn er der wachsenden Unruhe Herr werden will. Wenn er es nicht tut - nun, so
wird er sich einem anderen Problem gegenübersehen. Selbst totalitäre Staaten müssen dem Volk gewisse Konzessionen machen. Der
Kommunismus hat den Arbeitern ein Paradies versprochen. Dieses
Paradies ist lange überfällig.
Die Sowjets erkennen das hohe Niveau der Arbeitskräfte und
der industriellen Einrichtungen Europas. Sie haben den festen
Willen, diese Qualifikation ihrer Stärke hinzuzufügen.
Die Rohstoffquellen Europas sind ein anderer Anziehungspunkt.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund für die westliche Zusammenarbeit, den ich berühren möchte. Wir Amerikaner haben die
Findigkeit und die Tüchtigkeit nicht gepachtet. In der Krisis,
in der wir uns befinden, brauchen wir die Hirne und Hände unserer
Brüder jenseits des Atlantik. Die USA haben die Atombombe nicht
aus eigener Kraft allein hergestellt. In Wahrheit ist sie das
Resultat der gemeinsamen Bemühung vieler Menschen aus vielen
Nationen. Einstein, dessen G-eist den Plan geschaffen hat, ist
nach Herkunft und Erziehung Deutscher, wem er auch amerikanischer
Staatsbürger wurde. Da war der Italiener Fermi, der Engländer
Chadwick, der Däne Bohr, der Ungar Szilard und viele andere.
Alexander Sachs, ein anderer naturalisierter Amerikaner, brachte
auf Anforderung von Einstein, Szilard und Wigner die Idee als
erster nach Washington.
Die USA ihrerseits steuerten ihre technischen Qualitäten
ebenso wie ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten bei, damit die
Idee in die Tat umgesetzt werde. Von Anfang bis zum Ende war es
ein kooperatives Wagnis. Natürlich bin ich stolz auf die Rolle,
die mein Land bei diesem Projekt gespielt hat, und wenn wir es
nicht allein gemacht haben, so bin ich deswegen nicht weniger
stolz.
Präsident Eisenhower hat vorgeschlagen, daß die Nationen
der Welt - und zwar alle miteinander - in gemeinsamer Bemühung dieses Wunder unseres Zeitalters zum Segen des Menschengeschlechtes
anwenden mögen. Es macht mich glücklich zu wissen, daß dieser Vorschlag von einem Amerikaner kam, und es beeinträchtigt mein Glück
nicht im geringsten, wenn die Menschen in anderen Ländern ebenfalls von diesen Möglichkeiten profitieren.
Wir müssen erkennen, daß die Einheit der Atlantischen Gemeinschaft mehr ist als eine Sache des Gefühls. Sie ist heute
eine Lebensfrage. In unserer Einheit liegt unsere Stärke. Und

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�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Und in dieser Stärke liegt die beste Hoffnung der Menschheit
für die Zukunft.
Die in Berlin bewiesene Einmütigkeit der westlichen Mächte
war nicht das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung. Mr. Dulles hat
Ihnen erzählt, daß keine Absprache all die Finten hätte vorausberechnen können, mit denen so ein alter Fuchs wie Molotow aufzuwarten hatte. Die Einigkeit, die sich hier zeigte, war die natürliche und spontane Reaktion von Menschen, die dieselben Ideale
haben, die denselben Ideen von menschlicher Freiheit und nationaler Integrität ergeben sind.
Molotow rannte gegen eine Mauer an, als er versuchte, die
Franzosen und die Briten zur Kapitulation vor dem Totalitarismus
zu bewegen, die Regierungen beider ebenso wie die amerikanische
Regierung wiesen ohne Zögern die russischen "Friedensvorschläge"
zurück.
Die EVG ist nach Meinung der Vereinigten Staaten ein wesentlicher Schritt zur Sicherung des freien Europas, und damit zu unserer Sicherheit. Präsident Eisenhower ist zutiefst davon überzeugt, daß Leben und Sicherheit Europas und damit der ganzen freien
Welt einschließlich der USA auf längere Dauer nicht gewährleistet
werden können, solange in Europa nicht eine Einheit besteht, die
Frankreich und Deutschland einschließt. Mit den Worten unseres
Außenministers; "Ehe nicht das Ziel der EVG erreicht ist, ist die
NATO und damit auch der zukünftige Frieden in Gefahr".
Wir forderten und fordern noch die EVG von unseren europäischen
Freunden, doch sie sind freie Nationen, und wir können sie nicht
zwingen. Unsere Vorstellung von Einheit läßt Zwang nicht zu. Sie
sind keine Satelliten. Wir alle sind gleichberechtigte Glieder
einer freien Allianz. Wir entscheiden uns frei, ob wir nun richtig
handeln oder falsch.
Europa hat in den letzten zehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte in Richtung auf diese Einheit zu verzeichnen. Da ist zum
Beispiel die ECA, der Europarat, die Europäische Zahlungsunion und,
natürlich, die Montanunion, sie alle arbeiten heute.
Die Berliner Konferenz hat wahrscheinlich der Verteidigungsgemeinschaft genützt, indem sie klarwerden ließ, daß die Russen
nicht in der Lage waren, zum Besten des Friedens und der europäischen Sicherheit irgend einen anderen Vorschlag zu machen. Die
Demonstration der westlichen Solidarität in Berlin war ein solider
Fortschritt. Die Berliner Konferenz zeigte deutlich, daß die von
Moskau drohende Gefahr noch nicht abgewandt ist. Das letzte Ziel
der Russen ist nach wie vor die Zerstörung und die Eroberung der
freien Welt. Dieses Ziel wird sicherlich so lange herrschen, bis
das russische Volk einmal seinem Willen freien Ausdruck verleihen
kann, bis der sowjetische Totalitarismus den Weg aller Diktaturen
gegangen sein wird und der Geschichte angehört.
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�A M E R I K A

E N S T

FRANKREICH KÄMPFT FÜR DIE FREIHEIT IN INDOCHINA

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium Robert D. Murphy betonte am 10. März
1954 vor amerikanischen Geschäftsleuten, daß
die Anwesenheit Rotchinas auf der am 26. April
in Genf beginnenden politischen Koreakonferenz
in keiner Weise die Anerkennung des kommunistischen Regimes bedeute. In dieser Rede ging
Murphy auch auf die Möglichkeit ein, daß das
Indochina-Problem auf der Genfer Konferenz behandelt werde und gab der Hoffnung Ausdruck,
daß die Möglichkeit gegeben sei "den seit acht
Jahren andauernden blutigen und harten Krieg
zu beenden". Den Teil der Rede Murphys, der
sich mit der Lage in Indochina befaßt, geben
wir nachstehend in gekürzter Form wieder.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Indochina, ebenso wie
das übrige Asien, von einer Welle des Nationalismus überflutet. Dort, wie an anderer Stelle, zerbrach der Rahmen, den
die Kolonisation des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte.
Guerilla-Streitkräfte traten unter dem Kommunistenführer
Ho Tschi-minh in den offenen Aufstand gegen das Kolonialregime. Es gelang ihnen, einen wichtigen Teil der nationalistischen Bewegung ebenfalls aufzuwiegeln und, bis zu einem gewissen Grade, sich selbst für viele Vietnamesen fälschlich
als die Kämpfer für die Unabhängigkeit hinzustellen.
In Anbetracht der höchst ungünstigen Lage des französischen Mutterlandes in der Nachkriegsperiode offenbarte die
Antwort der französischen Regierung auf die kommunistische
Herausforderung einen hohen Grad von Mut. Klarblickende französische Führer
anerkannten, daß es schließlich geboten sei,
den assoziierten Staaten die Unabhängigkeit zu gewähren.Schritt
für Schritt führte Frankreich die assoziierten Staaten Laos,
Vietnam und Kambodscha der Freiheit innerhalb der Französischen
Union entgegen. Laos besitzt jetzt einen Vertrag über seine

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�r

17. März 1954

"AMERIKA DIENST"

seine völlige Unabhängigkeit. Vietnam steht im Begriff, einen
solchen abzuschließen, und nun ist Kambodscha an der Reihe, in
naher Zukunft über einen Vertrag zu verhandeln.
In dem Krieg gegen die Kommunisten besitzen die Franzosen
die Unterstützung der kommunisten-feindlichen nationalistischen
Elemente und sind in der läge gewesen, in beträchtlichem Umfang
vietnamesische Truppen auszuheben und auszubilden. Für ein Frankreich, das bestrebt ist, seine wirtschaftliche Stärke zurückzugewinnen und seinen Anteil an den lasten zu übernehmen, welche
die europäische Sicherheit verlangt, ist es ein kostspieliger
und enttäuschender Kampf. Eine frühere Kolonie und Quelle des
Wohlstands zehrte und zehrt jetzt fühlbar an der Wirtschaftsund Menschenkraft Frankreichs. Und der Schaden ist gewaltig:
An Geld kommt er annähernd dem Betrag gleich, den Frankreich
als Marshallplan-Hilfe erhielt; die Verluste an Menschen sind
wesentlich höher als die amerikanischen in Korea. Besonders
schwer sind die Verluste beim Berufsoffizierkorps der französischen Armee, dessen zahlenmäßige Verluste sich jährlich auf
60 bis 70 Prozent des Bestandes der Abschlußklasse der Offiziersschule von St. Cyr. beliefen.
...Im übrigen setzen Frankreich und die Vietnamesen den Kampf
fort, und wir unterstützen den Navarre-Plan durch umfangreiche
Materiallieferungen. Der Plan, der nach seinem Schöpfer, dem französischen Befehlshaber in Indochina, benannt ist, verlangt zusätzliche Bataillone von Truppen aus dem Mutterland und umfangreiche Verstärkungen der Vietnam-Streitkräfte. Er stellt zugleich
eine kräftige Offensiv-Strategie in Aussicht, die auf die Vernichtung der Vietminh-Streitkräfte gerichtet ist.
Die militärische Lage der Streitkräfte der Französischen
Union ist, soweit es sich an diesem Punkte beurteilen läßt,
stark. Die von den Vietminh vor einigen Wochen erzielten Fortschritte waren zum größten Teil nur von geringer taktischer Bedeutung. Sie lieferten jedoch den kommunistischen Propagandamühlen Mahlgut, was ohne Zweifel ihr Zweck war.
Im Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung in
Indochina werden zwei weitere Kämpfe ausgetragen, - ein politischer und ein psychologischer Kampf. Beiden kommt ebenso große
Bedeutung zu, wie dem heißen Krieg und auch in diesem Ringen
gehen die Wogen der Schlacht auf und nieder.
Daß die Unabhängigkeit der Nationalregierungen der Assoziierten Staaten immer mehr verwirklicht wird, hat erheblich dazu beigetragen, die von den kommunistischen Vietminh aufgestellte
Behauptung, sie träten für Freiheit und Unabhängigkeit ein, als
eine Lüge zur Tarnung ihrer wahren Absichten zu entlarven. Immer
mehr Vietnamesen sind zu der Einsicht gekommen, daß die nationalistischen Gruppen innerhalb der Streitkräfte der Französischen
Union für die Sache der Freiheit kämpfen. Infolgedessen konnten
wir beobachten, wie Entschlossenheit und Kampfwille, ohne die

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"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

die kein Sieg zu erringen ist, an Stärke zunahmen. Mit psychologischen Mitteln kämpfen wir weiter gegen die Behauptung der
Kommunisten, die Franzosen und ihre amerikanischen Berater seien
Agenten des verhaßten Kolonialsystems und die anti-kommunistische
Regierung wäre nicht mehr als eine Marionette in der Hand der
Westmächte. Es gibt Gründe, die uns zu der Hoffnung berechtigen,
daß die Verträge über die Unabhängigkeit wesentlich dazu beitragen werden, den Schwindel der kommunistischen Beschuldigung
aufzudecken und außerdem das Prestige und die Stellung der
Nationalregierungen weiter zu stärken.
Die amerikanische Hilfe in diesem Kampf um die Freiheit
besteht in der Gewährung von materieller Unterstützung und der
Lieferung von leichten militärischen Ausrüstungsgegenständen,
beschränkt sich im übrigen aber auf beratende Funktionen, und
die Ermutigung der französischen und nationalen Kräfte Indochinas.

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�A M E R I K A

D I E N S T

METHODEN DES INTERNATIONALEN KOMMUNISMUS

CARACAS — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen Auszüge aus einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vor dem politischen und juristischen
Ausschuß der zehnten pan-amerikanischen Konferenz in
Caracas (Venezuela) am 8. März 1954. In dieser Rede
forderte Dulles die amerikanischen Staaten zu gemeinsamem Handeln gegen kommunistische Infiltrationsversuche in der westlichen Hemisphäre auf.

Der internationale Kommunismus ist jene weitreichende
unterirdische politische Organisation, die von den Führern
der kommunistischen Partei der Sowjetunion gelenkt wird.
Seit 1939 hat er 15 einst unabhängige Nationen in den Zustand
tiefster Knechtschaft versetzt. Er verfügt in praktisch jedem
Land der Welt über einen Kader von Agenten. Im ganzen gesehen
stellt er weder eine Theorie noch eine Doktrin, sondern eine
aggressive, brutale politische Macht dar, hinter der große
Hilfsquellen stehen und die dem ruchlosesten Imperium der
modernen Geschichte dient.
Die meisten der Führer der sowjetischen kommunistischen
Partei treten vor den Augen der Welt als verantwortliche Beamte
der sowjetischen Regierung auf. In dieser Eigenschaft bahnen
sie über die traditionellen Institutionen der Diplomatie Beziehungen mit anderen Regierungen an. Gleichzeitig aber lenken
und kontrollieren sie die vorerwähnte unterirdische politische
Organisation.
Bis zum zweiten Weltkrieg wurde Moskaus Kontrolle über
diese Organisation ganz öffentlich durch das zentrale Hauptquartier der kommunistischen Internationale, die sogenannte
'Komintern* durchgeführt, der sämtliche kommunistische Parteien
angehörten und die ihren Sitz in Moskau hatte. Während des
Krieges wurde die Komintern offiziell aufgelöst. Seither wird
die Kontrolle über die kommunistischen Parteien im Ausland
geheim und informell durch die Führer Moskaus aufrechterhalten,
in den meisten Fällen nicht weniger wirksam als zuvor.
Als

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Als Beweis dieser Tatsache bedarf es nicht der Erforschung
der genauen Kanäle, durch die diese Kontrolle erfolgt, obwohl
einige davon tatsächlich bekannt sind. Wenn man die sowjetische
Propaganda mit der politischen Haltung vergleicht, die von den
einzelnen kommunistischen Beamten und Agenten in aller Welt
eingenommen wird, und zwar nach den Gesichtspunkten von Substanz und Zeit, dann wird es jenseits allen Zweifels klar,
daß man es hier mit der streng disziplinierten Hierarchie einer
Organisation zu tun hat, die den widerspruchslosen Gehorsam ihrer Mitglieder fordert.
Die disziplinarischen Vorschriften schließen ein unerschütterliches Beharren auf dem Standpunkt ein, daß die Loyalität gegenüber der Bewegung - die in der Praxis gleichbedeutend ist mit
der Loyalität gegenüber den Führern der kommunistischen Partei
der Sowjetunion - über jede andere Verpflichtung, einschließlich der Liebe zum Vaterland, der Sorge um die Familie und der
persönlichen Ehre, zu setzen ist.
Diese Folgerungen sind keine Spekulationen; es sind feststehende Tatsachen, die allen gut bekannt sind, die sich ernsthaft mit dem Studium des kommunistischen Apparates befaßt haben.
Die Tatsache, daß diese Organisation besteht, bedeutet nicht,
daß alle Mitglieder aller kommunistischen Parteien in allen Ländern sich ihrer Existenz und ihrer eigenen Beziehung zu ihr bewußt sind. Nur ein kleiner Teil der kommunistischen Parteimitglieder hat Einblick in alle Einzelheiten über die wahre Natur dieser
Bewegung, der sie angehören sowie in die wirklichen Hintergründe
ihrer Macht. Die meisten nationalen kommunistischen Parteien geben sich nach .außen hin den Anschein normaler patriotischer politischer Parteien, indem sie vorgeben, die politischen Impulse
ihres Landes zu reflektieren und
sich von patriotischen
Elementen leiten zu lassen.
Tatsächlich jedoch stellt jede dieser Parteien eine Verschwörung innerhalb einer Verschwörung dar. Die kleinen Parteimitläufer werden, indem sie dem Zweck dienen, andere hinters Licht zu
führen, selbst im weitesten Maße hinters Licht geführt. Die führenden Männer weihen diese Mitläufer weder in die wahre Natur
ihrer eigenen Pflichten vollkommen ein, noch in die Hintergründe ihrer eigenen Macht und Geldmittel.
Das Ziel, für das diese Organisation aufrechterhalten und
gelenkt wird, ist es, als Instrument zur Förderung der weltweiten politischen Pläne der dominierenden Gruppe der Führer Moskaus
zu agieren.
... Wenn wir nun betrachten,was der internationale Kommunismus
dem einzelnen Menschen angetan hat, so müssen wir feststellen,
daß er ihm ebenfalls jedes Gefühl für Würde und Achtung geraubt
hat. Die professionellen Propagandisten des Kommunismus sprechen
mit glatter Zunge von erhabenen Zielen und hohen Idealen. Das ist
ein Teil der üblichen und betrügerischen Anreizversuche der kommunistischen Internationale und eines der bedeutendsten Mittel,mit
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mit denen die Unzufriedenen dazu gebracht werden, falschen Führern zu folgen. Aber von dem Augenblick an, wo der internationale
Kommunismus sein Ziel erreicht und die Menschen der sogenannten
"Diktatur des Proletariats" unterworfen hat, hört das Wohl des
Volkes auf, ein besonderes Anliegen zu sein.
Der Kommunismus war in seinen theoretischen Anfängen dazu
bestimmt,den Arbeitern zu dienen und ihnen zwar nicht geistigseelische Werte - der Kommunismus ist atheistisch - wenigstens
aber materiellen Wohlstand zu bringen. Es ist schon der Mühe wert,
sich vor Augen zu führen, was diesen begünstigten Gruppen in den
vom Kommunismus regierten Ländern widerfahren ist.
In diesen Ländern wurden die Arbeiter praktisch zu Sklaven
herabgewürdigt - und Millionen von ihnen sind es buchstäblich.
Aufschlußreiches Tatsachenmaterial darüber gibt der Bericht der
Vereinten Nationen über die Zwangsarbeit, der der letzten UNGeneral-Versammlung
in ihrer letzten Sitzung vorgelegt worden
war und dessen Verfasser drei hervorragende, voneinander unabhängige Persönlichkeiten aus Indien, Norwegen und Peru waren. Dem
Bericht ist zu entnehmen, daß die UdSSR und ihre Satelliten sich
in weitgehendem Maße der Zwangsarbeit bedienen. Dem gehen frühere
Beweise voraus, aus denen hervorgeht, daß gewöhnlich annähernd
15 Millionen Menschen die sowjetischen Zwangsarbeitslager füllen.
Der Bericht über die Zwangsarbeitslager nennt die sowjetische Methode der Ausbildung und des Einsatzes dieser Arbeitskräfte "ein System erzwungener oder obligatorischer Arbeit".
Der sowjetische Arbeiter ist der am stärksten unterbezahlte
und am meisten ausgebeutete Mensch aller modernen Industriestaaten. Er ist der am meisten herumdirigierte, am stärksten beaufsichtigte, bespitzelte und rechtloseste Arbeiter der heutigen Welt.
Er hat keinerlei Bewegungsfreiheit, denn es ist ihm nicht gestattet ,seinen Arbeitsplatz für einen anderen aufzugeben. Er ist
durch das Arbeitsbuch an seinen Posten gebunden. Mit Ausnahme
jener wenigen, durch Massenprivilegien, Begünstigten, gestattet
ihm sein Lohn nur eine erbärmliche Existenz. Heute, 37 Jahre nach
Ausbruch der Oktoberrevolution, haben in der UdSSR Unruhe und
Unzufriedenheit einen so hohen Stand erreicht, daß die Herrscher
im Kreml sie nicht mehr länger ignorieren können und Abhilfe versprechen müssen.
Die Lage in den sowjetischen Satellitenstaaten ist noch schlimmer als in Rußland selbst. Die unterworfenen Völker wurden in
ihrem Lebensstandard seit sie ihre Freiheit verloren haben scharf
beschnitten und noch größeres Ausbeutertum als in Rußland ist
dort vorherrschend. Der Aufstand der Arbeiter in der Ostzone
Deutschlands deckte mit einem Schlage auf, wie verzweifelt diese
Menschen sind, daß selbst Jugendliche es wagten, nur mit Steinen
bewaffnet gegen Sowjetpanzer anzugehen.
Als ich im letzten Monat im Ostsektor Berlins war, kam der sowjetische Außenminister auf diesen Aufstand zu sprechen und sagte,
daß Maßnahmen getroffen worden sind, derartiges in Zukunft zu verhindern. Sicher, es ist derartiges mehr geschehen. Ich sah solche
Maßnahmen. Sie bestanden in Tausenden und aber Tausenden von mit
Maschinengewehren und Tanks schwerbewaffneten Soldaten.
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�A M E R I K A

E N S T

STÄRKE DER FREIEN VÖLKER
Von John Poster Dulles

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir wesentliche Auszüge aus einem
im Original 5 500 Worte umfassenden Artikel
über die US-Außenpolitik, den der amerikanische Außenminister John Foster Dulles für die
Aprilnummer der bekannten politischen Monatsschrift "Foreign Affairs" geschrieben hat.

Die uns drohende Gefahr ist nicht solcher Art, daß man ihr
mit Notmaßnahmen allein wirksam begegnen könnte. Es ist eine
Gefahr, die lange Zeit bestehen bleiben kann. Wir müssen unser
Handeln danach richten.
Die sowjetische Bedrohung spiegelt nicht die ehrgeizigen
Pläne eines einzigen Herrschers wider und ihre Größe kann
nicht an dessen Lebenserwartung gemessen werden. Es gibt
keinen Beweis, daß die Politik der Sowjets seit dem Tode Stalins fundamentale Wandlungen erfahren hat, und in der Tat
stellte die Berliner Konferenz vom Februar einen positiven Beweis für das Gegenteil dar.
Die Aktiva,die hinter dieser Bedrohung stehen, sind gewaltig. Der Block der von Kommunisten beherrschten Länder - eine
neue Form imperialistischer Kolonialherrschaft - stellt eine
riesige, zusammenhängende Landfläche mit einer 800 Millionen
zählenden Bevölkerung dar. Ungefähr 10 Millionen Männer stehen
in den aktiven Truppenteilen unter Waffen und dazu kommen weiter viele Millionen ausgebildete Reservisten. Die strategisch zentrale Position dieser Landstreitkräfte ermöglicht
einen Angriff auf jedes von etwa 20 Ländern entlang einer
Linie von über 30 000 Kilometern. Ergänzt werden diese Bodentruppen durch immer stärker werdende Luftstreitkräfte, die
mit Atomwaffen ausgerüstet sind, und deren Aktionsradius, bis
über die nördlichen Gebiete der Arktis hinausgehend, unsere
Industrie-Zentren in die Gefahr eines plötzlichen Angriffs
bringt.

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Die Bedrohung ist nicht nur militärischer Art. Die sowjetischen Machthaber verfügen in der ganzen Welt über den ParteiApparat des internationalen Kommunismus. Er wird mit ausgebildeten Agitatoren und einer machtvollen Propaganda-Organisation
unterhalten. Er nützt jede Art der Unzufriedenheit aus, gleichgültig ob es sich um politische Unzufriedenheit über das "Kolonialsystem" oder um soziale Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Bedingungen handelt. Er versucht, die bestehende Ordnung
durcheinander zu bringen und den Weg für politische Coups zu
ebnen, durch die von Kommunisten geführten Gruppen zur Macht
verholfen werden soll.
Mit den verschiedensten Manövern und Drohungen, militärischer
und politischer Art, versuchen die sowjetischen Machthaber, die
freie Welt zu spalten und zu schwächen. Weiterhin versuchen sie,
die politischen Maßnahmen der freien Nationen als gescheitert
erscheinen zu lassen, indem sie diese zu starken Belastungen aussetzen, die - wie Lenin es ausdrückt - "über ihre Kraft" gehen.
"Dann", sagte Lenin, "ist unser Sieg gewiß". "Dann", sagte Stalin, "ist der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen".
Es ist nicht leicht, politische Maßnahmen zu finden, mit denen dieser so starken und ungeheuren, so vielseitigen und anhaltenden Gefahr begegnet werden kann. Die Lösung liegt nicht darin,
daß man den Schein der Preiheitsfackel durch den Glanz des Stahls
ersetzt.
Gemeinsame Verteidigung
Der Eckpfeiler der Sicherheit für die freien Nationen muß
ein kollektives Verteidigungssystem sein. Es ist ganz klar, daß
sie einzeln keine Sicherheit erzielen können. Keine einzelne
Nation kann für sich selbst eine Verteidigungsmacht von ausreichendem Umfang und ausreichender Beweglichkeit aufbauen. Ein solcher Versuch würde - ohne die notwendige Sicherheit zu geben jede Nation zum Garnison-Staat werden lassen.
Dies trifft für die Vereinigten Staaten zu, ohne die Unterstützung der Alliierten würden wir sogar nicht in der Lage sein,
eine wirkungsvolle Vergeltung gegen die Rüstungsindustrie einer
angreifenden Nation durchzuführen. Dazu bedarf es der internationalen Zusammenarbeit. Ohne sie verliert unsere Luftstreitmacht viel
von ihrer Schlagkraft; mit ihr wird die strategische Luftmacht
das, was Sir Winston Churchill "das größte Abschreckmittel"
nennt. Ihm schrieb er die Sicherheit Europas während der letzten
Jahre zu. Solche Macht stellt zwar jetzt einen ausschlaggebenden
Faktor dar, aber es könnte sein, daß ihr die gleiche Bedeutung
nicht für alle Zeiten zukommt. Außerdem sind massiv geführte
Vergeltungsmaßnahmen mit Atom- und Wasserstoffbomben nicht Machtmittel solcher Art, die unter allen Umständen am wirkungsvollsten
angewandt werden können.
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Die Sicherheit der freien Welt hängt demnach eher von
dem weiteren Ausbau der gemeinsamen Sicherheit und der gemeinsamen Streitkräfte ab als von dem Kräftepdtential einzelner Nationen. Jede Nation, die an dieser Sicherheit teilhat, sollte
daher je nach ihren Kräften und Möglichkeiten das Ihre dazu beitragen. Der inter-amerikanische Beistandspakt (Riopakt) von
1947 war das erste Nachkriegsbeispiel eines Paktsystems, nach
dem jeder bewaffnete Angriff gegen eines der Mitglieder als
Angriff gegen alle angesehen wird. Der Nordatlantikpakt ist
auf denselben Grundsätzen aufgebaut. Die an diesem Vertrag Beteiligten sind sogar viel weiter gegangen, indem sie im Rahmen
eines integrierten Sicherheitssystems gemeinsame Streitkräfte
aufgestellt und allen zur Verfügung stehende Verteidigungsmöglichkeiten geschaffen haben. Die NATU erstellt bedeutende Luftund Marinestützpunkte, zu deren Ausbau alle Mitgliedstaaten jeder nach seinen Mitteln und Möglichkeiten, - Beiträge leisten
könne. Die Nordatlantik-Gemeinschaft liefert außerdem die Plugzeuge, Schiffe und Waffen, die von diesen Stützpunkten aus ein- '
gesetzt werden können. Sie schafft viele Positionen, von denen
aus ein Angreifer auf die verschiedenste Art und Weise bedrängt
werden kann, so daß er es aus Gründen der Klugheit kaum wagen
dürfte, seine Kräfte auf ein einzelnes Opfer seines Angriffs
zu konzentrieren.
Während in der Nordatlantikpakt-Gemeinschaft das Konzept
der kollektiven Sicherheit bereits verwirklicht ist, ist es in
anderen Gebieten erst im Stadium der Entwicklung begriffen, zur
Zeit noch in einer etwas rudimentären Form. Ein Beispiel dafür
ist der westliche Pazifik, wo die Vereinigten Staaten eine Reihe
von Verträgen zur kollektiven Sicherheit abgeschlossen haben,
die nunmehr Australien, Neuseeland, die Philippinen, Japan und
Korea einschließen. Eine andere Verteidigungsgemeinschaft gruppiert sich zur Zeit im Mittleren Osten um den Kern Türkei-Pakistan. Diese Entwicklungen zeigen, daß dieses Konzept der
kollektiven Sicherheit immer mehr Anhänger gewinnt.
Die Vereinten Nationen sind bestrebt, der kollektiven Sicherheit eine Basis zu geben, die mehr umfaßt als einzelne Gebiete. Schöpfer der Idee des gemeinsamen Handelns waren die
Vereinten Nationen, und mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder
haben sich diesem Prinzip angeschlossen, darunter die 16 Staaten,
die bewaffnete Streitkräfte nach Korea entsandten, um die Aggression abzuwehren. Die Resolution über die "Vereinigung für den
Frieden", die im November 1950 von der Generalversammlung akzeptiert wurde, war ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Diese Resolution ermöglicht es den Mitgliedern der Vereinten Nationen,
gegen zukünftige Aggressionen ähnliche gemeinsame Maßnahmen zu
treffen, ohne von dem Veto der Sowjetunion daran gehindert zu
werden.
Das von der freien Welt errichtete Stützpunkt-System gehört
zu den Maßnahmen für die kollektive Sicherheit. Herr Molotow hat
diese Stützpunkte während der Berliner Vier-Mächte-Konferenz wiederholt als Beweis für Aggressionsabsichten angegriffen. Tat-

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Tatsächlich verkörpern diese Stützpunkte auf Territorien anderer
souveräner Länder nichts anderes als einen Teil des kollektiven
Sicherheitssystems. Sie wurden nur auf Ansuchen dieser Länder
hin errichtet und von ihnen hängt es ah, wann und wie sie benützt werden dürfen. Die Zustimmung zur Benützung würde niemals
gegeben werden, solange dies nicht in Antwort auf eine offene
Aggression geschähe und durch die Art und Reichweite dieses
Angriffs zu rechtfertigen wäre. Dadurch wird die Punktion dieser
Basen als gemeinsame Aktionspunkte gewährleistet.
Die Strategie der Verhinderung eines Angriffs
Es bleibt die Frage: Wie soll die freie Welt ihre Verteidigung aufbauen, um mit minimalem Kosteneinsatz ein Maximum an
Sicherheit zu erzielen? Der Kern des Problems liegt jetzt darin,
den Angriff zu verhindern. Dazu ist es unserer Meinung nach nötig, daß wir einer angreifenden Macht keinen Zweifel darüber
lassen, daß die Verluste, die sie durch den Angriff erleiden
würde, eventuelle Gewinne überwiegen würden.
Wenn die freie Welt versuchen würde, den starken Verbänden
der kommunistischen Streitkräfte an jedem Punkt, an dem sie angreifen, Verbände von gleicher Truppen- und Materialstärke entgegenzusetzen, würde dies selbst mit Hilfe kollektiver Maßnahmen nicht gewährleistet sein. Dem sowjetisch-chinesischen Block
mangelt es nicht an Truppen und er verschwendet sein Menschenmaterial wie billige Ware. Wenn ein Angreifer sicher wäre, daß
er die Kampfbedingungen vorschreiben und uns in Kämpfe verwickeln könnte, bei denen es hauptsächlich auf die Truppenzahl
ankommt, könnte dies zu einer Aggression ermutigen. Er könnte
versucht sein, uns mit solchen Mitteln und an solchen Stellen
anzugreifen, wo seine überlegene Truppenstärke den Gang der
Kampfhandlung entscheiden und wo er uns mit geringen Kosten große
Lasten auferlegen könnte. Wenn sich die freie Welt diese Strategie aufdrängen ließe, führte sie sich selbst zum Bankrott
und würde lange Zeit keine Sicherheit erlangen können.
Die freie Welt muß zu ihrer Verteidigung eine bessere Taktik ausarbeiten, die sich auf die Mittel stützt, in denen sie
sich überlegen weiß. Die Stärke der freien Welt liegt hauptsächlich bei den Luft- und Seestreitkräften, bei den Atomwaffen, die
jetzt auf vielerlei Gebieten eingesetzt werden können,und nicht
mehr allein bei der Bombardierung strategisch wichtiger Punkte,
sondern auch in der Gefechtshandlung eine bedeutende Rolle spielen. Die freie Welt muß neue Einsatzmöglichkeiten für die abschreckenden Eigenschaften dieser Waffen finden und das Kräftepdential der kollektiven Sicherheit voll ausnützen. Richtig
eingesetzt könnte sie eine starke Verteidigung aufbauen, die
imstande ist, sofort und wirksam jede Aggression zu vergelten.
Im Hinblick auf die Verhinderung eines Angriffs ist es wichtig, daß man die Beweglichkeit und die strategischen Möglichkeiten besitzt, die verschiedene Abwehraktionen gewährleisten. In
vielen Fällen würde ein offener kommunistischer Angriff einen
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einen allgemeinen Krieg auslösen. Aber die freie Welt muß die
Mittel besitzen, um Ort und Zeit ihrer Gegenmaßnahmen selbst
zu bestimmen. Sie darf sich nicht in eine Lage drängen lassen,
in der es keine andere Antwort mehr gibt als den allgemeinen
Krieg. Wesent ich ist dabei, daß sich eine angreifende Macht im
vorhinein darüber im klaren ist, daß sie durch einen Angriff
mehr einbüßen würde als sie möglicherweise damit gewinnen könnte.
Das aber erfordert den Aufbau eines Verteidigungssystems, in dem
die örtliche Verteidigung jederzeit durch beweglichere, abschrekkende Einsatzkräfte verstärkt werden kann. Wie dieses System
im einzelnen auszusehen hat, hängt von der Beschaffenheit der
verschiedenen Gebete ab.
Manche Gebiete sind so lebenswichtig, daß ein besonderer
Schutzwall um sie herum gebildet werden sollte und gebildet werden
kann. Westeuropa ist ein solches Gebiet. Seine Industrieanlagen
sind von so großer Bedeutung für das wirtschaftliche Gleichgewicht in der Welt, daß ein Angreifer zu der Ansicht gelangen
könnte, es sei ein kluger Schachzug sich seiner zu bemächtigen sogar auf die Gefahr hin, sich selbst dabei erhebliche Verletzungen zuzuziehen. In dieser Hinsicht ist Westeuropa einzigartig.
Glücklicherweise haben die westeuropäischen Länder sowohl eine
militärische Trad tion als auch ein großes Militärpotential, so
daß sie durch eine europäische Verteidigungsgemeinschaft und mit
Unterstützung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens eine
ausreichende Verteidigung des Kontinents schaffen können.
Die meisten Gebiete innerhalb der Reichweite eines Aggressors
bieten ihm weniger als der Verlust beträgt, den er durch wohldurchdachte Vergeltungsmaßnahmen erleiden würde. Jedoch selbst
in solchen Gebieten wird die lokale Verteidigung stets wichtig
sein. In jedem gefährdeten Gebiet sollten geeignete Abwehrkräfte
zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei Umsturzgefahr und zur Abwehr anderer Formen indirekter Aggression und unerheblicher
Aggression von selten der Sa ellitenstaaten vorhanden sein.
Diese Abwehrkräfte sind notwendig; sie bekunden den Willen zum
Widerstand und zwingen jeden Angreifer seine wahre Absicht durch
einen Kampf zu erkennen zu geben, der ihn vor der ganzen Welt
brar.c markt und sofortige kollektive Maßnahmen auslöst- Etwaige
Aggressoren haben wenig Respekt vor Volkern, die nicht gewillt
sind, für ihre eigene Sicherheit zu kämpfen oder die Opfer zu
bringen, die notwendig sind um diesem Kampf Bedeutung zu verleihen. Sie wissen ebQnso, daß solche Völker keine Verbündeten
finden, die für ihre Sache zu kämpfen bereit sind. Aus all diesen
Gründen ist die lokale Verteidigung w'chtig. In solchen Gebieten
muß jedoch das Schwergewicht auf der Macht der freien Gemeinschaft
liegen, die mit starker Kraft Vergeltung üben ka n und zwar mit
den Mitteln und auf den Schauplätzen, die sie bestimmt.
Ein

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17. März 1954

Ein etwaiger Aggressor wird zögern»eine Aggression zu
starten, wenn er im voraus weiß, daß er hierbei nicht nur die
Kräfte aufs Spiel setzt, die er in seinem Angriff einsetzen
will, sondern auch seine übrigen Machtmittel ihres "geheiligten" Status' beraubt. Das bedeutet nicht, daß jeder lokale
Krieg einen Weltkrieg entfesselt. Es bedeutet auch nicht, daß
im Falle eines kommunistischen Angriffs auf irgendein Gebiet
in Asien notwendigerweise Atom- oder Wasserstoffbomben auf
die großen Industriezentren Chinas oder Rußlands geworfen
werden. Es bedeutet vielmehr, daß die freie Welt die kollektiven Mittel aufrechterhalten und gewillt sein muß, sie so
wirksam zur Anwendung zu bringen, daß eine Aggression hierdurch zu gewagt und kostspielig wird um verlockend zu erscheinen.
Es wird manchmal behauptet, daß dieses System unzulänglich
sei, da es einem besetzten Land lediglich garantiert, daß es
schließlich befreit und der Eindringling bestraft wird. Diese
Ansicht trifft nicht den Kernpunkt. Es ist vielmehr so, daß
ein etwaiger Angreifer höchstwahrscheinlich keinen Überfall
wagen wird, wenn er glaubt, daß der mögliche Verlust und der
zu erwartende Gewinn einander die Waage halten. Ein System,
das die etwaigen Aggressoren zwingt, sich diese Tatsache vor
Augen zu führen, bildet die unerläßliche Ergänzung eines
lokalen Verteidigungssystems.
Praktische Anwendungen
Die ersten Anzeichen der Nutzanwendung dieser Politik
lassen sich bereits beobachten.
In Korea waren die gegen die Aggression eingesetzten
Streitkräfte so stark eingeengt, daß es ihnen sogar verboten
war, feindliche Plugzeuge, die jenseits des Yalu-Plusses
stationiert waren, zu.verfolgen. Die Plugplätze, von denen
aus die Angriffe gestartet wurden, waren tabu, ebenso die
Nachschublinien uhd -lager. Die Kampfhandlungen wurden dort
schließlich im Juli vergangenen Jahres unter Bedingungen abgebrochen, die bereits viele Monate vorher vorgeschlagen worden waren. Dieses Ergebnis wurde, zumindest teilweise, erzielt,
da sich der Angreifer, dem territoriale Gewinne bereits verweigert worden waren, vor die Möglichkeit gestellt sah, daß
die Kämpfe, sehr zu seiner eigenen Gefahr, sich bald über die
von ihm festgelegten Grenzen und Methoden hinaus in Gebieten
und unter Bedingungen abspielen könnten, die wir selbst bestimmen würden. Mit anderen Worten, das Prinzip der Anwendung
von Methoden unserer eigenen Wahl stand nahe vor seiner Verwirklichung, und es half den Krieg zu beenden, den der Gegner
begonnen und, gestützt auf die Theorie, daß es ein abgegrenzter
Krieg auf Schauplätzen und unter Voraussetzungen seiner eigenen
Wahl sei, geführt hatte.
Die 16 Mitglieder der Vereinten Nationen, die in Korea

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17. März 1954

Korea kämpften, haben das gleiche Prinzip verfolgt. Sie haben
öffentlich bekannt gegeben, daß in dem Falle einer Verletzung
des Waffenstillstandes und einer Erneuerung der Aggression
durch die Kommunisten die Erwiderung des Kommandos der Vereinten Nationen sich nicht unbedingt auf Korea beschränken
werde. Wenn daher die Aggression wieder fortgesetzt würde,
hätte das UN-Kommando heute keinerlei Bedenken, dem Angreifer schwerste Vernichtungen auch außerhalb des Gebietes zuzufügen, das er gerade für seinen Angriff wählt. Das braucht
nicht die Ausbreitung des Atomkrieges über ganz Asien zu bedeuten. Man sollte nicht vorher bereits die genauen Absichten der militärischen Handlungen im Falle einer neuen Aggression bekannt geben. Dies ist eine Angelegenheit, über die
man den Aggressor besser im Unklaren lassen sollte. Aber er
kann und soll wissen, daß im Lichte der gegenwärtigen Politik
in einem solchen Falle nicht er, sondern wir bestimmen werden.
Bezüglich Indochina haben die Vereinigten Staaten öffentlich
erklärt, daß eine offene Aggression der rotchinesischen Armee
in diesem Gebiet "schwerwiegende Konsequenzen, die sich möglicherweise nicht auf Indochina beschränken", nach sich ziehen
würde.
Am 26.Dezember 1953 gab Präsident Eisenhower eine wichtige
Erklärung ab, die klar unsere gegenwärtige Politik in bezug auf
Asien reflektierte. Er kündigte einen progressiven Abzug amerikanischer Landstreitkräfte in Korea an. In seinen weiteren Ausführungen betonte er jedoch, daß die Militärstreitkräfte der
Vereinigten Staaten im Fernen Osten nunmehr "hochbewegliche
Marine-, Luft- und Amphibien-Einheiten" besitzen werden; und
er fügte hinzu, daß die Vereinigten Staaten auf diese Weise
trotz des Abzuges einiger Landstreitkräfte über eine Kapazität
verfügen werden, die jeder Aggression "sogar wirkungsvoller als
bisher" begegnen kann. Im gleichen Monat bekräftigten die Vereinigten Staaten abermals ihre Absicht, von dem uns durch den
japanischen Friedensvertrag zugestandenen Recht Gebrauch zu
machen und in Okinawa zu bleiben. Dieser Stützpunkt ist notwendig zur Sicherung wirkungsvoller Einsätze im Sinne der
Erfüllung der Konzeption der kollektiven Sicherheit.
In Europa kommen unsere Ziele vor allem im Nordatlantikpakt zum Ausdruck. Im Anschluß an die Aggression in Korea
vom Juni 1950 schritten die Mitglieder des Paktes zu einer
aus der Situation notwendig gewordenen Verstärkung der militärischen Kräfte in Westeuropa. Diese in der Zeit zwischen
1950 und 1953 ausgebaute militärische Stärke hat sich zur Erhaltung des Friedens gut bewährt. 1953 schien es nicht mehr
notwendig, diesen ursprünglich eingeschlagenen Weg weiter zu
verfolgen.
Auf der Sitzung des Nordatlantikrates im April 1953 setzten
die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption fest, die heute als
das "Programm auf lange Sicht" bekannt ist. Es bedeutet eine
ständige Weiterentwicklung der defensiven Kraft, und zwar in

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in einem Ausmaß, das der wirtschaftlichen Kraft unserer
Alliierten ebenso wie unserer eigenen angemessen ist und sie
nicht übersteigt. Diese Entwicklung würde unterstützt durch
das Vorhandensein neuer Waffen mit ungeheuer gesteigerter
Zerstörungskraft sowie durch den wirkungsvollen Einsatz von
Luftstreitkräften von Stützpunkten aus, über die man sich
auf internationaler Basis einigt. Präsident Eisenhower sucht
nun durch einen Zusatz zu dem bestehenden Gesetz einen Weg zu
einem freieren Austausch der Atominformationen mit unseren
NATO-Verbündeten zu finden. Als wir zu den Sitzungen des
Nordatlantikrates vom vergangenen Dezember zurückkehrten,
konnten wir eine allgemeine Zustimmung zu dem "Programm auf
lange Sicht" feststellen. Das Ergebnis ist, daß die meisten
unserer NATO-Verbündeten nunmehr in der Lage sind, eine
Budget- und Wirtschafts-Stabilität zu erreichen, ohne in
stärkerem Umfang von unserer Wirtschaftshilfe abhängig zu
sein.
Das erstarkende Verteidigungssystem der freien Welt, gestützt auf gemeinsame Bemühungen und gekoppelt mit entsprechenden Richtlinien für ihren Einsatz, spiegelt die bisher
höchste Annäherung der Welt an das Ziel, eine wirkungsvolle
Verteidigung mit einem Minimum an Kosten zu erreichen.
Das gegenwärtige Militärprogramm
Eine der grundlegenden Aufgaben der neuen Regierung ist es
gewesen, unser militärisches Programm im Lichte der früheren
Politik zu überprüfen.
In den Jahren 1945-53 waren unsere militärischen Programme
starken Schwankungen unterworfen, welche eine ordnungsgemäße
und wirksame Verwaltung behinderten. Während de» ersten Abschnittes dieses Zeitraumes ging die Politik dahin, die Streitkräfte drastisch zu verringern. Während des späteren Teils
dieses Zeitraums lief die Politik darauf hinaus, die militärische Stärke rasch zu erhöhen. Sowohl während der Demobilisierung als auch während der Verstärkung spiegelte das Militärbudget den Gedanken des sogenannten "Gleichgewichts der Heeresteile" wider. Einfacher ausgedrückt, bedeutete das die Aufteilung der zur Verfügung stehenden Mittel in drei einigermaßen gleiche Teile für die Armee, die Flotte und die Luftstreitkräfte.
Als die Regierung Eisenhower die Amtsgeschäfte übernahm,
waren für die Durchführung unserer nationalen SicherheitsProgramme im In- und Ausland jährlich über 50 Milliarden Dollar
erforderlich, und für das folgende Jahr waren dafür rund
55 Milliarden Dollar veranschlagt. Es ergaben sich Fehlbeträge im Budget in Höhe von 10 Milliarden Dollar, obgleich
die Steuern denen der Kriegszeit vergleichbar waren. Inflationserscheinungen verringerten die Kaufkraft des Dollars. Unsere
Verbündeten wurden in ähnlicher Weise belastet.
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Das amerikanische Volk hat wiederholt bewiesen, daß es bereit
ist, jegliche Opfer zu bringen, die notwendig sind, um unsere nationale Sicherheit zu gewährleisten. Es würde zweifellos Militärausgaben in der'Höhe auf sich nehmen, die ihm seine Regierung
als unerläßlich für die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit bezeichnen würde, und zwar selbst um den Preis von Fehlbeträgen
im Budget, von daraus sich ergebendem inflationistischem Druck
und Steuereätzen,, die den wirtschaftlichen Ansporn beeinträchtigen würden. Aber der patriotische Opferwille ist nicht etwas,
das man ohne Not in Anspruch nehmen soll. Die Regierung hat die
hohe Verpflichtung, unter Zuhilfenahme aller Mittel und ihrer
ganzen Erfindungsgabe nach Wegen zu suchen, die Sicherheit,ohne
gleichzeitige das wirtschaftliche und soziale Wohl gefährdende
Opfer,gewähren. Die Sicherheitspolitik., die wir hier beschreiben,
ermöglicht die Aufstellung von Programmen, die hinsichtlich der
Zusammensetzung der Streitkräfte und der Materialbeschaffung
größere und wirksamere Möglichkeiten bieten.
Die neue Regierung hat sich bemüht, auf ordnungsmäßigem
Wege" das Programm für die militärischen Streitkräfte den Bedürfnissen wieder anzupassen. Bevor dies geschehen konnte, war es
erforderlich, Klarheit darüber zu schaffen, in welchem Umfange
wir uns auf die kollektive Sicherheit verlassen können; war es
ferner notwendig, unsere grundlegende Strategie sowohl in Europa
als auch in Pernost eindeutiger zu definieren; unsere Aktionsfreiheit in bezug auf die Zurückweisung künftiger Aggressionshandlungen zu behaupten; die Wirkungsmöglichkeiten neuer Arten
von Waffen abzuschätzen; und schließlich die Zusammensetzung und
uüd den Umfang unserer sofort und künftig verfügbaren Streitkräfte in ein richtiges Verhältnis zu allen diesen Paktoren zu
bringen.
Das alles hat Zeit in Anspruch genommen. Es war eine Reihe
schwieriger grundlegender Entscheidungen von seiten des Präsidenten erforderlich unter Berücksichtigung der Empfehlungen des
Nationalen Sicherheitsrates und befürwortender Entscheidungen
des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des
Finanzministeriums. Es war notwendig gewesen, in einen Gedankenaustausch mit Führern des Kongresses und mit unseren Hauptverbündeten einzutreten und die Weltmeinung so zu unterrichten, daß
weder unsere Freunde noch unsere Gegner im Ausland unser Handeln
falsch auslegen konnten. Jetzt aber ist der neue Kurs festgelegt
und bildet die Richtschnur für unsere militärische Planung. Nunmehr erst ist es möglich, mit geringeren Ausgaben ein größeres
Maß an fundamentaler Sicherheit zu haben und zu geben. Dies fand
seine Bestätigung in dem Haushaltsplan, den der Präsident für
das Rechnungsjahr 19-55 unterbreitet hat. In diesem Plan betragen
die Ausgaben für die nationale Sicherheit für das Rechnungsjahr
1955 45 Milliarden Dollar gegenüber 50 Milliarden Dollar für
1953 und 49 Milliarden Dollar für 1954.
Anfangs

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"AiäERIKA LIEHST"

Anfangs wurde diese Neugestaltung des militärischen Programms in verschiedener Hinsicht falsch ausgelegt. So meinten
einige, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigten, sich vollkommen auf den strategischen Bombenkrieg großen Ausmaßes als
einziges Mittel zur Verhinderung und Abwehr einer Aggression
zu verlassen. Diese irrige Ansicht sollte durch das, was
bereits gesagt wurde, eindeutig widerlegt sein. Die Kräfte
für einen massiven Einsatz werden immer in einem Zustand
sofortiger Bereitschaft gehalten werden, und unser Programm
läßt eine weite Skala von Möglichkeiten hinsichtlich der
Mittel und des Umfanges offen, um einer Aggression zu begegnen.
Andere interpretierten das Programm als eine Abkehr vom System
der kollektiven Sicherheit. Das genaue Gegenteil ist, wie
bereits aufgezeigt, der Fall. Unsere Politik basiert weitgehend auf einem System der kollektiven Sicherheit und der
Erfolg hängt von ihrer Fortführung eb. Wieder andere fürchteten,
daß wir im Interesse einer größeren Beweglichkeit beabsichtigen,
unsere Truppen aus Übersee abzuziehen. Jetzt, nach Beendigung
der Kampfhandlungen in Korea, werden unsere Streitkräfte im
Fernen Osten, so wie wir es schon früher ankündigten, zahlenmäßig reduziert werden. Diejenigen Truppenkontingente jedoch,
die auch weiterhin dort bleiben werden, verfügen über eine
große Kampfkraft. Dieses Programm hat außerdem nicht den
Abzug unserer Streitkräfte in Europa zum Ziel. Es ist natürlich wichtig, daß auch die Nationen des Kontinents ihrerseits
eine harmonische Streitmacht im Rahmen eines gemeinsamen Verteidigungssystems aufstellen, wenn sie dies tun, dann kann man
auch von den Vereinigten Staaten erwarten, daß sie ihrerseits
beträchtliche Kräfte in Europa behalten werden, und zwar sowohl
in Unterstützung einer Strategie der vorgeschobenen Verteidigung
als auch aus politischen Gründen.
Eine andere Auswirkung unserer neuen Politik ist, daß wir
jetzt in der Lage sind, die Wirtschaft&amp;MMe an unsere Verbündeten herabzusetzen. Das Programm für technische Hilfe wird
fortgesetzt, und auch die Wirtschaftshilfe selbst wird nicht
vollkommen eingestellt werden. Es gibt immer noch einige Gebiete nahe der sowjetischen Machtsphäre, wo die Regierungen der
betreffenden Länder ohne unsere Hilfe nicht in der Lage sind,
ausreichende Streitkräfte zu unterhalten. Das trifft besonders
für den Mittleren und Fernen Osten zu. Wir haben weitgehend
bereitwillig und, wie ich hoffe, auch konstruktiv dazu beigetragen, die Aggression in Indochina aufzuhalten und die Freiheit zu sichern. Der Einsatz, um den es dort geht, ist so
groß, daß man sich schuldig machen würde, wenn man die Streitkräfte, die gegen die kommunistische Versklavung kämpfen, nicht
unterstützen würde. Allgemein gesprochen jedoch, ist die bisherige Wirtschaftshilfe in Form nichtrückzahlbarer Darlehen im
Begriff, als Hauptbestandteil unserer Außenpolitik zu verschwinden. Dies ist in vielerlei Hinsicht wünschenswert, denn dadurch
ist es uns möglich,unser eigenes Budget besser zu handhaben und
eine internationale Zusammenarbeit des gegenseitigen Respekts
zu schaffen.
v&gt;aa

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Das ist es, was unsere Verbündeten wollen. Handel, größere
Märkte und ein Strom von Investitionskapital sind weitaus gesünder als Leihabkommen zwischen den Regierungen. Es ist natürlich wichtig, daß wir auch wirklich den für alle Teile vorteilhafteren Ersatz für die bisherige "Hilfe" schaffen. Dies zu
erreichen ist eines der Hauptziele der Regierung Eisenhower
und ein wesentlicher Bestandteil der bereits beschriebenen Gesamtpolitik.
Unser nationales Ziel
Wir erheben natürlich keinen Anspruch darauf,irgendeine
Zauberformel, die gegen alle Arten des Kommunismus erfolgreich
ist, gefunden zu haben. Der Despotismus hat seine Stellung ausgebaut wie nie zuvor. Er bleibt aggressiv, ganz besonders in
Asien. In Europa sind seine Ziele expansionistisch, wie dies aus
Mr. Molotows Plänen
für Deutschland, Österreich und das gesamte Europa auf der Berliner Konferenz hervorging. Aber sowohl
Zeit als auch die grundlegenden Umstände selbst werden für uns
arbeiten, so wir es nur zulassen.
Die Diktatoren stehen einer unlösbaren Aufgabe gegenüber,
wenn sie sich darauf einlassen, die Möglichkeiten, die aus dem
Strom der Freiheit kommen, über weite Strecken und auf lange
Zeit hinaus abzudrosseln. Wir können sicher sein, daß auch innerhalb des sowjetischen Einflußbereiches in aller Stille Machtkampfe
zwischen den Diktatoren und der großen Masse des Volkes im Gange
sind. Der Kampf des einzelnen freilich scheint ein hilfloses
Unterfangen; aber ihr vereintes Wollen bildet eine gewaltige
Macht. Es sind gewisse Anzeichen dafür vorhanden, daß die sowjetischen Herrscher in einigen nationalen Fragen sich den Wünschen
des Volkes werden beugen müssen. Da sind die Versprechen von
besserem und mehr Essen, mehr Haushaltwaren, mehr wirtschaftlicher Freiheit. Das bedeutet nicht etwa,die Diktatoren hatten
sich bekehren lassen, aber sie beginnen wohl zu ahnen, daß der
Macht ihrer fortgesetzten Knebelung des menschlichen Geistes
Grenzen gesetzt sind.
Diese Wahrheit sollten wir nicht aus den Augen verlieren,
wenn wir unsere eigenen politischen Entscheidungen treffen. Unser
nationales Ziel ist nicht allein zu überleben in einer Welt voller
unheilschwangerer Gefahren. Wir wollen dieser Ära der Angst ein
Ende setzen. Wir werden dies nicht allein durch die Schaffung
einer großen Militärmacht, die unentbehrlich ist für unsere Verteidigung und zur Verhinderung jeden Angriffs, erreichen. Aber
das Schwert des Damokles schwebt weiter über unseren Häuptern.
Der einzige Weg,diese Gefahr auf friedlichem Wege zu bannen,
ist zu zeigen, daß Freiheit nicht nur Schießgewehre produziert,
sondern allen seelischen, geistigen und materiellen Reichtum
in sich birgt, den die Menschen sich erwünschen.
Das sind die Grundsätze, die uns leiten mögen. Wir haben
die Zuversicht, daß, wenn unsere Nation sich beharrlich nach ihnen
richtet, die Freiheit in ihrem jahrhundertealten Kampf mit dem
Despotismus wieder die Oberhand gewinnen und damit die Gefahr des
Krieges mehr und mehr schwinden wird.
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES UMREISST US-ASIENPOLITIK
NEW YORK - (Amerika Dienst) Außenminister John Foster Dulles
vor dem "Overseas Press Club" in
lagen der amerikanischen Politik
china und Rotchina dar. Die Rede
hat folgenden Wortlaut:

Der amerikanische
legte in einer Rede
New York die Grundin bezug auf Indodes Außenminister

"Die Zusammenkunft des Overseas Press Club bietet eine
passende Gelegenheit, die Grundgedanken der amerikanischen Regierung zu zwei zusammenhängenden Problemen, nämlich Indochina und dem kommunistischen China, darzulegen.
Indochina
Indochina ist aus vielen Gründen wichtig. An erster Stelle
- und immer an erster Stelle - stehen die menschlichen Werte.
Etwa 30 Millionen Menschen streben hier für sich selbst nach
der Würde der Selbstregierung. Bis vor wenigen Jahren stellten
sie lediglich ein von Frankreich abhängiges Gefüge dar. Heute
üben ihre drei politischen Einheiten - Vietnam, Laos und
Kambodscha - innerhalb der französischen Union eine weitgehende politische Unabhängigkeit aus. Jeder der drei Staaten
ist heute durch die USA und über 30 weitere Nationen anerkannt.
Diese drei Staaten haben mit uns den japanischen Friedensvertrag unterzeichnet. Ihre Unabhängigkeit ist noch nicht vollständig. Aber die französische Regierung hat im jha.l&amp; vergangenen Jahres ihre Absicht bekanntgegeben, diese Unabhängigkeit zu vervollständigen und die Verhandlungen zur Erfüllung
dieser Verpflichtung sind in vollem Gange.
Die Vereinigten Staaten beobachten diese Entwicklung mit
aller Aufmerksamkeit und großer Sympathie. Wir Amerikaner vergessen nicht, daß auch wir eine Kolonie gewesen sind, die
ihre Freiheit errang. Wir haben auf den Philippinen eine
sehr erfolgreiche Entwicklung einer politischen Unabhängigkeit gefördert und unterstützt. Wir fühlen uns irgendwie mit
all denen verwandt, die irgendwo auf der Welt nach Freiheit
dürsten.
Der kommunistische Imperialismus
Die Kommunisten versuchen die ordnungsgemäße Entwicklung
politischer Unabhängigkeit zu verhindern und die Sachlage in
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�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

in den Augen der Welt zu verwirken. Sie folgen hier einer bestimmten Linie, die Stalin im Jahre 1924 festlegte.
Sie verfahren dabei nach dem Schema, den Geist des Nationalismus bis zu leidenschaftlichen Gewaltakten aufzuputschen.
Das ist das Werk der berufsmäßigen Agitatoren. Diese Formen der
Gewaltherrschaft werden dann durch militärische und technische
kommunistische Anleitung und Führung und die Gewährung militärischer Unterstützung erweitert und verstärkt. Durch diese Methoden bekommt der internationale Kommunismus die Völker in seinen
Würgegriff und benutzt nun diese seine Macht, um sie in den
sowjetischen Herrschaftsbereich zu 'amalgamieren'.
"Amalgamierung" ist das Wort Lenins und Stalins, mit dem
sie ihre Verfahrensweise umschreiben.
Eine "Amalgamierung" wird gegenwärtig in Indochina unter
der vorgeblichen Führung Ho Tschi-Minhs betrieben. Er wurde in
Moskau ausgebildet. Er wurde Mitarbeiter den Russen Borodin,
als dieser die kommunistische Partei Chinas aufbaute, die dann
später dieses Land zu einem Satelliten Sowjetrußlands machte.
Danach entfaltete er seine Tätigkeit in Indochina.
Die Truppen, die unter der Flagge Ho Tschi-Minhs kämpfen,
wurden zum größten Teil im kommunistischen China ausgebildet
und mit rotchinesischen Waffen ausgerüstet. Sie werden durch
den rotchinesisch-kommunistischen Block mit Geschützen und
Munition versorgt. Ein guter Teil des von uns erbeuteten
Kriegsmaterials ist, wie sich zeigte, in den Skoda-Werken in
der Tschechoslowakei hergestellt und quer durch das europäische Rußland und Sibirien über China nach Vietnam geschickt
worden. Der militärische Nachschub für die kommunistischen
Truppen rollte in immer steigendem Tempo und Ausmaß nach
Vietnam.
Ungefähr 2 000 chinesische Kommunisten fungieren als
militärische und technische Berater. Sie nehmen innerhalb
der Ho Tschi-Minh-Streitkräfte wichtige Schlüsselpositionen
ein - im Stab des Oberkommandos, auf Divisionsebene und in
Sonderkommandos wie Nachrichten-, Pionier-, Artillerie- und
Transporteinheiten.
Im gegenwärtigen Stadium verwenden die Kommunisten in
Indochina nationalistische, anti-französische Schlagworte, um
die örtliche Unterstützung zu gewinnen. Sobald sie jedoch
einen militärischen oder politischen Erfolg errungen haben,
werden sie bestimmt die Bevölkerung einer grausamen kommunistischen Diktatur unterwerfen, die ihre Befehle von Peking
oder Moskau entgegennimmt.
Der Umfang der Gefahr
Die Tragödie würde hier nicht Halt machen. Sobald die
kommunistischen Streitkräfte die unbestrittene Kontrolle über

�"AM2RIÄAJDIEMST"

31. März 1954

über Indochina oder einen beträchtlichen Teil des Landes erlangt haben, würden sie bestimmt die gleichen aggressiven Gewohnheiten gegenüber den übrigen freien Völkern in diesem
Gebiet annehmen. Die Propagandisten Rotchinas und der Sowjetunion lassen es offensichtlich werden, daß das Ziel die Beherrschung ganz Südostasiens ist.
Südostasien ist die sogenannte 'Reisschüssel*, die die
Bevölkerung der sich von Indien bis nach Japan erstreckenden
dichtbesiedelten Gebiete ernähren hilft. Es ist reich an
vielen Rohstoffen wie Zinn, Erdöl, Kautschuk und Eisenerz.
Es bietet der Industrie Japans wichtige potentielle Märkte
und Rohstoffquellen.
Dieses Gebiet hat vom strategischen Standpunkt aus gesehen große Bedeutung. Südostasien liegt längs der bestausgebauten Schiffahrts- und Luftfahrtwege zwischen dem Pazifik
und Südasie.n. Hier liegen wichtige Luft- und Marinebasen.
Gewönnen die Kommunisten die Kontrolle über Südostasien, dann
bedeutete dies eine ernstliche Bedrohung der Philippinen,
Australiens und Neuseelands, mit denen wir gegenseitige Beistandsabkommen abgeschlossen haben. Der gesamte westliche
Pazifik, einschließlich der sogenannten "vorgelagerten Inselkette" würde strategisch bedroht.
Präsident Eisenhower umschrieb die gegenwärtige Situation,
als er sagte, dem Gebiet komme "überragende Bedeutung" zu.
Die Haltung der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben in vielfacher Weise ihre
Bewunderung für den heldenmütigen Kampf der Streitkräfte Frankreichs und der assoziierten Staaten in Indochina zum Ausdruck
gebracht. Der Kongreß hat die nötigen Maßnahmen getroffen, damit wir den anerkannten Regierungen und ihren Völkern materielle
Hilfe zukommen lassen können. Ferner zielte unsere Diplomatie
darauf ab, Rotchina von einer offenen Aggression in diesem Gebiet abzuschrecken.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner großen Friedensrede vom 16.April des vergangenen Jahres, daß ein Waffenstillstand in Korea ein Betrug wäre, wenn man ihn lediglich dazu
benutze, um Aggressionsarmeen für einen Angriff an einem anderen Ort freizubekommen. Ich sagte im vergangenen September,
daßces schwere Folgen nach sich zöge, die nicht nur auf Indochina beschränkt bleiben würden, falls Rotchina seine Armeen
nach Indochina einmarschieren ließe.
Die in der unmittelbaren Vergangenheit abgegebenen Erklärungen waren dazu bestimmt, einem jeden möglichen Aggressor
in aller Deutlichkeit klarzumachen, daß eine Aggression zu Gegenmaßnahmen an Orten und mit Mitteln führen könnte, die die
freie Welt nach ihrem eigenen Ermessen wählt, so daß eine

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�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

eine Aggression mehr kosten würde als sie einzubringen vermöchte.
Die Eotchinesen haben in der Tat auch den direkten Einsatz ihrer eigenen roten Armeen in offenen Aggressionshandlungen gegenüber Indochina vermieden. Sie haben jedoch die Unterstützung der Aggressoren in diesem Gebiet ganz erheblich verstärkt, ja, sie fördern die Aggression in Indochina mit allen
Mitteln außer der offenen Invasion.
Unter diesen Umständen scheint es wünschenswert und angebracht, die Position der USA noch weitgehender klarzustellen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung
des politischen Systems des kommunistischen Rußlands oder
seiner chinesischen Kommunisttachen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig durch welche Mittel, eine ernste Gefahr
für die gesamte freie Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten
sind der Ansicht, daß diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen
begegnet werden sollte. Dies könnte mit ernsten Risiken verbunden sein. Aber diese Risiken sind viel geringer als diejenigen, denen wir uns in wenigen Jahren gegenübersehen,würden, wenn wir es nicht wagen, heute entschlossen zu sein.
Die freien Nationen wollen den Frieden. Frieden erhält
man jedoch nicht nur dadurch, daß man ihn will. Man muß für
den Frieden arbeiten und für ihn planen. Manchmal ist es notwendig, Risiken auf sich zu nehmen, um den Frieden zu gewinnen,
genau so wie es im Kriege notwendig ist, Risiken auf sich zu
nehmen, um den Sieg zu erringen. Die Aussichten für den Frieden werden gewöhnlich verbessert, wenn man einen etwaigen
Aggressor im voraus wissen läßt, wohin ihn seine Aggression
führen könnte.
Ich hoffe, daß die von mir hier heute Abend abgegebene
Erklärung der Sache des Friedens dienen wird.
Das kommunistische China
Gestatten Sie mir nun, auf unsere politischen Beziehungen
zu Rotchina und dabei in erster Linie auf die Frage seiner Anerkennung einzugehen.
Die Vereinigten Staaten erkennen das kommunistische Regime
in China nicht an. Dies ist allgemein bekannt. Die Gründe hierfür scheinen allerdings nicht genügend bekannt zu sein. Gewisse
Kreise glauben, daß es überhaupt keine derartigen Gründe gebe,
und daß wir uns in unserem Handeln nur von Ressentiments bestimmen lassen. Die amerikanische Regierung ist jedoch der Auffassung, daß ihre Haltung in dieser Frage nüchtern und von
klarer Vernunft bestimmt ist.
Die

�"Ai£EKIKA DIENST"

31. März 1954

Die Nichtanerkennung
Lassen Sie mich eingangs erst noch einmal an die Tatsache
erinnern, daß die diplomatische Anerkennung eines Staates ein
freiwilliger Schritt ist. Kein Land hat das Recht, die Anerkennung durch ein anderes Land zu fördern. Im allgemeinen ist
es zweckmäßig, wenn diejenigen, die die Regierungsgewalt de
facto ausüben, miteinander in diplomatischem Verkehr stehen
und es gilt als eine allgemein anerkannte Regel, daß die diplomatische Anerkennung noch keine moralische Anerkennung darstellt-,
Präsident Monroe brandmarkte in seiner berühmten Botschaft
an den amerikanischen Kongreß die Expansionisten und das despotische System des zaristischen Rußlands und seiner Alliierten.
Aber der Präsident sagte, daß es dennoch unsere Politik sein
würde, 'die de facto-Regierung als die für uns legitime Regierung anzuerkennen'. Das ist dann in der Tat die Grundpolitik
der Vereinigten Staaten gewesen und ich glaube, daß es eine
gesunde und vernünftige Politik ist. Wo diese Politik jedoch
unseren Interessen entgegenläuft, haben wir die Freiheit, von
ihr abzuweichen.
In bezug auf Rotchina sind wir gezwungen, das Faktum in
Rechenschaft zu stellen, daß das rotchinesische Regime gegenüber den Vereinigten Staaten eine ständige und bösartige Feindschaft an den Tag gelegt hat.
-Eine für die Kommunisten typische politische Broschüre
erklärt: 'Wir müssen die USA hassen, weil sie der unerbittliche
Feind des chinesischen Volkes sind. Wir müssen die Vereinigten
Staaten verachten, weil sie ein korruptes imperialistisches
Volk sind, das Weltzentrum der Reaktion und Dekadenz. Wir
müssen auf Amerika herabblicken, weil es ein hohler Koloß ist,
der durch und durch für die Niederlage reif ist.'
Derartige Themen sind von den kommunistischen Machthabern
durch Druckschriften, Rundfunk, Dramen, Bilder, mit all den
propagandistischen Künsten, die der Kommunismus ersonnen hat,
propagiert worden. Die Kommunisten machen ihrem Haß durch barbarische Taten Luft, wie zum Beispiel durch die Verhaftung und
Einkerkerung von Amerikanern.
Die Verantwortlichen für die Politik der Vereinigten Staaten müssen sich fragen und diese Frage beantworten: 'Wird es
unserem lande helfen, wenn wir, durch Anerkennung, einem Regime
verstärktes Prestige und größeren Einfluß geben, das aktiv unsere lebenswichtigen Interessen angreift?' Ich kann nur die eine
Antwort hierauf finden: 'Nein1.
Zulassung zu den Vereinten Nationen
Wenden wir uns nun der Frage der Aufnahme Rotchinas in die
Vereinten Nationen zu. Durch die UN-Charta soll die Mitgliedschaft auf 'friedliebende' Staaten beschränkt werden. Es ist
daher angebracht, sich daran zu erinnern, daß das chinesische

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�»AMERIKA DIENST

31. März 1954

chinesische kommunistische Regime Ende des Jahres 1950 zum
Aggressor wurde. Seine Armeen drangen in Korea ein und nahmen den Krieg gegen das Oberkommando der Vereinten Nationen
auf. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, daß im Verlauf
der Kampfhandlungen rund 500 000 Soldaten des UN-Oberkommandos, darunter über 100 000 Amerikaner, getötet, verwundet
oder vermißt wurden.
Die Vollversammlung der Vereinten Nationen entschied sich
am I.Februar 1951 mit 44 zu sieben Stimmen, die Volksrepublik
China der Aggression in Korea für schuldig zu befinden. Sie
appellierte an Rotchina, seine Truppen aus Korea zurückzuziehen.
Aber sie sind noch immer dort.
j

Es trifft zu, daß die Befehlshaber des rotchinesischen
Korps in Korea einen Waffenstillstand abschlössen. Aber das
war ein Erfolg des UN-Oberkommandos. Die Kommunisten unterzeichneten erst, nachdem verzweifelte und verlustvolle Versuche,
die Front der Alliierten zu durchbrechen, gescheitert waren,
und nachdem das Oberkommando der Vereinten Nationen es ganz
deutlich gemacht hatte, daß wichtige militärische Basen und
industrielle Zentren in der nahen Mandschurei gefährdet sein
würden, wenn der Kampf weiter fortgesetzt würde.
Der auch heute noch mangelnde gute Wille der chinesischen
Kommunisten, zu einem Frieden zu kommen, wird in Indochina eindringlich demonstriert.
Als Mitglied der Vereinten Nationen und als Vertreter einer
Regierung, die ihre Macht vom Volke herleitet, müssen wir uns
fragen 'wird es der Weltordnung dienlich sein, ein Regime in
den Kreis der Vereinten Nationen aufzunehmen, das der Aggression
für schuldig befunden worden ist, das nicht von sich aus dieser
Aggression entsagte und das auch weiterhin die Anwendung von
Gewalt in Verletzung der Grundsätze der Vereinten Nationen unterstützt*? Ich kann darauf nur mit einem 'Nein' antworten.
Das freie China auf Formosa
Die Chinafrage hat noch einen weiteren Aspekt. Wir dürfen
nicht vergessen, daß die chinesische Nationalregierung auf
Formosa noch weiterbesteht und daß Millionen freier Chinesen
dort unter ihrer Jurisdiktion stehen. Außer den Bewohnern
Formosas sind ihr noch zahllose Chinesen treu ergeben. Nationalchina war unser treuer Freund und Alliierter, als wir einander
während des zweiten Weltkrieges nötig hatten.
Sollten die freien Völker wirklich zu der blutigen Liquidierung dieser freiheitsliebenden Chinesen durch die chinesischen Kommunisten ermutigen und diese sogar noch fördern? Für
mich ist dies einfach undenkbar.
Die
«. 6 *

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Die Erfahrung mit kommunistischen Versprechungen
Manche Kreise erklären, die USA sollten das kommunistische
Regime Chinas anerkennen und seine Aufnahme in die Vereinten
Nationen begrüßen, wenn das rotchinesische Regime bestimmte Zusicherungen und Versprechen in bezug auf Indochina und Korea
abgäbe.
Die USA müssen einen derartigen Vorschlag jedoch auf der
Basis der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen bewerten.
Die Vereinigten Staaten erklärten sich im Jahre 1933 bereit, das Sowjetregime anzuerkennen, indem sie sich auf das in
dem sogenannten Litwinow-Abkommen gegebene Versprechen verließen,
daß die Sowjetunion jede gegen unsere politische oder soziale
Ordnung gerichtete Aktion vermeiden und verhindern würde. Aber
diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
In Jalta gaben Großbritannien und die USA im Februar 1945
ihre Sanktion zu dem Faktum eines beherrscherden sowjetischen
Einflusses in Zentraleuropa. Wir taten das auf der Basis eines
sowjetischen Abkommens, wonach die Völker des befreiten Europa
das Recht haben sollten, 'die Form der Regierung, unter der sie
zu leben wünschten, selbst zu wählen* und wonach 'in Polen
freie und ungehinderte Wahlen so bald als möglich stattfinden
sollten'.
Aber auch diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
Ein Teil des Abkommens von Jalta befaßte sich auch mit dem
Fernen Osten. Die Vereinigten Staaten willigten ein, der Sowjetunion die Kontrolle über Port Arthur, Dairen und die Mandschurischen Eisenbahnen zu sichern. Dafür verpflichtete sich die
Sowjetunion, die nationalchinesische Regierung zu unterstützen.
Dieses Übereinkommen wurde im August 1945 in Moskau bestätigt.
Danach erhielt die sowjetische Regierung die ihr zugesprochenen
Vermögenswerte in der Mandschurei. Sie gab ihrerseits ein auf
dreißig Jahre begrenztes Versprechen ab, China moralisch zu
unterstützen und ihm mit militärischen Gütern und anderen Hilfsmitteln zur Seite zu stehen, wobei diese Unterstützung und
Hilfe ausschließlich der zentralchinesischen Regierung zukommen
sollte.
Nachdem die sowjetische Regierung erhalten hatte, was sie
wollte, begann sie unverzüglich mit der aktiven Unterstützung
der chinesischen Kommunisten, bestrebt, die Nationalregierung
aus dem Sattel zu heben. Sie übergab den Kommunisten Riesenmengen militärischer Güter und anderer Hilfsmittel, die sie
sich verpflichtet hatte, ausschließlich der nationalchinesischen Regierung zukommen zu lassen.
Auch in dieser Angelegenheit hielten wir unser Wort. Aber
die entsprechenden Versprechungen der Kommunisten blieben eitler
Wahn.
Unsere

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�"AMERIKA DIENSff"

31. März 1954

Unsere Erfahrungen mit den Versprechungen der chinesischen
Kommunisten sind begrenzt, da wir mit ihnen nur ein Abkommen
haben, nämlich das Waffenstillstandsabkommen in Korea, Das
Oberkommando der Vereinten Nationen hat berichtet, daß die
Kommunisten es 40-mal verletzt haben. Das gibt jedoch nur
einen Teil des Problems, denn die fundamentale Verletzung ist,
daß den schwedischen und Schweizer Mitgliedern der Überwachungskommission eine ausreichende Gelegenheit verwehrt wurde,
den Norden,zu überwachen und die kommunistischen Verletzungen
aufzudecken.
Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß wenige Nationen
eine Geschichte haben, die frei von Verletzungen von Abkommen
ist. Wir erkennen auch an, daß alles Menschliche wandelbar ist.
Sicherlich hat das amerikanische Volk nichts Rachsüchtiges oder.
Unversöhnliches an sich. Wenige Menschen sogar sind so schnell
bereit wie wir, zu vergeben und zu vergessen. Es wäre jedoch
leichtfertig für uns, die Ereignisse der letzten Jahre zu vergessen, die unsere Archive mit leeren Versprechungen gefüllt
haben. Wir wollen nicht noch mehr von ihnen haben.
Es ist jetzt die Politik der Vereinigten Staaten, ihre
Pflichterfüllung nicht mehr gegen kommunistische Versprechungen einzutauschen.
.'
Die Haltung der Vereinigten Staaten wurde auf der Berliner
Konferenz klargestellt. Dort konnte ich schließlich eben duch
diese feste Haltung Herrn Molotow die zögernde Einwilligung
abgewinnen, daß die Genfer Konferenz keine 'Konferenz der
Großen Fünf' sein werde und daß in der Einladung zur Genfer
Tagung ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß weder die
Einladung noch die Tagung selbst so ausgelegt werden dürfe,
daß sie in irgend einem Falle eine stillschweigende diplomatische Anerkennung darstelle, wo eine Anerkennung vorher nicht
ausgesprochen worden ist.
Die kommunistischen Machthaber Chinas wurden allein im
Hinblick auf die Erörterung der Situation in Korea und Indochina zugezogen, WQ Rotchina in der Tat eine Aggressormacht
darstellt, die wir nicht ignorieren können. Es erhält durch
die Tatsache, daß es zur Genfer Konferenz zugelassen wird,
nicht unsere diplomatische Anerkennung. Ich erklärte in
Berlin: 'Es sind zweierlei Dinge, ob man das Böse als eine
gegebene Tatsache anerkennt oder ob man es an. die Brust drückt
und für gut erklärt'. Letzteres werden wir nicht tun.
Die vor uns liegende Gefahr
Die amerikanische Delegation wird in dem Bemühen nach
Genf gehen, ein geeintes und unabhängiges Korea zu schaffen,
aus dem das kommunistische China seine Invasionsarmeen zurückziehen muß. Wir hoffen ferner, daß eine Diskussion über Indochina dazu dienen wird, die chinesischen Kommunisten die Gefahr
erkennen zu lassen, die in ihrer offensichtlichen Absicht der

�"AkERIKA DIENST"
-

31. März 1954
i

. ,

der Eroberung Südostasiens liegt, so daß sie aufhören und
davon Abstand nehmen. Wir werden jedoch nicht geneigt sein,
dem kommunistischen China das zu geben, was es von uns wünscht,
nur um uns damit Versprechungen für ein künftiges gutes Verhalten zu erkaufen.
Vielleicht würden es manche anders machen. Wir dürfen
jedoch nicht vergessen, daß in der Zeit, da wir die kommunistischen Versprechungen zu ihrem Nennwert akzeptierten und ihre
friedlichen Absichten als Tatsachen hinnahmen, die Gefahr
ständig wuchs.
Ich glaube, wir können eine Lehre aus Dien Bien Puh
ziehen. Einige Tage schien es so, als ließe die Gefahr nach;
aber in Wirklichkeit ist sie ständig gewachsen« Der Gegner
hat mit seiner Wühl- und Unterminierarbeit niemals aufgehört.
Er hat sich bis an die Verteidigungsstellungen herangearbeitet,
so daß die innere Festung aus nächster Nähe von massierten
Kräften angegriffen werden kann.
Heute wiegt sich die freie Welt auch in einer Art Sicherheit. Die Gefahr eines Weltkrieges scheint nachgelassen zu
haben. Ich hoffe, es ist wirklich so. Wenn es zutrifft, dann
nur, weil die freien Nationen die Gefahr erkannten und gemeinsam Schritte unternahmen, um ihr mit Mut und Entschlossenheit zu begegnen.
Nichts deutet indessen darauf hin, daß die Gefahr endgültig aufgehört hat zu bestehen. Keine Anzeichen lassen darauf
schließen, daß die Herrscher der kommunistischen Welt den
Frieden als dauerhaft anerkennen, auch dann, wenn dies ihren
Zielen hinderlich sein sollte. Sie wühlen und unterminieren
fortgesetzt, um ihre Positionen gegen die Festung der Freiheit weiter auszubauen.
In Europa hält die Sowjetunion die Ostzone Deutschlands
und Österreich fest in ihrem Griff und ist unermüdlich im
Manövrieren, um eine Versöhnung und Verständigung zwischen
Frankreich und Deutschland zu "verhindern. In Asien wird das
ganze Gebiet von Japan und Korea bis in die südostasiatischen
Gebiete hinein durch die kommunistischen Infiltrations- und
Expansionsversuche in Unruhe gehalten.
Gegen ein derartiges Treiben gibt es nur eine einzige
Abwehr: Ständige Wachsamkeit, wohlüberlegte, vernünftige
politische Maßnahmen und hohen Mut.
Die Vereinigten Staaten sind ein Mitglied jener festgefügten Völkergemeinschaft, die in der Vergangenheit in der
von großen Gefahren bedrohten Geschichte zusammengestanden ist.
Wenn wir dieser Vergangenheit die Treue halten, dann können
wir der Zukunft mit Hoffnung und Vertrauen entgegensehen.
* * * * *

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�&gt;Ä M E R I K A

E N S T

PARTEITAGE UND STATUT DER SED
Von Alexander Black
Die kommunistische Partei sei als bewußter Vortrupp der
Arbeiterklasse die höchste Form der Organisation und berufen,
alle anderen Organisationen der Arbeiterklasse zu führen,
forderte Lenin als Kernpunkt seiner Organisationsprinzipien.
Die Ausführung einer solchen These machte die Schaffung einer
besonderen Struktur der bolschewistischen Parteien notwendig,
einer Struktur, die in nicirb mit der der bürgerlichen Parteien zu vergleichen ist. Unter dem Schlagwort von der "revolutionären Disziplin" hat sich in den bolschewistischen Parteien die Minderheit der Mehrheit bedingungslos - also ohne
Diskussion der Belange der Minderheit - zu fügen.
Die Konsequenz daraus ergibt die festgefügte Diktatur
durch einen riesigen bürokratischen Parteiapparat, dessen
Punktionen bis ins kleinste Detail festgelegt sind. Sämtliche Räder dieser überdimensionalen Maschine sind zu stetigem,
gleichförmigem laufen verdammt. Nur der Stoff, der von dieser
Maschine verarbeitet wird, wechselt zuweilen seine Form. In
einer Substanz allerdings bleibt er permanent. Die Substanz
heißt Marxismus. Die verschiedenen Formen des Marxismus
reichen von der sozialistisch-demokratischen Betrachtungsweise August Bebeis bis zur Auslegung des Kommunismus durch
Stalin. In jeder Form aber findet man wiederum verschiedene
Spielarten.
Hier interessiert nur die Auslegung des autoritären
Kommunismus, wie er in den Ländern seines Herrschaftsbereichs in Erscheinung tritt, zu dem auch die Sowjetzone
Deutschlands gehört. Seine Spielart fand bis vor kurzem
ihre gültige Interpretation allein durch Stalin. Stalin
interpretierte die Auslegungen Lenins, den Leninismus, in
der Weis«, die ihm angesichts der gerade vorhandenen weltpolitischen Strömungen am nützlichsten erschien. Auch seine
Nachfolger halten im Prinzip an dieser "Arbeitsweise" fest.
Man spricht dabei von der Festlegung der sogenannten Parteilinie, die jeweils von unzähligen Direktiven in allen Einzelheiten für den Gebrauch erläutert wird. Um die von den
obersten Gremien des Apparates ausgearbeiteten Direktiven
in Funktion umzusetzen, beginnt die Parteimaschine in eingespielter Weise zu arbeiten.
Allein
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�"AFRIKA LIEHST

31. März 1954

Allein mit der rein schematischen Arbeit ist es nicht getan. Um sie wirksam werden zu lassen, braucht man geschulte
Kräfte: das sind die sogenannten Funktionäre, die dem Apparat
durch straffe Disziplin verhaftet sind.
Nach Lenin besaß das Proletariat keine andere Waffe im
Kampf um die Macht als die Organisation, d.h. die kommunistische Partei. Für die Staaten, in denen diese Waffe dem Bolschewismus bereits zur Macht verholfen hat, ergänzte Stalin die
These Lenins mit folgenden Worten: "Ist eine richtige politische Linie gegeben worden, so entscheidet die Oragnisation
alles, auch das Schicksal der politischen Linie selbst - ihre
Durchführung oder ihr Scheitern." Dieser Satz besagt nicht
mehr und nicht weniger, als daß alle Macht bei der Organisation
selbst liegen müsse. Die Partei also hat immer recht. Der
Apparat mag zwar manchmal fehlerhaft arbeiten. Die Richtlinien
können falsche Wege weisen. Das alles ist korrigierbar. Nicht
korrigierbar dagegen ist das von der Partei gesetzte und im
Prinzip als richtig angenommene Ziel. Auf die Erreichung dieses Zieles aber muß der gesamte Apparat hinarbeiten. Wenn sich
daraus oft die kuriosesten politischen Sprünge ergeben, wenn
die theoretische Linie praktisch nicht zum Ziele führen kann,
so wird sie kurzerhand geändert, gleichgültig, wer oder was
dabei auf der Strecke bleibt: bestimmt nicht der Apparat selbst.
Seine Glieder hingegen sind auswechselbar wie die Ersatzteile
von Maschinen.
Diese Prinzipien wurden auch dem Aufbau der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands zugrunde gelegt. Der riesige Organisationsapparat, die ungeheure Anzahl von Punktionären ermöglichen der SED die totale Beherrschung aller Lebensgebiete der
in ihrem Machtbereich lebenden Untertanen.
Bereits im Mai 1945 begann der Aufbau des kommunistischen
Parteiapparates, der 1946 durch die Zwangsvereinigung mit der
SPD erheblich vergrößert wurde. Er umfaßt vor der letzten
Säuberung etwa 1,5 Millionen Mitglieder, von denen fast eine
Viertelmillion Funktionäre sind. Der einheitliche, organisatorische Aufbau der SED wurde in dem auf dem Vereinigungsparteitag (Zwängsverschmelzung von SPD und KPD zur SED) am 20.April
1946 angenommenen Statut festgelegt.
In diesem Statut wurde die innerparteiliche Diktatur der
SED durch demokratisch klingende Paragraphen verbrämt, zumal ja
die in der neuen Partei aufgegangene Sozialdemokratie in der
Sowjetzone anfangs noch ein gewichtiges Vi/ort mitzusprechen
hatte, was sich vor allem in den unteren Gliederungen der Partei bemerkbar machte.
Das oberste Gremium einer jeden Partei, das Parlament der
Partei sozusagen, bildet im allgemeinen der Parteitag, der sich
aus den Delegierten der Mitgliederschaft zusammensetzt. So auch
bei der SED.
_.
.. .
Theoretisch

�"AFRIKA DIENST"

31. März 1954

Theoretisch nimmt der Parteitag der SED die Rechenschaftsberichte des Zentralkomitees, der Revisionskommission und ande*rer zentraler Parteiorgane entgegen und beschließt gegebenenfalls
über Parteiprogramm und -Statut. Er bestimmt angeblich die
Generallinie und die Taktik der SED. Außerdem sollen auf den
Parteitagen ein neues Zentralkomitee und die Mitglieder und
Kandidaten der Zentralen Revisionskommission sowie aus der
Zahl der Mitglieder des ZK die beiden Vorsitzenden gewählt
werden. Das Zentralkomitee wählt seinerseits aus seiner Mitte
den Generalsekretär. Nach dem Statut hat der Parteitag außerordentliche politische Bedeutung. Da die SED die Staatspartei
ist, müßten die Delegierten der Parteitage zugleich für die
gesamte Politik der Sowjetzone verantwortlich sein. Tatsächlich
werden die Parteitage jedoch von den wirklichen Trägern der
Macht innerhalb der SED lediglich .zu demonstrativen Zwecken
einberufen, um die für die nächste Zukunft gültige Generallinie •
und die Änderungen der Taktik bekanntzugeben. Durch die zuvor
organisierte "einstimmige" Annahme dieser neuen Richtlinien
soll der Anschein demokratischer Methoden erweckt werden. Die
meisten Delegierten wissen gar nicht früh genug, was sie beschließen sollen. Sie haben auf die Ausarbeitung der neuen
Direktiven keinerlei Einfluß. Erst auf dem Parteitag erfahren
sie, welche Funktionäre in das neue Zentralkomitee zu wählen
sind und hören deren Namen eft zum ersten Male. Es ist daher
ausgeschlossen, daß sie durch eigenes Nachdenken überhaupt zur
Anerkennung oder Ablehnung der Kandidaten kommen können. Außerdem erfordert die "revolutionäre Parteidisziplin" auf dem Parteitag die Anerkennung der durch das Politbüro festgelegten Linie
und die widerspruchslose Wahl der durch die Kaderabteilung des
Zentralkomitees bestimmten Kandidaten. Die Delegierten des
Parteitages bewahren sich durch ihre "einmütige Zustimmung" vor
Parteistrafen und Verhaftung.
Auf dem III.Parteitag der SED im Juni 1950 wurde mit der
üblichen "Einstimmigkeit" ein neues Statut angenommen, das die
vollkommene Bolschewisierung der SED nach dem Muster der
KPdSU (B) zum Inhalt hatte. Das im Wortlaut des I.Statutes
noch hier und da durchschimmernde Gedankengut sozialdemokratischer Strömungen war ausgemerzt worden. Obwohl danach der Parteitag noch immer das oberste SED-Organ war, das alle zwei Jahre einberufen werden wollte, hielt es die Führung der SED nicht
für notwendig, diese Periode beizubehalten. Stattdessen wurde
im Juli 1952 eine Parteikonferenz abgehalten, auf der Walter
Ulbricht den "Aufbau des Sozialismus in der DDR" bekanntgab und
diese Anweisung Moskaus pro forma von den Delegierten beschließen ließ. Die fälligen Neuwahlen der SED-Leitung fanden nicht
statt.
Als plötzlich im Jahre 1952 die sogenannte Verwaltungsreform im Staatsapparat der Sowjetzone durchgeführt wurde, in der
überraschend und vermutlich auf sowjetischen Befahl hin die
fünf Länder abgeschafft und durch 14 Bezirke ersetzt wurden,
hielten es weder das Politbüro noch das Sekretariat für nötig,
dem

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31. März 1954

dem Zentralkomitee Vorschläge zur Abänderung des durch die
Verwaltungsreform zum Teil überholten Parteistatute von 1950
zu unterbreiten. Ungeachtet dessen betonen die führenden
SED-Punktionäre bei jeder Gelegenheit, daß das Statut das
pberste Gesetz für den organisatorischen Aufbau der Partei
sei.
Erst auf der zweiten Organisationstagung der SED am
24.April 1953 wurde das Statut in mehreren Punkten ohne
Zustimmung gewählter Parteiorgane oder Delegierter abgeändert. Karl Schirdewan, der jetzt Mitglied des Politbüros
ist, erklärte, daß das auf dem dritten Parteitag beschlossene Statut eng verbunden mit den 12 Ratschlägen Stalins an
die KPD im Jahre 1925 sei, während die jetzige Etappe neue
Beschlüsse hinsichtlich der Formen und Methoden der Parteiarbeit, des Parteiaufbaus und des inneren Parteilebens erfordere.
Die eigentliche Bedeutung der 2.Organisationsberatung
der SED scheint, abgesehen von den unzulässigen Abänderungen
des Statuts durch ein Sekretariatsmitglied, vor allem darin
zu liegen, daß hier den hauptamtlichen Punktionären durch die
Führungsspitze als Ziel der organisatorischen Arbeit die verstärkte Einmischung der Partei in alle Bereiche des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens gesetzt wurde. Hierzu führte
Schirdewan aus: "Aufgabe der leitenden Parteiorgane ist es,
die Tätigkeit der Staats- und Wirtschaftsorgane, der Gewerkschaften und der anderen Massenorganisationen in Übereinstimmung zu bringen mit den Beschlüssen der Partei...."
Mit diesem Satz hat Schirdewan ohne alle Umschweife zu
verstehen gegeben, daß der Anspruch der Partei, alle Organe
des staatlichen, wirtschaftlichen und kommunalen Lebens den
Beschlüssen der Partei unterzuordnen, ein totaler und absolutistischer Herrschaftsanspruch ist. Der Zentralismus der Partei ist nicht "demokratisch", wie die Funktionäre immer wieder
glauben machen wollen, sondern in Wahrheit und offensichtlich
ein rein diktatorischer Zentralismus, d.h., daß die neun Mitglieder des Politbüros die Geschicke von 18 Millionen gleichgeschalteten Menschen bestimmen.
Wer sind diese neun Mitglieder des Politbüros, in deren
Händen die Geschicke der sowjetisch besetzten Zone Deutschland
liegen? Dem Namen nach kennt sie jeder. Doch nimmt man ihre
Tätigkeit genauer in Augenschein, so sieht man erst, wie in
ihren Personen Staatsführung und Parteiinteressen miteinander
verquickt sind. Das heißt: im Staat, den Behörden, der Verwaltung, den Ministerien, geschieht nichts, was nicht dem
Machtanspruch der Partei gerecht würde.
Das Politbüro bestimmt in enger Zusammenarbeit mit der
Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) und Moskau den politischen Kurs der Sowjetzone. Die zentrale Figur ist der gegenwärtig mächtigste Mann, Ulbricht. Seiner Meinung ordnen sich

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31. März 1954

sich nicht nur die "bürgerlichen" Parteiführer und Minister
unter, sondern oft auch seine Kollegen im Politbüro. Obwohl
das Politbüro eigentlich dem größeren Zentralkomitee (51 Mitglieder/30 Kanditaten) untersteht, dient es den neun Männern
des Politbüros doch nur als Instrument, auf dem sie nach ihrem
Willen spielen können. Über die Fachabteilungen des Zentralkomitees dirigieren sie alles. Selbst für höhere Funktionäre
ist es schwierig, Aufbau und Zusammensetzung dieser Abteilungen
zu übersehen, da sie geheimgehalten werden. Ständig werden
Umorganisationen vorgenommen. Die Abteilungen gliedern sioh
in Referate auf. In der Abteilung Propaganda zum Beispiel, die
für die gesamte Schulung innerhalb und inoffiziell auch außerhalb der SED verantwortlich ist, gibt es Referate für Bezirksund für Kreisparteischulen, für die Schulung in den Massenorganisationen, in den staatlichen Verwaltungen, usw. Jede Abteilung besitzt ihren Kaderreferenten. Dieser ist, gemeinsam
mit der Kaderabteilung des ZK und dem Abteilungsleiter für die
Personalpolitik der Abteilung der entsprechenden Fachministerien
und der anderen durch die Abteilung gelenkten staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen und Organisationen,
verantwortlich. Die Entscheidung über wesentliche personelle
Veränderungen in den Spitzen des Partei- und Staatsapparates,
der Wirtschaft und der Organisationen ist allein dem direkten
Entscheid des Politbüros vorbehalten. Dieses entscheidet auch
über die Berufung und Absetzung "bürgerlicher" Minister und
Staatssekretäre und steuert die Besetzung der maßgebenden
Funktionen innerhalb der "Blockparteien" (SED-LDP-CDU-NDP).
Unter den neun Mitgliedern des Politbüros befinden sich
der Staatspräsident, der Ministerpräsident, zwei seiner Stellvertreter und der Vizepräsident der Volkskammer. Diese fünf
Schlüsselfiguren des Staatsapparates lassen erkennen, daß die
wahre Macht des Staates die Partei und nur die Partei ist. Die
Spitzenpositionen sind Personalunionen. Die Personalpolitik
im Staatsapparat und in allen öffentlichen Einrichtungen wird
ausschließlich durch die geschulten Kader der SED kontrolliert.
Legislative sowohl als auch Exekutive liegen somit ausschließlich in Händen der SED; denn die im Zentralkomitee angenommenen Entschließungen werden der Volkskammer zur kritiklosen
Übernahme und Durchführung zugeleitet. Die Exekutive, die
Justiz also, ist nach der "Justizreform" von 1952 ausschließlich mit zuverlässigen Funktionären besetzt, deren zuverlässigster Exponent wiederum von Justizminister Hilde Benjamin, der
"Roten Hilde" oder dem "Freisler Ulbrichts", verkörpert wird.
Doch all das genügt den Machthabem in der Sowjetzone noch
nicht. Alles, was sie unternehmen, dient zur Festigung der
ParteihJerarchie, d.h. ihrer eigenen Schlüsselposition.
Und so werden wir in den nächsten Tagen wieder einmal ein
Schauspiel erleben, das eigentlich schon lange fällig war. Am
30.März begann der IV.Parteitag der SED in Berlin. Man darf

�"AÄRIJ£A

DUNST"

31. März 1954

darf darauf gefaßt sein, daß er im Zeichen einer grundlegenden
Umorganisation von Regierung und Partei steht. Die SED muß
ihre Position, die durch die Ereignisse des 17.Juni 1953 erschüttert wurde, unter allen Umständen wieder festigen. Dazu
bedient sich das Führungsgremium eines neuen Parteistatuts,
das bereits vor seiner offiziellen Verkündigung
in der
SED-Presse veröffentlicht wurde. Seine Bedeutung dürfte in
dem Satz gipfeln: "Beschlüsse der höheren Parteiorgane sind
für jede untere Organisation verbindlich."
Der IV.Parteitag wird vor allem abermals einer Festigung
der Stellung Ulbrichts dienen, der sein Amt als erster stellvertretenden Ministerpräsident niederlegen wird. Er soll sich
nur noch dem Amte des ersten Parteisekretärs widmen können.
Da es künftig keine gleichberechtigten Vorsitzenden der SED
mehr geben wird, kann man Ulbricht in seiner Stellung als
erster Sekretär nunmehr als alleinigen und wirklichen Parteiführer betrachten. Aus dem neuen Statut geht eindeutig hervor,
daß die Regierung jede Anweisung der Partei zu befolgen hat,
die Partei also als Machtfaktor über der Regierung steht.
Damit aber wird auch der erste Sekretär in seiner Bedeutung
über den Ministerpräsidenten gestellt. So geht die zentrale
Gewalt praktisch von den obersten Gremien der Partei und der
Regierung in die Hand des Parteisekretärs über. Das heißt,
daß der vielgerühmte und oft beschworene "demokratische Zen=
tralismus" nach dem IV.Parteitag auch pro forma als nicht
mehr existent zu betrachten sein dürfte.
* * * * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ÜMREISST US-AUSSENHANDELSPOLITIK

WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Präsident
Eisenhower unterbreitete dem amerikanischen
Kongreß in einer Sonderbotschaft die Richtlinien für die amerikanische Außenhandelspolitik. Die Botschaft des Präsidenten hat
folgenden Wortlaut:

"Ich unterbreite hiermit dem Kongreß zur Beratung Empfehlungen hinsichtlich der Außenhandelspolitik der Vereinigten
Staaten.
Auf Grund der Dringlichkeit und der Bedeutung unserer Probleme auf diesem Gebiet hatte ich bereits zuvor die Bildung
der Kommission zur Untersuchung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfohlen, und der Kongreß hat dies auch gebilligt.
Die Mitglieder dieser Kommission - 17 gewählte Beamte und private Bürger - wurden aus allen Teilen des Landes berufen und
vertreten verschiedene Ansichten. Der Bericht der Kommission,
der gemäß der amerikanischen Tradition nach umfassenden Debatten und lebhaften Auseinandersetzungen ausgearbeitet wurde,
ist von den verschiedenen Ministerien der Regierung sorgfältig
überprüft worden und bildet die Grundlage für das Programm, das
ich Ihnen in dieser Botschaft unterbreite.
Bevor die Kommission ihre Beratungen aufnahm, erklärte
ich vor Ihren Mitgliedern: 'Ich möchte Ihnen eine Haltung
nahelegen, die sowohl realistisch wie auch kühn ist. Vor allem
fordere ich Sie auf, dem einen Leitprinzip zu folgen: Was dient
den nationalen Interessen am besten.'
Die nationalen Interessen auf dem Gebiet der Außenhandelspolitik liegen klar. Es gilt, auf eine Art, die im Einklang
mit unserer nationalen Sicherheit steht und für alle nutzbringend und gleich ist, das höchstmögliche Handelsvolumen und
den wirkungsvollsten Einsatz von Kapital und Hilfsquellen zu
erreichen. Daß dies ebenfalls zur Stärkung unserer militärischen
Verbündeten beitragen würde, erhöht die Dringlichkeit des Problems. Ihre Stärke ist von entscheidender Bedeutung für die
Sicherheit unseres Landes.
„ Q
Große

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Große beiderseitige Vorteile sowohl für den Käufer wie für
den Verkäufer, für den Produzenten wie für den Konsumenten, für
den Investanten wie auch für die Gemeinschaft, in der diese Investitionen gemacht werden, erwachsen aus einem hohen Volumen
an Handel und Investitionen. Sie erwachsen genau so aus dem Handel zwischen den einzelnen Völkern wie auch aus dem Handel von
Stadt zu Stadt innerhalb eines Landes. Die innere Stärke der
amerikanischen Wirtschaft ist aus einem derartigen System der
beiderseitigen Vorteile hervorgegangen.
Unter dem Druck anderer Probleme und in der Eile, Notständen zu begegnen, haben die Vereinigten Staaten - wie viele andere
Völker der freien Welt - zu oft diese im Mittelpunkt stehende
Tatsache aus den Augen verloren. Weltweite Depressionen und Kriege, Inflationen und die hieraus resultierenden wirtschaftlichen
Erschütterungen haben ein trauriges Erbe hinterlassen: Ein Flickwerk vorübergehender Notbehelfe und eine Vielzahl von Restriktionen, Härten, Einmischungen und Schranken, die die Ausweitung
des internationalen Handels ernsthaft hemmen. Dies sind die
Hindernisse, die den Kräften für eine Steigerung der Produktion,
der Beschäftigtenzahlen und der Einkommen im Wege stehen.
Die Aufgabe, die durch die Katastrophe des Krieges verursachten Schäden zu beseitigen, ist im wesentlichen gelöst worden.
Der Aufbau eines ausreichenden Verteidigungssystems für die freie
Welt ist gut vorangeschritten. Die meisten der Länder, die unter
den Kriegsverheerungen gelitten haben, konnten beachtliche Portschritte auf dem Wege zur finanziellen Stabilität und erhöhten
Produktion erzielen. Ihre eigenen Bemühungen sind wesentlich durch
unsere Hilfe unterstützt worden. Und trotz dieser Erholung sind
wir und andere freie Nationen in unserer Handlungsfreiheit sehr
durch das Portbestehen der unwirtschaftlichen, von Menschen
errichteten Schranken eingeengt, da sie den beiderseitigen Handel
und den Kapitalfluß behindern.
Wir und unsere Freunde im Ausland müssen gemeinsam an der
Aufgabe arbeiten, diese ungerechtfertigten Schranken abzubauen nicht alle auf einmal, sondern allmählich, unter voller Berücksichtigung unserer eigenen Interessen. Bei diesen Bemühungen müssen die Vereinigten Staaten die Initiative übernehmen und es dabei
der übrigen Welt eindeutig klar machen, daß wir von ihr erwarten,
daß sie unserer Führung folgen.
Viele Restriktionen im Ausland sind als Folge der sogenannten
"Dollar-Lücke' eingeführt worden. Dieses Wort ist zum Symbol für
das Versagen der freien Welt geworden, eine dauerhafte Lösung für
den unausgeglichenen internationalen Zahlungsverkehr zu finden.
Wir sollten nicht länger diese Dollar-Lücke durch größere Schenkungen füllen, um andere Länder hierdurch in die Lage zu versetzen,
sich das zu beschaffen, was sie brauchen und sich nicht kaufen
können. Unser Ziel darf nicht darin bestehen, die Dollarlücke zu
füllen, sondern wir müssen vielmehr dazu beitragen, sie zu schließen. Unsere eigensten Interessen erfordern, daß diese Dollar-Lücke
durch Hebung des Volumens von Handel und Investitionen geschlossen
wird.
Die

�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

Die Vereinigten Staaten sind bereit und auch in der Lage, mehr
Güter zu erzeugen und zu verkaufen als der Rest der Welt uns abnehmen kann. Daß verschiedene Länder nicht in der Lage sind, unsere
Waren in dem Maße abzunehmen, wie wir sie verkaufen möchten, hat
nichts damit zu tun, daß der Wunsch nach Abnahme solcher Güter in
diesen Ländern nicht vorhanden wäre. Das ist durchaus nicht der
Fall. Der Grund hierfür ist vielmehr darin zu sehen, daß diese
Länder einfach nicht die Dollar-Beträge zur Verfügung haben, um
die Warenmengen zu kaufen, die wir abzusetzen haben.
Nichtrückzahlbare Dollarzuwendungen sind keine Dauerlösung
zur Überwindung dieses Engpasses. Die Lösung ist vielmehr in
einem größeren, bilateralen Warenaustausch zu sehen. Auf diese
Weise können wir verkaufen und eine Bezahlung für unsere Exporte .
erhalten und damit auch ein größeres Investitionsvolumen im Ausland erreichen, um wirtschaftliche Erschließungsprojekte in Übersee zu unterstützen, die uns ihrerseits wieder Erträge einbringen.
Größere Handelsfreiheiten durch Abbau von Restriktionen und Kontrollen sowie eine aus der Marktausweitung resultierende höhere
Leistungsfähigkeit und ein freieres Spiel der Wirtschaftskräfte
sind notwendig, um dieses Ziel zu erreichen.
Ein Fehlschlagen dieser Absichten würde unsere einheimische
Wirtschaft direkt gefährden, und unsere Anstrengungen zunichte
machentWege und Mittel zu finden, damit die anderen Länder aus eigenen
Kräften unsere Waren kaufen können. Die einzige andere Alternative
ist, die Exporte einzuschränken. Unsere Farmen würden weniger Produkte absetzen können, da die Erzeugnisse von 40 Millionen Acre,
die 10 bis 12 Prozent unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche
ausmachen, auf Auslandsmärkten abgesetzt werden müssen. Wenn unsere
Exportmärkte jedoch eingeschränkt würden, müßten die amerikanischen
Fabriken, die heute ihre Waren überall in der Welt verkaufen, Entlassungen vornehmen. Es ist eine sehr wichtige Tatsache, daß durch
den internationalen Handel über 4 Millionen Amerikaner Arbeit
finden.
Abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen aber würden
die Solidarität und die Fähigkeit der freien Welt, denen gegenüberzutreten, die sie vernichten wollen, durch die fortgesetzte
Unausgeglichenheit des Handels gefährdet - nämlich dadurch, daß
diese Länder nicht so viel verkaufen können wie sie zu kaufen
wünschen. Wenn wir mutig an die Aufgabe herangehen, die gegenwärtige Unausgeglichenheit zu beseitigen, werden wir unseren Export
an industriellen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen fördern
und weiter steigern. Gleichzeitig werden wir dazu beitragen, die
wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten und damit auch unsere
militärische Sicherheit zu erhöhen, indem wir unsere Freunde
stärken. Ferner werden wir hierdurch diejenigen Importquellen
sicherstellen, die unsere eigene Wirtschaft ergänzen und für
unsere Verteidigung von großer Wichtigkeit sind. Schließlich
können wir auf diese Art einen Anstieg unseres Lebensstandards
erreichen und dazu beitragen, eine bessere Welt für uns und unsere
Kinder aufzubauen.
Ich

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••AMERIKA DIENST"

Ich bin der Überzeugung, daß eine allmähliche und selektive
Revision unserer Zölle - durch die bewährte Methode von Verhandlungen mit den anderen Nationen - einen wesentlichen Bestandteil
des stetigen Wachstums unserer Wirtschaft bildet. Unsere bekundete
Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen dürfte den nötigen Anstoß
geben, die Handels- und Zahlungsschranken abzubauen, durch die
heute noch die Märkte für unsere Güter überall in der Welt eingeengt werden. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen
Außenhandelspolitik hat eine Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen unter Berücksichtigung folgender
Gesetzesänderungen empfohlen:
A. Senkung der Sätze für bestimmte Warengruppen - auf Grund
von Handelsvertragsverhandlungen - um nicht mehr als 5 Prozent
der gegenwärtigen Sätze in jedem der drei Jahre der Gültigkeit
des neuen Gesetzes.
B. Senkung solcher Zollsätze um nicht mehr als die Hälfte
innerhalb der Drei Jahresperiode, die am 1. Januar 1945 in Kraft
waren und sich auf Erzeugnisse beziehen, die nicht oder nur in
geringem Umfang importiert werden.
C. Senkung der Zollsätze - auf Grund von Handelsvertragsverhandlungen innerhalb der Drei Jahresperiode bis zu 50 Prozent
Ad Valorum oder des entsprechenden Gegenwertes für alle diejenigen Sätze, die 50 Prozent Ad Valorum oder den entsprechenden
Gegenwert übersteigen.
Ich habe diese Empfehlungen der Kommission gebilligt und
befürworte ihre Annahme durch den Kongreß. Ich darf ebenfalls
besondere Maßnahmen für Verhandlungen mit Japan, auf Grund der
besonderen Wirtschaftsprobleme dieses Landes, empfehlen.
Die obengenannten Ermächtigungen schließen keine generellen
Zollsenkungen ein. Die Bestimmungen über den Gefahrenpunkt und
die Ausweichklausel werden natürlich in Kraft bleiben, und die
drei erwähnten Zollsenkungsarten sind nicht kumulativ zu verstehen. Zollsenkungen werden selektiv für spezielle Waren vorgenommen werden und erst nach Ankündigung und nachdem öffentliche
Erörterungen, so wie es der bisherigen Praxis entsprach, stattgefunden haben. Dieses wäre unser Beitrag für ein allmähliches
und vorsichtiges Herantasten an das Problem eines verbesserten
Handels» den die Welt so dringend benötigt.
Damit wären keine plötzlichen, heftigen oder weitreichenden
Anpassungen verbunden.
Diese in unserer Zollgesetzgebung enthaltene Ausweichklausel
und die Bestimmungen über Gefahrenpunkte sollen etwaige Härten
mildern, die unseren einheimischen Produzenten durch Zollsenkungen
entstehen. In allen Fällen, in denen auf diese Bestimmungen zurück
gegriffen werden soll, werde ich die von der Zollkommission ermittelten Tatbestände und ihre Empfehlungen sorgfältig prüfen.
Meine Verantwortung für das Wohl der Nation erfordert es, daß
ich gelegentlich meine Entscheidungen auch weiterhin auf Grund
umfassenderer Erwägungen treffe als die Zollkommission dies zu
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�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

zu tun befugt ist. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik vertritt die gleiche Auffassung,
Ich habe den Empfehlungen der Kommission zugestimmt, daß die
Vereinigten Staaten die Zollsätze für Erzeugnisse, die von Arbeitern hergestellt wurden, deren Löhne unter dem allgemeinen Lohnniveau des betreffenden Exportlandes liegen, nicht senken. Dieser
Grundsatz soll unverzüglich in die Tat umgesetzt werden. Außerdem
habe ich dem Vorschlag der Kommission zugestimmt, durch Beratung
und Teilnahme an internationalen Konferenzen, wie sie etwa von der
internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einberufen werden, zur
Besserung der Arbeitsbedingungen beizutragen.
Diese Empfehlungen zur Erneuerung und Ergänzung des Gesetzes
über gegenseitige Handelsabkommen beruhen auf der einfachen Wahrheit, daß wir im Ausland einkaufen müssen, wenn wir an das Ausland
verkaufen wollen.
Das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT)
Seit 1948 sind praktisch alle größeren Handelsnationen der
Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, Partner eines allgemeinen Abkommens über Zölle und Handel geworden. Dieses Abkommen
war die wichtigste Vereinbarung mit deren Hilfe wir in den Vereinigten Staaten die Bestimmungen und Ziele des Gesetzes über
gegenseitige Handelsabkommen zu erfüllen suchten.
Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfiehlt, die Vereinigten Staaten sollten auf
dem Verhandlungswege eine Änderung der organisatorischen Bestimmungen des Abkommens dahingehend erwirken, daß die Teilnehmerländer durch gemeinsamen Beschluß ihre Punktionen darauf beschränken, multilaterale Handelsabkommen zu fördern, den gesetzgebenden
Körperschaften oder anderen zuständigen Stellen in den einzelnen
Ländern eine liberale Handelspolitik zu empfehlen sowie überhaupt
ein Forum zu bilden, vor dem alle aus dem Außenhandel erwachsenden Rechtsstreitigkeiten ausgetragen werden.
Ich werde im Sinne dieser Empfehlungen verfahren. Gleichzeitig werde ich den anderen Vertragspartnern eine Revision der
wesentlichen Bestimmungen des Abkommens vorschlagen, um es zu
vereinfachen und zu einem noch wirksameren Instrument der Bestrebungen zu machen, ein wirklich funktionierendes Welthandelssystem
aufzubauen. Wenn die mit dem Abkommen zusammenhängenden organisatorischen Bestimmungen ausgehandelt sind, werden sie dem Kongreß
unterbreitet werden.
Zollverwaltung und Zollverfahren
Die Probleme der Zollklassifizierung, der richtigen Bewertung
der eingeführten Waren und der Zollerhebungsverfahren sind sehr
vielschichtig und verwirrend. Im Laufe der Jahre haben diese Probleme einen Punkt erreicht, an dem sie nunmehr ein nicht mehr tragbares und auch nicht beabsichtigtes Hindernis für den Außenhandel
bilden.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

31. März

1954

Die Verhältnisse sind in den Vereinigten Staaten in dieser
Hinsicht wohl nicht schlechter als in vielen anderen Ländern.
Aber allein schon um eines anständigen Geschäftsgebarens Willen
ist es notwendig:
A. Die Warenkategorien, das Klassifizierungsverfahren und
die Zollsätze zu vereinfachen;
B. Die Methoden zur Wertfestsetzung von Importen zu verbessern; und
C. Ein wirksameres Zollverfahren einzuführen.
Zu diesem Zwecke werde ich gesetzgeberische Maßnahmen vorschlagen,
die eine Vereinfachung des Systems der Warenkategorien und der
Zollsätze in den Zollgesetzen bewirken; dies soll im Anschluß an
eine entsprechende Untersuchung durch die Zollkommission und im
Einklang mit den vom Kongreß hierfür aufzustellenden Richtlinien
geschehen. Diese Gesetze sollten - soweit dies zu diesem Zeitpunkt
tunlich erscheint - auch ein besseres Verfahren zur Klassifizierung
der nicht in den Zoll-Listen aufgeführten Waran sowie eine Verbesserung der die Zollerhebung regelnden Statuten bringen. In diesem
Zusammenhang erteile ich dem Finanzministerium den Auftrag, das
Zollverfahren einer laufenden Untersuchung zu unterziehen und dem
Kongreß jährlich über auftretende Schwierigkeiten und Verzögerungen
in der Verzollung von Waren zu berichten und entsprechende Maßnahmen zur Beseitigung derartiger Hindernisse zu empfehlen. Ich empfehle darüber hinaus, das anti-Dumping-Gesetz und das zu seiner Durchführung angewandte Verfahren dahingehend abzuändern, daß es eine
raschere und wirksamere Behandlung derartiger Fälle gestattet und
eine unzweckmäßige Behinderung des Handels durch eine laufende
Untersuchung eines mutmaßlichen Dumping-Geschäfts vermieden wird.
Um eine bessere Basis zur Wertfestsetzung bei der Verzollung
zu gewinnen, fordere ich die Annahme der vom Finanzministerium
gemachten Vorschläge hinsichtlich der Wertbestimmung. Sie sind
in der bereits vom Repräsentantenhaus gebilligten Entschließung
Nr. 6 584 enthalten.
Amerikanische Investitionen im Ausland
Eine verstärkte amerikanische Investitionstätigkeit im Ausland könnte einen wesentlichen Beitrag zu der nowendigen Expansion
des Welthandels leisten. Sie könnte ferner dazu beitragen, die
allgemeine Wirtschaftstätigkeit und die Beschäftigtenzahl in den
Vereinigten Staaten auf dem gegenwärtigen hohen Stand zu halten.
Darüber hinaus fördern derartige Investitionen die Erschließung
der Rohstoffquellen in anderen Ländern, die nowendig ist, um unseren
stets steigenden Bedarf decken zu können. Gleichzeitig stärken
sie auch die Wirtschaft der entsprechenden Länder. Im Hinblick auf
die große Bedeutung, die der privaten Investitionstätigkeit im
Verfolg unserer Außenpolitik zukommt, verweise ich nachdrücklich
auf die Notwendigkeit, das von meiner Regierung ausgearbeitete und
empfohlene Steuergesetz zu billigen, das Ihnen bereits zur Erörterung vorliegt.
Es sieht vor:

A.

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

A. Tochtergesellschaften oder selbständigen Zweigunternehmen im Ausland, die als Tochtergesellschaften fungieren oder als
solche besteuert werden wollen, einen 14-prozentigen Steuernachlaß auf die regulären Sätze der Körperschaftssteuer einzuräumen;
B. Den Kreis der im Ausland entrichteten Steuern, die gegenüber der in den Vereinigten Staaten zu zahlenden Einkommensteuer
aufrechenbar sind, dahingehend zu erweitern, daß auch die Steuern
einbezogen werden, die für die Besteuerung von Geschäftsunternehmen in den verschiedenen Ländern in erster Linie in Frage
kommen, mit Ausnahme von Umsatz-, Verkaufs- und Verbrauchssteuern
sowie der Sozialabgaben}
C. Die Höchstgrenze für die Anrechnung im Ausland entrichteter Steuern fallen zu lassen;
D. Den vorschriftsmäßig geführten •Investment Companies',
die sich auf Investitionen im Ausland konzentrieren, die Erlaubnis zu erteilen, die Anrechnungsmöglichkeit für im Ausland bezahlte Steuern, die für direkte Investitionen gewährt wird, auch
auf ihre Aktionäre zu übertragen.
Um die private Investitionstätigkeit im Ausland noch weiter
zu fördern, sollten wir auf diplomatischem Wege - durch entsprechende Maßnahmen im Innern und durch unsere Missionen und Vertreter im Ausland - alles in unseren Kräften stehende tun, um
andere Völker zum Verständnis und zur Anerkennung der Grundvoraussetzungen zu bewegen, die notwendig sind, um einen Anreiz für private Auslandsinvestitionen zu geben. Wir werden auch weiterhin
versuchen, in Verträgen allgemeine Richtlinien für eine faire
Behandlung von Ausiandsinvestitionen festzulegen.
Im Zusammenhang mit den zum gemeinsamen Sicherheitsprogramm
der USA erlassenen Gesetzen schlage ich vor, der Kongreß möge erwägen, inwieweit es wünschenswert erscheint, die bereits bestehenden Bestimmungen zum Schutz gegen Verluste bei Neuinvestitionen
im Ausland auch auf die Deckung etwaiger Verluste durch Krieg,
Revolution oder Aufstände auszudehnen.
Die Kommission hat darauf hingewiesen, daß die Ungewißheit
hinsichtlich der Anwendung der amerikanischen Antitrust-Gesetze
auf die Tätigkeit amerikanischer Firmen im Ausland ein Abschrekkungsmittel für Investitionen im Ausland bildet. Sie hat eine
Neufassung unserer Antitrust-Gesetze empfohlen, durch die eindeutig das Recht jedes Landes anerkannt wird, den Handel innerhalb
seiner Grenzen selbst zu regulieren. Gleichzeitig bestand die
Kommission nachdrücklich darauf, eindeutig klarzustellen, daß
Gesetze anderer Länder oder etwa übliche Handelspraktiken im
Sinne restriktiver Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen der
Investitionsfreudigkeit der amerikanischen Geschäftswelt im Ausland Abbruch tun und die günstigen Auswirkungen derartiger Investitionen auf die Wirtschaft der Gastländer schmälern.
Ich habe das Justizministerium ersucht, diese Empfehlung im
Zusammenhang mit der bereits anhängigen Überprüfung der AntitrustGesetzgebung eingehend zu untersuchen.
Der

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31. März 1954

Der 'Buy American Act'
Gegenwärtig sehen einige unserer Gesetze vor, daß bei näher
spezifizierten Einkäufen der Bundesregierung oder bei Einkäufen,
die die Bundesregierung finanziert, einheimische Lieferfirmen
vor ausländischen Bewerbern den Vorrang erhalten sollen. Ich
stimme mit der Kommission darin überein, daß es nicht zweckmäßig, nicht kaufmännisch gehandelt und dem Steuerzahler gegenüber
unfair ist, wenn die Regierung bei ihren Einkäufen ein Aufgeld
bezahlt, es sei denn, die Sicherheit des Landes, langanhaltende
und große Arbeitslosigkeit oder die Förderung der Klein- und
Mittelbetriebe macht dies notwendig.
Ich ersuche daher um die gesetzliche Ermächtigung, Bewerber
aus Ländern, die unsere Bewerber genau so wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen Bestimmungen zu befreien.
Inzwischen wird die Exekutive Klarheit darüber schaffen, inwieweit
dieser Grundsatz der Bevorzugung auf Einkäufe der Regierung Anwendung finden soll. Sie wird den Preisunterschied zugunsten einheimischer Erzeuger gegenüber ausländischen Bewerbern je nach
den Umständen und ohne Rücksicht auf den in Frage kommenden Zolltarif auf einen vernünftigen Prozentsatz begrenzen. Allerdings
muß sie auch weiterhin die unumschränkte Vollmacht besitzen,
bei Regierungseinkäufen die Erfordernisse der nationalen Sicherheit, die Probleme der Mittel- und Kleinbetriebe und der Gebiete
mit dauernder großer Arbeitslosigkeit gebührend berücksichtigen
zu können.
Rohstoffe
Unser Land ist mit einer Fülle an Bodenschätzen gesegnet;
doch müssen wir aus ihnen soviel wie möglich herausholen, um den
ständig wachsenden Appetit einer expansiven Wirtschaft zu befriedigen und gleichzeitig unsere Verteidigung auf einem angemessenen
Stand zu halten. Wir müssen uns indessen darüber klar sein, daß
unser Land, wie jedes andere, nicht in der Lage ist, die von der
modernen Industrie benötigten Mengen an Metallen und Bodenschätzen
zu erzeugen. Denn diese Rohstoffe sind nicht gleichmäßig auf der
Welt verteilt. Wir sind also aufeinander angewiesen. Unsere Außenhandelspolitik muß daher einen Ansporn zu einem verhältnismäßig
reibungslosen Fluß dieser Rohstoffe im internationalen Handel geben.
Die Kommission empfiehlt zwei Wege, die meiner Ansicht nach
wesentlich dazu beitragen werden, eine gleichmäßige Ausweitung der
Förderung an Bodenschätzen in den USA wie im Ausland zu erreichen.
Erstens soll die Regierung der Vereinigten Staaten aktiv zu
einer größeren Stabilität der Weltmarktpreise für Rohstoffe beitragen, indem sie etwaige Behinderungen des Welthandels mildert
oder beseitigt, den Ausbau der Wirtschaft anderer Länder fördert,
bei ihren Einkäufen Praktiken vermeidet, die zu einer Störung des
Preisgefüges auf den Weltmärkten führen würden, mit anderen Nationen verhandelt und wirtschaftliche Schwankungen im eigenen
Lande ausgleicht.
^

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Der zweite Weg sieht eine stärkere Förderung der Investitionen
durch amerikanische Bürger und Angehörige anderer Länder in ausländischen Produktionsbetrieben vor.
Ich stimme diesen Empfehlungen nachdrücklich bei.
Die Kommission empfahl weiter, die für militärische Zwecke
benötigte Förderung von Rohstoffen im Inland durch direkte Maßnahmen, nicht durch Zölle und Einfuhrquoten sicherzustellen.
Meiner Ansicht nach ist dies im allgemeinen ein gesunder Grundsatz.
Ich habe aber dennoch einen Sonderausschuß des Kabinetts ernannt, der gegenwärtig das ganze Gebiet unserer Rohstoffpolitik
untersucht, und habe seine Aufmerksamkeit auf diese Empfehlungen
der Kommission gelenkt.
Landwirtschaft
Vielleicht kein anderer Sektor unserer Wirtschaft hat ein
größeres Interesse am Außenhandel als die Landwirtschaft. In
den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel ein Drittel unseres
Weizens, 40 Prozent unserer Baumwoll- und Reisernte und ein Viertel unseres Tabaks und unserer Sojabohnen exportiert. Es ist daher
von größter Bedeutung, daß die Auslandsmärkte für unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse erhalten bleiben.
Jedes Programm, das den Interessen der amerikanischen Landwirtschaft dienen soll, muß der Notwendigkeit Rechnung tragen, daß
diese auf den Export angewiesen ist. Um es mit den Worten der
Kommission auszudrücken: 'Es ist unbedingt notwendig, unsere Landwirtschafts- und unsere Außenhandelspolitik miteinander in Einklang zu bringen, ohne die berechtigten Interessen einer von beiden
zu opfern'. Ich bin überzeugt, daß ein derartiger Ausgleich möglich ist, und ich bin sicher, daß dieses Ziel leichter zu erreichen ist, wenn die Empfehlungen, die ich in meiner Landwirtschaftsbotschaft vom 11. Januar gemacht habe, angenommen werden.
Die Handelsmarine
Was unsere Hochseeschiffahrt anbelangt, so müssen wir unbedingt eine Handelsmarine haben, die unseren Verteidigungserfordernissen angemessen ist. Ich vertrete den Grundsatz, daß die für
diesen Zweck erforderliche Unterstützung unserer Handelsmarine,
soweit wie irgend möglich, auf direktem Wege beschafft werden
sollte. Eine derartige Politik erfordert allerdings eine eingehende Analyse der für eine direkte Unterstützung verfügbaren Mittel, der möglichen Auswirkungen auf den Frachtentransport durch
ausländische Schiffe sowie der Gesamtaufwendungen, ehe ein ins
einzelne gehendes Programm zu empfehlen wäre.
Das Handelsministerium hat dieses Problem bereits eingehend
studiert. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen werden innerhalb der
Exekutive weiter erörtert, um ins einzelne gehende Empfehlungen
zur Vorlage im Kongreß während der nächsten Sitzungsperiode auszuarbeiten, die eine Ergänzung der gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Vorschläge der Exekutive darstellen sollen.
Internationaler

�"AMERIKA DIENST"

51. März 1954

Internationaler Reiseverkehr
Dem internationalen Reiseverkehr kommt sowohl aus kulturellen
wie auch aus sozialen Gründen erhebliche Bedeutung zu. Er hat darüber hinaus auch wirtschaftliche Bedeutung. Die Auslandsreisen amerikanischer Staatsbürger bringen vielen Ländern einen beachtlichen
Zustrom von Dollar und versetzen sie damit in die läge, ihre Einkäufe in den USA zu bezahlen.
Wenn auch die Förderung des Fremdenverkehrs in erster Linie
Aufgabe der Gastländer ist und vor allem von privaten Unternehmern
getragen werden muß, kann doch die Regierung in mancher Weise helfend eingreifen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Entschließung Nr. 8352 des Repräsentantenhauses, durch die die Wertgrenze für die Hereinnahme zollpflichtiger Waren durch Touristen
pro Halbjahr von 500 auf 1 000 Dollar erhöht-würfle. Ich persönlich
kann ihre Billigung nur empfehlen. Zu gegebener Zeit beabsichtige
ich weitere Empfehlungen für legislative Maßnahmen zur Förderung
des Reiseverkehrs zu unterbreiten.
In der Zwischenzeit werde ich die zuständigen Ministerien und
Stellen innerhalb der Exekutive anweisen, sowohl im Inland als
auch im Ausland alle Möglichkeiten zu studieren, um den internationalenReiseverkehr zu verstärken. Ich werde sie ersuchen, entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die von der Regierung ausgeübten Kontrollen auf dem Gebiet der Zölle, der Visaausstellung, des Paßwesens, der Devisen- und Währungsbeschränkungen
und andere Bestimmungen zu vereinfachen, die das Reisen erschweren.
Wirtschaftliche Hilfe und technische Unterstützung
Die Hilfe, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen
Jahren den übrigen freien Völkern gewährten, spielte eine entscheidende Rolle in der Stärkung der nationalen Sicherheit, der Erschließung wichtiger Hilfsquellen und der Schaffung freier Entwicklungsmöglichkeiten für uns und die übrigen Völker.
Das Verdienst hierfür gebührt nicht zuletzt - und dies gilt
insbesondere für die technische Hilfe und die Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers - dem amerikanischen Volk, das den aufrichtigen Wunsch hatte, anderen Menschen zu helfen. Unsere wirtschaftliche Hilfe kann aber nicht unendlich lange fortgesetzt werden.
Wir müssen zwischen einem wirklichen Notstand und einer chronischen
Krankheit, zwischen einem besonderen Einzelfall und der allgemeinen
Regel, unterscheiden.
Ich bekenne mich deshalb zu dem Grundsatz, daß die Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen eingestellt werden
sollte, sobald dies im Einklang mit unseren nationalen Interessen
möglich ist. In Fällen, in denen ein anderes Land unsere Unterstützung braucht, um militärische Streitkräfte aufzustellen und
auszurüsten, die für die gemeinsame Verteidigung erforderlich
sind, und von sich aus die Mittel hierfür nicht aufbringen kann,
sollte unsere Hilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen gewährt

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31. März 1954

gewährt werden. Wie die Kommission anerkannte, gibt es einige
wenige Fälle, in denen kleinere derartige Zuwendungen an wirtschaftlich rückständige Gebiete im Interesse der Sicherheit notwendig sind. Ich stimme ferner der Auffassung bei, daß in anderen
Fällen, in denen es die Sicherheit des Landes geboten erscheinen
läßt, daß ein Land anderweitig nicht zu beschaffende Dollarbeträge zur Verfügung gestellt bekommt, eine derartige Unterstützung
im größtmöglichen Ausmaß in Form von Darlehen, nicht aber in Form
von Zuwendungen, gewährt werden.sollte.
Bei der Ausweitung derartiger Anleihen müssen wir sorgfältig verfahren, damit dies nicht zu einer Einmischung in die normale Anleihetätigkeit und die Kreditgewährungsbestimmungen der
Export-Import-Bank führt. Die Weltbank ist die wichtigste Einrichtung für die Finanzierung wirtschaftlicher Erschließungsprojekte durch die öffentliche Hand. Die Export-Import-Bank
wird für sich allein Anträge auf Finanzierung von Erschließungsprojekten prüfen, die nicht durch die Weltbank gemacht werden und
die im besonderen Interesse der Vereinigten Staaten liegen, wirtschaftlich gesund sind, die Fähigkeit des betreffenden Anleihenehmers, den Kredit zurückzuzahlen, nicht übersteigen und nach
vorsichtiger Prüfung im Rahmen der Kreditgewährungs-Kapazität
der Bank liegen.
Ich befürworte die Empfehlungen der Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik, daß die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an den Programmen der technischen Zusammenarbeit mit Nachdruck betrieben wird. Derartige Programme sollten
sich darauf konzentrieren, in erster Linie Fachleute und technisches Wissen zur Verfügung zu stellen und nur in geringerem
Maße größere Geldmittel für die Verschiffung von Gütern, es sei
denn, es handelt sich um Ausrüstungen, die für Lehrzwecke benötigt
werden. Sie sollten jedoch keine Gelder für Investitionszwecke
zur Verfügung stellen. Vielmehr sollten die gewährten Mittel
so verwaltet werden, daß sie sich in die Erschließungsprogramme
der unterstützten Länder einpassen, und sie sollten in Zusammenhang mit privaten oder öffentlichen Investitionen stehen, die
voraussichtlich gemacht werden.
Die Überprüfung der für das gemeinsame Sicherheitsprogramm
erforderlichen Aufwendungen wurde unter Berücksichtigung dieser
Grundsätze durchgeführt, und meine Regierung hat die nicht rückzahlbaren Zuwendungen erheblich gekürzt. Diese Grundsätze haben
auch in den gesetzgeberischen Maßnahmen, die ich später für das
gemeinsame Sicherheitsprogramm vorschlagen werde, ihren Niederschlag gefunden.
Ost-West-Handel
Bei Betrachtung der Probleme anderer Nationen der freien Welt
drängt sich uns die Erkenntnis auf, daß die Wirtschaft einiger
dieser Länder durch die Zerschlagung des umfassenden, historisch
gewachsenen Handels zwischen Ost und West geschwächt worden ist.
Eine

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31. März 1954

Eine Kürzung unserer Hilfsprogramme wird den Druck zur Wiederaufnahme dieses Handels noch verstärken. Ein größerer Austausch
von zivilen Gütern zwischen Ost und West - das heißt solcher Güter, die nicht unter den 'Battle Act' fallen oder in anderer Hinsicht als strategisch wichtig gelten - sollte uns nicht unnötige
Sorgen verursachen, sofern er ohne Gefährdung der nationalen
Sicherheit und unter Einhaltung unseres über das kommunistische
China und Nordkorea verhängten Embargos durchgeführt werden kann.
Ich werde selbstverständlich die nötigen Vorkehrungen treffen, um
den vollen Schutz unserer Sicherheit zu gewährleisten.
Konvertierbarkeit der Währungen
Mit Recht erblickt die Kommission in der ungehind3rten Entwicklung zu einer freien Konvertierbarkeit der Währungen eine
unerläßliche Vorbedingung für einen freieren und gesünderen Welthandel. Daher verdienen alle Maßnahmen, die darauf abzielen, den
Devisenbesitzern den freien Umtausch ihrer Devisen in andere
Währungen zu ermöglichen, unsere Unterstützung.
Wie die Kommission sehr richtig bemerkte, muß der Anstoß
zur Einführung einer freien Konvertierbarkei t der Währungen von
den in Frage kommenden Ländern selbst ausgehen, die auch die
Verantwortung dafür zu tragen haben. Zu meiner Genugtuung kann
ich feststellen, daß einige Länder bereits die Initiative in dieser Präge ergriffen haben. Die Engländer und andere Angehörige
des britischen Weltreiches sind bereits zweimal, in London und
in Sydney, zusammengetroffen, um Pläne über die freie Konvertierbarkeit des englischen Pfundes zu beraten. Das Vereinigte
Königreich und andere größere europäische Länder unternehmen gegenwärtig konstruktive Maßnahmen hinsichtlich ihrer eigenen Währungen. Außerdem werden auch die derzeitigen Beratungen im Zusammenhang mit der Verlängerung der europäischen Zahlungsunion
weitgehend von ihrem Wunsch beeinflußt, den Weg zu einer freien
Konvertierbarkeit der Währungen zu ebnen«.
Ich habe die Empfehlungen der Kommission zur Stärkung der
Gold- und Dollarreserven jener Länder gebilligt, die sich auf
Grund einer stabilen Innen- und Außenpolitik die Voraussetzungen
für eine Währungskonvertierbarkeit geschaffen haben. Diese
Empfehlungen verlangen keine weiteren Schritte des Kongresses.
Die Gesetzesbestimmungen und die Ermächtigungen für diesen Zweck
bestehen bereits. Die Vereinigten Staaten werden die Verwendung
der Mittel des internationalen Währungsfonds als Währungsstütze
für diejenigen Länder befürworten, die ihre Währung konvertierbar machen wollen. In Ergänzung wird jetzt, wie von der Kommission
vorgeschlagen, ein Gutachten über die Möglichkeit von Beistandskrediten durch das Pederal Reserve System angefertigt.
Schlußfolgerungen
Was ich Ihnen soeben umrissen habe, ist ein Mindestprogramm,
welches als Ganzes beurteilt werden sollte. Seine verschiedenen
Teile stehen miteinander in enger Beziehung; das eine erfordert
das andere.
»-.„

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Als Ganzes entwickelt, besteht es aus vier Hauptteilen:
Hilfe - die wir kürzen möchten
Investitionen - die wir fördern wollen
Währungskonvertierbarkeit - die wir erleichtern, und
Handel - den wir ausweiten wollen.
Ich erachte es als wesentlich, daß wir diese beiden Ziele
erreichen, die - was wir uns klar machen sollten - eng miteinander
verknüpft sind; wenn wir die Dollarhilfe kürzen, dann müssen wir
helfen, die Dollarlücke durch Ausweitung unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels zu schließen. Diese Ausweitung wird durch die Rückkehr zu einer freien Konvertierbarkeit
der Währungen erleichtert werden. Unsere Freunde im Ausland
werden dadurch zur Rückkehr zur Konvertibilität ermuntert werden, wenn sie auf Grund unserer Handelspolitik eine Ausweitung
unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels erwarten können.
Wenn wir nicht vorbereitet sind, die Politik anzunehmen, die
ich zur Ausweitung des Außenhandels und der Auslandsinvestitionstätigkeit empfohlen habe, dann könnten unsere Freunde in ihrem
Bestreben entmutigt werden, einen freien Markt für ihre Währungen wiederherzustellen. Wenn wir in unserer Handelspolitik versagen, so mögen wir vielleicht auch in allem versagen. Unser
Beschäftigtenstand und Lebensstandard, unsere Sicherheit und die
Solidarität der freien Welt - all dieses ist hier einbezogen.
Um des Wachstums unserer eigenen Wirtschaft willen müssen
wir sich ständig vergrößernde Weltmärkte haben; unsere Sicherheit verlangt, daß unsere Verbündeten wirtschaftlich stark werden. Ausweitung des Handels ist die einzige geeignete Lösung für
diese beiden drängenden Probleme, denen sich unser Land gegenübergestellt sieht."

*

•

* *

*

�LEWIS L.STRAUSS: "H-BOMBENEXPLOSION WAR ZU KEINER
ZEIT UNSERER KONTROLLE ENTZOGEN"
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Vorsitzende
der US-Atomenergiekommission (AEC), Lewis L. Strauss,
gab zu den amerikanischen H-Bombenversuchen im Pazifik auf der Pressekonferenz Präsident Eisenhowers
am 31• März in Washington folgende Erklärung ab:
"Der Präsident hat mich ermächtigt, jene Teile meines ihm
gestern vorgetragenen Berichts der Allgemeinheit zugänglich zu
machen, deren Veröffentlichung unsere nationale Sicherheit
nicht gefährden würde.
Ich bin soeben von dem Versuchsgebiet der AEC im Pazifik
zurückgekehrt, wo ich Zeuge des zweiten Teils einer Testserie
thermonuklearer Waffen war. Ich will meine dort gemachten Erfahrungen beschreiben, so gut ich es vermag; doch bevor ich
dazu übergehe, wird es vielleicht am besten sein, wenn ich
mit einer kurzen Zusammenfassung der geschichtlichen Hintergründe dieser Versuche beginne.
Im August 1949 erhielten wir Kunde von einem durch die
Sowjets ausgeführten Atomwaffenversuch oder einer Explosion,
bei der atomare Kräfte frei gesetzt wurden. Mit der Erkenntnis, daß damit unsere führende Rolle in Frage gestellt wurde
und daß wir nicht mehr allein im Besitz einer Waffe waren, die
bis dahin ein Hauptabschreckungsmittel gegen eine Aggression
gebildet hatte, wurde es klar, daß unsere Überlegenheit von
nun an nur eine relative sein konnte, die von dem quantitativen Vorsprung abhing, das heißt, von dem Besitz einer größeren
Zahl von Atomwaffen, solange dieser Vorsprung aufrechterhalten
werden konnte. Die Alternative einer 'qualitativen' Führung ergab sich, wenn es uns gelang, eine stärkere Waffe zu entwickeln,
stärker als die auf der Kernspaltung aufgebauten Waffen - um
eine Größenordnung stärker, wie sie zwischen den normalen Atombomben und den gewöhnlichen Bomben besteht. Eine Methode für
die Entwicklung solcher Waffen war unseren Wissenschaftlern
in der Theorie bekannt.
Im Januar 1950 gab der amerikanische Präsident der USAtomenergiekommission die Anweisung, die erforderlichen Schritte
zu unternehmen, um herauszufinden, ob diese Waffe - die Wasser- 1 -

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7. April 1954

Wasserstoffbombe, oder 'Kernverschmelzungsbombe' oder auch
thermonukleare Bombe genannt wird - tatsächlich hergestellt
werden könnte. Wie $le wissen,wurde die Möglichkeit einer Kernverschmelzungsreaktion dank der Genialität jener Wissenschaftler
und Konstrukteure, die alle ihre Kräfte in den Dienst dieses
Projektes stellten, erwiesen und ein erstes Modell dieser neuen
Waffe im November 1952 bei Eniwetok zur Explosion gebracht.
Dieser Versuch rief die größte von Menschen erzeugte Explosion hervor, die jemals bisher in der Geschichte stattgefunden hatte und von diesem Zeitpunkt an gingen wir daran, Konstruktionsverbesserungen und weitere Entwicklungsarbeiten durchzuführen. Im August des vergangenen Jahres führten die Sowjets
einen Versuch mit einer Waffe oder einer Anlage durch, bei der
ein Explosionsdruck entstand, der weit über den Eereich normaler
Atomwaffen hinausging und der seine Gewalt zu einem Teil aus
der Kernverschmelzung leichterer Elemente erhielt. Es besteht
guter Grund zu der Annahme, daß die Sowjets mit den Arbeiten
an dieser Waffe zu einem erheblich früheren Zeitpunkt als wir
begonnen hatten.
Die zur Zeit durchgeführte Testreihe ist seit langem geplant. Sie wird gemeinsam von der AEC und dem US-Verteidigungsministerium geleitet. Eine Einsatzgruppe, die sich aus Angehörigen der drei Waffengattungen und einem wissenschaftlichen
Stab der AEC zusammensetzt, wurde im vergangenen Jahr in Übereinstimmung mit den Maßnahmen aufgestellt, wie sie sich bei den
vorherigen außerhalb der US-Landesgrenzen durchgeführten Versuchen bewährt hatten. Die US-Marine, US-Luftstreitkräfte und
US-Armee haben abwechselnd das Kommando über diese Einsatzgruppe
gestellt.
Anfang Januar dieses Jahres begannen wir mit der Überführung
der Mannschaften und des Versuchsmateriales für diese Versuchsreihe nach dem Versuchsgelände im Pazifik. Die erste Explosion
fand an dem vorgesehenen Datum des 1. März statt, die zweite
am 26. März. Beide Versuche verliefen erfolgreich. Kein Versuch
wird durchgeführt, ohne daß ein sehr genau umrissener Zweck
damit verbunden ist und eine mit aller Sorgfalt getroffene
Entscheidung vorausgeht, daß er auf ein Endresultat abzielt,
das für unsere militärische Stärke und Schlagkraft von überragender Bedeutung ist. Die Ergebnisse, die die Wissenschaftler
in Los Alamos und Livermore aus den beiden Bombentests zu erhalten gehofft hatten, wurden voll und ganz erfüllt und durch die
gemachten Erfahrungen wurde unserer militärischen Stellung ein
mächtiges Potential hinzugefügt.
Es sollte aber außerdem bedacht werden, daß die Erprobung
solcher Waffen auch deshalb nötig ist, damit man über die denkbaren, zukünftigen Aggressionsmöglichkeiten eines Feindes genauestens unterrichtet ist; denn wir sind uns heute völlig
darüber im Klaren, daß wir kein Monopol mehr auf diesem schaudererregenden Gebiet besitzen.
w

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7. April 1954

Nun zu der jüngsten Testreihe selbst. Die erste Explosion
ist als •verheerende Verwüstung', »außerhalb jeder Kontrolle*
und mit anderen übertriebenen und irrigen Bezeichnungen beschrieben worden. Ich will die Fakten keineswegs verkleinern. Es war
eine gewaltige, eine sehr gewaltige Explosion, aber sie war zu
keiner Zeit unserer Kontrolle entzogen. Die Mißverständnisse und
Irrtümer scheinen sich aus zwei Fakten herzuleiten. Erstens:
die Explosion war etwa doppelt so stark, als man angenommen
hatte - eine Fehlergrenze, die für eine neue Waffe durchaus
nichts Ungewöhnliches darstellt. Ich möchte dazu bemerken, daß
die vor der ersten A-Bomben-Explosion angestellten Schätzungen
einen relativ viel größeren Spielraum vorsahen. Zweitens: die
Folgen des 'radioaktiven Aschenregens'.
Bei jeder größeren Explosion auf einem Untergrund oder in
bestimmter Höhe über diesem Grund wird durch die Explosionsgewalt ein Teil der Erde, des Wassers oder woraus der Untergrund
sonst bestehen mag, in die Luft hochgerissen.Die schweren Partikelchen fallen rasch wieder herunter, aber die leichteren
werden durch die luft fortgetragen und mit der Windrichtung verweht, bevor sie schließlich auch niederfallen. Im Falle einer
kernreaktiven Explosion sind viele dieser Partikeln radioaktiv
und auch die zu Staub zermalmten Teile der Waffe selbst zeigen
eine Radioaktivität.
Aus diesem Grunde hat die AEG die Versuche mit ihren größeren
Waffen in großer Entfernung vom Festland durchgeführt, so daß
die niederfallenden Partikeln vom Meer aufgenommen werden, wo sie
rasch einerseits durch die Wassermassen fortgeschwemmt und andererseits durch den raschen Zerfall der meisten strahlenden
Teilchen unschädlich werden. Die Gründe warum die Marshallinseln
als Ort für die ersten großangelegten Versuche ausgewählt wurden,
werden Ihnen an Hand der Karte, die ich Ihnen sogleich zeigen
werde, einleuchten. Der verstorbene Admiral W.H.P. Blandy,unter
dessen Kommando zu dienen ich die Ehre hatte, wählte die Bikinigegend als Versuchsort aus.
In der Gruppe der'Marshallinseln herrschen während der Monate
Februar, März, April in der Regel Winde vor, deren Richtung von
den bewohnten Atollen hinweg aufs Meer führt. Das Bikini- und
Eniwetokatoll wurden als Basis für die Versuche ausgewählt. Die
beiden Atolle bilden eine lange Kette von K rallenriffen, die eine
Lagune von fünf- bis sechshundert Quadratkilometer umschließen.
An verschiedenen Stellen dieses Riffs treten - wie Perlen auf
einer Schnur - eine Vielzahl kleiner Inseln über den Meeresspiegel
heraus, einige davon ein paar tausend Quadratmeter groß, andere
kaum größer als eine Sandbank. Diese kleinen, unbewohnten und
baumlosen Sandhügel wurden für unsere Experimente benutzt. Tatsächlich hat die Einsatzgruppe in einem Falle erst aus Sand und
Korallen eine dieser sogenannten Inseln soweit aufgebaut, um sie
an dem Punkt, der für die erste Explosion am günstigsten erschien,
zur Verfügung zu haben. Der Eindruck, daß ein ganzes Atoll oder
sogar größere Inseln bei den letzten Versuchen zerstört worden

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

worden seien, ist durchaus irrig.
Bevor die Explosion zur Auslösung kommt, wird die Luft- und
Windströmung in allen Höhen bis zu mehreren tausend Metern sorgfältig registriert. Diese Wind- und Luftströmungs-Beobachtung wird
auf verschiedenen Inseln und von Schiffen unserer Flotte an weit
auseinandergezogenen Punkten durchgeführt.
Im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht ist die Windströmung zu
einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort nicht immer die
gleiche. In verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche findet man
Windströmungen, die oft in entgegengesetzter Richtung wehen und
sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben. Eine Atomwolke
wird daher, wenn sie durch diese verschiedenen Luftströmungen
hochtreibt, sozusagen in Schichten zerschnitten. Die Meteorologen
bemühen sich, die Windrichtung für die günstigste Bedingung vorauszusagen und der Kommandeur der Einsatzgruppe bestimmt auf Grund
der Wettervorhersagen, wann der Test stattfinden soll. Die Wettervorhersage muß auf eine relativ lange Sicht erfolgen, weil eine
bestimmte Warn- und Gefahrenzone auf Schiffe abgesucht werden muß.
Diese Aufgabe, die teils durch Radargeräte, teils durch P2V-Marineflugzeuge durchgeführt wird, erfordert eine Zeitspanne von mindestens ein bis zwei Tagen.
Das sogenannte "Warngebiet" ist eine um das Testzentrum liegende Zone, in der für Schiffe oder Flugzeuge ein Gefahrenmoment
besteht. Wir haben genau wie andere Regierungen eine Reihe solcher Zonen errichtet. Die Karte zeigt ein solches Gebiet vor
der Pazifikküste bei Point Magu und vor den Hawaiischen Inseln.
Eine weitere größere Warn- und Gefahrenzone für ferngelenkte Geschosse erstreckt sich von Florida zu den Bahamas. Eine andere
Gefahrenzone, die Großbritannien errichtet hat, liegt vor Australien. Einschließlich unserer kontinentalen Warnzonen haben wir
insgesamt 447 derartiger Warn- und Gefahrenzonen abgegrenzt. Dieses besondere Warngebiet (wo die letzten Versuche stattfanden)
wurde im Jahre 1947 abgegrenzt. Die Vereinten Nationen wurden davon unterrichtet und entsprechende Eintragungen wurden damals und
seither in den See- und Flugkarten vorgenommen.
Trotz dieser Warnungen und Bekanntmachungen gibt es viele
Beispiele, wo ein versehentliches Hineinkommen in die Gefahrenzone beinahe oder tatsächlich zu einem Unglück geführt hat. Allein
die Ausdehnung dieser Zonen macht es unmöglich, sie sozusagen
einzuzäumen oder polizeilich abzusperren. Für den Tag, an dem
die erste Explosion zur Auslösung kam, hatten die Meteorologen
Luft- und Windrichtungsverhältnisse vorausgesagt, die die Explosionspartikeln nach Norden an der Gruppe der kleinen Atolle vorbei treiben mußte, die östlich von Bikini liegen. Das Beobachtungsflugzeug suchte die Gefahrenzone sorgfältig ab und berichtete, daß kein Schiff zu sichten war. Die Explosion wurde ausgelöst. Der Wind hielt sich nicht an die Voraussagen der Meteorologen,
sondern drehte von dieser Linie nach Süden ab und nun lagen die
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7. April 1954

die kleinen Inseln Rongelap, Rongerik und Uterik auf dem Weg der
herabfallenden Partikeln.Ein japanischer Fischdampfer, der 'Glückbringende Drachen', scheint bei dem Absuchen des Warngebietes übersehen worden zu sein, muß sich jedoch der Aussage des Kapitäns
zufolge, wonach er sechs Minuten nach dem Explosionsblitz den
Explosionsdonner hörte, noch innerhalb der Gefahrenzone befunden
haben. Die 23 Mann starke Besatzung dieses Dampfers, die 28 Amerikaner, die die Wetterstationen auf den kleinen Inseln besetzt
hielten und die 236 Insulaner kamen damit in den Bereich des
'Aschenregens'. Die Annahme, daß die wirkliche Explosionswelle
der Bombe sich über eine solche riesige Zone erstreckte, ist
selbstverständlich völlig irrig.
Der Kommandeur der Einsatzgruppe evakuierte daraufhin sofort
die Bevölkerung der Inseln. Sie wurden nach Kwajalein gebracht,
wo wir eine Marinestation unterhalten und standen hier unter ständiger fachärztlicher Beobachtung. Ich habe sie dort in der vergangenen Woche besucht. Seitdem wurde erklärt, daß unsere Männer
von den Wetterstationen ihren Dienst wieder aufnehmen könnten, daß
sie aber vorerst noch auf Kwajalein verbleiben, um weiter unter
Beoachtung zu stehen. Keiner von den 28 Meteorologen hat Verbrennungen e rlitten. Die 236 Insulaner erschienen mir auch sämtlich
gesund und glücklich. Die Ausnahme bilden zwei Eingeborene, die
krank waren. Der eine, ein alter Mann in einem fortgeschrittenen
Stadium von Diabetes, die andere eine Greisin mit arthritischen
Verkrüppelungserscheinungen. Beide Krankheitsfälle stehen in keinerlei Zusammenhang mit der Bombenexplosion. Heute - ein Monat
nach dem Geschehnis - haben die Ärzte von Kwajalein uns berichtet,
daß keine weitere Erkrankung zu erwarten sei, ausgenommen natürlich Krankheiten, die auch sonst auftreten können. Inzwischen
wurde auf Kwajalein ein Kind geboren und weitere Geburten werden
erwartet.
Was die Situation der 23 japanischen Fischer anbetrifft, so
ist die Lage hier weniger klar, weil die japanischen Behörden es
uns bisher nicht gestatteten, die Betroffenen einer gründlichen
klinischen Untersuchung zu unterziehen. Es ist jedoch interessant
zu vernehmen, daß die Berichte, die in jüngster Zeit zu uns durchdrungen sind, darauf hindeuten, daß das Blutbild dieser Männer dem
Blutbild unserer Meteorologen gleicht. Man nimmt an, daß die
beobachteten Hautschädigungen eher auf die chemischen Wirkungen
des umgewandelten Materials der Korallenriffe zurückzuführen
sind, als auf radioaktive Strahlung. Dafür spricht besonders die
Tatsache, daß die Wunden bereits zu heilen beginnen. Die Fischer
stehen unter ständiger Beobachtung durch japanische Ärzte, wir
selbst sind in Japan durch Dr. Morton von der Atombombenunfallkommission und durch Mr. Eisenbud von der AEC vertreten.
Was die Berichte über eine weitausgedehnte 'Verseuchung' von
Thunfischen und anderen Fischen durch Radioaktivität anbetrifft,
so werden sie durch die Tatsachen nicht bestätigt. Bie einzigen
'verseuchten'Fische fand man bisher in dem unbedeckten Fischbehälter des 'glückbringenden Drachen'. Der Beauftragte der USBundesprüfstelle für Nahrungsmittel und chemische Präparate hat
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7. April 1954

hat uns folgende Mitteilung zugehen lassen: 'Unsere Inspektoren
fanden bei keiner Fischladung aus den pazifischen Gewässern auch
nur einen einzigen Fall von Radioaktivität. Die Inspektionen wurden
lediglich als Vorsichtsmaßnahme durchgeführt ... es besteht kein
Anlaß für die Befürchtung der Öffentlichkeit, daß es derartige
Verseuchungen geben könnte.1
Ich darf vielleicht hier noch bemerken, daß in den Gewässern
rund um Bikini und Eniwetok zu gewissen Zeiten des Jahres fast
alle Fische, die gefangen werden, giftig sind, weil sie sich von
bestimmten in diesen Zeiten auftretenden Mikroorganismen nähren,
und daher für den Genuß des Menschen während dieser Monate nicht
geeignet sind.
Zu der Frage der Entschädigung der japanischen Fischer hat unsere Regierung die Regierung Japans dahingehend informiert, daß sie
bereit ist,solche finanziellen Beihilfen zu ersetzen, wie sie von
der japanischen Regierung und unserer Botschaft in Tokio gemeinsam
als eine Zwischenmaßnahme für die Aufbringung der laufenden medizinischen Kosten und Familienbeihilfen, einschließlich der Löhne
der Betroffenen für notwendig befunden werden.
Was die Befürchtung anbetrifft, radioaktive Partikelchen könnten mit der Strömung auf Japan zugetrieben werden, so kann ich erklären, daß jedes radioaktive Teilchen, das in der Versuchszone
niederfällt, schon wenige Meilen, nachdem es von dieser sich sehr
langsam bewegenden Strömung (weniger als 1 Seemeile in der Stunde)
erfaßt wird, vollkommen ungefährlich ist und nach 500 Seemeilen bereits vollkommen unentdeckbar wäre.
Was nun die in der vergangenen Woche in einigen Kreisen kursierende Meinung anbetrifft, daß auch die Vereinigten Staaten durch
herabfallende radioaktive Partikelchen gefährdet seien, so sollte
dazu bemerkt werden, daß nach jedem Test, den wir oder die Russen
durchgeführt haben, ein leichter Anstieg der in der Natur vorkommenden GrundStrahlung, an einzelnen Stellen des amerikanischen Kontinents zu verzeichnen ist. Doch ist dieser Anstieg gegenwärtig
geringer, als der nach früheren auf dem Kontinent oder in überseeischen Gebieten durchgeführten Versuchen beobachtete und liegt
jedenfalls weit unter dem Grad, der für Menschen, Tiere oder Pflanzen in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte. Er wird nach den
Versuchen sehr rasch absinken, bis der Grad der Strahlung ungefähr
auf den normalen Wert zurückgegangen ist.
Ein Kommentar, der mir kürzlich gezeigt wurde, deutet an, daß
der unglückliche Zufall, der zu dem Niedergang der radioaktiven
Teilchen auf bewohnte Gebiete führte, in Wahrheit bei der gesamten
Operation geplant war. Ich möchte hierauf gar nicht weiter eingehen,
sondern kann dieses Gare de nur als völlig falsch, unverantwortlich
und im tiefsten ungerecht gegenüber den Männern, die in diesem
Dienst für das Vaterland ihre Pflicht taten, bezeichnen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß das eine wichtige Resultat
dieser H-Bomben-Entwicklungsarbeiten in der Steigerung unseres militärischen Potentials bis zu einem Punkte besteht, wo wir sehr bald
freiere Hand haben dürften, um all unseren Nachdruck auf die friedliche Verwendung der Atomenergie zu legen - hier in den USA und in
den anderen Ländern der Welt. Es wird für die Männer, die an diesem
Programm mitwirkten, eine ungeheure Befriedigung bedeuten, daß ihre
Arbeit das Herannahen dieses Tages beschleunigt hat."
- 6 * * * * *

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EISENHOWER: VERTRAUENSVOLL IN DIE ZUKUNFT BLICKEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident E isenhower umriß
am 5. April in einer großangelegten Rundfunk- und Fernsehanspräche die gegenwärtigen innen- und außenp olitischen Probleme der USA und forderte das amerikanische Volk auf, diesen
Problemen ohne Panik und Furcht entgegenzutre ten. Niemand
könne sagen, s o betonte der Präsident, daß es im gegenwärtigen Augenblick keine Gefahren gebe. Wenn die Vereinigten Staaten jedoch wac hsam seien, bestehe keir Anlaß zur Hysterie,
Die USA verfüg ten über die größte Stärke, "di e Gott jemals
einer Nation b eschert hat". Es sei daher ihre Aufgabe, die
Welt einer fri edlichen und sicheren Existenz entgegenzuführen, so sagte er, und "ich versichere Ihnen, daß wir dies
tun können".
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Heute abend möchte ich über ein sehr wichtiges Thema sprechen. Ich möchte zu Ihnen über unser großes Land sprechen. Ich
möchte Sie auffordern, mit mir einen kurzen Blick auf seine
Stärke, seine Probleme, seine Sorgen und seine Zukunft zu werfen. Ich möchte im besonderen zu Ihnen über das sprechen, was
Sie und ich für unsere Zukunft tun können.
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Stärke der USA. Sie
und ich wissen, daß es das produktivste Land der Welt ist, und
daß wir in jeder Hinsicht reicher als irgend ein anderes Land
der Welt sind. Wir wissen, daß wir über eine große militärische,
wirtschaftliche und intellektuelle Stärke verfügen. Ich möchte
jedoch Ihre besondere Aufmerksamkeit auf die geistige Stärke
lenken.
Ich erachte es gerade in dieser Jahreszeit, in der so zahlreiche religiöse Ereignisse im Vordergrund stehen, für angebracht,
Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß unser Land
seine Konzeption aus seinen geistigen Grundlagen geschöpft hat,
die von den Männern, die die Unabhängigkeitserklärung geschrieben haben, in dieser Form verkündet wurden. Erinnern Sie sich
daran, was diese sagten?
'Wir sind der Überzeugung, daß alle Menschen von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet sind'.
Das ist eine im prägnantesten Sinne geistige Konzeption. Es
ist die Erklärung der Form unserer Regierung,für die sich die
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7. April 1954

die Väter unserer Verfassung entschieden hatten. Und heute sind
die Anforderungen, die an diese geistige Haltung und Stärke gestellt werden,genau so groß wie Je zuvor in unserer Geschichte.
Mit diesem Satz meine ich, daß. es von entscheidender Wichtigkeit ist, daß Sie und ich jene geistigen Werte, die die Väter
im Sinn hatten, als sie unsere Republik gründeten, hochhalten,
jene Werte, wie sie zum Beispiel in der 'Bill of Rights1 ihren
Ausdruck finden. Die •Bill of Rights' verkündet, daß jedem einzelnen in diesem Lande Gleichheit vor dem Gesetz zusteht, daß
er das Recht hat, seinen Gott in der Form zu verehren, die ihm
die richtige scheint, daß er denken und reden kann, wie es ihm
beliebt, sofern er damit nicht die Rechte des anderen schmälert
oder stört. Der andere Teil dieser geistigen Stärke aber, die
wir heute brauchen, ist jene Kraft, jener Mut und jene Tapferkeit, mit der unsere Vorväter diese Rechte zu verteidigen bereit
waren.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Teil der
amerikanischen Stärke lenken, weil ohne diese Stärke alles andere
verloren gehen würde. Wir müssen stark sein in unserer Bereitschaft und Ergebenheit, all unser Sein für Amerika einzusetzen.
Das ist das Grundelement all unserer übrigen Stärke. Als Ganzes
gesehen aber ist diese Gesamtstärke der Vereinigten Staaten eines
jener Dinge, die wir und die Welt 'unglaublich' nennen.
Warum sollten wir uns aber dann im Besitz dieser Kraft immer
wieder Sorgen machen um das, was die übrige Welt tut? Tatsächlich
sehen wir Bedrohungen aus allen Richtungen auf uns zukommen, im
Innern und von außen, und wir machen uns Gedanken darüber, was
die Zukunft uns - jedem einzelnen von uns und uns allen als Nation - bringen wird.
Vielleicht kann ich einige der Gründe für die uns bedrängende
Besorgnis deutlich machen. Morgen vor 37 Jahren trat unsere Nation in den ersten Weltkrieg ein. Damals war ich Leutnant in
einem amerikanischen Infanterieregiment in Texas. Mein Regiment
erhielt - genau wie alle anderen Regimenter der US-Armee - die
gleiche Ausrüstung - zumindest was den Typ, den Grundcharakter
und die Stärke anbelangt - wie seinerzeit die Regimenter, die
im spanisch-amerikanischen Krieg kämpften.
Heute aber ist knapp ein Jahr vergangen, daß im Pazifik die
erste Wasserstoffbombe zur Explosion kam. Im vergangenen Monat
wurde eine zweite derartige Testserie begonnen. Diese Verlagerung
der Kraft nun, diese Steigerung der Kraft von der bloßen Muskete
und der kleinen Kanone bis zur Wasserstoffbombe, die in der Spanne
eines Menschenlebens gesöhah, ist bezeichnend für die Ereignisse
und Geschehnisse, denen wir ausgesetzt waren. Sie zeigt in ziemlicher Deutlichkeit, wie weit die Wissenschaft unser soziales Bewußtsein überflügelt hat, um wieviel weiter wir uns wissenschaftlich entwickelt haben als wir mit unseren seelischen und geistigen
Kräften zu bewältigen in der Lage sind. Dies verdeutlicht den einen
Grund, warum wir uns so sorgenvolle Gedanken machen, Sorgen, die
in der Wasserstoffbombe nur ihren letzten dramatischen Ausdruck
finden. Auf keine der Fragen, die uns heute so bedrängen, gibt es
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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

es eine leichte Antwort und für viele haben wir überhaupt keine
Antwort, zumindest keine, die ihren umfassenden Sinn erschöpft.
Wir können nur unser Bestes zu tun versuchen und uns vergewissern,
daß wir im weiteren Verlauf alles tun, was Menschen vermögen, um
diesen Problemen gerecht zu werden.
Dies ist von dem, was auch die durchschnittliche amerikanische
Familie tut, gar nicht so sehr verschieden. Diese Familie steht vor
den Problemen, wie sie die Zinsen für die Hypothek ihres Hauses
bezahlen soll, wie sie das neu gekaufte Auto abzahlen, den Kindern
eine gute Erziehung sichern
und daneben noch eine Kleinigkeit
für den Fall unerwarteter Krankheiten zurücklegen kann. Die amerikanische Durchschnittsfamilie tritt diesen Problemen mutig gegenüber und läßt sich nicht in Panikstimmung versetzen. Sie löst diese Probleme mit - wie ich es nenne - Mut und Glauben, aber vor
allem durch enge Zusammenarbeit, indem sie sie mit den einzelnen
Familienangehörigen durchspricht und dann erklärt; dies können
wir tun, dies werden wir tun - und so zu einer befriedigenden Antwort gelangt.
Die Probleme der Vereinigten Staaten sind diese Probleme
ihrer Familien - nur ins Millionenfache potenziert. Darüber wollen
wir heute abend sprechen.
Ich werde nicht versuchen, über alle diese Probleme zu sprechen. Über Wasserwirtschaft und Bodenerosionen und die Behandlung
der öffentlichen Schuld und alle die Dinge, die uns in unserem
Leben tagtäglich beschäftigen, könnten wir auch sprechen, aber ich
werde mich heute abend auf die Diskussion der Dinge beschränken,
die uns unmittelbar gegenüberstehen.
So machen wir uns zum Beispiel Gedanken über die Männer im
Kreml, über das Atomzeitalter, über den Verlust unserer internationalen Freunde in bedrohten Gebieten der Welt - ihren Verlust
an die kommunistische Diktatur. Wir sind besorgt über die kommunistische Infiltration in unserem eigenen Land und wir machen uns
Sorgen über die Möglichkeit einer Depression, den Verlust des Lebens und den Verlust der Stellung bei uns zu Hause.
Aber je größer eine dieser Befürchtungen ist, umso größer ist
die Notwendigkeit, daß wir ihnen klar ins Auge sehen, ohne Furcht,
wie ehrliche, aufrechte Amerikaner, damit wir nicht in Unruhe oder
eine Art von Panik geraten, und damit wir nicht einem hysterischen
Denken zum Opfer fallen.
Manchmal mögen Sie beinahe das Gefühl haben, daß ein klein
wenig Hysterie entschuldbar wäre, da diese Gefahren aus so vielen
Richtungen kommen und so vielerlei Natur sind. Was wir auch tun,
sie scheinen immer weiter zu bestehen, aber hinter all diesen Gefahren steht die eine, die Bedrohung, die von außen kommt, die
große Bedrohung, die uns der aggressive Kommunismus gebracht hat.
Hier steht die atheistische Doktrin, die an den Fatalismus glaubt,
gegen unsere Konzeption von der Würde des Menschen in der Gleichheit
vor dem Gesetz.
Die

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7. April 1954

Die Wasserstoffbombe
Wir wollen nun über die Wasserstoffbombe und das Atomzeitalter sprechen. Diese stellen an sich selbstverständlich keine
Bedrohung für uns dar. Die Wasserstoffbombe bildet für uns nur
eine Gefahr, wenn ein möglicher Aggressor, der ebenfalls das Geheimnis der H-Bombe besitzt, sich entschließt, sie gegen uns anzuwenden, und gegen diese Bedrohung müssen wir dann unsere Vorkehrungen treffen. Wir müssen sicherstellen, daß vernünftige Menschen
alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um uns gegen eine solche Bedrohung zu schützen. Da der Kommunismus versucht, einen
Keil zwischen uns zu treiben, Klasse gegen Klasse aufzuhetzen und
Zwietracht unter anständigen Menschen zu säen zu einem Zeitpunkt,
an dem diese zur Verteidigung der Freiheit und zur Abwehr des
Kommunismus zusammenstehen sollten, müssen wir uns zu gegenseitiger Beratung zusammenfinden, zusammenhalten und dafür Sorge tragen, daß nichts uns trenne.
Erlauben Sie mir also, diese Probleme eins ums andere hier
zu behandeln und diejenigen Faktoren aufzuzeigen, die wir gegen
diese Bedrohung in die Waagschale werfen können. Ich meine damit
zunächst den Kreml. Wenn wir dieses Wort aussprechen, dann meinen
wir damit das Politbüro mit all seinen Ränken, die es gegen uns
schmiedet, dann meinen wir die sowjetischen Diktatoren und ihre
Absichten, einen Aggressionskrieg zu entfesseln und die Welt zu
versklaven.
Von all diesen Momenten stellt der Krieg die größte Bedrohung
für uns dar, allein schon wegen seiner möglichen verheerenden
Folgen.
Lassen Sie mich nun den ersten jener Faktoren aufzeigen, den
ich als ein Gegengewicht ansehe. Allein die Tatsache, daß diese ..
Männer nur auf Grund ihres eigenen Willens im Kreml sitzen, bedeutet, daß sie die Macht lieben. Sie wollen gerade auf diesem Platz
sitzen. Sofern sie einen Krieg beginnen, nehmen sie das große Risiko auf sich, jene Macht einzubüßen. Deshalb studieren sie die
Geschichte ziemlich gründlich. Sie haben Mussolini und Hitler noch
nicht vergessen und haben sich auch mit Napoleon sehr gründlich
beschäftigt. Wenn sich Diktatoren übernehmen und die ganze Welt
in die Schranken fordern, dann werden sie aller Wahrscheinlichkeit
nach nicht dort enden, wo sie glauben - in einer Position noch
größerer diktatorischer Macht, sondern im Untergang; die Männer
im Politbüro wissen dies genau.
Darin liegt also der erste dieser als Gegengewicht wirkenden
Faktoren, der gegen die Möglichkeit einer Kriegserklärung ihrerseits spricht. Krieg bedeutet eben, eine Menge Risiken einzugehen.
Da haben die Russen beispielsweise ihr Satellitensystem - ein
System versklavter Staaten. Und so kennen sie auch ganz genau die
Risiken, die damit verbunden sind, einen Krieg zu beginnen, wenn
man unsichere Satelliten als Verbündete hat. Napoleon drang 1812
in Rußland mit einer Armee ein, die genau nach diesem Schema aufgebaut war. Frankreichs große Armee wurde durch Preußen und Menschen

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7. April 1954

Menschen aus anderen von Napoleon eroberten Gebieten aufgestellt,
die er in seine Armee gepreßt hatte. Sobald er in Rußland seine
erste Niederlage einstecken mußte, setzten Massendesertationen
ein.
Dies alles wissen die Russen sehr wohl. Gerade dieses Satellitensystem könnte im Falle eines Erschöpfungskrieges eine
sehr große Quelle der Schwäche sein. Sie haben im Vergleich zu
uns große wirtschaftliche Schwächen - gerade, eine starke Wirtschaft aber ist notwendig, wenn man in einem modernen Krieg den
Sieg erringen will.
Die Sowjetunion förderte im vergangenen Jahr etwas mehr
als 60 Millionen Tonnen Erdöl, wir rund 300 Millionen Tonnen.
Unsere Stahlproduktion war mehr als doppelt so groß wie die der
Sowjets. Dies sind starke Aktiva auf dem wirtschaftlichen Sektor,
sofern man dazu übergeht, einen Großteil der Produktion für die
Führung eines Krieges zu verwenden, besonders eines Erschöpfungskrieges.
All diese Überlegungen dürften geeignet sein, die Männer im
Kreml abzuschrecken. Dies sind Faktoren, die, wie wir wohl sagen
dürfen, einen Krieg weniger wahrscheinlich erscheinen lassen. So
lange sie wissen, daß wir in der Lage sind, sofort tatkräftig
zu handeln und zurückzuschlagen, dürfte die Entscheidung, einen
Krieg zu beginnen, nicht sehr leicht fallen. Dennoch gebe ich
zu - und wir müssen dies alle zugeben - daß noch immer die Möglichkeit weiterbesteht, daß sie in einem Anfall von Wahnsinn oder
auf Grund irgendwelcher Fehlkalkulationen dennoch zum Krieg
schreiten. Wir leben im Atomzeitalter, und die Wasserstoffbombe
ist selbstverständlich, wie ich bereits einmal erwähnt habe, gefährlich, gerade weil jene Menschen ihr Geheimnis kennen und selbst
eine derartige Bombe besitzen und - dies geschah vor einigen Monaten - zur Explosion gebracht haben. Wir wissen jedenfalls, daß
wir trotz des Besitzes dieser Bombe keinen Krieg anfangen. Auf
unsere Veranlassung hin wird sie nicht verwendet werden, und ich
habe eben versucht, Ihnen den ernüchternden Effekt auszumalen,
den die Risiken eines Krieges auf die Männer im Kreml ausüben.
Von all diesen ernüchternden Effekten ist keiner größer als die
Aussicht auf eine unmittelbare Vergeltung, die unausweichlich jene
treffen wird, die irgend eines der Völker der freien Welt oder
irgend einen Teil unserer lebenswichtigen Interessen in aggressiver
Form und um Eroberungen zu machen, angreifen.
Darüber hinaus kümmern wir uns um die zivile Verteidigung und
die Landesverteidigung, um sicherzustellen, daß wir jede nur mögliche Gewähr haben, eine etwaige derartige Katastrophe zu überleben und dem Gegner dann solche Verluste zuzufügen, daß ihm das
Kriegführen vergeht.
Da dieser Wahnsinn aber noch immer umgeht, möchte ich noch
einmal ganz deutlich sagen, daß noch immer ein Element der Bedrohung gegeben ist, das wir kalt und nüchtern mit einkalkulieren

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Eine weitere Gefahr - deren wir uns durchaus bewußt sind ist die Idee von der kommunistischen Durchdringung unseres Landes, unserer Regierung, unserer Schulen, unserer Gewerkschaften,
unserer Institutionen und unserer Industrie in allen Teilen des
Landes, wo immer sich die Kommunisten eine Chance ausrechnen,
daß sie uns damit Schaden zufügen können.
Es wäre völlig falsch, die Gefahr dieser Durchdringung zu
bagatellisieren. Sie ist wirklich gegeben. Wir wissen, daß die
Kommunisten hier ihre Mittelsmänner haben. Lassen Sie mich aber
auch in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß es einige Paktoren gibt, die ein Gegengewicht hierzu bilden. In erster Linie
sei gesagt, daß diese Furcht vor einer Durchdringung, insbesondere was die Zahlen angeht, stark übertrieben worden ist. Es
gibt in den Vereinigten Staaten heute schätzungsweise 25 000 unbelehrbare Kommunisten. Das Bundeskriminalamt (FBI) weiß sehr wohl,
wo sie sich aufhalten; in den Schlagzeilen der Zeitungen wird
oft der Eindruck erweckt, als sei jeder Mensch, dem man begegnet,
ein Kommunist. Dabei bedeuten 25 000 Kommunisten bei 160 Millionen
Einwohnern, daß einer von ihnen auf rund sechstausend kommt. Nichlsdestoweniger sind sie gefährlich.
Das Bundeskriminalamt weiß uns vor diesen Leuten zu schützen.
Es hat seit Jahren auf diesem Gebiet eine erfolgreiche Tätigkeit
entfaltet. Es ist unser Schutzwall gegen diese Art Bedrohung, und
jeder einzelne unter Ihnen kann sich an diese Stelle wenden, sofern er einen wirklich begründeten Verdacht hegt, und sicher
sein, daß etwas in der Angelegenheit unternommen wird. Das ist die
Aufgabe des FBI. Seine Leistungen sind so groß, daß ich hier noch
nicht einmal den Versuch zu machen brauche, sie kurz aufzuzählen.
Ich habe dafür den Justizminister gebeten, am kommenden Freitag
hier vor Ihnen zu sprechen und Ihnen eine umfassende Übersicht
über das zu geben, was der FBI in dieser Angelegenheit bisher
unternommen hat.
Die Furcht vor einer derartigen kommunistischen Durchdringung beschwört eine andere Furcht herauf, nämlich, daß wir uns
bei der Untersuchung derartiger Fälle allzu durchgreifender Methoden bedienen, insbesondere in den Kongreßausschüssen, die sich
mit der Bekämpfung dieser kommunistischen Infiltration befassen.
Diese Gefahr ist jedoch, wie ich bereits ausführte, sehr gering.
Die Mehrzahl der in den Regierungsbehörden Beschäftigten,
die Masse der Zivilisten, die unsere Armee ausmachen, die Lehrer
an unseren Schulen und alle Kreise, die ich mir nur denken kann,
sind genau wie Sie und ich ihrem Vaterland verbunden. Sie sind
genau so loyal wie wir. Dennoch gilt es, dieser kleinen Splittergruppe auf die Finger zu sehen, und Sie werden einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Bundeskriminalamtes erhalten.
Ich möchte nun näher auf den Untersuchungsausschuß des Kongresses eingehen, dem bei seiner Gründung zunächst einmal die Aufgabe gestellt worden war, das Volk vor unstatthaften Maßnahmen
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7. April 1954

Maßnahmen einer übermächtigen Exekutive zu schützen. Seine Aufgabe war, für die Achtung der bürgerlichen Freiheiten zu sorgen
und sicherzustellen, daß sie nicht langsam durch die Entwicklung
Stück für Stück verloren gingen.
Meine Damen und Herren, ich gebe zu, daß ein Bürger in seinem Ansehen sehr geschädigt werden kann, wenn er unschuldig und
fälschlicherweise durch jemanden beschuldigt wird, der die Immunität eines Kongreßmitgliedes genießt. Er kann seine Stellung
verlieren, sein guter Ruf mag für alle Zeiten geschädigt werden - dennoch können Sie sicher sein: Amerika glaubt nach wie
vor an Pairness, Anstand und Gerechtigkeit und weiß diese auch
zu üben.
In diesem Land ist die öffentliche Meinung die stärkste
aller Kräfte, und sie wird in solchen Fällen, wann und wo immer
unsere Ideale gefährdet werden, dafür sorgen, daß alles wieder
ins Reine kommt.
Die nächste Furcht, die ich hier vor Ihnen erörtern möchte,
ist die, daß wir die Freundschaft anderer Völker verlieren können. Die Furcht, die uns anwandelt, oder die Sorge, die wir hegen,
wenn wir bedenken, daß gewisse gefährdete Gebiete der Welt, die
nicht so stark sind wie wir - materiell nicht so stark, nicht so
gesegnet an Reichtümern wie wir und militärisch nicht so gut
gerüstet - das Opfer von Umsturzversuchen, Verrat, Bestechung
und der von den Sowjets betriebenen Propaganda werden könnten.
Einige dieser Gebiete sind für uns von sehr, sehr großer
Bedeutung, nicht nur im Hinblick auf die Tatsache, daß wir von
ihnen wichtige Rohstoffe beziehen - Zinn, Wolfram, Kautschuk,
Manganerze und zahlreiche andere Stoffe, die wir zur Aufrechterhaltung unserer Wirtschaft benötigen - sondern auch deshalb, weil
diese Völker, von den kommunistischen Diktatoren im Kreml für
ihre Zwecke eingespannt, dessen Position immer weiter stärken
würden, während die freie Welt ausgeschlossen bliebe.
Auch hier kann ich Ihnen wieder einige Faktoren nennen, die
dieser Gefahr entgegenwirken. Haben Sie sich jemals die Mühe
gemacht, darüber nachzudenken, daß es in der ganzen freien Welt
nicht ein Volk gibt, das sich in freien Wahlen zum Kommunismus
bekannt hat? Ganz im Gegenteil. Wo immer die Kommunisten die
Macht übernommen haben - und dies gilt sogar für Rußland - geschah dies durch eine ganz kleine Minorität, die sich dabei der
Gewalt bediente, oder durch irgendwelche Machenschaften oder politische Manöver die Kontrolle über das entsprechende Land an
sich reißen konnte und durch Schaffung einer NKWD oder irgend
eines anderen Polizeiinstrumentes das Land beherrschte.
Darüber hinaus wächst in der Welt das Verständnis dafür, daß
die amerikanische Regierung sich in ihrer Opposition gegen die
Versklavung anderer Völker von ihrem Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit leiten läßt. Wir glauben nicht, daß irgendein Staat,
so groß er auch immer sein mag, das Recht hat, ein anderes Volk
zu beherrschen und es unter seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben

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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

glauben nicht, daß irgend ein Staat, so groß er auch immer sein
mag, das Recht hat, ein anderes Volk zu beherrschen und es unter
seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben vielmehr, daß jedes Volk das
Recht hat, sein eigenes Leben zu führen.
Jede auch noch so kleine Hilfe, die wir gewähren und jede
kooperative Anstrengung, die wir unternehmen, basieren auf der
Theorie, daß es sich um Maßnahmen unter Gleichberechtigten handelt.
Dieser Tage hat eine amerikanische Zeitung aus einem seltsamen Mißverständnis heraus von Alliierten als Mittel zur Erreichung eines Zwecks statt als Verbündeten gesprochen. Wir dürfen
hier nie den einen Fehler begehen, uns von unseren Verbündeten
in der ganzen Welt die Vorstellung von Werkzeugen zu machen. Dies
sind sie auf keinen Fall. Sie sind unsere Freunde. Und wenn sie
nicht unsere Freunde sind, dann sind sie nutzlos für uns.
Die Vereinten Nationen sind aus der Idee entstanden, daß
kooperative Bemühungen unter großen und freien friedliebenden
Nationen den Frieden in der Welt herstellen könnten und daß sie
Koalitionen in allen Teilen der Welt erlauben, die im gleichen
Geiste den gleichen Zielen dienen. Wir vertrauen auf solche
Koalitionen. Wir glauben, daß die interessierten Nationen in
jedem Teil der Erde, ob zum Schutze des Südwestpazifik oder in
der NATO zum Schutze Europas oder wo immer es auch sein mag, sich
zusammenschließen und im Geiste der Zusammenarbeit die Freiheit
dieser Länder gegen jede Form der kommunistischen Aggression aufrechterhalten sollten.
Einige dieser Nationen sind immer noch schwach. Sie sind unentschlossen, und bei dem Versuch, ihnen bei ihrem Aufbau zu helfen, erleben wir Enttäuschungen. Und so treten hier erneute Befürchtungen auf, die wir einkalkulieren und auf die wir uns immer
wieder vorbereiten müssen.
Keine Angst vor der Depression
Ich möchte mich jetzt kurz mit der Angst vor einer Depression
und dem Verlust des Arbeitsplatzes befassen. Man spricht viel über
die Zahl der Arbeitslosen, die bei 3,7 Millionen liegt. Diese Zahl
stimmt, aber es ist eine Zahl, die aus unseren Bemühungen um eine
Umstellung von einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft resultiert.
Glücklicherweise sind alle Anzeichen vorhanden, daß hier eine Konsolidierung stattfindet. Die letzten Berichte liegen nur noch um
wenige Tausend höher als die früheren. Alle diejenigen, die die
Lage so düster sehen, reden niemals davon, daß über 60 Millionen
Menschen in den USA heute in Brot und Arbeit stehen, ganz abgesehen von den 3,5 Millionen, die in den bewaffneten Streitkräften
dienen.
Die Zahl der zivilen Arbeitsplätze und der Beschäftigten liegt
dicht an dem bisherigen Höchststand. Wir haben in den USA umfassende Pläne für eine Arbeitslosenversicherung. Wir haben Landwirtschaftsprogramme, um den Farmer vor dem Ruin zu bewahren. Wir
verfügen über die großen Ersparnisse unseres Volkes, die ebenfalls
beinahe einen Höchststand erreicht haben. Und dann besteht schließlich der riesige Bedarf eines 160 Millionen Volkes, das ein gutes
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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

gutes Einkommen hat. Dieser Bedarf gibt Arbeit und sichert die
Produktivität unserer Farmen und Fabriken.
Aber davon abgesehen, meine Freunde, haben wir auch eine
Regierung, die bereit ist zu handeln, wenn immer es sich als
notwendig erweist.
Eines der wichtigsten Dinge bei dieser Art von Problemen
ist die Haltung der von Ihnen gewählten Regierung. Ich habe
mehrfach versucht, unsere Regierung als eine Form der Staatsverwaltung zu definieren, die in ihrer Beziehung zum Volke gänzlich liberal ist, die sich aber mit all ihren Kräften bemüht, konservativ
zu sein, sofern sie es mit Ihrem Geld und Ihrer Wirtschaft zu tun
hat.
Wir haben in dieser Hinsicht bereits eine Reihe von Maßnahmen
getroffen, um den Übergang der Wirtschaft von Kriegsbedingungen auf
Friedenszeiten so reibungslos und anpassungsfähig wie möglich zu
gestalten. Wir haben die Kreditbedingungen erleichtert, wir haben
die Bautätigkeit gefördert, wir haben zu einem gewissen Maße die
Überschüsse unseres Agrarmarktes reduziert und reduzieren sie
weiter, wir haben versucht, unsere Absatzmärkte im Ausland zu erweitern, die Produktion unseres Landes zu beleben und zahlreiche
andere Maßnahmen dieser Art getroffen. Wir haben aber noch viele,
viele weitere Pläne in Reserve, die wir anwenden werden, wenn es
notwendig ist. Unter diesen Plänen befinden sich selbstverständlich solche für die öffentliche Bautätigkeit, für weitere Steuersenkungen und die Steigerung des Verbrauchereinkommens. All diese
Pläne werden in Aktion treten, wenn die Lage dies erfordert. Andererseits jedoch hat unsere Regierung nicht die Absicht, Hals
über Kopf ein Notstandsprogramm durchzuführen, wenn die Ereignisse das nicht mit Dringlichkeit gebieten.
Nun meine Freunde, darf ich wohl sagen, daß die eine große
Hoffnung und das eine große Zukunftsziel der Vereinigten Staaten
eine freie, friedliche und blühende Welt ist. Um eine solche freie,
friedliche und blühende Welt zu schaffen, müssen wir immer stärker werden. Wir müssen stärker werden nicht nur in den Dingen, die
ich erwähnt habe, sondern vor allem auch im geistigen Sinne, im
Glauben und Vertrauen, daß wir solche Dinge zu tun imstande sind.
Wir müssen jenen Glauben haben, der aus dem Wissen um unsere Geschichte und aus der Inspiration kommt, die uns unsere großen Vorfahren wie Washington und Lincoln und die Taten unserer Vorväter
geben können.
Wenn wir aber das gesamte Problem betrachten und die Befürchtungen, von denen ich gesprochen habe, zusammenfassen, finden
wir, daß jede dieser Befürchtungen einen gewissen kleinen Wahrheitskern enthält. Daher haben wir Pläne ausgearbeitet und diese
Regierung hat dem Kongreß einen Plan, ein Gesetzgebungsprogramm
vorgelegt. In diesem Programm sind großzügige Maßnahmen für die
Verteidigung - für die zivile und die Landesverteidigung - vorgesehen sowie für die Abschreckungswirkungen unserer Atomwaffenentwicklung. Wir haben die Steuern gesenkt, so daß sechs Milliarden Dollar und mehr der Öffentlichkeit für die Belebung und

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�"AMERIKA DIENST"
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und Steigerung der Produktion wieder zur Verfügung gestellt wurden.
Wir haben landwirtschaftliche Programme, Steuer-, Handels-, Wohnungsbau-, Gesundheits-, und Sozialprogramme sowie ein Programm
für die gegenseitige Sicherheit.
Alle diese Dinge, meine Freunde, werden - wenn sie zur Ausführung gelangt sind, uns mit Sicherheit ein stärkeres Amerika
bringen, das uns durch seine Stärke einem friedlichen, blühenden
und gesicherten Amerika näher führt.
Aber ich betone nochmals, daß es der Glaube Amerikas an
Anständigkeit, Gerechtigkeit, Portschritt und den Wert der Freiheit des einzelnen auf Grund der ihm vom Schöpfer gegebenen Rechte
ist, der uns im Studium und der Planung all dieser Dinge die Kraft
und den Willen zum Durchhalten gibt.
Wir müssen nicht nur mit unserem Kopf,sondern auch mit unserem Herzen bei der Sache sein. Wenn wir das tun und die Probleme
in dieser Weise angehen, dann - das versichere ich - brauchen wir
keine Furcht zu haben. Ich will damit nicht sagen - niemand könnte
so etwas sagen - daß es keine Gefahren gibt. Natürlich gibt es Gefahren und Risiken, wenn wir nicht auf der Hut sind. Aber wir dürfen deshalb keiner hysterischen Furcht verfallen. Wir können wachsam und auf der Hut sein, wir können uns als Amerikaner erweisen.
Wir können aufrecht dastehen und unsere Köpfe hochhalten und sagen:
Die Vereinigten Staaten verfügen über die größte Stärke, die Gott
jemals einer Nation beschert hat. Als eine solche Macht, haben
wir die Aufgabe, diese Welt zu einer friedlichen und sicheren
Existenz zu führen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß wir
dazu imstande sind."

* # * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ZIELE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK:
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles gab am 5.April vor dem
Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses einen
umfassenden Überblick über die Ziele der amerikanischen
Außenpolitik. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955
"Ich begrüße die Gelegenheit, um zugunsten des für
das kommende Haushaltsjahr 1955 vorgesehenen Voranschlages für das Programm der gemeinsamen Sicherheit auszusagen. Ich werde hierbei über die Beziehungen sprechen,
in denen dieses Programm zu unserer grundlegenden Außenpolitischen Konzeption steht. Die anderen Aspekte des
Programms werden von zuständiger Seite behandelt werden.
Dieses Programm ist entworfen worden, um die Sicherheit
und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten zu fördern.
Es ist auf vier Grundtatsachen abgestellt:
1) Die Machthaber in der Sowjetunion und in Rotchina
setzen den Aufbau eines gewaltigen militärischen Machtapparates fort, der zur Erreichung ihres Zieles, der
Weltherrschaft, dienen soll.
2) Die USA können sich ihre Sicherheit nicht durch
eine Isolierung sondern nur durch ein System der kollektiven Sicherheit schaffen.
3) Gewisse Länder in der freien Welt können ohne unsere Hilfe nicht die im gemeinsamen und dem amerikanischen Interesse liegende erforderliche Verteidigung
aufbauen.
4) Die Bedrohung, der wir uns gegenübersehen, ist
weder eine solche von kurzer Dauer noch eine von ausschließlich militärischer Natur. Deshalb sollten wir
danach streben, die Sicherheitsverpflichtungen der
freien Welt auf einem Stand zu halten, der mit den
wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten der USA
und unserer Alliierten im Einklang steht.
,,.
Diese
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�"AiäE&amp;IKA DIENST"

7. April 1954

Diese Grundsätze leiten sich aus der Vergangenheit her
und sind auch für die Zukunft anwendbar. Natürlich machen
veränderte Bedingungen eine Änderung der Anwendung erforderlich. Ich werde mich in meinen heätigen Ausführungen in der
Hauptsache auf solche Aspekte des für das
kommende Haushaltsjahr vorgesehenen Programms beschränken, die einen Wandel widerspiegeln.
Die Strategie der Abschreckung
Während des vergangenen Jahres entwickelten wir unsere
Strategie im Hinblick darauf,daß größerer Nachdruck auf die
Macht der Abschreckung gelegt wird. Es ist nicht praktisch,
der ungeheuren Landmacht des Sowjetblocks mit gleichen
Mitteln entgegenzutreten, einer Macht, die von ihrer fcentraleurasischen landmasse aus in zahlreichen Richtungen gegen
jede der über zwanzig freien Nationen losschlagen könnte.
Wenn man den Versuch machte, einer derartigen Macht an jedem
lebenswichtigen Punkt, wo sie unter Umständen angreifen könnte, entsprechend entgegenzutreten, dann würde das den Bankrott
bedeuten und hieße, zahlreiche Länder der Eroberung von innen
her, durch kommunistische Infiltration, auszusetzen. Wenn auch
die Notwendigkeit einer örtlichen Landstärke keinesfalls übersehen wird, so mußte man doch intensiv nach wirksameren und
weniger kostspieligen Möglichkeiten suchen, um von einem Angriff abzuschrecken.
Wir sind der Ansicht, daß mögliche Aggressoren mit einem
Angriff zögern würden, wenn sie glauben, daß sie für ihre
Aggression mehr erleiden müßten, als sie durch einen solchen
Akt gewinnen könnten. Diese Erkenntnis des Gegners kann geschaffen werden, wenn die freie Welt über eine Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit an Vergeltungsstärke verfügt. Wir
dürfen uns nicht verpflichtet fühlen, den Aggressoren immer
die Wahl des Ortes und der Mittel zu überlassen, sondern
müssen unsere eigene Wahl treffen können. Diese Wahl würde
der Überlegung entspringen, wie man dem Aggressor größeren
Schaden zufügen könnte, als er möglicherweise gewinnen würde,
ohne daß gleichzeitig der Konflikt zu unserem Nachteil ausgeweitet wird.
Die freien Nationen können diese Stärke, die Wahl selbst
zu treffen und infolgedessen von einem Angriff abzuschrecken,
dadurch aufbauen, daß sie ein weitverzweigtes System der Ge*
meinsamkeit schaffen, in dessen Rahmen die Defensivstärke
durch eine bewegliche Macht vergrößert wird, die über zahlreiche Punkte als Ausgangsbasis verfügt. Dies ist nicht nur
wirksam sondern auch relativ wirtschaftlich, weil die Macht,
die einen äinzelnen schützt, auch schnell zum Schutze Vieler
verfügbar gemacht werden kann»
Die NATO

�7. April 1954

'AMERIKA DIENST"
Die NATO

Die Nordatlantikpaktorganisation, die gestern ihren
fünften Jahrestag feierte, bietet die Möglichkeiten, die zur
Vervollständigung der Politik der Abschreckung erforderlich
sind. Sie vernachlässigt dabei nicht dieflefensiveStärke.
Sie ergänzt diese jedoch wirkungsvoll durch ein ausgedehntes
Netz von Stützpunkten und Möglichkeiten, an dem alle Mitglieder teilhaben und das sich von Kanada über den Nordatlantik
bis nach Europa und nach Asien erstreckt. Der Ministerrat der
NATO, der normalerweise zweimal im Jahre zusammentritt, garantiert die unumgänglich notwendige Fühlungnahme auf maßgeblicher Ebene.
Das System der NATO wird als ein wesentliches Element der
amerikanischen Außenpolitik betrachtet. Die Summe der amerikanischen Zuwendungen und Zuteilungen, die für das Verteidigungssystem der NATO notwendig ist, wird
- wie ich hier mit Freuden
feststellen darf - wesentlich unter den bisherigen Beträgen liegen.
Dies ist darauf zurückzuführen, daß eine Revision der nach der
neuen strategischen Konzeption erforderlichen Mannschaftsstärke,
sowie der bei der Ausrüstung und Ausbildung der NATO-Streitkräfte erzielte wesentliche Fortschritt und die erreichte größere
Kampfkraft uns in die Lage versetzt hat, unseren eingegangenen
Verpflichtungen mit niedrigeren Kosten als ursprünglich angenommen nachzukommen.
Die europäische Verteidigungsgemeinschaft
Jede Betrachtung der NATO ist unvollkommen, wenn sie nich$
den gegenwärtigen Status der EVG berücksichtigt. Die NATO benötigt einen deutschen Beitrag und vor allem eine französischdeutsche Einheit, die für alle Zeiten das beseitigt, was der
Welt schlimmstes Pulverfaß gewesen ist. Die Franzosen haben vorgeschlagen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß sich sechs
kontinentale Nationen, einschließlich Frankreichs und Deutschlands, zusammenschließen, um eine neue Gemeinschaft zu bilden,
deren von allen Mitgliedstaaten gestellte Streitkräfte die
nationalen Eruppen in Europa ersetzen würden. Im nächsten Monat
werden es zwei Jahre her sein, seit der Vertrag zur Schaffung
der EVG unterzeichnet wurde. Bisher haben drei Nationen, Belgien,
Holland und die Bundesrepublik, die Ratifizierung beendet. Die
Ratifizierung durch ein viertes Land, Luxemburg, mag schon sehr
bald erfolgen. Was Frankreich und Italien angeht, so hat der
parlamentarische Ratifizierungsprozeß noch nicht begonnen, aber
ein früher Zeitpunkt dafür wird vielleicht bald festgelegt.
Diese Verzögerungen stellen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Faktor dar. Sie zögern die Fähigkeit der
NATO hinaus, auf die Deutschen zurückzugreifen, um diejenige
Stärke aufzubauen, die zur Vervollständigung der auf die Zukunft
gerichteten Strategie der NATO notwendig ist. Darüber hinaus
wird Westdeutschland durch diese Verzögerungen daran gehindert,

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�"AiffiRIKA DUNST"

7. April 1954

gehindert, sich der Familie der souveränen und freien Nationen
anzuschließen, weil die Verträge, die der Bundesrepublik die
volle Souveränität wiedergeben wollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von dem Inkrafttreten der EVG abhängig sind. Selbstverständlich ist die Bundesregierung rechtmäßig gewählt, sie
ist aber noch nicht souverän. Es ist ganz klar, daß der gegenwärtige Status nicht noch viel länger andauern kann.
Spanien
Während des vergangenen Jahres ist das NATO-Verteidigungssystem, was die Vereinigten Staaten anbetrifft, durch ein
Stützpunkt-Abkommen mit Spanien erweitert worden. Dieses Abkommen wird die Zahl der den amerikanischen Luft- und Marineverbänden im westlichen Mittelmeerraum zur Verfügung stehenden Einrichtungen bedeutend erhöhen. Dies ist bereits seit
langem angestrebt worden. Nunmehr sind die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden. Dies bedeutet eine Erhöhung
unserer Gesamtsicherheit. Es wird jedoch einen weiteren Punkt
in den Bewilligungen erfordern.
Wirtschaftshilfe
Eine weitere ermutigende Entwicklung während des laufenden Haushaltsjahres ist die Besserung des wirtschaftlichen
Wohlstandes unserer europäischen Verbündeten. Ihr Lebensstandard hat sich ganz allgemein erhöht, ihre Währungen sind
stärker geworden und die Bevölkerung hat größeres Vertrauen
in die Zukunft.
Ihre internationale Position hat sich, vom Standpunkt
der Zahlungsbilanzen gesehen, ebenfalls gebessert und die
Zahlungsbilanz ist nunmehr etwas günstiger für äie geworden.
Dieses Efcgebnis ist mit Hilfe unseres Off-Shore-Beschaffumgsprogramms erreicht worden, das Europa in die Lage versetzt,
durch Herstellung einiger der von ihm benötigten militärischen
Versorgungsgüter Dollar zu verdienen. -Wir haben ferner Prankreich Dollarbeträge zur Deckung seiner Ausgaben in Indochina
zur Verfügung gestellt.
Die Schaffung einer gesünderen Wirtschaft in Europa ist
in beachtlichem Maße auf die dieses Jahr erfolgte Annahme der
langfristigen Konzeption der NATO zurückzuführen. Es hat sich
erwiesen, daß das lühere Programm eines schnellen militärischen
Aufbaus nicht den wirtschaftlichen Fähigkeiten der Mitgliedsstaaten entspricht. Das neue Programm legt geringeren Wert
auf Quantität und dafür mehr Wert auf Qualität.
Durch Anwendung des Prinzips der besseren Auswahl und durch
erhöhtes Vertrauen auf die neue Strategie wird es möglich sein,
eine stetig wachsende Verteidigungskapazität ohne höhere Kosten
aufrechtzuerhalten, die unsere europäischen Verbündeten ohne
größere Wirtschaftshilfe von den Vereinigten Staaten nicht
tragen könnten.
mi r

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST

Wir glauben nicht, daß selbst die Vereinigten Staaten mit
Vernunft große wirtschaftliche Zuwendungen zu einem ständigen
Bestandteil ihrer Politik machen können.
Wir haben versucht, die Wirtschaftshilfe an Europa als
reine Stützung des Budgets dieser Staaten einzustellen. Ausnahmen werden gemacht, wo dies zur Aufrechterhaltung militärischer Einrichtungen notwendig ist, die von direktem Nutzen
für uns sind und die nicht ohne Hilfe seitens der Vereinigten
Staaten in dem Maße erhalten werden können, das unseren militärischen Beratern wünschenswert erscheint.
Die Türkei ist eine gute Illustration hierfür. Sie unterhält ungefähr 20 Divisionen von einer hohen Kampfmoral an einem
strategisch wichtigen Punkt. Die türkische Wirtschaft kann diese Verbände nicht ohne eine gewisse Unterstützung unterhalten,
und hier tritt das Auslandshilfeprogramm in Aktion. Wir sind
der Ansicht, daß das auf diese Weise ausgegebene Geld den USA
hinsichtlich ihrer Sicherheit größere Gewinne einbringen wird
als wenn es auf andere Weise oder überhaupt nicht ausgegeben
werden würde.
Es gibt in diesem Programm einige Punkte der Wirtschaftshilfe, die sich nicht auf direkte militärische Vorteile beziehen. Dies trifft besonders hinsichtlich Asiens und Lateinamerikas zu. Diese Beträge sind in den meisten Fällen recht
gering. Der kleinste Einzelposten wirtschaftlicher Natur, außerhalb dem für Korea vorgesehenen - von dem ich später sprechen
werde - beträgt 85 Millionen Dollar und ist für Indien bestimmt.
Die Außenpolitik Indiens unterscheidet sich von der unsrigen.
Aber die Freiheit nimmt auch abweichende Auffassungen in Kauf.
Die indische Regierung führt gegenwärtig einen bemerkenswerten
Versuch durch, eine freie demokratische Regierungsform in jenem
Teil der Welt aufzurichten. Dies steht in einem scharfen Gegensatz zu dem von dem benachbarten China durchgeführten Versuch,
ihrem Lande ein von der kommunistischen Staatspolizei beherrschtes politisches System aufzuzwingen. Wir sind der Meinung, es
ist wichtig für die USA, daß der wirtschaftliche Fünfjahresplan
der indischen Regierung Erfolg hat, und daß eine Weiterführung
der amerikanischen Hilfe für Indien mit Recht im wohlüberlegten
Selbstinteresse der USA liegt. Es kann jedoch in diesem Zusammenhang mitgeteilt werden, daß jetzt im allgemeinen sich selbst
tragende Maßnahmen die nicht rückzahlbaren Zuwendungen in
wirkungsvoller Weise ersetzen.
Der Nahe Osten
Ein weiteres neues Element der Ermutigung ist die Maßnahme
der Türkei und Pakistans, die in der vergangenen Woche einen
Vertrag der Freundschaft und Zusammenarbeit abgeschlossen haben.
Es ist erfreulich, daß die Konzeption der gemeinsamen Sicherheit
im wichtigen Nahen Osten Fuß gefaßt hat. Dies ist ein Gebiet
von großem menschlichen, wirtschaftlichen und strategischen
Wert, das durch Spaltungen geschwächt wurde. Die Tatsache, daß

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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

daß nunmehr Pakistan und die Türkei - unser NATO-Alliierter planen, zur gemeinsamen Sicherheit zusammenzuarbeiten, gibt
diesen beiden Ländern eine neue Quelle der Stärke. Darüber
hinaus haben sie ein Beispiel gegeben, dem andere Länder vielleicht folgen werden.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird die Bewilligung weiterer militärischer Hilfslieferungen an Pakistan
einschließen, die das Land in den Stand setzen sollen, seinen
Teil bei der regionalen Verteidigung zu übernehmen. Ich möchte
in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß Pakistan die
klare Versicherung abgegeben hat, die von den USA zur Verfügung
gestellte Militärhilfe nur zu Verteidigungszwecken einzusetzen,
Lateinamerika
Bevor wir den Fernen Osten erörtern, möchte ich ein Wort
über diese Hemisphäre sagen. Ich bin erst kürzlich von der
zehnten panamerikanischen Konferenz aus Caracas zurückgekehrt.
Liese Konferenz hat eine wichtige außenpolitische Deklaration
abgegeben. Sie hat bekräftigt, daß falls die internationale
kommunistische Bewegung die Herrschaft oder die Kontrolle über
die politischen Institutionen irgend eines der amerikanischen
Staaten gewinnen sollte, dies eine Bedrohung der Souveränität
und der politischen Unabhängigkeit aller amerikanischen Staaten
darstellen und den Frieden in Amerika gefährden würde . Die
einzige Stimme gegen diese Deklaration wurde von Guatemala abgegeben - aus Gründen, die offensichtlich sind.
Diese Aktion der panamerikanischen Konferenz stellt einen
wichtigen Schritt zum Zusammenschluß dieser Hemisphäre gegen
die Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar.
Weitere Schritte sind Jedoch notwendig. Der Lebensstandard in
dem größten Teil Lateinamerikas ist niedrig und zahlenmäßig
starke und einflußreiche Elemente suchen die Vereinigten Staaten hierfür zu tadeln.
Unser gemeinsames Sicherheitsprogramm wird der Bedeutung
des wirtschaftlichen Wachstums und eines höheren Lebensstandards
in Lateinamerika Rechnung tragen. Der größte Teil der Hilfe, die
die Vereinigten Staaten gewähren können, wird über die Privatwirtschaft erfolgen. Diese kann und sollte jedoch durch gewisse Regierungsmaßnahmen ergänzt werden. Hierzu gehören die
Programme über technische Zusammenarbeit. Das gemeinsame Sicherheit sprogramm für 1955 wird auch weiterhin einige Bestimmungen für diese Art der Hilfe an Lateinamerika und andere
Gebiete der Welt enthalten. Diese Programme zeitigen Resultate,
die weit größer sind, als daß sie noch an den bewilligten
Dollarbeträgen gemessen werden können, denn sie vermitteln
das Wissen, das anderen hilft, sich selbst zu helfen.
Korea

�7. April 1954

"AMERIKADIENST"
Korea

Nun möchte ich mich dem Fernen Osten zuwenden. Hier haben die Entwicklungen dieses Jahres unterschiedliche Resultate,
günstige und ungünstige, gezeitigt. In Korea sind die Kampfhandlungen durch ein im vergangenen Juli unterzeichnetes Waffenstillstandsabkommen beendet worden. Dort hat das Töten
von Menschen aufgehört. Dieses auf ehrenvolle Weise erreichte
Ergebnis hat unserer Auffassung nach das amerikanische Volk
mit tiefer Befriedigung erfüllt. Die Einstellung der Kampfhandlungen hat ihre Rückwirkungen auf das kommende Haushaltsjahr des Programms für gemeinsame Sicherheit.
Für das Verteidigungsministerium ist nun die Ausgabe von
Milliarden Dollar nicht mehr länger notwendig, die zur Führung
des eigentlichen Krieges in Korea verwendet wurden. An die
Stelle dieser destruktiven und unproduktiven Ausgaben ist nun
ein Programm für den Wiederaufbau und die Unterstützung der
Republik Korea angelaufen. Dieses Programm wird teilweise von
den Vereinten Nationen, zum größten Teil aber von den USA getragen.
Die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Wohlstands in
dem kriegszerstörten Korea ist eine gigantische Aufgabe. Die
Kosten stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Kosten
dar, die ein Krieg erfordern würde. Wir sind der Ansicht, daß
die Durchführung dieser friedlichen Aufgabe im Interesse der
USA und der ganzen freien Welt liegt, wenn sie - und wir wissen,
daß sie dies kann - die Fähigkeit freier Menschen beweist, sich
in den Künsten des Friedens auszuzeichnen.
Japan
Die japanische Regierung plant, nunmehr einen größeren
Teil an Verantwortung für die Verteidigung des eigenen Landes
zu übernehmen, womit ein Beitrag zur Aufrechterhaltung von
Frieden und Sicherheit im Fernen Osten geleistet wird. Die
Japaner haben verständlicherweise gezögert, die wirtschaftliche Last für den Wiederaufbau selbst begrenzter Sicherheitseinrichtungen auf sich zu laden. Durch die grausamen Folgen des
zweiten Weltkrieges war die Bevölkerung Japans auch so tief
beeindruckt, daß sie die Tendenz verfolgte, ihre Augen vor der
Gefahr einer neuen militärischen Bedrohung zu verschließen.
Am achten März 1954 wurde jedoch ein gegenseitiges Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Japan unterzeichnet. Es
sieht den Ausbau der japanischen Verteidigungsstreitkräfte
mit amerikanischer Unterstützung vor allem im Hinblick auf
amerikanische Militärausrüstung vor. Wenn dies auch für die
Vereinigten Staaten mit Kosten verbunden ist, so ist das doch
eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird,
Indochina
Die Situation in Indochina istiaach weiterhin überaus gefahrvoll, nicht nur für das direkt betroffene Gebiet sondern

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�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Sie werden sich erinnern, daß wir mit
Australien und Neuseeland und mit den Philippinen gegenseitige
Sicherheits- und Verteidigungsverträge abgeschlossen haben,
die zum Ausdruck bringen, daß das Gebiet für den Frieden und
die Sicherheit der USA von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Rotchina hat die kommunistische Aggression in Französischindochina intensiviert« In Anwendung des klassischen kommunistischen Musters hat es versucht, aus den örtlichen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital zu schlagen und sie als Vorwand für einen
Aggressionskrieg größeren Ausmaßes zu benutzen. Die Herrscher
des kommunistischen China bilden und rüsten die Truppen ihrer
Marionette Ho Chi-Minh in China aus, Sie versorgen diese Truppen
mit großen Mengen an Geschützen und Munition. Sie geben den
Stäben Ho Chi-Minhs bis hinunter zur Divisionsebene und den
Spezialabteilungen wie dem Nachrichten- und dem Pionierkorps
sowie den Artillerie- und Transporteinheiten militärische und
technische Anweisungen.
Der Hauptzweck ist nicht nur die Machtergreifung in Indochina sondern die Beherrschung ganz Südostasiens. Dieser Kampf
stellt daher nicht nur eine schwere Bedrohung für Vietnam, Laos
und Kambodscha sondern auch für solche befreundete Nachbarländer
wie Malaya, Thailand, Indonesien, die Philippinen, Australien und
Neuseeland dar.
Die amerikanische Regierung ist sich dieser wachsenden Gefahr vollauf bewußt. Im vergangenen September kamen wir mit der
französischen Regierung überein, uns an der Durchführung des
Navarre-Plans zu beteiligen. Dies ist ein von General Navarre
ausgearbeiteter Plan, den organisierten Widerstand der kommunistischen Aggressoren durch die bis zum Beginn der Regenzeit
von 1955 möglichen Kampfhandlungen zu brechen und dadurch die
Kämpfe zu einem Guerillakrieg zu reduzieren, der 1956 zum
größten Teil von den nationalen Streitkräften der drei assoziierten Staaten geführt werden könnte.
Dieser Plan war auf folgende Grundideen abgestellt:
Volle Unabhängigkeit für Vietnam, Laos und Kambodscha im Rahmen
der französischen Union, so daß ihre Völker in diesem Kampfe
ein großes Ziel vor Augen haben;
Aufbau von nationalen Streitkräften in Vietnam, Laos und
Kambodscha; und
zu Anfang eine zusätzliche Verstärkung durch bewaffnete
Streitkräfte aus anderen Teilen der französischen Union.
Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits zugestimmt, an
der Beschaffung der meisten der hierfür benötigten militärischen
Bedarfsgüter mitzuwirken und den größten Teil der Kosten zu bestreiten, besonders im Hinblick auf Ausbildung, Ausrüstung und
Aufrechterhaltung von weiteren örtlichen Streitkräften.
Dieses
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�7. April 1954

"AiioEKIKA DIENST"

Dieses übereinkommen führte zu einer bedeutenden Erhöhung
der Kosten, die in dem im Frühjahr 1955 unterbreiteten gemeinsamen Sicherheitsprogramm veranschlagt worden waren. Bereits
damals war ein hoher Betrag, 400 Millionen Dollar, angefordert
und bewilligt worden. Es wurde jedoch für wünschenswert erachtet, diesen Betrag auf 785 Millionen Dollar zu erhöhen.
Desgleichen wurde die Gesamtzahl der zu liefernden militärischen Ausrüstungsgüter wesentlich erhöht. Dies wurde im Rahmen
der bestehenden Gesetze unter Rückgriff auf die flexiblen
Transferbestimmungen getan, die mit Billigung der führenden
Männer im Kongreß angewendet wurden. Diese Lage in Indochina
und der Einsatz größerer Mittel in Persien auf Grund der
günstigen politischen Entwicklungen in diesem Land sind kennzeichnend für die geradezu lebenswichtige Bedeutung der Transferbestimmungen, die es dem Präsidenten ermöglichen, entsprechend den veränderten Notwendigkeiten, die nicht immer ein
Jahr oder noch länger im voraus abzusehen sind, Beträge einer
anderen Bestimmung zuzuführen.
Wir werden für 1955 um Mittel für Indochina in einer
Höhe nachsuchen, die etwa den für das laufende Haushaltsjahr
für notwendig erachteten Beträgen entspricht.
Dieser Punkt ist von großer Bedeutung, wie aus dem hervorragenden Bericht des Unterausschusses hervorgeht, dessen
Vorsitzender der Abgeordnete Judd ist.
Es besteht keine Veranlassung, die dem Navarre-Plan innewohnende logische Richtigkeit in Zweifel zu ziehen. Durch
ihre Deklaration vom 3.Juli 1953 sicherte die französische
Regierung Vietnam, Laos und Kambodscha die volle staatliche
Unabhängigkeit zu und diese wird praktisch verwirklicht. Die
nationalen Streitkräfte dieser drei Staaten werden jetzt in
immer größerer Zahl ausgebildet und ausgerüstet. Die Franzosen
haben wie versprochen ihre eigenen Streitkräfte in Indochina
verstärkt. Die französischen und nationalen Streitkräfte
haben in der Schlacht um Dien Bien Phu hervorragenden Kampfgeist entwickelt. Nichts ist geschehen, was den für das Jahr
1955 vorgesehenen Militärhaushalt ändern mußte, Die Kommunisten
sind im Gegenteil gegenwärtig dabei, ihre militärischen Trümpfe
in Indochina rücksichtslos auszuspielen.
Es scheint offensichtlich, daß sie jetzt in einer gewaltigen Anstrengung alles auf eine Karte gesetzt haben, um die
Kampfmoral der Franzosen und der assoziierten Staaten vor Beginn der Regenzeit im Mai und vor Beginn der Genfer Konferenz
zu brechen.
Dieser Plan muß durchkreuzt werden. Dies läßt sich angesichts der Tatsache, daß die Kommunisten ihr Menschenpotential
in massierten, selbstmörderischen Angriffen einsetzen mit dem
Ziel, den Einzelwillen zu brechen, dadurch erreichen, daß man
den Zusammenschluß vieler Einzelwillen zustandebringt, die zusammen unbesiegbar sind. Das Gebot der Stunde für die freie

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�7. April 1954

»AMERIKA DIENST"

freie Welt und wohlgemerkt für alle jene Nationen, für die die
Bewahrung der Freiheit in jenem Teil der Erde von lebenswichtiger Bedeutung ist, heißt Solidarität. Die französische Regierung und die Regierungen der assoziierten Staaten sollten nicht
das Gefühl haben, daß sie in einer Stunde höchster Gefahr
allein stehen.
Dies ist die Überzeugung der amerikanischen Regierung und
ich hoffe, daß diese Ansicht auch von dem amerikanischen Kongreß und von den anderen betroffenen Nationen geteilt wird.
Auf diese "Weise können wir eine Lehre daraus ziehen, die uns alle
beschützen wird«. Es würde für viele eine ernsthafte Bedrohung
bedeuten, wenn man das politische System des kommunistischen
Rußland und seiner chinesischen kommunistischen Alliierten den
Ländern des südostasiatischen Raumes aufzwänge. Eine derartige
Entwicklung sollte nicht passiv hingenommen, sondern ihr sollte
durch eine Einheit des Wollens und, wenn notwendig, durch eine
Einheit des Handelns entgegengetreten werden.
Die gegenwärtige Weltlage erfordert ein großes Maß von
Einigkeit und Zusammenarbeit auf äeiten der nichtkommunistischen
Völker nicht nur im Hinblick auf Indochina sondern auch im
Hinblick auf zahlreiche andere Fragen. Keiner von uns könnte
alleine zuversichtlich dem Sowjetblock entgegentreten. Seine
Machthaber halten nunmehr 800 Millionen Menschen unter ihrer
scharfen Kontrolle und sie bauen mit diesen Menschen und den
ungeheuren Hilfsquellen ihrer Länder eine Maschine von großer
Stärke auf. Diese Maschine ist mit den modernsten Massenvernichtungswaffen ausgestattet, die von den Kommunisten ohne jegliche Hemmungen entwickelt werden. Glücklicherweise neutralisiert
die Kapazität der freien Welt für eine sofortige Vergeltung diese
Gefahr der Massenvernichtung. Andernfalls würde diese Vernichtungsstärke zusammen mit dem Fehlen jeglicher moralischer Zurückhaltung einen einschüchternden Einfluß von nie dagewesener
Größe darstellen.
Niemand sollte daran zweifeln, daß die sowjetischen Machthaber immer noch die Weltherrschaft anstreben. Die kürzliche
Vier-Mächtekonferenz in Berlin hat dazu gedient, in treffender
Form zu demonstrieren, daß die kommunistischen Führer sich nicht
der menschlichen Freiheit unterordnen können und der Ansicht
sind, daß sie, weil die Freiheit so ansteckend ist, versuchen
müssen, diese auszurotten. Diese grundlegende Unvereinbarkeit
zwischen Kommunismus und Freiheit spornt die Kommunisten
ständig an, ihren Machtbereich zu erweitern. Dies', ist nicht
lediglich auf das Streben nach Macht sondern auf eine echte
Furcht vor der Freiheit zurückzuführen.
Es stimmt, daß die sowjetischen Führer den Wunsch nach
einem friedlichen Nebeneinanderleben in Europa zum Ausdruck
bringen. Die sowjetischen Machthaber wollen jedoch, wie die
Berliner Konferenz gezeigt hat, keine auch noch so geringe
Maßnahme ergreifen, um den Griff um die von ihnen versklavten
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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

versklavten Völker zu lockern. Sie halten nicht nur die Teilung
Deutschlands aufrecht und Österreich weiterhin besetzt, sondern versuchen auch mit jedem nur erdenklichen Mittel, ihre
Macht auf Westeuropa auszudehnen. Die sowjetischen Herrscher
bemühen sich, Spaltungen zu verewigen, vor allem zwischen
Frankreich und Deutschland - Spaltungen, die wirklich keinem
nützlich sein können, der ehrlich nach Frieden strebt. Und
sie versuchen ferner, die Einheit und Stärke der NATO durch
Infiltration zu zerstören.
Nur unglaubliche Blindheit oder die glühendsten Wunschträume könnten uns glauben machen, daß die Gefahr vorüber ist
und daß nunmehr jede freie Nation sicher ihren eigenen Weg
gehen kann. Wir müssen auch weiterhin vereint bleiben.
Die Aufrechterhaltung der Einigkeit verlangt auf aeiten
aller Nationen in der freien Welt Verständnis, Nachsicht und
Zusammenarbeit. In jedem Land der freien Welt besteht eine
in der Natur der Sache liegende Ungeduld über die Bedingungen,
welche von uns auf lange Zeit hinaus ein gemeinsames Handeln
verlangen. In einigen Ländern gibt es Leute, die dagegen protestieren und behaupten, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen
an der gemeinsamen Sache Unterwürfigkeit bedeute und daß diese
Länder ihre Unabhängigkeit durch einen verwirklichten Isolationismus beweisen sollten. In den USA gibt es einige, die
dafür eintreten, daß die Vereinigten Staaten besser daran täten,
sich von den militärischen und wirtschaftlichen Lasten und den
politischen Befürchtungen zu befreien, die uns nun aus jedem
Teil der Erde bedrängen.
Das Hauptziel der sowjetischen Strategie besteht darin,
die Einheit der freien Welt auseinanderzubrechen. Ihre ganze
Diplomatie, ihre Propaganda, ihre Druckmittel, ihre Lockungen
dienen diesem Ziel. Diese Bemühungen sind im großen und ganzen
nicht ohne Erfolg gewesen.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm der USA ist eine der
Möglichkeiten, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu verhindern. Es trägt unerläßlich dazu bei, die für unsere eigene
Sicherheit lebenswichtige Einheit aufrechtzuerhalten. Ohne diese Einheit würden die Vereinigten Staaten schnell dazu gezwungen,
zu einem Garnisonsstaat zu werden, und die Schlinge des Kommunismus würde sich immer enger um uns legen.
Ich fordere Sie daher auf, diesem Programm eine baldige und
au|geschlossene Behandlung zuteil werden zu lassen. Es ist eine
Maßnahme für die Sicherheit der USA und für die Aufrechterhaltung der Freiheit in der Welt."
* * # * #

�STEAUSS ZUE FEIEDLICHEN N U T Z B A E M A C H U N G DEE ATOMENEEGIE
Nachstehend geben wir Ihnen wesentliche Auszüge aus einer umfassenden Eede, die der Vorsitzende des US-Atomenergieausschusses, Lewis
L. Strauss, am 19»April 1954 vor dem "Eat für
Weltfragen" (Council of World Affairs) über die
Entwicklung der Atomwaffen und die Weltaspekte
im Zeitalter der Atomenergie gehalten hat und
in deren Verlauf er bekanntgab, daß Präsident
Eisenhower die Absicht habe, im Verlauf dieses
Jahres eine internationale Atomwissenschaftlerkonferenz - die erste ihrer Art in der Geschichte
der Menschheit - nach den USA einzuberufen. Sie
solle, nach den Worten des Präsidenten, dem Ziele
dienen "das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
wo die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und der Eegierungen in Ost und West zu
schwinden beginnt".
I.
LOS ANGELES - (Amerika Dienst) - Es gibt eine Blitzlichtaufnahme von Präsident Eisenhower, die gemacht wurde, als er
kurz nach Beendigung seiner Eede über die friedvolle Nutzung
der Atomenergie seinen Platz im großen Sitzungssaal der achten
UN-Vollversammlung wieder eingenommen und anhaltender Applaus
eingesetzt hatte - ein Applaus nahezu unbekannt in diesem erhabenen Eaume - ein Applaus, der zum Vorboten der weltweiten
Zustimmung wurde, die dieser historischen Eede zuteil werden
sollte. Es ist ein ergreifendes Bild. Es zeigt das Gesicht
eines Mannes, dem es gelungen ist, seine innerste Überzeugung
seinen Zuhörern mitzuteilen, die ihrerseits spontan und offensichtlich bewegt darauf reagierten. Was wohl als ein großer
historischer Augenblick gelten darf, ist in diesem Bild eingefangen und dokumentiert.
Viel wurde bisher über die Eede vom 8.Dezember 1953 gesagt.
Sie war keine nur flüchtig präparierte Eede gewesen. Allerdings
ist wahr, daß der Präsident schon in Bermuda weilte,als an ihn
die Einladung erging, vor den Vereinten Nationen zu sprechen einem für diesen Zweck absolut angemessenen, Ja geradezu idealen Forum. Die Eede selbst aber war lange Zeit in Vorbereitung
gewesen und beschäftigte den Präsidenten noch bedeutend länger.
Er hatte daran gearbeitet, sie niedergeschrieben, sie wieder
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�21. April 1954

"AMERIKA DIENST"

wieder umgeschrieben und er hätte sie, wenn er gewollt hätte,
ohne jedes Manuskript halten können
Ich möchte nun zunächst darüber sprechen, warum wir Atombomben gemacht haben, warum wir uns zur Herstellung von Wasserstoffbomben entschlossen haben und über das, was meinem bescheidenen Urteilsvermögen nach noch vor uns liegt.
II.
Wir in den Vereinigten Staaten begannen erstmalig mit der
Herstellung der Atombombe, weil wir guten Grund zu der Annahme
hatten, daß die Deutschen bereits an der Entwicklung dieser
Waffe arbeiteten. Es blieb uns zweifellos kein anderer Ausweg,
als dafür zu sorgen, daß wir in der Rüstung nicht überholt wurden, - besonders nicht von einer Nation, mit einer so verantwortungslosen und kriegerischen Führung wie der Hitler-Deutschlands. Nachdem wir diese Waffe hergestellt hatten, setzten wir
sie ein, um den Krieg mit Japan zu einem raschen Ende zu bringen,
und beließen es dann bei unseren militärischen und wissenschaftlichen Erfolgen.
Der nächste Schritt war unser Angebot, das Monopol mit der
Welt - trotz ihres Mangels an Erfolg • zu teilen. Das ist eine
der Seiten in der amerikanischen Geschichte, auf die wir mit
größter Befriedigung und größtem Stolz blicken können - mit Befriedigung, weil uns dazu ausnahmslos wohlgemeinte Motive veranlaßt haben. Die Schuld dafür, daß es uns nicht gelang, unsere
Generation von dieser Vernichtungsgefahr zu befreien, muß die
Geschichte allein dem Denken und Handeln der Männer zuschreiben,
denen sie zukommt - den Machthabern im Kreml. Zynisch aber
wirkungsvoll wandten sie jede diplomatische Strategie an, um die
Verwirklichung unseres Vorschlages zu verzögern, Unklarheiten
aufkommen zu lassen und schließlich den Plan zum Scheitern zu
bringen. Dies ist ihnen gelungen. Jetzt allerdings stellt sich
heraus, daß der Grund dafür sehr wohl in dem Vorhandensein
eigener Pläne zur Herstellung von Atomwaffen lag.
Mit dem Scheitern des Baruch-Plans blieb für die Vereinigten
Staaten kein anderer Weg offen, als die Entwicklung ihrer Atomwaffen voranzutreiben - was dann auch geschah.
Die Sowjets kamen früher in die Lage, Atomwaffen einsetzen
zu können, als die meisten erwartet hatten - viel früher. Durch
die Tätigkeit unserer Abwehr, die glücklicherweise zeitig genug
anlief, wußten wir ebenso schnell wie das russische Oberkommando
- und Monate bevor das russische Volk informiert wurde - daß
eine Versuchsexplosion stattgefunden hatte. Wir veröffentlichten
diese Nachricht am 23.September 1949.
Die Sowjets führten weitere Versuche im Herbst 1951 durch
und dann wieder im Laufe des letzten Sommers. Die letzte Versuchsreihe begann mit einer sehr starken Explosion, von der wir
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�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

wir mit Bestimmtheit sagen können, daß es eine thermo-nukleare
Reaktion war - das heißt eine Verschmelzung der Kerne leichter
Elemente.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß dieser Versuch
möglicherweise verheerende Folgen für uns hätte haben können,
wenn wir nicht darauf vorbereitet gewesen wären. Glücklicherweise waren wir vorbereitet. Als die Tatsache, daß die Sowjets
im Besitz der Atom-Bombe sind, im Jahre 1949 erkannt wurde und
die Verhandlungen über eine internationale Kontrolle und
Inspektion durch das Verhalten der Russen zum Stillstand gekommen waren, traf Präsident Truman eine Entscheidung.
Er war sich bewußt, daß ein Vorsprung in der Zahl der vorhandenen Atomwaffen - eine mengenmäßige Überlegenheit, die wir
damals zu haben glaubten, wenn wir andererseits auch sicher
waren, daß wir sie nicht beibehalten konnten - relativ
immer weniger wichtig und schließlich völlig bedeutungslos
werden würde. Unsere einzige Hoffnung bestand darin, den
Status quo durch eine qualitative Überlegenheit beibehalten
zu können. Der Präsident gab der Kommission am 31.Januar 1950
die Anweisung, mit den Arbeiten zur Entwicklung der "SuperBombe", wie sie damals allgemein genannt wurde, zu beginnen;
das heißt, eine Waffe zu schaffen, der das Prinzip der Kernverschmelzung zugrunde liegt, nicht aber der Kernspaltung.
Der Erfolg der amerikanischen Wissenschaftler und Techniker bei der Lösung dieser Aufgabe ist heute weitgehend bekannt,
und unsere Ansicht, daß nur unsere ständige Überlegenheit durch
den Besitz der besseren Waffen die Welt vor einer weiteren
Aggression größten Ausmaßes und vor einem anderen Blutbad bewahrt hat, wird durch keine geringere Persönlichkeit als Sir
Winston Churchill bekräftigt.
Stellen Sie sich vor, in welcher Situation wir uns befänden, wenn wir nicht die Macht der Vergeltung besitzen würden,
die ein wirksames Gegengewicht zur riesigen Sowjet-Streitmacht
und ihren Atomwaffen darstellt. Besäßen sie diese Macht allein
oder könnten sie sie anwenden, so wäre es ihnen möglich, kleine
angrenzende Nationen zu unterwerfen und schließlich würde die
ganze Welt im Abgrund des Kommunismus und der Sklaverei ihr
Ende finden.
Der andere Ausweg aber - daß sich,nach der Metapher, die
der Präsident gebrauchte, "zwei Atom-Kolosse in einer zitternden Welt auf "unbestimmte ' Zeit unheilbringend gegenüberstehen"',
- bringt eine ebenso unannehmbare Lage mit sich, wenn auch inweit weniger starkem Maße unannehmbar als die Folgen, die entstehen, wenn wir uns dem Kommunismus unterwürfen. V/eil damit
die Unsicherheit der Auslösung eines ungeheuren VerwüstungsKrieges verbunden ist, hat sich Präsident Eisenhower mit diesen Problemen lange und eingehend befaßt.
Bei seinen Überlegungen kam er zu der Überzeugung, daß ein
neuer Faktor hervorgehoben, ein neuer Maßstab angelegt werden
-

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• *

,

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�«AFRIKA DIENST"

21. April 1954

werden müsse, ehe ' Irgendwelche Hoffnung gefaßt werden könne.
Die Lösung aller Schwierigkeiten liegt im Atom selbst, in der
Bindung seiner Kraft, die es nicht zum Herrn und Zerstörer sondern zum Diener der Menschheit werden läßt. Sie werden sich
erinnern, daß es der Kern seines Vorschlages war, daß die Regierungen, die es in erster Linie angeht, soweit es die Klugheit gestattet, jetzt schon damit beginnen sollten, von ihren
Vorräten an normalem Uran und spaltbarem Material Beiträge an
eine "Internationale Atomenergie-Behörde" zu leisten und dies
auch weiterhin fortzusetzen. Er sah vor, daß diese Behörde
unter der Igide der Vereinten Nationen stehen sollte. Einzelheiten wie die Höhe der einzelnen Abgaben, die Art der Durchführung usw. sollten nach seiner Ansicht im Rahmen von "privaten Aussprachen" zwischen den Beteiligten abgesprochen werden.
Private Aussprachen sind erfolgt. Ich habe das Gefühl, daß
- wahrscheinlich weil diese Aussprachen privaten Charakter
tragen - der Eindruck entstanden ist, daß nichts geschehe und
daß der Vorschlag ruhe. Das ist nicht der Fall. Die Idee des
Präsidenten ist zu einem konkreten Plan geformt und mit einigen
befreundeten Regierungen diskutiert worden. Gerade heute vor
einem Monat wurde er dem Sowjetischen Botschafter in Washington
zur Weiterleitung an seine Regierung überreicht. Dieser Schritt
war den privaten Aussprachen gefolgt, die im Januar begonnen
hatten und von Außenminister Dulles fortgesetzt worden waren,
als sich die Außenminister in Berlin trafen.
Warum haben die Mitglieder der sowjetischen Delegation im
Zuhörerraum der Vereinten Nationen, völlig überrumpelt, gemeinsam mit allen anderen anwesenden Delegierten applaudiert? Und
warum haben die Sowjets, nachdem sie ursprünglich mit Ablehnung
und Schmähungen reagiert hatten, schließlich doch geantwortet?
Die Beantwortung dieser Frage liegt wohl in der Gesamtheit
dessen begründet, was folgte.
Ich habe den Vorzug bekanntgeben zu dürfen, daß es die Absicht des Präsidenten ist, im Verlaufe dieses Jahres durch eine
amerikanische wissenschaftliche Organisation eine internationale
Konferenz der Wissenschaftler einberufen zu lassen. Diese Konferenz, von der man sich eine starke Beteiligung erhofft und
die die hervorragendsten Wissenschaftler aus allen Teilen der
Welt vereinigen wird, soll sich mit der Erforschung der segensreichen und friedlichen Verwendung der Atomenergie befassen.
Es wird das erste Mal sein, daß eine derartige Konferenz einberufen wird, die nach den Worten Präsident Eisenhowers dem
Ziel dienen soll, das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
an dem die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und
Regierungen in Ost und West zu schwinden beginnt.
III.
Ich habe soeben auf die Tatsache verwiesen, daß der Vorschlag des Präsidenten als genau festgelegter Plan formuliert
wurde. Es erscheint mir durchaus angebracht, einmal ganz klar
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�21. April 1954

AMERIKA DIENST"

klar darzulegen, was der Vorschlag ist und was er nicht ist,
um so eine Basis für die Diskussion über die praktischen Möglichkeiten einer Welt-Atomenergie-Organisation zu schaffen.
Der Vorschlag der Vereinigten Staaten ist nicht nur ein
anderer Schachzug im Spiel der Kräfte der Weltpolitik; er ist
auch nicht etwa in erster Linie eine Formel für die Abrüstung.
Dieser Vorschlag gefährdet in keiner Weise die Geheimhaltung^
der Atomwaffen irgendeiner Nation, die jetzt im Besitze derartiger Geheimnisse ist oder in Zukunft solche besitzen wird.
Dieser Vorschlag fordert nicht, daß man heute dort plötzlich
vertraut, wo man gestern noch kein Vertrauen hatte. Bei der
praktischen Verwirklichung des Planes brauchte man sich nicht
auf irgendwelche unmöglichen Vollziehungsbestimmungen zu berufen, noch hinge man ganz von der Auslegung des Begriffes
"guten Glaubens" ab.
Dieser Plan enthält kein Rezept dafür, wie man Seuchen,
die noch weite Teile der Erde heimsuchen, mit technischen
Mitteln beseitigen könnte, und er stellt keine Formel dafür
dar, wie man den verzweifelten Kampf ums tägliche Brot dort,
wo er existiert, in einem Tage - oder einem Jahr - beenden
könnte. Mit diesem Plan wird es nicht etwa möglich, nach
einer festgelegten Zeit-Tabelle Wüste in fruchtbares Weideland zu verwandeln, auch wird er nicht die Energiemengen bereitstellen, die notwendig wären, um die geplagten Menschen
der unterentwickelten Gebiete von ihrer Mühsal zu befreien.
Was die von uns vorgeschlagene Organisation bewirken soll,
ist dies: Sie wird dafür Sorge tragen, daß in allen Teilen
der Erde die Atomenergie in beschleunigtem Maße für friedliche
Zwecke verwendet wird.
Sie wird spaltbares Material aus ihren Vorräten für solche
Zwecke bereitstellen, die der Menschheit zum Wohle gereichen,
und die Menge dieses spaltbaren Materials wird anwachsen, solange der Frieden aufrechterhalten wird.
Sie wird den Atomwissenschaftlern in allen Teilen der
Erde die nötigen Informationen zugänglich machen.
Sie wird die Erschließung neuer fundamentaler Erkenntnisse und Theorien fördern, ohne die kein Fortschritt möglich
ist.
Sie wird allen jenen Nationen, die selbst keine oder unzureichende Anlagen zur Atomforschung besitzen, die Möglichkeit
geben, entweder allein oder in Zusammenschluß mit anderen Staaten solche Anlagen zu erwerben, wie dies ihre Bedürfnisse erfordern.
Sie wird uns helfen, mehr Kenntnis von der Physiologie des
Menschen und der Pflanzen und Tiere, von denen er lebt, aber
auch der Insekten und tierischen Schmarotzer, die eine Gefahr
für ihn bedeuten, zu erlangen, so daß die Heilkunst neue Fortschritte machen wird und neue Wege zur Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung gefunden werden. Und so wird auch die produk- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

produktive Lebenszeit des Menschen ausgedehnt werden.
Sie wird junge und phantasiebegabte Menschen in vielen
Ländern der Erde ermutigen, sich in den neuen Disziplinen der
Wissenschaft und Technik nutzbringend zu betätigen, damit sie
einen Beitrag zur Ankurbelung der Wirtschaft und Hebung des
Lebensstandards ihres Heimatlandes leisten können.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist, die erfolgreiche
Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde wird wesentlich
mit dazu beitragen, der Weltöffentlichkeit die Möglichkeiten
der Atomenergie zur Bereicherung unseres Daseins vor Augen zu
führen, und auf diese Weise einige der heute noch bestehenden
Zweifel und Ingste, man würde sie nur zu destruktiven Zwecken
einsetzen, zerstreuen.
Es wind erst wenige Tage her, daß im Kongreß Anträge zur
Ergänzung des Atomenergie-Gesetzes eingebracht wurden, die die
Verwirklichung des Planes von Präsident Eisenhower beschleunigen sollen.
Darüber hinaus sind wir gern bereit, in den etwa stattfindenden öffentlichen Informationssitzungen über das Ausmaß oder
eine eventuelle Freigabe von Angaben bezüglich der Nutzbarmachung
der Atomenergie für industrielle Zwecke, alle Prägen hinsichtlich
der Gefährdung der Sicherheit durch diese Informationen, ausgiebig zu beantworten. Ich stünde heute abend nicht hier, wenn
ich überzeugt wäre, daß die Beteiligung der Vereinigten Staaten
an der Internationalen Atomenergie-Organisation durch Preisgabe
der für unsere Verteidigung lebenswichtigen Geheimnisse eine
Gefährdung ihrer Sicherheit nach sich zöge.
IV.
Es ist noch keine 12 Jahre her, seit die Kraft des Atoms
in einem Kernreaktor erstmalig nutzbar gemacht werden konnte.'
In dieser kurzen Zeitspanne sind auf dem Gebiet der friedlichen
Anwendung dieser Energie bedeutende und verschiedenartige Leistungen vollbracht worden. Obwohl wir uns im Interasse unserer
Verteidigung und der Verteidigung der freien Welt weiterhin
auf die militärischen Anwendungsmöglichkeiten dieser Kraft
konzentrieren mußten, haben wir hier in den Vereinigten Staaten
in unseren Bemühungen um ihre friedliche Verwendung laufend neue
und zahlenmäßig anwachsende Erfolge erzielt.
Es ist hier überflüssig, die vielseitige Verwendung der
Atomenergie in der Medizin, der Biologie, Landwirtschaft und
Industrie im einzelnen anzuführen. Wir brauchen nur zu bemerken,
daß wir dessenungeachtet die Schwelle dieses Forschungsgebietes
kaum berührt haben. Fortschritte wurden auch in anderen Ländern
erzielt, wo die Intuition der Menschen durch die Probleme und
Möglichkeiten angefeuert wurde.
Ich möchte aber auch auf einen weniger bekannten Aspekt des
atomwissenschaftlichen Fortschrittes hinweisen, nämlich die Erweiterung unserer fundamentalen Erkenntnisse. Fast ein Dutzend
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�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

Dutzend neuer Elemente konnte isoliert, identifiziert
und in das periodische System der Elemente eingeordnet werden.
Bei der Entwicklung dieser noch jungen Wissenschaft wurden
wir Zeugen der Betätigung des Prinzips, auf das sich die Erzeugung von Atomtreibstoff aufbaut. Eine erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips wird den Verbrauch des gewöhnlichen
Urans, welches der Internationalen Atomenergie-Behörde zur
Verfügung gestellt würde, erheblich erweitern.
Eine derartige Erweiterung der fundamentalen wissenschaftlichen Erkenntnisse wird einer der Zwecke der neugewonnenen
Atomenergie sein. Es ist durchaus keine gewagte Extrapolation,
aus dem, was wir heute wissen, vorherzusagen, daß wir früher
oder später - es kann ein paar Jahre dauern, ein Jahrzehnt
oder eine Generation - neue Entdeckungen machen werden, die
genau so bedeutend sind, wie die bisherigen, und die unser
aller leben bereichern werden.
V.
Erstmalig seit der Nutzbarmachung des Feuers sind wir in
den Besitz einer Macht gelangt, mit der wir unser Leben noch
unvorstellbar bereichern oder, wenn wir die verkehrte Wahl
treffen, einen großen Teil dessen, was wir an angehäuften
Werfpen der Kunst, des Herzens und des Geistes von vergangenen
Generationen übernommen haben, zerstören können.
Ich habe diese derzeitigen Einschränkungen angeführt, um
einerseits den Optimismus zu zügeln, gleichzeitig aber das Ver»
trauen zu erhalten, das der Plan .des Präsidenten verdient.
Freilich kann auch dieser Plan die Übel der Welt nicht mit
einem Schlage beseitigen, noch gibt er vor, eine Sicherung
gegen künftige Kriege zu sein. Es wäre ein unseliges Unterfangen, wollte man ihn als etwas anderes darstellen als das,
was er tatsächlich ist - und das ist wirklich sehr viel nämlich ein leicht verständlicher, vernünftiger, durchführbarer, konstruktiver und hoffnungsvoller erster Schritt auf
dem Wege,die Atomenergie zum Diener der Menschheit zu machen.
# * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER RUFT ZUM KREUZZUG FÜR BESSERE INTERNATIONALE
ZUSAMMENARBEIT UND VERSTÄNDIGUNG AUF

NEW YORK — (Amerika Dienst) ~ Am 22. April 1954
rief Präsident Eisenhower die Welt zu einem Kreuzzug für eine bessere internationale Zusammenarbeit
und Verständigung auf. Die Rede des Präsidenten
vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband,
die von allen amerikanischen Rundfunk- und Fernsehsendern übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Ihre Einladung hier vor Ihnen zu sprechen ,ehrt mich sehr,
Die hohe Verantwortung der amerikanischen Presse und ihr Konstruktiver Einfluß geben dieser Gelegenheit in meinen Augen
eine besondere Bedeutung; ich nehme diese Gelegenheit dankbar wahr. Meine persönlichen, in Krieg und Frieden gemachten
Erfahrungen haben mich gelehrt, wie sehr Sie sich in ihrer
Arbeit für die Wahrheit und das Wohlergehen unseres Landes
einsetzen. Sie verdienen den Beifall der freien Menschen überall auf der Welt.
Vor acht Jahren - fast auf den Tag genau - hielt ich eine
Rede vor Ihrer Werbungsabteilung. Zu jener Zeit war der Schrekken des Krieges eine bittere Erinnerung der unmittelbaren Vergangenheit. Ein Stimmungsumschwung, der alles erfaßte, was
Krieg heißt oder an den Krieg erinnerte, hatte unser Volk ergriffen. Die gesamte Atmosphäre in den Vereinigten Staaten war
mit einer Stimmung geladen, die leicht unsere militärische
Stärke hätte zerstören können. Glücklicherweise erlaubten
uns damals unsere Zeitungen nicht - genauso wenig wie sie es
uns heute erlauben - die ständig vorhandene Realität einer
aggressiven Bedrohung zu vergessen.
Die Aggression ist immer noch eine furchtbare Realität,
obgleich die Menschheit auf allen Kontinenten und Inseln der
Welt, nach Frieden hungert. Dieser Hunger muß gestillt werden.
Entweder werden die einzelnen Nationen der Welt an einem
Frieden der Zusammenarbeit mitbauen, oder sie werden - eine
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eine nach der anderen - gezwungen werden, einen diktierten Frieden anzunehmen, so wie er heute von den kommunistischen Mächten,
genau wie früher von Hitler, angestrebt wird.
Aber die Menschen der freien Welt sind im Besitz des größeren Teils der natürlichen Hilfsquellen dieser Erde und des
Kräftepotentials, das durch sie mobilisiert werden kann. Sie sind
an wissenschaftlichem Können, intellektuellen Fähigkeiten und
auch rein quantitativ den Kommunisten überlegen. Daher können die
freien Völker der Welt einen Frieden der Zusammenarbeit schaffen,
wenn sie sich gemeinsam dieser Aufgabe in Einheit»gegenseitigem
Verständnis und Kraft weihen und Furcht und Zweifel aus ihrem
Herzen und Denken fernhalten.
Es ist sehr wichtig, daß wir versuchen, uns hierüber Klarheit zu verschaffen. Lassen Sie uns mit unserer eigenen, gegenwärtigen Lage beginnen. Unser Land hat Wunder an produktivem
Schaffen vollbracht und ist sowohl in bezug auf seinen gesamten
Wohlstand wie auch auf das Einkommen der einzelnen Bürger reich;
es verfügt über eine einzigartige Verbindung von wissenschaftlicher, militärischer, wirtschaftlicher und moralischer Stärke.
Seit Generationen hat unser Land nicht mehr die Zerstörungen eines
Krieges auf eigenem Boden erlebt und es hat zuverlässige und befreundete Nachbarn. Uns gelüstet nicht nach dem was anderen Nationen gehört. Wir suchen nur die Freundschaft der anderen. Wir
sind bestrebt, für diese unschätzbare Gabe in gleicher Münze zurückzuzahlen.
Nachdem alle diese geschichtlichen Voraussetzungen gegeben
sind, sollten die Vereinigten Staaten eigentlich in einem echten
Frieden und in Ruhe leben. Unser Land hat jedoch im gegenwärtigen
Zeitpunkt keine wirkliche Ruhe. Wir, die Bevölkerung dieses Landes,
stehen einer ernsten Gefahr gegenüber, die zumindest ihrem Wesen
nach alle von uns verstehen. Diese Gefahr erfordert zwei auf lange
Sicht ausgearbeitete politische Konzeptionen oder Zielsetzungen,
hinter die sich alle Bürger unseres Landes geschlossen stellen
sollten.
Dies sind:
Erstens; All unsere Anstrengungen müssen darauf ausgerichtet
sein, die Hingabe der Vereinigten Staaten an die Freiheit, ihr
Wissen und Verständnis, ihren gut fundierten, von allen geteilten
Wohlstand und eine entsprechende militärische Position zu stärken.
Zweitens: Diese Stärke muß in den Dienst des Aufbaus eines
Friedens der Zusammenarbeit zwischen allen Menschen gestellt werden.
Dies sind für die Mehrheit unseres Volkes ganz fest umrissene Ziele. Aber in einer Welt der ideologischen Spaltung, der
Rivalitäten, der turbulenten Krisen an einer Stelle und der politischen Umstürze an einer anderen, sind zur Erreichung dieser
Ziele weitaus mehr als nur ein guter Wille oder begeisterte Worte
erforderlich.
Wenn

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Wenn wir die Stärke, die für die Bewältigung dieser Probleme
unseres Zeitalters erforderlich ist, aufbauen und beibehalten
wollen, dann müssen wir miteinander zusammenarbeiten - jeder Teil
mit allen anderen, jede Gruppe mit ihren Nachbarn. Das bedeutet»
Einigkeit im Innern des Landes, über die ich unablässig rede.
Einigkeit heißt nicht starre Konformität mit jeder Doktrin oder
Haltung einer bestimmten Persönlichkeit des politischen Lebens.
Einigkeit erfordert jedoch eine gemeinsame Hingabe an die Grundprinzipien unseres Systems einer freien Gemeinschaft, ein Wissen' und Verständnis für unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, an dem alle teilhaben,und eine gemeinsame Entschlossen- &gt;
heit, rückhaltlos in dem Streben nach den für uns wahrhaft bedeutenden Zielen zusammenzuarbeiten. Diese Art der Einigkeit
ist die wahre Quelle für unsere große Kraft und Inergie - für
unsere geistige, intellektuelle, materielle und schöpferische
Energie.
Darüber hinaus muß unser Volk - stark und einig - mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um bei der Schaffung eines
Friedens der Zusammenarbeit mitzuhelfen. Eine derartige Zusammenarbeit erfordert von den Amerikanern ein größeres Verständnis
für ihre Mitmenschen überall auf der Welt. In gleicher Weise müssen die Nationen außerhalb unserer Grenzen das amerikanische Volk
besser verstehen lernen, vor allem unsere Hoffnungen und unsere
Ziele. Auf Grund des relativ größeren Gewichts, das uns in der
Frage der Weltstabilität zukommt, und weil die Geschichte bestimmt hat, daß die Verantwortung, die eine führende Rolle mit
sich bringt, den USA auferlegt werden soll, müssen wir bei der
Entwicklung dieser echten internationalen Verständigung, auf der
ein Friede der Zusammenarbeit sich aufbauen muß, die Initiative
ergreifen.
In der Wahrheit dieser Erkenntnisse finde ich die Rechtfertigung, heute vor Ihnen zu erscheinen. Das Verständnis und
das Wissen zu vergrößern, ist eine Aufgabe, die nicht allein
von unseren Schulen oder unseren Kirchen oder von politischen
Foren her gelöst werden kann. Die bösartigen Keime des Mißverständnisses und der falschen Unterrichtung sind im Denken der
Menschheit jeden Tag ununterbrochen aktiv. Der Kampf gegen diese Keime erfordert von jedem einzelnen, der Einfluß auf die
öffentliche Meinung hat, Mitarbeit und intensiven Einsatz.
Jede Zeitung und jede Zeitschrift, jede Rundfunkanstalt und
jede Fernsehstation hat die Aufgabe, dem amerikanischen Volk und
allen Völkern der Welt, die erreicht werden können, die Tatsachen unserer heutigen Existenz näher zu bringen. Doch dies ist
nicht genug. Alle Medien der Nachrichtenverbreitung müssen auch
daran mithelfen, daß die Völker überall auf der Welt die Tatsachen im richtigen Licht sehen. Angenommen, die amerikanische Presse
würde genau die Einzelheiten jedes Verbrechens in unserem Lande
berichten, sich aber über die Festnahme und Bestrafung der Verbrecher ständig ausschweigen, entstünde dann nicht sehr bald
überall auf der Welt der Eindruck, daß bei uns Gesetzlosigkeit,
Unordnung und Anarchie herrschen? Die Tatsachen müssen in der

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der richtigen Perspektive zueinander berichtet werden. Nur in
einem derartigen Rahmen werden wir in dem ständigen Bemühen um
ein stärkeres Amerika und eine friedliche Welt klare Entscheidungen treffen können.
Die Einheit und Stärke im Innern wie auch die internationale
Verständigung beruhen daher zu einem großen Teil auf dem freien
Nachrichteneinfluß und der ausgewogenen Wiedergabe der Nachrichten.
Ich meine damit nicht, daß Sie der Sache der inneren Einheit durch irgendeinen Versuch dienen würden, Nachrichten zu
färben oder Ihre Nachrichten in Kommentare umzuwandeln. Der
daraus resultierende Verlust des Vertrauens und der Achtung der
Öffentlichkeit würde sehr bald den Einfluß der Presse zerstören.
Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, daß die Presse alle
die Dinge, die unser Volk einigen, mit dem gleichen Nachdruck
behandeln sollte wie das, was uns trennt.
Nachrichten über Ereignisse, die Meinungsverschiedenheiten
zum Ausdruck bringen, mögen sensationeller sein als Nachrichten
über Entwicklungen, die zur Einigkeit führen. Aber eine freie
Presse kann ihrer Verantwortung gegenüber einem freien Volk nur
gerecht werden, wenn sie alle Pakten in ausgewogenem Gleichgewicht zur Darstellung bringt. Pakten, die im rechten Licht gesehen werden, sind für ein gültiges und reifes Urteil der Bürger
von größter Bedeutung. Ein gesundes Urteil aber ist entscheidend
für die Erhaltung der Freiheit. Daher kann eine freie Presse
nur bestehen, wenn sie alle Pakten und Meinungen - die sensationellen wie die weniger in die Augen fallenden, die einigenden wie
die trennenden - verantwortungsbewußt berichtet.
Könnte die Urteilsbildung des Lesers nicht ein genau so
gewichtiges Kriterium für die Redaktionen der Zeitungen sein,
wie das sogenannte Leserinteresse?
Sind diese beiden Eigenschaften notwendigerweise miteinander unvereinbar? Ich glaube, nein. Die führenden Publizisten
unserer Tage müssen sich in der Berichterstattung und kritischen
Betrachtung von Gesetzesvorschlägen zwangsläufig mit konstruktiven Prägen auseinandersetzen wie:
•Kann das entsprechende Gesetz zur Aufrechterhaltung unsers
Wirtschaftsvolumens beitragen oder nicht? Dient es dem Aufbau
der erforderlichen militärischen Stärke? Trägt es dazu bei, daß
wir andere Völker, und diese uns, besser verstehen lernen?
Stärkt es unsere außenpolitische Position? Verspricht es, die
Preiheitsliebe und die geistige Selbständigkeit unter unserem
Volk wahren und verbreiten zu helfen? Wirkt es sich günstig
auf die Volksgesundheit und den Lebensstandard aus? Gewährleistet es unseren Kindern jene Staats- und Regierungsform, die
uns eigen war?!.
Wenn Gesetzesvorschläge und Richtlinien für die künftige
Politik nur das Schlachtfeld abgeben sollen, auf dem einzelne
oder die Parteien, die die Macht zu erreichen suchen, ihre Niederlagen erleiden oder Siege einheimsen, dann ist das amerikanische

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amerikanische System in der Tat für uns und für die Welt entstellt. Wenn das Einzelschicksal dessen, der für eine solche
Maßnahme eintritt oder sich gegen die wendet, in der Beurteilung
durch die Öffentlichkeit eine ebenso wichtige Stellung einnimmt
wie das mit der entsprechenden Maßnahme vertretene Prinzip und
die damit verfolgte Zielsetzung, dann sind unsere Bemühungen
um jene Stärke, die ein wirkliches Verstehen mit sich bringt,
als gescheitert anzusehen. Wenn der Tag heraufdämmert, an dem
persönliche Konflikte höher gestellt werden als die ehrliche
Auseinandersetzung um die große Politik, dann gerät die Flamme
der Freiheit in Gefahr, zu verlöschen.
Ich darf wohl annehmen, daß Sie meine heutigen Ausführungen
nicht als einen Versuch ansehen, Ihnen Vorschriften über die Gestaltung Ihrer Arbeit machen zu wollen. Ich weiß, daß ich mich
der Gefahr einer derartigen Mißinterpretation meiner Absichten
aussetze. James Madison schrieb einmal: 'eine Volksregierung, die
das Volk nicht eingehend informiert oder ihm nicht die Möglichkeit gibt, sich selbst eingehend zu informieren, ist nichts
anderes als der Prolog zu einer Farce oder zu einer Tragödie,
wenn nicht gar zu beiden.' Dies ist also eine Problemstellung,
die kein verantwortungsbewußter Regierungsbeamter übergehen kann,
und genau so wenig können Sie sich dieser Frage verschließen.
Wir sind weit davon entfernt, eine derartige Farce oder
Tragödie heraufzubeschwören. Mit Hilfe einer verantwortungsbewußten Presse ist unser Volk seit den Tagen Madisons seinen Aufgaben gerecht geworden und es wird Ihnen auch in Zukunft gerecht
werden. Das Wissen um die Tatsachen und ihre Zusammenhänge ist
mehr denn je für die Lösung der Probleme der Menschheit notwendig.
Ich weiß, daß die Darstellung tatsächlicher Sachverhalte in
der richtigen Perspektive eine schwierige Aufgabe darstellt.
Die Hast des täglichen Lebens läßt auf Seiten der Leser leicht
Ungeduld aufkommen. Sie läßt eine umfassende Erklärung des Sachverhalts als hoffnungsloses Unterfangen erscheinen und gibt fertigen Klichees und Schlagworten den Vorzug. Wir sind allzuleicht
geneigt, andere mit einem attraktiven Aushängeschild überzeugen
zu wollen oder eine Sache durch ein verächtlichmachendes Wort
zu verurteilen.
Schlagworte sind aber keine Informationen. Und zweifellos
kann das Volk aus ihnen kein gesundes Urteil ableiten.
Von einer stetigen und täglichen Verbreitung vollständiger
Informationen hängt aber die verständige Beteiligung des Volkes
an seiner Regierung ab. Dies ist für das Volk keine leicht zu
nehmende Angelegenheit. Die Entscheidungen,'die es zu treffen hat,
sind ihrem Wesen nach sehr schwerwiegend und von weltweiter Bedeutung. Alle Lebensnotwendigkeiten und das persönliche Wohl
hängen von ihnen ab - angefangen von der eigenen Geldbörse,
der ordentlichen Instandhaltung der Straßen und der Wohnraumversorgung bis zu der Frage, in welchem Zustand das Erbe unseres
Landes an Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden soll. Das
Volk braucht vollständige und genaue Informationen. Ihren Zeitungen kommt es zu, ihm diese zu geben. Seine Entscheidung wird
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wird immer dann vernünftig ausfallen, wenn es in der entsprechenden Frage eingehend informiert worden ist.
Wenn ein profundes Wissen und Verständnis die Voraussetzung
dafür sind, die Einigkeit des amerikanischen Volkes zu fördern,
so sind diese beiden Dinge ebenso notwendig, um eine Zusammenarbeit der Völker zuwege zu bringen. An diesem Kreuzweg der Weltgeschichte besteht die Möglichkeit, daß Unwissenheit über die
Fähigkeiten, die Hoffnungen, die Vorurteile, die Ideale und Absichten unseres Nachbarn eine wahre Zusammenarbeit zunichte macht
und den Keim für einen neuen Krieg legt.
In keinem Teil der Erde gibt es heute noch eine unverwundbare
Festung, einen Kontinent oder eine Insel, die so weit abgelegen
wären, daß sie die ganze Umwelt einfach nicht beachten brauchten.
Wenn wir nicht wollen, daß unser Jahrhundert zu einem Jahrhundert
der Hysterie und der Furcht von der Atomenergie wird, dann müssen wir es zu dem Jahrhundert der Völkerverständigung und des
Friedens der Zusammenarbeit machen. Selbst die überzeugtesten Anhänger des Marxismus, die rücksichtslosesten Anhänger der Gewalt,
geben dies in Augenblicken geistiger Klarheit zu. Eine wahre Völkerverständigung aber hängt zu einem großen Teil, wie ja auch
die Einigkeit des Volkes im jnnern, von einem umfassenden und
ungehinderten Fluß von Informationen und ihrer wohlabgewogenen
Wiedergabe ab.
Aus kürzlich veröffentlichten Berichten geht jedoch hervor,
daß rund 75 Prozent der gesamten Erdbevölkerung nur zensierte
Nachrichten erhalten. Zudem stellt das Analphabetentum in weiten
Teilen der Welt noch einen wichtigen Faktor dar. Und es bestehen
natürlich sprachliche und kulturelle Schranken. Unter diesen Umständen ist es selbstverständlich schwierig, ein wirkliches Verständnis schnell und leicht herzustellen. In dieses von Zensur
und Analphabetentum geschaffene Vakuum ergießt sich ein ständiger
Strom schöngefärbter und brunnenvergiftender sowjetischer Propaganda. Und das täglich 24 Stunden lang»
Die sowjetische Propagandamaschine erzählt der Welt zum
Beispiel unermüdlich, daß das amerikanische System des freien
Unternehmertums unweigerlich in Massenarbeitslosigkeit, einem
bitteren Konkurrenzkampf und finanziellem Bankrott enden muß.
Immer und Immer wieder haben die Kommunisten den Schwerpunkt
ihrer Propagandataktik verlagert, oder sich um einhundertachtzig
Grad gedreht. Aber dieser eine Punkt steht unverrückbar fest im
kommunistischen Dogma von Marx bis zu Malenkow.
Der Informationsdienst der amerikanischen Regierung sucht
in Zusammenarbeit mit ähnlichen Vorhaben befreundeter Nationen,
diese Propaganda-durch Wahrheit zu bekämpfen. Jeder Dollar, den
wir in dieses Programm hineinstecken, wird sich, wenn er klug
angelegt ist, tausendfach in Dividenden bezahlt machen, die den
Sieg der Wahrheit bedeuten und die Grundlage für ein echtes Verständnis legen. Aber unser amtlicher Informationsdienstt ist mit
gutem Recht in seinen Zielen und seinem Umfang beschränkt. _

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Der größte Teil der Informationen für uns und über uns muß
durch die herkömmlichen Mittel der Massenunterrichtung der einzelnen Nationen fließen. Von allen diesen Informationsmedien halten wt"
die unsrigen für die besten und wirkungsvollsten.
Und dennoch ergab, wie man mir sagte, eine Untersuchung, an
der viele von Ihnen teilgenommen haben, daß die amerikanischen
Tageszeitungen im Durchschnitt vier Spalten Auslandsnachrichten
abdrucken. Ich weiß nicht, ob das zu wenig oder zu viel oder gerade richtig ist. Aber ich weiß bestimmt, daß es schwer sein dürfte,
auf diesem Raum alles das zu drucken, was für eine ausreichende
Unterrichtung des amerikanischen Volkes über die Ereignisse in
den einzelnen Ländern erforderlich ist.
Die Berichterstattung über das Ausland befaßte sich nach dieser Untersuchung zu zwei Dritteln mit wichtigen offiziellen Feierlichkeiten und Ereignissen - mit innenpolitischen Krisen, Fragen
der auswärtigen Beziehungen, amtlichen Erklärungen und Verlautbarungen. Nur ein ganz geringer Prozentsatz war dem kleinen Mann auf
der Straße, dem sozialen, pädagogischen, kulturellen und religiösen
Leben oder Fragen der Gemeinde und der Geschichte gewidmet. Und
dennoch sind gerade diese Dinge für das Verständnis einer Nation
ganz unerläßlich.
Dieselben Sachverständigen, die diese Frage untersuchten, haben
auch viele europäische Zeitungen eingehend analysiert. Und auch
hier waren Meldungen über den Durchschnittsamerikaner nur spärlich
zu finden. Wer von Ihnen einige Jahre im Ausland gelebt hat, wird
ohne Zweifel erstaunt gewesen sein, wie häufig die Angehörigen anderer Nationen irrige oder schiefe Ansichten über den einzelnen
Amerikaner oder das Leben in Amerika äußern.
Man ist immer wieder fassungslos, wenn man hört, wie ausländische Freunde die amerikanische Kultur abfällig als eine bloße
Kollektion gleißender technischer Raffinessen bezeichnen.
Es ist geradezu alarmierend zu wissen, daß man uns in weltpolitischen Dingen für so unreif hält, daß wir leichtsinnig und unnötig einen Krieg vom Zaune brechen. Noch schlimmer aber ist es zu
erfahren, daß man uns oft als ebenso machthungrig wie die Männer
im Kreml einschätzt.
Auf Grund eines tragischen Unvermögens, uns und unsere Absichten zu verstehen, betrachtet der Westeuropäer häufig genug Amerika
und die UdSSR als zwei große Machtgebilde, die beide nur auf den
geeignetsten Augenblick warten, um den anderen durch Gewalt zu
vernichten. Bis dahin, so glaubt er weiter, sucht jeder von beiden
Verbündete unter den europäischen Nationen, einzig und allein zu
dem Zweck, sie im entscheidenden Augenblick als Faustpfand zu benutzen.
Wir aber wissen, daß wir nur einen Frieden durch Zusammenarbeit unter Gleichberechtigten suchen. Soll dieses große Ziel
erreicht werden, so müssen auch die anderen dies wissen.
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Der einzelne Amerikaner wird häufig als ein reicher Mann
hingestellt, der allen Werten außer dem Gelde gegenüber gleichgültig ist, die Rechte anderer nicht achtet und nichts davon weiß,
was andere zur Entwicklung der westlichen Kultur beigetragen
haben.
Diese falschen Vorstellungen sind zweifellos zu einem Teil
auf die kommunistische Propaganda zurückzuführen. Sie gedeihen
aber so üppig, weil eine umfassende, wahrheitsgemäße gegenseitige Unterrichtung fehlt.
Wir hier in Amerika bedürfen einer besseren und umfangreicheren Information über andere, wenn wir eine kluge Politik, die
auf echte Sicherheit abzielt, betreiben wollen. Viele von uns
gehen von derfiLschenVoraussetzung aus, daß alle anderen Völker
in einem Staatswesen leben möchten, das dem unseren gleicht
oder ähnlich ist. Manche Amerikaner glauben, daß alle Ausländer
faul oder dekadent seien - daß nur wenige von ihnen Steuern zahlen, daß sie uns hassen, nur weil es uns gut geht. Wir hören
oft genug Äußerungen wie : die Angehörigen dieser oder jener Nation seien feige, es fehle ihnen an Vaterlandsliebe oder Stolz
auf die Zugehörigkeit zu ihrer Nation. Allzuoft betrachten wir
sie als schwach, als intellektuell oberflächlich und geistig
abgewirtschaftet.
Selbstverständlich gibt es überall einzelne Personen, auf
die diese Beschreibung zutrifft - aber es ist für uns und für
den Frieden gefährlich, wenn wir leichtfertig in derartigen
Verallgemeinerungen als bezeichnend für eine ganze Nation
sprechen.
Die Welt von heute ist klein, und nur durch das gemeinsame
Bemühen der freien Völker in den Gebieten von entscheidender Bedeutung können wir Sicherheit und Frieden schaffen. Es geht dabei nicht darum, Presse, Rundfunk, Fernsehen und Wochenschauberichte zu verzuckerten Propagandamedien umzuwandeln, um Amerika
dem Franzosen, Frankreich dem Deutschen und England dem Amerikaner 'anzupreisen'.
Es geht um etwas ganz anderes. Ich wiederhole: um Verstehen
zu können, müssen wir die Tatsachen und die dazugehörigen Perspektiven kennen. Ich bin sicher, daß die freie Presse in allen
freien Ländern echte Fortschritte auf diesem Wege erzielt hat.
Dennoch glaube ich, daß hier noch viel mehr getan werden könnte
und unter allen Umständen getan werden sollte. Unser aller Zukunft hängt davon ab.
Wohl niemand kann, als Gruppe, hier mehr erreichen als Sie
vom Verband amerikanischer Zeitungsverleger. Hier liegt wirklich
eine Aufgabe, die Ihrer Gaben und Ihres Könnens wert ist.
Im Rahmen von Freundschaftsbündnissen sind wir mit Millionen
von Menschen der freien Völker durch bereits in Kraft befindliche
Abkommen verbunden, bei denen es in erster Linie um die militärische Sicherheit geht, die sich aber unweigerlich auf die Hoffnungen und Alltagssorgen jedes einzelnen auswirken. Wir leben in
der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft leben wir in einem
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einem gewaltigen Raum, der von einem Pol zum andern reicht, praktisch die ganze Welt umspannt und von Angehörigen unabhängiger
Völker bewohnt ist. Diese Völker, die nur wenig voneinander wissen
und deren gegenseitiges Verstehen nicht allzu tief geht, sind durch
die kommunistische Bedrohung zu Zweckverbündeten geworden; aber
morgen schon könnten sie Partner im wahrsten Sinn* des Wortes
sein, auf immer vereint im gegenseitigen Verstehen, beflügelt von
gemeinsamen Bestrebungen. Zumindest unter den Nationen dieses gewaltigen Raumes kann der Krieg zu etwas völlig Undenkbarem werden - und zwar umgehend. Ein auf Zusammenarbeit basierender Friede
zwischen ihnen ist keineswegs das Wunschbild eines Träumers.
Mit den Vereinten Nationen haben wir ein Weltforum, wo wir uns
für die Sache des Friedens einsetzen können und wo uns sogar die
Männer des Kreml anhören müssen. Wohl können sie ihre Ohren vor
dem Geist unserer Worte verschließen. Sie können jedoch nicht auf
ewig die Tatsachen eines Zeitalters ignorieren, in dem wir und sie
- nur durch einige Flugstunden von einander getrennt - leben müssen.
Wir können nicht hoffen, durch ein paar Reden, ein paar Konferenzen,ein paar Abkommen das unter allen Zielen der Menschheit
am schwersten zu erlangende zu gewinnen - einen Frieden der Zusammenarbeit für die ganze Menschheit. Aber freie Menschen verlieren
nicht ihre Geduld, ihren Mut, ihren Glauben, weil die Hindernisse
groß sind und der Weg unbekannt ist. Bei gegenseitigem Verstehen
sind sie den Forderungen gewachsen.
Nie zuvor war es ein dringlicheres und lohnenderes Anliegen,
für die internationale Verständigung zu arbeiten und sich um einen
Frieden der Zusammenarbeit zu bemühen.
Ich bin zutiefst überzeugt, daß die Entscheidung des amerikanischen Volkes, unser Land in seiner moralischen Führungsrolle,
sowie in geistiger und militärischer Hinsicht zu stärken und bleibenden Wohlstand für möglichst viele zu schaffen, verwirklicht
werden wird. Diese Entscheidung erwächst aus einer gewaltigen
geistigen Energie, die, so glaube ich, jeder Prüfung standhält.
Ich glaube, daß sie von Tag zu Tag wächst in dem Maße, in dem unser Volk sich der tödlichen Gefahr des Weltringens mehr und mehr
bewußt wird.
Ich bin auch zutiefst überzeugt, daß Amerika alle Fähigkeiten
besitzt, um die Initiative bei der Schaffung eines Friedens der
Zusammenarbeit zu übernehmen.
Diese Fähigkeiten werden Frucht tragen, wenn jeder der hier
Anwesenden seine ganze intellektuelle Kraft, seine Energie und alle
ihm zur Verfügung stehenden Mittel, im Verein mit Menschen von
gleichem Einfluß, einsetzt, um das Verständnis, die Einsicht und
die Entschlossenheit zu schaffen, die wir brauchen. Rede- und
Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht - unter den heutigen

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heutigen Umständen ist die konstruktive Ausübung dieses Rechts
sogar eine ernste Pflicht. Haben wir, haben Sie als Verleger den
Mut, dieses Recht voll auszuüben und diese Pflicht zu erfüllen?
Neben Vaterlandsliebe sind es Verständnis, Einsicht, Entschlußkraft, die wir benötigen. Ohne sie können wir nicht die
Überlegenen sein. Mit Ihnen können wir nicht untergehen.

* * * # *

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�A M E R I K A

DR. JAMES B. CONANT ZUR LAGE IN DEUTSCHLAND
NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische Hochkommissar für Deutschland, Botschafter Dr. James B.
Conant, berichtete der amerikanischen Öffentlichkeit
am 28. April 1954 eingehend über die gegenwärtige Situation in Westdeutschland. Die Rede des Hochkommissars
vor der New Yorker Anwaltskammer hat folgenden Wortlaut:

"Ich schlage vor, daß ich zu Ihnen heute als Berichterstatter spreche, wenn auch vielleicht einige von Ihnen es vorziehen würden, daß ich die Rolle eines Propheten übernehme.
Denn ich habe in privaten Unterhaltungen während der vergangenen Tage festgestellt, daß viele Menschen mehr an dem interessiert sind, was in Europa während der kommenden Monate geschehen wird als an einer Analyse der gegenwärtigen Situation.
Dies trifft in besonderem Maße für die Pläne über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu, deren Schicksal von der
Abstimmung in der französischen Nationalversammlung abhängen
wird, wenn diese die Debatte über die Ratifizierung des EVGAbkommens im kommenden Monat abhält. Ich habe wiederholt gesagt, daß es meiner Meinung nach keine praktische Alternative
für die EVG gibt, und die Ansicht vertreten, daß der EVG-Vertrag von allen sechs Ländern ratifiziert werden würde. Ich
wiederhole diese Erklärung erneut; aber darüber hinaus werde
ich der Versuchung widerstehen, mich in Prophezeiungen einzulassen. Vor Jahren, als ich ein Chemieprofessor war, habe
ich in dieser Hinsicht eine Lehre erhalten. Wie viele andere
Professoren, benutzte ich als Lehrmittel Tischexperimente,
bei denen es häufig zu Explosionen kam, um meine Hörer wach
zu halten. Diese Experimente verliefen jedoch nicht immer erfolgreichj die vorhergesagten Explosionen fanden manchmal
nicht statt. Nach einem derartigen Fiasko trat ein älterer
Herr, der sich unter den Zuhörern befand, nach der Vorlesung
auf mich zu und gab mir folgenden Ratschlag: Junger Mann, es
ist immer besser, als Historiker zu sprechen, wenn ein Ereignis
eingetreten ist, denn als Prophet noch bevor das betreffende
Ereignis stattgefunden hat. Diesem vernünftigen Hinweis folgend, schlage ich vor, meine Bemerkungen über Deutschland
heute abend in einen historischen Rahmen zu kleiden.
T .
Ich
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Ich kann dies umso leichter tun, da ich zufällig als junger Chemiker sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg acht Monate
lang in Deutschland weilte. Als amerikanischer Hochkommissar
für Deutschland habe ich wiederum sieben Jahre nach dem Ende
eines anderen Weltkrieges dieses Land betreten. Daher haben
sich mir auch in den vergangenen zwölf Monaten ständig Vergleiche
aufgedrängt zwischen dem, was ich 1925 in Deutschland sah und
hörte, und dem, was ich während des verflossenen Jahres gesehen und gehört habe. Als junger Chemieprofessor bin ich
1925 viel umhergereist und habe die verschiedenen Universitäten
besucht, aber meine Unterhaltungen mit den Leuten, mit denen
ich zusammenkam, beschränkten sich keineswegs nur auf rein fachliche Themen. Denn in jenen Tagen gingen in der Weimarer Republik
die Wögen politischer Erregung ziemlich hoch. Der erste Präsident, Friedrich Ebert, war kurz zuvor verstorben, und der Wahlkampf, in dem sein Nachfolger gewählt werden sollte, war in vollem Gange. Ich erörterte mit meinen Bekannten recht offen das
vergangene, das gegenwärtige und das künftige Deutschland und
Europa. Durch diese zwanglosen Unterhaltungen in den gemütlichen Räumen einer Weinstube oder Bierhalle erhielt ich einen
ziemlich zutreffenden Eindruck von dem, was die Menschen in
Deutschland im Jahre 1925 dachten. Ich habe versucht, mir diese
Erfahrung wieder zunutze zu machen, indem ich als amerikanischer
Hochkommissar weite Reisen durch Deutschland unternahm und zahlreiche private Diskussionen mit kleinen Gruppen hatte. Darüber
hinaus gibt es noch andere Wege, um die öffentliche Meinung zu
erforschen, sozusagen auf indirektem Wege, und wir haben hierfür nicht nur in Bonn, sondern, über unsere Konsulate in ganz
Deutschland verteilt, einen ausgezeichneten Stab. Ich glaube
daher, daß die Vergleiche zwischen dem Deutschland von 1925 und
dem Deutschland von 1954, die ich ziehen werde, auf ziemlich
zuverlässigen Informationen beruhen.
Zuerst einmal bin ich geneigt, die Haltung der Bürger in
der deutschen Bundesrepublik gegenüber ihrer Regierung mit der
Einstellung der Bürger in der Weimarer Republik gegenüber den
demokratischen Institutionen jener Jahre zu vergleichen. Und
hier ist der Unterschied recht beträchtlich. 1925 war ein großer
Teil der Bevölkerung, mit der ich sprach, entweder desinteressiert
an den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik beruhte, oder
ihnen feindlich gesonnen. Es ging damals nicht darum, einer
Oppositionspartei als Mitglied anzugehören, noch ging es um
parteipolitische Dinge, es war vielmehr eine Frage, ob man den
damals neu geschaffenen republikanischen Institutionen aus tiefster Überzeugung ergeben war. Es schien mir damals, daß die neue
Regierungsform Deutschlands nicht die loyale Unterstützung weiter einflußreicher Kreise der deutschen Bevölkerung gefunden
hatte. Der Grund hierfür war teilweise in dem Versagen der
westlichen Demokratien zu suchen, die es versäumten, jene von
den deutschen konservativen und reaktionären Kräften bekämpften
Elemente zu ermutigen und zu unterstützen. Diese Kreise hatten
die militärische Niederlage im ersten Weltkrieg niemals als
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als endgültig hingenommen und sie hatten sich demzufolge geweigert, mit der imperialistischen Vergangenheit zu brechen. So
fand sich praktisch, von Beginn der Weimarer Republik an, die
deutsche Reichsregierung in einem scharfen Konkurrenzkampf um
die Gunst des Volkes mit einer Opposition verstrickt, die ein
Schattensystem war und alle antidemokratischen Kreise in sich
vereinigte. Deren Ziel war einzig und allein auf eine nationalistische Restauration gerichtet, und in der Wahl der Mittel zur
Erreichung dieses Zieles gab es für sie keine Skrupel. Denjenigen, die die neue Verfassung geschaffen hatten, stand nur selten
die volle politische Kontrolle der Weimarer Republik zu Gebote,
und dies war ein Grund, weshalb sie das Volk nicht demokratisch
erziehen und vor allem die Jugend nicht zur Annahme und Unterstützung dieses Regierungssystems bringen konnten. Ich glaube, daß
ich nicht einfach in der Rückschau etwas in die Geschichte hineinprojiziere, wenn ich folgendes sage: Damals verließ ich Deutschland mit dem Gefühl mangelnden Vertrauens in die Fähigkeiten der
Weimarer Republik, mögliche zukünftige Stürme zu bestehen. Und
nach einer kurzen Bes^chsreise durch Deutschland im Jahre 1930,
als Hitlers Schatten bereits die Ereignisse verdunkelte, kehrte
ich in einem Gefühl der Niedergeschlagenheit und des Pessimismus
über die Zukunft Deutschlands nach Amerika zurück.
Heute ist die Situation ganz anders. Hierbei beziehe ich
mich auf etwas, was bedeutender und auch bezeichnender als das
bloße Faktum des Wahlsiegs von Bundeskanzler Adenauer ist? dieser
Sieg brachte seiner Partei und seiner Regierungskoalition eine
Zweidrittelmehrheit im deutschen Bundestag ein. Das Ergebnis dieser Septemberwahlen vom vorigen Jahr ist bei der Erörterung der
gegenwärtigen europäischen Lage ein Faktor von großer Bedeutung
und stellte eine Anerkennung für die wirksame Führung Bundeskanzler Adenauers und für die von seinem Kabinett in den ersten
vier Jahren des Bestehens der deutschen Bundesrepublik geleistete
Arbeit dar. Aber was hierbei viel bedeutungsvoller ist, das ist
die Treue, die das deutsche Volk ungeachtet seiner parteipolitischen Zugehörigkeit der auf demokratischen Prinzipien aufgebauten Regierungsform der Bundesrepublik entgegengebracht hat.
Ein Zeichen hierfür war die schwere Niederlage der rechtsradikalen Parteien und der kommunistischen Partei, denen es versagt
blieb, auch nur einem einzigen ihrer Kandidaten im Bundestag
Sitz und Stimme zu verschaffen. Das deutsche Volk scheint mit
seiner undemokratischen Vergangenheit gebrochen zu haben. Konservative und liberale Kreise haben gemeinsam eine demokratische
Verfassung geschaffen, und alle Parteien unterstützen loyal das
neue politische System. Die Opposition, welche heute besteht,
richtet sich nicht gegen die Prinzipien und die Form der neuen
Republik, sondern nur gegen bestimmte Aspekte der Regierungsgewalt,
Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen 1925 und 1954
liegt in der Haltung der Deutschen gegenüber der jüngsten Vergangenheit und in den Hoffnungen, die sie für die Zukunft hegen.
Sieben Jahre nach der Beendigung des ersten Weltkrieges konnte
man kaum irgendein politisches Problem in Deutschland diskutieren,
ohne dabei in eine endlose Debatte über die Ursachen des Weltkrie-

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Weltkrieges zu geraten, über die Präge, wer ihn wirklich gewonnen oder verloren hätte und über die Rolle, die die Gründer
der Weimarer Republik in den Wirren nach dem Waffenstillstand
vom November 1918 spielten. Die Legende vom Dolchstoß, mit dem
die Liberalen und die Sozialisten der Front in den Rücken gefallen
sein sollten, wurde einem immer wieder aufgetischt. In der Tat,
diese tiefe Anteilnahme an der jüngsten Vergangenheit führte
viele Deutsche dazu, der Weimarer Republik zu mißtrauen und die
demokratischen und sozialistischen Parteien zu hassen.
Heute hört man sehr selten irgendwelche Diskussionen über
die Ereignisse der Jahre von 1933 und 1945. Ich will nicht behaupten, daß es in Deutschland nicht hier und da noch Gruppen
von ehemaligen Nazis gibt, die mitTIfehmut und möglicherweise mit
Befriedigung an die Tage zurückdenken, als sie die Macht in
Händen hatten. Aber der Ausgang der letzten Wahl hat gezeigt, daß
die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes heute die Extremisten von rechts und lijiks ablehnt.
Tatsächlich sind die Führer der großen Parteien, der Koalition wie der sozialdemokratischen Opposition, Männer, die in
ihren öffentlichen Reden keine Sekunde zögern, das Nazi-Regime
und die Innen- und Außenpolitik Hitlers auf das Schärfste zu
verurteilen.
Im großen und ganzen aber sind die Blicke der Deutschen heute
nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft gerichtet}
und dieser Zukunft gegenüber haben sie eine ganz andere Haltung
als gegenüber allem bisher Erlebten. Wenn man einen fortschrittlich eingestellten Menschen als einen definiert, der eine neue
und bessere Zukunft erhofft, und einen Reaktionär als einen, der
der Vergangenheit sehnsüchtig nachtrauert, dann ist meiner Ansicht
nach die Behauptung fair, wenn man sagt, daß die vorherrschende
Einstellung in der deutschen Bundesrepublik heute fortschrittlich
ist. Sicherlich gibt es einige wenige Reaktionäre, die die Uhr
der Geschichte am liebsten zurückstellen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 nach Deutschland kam, war ich zuerst
erstaunt, festzustellen, wie eingehend die Pläne für eine europäische Integration hier diskutiert wurden und wie groß das Vertrauen und die Zuversicht der deutschen Politiker auf die Entwicklung eines neuen Europa war. Wohlgemerkt, die Sprecher der
oppositionellen sozialdemokratischen Partei lehnen die Bildung
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ab, aber da sie
demokratisch sind und sich dem Westen zugehörig fühlen, haben sie
sogar eigene Pläne für eine enge militärische und wirtschaftliche
Zusammenarbeit zwischen einer starken Gruppe der westeuropäischen
Nationen ausgearbeitet.
Im vergangenen Sommer führte die Stadt Passau eine festliche
Veranstaltung durch, in deren Mittelpunkt das Thema der Entwicklung einer europäischen Staatengemeinschaft stand. Jeder, der 1925
für die Tagesordnung einer Versammlung die Erörterung der europäischen Integration vorgeschlagen hätte, wäre zweifellos als
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als ein visionärer Fanatiker angesehen worden. Es mag sein, daß
die deutsche Begeisterung für das Ideal eines geeinten Europa
heute etwas geringer ist als vor 18 Monaten. Die Schwerfälligkeit, mit der die Ratifizierung des EVG-Vertrages vorangegangen
ist, hat den Enthusiasmus mancher, die Europaidee am leidenschaftlichsten vertretenden, deutschen Politiker etwas abgekühlt. Es
stimmt auch und ist angesichts des völlig Heuen an diesem Plan
nicht überraschend, daß sich nun Schwierigkeiten bei der Montanunion abzuzeichnen beginnen, Schwierigkeiten, die in der Öffentlichkeit viel Beachtung finden. Aber trotz dieser beiden negativen Faktoren hat es doch den Anschein, daß das Ideal einer
neuen europäischen Zukunft noch immer bei einer überraschend
großen Zahl von Menschen in der deutschen Bundesrepublik sehr
lebendig ist. Berichte, die mir von verschiedenen Seiten zugänglich gemacht worden sind, zeigen, daß die Jugend in Deutschland zumindest im gegenwärtigen Augenblick über das Fortschreiten
der Pläne für eine enge militärische, wirtschaftliche und politische Integration der sechs Nationen begeistert ist. Diese
sechs Nationen unterzeichneten den EVG-Vertrag und gehören jetzt
der Gemeinschaft für Kohle und Stahl an, einer Gemeinschaft,
welche, wie ich hoffe, die deutsdhen und westeuropäischen Interessen fest miteinander verbinden und sich als eine Spritze zur
rechten Zeit für ein Unternehmen erweisen wird, das noch immer
als der wichtigste Schritt auf dem Gebiet der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit Europas gilt. Das Jahr 1954 scheint eines jener
Jahre in der europäischen Geschichte zu sein, wo sich eine
Strömung abzeichnet, die wir Amerikaner nur als die richtige
bezeichnen können. Ob diese Strömung nun auch ausgenutzt wird,
solange sie im Fluß ist, muß zugestandenermaßen abgewartet werden.
Jeder von Ihnen hat.wahrscheinlich seine eigene Ansicht
über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre und ist auch bereit,
seine persönlichen Thesen hinsichtlich der Ursachen des ersten
Weltkrieges, des Scheiterns des Versailler Vertrages, des Auftauchens von Hitler und der daraus resultierenden Katastrophe
des zweiten Weltkriegs zu verteidigen. Meine eigene Auffassung
ist die, daß das Gebäude der Weimarer Republik auf Sand errichtet worden war. Die furchtbaren und schweren Ausschreitungen
in den Jahren nach 1919, die durch politische Morde, Straßenkämpfe und Putsche charakterisiert waren, spielten eine große
Rolle und bedingten die Stärkung der politischen Reaktion in
Deutschland. Viele richteten ihre Blicke auf die nationalistischen und militärischen Ideale der Epoche von 1870 bis 1914.
Als daher die Kräfte, diexinfolge der großen sozialen Katastrophe der Inflation und Arbeitslosigkeit sowie des Versagens
der Siegermächte des ersten Weltkrieges, eine kluge und weise
Politik zu befolgen, entstanden waren, eine Reihe revolutionärer
politischer Ereignisse auslösten, bekamen nationalistische und
militaristische Ideale - kurz gesagt die Reaktion - die Oberhand,
verkörpert in der Person Adolf Hitlers.
T h

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ch rufe diese Zeit nur deshalb in Ihre Erinnerung zurück,
um den Gegensatz aufzuzeigen. Wenn ich richtig orientiert bin, so
ist die Zahl der Deutschen sehr klein, die heute eine Zukunft ihres Landes im Sinne der vergangenen imperialistischen Herrlichkeit erwarten. Ich will heute abend hier nicht als Prophet sprechen. Wenn daher einige von Ihnen zu sagen geneigt sein mögen: ah,
aber die Stimmung der Deutschen kann umschlagen, so kann ich nur
wiederholen, daß der Unterschied in der Einstellung zwischen
1954 und 1925 nicht nur ein gradueller, sondern ein grundsätzlicher ist. Außerdem können wir Sterblichen die Zukunft nur in
den Ausdrucksformen der gegenwärtigen und vergangenen Pakten
voraussagen.
Selbstverständlich reflektiert sich in dem fundamentalen
Unterschied, der in Deutschland und der freien Welt zwischen der
gegenwärtigen harten Zeit und den verhältnismäßig ruhigen Zeiten
der zwanziger Jahre besteht, die Grundtatsache, daß wir in einer
geteilten Welt im Atomzeitalter leben. Den Menschen in Deutschland
ist die Existenz einer geteilten Welt seit 1945 stets gegenwärtig.
Seit der Berliner Blockade konnte kein Deutscher mehr die Tatsache
anzweifeln, daß der Eiserne Vorhang nach Westen an die Elbe vorverlegt worden ist. Diese Tatsache sowie die furchtbare Zerstörung
der meisten deutschen Städte und der völlige Zusammenbruch aller
deutschen Regierungsinstitutionen 1945 am Waffenstillstandstag bedeutete, daß die Deutschen seit Ende des zweiten Weltkrieges buchstäblich um ihre nackte Existenz kämpfen mußten. Die hier täglich
neu gestellte Aufgabe, sich am Leben zu erhalten, zu versuchen,
aus den Trümmern ihres Staates wieder irgendwie geordnete Verhältnisse zu schaffen, hat bis in die jüngste Zeit alle ihre Kräfte
beansprucht. Daher ist auch der große Unterschied in der Einstellung des Deutschlands von heute zu dem vor 30 Jahren eine, wie man
vielleicht sagen könnte, Polge der totalen Niederlage Deutschlands
im zweiten Weltkrieg und des Beschlusses der westlichen Alliierten,
die Sowjetisierung ganz Deutschlands durch die Russen im Verlauf
der Besetzung zu verhindern. Selbstverständlich haben die militärischen Ereignisse der Jahre 1944 und 1945 und das diplomatische
Ringen zwischen Ost und West, das von den Besatzungsmächten in
der Zeit von 1945 bis 1949 geführt wurde, das Bild des gegenwärtigen Deutschlands geprägt und werden es auch noch für die nächsten Jahre tun.
Wenn wir von Deutschland sprechen, so ist es gut, sich die
Tatsache vor Augen zu halten, daß es gegenwärtig drei Deutschlands
gibt: die Bundesrepublik Deutschland, die den Teil des ehemaligen
deutschen Reiches umfaßt, der auf die britische, die französische
und die amerikanische Besatzungszone entfällt und der rund 50
Millionen Einwohner zähltj die sowjetische Zone mit ihren 18
Millionen Deutschen im Osten, und die Stadt Berlin, deren westliche
Sektoren eine Insel der Freiheit tief im Herzen des sowjetisch besetzten Gebiets sind. Wenn ich von der Einstellung der Deutschen
spreche, so habe ich damit die Einstellung der Bürger der Bundesrepublik und Westberlins gemeint. Wie die Menschen in der sowjetischen Zone über die Vergangenheit und die Zukunft denken, läßt

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läßt sich aus dem herauslesen, was die Tausende von Flüchtlingen
berichten. Aher das tragische Schicksal dieser 18 Millionen
Deutschen ist eine der brutalen Tatsachen der Gesdhichte, die
den glücklichen Deutschen vor Augen steht, die in den westlichen
Zonen wohnen. Die dramatischen Ereignisse des 17. Juni vergangenen
Jahres zeigten die ganze Schwere der Situation, in der sich die
Ostzonenbevölkerung befindet. Sie zeigten ferner ihren Mut und
ihren Wunsch nach Freiheit.
In den knapp neun Jahren, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges verstrichen sind, ist es den fünfzig Millionen in der
deutschen Bundesrepublik gelungen, eine freie demokratische Regierungsform zu schaffen, die, wie ich hoffe und glaube, bald im
wesentlichen souverän sein wird. Dank der weisen Politik der Engländer, Franzosen und Amerikaner beginnt sich das kulturelle
leben Westdeutschlands in einer Atmosphäre der Freiheit und Demokratie erneut zu entfalten. Der Wiederaufbau in Westdeutschland
ist eine so eindrucksvolle und wohlbekannte Tatsache, daß sich
hier vor der Versammlung jedes weitere Wort erübrigt. Hauptsächlich dank der amerikanischen Hilfe, zuerst durch Sonderzuweisungen
und dann durch den Marshallplan, aber auch dank der energischen
und guten Verwendung dieser Bewilligungen durch die Deutschen
selber, hat sich die deutsche Industrie wieder erholt und die
Städte werden schnell wieder aufgebaut.
Jeder, der heute durch Westdeutschland reist, wird alle Anzeichen einer wohlhabenden, stabilen und industrialisierten Gesellschaft antreffen, und wenn unsere Wirtschaftsexperten die
Lage nicht völlig falsch beurteilen, dann sind die Aussichten für
eine Fortdauer dieser zufriedenstellenden Entwicklung von Industrie
und Handel in Westdeutschland in der Tat sehr gut. Die Währung
ist stabil und die Beziehungen zwischen den Banken und der Regierung sind so, daß eine stabile Finanzpolitik gewährleistet ist.
Die Einstellung der wirtschaftlichen Berater von Bundeskanzler
Adenauer deckt sich weitgehend mit den amerikanischen Konzeptionen
von Initiative und freiem Unternehmertum. Es sind noch mehr Anzeichen einer wachsenden Stabilität und weiteren Gesundung der
wirtschaftlichen und finanziellen Situation in Deutschland anzutreffen, die für die Amerikaner von besonderem Interesse sind.
Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten eine Möglichkeit
gesehen, die Einfuhrbeschränkungen für fast 3 000 verschiedene
Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten aufzuheben. Ein großer Teil dieser Waren spielt für die amerikanische Landwirtschaft
eine bedeutende Rolle. Die deutsche Bundesregierung hat weiterhin die Restriktionen für die Transferierung von Gewinnen aus
Investitionen in Deutschland wesentlich verringert, die von in
Deutschland wohnenden Amerikanern vorgenommen wurden, und sie hat
die Beschränkungen für den Transfer der sogenannten 'SperrmarkKonten' reduziert.
Nun

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Nun vergleichen Sie einmal all dies mit dem, was in solchen
Städten wie Leipzig, Dresden und dem Sowjetsektor von Berlin geschieht. Dort wurde durch einen Befehl der Sowjets 1949 eine
Marionettenregierung gebildet, der man später durch die Abhaltung von Scheinwahlen im Jahre 1950, bei denen die Kommunisten
begünstigt wurden, das Aussehen einer Verfassungsmäßigen Regierung gegeben hat. Wenn auch der eiserne Griff dieses Regimes
nicht zu allen gleich hart war, so sind doch die Charakteristika
eines totalitären Staates seit dem Tage der deutschen Kapitulation 1945 vorhanden. Ja, Sie dürfen hier nicht vergessen - und
das ist wichtig - daß eine große Anzahl der Deutschen in der
Ostzone sich überhaupt nicht an eine Zeit erinnern kann, wo sie
nicht unter einem totalitären System gelebt hat, sei dieses
nun unter den Nazis oder der Tyrannei der sowjetischen Besatzungsmacht gewesen. Die wirtschaftliche Situation ergibt sich aus den
Versuchen der Sowjets, ihr System weiter nach Westen bis zur
Elbe auszudehnen. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind kollektiviert, Kaufhäuser und Industrien^ weitgehend verstaatlicht
worden. Diejenigen, die die Städte in der Sowjetzone besucht
haben, berichten mir, der Gegensatz zwischen Ost und West sei
so offensichtlich wie erschreckend.
Selbstverständlich besteht, wie ich selbst so 'oft in Berlin
gesehen habe, ein großer Unterschied zwischen Westberlin - das
ist unsere Seite der Trennungslinie mit ihren an Vorräten reichen
Geschäften, gut gekleideten Einwohnern, Kraftfahrzeugen, neuen
oder wiederaufgebauten Büchereien, Kirchen und Theatern und
ihrer allgemeinen Atmosphäre der Freiheit - und Ostberlin, der
sowjetischen Seite. Betritt man den sowjetischen Sektor, so
umfängt einem eine triste, bedrückende Atmosphäre. Trotz der
vielgepriesenen Stalinallee, einem nach Moskauer Vorbild für die
Arbeiter errichteten Wohnbauprojekt, ist in Wirklichkeit nicht
sehr viel Wiederaufgebaut worden. Und in besonderem Maße steht
man unter dem Eindruck einer strengen Polizeiherrschaft und harten Lebensbedingungen.
Die Herrschaft in Ostberlin und der Ostzone ist in Wirklichkeit die Herrschaft Moskaus. Nach außen hin mag es einem naiven
Beobachter erscheinen, als sei das deutsche kommunistische Regime
Herr in seinem eigenen Hause. Diese Passade ist erst kürzlich durch
die Proklamation der Souveränität der Marionettenregierung neu
geschmückt worden. Dieses Manöver der Sowjets hat niemanden getäuscht und die freien Nationen der Welt werden dem Regime keinen legitimen Status zuerkennen.
Daß zwei Millionen Menschen in den letzten acht Jahren aus
der sowjetischen Zone nach der Bundesrepublik geflohen sind, wird
daher niemanden überraschen. Dieser Strom dauert gegenwärtig mit
durchschnittlich 80 000 Flüchtlingen pro Jahr an. Im vergangenen
Jahr haben die Sowjets einen verhältnismäßig unbehinderten Reiseverkehr zwischen ihrer Zone- und dem übrigen Deutschland zugelassen - ich betone das Wort verhältnismäßig, denn es gibt nur

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nur wenige Übergangsstellen, und der Verkehr wird scharf kontrolliert. Die Grenze zwischen der sowjetischen Zone und der
Bundesrepublik ist allgemein durch einen Stacheldrahtzaun, einen
umgepflügten Streifen Land und bewaffnete Wachposten gekennzeichnet. Daß der Reiseverkehr verhältnismäßig unbehindert ist,
bedeutet aber, daß im Augenblick genau so viele Flüchtlinge
über die Zonengrenze wie über Berlin kommen. Dieser ständige
Zustrom von mehreren hunderttausend Menschen pro Jahr zusätzlich zu den 10 Millionen Flüchtlingen, die bereits in der Bundesrepublik leben, stellt diese vor ein ernstes Problem.
In den letzten Monaten haben die Sowjets, wie Sie wohl
alle wissen, alles in ihren Kräften Stehende versucht, um das
Prestige ihrer Satellitenregierung, der sogenannten Deutschen
Demokratischen Republik oder, wie sie in Deutschland allgemein
bezeichnet wird, des Pankow-Regimes, zu stärken. Außenminister
Molotow hat auf der Berliner Konferenz gefordert, daß die Vertreter dieser Regierung an der Konferenz teilnehmen. Als er von
Außenminister Dulles über die Legitimität dieser Regierung befragt und ihm der in seiner Zone bei der Wahl der gesetzgebenden Versammlung angewendete Wahlterror vorgehalten wurde, verteidigte Molotow, ohne mit der Wimper zu zucken, die sowjetische
Konzeption von freien Wahlen. Sowohl in seinen Ausführungen wie
auch in den hierauf von der Ostberliner Presse veröffentlichten
Artikeln wird das Wahlsystem mit sowjetisch kontrollierten
Einheitslisten als die 'einzige freie und demokratische' Methode
zur Wahl von Volksvertretern bezeichnet. Die Ergebnisse derartiger Wahlen - unserer Ansicht nach eine Farce - wurden zu dem
in Gegensatz gestellt, was geschieht, wenn, wie die Sowjets
es nennen, Militaristen und Kapitalisten miteinander in Wettbewerb treten, wie das bei de~h Septemberwahlen der Fall gewesen
sei, aus denen Adenauer erneut als Kanzler der Bundesrepublik
hervorging.
Mehr als ein Beobachter der Berliner Konferenz hat aus
Herrn Molotows erstaunlich freimütiger Haltung den Schluß gezogen, daß ihm überhaupt nichts daran lag, irgendwelche Vorschläge zu erörtern, die die Abhaltung freier Wahlen in ganz
Deutschland betreffen - erstens deshalb, weil er nicht auf die
sowjetische Kontrolle der Sowjetzone verzichten wollte und zweitens weil er letztlich die Beherrschung ganz Deutschlands im
Auge hatte. Ich werde noch lange seine zynische Verachtung für
demokratische Methoden im Gedächtnis bewahren, als er an uns
die Mahnung richtete: 'Wir dürfen uns nicht von parlamentarischen
Formalitäten und den rein organisatorischen und technischen
.Aspekten dieser Sache fortreißen lassen'... Bei 'dieser Sache',
ging es um die von den USA, Großbritannien und Frankreich vorgeschlagenen und von allen Deutschen herbeigewünschten freien
und demokratischen Wahlen in ganz Deutschland.
Aber

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Aber Herr Molotow war der Auffassung, daß 'wir uns von
parlamentarischen Formalitäten fortreißen ließen'. Manche von
uns hatten den Eindruck, daß er aus verschiedenen Gründen bestrebt war, sein Marionettenregime in der Ostzone zu unterstützen. Einmal um des Prestiges der Deutschen Willen, die ihr
Schicksal mit dem der Sowjets verbunden haben; zweitens weil
er das Prestige der Satellitenregierungen in Polen, der Tschechoslowakei und den benachbarten Ländern stärken mußte und drittens
weil er den Boden für seine für später vorgesehene Ausweitung
seines Wahlsystems auf ganz Deutschland bereiten wollte. Er
schien hierbei eine Zukunft im Auge zu haben, die kommen sollte,
wenn der Keil, den er zwischen die westlichen Alliierten zu
treiben versuchte, endlich eine weiche Stelle gefunden und tiefe
Spalten aufgerissen haben würde.
Daß Herr Molotow und seine Kollegen im Kreml im gegenwärtigen Augenblick solche Träume träumen können, mag phantastisch erscheinen. Ob sie jedoch von uns aus gesehen als unmöglich erscheinen und ob kein Deutscher an sie glaubt, macht den Männern im
Kreml wenig aus.
Herr Molotow mag vielleicht annehmen, daß die amerikanische
Außenpolitik eines Tages weniger stark und bestimmt sein wird,
daß unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen muß, daß die amerikanische Strategie Europa nicht mehr weiterhin als eine Bastion in
ihrem Verteidigungssystem betrachten wird, daß die Franzosen und
Deutschen ihre alte Feindschaft wieder aufleben lassen und bereit
sind, einander in den Rücken zu fallen und daß die gesamte freie
Welt in eine große Depression mit einer sich daraus ergebenden
weitgehenden Arbeitslosigkeit in Westdeutschland hineinsteuert.
Unter solchen Bedingungen wären die Herren der Sowjetunion dann
in der Tat in einer Position, von der aus sie das deutsche Problem
in einem durchaus anderen Ton erörtern könnten als dem, den wir
im vergangenen Januar in Berlin zu hören bekamen.
Lassen Sie mich nochmals daran erinnern, daß ich versprochen
habe, heute nacht hier nicht den Propheten zu spielen. Meine letzten
Sätze bezogen sich lediglich auf eine Zukunftsvision, die in
den Augen der Herrscher im Kreml sehr wohl einen prophetischen
Charakter haben mag. Wenn ich in dieser Annahme richtig gehe,
dann besteht für uns in der freien Welt die Aufgabe darin, alles
in unserer Kraft Stehende zu tun, um zu verhindern, daß die Zukunft in irgendeiner Weise dem gleicht, was Herr Molotow und
seine Mitarbeiter vielleicht so hoffnungsvoll im Sinn haben,
und in dieser Hinsicht gehen die Vereinigten Staaten und die
Deutsche Bundesrepublik völlig konform. Denn - wie ich bereits
berichtete - die führenden Persönlichkeiten in Deutschland scheinen mit allen Kräften auf irgendeine Form der europäischen Integration hinzuarbeiten; und in der Jugend Deutschlands ist die
Idee einer neuen Form europäischer Gemeinschaft stark verwurzelt.
Man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, daß die Zukunft eines freien Europa von den künftigen Beziehungen zwischen
Deutschland und Frankreich abhängt; trotz der vielen entmutigenden Vorfälle in den letzten Jahren sind nach meiner Überzeugung
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Überzeugung die günstigen Anzeichen für einen stetigen Portschritt in der europäischen Zusammenarbeit noch immer in der
Überzahl.
Die Politik Bundeskanzler Adenauers ist eine Politik der
Einbeziehung Westdeutschlands in Westeuropa. Er betrachtet
eine solche Integration als notwendigen Schritt auf dem Wege
zur Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit.
Im Gegensatz zu den Behauptungen einiger seiner politischen
Gegner ist er der Meinung, daß die Wiedervereinigung mit der
europäischen Integration nicht im Widerspruch steht. Er und
seine Anhänger glauben vielmehr, daß die Sowjets in Berlin
deutlich erkennen ließen, ihre Bemühungen um eine weitere Vorverlegung des Eisernen Vorhanges nach Westen nicht aufgeben zu
wollen und auch einen Verzicht auf die von iinen in Deutschland
besetzte Zone nicht in Erwägung zu ziehen, solange sich der
Westen nicht als stark und einig erweist. Denkt man diesen Gedanken weiter, so kann man dem Tag entgegensehen, an dem ein
wiedervereinigtes Deutschland zu einer der standhaften Nationen
in einem neuen freien Europa wird, einem freien Europa, das der
totalitären Gefahr aus dem Osten furchtlos entgegensehen kann.
Die Vorstellung von der Zukunft, wie sie den führenden
Männern der Bundesrepublik heute vorschwebt, mag von manchen
von Ihnen als eine Illusion betrachtet werden. Ich weiß, daß
die Furcht vor einem neubelebten Deutschland existiert. Viele
Menschen in den USA machen sich ihre Gedanken darüber, was das
neue Deutschland tun wird. Sie haben von der geschlossenen Energie Westdeutschlands im Jahre 1954 etwas gesehen, gelesen oder
gehört. Sie fragen sich nur, wird diese neue machtvolle Nation
einen stabilisierenden Einfluß ausüben oder wird sie, wie schon
zweimal in der Zeit, an die sich die meisten von uns erinnern
können, uns in einen Weltbrand hineinziehen?
Ich habe gesagt, daß ich kein Prophet sein will, aber ich
stehe nicht davon ab, meine bisherige Diagnose zusammenzufassen:
Das heutige Deutschland ist ein anderes als das in den zwanziger
Jahren, den dreißiger Jahren oder das vor dem ersten Weltkrieg.
Es besitzt eine Reihe starker politischer Persönlichkeiten in
verschiedenen Parteien, die eine enge Zusammenarbeit mit dem
Westen anstreben,und Menschen, die fest an ein friedliches und
demokratisdhes Deutschland glauben. Diese Menschen brauchen die
Hilfe und das Verständnis der friedliebenden Menschen in den USA
und den europäischen Staaten. Die Fehler der Sieger in den zwanziger Jahren dürfen nicht wiederholt werden. Die kürzliche Garantieerklärung Großbritanniens und; der Vereinigten Staaten - selbstverständlich von der Verwirklichung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängend - zeigen eindeutig, daß das neue
Deutschland ein fest integriertes Mitglied der freien Welt sein
wird. Ich weiß für diejenigen, die Fragen über die ;Zukunft
Deutschlands stellen, wenn seine Souveränität wieder hergestellt
ist, keine bessere Antwort".
#•.*•#

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig 4bkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
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Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen Land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden} und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Charta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der Lage
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
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und Flugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache einer Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
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nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

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Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
Lenin als die »Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung1 dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden* und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und; gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
_.

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNCURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. Lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter Logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

* * * * *

- 9-

�DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig Abkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
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28. April 1954

Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden; und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Cbarta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der läge
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
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�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

und Plugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache äner Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante? militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
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�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
lenin als die 'Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung» dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden' und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
- 5 -

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag .
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

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�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und. gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das Land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht .nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
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28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNGURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

* #

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�A M E R I K A

E N S T

ARBEITER IN KETTEN IM ARBEITERPARADIES
Trotz kommunistischer Auskunftsverweigerung wird die Arbeit
ctes UN-Untersuchungsausschusses für Zwangsarbeit fortgesetzt

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Sechs Nationen - die
Vereinigten Staaten, Großbritann ien, Frankreich, Norwegen,
die Türkei und Ekuador - beantra gten bei der UN, daß die
Internationale Arbeitsorganisati on (ILO) in ihren Bemühungen um die Abschaffung aller Sys teme der Zwangsarbeit in
der gesamten Welt nicht nachlass en solle.
In einer gemeinsamen Resoluti on, die dem Wirtschaftsund Sozialrat vorgelegt wurde, v erurteilten sie die Systeme der Zwangsarbeit als Mitte 1 zur Ausübung eines politischen Drucks und wirtschaftl icher Ausbeutung.
Die Resolution selbst basierte auf dem Bericht des im
Juni 1951 vom Generalsekretariat der UN und der Internationalen Arbeitsorganisation ins leben gerufenen Sonder(ad hoc)-Ausschusses zur Untersuchung der Zwangsarbeit.
Nach einer erschöpfenden und unparteiischen Untersuchung
der Beschwerden, die gegen insgesamt 24 Regierungen vorgebracht worden waren, gab der Ausschuß im vergangenen Juni
einen langen Bericht heraus. Dieser Bericht kam zu dem
Ergebnis, daß das System der Zwangsarbeit hinter dem
Eisernen Vorhang sowohl für politische als auch für wirtschaftliche Zwecke weitgehende Verwendung findet. Der
Ausschuß stellte fest, daß in der Sowjetunion das System
der Zwangsarbeit sowohl als Mittel zur zwangsweisen Herstellung einer politischen Einheitlichkeit wie auch zur
wirtschaftlichen Ausbeutung existiere. Aus den vor dem
Ausschuß abgegebenen Erklärungen ging hervor, daß das sowjetische System der Zwangsarbeit von größter Bedeutung
für die nationale Wirtschaft sei, da es billige Arbeitskräfte für die Arbeit in unterentwickelten und ungesunden
Gebieten zur Verfügung stelle. Es wurde festgestellt, daß
die Zahl derjenigen, die zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verurteilt sind, in die Millionen gehe.
Die drei Mitglieder des Sonderausschusses stellten weiter fest, daß von den anderen Gebieten hinter dem Eisernen
Vorhang auch das tschechoslowakische Regime ein System der
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�5. Mai

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1954

der Zwangsarbeit besitze, das sie für politische und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen verwende. In Bulgarien, so erklärte der Ausschuß weiter, biete die bestehende Gesetzgebung die geeignete Grundlage für die Anwendung der Zwangsarbeit als Mittel zur politischen "Korrektion" und Erfüllung der wirtschaftlichen Pläne des Landes. Darüber hinaus
besitzen nach Peststellung des Ausschusses Rumänien, Polen
und Ungarn Gesetze und Bestimmungen, die die Grundlage zur
Anwendung des Zwangsarbeits-Systems sowohl auf politischem
als auch auf wirtschaftlichem Gebiet bilden.
In seinem Bericht erklärte der Ausschuß, daß er nicht
imstande sei, Größe, Lage und Zahl der Lager anzugeben,
in denen hinter dem Eisernen Vorhang Zwangsarbeit ausgeführt werde.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Berichtes
im vergangenen Jahr hatte der amerikanische Chefdelegierte
bei den UN, Henry Cabot Lodge erklärt: Er "legt die Ketten
des Kommunismus selbst bloss, so daß alle sie sehen können".
Lodge verurteilte "diejenigen, die vorgeben, die Rechte
der Arbeiter zu verteidigen", in Wirklichkeit jedoch gerade diese Rechte verletzen "durch Methoden, die zu Verfolgung und Terror führen."
Der Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) beschäftigt sich
nunmehr als erste Körperschaft der UN mit einer eingehenden
Diskussion aller Einzelheiten des Berichtes. Die letzte
Generalversammlung verlangte, daß der Bericht in der laufenden Sitzungsperiode der ECOSOC bevorzugt behandelt werde. Sie wies auf die Wichtigkeit der Abschaffung aller
Arten von Zwangs- und "Korrektur"-Arbeit hin und bat abermals alle Regierungen, die es bis dahin noch nicht getan
hatten, die notwendigen Informationen dem ad hoc-Ausschuß
zuzuleiten. Die einzigen Antworten, die von den Regierungen
des Sowjetblocks kamen, waren Ablehnungen, die damit begründet wurden, daß der Ausschuß ungesetzlich sei.
# * *

Anschließend geben wir die wesentlichsten Teile der
Ansprache wieder, die der amerikanische Vertreter Preston
Hotchkiss vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der UN am
23. April 1954 hielt»
"Herr Präsident,
... Zwangsarbeit ist ein Anachronismus, aber sie existiert
trotzdem immer noch im 20. Jahrhundert. In ihrer ausgeprägtesten
Form bedeutet sie ein Leben, das schlimmer ist als der Tod und
zu dem diejenigen verurteilt sind, die es wagen, an einer totalitaristischen Regierung zu zweifeln; sie ist ein Rückfall in
die Sklaverei der dunklen Vorzeit, die von der kommunistischen
Diktatur zur Massenliquidation der Opposition angewandt wird.-

�"AMERIKA DIENST"

5- Mai 1954

Im Dezember 1953 verurteilte die Generalversammlung, empört
über das in dem Bericht des ad hoc-Ausschusses zur Untersuchung
der Zwangsarbeit zusammengefaßte Tatsachenmaterial, in strenger
Form die Zwangsarbeit als eine direkte Verletzung der feierlichen Verpflichtungen der Charta der Vereinten Nationen. Dieses Vorgehen der Generalversammlung geschah nahezu einstimmig,
denn nur fünf Stimmen wurden dagegen abgegeben - von denen, die
das von Lenin verheißene sogenannte "Arbeiterparadies" repräsentierten.
Dieser Bericht wird fast ausnahmslos als ein Markstein in
der Geschichte des Kampfes der Menschheit gegen Freiheit von
Unterdrückung angesehen.
Außerhalb der sowjetischen Welt wurden die erhobenen'Anklagen sorgfältig überprüft. Die Regierungen haben bei der Zusammenstellung aller Daten und Fakten tatkräftig mitgewirkt. Es
gab gewisse Anzeichen, daß die Regierungen im Verlaufe der Untersuchungen des Ausschusses ihre eigenen Praktiken einer Revision unterzogen haben. Das Tatsachenmaterial, das dem Ausschuß
bei seinen Untersuchungen als Unterlage diente, war für die
involvierten Regierungen von größter Bedeutung. Es appellierte
an ihr Gewissen und an ihre moralischen Verpflichtungen gegenüber
ihrem eigenen Volk und den Völkern der Welt.
Es ist von größter Bedeutung - dabei allerdings leicht verständlich - daß die schwärzesten Feststellungen des Ausschusses
gerade diejenigen Länder betrafen, die sich weigerten, mit dem
Aussdnß in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten.
Die höchste Mißachtung und Schmähung der Wertmaßstäbe der
menschlichen Ehre und Freiheit, die die Vereinten Nationen repräsentieren, drückt sich klar in den Antworten der Tschechoslowakei und der Sowjetunion auf die Anfragen des Ausschusses aus.
Darüber hinaus wird diese Mißachtung auch durch deren dauernde
Weigerung offenbar, an den Untersuchungen mitzuarbeiten, selbst
nachdem die Generalversammlung eine solche Mitarbeit in ihrer
Resolution vom 7. Dezember 1953 gefordert hatte. Etwa sechs
Wochen später, am 22. Januar 1954, setzte die Delegation der
UdSSR das Generalsekretariat davon in Kenntnis, daß sie sich
auch weiterhin weigerten, mitzuarbeiten, und charakterisierte
den Bericht wiederum als "verleumderisch" und "provokativ".
Die Delegationen der Polnischen Volksrepublik und der Tschechoslowakei folgten diesem Beispiel am 1. bzw. 10. März.
Diese letzten Antworten müssen als das ausgelegt werden,
was sie wirklich sind - ein unverfrorener Versuch, die Technik
der "großen Lüge" dafür zu verwenden, eine Reihe von nachgewiesenen Tatsachen zu bestreiten, die bereits in der ganzen zivilisierten Welt Anstoß erregt haben.
Die Mitglieder dieses Rates sind vertraut mit den Feststellungen des ad hoc-Ausschusses und dem unparteiischen Ton,
in dem sie gehalten sind. Die Zurückhaltung, die Untertreibungen
und die vorsichtige Art, mit der die drei bedeutendsten Mitglieder
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5- Mai 1954

Mitglieder sich allmählich ihre Schlüsse bildeten, bezeugt sowohl
ihre eigene Kompetenz als auch die Solidität ihrer Feststellungen.
Diese drei Mitglieder hielten sich an den Grundsatz der
Rechtsprechung^, daß ein Angeklagter als unschuldig gilt, bis
seine Schuld erwiesen ist, selbst im Falle von Aussagen gegen
Länder, die ihren eigenen Bürgern dieses Recht nicht gewähren.
Sie waren dabei häufig behindert durch die Weigerung der länder
jenseits de*s Eisernen Vorhangs, (an der Klärung der Dinge) mitzuarbeiten. Die einzigen Kommentare dazu aus der Sowjet-Welt
erhielt das Komitee durch die Debatten während der Ratsversammlung.
Jedoch, obwohl es diese mit in Rechnung zog, sah sich das Komitee
zu dem Schluß gezwungen, daß der Zwangsarbeit in ihrer verwerflichsten Form in der Struktur der Sowjet-Union eine bedeutende
Rolle zukommt, und daß ihr die Satellitenstaaten in papageienhafter Nachahmung einen gleichwertigen Platz zugewiesen haben.
Das Komitee stellte fest, daß die Zwangsarbeit als politische
Waffe dazu gebraucht wird, alle Freiheit zu unterdrücken. Das
bedeutet, daß die Mehrzahl der Zwangsarbeiter nach den Rechtsnormen der freien Welt nicht als kriminelle, sondern als politische Gefangene zu gelten hätten. Dazu wurde eine weitere Form
der Zwangsarbeit festgestellt. Diese besteht in dem Zwang, für
den Staat zu arbeiten wie der Staat es befiehlt, wobei es keine
Freiheit der Berufswahl oder Wahl des Arbeitsplatzes gibt.
Die Zeugenaussagen der Opfer dieser Sklaverei, die von dem
Komitee als solche ermittelt wurden, sind nur im Anhang zu dem
Bericht zusammengefaßt. Man möchte fast wünschen, daß die vollen
Akten veröffentlicht und ihr Inhalt der Welt vor Augen geführt
werden könnte; dennoch kann man die Entscheidung des Komitees,
von einem solchen Schritt Abstand zu nehmen, verstehen. Die Verfahrensweise des Komitees wurde von dem Vertreter der Sowjetunion
im Dritten Komitee der Achten Generalversammlung als im Zeichen
des geheimen Charakters der "verleumderischen" und "provokatorischen" Angriffe auf die UdSSR stehend, kritisiert. Ich frage
mich, ob die UdSSR wirklich wünscht, daß die Protokolle von den
Zeugenaussagen, die vor dem Komitee gemacht wurden, in ihren erschreckenden Einzelheiten veröffentlicht werden. Aus diesen Akten werden nicht nur die Tatsachen der Zwangsarbeit ersichtlich,
sondern auch andere Verletzungen der Menschenrechte und der einfachsten Anstandsregeln wie die tragische Zerreißung von Familien, die Trennung von Eheleuten, von Müttern und Kindern, die
Brutalität des Vorgehens, die unvernünftigen und schweren Arbeiten, die Frauen und Kinder verrichten mußten, der grausame Übergang aus Träumen und Hoffnungen auf eine Zukunft zum Alpdruck
eines Lebens im Gefangenenlager - summa summarum, die Zertrümmerung
unzähliger Menschenleben. Ich möchte Ihnen hier nur einen Teil
jener Dinge aufzählen, die 118 ehemalige Insassen eines Zwangsarbeitslagers in der Sowjetunion, Landarbeiter, Hilfsarbeiter,
Buchhalter, Betriebsleiter, Ingenieure, Journalisten erlebten.

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5. Mai 1954

In den meisten Fällen wurde das Opfer in tiefster Nacht aus
seinem Hause geholt, wobei der Betroffene nichts mitnehmen dürfte,
als die Kleider, die er anhatte. Er mußte sich langen und wiederholten Verhören unterziehen, die oft von seelischem Zwang und
körperlichen Mißhandlungen begleitet waren.
Nach dieser Inquisition wurden die Opfer gewöhnlich noch zu
einem Scheinverhör geholt, obwohl manche auch ohne Verhör in die
Arbeitslager geschickt wurden. Manchen wurde der Prozeß in
absentia gemacht. Es scheint überhaupt keine Regelung darüber zu
geben, ob ein Verfolgter ein Recht darauf hat, sich zu verteidigen oder einen Rechtsbeistand zu erhalten; manchmal wurde ein
Rechtsbeistand gewährt, manchmal nicht. Die Urteile wurden manöhmal nach nur viertelstündigen Verhören ausgesprochen. Nach der
Verhandlung wurden die Opfer in bewachten Güter- oder Viehwagen
in die Arbeitslager gebracht.
'Alle zwei Tage bekamen wir 400 g gesalzenen Fisch und täglich 300 g Brot,'sagte ein ehemaliger Lagerinsasse.'Manchmal
hatten wir zwei oder drei Tage kein Wasser. Gewöhnlich wurde
ein Eimer hingestellt, auf den sich 70 Menschen stürzten. Wer
schnell war, bekam was, viele gingen leer aus.'
Die Lager und Zellen bestanden gewöhnlich aus Baracken,
einer Krankenstube, Küche und Verwaltungsgebäuden, umschlossen
von Stacheldraht oder elektrisch geladenem Draht und Wachttürmen,
bewacht von patrouillierenden Hunden und bewaffneten Wächtern.
In vielen dieser Lager waren auch weibliche Gefangene, die im
wesentlichen auf die gleiche Weise behandelt wurden wie die Männer.
Die Quartiere der Frauen waren von denen der Männer gewöhnlich
getrennt, und für jeden Kontakt zwischen männlichen und weiblichen
Gefangenen gab es Strafen. Die Berichte der ehemaligen Lagerinsassen enthalten Beispiele von einem Sadismus und einer Verworfenheit, die an die Grenze des Fassbaren reichen.
In der Mehrzahl der Fälle wurde die Essensration im Lager
danach bemessen, ob der Gefangene seine Arbeitsnorm erfüllt hatte.
'Wer die Norm nicht erreichen konnte, erhielt 400 g Brot, wer.
mehr als das Soll leistete, bekam 800 g.'
Der Großteil der Personen, die über die Zustände in den
Zwangsarbeitslagern aussagten, berichteten, daß die ausgegebene
Kleidung sehr unzureichend war.
Einer hatte folgendes zu berichten:
'Theoretisch hätten wir volle Bekleidung erhalten sollen, aber
was wir bekamen war in einem ganz schlechten Zustand. Zerrissen
und schmutzig. Die Schuhe waren sehr schlecht.Eigentlich sollten
wir zwar nicht barfuß zur Arbeit gehen. Manchmal zerrissen die
Hunde die Kleider, aber in der Hauptsache gingen sie durch die
schwere Arbeit kaputt.'
Gewöhnlich

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Gewöhnlich gab es einen Lagerarzt, aber der war häufig selbst
ein Gefangener, und oft lag die ärztliche Betreuung nur in den
Händen von Krankenschwestern. Meistens gab es eine Krankenstube,
aber nicht immer, und wo es eine gab, waren Medikamente, Bandagen usw. nur sehr unzureichend vorhanden.
Die Zahl der Todesfälle pflegte unter diesen Umständen
recht hoch zu sein. Die Ursache war meistens Erschöpfung und
Unterernährung, Schutzlosigkeit gegenüber extremen Klimaverhältnissen sowie Arbeitsunfälle und gelegentliche Epidemien.
'Die meisten Gefangenen starben an der Ruhr, an völliger
Erschöpfung, an Erkältungskrankheiten und ihren Polgen,1 enthüllte einer der ehemaligen Gefangenen.
Manche Lagerinsassen durften Post verschicken und empfangen,
manche nicht. Wo Postverkehr erlaubt war, war dieser gewöhnlich
auf einen Brief im Monat beschränkt und alle ein- und ausgehende
Post ging durch die Zensur.
Die Verweigerung der Arbeit war mit schweren Strafen belegt.
Eines der Opfer berichtet:
'So zum Beispiel streikten 350 Gefangene mit dem Ziel, eine
ihrer Qualifikation angemessene Arbeit, einen achtstündigen Arbeitstag und Trennung von den Kriminellen durchzusetzen.- Sie
hungerten 15 bis 40 Tage lang. Alle wurden erschossen. In anderen Fällen wurden den Protestierenden Aufbesserungen versprochen, aber die Versprechungen wurden niemals eingehalten. Sie
wurden auf die Schreibstube geschickt und dann in andere Lager
gebracht. Oder sie kamen in Einzelhaft. Jeden Tag verweigerten
einige die Arbeit und wanderten in Einzelhaft. Wenn ein Einzelner sich auflehnte, wurde es als Verbrechen betrachtet,
schlimmer jedoch war es, wenn die Weigerung gruppenweise erfolgte. Dann bekam der Einzelne ein, zwei oder drei weitere
Jahre zu seiner Haftstrafe hinzu, ging für Monate in Einzelhaft
und erhielt Strafverpflegungssätze. Außerdem darf man sagen,
daß kaum irgend eine Beziehung zwischen den einzelnen 'Verbrechen' und den jeweiligen Strafen bestand* Fast jede Strafe kann
für jedes 'Verbrechen' verhängt werden.'
Die Strafverließe waren furchtbar. Es waren dunkle unterirdische Gewölbe ohne Heizung, Licht oder Decken. Als Betten
dienten bloße Pritschen. 'Zuweilen bekamen die Gefangenen
300 g Schwarzbrot am Tag, manchmal auch gar-nichts* berichtet
einer der Männer.
Eine der furchtbarsten Einrichtungen des Lagers waren die
•Blatnois', eine organisierte Gruppe von Gewohnheitsverbrechern.
Aus Berichten über ihre Tätigkeit geht hervor, daß sie die anderen Gefangenen quälen, bestehlen und sie durch Gewalt zwingen,
ihnen ihre Rationen zu überlassen. Sie schlagen sich auch unter
sich und manchmal kommt es vor, daß sie einen der ihren oder
einen nicht-kriminellen Gefangenen töten. Diese Tätigkeit der
Blatnois wird gar nicht oder selten bestraft.
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"AMERIKA DIENST"

Es gab Gerüchte über einige durch die Tätigkeit des ad hocKomitees bedingte Verbesserungen in den Lagern. Und natürlich
gab es sogenannte Amnestien. Die UdSSR stellte vor einem Jahr
eine solche in Aussicht, und die 'souveränen' Staaten, die den
Ostblock ausmachen, ahmten den Sowjeterlaß nach und brachten
ihn mit kleinen Abänderungen heraus. Doch von diesen Amnestien
wurden politische Gefangene sorgfältig ausgenommen. Wenn wirklich Verbesserungen irgendwelcher Art im Vollzug der Zwangsarbeit durchgeführt wurden, dann hat die Welt ein Anrecht darauf,
von den angeklagten Ländern über die Situation unterrichtet zu
werden. Wenn die UdSSR und ihre Satelliten auch nur die geringste
Achtung vor den Grundsätzen haben, auf denen die Vereinten Nationen sich aufbauen, muß der Eiserne Vorhang fallen und eine
volle und vorbehaltlose Öffnung stattfinden.
Trotz intensiver Arbeit war das Komitee nicht in der Lage,
seine Aufgabe in vollem Umfange zu bewältigen. Insbesondere im
Falle Albaniens und Chinas war das Komitee außerstande, zu endgültigen Ergebnissen zu gelangen. Aber es muß vermerkt werden,
daß das Komitee die Beschuldigungen gegen Albanien und China
keineswegs entkräftete, wie es in einigen Fällen geschah, wo
es keine Bestätigungen vorfand.
Von der Regierung Enver Hodscha wurde strengste Zensur
verhängt, um die Außenwelt daran zu hindern, über Albaniens
innere Angelegenheiten einschließlich der Sklavenarbeit irgend
etwas zu erfahren. Reisenden, Korrespondenten und anderenPublizisten aus demokratischen Ländern ist die Einreise gesperrt.
Und die Albanier selbst sind in ihrer Bewegungsfreiheit behindert durch Gesetze und bewaffnete Grenzwachen. Gesetze, Erlasse
oder administrative Anordnungen, gerichtliche Verfahren, interne
politische Ereignisse, alle staatlichen Angelegenheiten werden
von den albanischen Zeitungen nur soweit veröffentlicht, wie
es der Regierung paßt. Ist es daher noch länger verwunderlich,
daß das ad hoc-Komitee nach seinen eigenen Worten über ''keine
Dokumentationen im Hinblick auf Albanien'' verfügt? Und doch
gibt es Mittel und Wege, fragmentarische Kenntnisse über das
zu erlangen, was in diesem abgeschirmten Staate vor sich geht.
Ich zitiere eine albanische Zeitung, um zu zeigen, daß das
Hodscha-Regime eine Politik der Sklavenarbeit verfolgt. Es handelt sich um einen Bericht, der in der albanischen Zeitung
'Bashkimi' am 23. Mai 1952 veröffentlicht wurde, und zwar die
Wiedergabe einer Rede, in der der Justizminister Billil Klosi
dem Parlament einen neuen Strafgesetzentwurf vorlegte. Hier
seine Worte; 'Was sind die Grundlinien dieses Gesetzentwurfes?
Die des sowjetischen Strafrechts. Bei Verbrechen gegen den Staat
hat Komplizentum eine weitreichendere Bedeutung. Hier ist die
bloße Teilnahme an einer gegen die Regierung gerichteten Gruppe
bereits als ausgeführtes Verbrechen zu betrachten.' Über den
Strafvollzug führte der Justizminister aus: 'Der Strafvollzug
hat nicht nur die Aufgabe, Delinquenten zu bestrafen, sondern
sie zu erziehen und unsichere Elemente niederzuhalten... Die
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Die Hauptarten des Strafvollzugs sind die Todesstrafe, Gefängnis,
Deportation in 'Korrekturlager, Zwangsarbeit und öffentliche Zensur.'
Das Zeugnis von 300 Albaniern, die der dunklen Tyrannei ihres Landes entkamen, berichtet von dem Schicksal der Menschen,
die unter diesem Regime gelitten haben. Der Bericht dieses
Schicksals steht für die unhörbare schmerzliche Klage all der
ungezählten Männer, Frauen und Kinder, die in die dem Tode geweihte Bruderschaft der kommunistischen 'Umerziehung' aufgenommen wurden. Es ist die Furcht einflößende Geschichte von dem
mitternächtlichen Schlag an das Hoftor, der Anklage, der unabwendbaren Verurteilung.
Unter diesen Berichten ist auch der des Reshad Age-i.j, eines
Stenographen derselben Zeitung (Bashkimi) während der ersten
Tage der Herrschaft des kommunistischen Regimes. Zwei lochen
vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1946 - fast vier Jahre ehe
der neue Strafkodex eingeführt wurde - wurde Agaig von der
albanischen politischen Polizei festgenommen. Man beschuldigte
ihn, Nachrichten der britischen Rundfunkgesellschaft weitergegeben zu haben, der Verbreitung regierungsschädlicher Propaganda und des Kontakts mit den Reaktionären. 'Dann kam der
mutwillig vom Zaun gebrochene Prozeß, die wirkungslosen Beteuerungen der Unschuld, die Gefangenschaft, die Überführung
in ein Arbeitslager im Bezirk Tirana, die weitere Verlegung
nach dem Lager Woldischti im Distrikt Korea, wo das Dasein nur
noch ein Alptraum war. In fensterlosen Baracken, in denen die
Türen im Sommer offen standen und die im Winter nicht geheizt
wurden, schliefen die Männer dicht aneinandergedrängt Schulter
an Schulter auf dem blanken Fußboden. Sanitäre Einrichtungen?
Für die 1400 Zwangsarbeiter im Lager gab es drei Latrinen - und
einen einzigen Ziehbrunnen für Trink- und Waschwasser. Nicht
einmal in 12 Monaten war das Lager desinfiziert worden. Für die
1400 Insassen des Lagers waren bei einer Massenansteckung drei
Ärzte verfügbar - ebenfalls Verurteilte. Ihr Arzneischränkchen
enthielt nichts außer Atebrin, das sie ohne Zustimmung der Lagerleitung nicht verabreichen durften. Der Arbeitstag begann
um 5 Uhr morgens, nach einem mageren Frühstück, das aus Brot
und 'synthetischem' Tee bestand, und endete um 6 Uhr abends. Jeder Zwangsarbeiter wurde dazu angetrieben, seine Norm im Grabenziehen zu erfüllen. Nichterfüllung bedeutete Kürzung der bereits
mageren Rationen und körperliche Züchtigung. 140 von uns vollendeten in weniger als einem Jahr ihre 'Erziehung' und wurden von
ihrem Schicksal befreit - durch den Tod'.-Wenden wir uns nun
China zu. Das Mutterland ist von den Kommunisten beherrscht. Die
vielleicht offenste Bestätigung der Existenz von Zwangsarbeit in
China kam von Lo Jui-Ch'ing, dem Minister für Öffentliche Sicherheit, im Rahmen eines Artikels, der unter der Überschrift 'Die
machtvolle Organisation zur Bekämpfung der Gegenrevolutionäre *
in der 'Peiping Jen Min Jih Pao' veröffentlicht wurde. Er
eröffnet in einem einzigen Absatz, daß Zwangsarbeit dazu benutzt wird, die Feinde des
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des Peking-Regimes zu 'reformieren' und zu 'liquidieren'} und daß
sie - nämlich die Zwangsarbeit - jp.aowohl von wirtschaftlicher
als auch von politischer Bedeutung sei.
Ich zitiere diesen Absatz wörtlich;
'Die Verurteilung von Gegenrevolutionären zu Zwangsarbeit
ist sattcüein unentbehrliches Mittel bei der Liquidation der
aufständischen Klasse, als auch ein elementares Verfahren für
eine gründliche Umwandlung der Verbrecher in neue menschliche
Wesen. Diese Art der Reform ist eine Kombination der Reform
auf dem Gebiet der Politik und des Arbeitsmarktes einserseits
und ferner eine Kombination von Strafe und Erziehung ... Es ist
Sache aller Abteilungen oder Volksregierung und der Organe der
öffentlichen Sicherheit ihr besonderes Augenmerk darauf zu richten, um diesen Arbeitsprozeß, dem größte wirtschaftliche und
politische Bedeutung zukommt, zu einem vollen Erfolg zu machen.1
Im gleichen Artikel sagte Lo weiter, daß - ich zitiere 'eine große Zahl zu Gefängnis verurteilt worden war und sich
einer zwangsweisen Reform durch Arbeit zu unterwerfen hat.'
Die Kommunisten in China traten seit den ersten Tagen ihres Regimes für Zwangsarbeit ein. Der Kommunist C. Aichan Tao Tse-Tung
hielt damals eine Rede in welcher er ausdrücklich betonte, daß
er beabsichtige - wie er sich ausdrückte - 'die reaktionären
Klassen durch Arbeit umzuerziehen.' Und er fügte hinzu:'Wenn sie
nicht arbeiten wollen, der Volksstaat wird sie dazu zwingen.'
Ich zitiere einen anderen chinesischen Kommunistenführer
Tschu En-Lai.Auf der dritten Sitzung der Nationalen Politischen
Beratenden Konferenz berichtete er:
'In Übereinstimmung mit den Direktiven des Vorsitzenden Mao
(Tse-tung)... haben wir beschlossen, daß jene konterrevolutionären
Elemente die "Blutschulden" haben Unct nationale] Interessen ernstlaft geschädigt haben', zum Tode zu verurteilen sind und hingerichtet werden. Jene, die die Todesstrafe verdienen, aber keine
'Blutschuld1 auf sich geladen haben und die nationalen Interessen
weniger ernsthaft geschädigt haben, werden zwar auch zum Tode
verurteilt werden, aber ihre Hinrichtung wird auf zwei Jahre
hinausgeschoben, in denen sie auf Bewährungsfrist Zwangsarbeit
zu leisten haben.*
Die Bedeutung dieser Erklärung ist klar. Es ist eine Ausnutzung der nackten Drohung mit dem Tode und bedeutet Zwangsarbeit bis zum Äußersten. Diese Zitate werden jeden Menschen mit
aufgeschlossenem Verstand davon überzeugen, daß das kommunistische
Regime in China unumwunden seine Absicht der Anwendung der Zwangsarbeit zugegeben hat - es hat darüber hinaus der Welt mitgeteilt,
warum und für wen sie in Präge kommt.
Durch den Zehn-Monatsbericht der Provinzialregierung von
Kwangtung wurde ebenfalls die Existenz von Zwangsarbeit bewiesen.
Ku Ta-Chuan, Vizepräsident der Kwaigtung-Provinz, erklärte» daß

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daß 1571 Fälle von nach seiner Meinung •gegenrevolutionären Versuchen1 aufgedeckt wurden, wobei nahezu 90 000 Personen verhaftet worden seien. Von diesen wurden 28 000 erschossen, der Rest
zur "Reform durch Zwangsarbeit'' verurteilt.
Es war in einem solchen Lager,in dem Li Po-Schen, der frühere
Sekretär von Dr. Sun Yat-Sen»verschwand. Zu krank um gekochten
Reis zu sich zu nehmen, in einem Lager,in dem es keinerlei ärztliche Hilfe gab, versuchte er wenigstens Reiswasser zu erhalten.
Dafür wurde er geschlagen bis er zusammenbrach und am gleichen
Abend starb, 'nicht mehr zu erziehen' mit seinen mehr als sechzig Jahren.
Ich möchte nun noch kurz auf einen anderen Arbeitsbericht
aus dem chinesischen Mutterlande eingehen, der von Brajkishore
Shastri, einem prominenten Mitglied der Praja-Sozialistischen
Partei Indiens, der das kommunistische China im April und Mai
vergangenen Jahres besucht hat, zusammengestellt worden ist.
Seine Eindrücke von diesem sechswöchigen Aufenthalts in China
•wurden, in Bombay, in der Praja-Sozialistischen Wochenzeitung
'Janata' veröffentlicht. Von seinem Besuch des Yangtse-Tal-Projekts erzählte er: 'An die 5 000 Arbeiter waren hier beschäftigt. Jede Arbeit, ob es sich um Steine brechen, Tunnel schlagen
oder Steine räumen handelt, wurde von den Männern mit der bloßen Hand ausgeführt. Die dürftigen Werkzeuge wurden von den Arbeitern wie Museumsstücke behandelt. Sobald wir aus dem Bus stiegen, gab man uns dunkle Brillen und dünne Schleier zum Schutze
gegen die Staubstürme. Die Arbeiter hatten nichts dergleichen.
Ich war entsetzt. Ein Mensch ist schließlich kein Tier. Selbst
zum Wiederaufbau eines Landes sollte er nicht als ein bequemes
Werkzeug benutzt werden.'
Und noch ein wenig mehr von Mr. Shastris Bericht:
'Die meisten dieser Arbeiter waren von weit entfernten Orten hierher gebracht worden und selbst wenn sie wollten, könnten
sie ihre Arbeit hier nicht aufgeben um anderswo eine neue zu
suchen. Die Kommunistische Partei in China und ihr Vorsitzender
Mao Tse-tung hatten den Befehl zur Arbeit für alle gegeben;
vielleicht war es Zwangsarbeit wie diese, die im Westen Schilderungen von 'Konzentrations-Arbeits-Lagern' und 'Zwangsarbeit'
hervorgerufen hat.'
Vielleicht wird die Kritik einzuwenden haben, daß sowohl
in dem kommunistischen China als auch in Albanien die angeführten Beispiele von Zwangsarbeit und di« Gesetze, die den Zwangsarbeitsprogrammen als Grundlage dienen, zwei oder mehr Jahre
zurückliegen. Vielleicht mögen einige von Ihnen versucht sein
zu sagen, bei dem allen handle es sich um alte Informationen.
Geben Sie dieser Versuchung nicht nach. Denn das ist etwas Neues es ist ein Ungeheuer, das in unserer Zeit geboren und seit dem
Endes des letzten Krieges zu den Ausmaßen eines Drachens großgezogen wurde. Es ist ein Ungeheuer»geschaffen nach dem Vorbild
des Kremls, das in jedem Lande, das versklavt wurde, aufs neue
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neue losgelassen wird. Gerade jetzt wartet es darauf, daß ihm erlaubt wird, in die Assoziierten Staaten von Indochina einzudringen.
Die Mittel, deren wir uns bedienen, um der Welt die Tatsachen der Zwangsarbeit vor Augen zu führen, müssfn in ihrer Anwendung besonders wirkungsvoll sein. Die Arbeit des ad hoc-Ausschusses hat eine feste Grundlage geschaffen für das, was noch
vor uns liegt. Es bestehen günstige Aussichten für den Vorschlag,
den Ausschuß weiterbestehen zu lassen. Die Vereinigten Staaten
sind bereit, einen Vorschlag dieser Art zu unterstützen. Wir
sind der Ansicht, daß wir ein sachkundiges Gremium brauchen, um
den vor den Vereinten Nationen erbrachten Nachweis über das Vorhandensein von Zwangsarbeit auszuwerten. Zu einem geeigneten
späteren Zeitpunkt wird die Regierung der Vereinigten Staaten
möglicherweise den Wunsch haben, derartige Vorschläge den
Vereinten Nationen zu unterbreiten.
Für den Augenblick indessen kann die Fortführung der Untersuchung, die auf der Grundlage der von dem Ausschuß aufgestellten
gesunden Prinzipien begonnen hat, sehr wohl dem Generalsekretär
der Vereinten Nationen und dem Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation zur gemeinschaftlichen Behandlung anvertraut werden.
Die gemeinsame Entschließung, die wir zusammen mit den Delegationen von Ekuador, Frankreich, Norwegen, der Türkei und
Großbritannien eingebracht haben, führt diesen Gedanken aus. Sie
sieht in Absatz 5 (B) die Vorlegung neuen Informationsmaterials
jeglicher Art über Zwangsarbeitssysteme vor, einerlei ob diese
de jure oder de facto bestehen. Sie gestattet die Unterbreitung
von Informationsmaterial seitens verantwortlicher Quellen - Regierungsmitgliedern, Spezialämtern und nichtbehördlichen Organisationen beratenden Charakters» Den beteiligten Regierungen wird
Gelegenheit gegeben, Erklärungen zu dem in dieser Weise übermittelten Informationsmaterial abzugeben. Die Entschließung sieht
weiter vor, daß dieses Informationsmaterial zusammen mit etwaigen
von den beteiligten Regierungen abgegebenen Erklärungen in einen
Bericht aufgenommen wird, welcher der 19« Ratstagung erstattet
werden soll.
Ich möchte die Natur dieses Berichtes, zu dem die dem Rat
vorliegende gemeinsame Entschließung die Ermächtigung geben würde,
vollkommen klar machen und ebenso auch feststellen, wozu sie keine
Ermächtigung verleiht.
Der Wortlaut der Entschließung ist sorgfältig gewählt. Sie
faßt einen Bericht ins Auge, der auf neuen Informationen beruht
und sich auf wirkliche Information und nicht auf unbewiesene
Behauptungen stützt. Das würde eine nochmalige Vorlegung des in
dem Bericht des ad hoc-Ausschusses enthaltenen Materials ausschließen,
-r.

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�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Es soll ferner ein Bericht sein, der sich mit den Systemen
der Zwangsarbeit in dem Sinne befaßt, in dem solche Systeme von
dem ad hoc-Ausschuß definiert und in ihrem Charakter herausgearbeitet worden sind. Die Entschließung sieht aber nicht einen
Bericht vor, der außerdem Informationen über zahlreiche andere
Prägen enthält. Um mich ganz präzise auszudrücken; Die Entschließung erlaubt nicht, daß - ich will mir eine Redewendung
ausborgen und sie benutzen, wo sie wirklich am Platze ist •verleumderische und provozierende' Belanglosigkeiten mit in
den Bericht eingeschlossen werden, ähnlich denen, die der ad
hoc-Ausschuß schon weggelassen hat.
Die Verantwortung für die Ausarbeitung eines sorgfältigen
Berichtes dieser Art ist schwer. Ich bin überzeugt, daß der
Generalsekretär der Vereinten Nationen und der Generaldirektor
der Internationalen Arbeitsorganisation
ihre Verantwortung
in einer Weise erfüllen werden, die ihren Bericht zu einer
hervorragenden Ergänzung des von dem ad hoc-Ausschuß in Angriff
genommenen Werkes machen wird.
Die Entschließung verlangt auch die Mitarbeit von Regierungen, die den ihnen vom Ausschuß übersandten Fragebogen nicht
beantwortet haben. Das bedeutet einen wichtigen Schritt zur
Gewinnung weiterer Informationen über. . Zwangsarbeit und trägt den
Wünschen der 8. Generalversammlung Rechnung. Derartiges Informationsmaterial würde dann auch in den Bericht des Generalsekretärs und des Generaldirektors der Internationalen Arbeitsorganisation aufgenommen werden.
Aber auch während wir fortfahren, die Tatsachen noch weiter zu erforschen, dürfen wir nicht nachlassen in der Verurteilung dieser unmenschlichen Verfahren, die mit solch überzeugender Kraft zu unserer Kenntnis gebracht worden sind. Die
dem Rat vorliegende Entschließung verdammt unzweideutig jegliche Zwangsarbät und richtet, in Befolgung der Empfehlungen
des ad hoc-Ausschusses, einen Appell an die Regierungen, die
Gesetze und Verfahren, die zu dieser Untersuchung Veranlassung
gegeben haben, einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Die Vereinten Nationen sind als das Gewissen der zivilisierten Welt bezeichnet worden. Ich empfehle nachdrücklich die
Annahme dieser Entschließung als ein Zeichen dafür, daß dieses
Gewissen wach ist."
* # * * *

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�A M E R I K A

E N S T

DIE ATOMKRAFT, DIE AMERIKANISCHE UNI DIE
WELTWIRTSCHAFT
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen Aaszüge aus einer
Rede, die der Vorsitzende der US-Atomkommission, Lewis L. Strauss, auf einem Festessen
der Gesellschaft für Warenzeichenschutz im
Waldorf-Astoria-Hotel in New York am
28.April 1954 gehalten hat:
"... Allein in dieser Stadt gibt es dreißig Firmen,
die in der einen oder anderen Form das Wort Atom in ihrem
Namen führen. Im Telephonbuch sind die Firmenbezeichnungen
von Herstellern und Verkaufsvertretungen so verschiedener
Artikel wie Atombücher und Atombürsten aufgeführt, und auch
Nahrungsmittel und Treibstoffe, Hüte und Handtaschen, Kleider und Sportartikel, ja selbst Unterkleidung werden mit dem
Atom in Zusammenhang gebracht. Ich frage mich vergeblich, was
das Atom wohl beispielsweise mit dem letztgenannten Artikel
zu tun hat.
Washington übertrifft New York sogar noch. Dort gibt
es eine Atomvernichtungsgesellschaft. Dieser schauerliche
Titel braucht uns aber nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, da sich diese Firma nur mit der Ausrottung von Wanzen und anderem Ungeziefer beschäftigt. Die Firma hatte vor
einigen Jahren einen Regierungsauftrag bekommen und weist
mit Stolz auf die Tatsache hin, daß sie es war, die den Termiten in Washington nahezu vollständig den Garaus gemacht hat.
Es gibt aber auch noch andere Zeichen, die darauf hindeuten, daß das Atom in steigendem Maße Einfluß auf unser
Alltagsleben gewinnt. Es gehört bereits zum eisernen Bestand der Lustspielautoren und Verfasser von Zukunftsromanen
und ist aus den Kriminalschmökern und den Comic-Strips nicht
mehr wegzudenken.
Das Atom beeinflußt auch schon die Finanzwelt. Einige
Maklerfirmen haben bereits Angebote für Atomaktien gemacht.
In einigen dieser Werbeprospekte finden sich Vorkalkulationen kommender Gewinne in Industriezweigen, die direkt oder
indirekt mit den Programmen der Atomenergiekommission zu tun
haben.
Bei

�"AioLKIKA LIENST" - WIRTSCHAFT UNL ARBEIT

5. Mai 1954

Bei der Darstellung dieser neuen Entwicklung heißt es
in einem dieser Werbetexte, daß 'jedermann in Wall-Street,
jeder Wirtschaftsbeobachter und Wirtschaftswissenschaftler
sich in Zukunft mit Prägen der Atomenergie und Kernphysik
genau so eingehend befassen muß wie er sich heute über Frachtsätze, Stahlerzeugung, Einzelhandelspreise und die Elektrizitätsversorgung informieren muß.'Er kündigt weiter an, bald
werde die Zeit anbrechen, in der die Statistiker in ihren
Wochenübersichten auch die Erzeugung an Uranium, Thorium und
anderen mit der Atomphysik in Zusammenhang stehenden Materialien aufführen müssen.
Ohne auf die Richtigkeit dieser Voraussagen einzugehen,
kann man immerhin viele Tatsachen aufzählen, die das wachsende Verständnis für unser Atomzeitalter erkennen lassen.
Wir sind gegenwärtig dabei, Hunderte von jungen Menschen
für die Arbeit auf dem Gebiet der Atomforschung auszubilden.
In all unseren Colleges und Universitäten wird in Examens- und
Anfangssemestern in immer stärkerem Maße auf die Fragen der Kernforschung eingegangen. So hat beispielsweise das North Carolina
State College einen Lehrgang für Fragen der Atomforschung eingerichtet, der Versuche mit dem anstaltseigenen Kernreaktor einschließt. Die Staatsuniversität Pennsylvanien hat kürzlich
bekanntgegeben, sie beabsichtige, einen eigenen Kernreaktor
zu errichten, und die Atomenergiekommission hat sich bereit
erklärt, ihr die benötigten Mengen spaltbaren Materials zu
überlassen. Andere Lehranstalten tragen sich mit ähnlichen
Plänen.
Auch in den Mittel- und Grundschulen haben Fragen der
Kernphysik und -Chemie Eingang in den Lehrplan gefunden. In
den New Yorker höheren Schulen ist ein Praktikum eingerichtet
worden, in dem die Schüler in einer Versuchsreihe die verschiedenen Anwendungsbereiche der Atomenergie kennen lernen.
Nach dem derzeitigen Stand der Entwicklung zu urteilen,
werden noch bis Ende dieses Jahres etwa 10 Prozent der Gesamterzeugung an elektrischer Energie für Atomforschungsvorhaben verwendet werden. Heute bereits werden 7 Prozent der
gesamten Nickelerzeugung und 20 Prozent der Erzeugung an
Rohren aus rostfreiem Stahl für Zwecke der Atomforschung
verwendet. Lies sind nur einige wenige Beispiele. Die verschiedenen Atomforschungszentren beschäftigen heute rund
18 000 fachlich ausgebildete Arbeitskräfte,meist Wissenschaftler und Ingenieure.
Lie Atomforschungsstätten gehörten in der Vergangenheit
zu den Großverbrauchern an elektrischer Energie und an dieser
Tatsache wird sich auch in nächster Zukunft nichts Ändern.
Gleichzeitig haben die kommunalen Versorgungsbetriebe Mühe,
die stets steigende Nachfrage nach Elektrizität zu befriedigen. Lie Atomforschung verbraucht ferner große Mengen an
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�"A^KIKA DxENST" - WIRTSCHAFT CNL ARBEIT

5. Mai 1954

an knappen Rohstoffen, die für die zivile Produktion benötigt
werden. Sie absorbiert einen gewaltigen Prozentsatz unseres
technisch gebildeten Fachpersonals, das für die normale Expansion der Gütererzeugung und Dienstleistungen auf dem ein«?
schlägigen Sektor gebraucht würde. Das ist nur eine kurze
Zusammenfassung dessen, was die Atomforschungsvorhaben unserer
Wirtschaft entziehen.
Als Gegenstück hierzu sei aufgeführt, welchen Nutzen die
Wirtschaft aus der Atomforschung zieht. Hier ist an erster
Stelle ihr Beitrag zur Erhaltung des Weltfriedens zu nennen.
Wer könnte seinen wahren Wert abschätzen? Premierminister
Churchill und andere kluge und erfahrene Männer haben erklärt,
daß gerade unsere Überlegenheit in den Atomwaffen entscheidend
dazu beigetragen habe, eine großangelegte Aggression der
Kommunisten, insbesondere in Europa, seit 1946 zu verhindern.
Sie hat es vermocht, die Gefahr eines großen Krieges acht Jahre lang zu bannen.
Wir sind von der Hoffnung erfüllt, unsere Stärke auf dem
Gebiet der Atomforschung möge uns zu jenem Frieden verhelfen,
der unser höchstes Ziel ist: ein Friede, auf gute Taten und
gegenseitiges Vertrauen gegründet - sofern dies je zu erreichen
ist. In jüngster Zeit gab es einige schwache, aber dennoch
verheißungsvolle Anzeichen, daß selbst den Harthörigsten allmählich aufgeht, welche zerstörerischen Kräfte die Atombombe
für alle Beteiligten birgt. Wir hoffen, auch die Sowjets
erkennen allmählich, was wir schon lange wissen: daß die
Welt im Falle eines Atomkrieges einen furchtbaren Preis zu
entrichten hätte. Ohne Übertreibung darf man wohl sagen, daß
der Beitrag der Atomforschung zur Sicherheit der freien Welt
alle Opfer und auch die Belastung unserer Wirtschaft gelohnt
hat, die wir um ihretwillen auf uns genommen haben.
Das ist aber keineswegs der einzige Vorteil, den die
Atomforschung uns brachte. Die Liste der Aktiva ist lang, und
die mir hier zur Verfügung stehende Zeit ist zu kurz, um sie
ganz aufzuzählen. Ich beschränke mich deshalb auf einen Überblick. Das wenigst auffällige Ergebnis der Atomforschung ist
gerade dasjenige, das auf lange Sicht die bedeutendsten Auswirkungen für uns hat: die neu gewonnenen Erkenntnisse in
der Grundlagenforschung. Wir haben mächtige Apparate gebaut,
die uns immer tiefere Einblicke in das Wesen der Materie gestatten.
Lassen Sie mich als Beispiel die Tatsache anführen, daß
das Strahlenforschungsinstitut der Universität Kalifornien
nunmehr die leistungsfähigste Kernzertrümmerungsanlage der
Welt betreibt, das sog. Bevatron, in dem Protonen auf eine
Energie von mehreren Milliarden Elektrcnenvolt beschleunigt
werden. Man hofft, durch diese Anlage zu fundamentalen neuen
Erkenntnissen zu gelangen. Auf die Frage, welcher Art diese
Erkenntnisse seien, antwortete Dr. Ernest Lawrence, der Erbauer der Anlage: Wenn ich Ihnen das heute schon äagen könnte

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�"AFRIKA Lii^ST" - 'miETSChAJ-T ÜML ARBEIT

5. Mai 1954

könnte, hätten wir die Anlage gar nicht erst zu bauen brauchen.
In der Chemie, Metallurgie und Biologie sowie auf vielen
anderen wissenschaftlichen Gebieten wurden große Fortschritte
gemacht. Auf dem Gebiet der Eiologie ist man beispielsweise
dabei, das Rätsel der Assimilation der Pflanzen von den verschiedensten Ausgangspunkten aus anzugreifen, daß die Aussichten auf endgültige Klärung dieser für den Bestand der Menschheit so entscheidenden Frage noch nie so günstig waren wie
heute. Die medizinische Wissenschaft hat zahlreiche bedeutende
neue Entdeckungen zu verzeichnen. Als Beispiel habe ich ein
kleines Gerät mitgebracht, das zwar nicht gerade überragende
Eedeutung besitzt, aber doch sehr interessant ist. Ich meine
diesen tragbaren Röntgenapparat, der knappe 4 V2 kg wiegt.
Dieses kleine Gerät kann einen gut Teil jener Aufgaben erfüllen, für die man gegenwärtig noch sehr teure und stationäre
Röntgengeräte benötigt. Es bedarf keinerlei Energiezuführung
und kostet einschließlich des als Strahlüngsquelle dienenden
Thulium-Elements knappe 250 Dollar.
Ich habe stets die Auffassung vertreten, die Grundlagenforschung stelle den eigentlichen Schlüssel für einen dauernden Fortschritt dar. Eines der bemerkenswertesten Charakteristika der Grundlagenforschung ist, daß jede Entdeckung nicht etwa
einen Abschluß darstellt, sondern eine Vielfalt neuer Forschungsmöglichkeiten aufzeigt. Die Atomenergie-Kommission hat die
Grundlagenforschung immer bewußt nach Kräften gefördert, lienn
wir auch den Erfolg der jeweiligen Vorhaben nicht vorhersagen
können, haben wir doch die Gewißheit, daß die Förderung dieses
Zweiges der Wissenschaft die militärische und wirtschaftliche
Stärke der Vereinigten Staaten steigern - die Volksgesundheit
und den Lebensstandard heben und unser Verständnis für die Welt,
in der wir leben, vertiefen wird.
Die Aufwendungen für die Grundlagenforschung stellen nur
einen Bruchteil der Gesamtausgaben für Forschungszwecke dar.
Wir dürfen uns auf diesem Gebiet keineswegs zur Sparsamkeit
verleiten lassen, denn es wäre Sparsamkeit am falschen Platz.
In der Medizin und Biologie beginnen zehn Jahre Arbeit und
Planung auf dem Gebiet der Atomenergie ihre Früchte zu tragen.
Mehr als 1 800 Wissenschaftler dieser beiden Disziplinen sind
gegenwärtig mit einschlägigen Forschungsarbeiten beschäftigt.
Auf Grund der Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten hat man ganz
neue Wege zur Krebsbekämpfung entdeckt und viele Einsichten in
das Wesen dieser furchtbaren Krankheit gewonnen. Auch in der
Behandlung anderer Krankheiten ist die Verwendung von Radioisotopen heute selbstverständliche Praxis.
In der Erforschung der Krankheiten des Menschen, der Tiere
und Pflanzen durch die Biochemie hat eine neue Ära begonnen.
Die Anwendung der Ergebnisse der Atomforschung auf die Genetik
hat die Biologen in die Lage versetzt, gewisse Pflanzenkrankheiten erfolgreich zu bekämpfen und neue Arten zu züchten, die

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�"Ai^hiKA DILNST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

5. Mai 1954

die weit widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Diesen
Forschungsergebnissen kommt größte wirtschaftliche Bedeutung
zu. Die Auswertung der auf diesem Gebiet gesammelten Erkenntnisse zeigte auch neue Wege zum Studium der Erblehre und der
Vererbbarkeit gewisser Anlagen des Menschen auf.
Auch für die amerikanische Industrie gewinnt das Atom
ständig an Bedeutung. Über die Hälfte der Neuanforderungen von
Radioisotopen kommt aus der Industrie. So benutzt z.B. die
Petroleumindustrie Atomstrahlen zur Feststellung von Erdöllagern und zur Quellenbohrung; auch Erdölleitungen und der gesamte Raffinationsprozeß werden mit Hilfe radioaktiver Isotope
kontrolliert. Über 150 Fabriken benutzen Stahlenmeßl ehren, um
die Einheitlichkeit und Qualität ihrer Erzeugnisse zu erhöhen.
Durch die Verwendung der billigeren und leichter austauschbaren
radioaktiven Substanzen anstelle des teuren Radiums bei der Radio-Autographie konnten die Inspektionskosten stark herabgedrückt werden. Und durch die lizenzweise Überlassung von Regierungspatenten auf Erfindungen, die in den Laboratorien der
Atomenergiekommission gemacht wurden, konnten die bereits vorhandenen Erzeugnisse und die bisherigen Verfahren verbessert
sowie neue Produkte und Methoden entwickelt werden.
Diese Errungenschaften - von grundlegenden neuen Erkenntnissen bis zu Putz- Und Scheuermitteln - wurden zum großen Teil
durch das bisher bedeutsamste Erzeugnis des Atomzeitalters,
die Radioisotope, möglich gemacht. Radioisotope sind als die
sogen, "etikettierten" oder "Spür-Atome" bekannt. Ihr besonderer Wert und ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten
liegen in der Tatsache begründet, daß sie Strahlen bestimmter
Art und Intensität aussenden, die bis auf gewisse Entfernung
zu ermitteln und genau zu messen sind, dabei aber genau die
gleichen chemischen Eigenschaften besitzen wie ihre festen,
nicht-radioaktiven Brüder, und in jeder Beziehung genau wie
diese reagieren.
Seit August 1946, als die ersten Radioisotope von Oak Ridge
im Staate Tennessee per Flugzeug in ein Krankenhaus in St. Louis
gebracht wurden, hat diese Versuchsstation über 45 000 Sendungen
radioaktiver Isotopen in alle Staaten der USA und in 39 Länder
der freien Welt geschickt. Die Zahl der Anforderungen steigt
an, je mehr neue Verwendungsmöglichkeiten entdeckt werden. Dies
ist ein weiterer Aktivposten, den unsere Wirtschaft dem Atom
verdankt, ein Plus, dessen Wert gar nicht abzuschätzen ist.
Denn wer kann den Wert geretteter Menschenleben - ja, eines
einzigen Lebens - ermessen?
Einen weiteren Aktivposten stellen die wirtschaftlichen
Vorteile dar, die das Atom gewissen Regionen gebracht hat. Als
Beispiel hierfür könnte man das Colorado-Plateau nennen, das
große Gebiete der Staaten Colorado und Utah und Teile von New
Mexiko und Arizona umfaßt: heute sind auf dem Plateau über
500 Uran-Minen in Betrieb, die etwa 5 000 Menschen beschäftigen.
Ich

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT ggD ARBEIT

5. Mai 1954

Ich bin überzeugt, schon diese unvollständige Aufzählung
des bisher auf dem Gebiete der Atomwirtschaft Erreichten läßt
erkennen, daß das Atomprogramm insgesamt einen positiven Beitrag zu unserer Wirtschaft darstellt.
Gestatten Sie mir nun einen vorsichtigen Blick in die
Zukunft. All diese von mir aufgezählten Aktivposten dürften
sich ständig erhöhen - und die Anwendung des Atoms in Forschung,
Medizin, Landwirtschaft und Industrie sollte weiter ausgebaut
werden. Hinzu kommen noch zwei ganz bestimmte Dinge, die der
Entwicklung bedürfen. Es sind dies die Entwicklung der Atomkraft
als Energiequelle und die Verwirklichung der internationalen
Zusammenarbeit. Präsident Eisenhower verwies auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, die Entwicklung auf diesen Gebieten
so schnell wie möglich voranzutreiben, als er im Dezember vergangenen Jahres erklärte, das Atom gehöre in die Hände all
jener in der ganzen Welt, "die verstehen, es seines militärischen Gewandes zu entkleiden und es in den Dienst der friedlichen Wissenschaften zu stellen".
Bei der Verwendung der Atomkraft für Zwecke der Wirtschaft
gilt es noch, große Probleme zu lösen. Einige dieser Probleme
erfordern Änderungen des Gesetzes über die Atomenergie, und
die Kommission hat dem Kongreß vor einigen Wochen ihre Inderungsvorschläge vorgelegt. Die Forderungen der Kommission
zielten im wesentlichen darauf ab, das derzeitige Monopol der
Regierung auf spaltbares Material und die Besitzrechte an
Kernreaktoren und Patenten zu lockern und teilweise aufzuheben.
In der Entwicklung der Kernreaktoren wurden beträchtliche
technische Fortschritte erzielt. Diese Fortschritte in der
Schaffung von Kernreaktoren zur Erzeugung von Atomkraft für
zivile Zwecke sind zu einem großen Teil das Ergebnis der Bemühungen, die zum Bau des ersten mit Atomkraft angetriebenen
Schiffes, des Unterseeboots "Nautilus", führten. Seit 1951
hat die Privatindustrie in steigendem-Maße eigenes Kapital
in die Kernreaktorenforschung gesteckt.
Vor einem knappen Jahr glaubten wir noch, die Privatindustrie werde erst dann größere Investitionen in die Entwicklung der Atomkraft als Energiequelle stecken, wenn zwei Bedingungen erfüllt seien, nämlich bis das Gesetz über die
Atomenergie geändert und die Kommission mit Hilfe von Regierungsgeldern den Nachweis erbracht hat, daß die Atomkraft
als Energiequelle mit der Wasserkraft und den bekannten festen
und flüssigen Brennstoffen wirtschaftlich konkurrieren kann.
Hier hat sich in den letzten 12 Monaten ein großer Wandel
vollzogen.
Das Interesse der Privatwirtschaft an der Atomkraft geht
aus der Zahl und Bedeutung der Gesellschaf -^hervor, die Vorschläge für die erste, vollständige Anlage zur Erzeugung von
Atomenergie mit einer Mindestkapazität von 60 000 Kilowatt
einreichten. Der geeignetste Vorschlag stammte von d_er_ Duquesne
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�"AiahhlKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AKßi,IT

5. Mai 1954

Duquesne Light Company in Pittsburgh. Nach den Bestimmungen
des mit dieser Gesellschaft geplanten Vertrags könnten unserer
Ansicht nach die Kosten, die der Regierung für den Bau und
Betrieb dieses ersten vollständigen Atomkraftwerks entstehen,
um rund 30 Millionen Dollar gesenkt werden. Wir prüfen gegenwärtig auch noch die Vorschläge anderer Firmen.
Wenn wir ein Verfahren zur wirtschaftlichen Ausbeutung
der Atomenergie entwickeln wollen, so müssen wir die Naturgesetze • nöciii weit eingehender zu ergründen und sie unseren
Bedürfnissen noch mehr dienstbar zu machen suchen, und wir
werden auf diesem Wege auch Lösungen für viele komplizierte
Probleme der Metallurgie, der Wärmeumwandlung, der Chemie und
ähnliches mehr finden. Wir wissen, daß wir auf all diesen
Gebieten, wo wir es mit der unbelebten Natur zu tun haben,
noch große Portschritte machen können.
Ein anderes Problem, das das Atom aufwirft, ist leider
nicht so einfach zu lösen, da hier die Hindernisse, die zu
überwinden sind, in der menschlichen Natur begründet liegen.
Erfolg oder Mißerfolg unserer Bemühungen, auf dem Gebiet der
Atomenergie eine internationale Zusammenarbeit zu erreichen,
sind vielleicht gleichbedeutend mit Portschritt oder Rückgang der menschlichen Zivilisation. Im Bewußtsein dieser
Tatsache hat Präsident Eisenhower in seiner Rede vor den
Vereinten Nationen im Dezember vorigen Jahres der Welt seinen
hochsinnigen und wegweisenden Vorschlag unterbreitet, eine
internationale Behörde zu schaffen, an die alle hierbei in
Frage kommenden Nationen, einschließlich der Russen, regelmäßig bestimmte Mengen gewöhnlichen Uraniums und spaltbaren
Materials abzuliefern haben. Liese Behörde solle sicherstellen,
d-°ß die segensreichen Kräfte des Atoms in den Lienst der gesamten Menschheit gestellt und die aus Atomkräften gewonnenen
Energien den an Treibstoffen armen Gebieten zugänglich gemacht
werden. Eine Folge dieser Regelung, und eine recht bedeutsame, wäre die sich daraus ergebende immer stärkere Abnahme
des für zerstörerische Zwecke zur Verfügung stehenden spaltbaren Materials. Der Plan des Präsidenten ist einfach, leicht
verständlich und eindeutig. Diese Sache ist nicht eingeschlafen, wie manche Leute angenommen haben» Wie immer das Endresultat aussehen möge, der Plan ist noch nicht zu Grabe getragen,
und die im Januar begonnenen Besprechungen werden gegaawärtig
in Genf fortgesetzt.
Angesichts dessen, was das Atom zum Wohle des Menschen
vermag, ist es nur natürlich, daß die Forderungen der von Seuchen und Hungersnöten heimgesuchten Völker und der Länder, die
begierig nach Energiequellen zur Ankurbelung ihrer Wirtschaft
und zur Hebung ihres Lebensstandards suchen, immer dringender
werden. Dies gilt aut&amp;h für die Länder jenseits des Eisernen
Vorhangs. Gewährt man den Menschen nur einen kleinen Blick
in das segensreiche Wirken des Atoms, so würden sich ihnen
Ausblicke auf Zeiten des Friedens und Gedeihens eröffnen. Und

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�"A^hlKA LLfaiMST" - WIRTSCHAFT UML Ah.BX.IT

5. Mai 1954

Und haben sie das erst einmal gesehen, so wird es selbst einem
tyrannischen politischen System schwerfallen, ihnen diese Segnungen zu versagen.
Die Atomenergiekommission ist entschlossen, alles nur
Mögliche zur Verwirklichung des Vorschlags Präsident Eisenhowers
für eine internationale Zusammenarbeit zu tun, der bei allen
Nationen, den großen wie den kleinen, neue Hoffnungen erweckt
und die Menschen guten Willens in allen Ländern zu neuem
Gebet angeregt hat".

*

* * * *

I

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�DES NAHE OSTUN UND 3ÜLASIEN - LAS PROBLEM LEE SICHERHEIT
Von John L. Jernegan,
Stellvertretender Unterstaatssekretär für nahöstliche,
südasiatische und afrikanische Angelegenheiten
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Seit dem beginnenden Niedergang des Ottomanischen Reiches besaßen der
Mittlere Osten und das Südliche Asien.für die Lauer
von mindestens 2 Jahrhunderten so gut wie keine eigene
Verteidigungskraft. Lie Folge war, daß dieses Gebiet
zum Gegenstand heftiger Machtkämpfe wurde. Eines der
stärksten Elemente, die auf dieser Bildfläche erschienen, war der ständige Ansturm des russischen Kaiserreiches gegen den Süden und Osten. Liesem Ansturm
wurde vom Mittleren Osten selbst nur sehr geringer
Wideretand entgegengesetzt und er wurde nur durch das
Gegengewicht der anderen europäischen Mächte, vor
allem Großbritannien und Frankreich, unter Kontrolle
gehalten. Im laufe des 19»Jahrhunderts baute sich
Großbritannien in Indien und im Nahen Osten eine
starke Position aus. Las Ergebnis war, daß die Gebiete zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Pazifik eine Art Pax Britannica genossen.
Nach dem letzten Weltkrieg wurde die britische
Machtbasis im Mittleren Osten und im Südlichen Asien
stark reduziert. Ladurch wurden die Staaten in die
Lage versetzt, selbst frei über ihre-nationalen Belange nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, aber sie
verloren dadurch gleichzeitig auch weitgehend die Verteidigungskraft gegen eine räuberische Großmacht, und
unglückseligerweise endeten die Absichten der Russen
in dieser Richtung nicht mit dem Sturz des zaristischen
Regimes.
Es ist wichtig festzustellen, daß der von Deutschland und der UdSSR gemeinsam ausgearbeitete Entwurf des
Geheimabkommens vom 26.November 1940 den folgenden
Passus enthält: "Lie Sowjetunion erklärt, daß der
Schwerpunkt ihrer territorialen Aspirationen auf dem
Raum südlich des nationalen Territoriums der Sowjetunion allgemein in der Richtung auf den Indischen
Ozean liegt". Seit 1940 haben wir reichlich Beweise
dafür erhalten, daß sich diese Einstellung der Sowjets
nicht geändert hat. Ein besonders bezeichnendes Bei-

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Beispiel war ihr Versuch, die Kontrolle über das iranische
Aserbeidschan in den Jahren 1945 und 1946 zu gewinnen.
Wir haben keinen Beweis dafür, daß sich die Haltung
der Sowjets seit Stalins Tod geändert hat. Ich glaube nicht,
daß es auch nur ein einziges Land im Mittleren Osten gibt,
wo sich nicht die Hand des Kreml offenbart. In einigen, wie
beispielsweise der Türkei, macht eine starke Regierung diese Bemühungen allerdings äußerst schwierig. In anderen aber
tragen die Machinationen der Kommunisten des eigenen Landes
weitgehend zur Untergrabung der internen Stabilität bei.
Im Jahre 1951 wurde die Möglichkeit diskutiert, ein
Nahostkommando zu bilden, das unterstützt werden sollte
von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich,
Frankreich, der Türkei und bestimmten Britischen Dominien,
und das die arabischen Staaten einschließen sollte. Die
Nahost-Staaten waren jedoch zu sehr von ihren Auseinandersetzungen mit dem Westen und den Feindseligkeiten zwischen
den Arabern und Israel in Anspruch genommen, um sich an
einer allgemeinen Befensiv-Vereinbarung unter westlicher
Führung beteiligen zu wollen.
Im Jahre 1952 wurde die Bildung einer sogenannten NahostVerteidigungsorganisation in Erwägung gezogen, die im Gegensatz zu dem ursprünglichen gemeinsamen Verteidigungsplan
einen viel loseren Zusammenschluß der Beteiligten vorsah.
Aber auch dieser Plan fand bei den Staaten des Nahen Ostens,
deren Beteiligung für seinen Erfolg von ausschlaggebender
Bedeutung gewesen wäre, keine günstige Aufnahme.
Als Außenminister Dulles im vergangenen Jahr sein Amt
antrat, entschied er, das gesamte Problem des Nahen Ostens
und Südasiens, einschließlich der Situation der Sicherheit,
auf völlig neue Weise anzupacken. Im Frühjahr 1953 unternahm er eine ausgedehnte fieise durch dieses Gebiet. Er
legte Tausende von Kilometern zurück und führte lange Unterredungen mit führenden politischen Persönlichkeiten. Als er
zurückkehrte, hatte er zu dem Problem der Verteidigung folgendes zu sagen:
"Die Bildung einer Verteidigungsorganisation im Nahen
Osten ist eine Möglichkeit, die sich eher für die Zukunft als
für die unmittelbar vor uns liegende Zeit bietet. Viele Länder
der Arabischen Liga sind derart mit ihren Auseinandersetzungen
mit Israel oder Frankreich oder Großbritannien beschäftigt,
daß sie der Bedrohung des sowjetischen Kommunismus wenig Beachtung schenken. Allerdings ist dort die Sorge größer, wo
die Sowjetunion in der Nähe ist. Im allgemeinen zeigt sich
bei den im Norden gelegenen Staaten, daß diese sich der Gefahr
bewußt sind.
Es

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Es besteht der noch nicht klar umrissene Wunsch nach
einem kollektiven Sicherheitssystem. Aber kein derartiges
System kann von außen aufgezwungen werden. Dieses System
sollte von innen heraus entwickelt werden und aus einem Gefühl für das gemeinsame Schicksal und die gemeinsame Gefahr
erwachsen.
Während die Vereinigten Staaten auf die formelle Schaffung
einer Sicherheitsgemeinschaft warten, können sie in nützlicher
Weise an der Stärkung der stark voneinander abhängigen Verteidigungssysteme jener Länder mithelfen, die stark sein
wollen - nicht etwa, um gegeneinander oder gegen den Westen
gerüstet zu sein, sondern um der allen freien Nationen gemeinsamen Bedrohung zu widerstehen".
Ich glaube, der Schlüssel für eine künftige kollektive
Sicherheit im Nahen Osten liegt in jenem Gefühl, von dem
Außenminister Dulles erklärte, daß es von innen heraus entwickelt werden müsse - daß es einem Gebiet nicht von außen
her aufgezwungen werden könne. Sowohl der Plan des NahostKommandos wie auch der der Nahost-Verteidigungsorganisation
scheiterten daran, daß die Initiative dazu vom Westen ausging.
Hohe Beamte der Regierung von Pakistan hatten uns im Rahmen von informellen Gesprächen vor Monaten schon ihr Interesse
an einer Stärkung Pakistans angedeutet und erklärt, daß Pakistan
die Gefahren, denen sich die freie Welt gegenübersieht, erkannt habe. Wir für unseren Teil hatten das Potential, das
Pakistan in Zusammenhang mit dem Problem einer Stärkung der
Defensivkraft des Nahen Ostens darstellt, bereits in Erwägung
gezogen. Während diese Frage noch innerhalb der amerikanischen
Regierung näher untersucht wurde, begannen die Regierungen der
Türkei und Pakistans die Vorteile einer engeren Zusammenarbeit
auf politisch«, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet sowie
in bezug auf ihre Sicherheit in nähere Erwägung zu ziehen. Die
Regierung der Vereinigten Staaten war sich völlig im klaren
über diese Gedankengänge, die sie begrüßte und aus denen
schließlich jene gemeinsame Erklärung der Regierungen der Türkei
und Pakistans vom 19«Februar dieses Jahres resultierte, die das
Vorhaben zum Ausdruck brachte, "die Methoden zur Erreichung einer
engeren freundschaftlichen Zusammenarbeit auf politischem,
wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ebenso wie in bezug
auf die Stärkung des Friedens und der Sicherheit in ihrem eigenen Interesse wie auch in dem aller friedliebenden Nationen
zu untersuchen".
Pakistan hat der freien Welt konkrete Angebote zu machen.
Es verfügt über eine vorzügliche Armee, die in der Zeit vor
seiner Lostrennung eine beachtliche Zahl verdienter Regimenter
in der indischen Armee stellte - Regimenter, die sich in zwei
Weltkriegen durch ihre besondere Tapferkeit auszeichneten. Es
verfügt über ein erhebliches Menschenreservoir, mit dem es
diese Armee ausbauen kann. Seine militärische Tradition und
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�"A*£RIAA

DIENST"

5. Mai 1954

und Fähigkeit hat es bereits anter Beweis gestellt. Es nimmt
eine wichtige Schlüsselstellung ein, da es die Einfallstraßen
zum indischen Subkontinent beherrscht und dabei eine Straße,
die es ihm im Ernstfälle ermöglicht, die Verteidigung des
Nahen Ostens wirkungsvoll zu unterstützen.
Um jedoch all diese natürlichen Gegebenheiten günstig entwickeln zu können, bedarf Pakistan der Hilfe von außen. Es verfügt weder über die notwendigen Rohstoffe noch über eine genügende Produktionskapazität, um sich selbst so ausrüsten zu
können, daß es einer Aggression von außen her standhalten
könnte.
Auf der anderen Seite mußte die Regierung der Vereinigten
Staaten - und sie tat es auch - die Einstellung von Pakistans
großen Nachbarn, Indien, berücksichtigen. Wir fürchteten - und
in cer Fol£e wurde diese Furcht noch bestärkt - daß vielen
Indern die Aussicht auf eine militärische Unterstützung eines
benachbarten Landes, mit dem sie nicht in bestem Einvernehmen
stehen, nicht behagen würde.
Mr. Nehru gab auch der Befürchtung Ausdruck, daß die militärische Hilfe für ein asiatisches Land der Wiedereinführung des
westlichen Imperialismus die Wege ebnen würde.
Wir müssen Mr. Nehrus Meinung respektieren und tun es auch.
Er ist der große politische Führer einer großen Nation von
376 Millionen Menschen. Er ist nie von seinem Ziel abgewichen,
die Demokratie zu fördern und den Kommunismus in seinem eigenen
Lande zu bekämpfen. Zwischen den Vereinigten Staaten und Indien
besteht eine feste Tradition der freundschaftlichen Beziehungen,
die nicht zerstört werden dürfen und die, davon bin ich überzeugt, noch stärker werden.
Aber wir fühlen uns dazu berechtigt, in denjenigen politischen Angelegenheiten von Mr. Nehrus Ansichten abzuweichen, die
unsere Beziehungen zu anderen Ländern betreffen, ebenso wie es
berechtigt ist, darin von unseren Auffassungen abzuweichen.
Was in Osteuropa geschehen ist - in Polen, der Tschechoslowakei, den Baltischen Staaten, der deutschen Ostzone - was
in Korea und in Indochina geschehen ist, das alles deutet unmißverständlich auf die offenkundige Tatsache hin, daß die
freien Völker der Welt es mit einer Verschwörung zu tun haben,
deren Ziel die Versklavung von uns allen ist. Unsere Botschaft
ist einfach und klar: Wenn die Freiheit bestehen bleiben soll,
muß sie geschützt werden. Unsere Art dies zu tun - und sie hat
sich bewährt - liegt in der Konzeption der kollektiven Sicherheit. Wir können es nicht zulassen, daß die Völker, die in
Frieden und Sicherheit leben wollen, nacheinander abgeschossen
werden.
Wir glauben daher nicht, daß eine Stärkung der freiheitliebenden Nationen einen Angriff herausfordert. Im Gegenteil,
wir sind der Ansicht, daß die Erfahrung gezeigt hat, daß dies
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�"AMEKIKA LIENST"

5. Mai 1954

dies ein Abschreckungsmittel für jeden Angriff ist.
Ein wirklicher Schritt vorwärt? auf dem Weg zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens für den Nahen Osten und Südasien
wurde durch die Eigeninitiative der Nationen dieser Gebiete
zur gemeinsamen Zusammenarbeit erreicht, der die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten auf deren Wunsch hin ihre Unterstützung zuteil werden ließen. Wir sollten auf jeden Fall
durch diese von der Türkei und Pakistan ergriffene Initiative
ermutigt sein, Sie ist zwar nur ein Anfang, aber aus ihr können sich noch weitreichende Resultate entwickeln. Es ist von
größter Bedeutung, daß diese beiden Länder angedeutet haben,
daß sich an den im Zusammenhang mit dieser Vereinbarung vorgeschlagenen Verhandlungen auch andere gleichgesinnte Nationen
beteiligen können. Es bedarf keiner weiteren Betonung, daß
die Vereinigten Staaten es begrüßen würden, wenn andere Staaten
dieses Gebietes sich diesen kooperativen Beziehungen rechtzeitig anschließen würden, sobald und wenn sie erkannt haben,
daß es in ihrem eigenen Interesse geschieht.
Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir hoffen, daß das, was
wir heute hier miterleben, sich möglicherweise zu einer allgemeinen Stärkung des Nahen Ostens entwickeln könnte.
Uneinigkeit bedeutet Schwäche. Einheit trägt wesentlich
zur Stärke bei. Wenn die Nationen des Nahen Ostens sich von
sich aus dazu entschließen können, die Fragen des Friedens
und der Sicherheit gemeinsam voranzutreiben, dann werden sie
nach meiner Überzeugung durch ihre neue Einigkeit und Stärke
viele der grundsätzlichen Fragen von Instabilität und Zwietracht lösen können. Mit etwas Hilfe und Ermutigung von außen
her werden sie den großen Fortschritt auf dem Wege zu einer
lebensfähigen Wirtschaft erkennen können. Sie können auch
Fortschritte auf sozialem Gebiet erwarten, sie werden die Mittel haben, ihre individuelle Sicherheit wirkungsvoll zu
schützen. Vor allem aber werden sie einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der freien Welt leisten.
*

* * * *

- 5 -

�A M E R I K A

DIE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT DER USA
MIT DEN NAHOST-STAATEN
Von Stephan Dorsey
Stellvertretender Direktor der Nahost-Abteilung im
US-Außenministerium
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Die Geschichte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen amerikanischen Privatfirmen und den Nahost-Staaten geht weit zurück. Schon in den
ersten Tagen der jungen amerikanischen Republik zogen amerikanische Kaufleute in die Levanteländer, und als den ersten
technischen Experten kann man den Missionar Eli Smith bezeichnen, der 1834 die erste Druckereipresse nach Syrien brachte.
Zur technischen Entwicklung dieses Gebietes trugen auch viele
Techniker aus den amerikanischen Südstaaten bei, die nach Beendigung des Bürgerkrieges in die Länder des Nahen Ostens gingen. Alle diese Menschen kamen in den vorderen Orient als
Privatleute und als Wegbereiter derjenigen Firmen, religiösen,
philanthropischen, Wohlfahrts- und Kultur-Organisationen, deren besondere Interessenheute gerade hier liegen.
Die amerikanische Regierung andererseits hat, noch bevor
sie den Freundschafts- und Handelsvertrag mit Muscat unterzeichnete, wohl solchen privaten Unternehmungen ihren diplomatischen Schutz ajbgedeihen lassen, aber bis zum Beginn des
letzten Krieges keinen aktiven Part in der Durchführung
finanzieller und technischer Projekte übernommen.
Die erste staatliche Unterstützung überhaupt war eine begrenzte "lend-lease"-Hilfe zu Beginn des letzten Krieges, die
nach seinem. Ende noch durch Anleihen der Import-Export-Bank
ergänzt wurde. 1947 erfolgte dann der Abschluß des türkischgriechischen Hilfsvertrages, der sich in bezug auf die Türkei
zuerst auf eine militärische Unterstützung und später, mit
der Eingliederung der Türkei in den Marshallplan, hauptsächlich auf wirtschaftliche Hilfe konzentrierte. Mit der Verkündung des "Punkt-4-Programmes" durch Präsident Truman anläßlich seiner Regierungsantritts-Rede erfolgte dann auch die
finanzielle Unterstützung des technischen Beistand^rogramms,
durch das schon rund '\1j2 Jahre später die ersten hundert Techniker in diese Länder kommen konnten.
In dieser Nachkriegsperiode bewilligte der US-Kongreß aber
auch noch Mittel für zahlreiche UN-Organisationen, die heute
in diesem Gebiet aktiv tätig sind, sowie für das Flüchtlings- 1 -

�"AMKKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Flüchtlingshilüawerk in Palästina (153 Millionen Dollar), für
die Weltbank und eine Anzahl anderer UN-Organisationen, wie
die Weltgesundheitsorganisation, den UN-Kinderhilfsfonds usw.
Ursprünglich auf den "Türkisch-Amerikanischen Handelsschiff ahrts-Vertrag" (1929) und das Niederlassungsabkommen
(1931) gestützt, erweiterte sich die türkisch-amerikanische
Zusammenarbeit in den letzten 12 Jahren auf das "lend-lease"und Rohstoffbevorratungsprogramm, auf Kreditabkommen mit der
"Bundesverwaltung für die Schiffahrt", der "Import-ExportBank" und dem "Amt für Auslandshilfe".
Die Weltbank hat inzwischen neue Anleihen zur Vollendung
schon begonnener Projekte bereitgestellt, eine allgemeine
Wirtschaftsanalyse unter Berücksichtigung der Investitionsmöglichkeiten beendet und der "Bank für Industrielle Entwicklung" bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt. Insgesamt haben
die Vereinigten Staaten bisher 300 Millionen Dollar in Form von
"Zuwendungen" im Rahmen der Militärhilfe der Türkei gewährt.
In dieser Summe sind die Mittel für das technische Hilfsprogramm
einbegriffen. Die Höhe der gewährten Anleihen beträgt 90 Millionen Dollar,
Technischer Beistand
Bilaterale technische Hilfsprogramme werden gegenwärtig im
Iran, in Israel, Liberia,. Abessinien und anderen arabischen
Staaten mit Ausnahme von Syrien und dem Jemen durchgeführt. Die
vom UN-Kongreß für diesen Zweck bereitgestellten Mittel betrugen:
1951
1952
1953
1954
Also insgesamt:

:
5 Millionen Dollar;
: 45 Millionen Dollar;
: 51 Millionen Dollar;
: 34 Millionen Dollar.

135 Millionen Dollar.

Die größten Posten im Rahmen dieses Programms erhielt
Persien, das 1953 24 von den insgesamt 51 Millionen Dollar bekam
und auch die größte Zahl von technischen Beratern aufweist, die
in den Ländern des Nahen Osten arbeiten, nämlich 175 von insgesamt 600. Es folgt Ägypten mit 13 Millionen Dollar, von
denen 10 Millionen im Rahmen des landwirtschaftlichen Entwicklungsprogrammes zugeteilt wurder* zu dem die ägyptische Regierung ebenfalls Beiträge in Höhe von 16 Millionen Dollar leistet. Die Arbeiten konzentrieren sich dabei auf die beiden Provinzen Beheira
und Fayoum, in denen Kultivierungsarbeiten sowie Landwirtschafts-,
Gesundheits- und Erziehungsprogramme sowie andere Projekte durchgeführt werden.
Andere, allerdings unbedeutendere Zuteilungen (1953: 3 Mill.
Dollar) wurden für Israel (Heuschreckenbekämpfung) und andere
kleine Programme verwendet.
Folgende
- 2 -

�"AiviEKIKA CILEST" - »IRTSCHAitT UND AhB.fc.IT

19. Mai 1954

Folgende Projekte wurden bisher durchgeführt: Erstellung
einer Mütter- und Säuglingsklinik in Samawe (Irak), Malariabekämpfung in vielen Gebieten Persiens, sowie die Bewässerung im
Jordantal.
Im Sommer 1953 bewilligte der US-Kongreß 147 Millionen
Dollar für besondere wirtschaftliche Hilfe im Nahen Osten und
in Afrika. Zum ersten Mal konnte die US-Regierung den Ländern
des vorderen Orients mitteilen: "Wir verfügen jetzt über einen
Fonds, aus dem wir Eure Länder unterstützen, wenn Ihr uns geeignete Projekte vorlegt, die zum beiderseitigen Nutzen durchgeführt werden können".
Die erste Zuteilung aus diesem Fonds erhielt Persien in
Höhe von 23,4 Millionen Dollar. Die Summe wurde der persischen
Regierung nach der Rückkehr des Schahs und nach der Einsetzung
General Zahedis zur Verfügung gestellt, damit das Budget ausgeglichen und die neue Regierung, die im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin unter Mossadegh, mehr nach den USA und den westlichen
Ländern ausgerichtet ist, gestärkt werden konnte. Die zweite
Zuteilung aus dem besonderen Hilfsfonds erfolgte ebenfalls zur
Beseitigung eines Notstandes, und zwar 250 000 Dollar, um die
Transportkosten für amerikanischen Weizen zu bezahlen, der zur
Verhinderung einer Hungersnot im südlichen Jordanien dorthin geschickt wurde, nachdem Präsident Eisenhower seine Zustimmung
dazu gegeben hatte.
Auch die dritte Zuteilung in Höhe von 26 Millionen Dollar
an Israel betraf einen ähnlichen Fall: den Einkauf von Lebensund Futtermitteln, Saatgut, Kunstdünger, Brennstoff und Rohmaterial für die Herstellung von Bekleidung zur Abwendung eines
Notstandes.
Hilfe für Palästina-Flüchtlinge
Unsere Hilfsmaßnahmen, die darauf abgestellt waren, die
Not der 870 000 Flüchtlinge zu lindern, wurden von der UNRWA
durchgeführt. Diese Körperschaft besitzt ein Beratungskomitee,
das sich ursprünglich aus Delegierten der USA, Großbritanniens,
Frankreichs und der Türkei zusammensetzte und inzwischen, nachdem bereits einige Projekte durchgeführt worden sind, durch
Vertreter von Syrien, Jordanien, Ägypten, and dem Libanon ergänzt wurde.
Seit 1948 hat die amerikanische Regierung 153 Millionen
Dollar für diese Flüchtlinge bereitgestellt. Von dieser Summe,
die 65 Prozent aller bisherigen Zuwendungen ausmacht, wurden
43 Millionen Dollar für reine Hilfsmaßnahmen, der Rest für die
Ansiedlung der Flüchtlinge bereitgestellt bzw. verwendet.
Die größte Aufmerksamkeit hat zweifellos der Plan zur Entwicklung des Jordantales gefunden. Erst kürzlich wurde dieses
Programm auf Grund eines Übereinkommens zwischen UNRWA und Jor- 3 -

�"AiioEKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Jordanien noch beträchtlich erweitert, wobei UNRWA die Zusicherung gab, 40 Millionen Dollar zum Nutzen der Flüchtlinge
bereitzustellen, damit weitere Flußregulierungsarbeiten durchgeführt und Kraftwerke erstellt werden können. Das 1952 ausgearbeitete Programm für die Ansiedlung von 6 000 Flüchtlingsfamilien vergrößert sich dadurch beträchtlich. Eine Anzahl
Projekte dieses umfangreichen Programms sind inzwischen schon
angelaufen bzw. durchgeführt worden. So u.a. ein Berufsschulungsprogramm, das rund 1 Million Dollar erfordert sowie die
Erteilung von Darlehen zur Schaffung von Existenzgrundlagen
für Flüchtlinge, die durch die jordanische Aufbaubank gegeben
wurden, deren Grundkapital die UNRWA zeichnete.
In Syrien hat UNRWA Übereinstimmung über die Durchführung
eines Programmes zur Vergrößerung der landwirtschaftlichen
Nutzflächen und der technischen Schulung erzielt, zu dem die
syrische Regierung 30 Millionen Dollar beisteuern wird.Hiermit
sollen rund 85 000 Flüchtling»neue Beschäftigun^möglichkeiten
gegeben werden. Eine landwirtschaftliche Siedlung für
200 Flüchtlingsfamilien steht bereits vor der Vollendung und
andere Bemühungen zielen u.a. darauf ab, neue Gebiete zu erforschen, in denen eine Landwirtschaft aufgebaut werden kann.
Zu diesem Zweck sind bereits zwei Untersuchungsexpeditionen in
die nördlichen und nordöstlichen Teile des Landes abgereist,
um geologische Untersuchungen durchzuführen.
Auch die ägyptische Regierung hat UNRWA hinsichtlich der
200 000 Flüchtlinge in Gaza ihre volle Unterstützung zugesagt.
Während des vergangenen Jahres wurden u.a. die Möglichkeiten
untersucht, Wasser aus einem Süßwasserkanal, der durch den
Nil gespeist wird, unter dem Suezkanal hindurch nach der
Sinai-Halbinsel zu leiten, um dort Land kultivieren zu können.
Eine genaue Analyse der Möglichkeiten zur Bewässerung dieses
Gebietes, das rund 60-70 000 Menschen eine neue Heimat geben
könnte, wird gegenwärtig gemeinsam von UNRWA und der ägyptischen Regierung durchgeführt. Die Ergebnisse dürften in einigen
Monaten vorliegen. 30 Millionen Dollar stehen für diesen Zweck
zur Verfügung.
Das letzte Mittel der Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung :und den Ländern des Nahen Ostens liegt in der
Unterstützung durch Anleihen und Kreditgewährungen. Seit Kriegsende wurden folgende Kredite bzw. Anleihen gewährt:
Export-Import-Bank in Washington bis Ende Finanzjahr 1953:
Land:

�"AÜÜERIKA

LIEHST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

bewilligt:

Land;
Afganistan
Türkei
Israel
Ägypten
Saudi-Arabien
Abessinien
)

19. Mai 1954
angeiwiesen:

Millionen Dollar

21
46
135

n

7,25
29,0
3,0

H

"
w

II

M

II

tl

II

II

*)

17,5
30,0
130,0
7,25
15,0
3,0

Mill.Dollar
n

H

n

M

•i

H

M

W

1»

H

davon 14 gestrichen

Die Gesamthöhe der von der Export-Import-Bank gewährten
Anleihen beläuft sich damit auf insgesamt 203 Millionen Dollar.
Das US-Büro für die Abwicklung ausländischer Kredite, das
auch die Guthaben verwaltet, die nach dem letzten Krieg aus den
Lieferungen überschüssigen Heeresmaterials an die Nahostländer
entstanden, beziffert diese Leistungen auf rund 50 Millionen
Dollar, die sich im einzelnen wie folgt auf die verschiedenen
Staaten verteilen (in Millionen Dollar):
Persien
Ägypten
Türkei
Saudi-Arabien..
Libanon
Abessinien ....

30;
10;
6;
2;
1,5;
0,5.

Eih Teil der an die Türkei im Rahmen der ECA/MSA/FOA
geleisteten Hilfe besteht in erster Linie aus Anleihen und
weniger aus nichtrückzahlbaren Zuwendungen. Die Gesamthöhe
amerikanischer Anleihen an die Türkei beläuft sich auf
140 Millionen Dollar. Desgleichen verwendete die Türkei
einen 3-Millionen-Dollar-Kredit der "US-Bundesverwaltung
für die Schiffahrt".
Die Gesamthöhe sämtlicher an die oben genannten Staaten
gewährten amerikanischen Kredite belaufen sich auf 396 Millionen Dollar. Darüber hinaus besitzen die Vereinigten Staaten
32 Prozent des Aktienkapitals der Weltbank, die Kredite in
Höhe von 59,6 Millionen Dollar an die Türkei, 12,8 Millionen
Dollar an den Irak und 8,5 Millionen Dollar an Abessinien
gewährte.
* * * * * *

- 5-

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE CHINAPOLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN
Wesentliche Auszüge aus einer Rede
von Alfred le Sesne Jenkins, dem derzeitigen Leiter der China-Abteilung im
US-Außenministerium, die er am 2.April
1954 vor der amerikanischen Akademie für
Staatswissenschaften (Academy of Political
and Social Science) in Philadelphia gehalten hat.
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - ".... Wir glauben
nicht, daß die kommunistische Regierung Chinas den Willen
des von ihr beherrschten Volkes repräsentiert. Vielmehr
folgte sie bisher sklavisch der Führung der Sowjetunion
und versuchte, diese in jeder Hinsicht nachzuahmen. Mit
Hilfe von Tausenden von sowjetischen Ratgebern hat sie sich
das Ziel gesetzt, das gesamte Gefüge der traditionellen
chinesischen Kultur systematisch zu verändern und durch die
materialistischen und atheistischen Lehren des Kommunismus
zu ersetzen, nach denen der Staat das ein und alles ist und
das Individuum sein Unterpfand. Das Regime erfuhr zunächst
beträchtlichen Zulauf, namentlich durch seine Förderung des
Gedankens der Bodenreform. Nunmehr aber, nachdem die dazu
erforderlichen Organe des Polizeistaats geschaffen sind,
nimmt es das Land seinen Besitzern auf dieselbe Weise weg,
die in anderen kommunistischen Staaten üblich ist, um es
zu kollektivisieren.
Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau
Obwohl Vertreter der Sowjetbürokratie vor der Machtübernahme durch die chinesischen Kommunisten unter Protest
erklärten, daß sie nicht wüßten, was diese "unabhängigen
Agrarreformer" im Sinne hätten, bestand schon immer eine
enge Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau. Trotz des
Freundschafts- und Bündnisvertrages, der am 14»August 1945
zwischen der Chinesischen Republik und der Sowjetunion geschlossen worden war, und demzufolge die Sowjetunion "Unterstützung und Hilfe ausschließlich der nationalen Regierung
als der zentralen Regierung Chinas" zusicherte, übereignete
dieselbe Sowjetunion das in der Mandschurei beschlagnahmte
japanische Kriegsmaterial den chinesischen
Kommunisten. Schon zwei Tage nach deren Machtergreifung
nahm die Sowjetunion diplomatische Beziehungen # u ' Peking

�ffAiaERIKA DIENST*
j| f Mai 1954
eking auf, und fünf osteuropäische sowjet-Sftelliten folgten
innen einer Woche Das nordkowstäaiB Regime, der kommunistische
Satellitenstaat in Mitteldeutschland und die sogenannte Mongolische Volksrepublik nahmen ebenfalls innerhalb der ersten
Monate diplomatische Beziehungen aü China auf.

?

Nur vier Tage nach der Errichtung der sogenannten "Volksregierung" wurde bereits der Chinesisch-Sowjetische Freundschaftsbund gegründet, eine Massenorganisation, deren Ziel
nach den Worten der Kommunisten darin besteht, "brüderliche
Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem Qhinesischen und
dem Sowjetvolk zu begründen und zu festigen, und den Austausch
von Wissen und Erfahrung zwischen den beiden großen Nationen
zu entwickeln."
Seitdem hat das Mao-Eegime mit der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten verschiedene wirtschaftliche,
militärische und kulturelle Verträge geschlossen und Abkommen
getroffen. Starke ideologische Bande bestehen zwischen Moskau
und Peking, und ein großer Teil der chinesischen kommunistischen
Führer ist in Moskau ausgebildet. Die chinesischen Kommunisten
fühlen auch die Notwendigkeit, ihre militärische Stärke und
ihre Schlagkraft durch eine nahe Verbindung mit der Sowjetunion zu erhöhen. China kann seinerseits die Sowjetunion mit
notwendigen Rohstoffen und Nahrungsmitteln versorgen und die
Benutzung der eisfreien Häfen Dairen und Port Arthur anbieten.
Die Sowjetunion wünscht kein starkes, unabhängiges China an
seiner sibirischen Grenze. Sein natürliches Interesse an dem
Bestand und der Stärke des kommunistischen China (sofern dieses nicht allzu stark und allzu unabhängig wird natürlich)
sowie an dem Bündnis mit diesem China zielt darauf ab, eine
Machtposition zu gewinnen, wie sie andernfalls nicht denkbar
wäre.
Im Sinne dieser Anlehnung an den Sowjetblock überhäuft
China die freie Welt im allgemeinen und die Vereinigten Staaten im besonderen mit Schmähungen und allen Arten von Beleidigungen über den Rundfunk, in Zeitungen, am Konferenztisch
und in Zeitschriften aller Sprachen einschließlich Esperanto,
die über die Welt verbreitet werden. Ganz abgesehen von den
möglichen politischen Folgen erscheint ein solches Verhalten
besonders empörend, wenn man bedenkt, daß es von den Chinesen
kommt* Denn ein gutes Jahrhundert lang haben die Amerikaner
eine tiefe Beziehung und eine aufrichtige Freundschaft zum
chinesischen Volk unterhalten. Unser Anteil an der Unterstützung der territorialen Integrität Chinas und seiner politischen Unabhängigkeit ist nur allzu gut bekannt. Es erweckt
unsere Besorgnis und unser Bedauern, daß wir seit mehr als
vier Jahren von unserer gewohnten engen Freundschaft mit der
großen Mehrheit des chinesischen Volkes abgeschnitten sind.
Es gibt einige, die das Gefühl haben, daß diese unglückliche Situation zu beheben wäre, wenn wir das Pekingregime
anerkennten und ihm das Recht zubilligten, China bei den
Vereinten Nationen zu vertreten«. Indess, selbst wenn wir der

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

der Meinung wären, daß sich eine solche Handlungsweise moralisch
rechtfertigen ließe, bestünde doch nicht die Spur einer Aussicht,
auf irgendeine befriedigende Gegenseitigkeit im Sinne einer
Wiederherstellung unserer Beziehungen zu der Bevölkerung des
chinesischen Festlandes. Während der der Machtübernahme durch
die sogenannte Volksregierung vorausgehenden und der ihr folgenden Monate haben Funktionäre des kommunistischen China eine
Anzahl unserer offiziellen Vertreter eingekerkert und auf andere Weise mißhandelt, jedenfalls ihren offiziellen Status
keineswegs anerkannt. Als die Situation schließlich unerträglich wurde, zogen wir unsere sämtlichen diplomatischen Vertreter zurück und baten die Briten, unsere Interessen wahrzunehmen. Die Briten haben sich bemüht, dies nach besten Kräften zu
tun. Aber sie wurden an dieser Absicht gehindert. Denn während
sie das Regime anerkannten und diplomatische und konsularische
Vertretungen auf dem Festland unterhalten, zeigen sich die
Kommunisten ihrerseits keineswegs bereit, diplomatische Beziehungen mit den Briten aufzunehmen, und sie haben auch den
britischen Beamten die volle Akkreditierung verweigert. Die
Briten und auch andere, Vollakkreditierte haben vergeblich
versucht, in unserem Auftrage die Freilassung von einigen
Hundert Amerikanern zu erwirken, die gegen ihren Willen im
kommunistischen China zurückgehalten werden. 32 von ihnen
sitzen im Gefängnis, ohne Beziehung zur Außenwelt, ohne Prozeßverfahren, und sogar ohne zu wissen, welche Anklagen gegen sie
erhoben sind.
Wie sich das Pekingregime benimmt
Das Pekingregime hat sich bisher im Verkehr mit anderen
Nationen nicht an anerkannte Maßstäbe gehalten. Es hat mehrfach
die Abmachungen des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens
verletzt. Es hat in der Behandlung der Kriegsgefangenen die
internationalen Regeln mißachtet. Um sich den für seine abenteuerlichen Aggressionen und die entsprechende Tätigkeit in
anderen Ländern erforderlichen Außenhandel zu sichern, hat es
einen Rauschgifthandel über die ganze Welt organisiert und
hat einen Erpressungsfeldzug gegen die Chinesen in Übersee
eingeleitet, deren Angehörige sich in seiner Gewalt befinden.
Zusätzlich zu seiner Aggression in Korea und seiner Herausforderung der Vereinten Nationen selbst, hat es die kommunistischen
Vietminh-Truppen mit Material und Beratern versorgt und VietminhTruppen auf chinesischem Boden ausgebildet. Es hat sich über
die traditionelle Autonomie Tibets hinweggesetzt und über ganz
Südostasien ein Programm der Einschüchterung und der Unterwerfung eingeleitet.
Innerpolitisch ist das Mao-Regime ein erbarmungsloser
Polizeistaat mit all dem was dazu gehört. Millionen von Chinesen wurden ermordet oder haben im Zusammenhang mit der niederträchtigen "Bodenreform" und den Maßnahmen gegen angebliche
Unregelmäßigkeiten privater Kaufleute Selbstmord begangen.
Eigentum von Chinesen wie von Ausländern wurde entschädigungslos enteignet. Persönliche Freiheit gibt es nicht mehr. Die

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�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die Justiz der sogenannten Volksgerichtshöfe dient den politischen Zielen des Staates. Das Tun und Lassen des einzelnen
wird weitgehend kontrolliert. Sklavenarbeit besteht in großem
Maßstabe. Kinder werden dazu ausgebildet und angehalten, über
ihre Eltern und Freunde Bericht zu erstatten. Nicht einmal die
Freiheit, zu schweigen, gibt es, seitdem sich alle zur kommunistischen Politik laut bekennen müssen. "Gehirnwäsche" der
Massen ist ein Prozeß, der sich in täglichen Versammlungen und
in allen Kommunikationsmitteln laufend vollzieht. Die Familie
wurde ein besonderes Angriffsziel des kommunistischen Systems.
Die Kommunisten haben die Geschichte umgeschrieben und die
Religion zur Magd der Politik gemacht.
In Anbetracht all dieser Erwägungen dürfte es kaum überraschen, daß die unbeirrbare Politik der amerikanischen Regierung dem kommunistischen Regime Chinas einen entschiedenen
Widerstand entgegensetzt. Eine allmähliche Anerkennung des
Pekingregimes durch die Weltöffentlichkeit würde uns mit großer Sorge erfüllen.
Ferner sind wir der Meinung, daß die Anerkennung des
Peking-Regimes die anderen asiatischen Nationen in ihrem Willen,
der kommunistischen Expansion Widerstand entgegenzusetzen,
schwächen würde. Die Völker, die in der Nähe Chinas leben,
würden unter solchen Umständen leicht zu der Ansicht gelangen,
daß der Kommunismus unabwendbar sei und würden ihre politischen
und wirtschaftlichen Maßnahmen nach dieser Meinung ausrichten.
Wenn das kommunistische Regime für die 12 Millionen außerhalb des Mutterlandes lebenden Chinesen die einzige Repräsentantin Chinas wäre, so würden die Kommunisten über eine fix
und fertige Fünfte Kolonne von Bedeutung in ganz Südostasien
und in vielen anderen Ländern der Welt verfügen. Sie haben
die Unterstützung einiger dieser Chinesen, aber ihre Gefolgschaft ist merklich kleiner geworden seit jener Erpressungsepisode und seitdem die Ausschreitungen des Regimes immer mehr
offenbar wurden.
Diejenigen, die sich für eine Anerkennung des PekingRegimes einsetzen, melden sich zum Wort, um uns zu veranlassen, "die Realität anzuerkennen". Doch es entspricht nicht
unserer Tradition, die Wirklichkeit mit dem Unzumutbaren zu
verwechseln. Wir erkennen zum Beispiel mit Sorge, daß die
Zahl der Krebserkrankungen in den letzten Jahren gestiegen ist,
aber wir weigern uns, den Krebs als unvermeidlich zu betrachten.
So viel über unsere politische Haltung gegenüber dem
kommunistischen Regime Chinas. Militärisch sind die Vereinigten
Staaten der Meinung, daß der einzige Weg zur Vermeidung von
Angriffskriegen der Wille und die Bereitschaft zur entschiedenen
Abwehr ist. Und zwar an dem Ort und mit den Mitteln, die die
freie Gesellschaft für richtig hält.
^.

�"AMERIKA SIEHST"

12. Mai 1954

Die Politik des totalen Embargo
Auf wirtschaftlichem Gebiet vertreten wir die Politik des
totalen Embargos gegen das kommunistische China. Unseren Schiffen ist es untersagt, chinesische Häfen anzulaufen. Es ist wohl
klar, daß nicht jede Art von Ware geeignet ist, direkte Hilfe
auf dem Schlachtfeld zu leisten. Trotzdem glauben wir, daß gegen
einen Angreifer, der dabei ist, Truppen der Vereinigten Staaten
und anderer freier Länder zu bekämpfen und zu töten, der größtmögliche wirtschaftliche Druck ausgeübt werden müsse. Die Aggression in Korea wird, soweit sie das kommunistische China angeht,
erst dann endgültig beigelegt sein, wenn dessen Truppen sämtlich
zurückgezogen sind. Der Waffenstillstand ließ bisher nur das
Schießen aufhören - zweifellos, weil die Kommunisten den Kampf
profitlos fanden - aber wir haben bisher noch kein Anzeichen
dafür wahrnehmen können, daß das ICao-Regime seine aggressive
Politik aufgegeben hätte. Wenn die Zeit kommen sollte, da
eine Lockerung der wirtschaftlichen Kontrollen in Erwägung zu
ziehen wäre, sollten wir noch daran denken, welche Wirkung
eine solche Maßnahme hinsichtlich der Aufrüstungspläne Chinas
haben würde und seiner unverhohlenen Absicht, ganz Asien und
gegebenenfalls die Welt zu "befreien".
Genf
Natürlich wollen wir weder in Genf noch irgendwo anders
etwas unternehmen, was der Sache der Regierung der Republik
China schaden könnte. Unaere Politik geht darauf hinaus, die
moralische und materielle Unterstützung des freien Chinas zu
erweitern, und wir haben nicht die Absicht, es fallen zu lassen.
Seine Regierung war standhaft in ihrer Opposition gegen den
gesetzlosen Imperialismus. Wir vergessen nicht, daß die Regierung Chinas unter Präsident Tschiang Kai-Schek während der
langen Jahre, in denen sie auf einsamen Posten gegen die japanischen Eindringlinge stand, wiederholt Gelegenheit hatte, mit
der eindringenden Macht zu einem scheinbar vorteilhaften Vergleich zu kommen, es aber ablehnte, ihn zu schließen. Die
chinesische Regierung hat sehr bald schon die wahre Natur der
chinesischen Kommunisten erkannt und sich geweigert, mit ihnen
einen Kompromiß zu schließen. Ebenso, wie wir die unwandelbare
Freundschaft der chinesischen Regierung mit Dankbarkeit entgegennehmen, so verfolgen wir mit Genugtuung das Wachsen seiner
materiellen Stärke und politischen Anerkennung. Wir sind
durchaus bereit, diese Entwicklung weiterhin zu unterstützen,
aber wir können sie nicht selbst bestimmen. Dies ist natürlich
in erster Linie eine Angelegenheit der Chinesen. Der militärische und wirtschaftliche Fortschritt, der sich während der
letzten vier Jahre in Formosa vollzogen hat, war ermutigend.
Wir hoffen zuversichtlich, daß der Fortschritt, den das freie
China macht, sich in zunehmendem Maße in vorteilhaften Gegensatz zu den Organisierungen und Unterdrückungen durch das Regime
des Hauptlandes stellt.
w.

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Wir werden unsere militärische und wirtschaftliche Hilfe
für die Regierung des freien China fortsetzen. Wir werden
fortfahren, sie als die Regierung Chinas anzusehen, und wir
werden sie als Repräsentantin Chinas bei den Vereinten Nationen
unterstützen. Wir sind überzeugt, daß sie, obwohl sie von
ihrem Mutterlande abgeschnitten ist, den Willen des chinesischen Volkes weit mehr repräsentiert als das Peking-Regime.
Sie hat sich bei den Vereinten Nationen als fähig, verantwortungsbewußt und würdig erwiesen. Die freie Welt kann mit
dieser Regierung auf der Basis gegenseitigen Verständnisses
verhandeln.
Eine Lösung des "China-Problems" dürfte weder leicht noch
schnell zu erreichen sein. Die Zeit kann jedoch für uns arbeiten. Was die Kommunisten am meisten zu fürchten haben, ist
die Wahrheit. Diese Furcht war es auch, die sie den Eisernen
Vorhang und den Bambus-Vorhang errichten ließ. Es gibt nichts
Neues beim Kommunismus, und wir wissen, daß er auf keinen Fall
die "unentrinnbare Welle der Zukunft" ist. Er hatte eine
lange Bewährungszeit und hat sich als völlig unfähig erwiesen,
seine Versprechungen zu erfüllen. Wir sind entschlossen,
stark zu bleiben, damit wir genügend Zeit haben, durch die
Schranken der Vorhänge hindurch, die einfache Tatsache darzulegen, daß das von den freien Menschen aufgestellte System
unvergleichlich besser die Energien ausnützen und den Anforderungen der Völker gerecht werden kann als ein materialistisches und zynisches System, das sich auf Zwang und Organisierung aufbaut.
* * # * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET DEM AMERIKANISCHEN VOLK
WASHINGTON -(Amerika Dienst) - Außenminister
John Poster Dulles berichtete am 7»Mai 1954 dem
amerikanischen Volk über den bisherigen Verlauf
der Genfer Konferenz und nahm zu Prägen der
amerikanischen Außenpolitik Stellung« Die
Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Ich begrüße diese Gelegenheit, um zu Ihnen über die
gegenwärtig in Genf stattfindende Konferenz und damit zusammenhängende Aspekte unserer Außenpolitik zu sprechen.
Zuerst möchte ich mit
Verteidigern von Dien Bien
gegeben sein, einen echten
te zu leisten, für die sie

Ihnen zusammen den heldenmütigen
Phu Tribut zollen. Möge es uns
Beitrag zur Verteidigung der Werihr Leben gegeben haben.

Ich bin diese Woche von der Genfer Konferenz zurückgekehrt. Meine Rückkehr hatte keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen Entwicklungen der Konferenz selbst. Ich habe bereits im Februar, als die Konferenz anberaumt wurde, erklärt,
daß ich nur an den Eröffnungssitzungen teilnehmen und daß
mein Platz dann von dem stellvertretenden Außenminister General
Walter Bedell Smith eingenommen würde. Er ist in bester Weise
geeignet, unsere Delegation in Genf zu leiten.
Da die Konferenz einige Wochen dauern kann, sah ich mich
außerstande, die ganze Zeit in Genf zu bleiben. Ich bin in
den letzten sechs Monaten sehr oft von den Vereinigten Staaten
fern gewesen, um an den Konferenzen von Bermuda, Berlin,
Caracas und den beiden Sitzungen des Nordatlantikrates in
Paris teilzunehmen. Diese Zusammenkünfte stärken die Bande
mit unseren Alliierten und ermöglichen es uns, den amerikanischen Standpunkt anderen Regierungen darzulegen. Aber der
Außenminister muß auch in enger Fühlungnahme mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß stehen, und um unseren Einfluß
in außenpolitischen Dingen voll geltend zu machen, muß die
Regierung das Verständnis und die Unterstützung der afrikanischen Bevölkerung bei ihrer Politik haben.
Die Genfer Konferenz hat zwei Aufgaben. Die erste besteht
darin, einen Weg zur Vereinigung Koreas zu finden. Die zweite
ist darauf gerichtet, die Möglichkeit einer Wiederherstellung
des Friedens in Indochina zu erörtern.
Die
_ 1_

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die sow4etische Delegation hat sich dagegen aber bemüht,
die Konferenz für andere Zwecke auszunutzen. Sie hat durch verschiedene Taktiken versucht, den falschen Eindruck zu erwecken,
als ob diese Konferenz Rotchina als eine der'fünf Großmächte'
akzeptiert oder ihm einen neuen internationalen Status gegeben
habe.
Diese beiden Fragen wurden in Verbindung mit der Einberufung der Konferenz geklärt, und die Sowjetunion hatte sich dann
dazu bereitgefunden, daß die Konferenz nicht eine Angelegenheit
der fünf Mächte sein noch daß sie irgendeine Anerkennung Rotchinas einschließen würde. Die USA und ihre Alliierten hielten
an dieser Auffassung unverbrüchlich fest, und die Sowjets konnten sie schließlich nur akzeptieren.
ÄIS ich aus Genf abreiste, waren die Verhandlungen über die
Korea-Phase der Konferenz organisiert worden und in vollem Gange.
Ich will zunächst davon sprechen und dann auf Indochina übergehen,
wo immer noch aktiv gekämpft wird und wo die Frage einer eventuellen amerikanischen Teilnahme zu erwägen wäre.
Korea ist jahrelang das Faustpfand großer Mächte gewesen.
Rußland, Japan und China haben Korea mißbraucht und ausgebeutet
und seine Bevölkerung versklavt gehalten. Die Koreaner wollen
jetzt nur vereint und frei sein und alleine gelassen werden. Tatsächlich ist Korea jedoch geteilt, und Nordkorea lebt unter
dem Joch Rotchinas. Es ist doch wohl nicht mehr als recht und
billig, daß die Kommunisten dem koreanischen Volk endlich gestatten sollten, sein leben selbst zu leben, und seine Freiheitsbestrebungen zufriedenzustellen.
Als die Genfer Konferenz organisiert war, kamen die Kommunisten mit ihrem Programm für die Einigung Koreas heraus. Leider war dies kein Programm, das die Wünsche des koreanischen
Volkes nach Einheit und Freiheit erfüllte. Das Programm war wie Präsident Eisenhower es nannte - eine 'chinesische Kopie'
des sowjetischen Schemas für die Wiedervereinigung Deutschlands.
Sie wollen die Wahlen so aufgezogen haben, daß die Kommunisten
das Ergebnis praktisch diktieren und damit ihre Herrschaft dem
ganzen Lande auferlegen können.
Im Falle Deutschlands kontrollieren die Kommunisten die
Ostzone, die nur etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung
Deutschlands umfaßt. Im Falle Koreas kontrollieren sie etwa
ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Die Kommunisten bestehen
jedoch in beiden Fällen darauf, daß dies ihnen das Recht auf
eine gleiche Beteiligung bei der Festlegung der Wahlbedingungen
gibt. Darüber hinaus wollen sie durchsetzen, daß es keine unparteiische Überwachung oder Beobachtung der Wahlen geben darf, womit wir sicherstellen wollen, daß diese fair und ohne Zwang
durchgeführt werden.
Die Kommunisten sind überzeugt, daß unter diesen Vorbedingungen ihre Kandidaten gewinnen könnten.
Dieses

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12. Mai 1954

Dieses Schema wurde, als es für Deutschland vorgeschlagen
wurde, von der Bundesrepublik Deutschland und den drei Westmächten in Berlin abgelehnt. Dieses Schema muß in gleicher
Weise auch für Korea zurückgewiesen werden. Ich kann Ihnen
versichern, daß die amerikanische Delegation alles in ihrer
Macht stehende tun wird, um auf friedlichem Wege die Unabhängigkeit, Freiheit und Einheit Koreas herbeizuführen.
über 140 000 dem UN-Oberkommando unterstellte Amerikaner
wurden getötet oder verwundet, als sie verhinderten, daß Korea
von einer bewaffneten Invasion überrannt wurde. Ich verspreche
Ihnen, daß wir am Konferenztisch in Genf die Freiheit nicht
opfern werden, für die so viele gekämpft haben und gefallen
sind.
Wir drängen die Kommunisten, ehrenhaften Wahlen zuzustimmen, die von zuverlässigen ausländischen Beobachtern
überwacht werden, die wiederum Wirklich freie Wahlen garantieren. Ob die Kommunisten dies annehmen werden, muß abgewartet werden. Wenn sie diese Bedingungen annehmen, dann, so bin
ich überzeugt, kann Korea wiedervereint werden.
Das Problem Südostasien
Ich möchte mich jetzt dem Problem Südostasien zuwenden.
Auf dieser großen Halbinsel und den im Süden vorgelagerten
Inseln leben annähernd 200 Millionen Menschen in sieben Staaten - Burma, den drei assoziierten Staaten von Indochina Laos, Kambodscha und Vietnam - Thailand, Malaya und Indonesien.
Eine kommunistische Eroberung dieses Gebietes würde die Stellung der freien Welt im westlichen Pazifik ernsthaft gefährden.
Sie würde u.a. die Philippinen, Australien und Neuseeland in
Gefahr bringen, Staaten, mit denen die USA gegenseitige Sicherheitsabkommen geschlossen haben. Sie würde weiter Japan wichtiger Außenhandelsmärkte sowie Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen berauben.
In einem der drei indochinesischen Staaten,Vietnam, ist
der Krieg seit 1946 im Gange. Als er begann, war Indochina
eine französische Kolonie, die gerade von der japanischen
Besetzung befreit worden war. Es war ursprünglich ein Krieg,
der die nationale Unabhängigkeit anstrebte. Was als ein Bürgerkrieg begann, ist nun von dem internationalen Kommunismus
für seine eigenen Zwecke ausgenutzt worden. Der kommunistische
Führer Vietnams, Ho Chi Minh, wurde in Moäkau ausgebildet und
erwarb seine ersten Erfahrungen als Berufsrevolutionär in
China.
Im Namen des Nationalismus zielen die Kommunisten darauf
ab, die Bevölkerung von Vietnam ihrer Unabhängigkeit zu entkleiden, indem sie sie dem neuen Imperiali smust des Sowjetblocks unterwerfen» Was sich gegenwärtig in Indochina abspielt, ist ein perfektes Beispiel der kommunistischen Strategie, die Lenin und Stalin vor vielen Jahren ausgearbeitet
hatten und die die Kommunisten anwandten, um große Teile
Asiens zu unterwerfen.
Das

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12. Mai 1954

Das Gebiet Indochinas war verwundbar. Die Regierungen
von Vietnam, Laos und Kambodscha hatten noch nicht ihre volle
nationale Unabhängigkeit erhalten. Ihre Völker waren nicht
ausreichend organisiert, um gegen die kommunistisch geführten
Rebellen zu kämpfen, und sie waren nicht der Auffassung, daß
bei diesem Kampf große Dinge auf dem Spiele stehen, die große
Opfer rechtfertigen.
Präsident Eisenhower wurde mit dem Problem vertraut, als
er Oberbefehlshaber der NATO in Europa war. Er hat gesehen,
wie der Krieg in Indochina Frankreich belastet und ausgesogen
hat. Er bemerkte die zunehmende Unzufriedenheit in Frankreich
über den langen Krieg, in dem Frankreich die Hauptlast des
Kampfes auf sich nahm und der zunehmende menschliche und materielle Anforderungen stellte.
Ich erinnere mich, daß wir uns im Dezember 1952, als
General Eisenhower als gewählter Präsident von seiner Koreareise zurückkehrte, auf dem Kreuzer Helena ernsthaft mit dem
Indochina-Problem befaßten. Wir kamen zu der Erkenntnis, daß
die Kommunisten in ganz Südostasien eindringen könnten, wenn
Vietnam in feindliche Hände fiele und wenn die Nachbarstaaten
dieses Lancfesschwach und uneinig blieben. Aus diesen Gründen
richtete die Regierung Eisenhower von Anfang an ihr besonderes
Augenmerk auf das Problem Südostasien.
Unsere Bemühungen bewegten sich auf zwei sich ergänzenden
Linien. Wir suchten den Widerstand gegen den Kommunismus in
Indochina zu stärken, und wir versuchten auch, in Südostasien
eine breitere Verteidigungsgemeinschaft aufzubauen.
Maßnahmen für Indochina
Für Indochina selbst scheinen uns die folgenden Maßnahmen
wichtig zu sein: Erstens die Franzosen sollten ihre Absicht,
den Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha volle Selbständigkeit
zu gewähren, der Verwirklichung näherbringen. Das würde dem
falschen kommunistischen Anspruch, einen Kampf um die nationale Unabhängigkeit zu führen, den Boden entziehen.
Zweitens: Man sollte sich mehr auf die nationalemArmeen
stützen, die in ihrem eigenen Lande kämpfen würden. Dies könnte nach unserer Ansicht geschehen, wenn die Bevölkerung weiß,
daß sie einen guten Grund zum kämpfen hat, und wenn sie feststellt, daß bessere Möglichkeiten für die Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte vorhanden sind.
Drittens: Die freie Welt sollte eine größere Unterstützung gewähren. Frankreich hat einen Kampf geführt, der seine
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit überlastet.
Auf jedem der drei Gebiete sind viele Fortschritte gemacht
worden. Die französische Deklaration vom 3.Juli 1953 versprach
für Vietnam, Laos und Kambodscha die volle Unabhängigkeit. Be-

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12. Mai 1954

Bereits jetzt ist ein Unabhängigkeitsvertrag mit Laos abgeschlossen worden, und Staatschef Bao-Dai teilte mir vor zwei
Wochen in Paris mit, daß seiner Ansicht nach Vietnam die Zusicherung der Unabhängigkeit gegeben worden sei.
Auf der militärischen Seite wurde von General Navarre ein
Zwei-Jahresplan ausgearbeitet. Dieser Plan war darauf abgestellt,
die Ausbildung der einheimischen Streitkräfte zu beschleunigen.
Die Kosten dieses Planes sind beträchtlich. Die USA, die
bereits einen Teil der Kosten des Krieges bezahlten, erklärten
sich bereit, die Hauptlast der Gesamtkosten zu tragen. Wir
leisten gegenwärtig einen Beitrag von etwa 800 Millionen Dollar
im Jahr, zuzüglich sehr großer Lieferungen an militärischen
Gütern.
Trotz der Gewinne an diesen Fronten wuchs die Überzeugung
des französischen Volkes, daß Prankreich im Hinblick auf seine
Verantwortung in Asien, Afrika und Europa überbeansprucht werde.
Aus diesem Grunde stellte die französische Regierung, als ich im
Januar und Februar mit den Außenministern von Prankreich, Großbritannien und der Sowjetunion in Berlin zusammentraf, das Ersuchen, daß die vorgesehene Korea-Konferenz ausgeweitet würde,
um auch das Problem eines Friedens in Indochina zu erörtern.
Kurz nach Beendigung der Berliner Konferenz begannen die Kommunisten, wie es von ihnen zu erwarten war, ihre militärischen
Trümpfe im Hinblick auf Menschen und Material in einer verzweifelten Bemühung auszuspielen, um einen Sieg zu erringen, den
sie für politische Zwecke ausschlachten könnten. Sie konzentrierten sich auf einen Massenangriff gegen einen der französischen Außenposten - Dien Bien Phu. Dieser Angriff wurde mit
einer rücksichtslosen Mißachtung des menschlichen Lebens vorgetragen.
Jetzt ist Dien Bien Phu gefallen. Seine Verteidigung in
57 Tagen und Nächten wird als eine der heroischsten Taten aller
Zeiten in die Geschichte eingehen. Die aus französischen und
einheimischen Streitkräften zusammengesetzten Verteidiger fügten dem Gegner furchtbare Verluste zu. 'Die französischen Soldaten haben gezeigt, daß sie weder den Willen, noch das Können
verloren haben, selbst unter den ungünstigsten Bedingungen zu
kämpfen. Es hat sich gezeigt, daß Vietnam Soldaten hervorbringt,
die das Zeug haben, ihr Land zu verteidigen.
Ein heldenhafter Kampf ist zu Ende gegangen. Aber in der
Geschichte wurde schon häufig eine große Sache letztlich doch
trotz verlorener Schlachten zum Siege geführt.
Rotchina hat die Vietminh-Rfebellen mit Munition, Lastkraftwagen, Flak-Artillerie, Radargeräten, technischem Material
und technischem Personal unterstützt. Vor einer offenen Intervention sind die chinesischen Kommunisten jedoch zurückgeschreckt.
Es kann sein, daß die Warnungen der Vereinigten Staaten, jede
derartige Intervention werde folgenschwere Konsequenzen haben,
die unter Umständen nicht auf Indochina beschränkt bleiben würden,
Rotchina von diesem Schritt zurückgehalten hat.
- ,, ...
Kollektive
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Kollektive Verteidigung
Während dieser Zeit haben die Vereinigten Staaten auch die
zweite Linie verfolgt, nämlich durch kollektive Maßnahmen in
Südostasien einen Block der Stärke zu schaffen»
Schon im Jahre 1951 habe ich mit den Philippinen, Australien und Neuseeland entsprechende Verträge ausgearbeitet. Die
Verträge brachten zum Ausdruck, daß das betreffende Gebiet für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung ist und
daß die Verträge selbst nur einen ersten Schritt darstellten in
der Schaffung eines umfassenderen Systems der kollektiven Sicherheit für dieses Gebiet.

Um die Schaffung eines solchen Systems haben wir uns seitdem ständig bemüht, doch hat sich seine Verwirklichung als recht
schwierig erwiesen. Es gab hier Unterschiede der Rasse und der
Kultur und Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen
nationalen Selbstregierungen. Die Länder, die ihre Unabhängigkeit von dem westlichen Kolonialismus oder dem japanischen
Imperialismus gewonnen hatten oder im Begriff standen zu erlangen, waren in vielen Fällen von den Gefahren der Vergangenheit,
denen sie gerade entronnen waren, viel stärker beeindruckt als vor
der Bedrohung einer zukünftigen Gefahr. Die Erinnerung an die
Vergangenheit machte sie für die bestehenden Gefahren des kommunistischen Imperialismus blind. Sie waren darum nicht in der
Lage, jene Opfer zu bringen, die jedes kollektive Sicherheitssystem fordert.
Diese Lage begann sich jedoch zu verändern, und im Frühjahr
dieses Jahres hatte es den Anschein, daß ein Programm zur kollektiven Verteidigung in einem breiteren Rahmen aufgestellt werden
könnte.
Am 29.März 1954 stellte ich nach Beratungen mit führenden
Vertretern des amerikanischen Kongresses beider Parteien und
nach Rücksprache mit unseren wichtigsten Alliierten fest: 'Unter
den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung des politischen Systems des kommunistischen Rußland oder seiner chinesischen Kommunistischen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig
durch welche Mittel, eine ernste Gefahr für die gesamte freie
Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß
diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern
daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen begegnet werden sollte1.
Die Erklärung war nichts Äeues, obwohl die Umstände des
Augenblicks den Worten eine neue Bedeutung gaben.
In seiner am 16.April im vergangenen Jahr gehaltenen Rede
hatte Präsident Eisenhower davon gesprochen, daß 'die Aggression
in Korea und in Südostasien eine Bedrohung für die gesamte Gemeinschaft der freien Welt darstellt, der durch eine gemeinsame
Aktionfeegegnetwerden muß'.
Nachdem wir unsere Ziele dem amerikanischen Volk dargelegt
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12. Mai 1954

dargelegt hatten, erörterten wir diese Frage unverzüglich mit
den Vertretern von neun freien Nationen, die ein unmittelbares
Interesse an diesem Gebiet haben, nämlich mit Vietnam, Laos,
Kambodscha, Thailand, den Philippinen, Australien, Neuseeland,
Frankreich und Großbritannien. Wir setzten andere Staaten,
deren Interessen hiervon berührt werden konnten, davon in
Kenntnis.
Die Regierungen von Großbritannien und Frankreich haben
mich gebeten, ihre Hauptstädte aufzusuchen, um unsere Konzeption
weiter zu entwickeln. Nach Konferenzen mit Sir Winston Churchill
und Außenminister Eden am 12. und 13.April in London, gaben
wir ein gemeinsames Amerikanisch-Britisches Kommunique heraus,
das nach einer Darlegung der sich aus der kommunistischen
Kriegführung in Indochina ergebenden Gefahr für das gesamte
Gebiet Südostasiens und des westlichen Pazifik zu folgendem
Schluß kam: 'Demgemäß sind wir bereit, zusammen mit anderen
hauptsächlich interessierten Staaten an einer Prüfung der Möglichkeiten der
Richtung einer kollektiven Verteidigung im
Rahmen der Charta der Vereinten Nationen teilzunehmen, um den
Frieden, die Sicherheit und die Freiheit Südostasiens und des
westlichen Pazifik anzustreben'.
In Paris kam es zu einer ähnlichen Abmachung mit Ministerpräsident Laniel und Außenminister Bidault.
Der damit erreichte Fortschritt war das, was die USA angestrebt hatten. Wir beabsichtigten niemals irgendeine plötzliche
aufsehenerregende Handlung, wie etwa ein Ultimatum an Rotchina».
Unser Ziel war es, eine grundsätzliche Einigkeit der konstruktiven Zielsetzung zu erreichen. Wir sind diesem Ziel nähergekommen. Ich bin überzeugt, daß sich die Einigkeit der Zielsetzung durchsetzt und daß ein solch tragisches Ereignis, wie
der Fall von Dien Bien Phia, unser Ziel, vereint zu bleiben,
stärken und nicht schwächen wird.
Die Vereinigten Staaten und andere unmittelbar betroffenen
Länder ziehen die Errichtung eines kollektiven Verteidigungssystems sorgfältig in Erwägung und führen Besprechungen in dieser Richtung. Wir müssen uns darüber einig werden, wer an der
gemeinsamen Verteidigungsanstrengung teilnehmen soll, und welches die Verpflichtungen der Beteiligten sein sollen.
Es muß in Rechnung gestellt werden, daß Schwierigkeiten aufgetaucht sind, aber dies war zu erwarten. Die Kompliziertheit
des Problems ist groß. Wie ich bereits betont habe, waren die
Komplikationen derart, daß es erst vor einigen Monaten möglich
war, damit zu beginnen. Angesichts aller gegebenen Umstände
glaube ich, daß gegenwärtig gute Fortschritte gemacht werden.
Meiner festen Überzeugung nach wird der Ausgang der Entwicklung
so sein, daß die kommunistische Aggression nicht imstande sein
wird, ihre Bestrebungen in Südostasien zu verwirklichen.
Dies mag schwerwiegende Verpflichtungen für uns alle bedeuten. Aber die freien Völker werden niemals frei bleiben, wenn

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12. Mai 1954

wenn sie nicht den Willen haben, für ihre lebenswichtigen
Interessen zu kämpfen. Darüber hinaus können die vitalen
Interessen nicht länger durch eine bloße lokale Verteidigung
geschützt werden. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Verteidigung und für die Abschreckung eines Angriffs ist der Zusammenschluß für eine gemeinsame Verteidigung. Das ist das,
was die USA in Südostasien anstreben.
Die Frage bleibt bestehen, was die USA hinsichtlich der
gegenwärtigen Feindseligkeiten in Vietnam tun sollten.
In Korea haben wir gezeigt, daß wir unter entsprechenden
Bedingungen zu einem militärischen Eingreifen bereit sind,
wenn dies notwendig ist, um unsere lebenswichtigen Interessen
und die Grundsätze zu wahren.auf denen ein dauerhafter Friede
beruhen muß.
In Korea haben wir uns zusammen mit anderen Nationen zur
Verteidigung einer unabhängigen Regierung zusammengetan, die
bereits einem bewaffneten Angriff Widerstand leistete. Wir
taten dies auf Ersuchen der Republik Korea und im Auftrage der
Vereinten Nationen. Das Koreanische Volk war von einem tiefen
patriotischen Gefühl durchdrungen und willens, eine eigene
Macht zu entwickeln. Die Fragen, um die es hier ging, wurden
vor dem Forum der Welt durch die Entschlüsse der Vereinten
Nationen klargestellt. Unter diesen Umständen kämpften wir
und unsere Alliierten, bis der Feind um einen Waffenstillstand
nachsuchte.
In Indochina ist die Lage weitaas verwickelter. Die gegenwärtigen Bedingungen bieten keine annehmbare Grundlage für die
Vereinigten Staaten, mit ihren bewaffneten Streitkräften einzugreifen.
Die Genfer Konferenz mag vielleicht eine Klärung der Lage
bringen. Die Franzosen haben ihren Wunsch für einen Waffenstillstand zu ehrenhaften Bedingungen und unter geeigneten
Sicherheiten geäußert. Wenn sie eine Regelung zu Bedingungen
erreichen können, die die Freiheit der Bevölkerung von Vietnam
nicht gefährden, dann wäre dies ein echter Beitrag zu der
Sache des Friedens in Südostasien. Wir wären jedoch zutiefst
besorgt, wenn in Genf ein Waffenstillstand oder eine Waffenruhe zustande käme, die den Weg für eine kommunistische Machtübernahme und weitere Aggressionen bereiten würden. Wenn dies
eintrifft, oder wenn die Feindseligkeiten weitergehen, dann
wird sich die noch dringendere Notwendigkeit zur Schaffung der
Bedingungen für eine gemeinsame Aktion zur Verteidigung des
Gebietes ergeben.
Wenn es darum geht, Verpflichtungen auf sich zu nehmen,
die den Einsatz bewaffneter Streitkräfte zur Folge haben könnten,
dann hat der Kongreß mitzusprechen. Nur der Kongreß kann den
Krieg erklären. Präsident Eisenhower hat wiederholt betont,
daß er keine militärische Maßnahme in Indochina ohne die Unterstützung des Kongresses anordnen würde. Darüber hinaus hat er
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er klargemacht, daß er eine solche Maßnahme nicht anstreben
würde, ohne daß nach seiner Ansicht eine ausreichende Kollektive Anstrengung unternommen wird, die auf dem Grundsatz einer
echten Gemeinsamkeit der Zielsetzung in der Verteidigung lebenswichtiger Interessen beruht.
Die kommunistische Propaganda hat sich mit allen Kräften
bemüht, es als etwas Grundböses hinzustellen, wenn Asien sich
mit den amerikanischen Staaten und Europa zusammenschließt,
um jenen Beistand zu erlangen, der den asiatischen Völkern
helfen würde, ihre Freiheit zu sichern. Die kommunistischen
Völker haben hier das Schlagwort 'Asien den Asiaten' geprägt.
Eines ähnlichen Schlagwortes bedienten sich schon einmal
die japanischen Kriegsherrn, als öie Asien unter ihr despotisches Regiment zu bringen versuchten. Das gleiche Thema schlug
auch Molotow in Berlin an, als er 'Europa für die Europäer'
forderte und vorschlug, die Europäer sollten ihre Sicherheit
durch Abkommen zu erreichen suchen, durch die die Amerikaner
nach den Vereinigten Staaten zurückgeschickt würden.
Große despotische Mächte haben stets gewußt, daß sie ihren
Willen durchsetzen und ihre Eroberungen ausnützen können, wenn
die freien Nationen abseits stehen und keiner dem anderen hilft.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang daran erinnern,
daß sich die sowjetkommunistische Aggression in Europa nur gegen solche Länder richtete, die keinen kollektiven Sicherheitsabkommen angehörten. Seit der Schaffung der NATO hat es in
Europa keine erfolgreiche Aggression mehr gegeben.
Natürlich ist es von äußerster Wichtigkeit, daß die Teilnahme der USA an der Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems in Asien auf einer Grundlage beruhen muß, die die Aspirationen und kulturellen Bestrebungen der asiatischen Völker
vollständig in Rechnung stellt. Wir haben das materielle und
industrielle Potential zur Verfügung, das ihnen fehlt und
welches ein wesentliches Element der Sicherheit darstellt.
Diese Länder besitzen auch eigene kulturelle und geistige
Werte, die sie in moralischer Beziehung uns durchaus gleichgestellt sein lassen.
Als erste Kolonie in der neueren Geschichte, die sich
ihre Unabhängigkeit selbst erringen konnte, teilen die Vereinigten Staaten instinktiv die freiheitlichen Bestrebungen
aller abhängigen und kolonialen Völker. Wir wollen an der
Ausbreitung der Freiheit mithelfen und sie nicht behindern.
Wir trachten nicht danach, den westlichen Kolonialismus
zu verewigen und wir finden den neuen imperialistischen Kolonialismus deB Kommunismus sogar noch unerträglicher.
Das

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Das ist der Geist, der uns beseelt. Wenn wir diesem
Geist die Treue bewahren, dann können wir der Zukunft mit Vertrauen entgegenblicken, mit dem Vertrauen, daß wir im Einklang mit jenen moralischen Kräften stehen, die letzten Endes
die Oberhand behalten werden."
*

* * * *

i

/

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�A M E R I K A

D I E N S T

KERNPROBLEME DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Im folgenden übermitteln wir Ihnen den
vollen Wortlaut einer Rede des amerikanischen Außenministers John Poster Dulles,
gehalten am 15.Mai 1954 anläßlich des Jahrestages der Amerikanischen Unabhängigkeitsresolution von Virginia und der 'Virginia
Bill of Rights1.
'AILLIAkSBÜRG, Virginia - (Amerika Dienst) - "Es ist mir
eine Ehre, daß Sie mich um die Teilnahme an diesem jährlich gefeierten Gedenktage der Unabhängigkeitsentschließung von
Virginia und der 'Virginia Bill of Rights' gebeten haben.
Heute ist gleichzeitig der Tag der amerikanischen Streitkräfte. Zwischen den beiden Konzeptionen, nämlich der der
politischen Freiheit und der ihrer Verteidigung besteht eine
deutliche Verbindung. Unabhängigkeit und Menschenrechte behaupten sich nicht allein deshalb, weil sie proklamiert worden sind. Sie sind abhängig von dem Willen und der Fähigkeit
der Menschen,dafür zu kämpfen und, wenn es für ihre Erhaltung
nötig ist, auch dafür zu sterben. Das ist das besondere Pflichtgebot unserer Armee, und heute, da wir der historischen Taten
der Vergangenheit gedenken, ehren wir auch jene Männer, die
bereitstehen, das heutige Erbe der Freiheit zu verteidigen.
Historische Taten wie jene, die im Jahre 1776 hier vollbracht wurden, sollten stets ins Gedächtnis zurückgerufen
werden. Damit soll nicht nur eine Schuld der Gegenwart an die
Vergangenheit abgetragen werden. Wir sind es uns selbst schuldig, die tiefe Weisheit und die großen Glaubenstaten unser
Vorväter immer frisch in Erinnerung zu behalten. Denn wie in
der Virginia Bill of Rights verkündet wurde, können einem
Volke weder eine freie Regierung noch die Segnungen der Freiheit erhalten bleiben, denn durch häufiges Sich-Besinnen auf
die grundlegenden Prinzipien.
Es waren große Ereignisse, die sich in den ersten sechs
Monaten des Jahres 1776 hier in Williamsburg abspielten. Die
Unabhängigkeitsentschließung, die am 15.Mai 1776 von der
Virginia-Delegiertenversammlung gefaßt wurde, war der unmittelbare Auftakt zu der Unabhängigkeitserklärung des 4.Juli.
Die Virginia Bill of Rights, die am 12.Juni 1776 angenommen
wurde, führte direkt zu unserer konstitutionellen Bill of
Rights.
Der Kurs, den Virginia einschlug, war bestimmt von dem

�"AnuEKIKA LIEBST"
19. Mai 1954
dem Geist, der alle Kolonien durchdrang, und er führte zur
Schaffung einer politischen Union auf diesem Kontinent, inspiriert von den Grundsätzen der Religion, geweiht der Freiheit und Gerechtigkeit.
Das löste bald weltbewegende Folgen aus. Unsere Republik
zeitigte so reiche Früchte - in geistiger, intellektueller und
materieller Hinsicht -, daß sie weithin als 'das große amerikanische Experiment' bekannt wurde.
Und dies geschah zu einer Zeit, da die Flut des Despotismus einen Höchststand erreicht hatte. Zar Alexander und seine
Verbündeten suchten damals ihre koloniale Domäne und ihr politisches System über die ganze Welt zu verbreiten.
Zu jenem kritischen Zeitpunkt brachte das Beispiel unseres
Volkes den Menschen überall neue Anregungen und erweckte in
ihnen das Streben nach Freiheit. Dieser Druck wurde so stark,
daß die Despoten schließlich gezwungen waren, ihren Griff zu
lockern. Es folgte ein Jahrhundert, welches für viele Menschen
größere politische Freiheit und eine erhebliche Verbesserung
ihres wirtschaftlichen und sozialen Wohlergehens mit sich
brachte. Heute steht unser Volk vor Verhältnissen, die in
vieler Hinsicht den Verhältnissen während der ersten Jahre
unserer Republik ähnlich sind. Wieder droht eine Flut von
Despotismus die Welt zu verschlingen.
Das kam nicht zuletzt als Strafe für die Unfähigkeit der
Menschen, Kriege zu verhüten. Der erste Weltkrieg und die Niederlage Rußlands ermöglichte es einer kleinen Gruppe fanatischer Kommunisten, das große Volk unter ihre Gewalt zu bekommen.
Der zweite Weltkrieg machte es dieser Gruppe möglich, ihren
Machtbereich nach Osten und Westen auszudehnen, so daß sie heute
über 800 Millionen herrscht, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Erde. Immer noch suchen diese Herrscher ihre
Herrschaft auszuweiten. Das wird besonders auffällig im Hinblick auf die 200 Millionen Menschen Südostasiens. Ihr Ziel,
zu dem sie sich bekannten, liegt darin, die gesamte Menschheit ihrem System zu unterwerfen.
Die Vereinigten Staaten sind heute ein großes und mächtiges Volk, wohl in der Lage, einen weit größeren materiellen
Einfluß auszuüben als die junge Republik von damals. Wir sind
heute ein gereiftes Volk, und wir sind reich an materiellen
Gütern. Das macht es für uns schwieriger, moralischen Einfluß
auszuüben so wie wir ihn damals gewannen als wir noch besitzarme Revolutionäre waren. Damals war unser drängender
Geist noch unbelastet und erschien anderen als eine Fackel,
die der Welt jene Werte sichtbar machte, die in der Freiehit
wurzeln.
Auch sind die Kräfte des Despotismus heute furchtbarer
als je zuvor. Früher war aggressiver Imperialismus meistens
die Widerspiegelung der Ambitionen einer einzelnen Nation oder
eines einzelnen Mannes. Er hatte nie zuvor diesen Status einer
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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

einer wohlausgeklügelten intellektuellen Glaubenslehre, die
auf der ganzen Welt verbreitet und von vielen Völkern fanatisch
verfochten wird.
Der kommunistische Despotismus nun, der die sogenannte
Diktatur des Proletariats proklamiert, ist eine Lehre von
starker Anziehungskraft auf Jene, die keinen festen Glauben
an die geistige Natur des Menschen haben. Sie gibt auf plausible Weise vor, das zu verkörpern, was sie als eine große
und unwiderstehliche Kraft der Natur und der Geschichte bezeichnet.
Wenn jemand nicht an eine geistige Ordnung glaubt, wenn
jemand die Tatsache des moralischen Gesetzes, das die Virginia
Bill of Rights "unsere Pflicht gegenüber dem Schöpfer" nennt,
mißachtet, dann freilich ist es schwierig, der These entgegenzutreten, daß die Menschen Sklaven des Staates zu sein hätten
und daß ein Staat die anderen Staaten zu beherrschen habe.
Wenn man es als Prämisse gelten läßt, daß der Mensch ledig
lieh eine Sache sei, dann ist es leicht, die Folgerung zu ziehen, wie es die Kommunisten tun, daß sich die größte Harmonie
und die größte Fruchtbarkeit in einer völlig einförmig organisierten Gesellschaft ergebe, in der jedes Anderssein als Sand
im Getriebe einer empfindlichen Maschine behandelt wird. Wenn
alle Leute in ihrem Handeln, in ihrem Denken, in ihrem Glauben
ausgerichtet sind, dann, so folgert man, werde es jene Kollisionen, jene Störungen nicht mehr geben, die soziale Unruhen
und Kriege hervorbringen. Dann, so sagt man, werde Frieden und
höchster Wohlstand sein, weil wir dann auf den Menschen dieselben Grundsätze angewendet haben, von denen wir erfahrungsgemäß wissen, daß sie bei den Haustieren Eintracht und Gedeihen fördern.
Es ist wahr, ein System politischer Freiheit und nationaler Souveränität ist nur dann gesund und erträglich, wenn die
Bürger Selbstzucht und Selbstbeherrschung im Sinne des Sittengesetzes üben und nach der Goldenen Regel handeln. Es ist unerläßlich für eine freie Gesellschaft, daß die Autorität des
Sittengesetzes geachtet wird. Andernfalls verfällt eine freie
Gesellschaft einem Zustand unerträglicher Willkür.
Sie werden sich erinnern, daß George Washington in seiner
Abschiedsrede ausführte, daß 'Sittlichkeit eine der unerläßlichen Voraussetzungen der Volksregierung1 sei. Und er sagte
weiter, daß Sittlichkeit ohne Religion unmöglich Bestand haben
könne. Im Grunde ist der gegenwärtige Konflikt zwischen Freiheit und Despotismus ein Konflikt zwischen einem geistigen und
einem materiellen Welt- und Menschenbild.
Ich glaube nicht, daß die Auseinandersetzung rasch oder
leicht beigelegt werden wird. Ganz sicherlich wird sie nicht
beigelegt werden durch irgendeine vereinbarte Trennung der
Menschheit in Freie und Unfreie. Es wäre nicht tragbar für

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�"AixiEixiKA DIENST"

19. Mai 1954

für uns, Hunderte von Millionen menschlicher Seelen einer despotischen Herrschaft zu überlassen. Auch vom Standpunkt der
Kommunisten her gesehen, böte eine solche Regelung keine Sicherheit. Die sowjetischen Machthaber erzählen uns gelegentlich, daß eine Koexistenz zwischen ihrer Gesellschaft und uns
möglich wäre. Wir müssen indessen vor solchen Kundgebungen auf
der Hut sein. Koexistenz ist mit dem sowjetischen Glaubensbekenntnis oder der sowjetischen Praxis nicht vereinbar, es sei
denn, daß man Nichtkommunisten allenfalls erlaubt, physisch
zu existieren. Es kann den Sowjets unmöglich genügen, daß die
Freiheit nur in den von ihnen gegenwärtig beherrschten Gebieten unterdrückt ist. Die Freiheit ist überall eine konstante
Gefahr für sie, denn der Freiheit wohnt eine ansteckende und
dynamische sittliche Kraft inne. Daher folgern die Kommunisten,
daß es eine notwendige Maßnahme der Verteidigung sei, die Freiheit in ihrem Machtbereich zu unterdrücken. Auf diese Weise
werden die Sowjetmachthaber nicht nur von ihrem Machttrieb,
sondern auch von ihrer Doktrin, von ihren Ängsten getrieben,
den Bereich ihrer Kontrolle immer mehr zu erweitern.
Wir haben in diesem Jahr bis jetzt in gutem Glauben mit den
Sowjetmachthabern verhandelt über den Gebrauch der Atomenergie,
über Deutschland, Österreich, Korea und nun über Indochina.
Überall begegnet man einem zusammenhängenden taktischen System.
Niemals wollen sie ihren Griff lockern, wenn sie erst etwas
gepackt haben. In jedem der von mir gemeinten Gebiete bestehen
sie auf ganz bestimmten Formeln, die nicht allein die Fortführung ihrer Herrschaft in den schon eroberten Gebieten gewährleisten, sondern es ihnen auch erlauben, durch Anwendung
ihrer rücksichtslosen Methoden die Macht in solchen Gebieten
zu erringen, die noch frei sind. Es könnte die Frage gestellt
werden, warum wir überhaupt verhandelt haben, wenn diese Ergebnisse vorauszusehen waren. Meine Antwort lautet, daß kein
Mensch das Recht hat sich einzubilden, er sehe die Zukunft klar
genug, um wirklich darüber urteilen zu können, ob der Krieg unvermeidlich und alles Entgegenkommen vergeblich sei.
Die Bemühungen um einen anständigen Frieden müssen auf
gesitteter Achtung vor dem Willen der Menschheit beruhen.
Auch klären sie die Ziele. Das sind die Gründe, warum wir mit
denen, die sich selbst unsere Feinde nennen, hochoffizielle
Gespräche führten, Gespräche, die seit fünf Jahren abgebrochen
waren. Wir haben diesen Gesprächen gewisse Sicherungen vorgebaut, um zu verhindern, daß falsche Hoffnungen entstehen oder
unsere Wachsamkeit im Wesentlichen nachläßt. Wir haben die
Freiheit dort, wo sie in der freien Welt herrscht nicht verraten, und wir haben mit denen, die die Freiheit verloren
und sie ersehnen, den Glauben bewahrt.
Das Ergebnis dieser Gespräche, die unter solchen Bedingungen geführt wurden, war schließlich eine Demonstration
der unversöhnlichen Ziele des sowjetkommunistischen Blocks.
Wir sehen uns in der Tat einer Sache gegenüber, die weit unge- 4 -

�"AFRIKA PIEKST"
19. Mai 1954
ungeheuerlicher ist als individuelle oder nationale Sucht nach
Ruhm und Macht. Wir sehen uns einem massiven System gegenüber,
das trotz seiner gegenwärtigen Macht glaubt, sich nicht halten zu können, wenn es ihm nicht gelingt, die menschliche
Freiheit fortschreitend zu vernichten. In diesem Handeln
ist sie durch keine moralischen oder humanen Erwägungen gebunden.
Ich spreche durchaus nicht aus einer pessimistischen Stimmung heraus. Wir werden hartnäckig in unseren Bemühungen fortfahren, über Deutschland, Österreich, Korea, Indochina und die
Frage der Atomenergie zu verhandeln. Wir wissen, daß die
sowjetkommunistische Doktrin lehrt, daß der Kommunismus zu
Konzessionen und Rückzügen bereit sein muß, wenn er auf einen
starken Gegner stößt. Darüber hinaus wissen wir, daß der Versuch der Sowjetunion, ihre absolute Macht 800 Millionen versklavter Menschen aufzuzwingen, sie in eine Aufgabe verwickelt,
die letztlich unlösbar ist. Unter der harten und furchteinflößenden Oberfläche, die ein despotisches System gewöhnlich
nach außen hin zeigt, macht sich bereits eine starke Unruhe
bemerkbar. Größtenteils wird das verheimlicht, aber gelegentlich kommt es zu Ausbrüchen, die die Wahrheit enthüllen. Die
Hinrichtung Berijas und der Juni-Aufstand der deutschen Sowjetzonenbevölkerung zeigen, daß die kommunistischen Herrscher sich
gegenseitig fürchten, hassen und bekämpfen und daß die versklavten Völker sich keineswegs mit ihrem Schicksal abgefunden haben.
Außerdem kann möglicherweise gerade die Tatsache selbst,
daß sich die Kraft der Verzweiflung jetzt erschreckend bemerkbar macht, sogar die Materialisten dazu bringen, aus selbstsüchtiger Berechnung Zurückhaltung zu üben.
Ich glaube nicht, daß die Welt von einer neuen Eiszeit
des Despotismus überzogen werden wird, sondern bin der Auffassung, daß die Freiheit immer noch mit einer Flamme brennt,
die nicht gelöscht werden kann. Es ist jedoch an der Zeit,
daß wir uns darüber klar werden, daß die Freiheit einer überaus großen Bedrohung gegenübersteht. Wir sollten auch erkennen,
daß das Weiterbestehen der Freiheit nicht nur von der Anzahl
der freien Menschen abhängt, sondern mehr noch von der Intensität ihres Glaubens.
Wir gebrauchen einfachheitshalber oft den Ausdruck 'Freie
Welt
und meinen damit die Teile der Welt, die jetzt nicht
vom Kommunismus beherrscht werden. In diesem Sinne sind etwa
zwei Drittel der Welt 'frei1, aber in den freien Ländern ist
nur ein Teil der dort lebenden Menschen von dem Glauben erfüllt, der allein stark genug ist, um den materialistischen
und zerstörenden Kräften des Despotismus standzuhalten.
1

Die Zukunft der Freiheit liegt in den Händen einer kleinen
Minderheit unter den Menschen und das erklärt den Grund, warum
es unerläßlich ist, daß alle in unserer Republik von sich aus
an dem Glauben ihren Väter festhalten. Ebenso wie der Wille
zur Freiheit von Generation zu Generation übertragen wird, so

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so wird auch der Glauben von Generation zu Generation weitergegeben. Eines der besten Mittel, um unseren Glauben stark
zu halten, besteht darin, sich an den Glauben unserer Vorfahren
zu erinnern und die großen, an Wunder grenzenden Taten, die
sie durch ihren Glauben vollbrachten, fest im Gedächtnis zu
bewahren.
Die Geschichte unseres Landes ist reich an Berichten über
Männer, die durch ihren Glauben an die Bedeutung der Freiheit
Ungeheures leisteten. Einige der Größten unter ihnen - ich
nenne nur ein paar Namen wie George Washington, Thomas Jefferson,
George Mason und Patrick Henry - arbeiteten hier in Williamsburg
an dem, was unter dem Begriff 'Präludium zur Unabhängigkeit'
bekannt geworden ist. Es ist gut, daß wir durch solche Gedenkstunden, wie Sie sie hier heute begehen, wieder an den
Glauben und die Arbeit dieser Männer erinnert werden. Dadurch
wird auch unser Glauben stark gehalten und uns die Möglichkeit
gegeben, den uns zufallenden Aufgaben in der Zeit, in der wir
leben, gerecht zu werden."

* * * * #

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�OBERSTER US-BUNDESGERICHTSHOF ERKLÄRT RASSENTRENNUNG IN
ÖFFENTLICHEN LEHRANSTALTEN FÜR VERFASSUNGSWIDRIG

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Oberste Bundesgerichtshof der USA hat am 17. Mai 1954 einstimmig
eine Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten
der Vereinigten Staaten für verfassungswidrig erklärt.
Nach Ansicht des Gerichts verstoße eine derartige Rassentrennung gegen den im 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundsatz des gleichen
Rechtsschutzes.
Der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren
betonte in seiner Urteilsbegründung, daß die "Doktrin
des getrennt aber gleich' auf dem Gebiet der öffentlichen
Erziehung keinen Platz habe. Getrennte Erziehungseinrichtungen seien immer ungleich.
Die Entscheidung des Gerichts, die für das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten Gültigkeit hat, wird sich
nur in einer kleinen Zahl von Einzelstaaten direkt auswirken, da die meisten der 48 amerikanischen Bundesstaaten keine Rassentrennung in ihren öffentlichen Lehranstalten kennen. Lediglich 17 Bundesstaaten und der Distrikt von Kolumbia haben Gesetze, die die Rassentrennung
in den öffentlichen Schulen fordern, und in vier weiteren
Staaten mit einer geringen farbigen Minderheit ist die
Rassentrennung gesetzlich zugelassen.
Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der Urteilsbegründung, die der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren in den Fällen über die Rassentrennung in
den öffentlichen Lehranstalten der Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gab:
Derartige Fälle werden uns aus den Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gemeldet. Sie resultieren aus
verschiedenen Faktoren und verschiedenen lokalen Gegebenheiten,
aber ihre gemeinsame gesetzliche Verankerung rechtfertigt es, daß
sie in dieser Urteilsbegründung gemeinsam behandelt werden. In
jedem dieser Fälle haben Minderheiten der Negerrasse durch ihre
gesetzlichen Repräsentanten die Unterstützung des Gerichtes zur
Zulassung an die öffentlichen Lehranstalten ihrer Gemeinden auf
der Basis gemeinsamer Erziehung gefordert. In jeder Instanz war
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"AMERIKA DIENST"

war ihnen die Zulassung in Schulen, die,unter Gesetzen, die
die Rassentrennung fordern oder zulassen, von weißen Kindern besucht werden, verweigert worden. Diese Rassentrennung führte dazu, die Kläger ihres im 14» Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundrechtes des gleichen Rechtsschutzes zu
berauben. In jedem der Fälle, mit Ausnahme des Falles Delaware,
hat ein mit drei Richtern besetztes Bundes-Bezirksgericht die
Kläger mit Berufung auf die Doktrin des "getrennt aber gleich"
abgewiesen, die von diesem Gericht im Falle Plessy gegen Ferguson
(163 U.S. 537 )verkündet wurde. Unter dieser Doktrin ist die Gleichheit der Behandlung gewährt, wenn den Rassen im wesentlichen die
gleichen Mittel zur Verfügung stehen, auch wenn diese Mittel getrennt sind. Im Falle Delaware hielt der Oberste Gerichtshof
des Staates Delaware zwar ebenfalls an dieser Doktrin fest, ordnete jedoch an, daß die Kläger an den weißen Schulen zugelassen
werden, da diese besser waren als die Negerschulen.
Die Kläger behaupten, daß öffentliche Schulen, in denen die
Rassentrennung existiert, nicht "gleich" seien, und daß sie deshal
nicht den gleichen Rechtsschutz genießen. Wegen der unverkennbaren
Bedeutung dieser Frage hat das Gericht eine Entscheidung getroffen. Während der Sitzungsperiode von 1952 wurden die Einwände, und
im Verlaufe dieser Sitzungsperiode die Gegeneinwände zu gewissen,
dem Gericht vorgelegten Fragen gehört.
Die Gegeneinwände bezogen sich weitgehend auf die Umstände,
unter denen der 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung
im Jahre 1868 angenommen wurde. Sie behandelten erschöpfend die
Erwägungen des Kongresses zu diesem Zusatzartikel, seine Ratifizierung durch die einzelnen Staaten, des weiteren die bestehenden
Praktiken der Rassentrennung sowie die Ansichten der Antragsteller und Gegner des Zusatzartikels. Diese Diskussion und unsere
eigenen Untersuchungen haben uns überzeugt, daß diese Quellen - ob
wohl sie ein gewisses Licht auf die Sache werfen - nicht ausreichen, um das Problem, dem wir gegenüberstehen, zu lösen. Zumindest sind sie nicht überzeugend. Die heftigsten Verfechter der
Nachkriegs-Zusatzartikel verfolgten mit diesen zweifellos das Ziel
alle gesetzlichen Unterscheidungen zwischen allen in den Vereinigten Staaten geborenen oder naturalisierten Personen zu beseitigen.
Ihre Gegner lehnten mit der gleichen Bestimmtheit diese Zusatzartikel sowohl nach ihren Buchstaben wie auch nach ihrem geistigen
Inhalt ab und wollten ihre Auswirkungen auf ein Mindestmaß beschränkt sehen. Welche Ziele andere Vertreter des Kongresses und
der staatlichen Gesetzgebung verfolgten, kann mit einem gewissen
Grad der Sicherheit nicht bestimmt werden.
Ein weiterer Grund, weshalb die Geschichte der Zusatzartikel
im Hinblick auf die Rassentrennung in Schulen als nicht beweiskräftig angesehen werden kann, ist der Status der öffentlichen Lehranstalten zu jener Zeit. Im Süden hatte die Bewegung für ein freiei
öffentliches Schulwesen, unterhalten durch öffentliche Gelder, nocl
nicht festen Fuß gefaßt. Die Erziehung der weißen Kinder lag weitgehend in der Hand privater Gruppen. Eine Schulbildung für Neger
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Neger gab es so gut wie gar nicht, und nahezu alle Angehörigen
dieser Rasse waren Analphabeten. In einigen Staaten war jede
Schulerziehung für Neger sogar gesetzlich verboten. Heute jedoch
haben im Gegensatz dazu zahlreiche Neger hervorragende Erfolge
in Kunst und Wissenschaft ebenso wie im Geschäfts- und Wirtschaftsleben erzielt. Es ist richtig, daß die öffentliche Erziehung im
Norden bereits weitere Portschritte gemacht hatte, aber die Auswirkungen der Zusatzartikel auf die Nordstaaten wurden in den
Kongreß-Debatten allgemein ignoriert. Aber selbst im Norden waren
die Verhältnisse im öffentlichen Schulwesen nicht annähernd so wie
sie heute sind. Der Lehrplan war unzulänglich; in den ländlichen
Gebieten gaben die Schulen gewöhnlich keine Abschlußzeugnisse;
das Schuljahr war in vielen Staaten auf drei Monate beschränkt,
und der Begriff der Schulpflicht war praktisch unbekannt. Als
Folge davon ist es nicht überraschend, daß sich in der Geschichte
des 14« Zusatzartikels so wenig finden läßt, was sich auf seine
geplanten Auswirkungen auf das öffentliche Erziehungswesen bezieht.
In den ersten Fällen, die dieses Gericht unter Auslegung des
14. Zusatzartikels &amp; kurz nach dessen Annahme zu entscheiden hatte,
interpretierte ihn das Gericht als ein Verbot jeglicher vom Staat
ausgehender Diskriminierung der Negerrasse. Die Doktrin des "getrennt aber gleich" trat in diesem Gericht nicht in Erscheinung
bis zum Jahre 1896 im Falle Plessy gegen Ferguson, der darüber
hinaus nicht die Frage der Erziehung, sondern der Personenbeförderung betraf. Die amerikanischen Gerichte haben seither mehr als
ein halbes Jahrhundert lang mit dieser Doktrin laboriert. Vor
diesem Gericht wurden allein sechs Fälle behandelt, in denen die
Doktrin des "getrennt aber gleich" auf das Gebiet der öffentlichen
Erziehung übertragen wurde. In den Fällen Comming gegen Kreis-Schul
behörde(175 U.S. 528)und Gong Lum gegen Rice(275 U.S. 78)wurde die
Gültigkeit der Doktrin nicht angezweifelt. In verschiedenen neueren
Fällen, die sich alle mit dem Hochschulstudium befaßten, wurde
Ungleichheit insofern festgestellt, als weiße Studenten gewisse
Vorteile genossen, die den Negerstudenten mit gleichen Erziehungsvoraussetzungen nicht zugestanden wurden. In keinem dieser Fälle
war es notwendig gewesen, die Doktrin noch einmal zu überprüfen,
um den als Kläger auftretenden Negern Rechtsschutz zu bieten.
Und im Falle Sweatt gegen Painter, behielt sich das Gericht ausdrücklich die Entscheidung über die Frage vor, ob der Fall Plessy
gegen Ferguson auf das Gebiet der öffentlichen Erziehung übertragen werden kann oder nicht.
In den vorliegenden Fällen ist diese Frage direkt gestellt
worden. Im Gegensatz zum Falle Sweatt gegen Painter werden hier
die unten angeführten Feststellungen getroffen, daß die in Frage
stehenden Schulen der Neger und Weißen gleichgestellt worden sind
oder gleichgestellt werden in bezug auf Gebäude, Lehrpläne, Qualifikationen und Gehälter der Lehrer und anderer "greifbarer"Faktoren. Unsere Entscheidung kann sich deshalb in jedem der Fälle
nicht allein auf Vergleiche dieser "greifbaren" Faktoren in den
Schulen der Neger und der Weißen stützen; wir müssen vielmehr die
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19. Mai 1954

die direkten Auswirkungen der Rassentrennung auf die öffentliche
Erziehung im Auge haben.
Bei der Behandlung dieses Problems können wir uns nicht zum
Jahre 1868, da dieser Zusatzartikel angenommen wurde&gt;oder zum Jahre
1896,in dem der Fall Ferguson niedergeschrieben wurde, zurückversetzen. Wir müssen die heutige Rolle der öffentlichen Erziehung
und deren Platz innerhalb des nationalen Lebens der USA zugrunde
legen. Nur so können wir feststellen, ob die Rassentrennung in den
öffentlichen Lehranstalten die klagende Partei des ihr im Gesetz
garantierten gleichen Rechtes beraubt.
Heute ist die Erziehung vielleicht die bedeutendste Aufgabe
staatlicher und lokaler Regierungen. Bestehende Gesetze, die den
Schulbesuch obligatorisch machen sowie die Höhe der für das Erziehungswesen ausgeworfenen Summen zeugen beide von der Wichtigkeit der Erziehung in einer demokratischen Gesellschaftsordnung.
Sie ist Voraussetzung zur Ausübung der grundlegendsten öffentlichen
Verantwortlichkeiten selbst für den Dienst in den US-Streitkräften. Sie ist die Grundlage guten Staatsbürgertums, und heute das
hauptsächlichste Instrument, um während der Vorbereitung auf den
späteren Beruf den Sinn eines Kindes für die kulturellen Werte
zu wecken und ihm zu helfen,sich auf normale Weise seiner Umgebung
anzupassen. In unseren Tagen ist es zweifelhaft, daß man von einem
Kinde, dem die Gelegenheit einer guten Erziehung verweigert wird,
Erfolge im Leben erwarten kann. Eine solche Möglichkeit, die zu
stellen der Staat übernommen hat, ist ein Vorrecht, das allen unter
gleichen Voraussetzungen zugänglich gemacht werden muß.
Wir kommen dann zu der vorgelegten Frage, ob die Absonderung
von Kindern in den öffentlichen Schulen allein auf der Basis der
Rasse, selbst dann, wenn die Einrichtungen und andere "greifbare"
Faktoren gleichwertig sind, die Kinder der Minderheitengruppe
einer gleichen Erziehungsmöglichkeit berauben? Wir glauben, daß
dies so ist.
Im Falle Sweatt gegen Painter und bei der Entscheidung, daß
das Rechtsstudium an einer Negerschule diesen keine gleiche erzieherische Möglichkeit bietet, bezog sich dieses Gericht weitgehend auf "jene Werte, die sich zwar nicht in 'greifbaren' Dingen
ausdrücken lassen, die aber das Wesen einer guten juristischen
Bildung ausmachen." Auch im Fall McLaurin gegen den Staat Oklahoma,
in dem gefordert wird, daß ein zum Besuch einer "weißen Lehranstalt
zugelassener Neger wie alle anderen Studenten behandelt werden soll
ließ sich dieses Gericht erneut von 'nicht "greifbaren" Erwägungen leiten': ...'die Möglichkeit des Studiums, mit anderen
Studenten zu diskutieren, Ansichten auszutauschen und im allgemeinen seinen Beruf zu erlernen.''Solche Erwägungen gelten in verstärktem Maße für Kinder in Grund- und Oberschulen. Sie von anderen
gleichen Alters und gleicher Begabung allein auf Grund ihrer Rasse
zu trennen, schafft ein Minderwertigkeitsgefühl in bezug auf ihre
gesellschaftliche Stellung innerhalb der Gemeinschaft, die Herz
und Geist in einer nie wieder gutzumachenden Weise beeinflussen
können.
'
Diese

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Diese Auswirkung der Rassentrennung auf ihre erzieherischen
Möglichkeiten wurde von einem Gericht in Kansas, das trotzdem gegen den Kläger entschied, deutlich formuliert»
"Die Trennung von weißen und farbigen Kindern wirkt sich
schädlich auf die farbigen Kinder aus. Der Schaden ist größer,
wenn das Gesetz ihn sanktioniert; denn die Maßnahme der Trennung
der Rassen wird gewöhnlich als Zeichen der Minderwertigkeit der
Negergruppen interpretiert. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber
wirkt sich auf den Lerneifer eines Kindes aus. Vom Gesetz sanktionierte Rassentrennung hat deshalb die Tendenz, die pädagogische
und geistige Entwicklung der Negerkinder zu hemmen und beraubt
sie einer Reihe von Anregungen, die ihnen in einem rassisch integrierten Schulsystem zuteil werden würden.
Was auch immer das Ausmaß der psychologischen Erkenntnisse
zur Zeit des Falles von Plessy gegen Ferguson gewesen sein mag,
die damals gemachten Peststellungen finden bei den heutigen Behörden weitgehende Unterstützung und jedes Argument, das zu den
Entscheidungen im Fall Ferguson in Gegensatz steht, wird abgelehnt.
Wir stellen abschließend fest, daß die Doktrin des "separate
but equal" (getrennt aber gleich) nicht zulässig ist. Getrennte
Schulen sind seit jeher ungleich. Deshalb sind wir der Ansicht, daß
die Klagenden und alle anderen, die sich in ähnlicher Lage befinden und für die wir hier entscheiden,auf Grund der angeführten
Rassentrennung, nicht in den Genuß des gleichen Rechtsschutzes, den
der 14. Zusatzartikel garantiert, kommen. Diese Auslegung macht
jede Erörterung darüber, ob solche Trennung auch die Bestimmungen
des "due process clause" (des jedem Bürger der USA verfassungs*ä-.
Big zustehenden Minimums an Rechtssicherheit und Rechtsschutz)
verletze, überflüssig.
Da es sich bei dieser Rechtssache um das Anliegen einer ganzen
Klasse handelt und wegen der weiten Anwendung dieser Entscheidung
sowie wegen der großen Verschiedenheit lokaler Gegebenheiten,
ist die Formulierung der entsprechenden Erlasse sehr kompliziert.
Auf Gegeneinwand wurde die Erwägung angemessenenAbhilfe notwendigerweise der primären Frage - der Verfassungsmäßigkeit der Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten - untergeordnet. Wir
haben jetzt verkündet, daß solche Trennung ein Vorenthalten des
gleichen Rechtsschutzes ist. Um die volle Unterstützung der Parteien in der Formulierung solcher Erlasse zu erhalten, wird der
Fall zu den Akten genommen und die Parteien werden ersucht»weitere
Einwände zu den Fragen vier und fünf in dieser Sitzungsperiode
diesem Gericht vorzulegen. Der Justizminister der Vereinigten Staaten (Generalstaatsanwalt) ist erneut eingeladen,daran teilzunehmen.
Den Generalstaatsanwälten der Einzelstaaten, die die Rassentrennung
in öffentlichen Schulen fordern und zulassen, wird es auf ihr Ersuchen hin gestattet werden,als amici curiae am 15• September 1954
und bei der Vorlage der Beweisergebnisse am 1. Oktober 1954 vor
diesem Gericht zu erscheinen.
Nachstehend

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Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der am 17. Mai
1954 vom Obersten Amerikanischen Bundesgericht gefällten Entscheidung über die Rassentrennung in Schulen im District of
Columbia.
Die Urteilsbegründung wurde vom Obersten Amerikanischen Bundesrichter Earl Warren gegeben:
In diesem Fall wird die Zulässigkeit der Rassentrennung in
den öffentlichen Schulen des District of Columbia bestritten. Die
Kläger, Angehörige der Negerrasse, führen an, daß ihnen durch eine
derartige Rassentrennung die in dem 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung verbürgte angemessene Rechtssicherheit vorenthalten wird. Die Zulassung zu einer öffentlichen Schule, die von
weißen Kindern besucht wird, wurde ihnen allein wegen ihrer Rassenzugehörigkeit verweigert. Sie appellierten an das Bezirksgericht des District of Columbia, diese Zulassung für sie zu erwirken. Dieses Gericht wies jedoch ihre Klage ab. Wir zogen durch
höchstrichterlichen Beschluß das Verfahren wegen der Bedeutung der
damit zusammenhängenden verfassungsrechtlichen Fragen an uns, bevor ein Urteil am Berufungsgericht gefällt wurde. (344 U.S. 873.)
Wir haben heute entschieden, daß die Klausel des gleichen
Rechtsschutzes des 14. Zusatzartikels den Staaten die Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet. Das Problem der
gesetzlichen Verankerung liegt im District of Columbia allerdings
etwas anders, da der 5. Zusatzartikel, der für den District of
Columbia anzuwenden ist, nicht die Klausel des gleichen Rechtsschutzes enthält wie der 14. Zusatzartikel, der nur in den Einzelstaaten anwendbar ist. Die Klauseln des gleichen Rechtsschutzes und
der angemessenen Rechtssicherheit, die sich beide auf unseren
amerikanischen Idealen der Gerechtigkeit aufbauen, schließen
sich jedoch nicht gegenseitig aus. Die "Equal Protection of the
Iaws"-der "gleiche Rechtsschutz" - ist ein deutlicher definierter
Schutz gegen eine unzulässige Ungerechtigkeit als der "Due Process
of Law" - die "angemessene Rechtssicherheit" - und wir behaupten
deshalb nicht, daß diese beiden Begriffe stets willkürlich miteinander ausgewechselt werden können. Eine Diskriminierung kann
jedoch, wie dieses Gericht erkannt hat, so ungerechtfertigt sein,
daß sie auch die angemessene Rechtssicherheit verletzt.
Klassierungen, die lediglich auf der Rasse basieren, müssen
mit besonderer Sorgfalt untersucht werden, da sie im Gegensatz
zu unseren Traditionen stehen und deshalb im Sinne der Verfassung höchst zweifelhaft erscheinen. Seit 1896 vertritt dieses
Gericht die Auffassung, daß "die Verfassung der Vereinigten Staaten in ihrer gegenwärtigen Form, so weit es sich um zivile und
politische Rechte handelt, die Diskriminierung eines Bürgers auf
Grund seiner Rasse durch die Regierung oder durch die Staaten
verbietet". Und im Falle Buchanan gegen Walley,(245 U.S. 60, entschied das Gericht, daß ein Statut, das das Recht eines Eigentümers, sein Eigentum an eine Person anderer Rassenzugehörigkeit
abzutreten, beschneidet, als unbillige Diskriminierung, tfnd damit
als Vorenthalt der angemessenen Rechtssicherheit anzusehen sei.
Obwohl das Gericht sich nicht angemaßt hat, dem Begriff "Freiheit"
mit einer gewissen Präzision zu definieren, wird dieser Begriff
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"AMERIKA DIENST"

Begriff nicht nur auf die Freiheiten von körperlichem Zwang angewendet. Freiheit im Sinne des Gesetzes erstreckt sich auf die
gesamte Lebensführung, über die der einzelne frei entscheiden
kann, und sie kann nicht eingeschränkt werden, es sei denn durch
eine notwendige, wohlbegründete Regierungsmaßnahme. Die Rassentrennung in öffentlichen Schulen kann mit einer notwendigen, wohlbegründeten Regierungsmaßnahme nicht einleuchtend begründet werden
und setzt so die Negerkinder des District of Columbia einem Druck
aus, der eine willkürliche Beraubung ihrer Freiheit durch Verletzung der Klausel der angemessenen Rechtssicherheit darstellt.
Angesichts unserer Entscheidung, daß die Verfassung den Staaten die Aufrechterhaltung def Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet, wäre es undenkbar, daß die gleiche Verfassung
der Bundesregierung eine geringere Verpflichtung auferlegt. Wir
sind der Ansicht, daß die Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten des District of Columbia eine Nichtgewährleistung der
angemessenen Rechtssicherheit darstellt, die durch den 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung garantiert wird.
Hit der Begründung, die im Fall Brown gegen die Schulbehörde
angeführt ist, wird dieser Fall entsprechend einem früheren Vorschlag des Gerichts zur Wiederaufnahme in seinen Fragen 4 und 5
zurückverwiesen. (345 U.S. 972). So soll es geschehe-».

# * * # *

1

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�A M E R I K A

E N S T

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Vortrag von Botschafter Dr. Heinz Krekeler vor der SteubenSchurz-Gesellschaft, Prankfurt am Main.
PRANKPURT/Main — (Amerika Dienst) — Nachstehend
geben wir Ihnen die leicht gekürzte Passung
eines Vortrages des deutschen Geschäftsträgers
in den USA, Botschafter Dr. Heinz Krekeler, den
dieser am 19« Mai 1954 vor der Steuben-SchurzGesellschaft in Prankfurt am Main gehalten hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
... Ich muß Ihnen sehr freimütig gestehen, daß ich etwas überrascht, ja verwundert war, als ich vor mehreren Jahren zum
ersten Mal den Namen Ihrer Gesellschaft las, weil Sie darin
zwei so verschiedenartige geschichtliche Persönlichkeiten wie
Steuben und Schurz zusammengespannt haben. Ich habe mich gefragt, was denn das Gemeinsame sein könne, welches in der geschichtlichen Betrachtung diese beiden Männer verbindet, den
friderizianischen Offizier und den Revolutionär des Jahres
48. Ich glaube, es liegt in der Art des Beitrages, den sie zur
Entwicklung der Vereinigten Staaten geleistet haben, Steuben
als Organisator und Lehrmeister des Revolutionsheeres, Karl
Schurz als Innenminister. Dieser Wirkungskreis gab Schurz
Gelegenheit, einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des
amerikanischen Civil service, also des Berufsbeamtentums zu
leisten. Pflichterfüllung und selbstlose Hingabe im Dienst
für das eigene Volk waren in beiden Fällen die Grundlage, auf
der ein organisatorischer Beitrag für die Sicherung und Festigung des jungen Staatswesens gegeben wurde. Es ist kein Zufall, daß damit beide Männer einen Beitrag auf einem Gebiet
geleistet haben, das auch heute noch in den Vereinigten Staaten
als eines angesehen wird, auf dem die Deutschen Vorzügliches
leisten. Für uns ist aber das Wesentliche, in diesen beiden
Männern stellvertretend für viele Millionen Amerikaner deutscher Abkunft die Träger des Beitrages zu sehen, der von unserem
Volk zur Begründung und Weiterentwicklung einer Nation gegeben
wurde, die heute das mächtigste Land der Erde und das größte
Bollwerk der Freiheit ist...
„...,
.
Wahrend

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Während des ganzen Krieges hat man in den Vereinigten Staaten nicht aufgehört, deutsche Opern und Musikstücke zu spielen.
Deutsche Bücher wurden verkauft und gelesen und deutsche Malerei
hatte ihren Platz in den großen amerikanischen Museen. Viele,
die während beider Kriege in den Vereinigten Staaten gelebt
haben, bestätigen, daß es hier während des zweiten Weltkrieges
trotz der unvergleichlich bitteren Auseinandersetzung besser bestellt war als während des ersten. Wir dürfen dankbar empfinden,
daß Händel oder Wagner, Goethe oder Schopenhauer, Dürer oder
Holbein einer Sphäre angehören, die von nationalen Wertungen und
politischen Auseinandersetzungen kaum mehr berührt wird...
Die Bundesregierung ist sich der Bedeutung der kulturellen
Beziehungen bewußt. Im April v.J. wurde vom Bundeskanzler und
von Außenminister John Poster Dulles in Washington ein deutschamerikanisches Kulturabkommen unterzeichnet, dessen Aufgabe es
sein soll, den gegenseitigen Kulturaustausch zu fördern. Wir
in den deutschen Vertretungen in den Vereinigten Staaten sind
uns darüber im klaren, welcher Anteil uns an dieser Aufgabe zufällt. Dies gilt zum Beispiel für die kulturelle Repräsentanz
in unserer Vertretung in Washington selbst, die ich persönlich
als eine verpflichtende Aufgabe empfinde...
Sowohl den amtlichen Bestrebungen als auch der privaten
Initiative kommt nun der Umstand entgegen, daß z. Zt. in den
Vereinigten Staaten ein wachsendes Interesse an deutscher Kultur festzustellen ist. Nicht nur die mehr als zehnjährige Schweigefrist, sondern vor allem auch die neuen politischen Beziehungen
haben dazu geführt, daß man wieder wissen will, wie es in der
Kunst und in der Wissenschaft in Deutschland aussieht. Man ist
daran interessiert zu erfahren, wie die Erziehungs- und Bildungswege, welches die Methoden der Universitäten sind, die ja offenbar nicht ganz so eindeutig und verzerrt gelaufen sind, wie man
in der Neigung zur Verallgemeinerung während der ersten Nachkriegsjahre geglaubt hatte. Das Gästeaustauschprogramm, welches
zunächst kurz nach dem Kriege von amerikanischer Seite aufgenommen und in großzügiger Weise entwickelt worden ist, brachte u.a.
viele deutsche Professoren und Gelehrte nach den Vereinigten
Staaten, die hier ein neues Vorstellungsbild von Deutschland vermittelten und das Interesse an den deutschen Natur- und Geisteswissenschaften erweckten. Dies wird seit einiger Zeit ergänzt
durch ein eigenes Gästeprogramm der Bundesregierung, das/ trotzdem es zahlenmäßig einen sehr viel kleineren Kreis erfaßt als
das sehr großzügige amerikanische Programm, eine außerordentliche
Wirkung gehabt hat, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden
kann. Schließlich haben auch manche Persönlichkeiten der Besatzungsorgane selbst ihre Vorstellungen von einem neuen Deutschland und zugleich von den ewigen Qualitäten unseres Volkes über
den Ozean in ihre Heimat gebracht. Und dies gehört zu den versöhnlichen Nachwirkungen, die auch das Furchtbare eines Krieges
zuweilen zur Folge haben kann. Diese Aufgeschlossenheit gibt
uns die Möglichkeit, die kulturellen Beziehungen in der, ich
möchte fast sagen, einzig gemäßen Weise zu fördern: Unaufdringlich, natürlich und ohne die gebotene Zurückhaltung zu verletzen«!.

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

An dieser Stelle möchte ich auch dankbar der vielen Anregungen gedenken, welche auf kulturellem Gebiet seit dem Ende des
Krieges aus den Vereinigten Staaten zu uns gelangt sind. Die Werke
amerikanischer Schriftsteller und Dramatiker, die Schöpfungen
amerikanischer Komponisten, welche in den vergangenen Jahren bei
uns bekannt geworden sind, haben nicht nur unser Geistesleben
bereichert, sondern sie sind in einem Augenblick zu uns gekommen,
in dem wir infolge unserer Isolierung nicht nur an körperlicher,
sondern auch an geistiger Unterernährung litten. Jetzt haben wir
uns erholt, und wir können jetzt wieder geben. Zweimal hat damit
in dem vergangenen Jahrhundert die Richtung des Stromes der Kulturgüter gewechselt. In den letzten hundert Jahren floß er im wesentlichen über den Ozean zum neuen Kontinent - dann waren wir
die Empfangenden - und nun glaube ich, daß wir in eine Epoche
des Gebens und Nehmens, des lebendigen Austauschs unserer Kulturschöpfungen eintreten werden...
Man interessiert sich für neue deutsche Musik und diskutiert
gelegentlich über Orff und Egk, deren Opern jedoch in den Vereinigten Staaten noch nicht zu hören waren. Der berühmte Dirigent
Stokowski brachte vor kurzem mit dem Nationalen Symphonieorchester
in Washington eine Komposition des Berliner Komponisten Boris
Blacher zur Erstaufführung.
Mit dem Stuttgarter Kammerorchester ist das erste deutsche
Musikerensemble nach den Vereinigten Staaten gekommen. Sie haben
ihr erstes Konzert in Dumbarton Oaks gegeben, einer der HarvardUniversität gehörenden Stiftung in Washington, die für einen Kreis
von besonders verwöhnten Musikliebhabern Konzerte veranstaltet.
Danach hat das von vielen Schallplatten her in den Vereinigten
Staaten bekannte Orchester unter seinem Dirigenten Professor
Münchinger eine Gastspielreise angetreten.
Das am meisten besprochene kommende Ereignis ist das Konzert
der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler unter dem
Patronat des Bundeskanzlers, welches dank der großherzigen Spende
eines amerikanischen Mäzens Anfang 1955 in den Vereinigten Staaten erwartet wird...
Anläßlich eines Konzertes, welches das Nationale Symphonieorchester in Washington zu Ehren der Bundesrepublik als Deutschen
Abend veranstaltete, war, wie dies bei solchen Anlässen üblich
ist, ein Tisch mit deutschen Büchern in dem großen Foyer der Konzerthalle aufgestellt worden. Gegen alles Erwarten drängten sich
die Besucher vor und nach dem Konzert, sowie in der Pause am
Büchertisch, nahmen Bücher und Zeitschriften in die Hand und
stellten Hunderte von Prägen, wobei deutlich wurde, daß nur ein
Teil von ihnen der deutschen Sprache ganz mächtig war. So ist
es kein Wunder, daß in einigen Städten Buchhandlungen entstanden
sind, die sich sehr stark auf deutsche Bücher konzentriert haben.
Verschiedentlich kommen Anregungen von Buchhändlern, eine große
Wanderbuchausstellung oder eine Kunstbuchausstellung zu veranstal-

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19. Mai 1954
Eine Deutsche Wanderausstellung

Eine Reihe amerikanischer Museen sind an uns herangetreten
mit dem Wunsch, auch einmal eine deutsche Ausstellung zeigen zu
können, und ich hoffe, daß sich dies im begrenzten Rahmen von
rund 100 Meisterwerken durch die Beteiligung der großen deutschen
Museen verwirklichen läßt...
Ein Deutsches Haus
Von Anfang an ist uns klar gewesen, daß es die kulturellen
Beziehungen sehr fördern würde, wenn man in einigen großen Städten
der Vereinigten Staaten Zentren einrichten könnte, die, ähnlich
wie die Amerikahäuser in Deutschland, ihrer Pflege dienten. Diese
lange gehegten Pläne sollen nun bald in einem ersten Schritt verwirklicht werden. In New York soll dank der Unterstützung amerikanischer Freunde ein Deutsches Haus begründet werden. Unser Beitrag
wird dabei u.a. in der Hergabe einer umfangreichen Bücherei und
deren ständiger Ergänzung bestehen. Diese von gemeinsamen Anstrengungen getragene Einrichtung soll ausschließlich der Förderung der
kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern dienen.
Wirtschaftliche Beziehungen
Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Beziehungen war nach
dem Kriege ein völlig neues Beginnen notwendig. Es gereicht der
Initiative und der Tatkraft der deutschen Exporteure zur hohen
Ehre, daß sie es verstanden haben, aus den kleinsten Anfängen
auf dem anspruchsvollsten und dem Wettbewerb am meisten ausgesetzten Markt, dem der Vereinigten Staaten, wieder Fuß zu fassen.
Gelegentlich hat es Stimmen gegeben, die gemeint haben, daß diese Anstrengungen besser auf andere Märkte der Welt gerichtet worden wären. Ich teile diese Auffassung nicht. Ganz gewiß müssen
wir Welthandel betreiben, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergibt. Bei allem bleiben aber doch die Handelsbeziehungen zu den
Vereinigten Staaten unser besonderes Anliegen. Ich denke dabei
nicht nur an die Notwendigkeit, Dollars zu verdienen, sondern
auch daran, auf diesem anspruchsvollsten Markte ständig die eigene Leistungsfähigkeit vor sich selbst und vor den Wettbewerbern
aus aller Welt wieder unter Beweis zu stellen. Aus dieser Anstrengung werden wir nicht als geringsten Lohn den ständig neuer Anregung
für die eigene Weiterentwicklung empfangen. Ich denke dabei aber
auch an die außerordentlichen Wirkungen, welche von der amerikanischen Wirtschaft auf die Weltwirtschaft ausstrahlen und an die
Konsequenzen, welche diese für die Wirtschaft eines jeden anderen
Landes, nicht zuletzt auch für unsere eigene,haben können. Die Besorgnis, welche in Europa in den letzten Monaten wegen der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft zu verspüren war, hat ein
eindrucksvolles Zeugnis dafür abgelegt, wie sehr diese Wechselbeziehung in Europa empfunden wird. Es ist nicht zuletzt aus
diesem Grunde notwendig für uns, stets die Hand am Pulse der
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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

der amerikanischen Wirtschaft zu haben. Gewiß liegt hier eine
wichtige Aufgabe der amtlichen Wirtschaftsberichterstattung und
Sie dürfen überzeugt sein, daß wir uns ihr mit allem Ernst und
dem Bewußtsein unserer Verantwortung unterziehen. Das allein
reicht aber nicht aus. Nur der lebendige Kontakt zwischen der
Wirtschaft beider Länder kann das Maß von Verbindung ergeben,
welches notwendig ist, um sich rechtzeitig auf Entwicklungen von
drüben einzustellen. Es kann als ein erfreuliches Ergebnis der
bereits erreichten Intensität der beiderseitigen wirtschaftlichen
Beziehungen angesehen werden, daß von Deutschland eigentlich nur
wenige Stimmen zu vernehmen waren, die der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Monaten einen erheblichen Rückschlag voraussagten. Die meisten wußten es aus eigener Anschauung besser. Sie
sind so vertraut mit dem wirtschaftlichen Geschehen drüben, daß
sie um den Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und
den Verhältnissen während der Krise in den 30er Jahren wissen.
Ich brauche hier nur anzudeuten, daß er in den mannigfachen regelnden Paktoren besteht, die inzwischen auch in den Vereinigten
Staaten in den Wirtschaftsablauf, vor allem im Bankwesen, eingebaut sind. Die Kenntnis dieser und anderer Umstände ist es,
die die Kenner der amerikanischen Wirtschaft nie in der Prognose
schwankend gemacht haben, daß es sich bei den Vorgängen, die wir
gegenwärtig dort beobachten, um Anpassungen an eine veränderte
Lage handelt, aber nicht um eine eigentliche Krise. Diese Anpassungen ergeben sich zwangsläufig daraus, daß die Periode vorüber
ist, in der der Nachholbedarf aus der Nachkriegszeit befriedigt
werden mußte, und daß zur gleichen Zeit die seit dem Ausbruch
der Koreakrise sehr forcierte Aufrüstung ebenfalls zu ihrem ersten
Abschluß gekommen ist und nun einer stetigeren Rüstungsanstrengung
der Vereinigten Staaten Platz gemacht hat...
Eine besondere Bedeutung haben die schon vor längerer Zeit
begonnenen Verhandlungen über das Wiederinkraftsetzen des deutschamerikanischen Preundschafts-, Konsular- und Handelsvertrages
von 1923• Sie wurden im letzten Sommer abgeschlossen. Die Vereinigten Staaten haben diesen Vertrag bereits ratifiziert. Dabei
wurde von beiden Seiten die Notwendigkeit erkannt, den Vertrag
so bald als möglich durch ein der gegenwärtigen Situation besser
entsprechendes Abkommen zu ersetzen. Zwar galt dieser Vertrag
viele Jahre hindurch als der modernste Vertrag seiner Art. Nun
ist aber die Zeit gekommen, neue Formulierungen zu finden, die
der gegenwärtigen Situation entsprechen. Die Verhandlungen darüber sind bereits im Gange.
Ein weiteres Vertragswerk, das sich in Vorbereitung befindet,
behandelt die Doppelbesteuerung. Auch hierüber sind die Verhandlungen im Gange. Als drittes Vertragswerk ist an dieser Stelle das
Londoner Schuldenabkommen zu nennen, obwohl es nicht auf die Vereinigten Staaten und Deutschland beschränkt ist. Im Zuge seiner
Durchführung ist eine Stelle zur Wertpapierbereinigung in den
Vereinigten Staaten geschaffen worden, die paritätisch von Deutschen und Amerikanern besetzt ist
Ich halte es für gewiß, daß wir mit einer zwar allmählichen,
aber doch steten Weiterentwicklung in Richtung einer liberaleren

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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

liberaleren Handelsauffassung in den Vereinigten Staaten rechnen können. Diese Bestrebungen können dadurch sehr unterstützt
werden, daß die europäischen Länder weitere Portschritte in
Richtung auf die Konvertibilität ihrer Währungen machen
Selbstverständlich wird durch einen solchen Schritt außerdem noch eine weitere wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß amerikanisches Kapital nach Deutschland fließt.
Ich stimme mit all denen überein, die erst noch in jüngster
Zeit die Möglichkeiten, welche in dieser Hinsicht bestehen,
mit betonter Zurückhaltung beurteilen. Zu mannigfach sind die
Voraussetzungen, welche zusätzlich noch geschaffen werden müssen, um amerikanisches Kapital für Investitionen bei uns einen
ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz zu bieten. Auch die
Herstellung der Konvertibilität allein wird dazu nicht ausreichen. Sie wird aber gewiß die Vertrauensgrundlage soweit
stärken, daß es dann im wesentlichen noch eine Präge der Rentabilität ist, ob und in welchem Umfang amerikanische Finanzkreise bereit sein werden, Deutschland Kapital zur Verfügung
zu stellen.
Zuletzt möchte ich noch auf eines hinweisen: Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Technik in den Vereinigten
Staaten in eine Periode neuer umwälzender 3ntwifeklungen eintritt. Abgesehen von der Erschließung neuer Energiequellen
aus Atomkraft, die ich für sicher halte, dürften diese Entwicklungen in der Richtung einer immer weiter gehenden Automatisierung aller Pabrikationsvorgänge liegen. Daneben werden wir
interessante Weiterentwicklungen auf dem Gebiete der Pernmelde- und Nachrichtentechnik zu erwarten haben. Wir schenken
diesen Entwicklungen sehr viel Aufmerksamkeit, und ich sehe zu
meiner Freude, daß die Wirtschaft und Technik unseres Landes
die Fortschritte auf diesen Gebieten mit wacher Aufmerksamkeit
beobachtet.
Presse, Rundfunk, Film

und Fernsehen

Wer den Vertretern der Organe der öffentlichen Meinung
in den Vereinigten Staaten mit einem Gefühl für ihre Bedürfnisse und mit Offenheit begegnet, wird auf eine freundliche
und vor allem auf eine sehr faire Behandlung rechnen können.
Nichts ist verkehrter als die Vorstellung, als ob die Verhältnisse, welche einen Wildwestfilm charakterisieren, für
diesen Bereich des amerikanischen öffentlichen Lebens maßgebend wären. Es gibt gewiß viel Leidenschaft, viel Gefühl für
Publizität und für das, was Schlagzeilen bringt, aber es gibt
daneben auch ein großes Verantwortungsbewußtsein, eine Berufsethik, die in den besten Vertretern dieser Sparten in den Vereinigten Staaten beispielhaft ist....
Politische Beziehungen
Ich komme nun zu dem wichtigsten Teil unserer Beziehungen,
dem politischen. Bevor ich darauf im einzelnen eingehe, darf ich
das Kommunique in Ihr Gedächtnis zurückrufen, welches Präsident
- 6 -

�I

"AMERIKA DIENST" ,

19- Mai 1954

Präsident Eisenhower und der Bundeskanzler gemeinsam zum Abschluß
des Staatsbesuches im vergangenen Jahr herausgegeben haben.
In diesem heißt es, daß "die Bande der Freundschaft zwischen beiden Völkern glücklich wiederhergestellt seien. Von dieser Feststellung aus berufenstem Munde ist seither eine außerordentliche
Wirkung ausgegangen, die zu beobachten man in den Vereinigten
Staaten ständig Gelegenheit hat. Sie bringt, glaube ich, die
Verpflichtung mit, sich darüber klar zu werden, welche Grundlage und welchen Inhalt diese wiederhergestellte Freundschaft hat.
Eine Steigerung dieser Charakterisierung eines Verhältnisses zwischen zwei Völkern ist nicht denkbar, um so mehr ergibt sich
aus diesem Zustand die Verpflichtung, ihn ständig neu zu befestigen. Denn was mit dem Goethe-Wort für die Freiheit und das Leben
gilt, die nur der verdient, der täglich sie erobern muß, das
gilt mit ebenso - großem Recht auch von der Freundschaft.
Vielleicht überrascht es Sie, daß ich meine Ausführungen
über das so nüchterne Gebiet der politischen Beziehungen mit diesem Hinweis auf die wiedererstandene Freundschaft beginne. Ich
hoffe, Sie aber im weiteren Verlauf meiner Ausführungen zu überzeugen, daß ich damit die Grundlagen auch für dauerhafte politische
Beziehungen zwischen unsern beiden Ländern anspreche. Diese Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten werden
belastet von der schweren Hypothek der Erinnerung an zwei Weltkriege und alle damit verbundenen Ereignisse. So sehr wir auch
hoffen müssen und dürfen, daß die Erinnerung daran in den Vereinigten Staaten immer mehr und mehr zurücktritt gegenüber dem
Bild der lebendigen gegenwärtigen Beziehungen, so sollten wir
dies doch nie vergessen, denn das hieße, sich aus der Wirklichkeit
in den Bereich des Irrealen flüchten. Das Gewicht dieser Hypotheken klar zu erkennen ist um so wichtiger, als die Beziehungen
der Vereinigten Staaten zu anderen großen europäischen Nationen
hiervon frei sind.
Wer die Wirkung des gesprochenen und geschriebenen Wortes
in den Vereinigten Staaten kennt, vder wird es auch richtig einschätzen, was es für die Engländer bedeutet, daß sie die gleiche
Sprache wie die Amerikaner sprechen. Die Beziehungen zwischen
Frankreich und den Vereinigten Staaten sind dadurch charakterisiert, daß Frankreich sich mit Recht rühmen kann, der älteste Bundesgenosse der Vereinigten Staaten zu sein, mit dem es nie in
irgendeinem Konflikt gestanden hat. In dem Auf und Ab und bei
allen Belastungen, denen Beziehungen zwischen Nationen wie zwischen einzelnen Menschen nun einmal ausgesetzt sind, stecken in
diesen Tatsachen Vertrauensreserven, die gar nicht hoch genug
veranschlagt werden können. Wir tun gut daran, uns dessen immer
bewußt zu bleiben.
Zu unseren Gunsten wirken sich die vielfältigen lebendigen
Beziehungen aus, welche durch Bande der Familie oder der Verwandtschaft zwischen den vielen Millionen Angehörigen unserer beiden
Länder bestehen.
««_

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Für eine Bestandsaufnahme der politischen Beziehungen ist
ferner festzustellen, daß es keine irgendwie gearteten Gegensätzlichkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
gibt, die ein Gewicht haben könnten.
Das überragende gemeinsame Interesse aber, welches die
Vereinigten Staaten und Deutschland verbindet, ist das der Sicherheit. Nun ist jedem klar, welche Bedeutung die Vereinigten
Staaten für die Sicherheit Deutschlands haben. Wir sind dankbar, daß die Vereinigten Staaten sich der Rolle, die ihnen hier
von der Geschichte zugefallen ist, und der darin liegenden
Verpflichtung bewußt sind. Sie haben dies, als sie die Luftbrücke für Berlin aufrecht erhielten, überzeugend unter Beweis
gestellt. Wären aber die Beziehungen zwischen unseren beiden
Ländern auf dem Gebiet der Sicherheit oder, wie man vielleicht
im Atomzeitalter zu sagen berechtigt ist, des nationalen Überlebens so einseitig, sie würden eine schlechte Grundlage für
dauerhafte politische Beziehungen abgeben. Sie würden sogar
gewisse Gefahren in sich bergen, wie sie nun einmal jeder
societas leonis zu eigen sind. Beziehungen zwischen zwei Völkern,
die darauf beruhen, daß das eine vom anderen sich in einseitiger
Abhängigkeit befindet, können nicht von Dauer sein. Nur Beziehungen zwischen im Wesen gleichberechtigten und innerlich unabhängigen Partnern, mag auch ihre Kraft noch so verschieden sein,
können einen Beitrag für ein harmonisches Miteinanderleben der
Völker liefern. Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, daß
mir in Gesprächen mit so vielen verantwortlichen Persönlichkeiten
in den Vereinigten Staaten niemals eine andere Auffassung begegnet ist.
Man darf sich aber meines Erachtens mit einer solchen Feststellung in Form eines Postulates nicht begnügen. Deshalb ist
es gerade bei einer nüchternen Betrachtung durchaus notwendig,
sich darüber klar zu werden, welche Bedeutung Deutschland für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten hat. Das Ziel einer solchen Betrachtung soll nicht sein, darauf irgendwelche Ansprüche
zu gründen, sondern lediglich völlige Klarheit über das Wesen der
beiderseitigen Beziehungen zu gewinnen. Sie ist aber auch notwendig, um die Verpflichtungen zu erkennen, die sich für uns daraus
als Partner ergeben. Die Bedeutung Deutschlands für die Sicherheit der Vereinigten Staaten ist nun eine zweifache. Im Negativen besteht sie darin, daß alles, was in und mit Deutschland
geschieht, sowohl wegen des Gewichtes unseres Landes, als auch
wegen seiner geographischen Lage, die Vereinigten Staaten unmittelbar angeht, wie zwei Weltkriege gezeigt haben. Es ist kein
Konflikt um Deutschland denkbar, an dem die Vereinigten Staaten
nicht zwangsläufig beteiligt wären.
Hierin erschöpft sich zum Glück unsere Bedeutung für die Vereinigten Staaten nicht. Bei aller gebotenen Zurückhaltung dürfen
wir doch feststellen, daß auch wir etwas in diese Partnerschaft
einzubringen haben. Wirtschaftlich ist Deutschland auch heute
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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

heute schon wieder ein Faktor. Auf anderen Gebieten ist die Bedeutung von der Art eines Potentials. Für den, der nicht nur Tagespolitik betreibt, sondern seine Pläne auf lange Sicht abstellt, hat die Frage nach dem Potential einer Nation fast das
gleiche Gewicht, wie 'die nach der gegenwärtigen Kraft. Diese
Feststellung,ist deswegen so wichtig, weil die gegenwärtige läge
in Europa verständlicherweise für die Amerikaner mehr ein Gegenstand der Sorge als ein Anlaß zur Ermutigung ist. Deutschland
aber wird von drüben, wenn es. sich um sein politisches Gewicht
handelt, nicht' isoliert gesehen, sondern als ein Bestandteil,
und zwar ein besonders wesentlicher Bestandteil des freien Teiles von Europa. Wer wie ich mehrmals im Jahr zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten hin und her reist, dem drängt sich
die Beobachtung auf, wie anders doch die Einstellung der Amerikaner zu den europäischen Fragen ist, als die vieler Europäer.
Hier in Europa treten die Schwierigkeiten, die einer Gesundung
der europäischen Verhältnisse im Wege stehen, viel drastischer
zu Tage. So weite Kreise sich auch mit Leidenschaft zur europäischen Integrierüng bekennen, so gibt es doch viele andere,
die sie nicht als eine geschichtliche Notwendigkeit empfinden,
sondern eher als ein Experiment, das diejenigen, welche sich ihm
verschrieben haben, gewissermaßen aus einem Fortschrittsgedanken
heraus anstellen möchten. Drüben ist dies nun ganz anders. Wer
sich ernsthaft mit dem Gedanken der europäischen Integration befaßt, der tut es eigentlich immer aus dem Gefühl heraus, daß hier
eine zwingende geschichtliche Notwendigkeit vorliegt, ohne, deren
Erfüllung nicht nur kein Fortschritt in Europa denkbar ist,
sondern sogar die Gefahr einer abschließenden Katastrophe droht.
Ich bin der Meinung, daß die Distanz unserer amerikanischen Freunde diese Zusammenhänge klarer sehen läßt, als die von hier zu
erkennen sind. Gewiß mögen sie unsere Schwierigkeiten oft
unterschätzen, aber sie sehen die europäischen Notwendigkeiten
doch aus ihrer eigenen Erfahrung heraus und aus dem Abstand,
den sie zu ihnen haben, in einer angemessenen Perspektive. Wenn
ich nun zu dem deutsch-amerikanischen Verhältnis zurückkehre,
so möchte ich sagen, daß das potentielle Gewicht Deutschlands
als eines Gliedes eines vereinten Europa, nicht zuletzt auch
wegen der immer wieder bewiesenen Bereitschaft, an der Vereinigung Europas mitzuwirken, hoch eingeschätzt wird. In den Vereinigten Staaten weiß man genau, welche Bedeutung unser Land
auch für die eigene Sicherheit hat. In diesen gemeinsamen Interessen an der Sicherung ihrer Existenz liegt die Substanz der politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Es wäre aber falsch, die Beziehungen zwischen beiden Ländern
allein auf die Grundlage derartiger Nützlichkeitserwägungen
zu stellen, so gewichtig sie auch sein mögen. Das beste und gesundeste Fundament für Beziehungen zwischen zwei Ländern besteht
meines Erachtens in einem Freundschaftsverhältnis, das auch unabhängig von den Konstellationen des Augenblicks denkbar ist...
Um

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Um in dieser Beziehung Portschritte zu machen, muß man sich
darüber klar werden, welches denn eigentlich die wesentlichsten
Elemente dieser Freundschaft sind, soweit es uns angeht. Diese
Frage ist in der letzten Zeit wiederholt mit Besuchern in den
Vereinigten Staaten erörtert worden. Manche meinten, die Achtung
vor der Leistung, die das deutsche Volk durch seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau bewiesen habe, habe sehr wesentlich zur
Wiederherstellung der Freundschaft beigetragen. Andere sahen
den Grund darin, daß Deutschland antikommunistisch sei. Dazu
wäre zu sagen, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau einmal abgeschlossen sein und daß auch diese Leistung, welche die Amerikaner
zweifellos stark beeindruckt hat, dann wieder aus ihrem Bewußtsein schwinden wird. Eine dauerhafte Grundlage für ein Freundschaftsverhältnis kann hier demnach gar nicht zu finden sein. Die
Tatsache, daß der Kommunismus bei uns eine so entscheidende politische Niederlage erlitten hat, hat gewiß ein großes Gewicht,
aber es gibt noch viele andere Länder, die die gleiche Immunität
gegen den Kommunismus aufweisen. Es läßt sich daraus also kein
spezifischer Grund für ein deutsch-amerikanisches Freundschaftsverhältnis ableiten. Vielmehr besteht die Grundlage für unsere
Freundschaft in zwei Umständen, die beide von den Tagesereignissen
unabhängig sind. Der eine liegt in der Tatsache, daß der Amerikaner nicht zuletzt auch wegen der so vielfältigen und engen menschlichen Beziehungen, die sich daraus ergeben, daß deutsche Auswanderer einen so gewichtigen Anteil an dem Werden des amerikanischen Volkes haben, eine freundschaftliche Verbindung zu
Deutschland als etwas Natürliches ansieht...
Zum anderen aber liegt die Grundlage für die Freundschaft
darin, daß Deutschland heute nicht nur als Freund schlechthin
gilt, sondern als ein zuverlässiger Freund. Hierzu muß ich etwas
ausholen. Das Bild des Amerikaners, wie es vielfach in Europa
verbreitet ist, stellt einen Menschen dar, der nur in Extremen
denkt und handelt. Gewiß ist Amerika ein Land von einer unendlichen Spannweite der Erscheinungen. Aber es gehört zu den verbreitesten Irrtümern anzunehmen, daß deswegen alles Extreme dort
geschätzt und geachtet wird. Ganz im Gegenteil gibt es drüben
zwei Begriffe, die mehr als vieles andere zum Maßstab einer
Persönlichkeit gemacht werden. Das eine ist der sense of Proportion, der Sinn für Proportion, und die balance of judgement,
das abgewogene Urteil. Wenn man in den Vereinigten Staaten zum
Ausdruck bringen will, daß jemand für wichtige Aufträge geeignet
ist, dann schreibt man ihm diese beiden Eigenschaften zu...
Nun ist, und ich möchte es fast sagen zur freudigen Überraschung
des Amerikaners, in den letzten Jahren auf einmal ein ganz neuer
Typ des Deutschen vor ihre Augen getreten... Gewiß gibt es auch
heute noch Stimmen, aus denen das alte Mißtrauen in unverminderter Schärfe herausklingt, daß die maßvollen Vertreter des neuen
Deutschland Einzelerscheinungen seien, welche eine Kontinuität
nicht zu garantieren vermöchten. Diese Stimmen können aber den,
der in den Vereinigten Staaten lebt, in der Gewißheit nicht irre
machen, daß die öffentliche Meinung im ganzen gesehen überzeugt
ist, daß das deutsche Volk nun eine neue Haltung gewonnen hat.

- 10 -

All

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Als ich schon aus den Vereinigten Staaten abgeflogen war,
las ich die Meldung, Präsident Eisenhower habe sich mit großer
Sorge darüber geäußert, daß man die Vereinigten Staaten in Europa so oft nicht verstehe. Diese Sorge ist sehr ernst zu nehmen.
Sie weist uns zugleich auf eine Verpflichtung hin, welche unser
Freundschaftsverhältnis zu den Vereinigten Staaten mit Bich
bringt. Nicht nur müssen wir ständig um Verständnis für unsere
Lage, insbesondere soweit sie sich aus der tragischen Spaltung
Deutschlands, der läge der Vertriebenen und der unserer Brüder und Schwestern aus der sowjetischen Zone ergibt, werben,
sondern wir müssen, gerade weil wir selbst so sehr auf Verständnis angewiesen sind, auch unsererseits eine stete Bereitschaft
zum Verstehen haben. Ich bin überzeugt, daß wir damit zugleich
einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden leisten können.. Man
kann unterstellen, daß die führenden Persönlichkeiten von Kongreß und Regierung, sowie die maßgebenden Kreise anderer Sparten des öffentlichen Lebens die gegenwärtige Weltlage sehr
realistisch beurteilen Die Beherrschung der Atomenergie durch
den Menschen, der Höhepunkt, den sie durch die Entwicklung der
Wasserstoffbombe erreicht hat, sind zweifellos der Beginn eines
neuen Zeitalters. Vorstellungen, die aus der Voratomzeit stammen-,
müssen korrigiert werden... Gewiß spielt der technische Portschritt in den Vereinigten Staaten eine große Rolle. Gewiß ist
der Wettbewerb im Erwerbsleben hart und fordernd für jeden einzelnen. Zugleich aber besteht eine tiefe Religiosität. Es besteht ein Bedürfnis, ja ein Hunger nach kulturellem Erleben,
und es besteht eine sehr herzliche Bereitschaft, die Verbindung
von Mensch zu Mensch auch gegenüber dem Besucher aufzunehmen. Und
es hat schließlich bei allem Erwerbssinn fast jeder Amerikaner
das Gefühl einer großen Verpflichtung gegenüber dem Menschen,
gegenüber der engeren Lebensgemeinschaft, der Community, und
gegenüber der Nation. Es ist so leicht, einzelne Steinchen aus
diesem ungeheueren Mcsaik, das die Vereinigten Staaten darstel-.'
len, herauszunehmen und sie zu einem ganz verzerrten Abbild
der Nation wieder zusammenzusetzen. Ein solches Bild kann dann
zwar tausendfältig belegt werden, aber es ist doch ganz falsch.
Ich'meine demgegenüber, daß nur der Amerika richtig sieht, der
dieses warmherzige und aufgeschlossene Volk von der menschlichen
Seite zu verstehen versucht. Ich sage dies nicht, um für Amerika
zu werben, ich sage es vielmehr, weil ich glaube, daß es in unserem besten Interesse ist, wenn wir Amerika und die Amerikaner
in der richtigen Perspektive sehen. Für uns ist ebenso wenig wie
für irgendein anderes V^lk eine Zukunft denkbar, wenn wir nicht
der freundschaftlichen Hilfe durch andere Völker gewiß sind.
Schon der Versuch eines Alleinganges wäre das sichere Verderben,
über den Wert, den in diesem Zusammenhang die Freundschaft des
amerikanischen Volkes für uns hat,., itt kein Wort zu verlieren.. ,
Diese Freundschaft wir" aber auch dann noch ein wertvolles Gut
sein, wenn die gegenwärtigen Weltspannungen einmal überwunden
sind. Sie zu pflegen dürfen wir immer als einen wesentlichen Beitrag zum Frieden und zu einem guten Zusammenleben der Völker
auffassen.
* * * * *

-11-.

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY GABOT LODGE: USA AUCH WEITERHIN GEGEN DIE
AUFNÄHME ROTCHINAS IN DIE USA
Nachstehend bringen wir im Wortlaut die
13 Punkte einer Erklärung des US-Chefdelegierten bei der UN, Henry Cabot Lodge, mit
denen er am 25.Mai 1954 vor dem Verband der
amerikanischen Inlandspresse in Chikago die
Gründe der amerikanischen Weigerung in der
Präge der Aufnahme Rotchinas in die TO'dar-

CHICAGO - (Amerika Dienst) -"Einer der wichtigsten
Gründe, weshalb die Vereinten Nationen so maßgebend für
die Meinung der Welt sind, ist ihr moralisches Fundament.
Die Vereinten Nationen verkörpern im wahrsten Sinn des
Wortes das moralische Bewußtsein der Welt und sie reflektieren in allen vorliegenden Fragen das moralische Urteil
der Welt. Das können sie deshalb, weil sie auf eine moralische Sanktion gegründet sind, nämlich darauf, daß sie
sich aus "friedliebenden" Nationen zusammensetzen, die ihre
der Charta gemäßen Verpflichtungen, den Frieden zu bewahren,
einhalten.
Darum ist es so schwer, diejenigen zu verstehen, die
da sagen, es wäre gut für die Vereinten Nationen, wenn die
Chinesen darin vertreten wären. Die Vereinten Nationen sind
nicht eine bloße diplomatische Konferenz, wo der Tugendhafte
Seite an Seite mit dem Verbrecher sitzt. Laut Charta sollen
sie eine Organisation von "friedliebenden Staaten" sein,
und als solche haben wir sie ratifiziert. Wollte man daner
Leuten wie chinesischen Kommunisten - die so offensichtlich
den Krieg als Instrument ihrer nationalen Politik befürworten - hier einen Sitz geben, so würde das der moralischen
Basis der Vereinten Nationen Hohn sprechen. Ich möchte
jene, die uns - erst kürzlich - den Rat gaben, die chinesischen Kommunisten in die Vereinten Nationen aufzunehmen,
ersuchen, dieses Regime einmal unbefangen zu betrachten und
sich ein offenes Urteil darüber zu bilden, ob ihm ein Sitz
bei den Vereinten Nationen ansteht. Ich möchte sie bitten,
die folgenden 13 Tatsachenpunkte zu beachten, die nach meiner Ansicht den absolut schlüssigen Beweis dafür liefern,
daß das chinesische kommunistische Regime für eine Vertretung bei den Vereinten Nationen gänzlich ungeeignet istx
^

*

�•"AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

1) Das chinesische kommunistische Regime hat sich der
flagranten Aggression gegen drei Länder schuldig gemacht:
a) Es ist schuldig der direkten Aggression in Korea, wo
die chinesischen Kommunisten in einem vergeblichen Versuch,
die Koreanische Republik auszulöschen und die Streitkräfte der
Vereinten Nationen, die dieses Land verteidigten, zu vernichten, über eine Million Soldaten einsetzten.
b) Es ist schuldig der versteckten Aggression in Indochina. Es hat der Aggression Vorschub geleistet indem es die
kommunistischen Vietminh-Armeen mit Kriegsmaterial, Technikern
und Ratgebern versorgte und die Vietminh-Truppen auf chinesischem Boden ausbildete. Es besetzte das unbewehrte Tibet und
brachte dessen Regierung und Bodenreichtümer unter seine Kontrolle.
c) Es ist schuldig der heimlichen Aggression gegen das
chinesische Volk. Schätzungen ergaben, daß die Kommunisten
in China seit 1945 an die 15 Millionen Menschen ermordet haben
müssen, indem sie dem blutigen Beispiel der Kommunisten in anderen Ländern folgten. Weitere Millionen wurden zur Sklavenarbeit gepreßt, getreu dem von der Sowjetunion erstmalig angewandten ausgeklügelten System. Ferner haben die chinesischen
Kommunisten die Grundformen der chinesischen Lebensweise zerbrochen, indem sie die Kinder zwangen, Eltern und Bekannte anzuzeigen, indem sie die chinesische Kultur "verstaatlichten"
und China in einen totalen Polizeistaat verwandelten.
2) Chinas große nationalen Eigenschaften sowie seine Kultur wurden zum Angriffsziel der regierenden Kommunistenführer,
die Chinas Interessen denen des Kremls opferten: Die Verwaltung des Peking-Regimes ist mit der Sowjetunion eng verbunden.
Oberall findet man sowjetische Ratgeber und "Techniker".
Als Eschu En-lai auf der Genfer Konferenz das Schlagwort
"Asien den Asiaten" wieder aufgriff, lehnte er es ab, sich
darüber zu äußern,-ob das auch bedeute, daß die Sowjets beispielsweise Port Arthur dann nicht länger besetzt halten würden. Ein kanadischer Redakteur charakterisierte neulich die
Unterordnung der chinesischen Kommunisten unter die sowjetische
Führung als eine Sache der Doktrin, wobei er Tschu En-lai als
die "authentische Stimme Moscows" bezeichnete.
3) Die chinesischen Kommunisten verletzten die Selbstachtung des chinesischen Volkes und entsetzten die Weltöffentlichkeit durch ihre barbarische Behandlung der Ausländer. Hunderte von in China lebenden Ausländern wurden unter falschen
Anschuldigungen arretiert und ohne Verbindung mit der Außenwelt und ohne verhört zu werden oder einen Rechtsbeistand zu
erhalten, lange Zeit in Gefängnissen gehalten, und den Gewalttaten des offiziell organisierten Mobs ausgeliefert und des
Rechts beraubt, ihren Geschäften nachzugehen. Manche wurden
umgebracht oder starben durch die brutale Behandlung in den

�"AFRIKA DIENST"

26. Mai 1954

den Gefängnissen. Gegenwärtig befinden sich 32 Amerikaner in
Kerkerhaft. Sie waren während des größten Teils oder auch
während der Gesamtdauer ihrer Inhaftierung von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Sie kamen entweder überhaupt nicht oder ohne Rechtsbeistand zum Verhör, und von vielen wurde berichtet, daß sie unter Mißhandlungen und Vernachlässigung leiden.
4) Einer der erschreckenden Beweise dafür, daß das PekingRegime die üblichen Formen der internationalen Spielregeln verletzt hat, ist seine Förderung der internationalen Rauschgiftsucht. Zur Zeit scheinen die chinesischen Kommunisten diese
Waffe in einem verstärkten Maße anzuwenden in ihrem IlBemühen,
die anti-kommunistischen Völker durch einen Umsturz als Folge
von Ausschweifungen zu schwächen. Sie versuchten diese verabscheuungswürdige Praktik sogar an Kriegsgefangenen in Korea
bei dem Versuch, Gefangene für den Kommunismus zu gewinnen.
Die chinesischen Kommunisten haben sich ein bestimmtes Programm
zur Erweiterung dieses unerlaubten Handels im freien Asien und
anderen Ländern zugelegt, wobei die Profite zu kriegerischen
und umstürzlerischen Zwecken in die kommunistische Staatskasse
fließen. Harry J. Anslinger, der Rauschgift-Kommissar der
Vereinigten Staaten, erklärte kürzlich vor den Vereinigu i
Nationen, daß dieses ruchlose Geschäft "ein vielköpfiger
Drache" sei, der "ganze Volksteile zu verstümmeln und vernichten drohe."
5) Die chinesischen Kommunisten richteten besonders
brutale Angriffe gegen Mitglieder religiöser und missionärer
Organisationen, die man der Spionage, des Diebstahls, des
Waisenmordes und anderer lächerlicher Tätigkeiten beschuldigte.
Unter diesen Verfolgten befinden sich außer Amerikanern auch
Franzosen, Iren, Spanier, Polen, Belgier, Italiener, Kanadier,
Holländer, Deutsche, Briten, Portugiesen und Österreicher.
6) Ein weiterer Beweis dafür, daß das Peking-Regime nicht
die Regierung Chinas, sondern eine Agentur einer weltumspannenden kommunistischen Bewegung darstellt, wird offenkundig durch
die Aufhebung von Verträgen und Abmachungen, die die Verbindung zur freien Welt herstellen. Zur gleichen Zeit, da
die chinesischen Kommunisten die Verträge aufhoben, die von
der legitimen Regierung Chinas, auf deren Nachfolgeschaft sie
Anspruch erheben, abgeschlossen wurden, suchten sie alle internationalen Rechte dieser Regierung zu behaupten ohne bereit
zu sein, ihre Verpflichtungen zu übernehmen.
7) Das chinesisch kommunistische Regime hat willentlich
und wissentlich an der Ausarbeitung und Veröffentlichung einer
falschen Beweisführung mitgearbeitet zur Stützung der fälschlicherweise gegen die Vereinigten Staaten erhobenen Beschuldigung des Bakterienkrieges, als diese in Erfüllung des Auftrages
der Vereinten Nationen in Korea Truppen einsetzten,um die
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�"AFRIKA DIBK3T*

26. Mai 1954

die Aggression zurückzuweisen. Es weigerte sich, eine unparteiische Untersuchung dieser Beschuldigungen, wie ich sie
während der letzten Generalversammlung vorschlug, zuzulassen.
8) Das chinesisch kommunistische Regime ist schuldig,
aus Nordkorea eine Kolonie gemacht zu haben} Hunderttausende
chinesischer Soldaten leben auf koreanischem Gebiet und Tausende von Chinesen sind herübergekommen,um wichtige Transportunternehmen und andere Betriebe zu übernehmen,
9) Die chinesischen Kommunisten setzten einen teuflischen,
widernatürlichen, nach wissenschaftlichen Methoden durchgeführten Plan ins Werk, um von den Kriegsgefangenen in Korea militärische Geheimnisse und erzwungene "Bekenntnisse" über angeblich
begangene Verbrechen zu erpressen.- Die Vereinigten Staaten erhoben vor den Vereinten Nationen Anklage gegen diese furchtbaren Grausamkeiten, die es daraufhin öffentlich verurteilten,
daß Kriegsgefangene einer derart grausamen und unmenschlichen
Behandlung unterworfen wurden.
10) Das Pekinger Regime hat Südostasien zum ersten Zielpunkt einer Kampagne des Terrors und der Einschüchterung gemacht. Die chinesischen Kommunisten haben die kommunistischen
Freischärler in Malaya ermutigt, dirigiert und für den Guerillakrieg mit dem Notwendigen versorgt. Das Pekinger Regime hat
auch die Kommunisten in Burma und Indonesien zum Handeln aufgestachelt und sein Netz von Agenten über das gesamte Gebiet ausgedehnt»
11) Das chinesische kommunistische Regime hat Erpressungsmanöver auf internationaler Ebene durchgeführt, mittels deren
es die in Übersee lebenden Verwandten von Chinesen des Mutterlandes ausplünderte. Millionen Dollars sind in die Staatskassen
Pekings von solchen Chinesen in Übersee hineingeworfen worden,
die versuchten, damit Sicherheit.und Schutz für ihre Verwandten
in der Heimat zu erkaufen. Die Erpressungsbriefe wurden in
vielen Fällen selbst dann noch verschickt, als die Geiseln
schon erbarmungslos hingerichtet worden waren.
12) Die chinesischen Kommunisten haben wiederholt unbegründete und feindselige Propagandavorstöße gegen die Vereinigten Staaten unternommen und haben unsere Regierung fälschlich
schwerer Verbrechen beschuldigt, in dem Bestreben,dem Ansehen
und den Interessen der Vereinigten Staaten im Ausland damit
einen vernichtenden Schlag zu versetzen«

121

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�.»AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

13) Das Pekinger Regime hat, indem es die internationalen
Grundsätze hinsichtlich der Kriegsgefangenenfürsorge mißachtete,
sich eines Freibeutertums schuldig machte, es ablehnte, internationalen humanitären Organisationen Beistand zu leisten, und
wiederholt die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens für
Korea verletzte, keine der anerkannten Regeln im internationalen
Verkehr befolgt. Es stellt einen seltsamen Widerspruch dar, daß
die chinesischen Kommunisten unabläßig die Vereinten Nationen
angreifen, also gerade die Organisation, in der sie selbst
vertreten zu sein wuenschen. Sie haben mehrfach behauptet, daß
die Vereinten Nationen ein Werkzeug für die amerikanische
Aggression in Korea gewesen seien. Erst kürzlich hat in Genf
ITschtti En-lai, den sie ihren Außenminister nennen, die Beschuldigung erhoben, daß die Vereinigten Staaten
"ein Organ der Vereinten Nationen durch besondere Manöver
dazu veranlaßt haben, diesem Akt der Aggression der
Vereinigten Staaten in ungesetzlicher Weise eine rückwirkende Billigung zuteilwerden zu lassen. Auf diese
Weise wurden die Vereinten Nationen in die Rolle eines
Kriegführenden in Korea versetzt und verloren dadurch
die Fähigkeit, die koreanische Frage unparteiisch zu
behandeln.M
Indem die chinesischen Kommunisten sich einer solchen Art von
widersinniger Beweisführung bedienten, haben sie im Einklang
damit sich geweigert, die Resolutionen und Beschlüsse der
Vereinten Nationen, vornehmlich diejenigen, die sich mit
Korea beschäftigten, zu beachten. Tatsächlich scheinen sie
alle Aktionen der Vereinten Nationen, mit denen sie nicht
einverstanden sind - und das sind praktisch a l l e
Aktionen
der UN - herabwürdigen zu wollen.
Im Lichte einer derartigen Politik und Praxis - wie sie
gerade jetzt in Genf von ihnen weiterbetrieben wird - erscheint
es mir als eine äußerst seltsame Form moralischer Blindheit,
wenn man dafür plaidiert, daß die-chinesischen Kommunisten als
Repräsentanten eines "friedliebenden" Staates angesehen werden
sollten, der geeignet-sei, einen Platz unter den Vereinten Nationen einzunehmen. Ich kann Ihnen versprechen, daß die Vereinigten Staaten unentwegt allen Winkelzügen des chinesischen
kommunistischen Regimes und seiner Befürworter Widerstand
leisten werden, sich durch das bloße Versprechen künftigen
Wohlverhaltens einen Weg in die Vereinten Nationen zu erkaufen.
Ich komme zum Schlußa Ich habe Ihnen zu der Frage, welchen
Wert die Vereinten Nationen als ein Weltforum für uns im Kalten
Krieg besitzen, einige Illustrationen gegeben. Den Vereinten
Nationen kommen selbstverständlich noch viele andere Werte zu,
die sie zu einem bedeutsamen und einzigartigen Instrument machen»
so ihre Bedeutung für die friedliche Beilegung von Streitfällen,
wie in Indonesien, Palästina und Kaschmir, von denen jeder einzelne die freie Welt innerlich hätte auseinanderreissen können?
dann
- 5_

�«

"AMERIKA SIEHST»

26. Mai 1954

dann ihr Wert für die Herbeiführung wirtschaftlicher und sozialer Fortschritte bei Völkern, die in der Entwicklung noch zurück
sind und die andernfalls an sich selbst verzweifelnd, den kommunistischen Schmeicheltönen zum Opfer fallen könnten; und end^
lieh die Bedeutung, die den UN dadurch zukommt, daß sie einigen
Millionen Menschen in der freien Welt behilflich sind, ihr«
Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren.
Alle diese Tatsachen und viele andere sind ein sprechender
Beweis für die Schlußfolgerung, daß die Vereinten Nationen etwas
Gutes für Amerika darstellen« Denn einmal helfen sie uns im
Kalten Krieg. Dann aber befürchte ich, daß, wenn wir die
Vereinten Nationen nicht gehabt hätten, wahrscheinlich gerade
jetzt der dritte Weltkrieg um uns herum rasen würde. Mit den
Vereinten Nationen bim ich von dem tiefen Vertrauen erfüllt,
daß wir den Kalten Krieg gewinnen und eine Atomkatastrophe
vermeiden können. Lassen Sie uns also dafür arbeiten, daß
die Vereinten Nationen in ihren Bestrebungen erfolgreich
sind.

* • * *

*

�EISENHOWER ZUR WELTLAGE

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower nahm am 31. Mai 1954 auf einem
Essen im Wal dorf-Astoria-Hotel anläßlich
der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität in einer großangelegten Rede
zu den gegenwärtigen Weltproblemen Stellung.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
"Dieser Anlaß ist für mich von besonderer Bedeutung, denn
ich stand eine Zeitlang in enger Verbindung mit denen, deren
Lebensaufgabe die Erziehung der amerikanischen Jugend ist. Ich
bin stolz, daß mein Name für eine kurze Zeit in der zweihundertjährigen Geschichte der Columbia-Universität eng mit dieser
großen Institution verknüpft war. Wenn ich diesen persönlichen
Stolz über die Verbindung zu einer Stätte des Lernens zum Ausdruck bringe, so habe ich dabei berühmte Vorgänger.
Thomas Jefferson zum Beispiel zog am Ende seines langen
Lebens vor, in der Erinnerung der Nachwelt nicht als der Träger eines hohen Amtes, sondern auf Grund seiner Verbindung mit
der Universität des Staates Virginia zu leben.
Er betrachtete den freien Fluß von Informationen als unerläßlich für die Erhaltung der Freiheit. Er schrieb, daß - wenn
er die Wahl zwischen einer Gemeinschaft ohne Zeitungen oder
Zeitungen ohne eine Regierung hätte - er dem letzteren den Vorzug geben würde. Und hinsichtlich der Verbreitung des Wissens
unter der Menschheit mit Hilfe der Schulen sagte er, 'keine
andere sichere Grundlage kann für die Erhaltung von Freiheit
und Glück ersonnen werden'.
Ein unbarmherziger Feind der Tyrannei in allen ihren Formen,
hielt Jefferson während seines ganzen Lebens standhaft an einem
der fundamentalen Grundsätze der westlichen Gesellschaft fest,
wie er 2 000 Jahre zuvor im Allerheiligsten des Tempels von
Jerusalem verkündet worden war, daß nämlich die Wahrheit den
Menschen freimachen wird.
Das Festhalten an der Wahrheit, ihre Erhaltung und weite
Verbreitung; die Verwirklichung der Freiheit, ihre Verteidigung
und Verbreitung; diese Ziele sind eng verknüpft mit der amerjka-

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2. Juni 1954

amerikanischen Konzeption von der Erziehung. Die amerikanische
Universität ist weder das Eigentum einer begünstigten Klasse
noch ein Elfenbeinturm, der Phantasten vor der Bewährungsprobe
in der Praxis beschützt, jede amerikanische Universität steht
mit ihren grundlegenden Zielen im Dienste des Themas der Zweihundertjahrfeier der Columbia-Universität - 'Das Ree'ht des Menschen auf Wissen und seine freie Anwendung'.
Diejenigen, die das Motto für die Zweihundert-Jahrfeier bestimmten, hätten kein amerikanischeres Thema auswählen können.
Indem ich dies feststelle, möchte ich mich zugleich bei den Gelehrten aus aller Welt entschuldigen, damit nicht etwa der Eindruck entsteht, daß ich ein universales Prinzip bewußt auf ein beschränktes Gebiet begrenze. Aber von den ersten Anfängen unserer
Republik an waren die Erziehung der Bevölkerung und die Freiheit
für die Bevölkerung zwei miteinander in engem Zusammenhang stehende Zielsetzungen, die den Mittelpunkt des amerikanischen Traumes
bildeten.
Weit davon entfernt, vor Ideen Angst zu haben, fürchteten die
Begründer der Republik lediglich fehlgeleitete Bemühungen zur Unterdrückung der Ideen. Nicht weniger groß war ihr Glaube an die
Fähigkeit der Menschheit, die Freiheit im Rahmen des Gesetzes zur
Sicherung des eigenen Wohlergehens und dem des Landes anzuwenden.
In der Freiheit des einzelnen sahen sie eine Kraftquelle, die
Berge versetzen, Flüsse bändigen, die Wildnis roden und einen Kontinent verändern konnte.
Aus dieser Überzeugung heraus proklamierten die Gründer unserer Republik für die gesamte Menschheit die revolutionäre Doktrin
von den gottgegebenen Rechten des Menschen. Diese Lehre wurde seither zum Fundament des amerikanischen Glaubens. Die völlige Ablehnung
dieses Glaubens ist das Hauptcharakteristikum des materialistischen
Despotismus unseres Jahrhunderts.
Folglich ist die Welt, die einst durch Ozeane und Gebirge getrennt wurde, heute durch zwei sich feindliche Konzeptionen des
menschlichen Charakters und der menschlichen Natur gespalten. Räumliche Grenzen und ihre Auswirkungen sind heute größtenteils überwunden. Aber die neuen Hindernisse scheinen unüberwindlicher zu
sein als die alten.
Die beiden Weltlager, die in wichtigen Gebieten gemeinsame
geographische Grenzen haben, liegen, was den Ausgangspunkt und
die Art ihres Handels angeht, weiter auseinander als die beiden
Pole. Während das eine Lager sich in den Dienst der Freiheit des
Einzelmenschen und des Rechtes aller auf ein Leben in Frieden
stellt, hat sich das andere der Marxistischen Philosophie vom
Materialismus und dem Bemühen verschrieben, diese Macht über den
ganzen Erdball zu verbreiten. Viele Hunderte Millionen von Menschen,
die sich in ihrer Zugehörigkeit noch nicht entschieden haben, beobach
ten diese beiden sich bekämpfenden Lager.
Heute gibt es kein Wissen, das zu Verstehen für uns wichtiger
ist, als die wesentlichen Charakteristika dieses Kampfes.
Eine
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Eine Tatsache überragt völlig und eindeutig: Von allen
Bewohnern des Erdballs ist nur eine verhältnismäßig kleine Zahl selbst in der Sowjetunion nur eine Handvoll - von der Entschlossenheit besessen, die Welt durch Gewalt und Betrug zu beherrschen.
Mit Ausnahme dieser Gruppen in den verschiedenen Völkern dürstet
die Menschheit in der ganzen Welt, diejenigen, die in Freiheit
aufrecht einhergehen, diejenigen, die sich dem Kommunismus beugen
müssen, diejenigen, die im Neutralismus zögern, nach Freiheit,
Wohlstand und Frieden. Wie können einige wenige Männer dem Willen
von Hunderten Millionen von Menschen entgegenarbeiten?
Da sie keinem moralischen Prinzip verantwortlich und der
öffentlichen Meinung keine Rechenschaft schuldig sind, führen
sie einen rücksichtslosen und bis ins kleinste durchdachten weltweiten Kampf des Betrugs, der Subversion und des Terrors. Und
im Gegensatz zu ihnen gibt es kein einheitliches, weltweites
Bemühen, das Wissen und die Zusammenarbeit zu fördern.
Sie predigen ein materielles Dogma, das uns zuwider ist,
ein Dogma, das mit falschen Versprechungen ausgeschmückt ist.
Sie verkünden es jedoch pausenlos und unermüdlich und monoton,
während die freie Welt auf vielfältige Weise eine Botschaft verkündet, die von jedem einzelnen Verantwortung, Ausdauer und Opfer
fordert.
Unsere Gegner legen das gesamte Gewicht ihrer Regierungsarbeit
auf das einzelne Ziel, das sie sich für die nächste Zukunft gewählt haben. Die freie Welt erblickt im Staat ein Mittel zur Förderung der Glückseligkeit der Menschen - eine Front, die so breit
ist, daß sich die Fortschritte zuweilen kaum wahrnehmen lassen.
Um ihre Eugen zu verbreiten, bedienen sich die wenigen, die
nach einer Beherrschung der gesamten Welt trachten, eines weltweiten Apparates, der unaufhörlich die Befehle ihrer Herren ausführt.
Um der Welt die Wahrheit geben zu können, müssen sich die freien
Nationen in erster Linie auf die freiwilligen Bemühungen einzelner verlassen - Bemühungen, die oftmals unwirksam bleiben müssen,
weil sie nicht aufeinander abgestimmt und nicht kontinuierlich
fortgeführt werden.
Vielleicht stellen die Kommunisten in keiner besseren Weise
ihre Furcht vor einer unzerbrechlichen Einigung der freien Welt
bloß, als durch ihr ständiges Bemühen, uns zu spalten und uns dadurch zu schwächen. Sie beuten jede kleine, zwischen unabhängigen
Nationen auftretende Meinungsverschiedenheit aus, so daß eine in
Aufrichtigkeit geführte Diskussion nicht als ein von allen Mitgliedern der freien Völker Wert gehaltenes Charakteristikum erscheint, sondern fälschlicherweise als ein Zeichen gegenseitigen
Hasses. Diese Doktrin des rteile und herrsche' wenden sie nicht
nur auf die Völker an, sondern auch auf einzelne Gruppen und Menschen innerhalb ein und derselben Nation. Ohne Unterlaß bekämpfen sie unsere gesellschaftlichen, industriellen kulturellen»
und religiösen Institutionen und fördern jeden Bruderkampf, welcher Art er auch immer sein mag.
M
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2. Juni 1954

Man kann sehr leicht ungewollt und ohne es zu merken zum
Bundesgenossen oder zum Werkzeug der Kommunisten werden, wenn
man so etwas duldet. So gibt es beispielsweise keine Frage und
kein Ziel, über die sich die Amerikaner so einig sind, wie in
ihrer Opposition zum Kommunismus. Und dennoch gibt es im Augenblick eine andere Frage, die Anlaß zu so viel Zwiespalt unter
uns zu geben scheint, wie das Anliegen, unsere Freiheiten vor der
Vernichtung durch die kommunistische Subversion zu bewahren. Wir
müssen in dieser Frage mit größerem Wissen und mit mehr Geist
und mit weniger Vorurteil und weniger Ressentiment vorgehen.
Wir dürfen niemanden gestatten, Streitigkeiten heraufzubeschwören, die letzten Endes ehrsame Bürger gegen andere ehrsame Bürger
aufbringen, während doch alle Streitenden im Grund gemeinsam tatkräftig gegen den Kommunismus Stellung nehmen wollen.
Wir müssen natürlich von den für unsere innere und äußere
Sicherheit errichteten Regierungsinstitutionen das Äußerste an
Wachsamkeit, Energie und Loyalität verlangen. Wir müssen durch
eine dauernde Überprüfung sicherstellen, daß sie ihren Pflichten
in dieser Weise nachkommen. laßt uns jedes zusätzliche Gesetz
oder jede zusätzliche Handhabe schaffen, die geeignet und notwendig sind, Amerika zu schützen - wobei auch der Schutz jedes einzelnen Amerikaners in seinen amerikanischen Rechten eingeschlossen
ist. Aber laßt uns auch nicht den Glauben an unsere eigenen Regierungseinrichtungen verlieren - und an die grundsätzliche innere
Gesundheit der amerikanischen Bürgerschaft - wenn wir nicht innerhalb unserer eigenen Reihen uneinig - den Interessen derer
dienen und die Zwecke derer fördern wollen, die uns zu vernichten
suchen.
Die sowjetischen Kommunisten behaupten, daß ihre Sache nicht
an die Zeit gebunden ist und vielleicht ein ganzes Zeitalter
brauche, um die erwünschten Erfolge zu erzielen. Aber sie wissen,
daß die Wahrheit der Freiheit einen unveränderlichen Wert und eine
zusammenballende Kraft besitzt, die zunimmt, je mehr Millionen
Menschen von ihr erfahren. Daher versuchen die Diktatoren, der
Welt die Zeit und die Gelegenheit vorzuenthalten, die Wahrheit
über den Kommunismus und die Freiheit kennen zu lernen. Aus diesem Grunde sind die wenigen -äfechthungrigen immer aggressiv.
In dieser Situation stehen wir, das amerikanische Volk, vor
der Verpflichtung, zwei weitreichende politische Ziele anzustreben.
Als erstes und wichtigstes: Wir haben uns der Schaffung eines
Friedens verpflichtet, der sich auf Zusammenarbeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Anstand gründet.
Als zweites: Um dieses Ziel tatkräftig anzustreben, suchen
wir Amerika - und auch seine Freunde - in der Liebe zur Freiheit,
im Wissen und im Verständnis für andere zu stärken und, in einem
weiten Kreise zugutekommenden und dauerhaften,wirtschaftlichen
Wohlstand sowie in einer die Sicherheit gewährleistenden militärischen Macht zu festigen.
_.

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2. Juni 1954

Diesen beiden Zielsetzungen wohnt nicht ein Jota Aggression
inne, nicht die geringste Absicht, andere auszubeuten oder ihnen
ihren Platz oder Raum in der Welt streitig zu machen. Diese Achtung vor anderen - dieses Bekenntnis zu einer aus friedliebenden
und sich selbst achtenden Völkern bestehenden Welt - findet einzig
Ablehnung auf seiten eines militanten Totalitarismus.
Wenn wir als geistige Menschen einen Beitrag zur Sache der
Freiheit leisten sollen, dann müssen wir diese Paktoren und ihre
Auswirkungen in unserer turbulenten Welt kennen und verstehen
lernen.
Selbst mit solchem Wissen ausgestattet, wird es für die Vertreter der freien Welt nicht einfach sein, erfolgreich mit jenen
zu verhandeln, die die Wahrheit nicht sehen oder die Existenz
offen zu Tage liegender Pakten nicht zugeben wollen oder können.
Aber sicher müssen selbst die Männer im Kreml erkennen, daß
nunmehr vor der gesamten Menschheit eine großartige Aussicht auf
ein besseres Leben für jeden einzelnen liegt. Die Verwirklichung
dieses Zieles bedingt lediglich, daß sich die Wissenschaftler
aller Völker auf die Mittel für ein Leben in Fülle und nicht auf
die Werkzeuge für einen plötzlichen Tod konzentrieren; daß die
Millionen gegenwärtig unter Waffen stehenden Soldaten für eine
produktive Arbeit freigegeben werden; daß die Kriegsindustrien auf
die Herstellung nützlicher Güter umgestellt werden. Wir haben uns
bemüht und werden uns weiter darum bemühen, diese Ziele zu verwirklichen.
Das Wissen um die von unserem eigenen Lande gemachten Bemühungen, die Welt in Richtung auf dieses Ziel zu führen, ist ein
weiterer Punkt, dessen Kenntnis für jeden einzelnen Bürger wichtig
ist.
Als die gegenwärtige Regierung vor 16 Monaten ihr Amt antrat,
war sie sich der rücksichtslosen Verhandlungsführung der Kommunisten
sowie der Unzuverlässigkeit der Verträge mit ihnen voll bewußt.
Aber wir glaubten, daß die Außenpolitik der USA dem unablässigen
Bemühen um die Erhaltung des Friedens im Rahmen des wohlausgewogenen Eigeninteresses und der fundamentalen Ziele der Vereinigten
Staaten geweiht sein muß. Wir glaubten, daß parteipolitische Ziele,
persönliche Ansichten, all die Strömungen von geringerem Interesse,
diesem überragenden Ziele untergeordnet werden mußten.
Wir waren uns bewußt, daß jede Verhandlung mit den Kommunisten
für uns fallen und Hinterhalte bringen würde; aber wir wußten auch,
daß eine aufbauende, entschiedene Kleinarbeit des Tages für die
freien Nationen gute Ergebnisse bringen würde. Wir wollten, daß
wieder ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Nationen der
ganzen Welt geschaffen würde - eine dauerhafte Basis für einen auf
Zusammenarbeit begründeten Frieden - und nicht nur eine kleine
Atempause, in der nicht jeden Augenblick eine neue Krise droht.
Jede Maßnahme, die wir ergriffen, war als ein Schritt zur
Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen den Nationen gedacht» Diese Vorschläge schlössen einen ehrenhaften Waffenstillstand in Korea, ein freies und wiedervereinigtes Deutsch

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Deutschland, ein befreites Österreich, ein befriedetes Indochina
und Südost-Asien sowie die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken unter internationaler Kontrolle mit ein.
Der erste Vorschlag konnte verwirklicht werden. Das Waffenstillstandsabkommen in Korea war darüber hinaus der erste Schritt
zur Statuierung eines neuen Prinzips der Freiheit - daß nämlich
Kriegsgefangene das Recht haben, die Seite, zu der sie sich
repatriieren lassen wollen, selbst wählen können. Dieses eine
Prinzip mag im Hinblick auf seine Wirkung auf den Portgang der Geschichte mehr wiegen, als jede Schlacht unserer Tage.
Die Verhandlungen zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wurden durch die sowjetische Forderung, dieses Land müsse
in seiner Lebensform einem Satelliten gleichen, zunichte gemacht.
Was Österreich anbetrifft, so haben sich die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Frankreich bereit erklärt, Bedingungen des
Staatsvertrages anzuerkennen, die der Sowjetunion bisher akzeptabel erschienen. Nachdem diese Bereitwilligkeit zum Ausdruck
gebracht wurde, erfand die Sowjetunion sofort neue Bedingungen,
durch die sie in die Lage versetzt worden wäre, ihre Besatzungsstreitkräfte auf unbestimmte Zeit in Österreich zu halten.
Wir konnten einem solchen Plar nicht zustimmen. Es ist nach
Auffassung unserer Regierung weit besser, daß wir eine Diskussion
über dieses immer noch ungelöste Problem beenden, als daß wir einen
Kompromiß schließen oder einem Abkommen zustimmen, dessen Preis in
späteren Jahren vielleicht mit Blut bezahlt werden müßte.
In unserem Bemühen, Mittel und Wege zu finden, mit denen die
wunderbare Erfindungsgabe des Menschen nicht seinem Tod, sondern
seinem Leben geweiht werden könnte, hat ein schriftlicher Meinungsaustausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattgefunden. Außenminister Dulles hat sowohl in Berlin als
auch in Genf persönlich mit dem sowjetischen Außenminister Molotow
verhandelt. Diese Besprechungen haben nicht die von uns angestrebten produktiven Ergebnisse gezeitigt, aber wir setzen unsererseits
den Meinungsaustausch und die Beratungen mit den hauptsächlich
interessierten freien Nationen weiter fort.
Wir haben die feste Absicht, diese und alle ähnlichen Verhandlungen weiterzuführen im Vertrauen in die Verdienste unserer
Sache, realistisch in unserer Beurteilung der sowjetischen Absicht
und in der festen Überzeugung, daß unsere Ziele und Hoffnungen
auch die noch so festgefahrenen Konferenzen überdauern werden.
Um erfolgreich zu sein:, müssen unsere friedlichen Zielsetzungen und unsere Hoffnungen selbstverständlich mit der Wahrheit in Einklang stehen und der Welt immer wieder von neuem vor
Augen geführt werden. Unser Handeln muß vor jeder Prüfung - sei
es durch Freunde, Feinde oder Zweifelnde - bestehen können. Wir
müssen bei einer Erläuterung aufrichtig und geduldig sein. Wir
können um der Sache des Friedens willen keinen besseren Schlachtruf wählen, als das Thema der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität« 'Das Recht des Menschen auf Wissen und auf seine
freie Anwendung.'
w.
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"AMERIKA DIENST"

Wir wollen aber die Wahrheit oder das Wissen um die Wahrheit
nicht nur mit den engen Begriffen bloßer Tatsachen, statistischen
Berechnungen oder mathematischer Gleichungen definieren. Weisheit
und menschliches Verständnis - echter Sinn für das rechte Maß sind wesentliche Voraussetzungen. Wissen vermochte uns die Kernspaltung zu bringen, aber Weisheit allein und Verständnis können ihre
Anwendung zur Besserung des Loses der Menschheit statt zu ihrer
Vernichtung gewährleisten.
In diesem Lichte gesehen, ist das Thema, das sich die ColumbiaUniversität gestellt hat, eine dynamische Idee, ein echter Nachfahre der revolutionären Doktrin, die unsere Vorväter dereinst
proklamierten. Wir sollten uns furchtlos zu ihr bekennen und nach
ihr leben.
In dieser hervorragenden Gesellschaft und in diesen angenehmen
äußeren Bedingungen, in denen wir uns heute abend hier finden,
könnten wir es nur zu leicht für alle Zeiten als gegeben und gesichert betrachten, daß die Freiheit des Wissens und ihre Anwendung
bewahrt werden. Die zweihundertjährige Geschichte der Columbia-Universität und die Tausende von anderen Lehranstalten in den USA scheinen einen Beweis dafür abzulegen. Aber können wir sicher sein, daß
der Besitz dieser Werte selbst bei uns so unzerstörbar wie unbezahlbar ist? Die traurige Geschichte eines Dutzend von Staaten
lehrt uns beständig ein anderes.
Die zuversichtlichste Prophezeiung aus den Tagen meiner Kindheit hieß, daß die Prinzipien unserer freien Gesellschaft in allen
Ländern der Erde innerhalb eines Menschenalters so schnell akzeptiert werden würden, wie die Menschen geistigen Besitz von ihnen
ergreifen und sie verwirklichen könnten.
Sicherlich sprach ein gewisses Maß an Logik und Vernunft dafür, auf eine derartige Voraussage zu vertrauen. Die Freiheit war
seit Beginn der Menschheit ein von Gott in die Herzen der Menschen
verpflanztes Verlangen. Zu allen Zeiten und überall haben die Menschen, selbst wenn sie sich dessen niemals bewußt waren - selbst
wenn sie die Werte der Freiheit nur instinktiv und nicht bewußt
empfanden - nach persönlicher Freiheit gestrebt, dafür gekämpft
und dafür ihr Leben hingegeben.
Trotzdem wurde während der letzten Jahrzehnte die ganze
Philosophie unserer Vorväter von über große Macht verfügenden
Männern, die weite Gebiete unseres Planeten kontrollieren,verworfen. Die revolutionären Lehren unserer freien Gemeinschaft
werden nicht in allen Teilen der zivilisierten Welt angewandt.
Vielmehr haben wir zu oft erlebt, daß Gegenangriffe des Faschismus
und des Kommunismus diese Lehren durch einen Polizeistaat zu ersetzen suchen, in dem jegliche Freiheit und freie Forschung unterdrückt werden. Wir haben zu oft erlebt, daß die Erziehung zu einem
Instrument für die Anwendung und Unterstützung der Diktatur gemacht
wurde.
Darüber hinaus wurden diese wenigen Jahrzehnte Zeuge, wie
die Wissenschaft dem Menschen technische Hilfsmittel in die Hand
gegeben hat, deren zerstörende Wirkung so kolossal ist, daß sie
zeitweise seinen Blick für die ihnen innewohnenden gewaltigen

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2. Juni 1954

gewaltigen Möglichkeiten zur Besserung des Loses aller trübten.
Die praktisch völlige Auslöschung des Raumes als Schutzschild
hat uns alle in den Frontbereich eines etwaigen künftigen großen
Krieges gebracht.
Inmitten solcher Alarmzeichen und so vieler unsicherer Faktoren, beginnen die Zweifler das Vertrauen in sich selbst, in ihr
land und in ihre Oberzeugung zu verlieren. Sie fangen an, die
Ideen anderer Völker - ja schließlich sogar jede neue Idee - zu
fürchten. Sie gehen dann dazu über, nach einer Zensur der Quellen
und der Verbreitung der Ideen zu rufen. Sie vergessen, daß die
Wahrheit das Bollwerk der Freiheit ist, während Unterdrückung der
Wahrheit die Waffe der Diktatur darstellt. Wir wissen, daß jede
Zensur, sofern sie über die Grenzen des Anstands oder über den
reinen Schutz der klaren Interessen des Staates hinausgeht, für
uns rasch zu einer tödlichen Gefahr würde. Sie bedeutet eine
durch Zwang geschaffene Konformität in der Erziehung, eine reglementierte statt eine freie Presse und den Verlust der Grundfreiheiten des Menschen.
Die ehrenhaften Männer und Frauen unter den 'Möchte-gern'Zensoren und Reglementierern mögen vergessen haben, daß der Preis
ihres Erfolges gerade die Zerstörung der Lebensform sein könnte,
die sie zu erhalten suchen. Aber die unehrenhaften und unloyalen
unter ihnen wissen genau, was sie zu erreichen suchen - die Perversion und Unterminierung einer freien Gesellschaft, der sie mit
falschen Schwüren Gefolgschaft versprechen.
Wo immer und aus was für Gründen auch immer Menschen den
Versuch machen, Ideen zu vernichten, ihre Überzeugungen zu verbergen, jeden Nachbarn als möglichen Feind zu betrachten oder
irgendeine Wünschelrute haben wollen, um die Konformität zu prüfen, ist eine freie Gesellschaft in Gefahr. Wo immer das Recht
des Menschen auf Wissen und seine Anwendung beschränkt wird, beginnt seine Freiheit im gleichen Maße zu schwinden. Wir hier in
Amerika stammen geistig und blutsmäßig von Revolutionären und Rebellen ab - von Männern und Frauen, die es wagten sich von den
überkommenen Doktrinen zu lösen. Als ihre Erben dürfen wir niemals eine aufrichtig vertretene andere Meinung mit unloyaler
Subversion verwecheln.
Ohne erschöpfende Diskussion - selbst einer hitzig geführten
Diskussion - der Ideen und Programme, müßte jede freie Regierung
empfindlich geschwächt werden und langsam zugrunde gehen. Aber wenn
wir uns zu dem Grundsatz bekennen, daß jeder Mensch - oder jede
Partei, die unsere eigenen Überzeugungen angreift - notwendigerweise böswillig oder verräterrisch ist, dann, ja dann wären wir
wirklich am Ende der Freiheit angelangt.
Ein wirksames Eintreten für eine Idee erfordert - wie die
Verteidigung einer Kampfstellung - Sicherheit, ruhiges Urteil,
Mut, Glauben und Kraft. Der Sache der Freiheit und Wahrheit im
eigenen Lande und jenseits unserer Grenzen verschrieben, können
wir Furcht, Drohungen, Hysterien und Einschüchterungsversuche
nicht gebrauchen - und dürfen sie auch nicht tolerieren.
Da
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"AMERIKA DIENST"
Da wir andere die Worte der Freiheit lehren wollen, sollten
wir Freiheit leben. Dann werden wir, gefestigt in unserer Integrität, den revolutionären Marsch der Gründer unserer Republik
fortsetzen.
So wie sie den Willen der Menschheit wachgerüttel haben,
sich aus den Fesseln der monarchistischen Herrschaft politisch
zu befreien, so können wir in der Menschheit den Wunsch wecken,
sich geistig aus der Lügenpropaganda und Zwangsverdummung der
kommunistischen Tyrannei zu lösen. Mit Wiesen und mit Einsicht
werden wir alle jene aus dem Tempel der Freiheit vertreiben, die
uns der Gedankenkontrolle unterwerfen wollen - ob sie nun Agenten
einer ausländischen Macht sind, oder Demagogen, die nach persönlicher Macht und öffentlicher Anerkennung hungern.
Wahrheit kann den Menschen frei machen. Und wo die Menschen
ihr Leben in Freiheit planen, wo sie sich in Freiheit selbst
regieren, die Wahrheit aneignen, und um das Verständnis ihrer
Mitmenschen ringen können, dort glauben wir, ist auch der wahre
Wille, in Frieden zu leben.
Darin sehen wir - trotz aller Atom- und Wasserstoffbomben,
trotz der furchtbaren Zerstörungen moderner Kriege,trotz des
Terrors, der Subversion, der Propaganda und Bestechung - den
Schlüssel zum Frieden. Der Schlüssel heißt Wissen und Einsicht
und die ständige Anwendung beider durch die Menschen.
Selbstverständlich müssen wir heute Infanterie haben - und
Flugzeuge und Schiffe und Artillerie. Nur so können wir sicher
sein, daß wir morgen noch bestehen und die Möglichkeit haben,
die Mobilisierung der moralischen und geistigen Kräfte fortzusetzen. Es gibt jedoch keine Zeit zu vergeuden, wenn die Wahrheit
den Kampf um die Herzen der Menschen gewinnen soll. Hier liegt
die nie endende Mission der Universität - praktisch aller Lehreinrichtungen der freien Welt - die Wahrheit zu finden und zu
verbreiten!
Wir entsenden Professoren, Gelehrte und Studenten an die
Schulen der freien Welt, die das Verständnis für die USA fördern
sollen, während sie selbst gleichzeitig ihr Wissen bereichern und
die anderen besser verstehen lernen. Diese Praxis muß beschleunigt
werden. Wir finden an unseren eigenen Schulen Platz für Zehntausende junger Männer und Frauen aus anderen Ländern, die innerhalb
der amerikanischen Gemeinschaft die Wahrheit über uns lernen und
uns ihr eigenes Volk besser verstehen lassen. Diese Anstrengungen
müssen verstärkt werden.
Die Zielsetzung der freien Welt darf nicht allzu begrenzt
sein! Es ist nicht unser Ziel, nur auf kommunistische Übergriffe,
Lügen und Angriffe zu antworten. Das wäre ein end- und nutzloses
Unterfangen. Der Taktik der Falschheit sind keine Grenzen gesetzt.
Wir müssen uns mit unseren Freunden zu einem Kreuzzug der Wahr- '
heit zusammenschließen. Wir müssen die Schaffung eines in Gerechtigkeit und Freiheit begründeten Friedens zu unserem Ziel machen.
Dies ist ein würdiges Ziel und es verheißt uns goldenen Lohn. Die
unermeßlichen Energien der freien Menschen setzen uns in die Lage,
es auch zu erreichen.
Besser

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2. Juni 1954

Besser als jede andere Institution, die sich mit den flüchtigen und wandelbaren Aspekten menschlicher Probleme auseinanderzusetzen hat, kann uns eine Universität die bleibenden Maßstäbe
an die Hand geben, die wir brauchen. Natürlich bleibt die Zeit
auch in Hörsälen, Laboratorien und Bibliotheken nicht stille
stehen. Dort werden aber die menschlichen Probleme gegen den
Hintergrund von Jahrhunderten geprüft. Professoren und Studenten
wissen gleichermaßen, daß eine Nation nicht wegen einer verlorenen
Schlacht oder eines abgelehnten Vorschlags, eines zeitweiligen
Stillstands von Verhandlungen und auch nicht wegen eines Jahrzehnts der Angst zugrunde geht. Sie wissen, daß Völker nur dann
sterben, wenn sie das Vertrauen in sich selbst und den Glauben
an ihre Grundsätze verlieren und daß die Völker zugrundegehen,
wenn sie von ihrer Überzeugung lassen und dem Defaitismus anheimfallen.
\
Wenn eine Universität die Wege findet, ihr Wetbild mit jedem
Amerikaner zu teilen, dann werden wir niemals das hysterische
Getue hören, daß alles schon verloren ist, wenn der Kampf erst begonnen hat. Wir werden dann in unserer vielfältigen Kraft stetig
voranschreiten, in dem Wissen, daß der Lauf der Geschichte trotz des Marxistischen Treibens - langsam ist und daß Rückschläge
und Siege in unseren Tagen erst von der nächsten Generation nach
der dann vorhandenen Lage der Welt ihre wahre Beurteilung erfahren
werden. Die Einheit eines entschlossenen und wohlinformierten
Volkes ist wichtiger als Tag und Stunde eines Ereignisses.
'Die Aussichten für uns hier in Amerika', so schrieb John
Adams im Jahre 1765, 'verlangen, daß die Aufmerksamkeit jedes
Gebildeten auf die Fragen von Macht und Recht gerichtet ist, damit
wir niemals blind in eine nicht wiedergutzumachende Zerstörung
hineingeführt oder hineingetrieben werden... Darum sollen alle
Schleusen des Wissens geöffnet und freigemacht werden'.
Ich finde es heute abend angebracht, diese Ausführungen von
John Adams zu wiederholen in der Überzeugung, daß wir, getrieben
von der Vernunft und gerüstet mit dem Glauben, den Portschritt
des Wissens und der Freiheit auf ihrem gemeinsamen Weg durch
die Zeiten vorantreiben werden."
* # * # *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES FORDERT FORTFÜHRUNG DES
US-AUSLANDSHI1FSPROGRAMMS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den vollen Wortlaut einer
Rede des amerikanischen Außenministers John
Foster Dulles vom 4. Juni 1954 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats, in der er zu
dem Auslandshilfsprogramm der amerikanischen Regierung für das kommende Finanzjahr Stellung
nahm und dabei die Notwendigkeit der Fortführung des US-Auslandshilßprogramms und des Aufbaus der Verteidigung der freien Welt besonders
unterstrich:
"Ich begrüße es, daß ich heute hier vor Ihnen erscheinen
darf, um für das gemeinsame Sicherheitsprogramm für das Finanzjahr 1955 eintreten zu können. Dieses Programm ist ein wichtiges Instrument unserer amerikanischen Außenpolitik. Ich werde
mich zunächst mit den Beziehungen dieses Programms zu unserer
Gesamt-Außenpolitik befassen.
Das Programm entspricht den folgenden von uns klar erkannten Grundtatsachen. Erstens: Die sowjetischen und rotchinesischen Herrscher suchen weiterhin die Weltherrschaft zu erlangen.
Nichts, was bisher geschehen ist, deutet auf einen Weehsel in
der Verfolgung dieses Ziels. Als einen Teil ihres Expansionistischen Programms unterhalten sie weiterhin einen riesigen
militärischen Apparat, sowie gewaltige Propagandamaschinen und
kontrollieren starke Subversive Kräfte in den freien Nationen.
Zweitens: Die Gefahr für unsere nationale Sicherheit ist weder
auf eine bestimmte kürzere Zeitspanne begrenzt noch rein militärischer Art. Aus diesem Grunde müssen wir uns darum bemühen
unsere Sicherheitsabkommen so zu gestalten, daß sie mit unserer
wirtschaftlichen und sozialen Gesundheit verträglich sind. Dies
gilt in gleicher Weise für unsere Alliierten. Drittens: Durch
Isolation können die USA keine Sicherheit erlangen, sondern nur
durch ein kollektives Verteidigungssystem. Unser Weiterbestehen
hängt davon ab, daß die geistigen und materiellen Hilfsquellen
der anderen freien Nationen dem sowjetischen Zugriff entzogen
bleiben und daß die Beiträge, die andere freie Nationen im Kampf
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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Kampf gegen den Kommunismus leisten können, so weit wie möglich
gesteigert werden. Viertens: Eine Anzahl freier Länder in der Welt
können ihre militärische Stärke und ihre wirtschaftliche Stabilität, die sie in ihrem eigenen Interesse haben müssen und die wir
in unserem Interesse ihnen wünschen, nicht aufrechterhalten,
wenn wir ihnen nicht helfen. Unsere Unterstützung muß ihren Bedürfnissen angepaßt - in einigen Ländern militärischer, in anderen wirtschaftlicher Natur - sein.
Das sind immer bleibende Grundsätze. Sie bestimmen das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm und auch unser Ersuchen um die
Ermächtigung, das Programm im kommenden Jahr fortzusetzen. Lassen
Sie mich jetzt einen kurzen Überblick über die hauptsächlichen
Entwicklungen des vergangenen Jahres in den wichtigsten Gebieten
der Welt geben und die Hauptfaktoren umreißen, die für das Programm in diesen Gebieten im kommenden Jahr eine Rolle spielen
werden.
Europa
Wie Sie wissen, ist eines unserer bedeutendsten und erfolgreichsten Wagnisse auf dem Gebiet der kollektiven Sicherheit der
Nordatlantikpakt, dem 14 Nationen angehören. Die NATO hat nicht
nur eine beträchtliche regionale Verteidigungsstärke geschaffen,
sondern stellt auch die für die Verwirklichung unserer umfassenden Abschreckungsmaßnahmen notwendigen Einrichtungen zur Verfügung. Im Rahmen des Nordatlantikpaktes haben wir und unsere
Alliierten ein ausgedehntes System von Stützpunkten und Einrichtungen geschaffen, das allen Partnern zugutekommt und das sich
von Kanada über den Nordatlantik bis nach Europa und die Grenzen
Asiens erstreckt. Darüber hinaus verfügen unsere Alliierten in
der NATO über Heeresverbände, die der Zahl nach den unsrigen überlegen sind. Den sechs Divisionen amerikanischer Truppen, die wir
der NATO zur Verfügung gestellt haben, stehen heute rund 90 aktive
und Reservedivisionen der alliierten Länder zur Seite. Wir schlagen vor, diese gegenwärtig von unseren Alliierten gebildeten Verbände weiter zu stärken, indem wir ihnen zusätzliche weitere militärische Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung stellen.
Wenn diese Kräfte auch von Bedeutung sind, so stellen sie
doch nur den Kern unserer kombinierten Verteidigungs- und Abschreckungsstärke dar. Sie müssen durch all die anderen Möglichkeiten ergänzt werden, die nötig sind, um von einem Angriff abzuschrecken. Als eines dieser Mittel schlagen wir in diesem Programm vor, daß die USA dadurch zur Erlangung dieses Zieles beitragen, daß sie Großbritannien bei der Entwicklung einer moderneren und mächtigeren Luftmacht unterstützen, die die begrenzten
Bodentruppen der NATO verstärken soll.
Das System der NATO ist ein wichtiges Element der amerikanischen Politik« Es stellt einmal die Grundlage der europäischen
Verteidigung dar und bildet zum anderen den politischen Rahmen
für die Koordinierung und Angleichung der alliierten Politik und
der alliierten Programme. Der Ministerrat der NATO, der regelmäßig zweimal im Jahr zusammentritt, bietet die Gewähr für eine
unerlässliche Beratung auf autoritativer Grundlage.
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�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Ich freue mich feststellen zu können, daß das Ausmaß der
neuen Vollmachten, welche für unseren Beitrag zur Stärkung der
NATO-Organisation notwendig sind, im kommenden Jahr viel geringer
sein wird als bisher. Eine Überprüfung der von der NATO gemachten
Portschritte macht eine Überprüfung des zur Zeit bestehenden Status der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erforderlich. Die
NATO braucht einen deutschen Beitrag, um eine vorausschauende
Strategie zu entwickeln. Sie braucht ferner eine französische
deutsche Einigung, die für alle Zeiten die Gefahr von Spannungen
und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nationen beseitigen
wird. Die Franzosen schlugen zur Erreichung dieses Ziels den Zusammenschluß von sechs europäischen Nationen, Deutschland und
Prankreich mit einbegriffen, vor, um eine neue Gemeinschaft zu
bilden, deren bewaffnete Streitkräfte, die aus diesen Staaten
gebildet worden sind, in Europa die nationalen Streitkräfte
ersetzen sollen.
Es ist nun über zwei Jahre her, seit der Vertrag für die
Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unterzeichnet worden ist. Seit meinem letzten Besuch in Europa, wo ich die
Wichtigkeit, die unsere Regierung der Verwirklichung der EVG
beimißt, noch einmal unterstrich, sind beträchtliche Portschritte
erzielt worden. Vier der sechs Unterzeichnerstaaten haben nun
den Vertrag ratifiziert. Heute haben lediglich Prankreich und
Italien noch keine parlamentarischen Maßnahmen zu seiner Ratifizierung getroffen.
Diese Verzögerungen stallen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Paktor dar. Sie haben nicht nur einen deutschen militärischen Beitrag zur westlichen Verteidigung verzögert, sie haben die Bundesrepublik auch daran gehindert, in die
Familie der souveränen Völker zurückzukehren. Das erklärt sich
daraus, daß die Verträge, die die Souveränität der Bundesrepublik
wiederherstellen sollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von der
Errichtung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängig
sind. Es gibt in Westdeutschland natürlich eine ordnungsgemäß
gewählte Regierung, sie ist jedoch keine souveräne Regierung.
Es ist offensichtlich, daß die Situation so nicht mehr
lange andauern kann. Es besteht eine Konstellation, die sicher
nicht auf unbestimmte Zeit gegeben sein wird und die es im Falle
eines Wandels vielleicht unmöglich machen könnte, das entscheidende Ziel eines Zusammenschlusses' jener europäischen Staaten
zu verwirklichen, deren Differenzen zu immer verheerenderen
Kriegen geführt haben. Wir haben es unseren europäischen Verbündeten klar gemacht, daß wir, falls die Europäische Verteidigungsgemeinschaft nicht gebilligt und verwirklicht wird, gezwungen
wären, die amerikanische Politik einer gründlichen Überprüfung
zu unterziehen. Es läßt sich im gegenwärtigen Augenblick nicht
sagen, welche Ergebnisse eine derartige Überprüfung zeitigen
würde. Es kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, daß sie einige
grundlegende Änderungen notwendig machen würde und daß wir unsererseits unsere Einstellung und Politik, die ein gewisser Teil

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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Teil unserer Alliierten als eine Selbstverständlichkeit anzusehen
scheint, in gewissen Punkten revidieren müßten.
In diesem Zusammenhang bestimmte der Kongreß im vergangenen
Jahr einen beträchtlichen Anteil der Mittel für die gemeinsame
Sicherheit für die EVG. Soweit ich weiß, beabsichtigt der Kongreß, in diesem Jahr eventuell etwas ähnliches in Erwägung zu
ziehen. Da unsere gegenwärtige Politik auf der Voraussetzung
basiert, daß die EVG- realisiert wird, kann vernünftigerweise
gegen eine derartige Handlungsweise nichts eingewendet werden.
Das 'kürzliche Abstimmungsergebnis des sozialistischen Kongresses
in Prankreich ist sehr ermutigend und könnte uns in unserer Annahme,
daß die EVG sich durchsetzen wird, nur noch bestärken. Gleichzeitig empfehle ich dem Kongreß, die Gesetze über die gemeinsame Sicherheit in der Weise zu modifizieren, daß es den Ländern, die
dem EVG-Vertrag bereits zugestimmt haben, gestattet wird, den
Aufbau ihrer Verteidigung bis zu einer endgültigen Entscheidung
der anderen Signatarmächte fortzuführen.
Im vergangenen Jahr hat unser System der kollektiven Sicherheit durch ein Stützpunktabkommen mit Spanien eine Stärkung erfahren. Diese Vereinbarung wird für die im westlichen Mittelmeerraum
stationierten amerikanischen Luft- und Seestreitkräfte eine Erweiterung der ihnen zur Verfügung stehenden Anlagen bedeuten. Der
erfolgreiche Abschluß dieser Verhandlungen stellt eine bedeutsame
Erhöhung unserer allgemeinen Sicherheit dar.
Die Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstandes unserer
europäischen Verbündeten in diesem Jahr ist eine ermutigende Entwicklung. Allgemein gesprochen ist ihr Lebensstandard gestiegen,
ihre Währung stabiler geworden, und das Volk hat mehr Vertrauen
in die Zukunft. Das vorliegende Programm basiert zweifellos auf
unseren letzten wirtschaftlichen Hilfsprogrammen. Es resultiert
ferner in hohem Maße aus der Annahme der auf lange Sicht berechneten NATO-Konzeption in diesem Jahr®
Durch Auswahl der geeignetsten Methoden und immer stärkere
Identifizierung mit einer neuen Strategie wird es möglich sein,
die Verteidigungskapazität ohne zusätzliche Militärausgaben, die
unsere europäischen Alliierten ohne umfangreiche wirtschaftliche
Hilfe von den Vereinigten Staaten nicht tragen könnten, ständig
zu erweitern.
Wir haben die Ausschaltung der den europäischen Ländern als
reinen Budgetbeitrag gegebenen Wirtschaftshilfe erstrebt und beinahe schon restlos verwirklicht, Wir sind der Auffassung, daß es
für uns im eigenen Interesse nach wie vor wichtig ist, eine
derartige Hilfe in einigen außergewöhnlichen Fällen zu gewähren insbesondere dann, wenn es notwendig ist, in einem Gebiet militärische Einrichtungen zu unterhalten, deren Vorhandensein auch
uns unmittelbar zugutekommt und die andernfalls und ohne Unterstützung durch die Vereinigten Staaten nicht in einer von unseren
militärischen Beratern notwendig erachteten Stärke dort unterhalten werden könnten.
Dieser

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Dieser Sachverhalt läßt sich am Beispiel der Türkei am besten
illustrieren. Die Türkei unterhält 20 schlagkräftige Divisionen
in einem strategisch wichtigen Raum. Die türkische Volkswirtschaft
kann die Ausgaben für diese Streitmacht nicht ohne eine gewisse
Unterstützung bestreiten; aus diesem Grund schließt das Programm
zur Gemeinsamen Sicherheit eine entsprechende Hilfe ein. Wir sind
der Auffassung, daß die Vereinigten Staaten aus den auf diese
Weise verausgabten Summen, was die militärische Sicherheit angeht,
mehr Nutzen ziehen, als wenn sie für andere Zwecke oder überhaupt
nicht ausgegeben würden.
Im Nahen Osten ist der Abschluß eines Vertrages der Freundschaft und der Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Pakistan
ein wichtiges Element der Ermutigung. Man muß es begrüßen, daß
die Konzeption der gegenseitigen Sicherheit in diesem wichtigen
Gebiet der Erde Wurzeln gefaßt hat. Dieses Gebiet ist von großem
menschlichem, wirtschaftlichem und strategischem Wert. Es würde
bisher durch Spaltungen geschwächt. Die Tatsache, daß Pakistan
und unser Alliierter in der NATO, die Türkei, nunmehr eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Sicherheit planen, verleiht beiden
Ländern eine neue Quelle der Kraft. Darüber hinaus haben sie ein
Beispiel gegeben, daß andere eventuell befolgen werden.
Unter den mit uns befreundeten Nationen im Nahen Osten und
Südasien befinden sich Länder, für die wir eine Wirtschaftshilfe
vorschlagen, die nicht im Zusammenhang mit einem direkten militärischen Nutzen stehen. Die Bevölkerung dieser Länder steht in einem
Ringen, in dem sie nicht in erster Linie Waffen für den Krieg, sondern Werkzeuge für den Frieden benötigen. Der größte Posten, für
den um eine Bewilligung in dieser Kategorie nachgesucht wurde,
ist für die Entwicklungshilfe an Indien bestimmt.
Hilfe für Indien
Die Außenpolitik Indiens ist in manchen Fragen von unserer
verschieden. Aber die Grundsätze Indiens - die Prinzipien der Demokratie - sind im Grunde die gleichen, die von uns Wert gehalten
werden. Das indische Volk und seine Politiker sind Anhänger einer
demokratischen Regierungsform. Die indische Verfassung hat teilweise unsere eigene Verfassung zum Vorbild, indem ihr Hauptgewicht
auf der Garantie der Bürgerrechte liegt. Indien bemüht sich mutig
und zäh um einen wirtschaftlichen Fortschritt, der für die unter
seiner neuen Selbständigkeit gewonnenen demokratischen Institutionen
unerläßlich ist.
Dieses Bemühen steht in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen
in dem benachbarten Rotchina. Ich hege keine Zweifel darüber, daß
die Völker Asiens wesentlich von einem Vergleich zwischen dem wirtschaftlichen Fortschritt unter einem demokratischen Regime in Indien
und unter der Herrschaft einer roten Diktatur in China beeinflußt
werden. Wir sind der Auffassung, man sollte Indiens eigene Anstrengungen unterstützen, so daß sein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm auch Erfolg hat. Wir sollten niemals vergessen, daß freie

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�"AMERIKA DIENST"

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freie Nationen durchaus Meinungsverschiedenheiten vertragen können. Wir dürfen es nicht zulassen, daß unser Wunsch, Indien bei
der Entwicklung seines Staates zu helfen, durch irgendwelche vorübergehenden Differenzen, wie wichtig sie auch sein mögen, ins
Wanken gerät. Es ist wesentlich, unsere Unterstützung fortzuführen - selbst wenn dies lediglich aus keinem anderen Grunde geschieht, als unserem vernünftigen Eigeninteresse zu dienen. Es
wäre ein tragischer Tag für uns, wenn das indische Volk das in
seine demokratischen Institutionen gesetzte Vertrauen verlöre.
Latein-Amerika
Ich möchte hier noch ein Wort über die westliche Hemisphäre
sagen. Die auf der zehnten interamerikanischen Konferenz in
Caracas getroffenen Maßnahmen stellen einen wichtigen Fortschritt
in Richtung auf eine Vereinigung dieser Hemisphäre gegenüber der
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar. In Caracas
wurde eine Solidaritätserklärung zur Erhaltung der politischen
Integrität der amerikanischen Staaten gegenüber einer internationalen kommunistischen Intervention angenommen. Es wurde beschlossen,nur Guatemala war anderer Ansicht -,daß die Beherrschung oder Kontrolle der politischen Institutionen durch den internationalen
Kommunismus in irgendeinem amerikanischen Staat eine Bedrohung der
Souveränität und der politischen Unabhängigkeit der amerikanischen
Staaten darstellen und so den Frieden Amerikas bedrohen würde.
Es genügt jedoch nicht, die kommunistische Bedrohung als die
Gefahr zu erkennen, die sie wirklich ist. Es ist auch notwendig,
Schritte zu ergreifen, um die Solidarität auch auf wirtschaftlichem Gebiete zu demonstrieren.
Der Lebensstandard in den meisten lateinamerikanischen Ländern ist niedrig und es gibt zahlenmäßig nicht unbedeutende Gruppen, die mit entsprechendem Lärm versuchen, die Schuld dafür den
Vereinigten Staaten zuzuschieben.
Unser Gemeinsames Sicherheitsprogramm stellt die Bedeutung
eines wirtschaftlichen Aufstieges und eines besseren Lebensstandards in Lateinamerika in klarer Erkenntnis in Rechnung. Der
Hauptbeitrag, den unsere Nation hier leisten kann, muß über das
private Unternehmertum erfolgen. Dennoch sind gewisse Maßnahmen der Regierung zur Unterstützung und Ergänzung notwendig.
Hierzu gehören die Programme zur technischen Zusammenarbeit. Das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird diese Form der Hilfeleistung in Lateinamerika und anderen Ländern in entsprechender
Weise ermöglichen. Es bringt Resultate hervor, die weitaus größer
sind als dies in den dafür bereitgestellten Dollar-Beträgen zum
Ausdruck kommt, denn durch sie werden Wissen und Kenntnisse vermittelt, die anderen helfen, sich selbst zu helfen.
Der Ferne Osten
Im Fernen Osten drückt sich das Ende der Kämpfe in Korea
auch in dem Gemeinsamen Sicherheitsprogramm für 1955 aus.
Das

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9. Juni 1954

Das Verteidigungsministerium braucht nicht mehr die Milliarden auszugeben, die für die aktive Kriegsführung nötig waren. An
die Stelle der destruktiven und ins Leere hinausgeworfenen Ausgaben tritt je-tzt ein Programm für die Unterstützung und den Wiederaufbau der Republik Korea. Dieses Programm wird zum Teil von den
Vereinten Nationen durchgeführt, die Hauptlast wird jedoch von
den USA getragen. Die Wiederherstellung des Wohlstandes in einem
durch den Krieg zerstörten Korea ist eine ungeheure Aufgabe. Die
Kosten dafür stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Ausgaben dar, die das Führen eines Krieges kosten würde. Wir sind der
Ansicht, daß die Durchführung dieser Aufgabe des Friedens sowohl
im Interesse der USA als auch der freien Welt liegt, wenn sie
die Fähigkeit freier Menschen zeigt, - und wir sind sicher, daß
das möglich ist - sich in ihren Friedenstaten gegenseitig zu überbieten.
Die japanische Regierung plant gegenwärtig, einen größeren
Teil an Verantwortlichkeit für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Am 1. Mai 1954 trat ein gegenseitiges Verteidigungs-Hilfsabkommen zwischen den USA und Japan in Kraft. In den letzten Tagen hat der japanische Reichstag eine Gesetzgebung in Kraft gesetzt, die eine neue nationale Verteidigungsbehörde schafft und
zu einer Vergrößerung der gegenwärtigen nationalen Sicherheitskräfte ermächtigt. Im Rahmen des gegenseitigen VerteidigungsHilfsabkommens planen die USA die Unterstützung der japanischen
Verteidigungsstreitkräfte mit militärischen Ausrüstungsgegenständen-. Natürlich schließt dies weitere Kosten für die USA ein, es
ist jedoch eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird.
Indochina
Die Lage in Indochina ist von Gefahren durchsetzt. Diese Gefahren bestehen nicht nur für das eigentliche indochinesische Gebiet, sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Dieses Gebiet ist für den Frieden und die
Sicherheit der Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung.
RotChina hat den Vietminh-Verbänden fortlaufend und in immer
stärkerem Ausmaß Munition und militärische Bedarfsgüter zur Verfügung gestellt. Es liegen auch Beweise dafür vor, daß sowjetische
Waffen in immer größeren Mengen den kommunistischen Streitkräften
in Indochina geliefert worden sind.
In ihrer klassischen Methode haben es die Kommunisten darauf
angelegt, aus den regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital
zu schlagen und diese Aspirationen dazu benutzt, die Kontrolle
über eine Bewegung zu bekommen, die in ihren Anfängen zuerst nationalistisch eingestellt war. Die Machthaber Rotchinas haben
die Verbände ihrer Marionette Ho Tschi-minh ausgebildet und ausgerüstet. Sie beliefern diese Truppen mit großen Mengen an Artillerie und Munition, die in den Ländern des Sowjetblocks hergestellt worden sind. Sie stellen militärische und technische Berater zur Verfügung, die in den Divisionsstäben Ho Tschi-minhs und
solchen Spezialeinheiten wie Nachrichten- und Pionierverbänden,
Artillerie- und Transportregimentern Dienst tun.
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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Der Plan zielt nicht nur darauf ab, Indochina zu schlucken,
sondern auch die Herrschaft über ganz Südostasien zu erlangen.
Der Kampf bringt damit nicht nur eine schwere Bedrohung Vietnams,
laos' und Kambodschas, sondern darüber hinaus auch der befreunde- ,
ten Nachbarländer wie Thailand, Malaya, Burma, Indonesien, den
Philippinen, Australien und Neuseeland.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist sich der wachsenden
Gefahr bewußt. Wir haben auf die Franzosen dahingehend eingewirkt,
daß sie Schritte unternehmen, um Vietnam, Laos und Kambodscha die
volle Unabhängigkeit zu gewähren. Wir haben einen großen Teil des
von den Streitkräften der französischen Union und den Nationalarmeen
von Laos, Kambodscha und Vietnam benötigten militärischen Materials
gestellt. Wir erklärten uns bereit, den Großteil der Ausgaben für
den Kampf um die Erhaltung der Freiheit der assoziierten Staaten
zu tragen. Vor allem aber haben wir uns bemüht, bei der Ausrüstung
und Unterhaltung einer wachsenden Zahl von nationalen Streitkräften
mitzuhelfen.
Das Semeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 enthält eine Bestimmung, die eine derartige Unterstützung auch weiterhin vorsieht.
Angesichts der vielen vor uns liegenden Unsicherheiten ist es wichtig, daß die Verwendung von bereits bewilligten Mitbein entsprechend elastisch gehandhabt wird, so daß die notwendigen Ausgaben
gemacht werden können, um in Südostasien und dem westlichen Pazifik die im Gemeinsamen Sicherheitsgesetz festgelegten politischen
Zielsetzungen zu erreichen.
Sie alle wissen, daß die Franzosen und ihre vietnamesischen
Verbündeten Rückschläge wie den Fall von Dien Bien Phu nach einer
großartigen Verteidigung erlitten haben. Die gegenwärtige Situation
ist ernst, aber auf keinen Fall hoffnungslos.
Auf der gegenwärtig in Genf stattfindenden Konferenz bemühen
sich die USA und andere freie Nationen, eine Formel zu finden, durch
die die Kämpfe beendet werden können und der Bevölkerung von Indochina die wahre Unabhängigkeit gesichert wird. Bisher war die
kommunistische Haltung nicht ermutigend. Es ist unmöglich, vorauszusagen, was die Zukunft bringen wird.
Die Ungewißheit hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung
im Fernen Osten sowie die schwierigen Probleme in anderen Teilen
der Welt weisen auf die Notwendigkeit hin, die für dieses Programm
bewilligten und bereitgestellten Mittel elastisch anzuwenden. Wenn
wir imstande sein wollen, aus unseren Mitteln das Beste und Wirkungsvollste herauszuholen, dann muß der Präsident in der Lage sein,
schnell und entschlossen zu handeln, was nach Lage der Dinge am
besten den Zielen dient, die dieses Gesetz erreichen soll. Aus
diesem Grunde sind wir der Ansicht, daß die in diesem Gesetz bisher enthaltene Elastizilät beibehalten werden müßte.
Ich möchte noch kurz zur Durchführung dieses Programms Stellung nehmen* Im vergangenen Jahr sagte ich, daß dies meiner Ansicht
nach am besten durch eine andere Behörde erfolgen könnte, die nicht

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9. Juni 1954

nicht dem US-Außenministerium angehört. Ich bin mir klar darüber,
daß die Präge einer gut arbeitenden Behörde im Kongreß wie auch
in der Regierung eingehend erörtert worden ist. Ich glaube, Ihnen
die Erklärung schuldig zu sein, wenn ich sage, daß ich über die
Art und Weise, in der die jetzigen Vereinbarungen ausgearbeitet
worden sind, tief befriedigt bin und daß ich ihre Weiterführung
für das kommende Finanzjahr empfehle.
Lassen Sie mich zum Abschluß noch kurz auf das gemeinsame
Sicherheitsprogramm in seiner größeren Bedeutung eingehen.
Die gegenwärtige internationale Lage erfordert vor allem
anderen die Aufrechterhaltung der Einheit und Zusammenarbeit
zwischen den nichtkommunistischen Nationen. Auf sich allein
gestellt., könnte niemand von uns mit Vertrauen einer groß angelegten Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Weltreich begegnen. Die kommunistischen Machthaber halten gegenwärtig 800
Millionen Menschen versklavt und sie haben diese Völker und die
großen materiellen Hilfsquellen ihrer Länder zu der dreifachen
Drohung des Krieges, der Subversion und der Propaganda zusammengeschlossen, der größten Drohung, der die freien Völker jemals
gegenüberstanden. Glücklicherweise trägt die Fähigkeit der freien
Welt, sofort zurückschlagen zu können, dazu bei, die sowjetische
Bedrohung der Massenvernichtung zu neutralisieren. Trotzdem tritt
die Notwendigkeit immer klarer hervor, daß die freien Völker sich
bei der Entwicklung zusätzlicher Abwehr - und Abschreckungskräfte
gegenüber der kommunistischen Expansion zusammenschließen müssen.
•

Einigkeit erfordert gegenseitige Achtung und Geduld auf
seiten aller freien Nationen. In allen freien Ländern herrscht
eine natürliche Ungeduld gegenüber den Hemmnissen und Beschränkungen kollektiven Handelns. In manchen Ländern gibt es Gruppen,
die Einwände erheben, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen an dieser gemeinsamen Aufgabe eine Unterwerfung unter fremden Einfluß
bedeutet und $ie folgern, daß man die Unabhängigkeit durch Neutralität beweisen sollte. Manche Leute in Amerika glauben, daß
die USA besser verfahren würden, wenn sie versuchten, sich der
weltweiten militärischen und wirtschaftlichen Lasten zu entledigen wie auch der politischen Sorgen, die die Geschichte uns auferlegt hat.
Eine solche Politik würde aber den Sowjets nur zum Vorteil
eteichen. Die Zerstörung der Einheit der freien Welt ist das
idfotigste Ziel der sowjetischen Strategie. Ihre gesamte Diplomatie, ihre Propaganda, der von ihnen ausgeübte Druck und ihre
Verlockungen haben nur dieses Ziel.
Das Programm der USA für Gemeinsame Sicherheit ist eine Möglichkeit, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu unterbinden.
Es trägt unweigerlich zur Erhaltung einer Einigkeit bei, die für
unsere eigene Sicherheit lebenswichtig ist. Ohne diese Einigkeit
würden die Vereinigten Staaten schnell gezwungen, ein Kasernenstaat
zu werden und die Schlinge des Kommunismus würde immer enger um
uns gezogen werden.
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überdies

S

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Überdies erlaubt dieses Programm der freien Welt, eine umfassendere Stärke zu entwickeln als wir auf der anderen Seite
möglicherweise dadurch erreichen könnten, wenn wir denselben Betrag in den USA ausgeben würden. Lassen Sie uns niemals vergessen,
daß unsere Alliierten für jeden Dollar, den wir ihnen geben, drei
Dollar für Verteidigungszwecke ausgeben. Die Sicherheit unseres
Landes hängt nicht länger mehr ausschließlich von unseren eigenen
Streitkräften, so wichtig diese auch sind, sondern von der zusammengefaßten militärischen Stärke sowie von der politischen und
wirtschaftlichen Stabilität der freien Welt insgesamt ab. Aus diesem Grunde kann ich voller Zuversicht sagen, daß jeder Dollar im
Rahmen dieses Programms für Gemeinsame Sicherheit dem Schutz und
der Stärkung der Sicherheit sowie dem Wohlstand der USA selbst
dient. Daher trete ich dafür ein, daß dieses Programm ihre prompte
und verständnisvolle Berücksichtigung findet."
* * * * *

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�DIE DEUTSCHLANDPOLITIK DER USA

Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der
Rede des stellvertretenden Leiters der Deutschlandabteilung im US-Außenministerium, Geoffrey
Lewis, die dieser am 18. Juni 1954 vor dem Verband
der Reserve-Offiziere in Omaha gehalten hat:
OMAHA — (Amerika Dienst) — "Die amerikanische Deutschlandpolitik hat seit Kriegsende zwei Hauptziele verfolgt:
Erstens die Bildung einer demokratischen Regierungsstruktur in
Deutschland zu fördern, wirklich demokratischen Persönlichkeiten eine führende Rolle anzuvertrauen und das demokratische
Ideengut zu verbreiten! und zweitens den Weg für eine Rückkehr
Deutschlands in die Familie freier demokratischer Nationen innerhalb eines vereinten Europas vorzubereiten.
Während der ersten Jahre der Besatzung war es notwendig,
im Zusammenhang mit diesen positiven Zielen eine negative Politik einzuschlagen, um den Auswirkungen der jahrelangen Herrschaft der Nationalsozialisten und des Krieges entgegenzutreten. Diese negative Politik fand ihren Ausdruck in den alliierten Maßnahmen der Entnazifizierung und der Abrüstung. Dies war
angesichts der damals herrschenden Bedingungen verständlich.
Die USA bemühten sich jedoch, diese negative Phase ihrer Politik so schnell wie möglich abzuschließen und sie ist seit langem
beendet worden. Außenminister Dulles stellte in diesem Zusammenhang während der Berliner Konferenz treffend fest: 'Diejenigen,
die sich auf ehrliche Weise und durch kluge Politik um den Frieden bemühen, haben gelernt, daß keine große Nation dadurch ausgeschaltet wird, daß man sie irgendwelchen Diskriminierungen
aussetzt, so daß diese Nation innerhalb der Völkerfamilie keinen gleichberechtigten Platz einnehmen kann. Beschränkungen,
wie sie durch den Versailler Vertrag auferlegt wurden, bringen
ein tatkräftiges und mutiges Volk nur dazu, die ihm angelegten
Fesseln abzustreifen, um dadurch seine souveräne Gleichberechtigung zu demonstrieren!
Ein Meilenstein bei der Verwirklichung unseres ersten Zieles - die Schaffung einer festgegründeten und dauerhaften Demokratie in Deutschland - war die Bildung der deutschen Bundesregierung im Jahre 1949 mit ihrem Sitz in Bonn. Dies war die logische Entwicklung früherer Maßnahmen, den Deutschen die Rege- 1 -

�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten zurückzugeben. Dies geschah
zuerst auf lokaler, dann auf regionaler (Länder) Ebene und wurde
später mit der Zusammenlegung der britischen und amerikanischen
Besatzungszone fortgesetzt, wobei den Deutschen die Verantwortung
für weite Teile de» Regierungs- und Wirtschaftssektors übertragen
wurde.
Unsere Politik, ein starkes demokratisches Deutschland zu
schaffen, hat sich von der Tatsache leiten lassen, daß Demokratie
nicht von außen aufgezwungen werden, sondern nur von innen her
wachsen und gedeihen kann. Wir haben uns bemüht, die bestehenden
demokratischen Kräfte in der deutschen Bevölkerung zu stärken und
wir haben die Tatsache berücksichtigt, daß die Demokratie notwendigerweise von Grund auf, in der Familie, der Schule und den Gemeinden aufgebaut werden muß. Wenn wir rückblickend die bisher
gemachten Portschritte betrachten, gibt es vieles, was uns Mut
gibt. Beispielsweise gibt es eine freie Presse. In Deutschland
haben zweimal Bundestagswahlen stattgefunden, an denen sich ein
hoher Prozentsatz der Wahlberechtigten - bei der letzten Wahl
waren es über 86 Prozent - beteiligt hat, und Persönlichkeiten,
deren demokratische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist,
spielen eine führende Rolle. In diesem Zusammenhang ist es interessant, die gegenwärtige Lage in Deutschland mit der zu vergieß
chen, die zur Zeit der Weimarer Republik bestanden hat. Heute
gibt es in Deutschland eine starke Opposition, aber diese besteht
aus der SPD, einer Partei, die scharf antikommunistisch eingestellt ist und eine lange demokratische Tradition besitzt. Die
Weimarer Republik erlag einer aus Elementen bestehenden Opposition, die nicht nur gegen die am Ruder befindliche Regierung,
sondern auch gegen den demokratischen Charakter der Regierung
eingestellt waren.
Das zweite Ziel - die Rückkehr Deutschlands in die freie
Völkerfamilie eines geeinigten Europa zu unterstützen - gründet
sich auf dem Glauben, daß eine freie demokratische Gesellschaftsform in Deutschland die beste Chance zum Weiterbestehen hat, wenn
das Land in die demokratischen Nationen Westeuropas unlöslich
eingegliedert wird. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß
die Integration Deutschlands in Westeuropa die beste Garantie
für einen Portbestand der demokratischen Ordnung sein und die
beste Verwendung der deutschen Hilfsquellen zum gemeinsamen
Wohl sicherstellen würde. Zu diesem Zweck unterzeichneten wir
im Mai 1952 die sogenannten Bonner Verträge, die nach ihrer Raxxfizierung der Deutschen Bundesrepublik faktisch die Souveränität mit nur drei Vorbehalten zurückgeben werden. Diese betreffen
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte, unsere Stellung
in Berlin und die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der
Sowjetunion und ihren Satelliten.
Es mag an dieser Stelle angebracht sein, kurz darauf einzugehen, was auf dem Gebiete der Europäischen Integration geleistet
worden ist. Nach der Bildung des Europäischen Wirtschaftsrates
(OEEC), der von den europäischen Nationen zur Verwendung der im
Rahmen des Marshallplanes gewährten Hilfe geschaffen wurde, entstanden andere Organisationen, die Europa in immer wachsendem
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�"AMERIKA DIENST"

23. Juni 1954

wachsendem Maße zusammenführen. In diesem. Zusammenhang sind der
Europarat, die Montanunion, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Europäische politische Gemeinschaft zu nennen. In
all diesen Organisationen haben die Deutschen eine wichtige Rolle
gespielt. Die Bundesrepublik hat sich vielleicht mehr als jedes
andere europäische Land für den Erfolg dieser Bemühungen eingesetzt. Der größte Portschritt ist auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet erzielt worden, weil die dringende Notwendigkeit
bestand, hier einer Krise entgegenzuarbeiten. Die Entwicklung auf
politischem Gebiet hat enttäuscht. Wenn auch der Nachdruck, den
man auf den militärischen Sektor legte, in mancher Hinsicht unglücklich gewesen ist, so war er doch auf Grund der sowjetischen
Aggressionsdrohung notwendig, Und es muß festgestellt werden, daß
die Europäische Verteidigungsgemeinschaft wirklich ein erster
großer Schritt in Richtung auf die europäische politische Integration ist.
Eine Lösung des militärischen Problems in Europa wurde in
der NATO gefunden. Diese stellte jedoch kein Mittel dar, Westdeutschland gegen eine kommunistische Aggression zu schützen.
Sie machte sich auch nicht das deutsche Industrie- und Menschenpotential zunutze, um die Verteidigung des Westens zu stärken.
Die Notwendigkeit, Mittel und Wege hierfür zu finden, trat besonders
deutlich durch die kommunistische Aggression in Südkorea hervor.
Dieses Ereignis beseitigte mehr als jedes andere die verständliche
Abneigung der anderen europäischen Nationen gegen jede Form einer
deutschen Wiederbewaffnung und ließ sie die Notwendigkeit einsehen,
Deutschland in die Lage zu versetzen, einen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung zu leisten. So stimmte der Rat der Außenminister
im September 1950 erstens darin überein, jeden Angriff auf die
deutsche Bundesrepublik oder Berlin als Angriff auf ihr eigenes
Land anzusehen; und zweitens bekräftigte der Rat seine Opposition
gegen die Bildung einer deutschen Nationalarmee. Er regte jedoch
an, daß eine Beteiligung der deutschen Bundesrepublik an den gemeinsamen Verteidigungsbemühungen ermöglicht werden sollte.
Wenige Tage später kündigte der NATO-Rat an, daß Deutschland
in die Lage versetzt werden sollte, einen Beitrag zum Aufbau der
Verteidigung Westeuropas zu leisten. Nach der Erörterung eines
Vorschlages, wonach Deutschland ein Kontingent für die NATO-Streitkräfte stellen würde, schlug Prankreich den Plan vor, aus dem sich
dann später die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entwickelte.
Die Vereinigten Staaten nahmen diesen Plan an, nachdem General
Eisenhower, der damals Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte war,
ihn wärmstens unterstützt hatte.
Eine Erörterung unserer Deutschlandpolitik würde nicht vollständig sein, wenn man nicht auf die Bedeutung einginge, die die
deutsche Bevölkerung einer schließlichen Wiedervereinigung ihres
Landes beimißt. Jeder Deutsche wartet auf den Tag, an dem dies
geschehen sein wird. Die im vergangenen Herbst erfolgte entscheidende Wahlniederlage der SPD, die die Politik einer Wiedervereinigung zum alles beherrschenden Ziel der deutschen Außenpolitik
macht, hat aber erkennen lassen, daß die meisten Deutschen sich
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�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

sich darüber im klaren sind, daß eine Wiedervereinigung zu annehmbaren Bedingungen erst später kommen kann. Diese Erkenntnis
wurde noch durch den Ausgang der Berliner Konferenz vertieft,
auf der die Sowjets so unmißverständlich zeigten, daß sie keinerlei Absicht haben, ihre Machtstellung in ihrer Zone aufzugeben. Die kürzliche Gewährung der 'Souveränität' an ihre Marionette, die sogenannte 'Deutsche Demokratische Republik', kann
die westdeutsche Bevölkerung nicht täuschen.
Ich habe vorher die letzten Wahlen zum deutschen Bundestag
erwähnt. Sie erbrachten einen unerwartet überwältigenden Sieg
für den Kanzler und seine Partei. Dies ist insofern bedeutsam,
als sie die starke Unterstützung dokumentierten, die der Kanzler bei der deutschen Bevölkerung hat. Diese Wahlen bekräftigten
seine westeuropäische Integrationspolitik und seine Ablehnung
des Neutralismus. Sie legten darüber hinaus ein beredtes Zeugnis von der Stärke der gemäßigten Kräfte in Deutschland ab.
Die Tatsache, daß sich über 86 Prozent der Wahlberechtigten an
der Wahl beteiligten, bewies zudem das starke Interesse, welches
die Deutschen ihrer eigenen Regierung entgegenbringen. Aber je
mehr die Zeit verstreicht und je länger die Ratifizierung des
EVG-Vertrages und der Bonner Verträge weiterhin hinausgezögert
wird, desto größer werden die Anzeichen von Ungeduld in Deutschland, selbst innerhalb der Koalitionsparteien. Von verschiedenen
Seiten wird offen die Souveränität gefordert, die die Alliierten
vor mehr als zwei Jahren Deutschland zusicherten, als sie die
Bonner Verträge unterzeichneten. Sollte es noch weitere Verzögerungen geben, werden wir in Erwägung ziehen müssen, welche
Schritte unternommen werden müssen, um eine ernsthafte Verschlechterung unserer Beziehungen mit der deutschen Bundesrepublik zu
vermeiden.
Wie wird also unsere zukünftige Politik Deutschland gegenüber aussehen? Wir werden uns um eine Ratifizierung der EVG bemühen. Gleichzeitig werden wir zum rechten Zeitpunkt und zu den
hierfür angemessenen Bedingungen auf eine Wiedervereinigung
Deutschlands drängen. Diese beiden Grundzüge unserer Politik
sind nicht miteinander unvereinbar, denn wenn sich die Stärke
des Westens erhöht, so wird damit auch die Möglichkeit größer,
die versklavten osteuropäischen Völker zu befreien. Schließlich
und endlich werden wir weiter daran arbeiten, die Besatzung zu
beenden und den Deutschen den größtmöglichen "Umfang ihrer Souveränität zurückzugeben, wie dies in den Bonner Verträgen vorgesehen ist."
* # # * »

_ 4 .

�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSSs ATOMENERGIE MUSS SEGEN DER MENSCHHEIT
WERBEN
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der U.S.-Atomenergiekommission, Lewis L. Strauss,
am 5»August vor der Jahresversammlung des Amerikanischen
Kriegsveteranenverbandes gehalten hat.
"Ich empfinde die Einladung als große Ehre, hier vor
den Mitgliedern dieses Kriegsteilnehmerverbandes zu sprechen,
die einzeln und in der Gemeinschaft ihrem Vaterland so hervorragende Dienste geleistet haben. Die U.S.-Regierung
setzt ihr besonderes Vertrauen in jene Amerikaner, die
ihrem Lande in Kriegszeiten gedient haben. Sie haben jedes
Recht, stolz auf ihre Leistungen als Verteidiger und Hüter
unseres freiheitlichen Erbes zu sein. Ich erachte es als
eine besondere Auszeichnung, Ihnen hier meinen Gruß entbieten zu dürfen.
Vermutlich haben Sie mich eingeladen, vor Ihnen zu
sprechen, weil Sie wünschen, daß ich zu der in der Öffentlichkeit jüngst stark beachteten Handhabung der Sicherheitsvorschriften der Atomenergiekommission und der langen Senatsdebatte über einige der geplanten Abänderungen des
Atomenergiegesetzes vom vergangenen Monat Stellung nehme.
Da diese Dinge aber im wesentlichen schon der Vergangenheit angehören und inzwischen andere Themen von größerer
Tragweite und stärkerem Tagesinteresse im Vordergrund
stehen, werde ich mich, mit Ihrem Einverständnis heute
Abend mit den letztgenannten Fragen befassen.
Wie Sie sicher wissen, sieht die gegenwärtig dem Vermittlungsausschuß unterbreitete Vorlage zum Atomenergiegesetz gewisse entscheidende Änderungen des ursprünglichen
Gesetzes von 1946 vor, auf Grund dessen die Atomenergiekommission eingesetzt wurde und das als Richtschnur für
deren Arbeit galt. Es kommt mit nicht zu» diese Änderungen
zu einem Zeitpunkt zu erörtern, an dem sie noch dem Kongreß
zur Beratung vorliegen. Glücklicherweise herrschen bezüglich der in der Änderungsvorlage enthaltenen 'Erklärung
über die einzuschlagende Politik* keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Der Gesetzentwurf beginnt zunächst einmal
mit einer Erklärung der künftigen Politik der Vereinigten
Staaten.
•n\
1 -

�."AxviERIKA DIENST"

'a)

b)

11. August 1954

Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den größtmöglichen
Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten, jederzeit
dem obersten Ziel untergeordnet, einen maximalen
Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit
zu leisten; und
Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den Weltfrieden zu fördern, der Allgemeinheit zu dienen,
den Lebensstandard zu heben und den freien Wettbewerb der privaten Wirtschaft zu stärken'.

Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der vom Kongreß im
ursprünglichen Atomenergiegesetz ausgesprochenen politischen
Zielsetzung. Die Ziele unserer Politik bleiben demnach die
gleichen. In beiden Passungen des Gesetzes wird das erstgenannte Ziel - Gewährleistung der gemeinsamen Verteidigung
und Sicherheit - ausdrücklich als vordringlich bezeichnet.
Das zweite Ziel des Gesetzes in der neuen Passung aber ist
die Sicherung des Weltfriedens, die in der ursprünglichen
Fassung erst an letzter Stelle aufgeführt worden war. Wie
Sie sehen, besteht der Unterschied nur in einer Akzentverschiebung, nicht in einer Änderung der Grundgedanken.
Ich möchte Ihnen hier kurz schildern, was die Kommission
in den rund acht Jahren ihres Bestehens, und insbesondere im
vergangenen Jahr, geleistet hat. Ich werde versuchen, dieses
Referat auf die einzelnen Punkte der genannten Erklärung über
die politischen Grundgesetze abzustellen. Als Steuerzahler
wollen Sie selbstverständlich in erster Linie wissen, ob die
erzielten Erfolge in einem vernünftigen Verhältnis zu den dafür aufgewandten gewaltigen Summen stehen; ich werde deshalb
zunächst auf die finanzielle Seite dieser Angelegenheit eingehen, damit Sie eine Vorstellung von dem Umfang unserer
Atomforschungsprojekte gewinnen können.
Der Entwicklung von Atomwaffen wurde natürlich die höchste
Dringlichkeitsstufe eingeräumt, und für sie wurden die größten
Beträge aufgewandt. Erfindung, Entwicklung, Herstellung und
Verwendung von Waffen sind einem so raschen Wandel unterworfen,
daß die bestehenden Anlagen bereits vor dem kommunistischen
Überfall auf die Republik Korea im Jahre $950 dreimal erweitert werden mußten. Seitdem wurde unser Bauprogramm noch
wesentlich erweitert. Durch die Geldbewilligungen vom Jahre
1952 waren die größten Aufwendungen für die Errichtung neuer
Anlagen ermöglicht worden, und die Arbeiten gingen so rasch
voran, daß einige der großen neuen Werke bereits den Betrieb
aufnehmen konnten. Wir geben gegenwärtig monatlich rund 115
Millionen Dollar allein für Bauvorhaben aus, und die Betriebskosten übersteigen eirte Milliarde Dollar im Jahr.
Wenn unser gegenwärtiges Konstruktionsprogramm abge- 2

�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

abgeschlossen ist, wird sich der vom amerikanischen Volk für
den Bau von Atomwerken aufgebrachte Betrag auf rund 8,5 Milliar
den Dollar belaufen. Wir verfügen über umfangreiche industrielle Anlagen, die, gemessen am heutigen Kaufwert des Geldes, wahrscheinlich schon mehr wert sind, als sie ursprünglich gekostet
haben. Die wichtigsten dort gewonnamen Produkte, d.h. also
das spaltbare Material für Atomwaffen, kann auch zur Energiezeugung benutzt werden. Und dies wird geschehen, wenn die
Lage - die weltpolitische Lage - dies erlaubt.
Das spaltbare Material ist praktisch unbegrenzt haltbar.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann man sagen, daß
mit den aufgewandten Milliarden für den Bau von Betriebsan«
lagen und zur Vorratsbildung an Uran, Plutonium und anderen
Materialien eine gewaltige Reserve angelegt wurde, die sich
letztlich irgendwann einmal durch die Erzeugung nutzbringender elektrischer Energie bezahlt, ja wahrscheinlich mehr als
bezahlt machen wird.
Gemeinsame Verteidigung und Sicherheit
Im Anschluß an die finanzielle Übersicht, die ich Ihnen
hier gegeben habe, möchte ich Ihnen einiges über unser Atomwaffenprogramm berichten. Gerade dieses Programm ist dazu
bestimmt, den genannten maximalen Beitrag zur gemeinsamen
Verteidigung und Sicherheit zu leisten, die "das oberste
Ziel" unseres Atomforschungsprogramms darstellt.
Seit dem ersten Atombombenversuch im Jahre 1945 in
Texas sind mehr als 40 weitere Atombombenteste unternommen
worden. Es gelang, eine ganze Reihe von Atomwaffen-Typen
herzustellen. Sie wurden den Erfordernissen aller Waffengattungen angepaßt und eignen sich für die Land-, See- und
Luftkrieg^ührung. Unsere Vorräte wachsen ständig. Die zerstörende Gewalt der neuesten Atombomben beträgt gegenüber
der ersten derartigen Bombe mehr als das Fünfundzwanzigfache. Doch selbst die modernste Atombombe ist geradezu
ein Zwerg gegenüber jener Waffe, die allgemein als thermonukleare "Super"- oder auch Wasserstoffbombe bekannt ist.
Können Sie sich die zerstörende Kraft der uns heute zur
Verfügung stehenden thermonuklearen Waffen vorstellen ? Ich
für meinen Teil habe dabei Schwierigkeiten. Um halbwegs eine
Vorstellung davon zu gewinnen, rufe ich mir immer ins Gedächtnis zurück, was sich im Jahre 1917 im Hafen von Halifax bei
der Explosion des Munitionsdampfers Mont Blanc ereignete.
Die Mont Blanc hatte 'nur* etwas mehr als 2 500 t Munition
für herkömmliche Waffen geladen - Sprengstoffe also aus
der Zeit des ersten Weltkrieges - und dennoch belief sich
die Zahl der Toten und Verletzten auf über 10 000, und
die Sachschäden in Halifax waren ungeheuer. Nun nehmen Sie
einmal zehn solcher Schiffe, die alle mit dem heute üblichen
Sprengstoff TNT beladen sind? das etwa ist die Größene

* 3-

�"AmEhlKA DIENST

11. August 1954

Größenordnung der Explosionsgewalt einer Atombombe aus den
ersteh Jahren ihrer Herstellung* Wenn Sie sich eine ganze
Hotte solcher mit TNT beladenen Schiffen vorstellens die»
in Kiellinie fahrend, über zwanzig Meilen lang ist, dann haben Sie eine ungefähre Ahnung von der zerstörenden Gewalt
einer Wasserstoffbombe von nur einer Megatonne, das ist das
Äquivalent von einer Million Tonnen TNT. Und eine Megatonne
ist natürlich nicht die oberste Grenze für die in unserem
Besitz befindlichen furchterregenden Waffen.
Präsident Eisenhower hat in seiner großen Rede vor den
Vereinten Nationen darauf verwiesen, daß
'die zerstörende Wirkung der Atomwaffen, über die die
Vereinigten Staaten heute bereits verfügen und deren
Zahl natürlich täglich zunimmt, um ein Vielfaches die
Wirkung aller Bomb#n und Granaten übertrifft, die auf
sämtlichen Kriegsschauplätzen des zweiten Weltkrieges
zusammen abgeworfen bezw* abgefeuert wurden.'
Einige der besten unserer Bürger haben ihren Unwillen
darüber geäußert, daß es gerade unser Land ist, welches sich
im Besitze von Waffen mit derartigen zerstörerischen Gewalten
befindet. Dieser Unwille ist ein Zeichen ihrer Anständigkeit
und kann nur in einem freiem Lande frei dargelegt werden.
Niemand, der die Möglichkeiten der Atomwaffen genau kennt,
wird sie ohne innere Vorbehalte betrachten. Wer jedoch solche
Bedenken hegt, sollte sich einmal die läge vor Augen führen,
in der wir wären, wenn diese Atomwaffen sich in den Arsenalen
der Sowjetunion und nicht der Vereinigten Staaten befänden.
Es war niemand geringeres als Premierminister Sir Winston
Churchill, der erklärte, daß die Überlegenheit der USA auf
dem Gebiete der Atomwaffen in den neun Jahren nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges zu den Paktoren gehört habe,
die den Ausbruch eines neuen Krieges verhindern halfen. Was
mich betrifft, so wünsche ich nichts sehnlicher, als daß wir
auch in Zukunft eine Überlegenheit auf dem Gebiete der Atomwaffen und ihrer Anwendung haben mc;gen, und daß diese so lange
ein aufschiebbarer Paktor bleibe, bis sich alle Nationen auf
eine Formel für eine praktisch durchführbare internationale
Kontrolle für Waffen aller Art geeinigt haben.
Dienst an der Allgemeinheit. Hebung des Lebensstandards
Die Regierung der Vereinigten Staaten verfolgt im Hinblick
auf die Atomenergie zwei Ziele: sie will der Allgemeinheit dienen und den allgemeinen Lebensstandard heben. Im allgemeinen gesehen, sind diese zwei Ziele einpnder ähnlich und können hier
als eines behandelt werden. Obwohl noch nicht einmal zwölf Jahre
vergangen sind, seitdem man sich zum ersten Male die Atomkraft
mit Hilfe von Reaktoren zunutze machen konnte, haben wir riesige
Portschritte in Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft,
Chemie, Metallurgie, Biologie, Mediain und auf anderen wissen- 4

�"AMERIKA LlhlNST"

11. August 1954

wissenschaftlichen und technisch-industriellen Gebieten gemacht.
Darüber hinaus sind wir Zeuge geworden, wie sich der Horizont
unseres Wissens um die grundlegenden Pakten enorm geweitet hat;
und ich bin zuversichtlich, daß uns noch neue Entdeckungen bevorstehen, die genau so großartig wie die bisherigen sind und
das Leben aller Menschen noch mehr bereichern werden. "Wir haben
den Zenit des Atomzeitalters noch nicht erreicht - wir stehen
erst im Morgengrauen einer neuen Epoche.
Die verfügbare Zeit gestattet es mir nur, mich mit den
wenigen vorstehend erwähnten Gebieten zu befassen. Der Verlockung,
wenigstens bei einigen auf nähere Details einzugehen, gilt es
zu widerstehen. Es gibt jedoch ein Programm, welches ich besonders gern darstellen möchte und das ich Ihnen gern eingehender
schildern möchte* Es handelt sich hier um ein Programm zur Bekämpfung der schlimmsten Geißel unserer Generation - des Krebses.
Die Atomenergie-Kommission hat in Ihrer Forschungstätigkeit auf
diesem Gebiet drei Wege eingeschlagen:
1) Wir verschicken radioaktive Isotope zum Selbstkostenpreis oder darunter an hunderte von Krankenhäuser, medizinische Fakultäten und Kliniken. So werden zum Beispiel in allen Kriegsversehrten-Krankenhäusern Radioisotope zur Lokalisierung von Hirntumoren und krebsartigen Geschwülsten vor Anwendung der Röntgentherapie
oder einem chirurgischem Eingriff verwandt.
2) Nach Maßgabe eines Gremiums hervorragender Ärzte vergeben wir Gelder zur Förderung von Krebs-Forschungsprojekten.
3) Wir haben vier eigene Krebsforschungs-Krankenhäuser aufgebaut, deren größtes das Argonne-Krankenhaus in Chikago
ist. Es wurde mit einem Kostenaufwand von 4 Millionen
Dollar erstellt, eine bisher zu diesem Zwecke noch nie
aufgebrachte Summe.
Um den wissenschaftlichen Fortschritt, den wir in der inneren Medizin und Chirurgie gefördert haben, eingehend demonstrieren zu können, habe ich ein vollständiges, transportables Röntgengerät mit hierhergebracht. Es ist etwa so groß wie ein Litermaß
und wiegt rund 18 Pfund. Es wurde in unserem Argonne-Laboratorium
entwickelt und kann anstelle eines 100 000 Volt-Röntgengerätes
zu diagnostischen Zwecken benutzt werden. Dieser Apparat leistet
die gleiche Arbeit wie jedes andere konventionelle Röntgengerät,
das um ein Vielfaches größer und schwerer ist. Man benötigt zu
seiner Benutzung keine fremde Energiequelle und es kann auf Verbandsplätzen, Erste-Hilfe-Stationen usw. verwandt werden.
Höchstwahrscheinlich ist es auch für die Industrie von großem
Nutzen.
In gleicher Weise unterstützen wir auch die Herzheilkunde
und Kreislaufforschung, um neue Mittel und Wege zur Bekämpfung
chronischer Krankheiten zu finden, die die Quelle vielen menschlichen Leidens sind. Es wäre unendlich segensreich, gelänge es
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�"AFRIKA LiENST"

11, August 1954

es uns, Herr über den Krebs oder eine der anderen erwähnten
Krankheiten zu werden; bestimmt ließe sich ein solcher Erfolg nicht nach Geldeswert bemessen. Wir sind aber auf dem
Wege zu diesen Zielen»
Die Verwertung der Atomenergie für friedliche Zwecke soll
aber nicht unter Ausschluß aller übrigen Anwendungsgebiete, wo
ihre Segnungen ebenso notwendig wie realisierbar sind, der Medizin und der Industrie allein vorbehalten bleiben. So unterstützen wir z.B. tatkräftig Forschungsarbeiten auf dem Gebiet
der Viehzucht sowie Versuchsprojekte zur Verbesserung von
Kunstdünger und Insektenvernichtungsmitteln, zur Erhaltung
der Fruchtbarkeit des Bodens und zur Steigerung der Ernteerträge.
Der Anwendungsbereich der Radioisotope in der Industrie
wächst in so raschem Tempot daß diese Entwicklung allein die
Ausgabe der Milliarden Dollar, die wir bereits in die Kernforschung gesteckt haben, letztlich rechtfertigen dürfte.
Beschießt man in normalem Zustand die stabilen Elemente wie
Natrium, Kobalt, Kupfer und Eisen in einem Kernreaktor mit
Neutronen, so sind sie danach mit unstabilen Atomen aufgeladen, die eine ganz bestimmte Strahlungsintensität besitzen.
Die von diesen Atomen ausgehende Energie kann ermittelt, verfolgt und gemessen werden* wo immer die in Erscheinung tritt«
Die Kommission hat die Industrie bisher mit 150 verschiedenen
Sorten dieser vielseitig verwendbaren Isotope beliefert, die
jetzt in etwa 860 privaten Forschungslaboratorien benutzt
werden»
Diese radioaktiven Indikatoren werden von der Industrie
in zunehmendem Maße zur Kontrolle von Fertigunggprozessen benutzt, so in der Petroleumindustrie zur Kontrolle des ölstroms
in den Rohrleitungen und zur Feststellung des Abnutzungsgrades
von Kolbenringen bei Motoren. In größerem Umfang benutzt man
sie als Strahlenquelle für Dickenmeßlehren, zum Aufspüren von
Fehlern in Gußteilen und für buchstäblich Dutzende anderer
Zwecke. Dadurch wurden in der amerikanischen Industrie bereits
beträchtliche Einsparungen möglich. So hat beispielsweise eine
der 700 von uns belieferten Firmen im vergangenen Jahr durch
diese neuen Verfahren annähernd 100 000 Dollar eingespart.
Eine andere Firma berichtete, daß sie heute für bestimmte
Testverfahren dank der Verwendung von Radioisotopen nur noch
35 000 Dollar ausgeben müsse, während die Kosten bei Anwendung
der bisher üblichen Methoden 1 Million Dollar betrugen. Die
Erprobung, die sich früher über Jahre erstreckte, ist heute
in wenigen Wochen zu bewältigen« Die Verwendung von Isotopen
nimmt Monat für Monat zu. Im vergangenen Jahr sind von Oak
Ridge über 12 000 Eineelsendungen an Isotopen verschickt
worden.
Unter den Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie für
friedliche Zwecke steht unmittelbar hinter dem militärischen
Programm die Entwicklung eines Verfahrens zur Gewinnung von
Energie aus dem Atom. Ich meinde damit die Verwendung der bei
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�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

bei der Atomspaltung entstehenden großen Hitze zur Erzeugung
von Dampf, der seinerseits wiederum in Turbinengeneratoren zur
Erzeugung von Elektrizität benutzt wird. Unsere ersten Erfolge
auf diesem Gebiet hatten wir im Dezember 1951 zu verzeichnen,
als wir bewiesen,, daß die in einem Kernreaktor erzeugte Hitze
ohne große Gefahr abgeleitet und zur Erzeugung elektrischen
Stroms verwertet werden kann. Daraufhin wurde ein Kernreaktor
anderen Typs gebaut und im Februar 1953 in Betrieb genommen.
In diesen beiden Fällen war die erzeugte Energiemenge nicht
so groß» daß sie kommerziell auszuwerten gewesen wäre; aber
schon wenige Monate später, im Sommer vergangenen Jahres, wurde das erat« große Atomkraftwerk fertiggestellt und mit seiner
vollen Kapazität in Betrieb genommen. Dieser Reaktor diente
als Vorbild für den jetzt in das erste mit Atomenergie betriebene U-Boot? die 'Nautilus', eingebaute Kernreaktor.
Die Stärke des Atommotors der 'Nautilus' wird geheim gehalten. Es ist Ihnen jedoch sicher ohne weiteres klar, daß
jedes moderne Unterseeboot, das mit der Flotte auf hoher See
zusammen operieren soll, mit einer zuverlässigen und sehr
leistungsfähigen Maschine ausgestattet sein muß.
Unser nächster großer Schritt war die Unterzeichnung
eines Kontrakts mit der Duquesne Light Company, die zu den
Bewerbern um den Bau und Betrieb eines Kraftwerks mit einer
Kapazität von 60 000 KW gehörte. Dieses Kraftwerk soll in der
Nähe von Pittsburgh errichtet werden; in die Kosten werden
sich die Gesellschaft und die Atomenergie-Kommission in einer
für die Regierung äußerst günstigen Weise teilen.
Die Atomenergiekommission beginnt jetzt ein umfangreiches
FünfJahresprogramm zur Erzeugung von elektrischer Energie aus
dem Atom, dessen Kosten sich auf annähernd 200 Millionen Dollar
belaufen. Im Rahmen dieses Programms werden fünf verschiedene
Versuchs-Atomkraftwerke gebaut werden, jedes nach anderen technischen Prinzipien. Da diese Kraftwerke klein sein werden und
lediglich Versuchsstationen darstellen sollen, wird keines
elektrischen Strom auf kommerzieller Basis erzeugen. Selbst
die eifrigsten Verfechter einer Energieversorgung mit Hilfe
der Atomkraft glauben nicht, daß diese schon in unmittelbarer
Zukunft an die Stelle der bisher üblichen Kraftquellen treten
werde. Einige Ingenieure aus der Wirtschaft meinen, voraussagen zu können, daß bis zum Jahre 1960 - in sechs Jahren vielleicht 10 Prozent der neuen Kraftwerke, die heute erst
auf dem Zeichenbrett existieren, an Stelle der mit Kohle, öl
oder Gas geheizten Dampfkessel Spezialkernreaktoren verwenden
werden. Die gleichen Fachleute erklären, bis zum Jahre 1980
würde etwa die Hälfte der neuen Kraftwerke spaltbares Material
als Brennstoff benutzen» Ich persönlich glaube aber, daß diese
Prophezeiungen allzu vorsichtig gehalten sind.
Stärkung

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�-"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

Stärkung dea freien Wettbewerbs in der Privatwirtschaft
Ein weiteres Ziel unserer Politik zur praktischen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die 'Entwicklung, Verwendung und
Zontrolle der Atomenergie, um den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu stärken'.
Dies ist eine völlig überparteiliche Feststellung, die erstmals im Jahre 1946 durch einen demokratischen Kongreß zum Gesetz
erhoben und in diesem Jahr von einem republikanischen Kongreß gebilligt wurde.
Natürlich ist bereits die Page erhoben worden, wer die Atomwerke besitzen und betreiben soll, die innerhalb der nächsten
zwei oder drei Jahrzehnte in immer größerer Zahl errichtet werden.
Gegenwärtig befindet sich die ganze mit der Gewinnung der Atomenergie zusammenhängende Industrie im Besitze des Staates. Dieses
Abgehen von dem in unserem lande für Industrieunternehmen üblichen
Status geschah nicht aus der Absicht heraus, unsere Institutionen
irgendwie zu ändern. Es wurde für notwendig erachtet, um damals,
im Jahre 1946, dem einmaligen und neuartigen Charakter der Atomenergie gerecht werden zu können. Ein weiterer Grund war, daß
ihre Produkte damals fast ausschließlich in unsere Rüstungsarsenale wanderten. Das Atomenergiegesetz vom Jahre 1946 sah ausdrücklich vor, daß das Gesetz durch Zusätze abgeändert werden
solle, sobald ausreichende Erfahrungen auf diesem Gebiete vorliegen. In dieser Zeit überwiegend friedlicher Anwendung der
Atomenergie diese Industrie völlig in staatlicher Regie zu belassen - was überdies einen grundlegenden Wandel im gegenseitigen
Grundverhältnis von Regierung und Staatsbürger mit sich bringen
würde -, könnte eine Änderung unserer Gesellschaftsstruktur bedeuten, radikaler als jede andere, die sich eventuell aus der
Existenz jener technischen Novität, der Atomkraft, ergeben könnte.
In Übereinstimmung mit der von uns offiziell verfolgten
Politik, 'den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu
stärken', meine ich, daß die Kernenergie, sobald sie sich wirtschaftlich nutzen läßt, in die Energiewirtschaft unseres Volkes
eingeschaltet werden sollte. Auch sollten Erzeugung und Verteilung über die vorhandenen privaten und öffentlichen Kraftwerke
erfolgen, nicht über die Atomenergiekommission,
Die mit der Ausnutzung der Kernenergie verbundenen Möglichkeiten werfen auch Probleme.der Kontrolle auf, die eine ungewöhn
lieh weitgehende Einschaltung des Bundes verlangen. Dennoch bin
ich überzeugt, daß es gelingen wird, die unumgägglichen Beschränkungen und Sicherungen, die die Gesellschaft bei der Nutzbarmachung der Atomenergie fordern muß, mit der Freiheit zur Initiative seitens der Privatindustrie in Einklang zu bringen. Meiner
Auffassung nach können die besonderen Probleme der Atomenergie
ohne Risiko für die nationale oder persönliche Sicherheit, ohne
unbillige Bevorzugung irgendeiner Gruppe und in Übereinstimmung
mit den normalen Beziehungen zwischen Staat und Bürgerschaft gelöst werden.
loh

�"AFRIKA DIENST1

11. August 1954

Ich glaube, daß es durch gemeinsame Verhandlungen zwischen
der Atomenergiekommission und Privatfirmen möglich sein wird,
die Erteilung von Lizenzen in völlig fairer "Weise zu regeln und
Verträge abzuschließen, durch die die enorme Kostenlast für die
künftige Forschung, Entwicklung und den Bau neuer Anlagen zum
Teil von den Schultern des Steuerzahlers genommen wird. Ich
kann Ihnen versichern, daß die Atomenergiekommission,, so wie
sie heute besteht, und ihre Mitarbeiter in den Büros, Laboratorien und Werksanlagen in den ganzen Vereinigten Staaten bei
allen Verhandlungen und Vereinbarungen mit der Privatindustrie
das öffentliche Interesse in vollem Umfange wahren werden,
La ist ferner der gemeinsame Atomenergieausschuß des Kongresses
- er setzt sich aus Männern zusammen, die in unserer Arbeit wohlbewandert sind und laut Gesetz darüber laufend und uneingeschränkt informiert werden müssen. Sie sind jetzt - und zweifellos auch in Zukunft - wachsame Hüter des öffentlichen Interesses. Eigentlich erübrigt es sich, Ihnen zu sagen, daß
zu den Mitgliedern dieses Ausschusses auch Captain James E.
Van Zandt gehört, der dreimal Vorsitzender Ihrer Organisation
gewesen ist und heute als Abgeordneter von Pennsylvanien in
hohem Ansehen steht.
In meinen Bemerkungen zum Thema Atomenergie habe ich mich
auf die Aussichten zu ihrer weiteren Entwicklung in unserem
eigenen Lande beschränkt. In vielen anderen Ländern besteht
jedoch ein weit dringenderer Bedarf an zusätzlichen Energiequellen als in den USA.
Der immer größer werdende Energiehunger und der steigende
Brennstoffbedarf im Transportwesen und in der Industrie stellen
immer höhere Ansprüche an die Energiequellen vieler Staaten.
Zu den Nationen, die noch nicht einmal die Hälfte ihres Verbrauchs an Kohle und Öl aus eigenen Quellen decken können, gehören Italien, Portugal, Griechenland, Norwegen, Schweden,
Dänemark, Finnland, Argentinien, Algerien, FranzösischMarokko, Ceylon und Pakistan. Angesichts der potentiellen Bedeutung der Kernenergie als zusätzliche Quelle für die Energieversorgung der ganzen Welt kann der Fortschritt, der hinsichtlich der entsprechenden Entwicklungsarbeiten in den
Vereinigten Staaten erzielt worden ist, sowohl für andere
Nationen als auch für Amerika selbst sehr wichtig sein.
Förderung des Weltfriedens
Es war der Glaube, an die Realisierbarkeit eines Abrüstungsprogramms für Atomwaffen und an deren schließliche Abschaffung,
der Präsident Eisenhower im Dezember vergangenen Jahres veranlaßte, der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung
einer internationalen Atombank vorzuschlagen, bei der diejenigen
Nationen, die normales Uran und spaltbares Material herzustellen in der Lage sind - einschließlich der Sowjetunion -,
dieses deponieren sollen. Aufgabe der von ihm vorgeschlagenen
internationalen Atomenergiebehörde wäre es, diese Materialien
so zu verwenden, daß die segensreichen Kräfte des Atoms allen

�"AÄKIKA DIENST"

11. August 1954

allen Menschen dienstbar gemacht werden, und die Kernenergie
auch den in der Energieversorgung bisher benachteiligten Gebieten zugute kommt. Ich möchte an dieser Stelle Präsident
Eisenhower selbst zitieren, dann seine Worte verdienen, immer
und immer wieder ins Gedächtnis zurückgerufen zu werden;
'Die Vereinigten Staaten würden hierbei mehr als eine
bloße Verminderung oder Abschaffung des für militärische
Zwecke verfügbaren Atommaterials herbeizuführen suchen. Es
genügt nicht, daß man diese Wafferaus den Händen der Soldaten nimmt. Sie muß in die Hände derer gelegt werden, die
wissens wie man sie ihres militärischen Charakters entkleidet und sie in den Dienst des Friedens stellt. Die Vereinigten
Staaten wissen, daß die furchtbarste aller zerstörerischen
Kräfte, die Atomenergie, zu einer großen, dem Wohlergehen der
gesamten Menschheit dienenden Gabe werden kann, wenn es gelingt, die erschreckende Tendenz eines Atomwettrüstens ins
Gegenteil zu verkehren. Die Vereinigten Staaten wissen, daß
es kein Zukunftstraum mehr ist, aus der Atomenergie Kräfte
für friedliche Zwecke zu gewinnen. Die erwiesene Möglichkeit
dazu besteht jetzt - hier - heute. Wer könnte bezweifeln,
daß diese Möglichkeit einer universalen, wirksamen und wirtschaftlichen Form der Atomenergienutzung rasch verwirklicht
würde, wenn alle Wissenschaftler und Ingenieure der ganzen
Welt ausreichende Mengen spaltbaren Materials zur Verfügung
hätten, ujä damit ihre Ideen erproben und weiterentwickeln zu
können'.
Der Vorschlag des Präsidenten war einfach und klar. Die
von ihm konzipierte internationale Behörde 'kann der Welt zeigen, daß die Atomenergie dazu verwendet werden kann, den
Lebensstandard der Völker einschließlich dem des amerikanischen Volkes zu heben.
Seit Dezember vorigen Jahres hat unsere Regierung geheime
diplomatische Besprechungen mit anderen Nationen geführt. Die
Haltung der Sowjetunion ist nicht ermutigend; angesichts der
seit 1945 andauernden vergeblichen Bemühungen, mit dieser
Regierung zu einer Einigung zu gelangen, ist die3 nicht überraschend. Dennoch hat Präsident Eisanhower die Hoffnung auf die
schließliche Annahme seines Vorschlages nicht aufgegeben. Erst
gestern hat er auf seiner Pressekonferenz seinen Entschluß
wiederholt, mit oder ohne sowjetische Beteiligung auf eine
Lösung des Problems zu drängen.
Gegen den düsteren Hintergrund, den die derzeitige Weltlage abgibt, möchte ich diese Bemerkungen mit einem persönlichen Glaubensbekenntnis anschließen; Nach meiner festen
Überzeugung kann es nicht die Absicht des Schöpfers sein,
daß sich die Menschheit durch die Jahrtausende hindurch bis
zu diesem Zeitpunkt entwickelte, nur um etwas hervorzubringen,
was allein zur Zerstörung allen Lebens auf dieser Erde dienen
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�"AMERIKA DIENST"

11, August 1954

dienen kann. Im Gegenteil, ich habe den festen Glauben, daß
die Freimachung der im Atom enthaltenen Energie durch die
Anstrengungen und den Genius des Menschen nach dem Plan der
Vorsehung dazu verwendet werden soll, den Frieden auf Erden
und die Freundschaft unter den Menschen zu fördern. Wäre ich
nicht immer fest davon überzeugt gewesen, daß die friedliche
Anwendung der Atomenergie schließlich an Stelle ihrer Verwendung zu Zwecken der Zerstörung treten werde, dann hätte
ich es abgelehnt, einen Beitrag zu diesem großartigen Werk
zu leisten. Ich scheide von Ihnen in der Hoffnung, daß Sie
diesen Glauben an die Entfaltung unseres Schicksals teilen".
*

#

#

*

•

�DWIGHT D.EISENHOWER: DER GLAUBE IST DIE STÄRKSTE KRAFT, ER
ZWINGT DIE MENSCHEN ZUR GRÖSSE

EVANSTON,ILLINOIS — (Amerika Dienst) — Im folgenden
bringen wir Auszüge aus der Rede Präsident Eisenhowers,
die er am 19. August vor der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Evanston gehalten hat:

"Es gibt mancherlei Gründe, weshalb ich es als eine große
Ehre empfinde, vor dieser zweiten Vollversammlung des Weltkirchenrates kurz zu sprechen.
Zum ersten sind Sie eine Vereinigung internationaler
Kirchenführer. Wenn man auch gelegentlich der Ansicht ist,
wir hier in den Vereinigten Staaten würden nur zu gerne materiellen Dingen anhängen, so sind wir doch stolz, Gastgeber
einer Versammlung zu sein, die ihr Wirken so hohen Zielen geweiht hat. Ebenso freuen wir uns darüber, daß Ihre Konferenz,
auf der 48 Nationen und 161 kirchliche Vereinigungen vertreten sind, wahrlich die Welt mitten ins Herz des nordamerikanischen Kontinents bringt. Wie glühend auch die Bürger unseres Staates ihr Land lieben mögen, so sind wir uns doch
alle darüber im klaren, daß unsere gegenwärtigen Probleme
und Hoffnungen die Probleme und Hoffnungen der ganzen Welt
sind. Immer mehr lernen wir verstehen, welche prophetische
Weisheit aus den Worten John Wesleys spricht, wenn er sagt:
"Die Welt ist meine Gemeinde".
Zum zweiten nennen Sie sich selbst einen Rat. Dies läßt
darauf schließen, daß Sie die Forderung: "Kommt, laßt uns
miteinander beraten" akzeptieren. Beratungen wie die Ihren,
die sowohl akute Probleme als auch Ziele auf weite Sicht behandeln, vermögen uns Tiefe des Denkens und Abstand zu den
Dingen zu geben. Internationale politische Konferenzen haben
gewöhnlich Krisen zum Gegenstand, und die Ergebnisse sind
häufig wenig mehr als eine Reihe von Improvisationen. Es ist
sogar so, daß die Verantwortlichen häufig erst Gelegenheit
haben, sich mit einer Sache zu befassen, wenn diese zu einer
Krise geworden ist. Woodrow Wilson beklagte sich darüber mit
den Worten: "Wenn etwas zu mir gelangt, dann ist es schon zu

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�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

zu einem Problem geworden." Uns auf den verantwortlichen Regierungsposten geht es heute oft ebenso; in vieler Hinsicht beneiden wir Sie um die Möglichkeit, zur Aussprache und Planung für
die nächsten Jahre einen konstruktiven Ausgangspunkt zu haben.
Drittens sind Sie ein Konzil der Kirchen. Sie sind die Vertreter einer großen Zahl von Gläubigen - von Männern und Frauen,
die vom Wert des Glaubens und von seiner Macht überzeugt sind.
Sie sind Hüter des Glaubens und Vertrauens in einer Zeit der Unsicherheit und Verwirrung. Viele unter Ihnen haben, um mit den
Quäkern zu sprechen, ein wirkliches Anliegen. Ihr Wirken ist auf
ein bestimmtes Ziel gerichtet. Sie haben sich einer Aufgabe verschrieben, die persönliche Verantwortung zum Wohl der Allgemeinheit fordert.
Deshalb sind wir von aufrichtiger Freude erfüllt, daß die
Vereinigten Staaten zum Ort Ihrer Zusammenkunft ausersehen wurden. Und wir glauben auch, daß Sie damit eine gute Wahl getroffen haben. Wo immer Sie sich in unserem Lande hinwenden, werden
Sie Menschen und Institutionen finden, die, geprägt vom Zusammenwirken religiöser Kräfte, im Dienst an anderen ihre Aufgabe erblicken. Überdies sind wir ein großes Volk von Menschen verschiedenster nationaler Herkunft. Praktisch alle Volksstämme sind
irgendwie in unserem Staatsapparat vertreten. Angesichts dieser
Verschiedenartigkeit, wie sie sich dem Außenstehenden offenbart, dürfte unser Staat theoretisch eigentlich gar nicht lebensfähig sein. Dennoch hat er Bestand - und noch dazu in bemerkenswerter Harmonie. So haben wir der Mannigfaltigkeit dieser Versammlung die Mannigfaltigkeit unseres eigenen Volkes entgegenzusetzen und begegnen ihr deshalb mit der Gewißheit, daß wir Verständnis auch für Ihre Hoffnungen und Wünsche aufbringen werden.
So wie Sie Ihre Ziele aufgezeigt haben, so haben auch wir
als Volk unsere Ideale verkündet. Wir haben es für richtig erachtet, diese Ideale öffentlich darzulegen, damit die ganze Welt
sie zur Kenntnis nehmen kann. Am Anfang unserer nationalen Geschichte, vor nunmehr über 175 Jahren, ließen wir die Welt wissen, was wir aus diesem Land zu machen gedenken. Wir proklamierten damals die Grundsätze, auf die es gegründet wurde und die
wir stetig verfolgen. Es ist wahr, wir haben die gesteckten Ziele nicht restlos erreicht. Die Ideale aber, die wir auf unsere
Fahnen geschrieben und der Welt verkündet haben, haben noch immer Gültigkeit und sind uns ständige Verpflichtung. Somit werden
wir Ihren Bemühungen, ein immer höheres Ideal als Ziel des Menschen in seiner weiteren Entwicklung aufzurichten, tiefstes Verständnis entgegenbringen.
Noch aus einem anderen Grund werden wir Ihr Wirken hier mit
größtem Interesse verfolgen. Wir sind ein im Innersten religiöses
Volk. Nicht nur aus Tradition sind wir der Religion verbunden;
wir sind heute mehr denn je geneigt, die Religion als eine wirksame Kraft in allen Lebensbereichen anzusehen. Entgegen vielfach
geäußerter anderer Auffassungen ist der Anteil der einer Religionsgemeinschaft angehörenden Bevölkerung Amerikas ständig im Wachsen.
Er

�AMERIKA DIENST"

25. August

1954

Er hat sich in den letzten 100 Jahren verdreifacht.
Kürzlich gab eine große Bibelgemeinschaft bekannt, daß
sie seit 1948 die Auflagen der Heiligen Schrift in den Vereinigten Staaten verdoppeln konnte. Im vergangenen Jahr wurden in
den Vereinigten Staaten nahezu 10 Millionen Bibeln in 81 verschiedenen Sprachen verkauft.
Nun sind diese beiden Tatsachen allein natürlich noch kein
Beweis für die Frömmigkeit der Menschen oder für das Herannahen
des Reiches Christi. Sie sind aber ein Zeichen, ein Hinweis, daß
unser religiöses Interesse ernst und echt und nicht nur theoretischer Natur ist.
Viele Glaubensgemeinschaften, großgund kleine, sind im
Kongreß der Vereinigten Staaten vertreten. Es wird Sie interessieren, zu erfahren, daß viele Kongreßmitglieder außerhalb der
Parlamentssitzungen regelmäßig zusammentreffen, um in ernstem,
andachtsvollem Gespräch nach Wögen zu suchen, religiöse Grundsätze in unserer praktischen Regierungsarbeit verwirklichen zu
können. Mir scheint, Sie können sich daher hier wohlfühlen,
und wissen, daß Sie unter Menschen sind, die mit Ihren Zielen
voll übereinstimmen.
La wir uns über die Bedeutung der Religion klar sind, erwarten wir von Ihrer Konferenz hier sehr viel. 7/ir hoffen, daß
Sie uns neue Anregungen geben werden. Daß Sie uns immer wieder
an jenes Höhere gemahnen, ohne das der Mensch zugrunde geht.
Wir wollen Ihre Kritik im Lichte gesunder religiöser Ideale.
Entfacht in uns aufs neue das Streben nach sittlicher Größe
und zeigt uns, wo wir fehlen. Wir werden Euren Worten lauschen,
wenn Ihr zu uns sprecht, wie dies einst in alten Zeiten die
Propheten taten.
Und noch etwas erwarten wir von Ihnen: eine Manifestation
der christlichen Ethik, um uns immer aufs neue zu zeigen, wie
diese auf alle nur erdenklichen Probleme des menschlichen Lebens anzuwenden ist. Ich meine damit die Mobilisierung der
Kräfte des Glaubens.
Wir, das amerikanische Volk, haben uns stets bemüht, soweit
dies in unseren Kräften stand, in diesem Geiste Programme regionalen, ja sogar weltweiten Maßstabes durchzuführen: Hilfe für
die vom Krieg verwüsteten Gebiete, Care, Marshall-Plan, technische Unterstützung und darüber hinaus die mannigfachen Hilfsaktionen der kirchlichen Vereinigungen.
Zweifellos verkörperten diese Programme sowohl unser vernünftiges Eigeninteresse als auch humanitäre Ziele. Wir wissen,
daß keine Nation auf sich allein gestellt bestehen kann. Um
die uns so teuren persönlichen Freiheiten zu bewahren, müssen
wir nicht nur uns selbst als Nation schützen, wir müssen darüber
hinaus die Gewißheit schaffen, daß auch andere, die die Freiheit
ebenso lieben, weiter bestehen und gedeihen können. Wir wollten
eine Welt, in der wir in Frieden und Zuversicht leben können.
Und

�"AMERIKA DIENST"

25. August 1954

Und im Streben nach diesem Ziel haben wir erfahren, daß wir oft
dann am weitesten vorangekommen sind, wenn wir anderen Völkern
Beistand leisteten.
Aber all diesen praktischen Erwägungen lag stets der Glaube
an die Würde des Menschen und die ihm von seinem Schöpfer verliehenen Rechte zugrunde.
Und noch etwas hoffen wir aus unserem Beisammensein hier
zu lernen. Was ich meine, wird Ihnen aus dem folgenden Zitat
der Worte eines früheren College-Präsidenten klar werden - und
ich verstehe sehr wohl, warum er so sprach. "Für mich", so
sagte er, "gibt es zwei Arten von Problemen. Dringende und wichtige. Die dringenden sind nicht wichtig, und die wichtigen sind
niemals dringend". Hier, so scheint mir, haben wir das Dilemma,
des modernen Menschen. Ihr Hiersein vermag uns das Wichtige vor
Augen zu führen - und vielleicht sogar dem Wichtigen ein wenig
Dringlichkeit zu verleihen. Und Sie können uns in dem Glauben
bestärken, daß Menschen guten Willens, wenn sie zusammen."arbeiten, alle Schwierigkeiten überwinden können.
Der Glaube ist die stärkste Kraft, er zwingt die Menschen
zur Größe - im Denken, in Worten und in Taten.
Die Taten gläubiger Männer und Frauen zu allen Zeiten werden auch uns stets Ansporn sein. Denn der Glaube hat wahrlich
Berge versetzt.
Unsere Zeit braucht wieder das Wagnis großer Taten im Glauben. In aller Welt suchen Männer und Frauen angstvoll die Zukunft zu enträtseln, ob sie den Anbruch eines gerechten und
dauernden Friedens bringen wird. Den Frieden zu bringen, kann
nicht allein Sache der Diplomaten und Soldaten sein; die Geschichte ist reich an Beispielen für ihr Versagen, mögen sie
auch mit noch so viel Geschick und Eifer vorgegangen sein.
Dies Versagen aber hat nicht die Hoffnung vernichtet. Die
Menschheit kennt keine andere, so weltweite und unzerstörbare
Sehnsucht wie das Sehnen nach einem gerechten und dauerhaften
Weltfrieden. Und mag uns dieses Ziel im Augenblick auch unerreichbar erscheinen, so glaube ich doch, daß jeder von uns, du
und ich, viel dazu beitragen kann, dieses Ziel zu erreichen.
Darum lassen Sie mich jetzt einiges sagen, nicht als Regierungsoberhaupt, dessen Tage weitgehend den Bemühungen der
Regierung um den Frieden gewidmet sind, sondern als Privatmann,
als einfaches Mitglied einer Ihrer kirchlichen Gemeinden. Doch
kann ich nicht umhin, gleichzeitig als ein Mann zu sprechen, der
aus nächster Nähe erlebt hat, welche nahezu wunderbaren Taten
die Menschen auf dem Schlachtfeld vollbringen, vereint in der
Hingabe an eine gerechte Sache. Tausend Erlebnisse dieser Art
haben mich zu der über jeden Zweifel erhabenen Überzeugung gebracht, daß die gemeinsame, begeisterte Hingabe an eine edle
Sache unsere Kräfte wachsen läßt und uns in die Lage versetzt,
praktisch jedes Ziel im Bereich des Möglichen zu erreichen.
Heute

�"AMERIKA DIENST"

25- August

1954

Heute - jetzt - bedarf die Sache eines gerechten und dauerhaften
Friedens wie nie zuvor der erhebenden und gestaltenden Kraft,
die in Männern und Frauen in aller Welt lebendig ist, wenn sie
sich von ihren höchsten Idealen und ihren besten Motiven leiten
lassen.
Die Sache des Friedens bedarf der Hilfe Gottes.
Auf welche Weise können wir dazu beitragen, daß dieser
Funke der Bereitschaft in den Herzen der Menschen in allen Ländern der Erde zündet?
Ich glaube, daß Sie, die geistigen Führer einer weltweiten
Organisation, gemeinsam mit Ihren Brüdern aus anderen Konfessionen den Weg weisen können. Das Ziel sollte nichts geringeres
sein, als alle Menschen in jedem Land der Welt, die an die Macht
des Gebetes zu einem Höheren glauben, aufzurufen, sich gleichzeitig an einem gewaltigen und eindringlichen Glaubensakt zu beteiligen. Dieser von Hunderten von Millionen vollzogene Glaubensakt
könnte etwa das persönliche Gebet um die Hingabe, die Weisheit
und die Kraft sein, für einen gerechten und dauerhaften Frieden
unermüdlich zu wirken. Wenn diese gewaltige Bewegung, gestützt
durch das Gebet, zu einem ständigen Feldzug für den Frieden führte,
dann wird sie, dessen bin ich sicher, auch wunderbare Ergebnisse
zeitigen. Sie würde dazu beitragen, die Dinge zu ändern, weil sie
die Menschen ändern würde.
Zumindest würde ein solcher Akt jeden von uns daran erinnern,
daß die Verantwortung für Krieg oder Frieden bis zu einem gewissen Grad bei jedem von uns liegt. Jeder einzelne würde durch die
Gewißheit ermutigt und bestärkt werden, mit seinem Nächsten im
Glauben und im Ziel eng verbunden zu sein.
So würden große und ständig wachsende Kräfte wirksam, die
die Menschen im Frieden einigten, wie sie es angesichts der gemeinsamen Gefahr im Kriege tun.
Eine beständige Oberprüfung der wichtigen Faktoren in den
internationalen Problemen, die heute die friedliche Entwicklung
der Welt hemmen, würde in Angriff genommen werden. Überall in
der Welt würde ehrenhaften und selbstlosen Persönlichkeiten Unterstützung zuteil, und diese selbst wiederum würden dadurch ermutigt, in neue Tiefen der Erkenntnis und der Verständigung vorzudringen und nach neuen Wegen zu suchen, um die Menschen miteinander zu versöhnen. Neue Pläne würden ausgearbeitet und durchgeführt werden, um die Verzweiflung, das Leid und die Hoffnungslosigkeit zu überwinden, in denen heute Millionen von Menschen
leben. Und wenn die Verhältnisse, die die Seelen verkümmern
lassen und den Körper schwächen, erst einmal beseitigt sind, dann
werden neue Millionen den Kämpfern im Glauben zugeführt werden des Glaubens nämlich, daß die Kinder Gottes, wenn sie es nur selbst

�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

selbst wollen, in einer Umgebung und unter Bedingungen leben
können, die von Gerechtigkeit, Würde und Frieden bestimmt sind.
Ich hoffe, Sie werden mich nicht für anmaßend halten, wenn
ich zu Ihnen von meinem persönlichen Vertrauen auf Ihre Möglichkeiten und Ihre Fähigkeiten als Führende im Dienste des Allmächtigen spreche. Sollte es aber doch der Fall sein, dann möchte
ich zu meiner Entschuldigung auf die weltweite Überzeugung hinweisen, daß die Zeit gekommen ist, wo der Menschheit keine anderen Möglichkeiten mehr offenstehen, um zu einem gerechten und
dauerhaften Frieden zu gelangen. Entweder wir leben auch weiterhin in Unwissenheit, Selbstsucht, Habgier, Unglauben, Krieg und ernten Vernichtung. Oder aber unser Dasein ist erfüllt von
Mut, Kraft, Verständnis füreinander, Glaube und Frieden. Möge
ein jeder von uns aus seinem eigenen Glauben heraus die Kraft
finden, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen."
*

*

*

*

*

�A

M E R I K A

D I E N S T

STASSEN: REVIDIERUNG DER "BATTLE ACT"-LISTE

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Leiter
des US-Amte s für Auslandshilfe, Harold E.
Stassen, ga b am 25. August in Washington bekarmt, daß die amerikanische Embargoliste für
Ostexporte( "Eattle Act"-Liste) revidiert wurde,
In Anbetrac ht der großen handelspolitischen Bedeutung die ser Maßnahme bringen wir die Erklärung Stasse ns sowie die Veränderungen in der
Embargolist e nachstehend im Wortlaut:
"Ich bin überzeugt, daß diese Revision, die in Übereinstimmung mit dem Außen-, Finanz-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium erfolgte und vom Präsidenten genehmigt
wurde, einen Nettogewinn für die freie Welt in Form eines
erweiterten Handels mit Gütern des friedlichen Bedarfs und
einer wirkungsvolleren Kontrolle des Handels mit militärischen
Gütern erbringen wird. Dieser Schritt liegt im ureigendsten
Interesse der USA."
Der Battle Act oder das gemeinsame Verteidigungskontrollgesetz des Jahres 1951 enthält die Bestimmung, daß die EmbargoListe "laufend den gegebenen Bedingungen auf der Grundlage
von Überprüfungen und Beratunge'n angepaßt wird". Die neue
Embargo-Liste tritt am 25. August in Kraft. Durch die revidierte Liste werden die Kontrollen im Hinblick auf Lieferungen
an Rotchina nicht geändert. Militärische Güter oder Atomerzeugnisse sind von der Liste nicht gestrichen worden. Dasselbe
gilt für Maschinen und Güter, die der Herstellung von Kriegsmaterial dienen. Auf Grund der fortschreitenden technischen
Entwicklung wurden verschiedene Güter neu in die Liste aufgenommen.Das Ergebnis der Revisionen ist eine Verminderung der
unter Embargo stehenden Güter von 297 auf 217 Positionen.
Ein Großteil dieser 217 auf der Embargo-Liste verbleibenden
Gütersorten ist neu definiert worden, wodurch gewisse, nicht
so wichtige Größen und Typen dieser Güter abgetrennt wurden,
so daß das Embargo nur die wichtigeren Abmessungen und Typen
betrifft. In einer Anzahl von Fällen wurde die Reichweite der
Kategorie ausgedehnt.
Stassen erklärte in diesem Zusammenhang:
"Die amerikanische Regierung kam vor über einem Jahr zu
dem Schluß, daß das System der Sicherheits-Handelskontrollen
1

der

�"AI/ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBSIT

25. August

1954

der freien Welt im Hinblick auf die veränderten internationalen
Bedingungen völlig überprüft werden müsse, und daß eine gründliche und mühsame Neubewertung der Warengruppen auf interministerieller Grundlage und innerhalb der 15 sich hieran beteiligenden Länder notwendig sei."
Die "Battle Act Embargo"-Liste wird bisweilen auch als die
"Titel I"-Liste bezeichnet. Viele der Materialien, die nicht
länger gesperrt sind, werden zur Zeit auf eine andere Battle
Act-Liste, die "Titel II"-Liste gesetzt. Diese enthält Güter von
geringerer Bedeutung.
Am 16. A U g U s t trat eine neue internationale Embargoliste in
Kraft, die in viermonatigen Verhandlungen zwischen den Regierungen
ausgehandelt worden war. Als ein aktives Mitglied der Gruppe ist
die amerikanische Regierung der Ansicht, daß den Sicherheitsinteressen der USA und der freien Welt durch die getroffenen Vereinbarungen genügend Rechnung getragen worden ist, die den kooperativen Charakter des Kontrollprogramms beibehalten haben und die
nicht nur Veränderungen in der Liste sondern auch Maßnahmen für
eine strengere Einhaltung der Embargo-Vorschriften vorsehen« Daher wird sich die neue "Battle Act "Embargo-Liste eng an die neue
internationale' Embargoliste anschließen, wenn sie auch nicht in
allen Punkten mit ihr völlig übereinstimmen wird.
In diesem Zusammenhang gab Stassen folgende Erklärung ab:
"Unsere Revision der"Battle Act"Embargo"-Liste stellt ein
notwendiges Teilstück unserer Bemühungen dar, die der Sicherheit
der freien Welt dienenden Handelsbeschränkungen auf eine dauerhaftere
und wirkungsvollere Grundlage zu stellen. Wie ich bereits früher erklärte, ist nach monatelangen Verhandlungen in
Paris bei den beteiligten Ländern völlige Einmütigkeit erzielt
worden, ihre allgemein akzeptierten Warenkontrollisten zu beschränken und die Einhaltung der Kontrollvorschriften der noch
nicht freigegebenen wichtigen Güter zu verschärfen.
Die Veränderungen der "Battle Act"-Liste sind einseitige
Beschlüsse der amerikanischen Regierung. Sie sind nach sorgfältigsten Beratungen der hierfür zuständigen Dienststellen, darunter dem Außen-, dem Verteidigungs- und Handelsministerium, getroffen worden. Wegen des multilateralen Charakters des Kontrollprogramms haben wir auch mit unseren Alliierten einen Meinungsaustausch geführt, wobei wir alle im Zusammenhang mit der internationalen Lage stehenden dazugehörigen Fragen in Rechnung
stellten»" Diese Punkte werden im Kapitel 5 des vierten Halbiahresberichts der "Battle Act" erörtert, der im Mai unter der
Überschrift "Ost-West Handel" veröffentlicht worden ist. Zu ihnen gehören:
die starke Notwendigkeit, die Einigkeit und Zusammenarbeit
zwischen den Völkern der freien Welt angesichts der sowjetischen
Bemühungen diese zu spalten, zu erhalten;
die Wahrscheinlichkeit einer langen Periode der Spannungen
hart an der Grenze eines allgemeinen Krieges;
,.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25- August 1954

die Notwendigkeit, das Kontrollsystem mit Unterstützung
der westlichen Handelspartner auf eine langfristige Basis zu
stellen;
das Bedürfnis, jeden Pfad offen zu halten, der möglicherweise dahinführen könnte, die Welt allmählich auf eine gesündere Friedensbasis zu stellen;
die gewaltige Erhöhung der westlichen Stärke und industriellen Produktion schafft ein wachsendes Bedürfnis für neue Märkte;
die verminderte amerikanische Hilfe an die Nationen der
freien Welt;
die wirtschaftlichen Vorteile, die unsere Verbündeten aus
ihrem Handel mit nichtstrategischen Gütern mit dem Sowjetblock
erhalten;
die Tatsache, daß inzwischen einige Güter eine größere
oder geringere Bedeutung erlangt haben und daher von der Liste
genommen werden sollten;
die Tatsache, daß eine kürzere und einfachere Kontrolliste
leichter durchzuführen und in Kraft zu setzen ist.
Die "Battle Act"-Listen haben einen anderen Zweck als die
vom US-Handelsministerium aufgestellten Listen, die lediglich
die Aufgabe haben, die Exporte aus den USA zu kontrollieren. Das
US-Handelsministerium beabsichtigt, in Kürze eine Verlautbarung
über die amerikanischen Exportkontrollen herauszugeben.
Hinsichtlich der kürzlich getroffenen Übereinkünfte über
die Revidierung des internationalen Kontrollsystems wurden von
Harold E. Stassen auf einer Pressekonferenz am 22. Juli und von
Peter Thorneycroft, dem Präsidenten des britischen Board of Trade,
im Unterhaus am 26. Juli bekanntgegeben.
Sie betonten dabei, daß eine Übereinkunft über straffere
Kontrollmaßnahmen zusammen mit der neuen Liste erzielt worden
sei. Diejenigen Länder, die den Transit von Gütern gestatten,
werden in Zukunft besondere Schritte unternehmen, damit verhindert wird, daß Embargogüter in die Sowjetunion gelangen. Andere
Länder wiederum werden Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, daß
ihre Bürger in Transaktionen verwickelt werden, die den Export
von Embargogütern in den Ostblock zum Ziele haben, ganz gleich,
aus welchem Land diese Waren stammen.
Die allgemein als "internationale Embargoliste" bekannte
Verbotsliste, die sich hauptsächlich auf industrielle Güter bezieht, wurde von 260 auf 170 Güter gekürzt. Allerdings sind
hierin nicht die Materialien der Atomenergie und einige andere
Posten mit eingeschlossen, die nicht ausschließlich oder überwiegend Kriegs- und Atomenergiematerial umfassen, die aber ohne
weiteres für Kriegszwecke verwendet werden können oder eine Bedeutung für die Anwendung atomarer Energie haben. All diese sind
in der Länderliste gesondert aufgeführt und werden von allen unseren Verbündeten als wichtige Embargogüter behandelt. Jedoch
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

Jedoch schließt die jetzt von 297 auf 217 Posten reduzierte
"Battle Act"-Embargoliste nicht solche Materialien ein, die in
einer besonderen Kategorie, nämlich der "Kategorie A" zusammengefaßt sind. Alle anderen Posten rangieren in der Liste der
"Kategorie B".
Wenn ein Land das amerikanische wirtschaftliche, militärische oder finanzielle Hilfe erhält, Exporte von Gütern der
"Kategorie A" zuläßt, so müßte diese Hilfe eingestellt werden»
Wenn Waren der"Kategorie B" exportiert werden, so steht es im
Ermessen des Präsidenten, die Hilfeleistung fortzusetzen, falls
durch die Einstellung die Sicherheit der USA gefährdet werden
würde.
Die internationale Quantitätsliste wird von etwa 90 auf
20 Posten reduziert, und weitere 60 Güter werden auf eine sogenannte Beobachtungsliste gesetzt werden, so daß die einzelnen
Länder eine genaue Exportkontrolle haben. Diese Gegenstände
werden in der "Battle Aet"-Embargoliste in Rubrik "II" aufgeführt.
Obgleich die "Battle Act"-Embargoliste auf Exporte in alle
Teile des Ostblocks Anwendung findet, beziehen sich die neuen
Veränderungen nur auf den Handel mit der Sowjetunion und deren
europäische Satellitenj und zwar deshalb, weil das internationale
Embargo für den ^andel mit strategischen Gütern nach Rotchina
auf Grund der Resolution der Vereinten Nationen vom 18. Mai 1951
weitreichender als die "Battle Act"-Liste ist und bisher auch
noch nicht von den beteiligten Nationen eine Erleichterung dieser Embargobestimmungen beschlossen wurde.
I. Ergänzende Erklärungen zu den
Listenänderungen zum Battle Act
Las Battle Act Embargo - oder die Liste unter Titel I zerfällt in zwei Teile:
Kategorie A, umfaßt 23 Posten, und zwar 12 Posten - oder
richtiger 12 verschiedene Warenklassen - Waffen, Munition, Kriegsmaterial, und 11 Posten ausschließlich oder vorwiegend atomarer
Natur. In Kategorie A werden nur verhältnismäßig kleine Änderungen
vorgenommen. Die Neufassung der Kategorie A ist in Anhang Nr. 2
zu finden.
Kategorie B der Embargoliste enthält Artikel von höchster
strategischer Bedeutung, wenn auch nicht ausschließlich} in einigen
Fällen sogar vorwiegend für militärische Zwecke oder zur Nutzbarmachung der Atomenergie. Wie bereits erwähnt, wurde die Liste der
Kategorie B stark gekürzt.
Die Liste unter Titel Nr. II enthält Waren von geringerer
Bedeutung, bei denen nach Ansicht der USA eine mengenmäßige Kontrolle oder sorgfältige Überwachung genügt, die jedoch ein Embargo
nicht erfordern. Auf Grund der gründlichen Überprüfung der internationalen Listen durch die 15 Länder in Paris kamen den Vereinigten Staaten bei der Überprüfung der Battle Act-Listen sämtliche
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25» August 1954

sämtliche Unterlagen technischer, handelstechnischer und anderer
Natur zugute, die die Vereinigten Staaten und die anderen Teilnehmerländer sich beschaffen konnten» Bei dieser Revision der
Battle Act-Listen wurden nicht nur die von unseren Verbündeten
ermittelten Informationen sondern auch ihre Ansicht bezüglich
der Bedeutung der Kontrolle bestimmter Güter berücksichtigt*
Die auf der Liste unter Titel I, Kategorie B oder unter
Titel II aufgeführten Artikel sind im allgemeinen solche, die
in erster Linie für die Waffenproduktion oder die Erzeugung
von Atomenergie bestimmt oder gebraucht werden, oder stellen
hochentwickelte technische Erzeugnisse dar, die dem Sowjetblock
nicht geliefert werden sollen, oder die für die Rüstungsproduktion des Sowjetblocks von wesentlicher Bedeutung, dort aber
äußerst knapp sind.
Die allgemeine Regel ist, daß Güter, die als äußerst wichtig für militärische Zwecke angesehen werden oder die hochentwickelte technische Erzeugnisse der Rüstungsindustrie darstellen,
auf die Embargo-Liste gesetzt werden. Andere Güter, die wegen
ihrer potentiellen Auswertung für militärische Zwecke als wichtig
betrachtet werden, werden auf die Embargo-Liste oder die Liste
unter '^itel II gesetzt, je nachdem ob eine schärfere oder geringere Kontrolle erforderlich ist.
Das Verfahren zur Feststellung, welche Güter auf die Battle
Act-Liste0gesetzt werden sollen, ist sehr kompliziert und erfordert die Zusammenstellung, Sortierung und Auswertung aller
einschlägigen Informationen auf dem Gebiet der Technik,
Abwehr, Wirtschaft u.a. Diese Registrierung ist ein ununterbrochener Prozeß, bei dem ständig neue Informationen und neue
Bewertungen sowohl in den USA als auch im Ausland in Betracht
zu ziehen sind. Die Battle Act-Listen werden natürlich, wie
das Gesetz dies vorschreibt, dauernd überprüft.
Die Registrierung der Güter, die unter das Battle Act
Embargo fallen, ist in vielen Fällen an sich schon eine recht
komplizierte Angelegenheit. Die Definition der Güter erfordert
genaueste Angaben über Größe, Typ und Zweck, die den Laien verwirren würden, dem Fachmann jedoch ein strategisches Urteil darüber darstellen, welche Güter unter das Embargo fallen und welche einer geringeren Kontrolle bedürfen oder gar freigegeben
werden können.
Bei der Registrierung der nach dem Battle Act unter das
Embargo fallenden Güter verursacht die Bestimmung der Spezialanfertigungen für militärische Zwecke die geringsten Schwierigkeiten.
Hinsichtlich der Güter, die hochwertige technische Erzeugnisse darstellen, ist eine Beurteilung dahingehend erforderlich,
ob der Sowjetblock über die zu ihrer Herstellung nötigen technischen Kenntnisse und Ausrüstungen verfügt und wie weit diese
Güter seine militärische Schlagkraft erhöhen würden.
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25- August 1954

Die größten Schwierigkeiten ergeben sich bei der Beurteilung von Gütern, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken
dienen» Bei diesen Gütern geht es darum, festzustellen, ob ihre
militärische Verwendung innerhalb des Sowjetblocks große Bedeutung besitzt oder ob sie innerhalb des Sowjetblocks eine derartige Mangelware darstellen, daß bei Nichtlieferung in erster
Linie der militärische Sektor der Wirtschaft des Sowjetblocks,
nicht der zivile Sektor, betroffen wirdo
Was hier geschehen ist, geht aus den kurzen Kommentaren über
die verschiedenen Warenkategorien hervor.
Während in der Gruppe "Maschinen für Metallbearbeitung" bestimmte Typen von Rohr- und Drehautomaten unter das Embargo fallen, ist die Überwachung bei kleineren Typen dieser Maschinen
geringer und richtet sich nach dem Stand der technischen Entwicklung und Rüstungsproduktion im Sowjetblock. Bestimmte Typen
von Drehbänken wurden auf der Embargo-Liste belassen, während
andere, die keine hochentwickelte technische Präzisionsarbeit
darstellen und in großen Mengen innerhalb des Sowjetblocks
hergestellt werden, von der Liste gestrichen wurden» Die unter
das Embargo fallenden Werkzeugmaschinen sind die Grundlage für
die Massenproduktion von Plugzeugen, Geschützen und anderen
Waffen sowie für die Herstellung hochspezialisierter Geräte
für wichtige militärische Zwecke von Bedeutung,
In der Gruppe "Pabrikausrüstungen für die Chemische- und
Erdölindustrie" wurde das Embargo für die wichtigsten Materialien
und Bestandteile zur Herstellung von kriegswichtigen Chemikalien
und zur Erzeugung von Atomenergie beibehalten. Gleichzeitig wurden die in der ganzen Welt einschließlich des Sowjetblocks in
großen Mengen hergestellten gewöhnlichen Teile und Ausrüstungen
dieser Gruppe von der Kontrolle freigegeben. Auf Grund der technischen Portschritte wurden obiger Gruppe einige neue Posten
beigefügt, wie z J . Anlagen zur Erzeugung von Titan und gewisse
wichtige aus neuen Kunststoffen hergestellte Materialien»
Die Gruppe "Elektrische Kraftanlagen" in der revidierten
Embargo-Liste enthält starke Elektro-Anlagen, die für das sowjetische Kriegspotential von großer Bedeutung sind, jedoch
sind Güter wie Außenbordmotore, Condensor-Röhren und kleinere
Motoren, Generatoren und Diesel-Maschinen nicht in die Liste
aufgenommen.
In der Kategorie "Allgemeine Industrieausrüstungen" wurden
verschiedene Waren von der Liste abgesetzt. So wurde beispielsweise bei Zugmaschinen nur ein schwerer Typ auf der Embargo-Liste
belassen, da die Staaten des Sowjetblocks selbst über eine hohe
Produktion an Traktoren verfügen und sogar zahlreiche Typen
exportieren. Andererseits wurden bestimmte Ausrüstungen - Walzenstraßen beispielsweise -,die eine wichtige Voraussetzung für
die moderne industrialisierte Wirtschaft und damit auch für die
militärische Schlagkraft darstellen, weiterhin auf der Embargo-

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25. August 1954

Embargoliste belassen»
Auf dem Sektor "Verkehrsanlagen und Transportmittel" fallen
Warengruppen wie Pritschewagen, Tankwagen, Säure-Tankwagen und
Schienen nicht mehr direkt unter das Embargo sondern unterliegen
nur noch einer quantitativen Kontrolle oder Überwachung und werden nunmehr unter Titel II aufgeführt. Wenngleich diese Güter für
die Wirtschaft und die Rüstung eines jeden Landes von Bedeutung
sind, so führte eine Analyse der Versorgungslage der Sowjets zu
dem Schluß, daß im gegenwärtigen Augenblick ein Embargo auf diese
Dinge nicht erforderlich sei. Auf der neuen Embargoliste verblieben sind Turbo-Lokomotiven, während andere Typen unter Titel
II erfaßt sind. Seeschiffe und Tanker, die bereits früher unter
Embargo standen, bleiben auch weiterhin auf der Liste und einige
Typen von Fischerei-Fahrzeugen und Handelsschiffen wurden neu
auf die Liste gesetzt. Die Ausfuhr von Schiffen anderer Typen,
Bauart und Geschwindigkeit ist einer gewissen Kontrolle unterworfen, jedoch nicht verboten.
Die meisten Präzisionsinstrumente und Elektronengeräte,
die bisher schon auf der Verbotsliste standen, wurden im Hinblick
auf ihre strategische Bedeutung und die technische Entwicklung
auf der Liste belassen. Einige dieser Warengattungen wurden um
verschiedene Posten erweitert, andere Posten wie Absorptionsmesser, Mikro-Härteprüfer und Oszillographen wurden von der
Liste gestrichen.
In der Gruppe "Metalle und Mineralien" kam man bei einer
Reihe von Produkten zu dem Schluß, daß der Ostblock über ausreichende Vorräte verfügt, so daß sie von der Verbotsliste abgesetzt werden konnten. Platin wurde beispielsweise vom Embargo
befreit, da die Sowjetunion über die größte Produktion an diesem
Metall verfügt. Andere, von der Liste gestrichene Stoffe sind
Cadmium, Kalzium, Natrium, Stontium, Vanadin, Asbest und Glimmer.
Diejenigen Mineralien und Metalle, die für die Sowjets militärisch
wichtig sind - zum Beispiel Aluminium, Kupfer, Nickel, Molybdaen,
Kobalt, Magnesium, Wolfram und Titan (letzteres ein Material, das
für den Bau von Düsentriebwerken in jüngster Zeit erhöhte Bedeutung gewonnen hat) - bleiben auch weiterhin auf der Embargoliste
der Kategorie B. Andere strategisch wichtige Mineralien, die eine
erhebliche Bedeutung auf dem Atomkraft-Sektor besitzen, verbleiben
auf der Verbotsliste der Kategorie A.
In der Warengruppe "Chemische Produkte" wurden einige Artikel
wie Permanganate, Phosphorsäure, flüssige Gummiinhibitoren und
Petrolkoks nach Prüfung der Produktions- und Verbrauchslage im
Sowjetblock von der Embargoliste abgesetzt. Die auch weiterhin
unter das Verbot fallenden Chemikalien finden weitgehende Verwendung in der Herstellung von Explosiv- und Treibstoffen.
Veredelungsprodukte der Erdölraffination stehen nach wie vor
unter Embargo, während andere Erdölprodukte wie Rohöl und Dieselöl einer nicht ganz so strengen, aber doch noch immer sehr sorg-

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sorgfältigen Kontrolle unterliegen. Der Sowjetblock gehört selbst
zu den wichtigsten Erdölfördergebieten und hat der westlichen
Welt wiederholt Verkaufsangebote unterbreitet und auch Lieferungen getätigt»
Im Falle der Warengruppe "Gummi und Verschiedenes" wurde
das Ausfuhrverbot bei Reifen unter Berücksichtigung der eventuellen militärischen Verwendbarkeit verschiedener Typen und
Großen revidiert. Die nicht für Militärfahrzeuge brauchbaren
Reifentypen wurden von der Liste gestrichen, da die Reifenprodukt "on des Sowjetblocks bei den meisten Größen ausreicht, um
den Bedarf zu decken. Naturkautschuk bleibt auf der Liste unter
Ti'el II, um eine sorgfältige Kontrolle über die dem Ostblock
verfügbar gemachten Mengen zu behalten.
Nachstehend folgt eine allgemeine Übersicht über die in
der Liste unter der Kategorie B aufgeführten Waren (Die gesamte
Liste wird hier nicht im einzelnen angeführt; die folgende
Zusammenfassung gibt aber ein Bild von ihrem Ausmaß):
Maschinen für Metallbearbeitung
Maschinen und Geräte, die eigens für die Herstellung von
Waffen, Munition und Kriegsgerät konstruiert sind; Lehrenbohrmaschine; Formfräsmaschinen; Lehrenschleifmaschinen; LaeppRadialSchleifmaschinen; Gewindeschieifmaschinen;Holmfräsmaschinen; Plandrehbänke für Panzerplatten; für die Herstellung von
Waffen geeignete Bohrmaschinen.
Größere, verbesserte und für Spezialanfertigung geeignete
Typen der folgenden Maschinen: Karusseldrehbänke; Langlochbohrmaschinen und Bohrer; Zylinder-, Oberflächen- und Kugelschleifmaschinen; Hobelschleifmaschinen; Revolverdrehbänke; automatische,
drückende und kombinierte Zylinderbohr- und Drehbänke sowie
Leitspindeldrehbänkej Gewindefräsmaschinen, kombinierte Fräsund Hobelmaschinen; Schmiedehämmer; Pressen; Draht-, Röhrenund Bandfertigungsanlagen; ferner Maschinen für die Planbearbeitung, zum Metallschneiden und -hobeln, zur Getriebefabrikation, zum Honen und zum Läppen, Formschleifen und -fräsen sowie
Kopiermaschinen.
Fabrikausrüstungen für die chemische und Erdölindustrie
Fabrikausrüstungen für die Herstellung von militärischen
Sprengstoffen; gegenläufige Flüssigkeitszentrifugen; Anlagen
und Maschinen für die Produktion von metallischem Titan.
Die folgenden Anlagen und Stoffe, soweit es sich um große
und wichtige Typen oder Arten handelt: gesamte Ausrüstungen und
Ausrüstungsteile für die Produktion von Stickstofftetroxyd,
Antibiotika, Wasserstoff- und Deuteriumoxyd, flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff; Kompressoren, Pumpen, Spezialventilen
und Röhren verschiedenster Abmessungen; Ausrüstungen für Erdölbohrungen und -raffination, für die Herstellung von Schmiermitteln und die Verarbeitung von Naturgas.

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Elektrische

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Elektrische Anlagen und Maschinen für Kraftwerke
Hochleistungsturbinen und -generatoren zur Stromerzeugung;
SpezialdieseJ-• und elektrische Motoren®
Allgemeine Industrieausrüstungen
Metallwalzwerke; Industriediamanten; und gewisse Typen
schwerer Zug- und Räummaschinen, Bodenverdichter, Diamantwerkzeuge und koaxiale Kabelmaschinen»
Verkehrsanlagen und Transportmittel
Zentralisiert« Verkehrsüberwachungsanlagen; Turbolokomotiven
und Spe?ial-Motorfahrzeuge mit Allradantrieb; verschiedene Schiffstypen einschließlich Schwimmdocks, Tankschiffe, Walfangmutterschiffe, Kriegsschiffe, und bestimmterArten von Eisbrechern,
.-hereifahrzeugen und Passagier- ui..d Frachtschiffen; Kompasse
und Schiffsdampfkessel, die sich für die Verwendung in Kriegsschiffen eignen; Minenräumgeräte und wichtige Kabeltypen»
Elektronengeräte und Präzisionsinstrumente
Flugzeugfunkeinrichtungen; Radargeräte; Ultrakurzwellenfunkgeräte; Störsender; Geräte zur Überwachung von Flugzeugen und
ferngelenkten Geschossen; panoramische Hochfrequenz-Empfängero
Wichtige Telegraphenausrüatung, Verstärker, Kabel, Messinstrumente, Elektronenröhren für Rundfunk- und Fernsehsender,
magnetische Registriergeräte, Rechenmaschinen und photographische
Ausrüstung, Metalle, Mineralien und daraus hergestelle Erzeugnisse, Messing und Bronzeerzeugnisse für die Munitionsherstellung;
Eisen und Stahlschrott; Germanium, Titan, Molybdaen, Columbium,
Kobalt.
Ver -Merie legierte Stähle und Legierungen aus Nichteisenmetallen) w shtige Erzeugnisse aus Aluminium, Kupfer, Nickel,
Magnesium, Taiitalum, Wolfram, magnetische Rohstoffe und Wälzlager«
Chemische- und ErdjTIerzeugnisse
Flüssigkeiten für hydraulische Anlagen; Barium Nitrate;
Dinitrotoluol; Hydrazin, Pikrinsäure; flüssige Silikone.
Spezielle Arten von Spreng- und Zündmischungen, Stabilisierer
für Exploaivstuffe und Glykosen.
Benzin, Kerosin; Schmieröle; Zusätze für Flugbenzin; Tetraätylen.
Gummierzeugnisse
Aus synthetischem Gummi auf Butylbasis hergestellte Reifen
für Militärfahrzeuge} Lager aus Bunaverbindungen mit Wasserschmierung .
Verschiedenes

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Verschiedenes
Nylonstoffe für Fallschirme; bestimmte Arten von optischem
_ +0 „ Rohglas; Papier für elektrische Isolierungen.
r°
Waffen, Munition, Kriegsgeräte
101 Gewehre, Karabiner, Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen und
Maschinengewehre, die besonders für militärische Zwecke konstruiert sind, sowie sämtliche für militärische Zwecke konstruierte
Einzel- und Ersatzteile«
102 Geschütze, Haubitzen, Kanonen, Mörser, Raketenkatapulte, militärische Flammenwerfer, Rauch-, Gas- und pyrotechnische Abschußapparate, rückstoßfreie Gewehre, die militärischen Zwecken dienen, sowie sämtliche für militärische Zwecke hergestellten Einzel- und Ersatzteile«.
103 Munition und sämtliche Einzel- und Ersatzteile für die unter
101 und 102 aufgeführten Waffen.
104 Bomben, Torpedos, Granaten, Raketen, Minen, Projektile und Tiefensprengladungen für militärische Zwecke, Geräte und Vorrichtungen, die insbesondere der Handhabung, Kontrolle, Inbetriebsetzung, Abfeuerung oder Auffindung derselben dienen, und sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
105 Artilleriefeuer-Beobachtungsgeräte; infra-rote und andere Vorrichtungen für die Beobachtung bei Nacht, Feuerleitgeräte; Suchgeräte und Zielvorrichtungen, Visiervorrichtungen für Bombenabwurfgeräte und Geschütze und Periskope für militärische Zwecke
und die in dieser Liste aufgeführten Kriegsgeräte; sowie sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
106 Panzerkraftwagen, bestückte oder gepanzerte Fahrzeuge für militärische Zwecke, Panzerzüge, Sattelschlepper für militärische
Zwecke, Panzerabschleppfahrzeuge, Panzerabwehrwaffen, Lafetten,
alle beweglichen Werkstätten, die der Instandsetzung militärischer Ausrüstung dienen und sämtliche für solche Fahrzeuge besonders konstruierte Einzel- und Ersatzteile.
107 Die nachstehenden Giftstoffe:
A) Für den militärischen Gebrauch bestimmte pflanzliche oder
chemische Giftstoffe;
B) Ausrüstungsgegenstände für die Versprühung und Feststellung
der unter A aufgeführten Substanzen und der Mittel zu ihrer Unschädlichkeit smachung.
108 Die nachstehend aufgeführten Raketentreib- und Explosivstoffe:
A) Raketentreibstoffe, die;speziell für den Antrieb der unter
103»104 und 107 aufgeführten und hergestellten Gegenstände bestimmt sind; Hochexplosivstoffe für militärische Zwecke.
109 Die nachstehenden Kriegsschiffe:
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A) Kriegsschiffe oder Schiffe, die für militärische Zwecke bestimmt sind;
B) Ausrüstungsgegenstände, die speziell für das Legen, Suchen
und die Auffindung von Minen bestimmt sind; und die sie zum Entzünden bringen.
C) Unterseebootnetze
(Anmerkung: Einzel- und Ersatzteile für die in dieser Liste
vorstehend aufgeführten Gegenstände umfassen: Geschütz türme;
Drehscheibenlafetten, die Zubehörteile und zusätzliche Einrichtungen umfassen, Akkumulatoren für Unterseeboote und Katapulte).
10 Kampfflugzeuge; sämtliche Arten von Flugzeugen, die militärischen
Zwecken dienen oder deren Einzel- und Ersatzteile, die nur militärischen Zwecken dienlich sind.
11 Hochleistungsradargeräte; elektronische Abwehrgeräte,die militärischen Zwecken dienen; Unterwasserhorchgeräte außer denen, die
bei der Tiefenlotung und bei der Ortung von Schiffahrts-Hindernissen verwendet werden und sämtliche dafür bestimmte Einzelund Ersatzteile.
12

Elektronische Rechenmaschinen für militärische Zwecke.
Nr. 200 - 299 kernreaktive Stoffe

01

02
03

04

05

Spaltbare Materialien einschließlich - jedoch nicht begrenzt auf a) Plutonium
b) mit den Isotopen 233 oder 235 angereichertes Uran
c) alle durch eines der vorgenannten künstlich angereicherten
Materialien
metallisches Uran, metallisches Thorium
Metalle, Legierungen und uran- oder thoriumhaltige Verbindungen,
ausschließlich der unter Titel I aufgeführten Legierungen, die
kein Uran, aber weniger als 1,5 Gewichtsprozent Thorium enthalten,
sowie der unter Titel II aufgeführten, für die Medizin gebräuchlichen Stoffe
Mineralien im rohen und verarbeiteten Zustand, einschließlich der
Rückstände, die mindestens 0,05 Gewichtsprozent Uran oder Thorium
oder deren Verbindungen enthalten. Dies schließt ein, ist aber
nicht beschränkt aufs
a) Monazitsand und andere thoriumhaltige Erze
b) Carnotit, Pechblende und andere uranhaltige Erze
Deuterium und seine Verbindungen, deuteriumhaltige Mischungen und
Lösungen, einschließlich schweren Wassers und schweren Paraffins,
in denen das Verhältnis von Deuterium- zu Wasserstoffatomen kleiner

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kleiner ist als 1 : 1 5000
218 Apparate, die speziell für die Trennung von Uranisotopen bestimmt
sind
219 Zyklotrone, Van De Graaff-Generatoren, Synchrozyklotrone, Betatrone,
Synchrotrone, Linearbeschleuniger und andere elektronukleare Maschinen, die in der Lage sind, Energien von mehr als 1 Million
Elektronenvolt an ein Kernpartikel oder ein Ion zu vermitteln
sowie speziell für solche Apparate gebaute Magneten
220 Strahlenmeßgeräte und Geräteteile folgender Typen, die für die
Messung von Kernstrahlungen wie Alpha- und Beta-Partikel, Gammastrahlen, Neutronen und Protonen konstruiert sind, solche zu messen vermögen oder für diese Zwecke umgebaut werden können:
a) Proportionalitätszähler
b) Neutronenzähler, die Bor, Bortrifluorid oder Wasserstoff
enthalten
c) Meßgeräte irgendwelcher Art, die für die Strahlungsmessung
geeignet sind
d) Szintillationszähler mit Lichtverstärker
222 Ionenseparatoren, d.h. elektromagnetische Geräte einschließlich
Massenspektrographen und Massenspektrometer jeder Art
223 Beschleunigungs- und Pokussierungsröhren. wie sie in Massenspektrometern und Massenspektrographen verwendet werden
224 Material, das als Quelle für positiv geladene Ionen in Zyklotronen, Massenspektrometern und ähnlichen Apparaten verwendet
werden kann.
* * * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER: US-POLITIK MUSS ÜBERPARTEILICH SEIN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir den vollen Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 30. August 1954 vor der "American
Legion", in der er betonte, daß keine Gruppe oder Partei
in den USA ein Monopol in der Politik der USA besitze, sondern daß diese Politik von allen getragen werde. Selbst
der Ausdruck "überparteilich", so führte der Präsident in
seiner Rede auf der Jahresversammlung des größten amerikanischen Kriegsteilnehmer-Verbandes in Washington aus, sei
noch zu eng gefaßt, um die Einstellung zu beschreiben, mit
der alle Amerikaner an die Außen- und Innenpolitik ihres
Landes herangehen sollten:
"Zum dritten Male seit Ende des zweiten Weltkrieges habe
ich die Ehre, der Jahresversammlung der American Legion beizuwohnen.
Ebenso wie Sie bin ich dankbar, daß wir endlich in einer
Zeit zusammenkommen können, da der Schlachtenlärm in der ganzen
Welt verstummt ist.
In einer Versammlung wie dieser, einer Versammlung von
Menschen also, die Amerika im Kriege gedient haben, scheint es
angebracht, daß wir die Aufmerksamkeit unserer Außenpolitik und
der Sicherheit unseres Landes zuwenden. Wenn ich dies sage,
meine ich damit nicht, daß irgendeine Gruppe oder eine Schicht
des amerikanischen Volkes allein das nötige Interesse oder die
nötige Klugheit besitzt, mit den verwickelten internationalen
Fragen fertig zu werden. Das Gegenteil ist vielmehr richtig.
Der Begriff einer überparteilichen,von beiden Parteien getragenen Politik ist zu eng gefaßt, um die Einstellung genau zu
kennzeichnen, die alle Amerikaner gegenüber diesem umfassenden
und so lebenswichtigen Gebiet einnehmen sollten. Wir sollten
lieber von universaler oder nationaler Teilnahme am Weltgeschehen sprechen, was wiederum ernsthaftes Studium, Analyse
und Debatte jedes auftauchenden Problems und Lösungsvorschlags
bedeutet.
Stabilität ist in unseren nationalen Zielsetzungen unbedingt erforderlich. Dies kann offensichtlich nicht erreicht
werden, wenn es jedesmal eine grundlegende Änderung geben sollte,
- oder wenn die Welt auch nur eine solche befürchten müßte sobald der parteipolitische Wind einmal umschlägt.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die einzige Antwort darauf ist, daß die gesamte amerikanische
Bevölkerung laufend unterrichtet werden muß und daß die jeweiligen Entscheidungen in aller Klarheit dargelegt werden müssen.
Es ist natürlich klar, daß ein Großteil der diplomatischen
Bemühungen und vor allem jene Anstrengungen, die vor dem Zustandekommen von Vereinbarungen als vorbereitende Gespräche
gekennzeichnet sind, nicht der Öffentlichkeit dargelegt werden
können.
Die politische Lage ist in den einzelnen Ländern der
freien Welt nicht dieselbe, und eine vorzeitige Bekanntgabe der
Standpunkte und Argumente könnte unter Umständen das Zustandekommen einer vernünftigen Lösung verhindern.
Aber über die allgemeinen Zielsetzungen und Zwecke sowie
über die annehmbaren Methoden zu ihrer Verwirklichung muß das
amerikanische Volk in allen Einzelheiten unterrichtet sein.
Daher werden die getroffenen Entscheidungen der Situation angepaßt,und die Welt weiß, daß sie in bezug auf die Zeit stabil
sindo

Diese umfassende Einstellung ist schwer zu erreichen und
Vollkommenheit wird es auf diesem Gebiet nie geben. Was unsere
komplizierte Welt von heute uns aber als erstes zu lehren hat,
ist, daß die Weltpolitik für uns alle viel zu wichtig ist, als
daß eine Partei oder eine Gruppe es riskieren könnte, die anderen Bürger unseres Landes davon auszuschließen, Lösungen zu
finden, die schließlich das Schicksal jedes einzelnen von uns
betreffen. Erfolg oder Mißerfolg in allem, was wir im Streben
nach einer friedlichen Welt zu erreichen hoffen, können sehr
wohl davon abhängen, wie weit es uns gelingt, Vorurteile und
Machenschaften aller Art bei den Bemühungen unseres Volkes,
dies Ziel zu erreichen, auszuschließen.
Grundvoraussetzung für eine Analyse der gegenwärtigen
internationalen Lage ist die klare Erkenntnis mehrerer wichtiger Wahrheiten. Ich nenne nur einige wenige dieser Realitäten, aber diese wenigen Punkte können wir nur um den Preis
unseres drohenden Untergangs außer acht lassen.
Die erste dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur - rücksichtslos, stark und unersättlich - entschlossen ist, ihre Herrschaft in der ganzen Welt zu errichten. Diese
Wahrheit bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Alle Amerikaner
sind sich über diese Tatsache im klaren.
Die zweite dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur sehr geschickt in der Auswahl und im Gebrauch jeder
erdenklichen Waffe zur Erreichung ihrer Ziele ist. Sie bedient
sich der Gewalt und der Drohung mit Gewalt. Sie bedient sich
der Bestechung, des Umsturzes und der Sabotage. Sie benutzt
die Propaganda.
Diese letzte Waffe - die Propaganda - verlangt dringend,
daß wir neue und schlagkräftige Gegenmaßnahmen ergreifen. Es
besteht ein gefährliches Mißverhältnis zwischen den Bemühungen
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Bemühungen unseres Landes, die Wahrheit über die Freiheit und
unsere nationalen Ziele zu verbreiten einerseits und der Propaganda der Roten Diktatur andererseits. Jeden Künder der Freiheit,
den wir im Kampf um die Seelen und Herzen der Menschen einsetzen,
stellen die Kommunisten Dutzende entgegen; auf jeden Dollar, den
wir für Informationszwecke ausgeben, kommen bei ihnen fünfzig;
für jedes Wort, das wir der Sache der Freiheit und des Glaubens
reden, haben sie tausende, um ihr System anzupreisen und die
Werte der freien Menschen herabzuwürdigen und zu diffamieren.
Vor Ihnen, den ehemaligen Kriegsteilnehmern, möchte ich
betonen, daß wir die Stärke und den Wert der Freiheit predigen,
demonstrieren und der Welt unermüdlich nahe bringen müssen.
Nichts kann unserer Sache gefährlicher werden als zu erwarten,
daß die Botschaft Amerikas gehört werden wird, wenn wir selbst
nicht immer wieder sie verkünden«
Den unterdrückten Massen der Welt müssen wir immer wieder
die große Wahrheit bestätigen, daß Gott, der dem Menschen das
Leben gegeben hat, zur gleichen Zeit ihm auch das Recht auf Freiheit gab. Und in unserem eigenen Interesse müssen wir sowohl unsere geistige Kraft als auch die notwendigen materiellen Mittel
einsetzen, um anderen Völkern darin beizustehen, die Segnungen
der Freiheit und der Selbstregierung ihrerseits zu erkennen.
Eine zweite Waffe der Kommunisten, gegen die wir uns kraftvoll zur Wehr setzen müssen, ist der Umsturz. In diesem Stadium
des weltweiten Kampfes befinden wir uns ständig. Zum Glück sind
viele Völker gegenüber den Gefahren dieser Bedrohung hellhörig
geworden und unternehmen die nötigen Schritte dagegen.
Im vergangenen Jahr haben die Nationen der westlichen Hemisphäre in Caracas die gemeinsame Erklärung verkündet, daß der
Kommunismus in einem Lande eine Bedrohung für alle übrigen Völker darstelle. Gestärkt durch diese entschlossene Haltung, hat
sich das guatemaltekische Volk in seiner Mehrheit erhoben, um
den ersten eindeutigen Versuch des kommunistischen Imperialismus niederzuschlagen, in dieser Hemisphäre einen Stützpunkt zu
errichten.
Ich weiß, daß Sie, die American Legion, in dem Kampf gegen
den Umsturz in unserem Lande ein Vierteljahrhundert lang vorangingen. Unsere Nation hat alle Ursache, Ihnen für diese unbeugsame Haltung dankbar zu sein. Und ich weiß, daß Ihre entschlossene Führung auch weiterhin unserem Volke zugute kommen wird.
Die amerikanische Regierung wird auch weiterhin einen unermüdlichen Kampf gegen Umsturz und Infiltration führen. Und
wir werden das nicht mit schwächlichen halben Maßnahmen tun,
die gleichmütig alle unloyalen und nicht vertrauenswürdigen
Elemente dulden oder ignorieren, wir werden vielmehr Maßnahmen
ergreifen, die dem Wesen und dem Ausmaß der kommunistischen Verschwörung realistisch angepaßt sind.
Wir

�''AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Wir haben bisher in großem Ausmaß die bestehenden Gesetze
gegen alle umstürzlerische Tätigkeit angewandt. In den vergangenen 19 Monaten ist die Zahl der durch das Bundeskriminalamt
und das Justizministerium herbeigeführten Verurteilungen und
Ausweisungen erheblich gesteigert worden. Darüber hinaus haben
wir in gemeinsamer Arbeit mit dem Kongreß eine Anzahl neuer Gesetze verfaßt, die uns bei der Ausrottung der kommunistischen
Verschwörung helfen werden. Mögen auch einige dieser Gesetze
auf Grund unserer Erfahrungen noch gewisse Änderungen benötigen,
so werden sie doch alles in allem einen wesentlichen Gewinn für
uns bedeuten.
Und eines kann ich Ihnen versichern: wir werden in diesem
Kampf die verfassungsmäßigen Sicherungen, die unsere Rechte und
Freiheiten schützen, nicht verletzen. Unsere Nation ist zu stark,
um in hysterische Furcht zu verfallen, die unter dem Vorwand,
unsere verfassungsmäßigen Institutionen zu wahren, gerade jene
Grundsätze untergraben würde, auf denen diese Institutionen beruhen. Ich weiß, die American Legion vertritt voll und ganz diese
kluge Auffassung echt amerikanischen Geistes.
Ich habe hier zwei Wahrheiten dargelegt, deren Erkenntnis
für unsere Einschätzung der Weltlage von wesentlicher Bedeutung
ist - die Unerbittlichkeit der Kommunisten in ihrem Streben nach
Weltherrschaft, und die Bereitschaft der Kommunisten, zur Erreichung ihrer Ziele jede nur mögliche Waffe einzusetzen.
Eine dritte Wahrheit ist die: Die Sicherheit jeder einzelnen
Nation der freien Welt hängt unmittelbar von der grundsätzlichen
Einigkeit aller Nationen der freien Welt ab. Keine Nation diesseits des Eisernen Vorhanges kann sich eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschick irgendeiner anderen freiheitsliebenden Nation leisten.
Wenn jedes Land, ohne Rücksicht auf die anderen, nur seine
eigenen Ziele verfolgt, dann haben die Kommunisten unbegrenzte
Möglichkeiten, ihre ganze Kraft auf ein Opfer zu konzentrieren.
So würde ihnen ein Land nach dem anderen, zuerst das schwächste
und exponierteste zum Opfer fallen, bis schließlich das stärkste
- wir selbst - sich allein einer feindlichen Welt gegenübersähe.
An dieses Ende zu denken, ist furchtbar, und wir werden niemals
zulassen, daß es soweit kommt.
Die Länder der freien Welt verfügen über gewaltige Aktivposten - an Menschen, produktiven Hilfsquellen, an Durchhaltekraft
und der Anpassungsfähigkeit ihrer Institutionen. Der Grad der Wirk
samkeit und Einigkeit der Länder, diese HilSquellen einzusetzen,
kann sehr wohl den Ausgang des gegenwärtigen Streites bestimmen.
Aus diesem Grunde hat sich die Regierung der Vereinigten
Staaten unermüdlich darum bemüht, bestimmte Aspekte dieser Partnerschaft immer wieder klarzumachen. .
Zunächst

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Zunächst, und das ist das Wichtigste, können wir keine Partnerschaft mit einer Nation eingehen, die nicht selbst den Wunsch
nach Frieden hat und die sich nicht für den Weltfrieden einsetzt.
In unserem modernen Zeitalter ist der Krieg als Instrument einer
wohlüberlegten Politik für uns so undenkbar, daß wir unmöglich
in dauernder Harmonie mit einer Nation leben können, die unsere
friedlichen Überzeugungen nicht teilt.
Auf dieser Basis gingen wir Bündnisse mit anderen Staaten
ein, die guten Willens sind. Heute sind wir im Nordatlantikpakt
mit 13 Staaten, im Riopakt mit 19 amerikanischen Republiken und
im Pazifikpakt mit 6 Nationen verbündet. Was dürfen wir nun von
diesen Alliierten erwarten, und was dürfen sie umgekehrt von
uns erwarten?
Die Antwort lautet eindeutig: wir müssen nach dem Prinzip
der Freiheit in Einigkeit zusammenarbeiten. In unseren gemeinsamen Interessen und Werten, in unseren gemeinsamen Zielen und
Zwecken müssen wir fest zusammenstehen. Wenn wir dies nicht tun,
so beschwören wir damit eine ernste Gefahr herauf. Andererseits
sind wir und unsere Verbündeten in unserem Denken, in unseren
praktischen Entscheidungen und in unserer Politik als souveräne
Staaten frei, und wir müssen darin auch frei bleiben. Weil wir
gleichzeitig einig und frei sind, können wir auch stark sein.
Niemand sollte sich je über den Ursprung dieser Stärke einer
Täuschung hingeben.
Der genannte Grundsatz läßt das Maß unserer gegenseitigen
Verpflichtungen klar erkennen» Wenn wir diese mißachten, erwecken
wir auf beiden Seiten nicht realisierbare Erwartungen. Dann kann
jede kleine Abweichung im Handeln oder Reagieren den Eindruck
erwecken, daß ein Partner dem anderen gegenüber 'vertragsbrüchig'
geworden sei.
In der Praxis bedeutet dieser Grundsatz, daß wir nicht verpflichtet sind, irgendeinem unserer Vertragspartner ein Veto über
unser Handeln einzuräumen, genauso wie wir kein Vetorecht gegenüber den Handlungen anderer besitzen. Wir müssen uns deshalb
vor der gefährlichen Auffassung hüten, daß andere Völker als
unsere Verbündeten das tun müssen, was wir wünschen. Sie sind
niemals derartige Verpflichtungen eingegangen, und wir haben uns
umgekehrt nicht verpflichtet, das zu tun, was sie wollen.
Alle freien Völker haben jedoch die ständige Verpflichtung,
auf eine immer größere Achtung der gemeinsamen geistigen Werte
und Interessen hinzuarbeiten und im Glauben an die Segnungen der
Freiheit und der menschlichen Gerechtigkeit zu handeln. Diese
Ideale müssen die Herzen aller freien Menschen mit Licht und
Wärme erfüllen und ihr Handeln bestimmen. Diese Ideale sind Ausdruck inneren Reichtums und einer lebendigen Einheit. Freie
Menschen, die sich diese Ideale zu eigen gemacht haben, werden
sie nie für das alles erstickende Leichentuch der staatlichen
Reglementierung eintauschen , mit denen die kommunistische Despotie
ihre zum Schweigen verurteilten unterjochten Völker vor den
Blicken der Welt verbirgt.
Die

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die vierte Wahrheit, die in engstem Zusammenhang mit der
dritten steht, besteht darin: Aus den Hilfsquellen der freien
Welt gilt es, die geistige und materielle Stärke zu entwickeln,
die notwendig ist, um dem gewaltigen Druck der kommunistischen
Welt widerstehen zu können.
Wir und unsere Freunde müssen im Denken und im Seist stark
sein, damit weder Furcht noch Unwissenheit noch mangelnde Entschlossenheit uns ins Verderben leiten können.
Wir brauchen eine starke und freie Weltwirtschaft, damit die
freien Völker die militärische Stärke aufbringen können, derer
sie bedürfen, und damit sie Hunger, Not und Verzweiflung bannen
können, die die kommunistischen Machthaber so erfolgreich für
ihre Zwecke ausnutzen.
Die freie Welt muß auch materiell gewappnet sein, um eine
Aggression abschrecken und sie zurückschlagen zu können, falls
die Kommunisten so unklug sein sollten, zum Angriff überzugehen.
Diese Aufgabe, die freie Welt stark und gesund zu erhalten,
ist sehr vielschichtig, und man darf nie von ihr ablassen. Es
ist in der Tat schwierig, eine Welt des Friedens aufzubauen. Es
erfordert ständige Bemühungen seitens der freien Völker, es gilt,
geduldig bei der Lösung zahlreicher Probleme zusammenzuarbeiten,
die die Menschen in allen Teilen unserer Erde angehen. Diese
Bereitschaft ist durch zahlreiche Rückschläge und auch Erfolge
gekennzeichnet. In Europa beispielsweise, hat der Fortschritt
im Aufbau der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht unseren Erwartungen entsprochen. Andererseits sind inzwischen die
alten Gegensätze im Falle Ägyptens und Persiens bereinigt worden und in Südostasien nehmen die Maßnahmen zur gemeinsamen
Verteidigung Gestalt an. Weder Erfolge noch Rückschläge dürfen
uns dazu verleiten, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Die
freie Welt muß auf ihren Erfolgen aufbauen und in den Rückschlägen einen Ansporn zu neuen Leistungen erblicken.
Die fünfte Wahrheit - der für uns als Nation die größte
Bedeutung zukommt - ist unser eigener Platz und unsere Rolle
in der großen gemeinsamen Anstrengung zur Erhaltung der Sicherheit und des Friedens.
Von allen freien Nationen ist unser Land in vieler Hinsicht
das reichste und stärkste. Daher haben wir auch einen großen Anteil an der Last dieser Sicherheit der freien Welt zu tragen.
Es ist ganz offensichtlich, daß wir den andern nicht helfen
können, wenn wir nicht selbst stark bleiben - stark im Geist, in
der produktiven Leistung und in der militärischen Macht.
Ich möchte nur ein paar statistische Tatsachen über unsere
militärische Stärke machen. Diese militärische Stärke basiert
auf der Leistung unserer Wissenschaftler, unserer arbeitenden
Männer und Frauen, unserer Industriellen, unserer führenden
Militärs, - kurz gesagt unseres ganzen Volkes.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die Vereinigten Staaten verfügen heute über die machtvollsten
und schlagkräftigsten Streitkräfte in ihrer ganzen Geschichte von der Kriegsstärke natürlich abgesehen. In gewisser Hinsicht
sind es sogar die schlagkräftigsten Streitkräfte, die jemals
aufgebaut wurden.
Wir besitzen Luftstreitkräfte, deren Schlagkraft ständig
zunimmt. Sie verfügen heute über 50 Prozent mehr Düsenflugzeuge
als im vergangenen Jahr.
Wir haben eine mächtige Kriegsmarine mit 13 000 einsatzbereiten Flugzeugen. Auf dem Gebiet des Atomantriebs ist sie in
der Welt führend.
Wir besitzen die stärkste Friedensarmee unserer ganzen Geschichte, ausgerüstet mit modernen Waffen, ausgebildet nach
modernen Methoden, die ihren Aufgaben in der heutigen Zeit durchaus gerecht werden kann.
Wir haben eine starke Marineinfanterie, die mit Recht auf
ihren altbekannten Geist und ihre traditionelle Bereitschaft
stolz sein kann.
Diese gewaltige Streitmacht wird noch unterstützt durch den
Ausbau von Abwehr- und Warnsystemen, um ihr immer größere Wirksamkeit und Reichweite zu verleihen.
Sie werden mir vielleicht erlauben, an dieser Stelle ein
Wort über die Zivilverteidigung einzuflechten. Was immer die
American Legion tun kann, um dieses Programm zu vervollständigen,
wird zur Stärkung unserer nationalen und individuellen Sicherheit beitragen. Ich möchte keinesfalls, daß diese Aufzählung
von Tatsachen über das Wesen unserer Streitkräfte als Aufschneiderei oder eine an irgend jemanden gerichtete Drohung ausgelegt
wird.
Wir wollen immer daran denken, daß unser Grundziel der Frieden ist. Aber in unserer Suche nach dem Frieden - die wirklich
nur seiner weiteren Festung dient - sind wir entschlossen, nicht
auf die Sicherheit zu verzichten.
Darf ich über unsere Streitkräfte noch etwas sagen: Eineinhalb Jahrhunderte lang war unsere Republik stolz darauf, kein
großes Berufsheer zu unterhalten. Wir haben uns statt dessen
auf den Bürger als den Verteidiger des Landes verlassen. Aber
wir haben es dabei an Fairness sowohl gegenüber dem Bürger als
an der Sicherheit der Nation fehlen lassen. Wir haben weitgehend
versagt, jene starke, einsatzbereite militärische Reserve aufrechtzuerhalten, die wir vor 150 Jahren für selbstverständlich
hielten.
Nun müssen wir endlich eine solche Reserve aufbauen, und
wir müssen sie erhalten. Fromme Wünsche und politische Trägheit dürfen nicht länger ein Programm behindern, das für unsere
Verteidigung so absolut lebenswichtig ist.
_.

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Ein Punkt muß dabei besonders unterstrichen werden: Diese
Reserve wird keine unbillige Härte für jene bedeuten, die ihrer
Dienstpflicht bereits genügt haben. Dafür wird die Regierung
sorgen.
Die Schaffung einer angemessenen Reserve - ein Ziel, für
das die American Legion und andere patriotische Verbände eine
ganze Generation lang vergeblich gekämpft haben - wird als
eines der dringlichsten Erfordernisse dem Kongreß im kommenden
Jahr unterbreitet werden.
Und ich wiederhole - wenn wir uns mit diesem machtvollen
militärischen System befassen, müssen wir stets daran denken,
daß wir es nur unterhalten, weil wir es müssen; wir dürfen nicht
vergessen, daß Waffen allein der Welt nicht eine Zukunft zu geben vermögen, die sicher, friedlich und verheißungsvoll für die
Menschheit ist.
Die Außenpolitik unseres Landes, meine Freunde, ist heute
einfach ein Programm, das den Frieden mit Methoden zu gewinnen
sucht, die mit diesen und anderen Wahrheiten, die heute nun einmal in der Welt Gültigkeit haben, übereinstimmen. Wichtig für
ihren Erfolg sind unsere loyalen und tüchtigen Männer im Auswärtigen Dienst, die unter der hervorragenden Führung von Außenminister Dulles ihre Aufgaben erfüllen. Mit Ausnahme von wenigen Fällen, die in der Öffentlichkeit stark diskutiert wurden,
können wir dankbar sein für den Eifer, das Können und die Aufopferung dieser Beamten, auf die wir uns bei den heiklen und
schwierigen Verhandlungen mit anderen Nationen und in der Versicherung unserer friedlichen Absichten gegenüber der Welt verlassen müssen.
Was dieses Streben nach Frieden angeht, so wird sich an dem
Verhalten Amerikas nichts ändern. Kein verantwortlich denkender
Mensch - keine politische Partei - will den Krieg oder will
Amerika Schaden zufügen. Die einzige verräterische Partei, die
wir haben und die uns schaden will, ist die kommunistische Verschwörung, die aber glücklicherweise zahlenmäßig sehr gering
ist. Mögen wir in anderen Dingen noch so verschiedener Meinung
sein, in dieser Hinsicht sind wir alle Amerikaner, sonst nichts.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß es bei der Anwendung einer
solchen Politik auf die zahlreichen mühevollen und schwierigen
Probleme, die die freie Welt zu losen hat, auch weiterhin Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten in bestimmten Fragen
geben wird.
Aber so schwierig unser Weg auch ist, so würden wir doch
gut daran tun, nicht zu vergessen, daß wir, sollen Klugheit und
Menschlichkeit walten, gar keinen anderen wählen können. Den
Weg der Isolierung zu gehen, würde bedeuten, den größten Teil
der freien Welt dem kommunistischen Despotismus auszuliefern
und schließlich unsere eigene Sicherheit aufzugeben. Bewußt den
Weg des Krieges zu wählen, würde plötzlich die Zivilisation in
Gefahr bringen, die zu bewahren wir entschlossen sind.
Wir
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1 954

Wir werden uns in keine dieser Sackgasse treiben lassen.
Wir werden auch weiterhin de» in unseren Nationen tief verwurzelten Wunsche Ausdruck geben, mit allen Völkern im Frieden zu
leben. In Verfolgung dieses Zieles haben wir die Vereinten
Nationen, die in den ersten neun Jahren ihres Bestehens für
die Sache des Friedens Großes geleistet haben, loyal unterstützt
und mit ihnen zusammengearbeitet. Gewiß ist es den Vereinten
Nationen oftmals nicht gelungen, unsere Hoffnungen zu erfüllen,
doch ist das kein Grund, um in unserer Unterstützung nachzulassen.
In unserem Kampf um den Frieden haben wir uns für die Lösung bestimmter internationaler Streitfälle eingesetzt. Im Juni
vorigen Jahres verhandelten wir über einen Waffenstillstand,
der dem Krieg in Korea ein Ende setzte, dem Lande die Freiheit
bewahrte und die Eroberungsabsichten der Kommunisten vereitelte.
Im Januar bemühten wir uns auf der Berliner Konferenz um die
Zustimmung der Kommunisten für die Errichtung eines freien und
wiedervereinigten Deutschlands und um einen Österreichischen
Staatsvertrag. Im April setzten wir uns in Genf für die friedliche Wiedervereinigung Koreas ein und versuchten, einen Beitrag zur Beendigung des Krieges in Indochina zu leisten.
Wir haben daneben auch andere Mittel und Wege zu einer Verringerung der Spannungen vorgeschlagen. Im April vorigen Jahres
haben die Vereinigten Staaten die allgemeinen Grundlagen für
eine allgemeine internationale Verständigung umrissen. Im vergangenen Dezember schlugen wir eine internationale Zusammenfassung der atomaren Hilfsquellen für friedliche Zwecke vor.
Bedauerlicherweise ist die Reaktion der Kommunisten auf diese
beiden Vorschläge entweder gleichgültig oder negativ gewesen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird aber trotzdem gemeinsam mit ihren Freunden auch weiterhin praktische Methoden
prüfen, um die Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu
stellen® Darüberhinaus werden wir fortfahren, den Friedenshoffnungen der freien Welt Ausdruck zu verleihen. Trotz der entmutigenden Ergebnisse auf bestimmte Vorschläge glaube ich, daß
die ständigen Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Sowjets
zu einer Prüfung solcher Lösungen zu bewegen, die der Sache des
Friedens förderlich sind. Die Tür wird ihnen stets offen stehen,
wenn immer sie ihre ernsthafte Absicht zeigen, an diesem Projekt
teilzunehmen.
Wir zweifeln nicht an unserem letztlichen Erfolg. Kein
menschliches Problem ist unlösbar. Aus der tiefen Überzeugung
heraus, daß unsere grundsätzlichen Ziele im Einklang mit dem
Willen des höchsten aller Herren stehen, werden die Vereinigten
Staaten 3ie auch weiter verfolgen. Für diese höchste Aufgabe
unseres Jahrhunderts benötigen die Vereinigten Staaten die
Unterstützung aller ihrer Bürger. Sie brauchen ihr Verständnis,
ihre Entschlossenheit und Opferbereitschaft sowie die Kraft und
den Mut ihres Glaubens.
„.,».

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Hilfe zu leisten, daß Amerikas Stärke und seine Sicherheit
erhalten bleibt, mitzuhelfen, daß Amerika auf den wahren Weg des
Friedens geführt wird., dafür ist keine Gemeinschaft besser qualifiziert als die Ihre, die American Legion.
Insbesondere aus diesem Grunde wiederhole ich meine Worte,
in d enen ich meinem Gefühl des Stolzes und der Auszeichnung
Ausdruck gab, die mich bewegen während ich vor Ihnen spreche.
Mögen Mut, Weisheit und Entschlossenheit die Verhandlungen
dieser Jahresversammlung leiten und die American Legion zu einem
Instrument von ständig wachsender Bedeutung für ganz Amerika
und die freie Welt machen."
* * * * * *

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EISENHOWER: DIE FREIE WELT IST TROTZDEM ÜBERWÄLTIGEND STARK

DES MOINES,IOWA — (Amerika Dienst) -- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Teil der Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, in dem e r am 30.
August 1954 bei einer Ansprache vor Besuchern der
landwirtschaftlichen Messe in Des Moine s, Iowa auf
die Ablehnung des EVG-Vertrages durch d ie französiehe Nationalversammlung Bezug nahm} e in Ereignis,
das der amerikanische Präsident als ein en Rückschlag
im Kampf gegen den internationalen Kommunismus bezeichnete. Auf die jüngsten Erfolge des Westens, wie
die Beilegung des persischen ölkonflikt s, die Regelung der Suezkanalfrage und die Beseiti gung der
kommunistischen Regierung in Guatemala hinweisend,
betonte der Präsident, die USA dürften es nie so
weit kommen lassen, daß ihr Land nur no ch eine Insei der Freiheit in der kommunistischen Flu(t darstelle, und führte im Zusammenhang mit der EVG wörtlieh aus:
"... Wir haben auch Rückschläge erlitten. Von einem der
schwersten Rückschläge ist heute in der Presse zu lesen: der
Ablehnung des französischen Vorschlages, in Europa die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu errichten, durch die
französische Nationalversammlung. Die EVG war ein Instrument,
mit dem die freie Welt die Sicherheit vor jeder Drohung von
außen erlangen könnte, ohne in die traditionellen inneren
Streitigkeiten in Westeuropa verwickelt zu werden. Dieser
Vorschlag wurde zu einem Bündnissystem ausgebaut, ohne daß
dadurch auch nur die geringste Gefahr bestand, daß es zum
Ausgangspunkt eines Krieges oder auch nur irgendeiner aggressiven Handlung hätte werden können.
Auf Grund dieser Eigenschaften des Planes, traten die USA,
Großbritannien und alle westlichen Nationen für ihn ein und
billigten diese große französische Idee. Heute läßt sich die
Tatsache nicht verheimlichen, daß wir einen schweren Rückschlag
erlitten haben. Aber ich möchte dazu eines sagen: Die freie Welt
ist im Verhältnis zu den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang
immer noch überwältigend stark. In ihrer Bevölkerung, dem Niveau
ihrer Intelligenz und dem beruflichen Können, in ihrer Landwirt- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Landwirtschaft und ihrer Industrie, in ihrem Pesthalten an
einer Sache und nicht in der befohlenen Unterwerfung unter eine
Regierung und schließlich in ihrer ungeheuren Produktivität
und alles zusammen genommen in ihrer militärischen Macht."
Der Präsident erinnerte in seiner Rede weiter daran, daß
die Stärke Amerikas auf dem Glauben an die Würde des Menschen
auf der Überzeugung der vollen Wirksamkeit einer freien Wirtschaft und der Einigkeit in den grundlegenden Prinzipien beruhe.
Eisenhower betonte erneut, daß niemand in den USA einen
Krieg wünsche und das amerikanische Volk glücklich sei, daß
nach vielen Jahren endlich der Schlachtenlärm überall in der
Welt verstummt sei. Die Freiheit, so führte Eisenhower weiter
aus, sei jedoch unteilbar. "Wenn wir selbst frei sein wollen",
so sagte der Präsident, "dann müssen wir bereit sein, die Freiheit derer zu verteidigen, die frei bleiben wollen." Amerika
werde nie in seinem Streben um die gute Sache nachlassen.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Atomenergie unterstrich Eisenhower, daß die USA alles unternehmen, um mit der
ganzen Welt die Geheimnisse zu teilen, die dazu dienen könnten,
die Atomenergie durch ihre friedliche Verwendung zu einem
wahren Segen für die Menschheit zu machen. Auch diese Bemühungen würden wie alle andern unermüdlich fortgesetzt. "Wir brauchen nicht zu verzweifeln", so schloß der Präsident, "und wir
dürfen es auch nicht."
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES: UNVERZÜGLICHE EINBERUFUNG DES NATO-RATES
UND BALDIGE BERATUNGEN MIT BUNDESKANZLER ADENAUER

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Das amerikanische
Außenministerium veröffentlichte am 3 1 • August 1954
eine Erklärung, in der Außenminister Dulles zur Ablehnung der EVG durch die französische Nationalversammlung Stellung nimmt. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"Die französische Ablehnung der Europäischen Verteidungsgemeinschaft ist ein betrübliches Ereignis* Frankreich hat sich
dadurch von seinem eigenen historischen Vorschlag abgewandt,
den es vor fast vier Jahren machte. Dieser Vorschlag zielte
auf eine Vereinigung der militärischen Kräfte Kontinentaleuropas in einer einzigen europäischen Armee ab, um damit die
Periode der sich wiederholenden Kriege in Europa zu beenden,
nachdem die letzten beiden dieser Kriege zu Weltkriegen geworden waren.
Der französische Schritt ändert nichts an gewissen grundlegenden und feststehenden Tatsachen:
A) Die wirksame Verteidigung Kontinentaleuropas erfordert
einen wesentlichen Beitrag von seiten der Deutschen; alle,die
Deutschen eingeschlossen, möchten jedoch eine nationale Wiederbewaffnung in einer Form vermeiden, die durch einen wiedererstehenden Militarismus mißbraucht werden könnte.
B) Deutschland kann nicht auf unbestimmte Zeit einer Neutralität unterworfen oder hinsichtlich seiner Souveränität anderweitig benachteiligt werden, wozu auch das ihm zustehende
Recht der individuellen und kollektiven Selbstverteidigung
gehört. Beschränkungen der deutschen Souveränität, die auf
lange Sicht annehmbar sein sollen, müssen auch von anderen
als Teil einer internationalen kollektiven Ordnung geteilt
werden.
C) Die Verhinderung von Kriegen zwischen benachbarten Nationen, die auf eine lange Geschichte kriegerischer Ereignisse
zurückblicken, kann nicht lediglich durch nationale Versprechungen oder Drohungen sondern einzig und allein durch den
Zusammenschluß gewisser Funktionen ihrer Regierungen in übernationalen Institutionen erreicht werden«
-..
Diesen
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Diesen Tatsachen Rechnung zu tragen, war das große Ziel der
EVG. Vier der äechs vorgesehenen Mitgliedstaaten haben den Vertrag ratifiziert, nämlich Belgien, Deutschland, Luxemburg und
die Niederlande. Ein fünftes Land, Italien, stand kurz vor der
Ratifizierung. Großbritannien und die USA waren weitreichende
Verpflichtungen im Hinblick auf eine Assoziierung mit der EVG
eingegangen. Prankreich rückt also nicht nur von seinem eigenen
Vorschlag ab sondern trennt sich auch von seinen vorgesehenen
Partnern, die auf der kürzlichen Brüsseler Konferenz einen einheitlichen Standpunkt einnahmen.
Die amerikanische Nachkriegspolitik wurde seit 1946 auf der
Voraussetzung aufgebaut, daß Westeuropa schließlich eine Einheit
entwickeln würde, die es gegen Kriege untereinander immun und
gegen Aggressionen von außen verteidigungsfähig machen würde.
Die zwingende Notwendigkeit für diese Einheit wurde von den führenden Staatsmännern aller freien Nationen Europas anerkannt.
Die Vereinigten Staaten haben sich zusammen mit den westeuropäischen Ländern der Nordatlantikpaktorganisation angeschlossen. Sie haben diesen Ländern geholfen, sich von den Schäden des
zweiten Weltkrieges zu erholen. Sie haben ihnen sowohl auf wirtschaftlichem wie auf militärischem Gebiet umfangreiche Unterstützung zukommen lassen. Sie haben Streitkräfte in Europa stationiert, die der Gefechtsstärke von sechs Divisionen entsprechen. Sie haben darüber hinaus ihre führenden militärischen Fachleute der für die Verteidigung Westeuropas vorgesehenen militärischen Organisation zur Verfügung gestellt, um dort hohe Posten
zu übernehmen.
Die negative Handlung Prankreichs, die keine Alternativlösungen vorsieht, macht es für die USA verständlicherweise notwendig, ihre Außenpolitik zu überprüfen, insbesondere im Hinblick
auf EuropaDie Notwendigkeit einer derartigen Überprüfung kann kaum in
Präge gestellt werden, da der NATO-Ministerrat selbst zweimal
einstimmig erklärt hat, daß die EVG für die von ihm geplante
Verteidigung Europas von ausschlaggebender Bedeutung wäre. Darüber hinaus ist eine solche Überprüfung auf Grund der Bedingungen notwendig geworden, welche der Kongreß in diesem und im vorigen Jahr für Bewilligungen und Zuweisungen im Hinblick auf militärische Unterstützung für Europa aufgestellt hat.
Die westlichen Nationen sind es nun der deutschen Bundesrepublik schuldig, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um der
deutschen Bundesrepublik so schnell wie möglich die Souveränität
zurückzugeben und sie in die Lage zu versetzen, einen Beitrag
zum Weltfrieden und zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Der bestehende Vertrag zur Wiederherstellung der deutschen
Souveränität ist auf Grund seiner Bestimmungen von der Verwirklichung des EVG-Vertrages abhängig« Es würde unverantwortlich
sein, wenn das Scheitern der Bemühungen, die EVG zu verwirklichen,
an dem Deutschland keine Schuld trägt, nur als ein Vorwand benutzt
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

benutzt werden sollte, um Deutschland zu bestrafen. Die deutsche
Bundesrepublik sollte ihren Platz als ein freies und gleichberechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der Nationen einnehmen.
Das war der Sinn der vom amerikanischen Senat im Juli dieses
Jahres einstimmig angenommenen Resolution, und die Vereinigten
Staaten werden in diesem Sinne handeln.
Die USA sind weiterhin bereit, die vielen in Westeuropa
zu unterstützen, die trotz ihrer mannhaften Bemühungen nun in
ernster Sorge verbleiben. Wir brauchen nicht zu glauben, daß
der europäische Gedanke tot ist,nur weil in einem der sechs
Länder eine heute vorhandene Mehrheit gegen eine seiner Manifestationen eingestellt zu sein scheint. Es gibt noch immer vieles, auf dem man aufbauen kann( und diese Grundlagen sollten
nicht durch irgendeine abrupte oder unüberlegte Maßnahme unsererseits in Frage gestellt werden.
Es ist eine Tragödie, daß sich in einem Land der Nationalismus, unterstützt vom Kommunismus, so behauptet hat, daß er ganz
Europa gefährdet. Diese Tragödie würde noch größer werden, wenn
die USA daraus den Schluß zögen, daß sie sich einem Kurs des
engstirnigen Nationalismus zuwenden müßten. Es ist eine Sache
der elementarsten Klugheit, daß die USA ihre Dispositionen und
ihre Planung im Lichte der nunmehr geschaffenen neuen Situation
überprüfen. Wir sind glücklicherweise in der Lage, uns nicht mit
einer Politik identifizieren zu müssen, die uns als eine Politik
der Selbstaufgabe erscheint. Wir sind elastisch genug, um unsere
eigene Politik so anzupassen, daß sie den Entwicklungen anderswo
Rechnung trägt. Dabei werden wir von der Erkenntnis geleitet,
daß wir in der Isolierung keine Sicherheit für uns finden können.
Als der NATO-Ministerrat sich im vergangenen April vertagte,
um im kommenden Dezember wieder zusammenzutreten, wies ich darauf hin, daß - falls das Zustandekommen der EVG scheitern
sollte - damit eine Notlage geschaffen würde, die eine Sondersitzung des Rates erforderlich machen würde. Diese Situation
ist nun eingetreten, und die USA sind der Überzeugung, daß unverzüglich eine Sondersitzung des NATO-Ministerrates einberufen
und baldige Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer aufgenommen
werden sollten."
* * * * *

- 3-

�EISENHOWER: BEMÜHUNGEN ZUR SCHAFFUNG EINES INTERNATIONALEN
ATOMPOOLS WERDEN FORTGESETZT

DENVER — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower verkündete am 6. September 1954
in Denver, Colorado, daß die USA zusammen
mit mehreren befreundeten Nationen der freien
Welt seinen Plan zur Gründung eines internationalen Atompools und zum Austausch von Informationen und Material zur Atomenergieentwicklung unverzüglich in Angriff nehmen werden. Der Präsident gab diesen Entschluß in
einer anläßlich der Grundsteinlegungszeremonie
zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in
Shippingport, Pennsylvania,von Rundfunk und
Fernsehen übertragenen Ansprache bekannt,
die folgenden Wortlaut hat:
"An dem diesjährigen 'Tag der Arbeit' halten wir Amerikaner in unserem Tagewerk inne, um mit besonderer Aufmerksamkeit der Würde und des Werts - und der unerhörten Leistung - des einzelnen Arbeiters in unserem Lande zu gedenken.
An diesem Tage blicken wir mit besonderem Stolz auf die beispielhafte Arbeitskraft und -leistung unserer arbeitenden
Männer und Frauen. Alle Amerikaner sind dankbar für diesen
Beweis, was freie Menschen zu erreichen und zu leisten vermögen.
Es ist daher ein besonderes Glück für uns, daß wir an
diesem Tag der Arbeit einen historischen Schritt voran tun
können, der für alle von uns neue Wege zu aufbauender Arbeit
und zu Wohlstand erschließt und die Bürde unserer Arbeit
erleichtert.
Heute nämlich beginnen wir in Shippingport im Staate
Pennsylvania mit dem Bau unseres ersten Atomkraftwerks, das
der Größe eines normalen Kraftwerks entspricht und für eine
Gemeinde von 100 000 Menschen Strom liefern soll. Mit diesem
Vorstoß zu einer wirtschaftlich rentablen Elektrizitätserzeugung durch Atomkraft kommt die Menschheit der Erfüllung
des alten Traums von einer neuen und besseren Welt näher.
Aber wir bleiben weder bei diesem Atomkraftwerk noch,
bei den Hoffnungen und Träumen unseres eigenen Landes stehen.
Unsere zahlreichen Vorschläge zur friedlichen Nutzung der
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�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

der Atomenergie wurden bislang auf den verschiedenen internationalen Konferenzen in zynischer Weise zum Scheitern gebracht,
dennoch werden wir weiter vorangehen. Wir werden nun dazu
übergehen - entsprechend den Sicherheitsbestimmungen, wie
sie in unserem Atomenergiegesetz niedergelegt sind - unsere
technischen Kenntnisse vom Atom mit anderen Staaten, die guten Willens sind, zu teilen.
Wir sind soeben mit einer Reihe anderer Nationen übereingekommen, Schritte zur Bildung einer internationalen Behörde zu unternehmen, durch die die Vermehrung und die Ausbreitung der neuen Atomtechnik für friedliche Zwecke gefördert
werden soll. Atommaterial für Projekte, die von dieser Behörde
unterstützt werden, wird zu diesem Zwecke bereitgestellt werden. Wir hoffen, daß auf die Dauer keine Nation sich von der
Arbeit dieser Behörde ausschließen wird.
Gleichzeitig mit der Durchführung dieser Pläne werden wir
in den USA eine 'Atomreaktor-Schule' aufbauen, um die Techniker der befreundeten Nationen in den Fertigkeiten und Techniken zu unterrichten, die sie zur Durchführung ihrer eigenen
Atomprogramme benötigen. In Kürze werden außerdem mit den
Ländern, die ihre eigenen Atomreaktoren für Forschungszwecke
bauen wollen, Besprechungen über eine zweckmäßige Zusammenarbeit aufgenommen werden.
Wir stehen außerdem vor Verhandlungen mit der belgischen
Regierung über den Bau einer Atomkraftanlage in Belgien. Am
kommenden Donnerstag beginnen wir mit unseren Freunden in Kanada Gespräche über Atomfragen. Verhandlungen mit anderen befreundeten Nationen werden in Kürze folgen.
Meine Freunde, alle diese Maßnahmen und das Wissen, das
wir durch die neue Anlage gewinnen, mit deren Bau wir heute
beginnen, werden - davon bin ich fest überzeugt - das Atom
zu einem mächtigen Diener und unerschöpflichen Wohltäter der
Menschheit machen und nicht zu ihrem Zerstörer.
Mit dieser tiefen Hoffnung und diesem unerschütterlichen
Vertrauen - und mit einem Gebet für die Zukunft der Menschheit setze ich nun hiermit die Bauarbeiten zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in Gang."
Bei den letzten Worten seiner Rede führte Präsident
Eisenhower einen radioaktiven Stab über ein Elektronen-RöhrenAggregat und setzte mit dem hierdurch erzeugten elektrischen
Impuls eine Erdräummaschine auf dem rund 1600 Kilometer entfernten Baugelände in Shippingport in Gang, die den ersten
"Spatenstich" zur Grundlegung des Atomkraftwerks ausführte.
Das Kraftwerk, das gemeinsam von der US-Atomenergiekommission
und der "Duquesne Light Company" errichtet wird, soll eine
Kapazität von 60 000 Kilowatt haben und arbeitet mit einem
mit angereichertem Uran betriebenen Reaktor. Als Kühlung und
Moderator des Atomreaktors wird Wasser unter Druck verwendet.
* * * * * *

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�JOHN POSTER DULLES ZUR ERÖFFNUNG DER MANILA-KONFERENZ
MANILA — (Amerika Dienst) — Die Achtmächtekonferenz über die Verteidigung Südostasiens,
an der Australien, Frankreich, Großbritannien,
Neuseeland, die Philippinen, Pakistan, Thailand
und die USA teilnehmen, ist am 6. September
1954 in der Kongreßhalle der philippinischen
Hauptstadt Manila eröffnet worden.
Die Eröffnungsansprache der dreitägigen Konferenz hielt der philippinische Staatspräsident
Ramon Magsaysay. Danach sprachen die Chefdelegierten der an der Konferenz teilnehmenden
Nationen kurze Begrüßungsworte, in denen sie
die Bedeutung der Zusammenkunft betonten. Die
Rede des US-Außenministers John Foster Dulles
hat folgenden Wortlaut;
"Wir sind hierher gekommen, um ein kollektives Sicherrheitsabkommen für Südostasien zu schaffen. Bei diesem Vorhaben
handeln wir im Rahmen und In Übereinstimmung mit den Grundsätzen der UN-Charta. Was wir hier tun, ist gegen keine Nation und gegen kein Volk gerichtet. Wir führen nur das durch,
was die Charta als das uns zustehende Recht der kollektiven
Selbstverteidigung bezeichnet.
Die USA selbst haben in Südostasien keine direkten territorialen Interessen. Dennoch verbindet uns das Gefühl eines
gemeinsamen Schicksals mit den Menschen, die in diesem Gebiet leben und schaffen. Wir sind durch eine gemeinsame Gefahr vereint, eine Gefahr, die aus dem internationalen Kommunismus und seinen unersättlichen Ambitionen herrührt. Wir wissen, daß, wo der internationale Kommunismus auch immer Gewinne
erzielt - wie in Indochina -, diese Gewinne nicht als endgültige Lösungen sondern als Ausgangspunkte für weitere Gewinne angesehen werden. Diese Tatsache erfordert von uns allen,
daß wir uns mit den Dingen befassen, die anderswo vor sich
gehen.
Die Gefahr offenbart sich in mannigfacher Form. Eine dieser Formen ist die offene, bewaffnete Aggression. Wir können
diese Gefahr entscheidend verringern, wenn wir deutlich erklären, daß ein Angriff auf den Geltungsbereich des Vertrages
eine so einheitliche, so starke und eine so gut placierte Gegenmaßnahme zur Folge hätte, daß der Angreifer mehr verlieren
würde, als er hoffen könnte zu gewinnen.
TT
1
Unsere

�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

Unsere Zusammenkunft sollte daher alle Beteiligten eng
zusammenführen und sowohl die individuelle als auch die kollektive Fähigkeit zur Abwehr eines bewaffneten Angriffs schaffen.
Die USA selbst streben dies an, und wir vermerken mit Genugtuung die Bemühungen, die in dieser Richtung von anderen hier
vertretenen Ländern wie den Philippinen, Pakistan und Thailand
unternommen werden. Wir begrüßen die historische Erklärung
des australischen Ministerpräsidenten, daß Australien selbst
in Friedenszeiten bereit ist, überseeische Militärverpflichtungen einzugehen.
Es wird notwendig sein sicherzustellen, daß die einzelnen
Bemühungen der verschiedenen Vertragspartner zum besten Vorteil
aller genutzt werden. Die hier vertretenen Nationen können sich
mit den riesigen Landarmeen, über die der internationale Kommunismus in Asien verfügt, nicht messen. Wenn die freien Nationen
versuchen würden, an jedem Gefahrenpunkt auf der Welt große Landarmeen zu unterhalten oder zu unterstützen, dann wäre das gleichbedeutend mit Selbstzerstörung.
Was die Vereinigten Staaten angeht, so sind unsere Verantwortlichkeiten so groß und so weit gespannt, daß wir glauben,
den besten Dienst dadurch zu leisten, daß wir als Abschreckung
eine bewegliche und schlagkräftige Macht in Verbindung mit
strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die vorgesehenen Vertragsmitglieder durch wohlabgewogene und gut koordinierte Bemühungen,
die im Rahmen unserer Kapazität liegen, eine Macht schaffen
können, die uns alle schützt.
Neben der Gefahr eines offenen bewaffneten Angriffs besteht
die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression. Um
einer solchen Gefahr zu begegnen, gibt es keine einfache oder
alleinige Formel. Ihr entgegenzutreten, erfordert Hingabe, Stärke
und Elastizität, wie sie zum Beispiel Staatspräsident Magsaysay
gezeigt hat.
Die Möglichkeiten werden sich für den Kommunismus verringern, wenn Handelsbeziehungen den freien Nationen helfen, ihre
Wirtschaft zu stärken. Dies wird die Teilnahme von Ländern erfordern, die zu den Staaten hinzutreten, deren besonderes Anliegen die Sicherheit Südostasiens ist. Eine wirtschaftliche Planung, die ausreichend sein soll, muß den Handel nicht nur innerhalb des südostasiatischen Raumes fördern, sondern auch dem Handel zwischen diesem Raum und Südasien und dem westlichen Pazifik
Auftrieb geben. Eine solche Planung geht ganz offensichtlich
über den Bereich dieser Konferenz hinaus. Diese Konferenz würde
jedoch nicht ihre Pflicht gegenüber den vielen auf uns hoffenden
Menschen erfüllen, wenn wir nicht mit dem wohldurchdachten Entschluß aus Manila fortgingen, daß wir unsere Bemühungen mit denen anderer vereinigen, um die freien Länder dieses Gebietes
nicht nur in militärischer sondern auch in sozialer und wirt- 2 -

�t
"AMERIKA DIENST"

8. September 1954

wirtschaftlicher Hinsicht stärker und widerstandsfähiger zu
machen.
Einige Länder, die zu dem in Aussicht genommenen Bereich
des Vertrages enge Beziehungen haben, sind hier nicht vertreten.
Zu diesen Ländern gehören Kambodscha, Laos und Vietnam. Die Regierungen und die Völker dieser Länder können wissen, daß wir
sehr viel an sie denken, und ich hoffe, daß wir in der Lage
sein werden, irgendein Gewand des Schutzes um sie zu legen. Es
gibt andere Länder, die später vielleicht den Wunsch haben mögen, unserem Defensivsystem beizutreten. Um dies möglich zu
machen, wird der Vertrag, so hoffe ich, die Bestimmung für den
Beitritt neuer Mitglieder enthalten.
Es gibt einen Aspekt unseres Problems, den wir uns immer
vor Augen halten sollten. Das ist die Sehnsucht der asiatischen
Völker, frei vom 'Kolonialismus' zu sein. Der internationale
Kommunismus benutzt den 'Nationalismus' als ein Schlagwort
zur Erlangung der Macht und legt den Völkern dann seine eigene
brutale Form des Imperialismus auf, der die Negation des Nationalismus darstellt.
Zu Recht stellen wir uns mit allem Eifer gegen diese kommunistische Bedrohung. Die Westmächte sollten jedoch mit Sorgfalt
darauf achten, daß dieser Eifer sie nicht blind macht gegenüber den Gefühlen, jener, die den Kolonialismus immer noch mit
dem Westen in Verbindung bringen.
Es muß über jeden Zweifel klargestellt werden, daß wir
alle die Absicht haben, die Unabhängigkeit der neuen Nationen
zu stärken und den Prozeß zu fördern, durch den andere die
von ihnen gewünschte Unabhängigkeit gewinnen und erhalten
können« Nur dann können der Osten und der Westen in echter
Partnerschaft zusammenarbeiten.
Wir kommen hier zusammen und müssen'einige Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Das ist nichts Erschreckendes. Zu
einer freien Gesellschaft gehören auch Meinungsverschiedenheiten.
Ich zweifle nicht daran, daß wir aus unseren anfänglich verschiedenen Ansichten ein bedeutsames Übereinkommen erarbeiten
können. Das ist unsere große Pflicht, die wir gegenüber uns
selbst und gegenüber anderen haben.
Diese Pflicht wird uns zu einem Augenblick dramatisch
vor Augen geführt, wo in Nordvietnam Hunderttausende ihre angestammte Heimat aufgeben, um dort ein neues Leben zu beginnen,
wo sie glauben, frei zu sein. Wir werden Zeuge einer neuen
Massenflucht, wie schon vorher Millionen aus dem kommunistischen
Ostdeutschland und dem kommunistischen Nordkorea geflohen sind.
Diejenigen von uns, die frei und stark sind und noch nicht
in augenblicklicher Gefahr leben, haben die ehrenhafte Verpflichtung, zu beweisen, daß die Freiheit jene schützen kann, die unter großen Opfern der Freiheit die Treue halten. Lassen Sie das
die Verpflichtung unserer Konferenz sein."
* * * * *

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�AUSSENMINISTER DÜLLES BERICHTET ÜBER MANILA-KONFERENZ

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister Dulles berichtete dem amerikanischen
Volk am 15.9.1954 über die Manila-Konferenz,
auf der der südostasiatische Verteidigungspakt unterzeichnet wurde. Die Ansprache des
Außenministers, die vor seinem Abflug nach
Bonn und London auf Band aufgenommen worden
war, hat folgenden Wortlaut:
"Unsere Suche nach Frieden führte uns in der vergangenen
Woche nach Manila. Dort trafen sich acht Nationen, um in Südostasien und dem südwestlichen Pazifik Einigkeit für Sicherheit und Frieden zu schaffen.
Um diese Einigkeit hatten sich die USA schon seit langem
bemüht. Vor vier Jahren verhandelte ich mit Australien, Neuseeland und den Philippinen über Sicherheitsverträge. Wir alle
wußten jedoch, daß dies nicht genug war. Daher forderten diese
Verträge die 'Entwicklung eines umfassenderen Systems der regionalen Sicherheit im pazifischen Raum'. Am 16. April 1953 forderte Präsident Eisenhower in seiner Friedensrede ein 'gemeinsames Handeln', um der Aggressionsandrohung in Südostasien zu
begegnen. Im vergangenen März habe ich diesen Appell wiederholt.
Der Präsident und ich hatten gehofft, rechtzeitig eine
Einheit zur Stärkung der Verhandlungsposition der freien Nationen während der Indochina-Verhandlungen in Genf zustandezubringen. Jedoch erwies sich dies als nicht durchführbar.
Der Ausgang der Genfer Konferenz bestätigte aber die Notwendigkeit nach Einigkeit. So kamen Australien, Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Philippinen, Tailand, Großbritannien und
die Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche zusammen. Wir
verhandelten hierbei als völlig gleichberechtigte Partner und
unterzeichneten schließlich einen Verteidigungsvertrag, der gegen eine offene Aggression von außen wie gegen eine Subversion
von innen gerichtet ist.
Der Vertrag sieht vor, daß im Falle einer bewaffneten
Aggression jedes der Länder Maßnahmen treffen wird, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen. Es wurde ein Gremium geschaffen,
das über militärische und andere Planungen beraten soll.
«.
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�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Der Vertrag trägt auch der Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression Rechnung. Er befaßt sich mit diesem schwierigen Problem ausdrückli her als irgendein anderer bisher abgeschlossener Sicherheitsvertrag. In dieser Hinsicht stellt der
Vertrag einen bedeutsamen Fortschritt dar, weil die Subversion
und die indirekte Aggression Hauptwerkzeuge des internationalen
Kommunismus gewesen sind.
Der Vertrag sieht vor, daß - falls irgendein Vertragspartner der Ansicht ist, die Integrität des Geltungsbereichs des Vertrages werde durch 'rgendeme andere Drohung als einen bewaffnete. Angriff gefäh et - alle Signatarstaaten unverzüglich zu Beratung n zusammenk mmen sollen, auf denen über Maßnahmen für
die gemeinsame Ver eidigung entsch eden werden soll. Dies« Maß:;ah*
men werden natürli h niemals eine Intervention in rein innere
Angelegenheiten eines anderen Staates einschließen.
Die USA befan en s ch in Manila m einer besonderen Lage,
weil s e der einzige Sig atarstaat waren, der keine territoriale:
Interessen n dem Vertragsraum besai:. Pur die anderen Mächte war
dieser Vertrag nich nur ein antikommunistischer Pakt sondern
auch ein Regionalpakt. Aus diesem Grunde befaßte er s u h mit allen
Aggressionsakten, di den Frieden dieses Gebietes stören könnten.
Für die USA setzten lr jedoch fest, daß der einzige bewaffnete
Angriff in diesem Gebiet den wir notwendigerweise als unseren
Frieden und unsere Sicherheit gefährdend ansehen würden, ein von
den Kommunisten geführter bewaffneter Angriff sein würde.
Jede bedeutende Ausweitung der kommunistischen Welt würde
in der Tat eine Gefahr für die USA darstellen, weil der internationale Kommunismus etzten Endes danach strebt, seine Machtstellung gegen die Verenigten Staaten einzusetzen. Aus diesem Grunde konnten wir ehrl herweise sagen, indem wir die von Präsident
Monroe bei der Pr
amati n seiner Doktrin gebrauchten Worte benutzten, daß eine b waffnete Aggression der Kommunisten in Süd
ostasien in der Ta
seren Frieden und unsere Sicherhe* gefährden und Gegenma nahmen unsererseits erforderlich machen
würde.
Der Vertrag erkennt die Bedeutung des wirtschaftlichen Wohlstands an. Er ver; 1 htet jedoch die USA nicht zu irgendwelchen
'Schenkungsprogramme *. Wir erklären uns damit einverstanden, bei
der Entwicklung wirts haftlicher Maßnahmen mitzuarbeiten, die das
wirtschaftliche un
ziale Wohl fördern. Der Kongreß hat in diesem Jahr mit Weitb Li k erkannt, daß es im südostasiatischen Raum
besondere Bedürf" lsse geben könnte. Durch das Gesetz für die gemeinsame Sicherheit hat der Kongreß bereits Mittel zur Verfügung
gestellt, die diesem Gebiet zugutekommen sollen. Ein Teil davon
wird zweifelsohne : ur Unterstützung der freien Regierungen Sudostasiens verwandt werden.
Der Vertrag richtet aber keine wirtschaftlichen Schranken
auf . Vom wirtschaftlichem Gesichtspunkt bleiben solche Länder
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�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Länder wie Japan, Indonesien, Burma, Ceylon und Indien wichtig.
Der Geltungsbereich des Vertrages wird als das Territorium der Mitgliedstaaten in Südostasien und im südwestlichen
Pazifik definiert. Das Protokoll dehnt darüber hinaus die
sich aus diesem Vertrag ergebenden Vorteile auf Kambodscha
und Laos sowie den nichtkommunistischen Teil von Vietnam
aus. Der indochinesische Waffenstillstand hat diese drei
Staaten daran gehindert, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
als tatsächliche Vertragspartner dem Vertrag anzuschließen.
Der Vertrag wird jedoch, soweit dies praktisch durchführbar
ist, diesen jungen Nationen Schutz gewähren.
Der Manila-Pakt ist eine stattliche Leistung. Ich wäre
froher gewesen, wenn er früher zustandegekommen wäre. Es ist
jedoch entschieden besser, daß der Vertrag jetzt abgeschlossen
wurde als niemals.
Verträge arbeiten jedoch nicht von selbst. Die Unterzeichnung eines Vatrages selbst hat noch keine wunderbaren
Auswirkungen. Verträge müssen ratifiziert werden» und dann
muß der ehrliche Wille vorhanden sein, ihre Zielsetzungen auch
zu verwirklichen. Ich bin der Überzeugung, daß der ManilaPakt tatsächlich ein wesentlicher Beitrag ist, um die freien
Regierungen in Südostasien zu erhalten und die Kommunisten an
einem Vorstoß in den pazifischen Raum zu hindern, der die
Verteidigung der USA ernsthaft gefährden würde.
Wir haben in Manila die Frage erörtert, wie der Vertrag
verwirklicht werden soll. Eine Möglichkeit hierzu bestand in
der Schaffung einer gemeinsamen militärischen Macht. Ich
wies jedoch darauf hin, daß die Verantwortlichkeiten der
USA so umfangreich und so weit gespannt sind, daß wir glaubten, wir könnten den besten Dienst dadurch leisten, daß wir
unsere Truppen nicht für bestimmte Gebiete des Fernen Ostens
festlegen, sondern als Abschreckung eine bewegliche und
schlagkräftige Macht in Verbindung mit strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Dieser Standpunkt wurde akzeptiert. So macht es dieser
Vertrag für uns nicht erforderlich, unsere militärischen Planungen wesentlich zu ändern. Diese Pläne sehen bereits die
Aufrechterhaltung mächtiger Marine- und Luftstreitkräfte im
westlichen Pazifik zu jeder Zeit vor, Streitkräfte die in der
Lage sind, gegen jeden Aggressor mit Mitteln und an Plätzen
der eigenen Wahl Schläge zu führen. Die gewaltige Abschreckungskraft, die wir so schaffen, kann genau so, wie sie einen
schützt, auch viele wirkungsvoll schützen.
Zusätzlich zu der erzielten Übereinstimmung und der Unterzeichnung des Manila-Paktes wurde noch eine Deklaration
entworfen und unterzeichnet, die als die 'Pazifik-Charta'
bekanntgeworden ist. Hier wurden in bezug auf das Recht der
Völker auf Selbstbestimmung, Selbstregierung und Unabhängigkeit gewisse Grundsätze aufgestellt.
^

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Der Gedanke dieser 'Pazifik-Charta' wurde vom Präsidenten
der philippinischen Republik Magsaysay vorgebracht. Er ist ein
bewährter Kämpfer für die Freiheit und gegen den Kommunismus,
und er hielt es für außerordentlich wichtig, auf der Konferenz
von Manila klar zum Ausdruck zu bringen, daß wir das Wohl der
asiatischen Bevölkerung anstreben und keinen 'Kolonialismus'
schaffen wollen.
In meiner Eröffnungsansprache auf der Konferenz unterstrich
ich nachdrücklich, daß eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus die Behauptung ist, die westlichen Nationen trachteten
danach, den asiatischen Völkern den Kolonialismus aufzuzwingen.
Ich sagte, wir müßten es eindeutig klarstellen, daß wir nach
einer Stärkung der Unabhängigkeit streben. Nur so könne der
Westen und der Osten in echter Partnerschaft zusammenarbeiten.
Die Manila-Konferenz machte sich diesen Standpunkt zu
eigen. Sie war die erste Konferenz, auf der Vertreter von
asiatischen und westlichen Nationen zusammenkamen, um ein
Programm der gemeinsamen Sicherheit auszuarbeiten. Das Ergebnis war die Pazifik-Charta, die die Signatarstaaten in besonders eindrucksvoller Weise zur Stärkung der Prinzipien der
Selbstregierung und der Unabhängigkeit für alle Länder verpflichtet, deren Völker dies wünschen und die in der Lage
sind, ihrer Verantwortung nachzukommen.
Immer wenn in Asien eine Macht auftaucht, die andere
erobern will, dann wählt sie das Schlagwort 'Asien den Asiaten'. Als die Japaner von ihren Generälen regiert wurden, gebrauchten sie dieses Motto. Heute verwenden es die sowjetischen und chinesischen Kommunisten. Sie wollen die freien
Länder Asiens hindern, die Hilfe zu empfangen, die sie für die
Wahrung ihrer Unabhängigkeit benötigen.
Die Pazifik-Charta, bei der sich der Westen und der Osten
trafen, kann sioh se-fe-r wohl als das wichtigste Ergebnis der
Konferenz erweisen.
Die Haltung der Kommunisten war während der Konferenz
durch heftige Propagandaangriffe charakterisiert und trat noch
deutlicher durch eine neue militärische Aktivität hervor, die
sich gegen ein benachbartes Gebiet richtete. Offensichtlich
hatten sie gehofft, die Mitglieder unserer Konferenz zu beeinflussen und einige von ihnen von der Unterzeichnung des
Sicherheitspaktes abhalten zu können.
Diese Bemühungen, durch Gewaltmaßnahmen einzuschüchtern,
sind für die kommunistische Technik charakteristisch. Als
die koreanischen Waffenstillstandsverhandlungen ihren Höhepunkt erreicht hatten?. leiteten die chinesischen Kommunisten
ihren blutigen Angriff gegen die Stellungen der UN-Streitkräfte in Korea an. Als man schließlich übereingekommen war,
den Frieden in Indochina zu erörtern$ eröffneten die unter
Ho Tschi-minh stehenden und von Rotchina unterstützten kommunistischen Streitkräfte ihren mörderischen Angriff auf Dien
Bien Phu. Und als die Manila-Konferenz begann, richteten die
chinesischen Kommunisten ihre Geschütze auf Quemoy, eine Insel,

. 4.

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Insel, die seit Beendigung des zweiten Weltkrieges immer ein
Teil des freien China gewesen ist und die nur rund 640 Kilometer von den Philippinen entfernt liegt.
Dieser Versuch, die Konferenz von Manila einzuschüchtern,
war ein vollständiger Mißerfolg. Alle Teilnehmer unterzeichneten den Manila-Pakt und die Pazifik-Charta voller Vertrauen,
daß sie dadurch ihre eigene Sicherheit stärken konnten.
Das sowjetische Außenministerium hat soeben eine längere
Erklärung veröffentlicht, in der der Manila-Pakt angegriffen
wird. Es wendet sich vor allem gegen den Artikel vier, der
einen gemeinsamen Widerstand gegen bewaffnete Angriffe und
politische Subversion vorsieht» In der sowjetischen Erklärung heißt es, daß auch die chinesischen Kommunisten keine
Freunde dieses Paktes sind. Der Manila-Pakt richtet sich gegen keine Regierung, gegen kein Land und gegen kein Volk.
Er ist lediglich gegen die Aggression gerichtet. Die Tatsache,
daß die Kommunisten dies ablehnen, enthüllt in tragischer
Weise ihre Ambitionen.
Die USA haben in Manila in eindrucksvoller Weise eine
nationale Einigkeit demonstriert. Die drei bevollmächtigten
Delegierten auf der Konferenz waren der republikanische Senator aus New Jersey H. Alexander Smith, der demokratische
Senator aus Montana Michael J. Mansfield und ich. Beide
Senatoren gehören dem außenpolitischen Sinatsausschuß an und
sind mit fernöstlichen Angelegenheiten auf das beste vertraut.
Auf diese Weise nahmen sowohl die Exekutive als auch der Senat
und beide politischen Parteien an den Verhandlungen über den
Vertrag und an seinem Abschluß teil. Ich bin den beiden Senatoren für ihren Beitrag zu dem erfolgreichen Ende der Konferenz zu großem Dank verpflichtet.
Das Thema unserer Konferenz war, größere Sicherheit durch
größere Einigkeit zu schaffen. Wir brauchen diese Einigkeit
nicht nur unter den Nationen sondern auch innerhalb unserer
eigenen Nation. Es ist politisch gesund, zwei Parteien zu
haben, die darum ringen, wer die Geschicke der Nation leiten
soll. Es ist auch wichtig, daß dieser Wettstreit vor den
Landesgrenzen haltmacht, so daß wir anderen Ländern als eine
geeipigte Nation gegenübertreten. Dies hat sich bei uns zu
einer Tradition entwickelt, und die Manila-Konferenz hat dieser Tradition ein neues und würdiges Kapitel hinzugefügt."
* # * * #

- 5 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES REDE VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister, John Poster Dulles, nahm vor der UNVollversammlung am 23. September 1954 in einer großen
umfassenden Rede zu außenpolitischen Problemen Stellung» Die Rede hat folgenden Wortlaut«

Partnerschaft für den Frieden
"Ich bin zu dieser Eröffnungssitzung der 9. Vollversammlung in vollem Bewußtsein der Bedeutung dieses Anlasses gekommen. Diese alljährlich stattfindende Tagung der Vertreter von
60 Nationen stellt den hoffnungsvollsten Versuch von Menschen
dar, den Frieden in Gerechtigkeit zu verwirklichen. Hier manifestieren sich die gegenseitige Abhängigkeit in unserer Welt
von heute und auch die gewaltigen Möglichkeiten für die Erreichung konstruktiver Ergebnisse, die aus den Bemühungen einer
aufrichtigen Partnerschaft erwachsen können.
Das Wesen des Friedens
Das amerikanische Volk glaubt aufrichtig an die Zielsetzungen und Grundsätze, die in der Charta der Vereinten Nationen
niedergelegt sind.
Dieses Dokument stellt einen Meilenstein in dem Verständnis der wahren Natur des Friedens dar. Darin wird anerkannt, daß
der Friede nicht eine zur Inaktivität verdammende Idee ist,
sondern Taten fordert. Es genügt nicht, den Krieg zu verabscheuen und ihn zu verdammen. Der Krieg wird seit Jahrhunderten
von den Menschen gehaßt. Und doch hat es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. Ein Grund dafür liegt in
der Tatsache, daß die Menschen niemals mit den gleichen Mitteln den Frieden zu gewinnen suchten, mit denen sie für den
Sieg in einem Krieg arbeiten.
Die Menschheit wird sich niemals eines dauerhaften Friedens erfreuen können, so lange sie ihre ganzen Kräfte für
kriegeri-sche Aufgaben aufspart. Um den Frieden zu sichern, ohne
wesentliche Freiheiten zu opfern, bedarf es ständiger Bemühungen, unermüdlichen Mutes und zuweilen der Bereitschaft, schwere

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

schwere Risiken einzugehen. Das ist der wahre Geist des Friedens .
Während des vergangenen Jahres haben viele Nationen aktiv
für die Sache eines dauerhaften und gerechten Friedens zusammengearbeitet. Es hat Augenblicke gegeben, in denen es scheinen
wollte, daß zwischen einem Weltkrieg und dem Frieden nur noch
ein ganz kleiner Schritt lag. Diese gefährliche Situation besteht noch immer, aber wir sehen wenigstens die Gefahren und
sind bemüht, die Sache des Friedens zu stärken.
Die Bemühungen des vergangenen Jahres dürfen nicht nur
danach bewertet werden, ob sie auch tatsächlich zu konkreten
Ergebnissen geführt haben. Die Tatsache, daß intelligente, entschlossene und gemeinsame Bemühungen um gerechte Regelungen gemacht worden sind, hat allein schon zum Frieden beigetragen.
Die3 läßt einen dynamischen Geist und eine Wachsamkeit erkennen,
die jedem potentiellen Aggressor zur Warnung gereichen sollten.
In der Vergangenheit ist der Friede oft durch Versagen verloren worden. Lassen sie uns entschlossen dafür sorgen, daß so
etwas nicht wieder der Fall ist. Ich kann natürlich nicht auf
die mannigfachen Maßnahmen eingehen, die in der letzten Zeit
innerhalb und außerhalb der Weltorganisation unternommen worden
sind. Ich werde mich daher hauptsächlich auf die politischen
Bemühungen beschränken, an denen die USA als aktiver Partner
Anteil hatten.
Die Organisation der amerikanischen Staaten
Lassen Sie mich zuerst über die Organisation der amerikanischen Staaten sprechen. Das interamerikanische System basiert
auf einer langen Tradition der Zusammenarbeit für Freiheit und
Frieden in der westlichen Hemisphäre. Die Treue zu dieser Tradition und der Stolz darauf haben dazu geführt, dieser Hemisphäre
solche Kriege zu ersparen, die in tragischer Form Europa und
Asien im vorigen und in diesem Jahrhundert verwüstet haben. Im
vergangenen März beschloß und verkündete die Caracas-Konferenz
der amerikanischen Staaten, daß - falls der internationale Kommunismus die Kontrolle der politischen Institutionen irgendeines
der amerikanischen Staaten erlangen sollte - dies eine Gefahr
für den Frieden und die Sicherheit aller darstellen und kollektive Maßnahmen zur Abwendung dieser Bedrohung erfordern würde.
Wie aggressiv der Kommunismus anderswo auch beurteilt werden mag, wir in dieser Hemisphäre wissen ohne Ausnahme, daß das
Eindringen des Kommunismus hier ernste Konflikte heraufbeschwören würde, wie wir sie zuvor noch nicht kennen gelernt haben.
In Guatemala bahnte sich eine deutlich wahrnehmbare Bedrohung des Friedens und der Sicherheit dieser Hemisphäre an. Die
amerikanischen Staaten tauschten ihre Ansichten über diese Gefahr aus und waren gerade dabei, ihr gemeinsam entgegenzutreten,
als die Bevölkerung Guatemalas diese Bedrohung aus eigenen
Kräften zunichte machte,
_

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

In diesem Zusammenhang bestand für die Vereinten Nationen
Anlaß, die in unserer Charta verkörperten Prinzipien anzuwenden,
die unter Bestätigung der weltumspannenden Autorität dieser Organisation die Anwendung regionaler Abkommen vor einer Anrufung
des Sicherheitsrates vorsehen. (Artikel 33 und 52.) Diese Bestimmungen waren in San Franzisko in einer langen Debatte ausgehandelt worden, als unsere Charta angenommen wurde. Die amerikanischen Staaten traten damals dafür ein, daß ihre bereits in
der Praxis erprobten wechselseitigen Beziehungen in den Rahmen
der Vereinten Nationen gestellt und nicht durch sie ersetzt
werden sollten, da diese ihrer Ansicht nach infolge des Vetorechtes im Sicherheitsrat nicht immer verlässlich sein könnten.
Aus diesem Grunde traf man den Entschluß, die regionalen Abkommen zu einem wesentlichen Bestandteil des Priedenssystemes der
Vereinten Nationen zu machen.
In diesem Jahre bewies die Organisation der amerikanischen
Staaten erneut, daß ade bereit, fähig und willens ist, den
regionalen Frieden aufrechtzuerhalten. Dadurch wurden die Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen untermauert und
die Basis für einen Frieden in der westlichen Hemisphäre fest
ausgebaut.
Deutschland
Vergangenes__.Jahr- erklärte ich an dieser Stelle, daß die Teilung Deutschlands nicht ohne ernste Risiken aufrechterhalten
werden kann. In dem Bemühen, dieses Risiko auszuschalten, reiste
ich im Januar dieses Jahres nach Berlin, um mit den Außenministern der drei anderen Besatzungsmächte zu beraten. Wir brachten
dann zusammen mit Großbritannien und Frankreich einen Vorschlag
für die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen vor»
die von den Vereinten Nationen oder einer vergleichbaren anderen
unparteiischen Körperschaft überwacht werden sollten. Die Sowjetunion kam mit Gegenvorschlägen, die auf eine Erweiterung des sowjetischen Machtbereichs bis zum Rhein hinausliefen. Darin liegt
der.Grund, daß die gefährliche Teilung Deutschlands noch immer
fortbesteht. Ich darf aber hinzufügen, daß auch noch etwas anderes nach wie vor besteht» unsere Entschlossenheit, aus dem
Geiste des Friedens heraus dieser grausamen, Deutschland zugefügten Ungerechtigkeit ein Ende zu machen.
Österreich
Im vergangenen Jahr sprach ich auch davon, daß ein österreichischer Staatsvertrag längst überfällig ist. Ich betonte,
daß zwischen den Besatzungsmächten kein 'wesentlicher Punkt
der Unstimmigkeit' mehr bestand. Auf der Berliner Konferenz wurden von den drei Westmächten die letzten Unstimmigkeiten beseitet,
indem diese von allen Artikeln, bei denen noch Meinungsverschiedenheiten bestanden, die sowjetischen Versionen akzeptierten. Es
schien für kurze Zeit so, als ob der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet werden könnte. Aber dann stellte die Sowjetunion eine neue Bedingung. Sie erklärte, daß sie Österreich von
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von der sowjetischen Besetzung nicht befreien werde, bevor nicht
ein deutscher Friedensvertrag abgeschlossen sei.
Es kann keinen Friedensvertrag mit Deutschland geben, solange Deutschland nicht wiedervereinigt ist. So ist auch Österreich weiterhin ein auf unbestimmte Zeit besetztes Land. Dennoch
akzeptieren wir es nicht als endgültig, daß dem unglücklichen
Österreich - dem ersten Opfer der Aggression Hitlers und dem
Lande, dem die in der Moskauer Deklaration von 1943 enthaltenen
Versprechen auf Freiheit und Unabhängigkeit galten - Gerechtigkeit versagt wurde. Die drei Westmächte, unbeirrbar in ihrem
Friedensstreben, haben die Sowjetunion erneut in den jüngsten
Tagen aufgefordert, den österreichischen Staatsvertrag zu unterzeichnen - eine Tat, die weit eher als ein phrasenreicher Wortschwall zeigen wird, ob andere Fragen nutzbringend erörtert werden können.
Die europäische Einheit
Die Frage der Schaffung des Friedens in Europa wurde durch
den kürzlichen Rückschlag bei der Vollendung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft noch mehr kompliziert. Diese Konzeption entsprang der Einsicht, daß die beste Garantie für einen
dauerhaften Frieden in Europa in einer organischen Einheit liege,
die Frankreich und Deutschland einschließen würde, ferner, daß
diese Einheit, die einen Zusammenschluß der militärischen Kräfte
dieser beiden Mächte und anderer europäischer Staaten brächte,
eine Garantie für ihren nichtaggressiven Charakter darstellen
werde. Solche Streitkräfte könnten überhaupt nicht zum Einsatz
kommen, es sei denn, daß die gesamte Gemeinschaft die Notwendigkeit einer Defensivaktion für gegeben erachtet.
Die Stimmen der kommunistischen Abgeordneten haben mehr bewirkt als nur die parlamentarische Mehrheit zustande zu bringent
die dazu führte, daß die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
in einem Lande aufgeschoben wurde. Sie brachten es zuwege, die
Teilung Europas, die wiederholt Kriege heraufbeschworen hat, aufrechtzuerhalten.
Die betroffenen freien Völker akzeptieren jedoch die Beibehaltung dessen, was sich historisch als der gefährlichste Brandherd der Welt erwiesen hat, keinesfalls mit Resignation. Sie
sind sich der Gefahr bewußt, und sie arbeiten aktiv darauf hin,
sie zu überwinden.
Korea
Als ich im vergangenen Jahr hier über Korea sprach, konnte
ich von einem Waffenstillstand berichten. Ich sagte, daß es zu
diesem Waffenstillstand nicht gekommen sei, weil die kommunistischen Aggressoren den Frieden liebten, sondern weil sie auf eine
wirkungsvolle militärische Schranke gestoßen waren. Ich sagte
weiter, 'die politische Korea-Konferenz wird, wenn die Kommunisten an ihr teilnehmen, einen besseren Prüfstein abgeben.'
Sieben Monate harter Verhandlungen waren nötig, um die politische
Konferenz zustande zu bringen. Als sie schließlich in Genf stattfand, wurde von seiten der Vereinten Nationen die Einigung Koreas
auf der Basis freier gesamtkoreanischer Wahlen vorgeschlagen, die
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die von der UN überwacht werden sollten. Dieser Vorschlag wurde
von der kommunistischen Seite verworfen. Die Kommunisten bestanden darauf, daß die Vereinten Nationen selbst als ein Instrument
der Aggression behandelt und von jeder weiteren Tätigkeit in
Korea ausgeschlossen werden müssen.
Dieser Gegenvorschlag, der eine Beleidigung der Vereinten
Nationen darstellte, wurde von denen verworfen, die stolz die
Maßnahmen der UN in Korea als das erste Beispiel in der Geschichte
feierten, daß eine internationale Organisation in der Praxis wirksam gegen eine bewaffnete Aggression eingeschritten ist.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Ansicht, daß sich
die Einigung Koreas erst nach einem anderen Krieg vollziehen
lasse. Wir haben jeden uns zur Verfügung stehenden Einfluß geltend gemacht, um eine friedliche Lösung des Koreaproblems herbeizuführen, und wir haben nicht den Glauben verloren, daß eine
solche Lösung möglich ist.
Südostasien
Auf der Genfer Konferenz haben die kriegführenden Parteien
sich gleichfalls mit dem Problem der Schaffung des Friedens in
Indochina auseinandergesetzt. Ein acht Jahre währender Konflikt,
der immer mehr an Heftigkeit zunahm, wurde beigelegt. Wir können uns alle glücklich schätzen, daß das Töten zu einem Ende gebracht wurde. Auf der anderen Seite dürfen wir unsere Augen
nicht vor der Tatsache verschließen, daß mehrere Hunderttausend
Menschen aus Nordvietnam auf ihren eigenen Wunsch hin in die
nicht von den Kommunisten beherrschten Gebiete evakuiert wurden,
und daß darüber hinaus noch Millionen Menschen gegen ihren Willen einem fremden Despotismus ausgeliefert sind. In diesem Falle
wurde die Einstellung der Feindseligkeiten teuer erkauft, und
das endgültige Ergebnis läßt sich noch nicht absehen.
Eine Folge war jedoch, daß dem am südostasiatischen Raum
interessierten Nationen klar die Bedeutung einer kollektiven
Organisation zur Verteidigung gegen weitere Aggressionshandlungen
vor Augen geführt wurde. In Manila sind in diesem Monat acht Nationen zusammengekommen. Diese haben einen Vertrag ausgearbeitet
und unterzeichnet, der für eine kollektive Verteidigung gegen
eine Aggression eintritt.
Selbstbestimmung
Die Manila-Konferenz führte zu weit mehr als zu einer Ausweitung des Gebietes der kollektiven Sicherheit. Sie nahm eine Pazifik-Charta an. Darin proklamierten die acht Länder - asiatische
und nichtasiatische Staaten - die in Manila zusammenkamen, in
erhabenen Worten die Prinzipien der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Unabhängigkeit. Diese Charta und der Geist der
Zusammenarbeit, der sie aus der Taufe hob, sollten ein und für
alle Male den Mythos beseitigen, daß zwischen Ost und West ein
unvereinbarer Gegensatz besteht. Die Völker Asiens, die bereits

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bereits die Freiheit haben oder die die Freiheit suchen, müssen nicht angesichts des neuen Imperialismus schwach, geteilt
und ohne Unterstützung bleiben, angesichts eines Imperialismus,
der bereits 800 Millionen Menschen, die einst in 15 wirklich unabhängigen Ländern lebten, unter die koloniale Knechtschaft gebracht hat.
Atomenergie
Das vergangene Jahr hebt sich besonders durch die eingehenden Bemühungen zur Regelung der Frage der Atomenergie hervor.
Die Vereinigten Staaten haben sich bereit erklärt, ihre führende
Position auf diesem Gebiete mit anderen Ländern auf solche Weise
zu teilen, daß sich viele Nationen an einem großen neuen Vorhaben zum Wohle der Menschheit beteiligen können. Wir hofften, die
Atomenergie, bislang ein Instrument des Todes, zu einer Quelle
des Segens für das menschliche Leben zu machen.
Ich erinnere mich noch auf das lebhafteste an den 8. Dezember 1953» als Präsident Eisenhower hier seinen Vorschlag unterbreitetes alle Nationen im Besitze spaltbaren Materials sollten
unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen an der Schaffung einer internationalen Atombank zusammenarbeiten. Dieser
Behörde sollten sie alle spaltbares Material zuweisen, daß dann
für produktive und nicht für destruktive Zwecke verwandt werden
sollte.
Ich war Zeuge dieses dramatischen Augenblicks und erlebte
den allgemeinen Beifall, mit dem dieser Vorschlag aufgenommen
wurde - ein Beifall, der in allen Teilen der Welt seinen Widerhall fand.
Da öffentlich geführte Verhandlungen mit der Sowjetunion
oftmals die Tendenz zu zeigen scheinen, in einem Propaganda-Wettstreit zu enden, schlug Präsident Eisenhower vor, diese neuen
Verhandlungen geheim zu führen. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterbreitete nach Beratungen mit anderen Nationen einen
konkreten und detaillierten Vorschlag, um Präsident Eisenhowers
große Konzeption in die Tat umzusetzen.
Ich selbst traf mehrere Male in Berlin und Genf mit dem
sowjetischen Außenminister zusammen, um diese Frage zu erörtern.
Wir sind durchaus bereit, einer Veröffentlichung alier im Rahmen
dieser Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion ausgetauschten Dokumente zuzustimmen.
Wir hofften und glaubten, daß - wenn die Sowjetunion sich
den Vereinigten Staaten, Großbritannien und den übrigen Nationen
anschließen würde, die über spaltbares Material und Kenntnisse
in der Atomtechnik verfügen - diese Tat der Zusammenarbeit einen
Rahmen schaffe, der sich auch auf weitere Gebiete ausdehnen würde.
Der von uns unterbreitete Plan konnte niemanden schaden. Er
wurde mit der Hoffnung motiviert, daß hierdurch die dunkelste
Wolke beseitigt würde, die über der Menschheit schwebt. Seine
anfänglichen Dimensionen waren nicht so weitgehend, daß sie die
militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion hätten beeinträchtigen
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beeinträchtigen können, und es gab keinen offensichtlichen Grund
für seine Ablehnung. Und vor allem war dieser Plan praktisch,
leicht durchführbar und nicht von einer ins einzelne gehenden
Überwachung abhängig.
Dennoch wurde der Vorschlag von der Sowjetunion im vergangenen April praktisch zurückgewiesen. Diese Zurückweisung erfolgte nicht wegen angeblicher Mängel des Planes selbst. Diese
hätte man sicherlich in Verhandlungen eliminieren können. Die
sowjetische Haltung lief praktisch auf folgenden Standpunkt
hinaus: Wir werden nicht an der friedlichen Entwicklung der Atomenergie mitarbeiten, wenn man nicht von vornherein übereinkommt,
zunächst einmal auf jene atomaren Mittel zu verzichten, die für
die freien Nationen die stärkste Verteidigungshandhabe gegen
jede Aggression darstellen.
Bis zum heutigen Tag hat die Sowjetregierung keine Bereitschaft erkennen lassen, sich an der Verwirklichung des Planes
von Präsident Eisenhower außer unter dieser völlig unannehmbaren
Bedingung zu beteiligen. Als es gestern bekannt wurde, daß ich
heute zu dieser Frage Stellung nehmen werde, brach die Sowjet«
union ihr fünfmonatiges Schweigen mit einer Note, in der sie ihrer Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen Ausdruck gab. Aber
diese Note enthielt noch immer keinerlei Hinweis darauf, daß die
Sowjetunion ihre Position aufgegeben habe.
Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin zu Verhandlungen
mit der Sowjetunion bereit. Aber wir werden nicht länger mehr
unsere Bemühungen um die Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde zurückstellen.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, Präsident Eisenhowers Vorschlag nicht solange hinhalten zu lassen, bis er tot
ist. Er wird ständig genährt und weiter entwickelt werden. Wir
werden auf seine Verwirklichung drängen und zwar in enger Partnerschaft mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der
UN-Charta.diese große neue Kraft zu einem Werkzeug des Menschenfreundes und Staatsmannes machen können und nicht lediglich zu
einer furchterregenden Erweiterung des Kriegsarsenals. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren und werden auch weiterhin auf
folgende Ziele ausgerichtet sein:
Erstens: Die Schaffung einer internationalen Behörde, zu
deren Mitgliedern schon vom Anfang an Staaten aus allen Teilen
der Erde gehören werden. Es steht zu hoffen, daß eine derartige
Behörde schon im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
Zweitens: Die Einberufung einer internationalen Wissenschaft
liehen Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern; sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen zusammentreten.
~ .,.
Drittens:

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Drittens: 3)ie Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in
den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Verwendung für friedliche Zwecke.
Viertens: Die Einladung einer großen Anzahl von Fachärzten
für innere Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in unseren Krebsforschungskrankenhäusern teilnehmen sollen, - hier spielen Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine
ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen,
neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte es nachdrücklich klarmachen, daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben
ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich für eine solche Beteiligung interessieren und willens sind, die Verpflichtungen der
Mitgliedschaft zu übernehmen, herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam an der Planung und Ausführung dieses Programmes zu arbeiten.
Obschon uns viel durch die negative Haltung der Sowjetunion
vorenthalten wird, bleibt doch noch viel zu tun übrig. Wir müssen
auf jene große Entspannung verzichten, die möglich gewesen wäre,
hätte sich die Sowjetunion bereit erklärt, mit anderen Nationen
hinsichtlich jenes Gebiets zusammenzuarbeiten, das die Quelle für
so viel Furcht und für so große Hoffnungen ist. Dennoch läßt sich
viel im Hinblick auf wirtschaftliche und humanitäre Fortschritte
erreichen. Es kann kein Wunder über Nacht geschehen. Aber wir
können ein Programm zusammenstellen und ihm lebendigen Geist einhauchen, um sicherzustellen, daß wir den Lebensstandard von Millionen von Menschen mittels der Atomenergie heben können. Dies zu
erreichen, ist unser fester Vorsatz.
Begrenzung der Rüstungen
Eng mit dem Problem der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die ganze große und schwierige Abrüstungsfrage verknüpft.
Im vergangenen Jahre haben die Vereinigten Staaten vor dieser Versammlung ihren glühenden Wunsch zur Reduzierung der Rüstungslasten bekräftigt. Ich erklärte hier, daß die Vereinigten Staaten
mit großem Nachdruck die technischen Studien über eine Kontrolle
und Begrenzung der Rüstungen fortführen würden, die für jede Lösung dieses Problems von entscheidender Wichtigkeit sind.
Im vergangenen Frühjahr nahmen die Vereinigten Staaten in
London an Gesprächen mit der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und Kanada teil, die in einem Unterausschuß unserer Abrüstungskommission stattfanden und feststellen sollten, ob ein neues
Aufgreifen dieses Problems zu einer für die Sowjetunion wie auch
für die freie Welt akzeptablen Lösung führen könnte. Die Protokolle
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Protokolle dieser Sitzungen sind nun veröffentlicht worden.
Es zeigte sich, daß die Vertreter Kanadas, Prankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mit Geduld und Erfindungsgabe alle Möglichkeiten eines Übereinkommens mit der
Sowjetunion zu erforschen suchten, die mit der Sicherheit aller
Länder vereinbar sein würden. Wir machten es noch einmal klar,
wie wir es immer und immer wieder in der Vergangenheit getan haben, daß wir die Verwendung der Atomenergie für alle anderen als
friedlichen Zwecke auszuschalten suchen.
Auf diese Bemühungen antwortete die Sowjetunion mit der
glatten Ablehnung, unsere Vorschläge auch nur auf ihren sachlichen Gehalt hin zu erörtern. Der springende Punkt an der Haltung der Sowjetunion lag darin, daß sie noch vor Eintritt in
echte Abrüstungsverhandlungen auf einer papierenen Ächtung der
Anwendung von Atomwaffen seitens der Großmächte besteht. Erst
soll der große Schutzschild, das wichtigste Abschreckungsmittel,
aufgegeben werden, um dann die freien Völker dem ungeheuren
Menschenpotential der Kommunisten auszuliefern. Wenn dieses Mißverhältnis in der Stärke erst sichergestellt ist, dann wird die
Sowjetunion - vielleicht - aus ihrer Position der gesicherten
Überlegenheit heraus weiter verhandeln.
Ein solches Vorgehen würde die Sicherheit keines freien
Volkes erhöhen können.
Wir müssen, wenn auch zögernd, feststellen, daß die Sowjetunion gegenwärtig nicht den ernsthaften Wunsch hegt, über die
Abrüstung zu verhandeln. Wir werden aber auch weiterhin hoffen
und darauf hinarbeiten, daß die Sowjetunion sich schließlich
bereit findet, an einem Programm mitzuarbeiten, das der verschwenderischen Zweckentfremdung reicher wirtschaftlicher Hilfsquellen ein Ende bereiten und diese einer konstruktiven Verwendung im Dienste der Menschheit zuführen könnte.
Überprüfung der Charta
Sie werden ohne Zweifel festgestellt haben, daß viele der
von mir erwähnten Bemühungen um den Frieden außerhalb der Vereinten Nationen unternommen wurden. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Organe der Vereinten Nationen selbst ständig Arbeit leisten, die wesentlich, wenn auch nicht unmittelbar ins
Auge fallend, zur Schaffung der politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Bedingungen beitragen, die die Grundlage des
Friedens darstellen. Die Vereinigten Staaten möchten all denen,
die diese unerläßlichen Aufgaben durchführen, ihre höchste Anerkennung aussprechen.
Wenn sich viele wichtige politische Entwicklungen außerhalb
des direkten Rahmens der Vereinten Nationen abgespielt haben,
dann bestehen dafür zwei Gründe - ein guter und ein schlechter.
Die Charta der Vereinten Nationen enthält die Bestimmungen,
daß die Beteiligten an einem Streit, der eine Bedrohung für den

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den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit
darstellt, zunächst eine Beilegung dieses Streites auf dem Verhandlungsweg versuchen, regionale Körperschaften anrufen, oder
sich anderer friedlicher Mittel nach ihrem Gutdünken bedienen.
Nur wenn sich alle diese Wege als aussichtslos erweisen, sollen
die streikenden Parteien vor den Sicherheitsrat treten. Mit anderen Worten: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte
niemals ein Gerichtshof erster Instanz sein, sondern war vielmehr als letztinstanzliches Entscheidungsgremium gedacht. In
diesem Sinne entsprechen die bis dahin noch nie dagewesenen
Bemühungen um den Frieden während des vergangenen Jahres ganz
den von der Charta gesetzten Normen.
Es besteht noch ein zweiter Grund und dieser ist beunruhigend. Es ist dies die Tatsache, daß die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen bei weitem nicht all die Länder umfaßt, die
friedliebend sowie in der Lage und gewillt sind, die Verpflichtungen der UN-Charta zu erfüllen, und die zwangsläufig an zahlreichen kritischen internationalen Problemen beteiligt sind.
14 Länder sind gegenwärtig nur durch die Anwendung - in Wirklichkeit durch den Mißbrauch - des sogenannten Veto-Rechts von der UNMitgliedschaft ausgeschlossen. Keines dieser Länder gehört der
gleichen Kategorie wie Rotchina an, das von den Vereinten Nationen der Aggression schuldig befunden worden ist. Alle 14 Länder
sind voll für die UN-Mitgliedschaft qualifiziert.
Sofern nicht Wege gefunden werden können, um diese friedliebenden Länder, die sich dem Recht beugen, in diese Organisation zu bringen, werden Macht und Einfluß dieser Organisation
zwangsläufig immer mehr schwinden.
Wir nähern uns dem zehnten Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen. Alle Regierungen und Völker der Mitgliedstaaten
dürfen mit gutem Recht dankbar sein für die großen Leistungen und
Erfolge der UN und für die einzigartigen Dienste dieser Organisation als Forum für internationale Gespräche. Aber der herannahende Jahrestag muß mehr werden als nur ein Tag der Selbstbeglückwünschung. Es ist an der Zeit, die Schwächen unserer Organisation aufzuzeigen und nach Mitteln und Wegen zu suchen, durch
die die UN in die Lage versetzt werden kann, besser als ein Bürge
des Friedens und der Gerechtigkeit und als Mittelpunkt für die
Harmonisierung des Handels der Nationen zu dienen. Dies war gerade
die Idee ihrer Gründer, die eine Konferenz zur Überprüfung der
Charta vorsahen, die auf der nächsten Jahressitzung unserer Versammlung einberufen werden soll.
Zusammenfassung
Die Bemühungen um die Herstellung des Friedens haben uns
große Hoffnungen aber auch tiefe Enttäuschungen gebracht. Aber
nach Tiefpunkten lebt immer neue Hoffnung auf. Namens der Regierung der Vereinigten Staaten möchte ich abschließend feststellen,
daß wir überzeugt sind« daß der internationale Friede ein erreichbares Ziel ist. Das ist die Voraussetzung, von der alle unsere
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unsere Planungen ausgehen. Wir geloben, niemals zu zaudern, uns
niemals entmutigen zu lassen, sondern zuversichtlich und unermüdlich so zu handeln, daß der Frieden für uns ein allzeit verbindlicher Grundsatz des Handels wird.
Wir wissen, daß wir dabei nicht allein stehen. Nicht nur
darum, weil wir aus Nützlichkeitserwägungen Bündnisse und Pakte
eingegangen sind, sondern weil der Geist des Friedens wie ein
Magnet viele Menschen und viele Nationen verbindet und sie zu
einer loyalen Partnerschaft für den Frieden zusammenschweist."

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. CONANT ZUR ERÖFFNUNG DER AMERIKANISCHEN
ATOMENERGIE-AUSSTELLUNG IN BERLIN

BERLIN — (Amerika Dienst) — Nachstehend der
Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische
Hochkommissar für Deutschland, Dr. James B.
Conant, am 24. September 1954 in der Technischen
Universität zum Thema "Kernphysik - eine Errungenschaft des menschlichen Geistes" gehalten hat.
Der Vortrag fand anläßlich der Eröffnung der
amerikanischen Atomausstellung im George C.
Marshall-Haus, die im Rahmen der Berliner Industrieausstellung 1954 veranstaltet wird, statt.

"Ein Botschafter hat oft unerwartete und eigenartige, dabei aber doch angenehme Aufgaben zu erfüllen, und meine Rede
heute ist eine solche Aufgabe. Als ich am 16. Juli 1945 in
Alamogordo im Staate Neumexiko im Sand lag und auf die erste
Atombombenexplosion in der Geschichte der Menschheit wartete,
hätte ich nie gedacht, daß ich eines Tages in Berlin eine
amerikanische Ausstellung eröffnen würde, die sich mit den
friedlichen und konstruktiven Möglichkeiten der Atomenergie
befaßt.
Wie heute allgemein bekannt ist, war es damals ungewiß, ob
es überhaupt möglich sein würde, eine Atomexplosion auszulösen«
Ich hatte'»während
ich im Morgengrauen dieses Julitages wartete, gerade mit einigen Kernphysikern die Frage diskutiert,
ob der Versuch erfolgreich verlaufen könnte. Dabei erwähnte
jemand, daß wir ja früher einmal gefürchtet hatten, eine unkontrollierte Kettenreaktion könne den Stickstoff der Luft
entzünden.
Genaue Berechnungen hatten aber schon lange zuvor erwiesen,
daß eine solche Befürchtung reine Torheit war: eine Stickstoffe
Kettenreaktion konnte unter keinen Umständen erfolgen. Trotzdem war wohl die eben geführte Diskussion über die Möglichkeit
einer Entzündung des Stickstoffes der Luft noch in meinem Unterbewußtsein. Denn angesichts des ungeheuer grellen Blitzes,
der bei der ersten Atombombenexplosion aufflammte, durchzuckte
mich für den Bruchteil einer Sekunde der irrationale Gedanke,
daß jetzt vielleicht die ganze Welt explodieren werde. So erschütternd, so im tiefsten aufwühlend war das Erlebnis dieser
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dieser ersten Atomexplosion in der menschlichen Geschichte.
Erst eine endlos scheinende Minute nach der Explosion erreichte
uns an unserem 20 km entfernten Standort die ungeheure Schallwelle, die durch sie ausgelöst worden war. Aber schon lange vorher hatte mich die Wirklichkeit über die momentane Furcht hinweggebracht, die die Bilder meiner Phantasie in mir ausgelöst
hatten. Die Wirklichkeit war schlimm genug.
Seit dieser ersten Explosion in Alamogordo steht nun die
Menschheit vor großen, schwierigen Problemen. Das muß man zugeben. Aber wir wissen jetzt, daß die Angst vor einer die Welt zerstörenden Kettenreaktion überflüssig ist, und daß auch die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung der Erde nicht besteht.
Heute abend will ich weder über die politischen Probleme
noch über die militärischen Prägen sprechen, die die Erschließung der Atomenergie aufgeworfen hat. Denn die Ausstellung, die
wir hier in Berlin vorbereitet haben, befaßt sich ja mit anderen Aspekten der Atomenergie. Heute abend möchte ich mich ausschließlich mit ihren friedlichen Verwendungsmöglichkeiten befassen. Es ist eine interessante Tatsache, daß wir in Amerika
schon bald nach Beginn der Entwicklungsarbeiten während des
Krieges wußten, daß eine gelenkte Kettenreaktion möglich war,
aber keineswegs sicher waren, ob sich auch eine nicht gelenkte
Kettenreaktion, nämlich in Form einer Explosion, herbeiführen
ließe. Nur die Gesetze der Kernphysik konnten Antwort auf diese
Präge geben, und sie waren damals noch nicht hinreichend bekannt.
Ich möchte hier die gelenkte Kettenreaktion behandeln. In
diesem Zusammenhang darf ich, wenn Sie es gestatten, noch einmal
ein persönliches Erlebnis einflechten. Einigen unter Ihnen ist
es vielleicht schon aus zwei Artikeln bekannt, die Frau Fermi,
die Gattin des großen italo-amerikanisehen Physikers, in der
Zeitschrift "New Yorker" veröffentlicht hat. Professor Permi hat
bekanntlich entscheidenden Anteil an der Erschließung der Atomenergie gehabt.
Er war es, der die erste gelenkte Kettenreaktion Ende 1942
unter der Tribüne des Fußballstadions der Universität Chikago
auslöste. Als das denkwürdige Experiment gelungen war, rief
mich Dr. Arthur Compton, der Gesamtleiter des dortigen Atomforschungsprojektes, in Washington an; "Der italienische Seefahrer
hat die neue Welt erreicht", sagte er mir, gemäß unserer vorher
vereinbarten Geheimsprache. "Und wie verhielten sich die Eingeborenen?" fragte ich ihn voller Spannung. "Außerordentlich
freundlich", antwortete Compton. So erfuhr ich, daß die erste
gelenkte Kettenreaktion der Geschichte gelungen war.
Sicher erhebt sich nun die Frage: Was ist denn eigentlich
eine gelenkte Kettenreaktion? Gerade das will unsere Ausstellung erklären, und darum haben wir dort einen Apparat aufgebaut,
der sich nicht viel von dem ersten Atommeiler unterscheidet, den
Permi im Dezember 1942 in der Universität Chikago in Betrieb
setzte.
Ich

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Ich will heute abend nicht versuchen, die physikalischen
Theorien zu erläutern, denen Sie ja in der Ausstellung immer
wieder begegnen werden. Das wäre von mir, einem organischen
C:.emiker, vielleicht auch eine Anmaßung. Sie müssen nämlich
wissen, daß zwischen Chemikern und Physikern eine gewisse,
und ich will hoffen, immer freundschaftliche Rivalität besteht.
Die Physiker haben es nicht gern, wenn ein Chemiker über ein
Gebiet spricht, das sie ihr eigen nennen.
Aber jetzt zurück zu meinem Thema. Wer mit der Theorie
schon vertraut ist, wird, so glaube ich, in erster Linie an den
in dieser Ausstellung gezeigten Modellen, Instrumenten und Anlagen interessiert sein. Pur die anderen hoffe ich, daß ihnen unsere Ausstellung eine sehr lehrreiche Einführung in die moderne
Wissenschaft der Kernphysik sein wird.
Gewisslich muß man die Intelligenz bewundern, mit der der
Mensch eine gelenkte Kettenreaktion herbeigeführt hat. Aber wozu
ist diese nützlich? Es sei hier noch einmal betont, daß ich
nicht über die explosive Kettenreaktion und auch nicht über die
politischen Probleme spreche, die sie mit sich gebracht hat.
Die gelenkte Kettenreaktion im Kernreaktor erzeugt einerseits
Energie in Form von Wärme und andererseits chemische Elemente
mit starker Radioaktivität. Diese sind entweder beim Prozeß
der Kernspaltung entstanden oder als Elemente radioaktiv gemacht worden, indem man sie den Strahlungen im Reaktor aussetzte.
Wie ich eben sagte, besteht also die Möglichkeit, mit Hilfe
eines Reaktors Energie zu gewinnen, mit der man wiederum Dampfmaschinen betreiben und elektrische Kraft erzeugen kann. Meiner
Meinung nach wurde in der Presse schon so viel über das Atom als
Energiequelle geschrieben, daß ich hier nicht viel darüber zu
sagen brauche, und ich möchte mich auch nicht mit den wirtschaftlichen Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie auseinandersetzen. Eins möchte ich aber betonen: die grundsätzlichen
technischen Probleme sind längst gelöst. Nur die wirtschaftliche
Nutzbarmachung der Atomenergie für die Industrie muß noch experimentell erarbeitet werden. Wie Sie sicher wissen, hat Präsident Eisenhower am 6. September das Zeichen für den Beginn
der Bauarbeiten an dem ersten amerikanischen Atom-Kraftwerk
gegeben. Es werden in kurzer Zeit noch vier andere Versuchsanlagen gebaut werden, und diese fünf Kraftwerke sollen hauptsächlich dem Zwecke dienen, Prägen der wirtschaftlichen Gewinnung
und Verwendung der Atomenergie zu erforschen.
Der Reaktor als industrielle Energiequelle gehört also
noch immer der Zukunft an. Aber heute schon sind die radioaktiven Produkte der Reaktoren zu wichtigen Hilfsmitteln der
Forschung geworden und stellen gegenwärtig das wichtigste Ergebnis des ganzen Reaktorprogrammes dar. In Amerika werden
radioaktive Stoffe seit mehreren Jahren in größeren Mengen produziert und nach über 50 Ländern versandt. Auch in England, besonders in Harwell, führt man ähnliche Programme durch. Pur
Stoffe, deren Radioaktivität nur von kurzer Dauer ist, bleibt

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bleibt England natürlich der Hauptlieferant Europas.
Um Ihnen einen Begriff von der Bedeutung der Produktion solcher radioaktiven Stoffe zu geben, möchte ich nur auf ein Experiment hinweisen, das in Brookhaven in der Nähe von New York durchgeführt wird. Es handelt sich um die Versuche mit dem sogenannten
Gammastrahlenfeld, bei denen die Wirkungen dieser Strahlen auf
Pflanzen studiert werden. Die dort benutzte Strahlungsquelle ein kleiner Block radioaktiven Kobalts - ist nur eine von vielen,
wie sie in zahlreichen Laboratorien und Forschungs-Instituten
in Amerika benutzt werden. Diese Quelle entspricht 1800 Curie,
für welche man also 1800 Gramm Radium brauchen würde. Dies mag
Sie zunächst nicht sehr beeindrucken, bestimmt aber, wenn ich Sie
darauf hinweise, daß heute in der ganzen Welt nur 1500 Gramm
Radium verfügbar sind.
Somit habe ich schon eine der Anwendungsmöglichkeiten für
radioaktive Stoffe erwähnt. Manche von ihnen sind infolge ihrer
besonderen Art der Radioaktivität ein äußerst praktischer Ersatz
für Röntgenapparate und zudem noch billiger als diese. Viele
haben eine höhere Strahlungsintensität als Radium. Diese ungeheure Strahlungskraft aber macht künstlich radioaktivierte Stoffe
für den Menschen äußerst gefährlich.
Man kann sagen, daß die in Amerika entwickelten Schutzeinrichtungen, durch die die Handhabung solcher Stoffe erst ermöglicht wurde, einen Triumph des menschlichen Erfindungsgeistes
darstellen. Wenn Sie morgen in die Ausstellung gehen, werden
Sie, mitten in der Haupthalle, die tatsächliche Apparatur vorfinden, mit deren Hilfe ein hinter einer Schutzwand stehender
Techniker die Experimente ausführen kann. Die ferngesteuerten
magischen Hände sind fast so geschickt wie die menschliche Hand.
Ich muß hier aber eine Warnung aussprechen - nicht etwa vor
irgendwelcher Strahlungs- oder Vergiftungsgefahr. Diese gibt
es nur bei der praktischen Arbeit mit dieser Apparatur. Wovor
ich Sie warnen möchte, ist nicht die Gefahr der Radioaktivität,
sondern vor genau dem Gegenteil, nämlich daß Sie nur harmlose
Modelle zu sehen bekommen. Wir haben hier so etwas die amerikanischen Reklamemethoden verwendet. Sie werden daher auch nicht
überrascht sein, wenn ich gestehe., daß in der Praxis die magischen Hände dieser komplizierten Apparatur nicht, wie bei dieser Ausstellung, Grußkarten für Besucher schreiben. Auch muß
ich zugeben, daß bei uns in Amerika selten so hübsche junge Mädchen die Geräte kontrollieren wie hier auf der Ausstellung.
Ich habe von der Anwendung einiger der radioaktiven Produkte
eines Atommeilers als Ersatz für Röntgenröhren gesprochen. Lassen Sie mich Sie, meine Zuhörer, an die Bedeutung der großen
Entdeckung Röntgens erinnern, die er gegen Ende des 19» Jahrhunderts als damaliger Professor in Würzburg machte.
Die Kunde von dieser großen Entdeckung lief in kurzer Zeit
um die ganze Welt, und schon bald erkannten die Ärzte, daß ihnen
damit ein ungemein wertvolles Werkzeug an die Hand gegeben war.
Es

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Es folgte die Entdeckung des Radiums, welches für spezielle
Zwecke, besonders in der Krebstherapie, Anwendung findet. Heute
aber steht uns, dank dem Reaktor, eine ganze Reihe von radioaktiven Elementen zur Verfügung, die auch in kleinster Menge mehr
als ein vollwertiger Ersatz für Röntgen- und Radiumstrahlen sind.
Wenn Sie durch unsere Ausstellung gehen, werden Sie interessante Hinweise auf die Anwendung von radioaktivem Jod bei der
Diagnose von Schilddrüsenkrebs und seiner Metastasen sowie bei
der Lokalisierung und Therapie von Gehirntumoren finden. Die
radioaktiven Stoffe eröffnen nicht nur dem Arzt, sondern auch dem
Naturforscher neue Möglichkeiten, die vielleicht nicht so eindrucksvoll | aber wohl ebenso wichtig sind.
Wie radioaktive Stoffe in der wissenschaftlichen Forschung
verwendet werden, läßt sich manchmal nur schwer in nichttechnischen Worten erklären. Man nennt einen Teil dieser Stoffe deshalb Spürelemente, weil sie es dem Wissenschaftler möglich machen, chemische Reaktionen genau zu verfolgen. In der Tat, man
kann diesen Vorgängen sogar mit dem Geigerzähler folgen, wie der
Hund der Spur des Hasen. Der Vergleich wird noch deutlicher, wenn
ich hier zwei spezifische Beispiele anführe. In beiden Fällen handelt es sich um Forschungsarbeiten, bei denen ein radioaktiver
Stoff - und zwar die radioaktive Form des Kohlenstoffes - geholfen hat, Geheimnisse der Natur zu lüften.
An der einen Arbeit habe ich ein gewisses persönliches Interesse: Eine der ersten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet im
Jahre 1941 trug neben anderen auch meinen Namen, obwohl mein Beitrag dazu nur ein bescheidener war. Damals konnte radioaktiver
Kohlenstoff nur in sehr kleinen Mengen mit großen Schwierigkeiten im Labor hergestellt werden. Heute gewinnt man ihn, wie auch
viele andere radioaktive Elemente, in ziemlich großen Mengen,
und auch die Herstellungskosten sind heute viel geringer. In
diesen Anfangsexperimenten wurde Kohlensäure verwendet, welche
radioaktiven Kohlenstoff enthielt und somit selbst radioaktiv war.
Beim Studium von Tierzellengeweben machte man eine sehr
überraschende Entdeckung: die Kohlensäure wird von diesen Zellen
aufgenommen und in zuckerähnliche Kohlehydrate umgewandelt. Viele
von Ihnen mögen denken, daß dies gar keine so revolutionäre Entdeckung sei. In der Tat war diese Feststellung aber so unerwartet, daß die Forscher zuerst glaubten, sie hätten irgendwo einen
Fehler gemacht; war es doch bisher eine der grundsätzlichsten
Hypothesen der Biochemie, daß Tierzellen Kohlensäure nicht aufnehmen, sondern nur produzieren, und zwar durch die Oxydierung
von Kohlehydraten. Es galt ferner als feststehende Tatsache,
daß die Assimilierung von Kohlensäure durch eine lebende Zelle
und ihre Umwandlung in Kohlehydrate nur in grünen Pflanzen unter
Einwirkung des Sonnenlichtes stattfindet.
Diese Hypothese war nun widerlegt. Viele tierische und
pflanzliche Zellen verwandeln Kohlensäure in Zucker, und jede
Etappe dieses Prozesses ließ sich nunmehr mit Hilfe der Spur des
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des radioaktiven Kohlenstoffs in allen Einzelheiten verfolgen.
Ich kann leider hier nicht auf nähere Details eingehen, obwohl
diese Entdeckung mit allen ihren Polgerungen eine für den Wissenschaftler höchst aufschlußreiche Entwicklung ist. Ich möchte
hier nur die Schlußfolgerung aus diesen Experimenten wiedergeben: bei Pflanzen geht die Erzeugung von Kohlehydraten aus
Kohlensäure unter Einwirkung von Lichtenergie vor sich; viele
Tierzellengewebe können den gleichen Umwandlungsprozeß vollziehen, wobei die erforderliche Energie aus der Oxydation anderer Kohlehydrate unter Heranziehung der Kohlensäure stammt.
Jetzt möchte ich mit Ihrer Erlaubnis einen Sprung von der
Biochemie zur Archäologie machen. Eines der schwierigsten Probleme, mit denen der Archäologe sich oft auseinanderzusetzen
hat, ist die Datierung prähistorischer und frühgeschichtlicher
Punde. Mein zweites Beispiel illustriert eine der interessantesten und neuesten Methoden in der Anwendung der Radioaktivität.
Es handelt sich hier nicht um künstlich erzeugtes radioaktives
Material, sondern um solches, das sich in der Natur findet.
Dieses Verfahren wurde durch einen amerikanischen Chemo-Physiker,
Willard P. Libby von der Universität Chikago, entwickelt.
In den höheren Schichten der Erdatmosphäre wird ständig
ein kleiner Prozentsatz Stickstoff durch die Einwirkung kosmischer Strahlen in radioaktiven Kohlenstoff umgewandelt. Der Prozentsatz dieses radioaktiven Kohlenstoffs in der Atmosphäre ist
unglaublich gering und konstant: auf tausend Milliarden Atome
gewöhnlichen Kohlenstoffs entfällt ein Atom radioaktiven Kohlenstoffs. Der Kohlenstoff wird in der Atmosphäre zu radioaktiver Kohlensäure oxydiert, welche durch die Pflanzen zusammen
mit gewöhnlicher, nichtradioaktiver Kohlensäure aufgenommen und
umgesetzt wird. Damit gelangt auch radioaktiver Kohlenstoff in
die Zellen aller Lebewesen und wird dort in dem gleichen Verhältnis, wie vorher genannt, aufgebraucht: auf je tausend Milliarden Atome gewöhnlichen Kohlenstoffs kommt ein Atom radioaktiver
KohT enstoff.
Wenn nun eine Pflanze oder ein Tier stirbt, ist die - nebenbei gesagt sehr schwache - Radioaktivität des Kohlenstoffs in
den Zellgeweben dieselbe wie die der Atmosphäre. Nach ungefähr
5 500 Jahren, der sogenannten Halbwertzeit des radioaktiven Kohlenstoffs, hat sich die Hälfte seiner Atome zersetzt, und die
Radioaktivität ist nur noch halb so stark. Nach ungefähr 11 000
Jahren ist sie nur noch ein Viertel so stark, usw. So kann man
in jeder kohlenstoffhaltigen Substanz durch Messung der Radioaktivität feststellen, vor wieviel Jahren der Kohlenstoff ursprünglich aus der Atmosphäre gewonnen wurde.
Ich muß hier erwähnen, daß es sich um eine sehr schwierige
Messung handelt, die nur mit äußerst empfindlichen Instrumenten
durchgeführt werden kann. Immerhin können heute archäologische
Punde datiert werden, die zwischen 1000 und 20 000 Jahre alt
sind, und zwar mit einer Genauigkeit von etwa 200 Jahren.
Die
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Die Exaktheit dieser Methode wurde kontrolliert, indem man
die Radioaktivität eines Holzstückes maß, das aus dem Innern
eines unserer Riesensequoiabäume in Kalifornien stammte; dessen
Alter war auf Grund der Zahl seiner Jahresringe genau bekannt.
Eine der interessantesten Feststellungen, zu denen man mit dieser Methode gelangte, war, daß die letzte Eiszeit ungefähr
11 000 Jahre zurückliegt, und daß die bemerkenswerten Wandmalereien in der Lascoux-Höhle bei Montignac in Frankreich ungefähr 15 000 Jahre alt sind. Die Papyrusrollen mit Texten aus
dem Buch des Propheten Jesaia, die unlängst in Israel entdeckt
wurden, sind nach den Meßergebnissen ungefähr 1900 Jahre alt.
Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, werden Sie gemerkt haben, daß die beiden Beispiele, die ich gab* eigentlich
eng zusammenhängen. Beide basieren auf der Assimilation von Kohlenstoff durch die Zellen von Organismen. Als ehemaliger Professor habe ich eine Vorliebe für praktische Experimente» Wir haben
hier einen Geigerzähler, den wir dem deutschen Physiker dieses
Namens verdanken. Ich will den Apparat hier nicht weiter erklären, es genügt zu sagen, daß er das Vorhandensein von Gammastrahlen anzeigt. Wenn ich diese Rose in einer radioaktiven Atmosphäre
oder mit radioaktivem Dünger gezüchtet hätte» so würde sie selbst
strahlen. Mit dem Geigerzähler ließe sich das feststellen,
genau wie er jetzt anzeigt, daß dieses Phosphorpräparat radioaktiv ist. Leider würde es zu lange dauern, bis eine Pflanze
Kohlensäure absorbiert, um diese Transformation innerhalb des
Zeitraums einer einzelnen Vorlesung zu demonstrieren- Ich will
aber dennoch diese Rose in ein Glas Wasser stellen, das eine
radioaktive Phosphorverbindung enthält. Etwas später werde ich
dann vielleicht mal sehen, ob ich Sie davon überzeugen kann» daß
die Rose etwas von dem radioaktiven Material assimiliert hat.
Ich sage "vielleicht", weil ich vor vielen, vielen Jahren schon
schmerzliche Erfahrungen mit der Durchführung von Experimenten
vor einer Zuhörerschaft gemacht habe. In meinen Tagen als Chemieprofessor ist mir mehr als ein solches Experiment daneben gegangen; was ich vorausgesagt hatte, trat peinlicherweise manchmal ganz einfach nicht ein« Nach einem solchen Fehlschlag kam
einmal ein älterer Zuhörer meiner Vorlesungen zu mir und sagte:
"Junger Mann, Sie würden Ihre Vorlesungen wirksamer mit Versuchen illustrieren, wenn Sie nach dem Experiment als Historiker
und nicht vorher als Prophet sprechen." Ich muß angesichts gewisser Erfahrungen in den letzten Monaten gestehen, daß dieser
Ratschlag sich eigentlich auch in meiner neuen Karriere als
Diplomat recht nützlich hätte erweisen können. Aber keine Angst:
ich will heute abend nicht von politischen Dingen sprechen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten trägt zur alljährlichen Berliner Industrieausstellung diesmal eine Sonderausstellung über das "Atom" bei, weil die Vereinigten Staaten
seinerzeit der Sammelpunkt des wahrhaft internationalen Unterfangens auf diesem Gebiet waren.
Ich sehe in den Arbeiten, die bei uns in den letzten 15 Jahren geleistet worden sind, eine großartige Errungenschaft des

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des schöpferischen menschlichen Geistes. Als Amerikaner bin ich
stolz auf das, was unsere Wissenschaftler erarbeitet haben. Dnd
es ist mir eine besondere Genugtuung, daß sie ihre Erfolge gemeinsam mit jenen hervorragenden Wissenschaftlern erringen konnten, die in Amerika ein Asyl fanden, als die Diktatoren in il
rer europäischen Heimat sie zwangen, diese zu verlassen. Ich
nenne hier Szilard, Wigner, Teller, Weisskcpf und noch einmal
Permi.
Ich darf hier kurz die wichtigsten Errungenschafter der
Physik in diesem Jahrhundert rekapitulieren. Das Phänomen der
Radioaktivität wurde im Jahre 1896 von dem Franzosen Becquerel
entdeckt und dann eingehend von Pierre und Marie Curie untersucht,
die 2 Jahre später das Radium fanden und rein darstellten. 1919
gelang dem großen britischen Physiker Rutherford, dem Mann der
1911 den Kern des Atoms entdeckt hatte, zum ersten Male eine
KernUmwandlung. Durch Beschuß mit Alpha-Partikeln, das heißt mit
Heliumkernen, verwandelte er einige Atome Stickstoff in Sauerstoff. Der nächste entscheidende Portschritt war die Entdeckung
des Neutrons, jenes elektrisch neutralen Elementarteilchens,
ohne das die Erschließung der Atomenergie und die Möglichkeit
einer gelenkten Kettenreaktion überhaupt undenkbar ist. Unter
Zugrundelegung der Experimente, die Booth und Becker 1930 in
Deutschland und Irene Curie und Frederic Joliot 1932 in Prankreich durchführten, und auf Grund eigener Berechnungen sagte der
Engländer Chadwick die Existenz der Neutronen voraus, deren Vorhandensein er später experimentell bewies.
Die Entdeckung des Neutrons eröffnete ein neues Kapitel
der experimentellen Physik. Es ist schwer, die Bedeutung der
neuentwickelten Methoden auf jenem Gebiet zu überschätzen,
das schon seinen eigenen Namen, Neutrcnenphysik, trägt. Der Beschuß von Elementen durch Neutronen ermöglichte die Erzielung
von vielfachen Umwandlungen. Der Beschuß des Elements mit dem
größten Atomgewicht, also Uran, ergab seltsame Effekte, die zunächst falsch ausgelegt wurden. Im Dezember 1938 machte Professor Otto Hahn zusammen mit Pritz Strassmann die bedeutsame Entdeckung, daß im Zuge des Beschüsses von Uran mit Neutronen
Elemente auftauchten, die nur ungefähr- das halbe Atomgewicht
des ursprünglichen Urans hatten. Diese Entdeckung wurde hier
ih Berlin gemacht, und ich freue mich besonders, daß Professor
Otto Hahn heute abend hier anwesend ist.
Die Entdeckung Hahns und Strassmanns verbreitete sich wie
ein Lauffeuer über die ganze Welt und führte zu einer wahren
intellektuellen Kettenreaktion, mit der die Namen Frisch, Meitner, Bohr und Fermi besonders hervorragend verbunden sind. In
den Vereinigten Staaten wurde die Kunde von Mund zu Mund weitergetragen, daß man wahrscheinlich vor einer Atomspaltung stehe.
Dies wurde sehr bald durch Experimente in vielen Laboratorien
bestätigt. Innerhalb von einem Janr waren mehr als hundert Ergebnisse von solchen Experimenten veröffentlicht worden. Anfang
194Q war es bereits klar, daß die Atomspaltung eines Uranisotops
stattfand, wenn man es mit Neuxronen beschoß und daß dabei weitere Neutronen freigesetzt wurden» Damit tauchte die Möglichkeit
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Möglichkeit einer Kettenreaktion im großen Maßstab auf. Es
schien, daß dem Menschen in aller Kürze die praktische Durchführung dessen gelingen würde, was Einstein mehr als 35 Jahre vorher
vorausgesagt hatte, nämlich, daß Materie in Energie umgewandelt
werden könnte.
1940 befand sich Europa im Kriege. Amerikanische, englische
und kanadische Wissenschaftler aber arbeiteten - mit wesentlicher
Unterstützung der amerikanischen Industrie und vornehmlich in
amerikanischen Forschungsstätten - an der Lösung der Präge, wie
die Atomenergie in großem Maßstabe freigesetzt werden könne.
Was diese Wissenschaftler zuwege brachten, kann man gut und gern
als Wunder der Forschung bezeichnen. Ich beziehe mich hier abermals nicht auf die Atombombe, sondern ich meine die ungeheure
kollektive wissenschaftliche Leistung, die darin liegt, die
tausendfältigen Probleme der Freisetzung der Atomenergie gelöst
zu haben. Auf Grund von Experimenten mit Materie, die nur in so
kleinen Mengen vorhanden war, daß man sie nicht einmal mit dem
Mikroskop hätte sichtbar machen können, ließen sich mit Hilfe
der Extrapolation Berechnungen über den Aufbau eines Atommeilers
anstellen» der Vergrößerungsfaktor betrug dabei etwa 10 Milliarden.
Als organischer Chemiker, der sich mit den Reaktionen der
Moleküle befaßte, muß ich zugeben, daß sich die größte Skepsis
zeigte, als meine Freunde, die Kernphysiker, zum ersten Male
ihre Pläne darlegten. Sie erklärten mir, daß sie die Atomspaltung an einem Isotop des Urans versuchen wollten, das nur zu
ungefähr 1/2 Prozent im natürlichen Uran enthalten ist. Dieses
Isotop, das sogenannte U 235, sei am besten als Träger einer gelenkten Kernreaktion geeignet. Um nun die Wahrscheinlichkeit der
Spaltung zu erhöhen, mußte die Geschwindigkeit der Neutronen abgebremst werden.
Aus den Berechnungen der Physiker ergab sich, daß es möglich sein mußte, zu einer gelenkten Kettenreaktion zu gelangen,
wenn Uran und der Bremstoff für die schnellen Neutronen in
meflerähnlicher Schichtung zusammengebracht würden.
So entstand der Atommeiler. Man wußte, daß eine gewisse Mindestmenge von Uran, die kritische Masse, für die Auslösung einer
Kettenreaktion nötig war. Über die exakte Größe dieser kritischen
Masse aber bestand noch Ungewißheit.
Und als man 1941 die ersten Pläne für einen Atommeiler ausarbeitete, wußte man nicht, ob er so groß sein mußte, wie dieser
Tisch, oder etwa so groß wie ein Fußballstadion. Seitdem sind in
Amerika viele Atommeiler verschiedener Typen in Betrieb gesetzt
worden. In unserer Ausstellung finden Sie das Modell eines typischen sogenannten Graphit-Reaktors, der dem ersten Meiler, der
in Chikago gebaut worden war, nicht unähnlich ist.
Die Versuchung ist groß, noch weiter nicht nur über das Modell dieses Reaktors, sondern auch über die anderen Modelle, in

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in unserer Ausstellung zu sprechen. Aber, da Sie ja alle selber
Gelegenheit haben werden, sich diese Dinge persönlich anzusehen,
will ich nichts weiter über die Ausstellung sagen. Lassen Sie
mich vielmehr zum Abschluß auf das Thema zurückkommen, dem diese
Vorlesung gewidmet ist, nämlich 'Die Kernphysik als Errungenschaft des menschlichen Geistes.'
Dabei möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die rein wissenschaftlichen Aspekte des ganzen Unterfangens lenken. In dem Zusammenhang fällt mir die Geschichte von dem berühmten deutschen
theoretischen Physiker ein, der einmal gebeten wurde, eine Vorlesung über die Beziehungen zwischen der reinen und der angewandten Physik zu halten. Seine Rede war denkbar kurz. Er sagte
nämlich: 'Die Beziehung ist sehr einfach - die beiden Gebiete
haben nämlich gar nichts miteinander zu tun.' Daß er die Dinge
etwas sehr stark vereinfacht hat, brauche ich hier kaum besonders zu betonen. Dennoch ist etwas Wahres an dieser Argumentation gerade im Zusammenhang mit meinen Ausführungen, denn manche
von meinen Zuhörern mögen über der Masse von technischen Details,
die ich vor Ihnen ausgebreitet habe, den Blick für die wahrhaft
erregende Entwicklung der grundsätzlichen wissenschaftlichen Gedanken, um die es hier geht, verloren haben.
Ich habe mich heute abend mit einiger Ausführlichkeit mit
der Bedeutung der neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Kernphysik für das praktische Leben beschäftigt; morgen werden Sie
bei der Besichtigung der Ausstellung selbst feststellen, welch
großer Nutzen der Menschheit aus der wissenschaftlichen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre erwachsen ist. Künstlich radioaktive Stoffe werden heute schon und in Zukunft noch viel mehr
in der Medizin, in der Landwirtschaft und auf zahllosen anderen
wissenschaftlichen Gebieten verwendet, von den ungeheuren Möglichkeiten der Kraft- und Wärmeerzeugung durch die gelenkte
Kettenreaktion ganz zu schweigen.
Aber lassen Sie mich jetzt zum Schluß nicht von dieser Anwendung der Atomenergie sprechen. Vielmehr möchte ich Sie bitten,
mit mir die Geschichte der Entwicklung der Kernphysik einmal so
zu betrachten, wie man eine Symphonie, eine Oper, eine der großen Schöpfungen der Architektur, ein Gemälde oder überhaupt jedes
Kunstwerk betrachtet.
Pur den Laien ist es vielleicht schwer vorstellbar, wie sehr
sich die ganze Geschichte der Atomenergie auf der Zusammenarbeit,
ja der Verschmelzung der geistigen Kraft von Menschen aus vielen
Ländern und vielen Zeitabschnitten aufbaut. Ich gehe bei dem Hinweis auf diese Zusammenarbeit einmal von der Tatsache aus, daß
zahllose Wissenschaftler Tag für Tag gemeinsam überlegt und experimentiert haben; zum anderen schließe ich aber auch darin jene
unbewußte Zusammenarbeit ein, die sich daraus ergibt, daß die
letzten in der Kette der Wissenschaftler, welche an der Atomspaltung maßgeblich beteiligt waren, auf der Denkarbeit und der
Begriffsentwicklung, auf den zahllosen mühseligen Experimenten
jener aufgebaut haben, die vor ihnen kamen.
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Der Naturwissenschaftler neigt oft zu der irrtümlichen Auffassung, daß so materielle Dinge wie etwa die Atomenergie lediglich das Ergebnis von Experimenten sind, daß ihre Schöpfer rein
empirisch diese oder jene Möglichkeit experimentell verfolgen,
bis sie am Ziele sind. Dies ist grundverkehrt. Wie die berühmte
Einsteinsche Formel von der Beziehung zwischen Energie und Materie zeigt, ist die theoretische Erarbeitung neuer Begriffe
oft wesentlich wichtiger als das Experiment und sein Resultat.
Vielmehr sind häufig wichtige experimentell erzielte Ergebnisse
die Früchte jener begrifflichen Entwicklung, von der ich eben
sprach. Die theoretischen Überlegungen sind die Wegweiser, die
dem Physiker und Chemiker sagen, was er versuchen und was er
bleiben lassen soll. In der außerordentlichen, ja völlig unerwarteten Entwicklung der Kernphysik hat zum Beispiel die Mathematik eine große Rolle gespielt.
Ich habe absichtlich das Wort 'unerwartet' benutzt, denn
einer der faszinierenden Aspekte der Geschichte der Atomenergie
ist der, daß noch vor 50 Jahren kein noch so brillanter Wissenschaftler die tatsächliche Entwicklung auch nur annähernd vorausahnen konnte. In unserer Ausstellung werden Sie an einer Wand
eine Definition des Atoms vorfinden, welche auf die alten Griechen zurückgeht und welche noch zu Beginn unseres Jahrhunderts
alle Wissenschaftler der Welt als gültig erachteten. Es handelt
sich um die Definition des Atoms als eines Partikels, das nicht
weiter gespalten werden kann. Heute hingegen akzeptieren wir
ohne weiteres den an sich unlogischen Satz, daß die Kernphysiker
sich mit der Spaltung des Atoms befassen, das laut Definition
nicht weiter gespalten werden kann.
Wir alle nehmen heute mit der größten Selbstverständlichkeit
zur Kenntnis: die Tatsache, daß bei einer Kettenreaktion Materie
in Energie umgewandelt wird, ist ein Beweis für den Einsteinschen
Satz: Energie ist gleich Maße mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Aus der häufigen Verwendung dieses Satzes - Energie ist
gleich Masse maldem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit, - etwa in
Zeitungsartikeln, gewinnt man den Eindruck, daß es sich hier um
etwas ganz Alltägliches handle. Vergleichen Sie dies aber mit
dem, was noch zu Lebzeiten der Älteren unter uns als Definition
der objektiven Wirklichkeit gelehrt wurde. Im Jahre 1876 erklärte
zum Beispiel der berühmte Professor Tait in einer Vorlesung über
die jüngsten Fortschritte in der Physik: 'Der Prüfstein dessen,
was wir als Materie bezeichnen, der Beweis, daß sie objektive
Existenz hat, ist ihre Unzerstörbarkeit und ihre Unschaffbarkeit
wenn es erlaubt ist, das Wort zu gebrauchen - durch einen menschlichen Akt.' Und indem er darstellte, wie der Chemiker stets
damit rechnen könne, am Ende einer Reihe von chemischen Umwandlungen genau dieselbe Menge an Materie zu haben wie am Anfang,
schloß Tait, 'dies also müssen wir als den Prüfstein der objektiven Wirklichkeit der Materie ansehen.'
Diese, wie mir scheint, seinerzeit fast volkstümliche Definition der Wirklichkeit hat nun in einer relativ doch sehr
kurzen Zeit eine grundlegende Wandlung erfahren. Es würde weit
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weit über den Rahmen dieses Vortrages hinausgehen, etwa auch
von der Auswirkung der Entwicklung der neuen Physik auf den philosophischen Bereich zu sprechen. Ich will nur darauf hinweisen,
welche revolutionären Wirkungen die rasante Entwicklung der Physik
auf die grundsätzlichen Voraussetzungen unserer gesamten Denkungsweise hat. Ich meine revolutionär nicht im Sinne einer Auflehnung gegen das Bestehende, sondern als Kennzeichen der ungeheuren Geschwindigkeit, mit welcher der menschliche Geist neue
Schöpfungen hervorgebracht hat. Es ist in diesem Gefühl der Ehrfurcht vor den Leistungen des menschlichen Geistes, daß ich Sie
bitte, sich unsere Ausstellung anzuschauen.
Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre ist eine Geschichte dessen, was durch die Verwirklichung von Ideen erreicht
wurde. Es ist die Geschichte der Blüte der schöpferischen Kraft
des menschlichen Geistes. In unserem unruhigen Zeitalter, im
Schatten von Atom- und Wasserstoffbomben, scheint es geboten,
diesen Aspekt der Neuzeit hervorzuheben. Es wird als eine der
größten Errungenschaften des Menschen in die Geschichte eingehen,
ein Gebäude neuer Begriffe und Begriffswelten entworfen zu haben,
die aus Experiment und Beobachtung entstanden sind und sich für
immer neue Experimente als außerordentlich fruchtbar erweisen.
Wie der Parthenon und die Dome des Mittelalters legen die wissenschaftlichen Ideen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts Zeugnis dafür ab, was der Geist des Menschen schaffen kann.
Da ich leider morgen an der Teilnahme der offiziellen Eröffnung verhindert bin, werde ich jetzt die amerikanische Sonderausstellung 'Atom1 eröffnen, indem ich die inzwischen hoffentlich etwas radioaktiv gewordene Rose nehme und vor den Geigerzähler halte. Dieser ist mit dem Zeichen über mir verbunden und
indem die Rose den Geigerzähler ausschlagen läßt, stellt sie den
Kontakt her, welcher das Zeichen aufleuchten läßt. Somit ist es
also die radioaktive Rose, welche hiermit die Ausstellung 'Atom"
eröffnet."
* * * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

AMERIKANISCH-SOWJETISCHER NOTENWECHSEL ÜBER SCHAFFUNG
EINES INTERNATIONALEN ATOMPOOLS VERÖFFENTLICHT

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Vereinigten Staaten
haben am 25« September 1954 den Wortlaut der Noten veröffentlicht, die mit der Sowjetunion im Laufe der Verhandlungen überPräsident Eisenhowers Vorschlag zur Schaffung einer internationalen Atombehörde für die Verwendung der Atomkraft für
friedliche Zwecke ausgetauscht wurden.
Diese Dokumente zeigen einerseits die ständigen Bemühungen
der USA, die von Präsident Eisenhower vor der UN-Vollversammlung im Dezember vergangenen Jahres umrissenen Ziele zu erreichen, nämlich die Sache des Friedens durch eine derartige Behörde zu fördern, sowie andererseits das hartnäckige Bestehen der
Sowjetunion darauf, daß der Plan des Präsidenten nur dann verwirklicht werden könne, wenn gleichzeitig ein Abkommen über die
Ächtung von Atomwaffen geschlossen werde.
In den Noten der amerikanischen Regierung wurde klargestellt, daß der Plan des Präsidenten nicht als eine Art Ersatz
für Abrüstungsmaßnahmen zu betrachten sei, sondern vielmehr einen
Weg darstelle, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie
für friedliche Zwecke bei gleicb^mf.ger Fortführung der Abrüstungsbestrebungen teilweise zu realisieren.
Am 11. Januar wurde dem sowjetischen Botschafter in
Washington folgende Note überreicht:
"1) Die Vereinigten Staaten schlagen vor, die Gespräche
über die Atomenergie zunächst auf diplomatischem Wege einzuleiten, wobei beiden Partnern das Recht vorbehalten bleiben soll,
die Verhandlungen vor das Forum der Vereinten Nationen zu bringen, und zwar gemäß deren Beschluß, nichtöffentliche Besprechungen gegebenenfalls im Rahmen der Abrüstungskommission zu
führen.
2) Es wird vorgeschlagen, daß die diplomatischen Gespräche
in Washington oder an anderer für die Gesprächspartner geeigneter Stelle stattfinden sollen. Voraussichtlich werden der sowjetische Außenminister Molotow und der amerikanische Außenminister
Dulles eine nichtöffentliche Erörterung darüber in Berlin führen.
3) Es wird vorgeschlagen, Besprechungen über Verfahrensfragen zunächst auf die UdSSR und die Vereinigten Staaten zu
beschränken und die anderen in erster Linie betroffenen Nationen nur hinzuzuziehen, sofern die zur Verhandlung stehenden
Fragen ihre Belange berühren.
4) Die Vereinigten Staaten sind bereit, jeden Vorschlag,
den die BOWjetunion hinsichtlich der Atom-, Wasserstoff-, oder

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oder anderer Waffen zur Massenvernichtung einbringt, einer Prüfung zu unterziehen.
5) Allerdings vertreten die Vereinigten Staaten die Überzeugung, als erstes müsse, wenn auch in bescheidenem Rahmen, eine
Grundlage geschaffen werden, aus der das für Planungen größeren
Stils erforderliche Zutrauen und gegenseitige Vertrauen erwachsen
könne» Aus diesem Grunde drängen die Vereinigten Staaten auf eine
baldige Diskussion des von Präsident Eisenhower am 8. Dezember
1953 gemachten Vorschlags. Die Vereinigten Staaten sind bereit,
über diesen Plan und seine mögliche Verwirklichung konkrete
Geheimbesprechungen zu führen.
6) Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß im gegenwärtigen Zeitpunkt Geheimbesprechungen am ehesten zu praktischen
Ergebnissen führen werden, und daß diese Gespräche von keiner
Seite für Propagandazwecke ausgeschlachtet werden sollten."
Am 19» Januar antwortete Botschafter Zarubin und erklärte
sich einverstanden, Eisenhowers Vorschlag zu prüfen und die von
den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Verhandlungen aufzunehmen.. Der Botschafter fügte hinzu, die UdSSR werde die Verhandlungen unter der Voraussetzung aufnehmen, daß gleichzeitig der
sowjetische Vorschlag auf bedingungsloses Verbot von Atom-, Wasserstoff- und allen anderen Waffen zur Massenvernichtung diskutiert werde.
Am 30. Januar überreichte Außenminister Molotow dem amerikanischen Außenminister Dulles auf der Berliner Konferenz eine Note,
in der der Verzicht auf derartige Waffen vorgeschlagen wurde.
Der Gedanke der Sowjetunion hierbei war, die Vereinigten Staaten,
Großbritannien, Frankreich, die UdSSR und das kommunistische
China sollten eine gemeinsame Erklärung in diesem Sinne abgeben
und die anderen Länder auffordern, ein Gleiches zu tun.
Am 13• Februar überreichte Molotow Dulles ein zweites
Aide Memoire, in dem der sowjetische Außenminister erklärte,
später auch andere Länder zur Teilnahme an den Verhandlungen
über das Problem der Atomenergie einzuladen. Das Aide Memoire
erhielt einige Feststellungen, auf die Außenminister Dulles wie
folgt antwortete:
"Ich nehme Bezug auf das mir von ., unen am 13. Februar 1954
überreichte Aide Memoire betreffs der Diskussion aber den Vorschlag zur Regelung der Atomfrage.
In Absatz 2 schreiben Sie, 'ich (Dulles) ... vertrat die
Ansicht, daß Großbritannien, Frankreich sowie Kanada und Belgien zur Teilnahme an den Verhandlungen über die Atomfrage aufgefordert werden sollte, und hätte erklar , Kanada und Belgien
sollten teilnehmen, da sie die Grunds o:fe zur Erzeugung von
Atomenergie besitzen'. Soweit ich mich erinnere, stimmt diese
Feststellung nicht ganz mit dem übere Lns was ich am 30. Januar
über diese Frage sagte. Ich möchte dah.r das offensichtlich
bestehende Mißverständnis klären. Bei e damaligen Besprechungen
sagte ich, daß Großbritannien, Kan*!a und Frankreich alle Fortschritte auf dem Gebiet der Atomenergie gemacht hätten. Des
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�"Aiiui.i-.Iia KIEKST"

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Des weiteren erwähnte ich Belgien und andere Länder, die wichtige Rohstoffquellen besitzen. In diesem Zusammenhang wies ich
darauf hin, daß im Falle einer Ausweitung unserer zweiseitigen Gespräche zu einer größeren Konferenz die Vereinigten Staaten dann die Frage aufwerfen würden, welche Länder nun teilnehmen sollten.
Im Zusammenhang mit der allgemeinen Frage einer eventuellen späteren Teilnahme anderer Länder möchte ich ihre Aufmerksamkeit nochmals auf eine allgemeine Erklärung lenken, die ich
wiederholt hier in Berlin gemacht habe. Und zwar handelt es
sich darum, daß die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, an
irgendeiner Konferenz teilzunehmen, an der sich auch das kommunistische China beteiligt auf Grund der These, daß es für die
Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
eine besonders verantwortliche Stellung einnimmt.
Ich hoffe, es wird mir möglich sein, Botschafter Zarubin
kurz nach meiner Rückkehr nach Washington ein Memorandum über
den Inhalt des Vorschlags von Präsident Eisenhower zu überreichen."
Am 19»März überreichte Außenminister Dulles dem sowjetischen Botschafter in Washington ein Memorandum, in dem die
Ansichten der amerikanischen Regierung bezüglich des Aufbaues
der internationalen Atomenergie-Behörde und ihrer Funktionen
dargelegt wurden. Im Nachstehenden folgt der Wortlaut des
Memorandums 1
"Die Regierung der Vereinigten Staaten möchte hiermit
weitere Arbeitsvorschläge unterbreiten, welche als eine Erläuterung des vom Präsidenten der USA vor der UN-Vollversammlung am 8.Dezember 1953 dargelegten Programmes bezüglich der
Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde gedacht
sind:
I. Ziel der amerikanischen Vorschläge
Die Regierung der Vereinigten Staaten schlägt die Gründung einer internationalen Atomenergie-Behörde unter der
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen vor, welche von den
im Besitze kernreaktiven Materials befindlichen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen solche Grundstoffe erhalten soll«
Diese sollen zu folgenden Zwecken verwendet werden:
A) Förderung der internationalen Forschung und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der Nutzbarmachung der
Atomenergie zu friedlichen Zwecken, indem einmal die
Gewähr geboten wird, daß Techniker und Wissenschaftler der ganzen Welt genügend derartige Grundstoffe erhalten, um solche Arbeiten ausführen zu können; und
indem zum anderen der Austausch von Informationen angeregt wird,
B) Bereitstellung von kernreaktivem Material, um den Bedarf der Landwirtschaft, der Medizin und anderer dem
Frieden dienender Betätigungsgebiete, einschl. der

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�"AFRIKA LIENST

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der Erzeugung von Energie, zu decken.
II. Die internationale Atomenergie-Behörde
A) Die Behörde soll durch einen Vertrag geschaffen und
ihre Befugnisse in diesem Vertrag festgelegt werden,
der zwischen den daran beteiligten ^Nationen geschlos»sen werden soll. So weit sich das praktisch ermöglichen
läßt, sollen in dem Vertrag sämtliche Verfahrensweisen
und Grundsätze definiert werden, die für die Behörde
bei der Durchführung ihrer Aufgaben bindend sind.
B) Mitgliedschaft - Alle Signatarmächte des Vertrages
wären Mitglied der Behörde.
C) Das vollziehende Organ - 1) Die höchste Exekutivbefugnis innerhalb der Behörde soll einem Generaldirektorium (Board of Governors) übertragen werden; das
Direktorium ist zahlenmäßig begrenzt, seine Mitglieder sind Vertreter ihrer Regierungen. Bei der Beschlußfassung bezüglich der Zusammensetzung des Generaldirektoriums könnte es sich als zweckmäßig erweisen, die Aufteilung nach geographischen Gesichtspunkten und die Mitgliedschaft künftiger Nutznießer in Betracht zu ziehen.
Es darf erwartet werden, daß die größten Liefermächte
im Generaldirektorium vertreten sind.
2) Es wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, daß die
Entscheidungen des Generaldirektoriums im allgemeinen
durch eine Form der Mehrheitswahl getroffen werden. Es
ließen sich Verfahrensordnungen ausarbeiten, um den
größten Liefermächten bei besonderen Fragen, wie beispielsweise der Bereitstellung spaltbaren Materials,
Sonderrechte in der Abstimmung einzuräumen.
D) Mitarbeiterstab - Das Personal der Behörde wird von
einem Verwaltungschef oder Verwaltungsdirektor (General
Manager) geleitet, der vom Generaldirektorium auf eine
bestimmte Zeit ernannt wird und dessen Kontrolle untersteht, sowie natürlich von hochqualifizierten Technikern
und Wissenschaftlern. Der Verwaltungsdirektor ist unter
der allgemeinen Aufsicht des Direktorium für die Anstellung, Organisation und Arbeit des Personals verantwortlich.
E) Finanzierung - 1) Die für die zentralen und festen Anlagen der Behörde und ihre Forschungsprojekte erforderlichen Mittel sind von den daran beteiligten Regierungen gemäß einem in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzten Plan durch Bewilligungen bereitzustellen. Es
wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, die allgemeinen Prinzipien zur Anwendung gelangen zu lassen, die
für die Finanzbeiträge der einzelnen Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen verbindlich sind.
2) Mittel für etwaige von Mitgliedstaaten unterbreitete
Sonderprojekte bezüglich der Verwendung von behördeneigenem Material oder des Einsatzes der Dienste der
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�"A^Ki^A LIaNST"
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der Behörde sollen von den Empfängerländern auf dem
Wege über jeweilige Sonderabkommen bereitgestellt werden.
P) Zum Sitz der Verwaltung der Behörde kann ein in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzter Ort bestimmt
werden.
G) Beziehung zu den Vereinten Nationen und anderen internationalen Körperschaften - Die Behörde soll dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung auf Aufforderung dieser Gremien Bericht erstatten» Die Behörde sollte ferner
mit anderen Körperschaften der Vereinten Nationen, deren
Tätigkeit in irgendeinem Zusammenhang mit der Arbeit der
Behörde stehen könnte, engen Kontakt halten und mit ihnen
zusammenarbeiten.
H) Die Anlagen der Behörde sollen umfassen:
1) Werkanlagen, Ausrüstungen und Gebäude zur Entgegennahme, Aufbewahrung und Weitergabe von kernreaktivem Material.
2) Sicherheitsvorkehrungen.
3) Prüflaboratorien zur Analyse und Untersuchung des eingehenden Materials sowie zur Inventurkcntrolle deß
kernreaktiven Materials4) Gebäude zur Unterbringung des Verwaltungsapparates und
anderer Zweige der Behörde, die nicht unter obenstehen™
de Kategorien fallen.
5) Einrichtungen, die sich im laufe der Zeit als notwendig erweisen körnten, z.B. für Ausbildung und Unterrichtung, Porschungs- und Entwicklungsarbeiten, Herstellung von Brennstoffen und chemische: Aufbereitung.
III. Punktionen der Behörde
A) Entgegennahme und Aufbewahrung spaltbaren Materials 1) Alle Mitgliedstaaten, die über Vorräte an gewöhnlichem und angereichertem Uran, metallischem Thorium,
U 233, U 235, U 238, Plutonium und ihrer Legierungen
verfügen, sollen der Behörde von diesem Material Zuweisungen machen.
2) Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Behörde als
Geschenk eine ansehnliche erste Zuweisung kernreaktiven
Materials zur Deckung des Bedarfs der Behörde zu machen,.
Die UdSSR würde dann eine gleichwertige Zuwendung zu
demselben Zwecke machen.
3) Die Behörde soll die Bestimmungen über den Ort, die
Methode der Übergabe und, falls notwendig, die Form
und Zusammensetzung des von ihr entgegenzunehmenden
Materials erlassen. Die Behörde soll die Angaben über
die Menge des überstellten kernreaktiven Materials
prüfen und den Mitgliedstaaten darüber Bericht erstatten. Die Behörde soll für di3 Bevorratung und die
Sicherheit des Materials so verantwortlich sein, daß
- 5 -

�"AFRIKA DIENST"

B)
1)

2)

3)

4)

C)
1)

2)

29. September 1954

daß die Wahrscheinlichkeit eines Überraschungsraubes
auf ein Mindestmaß beschränkt wird.
Weitergabe kernreaktiven Materials
Die Behörde soll alle von den Mitgliedstaaten unterbreiteten Vorschläge nach einheitlichen und auf Billigkeit beruhenden Maßstäben prüfen, in denen die Überstellung kernreaktiven Materials aus den Vorräten der
Behörde beantragt wird, und hierbei u.a. folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
a) 'Beabsichtigter Verwendungszweck des Materials,
einschließlich der wissenschaftlichen und technischen Durchführbarkeit;
b) Zulänglichkeit der Planungsarbeiten, der Mittel,
des technischen Personals usw., um eine wirksame Verwendung des Materials sicherzustellen;
c) Zulänglichkeit der vergesehenen Maßnahmen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit bei der Handhabung und Bevorratung des Materials
und den Verarbeitungsanlagen;
d) Gerechte Verteilung des verfügbaren Materials.
Das radioaktive Material bleibt zunächst Eigentum
der Behörde, die für die Verwendung des Materials
einen gerechten Preis festsetzen soll.
Um sicherzustellen, daß angemessene Vorkehrungen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit getroffen werden, und um zu garantieren, daß das
spaltbare Material für die ihm zugedachten Zwecke verwendet wird, soll die Behörde die zeitlich unbegrenzte
Berechtigung haben, gewisse Bestimmungen über Entwurfsund Arbeitsbedingungen sowie Vorschriften bezüglich
des Gesundheitsschutzes und der öffentlichen Sicherheit zu erlassen, Material- und Verarbeitungsberichte
anzufordern, die Verwendung der Neben- und Abfallprodukte des spaltbaren Materials genau festzusetzen und
es sich vorzubehalten, Inspektionen durchzuführen und
Arbeitsberichte zu verlangen. Die Behörde soll darüber
hinaus ermächtigt sein, die Inventurangaben über das
bereitgestellte Material und die Einhaltung der bei
der Jberstnllung gemachten Bedingungen zu überprüfen.
Die Informationen über die von der Behörde getätigten
überstellungen sollen allen Mitgliedstaaten zur Verfügung stehen.
Informations- und Dienstleistungen der Behörde
Alle Mitgliedstaaten, die über für die Tätigkeit der
Behörde wichtige Informationen verfügen, sollen der
Behörde diese Informationen zugehen lassen.
Neben den im Gefolge eigener Vorhaben gewonnenen Informationen soll die Behörde nachstehende Unterlagen
verfügbar machen:
&gt;.

�"AiiLKIiU DIENST"

29. September 1954

a) Die von den beteiligten Nationen bei der Anwendung
von Materialien, Informationen, Dienstleistungen und
anderen Unterstützungsmaßnahmen der Behörde gewonnenen
Erkenntnisse;
b) die in einigen der anderen Länder bereits öffentlich
zugänglich gewordenen Informationen;
c) Informationen, die von den wichtigsten oder anderen
Mitgliedstaaten gewonnen und bis dahin besessen und
der Behörde aus freien Stücken zugänglich gemacht wurden.
3) Die Behörde soll den Austausch wissenschaftlicher und
technischer Informationen unter den Völkern fördern
und ist für eine weite Verteilung der in ihrem Besitz
befindlichen Unterlagen verantwortlich.
4) Die Behörde ist vermittelndes Organ, welches garantiert,
daß ein beteiligtes Land seine Dienste dem anderen zur
Verfügung stellt. Zu den besonders hier zu nennenden
Aufgaben, denen sich die Behörde widmen könnte, gehören:
a) Ausbildung und Unterrichtung;
b) Dienste im Hinblick auf die Ausarbeitung verbindlicher Vorschriften zum Schutze der öffentlichen Gesundheit und öffentlichen Sicherheit in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spalUsren Materials;
c) beratende technische Dienste in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spaltbaren Materials;
d) Aufbereitung kernreaktiven Materials, d.h. chemische Trennung und Reindarstellung, Herstellung von
Brennstoffelementen usw.;
e) Bereitstellung wichtiger Materialien, wie schweres
Wasser,f) Konstruktion und Bereitstellung von Spezialgerät;
g) Forschungssonderaufgaben, wie die Durchführung von
Versuchen und Tests;
h) Hilfe bei finanziellen Vorkehrungen zur Unterstützung angemessener Projekte."
Die Regierung der UdSSR legte hierzu ihre Stellungnahme in
einem dem amerikanischen Außenminister am 27»April 1954 in Genf
überreichten Aide Memoire dar. Es heißt dort:
"Die Vorschläge der Regierung der Vereinigten Staaten von
Amerika, daß die entsprechenden Staaten einen kleinen Teil des
in ihrem Besitz befindlichen kernreaktiven Materials einer internationalen Behörde zur Weiterverwendung überstellen, um dann
für friedliche Zwecke verwendet zu werden, kann kein Beitrag
zur Verwirklichung der in der Rede des Präsidenten der Vereinigten Staaten... verkündeten Ziele sein."
Die sowjetische Stellungnahme ließ durchblicken, der Präsident habe gesagt, das Wettrüsten mit Atomwaffen könne durch
eine selche Behörde zu einem Ende gebracht werden. Die Regierung der UdSSR fuhr fort, daß der amerikanische Vorschlag,
einen gewissen Prozentsatz der kernreaktiven Materialien aus-

�"AFRIKA DIENST"

29. September 1954

ausschließlich zu friedlichen Zwecken zu verwenden, "nicht nur
nicht zu einer Beendigung des Wettrüstens mit Atomwaffen, sondern
sogar noch zu einer Beschleunigung führt".
Die Regierung der UdSSR bestand darauf, daß die Verhandlungen nicht die "notwendigen Ergebnisse" erzielen können, wenn nicht
zunächst Übereinstimmung über einen "Verzicht auf den Einsatz
von Atomwaffen" erreicht würde.
Außenminister Dulles beantwortete die sowjetische Note
am I.Mai wie folgt:
"1) Ich habe nunmehr das Aide Memoire der Sowjetunion
vom 27.April über den Vorschlag für "eine internationale Atomenergiebehörde", der dem sowjetischen Botschafter in Washington
am 19.März überreicht worden war, geprüft. In diesem Aide Memoire
wird der Vorschlag kritisiert, da durch ihn weder die vorhandenen Vorräte an Atommaterial wesentlich reduziert, noch eine
Überwachung der Verwendung von Atomwaffen ermöglicht, noch die
Gefahr eines Atomkrieges beseitigt werde.
2) Diese Kritik verkennt vollkommen die mit dem amerikanischen Vorschlag vom 19-März verfolgten Ansichten. Nach seinem
Wortlaut war dieser Vorschlag nicht als eine Maßnahme zur Kontrolle der Atomwaffen oder als Lösung der verschiedenen änderen
in der sowjetischen Note erwähnten Frobleme gedacht. Er diente
vielmehr dem etwas bescheideneren Ziele, eine internationale
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomenergie auf einer Basis
einzuleiten, auf der viele der Hindernisse, die bisher eine
Einigung blockierten, umgangen werden. Auf diese Weise könnte
der Vorschlag zu einer Verbesserung der Beziehungen der auf
diesem Gebiet zusammenarbeitenden Länder beitragen und dadurch
die Lösung des schwierigen Problems einer wirksamen Kontrolle
der Verwendung der Atemenergie für militärische Zwecke erleichtern.
3) Infolgedessen können die Vereinigten Staaten die Ansicht
der Sowjetunion, die Schaffung einer internationalen Behörde zur
Förderung der Verwendung von Atommaterial für friedliche Zwecke
allein nütze nichts, nicht teilen. Sie sind im Gegenteil der
Ansicht, eine derartige Behörde könne wertvolle Erfolge mit
sich bringen, sowohl was die Förderung einer engeren Zusammenarbeit der beteiligten Nationen als auch die Beschleunigung
einer stärkeren Verwendung der Atomenergie zum Segen der Menschheit anbelangt. Die Vereinigten Staaten bedauern daher, daß die
Sowjetunion nicht bereit ist, sich im gegenwärtigen Zeitpunkt
eingehender mit dieser Angelegenheit zu befassen.
4) In Anbetracht der Tatsache, daß die Sowjetunion zur Zeit
nicht an einer weiteren Verfolgung dieses Vorschlags interessiert
ist, fühlen sich die Vereinigten Staaten berechtigt, die Schaffung einer derartigen Behörde mit anderen eventuell interessierten Nationen zu beraten. Sollte die Sowjetunion zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, daß sie doch wünscht, an derartigen
Diskussionen teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten
selbstverständlich ihre Teilnahme begrüßen.
,-\

- 8 -

�"AFRIKA DIKUST
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5) Der amerikanische Vorschlag vom 19«März war natürlich
nicht als Ersatz für ein wirksames System zur Kontrolle der
Verwendung der Atomenergie für militärische Zwecke gedacht.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin, wie bisher,
nach Mitteln und Wegen suchen, eine derartige Kontrolle, unter
zuverlässigen und geeigneten Sicherungsmaßnahmen zu erreichen.
Sie sind bereit, zu diesem Zweck auch weiterhin mit der Sowjetunion einen Meinungsaustausch zu pflegen und werden in Kürze
der Sowjetunion nähere Ausführungen zu dem in ihrem Aide
Memoire vom 27.April gemachten Vorschlag unterbreiten."
Am 9»Juli wurde dem sowjetischen Botschafter in Washington,
Zarubin, durch den Unterstaatssekretär im Außenministerium,
Merchant, folgendes Memorandum überreicht:
"Die Vereinigten Staaten haben die Erklärung vom 30.Januar und das Aide Memoire vom 27.April, die von der Sowjetunion
an die Vereinigten Staaten gerichtet worden waren, weiterhin
geprüft. Die Vereinigten Staaten möchten hieran folgende Bemerkungen knüpfen.
I.
1) Der Präsident verwies in seiner Rede vom 8.Dezember
1953 vor der UN-Vollversammlung auf die Befahren eines AtomWettrüstens und betonte den Wunsch der Vereinigten Staaten,
diese Gefahren durch ein wirksames Verfahren auszuschalten,
das ausreichende Sicherheiten gegen Vertragsverletzungen oder
-Umgehungen einschließen müsse. Die Vereinigten Staaten würden jedes Abrüstungssystem gutheißen, das dem Zweck diente,
die Völker der Erde vor der Bedrohung durch den Krieg zu
schützen und sie von der schweren Belastung durch die militärische Verteidigung zu befreien, sofern dies in einer in Einklang mit ihrer Sicherheit stehenden Weise geschieht.
2) Die Vereinigten Staaten sind sich ferner der Schwierigkeiten bewußt, auf die sie seit 1946 bei ihren Versuchen, über
einen Abrüstungsplan zu verhandeln, gestoßen sind. Von diesem
Zeitpunkt an bis in die Gegenwart haben die Vereinigten Staaten
beharrlich versucht, alleine und gemeinsam mit anderen Staaten,
Mittel und Wege zu finden, um die Rüstungslast zu erleichtern
und die Gefahr eines Krieges zu verringern. In der Atomenergiekommission der Vereinten Nationen von 1946 bis 1948, in der
Kommission für. herkömmliche Waffen von 1947 bis 1950, bei den
Sonderbesprechungen der sechs ständigen Mitgliedstaaten der
UN-Atomenergiekommission von 1949 bis 1950 und innerhalb der
Abrüstungskommission der Vereinten Nationen seit 1951 war die
überwältigende Mehrheit der Staaten zu einer Einigung bereit
- die Sowjetunion allein verhinderte ihr Zustandekommen.
3) Trotz dieser entmutigenden Vorgeschichte erklärte der
Präsident eingedenk der Resolution der UN-Vollversammlung vom
28.November 1953 am 8.Dezember in seiner Rede, die Vereinigten
Staaten seien bereit,* sich in geheimen Verhandlungen mit den
anderen hieran hauptsächlich interessierten Nationen zusammenzufinden, um mit ihnen eine annehmbare Lösung für das Atomwettrüsten zu finden, das nicht nur den Frieden, sondern die
gesamte Existenz der Welt überschattet.
II.

- 9-

�"AjüLRIia LI MST"

29. September 1954

II.
4) Ler Präsident erklärte in seiner Eede ferner, daß die
Vereinigten Staaten zu diesen Verhandlungen einen neuen Vorschlag bezüglich einer zu schaffenden internationalen Atombehörde unterbreiten, ,um die Verwendung der Atomenergie für
friedliche Zwecke baldmöglichst herbeizuführen. In ihrem Memorandum vom 19.MärZ' teilten die Vereinigten Staaten eingehendere Einzelheiten bezüglich ihrer Auffassung mit, wie sich diese Konzeption in die Praxis umsetzen lasse. Das Aide Memoire
der Sowjetregierung vom 27.April deutet diesen speziellen
Vorschlag offensichtlich völlig falsch.
5) Dieser Vorschlag wurde aus dem Wunsch heraus vorgebracht, einen Anfang damit zu machen, der Menschheit die
Segnungen einer friedlichen Verwendung der Atomenergie zu
erschließen. Dieses Angebot der Vereinigter! Staaten, gemeinsam mit anderen Ländern, die über Atomanlagen verfügen, spaltbares Material und das für die Ausnutzung der Atomenergie notwendige technische V/issen um des allgemeinen Wohles willen
zur Verfügung zu stellen, würde eine neue Gelegenheit für eine
internationale Zusammenarbeit bieten. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit in der Verwirklichung der Vorschläge des Präsidenten würde sicher zu einer Bereinigung der Atmosphäre führen,
die ihrerseits wiederum die Aussichten auf eine echte und auf
entsprechenden Sicherheitsgarantien beruhenden Merraticrrüe Abrüstung erheblich verbessern könnte. Ler Vorschlag selbst
war nicht als ein/Abrüstungsplan gedacht.
6) Las sowjetische Aide Memoire vom 27.April besagt in
praxi, daß die UdS^R nicht bereit ist, sich an Maßnahmen zu
beteiligen, die djie Segnungen der Atomkräfte der ganzen Welt
zugänglich macheri könnten, solange die Vereinigten Staaten
nicht einer Ächtung der Atomwaffen zustimmen. Ler wichtigste
für diese Einstellung angeführte Grund liegt darin, daß nach
dem Vorschlag, den der Präsident vor den Vereinten Nationen
entwickelte,, die Möglichkeit bestehe, daß die Vorräte an dem
für Waffen Verwendbaren Material auch nach Schaffung der internationalen Atombehcrde noch weiter vermehrt werden. Ler sowjetische Vorschlag bezüglich einer Ächtung der Verwendung derartiger Waffen würde jedoch andererseits in keiner Weise eine
derartige Vergrößerung der Vorräte unmöglich machen. Lemgemäß
können die Vereinigten Staaten nicht zustimmen, daß die sowjetische Einstellung einen stichhaltigen Einwand gegen eine
Portführung der derzeitigen Schritte darstellt, die friedliche Verwendung der Atomkräfte herbeizuführen.
7) Lie Sowjetunion nimmt ferner offensichtlich an, daß
jede Porm einer friedlichen Ausnutzung der Atomenergie zwangsläufig eine Erhöhung der Lagerbestände an auch für militärische
Zwecke verwendbarem Material mit sich bringen müsse. In Wirklichkeit lassen sich jedoch Maßnahmen treffen, die geeignet
sind, eine Abzweigung von Material aus den Reaktoren zu verhindern, die zur Energieerzeugung benutzt werden. Übrigens
gibt es auch Formen einer friedlichen Verwendung, bei denen
die Frage erst gar nicht auftaucht, ob das entsprechende Ma4- 10 -

�"AMERIKA DIENST*

29. September 1954

Material auch für Waffen brauchbar sei.
8) Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß diejenigen Länder, die in ihrem Wissen hinsichtlich der konstruktiven Verwendung von Atomenergie weiter fortgeschriti
nd
als andere, die Verpflichtung haben, dieses V/issen unt&lt; r hierfür geeigneten Bedingungen für die Verbesserung des Lo
aller Menschen zur Verfügung zu stellen. Im gegenwärtigen
Stadium der Entwicklung der Atomtechnik halten die Vereinigten
Staaten den Zeitpunkt für gekommen, einen Anfang in diesem
Sinne zu machen- Demgemäß fühlen sich die Vereinigten Staaten frei, die Verwirklichung ihres Vorschlages zusammen mit
anderen inter
ben Nationen in Angriff zu nehmen, auch
wenn die Sowjetunion im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht weiterzuverhandeln wünscht. Wenn die Sowjetunion zu einem späteren
Zeitpunkt sich entschließen sollte, an solchen Gesprächen
wieder teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten eine
solche Teilnahme auch weiterhin willkommen heißen.
III.
9) Die Sowjetunion nimmt Bezug auf ihren Vorschlag vom
30.Januar über die Ausarbeitung eines internationalen Abkommens, das einen bedingungslosen Verzicht auf die Anwendung
von atomaren, thermonuklearen und anderen Waffen fordert, die
der Massenvernichtung dienen. Die Vereinigten Staaten haben
gemäß der von ihnen verfolgten Politik, alle vorgebrachten
Lösungen für das Abrüstungsproblem bereitwillig zu prüfen,
diesen Vorschlag eingehend und ernsthaft erörtert.
10) Nach Ansicht der Vereinigten Staaten muß ein wirksamer Abrüstungsplan zwei grundsätzliche Fragen zufriedenstellend beantwortens
a) Wird - erstens - der Plan tatsächlich eine Reduzierung
oder Abschaffung der Rüstung der einzelnen Staaten in
einer V/eise herbeiführen, die mit ihrer nationalen Sicherheit zu vereinbaren ist ? Ein Versprechen über den Verzicht der Anwendung von Waffen, das nur auf dem Papier
steht, wird es den Nationen nicht ermöglichen, ihre Rüstung
zu reduzieren, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben.
Schon aus dem bloßen Vorhandensein von Waffen irgendwelcher Art ergibt sich die Möglichkeit ihrer Anwendung, trotz
des gegenteiligen Versprechens, das ja ohnehin einfach
gebrochen werden kann.
b) Wird - zweitens - der Plan die Gefahr von Aggression
und Krieg wesentlich mindern oder ausschalten ? Falls
irgendein Plan die Gefahr, daß ein möglicher Aggressor
Zuflucht zum Kriege nimmt, sogar noch erhöht, so würde
durch ihn der Hauptzweck der Abrüstung nicht erreicht.
11) Der Vorschlag der Sowjetunion vom 30.Januar beantwortet weder diese Grundfragen zufriedenstellend, noch gibt er Anlaß zu irgendwelchen Hoffnungen auf eine dem Wohle aller dienenden Lösung der Abrüstungsprobleme j
v
11 -

�"AMERIKA LIEHST"

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a) Er würde auf die vorhandene Rüstung und die Weiterführung der Rüstungsproduktion überhaupt keinen Einfluß haben»
Dies geht aus der Formulierung des sowjetischen Planes klar
hervor. Es käme nur zu gegenseitigen Versprechungen, Keine
Waffen anzuwenden, die heute noch in Reserve gehalten
werden. Es gäbe keine Sicherheit dafür, daß solche Beteuerungen auch eingehalten würden. Die Beibehaltung von
Waffenarsenalen und die laufende Waffenproduktion wären
fragwürdige Garantien gegen die Gefahr, daß die abgegebenen Versicherungen nicht eingehalten werden können.
b) Die Gefahr von Aggression und Krieg würde nicht gemindert, wenn man den sowjetischen Vorschlag in die Wirklichkeit umsetzte, sie würde sogar noch erhöht, da die
abschreckende Wirkung der vorhandenen Atomwaffen auf
einen möglichen Aggressor zweifellos gemindert würde,
wenn dessen eventuelle Opfer sich verpflichtet haben,
solche Waffen nicht anzuwenden. Ein solcher Aggressor
wäre leicht versucht, einen Angriff in der Hoffnung zu
starten, daß die Anwendung solcher Waffen für die Verteidigung seiner Opfer durch das Verbot verhindert oder
verzögert würde. Überdies könnte ein Aggressor, der im
Besitz nuklearer Waffen ist, seine gegebenen Versprechen
widerrufen und nukleare Waffen anwenden, wenn immer dies
in seinem Interesse läge. Enher würde ein solcher Plan
nur zur Aggression verführen und die Opfer des Aggressors
schwächen.
12) Der sowjetische Vorschlag wird den notwendigen Erfordernissen eines wirksamen Planes, der den Atomkrieg verhindert,
nicht nur nicht gerecht, sondern er würde sogar den Aussichten
auf die Annahme eines solchen Planes schaden. Denn sicherlich
würde der sowjetische Plan, wenn man ihn akzeptierte, leicht
die Täuschung erwecken, daß die Gefahr eines Atemkrieges bis
zu einem gewissen Grade gebannt sei, und er würde die Wachsamkeit der Bevölkerung gegenüber eines* Bedrohung vermindern, die
sich höchstens noch verstärken kann. Dieses Gefühl einer - in
Wirklichkeit nicht existierenden - Sicherheit, wäre ferner dazu
angetan, weitere Bemühungen um eine echte Abrüstung mit wirksamen Sicherheitsmaßnahmen zu beeinträchtigen, die tatsächlich Sicherheit für alle bedeuten, die Gefahr des Krieges vermindern und die schwere Bürde der Rüstung erleichtern würden.
IV.
13) Die Vereinigten Staaten versichern erneut, wie sie
dies schon in der von der UN-Vollversammlung am 17«November
1950 gebilligten Resolution zum Ausdruck brachten, daß die
Aggression an sich, ohne Rücksicht auf die jeaeils angewandte
Methode, die größte aller Gefahren darstellt. Nur im Falle
einer Aggression wird die Welt den Schrecken eines modernen
Krieges ausgesetzt sein.
14) Die Signatarstaaten der Charta der Vereinten Nationen
haben die feierliche Versicherung abgegeben, keine Aggression
zu begehen. Gemäß ihrer geschichtlichen Tradition werden die
- 12 -

�"AüiEKIJa LIEBST"

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die Vereinigten Staaten dieses Versprechen niemals brechen.
Wie jedoch bereits zum Ausdruck gebracht, sind die Vereinigten
Staaten überzeugt, daß einzig die Annahme eines mit entsprechenden Sicherungen ausgestatteten und ausgewogenen Abrüstungssystems die Gewähr biete, daß es zu keiner Aggression
mehr kommt, und daß Atomwaffen im Falle eines Krieges nicht
zum Einsatz gebracht werden. Ein derartiges System könnte
die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Aggression erheblich verringern und damit die Gefahr einer Aggression
überhaupt stark herabsetzen,
15) Die Vereinigten Staaten glauben auch weiterhin,
daß eine Lösung der Rüstungsfrage von entscheidender Bedeutung ist. Obwohl sie sich außerstande sehen, den sowjetischen Vorschlag anzunehmen, sind sie doch zu jeder Zeit
bereit, annehmbare Maßnahmen für eine wirksame Abrüstung bei
Vorhandensein entsprechender Sicherung zu erörtern. Sie sind
hierzu bereit, sei es durch eine Portführung des geheimen
Notenaustauschs oder im Rahmen der UN-Abrüstungskommission „
&amp;igesiehts der Dringlichkeit der Abrüstung werden die Vereinigten Staaten eine derartige Fortführung der Verhandlungen
gutheißen, sofern die Sowjetunion in ihnen ein wirksames
Instrument erblickt, um eine gemeinsame Basis in der Einstellung zu diesem Problem zu suchen.
16) Die Vereinigten Staaten hoffen ferner, daß die
Sowjetunion im lichte der obigen Darlegungen den Ymnsch
hegt, weitere Ausführungen zu dem von den Vereinigten Staaten am 19«März 1954 unterbreiteten konkreten Vorschlag
zu machen. Auf jeden Fall sind die Vereinigten Staaten bereit,
zu jedem Zeitpunkt die Besprechungen über den Vorschlag des
Präsidenten mit der Sowjetunion wieder aufzunehmen."
Am 22.September überreichte die sowjetische Regierung
dem amerikanischen Botschafter ein zweites langes Aide
Memoire, in dem sie bereits früher vorgebrachte Argumente
wiederholte und erklärte, man solle sich auch weiterhin bemühen, die Ansichten beider Regierungen einander näher zu
bringen. Auch regte die Sowjetunion an, den Notenwechsel
über diese Fragen zu veröffentlichen. Am nächsten Tage erklärten sich die Vereinigten Staaten damit einverstanden,
die Dokumente zu veröffentlichen.
Am gleichen Tage sprach Außenminister Dulles vor der
UN-Vollversammlung. Er sagte, die Vereinigten Staaten seien
zwar nach wie vor bereit, mit der UdSSR über diese Frage
zu verhandeln, erklärte jedoch, daß die USA ihre "Bemühungen, eine internationale Atorabehörde zu schaffen, nicht
länger auf die lange Bank schieben werden,"
* * * * *

- 13 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE FRAGE DER INTERNATIONALEN ABRÜSTUNG VOR DER
NEUNTEN VOLLVERSAMMLUNG DER VEREINTEN NATIONEN
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des amerikanischen UNDelegierten James Wadsworth vom ^.Oktober 1954 vor dem ersten Komitee der Neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen,
in der er den Standpunkt der Vereinigten
Staaten in Fragen der Abrüstung, des Verbotes der Atomwaffen und der Einrichtung
eines internationalen Kontrollorgans
klarlegt.
Herr Vorsitzender,
Das Erste Komitee der Vollversammlung tritt nunmehr in
das neunte Jahr seiner Tätigkeit ein, das neunte Jahr harter
Arbeit an dem zähen Problem der Abrüstung. In all diesen Jahren der Diskussion war es nicht möglich, sich auch nur über
die Verschrottung eines einzigen Gewehres, eines einzigen
Tanks, einer einzigen Bombe oder die Entlassung eines einzigen Soldaten zu einigen.
Diese entmutigende Tatsache ist allen Menschen in der Welt
bekannt, auch denen, die wenig von Weltpolitik wissen. Doch es
ist der Ausdruck ihres Willens zum Frieden, wenn wir nicht ablassen, nach einer Lösung zu suchen. Unser bisheriger Mißerfolg ist hauptsächlich auf die unglückliche Tatsache zurückzuführen, daß wir es mit dem Problem der Abrüstung in einer
Zeit der Konflikte aufnehmen mußten. Die beiden in diesem
Konflikt befindlichen Parteien waren nicht in der Lage, einander Vertrauen entgegenzubringen.
Schließlich wäre es auch überaus unklug gewesen, denjenigen zu trauen, bei denen eine auf die Spitze getriebene Geheimniskrämerei zum Lebensstil gehört. Wie können wir gegenseitiges Vertrauen fassen, auf das die Abrüstung gegründet werden
könnte ?
Wir geben zu, daß es mit der Beteuerung "Wir versprechen,
glaubt uns !" nicht getan ist. Vertrauen ist eine überaus delikate Angelegenheit und kann nicht durch Worte herbeigezaubert
werden.
In einer Sache wie der Abrüstung wird es nur möglich
w
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�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

möglich, wenn beide Parteien sich auf einen fairen Plan einigen und dann jeden Punkt dieses Planes Schritt für Schritt
unter den Augen des anderen in die Tat umsetzen.
Das ist eine äußerst schwierige Aufgabe, aber es ist möglich. Wenn sie mit gutem Willen ausgeführt wird, wird sich als
eines der Hauptresultate auch jenes echte Vertrauen bilden,
dessen Fahlen unsere Bemühungen bis jetzt zum Scheitern verurteilt hat.
I« Der grundsätzliche Standpunkt der Vereinigten Staaten
Es gibt vier Grundgedanken, die die Vereinigten Staaten
von Anfang an bei den Abrüstungsdiskussionen vor den Vereinten
Nationen beseelt haben.
Erstens? Die Vereinigten Staaten wollen die Abrüstung»
Die Vereinigten Staaten gehören zu jenen Ländern, die Artikel
26 der Charta der Vereinten Nationen vorschlugen, in der zur
"Herbeiführung und Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit für eine möglichst geringe Inanspruchnahme der menschlichen und wirtschaftlichen
Hilfsquellen der ganzen Welt für Rüstungszwecke" plädiert wird»
Wir wollen die Entwaffnung, die wirklich entwaffnet. Wir wollen
mehr als Trinksprüche, bei denen die Staaten die Gläser klingen
lassen und auf die Abrüstung trinken. Wir wollen eine Abrüstung,
die wirklich funktioniert.
Zweitens3 Wir glauben, daß es für die Welt mehr als einen
Weg gibt9 der zur Abrüstung führt. Jahre hindurch haben wir
eine Anzahl von Wegen vorgezeichnet, von denen wir einige oder
alle mit dem Ziel der Abrüstung hätten beschreiten können?
Kontrolle der Atomenergie; Einschränkung der Streitkräfte der
Großmächte; ein System der Offenlegung aller Streitkräfte und
jetlicher Bewaffnung mit Prüfung der Wahrheit durch ein internationales Organ. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen,
daß dieses Problem unmöglich zu lösen ist, wenn nicht alle
Großmächte der Lösung zustimmen Wir haben so viele Möglichkeiten der Diskussion in der Hoffnung vorgeschlagen, daß wir,
auch wenn keine volle Übereinstimmung mit den Sowjets zu erreichen gewesen wäre, wenigstens die Differenzen verringert
hätten, die uns trennen. Das ist unser Ziel in der Vergangenheit gewesen, und es ist auch heute noch unser Ziel.
Drittens? Wir wollen, daß die Welt von Atomwaffen befreit
werde. Aber die Welt wird nicht durch lautes Geschrei nach
einem Verbot von den Atomwaffen befreit, während eine Nation
hinter dem Eisernen Vorhang weiterhin solche Waffen stapelt.
Die Vereinigten Staaten werden weder Atomwaffen noch andere
Waffen, deren Gebrauch die Charta der Vereinten Nationen verletzen würde, benutzen. Die Vereinigten Staaten werden weder
Atomwaffen noch andere Waffen gebrauchen, es sei denn in der
Verteidigung gegen eine Aggression,, Das ist unser Versprechen,
und es ist zugleich auch das Versprechen aller anderen Mitglieder der Vereinten Nationen einschließlich der UdSSR. Dieses
Versprechen gibt dennoch keinem Sicherheit, solange eine der

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

der Hauptnationen, die diese Zusicherung ebenfalls gegeben
hat, ihren Eisernen Vorhang besitzt, hinter welchem sie den
Bruch ihres Wortes ohne Angst vor Entdeckung vorbereiten kann.
Viertens: Wir wollen den Frieden der ganzen Welt. Wir wissen, daß ein neuer Krieg eine Katastrophe bedeuten würde. Wir
vergessen nicht, daß Wettrüsten in der Vergangenheit bewaffneten Angriffen durch aggressive Völker vorausgegangen ist.
Im Augenblick aber können wir trotzdem das Wettrüsten nicht
aufgeben, solange andere Teilnehmer nicht ebenfalls haltmachen. Und wir können nicht wissen, ob alle Teilnehmer dös
Wettrennen aufgegeben haben, wenn einer von ihnen auf einer
versteckten Rennstrecke läuft. Für die fr^ie Welt würde die
Beendigung der Rüstung - während die Sowjetunion weiterhin
damit beschäftigt ist, ihre bewaffnete Macht zu vergrößern eine Einladung zu jenem fürchterlichen Krieg und zur Ausrottung
der Freiheit bedeuten, die wir ja gerade verhindern wollen.
Die Erfahrung hat uns harte Lektionen erteilt. Wir denken immer daran, während wir in unserer Suche nach jener Abrüstung fortfahren, die Sicherheit für alle bietet. Immer an
diese Lektionen denkend, halten wir fest, daß sichere Entwaffnung in einer Welt, in der es kein Vertrauen mehr gibt,
zweierlei Dinge erfordert, die über alles gehen:
Erstens: Der Abrüstungsplan muß jegliche Bewaffnung umfassen - denn Bajonette und Sprengstoffe sind auch im Atomzeitalter noch immer tödlich.
Zweitens: Die Sicherheit muß gegeben sein, daß jede Seite
wirklich unter klarer Einsichtnahme der anderen abrüstet - mit
der festen Zusicherung, daß bei jedem Schritt auf dem Wege
dahin alle Versprechungen gehalten werden.
Wir glauben, daß alle Staaten diesen Grundsätzen zustimmen werden. Wie kommt es aber, daß wir/nicht zuwege
brachten, daraus ein durchführbares Programm zu erarbeiten ?
Die Akte der Abrüstungskommission und ihres Unterausschusses
gibt darüber weitgehend Aufschluß.
II. Das Protokoll der Abrüstungskommission von 1954
Wir sind einer Meinung mit der Sowjetunion, wenn sie
vorschlägt, das Vergangene so weit wie möglich zu vergessen
und wir werden daher der Vergangenheit viel weniger Zeit widmen als der sowjetische Delegierte.
Bemerkenswert an dem von der Achten Vollversammlung angenommenen Abrüstungsbeschluß war der Paragraph 6, der den Vorschlag enthält, daß die Abrüstungskommission untersuchen möge,
ob es wünschenswert sei, daß ein Unterausschuß aus Vertretern
der grundsätzlich betroffenen Mächte in privaten Verhandlungen eine annehmbare Lösung suche und der Abrüstungskommission
darüber Bericht erstatte.
In Übereinstimmung mit dieser Resolution stellte die Abrüstungskommission im letzten April einen solchen Unteraus-

�"AFRIKA SIEHST"
13. Oktober 1954
Unterausschuß auf, an dem die Sowjetunion, Großbritannien,
Frankreich, Kanada und die Vereinigten Staaten beteiligt waren.
Dieser Ausschuß traf auf privater Ebene und - wie wir hoffen frei von Unterschiebungen propagandistischer Tendenzen in
London zusammen. Darauf lieferte der Unterausschuß einen Bericht an die Abrüstungskommission ab. In einem Teil dieses
Berichtes gab der Unterausschuß die gesamte Akte der Londoner
Zusammenkünfte bekannt. Die Welt ist jetzt in der Lage, die
Fortschritte oder Nichtfortschritte dieser privaten Zusammenkünfte zu beurteilen und zu entscheiden, wer die Verantwortung
für ihre Erfolge oder Mißerfolge trägt.
Das einfache Motiv des Vorschlags der Achten Vollversammlung, daß wieder einige wenige Mächte auf privater Ebene
zusammenkommen sollten, war der Versuch, die Abrüstung von
einer neuen Seite aus anzugehen - von einer Seite, die wenigstens die kleine Hoffnung ließ, die Differenzen zu verringern,
die die Sowjetunion von der freien Welt trennten. Nun wollen
wir einmal die Protokolle des Fünf-Mächte-Unterausschusses untersuchen um zu sehen, wie weit sich diese Hoffnungen erfüllten.
Gleich bei dem ersten Zusammentreffen unterbreitete die
Sowjetunion einen Abrüstungsvorschlag, aber es war kein neuer»
Es war - Wort für Wort - der gleiche Vorschlag, den die Sowjetunion der Achten Vollversammlung vorgelegt und den diese
als unannehmbar befunden hatte. Das war gewiß ein entmutigender
Anfang, und nach diesem Muster verliefen die gesamten Diskussionen. Der Vertreter Neuseelands charakterisierte die sowjetische Haltung während der Diskussionen der Abrüstungskommission im Juli sehr treffend als "von einer steinernen Unbeweglichkeit".
Dagegen bemühten sich die anderen Mitglieder des Unterausschusses, zwei neue, in den Vereinten Nationen bisher noch
nicht gründlich untersuchte Wege zur Abrüstung aufzuzeigen.
Die Vereinigten Staaten brachten als Arbeitsgrundlage einen
Vorschlag auf Errichtung eines internationalen Zontrollorgans
ein, das mit den entsprechenden Rechten, Vollmachten und Funktionen auszustatten ist. Indem wir diesen Vorschlag als Arbeitsgrundlage einbrachten, betonten wir, daß wir keineswegs darauf
bestehen, daß die anderen Staaten unseren Vorschlag nur annehmen oder ablehnen sollten. Der Vertreter der Vereinigten Staaten
sagte: "Wir wollen diesen Vorschlag nur als einen Weg betrachten, auf dem wir an die eigentliche Substanz herankommen können.
Durch die Diskussion über die spezifischen Probleme hoffen wir,
die zwischen uns bestehenden Differenzen ausgleichen zu können.
Vielleicht kommen wir dann zu einem Standpunkt, dem alle von uns
zustimmen können." Außerdem wiesen wir darauf hin, daß das
Kontrollorgan, so wie wir es geplant haben, für ein auf den
sowjetischen Konzeptionen der letzten Jahre beruhendes Programm
ebenso anwendbar sein würde, wie es in das von den Vereinigten
Staaten vorgeschlagene Programm hinein paßte.
Trotz unserer Bemühungen verweigerte
treter jede ernsthafte Diskussion unseres
eine Tatsache, daß er nie über den ersten
kam, der sich auf die von der Sowjetunion
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der sowjetische VerVorschlages. Es ist
Paragraphen hinausabgelehnte Resolution

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Resolution der Generalversammlung vom 11.Januar 1953 bezog.
Der zweite neue Weg zu einer Annäherung in der Präge der
Abrüstung wird in dem britisch-französischen Memorandum vom
11.Juni aufgezeigt, über das in den letzten Wochen in der
Presse viel berichtet wurde. Dieses Memorandum befaßte sich
mit der Festlegung der zeitlichen Reihenfolge der wichtigsten
Punkte des Abrüstungsprogramms. Die Vertreter des Vereinigten
Königreichs und Frankreichs haben diese Vorschläge eingehend
erklärt, und ich brauche ihre Erklärungen nicht zu wiederholen*
Die Vereinigten Staaten haben diese Vorschläge unterstützt und
sie unterstützen sie noch.
In London hat sich die Sowjetunion geweigert, die britischfranzösischen Vorschläge zu diskutieren und kam - worauf die
Vereinigten Staaten hingewiesen haben - nie über den ersten
Paragraphen hinaus. Der sowjetische Vertreter gab dazu u.a.
folgenden Kommentar: "Es ist völlig klar, daß der von den
Vereinigten Staaten unterstützte Vorschlag des Vereinigten
Königreiches und Frankreichs kein Verbot der Atomwaffen vorsieht, sondern deren Gebrauch sogar rechtfertigen soll. Die
Annahme eines solchen Vorschlags würde in keiner Weise zu
einer Milderung der internationalen Spannungen oder zur Beseitigung der Gefahr eines Atomkrieges beitragen. Vielmehr
könnte sie die Wachsamkeit der Völker gegenüber dieser Gefahr
einschläfern."
Nach all dem hat jetzt auf dieser Vollversammlung der
sowjetische Vertreter eine Resolution eingebracht, die besagt,
daß diese Vorschläge Frankreichs und des Vereinigten Königreichs als Grundlage für ein internationales Abrüstungsabkommen verwendet werden können«
Wir freuen uns wirklich sehr darüber, daß die Sowjetunion
offenbar ihre Ansicht geändert hat und jetzt den wahren Wert
der britisch-französischen Vorschläge anerkennt und sie als
einen neuen Weg zur Lösung dieses großen Problems ansieht.
Aber diese Änderung des Standpunktes - und wir hoffen, daß es
eine wirkliche Änderung ist - hat sich erst am 30.September
gezeigt.
III. Der sowjetische Vorschlag
Der erste Hoffnungsstrahl, den wir im Verlauf vieler Jahre von der Sowjetunion empfangen haben, war der Vorschlag, den
der sowjetische Vertreter unserer Versammlung jetzt übermittelt hat. Dieser Strahl wurde beträchtlich getrübt, wenn nicht
gar wieder ausgelöscht, durch die Erklärung, die Herr Wyschinski
gestern abgegeben hat. Wir haben den Vorschlag sorgfältig, und,
wir glauben, objektiv geprüft. Was ich jetzt darüber sagen werde, spiegelt unsere ersten Eindrücke von einem Vorschlag wider,
der in verschiedenen grundlegenden Punkten hinsichtlich seines
Sinnes unklar war und es auch geblieben ist. Wir sind gern bereit, unsere Eindrücke zu berichtigen, wenn die Erörterungen
in diesem Ausschuß und später in der Abrüstungskommission
eine Grundlage dafür ergeben.
_
L T S jj 6 TIS

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�"AMZRIK^

DIENST"

13. Oktober 1954

Erstens erkennen wir an, daß in einer und nur in einer
wichtigen Frage die Sowjets einen klaren und unzweideutigen
Standpunkt eingenommen haben, der die Meinungsverschiedenheiten verringert, welche die Sowjetunion von der freien
Welt getrennt haben. Die Sowjetunion hat jetzt zugestanden,
daß 50 Prozent der bewilligten Verringerung bei den bewaffneten Streitkräften und den herkömmlichen Waffen vorgenommen
werden können, bevor irgendwelche Maßnahmen zum Verbot der
Atomwaffen getroffen sind. Das ist Paragraph I (2) (A) des
sowjetischen Vorschlags.
Zweitens verlangt die Sowjetunion in Paragraph I (1) (ß)
"eine Grundlage, die eine dauernde Überwachung in dem Umfang
möglich macht, der notwendig ist, um die Einhaltung der zuvor angeführten Konvention seitens aller Staaten sicherzustellen." Dies ist einer der unklaren Punkte, über den eine
weitere Diskussion erforderlich ist. Er könnte eine große
Verbesserung gegenüber der sowjetischen Formel von 1952 für
ein internationales Kontrollorgan bedeuten, welches "das
Recht haben soll, eine Überwachung auf dauernder Grundlage
durchzuführen, jedoch nicht berechtigt sein soll, sich in
die inneren Angelegenheiten der Staaten einzumischen".
Jedes Kontrollorgan mit Vollmachten "in dem notwendigen
Umfang, um die Einhaltung der Konvention sicherzustellen",
muß klar die volle Eingriffsfreiheit haben. Herr Wyschinski hat
darauf hingewiesen, daß während des Krieges Knopffabriken in
der Sowjetunion Munition herstellten. Die Internationale Kontrollkommission muß daher das Recht haben, auch Knopffabriken
zu inspizieren, um festzustellen, ob sie Munition herstellen
oder nicht. Das aber ist genau das, was der Sowjetdelegierte
uns während der londoner Besprechungen abgeschlagen hat; wir
hatten gehofft, daß diese Resolution hier einen Stellungswechsel
anzeige. Wenn wir jedoch die Erklärung von Herrn Wyschinski
vom gestrigen Tage richtig auslegen, dann kann jedes land die
Inspektoren einfach dadurch lahmlegen, indem es an einer
Munitionsfabrik ein Schild anbringt, das anzeigt; "Bleibt
draußen - diese Fabrik stellt Knöpfe her".
Drittens würde eine mit angemessenen Vollmachten ausgestattete Kommission zwangsläufig auch berechtigt sein gegen
jede Verletzung des Abkommens einzuschreiten. Dies soll nicht
heißen, daß die Kommission über eine eigene Armee verfügen
solle, die eingesetzt werden könnte, um den Schuldigen zu bestrafen. Sie würde jedoch über bestimmte Befugnisse verfügen,
von denen wir einige in unserem Konzept über das Internationale Kontrollorgan, das wir dem Unterausschuß der Abrüstungskommission in London vorlegten, genannt haben. Dazu gehört
das Recht der Sperrung der Zuteilung von spaltbarem Material
für die Vertragsbrüchige Nation, sowie die Schließung von
kernphysikalischem Material verarbeitenden Fabriken in diesem lande.
Der Vertreter der Sowjetunion hat kategorisch festgestellt,
daß die Kontrollkommission über die Weiterleitung des Vertragsbruchs an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem

�"AIÜERIKÜ

DIÜNST"

13. Oktober 1954

dem jedes permanente Mitglied in der läge ist, alle Aktionen
durch ein Veto zu blockieren, hinaus nichts tun könne. Wir
hofften, daß die neuen sowjetischen Vorschläge, die von der
die Durchführung sichernden Vollmachten reden, einen Wandel
in der sowjetischen Haltung darstellten. Herr Wyschinski
hat diese Hoffnung gestern sehr gründlich zerschlagen. Er
stellte klar, daß das Kontrollorgan, in dem es kein Vetorecht gibt, nichts unternehmen könne, um Vertragsbrüche zu
ahnden. Keine Verletzung der Bestimmungen des Abkommens kann
ohne die Zustimmung der mit ihrem Vetorecht bewaffneten Sowjetunion bestraft werden.
Viertens war es eine Frage, die in london vielleicht ausgedehntere Diskussionen verursachte als irgendeine andere,
nämlich diejenige
über die Zeitspanne, die zwischen dem
Verbot der Atomwaffen und dem Einsetzen der internationalen
Kontrolle liegen soll. Die Ansicht der Sowjetunion, die sie
traditionsgemäß auch in london vorbrachte, und die besagt,
daß das Verbot der Atomwaffen und die Einrichtung der Kontrolle gleichzeitig erfolgen solle, hört sich zwar gut an
- wir haben das vielfach zum Ausdruck gebracht -, ist aber
in diesem Zusammenhange buchstäblich bedeutungslos.
Das Atomwaffenverbot ist ein einziger Akt, während die
Ingangsetzung der internationalen Kontrolle einer langen Serie
von Beschlüssen bedarf. Der springende Punkt ist: Zu welchem
Zeitpunkt in der Entwicklung des Kontrollorgans würde das Verbot der Atomwaffen einsetzen ? Die Vereinigten Staaten, das
Vereinigte Königreich, Prankreich und Kanada haben sich in
London zu der im britisch-französischen Memorandum niedergelegten Auffassung bekannt, derzufolge das Verbot der Atomwaffen
so bald, aber nicht eher in Kraft treten soll, als bis das
Kontrollorgan in der läge sei, zu garantieren, daß das Verbot
auch tatsächlich verbietet. Die Sowjetunion andererseits,
stellte sich auf den Standpunkt, das Verbot solle bereits zum
Zeitpunkt der Erreichung eines Übereinkommens über die Errichtung eines Kontrollorgans ausgesprochen werden* Das ist als würde man sagen: MDa wir uns nnun einig sind ein Haus zu bauen,
laßt uns gleich einziehen. Ein Übereinkommen allein schützt
aber nicht vor dem Regen.
Herr Wyschinski gab dem Wort "gleichzeitig" in seiner Erklärung vom gestrigen Tage einen neuen Sinngehalt. Er brachte
zum Ausdruck, daß das Verbot von Kernwaffen und die Schaffung
internationaler Kontrollen in demselben Zeitabschnitt verwirklicht werden müßten. Mit anderen Worten, wir müssen das Haus
fertigstellen und gleichzeitig einziehen. Dies ist natürlich
schon ein Portschritt gegenüber dem Unterfangen, das Haus
schon zu beziehen, noch ehe es überhaupt gebaut ist. Es erheben sich dabei aber einige Prägen. Was soll werden, wenn
wir unsere Bereitschaft erklären, das Haus zu beziehen, und
es wird nie gebaut ? Was wird, wenn die für den Bau vorgesehene Zeit verstreicht, ohne daß das Haus fertiggestellt ist
- müssen wir dann trotzdem einziehen ? Kurz gesagt, inwieweit
die neue Situation einen Portschritt darstellt, hängt von dem
Zeitplan für den Bau und den Bezug des Hauses ab.
Herr

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Herr Wyschinski hat für seine alte Formel, die sich als unbrauchbar erwiesen hatte, eine neue aufgestellt, cie noch sehr
vage gehalten ist und deshalb noch gründlich überprüft werden
muß.
Fünftens, liefert ein weiteres Eeispiel für eine Frage,
die erst noch eines eingehenden Studiums bedarf Absatz I (A),
in dem die Rede ist von gebilligten Stärken und der Abrüs &lt;ng
vom Stand des 31.Dezembers 1953. Wir haben diese Klausel m
der englischen und französischen Übersetzung sorgfältig geprüft. Offen gesagt, sie ist völlig sinnlos. Ich weiß ni h
recht, ob ich Herrn Wyschinskis Erläuterung dieses Abs tzes
richtig verstanden habe. Wie Herr Wyschinski beim Anbören der
Übersetzung bemerkte, sind die Bedingungen weit davon ent -r;,t,
ein Optimum darzustellen. Wenn ich recht begriffen haben &gt;ll*:e,
hat man ziemlich eindeutig zu verstehen gegeben, daß die Sowjetunion vorschlägt, man solle in der Abrüstung vom Stand des
31.Dezembers 1953 ausgehen und in zwei Phasen verfahren, wobei
die Gesamtabrüstung in jeder Phase zur Hälfte verwirklicht werden soll. Es ist uns noch immer nicht klar geworden, wo die es
Verfahren enden soll. Wie soll der Stand festgesetzt werden,,
auf den die bewaffreten Streitkräfte und die Rüstungen reduziert
werden sollen ? Wir wissen noch immer nicht, ob die Sowjetunion auch weiterhin und ausschließlich auf eine prozentuale
Abrüstung vom Stand des 31.Dezembers 1953 ausgehend besteht.
Herr Wyschinski erklärte, daß er im gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht auf eine prozentuale Abrüstung bestehe. Er ließ nicht
erkennen, ob er seine früheren Forderungen habe fallen lassen
oder ob er eine Alternativlösung anzunehmen bereit sei.
Wir hoffen noch immer, daß diese Sowjetvorschläge einen
wichtigen Schritt in Richtung auf eine Einigung auf ein Abrüstungsprogramm darstellen. Sie müssen jedoch noch k.argestellt und weiter ausgearbeitet werden. Weite Sektoren des
Abrüstungsprogramms werden in diesen Vorschlägen über aupt
nicht berührt. Darauf haben die Vertreter Großbritanniens u d
Frankreichs bereits mit klaren Worten verwiesen. Es gilt ei
gewaltiges Pensum schwerer Arbeit zu bewältigen, ehe wir ir
gendeinen der gegenwärtig der Vollversammlung oder der Abrüstungskommission vorliegenden Vorschläge in ein brauchbares
Abrüstungsprogramm umformen können.
Dies ist eine technische Frage. Nach unserer Auffassung
stellt die Vollversammlung kein geeignetes Forum für eine Erörterung der technischen Details dar. Allein schon die Tatsache, daß die Sowjetunion sich im Stande sah, diese neuen
Vorschläge zu unterbreiten, zeigt unserer Auffassung nach
wieviel Weisheit der von der Achten Vollversammlung ausgehenden Anregung zugrundegelegt war, daß die davon betroffenen Staaten in Geheimverhandlungen eintreten sollten. Wir würden die
Wiedereinsetzung des Unterausschusses befürworten, der sich mit
den sowjetischen Vorschlägen und den anderen der Abrüstungskommission zugegangenen Vorschlägen befassen soll. Kurz gesagt, wir
sind der Auffassung, daß man die sowjetischen Vorschläge in der
Hoffnung überprüfen sollte, daß eine ganze Reihe von ihnen in ir
gendeiner Form in einen Abrüstungsvertrag eingearbeitet werden
kann. Es sei hier ausdrücklich gesagt, daß wir sie nicht ablehnen.
- 8 IV!

�"juafchliCü LIENST"
13. Oktober 1954
IV»
Während der Beratungen des Unterausschusses in London und
den Erörterungen der Abrüstungskommission in New York haben wir
immer wieder darauf verwiesen, daß der sowjetische Abrüstungsvorschlag drei Haken enthalte, die nicht nur ein Uebereinkommen
unmöglich machen, sondern auch die Möglichkeit echter Verhandlungen zerstören. Wir wollen hier riöoh einmal auf diese drei
Charakteristika eingehen und prüfen, inwieweit sie auch in den
neuen sowjetischen Vorschlägen enthalten sind. Zunächst einmal
hat die Sowjetunion sich in der Vergangenheit immer mit Vorschlägen begnügt, die so vage gehalten waren, daß sie kaum noch
eine Bedeutung hatten. Botschafter Patterson verglich auf den Beratungen des Londoner Unterausschusses diese Vorschläge völlig
zu Recht mit einem Buch, das wohl ein Inhaltsverzeichnis und
sonst nur leere Seiten enthält. Wir bedauern es, daß diese Beschreibung unserer Meinung nach auch auf die neuen sowjetischen
Vorschläge passt. Viel Arbeit wird noch zu leisten sein, ehe sie
überhaupt eine wahre Bedeutung gewinnen.
Weiter enthielten die sowjetischen Vorschläge in der Vergangenheit stets lange Passagen ueber Versprechen, sie schwiegen
sich aber bemerkenswerterweise aus bezueglich der Sicherheitsgarantien, aus denen ersichtlich geworden wäre, daß die Sowjetunion
ihre Versprechen auch einhalten wolle. Die UdSSR hat sich jeder
Form internationalerKontrolle widersetzt, die bewirkt haben würde,
daß der Eiserne Vorhang hochgezogen werden müsste. Die nunmehr
unterbreiteten Vorschläge sind in solcher Weise abgefaßt, daß der
Anschein erweckt wird, als wolle die Sowjetunion gemäß ihrem eif
genen Vorschlag echten und wirksamen Sicherheitsgarantien zustimmen.
Ob sie in Wahrheit zu einem solchen Schritt bereit ist, läßt sich
wahrscheinlich erst nach Beginn der Erörterungen der Einzelheiten
sagen.
Ferner hätten die alten Vorschläge - selbst wenn wir die Erfüllung der von der Sowjetunion eingegangenen Versprechen voraussetzen - stets bewirkt, daß die freie Welt, nicht aber die Sowjetunion, hätte abrüsten müssen. So wären beispielsweise nach dem
alten sowjetischen Plan die wichtigsten Bausteine in dem Verteidigungsgebäude der freien Welt - die atomaren und thermonuklearen
Waffen und Stützpunkte - eliminiert worden. Andererseits wären die
wesentlichsten Faktoren, die die Stärke der Sowjetunion ausmachen die riesigen Heere und der enorme Vorrat an herkömmlichen Waffen um ein Drittel reduziert worden. Von diesem Standpunkt aus gesehen,
stellen die neuen Vorschläge gegenüber den alten Plänen einen wirklichen Fortschritt dar. Es ist sehr gut möglich, daß nähere Darlegungen erweisen werden, daß der neue Vorschlag durchaus mit der
Sicherheit anderer Nationen vereibar ist. Aber auch hier muss festgestellt werden, daß sich Abschließendes erst dann sagen läßt, wenn
wir wissen, was der Vorschlag genau bedeutet.
Wenn die Sowjetunion wirklich die Politik aufgegeben hat, die
eine Abrüstung der freien Welt, nicht aber des sowjetischen Blocks
bedeutete, dann stellte dies in der Tat eine Änderung des politischen Kurses dar. Ihre bisherige Politik stammte, wie wir bereits

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�"AMERIKA LIEHST"
13. Oktober 1954
bereits in den Debatten in der Abrüstungskommission aufgezeigt
haben, aus einer Zeit lange vor Schaffung der Abrüstungskommission
der Vereinten Nationen. Dies war die Politik der Kommunisten lange
bevor es die Sowjetunion überhaupt gab. Schon im Jahre 1916 findet
sich in den Schriften Lenins folgender Satz:
"Erst nachdem das Proletariat die Bourgeoisie entwaffnet hat,
wird es in der Lage sein, ohne dabei seine weltgeschichtliche
Mission zu gefährden, alle Waffen zum alten Eisen zu legen} das
Proletariat wird dies unzweifelhaft tun, aber erst nachdem diese
Bedingung erfüllt ist, keinesfalls vorher".
Bis die Sowjetunion das Sicherheitsbedürfnis anderer Staaten
zu berücksichtigen beginnt, bis die Sowjetunion die Abrüstung als
ein Mittel zu Verhinderung eines Krieges und zur Hebung des Lebensstandards der ganzen Menschheit und nicht als ein Sprungbrett dafür
betrachtet, strategische Vorteile für sich herauszuschlagen, so
lange wird es im Hinblick auf die Abrüstung keine Fortschritte
geben können. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Woche
sind die Vereinigten Staaten willens und aufrichtig bestrebt, in
neue Verhandlungen und Gespräche einzutreten, die neue Fortschritte
im Hinblick auf die Herstellung des Weltfriedens zu bringen versprechen. Wir hoffen, daß die Welt zu allen weiteren Verhandlungen
und Diskussionen eine realistische Haltung einnimmt und sich nicht
vorzeitig ein allzu schönes Bild von einem Fortschritt ausmalt,
der sich dann als Fata Morgana erweist.
V. Schlußfolgerungen
Lassen Sie mich abschließend unseren Wunsch bekräftigen, alle
erfolgversprechenden Möglichkeiten für eine Abrüstung zu erschöpfen,
wenn sie nur eine richtige Abrüstung ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten bekannte sich in seiner feierlichen Ansprache anläßlich seiner Amtseinführung zu jenen Grundsätzen, von denen sich
die Vereinigten Staaten in der Verfolgung ihrer gerechten Sache vor
den Schranken der Weltgeschichte und in ihrem Ringen um den Weltfrieden leiten lassen, -c-iner dieser Grundsätze lautet: "Wir sind
bereit, uns mit jedermann und allen in dem gemeinsamen Bemühen
zusammenzufinden, um die Ursachen der gegenseitigen Furcht und
des Mißtrauens unter den Nationen zu beseitigen und auf diese Art
eine drastische Reduzierung der Rüstungen zu ermöglichen. Die
einzigen Voraussetzungen für Bemühungen dieser Art sind, daß sie
in ihrer Zielsetzung folgerichtig und ehrlich auf einen sicheren
Frieden für alle gerichtet sind, und daß durch diese Bemühungen
Methoden entwickelt werden, durch die jede beteiligte Nation ihren
guten Willen zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen beweisen kann."
Die neuen sowjetischen Vorschläge scheinen wirklich neue
Chancen für weitere Diskussionen zu eröffnen. Wir müssen jedoch .
nachdrücklich darauf verweisen, daß diese Vorschläge - wie alle
Vorschläge überhaupt - lediglich einen Anfang darstellen. Es gibt
viele wichtigen Teile eines Abrüstungsprogrammes, auf die in
diesen Vorschlägen ueberhaupt nicht eingegangen worden ist, und
selbst wo sich in den sowjetischen Vorschlägen eine Lösung anzu-

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�JIENST"
13. Oktober 1954
anzubieten scheint, ist diese in den meisten Fällen zu wenig
genau und zu zweideutig formuliert, als dä3 die Welt rs!L»h nach
ihrem rechten Wert beurteilen kann. Wir sind der Hoffnung, daß
die Sowjetunion ihren Standpunkt wirklich geändert hat, so daß
greifbare Portschritte hinsichtlich jenes Zieles erreicht werden
können, dem jedermann zustreben muß: einem wahren und dauerhaften
Frieden.
"ÜMEKIKA

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER ALDRIC1I FÜR STÄRKERE LIBERALISIERUNG DES
AMERIKANISCHEN AUSSENHANDELS
Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Ansprache, die der amerikanische Botschafter in Großbritannien, Winthrop W. Aldrich, am
14» Oktober anläßlich der Zuerkennung der goldenen Ehrenplakette für seine Verdienste um die
Wahrung des amerikanischen Erbes vor dem
New York Board of Trade gehalten hat„
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Das Gefühl der Dankbarkeit,
das mich angesichts der so ehrenvollen Zuerkennung dieser Auszeichnung erfüllt, wird noch erheblich vertieft durch das Wissen,
daß Mr. Byrnes dieselbe Ehrung erfährt. Seine politische Klugheit hat uns durch einige der spannungsreichsten Momente unserer
Geschichte geleitet. Ich erinnere mich noch sehr genau an ein
Zusammentreffen mit ihm in Paris, zu der Zeit, als er das Amt
des Außenministers bekleidete. Es war in den Tagen des zweiten
Außenministerrates im Frühjahr 1946. Er sprach damals von den
ernsten Sorgen, die ihm die ständig zunehmende Behinderung des
Welthandels bereiteten und betonte, daß es seiner Auffassung
nach an der Zeit sei, in den Vereinigten Staaten ein Gremium von
führenden Wirtschaftlern und Bankfachleuten aus allen Teilen
des Landes zu bilden, um diese Probleme eingehend zu studieren
und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, wie man gegen
diese Entwicklung ankämpfen könne. Auf Empfehlung Mr. Byrnes'
schuf der Präsident später einen derartigen Ausschuß und mir
persönlich widerfuhr die Auszeichnung, jahrelang als dessen Vorsitzender zu fungieren. Es war mir ein Vergnügen, damals unter
Mr. Byrnes zu arbeiten und es ist mir deshalb auch heute eine
besondere Freude, mit ihm die Ehrung zu teilen, die sie uns
beiden gemeinsam zugedacht haben»
Ich bin nun schon beinahe zwei Jahre in London. Im Laufe
dieser beiden Jahre konnte ich eine wahrhaft außergewöhnliche
Reihe von Erfolgen der amerikanischen Diplomatie aus nächster
Nähe miterleben. Unter der weitschauenden und klugen Führung
von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles haben die
Vereinigten Staaten sich immer mehr in die Rolle des guten
Partners in der Gemeinschaft der Nationen hineingelebt.
~

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�"AMERIKA DIENST* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Der Krieg in Korea wurde von uns in jenem Geist der Partnerschaft gegen die Aggression geführt, der dem Begriff der
"Vereinten Nationen" erst einen wirklichen Sinngehalt gibt. Und
der Waffenstillstand, der schließlich doch zustande kam, war
das Ergebnis langer und auf einander abgestimmter Bemühungen
seitens der freien Völker.
Aus diesem Geist der Partnerschaft heraus auch waren wir in
der Lage, Großbritannien und Ägypten bei der Ausarbeitung einer
endgültigen Lösung in der Präge der Suezkanal-Stützpunkte zur
Seite zu stehen.
Im gleichen Geiste konnten wir auch bei der Beilegung des
persischen ölstreits eine helfende Hand bieten.
Der Manila-Pakt und die gleichfalls dort unterzeichnete
beispielgebende Pazifik-Charta waren zwei Meilensteine auf einmal.
Der Pakt war ein entscheidender Beitrag zur Stärkung der kollektiven Selbstverteidigung in Südostasien und die Charta war eine
kühne Erklärung der Grundsätze der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Selbständigkeit in jenem Teil der Welt.
Dazu kommen die.in jüngster Zeit erfolgreich beendete NeunMächte-Konferenz und die Unterzeichnung des Triest-Abkommens.
Die auf der Neun-Mächte-Konferenz unterzeichnete Schlußakte,
stellt meiner Meinung nach die bestmögliche Vereinbarung bezüglich der Sicherheit Westeuropas dar, die nach Ablehnung der EVG
erzielt werden konnte* Aus dem Vakuum, das das Scheitern der EVG
hinterlassen hatte, und nach vier Wochen,von ernsten Befürchtungen gekennzeichnet, wurde ein brauchbarer Plan für die Zuerkennung der Souveränität an Deutschland und seine Wiederbewaffnung geboren und damit im Herzen der Nordatlantikgemeinschaft ein
Krietallisationspunkt der Einheit gewonnen. Die erfolgreiche
Arbeit, die die Architekten dieses Europas in London geleistet
haben, wurde durch die Billigung seitens des deutschen Bundestages und - vorgestern erst - auch durch die französische Nationalversammlung gekrönt.
Während der gesamten Konferenz haben Großbritannien und die
Vereinigten Staaten in engster Gemeinschaft zusammengearbeitet.
Wir leisteten unserem großen Verbündeten Hilfestellung, der die
Initiative ergriffen hatte, um einen Plan zur Ausfüllung des
durch die Ablehnung der EVG entstandenen Vakuums auszuarbeiten.
Da das Scheitern der EVG-Pläne ein Scheitern von innen
heraus darstellte, war Mr. Dulles zu der weisen Schlußfolgerung
gelangt, daß die Initiative für neue Vorschläge zur Neun-MächteKonferenz von den europäischen Völkern ausgehen müsse» Seine
staatsmännische Kunst hat aber viel dazu beigetragen, die Konferenz über manche Untiefe hinwegzubringen.
Triest war gleichfalls im Grunde ein europäisches Problem,
ein seit neun Jahren bestehender Fieberherd, da dort die territorialen Wünsche Italiens und Jugoslawiens mit einander völlig

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

völlig unvereinbar schienen. Ein langes Jahr der Erörterungen
und Konferenzen, bei denen Großbritannien und die Vereinigten
Staaten helfend zur Seite standen, endete schließlich mit einem
Kompromiß, durch den dieser Gefahrenherd beseitigt werden konnte.
A]le hier angeführten Ereignisse werden von den Sowjets mit
Unbehagen aufgenommen. Die Partnerschaft der freien Welt aber wurde
durch diese Erfolge gestärkt.
Nun möchte ich aber noch auf Fragen eingehen, die Ihnen näher
liegen dürften.
Als Mitglieder des New York Board of Trade, einer Vereinigung von Wirtschaftlern dieser größten Hafen- und Handelsstadt
unseres Landes nehmen Sie an der Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten besonderen Anteil. Als amerikanischer Botschafter
bei einem der wichtigsten Handelsvölker der Erde wurde mir einmal
mehr klar, welche unerhörte Bedeutung unseren Handelsbeziehungen
mit der übrigen Welt zukommt und zwar nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern auch im politischen und militärischen
Bereich.
Der geradezu phantastische Aufstieg unseres Landes und seine
in so kurzer Zeit vollzogene Umwandlung von einem unentwickelten
Kontinent zu einer der wirtschaftlich stärksten Machte der Erde
haben dazu geführt, daß unsere Handelsbeziehungen zum Ausland zu
einem wichtigen Anliegen wurden.
Ich glaube, daß eine immer größer werdende Anzahl von Menschen
und insbesondere unsere Geschäftswelt dieses Problem klar erkannt
hat und weiß, wo die Lösung liegt. Und wir schätzen una glücklich,
daß heute ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der diese Einsicht
teilt.
Um den Erfordernissen der Zeit gerecht werden zu können,
sollte das amerikanische Volk die Förderung eines möglichst ausgedehnten Welthandels als eine seiner vordringlichsten Aufgaben
ansehen.
Als ein Volk, das sich dem I^eal einer freien Wettbewerbswirtschaft verschrieben hat, können wir ohnehin nur eine Welt als
erstrebenswert erachten, in der der Handel auf der Basis der Gegenseitigkeit abgewickelt wird, in der es keinerlei diskriminierende
Praktiken hinsichtlich des Zugangs zu den Rohstoffquellen gibt,
in der jeder Geschäftsmann die Möglichkeit hat, nach Belieben und
Können Handel zu treiben, in der es nur ein Mindestmaß an Eingriffen in die Wirtschaft durch die Regierung gibt und in der die
Währungen frei konvertierbar sind. Wir alle wissen, daß die^e
Bedingungen nicht herbeigeführt werden können, es sei denn, daß
auch die Vereinigten Staaten bereit sind, tatkräftig auf ihre
Verwirklichung hinzuarbeiten.
Das ist auch der Grund, warum ich auf dem Standpunkt stehe,
daß die Vorschläge des von Clarence B. Randall geleiteten Ausschusses für Außenhandelspolitik des Präsidenten angenommen werden

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

werden sollten. Sie stellen ein nüchternes und praktisch durchführbares Programm auf, das so gehalten ist, daß es sich reibungslos in das amerikanische Wirtschaftsleben einfügt und unseren nationalen Interessen zu dienen vermag.
Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, zu glauben,
daß irgendeine diesbezügliche Maßnahme nur dem Wohl anderer
Völker dient oder etwa darauf abzielt, die übrige Welt auf unsere
Kosten vor dem Ruin zu bewahren. Ganz im Gegenteil. Eine liberale
Außenhandelspolitik der USA ist das Diktat des wohlverstandenen
Eigeninteresses des amerikanischen Volkes. Sie wird natürlich
anderen freien Völkern helfen und sie wird sicher den Schutzwall
der Freiheit in allen Teilen der Welt stärken. Sie ist aber gleichermaßen wichtig für eine zunehmende Prosperität und für die
endgültige Sicherung des Fortbestandes unseres Landes und unseres
Lebensstils,,
Seit ich nach London gegangen bin, habe ich wiederholt einsehen müssen, wie unmittelbar und einschneidend die Auswirkungen
unserer Außenhandelspolitik auf die Wirtschaft in den Vereinigten
Staaten sind.
Das tägliche Brot und der Lebensstandard eines großen Teils
des amerikanischen Volkes hängt von der Entwicklung auf den Exportmärkten ab. In der Landwirtschaft beispielsweise gehen die Erträge
einer Anbaufläche von 16 Millionen ha, das sind etwa 10 bis 12
Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung der USA ins
Ausland. Zahlreiche amerikanische Werke verkaufen ihre gesamte
Produktion auf ausländischen Märkten» Präsident Eisenhower hat
einmal festgestellt, daß vier Millionen Amerikaner für den Export tätig sind.
Es ist eine feststehende Tatsache des Wirtschaftslebens,
daß wir für das Ausland Dollars flüssig machen müssen,, wenn wir
unsere Exporte in Dollar bezahlt erhalten wollen.
Was heißt das? Es heißt einfach, daß wir bei der Annahme,
wir könnten durch eine Restriktion der Importe Amerika und seinen Lebensstandard schützen, genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen wollen. Dann Importrestriktionen sind
gleichbedeutend mit Ausfuhrbeschränkungen. Und das kann nicht
nur eine steigende Zahl von Arbeitslosen und einen fallenden Lebensstandard für viele vom Ausfuhrgewerbe abhängigen Amerikaner Farmer, Industriearbeiter und Unternehmer - bedeuten, sondern
sich auch in gleicher Weise auf die gesamte Verbraucherschaft in
den Vereinigten Staaten auswirken, die dann für diese Güter höhere
Preise zu zahlen haben wird.
Dieser Gesichtspunkt wird einem um vieles augenscheinlicher,
wenn man, so wie ich, in London tätig ist * also an einem Platz
im Ausland, wo Amerika Waren absetzt und infolgedessen auch einkaufen kann, oder wo die Vereinigten Staaten zu unserem Bedauern
zuweilen keine Waren verkaufen und infolgedessen auch keine einkaufen können,.
Tag
«= 4 —

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Tag für Tag wird die amerikanische Botschaft in London von
amerikanischen Bürgern besucht, die ihre Waren gern im Bereich
Großbritanniens und des Commonwealth absetzen wollen. Sie bieten
Autos, Harthölzer, landwirtschaftliche Produkte und viele andere
in den Vereinigten Staaten erzeugte Güter zum Verkauf an. Sie erhalten immer die gleiche Antwort: "Ihre Erzeugnisse finden unseren
Beifall, wir wollen sie gern haben. Aber wir haben nicht genug
Dollar. Wenn wir uns Dollar verdienen könnten, dann würden wir
gern mit Ihnen Geschäfte abschließen."
Und zur gleichen Zeit berichten uns englische Kaufleute von
ihren Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Markt, von Verzögerungen in der Erledigung der Zollformalitäten, von hohen Zollsätzen, von der Zurückweisung niedriger Angebote auf Grund der
Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act),
und vor allem von der Unsicherheit, die s^ch aus den Rücktrittsklauseln (eacape uiauses)und anderen Bestimmungen unserer Zollgesetze ergeben, die für sie in ihren Handelsbeziehungen bindend
sind.
Alle diese Erschwernisse, die der Einfuhr aus dem Auslande
in den Weg gelegt werden, sind dem ausländischen Exporteur hinderlich. Aber gleichzeitig bewirken sie noch etwas anderes. Sie behindern nämlich auch den amerikanischen Exporteur. Jedes Mal, wenn
wir ein mögliches Importgeschäft vereiteln, geht uns «in wahrscheinliches Absatzgeschäft im Auslande verloren.
Wenn wir uns nicht zu einer liberaleren Handelspolitik bekennen, dann ist durchaus die Möglichkeit gegeben, daß wir den
jetzigen Stand des Außenhandelsgeschäfts nicht aufrecht erhalten
können. Wir werden uns dann wahrscheinlich in das Gewirr immer
größerer Restriktionen verstricken, auf den alten engstirnigen
Grundsatz der Handelsabkommen auf Zweiseitigkeit zurückgreifen
und ein rückläufiges Außenhandelsvolumen in Kauf nehmen müssen.
Eine solche Entwicklung hat ein eigenes Kraftmoment, sowohl nach
vorn als auch nach rückwärts. Sie könnte unser ganzes Wirtschaftssystem in schwere Gefahren bringen.
Ganz besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang wohl
der Tatsache zu, daß die große Nachfrage nach amerikanischen Waren
im Ausland als einer der wichtigsten Faktoren in der Stabilisierung
der rückläufigen Wirtschaftstendenz in den Vereinigten. Staaten
während des vergangenen Winters bezeichnet werden darf. Ich bin
der Überzeugung, daß der überwiegende Teil der amerikanischen
Geschäftsleute, Farmer, Gewerkschafter und Wirtschaftler heute
immer mehr der Ansicht zuneigen, daß eine liberalere Außenhandelspolitik der USA für die Prosperität im Innern unerläßlich ist.
Aber heute besteht neben dem wirtschaftlichen Eigeninteresse
und über dieses hinaus noch ein anderer Grund, aus dem heraus wir
uns Präsident Eisenhower auf seinem Weg anschließen und eine Steigerung des Volumens eines zweigleisigen Handels unterstützen
sollten. Und dieser Grund lautet: Die Sicherheit des Landes erfordert es.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Das ist eine völlig neue Entwicklung. Und auch hier wieder
ergibt sie sich aus der ungeheueren Bedeutung, die die amerikanische Wirtschaft heute innerhalb der gesamten Weltwirtschaft
errungen hat. Unser Markt ist so riesig, daß ein geringfügiger
Aufwärts- oder Abwärtstrend in unserem Importgeschäft - wie unbedeutend er auch im Hinblick auf den Totalkonsum der Vereinigten Staaten sein mag - für viele andere Länder die Differenz
zwischen Wohlstand und Depression bedeuten kann. Und wenn unsere
Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten gerät und wir uns nicht
vernünftig und klug verhalten und unseren riesigen Anteil am
Welthandel nicht in gerechter Weise in die Waagschale werfen,
dann besteht die Gefahr, daß ein wirtschaftliches Chaos über
Gebiete hereinbricht, an deren Wohlstand, Stabilität und guten
Willen uns aus unserem eigensten Interesse gelegen ist.
In dieser unserer Welt müssen wir die bestehenden Bande der
Freundschaft pflegen und unsere Bündnisse ausbauen. Hierbei kommt
der Art, wie wir unseren Außenhandel abwickeln, besondere Bedeutung zu.
Es gibt drei ganz präzise Gründe, warum eine liberalere
Außenhandelspolitik für die Verteidigung der Vereinigten Staaten
unerläßlich ist.
1) Wenn wir unseren Freunden einen besseren Markt bieten,
werden ihre Wirtschaftssysteme gestärkt. Damit wird für ihre
eigenen Verteidigungsanstrengungen eine gesündere Basis geschaffen und ihre Länder werden gegen die Wühlarbeit der Fünften
Kolonne des Gegners, die sich vor allem auf wirtschaftliche
Schwierigkeiten stützt, immer mehr immun. Durch eine Liberalisierung des Imports läßt sich das auf dem Wege des Handels erreichen, was uns und anderen Ländern zum Nutzen gereichen würde.
2) Verbündete Nationen, denen wir den Zugang zu unserem
Markt verwehren, müssen sich andernorts Märkte erschließen.
Unsere Gegner lassen keine Gelegenheit verstreichen, unsere Fehler auszunutzen. Sie sagen: "Da habt ihr es, man kann mit den
Vereinigten Staaten keinen Handel treiben. Darum handelt mit uns!"
Diese Worte müssen natürlich auf alle diejenigen einen tiefen
Eindruck machen, die in ihrem Handel mit uns auf Schwierigkeiten
stießen - die Holländer zum Beispiel, deren Käse von der Einfuhrliste gestrichen wird, oder die Dänen etwa, deren Butter unter
Embargo fällt. Derartige Angebote haben bereits ihren Einfluß
auf den amerikanischen Handel und unsere gemeinsame Sicherheit
ausgeübt.
Natürlich wird ein begrenztes Volumen im Ost-West-Handel
keinen Schaden anrichten. Die Auswirkungen können sogar günstig
sein. Aber die Folgen müßten gefährlich sein, wenn die kleineren
und schwächeren Nationen in Europa in ihrem wirtschaftlichen
Wohlergehen und ihrem Bestand zu abhängig von den sowjetischen
Märkten würden.
3) Als stärkste Nation in der Partnerschaft der Staaten der
freien Welt müssen sich die Vereinigten Staaten das Vertrauen
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20. Oktober 1954

Vertrauen jener Völker zu erhalten suchen, mit denen sie verbündet und von denen sie abhängig sind. Immer wieder haben wir die
Initiative ergriffen, Maßnahmen vorzuschlagen und auszuarbeiten,
die dann später mit Erfolg gemeinsam von den Nationen der freien
Welt ergriffen wurden. Aber ich spräche nicht offen genug zu
Ihnen, wollte ich verschweigen, daß wir das Semenkorn des Zweifels hinsichtlich unserer Eignung, eine führende Rolle in dieser
Partnerschaft zu spielen in die Herzen anderer Völker säen, wenn
wir immer wieder zögern oder zagen, uns eine liberale Handelspolitik zu eigen zu machen oder sie fortzusetzen. Wenn die Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen zu Gunsten eines
höheren amerikanischen Angebotes vor einem niedrigeren Angebot
aus dem Auslande angewendet werden, dann erregt das hier in den
Vereinigten Staaten kaum Interesse; aber ich darf Ihnen versichern, daß dies eine ganze Woge der Kritik, des Ressentiments
und der Bitterkeit in den davon betroffenen Ländern auslöst,
und daß diese Tatsache stets in den Schlagzeilen der Zeitungen
auftaucht. Die Kosten, die wir für den sogenannten Schutz einer
einzigen amerikanischen Firma zahlen müssen, sind für die Gesamtheit unseres Volkes enorm hoch.
Auch diesem Grunde stelle ich mich voll und ganz hinter die
Empfehlungen des Randall-Ausschusses, in denen eine grundlegende
Neuordnung dieser diskriminierenden Gesetzesbestimmungen gefordert wird.
Und das ist auch der Grund, warum ich so fest von der Richtigkeit und Notwendigkeit eines Bekenntnisses unsererseits zu den
übrigen von Präsident Eisenhower verkündeten Grundsätzen der
Außenhandelspolitik überzeugt bin.
Seit Ende des Krieges haben wir - neben unseren finanziellen
und militärischen Unterstützungsmaßnahmen zur Wiederherstellung
der Stärke anderer Staaten - maßgeblich bei den Versuchen mitgewirkt, vernünftige Regeln für den Handel auf der Grundlage des
freien Wettbewerbs, der Initiative des einzelnen und der gleichen
Chancen für alle auszuarbeiten. Wir haben diese Grundsätze der Welt
unaufhörlich vorgebetet. Ich bin der Meinung, wir - wie auch die
anderen - sollten entsprechend handeln.
Es ist an uns, einen weiteren wichtigen Schritt zu tun:
wir müssen die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, ihren
Anteil am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das den
Rahmen für allgemeine Handelsbestimmungen bietet, voll zu erfüllen. Unsere Beteiligung an diesem Abkommen wurde zum Teil dadurch unklar, daß der Kongreß diesen Vertrag weder gebilligt noch
abgelehnt hat. Dennoch wurden die Bestimmungen dieses Abkommens
allgemein als die Verfahrensregeln für den internationalen Handel
anerkannt. Die Signatarmächte des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens sind öfters zusammengetreten und haben viele Handelsprobleme gelöst, die sich in einem anderen Falle leicht zu schwierigen Streitfällen hätten ausweiten können. Zwischen den Unterzeichnerstaaten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens hat sich
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20. Oktober 1954

sich ein beachtliches Maß an gegenseitigem Vertrauen entwickelt,
das als eine der großen zur Einheit der freien Welt drängenden
Kräfte bezeichnet werden darf. Ein solches Verständnis für einander und ein solches gegenseitiges Vertrauen sind besonders notwendig, wenn, wie in der gegenwärtigen Zeit, die Sowjets ihre
"Außenhandelsoffensive" intensivieren.
Viele Staaten sind ängstlich bestrebt, weitere Verhandlungen
über eine Herabsetzung der Zollsätze in die Wege zu leiten. Aber
keine Gruppe von Staaten ist zu einer solchen Herabsetzung bereit,
so lange sich die Vereinigten Staaten nicht an den notwendigen
Verhandlungen beteiligen. Wir werden erst dann in der Lage sein,
uns an den Verhandlungen zu beteiligen, wenn wir die Pläne des
Präsidenten für eine bessere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet
angenommen haben.
Es gibt aber auch noch andere praktische Gründe, aus denen
heraus wir uns um eine möglichst weitgehende Expansion des Volumens des Welthandels
auf der Basis multilateraler
Abkommen bemühen sollten. Etwa 85 Prozent aller Einfuhren entfallen auf Rohstofflieferungen aus wirtschaftlich rückständigen
Gebieten.
Zu erwähnen ist ferner das Sonderproblem Japan, das auf
fairer Basis wieder in die Gemeinschaft der handeltreibenden Nationen des Westens eingegliedert werden muß, damit es ohne die
ungewöhnlichen Methoden der Subventionierung seinen eigenen
Lebensunterhalt verdienen kann. Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist
es für die freie Welt notwendig, während der nächsten Jahre
gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um Raum für zusätzliche
japanische Exporte im Werte von vielleicht 500 bis 600 Millionen
Dollar zu schaffen.
Schließlich möchte ich noch auf einen weiteren Punkt hinweisen. Niemals ist uns die Zeit so günstig gewesen wie heute. Teils
als Folge unserer eigenen Bemühungen und Unterstützungsleistungen,
teils auf Grund der eigenen Energie und Entschlossenheit haben
sich zahlreiche Länder der freien Welt großenteils von den Kriegsfolgen erholt. Ihre Währungen haben sich stabilisiert, ihre Produktion ist wieder im Ansteigen begriffen und überschreitet bereits den Vorkriegsstand und auch ihre Gold- und Dollarreserven
wachsen. Die Rationierungen und Restriktionen aus der Kriegszeit werden nach und nach aufgehoben. Besonders in den letzten
beiden Jahren ist bei zahlreichen Ländern ein immer fühlbarer
werdender Übergang zu größerer wirtschaftlicher Freiheit feststellbar. Und zahlreiche Nationen Europas und des britischen
Commonwealth beginnen ernsthaft die freie Konvertierbarkeit der
Währungen und die Rückkehr zu gesunden Handelsverhältnissen, wie
wir alle sie erstreben ins Auge zu fassen. Es dürfte aber meiner
Ansicht nach klar sein, daß zahlreiche Länder erst dann endgültige Schritte unternehmen werden, wenn sie die Gewißheit haben,
daß auch wir uns weiterhin in der gewünschten Richtung bewegen.

Es

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20. Oktober 1954

Es ist daher beruhigend zu wissen, daß Präsident Eisenhower
sich dieser Situation ebenso wie der Notwendigkeit bewußt ist,
die gegenwärtigen Tendenzen zu größerer Freiheit zu stärken.
In seinem Briefe an Harry Bullis, den Präsidenten der General
Mills, schrieb der Präsident vor einigen Wochen: "Eine kluge
Erweiterung und Vertiefung des Handels und eine gesteigerte amerikanische Investitionstätigkeit wird nicht nur von sich aus schon
günstige Ergebnisse zeitigen, sondern auch unsere Freunde im
Auslande zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Dieser Weg
sollte eingeschlagen werden, um zu größeren Märkten und einem
besseren gegenseitigen Verständnis zu gelangen." Und der Präsident
fügte hinzu: "Ich habe gegenwärtig die Absicht, bei der Planung
für das Gesetzgebungsprogramm für das nächste Jahr diesem gesamten Gebiet eine Vorrangstellung einzuräumen."
Neue Entwicklungen und neue Bedürfnisse bahnen sich in
großen Teilen der Welt an. Die freien Nationen befinden sich
heute an einem Punkt des Überganges von aus der Not geborenen
Maßnahmen zu einer Politik auf weite Sicht. Welche Form diese
Politik annimmt, wird in großem Ausmaße von dem Kurs abhängen,
den wir in den kommenden Monaten einschlagen.
Mit Rücksicht auf das wirtschaftliche Wohl unseres eigenen
Volkes und auf unsere Sicherheit wie die unserer Freunde in der
ganzen Welt können wir es uns nicht leisten, diese Gelegenheit
zum Handeln vorübergehen zu lassen. Es ist daher von äußerster
Wichtigkeit, daß Präsident Eisenhower in seinen Bemühungen, so
schnell wie möglich eine weitschauende Außenhandelspolitik einzuschlagen auch vom amerikanischen Volke unterstützt wird. Bei
diesen Bemühungen fällt der amerikanischen Geschäftswelt eine
besondere Verantwortung zu. Mehr als andere können die führenden
Persönlichkeiten aus Handel und Finanz, aus der Industrie und
der Landwirtschaft klar erkennen, was wir gewinnen, wenn wir
Erfolg haben und welches Risiko wir eingehen, wenn wir versagen.
Angesichts der Tatsache, daß der Friede und das Wohl der
Vereinigten Staaten so deutlich auf dem Spiele stehen, hege ich
keinen Zweifel, daß uns Erfolg beschieden sein wird.
*

*

*

•

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*

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET ÜBER DIE PARISER KONFERENZ
WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Unter dem Vorsitz
von Präsident Eisenhower fand am 25« Oktober 1954 eine
außerordentliche Sitzung des amerikanischen Kabinetts
statt, auf der Außenminister Dulles über die am 2J&gt;. Oktober 1954 beendete Pariser Konferenz Bericht erstattete. Die Niederschrift dieser Sitzung, die zum ersten
Mal in der amerikanischen Geschichte von den amerikanischen Rundfunk- und Fernsehstationen direkt übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
Präsident Eisenhower; Mrs. Hobby, meine Herren! Wie Sie
wissen, habe ich Sie heute abend hierher gebeten, um einen Bericht aus erster Hand von Außenminister Dulles über die Verhandlungen entgegenzunehmen, die gerade in Europa stattgefunden
gebnis diese Verhandlungen
^ordentlich wichtig, daß
-icht

worden ist, unter welchen Umständen die Ergebnisse erzielt wur
den und was sie wahrscheinlich bedeuten werden.
Als ich ersucht wurde, diese Kabinettssitzung durch die
amerikanischen Fernseh- und Rundfunkstationen sowie die Wochen
schauen übertragen zu lassen, war mir klar, daß das Thema des
heutigen Abends ein ganz besonderes ist, ein Thema, über das
die gesamte amerikanische Bevölkerung unbeschadet ihrer Rassen ,
Parteien- oder Religionszugehörigkeit etwas hören möchte. So
werden wir heute abend diese Kabinettssitzung durch alle Nachrichtenmedien übertragen lassen.
Außenminister John Foster Dulles: Mr. Präsident, ich weiß
es sehr zu schätzen, daß man mir die Gelegenheit gegeben hat,
Ihnen Mr. Präsident, meinen Kabinettskollegen und dem amerikanischen Volk einen ersten sofortigen Bericht über die Ereignisse zu geben, die am vergangenen Sonnabend ihren Höhepunkt
fanden. Ich glaube, daß die Bedeutung dieser Ereignisse es
rechtfertigt, wenn sie dem amerikanischen Volk unverzüglich
zur Beurteilung unterbreitet werden. Ich weiß wohl, wie schwierig es ist, ein wohlüberlegtes Urteil zu fällen, wenn man noch
mitten in den Ereignissen steht. Aber ich bin aufrichtig davon
überzeugt, daß die Geschichte die Ergebnisse, die am vergangenen Sonnabend in Paris zustandekamen, bzw. ihren Höhepunkt fanden, nicht so bald vergessen wird.
._
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27. Oktober 1954

• Anfang September sahen die Dinge recht düster aus. Der
Plan für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft war zusammengebrochen, und es hatte den Anschein, als ob die gesamte
Struktur des Nordatlantikpakts, das ganze Paktsystem, von politischen Entscheidungen und Ungewißheiten unterminiert, ja hinwegggriseen wardai könnte.Dieser schwere Schlag in Europa erfolgte zu
einem Zeitpunkt, da wir unser wohlgeplantes Projekt für die
Schaffung einer Einheit in Südostasien noch nicht zum Abschluß
gebracht hatten.
Wir hatten - wie Sie sich erinnern werden - für Anfang
September eine Konferenz geplant, die in Manila stattfinden
sollte. Diese Konferenz aber stand noch aus. So hatten wir
als erstes die schwere Entscheidung zu treffen, ob wir an
diesem Manila-Projekt für einen Südostasienvertrag festhalten
oder ob wir diesen ganzen Komplex fallen lassen sollten, um
uns sofort Europa zuzuwenden und hier zu versuchen, mit der
entstandenen Situation fertig zu werden. Wir alle empfanden,
daß wir die Weiterarbeit an dem Südostasienplan nicht unterbrechen durften. Ich bin sicher, daß unsere Alliierten in
Asien sehr unangenehm berührt gewesen wären - ja sich tief
verletzt gefühlt hätten -,wenn wir in dem gleichen Augenblick,
da in Europa Schwierigkeiten entstanden, alle unsere Konferenzpläne mit ihnen einfach fallengelassen hätten.
So beriefen wir also zunächst einmal die Manila-Konferenz
ein. Sie fand dann auch, wie Sie sich sicher erinnern werden,
zwischen dem 2. und 9« September statt und hatte den Südostasien-Pakt und die Pazifik-Charta als Ergebnis. Die Konferenzteilnehmer, die freien Völker Asiens und Europas, brachten bei
dieser Gelegenheit gemeinsam ihre Entschlossenheit zum Ausdruck,
für die Aufrechterhaltung des Friedens, der Sicherheit, der
Unabhängigkeit und Freiheit in Südostasien einzutreten.
Als jene Phase unserer Politik hinter uns lag, hatte ich
wieder freie Hand und konnte nach Europa reisen, um an Ort und
Stelle die Lage zu studieren, die durch das Scheitern des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entstanden war. Und als ich nach Europa flog, war ich in einer wirklich günstigen Position: nicht nur, daß die Exekutive eine
feste Stellung bezogen hatte, diese Stellung wurde auch durch
den Senat der Vereinigten Staaten in einer nicht von Parteigesichtspunkten beeinflußten einstimmigen Abstimmung gutgeheißen. Diese Abstimmung war eine wirklich außergewöhnliche
Demonstration des Geistes, der Zusammenarbeit und des unparteilichen Handelns seitens des Senats. Sie werden sich sicher
noch daran erinnern, daß der Senat, ehe er im August in Ferien
ging, einstimmig jene Resolution annahm, mit der Sie aufgefordert wurden, für den Fall eines Scheiterns des EVG-Vertrags
unter Ausschöpfung Ihrer gesamten Exekutivvollmachten den Versuch zu unternehmen, Deutschland die Souveränität zurückzugeben
und die Voraussetzungen für einen Beitrag Deutschlands zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt zu
schaffen.
Gestützt auf diese Tatsachen und auf Ihren Beschluß hin
fuhr ich dann schnell nach Europa. Ich reiste zuerst nach Bonn, •,
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27. Oktober 1954

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Bonn, wo ich mit Bundeskanzler Adenauer sprach, dessen Ansichten ich kennen lernen wollte, da er in all diesen Jahren ein
kühner und entschlossener Verfechter der Einheit Europas gewesen ist. Er wird übrigens, wie Sie wissen, übermorgen selbst
hier sein, und ich weiß, man wird ihm hier den Empfang bereiten, den das amerikanische Volk einem großen Staatsmann wie ihm
schuldig ist.
Nach eintägigem Aufenthalt in Bonn fuhr ich anschließend
'nach London, wo ich mit Sir Winston Churchill und Mr. Eden verhandelte. Ich sollte jetzt wohl Sir Anthony Eden sagen. Aber das ist so neu für mich, irgendwie vergesse ich das immer.
Und er machte sich gleich mit großer Tatkraft und geistiger
Aufgeschlossenheit daran, alles, was nach dem Scheitern des
EVG-Vertrages übrig geblieben war, noch zu verwenden. Zu diesem
Zeitpunkt mußten wir noch eine andere wichtige Entscheidung
verfahrensmäßiger Art treffen, nämlich ob wir sofort europäische Konferenzen einberufen oder sie noch verschieben sollten,
bis die UN=Vollversammlung ihre Beratungen aufnähme. Diese
sollte in Kürze zusammentreten, und obgleich die Rede davon
gewesen war, daß wir uns ohne Rücksicht auf die UN-Vollversammlung in Europa an die Arbeit machen sollten, beschlossen wir
doch, zunächst keine Besprechungen in Europa abzuhalten, da
hierdurch die Aufmerksamkeit von der Eröffnung der UN-Vollversammlung abgelenkt werden würde•
So kamen wir mit Mr. Eden überein, daß die europäische
Konferenz erst einberufen werden sollte, nachdem die UN-Vollversammlung bereits eine Woche getagt hatte. Dadurch wurde es
mir möglich, nach den Staaten zurückzukehren und an der sogenannten Eröffnungsdebatte der Vollversammlung teilzunehmen.
Und ich hatte, Herr Präsident, damals Gelegenheit, einen Plan
weiterzuentwickeln, demzufolge die Kontrolle über die Atomenergie einer internationalen Behörde zum Zwecke einer Itonstruktivan Nutzbarmachung übertragen werden soll. Die Vorbefeitungen gehen weiter....
Mr. Strauss (Vorsitzender der US-Atomenergiekommission)f
unterbricht:
Vielleicht darf ich hier unterbrechen, um zum
Ausdruck zu bringen, daß Ihr Vorschlag über die friedliche
Verwendung der Atomenergie von den meisten UN-Delegierten als
der in seiner Gesamtheit beste Vorschlag befrachtet wird, der
geeignet ist, dem Wohl der ganzen Menschheit zu dienen, und
daß ich in dieser Sitzungsperiode auf Maßnahmen hoffe, die ihn
fördern und in die Praxis umsetzen.
Der Präsident»
Ich danke Ihnen.
Außenminister Dulles: Ich glaube, es hat sich doch gelohnt, dieses Projekt auf der diesjährigen Vollversammlung
in Angriff zu nehmen. Und die Verzögerung, die zwischen dem
1. und 28.September eingetreten ist, bedeutete keinesfalls
einen Verlust, jedenfalls soweit dies Europa betraf. Denn so
wurde Zeit gewonnen für das dringend notwendige nüchterne und
nochmalige Überdenken der Angelegenheit. Und man hatte Zeit,
sich Gedanken darüber zu machen, wie das noch Brauchbare, was

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was nach dem Scheitern der EVG übrig geblieben war, zu verwenden sei.
Am 28.September trafen sich dann die neun Außenminister
in London. Es waren dies die Vertreter der sechs Länder, die
die EVG hatten bilden sollen, nämlich Prankreich, Deutschland,
Belgien, Holland, Italien und Luxemburg und ferner die Vertreter Großbritanniens, Kanadas und der Vereinigten Staaten.
Und als wir dort ebenso wie hier um den Tisch versammelt
waren, hatten wir, glaube ich, alle das Gefühl, daß unsere Zusammenkunft vom Standpunkt der Geschichte gesehen von weittragender Bedeutung sein würde.
Der kritische Tag der Konferenz war der zweite Tag - der
Mittwoch - als Großbritannien und ich selbst im Namen der Vereinigten Staaten Erklärungen über unsere Einstellungen abgaben.
Von uns beiden war ich der erste, der das Wort ergriff. Ich
verwies meine Kollegen auf unser Vorgehen bezüglich Europas
in der Vergangenheit - auf unsere positiven und unsere negativen Schritte, und ich erklärte, daß die amerikanische Hilfe
fortgesetzt werde, sofern Europa ernsthafte Anstrengungen mache,
sich in Einigkeit und Stärke zusammen zu schließen, und daß
wir in selchen Fällen immer sehr großzügig gewesen seien.
Aber ich verwies auch darauf, daß wir uns zurückziehen
würden, wenn die Entwicklung in Europa in einer anderen Richtung verliefe, wenn Europa sich nicht einigen könne, die alten
Streitigkeiten neu aufleben lasse, wenn es den circulus vitiosus der ständig wiederkehrenden Kriege nicht durchbreche. Und
ich machte es ganz deutlich, daß über die Vereinigten Staaten
gegenwärtig eine Woge der Enttäuschung hinweggehe. Zum anderen
aber, stellte ich fest, daß ich Ihnen, Herr Präsident, die erneute Bekräftigung Ihrer politischen Erklärung vom April dieses Jahres hinsichtlich der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft empfehlen würde, wenn sich ein neues System der Einheit
und Stärke in Europa herausschälte, auf welches wir die von
uns in die EVG gesetzten Hoffnungen mit gutem Gewissen übertragen könnten. Das heißt, daß wir unter diesen Umständen auch
weiterhin einen gerechten Anteil der Lasten der europäischen
Verteidigung tragen würden, so lange die Gefahr noch besteht.
Ich schloß dann meine Ausführungen vor meinen Kollegen
mit der Peststellung, daß sie die amerikanische Plagge neben
den Fahnen ihrer Länder in Europa sehen würden, wenn sie sich
zu einem solchen Schritt entschließen und sich zur Stärkung
der freien Welt einigen würden.
Mr. Eden schloß dann mit einer großzügigen Würdigung der
Unterstützung der Vereinigten Staaten an, und er ist eine historische Bindung eingegangen. Er führte aus, das Vereinigte Königreich sei bereit, sich den kontinentaleuropäischen Nationen nicht
nur bei der Schaffung eines Rates der westeuropäischen Union anzuschließen, sondern sei auch willens, die vier auf dem Kontinent stationierten britischen Divisionen plus Einheiten der
taktischen Luftstreitkräfte in Europa zu belassen mit dem aus-

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ausdrücklichen Eingeständnis, daß sie nicht gegen die Entscheidung des Brüsseler Rates der europäischen Nationen aus Europa
abgezogen werden können.
"Wie Sie ja wissen, stellte diese Erklärung einen epochemachenden. ....
Der Präsident: Sehr richtig
Außenminister Dulles; Kurswechsel der britischen Außenpolitik dar. Seit über einem Jahrhundert, oder sogar noch länger, haben es die Engländer stets vermieden, vertraglich festgelegte Vereinbarungen über Truppenkontingentierungen auf dem
europäischen Pestland einzugehen. Sie haben ihrer Commonwealthpolitik stets den Vorrang gegeben.
Diese beiden Erklärungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens hatten eine außerordentliche und sofortige Wirkung.
Am ganzen Rund des Tisches erhoben sich die Stimmen. Kanada gab
sofort ein feierliches Versprechen zur Unterstützung der europäischen Einheitsbestrebungen ab. Und dann gaben die anderen
Staaten ihrer Erkenntnis Ausdruck, daß sie das Außerordentliche der gemachten Ausführungen verstanden hatten und willens
seien, entsprechend zu handeln. Und von diesem Augenblick an
waren wir in London alle überzeugt, daß unsere Konferenz ein
Erfolg sein würde.
Die noch vor uns liegenden Schwierigkeiten waren enorm
und würden normalerweise vielleicht für unüberwindlich gehalten worden sein; aber plötzlich schienen diese doch sehr
schwierigen Probleme nur noch zweitrangiger Natur zu sein,
als die Früchte eines Erfolgs so unerwartete Ausmaße angenommen hatten und der Preis eines Scheiterns der Verhandlungen
nicht mehr tragbar gewesen wäre.
Un dann gingen wir richtig an die Arbeit. Bis zum nächsten
Sonntag - die Verhandlungen erstreckten sich von Dienstag bis
Sonntag - hatten wir eine Einigung über vier grundlegende
Vorschläge erzielt. Der erste Vorschlag zielte auf die Wiederherstellung der Souveränität für die daatsche Bundesrepublik.
Der zweite ging auf die Schaffung einer Einigung Westeuropas,
dieses Mal in Form eines Rates der westeuropäischen Union, der
im Rahmen des alten Brüsseler Vertrages von 1948 geschaffen
werden sollte. Die Mitglieder dieses Vertrages und des Rates
sollten dieselben sechs Länder sein, die der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft angehört haben würden. Darüber hinaus
trat nun Großbritannien als siebenter Mitgliedsstaat dieser
Organisation bei.
Drittens wurde ein Übereinkommen erzielt, daß dieser Rat,
von dem ich spreche, einen Kontrollapparat schaffen sollte,
der die militärische Stärke seiner Mitgliedstaaten überwacht,
um jede Form einer übermäßigen Aufrüstung zu verhindern.
Diese Kontrollen, so wurde beschlossen, hätten ohne jede Diskriminierung zu erfolgen und ihr Ziel hätte in der Gewährleistung zu bestehen, daß die vereinbarten Truppenstärken - die,
wie Sie wissen, weitgehend durch den N A T O - und alliierten Oberkommandierenden in Europa beaufsichtigt werden -, daß diese

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diese festgesetzten Kontingente in einem der
i MitgliedStaaten die für das Landheer, die Marine und die Luftstreitkräfte sowie für die militärische Ausrüstung, Bewaffnung
und Munition oder ähnliches festgelegten Zahlengrenzen überschreiten«
Der vierte Vorschlag sah vor, daß Deutschland als volles
und gleichberechtigtes Mitglied in den Atlantikpakt aufgenommen werden sollte, etwas, was nebenbei bemerkt, im Rahmen des
EVG-Plans nicht geschehen wäre. Ferner wurde in diesem Vorschlag zum Ausdruck gebracht, daß die Machtbefugnisse des Oberbefehlshabers für Europa in einem außerordentlichen Maße vermehrt werden sollten, so daß er die Streitkräfte und das Rüstungspotential der europäischen Pestlandsstaaten wirksam
integrieren kann.
Nachdem wir nun diese Entscheidungen getroffen hatten,
unterbrachen wir die Verhandlungen, um unseren Fachleuten und
Ratgebern, die die wirkliche Detailarbeit bei dieser Konferenz
leisteten, Gelegenheit für die Ausarbeitung der vielen Dokumente zu geben - ich habe sie, um dies besser zu illustrieren,
mitgebracht -, Dokumente, die diese erreichten prinzipiellen
Vereinbarungen in die Tat umsetzen sollten. Wir haben jenen
Experten lediglich zwei Wochen Zeit für die Erledigung dieser
Aufgabe zugestanden. Meiner Ansicht nach sollte man diese
knappe Frist von zwei Wochen einmal mit der Tatsache vergleichen, daß man bei den Verhandlungen über den EVG-Vertrag zwölf
Monate brauchte, um ähnliche Dokumente für die Unterzeichnung
vorzubereiten» Sie sehen also, daß wir jetzt ein ganz schönes
Arbeitstempo eingeschlagen hatten. Deshalb konnten wir vierzehn Tage später wieder in Paris zusammenkommen. Von dieser
Reise bin ich gerade wieder zurückgekehrt. Während der vierzehn Tage haben die Fachleute und technischen Berater wirklich
fast Obermenschliches geleistet, um eine Einigung für alle die
erforderlichen Dokumente zustandezubringen, eine Einigung zwischen den vielen betroffenen Ländern, die noch durch Übersetzungsprobleme und andere Fragen kompliziert wurde.
In Paris einigten wir uns zunächst auf eine Zusammenkunft
der vier Mächte, das heißt der Staaten, die von der Frage der
Wiederherstellung der deutschen Souveränität direkt betroffen
waren:
die drei Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien
und die USA sowie die Bundesrepublik Deutschland. Und auf dieser Konferenz billigten wir die verschiedenen Abmachungen und
Dokumente, die sich mit der Frage der Wiederherstellung der
deutschen Souveränität befassen. Das war ein ziemlich schwieriges Verfahren im Hinblick auf die vielen Dinge, die während
der vergangenen zehn Jahre begonnen wurden und auf einem geordneten Weg zu Ende gebracht werden mußten.
Wir entschlossen uns ferner - und das war wirklich ein
völlig neuer Entschluß - eine neue Konvention über die Stationierung von Streitkräften in Deutschland auszuarbeiten. Das
wird Sie, Herr Verteidigungsminister, ganz besonders interessieren. Dieser Vertrag besagt nun, daß die in Deutschland stationierten Truppen nicht mehr kraft der uns durch das Abkommen von
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von Potsdam übertragenen Vollmachten und der bedingungslosen
Kapitulation dort sein werden, sondern nunmehr auf Grund eines
von Deutschland freiwillig abgesc ilossenen neuen Vertrages, der
der Bildung der verantwortlichen parlamentarischen Gremien unterliegt. In dieser Hinsicht wird sich Deutschland von keinem
anderen alliierten Land unterscheiden»
Nach dem Zusammentreffen der Vertreter dieser vier Mächte
fand eine Neunerkonferenz jener neun Staaten statt, die schon
auf der von mir beschriebenen Londoner Zusammenkunft getagt
hatten. Auf dieser Neunerkonferenz einigten wir uns über alle
die zur Erweiterung des Brüsseler Vertrages, zur Gründung der
westeuropäischen Union, zur Schaffung einer Behörde zur Kontrolle der Streitkräfte, Ausrüstungen und Munitionsvorräte usw.
erforderlichen Verträge und definierten die Vollmachten des
Rates der westeuropäischen Union, welcher in wichtiger Hinsicht
eher ein supranationales Organ in dem Sinne ist, daß viele großen Entscheidungen nicht mit Einstimmigkeit, sondern durch Mehrheitsbeschluß gefällt werden müssen.
Daran schloß sich die Sitzung der 14 Mitgliedstaaten der
Nordatlantikpakt-Organisation an, die durch den Nordatlantikrat vertreten war. Und dort wurde einstimmig jenes Protokoll
gut geheißen, mit dem Deutschland zum Beitritt in die NATO
als volles und gleichberechtigtes Mitglied der Organisation
und des Rates eingeladen wird. Gleichzeitig billigten wir die
von der amerikanischen Delegation für erforderlich gehaltene
Resolution über die Erweiterung der Befugnisse des Obersten Befehlshabers in Europa - das ist, wie Sie wissen, gegenwärtig
General Gruenther -, um ihn besser in die Lage zu versetzen, die
seinem Kommando unterstellten Streitkräfte und Anlagen besser
integrieren zu können. Der Erfolg dieser Dokumente war, daß die
Kontrollen teilweise von der unter dem Brüsseler Vertrag gegründeten Behörde und teilweise vom ©bersten Befehlshaber in Europa
kraft seiner erhöhten Vollmachten ausgeübt werden. Es wird in
der Wirklichkeit eine Integration von kontinentalen Streitkräften stattfinden, welche durchaus dem Zusammenschluß, der im
Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft vorgesehen war, gleichzusetzen ist und die auch gleichermaßen wirksam werden wird»
Wir wollen uns jetzt einem weiteren, sehr schwierigen Problem zuwenden: der Saarfrage.
Mrs. Hobby (Minister für Gesundheit. Erziehung und soziale Fragen):
Mr. Präsident ?
Der Präsident: Ja, Mrs. Hobby ?
Mrs. Hobby: Darf ich den Herrn Außenminister fragen, wie
das Saarabkommen erreicht wurde ? Wir wissen ja alle, daß die
Saar seit langer Zeit schon - rund hundert Jahre fast - eines
der umstrittensten Gebiete in Europa war.
Außenminister Dulles:
Ja, Mrs. Hobby, es war ein schwieriges Problem. Es war auch das Problem, das als letztes gelöst wurde, und aus der Art und Weise, wie es gelöst wurde,

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wurde, können Sie sehen, wie schwierig es zu lösen war.
Zunächst einmal sei gesagt, daß es eigentlich nur für
Frankreich und Deutschland ein unmittelbares Problem war. Es
betraf die übrigen Partner an den sonstigen Vereinbarungen
nicht wirklich. Die Franzosen hatten sich jedoch auf den
Standpunkt gestellt, daß sie keine der anderen Abmachungen unterzeichnen würden, sofern das Saarproblem nicht vorher gelöst
worden sei. Und so zogen sich die Verhandlungen immer mehr in
die Länge. Noch 24 Stunden vor dem ursprünglich vorgesehenen
Termin für die Unterzeichnung aller Verträge hatte man sich
noch immer nicht geeinigt.
Am Freitagabend zogen sich dann Bundeskanzler Adenauer
und M. Mendds-France zu einer Beratung zurück. Sie begannen
ihre Besprechungen am Freitagabend um 10 Uhr und diskutierten
bis gegen drei Uhr morgens, - und dann delegierten sie noch
einige Fragemkomplexe an jene berühmten und schwerarbeitenden
Sachverständigen. Anschließend legten sie eine mehrstündige
Ruhepause ein und nahmen am frühen Morgen des Sonnabends ihre
Besprechungen erneut auf, die sich gleichfalls wieder hinzogen.
Und als wir uns am Quai d'Orsay am frühen Nachmittag um
drei Uhr erstmals zur Unterzeichnung dieser Abkommen versammelten, wußten wir noch nicht, ob es zu einer Einigung gekommen
war oder nicht - oder ob womöglich alles platzen würde. Und
Sie können sich wohl vorstellen, daß wir ein bißchen nervös
waren, als wir da am Quai d'Orsay mit gezückten Füllhaltern
herumstanden und nicht wußten, ob es überhaupt irgend etwas
zum unterzeichnen geben würde.
Jetzt ist die Einigung erreicht, durch den kraftvollen
Einsatz dieser beiden führenden Staatsmänner. Und hier haben
sie wieder einmal ihr staatsmännisches Können bewiesen, indem
sie den wesentlichen Dingen den ihnen gebührenden Rang einräumten und dieses langjährige Problem endlich beseitigten.
Und somit sind jetzt meiner Ansicht nach sowohl die Saarais auch die Triestfrage als gelöste Probleme zu betrachten,
die die derzeitigen Verhältnisse in Europa nicht mehr gefährden werden.
Justizminister Brownell;
Darf ich eine Frage stellen,
Herr Außenminister ? Dieses Pariser Abkommen wird doch wohl
von den Parlamenten der beteiligten Nationen ratifiziert werden müssen ?
Außenminister Pullest
Ja, das ist nötig, und hier können
die Pessimisten wieder einhaken - zu denen ich Sie, Herr Justizminister, natürlich nicht rechne
Justizminister Brownell»
Auf gar keinen Fall.
Außenminister Dulles (fährt fort)j Aber hier können die
Pessimisten einhaken und sagen, nun, dann werden wir wieder
genau da landen, wo wir vor zwei oder drei Jahren standen,
und wir werden das ganze noch einmal durchexerzieren, die gleichen Aufschübe und Enttäuschungen.
Ich
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Ich glaube nicht, daß die Dinge diesmal ebenso verlaufen
werden, denn ich bin der Ansicht, die bisherigen Ereignisse
haben jeden zu der Erkenntnis gebracht, daß es diesmal keine
Alternative zu dem vorliegenden Plan gibt.
Darüber hinaus hatten wir auf der positiven Seite einiges
zu bieten, was vorher nicht möglich war. Ich beziehe mich hier
vor allem auf die von Großbritannien übernommene Verpflichtung,
die von ungeheurer Bedeutung ist; und auch, ich wiederhole dies,
die Saar und Triest stellen kein Unruheelement mehr dar, das
die Gesamtlage gefährden könnte.
M. Mendös-France, der übrigens, wie ich hoffe, bald nach
den USA kommen wird, sagte wiederholt, daß es an Frankreich
sei, den Zeitverlust wenigstens zum Teil wieder gutzumachen,
und Frankreich unterbreitete, wie Sie sich vielleicht erinnern
werden, bereits nach der Londoner Konferenz, in der Zwischenzeit bis zur Pariser Konferenz, die grundlegenden Prinzipien
der londoner Beschlüsse dem französischen Parlament, ebenso
wie dies in der Bundesrepublik geschah. Sie wurden mit entscheidender Mehrheit angenommen. Und ich glaube, daß diese
Tatsachen, im Verein mit gutem Willen und dem Gemeinschaftsgeist, wie er in all diesen Zusammenkünften erkennbar war, und
dem Fehlen jeglicher Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland, das jetzt eigentlich zum ersten Mal festzustellen ist,
ein gutes Vorzeichen sind und die Erwartung rechtfertigen,
daß mit einem positiven Ergebnis gerechnet werden kann.
Nun mag man natürlich fragen, wie die Sowjetunion....
Landwirtschaftsminister Ezra Benson:
Mr. Präsident,
ich möchte die Frage stellen, welche Reaktion Außenminister
Dulles von der Sowjetunion speziell zu dem Pariser Abkommen
erwartet.
Der Präsident: Ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß er uns
hierüber berichten sollte.
Außenminister Dulles; Nun, dazu möchte ich sagen, daß
ich doch ziemlich überzeugt davon bin, daß die Sowjetunion
von der gegenwärtigen Entwicklung nicht gerade begeistert ist.
Das ist wohl eine viel zu schwache Formulierung dessen, was
in diesem Rahmen hierzu zu sagen ist. Was die Kommunisten
wollen, ist ein schwaches und geteiltes Europa, und sie versuchen, es dahin zu bringen. Aber ich glaube nicht, daß es
ihnen gelingen wird. Das Programm, das wir ausgearbeitet
haben, schützt ja sogar Rußland ebenso wie jeden anderen vor
einem möglichen Wiedererwachen des deutschen Militarismus.
Und dieses Programm wird getragen von dem Bewußtsein um seine
Dringlichkeit und Bedeutung, so daß ich nicht glaube, daß es
der Sowjetunion möglich sein wird, es zu sprengen«. Wenn wir,
wie ich hoffe, für Westeuropa eine Position der Festigkeit
und Stärke schaffen, dann mag es vielleicht eine neue Verhandlungsbasis geben, die gegenwärtig nicht existiert. Zum
mindesten können wir hoffen, daß es dann zu zufriedenstellenderen Gesprächen kommt als heute, wenn es das einzige Ziel der
Sowjetunion ist, durch List oder irgendwelche Machenschaften
die europäische Einheit auf die Probe zu stellen und zu Fall

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

Fall zu bringen.
Finanzminister Humphrey;
Eine Zwischenfrage, Mr. Präsident.
Per Präsident: Bitte sehr, das Wort hat der Finanzminister.
Finanzminister Humphrey;
Da ist noch eine Frage, an
der ich sehr interessiert bin und zu der Sie noch gar nicht
Stellung genommen haben. Und das ist, wieviel mehr müssen
die Vereinigten Staaten unter diesem Plan aufbringen ?
Außenminister Dulles;
Mein lieber Finanzminister, es
wird uns keinen Pfennig mehr kosten. Ich bin sicher, daß Sie
diese Nachricht mit tiefer Befriedigung entgegennehmen,
nicht wahr ? Dieses Übereinkommen ist kein Veftrag, den wir
irgend jemandem verkauften und wir haben auch niemandem versprochen, etwas zu bezahlen, wenn er diesen Vertrag abschließt.
Das ist ein Vertrag, den die europäischen Nationen unter sich
aushandelten. Und das ist das wesentlichste Merkmal des ganzen Vertragswerkes:. Denn es kam uns dabei darauf an, daß die
europäischen Staaten ihre Fähigkeit und ihren Willen beweisen
sollten, einer so großen Notlage zu begegnen, daß sie die
Kraft der Entscheidung und des Handelns besitzen. Das wurde
durch die Tatsache belegt, daß dies ein zwischen ihnen ausgehandeltes Vertragswerk ist. Und wir haben weder durch Druck,
Versprechungen noch Bestechungen irgend jemanden dazu überredet. Und in Wirklichkeit wird jeder damit besser fahren,
wenn wir das Vertragswerk durchkriegen.
Sie, Mr. Präsident, haben immer wieder gesagt, wir
müßten gute Partner sein und daß wir die Rolle eines guten
Partners durchführen sollten. Natürlich ist Partnerschaft
immer eine Sache auf Gegenseitigkeit. Und ich bin schon der
Meinung, daß die Ereignisse der vergangenen Wochen einen
deutlichen Beweis dafür erbracht haben, daß auf beiden Seiten des Atlantik die Voraussetzungen für eine gute Partnerschaft bestehen.
Und ich möchte noch etwas sagen, Mr. Präsident. Als wir
dort auf diesen Sitzungen zusammenkamen, hatte man das Gefühl,
Sie seien im Geiste bei uns. Jedermann weiß, daß Sie, wie nur
wenige, die Notwendigkeit einer Einigung Europas erkannt und
ungeheuer viel dazu beigetragen haben. Und wenn Europa jetzt
stark und einig sein wird, ein Hüter seiner alten und kostbaren Rechte und Freiheiten, so ist das weitgehend dem zu
verdanken, was Sie getan haben«,
Diese Ansicht bringe ich hier zum Ausdruck, nicht als die
meine, sondern als eine Botschaft, die mir viele der führenden
Staatsmänner Europas aufgetragen haben.
Nun, damit ist wohl der Bericht so vollständig, wie er
sein soll. Es wird noch viele Einzelheiten zu erledigen geben;
aber was ich Ihnen hier berichtete, gibt die Ereignisse in
groben Umrissen wieder.
_
Der
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�"AMEBIKA

DIENST"

27. Oktober 1954

Der Präsident:
Ja, durchaus, ich habe das Gefühl,
wir alle hier sollten Ihnen eine Ovation darbringen. Sie
kennen meine feste Überzeugung, daß die Sicherung und
Sicherheit der westlichen Welt die Einheit und Stärke
Westeuropas erfordert.
Und nun, da dies Wirklichkeit zu werden verspricht,
kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin,
nicht nur für mich sondern für das ganze amerikanische
Volk. Und Ihre Kollegen danken Ihnen für Ihre glänzende
Darstellung. Ja, wir danken Ihnen.
Außenminister Dulles:

* *

Vielen Dank, Sir.

* * *

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY CABOT LODGE JA. LEGT AMERIKANISCHEN
ATOMPLAN VOR

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die Botschafter
Henry Cabot Lodge5 jr., der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, am 5« November vor
dem Politischen Ausschuß der UNO-Vollversammlung über
"Internationale Zusammenarbeit in der Entwicklung friedlicher Verwendungsmöglichkeiten für die Atomenergie:
Bericht der Vereinigten Staaten von Amerika'! gehalten
hat.
I. Die Auswirkungen des Vorschlages Präsident Eisenhowers
Herr Vorsitzender,
Vor fast elf Monaten hörten viele von uns hier in diesem
Gebäude eine Rede Präsident Eisenhowers, der von einer Konferenz
auf den Bermudas auf dem Luftwege direkt hierher gekommen war.
Seine Rede galt den schwerwiegenden Problemen, denen sich die
Welt damals gegenübersah und mit denen sie sich auch noch heute
auseinanderzusetzen hat.
Eines dieser Probleme war die Gefahr des Atomkrieges, in
dem eine einzige Nation durch einen überraschenden Angriff mit
Atomwaffen etwa auf die Vereinigten Staaten schreckliche Zerstörungen anzurichten vermag, Tod und Verderben über die Menschen gebracht werden und von Kultur, Wirtschaft und politischen Institutionen nichts als Trümmer zurück bleiben.
Präsident Eisenhower wußte - und sprach es auch aus, daß
die bloße Erwähnung der Bedrohung und die Ankündigung der Vergeltung weder ein angemessenes noch ein wahrheitsgetreues Bild
von den Empfindungen oder den Zielen der Vereinigten Staaten
geben.
Um der Menschheit, der Zivilisation, der wahrhaft friedlichen Absichten willen mußte es etwas geben, was für die Zukunft mehr versprach als nur Explosionen, die unsere Welt in
ihren Grundfesten erschüttern.
Der
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10. November 1954

Der Präsident wußte - und sagte-,daß seine Rede besser ungesprochen bleiben müßte, hätte er ihr nicht gleichzeitig eine
hoffnungsvolle Friedensbotschaft hinzuzufügen.
Bei der Überlegung, wie diese Botschaft am besten vorzubringen sei, sah er sich einer geschichtlichen Tatsache von größter Bedeutung gegenüber - dem jahrealten, zähen Problem der Verhandlungen über ein System zur Einschränkung und Kontrolle der
Rüstungen und dem wirksamen Verzicht auf die Anwendung von Atomwaffen.
In sieben Jahren Debattieren und Verhandeln war es nicht
gelungen, die Welt diesem Ziel näher zu bringen.
Der Präsident kam daher zu dem Schluß, daß einem Vorschlag,
der sich völlig im Rahmen der ermüdenden Debatten der Vergangenheit hielt, von Ihnen und den Völkern der Welt wohl nicht das
Prädikat erteilt werden könnte, von aufrichtiger Hoffnung getragen zu sein und baldigen Portschritt zu versprechen. Er wollte
daher ein Angebot machen, das im Gegensatz zu denen der Vergangenheit, außerhalb der Atmosphäre von Mißerfolg und Ablehnung stand,
er wollte ein Angebot machen, dessen hervorragendes und unmißverständliches Charakteristikum war, brauchbar zu sein -, daß es
sich praktisch verwirklichen ließ, daß Menschen und Völker mit
gutem Willen und friedlichen Absichten es ohne Schwierigkeit annehmen konnten, und zwar ohne ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie
damit von ihrem früher vertretenen Standpunkt abgehen mußten.
Und so sagte am 8. Dezember 1953 Präsident Eisenhower im großen Sitzungssaal vor dieser bedeutenden Versammlung wörtlich:
"Ich unterbreite daher folgende Vorschläge:
Die hauptsächlich betroffenen Regierungen sollen in dem durch
die elementare Klugheit gebotenen Ausmaß jetzt damit beginnen
und darin fortfahren, aus ihren Vorräten von normalem Uran und
spaltbaren Materialien gemeinsame Beiträge an eine internationale
Atomenergie-Behörde zu leisten. Wir würden erwarten, daß eine
derartige Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen errichtet wird.
Die Anteile der Beiträge, die Verfahrensweise und andere Einzelheiten würden am besten im Rahmen der von mir bereits erwähnten 'nichtöffentlichen Verhandlungen' zu klären sein.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, sich an diesen Untersuchungen guten und ehrlichen Willens zu beteiligen« Jeder Partner der USA, der aus dem gleichen guten Willen handelt, wird in
den Vereinigten Staaten bestimmt keinen unvernünftigen oder kleinlichen Partner finden.
Zweifellos würden die ersten und anfänglichen Beiträge zu diesem Plan mengenmäßig klein sein. Der Vorschlag hat jedoch den großen Vorteil, daß er ohne: di.e Reibungen und ohne den gegenseitigen
Argwohn ausgeführt werden kann, die mit jedem Versuch zur Einführung eines allgemein annehmbaren Systems weltweiter Inspektion
und Kontrolle verbunden sind."
Der
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10. November 1954

Der Präsident wollte nichts unversucht lassen, um sicherzustellen, daß die sowjetische Regierung diesen Vorschlag in seiner
offen erkennbar ernsten, aufrichtigen, auf die Zukunft gerichteten Bedeutung hinnähme, und ihn nicht als einen auf Augenblickswirkung abgestellten Propagandatrick interpretiere.
Um dies sicherzustellen, tat er zwei Dinge. Erstens wies
er unseren Botschafter in Moskau an, Herrn Molotow bereits im
voraus davon zu unterrichten, daß die Rede Präsident Eisenhowers
Fragen von weittragender Bedeutung umfassen werde und die Vereinigten Staaten wünschten, daß die Sowjetregierung sie auch in
diesem Sinne prüfe. Daneben wurden, nachdem der Präsident gesprochen hatte und man nun darauf wartete, daß die Sowjetunion die
Initiative zur Einleitung von nichtöffentlichen Gesprächen ergreife, alle Vertreter und Dienststellen der amerikanischen Regierung angewiesen, über die Einzelheiten des Vorschlags nichts
verlauten zu lassen und sich, falls Erläuterungen notwendig werden sollten, auf eine simple Wiederholung des Wortlauts der Rede
des Präsidenten sowie die Erklärung zu beschränken, daß wir nunmehr auf ein Wort von der Sowjetunion warteten.
Die zweite Sorge des Präsidenten galt dieser Körperschaft,
vor der ich jetzt stehe - den Vereinten Nationen. Als er von
Generalsekretär Hammarskjöld die Einladung erhielt, zu Ihnen
zu sprechen, entschloß er sich, den Vorschlag vor der Vollversammlung, vor niemand sonst, vorzutragen - denn er wollte, daß
die Welt erfahre, daß er sich in dieser überaus wichtigen Angelegenheit an die Vereinten Nationen als das internationale Organ wandte, dem es am ehesten anstand, den Vorschlag in seiner
ursprünglichen Formulierung zu hören und sich an der Ausarbeitung
des Planes zu beteiligen.
Sie alle wissen, wie positiv und hoffnungsvoll die Antworten waren, mit denen in allen Teilen der Welt dem Vorschlag des
Präsidenten begegnet wurde. Dieses Echo bedeutete für die Vereinigten Staaten in ihrer Zusammenarbeit mit anderen Staaten
zur Entwicklung eines praktischen Planes eine große Ermutigung.
Sie wissen auch, daß es daraufhin zu einem bedauernswerten
Ereignis kam - einer Ablehnung des Vorschlags des Präsidenten
seitens der UdSSR, bis sich die Vereinigten Staaten mit einem
bedingungslosen Verbot der Anwendung von Atomwaffen, das bar
jeglicher Sicherungsvorkehrungen war, einverstanden erklärt
hätten. Diese Angelegenheit finden Sie in einem Dokument der
Vereinten Nationen dargestellt, das vor Ihnen liegtj es ist
Dokument Nummer A/2738 vom 27. September 1954. Beginnend mit
dem 27. April bestand die Sowjetunion während der ganzen Zeit
dieses Notenaustausches hindurch darauf, daß wir unsere neue
Hoffnung an die langwierigen Debatten der Vergangenheit ketteten,
wo die Schwierigkeiten selbst für die geringsten Fortschritte so
ausführlich demonstriert worden waren.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei hier auch erwähnt,
daß die Sowjetunion uns in einer Note vom 22. September 1954 dem Tag vor der Eröffnungsansprache von Außenminister Dulles vor

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10. November 1954

vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen - wissen ließ,
daß sie die Tür einen winzigen Spalt offen halte. Tatsächlich
aber war die Tür schon am 8. Dezember 1953 von den Vereinigten
Staaten weit aufgetan und von diesen in der ganzen Zwischenzeit
auch weit offengehalten worden. Die Tür steht noch immer offen.
Auch als den Vereinigten Staaten klar wurde, daß die Sowjets
dem Vorschlag im wesentlichen ablehnend gegenüberstehen, verloren sie keine Zeit, die Gespräche mit anderen Staaten fortzusetzen - Gespräche, deren Initiatoren lediglich auf eine klare
Stellungnahme der Sowjets gewartet hatten. Die Staaten, mit
denen wir Verhandlungen führen, sind jene Länder, die entweder
Rohstoffquellen erschlossen oder bereits weit gediehene Programme
zur Nutzbarmachung der Atomenergie entwickelt haben - es sind dies
das Vereinigte Königreich, Prankreich, Kanada, Australien,
die Südafrikanische Union und Portugal. Es ist bezeichnend, daß
wir, trotz der Weigerung der Sowjetunion, sich ebenfalls zu beteiligen, alle einverstanden waren, die Bildung der Behörde voranzutreiben. In unseren Diskussionen sind Portschritte zu verzeichnen, auf die später noch eingegangen werden soll.
So lagen die Dinge, als Außenminister Dulles am 23. September
vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärte:
"Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den Vorschlag
Präsident Eisenhowers nicht auf die lange Bank schieben zu lassen,
bis er etwa ganz in Vergessenheit gerät. Wir wollen, daß er neue
Nahrung erhält und ständig weiterentwickelt wird. Wir werden auf
seine Verwirklichung drängen, und zwar in enger Partnerschaft
mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der Vereinten
Nationen, diese neue große Kraft in den Dienst der Menschlichkeit
stellen und sie zu einem Werkzeug echter Staatskunst machen
können, anstatt damit lediglich neue furchtbare Waffen für den
Krieg zu schmieden. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß
ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung
der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren bisher und
sind auch weiterhin auf folgende Ziele ausgerichtet:
1) Schaffung einer internationalen Behörde, zu deren Mitgliedern schon von Anfang an Staaten aus allen Teilen der Welt gehören werden. Es ist zu hoffen, daß eine derartige Behörde schon
im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
2) Die Einberufung einer internationalen wissenschaftlichen
Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern;
sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen zusammentreten.
3) Die Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus
anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung dieser Energie für friedliche Zwecke.

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10. November 1954

4) Die Einladung einer großen Zahl von Fachärzten für innere
Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in
unseren Krebsforschungskliniken teilnehmen sollen - hier spielen
Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen, neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte dabei nachdrücklich klar machen, daß bei unseren
Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird."
Am J&gt;. November d.J. gab nun Präsident Eisenhower bekannt,
daß die Vereinigten Staaten dem sowjetischen Botschafter in
Washington eine Antwort auf die sowjetische Note vom 22. September überreicht hätten und er, der Präsident, hoffe, damit eine
neue Phase in den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen einleiten zu können, die fruchtbarer wäre alB die bisherigen Bemühungen.
Der Präsident bestätigte jedoch noch einmal, daß die Vereinigten
Staaten entschlossen sind, sich zusammen mit gleichgesinnten
Staaten weiterhin um die Schaffung einer internationalen Behörde
zu bemühen, um die gewaltige Kraft des Atoms der ganzen Menschheit als gemeinsames Gut nutzbar zu machen.
Dies ist in kurzen Umrissen die Geschichte des ersten Jahres
der Bemühungen um die Gründung einer internationalen Organisation,
die die Zusammenarbeit aller Länder der Welt zum Zwecke der friedlichen Nutzung der Atomkraft gewährleisten soll.
Bei all unseren Vorschlägen werden wir dabei von dem Gedanken geleitet, darauf zu achten, daß sie auch brauchbar, praktisch durchführbar sind.
Bevor wir uns aber mit der Zukunft der internationalen Zu=
sammenarbeit auf diesem Gebiet befassen, wollen wir einmal untersuchen , wo wir heute stehen, und kurz die wissenschaftlichen'Entwicklungen betrachten, die uns die Schwelle zum Atomzeitalter haben überschreiten lassen.
II. An der Schwelle des Atomzeitalters
Diese unsere Erörterungen fallen mit erregenden und schwerwiegenden Entwicklungen in der Atomwissenschaft und Atomtechnik
zusammen. Wir, die wir hier versammelt sind, befassen uns mit
etwas größerem als ResoMipnen und Formen der Organisation, die
das Handwerkszeug unseres Diplomatenberufes sind. Wir befassen
uns mit dem Wissen, mit der Beherrschung einer Kraft, deren zerstörerische Gewalt nur noch von dem Guten überboten wird, das sie
der Menschheit bringen kann.
Selbst wir als Laien können uns das erregende Gefühl der Entdeckerfreuden vorstellen, das die Wissenschaftler beherrscht jene Männer, denen es glückte, uns dieses Geschenk in die Hand
zu legen. Wenn wir an diesem Gefühl der Entdeckerfreude teilhaben,
dann dürfen wir hoffen, daß unsere Fortschritte auf diplomatischer Ebene den greifbaren Fortschritten in der Physik ebenbürtig
sein werden, die von den wagemutigsten Geistern der Wissenschaft
eingeleitet wurden.
Einige
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10. November 1954

Einige der wesentlichsten Tatsachen dieses Portschrittes
der Atomphysik und Atomtechnik sind eindeutige Beweise dafüx^ daß
wir die Schwelle zu einem Atomzeitalter, in dem die Atomenergie
fuer friedliche Zwecke genutzt wird, bereits überschritten haben.
In der Zusammenfassung, die ich jetzt zu geben gedenke, werden
die Leistungen anderer Länder nicht berücksichtigt, die gleichermaßen vielversprechend sind und von denen wir zweifellos im Laufe
dieser Debatte noch mehr hören werden.
Wir sind Zeugen ungezählter neuer Entdeckungen auf den Gebieten Atomtechnik und Atomwissenschaft. Von allen diesen Entdeckungen hat sich die der Radioisotope bisher am segensreichsten
für den Menschen erwiesen. Von vielen der Naturwissenschaft bekannten Elementen, wie etwa Gold, Kobalt und Kohlenstoff, lassen
sich im Atomreaktor Varianten erzeugen? radioaktives Gold, radioaktiver Kohlenstoff, radioaktives Kobalt usw. Eine Veränderung
ihrer atomaren Struktur bewirkt, daß diese Atomvarianten Strahlen
iäussendeny'TÜi'fe Irtgnte' im wesentlichen zwei Verwendungszwecke haben:
sie koennen in lebenden Organismen Veränderungen hervorrufen, und
sie können als Indikatoren dienen» Die von den Isotopen in Form
von Strahlen ausgesandten Signale werden von feinen Meßinstrument
ten registriert, die dann ihrerseits einen komplizierten Fertigungsprozess steuern oder uns neue, der Menschheit bisher unbekannte Einsichten in das Wachstum oder in pathologische Vorgänge bei der Pflanze oder dem Menschen gewähren.
Ich werde nunmehr einige Beispiele fuer die vielfachen Verwendungsmöglichkeiten der Isotope, wie wir sie in den bereinigten
Staaten kennen, geben. Viele davon sind den Technikern-anderer
Länder schon lange kein Geheimnis mehr.
Zunächst wollen wir uns den durch die Strahlung möglich ge=
wordenen Veränderungen in einem lebenden Organismus zuwenden.
Große Portschritte bei der Behandlung krebsartiger Erkrankungen
konnten mittels des radioaktiven Kobalts und anderer Elemente bei
der Abtötung krebskranker Zellen erzielt werden, wobei diese Methode der Behandlung weit wirksamer als die bisher übliche Röntgenbestrahlung ist.
Die Konservierung und Aufbewahrung von Lebensmitteln während
des Winters und Frühjahres unter Umgehung großer Verluste durch
Verderb ist gleichfalls durch Bestrahlung möglich geworden.
Bei der Züchtung neuer Rassen und Arten in der Landwirtschaft hat die Strahlung die Zahl der Erbsprünge,durch die wir
gewöhnlich die neuen Arten und Rassen erhalten - Arten und Rassen,
die dann gegen Krankheiten widerstandsfähiger sind und qualitativ
und quantitativ bessere Nährstoffe und Pasern liefern -, ganz
wesentlich erhöht.
An zweiter Stelle ist die Verwendung der Radioisotope als
Indikator zu nennen. In diesem Reich der wissenschaftlichen Entdeckung gibt es zahllose Anwendungsmöglichkeiten, die theoretisch
unbegrenzt sind. Als Beispiel möchte ich hier anführen!
Bei der Herstellung von Platten - aus Metall, Papiermasse,
Kunststoff oder anderem Rohstoff - wird eine gleichmäßige Dicke
durch eine Messung der radioaktiven Strahlung garantiert» - ^ .

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10. Novemver 1954

Beim Schweißen und Nieten lassen sich mit Hilfe der Radiophotographie Lunker und Risse feststellen, die früher außerordentlich schwierig aufzufinden waren»

Der Transport von Rohöl in großen Rohrleituagtn ist ein
anderes wichtiges Anwendungsgebiet von radioaktiven Stoffen. Man
legt in die Rohre Kugeln mit radioaktivem Material. Diese Kugeln
werden dann durch das strömende öl in der Leitung fortgeschwemmt
und signalisieren sozusagen die Ankunft einer neuen ölsorte.
In der Landwirtschaft haben Radioisotope, dem Kunstdünger
beigegeben, die wichtige Aufgabe zu zeigen, wann und wie wirksam
der Dünger von der wachsenden Pflanze absorbiert wird. Damit
konnte eine unerhörte "Überdüngung", die völlig wertlos ist, vermieden werden»
Auf Hühnerfarmen hat man mittels der Radioisotope den Weg des
Hühnerfutters durch den Körper der Henne bis in das Ei hinein
verfolgt, so daß man nunmehr eine genaue Vorstellung darüber hat,
welches Futter gegeben und zu welcher Zeit es verabreicht werden
muß, um einen Maximalertrag an Eiern zu erhalten.
Die Fischzucht verwendet Indikatoren zur Peststellung, wie man
stickige Gewässer durch eine einfache chemische Behandlung in
fischreiche Gründe verwandeln kann.
Die Indikatoren-Forschung der Medizin hat uns ein neues synthetisches Material zur Bluttransfusion an die Hand gegeben., Indikatoren werden zur Peststellung von Kreislaufstörungen verwandt,
ehe diese ernsthafte Schäden nach sich ziehen. Viele andere Wunder der Diagnose lassen sich mit Indikatoren vollbringen. Sie haben zu neuen Erkenntnissen über die Zuckerkrankheit, Erkrankungen
der Schilddrüse, pathologische Blutveränderungen und über den gesamten Ernährungs- und Lebensprozeß des Körpers geführt.
Auf dem Gebiete der Eindämmung von Epidemien hat man Indikatoren dazu verwendet, den Flugradius der diese Krankheiten
übertragenden Fliegen und Moskitos zu erforschen - ein wichtiger
Schritt, um diesen Geißeln der Menschheit Einhalt zu gebieten.
Dies sind, an der Schwelle des neuen Atomzeitalters, nur
einige wenige der Entdeckungen, di* wir gemacht haben und zum
Nutzen der Menschheit anwandten. Andere Projekte sind auf dem besten Wege, verwirklicht zu werden. Ein ganz außerordentliches Vorhaben ist dabei die Erforschung des Wachstumsprozesses der Pflanze
mit dem wichtigsten Vorgang, der Photosynthese. Ein Verständnis
dieses Geschehens könnte uns vielleicht in die Lage versetzen,
eines Tages riesige Mengen an Nahrungsmitteln aus ganz gewöhnlichen chemischen Grundstoffen herzustellen.
Die Grundlage dieser Fortschritte ist in jedem Falle das
radioaktive Atom gewesen. Die Mehrzahl dieser Atome läßt sich
in verhältnismäßig unkomplizierten und kleinen Reaktoren erzeugen. Der größte Produzent dieses Artikels in den Vereinigten Staaten ist das "Oak Ridge National Laboratory", das in den vergangenen acht Jahren nahezu 50 000 Sendungen von Isotopen an Fabriken,
Laboratorien, Krankenhäuser und Universitäten verschickt hat. Die
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10. November 1954

Die meisten Sendungen gingen an Adressaten in den Vereinigten
Staaten; aber über 2 800 wurden an Empfänger in 50 Ländern geschickt.
Es ist durchaus richtig, daß eine der imponierendsten und
schwierigsten Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie an letzter
Stelle genannt wirdf die Erzeugung von Strom. Dies ist ein Problem, das heute in den Vereinigten Staaten von den Technikern
eingehend erforscht wird. In diesem Jahr verkündete die US-Atomenergie-Kommission ein Fünf-Jahres-Programm für den Bau von fünf
Versuchsreaktoren zur Erzeugung von Strom, die in ihrer Konstruktion alle grundverschieden sein werden. Es wird erwartet, daß
einer dieser Reaktoren Strom zu einem Preis erzeugen wird, der
niedriger ist als die Tarife, die mit Kohle oder anderen konventionellen Rohstoffen betriebene Kraftwerke erheben. Aber wir erv
warten uns von ihnen neue Informationen über die Zukunft der
Atomenergie» Das Geld, das wir in diesen Reaktoren investieren,
wird sich durch das Wissen, das wir erwerben werden, voll bezahlt
machen. Diese Reaktoren sind Meilensteine auf dem Weg zu einem
Zeitalter, da allen Ländern, selbst wenn sie nicht über genügend
natürliche Rohstoffe zur Krafterzeugung verfügen, ausreichende
Mengen elektrischer Energie geliefert werden können. Und diese
neue Energiequelle wird die Entwicklung neuer Industrien ermöglichen, die zu einer Hebung des Lebensstandards von Millionen
Menschen beitragen werden.
Über eine Tatsache im Hinblick auf diese mit Atomenergie betriebenen Kraftreaktoren sind sich heute aber selbst die Laien
im klaren, und das ist ihr komplizierter Aufbau» Darum bedürfen
wir der Fachleute, und das ist auch der Grund, weshalb in so
vielen Ländern wie nur möglich kleinere Reaktoren gebaut werden
sollten. Sie lassen sich in vielen Fällen bei einem Aufwand von
weniger als 500 000 Dollar in Jahresfrist erstellen» Sie werden
den größten Teil der Radioisotope!erzeugen, deren vielfältige
Verwendungsmöglichkeiten ich soeben darzustellen versuchte. Damit würden sie einen Beitrag zur Intensivierung der Forschung
und praktischen Anwendung des Atoms in der Medizin, der Landwirtschaft und Industrie leisten» Darüber hinaus können an ihnen
die jungen Atomwissenschaftler, Verfahrenstechniker und Ingenieure in die Grundlagen der Reaktortechnik eingeführt werden.
Nachdem wir das Problem des Atomreaktors zur Erzeugung von Energie gelöst haben, stünde uns ein Reservoir zur Verfügung, über
das die Welt "bisher kaum verfügen dürfte - ein Reservoir an
Männern, die das zur tatsächlichen Erzeugung von Strom durch
einen Atomreaktor erforderliche Wissen mühelos bereit haben*
Herr Vorsitzender, in diesem kurzen Rückblick auf die in
den Vereinigten Staaten erzielten Fortschritte in der Atomwissenschaft und Atomtechnik habe ich viele erstaunliche Dinge beschrieben - Entdeckungen, die die ganze Welt bereichert haben. Und doch
sind sie nichts weiter als die ersten Goldkörner an der Oberfläche
einer neuen Mine. Sie genügen aber, um uns eine Vorstellung über
die Reichtümer zu vermitteln, welche wir noch zu erwarten haben.
Diese

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

Diese Reichtümer in Frieden und Zusammenarbeit zu nutzen,
sollte für die Nationen unserer Erde ein nobles Anliegen sein.
Es ist ;keinZufall,daß uns diese Entdeckungen, die uns in Frieden
zusammenbringen, von jener wahrhaft weltumspannenden Gemeinschaft
gegeben wurden - nämlich der Gemeinschaft der Wissenschaft, die
keine nationalen Grenzen kennt und sich nur um die Wahrheit und
die Besserung des Loses der Menschheit bemüht. Mit nichts könnten
wir diese Weltgemeinschaft der Wissenschaftlern angemessener
ehren als mit unserer gemeinsamen Entschlossenheit, unser Wissen
um die Geheimnisse der Atomphysik mit anderen zu teilen, und
andere an dem von uns Erreichten teilhaben zu lassen, damit alle
mehr haben,,
In diesem Geiste sind die Vereinigten Staaten gewillt, auf
verschiedenen Wegen einen Beitrag für die nächsten zukunftweisenden Maßnahmen auf dem Gebiete der Atomenergie zu leisten.
Da wir also die Schwelle des Atomzeitalters überschritten
haben, erhebt sich nunmehr die Frage, was wir als nächstes zu tun
haben, um uns mit dieser neuen Welt vertraut zu machen. Und damit
sind wir bei den speziellen Aufgaben angelangt, die die Internationale Behörde übernehmen sollte. Unserer Ansicht nach sollte
diese Behörde in allen Ländern die Forschungsarbeit zur Nutzung
der Atomenergie für friedliche Zwecke anregen und fördern; sie
sollte dafür sorgen, daß genügend kernreaktives Material für
Forschungszwecke, zur Entwicklung und praktischen Anwendung der
Atomenergie für friedliche Zwecke, einschließlich der Erzeugung
von Energie, zur Verfügung steht«, Unserer Ansicht nach sollte
die Behörde den internationalen Austausch aller Erfahrungen und
Erkenntnisse über die friedliche Nutzung der Atomenergie in jeder Weise begünstigen. Wir erwarten, daß die Internationale Behörde durch ihre Arbeit den Boden für künftige Zeiten bereitet,
in denen die Atomenergie vornehmlich - ja vielleicht ausschließlich - zu friedlichen Zwecken verwendet werden wird.
Diese Behörde sollte durch ein Abkommen geschaffen werden,
das die Richtlinien und Grundsätze enthält, nach denen sie ihre
Funktionen ausüben soll» Alle Staaten, die ursprünglich dieses
Abkommen unterzeichnet haben, sollten Mitglieder dieser Behörde
werden, und eine Bestimmung des Vertrages sollte die Zulassung
weiterer Mitglieder ermöglichen. Unserer Meinung nach sollten
die Mitglieder sich verpflichten, die Arbeit der Behörde durch
Bereitstellung von Material und Informationen, durch finanzielle
Unterstützung und die Möglichkeit zu offenen Diskussionen und zur
Fühlungnahme der um die Erforschung der friedlichen Nutzungsmöglichkeiten der Atomenergie bemühten Wissenschaftler zu fördern.
Es ist soviel zu tun, daß die Internationale Behörde unmöglich gleich von Anfang an all ihren Aufgaben nachkommen könnte.
Praktisch kann die Internationale Behörde in der unmittelbaren
Zukunft nur einige wenige der ihr zugedachten Obliegenheiten erfüllen - und zwar die, für die sie am besten geeignet ist. Allerdings werden und müssen auch die übrigen Arbeiten gleichzeitig
durchgeführt werden, da sie alle Teil des grundlegenden Programms
für eine stetige Fortentwicklung in das Atomzeitalter darstellen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Wir sind bereit, mit anderen Ländern Besprechungen über den
Abschluß von Abkommen aufzunehmen, die es uns ermöglichen werden,
im Rahmen unserer gesetzlichen Vorschriften technisches Wissen,
technische Unterstützung und die nötigen Mengen spaltbaren Materials für den Bau und den Betrieb von Kernreaktoren im Ausland
zu wissenschaftlichen Zwecken zu liefern.
Darf ich Ihnen nun über die von den Vereinigten Staaten bis
zur Gründung dieser Behörde geplanten Arbeiten berichten, die zum
Teil das Ergebnis der jüngst vom Kongreß erlassenen Zusatzartikel
zum Gesetz über die Atomenergie sind. All diese Arbeiten werden
mit dem Programm der Internationalen Behörde koordiniert werden.
Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um sich darüber klar
zu sein, daß ein Gremium geschulter Fachleute eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung und den Betrieb von
Kernreaktoren zum Zwecke der Energieerzeugung in jedem Lande ist.
Ich werde nunmehr darüber berichten, was die Regierung der
Vereinigten Staaten im Jahre 1955» also nächstes Jahr, auf dem
Gebiet der Ausbildung zu tun beabsichtigt.
Zunächst zur Frage der Kernreaktoren. Wir beabsichtigen, im
Frühjahr 1955 eine Ausbildungsstätte für die Entwicklung und Handhabung von Kernreaktoren zu schaffen. Der erste Kursus dieser
Schule soll nicht nur der Energieerzeugung durch Kernspaltung
theoretisch, sondern auch praktisch behandeln. Unsere derzeitigen
Pläne sehen vor, 30 bis 50 Wissenschaftler und Techniker aus dem
Ausland zum praktischen Studium des Atom-Meiler-Baues einzuladen,
um den Teilnehmern dieses Kursus das nötige wissenschaftliche und
technische Wissen zu vermitteln, so daß sie nicht nur über die
theoretischen Kenntnisse hinsichtlich eines Kernreaktors verfügen, sondern auch verstehen, praktisch mit ihm umzugehen.
Die den Kursteilnehmern verfügbaren Informationen über den
Stand der Atomforschung werden zunächst nicht geheimer Natur sein.
Mit dem Abschluß bilateraler Abkommen zwischen den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern jedoch, wie das Gesetz über die Atomenergie von 1954 sie fordert, werden weitere Informationen freigegeben werden. Von Anfang an aber werden die Kurse den Wissenschaftlern und Technikern grundlegende Kenntnisse über die so
überaus wichtigen Versuche und die Grundsätze vermitteln, nach
denen ein Kernreaktor für Forschungszwecke arbeitet, der das
wichtigste Versuchsobjekt zur Vorbereitung auf den weit komplizierteren Kernreaktor für Ehergieerzeugung darstellt.
Zweitens zur Frage der Sicherheit. Da wir es hier mit «Jiner
Kraft zu tun haben, die sowohl eine Gefahr als einen Segen darstellt, müssen neben jedem Lehrgang in Fragen der Atomenergie
besondere Ausbildungskurse über Schadenverhütung durch Atomstrahlung und die Therapie bei solchen Schäden eingerichtet werden.
Wir schlagen daher vor, unter den Auspizien der US-Atomenergiekommission folgende Lehrgänge einzurichten, an denen Angehörige
aller anderen Nationen teilnehmen können:
Betriebssicherheit in der Atomindustrie - Ein- bis zweijährige
Kurse an jenen amerikanischen Universitäten, die mit der Atomener- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Atomenergiekommission wegen Schadenverhütung und etwaiger Therapie
bei solchen Betriebsangehörigen, die mit Atomenergie zu tun haben,
in Verbindung stehen.
Betriebshygiene - Kurse über die Maßnahmen zur Erhaltung
hygienisch einwandfreier Verhältnisse in den mit gefährlichem
kernreaktivem Material arbeitende Industrien»
Radiologie sowie Gerätekunde und praktische Anwendung von
Strahlungsinstrumenten - Ausbildung durch das Brookhaven National
Laboratory.
Als dritter Punkt unseres Ausbildungsprogramms folgt das
riesige Gebiet der Verwendung von Atomenergie in der Biologie und
Medizin. Das Argonne Cancer Hospital der Universität Chikago, das
Brookhaven National Laboratory und die Krebsforschungsklinik im
Oak Ridge-Institut für Kernforschung werden ein- bis zweijährige
Kurse für jeweils 5 - 1 0 Teilnehmer über die Nutzbarmachung der
Atomenergie in der Medizin und Biologie abhalten.
Das Gebiet der Krebsforschung ist so wichtig, und andere Länder haben hier bereits solche Fortschritte erzielt, daß wir unseren
Beitrag nicht lediglich auf das Studium der verschiedenen Methoden
beschränken möchten. Wir sind daher bereit, 150 befähigte und hervorragende ausländische Wissenschaftler auf dem Gebiet der Krebsforschung zu eingehendem Studium unserer Krebsforschungsinstitute
im Jahre 1955 einzuladen. Diese Gäste werden nicht nur unsere
Institute und Methoden unbehindert studieren können, sondern werden darüber hinaus zu einem regen Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit unseren Ärzten, und Wissenschaftlern angeregt werden.
Der letzte und vierte Punkt unseres Ausbildungsprogramms ist
das Gebiet der Verwendung von Radioisotopen als Spürelemente, über
dessen rasche Entwicklung wir bereits gesprochen haben. Auf diesem
Gebiet konnte die Atom-Energiekommission bisher nur in beschränktem Umfange ein Ausbildungsprogramm für ausländische Wissenschaftler durchführen. Die Kommission ist jetzt in der Lage, Spezialkurse
für ausländische Techniker einzurichten, die Anfang 1955 beginnen
sollen. Diese Kurse sollen jeweils vier Wochen dauern und umfassen
Praktikum im Laboratorium, Vorlesungen über Laborversuche sowie
Seminare über besondere Themen. Die Laborversuche sollen die Benutzung der Instrumente, die Reindarstellung radioaktiven Materials
und seine Trennung vom inaktiven Material sowie die praktische
Anwendung verschiedener Verfahren in der Benutzung von Radioisotopen auf den verschiedensten Forschungsgebieten umfassen.
Diese von uns geplanten Ausbildungskurse in Betriebssicherheit,
Therapie und Biologie würden, in Zahlen ausgedrückt, über 250 Techniker aus anderen Ländern im Laufe der kommenden 12 bis 15 Monate
mit den grundlegenden theoretischen und praktischen Kenntnissen
vertraut machen. Die Beschränkung der Teilnehmerzahl ist nicht
etwa von dem Wunsch diktiert, die Kenntnisse nur einem kleineren
Kreis zugänglich zu machen, sondern ist einfach notwendig, damit
wir die Teilnehmer an den verschiedenen Lehrgängen in den uns gegenwärtig zur Verfügung stehenden Instituten und Anlagen unterbringen
können.
Soviel
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�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

Soviel über unsere anfänglich geplanten^Ausbildungskurse.
In enger Verbindung damit steht die Frage des schriftlichen Informationsaustausches über den Stand der wissenschaftlichen
Atomforschung. Wir setzen voraus, daß die Internationale Behörde
bereit ist, von Anfang an eine Reihe bestimmter Informationen
zu geben und Dienstleistungen zu übernehmen wobei sie sich von
den Mitgliedstaaten Angaben über deren Atomenergieprogramme
machen läßt und die Mitglieder darüber und über die eigenen Projekte unterrichtet. In kurzen Umrissen führe ich hier die Art
des Informationsmaterials an, das die Vereinigten Staaten im
Jahre 1955 der Internationalen Behörde nach deren Errichtung zur
Verfügung stellen wollen.
Im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Ansicht haben die
Vereinigten Staaten seit Beginn ihrer Arbeiten zur Entwicklung
der Atomenergie durch die Veröffentlichung von Dokumenten der
Atomenergiekommission und durch Aufsätze in wissenschaftlichen
Zeitschriften eine gewaltige Menge Forschungsmaterial über die
friedliche Verwendung der Atomenergie zur Verfügung gestellt.
Dennoch hält sich in der Öffentlichkeit noch immer die Vorstellung
von einem mysteriösen Monopol.
Ebenso wie ich selbst werden auch Sie überrascht wein zu
hören, daß sich die von den Vereinigten Staaten über die friedliche Verwendung der Atomenergie der Öffentlichkeit zugänglich
gemachten Dokumente auf über 20 000 Schriftstücke mit insgesamt
über 800 000 Seiten Text belaufen.
Stets der Zeit eingedenk, in der es sich als nützlich erweisen würde, dieses Material als Ganzes der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben wir unter Berücksichtigung der Tatsache, daß
Einzelheiten stets zur Verfügung gestanden haben, zehn vollständige Bibliotheken aus eigenem Material zusammengestellt, die wir
bereit sind, den wichtigsten technisch-wissenschaftlichen Bibliotheken der beteiligten Nationen zu übergeben. Und wenn es verlangt
werden sollte, werden wir auch mehr als zehn Bibliotheken zur Verfügung stellen.
Außer diesen aus eigenem Material zusammengestellten Bibliotheken sind wir bereit, vollständige Kartotheken mit Indexkarten
sowie unser in den vergangenen sieben Jahren gesammeltes Aktenmaterial mit Auszügen aus den bereits in sämtlichen Ländern veröffentlichten 50 000 wissenschaftlichen und technischen Büchern
und Berichten bereit zu stellen.
Um es in greifbaren Zahlen auszudrücken! wir erklären uns
bereit, jeder einzelnen dieser ausländischen Bibliotheken bereits
veröffentlichte Berichte sowie 200 000 Indexkarten zu übergeben.
Darüber hinaus werden wir diesen Bibliotheken neu veröffentlichtes Material beifügen, als Gegenleistung verlangen wir von
den Mitgliedstaaten nur die Überlassung ihrer Sammlungen von offiziellen nichtgeheimen, der allgemeinen wissenschaftlichen Literatur aber nicht zur Verfügung stehenden Dokumenten a&amp; • die entsprechenden Bibliotheken der USA.
Neben
- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Neben der wissenschaftlichen Ausbildung und dem Austausch
von Informationen müssen wir auf dem Gebiet der Forschung und
Entwicklung der Atomenergie einen weiteren Schritt unternehmen.
Wir müssen die praktischen Entwicklungsmöglichkeiten der Atomenergie für die Medizin, die Landwirtschaft und andere friedliche Tätigkeiten einschließlich der späteren Erzeugung von
elektrischer Kraft weiter fördern. Die internationale Behörde
muß sofort an die Entwicklung solcher Forschungsaufgaben gehen
und sich bemühen, kernreaktives Material zu beschaffen, um den
überall in der Welt vorhandenen Bedarf der Forschung zu decken.
Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Forschungsarbeit auch
weiterhin in der Hauptsache von den einzelnen Staaten durchgeführt werden wird.
Das sind in der Hauptsache die Maßnahmen, die wir Amerikaner für das Jahr 1955 im Auge haben. Wie Präsident Eisenhower
Ihnen bereits versichert hat, wird kernreaktives Material für
Projekte, die von der Internationalen Behörde gefördert werden,
für diesen Zweck abgezweigt. Wir vertrauen darauf, daß auch von
anderen entsprechende Beiträge im Interesse des gemeinsamen
Unternehmens gemacht werden. Verschiedene Maßnahmen werden von
einzelnen Staaten, andere von der Internationalen Behörde und
wieder andere teils von den Staaten selbst und teils von der
Internationalen Behörde unternommen werden. Auf jeden Fall
sollten wir uns von dem Prinzip leiten lassen, daß sich die Behörde auf solche Projekte konzentrieren soll, die von einem
Staat allein oder von privaten Gruppen gar nicht oder lange
nicht so wirksam durchgeführt werden könnten.
All diese Schritte werden uns im kommenden Jahr ein gutes
Stück weiter bringen auf dem Wege in das friedliche Atomzeitalter.
Die Vereinigten Staaten waren die ersten, die bereit waren,
ihre Atomenergie über die Vereinten Nationen für friedliche
Zwecke zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen, daß es möglich
sein wird, eine internationale Organisation zu schaffen, die
die erforderliche Autorität besitzt, um rasch, wirksam und
gerecht diese kostbare • Gabe ungezählten Millionen jenseits
unserer Grenzen zuteil werden zu lassen.
Wir sind überzeugt davon, daß zwischen der Internationalen
Behörde und den Vereinten Nationen ein ähnliches Verhältnis
geschaffen werden muß, wie es zwischen diesen und ihren Sonderorganisationen besteht. Über die Art dieser Beziehungen kann
natürlich erst dann etwas ausgesagt werden, wenn die Behörde
selbst errichtet ist. Geschaffen werden wird die Behörde auf
Grund von Verhandlungen zwischen den interessierten Nationen.
Diese Verhandlungen bei denen bereits Fortschritte zu verzeichnen
sind, werden zum Abschluß eines Vertrages führen, der den üblichen, durch die Verfassungen festgelegten Ratifizierungsverfahren unterliegt. Die Internationale Atomenergiebehörde wird 'sich»soweit erforderlich, mit anderen Organisationen der Vereinten Nationen, deren Tätigkeit zu der Arbeit der Behörde in
Verbindung steht sowie mit den nationalen und regionalen Atom- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Atomenergie-Organisationen&gt;wie etwa der Gesellschaft für Europäische Kernforschung, beraten und mit ihnen zusammenarbeiten.
Die Beziehungen, die sich möglicherweise entwickeln, im
einzelnen genauer definieren zu wollen, würde im jetzigen Zeitpunkt nicht zweckmäßig sein, ehe wir nichts genaueres darüber
wissen, wie die Behörde einmal beschaffen sein wird. Während
in gewissem Umfange allgemeine Übereinstimmung über verschiedene
verwaltungstechnische Fragen erzielt wurde, scheint es nicht ratsam, heute ausführlicher auf Einzelheiten dieser Verhandlungen
einzugehen. Sie werden begreifen, daß bei den Verhandlungen die
Aussichten der acht verhandelnden Staaten im Hinblick auf die
besondere Stellung, die diese auf dem Gebiete der Atomenergie
einnehmen, berücksichtigt werden müssen, ebenso wie die der
übrigen Staaten, die sich hoffentlich einmal beteiligen werden.
In der Hauptsache haben sich die Verhandlungen auf der Linie
bewegt, die wir in unserem am 19. März der Sowjetunion übergebenden Entwurf aufgezeigt haben und der dem Ausschuß vorliegt. Doch
sind Änderungen möglich.
An dieser Stelle dürfte es angebracht sein, ein Problem zu
erwähnen, das während der Verhandlungen aufgetaucht ist. Ursprünglich vertraten die Vereinigten Staaten die Ansicht, daß die Internationale Behörde über spaltbares Material selbst verfügen würde.
Nach der Ablehnung des amerikanischen Vorschlages durch die Sowjetunion, beschlossen jedoch sämtliche an den Verhandlungen beteiligten Staaten, daß es vorzuziehen sei, wenn die Behörde
als Clearing-Haus für Anträge dienen würde, die von den verschiedenen Nutznießern gestellt würden. Der das spaltbare Material
zur Verfügung stellende Staat sollte es für die von der Behörde
genehmigten Projekte kenneeichnen und es diesen direkt zuleiten.
Da die Mittel, der Behörde offenbar beschränkt sein werden, erscheint es unserer Meinung nach zweckvoller, die ihr zur Verfügung stehenden Hilfsquellen lieber für zusätzliche Programme
als für eine kostspielige treuhänderische Tätigkeit zu verwenden.
Wie ich im Verlaufe meiner Ausführungen bereits erklärt
habe, haben die Vereinigten Staaten den Wunsch und verfolgen das
Ziel, daß alles was getan wird, auch im Bereich des Möglichen
und Durchführbaren bleiben muß, nicht behindert oder zum Spielball endloser Argumente oder unüberwindlicher Vetos werden darf.
Unsere Arbeit geht so schnell wie möglich vonstatten, und wir
sind entschlossen, zu verhindern, daß dieses Hoffnungsvolle Unternehmen auf die lange Bank geschoben, verzögert oder auf lange Zeit
hinaus von denen vereitelt wird, die nicht dulden wollen, daß
die Segnungen der Atomenergie aller Welt zuteil werden.
Die von uns unterstützte Resolution spiegelt diesen Wunsch
wider - nämlich zum Wohl der ganzen Welt so rasch wie möglich
Fortschritte zu erzielen.
III. Internationale Konferenzen
Zur Erreichung des Zieles, alle Völker an den Segnungen der
Atomenergie teilhaben zu lassen, hätten die Vereinten Nationen
schon jetzt eine weitere Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, Ift- 14 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

in dem sie eine internationale Konferenz einberufen, die feststellen soll, auf welchen Gebieten eine technische Weiterentwicklung angebracht ist» und nach welcher Verfahrensweise die
einzelnen Nationen ihre Wünsche geltend machen können.
Die Vereinigten Staaten haben die Absicht, jeden Antrag
auf Abhaltung einer solchen Konferenz zu unterstützen, und werden als Vertreter qualifizierte Wissenschaftler und befähigte
Techniker entsenden. Unsere Atomenergiekommission wird die
bei bestimmten Informationen verhängten Nachrichtensperren aufheben und sie veröffentlichen in der Hoffnung, damit zu einem
Erfolg der Konferenz beizutragen und andere Länder zu veranlassen, das gleiche zu tun.
Die Vereinigten Staaten sind seit langem überzeugt, daß eine
solche Konferenz von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern,
die an der Entwicklung der Atomenergie in ihren Ländern mitarbeiten, die wissenschaftlichen Kenntnisse der Teilnehmer bereichern und dementsprechend auch den einzelnen Ländern zugute
kommen würde. Es boten sich zahlreiche Gelegenheiten, Informationen auszutauschen und all die Probleme auf dem gewaltigen
Gebiet kennenzulernen, das sich jetzt vor unseren Augen erschließen würde, wenn die segensreichen Verwendungsmöglichkeiten
der Atomenergie leichter durchzuführen und zahlreicher wären.
Zweifellos werden die meisten Teilnehmer der Konferenz
Regierungsvertreter sein, von denen viele Sachverständige auf
dem Gebiete der Atomenergie sind. Die Vereinigten Staaten halten
es ferner für angebracht, auch Vertreter der verschiedenen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen einzuladen, deren Tätigkeit Bereiche umfaßt, die bei den Diskussionen auf der Konferenz unmittelbar interessieren. Hierzu gehören Organisationen
wie die UNESCO, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO),
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Welternährungsund Landwirtschaftsorganisation (PAO). Die Organisierung der
Konferenz, die Verschickung der Einladungen, die Vorbereitung der
Tages- und Geschäftsordnung sollte dem Generalsekretär der Vereinten Nationen übertragen werden, der sich dabei von einem Aus3±ruß
aus Vertretern bestimmter Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen
beraten läßt. Die Mitglieder dieses Beratungsausschusses müssen
unserem Vorschlag gemäß zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllen: sie sollen die Entwicklung der Atomenergie kennen und sie
müssen ein Gebiet repräsentieren, das geographisch gesehen bestimmte Voraussetzungen erfüllt.
Wir schlagen vor, daß auf der Konferenz unter anderem solche
Themen wie der vermutliche Weltbedarf an elektrischer Energie,
der mögliche Beitrag der Atomenergie zur Beseitigung der Knappheit an herkömmlichen Brennstoffen, die Atomenergiewirtschaft,
die gesundheitlichen Aspekte der Atomenergie und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen erörtert werden. Erörtert werden
müssen ferner die Kerntechnik, die Verwendung von Kernreaktoren
in der Forschung und Energieerzeugung, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie in der Medizin und Biologie und die Verwendung
radioaktiver Erzeugnisse in der Industrie.
_.
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�10. November 1954

"AMERIKA DIENST"

Wir wissen, daß die Berichte und Entscheidungen der Konferenz
von großer Bedeutung sowohl für die zu errichtende Internationale
Atomenergiebehörde als auch für die einzelnen Länder in bezug auf
deren eigene Atomenergieprogramme sein werden.
IV. Schlußfolgerungen
Wir beabsichtigen, in diesem Ausschuß einen Resolutionsentwurf zu unterstützen, der den eben gemachten Ausführungen entspricht. Wir glauben, daß er vorbildlich sein kann für eine
praktische Teilnahme der Vereinten Nationen an diesem großen
Werk internationaler Zusammenarbeit, das der Entwicklung der
Atomenergie für friedliche Zwecke dienen soll. Indem die Vereinigten Staaten diese Resolution unterstützen, geben sie dem
Wunsche Ausdruck,gemeinsam mit Ihnen an der Verwirklichung dieses
Programms zu arbeiten, dessen alleiniger Zweck nach den Worten
Präsident Eisenhowers in seiner Rede vom vergangenen Dezember
darin besteht, "einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht sondern
seinem Leben geweiht wird."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. J A M E S B. CQNANT ZUR FRAGE DER
EUROPÄISCHEN INTEGRATION UND WIEDERVEREINIGUNG
DEUTSCHLANDS
BERLIN - (Amerika Dienst) - Nachfolgend der Text einer Ansprache, die der
amerikanische Hochkommissar, Dr. James
B. Conant, am 9.November 1954 über RIAS
Berlin gehalten hat:
Die letzten Monate haben uns Entscheidungen von außerordentlicher Wichtigkeit gebracht - Entscheidungen, die, wenn
sie vollständig durchgeführt sind, das Leben jedes einzelnen
von uns betreffen werden, das Leben jedes Berliners und jedes
Bewohners der Sowjetzone. Vor wenig mehr als zwei Monaten
standen wir vor einer Situation, die sich leicht zu einer Tragödie für die ganze westliche Welt hätte entwickeln können«
Unsere Integrationspläne, ja, unsere ganze Zukunft schien gefährdet. Heute jedoch scheint unsere Einigkeit gefestigter und
unsere Zukunft hoffnungsvoller als je zuvor.
Die Namen dreier Städte: London, Paris und Washington
wurden zu Symbolen für diese neue Entwicklung. In London wurde
die Grundlage gelegt für die neue Einheit, in Paris errichteten
wir das Gerüst, in Washington feierten wir sozusagen das Richtfest. Eine Reihe von verfassungstechnischen und sonstigen Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden, ehe das neue Gebäude fertig und bewohnbar sein wird, aber wir wissen, daß
diese Arbeit gute Portschritte macht.
Ich habe an allen drei Ereignissen teilgenommen, ich war in
London, Paris und Washington dabei. Diejenigen von uns, die
bei den entscheidenden Sitzungen in London und Paris anwesend
waren, erkannten, daß damals das Schicksal der freien Welt auf
dem Spiele stand. Ich war von dem Weitblick der europäischen
Staatsmänner bei den Verhandlungen tief beeindruckt, von ihrem
Gefühl für das wirklich Entscheidende und von ihrer Entschlossenheit, die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Ich werde niemals den historischen Augenblick vergessen,
in dem der britische Außenminister, Sir Anthony Eden, die Bereitschaft der britischen Regierung bekanntgab, der Union der
westeuropäischen Länder beizutreten. Wenn ich auf diese schicksalhaften Tage zurückschaue, kann ich nur die Worte wiederholen,
die Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr aus London sprach:
"Die Tatsache, daß soviel erreicht werden konnte, zeigt, wie lebensfähig die atlantische Gemeinschaft ist."
Was bedeutet das nun alles für uns ?
- 1 -

Meines

�"*MERIK* DIENST" 10. November 1954
Meines Erachtens bedeuten die londoner und Pariser Abkommen einen der größten Erfolge, die der Westen je erreicht hat.
Wir haben ihn erreicht trotz der unnachgiebigen und bösartigen
Versuche eines rücksichtslosen Gegners, den Nationen der freien
Welt diesen Erfolg zu verwehren. Es ist auch eine der klarsten
Niederlagen, die die Sowjetunion im Kalten Krieg erlitten hat.
Wir haben der sowjetischen Absicht, Mißtrauen zwischen den westlichen Alliierten zu säen und sie von einer Vereinigung abzuhalten, einen schweren und hoffentlich tödlichen Schlag versetzt*
Wir haben dabei gezeigt, wie falsch und nutzlos die sowjetische Taktik ist, den unnatürlichen Zustand der Schwäche und Uneinigkeit der Völker zu verewigen und durch Spaltung die Eroberung vorzubereiten. Wenn die Sowjetunion diese Absicht aufgeben muß, dann wird ein bedeutender Teil der sowjetischen Strategie hinfällig. Auf jeden Fall wird die westliche Union nach
ihrer Vollendung nicht nur den westlichen Nationen neue Kraft
geben, sondern sie wird die Gegner des Westens zwingen, bei der
Formulierung ihrer eigenen Pläne diese neue Situation zu respektieren.
Während der letzten Jahre wurde viel von der westlichen
"Politik der Stärke" gesprochen. Es bestand manchmal die Tendenz, Stärke nur nach dem Umfang der materiellen und militärischen Macht zu bemessen. Natürlich wäre es unklug, und unrealistisch, zu leugnen, daß es in unserem Zeitalter der globalen
Spannungen und Konflikte unerläßlich ist, sich mit den materiellen Verteidigungsmitteln auszurüsten, wenn man stark sein will.
Es gibt jedoch noch eine andere Stärke, und das ist die Stärke,
die in London und Paris in Erscheinung trat, nämlich die moralische Stärke der Nationen. Dazu gehört Mut, Entschlossenheit und
die Bereitschaft, für das gemeinsame Wohl Opfer zu bringen. Wenn
materielle Macht nicht mit dieser geistigen und moralischen Kraft
verbunden wird, dann ist sie nutzlos, ja sie wird sogar destruktiv. Wenn sich aber die materielle Macht mit der moralischen
Stärke verbindet, und wenn die Macht in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wird, dann brauchen wir keinen Mißbrauch der
Macht zu befürchten. Das ist der wahre Sinn der Pariser Abkommen. Die Stärke, die durch Einigkeit erreicht wurde, wird
nicht nur die einzelnen Mitglieder der Union schützen, sondern,
wie es Außenminister Dulles formuliert hat, auch die anderen
Nationen. Entweder mißverstehen diejenigen, die diese neue
Union verleumden, Zweck und Sinn der Abkommen, oder sie entwerfen absichtlich ein falsches Bild, Die Geschichte wird diesen Verleumdern beweisen, wie voreingenommen und falsch ihre
Ansichten sind.
Nun werden Sie, meine Hörer, fragen, aber wie steht es mit
unserer Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Deutschlands ?
Das ist schließlich das brennendste Problem für uns. Gerade mit
diesem Problem hat sich die Washingtoner Konferenz eingehend
befaßt. Bekanntlich haben der Präsident der Vereinigten Staaten
und Bundeskanzler Adenauer in einer gemeinsamen Erklärung in
Washington die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit als
eine berechtigte Forderung des deutschen Volkes bezeichnet.
Beide Staatsmänner waren sich einig, daß dieses Ziel auf friedlichem Wege erreicht werden muß. Sie gaben ihrer Überzeugung

�PIEKST"
10. November 1954
Überzeugung Ausdruck, daß fortgesetzte Bemühungen auf dieses
Ziel hin nötig sind, und sie stimmten überein, daß solche Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gemeinsam mit den Regierungen Großbritanniens und Prankreichs
unternommen werden sollen. Schließlich bestätigten sie ihren
festen Glauben, daß die Stärkung des freien Europas, die aus
den londoner und Pariser Abkommen erwächst, die Bemühungen
unterstützen wird, dem gesamten deutschen Volk Freiheit und
Einheit zu geben. Diese hoffnungsvolle Botschaft offenbart
unseren unerschütterlichen Glauben, daß das Recht über die
Macht triumphieren wird. Gewiß, diese Botschaft enthält keine
Zeitangaben, aber es wäre unverantwortlich und unrealistisch,
durch feste Voraussagen, verfrühte Hoffnungen zu erwecken.
Niemand von uns kann voraussagen, wann die Sowjetunion bereit
sein wird, die berechtigte Forderung des deutschen Volkes nach
Einheit in Freiheit anzuerkennen. Wir nehmen an, daß die Sowjets
bereit wären, sogenannte freie Wahlen nach dem Vorbild des
17.Oktober in ganz Deutschland abzuhalten. Aber die Freiheit,
die wir meinen, ist nicht die Freiheit, die die Sowjets meinen.
Es wird nicht leicht sein, die Wiedervereinigung in echter
Freiheit zu verwirklichen. Wir müssen Schritt um Schritt vorgehen. In London und Paris haben wir bereits entscheidende
Schritte getan, und ich bin sicher, daß wir unserem gemeinsamen Ziel näher gekommen sind« Ehe die westlichen Nationen
nicht einen gewissen Grad der Einigkeit erreicht hatten, konnten wir kaum erwarten, daß die Sowjets unsere wachsende Stärke
respektieren würden und ihre Taktik der neuen Situation anpassen. Aber jetzt, da die westliche Welt in immer engerer Verbundenheit zusammenfindet, dürfen wir hoffen, daß aus der neu
geschaffenen Einigkeit eine noch größere Einigkeit entsteht,
daß ein immer größeres Gebiet der Welt in den Genuß der Freiheit gelangt, bis auch jenen Menschen, die heute noch in der
Sklaverei leben, die Freiheit geschenkt wird.
"AMERIKÜ

Inzwischen wird meine Regierung, in enger Zusammenarbeit
mit der britischen und französischen Regierung, ihre Bemühungen fortsetzen, den Tag der Freiheit näher zu bringen. Wir werden sorgfältig alle ehrlichen und realistischen Vorschläge für
eine Lösung der noch schwebenden Probleme prüfen, besonders in
der Frage der deutschen Wiedervereinigung.
Wir werden auch weiterhin die Berliner Bevölkerung unterstützen. Die Vereinigten Staaten, zusammen mit Großbritannien
und Frankreich, haben die einzigartige Bedeutung der Stadt
Berlin für die westliche Welt in der Dreimächte-Erklärung
vom Jahre 1952 anerkannt, die im Oktober 1954 auf der Londoner Konferenz bestätigt wurde. Diese Erklärung stellt fest,
daß in der heutigen internationalen Lage die Sicherheit und
das Wohlergehen der Stadt Berlin und die Aufrechterhaltung
der Position der drei Mächte in Berlin wesentlich für den
Frieden sind. Es gibt kein anderes Gebiet auf dieser Erde, dem
der Schutz und die Unterstützung der amerikanischen Regierung
so klar und fest zugesagt wurde und das durch Wort und Tat so
wirksam beim Wiederaufbau gefördert wurde. Durch diese Unterstützung, die gewährt werden wird solange sie nötig ist, war
die Stadt in der Lage, ein aktives wirtschaftliches, kulturel-

- 3-

�"ÜMEBIJU

SIEHST"

10. November 1954

kulturelles und politisches Leben zu entwickeln - trotz ihrer
schwierigen Lage als Inäel der Freiheit mitten im kommunistisch
beherrschten Gebiet.
Die amerikanische Unterstützung bestand nicht nur in der
finanziellen Hilfe im Wert von fast einer Milliarde Dollar im
Laufe der letzten Jahre, sondern auch in der Förderung des
Handels und in der Produktionssteigerung. Dadurch war es möglich, innerhalb von drei Jahren die Produktion zu verdoppeln
und die Zahl der Arbeitsplätze beträchtlich zu erhöhen.
Ich möchte besonders betonen, daß diese Erfolge erzielt
würden, obwohl die Zahl der Arbeitsuchenden durch neuhinzukommende Flüchtlinge vergrößert wurde. Außerdem mußte die Stadt
Berlin Tausenden von Flüchtlingen vorübergehend Obdach geben,
bis sie in die Bundesrepublik geflogen werden konnten. Was in
Berlin seit der Blockade erreicht wurde, erwuchs aus der engen
Zusammenarbeit zwischen der tapferen Bevölkerung Berlins und
der Regierung der Vereinigten Staaten.
Die ganze Welt bewundert heute den Mut der Berliner Bevölkerung, aber sie weiß auch, daß die schwierigen Bedingungen,
unter denen Sie, meine Hörer in der Sowjetzone, leben, Tag für
Tag einen noch größeren Mut erfordern. Aber ich weiß, daß in
Ihrem Herzen die Überzeugung lebt, daß auch Ihre Zone ein Teil
Deutschlands ist und bleibt und damit auch zu der Gemeinschaft
der freien Nationen gehört. Erhalten Sie sich dieses Gefühl
der Zusammengehörigkeit mit dem Westen so wie auch wir immer
unserer Zusammengehörigkeit mit Ihnen eingedenk sein wollen bis zum Tag der Wiedervereinigung in Freiheit.

* * * * #

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�Gleichfalls übersende ich zur Informa ion des Sen ts eine
Abschrift der als Pazifik-Charta bekannten E klarung, die in
Mani a ausgearbeitet und am gleichen Tage in erzeichnet wurde.
Die Charta proklamiert das Bekenntnis der
gnatarmächte zu
den Grundsätzen der Selbstbestimmung und der U bha gigkeit.
Sie teilt eine Grundsatzerklärung dar und erfor ert deshalb
nich "en Rat und die Zustimmung des Senats.
Ferner wird hiermit dem Senat zur Information der Bericht
übermittelt, der mir vom Außenminister zum Südost s' tischen
Vert idigungspakt und em hierzu gehörigen Prot koll bergeben worden ist. Im Einklang mit der Empfehlung des Ministers,
ist die "einmütige Übe e'nstimmung", wie sie Artikel I
Paragraph
1, für die Namhaftmachung von Staaten oder Terr torie , Artikel
VII für die Einladung an Staaten, dem Pakt beizutreten, und Artikel VIII für eine Änderung des von dem Pakt betroffenen Raumes
vorsieht, in jedem Fall so auszulegen, daß hierfür der Senat
seine Billigung und Zustimmung geben muß.
,-

- 1 -

�AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Der Vertrag ist dazu bestimmt, die Sicherheit und den Frieden in Südostasien und dem südwestpazifischen Raum dadurch zu
fördern, daß er vor einer kommunistischen oder anderweitigen
Aggression in diesem Raum abschreckt. Es ist dies ein DefensivVertrag sowohl gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen
Umsturzversuche von innen her. Für die Vereinigten Staaten ergibt sich aus dem Vertrag die selbstverständliche Voraussetzung,
daß der einzige bewaffnete Angriff in diesem Raum, den die Vereinigten Staaten notwendigerweise als Gefährdung des Friedens
und ihrer Sicherheit betrachten würden, ein kommunistischer bewaffneter Angriff wäre. Der Vertrag fordert wirtschaftliche Zusammenarbeit, um die freien Länder dieses Raumes in die Lage zu
versetzen, nicht nur auf militärischem sondern auch auf sozialem
und wirtschaftlichem Gebiet stark und lebensfähig zu werden.
Der Südostasiatische Verteidigungspakt bedeutet eine Ergänzung unserer anderen Sicherheitspakte im Pazifik und stellt
ein wichtiges Glied im System kollektiver Sicherheit der freien
Nationen des südostasiatischen und pazifischen Raumes dar.
Ich empfehle, der Senat möge den hiermit unterbreiteten Vertrag samt Protokoll bald und in wohlwollendem Sinne erörtern und,
unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen für die
Vereinigten Staaten selbstverständlichen Voraussetzungen die
Ratifizierung befürworten.
Dwight D. Eisenhower,
Weisses Haus, 10. November 1954

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�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Bericht des amerikanischen Außenministers an
den Präsidenten

Ich habe die Ehre, Ihnen in der Erwartung, daß Sie Vorliegendes an den Senat zur Billigung und Zustimmung,der Ratifizierung weiterleiten, eine Ausfertigung des Südostasiatischen
Verteidigungspaktes samt dem dazugehörigen Protokoll, die beide
am 8. September 1954 in Manila unterzeichnet wurden, zu unterbreiten. Zur Informationen des Senats wird außerdem eine Kopie der
am gleichen Tag in Manila unterzeichneten und proklamierten Pazifik-Charta vorgelegt. Die Charta ist eine Grundsatzerklärung
und bedarf nicht der Zustimmung und Billigung des Senats.
Auf Ihr Ersuchen begleiteten mich die Senatoren H. Alexander Smith und Michael J. Mansfield vom Außenpolitischen Ausschuß
des Senats als bevollmächtigter Delegierte zur Manila-Konferenz
und unterzeichneten mit mir den Vertrag, das Protokoll und die
Pazifik-Charta. Ich bin ihnen für die Beiträge, die sie für den
erfolgreichen Abschluß dieser Dokumente geleistet haben, außerordentlich zu Dank verpflichtet. Dieser Vertrag ist einer von
denjenigen, wobei Regierung und Senat, durch die beiden in diesem
vertretenen politischen Parteien, die ganze Zeit hindurch zusammengearbeitet haben.
Das Ziel des Südostasiatischen Verteidigungspaktes ist die
Schaffung einer Einheit für Sicherheit und Frieden in Südostasien und im südwestlichen Pazifik. Acht Nationen - Australien,
Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Republik der Philippinen,
Thailand, Großbritannien und die Vereinigten Staaten - haben an
den Verhandlungen als freie und gleichberechtigte Partner teilgenommen. Es ist dies sowohl ein Vertrag der gemeinsamen Verteidigung gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen Umsturzversuche von innen heraus. Obgleich die Vereinigten Staaten kein
direktes territoriales Interesse in Südostasien haben, ist uns
mit den Völkern und Regierungen dieses Raumes vieles gemeinsam,
und wissen wir uns eins mit ihnen angesichts der gemeinsamen
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus.
Wie ich in meiner Rede an die Nation am 15« September erklärte, entspricht die Einigkeit, die durch den Vertrag vorgesehen ist, dem, was die Vereinigten Staaten schon lange angestrebt haben. Im Auftrag der vorhergehenden amerikanischen Regierung verhandelte ich im Jahr 1951 mit Australien und Neuseeland, der Republik der Philippinen und Japan über Sicherheitsverträge. In der Zwischenzeit wurde auch mit Korea ein Beistandspakt abgeschlossen, bei dem allerdings die Ratifizierungsurkunden
noch ausgetauscht werden müssen. Jeder dieser Verträge spielt
noch immer eine Rolle im Ausbau eines pazifischen Sicherheitssystems, und jeder sah die Entwicklung eines umfassenden Systems
regionaler Sicherheit im pazifischen Raum vor.
w.

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Wie die früheren Verträge steht auch der Manila-Pakt voll in
Einklang mit den Absichten und Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen; er basiert auf Artikel 51, der das unabdingbare
Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung anerkennt. Er richtet sich gegen keine Regierung, gegen keinen Staat
und gegen -kein Volk.
Der Vertrag besteht aus einer Präambel und elf Artikeln. In
der Präam el sind Geist und Ziele des Vertragswerkes umrissen.
Es anerkennt die unbeschränkte Gleichheit aller Vertragspartner
u d gibt noch einmal ihrem Glauben an die Charta der Vereinten
Nationen und ihrem Verlangen, mit allen Völkern und Regierungen
in Frieden zu leben, Ausdruck. Indem es noch einmal den Grundsatz
von den gleichen Rechten und der Selbstbestimmung der Völker versichert, erklärt es die Absicht der Partner, sich mit Hilfe aller
zur Verfügung stehenden friedlichen Mittel darum zu bemühen,
daß das Prinzip der Selbstregierung gefördert und die Unabhängigkeit all jener Länder erhalten wird, deren Völker diese wünschen
und auch wirklich in der Lage sind , die daraus erwachsenden
Ve. antwortlichkeiten auf sich zu nehmen. Durch die Öffentliche
und formelle Erkläru; g ihrer Auffassung von Einigkeit weisen die
Vertragspartner jeden möglichen Aggressor warnend darauf hin, daß
sie in dem betreffenden Raum zusammenstehen werden. Die Präambel
gibt auch dem fundamentalen Zweck des Vertrages Ausdruck, d.h.
der weiteren Koordinierung der Bemühungen um kollektive Verteidigung zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit.
Die elf Artikel der Pazifik-Charta

ARTIKEL I enthält Bestimmungen, die denen in vergleichbaren
Artikeln anderer Sicherheitsverträge ähneln. Im Rahmen dieser Bedingungen bekräftigen die vertragschließenden Partner ihre in der
Charta der Vereinten Nationen feierlich übernommenen Verpflichtungen, alle internationalen Streitfälle, in die sie verwickelt
werden sollten, mit friedlichen Mit ein eizulegen und sich in ihren internationalen Beziehungen der Drohung mit oder der Anwendung von Gewaltmitteln zu enthalten, die unvereinbar mit den
Zwecken der Vereinten Nationen sind. Alle vertragschließenden
Partner sind Mitglieder der Vereinten Nationen.
ARTIKEL II nimmt in den Vertrag den Grundsatz der VandenbergEntschließung (siehe Resolution 239 80. Kongreß) auf, der verlangt, daß regionale und kollek ive Sicherheitsvereinbarungen,
denen sich die Vereinigten Staaten anschließen, auf ständiger
Selbsthilfe und gegenseitiger Hilfe beruhen müssen. Die Parteien
verpflichten sich auf diese Weise, nicht nur ihre eigene und
ihre kollektive Fähigkeit, einem bewaffneten Angriff Widerstand zu
leisten, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, sondern auch
Umsturzbestrebungen, die von außen her gegen ihre territoriale
Unantastbarkeit und politische Stabilität unternommen werden, zu
verhindern und zu bekämpfen. Der Vertrag erkennt so die Gefahr

�"AMERIKA DIENST"

17 • N vember 1954

Gefahr eines Umsturzes oder einer indirekten Aggression an, die,
wie wir genau wissen, die Hauptwerkzeuge des internat onalen
Kommunismus bilden.
ARTIKEL III erkennt die Wichtigkeit freie: Ins t t onen
und gesunder Wirtschaftssysteme für die Erreichung
r Z
e des
Friedens und der Sicherheit an. Er gründet sich a f
Über Fügung, daß die günstigen Gelegenheiten für dm Komm
smus sich
verringern werden, wenn die freien Völker dur,ch
ts
ft\ iche
Zusammenarbeit in der Lage sind, ihre innere :-„abi itä zu entwickeln. Die Vertragschließenden kommen übere'
s ch bei der
Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts un der soz
Wohlfahrt gegenseitig behilflich zu sein. Dies r Artik
ve pflichtet die Vereinigten Staaten nicht zu irgen eich
Unterstützungsprogramm. Wie ich jedoch schon m meiner Rede vom l5»&lt;
September feststellte, sah der Kongreß in diesem ahre
raus,
daß in Südostasien besondere Notstände sich erg oen wür n. Auf
Grund der Mutual Security Act (des Gesetzes für gemeinsame Sicherheit) hat der Kongreß bereits bestimmte F nds b reit es eilt,
die dazu verwendet werden können, den freien Regierungen in Südostasien Beistand zu leisten.
Der Artikel richtet keine wirtschaftlichen M uern a
gegenüber Ländern oder Gebieten, die nicht dem Vertrag angebe lossen
sind. Da zwischen den Ländern, die schwerwiegende Abmach ngen miteinander treffen, besonders enge Beziehungen vorwa ten sol't ,
so sind sich die Vertragsländer völlig der Bedeutung ew ßt, die
vom wirtschaftlichen Standpunkt solchen Ländern wie J pan, Indonesien, Burma, Ceylon, Indien, Formosa und anderen Ge ie JXI im
fernöstlichen und südasiatischen Raum zukommt. Artike II' schließt
nicht unsere weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit diesen
und anderen Ländern aus, deren Wirtschaft iche Wohlfahrt als
bedeutsam sowohl für die Stabilität des Vertragsgebietes ala auch
für unser eigenes Wohlergehen erachtet wird.
ARTIKEL IV enthält einige der wichtigsten Bestimmungen des
Vertrages. Mit ihm werden die Bestimmungen fo tgeführt, durch die
die Parteien auch über die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression einigen.
Unter Absatz 1 dieses Artikels erkennt jede der Parteien an,
daß "eine Aggression durch einen bewaffneten Angriff in dem Vertragsgebiet gegen eine der Parteien oder gegen irgendeinen Staat
oder ein Gebiet, das die Vertragsparteien an chließend einstimmig
bezeichnen können, ihren eigenen Friede., und die eigene Sicherheit
gefährden würde und l chbereit erklärt, beim Eintritt eines
solchen Ereignisses entsprechend den in den " ertragsbestimmungen
festgelegten Verfahren der gemeinsamen Gefahr ntgegenzutreten."
Dieser Wortlaut beruht auf dem Grundsatz de "Monroe-Doktrin"
und wurde bereits in anderen Sicherheitsvertrage der Vereinigten Staaten im Pazifik angewandt. Jede Part I erkennt in Artikel
IV, Absatz 1, an, daß der darin bezeichnete bewaffnete Angriff
als eine Gefährdung des eigenen Friedens und der eigenen Sicherheit angesehen würde.
_,..

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17. November

1954

Für die Vereinigten Staaten kann diese Vertragsbestimmung
nur ein kommunistischer bewaffneter Angriff wirksam werden lassen.
Die Haltung der Vereinigten Staaten geht aus dem Wortlaut des
Vertrages selbst hervor. Dort heißt es wie folgt:
"Für die Vereinigten Staaten ist das Wirksamwerden der Bestimmungen des vorliegenden Vertrages an die Voraussetzung gebunden, daß die Anerkennung der Tatsache einer Aggression und
eines bewaffneten Angriffs und d er entsprechenden Vorschriften
des Artikels IV, Absatz 1, nur auf eine kommunistische Aggression
Anwendung findet«, Die Vereinigten Staaten bestätigen jedoch, daß
sie im Falle einer anderen Aggression oder eines anderen bewaffneten Angriffs gemäß den Bestimmungen des Artikels 17, Absatz 2,
in Beratungen eintreten werden."
Diese Bedingung entspricht der besonderen Stellung der Vereinigten Staaten als der einzigen der Signatarmächte, die in
dem Vertragsgebiet keine territorialen Besitzungen hat. Die anderen Signatarmächte bindet der Vertrag bei jedwedem Aggressionsakt, der den Frieden in diesem Gebiet stören könnte. Bezüglich
der Vereinigten Staaten ist jedoch ausdrücklich festgelegt, daß
die Vereinigten Staaten nur einen kommunistischen bewaffneten
Angriff als eine wirkliche Bedrohung für ihren Frieden und i
ihre Sicherheit ansehen würden. Die Erkenntnis, daß ein
kommunistischer bewaffneter Angriff in Südostasien tatsächlich
den Frieden und die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohen
und eine Gegenaktion der Vereinigten Staaten erforderlich machen
würde, beruht auf der Überlegung„ daß die Ausweitung des internationalen Kommunismus die Vereinigten Staaten ebenso wie die
gesamte freie Weit bedroht.
Der Wortlaut von Absatz 1 sieht außerdem die einstimmige
Bezeichnung anderer Staaten oder Territorien vor, für die, falls
sie einem bewaffneten Angriff ausgesetzt sein würden, gewisse
Bestimmungen des Vertrage^ ebenfalls wirksam würden. Ich empfehle
Ihnen, den Senat davon zu unterrichten, daß diese Vorschrift so
ausgelegt werden muß, daß für jedes Abkommen, mit dem eine solche
Bezeichnung vorgenommen wird, Beratung und Zustimmung des Senats
der Vereinigten Staaten erforderlich sind.
Das Übereinkommen jeder der Parteien, der gemeinsamen Gefahr
"in Übereinstimmung mit dem in den Vertragsbestimmungen festgelegten Verfahren" entgegenzutreten, überläßt jedem Lande die
Entscheidung, welche Gegenaktion im Falle eines bewaffneten Angriffs zu unternehmen ist. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von
Verteidigungsmaßnahmen, die je nach den Umständen angewandt werden können. Selbstverständlich würde jede Aktion, die die Vereinigten Staaten unternehmen würden^ in Übereinstimmung mit dem
in den Vertragsbestimmungen vorgeschriebenen Verfahren erfolgen.
Im letzten Satz des Absatzes wird bestimmt, daß die gegen
eine bewaffnete Aggression zu unternehmenden Maßnahmen, gemäß
den in der Charta der Vereinten Nationen in Artikel 51 von den
Parteien eingegangen Verpflichtungen, dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu melden sind.
....

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17. November

1954

Mit der Gefahr der Subversion und indirekten Aggression befaßt sich Absatz 2 des Artikels IV, der sich über dieses schwierige Problem k arer ausläßt, als jeder andere früher abgeschlossene Sicherheitsvertrag. Danach sind unmittelbare Konsultationen
der Vertragsparteien vorgesehen, sobald irgend eine der Parteien
glaubt, daß die Integrität des Vertragsgebietes durch einen anderen als e;nen bewaffneten Angriff bedroht ist. Die Bedrohung
kann sich s wohl richten gegen die territoriale Unverletzlichkeit
oder Integrität als auch gegen die Souveränität oder politische
Unabhängigkei jedes Teils innerhalb des Vertragsgebietes, oder
gegen jeden an eren Staat oder Territorium, auf die von Zeit zu
Zeit Abschnitt 1 des Artikels angewandt werden kann. Der Absatz
enthält keine Verpflichtung, die über eine Konsultation hinaus
geh » aber der Zweck der Konsultation ist, sich über die zur gemeinsamen Verteidigung zu ergreifenden Maßnahmen zu verständigen.
In der Erläuter ng des Artikels IV, Absatz 1, bestätigen die
Vereinigten Sta ten, daß sie im Falle einer anderen Aggression
oder eines anderen bewaffneten Angriffs als einer kommunistischen
Aggression die Vorschriften des Artikels IV, Absatz 2 beachten
wercen.
Absatz 3 bestätigt den Grundsatz gleicher Rechte und der
Selbstbestimmung der Völker, die die Signatarmächte der PazifikCharta proklamiert haben. Er enthält ferner die Übereinkunft der
Teilnahmer, nach de , außer
I einer Einladung oder Einwilligung
der betreffenden Regierung, keine Hand ung auf dem Gebiet irgendeines der in Absatz 1 näher bezeichneten Staaten oder irgendeines
anderen der bezeichneten Territorien vorgenommen werden darf.
Um die Durch ü r ng des Vertrages zu erleichtern, wird
Artikel V ein Rat gegründet, in dem jeder Beteiligte vertreten
ist. Der Rat wird im Hinblick auf m'litärische oder andere Planungen, wie sie ein veränderte Situation innerhalb des Vertragsgebietes erfordern könnte, eine Bera ung festsetzen.
Unsere Beteili ung am Rat wird keine materiellen Änderungen
der militärischen Pläne der Vereinigten Staaten erfordern. Die
gegenwärtige Planung der USA ve langt die ständige Unterhaltung
starker Plottenverbande und Luftstreitkräften im westlichen Pazifik, die groß genug sind, jeden Angriffsversuch zurückzuwerfen und zwar dort, wo wir es für richtig halten. Wie ich bereits
auf der Manila-Konferenz erklärte, sind die Verantwortlichkeiten
der Vereinigten Staaten so ausgedehnt und weitreichend, dai wir
glauben, nicht durch den Einsatz bestimmter Streitkräfte an bestimmten Punkten des pazifischen Areals, sondern durch die Entwicklung abschreckender mobiler Streitkräfte und strategisch aufgestellter Reserven der Sache am besten zu dienen. Die Konferenz
akzeptierte diesen Standpunkt. Sie sah ein, daß die so geschaffene abschreckende Militärmacht auf di.se Weise viele Punkte
gleichzeitig wirksam schützen könnte«. Dennoch mögen es andere
Mitglieder für wünschenswert halten, ihren Beitrag zur Verstärkung der pazifischen Verteidigung durch Aufstellung besonderer
Streitkräfte zu leisten.
Artikel VI

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17. November 1954

ARTIKEL VI stellt klar fest, daß die sich aus diesem Pakt
ergebenden Verpflichtungen der Teilnehmer in keiner Weise mit
ihren Verpflichtungen kollidieren, die sich aus der Charta
der Vereinten Nationen ergeben. Der Artikel anerkennt den Vorrang der Vereinten Nationen und ihre erste Verantwortlichkeit
bei der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit. Jeder Teilnahmer erklärt, daß er
keine internationalen Verpflichtungen habe, die mit dem Vertrag
nicht vereinbar seien, und daß er auch nicht beabsichtige, solche
Verpflichtungen einzugehen.
ARTIKEL VII stellt in Rechnung, daß sich nicht alle Länder,
deren Interessen heute oder in der Zukunft mit denen des "Allgemeinen Südostasien-Verteidigungspaktes" verbunden sind, in der
Situation befinden, jetzt schon Mitglieder zu werden. In Übereinstimmung damit bestimmt er, daß die Mitglieder durch einstimmigen
Beschluß andere Staaten, die in der Lage sind, die Ziele des Vertrages zu fördern und zur Sicherheit des südostasiatischen Areals
beizusteuern, zu einem späteren Zeitpunkt einladen können, dem
Vertrag beizutreten. Ich empfehle daher, dem Artikel so zu interpretieren, als erfordere er Rat und Zustimmung des Senates, damit
die Vereinigten Staaten an dem "einstimmigen Beschluß" teilnehmen
dürfen, der zur Einladung neuer Teilnehmer vorgeschrieben ist.
ARTIKEL VIII definiert das gesamte Gebiet Südostasiens, einschließlich aller Territorien der asiatischen Vertragspartner,
als den Vertragsbereich, sowie den südwestlichen Pazifik bis zu
der Linie 21 30' nördlicher Breite. Es ist dafür Sorge getragen
worden, daß der Vertragsbereich durch einen Zusatzartikel unter
allseitiger Zustimmung festgesetzt wird. Was die Vereinigten Staaten angeht, so schlage ich vor, daß der Rat und die Zustimmung
des Senats für eine solche Übereinkunft erforderlich ist.
ARTIKEL IX betraut die Philippinische Republik mit den laufe nden-TfTTcTrFen der Aufbewahrung des Vertrages. Absatz 2 sieht
vor, daß die Ratifizierung und die Ausführung des Vertrages
von den Partnern nach ihrem jeweiligen konstitutionellen Verfahren
vorgenommen werden soll. Daß der Beitritt der Vereinigten Staaten
zu kollektiven Übereinkünften auf dem Wege des konstitutionellen
Verfahrens erfolgt, ist in der Vandenberg-Resolution vorgeschlagen,
und bildete bisher die Grundlage für alle unsere Sicherheitspakte.
Absatz 3 des Artikels IX sieht vor, daß die Ratifizierung durch
die Mehrheit der Signatarmächte den Vertrag für diejenigen Mächte,
die ratifiziert haben, bereits in Kraft treten läßt. Hinsichtlich
der anderen Staaten soll er am Tage der Ratifizierung in Kraft
treten.
Nach ARTIKEL X hat der Vertrag unbegrenzte Dauer, doch jeder
Partner kann unter Einhaltung einer einjährigen Kündigungsfrist
austreten. Es ist zu hoffen, daß die Zusammenarbeit für Frieden
und Sicherheit, die den Inhalt dieses Vertrages ausmacht, Bestand
haben wird. Gleichwohl erscheint, da die im Vertragsgebiet herrschenden Bedingungen gewissen Veränderungen unterworfen sind, eine

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17. November

1954

eine elastische Regelung hinsichtlich der Dauer geraten.
ARTIKEL XI ist formalen Inhalts und betrifft die amtliche
Vertragssprache.
Das Protokoll dehnt die Gültigkeit der Artikel III und IV
auf die Staaten Kambodscha und Laos sowie auf das Freie Territorium unter vietnamesischer Oberherrschaft aus. Einige Vertragsmächte waren der Meinung, daß die Situation in Indochina diesen
drei Ländern Hindernisse bieten könnte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in das Vertragswerk als Teilnehmer aufgenommen zu werden,
Indem es sie als Staaten oder Teritorien im Sinne des Artikels
IV bezeichnet, bestimmt das Protokoll, daß ein bewaffneter oder
auch ein mittelbarer Angriff gegen Laos, Kambodscha oder gegen
das unter vietnamesischer Verwaltung stehende Territorium die
unter diesem Artikel vorgesehenen Folgen nach sich ziehen würde.
Damit ist diesen neuen Nationen ein gewisser Schutz garantiert
und das Protokoll gewährt auch diesen Ländern die Verträge hinsichtlich wirtschaftlicher Maßnahmen, einschließlich der in
Artikel III erwähnten technischen Hilfe. Das Protokoll wird so
der Tatsache gerecht, daß der wirtschaftliche Portschritt und
das soziale Wohlergehen dieser Gebiete nicht von dem Wohlergehen
und der Widerstandskraft zu trennen sind, die der ganze Vertragsbereich dem Kommunismus entgegenzusetzen hat. t
Zusätzlich zu Vertrag und Protokoll wurde auf der ManilaKonferenz weiterhin eine Erklärung aufgesetzt und unterzeichnet, die als Pazifik-Charta bekannt ist. Diese Charta war die
Idee des philippinischen Präsidenten Magsaysay, der darauf hinwies, wie wichtig es sei, den Gedanken zu unterstreichen, daß
die Vertragsmächte das Wohl der asiatischen Völker wollten und
keinem Kolonialismus Vorschub leisten möchten. Wie ich bereits
der Konferenz in meiner Eröffnungsansprache erklärte, bildet die
Behauptung, daß die westlichen Mächte danach trachten, die Völker Asiens zu unterdrücken, eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus. Ich wies weiter darauf hin, daß wir immer wieder unsere
Absicht, die Unabhängigkeit zu stärken, klarstellen müssen.
Die Pazifik-Charta verkündet gewisse Grundprinzipien hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechte der Völker, hinsichtlich
der Selbstverwaltung, der Unabhängigkeit. Sie verpflichtet alle
Signatarmächte, diese Prinzipien in die Tat umzusetzen, sobald
ein Volk dieses wünscht und in der Lage ist, die Verantwortung
für sich selbst zu übernehmen. In der Pazifik-Charta haben sich
der Westen und der Osten brüderlich verbunden, die Grundprinzipien) auf denen sich der kollektive südostasiatische Verteidigungspakt und das Protokoll aufbauen, zu stützen und zu stärken.
Im Hinblick auf die Wichtigkeit, die dem südostasiatischen
Verteidigungspakt und dem Protokoll bei der Abwendung kommunistischer oder anderer Angriffe und als einem Bollwerk der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit im pazifischen
Raum zukommt, darf die Hoffnung ausgesprochen werden, daß dieser
Vertrag, der die von den Vereinigten Staaten gestellten Bedinggungen enthält, auch im Sinne einer amerikanischen Beteiligung,
zusammen mit dem Protokoll dem Senat zur baldigen und geneigten
Entscheidung vorgelegt werde.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER LEGT PARISER VERTRÄGE DEM
US-SENAT ZUR RATIFIZIERUNG VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen 1• den Wortlaut des Begleitschreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D.
Eisenhower vom 15» November 1954» mit dem er dem
amerikanischen Senat die Pariser Protokolle über
die Beendigung des Besatzungsregimes in Deutschland und die Aufnahme Deutschlands in die NATO zur
Ratifizierung übersandt hat;sowie 2. den Wortlaut des
Schreibens des US-Außenministers John Poster Dulles
vom 12. November 1954 an den amerikanischen Präsidenten, mit dem er diesen auf die weitreichende
und positive Bedeutung der Pariser Vertragswerke
hinweist und bittet, die Ratifizierung der Verträge
durch den Senat zu befürworten.

An den Senat der Vereinigten Staaten.
Hiermit unterbreite ich dem Senat zur Beratung eine beglaubigte Ausfertigung des am 23. Oktob er in Paris unterzeichneten Protokolls über die Beendigung de s Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik Deutschland mit sein en fünf Listen sowie
eine beglaubigte Ausfertigung des Zusat zprotokolls zum Nordatlantikpakt über die Aufnahme der Bund esrepubiik Deutschland
in die Nordatlantikpakt-Organisation, w elches gleichfalls am
23. Oktober 1954 zu Paris unterzeichnet wurde. Ich ersuche den
Senat um seine Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung dieser beiden Verträge.
Darüber hinaus unterbreite ich dem Senat zu seiner Information eine Anzahl weiterer, mit diesem Fragenkomplex zusammenhängender Dokumente. Dies sind: ein mir vom Außenminister unterbreiteter Bericht über die vorliegenden Verträge; die Londoner
Schlußakte über die Neun-Mächte-Konferenz in London vom 28. September bis 3« Oktober 1954 mit Anhang; drei vom Nordatlantikrat
am 22. Oktober angenommene Resolutionen; vier am 23. Oktober in
Paris unterzeichnete Protokolle zur Änderung und Ergänzung des
Brüsseler Paktes mit dem Wortlaut des am 17. März 1948 geschlossenen Brüsseler Paktes; eine vom 23. Oktober 1954 stammende Deklaration der Signatarstaaten des Brüsseler Paktes über die

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17. November

1954

die Einladung Italiens und der Bundesrepublik Deutschland zum Beitritt zu diesem Vertrag; eine von der Neun-Mächte-Konferenz am
21. Oktober 1954 angenommene Resolution bezüglich der Produktion
und Standardisierung der Rüstungen; der Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland
vom 23. Oktober 1954; die Drei-Mächte-Erklärung über die Ausübung
der Vorbehaltsrechte in Deutschland, abgegeben am 23- Oktober 1954;
gewisse Briefe bezüglich der Beendigung des Besatzungsregimes
in der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Oktober 1954 mit dem
darin erwähnten Schreiben aus dem Jahre 1952; und die Erklärung
bezüglich Berlin, abgegeben von den Außenministern Frankreichs,
der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches zu
Paris am 23. Oktober 1954.
Ich bin mir bewußt, daß der Senat der Bedeutung dieser Verträge für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die Sache
des Friedens und der Freiheit in der Welt eingedenk ist.. In diesen
Verträgen kulminieren die seit Jahren unternommenen Bemühungen,
eine engere Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit zwischen
den Nationen Westeuropas herbeizuführen und einen Weg dafür zu
finden, das große ] Kräftepotential der Bundesrepublik mit dem der
freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und
der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr eines Wiederauflebens des
deutschen Militarismus vermieden wird. Der Kongreß der Vereinigten Staaten hat zu wiederholten Malen seiner Überzeugung Ausdruck
gegeben, daß die gesamte atlantische Gemeinschaft im wesentlichen
nur bei Erreichung dieser Ziele wirksam werden kann. Im vergangenen Sommer nahm der Senat eine Resolution an (Senatsresolution Nr.
295 vom 30. Juli 1954), in der er zum Ausdruck brachte, daß Maßnahmen zur Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands eingeleitet werden sollen, um die Bundesrepublik Deutschland in die
Lage zu versetzen, einen Beitrag zum internationalen Frieden und
zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Man hatte gehofft, diese Ziele durch Abschluß des Vertrages
über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie
die Bonner Verträge vom 26. Mai 195?,durch die das Besatzungsregime in der Bundesrepublik beendet werden sollte, zu erreichen.
Aber der Vertrag über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wurde nicht ratifiziert, und die Bonner Verträge,
die mit dem EVG-Vertrag gekoppelt waren, konnten nicht in Kraft
gesetzt werden. Es erwies sich daher als notwendig, andere Regelungen zu treffen, die es den Nationen der Nordatlantikgemeinschaft ermöglichen, für ihre gemeinsame Sicherheit zu arbeiten;
diese Regelungen sind in den vorliegenden Abkommen enthalten.
Gemäß dieser Abkommen wird die Bundesrepublik eingeladen, dem
Nordatlantikpakt und, gemeinsam mit Italien, dem Brüsseler Vertrag beizutreten. Darüber hinaus werden wichtige Änderungen der
militärischen Vereinbarungen im Vertrag über die Nordatlantikpaktorganisation sowie Änderungen grundsätzlicher Natur im Brüsseler Pakt dem Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und

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17. November

1954

und das Vereinigte Königreich bereits angehören, vorgenommen
werden. Diese Änderungen werden nicht nur gewisse, bereits vereinbarte Rüstungskontrollen für die europäischen Länder zur Folge
haben, sondern auch die Nordatlantikpakt-Organisation und die
Brüsseler Organisation, die sog. Westeuropäische Union, stärken
und untermauern.
Was die NATO anbetrifft, so werden die dem Alliierten Oberbefehlshaber in Europa unterstellten Streitkräfte hinsichtlich der
Stärke und Verwendung der Truppen, der Kontrolle und des Nachschubwesens eine Stärkung erfahren. Daneben dürfte der Grundsatz
der Integration der Kontingente auch auf kleinere Einheiten Anwendung finden, als dies bisher der Fall ist. Diese Maßnahmen
sind einfach an sich wünschenswert, weil sie die allgemeine Schlagkraft der NATO-Streitkräfte erhöhen. Gleichzeitig wird dadurch
eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit der der NATO unterstellten
nationalen Kontingente geschaffen, so daß selbständige militärische Aktionen seitens irgendeines Staates in dem SACEÜR unterstehenden Befehlsraum weitgehend unterbunden werden.
Der Brüsseler Vertrag wird insofern abgeändert, als ein neuer
Rat für die Westeuropäische Union geschaffen und die Förderung
der europäischen Einheit zu einem der Ziele des Vertrages erklärt
wird. Dieser Rat erhält wichtige Vollmachten auf dem Gebiet der
Kontrolle der Streitkräfte und Rüstungen. Die Stärke der auf dem
Kontinent stationierten Streitkräfte der dem Brüsseler Vertrag
angeschlossenen Länder ist ausdrücklich festgelegt und entspricht
für diejenigen Länder, die Mitglieder der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft werden sollten, der im EVG-Vertrag festgelegten
Stärke. Diese Begrenzung der Stärke der Streitkräfte kann nur durdh
einstimmigen Beschluß des Rates geändert werden. Daneben hat Großbritannien sich bereit erklärt, seine Truppen auf dem europäischen
Festland in der bisherigen Stärke zu belassen. Auf dem Gebiet der
Rüstung sind weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland hat auf das Recht zur Herstellung von
Atomwaffen und bestimmten anderen Kriegsmaterialien verzichtet.
Die wichtigsten herkömmlichen Waffen werden einer Kontrolle unterstellt. Zum Zwecke der Durchführung dieser Bestimmungen zur Rüstungskontrolle wird ein Amt für Rüstungskontrolle geschaffen
werden.Man ist ferner übereingekommen, das Besatzungsregime zu beenden und der Bundesrepublik die gesamten Machtbefugnisse eines
souveränen Staates über ihre äußeren und inneren Angelegenheiten
zu übertragen. Dies wird durch das Protokoll über die Beendigung
des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland bewerkstelligt, mit dem die dem Senat im Jahre 1952 vorgelegten Verträge
abgeändert und in dieser Neufassung in Kraft gesetzt werden» Die
Vertragsänderungen sollen in erster Linie dazu dienen, das Bonner
Vertragswerk mit den neuen Abmachungen über einen deutschen Verteidigungsbeitrag und eine Mitgliedschaft der Bundesrepublik in
der Nordatlantikpakt-Organisation in Einklang zu bringen. Der
größte Teil der Verträge blieb unverändert. Sie stellen, wie bisherj
die Abmachungen über die Aufhebung des Besatzungsstatuts, die Auf- 3 -

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17. November

1954

Auflösung der Alliierten Hochkommission und die Regelung zahlreicher aus dem Krieg und der Besatzung entstandenen Fragen dar. Der
Vertrag über die Regelung des Status der Alliierten Streitkräfte
in Deutschland wird bis zu seiner Ablösung durch neue Vereinbarungen beibehalten, welche sich auf das Abkommen über den Status
der NATO-Streitkräfte stützen sollen; die entsprechenden Vereinbarungen sollen ferner durch solche Bestimmungen ergänzt werden,
die sich aus den besonderen Gegebenheiten bezüglich der im Gebiet der Bundesrepublik stationierten Streitkräfte ergeben. Es
werden ferner neue Abkommen bezüglich der Versorgung der in der
Bundesrepublik stationierten ausländischen Streitkräfte zu treffen sein. Die Sonderrechte. - Berlin und Gesamtdeutschland
betreffend -, die sich die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Prankreich in den ursprünglichen Verträgen vorbehalten hatten, werden wie bisher beibehalten; das Recht zur Stationierung von Streitkräften in Deutschland wird, nach Aufnahme
der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation so weit
das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik betroffen ist, mit Zustimmung der Bundesregierung ausgeübt werden.
Von den vier durch das Protokoll geänderten und in der Neufassung in Kraft gesetzten Verträgen, hat nur einer (der Vertrag
über die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei
Mächten) dem Senat zur Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung
vorgelegen. Die anderen Verträge waren ihrem Wesen nach Maßnahmen
im Sinne von Verwaltungsabkommen, bezüglich welcher der Senat
ausdrücklich feststellte, daß eine formelle Billigung nicht notwendig und sogar
nicht einmal wünschenswert sei, da sie mit den
sich ändernden r Gegebenheiten aller Wahrscheinlichkeit von Zeit
zu Zeit revidiert werden mußten. Die Billigung des Protokolls
über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik
Deutschland berührt das Wesen der mit diesem Vertrag zusammenhängenden Abmachungen in keiner Weise.
Wenngleich die in diesen Verträgen eingeschlossenen Vereinbarungen sehr vielschichtig sind, ist ihr Zweck doch sehr einfach.
Die Bundesrepublik erhält den Status der vollen Gleichberechtigung
neben anderen Staaten. Die militärische Stärke der Bundesrepublik
wird mit der der anderen Staaten in der Atlantikgemeinschaft in
einer Weise kombiniert, daß der Aufbau und die Verwendung des
deutschen militärischen Beitrags in einer den gemeinsamen Bedürfnissen entsprechenden Weise erfolgt. Die Bundesrepublik wird
durch ihre Mitgliedschaft in der Nordatlantikpakt-Organisation
mit der Atlantikgemeinschaft und durch ihre Mitgliedschaft in
der Westeuropäischen Union gemäß dem Brüsseler Pakt mit der Gemeinschaft der europäischen Staaten assoziiert. Beide Organisationen werden in ihrer Struktur gefestigt. Die Maßnahmen und
Institutionen, die Gegenstand dieser Übereinkünfte sind, machen
es unvermeidbar, daß die beteiligten Staaten in allen für die
Sicherheit vordringlichen Fragen eng zusammenarbeiten. Dieses
gemeinsame Handeln wird nach meiner Überzeugung den Geist der
Zusammenarbeit und den Wunsch nach einer dauerhaften Verbindung
vertiefen, die sich auf Seiten der freien Völker manifestiert haben und die für ihre künftige Sicherheit und für ihr Wohlergehen
von so entscheidender Bedeutung sind.
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17. November 1954

Eine besonders bedeutsame Folge der neuen Verträge ist die
wesentliche Verstärkung des atlantischen Verteidigungssystems durch
: das Hinzukommen des deutschen Potentials. Gleichzeitig möchte
ich die Tatsache betonen, daß diese Verträge auf der tiefen Sehnsucht nach Frieden beruhen, von der sämtliche Völker der Atlantikpakt-Organisation erfüllt sind. Die Verträge bedrohen keine Nation. Im Gegenteil, sie stellen einen der ersten großen praktischen Versuche zu einer internationalen Kontrolle der Rüstungen
dar. Außerdem geht ihre fundamentale Bedeutung weit über die
bloße Zusammenfassung der Kräfte zur Abschreckung einer Aggression
hinaus. Wir hoffen, daß sie auf lange Sicht eine Verständigung
unter den freien Völkern Europas und einen neuen Geist der Freundschaft hervorrufen werden, die zu einer engeren Zusammenarbeit
in zahlreichen Lebensbereichen führen wird.
Ich ersuche den Senat, diesem großen Werk seine Zustimmung
zu erteilen durch Billigung und Einwilligung zur Ratifizierung
der Protokolle über die Zulassung der Bundesrepublik zur Nordatlantikpakt-Organisation und über die Beendigung des Besatzungsregimes. Ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß diese Verträge
unter dem Gesichtspunkt geprüft werden, den Senat in die Lage zu
versetzen, in dieser Angelegenheit unverzüglich nach Eröffnung
der im Januar beginnenden neuen Legislaturperiode die notwendigen
Schritte unternehmen zu können.
Dwight D. Eisenhower
Weisses Haus
am lf« November 1954

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17. November 1954

WORTLAUT DES SCHREIBENS DES US-AUSSENMINISTERS AN
PRÄSIDENT EISENHOWER VOM 12. NOVEMBER 1954, IN DEM
ER SICH PUR DIE RATIFIKATION DER PARISER VERTRÄGE EINSETZT

Sehr geehrter Herr Präsident,
I
Ich habe die Ehre, Ihnen - mit der Bitte um Übermittlung an
den Senat zwecks Billigung und Zustimmung zur Ratifikation
1) ein am 23. Oktober 1954 in Paris unterzeichnetes und mit fünf
Listen versehenes Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland sowie 2) einen am 23.
Oktober 1954 in Paris unterzeichneten Zusatz zum Nordatlantikpakt, der die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland vorsieht,
zu unterbreiten.
II
Die genannten Protokolle sind Teil eines Systems miteinander
in Zusammenhang stehender Vereinbarungen, die dazu bestimmt sind,
die Sicherheit Westeuropas zu festigen. Im Hinblick auf diesen
Zusammenhang unterbreite ich hiermit auch die Listen (über die
Abänderung des Bonner Vertrags ^obwohl sie keine Stellungnahme des
Senats erfordern. Ich empfehle, diese im Anhang aufgeführten Dokumente dem Senat zur Information zu unterbreiten.
III
Die genannten Vereinbarungen werden, wenn sie in Kraft treten,
von Grund auf neue Bedingungen in Westeuropa schaffen. Sie werden
ein Ergebnis zeitigen, das von den Vereinigten Staaten schon
lange erhofft wurde. Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts
haben erkennen lassen, daß die auf die menschliche Freiheit hingeordnete westliche Zivilisation nicht bestehen kann, wenn die
Glieder der westlichen Welt fortfahren, einander zu bekämpfen.
Sie haben bereits so viel an Gut und Blut in Kämpfen verschwendet,
daß ihre Kraft weitgehend geschwunden ist, und sie haben sich die
moralische Verurteilung der ganzen Menschheit zugezogen, weil sie
es verabsäumten, auch nur untereinander eine friedliche Ordnung
zu errichten. In der klaren Erkenntnis dessen suchten die westeuropäischen Nationen nach einem Mittel der Einigung, vor allem
auf militärischem Gebiet, das es sowohl militärisch unzweckmäßig
als auch politisch unwahrscheinlich machte, gegeneinander oder
gegen irgend jemanden Krieg zu führen, es sei denn zum Zwecke der
reinen Verteidigung.
Diese Notwendigkeit traf mit den neuen Gefahren zusammen, die
sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen des
Sowjetkommunismus inspirierten und einer ungeheuren Streitmacht
gestützten russischen Politik ergaben. Eine Bedrohung für das westliche Europa, der wirksam nur begegnet werden kann, wenn es gelingtr
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17. November

1954

gelingt, die Einheit unter den europäischen Nationen einschließlich der Bundesrepublik Deutschland und, wie wir hoffen, eines
geeinten Deutschlands, weitgehend zu realisieren.
Ursprünglich war versucht worden, dies durch den Abschluß
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, bestehend aus den
sechs Staaten Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Italien,Frankreich
Luxemburg und den Niederlanden, zu erreichen. Dadurch wäre eine
internationale Organisation mit einer übernationalen Verteidigungsmacht geschaffen worden. Dies würde ein festes und sicheres Kernstück im kritischen Zentrum der Nordatlantikpakt-Organisation geschaffen haben.
Dieser Plan wurde am 24. Oktober 1952 durch M. Pleven, den
damaligen französischen Verteidigungsminister, vorgeschlagen. Nach
etwa anderthalbjähriger Verhandlung fand er seinen Niederschlag
in zwei zusammenhängenden Verträgen, der Bonner Konvention über
die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland vom 26. Mai 1952, die
die Souveränität der Bundesrepublik wieder herstellen, und dem
Pariser Vertrag vom 27. Mai 1952, der die Europäische Verteidigungsgemeinschaft begründen sollte.
Die Bonner Verträge waren von den Vereinigten Staaten unterzeichnet worden,und am 1. Juli 1952 gab der US-Senat Billigung und
Einwilligung zur Ratifizierung-. Der Senat stimmte zur selben Zeit
einer Ausdehnung des Nordatlantik-Paktes bei, um das Gebiet der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft einzuschließen, wobei ,
Westdeutschland der bedeutenete Zuwachs war. Wie dem auch sei, weder der Vertrag von Bonn, noch der darauf bezogene Vertrag von
Paris wurde von allen Signatarmächten ratifiziert.
Das Misslingen der Realisierung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und damit der Wiederherstellung der Souveränität
der Bundesrepublik Deutschland schuf eine äußerst gefahrvolle
Situation. Es schien, als bliebe Europa zur Teilung verdammt,
was ein Unglück wäre, da eine solche Zerrissenheit den Zyklus
ständig wiederkehrender Kriege zwischen den westeuropäischen Nationen selbst verewigen und ein geteiltes Westeuropa automatisch
durch die despotische Macht der Sowjets beherrscht werden würde.
IV
Ich möchte in diesem Augenblick an die Maßnahme des Senats
der Vereinigten Staaten vom 30. Juli 1954 erinnern. In jenen Tagen war zu erkennen, daß die französische Kammer die Verträge von
Bonn und Paris, über die ich vorhin schon gesprochen habe, nicht
ratifizieren würde; die Konsequenzen, die sich aus diesem Versagen ergeben hätten, waren vorauszusehen. In Vorwegnahme dieser
Situation wurden zwischen Regierung und Senat Verhandlungen geführt, als deren Ergebnis der Senat mit 88 zu 0 Stimmen eine Resolution annahm, in welcher Sie in Ihrer Klugheit und innerhalb
der Begrenzung Ihrer verfassungsmäßigen Gewalt gebeten wurden,
einen Weg zur 'Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands zu
suchen und ihm die Möglichkeit zu geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit beizusteuern

-*

Dieser

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17. November 1954

Dieser Akt der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Senat
und die einhellige Aktion beider Parteien im Senat selbst brachten ein nüchternes und stabilisierendes Element in eine Zeit der
Verwirrung und der Ratlosigkeit. Diese Tat des Senates versetzte
mich in die Lage, als Ihr Vertreter mit der entsprechenden Autorität in den anschließenden Verhandlungen zu sprechen, die ich in
Ihrem Namen führte.
Die durch den Weitblick des Senates im Verfolg seiner verfassungsmäßigen Vorrechte gegebene Zustimmung wurde dann auch erfolgreich in die Tat umgesetzt. Das erste Protokoll, von dem ich bereits in Abschnitt I gesprochen habe, wird die Souveränität
Deutschlands wiederherstellen, und das zweite Protokoll, auf das
ich ebenfalls im vorerwähnten Abschnitt hingewiesen habe, wird
Deutschland die Möglichkeit geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit
beizusteuern.
V
Das Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes der
Bundesrepublik Deutschland ist nicht an das Inkrafttreten der
Abmachung für einen deutschen Verteidigungsbeitrag gebunden, wie
dies bei den ursprünglichen Verträgen über die Beziehungen zur
Bundesrepublik der Fall war. Es kann in Kraft treten, auch wenn die Übereinkommen hinsichtlich Deutschlands Verteidigungsbeitrag
noch nicht in Kraft gesetzt werden können. Wenn sich dies hinziehen sollte, werden Frankreich, das Vereinigte Königreich und
die Vereinigten Staaten die bestehenden Rechte auf dem Gebiete
der Entwaffnung und Demilitarisierung in der Bundesrepublik behalten. Diese Rechte wurden durch eine gemeinsame Kommission,
die aus Vertretern der drei Mächte und der Bundesrepublik besteht, wahrgenommen und die Beschlüsse durch Mehrheit gefaßt.
Diese Übereinkünfte werden im Lichte der Ende 1954 bestehenden
Situation und mit Hinblick auf das Inkrafttreten des Protokolls
revidiert werden, und die vier Regierungen werden zur selben Zeit
die Ausführung der Kontrollen hinsichtlich der Erlaubnis, auf
Grund derer sich die Bundesrepublik auf ihren zukünftigen Verteidigungsbeitrag vorbereiten darf, revidieren.
Unter Beachtung der oben erwähnten Differenzen wurden in den
Vertrag über die Beziehungen zur Bundesrepublik einige grundsätzliche Änderungen im Vergleich zu 1952 aufgenommen. Dennoch steigern diese Änderungen weder die Verpflichtungen der Vereinigten
Staaten, noch beeinträchtigen sie ihren Nutzen gegenüber jenem
Bonner Vertrag, den der Senat am 1. Juli 1952 gutgeheißen hat.
Die Änderungen, die in erster Linie vom Standpunkt der Bundesrepublik Deutschland aus bedeutungsvoll sind, können folgendermaßen zusammengefaßt werden»
1. In Artikel II der Vereinbarung, wie sie ursprünglich getroffen wurde, behielten sich die drei Mächte ihre Rechte in bezug auf die Stationierung von bewaffneten Streitkräften in Deutschland und den Schutz ihrer Sicherheit vor, in bezug auf Berlin
und Deutschland als Ganzes, einschließlich der Wiedervereinigung

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Wiedervereinigung Deutschlands und des Abschlusses eines Friedensvertrages. Diese Befugnisse sollten aber hinsichtlich der Position der Sowjets in Ostdeutschland nur in einem Sonderfall in
Anwendung kommen und waren nicht gedacht als Mittel zur Einmischung in innere oder äußere deutsche Angelegenheiten. Es schien
daher besser zu sein, daß insoweit das Gebiet der Bundesrepublik
betroffen war, die Abmachungen über die Stationierung der ausländischen Truppen auf vertraglicher Basis geschlossen werden
sollten. Demgemäß werden die Streitkräfte in der Bundesrepublik
von dem Augenblick an, in dem die Abmachungen über einen deutschen
Verteidigungsbeitrag Gesetzeskraft erhalten, unter eine Sonderabmachung mit der Bedingung gestellt, wonach die Bundesrepublik
der Stationierung von Streitkräften derselben Nationalität und
Effektivstärke zustimmt, wie sie zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik stationiert sind. Jede Vergrößerung der Effektivstärke
dieser Streitkräfte kann nur mit Zustimmung der Regierung
der
Bundesrepublik Deutschland vorgenommen werden.
Die deutschen Vertreter anerkannten ausdrücklich, daß die
drei Mächte ihre Rechte zum Schutz der Sicherheit von Streitkräften, die in der Bundesrepublik stationiert sind, solange selbst
wahrnehmen sollten, bis die Bundesregierung in der Lage ist, die
notwendigen Maßnahmen zu ergreifen» Dies hängt davon ab, daß die
Bundesregierung neue legislative Vollmachten erhält. Das Erlöschen
der Generalvollmacht der drei Mächte in dieser Hinsicht wird keinen Einfluß auf das Recht eines militärischen Befehlshabers haben,
für den Fall, daß seine Streitkräfte unmittelbar bedroht sind,
derartige Sofortmaßnahmen (einschließlich des Einsatzes von Streitkräften) zu ergreifen, wie dies für den Schutz der Streitkräfte
und die Beseitigung der Gefahr erforderlich ist.
2. Eine zweite Abänderung der Vereinbarungen über die Beziehungen ist die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das Streitfragen beilegen soll, die sich zwischen irgendeiner der drei
Mächte und der Bundesregierung ergeben. Auf Grund der ursprünglichen
Statuten für diesen Schiedsgerichtshof, besaß dieser die Vollmacht, sich bei legislativen und administrativen sowie gerichtlichen
Entscheidungen, die innerhalb der Bundesrepublik gelten, direkt
einzuschalten. Diese Vollmachten, die einer Körperschaft, welche
Streitfragen zwischen souveränen Staaten auf dem Wege des Schiedsspruchs beilegen soll, normalerweise nicht zuerkannt werden, wurden
aus den Statuten gestrichen.
3. Die dritte Abänderung der vertraglichen Abmachungen bezieht
sich auf die Situation, die auf Grund der Wiedervereinigung Deutschlands erstehen wird. Die Abmachung über die Beziehungen, die im Jahre
1952 abgeschlossen wurde, sah für den Fall einer Wiedervereinigung
eine Revision vor (Artikel X). Das neue Protokoll sieht eine Revision der Vereinbarung und der damit zusammenhängenden Abmachungen
nicht nur für den Fall einer tatsächlichen Vereinigung Deutschlands vor, sondern auch für den Fall, daß eine internationale Verständigung mit Teilnahme und Zustimmung der vier Partner-Regierungen zu den Vereinbarungen erreicht wird, um die Wiedervereinigung Deutschlands zustandezubringen. Die Abmachung über die Anwesenheit fremder Streitkräfte in Deutschland wird unter diesen

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1954

diesen Umständen ebenfalls Gegenstand einer Revision sein. Selbstverständlich muß für alle Änderungen, die an den Vereinbarungen
vorgenommen werden, unter den Signatarmächten Übereinstimmung
bestehen.
4. Änderungen sind ebenfalls in den damit zusammenhängenden
Vereinbarungen gemacht worden. Diese Änderungen sind in der Hauptsache dazu angetan, die Vereinbarungen dem heutigen Stand der
Dinge anzupassen, indem sie alle Klauseln eliminieren, die sich
auf den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
beziehen, und indem sie nicht nur den Zeitverlust bis zum Abschluß der Verträge, sondern auch den Portschritt in Rechnung
stellen, den die Erfüllung bestimmter alliierter Programme in
Deutschland machen. Ebenfalls ändern sie gewisse Vertragsklauseln, die mit dem Status der Gleichberechtigung, der der Bundesrepublik zugebilligt wurde, als nicht mehr in Einklang stehend
empfunden werden. Schließlich sind die Abmachungen über die Unterhaltungskosten der fremden Truppen, die in Deutschland stationiert sind, mit neueren Verträgen mit der Bundesrepublik auf
diesem Gebiet in Einklang gebracht worden.
Die angeführten Abmachungen waren Ausführungsabkommen, welche
die Vereinbarung über die gegenseitigen Beziehungen einschlössen.
Pur sie war eine Aktion des Senats nicht nötig und darüber hinaus
von dem Außenpolitischen Ausschuß als unerwünscht bezeichnet
worden, insofern, als vorauszusehen war, daß diese Abkommen von
Zeit zu "Zeit eine technische Revision erforderlich machen würden,
um den veränderten Verhältnissen gerecht zu werden. Bericht des
Außenpolitischen Ausschusses des Senats (Nr. 16, 82. Kongreß,
2. Sitzungsperiode) stellte fest: "Einige der technischen Bestimmungen in den (angeführten) Abkommen sind ihrer Natur nach zeitlich bedingt, und es dürfte, wenn die Situation in Deutschland
sich ändert, notwendig werden, von Zeit zu Zeit Änderungen an ihnen vorzunehmen. Unter diesen Umständen würde es als unpraktisch
erscheinen, wenn man verlangte, daß die Abkommen jeweils wieder dem Senat vorzulegen seien, bevor jede derartige Änderung
rechtswirksam würde." Die Ratifikation des Protokolls über die
Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland wird die Natur dieser angeführten Abkommen nicht ändern.
VI
Die Vorkehrungen für die Beendigung des Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik berühren nicht den Status von Berlin. In einer
von den Regierungen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten
Königreiches und Prankreichs auf der Londoner Neun-Mächte-Konferenz
vom 28. September bis 3» Oktober 1954 abgegebenen Erklärung bekräftigten diese ihre am 27. Mai 1952 in Paris abgegebene Erklärung, daß sie so lange bewaffnete Streitkräfte in Berlin belassen
würden, wie es ihre Verantwortung erfordert, und daß sie bei jedem
Von irgendwelcher Seite aus gegen Berlin gerichteten Angriff wie
bei einem Angriff auf ihre eigenen Streitkräfte und auf sich
selbst handeln würden. Außerdem gaben die drei Mächte am 23. Oktober 1954 in Paris eine Erklärung ab, in der sie ihre Entschlossenheit bekräftigten, in Berlin das größtmögliche Maß von Selbstregierung sicherzustellen, das mit der besonderen Lage dieser Stadt
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Stadt vereinbar sei, und in der sie darlegten, daß sie ihre Vertreter in Berlin angewiesen hätten, mit den deutschen Behörden
in der Stadt über eine gemeinsame Einhaltung dieser Grundsätze bis
zu dem höchstmöglichen Grade zu beraten.
VII
Das in Abschnitt I angeführte Protokoll zum Nordatlantik-Pakt,
das den Beitritt der Bundesrepublik vorsieht, hat kein direktes
Gegenstück in den Dokumenten, die dem Senat 1952 unterbreitet wurden, obgleich, wie erwähnt, damals ein vom Senat gebilligtes Protokoll vorhanden war, welches das Vertragsgebiet auf das der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ausdehnte. Nicht in Betracht gezogen war Jedoch damals, daß die Bundesrepublik Deutsch- i
land selbst Mitglied des Nordatlantik-Paktes werden würde. Der
deutsche Verteidigungsbeitrag wäre allein auf dem Wege über die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft geleistet worden. Unter den
nunmehr in Betracht gezogenen Vereinbarungen ist es wesentlich,
daß die cDeutsche Bundesrepublik Unterzeichner des NordatlantikPaktes werden und an der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO)
teilnehmen soll. Zu diesem Zweck wurde am 2 % Oktober 1954 in
Paris ein Protokoll von den Vertretern der 14 Nationen unterzeichnet, die jetzt Mitglieder dieses Vertrages sind, und dieses Protokoll ist eines der in Abschnitt I erwähnten zwei Dokumente,das,wie
empfohlen wird, dem Senat unterbreitet werden sollte, damit er es
begutachte und der Ratifizierung zustimme.
Das Protokoll ist so abgefaßt, daß sein Inkrafttreten an das
der anderen Abmachungen, die die Teilnahme Deutschlands an der
allgemeinen Verteidigung betreffen, gebunden ist.
VIII
Eines der oben angeführten Dokumente ist eine vom Nordatlantik-Rat am 22. Oktober 1954 gebilligte Entschließung, die sich
auf die Machtbefugnisse des Alliierten Oberbefehlshabers in Europa
(SACEUR) bezieht. Der allgemeine Zweck dieser Entschließung besteht darin, die Stellung des SACEUR gegenüber den unter seinem
Befehl stehenden Streitkräften zu stärken. Ein Ergebnis dieser
Veränderungen wird die Erhöhung der Schlagkraft der NATO-Streitkräfte in Europa sein, woraus sich Vorteile für die gesamten Bemühungen der NATO ergeben werden. Eine Stärkung der Autorität
des SACEUR wird auch bedeuten, daß die ihm zugeteilten nationalen
Streitkräfte integriert und in einem solchen Maße voneinander abhängig werden, daß die Möglichkeit für einzelne Nationen, eine
selbständige militärische Initiative in Europa zu entfalten, auf
ein Minimum herabgedrückt wird.
IX
Eine andere der Resolutionen des Nordatlantik-Rates, die ich
vorschlage dem Senat zu seiner Information zu unterbreiten, ist die
vom 22. Oktober 1954, die einen Austausch von Erklärungen zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und den Regierungen der Vereinigten
Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs am 3. Oktober
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3. Oktober 1954 in London konstatierte und alle Mitglieder des
Nordatlantik-Paktes mit der von den oben genannten drei Regierungen herausgegebenen Dreimächte-Erklärung bekannt machte.
In ihrer Erklärung bringt die Regierung der Bundesrepublik
zum Ausdruck, daß sie ihre Politik in Übereinstimmung mit den
Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen führen wird, und daß
sie die in Artikel II der Charta festgelegten Verpflichtungen
anerkennt. Die Bundesrepublik erklärt, ferner, daß sie sich, wenn
sie dem Nordatlantikpakt und dem Brüsseler Vertrag beitritt,
jeder mit dem streng defensiven Charakter dieser Verträge nicht
zu vereinbarenden Handlung enthalten will. Insbesondere unternimmt
die Bundesrepublik keine Gewaltmaßnahmen zur Herbeiführung der
Wiedervereinigung Deutschlands oder zur Änderung der gegenwärtigen Grenzen der deutschen Bundesrepublik,
In der Drei-Mächte-Erklärung antworten die Regierungen der
Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs
entsprechend auf diese Erklärung und bestätigen in diesem Zusammenhang erneut die Prinzipien des Artikels II der Charta der Vereinten Nationen, die die Anwendung von Gewalt zwischen den Nationen verurteilen.
X

Ein Hauptbestandteil der neuen in Paris am 23. Oktober 1954
unterzeichneten Vereinbarungen sind die vier Protokolle, mit denen der Brüsseler Vertrag abgeändert wird. Dieser Vertrag, der
am 17. März 1948 von Prankreich» Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet wurde, war
der erste Schritt in Richtung auf eine militärische Integration
des Nachkriegs-Europa und ging dem Nordatlantikpakt um mehr als
ein Jahr voraus. Die Bestimmungen des Brüsseler Vertrages verpflichteten alle Länder zum vollen und unmittelbaren militärischen
Beistand für jeden Teilnehmer, gegen den eine Aggression unternommen würde. Die Vertragsbestimmungen sahen ferner eine beratende
Körperschaft zur Ausarbeitung gemeinsamer Verteidigungspläne vor.
Mit der Bildung und dem Anwachsen der NATO wurde die durch den
Brüsseler Vertrag geschaffene Organisation verhältnismäßig inaktiv,
der Vertrag selbst aber blieb im vollen Umfange in Kraft und hat
nun die Grundlage für die Verwirklichung gewisser wichtiger politischer und die Sicherheit betreffender Ziele gebildet.
Das erste Protokoll wird verschiedene wichtige Änderungen in
den Brüsseler Vertrag bringen. Als erstes sieht es den Beitritt
Deutschlands und Italiens zum Brüsseler Vertrag vor, so daß die
Zusammensetzung der der vorgeschlagenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft entsprechen wird, bei zusätzlicher Teilnahme des Vereinigten Königreichs. Zweitens wird der Konsultativrat des Brüsseler Vertrages in einen "Rat der Westeuropäischen Union" umgewandelt werden, mit der Aufgabe, Frieden und Sicherheit zu festigen, die Einheit zu fördern und die fortschreitende Integration
Westeuropas sowie eine engere Zusammenarbeit mit anderen europäische:
Organisationen zu unterstützen. Besondere Vertragsbestimmungen befassen sich mit Abstimmungen für die bei bestimmten Fragen Zwei- 12

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Zweidrittel - oder einfache Mehrheit nötig sind. Andere Bestimmungen sehen eine enge Zusammenarbeit zwischen der Organisation
des Brüsseler Vertrages und der Nordatlantikpakt-Organisation
vor. Eine Klausel besagt, daß eine Verdoppelung der Arbeit der
militärischen Stäbe der NATO unerwünscht ist und es wird festgelegt, daß der Rat und sein Rüstungskontrollamt sich zu ihrer
Information und Beratung in militärischen Angelegenheiten auf die
militärischen Behörden der NATO stützen werden.
Das zweite Protokoll befaßt sich mit der Stärke der Streitkräfte der Westeuropäischen Union. Es bestimmt, daß die Gesamtstärke und Anzahl der Formationen der Land- und Luftstreitkräfte
Belgiens, Frankreichs, der Bundesrepublik Deutschland, Italiens
und der Niederlande, die SACEÜR unterstellt sind und die in einem
dem Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft beigefügten besonderen Abkommen festgelegt wurden, nicht überschritten werden. Die SACEÜR unterstellten Streitkräfte des Vereinigten
Königreichs sollen nicht größer sein als die gegenwärtig unter
dem Oberkommando von SACEÜR stehenden Truppen und die Streitkräfte
Luxemburgs werden auf eine Kampfgruppe in Regimentsstärke festgelegt. Die Seestreitkräfte werden in einem ,'Jährlichen Überprüfungsverfahren der NATO bestimmt. Jede Vergrößerung über die beschlossenen Truppenstärken hinaus sind dem einstimmigen Beschluß
aller Mitglieder des Brüsseler Vertrages unterworfen.
Ein besonders bedeutsamer Teil dieses Protokolls ist die
von dem Vereinigten Königreich übernommene Verpflichtung, auf
dem europäischen Festland britische Streitkräfte in gleicher
Stärke zu unterhalten, wie sie jetzt SACEÜR zugeteilt sind} das
heißt, vier Divisionen und die II. taktische Einheit der Luftstreitkräfte oder andere Einheiten, deren Kampfkraft von SACEÜR
als ebenbürtig anerkannt wird. Das Vereinigte Königreich willigt
ein, diese Streitkräfte nicht entgegen dem Wunsch einer Mehrheit
der Brüsseler Vertragsmächte zurückzuziehen. Weiterhin besagt
das Protokoll, daß diese Verpflichtung für das Vereinigte Königreich im Falle eines plötzlichen Notstandes in seinen überseeischen Besitzungen nicht bindend ist. Außerdem ist darin festgelegt worden, daß die Regierung des Vereinigten Königreichs den
Nordatlantik-Rat ersuchen wird, die finanziellen Bedingungen über
die Unterhaltung der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs zu
prüfen, wenn die Ausgaben für die Streitkräfte auf dem Kontinent
zu irgendeiner Zeit eine zu starke Belastung für die finanziellen
Verpflichtungen Großbritanniens außerhalb des eigenen Landes bedeuten.
Diese Verpflichtungen bestehen zusätzlich zu den vertraglichen Bestimmungen, die mit der Mitgliedschaft des Vereinigten
Königreichs in dem neuen Rat der Westeuropäischen Union verbunden
sind.
Das dritte Protokoll bezieht sich auf die Rüstungskontrolle.
Es befaßt sich sowohl mit den Waffen, die nicht in der Bundesrepublik Deutschland hergestellt werden dürfen, als auch mit denen,
die innerhalb des Gebietes der Brüsseler Vertragsmächte auf dem
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dem Festland unter Kontrolle stehen sollen. Die verbotenen Waffen,
auf deren Herstellung die Bundesrepublik Deutschland offiziell
verzichtet hat, sind: atomare, biologische und chemische Kampfmittel sowie ferngelenkte Raketen, größere. Marine-Fahrzeuge und
strategische Bomber. Um Deutschland das Recht zu verleihen,
atomare, biologische und chemische Kampfmittel herzustellen, ist
ein einstimmiger Beschluß des Rates der Westeuropäischen Union
erforderlich. Durch eine Zweidrittelmehrheit des Rates kann
Deutschland das Recht erhalten, ferngesteuerte Raketen, größere
Marine-Fahrzeuge und strategische Bomber herzustellen, allerdings
nur unter der Voraussetzung, daß SACEUR die Verleihung dieses Rech
tes an Deutschland empfiehlt.
Die Bestimmungen des Protokolls über die Waffenkontrolle
innerhalb des gesamten Gebietes der sechs Kontinental-Länder
beziehen sich sowohl auf die verbotenen Kampfmittel als auch
auf eine Anzahl anderer wichtiger Waffen. Dazu gehören Minen,
Panzer, große Artilleriegeschütze und die dazugehörige Munition,
Bomber und die meisten militärischen Flugzeugtypen.
Ein viertes Protokoll bestimmt die Errichtung einer Behörde
zur Rüstungskontrolle. Auf Grund der Bestimmungen über die einzelnen, unter Kontrolle stehenden Waffen soll die Behörde ihre
Funktion mehr durch Prüfung der Waffenvorräte als durch eine
Produktionskontrolle ausüben. Sie hat sich außerdem zu überzeugen,
daß verbotene Kampfmittel nicht in Deutschland hergestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dem Rat der Westeuropäischen
Union Informationen hinsichtlich der militärischen Hilfe für die
Streitkräfte der Brüsseler Vertragsmächte auf dem europäischen
Festland zur Verfügung stellen. Diese Informationen werden durch
den Rat an die Behörde für Rüstungskontrolle weitergeleitet werden. Die Vereinigten Staaten erhalten absolute Vollmacht über die
Verteilung von Mitteln und Lieferungen im Rahmen ihrer militärischen Hilfsmaßnahmen. Die Behörde für Rüstungskontrolle trägt
keinerlei Verantwortung hinsichtlich der Produktion und Beschaffung von Waffen oder der Zuteilung von militärischer Ausrüstung.
In einer Resolution, die am 21. Oktober in Paris angenommen wurde,
sind die Brüsseler Vertragsmächte jedoch übereingekommen, für
den 17. «Januar 1955 einen Ausschuß nach Paris einzuberufen, der
über die Entwicklung eines Programms zur rationellen Produktion
beraten wird.
XI
Die Abmachungen, die ich hier erörtert habe, bringen für
die Vereinigten Staaten keine anderen vertraglichen Bindungen
und Verpflichtungen mit sich als diejenigen, die mit der Rückgabe der von den Alliierten nach der Niederlage der Nazi-Regierung
übernommenen Souveränitätsrechte an die Bundesrepublik Deutschland sowie mit der Anerkennung der Bundesrepublik als Mitglied
des Nordatlantikpaktes verbunden sind. Nichtsdestoweniger ist
die zukünftige Einstellung der Vereinigten Staaten zu den Abmachungen eine Angelegenheit von außerordentlicher, sogar entscheidender Bedeutung.
In
- U -

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In diesem Zusammenhang, gab ich auf der Londoner Konferenz
im Rahmen einer Sitzung am 29« September 1954 eine Erklärung ab,
deren voller Text in einem Anhang zum Londoner Schlußprotokoll
niedergelegt ist und der hiermit überreicht wird. Durch diese
Erklärung versuchte ich dem Wunsch unserer Nation Ausdruck zu
verleihen, solche Maßnahmen zu fördern und zu unterstützen, die
Westeuropa einigen und stärken, da wir andernfalls gezwungen
wären, uns aus einem Europa zurückzuziehen, das dann geteilt
und schwach bleiben würde. In diesem Zusammenhang erklärte ich,
daß, wenn neue Übereinkommen von den westeuropäischen Ländern
getroffen würden, die als Ersatz für die Europäische Verteidigungs
gemeinschaft, Einigkeit und Stärke gewährleisten, so daß Hoffnungen, die wir in die EVG gesetzt hatten, im maßvollen Rahmen
in diese Abkommen übertragen werden können, ich dann Ihnen,
Herr Präsident, empfehlen würde, eine ähnliche Erklärung über
die Politik ähnlich der abzugeben, wie Sie sie nach Konsultierung mit den Führern des Kongresses im Zusammenhang mit der in
Aussicht genommenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgaben, und die die Bekundung der Absicht der Vereinigten Staaten enthält, "in Europa solche Teile der bewaffneten Streitkräfte
zu belassen, die als notwendig oder angemessen erscheinen, damit
wir einen fairen Anteil an der gemeinsamen Verteidigung des
nordatlantischen Raumes tragen können, solange dieses Gebiet
bedroht wird.
Ich war dabei sorgsam darauf bedacht aufzuzeigen, daß solch
eine Erklärung nicht mehr als eine politische Erklärung sein würde
und daß sie keine bindende Verpflichtung darstellt. Ich erklärte:
"Auf Grund unserer Verfassung ist der Präsident der Vereinigten
Staaten auch gleichzeitig der Oberbefehlshaber der bewaffneten
Streitkräfte, und in dieser Stellung berechtigt, über ihre Stationierung zu entscheiden. Ein Präsident der Vereinigten Staaten
hat verfassungsgemäß dabei nicht die Möglichkeit seinen Nachfolger in dieser Hinsicht festzulegen. Jeder amerikanische Präsident, der ins Amt kommt, genießt das Recht, in Übereinstimmung
mit den Vorschlägen seiner militärischen Berater, über die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten so zu verfügen,
wie damit seiner Ansicht nach den Interessen der Nation am besten
gedient ist."
Dessen ungeachtet wies ich darauf hin, daß die grundlegende
und fundamentale politische Grundlage^als praktischer Tatbestand,
wahrscheinlich nicht geändert würde, und daß unsere Politik, mit
einem Westeuropa zusammenzuarbeiten, das selbst alle Anstrengungen
unternimmt, sich zu einigen und stark zu machen, wie ich es sehe,
die grundlegende Politik der Vereinigten Staaten ist, so wie sie
auch von der Regierung und dem Kongress ganz klar manifestiert
wurde. In Verfolg meiner Londoner Erklärung habe ich die Absicht,
Ihnen Herr Präsident, wie bereits angedeutet, eine Empfehlung
zu unterbreiten, wenn die Vereinbarungen, die in Paris unterzeichnet wurden, verwirklicht sind, oder die Wahrscheinlichkeit
einer Verwirklichung gegeben ist.
„

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17. November 1954

XII
Es ist klar, daß, wenn die oben genannten Abkommen in
Kraft treten, sie weitreichende und günstige Ergebnisse zeitigen
werden. Sie werden die Hoffnungen der Menschen der Bundesrepublik
Deutschland für eine gleichberechtigte Stellung im Rahmen der
freien Nationen erfüllen, und sie werden das Verteidigungspotential der atlantischen Gemeinschaft wesentlich erhöhen.
Gleichzeitig aber gewähren sie einen Schutz gegen einen
überbetonten Militarismus als ein Werkzeug eines aggressiven
Nationalismus. Dieser Schutz bezieht sich nicht nur auf die
Mitglieder der atlantischen Gemeinschaft, sondern auf alle.
Sie bieten einen starken Schutz gegen ein Wiederaufleben eines
brudermörderischen Konfliktes unter den freien Nationen Europas
und stellen einen Rahmen für eine praktische Zusammenarbeit dar,
der weitere Fortschritte in Richtung auf eine politische und wirtschaftliche Einheit unter den europäischen Nationen ermöglicht.
Da unsere Nation ein großes Interesse an der Erreichung
dieses Zieles hat, empfehle ich Ihnen, Herr Präsident, den Senat
aufzufordern sich hiermit bald zu befassen, und im besonderen,
die Billigung und die Zustimmung des Senats zur Ratifizierung
der beiden Dokumente des Vertrages.einzuholen, die die Vereinigten Staaten unterzeichne^ ' haben, insbesondere des Protokolls,
das die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland wiederherstellt, sowie jenes das die Aufnahme der Bundesrepublik in den Nordatlantikpakt ermöglicht.
Ergebenst unterbreitet:
John Poster Dulles

*

*

*

*

*

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�\

M E R I K A

D I E N S T

LODGE: USA STELLEN 100 KILO SPALTBARES MATERIAL FÜR DEN
INTERNATIONALEN ATOMPOOL

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Steliungnahmea des US-Chefdelegierten,Henry
Cabot Lodge jr., vom 15» November 1954, in
der er vor dem Politischen Ausschuß der UNO
erneut denAbCBB-für-den-Frieden-Plan der Vereinigten Staaten erörterte.

1. Während der fruchtbaren Debatte der letzten Woche sind
einige Fragen aufgetaucht. Die erste, glaube ich, wurde sowohl
von dem Vertreter der Sowjetunion als aUch von dem Chinas vorgebracht. Sie fragten, ob der in Aussicht genommene Vorschlag
präziser sein werde als der des Präsidenten vom 8. Dezember
letzten Jahres. Damit befaßte sich mein Kollege Mr. Jackson.
2. Sodann traf der sowjetische Vertreter eine interessante
Feststellung hinsichtlich der Rolle, die die Sowjetunion in
der Atomphysik gespielt habe und spielen werde. Sein Bericht
über die Entwicklung der friedlichen Anwendung der Atomenergie
in der Sowjetunion schien auf russische Errungenschaften aus
der Zeit vor dem Ersten Weltkriege hinzuweisen. Immerhin wurde der erfolgreiche Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Kraftwerkes erwähnt. Wir gratulieren der Sowjetunion zu dieser Errungenschaft,
obwohl vom Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Werkes bis zur unbeschränkten Verfügung über die aus Atomenergie gewonnene elektrische
Kraft noch ein weiter Weg ist.
Der Stand der sowjetischen Atomt echnik wurde in einem
Artikel der sowjetischen Zeitschrift "Kommunist" im April dieses Jahres von A. Nesmejanoff mit lob enswerter Bescheidenheit
dargestellt. Der Verfasser schreibt, die sowjetischen Wissenschaftler müßten sich sputen, "die At omenergie für den breitesten Gebrauch in Industrie und Transp ort nutzbar zu machen."
Sodann heißt es weiter: "Der Fortschr itt der Atomforschung im
Sinne einer friedlichen Anwendung wei ten Umfangs ist zweifellos
die Sache einer ganzen Epoche."
Ganz

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Ganz abgesehen von der Frage, wie lange eine "ganze Epoche"
dauert, darf wohl festgestellt werden, daß einer der Wege, das
Tempo der Atomindustrie-Epoche zu fördern, darin besteht, den
Erfahrungsaustausch zu verbreiten. Aus diesem Grunde drücken
wir die Hoffnung aus, daß die Sowjetunion so bald wie möglich
die Pläne ihres 5 OOO-Kilowatt-Atomkraftwerks veröffentlichen
möge. Wir in den Vereinigten Staaten haben dies mit unseren Entwürfen für ähnliche Kernreaktoren getan, und die Sowjetunion
dürfte davon sicherlich Kopien besitzen. Wenn die Sowjetunion
ähnliche Publikationen herausbringen wird, werden sie sicherlich
überall Interesse finden und die internationale Zusammenarbeit
erleichtern.
3. Der Sowjetvertreter sprach ebenfalls von anderen Arten
des atomaren Fortschritts^, namentlich hinsichtlich der Produktion
und des Gebrauchs radioaktiver Isotope, Es wäre interessant zu erfahren, wie das sowjetische Programm für die Ausfuhr dieser Isotope zum Nutzen anderer Länder aussieht.
4. Hinsichtlich der Mitgliedschaft zur "agency" (Internationale: Atombehörde), sind wir immer noch der Überzeugung, daß
die Tür offengelassen werden sollte, so daß alle Staaten an der
Verantwortung teilhaben und sich die Vorteile einer Teilnahme
sichern können. Ich kann in Punkto Sarkasmus sicherlich nicht mit
dem sowjetischen Vertreter wetteifern, aber ich kann versichern,
daß das einzige "Sonderprivileg", das wir beanspruchen, darin
besteht, so vielen Ländern wie möglich helfen zu können, wie
auch die einzige "Ausbeutung", die wir im Sinne haben, die Ausbeutung der Atomenergie für friedliche Zwecke ist.
5. Hinsichtlich des Verhältnisses der "agency" zu den Vereinten Nationen haben wir unsere Ansicht, daß die internationale
Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen stehen solleP nicht
geändert. Wie wir in der gemeinsamen Resolution vorgebracht haben,
denken wir, daß die endgültige Mitgliedschaft bei den Vereinten
Nationen ausgearbeitet werden kann, sobald die agency gegründet
ist. Wie ich in meiner Eröffnungsrede feststellte, wäre es unzweckmäßig, die mögliche Mitgliedschaft auszuarbeiten ehe wir
genau wissen, wie die "agency", wenn sie ins Leben gerufen ist,
aussehen wird. Wir stimmen darin mit dem Sowjetvertreter überein,
daß die von diesem Komitee zu fassende Resolution, die Beziehung
zwischen der Behörde und den Vereinten Nationen nicht im voraus
bestimmen sollte. Wir stimmen mit ihm auch darin überein,, daß dies
eine Angelegenheit ist, die von den der Behörde angehörenden Staaten und zwischen dieser,sofern sie besteht, und den Vereinten Nationen verhandelt werden sollte. Später werde ich mich mit dem
Problem der Beziehung der "agency" und dem Sicherheitsrat sowie
der Generalversammlung auseinandersetzen.
6. Erinnern wir uns daran, daß hier acht Nationen sind, welche
die Absicht haben, spaltbares Material oder Rohstoffe abzugeben,
die beide außerordentlich wertvoll sind sowohl für die Entwicklung dieser Nationen in Friedenszeiten als auch für deren Sicherheit. Jedes Mitglied der gesetzgebenden Körperschaften dieser

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dieser Länder, einerlei ob es dem belgischen Parlament oder
dem kanadischen Parlament, der französischen Nationalversammlung, der Portugiesischen Regierung oder der Gesetzgebenden
Versammlung der Südafrikanischen Union, dem Unterhaus in London
oder dem Kongreß der Vereinigten Staaten in Washington angehört,
jedes Mitglied dieser Körperschaften würde das ihm entgegenge- *
brachte Vertrauen verletzen, wenn es den ihm vorgelegten Vertrag
nicht genau prüfen würde. Viele von Ihnen, die in diesem Raum
vereint sind, waren selbst Mitglieder gesetzgebender Körperschaften. Das sind Dinge, die wir verstehen und respektieren.
7. Auch das Anerbieten, das wir heute machen, ist durdh
die Zusätze zum Atomenergie-Gesetz ermöglicht worden, das in
der letzten Sitzungsperiode des Kongresses beschlossen worden
ist. Dieses Gesetz schafft für das, was wir jetzt tun können,
einen erweiterten Spielraum über das hinaus, was wir im letzten
Jahr hätten tun können. Es war beispielsweise in der letzten
Sitzungsperiode, daß der Kongreß uns die Ermächtigung gab, Informationen und Materialien auch anderen zugänglich zu machen.
Offensichtlich müssen wir uns schon aus praktischen Gründen im
Rahmen des Gesetzes halten.
8. Ich habe am 5» November erklärt, daß die Internationale
Behörde für Atomenergie bei Ersuchen um Zuteilung von spaltbarem Material für Projekte, welche ihre Billigung gefunden haben,
als Clearing house wirken würde. Der sowjetische Vertreter legte
meine Bemerkungen folgendermaßen aus: "Wenn Pläne oder Entwürfe
für die Verwendung von Atommaterial, für das seitens der Internationalen Behörde in Übereinstimmung mit dem Abkommen ein Ausgleich von einem Staat zum anderen herbeizuführen ist, von der
Zustimmung der Internationalen Behörde abhängig gemacht werden,
dann bedeutet das, daß die Internationale Behörde das Recht haben wird, die Pläne der Staaten, die an der Verwendung von
spaltbarem Material zu friedlichen Zwecken interessiert sind, zu
billigen oder nicht zu billigen." Das ist keine korrekte Interpretation unseres Vorschlags. Die Internationale Behörde würde
sich nur mit demjenigen spaltbaren Material befassen, das von
den zum Beitrag bereiten Staaten ausdrücklich für Projekte
der Behörde selbst bereitgestellt worden ist. Sie würde dagegen
keine Kontrolle über die Verwendung irgendwelchen anderen spaltbaren Materials ausüben. Jeder solchen Beitrag leistende Staat
würde also die Freiheit haben, spaltbares Material in einen
anderen Staat zu überführen, ohne erst der Zustimmung der Internationalen Behörde zu bedürfen.
9. Es gibt da aber auch noch andere Probleme. Beispielsweise werden viele Staaten sich für diese Organisation interessieren, und manchmal wird es erforderlich sein, die Interessen
aufeinander abzustimmen. Es wird schwierig sein, selbst über
eine so einfache Organisation zu verhandeln und ein Übereinkommen zu erzielen. Je komplizierter die Organisation und je verwickelter die Verhandlungen sind, um so länger wird es dauern,
auch andere in den Genuß der Vorteile der Atomenergie kommen zu

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zu lassen. Und um so mehr wir hier versuchen, ein bestimmtes Verfahren im Hinblick auf diese Verhandlungen zu beschleunigen, desto
größer wird die Gefahr, daß wir unnötige, ja selbst unüberwindliche Hindernisse für den Ablauf eines raschen Portschritts schaffen. Wir sind daher der Ansicht, daß der beste, wenn nicht überhaupt einzige,Wegjder Welt auf diesem Gebiet einen Dienst zu
leisten für uns darin besteht, daß wir uns durch Vereinfachung
der Organisation und Verhandlungen - durch Konzentrierung auf
das, was durchführbar und möglich ist - so schnell wie irgend
möglich an die Arbeit machen.
10. Der Sowjet-Vertreter erneuerte seinen Versuch, jeden
Portschritt innerhalb internationaler Zusammenarbeit durch die
Erschließung friedlicher Anwendungen der Atomenergie zum gleichzeitigen Portschritt in Verbindung mit einem Abrüstungsprogramm
zu verhindern, wenn er auch nicht länger auf der Forderung verharrt, daß andere Staaten zuerst einem praktisch nur auf dem
Papier stehenden Verbot der Anwendung von Atomwaffen zustimmen
müßten, bevor seine Regierung an den Verhandlungen über eine
friedliche Verwendung der Atomenergie teilnehmen würde.
Präsident Eisenhower machte im vergangenen Dezember klar, d
daß der von ihm vorgelegte Plan, obgleich er kein Abrüstungsplan
sei, wenn er angenommen würde, doch dazu geeignet sei, den Frieden und damit die Abrüstung näher zu rücken, denn Abrüstung und
Frieden sind natürlich nicht ein und das selbe. Der Präsident
sprach die Hoffnung aus, daß sein Vorschlag "einen neuen Weg
zur friedlichen Diskussion freigeben möge und zumindest einen
neuen Versuch zur Lösung der vielen schwierigen Probleme auslösen werde, die in privaten und offiziellen Besprechungen erörtert und geklärt werden müssen, wenn die Welt die aus Furcht
entstandene Untätigkeit aufgeben und positive Fortschritte in
der Arbeit für den Frieden erreichen solle."
Dieser Ausschuß,vor dem ich spreche, bedarf nicht eines
Hinweises auf die Bedeutung der Abrüstung oder auf die ungeheure
physische und seelische Belastung, die durch ihre Verwirklichung
beseitigt würde. Noch weniger brauchen wir - nach einer Debatte
von acht Jahren - daran erinnert zu werden, wie schwierig die
Durchführung einer Abrüstung ist, wenn es an gegenseitigem
Vertrauen fehlt.
Abrüstung stellt einen Faktor auf dem Wege zum Frieden dar.
Zumindest ein weiterer Faktor besteht in einer neuen Einstellung
der Welt, die eine enge Zusammenarbeit zur Gewohnheit werden
lassen könnte und damit allmählich gegenseitiges Vertrauen schaffen würde.
Wir sind der Auffassung, daß dieser "Atom-für-den-Frieden"Vorschlag die Welt vom Kriegführen abbringen wird, da wir die
Probleme der Welt durch ein neues Prismenglas sehen werden. Er
ist eine neue Möglichkeit, um mit der Arbeit für den Frieden zu
beginnen.
Wi

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17. November 1954

Wir dürfen einen Vorschlag nicht dadurch entwerten, daß
wir ihn an einen anderen anhängen. Es besteht bereits ein gesonderter Entwurf für die Durchführung der Abrüstungsverhandlungen,
Wir schlagen einen Entwurf für die dazu parallel laufenden Besprechungen über die friedliche Verwendung des Atoms vor.
Wir hoffen, daß wirklicher Portschritt bei einer der beiden Diskussionen schließlich die anderen erleichtern wird. Wir
stimmen dem Delegierten der Sowjetunion zu, wenn er sagt, daß
die Vorschläge des Memorandums vom 19« März an sich nicht zu
einer Verminderung der potentiellen Kraft von Atomwaffen führen.
Ebenso wenig wird sie diese erhöhen. Aber vielen Gebieten der
Welt würden sie wirtschaftliche und soziale Vorteile bringen.
Und so sind wir als Partner der Mächte, mit denen wir in Verhandlung stehen, fest entschlossen, nicht zu dulden, daß Portschritte bei der Aufgabe, das Atom für den Frieden nutzbar zu
machen, weiterhin hinaus gezögert werden.
11. Der sowjetische Vertreter behauptete, die Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche Zwecke führte zwangsläufig
zur Erhöhung des Vorrats an spaltbarem Material, das sich zur
Herstellung von Atomwaffen verwenden lasse; er führte ferner
aus, die ungefährlichen, für die Verwendung zu friedlichen Zwecken
abgezweigten Materialien könnten doch für gefährliche Ziele genutzt werden, und die in den Industriereaktoren erzeugten radioaktiven Nebenprodukte ließen sich eventuell für militärische
Zwecke verwenden. Damit gab er zu verstehen, daß der Vertrag über
die Nutzbarmachung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken auch
ein Abkommen über das Verbot der Atomwaffen enthalten müsse.
Der sehr verehrte schwedische Kollege befaßte sich gleichfalls
mit dieser Präge. Wir sind jedoch der Auffassung, daß eine Lösung des gesamten Problems der internationalen Atomenergie-Kontrolle und ein Verbot der Atomwaffen erst dann nötig wird, wenn
wir nichtkriegerische Projekte geschaffen haben, durch die die
Kräfte des Atoms in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit freigesetzt werden.
Ich darf an dieser Stelle erneut der Überzeugung der Regierung der Vereinigten Staaten Ausdruck geben, welche in der
veröffentlichten Korrespondenz zwischen den USA und der UdSSR
als Dokument A/2738 niedergelegt ist, daß sich nämlich in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit, Mittel und Wege für eine allmähliche Nutzbarmachung der Atomenergie
zu friedlichen Zwecken und eine Sicherung gegen eine Abzweigung
radioaktiver Stoffe für eine kriegerische Absicht finden lassen.
Denn es gibt ja Formen der Nutzbarmachung zu friedlichen
Zwecken, die keinerlei Möglichkeit bieten, daß sie zu militärischen Zwecken mißbraucht werden. Die von mir in meiner Rede
vor dieser Versammlung am 5» November vorgeschlagenen Projekte
zum Beispiel würden sich überhaupt nicht für radioaktive Stoffe
eignen, die sich auch in Waffen verwenden lassen.
Das

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T7. November

1954

Das Problem der radioaktiven Nebenprodukte, das der sowjetische Delegierte hier aufgeworfen hat, läßt sich gleichfalls
lösen.
Was die Sicherheit gegen eine etwaige Abzweigung derartigen
Materials aus den Stromreaktoren anbetrifft, so ist dieses Problem doch Teil der allgemeineren und umfassenderen Frage der verschiedenen ineinander greifenden Garantien, die erforderlich
sind, um sicherzustellen, daß das für solche friedliche Projekte
bereitgestellte oder in ihrem Rahmen erzeugte spaltbare Material
nur zu friedlichen Zwecken verwendet und nicht mit unbilligen
Absichten abgezweigt wird. Das ist ein Problem, das im Laufe
der Verhandlungen über die Gründung der Internationalen Atombehörde gelöst werden muß, und die zwischen den verhandelnden
Staaten - vor allem den Erzeugerländern von spaltbarem Material geführten Gespräche werden Klarheit über ihre jeweiligen Standpunkte bringen. Es ist theoretisch möglich, wie der sowjetische
Delegierte darlegte, solche Stromreaktoren zu erstellen, durch
die der Vorrat an radioaktiven, für die Verwendung in Waffen
geeigneten Stoffe vergrößert werden könnte, aber das muß nicht
unbedingt der Fall sein. Wir sind der Auffassung, daß die Wissenschaftler und Staatsmänner in dem Maße, in dem in der Zukunft
Stromreaktoren gebaut und konstruiert werden, mit ihrem Scharfsinn Mittel und Wege finden werden, durch die garantiert wird,
daß derartige Stoffe nicht für die Rüstungsindustrie oder verwandte Fertigungszweige verschoben werden.
Man möge doch nicht vergessen, daß die Verteilung von kernreaktivem Material durch die Internationale Atombehörde zur
Erstellung von Stromreaktoren in keiner Weise das Problem komplizieren würde, wie man die Gewähr für eine tatsächliche Verwendung der Atomenergie zu ausschließlich friedlichen Zwecken
schaffen könnte. Dieses Problem ist ein Teilproblem der Abrüstungsfrage, mit der sich die Großmächte seit Jahren befassen.
Das internationale Kontrollorgane für Abrüstung)könnte nach seiner Schaffung seine* Funktionen durchaus in Zusammenarbeit mit
der internationalen Atombehörde durchführen. Aber in der Zwischenzeit möchten wir doch mit unseren Bemühungen, die Atomenergie in den Dienst der Menschheit zu stellen, ein Stück vorankommen. Nichts, was wir in dieser Hinsicht unternehmen|braucht
das Problem der Abrüstungskontrollen irgendwie zu komplizieren.
12. Der sowjetische Vertreter hat auch versucht, die Frage
der Abrüstung und die der friedlichen Verwendung der Atomenergie
miteinander zu verbinden, indem er sich darauf versteifte,
daß hierbei dem Sicherheitsrat eine überragende Bedeutung zukomme. Auf Grund der UN-Charta ist der Sicherheitsrat vor allen
Dingen für die Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit
und des Weltfriedens verantwortlich. Die UN-Vollversammlung
trägt hier eine ähnliche Verantwortung. Sollte in Verbindung mit
der friedlichen Verwendung der Atomenergie in irgendeinem Land
oder einer Ländergruppe eine Situation entstehen, die den Weltfrieden und die internationale Sicherheit gefährdet, so wären
in einem solchen Fall der Sicherheitsrat und die Vollversammlung
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�."AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Vollversammlung gleichermaßen zuständig, und zweifellos würden
die Vereinten Nationen - wie auch mit anderen derartigen Situationen - mit der Angelegenheit fertig werden. Daher ist es möglich
und auch durchaus wahrscheinlich, daß im Interesse der internationalen Sicherheit zwischen dieser Behörde und dem Sicherheitsrat
sowie der Vollversammlung und dem Generalsekretär der Vereinten
Nationen gewisse Beziehungen bestehen.
Aber der sowjetische Vertreter griff auf die Resolution der
UN-Vollversammlung vom 14. Februar 1946 zurück, mit der die ursprüngliche UN-Atomenergie-Kommission geschaffen worden war eine Körperschaft, die nicht mehr existiert. Es war dies die
Kommission, die detaillierte Vorschläge zur Kontrolle der Atomenergie in einem Umfange machen sollte, der eine ausschließliche Verwendung zu friedlichen Zwecken hätte gewährleisten
können. Da es die Hauptaufgabe dieser Kommission war, sich mit
der Abrüstung auf dem Gebiet der Atomwaffen zu befassen, hatte
sie natürlich dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung Bericht zu erstatten und ihnen Empfehlungen zu unterbreiten. Der
Vertreter der Sowjetunion schlägt jetzt offenbar vor, daß die
Internationaler: Atombehörde, deren Funktionen ganz anders geartet
sein werden, das gleiche tun solle - und damit wäre sie praktisch
dem Veto unterworfen.
Die Wahrheit ist, daß die Aufgabe, die dieser inzwischen
erloschenen Kommission übertragen worden war, auf Grund einer Resolution (und auf Grund zahlreicher Beschlüsse)"
) an die
Abrüstungskommission überwiesen wurde, die Körperschaft, von der
die Vereinten Nationen nunmehr konkrete Schritte in der Abrüstungsfrage erwarten.
13. Es wurde mehrfach die Frage aufgeworfen, in welcher Form
die unterentwickelten Länder in der Behörde vertreten sein sollen.
Das am 19« März durch den amerikanischen Außenminister dem sowjetischen Botschafter überreichte Memorandum enthielt eine Bestimmung, der zufolge die höchste Exekutivgewalt der Behörde durch ein
Direktorium mit begrenzter Mitgliedschaft ausgeübt werden solle,
wobei die Delegierten als Vertreter ihrer jeweiligen Regierung
fungieren. Wie im Memorandum weiter vorgeschlagen wurde, dürfte
es bei Festlegung der Zusammensetzung des Direktoriums wünschenswert sein, "geographische Gesichtspunkte und die Mitgliedschaft
etwaiger künftiger Nutznießer im Direktorium zu berücksichtigen".
Mit anderen Worten - und dies möchte ich besonders unterstreichen sehen unsere Pläne vor, daß im Direktorium der Behörde diejenigen
unterentwickelten Länder vertreten sind, die auch der Atombehörde
angeschlossen sein werden.
14. Eine weitere Frage betrifft die Teilnahme jener Staaten,
die nicht an den Verhandlungen über die Schaffung dieser Organisation teilnehmen. In seiner Eröffnungsansprache am 23. September
vor dieser Versammlung hat der amerikanische Außenminister die
Stellung der Vereinigten Staaten zu diesem Punkt eindeutig klargelegt. So sagte er z.B.: "Ich möchte es nachdrücklich klarmachen,daß

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17. November 1954

daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem
unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich
für eine solche Beteiligung interessieren und bereit sind, die damit verbundenen Verpflichtungen zu übernehmen, herzlich willkommen,
gemeinsam mit uns an der Planung und Ausführung dieses Programms
zu arbeiten". Diesen Standpunkt vertreten die Vereinigten Staaten nach wie vor.
Wir haben niemals die Bildung einer geschlossenen Organisation der in dieser Behörde vertretenen Länder erwogen, ebenso
wenig hatten wir die Absicht, die übrigen Staaten durch Bildung
dieser Behörde vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Wie wir
in der Sieben-Mächte-Entschließung angedeutet haben, sind wir
gewillt, die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen über die Portschritte bei der Schaffung dieser Behörde laufend zu unterrichten.
Darüber hinaus kann ich zu dieser Sache noch weitere Zusicherungen
geben. Die an den gegenwärtigen Verhandlungen beteiligten Regierungen beabsichtigen, ehe die Vereinbarung über die Schaffung
der Behörde zur Ratifizierung vorgelegt wird, diejenigen Regierungen, die Interesse an der Mitgliedschaft in der Behörde zeigen,
zu Rate zu ziehen und selbstverständlich die von ihnen vorgebrachten Ansichten gewissenhaft zu erwägen und zu berücksichtigen.
15« Das also ist unser Programm« Vor allem müssen wir Möglichkeiten finden, um diese Behörde auf schnellstem Wege ins
Leben zu rufen: Das ist der eigentliche Zweck der Sieben-MächteResolution. Wir drängen in unseren Verhandlungen nachdrücklich
auf Eile und wir verlangen nichts weiter als die Bereitwilligkeit der übrigen Regierungen zur aufrichtigen Mitarbeit, damit wir
zu Beginn der nächsten Sitzungsperiode der Vollversammlung bereits
die bis dahin erzielten Erfolge und konkreten Ergebnisse der internationalen Zusammenarbeit erörtern können, die dem Ziel dienen,
die Entdeckungen der Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen gern noch eine weitere Angelegenheit unterbreiten; ich hoffe, damit ein für allemal jegliche
Unklarheit darüber zu beseitigen, inwieweit der Vorschlag der
Vereinigten Staaten bezüglich der Verwendung der Atomenergie
für friedliche Zwecke geht, sowie darüber, ob das Ausmaß unseres
Vorschlags irgendwie eingeengt worden ist.
Ich bin vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu der Erklärung ermächtigt worden, daß die amerikanische AtomenergieKommission 100 Kilogramm an spaltbarem Material zur Verfügung
zu stellen bereit ist, das als Treibstoff für die vom Außenminister und mir vorher erwähnten Atomreaktoren 1$ Experimentierstadium dienen soll. Dieses spaltbare Material reicht der Menge
nach aus, um eine beträchtliche Anzahl dieser Reaktoren überall
in der Welt in Betrieb zu setzen.

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES: DAS ZIEL DER AMERIKANISCHEN AÜSSENPOLITIK
IST DER FRIEDE

CHICAGO — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles nahm am 29. Nov-»
1954 in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen Weltlage Stellung. Die Rede
des Außenministers auf dem Kongreß der 4-H-Klubs,
die von allen amerikanischen Rundfunkstationen
übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Vor 10 Tagen habe ich im Weißen Haus die Außenpolitik
der USA mit den maßgebenden Kongreßmitgliedern beider Parteien,
Republikanern wie auch Demokraten, erörtert. Anschließend
sagte der Präsident zu mir,, er glaube, es wäre gut, wenn ich
darüber auch dem amerikanischen Volke berichten würde.
Es ist nicht einfach, das ganze Thema in eine kurze Rede
zusammenzufassen. Aber ich werde mein Bestes versuchen.
Lassen Sie mich damit beginnen, das Ziel der amerikanischen Außenpolitik herauszustellen. Es besteht darin, Ihnen
und mir sowie unseren Kindern die Möglichkeit zu verschaffen,
sich in Frieden den Segnungen der Freiheit zu erfreuen. Dieses Ziel steht über allem was wir unternehmen.
Diese Aufgabe ist nicht einfach, denn der internationale
Kommunismus bedroht Frieden und Freiheit mit vielen Mitteln
und an zahlreichen Orten.
Koexistenz
Eine allgegenwärtige Gefahr besteht darin, daß wir uns
dazu verleiten lassen, unseren Schutz aufzugeben, bevor die
Gefahr wirklich vorbei ist. Die internationalen Kommunisten
sind Meister des Tricks, Worte zu verwenden, die für sie eine
ganz bestimmte Sache und für uns etwas ganz anderes bedeuten.
Es dauerte lange, bis wir lernten, daß das Wort 'Demokratie' für die Kommunisten eine Diktatur bedeutet, die sie
'die Diktatur des Proletariats* nennen. Es dauerte eine gewisse
Zeit, bis wir lernten, daß das Wort 'Frieden' für die internationalen Kommunisten 'Konformität' bedeutet - eine Gleichschaltung, bei der das Verhalten von Moskau vorgeschrieben wird,
Das
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Das heikle Wort heißt heute 'Koexistenz'. Für uns bedeutet es Nachsicht gegenüber anderen Auffassungen. Man muß abwarten, was es für die internationalen Kommunisten bedeutet.
Es stimmt, daß die sowjetischen Kommunisten in der letzten
Zeit in einer sanfteren Tonart geredet haben. Aber es entspricht
ebenso den Tatsachen, daß die rotchinesischen Kommunisten in
ihren Worten und Taten eine immer größere Gewalttätigkeit an
den Tag legten. Sie haben die elementaren Grundsätze der internationalen Gepflogenheiten verletzt.
Vielleicht versucht der internationale Kommunismus die
freien Nationen durch neue Mittel und Wege zu spalten. Die
Kommunisten versuchen, in Europa öl auf die Wogen zu gießen,
während sie in Asien provokatorische Handlungen begehen.
Die USA werden antworten. Sie werden scharf reagieren, ohne
sich jedoch dabei zu einer Maßnahme provozieren zu lassen, die
eine Verletzung der von den USA eingegangenen internationalen
Verpflichtungen darstellen und die Allianz der freien Nationen
in Mitleidenschaft ziehen würde. Was geschehen ist, stellt für
uns und für alle, die den Frieden wollen, einen Ansporn dar,
Mittel und Wege zu finden, die mit dem Frieden vereinbar sind
und die das Völkerrecht bekräftigen.
Wir haben uns auf Grund der Charta der Vereinten Nationen
damit einverstanden erklärt, internationale Gegensätze auf friedlichem Wege in solcher Weise beizulegen, daß der Weltfriede nicht
gefährdet wird. Daher besteht unsere erste Pflicht vielmehr darin, alle friedlichen Mittel auszuschöpfen, damit die internationalen Rechte der USA und jene ihrer Bürger gewahrt bleiben,
als darin, jetzt zu kriegerischen Handlungen in Form einer Luftund Seeblockade gegen Rotchina überzugehen.
Natürlich trachten wir immer wieder danach, Anzeichen einer
wirklichen Änderung in der Haltung des internationalen Kommunismus zu entdecken. Hoffentlich wird der Tag einmal kommen, wo er
seine Bemühungen einstellen wird, die Welt durch Gewalt,,Einschüchterung und Betrug zu beherrschen. Diesen Tag werden wir,
sollte er einmal anbrechen, lebhaft begrüßen. Aber wir wollen
sicher sein, daß wir hierbei keinen Fehler begehen und eine
falsche Morgendämmerung für die richtige ansehen. Es existiert
noch immer ein ungeheures sowjetisches Militärpotential, das
irgendwelche defensive Notwendigkeit bei weitem übersteigt.
Die fotchinesischen Kommunisten sind noch immer aggressiv eingestellt. Und es gibt noch immer in jedem freien Land einen
kommunistischen Apparat, der die bestehende Ordnung niederzureißen sucht.
Daher müssen wir wachsam bleiben. Wir müssen eine Politik
betreiben, und wir betreiben sie auch, um sowohl dem militärischen wie dem subversiven Risiko begegnen zu können.
Verteidigung der USA gegen einen bewaffneten Angriff
Es gibt Menschen in den USA - und noch mehr in anderen Ländern - die behaupten, daß es unrecht ist, bereit und in der Lage
zu sein, zu kämpfen. Sie sagen, daß die wahrhaft Friedliebenden
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Friedliebenden unbewaffnet und neutral sein sollten.
Wir haben das versucht, aber es ist nicht gegangen.
Wir waren im Jahre 1914 unbewaffnet und neutral, als der
erste Weltkrieg ausbrach. Die Angreifer glaubten, daß sie mit
uns nicht zu rechnen brauchten.
Wir waren im Jahre 1939 unbewaffnet und neutral, als der
zweite Weltkrieg ausbrach. Und wieder glaubten die Angreifer,
nicht mit uns zu rechnen zu brauchen.
Der Koreakrieg kam, als wir weitgehend abgerüstet und unsere Truppen aus Korea zurückgezogen hatten, und die Aggressoren
dachten, daß ihnen kein Widerstand entgegengestellt würde.
Heute sind wir anderer Ansicht. Wir sind überzeugt, daß
der größte Beitrag, den wir zum Frieden leisten können, die
Bereitschaft ist, zu kämpfen, wenn es sein muß, sowie die Hilfsmittel und die Verbündeten zu besitzen, die sicherstellen, daß
ein Aggressor unbedingt besiegt wird. Das bedeutet keineswegs,
daß wir roh oder herausfordernd oder militariä:isch sind. Es bedeutet, daß wir den Frieden nicht nur mit dem Herzen sondern auch
mit dem Verstand suchen.
In diesem Geiste treffen wir militärische Vorbereitungen,
die, wie wir überzeugt sind, vor einem Krieg abschrecken werden.
Dies erfordert grundsätzlich, daß ein möglicher Aggressor nicht
glauben darf, ej e Aggression macht sich bezahlt. Er muß wissen,
daß er die Vereinigten Staaten nicht durch einen plötzlichen
Angriff vernichten kann und daß wir in der Lage sind, zurückzuschlagen.
Aus diesem Grund bauen wir die kontinentale Verteidigung in
einer wesentlichen Richtung aus. Sie wird aus einem ausgebauten
Vorwarnungsnetz und aus Kampfflugzeugen bestehen, die nach den
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgestattet sind.
Diese Einrichtungen sollten es uns ermöglichen, einen sehr hohen
Prozentsatz etwaiger roter Bomber, die sich auf einem feindlichen Auftrag gegen die Vereinigten Staaten befinden, abzuschießen.
Dann haben wir unser strategisches Luftkommando, das in
der Lage ist, Gegenschläge gegen die lebenswichtigen Teile der
Sowjetunion zu führen. Diese Schläge würden nach unserer Rechnung weit mehr Schaden anrichten, als die roten Flugzeuge den
USA zufügen könnten.
Sie werden vielleicht fragen, was denn die Außenpolitik damit zu tun hat. Darauf antworte ich Ihnen: alles. Unser kontinentales Verteidigungssystem hängt von Kanada ab. Und die freien
Nationen können keine wirksamen Vergeltungsmaßnahmen zur Abwehr
etwaiger Aggressionen ergreifen, wenn sie nicht über ein weitgespanntes Netz von Flugplätzen verfügen.
Daher ist es ein wesentlicher Bestandteil unserer Außenpolitik, freundschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern zu pflegen, so daß wir mit ihnen für unsere gemeinsame Verteidigung

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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1 954

Verteidigung zusammenarbeiten können.
Und ich kann Ihnen sagen, daß wir solche freundschaftliche
Beziehungen haben und daß es daher jeder Nation teuer zu stehen
kommen dürfte, die Vereinigten Staaten anzugreifen.
Schutz anderer Länder gegen einen bewaffneten Angriff
Natürlich könnten wir derartige Beziehungen zu anderen Ländern nicht haben, wenn wir nur an uns dächten. Diese Beziehungen
müssen vielmehr dem gemeinsamen Interesse dienen. Das heißt, die
gemeinsame Verteidigung umfaßt viele Gebiete außerhalb der Vereinigten Staaten.
Von besonderer Bedeutung hierbei ist, daß die Weltmeere
von freien und befreundeten Nationen beherrscht werden. Dafür
haben wir durch eine Reihe von Sicherheitsabkommen gesorgt; für
das atlantische Gebiet ist dies durch den Nordatlantikpakt geschehen; für das pazifische Gebiet bestehen einige Abkommen,
die sich zum Teil noch im Stadium der Entwicklung befinden und
sich auf Japan, die Republik Korea, die Riukius (Okinawa),
Formosa, die Philippinen, Australien und Neu-Seeland sowie Teile
Südostasiens beziehen.
Zur konkreten Untermauerung dieser schriftlichen Verträge
stehen die örtlichen Streitkräfte zur Verfügung. In einigen Fällen sind diese örtlichen Streitkräfte, die man für notwendig
erachtet, größer als die jeweiligen nationalen Regierungen sie
unterhalten können. In diesen Fällen helfen wir aus. Dabei handelt
es sich jedoch nicht um 'Almosen'. Es ist vielmehr die sogenannte
'Auslandshilfe• - eine Bezeichnung, die mir nicht gefällt. Die
korrekte und bessere Bezeichnung ist 'gegenseitige Sicherheit'.
Westeuropa, mit seiner gewaltigen Industriemacht, ist ein
Preis erster Ordnung für jeden, der die Weltherrschaft anstrebt.
Es bedarf daher eines besonderen Schutzes, den es durch die NATO
erhält. Die NATO aber braucht in ihrem Kern auf dem Kontinent
einen engeren Zusammenschluß unter Beteiligung Deutschlands.
Dies war das Ziel der historischen Abkommen, die vorigen Monat in
London und Paris abgeschlossen wurden. Diese Abkommen sollen den
ständigen Kriegen der europäischen Völker untereinander ein Ende
setzen und gleichzeitig Westeuropa eine wirksame Verteidigung
gewährleisten. Die Aussichten auf ein geeintes Europa werden
durch die jüngst von Italien und Jugoslawien getroffene Regelung
der Triester Frage und die bevorstehende Regelung der Saarfrage
durch Frankreich und Deutschland gestärkt.
Zu den nationalen Verteidigungskräften der Mitgliedstaaten
kommen noch die Luft- und Seestreitkräfte hinzu. Diese beweglichen Kräfte sind zur Abwehr etwaiger Angriffe notwendig, da es
für einen Angreifer sehr vorteilhaft wäre, wenn er ein einzelnes,
bestimmtes Gebiet angreifen könnte ohne mit Vergeltungsmaßnahmen
rechnen zu müssen. Wir müssen in der Lage sein, zu jeder Zeit wo
immer wir wollen und mit welchen Mitteln wir wollen auf etwaige
Angriffe zu reagieren.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Dies bedeutet jedoch nicht, daß jede örtliche kriegerische
Auseinandersetzung automatisch in einen allgemeinen Krieg umgewandelt wird, in dem sämtliche Länder mit Atombomben bombardiert
werden. Die Kernfrage, um die es hierbei geht, ist, daß wir und
unsere Verbündeten die Mittel und den Willen haben sollten, dafür zu sorgen, daß ein etwaiger Angreifer durch seine Aggression
mehr verliert, als er gewinnen könnte. Dies bedeutet wiederum
nicht, daß der Aggressor vollständig vernichtet wird. Es bedeutet
aber, daß wir in der läge sind, ihm als Vergeltungsmaßnahmen
Schaden zuzufügen. Wir sind der Ansicht, daß wir und unsere
Verbündeten über die hierzu erforderliche Macht verfügen. Und
wir sind ebenfalls der Ansicht, daß ein bewaffneter Angriff
auf die durch unsere Sicherheitsabkommen erfaßten Gebiete sehr
unwahrscheinlich ist, solange wir über diese Macht verfügen.
Es gibt einige Gebiete in der Welt, die nicht durch besondere kollektive Sicherheitsabkommen geschützt sind. Dies
trifft insbesondere für einige Teile Asiens zu.
Allerdings sind bereits Entwicklungen im Gange, auch für
diese Gebiete ein kollektives Sicherheitssystem zu errichten. So
sind zum Beispiel die Türkei und Pakistan dabei, im Norden einen
Verteidigungsgürtel zu schaffen, damit die reichen ölfelder des
Nahen Ostens nicht eine leichte Beute der Sowjetunion werden.
Die kürzliche Befreiung Persiens von dem Zugriff durch die kommunistische Tudeh-Partei, die anschließende Beilegung des ölkonflikts und der Kontroverse um den Suez-Kanal, all dies eröffnet
neue Möglichkeiten zur Stärkung und Festigung auch dieses Teiles
der Welt.
In jedem Falle bieten auch die Vereinten Nationen einen
mächtigen Schutz gegen eine offene Aggression. Dies ist nicht
von nebensächlicher Bedeutung - wie der Fall Korea bewiesen hat.
Und es ist unsere Politik,die Vereinten Nationen tatkräftig zu
unterstützen.
Diese von mir hier umrissenen Maßnahmen bieten den freien
Nationen weitgehend Schutz gegen die Gefahr eines bewaffneten
Angriffs.
Die Völker der Erde scheinen dies zu spüren. Daher herrscht
auch allgemein das Gefühl vor, daß die Gefahr eines Weltkrieges
heute geringer ist, als dies vor einigen Jahren der Fall war.
Maßnahmen gegen subversive Tätigkeit
Lassen Sie mich nunmehr die durch subversive Tätigkeit drohende Gefahr behandeln. Diese Gefahr ist groß. Der internationale
Kommunismus hat große Erfahrung darin, politische unsichere Verhältnisse für sich auszunützen. Diese Erfolge sind nicht nur an
der Zahl der tatsächlich von den Kommunisten übernommenen Regierungen zu messen - die bereits nahezu die Zahl 20 erreicht haben sondern auch an der Spaltungs- und Obstruktionspolitik, die die
Kommunisten innerhalb der freien Welt betreiben.
Was

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Was uns in diesem Zusammenhang an erster Stelle interessiert,
ist die Lage in den amerikanischen Republiken. Den Lateinamerikanischen Ländern droht weniger ein offener bewaffneter Angriff,
sie sind aber eine schwache Stelle hinsichtlich subversiver Tätigkeit der Kommunisten. Diese Frage haben wir auf der im März
dieses Jahres in Caracas abgehaltenen panamerikanischen Konferenz
behandelt. Dort wurde eine Erklärung des Inhalts angenommen, daß
es eine Gefahr für den Frieden und die Sicherheit aller amerikanis chen Nationen darstellen würde, wenn es dem internationalen
Kommunismus gelingen sollte, in einem dieser Staaten die politische
Macht an sich zu reißen.
Es war dies eine bedeutsame Erklärung. Sie dürfte den Forderungen unserer Zeit vielleicht ebenso dienlich sein, wie die
Monroe-Doktrin den Bedürfnissen unseres Landes im vergangenen
Jahrhundert gedient hat. Durch diese Erklärung wurde eindeutig
klar gestellt, daß eine gemeinsame Aktion zur Ausmerzung des
internationalen Kommunismus nicht ein Akt der Intervention ist
sondern vielmehr ein Akt zur Unterbindung jeglicher Interventionen.
Der in dieser Caracas-Erklärung niedergelegte Grundsatz war
insbesondere für die Lage in Guatemala von Bedeutung. Dort hatte
der internationale Kommunismus tatsächlich die Regierungsgewalt
an sich gerissen. Die amerikanischen Staaten waren eben im Begriff, zur Beratung über diese von hier drohende Gefahr zusammenzutreten, als das Volk von Guatemala selbst die loyalen
Kreise unterstützte, die das Krebsgeschwür des Kommunismus aus
dem Staatskörper entfernten. Der von den Kommunisten gelenkte
Präsident von Guatemala hat schmählich die Flucht ergriffen,
während der Führer der Befreiungsbewegung heute Fräsident von
Guatemala ist.
Jene Deklaration von Caracas und die Demonstration, daß
die amerikanischen Staaten diese ernst nehmen, schützen unsere
Hemisphäre im weiten Umfang vor einer kommunistischen Unterwühlung. Die Kommunisten wissen, daß sie die anderen amerikanischen
Länder als ihre Gegner erwarten müssen, wenn sie die politischen
Institutionen eines amerikanischen Landes unter ihre Kontrolle
bekommen sollten. Daher besteht ein geringerer Ansporn für sie,
nach Herrschaft zu streben, als dies bisher der Fall gewesen ist.
Darüber hinaus trachten die amerikanischen Staaten danach,
bessere wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen. Gegenwärtig
findet in Rio de Janeiro eine Wirtschaftskonferenz statt, wir
glauben und hoffen, daß diese Konferenz den Boden für gesunde
Maßnahmen bereiten wird, um die Nationalwirtschaften zu fördern
und den Lebensstandard zu erhöhen. Dies würde der von Präsident Eisenhower verkündeten 'Politik der guten Partnerschaft'
eine praktische Bedeutung verleihen.
In

�"AMERIKü DIENST"
1. Dezember 1954
In Asien und Afrika sind die Gefahren einer kommunistischen Unterwühlung groß. In diesen Kontinenten gibt es Länder,
die keine Selbstregierung besitzen, wo zahlreiche politische
Institutionen noch nicht festen Fuß gefaßt haben, die wirtschaftlichen Verhältnisse schwach sind und die Regierungen
nicht auf sicheren Füßen stehen. Die Lage in Vietnam ist
heute besonders gefährdet, und in Nordafrika ist die Situation ebenfalls unruhig.
Einige der asiatischen Nationen, die kürzlich ihre nationale Unabhängigkeit erhalten haben, brauchen Hilfe. Sie wollen
diese Hilfe jedoch nicht vom Westen annehmen, weil sie fürchten, daß damit eine Wiedergeburt des westlichen Kolonialismus
verbunden sein könnte. So sind sie weiterhin einem System des
Kommunismus ausgesetzt, das die grausamsten und erbarmungslosesten Kolonialherren der Geschichte hervorbringt.
Es muß klar gemacht werden, daß die asiatischen und westlichen Nationen als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten.
Auf der Konferenz von Manila im September dieses Jahres haben
wir einen großen Schritt vorwärts auf diesem Wege getan. Dort
haben die westlichen und asiatischen Konferenzteilnehmer über
eine 'pazifische Charta1 Übereinstimmung erzielt. In dieser
Charta kam ihr Willen nach Unabhängigkeit und Selbstregierung
für alle Völker in der Welt zum Ausdruck, die in der Lage
sind, dieser ihrer Verantwortung auch nachzukommen.
Das war ein wichtiger Schritt nach vorn, um den Geist des
westlichen Kolonxalismus zu vertreiben, der noch immer die
freien asiatischen Länder erschreckt und der sie dazu bringt,
nur zögernd eine hilfreiche Verbindung mit dem Westen einzugehen.
Wirtschaftspolitik
Es besteht ferner die Notwendigkeit für eine Wirtschaftspolitik, die die Erschließung aller wirtschaftlich rückständigen Länder unterstützt. In den kommunistischen Ländern werden
Erschließungsaufgaben durch ein System der Zwangsarbeit gelöst,
das der Sklaverei gleichkommt. Der Lebensstandard wird sehr niedrig gehalten und die Bevölkerung wird zu sehr schwerer Arbeit
gezwungen. Auf diese Weise wird die Schwerindustrie aufgebaut.
Dieses System ist grausam und dient in erster Linie Kriegszwecken. Es hat jedoch für die Völker der wirtschaftlich rückständigen Länder einen gewissen Reiz, die der Ansicht sind, daß
ihre eigenen Volkswirtschaften still stehen.
In einer freien Gemeinschaft ist es das Normale, daß die
fortgeschrittenen Staaten den wirtschaftlich rückständigen Ländern Geld leihen. Unsere Vereinigten Staaten wurden in ihren
ersten Anfängen zum Teil mit europäischem Kapital erschlossen.
Heute verfügen die Vereinigten Staaten über das meiste Kapital,
um anderen Ländern bei ihrer Erschließung helfen zu können. Wir
müssen einen Weg finden, um dieses Kapital arbeiten zu lassen.
Dies ist ein vernünftiges Geschäftsgebaren, denn die gewährten
Anleihen machen sich gewöhnlich bezahlt und die Erfahrung zeigt,
daß wir alle von einer Umgebung des Wohlstandes profitieren.

Ich

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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Ich möchte in diesem Zusammenhang Präsident Eisenhowers
Plan für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie erwähnen.
Dieser Plan wurde im Dezember vergangenen Jahres vor den Vereinten
Nationen verkündet und fand ein gewaltiges Echo. Ich selbst erörterte ihn verschiedentlich mit dem sowjetischen Außenminister
Molotow. Die Sowjets lehnten ihn jedoch ab. In diesem Herbst
verkündeten wir dann, daß wir mit diesem Plan zusammen mit anderen Ländern und ohne die Sowjetunion voranschreiten würden.
Nun scheint es jedoch, daß die Sowjets nun doch noch mitarbeiten
wollen.
Mit diesem Eisenhower-Plan ersteht unser Volk erneut in seiner historischen Rolle. Wir haben neue Möglichkeiten für das
Wohl der Menschen gefunden und stellen unser Wissen in den
friedlichen Dienst der gesamten Menschheit.
Die Unterdrückten Völker
Es gibt noch einen letzten Aspekt unserer Politik, auf den
ich zu sprechen kommen möchte. Wir sind der Überzeugung, wie
Abraham Lincoln sagte, daß unsere Unabhängigkeitserklärung 'Freiheit nicht nur für das Volk dieses Landes, sondern auch für alle
künftige Zeit Hoffnung für die Welt* verspricht. Heute lebt ein
Drittel der Menschheit in den schrecklichen Banden der kommunistischen Diktatur. Aber wir betrachten diesen Zustand nicht als
unabänderlich.
Es besteht, wie wir wissen, unter den 800 Millionen Menschen,
die der internationale Kommunismus regiert, ein großes Maß an Unzu&gt;
friedenheit. Diese entstammt der Versklavung der Arbeiter, der
Unterdrückung der Religion und der persönlichen Initiative sowie
der nationalen Demütigung der Satellitenländer.
Befreiung kommt gewöhnlich von innen heraus. Aber sie wird
eher von innen kommen, wenn die Hoffnung ständig von außen genährt wird. Und dies tun wir auf vielerlei Art.
Ein bedeutsamer Paktor in der jüngsten Entwicklung ist die
Änderung der sowjetischen Politik gegenüber Jugoslawien gewesen.
Im Jahre 1948 machte sich Jugoslawien vom Würgegriff des internationalen Kommunismus frei und gewann seine eigene nationale
Existenz zurück.
Bis vor kurzem wurden die Regierung und das Volk Jugoslawiens von den internationalen Kommunisten im benachbarten Ungarn,
Rumänien und Bulgarien bedroht und geschmäht. Jetzt zollt die
Sowjetunion jedoch Jugoslawien ihre Achtung, während sie die
Marionettenregierungen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien weiterhin mit Geringschätzung behandelt. Dies mag den Satelliten den
Mut geben, ein Maß an Unabhängigkeit zu verlangen.
Die Entwicklungen tragen klar den einmal kommenden Wandel
der absoluten Herrschaft in sich, die der internationale Kommunismus über die einst freien Nationen Europas und Asiens ausübt.
Konferenzen

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1. Dezember 1954

Konferenzen
Unsere Politik schließt internationale Konferenzen selbst
mit denen nicht aus, die feindselig gegen uns eingestellt sind.
Auf diese Weise haben wir den Koreakrieg beendet. Der Umfang
der Konferenzen mit der sowjetischen Regierung ist durch unsere
Einstellung zu den unterdrückten Völkern naturgemäß begrenzt,
denn die Sowjets wissen, daß wir zu keinem Kuhhandel bereit sind,
der die Versklavung von Menschen und Nationen gutheißen und verewigen würde.
Darüber hinaus wünschen wir nicht mit sowjetischen Vertretern zu verhandeln, wenn ihr einziges Ziel ist, die freien Nationen zu spalten und sie daran zu hindern, die notwendigen
Schritte für ihre eigene Sicherheit zu unternehmen.
Wir hatten eine solche Konferenz im vergangenen Januar und
Februar in Berlin. Der offensichtliche Zweck dieser Konferenz
war, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung
Österreichs. Praktisch versuchte der sowjetische Außenminister
nachher lediglich die Pläne für die westeuropäische Sicherheit
zu blockieren.
Wir haben den Wunsch, herauszufinden, ob die Sowjetunion den
österreichischen Staatsvertrag unterzeichnen will und ob sie nach
Ratifikation der Londoner und Pariser Abkommen zu ernsthaften
Gesprächen über die Wiedervereinigung Deutschlands bereit ist.
Dies ist der Zweck einer Note, die wir heute der sowjetischen
Regierung übermittelt haben.
Ein wesentliches Ziel der Verträge von London und Paris
besteht nicht lediglich in der Schaffung einer Verteidigungsstärke für die westeuropäischen Länder sondern in der Begrenzung
und Kontrolle dieser Stärke, so daß sie niemals zu einem aggressiven Paktor werden kann. Heute ist in Moskau eine sogenannte
'Sicherheitskonferenz* eröffnet worden, auf der die sowjetischen
Führer mit ihren Marionetten reden werden, deren Antworten
wiederum so ausfallen, wie es ihre Herrn und Meister wünschen.
Wir werden sehen, ob die Sowjetunion die Gelegenheit wahrnimmt
und es dem Westen gleichtut, indem sie die militärischen Einrichtungen in dem von ihr kontrollierten Teil Europas in ähnlich
vernünftiger Weise begrenzt.
Es besteht häufig auf Seiten der freien Völker eine Tendenz,
ihre eigenen Fehler und Schwächen zu sehen und die Stärke und
Erfolge der anderen zu übertreiben. Natürlich sollten wir uns
einer ständigen Selbstkritik unterwerfen, da dies einen Weg zur
Läuterung darstellt.
Wir brauchten jedoch nicht das Gefühl zu haben, daß wir nun
in dem großen Kampf, den man uns aufgezwungen hat, unterliegen.
Wir haben ein Recht dazu, Vertrauen zu haben, weil wir in uns
selbst stark sind und stark in der guten Partnerschaft, die wir
mit unseren Alliierten besitzen.
Die

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"AMEKIK*

DIENST"

1. Dezember 1954

Die Wahrheit hierfür besteht in der Tatsache, daß die
USA in jeder Beziehung nicht nur in materieller sondern auch
in geistiger Hinsicht die stärkste Macht der Welt sind.
Wir verfolgen eine Politik, die klar und gesund und die für
eine auf dem religiösen Glauben fußende Zivilisation und
Kultur angemessen ist. Unsere Politik wird in die Tat umgesetzt und zu einem Preis, den wir uns leisten können. Sie
hat sich zu einer von beiden Parteien getragenen Politik
entwickelt und genießt ganz allgemein die Unterstützung der
überwältigenden Mehrheit unserer Bevölkerung. Eine derartige
Politik wird, dessen bin ich fest überzeugt, in Frieden bestehen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. JAMES B. CONANT ZUR POLITISCHEN
SITUATION IN DEUTSCHLAND

CLEVELAND, OHIO — (Amerika Dienst) ~ Nachfolgend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der amerikanische Hochkommissar, Botschafter Dr. James B. Conant, am 1.
Dezember 1954 vor der Handelskammer (Chamber
of Commerce) in Cleveland, Ohio, gehalten hat:

"Sie haben mich gebeten, Ihnen über die jüngsten Entwicklungen in Deutschland und seinen Platz in der freien Welt zu
berichten. Im April dieses Jahres sprach ich schon einmal bei
einem kurzen Besuch in den Vereinigten Staaten über das gleiche Thema zu einer anderen Gruppe amerikanischer Bürger - allerdings von ganz anderen Begriffen ausgehend. Damals sprach
ich von einem Deutschland, das nominell unabhängig war, aber
noch immer unter Besatzung stand, und für das die Vereinigtien
Staaten, Großbritannien und Prankreich in einem gewissen Sinne
verantwortlich waren. Wenn ich heute von der Bundesrepublik
Deutschland spreche, dann meine ich ein Land, das mit den
Vereinigten Staaten gleichberechtigt ist. Ich spreche von
einem Deutschland, das im Begriff steht, den Status eines
souveränen Staates unter den souveränen Mächten der freienWelt wiederzuerlangen.
In der Zeit, die zwischen diesen meinen beiden Besuchen
verstrichen ist, hat die westliche Welt eine Krise zu über- !
stehen gehabt, die gefahrvolle Möglichkeiten in sich barg. Am
31. August erst, als der Vertrag über die Gründung der Buropäischen Verteidigungsgemeinschaft in der französischen Nationalversammlung durchfiel, waren unsere Hoffnungen auf ein
vereinigtes Europa auf einen Tiefpunkt gesunken. Das gleiche
gilt von der begründeten Hoffnung Deutschlands, als gleichbe- 1
rechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der europäischen Nationen aufzugehen und zur Verteidigung dieser Gemeinschaft
einen Beitrag leisten zu können, ohne die mit der Schaffung
einer Nationalarmee verbundenen Gefahren auf sich nehmen zu
müssen. Und dennoch war innerhalb von 33 Tagen nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft die fast an

�"AMERIKA DIENST"

1 . Dezember 1954

an Verzweiflung grenzende Niedergedrücktheit einem starken Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der erneuten Hoffnung für
die Zukunft gewichen.
Vor einigen Wochen bat man mich, ich möchte den Berlinern
und den Einwohnern der sowjetischen Besatzungszone die Bedeutung
der neuen Entwicklung erklären. Ich wandte mich über die berühmte
Berliner Rundfunkstation Rias an diese tapferen und standhaften
Menschen und bediente mich der Namen dreier Städte, um die Entwicklung symbolisch darzulegen, die uns diese ruhige Zuversicht
in die Zukunft eingeflößt hatte. Diese drei Städte waren London,
Paris und Washington. 'In London', so sagte ich damals, 'wurde
der Grundstein zu einer neuen Einheit gelegt, in Paris bauten
wir das Haus und in Washington feierten wir das Richtfest*.
Ich hatte die Ehre, in allen drei Fällen dabei sein zu dürfen. In London und später in Paris waren sich alle Konferenzteilnehmer wohl bewußt, daß das Schicksal der freien Welt auf dem
Spiele stand. Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, daß Deutschland seine Souveränität wiedererhalten müsse. Alle Konferenzteilnehmer stimmten darin überein, daß Deutschland an jedem europäischen
Verteidigungsbündnis beteiligt sein müsse. Dornenreich war nur die
Frage, einen Modus für die Wiederbewaffnung Deutschlands zu finden, der sowohl Frankreich als auch Deutschland akzeptabel erschien.
Bundeskanzler Adenauer hatte eine grundlegende Bedingung gestellt,
daß keiner der Pläne für eine Wiederbewaffnung Deutschlands irgendwelche diskriminierende Bestimmungen gegen sein Land enthalten
dürfe.
Als Augenzeuge kann ich Ihnen sagen, daß die Konferenzen
von Paris und London ebenso dramatisch wie erhebend waren. Ich
war tief beeindruckt von der Voraussicht der europäischen Staatsmänner, von ihrem Sinn für Proportionen und ihrem grundlegenden
Willen, die zwischen ihnen bestehenden Meinungsverschiedenheiten
zum Wohle des Ganzen beizulegen. Wenn in einer Gruppe von Menschen
jeder einzelne bereit ist, dem anderen auf halbem Wege entgegenzukommen, dann wird man ganz zwangsläufig zu einer Einigung gelangen, So auch hier.
Großbritannien machte den Vorschlag, gewisse Prinzipien der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu retten. Sie hatten die
kluge Idee, einen im Jahre 1948 zwischen England, Frankreich und
den Beneluxländern unterzeichneten Vertrag der Vergessenheit zu
entreißen. Dieser war ursprünglich gegen das Wiedererstehen eines
aggressiven Deutschlands gerichtet. Die Engländer schlugen jetzt
vor, unter Ausschuß der anti-deutschen Klausel diesen Vertrag
als Grundlage für ein Bündnis mit Deutschland zu benutzen. Dieses
neue Bündnis ist jetzt unter dem Namen Westeuropäische Union bekannt geworden. Ich werde niemals jenen historischen Augenblick
vergessen, als der englische Außenminister Sir Anthony Eden den
Entschluß der Regierung ihrer Majestät bekannt gab, die Streitkräfte des Vereinigten Königreiches in ihrer bisherigen Effektivstärke auf dem europäischen Kontinent zu belassen, falls diese
neue Union zustande kommt.
Es

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Es war gleichfalls ein denkwürdiges Ereignis, als der Vertreter Frankreichs die deutsche Bedingung einer Nichtdiskriminierung annahm, indem er über die Aufnahme Deutschlands in die
Westeuropäische Union hinausging und dem Beitritt der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation zustimmte. Deutschland seinerseits, das mehr als die anderen Länder Bedenken gegen
die Schaffung einer deutschen Nationalarmee und das Risiko eines
Wiedererwachens des Militarismus hegte, erklärte sich freiwillig
bereit, zwei spezifische Begrenzungen auf sich zu nehmen. Bundeskanzler Adenauer bekräftigte eine früher öffentlich abgegebene
Erklärung, daß Deutschland aus freiem Willen auf das Recht zur
Herstellung gewisser Waffentypen verzichten werde. Gleichzeitig
nahm er für sein Land die Verpflichtung auf sich, die im Vertrag
über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft festgesetzten Höchstgrenzen für die Streitkräfte aufrechtzuerhalten das sind T2 Diviaionen und etwa 1 000 Plugzeuge. Und so konnte
Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr von London sagen:
'Die Tatsache, daß all dies vollbracht wurde, ... ist ein Beweis
für die Lebenskraft der atlantischen Gemeinschaft1.
Ganz konkret betrachtet wurde damit folgendes erreicht:
Rückgabe der Machtbefugnisse eines souveränen Staates an Deutschland; Aufnahme Deutschlands in die Nordatlantikpaktorganisation;
Stärkung der Einheit Europas im Rahmen der Westeuropäischen Union.
Die Verträge, in denen diese Maßnahmen festgelegt sind, wurden
in Paris in der Zeit vom 20. bis 23. Oktober überarbeitet und
unterzeichnet. Sie bedürfen jetzt noch der Ratifizierung durch
die Parlamente der beteiligten Staaten. Das englische Unterhaus
hat ihnen bereits seine Zustimmung gegeben. Ministerpräsident
Mendes-Prance hat die Zusicherung gegeben, die Verträge der
Nationalversammlung in den ersten Tagen dieses Monats vorzulegen.
Das deutsche Kabinett hat die Verträge gebilligt. Und wenn nicht
alle Zeichen trügen, so dürfte die Ratifizierung im kommenden
Frühjahr abgeschlossen sein.
So viel zu der Frage, welche Stellung Deutschland heute
innerhalb der freien Welt einnimmt.
Man hat mich wiederholt gefragt: 'u^d was ist mit den
Deutschen?' 'Ilaben sie sich wirklich von Grund auf geändert?1
'Können wir ihnen jetzt, da sie auf ihren eigenen Füßen stehen,
wirklich vertrauen?' Angesichts der Geschichte Deutschlands
werden diese Fragen durchaus zu recht erhoben. Gewiß beschäftigen
sie das Denken vieler Menschen aus allen Lebensbereichen und an
vielen Orten und es ist durchaus wahrscheinlich, daß diese Fragen auch einigen unter Ihnen ein echtes Anliegen sind. Ich werde
sie nach bestem Wissen und Gewissen beantworten.
Ich bin kein Prophet und ich kann nicht in die Zukunft
sehen. Meine Antworten stützen sich allein auf meine Beobachtungen.
Wenn ich diese Fragen beantworte, möchte ich gewisse Parallelen zwischen den zwei Deutschlands ziehen, die ich persönlich
kenne.
Ich
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Ich hatte Gelegenheit, Deutschland und seine Menschen im
Jahre 1925 zu beobachten, das war sieben Jahre nach dem ersten
Weltkrieg. Damals ging ich nach Deutschland als junger Chemiker,
um dort acht Monate lang zu leben und zu lernen. 1950 kam ich
noch einmal kurz nach Deutschland. Und dann ging ich 1953 wiederum
nach Deutschland - das war zwischen sieben und acht Jahren nach
dem zweiten Weltkrieg. Der Gegensatz zwischen dem Deutschland der
zwanziger und der Fünfziger Jahre war erstaunlich.
Im Jahre 1925 litt Deutschland an Massenarbeitslosigkeit
und den Nachwehen seiner geradezu fabulösen Inflation kurz nach
dem ersten Weltkrieg. Friedrich Ebert, der erste Präsident der
Weimarer Republik, war vor nicht allzu langer Zeit gestorben,
und der Wahlkampf für seinen Nachfolger stand kurz vor seinem
Höhepunkt. Politische Morde, örtliche Aufstände und Straßenkämpfe
waren für das kurze und turbulente leben der Weimarer Republik
typisch.
Während meiner Reisen durch das Land traf und sprach ich
viele Leute und mußte dabei zu dem Schluß gelangen, daß sich die
Deutschen ihrer Regierung in keiner Weise verbunden fühlten. Viele
wandten sich ganz offen gegen die Prinzipien, auf denen die Repbulik
aufgebaut war, und ein guter Teil war völlig indifferent. Es war
im wahrsten Sinne des Wortes unmöglich, mit einem Deutschen politische Probleme zu diskutieren, ohne in eine endlose Debatte über
die Kriegsschuldfrage zu geraten. Das Volk wollte die Verantwortung
für jenen Krieg der Jahre 1914/18 einfach nicht anerkennen, und
zur Begründung der Niederlage zitierte man die Dolchstoß-Legende,
in der die Liberalen und Sozialisten die Rolle der Bösewichte
spielten. Man richtete den Blick stur nach rückwärts und sah die
Vergangenheit durch eine rosarote Brille.
Ende des Jahres 192 5 verließ ich Deutschland mit dem Gefühl,
daß das Gebäude der Weimarer Republik, die keinen Rückhalt im Volke
hatte, auf Sand gebaut war. Als ich im Jahre 1930 für kurze Zeit
nach Deutschland zurückkehrte, über das sich damals schon der
Schatten Hitlers breitete, befiel mich ein tiefer Pessimismus
hinsichtlich der Zukunft Deutschlands.
Achtundzwanzig Jahre nach meinem ersten Besuch und rund sieben
Jahre nach dem Untergang Hitler-Deutschlands kam ich in die Bundesrepublik Deutschland, die damals seit vier Jahren bestand und der
nächsten großen Wahl entgegensah. Es war ein lebendiges und blühendes Deutschland. Die Menschen sahen gesund aus, waren quicklebendig und gut gekleidet. Riesige Wiederaufbau-Vorhaben füllten
rasch die Lücken in den vom Kriege schwer betroffenen Städten.
Diese Erhebung aus dem absoluten wirtschaftlichen Chaos schien
unfasslich. Im Jahre 1953 erreichte der Produktionsindex 158 Punkte,
gemessen an dem Index des Jahres 1936, das allgemein als das letzte
Jahr mit normalen Wirtschaftsverhältnissen vor Ausbruch des zweiten
Weltkrieges betrachtet wird. Das Exportvolumen nahm stetig zu.
Bank- und Währungswesen waren stabil.
In
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�"AMERIKA DIENST»

1. Dezember

1954

In den neun Jahren seit der Kapitulation hatte es in Deutschland keine Unruhen, keinen organisierten Aufstand, keine politischen Morde gegeben. Die heutige Atmosphäre unterscheidet sich
grundsätzlich von der der zwanziger Jahre. Man anerkennt allgemein
und offen die Verantwortung Deutschlands für den zweiten Weltkrieg.
Über diesen Punkt gibt es keine Diskussion mehr. Gleichzeitig will
man, mit wenigen Ausnahmen, von der Vergangenheit nichts mehr
wissen. Man wendet sich der Zukunft zu. Natürlich gibt es in
Deutschland noch einige unbelehrbare Nazis und Reaktionäre, die
Sehnsüchtig dem Pomp und der "Gloria" aus den Glanztagen Hitlers
nachhängen; aber ihr Wehklagen stößt auf wenig Gegenliebe. Ich
bin der festen Überzeugung, daß die Mehrheit der Bürger der Bundesrepublik, ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit, die Grundsätze
anerkennt, auf denen ihr Staat aufgebaut ist. Die Wahlen vom September 1953 haben dieser Überzeugung in vieler Hinsicht recht gegeben.
Im Jahre 1949 bildete Bundeskanzler Dr. Adenauer seine Koalitionsregierung mit einer recht kleinen Mehrheit in der zweiten
Kammer des deutschen Parlaments, dem Bundestag. Aus den zweiten
Bundestagswahlen am 6. September 1953 ging die Partei des Bundeskanzler Dr. Adenauers, die Christlich Demokratische Union, mit
absoluter Mehrheit hervor, während die Koalitionsparteien eine
zwei-drittel-Mehrheit errangen. Diese Reaktion der Wähler auf
die Leistungen der Regierung Adenauer, die wirtschaftliche Prosperität, die Integration Europas und einen deutschen Beitrag zur Verteidigung Europas auf ihr Programm geschrieben hatte, ist ein
treues Spiegelbild der neuen Einstellung der Deutschen und der
ganzen Atmosphäre im Deutschland von Heute. Darüber hinaus beweisen die Wahlen vom September 1953 eindeutig, daß das deutsche Volk
die Regierungsform einer auf den Prinzipien der Demokratie aufgebauten föderativen Republik unterstützt und die Extremisten der
Rechten und Linken ablehnt. Weder den Rechtsradikalen noch den
Kommunisten gelang es,in diesen Wahlen auch nur einen einzigen
Sitz im Bundestag zu erringen. Adenauer erreichte etwas, was keinem Kanzler der Weimarer Republik gelang: Ihm ist es zu danken,
daß alle größeren Parteien den neuen Staat bejah.en - ausgenommen
freilich die totalitären Elemente der Rechten und Linken.
Hier kann man fragen: Welcher Art sind denn nun die Aussichten
für eine stabile und kontinuierliche Außenpolitik dieses neuen
Deutschlands, das jetzt ein souveräner Staat werden soll?
Von Diesseits des Atlantik aus gesehen, mag vielen Amerikanern die europäische Geschichte der letzten dreißig Jahre als eine
Kette von Regierungskrisen erscheinen. Daher habe ich mit großem
Interesse vermerkt, daß das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Bestimmung enthält, derzufolge sich die deutsche
Regierung in ihrem Aufbau von den anderen kontinentaleuropäischen
Regierungen wesentlich unterscheidet. Ferner verhindern die von
dieser Regierung eingebrachten und vom Parlament verabschiedeten,
vom deutschen Volk unterstützten Wahlgesetze die Entstehung einer
Unaahl von Parteien und enthalten die Bestimmung, daß Parteien
nur dann im Bundestag vertreten sein können, wenn einer ihrer
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�"AMERIKA DIENST"

'

1. Dezember 1954

ihrer Kandidaten in direkter Wahl gewählt wird oder wenn es
ihnen gelingt, mehr als 5 Prozent der Gesamtstimmenzahl in mindestens einem der Bundesländer auf sich zu vereinen. Jeder Kenner
der europäischen Geschichte weiß, daß das Bestreben sehr vieler
Parteien in mehr als einem demokratischen Staat in den Jahren
zwischen den zwei Weltkriegen die Ursache seines Zusammenbruchs war
Dies trifft insbesondere für Deutschland zu, wo die Vielzahl
der bestehenden Parteien in der Weimarer Zeit zu einer Aufsplitterung der Wählerschaft führte, so daß schließlich eine völlige
Lähmung des politischen Lebens eintrat, die Regierung sich ohne
jede Mehrheitsunterstützung im Parlament fand und das Prestige
und die Arbeitsfähigkeit des parlamentarischen Systems völlig
untergraben wurden.
Die von mir soeben erwähnte Bestimmung des deutschen Grundgesetzes lautet: Der Kanzler wird von den Mitgliedern des Bundestages - der Volksvertretung - in geheimer Abstimmung gewählt.
Ein Mißtrauensvotum gegen den Bundeskanzler wird noch nicht seinen Rücktritt bewirken; dies besagt das deutsche Staatsgrundgesetz. Der Bundestag kann ein Mißtrauensvotum nur dann mit Erfolg
durchbringen, wenn gleichzeitig eine Mehrheit für die Wahl eines
Nachfolgers zustandekommt. In den vier Jahren zwischen den Bundestagswahlen kann der Bundeskanzler auf keine andere Weise zum
Rücktritt veranlaßt werden. Bedenken Sie das angesichts der Geschichte gewisser anderer Staaten mit einer parlamentarischen Regierungsform, und Sie werden erkennen, welch weitreichende Bedeutung dieser Bestimmung zukommt. Und dann beachten Sie bitte
ferner, daß es nur sechs, aber auch wirklich nur sechs Parteien
gibt, die in der Bundestagswahl des Jahres 1953 so viele Stimmen
auf sich vereinigten, um in den Bundestag einziehen zu können.
Sie werden nunmehr das Bild eines Staates erhalten, d er sich
erheblich von dem früher in vielen Ländern Europas üblichen
Staatswesen unterscheidet. Was hat dies, vom Standpunkt der Vereinigten Staaten aus gesehen, zu bedeuten? es bedeutet, wie mir
scheint, daß wir nunmehr mit weit größerer Sicherheit auf eine
kontinuierliche Innen- und Außenpolitik der deutschen Bundesregierung zählen können.
Ich bin der festen Meinung, daß der Unterschied zwischen dem
Deutschland von Heute und dem der zwanziger Jahre nicht quantitativer sondern qualitativer Natur ist. Selbst wir in den Vereinigten Staaten haben uns seit den zwanziger Jahren in mancher
Hinsicht grundlegend gewandelt. Diese einschneidenden Änderungen
in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern
der freien Welt sind natürlich lediglich Ausdruck der grundlegenden Tatsache, daß wir in einer geteilten Welt und im Atomzeitalter. Jgben.
Damit sind wir an dem tragischen Punkt des Deutschland-Problems angelangt. Das deutsche Volk empfindet die Spaltung der
Nation seit 1945 als eine schmerzliche und sein tägliches Leben
einschneidend berührende Tatsache. Die Bedingungen der Kapitulation haben im Verein mit der Unnachgiebigkeit der Sowjets dazu
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"AMERIKA DIENST"

dazu geführt, daß heute drei Deutschland nebeneinander bestehen.
Die Bundesrepublik, die den westlichen Teil des ehemaligen
Reichs umfaßt, liegt im Gebiet der britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen, in denen der größte Teil des deutschen Volkes, 50 Millionen Menschen, leben. Im Osten schließt sich
die sowjetische Besatzungszone an, in der 18 Millionen Deutsche
beheimatet sind. Tief im Herzen der sowjetischen Zone liegt Berlin, die ehemalige Hauptstadt Deutschlands, wie das ganze Land gespalten, wobei die westlichen Sektoren unter dem Schutz der drei
Westmächte stehen und in Wahrheit eine 'eine Insel der Freiheit in
einem Meer der Tyrannei' bilden.
Bisher habe ich von der Haltung und Einstellung der Bürger
der Bundesrepublik und Westberlins gesprochen und Ihnen dargelegt,
was ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört
habe. Was die Menschen der sowjetischen Zone über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken, entnehme ich den Worten derer,
die aus der Zone geflohen sind, oder zu Besuch nach Westberlin
kommen. Ich weiß, daß sie kein leichtes Los zu tragen haben. Seit
dem Tage der Kapitulation hat das Leben in der Ostzone alle Merkmale eines totalitären Staates aufgewiesen. Das bedeutet, daß eine
große Zahl der Einwohner dieses Teils von Deutschland, der von der
Gewaltherrschaft der Nazis unmittelbar unter die Tyrannei der
Sowjets kam, zu jung ist, um sich einer anderen als der totalitären Herrschaftsform zu erinnern.
Wir können natürlich nur in sehr beschränktem Umfang den
Kontakt mit diesen Menschen pflegen. Unsere wichtigste Verbindung
zu ihnen stellt unser Sender Rias dar, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der den Bewohnern der Sowjetzone 24 Stunden
am Tag von der Freiheit kündet. Rias ergänzt die Bemühungen privater Rundfunkstationen wie Radio Freies Europa, die eine gleiche
Botschaft an die anderen versklavten Völker hinter dem Eisernen
Vorhang richten. Wir haben zahlreiche Beweise dafür in Händen, daß
diese Stimmen der Freiheit auch wirklich gehört werden und die
Wertschätzung der Hörerschaft genießen. Sie knüpfen die Bande der
Freundschaft immer wieder neu und stärken die Freiheitshoffnung
von Millionen Menschen, die den Wunsch hegen, mit dem Westen vereint zu sein.
Die Menschen des von den Sowjets beherrschten Teiles Deutschlands leben in arger Bedrängnis. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind Ausdruck des sowjetischen Versuchs, ihr System bis an
die Elbe auszuweiten. Die Arbeiter werden rücksichtslos und systematisch ausgebeutet, die Landwirtschaft wurde kollektiviert, und
Warenhäuser und Industrie weitgehend verstaatlicht. Wer von einem
Besuch aus der russischen Zone zurückkehrt, berichtet ipner wieder, wie erschreckend der Unterschied zwischen Mittel- und Westdeutschland im Hinblick auf die äußeren Lebensbedingungen ist.
Die spontane Erhebung der waffenlosen Arbeiter der Ostzone
gegen die auf Waffengewalt beruhende Autorität des Polizeistaates
im Juni vergangenen Jahres beweist eindeutig, daß diese Menschen den
Mut haben, der Unterdrückung die Stirn zu bieten. Die Tatsache,daß
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1. Dezember 1954

daß während der vergangenen vier Jahre mehr als vier Millionen
Menschen aus der sowjetischen Zone geflohen sind, unterstreicht
die Härte des Lebens in der sogenannten 'deutschen demokratischen
Republik'. Die Zahl der Flüchtlinge hat im vergangenen Jahr erheblich abgenommen - aber dennoch wird die Bundesrepublik, in der jeder fünfte ein Flüchtling ist, durch den ständigen Zustrom von
wöchentlich 3 - 4000 Heimat- und arbeitslosen Menschen vor ein
schwieriges Problem gestellt.
Angesichts dieses chronischen Flüchtlingsproblems und unter
Berücksichtigung der Tatsache, daß Westdeutschland im Jahre 1945
weitgehend in Schutt und Trümmern lag, ist der wirtschaftliche
Wiederaufstieg und der ständige Fortschritt bemerkenswert. Die
Deutschen haben Hilfe bekommen, vor allen Dingenron den Vereinigten Staaten; aber wir können ihren Willen und ihre Fähigkeit, sich
selbst zu helfen, gar nicht hoch genug einschätzen. Die Deutschen
selbst sind geneigt, Unterstützung durch die USA als den entscheidenden Faktor für ihren Wiederaufstieg zu bezeichnen. So
sagte mir jüngst ein höherer Bundesbeamter:
•Es ist richtig, wir Deutschen arbeiten hart; aber das ist
nicht das wichtigste. Als erstes wäre die Währungsreform im Jahre
1948 zu nennen. Sie gebot der Inflation Einhalt. Wir verdanken
es den Besatzungsmächten, daß wir heute eine stabile Währung haben. Weiter hatten wir von Anfang an die Hilfe der Amerikaner
und den Marshall-Plan, der es uns ermöglichte, die Industrie und
unsere Städte wieder aufzubauen. Noch nie zuvor in der Geschichte
hat ein Volk, das einen so totalen Sieg errungen hatte, seine
Einstellung so rasch gewandelt und so viel für die Besiegten getan, die den Krieg begonnen hatten'.
Die Deutschland-Politik der amerikanischen Regierung trägt
heute Zinsen in Form von Freundschaft und Vertrauen. Die Produktion der westdeutschen Industrie steigt ständig, und das Land
blüht. Die Deutschen haben in all den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hart und lange gearbeitet, um diesen Wohlstand zu
erreichen, und sie erfreuen sich dieser erneuten Prospherität,
ohne großen Lärm darum zu machen. Das kulturelle Leben blüht in
einer Atmosphäre der Toleranz und Freiheit.
Geistig sowohl als auch menschlich strecken sie Fühler nach
anderen Ländern aus. In dem Chaos der Nachkriegszeit begeisterte
sich die deutsche Jugend, vom Nationalsozialismus betrogen und
selbst des gewöhnlichen Nationalgefühls überdrüssig, für den
Europagedanken, für ein vereintes Europa. In dieser Idee fanden
sie ein I^eal, an das sie glauben und für das sie sich einsetzen
konnten. Jeder, der in den zwanziger Jahren ernsthaft von einem
Vereinten Europa gesprochen hätte, wäre als Fanatiker und Phantast verspottet worden. Aber ganz allgemein hat jetzt das deutsche
Volk schon seit Jahren nüchtern erkannt, daß ein Zusammenschluß
mit Westeuropa notwendig ist, und es ist sich ebenso uneingeschränkt der Tatsache bewußt, daß eine Annäherung zwischen ihm und
Frankreich der Schlüssel für eine europäische Zusammenarbeit war
und ist. Im großen und ganzen hat das deutsche Volk bei all den
Verzögerungen und Hindernissen im Verlaufe der Entwicklung, die
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"AMERIKA DIENST"

,

1. Dezember 1954

die zu den kürzlich abgeschlossenen Pariser Verträgen führte,
Geduld und Zurückhaltung gezeigt.
Deutschland sowohl wie wir werden auch in Zukunft noch immer
dem ungelösten Problem der deutschen Wiedervereinigung gegenüberstehen. Die deutsche Opposition, die sozialdemokratische Partei,
steht auf dem Standpunkt, die Wiedervereinigung müsse einer
Wiederaufrüstung vorausgehen, und ein Bündnis und Zusammenschluß
mit den Nationen des Westens werde die Bemühungen um den Zusammenschluß mit der sowjetischen Zone und ihren 11 Millionen Menschen komplizieren, wenn nicht sogar völlig aussichtslos machen.
Sie sagt, man müsse erst einmal mit den Russen ins Gespräch
kommen und sich der Wiederbewaffnung entgegenstellen bis derartige
Verhandlungen geführt wurden, worauf Bundeskanzler Adenauer antwortete» 'Wir haben das im Januar und Februar in Berlin versucht..
Wie kommen Sie darauf, daß die Sowjets jetzt mehr Vernunft zeigen
werden?' In der Tat besteht zwischen der Haltung der Westmächte
und der Einstellung der deutschen Bundesregierung darüber Einigkeit, daß schlecht vorbereitete und vorzeitige Verhandlungen mit
der sowjetischen Regierung die Sache der deutschen Einheit nicht
nur nicht fördern sondern ihr sogar schaden können.
Von Freunden hier in Amerika wurde ich gefragt: 'woher
wissen sie, daß ein wiederbewaffnetes Westdeutschland nicht den
Versuch unternimmt, die sowjetische Zone mit Gewalt zurückzugewinnen? '
Es ist wohl kaum vorstellbar, daß ein Deutscher ernstlich
mit dem Gedanken spielt, mit einer aus nur 12 Divisionen bestehenden deutschen Streitmacht einen Angriff gegen die Sowjetunion
zu beginnen. In Wirklichkeit sind der Bundeskanzler und die
Mehrheit des deutschen Volkes davon überzeugt, daß ihre Hoffnung
auf Wiedervereinigung in einem vereinigten Europa liegt, das
stark genug ist, 'vernünftige' Gespräche mit den Russen in Gang
zu bringen. Jedenfalls hat der Kanzler im Namen der Bundesregierung wiederholt innerhalb und außerhalb Deutschlands zum
Ausdruck gebracht, daß Deutschland auf die Anwendung von Gewalt
als Mittel zu seiner Wiedervereinigung verzichtet. Dieser Verzicht
auf Gewaltanwendung ist auch in den in Paris unterzeichneten Verträgen niedergelegt; er ist ebenso Teil der gemeinsamen Erklärung
Präsident Eisenhowers und des Bundeskanzlers, die nach Abschluß
ihrer Washingtonter Gespräche herausgegeben wurde. Es heißt dort:
•Wir halten die Forderung nach einem in Freiheit wiedervereinten Deutschland für eine berechtigte Forderung des deutschen
Volkes. Wir sind uns darüber einig, daß dieses Ziel nur mit
friedlichen Mitteln erreicht werden soll. Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, unsere Bemühungen zur Verwirklichung dieses
Zieles fortzusetzen, und stimmen darin überein, daß diese Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland zusammen mit den Regierungen des Vereinigten Königreichs und'Frankreichs unternommen werden'.
, ,
Auch

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"AMERIKA DIENST"

l. Dezember 1954

Auch bei der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands zu
helfen, war von Anbeginn der Besetzung das erklärte Ziel der
amerikanischen Regierung. Auf der Berliner Konferenz appellierte
der amerikanische Außenminister an die anderen Besatzungsmächte,
dieser tragischen Teilung Deutschlands ein Ende zu bereiten.
Und wieder wies die Sowjetregierung den Vorschlag der Westmächte
zur Herstellung der deutschen Einheit durch freie Wahlen zurück
und brachte ihrerseits einen Gegenplan vor? nach dem offensichtlich die kommunistische Herrschaft auf die 50 Millionen Deutschen
der Bundesrepublik ausgedehnt werden sollte. Westdeutschland
kommt nicht in Versuchung, sich die Einheit um den Preis der
Freiheit zu erkaufen. Die Deutschen im Osten wünschen keine Wiedervereinigung unter Bedingungen, die ihre Freunde und Verwandten
jenseits der Zonengrenze dem gleichen bedauernswerten Dasein
aussetzen würden, das sie führen müssen. Die letzte Antwort auf
die Frage der Wiedervereinigung wird die Zukunft bringen.
Nach meiner Ansicht machen die in London und Paris getroffenen Vereinbarungen eine der eindrucksvollsten Niederlagen aus,
die die Sowjetunion in dem nun schon so lange andauernden Kalten
Krieg hinnehmen mußte. Indem wir unter uns Einigkeit erzielten,
durchkreuzten wir die Absicht der Sowjets, unter den westlichen
Alliierten Mißtrauen zu säen und sie daran zu hindern, sich
zusammenzuschließen. Wir erbrachten den Beweis für die Unrichtigkeit und Nutzlosigkeit einer Politik, die auf dem Grundsatz des
•Divide et Impera' aufgebaut ist und den unnatürlichen Zustand
der Schwäche dadurch zu verewigen sucht, daß sie politisch reife
und selbständige Völker in offener Mißachtung ihrer nationalen
Interessen für immer geteilt sehen möchte. Es erscheint mir durchaus vernünftig, daß eine immer besser harmonierende und immer
enger zusammenarbeitende Organisation der Staaten Westeuropas
zum Schutze ihrer gemeinsamen Sicherheit und Förderung ihres
Wohlstandes durchaus in der Lage ist, die sowjetische Strategie
zu erschüttern. Ich bin überzeugt, daß die Westeuropäische Union,
ist sie erst einmal verwirklicht, nicht nur die Position der
freien Welt stärken sondern auch ihre Gegner zwingen wird, der
neuen Situation bei der Formulierung der eigenen Pläne unbedingt
Rechnung zu tragen.
Zum Abschluß möchte ich noch einmal auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen zurückkommen. Ich glaube, daß sie im wahrsten
Sinne des Wortes freundschaftlich und zufriedenstellend sind.
Vom deutschen Volke wird das, was wir in Deutschland geleistet
haben, wirklich anerkannt. Noch wichtiger sind die Bande des Verstehens und der persönlichen Freundschaft, die durch das Austauschprogramm geknüpft werden. Im Rahmen dieses Programms konnten
über 10 000 Deutsche aus den verschiedensten Lebensbereichen die
Amerikaner in ihrem privaten Leben kennenlernen und sich selbst ein
Urteil über unser Land und unsere Lebensweise bilden. Dann gibt
es die über die ganze Bundesrepublik und Berlin verteilten "U.S.
Information Centers". Diese haben sich zu echten Mittelpunkten des
Gemeinschaftslebens entwickelt und sind so sehr zu einem Teil des
täglichen Lebens in Deutschland geworden, daß man dort niemals
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

•niemals ihre offiziellen Titel gebraucht. Sie heißen einfach
"Amerika Häuser", dieser Name ist ihnen von den Deutschen selbst
aus einem Gefühl der Zuneigung und der Anerkennung heraus gegeben
worden.
Eine große Beruhigung ist die Tatsache, daß sich in den vergangenen Jahren ein deutlicher Wandel in den Beziehungen zwischen
der deutschen Bevölkerung und unseren Truppen vollzogen hat.
Wie mir zahlreiche Deutsche erklärten, gelten unsere Streitkräfte
seit einiger Zeit als Besatzungstruppen nur noch »auf dem Papier',
in Wirklichkeit aber waren und sind sie Verteidigungstruppen.
Die Einwohner Berlins waren wahrscheinlich die ersten, die in
unseren Soldaten Verteidiger sahen, damals in der Zeit der sowjetischen Blockade und der Luftbrücke. Wenn ich jetzt mit dem Stander des Hochkommissars an meinem Wagen durch West-Berlin fahre,
bilden sich häufig Gruppen, die mir freundlich zuwinken. Über
diesen Beifall freue ich mich um so mehr, als er nicht meiner
Person, sondern vielmehr der Nation gilt, die ich vertrete.
Die Berliner wissen eben, daß, wären wir nicht da, die Russen
in Berlin sein würden.
Eine kürzlich in der ganzen Bundesrepublik durchgeführte
Meinungsbefragung ergab, daß 6 von 10 Personen der Ansicht waren,
die Beziehungen zwischen der deutschen Bevölkerung und den amerikanischen Streitkräften hätten 3ich gebessert; ebenso bezeichneten
6 von 10 Befragten das Verhalten der Truppen als •gut'j und nur
einer unter 25 nannte es schlecht. Im allgemeinen führen die
Deutschen diese Besserung des Verhältnisses auf die größere
gegenseitige Achtung und das wachsende Verständnis für einander
beim näheren Kennenlernen, auf die Großzügigkeit der Amerikaner
und ihr Mitgefühl für Menschen in Not, sowie auf häufigere freundschaftliche Kontakte von Mensch zu Mensch zurück.
Auf Grund meiner eigenen persönlichen Verbindungen in Deutsch
land weiß ich, daß der vom Senat im Juli einstimmig angenommene
Beschluß zu Gunsten der Wiederherstellung der deutschen Souveränität von den Deutschen mit großer Befriedigung aufgenommen wurde.
Ich bin überzeugt, daß der von Außenminister Dulles und Bundeskanzler Dr. Adenauer am 29. Oktober unterzeichnete Preundschafts-,
und Handels- und Schiffahrtsvertrag in angemessener Weise die
Anerkennung der neugewonnenen Souveränität Deutschlands seitens
der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringt und willkommene Gelegenheit bot, den Rahmen normaler konstruktiver Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu erweitern.
Deutschland ist nicht mehr unser Schützling oder Mündel,
aber wir haben auch weiterhin ein lebhaftes und tiefverwurzeltes
Interesse am Wohlergehen des neuen Deutschlands. Und noch für
geraume Zeit wird die Zukunft der Demokratie in Deutschland in
hohem Maße davon abhängen, daß wir ständig unser aktives. Interesse
zeigen. Wir können einen Beitrag leisten, indem wir private Investitionen unterstützen, das Austauschprogramm fortsetzen und den

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

den kulturellen Austausch fördern. Wir können dadurch helfen, daß
wir die Schwierigkeiten begreifen, die sich aus der Teilung
Deutschlands und der Trennung seiner Bevölkerung ergeben, und
versuchen, diese Schwierigkeiten zu verringern.
Wenn wir die Deutschen unterstützen und ihnen helfen, ihre
Selbstachtung und Unabhängigkeit zu bewahren, so wie wir ihnen
helfen, sie sich wieder zu erwerben, dann, so glaube ich, kommt
der Tag, an dem ein wiedervereinigtes Deutschland eines der
ersten Mitglieder der Gemeinschaft der freien Nationen sein wird,"

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�A M E R I K A

E N S T

HOCHKOMMISSAR DR. JAMES B. CONANT: WIR MÜSSEN AUF DIE
DEMOKRATISCHEN KRÄFTE IM DEUTSCHEN VOLK VERTRAUEN
CHICAGO — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Hochkommissar für
Deutschland, Botschafter Dr. Conant, auf einem
anläßlich der Bundesstaaten-Konferenz veranstalteten Bankett am 2. Dezember 1954 in Chikago
gehalten hat.
Die freie Welt hat in den letzten Monaten eine große Krisis durchgemacht. Aber schließlich hat ein außerordentlich verwickelter Fragenkomplex, der bisher ausweglos erschien, seine
Lösung gefunden. Diese' Lösung wird, wie wir hoffen, den Gang
der Geschichte in der unmittelbaren Zukunft bestimmen. Ich begrüße daher die Gelegenheit, Ihnen über diese Ereignisse zu
berichten und Ihnen insbesondere ihre Bedeutung für die Zukunft
Deutschlands zu erläutern. Die amerikanische Regierung vertritt
seit langem die Auffassung, daß die Einbeziehung Deutschlands
in die Verteidigung des Westens notwendig sei, wenn diese Verteidigung wirksam sein sollte. Die Geschichte gibt uns aber
eine ganze Reihe warnender Beispiele dafür, daß die Wiedererweckung der deutschen Stärke mit geteilten Risiken verbunden
ist. Welche Sicherheiten, sofern es solche überhaupt gibt,
kann das amerikanische Volk haben, daß diese Risiken nicht zu
groß sind und unsere Arbeit für die Zukunft gefährden?
Ich möchte heute abend versuchen, Ihnen die Antwort auf
diese und andere Fragen zu geben, die Sie, wie ich mir gut
vorstellen kann, bei der Betrachtung der jüngsten internationalen Entwicklungen bewegt haben. Wie sieht denn nun eigentlich
diese Bundesrepublik aus, mit der wir es zu tun haben? Inwie-'
weit gleicht das neue Deutschland dem Deutschland der Vergangenheit? Können wir die Umrisse eines aus den Nöten und Ungewissheiten dieser Nachkriegszeit langsam aufsteigenden neuen Deutschlands erkennen? Oder sollten wir dieses Land auch weiterhin nach
dem Bilde der Vergangenheit beurteilen? Und insbesondere, da.es
nun eine beschlossene Sache ist, daß die Bundesrepublik Deutschland eine Nationalarmee haben soll - welche Aussichten bestehen,
daß diese deutsche Nationalarmee, die sich in der Vergangenheit
als so gefährlich erwiesen hat, nunmehr das Werkzeug für eine
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eine friedliche, demokratische Entwicklung in Deutschland und
Europa sein wird, und nicht die Ursache neuer Kriege?
Die drei Deutschland
Darf ich hier zunächst einige Augenblicke dabei verweilen,
um Sie an gewisse simple Tatsachen über Deutschland zu erinnern.
Wenn wir heute von Deutschland sprechen, müßten wir eigentlich von
drei Deutschland sprechen, nämlich 1. von der Bundesrepublik Deutschland, die das Gebiet der früheren britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen umfaßt, 2. von der Sowjetzone im
Osten, die gegenwärtig von einem kommunistischen Marionettenregime
beherrscht wird, und ~$. Berlin, jener Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, die in das freie Westberlin und das versklavte Ostberlin geteilt ist. Und diese ehemalige Hauptstadt Deutschlands ist nur eine
kurze Wegstrecke von jenem Teil Deutschlands entfernt, der jetzt unter polnischer Verwaltung steht.Die Bundesrepublik entstand, wie sie
sich erinnern werden, im Jahre 1949 als das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen seitens der drei Westmächte, nachdem sich eindeutig gezeigt hatte, daß unsere Versuche, eine Einigung auf Vier-MächteBais zu erzielen, endgültig zum Scheitern verurteilt waren.Unser
Beschluß, einen freien Staat zu schaffen und eine Währungsreform
durchzuführen, wurde mit der Blockade Berlins beantwortet. Wir haben diese Blockade gebrochen. Dank des Mutes und der Standhaftigkeit General Clays, Dank der Hilfe unserer Alliierten und insbesondere
dere Dank des unbeugsamen Geistes der Berliner.
Die Berliner Blockade bedeutete in gewissem Sinn das Ende eines
Abschnitts in der Besetzung Deutschlands. Kurz darauf erfolgte die
Gründung der Bundesrepublik mit einer aus freien Wahlen hervorgegangenen zweiten Kammer, dem Bundestag und Professor Theodor Heuss
als Staatspräsident und dem früheren Ober-Bürgermeister von Köln,
Konrad Adenauer, als ersten Kanzler. Die Entwicklung der Folgezeit
ist so allgemein bekannt, daß ich mir Einzelheiten hierüber sparen
kann. Es möge genügen, wenn ich feststelle, daß der ganze Prozeß
des Wiederaufbaus sehr treffend als ein von Menschen bewirktes
"Wunder" bezeichnet wird. Ein "Wunder", zweifellos eingeleitet durch
die Hilfe von außen, aber dennoch erst vollendet durch die Initiative und Auedauer von Männern und Frauen, die in ihrer Entschlossenheit, erneut zu wirtschaftlicher Sicherheit und Stärke zu gelangen,
zusammenstanden wie kaum je zuvor.
Die politische Krise und ihre Lösung
Ich möchte hier jedoch nicht bei der wirtschaftlichen und
industriellen Entwicklung Deutschlands verweilen. Das Interesse der
Öffentlichkeit scheint sich heute in erster Linie auf die jüngsten
politischen Ereignisse zu konzentrieren. Lassen Sie mich hier zunächst kurz einen geschichtlichen Überblick geben und einige
unserer vorausgegangenen Maßnahmen skizzieren. Im Jahr 1949 hatten
sich zwölf Staaten in Europa und Nordamerika ein System der kollektiven Sicherheit, die Nordatlantikpakt-Organisation, gegeben und
hatten begonnen, ihre militärische Verteidigung wieder aufzubauetis,
aber diese nationalen Verteidigungssysteme waren beängstigend
schwach, da die den NATO-Ländern
für

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für einen raschen Ausbau der Verteidigungsstärke zur Verfügung
stehende Wirtschaftskapazität sehr eng begrenzt war. Aus der
Furcht heraus, daß auf den Angriff auf Korea ein Angriff auf
Europa folgen könnte, vereinbarten die NATO-Staaten die unter
großen Opfern vorgenommene Verdoppelung ihrer Verteidigungsanströngungen; sie begannen sich aber auch nach zusätzlichen
Möglichkeiten zur Ausfüllung des militärischen Vakuums umzusehen.
Es war nur natürlich, daß man dabei auch das gewaltige Kräftepotential des wiederaufsteigenden Deutschlands ins Auge faßte.
Deshalb schlug die amerikanische Regierung auf der Tagung des
Nordatlantik-Rates im September 1950 vor, der Bundesrepublik
zu gestatten, einen militärischen Beitrag zur Verteidigung des
Westens zu leisten.
Wenn auch alle NATO-Mitgliedstaaten die Notwendigkeit eines
deutschen militärischen Beitrags anerkannten, so hatten einige
doch Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Wiederauflebens
des militaristischen Nationalismus in Deutschland. Es ist nur
natürlich, daß Prankreich die größten Bedenken vorbrachte. Die
Haltung Prankreichs ist durchaus verständlich, selbst wenn wir
sie nicht immer billigen können. Prankreich hat in nicht einmal
100 Jahren drei erbitterte Kriege mit Deutschland geführt. Deshalb bestand die französische Regierung, die gemeinsam mit den
übrigen NATO-Staaten das Prinzip eines deutschen militärischen
Beitrags guthieß, darauf, daß ein solcher Beitrag in einer Form
gegeben werde, die - ohne Deutschland dabei irgendwie zu diskriminieren - die sichere Gewähr dafür bietet, daß die deutschen
Streitkräfte niemals wieder den Frieden und die Sicherheit
Europas gefährden. Nach Prüfung verschiedener zur Erreichung
dieses Ziels geeignet erscheinender Methoden machten die Franzosen den Vorschlag, daß Deutschland seine Streitkräfte mit
denen von fünf weiteren westeuropäischen Staaten in einer gemeinsam, unter übernationaler Kontrolle stehenden europäischen
Armee verschmelzen solle. Nach diesem Plan sollten die nationalen
militärischen Befugnisse Prankreichs, Italiens, Deutschlands und
der Benelux-Staaten auf eine nach föderativen Grundsätzen gestaltete Europäische Verteidigungsgemeinschaft übertragen werden,
die dann für den Aufbau und den Unterhalt gemeinsamer bewaffneter
Streitkräfte mit einer einheitlichen Befehlsstruktur, einem
gemeinsamen Budget und einem gemeinsamen Beschaffungssystem 8orge
tragen würde. Im Zusammenhang mit diesen Plänen hatte man sich auch
dahingehend geeinigt, daß die Besetzung der Bundesrepublik beendet und dem Land die Souveränität zurückgegeben werden solle, mit
Ausnahme von Beschränkungen auf militärischem Gebiet, die aber
auch die anderen fünf Mitgliedstaaten der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft gleicherweise auf sich nehmen sollten.
Im Mai 1952 wurden die beiden diesbezüglichen Verträge unterzeichnet; der eine, der unter dem Namen Pariser Vertrag bekannt
wurde, galt der Schaffung jenes etwas komplizierten Systems der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, der andere, als Bonner
Vertrag bekannt, sah die Beendigung der Besetzung und die Wiederherstellung der deutschen Souveränität vor. Vom Mai 1952 bis zum

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zum 31. August dieses Jahres lagen die beiden Verträge auf Eis
angesichts der noch nicht vollzogenen Ratifikation seitens der
parlamentarischen Körperschaften Frankreichs und anderer europäischer Staaten. Zur Ratifikation durch Prankreich sollte es
überhaupt nicht kommen.
In der Zwischenzeit Jedoch hatte sich mit der Idee der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht nur in Deutschland,
sondern auch in anderen Staaten ein neues Denk- und Begriffssystem herausgebildet. Die Bewegung für ein vereintes Europa begann, eine eigene Schwungkraft zu entwickeln. Die Anhänger der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft - und glauben Sie mir,
daß es sich bei dieser Anhängerschaft sowohl in Deutschland als
auch in Prankreich, in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien um einflußreiche Kreise handelte, die ihre Sache mit Kraft
und Beharrlichkeit verfochten - versicherten, die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft sei Teil eines allgemeinen Prozesses
der Integration, der alle europäischen Nationen einschließen und
mehr als nur die militärischen Lebensbereiche umfassen sollte.
Der bereits früher unternommene Versuch einer Zusammenfassung
gewisser wirtschaftlicher Hilfsquellen in der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl - dem sogenannten Schuman-Plan wurde lediglich als der erste Schritt zur Herstellung der Einheit
Europas betrachtet. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
war der zweite Schritt in dieser Richtung. Darüber hinaus sprach
man offen und zuversichtlich von der nach vorausgehenden Wahlen
zu gründenden europäischen politischen Gemeinschaft mit einer
europäischen Versammlung. Aber während die Diskussionen um dieses
Projekt weitergeführt wurden, verschlechterten sich die Aussichten
für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft immer mehr, bis
sie schließlich einen parlamentarischen Tod in der französischen
Nationalversammlung starb.
Wir sahen uns im September dieses Jahres einer außerordentlich schwierigen Situation gegenüber, nicht nur die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft war gescheitert, sondern auch das Schicksal der Bonner Verträge, die Wiederherstellung der deutschen Souveränität war fraglich geworden. Vor knapp zwei Monaten standen
wir vor der Notwendigkeit, einen Alternativplan für die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft zu entwickeln und gleichzeitig das umfangreiche Bonner Vertragswerk neu auszuhandeln. Es sah so aus,
als hätten wir eine langwierige Aufgabe vor uns, an der wir, gemessen nach den uns zur Verfügung stehenden Vergleichsmaßstäben, vielleicht sechs Monate, vielleicht ein Jahr oder gar noch länger zu
arbeiten haben würden. Hätte damals jemand mit mir eine Wette darauf abschließen wollen, daß in etwa sechs Wochen in Paris der
gleiche französische Premierminister namens der gleichen Regierung
mit den Vertretern anderer Nationen einen Vertrag unterzeichnen
würde, mit dem die Bundesrepublik Deutschland nicht nur in das
europäische Verteidigungssystem, sondern auch in die Nordatlantikpakt-Organisation eingegliedert würde - eine vielen französischen
Politikern und führenden Kreisen anderer Länder unvorstellbare
Möglichkeit - und daß es zur gleichen Zeit möglich sein würde,
das Äquivalent des vollkommen neu ausgehandelten Bonner Vertragswerkes zu signieren, so hätte ich jeden Betrag dagegen gesetzt.
Ich brauche hier nicht weiter darauf zu verweisen, daß ich mein
Geld verloren hätte, denn genau das traf ein.
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Rückblickend können wir heute sagen, daß unsere Befürchtungen falsch waren, da keiner von uns in Europas kritischster
Stunde versagte. Die Vertreter der europäischen Staaten und der
USA in London und Paris zeigten sich der Situation gewachsen.
Vor die Alternative gestellt, einzeln zugrundezugehen oder gemeinsam in Sicherheit zu leben, trafen sie eine Anzahl entscheidender Maßnahmen, die noch einen Monat zuvor völlig indiskutabel erschienen. Die Ereignisse bewiesen jedoch, daß die
Nationen des Westens in der Stunde der Gefahr ihre nationalen
Interessen hintanstellen können.
Erstens stimmte Prankreich, das sich einer integrierten
europäischen Armee widersetzt hatte, der Gründung einer deutschen Nationalarmee zu und erklärte sich ferner einverstanden,
daß diese deutsche Armee ohne jegliche Diskriminierung als
Kontingent in die NATO-Streitkräfte aufgenommen wird.
Als zweites machte Bundeskanzler Dr. Adenauer ein entscheidendes Angebot, als er erklärte, Deutschland verzichte auf freien Stücken auf das Recht, gewisse Waffentypen herzustellen. Obschon bestimmte Anzeichen darauf hindeuteten, daß es zu einer
solchen Verpflichtung kommen würde, war sie doch niemals formell unterbreitet worden. Was die Bedeutung des Angebotes von
Bundeskanzler Dr. Adenauer noch erhöhte, waren der Zeitpunkt,
an dem es gemacht wurde, und der Geist, in dem es gehalten war.
Denn der Kanzler wies darauf hin, daß Deutschland in keiner
Weise eine Erhöhung der ihm im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zugestandenen Rüstungen und Truppenstärke
erstrebe - das waren zwölf Divisionen und etwa über tausend
Flugzeuge -. Dieses Angebot des Kanzlers hatte, wie sie
leicht ersehen werden, weitreichende politische Polgen. Damit
wurde ein für alle Mal und von vornherein jeder künftigen Anschuldigung oder Klage, man habe die Rechte Deutschlands als
Mitgliedstaat verletzt, der Boden entzogen. Es war die Bundesrepublik, und nicht etwa ein anderer auf der Konferenz vertretener Staat, die eine Modifizierung des deutschen Wehrbeitrages
vorschlug.
Als drittes ist das historische Angebot von Sir AnthonyEden zu nennen, die gegenwärtig auf dem Kontinent stationierten
britischen Streitkräfte in voller Stärke dort zu belassen,
ferner das Angebot auf Beitritt zu einem neuen Bündnis, das
sich auf einen im Jahr 1950 unterzeichneten Vertrag gründet
und sich L gruxfrllegefliS' von allen
Verpflichtungen unterscheidet, welche Großbritannien im Zusammenhang mit der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft«eingegangen war. Es bedarf keiner
weiteren Worte, um festzustellen, daß das britische Angebot
das ganze Klima der Konferenz veränderte und vielleicht mehr
als irgend ein anderes Geschehnis dazu beitrug, daß die
Londoner Zusammenkunft ein Erfolg wurde.
Diese

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Diese drei Faktoren also - die unverzügliche und konstruktive
Kursänderung Frankreichs, die selbstlose Konzession Deutschlands
und die bedeutsame Abkehr Großbritanniens von einem bisher als
unverrückbar angesehenen Grundprinzip seiner traditionellen Politik - ebneten letztlich den Weg zur Einigung. Und schließlich muß
ich noch der außerordentlichen Wirkung Erwähnung tun, die das Angebot des amerikanischen Außenministers in London hervorrief, dem
Präsidenten für den Fall, daß alle Vorschläge verwirklicht würden,
die Abgabe einer Garantieerklärung bezüglich der Stationierung
amerikanischer Streitkraft« in Europa zu empfehlen, ähnlich jener,
die er in Zusammenhang mit dem Vertrag über die Gründung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgegeben hatte.
Diese konstruktiven Beiträge der Konferenzteilnehmer wurden,
so mächte man fast sagen, durch ein allgemeines Gefühl auf das
eindringlichste bestätigt, daß irgend etwas unternommen werden
müßte - und zwar in größter Eile -, da sonst einige jener Möglichkeiten, von denen man in den Korridoren flüsternd sprach, sehr
leicht Wirklichkeit werden könnten. Ich brauche wohl kaum zu sagen,
daß jene Möglichkeiten ihre Rückwirkungen unter anderem auch auf
die zukünftige Rolle der Vereinigten Staaten in Europa gehabt
hätten.
So angehaucht vom Atem der Geschichte wurde die Konferenz von
London und später die Zusammenkunft von Paris ein voller Erfolg.
In außerordentlich kurzer Zeit wurde Übereinstimmung in allen
noch strittigen Punkten erzielt, einschließlich einiger sehr verwickelter Probleme hinsichtlich der Beendigung de,s Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland. Das Unerwartete, das
Unvorhergesehene trat einj die Verträge wurden von allen Konferenzteilnehmern unterzeichnet. Und jetzt bleibt nur noch ihre Ratifizierung durch die jeweiligen Länderparlamente abzuwarten.
Die Bedeutung der Pariser Verträge
Lassen Sie mich unter Berücksichtigung der von mir geschilderten Vorgänge die Bedeutung der verschiedenen Verträge darlegen,
die am 23. Oktober in Paris unterzeichnet wurden. Mit ihrem Inkrafttreten wird das Besatzungsregime in Westdeutschland zu Ende gehen.
Sie werden
der Bundesrepublik die volle Autorität eines souveränen Staates zurückgeben. Und durch sie wird das Land Mitglied
der neugeschaffenen Westeuropäischen Union sowie auch der atlantischen Gemeinschaft werden.
Jedermann, der sich mit Geschichte befaßt, wird erkennen,
daß dies eine Entwicklung ist, die in ihren politischen Möglichkeiten kaum überschätzt werden kann. Falls es überhaupt noch weiterer Beweise für die Bedeutung dieser Verträge bedarf, so brauchen wir nur auf die jüngsten sowjetischen Noten zu verweisen,
von der Panik diktierte Versuche der Sowjetregierung, die Ratifizierung der Verträge unter allen Umständen zu verhindern. Unbekümmert um den wahren Sachverhalt, wie die Sowjets nun einmal
sind, haben sie die Übereinkommen als gegen die Sowjetunion gerichtete aggressive Verträge angegriffen. Das ist eine bewußte
Verfälschung unserer Absichten. Präsident Eisenhower hat dargelegt,

�"AMERIKA KIENST"

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dargelegt, daß "in diesen Verträgen die seit Jahren unternommenen Bemühungen kulminieren, eine engere Zusammenarbeit in Fragen
der Sicherheit zwischen den Nationen Westeuropas herbeizuführen
und einen Weg dafür zu finden, das große Kräftepotential der
Bundesrepublik mit dem der freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr
eines Wiederauflebens des deutschen Militarismus vermieden wird."
Außenminister Dulles betonte, daß diese Verträge nicht dem Zweck
dienen:, die gegenwärtigen Spannungen zu erhalten und alten
Konflikten immer wieder neue Nahrung zu geben, sondern dem
Ziele, "eine so weitgehende Einigung vor allem auf militärischem
Gebiet herbeizuführen, daß es den westeuropäischen Nationen sowohl militärisch unzweckmäßig als auch politisch unwahrscheinlich erscheinen muß, daß diese militärischen Streitkräfte gegeneinander oder gegen irgendein anderes Land eingesetzt werden,
es sei denn zum Zwecke der reinen Verteidigung." Aber es trifft
auch zu, wie Außenminister Dulles weiter sagte, daß die Notwendigkeit einer Einigung mit den neuen Gefahren zusammentraf, die
"sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen
des Sowjetkommunismus inspirierten und von einer ungeheueren
Streitkraft gestützten russischen Politik ergaben,"
Das Ausmaß des Erfolges von London und Paris können vielleicht nur diejenigen völlig erfassen, die sich vor knapp drei
Monaten der erschreckenden Aussicht gegenüber sahen, daß Europa
in sich uneins und nicht im Stande sein werde, sein koordiniertes Kräftepotential in das System der westlichen Verteidigung
einzubauen. Jene Tage gegen Ende des Monats August, als die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft begraben wurde, waren
Tage des Schreckens. Die Einheit der europäischen Nationen war
in Gefahr, zu zerbrechen, und damit auch die militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten. Aber bis zum 23. Oktober war
es uns gelungen, die Grundlagen für ein "neues System der Sicherheit und Einheit" zu finden, das unserer Meinung nach eine Garantie für die Erhaltung des Friedens und der Sicherheit darstellt.
Ich war Zeuge dieser gewichtigen Entscheidungen - und ich
kann den europäischen Nationen für ihr Wissen um die Dringlichkeit der Sache, für ihren Weitblick und für ihre Opferbereitschaft, ebenso wie für die von ihnen gezeigte Staatskunst nur
meine größte Anerkennung zollen, hätten sie dies alles nicht
auf sich benommen, und wären sie nicht bereit gewesen, nationale
Interessen und Wünsche dem Ganzen unterzuordnen, ja selbst, wie
im Falle Großbritanniens, eine durch Tradition geheiligte Politik
dem allgemeinen Wohl zu opfern, so hätten wir niemals jenes
Ausmaß an Übereinstimmung erreicht, zu dem wir schließlich gelangt sind.
Was

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1. Dezember 1954

Was noch getan werden muß
Ich möchte hier kurz daran erinnern, was noch zu tun ist
und wie sich die weitere Entwicklung - wenn nicht alle Zeichen
trügen - vollziehen wird. Und ich vertraue darauf, daß das Notwendige wirkliche getan wird. Wir haben das Schlimmste hinter
uns. Ministerpräsident Mendds-France hat sich verpflichtet,
das Vertragswerk anfang Dezember dem französischen Parlament
vorzulegen, und es ist damit zu rechnen, daß es noch vor Weihnachten darüber entscheiden wird. Bundeskanzler Dr. Adenauer
hat die Verträge bereits mit Zustimmung seines Kabinetts seinem Parlament zugeleitet.
Um nun das Besatzungsstatut aufheben zu können, müssen
Frankreich und die Bundesrepublik das sogenannte Protokoll das praktisch weiter nichts ist als der alte Deutschlandvertrag mit einigen Änderungen = sowie den neuen Saarvertrag
ratifizieren. Hierüber wird es zweifellos noch recht hitzige
Debatten im deutschen Bundestag geben, da es in der Presse und
während der eben zu Ende gegangenen Wahlkampagnen anläßlich der
Landtagswahlen hierüber bereits zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist.
Um ferner die Einbeziehung Deutschlands in die neuen militärischen Vereinbarungen zu ermöglichen, ist es erforderlich,
daß alle sieben Mitgliedstaaten des erweiterten Brüsseler Paktes, der heutigen Westeuropäischen Union, die entsprechenden
Abmachungen, und alle fünfzehn Mitgliedstaaten der NATO den
abgeänderten Noidatlantikpakt ratifizieren. Aber auch dies
wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, zu Beginn des Frühjahrs
geschehen sein.
Ich glaube, man kann für die ersten Monate des kommenden
Jahres mit ziemlicher Sicherheit jetzt schon voraussagen, daß
das Besatzungsregime aufhören und das Amt des Hochkommissars
seine Tätigkeit einstellen und durch eine Botschaft ersetzt
werden wird, und daß Deutschland vielleicht schon bis April
oder Mai, bestimmt aber bis Juni, reguläres Mitglied der
NATO und der Westeuropäischen Union sein wird.
Das sind die Tatsachen, meine Damen und Herren - und was
ergibt sich nun aus ihnen ? Wie sieht das Deutschland aus, das
vor unseren Augen aus der totalen militärischen Niederlage neu
ersteht, nach dem bemerkenswerten Wiederaufbau und nachdem die
politische Krise überwunden und der Weg für seine Einbeziehung
in die europäische Völkerfamilie geebnet ist ?
Deutschland war, wie wir gesehen haben, noch vor ein paar
Jahren nicht nur auf unsere Anleitung und Führung in allen Lebensbereichen auf uns angewiesen, sondern es hing in seiner
nakten Existenz unmittelbar von uns ab - eine Nation, die eine
totale Niederlage erlitten hatte, die gebrochen war an Körper
und Geist, deren Zukunft hoffnungslos und deren Wiedersufstieg
fast undenkbar schien. Jahrzehnte schienen ein viel zu kurzer
Zeitraum zu sein, um die Trümmerstätten, die Zeugen des Zusammenbruchs, zu beseitigen, und von der Wiederherstellung gesunder
Verhältnisse, einer prosperierenden Wirtschaft und eines fest-

�"AFRIKA DIENST

1. Dezember 1954

festgegründeten Staatswesens war gar nicht zu reden. Gestern
noch war die Bundesrepublik praktisch unser Mündel, fehlten
ihr doch all die Attribute politischer Unabhängigkeit, die das
Wesen eines Staates ausmachen. Heute ist sie praktisch ein
souveränes Land. Morgen schon wird seine Stimme im Rat der
freien Völker gehört und geachtet werden.
Diese plötzliche Wandlung Deutschlands gibt uns Anlaß,
die veränderten amerikanisch-deutschen Beziehungen und unsere
eigene Haltung gegenüber dem neuen Deutschland einer näheren
Betrachtung zu unterziehen. Viele von uns, zu viele vielleicht,
sind noch immer geneigt, dieses neue Deutschland mit den Maßstäben früherer Zeiten zu messen. Viele unter uns halten noch
immer an dem Bild von Deutschland fest, wie wir es in unserer
Jugend in uns aufgenommen haben. Manche mögen noch immer das
Bild des kaiserlichen Deutschlands in sich tragen? das nach
politischer und territorialer Macht strebte. Andere wieder,
wie ich zum Beispiel, denken dabei an die turbulenten zwanziger
Jahre, als die Weimarer Republik vergeblich gegen wirtschaftliches Elend und politische Reaktion ankämpfte. Und keiner von
uns hat, dessen bin ich sicher, den Schrecken des Nationalsozialismus vergessen, der in einem weltweiten Massenmorden
endete. Unsere Erinnerung ist voll von solchen sich widersprechenden und verwirrenden Bildern einer verflossenen Deutschland, in dem Kultur und aufgeklärter Geist von Niedertracht und
finsterem Terror abgelöst wurden. Welches nun, so mögen sie
fragen, ist das "wahre" Deutschland ? Welches der "vielen"
Deutschland ist heute unser Verbündeter ?
Ich bin fest überzeugt, daß wir keinen größeren Fehler
begehen könnten, als das Deutschland von heute mit einem dieser Bilder gleichzusetzen. Das neue Deutschland, wie ich es
in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe, läßt sich
nicht nach irgendwelchen alten Schemata beurteilen. Natürlich
trägt es auch gewisse Merkmale seiner Vergangenheit - im guten
wie im schlechten Sinne - aber es hat auch viele Charakterzüge,
über die keines unserer Geschichtsbücher etwas aussagt. Wenn
wir also diesem neuen Deutschland aufgeschlossen gegenüber treten wollen, so müssen wir uns von dem verständlichen Hang frei
machen, veraltete Klischees zu benutzen, und statt dessen versuchen, dieses Land objektiv und auch kritisch, aber stets unter
Berücksichtigung der gegebenen Pakten zu sehen«
Zunächst einmal müssen wir verstehen lernen, daß das neue
Deutschland offensichtlich mit seiner politischen Vergangenheit
und, dies möchte ich ausdrücklich betonen, mit seiner militärischen Tradition gebrochen hat und nun versucht, etwas Neues
aufzubauen.
Ferner können wir un3 der Tatsache nicht verschließen,
daß sich ein souveränes Deutschland bei der Gestaltung seiner
Zukunft vielleicht von dem Beispiel anderer demokratischer
Nationen leiten läßt, daß es dies aber von nun an nicht mehr
deshalb tut, weil wir oder irgend jemand anderes es so wünscht?
sondern allein aus eigenem freien Entschluß, Wir müssen daher
von nun an davon absehen, uns auf eine Kontrolle von außen zu

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"AMERIKA DIENST"

zu verlassen, um negativen Einflüssen Schach zu bieten. Von
jetzt an müssen wir auf die Stärke und Lebensfähigkeit der demokratischen Kräfte im deutschen Volke selbst vertrauen.
Ebensowenig dürfen wir in den Deutschen noch länger die
ewigen Empfänger amerikanischer Almosen erblicken. (Ich möchte
mit dieser Peststellung keinesfalls die vielen ernsten sozialen
und wirtschaftlichen Probleme verkleinern oder leugnen, mit denen
das neue Deutschland zu kämpfen hat. Die Millionen von Flüchtlingen, die weitgehenden Zerstörungen, das Problem der Wohnungsnot
und viele andere Beispiele materieller Not stellen auch in Zukunft enorme Anforderungen an die Energie, die Erfindungsgabe
und das Gewissen sowohl der Regierung als auch des einzelnen
Bürgers. Aber dies sind Probleme, die die Deutschen bereitwillig
und tatkräftig mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in
Angriff nehmen werden - zumindest so weit ihnen das eben möglich
ist. Ich habe auch nicht von Berlin gesprochen - das ist eine
ganz andere Frage.)
Schließlich wird das neue Deutschland als gleichberechtigtes
Mitglied der europäischen und atlantischen Gemeinschaft nicht
nur seine Stellung als freier und unabhängiger Staat eifersüchtig
hüten, sondern au^h bemüht sein, sein Teil zur Weiterentwicklung
dieser Gemeinschart und zur Formulierung eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Politik beitragen. Wir müssen uns
bewußt sein, daß Partnerschaft schließlich und endlich eine
Wechselbeziehung darstellt, in der jede Partei sowohl der Gebende
als auch der Emp^ ngende sein kann. Je früher wir erkennen, daß
dies das Axicjn für unsere künftigen Beziehungen zu Deutschland
sein muß, desto vielversprechender sind die Aussichten auf eine
gedeihliche Partnerschaft und desto geringer sind die Möglichkeiten für Überraschungen und Enttäuschungen.
Was wir in unseren Beziehungen zu dem neuen Deutschland
vor allen Dingen brauchen, ist eine kräftige Portion Realismus.
Ich bin mir &gt;der Tatsache durchaus bewußt, daß das ungeheure Tempo
der jüngsten Entwicklungen für manche Anlaß zu Genugtuung war, bei
anderen aber auch Befürchtungen wieder hat aufleben lassen, die
gegenstandslos geworden oder endgültig begraben zu sein schienen.
Das ist verständlich. Ich bin kein Hellseher, und ich wäre der
letzte, der sich heute abend in optimistischen Voraussagen ergehen
wollte. Statt dessen möchte ich mit gewissen Schlußfolgerungen
vor Sie hintreten, die sich auf persönliche Beobachtungen gründen - einige davon machte ich im Jahr 1925 und die anderen seit
meiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1953.
Ich möchte gerne Vergleiche zwischen der Einstellung der
Bürger der heutigen Bundesrepublik zu ihrer Regierung und der
Haltung der Bevölkerung der Weimarer Republik gegenüber den demokratischen Institutionen jener Zeit ziehen. Der Unterschied ist
augenfällig. 1925 stand ein hoher Prozentsatz der Menschen, mit
denen ich ins Gespräch kam, den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik gegründet war, entweder gleichgültig oder feindselig gegenüber. Es war dies keine Frage der Zugehörigkeit zur
Oppositionspartei oder der Parteipolitik, sondern eine Frage
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Frage grundsätzlicher Loyalität gegenüber den neu geschaffenen
demokratischen Institutionen. Es schien mir damals, als hätte
die neue Regierungsform Deutschlands nicht die aufrichtige Unterstützung vieler einflußreicher Kreise des deutschen Volkes
zu gewinnen vermocht. Dies war zum Teil darauf zurückzuführen,
daß die Demokratien des Westens es versäumt hatten, jene Elemente
in Deutschland zu ermutigen und zu unterstützen, die versuchten,
eine demokratische Regierung aufzubauen. Diesen demokratischen
Elementen in Deutschland galt der Kampf der konservativen und
reaktionären Kräfte, die die militärische Niederlage im ersten
Weltkrieg niemals als endgültig akzeptiert hatten und sich deshalb weigerten, mit der imperialistischen Vergangenheit zu
brechen. Praktisch vom ersten Tage der Weimarer Republik an lag
die offizielle deutsche Regierung mit einem oppositionellen
Schattenregime antidemokratischer Kräfte, die eine nationalistische Restauration herbeizuführen suchten und in der Wahl ihrer Mittel keinerlei Skrupel kannten, im Wettstreit um die Gunst
des Volkes. Die Begründer der neuen Verfassung hatten kaum jemals die politische Kontrolle dex* Weimarer Republik voll in der
Hand; zum Teil war dies der Grund dafür, weshalb es ihnen nicht
gelang, das Volk und vor allem die Jugend dazu zu erziehen, die
demokratische Regierungsform zu akzeptieren und zu unterstützen.
Ich glaube nicht, daß ich hier einfach geschichtliche Betrachtungen
aus der Rückschau anstelle, wenn ich sage, daß ich damals (1925)
bei meiner Rückkehr aus Deutschland kein Vertrauen zur Fähigkeit
der Weimarer Republik hatte, eventuell bevorstehenden Stürmen
zu trotzen. Und nach einem kurzen abermaligen Deutschlandbesuch
im Jahr 1930, als sich bereits der Schatten Hitlers abzeichnete,
beurteilte ich die Zukunft des deutschen Volkes sehr pessimistisch.
Heute ist die Lage ganz anders. Ich denke dabei an tiefere
und wichtigere Dinge als die Tatsache, daß die Wähler die Partei
Bundeskanzler Dr. Adenauers mit einer absoluten Mehrheit und
seine Koalition mit Zweidrittelmehrheit in den Bundestag wiederwählten. Dieses Ergebnis der Bundestagswahlen von 1953 ist sicherlich von großer Bedeutung für die Beurteilung der heutigen
deutschen Situation und stellt eins volle Anerkennung der
erfolgreichen Politik des Bundeskanzlers und der Arbeit seines
Kabinetts in den ersten vier Jahren des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland dar. Noch bedeutsamer aber ist, daß sich
das deutsche Volk, ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit, zur
Regierunggform
einer nach demokratischen Grundsätzen gestalteten föderativen Republik bekennt. Dies kam unter anderem
darin zum Ausdruck, daß es weder den extrem rechten Parteien
noch den Kommunisten gelungen ist, einen einzigen Vertreter in
den Bundestag zu entsenden. Die Ergebnisse der letzten Wahlen
in Bayern und Hessen beweisen, daß trotz geringfügiger Schwankungen die Politik des Goldenen Mittelweges bevorzugt wird.
Selbstverständlich gibt es auch Opposition. Gerade diese Beobachtung hat mich zu der Bemerkung veranlaßt, das neue Deutschland
habe eine demokratische Verfassung ausgearbeitet, und alle Parteien unterstützten in voller Loyalität das neue politische
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politische System. Denn die Opposition von Heute richtet sich
nicht gegen die Grundsätze und den Aufhau der neuen Republik,
sondern gegen bestimmte Aspekte der Regierungspolitik.
Worin sich das Deutschland des Jahres 1953 außerdem von dem
des Jahres 1925 unterscheidet, ist die Einstellung der Deutschen
gegenüber der unmittelbaren Vergangenheit und gegenüber ihren
Zukunftshoffnungen. Sieben Jahre nach Beendigung des ersten
Weltkrieges konnte man sich in Deutschland kaum über irgendeine
politische Frage: unterhalten,ohne daß es zu endlosen Debatten darüber kam, wie der Krieg entstanden sei, wer ihn nun eigentlich
gewonnen oder verloren habe und welche Rolle die Gründer der
Weimarer Republik in den Unruhen gespielt haben, die auf den
Waffenstillstand vom November 1918 folgten. Überall wurde einem
die Dolchstoßlegende über die Liberalen und die Sozialisten aufgetischt. Tatsächlich hatte diese ständige Beschäftigung mit der
unmittelbaren Vergangenheit viele Deutsche dazu verführt, der
Weimarer Republik zu mißtrauen und die demokratischen und sozialistischen Parteien zu verabscheuen. Heute gibt es keine Zweifel
mehr darüber, wer den zweiten Weltkrieg verloren hat. Nur selten
hört man Gespräche über die Ereignisse der Jahre von 1933 bis
1945« Ich will damit nicht sagen, daß es nicht hier und da Gruppen
ehemaliger Nazis gibt, die voller Sehnsucht und womöglich mit einer
gewissen Befriedigung auf jene Tage zurückschauen, da sie an der
Macht waren, oder von einem "Come-back" träumen; aber die Ergebnisse der letzten Bundestagswahlen beweisen, daß sich die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes von den Extremisten der
Rechten und Linken endgültig abgewandt hat. Und in der Tat zögern
die führenden Persönlichkeiten der großen Parteien - sowohl die
Mitglieder der Koalition als auch die sozialdemokratische Opposition - keineswegs, das nationalsozialistische Regime und die
Innen- und Außenpolitik Hitlers in öffentlichen Reden nachdrücklich zu verurteilen.
Dieser neue Geist Deutschlands exemplifizierte sich in jüngster Zeit in der vom Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig angenommenen Entschließung, in der die Anwendung von Gewalt seitens
einer Partei im Wahlkampf als Wiederholung der von den Nazis praktizierten Methoden verurteilt wurde.
Die neue deutsche Armee
Lassen Sie mich an dieser Stelle ein wenig bei einem Thema
verweilen, das uns alle, die wir hier heute abend versammelt sind,
brennend interessiert. Ich habe von den Plänen über die Schaffung
einer neuen deutschen Armee gesprochen, die gegenwärtig in Bonn
eingehend studiert werden. Allein die Erwähnung einer deutschen
Armee muß bei vielen meiner Zuhörer wenig erfreuliche Erinnerungen
wachrufen. Selbst eine schwache Erinnerung an das Deutschland der
Weimarer Republik und des Naziregimes genügt, böse Ahnungen in
einem zu wecken, wenn man Ausdrücke wie deutscher Generalstab und
deutsche Armee hört. W«s mich nun interessiert, ist die Tatsache,
daß viele führende Politiker aller Parteien in Deutschland sich
mit der Frage befassen, wie eine neue militärische Tradition zu
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1. Dezember 1954

zu schaffen sei. Sie mögen nicht alle in ihren Analysen über die
Fehler der Vergangenheit übereinstimmen. Dennoch bin ich überzeugt, daß ein Großteil der verantwortlichen Persönlichkeiten
in Deutschland sich eindeutig zu jenen bekennen wird, die der Meinung sind, daß sich die neue deutsche Armee grundsätzlich von der
alten unterscheiden muß. In erster Linie sind sie der Ansicht,
sie müsse weit mehr der zivilen Kontrolle unterstehen als dies
selbst in der Weimarer Republik der Fall war; zweitens müsse
sie von einem solchen Geist getragen sein, daß der einzelne Soldat immer noch ein Mensch bleibt, ohne daß dadurch die Organisation der Armee als potentielle Kampfeinheit gefährdet wird.
Ein führendes Bundestagsmitglied fragte mich vor nicht allzu
langer Zeit, ob er und seine Kollegen in dem Bemühen, eine deutsche
Armee neuen Typs zu schaffen, auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten rechnen könnten. Ich versicherte ihm, daß es diesbezüglich keine Schwankungen in der Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gebe. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß die seit vielen Monaten in der deutschen Bundeshauptstadt erörterten Pläne der Schaffung einer Europa-Armee galten, in
deren Rahmen Deutschlands größte nationale Einheit eine Division
sein sollte. So hat mir mehr als ein Deutscher in den vergangenen
Wochen wehmütig versichert, wir wollen gar keine Nationalarmeej
aber wenn wir unseren Beitrag zur Verteidigung Europas leisten
wollen, dann scheint es daß es keine andere Möglichkeit gibt.
Ich bin mir wohl bewußt, daß ich hier eher Stimmungen wiedergebe, als Tatsachen berichte. Allerdings ist der Ernst, mit dem
man in Deutschland das Problem einer demokratischen Armee diskutiert, sehr ermutigend. Die für die Schaffung dieser Armee Verantwortlichen scheinen mir nicht etwa naive Leute zu sein, sondern sind sich der Gefahren und Schwierigkeiten durchaus bewußt.
Ich bin überzeugt, sie sind entschlossen, eine Armee zu schaffen,
die die Dienerin, nicht Herrin des demokratischen Staates sein
wird oder gar ein Werkzeug eines rücksichtslosen Diktators ist.
Dieses Problem wird nicht nur in den führenden politischen Kreisen eingehend erörtert, sondern auch von der Öffentlichkeit im
allgemeinen und der jungen Generation, die in dieser neuen Armee
Dienst tun wird. Sie sind sehr darauf bedacht, aus unseren Erfahrungen und denen anderer demokratischer Länder auf diesem Gebiete
zu lernen. Ich bin der Meinung, unser Verständnis und unsere Unterstützung können sich sehr real auf diese Bemühungen Deutschlands auswirken, mit allem Bösen und Gefährlichen in seinen militärischen Traditionen der Vergangenheit zu brechen.
Ein Volk, das indie^Zukunft blickt
Man darf ganz allgemein sagen, daß das Deutschland von Heute
nicht so sehr in die Vergangenheit zurückblickt, als vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenkt. Und in dieser Zukunft
sehen die Deutschen etwas, das sich grundlegend von allem vergangenen unterscheidet. Wenn man den als einen fortschrittlich gesinnte
Menschen bezeichnen will, der einer neuen und besseren Zukunft

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1. Dezember 1954

Zukunft entgegensieht, und jenen als einen Reaktionär, der der
Vergangenheit wehmütig nachhängt, dann glaube ich, daß man die
heute in der Bundesrepublik vorherrschende Einstellung als fortschrittlich bezeichnen darf. Natürlich gibt es auch eine gewisse
Zahl von Reaktionären, die das Rad der Geschichte gern zurückdrehen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 zum ersten Male wieder nach Deutschland kam, war ich erstaunt, in wie weiten Kreisen die Pläne für
eine Vereinigung Europas diskutiert wurden, und mit welcher Zuversicht die deutschen Politiker dem Aufbau eines neuen Europas
entgegensahen. Es sei zugegeben, daß die Sprecher der Sozialdemokratie, der Oppositionspartei, die Gründung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft ablehnten; aber da sie gute Demokraten
und westlich orientiert sind, hatten selbst sie ihre Pläne für
eine enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen
einer weitgefaßten Gruppe westeuropäischer Staaten.
Wenn ich meine Beobachtungen zusammenfassen darf, so möchte
ich sagen, daß das politische Gleichgewicht in der Bundesrepublik
durchaus stabil erscheint. Die Aussichten, daß die gegenwärtige
politische Stabilität andauern wird, sind gut. Sie ist allerdings
von einer Anzahl Bedingungen abhängig. Zunächst einmal hängt
alles davon ab, daß eine den Prinzipien der Demokratie treu ergebende Führerschicht, die dem Westen wohlgesinnt und jeder Form
politischen oder militärischen Abenteurertums abhold ist, auch
weiterhin in Deutschland vorhanden ist. Heute stehen solche Männer am Ruder der Bundesrepublik. Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Dr. Adenauer sind Ihnen allen als unverbrüchliche Protagonisten der Demokratie und eines geeinten Europas bekannt. Aber
während sie im In- und Auslande dieser Einstellung wegen bekannt
sind, ist es doch ermutigend, daß sie von Männern umgeben und
Unterstützt sind, die ebenso wie Sie an diese Ziele glauben. Der
neugewählte Präsident des Bundestages, Dr. Eugen Gerstenmaier,
Protestant und Demokrat der alten schwäbischen Schule, nahm sein
neues Amt mit den Worten des Ehrenpräsidenten der Eröffnungssitzung des ersten deutschen Bundestages, Paul Loebe, an» "Deutschland will ein aufrichtiges, friedliebendes Glied der Vereinigten
Staaten von Europa werden, mit den gleichen Rechten und Pflichten
wie alle übrigen Mitglieder. Wir haben im Grundgesetz den Verzicht
auf nationale Souveränitätsrechte schon im voraus ausgesprochen,
um dieses geschichtlich notwendige höhere Staatengebilde zu schaffen, und wir werden uns auch durch Anfangsschwierigkeiten von
diesem Ziele nicht ablenken lassen".
Ich bin überzeugt, daß die Chancen für die Schaffung eines
geeinten Europas nicht verloren sind, solange dieser Geist in
den verantwortlichen Kreisen Deutschlands herrscht.
Die Zukunft wird durch die Zusammenarbeit bestimmt
Die zweite Voraussetzung für den Bestand der politischen Stabilität ist die Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen
und eine weitere Zusammenarbeit mit den westlichen demokratischen

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"MBRIKA DIENST"

demokratischen Nationen. Hierbei denke ich nicht allein an die
diplomatischen und offiziellen Beziehungen der Regierungen untereinander. Ich meine die gesamte Skala der üblichen Kontakte
auf dem Gebiet der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft
und der Kultur, die erst ein wirkliches Geben und Nehmen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Nationen ermöglichen.
Das Austauschprogramm mit Deutschland hat sich als ein ausgezeichnetes Mittel zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland erwiesen. Im Rahmen dieses Programmes konnten
Tausende von Deutschen nach den Vereinigten Staaten reisen, und
viele Amerikaner hatten die Möglichkeit, Deutschland zu bereisen und kennenzulernen. Der kürzlich von Außenminister Dulles
und Bundeskanzler Adenauer unterzeichnete Freundschafts-,
Handels- und Schiffahrtsvertrag ist ein weiteres Beispiel für
die ständigen Bemühungen, nicht nur die Beziehungen zwischen
den beiden Nationen zu "normalisieren", sondern auch der Privatinitiative einen Anreiz zu bieten, das Werk ihrer Regierungen zu vervollständigen. Dieser Vertrag, ebenso wie der noch
in diesem Jahr in Kraft tretende Vertrag zur Vermeidung der
Doppelbesteuerung, stellt die liberalsten und fortschrittlichsten Maßnahmen zum internationalen Schutz ausländischer
Investierungen dar, die bisher getroffen wurden. Darüber hinaus
bestärkt uns die Haltung der Bundesregierung in der Präge des
Londoner Schuldenabkommens, in dem sie sich zur Rückzahlung der
Vorkriegsschulden verpflichtet und diese auch tatsächlich leistet, in dem Glauben, daß die Bundesregierung diese Verträge
im gleichen Geiste einer konstruktiven Zusammenarbeit erfüllen
wird. Ich möchte sogar noch weiter gehen und behaupten, daß
sich angesichts dieser Haltung das Klima für ausländische Investitionen sehr verbessert hat, was eins der Hauptziele der
amerikanischen Außenpolitik ist, und daß sie ein gutes Vorzeichen für die Ausweitung amerikanischer Investitionen in
Deutschland und in anderen Ländern darstellt.
Die sowjetische Gefahr
Die dritte Voraussetzung für die Stabilität der politischen
Verhältnisse ist, daß weder äußere noch innere Einflüsse auf
eine Störung der bestehenden positiven Beziehungen zwischen
Deutschland und seinen Verbündeten abzielen. Hier ist die einzige, allerdings furchtbare Gefahr das ständige Trachten der
Sowjetunion, die Bundesrepublik in ihren Machtbereich einzubeziehen, oder, falls ihr das nicht gelingt, den Anschluß Deutschlands an den Westen zu verhindern« Ich selbst bin davon überzeugt, daß sich in Paris herausgestellt hat, wie falsch und
sinnlos die sowjetische Politik ist« Die Ratifizierung des Pariser Abkommens wird eine der offenkundigsten Niederlagen, die
die Sowjetunion bisher im Kalten Kriege erlitten hat, besiegeln.
Ob diese Niederlage zu einem Wechsel in der sowjetischen Strategie führen wird, ist natürlich schwer vorauszusagen. Die verstärkte Position des Westens und die offensichtlich nutzlosen
Spaltungsversuche der Sowjets bieten* meiner Meinung nach, Aussicht auf einen solchen Wechsel. Was die amerikanische Regierung anbetrifft, so werden wir nicht nachlassen, immer wieder
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wieder der Welt klarzumachen, wie vollkommen unsinnig und unmenschlich die sowjetische Deutschlandpolitik ist. Das gilt in
erster Linie für die sowjetische Politik, die Teilung Deutschlands aufrechtzuerhalten. Die Wiedervereinigung Deutschlands
bleibt eins der wichtigsten Ziele der amerikanischen Politik.
In Verfolgung dieses Zieles läßt sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht allein von einem humanitären Impuls, sondern
von einer nüchternen politischen Überlegung leiten. Denn solange
die Frage der deutschen Einheit nicht in Übereinstimmung mit den
elementarsten Gesetzen der menschlichen Natur und nach internationalem Brauch gelöst ist, werden wir das Ziel unseres V.eges
zu Sicherheit und Frieden nicht erreicht haben.
Ich werde der Versuchung widerstehen, meine Rede mit der
Versicherung zu beenden, daß die sowjetische Deutschland-Politik
schon in Kürze bankerott machen werde - noch möchte ich die
schwierigen Probleme und die vor uns liegenden Gefahren irgendwie
verkleinern. Wir nähern uns aber langsam, unter Leiden und mit
großer Geduld unserem Ziel. Das Jahr 1954» das sich seinem Ende
zuneigt, hat uns einen entscheidenden Schritt weitergebracht. Es
ist uns gelungen, eine Anzahl großer Hindernisse zu beseitigen.
Wir sind heute stärker als zu Beginn des Jahres. Ich denke dabei
nicht allein an physische Stärke» ich spreche von der Kraft, die
ein gemeinsames Ziel verleiht. In dem Pariser Abkommen manifestiert
sich diese Kraft. Es hat den Bereich unserer Sicherheit ganz entscheidend erweitert und erlaubt uns, dem Jahr 1955 in der Hoffnung
auf weitere Fortschritte entgegenzusehen«

*

* » * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

ROTCHINA VERLETZT WAFFENSTILLSTAND IN KOREA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die Botschafter
Henry Cabot Lodge Jr., der Chefdelegierte der Vereinigten
Staaten bei den Vereinten Nationen, am 8. Dezember 1954
vor der UN-Vollversammlung abgab, und in der er das kommunistische China beschuldigte, in Verletzung des Waffenstillstandes in Korea Angehörige der amerikanischen Streitkräfte gefangen und in Haft zu halten.
Herr Präsident,
Die 16 Staaten, deren Streitkräfte in Korea in den Kampf
zogen, um der Charta der Vereinten Nationen Achtung zu verschaffen, haben beschlossen, die Vollversammlung um vordringliche
Untersuchung des Schicksals jener Angehörigen der UN-Streitkräfte zu ersuchen, die gegenwärtig noch entgegen dem koreanischen Waffenstillstandsabkommen tgefangengehalten werden oder
unter Arrest stehen. Die Vereinigten Staaten haben in Ausübung
ihrer besonderen Verantwortlichkeit innerhalb des gemeinsamen
Oberkommandos der UN-Streitkräfte in Korea den formellen Antrag gestellt, der zu der gegenwärtigen Debatte führte.
Vor einigen Tagen gab Radio Peking die Verurteilung und
Einkerkerung von 11 amerikanischen Luftwaffenangehörigen bekannt, die in Korea im Einsatz gestanden hatten. Es hätte sich
dabei ebenso gut um Angehörige irgendeines anderen Landes handeln können, deren Flieger im Auftrag der Vereinten Nationen
im koreanischen Luftraum gekämpft hatten. Zufällig handelte
es sich um Amerikaner, und so obliegt mir die ernste Pflicht,
Ihnen die ganze Bewegung und Sorge zu schildern, mit der das
amerikanische Volk die Nachricht von dem sogenannten Gerichtsverfahren in Peking aufgenommen hat.
Herr Präsident, jede Regierung, die nicht die Achtung vor
sich selbst verlieren möchte, hat die elementare historische
Verpflichtung, jene Männer zu schützen, die sie in den Krieg
entsendet.
In früheren Zeiten war jede Regierung allein zur Entscheidung darüber befugt, welche Mittel sie zum Schutz ihrer Bürger
in diesem Falle anzuwenden gedenke, und ob die Anwendung von
Gewalt am Platze sei.
_.
Die

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15. Dezember 1954

Die Vereinigten Staaten sind vor die Vereinten Nationen
getreten, weil diese als ein Kollektivwerkzeug der Gerechtigkeit geschaffen worden sind und weil sie eine ganz besondere
Verantwortung für jene Männer tragen, die, einem Ruf der Vereinten Nationen folgend, in Korea kämpften.
Die Geschichte jener 11 Flieger ist ein Kapitel in dem
dicken Buch über die Männer, die in Korea kämpften und dabei
in die Hände der Kommunisten fielen.
Die kommunistischen Militärbehörden in Korea haben bisher
keinerlei Informationen herausgegeben und nichts über das
Schicksal einer großen Anzahl von Angehörigen der UN-Streitkräfte verlauten lassen, die im Einsatz in Korea als vermißt
gemeldet wurden, und von denen man den Umständen nach annehmen
darf, daß sie in Gefangenschaft geraten sind.
Als das Waffenstillstandsabkommen endlich unterzeichnet
wurde, verpflichteten sich die Kommunisten, alle Angehörigen
der UN-Streitkräfte, die eine Repatriierung wünschten, zu entlassen. Die Delegation des UN-Oberkommandos bei der Waffenstillstandskommission verlangte Auskunft über alle nichtrepatriierten Angehörigen der UN-Streitkräfte, von denen anzunehmen ist,
daß sie von den Kommunisten gefangengehalten werden. In der
Zeit vom 9.September 1953 bis 17.August 1954 wurden 5 Anfragen
in diesem Sinne gestellt, in denen auch diese 11 Flieger genannt
wurden. Die Antworten auf diese Anfragen brachten keine befriedigenden Auskünfte. Ein weiteres Ersuchen um Auskünfte über diese Personen wurde im Mai 1954 über den Vertreter Großbritanniens
in Peking gestellt. Diese Anfrage blieb bis heute unbeantwortet.
Dann kam die Genfer Konferenz. Am 10.Juni 1954 übergab der
amerikanische Botschafter, U.Alexis Johnson, dem Generalsekretär der rotchinesischen Delegation zur Genfer Konferenz, Wang
P'Ing-Nan, Namenslisten verschiedener Kategorien von Zivilisten
im Dienst des UN-Oberkommandos und Angehörigen der UN-Streitkräfte, die sich, soweit bekannt, in koreanischer Kriegsgefangenschaft befinden müßten. Botschafter Johnson wies ausdrücklich
darauf hin, daß sich diese Listen auf die besten uns verfügbaren
Informationen stützen, und ersuchte darum, daß alle in den Listen
aufgeführten Personen freigelassen werden, oder daß man Aufklärung über ihr Schicksal erteilen möge. Diese Listen enthielten
auch die Namen der 11 Besatzungsmitglieder jenes Flugzeugs vom
Typ B-29 und von 4 Düsenflugzeugpiloten der Luftstreitkräfte.
Schließlich gab der Vertreter des kommunistischen China auf
einer Zusammenkunft am 15»Juni zu, daß sein Land amerikanisches
Militärpersonal "wegen Verletzung des chinesischen Luftraumes"
gefangenhalte. Am 21.Juni gab er zu, daß das kommunistische Regime tri China 15 Angehörige der US-5Il*iaitäBctaÄEL3ftnräfte gefangenhalte, nämlich die 11 überlebenden Besatzungsmitglieder der
am 12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 und 4 Düsenflugzeugpiloten der US-Luftstreitkräfte. Wang erklärte, daß die übrigen
3 Mitglieder der HkÖpfigen Besatzung der B-29 den Verletzungen erlegen seien, die sie sich beim Fallschirmabsprung aus der
abgeschossenen Maschine zugezogen hatten.
- .

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15. Dezember 1954

Nach diesen Besprechungen in Genf vergingen 5 Monate,
ohne daß von den chinesischen Kommunisten irgendwelche Informationen zu erhalten waren. Sie machten keinerlei Anstalten,
irgendeinen der gefangenen Luftwaffenangehörigen freizulassen,
die sie eingestandenermaßen oder vermutlich gefangen halten. •
Abgesehen von jenen 15 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte,
die sich, wie die chinesischen Kommunisten am 21.Juni 1954 zugaben, in ihrem Gewahrsam befinden, fehlt noch jede Auskunft
über das Schicksal von weiteren 470 Amerikanern, die dem UNOberkommando unterstanden und vermutlich von den Kommunisten
gefangengenommen wurden.
Diese Zahl schließt keine Angehörigen der UN-Streitkräfte
anderer als amerikanischer Nationalität und keine Angehörigen
der Streitkräfte der Republik Korea ein, über deren Schicksal
die Kommunisten bisher keinerlei Auskunft erteilt haben.
Wir hatten gehofft, durch eingehende und beharrliche Verhandlungen Auskunft über alle noch vermißten Männer zu erhalten und die Freilassung aller noch zurückgehaltenen Personen
zu erreichen. Weder in Panmunjom noch in Peking und Genf zeitigten diese Bemühungen irgendwelche konkreten Resultate.
Dann gab Radio Peking am 24.November 1954 plötzlich bekannt, daß ein rotchinesisches Militärtribunal 11 amerikanische
Flieger, die sich noch in chinesischer Gefangenschaft befanden,
zu langen Haftstrafen verurteilt habe* Die Regierung der Vereinigten Staaten wurde unverzüglich über die Regierung Großbritanniens und unmittelbar in Genf bei den z*otchinesischen Behörden vorstellig. Die Vorstellungen wurden in Bausch und Bogen
zurückgewiesen.
Lassen Sie mich Ihnen berichten, was mit jenem Flugzeug
geschah, dessen Besatzung die 11 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte angehörten, die nunmehr von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen verurteilt worden sind. Es handelte
sich um ein Flugzeug vom Typ B-29, das dem Befehl von Oberst
John K.Arnold interstand, dem Kommandeur des 581.Nachschub- und
Nachrichten-Geschwaders. Die gesamte Bordbesatzung gehörte dem
gleichen Geschwader, einem Teil der 13-Luftflotte an, deren
Hauptquartier der Fliegerhorst Clark auf den Philippinischen
Inseln ist. Das Geschwader befand sich im Einsatz und wurde
durch die 91»Fernaufklärer-Staffel vom Fliegerhorst Tokota in
Japan unterstützt, die dem Kommando Fernost der Luftstreitkräfte untersteht. Beide Einheiten gehörten dem Verband der UNStreitkräfte an.
Am 12.Januar 1953 wurde besagte B-29 um 17.20 Uhr örtlicher
Zeit vom Fliegerhorst Yokota in Japan mit dem Auftrag ausgesandt,
eine Flugblattaktion über Nordkorea auszuführen. Die Maschine
war im Rahmen der Operationen des UN-Oberkommandos eingesetzt.
Als Zielraum für den Abwurf der Flugblätter waren der Maschine
die nordkoreanischen Städte Pakchon, Pukchin, Kusong, Sonchon,
Charyongwan und Cholsan zugewiesen» Bei diesem Auftrag handelte
es sich um eine Mission, wie sie in der modernen Kriegsführung
zur allgemein geübten Praxis gehört. In Korea wurde diese Praxis
weitgehend geübt.
j) e r

�15« Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

Der Flug vom 12. Januar 1953 erfolgte im Einklang mit dem
allgemeinverbindlichen Befehlen des UN-Oberkommandos bezüglich
der Begrenzung von Luftoperationen auf den koreanischen Raum
südlich des Yalu-Flusses. Das Flugzeug trug die Kennzeichen der
Flugzeuge der US-Luftstreitkräfte. Alle Besatzungsmitglieder an
Bord waren Angehörige der US-Luftstreitkräfte, trugen Uniform und
führten die erforderlichen Personalausweise bei sich, einschließlich der Dokumente, die sie als Angehörige der UN-Streitkräfte
auswiesen. Das Flugzeug sollte am 13. Januar 01.30 Uhr örtlicher
Zeit nach Yokota zurückkehren.
Der letzte Kontakt mit der im Einsatz befindlichen Maschine
war ihre Ortung durch eine Radarstation der UN-Streitkräfte gegen
23.10 Uhr an einem Punkt etwa 22 km südlich des Yalu-Flusses
unweit der nordkoreanischen Stadt Sonchon. Die Radarstation
meldete, daß die B-29 von 12 Feind Jägern angegriffen werde.
Der Kommandeur des Flugzeugs ließ um 23.16 Uhr über den Funk
das Codewort "Mayday" durchgeben. Dies ist ein internationales
Notsignal, das in diesem Fall bedeutete, das Flugzeug sei so
stark beschädigt, daß e3 manövrierunfähig sei und aufgegeben werden müsse. Kurz darauf verschwand das Flugzeug vom Radarschirm.
Wir haben eine Karte anfertigen lassen, in der die gesamte Flugstrecke der Maschine bis zu dem Punkt eingezeichnet ist, an dem
sie letztmalig auf dem Radarschirm beobachtet worden ist. Ich
werde diese Karte allen Delegationen zur Verfügung stellen.
Damals konnte das UN-Oberkommando keine Berichte oder anderweitigen Angaben über das Schicksal dieser Maschine erhalten, und die
Besatzung wurde deshalb als im Einsatz vermißt gemeldet.
Von dem Tag, an dem das Flugzeug abgeschossen worden ist,
bis zum Juni 1954 war der einzige kleine Hinweis auf das Schicksal jener Männer eine Meldung von Radio Peking vom 21. Januar 1953,
in der die Gefangennahme von 3 Besatzungsmitgliedern bekanntgegeben wurde: Oberst Arnold, Major Baumer und Hauptmann Vaadi.
Ich möchte die Namen der überlebenden Besatzungsmitglieder
verlesen und bitte um ihre Aufnahme ins Protokoll. Wie ich bereits
bemerkte, war der heute 41jährige Oberst John K. Arnold Kommandeur
des 581. Nachschub- und Nachrichtengeschwaders. Seine Frau lebte
in Montgomery im Staate Alabama.
Major William H. Baumer, 32 Jahre alt, Kc-Pilot, dessen Mutter in Lewisburg, Pennsylvanien, lebt.
Hauptmann Eimer F. Llewellyn, 29 Jahre alt, Navigationsoffizier des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Missoula, Montana.
Hauptmann Eugene J. Vaadi, 33 Jahre alt, Kommandant des
Flugzeugs. Seine Frau lebt in Clayton, New York.
Oberleutnant John W. Bück, 33 Jahre alt, Beobachter, dessen
Eltern in Armathwaite, Tennessee, beheimatet sind.
Oberleutnant Wallace L. Brown, 28 Jahre alt, Pilot des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Montgomery, Alabama.
Oberfeldwebel
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�• "AMERIKA DIENST"

15. Dezember

1954

Oberfeldwebel Howard W. Brown, 32 Jahre alt, Bordmechaniker,
dessen Eltern in St. Paul, Minnesota, wohnen.
Unteroffizier Steve E. Kiba, 22 Jahre alt, Bordfunker. Seine
Eltern leben in Akron, Ohio.
Gefreiter Harry M. Benjamin, 22 Jahre alt, als Radaroffizier,
dessen Frau in Worthington, Minnesota,lebt.
Gefreiter Daniel C. Schmidt, gleichfalls 22 Jahre alt, als
Feuerleitoffizier, dessen Frau sich gegenwärtig in Redding, Kalifornien, aufhält.
Gefreiter John W. Thompson III, 23 Jahre alt, als Radaroffizier. Seine Eltern leben in Orange, Virginia.
Diese Männer wurden nach ihrer Gefangennahme beim Einsatz
im Rahmen einer von den Vereinten Nationen zur Wiederherstellung
des Friedens in Korea durchgeführten Aktion von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen von 4 bis 10 Jahren verurteilt.
Ich habe bereits erwähnt, Herr Präsident, daß der Vertreter
Rotchinas, Wangp'Ing-Nan, in Genf im Juni vergangenen Jahres zugegeben hat, daß sein land außer den 11 eben aufgeführten Personen
4 weitere Angehörige der US-Luftstreitkräfte gefangenhält. Ich
möchte der Vollversammlung auch in diesen Fällen die einschlägigen Tatsachen bekanntgeben.
Oberleutnant Lyle W. Cameron aus Lincoln, Nebraska, war Pilot
eines Flugzeugs vom Typ F-84, das am 26. Oktober 1952 vom Flugplatz Taegu in Korea aufstieg, um an einer Operation zur bewaffneten Aufklärung zwischen Kanggye und Huichon in Nordkorea teilzunehmen. Nach Erreichung des Zielraumes wurde seine Maschine
bei einem Bombenangriff auf Lokomotiven beschädigt, so daß er
sich zum Absprung gezwungen sah. Er landete wohlbehalten an einem
Punkt mehrere Kilometer südlich von Kanggye und gab über sein
Notfunkgerät Mitteilung, daß er unverletzt sei und sich in den
umliegenden Hügeln verborgen halte. Die übrigen Flugzeuge seiner
Kette mußten bald darauf zu ihren Ausgangsbasen zurückkehren,
da sie nicht genug Treibstoff hatten. Als sie einige Stunden später das Gebiet aus der Luft absuchten, konnten sie keine Spur von
Oberleutnant Cameron entdecken. Radio Peking gab am 30. Oktober
1952 dann bekannt, daß Oberleutnant Cameron nach dem Absturz seiner Maschine über China gefangengenommen worden sei. Im Dezember
1952 wurden von den Kommunisten in großer Zahl Handzettel mit dem
Bild Oberleutnant Camerons verteilt, in denen seine Mission und
der Abschuß seiner Maschine als ein Beispiel der amerikanischen
Aggression gegen China dargestellt wurde.
Hauptmann Harold E. Fischer aus Swea City, Iowa, führte am
7. April 1953 eine Kette F-86 bei einem Einsatz längs des YaluFlusses in Nordkorea. Die Maschinen stießen auf feindliche Jäger
und wurden in einen Luftkampf verwickelt. Während dieses Gefechts
erteilte Hauptmann Fischer seiner Kette über Funk den Befehl, das
Kampfgebiet zu verlassen. Dies ist das letzte, was über Hauptmann
Fischer definitiv bekannt ist,und den Suchflugzeugen der Luftstreitkräfte gelang es nicht, ihn selbst oder seine Maschine zu finden.

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Radio

�AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Radio Peking meldete in einer Propagandasendung am 10. April 1953,
daß Hauptmann Fischers Maschine abgeschossen und er selbst in Gefangenschaft geraten sei.
Oberleutnant Roland W. Parks aus Omaha, Nebraska, gehörte
zu einer Kette F-86, die am 4. September 1952 vom amerikanischen
Flugplatz Suwon zu einem Kampfeinsatz über Nordkorea aufgestiegen
war. Während ihres Fluges entlang des Yalu stießen die amerikanischen Flieger über nordkoreanischem Gebiet auf feindliche Jäger,
mit denen sie in 9 000 m Höhe in einen Luftkampf gerieten. Im Verlauf des Gefechts wurde Oberleutnant Parks von seiner Kette abgedrängt. Er meldete später durch Funkspruch, daß sein Kreisel- und
sein Funkkompass ausgefallen seien und daß er die Orientierung verloren habe. Wiederholte Versuche, ihn auf befreundetes Gebiet zu
leiten, schlugen fehl; als es klar wurde, daß ihm bald der Betriebs'
stoff ausgehen müsse, wurde er aufgefordert, eine Beschreibung der
Gegend durchzugeben, über der er sich gerade befand. Aus seiner
Antwort war ersichtlich, daß es sich anscheinend um die Halbinsel
Liaotung in der Mandschurei handelte. Fünf Minuten später funkte
Oberleutnant Parks, daß der Motor seiner Maschine ausgesetzt habe,
und er per Fallschirm abspringen werde. Es zeigte sich, daß er sich
zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Dairen in der Mandschurei befand.
Oberstleutnant Edwin L. Heller aus Wynnewood in Pennsylvanien
war Führer einer Kette von F-86, die am 23. Januar 1953 entlang
des TöLu über nordkoreanischem Gebiet Einsatz flog. Die Maschinen
stießen auf feindliche Jäger, die sie in einen Luftkampf verwickelten. Während der Kampfhandlung wurde Oberstleutnant Hellers Maschine
durch Treffer beschädigt und letztmalig in einer Höhe von 13 400 m
gesehen. Am 28. Januar 1953 behauptete Radio Peking in einer Propagandasendung, daß Oberstleutnant Heller mandschurisches Gebiet
verletzt habe und nach dem Absprung aus seiner beschädigten Maschine gefangengenommen worden sei.
Die chinesischen Kommunisten gaben zu, daß sich diese vier
Düsenflugzeugführer in ihrem Gewahrsam befinden.
Herr Präsident, diese fünfzehn Amerikaner werden nunmehr seit
vielen Monaten gefangengehalten, einige seit über zwei Jahren. Die
meisten ihrer Kameraden sind längst mit ihren Einheiten aus Korea
in die Heimat zurückgekehrt. Die Familien dieser fünfzehn Männer
aber warten immer noch. Gegenüber diesen Soldaten, ihren Familien,
ihren Mitbürgern in zehn einzelnen amerikanischen Bundesstaaten und
gegenüber dem ganzen amerikanischen Volk tragen wir in der Vollversammlung eine große Verantwortung.
Herr Präsident, die fortgesetzte Zurückhaltung von Kriegsgefangenen, die ihre Repatriierung wünschen, ist eine flagrante Verletzung des am 27.Juli 1953 abgeschlossenen Waffenstillstandes in
Korea. Die Einkerkerung von elf Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte im Anschluß an ein "Verfahren*1 vor einem Militärgerichl
der chinesischen Kommunisten ist nur dazu angetan, diesen Verstoß
gegen ein feierlich eingegangenes internationales Abkommen um so
schwerwiegender erscheinen zu lassen.
Gestatten Sie mir, Ihnen einen Überblick über die einschläj- 6 -

�"ÜÜÜERIKA

DIENST"

15. Dezember 1954

einschlägigen Bestimmungen des koreanischen Waffenstillstandsabkommens zu geben. Sie sind im Artikel III des Waffenstillstandsabkommens und in dem über die Zuständigkeiten der neutralen Repatriierungskommission handelnden Teil des Anhangs enthalten.
Die diesbezüglichen Bestimmungen der Abschnitte 51 und 54 des
Artikels III lauten;
"51. Die Freigabe und Repatriierung sämtlicher Kriegsgefangener, die sich zur Zeit des Inkrafttretens dieses Waffenstillstandsabkommens im Gewahrsam beider Parteien befinden, soll in
Übereinstimmung mit den nachstehenden von beiden Parteien "vor
Unterzeichnung dieses Waffenstillstandsabkommens vereinbarten
Bestimmungen durchgeführt werden.
a) Innerhalb von zwei Monaten nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens sollen beide kriegführenden Parteien unverzüglich und ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten, alle
jene in ihrem Gewahrsam befindlichen Kriegsgefangenen gruppenweise repatriieren, die zu der kriegführenden Partei, auf deren
Seite sie sich bei ihrer Gefangennähme befanden, zurückzukehren
wünschen. Die Übergabe der Kriegsgefangenen soll im Einklang mit
den diesbezüglichen Beatimmungän dieses Artikels durchgeführt
werden. Um die Rückführung zu beschleunigen, soll jede Partei
vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens der anderen Seite die nach Nationalitäten geordnete Gesamtzahl der zu
repatriierenden Kriegsgefangenen mitteilen. Mit jeder Gruppe soll
eine namentliche Aufstellung der zu repatriierenden Kriegsgefangenen, nach Nationalitäten getrennt, übergeben werden, die den
etwaigen Dienstgrad sowie die Internierungs- bzw. Stammrollennummer enthalten soll.
b) Beide kriegführenden Parteien kommen überein, alle nicht
direkt rückgeführten Kriegsgefangenen der Neutralen Repatriierungskommission zur weiteren Betreuung gemäß den im Anhang festgelegten Bestimmungen über den 'Aufgabenbereich der Neutralen
Repatriierungskommission' zu überstellen..,.
54. Die im Abschnitt 51 Absatz a verlangte Repatriierung
sämtlicher Kriegsgefangener soll innerhalb von zwei Monaten
nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkcmmens abgeschlossen
werden. Die beiden kriegführenden Parteien verpflichten sich,
die Repatriierung der genannten, in ihrem Gewahrsam befindlichen
Kriegsgefangenen zum frühestmöglichen Termin innerhalb dieses
Zeitraums zum Abschluß zu bringen."
Nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens waren
die kommunistischen Behörden daher verpflichtet, sämtlich«
Kriegsgefangenen entweder dem Oberkommando der Vereinten Nationen oder aber der Neutralen Repatriierungskommission zu übergeben.
Die von mir früher genannten vier Düsenflugzeugführer sind
weder repatriiert noch der Repatriierungskommission übergeben
worden. Sie werden auch weiterhin von den rotchinesischen Behörden festgehalten.
Die elf überlebenden Besatzungsmitglieder dez am 12.Januar

�"AiklEBIKA DIENST •

15. Dezember 1954

12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 werden nicht nur von den chinesischen Kommunisten zurückgehalten, sondern sie sind nach einer Meldung des Senders Peking von einem rotchinesischen Militärgericht zu langfristigen Gefängnisstrafen wegen angeblicher
vor ihrer Gefangennahme begangener Verbrechen verurteilt worden.
Über diese fünfzehn amerikanischen Flieger hinaus ist noch
eine ganze Reihe weiterer Fälle bekannt, in denen Angehörige
der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden
Streitkräfte - Amerikaner und Bürger anderer Staaten - nicht
repatriiert wurden, oder in denen die Kommunisten entgegen den
von ihnen eingegangenen internationalen Verpflichtungen bisher
keinerlei Auskünfte über das Schicksal der betreffenden Personen
erteilt haben.
Bei diese© groben Verstößen gegen das koreanische Waffenstillstandsabkommen handelt es sich leider nicht um Einzelfälle,
die als Ausnahme zu einer allgemeinen Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen seitens der Kommunisten gelten könnten. Tatsache ist, daß diese Verstöße ihre Parallele finden in schweren
Verletzungen des Waffenstillstandes durch die Kommunisten auch
auf anderen Gebieten, die in keinerlei Zusammenhang mit der
Kriegsgefangenenbehandlung stehen.
In den rotchinesischen Rundfunksendungen wurde mit viel
Aufhebens die Behauptung aufgestellt, daß die Besatzung der
B-29 über chinesischem und nicht über koreanischem Gebiet absprang. Nach der zuverlässigsten Information, die dem Oberkommando der Vereinten Nationen vorliegt, wurde Oberst Arnolds
B-29 über koreanischem Gebiet angegriffen und von der Mannschaft verlassen« Dies entspricht auch den von einem Radargerät
registrierten Daten.
Doch ist die Stelle, an der die Maschine auf dem Boden
aufschlug oder die Besatzung landete, ohne Belang. Die Repatriie
rungsbestimmungen des Waffenstillstandsabkommens machen keine
Unterschiede bezüglich des Ortes der Gefangennahme. Diese Bestimmungen beziehen sich auf sämtliche Kriegsgefangenen, unabhängig davon, an welchem Ort sie gefangengenommen worden sind.
Das Entscheidende ist bei dieser Angelegenheit, daß die
15 Personen zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme Angehörige der
dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden Streitkräfte waren und an einer von diesem Oberkommando befohlenen
Operation teilnahmen. Darauf allein kommt es an.
Die von den Rotchinesen gegen die Besatzung der B-29 erhobenen Beschuldigungen wegen angeblicher Spionagetätigkeit
sind selbstverständlich falsch. Die Besatzung ebenso wie die
Maschine befanden sich auf einer vom Oberkommando der Vereinten
Nationen befohlenen routinemäßigen Plugblattaktion, die zur
Unterstützung der allgemeinen militärischen Operationen der
Vereinten Nationen und im Rahmen des Gesamtvorgehens der Vereinten Nationen in Korea durchgeführt wurde. Die Besatzung war
uniformiert und führte sämtliche erforderlichen Ausweispapiere
bei sich.
Abgesehen
1 8 -

�".AMERIKA LIEHST"

15. Dezember 1954

Abgesehen aber von diesen Überlegungen, entbehren die Behauptungen der Rotchinesen jeder Grundlage. Selbst wenn die verlogenen Vorwürfe gegen unsere Flieger wahr wären - was nicht
der Fall ist - und selbst wenn unsere Leute Verbrechen begangen
hätten - was auch nicht zutrifft -, fielen sie noch immer unter
die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens, die die Freilassung der Kriegsgefangenen vorsehen. Diese Auffassungen sind
auch durch eine Erklärung der Kommunisten bestätigt, die sie
auf der 16.Sitzung der Militärischen Waffenstillstandskommission am 31.August 1953 in Panmunjom abgegeben haben. In dieser
Sitzung erklärte der Vertreter der koreanischen Volksarmee und
des chinesischen Freiwilligenkorps wörtlich:
"Von unserer Seite wurde wiederholt erklärt, daß wir vor
Abschluß der Repatriierungsaktion alle von uns gefangengenommenen Angehörigen Ihrer Streitkräfte - wenn sie dies wünschen repatriieren werden, einschließlich derjenigen Kriegsgefangenen,
die vor oder nach ihrer Gefangennahme Kriegsverbrechen begangen
haben."
Der Vertreter des Oberkommandos der UN erwiderte darauf:
"Wir werden alle Kriegsgefangenen in absoluter Übereinstimmung mit den Waffenstillstandsbestimmungen und entsprechend
dem vorliegenden Plan repatriieren...."
Diese Auslegung des Waffenstillstandsabkommens durch die
beiden Partner so kurze Zeit nach Abschluß dieses Abkommens erweist über jede Zweifel hinaus die Tragweite, die der von beiden Seiten übernommenen Verpflichtung zukommt.
Entsprechend dieser seiner Auslegung der von ihm übernommenen Verpflichtung hat das Oberkommando der UN-Streitkräfte
418 in seiner Hand befindliche und der Kriegsverbrechen beschuldigte kommunistische Kriegsgefangene (314 Koreaner und
104 Chinesen) zusammen mit 36 wichtigen Zeugen repatriiert.
Es repatriierte des weiteren 166 Mann, denen Verstöße nach
ihrer Gefangennahme zur Last gelegt werden (165 Koreaner und
1 Chinese) sowie 118 wichtige Zeugen. In diesen Fällen lautet
die Anklage auf alle möglichen Verbrechen, einschließlich Mord.
Alle diese Gefangenen verlangten ihre Repatriierung und wurden
tatsächlich bis zum 9»September 1953 repatriiert. So haben die
Vereinten Nationen ihre Verpflichtungen erfüllt.
Die Vollversammlung möge nun ihr Urteil darüber abgeben,
wie weit die Kommunisten ihrerseits den von ihnen übernommenen
Verpflichtungen nachgekommen sind. Wie die Kommunisten selbst das
Waffenstillstandsabkommen auslegten, waren sie verpflichtet,
alle in ihrer Hand befindlichen Kriegsgefangenen, ohne Rücksicht
auf etwa gegen sie vorliegende Beschuldigungen bezüglich irgendwelcher vor oder nach ihrer Gefangennahme begangenen Verbrechen
als Kriegsgefangene zu betrachten, die für eine Repatriierung
in Frage kamen. Die amtlichen Stellen des kommunistischen Chinas,
die einige Angehörige der UN-Streitkräfte auch weiterhin zurückgehalten haben und 11 von ihnen wegen angeblicher Verbrechen aburteilten, haben das Waffenstillstandsabkommen unter Mißachtung
ihrer damaligen Auslegung gebrochen.

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�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Um kurz auf die unwahre Beschuldigung angeblicher Spionagetätigkeit zurückzukommen: Am Montag führte der sowjetische
Vertreter als Beispiel erwiesener Spionagetätigkeit Oberst
Arnolds angebliche Erklärung an, daß sein Plugzeug unbewaffnet
und nur mit zwei Heckgeschützen bestückt gewesen sei. Tatsächlich war Oberst Arnolds Flugzeug eine gewöhnliche B-29, die
für den Nachteinsatz umgebaut worden war. Im einzelnen war die
Maschine schwarz gestrichen, die Auspuffrohre mit Funkenkörben
versehen, einige Geschütze ausgebaut, die verbleibenden mit
Mündungsdämpfern ausgestattet. Beim Nachteinsatz kann eine Maschine nur vom Heck aus unter Verwendung von Radargeräten angreifen, weswegen eine vollkommene Bestückung weder nötig noch
zweckdienlich ist.
Dies, Herr Präsident, ist ein Beispiel dafür, welcher Art
das Beweismaterial war, auf Grund dessen die amerikanischen
Flieger zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern,
daß der sowjetische Vertreter am Montag voriger Woche ausdrücklich erklärte, daß die elf Mann, von denen die Rede ist, Uniform trugen.
Untersuchen wir einmal genau, was er sagte. Zu diesem Zweck
führe ich die nach dem offiziellen Protokoll angefertigte Übersetzung der Ausführungen an, die der sowjetische Delegierte
Malik in russischer Sprache machte. Elf dieser Flieger, sagte
Malik - ich benütze seine Formulierung -, waren - ich zitiere
wörtlich - "in militärischer Uniform". Die russischen Worte
lautetens "Wo formu wojenno-sluschaschtschich". Sie können
sich die Bandaufnahme vorspielen lassen und selbst hören.
Als ich am Montag darauf hinwies, daß es ein Hohn auf den
menschlichen Verstand sei, zu behaupten, daß sich uniformierte
Angehörige der US-Luftstreitkräfte als Spione in China betätigen, machte der sowjetische Vertreter geltend, es handle sich
hier um einen Übersetzungsfehler.
Nun, Herr Präsident, eines der Wunder bei den Vereinten
Nationen ist der Sprachendienst. Ich habe seine Mitarbeiter bereits früher wegen der erstaunlichen Schnelligkeit und Genauigkeit ihrer Arbeit gelobt. Ja, das Wort Genauigkeit ist zu
schwach, um auszudrücken, wie diese begabten Dolmetscher die
wahre Bedeutung und den Sinn der Ausführungen eines Redners
vermitteln.
Die Feststellung überrascht daher keineswegs, daß es sich
in diesem Fall nicht um einen Übertragungsfehler handelt, daß
der Vertreter der Sowjetunion wirklich von den elf Mann "in
militärischer Uniform" sprach, und daß die Tonbandaufnahme diesen Sachverhalt bestätigt.
Es scheint mir keine sehr faire Diskussionsmethode zu sein,
sich auf eine Ungenauigkeit in der Übertragung auszureden, wenn,
wie es hier tatsächlich der Fall war, der sowjetische Delegierte
sicherlich unbeabsichtigt - etwas sagte, was ihm in seiner Argumentation den Boden unter den Füßen wegzieht. Wie die Franzosen
sagen würden: "Ce n'est pas trds chic."
_
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�"kMERIKn DIENST"

15. Dezember 1954

Ganz offensichtlich hat der sowjetische Vertreter tatsächlich gesagt, daß diese Leute Uniform trugen. Nicht minder einleuchtend aber ist die Tatsache, daß es einfach unvorstellbar
ist, daß Angehörige der US-Streitkräfte, Männer in der Uniform
des amerikanischen Militärs, in China Spionage betreiben. Damit
bricht die Argumentation der Kommunisten zusammen, und der
Versuch, die Schuld den Dolmetschern zuzuschieben, wird ihnen
wenig helfen.
Wie die Dinge heute liegen, Herr Präsident, ist die im
koreanischen Waffenstillstandsabkommen für die Entlassung der
Kriegsgefangenen gesetzte Frist inzwischen um fast 18 Monate
überschritten. In eklatantem Verstoß gegen eine der wichtigsten Bestimmungen dieses Abkommens halten die chinesischen
Kommunisten auch weiterhin eine Anzahl von Soldaten der UNStreitkräfte fest und haben elf Mann zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Es muß daher etwas unternommen werden,
um ihre Entlassung sowie die Entlassung aller Angehörigen der
UN-Streitkräfte, die ein Anrecht auf Repatriierung haben, zu
bewerkstelligen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten, die den Oberkommandierenden der Streitkräfte der Vereinten Nationen in Korea
stellt, hat daher die von mir bereits näher bezeichneten
Schritte unternommen, um zu erreichen, daß die chinesischen
Kommunisten die ihnen durch das Waffenstillstandsabkommen
auferlegten Verpflichtungen auch erfüllen. Die diesbezüglichen
bisherigen Bemühungen der Regierung der Vereinigten Staaten
scheiterten restlos. Nach eingehender und erschöpfender Beratung mit allen anderen UN-Mitgliedstaaten, deren Streitkräfte in Korea kämpften, haben wir nunmehr die Angelegenheit
zur dringlichen Behandlung vor die Vollversammlung gebracht.
Es ist dies eindeutig ein Fall, in dem den Vereinten Nationen eine besondere Verantwortung obliegt. Sie leitet sich
aus der Tatsache ab, daß die Vereinten Nationen es waren, die
die gemeinsamen Kräfte zur Verteidigung der Republik Korea
mobilisierten, als diese vor viereinhalb Jahren angegriffen
wurde. Die Vereinten Nationen haben den Sachverhalt festgestellt, sie forderten die Nordkoreaner auf, die Aggression zu
beenden und ersuchten die UN-Mitgliedstaaten, jede Unterstützung,
einschließlich der Entsendung bewaffneter Streitkräfte, zur Verteidigung Koreas zu gewähren. Sie stellten fest, daß sich auch
die chinesischen Kommunisten der Aggression schuldig machten.
All dies geschah in der Überzeugung, daß diese Weltorganisation
erfolgreich der Aggression entgegentreten und so dazu beitragen
könne, ein dauerndes Fundament für die Erhaltung des Friedens
zu schaffen, während bisher der Friede immer wieder durch
Aggressoren gestört worden war, die glaubten, daß sie sich
durchsetzen könnten.
Aus diesen Gründen haben die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen dringend ersucht, für die Achtung des Rechts
zu sorgen.
Vorige Woche gab Präsident Eisenhower der Vermutung Ausdruck, die eklatante Verletzung des Waffenstillstandsabkommens
seitens
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�-

' "üikiliRlK^ DIENST"

15. Dezember 1954

seitens der chinesischen Kommunisten durch Einkerkerung von
Angehörigen der UN-Streitkräfte ziele vielleicht ganz bewußt
darauf ab, die Vereinigten Staaten zu unüberlegten Aktionen
zu verleiten in der Hoffnung, so zwischen sie und die übrigen
freien Völker einen Keil zu treiben. Wenn das der Fall sein
sollte, so werden die Beteuerungen der Kommunisten hinsichtlich einer friedlichen Koexistenz wahrlich zu einer lächerlichen Farce. Aber sei dem wie es wolle, für uns gelten die
Worte Präsident Eisenhowers:
"Wir sind es uns und der Welt schuldig, jedwede Möglichkeit einer friedlichen Bereinigung der Differenzen zu erkunden,
ehe wir den leisesten Gedanken an Krieg hegen dürfen.
Es ist wahrlich ein gerüttelt Maß an Einsicht nötig, immer wieder den Mut zur Geduld aufzubringen und unermüdlich nach
jedem nur gangbaren V/eg zu suchen in der Hoffnung, auf der anderen Seite schließlich doch ein wenig Verständnis dafür zu
wecken, daß wir es ehrlich meinen."
In diesem Geiste haben die Vereinigten Staaten zusammen
mit 15 anderen UN-Mitgliedstaaten, die bewaffnete Streitkräfte
zum Kampf nach Korea entsandten, der Vollversammlung den Entwurf einer Resolution vorgelegt, die in Dokument A/L 182 enthalten ist. Ich werde sie im Wortlaut vorlesen, sie ist kurz
und klar:
"Die Vollversammlung der Vereinten Nationen
- nach Prüfung des von den Vereinigten Staaten als
Repräsentant des Oberkommandos der Vereinten Nationen
eingebrachten Antrags bezüglich 11 von chinesischen Truppen als Gefangene eingebrachten Angehörigen der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstellten Streitkräfte, die am 12.Januar 1953 an einer vom UN-Oberkommando befohlenen Aktion teilgenommen hatten, - und unter Hinweis auf die Bestimmungen des Artikels III des Vertrages über den Waffenstillstand in
Korea betreffend die Repatriierung von Kriegsgefangenen 1. erklärt, daß die Zurückhaltung und Einkerkerung der
im Dokument A/2830 erwähnten und dem Oberkommando der UN
unterstehenden 11 Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte, sowie die Zurückhaltung aller übrigen in
Gefangenschaft geratenen Angehörigen der UN-Streitkräfte,
die ihre Repatriierung wünschen, einen Verstoß gegen das
Waffenstillstandsabkommen für Korea darstellt;
2. mißbilligt die Tatsache, daß die nach dem 25.September 1953 illegal zurückgehaltenen Kriegsgefangenen vor
Gericht gestellt und verurteilt wurden, da ein solches
Vorgehen im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen
für Korea steht;
3« ersucht den Generalsekretär, sich namens der Vereinten Nationen darum zu bemühen, daß die 11 Angehörigen
der
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�'lAuLhIKxi LLSMSI"

15« Dezember 1954

der UN-Streitkräfte und alle übrigen in Gefangenschaft geratenen und noch zurückgehaltenen Angehörigen der UN-Streitkräfte gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages
für Korea freigelassen werden;
4. ersucht den Generalsekretär auf dem ihm am besten geeignet erscheinenden Wege, sich ständig und unermüdlich für
dieses Ziel einzusetzen und allen Mitgliedern der UN bis
zum 31.Dezember 1954 über den Erfolg seiner Bemühungen zu
berichten".
Wir bitten die Vollversammlung dringend, diese Entschließung
mit überwältigender Mehrheit anzunehmen. Dies wäre eine eindeutige Bekundung der Auffassung der Vollversammlung, daß die weitere
Zurückhaltung der Kriegsgefangenen durch die chinesischen Kommunisten im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen in Korea
steht. Die Vollversammlung würde damit alle moralischen Kräfte
aufbieten, auf die Freilassung der ungesetzlich zurückgehaltenen
Kriegsgefangenen hinzuwirken. Und schließlich ist so die Aussicht gegeben, daß Mittel und Wege gefunden werden, die Freilassung dieser Gefangenen durchzusetzen, und daß laufend über
den Portgang der Bemühungen zur Freilassung berichtet wird.
Tausende und aber Tausende Soldaten aus 16 Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen wurden einst auf Anordnung der Vereinten
Nationen nach Korea entsandt, um die kommunistische Aggression
abzuwehren. Nach Beendigung der Kampfhandlungen wurden klare
Abmachungen über die Freilassung der Kriegsgefangenen getroffen.
Das Waffenstillstandsabkommen, das diese Bestimmungen enthält,
wurde von der Vollversammlung der UN am 28.August 1953 mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Die Kommunisten verstoßen nun
offen gegen diese Abmachungen, und sie fügen diesem Verstoß
noch die Aburteilung von 11 der von ihnen widerrechtlich zurückgehaltenen Soldaten hinzu, in der Absicht, diese für einen
schamlosen Propagandacoup zu mißbrauchen, bei dem man sich auf
erlogene Beschuldigungen und von ihnen selbst zusammengebrautes
Beweismaterial stützt.
Angesichts dieser ernsten Lage ist es angebracht und notwendig, daß die Vereinten Nationen für die Respektierung ihrer
Autorität und Würde Sorge tragen und so die Rechte der kämpfenden Truppen sichern.

*

* * * *

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 6/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower berichtet über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kongressbotschaft Präsident Eisenhowers über die Lage der US-Landwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut der Kongressbotschaft Präsident Eisenhowers über Änderungsvorschläge der Arbeitsgesetzgebung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rückblick auf ein Jahr als Hochkommissar (Ein Interview mit Dr. James B. Conant)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles umreißt US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles-Erklärung zur Revision der UN-Charta&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt neuen Haushalt vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 3/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jahresbericht des Präsidenten der USA Dwight Eisenhower über die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Randall-Bericht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clare Booth Luce: Zur Bekräftigung unseres Glaubens...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Geschichte der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Atombotschaft Präsident Eisenhowers&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Einigkeit der freien Welt, beste Hoffnung für die Zukunft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Frankreich kämpft für die Freiheit in Indochina&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Methoden des internationalen Kommunismus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Stärke der freien Völker&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles umreißt US-Asienpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Parteitage und Statut der SED&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower umreißt US-Außenhandelspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lewis L. Strauss: "H-Bombenexplosion war zu keiner Zeit unserer Kontrolle entzogen"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Vertrauensvoll in die Zukunft blicken&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles über die Ziele der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 21/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower ruft zum Kreuzzug für bessere internationale Zusammenarbeit und Verständigung auf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. James B. Conant zur Lage in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles über die Entwicklung des Korea-Konflikts&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UN-Sonderausschuss: Arbeiter in Ketten im Arbeiterparadies&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss: Die Atomkraft, die amerikanische und die Weltwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John I Jernegan: Der Nahe Osten und Südasien - Das Problem der Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 12/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Alfred le Sesne Jenkins: Die Chinapolitik der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 12/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles berichtet dem amerikanischen Volk über die Genfer Asienkonferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stephan Dorsey: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit der USA mit den Nahost-Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Kernprobleme der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oberster US-Bundesgerichtshof erklärt Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten für Verfassungswidirg&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Heinz Krekeler: Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 26/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge: USA auch weiterhin gegen die Aufnahme Rotchinas in die UN&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 2/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower zur Weltlage&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 9/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles fordert Fortführung des US-Auslandshilfsprogrammes&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 23/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 11/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dwight D. Eisenhower: Rede vor dem Kongress des Weltkirchenrates in Evanston&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stassen: Revidierung der "Battle Act" - Liste&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1 /IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower vor der "Amerika Legion": US-Politik muss überparteilich sein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Des Moines: Die freie Welt ist trotzdem überwältigend stark&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: unverzügliche Einberufung des NATO-Rates und baldige Beratung mit Bundeskanzler Adenauer&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Shippingport: Bemühungen zur Schaffung eines internationalen Atompools werden fortgesetzt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles zur Eröffnung der Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 22/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles berichtet über Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles Rede vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. Conant zur Eröffnung der amerikanischen Atomenergie-Ausstellung in Berlin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;James Wadsworth: Die Frage der Internationalen Abrüstung vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Winthrop W. Aldrich: Für stärkere Liberalisierung des amerikanischen Außenhandels&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles berichtet über die Pariser Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge jr. legt amerikanischen Atomplan vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. James B. Conant zur Frage der europäischen Integration und Wiedervereinigung Deutschlands (über RIAS Berlin)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Pariser Verträge dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: USA stellen 100 Kilo spaltbares Material für den internationalen Atompool&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Das Ziel der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. James B. Conant in Cleveland zur politischen Situation in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dr. James B. Conant in Chicago: Wir müssen auf die demokratischen Kräfte im deutschen Volk vertrauen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 15/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG. APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

7 - 3

Frankfurt, den 1 . Februar 1V52

I N HALTSVBRZBICHNIS

Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in
Westeuropa ."

1

Die Ursachen des industriellen Friedens

8

Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung

11

Vollbesohaeftlgung in Schweden

13

Franzoesisohe Seeleute blickten hinter den
"Eisernen Vorhang

15

Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in Westeuropa
In allen Laendern, in denen die Verbraucherpreise ataendig dazu neigen, sich zu erhoehen, bildet die Angleichung der
Lohntarife an die veraenderten Lebenshaltungskosten ein Problem von lebenswichtiger Bedeutung. Mit zunehmenden Inflationserscheinungen wird die Forderung nach automatischer Angleichung der Loehne oder regelmaessiger Erneuerung der Tarifyertraege immer haeufiger. Weil die Inflation oder zumindest
die Gefahr einer Inflation seit dem Ende des zweiten Weltkrieges allen Laendern droht, die Mitglieder des Europaeischen
Wirtschaftsrates sind, sind haeuflg Diskussionen ueber eine
diese Steigerung ausgleichende Lohnanpassung gefuehrt worden.
Man hat jedoch erkannt, dass die Lohnangleichung allein kein
wirksames Mittel zur Schliessung der Luecke zwischen Kaufkraft
und Angebot bei den Verbrauchsguetern ist. Eine grundlegende
Loesung dieses Problems muss in einer Steigerung der Produktivltaet gesucht werden.

- 1

�In dem Bemuehen, die Kaufkraft der Loehne in den L'arshallplan-Laendern in der Nachkriegszeit stabil zu erhalten, hat
man zu verschiedenen Kitteln gegriffen. Die automatische Lohnangleichung an die Lebensnaltungskosten i3t weit verbreitet,
sie findet sich in Belgien, Luxemburg, Daenemark, Italien und
dem freien Territorium Triest und zwar in Form eines dezentralisierten Tarifvernandlungssystems in Belgien und Luxemburg und
in Form entsprechender Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern auf Landesbasis in den uebrigen drei Laendern.
Verschiedentlich wurde auch in Norwegen und Schweden die gleiche
Methode der Lohnangleichung befolgt wie in Daenemark.
In England sind seit dem ersten Weltkrieg" einige Tarifvertraege in Kraft, die automatische "Stufengleif-Klauseln enthalten. Ende lyöl arbeiteten etwa 10% aller englischen Arbeitnehmer aufgrund ihrer Tarifvertraege unter Stufengleit-Bestimmungen. In Frankreich gab es nur wenige solcher Vertraege.
In Oesterreich, Westdeutschland und Holland sahen sich die
Gewerkschaften auf Grund der Erfahrungen, die sie nach dem ersten
Weltkrieg waehrend der Inflation gemacht hatten und durch die
Bedenken einer Wiederholung dazu veranlasst, von der Forderung
nach automatischer Lohnangleichung abzusehen. Selbst in diesen
Laendern waren jedoch gewisse Lohnerhoehungen unumgaenglieh,
nachdem Preissteigerungen von beunruhigenden üusmassen eingetreten waren. Derartige Lohnangleichungen mussten jedoch in
Oesterreich und Holland von der Regierung genehmigt werden.
In den Laendern, in denen die automatische Lohnangleichung nicht
bekannt ist, hat man versuent, durch haaufige Erneuerung der
Tarifvertraege Abhilfe zu schaffen. Waehrend die Bestimmungen
ueber die Lohnangleichung in den einzelnen Laendern und auch
von Zeit zu Zeit innerhalb der einzelnen Laender verschiedene
sind, blieben die Argumente hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen
Auswirkungen die gleichen. Die Gegner des Stufengleit-Prinzipa
behaupten, dass es der Inflation Vorschub leiste, die PreisLohn-Spirale ins Leben rufe, ja sogar die Inflation beschleunige.
Diejenigen, die dieses System befuerworten, sind dagegen der
Auffassung, dass in ihm nicht die eigentliche Ursache der Inflation zu suchen ist, weil zuerst die Preise anziehen muessen,
bevor eine Lohnangleichung gefordert wird, wenn die Preise
jedoch erhoeht werden, ist eine Lohnanpassung notwendig, um
das Realeinkommen der Lohnempfaenger zu schuetzen. Allein das
Bestehen einer solchen Bestimmung duerfte dazu anspornen, die
Preise zu stabilisiaren. Ihrer Meinung zufolge kann ausserdem
eine ordnungsgemaesse und im voraus berechnete Lohnangleichung,
so wie sie in den Stufengleit-Klauseln der Tarifvertraege
der Gewerkschaften vorgesehen ist, fuer eine .Virtschaft weniger schaedlich sein als die durch Preissteigerungen hervorgerufene Unruhe innerhalb der Industrie oder die langwierigen
TarifVerhandlungen, die Begleitumstaende haeufig wiederkehrender Krisen sind.
Die in London erscheinende Wirtschaftszeitung "Economist"
bringt die Auffassung zum Ausdruck, dass eine gewisse Form der
Lohnangleichung sogar mithelfen koennte, der Inflation entgegenzuwirken; "Diese k'oeglichkeit waere dadurch gegeben, dass die
Loehne den Preisen erst in einem bestimmten Zeitabschnitt folgen und die Srhoehungen der Loehne geringer als die der Preise
sind. Der Zweck der Klausel waere, den Gewerkschaften als Ausgleich fuer die nachhinkenden Loehne ein Gefuehl der Sicherheit zu geben. Die Einfuehrung der Stufengleitklausel koennte
somit die englische Industrie vor einem Chaos bewahren."

- 2 -

�'Vo der Einfluss der Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen
so gross ist wie in den meisten westeuropaeischen Laendern seit
dem zweiten '.Veitkrieg, besteht die Tendenz, Lohnerhoehungen vorzunehmen, wenn eine fuehlbare Preissteigerung eintritt. Die
Angst vor einer inflationistischen Spirale hat jedoch die Gewerkschaften veranlasst, sich wa«hrend eines grossen Teiles der
Nachkriegszeit in ihren Lohnforderungen Beschraenkungen aufzuerlegen.
Die Gewerkschaftsfuehrer sind in den meisten l'arshallplanLaendern entschieden fuer eine Preiskontrolle eingetreten. Unter bestimmten Bedingungen sind die Lohntarife mit dem Lebenshaltungskostenindex gekoppelt worden. Auf der anderen Seite jedoch
haben die Gewerkschaften ihr traditionelles Ziel einer Steigerung
des Realeinkommens der Arbeiter, dem gesteigerte Froduktivitaet
zugrunde liegen muss, nicht aus dem Auge gelassen.
Die Auswirkungen der automatischen Lohnangleichungsbestimmungen auf die .Virtschaft haengen davon ab, wie haeufig solche
Angleiohungen vorgenommen werden, in welcher Hoehe ein Ausgleich
gewaehrt wird, ob diese Massnahmen ein Sinken oder Steigen des
Preisindex' bewirken und in welchem Grade die verschiedenen Freisindizis, die bei der Lohnangleichung verwendet werden, eine Veraenderung der Preise widerspiegeln, die tatsaechlich von den betreffenden Arbeitern gezahlt werden.
Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Laendern hat
man, um einer Inflation entgegenzuwirken, den zeitlichen Zwischenraum zwischen den einzelnen Lohnangleichungen verlaengert
und die Preiserhoehungen nur zum Teil durch Lohnerhoehungen ausgeglichen, um einen bestimmten Abstand zwischen den Erhoehungen
des Preisindex' und den Lohnerhoehungen zu schaffen. Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmer haben haeufig eine Verbindung von Lohnerhoehungen und Produktivitaetssteigerungen einer
Kopplung der Loehne an die Preise vorgezogen; diese Methode ist
jedoch in keinem Lande ununterbrochen zur Anwendung gekommen.
In den nachstehenden Ausfuehrungen wird beschrieben, inwieweit in den Marshallplan-Laendern in der Nachkriegszeit Lohnangleichungen durchgefuehrt wurden, um hauptsaectlich fuer die Arbeiter der Industrie einen Ausgleich fuer die veraenderten Lebenshaltungskosten zu schaffen. Wir werden uns nicht mit anderen Arten der Lohnangleichung beschaeftigen, die zu gewissen
Zeiten und unter gewissen Umstaenden, angewendet worden sind, so
zum Beispiel Belohnungen fuer Produktivitaetserhoehungen oder
um groessere Lohnunterschiede fuer verschiedene Berufe zu schaffen. Es wird gezeigt, wie automatische Stufengleitskalen verhaeltnismaessig haeufig in den Tarifvertraegen der Gewerkschaften auftreten und wie die Lohntarife in Erkenntnis der Veraenderungen, denen die Lebenshaltungskosten unterworfen sind, in
regelmaessigen Zeitabstaenden abgeaendert werden. Es wird
ausserdem gezeigt, welche Rolle die Regierungen hierbei gespielt
haben, sei es durch gesetzliche Anordnungen von Lohnveraenderungen, durch deren Genehmigung oder Ablehnung oder durch
eigene Verhandlungen mit den betreffenden Partnern ueber die
Hoehe der Lohnveraenderung.
In Belgien, Daenemark, Italien, Luxemburg und dem freien
Territorium von Triest sind Bestimmungen ueber eine automatische
Lohnangleichung in fast allen Tarifvertraegen enthalten, die im
Dezember 1951 sowohl fuer Arbeiter als auch fuer Angestellte in
der Industrie gueltig waren. Arbeitern in der Landwirtschaft
und Regierungsangestellten wurden in Daenemark und bis zu einem

- 3 -

�gewissen Grade auch in Belgien und Italien automatische Lohnerhoehungen gewaehrt. Die Tarifvertraege in England, die sich
ueber eineinhalb bis zwei Millionen Arbeitnehmer erstrecken d.h. etwa 10% der unselbstaendigen Erwerbsbevoelkerung - enthalten Bestimmungen ueber automatische Lohnangleichungen. In
Frankreich sind derartige Bestimmungen nur in wenigen Tarifvertraegen vorzufinden, das neue Gesetz bringt hier allerdings eine
grundlegende Aenderung.
In Korwegen und Luxemburg werden Lohnangleichungen in der
Regel halbjaehrlich vorgenommen. In Daenemark werden die Loehne vierteljaehrlich revidiert, und ebenso war es in Schweden,
als dort noch Bestimmungen ueber die automatische Lohnangleichung in Kraft waren. In Italien, Triest und Belgien kann eine
Anpassung der Loehne an die Lebenshaltungskosten alle zwei
Monate erfolgen. In Island hat man in der Zeit von 1940 bis
Januar 1948 die Loehne monatlich den Lebenshaltungskosten angepasst. Seit Januar 1948 sind durch verschiedene Gesetze und
Verordnungen der Regierung monatliche, vierteljaehrliche und
dann halbjaehrliche Lohnangleichungen angeordnet worden. Die
gesetzlichen Bestimmungen in England sind in bezug auf die
Gueltigkeitsdauer der Lohnangleichungen verschieden. In einigen
Faellen werden sie sogar nur einmal im Jahre durchgefuehrt.
t

Die zentralen Arbeitgeberverbaende und Gewerkschaften in
Schweden und Norwegen haben in den dreissiger Jahren und nach
1945 bzw. von 1939-1946 Vereinbarungen getroffen, in denen automatische Angleichungen der Loehne an die Lebenshaltungskosten
vorgesehen waren. In Schweden ist man nach 1946 von dieser Ivlethode abgekommen, in Norwegen hat man sie erst in letzter Zeit
abgeaendert. -Seit 1940 werden in Island die Loehne zur Anpassung
an die Lebenshaltungskosten recht haeufig veraendert. Eine Ausnahme bildete lediglich die Zeit zwischen 1948 und 1950, als
solche Massnahmen durch Gesetz suspendiert waren. In Irland
hat man in Tarif Verhandlungen zum Ausgleich fuer Erhoehungen
der Lebenshaltungskosten von Zeit zu Zeit Lohnaufbesserungen gewaehrt, ohne sich jedoch durch "Stufengleif-Bestimmungen festzulegen.
Einige diesernStufengleitn-Klauseln sehen einen hundertprozentigen, andere einen geringeren Ausgleich fuer hoehere Lebenshaltungskosten vor. Die Vereinbarungen ueber Lohnangleiohungen, die waehrend des Krieges in Schweden getroffen wurden,
legten Lohnausgleiche fest, die teils nur die Haelfte und teils
nur drei Viertel der Steigerung des Lebenshaltungskostenindex1
ausmachten. Die im Oktober 1950 in Norwegen getroffenen Vereinbarungen gewaehrten einen Ausgleich nur fuer solche Preiserhoehungen, die durch die Beschraenkung der Subventionen verursacht
waren. Zurzeit sind neue Verhandlungen hierueber im Gange.
Haeufig werden Loehne dadurch angeglichen, dass man einfach
den Stundenlohn-Tarif erhoeht, wenn dar Lebenshaltungskostenindex um eine bestimmte Anzahl von Punkten gestiegen ist. Hierbei ist nicht ausdruecklich festgelegt, bis zu welcher Koehe
ein Ausgleich gewaefirt werden muss. In solchen Faellen ist
die prozentuale Lohnerhoehung offensichtlich fuer die Arbeiter
der niedrigen Einkommensstufen guenstiger.
In England wird in den Vereinbarungen ueber Lohnangleichungen im allgemeinen bestimmt, dass der Grundlohn um einen bestimmten Betrag zu erhoehen ist. Dieser Betrag ist je nach Alter
und Geschlecht des Arbeitnehmers verschieden. Einige Vereinbarungen, so z.B. die in der Baumwollindustrie, sehen jedoch auch
eine prozentuale ü,rhoehurig des "Standardtarifes" vor.
- 4 -

�In Daenemark werden fuer je sechs Punkte, um die sich der
daenische Index fuer Einzelhandelspreise in den Monaten Januar
und Juli ueber die Indexziffer 291 11914*100) erhoeht hat, erwachsenen maennlichen Arbeitern einen Stundenlohnzuschlag von
fuenf ^re, weiblichen Arbeitnehmern 3,3 0re und Jungarbeitern
zwei 0re mit "Wirkung von dem darauffolgenden 1. Maerz bzw. 1.
September gewaehrt.
Daenemark ist das einzige Land, in dem sich die Loehne
nach einem Lebenshaltungskosten-Index richten, in dem die .Einkommensteuer beruecksichtigt ist. Auch in Holland und Schweden
werden Indizis veroeffentlicht, in denen die Steuern enthalten
sind, werden jedoch nur selten zum Zwecke der Lohnangleichung
verwendet.
In Belgien, Daenemark, England, Island, Italien, Norwegen
und Schweden sind in den betreffenden Abkommen automatische Lohnangle ichungen fuer Erhoehungen und Senkungen des Preisindexes
vorgesehen.
Die Furcht vor der Inflationsspirale, die sowohl gewerkschaftliche Kreise als auch Kreise der Regierung beunruhigt,
war bestimmend fuer das Ausmass, in dem man automatische Lohnangleichungen als Entschaedigung fuer Preiserhoehungen vorgenommen hat. In Oesterreich und Deutschland haben die Gewerkschaften die automatische Lohnangleichung nicht verlangt. Auch
die drei Gewerkschafts Organisationen Hollands KW, KAB und CNV, haben
gemeinsam mit ihrer Regierung dieses Verfahren abgelehnt. In
Frankreich ist es der Regierung bis vor kurzem gelungen, dem
gewerkschaftlichen Druck nach allgemeiner Verwirklichung der
automatischen Lohnangleichung zu widerstehen. Der englische
Gewerkschaftsbund TUC hatte im November 19*9 versucht, die ihm
angeschlossenen Gewerkschaften zu veranlassen, fuer ein Jahr
die Stufengleit-Bestimmungen ihrer Tarifvertraege ausser acht
zu lassen, wenn sich der Preisindex fuer Verbrauchsgueter in
der Zwischenzeit nicht um mehr als fuenf Prozent steigern wuerde. Dieser Versuch scnlug jedoch fehl.
Eine andere, aber aehnliohe Lethode zur Angleichung der
Loehne an die Lebenshaltungskosten besteht darin, dass Gewerkschaften und Unternehmer die Vereinbarung treffen, bei einer
Steigerung der Lebenshaltungskosten neue Tarifverhandlungen aufzunehmen. Nach den Stufengleit-Bestimmungen sind sowohl Hoehe
des Ausgleichs als auch Periodizaet der Lohnangleichung von
vornherein festgelegt. Nach der soeben erwaehnten Methode der
vorzeitigen Tarifkuendigungsmoeglichkeit sind diese beiden Begriffe dagegen unbestimmt. Im Falle einer Neuaufnahme von Tarifverhandlungen ist jedoch die Moeglichkeit gegeben, rueckwirkende Lohnerhoehungen zu gewaehren. aine Neuaufnahme von
TarifVerhandlungen war z.B. in der Schweiz vorgesehen, und zwar
vierteljaehrlich nach den von der Regierung erlassenen Bestimmungen, die von 1941 bis 1946 gueltig waren, und unregelmaessig
nach privaten Vereinbarungen, auf die die Regierung keinen
Einfluss hatte, und die man von 1947 bis 1951 kannte. Seit
1948 werden in .'/Ostdeutschland alle vier bis sechs Monate eine
immer groessere Zahl von Tarifvertraegen neu abgeschlossen.
Dieses Verfahren kennt man auch in England, und zwar vor allem
seit Ende des Krieges, ausgenommen sind natuerlich jene Vertraege, die an sich 3ciion Stufengleit-Klauseln enthalten. Auch in
Frankreich bedient man sich in einigen Faellen dieser Methode.
In Norwegen wurden die Bestimmungen ueber automatische
Lohnangleichungen, die in den von 1945 bis 1946 abgeschlossenen
Tarifvertraegen enthalten waren, 1949 und 1950 von Vereinbarungen
5 -

�abgeloe3t, die fuer eine bestimmte iürhoehung der Lebenshaltungskosten einen automatischen Ausgleich durch Lohnerhoehungen und
fuer eine weitere Steigerung des Lebenshaltungskostenindex*
eine Neuaufnahme der Tarifverhandlungen vorsehen.
In einigen Laendern haben die Vertreter der Regierung,
der Gewerkschaften, der Industrie und anderer Sektoren der
Wirtschaft ueber die Hoehe der zu kontrollierenden Preise, die
Hoehe der Subventionen, ueber Steuersaetze, Sozialunterstuetzungen, Beitraege zur Sozialversicherung und auch ueber die
Anpassung der Lohntarife an die Preise gemeinsam Verhandlungen gefuehrt. Diese Verhandlungen fuehrten in Oesterreich zu
einem formellen Abkommen. Die schwedische Regierung fuehrt
wirtschaftspolitische Besprechungen mit Vertretern der verschiedenen interessierten Gruppen. Ganz bestimmte Vorschriften
ueber die Besprechung wirtschaftlicher und sozialer Fragen zwischen den von der Regierung und der .Virtschaft ernannten Vertretern gibt es in Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen.
Dagegen werden in iängland diese Verhandlungen zwischen Beauftragten des Arbeitsministeriums und Vertretern der Unternehmer und Gewerkschaften gefuehrt. Die englische Regierung hat
im allgemeinen nach solchen Beratungen eine Verlautbarung
ueber ihre Politik der Lohn- und Preisstabilisierung vsroeffentlicht.
Die hollaendische Regierung behaelt sich die Kontrolle
der Loehne und ferner das Recht vor, gegen Lohnerhoehungen,
ueber die man sich in 'iarifVerhandlungen einig wurde, ihr
Veto einzulegen. Die drei nichtkommunistischen Gewerkschaftsorganisationen N W , KAB und CNN stimmen dieser Politik zu.
In Frankreich hat die Frage der Lohnangleichung wiederholt
Anlass zu politisch-wirtschaftlichen Krisen gegeben. Das
franzoesische Parlament hat die Streitfrage zeitweilig durch
Abaenderungen der Gesetzgebung beigelegt. Lit dem Gesetz vom
Februar 1950 wurde das Recht, nach Belieben TarifVerhandlungen
zu fuehren, wiederhergestellt, und gleichzeitig wurde eine
Nationale Jtommission ins Leben gerufen, in der Regierung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten sind, und die die Aufgabe
hat, fuer das ganze Land gualtige, garantisrte ilindestloehne
vorzuschlagen, die sodann durch einen ^rlass des Kabinetts
fuer allgemeinverbindlich erklaert werden. Diese Mindestloehne,
die fuer die verschiedenen Industrien, Berufe und Ortsklassen
festgelegt werden, sind von Zeit zu Zeit erhoeht worden, wenn
dies in den Augen der Gewerkschaften in Anbetracht der ^rhoehungen der Lebenshaltungskosten gerechtfertigt war.
Im September 1951 beschaeftigte sich die franzoesische
Nationalversammlung gegen den Protest der Kabinettskoalition
in erster Lesung mit einer Gesetzesvorlage, die die Anwendung
einer Stufengleit-Klausel bei der Festsetzung von l-iindestloehnen einfuehren wollte. Hiernach sollte eine ürhoehung der
lündestlebenshaltungskosten eines Arbeiters um fuenf Prozent
oder mehr sofort durch eine entsprechende xurhoehung des Mindestlohnes ausgeglichen werden, 'im allgemeinen jedoch sollte
diese Angleichung nur einmal in drei Monaten vorgenommen werden.
Noch im November 1951 war ueber diese Gesetzesvorlage nicht
entschieden.
Der franzoesische Premierminister kuendigte an,
die Regierung hoffe, diese Vorlage durch Bestimmungen ersetzen
zu koennen, "die den Arbeitern noch bessere Sicherheiten bieten,
aber auch eine Stoerung der wirtschaftlichen Stabilitaet vermeiden." Inzwischen nat das Parlament jedoch grundsaetzlich
fuer die üiinfuehrung der Stufengleitklausel gestimmt.

- 6-

�Die griechische Regierung setzt die Lohntarife noch immer
nach einem Gesetz aus dem Jahre 1944 fest und erhoeht von
Zeit zu Zeit den Uindesttarif, wenn die Gewerkschaften dies
wegen der erhoehten Lebenshaltungskosten verlangen. Die griechischen Gewerkschaftsfuehrer haben jedoch verlangt, dass man
dieses Gesetz ausser Kraft setzt und dass man ihnen das Hecht
gibt, fuer die einzelnen Industrien Tarifverträge mit Stufengleit-Klauseln abzuschliessen.
Nach der Abwertung eines grossen Teils der euronaeischen
Y/flhi'ungen im Jahre 194« und nach Beginn des Krieges in Korea
waren die Regierungen der Ilarshallplan-Laender bemueht, Lohnerhoehungen moaglichst lange hinauszuzoegern. Die Erhoehungen
der Grosshandelspreise drohten deaals das Gleichgewicht der
Aussenhandelsbilanzen und der Stattsbudgets der ueisten dieser
Laendor zu 3toeren, weil sie eine Erhoehun.? der Preise fuer
Importwaren und der Subventionen fuer Lebensaittel zur Folge
hatten.
Die Auswirkungen der Stufengleitklauseln und aohnlichen
Methoden zur Anpassung der Loehne an die effektive Kaufkraft
des Realeinkommens koennen unmoeglich genau verfolgt werden,
weil erstens daneben noch Lohnaufbesserungen anderer Art gewaehrt wurden, zweitens die Veraenderungen der Lebenshaltungskosten in einigen dieser Laender nur unvollstaendig zu erfassen
sind, und weil drittens in einigen Laendern statistische Angaben
ueber Loehne fenlen und da, wo sie vorhanden sind, sie die Veraenderungen der Einkommen und nicht die der Lohntarife aufzeigen. Die Lohnentwicklung wird jedoch nicht nur durch die Veraenderungen der Tarife bestimmt, sondern auch durch andere Faktoren, wie z.B. die Unterschiede zwischen gut- und schlechtbezahlten Industriezweigen.
Index fuer Stundenloehne, Lebenshaltungskosten und
Realeinkomuen in zehn Liarshallplan-Laendern im 2.
Quartal der Jahre 1950 und 1951 11936 - 100)
Stundenlöhne:

U

Lebenshaltungskosten: 2)

Realeinkommen:
1)

1950

1951

1950

1951

19S0

1951

Daenenark

2c0

239

17b

194

126

123

Belgien

3Ö5

431

352

395

109

109

Italien

5,465

5,985

4,778

5,345

114

112

Niederlande

191

211

236

263

81

80

Oesterreich

.602

761

605

619

91

95

Westdeutschland

155

166

153

165

101

113

Norwegen

200

213

166

19*

120

110

England

239

258

182

197

131

131

Irland

195

217

167

201

104

108

1.)

Die Angaben ueber die Einkommen der Industriearbeiter in
Oesterreich gölten nur fuer Wien. Sie betreffen in Korwegen nur L'aenner. Diese ZaiJ.en bezieheu sich fuer alle
- 7 -

�angefuehrten Laender nur auf die in der Industrie beschaeftigten Arbeitnehmer, unberuecksichtigt bleiben die Arbeitslosen und die Einkommen in der Landwirtschaft.
2.) Die Waren- und Dienstleistungen, die diesem Index zugrundeliegen und die Methoden zur Zusammenstellung der Preise,
auf die sie sich gruenden, sind von Land zu Land sehr verschieden ISiehe Text).
Die
umstehende Tabelle zeigt fuer zehn Marshallplan-Laender den Stand der Preise fuer Verbrauchsgueter, die durchschnittlichen Stundenloehne und die Realloehne, die man dadurch errechnet hat, dass man den Einkommens-Index durch den betreffenden
Index fuer Verbraucherpreise dividiert hat. Die Tabelle zeigt
nicht die Unterschiede des Standes der Realeinkommen zwischen
den angefuehrten Laendern, weil diese Unterschiede in der Vorkriegszeit sehr gross waren. Man kann der Tabelle lediglich
die Veraeriderung der Realeinkommen seit 1938 entnehmen.
Im Vergleich zu 1938 sind die Realloehne in Holland heute
am niedrigsten, was auf einen langfristigen Lohnstop zurueckzufuehren sein duerfte, dem eine Lohnangleichung folgte, die jedooh nur zum Teil einen Ausgleich fuer die Preissteigerungen seit
Beginn des Korea-Krieges darstellt. Man schaetzt, dass der Stand
der Realloehne in Frankreich, das in der obenstehenden Tabelle
nicht angefuehrt ist, im Vergleich zur Vorkriegszeit im vierten
Quartal 1950 noch niedriger war als in Holland. In beiden Laendern wird die wirtschaftliche Lage der Arbeiter mit Familie zum
Teil durch Kinderbeihilfen verbessert, die von Zeit zu Zeit entsprechend den Preisveraenderungen einer Revision unterzogen werden. Die Kinderbeihilfen sind in Frankreich jedoch nicht in dem
gleichen Ausmass wie die Loehne den Preisen angopasst worden.
In Italien, Daenemark und Belgien, wo die Loehne seit 1945
am regelmaessigsten den veraenderten Preisen entweder durch Stufengleit-Bestimmungen oder durch einen regeli^aessigen Neuabschluss von Tarifverträgen aufgebessert wurden, betrug der Index fuer Realloehne im zweiten Quartal des Jahres 1951 112, 123
bzw. 109. In der Liste der zehn Laender steht Daenemark hinsichtlich der Hoehe seiner Realloehne an dritter, Italien an 5.
und Belgien an 7. Stelle.
Die italienischen Arbeiter mit Familie, die recht hohe
Familienunterstuetzungen beziehen, erhalten wesentlich mehr als
in den verfuegbaren Statistiken ersichtlich ist. Wenn diese
Unterstuetzungen in dieser Tabelle beruecksichtigt waeren, waere
Italiens Stellung verhaeltnismaessig guenstiger als es in dieser
Tabelle zum Ausdruck kommt'.
Monthly Labor Review
1/52
Die Ursachen industriellen Friedens
Streiks sind dramatische Ereignisse, ueber die in grossen
Schlagzeilen berichtet wird. Aber weit haeufiger sind friedliche Beziehungen in der Industrie anzutreffen. Streiks bilden
nur eine Ausnahme. Der Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und
Unternehmern widmet man in der amerikanischen Industrie groesste
Beachtung.
Es gibt in den Vereinigten Staaten eine private Organisation, die sich mit der Frage beschaeftigt, was das gute Ver- 6 -

�haeltnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ausmacht, und
wie es gefoerdert und verbessert werden kann. Es handelt sioh
hier um die Nationale Vereinigung fuer Planung, die von den Gewerkschaften und auch von den Unternehmern unterstuetzt wird.
Diese Organisation hat unlaengst die Ergebnisse einer Erhebung
veroeffentlicht, die in der Firma "Colorado Fuel and Iron Company'
angestellt wurde. Es ist die neunte Untersuchung dieser Art
ueber bestimmte Industrieunternehmen, in denen ausgezeichnete
Beziehungen zwischen den Arbeitern und der Betriebsleitung bestehen. Fruehere Untersuchungen wurden in Zellulose- und Papier-, Glas- und chemischen Fabriken, sowie Textil-, Flugzeugund Stahlwerken durchgefuehrt. Die Feststellungen, die man in
den //erken der "Colorado Fuel and Iron Company" in i'innequa machen konnte, spiegeln praktisch drei Abschnitte in der Geschichte
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung wider: die anti-gewerkschaftliche Zeit, die Zeit der gelben Gewerkschaften und die der
unabhaengigen Gewerkschaftsorganisation. Von 1882 bis 1915 kam
es in Kinnequa zu Streikaktionen, die zu heftigen Auseinandersetzungen fuehrten. Auf die Initiative der Firma wurde sodann eine
gelbe Gewerkschaft gebildet, die die Belegschaft des Betriebs
vertreten sollte. Dies gesohah im Rahmen des sogenannten Rockefeiler- Planes, der In der amerikanischen Industrie weite Verbreitung fand. Man kam damit jedoch nicht zum Zuge. Wie die meisten gelben Gewerkschaften konnte sich auch diese nicht mohr
laenger behaupten und musste 1937 aufgeloest werden, nachdem
kurz zuvor unter dem New Deal des Praesidenten Roosevelt das
nationale Arbeitsgesetz erlassen worden war.
Nach einer Zeit der Wirrnis wurden die Arbeiter in der
Stahlarbeiter-Gewerkschaft des CIO organisiert. Wie in vielen
anderen Faellen hatten auoh hier die Organisatoren der Gewerk-,
schaft erkannt, dass eine gelbe Gewerkschaft einer unabhaengigen Gewerkschaftsorganisation als Sprungbrett dienen kann.
Die gegenwaertig guten Beziehungen kamen nicht ueber Nacht
zustande. Die Unternehmer waren zu Anfang von der Gewerkschaft
nicht sonderlich begeistert. Nach 1943 waren sie jedoch zusammen mit der Ortsgewerkschaft aufrichtig bemueht, durch Kollektivverhandlungen eine Verbesserung der Situation herbeizufuehren.
Die nationale Vereinigung fuer Planung berichtet, dass man
sich damit die Grundsaetze zu eigen machte, auf denen sich gute
Beziehungen in der Industrie aufbauen.
Hierzu gehoert an erster
Stelle, dass sich der Unternehmer mit TarifVerhandlungen und
Gewerkschaft abfindet. Die Gewerkschaften muessen zu der Erkenntnis kommen, dass die Wohlfahrt und die Beschaeftigung ihrer
Arbeiter von der erfolgreichen Arbeit des Betriebs abhaengig
sind. Gleichzeitig muss eine groessere Produktionsleistung
ihren Niederschlag in hoeheren Loehnen finden. Die Gewerkschaften muessen verantwortungsbewusst und demokratisch sein. Der
Unternehmer darf nicht versuchen, sich in innergewerkschaftliche
Angelegenheiten einzumischen oder das Vertrauen der Arbeiter in
die Gewerkschaft zu untergraben. Das gegenseitige Vertrauen
muss auf dem guten Willen und dem ehrlichen Streben nach Zusammenarbeit beider Partner beruhen. Keiner von ihnen darf versuchen, durch unnachgiebige Haitung und ruecksichtsloses Beschreiten des gesetzlichen Weges*eine Loesung der Probleme herbeizufuehren. Die Beziehungen und gemeinsame Diskussionen muessen auf
freizueglger und dehnbarer Basis gepflegt werden. Die Verhandlungen muessen auf Probleme des Alltags, auf Streitfragen und
Beschwerden konzentriert werden, die so schnell wie moiglich zu
klaeren sind. Es muss ein dauernder Nachrichten-, Eeinungsund Informationsaustausch zwischen der Gewerkschaft und dem
Unternehmer stattfinden.
- 9

�Durch die Befolgung dieser Grundsaetze, die die guten Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ermoeglichen, konnte das Unternehmen "Colorado Fuel and Iron Company"
aufbluehen. Die Produktionsleistung wurde mehr und mehr gesteigert, die Konkurrenzfaehigkeit der Firma wurde immer staerker. Gleichzeitig verbesserten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer. Das Bewusstsein ihrer Menschenwuerde steigerte sich, und die gewannen eine neue Auffassung ueber
ihre Mitwirkung in der Gewerkschaft, im Betrieb und innerhalb
der Gemeinschaft. Die Arbeltsdisziplin beruht in erster Linie
auf freiwilliger Basis und wird nicht durch den Staat oder eine
andere aussenstehende Behoerde erzwungen, sie ist vielmehr auf
eigenen Wunsch der Gewerkschaft zustandegekommen.
25% der Belegschaft dieses Unternehmens sind latein-amerikanischer Herkunft. Sechs Prozent sind Neger, die Uebrigen
stammen aus England' oder anderen europaeischen Laendern. Man
kennt keine Diskriminierung im Betrieb, weder aus rassepolitischen Erwaegungen heraus noch aus einem anderen Grunde. Jeder
wird aufgrund seiner Faehigkeiten und seiner Tuechtigkeit eingestellt und befoerdert. Weniger als fuenf Prozent der Belegschaft sind Frauen, die zum groes3ten Teil Buerotaetigkeiten verrichten. 25% der Arbeitnehmer sind in diesem Unternehmen seit
20 Jahren oder noch laenger beschaeftigt, einige von ihnen sogar seit 50 Jahren. Unentschuldigtes Fehlen kennt man fast
ueberhaupt nicht. Die Arbeitsplatzwechsel-Ziffer betraegt
jaehrlich nur zwei Prozent im Vergleich zu sechs Prozent, die den
Durchschnitt fuer ganz Amerika bilden.
Mehr als zwoelf Jahre lang hat dieses Werk ununterbrochen
unter Ausnutzung seiner vollen Produktionskapazitaet gearbeitet,
und es hat keine saisonbedingten Schwankungen in der Beschaeftigung gegeben. Ein wichtiger Beitrag zu dieser Stabilitaet
der Beschaeftigung ist das gemeinsame Lehrlinge-Programm. Lehrlinge sind meist Söehne alterer Arbeiter. Sie verdienen bei
Beginn ihrer Lehrzeit 1,18 Dollar in der Stunde. Nach Je sechs
Monaten wird ihr Lohn regelmaessig erhoeht.
Der Ortsausschuss der Stahlarbeiter-Gewerkschaft ist durchaus demokratisch, und jedes Mitglied wird zur aktiven Beteiligfing an der gewerkschaftlichen Arbeit aufgerufen. Das Problem
des kommunistischen Einflusses ist seit langem ueberwunden. Die
Wahlen sind vollkommen frei, bei den letzten Wahlen waren alle
Gewerkschaftskandidaten Antikommunisten. Die Wahlen sind natuerlich wie in allen amerikanischen Gewerkschaften geheim.
Dieser Ortsausschuss arbeitet mit anderen Ortsgewerkschatten eng zusammen, wenn jaehrlich mit Hilfe der üniversitaet Colorado Schulungskonferenzen abgehalten werden. Der Ortsausschuss
leistet auf oertlicher Basis ausgezeichnete Erziehungsarbeit.
Junge Gewerkschafter werden fuer fuehrende Positionen geschult.
Nichtig ist, dass sie wissen, dass die Fortschritte, die dank
friedlicher und freier Tarifverhandlungen heute erzielt werden
koennen, in vergangenen Jahren nur durch hartnaeckigen Kampf
errungen werden konnten. Sie sollen es lernen, das uebernommene
Lrbe zu schaetzen.
Die Gewerkschaft veroeffentlicht eine Wochenzeitung unter
den Titel "Steel News". Hierin ist ein anderes Mittel zu sehen,
um die Mitglieder zu schulen und sie von der Notwendigkeit zu
ueberzeugen, sich an der gewerkschaftlichen Arbeit zu beteiligen. Es ist eine Gewaehr fuer die Beachtung demokratischer
Grundsaetze innerhalb der Gewerkschaft.

- 10 -

�In keinem der neun ueberprueften Industrieunternehmen hat
di9 Nationale Vereinigung
fuer Planung festgestellt, daas die
Zusammenarbeit in einer nVerv;oehnung" der Arbeiter durch die
Betriebsleitung besteht. Zusammenarbeit bedeutet auch nicht,
dass die Gewerkschaft in ihren Forderungen weniger aktiv und
weniger unabhaengig waere. £a bedeutet vielmehr, dass beide
Partner vernuenftig und verantwortungsbewusst sind, und dass
diese Zusammenarbeit fuer jeden von Vorteil ist - fuer die Arbeiter, den Unternehmer und die Allgemeinheit.
Special Services Branch
1/14/52
Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
Paul Finet, der ehemalige Vorsitzende des IBFG, kehrte
unlaengst von seinem vierten Besuch in den Vereinigten Stauten
nach Europa zurueck. In einem Interview, dessen '..ortlaut in
dem monatlichen Or^an des IBFG "Freie Gewerkschaftswelt" veroeffentlicht wurde, berichtet er von seinen iindruecken, die
das arbeitende Amerika auf ihn machte. Auf die Frage, was ihn
am meisten beeindruckte, antwortete Finet:
"In ihrem .v'esen sind die Arbeiter auf beiden Seiten des
Atlantik nicht sehr verschieden. Der tatsaechliche Unterschied
ist die andersgeartete Atmosphaere in den Betrieben und im amerikanischen Leben ueberhaupt. Die sozialen Unterschiede sind
auf ein Minimum reduziert. ILs herrscht ein kameradschaftlicher
Geist zwischen Unternehmern und Arbeitern, wie er etwa in einer
Sportmannschaft vorhanden ist. 3s waere sehr schwierig, in
turopa hierfuer eine Farallele zu finden, beide sprechen sich
nicht nur gegenseitig als Personen gleichen Randes an, sondern
der Chef scheint auch jeden Arbeiter persoeniich zu kennen.
Die Arbeiter, die ich beobachtete, zeigten in ihrer Haltung dem
Chef gegenueber wirklich 'keinerlei Unterwuerfigkeit.
"'.Veil man in Amerika einen hoeheren Grad der sozialen
Gleichheit kennt, ist dem amerikanischen Arbeiter auch nicht
jenes Klassenbewusstsein eigen, an das wir denken, wenn wir
vom Klassenkampf sprechen. Sie sind sich bewusst, da3s -jeder
Erfolg auf Kosten der Kapitalisten verwirklicht werden muss,
aber zur staendigen Verbesserung ihres Lebensstandards streben
sie einen gerechteren Anteil an den Gewinnen an. Armut und Kot,
das Los so vieler «rbeiter in iuropa und Asien, gibt es nicht,
zumindest nicht in den Industriegebieten des Cstons, die ich
besuchte*. Die guten Lebensbedingungen des durchschnittlichen
Arbeiters tragen dazu bei, dass er dem Luxus, dessen sich ein
geringer Teil der Bevoelkerung erfreut, voellig uninteressiert
gegenuebersteht."
Man fragte Finet, welche Rolle die Gewerkschaften im amerikanischen Leben spielten. "Die 16 Millionen Kitglieder der amerikanischen Gewerkschaften haben sowohl im wirtschaftlichen als
auch im politischen Leben ein grosses .fort mitzureden. Ich
glaube jedoch, da3s die Rolle, die sie im politischen Leben
Amerikas spielen, unbedeutender ist als die der eurooaeischen
Gewerkschaften. Dies ist auf die unterschiedlichen Methoden
und Auffassungen der amerikanischen Gewerkschaften zurueckzufuehren. In Amerika wollen die Gewerkschaften nicht, um ihr Ziel
zu erreichen, zu der Gesetzgebung selbst Zuflucht suchen. Sie
ziehen es vor, direkt üit den Unternehmern inre Angelegenheiten
zu regeln.
.vichtige Fragen, wie bezahlter Urlaub", Kranken- und

- 11 -

�Invalidenversicherung, Alterspensionen, Einstellungsbedingungen
und Fragen des Senioritaetsrechtes werden auf dem Wege der
TarifVerhandlung geklaert. loh glaube, dass die amerikanische
Regierung in den kommenden Jahren einschreiten muss, um allen
Arbeitern die Vorteile zu garantieren, deren sich die Mehrheit
ihrer Kollegen bereits erfreut. Inzwischen haben d'le Gewerkschaften einen beachtlichen
Grad an Unabhaengigkeit und Handlungsfreiheit erreioht.n
Der Berichterstatter der "Freien Gewerkschaftsweltn fragte sodann Finet, warum die amerikanischen Gewerkschaften so
maechtig sind. Er antwortete:
"Duroh die Einbeziehung sogenannter Union-Shop-Klauseln
in die Tarifvertraege wird es'den Arbeitern zur Pflicht gemacht,
einer Gewerkschaft beizutreten. Deshalb koennen die Gewerkschaften mit einer ziemlich stabilen Mitgliederzahl und auch
mit ausreichenden Geldmitteln rechnen. So wie die Menschen in
Belgien beispielsweise, wq, die Wahlpflicht besteht, es als
eine ganz natuerliche Tatsache hinnehmen, dass sie am politischen Leben ihres Landes teilnehmen muessen, ist es dem organisierten amerikanischen Arbeiter eine Selbstverstaendlichkeit,
dass sein Betriebsobmann ein aktiver Gewerkschafter ist."
Natuerlich wurde Finet auch ueber die Modernisierung der
amerikanischen Industrie befragt. Hierauf antwortete er:
"Ich besichtigte zwei Kohlenbergwerke. Im Mathies-Bergwerk in Pennsylvanien wird bituminoese Kohle abgebaut, das Bergwerk eignet sich in geradezu idealer .Veise fuer die Modernisierung. Mit Hilfe von Maschinen, die erst vor wenigen Monaten angeschafft wurden, koennen zwei Bergleute innerhalb von
SO Minuten 40 bis 45 Tonnen Kohle abbauen, sie uebertreffen
damit bei weitem die Leistungen im europaeischen Kohlenbergbau.
In dem Steinkohlenbergwerk in Pottsville, das ich besuchte, waren die Verhaeltnisse allerdings schwieriger. Die Modernisierung ist dort nicht so weit vorgeschritten wie im Weichkohlenbergbau. n
Auf die Frage, ob die zunehmende Mechanisierung fuer die
Bergleute eine drohende Arbeitslosigkeit bedeute, erwiderte
Finet:
"Zwar ist die Zahl der Untertage arbeitenden Bergleute
stark zurueckgegangen, aber dafuer ist die Zahl der Beschaeftigten, deren Arbelt im Ueberpruefen und Instandhalter, besteht,
im gleichen Verhaeltnis zum Rueckgang der Zahl jener Arbeiter,
die direkt produktiv taetig sind, angestiegen. Hierbei ist
nioht die Extraarbeit beruecksichtigt, die durch Pflege und
Instandhaltung der Maschinen entsteht."
Der belgische Gewerkschaftsfuehrer berichtete sodann von
den Stahlwerken, die er besuchte - die Stahl- und Walzwerke
und die Metallfabriken der Midvale Steel Company in Philadelphia. "Als frueherer Metallarbeiter haette ich es durchaus
nicht als Verlust betrachtet, wenn man mir in den MidvaleStahlfabriken einen Arbeitsplatz als Facharbeiter angeboten
haette. Vom produktionstechnischen Standpunkt aus sind die
amerikanischen Fabriken auf Grund einer besseren allgemeinen
Planung unseren Betrieben ueberlegen. Die Produktion ist bis
in die kleinsten Einzelheiten sorgfaeltigst organisiert. Den
Arbeitsbedingungen wird weit mehr Beachtung geschenkt. Der
Arbeiter hat nur ein Minimum an koeroerlichen Anstrencuneen aufzuwenden. "
- 12 -

�Ueber den Wohnungsbau und die Wohnverhältnisse in Amerika
berichtete Finet folgendes:
"In Amerika ist das Wohnraumproblem ebenso akut wie in
Suropa. Doch ist es fuer Amerika nichts Ungewoehnliches, 1000
Wohneinheiten in.wenigen Monaten an einer Stelle zu errichten.
In Pittsburgh sah ich mir eiaJLge Arbeiterwohnungen an, die
1U38 gebaut wurden und andere, die erst aus neuerer Zeit- stammen. Ich war erstaunt ueber die soziale Initiative in einem
Land, von dem man im allgemeinen berichtet, dass es eine Einmischung der staatlichen Behoerden in die Angelegenheiten der
Privatindustrie ablehnt. Die Gewerkschaften stehen im Kampf
um ein grosaijuegiges Wohnbauprogramm, das den Arbeitern billige
Wohnungen verschaffen soll, in vorderster Linie. Sie halten es
fuer undenkbar, dass es in einem so wohlhabenden Land wie den
Vereinigten Staaten noch Elendsviertel gibt."
Was die europaeisohen Arbeiter von den amerikanischen
Gewerkschaften lernen koennten, fragte man schliesslich Finet',
und hier meinte er:
"Die Taetigkeit innerhalb der Gewerkschaften und die Durohfuehrung der Tarifverhandlungen duerften fuer die europaeisohen
Arbeiter beispielhalft sein. Die amerikanischen Gewerkschaften
sind absolut geschaeftstuechtig. Sie haben sich auf dem Gebiet der Forschung, der Erziehung und der Publizistik in einer
Weise betaetigt, dass sich die Gewerkschaften der ganzen Welt
diese Arbeiter zum Vorbild nehmen sollten. Die Mitgliedsbeitraege sind hoch, und jeder weiss, dass sie gut verwendet.werden. In New York sah ich das Buero der Allamerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter. Mit einer Uitgliedszahl von 400.000 und einem Personal st ab des Zentraljbueros von 250 Angestellten besitzt diese Gewerkschaft eine eigene
Rundfunkstation. Die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter hat
eine eigene Bank, die nicht nur die finanziellen Transaktionen
der luitglieder taetigt, sondern auch Unternehmern, die in Schwierigkeit geraten sind, Darlehen geben kann.
"Was die TarifVerhandlungen betrifft, so war ich von der
Wirksamkeit der von den amerikanischen Gewerkschaften angewendeten Methoden stark beelndruokt. Die Gewerkschaften werden
von Wirtschafts- und Rechtssachverstaendigen gut beraten. Die
Staerke und Solidaritaet der Gewerkschaftsbewegung ist beachtenswert. Vielleicht wendet man politischen Problemen nicht
genuegend Aufmerksamkeit zu, aber was das 'Brot- und Butterproblem ' betrifft, so beurteilt man die Gewerkschaftsfuehrer
nach ihrer Faehigkeit, die Unternehmer zum Zahlen zu zwingen."
Finets Erfahrungen und Erkenntnisse erinnern uns wieder an
die Bedeutung eines umfangreichen Meinungs- und Informationsaustauschs. Ein solcher Austausch kommt allen zugute, denn der
Austausch verschiedener Erfahrungen foerdert die Einigkeit,
und die Gewerkschaftsbewegung hat laengst gelernt, dass in der
Einigkeit zugleich Staerke liegt.
Special Services Branch
1-25-52
Vollbeschaeftigung in Schweden
Die Aufrechterhaltung der Vollbescnaeftigung in Schweden
ist eine Aufgabe, die die schwedische Regierung in der Form
- 13 -

�uebernommen hat, wie sie von der schwedischen sozialdemokratischen Partei vorgeschlagen war. Es ist dies ein 'Grundsatz,
der in engstem Einvernehmen mit der schwedischen '.Wirtschaftspolitik der letzten Jahre steht. In den Richtlinien zur Aufrechterhaltung der Vollbeschaeftigung wird hervorgehoben, dass
eine hohe Kachfrage nach Waren durch die Stabilisierung einer
hohen Investitionsquote gesichert werden muss. Die Wirtschaftspolitik des Landes ist darauf ausgerichtet, die private Investitionstaetigkeit durch Besteuerung und durch Kontrollen zu
lenken, Einer Erklaerung des schwedischen Finanzkonitees zufolge wird die Regierung ihre Taetigkeit auf wirtschaftlichem
Gebiet dadurch erweitern, dass sie die private Investitionstaetigkeit strengeren Kontrollen unterwirft und ihren Einfluss
auf die gesamte Investierungspolitik vergroessert.
Um die ins Auge gefa3sten Ziele zu erreichen, beabsichtigt
man, den Privatverbrauch sich nicht in dem gleichen Tempo wie
in den vergangenen Jahren steigern zu lassen. Kr muss vielmehr
durch hoehere Steuern gelenkt werden, u*m damit eine Moeglichkeit
zur Erweiterung des Investitionsvolumens in der vorgesehenen
Richtung zu geben.
Das Finanzkomitee erklaert weiterhin, dass den Sozialreformen eine bestimmte Grenze gesetzt ist, es kommt zu der Schlussfolgerung, dass diese Reformen in den kommenden fuenf Jahren
nicht ausgedehnt werden duerfen.
Die schwedischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind sich
darin einig, dass ein rationeller Einsatz der Arbeitskraefte
durch den Liangel an vernuenftigen Lohndifferenzierungen zwischen den verschiedenen Industrien und vor allem zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern stark erschwert wird. Nach
der Auffassung des Komitees muesste dieses Problem von Privatunternehmern und Gewerkschaften gemeinsam geloest werden, aber
auch die Regierung des Landes und die Gemeindebehoerden muessten
sioh mit dieser Frage beschaeftigen. Um koerperlich schwere
Arbeit in den Grundstoffindustrien und die Schichtarbeit attraktiver zu gestalten, muessen hoehere Loehne gezahlt und entsprechend der Anzahl der Berufsjahre regelmaessig Lohnerhoehungen
gewaehrt werden. Auch die Berufsausbildung ist von groesster
Wichtigkeit. Das Durchschnittsalter der Facharbeiter ist in
den meisten schwedischen Industrien ziemlich hoch; wenn nicht
geeignete Massnahmen getroffen werden, um einen ausreichenden
Zustrom junger Facharbeiter zu gewaehrleisten, koennten sioh
einige Unternehmen gezwungen sehen, wegen Mangel an Facharbeitern ihre Taetigkeit einzuschraenken.
Indem man die Bedeutung einer vollen Auswertung der zur
Verfuegung stehenden Maschinen und Ausrüstungen hervorhebt
und den Arbeitern, die Nachtschichtarbeit leisten, bessere
ÜJrholungsmoeglichkeiten gewaehrt und besondere Vorrechte auf
vorteilhafte Wohnraeume bietet, wird die Arbeiterschaft staerker an Kachtschichtarbeit interessiert werden.
Der Finanzausschuss empfiehlt weiterhin, dass die Regierung in Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften eine liberale Einwanderungspolitik betreibt, wenn sich
hieraus fuehlbare wirtschaftliche Vorteile ziehen lassen.
Die Zahl der einwandernden auslaendischen Arbeitskraefte wird
einen der Faktoren darstellen, die fuer die Entwicklung der
Produktion in den naechsten fuenf Jahren entscheidend sind.

- 14 -

�Die Bemuehungen zur Steigerung der Produktion in der Zeit
von 1951 bis 1955 muessen auf die Steigerung der Leistungsfaehigkeit des einzelnen Arbeiters konzentriert werden. Der Finanzausschuss ist der Auffassung, dass, auf lange Sicht gesehen,
Investierung und hoehere Produktivitaet in engem Zusammenhang
stehen werden. Die Ergebnisse der in neuerer Zeit vorgenommenen hohen Investierungen duerften sich schon in allernaechster
Zukunft bemerkbar machen. Ausserdem muss die Wirtschaftspolitik ihr Ziel darin sehen, vor allem den leistungsfaehigsten
Sektoren der schwedischen Industrie Moeglichkeite.n zur Ausdehnung zu bieten.
Nach eingehenden Besprechungen uebcr Preiskontrollfragen
mit Industrieunternehmen und Gewerkschaften hat das Komitee auf
die Gefahr hingewiesen, dass dauernde Preiskontrollen einer Steigerung der Produktivitaet im V.'ege stehen koennten. Das Komitee
gibt, zu, dass es unter den jetzigen Vejrhaeltnissen nioht ratsam
ist, die Preiskontrolle zu beseitigen. Sollten sich die Verhaeltnisse Jedoch bessern, dann muesste eine grosszuegigere
Methode zur Beeinflussung der Preise gefunden werden. Die jetzige Methode der Festsetzung von Preisen füer einzelnetfarendurch
die Regierung muss durch, eine allgemeine Ueberwachung der
Preisentwicklung und durch ein Einschreiten im Fall' einzelner
Missbraauche ersetzt werden.
Notes on Labor Abroad
9/10 - 51
Franzoesische Seeleute blickten hinter den "Eisernen Vorhang"
Einige franzoesische Seeleute hatten Gelegenheit, einen
Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werden. Nach ihrer Rueckkehr in ihre Heimat konnten sie den kommunistischen Fuehrern
ihrer "Gewerkschaft" die vielsagende Mitteilung machen, du3s die
sowjetischen Satellitenstaaten keine Arbeiterparadiese sind.
Nach ihrer langen Seereise, die sie ueber Odingen und Riga
fuehrte, kamen die franzoesischen Seelaute nach Nantes zurueck,
wo sie im Hafen von dem Sekretaer ihrer Gewerkschaft empfangen
wurden. Er stellte ihnen sofort aehrere Fragen, offensichtlich
in der Erwartung, begeisterte Berichte ueber das, was sie gesehen hatten, natuerlich vor allem ueber die dortigen Arbeitsbedingungen, zu hoeren. "Sie muessten naechstes Mal mit uns
kommen", sagte ein franzoesischer Seemann, "dann koennten sie
sich selbst davon ueberzeugen, dass das Leben, das man in diesen Laendern fuehrt, unsere franzoesischen Arbeiter schwerlich
zufriedenstellen wuerde."
Der ausfuehrliche Bericht der franzoesischen Seeleute wurde
in dem offiziellen Organ des Mittelllaendischen Komitees der
Transportarbeiterfoederation "Air - Terre - Mer" veroeffentlicht.
Dieses Komitee vertritt die Transportarbeiter in Frankreich, Italien und Griechenland. Wir geben den Bericht hier auszugsweise
wieder:
"Wir wurden nicht mit Blumen empfangen, sondern mit zahllosen Maschinenpistolen. Die Polizeibeamten dort tragen ihre
Pistolen nicht versteckt wie unsere Polizisten, sondern ganz
offen, als ob sie damit den Leuten Respekt einfloessen wollten.
Bei unserer Ankunft kam uns ein Lotsenschiff entgegen, das von
einer bewaffneten Mannschaft besetzt war. Der Lotse kam in Begleitung seiner Leute an Bord unseres Schiffes. Es war uebrigens
schwierig, festzustellen, ob wir es mit Soldaten oder Zivilisten
zu tun hatten. Sobald wir in den Hafen eingelaufen waren, wurden alle Luken unseres Schiffes von bewaffneten Maennern be- 15

�setzt, waehrena anaere aas ganze Schiff durchsuchten. Das Funkgeraet und sogar unsere privaten Rundfunkgeraete und Kameras
wurden beschlagnahmt und verschlossen aufbewahrt. Wir mussten
uns alle an Deck einfinden und unsere Ausweispapiere vorzeigen.
£s wurde uns der strenge Befehl erteilt, alle unsere Schubladen, Sohraenke, Kisten usw. nicht abzuschliessen. Waehrend
man die Personalpapiere aller Schiffsangehoerigen an Deck ueberpruefte, wurde das Schiff gruehdlich durchsucht. Man hielt
uns laenger als eine halbe Stunde an Deck fest.
"Sie koennen sich vorstellen, dass wir nach dieser Begruessung wenig Lust hatten, an Land zu gehen. Einige unserer
Leute beantragten die erforderlichen Ausweise, um das Sohiff
verlassen zu koennen; sie erhielten sie erst kurz vor Abfahrt
des Schiffes, sodass auch sie nioht an Land gehen konnten.
"Was wir sahen, war wenig geeignet, uns zu ueberzeugen,
dass man dort wirklich so friedensliebend ist, wie es die Kommunisten staendig behaupten. Wir begegneten unterwegs mehreren
Kriegsschiffen, die Manoever durchfuehrten. Im Abstand von 10
Minuten tauchte immer wieder ein Duesenjaeger auf, und -die
einzigen Kraftfahrzeuge, die wir vom Sohiff aus an der Kueste
sehen konnten, waren von uniformierten Maennern besetzt.
"Obwohl unser Aufenthalt sehr kurz war, konnten wir die
Dockarbeiter bei der Arbeit beobachten. Fuer das Ausladen eines
Schiffes wurde nicht wie sonst eine ganze Mannschaft eingesetzt.
Man laesst vielmehr einen Mann allein arbeiten, und nur wenn
er unbedingt Hilfe benoetigt, wird er von einer Mannschaft unterstuetzt, die zu irgendeinem Schiff abkommandiert werden kann,
das zufaellig Entladehilfe braucht.
"Den Menschen, die man dort zu Gesicht bekommt, steht das
Elend im Gesicht geschrieben. Ihre Kleider sind zerlumpt, und
sie machen den Eindruck, als ob sie dringend eine gute Mahlzeit
brauohten.
"Auf der anderen Seite traegt die Polizei schoene Uniformen, die Polizisten sehen wirklich nicht hungrig aus. Sie sind
sicher gut bezahlt. Der Verkehr wird von weiblichen Polizisten
geregelt, wie man sagt, sind deren Loehne doppelt so hoch wie
die der Facharbeiter.
"Sagen Sie unseren Kollegen, dass sie mit ihren Aussagen
aeusserst vorsichtig sein sollen. Viele Polen, die frueher in
Frankreich lebten und naoh Polen zurueokgekehrt sind, wurden
zur Polizei einberufen, man gewaehrte ihnen alle moeglichen
Vorteile, um sie dem Regime gefuegig zu machen, und sie verstehen franzoesisch. Ein franzoesischer Seemann, der sioh
eine Bemerkung ueber Josef Stalin erlaubte, wurde von der Polizei festgenommen und erst kurz vor Abfahrt unseres Schiffes
wieder freigelassen.
"In Riga beschaeftigt man Frauen, die schwere Lasten und
Pritschen tragen muessen oder" zu Ausbesserungsarbeiten an Eisenbahngeleisen herangezogen werden. Wie man uns sagte, arbeiten s-ie taeglich zwoelf Stunden.
"Was wir sahen und hoerten, hat uns eindeutig gezeigt,
dass es kein Vergnuegen ist, im Sowjetparadies zu leben."
MSA Information
1/17/52

16
II M I 5« I H K III I C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplar können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V- 4

Frankfurt, den 15. Februar 1V52

INHALTSVERZEICHNIS

Das Geheimnis der Produktivltaet in den Ü.S.A

1

Die Kohlenfoerderung b e r e i t e t den Kommunisten
Sorge

6

Gewerkschaften und Kapitalismus in Amerika und
Europa
Die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Schulung

y

11

Die staatliche Organisation fuer Arbeitsvermittlung
in Irland
13
Eine wichtige Aufgabe fuer die Schule

16

Das Geheimnis der Froduktivitaet in den Ü.S.A.
Im Rahmen des Austausohprogramms, das auf die Initiative
der frueheren ECA-Verwaltung zurueokzufuehren ist und jetzt
von der Verwaltung fuer Gemeinsame Sicherheit weitergefuehrt
wird, reisen Vertreter europaeischer Gewerkschaften, Unternehmer und Techniker der europaeischen Industrie nach den Vereinigten Staaten, um die neuesten Produktionsmethoden der amerikanischen Industrie kennenzulernen. Diese Besuchergruppen stellen
immer wieder fest, dass das Geheimnis der amerikanischen Produktivltaet nicht nur in der Maschine liegt.
Eine Gruppe von Vertretern der franzoesischen Schuhindustrie,
deren Bericht an die Schuhhersteller Frankreichs vor kurzem
uebersetzt wurde, hat zu den menschlichen Ursachen der Produktivltaet in Amerika Stellung genommen.
"Es ist die Geisteshaltung der Menschen und nicht die Maschine, die den amerikanischen Lebensstandard hocLhaelt," erklaerten
die franzoesischen Besucher, die Arbeiter, Techniker, Werkmeister
oder auoh Betriebsleiter waren. Ihr Bericht besagt, dass "der
- 1 -

�ausschlaggebende Faktor der Produktivitaet der Mensch ist, weil
Produktivitaet nicht nur ein technisches Problem ist, sondern
vielmehr eine Geisteshaltung voraussetzt, die natuerlicherweise
bestimmte Arbeitsmethoden hervorbringt."
"Wir unterstreichen die Bedeutung des Produktivltaetsbewusstseins", heis3t es weiter in dem Bericht. "Es umfasst die
loyale Zusammenarbeit aller Menschen mit gleichen Interessen,
das ernsthafte Streben nach gegenseitigem Verstaendnis und ein
Solidaritaetsgefuehl, da3 alle im Betrieb Beschaeftigten verbindet."
"Die Menschen in den Vereinigten Staaten sind nicht rein
zufaellig produktivitaetsbewusst geworden." Der Bericht der
franzoesiscn=m Besucher weist auf die wirtschaftliche Depression
zu Anfang der dreissiger Jahre hin, der eine Zelt folgte, in
der sich eine neue Auffassung ueber das Verhaeltnis zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer entwickelte, die fuer Gewerkschaften und Unternehmer von gemeinsamem Interesse rar. Es ist fuer
Europaeer immer wieder Erstaunlich, festzustellen, dass heiss
umstrittene Probleme in Amerika von Gewerkschaftern und Unternehmern gemeinsam geloest werden, und dass sich der Arbeitgeber
und der Vertreter der Belegschaft nach Klaerung einer solchen
Streitfrage wieder voellig einig*sind, sich nichts nachtragen
und dann sofort bereit sind, sich mit gleichem Eifer wie vorher
um die Produktion zu bemuehen." Die Franzosen erklaerten in
diesem Zusammenhang in ihrem Bericht:
"Die Mitglieder dieser Besuchergruppe hegen gemeinsam den
Wunsch, dass in Frankreich eine aehliche Geisteshaltung sich entwickeln moege. Sie wissen, dass kein technologischer Fortschritt
sichtbare Ergebnisse zeitigen wird, wenn die Arbeiter unserer
Betriebe nicht erkennen, dass sie produktivitaetsbewusst sein
muessen, was nur durch loyale Zusammenarbeit erreicht werden kann."
Aus einem sehr praktischen Grunde moechten die franzoesischen Arbeiter diese Geisteshaltung auch in Frankreich verwirklich! sehen« So heisst es in dem Bericht: "Waehrend ein franzoesischer Arbeiter mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von
100 Francs (DM 1.25) etwa 60 Stunden arbeiten muss, um sich ein
Paar Schuhe kaufen zu koennen, muss sein amerikanischer Kollege,
dessen Stundenlohn im Durchschnitt 1,50 Dollar (DM 6.30) betraegt,
nur 12 oder IS Stunden arbeiten, d.h. also, dass er in etwa
einem Viertel der Zeit das Gleiche verdient. Wenn man die Wichtigkeit der verschiedenen Verbrauchsgueter beruecksichtigt, kann
man sagen, dass die Kaufkraft des amerikanischen Arbeiters etwa
viermal so gross ist wie die seines franzoesischen Kollegen.
Und diese Zahl vier bringt auch den durchschnittlichen Unterschied
in der Produktiv!taet Amerikas und Frankreichs zum Ausdruck."
Die amerikanischen Arbeiter, die sich nach den Erfahrungen
der Besucher einmal in der gleichen L8ge sehen moechten wie der
franzoesische Arbeiter, sollten sich die Zeit nehmen, sich mit
den folgenden Auszuegen aus einem Artikel der Zeitschrift
"Workers" zu beschaeftigen. Denn sie geben ein Bild, wie es
dem franzoesischen Volk von seinen eigenen Vertretern vor Augen
gehalten wird, und das dazu angetan ist, bessere internationale
Beziehungen unter all jenen Voelkern zu foerdern, die sich mit
uns im Kampf gegen die sowietische Gewaltherrschaft vereint haben.
"Es dreht sich um eine Feststellung, die vor allen anderen
betont werden muss. Der Besucher, der in der Erwartung nach Amerika kommt, aussergewoehnlicha Werkzeuge und Maschinen zu entdecken, wird schwer enttaeuscht sein. Er wird keine Geheimnisse
- 2 -

�feststellen, durch die maerehenhafte Erfolge erzielt werden koennen, und er wird auoh keine Arbeiter sehen, von denen ueberdurohschnittliche Leistungen verlangt werden. Und trotzdem wird er
mit Erstaunen feststellen, was man erreicht hat, er wird sich
darueber wundern, wie die Amerikaner es fertigbringen, ihre
Produktionszelt dermassen zu reduzieren und Verbrauohsgueter
auf den Markt zu bringen, die um die Haelfte oder sogar um dreiviertel billiger sind als die gleichen Waren in Frankreich, wenn
man sie nach der erforderlichen Arbeitszelt und den Arbeitsaufwand berechnet. Und dabei sind die Masohinen und Werkzeuge,
die in Amerika zur Verfuegung stehen, denen in Frankreich sehr
sehnlich, und auch hier muessen viele verschiedene und haeufig
komplizierte Typen hergestellt und viele Klelnauftraege erledigt
werden.
"Der Zweck dieser Ausfuehrungen ist es, zu zeigen, wie die
amerikanischen Betriebe dieses Problem geloest haben. Wenn auoh
die technischen Methoden eine bedeutsame Rolle spielen, so ist
der Faktor Mensch doch bei weitem der wichtigste.
"In der Literatur und in der Presse Westeuropas wird bei
jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, dass die Menschen mehr
Beachtung verdienen als die Maschinen, und dass die Gesinnung
der Arbeiter wichtiger ist als ihre Werkzeuge. Mann kann nicht
umhin, diesen Grundsatz gutzuheissen.
"Aber in der amerikanischen Literatur und Presse werden
diese Dinge nicht so sehr betont und nioht selten findet man
Buecher, Zeitungsartikel oder Filme, in denen die Maschine verherrlicht wird. Trotzdem ist es unmoeglioh, die Tatsache zu
ueberseüen.dass der Mensoh in den Vereinigten Staaten weit mehr
respektiert wird als in den Laendern Westeuropas.
"Wir wuerden ueber unser Thema hinausgehen, wenn wir versuchen wolltsn, die amerikanische Zivilisation auf ihre menschliche Seite hin zu ueberpruefen, denn wir sind Gewerkschafter
und wollen dies den Philosophen und Soziologen ueberlassen; aber
es ist ebenso unmoeglich, in einer Betrachtung ueber die Produktivitaet dem menschlichen Faktor nicht den ersten Platz einzuraeumen.
"Diese Achtung vor dem Einzelmenschen ist stark ausgepraegt.
Fuer Mensohen der lateinischen Welt ist es wahrscheinlich schwierig, die amerikanische Denkweise voellig zu verstehen und sie
klar definieren zu koennen. Diese Volksgruppen sind so zahlreioh
und so verschiedenartig, dass ein Verstaendnis der amerikanischen Denkweise nur zum Teil moeglloh ist. Trotzdem sind die
gemeinsamen Merkmale des amerikanischen Wesens, wenn auch sehr
verschieden, so doch offensichtlich. Es sind jene Merkmale,
von denen wir ausgehen, wenn wir versuchen, jene Geisteshaltung
zu erklaeren, die in amerikanischen Betrieben vorherrscht.
"Der Einzelne wird respektiert und er wird identifiziert
duroh seinen Namen und durch seinen Vornamen. Damit ist sioh
der Arbeiter der Tatsache bewusst, dass er einen individuellen
Charakter hat, der in seiner Art einzig ist. Wenn auch der
Einzelne duroh Üeberiegung zu der Erkenntnis kommt, dass er
Bestandteil einer Gemeinschaft ist, die das soziale Gebilde seines Landes darstellt, so sind es trotzdem sein eigenes Wesen
und sein eigenes Gewissen, die ihn im Umgang mit anderen Menschen beherrschen.
"Dies ist die Antithese zur totalitaeren Auffassung der
Gesellschaftsordnung, in der der Einzelmensoh nur eine Zelle
- 3 -

�ohne eigenes Denken darstellt und verpflichtet ist, dieses Denken einem kollektiven Muster anzupassen.
"Bedeutet dies, dass es in Amerika kein soziales Gewissen
gibt, und dass diese Zusammenballung von 140 Millionen keine
Gemeinschaft darstellt, sondern eine Versammlung von 140 Millionen isolierten Einzelpersonen?
"Keineswegs. Weil der Einzelne sich voellig darueber im
klaren ist, dass er eine Persoenlichkeit und einen eigenen Charakter besitzt, weiss er auch, dass andere Menschen normalerweise auf die gleichen Reohte Anspruoh haben wie er. Er respektiert damit in anderen die persoenlichen Eigenschaften, die er
selbst besitzt. Aus dem Wunsch heraus, sich frei zu fuehlen,
respektiert der Amerikaner die Freiheit der anderen. Weil er
als Mensch behandelt werden will, behandelt er auch die anderen
als Mensohen. Diese Denkweise ist so ausgapraegt, dass sie oft
zu Situationen fuehrt, fuer die wir kein Verstaendnis haben.
Ein Beispiel ist das Familienleben. Die Autoritaet der Eltern
Jungen Menschen gegenueber, die noch nicht £0 Jahre alt sind,
ist nicht so gross wie in unseren Familien, wo noch die willkürlichen Rechte des "pater families" bestehen.
"Der hohe Lebensstandard der gesamten Bevoelkerung, der
einen allgemeinen Wohlstand ermoegllcht, den wir in Europa nur
in wenigen reichen Familien kennen, hat die sichtbaren Unterschiede in der sozialen Stellung des Einzelnen wesentlich reduziert. Diese Gleichschaltung, sofern es eine solche ueberhaupt
gibt, wird dadurch herbeigefuehrt, dass Tian sioh das Beste und
nicht das Schlechteste zum Ziele nimmt. Deshalb gibt es auch
kein Klassenbewusstsein, weij. Jeder die gleichen Moeglichkeiten
hat, vorwaertszukommen. Seinen -Vorgesetzten oder seinem Arbeitgeber gegenueber hat der Arbeiter keine Minderwertigkeitskoaplexe, weil er mit Bestimmtheit weiss, dass er vorwaertskommen
und selbst in hoechste Positionen berufen werden kann, wenn er
den Wunsch und die Faehigkeit dazu hat.
" M n e logische Folge dieser Achtung vor dem Einzelnen und
seiner Freiheit ist der amerikanische Grundsatz von den gleichen
Chanoen fuer Alle.
"Die Erinnerung an den maerchenhaften Aufstieg der Vanderbilts, Rockefeiler und vieler anderer ist im Geist der Amerikaner sehr lebendig geblieben. Wenn ein solcher aussergewoehnlioher Aufstieg auch heute aeusserst selten ist, gibt es doch
noch Beispiele, in denen Menschen mit Nichts angefangen haben
und einflussreiche Geschaeftsleute oder Fuehrer der Industrie
geworden sind. Es ist Grundsatz, Jedem die Moeglichkeit zu geben, seine Talente anzuwenden und Jeder, der sich weigern wuerde,
einem Menschen diese Chance zu bieten, wuerde als antisoziale
Kreatur betrachtet werden.
"Die oben erwaehnten Beispiele und die weniger bekannten,
die sich noch laufend ereignen, verringern den Wert von Diplomen und das Ansehen solcher Leute, die Diplome besitzen. Ein
Mansch wird nicht nach der Anzahl seiner Diplome bewertet, sondern nach seiner praktischen Faehigkeit, an seinem Arbeitsplatz
seinen Mann zu stehen. Es gibt deshalb fuer Absolventen von
Hochschulen praktisch keine Vorrechte. Es kaeme niemandem in
den Sinn, einem Mensohen, der bewiesen hat, dass er tuechtig
ist, eine gute Stellung zu verweigern mit der Begruendung, er
habe keine Hochschule besucht. Die amerikanischen Hochschulen
sind stets voll belegt, weil das erworbene Wissen die Entwick-

- 4 -

�lung der persoenlichen Faehigkeiten wesentlich erleichtern kann,
ohne dass es absolut erforderlich waere, ein Diplom zu erwerben.
" M n drittes gemeinsames Merkmal des "amerikanisierten"
Menschen ist sein unerschuetterlioher Glaube an das bekannte
Sprichwort "Zeit ist Geld". Die Geschiohte der amerikanischen
Industrie bestaetigt eindeutig, dass immer dann mehr Geld verdient wurde, wenn Zeit gespart werden konnte. Es muss vielleicht gesagt werden, dass dieses Sprichwort den Grundgedanken
der Produktivitaet in treffendster Form zum Ausdruck bringt.
Wenn man zugibt, dass Geld erhoehte Kaufkraft bedeutet, dann
stellt das Bemuehen, Zeit zu sparen, letzten Endes den Schluessel zur Produktivitaet und zu allen anderen Moeglichkeiten, die
sich durch sie eroeffnen, dar.
"Diese drei Grundsaetze, die wir soeben aufgezaehlt haben,
und die die Grundlage der amerikanischen Denkweise bilden, loesen in sozialer Beziehung logische Folgerungen aus, die wir bereits in den Betrieben verwirklicht finden. Zweifellos ist
die Atmosphaere in den Betrieben, die unsere Gruppe besucht hat,
eine direkte Folge dieser drei grundlegenden Auffassungen.
Wenn es nur selten vorkommt, dass die Maschinen in einem
Betrieb mit den Namen der betreffenden Arbeiter versehen sind,
dann einfach deshalb, weil im Betrieb jeder den anderen kennt.
Wenn jedoch ein Arbeiter mit der Oeffentlichkeit in Beruehrung
kommt, wird sein Name auf einem kleinen Schild angegeben, das
am Schreibtisch, am Schalter, am Aufzug oder ueber dem Sitz
eines Cknnibusfahrers angebracht ist. Die Angestellten und Arbeiter wollen nicht nur Nummern sein und wuerden es als eine
Erniedrigung ansehen, wenn sie am Kragen oder an der Muetze
durch eine Nummer gekennzeichnet waeren.
"Im Betrieb wird jeder beim Vornamen genannt, was eine
Atmosphaere der Vertraulichkeit schafft. Die Autoritaet des
Vorarbeiters oder des Abteilungsleiters kommt nicht in Form
wlllkuerlicher Vorrechte zum Ausdruck, sondern in Form der persoenlichen Beratung. Jeder Arbeiter, der sich seiner Persoenllchkeit bewusst ist, ist sich tatsaechlich auch seiner Verantwortlichkeiten bewu33t. Man hat ihm eine Arbeit anvertraut, die
er aus Selbstachtung so gut wie moeglich zu verrichten bemueht
ist. Wenn er nur schlechte Arbeit leistet, wird man nicht sagen,
dass ein gewisser Arbeiter nichts von seiner Arbeit versteht,
sondern man wird offen erklapren, dass George Smith ein schlechter Arbeiter ist. Seine Arbeit ist also nicht anonym.
"Das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen ist stark ausgapraegt und wirkt sioh nach zwei Richtungen aus. Der Vorarbeiter weiss, dass George Smith persoenliches Verantwortungsbewusstsein hat, und er hat keinerlsi Grund, diese Verantwortung und die
eines anderen, ihm unterstehenden Arbeiters selbst zu uebernehmen. Damit kann er sich ganz seiner Aufgabe als Vorarbeiter widmen. Weil auch er seinen Verantwortungsbereich sehr gut kennt
und seinem Namen Ehre machen will - und zwar aus dem gleichen
Grunde wie George Smith - gibt ihm auch sein Chef, der Abteilungsleiter, freie Hand in seiner Arbeit, was auch diesem ermoegllcht,
sich seinen eigenen Pflichten zu widmen. Genau so ist das Verhaeltnis zwischen dem Abteilungsleiter und dem Betriebsleiter.
Der Betriebsleiter braucht sich nicht mit Dingen zu belasten,
die den Produktionsgang im Betrieb betreffen, er kann deshalb
all seine Bemuehungen vollkommen auf die Verwaltung, des Betriebs
konzentrieren.
In einer solchen Atmosphaere, in der jeder seinen eigenen
Verantwortungsbereich kennt, muessen Verdienste natuerlich belohnt
- 5 -

�und Nachlaessigkeiten bestraft werden. Die Loehne bilden das
fuer diesen Zweck geeignete Kittel. Da diese Loehne die Kaufkraft darstellen, ist man sich ihrer grossen Bedeutung bewusst,
und jeder versucht, nicht nur seinen Lohn zu halten, sondern
ihn, wenn moeglich, zu verbessern.
MSA Information
1/22/52
I
Die Kohlenfoerderung bereitet den Kommunisten Sorge
Kohle ist in allen Laendern ein lebenswichtiger Rohstoff.
Seit dem Zeitpunkt, zu dem die Agenten des Kreml die Macht in
Osteuropa an sich gerissen haben, haben sie wiederholt auf die
'.Vichtigkeit einer gesteigerten Kohlenf oerderung hingewiesen.
Sie haben damit jedoch keinen Erfolg, und zwar deshalb» weil sie
versucht haben, die Bergleute anzutreiben, und weil die einzige
Taktik, die die Kommunisten kennen, darin besteht, die "Arbeitsdisziplin" noch strenger zu handhaben."
Aber hoeren wir, was einige Kommunisten darueber selbst zu
sagen haben.
Aus Ungarn erhielten wir kuerzlich den neuesten Bericht
ueber den Stand des Fuenf jahresplanes'. Er war in einer Ausgabe
der "Szabad Kep" abgedruckt. In diesem Bericht heisst es:
"Die Schwierigkelten, die sich im vorigen Jahr und in
der ersten Haelfte dieses Jahres bemerkbar machten, bestanden
auch im dritten Quartal dieses Jahres. Die Kohlenfoerderung
blieb noch immer hinter den gesteckten Zielen zurueck, obwohl
Partei und Gewerkschaften mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfuegung stehen, diesem Uebel zu Leibe gerueckt waren. Eine
Kampagne zur Staerkung der Arbeitsdisziplin folgte der anderen.
Die tuechtigsten russischen Bergleute wurden nach Ungarn gebracht. Die Bergleute wurden veranlasst, Produktionsversprechen an Rakosi zu unterschreiben. Aber auch diese Versprechen
wurden nicht erfuellt. Erno Gero, der fuehrende Mann der ungarischen Wirtschaft, gab auf einer Konferenz der Bergwerkadirektoren zu, dass die Moral der Arbeiter Im Sinken begriffen ist.
Er versprach ihnen, die Fleischrationen zu verbessern, aber,
so sagte er, die Arbeitsdisziplin muss besser werden." Er beklagte sich ueber zu haeufiges Zuspaetkommen und das Fernbleiben vom Arbeitsplatz sowie ueber Herumstehen in den Fabriken
und "Sabotage".
Er berichtete ausserdem, dass von 50(^0 neuen Arbeitern,
die vor kurzem fuer die Bergwerke Tatabanya rekrutiert worden
waren, nur wenige laenger als vier Wochen in den Kohlengruben
blieben. Es handelte sich hier um Frauen, Jugendliche, Bueroangestellte und ehemalige Bauern, die im Zuge der Kollektivierung ihren Wohnsitz wechseln mussten. Sie wurden zur Grubenarbeit unter Tage herangezogen, ohne hierfuer ausgebildet zu sein.
Man wird sich erinnern, dass Tatabanya das Bergwerk ist,
in dem sich am 30. September eine grosse Katastrophe ereignete.
Die Regierung hatte bekanntgegeben, dass 81 Bergleute ums Leben
gekommen waren. Fluechtlinge schaetzen die Zahl der toedlich
Verunglueckten auf 200. In ihrem Eifer, die Produktion zu steigern, hatten die Bergwerksleiter die Sicherheitsvorschriften
voellig vernachlaesslgt.

6 -

�Auch der stellvertretende Premierminister Rakosi nahm
kuerzlioh die Gelegenheit wahr, den Bergarbeitern sein Missfallen auszusprechen. Er sagte: "40# der ungarischen Bergleute sind Kommunisten. Sie muessen es sein, die eine strenge
Arbeitsdisziplin rueckhaltlos unterstuetzen. Sie sollten als
Stossarbeiter den anderen als Beispiel vorangehen. Aber sie
sind undiszipliniert. Sie sind die ersten, die wegen des Mangels an Lebensmitteln protestleren, und sich dem stachanowistischen und anderen sowjetischen Methoden widersetzen."
Rakosi koennte hlnzugefuegt haben, dass sich diese Leute
sogar darueber beschweren, dass Ungarn zuviel Lebensmittel
nach Russland schicken muss und im Ueberfluss leben koennte,
wenn Russland diese Lieferungen von Ungarn nicht forderte.
Die Bergleute machten ihrem Unwillen in den Worten Luft: "Wir
koennen von Rakosls Versprechungen nicht leben." Das ist kein
Wunder, denn die Preise fuer Schinken, Speck, Butter und Oel
haben sich seit. Mai verdreifacht, und die Fleischrationen sind
gekuerzt worden.
Erst im vorigen Monat wurden 400 ungarische Bergleute
verhaftet, weil sie oeffentlich gegen eine Senkung der Fleischration protestiert hatten. Die Ernaehrungslage ist fuer die
Bergleute dadurch noch schlechter geworden, dess sie keine
Zeit mehr haben, ihre kleinen Gaerten zu bearbeiten. Man verlangt von ihnen, dass sie im Bergwerk an Sonnabenden und haeuflg auoh an Sonntagen Ueberstunden leisten.
Angesichts dieser Schwierigkeiten fordern ungarische
Kommunistenfuehrer wie Rakosi und Gero groessere Strenge in
der Handhabung der Arbeitsdisziplin, obwohl derartige Versuche
bereits geseheitert sind. Wie weit diese Arbeitsdisziplin gehen kann, zeigt ein Vorfall, ueber den die "Nepszava" berichtet.
In Tatabanya wurde ein "Volkserzieher" damit beauftragt,
waehrend und nach der Arbeltszeit Bergleute zu ueberwachen, die
regelmaesslg vom Arbeitsplatz fernbleiben.
Auch in der Tschechoslowakei hat das Regime mit aehnlichen
Schwierigkeiten zu kaempfen. Am 3. November wurden die Ergebnisse des dritten Quartals des Jahr-Planes 1951 veroeffentlicht.
Es wurde zugegeben, dass die Kohlenfoerderung 6#6 niedriger
war, als man veranschlagt hatte. Infolgedessen musste auch
die Produktion in den Giesserelen und anderen von der Kohle
abhaengigen Industrien zurueckbleiben.
"Am 13. November gaben Radio Prag und die Prager Presse
bekannt: Strenge Massnahmen werden ergriffen, um die in der
Stahlindustrie herrschende Krise zu bek&amp;empfen. Diese kritische Lage ist eine Folgeerscheinung der Krise im Kohlenbergbau."
Auch hier in der Tschechoslowakei koennen wir eine tyoisch
kommunistische Reaktion feststellen. Der tschechische Minister fu.er Arbeitseinsatz Havelka kuendigte eine intensive Kampagne an, in deren Verlauf Jugendliche im Alter von 17 bis
22 Jahren zu Bergleuten und Jungen zwischen 15 und 17 Jahren zu
Bergwerkslehrlingen ausgebildet werden sollen. Auch auf junge
Maenner, die ihrer Dienstpflicht in der Armee genuegt haben,
wird ein Druck ausgeuebt, um sie zu veranlassen, in den Bergwerken einen Arbeitsplatz anzunehmen. Nicht besser ergeht es
den Jugendlichen Landarbeitern. Drack, aber nicht Belohnung
ist die kommunistische Parole. Der tschechische Innenminister
Nosek sprach z.B. vor kurzem den Bergleuten in Maehrisch-Ostrau
sein Befremden darueber aus, dass sie eine Arbeitswoche von 44
- 7 -

�Stuftden gefordert hatten. Was in der Vergangenheit revolutionaer gewesen sei, sei heute reaktionaer. Bergleute, die nicht
damit einverstanden sind, dass an Sonnabenden nloht eine kurze,
sondern eine normale Sohioht gearbeitet wird, verurteilte er
als Staatsfeinde.
Es mag beilaeufig erwaehnt werden, dass Bergleute in Amerika und Westeuropa nur selten am Sonnabend arbeiten, und wenn
sie es tun, gewaehrt man ihnen volle Lohnzusohlaege fuer Mehrarbeit.
Wenden wir uns nun Rumaenien zu, von wo uns ebenfalls Berichte ueber die Unzufriedenheit unter den Kohlenbergarbeitern
erreichten. Kuerzlioh gab ein frueherer italienischer Kommunist, der aus Rumaenien fluechtete, einen Tatsachenbericht
ueber die Arbeitsbedingungen in rumaenlsohen Kohlenbergwerken.
Nennen wir diesen Italiener Luigl. Er berichtete, dass in
den Bergwerksgebieten Fetrila., Vulcan und Lppeni in der Naehe
von Petrosani alte pensionierte Bergleute aus ihren Wohnungen
vertrieben wurden, um Platz fuer neurekrutierte Bergarbeiter zu
maohen.
"Die Mehrheit der Bergleute sohloss sich der Kommunistischen Partei aus Gruenden der Zweokmaessigkeit an. Nur 5% von
ihnen sind jedoch ueberzeugte Kommunisten. Wenn sie ernueohtert sind und keine Illusionen mehr haben, wenden sie sioh
meistens der Religion zu. Die Rumaenen sind hoechst empoert
darueber, dass die Bergwerksleitung in den Haenden von Russen
liegt, die Angestellte einer "gemeinsamen Gesellschaft"
(Sovromcarbune) sind.
Unfaelle ereignen sioh in den Bergwerken haeufig, ihre
Zahl nimmt staendig zu. Die Sicherheitsmassnahmen werden aus
Gruenden der Produktionssteigerung vernachlaessigt. Der Durchschnittslohn betraegt monatlioh 9000 Lei, d.h. DM 250.-,
Nebenbei gesagt entspricht dieser Monatslohn dem Verdienst
eines amerikanischen Bergmannes fuer vier Tage Arbeit.
Doch hoeren wir uns Luigis Augenzeugenbericht weiter an:
"Stossarbeiter in rumaenischen Bergwerken koennen monatlioh bis zu 12.Ü0Ü Lei verdienen, aber sie ruinieren dabei meistens ihre Gesundheit. Einer von ihnen namens Ludovic Papp,
der im vorigen Jahr als "Arbeitsheld" gefeiert wurde, befindet
sioh nun mit einer Tuberkulose im Krankenhaus. Die Bergleute
erzaehlen sich deshalb den zynischen Witz: "Werde Stossarbeiter und verdiene Dir eine lange Bettruhe." Das Krankenhaus in
Petrosani, einer Stadt von 15.000 Einwohnern, hat nur 250 Betten. Es f9hlt ausserdem an Medikamenten. Die runaenischen
Bergleute verachten ihre Kameraden, die sich zur Steigerung der
Leistungsnormen ausbeuten lassen und vermoegen ihrer koerperlichen Staerke und ihrer Fertigkeiten mehr arbeiten als der
Durchsohnitt. Schon die Tatsache, dass die Redakteure runaeni3cher Zeitungen es fuer notwendig halten, fast taeglich die
Arbeiter zu tadeln, die sich dem Stachanow-System widersetzen,
ist ein Bewei3 dafuer, dass der Widerstand unter der Arbeiterschaft gros3 ist.
Weil diese Stossarbeiter verhasst sind, forderte die ruraaenisohe Zeitung "Vita Sindicala" Betriebsleiter sowie Partelund Gewerkschaftsfuehrer auf, jene Arb3iter"liebevoller" zu behandeln, die sich bereiterklaeren, die Produktionsleistung zu
steigern.
- 8

�Das Regime In Rumaenlen Ist heute, wie auch in anderen
Satellitenstaaten der Sowjetunion, mit verstaerktem Eifer daran
gegangen, Frauen und Jugendliche fuer die Bergwerke zu rekrutieren. Luigi beriohtet in diesem Zusammenhang:
"Die Erbitterung unter den Bergleuten nimmt zu, wenn sie
mitansehen muessen, wie ihre Frauen in den Gruben Kohle hauen
muessen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch
dass ihre Soehne zum Verlassen der Schule gezwungen werden, um
in die Bergwerke zu gehen, traegt wenig dazu bei, sie dem
Regime gegenueber fruendlioher zu stimmen."
Auch in polnischen Bergwerken bekaempfen die Kommunisten
mit allen Mitteln das haeufige Fehlen, den haeufigen Arbeitsplatzwechsel und den Widerstand gegen das Stachanow-8ystem.
Die polnischen Bergleute erzaehlen sich einen nooh grimmigeren
Witz als ihre rumaenischen Kollegen: "Sei ein Held der Arbeit,
und Du wirst schnell in den Himmel kommen."
Hilary Mine, der Wirtsohaftsfuehrer Polens, erklaerte in
seiner letzten Rede an Arbeiter und Bergwerkbesitzer warnend,
dass, wenn die in der Vergangenheit aufgetrenenen Schwierigkeiten auoh im kommenden Jahr nicht zu beseitigen waeren, die
Arbeiter bereit sein muessten, noch groessere Haerten auf sioh
zu nehmen. Dies betreffe besonders den Mangel an Verbrauohsguetern. Opfer waeren notwendig, um die kuenftige Sicherheit
des Vaterlandes gewaehrleisten zu koennen. Die polnisohen
Bergleute, von denen man groessere Arbeitsanstrengungen verlangt, und deren Produktion zum grossen Teil naoh Sowjetrussland exportiert wird, fragen sich jedooh mit Reoht: "Welches
Vaterland?"
Die polnischen Bergleute gaben ihrer Unzufriedenheit u.a.
dadurch Ausdruck, dass sie sich weigerten, die Beltraege an
die Gewerkschaft zu »ahlen. "Glos Praoy" berichtet, dass nur
65$ der Arbeiter Beltraege entrichten, obwohl die Mitgliedschaft
in der polnisohen Arbeitsfront obligatorisch ist. Die Zeitung
fordert wie gewöhnlich staerkere Kontrollen.
Diese Reihe der Beweise fuer die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft koennte an Hand offizieller Verlautbarungen und
Pressemeldungen aus allen Laendern der sowjetischen Einflusssphaere nooh lange fortgesetzt werden. Die Methoden sind mit
nur auffaellig wenig Abweichungen ueberall die gleichen. In
den Grundstoffindustrien, wie z.B. dem Kohlenbergbau, ist die
Produktion, im ganzen gesehen, unzureichend. Was achlagen die
Stalinisten vor, um diesem Uebel abzuhelfen? Fuer sie gibt
es keine andere Moeglichkeit als jenes Mittel, das man schon
seit 34 Jahren ohne Erfolg in Sowjetrussland anwendet: Letzten
Endes wird immer die Arbeiterschaft verantwortlich gemaoht.
Die Parole heisst ueberall: Verbessert die Arbeitsdisziplin.
Ueberall nimmt der Terror immer krassere Formen an.
Massnahmen, die die Fehler des kommunistischen Wirtschaftssystems beseitigen wuerden, wuerden das Ende des Regimes bedeuten. Denn was tatsaeohllch hierbei erforderlich waere, ist die
Beseitigung der Diktatur und die Wiedererringung der Freiheit.
Program Servioes Seotion
XI-16-51
Gewerkschaften und Kapitalismus in Amerika und Europa
Die grosse Wirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen
foerderte in wesentlichem Masse die Entwicklung der grossen
9 -

�Industriegewerkschaften. Auch der wirtschaftliche Aufstieg
waehrend und nach dem Kriege trug dazu bei, der Gewerkschaftsbewegung als Gesamtheit Macht und Elnfluss in der Industrie zu
verschaffen. Professor Sumner Süchte von der Harvard-Universitaet preegte die Bezeichnung "labouristic economy" (gewerkschaftsorlentierte Wirtschaft). Er und viele andere sind der
Auffassung, dass die neuen Entwicklungen in der amerikanischen
Wirtschaft das Merkmal der gesteigerten Macht der Gewerkschaftsbewegung auf industriellem und sozialem Gebiet tragen. Es mag
Leute geben, die mit dieser Auffassung nicht einverstanden
sind oder auf die Tatsache hinweisen, dass der politische Elnfluss der Gewerkschaftsbewegung beispielsweise hinter dem der
Bauern weit zuruecksteht. Aber es ist kaum anzuzweifeln, dess
die Gewerkschaften heute im allgemeinen staerker sind als je
zuvor. Die Erfolge einiger der groessten Gewerkschaftsorganisationen in Bezug auf Lohnerhoehungen, Stufengleit-Klauseln
und Pensionsplaene waren hoechst eindrucksvoll. Darueberhinaus
wird die Gewerkschaftsbewegung jetzt im allgemeinen von dem
Unternehmertum und anderen Gruppen im Staate als staendige und
vielleicht unerlaessliche Einrichtung akzeptiert, wenn sie
auch gelegentlich Rueckschlaege hinnehmen mus3te, fuer die
das Taft-Hartley-Gesetz und natuerlich auch die grossen Auseinandersetzungen zwischen wirtschaftlichen und reinen Machtinteressen als Symbol gelten koennen.
Woertlich genommen bleibt die bejahende Haltung der Gewerkschaftsbewegung in Amerika dem kapitalistischen Wirtschaftssystem gegenueber eine Tatsache, die fuer das Privatunternehmen
im Gegensatz zum oeffentlichen Unternehmen einen Vorteil bedeutet, die freie Tarifverhandlung mit dem Unternehmer wird in
jedem Fall einer Lohnbeatiimune durch die Regierung vorgezogen.
Im groessten Teil Europas und in vielen anderen Teilen der
Welt haben die Gewerkschaften Verbindungen mit antikapitalistiachen Parteien oder Bewegungen eingegangen und sie zuweilen
aus ihrer fuehrenden Stellung verdraengt. Sie waren entweder
sozialistisch, kommunistisch oder katholisch orientiert oder
hingen mit irgendeiner anderen Ideologie zusammen. In den Vereinigten Staaten waren sie bestrebt, "ein moeglichst grosses
Stueck des kapitalistischen Kuchens zu erhalten, aber nicht
einen neuen Kuchen selbst zu backen - obwohl sie den Koch wenig
schaetzen und ihm nicht sonderlich vertrauen." Um die Mitte
dieses Jahrhunderts gaben sich jedoch viele amerikanische Gewerkschaften nicht mehr mit hoeheren Loehnen und einer kuerzeren Arbeitszeit zufrieden, obwohl diese Ziele in ihren Programmen noch immer einen breiten Raum einnehmen. Aber sie wuenschten jetzt auch eine groessere wirtschaftliche Sicherheit fuer
die Arbeiter durch den Abschluss von Pensionsplaenen und durch
aehnliche Einrichtungen. Sie sind sich der Bedeutung der Realloehne bewusst geworden, sie beanspruchen mehr und mehr sogenannte Stufengleit-Klauseln, d.h. Bestimmungen, die die Loehne
an die Lebenshaltungskosten koppeln. Sie haben festgestellt,
dass die Wirtschaftspolitik ihres Landes und auch die Ereignisse
im Ausland sich immer auf die Lage der Arbeiter auswirken werden,
sie beteiligen sich deshalb aktiv an der Formulierung und Beeinflussung dieser Politik. Sie fangen an, bewusst in oeffentlichen Angelegenheiten, im Erziehungswesen und auf anderen wichtigen Gebieten mitzuwirken, die die Gewerkschaften der alten Z e it
als belanglos abgetan hatten. Bis jetzt haben sie noch keine
direkte Beteiligung an der Betriebsleitung gefordert, viele
Gewerkschaftsfuehrer wuerden sie uebrigens entschieden ablehnen;
aber schon ist John L. Lewis nicht mehr der Einzige, der die
Entscheidungen der Unternehmer entweder auf friedlichem Wege
oder auch durch eine unnachgiebige Haltung tatsaechlich beeinflusst hat.

10 *

�All dies bedeutet, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung wesentlich zu der Umwandlung des amerikanischen Kapitalismus beigetragen hat, auch wenn sie ihn theoretisch befürwortet. Und diese Veraenderung war so einschneidend, dass
Kapitalisten und auch andere Leute bereits bezweifeln, ob es
noch das gleiche Wirtschaftssystem wie frueher ist. Die Antwort auf diese Frage ist letzten Endes eine Frage der Interpretation der Begriffe. Alle, auch die amerikanischen Gewerkschaften, scheinen sich darueber im klaren zu sein, dass das amerikanische Wirtschaftssystem als Kapitalismus zu bezeichnen
ist, gleichgueltig, ob sioh hier Veraenderungen der Funktionen
vollzogen haben, zumindest solange bleibt dieses System kapitalistisch, wie das Privateigentum in dieser oder Jener Art die
Grundlage dieses Wirtschaftssystems bildet.
Es ist deshalb leicht moeglich, dass zukuenftlge Historiker die Unterschiede zwischen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und - sagen wir - der britischen oder deutschen Gewerkschaftsbewegung als wesentlich geringer ansehen, als diese
uns heute erscheinen. Waehrend die amerikanische Gewerkschaftsbewegung unmissverstaendlich jede ideologische Auffassung antikapitalistischen Charakters und insbesondere Jedes Programm
der Kollektivierung des Eigentums abgelehnt hat, hat sie sich
mit Erfolg um die Solidaritaet der Arbeiter bemueht, wie es
auch in den europaeisohen Gewerkschaften der Fall ist, und es
Ist ihr in sehnlicher V/eise gelungen, nach und nach den sozialen Einfluss der Gewerkschaften als Gesamtheit zu steigern. Es
koennte sein, dass die Mitwirkung der westeuropaeischen Gewerkschaftsbewegung bei der Umformung des kapitalistischen Wirtschaftssystems weniger radikal war als die der amerikanischen
Gewerkschaften, wenn dies in den entsprechenden Schlagworten
auoh nicht zum Ausdruck kommt.
Wenn es Jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen
amerikanischen und europaeisohen Gewerkschaften gibt, dann ist
es ihre Einstellung zur Produktivitaet. Wenn auch der typische amerikanische Arbeiter und seine Gewerkschaft sehr haeufig um Juristische Begriffe und ihre Auslerunp feilschen, so
erkennen sie doch im allgemeinen die Abhaengigkeit eines hoeheren Lebensstandards von der höheren Produktivitaet an. Fuer
ihre europaeisohen Kollegen ist es dagegen bezeichnend, dass
sie in Produktivltaetserfolgen einen Anlass zur Steigerung der
Arbeitslosigkeit und der Ausbeutung sehen. Auch die Haltung
der Unternehmer zur Produktivitaet ist verschieden und weist
einen Unterschied auf, der die Verschiedenertigkeit der Besitzverhaeltnisse, des historischen und kulturellen Erbgutes und
der allgemeinen wirtschaftlichen Motivierung widerspiegelt.
Wenn die Gewerkschaftsbewegung trotzdem dem "Kapitalismus"
ihre Unter3tuetzung nicht versagt hat, so hat sie, wenn auch
zum Teil ohne es zu wissen, dazu beigetragen, die amerikanische
Wirtschaft zu etwas ganz anderem zu machen, als sie es um die
Jahrhundertwende war, wenn auch Sprache und Wortpraegung wiederum hinter der Wirklichkeit zurueckgeblleben sein moegen.
Labor News from the U. S.
1-15-52
Die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Schulung
Damit die Mitglieder der Gewerkschaften gleichen politischen und sozialen Zielen zustreben, damit der Zusarunenhang in-

11 -

�nerhalb der Gewerkschaftsbewegung gewaehrleistet bleibt, braucht
man heute wie frueher auch andere Mittel wie Streikposten und
Werbecarolen. Man braucht jedoch mehr als Versprechungen, die
einen schnellen politischen Erfolg in Aussicht stellen, oder
Drohungen mit antigewerkschaftlichen Gesetzen, wenn die organisierte Gewerkschaftsbewegung der Fuelle ihrer Verpflichtungen
gegenueber ihren Mitgliedern und der Allgemeinheit gerecht werden
soll. Selbst eindrucksvolle politische Kampfreden und glattzuengige Wahlreden bieten keineswegs eine echte Moeglichkeit,
die seit langem bestehenden Forderungen der Arbeiterschaft zu
befriedigen, Eine der tat3aechlich konkretesten Methoden, die
jedoch noch nicht genuegend erprobt ist, ist ein grundlegendes
Programm der gewerkschaftlichen Schulung sowohl fuer die Mitglieder als auch fuer die Funktionaere, das darauf ausgerichtet
ist, die Gewerkschaften und die Bevoelkerung im allgemeinen
ihrer Verantwortlichkeit bewusst werden zu lassen.
Wenn auch eine immer groesser werdende Zahl Gewerkschaften
sich darueber im klaren ist, dass wirksame Schulung und Orientierung dringend notwendig ist, will es die Gewerkschaftsbewegung als Gesamtheit noch nicht zugeben, dass die Scbulungsarbeit
eine logische Grundlage fuer das Gefuehl der Staerke am Verhandlungstisch, fuer eine wirksame politische Betaeti^ung und,
fuer die Erkenntnis des staendlg zunehmenden Verantwortlichkeitbereiches bilden kann, dessen sich der Staat zu unterziehen hat.
Trotzdem ueberrascht die Feststellung, dass eine grosse
Zahl Gewerkschafter an der erzieherischen Taetigkeit lebhaft
interessiert ist. Das Bemuehen, sich ein abstraktes Wissen
anzueignen, wird heute vielleicht von praktischen Erwaegungen
uebertrumpft. Einige sind der Ansicht, dass eine derartige
Schulung fuer ihre jetzige oder kuenftige Arbeit als Funktionaer wertvoll sein kann. Andere sind sich ihrer unzureichenden
Kenntnisse bewusst, die sie sich durch die normale Schulausbildung erworben haben. Eine nicht unbetraechtliche Zahl Jedoch
ist einfach der Auffassung, dass Schulung fuer sie, ihre Ortsgewerkschaft und ihre Umgebung einfach unumgaenglioh ist. Aber
dieses Verlangen nach einer zweckmaessigen Schulung steht bei
der Mitgliederschaft der Gewerkschaften haeufig erst im Anfangsstadium, man tastet gewissermassen noch im Dunkeln. Die ausgezeichnete Arbeit, die von einigen fortschrittlichen Gewerkschaften geleistet wird, erfasst nur einen Bruchteil derer, die
dieser Ausbildung beduerfen. Der groesste Teil der Arbeit auf
diesem Gebiet bleibt noch zu tun.
Die allgemeine Lage kann nicht wesentlich verbessert werden, wenn sich nicht bei einer groesseren Anzahl hoher Funktioneere die sichere Erkenntnis durchsetzt, dass die gewerkschaftliche Schulung wichtig ist und dementsprechend mit finanziellen Mitteln und durch Zurverfuegungstellung des erforderlichen Personals unterstuetzt werden muss.
Eine positive Haltung der zentralen Vorstaende gegenueber
dieser Arbeit kann den Funktionaeren der Ortsgewerkschaften
als Richtschnur dienen und dadurch ihre so wesentliche Mitarbeit erwirken, ohne die es bestimmten Interessenvertretern
moeglich sein wuerde, wertvolle erzieherische Programme zu untergraben, die wirklich geeignet waeren, die breite Masse
ihre Verantwortung dem Staat gegenuaber erkennen zu lassen.
Leider deutet nichts darauf hin, dass genuegend einflussreiche zentrale und oertliohe Gewerkschaftsbehoerden bereit
waeren, die gewerkschaftliche Schulung zu foerdern. Sie sind

- 12 -

�offensichtlich zu sehr mit ihren Gewerkschaften selbst beschaeftigt, um sich um ihre einzelnen Mitglieder kuemmern zu koennen.
Die bedeutungsvolle Rolle, die die Gewerkschaftsbewegung
in der Politik uebernommen hat, koennte vielleicht der gewerkschaftlichen Schulung den Auftrieb geben, den sie seit langen
benoetigt. Trotz der zahlreichen Stimmen, die sich gegen die
angebliche gewerkschaftliche Vorherrschaft erheben, ist die
Teilhaberschaft der Gewerkschaften an allen Angelegenheiten
nationaler Bedeutung, eine feststehende Tatseche und unwiderruflich. Wenn man auch der Gewerkschaftsbewerunsr nicht jenen
Status gewaehrt hat, den sie verlangte, so arbeitet sie doch
aktiv in den Verteidigungsbehoerden der amerikanischen Regierung mit.
Zusammen mit ihren Gegenspielern aus der Industrie arbeiten die Vertreter der Gewerkschaften in oeffentlichen und privaten Sonderausschüssen mit, die die Aufgabe haben, die wirtschaftliche Staerke des Landes zu stabilisieren. Die Gewerkschaftsbewegung hat leider nicht in dem gleichen Umfang wie
Industrie und Regierung genuegend qualifizierte Vertreter, die
entweder auf gewerkschaftlicher oder auf staatlicher übene
den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden koennen.
Waehrend der Bedarf an tuechtigen und gut informierten
Gewerkschaftsvertretern immer groesser wird, die einflussreiche hauptamtliche Stellungen als Berater uebernehmen muessen,
macht sich auch unter den Mitgliedern und den unteren Funktionaeren nioht selten ein Mangel an Verstaendnis fuer die Politik und die Handlungsweise ihrer Repraesentanten in der Regierung und anderen wiohtigen Zentralbehoerden bemerkbar.
Labour
XI1/51
Die staatliche Organisation fuer Arbeltsvermittlung in Irland
Die staatliche Organisation fuer Arbeitsvermittlung in
Irland wurde auf Grund des im Jahre 1949 erlassenen Gesetzes
ueber Arbeitsvermittlung errichtet, sie ist bis ins einzelne
durchorganisiert und erstreckt sich ueber das ganze Land. Im
ganzen gibt es in den verschiedenen Teilen des Landes 123 oertliche Arbeitsaemter. Im Durchschnitt hat Jede Grafschaft fuenf
soloher Aemter.
32 dieser Arbeitsaemter arbeiten praktisch fuer die groesseren Staedte; das Personal setzt sich aus Beamten des Ministeriums
fuer soziale Wohlfahrt zusammen. Die uebrigen 91 Arbeitsaemter
befinden sich in Kleinstaedten und sind fuer diese und die sie
umgebenden Gebiete zustaendlg. Die Arbeitsaemter in den Kleinstaedten werden in der Regel von Personal geleitet, das nur
auf eine bestimmte Zeit angestellt ist und die Arbeit als Nebenarbeit verrichtet. Die entsprechende Zentralstelle beim Ministerium fuer soziale Wohlfahrt erteilt allen 123 Arbeitsaemtern die fuer ihre Arbeit erforderlichen Weisungen und beaufsichtigt ihre Taetigkeit.
Alle Iren, die das schulpflichtige Alter ueberschritten
haben, koennen sloh, ganz gleich ob sie Arbeit haben oder nioht,
bei einem Arbeitsamt registrieren lassen; dies kann entweder
durch persoenlloho Vorsprache geschehen oder brieflich. Das
Amt vermerkt das Alter des Bewerbers, seine Kenntnisse und
Fertigkeiten sowie die Art der gewuenschten Arbeit.
13 -

�&lt;•

Im Hinbliok darauf, dass es namentlich In letzter Zelt
fuer die Wirtschaft des Landes sehr wesentlich ist, dass Arbeit skraefte sofort dort eingesetzt werden, wo Luecken bestehen, ist die Eintragung frueherer Arbeitserfahrungen ausführlicher gehalten als es allgemein ueblich ist. Gleichfalls wird
angegeben, ob der Betreffende gewillt ist, Arbeit in anderen
Teilen des Landes anzunehmen. Die Meldungen werden nach Berufszweigen geordnet; zu diesem Zweoke sind ungefaehr 360 verschiedene Berufsgruppen aufgestellt worden.
Wo es sich durchfuehren laesst, werden Frauen und jugendliche Bewerber in gesonderten Raeumen oder In einer besonderen
Abteilung des Arbeitsamts registriert. Wo weder das eine noch
das andere moeglioh ist, werden besondere Empfangszeiten festgesetzt. Soweit es moeglich ist, werden Frauen und Jugendliche
von Beamtinnen registriert.
Die Bewerber halten ihre Bewerbung dadurch aufrecht, dass
sie in regelmaessigen Abstaenden - in der Regel mehrmals in der
Woche, mindestens aber einmal alle zwei Wochen - persoenlioh
oder brieflich beim Arbeltsamt rueokfragen. Antraege auf Arbeltslosenunterstuetzung koennen nur berueokslohtigt werden, wenn
eine solche Meldung erfolgt ist.
Ein Unternehmer, der die Dienste eines Arbeitsamtes in Anspruch nehmen will, meldet seinen Bedarf an. Das Arbeitsamt bemueht sioh, ihm am Ort wohnende Arbeitskraefte zur Verfuegung
zu stellen, unter den registrierten Arbeitssuchenden werden
solohe ausgewählt und dem Arbeitgeber vorgeschlagen, die fuer
den betreffenden Arbeitsplatz geeignet erscheinen. Wenn der
Beamte des Arbeitsamtes nicht in der Lage ist, geeignete
Personen vorzuschlagen, weil keine entsprechenden Bewerbungen
vorliegen, aohlaegt er ein bestimmtes Verfahren ein, nachdem
Einzelheiten ueber den offenen Arbeltsplatz innerhalb von ein
oder zwei Tagen den bei saemtliohen anderen Arbeitsaemtern in
Irland registrierten Arbeitssuchenden zur Kenntnis gebraoht
werden koennen. Dieses Verfahren besteht darin, dass Einzelheiten ueber den offenen Arbeitsplatz der Zentralstelle gemeldet
werden, die sie dann den verschiedenen Arbeitsaemtern meldet.
Diese teilen sodann den in Frage kommenden Bewerbern alle Einzelheiten mit{ weiter werden die Einzelheiten auch oeffentlioh
duroh Aushang bekanntgegeben.
Die Arbeitsvermittlung ist kostenlos und erfasst das ganze
Land. Der Leiter eines Arbeitsamtes kann dem Arbeitssuchenden
einen Sohein fuer Freifahrt ausstellen, vorausgesetzt, dass
sioh der Arbeitgeber oder der registrierte Arbeitsuchende verpflichten, die Fahrtkosten zurueokzuzahlen; das Arbeitsamt
kann ihm auch das noetige Fahrgeld vorstrecken, damit der Arbeitsuchende zur Vorstellung fahren kann. In allen Faellen, in
denen registrierte Arbeitsuchende auf Arbeltslosenunterstuetzung
Anrecht habtn, kann ein Teil des Vorschusses aus dem Fonds fuer
Arbeltslosenunterstuetzung genommen werden.
Der Leiter eines Arbeltsamtes hat die Pflioht, die Arbeitgeber seines Gebietes von Zeit zu Zeit aufzusuohen, um sie zu
veranlassen, das Arbeitsamt von frei werdenden Arbeitsplaetzen
zu unterrichten. Wenn die Arbeitgeber die bei ihnen frei werdenden Arbeitsplaetze dem zustaendigen Arbeitsamt unverzueg-lioh melden, so kann dieses alle notwendigen Massnahmen ergreifen; auf
diese Weise wird der Bedarf in der Regel sohneil und gut befriedigt, das unerfreuliche Feilbieten von Arbeitakraeften ist dadurch
vermieden. Auf diese Weise wird den Arbeitsaemtern leichter ge-

- 14 -

�macht, Stellen an Personen zu vermitteln, die sich andernfalls
um Arbeitslosenunterstuetzung bemuehen wuerden.
Es gibt keine Statistik ueber den Prozentsatz der Zahl
der Arbeitsvermittlungen, die durch die Arbeitsaemter erfolgt
sind, im Vergleich zu den gesamten Einstellungen im ganzen
Land; Jedoch laesst sich feststellen, dass die einzelnen Arbeitsaemter seit Kriegsende im Jahr ungefaehr 50,000 Arbeitsplaetze vermittelt haben*
Es ist von Interesse festzustellen, dass die Arbeitsaemter
gelegentlich besondere Aufgaben durohfuehren. So fuehren zum
Beispiel die Arbeitsaemter Listen ehemaliger Angehoeriger der
irischen Wehrmacht, um auf diese Weise den Veteranen alle nur
moegliche Hilfe bei der Wiedereingliederung ins buergerliche
Leben zu gewaehren; auf Grund dieser Listen werden denjenigen
Arbeitgebern Vorschlaege gemacht, die sioh bereit erklaert
haben, Veteranen bevorzugt einzustellen.
Sodann befassten sich die Arbeitsaemter mit dem von der
Regierung durohgefuehrten Projekt der Beschaffung von Erntearbeitern. So wurden den Bauern in den betreffenden Gebieten
Arbeltskraefte aus den ueberfuellten Gebieten der Westkueste
als Erntehilfskraefte zur Verfuegung gestellt. Der Staat trug
die Reisekosten fuer Jeden Arbeiter und beteiligte sich an der
Deckung seiner Nebenausgaben und Unterhaitakosten. Dazu wurden in den Jahren 1943 bis 1947 noch besondere Listen von Landarbeitern gefuehrt.
Ein weiteres Beispiel fuer die Mitarbeit der Arbeitsaemter
bei der Durohfuehrung verschiedener Projekte bilden die Projekte
fuer Torfgewinnung, die von der Regierungsstelle durchgefuehrt
wurden. In diesem Zusammenhang wurden Arbeitsuchende in den
verschiedenen Teilen des Landes von den freien Arbeitsplaetzen
durch die Arbeitsaemter in Kenntnis gesetzt; die Arbeitsaemter
sorgten auch dafuer, dass sie zu den Arbeitsplaetzen fahren
konnten. Im Jahre 1948 uebernahm die Regierungsstelle von den
Grafschaften einigeBodenameliorationsprojekte. Bei der Durohfuehrung dieser Projekte wurden nur einheimische Arbeltskraefte
verwandt, die, soweit es erforderlich war, von den oertlichen
Arbeitsaemtern vermittelt wurden.
Den Arbeitsaemtern in Dublin, Cork, Limerick und Waterford
sind besondere Ausschuesse zur Beratung Jugendlicher angegliedert. Diese Ausschuesse setzen sich aus Vertretern der Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kirchen, Erziehungsbehoerden und oertlichen Verwaltungsbehoerden sowie aus anderen, an Jugendfragen
interessierten Personen zusammen. Der Zweck dieser Ausschuesse
ist, den Minister fuer soziale Wohlfahrt zu beraten, soweit es
sich um die Behandlung von jugendlichen Arbeitsuchenden handelt;
die Ausschuesse haben ferner die Aufgabe, die Jugendlichen und
ihre Eltern bei der Berufswahl und in anderen Fragen zu beraten.
Die Ausschuesse bemuehen sioh, eine Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Arbeitgebern herbeizufuehren und den
Schulentlassenen passende Arbeitsplaetze zu vermitteln. Sie bemuehen sich ferner, mit den Jugendlichen Arbeitnehmern in den
ersten Jahren ihrer Taetigkeit in Fuehlung zu bleiben und sie
zu beraten.
Die Erweiterung des Arbeitsgebietes der irisohen Organisation fuer Arbeitsvermittlung hat netuerlioh an dem ursprueng1lohen Zweck dieser Behoerde nichts geaendert. Die verschiede-

15

�nen irischen Regierungen haben ausnahmslos den Standpunkt vertreten, dass der Staat die Freiheit des Individuums, sich eine Arbeit nach seinem Ermessen zu suchen, nicht beschraenken duerfe.
Die Taetigkeit der Arbeltsaemter soll lediglich dazu dienen,
dem einzelnen dabei behilflich zu sein, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden; der Staat uebt Jedoch in dieser Beziehung keinerlei Druck aus.
Employment Security Review
6/51
Eine wichtige Aufgabe fuer die Schule
"Keine Schule darf sich ruehmen, gute Arbeit zu leisten,
wenn sie ihre Schueler nioht darauf vorbereitet, einen fruchtbaren Kontakt mit allen Organisationen eines modernen Staates,
einschliesslich den Gewerkschaften, aufzunehmen.n Dies erklaerte Mark Starr vor Schuelern der St. Paul's Schule am 4.
Maerz In Concord im Staate New Hampshire.
Starr, der Direktor fuer Arbeitsrbildung in der Allanerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter (AFL),
steht auf dem Standpunkt, die Gewerkschaftsbewegung habe am meisten unter der Tatsache zu leiden gehabt, dass man sie vernaohlaessigt und falsche Informationen ueber ihre Taetigkeit verbreitet habe. Nur gelegentlich vorkommende Streiks und seltene
Faelle von Ausschreitungen und Erpressungen wuerden im allgemeinen als Neuigkeiten angesehen. Das, was die Gewerkschaft
fuer das Wohl der Allgemeinheit getan habe, wuerde nur selten
gebuehrende Anerkennung finden.
Er sagte zum Beispiel, man habe nur wenig Beachtung der
Tatsache geschenkt, dass Kurt Carlsen, der heroische Kapitaen
der "Flylng Enterprise", Mitglied der AFL Gewerkschaft der
Schiffskapitaene, Schiffsmaate und Steuermaenner ist, und dass
die Maenner, die vor einigen Jahren bei der Bergung der dreiJaehrigen Kathie Fiscus mithalfen, die in einen unbenutzten
Erdoelschacht gefallen war, Mitglieder der AFL Gewerkschaft
der Betriebsingenieure waren.
"Wenn Verstaendnis fuer das Verhaeltnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht werden und die Zusammenarbeit zwischen verstaendnisvollen Arbeitgebern und Gewerkschaften gefoerdert werden soll, muss die Schule allen Maennern und
Frauen, die guten Willens sind, helfen, sich ein richtiges Bild
ueber die Gewerkschaftsbewegung zu machen, dem auch wirklich
Tatsachen zugrundeliegen," sagte Starr abschliessend.
Daily News Service
III/4/52

16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILIINGEN
Di« (olgenden Artikel stellen AuszUge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankhirt
angefordert werden. Auf Wunsch werden dies« auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Dar Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V - 5

Frankfurt, den 29. Februar 1952

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Mindestnormen fuer das Lehrlingswesen

1

Heilands Premierminister zur amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung

9

Kuropaeer studieren moderne Agrarmethoden

10

Energie-Schluessel zur Wirtschaftskraft Europas 12
Hellmittel und medizinische Geroete durch den
Karshallplan

15

Kindestnormen fuer das Lehrlingswesen
Sin Handbuch der amerikanischen Mechaniker-Gewerkschaft
Blnfuehrung:
Da der Beruf des Mechanikers einer Jener Berufe ist, die
in groeastem Masse faohmaennlsches und technisches Eoennen voraussetzen, hat der Beratungsaussohusa fuer das Lehrlingswesen
in der AIlamerikanisehen Gewerkschaft der Mechaniker in dem vorliegenden Handbuch bestimmte Normen fuer das Lehrlingswesen
festgelegt, die bei der Ausbildung und Schulung von Lehrlingen
fuer den Mechanikerberuf Richtschnur und Gewaehr dafuer bieten
•ollen, des« die Fertigkeiten und das Wissen, die siob Gesellen
in diesem Beruf durch labrrelange praktische Erfahrung angeeignet haben, durch die Einfuehrung eines genormten Systems der
Lehrlingsausbildung fuer die Zukunft erhalten bleiben.
In die sem Sinne wird euch gefordert, dass diese Normen so
gut eingehalten werden, wie es die CJmstaende erlauben, dass
- 1-

�Fragen der Produktion gegenueber der Ausbildung als Probleme
zweitrangiger Bedeutung behandelt und dass ^ualitaet ueber Quantitaet gestellt wird.
Richtlinien fuer die Lehrlingsausbildung;
1. Alter der Lehrlinge: Bewerber fuer eine Lehrstelle muessen
zwischen 16 und 23 Jahre alt sein.
2. Dauer der Lehrlingsausbildung: Die Dauer der Lehrlingsausbildung soll nicht
weniger als 8.000 Stunden ununterbrochener
Beschaeftigune- umfassen. Wenn sich der Lehrling bereits frueher gewisse Erfahrungen in diesem Beruf erworben hat, die mit
einer Lehrlingsausbildung gleichgestellt werden koennen, so
kann der Lehrlingsausschuss diese Kenntnisse abschaetzen und
eine entsprechende Kuerzung der Lehrzeit empfehlen.
3. Probezeit: Fuer alle Lehrlinge, die in Uebereinstimmung
mit diesen Bestimmungen beschaeftigt werden, sollen die ersten
1.000 Arbeitsstunden als Probezeit gelten. Waehrend dieser
Zeit kann dar Lehrvertrag von einer der beiden beteiligten Seiten durch Kuendigune: geloest werden. Der Beratungsausschuss
fuer Lehrlingsfregen und die Registrierungsbehoerde sollen jedoch hierueber in Kenntnis gesetzt werden. Nach Beendigung
der Probezeit kann der Lehrvertrag von beiden beteiligten Seiten
jedoch nicht gekuendigt werden, wenn der Lehrlingsausschuss
diese Kuendigung nach entsprechender und sorgfaeltiger Erwaegung der angegebenen Gruende nicht billigt.
4. Lehrplan: (Siehe nachfolgende Beispiele fuer die Arbeitseinteilung waehrend der Lehrzeit).
(Die nachfolgenden "Plaene der Arbeitseinteilung" sind allgemein und sollen bei dem Entwurf entsprechender Plaene
in den verschiedenen Fabriken lediglich als Richtschnur
dienen. Der Arbeitsverlauf selbst und die Anzahl der Stunden, die fuer Jeden Lehrabschnitt aufgewendet werden sollen,
werden von den zur Verfuegung stehenden Einrichtungen und
der Art der Arbeit abhaengig sein, die in dem bestimmten
Betrieb verrichtet wird, fuer den diese Normen angewendet
werden sollen.)
Bei der Ausarbeitung von Lehrplaenen sollen die verschiedenen Arten der Arbeiten, die verwendeten Maschinen und die in bestimmten anerkannten Lehrwerkstaetten zur Verfuegung stehenden
Einrichtungen berueckslchtlgt werden, denn die Lehrzeit hat den
Zweck, durch Ausbildung an allen Maschinen und durch Unterweisung in allen Formen der Arbeit, die zu dem betreffenden Beruf
gehoeren, tuechtige Handwerker heranzubilden. Unter allen ümstaenden soll die Gesamtzeit der Lehrlingsausbildung nicht
unter achttausend Arbeitsstunden liegen.
5.

Berufsschulausbildung:
(a) Der Ausschuss fuer Lehrlingsfragen soll in Zusammenarbeit mit den Schulbehoerden technische Schulungskurse durchfahren, die die praktische Lehrlingsarbeit ergaenzen.
(b) Jeder Lehrling soll an einem anerkannten Berufsschullehrgang -fuer solche Lehrlinge teilnehmen, die ihre Lehrzeit in Uebereinstimmung mit diesen Vorschriften ableisten,
er soll Jaehrlich regelmaessig zumindest an 144 Berufsschul-

- 2 -

�stunden teilnehmen. Wo es keine Berufsschulen gibt, soll
Jeder Lehrling an einem gleichwertig anzusehenden technischen Lehrgang teilnehmen. Von Lehrlingen darf nicht verlangt werden, dass sie ausserhalb ihrer Arbeitszelt an
Berufslehrgaengen teilnehmen, es sei denn, sie werden fuer
dftose Zeit gemaess den Bestimmungen des Tarifvertrags und
des Lehrvertrags bezahlt.
•

6. Arbeitszeit fuer Lehrlinge: Die Arbeitszeit pro Tag und
pro Woohe und die Arbeitsbedingungen sollen fuer Lehrlinge die
gleiohen sein wie fuer Gesellen. Der Lehrling soll zu Jeder
Zelt gemeinsam mit einem Gesellen oder unter der Aufsicht eines
Gesellen arbeiten. Keinem Lehrling darf es erlaubt werden,
Mehrarbeit zu leisten, es sei denn, die gesamte Werkstaette
oder Abteilung, in der er beschaeftigt ist, arbeitet naoh einem
regelmaessigen (Jeberstundenplan.
7.

Loehne:
(a) Lehrlinge sollen nicht weniger verdienen, als in der
nachstehenden Lohntabelle angegeben ist:
In den ersten sechs Monaten 50% des Lohntarifs fuer Gesellen
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Nach Beendigung der Lehrzeit erhaelt der Ausgelernte den
vollen Gesellentarif.
(b) Lehrlinge, denen bereits gesammelte Erfahrungen in demselben Bexuf angerechnet werden, sollen nach ihrem Eintritt
fuer ihre Leistung den Lohntarif derjenigen Stufe erhalten,
in die sie auf Grund ihrer .Erfahrungen eingereiht werden.
Sie koennen auch nach Antritt ihrer Lehrzeit nachtraeglich
hoeher eingestuft werden, wenn ihre frueheren Berufserfahrungen sie hierzu berechtigen.

8. Regelmaessige Pruefungen: Der Lehrlingsausschuss wird die
Berichte ueber die praktische Arbeit und die Berufsschulausbildung der Lehrlinge vor Abschluss eines Jeden Halbjahres oder zu
anderen festgelegten Zeitpunkten ueberpruefen, um sioh ueber die
Fortschritte der Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der'Berufsschule und ueber andere Dinge zu informieren, die fuer die Entwicklung des Lehrlings aufschlussreich sein koennen. Der Ausschluss soll Empfehlungen unterbreiten, die ihm wuenschenswert
erscheinen.
9. Zahl der Lehrlinge in einem Betrieb: Auf Je zehn Gesellen
soll im Betrieb ein Lehrling kommen. Fuer den Fall, dass Arbeitskraefte abgebaut werden muessen, sollen auch Lehrlinge
abgebaut werden, sodass auch hier dieses Verhaeltnls 1:10 bestehen bleibt.
10. Lehrlingsvertrag: Der Lehrling und seine Eltern oder
sein Vormund (bei MinderJaehrigen) unterzeichnen einen Vertrag,
der von dem Arbeitgeber gegengezeichnet und von dem Ausschuss
fuer Lehrlingsfragen gebilligt wird. Jeder Vertrag, der unter
Anerkennung der hier beschriebenen Normen abgeschlossen wird,

- 3 -

�soll eine Bestimmung enthalten, die die Einhaltung dieser Normen
zur Bedingung macht. Aus diesem Grunde sollen der Lehrling,
seine Eltern (oder Vormund) und der Arbeitgeber eine Abschrift
dieses Vertrags erhalten. Eine Abschrift des Lehrlingsvertrags
soll also ausgehaendigt werden an;
a) Lehrling
b) Arbeitgeber
o) Gewerkschaft
d) Ausschuss fuer Lehrlingsfragen
e) Registrierungsbehoerde
11. Lehrlingsvorgesetzter: In jedem Betrieb, in dem Lehrlinge
beschaeftigt werden, wird eine Person bestimmt, die allgemein
als Lehrlingsvorgesetzter bekannt ist. Es kann sich hierbei,
besonders in groesseren Betrieben, um einen hauptberuflichen
Lehrmeister oder um einen Werkmeister, Vorarbeiter oder Gesellen handeln. Der Lehrlingsvorgesetzte i3t fuer die Durchfuehrung des Lehrlingsprogramms im Betrieb verantwortlich und wird
von dem Gemeinsamen Ausschuss fuer Lehrlingsfragen bei seiner
Arbeit beraten und beaufsichtigt. Er ist fuer die Einteilung
der Lehrlinge zu den Arbeiten, die sie nach dem Lehrplan verrichten sollen, verantwortlich, er schreibt Berichte ueber den
Stand der Lehrlingsausbildung und steht den einzelnen Lehrlingen zur Loesung ihrer persoenlichen Probleme als Berater zur
Seite. Durch entsprechende Vereinbarungen mit dem Gemeinsamen
Ausschuss fuer Lehrlingsfragen koennen ihm noch andere Funktionen uebertragen werden.
12.

Gemeinsame Ausschuesse fuer Lehrlingsfragen:
(•) Der Gemeinsame Ausschuss fuer Lehrlingsfragen ist
ein Ausschuss, in dem Arbeitgeber und Gewerkschaft paritaetisoh vertreten sind.
(b) Verwaltungsmaessige Einzelheiten:

1. Der Ausschuss tritt jaehrlich mindestens viermal zusammen, wobei eine Zusammenkunft in jedem Quartal des Kalenderjahres zu bevorzugen ist. Er waehlt unter seinen Kitgliedern
einen Vorsitzenden und einen Sekretaer.
2. Alle Mitglieder des Ausschusses, auch der Vorsitzende
und der Sekretaer, sind berechtigt, ueber alle Fragen abzustimmen.
3. Ist der Vorsitzende des Ausschusses in irgendeinem
Jahre der Vertreter der Unternehmer, so muss der Sekretaer ein
Vertreter der Gewerkschaft (oder umgekehrt) sein.
4. Der Aussohuss stellt Richtlinien und Bestimmungen auf,
die die erforderlichen Verwaltungsverfahren regeln.
(o) Aufgaben:
1. Die Ausbildungsnormen und die Moeg Henkelten des Lehrlings zu erhoehen, sich berufliche Erfahrung anzueignen.
2. Lehrvertraege zwisohen Unternehmer und Lehrling zu
billigen und diese Vertraege der zustaendigen Registrierungsbehoerde zur Eintragung vorzulegen.

- 4 -

�3. Mit dem Lehrlingsvorgesetzten, mit dem Arbeitgeber
und den Betriebsleuten der Gewerkschaft zusammenzuarbeiten.
4. Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgeber
und Lehrling in Bezug auf die Lehrlingsausbildung anzuhoeren und
zu klaeren, wenn solche Meinungsverschiedenheiten durch den
Lehrvertrag nicht entschieden werden koennen, oder wenn sie
von dem Lehrlingsvorgesetzten nicht in zufriedenstellender
Welse beigelegt werden koennen.
5. Durch Pruefung der Arbeitsberichte und durch Praefunigen, denen die Lehrlinge, wenn man es fuer ratsam oder erforderlich haelt, von Zeit zu Zeit unterzogen werden, haelt sich der
Ausschuss ueber den Fortschritt der Lehrlinge in ihren handwerklichen Faehigkeiten und ihren technischen Kenntnissen auf
dem laufenden.
6. Der Ausschuss verfasst elljaehrlich einen Taetigkeitsberlcht fuer den Unternehmer, die Gewerkschaft und die Registrierungsbehoerde.
7. Allgemein gesagt ist der Ausschuss fuer die erfolgreiche Durohfuehrung dieser Vorschriften verantwortlich, indem er
sich den hier angefuehrten Pflichten unterzieht; mit oeffentliohen und privaten Behoerden zusammenarbeitet, die seine Arbeit
foerdern koennen, indem er sich Publiziteet verschafft, um sioh
die Unterstuetzung der Oeffentllchkeit zu sichern, und indem
er mit allen in Frage kommenden Stellen in staendiger Verbindung bleibt.
13. Berater: Die Bereter in diesem Ausschuss nehmen auf dessen
Ersuchen an seinen Konferenzen teil, beraten den Ausschuss in
Fragen, die mit dem Lehr]ingswesen im Zusammenhang stehen, und
stellen ihre Unterstuetzung zur Verfuegung, wenn sie damit
eine Verbesserung der Lehrlingsausbildung erwirken koennen.
14. Bescheinigung ueber erfolgreiche Beendigung der Lehrzelt:
Nach erfolgreicher Beendigung der Lehrzeit unter Einhaltung der
vorliegenden Bestimmungen sorgt der Lehrlingsausschuss dafuer,
dass eine Bescheinigung ueber die Beendigung der Lehrzeit ausgehaendigt wird.
15. Offizielle Billigung dieser Vorschriften: Bevor diese
Vorschriften in Kraft treten, muessen sie von dem Arbeitgeber,
der Gewerkschaft und der Registrierungsbehoerde offiziell gebilligt werden.
16. Etwaige Absonderungen dieser Vorschriften: Diese Bestimmungen koennen zu ,Jeder Zeit durch Mehrheitsbeschluss des Ausschusses fuer Lehrlingsfragen mit Zustimmung des Arbeitgebers,
der Gewerkschaft und der Registrierungsbehoerde abgesondert werden, vorausgesetzt, dass eine solche Abaenderung die von der
Allamerikanischen Gewerkschaft der Mechaniker festgesetzten Mindestnormen nicht verringert. Durch solche Abaenderungen duerfen
Jedoch keine Lehrvertrtiege geaendert werden, die zu dem Zeitpunkt
der Abaenderung in Kraft sind, es sei 'denn, dass alle an diesem
Vertrag beteiligten Partner ihre ausdrueckliche Zustimmung hierzu
geben.
17. Einhaltung der Vorschriften: Diese Vorschriften werden
hiermit zun Bestandteil eines Jeden Lehrvertrags erklaert. Die
Unterzeichnung oines Lehrvertrags verpflichtet deshalb die Beteiligten zu ihrer Einhaitun«.

5 -

�18. Gebilligt wird dieser
am
und im Namen der Ortsgewerkschaft
und (Name des Arbeitgebers)

19
fuer
oder des Bezirks

(Die nachstehenden Lehrplaene, die die einzelnen Arbeiten
aufzeigen, die Lehrlinge in den verschiedenen Mechanikerberufen erlernen nuessen, sollen lediglich als Richtschnur dienen
fuer die Aufstellung von Lehrplaenen in bestimmten Betrieben
oder Industrien. Wir fuehren an dieser Stelle deshalb Beispiele einiger Lehrplaene an, wie sie in den Lehrlingsbestimmungen
der Tarifvertraage einiger unserer 3ezirks- und Ortsgewerkschaften vorgesehen sind. »Vir haben diese Lehrplaene ausgewaehlt,
weil sie sich dort, wo sie angewendet wurden, als ziemlich erfolgreich erwiesen haben.)
Wenn solche Lehrplaene in bestimmten Betrieben oder Industrien angewendet werden, kann die Verschiedenheit der hergestellten Produkte, der verfuegbaren Einrichtungen usw. es erforderlich machen, dass:
1. Die Zahl der einzelnen zu erlernenden Arbeiten erhoeht
wird (wir befuerworten jedoch nicht eine Yerminflerung dieser
Zahl);
2. die Zahl der Stunden geaendert wird, die fuer die einzelnen Arbeiten aufgewendet werden.
Lehrplaene
In einem Betrieb, in dem der Mechanik rberuf ausgeuebt
wird, muss der Lehrling mit Kenntnissen und Erfahrungen in diesem Beruf ausgeruestet werden, die es ihm gestatten, sioh nach
Beendigung seiner Lehrzeit als kompetenter l'echanikergeselle
zu qualifizieren. In der Lehrzeit sollen die Lehrlinge die
folgenden T&amp;etigkeiten ausueben, wobei nicht erforderlich ist,
die hier angegebene Reihenfolge einzuhalten.
Mechanijcer (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
ungefaehre Dauer
(in Stunden)
Werkzeugkunde
320
Bohrmaschine (Einzelspindel)
480
Bohrmaschine (radial)
480
Hobelbank
480
Fraesmaschine
960
Drehbank
1,120
Revolverdrehbank
480
Bohrmaschine
960
Anreissen
480
Montage
480
Reparaturarbeiten an Maschinen (allgemein)
640
Wiederholung und Verschiedenes
480
Schleifmaschine (innen, aussen, Oberflaeohe) ... 480
Stahlbehandlung durch Eitze
160
insgesamt

8,000

Mechaniker (Lehrplan-Anleitung Nr. 2)
Werkzeugkunde
167
Bohrmaschine (Einfach, mehrfach und radial) .... 333
Adjustieren
666

- 6 -

�Hobelbank
666
Fraesmaschine (vertikal und horizontal)
855
Drehbank
1,556
Bohrmaschine (vertikal und horizontal)
666
Schleifmaschine (Innen, aussen und Oberflaeche)
666
Zahnradschneiden
500
Stossbank
555
Anreissen und Werkbankmontage
855
Werkbankmontage
1,556
Bohrmaschine
666
insgesamt 9,005
Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
Werkzeugkunde, Gebrauch von Werkzeugen und Material
520
Bokzmaschinen
800
Fraesmaschinen
1,500
Drehbaenke
1,800
Hobelbank, Stossbank usw
Schleifmaschinen (innen und aussen)
1,040
Reparatur von Werkzeugen etc.
1,040
Werkbankarbeit
2,600
insgesamt 10,400
Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 2)
Profilschleifer
Drehbank
Fraesmaschine
Werkzeugschleifen
Zylindersohlelfen
Oberf laechensohleifen
Höbe lbank
Beerten
Werkzeugpruefen
insgesamt

500
1,500
1,500
1,000
1,000
1,000
500
500
500
8,000

Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 5)
Hobelbank
Drehbinke
Fraesmaschinen
Schleifmaschinen (alle Typen)
Reparatur von Maschinen
Werkbankarbeit
insgesamt

1,000
1,500
1,500
1,000
500
2,500
8,000

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
(Vergaser- und Dieselmotore)
".Yerkzeugkunde
Bremsen
Reifen, Raeder, Federn
«
Hinter- und Vorderredachsen, Steuerung,
Univeraalgelenke
Kupplung, Transmissionen
Kuehlung
Treibstoff, Vergaser, Funpen, Injektoren
Generalueberholen von Maschinen
Sammlerbatterien
Anlassen von Kotox&gt;en, Lichtmaschinen, Lampen,
elektrische Anlagen
7 -

160-160
56C-54C
560-540
560-740
560-540
520-400
960-1280
1,600-1800
160-200
1,280-1,500

�Schweissen, Ha rtloeten, Loeten

200-300
8,000

insgesamt
Autoschlosser ILehrplan-Anleitung Kr.2)

Monate

Auseinandernehmen Auseinandernehmen des Motors
von Teilen
Abmontieren des Vorderteils
und der Bremsen, der Steuerung, Raeder usw.

Stunden

6

1,040

des Vorderteils und der
Bremsen, der Fus =rasten,
Uebertragungswellen und Antriebswellen, usw.

9

1,560

Motor, einschl. Transmisslon, Differential, Bremsen, usw.

3

520

praktische Arbeit Bohren, Werkbankarbeit, einIn der Werkstatte schl. Fraesen, Feilen U3'.v.

3

520

6

1,040

Ueberholea

Zusammensetzen
und Einbauen

Ueberholen von

Kupplung, Transmission,
Differential, Steuerung usw.

Ueberholen des

Motors, einschl. Einfahren
und Pruefen
7
Elektrische
Kabel und Beleuchtung pruefen
Anlagen
und ausbessern; Ueberholen
der Verteiler Anlasser, Lichtmaschinen usw.
4
Treibstoffanlagen Pruefen und Reparieren der Benzinleitungen und Vergaser,
Pruefen der Frischluftzufuhr
4

Allgemeine Inspektion
Schweissen

Allgemeine Inspektion, auch
nach Fahrprobe
Schweissen, Loeten, Haerten
und Richten von Einzelteilen
insgesamt

1,214

693
693

3

520

3
48

520
8,320

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 3)
Karosserie und Federn
Vorderachse und Steuerung
Hinterrad- und Achsenmontage
Transmission und Kupplung
Motor
Bremsen
Pruefen von Vergasung, Zuendung, elektr. Anlagen,
Kuehlung, Treibstoffpumpe
Wiederholung und Verschiedenes (darf nicht mehr als
25J6 der in einem Vierteljahr geleisteten
Arbeitsstunden in Anspruch nehmen)
insgesamt

Stunden
600
1,000
1,000
1,000
2,000
600
1,600

8,000

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 4)
Karosserie und zugehoerige Teile

1,000

8

�Stunden
Bremsen, Kupplung, Transmission, Differential und
zugehoerlge Teile
•
Motor und zugehoerlge Teile
Pruefen von Treibstoffpumpe, Vergasung und elektr.
Anlagen
%
Verschiedenes
insgesamt

1,500
1,500
1,500
2,500
8,000

Flugzeugmechanikerlehrllng
Modellmachen
Metellformen mit der Hand
Bearbeiten von Einzelteilen
Blechzurichtung und Vormontage
Zusammensetzen des Rumpfes
Zusammensetzen des Mittelteils
Fluegelfabrikati on und Montage
Fabrikation und Montage der Seitenruder
Holz, Stoff, Anstrich
Anstrich und Fertignontage
Kabelflechten
Installation und Hydraulik
Fabrikation und Schweissen von Stahl
Elektrische Anlagen
Fertigmontage
Zusammensetzen und Einbauen von Lichtmaschinen
Ueberholen der Motore
Bedienung von Flugzeugen
Technische Fachschulausbildung
Hydraulik und verschiedene Anlagen, Elektrik, Funk,
Instrunente, Lichtmaschinen, Aufbauten
EinJaehrige Fachschulausbildung
insgesamt

120
120
80
120
120
120
120
120
120
80
40
480
200
520
1,380
668
400
1,000
432
1,936
114
8,320

Quelle: Allamerikanische Mechanikergew.
Hollands Prenlermlnlster zur amerikanischen Gewerkachaftsbewegung
Der hollaendische sozialistische Premierminister Willem
Drees erklaerte vor kurzem in Amsterdam, seine Taetigkeit in
den Vereinigten Staaten waehrend seines Besuchs im Januar sei
nach seiner Rueckkehr in ungerechtfertigter Weise in Holland
kritisiert worden, obwohl es zur Zeit seiner Abreise allgemein
bekannt gewesen sei, dass er die Absicht hatte, mit amerikanischen Gewerkschaftarn und Fuehrern sonstiger sozialer Gruppen
Verbindungen aufzunehmen.
"Auf der einen Seite sagte man, ich haette mit Kapitalisten Freundschaft geschlossen, waehrend auf der anderen Seite
behauptet wird, ich sei als "Parteinann" und nicht als Vertreter
unseres Landes nach den USA gegangen, weil ichn mit Gewerkschaftsfuehrern und Arbeitern Unterredungen fuehrte, erklaerte der
Premierminister in einem Artikel, der im Organ des sozialistischen Gewerkschaftsbundes veroeffentlicht wurde. Premierminister
Drees ist Mitglied der hollaendischen Arbeiterpartei; er half
mit, den hollaendischen "Arbaitsvereinigung" zu organisieren,
ein Nachkriegsexperiment zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
"Fuer nich hatten neine Bemuehungen keinen anderen Zweck,
als nich mit den Arbeitsbedingungen, den Sozialversioherungssystemen und der Haltunr der Arbeiter und der Gewerkschaften
vertraut zu machen.
- 9-

�"Ich kann mit Genugtuung feststellen, dass die Erfahrungen, die ich sammeln konnte, fuer mich ungeheuer wertvoll
waren. V.'ie aehnlich waren die Probleme - wenn auch in andersartigem Verheeltnis - denen, die wir hi9r in unserem eigenen
Lande zu loesen haben, und wie gross war das gegenseitige
Verstaendnis fuer Dinge, die auf dem Gebiet der Arbeit getan
werden koennenl"
Premierminister Droes betonte, man sei in Amerika der
festen Ueberzeugung, dass jede Steigerung des Lebensstandards
von einer Steigerung der Produktion abhaengig ist. Eine der
grossen amerikanischen Gewerkschaften habe eine besondere
Abteilung, in der die Unternehmer ueber moderne und leistungsfaehige Produktionsmethoden beraten wuerden.
"Aber die Arbeiter wissen auch, dass Produktionssteigerungen allein keine Gewaehr fuer bessera Lebensbedingungen
oder groessere soziale Sicherheit sind, wenn e3 keine starken
Gewerkschaften und keine umfassende Sozialgesetzgebung gibt,"
fuhr Premierminister Drees fort. "Das Ausmass der gewerkschaftlichen Taetigkuit und der Sozialgesetzgebung ist gegenueber
Holland verschieden, aber die amerikanischen Arbeiter sind
sich der Notwendigkeit dieser beiden Faktoren bewusst."
Drees stellte fest, dass sich die amerikanischen Gewerkschaften auf breitester Basis mit Fragen beschaeftigen, die
sich gewiss nicht auf Loehne und Arbeitszeit allein beschraenken. Gesundheitseinrichtungen, die in Amerika nicht im gleichen Hasse wie in Holland durch bundesstoatliche Gesetze festgelegt sind, ziehen die Aufmerksamkeit der Gewerkschaften ganz
besonders *uf sich. Er berichtete von einem Gesundheitazentrum
einer Gewerkschaft, da3 ausschliesslich mit ICitt9ln der Gewerkschaft aufgebaut worden war, und nun zur Haelfte von Gewerkschaften und Unternehmern finanziert wird. Sehr viel wurde
fuer die Arbeiterbildung getan. Drees berichtet von einem
Besuch in einer Schule fuer Betriebsleiter und in einer "Schulungs- und Bildungsabteilung* einer Gewerkschaft, wo vielseitige Arbeit geleistet wurde.
T o r einigen Tagen erhielt ich von einem Funktionaer dieser Abteilung einige Buecher und Broschueren ueber die Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten," sagte der Premier»
minister. "In eines dieser Buecher hatte er die Widmung geschrieben: "Gruesse an die Kollegen in den hollaendischen Gewerkschaften." Es ist mir eine Freude, diese Grueäse zu uebermitteln.
"Das Amerikanische Gewerkschaftskomitee arbeitet auf internationaler 3asis mit den freien Gewerkschaften anderer
Laender zusammen. Diese Zusammenarbeit wird zusammen mit wachsendem gegenseitigem Verstaendnis fuer die Erhaltung der Freiheit und die Verbesserung des Wohlstandes und der sozialen
Sicherheit in zunehmendem Masse von Bedeutung sein."
KSA Resorts
III/5/52
Eurooaeer studieren moderne Agrarmethoden
Europaei3Che Experten, die naoh den Vereinigten Staaten
gehen, um amerikanische Produktionsmethoden zu studieren,
koennen zuweilen auch den Amerikanern noch etwas zeigen. Dies

10 -

�gilt besonders fuer die Landwirtschaft. Landwirte, besonders
aus Nordeuropa, wissen z.B. sehr gut, wie man noch mehr Getreide aus einem Morgen Land herausholt, und wie die Milchleistung
einer Kuh noch besser gesteigert werden kann. Aber die europaeischen Landwirte brauchen fuer ihre Arbeit weit mehr Arbeitskraefte als die amerikanischen Farmer.
Da die Landflucht immer groessere Ausmasse annimmt und
mehr und mehr Arbeiter wegen der besseren Verdienstmoegliohkelten in die Staedte gehen, sind europaeisohe Agrarexperten
hauptsaechlich an arbeitsparenden landwirtschaftlichen Methoden und Maschinen interessiert. Ihre Hauptaufgabe besteht
darin, die Produktionsleistung des einzelnen Arbeiters zu steigern, um einen Ausgleich fuer die abwandernden Arbeitskraefte
zu schaffen und damit dazu beizutragen, die Preis« fuer Lebensmittel niedrig zu halten.
In einigen Teilen Suedeuropas, Suedostaslens und Nordafrikas koennten die Ernten und die Ertraege der Viehhaltung
verdoppelt werden, was einen wesentlichen Beitrag zur Deckung
des Bedarfs an Lebensmitteln und Kleidung in der freien Welt
bedeuten wuerde.
Das Programm zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion bedeutet nicht nur eine Staerkung des Wirtschaftspotentials dieser ^aender, sondern bringt auch einen hoeheren
Lebensstandard fuer deren Bewohner mit sich und steigert zugleich ihre Faehigkeit, sich gegen den Kommunismus zu verteidigen.
Im vergangenen Jahr wurden im Rahmen des Marshallplans
839 Agrarexperten aus Yuesteuropa und Suedostasien nach den
Vereinigten Staaten geschickt,- um dort Mittel und Wege zur
Steigerung der Produktivitaet in der Landwirtschaft zu studieren. Sie nahmen an 210 Lehrveranstaltungen tei'l, angefangen
von agrarwirtschaftlichen Vorlesungen bis zur Unterweisung in
modernen Methoden der Zucke^ruebenverwertung.
Die amerikanische Verwaltung fuer Gemeinsame Sicherheit
(MSA), der nun die Lenkung der wirtschaftlichen und militaerischen Hilfe Amerikas in Uebersee uebertragen ist, arrangiert
ausserdem Besuche amerikanischer Agrarexperten nach solchen
Laendern, die von Amerika unterstuetzt werden. Das gesamte
landwirtschaftliche Unterstuetzungsprograrnm wird durch die Zusammenarbeit Tausender amerikanischer Farner, Farmerorganisationen, landwirtschaftlicher Hochschulen und des amerikanischen
Landwirtschaftsministeriums ernoeglicht. In unterentwickelten
Laendern Suedostasiens, wie Burma, Indochina, Thailand und
den Philippinen, haengt der Lebensstandard der eingeborenen Bevoelkerung, die sich zu 80-90$ aus Bauern zusammensetzt, voellig von diesen Unterstuetzungsprograrnm ab. Im nahen Osten ist
es die Tuerkei, die unter Anwendung fuer diesen Staat revolutionaerer Neuerungen zur Modernisierung ihrer Landwirtschaft
vorwaertsstrebt. Die fortschrittliche Entwicklung in diesem
Land wird dazu beitragen, die Luecke in seiner Lebensmittelversorgung zu 3Chliessen, die durch den Verlust der Importe aus
Laendern hinter den Eisernen Vorhang entstanden ist. 28 junge
Tuerken verbrachten ein Jahr in den Vereinigten Staaten, um dort
Dinge zu lernen, die sie nach ihrer Rueckkehr den tuerkischen
Bauern mitteilen koennen.
Das nur wenig Nahrungsmittel erzeugende England hat sich
von seiner seit Jahrhunderten befolgten traditionellen Land-

- 11 -

�Wirtschaftspolitik abgewandt und foerdert mit allen Mitteln
die neuen Methoden der Nahrungsmittelerzeugung. Britisohe
Agrarexperten konnten mit Hilfe des Austauschsprogramms des
Marshallplans viel lernen. Sie waren besonders interessiert
an den Methoden der Arbeitgeber in der Landwirtschaft, die
in Amerika dazu beigetragen haben, dass die Farmer zwei- bis
fuenfmal soviel Lebensmittel pro Arbeitsstunde erzeugen koennen wie die Landwirte in England.
Westdeutschland, das sioh dem Problem gegenuebersieht,
ausser seiner Bevoelkerung elf Millionen Flueohtlinge aus den
Laendern hinter dem Eisernen Vorhang zu ernaehren, prueft alle
amerikanischen Arbeitsmethoden, die geeignet sein koennten,
die landwirtschaftliche Erzeugung zu steigern. Ein deutscher
Agrarexperte leitet seit seiner Rueckkehr aus den Vereinigten
Staaten eine bekannte bundesstaatliche Informationsabteilung,
die Veroeffentllchungen, Lehrfilme, Marktberichte und andere
Informationen fuer die Landwirtschaft ausarbeitet, Dinge, die
fuer den amerikanischen Farmer laengst Selbstverstaendllchkeiten geworden sind.
Die Maisproduktion konnte in Frankreich wesentlich gesteigert werden, nachdem zwei franzoesische Agrarexperten in den
Vereinigten Staaten im Jahre 1949 vier Monate lang den Anbau
von Hybridenmais studierten. 1950 wurden in Frankreich etwa
150 Tonnen Hybridenmais verbraucht. 1951 betrug der Verbrauch
bereits 1,000 Tonnen und die Anbauflaeche fuer Hybridensaatmais, der 1953 zur Aussaat gelangt, "umfasste 800 Hektar.
Die Ertragsfaehigkeit von Hybrideniaais ist um 25 bis 50%
groesser als die der bisher uebliohen franzoesischen Anbausorten.
Ein deutscher Experte fuer Viehzucht hat zusammen mit Vertretern des amerikanischen Landwirtschaftministeriums Forschungsarbeiten ueber eine wenig bekannte Tierkrenkheit durchgefuehrt, was fuer die Viehzuechter in beiden Laendern von Vorteil sein wird.
ECA-Information
Energle-Schluessel zur Wirtschaftskraft Europas
Energie ist das Lebensblut der Industrie, Europas staendig steinende Industrieproduktion braucht neue Energiezufuhren. Der Marshallplan hat die Bemuehungen, der im Wiederaufbau
begriffenen Industrie die noetigen Energien bereitzustellen,
nachdrueoklich unterstuetzt, aufgrund der Gewissheit unterstuetzt, dass das Gedeihen und die Verteidigung der freien Welt
untrennbar mit der Energieversorgung zusammenhaengen.
Die OEEC erklaerte anlaesslich der Annahme ihre3 Prorramms
zur Steigerung der europaeischen Industrieproduktion,dass, um das
Verteidigungsprogramm durchzufuehren und zugleich den Lebensstandard zu steigern, Westeuropa in den naechsten fuenf Jahren
seine Produktion um weitere 25% steigern muss. Energieversorgung, die ausreichend sein soll, ist 3omit ein wichtiger Faktor
zur Durchfuehrung dieses Programms.
Kein anderer Einzelfaktor spielt eine solch wichtige Rolle
bei der Produktionssteigerung wie die Energie. Eine Maschine
mit eigenem Antrieb laesst die Haende des Arbeiters fuer andere
Arbeiten frei und Jluropa wird in den kocinenden Jahren sehr viel
Arbeit fuer freie Haende haben.
- 12

�Der Stromverbrauch der europaeiachen Industrie steigt
staendlg an. Die Produktion haelt Jedoch noch Schritt mit
den Plaenen des SCA-Programms, das eine jaehrliche Mehrproduktion von etwa 8$ vorsah. Bis zum Jahre 1951 hatte sich die
Stromerzeugung im Vergleich zu den VorkriegsJahren verdoppelt,
die Haelfte dieses Fortschritts war seit dem Jahre 1947 zu
verzeichnen. Der industrielle Energiebedarf ist aber nooh
Immer weitaus hoeher als die Erzeugung, bis zum Jahre 1954
wird die3 Jedoch in noch weit groesserem Masse der Fall sein.
Nach den letzten Berechnungen wird das Stromdefizit unter normalen Wasserverhaeltnissen im Jahre 1954 etwa 4,7000,000 kw betragen, waehrend es 1951 erst 3,500,000 kw ausmacht. Der Energiemangel wird vor allem in Grossbritannien, Italien, Deutschland und Holland zu Engpaessen fuehren, waehrend in Griechenland und Oesterreich das Defizit geringer 3ein wird. Nach den
Berechnungen fuer die Jahre 1951 bis 1954 wird bei normalen
Wasserverhaeltnissen in Belgien und Frankreich ein betraechtlioher Energieueberschuss vorhanden sein.
Der Marshallplan leistete einen erhebliohen Beitrag zu der
bedeutungsvollen Steigerung der Stromversorgungskapazitaet.
Dieser Beitrag, der in Form einer finanziellen Hilfe stattfand,
belief sich bis zum 1. August 1951 auf 665 Millionen D-Mark zuzueglioh eines Betrages aus dem Gegenwertfond in Höhe von weiteren 4,116 Millionen D-Mark. Von Anfang an wurde besonderer
Wert darauf gelegt, vor allem grosse Projekte, in erster Linie
Jedooh im Bau befindliche Staudaemme fertigzustellen; ebenso
wurde in der Anlaufphase des. Marshallplans der Ankauf sofort
einsetzbarer Anlagen gefoerdert. Die ECA hat die westsuropaeisohsn Regierungen staendig darin bestaerkt, den Energieprojekten ein besonderes Prioritaetsvorrecht einzuraeumen und das
Interesse des privaten Kapitals wie auoh der Internationalen
Bank dadurch zu foerdern, dass sie solchen Projekten ihre grundsaetzliche Unterstuetzung zusagte.
In Frankreich allein wurde ungefaehr eine Summe von 4,2
Milliarden D-Mark fuer Kraftwerke verausgabt. An dieser Summe
hat sich die ECA direkt mit 160 Millionen D-Mark und mit weiteren 2100 Millionen D-Mark aus dem Gegenwertfond beteiligt.
Im Jahre 1949 wurden 3,130 Millionen Francs aus dem Gegenwertfond zugewendet, um den Plan der Nutzbarmachung der Rhone,
der Frankreich Jaehrlich zusaetzlich 14 Milliarden kw Strom
erbringen kann, durchzufuehren.
Dieses sioh ueber 30 Jahre erstreckende Projekt sieht vor,
dass 22 Daemme im Tal der Rhone erbaut werden. Damit wird die
Rhone zugleioh vom Genfer See bis zum Mittelmeer schiffbar und
bewaessert Tausende von Aeckern, die bisher brach lagen.
Der erste Abschnitt dieses riesigen Brojekts war die Fertigstellung des Ganlaaiat-Damms. Dieser Damm, fuer den
2,395,000 Francs aus Gegenwertfondmitteln aufgewendet wurden,
ist der groesste Staudamm Europas und liefert eine Energiekapazltaet von 390,000 kw. Der naechste Bauabschnitt bildete die
Stauung der Rhone bei Donzere, wobei das Wasser der Rhone in
einen zementierten Seitenkanal abgelenkt wurde. Die naeohste
Etappe war der Bau des Wasserkraftwerks in Mondragon. Das mit
Hilfe von 2,850,000 Franos aus Gegenwertfondsmitteln finanzierte
Donzere-Mondragon Projekt wird nach seiner Fertigstellung im
naeohsten Jahre Frankreichs Stromerzeugung um 2 Millionen kw
im Jahr steigern.

13 -

�Oesterreich erhielt bis zum 30. Juni 1951 aus Gegenwertfondsmitteln 231,000,000 D-Mark fuer die Fertigstellung von
Kraftwerken und fuer die Ausruestung solcher Anlagen. Der
Kaprun-Danm an der Enns mit seiner 129 Meilen langen Ueberlandleltung, die in Richtung Wien fuehrt, wird eine Energie
von 600 Millionen kw im Jahr erzeugen - das sind 10 Prozent
der oesterreichischen Gesamtproduktion. Diese Leitung, die
ueber 680 Stahlma3ten laeuft, die 5,000 Tonnen wiegen, hat bereits sehr wesentlich die bedrohte Stromversorgung Wiens verbessert. Mehr als Zweidrittel der Gestehungskosten wurden von
der ERP getragen, das Projekt konnte innerhalb von neun Monaten fertiggestellt werden. In. diesem Kraftwerk ist ein so
hoher Druck auf die Flaeche eines Quadratzentimeters zu finden, wie es in keinem anderen Werk dieser Groessenordnung erreicht wird.
In Bröunau an der deutsch-oesterreichischen Grenze wurde
der Bau eines Kraftwerks am Inn von dem OesterrelchischenBayerischen Kraftwerk in Angriff.genommen. Das Werk besteht
aus vier Einheiten mit einer Leistung von je 2-i,000 kw, die
eine Gesamtenergie von 96,000 kw erzeugen. Zwei Einheiten werden das oesterreichische und zwei das bayerische Netz versorgen. Die Gesamtkosten fuer das Kraftwerk werden mit 120 Millionen D-Mark veranschlagt. Die ECA erteilte die Genehmigung,fuer
2,395,000 D-Mark aus den Vereinigten Staaten moderne Baugeraete
fuer dieses Projekt anzukaufen.
In Italien erhielt die Gesellschaft Idroelettrica Piemonte in Turin im Jahre 1950 eine Anleihe von 26,500,000 D-Merk,
um ein komplettes Dampfkraftwerk anzukaufen. Dieses Kraftwerk
soll die Wasserkraftwerke Norditaliens in jenen Faellen mit
Strom versorgen, wo durch Stromauafaelle die Versorgung der
Industrie gefaehrdet ist - bei Wasserkraftwerken ist dies
vor allem in den Sommermonaten der Fall. Turin, das wichtigste
Industriezentrum Italiens, hat 'seit Ende des Krieges besonders
schwer unter Stromkuerzungen und -ausfaellen gelitten. Das
neue Werk wird dazu beitragen, diesen Mangelzustand zu beheben. Insgesamt hat Italien bis zum 30 Juni 1951 mehr als 570
Millionen D-Mark zum Bau von Kraftwerken aufgewendet, die ECA
hat sich daran mit 277 Millionen D-Mark beteiligt.
Die Erweiterung des Kyndby-Kraftwerkes auf der daenischen Insel Seeland, deren Kosten sich auf 42 Millionen D-Mark
belaufen; sollen noch in diesem Jahre fertiggestellt sein.
Das Kraftwerk Kyndby wird gemeinschaftlich mit zwei, anderen
Kraftwerken auf Seeland und zusaetzlichen Stromlieferungen aus
Schweden das oestliche Daenemark bis zu 90 Frozant mit Strom
versorgen. Die Baukosten fuer dieses Projekt wurden zur Haelfte aus Marshallplanmitteln bestritten. Die Erweiterung des
Kjtadby-Werkes ist nur ein Teil des Plans der d&amp;enlschen Regierung, Daenemark voellig von den kleinen, unwirtschaftlichen
und unrentablen Kraftwerken unabhaengig zu machen.
In Deutschland hat die Erweiterung des Kraftwerks Hannover-Ost wesentlich zu dem schnellen Wiederaufbluehen des Kamburger Hafens beigetragen. Eine Marshallplanzuwendung von
10,000,000 D-Mark nachte es moeglich, die Energieerzeugung
von 70,000 kw auf 140,000 kw zu steigern. Die Fertigstellung
dieses Dampfkraftwerkes hat den groesseren Strombedarf, der
auf die allgemeine Wiederbelebung der Industrien im Hamburger
Gebiet zurueckzufuehren ist, decken koennen. Eine weitere Zuwendung von 11,000,000 D-Mark bestritt die Baukosten der neuen

- 14 -

�110,000 kw Ueberlandleitung von Hannover-Ost nach Hamburg,
ueber die der Strom des Kraftwerkes in das Netz geleitet
wird. Die Gesamtkosten fuer diese beiden Projekte betrugen
27,000,000 D-Mark. Ton dieser Summe stammen 21,000,000 DMark aus Marshallplanmitteln und 6,000,000 D-Mark aus privaten Quellen.
Es besteht bereits ein gewisser Stronaustausch zwischen
den benachbarten europaeischen Laendern. Es ist jedoch nicht
moeglich, das Stromdsfizit durch eine Kopplung der bestehenden europaeischen Netze zu ueberbruecken. Ueberschuesse be.stehen an 3ich haeufiger eis Defizite, aber sie bestehen
nicht zur gleichen Zeit, ein gesanteuropaeisches Netz wuerde
daher die Schwierigkeiten zur Zeit noch nicht beseitigen
koennen.
Um diesen Strommangel zu beheben, hat sich die Karshallplan-Verwaltung dafuer eingesetzt, zusaetzliche Kraftwerke in
den Laendern mit einem hohen Stromdefizit zu errichten, waehrend in den Laendern, die durch neue Ueberlandleitungen zu eii ner Verminderung des Defizits beitragen koennen, diese Leitungen und Transf or:;»atorenstationen erbaut werden muessen.
Es wurde auch besonders darauf. Wert gelegt, Waermekraftwerke zu errichten, um einen besseren Ausgleich zwischen
Waerme- und Wasserkraftwerken zu erzielen, um damit die saisonbedingten Maengel besser zu ueberwinden.
Es ist das Ziel der ECA, die europaeische Energieversorgung duroh Errichtung neuer und Erweiterung bestehender
Kraftwerke um fuenf Millionen kw pro Jahr zu steigern, damit
bedeutend mehr PS hinter jedem europaeischen Arbeiter stehen
und somit die Voraussetzungen fuer eine staendig wachsende
Produktion gegeben sind.
ECA Information
Heilmittel und medizinische Geraete durch den Marshallplan
fuer Europa
Radium, eiserne Lungen und DDT, die im Rahmen der Marshallplan-Hllf3massnahmen nach Westeuropa geschickt wurden,
waren fuer die Wiedergesundung dieses Kontinents von einer
Bedeutung, die bei weitem in keinem Verhaeltnis zu den Kosten
steht.
Von Beginn des Marshallplans im Fruehjahr 1948 bis zum
30. Juni 1951 waren aus Marshallplanmitteln insgesamt 200
Millionen D-Mark fuer Arzneien und medizinische Geraete aufgewendet worden. Wunderwirkende Heilmittel und moderne
Heilmethoden haben den Europaeern geholfen, sich einen normalen Gesundheitszustand wieder zu verschaffen. Die Krebsforschung in Frankreich, die Belieferung Hollands mit Brutkasten fuer fruehgeborene Kinder und die Herstellung Jcuen3tlicher Glieder in Griechenland sind einige Beispiels fuer
die Arbeit auf medizinischem Gebiet, die in Europa unter
verhaeltnismaessig geringem Kostenaufwand geleistet werden
konnte.
Die Entwicklung der pharmazeutischen Industrie in Frankreich in den letzten drei Jahren ist beispielhaft fuer das
Wiedererstarken Westsuropas unter dem Marshallplan. Unmittel-

- 15 -

�bar nach dem Kriege, aber noch vor dem Einsetzen des Marshallplans, hatte Frankreich fuer Penicillin, Streptomyzin und
andere Antibiotika 15 Millionen D-Mark ausgegeben. Damit war
bei weitem der Bedarf Frankreichs nicht gedeckt, aber es verfuegte nur ueber geringe Dollarreserven. Seit Beginn des
Marshallplans hat Frankreich Heilmittel dieser Art im "Werte
von 42 Millionen D-Mark erhalten.
Gleichzeitig konnte in diesem Land selbst dank der Hilfe
des Technischen Unterstuetzungsprogramms der ECA mit der Herstellung solcher Heilmittel begonnen werden; heute ist Frankreich sogar in der Lage, bestimmte Arzneien zu exportieren.
Vor kurzem wurden 2,250,000 D-Mark fuer den Bau von zwei Streptomyzin- Werken bereitgestellt, deren Produktion den gesamten
Inlandsbedarf decken wird.
Auch die Krebsforschung und -behandlung wurde in Frankreich
mit ECA Mitteln gefoerdert. Dank einer Sendung von 10 Milligramm Radium im Werte von 336.000 D-Mark konnte die groesste
radiumtherapeutische Klinik Frankreichs weiterarbeiten. Fuenf
Spezialinstrumente, "Autotechnicons" genannt, die bei der
•
Kreb3diagnose das Gewebe automatisch untersuchen, wurden ebenfalls nach Frankreich geliefert. Mit diesen Geraeten koennen
in unterbrochenem Arbeitsgang viermal so viel Untersuchungen
durchgefuehrt werden wie bei dem alten Handverfehren.
Mit dem Flugzeug wurden drei "Eiserne Lungen" nach
Paris gebracht, die zur Bekaempfung der spinalen Kinderlaehmung in dem kritischen Jahr 1949 benoetigt wurden. Flugzeugladungen von DDT, dem bekannten Insektenbekaempfungsmlttel,
wurden nach Europa geschickt, um unter der Anleitung amerikanischer Spezialisten bei einer Malaria-Bekaempfungskampagne
verwendet zu werden. Groessere Mengen gingen zum gleichen
Zweck nach Franzoesisch Afrika. Dem Institut Pasteur in Saigon wurden zur Bekaempfung der Tuberkulose medizinische Geraete
im Vferte von 84,000 D-Mark zur Verfuegung gestellt.
Die Modernisierung und Neuausruestung der Penicillinwerke
in Daenemark und Oesterreich wurde durch einen Zuschuss aus
Marshallplanmitteln in Hoehe von 945.000 D-Mark ermoeglioht.
Die Penicillin-Fabrik in Daenenark kann nun auch Korwegen und
Schweden versorgen, waehrend sich das in Oesterreich erzeugte
Penioillin durch eine besondere Haltbarkeit auszeichnet und
gespeichert werden kann, um etwaigen Notfseilen vorzubeugen.
Zwei Sachverständige aus England, die von der ECA bezahlt
werden, leiten die Herstellung und das Anpassen von kuenstlichen Gliedern in einer grossen orthopaedischen Werkstaette in
Griechenland. Ueber 20,000 Amputierte, groesstenteils Kriegsopfer, werden in einem benachbarten Hospital behandelt, das
zu einem grossen Teil mit Hilfe der ECA erweitert una modernisiert werden konnte.
Wie diese Beispiele zeigen, ist dioser uralte Kampf, in
den die Menschheit von Jeher verwickelt ist, na.emlich der
Kampf gegen Krankheit und Tod, in den letzten drei Jahren
mit Hilfe des Marshallplans in Europa erfolgreich gefuehrt
worden.
ECA Information

- 16 T D c » W7» (I II

�Internationale

ARBEITSHITTEILUNCEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von d i e s e n Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Hohen Kommisaion für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V - 6

F r a n k f u r t , den 1 4 . iLärz 1952

I N H A L T S V JS R Z ii I C H K I S

Soziale Sicherheit in den Vereinigten Staaten ..
Wright Mills neue Theorie ueber den Angestelltenberuf

1

13

Soziale Sloherhelt in den Vereinigten Staaten
Die meisten Europaeer sehen die sozialen Verhaeltnisse
Amerikas so, wie sie die sozialkritisohen Romane Steinbeeks
und Dos Passos vor zwanzig Jahren geschildert haben. Amerika
ist fuer sie ein Land, in dem ein freies kapitalistisches
Wirtschaftssystem Aufstiegsmoegliohkeiten fuer jeden, soziale
Sloherhelt aber fuer niemand bietet. Sie sahen auf der einen
Seite den "self-made businessman", der sioh vom Zeitungsverkaeufer emporgearbeitet hat, auf der anderen den Fabrikarbeiter, fuer den niemand sorgt, wenn er einmal arbeitsunfaehig
geworden ist.
Dass dieses soziale Bild trotz der veraenderten Verhaeltnisse nooh immer vorherrscht, ist wohl der Eindringlichkeit
einer kuenstlerisohen Darstellung zuzusohreiben. Aber auoh
eine gewisse Propaganda hat dazu beigetragen, dieses Bild zur
Foerderung ihrer Ziele festzunageln. So haben es zum Beispiel
die Kommunisten zur Rechtfertigung des niedrigen Lebensstandards
In der Sowjetunion benuetzt. Ja, sagen sie, der amerikanische
- 1 -

I

�Arbeiter hat einen hoeheren Lohn, es stimmt, dass er sich ein
Auto kaufen kann, ein Haus, und alles was dazugehoert. Aber
im Gegensatz zum Arbeiter in der UdSSR steht er ohne sozialen Schutz da.
Wie liegen die Verhaeltnisse aber wirklich? Die letzten
fuenfzehn Jahre haben nahezu jedem Lohnempfaenger in den Vereinigten Staaten eine ausreichende soziale Sicherstellung gebracht. Daneben beziehen 7,650.000 Arbeiter auf Grund von
Kollektivvertraegen Sozialleistungen wie Altersrente, Unfallentschaedigung und Krankengeld.
Die vorliegende Zusammenfassung ist fuer Gewerkschafter,
Sozialwissenschafter und alle jene gedacht, die ein klares
Bild des Sozialversicherungswesens der Vereinigten Staaten bekommen wollen.
*

*

*

Das Gesetz aus dem Jahre 1950 sieht erhoehte Bundesversicherungsleistungen fuer Millionen neuer Berechtigter vor.
AUS DEM INHALT: EINLEITUNG. - FUENFZEHN JAHRE BUNDES-SQZIALVERSICHERUNGEN. Ihre vordringlichsten Aufgaben: Kinderhilfe,
Blinden-, Alters- und Arbeitslosenunterstuetzung. DIE VERWALTUNGSTECHNISCHE ORGANISATION DES SOZIALVERSICHERUNGSWESENS
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN. DAS GESETZ AUS DEM JAHRE 1950.
EIN BEDEUTENDES HILFSPROGRAMM FUER ALTE ARBEITER UND IHRE
FAMILIEN: Weitere Vorteile des neuen Gesetzes; ein wesentlicher Fortschritt, der in kuenftigen Errungenschaften seine
Fortsetzung finden wird.
E i n l e i t u n g
Am 28. August 1950 hat Praesident Trurnan die "Novelle
aus dem Jahre 1950 zum Sozialversicherungsgesetz" unterzeichnet, das eine Reform des seit dem Jahre 1935 in den Vereinigten Staaten in Geltung gewesenen Bundes-Sozialversicherungagesetzes darstellt. Die neuen Massnahmen stellen einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Altersversorgung, Familienunterstuetzung, Arbeitslosenunterstuetzung, Unterstuetzung
der Hilfsbeduerftigen, der Blinden und aller derjenigen dar,
denen das Schicksal einen angemessenen Lebensunterhalt versagt
hat.
Das Gesetz aus dem Jahre 1950 sieht vor allem eine Erhoehung der Anzahl der Arbeiter, die zum Bezug einer bundesstaatlichen Altersrente berechtigt sind, vor. Diese stieg von
35,000,000 auf 45,000,000. Hier sind die Nutzniesser vor
allem diejenigen, denen bisher kein Schutz durch Altersversorgung zustand. Es handelt sich hierbei um folgende Gebiete:
Landwirtschaft: 850.000 Arbeitende; selbstaendig, nicht in
der Landwirtschaft Erwerbstaetige: 4,700.000 Arbeitende;
Haushalt: 1,000.000 Arbeitende.
Ausserdem werden 3,000.000 pensionierte Arbeiter schon
ab September 1950 eine hoehere Rente erhalten und ab 1. Januar
1950 - diese Massnahmen sind inzwischen zum Gesetz geworden werden drei von vier in der Wirtschaft taetige Amerikaner
sozialversichert sein; eine Massnahme, die darauf hinzielt,
alte Leute vor drohender Armut zu schuetzen. Von der finanziellen Seite aus gesehen gibt diese neue Massnahme die Moeglichkeit, die monatliche Rente fuer alte Arbeiter und ihre
2 -

�Familien um durchschnittlich 77,5$ zu erhoehen. Dadurch wird
die vom Bundesstaat gewaehrte Alterspension durchschnittlich
46 Dollar gegenueber der frueher gezahlten Rente von 26 Dollar
betragen. Der monatliche Rentenanspruch eines Amerikaners
ohne Familienangehoerige kann unter dem neuen Gesetz 68,5 Dollar erreichen. Fuer Arbeiter mit Familienangehoerigen wurde
die Maximalgrenze von 85 Dollar auf 150 Dollar im Monat erhoeht.
Dennoch umfasst die "Novelle zum Sozialversicherungsgesetz" aus dem Jahre 1950 nur einen Teil des Gebietes, das in
Europa im allgemeinen als "Sozialversicherung" bezeichnet
wird. Zum Beispiel sind in den Vereinigten Staaten die Arbeiter durch andere bundesgesetzliche Massnahmen und durch Gesetze der einzelnen Bundeslaender, durch die fast saemtliche
Arbeiter und Angestellte erfasst werden, gegen Arbeitsunfall
geschuetzt. Ausserdem ist die berufliche Umschulung und Wiedereinstellung der Kranken, Invaliden und der Arm- und Beinamputierten Gegenstand eines sehr fortschrittlichen bundesstaatlichen Hilfsprogramms, das unter dem Titel "Wiedereinstellung der Invaliden und Kranken in den Vereinigten Staaten"
im US-Bundesgesetzblatt Nr. 23 vom 1. Juli 1950 veroeffentlicht
wurde.
Alles in allem haben die Bundesregierung, die einzelnen
Landesregierungen und die Gemeinden im Jahre 1949 einen Gesamtbetrag von 10,500.000,000 Dollar zur Finanzierung der Sozialversioherungs-Gesetze und -Programme auf den verschiedenen Gebieten ausgegeben, waehrend die zahlreichen privaten Wohlfahrtsorganisationen auf dem Gebiete der Altersversorgung,
der Unterstuetzung der Kinder, der Invaliden, etc. im vergangenen Jahr 2,000,000,000 Dollar fuer Programme, die mit den
oeffentlichen Massnahmen parallel laufen, ausgegeben haben.
Ausserdem ist die Zahl der amerikanischen Handels- und
Industriebetriebe im staendigen Anwachsen begriffen, die zusaetzlich zu den staatlichen Sozialversicherungsmassnahmen «in System der Pensions-, Kranken-, Arbeitsunfallversicherung
einfuehren, durch das in vielen Faellen die oben erwaehnten
Altersrenten nicht nur wesentlich erhoeht, sondern sogar verdoppelt werden. Zu den Schutzmassnahmen, die den Arbeitnehmern und ihren Familien vom Staate und von privater Seite auf
diesen verschiedenen Gebieten geboten werden, kommen noch die
oft bedeutenden Zuwendungen der verschiedenen Gewerkschaftsverbaende, die hilfsbeduerftigen Arbeitern zugute kommen.
Die Reichweite der neuen staatlichen Bemuehungen auf dem
Gebiete der Sozialversicherung wird durch die Tatsache beleuchtet, dass im Juni 1950, als die neuen gesetzlichen Bestimmungen
noch nicht in Kraft waren, 2,930,357 Personen eine staatliche
Unterstuetzung im Rahmen des Alters- und Hinterbliebenen-Versorgungsprogrammes erhielten, was einer Ausgabe von 60,681,000
Dollar aus oeffentlichen Geldern entspricht. Vom Juni 1936
bis Juni 1950 betrugen die Ausgaben des Bundessohatzes fuer
diesen Zweok ueber 3,375.000.000 Dollar.
Im Juni 1950 hat die Bundesbehoerde folgende Betraege zur
Finanzierung der oeffentlichen Unterstuetzungsprogramme der einzelnen Staaten der Union zugeteilt: 122,350,600 Dollar fuer
2,790,068 Faelle von Altersfuersorge; 4,394,000 Dollar fuer
95,418 Faelle von Blindenfuersorge; 46,035,000 Dollar fuer Kinderbeihilfe (1,659,766 Kinder). In der Zeit von Juni 1936 bis
Juni 1950 beliefen sich die bundesstaatlichen Ausgaben fuer
- 3 -

�oeffentliche Wohlfahrt auf insgesamt 13,028,000,000 Dollar.
Im folgenden werden wir sehen, dass die Bundesregierung eine
Ausdehnung dieser Hilfeleistung auf Personen, die unfreiwillig
der Oeffentlichkeit zur Last fallen, ins Auge fasst.
Bevor wir auf die neuen, in der "Novelle aus dem Jahre
1950 zum Sozialversicherungsgesetz" enthaltenen Massnahmen der
Sozialversicherung eingehen, wird es zweifellos zweckmaessig
sein, die seit dem Inkrafttreten des Sozialversicherungsgesetzes aus dem Jahre 1935 erzielten Erfolge einer kurzen Betrachtung zu unterziehen und einen allgemeinen üeberblick ueber
die verwaltungstechnische Organisation des heute in den Vereinigten Staaten bestehenden Sozialversicherungs-Systems zu geben.
FOnfzehn Jahre Bundes-Sozialversioherung
Schon vor Unterzeichnung des Sozialversicherungsgesetzes
durch Praesident Roosevelt am 14. August 1935 gab es in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Sozialversicherungs-Kasanahme».
In vielen Staaten waren schon seit Jahren gesetzliche Bestimmungen in Kraft, nach denen Arbeitern, die erkrankt waren oder
waehrend der Ausuebung ihres Berufes einen Unfall erlitten haben, eine Entschaedigung bezahlt werden musste. Bundeseinheitliche Gesetze sorgten ebenfalls fuer den Schutz der Seeleute
und der Arbeiter in anderen Berufsgruppen.
Ein besonderes Programm der Bundesregierung sah die Auszahlung einer jaehrlichen Altersrente an Eisenbahner und Staatsbeamte vor, waehrend durch Staatsgesetze und oertliche gesetzliche Bestimmungen fuer Zahlung einer Pension an Angestellte
und Arbeiter des oeffentlichen Dienstes gesorgt war.
Das Gesetz aus dem Jahre 1935 ist ein Markstein, weil es
die erste gemeinsame Aktion aller Regierungsstellen - der Bundesregierung, der einzelnen Staatsregierungen und der oertlichen
kommunalen Verwaltungshehoerden - ist, um das Problem der wirtschaftlichen Stabilitaet, insoweit sie von der Sicherheit der
Arbeitnehmer und ihrer Familien beeinflusst wird, zu loesen.
Es gab den einzelnen Staaten auch die Moeglichkeit, das System
der Krankenversicherung und des Wohlfahrtswesens auszubauen.
Das Gesetz, das eine Bestaetigung des oeffentlichen Einverstaendnisses mit der Auffassung, der Staat trage die Verantwortung fuer die soziale Sicherstellung der Allgemeinheit, darstellt, war das Ergebnis einer langjaehrigen Entwicklung des
amerikanischen Wirtschafts- und sozialen Lebens. Im Laufe
eines halben Jahrhunderts wurde aus einem Agrarstaat ein Handels- und Industriestaat. An Stelle der Einfamilien-Farm, die
Familienmitglieder aller Altersstufen und beider Geschlechter
mit Unterhalt und produktiver Arbeit versorgte, trat als Grundlage der industriellen Wirtschaft die Familie mit ihrem Wohnsitz
in der Stadt, fuer deren Unterhalt ein "Familienerhalter" sorgte,
der im Gehalts- oder Lohnverhaeltnis stand. So kam es, dass
Arbeiter, deren Kraefte infolge vorgeschrittenen Alters nachgelassen hatten, schwer Arbeit finden konnten, andererseits aber
nicht ueber genuegend Ersparnisse verfuegten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Problem wurde dadurch noch ernster,
dass die Bevoelkerung Amerikas sich im Laufe von fuenfzig
Jahren beinahe verdoppelt hatte, wodurch sich auch die Anzahl
von alten Leuten erhoehte; dabei erhoehte der rasche Fortschritt
auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Hygiene die allgemeine
Lebensdauer ganz wesentlich. Die allgemeine Unsicherheit, die
durch diesen Stand der Dinge in einem hochentwickelten Industriestaat waehrend der wirtschaftlichen Depression in den Vereinlg-

- 4 -

�ten Staaten vor zwanzig Jahren geschaffen wurde, beeindruckte
die oeffentliche Meinung sehr stark. Die alten Arbeiter waren
natuerlich diejenigen, die zuerst und am schwersten betroffen
waren, denn sie waren die ersten, die entlassen, und die
letzten, die wieder aufgenommen wurden. Der Staat zog die
Konsequenz aus dieser Situation und beschloss einzugreifen,
was schliesslich zum irlass des Sozialversicherungsgesetzes
im Jahre 1935 fuehrte.
Vordringlichste Aufgabe:
Oscar. R. Ewing, der Leiter des Sozialversicherungswesens,
wies kuerzlich auf die durch Bundesgesetze erzielten Fortschritte auf dem Gebiete der Kinderfuersorge hin und stellte
fest, dass die Summe der ifiinzelleistungen, die im Laufe der
letzten fuenfzehn Jahre im Rahmen der Sozialversicherung ausbezahlt wurden, 24,000,000,000 Dollar betrug.
Sin Grossteil dieses Betrages war fuer die Verbesserung
der Kinderfuersorge bestimmt, so dass die Saeuglingssterblichkeit von 1935 bis 1948 um 57 Prozent herabgedrueckt wurde,
wobei die Todeszahl innerhalb eines Jahres von 56 auf 32 pro
1000 Lebendgeburten sank, innerhalb des gleichen Zeitraumes
sank die Sterblichkeit bei Kindern im vorschulpflichtigen
Alter ( 1 - 4 ) um 64 Prozent und bei Kindern im schulpflichtigen Alter um 57 Prozent. Die Zahl der Todesfaelle durch die
verbreitetsten Kinderkrankheiten (Diphtherie.Scharlach, Keuchhusten und Masern) verminderte sich um 88 rrozent. Die Sterblichkeit bei Woechnerinnen nahm ebenfalls zusehends ab, naemlich um 79,5 Prozent oder von 58 auf 12 Todesfaelle pro
10,000 Lebendgeburten. Der Prozentsatz an ülntbindungen in Kliniken erhoehte sich von 37 auf 86. Obowhl wir nicht behaupten
koennen, dass das Sozialversicherungsgesetz die Ursache aller
dieser begruessenswerten Fortschritte ist, so hat das Gesetz
dabei doch eine wesentliche Rolle gespielt.
Ausser Barzahlungen sah das Gesetz aus de« Jahre 1935 ein
Programm vor, das den einzelnen Bundesstaaten fuer den Ausbau
des oeffentllchen Gesundheitsdienstes und der Kinderfuersorge
Hilfe gewaehrte. Diese llittel - die in der Form aerztlicher
Betreuung, ürforschung der Kinderkrankheiten, Aufrechterhaltung
von Betreuungsstellen usw. zur Verwendung kamen - beliefen
sich im Laufe von fuenfzehn Jahren auf 189,367,598 Dollar.
Vor 1935 gab es in den Bundesstaaten verschiedene Formen
der Unterstuetzung fuer Kinder armer Familien, aber in vielen
Bezirken bestanden ueberhaupt keine Betreuun^seinrichtungen.
Im Jahre 1934 wurden 280,000 Kinder unterstuetzt; die Zahlungen waren sehr niedrig und betrugen durchschnittlich monatlich
11 Dollar pro Kind. Kraft des Gesetzes aus dem Jahre 1935 kamen
Programme, die gemeinsam von den einzelnen Staaten und der
Bundesregierung finanziert wurden, in allen Staaten zur Durchfuehrung, mit Ausnahme von Nevada, wo sie wegen der sehr geringen Bevoelkerungsdichte ueberfluessig sind. Zur Zeit werden
durch diese gesetzlichen Bestimmungen ueber 1,600,000 Kinder
unterstuetzt, wobei die durchschnittliche iüonatsleistung 46
Dollar pro Kind und fast 73 Dollar pro unterstuetzter Familie
betraegt. Von Juni 1935 bis Juni 1950 wurden von den oeffentlichen Dienststellen 2,756,000,000 Dollar fuer dieses Gebiet
der Sozialfuersorge aufgewendet.
Blinden-. Alters- und Arbeitslosen-Unterstuetzung
Vor 1935 bestanden in siebenundzwanzig Staaten gesetzliche
- 5 -

�Bestimmungen fuer Darzahlungen an Blinde. 32.000 bis 34.000
Blinde erhielten im Jahre 1934 eine monatliche ünterstuetzung
von ungefaehr 20 Dollar. Derzeit erhalten 77.000 Blinde im
Rahmen de3 Programms der Bundesregierung eine monatliche Ünterstuetzung von durchschnittlich 47 Dollar. Durch das Gesetz
vom Jahre 1950 werden weitere 18.000 Personen, die bisher nur
in den Staaten Pennsylvania, Missouri, Nevada und Alaska unterstuetzt wurden, in das Programm einbezogen. Von 1935 bis 1950
wurden 287,000.000 Dollar fuer Blindenunterstuetzung veranschlagt.
Vor 1935 gewaehrten ungefaehr dreissig Staaten armen
alten Leuton eine Ünterstuetzung. Im Jahre 1934 erhielten
235.000 alte Leute eine monatliche ünterstuetzung von durchschnittlich 14 Dollar. Das Gesetz vom Jahre 1935 schuf zwei
Gruppen von Unterstuetzungsempfaengem: diejenigen, die vor
ihrer Pensionierung regelmaessig Zahlungen an die oeffentliche
Pensionsanstalt leisten, und solche, die eine ünterstuetzung
von einem oeffentlichen Fonds fuer die ünterstuetzung armer
alter Leute beziehen. Die erste Gruppe umfasst 2,100.000
Personen, die derzeit Unterstuetzungen beziehen, sowie 750.000
junge Muetter und Kinder, die ebenfalls innerhalb dieser Aktion
unterstuetzt werden.
Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes aus dem Jahre 1950
waren 35,000.000 der insgesamt 64,000.000 Arbeiter und Angestellte durch die staatliche Altersversicherung erfasst. Zur
Zeit sind weitere 10,000.000 Personen altersversichert, wobei
die Altersrenten um durchschnittlich 77 Prozent erhoeht wurden,
wie aus der folgenden Analyse der neuen gesetzlichen Bestimmungen hervorgeht. Die Unterstuetzungen, die im Juni 1950 unter
dem Titel Altersversicherung gemaess den gesetzlichen Bestimmungen des Jahres 1935 gewaehrt wurden, beliefen sich auf
3,375,556,469 Dollar. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass
nicht nur dem pensionierten Arbeiter oder Angestellten die
Altersrente zugute kommt, sondern auch seiner Frau und den von
ihm unterhaltenen Familienmitgliedern. Wenn wir in Betracht
ziehen, da3S eine amerikanische Familie im Durchschnitt 3,6
Mitglieder hat, koennen wir sehen, dass die Altersversicherung,
die 45,000.000 Arbeiter und Angestellte erhalten, tatsaechlich
130,000.000 Amerikanern zugute kommt, d.h. dem groessten Teil
der Bevoelkerung von 150,500.000 Einwohnern, die eine Alteraversicherung benoetigen.
An hilfsbeduerftige, alte Leute, die keine Altersrente
und keine ünterstuetzung durch das oeffentliche Versicherungsprogramm beziehen, wurde innerhalb von fuenfzehn Jahren ein
Betrag von 9,985.000.000 Dollar an Unterstuetzung3g»ldern ausbezahlt. Zwei Millionen neunhunderttausend Personen dieser
Gruppe erhalten jetzt als ünterstuetzung unter diesem Titel
eine monatliche ünterstuetzung von durchschnittlich 44 Dollar.
Die Bundesregierung kommt fuer die Haelfte der Spesen auf, die
durch die Durchfuenrung dieses Programms in den einzelnen Staaten sich ergeben.
Vor 1935 bezahlte ein einziger Staat, naemlich Wisconsin,
Durch das Sozialversicherungsgesetz aus dem Jahre 1935 kamen saemtliche Staaten in den Genuss
dieser Unterstuetzungsmassnahme, nach der arbeitslose Amerikaner
innerhalb eines Zeitraumes von fuenfzehn Jahren insgesamt
7,949,549.413 Dollar erhielten.

Arbeitslosenunterstuetzungen.

Im Juni 1949 waren 31,500.000 Arbeiter arbeitslosenversichert, wodurch ihnen im Falle "vollkommener Arbeitslosigkeit"
- 6

�eine woechentliche Unterstuetzung von durchschnittlich - nicht
maximal - mehr als 20 Dollar zusteht, was einer monatlichen
Arbeitslosenunterstuetzung von ungefaehr 85 Dollar entspricht.
Dank dieser Massnahmen wurden die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, die am 3nde des Jahres 1948 und waehrend des ersten
Halbjahres 1949 ein alarmierendes Ausmass anzunehmen drohten,
sehr abgeschwaecht.
Der Aufbau des oel'fentlichen Versicherungs-Systems in den Vereinigten Staaten
Durch das Versicherungsgesetz aus dem Jahre 1935 wurde
das Unterstuetzungssystem in den Vereinigten Staaten nach acht
Programmen organisiert, zu deren Durchfuehrung eine Einteilung
in drei verschiedene Untorstuetzungskategorien vorgenommen
wurde:
1.

2.

3.

Sozialversicherung
a)

Arbeitslosenversicherung

b)

Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung

Staatliohe Unterstuetzung der Hilfsbeduerftigen
a)
b)

Altersfuersorge
Blindenfuersorge

c)

Kinderbeihilfe

Allgemeine Kinderfuersorge

a) "Mutter und Kind"-Gesundheitsdienst
b) Befuersorgung verkrueppelter Kinder
o) ..ohlfahrtswesen fuer Kinder
Das Versicherungsgesetz ist ein Bundesgesetz, aber die
Bundesregierung fuehrt nur eines der obengenannten Programme
durch: die Alters- und Hinterbliebenenversicherung. Die uebrigen sieben Programme werden von den einzelnen Statten unter
Vitarbeit und finanzieller Unterstuetzung seitens der Bundesregierung durchgefuehrt. Diese Kittel gelangen durch das
Finanzministerium zur Verteilung, und zwar im Einvernehmen mit
der Bundesbehoerdo fuer soziale Verwaltung, des U.S.-Bundesamtes
fuer soziale Fuersorge, einer autonomen Organisation, der
ausser den Betreuungsinstitutionen das Erziehungswesen, der
oeffentliche Gesundheitsdienst, die Ueberwachung der Lebensmittel und Medikamente, sowie die Abteilung "Berufliche Umschulung und Wiedereinsteliung" des Gesundheitsamtes unterstehen.
Auf dem Gebiete der Altersversicherung wurden gleich zu
Beginn gewisse prinzipielle Richtlinien festgelegt: die Arbeiter fuehren einen geringen Prozentsatz ihres Einkommens an
den Bundesfonds ab; das Ausmass der Altersrente muss nicht unbedingt mit der noehe der Betraege in Einklang stehen, die
die Arbeiter an den Fonds leisten. Um Anspruch auf eine Altersrente erheben zu Koennen, muessen die Arbeiter waehrend einer
festgesetzten Mindestzeit ihre Beitraege geleistet haben.
Auf dem Gebiet der Arbeitslosenversicherung hat das Sozialversicherungsgesetz nicht fuer ein bundeseinheitiicnes Arbeitslosenversicherunrssystem Vorsorge retroffen, sondern errcoeglichte
es den einzelnen Staaten, ihre eigenen Plaene auszuarbeiten.
Im Itehmen dieses Gesetzes wurde eine Bundessteuer vorgeschrieben,
- 7 -

�die von gewissen Unternehmungen, die mehr als sieben Personen
beschaeftigen, erhoben wird. Jeder Staat erlaesst seine
eigenen Gesetze, die bestimmen, wer und wieviel Personen Anspruch auf Arbeitslosenunterstuetzung haben und fuer welche
Zeitspanne diese gewaehrt wird. Die woechentliche Unterstuetzung, deren Hoehe in den einzelnen Staaten verschieden
ist, betraegt im allgemeinen die Haelfte des Wochenlohnes des
betreffenden Arbeiters.
Von der staatlichen Unterstuetzung, die Hilfsbeduerftigen
dank der Geldmittel, die die Bundesregierung den einzelnen
Staaten fuer diesen Zweck zur Verfuegung stellt, gewaehrt wird,
werden nur Personen ueber 65 Jahre, Blinde, Kinder unter sechzehn und 16- und 17-jaehrige Kinder, die regelmaessig die
Schule besuchen, erfasst. Durch das Gesetz aus dem Jahre 1950
kam eine vierte Gruppe von Unterstuetzungsempfaengern hinzu:
Amerikanische Staatsbürger ueber 18 Jahre, die vollkommen
berufsunfaehig sind.
Die Hoehe des Beitrages, den die Bundesregierung in den
einzelnen Staaten zur Durchfuehrung ihrer Frogramme auf dem
Gebiete derfciuetterfuexsorge,der Bekaempfung von Kinderkrankheiten, der Unterstuetzung verkrueppelter Kinder und der allgemeinen Kinderfuersorge gewaehrt, wird je nach der Dringlichkeit bestimmt, die aus den Plaenen ersichtlich ist', die die
einzelnen Staaten jaehrllch bei der Bundesverwaltungsbehoerde
einreichen muessen. Die Differenz zwischen dem Gesamtbetrag
der Unterstuetzung und dem Bundesbeitrag wird von den einzelnen Staaten finanziert. Die von den Staaten aufgestellten
Plaene beziehen sich auf folgende Details: Arztvisiten,
Schwangerschaftsbetreuung, Konferenzen ueber die Gesunderhaltung der Kinder, Gesundheitsdienst in Sohulen, Krankenpflege
in Kliniken, Schulen und daheim, aerztliche Betreuung und
haeusliche Pflege der Woechnerinnen vor und nach der Geburt,
Lehrvortraege fuer Aerzte, Zahnaerzte und Pflegerinnen ueber
Fragen der Kinderkrankheiten, strenge aerztliche Ueberwachony
verkrueppelter Kinder, Unterbringung dieser Kinder in besonderen Heimen zum Zwecke ihrer Erziehung und Eingliederung in
die menschliche Gesellschaft, unterstuetzung von Waisen und
Kindern hilfsbeduerftiger Eltern, Erziehung und Betreuung der
verwahrlosten Jugend.
Das Gesetz aus dem Jahre 1950 - Ein bedeutendes Hilfsprogramm
fuer alte Arbeiter und deren Familien""
Das Gesetz, das Praesident Triiman am 20. August 1950 unterzeichnete, enthaelt ungefaehr dreissig groessere Abaenderungen
des Sozialversicherungsgesetzes aus dem Jahre 1935, durch das
die staatlichen Hilfsmassnahmen fuer pensionierte Arbeiter
und ihre Familien bedeutend erweitert werden. Es enthaelt
auch wichtige Bestimmungen, auf deren Grundlage Personen sieben
anderer Kategorien des Sozialversicherungs-Systems in den Vereinigten Staaten guenstigererUnterstuetzungsbedingungen teilhaftig werden.
Die wichtigsten Abaenderungen zu Gunsten pernsionierter
Arbeiter und ihrer Familien sind die folgenden:
1. Die Bundes-Altersversicherung erstreckt sich auf
9,700.000 Neuversicherte; von diesen werden 7,650.000 versicherungspflichtig sein, waehrend die restlichen 2,050.000 eine
freiwillige Versicherung eingehen koennen, vorausgesetzt, dass
- 8 -

�sich ihre Arbeitgeber damit einverstanden erklaeren, die Bundesabgaben fuer Sozialversicherung zu bezahlen. Mach dem Gesetz aus dem Jahre 1950 werden von der Gesamtzahl von ueber
64,000.000 Beschaeftigten, 44,700.000 versichert sein, gegenueber 35,000.000 im Jahre 1935. Die Neuversicherten sind hauptsächlich: 4,700.000 Selbstaendige,nicht in der Landwirtschaft.
Erwerbstaetige mit einem Mindest-Nettoeinkommen von 400 Dollar
im Jahr, ausgenommen: Aerzte, Zahnaerzte, Tieraerzte, Ingenieure »Architekten und gewisse andere lierui'sgruppen; 850.000
Landarbeiter; 1,000.000 Hausangestellte; 600.000 Angestellte
nicht auf Gewinn abzielender Unternehmungen (freiwillige Versicherung); 1,450.000 Angestellte der Staats- und Landesregierungen (grossenteils freiwillig Versicherte); 200.000 Beamte der
Bundesregierung; 150.000 Amerikaner, die in Gebieten ausserhalb
der Vereinigten Staaten beschaeftigt sind; Arbeiter und Angestellte aus Puerto Rico und den Virginia Inseln; 350.000 Personen, die zugleich Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind.
2. Fuer Arbeiter und Angestellte, die gegenwaertig eine
Altersrente beziehen, wuerde sich diese um durchschnittlich
ungefaehr 77 Prozent erhoehen und zwar von ungefaehr 50 Prozent
fuer die hoechsten Klassen bis zu 100 Prozent fuer die untersten Klassen, wie es au3 der folgenden Tabelle ersichtlich ist:
Oegenwaertige Rente: 10 15

20 25

30 35 40 45

Neue Rente:

37 46

54 59

20 30

46 Dollar

64 68,5 68,5

n

3. Eine neue Berechnungsbasis wird angewendet, um die Renten fuer kuenftige Rentenempfaenger zu erhoehen, und um die
Altersversicherung einem groesseren Personenkreis zugaenglioh
zu machen. Die Arbeiter und Angestellten, die nach 1950 wenigstens fuer sechs Vierteljahre versichert waren, werden Anspruch
auf eine Rente haben in Hoehe von 50 Prozent der ersten 100
Dollar ihres durchschnittlichen Monatseinkommens, plus 15 Prozent fuer je weitere 200 Dollar (auf der Basis eines jaehrlichen Hoechstgenaltes von 3.600 Dollar). Die Versicherung fuer
«±0 Jahresviertel ist das Hoechstmass, das zur Erlangung des
vollen Versicherungsanspruches erforderlich ist. Nach dem Gesetz aus dem Jahre 1935 richteten sich die Renten nach einem
jaehrlichen Hoechsteinkommen von 3,000 Dollar. Infolgedessen
wird ein Arbeiter mit einem Monatseinkommen von durchschnittlich 300 Dollar, 50 Dollar von den ersten 100 Dollar seines
Gehaltes, plus 15 Prozent der restlichen 200 Dollar, das ist
30 Dollar, erhalten, wodurch er Anspruch auf eigene staatliche
Rente von insgesamt 80 Dollar im Monat hat.
4* Die Auszahlung von Renten an die hinterbliebenen Witwen und an die Ehemaenner verstorbener oder pensionierter Arbeiterinnen, die von diesen erhalten wurden, wird grosszuegig
gehandhabt. Die ueber 65 Jahre alte Gattin hat noch Anspruch
auf einen Betrag in der Hohe der halben Monatsrente des Gatten.
Nachfolgend wird eine Tabelle veroeffentlicht, aus der die Erhoehung der Renten ersichtlich ist, auf die ein alleinstehender
pensionierter Mann einerseits und der pensionierte Ehegatte
und die pensionierte Ehegattin andererseits Anspruch haben.
Pensionierter alleinstehender Mann
Nach einer Versicherungsdauer von fuenf Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt ... Dollar 100 200 250 300
Rente nach dem alten Gesetz
"
26
37
42 /
Rente nach dem neuen Gesetz
"
50
65
72 80
/ Nach dem alten Gesetz gab es fuer diese Gehaltsstufe keine
Altersgrenze
- 9-

�fach einer Versicherungsdauer von dreissig Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt ... Dollar 100 200
n
Rente nach den-alten Gesetz
32,5 45
n
Rente nach dem neuen Gesetz
i.
50
65

250
52
72

300
/
80

Pensionierter Ehegatte und pensionierte Ehegattin
Nach einer Versi.cherungsdauer von fuenf »Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt .. Dollar
w
Rente nach dem alten Gesetz
Rente nach dem neuen Gesetz
•

100
48
75

200
67
98

250 300
78,2 /
109 120

/ Nach dem alten Gesetz gab es fuer diese Gehaltsstufe keine
Altersrente
5. Nach dem neuen Gesetz erhaelt eine Witwe den gleichen
Betrag wie nach dem alten Gesetz - drei Viertel der urspruenglichen Rente. Im neuen Gesetz ist aber insofern eine Aenderung
vorgesehen, als die Hinterbliebenen ei/ies verstorbenen Arbeiters
eine Rente nach folgender Abstufung erhalten: Das erste Kind
drei Viertel der urspruenglichen Rente und die anderen die
uebliche Haelfte. Infolgedessen kann die an die Kinder eines
verstorbenen Arbeiters ausbezahlte Rente um ein Vielfaches
hoeher sein al3 die urspruengliche Rente, die er bei Lebzeiten
bezogen haette.
6. Nach dem abgeaenderten Gesetz wurden die Rentenbezuege
fuer einen Elternteil, fuer dessen Unterhalt gesorgt werden
muss, auf 75 Prozent der urspruenglichen Rente (gegenueber 50
Prozent nach dem alten Gesetz ) erhoeht.
7. Nach dem neuen Gesetz wird beim Tod eines Arbeiters
eine Pauschalsumme ausbezahlt, waehrend dies nach dem alten
Gesetz nur in dem Fall geschah, wenn kein Hinterbliebener Anspruch auf eine monatliche Rente hatte. Diese Pauschalsumme
betraegt das Dreifache der urspruenglichen Rente nach dem alten
Gesetz. Die Versicherten muessen den Tod eines versicherten
Arbeiters innerhalb der vorgesehenen Frist von zwei Jahren melden, um auf die Rente Anspruch erheben zu koennen, auf die
Ehegatten, Gattinnen, Kinder oder andere Versorgungsberechtigte
einen Anspruch haben.
8. Die lioehe des monatlichen Gehaltes, das ein pensionierter Arbeiter nach seiner Pensionierung beziehen darf, ohne der
Altersrente verlustig zu werden, wurde von 14,99 auf 50 Dollar
erhoeht. Ueber 75 Jahre gibt es keine solche Gehaltsgrenze
mehr.
9. In Bezug auf die Anzahl von Vierteljahren der Versicherungsdauer, die erforderlich ist, um in den Genuss einer
Rente zu gelangen, bestimmt das Gesetz, dass Uaennern, die
waehrend des 2. Weltkrieges als Soldaten gedient haben, fuer
die Zeit ihrer Dienstleistung ein Monatsgehalt von 160 Dollar
angerechnet wird, es gilt die Zusatzbestimmung, da3S diese
Beguenstigung nicht gewaehrt wird, falls die Dienstzeit bereits
bei irgendeiner anderen staatlichen Pension angerechnet wurde.
10. Es wurde vereinbart, die Bestimmungen des Gesetzes
aus dem Jahre 1950 zu folgenden Terminen in Kraft treten zu
lassen:
10 -

�Termin fuer das Inkrafttreten der neuen Bestimmungen ueber
die Versicherungsdauer: 1. Januar 1951.
Die Erhoehung der Rente bei Personen, die zur Zeit bereits eine Rente beziehen, erfolgt ab 1. September 1950.
Renten, die auf Grund der Neuformulierung des Rentengesetzes gewaehrt werden, gelangen erstmalig am 1. Kai 1952
zur Auszahlung.
.11. Die Hoechstgrenze des Jahresgehaltes, die fuer die
Berechnung der Rente in Frage kommt, wurde mit 3.600 Dollar
festgesetzt; nach dem alten Gesetz betrug die Eoechstgrenze
3.000 Dollar.
12. Die Beitragssaetze, die zu gleichen Teilen von Arbeitgebern und Arbeitern zu entrichten sind, wurden wie folgt
erhoeht: 1950-53, 1&amp;&gt;; 1954-59, 2%; 1960-64, 2 &amp; ; 1965-69, 3&gt;i;
1970 und spaeter, 3£-/0; selbstaendig Erwerbstaetige bezahlen
das li-fache der obigen Saetze.
Weitere Vorteile des neuen Gesetzes: Der Fortschritt, der
durch das Gesetz aus dem Jahre 1950 auf den anderen Gebieten
der Sozialversicherung erzielt wurde, kann wie folgt zusammengefasst werden:
Arbeitslosenversicherung: Die Hoechstgrenze der Unterstuetzungen betraegt, je nach dem Staat, 15 und 28 Dollar je Woche
und die Mindestgrenze 3 bis 10 Dollar je Woche. In den meisten Staaten ist die Mindestgrenze 5 Dollar; die Zeit, fuer
die Arbeiter und Angestellte zum Bezüge einer Arbeitslosenunterstuetzung berechtigt sind, betraegt, je nach dem jeweiligen
Staat, 14 bis 26 Wochen.
Altersunterstuetzung: Die Bundesregierung bezahlt 75 Prozent
der ersten 20 Dollar, die monatlich von den einzelnen Staaten
an die Rentenempfaenger ausbezahlt werden, plus 50 Prozent
des Restbetrages bis zu einer Hoechstgrenze von 50 Dollar pro
Person.
Staatliche Unterstuetzung der Kinder hilfsbeduerftiger filtern:
Die Bundesregierung kommt fuer 75 Prozent der ersten 12 Dollar,
die von den einzelnen Staaten im Durchschnitt an Unterstuetzung je Kind bezahlt werden auf, plus 50 Prozent des
Restbetrages bis zu einer Hoechstgrenze von 27 Dollar fuer
das erste Kind und 16 Dollar fuer jeden Hinterbliebenen.
T.utter und Kind"-Gesundheitsdienst: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der nach dem alten Gesetz ll,0u0.000
Dollar pro Jahr betrug, wurde auf 15,0oü.0ü0 Dollar fuer das
Finanzjahr, da3 am 1. Juli 1950 begann, erhoeht. In den folgenden Jahren wird er 16,500.000 Dollar betragen.
Fuersorge fuer verkrueppelte Kinder: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der bisher 7,500.000 Dollar pro
Jahr betrug, wurde fuer das am 1. Juli 1950 begonnene Finanzjahr auf 12,000.000 Dollar erhoeht; in den darauffolgenden
Jahren wird er 15,000.000 Dolllar betragen.
Wohlfahrtsunterstuetzungen fuer Klndar: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der bisher 3,500.000 Dollar
betrug, wird auf 10,000.000 Dollar erhoeht.
Unterstuetzung fuer Puerto Rico und die Virgin-Inseln: Fuer
Puerto Rico ist ein Hoechstbetrag von 4,250.000 Dollar fuer
- 11 -

�den bundesstaatlichen Beitrag im Gesetz aus dem Jahre 1950 vorgesehen und 160.000 Dollar fuer die Virgin-Inseln.
Diese Unterstuetzung wird fuer die folgenden vier Kategorien Unterstuetzungsennfaenger gewaehrt: hilfsbeduerftige Personen ueber 65 Jahre, Blinde, Kinder unter 16, 16 - 17-jaehrige
Kinder, die regelmaessig eine Schule besuchen, dauern! und vollkommen Arbeitsunfaehige mit einem Mindestalter von 18 Jahren.
Jfis ist das erste Mal, dass diesen amerikanischen Territorien
von der Bundesregierung solche ansehnlichenBetraege fuer den
Ausbau ihres Fürsorgewesens zugewiesen wurden.
Bemerkenswerter Fortschritt, der in kuenftigen Errungenschaften
seine Fortsetzung finden wird.
Als Praesident Truman das Gesetz aus dem Jahre 1950 unterzeichnete, bemerkte er, dass dessen Inkrafttreten einen "bemerkenswerten Fortschritt" darstelle, fuegte aber hinzu, dass
"noch viel geleistet werden muss, ehe die Sozialfuersorge zu
voller Befriedigung Anlass gibt".
"Durch diese Art von Gesetzgebung, die den sozialen Fortschritt unterstuetzt", fuegte Praesident Truman hinzu, "koennen wir am besten beweisen, dass unsere demokratischen ifiinrichtungen Garanten fuer Freiheit und die Sicherheit aller Staatsbuerger sind, über in Zukunft muss sich die Altersversicherung
auf eine weit groessere Anzanl von Amerikanern erstrecken."
Praesident Truman wird seinerseits alles ihm Moegliche tun,
um ein wirkungsvolleres Versicherungssystem einzufuehren und
ein Programm zur Durchfuehrung zu bringen, das Arbeitern und
Angestellten, die infolge zeitweiliger oder dauernder koerperlicher Behinderung ihres Gehaltes verlustig werden, Hilfe
bringt.
Ueberdies werden die Bemuehungen der Bundesregierung in
dieser Richtung in immer steigendeia Masse von den amerikanischen
Gewerkschaften unterstuetzt, denen reichliche finanzielle Mittel zur Unterstuetzung hilfsbeduerftiger Arbeiter zur Verfuegung stehen, sowie von Industrie- und Handelsbetrieben, die
in ihre Kollektrivvertraege Klauseln mit ausdruecklicher Betonung der Sozialversicherung aufnehmen. Der Beweis hierfuer
kann durch den Kollektivvertrag erbracht werden, der im Mai
1950 zwischen der Leitung und den 250.000 Arbeitern und Angestellten von "General Motors", eine der drei groessten Automobilfabriken in den Vereinigten Staaten, abgeschlossen wurde.
Waehrend der naechsten fuenf Jahre werden diese Arbeiter und
Angestellten in den Genuss verschiedener sozialer Beguenstigungen gelangen, die ihren Arbeitgeber zusaetzlich eine iillion
Dollar kosten wird. Die in diesem Vertrag vorgesehenen Altersrenten werden sich auf insgesamt beinahe 120 Dollar im v o n a t
erhoehan, wovon ein Teil von der Bundesregierung getragen wird.
.Veiter enthaelt dieser Kollektivvertrag Bestimmungen, denen
zufolge die Leitung einen Teil der Spesen fuer aerztliche Betreuung und Spitalspflege trae^t und im Falle von Krankheit
oder Unfaellen woechentliche Zuschuesse gevwaehrt.
Das sorgfaeltig abgestimmte Zusammenwirken von staatlichen, privaten und gewerkschaftlichen Massnahmen, sowie die
enge Zusammenarbeit zwischen Staat und .Virtschaft im Hinblick
auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter, sind
die wahren Garanten fuer ein immer staerker werdendes System
der sozialen Sicherheit in den Vereinigten Staaten.

- 12 -

�Wright Hills neue Theorie ueber den Angestelltenbe
Wir leben in einer V.elt, die wir nicht verstehen. Was
jedoch noch mehr bedeutet: '.Vir wissen, dass wir sie nicht
verstehen. -Vir wenden uns deshalb mit besonderem Interesse
einem Buch zu, da3 uns den Vteg zu einer neuen Auffassung
ueber das Leben in Amerika im 20. Jahrhundert weist, Es
handelt sich um das Buch "White Collar" (Weisser Kragen),
dessen Verfasser C. Wright Mills ist.
Der Mittelstand frueherer Zeiten, so sagt Hills, setzte
sich hauptsaechlich aus selbstaendigen Handwerkern zusammen.
Sie stellten zu Anfang des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich
80$ der arbeitenden Bevoelkerung dar. 1870 machten die selbstaendigen Arbeiter nur noch ein Drittel und 1940 ein Viertel
der Erwerbsbevoelkerung aus. Das Sinken der Zahl unabhaengiger Farmer begann vor 50 Jahren und wurde in den zwanziger
Jahren dieses Jahrhunderts akut. Zur gleichen Zeit uebernahm
das Grosskapital nicht nur die Fabrikation, sondern auch die
Verteilung der Erzeugnisse, die Position des kleinen Geschaeftsmannes wurde damit staendig unsicherer.
Aber waehrend die Mittelklasse frueherer Zeiten von
33% der Erwerbsbevoelkerung im Jahre 1870 auf 20% im Jahre
1940 zusammenschrumpfte, wuchs die neue Mittelklasse von
6% auf 25% an. Sie setzt sich aus Betriebsleitern (10%),
Angestellten mit akademischer Ausbildung 125%), Kaufleuten
(25%) und einfachen Bueroangestellten (40%) zusammen. Die
Angehoerigen dieser Mittelklasse werden, wie die Lohnempfaenger, von anderen beschaeftigt und im grossen und ganzen besser
bezahlt als die Arbeiter. Aber die unterschiede verwischen
sich langsam, das Prestige des Angestelltenberufs nimmt
unaufhoerlich ab.
In den groessten und interessantesten Abschnitten des
Buches beschreib!; Mills die verschiedenen '..elten des "White
Collar"-Arbeiters, das ist der Arbeiter mit dem weissen Kragen, also der Angestellte. In der Betriebsleitung, so erklaert Mills, hat der Angestellte die besten Moeglichkeiten,
in hoehere Einkommensgrurpen zu kommen, aber er erinnert
daran, dass das erfolgreiche Vorwaertskommen in der Betriebsleitung immer weniger von Dingen abzuhaengen scheint, die
einst als unentbehrliche Eigenschaften des wirklichen Kaufmanns galten - Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Fleiss und Entschlussbereitschaft. Persoenlichkeit und die Gabe der Manipulation sind jedoch
jene Eigenschaften, die heute ausschlaggebend sind. Heute ist es der zu allem entschlossene
Geschaeftsmann, der vorwaertskommt. Was die akademischen Berufe betrifft, so sind es hier die Mediziner und Juristen, die
mehr und mehr Leute beschaeftigen und die groesste Rolle unter den ünabhaengigen spielen. Beinen Intellektuellen dagegen
wird es immer schwieriger, sich zu behaupten, wenn sie nicht
einer Buerokratie innerhalb der Geschaeftswelt oder der Regierung angehoeren.
Die grosse Expansion der neuen Mittelklasse hat sich jedoch vor allem unter den Kaufleuten und den Bueroangestellten
vollzogen. Mills gibt einen neuartigen Ueberblick ueber die
Entwicklung des modernen Grosskaufhauses, er zeigt, wie der
Persoenlichkeitsfaktor seine zentrale Stellung verloren hat
und zur gleiohen Zeit diese "Persoenlichkeit" zum ausschlaggebenden Faktor im Verkauf geworden ist. Ebenso eindrucksvoll
13 -

�ist das Bild, das er von den grossen Bueros entwirft, die fuer
moderne Unternehmen und fuer die Regierung notwendig sind.
Modernisierung und Rationalisierung stehen hier in voller
Bluete, der Unterschied zwischen einem Arbeiter im Betrieb
und einem Angestellten im Buero verwischt sich mehr und mehr.
Mills hat nur wenig ueber die Lebensweise der Angehoerigen dieser neuen Mittelklasse zu sagen. Die Arbeit selbst
bietet an und fuer sich keine Befriedigung, man lebt deshalb
fuer seine Freizeit. Die Freizeit ist nicht nur wichtig, weil
sie eine direkte Genugtuung bedeutet, sondern auch deshalb,
weil sie dem Angestellten die Moeglichkeit bietet, seinen Anspruch auf ein gewisses Prestige geltend zu machen. Es wird
immer seltener, so versichert Mills, dass Angehoerige des Angestelltenberufs damit rechnen, eine wirkliche Karriere machen
zu koennen. Den alten Traum vom persoenlichen Erfolg haben
sie aufgegeben, sie sind aber bereit, sich mit einer ausreichenden sozialen Sicherheit zufriedenzugeben.
Da die neue Mittelklasse bereits einen grossen Beatandteil der Gesamtbevoelkerung darstellt und dieser Bestandteil
wahrscheinlich noch groesser wird, moechte man natuerlich gern
wissen, welchen Einfluss sie auf das Leben der Kation ausueben
wird. Mills hat nur wenig Hoffnung, dass dieser Einfluss
nutzbringend sein wird. Er rechnet mit einem Anwachsen der
Angestelltengewerkschaften, aber diese Gewerkschaften werden
nach seiner Ansicht ausserordentlich konservativ sein. Auf
politischem Gebiet wird der Angestellte gedankenlos das Zweiparteiensystem akzeptieren oder die Reihen der politisch uninteressierten vergroessern.
Es ist, kjirz gesagt, ein duesteres Bild, das er uns malt,
und dies nicht einmal mit Unrecht. Die industrielle Revolution, der sich die westliche V.'elt und besonders die Vereinigten Staaten so eifrig hingeben, hat uns fast unbewusst in ein
System der Massenproduktion, des Massenvertriebs und der Massenbeeinflussung gestuerzt, das bisher ungekannte Ausmasse angenommen hat. Jeder traditionelle Typ der Menschenbeziehungen
ist veraendert worden, jede sonst selbstverstaendliche Regel
der menschlichen Haltung ist in Frage gestellt.
Aus diesem Grund muss Mills unbedingt ernst genommen werden. Aber es ist auch moeglich, dass gerade in der heutigen
Zeit manche Dinge nicht so schlecht stehen, wie er es behauptet. Es ist moeglich, dass wir, wie Mills es ausdrueckt,
"einer Gesellschaftsordnung entgegentreiben, in der die Menschen gesteuerte V.'esen eines Garn isons Staat es sind." Aber
das soll nicht heissen, dass wir bereits an diesem Punkte
angelangt sind, oder dass eine solche Entwicklung unvermeidlich waere.
Auf jeden Fall ist niemand ausser wenigen hartgesottenen
Grossagrariern der Auffassung, dass wir die Massenproduktion
aufgeben koennen oder muessen. Wir wissen jetzt, dass es "uns
moeglich ist, nicht nur alle lebensnotwendigen Uueter zu produzieren, sondern auch eine Vielzahl von Luxusgegenstaenden, die,
wohlgemaerkt, Jedem zugaenglich sein muessen. Wir werden nicht
freiwillig zu einer Mangelwirtschaft zurueckkehren. Die Frage
ist, wie wir solche Vorteile sichern, vermehren und gerechter
verteilen koennen, waehrend wir zur gleichen Zeit jenen Tendenzen im Wirtschaftssystem der Massenproduktion entgegenwirken, die eine Gefahr fuer die Gesundheit des Einzelnen und
der Gesellschaft darstellen.
- 14 -

�Das, worum es in der Auseinandersetzung mit Mills geht,
ist nicht etwa die Tatsache, dass er keine Antwort hierauf
wuesste (niemand weiss sie), sondern dass er handelt, als
ob er eine Antwort wuesste. Der Titel "White Collar" verraet eine ziemlich radikale Einstellung, aber kein radikales
Programm, Mills wirft dieser Gruppe staendig Feigheit, Nervenversagen und Flucht aus der Wirklichkeit vor, aber er sagt
niemals, was diese Gruppe eigentlich tun muesste.
Einer der Lehrmeister Hills ist Karl Marx, und obwohl
er ein freidenkender Revisionist ist, glaubt er in irgendeiner
Weise an die marxistische Revolution, an die Uebertragung der
Macht von einer Klasse auf die andere. Dies hat er ganz
eindeutig in einem heftigen Angriff auf die Theorie von der
Revolution des Unternehmertums zu erkennen gegeben. "Macht,"
so sagt Hills, "liegt nicht in den Haenden der Betriebsleiter,
sondern in denen der Eigentuemer." "An der Quelle oeffentlicher Entscheidungen," schreibt er an anderer Stelle, "stehen
maechtige Leute, die selbst nicht unter den nachhaltigen
Auswirkungen ihrer eigenen Entscheidungen zu leiden haben."
Fast immer beschaeftigt er sich mit der Existenz einer
Oligarchie, einer kleinen Gruppe von Reichen und Maechtigen,
die enteignet werden koennen und muessen.
Die Essenz seines Baches ist jedoch die Behauptung, dass
der Maschinismus der Massenproduktion und der Massenverteilung
in gewissem Sinne selbstherrlich ist. In den Ausfuehrungen
ueber sein imaginaeres Grosskaufhaus schreibt er: "Es ist
schwierig, festzustellen, wer nun eigentlich der Besitzer des
Basars ist
Er ist selbstschoepferiscfc und selbsterhaltend, und niemand ist sein Besitzer." Vielleicht gibt es im
Zentrum dieses Systems Leute mit hohen Privilegien, die fast
voellig verantwortungslos sind, *ber selbst wenn dem so waere wuerde durch ihre Beseitigung dem Leben des "White-Collar"Arbeiters mehr Inhalt gegeben, als es heute hat?
Die Tatsache, dass sich Mills weigert, in diesen Punkten
ausfuehrlich zu sein, laesst den Verdacht aufkommen, dass er
weiss, dass er kein revolutionaeres Programm aufweisen kann,
das einer kritischen Betrachtung st&amp;ndhaelt. Doch er besteht
darauf, die moralische Entruestung und den Sinn fuer moralische Ueberlegenheit hervorzuheben, die die Geburtsrechte des
Revolutionaeren sind. Unerbittlich macht er den Intellektuellen den Vorwurf, sie seien eine Klasse, die der Politik
den Ruecken kehrt. "Es fehlt ihnen einfach der Wille dazu."
Die "Entfremdung des Intellektuellen"nennt er einen "Jammer
und eine Form des Sichgehenlassens in Selbstbequemlichkeit."
Er gibt zu, dass die Schwierigkeiten, die sich einer wirksamen politischen Betaetigung entgegenstellen, gross sind.
Aber er besteht darauf, dass "die Intellektuellen von dem,
was sie in ihrem Innern als falsch erkannt haben, verraten
sind." Das koennte zutreffen, aber das Recht, solche Vorwuerfe zu erheben, hat nur Einer, der bereit ist, zu sagen,
was die Intellektuellen tun koennen und tun sollen - und das
kann Mills nicht.
Sein unnachgiebiger revolutionaerer Eifer verwickelt ihn
in einige befremdende Widersprueche. So bedauert er z.B. den
Wohlstand, dessen sich die Vereinigten Staaten in groesserem
Masse als irgendein anderes Land erfreuen." Von einem Volk,
das eine derartige Geschichte der sich steigernden und ununterbrochenen materiellen Befriedung durchgemaoht hat," so
- 15 -

�schreibt er, "kann man nicht erwarten, dass es wirtschaftliche Ueberlegungen anstellt, die seine politischen Institutionen in Kampfstaetten des ideologischen Konfliktes oder
ihre Gemueter in politische Foren umwandeln wuerde." Welch
eine Katastrophe!
In seinem Vorwort schreibt Mills: "In Worten der sozialen Philosophie ausgedrueckt, liegt diesem Buch die Annahme
zugrunde, dass das liberale iäthos, wie es in den beiden ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts von Leuten wie Beard,
Dewey und Holmes entwickelt wurde, jetzt haeufig belanglos
geworden ist. Der marxistische Standpunkt, der in Amerika in
den dreissiger Jahren populaer war, ist heutzutage oft unzureichend."
Die Annahme ist in beiden Punkten richtig und Mills
traegt bedeutend zu dem Prozess der Gestaltung einer neuen
und lebensfaehigen Gesellschaftslehre bei. Der Wert seiner
Arbeit ist jedoch dadurch beschraenkt, dass er an der Vorstellung festhaelt, selbst ein Radikaler zu sein. Was ist
Radikalismus heutzutage? Sich mit der radikalen Atmosphaere
abzufinden, ohne diese Frage zu beantworten, ist eine Form
der Verantwortungslosigkeit und in gewissem Sinne eine Flucht.
Edmund Wilson hat aus seinen marxistischen Tagen eine Haltung
beibehalten, die nicht nur rein intellektueller, sondern
auch moralischer ueberlegener Natur ist. Irving Howe, der
Mills Radikalismus befuerwortet, kann uns niemals davon ueberzeugen, dass das, was er gut heisst, mehr als eine Geste
ist. Dwigth Macdonais ist ebenfalls zeitweilig als Vertreter
des Radikalismus aufgetreten, obwohl er in einer Kritik zu
dem Buch "White Collar" zugibt, dass er sioh "hilflos und
verwirrt fuehlt." iSr ist der ansieht, dass Mills ebenfalls
dieses Gefuehl hat. Aber er wuerde es nicht zugeben.
So ergibt sich die Frage, ob der radikale Kenschentyp
heute Menschen, wie z.B. auch Mills, nicht daran hindert,
soviel wie moeglich zum Verstaendnis und zur Lenkung sozialer
Umwaelzungen beizutragen. Die Tendenzen unserer Gesellschaftsordnung sind im grossen und ganzen ziemlich klar und, insgesamt
gesehen, erschreckend. Wenn irgendjemand einen praktischen
Vorschlag zur Hand hat, wie die Uebel einer Massengesellschaft
beseitigt oder vermieden werden koennten, dann moege er ihn
unter allen Umstaenden vorbringen. Wenn es jedoch nicht einen
solchen Plan gibt, waere es dann nicht besser, aus den Vorteilen, den Widerstaenden und den Misstaenden, die man festgestellt hat, oder noch feststellen kann, das Bestmoegliche
herauszuholen? Sollen wir nicht diese sich lediglich entruestende radikale Haltung ablehnen und endlich an die Arbeit
gehen?
The New Leader
1-28-52

- 16 -

IT i p r 3 1 18375

0 * 8 0

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weiter« Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

T - XI
I H H A L T S T E B 2 S I C H N I S
Bessere Lebensbedingungen in Westdeutachland

2

Gewerkschaftlicher Iura ouss auf lange Sicht
abgestellt sein. Di« Lehren aus den Ereignissen
Heuseelands, Kanadas und Ausstraliens

3

Solomon Barkini Lohnbestiramungt Trick oder Technik

7

Bie Beitrage der Arbeitsbewertungsplaene
zu den Lohnverhandlungen,

8

Bar Mensch in dar Produktion
(Aus einer Publikation des British Institute of Management

9

William Gombergi Bar Zwack der Arbeitsbewertung

13

Schulungsarbeit der britischen Gewerkschaft*»
Bar britische Gewerkschaftsbund (TUC) fuehrt drei gut organisierte
Wochenkurse als Sommerschule in Oxford durch und veranstaltet darueber
hinaus eine umfangreiche Anzahl von Wochenendkursen im ganzen Land« Viele Gewerkschaften haben dazu eigene Schulungskurse fuer ihre Mitglieder.
Bia "Arbaitarbildungs-Vereinigung** (WSA) und das "Nationalkomitee der
Arbeiterschulung" (NCLC) bieten ebenfalls verschiedene Fortbildungsmoegliohkeiten fuer "Gewerkschaftsstudenten". Abgesehen von diaaan gewerkschaftlichen Schulungsveranstaltungen in dar Heimat wardan viele Kollagen in diesem Jahr fuer Schulung und Bildung sozusagen ein Haus weitergehen» nach Genf mit dar WEA, nach Oslo mit dam HCLC und nach Helsingfors und La Breviere zu dan von dam I3FG und seiner europaeisohen
ßegional-Organisation betriebenen Kursen.
In einigen Faellen werden Ferien und Schulung zusammengekuppelt, in
anderen werden achttaegiga Schulungskurse als Arbeitszeit gerechnet, waehrend die Ferien gesondert stattfinden« Aber ob es sich um ihre Perien
handelt oder nicht, die Mehrheit AMT Sthulungsbeflisaenen verdanken die
Teilnahme an den Kursen entweder ihrar Gewerkschaft oder dem TUC«
Mehr und mehr englische Gewerkschafter benutzen die Sommerzeit auf
die Weise, um ihre Kenntnisse zu erweitern und sich darueber hinaus ein
SfeaielTiaeen fuer ihre gewerkschaftliche Taetigkait anzueignen.

.

1

-

quellet "Freie Gewerkschaftswelt"
24 - 25/1952

�Bessere Lebensbedingungen in Westdeutachland
In Westdeutschland konnte infolge einer Steigerung der Kohleproduktion zu Rekordhoehe in diesem Winter, der glücklicherweise
sehr mild war, eine Kohlennot vermieden werden. Diese Steigerung verspricht auch, West-Deutschland Einsparungen von Millionen Dollar
au bringen, die es bisher fuer die Einfuhr amerikanischer Kohle
zu 22 Dollar die Tonne ausgeben musste.
Die Sachverstaendigen halten sich nun berechtigt zu der Annahme, dass die Produktion im Jahre 1952 die Ertragsziffer des Jahres
1951 in Hoehe von 119 Millionen Tonnen noch um 10 Millionen Tonnen
uebersteigen wird«
Im letzten Jahr hat Westdeutschland ungefaehr 5 Millionen Tonnen
Kohle aus den Vereinigten Staaten eingefuehrt. In diesem Jahr war
geplant, 6 bis 8 Millionen Tonnen zu importieren« Obwohl der Kohlebedarf in Westdeutschland infolge der andauernden Entwicklung der Industrie staendig ansteigt, besteht jedoch Anlass zu der Hoffnung,
dass Abstriche an den Schaetzungen fuer die erforderlichen Importe
vorgenommen werden koennen. Bs wird sogar fuer moeglich gehalten, dass
Westdeutschland Ende dieses Jahres nicht mehr von amerikanischer
Kohle abhaengig sein wird, obwohl es aufgrund seiner1 Verpflichtungen
nahezu 20 Millionen Tonnen Kohle im Jahr nach anderen europaeischen
Laendern ausfuehren muss.
Das Hauptverdienst fuer das ploetzliche Ansteigen der Kohleproduktion kommt einem neuen gemischten deutsch-amerikanischen
Kohle-Produktionsausschuss zu. In diesem Ausschuss sitzen Vertreter
der westdeutschen Regierung, der Betriebsleitungen, der Gewerkschaften und des amerikanischen Hilfsprogramms, Sie ueberpruefen
und koordinieren die Plaene fuer die Steigerung der Produktivitaet.
Der neue Produktionsaufschwung im ersten Monat dieses Jahres ist
zurueckzufuehren auf einen am 1. Januar 1952 eingefuehrten Plan
fuer Leistungspraemien, Die Bergleute erhalten einen Zuschlag fuer
"Extra"-Leistungen, Es wird erwartet, dass dieses neue System eine Steigerung der Gesamtproduktion von 5 his 10 Prozent mit sich
bringen wird.
Andere Massnahmen, die vom Kohleproduktionsausschuss schon ergriffen wurden oder geplant sind, werden nicht so schnelle Erfolge
zeitigen, werden aber dazu beitragen, die auf lange Sicht berechnete Aufwaertsbewegung in der Produktion aufrechtzuerhalten. Die
500 Millionen Mark im Marshallplan-Gegenwertsfonds, die in den letzten drei Jahren fuer Investitionen freigegeben wurden, beginnen
sich auszuwirken und werden sich weiter auswirken. Jetzt werden die
deutschen Banken aufgefordert, sich am Investitionsprogramm zu beteiligen. Weitere 50 Millionen D-Mark aus Gegenwertfonds werden
unt«r der Bedingung freigegeben, dass die Banken ihrerseits ein Darlehen von 100 Millionen D-Mark aufbringen.
Die amerikanischen Gelder werden ebenfalls verwendet, um zur
Behebung des Mangels an Bergmannswohnungen beizutragen. Tausende
von Bergleuten sind immer noch in barackenartigen Gemeinschaftshaeusern untergebracht.
Die ungenuegenden Lebensbedingungen haben viele Bergleute veranlasst, die Gruben zu verlassen, und der sich daraus ergebende
Wechsel an Arbeitskraeften hat den Prozentsatz an erfahrenen»gut
ausgebildeten Bergleuten verringert. Die Produktivitaet leidet

�unter diesem Paktor wie auch unter der allgemeinen Auswirkung schlechter Wohnungsbedingungen auf die moralische Verfassung der Arbeitskraft«.
Der Wohnungsbau hat nun eingesetzt, vorerst mit dem Ziel, 1952
46.OOO Wohnungseinheiten zu bauen. Die gleiche Anzahl von Wohnungen
sollen im Jahre 1953 errichtet werden» Es wird geschaetzt, dass damit der gegenwaertige Bedarf gedeckt sein wird. Die Tatsache allein,
dass die Haueser versprochen worden sind, hat bereits die Wirkung
eines Staudamms gegen die Flut der in andere Berufe abwandernden
Bergleute gehabt.
Gewerkschaftliches Nachrichten-Bulletin
Nr. 39/40 - 52

Gewerkschaftlicher KUrs muss auf lange Sicht abgestellt sein
Die Lehren aus den Ereignissen Neuseelands, Kanadas und Ausstraliens
Die Gewerkschaften dieser Laender haben erhebliche Schwierigkeiten zu ueberwinden, die in erster Linie darauf zurueckzufuehren sind,
dass man sich die Gewerkschaftspolitik etwas bequem machte und alle
Portschritte und Erfolge vom Staat erwartete. Die Vorkommnisse muessen jedoch genau analysiert werden, um den Kern der Ursachen zu erkennen, die zu den Jetzigen Schwierigkeiten fuehrten. Wenn heute diese Schwierigkeiten als Polge planwirtachaftlicher Bestrebungen hingestellt werden, so erfordert dieser Vorwurf erst recht eine kritische Wuerdigung der Ereignisse - auch fuer die europaeische Gewerkschaftsbewegung ergeben sich aus diesen Vorkommnissen gewisse Konsequenzen.
In Neuseeland streikten die Hafenarbeiter, die Aktion wurde durch
kommunistische Agenten ausgeloest und staendig geschuert. Natuerlich
brach der Streik gerade in dem Augenblick aus, als in den Haefen Neuseelands Hochbetrieb herrschte, sodass die Erfolgsvoraussetzungen fuer
den Streik gute zu sein schienen; die Polge war, dass sich die Kuehlhausarbeiter und die Seeleute der Streikbewegung anschlössen. Nun
besteht jedoch in Neuseeland seit 1925 die Regelung, dass die Gewerkschaften sich einer Schiedssprechung unterwerfen koennen, indem sie
eine entsprechende Erklaerung gegenueber den Behoerden abgeben - die
automatische Folge ist der Verzicht auf das Streikrecht. Diesen
Schritt glaubten die neuseelaendischen Gewerkschaften damals vornehmen zu koennen, weil eine gewerkschaftsfreundliche Regierung am
Ruder war, sodass die Meinung vorherrschen konnte, dass die Interessen
der Gewerkschaften auch nach der Unterzeichnung auf jeden Fall gewahrt bleiben.
Nun wurde 1950 in Neuseeland eine konservative Regierung gewaehlt.
Damit ergab sich fuer die Gewerkschaften eine voellig neue Situation,
da sie auf das Streikrecht grundsaetzlich verzichtet hatten. Um aus
dieser Zwangslage herauszukommen, bildeten die Arbeiter des Transportgewerbes, der Kuehlhaeuser und der Hafenbetriebe eine neue Gewerkschaft, sodass die Poederation der Gewerkschaften Neuseelands etwa
ein Drittel ihrer Mitglieder verlor. Der jetzt gefaellte Schiedsspruch, der sich nur auf die von der alten Gewerkschaft erfassten
Arbeiter erstreckte, gewaehrte fuer diese Mitglieder aufgrund der
gestiegenen Lebenshaltungskosten eine allgemeine Lohnerhoehung von
15^* Da jedoch die neugegruendete Gewerkschaft sich dem Schiedsgerichtsverfahren nicht unterworfen hatte, erhielten deren Mitglieder
keine Lohnerhoehung. Es kam jedoch zu direkten Verhandlungen mit
der neuen Gewerkschaft, die auch zu einem positiven Erfolg zu gelangen

- 3

�schienen - die Gewerkschaft lehnte jedoch grundsaetzlioh Jede Ueberstundenarbeit ab, obwohl fuer die neuseelaendischen Eaefen die
Hochsaison heranrueokte« Sie konservativ« Begierung hatte inzwischen
duroh eine zielbewusste Lenkung der oeffentlichen Meinung dafuer gesorgt, dass die Sympathien der Oeffentlichkeit gegen die neue Gewerkschaft eingestellt war, obwohl die kommunistischen Drahtzieher geschickt
im Hintergrund blieben« Die Regierung konnte nunmehr zum entscheidenden Schlag ausholen, sie erklaerte einen nationalen Hotstand und
stellte der neuen Gewerkschaft eine Frist, bis zu der die Begierungsforderungen angenommen werden mussten. Als die Arbeiter dieses Ultimatum ablehnten, wurde kurzerhand der neuen Gewerkschaft die Anerkennung entsogea und sie dadurch aufgeloest« Die Haefen wurden von
Truppen besetzt, die zugleich die Hafenarbeiten uebernahmen.
Es wurde bereits erwaehnt, dass die Dachorganisation der neuseelaendischen Gewerkschaften, die 7oederation der Gewerkschaften Neuseelands, der Entwicklung mit einer gewissen Nervositaet folgte« Durch
das Verderben der Haelfte der Obsternte in den Haefen und das Liegenbleiben der Wolle wurde die neuseelaendische Wirtschaft schwer erschuettert, die Oeffentlichkeit billigte die Massnahmen der konservativen Regierung und verurteilte das Verhalten der Gewerkschaft, wobei massgebende Zeitungen geflissentlich die Unterschiede zwischen
der kommunistisch infiltrierten neuen selbstaendigen Gewerkschaft und
der Foederation verwischten. Die Foederation lehnte in aller Oeffentlichkeit das Vorgehen der Hafenarbeiter ab und brandmarkte die Machenschaften der Agenten des Kreml«
Hach dem Einsetzen der Truppen brach der Streik zusammen* Aber
Jetzt holte die konservative Begierung zu entscheidenden Schritten aus«
Wach der Aufloesung der neuen Gewerkschaft durch ihre Streichung im
Begister und der Beschlagnahme ihres Vermoegens und ihrer Akten wurden
einfach Begierungsgewerkschaften als Gewerkschaften anerkannt, die
lediglich auf dem Papier existiert hatten, wenn den Jetzt wieder zur
Arbeit zurueckkehrenden Streikendem nicht bedeutet worden waere, dass
nur "Gewerkschaftsmitglieder" einen Arbeitsplatz erhalten - auf diese
Weise konnten die Mitgliederzahlen dieser Begierungsgewerkschaften
schnell in die Hoehe steigen«
Die Poederation der Gewerkschaften Neuseelands hatte 1936 die
damalige Arbeiterregierung veranlasst, die Zwangsmitgliedschaft bei
den Gewerkschaften einzufuehren, wie es beispielsweise bei Aerzteoder Anwaltskammern der Fall ist« Dieses Prinzip fuehrte Jetzt dazu,
dass die kuenstlich auf die Beine gestellten Begierungsgewerkschaften
sehr schnell aufbluehten« Da hier jedoch die Funktionmere eher zur
Stelle waren als die Mitglieder, so wurden diese "Gewerkschaften" zu
nichts anderem als zum verlaengerten Ans der konservativen Regierung
Neuseelands«
Diese Entwicklung war nur moeglich, weil vor 16 Jahren die Gewerkschaften es sich allzu leicht gemacht hatten, einfach die Zwangsmitgliedschaft durchzusetzen« Damit erstarb der kaempferische Geist der
Gewerkschaften, die im uebrigen auf die Politik der frueberen Arbeiterregierung Buecksicht zu nehmen hatte - das Schiedsspruchverfahren war unter diesen Umstaenden durchaus bequem fuer eine inaktive
Gewerkschaft«
Und die Lehren aus dem Fall Neuseeland! Die Gewerkschaften muessen politisch neutral bleiben, sie duerfen sich nicht einseitig einer
einzigen Partei - und sei es die massgebliche und majerisierende verschreiben« Je bequemer man es sich macht, umso grosser kann die
Auswirkung in der entgegengesetzten Hinsicht sein« Uninteressierte
Mitglieder fuehren zum Absterben einer Gewerkschaft, Kommunistische
Punktionaere verfolgen ihre eigenen Ziele ohne Jede Buecksicht auf

4 -

�die Konsequenzen, in Neuseeland haben ihre Aktionen die Gewerkschaften
unpopulaer gemacht und sie zur Ohnmacht verurteilt« Es wird einige
Jahre dauern, bis die neuseelaendische Gewerkschaftsbewegung wieder
ein imponierender Machtfaktor sein wird.
Das zweite Beispiel einer gewerkschaftlichen Fehlentwicklung ist
in Kanada gegeben. Hier ist es dem kanadischen Gewerkschaftabund (Canadian Congress of Labor) nicht gelungen, eine echte und eindeutige
politische Schulunesarbeit unter seinen Mitgliedern durchzufuehren.
Die Gewerkschaften verliessen sich gar.z einfach darauf, da:s die Partei es schon machen werde. Dadurch wurde die Mitgliedschaft ziemlich
uninteressiert, sie kue.imerte sich kaue um die Arbeit der Gewerkschaft.
Die Inflation nahm m^n als etwai naturgegebenes hin, es ging den Arbeitern verhaeltnismaessig gut, Arbeitslosigkeit war unbekannt und
die Lo hne stiegen nominal ziemlich regelmaessig an, Betriebsversammlungen fanden kaum statt, aber wenn sie einberufen wurden, kamen nur
wenige Mitglieder - im uebrigen erledigten die Funktlonaere die Arbeit.
Es gab nach den Wahlen in Kanada ein fuerchterliches Erwachen»
Die Arbeiterpartei behielt in Ontario von ihren 21 Sitzen gerade zwei,
in den Staedten verlor sie betraechtlich« Waehlennaseen, auf dem Lande blieb fast nichts an Waehl'-rn uebrig. Zwar waren es immer noch
19% aller Stimmen, aber das ergab nur 2$ aller Sitze.
Die Zahl der Mitglieder der kanadischen Gewerkschaften ist jedoch nach wie vor hoch, aber der Zuwachs geht immer schleppender vor
sich. Im vergangenen Jahre wirkte sich auch in Kanada die Trennung
der AFL in den gemeinsamen Ausschuessen von dem CIO aus, wodurch auch
die gemeinsamen politischen Komitees aufgeloest wurden. Dadurch hat
sich in Kanada ein Gefuehl der Unsicherheit bei den Gewerkschaften ergeben, obwohl die Cueltigkeit des Closed shop-Systems aufrechterhalten
werden konnte, nachdem fuenf Jahre darum gekaempft wurde. Diese Bestimmung besagt, dass nur Gewerkschaftsmitglieder in Betrieben eingestellt werden duerfen, wenn ein solches Abkommen mit der zustaendigen Gewerkschaft abgeschlossen wurde.
In Kanada sind die Verhaeltnisse aiso weit besser als in Neuseeland fuer die Gewerkschaften - aber auch hier zeigt sich deutlich,
wohin eine politische üninteressiertheit der Mitgliedschaft und eine
zu enge Bindung an eine Partei fuehren kann. Die Wichtigkeit des
staendigen Kontakts zwischen Gewerkschaftsmitgliedern und Ortsausschüssen ist ebenfalls unterschaetzt worden. Die kanadischen Gewerkschaften werden sehr schnell die Konsequenzen aus diesen Vorgaengen ziehen und alles daran setzen, um wieder eine kaempferische Gewerkschaftsbewegung, an der Jedes einzelne Mitglied lebhaften Anteil nimmt, wieder auf die Beine zu stellen. Jede Saturiertheit bedeutet den Tod der Gewerkschaftsbewegung - das ist die Lehre des Falles der kanadischen Gewerkschaftsbewegung.
Die Schwierigkeiten der australischen Gewerkschaftsbewegung liegen auf einem ganz anderem Gebiet 1 Die T^rifloehne werden hier nicht
durch direkte Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
festgelegt, sondern durch ein Schied.:jericht. Das war in einer Zeit
der Massenarbeitslosigkeit gewiss eine verstaendliche Massnahme, im
Zeitalter der Vollbeschaeftioing ist ein solches System aber zu eineD Bremsklotz fuer die Gewerkschaften geworden. Das Schiedsgericht
ist geradezu eu einem Gericht geworden, in dem die Anwaelte der Gewerkschaften und die der Unternehmer sich erbittert bekaempfen, um
LohnsugestaenlalM« aeranssukelen. Das Ist verhaeltniamaeerig leicht
fct&gt;l steigenden Preisen, in anderen Faellen vers.igt jedoch dieses
Schiedssystem, da die Schiedsrichter auf die wirterh^ftliche Lage Je-

-

5 -

�ner Betriebe ßuecksicht nehmen muessen, die nur mit einem Grenznutzen
arbeiten. Unternehmen, die ihren Betrieb voellig durchrationalisiert
haben, verdienen infolgedessen ausgezeichnet, aber die Gewerkschaften
•uessen sich mit Hinweisen der gegnerischen Anwaelte zufrieden geben,
dass diese Ausnahmen keine Regel darstellen und deshalb unberücksichtigt bleiben muessen«
Dieses System traegt auch dazu bei, die Lohndifferenzen in den
Betrieben selbst gegenseitig anzugleichen« Hier haben die Gewerkschaften es Jedoch erreicht, dass neben dem Grundlohn noch ein sogenannter Hebenlohn bezahlt wird, der Je nach den fuer die Stellung
erforderlichen Faehigkeiten gestaffelt ist. Diese Staffelung ist sehr
weit gediehen, es bestehen Jedoch natuerliche Grenzen fuer die Festlegung der Differenzierungen, im uebrigen ergeben sich hierdurch in
der Praxis eine Fuelle von Schwierigkeiten.
Es ist auch in Deutschland kein Geheimniss, dass der gute Facharbeiter meist zugleich der beste Gewerkschafter ist. Nun wird aber
gerade der Facharbeiter durch das System der schiedsgerichtlichen
Festlegung der Lohnsaetze am staerksten getroffen, waehrend der Hilfsarbeiter durch dieses System bevorzugt wird. Der Facharbeiter hat aber
keinerlei Moeglichkeiten, sich vorwaerts zu arbeiten, die Inanspruchnahme der Hebenloehne ist ebenfalls nicht Jedermanns Sache - die guten Gewerkschafter resignieren aus diesen Gruenden nach und nach. Zudem werden die Nebenloehne nicht in dem gleichen Umfang erhoeht wie die
Grundloehne, sodass hier eine zunehmende Nivellierung vor sich geht.
Die australischen Gewerkschaften koennen natuerlich noch streiken
aber bei der endgueltigen Lohnfestsetzung ist doch das Schiedsgericht
allein zustaendig, sodass der Wert eines Streiks sehr problematisch
ist. Leistungspraemien werden von den australischen Gewerkschaften
grundsaetzlich abgelehnt, im uebrigen haben es die Unternehmer auch
garnicht noetig, sich auf solche Praemien einzulassen, da Ja der Entscheid des Schiedsgerichts fuer die gesamte Branche massgeblich ist.
Der Kardinalfehler des Systems liegt darin, dass der Lohn fuer
die gesamte Branche Geltung hat. Als eine Massenarbeitslosigkeit
drohte, vertraten die Gewerkschaften das Prinzip der Leistungsmoeglichkeit der Industrie oder der Masse der einzelnen Unternehmen. Bei
der Feststellung eines Durchschnitts muessen aber alle unrentabel
arbeitenden Betriebe mitberuecksichtigt werden, fuer die modernen
Grossbetriebe ist also der Durchschnittslohn eine ausgezeichnete Angelegenheit, naemlich eine zusaetzliche Verdienstquelle.
Lohnfragen sind fuer eine Gewerkschaft die entscheidende Aktionsmoeglichkeit. Durch das australische Schiedsgerichtssystem sind die
Gewerkschaften in ihren wichtigsten Aufgabengebieten lahmgelegt, die
Verhandlungen vor dem Schiedsgericht arten in Juristische Spitzfindigkeiten aus, die Protokolle solcher Schiedssprüche umfassen zuweilen
mehrere 1000 Seiten. Gerade der Facharbeiter wird vera*rgert, die Gewerkschaftsbewegung muss nach und nach erstarren, Kampfgeist und Aktivitaet finden kein Ventil. In einer Zeit der ruecklaeufigen Konjunktur mag dieses Schiedsgerichtsverfahren seine Vorteile haben, bei
steigender Konjunktur wird es Jedoch zum Hemmschuh und Bremsklotz.
Es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Die Gewerkschaften haben
durch diese Schiedsgerichtsverfahren die Moeglichkeit der Anpassung der
Loehne an veraenderte Preise, Das koennen andere Bevoelkerungskreise
nicht automatisch oder wenigstens mit einer gewissen Automatik nicht
erzwingen, wie etwa ßentner oder Handwerker. Die Machtposition der
Gewerkschaften wird in dieser Hinsicht in der Oeffentlichkeit sehr
haeufig voellig falsch gesehen und erst recht unverstaendig kritisiert.

6

�Es ist eine Frage der Zeit, wie lange die australischen Gewerkschaften dieses S; otem des Schiedsgerichts beibehalten werden. Gluecklich sind sie «it diesem System nicht geworden, die qualifizierten Arbeiter sind zudem unzufrieden mit ihrer Organisation« Die Oeffentlichkeit hingegen redet von einer gewerkschaftlichen Maschinerie, die
Jedooh nicht existiert , sondern nur die Maschinerie der Schiedsgerichte. Vielleicht ist jedoch das eine klar, dass Produktivitaetssteigerungen auf diesem Schiedsgerichtswege nicht erreichbar eind echte und reale Lohnerhoehungen sind nur durch eine Steigerung des
Sozialprodukts moeglich. Bei unzufriedenen und veraergerten Arbeitern wird die Leistung jedoch unnoetig zwangslauefig abgebremst.
Wenn die australischen Unternehmer an einer Produktivitaet interessiert sind,; so waere der erste Schritt dazu eine Weckung des Interesses der Arbeiter durch frei zu vereinbarende Tarifloehne - das setzt
jedoch voraus, dass Unternehmer und Gewerkschafter die Zwangsschiedssprechung ablehnen und beseitigen.

Lohnbeatimmungt Trick oder Technik?
Von Solomon Barkin, Leiter der Forschungsabteilung der US-Textilartnitergewerkschaft.
Die formalen Systeme der Arbeitsbewertung sind waehrend der letzten Jahre in steigendem Masse von den Arbeitgebern verwendet worden.
Ihre Anwendung wurde waehrend der Kriegszeit betraechtlich gefoerdert,
da sie einen Weg boten, tragbare Lohnerhoehungen sicherzustellen. Das
War Labor Board erkannte die Notwendigkeit an, innerhalb einer Fabrik
Ungerechtigkeiten bei den Loehnen auszugleichen. Die Arbeitsbewertungsmethoden lieferten ein brauchbares Werkzeug zur Angleichung der Loehne fuer einzelne Arbeiten. Das kam den massgebenden Analytikern des
Board entgegen. Die Gewerkschaften waren gegenueber den Nachteilen
dieser ^laene nicht uebermaessig empfindlich, da sie unter allen Umstaenden Lohnerhoehungen zu erreichen wuenschten. Da die Arbeitsbewertungsmethoden durch da3 War Labor Board gebilligt wurden, gaben
die Gewerkschaften rasch ihre Zustimmung. Obgleich das Board diese
Plaene hauptsaechlich im Hinblick auf die geltenden Lohnspannen pruefte, die von der organisierten Arbeiterschaft unguenstig beurteilt wurden, waren die Gewerkschaften oft bereit, sich alle Vorteile, die sie
aus diesen Progrannen ziehen konnten, zu sichern, da ja die kollektiven Vertragsverhandlun^en selbst diese Programme nicht aendern konnten. Als Folge hiervon wurden diese ^laene nit groesserer Bereitschaft
akzeptiert, als es unter gewohnlichen Unstaenden haette erwartet werden koennen.
Waehrend der letzten Jahre haben die Arbeitgeber vier Grundmethoden der Arbeitsbewertung entwickelt. Diese sind
1.

das Rangfolgeverfähren, welches die Arbeiten als Ganzes miteinander vergleicht;

2.

die Methode der Gruppeneinteilung, die willkuerlich Arbeitsstufen
festsetzt und sie definiert, wobei gefordert wird, dass, wie bei
der Zivilverwaltung, alle Arbeiten unter diese vorher aufgestellten Stufen aufgeteilt werden;

3.

das Punktsystem, welches die Arbeiten nach gegebenen Bewertungsmerkmalen vergleicht, gewoehnlich 10 - 15 an der Zahl, bei denen die
Punktwerte fuer die verschiedenen vorher definierten Abstufungen
dieser Merkmale angegeben sind;

- 7

�4.

die Methode des Vergleichs nach Merkmalen, welche die Arbeiten mit
Hilfe gegebener Bewertungsmerkmale vergleicht.

Grundsaetzlich beruhen diese Arbeitsbewertungsmethoden mit Ausnahme des Rangfolgeverfahrens auf der Auswahl einer willkuerlichen Reihe
von Arbeitsmerkmalen und einer Liste von Werten fuer die Abstufungen,
die entweder vorher definiert werden wie beim Punktsystem oder durch
vergleichende Untersuchungen der bereits in einer Fabrik bestehenden
Verhaeltnisse der Arbeiten untereinander ermittelt werden, wie bei der
Methode des Vergleichs nach Merkmalen.
Nach dieser Einteilung der Arbeiten wird eine vorher bestimmte
Lohnskala zu diesen festgelegten Arbeiten in Beziehung gesetzt. Diese
Lohnkurve wird entweder durch einen Vergleich mit den ueblichen Loehnen fuer Schluesselarbeiten ermittelt, oder unabhaengig mit Hilfe einer Lohntheorie des Arbeitgebers oder der Ingenieure, die das System
einrichten, oder durch die bestehenden Loehne fuer Schluesselarbeiten.
Die oben skizzierten Arbeitsbewertungsmethoden sind nicht nur ein
System zur Ermittlung einer Lohnskala zur Zeit der Einfuehrung, sondern auch eine starre Methode zur Kontrolle der Festsetzung aller zukünftigen Loehne«
Die Uebergangszeit hat in steigendem Masse viele Arbeiten ans
Licht gebracht, die man waehrend des Krieges uebersehen hatte, als
die Gewerkschaften darauf bedacht waren, Lohnerhoehungen zu erzielen»
Gewerkschaften, die mit diesen Plaenen Erfahrungen gesammelt haben,
sind jetzt gegen die diesen Plaenen innewohnenden Fehler empfindlicher
geworden« Die Arbeitgeberschaft hoffte, diese Plaene zur Lohnsenkung
in der uebergangszeit verwenden zu koennen, hat aber in der grossen
Mehrzahl der Faelle dies nicht getan, weil der Schwerpunkt auf allgemeinen Lohnerhoehungen lag. Es beginnen sich jedoch die Crenzen dieser Arbeitsbewertungsplaene fuer kollektive Vertragsvi-rhandlungen bereits zu zeigen. In steigendem Masse versuchen die Gewerkschaften,
von diesen Plaenen loszukommen, wo sie in den Vertrag aufgenommen worden sind.
Die oben kurz geschilderten Arbeitsbewertungsverfahren stehen im
Gegensatz zu den Verfahren der kollektiven Vertragsverhandlungen. Normalerweise werden die Arbeitsloehne durch gegenseitiges Uebereinkommen festgesetzt. Bei ihrer Bestimmung spielen viele Faktoren eine
Rolle. Es gibt keine begrenzte Zahl von Bewertungsmerkmalen und keine
feste Stufenfolge von Werten fuer jedes Merkmal. Tradition, die herkoemmlichen Beziehungen der Arbeiten zueinander, Produktivitaet, Angebot und Nachfrage an besonders ausgebildeten Arbeitskraeften, Verhandlungsgeschick und Eigenart der Arbeiten spielen bestaendig bei
der endgueltigen Festlegung einer Lohnskala durch kollektive Verhandlungen eine geneinsame Ro'lle. Der jeweilige Schwerpunkt wechselt im
Lauf der Zeit, neue Arbeiten kommen auf, neue Loehne werden gefordert.
Die Gewerkschaften wuenochen keine starre festgelegte Methode zur Abschaetzung der Arbeitswerte,
*

#

*

Die Beitraefte der Arbeitsbewertungsplaene zu den Lohnverhandlungen
Der Nachdruck, den die Arbeitgeber auf die Arbeitsbewertungsverfahren le^en, hat nichtsdestoweniger einige bedeutsame Beitraege zum
Verfahren bei den kollektiven Vertragsverhandlungen zur Folge gehabt,
naemlich indem die Annahme folgender Prinzipien hierdurch gefoerdert
wurde»
1. Die Notwendig! eit eines formalen Syctems von Arbeitsloehnen im
Gegensatz zu einem Sy tem individueller Loehne. Das Ergebnis war,
dass jetzt viel mehr Gesellschaften formale Lohnsysteme haben.

-

8

-

�2.

Herabsetzung der Zahl der verschiedenen Loehne innerhalb eines
Werkes sowie der Versuch, sie auf Lohnuntercchiede von 2,5 bis
5 Cents zu begrenzen.

3.

Eine grundsaetzliche Methode zur Differenzierung der Arbeitsloehne.

4«

Arbeitsbeschreibungen als notwendiger Bestandteil des Lohnsystems,
wobei Jede sorgfaeltig definierte Arbeit auf einen bestimmten Lohn
Anspruch hat. Das Ergebnis wu.r eine groessere Gleichfoermigkeit
der Arbeiterloehne und die Herabsetzung der Lohnunterschiede auf
Grund von Geschlecht, Religion, Rasse oder Farbe.

Deshalb hat die Anwendung der Arbeitsbewertung das kollektive
Vertragsverhandlungsverfahren erleichtert, weil die Gewerkschaften
immer eine Erreichung dieses Zieles durch kollektive Verhandlungen erstrebt haben. Die Gewerkschaften haben es oft als wuenschenswert betrachtet, einen dieser Plaene anzunehmen, da sie sie als eine willkommene Zwischenstufe auf dem 'liege zu einem ordnungsgemaessen und gebilligten Lohnsystem angesehen haben.

Der L'.en3ch in der Produktion. (Aus einer Publikation des British Institute of Management)
Die Haltung der in der Produktion taetigen Menschen gegenueber
dem Betrieb, ihr Verhalten untereinander und gegenueber der Betriebsleitung und das Verhalten der Betriebsleitung ihnen gegenueber sind
entscheidend fi er den Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens. Wenn
die Menschen nicht wissen, was sie zu tun haben oder warum sie es tun,
wenn Regeln und Notwendigkeiten von ihnen nicht verstanden werden,
wenn die Arbeiter fuehlen, dass man sie ungerecht behandelt und wenn
sie der Betriebsleitung nicht vertrauen, dann wird der Produktionserfolg inner geringer sein als er sein koennte.
Die Fabrik wird ihre
Leistungsfaehigkeit nic:.t voll entfalten koennen, wie gut auch ihre
Produktionsmethoden, ihre Planungsarbeit und der Zustand ihrer Maschinen sein moegen.
Der Arbeiter sollte daher ueber die Ziele und Plaene der Betriebsleitung informiert werden, ebenso ueber die Produktionszahlen und den
Umfang der Verkaeufe. Man sollte ihm auch einiges ueber die Organisation und die Produktionsprozesse in anderen Abteilungen sagen, damit
er eine klare Vorstellung von seinem persoenlichen Beitrag zum Endprodukt hat. Genau so wichtig ist es, dass die Betriebsleitungen die Auffassungen, Ideen und Vorschlaege des Arbeiters erfaehrt, besonders wenn
sie bessere Arbeitsmethoden betreffen. Der Arbeiter kennt sicherlich so
gut wie irgendein anderer einige Moeglichkeiten, den Arbeitsprozess zu
verbessern und die Verschwendung von Zeit und Material zu vermeiden«
Es ist ein Teil der Verantwortlichkeit der Belegschaftsvertreter, dafuer
zu sorgen, dass Informationen in beide Richtungen geleitet und dass
schlummernde Ideen und Energien zum Nutzen aller verwertet werden,
•

*

•

Leistungsanreize
Welcher Typ der Leistungsanreize wahrscheinlich die besten Resultate bringt, haengt vom Menschen ab und von der Art der Arbeit, die er
zu verrichten hat. Als der Handwerker ein Produkt vom Beginn bis zu
seiner Vollendung herstellte und unter seinen Haenden wachsen sah, gab
es noch eine echte Befriedigung durch die blosse schoepferische Taetigkeitj dieselbe Art der Befriedigung also, die ein Kuenstler fuehlt,

- 9 -

�wenn er ein Bild malt. Da aber Jetzt nur wenige Arbeiter mehr als
einen kleinen Teil des gesamten Produktionsaufträges erledigen und
oftmals kaum noch mehr als eine Arbeitsverrichtung im Rahmen eines
Arbeitsganges, ist diese schoepferische Befriedigung nur noch selten
zu erreichen» Es gibt allerdings andere Anreize» Ehrgeiz, die Hoffnung auf Befoerderung, Wetteifer, manchmal sogar das Bestreben, einen gut gelittenen Vorgesetzten zu erfreuen, wie das besonders bei
jungen Arbeiterinnen der Fall sein kann. Alle diese Faktoren bestimmen neben vielen anderen die Menschen dazu, wie intensiv sie
arbeiten werden. Nichtsdestoweniger ist der allgemeinste Anreiz
fuer den einfachen Mann und fuer die einfache Frau, die keine unmittelbare Chance einer Befoerderung sehen und deren Arbeit nicht
interessant genug ist, damit sie um ihrer selbst willen getan werden koennte, eine Celdbelohnung»die der zusaetzlichen Anstrengung
entspricht.
Sie ist aus dem einfachen Grunde der allgemeinste Anreiz, weil Geld das uebliche Mittel ist, um die Ziele zu erreichen,
die die meisten Menschen erstreben: Groessere Sicherheit und Behaglichkeit fuer sich selbst und ihre Familien, Es ist ganau das gleiche Motiv, das.die Taetigkeit des selbstaendigen Geschaeftsmannes,
des Landwirts oder des Haendlers anspornt. Wir werden diesen Anreiz spaeter noch besprechen,
•

*

•

Der Zweck der Praemiensysteme«
Wenn ein Mensch einmal an seine Arbeit gewoehnt ist, wird er
in einem gleichbleibende Tempo arbeiten, das seinem Temperament entspricht. Dieses Tempo kann waehrend der Arbeit nicht leicht geaendert
werden. Wenn er nicht einige persoenliche Vorteile sieht ( zum Beispiel eine besondere geldliche Belohnung), wird er dazu neigen,
kleine Arbeitsunterbrechungen zu dulden, entweder aus persoenlichen
Gruenden oder durch Maschinenstoerungen entstandene Unterbrechungen,
Der Erfolg einer Tagesproduktion wird darunter leiden.
Ein gut
ausgearbeitetes Praemiensystem ist nicht in erster Linie dazu bestimmt, das Arbeitstempo zu beschleunigen,waehremd der Arbeiter seine Taetigkeit tatsaechlich ausuebt, ( das ist nie t einmal in allen
Faellen erwuenscht, da die ^ualitaet der Produkte darunter leiden
kann), sondern ihn stetiger arbeiten zu lassen und ihn daran zu
interessieren, dass Unterbrechungen sofort zur Kenntnis des *Bfsi«htsfuehrenden Vorgesetzten gelangen.
•

*

•

Festsetzung von Akkordbetraegen oder Akkordzeiten.
Vor der Entwicklung der Arbeitsstudien war das Feststellen der
Stueckloehne eine Aufgabe des Akkordschaetzers.
Er war im allgemeinen ein Mann mit langjaehriger praktischer Erfahrung bei der Erledigung der Arbeitsgaenge, die er zu beurteilen hatte,Er studierte
die Zeichnungen, pruefte die Vorrichtungen und Werkzeuge und ging
vielleicht auch einmal in die Werkstatt, um mit dem Arbeiter, der den
Auftrag ausfuehren sollte, die Arbeitsmethoden zu besprechen. Schliesslich wog er alle diese Faktoren mit Hilfe seiner eigenen Kenntnisse
ab und setzte eine Vorgabezeit oder - was frueher wahrscheinlich war einen Stn«cklohn fest. Diese Entscheidung konnte von dem Arbeiter
anerkannt werden oder auch nicht. Der Arbeiter konnte recht gut der
Meinung sein, dass er besser als der Akkordschaetzer wisse, wieviel
Zeit die Erledigun&gt; des Arbeitsauftrags in Anspruch nehmen werde.
Wurde der Akkordsatz nicht akzeptiert, dann folgten Verhandlungen,
bis ein beiderseitig annehmbarer Akkordlohn vereinbart war.

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�Diese Methode der Festsetzung des Akkordlohns wird noch in grossem Umfange angewandt, vor allem in Werkstaetten, die haeufig wechselnde Arbeitsauftraege erledigen. Es ist dort schwierig, Arbeitsstudien durchzufahren, weil die Serien der einzelnen Artikel im allgemeinen recht klein sind. Die Methode wird auch in der schweren Industrie angewandt« Sie wird sich dort ohne Zweifel auch noch viele
Jahre behaupten, obwohl sie fuer die Betriebsleitung und fuer die
Arbeiter Nachteile bringt«
Der erste Nachteil besteht darin, dass der Akkordschaetzer, wie
erfahren er auch sein mag, eben immer nur schaetzt. Allerdings
wird ein erfahrener Mann ziemlich genau schaetzen. Eo hat sich Jedoch wiederholt erwiesen, dass Menschen, die eine Arbeit leisten,
nur selten wissen, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen sollte. Wenn
sie nicht ausgebildet sind, einen Arbeitsgang zu analysieren und die
wesentlichen Elemente von den auszuschliessenden Elementen ( wie Unterbrechungen dieser oder Jener Art) zu trennen, dann besteht die Gefahr, dass sie die auszuschliessenden Elemente nicht beachten oder als
Teile des Arbeitsganges ansehen.
Der zweite Nachteil ist der, dass kein nachpruefbarer Bericht
ueber den Arbeitsgang vorliegt, wenn die Berechtigung des Akkordsatzes spaeter bestritten wird oder wenn sich einzelne Elemente des
Arbeitsganges aendern. Es steht dann das Urteil des Akkordschaetzers im Gegensatz zu dem Urteil des Arbeiters,
Um sich selbst
su schuetzen, wird der Akkordschaetzer deshalb leicht dazu neigen,
den Akkordlohn ziemlich niedrig anzusetzen. Er ist dann in der Lage, ihn zu erhoehen, wenn er darum ersucht wird, ohne zu grosse Zugestaendnisse zu machen. Das Ergebnis duerfte unter solchen Umstaenden immer ein Akkordlohn sein, der den Arbeiter nicht zu seinem Hecht kommen laesst. Wenn andererseits ein leicht erreichbarer
Akkordlohn festgesetzt ist, wird der geschickte Arbeiter zurueckhaltend sein, seine ganze Leistungsfaehigkeit einzusetzen, weil er befuerchten muss, dass der Akkordlohn beschnitten wird. Er beschraenkt
deshalb vielleicht sogar seine Leistung bis zu einer Grenze, von der
er annimmt, dass sie von der Betriebsleitung noch geduldet wird. Der
Stueckakkord haette damit auigehoert, als Anreizmitte 1 noch irgendeinen Wert zu haben.
Der dritte Nachteil geschaetzter Stueckakkorde besteht darin,
dass die Betriebsleitung nicht zu genauem Zahlenmaterial gelangt, dass
sie fuer Kostenrechnungen, Toranschlaege usw. braucht, und dass AI«
durch Maschinenschaeden und sonstige Arbeitsunterbrechungen verlorene
Zeit in der Regel nicht genau erkennbar wird.
•
#
•
Festsetzung der Akkordsaetze durch Arbeitsstudien
Arbeitsstudien als Grundlage der Entlohnung nach den Leistungen
fuehren - wie wir gesehen haben - zu einer viel groesseren Genauigkeit,
denn Jedes Element des Arbeitsganges wird dabei geprueft und Jede
Beobachtung schriftlich niedergelegt. Die fuer Jedes Element erforderliche Zeit wird viele Male gemessen und notiert, so wie auch alle
Einzelheiten ueber Arbeitsmethoden und Werkzeuge schriftlich niedergelegt werden. Der Bericht wird aufbewahrt. Wenn irgendeine Frage
auftaucht, die die Torgabezeit betrifft, besteht fuer alle Beteiligten zu Jeder Zeit die Moeglichkeit, ihn einzusehen. Die festgestellten Zeiten koennen von den betrieblichen Gewerkschaftsvertretern kontrolliert werden, Tatsaechlich ist es erwuenscht, dass Vertrauensleute
der Gewerkschaften in den Betrieben, die Arbeitsstudien betreiben,
die Verfahren kennen und im Gebrauch einer Stoppuhr ausgebildet sind.
Die Arbeitsstudien leiden noch darunter, dass man sie in der Vergangen-

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11

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�heit zu einem Geheimnis gemacht hatte,
F
uer den Arbeiter vorteilhaft ist die Tatsache, dass die durch Arbeitsstudien festgesetzten Zeiten keine durch Arbeitsunterbrechungen
und llaschinenstillstand hervorgerufenen Zeitverluste enthalten. Wenn
sie eintreten, kann der Arbeiter fuer die Dauer der Unterbrechungen
seinen Zeitlohn verlangen und sich so den Akkordverdienst sichern, den
er vorher erreicht hatte. Auch die Betriebsleitung kann dadurch, dass
sie am Ende einer Woche oder eines Monats in den Berichten erscheinende Wartezeiten analysieren lae:st, feststellen, wo die Unterbrechungen vorkommen und sie kann Schritte unternehmen, die die Unterbrechungen in Zukunft verhueten.

Eine andere fuer den Arbeiter guenstige Eigenschaft der durch
Arbeitsstudienmethoden festgesetzten Zeiten ist der Einschluss eines
bestimmten Prozentsatzes als Erholungazuschlag. Die fuer verschiedene Arbeitsarten und verschiedene Arbeitsbedingungen festgelegten Prozentsaetze werden fast allgemein anorkannt, Sie ermoeglichen es, dass
kein Arbeiter - sei er mit leichter oder mit anstrengender Arbeit beschaeftigt - am Ende des Tages uebermuedet ist, vorausgesetzt, dass
er fuer die Art der Arbeit, die er leistet, geeignet ist.
Vielleicht dar einzige, was vom Standpunkt des Arbeiters aus zugunsten der einfachen Akkordschaetzung gesagt werden kann, ist, dass
man ueber die Pestsetzung verhandeln kann. Der Arbeiter fuehlt dann,
dass er einiges dazu zu sager. hat, was er verdienen kann, waehrend
ein Verhandeln zwischen dem Arbeiter und demjenigen, der die Vorgabezeit auf Grund durchgefuehrter Arbeitsstudien festsetzt, unnoetig ist.
Das bedeutet nicht, dass Kollektivverhandlungen ueber die Geldloehne,
die zu zahlen sine1, nicht mehr angebracht waeren; sie sind es in genau der gleichen Weise, wie unter Jedem anderen System, Es bedeutet
auch nicht, dass eine Vorgabezeit, die durch Arbeitsstudienmethoden
festgesetzt wurde, nicht abgelehnt werden koennte. Wichtig ist, dass
die Vorgabezeit sofort kontrolliert wird, wenn moeglich unabhaengig
von denen, die sie festsetzten, falls ihre Hichtigkeit angezweifelt
wird. Es bedeutet jedoch, dass Diskussionen ueber eine Vorgabezeit
auf einer Grundlage niedergeschriebener Tatsachen vor sich gehen koennen, die von jedem Beteiligten zu kontrollieren sind, auch - wenn das
erforderlich ist - vom Arbeiter selbst. Nichtsdestoweniger ist der
Arbeiter berechtigt, Sicherungen zu verlangen, dass die Resultate der
Arbeitsstudien aufrechterhalten und nicht missbraucht werden. Die
erste dieser Scherungen muss darin bestehen, dass die Studien zur
Nachpruefung durch jeden Betroffenen zur Verfuegung stehen. Die zweite Sicher,ng muss darin bestehen, dass die Vorgabezeit nicht verringert wird, wenn sich die Arbeitsmethoden nicht aendern. Diese Sicherungen gehoeren zu oen fundamentalen Regeln der Anwendung von Arbeitsstudien, deren Erfolg von gegenseitigem Vertrauen abhaengt. Wenn
dieses Vertrauen einmal gebrochen wurde, ist die weitere Lohnfestsetzung durch Arbeitsstudien eine Zeitvergeudung, weil ihr Wert als
Mittel der Lohnfindung fuer Stueckakkorde nicht mehr vorhanden ist.
Viele Firmen, die durch Arbeitsstudien festgesetzte Akkorde in
einer Werkstatt um ersten Male anwenden, geben die Bedingungen und
Garantien schriftlich bekannt und lassen sie in der Werkstatt auahaengen. Der Anhang B ist eine genaue Kopie einer solchen Ankuendigung
(nur die Namen sind weggelassen), die in einer Fabrik im Londoner Gebiet waehrend des letzten Jahres verwendet worden ist. Verhandlungen
mit den Vertretern der Arbeiter hatten stattgefunden, bevor die Studien
durchgefuehrt wurden. Alle Arbeiten waren in vollem Umfange studiert
worden. Der Betriebsleiter las die Notiz Absatz fuer Absatz der versanin-lten Belegschaft. Jeder Werk tatt vor, kurz bevor das neue System
in Kraft gesetzt »urde. 2s sollte dar.it erreic. t werden, dass .jeder
3otro:'fene er voll und ra.'.\z v rstand und dass Fr^-en dazu gestellt und

1?

�Aussprachen daxueber stattfinden konnten« Es wird auoh als notwendig
angesehen, dass den Arbeitern nicht spaeter als am folgenden Tage der
Verdienst des Vortages bekannt ist. wenn die Vorgabezeiten durch Arbeitsstudien festgesetzt worden sind.
•

•

«

Sonderpraeaien
Sin anderes Anreizsystem ist der Aufmerksamkeit wert, bevor wir
diesen Teil abschliessen. Es ist in Grossbritannien nicht in grossem
Umfange angewandt worden, aber eine Anzahl bedeutender Firmen wendet
es an und es wird behauptet, dass man damit beachtenswerte Erfolge erzielt hat. Es besteht aus einer ganz besonders sorgfaeltigen Einschaetzung eines Jeden Arbeiters nach bestimmten Zeitabstaenden (drei
oder sechs Monaten). Der Umfang der Produktion eines Arbeiters, die
^ualitaet seiner Arbeit, die Innehaltung festgesetzter Zeiten, die allgemeine Faehigkeit, die Zusammenarbeit mit den aufsiehtnfuehrenden Vorgesetzten und mit seinen Kollegen und andere Faktoren werden dabei
gewertet. Zusätzliche Zahlungen werden gegeben, wenn die ^ualitaet
der Arbeitsleistungen ueber dem Durchschnitt liegt. Als Ergebnisse
der verschiedenen aufeinanderfolgenden Einschaetzungen koennan die
gezahlten Praemien hoeher oder niedriger als die Torgezahlten sein,
Je nach Leistung und Haltung des einzelnen Arbeiters. Das System ist
nuetzlich fuer Betriebe, die Produkte von hoher Qualitaet anfertigen,
da die meisten Entlohnungssysteme nach Leistungen nicht unmittelbar
der Aufrechterhaltung der £ualitaet der Arbeit dienen, obwohl die Lohnzahlung gewoehnlich gute Arbeit als Bedingung voraussetzt.
Aus der Schrifti Leistungssteigerung durch
Organisation
(Bund-Verlag, GmbH, Koeln)
(Gegen Erstattung des Portos kann dl« Schrift
kostenlos bezogen werden)

William Gomberg, Leiter der Forschungsabteilung der Allamerikanischen
Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeitert
Der Zweck der Arbeitsbewertung.
Die Arbeitsbewertung ist ein Verfahren zur Untersuchung von Arbeiten innerhalb eines Betriebes, um ihr Verhaeltnis zueinander nach
dem Arbeitsinhalt festzulegen« Ihr Anliegen ist es, einen Masstab zu
schaffen, um alle Arbeiten so genau und objektiv wie moeglich miteinander vergleichen zu koennen.
Es gibt vier hauptsaechliche Methoden zur Bewertung der Arbeitt
Rangfolgeverfahren, Gruppeneinteilung, Punktbewertung und Vergleich
nach Merkmalen« Alle diese Techniken drehen sich Jedoch um eine einzige Fraget Was ist der Inhalt einer Arbeit im Verhaeltnis zu anderen
Arbeiten im Betrieb? Die Arbeitsbewertung darf nicht mit den Leistungsloehnen verwechselt werden« Die Arbeitsbewertung misst die Arbeit als
solche und beschaeftigt sich nur mit den Grundstundenloehnen« Di* Leistungslöhne bilden ein Mass fuer die persoenliche Anstrengung und betreffen den individuellen Lohn und die Arbeitsgeschwindigkeit« Wenn
eine Praemie oder irgend eine andere Form des Leistungslohnes zu den
durch die Arbeitsbewertung entwickelten Grundloehnen hinzugefuegt wird,
dann koennen allerdings die beiden Elemente der Lohngestaltung so miteinander verquickt sein, dass es im Einzelfall unter Uastaenden fast
unmoeglieh wird, sie auseinander zu halten.

15

�Um jedoch ein klares Terstaendnis der Arbeitsbewertung zu erlangen,
ist es wesentlich, sich der grundsaetzliehen unterschiede im Zweck »wischen der Arbeitsbewertung und einem Leistungslohnsystea bewusst zu sein«
Die Arbeitsbewertung befasst sich ausschliesslich mit dem relativen
Schwierigkeitsgrad der Arbeiten, so wie er in den Grundstundenloehnen
zum Ausdruck kommt. Bin Leistungslohnsystem beschaeftigt sich mit dem
Verhaeltnis des individuellen Lohnes zu den Unterschieden des individuellen Arbeitsergebnisses»
Der Grundzweck der Arbeitsbewertung ist nichts Neues« Die Tatsache,
dass nicht alle Arbeiten den gleichen Lohn wert sind, ist sowohl von
den Arbeitern wie den Betriebsleitungen erkannt worden. Die Aufstellung
einer Lohnskala ist eine der hauptsaechlichen Aufgaben eines Tarifvertrages. Der Zweck einer Lohnskala ist Festsetzung unterschiedlicher
Stundenloehne fuer verschieden hohe Arbeitswerte. Zum Beispiel sind
die historischen Unterschiede zwischen den Lohnsaetzen fuer Lehrlinge,
Hilfsarbeiter und Handwerker schon seit langem anerkannt. In dieses
sehr weiten Sinne ist die Arbeitsbewertung so alt wie die Tarifvertraege.
Charakteristisch fuer die Arbeitsbewertung ist die Art, wie sie
an das Problem der Beurteilung des relativen Arbeitsinhaltes herangeht.
Diese Art und die mit ihr verbundenen Techniken sind hauptsaechlich aus
dem Problem der Bestimmung der Lohnunterschiede in Industriezweigen mit
Massenproduktion entwickelt worden.
Vor dem Kriege erlangten die Arbeitsbewertungsmethoden ihre groesste Verbreitung in der Metallbearbeitung und der Elektroindustrie. Die
Massenproduktion in diesen Industrien fuehrte zur Spezialisierung der
Arbeiten, fuer die die Arbeiter nur einige einzelne spezielle Fertigkeiten benoetigen. Ein gelernter Mechaniker in einem Betrieb musste
viele verschiedene Arten von Drehbaenken, Fraesmaschinen, Schraubenmaschinen usw. zu bedienen wissen. Im Gegensatz dazu erfordert eine
Pabrik mit Massenproduktion einen Maschinenarbeiter, der wie ein angelernter Bedienungsmann an einer Presse nur an einer Maschine arbeiten
kann und ausgebildet ist.
Die Betriebsleitungen versuchten deshalb, eine Technik zu entwickeln,
um die Arbeiten ausschliesslich danach zu bewerten, was die gerade vorliegende Arbeit in dem in Präge kommenden Betrieb erforderte. Der groessere Nachdruck lag auf der inneren Folgerichtigkeit» Der historische
gewerbliche Lohnaufbau, der auf dem Lehrling, dem Hilfsarbeiter und dem
Facharbeiter beruhte, war in den Industriezweigen mit Massenproduktion
nicht anwendbar. Erst kuerzlich ist die Arbeitsbewertung eine bedeutende
Streitfrage bei TarifVerhandlungen geworden. Viele Betriebe der Massenproduktion, in denen die Bewertung zuerst eingefuehrt wurde, waren
nicht gewerkschaftlich erfasst, Betriebe des Metallgewerbes mit einem
hohen Anteil von allseitig ausgebildeten Facharbeitern zahlten auch weiterhin die ueblichen Handwerkers^etze. Die Lage hat sich in wenigen Jahren veraendert» Der Krieg beschleunigte den Zug zur Massenproduktion.In
der ganzen Metallindustrie verwischte sich die fruehere klare TTennungslinie zwischen Massenproduktion und handwerklicher Fertigung. Fruehere
Berufsverbaende wie die internationale Vereinigung der Maschinenbauer
mit einen hohen Bewusstseia von handwerklicher Tradition und Lohngestaltung haben sich schnell im Bereich der Massenproduktion ausgebreitet.
Die zum CIO gehoerenden Auto-, Stahl- und Elektroarbeiter und andere aus
der Massenproduktion entstandene Gewerkschaften haben bereits seit langem Interesse an den Methoden der Lohndifferenzierung gezeigt.
Als Ergebnis dieser Entwicklungen ist die Arbeitsbewertung eine
der strittigsten Fragen bei den laufenden Lohnverhandlungen geworden.
Um die Auseinandersetzungen ueber die Arbeitshewertung auf das geringste
Mass zurueckzufuehren, ist es wichtig, dass die Mitglieder der Verhandlungskocinission, der Bewertungsausschuesse und andere, die die Verant-

14

-

�wortung fuer Entscheidungen auf diesem Gebiet tragen, sorgfaeltig ( im
Toraus) die Grundursachen ermitteln, die hinter der allgemein verbreiteten Einstellung gegen die Arbeits'bewertung stehen.
Die Gruende fuer das Misstrauen und den Widerstand der Arbeiterschaft
sind nicht schwer zu finden. Oft verstanden die Arbeiter nicht die Bewertungstechnik, und die Betriebsleitungen zogen bisweilen ihren Vorteil
hieraus. Diese Dmstaende trugen zu dem allzu weit verbreiteten Fehlschluss bei, die Arbeitsbewertung sei eine Art von Zauberformel, die
man etwa wie einen Rechenschieber handhaben koenne und die die menschliche Urteilsfaehigkeit entbehrlich mache.
Missverstaendnisse dieser Art sind zu einem grossen Teil an der
Opposition der organisierten Arbeiter gegen die Arbeitsbewertung
schuld. Die Lage ist aehnlich wie bei den frueheren Versuchen, Arbeitszeitstudien und Leistungsloehne als Waffe zur Dnterbietung der
Tarifvertraege zu benutzen. Das fuehrte dazu, die Arbeiterschaft
gegen fast alle Methoden "wissenschaftlicher Betriebsfuehrung" einzuMksen, einschliesslich der rationellen. In Juengster Zeit vorgekommene Versuche, die Arbeitsbewertung in der gleichen Weise zu missbrauchchon, haben so zu Rueckschlaegen gefuehrt«
Eine Tatsache allein sollte Jedoch genuegen, diese ganze Auffassung
von der "magischen ?ormelu zu zerstreuen. Es gibt mindestens vier
verschiedene Methoden zur Bestimmung der relativen Arbeitsschwierigkeit, die alle als Arbeitsbewertung bezeichnet werden. Ferner gibt es
eine unbegrenzte Zahl von Kombinationen und Abaenderungen dieser vier
grundlegenden Methoden. Die Befuerworter der Arbeitsbewertung sind
oft durchaus verschiedener Meinung in bezug auf die relativen Vorteile
ihrer eigenen Methode und - selbstverstaendlich - die ünzulaenglichkeit aller anderen Methoden. Kurz, keiner der gaengigen Bewertungsplaene ist fehlerlos oder wissenschaftlich objektiv. Selbst die Plaene, welche "Punkte" in dem Bestreben nach mathematischer Genauigkeit
anwenden, verletzen grundlegende mathematische Gesetze in vielen
wichtigen Paellen,
Glücklicherweise sieht man heute mehr und mehr ein, dass die Arbeitsbewertung genau so wie jedes andere Tarifvertragsverfahren auf
menschlichem Urteil beruht. Ausserdem draengt eine wachsende Anzahl von
Befuerwortern der Arbeitsbewertung darauf, dass die ganze Sache gemeinsam von Gewerkschaft und Betriebsfuehrung behandelt wird, damit die
Missverstaendnisse vermieden werden, die sich aus einer einseitigen
Behandlung ergeben.
Ein anderer Grund fuer die Skepsis und die Opposition der Arbeiterschaft ist die Tatsache, dass die Arbeitsbewertung als ein Ersatz fuer
Tarifvertraege, anstatt ein Werkzeug fuer sie zu sein, missbraucht worden ist.
Die Bestimmung einer relativen Lohnskala durch einen Tarifvertrag
braucht nicht nur nach den Gesichtspunkten der Arbeitsbewertung allein
erfolgen. Die Arbeitsbewerung ist ein Versuch, ein objektiveres Mass
fuer den relativen Arbeitsumfang festzusetzen, als dies sonst moeglich
ist. Die schliessliche Lohnskala als Ergebnis einer Tarifvertragsverhandlung kann durchaus das Ergebnis der Beachtung vieler Paktoren sein,
und dabei voellig unanhaengig vom Arbeitsumfang,
Die Tatsache, dass eine verhaeltnismaessig spezialisierte Arbeit
sich auf dem aeussersten Ende einer Befoerderungslaufbahn befindet,
kann zu einem hoeheren Bewertungssatz fuehren, als es allein durch die
Berücksichtigung der relativen Arbeitsschwierigkeit gerechtfertigt sein
wuerde.

- 15

�feiterhin wird ein« stark« Nachfrage nach einem schwachen Angebot irgend einer besonderen Facharbeit die benoetigten Arbeitakraefte nicht
verfuegbar machen, wenn die Betriebsleitung auf der Beibehaltung von
gekuenstelten Arbeit«bew«rtung8grund«a«tzen besteht* Sodann kann die
Tatsache, dass dl« Arbeit einen stark •aisonmaessigen Charakter traegt,
also den betreffenden Arbeiter viel kuerzer« Zeit als eine ander« Arbeit in der gleichen fabrik b«schaeftigt, zu relativ hoeheren Stundenloehnen fuer diese Arbeit fuehren, ganz unabhaengig von dem relativen
Schwierigkeitsgrad der beiden Arbeiten«
Alles dieses laeuft darauf hinaus, dass die relative Arbeitsschwierigkeit genau so wenig allein da« relative Lohnniveau bestimmt, wio die
Produktionskosten den Preis des Produktes« Die Arbeitabewertung ist eine Hilf« zur Beurteilung bei Tarifvertfagsverhandlung^nj sie ist nicht
da« einzige Kriterium fuer die relative Lohnskala*
Sie Statistiken ueber das Lohnniveau in bestimmten Gebieten, wie
man sie in anderen Abhandlungen ueber Arbeitsbewertung findet, sind voellig ausser Betracht gelassen* Die sogenannte Theorie des vorherrschenden oertlichen Lohnes gehoert in keine Behandlung der Arbeitsbewertung*
Die Arbeitsbewertung hat es nur damit zu tun, die relative Arbeitsschwierigkeit zu messen. Die Pestsetzung eine« Grundlohnes, auf dem
die Lohnskala aufgebaut wird, haengt von den jeweiligen Lohntheorien
der TarifVertragspartner ab* Die Gewerkschaftsbewegung in den USA hat
die Theorie eines Gebietslohne« restlos abgelehnt angesichts einer
Volkswirtschaft, In der die meisten Produzenten fuer einen Harkt
arbeiten, der die gesamte Nation umfaast*
Es wird einer Gewerkschaft wenig helfen,die Arbeitsbewertung nur
dazu zu benutzen oder anzunehmen, um die gleiche Lohnsumm« unter der
gleichen Arbeitergruppe aufzuteilen in der Annahme, dass sie so die
Lohnstruktur rationalisiert haette. Das wuerde die durch die Pehler
der Betriebsleitung verursachten Probleme einfach auf die gewerkschaftliche Organisation oder irgend eine ausgleichende Lohnerhoehung verlagern* Vom Gewerkschaftsstandpunkt aus ist der Hauptzweck, zu dem die
Technik der Arbeitsbewertung bei Verhandlungen dienen kann, die Verteilung eines Zuwachses zu der gesamtsten Lohnsumme in der Weise, dass
einige der bestehenden Ungerechtigkeiten, ausgeglichen werden*
Die Arbeiter klagen darueber, dass die Arbeitsbewertung dazu dient,
ihren individuellen Wert zu vermindern, indem sie ihr Augenmerk auf die
jeweilige Arbeit richtet anstatt auf den Hann, der die Arbeit ausfuehrt.
Sie weisen auf aehnliche Zustaende auf anderen Gebieten hin* Beispielsweise werden in groesen Krankenhaeusern die Patienten durch verschiedene Aerzte untersucht« Waere es moeglich, die Arbeit eines Arztes, der
mit dem Hoerrohr das Herz untersucht, zu bewerten und zu erklaeren, dass
diese besondere Arbeit verhaeltnismaessig einfach sei und deshalb kein
normales Arztgehalt verdiene? Sie behaupten, dass es genau so unpraktisch
waere, Uediziner auf dieser Basis auszubilden wie einen Schlosserlehrling.
Genau wie die Hausfrau Knorpel und Knochen in Kauf nehmen muss, wenn sie
Pleisch kauft und bezahlt, muesste die Betriebsfuehrung die _*asaetzlichen Paehigkeiten des Arbeiters nehmen und sie zu Bestandteilen der Arbeit machen.
quelle: "Arbeitsbewertung"
Ein praktisches Handbuch fuer Gewerkschafts- und Betriebsfunktionaere
von Willian Gomberg

- 16 -

�Inlcrnallonalt

ARBEITSNITTEILUNGEN
Uie folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

V - XII

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

:

Paul R. Hutchings:
Die heutige Gewerkschaftsfront der Angestellten

Seite

1

Produktivität - die Quelle unserer Staerke

Seite

6

Das Senioritaetsrecht des amerikanischen Arbeiters

Seite 11

Pruefung der Wirtschaftsfreiheit

Seite 13

Boris Shishkin:

Paul R. Hutchings, Vorsitzender der allamerikanischen Gewerkschaft
der 3ueroangestellten:
Sie heutige Gewerkschaftsfront der Angestellten
"Die Jront der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sind die
15 000 000 Angestellten der Vereinigten Staaten. Sie bilden eine
Herausforderung der amerikanischen Arbeiterschaft und das ist der
Punkt, an dem sie ihre Kraft und Staerke sammeln ..IUSS. Weniger
als 2 Millionen dieser 15 Millionen Angestellten sind Mitglied
der Gewerkschaften. Diese Arbeiter brauchen die organisierte
Gev:erk3chE.f t, und die organisierte Gewerkschaft braucht sie."
Diese Worte sprach Arboitsminister Maurice J. Tobin, als er im
vergangenen Soamur an die Versammlung einer der groessten Angestellten1

�gewerkschaften innerhalb der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation
Worte der Begruessung richtete. Die American Federation of Labor
ist die Dachorganisation der oertlich und branchemaessigen zusammengeschlossenen Gewerkschaften, der auch die Allanerikanis ehe Angestellten-Union als Mitglied angeschlossen ist.
Die ernste Lage der Angestellten war» Gegenstand vieler Kommentare, aber nur wenige Persoenlichkeiten haben der Oeffentlichkeit
so freimuetig die Tatsache terkuendet, dass die wirkliche Loesung der
wirtschaftlichen Probleme des Angestellten in der Hinwendung zur Gewerkschaftsorganisation und in der Annahne gewerkschaftlicher Grundsaetze
liegt.
"Vas ist eigentlich ein Arbeiter mit weissem Kragen?", wie in den
Vereinigten Staaten die Angestellten ganz allgemein bezeichnet werden.
Diese irrefuehrende, dem eigentlichen Wesen ausweichende Redensart ist
entstanden, um jenen Teil unseres Arbeitsheeres zu kennzeichnen, der
keine "blauen Kragen", keine Arbeitsanzuege und keine Overalls traegt.
Er bezieht sich auf jene Personen, die nicht all Teil des Erzeugungsund Versorgungsheeres angesehen werden. Es ist Jer sogenannte "Nichthandarbeiter," der nichtsdestoweniger hauefig genug sich auf die Geschicklichkeit seiner Haende und seine neuro-muskulaere Koordination, das
heisst die tatkraeftige Zusammenarbeit seiner Ilerven und Muskeln verlassen muss, um der geforderten Arbeit Herr zu werden.
In die weite Klasse der Angestellten fallen die vielseitigen Gruppen der Stenotypisten, Lehrer, Musiker, der im Sozialdienst Taetigen,
der Buchhalter, Handwerker, Journalisten, Telephonisten, Reisenden und
Vertreter, Ingenieure, Bueroangestellten und viele andere mehr.
Obwohl einige Angestelltengruppen zurzeit gut organisiert sind,
wie z.B. die Musiker, Schauepieler, Eisenbahn- und Postangestellten
und andere, so ist es eine nuechterne Tatsache, dass heute annaehernd
85$ der 15 Millionen Angestellten des Landes nicht gewerkschaftlich
organisiert sind»
Was ist eigentlich den unorganisierten Angestellten geschehen? Sie
haben eine Hiederlage nach der anderen eingesteckt. Ein US-Regierungsbeamter hat kuerzlich geschaetzt, dass der Angestellte heute einen um
6j» hoeheren Reallohn verdient als 1939» Der Fabrikarbeiter andererseits hat heute ein Realeinkommen, das fast 50/« ueber dem von 1939
liegt.
Was ist die Ursache fuer diese grosse Differenz? Wer hat schuld,
dass es dem Angestellten nicht gelang, wenigstens im gleichen Schritt
wie sein in der Fabrik arbeitender Bruder voranzuschreiten? Die Antwort ist» Die fehlende gewerkschaftliche Organisation.
Der amerikanische Kopfarbeiter - abgesehen von den 2 Millionen,
die organisiert sind - zahlt teuer fuer seine unterlassene Organisierung, Arbeitsminister Tobin schaetzt in einer neuerer. Ausgabe des
"Bulletin des Arbeitsministeriums", dass in der 18aonatigen Periode
von Januar 1950 bis letzten Juni 20 Millionen unorganisierte amerikanische Arbeiter mehr als drei Milliarden Dollar an Kaufkraft eingebuesst
haben.
Einen grossen Teil dieses enormen Verlustes haben notwendigerweise
die 13 Millionen unorganisierter Angestellter auf sich genommen.
Das kaufmaennische Personal in den Geschaefts- und Industriebueros
stellt einen erheblichen Teil der Angestelltengruppe dar. Der Organi-

2 -

�sierung dieser arbeitenden Menschen ist die Arbeit der Allamerikanischen
Gewerkschaft der Bueroangestellten gewidmet. Ss ist eine gewaltige Aufgabe, diesem riesigen Arbeitsheer von Stenotypisten, Buchhaltern, Uaschinenschreibem, Bedienern von Bueromaschinen, Handlungsgehilfen und anderen, die den Bueronervenzentren der amerikanischen und kanadischen
Industrie und Geschaeftswelt dienen, die Vorteile und Wohltaten eines
beruflichen Zusammenschlusses zu bringen.
Buero- und kaufmaennisehe Angestellte sind,
schwer zu organisieren. Organisierungsmethoden,
Arbeitern als gesund erwiesen haben, wirken sich
kampagnen unter den Bueroangestellten nicht aus,
gar manchmal Sueokschlaege.

geschichtlich gesehen,
die aioh bei anderen
bei Organisationsja, sie bringen so-

Der Glorienschein von Tfuerde und Auszeichnung, der um die Buerotaetigkeit gewunden ist, hatte eine Einstellung und ein Empfinden im
Gefolg«, die rorsichtig ueberwunden werden muesseri, wenn die Bueroangertellten Ton ihren Befuerchtungen befreit werden und eine wirkliche
Gelegenheit erhalten sollen, vorwaertszukorimen und ihren eigentlichen
Platz auf dem amerikanischen Gewerkschaftsgebiet auszufuellen.
Der Bueroangestellte ist im allgemeinen gegen alles eingestellt,
was seinen Chef verletzen oder sein Ansehen und seine Bedeutung verringern koennte. Er arbeitet staendig in viel engerer Verbindung
mit der Leitung als der Produktions- und Versorgungsarbeiter, Er
wird haeufig als der verlaengerte Arm vier Geschaeftsleitung angesehen,
der die Myriaden Dokumente und Aufzeichnungen handhabt und verwaltet,
die Verbindung im Betrieb und mit den Geschaeftspartnern unterhaelt und
andere Einzelheiten, wie sie zur Arbeit des Bueroangestellten gehoeren.
Der Bueroangestellte ist meist nicht gewillt, seiner nahen Verbundenheit mit der Geschaeftsleitung zu entsagen. Er widersetzt sich allem,
was seine Eigenschaft als Individuum, al3 selbstaendigem Wesen beeintraechtigen koennte. Wenn, wie es haeufig vorkoinmt, die Geschaeftsleitung aus Kunsichtigkeit die beiderseitigen Vorteile nicht erkennt,
die sich daraus ergeben, dass sie einen wohlorganisierten Stab an Bueroangestellten hat, die frei von Aengsten um unzulaengliche Gehaeiter, Ar»
beitsunsicherheit, Befoerderungsungluecken und aehnlichem sind, dann
spiegelt der Bueroangestellte zunaechst haeufig die gegnerische Einstellung der Geschaeftsleitung gegenueber den Gewerkschaften wider •
Nur dann gehen sie dazu ueber, die Grundsaetze der Organisation anzuerkennen, wenn die Angestellten davon ueberzeugt werden koennen, dass
eine gewerkschaftliche Organisierung üie mit einem wirklichen Hilfsmittel versieht, durch das sie Selbstbewusstsein erlangen, und zugleich
auch die wahren Interessen der Gesellschaft foerdert und gleichzeitig
eine angemessene Eueckverguetung in Dollar bringt fuer die Dienste, die
sie leisten, wobei sie sich frei von Furcht vor Unsicherheit fuehlen
und in der Gewerkschaft ein Hilfsmittel fuer freundschaftliche fiogelung
der Bueroprobleme sehen«
Auch der Arbeitgeber muss umerzogen werden. Die Gewerkschaft muss
ihn ueberzeugen von ihres Interesse an dem Erfolg seines Unternehmens
und von der Tatsache, dass durch die Organisierung sein Buerostab eine stark erweiterte Gelegenheit zur Entwicklung der einzelnen Persoenlichkeiten fuer die Ausbildung von Puehrereigenschaften haben wird. Die
Ausdehnung demokratischer Grundsaetze auf das Buero gilt dann seinen
Angestellten als eine beachtliche Stimme in der Industriegemeinde.
Wir rnuessen den Arbeitgeber zu der Erkenntnis bringen, dass seine
Mitarbeiter im Buero einen groesseren Einsatz fuer das /Wohlergehen der
Pinna entwickeln, wenn sie an demokratischen Entscheidungen, die ihre
Arbeitsbedingungen bei den Unternehmern angehen, Arcteil nehmen. Sie

-

3 -

�koirunen zu der Erkenntnis, dass ea erst einmal den Unternehmern gut
gehen auss, wenn sie alle vorwaertskommen wollen. Das giat ihrer Arbeit eine neue Wuerze.
Die 3ueroangestellten kommen somit dabin, sich selbst als einen Teil
der '.Yettbewerbsmannschaft anzusehen, und dass sich bei angestrengterer
Arbeit ein hoeherer Gewinn ergeben wird, an de« sie teilnehmen koranin.
Wenn die Bueroangestellten wach geworden sind und die Notwendigkeit
ihrer Organisierung anerkennen, dann entdecken sie, dass sie ihre eigene
Organisation haben moechten. Sie noechten nicht von einer Schablone
und einer Politik verschluckt werden, die organisierte Arbeiter anderer
Gevrerbe ausgearbeitet haben. Sie ersehnen vielmehr eine organisatorische
Eigenart und wollen selbst an die Loesun0 threr Bueroprobl'eme herangehen.Die Allamerikanische Bueroangestellten-Gewerkschaft verschafft ihnen
diese Mittal«
iüehr als 2^0 sich selbst verwaltende O.tsgewerkschaften arbeiten
gegenwaertig in den gesauten Vereinigten Staaten und Kamada, sie haben
mit mehr als 600 Handels- und Industrieunternehmen Tar'HTvertraege abgeschlossen. Sie umfassen rund 40 000 Mitglieder - von Neufundland bis San
Diego und von Vancouver bis Miami,
Organisation erzeugt wieder Organisation, i/enn unorganisierte Bueroange3te?lte in einer Gemeinde von den Vorteilen erfahren, die die organisierten Angestellten bei einem anderen Unternehmen erreicht haben, so
wird ih'.en die Moeglichkeit klar, diese Gewerkschaftsmethoden zu benutzen,
um ihre eigenen Gehaeiter und Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Jedes Jahr organisieren sich viele neue Angestelltengruppen und
verbinden sie': mit unserer allamerikanischen Gewerkschaft, in der sie
durch die Anwendung gewerkschaftlicher Grundsaetze ihr wirtschaftliches
Schicksal am gemeinsamen Verhandlungstisch ausarbeiten.
V/aehrend des letzten Jahres habe., sich die Angostelltenstaebe zahlreicher grorser und wichtiger Industriekonzerne der Allamerikanischen
Bueioange.tellten-Gewerkschaft zugewendet. LIehr als 4C0 kaufmaennische
und Buoroangeste] lte der' grossen 3uffalo-'.7erke dertforthingtonPump
Conpany organisierte-: 3ich kuerzlich in unserer Ortsgewerkschaft 212,
ungeachtet der Tatsache, dass die Produktions- und Versorjungsarbeitar
dieses ',7 rkes von einer der gro gen CIO-Gewerkschaf t vertreten werden,
die also auch daran interessiert ist, den Angestelltenstab zu erfassen.
Die Kernfrage wurde klargestellt: Durch die National Labor Relation
Board, eine Auf :;ichtsbehoerde fu=;r die Gewerkschaften,wurde eine Stimmzettelwahl durchgefuehrt. Hierbei bekundeten die Bueroangeutellten
ihren .Vunsch, von einer Gewerkschaft vertreten zu werden, die sich ausschliesslich den Probienen der kaufmaennisehen und Bueromitarbeiter widmet.
Das grosse 3. 36 Boi.iber-',.'erk der Consolidated Vultee Aircraft Corporation in Port V.'orth, Texas, war ebenfalls der 3chauplatzeines Organisations'jieges der allamerikanischen Gewerkschaft der Bueroangestellten. Mehr als 1500 Mitglieder des Büropersonals dieses Werkes wandten
sich im letzten SoTjner der Allamerikanischen Gewerkschaft der Bu-.roangectellten zu und sti.inten in einer V/ahl dafuer, dass sie durch diese
Gewerkschaft bei Verhandlungen fuer bessere Angestelltenbedingungen vertreten sein wollen.
Andere bedeutsame kaufmaennische Gruppen wurden neuerdings unter das
Banner der Allamerikanischen Angestellten Gewerkschaft gebracht wie etwa
das Büropersonal solcher Werke wie die Capital Transit Company in
Washington D.C., die Chicago Pneumatic Tool Company in Utica N.Y., die
Kennecott Copper Corporation in Bingham Canyon/ütah, die A.P. Controls

- 4 -

�Corporation in llilwaukee, die Cities Service Refining Corporation,
Verwaltuugsbuero in Lake Charles/Louisiana, die Abercombie and Fitch
(..'arenhaus) in New ^fork City und die Permanent Hospitals in Vallejo
und Ean Francisco, Kalifornien.
Diese ve schiedenen Firr.er. werden erwaehi.t, um ein Bild von der
Verbreitung der kaufmaennisehen Organisation zu geben, und zwar sowohl geographisch als auch hinsichtlich der verschiedenen Industriegruppen.
In Kanada hat rut ueber die Ilaelfte des kaufnaennicchen Personals
in der beherrschenden Papier- und Eellstoif-Indu3trie dieses Landes die
Alla.nerikanische Angestellten Union als ihren Verhandlungsvertreter erwaehlt, sie geniessen bereits verbesserte Gehaeiter und hervorragende
Arbeitsbedingungen.
Diese Organisation ist. in Kanada jedoch nicht allein auf die kaufmaennischen Angestellten dieser Industrie beschraenkt. Die Bueroangestellten der Dominion "Tabana °re Company Ltd. von Bell Island, einer
Insel, die vor der Tordkue3te Neufundlands liegt, hoerten von der
Allamerikanisc en Angestellten-Union und geniessen bereits die Vorteile der Kollektiv-Verhandlungen ihrer oertlichen Gewerkschaft auf diesem entlegenen Eiland. Der ka fmaennische Stab der Niagara Hydro Electric, ein Bauprojekt, hat eine Ortsgewerkschaft der Allamerikanischen
Union eingerichtet und hat -.Tesentliche Verbesserungen ihrer Loehne und
Arbeitsbedingungen erzielen koennen.
Andere juengere kanadische Organisationen haben den Buerostab der
Canadian I:on Foundries von Thrce Rivers,Quebec, und die Dominion Foils
Company in der gleichen Stadt, das St. Lawrence Alloy3 lerk in Eeauharnols/
^uebec, die Comstock Engineering Conpany in Toionto und viele andere
gewerkschaftlich organisiert.
Die grosse Aufgabe dieser allamerikanischen Union ist es, an '..en
Grundsaetzen, auf die die Gewerkschaft ge^ruendet wurde, festzuhalten
und weiterhin den Angestellten aller Industrien in beiden Laendern eine
echte Gelegenheit zu bieten, ihr rirtschaftliches ",','ohlergehen durch
Kolle'- tiwerhandlur.gon zu verbessern und dabei ihre Eigenart zu bewahren und zu foerdern.
J=den Tag wender: sich kaufmaennische Angestelltengruppen bei der
Suche n".ch ein-jr Antwort auf ihre wirtschaftlichen Probiene und, nachdem sie von den Erfolgen anderer kaufnaenr.ischer Gruppen gehoert haben,
schliessen sich der Allamer^kanischen Union an. Das ist die Loesung.
Wie die Organisation koerperlich waechst, so waechöt sie auch in der
Statur, d.h. in dem, was sio vorstellt.
Sie sa me",t staendig '.vertvoile Erfahrungen und bildet ^eschickte
fachmaer.nische üepraesentar.ten aus, die faehig sind, der. neuerdings
organisierten kaufmaennischen Gruppen beizustehen, wenn sie ihren speziellen Berufsprobleren wirksam gegenuebertreten wollen.
Die Notwendigkeit zur Entwicklung entsprech-nder Forschungs- und
Erziehungsabteilun_en darf nicht uebersfther. werden. Die Allanerikanische Angestellten-Union hat eine zwecknae. si/;e Forschungsabteilung eingerichtet, die von einen erfahrenen Forschungsexperten gefuehrt wird.
Sie will in technischen und enu:ren komplizierten Probienen Beistand
leisten, wie sie avs dem U.w. Lohnst-ibilisi^iungs-i-rogramn herwachsen,
ebenso bei der Notwendigkeit, sich nit den Arbeitsbewertungsproblenen
und anderen grundlegenden Dinjen von besonderen Belang fuer das kaufmaerinicche Personal aur.einan erzu3etze.n.
Ein auf dem lai:f enden gehaltener Kodifizierungs- und Analysierungs-

5 -

�plan aller Vereinbarungen der Union ist eingefuehrt worden, so dass die
Studienergebnisse und Informationen ueber spezielle Vertragsklauseln
rasch zur Hand sind und laufend beraten werden koennen vor allem in Bezug
auf Forn und Aenderungen der Verhandlungsart oertlicher Gewerkschaften
der Angestellten-Union in den verschiedenen Industrien und geographischen
Gebieten.
Jeden Monat findet Jedes Mitglied der Union in seinem Hausbriefkasten ein Exemplar der offiziellen Druckschrift "The Office V.'orker."
Sie informiert ihn ueber organisatorische Fortschritte, zugestandene
Lohnerhoehungen und viele andere wichtige Dinge, die von unmittelbarem
Interesse fuer ihn und sein Wohlergehen als Bueroangestellter sind.
Die Angestellten brauchen eine entschiedene Orgnnisation. Die Bueround kaufmaennisehen Angestellten, die einen breiten Ausschnitt aus der
Kopfarbeitergruppe bilden, benoetigen das Recht, durch Kollektiwerhandlungen an den Entscheidungen ueber ihre Gehaeiter und ueber ihre Arbeitsbedingungen am Ort ihrer Beschaeftigung teilzunehmen.
Sie koennen ihre Ziele erreichen ohne Aufgal3 ihrer Wuerde oder
ihres Ansehens durch ihre Ortsgewerkschaften derA^lamerikanischen
Angestellten-Uni&amp;h, die sich ausschliesslich aus Buero- und kaufmaennischen Angestellten zusammensetzt und sich ausschliesslich ihren Problemen widmet - die (AFL) Union der Bueroangentellten,
"The American Pederationist", Vol. 59» No. 4

Boris Shiskin: Wirtschaftsberater der American Pederation of Labor
Produktivitaet - die quelle unserer Staerke
Wenn wir Gueter produzieren und Dienstleistungen schaffen, so zeugen wir damit Wohlstand. Amerika mit seinen 150 Millionen Menschen
setzt auf diese Weise das Doppelte um wie Westeuropa mit seinen 275
Millionen Menschen.
Unser Land verfuegte ueber viele Vorzuege. Zunaeohst einmal ist es
-reich an natuerlichen Hilfsquellen. Nutzholz, Eisen, Kupfer, Oel und eine
reiche Zahl anderer Rohstoffe ruhen innerhalb unserer Landesgrenzen und
warten auf ihre Erschliessung. Und wir erschlossen sie. Wnehrend die
meisten europaeischen Laender fuer viele ihrer Industrierohstoffe von der
Einfuhr aus Uebersee oder dem Ausland abhaengig waren, fanden wir den
groessten Teil unseres Bedarfs im eigenen Land.
Ein weiterer gewaltiger Vorteil wax die Einheitlichkeit der Vereinigten Staaten. Innerhalb unseres Landes herrschten weder Sprachschranken
noch Zollnauern. Ein Fabrikant in Michigan konnte seine Produkte, wenn
er wollte, in Oregon, Louisiana oder Maine verkaufen. Ein Obstzuechter
in Kalifornien brauchte sich keinerlei Sorgen zu machen ueber eine "ausgeglichene Handelsbilanz" fuer seine Produkte etwa gegenueber den Maschinen, die er vielleicht in Michigan kaufen nusste, wie es etwa ein italienischer Zuechter muss, wenn er seine Erzeugnisse nach der Schweiz, Italien
oder nach den Vereinigten Staaten verkaufen will.
Der dritte grosse Vorteil war unser Wettbewerb- und Unternehmersinn.
Waehrend der Wettbewerbsgeist die Ja.«rd nach neuen, besseren und billigeren Methoden wach hielt, haben wir Gesetze beschlossen, die den freien
Wettbewerb vor dem '.Vuergegriff der Monopolwirtschaft schuetzen.
U n s c vierter Vorteil war das allmaehliche Entwickeln und Wachsen
der Organisatior.staetigkeit der amerikanischen Arbeiterschaft mit dem
Ziel, dem Einzelnen einen fairen Anteil an den Pruechten der Produktion

- 6 -

�zu sichern. Die Maschine hatte denflussund den Schmutz des industriellen Lebens mit sich gebrächt. In ihrem Kielwasser folgte die Ausbeutung, der staendige Druck nach mehr Arbeitsstunden, der unerbittliche
Druck um niedrigere Loehne. Hier rausste ein Gegengewicht geschaffen
werden. Und der Ansatzpunkt fuer den ausbleichenden Hebel kam mit den
Kollektivtarif-Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Waehrend das organisierte T/irken der Arbeiterschaft diese lebenswichtige Handhabe fuer einen gorechteren Anteil am Industriefortschritt
schuf, ermoeglichte die freiwillige Selbstorgani3ation der Arbeiter
auch ein ausgeglicheneres Wachstum unserer gesamten industriellen Ge*meinschaft. Von der Stroemung des 19. Jahrhunderts mit ihren Forderung
nach schulgeldfreien Volksschulen bis zu der Bewegung des 20. Jahrhunderts fuer soziale Sicherung und besseres V.'ohnen, ist es die ununterbrochene Benuehung der Arbeiterschaft gewesen, die dazu beitrug, die vermehrte Produktion in bessere Lebensverhaeltnisse umzuformen.
Wenn eine Fabrik, uie 1000 Einheiten am Tag fertigte, heute 1 200
Einheiten mit derselben Arbeiter- und Stundenzahl taeglich herausbringen
kann, dann oager wir, dass die Produktivitaet um 20$J zugenommen hat. Das
kann ermoeglicht worden sein durch bessere Maschinen, durch den reibungsloseren Ablauf der Herstellung und durch guenstigere Produktionsmetho^en, oder eine Verbindung dieser und anderer Faktoren.
Produktion ist das Ausmass der produzierten Gueter selbst. Hoehere
Produktion kann das Ergebnis des Einsatzes einer groesseren Zahl Arbeiter
oder einer laengeren Arbeitsdauer sein. Sie ist nicht notwendigerweise
das Ergebnis einer ;roeoseren Nutzleistung. Sie kann naemlich mit Hilfe
von mehr Menschen und einem laengeren Arbeitsplan erreicht werden, selbst
bei einer absinkenden Nutzleistung des Einzelnen.
Produktivitaet ist der Wert der Produktion je K0pf und Arbeitsstunden! n i * anderen Worten: der Umfang der Produktion je Kopf und Zeiteinheit. Die industrielle Produktivitaet ist das Produktionsmass Je Kopf
und Stunde. Eine Aenderung in der Produktivitaet gibt das llass fuer die
Veraenderung der industriellen Nutzleistung. Steigende Produktivitaet
bedeutet, dass die Erzeugung leistungsfaehiger geworden ist und weniger
kostet.
Wenn die gleiche Zahl Arbeiter, bei unveraenderter GesamtStundenzahl, mehr Einheiten des gleichen Produkts erzeugen kann, so fallen die
Herstellungskosten je Einheit, denn jede Einheit kostet herstellungsmaessig weniger. Wenn die Produktionskosten, sagen wir einer Taschenlampe, auf diese Weise von einem Dollar auf 80 Cents je Stunde herabgedrueckt werden koennen, dann betraegt der Gewinn aus der gesteigerten
Produktivitaet 20 Cents an jeder Einheit« Dieser gesamte Gewinn kann
als erhoehter Nutzen fuer den Fabrikanten in Erscheining treten. Wenn
die Loehne fuer die Arbeiter, die diese Taschenlampe fertigen, gleich
bleiben und ebenso der Preis der gleiche bleibt, so wuerde der Profit
des Unternehmers je Taschenlampe um 20 Cents steigen.
Ebenso kann aber auch der ganze Gewinn der Produktivitaet in hoehere
Loehne umgewandelt werden. Oder es koennte dazu dienen, die Preise des
Erzeugnisses zu senken. Oder der Ertrag der vermehrten Produktivitaet
koennte in dreiflichtungenaufgeteilt werden» al3 hoeherer Unternehraergewinn, als hoeherer Lohn fuer den Arbeiter und als gesenkter Preis fuer
den Verbraucher.
Auch die gesteigerte Produktivitaet der Wirtschaft als Ganzes kann
in gleicher V/eise gemessen und beurteilt werden wie die Produktivitaet
des einzelnen Unternehmers. Der Wert der gesamten Produktion unserer
ganzen Wirtschaft, den jeweiligen Preisschwankungen angepa;st, repraesentiert den tatsaechlichen Wert der Gueter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Zeitabschnitts erzeugt und geschaffen wurden.

- 7

�Die Produktivitaet der amerikanischen Wirtschaft war in einem stetigen Aufstieg begriifen. Im privaten Sektor der Wirtschaft unter Auslassung der ausgesprochenen Regierungsdien^tleistungen und der Wehrmacht
stand der jaehrliche Anstieg der Produktivitaet zwischen 1909 und 1941
auf den Durchschnittssatz von 2,1^. Dies ist natuorlich nur ein Durchschnitt. Depressionen, d.h. wenn weniger Kapital in neuen Ma3chinenanlagen investiert wird, verlangsamen das Tempo, solange sie andauern,
sie zeigen ihre Wirkung meist erst spaeter. In anderen Jahren hat es
Spruenge nit überdurchschnittlichen Steigerungen gegeben. Aber dieses
Bild zeigt, dass bei einer* Aufrechterhaltung dieses durchschnittlichen
Prozentsatzes der industriellen Vervollkommnung die Nutzleistung in
ungefaehr 50 Jahren verdoppelt werden kann.
Seit Ende des letzten Krieges ist dieser Prozentsatz der zunehmenden Produktivitaet bedeutend angestiegen. Seit 1949 stieg die Produktivitaet konstant mit etwa 5"i/j i m J-hre an. Wenn dieses Tempo einer steigenden Produktivitaet beibehalten wird, so kann die Leistungsfaehigkeit schon
in 20 Jahren verdoppelt werden,
Dis Produktivitaet ist daher die quelle, au:, der eine ganze ITi-.tion
schoepfen kann, um eine allgemeine wirtschaftliche Besserstellung herbeizufuehren. Entscheidend Jedoch fuer Erfolg oder Uisslingen der
Uebertragung der erhoehten Produktivitaet in einen besseren Lebensstandard ist die Faehigkeit, den Nutzen der verbesserten Produktivitaet
in eine wirtschaftliche Besserstellung fuer alle zu verwandeln. Durch
Mehrproduktion mit geringeren Konten ist es moejlich, sowohl den Unternehmergewinn als auch die Loehne ohne Preissteigerung zu erhoehen.
Die steigende Produktivitaet in der amerikanischen V/irtschaft
spiegelt wirksame Kraefte wider, die weitreichender sind al3 die verbesserte Leistungsfaehikeit im Rahmen eines einzelnen Werkes, einer
liine oder eines anderen erzeugenden Unternehmens. Die neue Technologie
(technische Wirtschafts- und Gewerbelcunde) hat das Tempo de3 Wirtschaftslebens ueberall beschleunigt, Wo Handel und Gewerbe vor 50 Jahren ohne
Stromlinienbahnen, Fernlagtzuege, Eil-Luftfracht und Luftpost betrieben
wurden, spielen sie sich heute unter ilithilfe all dieser zusaetzlichen
Schnelligkeit ab, plus Fernschreiber und Fern-Schnellsprechdienst. Die
Schnelligkeit der Bewegung und Verbindung allein hat schon die Leistungsfaehigkeit der Wirtschaft gesteigert. Die moderne Technologie hat uns
neue Stoffe und neue Produkte geschenkt, ebenso neuartige Maschinen geschaffen, die die Produktion besser und schneller gestalten koennen.
Die groesste oekonomische Frage unserer Zeit ist nun die: Wie koenner vir am besten diese bessere Wirtschaft sorg- nisation in hoehere Realeinkommen umwandeln? Wie koennen wir die zunehmende Menge neuer Produkte in die finanzielle Reichweite einer groesseren Anzahl Lienschen
bringen, die sie brauchen und in der Lage sein moechten, sie zu kaufen?
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung erkannte fruehzeitig die
fundamentale ./ichtijkeit der Beziehungen zwischen Lohn und steigender
Produktivitaet. Schon vor mehr als einem ViertelJahrhundert nahm im Jahre 1925 die T-.jung der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation (Al'L)
folgende Resolution an, die von dem Delegierten John P. Frey vorgeschlagen wv rde.
"Soziale Ungleichheit, industrielle Unstabilitaet und Ungerechtigkeit muessen wachsen, wenn nicht die Realloehne der Arbeiter und die
Kaufkraft ihrer Loehne, gepaart mit einer staendigen Verminderung der
Arbeitsstunden am Ts?g, im Verhältnis zu der zunehmenden menschlichen
Produktionskraft weiter entwickelt und vorangetrieben werden."
Die Amerikanische Gewerkschaftefoei ration, die eine Anzahl Studien ueber das Verhaeltnis zwischen Lohn und Produktivitaet durchfüehrte,
schlug als "moderne Lohnpolitik der organisierten Arbeiterschaft" eine
solche vor, die die erhoehte Produktivitaet in hoeheren Loehnen widerspiegelt.
8

�Als ein Teil des (grossen Gesantprogramna der wirtschaftlichen
Stabilisrung waehrend der gegenwaertigen Abwehrperiode hat die Arbeiterschaft das Lohnstabilisierungsprogramm angenommen und unterstuetzt«
Jedoch hat die Arbeiterschaft von Anfang an mit der Zustimmung mur
Lohnkontrolle als Teil einer breiteren Abwehr gegen jede Inflation die
Notwendigkeit dargelegt, dass Lohnerhoehungen, die die gesteigerte Produktivitaet widerspiegeln, zuzulassen sind.
Schon am 11» Januar 1951 erklaerte ein gemeinsamer Bericht, der
dem Lohnstabilisierunrrsamt von den Gewerkschaften vorgelegt wurdet
"Der jetzige Verkaufsmarkt macht es offensichtlich, dass eine
Herabsetzung der Kosten je Produktionseinheit, die sich aus .verbesserter Leistungsfaehigkwit ergeben hat, nie t dazu fuehrt, die Preise zu
senken. Die Ablehnung einer Lohnanpassung an den industriellen Fortschritt wuerde daher nicht den Verbrauchern zugute komnen, sondern
allein zur Vermehrung des Unternehmergewinns dienen.
Das Hichtzustandekommen einer Vereinbarung ueber die Zulaessigkeit
einer Lohnanpassung, sei sie in bestehenden Vertraegen festgelegt oder
in kuenftigen vereinbart, wuerde ein Eingriff dieses Amtes in die
Verteilung des Nationaleinkommens zun Schaden der Arbeiteranteile und
zum Nutzen des Geschäfts- und Direktorialeinkoncens darstellen. Dies
wuerde eine schmerzliche Ungerechtigkeit gegenueber den Arbeitern sein,
deren Rolle in Produktionsprozess 30 lebenswichtig ist.
Eine Beteiligung an den Ertraegen des industriellen Fortschritts
und gesteigerter Produktivitaet wuerde erheblich zur Foerderung der Moral und der Leistungsfaehigkeit der Arbeiter beitragen und dabei gleichzeitig die wirtschaftliche Stabilitaet staerken."
i'uenf llonate spaeter handelte das Lohnstabilisierun^samt nach diesem
Vorschlag, aber in zweischneidiger 7eise, Es gab die Erlaubnis zu geringen,
aber
auf der steigenden Produktivitaet basierenden Lohnerhoehungen,
jedochnur bei Abkommen, die vor dem 26, Januar getroffen waren.
Das Ergebnis war ein doppelseitiger Zustand. Arbeiter mit vor dem
26. Januar 1951 abgeschlossenen Tarifvertraegen konnten Lohnerhoehungen,
die sich auf die cteigende Produktivitaet gruendeten, erhalten. Diejenigen, die keine entsprechenden Schritte vor diesem Stichtag unternom.'iwn hatten, bekamen solche Lohnerhoehungen jedoch nicht.
Im Oktober 1951 legten die Gewerkschaftsmitglieder des ^ohnstabilisierunjsantes eine Entschliessung vor, die dringend eine Politik forderte, die die Produktivitaetslohnerhoehungen fuer alle Arbeiter zuliess.
Das Lohnstabilisierungsamt unterliess es jedoch, die noetigen Schritte
zu unternehmen. Am 26, Hai eroeffnete der Vorsitzende des Lohnstabilisierungsamtes, Nathan Feinsinger, eine dreitaegige Beratung, um das
Fuer und Wider dieser *'rage zu erwaegen. Die Amerikanische Gewerkschaftsfoederation erbrachte bei dieser Beratung den Nachweis, dass das Amt
voll und ganz berechtigt sei, Lohnerhoehungen auf Grund der gestiegenen
Produktivitaet in einem Ausnass bis zu ll£ zu bewilligen, wenn solchen
Erheohungen von der Gewerkschaft und der Geschaeftsleitung zugestimmt
worden i3t.
Der Antrag der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation war mit der
Tatsache begruendet, dass sich die Produktivitaet in der amerikanischen
Wirtschaft als Ganzem pro Kopf und Jtunde zwischen 1949 und 1950 um
5,97^» zwischen 1950 und 1951 um 5»4^' erhoeht hatte. Es wurde dargelegt,
dass waehrend dieser zweijaehrlgen Periode von 1949 bis I95I die Produktivitaet in der privaten '.Virtschr.ft um 11,67' stieg. Auf dieser Grundlage hielt es die Amerikanische Gerrerkschaftsfoederation fuer ebenso gerecht wie notwendig, dass das Amt eine allgemeine Anordnung erlaesst, die

- 9 -

�Produktivitaetslohnerhoehungen von maximal 11$« zulae3st.
'.Yenn das Amt durch die Anordnung, Produktivituetslohnarhoehungen
im Rahmen von llfi als Ergebnis kollektiver Verhandlungen zu genehmigen
erlauben wuerde, so wuerde es im Effekt den Arbeitern gestatten, gleichen Schritt mit ihrem Anteil an der steigenden Produktivitaet fuer die
Periode 1?49 - 1951 zu halten. Der Antrag war also nicht gegruendet
auf Llutmassungen oder irgendeine Schaetzung', wie hoch die kuenftigen
Aenderungen in der Produktivitaet sein koennten, er ist vielmehr gegruendet auf die feststehende Tatsache, dass waehrend dieser zweijaehrigen
Periode, in der die Produktivitaet anstieg, es den Arbeitern nicht
genehmigt wurde, an dem Nutzen dieses Aufschwungs ihren berechtigten
Anteil zu erhalten,
Lohnerhoehungen, gegruendot auf Produktivitaetsgewinnen, sind
keineswegs inflationistischer Natur, Selbst wenn die Preisebene waehrend der vergangenen 50 J- hre gestiegen ist, so liegt das wirkliche
Einkommen pro Kopf heute im V.rhaeltnis von 2J zu 1, verglichen mit der
Lage vor einen halben Jahrhundert. Durch Erfahrung ist bewiesen worden, dass der beste V.'eg, wie sich die Produktivitaetsgewinne in einen
hoeheren Lebensstandard umwandeln koennen, der ist, den Arbeitern zu
genehmigen, sich an dem Produktivitaotsgewinn durch angemessene Lohnerhoehungen zu beteiligen.
Es muss vollkommen klargestellt werden, dass dieser Vorschlag nicht
die Absicht vertritt, die Produktivitaetsgewinne voll und ganz in
hoehere Loehne umzuwandeln. Angenom.-.en, die unmittelbaren Arbeitskosten
je Einheit belaufen sich auf 30;' des '..'ertes des Fertigprodukts. Ein
ll^iges Ansteigen der Loehne wuerde im Verhaeltnis zur Produktivitaetostei^erung nicht mehr als den Arbeitsante. 1 am Produktivitaf;tsgewinn
erfordern, ein Anteil, der nur ein Bruchteil des gesamten Gewinnes ist«
Im Falle der Erzeugung von 111 Einheiten pro Kopf/stunde anstatt
100 wird es moeglich, eine solche Lohnerhoehung, die sich uuf gestiegene Produktivitaet gruendet, ohne weiteres zu gewaehren und trotzdem
die Arbeitsko:ten pro Einheit des Erzeugnisses nicht hoeher gleiten zu
lassen, sondern auf dem bisherigen Stand zu belassen.
Gesteigerte Produktivitaet bedeutet nicht, dass die Arbeiter einer
angespannteren Anstrengung unterworfen werden. Im Gegenteil, die' zusamnengefassten Ergebnisse einer besseren Technologie, vorteilhafterer
Organisation der Erzeugung und hoehere fachliche Fertigkeiten haben
es moeglich gemacht, eine ueberlange Arbeitszeit zu verkuerzen, ebenso
die Loehne zu erhoehen un dadurch die Realeinkommen staendig zu erhoeher..
7/enn eine gesteigerte Produktivitaet nicht von einer Steigerung
des Realeinkommens begleitet ist, so kann die Kaufkraft nicht mit der
erhoehten Srzeugurigsmoeglichkeit Schritt halten. Es ist in hohem Kasse
lebenswichtig, sicherzustellen, da-ss nach Ueberschreiten des Gipfelpunktes der Abwehrproduktion noch eine genuegende Kaufkraft verfuegbar
ist, um einen vollen Fluss der zivilen Produktion nach Durchfuehrung der
^bwehrmassnahnen zu gewaehrleisten. "le USA werden sicher einmal einer
Versetzung und Aufloesung gegenueberstehen, wenn sie den Loehnen nicht
zugestehen, die juengsten Produktivitaetsgewinne aufzuholen.
Das Ziel der Amerikanischen Gewerkschaltsioederation ist eine
lljiige Steigerung der Loehne, die Produktivitaetsgewinne von 1949
bis 1951 begruenden diese Forderung, Das Lohnstabilisierungsamt sollte
eine solche Erhoehung bewilligen, sie sollte verwirklicht werden durch
das Instrument gemeinsamer Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Unternehmer.
Steigende Produktivitaet ist die quelle der Staerke der gesamten
'•Virtschaft, Produktivitaetslohnerhoehungen sind das üittel, um diese
-

10

�Quelle zu den Lebenswurzeln des zukuenftigen Wachstums Amerika» zu
leiten.
"The American Federatlonist",
Vol. 59/No. 6

Das Senioritaetsrecht der amerikanischen Arbeiter.
Der amerikanische Arbeiter schaetzt die Vorteile, die ihn auf Grund
seiner Senioritaet zuteil werden, ueberaus hoch. Das Senioritaetsrecht
ist ein Recht des Dienstalters - je laenger jemand bei einen Unterne'jnen
oder in einer Industrie beschaeftigt ist, umso hoehere Hechte hat er,
er kann z.B. erst dann entlassen werden, wenn alle mit einer gleichartigen Arbeit beschaeftigten Kollegen, die nach ihm in den Betrieb eintraten, entlassen worden sind. Bei liassenentlassungen hat er auch bei
Neueinstellungen das Hecht, bevorzugt wieder eingestellt zu werden diese Holle auf Grund des Dienstalters wird in den amerikanischen
Tarifvertraegen durch den Ausdruck ".Senioritaetsrecht" wiedergegeben.
Diese Hechte sind zumeist c*urch Tarifvertraege geschaffen worden, zuweilen sind sie auch durch die Initiative einzelner Arbeitgeber moeglich.
Das Senioritaetsrecht kann fuer die Dauer des bezahlten Urlaubs
oder der Kranktage entscheidend sein, 'wenn sie dem Arbeiter zustehenj
ebenso kann es bei Befoerderungen oder Personaleinschraenkungen eine
entscheidende Holle stielen. Die Versetzung in den Pensionsstand und
die Auswahl der Arbeiter fuer Tag- oder Nachtarbeit kann sich ebenfalls n^ch der Senioritaet richten. Der amerikanische Arbeiter schaetzt
vorpllem vier Formen der Vorteile der amerikanischen Senioritaet, die
"Sein taegliches Leben beeinflussen. Es handelt sich hierbei um die
Reihenfolge bei der Entlassung und Befoerderung, den Pensionsanspruch
und den bezahlten Urlaub.
Das amerikanische Amt fuer Statistik hat den Versuch gemacht, die
Wichtigkeit dieser Vorteile festzustellen, die sich aus dem Senioritaetsrecht ergeben und durch Kollektiwertraege wirksam wurden. Im Juni 1951
sind 330 Kollektiwertraege, die fuer 4 Millionen Arbeiter gelten, genauestens geprueft, ueber das Ergebnis wurde eine Studie zusammengestellt.

Befoerderungen.
Die Reihenfolge, die bei Entlassungen und Befoerderungen eingehalten werden muss, zaehlt zu den Vorteilen, die 3ich auf Grund des
Senioritaetsrechtes gegenueber anderen Arbeitern ergeben. Die Gewerkschaften bestaetigen, dass es sehr schwierig ist, die Peststellung zu
treffen, wem der Vorrang zu geben ist, zumal keine Vergleichsmethoden
existieren» Sie treten jedoch dafuer ein, der Zahl der Dienstjahre eine groessere Bedeutung fuer Befoerderungen zuzumessen, als auf Grund von
Verdiensten. Die Arbeitgeber hingegen sind der Meinung, dass, wenn man
sich bei Befoerderungen ausschliesslich auf das Dienstalter stuetzt, man
Gefahr laeuft, fuer gewisse' Arbeiten wenig leiatungsfaehige oder ungeeignete graefte aufsteigen zu lassen.
Die Rolle, die das Dienstalter fuer die ^rage der Befoerderung
spielt, ist in ungefaehr 60# der Vertraege genau festgelegt, sie umfassen 52;$ der Arbeiter, die in dieser Studie beruecksichtigt wurden.
Die meisten Vertraege fordern durchweg die Geeignetheit oder bestimmen, dass die Arbeiter fuer den hoeheren Posten die benoetigte Leistungsfaehigkeit haben muessen, wenn das Dienstalter bei der Befoerderung
den Ausschlag geben soll.
11

�Entlassungen und Wiedereinstellungen.
Die Aufstellung einer Entlassungsordnung, die sich auf den
Senioritaetsrecht aufbaut, ist fuer ungefaehr 74$ der Vertraege vorgesehen und betrifft 56$ der Arbeiter. Gemaess diesen Bestimmungen muesste
grundsaetzlich der zuletzt eingestellte Arbeiter zuerst entlassen werden. Beinahe die Haelfte dieser Vereinbarungen betonte jedoch ausdruecklich, dass das Personal mit dem hoechsten Dienstalter in der Lage sein
muss, die geforderte gute Arbeit zu leisten. 12?' der geprueften Vereinbarungen, die sich auf 500 000 Arbeiter erstrecken, lassen die Bevorzugung des Dienstalters nur dann gelten, wenn die Faehigkeiten der durch
das Senioritaetsrecht geschuetzten Arbeiter gleichwertig sind. Die
Industrien der Serienproduktion (z.B. Apparate, Steine, Ton, Glas, Petroliumraffinaden, Lebensmittel und aehnliches) und das Transportwesen legen dem Dienstalter bei Entlassungen den groessten V?ert bei. 95$ der
Arbeiter, die den geprueften Vereinbarungen unterliegen, sind in diesen
Industrien beschaeftigt. In der Tabak-, Textil, Gas- und Elektrizitaetsindustrie betraegt der Anteil 75$» i n d e r Verpackungs- Papiertind Metallbearbeitungsindustrie 50$. Die Bauindustrie ist die einzige,
die auf das Senioritaetsprinzip bei Entlassungen keinerlei fiuecksicht
nimmt, was hauptsaechlich auf den Saisoncharakter der Arbeit in dieser
Industrie zurueckzufuehren ist. In der Bekleidungsindustrie ist die Berücksichtigung des Senioritaetsrechtee bei Entlassungen ziemlich selten,
es herrscht dort die Gewohnheit, waehrend der flauen Zeit verkuerzt zu
arbeiten.
Im allgemeinen richtet sich die Wiedereinstellung von Arbeitern
nach dem Senioritaetsprinzip; die Arbeiter mit der hoechsten Senioritaetsstufe werden somit als erste wiedereingestellt.

Pensionen und bezahlter Urlaub.
Pensionen und bezahlter Urlaub gehoeren ebenfalls zu den Vorteilen,
die ein Arbeiter durch ein Senioritaetsrecht fuer sich selbst beanspruchen kann. In diesem Fall ist es nicht erforderlich, mit anderen
Arbeitern verglichen zu werden.
Ungefaehr zwei Drittel der Arbeiter profitieren von dem Pensionssystem, dass sich auf eine bestimmte Anzahl Dienstjahre stuetzt. Die
meisten Pensionssysteme werden durch Tarifvertraege eingefuehrtj diese
Vorteile treten zu der Altersrente, die durch die Sozialversicherung gewaehrt wird, noch hinzu.
Die Dauer des bezahlten Urlaubs bildet einen weiteren wesentlichen
Vorteil fuer den Arbeiter. Kehr als 70$ der Arbeiter haben Anspruch
auf bezahlten Urlaub, dessen Laenge sich nach den Dienstjahren richtet,
wobei der Tarifvertrag die Einzelheiten festlegt.
Im Augenblick gibt es weder ein industrieweites noch ein bezirkliches Einheitspro^ramn, die Senioritaetsrechte der Arbeiter, die in
die Verteidigungsindustrie uebernommen worden sind, zu sichern. Jedoch
sehen verschiedene Vereinbarungen die Aufrechterhr.ltung dieser ursprünglichen Senioritaetsrechte vor, sobald die eigentliche Arbeit wiederaufgenommen wird, falls vorher eine Ueberweisung in die Verteidijungsindustrie
stattgefunden hat. Dies gilt jedoch nur, wenn die Ueberweisung auf Veranlassung einer Regierungsstelle erfolgte.
(Studie des amerikanischen Staatsministeriums
fuer Arbeit)

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12

�Pruefung der Wirtschaftsfreiheit.
Was hat das amerikanische freie Unternehmer tum eigentlich dem
Arbeiter gebracht? Lies ist eine sehr heikle Trage - wobei die Sozialisten ihr System als das bessere anpreisen, waehrend die Kommunisten
behaupten, dass der amerikanische Arbeiter ausgebeutet wuerde,
Zunaechst einige grundlegende Betrachtungen. Kein Wirtschaftssystem kann zum Erfolg fuehren, wenn es nicht echten Beduerfnissen
entspringt. In Amerika wurzelt der wirtschaftliche Ansporn im natuer—
liehen Wunsch des llenschen zur persoenlichen Leistung. Gewisse wirtschaftliche Hechte sind sichergestellt, so dass jeder die rolle Freiheit hat, das Erwuenschte in die Tat umzusetzen. Das Recht, sich Besitz
zu erwerben oder einen bestimmten Beruf auszuwaehlen, sich mit irgendeinem
Geschaeft zu befassen und angemessen zu Terdienen, eine Organisation aufzuziehen und gemeinsam um hoehere Loehne und soziale Vergünstigungen
zu verhandeln oder eine Handelsgesellschaft zu gruenden. Leiter hat
Jeder das Hecht, Vertraege abzuschliessen, sei es zwischen Firnen untereinander oder zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern) das Hecht, ein
Geschaeft zu fuehren, bedeutet die Anerkennung des freien Wettbewerbs«
Und ueber allem hat jeder einzelne das Hecht, nach eigenem Gutduenken
zu handeln und eigene wirtschaftliche Entschluesse zu treffen. Alle
diese Rechte bilden das Fundament der persoenlichen Initiative und der
Verantwortlichkeit, die den wirtschaftlichen Fortschritt ausmachen.
Ein anderer Faktor ist dabei auesserst wichtig: Der freie Markt,
der sich rauenlich ueber ein Gebiet von drei LIillior.en ^uadratmeilen
ohne jede Zolltarifbeschraenkun^en oder Waehrungsuntersehiede ausdehnt,
bedient heute 150 Millionen Llenschen.
Dadurch ist es der Industrie moe.;lich geworden, durch Massenproduktion die Kosten zu senken und somit hochwertige Erzeugnisse zu
Preisen zu verkaufen, die die Arbeiter anlegen konnten. Hohe Loehne
haben die Kaufkraft geschaffen, die zur Aufrechterhaltung der Massenproduktion notwendig ist.
In diesem weltoffenen freien Markt steht es Jedermann frei, seine
Talente und Faehigkelten zu entfalten. Das freie Unternehmertum entwickelte die Energie und den Schoepfungsgeist von Millionen massgebender
Mitbuerger, um Werkzeuge, Maschinen und industrielle Einrichtungen zu
schaffen, die den Arbeitern einen hohen Lebensstandard ermoeglichen«.
Der Wettkampf der Unternehmen untereinander gab dem Geschaeftsmann ganz
allgemein den Ansporn, das bestmoeglichste Erzeugnis zu moeglichst geringem Preis auf den Markt zu bringen, die Erzeugnisse staendig zu verbessern und neue Artikel herauszubringen, die dem Beduerfnis der Verbraucher angepasst sind. Millionen Verbraucher haben durch ihre Auswahl
unter den miteinander in Wettbewerb stehenden Erzeugnissen des freien
Marktes bestisimt, was produziert werden soll und welche Unternehmen produzieren sollen« Hicht leistungsfaehige Firmen wurden dadurch vom Markt
ausgeschlossen} ein hoher Standard industrieller Leistungofaehi^keit, der
zur Erhaltung eines hohen Lebensstandards erforderlich ist, wurde dadurch
zwangslauefig aufrechterhalten. Zwar wurde der Wettbewerb zuweilen durch
monopolistische industrielle Zusanmenschluesse behindert, jedoch trugen
die Anti-Trust-Gesetze viel dazu bei, um dies zu verhueten. Im ganzen
gesehen, ist es aber im vergangenen halben Jahrhundert auf G und des Wettbewerb ssystems moejlich gewesen, den Markt mit einem reichhaltigen Angebot qualitativ guter Erzeugnisse zu versorgen und zwar zu Preisen, die
die Kehrzahl der Bevoelkerung bezahlen konnte.
Vor hundert Jahren hat der amerikanische Durchschnittsarbeiter nicht
mehr als 31 Cents in Form des Produktionswertes pro Arbeitsstunde, gemessen
am Dollar in heutiger Kaufkraft, erzeugt. Trotz langer Arbeitszeit waren
seine Loehne sehr niedrig, weil er nicht genug herstellen konnte, um sich
-

13

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�einen angemessenen Lohn zu sichern. Aber der Anreiz zur Produktionssteigerung war gross - sowohl fuer die Unternehmer als auch fuer die
Arbeiter, Allmaehlich wurde durch neue Maschinen urd neue Arbeitsmethoden die Produktion Je Kopf und Stunde erhoeht. Das Wettbewerbssystem
belohnte die besten Unternehner. Um I890 erzeugten die Arbeiter 53
Cents in Form de« Produktionswertes pro Arbeitsstunde und erhielten 48
Cents Stundenlohn, gemessen in Dollar der heutigen Kaufkraft,
In Jenen Tagen war die noch in den Anfaengen steckende Gewerkschaftsbewegung nicht einflussreich genug, um den Arbeitern ihren gerechten Anteil am aufkommenden Wohlstand, der ihnen z* verdanken war,
xu sichern, Di« Produktivitaet stieg in weiteren 20 Jahren um 19
Cents pro Stunde an, die Loehne aber nur um 2 Cents, Als dann waehrend
des ersten Weltkrieges die Gewerkschaften maechtiger wurden, holten die
Arbeiter ihre Verluste ein. Von 1910 - 1920 stiegen die Loehne um 16
Cents Je Stunde, die Produktivitaet um 6 Cents. Von diesem Zeitpunkt
an und besonders durch die wachsende Mitgliedschaft der Bewegung in den
30iger Jahren zwangen die Forderungen nach hoeh:ren Loehnen die Unternehmer, ihre Produktivitaet mehr denn Je- au steigern. Die Loehne hielten Schritt und von 1920 bis 1944 verdoppelte sich sowohl die Produktion
Je Kopf/stunde als auch das Arbeitsentgelt, Waehrend der NachkriegsInflation trat ein Stillstand ein. Obgleich die Unternehmer die Preise erhoehen konnten, um Lohnforderungen auszugleichen, mangelte es an Interesse,
die Kosten herabzusetzen und die Produktivitaet zu erhoehenj die Arbeiter sahen ihre Lohnerhoehungen durch Preissteigerungen zunichte gemacht.
Als aber 1948 di e Preiserhoehungen genauer untersucht wurden, stiegen die
Produktivitaet und di«^Loehne wieder an. Steigende Produktivitaet aber
war schon immer die Grundlage fuer steinende Loehne gewesen.
Die Kaufkraft pro Arbeitsstunde des Fabrikarbeiters - sein Reallohn
naemlich - stieg um das Dreifache in der Zeit von 1890 bis 1950, naemlich von 48 Cents auf I.76 Dollar. Seine Arbeitszeit wurde dabei verkuerzt. Vergleicht man 1900 mit 1950, so kann festgestellt werden, das*
der Wochenlohn des Arbeiters sich verdoppelte, v.aehrend seine Arbeitsstunden in der Woche sich von 55 oder 60 auf 40 reduzierten. Er hatte
also Je T.'oohe 15 - 20 Erholungsstunden mehr zur Verfuegung.
Das amerikanische Arbeitsminlsteriun fuehrt diesen und andere Vorteile auf, die die amerikanischen Arbeiter in den vergangenen 50 Jahren
erreicht haben« im Jahre 1901 blieben einer Arbeiterfamilie, nachdem
sie ihre Ausgaben fuer Nahrung, Kleidung und Wohnung beglichen hatte,
nur I79S ihres Einkommens fuer andere Ausgaben uebrig, wie etwa aerztliche
Betreuung, Ersparnisse, Erholung, Erziehung und Fortbildung, Dies gestattete keinen Luxus, nicht einmal eine genuegende Sicherung bei Notfaellen oder eine angemessene Erziehung der Kinder. Heutzutage steht der
durchschnittlichen Arbeiterfamilie mit 36$ bis 41/S «in viel groesserer
Einkommensbetrag fuer solche Sonderausgaben zur Verfue^-ung - der Jaehrliche
Betrag, der nach Abzug der Kosten fuer die Lebensnotwendigkeiten verbleibt,
ist von 230 auf 1100 Dollar angestiegen, wenn die heutigen Preise zugrundegelegt werden. Das bedeutet, da'ss der Arbeiter heute mehr iloebel oder
Haushaitsgeraete oder sogar ein Auto erwerben kann. Er geniesst eine
bessere aerztliche Fuersorge, er kann mehr Geld fuer Reisen und Erholung
ausgeben, er hat mehr Zeit fuer seine gewerkschaftlichen und kommunalpolitischen Interessen und kann seinen Kindern eine bessere Erziehung geben.
Heute besucht der Durchschnittsamerikaner die hoehere Schule| er besucht
sie heute vier Jahre laenger als frueher, d.h.. heute 12 Jahre, waehrend
er sie 1900 nur 8 Jahre lang besuchte. Der Arbeiter lebt heut« in einer viel besseren Wohnung als frueher. Um 1900 gab es nur in wenigen Arbeiterwohnungen Strom, fliessendes Wasser, Badeeinrichtungen oder wenigstens eine grause, Fernsprecher waren dem Arbeiter etwas Unbekanntes,
Heute sind diese Dinge in fast allen Arbeiterwohnungen eine Selbstverstaendlichkeit geworden, viele besitzen ei«en FernsprecJaanschluss. Vor
50 Jahren waren die Arbeiterwohnungen klein und ueberfuellt, sie lagen oft

-

14

-

�in den Elendsvierteln der Staedte. Jetzt sind viele Slums beseitigt,
wenn es auch noch immer einige gibt. Im Jahre 1901 besessen nur 20$
der Arbeiter Eigenheime, heute sind es etwa 507»«
Eine Arbeiterfamilie von heute kennt eine wesentlich bessere Ernaehrung, sie verbraucht mehr Eier, Vilch und vitaminhaltige Nahrungsmittel wie Zitrusfrüchte; ihre Kleidung ist besser. Sie sind durch
Sozialversicherungen fuer ihr Alter versorgt, sie kennen die Arbeitslosenversicherungen, viele Tarifvereinbarungen der Gewerkschaften sichern
ihnen Pensionen und sorgen fuer Gesundheits- und '/r'ohlfahrtseinrichtungen.
Das gesellschaftseigene Fabrikdorf, in dem Werkbeamte das Leben der Arbeiter beherrschen, ist schnell im Verschwinden. Heute sind die Arbeiter voellig unabhaengig. Das Recht, sich in Organisationen zusanmenzuschliessen, wurde durch Gesetz zugelassen. Tarifverträge seitens gelber "Gewerkschaften", schwarze Listen, die frueher ueblichen Strafmassnahmen gegen Streikende, wurden durch Gesetz ausgemerzt.
Erzeugtes Nationaleinkommen je Arbeitsstunde von 1850 - 1950
(Der Dollar ist auf "Normal"dol]ar mit der Kaufkraft des Jahres
1QSO umgerechnet. )

FABRIK-STUNDENLOHN PRO KOPF

850

1860

1870

1860

1890

1900

1910

1920

1930 1940

1950

Zur labeilet
Die "Produktion je Arbeitsstunde stellt das gesamte produktive Nationaleinkommen dar unter Beruecksichtigung aller arbeitstaetigen Personen.
Der Lohnsatz stellt den Durchschnittslohn des Fabrikarbeiters je Stunde
dar.
Saemtliche Zahlen sind auf die Kaufkraft des Dollar im Jahre
1950 umgestellt, um Preisschwankungen auszuschalten, die Zahlen stellen
also die echte Kaufkraft dar.
#«*
Hinsichtlich der Verteilung des Einkommens hat Amerika in den
letzten 25 Jahren ebenfalls eine friedliche ümwaelzung erfahren. Spitzeneinkommen sind wesentlich geringer geworden, dagegen sind die Arbeiterund andere niedrige Einkommensklassen weit hoeher als bisher am Nationaleinkommen beteiligt. Im Jahre 1929 waren die % Bezieher von Spitzeneinkommen mit 34$ am Gesamteinkommen beteiligt, waehrend dieser Prozentsatz im Jahre 1946 auf fast die Haelfte, naemlich 18$, zurueckging.
Da»'bedeutet, dass die niedrigen Einkommensgruppen, hauptsaechlich also
die Arbeiterschaft im Jahre I946 etwa 25 Milliarden an Einkommen hatten,
das, wenn es prozentual ebenso wie 1929 verteilt worden waere, zu einem
wesentlichen Teil den wohlhabendsten 5$ zugute gekommen waere.

-

15 -

�Alles in allem zeigt dieser Ueberblick ueber die letzten 50
Jahre sehr deutlich die dem Arbeiter erwachsenden Vorteile und
die Neuaufteilung des Einkommens, das die Sozialisten und Kommunisten zwar immer versprechen, aber niemals gehalten haben.

Erzeugung je Kopf in den Vereinigten Staaten und Europa

U.5.A.

EUROPÄISCHE
NATO-LÄNDER
INSGESAMT

ENGLAND

FRANKREICH

ÜBRIGE
EUROPÄISCHE
NATO-LANDER

Ein Vergleich zwischen Amerika und Europa zeigt, warum in den USA
ein hoeherer Lebensstandard moeglich ist. Vor dem zweiten Weltkrieg
betrug die Produktion in den USA das 2 l/3fache derjenigen von Europa - d.h. 1360 Dollar in den,USA und 550 Dollar Produktionswert pro
Kopf in Europa. Die ueberragende industrielle Produktion Amerikas,
ein Ergebnis des freien Unternehmertums, seine Maschinen und Verfahren, seine Massenproduktion und Massenabsatzmaerkte haben es den
Arbeitern ermoeglicht, sich e.inen hohen Lebensstandard zu sichern.
Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Produktion pro Kopf um mehr als
50$ angestiegen, in Europa wegen der Kriegseinwirkungen, die zuerst
beseitigt werden mussten, dagegen nur um 5$« Die heutige Produktion
in Amerika betraegt pro Kopf das 3-§-fache derjenigen von Europa: in
den USA ergibt sich ein Produktionswert je Kopf von 2 100 Dollar,
in Europa von 600 Dollar. Es wird erwartet, dass die Produktion in
Europa in einem solchen Masse ansteigt, dass der Lebensstandard erhoeht werden kann.
"Labor Monthly Survey"
Vol. 12/9

-

16

�Internationale
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaf tsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIII

inuiSTinnciriis
Giulia Pastorei
Italiens wirtschaftliche Sorgen..........
George ,Y. Brooks und Rüssel] Allen:
Das gewerkschaftliche Sohulungsprogramm
der Papierarbeitergewerkschaften. .. ,.nn ~r

..«.»............ .Seite

I

1

Seite

5

Forschung»- und Produktivitaetsprobleme
in der britischen Schuhindustrie...

Seite 12

Amerikanische Stahlarbeitergewerkschaft
billigt Leistungsuntersuchung

Seite 14

Amerikanische Gewerkschafter und ihre
Haltung «a politischen Ratschlaegen

Seite 16

Giulio Pastore, Vorsitzender der ciSLi
Italiens wirtschaftliche Sorgen,

(

Ich habe den Eindruck, dasa sowohl unsere als auch die allgemeine
europaelache Situation nicht ao ist, wie es an internationalen Stellen
oft gesagt wird, dass naemlich Italien sich in einer Epoche der Wie»
dergesundung und des Wohlstandes befindet.
"Uns allen ist bekannt, dass unsere Wirtschaft angesichts des
Budgetdefisits und der 2 Millionen Arbeitslosen nicht gerade auf Rosen gebettet ist."
Diese Feststellung erschien in der italienischen Zeitung "Corriere
della Sera" vom 15. Juli und stammte von einer mit der italienischen
Wirtschaft besonders gut vertrauten Autoritaet, dem frueheren Minister
Cesare Merzagora, der ganz gewiss nicht zu denen gehoert, die besonders
pessimistisch eingestellt sind.
Es besteht kein Zweifel darueber, daae Italien eich in einer der
schwierigsten Zeiten seiner demokratischen Wiedergesundung befindet.
Das Budgetdefizit von 1952 und 1955 wird wahrscheinlich den niederschmetternden Betrag von 617 Milliarden Lire erreichen.
Im folgenden gebe ich einige Tatsachen ueber Italiens wirtsohaft-

�Hohe Lage bekannt, die auf dem italienischen Gewerkschaftskongress
der C.I.S.L. in Mailand voroeffentlicht wurden. Diese Tatsachen beziehen aioh jedoch auf nur 23 norditalienisch« Provinzen.
In der Textilindustrie arbeiten waehrend der letzten sechs Monate ron 103.628 Arbeitern 89,550 verkuerzt und 5»4?» wurden voruebergehend entlassen.
Im Sektor der Bekleidungsindustrie arbeiten 64$ verteuerst. 7*3^
wurden vorruebergehend entlassen«
Auch in der Maschinenindustrie sind die Beobachtungen entmutigend!
Innerhalb einer Gruppe Unternehmen arbeiten von 61,000 beschaeftigten
Arbeitern 30.339 verkuerzt und 4»483 wurden •oruebergehend entlassen.
Sie Krisis macht sich auch in der chemischen Industrie bemerkbar«
Ton den beobachteten Unternehmen arbeiten bei insgesamt 21,736 Beschaeftigten 13,335 oder 62.2fS verkuerzt und 1,917 oder 8.8J» wurden
waehrend der. letzten 6 Monate voruebergehend entlassen. Zusammengefasst ergibt sieh folgendes Bild: Ton 1,776 in Horditalien gelegenen
Unternehmen mit insgesamt 213,000 Arbeitern arbeiten 133,690 oder
72j( verkuerzt und 14,006 oder 6,5^ wurden waehrend der letzten 6 Monate voruebergehend entlassen.
Waehrend es auf dem Arbeitssektor sehr unguenstig aussieht, haben sich dagegen die italienischenttiternehmenrecht guenstig entwickelt. Dies geht aus den Gewinnen hervor, die die groesseren Industriekonzerne im Jahre 1951 im Tergleich zu denen des Jahres 1950
erzielten« 13 der groesseren Elektrizitaetsgesellschaften hatten
einen durchschnittlichen Gewinnanstieg bis zu 18ji zu verzeichnen.
Acht der groesseren Gruben- und Metallgesellschaften haben Durchschnittsgewinne von 695S erzielt« Bei den groesseren Unternehmen der chemischen
Industrie erreichte der durchschnittliche Gewinnzuwachs sogar 98^o«
In einem Land wie Italien, dessen Wirtschaft charakterisiert ist
durch ihre ausserordentliche Unbeweglichkeit, Qie Enge der Uaerkte
mit ihrem monopolistischen Charakter und die starke Arbeitslosigkeit um nur die hervorstechendsten Anzeichen zu erwaehnen - hofft die demokratische Gewerkschaftsbewegung mit ihrem starken Terantwortungsgefuehl eine tragende Solle zu spielen« So beschlossen die demokratischen Gewerkschaften auf ihrem ersten Bundeskongress, ihre Lohnforderungen in den Grenzen der in jedem Fall gesicherten Produktion jeder
Industrie zu halten, waehrend sie andererseits sich dafuer einsetzen,
dass den Arbeitern unmittelbare Torteile in Form hoeherer Loehne aus
allen Produktionssteigerungen zustehen«
In Italien besteht der sogenannte Nationale Produktionsausschuss.
Seiner Arbeit standen jedoch Hindernisse im Weg« Ausserdem wurde von
Seiten der Unternehmer und der Regierungsfachkreise Widerstand gegen
die neue Lohnpolitik der CI3L in der Frage der Familienausgleichsloehne entgegengesetzt.
Nur der Hinweis auf schwere Unruhen in grossem Ausmasse, ermoeglichte die Wiederaufnahme von Verhandlungen auf diesem Gebiet und das
Ergebnis, das seinen Ausgang in Form einer Antwort auf ein Memorandum
der CISL an die Regierung nahm, wurde in Form eines Abkommens erst
in der Mitte dieses Jahres erreicht«
Dieses Abkommen legt das Ziel fest, das die CISL sich in Bezug auf
die Industriearbeiterloehne gestellte hatte« Es bedeutet die Erhoehung
der Familienzuschlaege in einem Gesamtbetrag von ungefaehr 48 Milliarden Lire«

2

�Die Gewerkschaft ist jetzt auch auf dem Gebiete der Landwirtschaft
um die Zahlung von Fanilienzuschlaegen bemueht. Es wird dabei vorausgesetzt, dass die Verhandlungen greifbare Vergünstigungen bieten, die
besonders den in der Landwirtschaft Taetigen in Sueditalien zugute
kommen werden*
Wenn auch der Sieg der Gewerkschaften in der Frage der Familienzuechlaege einen Gewinn fuer die arbeitende Bevoelkerung darstellt,
so bleibt doch die Arbeitslosigkeit ein sehr schweres Problem fuer
die Arbeiter und Gewerkschaften Italiens. Sie bedeutet einen Krebsschaden fuer die ohnehin geringe Kaufkraft der italienischen Arbeiterschaft.
Die Kaufkraft der in der italienischen Nahrungsmittelindustrie
Beschäftigten wurde kuerzlich vom Büero fuer Arbeitsstatistik des
amerikanischen Arbeitsministeriums verglichen. Legt man fuer den
Durchschnittslohn in den Vereinigten Staaten 100$ zu Grunde, so
nimmt der Lohn der italienischen Nahrungsmittelindustriearbeiter
mit 31$ den letzten Platz ein. Die entsprechenden Frozentsaetze anderer
Laender betrugen! Norwegen 73$» Daenemark 70$, Gross-Britanien 67$,
Schweiz 56$, Frankreich 51!«» Holland 44$ und Oesterreich 36$»
Die Kaufkraft der italienischen Lohnempfaenger sinkt dabei staendig, da die mangelnde Bereitschaft der Kaufleute, die Preise zu senken, zu Erhoehungen fuehrt. Von Dezember 1951 bis zum Juni 1952
betrugen die Preissenkungen im Grosshandel ungefaehr 10$, jedoch
blieben fast alle Preise fuer lebenswichtige Dinge, besonders im
Nahrungsmittelsektor, unveraendert. Trotz der niedrigen Grosshandelspreise stiegen in einzelnen Faellen dennoch die Einzelhandelspreise«
Die CISL hat neben ihren an die Adresse der Regierung gerichteten Forderungen hinsichtlich der Massnahmen zur Freissenkung in diesem
Jahre eine eigene Aktion in Form eines psychologischen Feldzugs
gegen Preiserhoehungen unternommen« In jeder Provinz wurden Einwohner-Aussohuesse zum Schutz der Verbraucherschaft gebildet. Di«
Teilnahme stand allen Bevaelkerungsschichten frei; in 90$ aller Provinzen konnte ein begeisterter Widerhall festgestellt werden«
Ein Dienstag wurde daraufhin zum "Verbrauchertag" erklaert« An
diesem Tage wurden von der CISL-Zentrale Resolutionen an die praefekten und das Wirtschaftsministerium gesandt. Diese Resolutionen
forderten wirksame Massnahmen zur Niedrighaltung der Preise. Natuerlich regte diese Aktivitaet der freien Gewerkschaftsbewegung die Kommunisten auf. 7/ieder einmal war die Initiative nicht von ihnen ergriffen worden.
Trotz der Anstrengungen, die von den Organisationen der freien
Arbeiterschaft und ihrer Anhaenger gemacht wurden, hielten sich die
Ergebnisse in engen Grenzen und blieoen auf bestimmte Gebiete begrenzt. Die allgemeine Situation erfuhr keine bedeutende Verbesserung.
Es kann nicht geleugnet werden, dass die Lage in den ersten
Monaten des Jahres 1952 sich-verschlechterte. Die Kaufkraft der
arbeitenden Schichten ging herunter.
Die wirtschaftlich negative Situation unseres Landes ist derart, dass die CISL keine Hoffnung auf eine schnelle und wirksame
Unterstuetzung durch amtliche Stellen hat. Andererseits erkennt
die CISL an, dass es unter den bestehenden Umstaenden sehr schwierig ist, eine allgemeine Wiederaufwertung der Loehne durch andere
als Zwangsmassnahmen zu erreichen.

3 -

�Ernsthaft behindert werden die gegenwaertigen Anstrengungen
der italienischen Arbeiterschaft zur Ueberwindung der Arbeitslosigkeit durch die Reduzierung der Zahl der Arbeiter an einer
Arbeitsstelle. So wird das kuerzlich von der Regierung angekündigte Programm zur Bekaempfung der Arbeitslosigkeit wahrscheinlich
im Sande verlaufen.
Die Finanz- und Steuerverordnungen, die ebenfalls eine zusaetzliche Belastung fuer den Arb.eiter bringen und eine zusaetzliche
erhebliche Lohnverringerung hervorrufen, bewirken gleichfalls
einen Bschaeftigungsrueckgang, anstatt die Zahl der Arbeitsplaetze
zu erhoehen.
Die C-ISL hat deshalb Vorschlaege zur Verbesserung des gegenwaertigeh italienischen starren Produktionssystems unterbreitet»
Wir haben dringend auf die Ergreifung geeigneter Massnahmen
zur Senkung der Lebenshaltungskosten hingewiesen. Die freie
Gewerkschaftsbewegung in Italien is t in jeder Hinsicht bemueht,
die Realeinkommen der arbeitenden Bevoelkerung zu schuetzen. Wir
moechten gern eine Situation erleben, in der die finanziellen Ertraege oeffentlicher und privater Investierungen zu erhoehter. und
ausgedehnterer Kachfrage nach Industrieerzeugnissen fuehren. Wir
sind staeadig um die Entwicklung eines allgemeinen gesunden Absatzmarktes in unserem Lande bemueht. Wir verlangen eine angemessene Kaufkraft fuer alle.
Italiens freie Arbeiter haben sich verpflichtet, nicht gaenzlich gerechtfertigten voruebergehenden Entlassungen ernsthaften
Widerstand entgegenzusetzen und verlangen die Einschaltung der
Regierung in das Problem des Inlandabsatzes bestimmter, lebenswichtiger Erzeugnisse - ausser Nahrungsmitteln - zu Standardpreisen durch eine vorgeschriebene Form des Systems.
Da die konservativen Kraefte die produktiven Moeglichkeiten
der Zusammenarbeit auf regierungsmaessiger Grundlage immer staerker begrenzen, ergreift die CISL die Initiative auf privater Grund*
lage. Durch peraoenliche Zusammenarbeit ihrer Mitglieder werden
Wirkungen erzielt, die revolutionaerer sind als der kommunistische
Herrenstandpunkt. Die CISL setzt ein umfangreiches Schulungsprogramm in die Tat um. Durch dieses Programm wird beabsichtigt, die
Bevoelkerung in die Lage zu versetzen, mit den wesentlichen Produktivitaetsvereinheitlichungen vertraut zu werden und neue Wege zu
finden, um den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu foerdern.
In der Atmosphaere der Unsicherheit, in der die italienische
Industrie sich gegenwaertig befindet, hat Ale CISL die wichtige
Aufgabe, die kluefte zu ueberbrueoken. Dies kann nur geschehen
durch eine gewissenhafte, stete und direkte Zusammenarbeit zwischen
den Unternehmern und den fuer die Produktion Verantwortlichen sowie
jenen, die gleichzeitig die grosse Masse der Verbraucher vertretennaemlich die freien Gewerkschaften.
"The American Federationist",

Vol. 59, Ho. 9t 195^
(Giulio Paetore ist Generalsekretaer der Confederazione Italiana
Sindacati Lavoratori, die dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften angeschlossen ist. Die CISL wird scharf von der kommunistischen CIGL bekaempft, die jedoch nach und nach in Italien an
Einfluss verliert.)
(Red.)
4

�George ff. Brooks und Russell Allen:
Das gewerkschaftliche Schulungsprogramm der Papierarbeitergewerkschaften.
Zwei Gewerkschaften der Zellstoff- und Papierindustrie, die Zellstoffr,_ Sulfit- und Papiermuehlenarbeitergewerkschaft und die Papierhersl^ellergewerkschaft (beide AFL) haben ein gruendliches Schulungaprogramm- fuer Funktionaere, gewerkschaftliche Vertrauenslaute und
die Mitglieder der seit 1948 bestehenden Beschwerdeausschuesse durchgeführt. Dieses Programm unterscheidet sich in folgendem von den
ueblichen gewerkschaftlichen Schulungsprojektent 1.) Die Schulungskurse gehoeren zu dem feststehenden Aufgabenkreis der Gewerkschaften!
die Be zirksfunktionaere sind fuer ihre Durchfuehrung verantwortlich.
2.) Der Unterricht in den Ortsgewerkschaften wird von Dozenten erteilt, die von der Ortsgewerkschaft eigens hierfuer berufen wurden.
Diese Dozenten sind angewiesen, in erster Linie die Methoden anzuwenden und das Material zu gebrauchen, die von den Schulungsabteilungen
der beiden allamerikanischen Gewerkschaftsorganisationen ausgearbeitet
und herausgegeben wurden.
Bevor man nun daran ging, dieses Schulungsprogramm zu starten,
stellte man sorgfaeltige Untersuchungen darueber an, was bisher auf
dem Gebiet der gewerkschaftlichen Schulung geleistet worden ist.
Hierbei pruefte man auch Broschueren, Filme, Bildbaender und andere
traditionelle Schulungsmittel und kam dabei zu dem Schluss, dasa
dieses Material keine besondere Bedeutung hat und von nicht allzu
grossem bleibenden Wert ist.
Zwei Dinge fehlten vor allem, die zu einem erfolgreichen Programm
gehoerem Die direkte Mitwirkung der Gewerkschaftsfuehrer am Schulungsprogramm und die umfangreiche Teilnahme aktiver Gewerkschaftsmitglieder. Das hier beschriebene Programm weist diese beiden Vorzuege auf und wird nicht nur von voruebergehendem Wert sein.
Die Ausbildungskurse fuer die Dozenten werden direkt von den
Schulungsabteilungen durchgefuehrt und zwar auf Veranlassung und
unter der Mitarbeit der Bezirksfunktionaere. Diese Funktionaere
besitzen nicht allein die erforderlichen Verhandlungsbefugnisse
oder die Vollmacht fuer die Erledigung von Beschwerden aus den
Betrieben, sie verfuegen ausserdem ueber die volle Verantwortung
fuer die Durchfuehrung und Leitung der Schulungskurse.
Die Bedeutung der gewerkschaftlichen Fuehrung wird durch ein
apaeter angefuehrtes Beispiel geklaertj es muss hier bereits gesagt
werden, dass sie von entscheidender Wichtigkeit ist. Sie ist grundlegend fuer den Erfolg des Programms und umfasst vor allem die an
erster Stelle stehende Fra^e der Qualitaet - naemlich die Annehmbarkeit. Die fuehrenden Persoenlichkeiten der Gewerkschaften, vom
stellvertretenden Vorsitzenden abwaert3, nehmen an diesem Programm
auf Jeder Stufe aktiv teil. Praktisch ist es also ebenaosehr ihr
Programm wie das der Schulungsabteilung.
Der Einsatz ehrenamtlicher Lehrkraefte geschah urspruenglich'
aus dem einfachen und verstaendlichen Grunde, uhnoetige Geldausgaben und personal einzusparen. Diese Methode hat jedoch'auch
ihre Vorteile, die anfaenglich nicht voll anerkannt wurden« Es ist
dies die einzige Moeglichkeit fuer die beiden Gewerkschaf^sorgahisationen, die sich an eine grosse Zahl Mitglieder wenden, die mit
anderen Schulungsprogrammen nicht erfasst werden koennten. Die
ehrenamtlichen Lehrkraefte der beiden Gewerkschaften belaufen sich.
auf einige Tausend Funktionaere,- gewerkschaftliche.Vertrauensleute^
Beschwerdekomitee-Mitglieder, sowie einfache Gewerkschaftsmitglieaer
daneben jedoch solche, die weder ein Seminar, noch einen Kursus
noch etwa eine Konferenz besuchen wuerdeh. Diese freiwilligen

-

5 -

�Lehrkraefte leisten weit mehr und sind zu viel groesseren. Zugestaendnissen bereit als jeder berufsmaessige Dozent, Sie halten
ihre Vortraege in Gewerkschaftsraeumen, in Saelen, oeTfentliohen
Bibliotheksraeumen oder Schulen und richten sich voellig danach,
welche Zeit ihren Kursusteilnehmern am guenstigsten erscheint.
Sie sind schnell mit den oertlichen Verhaeltnissen und den Personen
vertraut, viele von ihnen besitzen ein ausgesprochenes natuerliches
Lehrtalent, alles in allem haben sie bewiesen, dass sie ein hochwertiges Schulungsprogramm durchfuehren koennen.
Die Lehrkraefte wiederholen ihre Kurse, sie erweitern ihr
Lehrpensum jedoch von Jahr zu Jahr. Dadurch wird erreicht, dass
dieses Schulungsprogramm in den einzelnen Ortsgew.erkschaften staendig auf dem laufenden gehalten wird.
Dieser zuletzt erwaehnte Vorteil ist unschaetzbar. Im allgemeinen wurde frueher innerhalb des gewerkschaftlichen Schulungsprogranims ein bestimmter Kuraus abgehalten, danach verschwanden
die Dozenten wieder» . Bei der jetzigen Methode wird den Mitgliedern
der Ortsgewerkschaft ein wirkliches Lernen ermoegliaht, der Studienkursus ist gut aufgebaut und ausgearbeitet, er umfasst eine derartige Stoffuelle, dass alljaehrlich neue Studienklassen errichtet
werden koennen. Die Lehrkraefte der Ortsgewerkaohaften widmen sich
meist viel interessanteren und wichtigeren Aufgabengebieten als
die an vielen Orten bestehenden Schulungskomitees der Verbaende.
, Der persoenlichen Initiative der Lehrkraefte ist keine Grenze
gesetzt, sie steht jedoch in fester Verbindung mit den gewerkschaftlichen Schulungsabteilungeö, die stets-, darueber informiert wurden,
wo Schulungskurse abgehalten werden koennen. Der Dozent sohickt
einfach eine schriftliche Materialanforderung an das Häuptbuero.
Er bestellt die Lernunterlagen klassenweise, sodass die Schulungsabteilung ziemlich gut unterrichtet ist ueber die Fortschritte)
die in den einzelnen Gruppen gemacht werden. Nachdem die ersten
acht Lektionen des ersten Lehrgangs durchgearbeitet sind, uebermittelt der Dozent dem Schulungsbuero seine endgueltigen Anwesenheit sberichte. Auf der Baals dieser Berichte werden am Ende eines
jeden Schulungslehrganges fuer die Teilnehmer Zeugnisse ausgestellt.
Die Auswahl der Lehrkraefte bleibt vollkommen den Ortsgewerkaohaften 'ueberlassen. Sie werden entweder vom Vorsitzenden nominiert oder bei einer ZusammenkUJ&amp;ft der Ortsgewerkschaft durch Abstimmung ermittelt. Es werden hierbei jedoch auch solche Kraefte
ausgewaehlt, die bereits frueher einen Funktionaersposten bekleideten oder nur einfache Mitglieder sind, also keine anderen Funktionen ausueben. Die Schulungsabteilung hat zwax bestimmte Bedingungen aufgestellt, die der vorgeschlagene Dozent au erfuellen
hat, letzten Endes liegt die Entscheidung jedoch bei der Ortsgewerkschaft und die Sohulungsabteilung hat keinerlei Macht, Einwendungen durchzusetzen oder ihr Veto gegehueber bestimmten Lehrkraeften einzulegen.
Die Kosten des Schulungsprogramms werden von den beiden allamerikanischen Gewerksohaftsorganisationen und den Ortsgewerkschaften gemeinsam getragen. Die Gewerkschaftszentrale zahlt
die Gehaeiter und die Auslagen der angestellten Lehrkraefte, die
das Arbeitsmaterial ausarbeiten und die bertlichen Lehrkraefte
sohulen. Ausserdem kommen sie fuer die Miete der Konferenzraeume
auf und beschaffen das Unterrichtsmaterial sowohl fuer die auszubildenden Lehrkraefte als auch fuer die Schulungslehrgaenge in
den Örtsgewerkschaften selbst. Die Ortsgewerkschaften vergueten
den Ausfall, der den Lehrkraeften durch den viertaeglgen Ausbildungslehrgang entstanden ist (einschliesslich der Reisekosten

- 6 -

�und sonstigen Auslagen) und finanzieren di« Errichtung oertlicher
Schulungsklassen.
Methoden und Material.
Zwei Hauptlehrmethoden werden angewandti Die Fuehrung von
Diskussionen auf Grün* von Fragebogen und die der Diskussion
folgende "Praxisprobe". Beide Methoden basieren auf den erfolgreichsten Prinzip, naemlich dem Lernen durch die Praxis. Die
gewerkschaftlichen Vertrauensleute "berichten" z. B. nicht, wie
sie neu Eingestellte behandeln. Sie zeigen vielmehr Beispiele
aus der Praxis, wie etwa ein *ortgeplaenkel mit einem solchen Heuling, dessen Werdegang (vielleicht sogar ein anti-gewerkschaftlicher) der Klasse bekannt ist, jedoch nicht dem gewerkschaftlichen
Vertrauensmann. Dadurch wird der Klasse ein praktisches Beispiel
gegeben, das anschliessend eifrig diskutiert wird. Die Klasse
urteilt sehr scharf darueber, wie der gewerkschaftliche Vertrauensmann vorgegangen ist, was er dabei haette besser machen koennen,
was er dabei uebersehen hat, usw.. Die gleiche Methode wird uebrigens bei Beschwerdefaellen angewandt.
Die Kursusteilnehmer sind nicht verpflichtet, den Vorgang zu
beherrschen. Sie erhalten jedoch Fragebogen, aus denen ihre Gewandtheit bei der Loesung spezieller Probleme wie etwa bei ueberstunden, Zahl der Urlaubstage,Feiertagszuschlaege, hervorgeht.
Die Methode des Lernens durch blosses Zuhoeren wird am seltensten
angewandt, da sie nur die geringsten Erfolge zu verzeichnen hat.
Sie dient lediglich dazu, um auf ein anderes Unterrichtsgebiet
ueberzuwechseln und die Klasse darueber zu informieren, was als
naechstea geschehen soll.
Die Lehrmethoden, die bei den Kursen angewandt werden, sind
natuerlich festgelegt. Manchmal werden einige humoristische
Wendungen in die Diskussionen eingeflochten, die mit Hilfe der
Fragebogen gefuehrt werden. Die jeweiligen Themen sind streng
voneinander abgegrenzt1, die sich daran anschliessenden Diskussionen sind und koennen je'doch in ihrem Inhalt sich sehr unterscheiden. Der Dozent muss aber immer bemueht sein* jede Ungenauigkeit sofort richtig zu stellen. Seine Aufgabe besteht ebenfalls darin, bestimmte Themen anzuregen, die Diskussion za lenken
und zum Schluss einen Ueberblick zu geben. Waehrend also die
Lehrmethoden und die allgemeinen Diskussionsthemen ziemlich feststehen, ist die Art und Weise, wie der Lehrstoff behandelt wird,
durchaus verschieden.
Das Lehrmaterial ist sorgfaeltig ausgearbeitet und gibt dem
Dozenten eine Vielzahl Anhaltspunkte und aufschlussreiche Einzelheiten fuer die Diskussionen. Den Instruktoren wird ausserdem
nahegelegt,sich selbst geeignetes Diskussionsmaterial und "Streitfaelle" zu beschaffen.
Der Lehrstoff
Der grundlegende Lehrstoff des Schulungsprogramms ist in
acht Punkten fuer jeden Kursus festgelegt.
(1) Worin bestehen die Aufgaben des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes? (Fragebogenmethode)
(2)

Begruessung des neu Eingestellten (Praktische Darstellung).
Gewerkschaftliche Errungenschaften (Fragebogenmethode).

- 7 -

�(3) V/ie eine Gewerkschaft geleitet wird (Fragebogenmethode).
Statuten.
Das Vermoegen der Gewerkschaften.
Die Mehrheit entscheidet - aber die Minderheit hat Recht»..
(4) Beschwerdefaelle und -verfahren. (Fragebogenmethode und
praktische Darstellung).
(5) Der Tarifvertrag (Fragebogenmethpde)(6)

Beschwerd«regelung (Fragebogenmethode - JPjpaktische Darstellung - Beschwerdeberichte)

(7)

Informationen fuer den gewerkschaftlichen Vertrauensmann
(FragebogenmethodeJ:
Taft-Hartley-Gesetz.
Wagner-Gesetz.
Pensionsplaene und soziale Sicherheit.
Eerichte und Protokolle.

(3) Beschwerdewesen (Praktisch^ Darstellung)
Der vom Dozenten der Ortsgewerkschaft zu behandelnde Lehrstoff
ist, wie an Hand des Beispiels gezeigt wird, durchaus zu bewaeltigen.
Die folgenden Beispiele sprechen dabei fuer sich selbst.
Die gesamte Klasse oder eine bestiamte Gruppe Kursusteilnehmer
widmet sich einer Reihe Fragen, die die Art und Weise betreffen, wie
die Gewerkschaft arbeitete So erscheint zum Beispiel der nachstehende
Satz auf dem Fragebogen und soll mit "richtig" oder ••falsch'* beantwortet werden.
"Kann ein Mitglied den Ortsvorsitzenden der Gewerkschaft auf
einer Konferenz der Ortsgewerkschaft kritisieren, weil er Jm Verlauf eines Beschwerdefalles allein zur Direktion geht, um ueber
diesen Streitfall zu verhandeln?"
Die Kursusteilnehmer beantworten die an sie gerichteten Fragen
nach ihrem eigenen Empfinden und ihren eigenen Kenntnissen der Gewerkschaftsorganisationen .
Ein anderer Fragebogen enthaelt Behauptungen ueber die Statuten,
die von den Schulungsteilnehmern mit "richtig" oder "falsch" beantwortet werden muessen, wie zum Beispiels
"Die Rechte der Minderheit umfassen:
1.) Die unbeschraenkte Moeglichkeit, bei Versammlungen der Ortsgewerkschaft ihre Ansicht zu vertreten.
2.) Die Verhinderung einer Abstimmung ueber einen Antrag, ueber den
sich die Mehrheit bereits einig ist.
Die Kursusteilnehraer muessen sich natuerlich darueber klar werden,
inwieweit diese Behauptungen mit den Statuten in Einklang stehen
und diskutieren anschliessend ueber die tatsaechliche Sachlage in
Bezug auf die vorgebrachten Ausfuehrungen.
Der Lehrgang befasst sich hauptsaechlich mit der Behandlung
alltaeglicher Unzulaenglichkeiten und Beschwerden. Diese werden
8

�teilweise im Fragebogen aufgefuehrt oder auch durch praktische
Uebungen dargelegt. So wird in einem Lehrgang zum'Beispiel eroertert, wie sich der gewerkschaftliche Vertrauensmann eines Betriebes pflichtgemaess .zu verhalten hat, wenn er in das, liuero
des Abteilungsleiters gerufen wird, um hier die Namen seiner Kollegen anzugeben, die bei einer kleinen Spielerei «ine Fabrikuhr
boschaedigt hatten - andere meinten, es haette eine regelrechte
Papierballenschlacht in der Maschinenhalle stattgefunden. Bei
der Uebung beobachteten nun die Kursusteilnehmer, wie einer der
ihren mit dem Abteilungsleiter verhandelt und spaeter witf'd darueber diskutiert, wie sie selbst sich anstelle des Vertrauensmannes
verhalten haetten.
Die ersten acht Punkte, die aufgefuehrt wurden, beziehen sich
auf den GrundSchulungskurs fuer Funktionaere, gewerkschaftliche
Vertrauensleute und Beschwerdekomitee-Mitglieder. Es werden solche
Themen behandelt, die fuer die Dozenten nicht allzu schwierig sind,
da ihr Hauptaugenmerk auf die Lehrmethode und die Technik des Lehrens
gerichtet sein muss.
Die folgenden vier punkte des Schulungsprogramms und gwar die
Punkte 9 - 1 2 behandeln das Senioritaetsrecht. Bei diesen Punkten
muss ein wesentlich staerkerer Nachdruck auf die Schulung gelegt
werden als bei den vorangegangenen leicht fasslichen Themen der:
Fall sein konnte. Auf der anderen Seite nehmen diese Lehrmethoden
weniger Zeit und Muehö. in A n 9 P r u ch t da die Lehrkraefte bereits
eigene Klassen geleitet haben.
Die Schulung der Lehrkraefte fuer die Senioritaetskurse erfordert die Erwerbung der notwendigen Kenntnisse und das Bekanntsein mit der Praxis sowie der Bedeutung der verschiedenen Senioritaetsaysteme. Bis heute wurden die Senioritäetsprobleme in drei
Dezirkem mit unterschiedlichem Erfolg geleitet. rBas Senioritaetsproblam ist jedoch noch zu kompliziert, um in der-g-egenwaertigen
Form Ton allen Gewerkschaftsdozenten in den Lehrgangsunterricht
eingebaut zu werden. Die Unterweisung in die Probleme des Senioritaetsrechts fuer die Punkte 11 und 12 fuer einzelne Werke bedarf
ebenfalls noch einer besonderen Klaerung; mit entsprechenden Materialvorbereitungen wurde bereits begonnen.
Das Senioritaetsrecht wurde fuer den zweiten Kursus, der vier
Dis.kussionspunkte umfasst, vorgesehen. Seitdem die Industrie im
Jahre 1949 durch Auftragsmangel gezwungen war, Entlassungen ausausprechen, wurde dieser Kursus dringend notwendig. Obgleich dieses
Problem augenblicklich nicht in gleichem Masse akut i3t, erscheint
es doch wichtig genug, um als zweiter Kursus im Programm festgelegt
zu werden. Der naechste Kursus wird sich mit gewissen wirtschaftlichen Fragen, die fuer die Zellstoff- und Papierindustrie von
besonderem Interesse sind, beschaeftigen. Ausserdem werden die
Beziehungen zwischen Loehnen, Preisen, Gewinnen und anderen rein
wirtschaftlichen Fragen eroertert werden muessen. Die Ausarbeitung
brauchbaren Materials fuer diesen Abschnitt des Schulungsprogramms
duerfte jedoch nicht leicht sein.
Das Schulungsprogramm an der Pazifischen Kueste.
Die beiden Gewerkschaften der Zellstoff- und Papierindustrie
fuehrten im Fruehjahr und im Winter 1951 i m Gebiet der pazifischen
Kueste ein grossangelegtes Schulungsprogramm durch. Die Schulungskurse fuer Dozenten wurden durch die stellvertretenden Landesvorsitzenden der beiden Gewerkschaften organisiert. In Zusammenarbeit
mit den Schulungssekretaeren legten sie fest, wo und wann die Schulungskurse durchgefuehrt werden sollen, Sie luden alle Ortsgewerk^schaften

9 -

�ein, Vertreter zu diesen Schulungskursen zu entsenden.
Bevor diese Schulungslehrgaenge begannen, hatten die Schulungsabteilungen bereits vollstaendige Listen ueber die Teilnehmer in
Haenden. Bei der Einteilung der Kursusteilnehmer in die vorgesehenen SchulungsZentren wurde selbstverstaendlich auf ihren Wohnsitz
Ruecksicht genommen. So konnte jeder kuenftige Dozent rechtzeitig
benachrichtigt werden, wann und wo der Kursus beginnt.
Vierzehn Schulungskurse wurden auf zehn Staedte verteilt.
Drei Mitglieder der gewerkschaftlichen Schulungsabteilung erteilten den Unterricht. 3s vmrden zweitaegige Schulungslehrgaenge abgehalten, die um neun Uhr morgens begannen und um 17*30 Uhr beendet
wurden. Irgendwelche Schulungsarbeit waehrend der Abendstunden
wurde grundsaetzlich abgelehnt, ebenso gab es keine sogenannte geplante Erholung. Bei diesem zweitaegigeh Lehrgang wurden die ersten
vier Punkte des Schulungsprogrammes durchgenommen. Xja Anschluss
daran konnten die zukuenftigan Dozenten wieder nach Hause gehen,,
zuvor wurden sie jedoch mit verschiedenen Aufgaben betraut, die sie
waehrend der einmonatigen Unterbrechung des Lehrganges zu erfuftllen
hatten. Jeder Dozent sollte ausserdem zwei Beschwerdefaelle, die'
er in seiner eigenen Praxis erlebt hat, schriftlich niederlegen.
Aus diesen Berichten wurde das Material ausgewaehlt, das dann in
das Schulungsprogramm mitaufgenommen wird. 7/eiterhin wurden die
Kursleiter angewiesen, bei ihrer Ortsgewerkschaft einen Bericht
zu erstatten und die Lehrgaenge vorzubereiten, d.h., die in Frage
kommenden Teilnehmer zu notieren, die Zeit und den Ort des Lehrgangs festzulegen und schliesslich eine Aufstellung des Materials
anzufertigen, das fuer den ersten Lehrgang gebraucht wird. Ferner
sollten die Dozenten noch ein Buch lesen, das die Beziehung zwischen
Meister und gewerkschaftlichem Vertrauensmann behandelt.
Nach fuenf Wochen fand ein weiterer zweitaegiger Schulungslehrgang statt. Diesmal wurden die Schulungszentren von 10 auf 8 reduziert. Die Punkte 5 - 8 wurden durchgearbeitet und durch praktische Lehrmethoden ergaenzt. inzwischen war der Lerneifer der
Dozenten wesentlich groesser geworden, sie bekamen allmaehlich ein
gesundes Gefuehl fuer die Wichtigkeit ihres Postens und waren sicherer geworden.
Die Anmeldungsformulare der Teilnehmer an den Ortslehrgaengen
und die Materialanforderung wurden eingereicht. Die Probleme, die
sich in der Zwischenzeit ergeben hatten, wurden selbstverstaendlich
ausgiebig besprochen. Falls die Unterstuetzung eines Vertreters
der allamerikanischen Gewerkschaften noetig wurde, sei es, dass
die Beteiligung der Kursusteilnehmer zu wuenschen uebrig Hess,
sei es aus irgendwelchen anderen Gruenden, so wurde dafuer Sorge
getragen. Bevor die Dozenten entlassen wurden, um ihre Lehrtaetijkeit auszuueben, hatten die Schulungsabteilungen eine genaue Vorstellung von den Problemen, die sich ergeben konnten.
Auch auf diesem zweiten zweitaegigen Lehrgang wurde von einem
Mitglied des Schulungsstabes ueber'jede Klasse eine Kontrolliste
gefuehrt. Um sich ftfer weitere Lehraufgaben zu qualifizieren,
muss jeder Dozent an dem gesamten viertaegigen Schulungskursus'
teilnehmen, die ihm gestellten Aufgaben erfuellen und imstande sein,
den Lehrgang mit seiner Klasse durchzufahren, er muss also zuvor
den Beweis erbringen, dass er die Lehrmethoden und die Probleme
verstanden hat. Dabei war die Feststellung sehr erfreulich, dass
nur etwa 10$ der Teilnehmer fuer eine weitere Lehrgangsarbeit
ungeeignet sind.

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10 -

�Eine Statistik ueber das Schulungsprogramm an der pazifischen
Kueste ist sehr aufschlussreioh. Eine Gesamtzahl von 143 Uaennem
und Frauen nahmen an dem Dozentenlehrgang teil, unter anderem zehn
Vertreter und Funktionaere der Gewerkschaftszentrale. Zehn Teilnehmer fuehrten den viertaegigen Lehrgang nicht zu Ende, weitere
fuenf fielen spaeter noch aus den verschiedensten Gründen aus.
Von den 110 Dozenten haben 81 tatsaechlich die ersten acht
Punkte des Lehrgangs mit ihren Teilnehnern durchgenommen. Mehr
als 20 Dozenten haben in zwei Kursen unterrichtet und einem
Instruktor wurde die besondere Aufgabe zuteil, in einer neuen
Ortsgewerkschaft zu unterrichten. Die Lehrgaenge wurden von
ueber 800 Ortsgewerkschaftsfunktionaeren, gewerkschaftlichen Vertrauensleuten und Gewerkschaftsmitgliedern besucht.
Diese Ergebnisse der gewerkschaftlichen Schulungsarbeit sind
ausserordentlich beachtlich. Die Zahl der Lehrstunden ueberstieg
noch die der Hochsohulen, die groessere Hilfsmittel und mehr Personal zur Verfuegung haben. Eine bekannte Hochschule, die Gewerkschaftskurse durchfuehrt, berichtete im September 1951 die erfolgreiche Durchfuehrung von 24 Studienkursen. Die Universitaet verfuegt Jedoch ueber zehn hauptberufliche Lehrkraefte, die den gewerkschaftlichen Unterricht erteilen.
Umfang und Auswertung des Programms.
Anfang 1952 war dieses Sohulungsprogramm bereits gut fundiert.
Ueberall in Amerika waren Dozenten geschult worden, sei es an der
pazifischen Kueste oder in Britisch-Kolumbien, in Ontario oder
Quebec in Kanada; in Wisconsin, Minnesota oder Michigan, sei es in
den Suedstaaten; in den Staaten Heu-Englands, im noerdlichen Teil
des Staates Hew York oder in den mittelatlantischen Staaten. Die
Teilnahme der Ortsgewerkschaften* war recht unterschiedlich, Jedoch
leistete ein grosser Prozentsatz der Ortsgewerkschaften, die um
die Foerderung des Schulungsprogramms gebeten wurden, dem Aufruf
Folge.
An Jedem Schulungslehrgang nimmt immer ein Vertreter der Gewerkschaftszentrale teil. Diese Vertreter muessen notfalls ebenfalls in der Lage sein, die Schulungslehrgaenge abzuhalten. Im
grossen und ganzen Jedoch haben sie innerhalb des Schulungsprogramms nur eine beratende Funktion, genau so wie in allen anderen
Angelegenheiten der Ortsgewerkschaften.
Bis jetzt sind "575 Dozenten ausgebildet worden. Die Mehrzahl
von ihnen hat in ihrer zustaendigen Ortsgewerkschaft Lehrgaenge
aufgestellt und erteilt staendig Unterricht.
Das Schulungsprogramm der Ortsgewerkschaften kann jetzt nur
noch dort als experimentell bezeichnet werden, wo es sich um neuhinzugekommenen Lehrstoff handelt. Das Kernmaterial des Lehrgangs
liegt fest. Es sind genuegend Unterlagen vorhanden! um gewisse Voraussagen mit Bestimmtheit machen zu koennen, wie etwa folgendet
1.) Von drei ausgebildeten Dozenten werden zwei in den Ortsgewerkschaften lehren. 2.) Zwei Drittel der Ortsgewerkschaften haben den Wunsch und die Mittel, um an diesem Programm teilzunehmen.
3.) SO"* der Ortsgewerkschaften, die Teilnehmer zu den Anfangskursen entsenden, lassen ihre Dozenten auch spaeter die hoeheren
Kurse besuchen und unterstuetzen das Programm, indem sie die Lehrgaenge erweitern, in denen gewerkschaftliche Grundgebiete gelehrt
werden.
-

11

�Dieses Programm dient nicht nur der Erziehung, sondern auch
der Schulung. Die Gewerkschaftsfunktionaere wollen keine Erziehungsluecken ausfuellen, die vielleicht bei ihren Mitgliedern vorhanden sind. Die Gewerkschaften verfolgen ganz bestimmte Zwecke und
verwenden wohlerprobte Methoden. Das «'ort "Schulung" ist nicht so
aufzufassen, als waere es rein zufaellig gebraucht. Viele alltaeglichen Probleme, mit denen der Vertreter der Ortsgewerkschaft sich
beschaeftigen muss, haben jedoch eine oppositionelle Bedeutung;
auch die gewerkschaftliche Tradition ist bewegt und fordert zu
Aktionen heraus. Der Inhalt und die Richtung der Diskussionen innerhalb der Lehrgaenge wird daher hoechstwahrscheinlich durch die
Haltung, die Wertschaetzung und das Wissen der Lehrgangsteilnehmer
bestimmt.
Das wichtigste Ergebnis dieses Programms ist die Tatsache, dass
sich die Ortsgewerkschaft fuer den langsamen und- schwierigen, letzten Endes jedoch erfolgreichen Prozess der Selbsthilfe entschieden
haben. Beide Gewerkschaften der Papierindustrie, von denen hier die
Rede ist, haben eine starke oertliche Selbstaendigkeit erworben und
verfuegen ueber eine aktive, ideenreiche Gewerkschaftsbewegung. Diese charakteristischen Merkmale ermoeglichen erst e^.n derartig bedeutendes Schulungsprogramm. Ausserdem traegt dieses Programm dazu bei,
jene Bestrebungen weiter zu verfolgen, die den Anlass-zur Gruendung
der Gewerkschaften gaben.

Monthly Labor Review,
1952, Vol. 74, No. 4
Forschungs- urtd Produktivitaetsprobleme in der britischen Schuhindustrie.
Zwei verhaeltnismaessig neue Forschungsergebnisse tragen wesentlich zur Produktivitaetssteigerung in der Schuhindustrie bei.
Die SATRA-Forschungsgemeinschaft (British Boot, jShoe &amp;_Allied
_Trade8 Research Association) hat eine Reihe Untersuchungen zur
FeststeTlung der Arbeitsleistung in Betrieben abgeschlossen,
waehrend die Forschungsarbeit ihrer Laboratorien hinsichtlich
der Beschaffenheit des Schuhmaterials wesentliche Einsparungsmoeglichkeiten feststellen konnte.
Mehr als 90$ aller Betriebe dieses Industriezweiges gehoeren dem Verband an.
Wissenschaftliche und technische Gruppen des Verbandes haben
eine Reihe Fabriken besucht und Durchschnittsplanziffern auf Grund
der Leistungen der drei besten Betriebe ausgearbeitet. In den
Uebersichten v/erden die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Betrieben nach ihrem Ausstoss, den Arbeitskosten und dem Gewinn berechnet. In den meisten leistungsfaehigen Betrieben betragen die Ausgaben fuer Arbei'tsloehne um 25$ weniger als in den
uebrigen Betrieben, waehrend der Gewinn um £2 pro Woche hoeher
liegt. Es ist daneben ein- Verfahren zur schnellen und sicheren
Schaetzung der ^ualitaet eingefuehrt worden, das auch ohne Festlegung von Nornalwerten zeigt, dass zwischen den mooglichen Qualitaetsklassen eine Schwankung von 60 bis 90$ besteht.
Auf Grund dieser Untersuchungen ist die SATRA nunmehr in der
Lage, den einzelnen Unternehmen eine mehrfache Auswahlsmoeglichkeit
zur Festlej-ung ihrer Produl-.tivitaetsziele vorzulegen. Die planziffern lassen sich je nach der Anzahl der fertiggestellten Schuhe,

12

�der Anzahl der Arbeitsgaenge je Vorarbeiter, der durchschnittlichen
Arbeitsleistung je Arbeiter oder aber nach dem Prozentsatz der
Ausschuss-Schuhe festlegen. Neben den Planziffern fuer jeden Arbeitagang werden allgemeingültige Produktivitaetsziffern fuer jede
Abteilung und jeden Betrieb festgelegt. Diese sind besonders wichtig, da sie sich nicht allein darauf beschraenken, die weniger
leistungsfaehigen Betriebe auf den gleichen Stand wie die besten
zu bringen, sondern, da selbst die besten Betriebe wunde punkte
aufweisen, «in Leistungssoll festlegen, das auch fuer diese Gueltlgkeit besitzt.
Unter Verwendung des Zahlenmaterials, das von den Betriebeleitungen zur Verfuegung gestellt wird, kann der Verband zweckmaessige Varsohlaege zur Steigerung der Produktivitaet vorlegen.
Bas Verfahren ist noch in den Kinderschuhen, aber nach den Berichten der. Unternehmen sind bereits Verbesserungen von 10 bis 15$
zu verzeichnen.
Manchmal wird das Leistungssoll um 15 oder 20$ ueberschritten,
womit de* Beweis erbracht ist, dass mit den zur Verfuegung stehenden Arbeitakraeften, Maschinen und Material die festgesetzte produktionshoechstleistung erreicht werden kann.
Vor einiger Zelt erklaerte der Leiter der Indusltrieabteilung
de» SATKAj F.G. Bailey, auf einer Konferenz, deren Thema"Dte Prodüktivltaetssteigerung in der Schuhindustrie" lautete, dass ihre
Forschuhgen.auf dem Gebiet aar Schuhindustrie darauf ausgerichtet
seien, zu beweisen, dass das Verhaeltnis der taeglichen Arbeitsleistung in sich selbst ein guter Masslab fuer die produktivitaet
eines Betriebes ist. Er wies auf einen Forschungsbericht hin,
aus dem hervorgeht, dass die Beschaeftigung von Arbeitern auf
Tageslohnbasis eher als Symptom denn, als Ursache fuer die geringe
Produktivitaet gewertet wird und hauptsaechlich dort zu finden
ist, Wo die bestehende Organisation und der Fluse der Arbeit es
den Beschaeftigten unmoeglioh machen, im Akkord ausreichende Loehne
zu verdienen. Weiterhin wird darin festgestellt, dass die Leistungsfaehigkeit der Betriebsleitung durch die beharrlichen Forderungen
der Akkordarbeiter nach guenstigen Bedingungen einen starken Antrieb erhielt. Fast immer mussten die SATRA-Untersuchungskommissionen feststellen, dass der entscheidende Faktor darin lag, in
welchem Masse die Betriebsleitungen den Finger auf den Puls der
Abteilungen' legten.
In der Schuhfabrik wie in den meisten Industriezweigen, wo
die Bearbeitung und der innerbetriebliche Transport der Ware
schaetzuhgsweise 60 - 80$ der Gesamtarbeitszeit beanspruchen,
ist die Transportfrage ein Problem von besonderer Bedeutung.
Auf Grund entsprechender Untersuchungen hat die SATRA ein neues
Foerdergeraet fuer die Durchfuehrung der Arbeitsgaenge entwickelt.
Es ist so eingerichtet, dass es zwischen den einzelnen Arbeitsgaengen anhaelt, also den verschiedenen Arbeitsgeschwindigkeiten
gerecht werden kann. Es bietet somit eine ideale Voraussetzung
fuer ein schnelles Arbeiten und ermoaglicht bei besonders schwierigen Umstaenden die Seachtung der erforderlichen Sorgfalt .
Durch seine Beschaffenheit laesst es ein ununterbrochenes Arbeiten
in voellig bequemer Stellung zu. Ein spiralfoermiger Behaelter
reguliert den Arbeitsnachacliub nach dem Prinzip der Schwerkraft.
Sobald der Arbeitsgang an der Maschine beendet und der Schuh auf
das Foerdergeraet zurueckgestellt ist, -wird der Schuh automatisch
zum naechsten Arbeitsgang weiterbefoerdert.

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�Im Anschluss an die Untersuchungen drehte die SATRA einige
Schmalfilme, die Arbeiter"stars" bei ihrer Arbeit zeigen. Da
sonst in einem Film das Hauptaugenmerk nicht auf die Voraussetzungen fuer. aussergewoehnliche Arbeitsleistungen gerichtet
wird, hat der Verband ein voellig neues Filmgeraet unter der Bezeichnung "Tachograph" eingefuehrt. Dieses registriert auf elektrischem v/ege die maschinellen Bewegungen und die Geschwindigkeiten und schaltet dadurch viele menschliche Irrtuemer aus, die
bei der Verwendung von Stoppuhren entstehen. Es kann laengere
Zeit hindurch registrieren und hat bereits zur Verbesserung weiterer Hilfsmittel fuer die ununterbrochene Herstellung gefuehrt.
Bei der Fabrikation von Schuhen werden die Hauptunkosten
durch das Material verursacht. Die SATRA beraet Herstellerfirmen bei der Auswahl besonders geeigneter Materialien und arbeitet
gemeinsam mit den Materiallieferanten an der weiteren Verbesserung
des Schuhmaterials und Zubehoere. Vor kurzem hat der Verband
einen Index zur Berechnung.der Haltbarkeit des Ober- und Sohlenleders ausgearbeitet.
Eine gesteigerte Wirtschaftlichkeit wird beim Zuschneiden von
Sohlenleder durch sorgfaeltig gearbeitete Originalmuster gewaehrleistet. Es ist durchaus nicht ungewoehnlich,' wenn in einer Fabrik,
die eine Vielfalt von Schuhformen herstellt, mehr als 200 Groessen
gebraucht werden, und es ist sicherlich nicht zweckmaessig, fuer
Jede einzelne Groesse eine Zuachneidepresse zu haben. Drei Formen
pro Schuhgroesse sind gerade praktisch, und, die SATRA vermittelt
den einzelnen Firmen die fuer ihre eigene Produktion geeigneten
Zuschneidepressen.
"Target"
No.8/9, 52
Amerikanische Stahlarbeitergewerkschaft billigt Leistungsunter'suchung.
Der Bericht der Stahlbaukommission enthaelt keine Aufstellung
bestimmter Vorsohlaege wie der Bericht der Stahl- und'Eisenkommission. Er beschreibt in objektiver Weise die Eindruecke, die die
Mitglieder dieser Kommission auf ihrer Studienreise gesammelt haben,
jeder technische Abschnitt schlisset mit einer Zusammenfassung der
darin aufgeworfenen Fragen.
Das Thema wird nacn drei verschiedenen Gesichtspunkten behandelte Bruecken- und Stahlgeruestebau, Stahlwalz- und mechanische
Fabrikation3anlagen.
Die Leistung des einzelnen Arbeiters liegt in den Vereinigten
Staaten hoeher, was im wesentlichen auf die Verwendung von breiten
Profilflanschen zurueckzufuehren ist. Weiterhin ergibt sich dort
eine hoehere produktivitaet durch die Tatsache, dass die verschiedenen Arbeitsgebiete in den Werkhallen nicht streng abgegrenzt und
eingeengt sind. Zum Beispiel darf doft ein Monteur jede Art hand*
werklicher Arbeit ausfuehren, die zu einer Montage erforderlich ist,
wie zum Beispiel passen, nieten, schwaivaen, uvw.. Dadurch wird ein
ununterbrochener Arbeitsgang gewährleistet und es entsteht kein
Zeitverlust durch das Warten, auf die Beendigung* des vorhergehenden
Arbeitsganges. In amerikanischen Betrieben werden weniger Hilfekraefte, wie z. B. zur Bedienung, wie etwa Zutraeger, gebraucht,
da die Produktionsarbeiter den Flusa, des Materials selbst bewerkstelligen.

14

�In Amerika wird die Arbeit in den technische-» Einzelheiten
im voraus schematisch festgelegt, was den Produktionsprozess dann
epaeter erleichtert.
Die Einfuehrung-verschiedener Sicherheitsvorschriften in den
britischen Betrieben bei der Schweisgung von Verbindungsstuecken
machte die Verwendung von Stahlplatten erforderlich, die staerker
als die normalerweise ueblichen sind. Es wird vorgeschlagen, eine
Revision des Leistungsfaktors in den britischen Betrieben durchzufahren, um Einsparung durch die Verwendung, anderer platten vorzunehmen.
Viele amerikanische Verarbeitungsbetriebe haben aioh auf die
Herstellung bestimmter Zubehoerteile spezialisiert, die sie dann
an andere Verarbeitungsbetriebe absetzen, die sich ihrerseits auf
die Herstellung anderer Teile konzentrieren.
Der Maschinenbau steht auf dem Vorlesungsplan vieler amerikanischer Hochschulen und üniversitaeten.
Im Gegensatz zu Grossbritannien gibt es dort keine fest«
woechentliohe Stundenzahl fuer Stahlbauarbeiter und keine Bezahlung fuer Schlechtwetter-Perioden. Bei langfristigen Vertraegen
werden entapreohende Sicherheiten geboten, obwohl einige in Grossbritannien eingsfuehrte Methoden dort nicht angewendet werden.
In dem Bericht heisst est "
Hinter dem Einzelnen stehen
die amerikanischen Gewerkschaften, die sich der Notwendigkeit
bewuset sind, die Methoden der Betriebsfuehrung zu erforschen und
bei ihrer Anwendung in den Betrieben mitzuhelfen.' Dies wird durch
ihre einzigartige Organisation ermoeglicht, und obschon sie in
dieser Torrn in den britischen Betrieben nicht existiert, kann sehr
viel zur Erreichung einer besseren Zusammenarbeit der verschiedenen
Gewerkschaften auf Betriebsebene getan werden."
"Technische Gewerkschaftsabteilungen koennen Vertreter der
Arbeiterschaft in Produktionsleitungsmethoden ausbilden, damit sie
in der Lage sind, bei Besprechungen gemeinsamer Produktionsaussohuesse einen.konkreten und wertvollen Beitrag zu leisten, ohne
dabei- ihre Forderungen bei Lohnverhandlungen zu gefaehrden* In
dieser Beziehung ist schon einiges getan worden, aber es koennte
noch viel mehr getan werden, der Antrieb hierzu muesete allerdings von Seiten der&gt;beruflieh orientierten Gewerkschaften kommen.»
"Pas Interesse der Gewerkschaften an der Produktionsleitung
und der daraus resultierenden Beibehaltung eines exhoehten Lebensstandard* ist ein wesentlicher Paktor fuer die Staerke und Elaatizitaet der amerikanischen Industrie."
Weiter wird erwaehnt, dase die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten die Berechnung der normalen taegllchen Arbeitsleistung
durch die Messung der fuer die einweinen Handgriffe beanspruchten
Zeit anerkennen; das« alle Lohnverhandlungen auf Betriebsebene
gefuehrt werden; dass die meisten der beeuchten Betriebe die Arbeiter nach ihref Leistung bezahlen, und dass die Verbundenheit
der oertlichen Gewerkschaften mit'den einzelnen» Fabriken den
Betriebsangehoerigen ein besonderes Interesse an der Leiatungsfaehigkeit und dem Gedeihen des Betriebes vermittelt.
Die Kommission hat festgestellt, dass die Werkanlagen in
amerikanischen Betrieben ^laeufig Einrichtungen zur Erleichterung

-

15 -

�des Materialtransports und zur Einsparung von Arbeitakraeftan
haben, die eine schnellere Arbeiteabwicklung gewaehrleisten,
iri-e «um Beispiel Hilfflaufzuege und Transportgeraete, besondere
Gabelstapler und Elektrokarren.
•Target"
HO. 8/9, $?
Amerikanische Gewerkschafter und ihre Haltung au politischen
Ratschlaegen
lieber die Frage des Wertes gewerkschaftlicher Ratschlaege
in politischen Angelegenheiten ist eigentlich bisher nur sehr
wenig.geaeussert worden. Das ist insofern natuerlloh, als
seither alle Folgerungen mehr oder minder fr&amp;gwuerdiger Natur
warent da man ueber Vermutungen nicht hinauskam.
Nun hat jedoch der bekannt*, amerikanische Meinungsforscher
Elmo Roper, der Leiter der Prueforganisation fuer oeffentliehe
Meinung, eine besondere Untersuchung durchgefuehrt, um festzustellen, in welchem Masse amerikanische Gewerkschaftsmitglieder
sich nach den Empfehlungen ihrer Organisation bei der Stimmabgäbe richten. Wenn alle Gewerkschaftsmitglieder sich in die
Wahllisten aufnehmen Hessen und am Wahltag ihre Stimme so abgeben, wie es die fuehrenden Maenner der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung vorgeschlagen haben, dann wuerde sich allein aus
den Reihen der Gewerkschaftemitglieder eine Steigerung von etwa
acht Millionen Stimmen ergeben. Bisher ging naemlich nur etwa
die Haelfte der Gewerkschaftsmitglieder zur I&amp;h-lurne, die ander«
Haelfte verzichtete auf jede Wahlbeteiligung, weil sie zu viel
Scherereien machte.
Aus dem Bericht Ropers geht nicht hervor, dass Gewerkschaftsmitglieder keine aktive politische Rolle spielen. Weniger als die
Haelfte der Befragten erklaerte den Interviewern, dass sie bei
jeder Wahl ihre Stimme, abgegeben habe, sei es bei Wahlen der Gemeinde, der Einzelstaaten oder des Bundes, die in den letzten
vier Jahren abgehalten wurden. Die Bemuehunge» der AFL-Liga fuer
politische Schulung, des Politischen Aktionskomitees des CIO sowie der -politischen Ausschusses der verschiedenen unabhaengigen
Gewerkschaften gehen dahin, die Gewerkschaftsmitglieder und ihre
Familien zur Einschreibung in die Stimmlisten zu veranlassen und
sie am Wahltag an die Urnen zu bringen. Natuerlloh erfolgt auch
hier eine Beeinflussung des Waehlers, wobei sich die Gewerkschaften jedoch gewoehnlich keiner Partei verschreiben, sondern stets
den gewerkschaftsfreundlichen Kandidaten empfehlen.
Special Article,
LS 52 - 5070

-

16

O l l t l l K S ! 1»'» ! MIC

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

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IIT

i H n A 1. x a v t u i t i i; a » i s
Eisenhowers Rad« vor das AFL-Kongrese in New York

Seite

1

George Meanyi
Warum der amerikanische Arbeiter
das fraie Unternehmertum unteretuetzt

Seite

9

Bewegungsstudie halbiert Anlernzeit

Salt« 12

Hans Hansen:
Dia daenisehen Baugenossenschaftan zeigen
Moeglichkeiten verstaerkten Wohnungsbaus

Seite 14

Zunahme des Mittelstandes in den Vereinigten Staaten».

Seite 13

Eisenhowera Rede vor den AFL-Kongress in New York
Die Einladung, auf Ihren Kongress zu sprechen, gibt mir die
erste Gelegenheit, das zu tun, was ich schon lange vorhatte! naemlich vor die amerikanischen Gewerkschaften zu treten und ihnen die
Versicherung zu geben, dass die freie Welt immer in ihrer Schuld
bleiben wird fuer ihre tatkraeftige Unterstuetzung, die sie unserem Sieg in letzten Kriege angedeihen Hessen. Immer, wenn Ich
waehrend des Krieges Botschaften an die Gewerkschaften richtete,
war ich mir der Tatsache bewusst, dass ich die Uniform meine»
Landes trug. Deshalb legte ich stets besonderen Wert auf die
beiden folgenden Punktet Erstens, dass Krieg herrschte und wir
in einen schrecklichen Konflikt um die Verteidigung der Freiheit
verwickelt waren} und zweitens, dass unsere kaempfende Truppe,
Infanteristen, Marine und Luftwaffe, Eure Soehne, Eure Freunde
und Kameraden, Waffen brauchten, die nur von den arbeitenden Maennern und Frauen geschmiedet werden konnten. In diese Botschaften
legte ich die ganze Inbrunst eines Mannes, der das schreibt, was
ihm am Herzen liegt. Und der Widerhall war stark, weit staerker
als jemals der Appell eines einzigen Mannes haette sein koennen.
Lassen Sie mich heute einfach und klar zum Ausdruck bringen, dass
der Beitrag der freien amerikanischen Gewerkschaften zum Siege der
Freiheit alle Erwartungen ueberstieg.

�Fuer alle Zeiten haben Sie bewiesen, dass die freie Gewerkschaftsbewegung besser arbeiten, besser produzieren, bessere
Loehne erzielen und ueberhaupt guenstigere Ergebnisse zustande
bringen kann als Sklavenarbeiter, seien es die im damaligen
Nazi-Deutschland oder im heutigen kommunistischen Russland.
Heute ist unsere Aufgabe weniger dramatisch, aber nicht weniger wichtig oder weniger noetig. Es handelt sich jetzt darum, den
Frieden zu sichern, den wir so teuer erkauften. Wieder muss die
Gewerkschaftsbewegung gemeinsam mit allen anderen Cruppen Amerikas
ihre Posten beziehen, um die freie Welt so stark an Herz und Herren
zu machen, dass eine Aggression undenkbar wird.
Bei dieser grossen Aufgabe ist Ihre Verantwortung eine andere
als jene waehrend des Krieges. Und so ist es auch bei min Meine
Aufgabe ist auch fuer mich eine voellig neue. Und ich weiss, dass
Sie mir glauben, dass ich diese Pflicht niemals uebernommen haette,
waere ich nicht davon ueberzeugt, dass dies meine Aufgabe ist, die
ich im Dienste Amerikas zu erfuellen habe.
Die Tatsache, dass ich heute als Zivilist, als Kandidat fuer
das hoechste Amt unseres Landes vor Sie trete, bedeutet nicht,
dass ich mehr von Ihnen zu verlangen haette als wenn ich in uniform erschienen waere. Sie kennen mich sicherlich gut genug, um
zu wissen, daas ich nicht gekommen bin, um mich einzuschmeicheln.
Ich bin auch nicht zu Ihnen gekommen, um Ihnen ein Angebot zu
machen oder um Ihre Unterstuetzung zu buhlen. Meine Ansichten
ueber die Gewerkschaftsbewegung werden keim« anderen sein als sie
es seit langem waren, ohne Ruecksicht auf die Haltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung auf diesem Kongress in Bezug auf die
Frage der Unterstuetzung eines Praesidentschaftskandidaten. In
dieser wichtigen Angelegenheit werde ich mich immer nur von einem
Motto leiten lassen: Was ist gut fuer Amerika, fuer ganz Amerika?
Meine Aufgabe hat sich zwar geaendert, ich jedoch habe mich
nicht geaendert.
In meinem ganzen Leben habe ich immer das gesagt, was ich dachte, und ich habe auch stets gedacht, was ich sagte. Daran wird
niemand etwas aendern. Mein ganzes Leben lang habe ich mir einen
tiefen und grundsaetzlichen Glauben an mein Land, sein Tolk, seine
Grundsaetze und seine geistigen Werte bewahrt. Auch das wird niemand aendern.
In dieser meiner neuen Rolle habe ich mit vielen meiner Mitbuerger ueber die grossen Aufgaben von heute gesprochen und auch
ueber die ernsten Probleme, denen wir in den naechsten vier Jahren
gegenueberstehen werden. Jedermann hat ein Recht, zu wissen, was
in meinem Kopf und in meinem Herzen vor sich geht.
Unter dem Druck jener Maenner, die Macht als Recht ansehen,
aber nicht als Verantwortung, sind wir gezwungen, das Aeusserste
zu tun. Politische Fuehrer haben es zugelassen, dass unsere Nation in einen Krieg verwickelt wurde, in dem wir keinerlei Plaene
fuer einen Sieg vorbereitet haben. Politische Fuehrer Hessen
es zu, dass der Abscheu vor dem Kommunismus uns voneinander trennt,
anstatt uns zu einen, wie es haette sein koennen. Und anstatt
innere Probleme zu loesen, nutzten politische Fuehrer diese Probleme fuer engstirnige parteipolitische Zwecke aus. Ich weiss, dass
Millionen Mitglieder der AFL ebenso wie ich von diesem Washingtoner
Durcheinander genug haben, und ich weiss, dass viele von Ihnen mir
helfen werden, diese Misstaende zu beseitigen.

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staatliches Beilegung*- und Schlichtungswesen ist. Es steht aus
Ruecksicht auf politische Manoever solange beiseite, bis der Siedepunkt der Streitigkeiten erreicht ist.
Das staatliche Schlichtungswesen ist in Amerika in einen derartigen Verruf eekonnan. daaa unaa-r VnlV «n«#Unk«T«oi«» ««h«« »•»-

In Wahrheit ist es so, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung viel geschickter und schneller als die amerikanische Verwaltung diesen Problemen begegnete. Ich habe zum Beispiel nie davon gehoert, dass Sie das Problem'eines kommunistischen Agenten in
einer hohen politischen Stellung "Fantasiegeschichte" nannten. Ganz
im Gegenteil, Sie haben gezeigt, wie man durch gruendliches Begreifen des Kommunismus und durch die Entschlossenheit, ihn zu bekaempfen, Organisationen von jedem kommunistischen Einfluss frei halten
kann. Sie haben den Kommunisten wirklich kein glueckliches Heim
bereitet, in dem sie gedeihen und sich weiter entwickeln konnten.
Unsere aufrichtigen amerikanischen Gewerkschafter haben beachtlich
dazu beigetragen, den Widerstand des amerikanischen Arbeiters gegen
den Kommunismus zu staerken.
.Ich weiss, dass Sie meine Ansichten ueber gewerkschaftliche
Probleme als Diskussionsthema wuenschten. Deshalb moechte ich von
Anfang an sagen, dass ich der Meinung bin, dass in Washington eine
Regierung am Ruder sein sollte, die dem Arbeiter im gleichen Umfang
wie dem Unternehmer Vertrauen einfloesst. Zur Zeit gibt es keine
derartige Regierung. Um jedoch eine Regierung zu berufen, der beide
Teile vertrauen koennen, brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern eine staerkere Führerschaft.
Vielleicht ist es nicht fehl am Platze, in diesen Tagen der
politischen Forderungen und Gegenforderungen daran zu erinnern,
dass es meine Partei war, die das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren und Tarifverträge abzuschliessen, gesetzlich verankerte.
Dieses Recht wurde erstmalig in dem Eisenbahnarbeiter-Gesetz von
1926 festgelegt. Es wurde so langt als vorbildlich angesehen, bis
spaetere Verwaltungen damit Politik machten.
Das Norris-LaGuardia Gesetz wurde ebenfalls unter der Regierung
meiner Partei verabschiedet. Diese beiden Gesetze schafften die
Grundlage fuer die legalen Rechte der Arbeiterschaft und ihrer
Gewerkschaften. Auf dieser Basis wurden weitere rechtliche Verordnungen aufgebaut, die das Wachstum der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung foerderten.
Ich weiss sehr gut, welche konkreten Vorteile das Anwachsen
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung brachte.
Bevor ich vor 41 Jahren in die Armee eintrat, arbeitete ich
in einem Kaeserei- und Kuehlhauabetrieb in Kansas. In damaligen
Zeiten war das eine sehr schoene Stellung. Ich arbeitete 84 Stunden pro Woche und zwar in der Nachtschicht von sechs Uhr abends
bis sechs Uhr morgens, sieben Naschte in einer Woche. Seitdem
haben jedoch die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Unternehmern das Los der Arbeitenden weitgehend verbessert.
Heute nehmen in Amerika die Gewerkschaften einen sicheren
Platz im industriellen Leben ein. Nur eine Handvoll unbelehrbarer Reaktionaere beschaeftigt sich mit dem haesslichen Gedanken, die Gewerkschaften zu spalten und den Arbeitern das Recht
auf freie Wahl ihrer Gewerkschaft streitig zu machen.
Ich kann diese Leute nicht gebrauchen — gleichgueltig,
welcher politischen Partei sie angehoeren -- die sich unnuetzen,
dummen Traeumen von einem Zurueckdrehen der Uhr der Zeit zu jenen
Tagen hingeben, da die Arbeiter noch nicht organisiert waren und
eine zuaammengewuerfelte, hilflose Masse bildeten. Es ist naemlich nicht nur der Unternehmer, der die Arbeiter ausbeuten kann.
Oder sollten die Arbeiter den aussergewoehnlichen Vorschlag der

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3 -

�In Wahrheit ist es so, daas die amerikanische Gewerkschaftsbewegung viel geschickter und schneller als die amerikanische Verwaltung diesen Problemen begegnete. Ich habe zum Beispiel nie davon gehoert, daas Sie das Problem"eines kommunistischen Agenten ia
einer hohen politischen Stellung "Fantasiegeschichte" nannten. Ganz
im Gegenteil, Sie haben gezeigt, wie man durch gruendliches Begreifen des Kommunismus und durch die Entschlossenheit, ihn zu bekaempfen, Organisationen von jedem kommunistischen Einfluss frei halten
kann. Sie haben den Kommunisten wirklich kein glueckliches Heim
bereitet, in dem sie gedeihen und sich weiter entwickeln konnten.
Unsere aufrichtigen amerikanischen Gewerkschafter haben beachtlich
dazu beigetragen, den Widerstand des amerikanischen Arbeiters gegen
den Kommunismus zu staerken.
.Ich weiss, dass Sie meine Ansichten ueber gewerkschaftliche
Probleme als Diskussionsthema wuenschten. Beshalb moechte ich von
Anfang an sagen, dass ich der Meinung bin, dass in Washington ein«
Regierung am Ruder sein sollte, die dem Arbeiter im gleichen Umfang
wie dem Unternehmer Vertrauen einfloesst. Zur Zeit gibt es keine
derartige Regierung. Um jedoch eine Regierung zu berufen, der beide
Teile vertrauen koennen, brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern eine staerkere Puehrerschaft.
Vielleicht ist es nicht fehl am Platze, in diesen Tagen der
politischen Forderungen und Gegenforderungen daran zu erinnern,
dass es meine Partei war, die das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren und Tarifvertraege abzuschliessen, gesetzlich verankerte.
Bieses Recht wurde erstmalig in dem Eisenbahnarbeiter-Gesetz von
1926 festgelegt. Es wurde so lange als vorbildlich angesehen, bis
spaetere Verwaltungen damit Politik machten.
Bas Norris-LaGuardia Gesetz wurde ebenfalls unter der Regierung
meiner Partei verabschiedet. Biese beiden Gesetze schafften die
Grundlage fuer die legalen Rechte der Arbeiterschaft und ihrer
Gewerkschaften. Auf dieser Basis wurden weitere rechtliche Verordnungen aufgebaut, die das Wachstum der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung foerderten.
Ich weiss sehr gut, welche konkreten Vorteile das Anwachsen
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung brachte.
Bevor ich vor 41 Jahren in die Armee eintrat, arbeitete ich
in einem Kaeserei- und Kuehlhausbetrieb in Kansas. In damaligen
Zeiten war das eine sehr schoene Stellung. Ich arbeitete 84 Stunden pro Woche und zwar in der Nachtschicht von sechs Uhr abends
bis sechs Uhr morgens, sieben Naechte in einer Woche. Seitdem
haben jedoch die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Unternehmern das Los der Arbeitenden weitgehend verbessert.
Heute nehmen in Amerika die Gewerkschaften einen sicheren
Platz im industriellen Leben ein. Nur eine Handvoll unbelehrbarer Reaktionaere beschaeftigt sich mit dem haesslichen Gedanken, die Gewerkschaften zu spalten und den Arbeitern das Recht
auf freie Wahl ihrer Gewerkschaft streitig zu machen.
Ich kann diese Leute nicht gebrauchen — gleichgueltig,
welcher politischen Partei sie angehoeren — die sich unnuetzen,
dummen Traeumen von einem Zurueckdrehen der Uhr der Zeit zu jenen
Tagen hingeben, da die Arbeiter noch nicht organisiert waren und
eine zusammengewuerfelte, hilflose Masse bildeten. Es ist naemlich nicht nur der Unternehmer, der die Arbeiter ausbeuten kann.
Oder sollten die Arbeiter den aussergewoehnlichen Vorschlag der

- 3

�jetzigen Regierung ueber die Massnahmen gegen einen angedrohten
Eisenbahnerstreik schon wieder vergessen haben? Der oberste
Fuehrer der Demokratischen Partei stellte die Forderung, alle
Streikenden in die Armee einzuziehen!
Als damaliger Stabschef fand ich mich in diese Angelegenheit
verwickelt. Das war im Fruehjahr 1946. Ich war gerade von einer
Inspektionsreise im Pazifischen Ozean zurueckgekehrt und wollte
mich in Georgia ein klein wenig erholen. Da kam ein Telefongespraech aus Washington. Ich wurde angewiesen, sofort nach Washington zurueckzukommen, um den Befehl ueber die streikenden Eisenbahner zu uebernehmen, die gerade in die Armee einberufen werden
sollten. Unter bitterem Protest weigerte ich mich. Man sagte
mir, dass ich der einzige Militaer sei, mit dem die Eisenbahner
ueberhaupt sprechen wuerden. Ich uebernahm also die Aufgabe.
Aber ich war natuerlioh Soldat und kein Streikbrecher.
Soweit ich mich erinnere, widersprach mein jetziger Wahlgegner nicht der Einberufung der Streikenden in die Armee. Auch
sein sich fuer die Vizepraesidentachaft bewerbender Anhaenger
stimmte fuer diese Massnahme. Letzten Endes ueberstimmten jedoch
die Angehoerigen der Republikanischen Partei im Senat diesen Vorschlag.
Ich strebe keine Schiedsgewalt ueber die Arbeiterschaft oder
die Industrie an. Ich glaube nicht daran, dass der Praesident
einer freien Nation sie ausueben kann, ohne dass die Nation ihre
Freiheit einbuesst. Mein Gegner hat am "Tag der Arbeit" sehr
klar zum Ausdruck gebracht, dass er die Macht haben will, als
Praesident Entscheidungen zu erzwingen. Das ist genau das, was
ich ablehne. Der grundsaetzliche, unversoehnliche Unterschied
zwischen seiner und meiner Position ist der, dass er und seine
Partei den Zwang befuerworten, waehrend ich ihn ablehne!
Lassen Sie uns frei ueber das Problem des Streiks sprechen.
Das Recht aller Schaffenden, ihre Arbeit niederzulegen, ist ein
Musterbeispiel der Freiheit. Hitler unterdrueckte jeden Streik.
Stalin unterdrueckt ebenfalls jeden Streik. Das Einberufen von
Streikenden zur Armee wuerde den Streik natuerlich auch unterdrücken. In jedem einzelnen Fall wird aber die Freiheit unterdrueckt. Es gibt Dinge, die schlimmer sind, viel schlimmer als
streikende Arbeiter. Eines von diesen ist der Verlust der Freiheit.
Die Zeit ist gekommen, unserem Volke die Wahrheit zu sagen.
Heute, am Tage unserer Verfassung, der die Annahme unseres Verfasaungadokumentes in Erinnerung bringt, hat diese Wahrheit besondere Bedeutung. Die meisten Streiks koennen vermieden werden,
ohne unsere Verfassung durch illegale Beschlagnahme von Eigentum
oder die Einberufung von Streikenden in die Armee zu verletzen.
Vieles bleibt noch zu tun, um Arbeitsstreitigkeiten ohne Streiks
xu schlichten.
Ich bin sicher, dass die Industrie wie auch die Gewerkschaften
ueber eine ausreichend verantwortliche Fuehrerschaft verfuegt, auf
der sich eine feste Basis fuer einen Arbeitsfrieden aufbauen laesst.
Es ist hoechste Zeit, dass wir einige verantwortliche Fuehrer in
die Regierung bekommen, damit wir recht bald an diese Aufgabe herangehen koennen.
Um nur ein Beispiel dafuer zu nennen, wo diese Aufgabe zu beginnen waere, bedenken Sie bitte wie erbaermlich unfaehig unser

�staatliches Beilegungs- und Schlichtungswesen ist. Es steht aus
Ruecksicht auf politische Manoever solange beiseite, bis der Siedepunkt der Streitigkeiten erreicht ist.
Das staatliche Schlichtungswesen ist in Amerika in einen derartigen Verruf gekommen, dass unser Volk moeglicherweise schon vergessen hat, was durch Schlichtung ueberhaupt erreicht werden kann.
Ernsthafte, wohlueberlegte Schlichtung hat schon manche Konflikte
innerhalb der Interessengruppen geloest; ja, sie hat auch Kriege
beendet. Erinnern wir uns doch, was Ralph Bunche tat, als er zwischen den Arabern und den Juden vermittelte. Sicherlich ist keines
der Probleme der Arbeiterbewegung so verwickelt, mit so viel Erregung
angefuellt und so hart umstritten wie das Problem, das er zu loesen
half, indem er den Staat Israel ins Leben rief. Das alles kann durch
Vermittlung erreicht werden. Lassen Sie uns das nicht vergessen.
Sicherlich koennen wir uns auch bei Arbeitsstreitigkeiten solch
echter Bemuehungen und ruhiger Aufrichtigkeit bedienen. Voraussetzung dafuer ist allerdings, dass wir Maenner in der Regierung
haben, die selbst ruhig und aufrichtig sind.
Eine vorbeugende Medizin hat bei der Erhaltung der Gesundheit
schon Wunder bewirkt. Vorbeugende Vermittlung koennte die Fieberflecken in unserer Wirtschaft oftmals schon vorzeitig anzeigen.
Fuer Streitigkeiten von nationaler Bedeutung, die selbst redliche VermittlungBbeauehungen ueberdauern - und deren wird es bestimmt einige geben - halte ich es ebenso wie ein grosser Staatsmann der Gewerkschaftsbewegung. Er war grundsaetslich fuer Freiwilligkeit und gegen jeden Zwang. Ich zitiere ihm "Die Arbeiter
Amerikas halten an freiwilligen Einrichtungen fest, die sie gegenueber den Systemen des Zwanges bevorzugen, da sie diese nicht nur
fuer ungeeignet halten, sondern sogar als Bedrohung ihrer Rechte,
ihrer Wohlfahrt und ihrer Freiheit betrachten." Das sind Worte,
die der Gruender und weitsichtige Fuehrer der grossen amerikanischen Gewerkschaft, der AFL, San Gompers gesprochen hat.
Natuerlich ist es nicht notwendig, dass ich Ihnen vor Augen
fuehre, dass es keine allgemein gueltigen Heilmethoden fuer die
schnelle Beseitigung von Arbeitsstreitigkeiten gibt. Ebenso ist
die Gewaehrung besonderer Verguenstigungen hoeheren Ortes bestimmt
nicht der leichtere Weg, einmal begonnene Streiks zu gewinnen, wie
die Stahlarbeiter vor kurzem erst erfahren mussten.
Verbote, Beschlagnahmungen und sehnliche Massnahmen werden die
fundamentalen Probleme, die zu einem Streik fuehren, nicht loesen.
Auf welchen Platz werden wir von der starken Hand einer Regierungsintervention verwiesen? Sie bringt uns lediglich in das Wartezimmer von Regierungsbeamten - weit vom Ausgangspunkt entfernt. Sie
koennen garantieren, dass Maenner, die so weit vom Schuss entfernt
sitzen, praktisch nichts darueber wissen.
Jeder, der sagt, dass er zwar gegen auedrueckliche Verbote,
jedoch fuer die Beschlagnahme zum Zweck des Ausgleichs in allen
Faellen des nationalen Hotstandes ist, redet bewusst Unsinn. Jede
Beschlagnahme schliesst eine Befehlsgewalt in betonter Form in sich
ein. In dem Moment, da die Regierung Bergwerke oder Eisenbahnen
beschlagnahmt, werden die Gerichte eine Verfuegung gegen jeden
Streik erlassen, da die Streikenden, wenn auch ohne ihre Zustimmung, ploetzlich Angestellte der Regierung geworden sind.

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5 -

�Nachdem die Eisenbahnen beschlagnahmt waren, erwirkte die
Regierung ein Verbot nach dem anderen gegen die Eisenbahnarbeiter.
Die Eisenbahner werden Ihnen erzaehlen koennen, genau so wie sie
es mir erzaehlten, dass die Beschlagnahmen eine Kalamitaet fuer
die "Angestellten" sein koennen. Sie Terfuegung selbst, die durch
die Beschlagnahme gerechtfertigt wird, ist zeitlich wii auch in
ihrem Tollen Ausmass voellig unbegrenzt.
Wenn die Regierung in einem durch den Kongress proklamierten
nationalen Notstand in einen Streik eingreift, um die Wiederaufnahme der Arbeiten zu sichern, muss sie gleichzeitig Tarifverhandlungen anregen und diese nicht unterdruecken. Es gibt keinen
anderen Weg, um an die Streitigkeiten, die dem Streik zugrunde
liegen, heranzukommen.
Ich muss nochmals betonen, dass weder der Arbeitsfrieden noch
der Frieden im internationalen Bereich gesetzlich verankert werden
kann. Dieser kann nur durch gegenseitige Respektierung gesichert
werden, durch den Willen zum Frieden und eine verantwortungsbewusste, humanitaere Führerschaft.
Eine durch die Industrie betonte Gesellschaftsform, die sich
im groesstmoeglichen umfang der wirtschaftlichen Freiheit verschrieben hat, muss sich auch bei TarifVerhandlungen selbst immer treu
bleiben. Diese Haltung ist die beste Methode, um die Arbeitsbedingungen zu Versendern und zu verbessern und dadurch den amerikanischen Lebensstandard zu erhoehen.
Gesunde Tarifvertraege erfordern verantwortungsbewußte
Gewerkschaften und verantwortungsbewusste Arbeiter und Angestellte.
Schwache Gewerkschaften koennen nicht verantwortungsbewusst sein.
Das allein ist Grund genug dafuer, dass wir starke Gewerkschaften
haben muessen.
Der Kampf zwischen der Gewerkschaftsbewegung und der Industrie
kann nicht aus der Welt geschafft werden, ohne die wirtschaftliche
Freiheit aufzugeben. Der Regierung faellt dabei die Rolle des Unparteiischen zu. Ich hoffe sehr, dass wir bald eine Verwaltung
haben werden, die die Regeln des ehrlichen Partners beachten wird*
Unsere schlimmsten Fehlschlaege bei den Tarifverhandlungen
der letzten 50 Jahre erlitten wir, als die Regierung die Rolle
des unparteiischen Schiedsrichters aufgab und aktiv in den Kampf
eingriff.
Ich vermute, dass Sie darauf warten, von mir etwas Naeherea
ueber das Taft-Hartley-Gesetz zu hoeren. Ich will Ihnen ganz
genau sagen, wie ich dazu stehe:
Ich nehme an, dass Ihr eigener Ezekutivausschuss festgestellt
hat, dass er darauf vorbereitet ist, eine, wie sie heute genannt
wird, "realistische" Haltung zu den Zusatzantraegen anzunehmen.
Und meine Einstellung dazu ist genau die gleiche. Ich sage Ihnen
das ebenso einfach wie klar. Ich bin fuer eine Abaenderung, aber
nicht fuer eine Aufhebung dieses Gesetzes.
Ich werde keinen Abaenderungsvorschlag unterstuetzen, der die
Fechte der arbeitenden Maenner und Frauen schwaecht. In dem Bemuehen um eine wuenschenswerte Abaenderung des Gesetzes werde ich
den Rat und die Vorschlaege aller interessierten Gruppen einholen der Oeffentlichkeit, der Unternehmer und der Arbeiter. Und ich

�kann Ihnen versichern, aeine Herren, dass ich es ernst und aufrichtig
meine und dass diese Aufforderung zur Zusammenarbeit keine leere
theatralische Geste ist, wie sie in den letzten Jahren so oft geaacht wurde. Ich bin davon ueberzeugt, dass die Abaenderung des
Gesetzes zustande kommen kann, und zwar in einer Fora, dass keiner
von Ihnen, der gerecht denkt, die Resultate als unvernuenftig ansehen wird. Eine derartige Gesetzgebung kann niemals als endgueltig betrachtet werden; und was die Arbeitsgesetze betrifft, so
verspreche ich Ihnen das eine, dass die Gewerkschaftsbewegung
immer gleichberechtigt neben anderen stehen wird, wenn ich irgendeine Verantwortlichkeit in der Exekutive haben werde.
Es ist die amerikanische Art, die Dinge so zu nehmen wie sie
sind, jedoch staendig auf Verbesserungen bedacht zu sein.
Ich zitiere einige der Grundsaetze, von denen ich glaube, dass
es wichtig ist, sie gesetzlich weiter auszuarbeiten: Foerderung
des Tarifverhandlungssystems; das Recht auf Streik; die vorherige
Bekanntgabe eines beabsichtigten Streiks; die Forderung, dass Gewerkschaften wie auch Unternehmer die bestehenden Vertraege unbedingt einhalten; die Verpflichtung, dass den Mitgliedern der
Gewerkschaften regelmaessig Bericht erstattet wird ueber die
Finanzen ihrer Organisation.
Ich habe ueber das Taft-Hartley-Gesetz mit Vertretern der
Gewerkschaftsbewegung wie auch denen der Industrie gesprochen.
Ich weiss, wie das Gesetz gebraucht werden kann, um die Gewerkschaften zu zerschlagen. Bas muss anders werden. Aaerika will
kein Gesetz, das den Bankerott der Gewerkschaften konzessioniert,
und ich will das auch nicht. (Beifall).
Ich bin der Meinung, dass, wenn alle patriotischen amerikanischen Gewerkschaftsfuehrer schwoeren mueasen, dass sie kein«
Kommunisten sind, an die Arbeitgeber, ait denen sie verhandeln
auesaen, die gleiche Anforderung gestellt werden auesste. Meine
Daaen und Herren, lassen Sie mich Ihnen hierzu meine persoenliche
Meinung sagen: Ich habe nichts dagegen, jeden Morgen einen Treueschwur auf die Vereinigten Staaten zu leisten. Ich wuerde stolz
sein, jeden Abend einen Eid zu leisten, dass ich kein Kommunist
bin. Aber ich wuerde es ganz entschieden ablehnen, das zu tun,
wenn lediglich mir als Einzelnem diese Auflage geaacht wuerde,
weil ich zufaelligerweise ein Veteran oder irgendein Einwohner
von Kansas oder ein Gewerkschafter bin.
Ich aoechte jetzt der hervorragenden Arbeit gedenken, die
Sie in Kampfe gegen den Kommunismus und gegen den kommunistischen
Einfluss innerhalb der Arbeiterschaft anderer Laender leisteten.
Unsere amerikanischen Gewerkschafter haben ihren arbeitenden Bruedern anderer Rationen, die den Kommunismus dort bekaempfen,wo
der Kampf am erbittertsten ist, uneigennuetzig geholfen und sie
nachdruecklich unterstuetzt. Die ganze freie Welt steht in ihrer
Schuld.
Die fundamentalen Probleme meiner letzten Dienstreise nach
Europa schlössen den Kampf gegen den Kommunismus ein. Ich moechte
hiermit Irving Brown, dem Vertreter der AFL, fuer seine wertvolle
Zusammenarbeit und Unters tuetzung oeffentlich meine Anerkennung
aussprechen.
Er wurde von sehr faehigen Maennern unterstuetzt, unter ihnen
Matthew Woll, der ueberall dort, wo der Kampf am haertesten ist,

-

7 -

�zur Stelle ist, sei es in den Fabriken, in den Docks, in den Bergwerken oder in den Gewerkschaftshallen.
Wir duerfen niemals vergessen, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung nur deshalb stark genug ist, ihren Kollegen im Ausland zu helfen, weil unser Wirtschaftssystem ihr Vorwaertskommen
ermoeglichte. Alle Vorteile, die der amerikanische Arbeiter bisher erzielt hat und auch die Vorteile, die er in Zukunft noch erringen wird, waeren nicht moeglich ohne das freie, sich staendig
ausdehnende produktive System der amerikanischen Industrie. Derjenige, der den Mut hat, von uns zu verlangen, dass wir unser System durch ein anderes ersetzen, verstoesst damit gegen die unmittelbaren Interessen der Gewerkschaften. Er ist dadurch gefaehrlich,
vor allem, wenn er dabei annimmt,im Namen der Gewerkschaften, einer
Weltanschauung oder einer politischen Partei zu sprechen.
Gerade Sie als Gewerkschafter muessen das besonders gut wissen.
Die Arbeiter sind immer und ueberall die auserwaehlten Zielscheiben
gewisser Demagogen. Wie viele verworrene, ehrgeizige Schematiker
haben davon getraeumt, auf den Ruecken der Arbeiter der ganzen
Welt zur Macht empor zu steigen! Sie haben diese Traeume jedoch
immer dort gehabt, wo sich die Ruecken der Arbeiter unter Armut
und Verzweiflung beugten. Ss ist eines jener echten amerikanischen
Merkmale der Groease, dass auch ein Mann aus dem Arbeiterstande
hier nicht beiseite geschoben wird. Er bekommt kein Klasseschild
umgehaengt. Wir sind keine geschlossene Gesellschaft. Wir sind
eine Gesellschaft freier Memschen und freier Buerger. Wir sind
alle - mit der Hand oder mit dem Kopf, mit Geschick und Staerke Arbeiter«
Aus diesem Grunde widersetze ich mich all denen, die besonders seltsame Aufrufe an die Gewerkschaften richten. Man kann
Sie nicht von den uebrigen Buergern durch eine besondere "Behandlung" irgendwelcher Art trennen - sei es zur Unnachgiebigkeit
oder in der wohlwollenden Form des Schulterklopfens. Die Gewerkschaften als einen besonderen Fall zu behandeln, hieaae
Ihre wolle Wuerde als amerikanische Buerger zu verneinen.
loh glaube nicht, dass der amerikanische Arbeiter irgend
etwas anderes von seiner Regierung verlangt als Fairness und
Gerechtigkeit. Mein festes Versprechen, das ich Ihnen gebe,
lautet aot Soweit ich imstande bin, eine Lage zu beurteilen,
werde ich Ihnen immer Gerechtigkeit und Billigkeit widerfahren
lassen. loh wiederhole damit mein Versprechen, das ich Ihnen
am Tag der Arbeit gab. Lassen Sie sich getrost in Ihren politischen Handlungen immer von Ihrem Gewissen bestimmen; ich
werde immer versuchen, ein wahrer Freund der Gewerkschaften zu
•ein.
Diese einfachen Ideale der Gerechtigkeit und Billigkeit fuer
alle sind die Staerke unserer ganzen Lebensform. Sie koennen
jedoch durch industrielle Streitigkeiten gefaehrdet werden. Ein
solcher Streit, der in einen Klassenkampf ausartete, hat die Freiheit in anderen Laendern der Welt voellig zerstoert.
Diese Streitigkeiten zu verhindern, gehoert zu den grossen
Verantwortungen und den Aufgaben der Regierung. Sie zu verhindern bedeutet aber nicht nur, einfach den Ausbruch eines
Streits zu bedauern, sondern vielmehr die Ursachen zu bekaempfen.
Die Inflation ist gegenwaertig ein drohender Grund dafuer. In
den kommenden Wochen werde ich noch viel ueber den Kampf gegen
diese Bedrohung zu sagen haben. Im Augenblick denke ich daran,

�dass eines uns allen klar sein solltet Jene, die die Entwicklung
dieser Bedrohung zuliessen, werden sie nicht wieder von den Heimstaetten der amerikanischen Arbeiter nehmen koennen. Dieser unheilvolle Streit wird nicht von selbstzufriedenen Maennern beseitigt, die der Meinung sind, die Stimmen der amerikanischen Arbeiter
schon sicher in ihren Taschen zu haben.
Meine Herren, ich bin von bescheidener Herkunft. Ich glaube
daher, die elementaren Beduerfnisse und Rechte aller arbeitenden
Maenner und Frauen gut zu kennen. Ich kenne sie nur allzu gut,
als dasa ich den Versuch unternehmen wuerde, politisches Kapital
aus den Sorgen zu schlagen, die jeder einzelne um seine soziale
Sicherheit, seine Wohnung, seinen Lohn, die Arbeitslosenversicherung und die Erhaltung des Wertes seiner Spareinlagen hat.
Meine Damen und Herren, ich habe schon aufgefuehrt, und ich
wiederhole es hier, dass diese Massnahmen der Boden sind, den wir
jedem amerikanischen Buerger bereiten muessen, um zu verhindern,
dass er in Unglueck stuerzt, das er nicht selbst verschuldet hat.
Es ist billig und zugleich erniedrigend, versuchen zu wollen,
aus diesen Problemen Munition fuer oder gegen eine Partei zu
achmieden. Es sind Probleme, fuer deren Loesung die Intelligenz
und Redlichkeit aller Amerikaner, die guten Willens sind, eingesetzt werden muss.
Ich komme nioht mit Schickealsprophezeiungen; ich verspreche
auch keine ünmoegliohksitsn. loh bin aber dar tiefen üeberzeugung, dass vor uns unbegrenzte Moeglichkeiten fuer uns alle liegen. Wir sind ein junges Tolk und ein junges Land. Der Aufbau
Amerikas hat erst begonnen. Wir koennen uns sin Amerika bauen,
dessen Gerechtigkeitssinn und guter Wille dem materiellen Rahmen
und den besonderen geistigen Faehigkeiten aller arbeitenden Maenner und Frauen entspricht.
Mit Gottes Hilfe werden wir das tun koennen.
Meine Damen und Herren, ich moeohte mich noch einmal bei
Ihnen bedanken fuer die grosse Ehre, die Sie mir mit Ihrer Einladung bezeugten. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.
Quellet

Protokoll des
71. AFL-Kongresees,
3« Tagesbericht.

Warum der amerikanische Arbeiter das freie Unternehmertum unterstuetzt
George Meaay, Erster Vorsitzender der AFLt
Warum unterstuetzt der amerikanische Arbeiter den Kapitalismus?
Das ist eine der immer wiederkehrenden Fragen der europaeischen
Gewerkschafter, die innerhalb des ECA-Austauschprogramms die Vereinigten Staaten besuchen. Diese Frage beantwortete bereite der
amerikanische Sozialistenfuehrer Norman Thomas in einem kuerzlich
gegebenen Interview. Im Gegensatz dazu steht die Ansicht George
Meanre, des ersten Vorsitzenden der American Federation of Labor.
Vor allen Dingen ist Meany der Meinung, dass das Wort "Kapitalismus" eine ausgesprochen falsche Bezeichnung fuer das amerikanische Wirtschaftssystem ist. Die dogmatische Definition und
Beschreibung des Kapitalismus, wie sie Karl Marx praegte und wie

9 -

�sie von den stalinistischen Zeitgenossen wiederholt wird, hat
durch die grundlegenden und drastischen Versenderungen unserer
Gesellschaftsordnung keine Beziehung mehr zur Wirklichkeit.
Die amerikanische Gesellschaftsordnung ist immer dynamisch,
anpassungsfaehig und fortschrittlich gewesen. Niemals war sie
Jedoch feudalistisch. Die ungeheuer bedeutungsvollen Reformen,
die jahrzehntelang, ganz besonders aber seit 1932, durchgefuehrt
wurden, bilden die Fortsetzung und einen Hoehepunkt der permanenten amerikanischen Revolution. Jene Reformen sind die Verwirklichung der Ideale der hervorragendsten Liberalen von Jefferson bis zu Roosevelt. Und auf dem ganzen Wege, angefangen von
dem unentgeltlichen Besuch oeffentlicher Schulen und den allgemeinen Wahlen bis zur Sozialversicherung und den Massnahmen gegen
das Itonopolwesen, stand die amerikanische Gewerkschaftsbewegung
in vorderster Linie im Kampf fuer die dem allgemeinen Interesse
dienenden Reformen.
Die Gewerkschaften ziehen es vor, die amerikanische .Yirtschaftsstruktur das System des freien Unternehmertums zu nennen. Dieses System unterstuetzt der amerikanische Arbeiter
hauptsächlich deshalb, weil es ihm im Verein mit Freiheit und
Demokratie einen sehr hohen Lebensstandard gebracht hat.
Da hungrige Menschen leicht dazu neigen, den Wert der Freiheit und der Demokratie zu unterschaetzen, muessen erst einmal die
materiellen Vorteile in Betracht gezogen werden, die der amerikanische Arbeiter gewonnen hat.
Man kann jedoch beides nicht vollstaendig voneinander trennen,
da eines vom anderen abhaengig ist. Doch ist der wirtschaftliche
Fortschritt, den Amerika gemacht hat, wirklich erstaunlich. Die
Kaufkraft des Reallohnes eines Arbeiters stieg von 1890 bis 1930
um das dreifache. Die Arbeitswoche verkuerzte sich von 60 auf 40
Stunden. Um die Jahrhundertwende blieben einem Arbeiter, nachdem
er fuer sich und seine Familie Lebensmittel, Kleider und Wohnutig
bezahlt hatte, nur noch siebzehn Prozent seines Einkommens fuer
alle anderen Ausgaben uebrig. Heute gibt die Familie eines einfachen Arbeiters, bei einem weit groesserem Einkommen, ungefaehr
vierzig Prozent ihres Einkommens fuer so wichtige Dinge wie Erziehung, aerztliche Fuersorge, Erholung, Reisen, Moebel und Hausrat aus und kann trotzdem noch Ersparnisse machen. Hinzu kommt
noch, dass der Arbeiter wesentlich mehr Zeit hat, um sich um seine
Gewerkschaft, seine Kirche, kurz alle ihn interessierenden charitativen, sozialen, kulturellen und politischen Angelegenheiten zu
kuemmern und darin taetig zu sein. Dies macht ihn zu einem vollwertigen Mitglied seiner Gemeinde.
Um die Jahrhundertwende hatte ungefaehr nur jede fuenfte Arbeiterfamilie ihr eigenes Haus. Um 1900 konnten sich auch nur
wenige die Annehmlichkeiten der Elektrizitaet, des Badezimmers,
des Kuehlschrankes, oder sehnlicher Dinge leisten. Heute findet
man alle diese Dinge selbstverstaendlich, sie gelten nicht mehr
als Luxus. Natuerlich waren diese Veraenderungen nur durch ein
gewaltig erhoehtes Volksvermoegen zustandegekommen.
Die Frage ist nun, ob die Arbeiterschicht an einer gerechten
Verteilung des hoeheren Volkseinkommens Anteil gehabt hat.
Gerade auf diesem Gebiet hat sich jedoch eine wirkliche, noch
heute andauernde Revolution vollzogen. Die Einkommens- und Erbschaftssteuer sowie andere Finanz- und Sozialreformen, die von

10

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�der Arbeiterschaft sehr nachdruecklich unterstuetzt wurden, haben
die Verteilung des Vermoegens erheblich veraendert. Die Grossverdiener haben einen weit geringeren, die Arbeiterschaft einen sehr
viel hoeheren Anteil an dem gesamten privaten Nationaleinkommen
als vor fuenfzig oder sogar nur zwanzig Jahren.
Es sei hierbei nur wiederholt, wie Samuel Gompers die Ziele
der organisierten Arbeiterschaft auslegtet "Wir wollen mehr und
mehr an den guten Singen des Lebens teilhaben. Wir fordern immer
wieder, dass durch Steuerreformen und Tarifvertraege der Anteil
des Arbeiters an der Produktion noch weiter gesteigert wird."
Durch die internationale Notlage muessen vielleicht einige unserer
Forderungen zurueckgestellt werden, da wir gewillt sind, Opfer zu
bringen und unseren gerechten Anteil an den Lasten, die der amerikanischen Arbeiterschaft durch Stalins aufgezwungene Wiederaufrüstung auferlegt werden, auch tragen wollen.
Der hohe Lebensstandard der Amerikaner beruht auf verschiedenen Cruenden. In erster Linie sind es jene Beweggruende, die
eine freie Gewerkschaftsordnung mit sich bringen. Freiheit und
die Achtung der persoenlichen Rechte bilden die eigentliche Ursache, dass wir unsere ungeheuer ergiebigen Naturschaetze dem
allgemeinen Wohl zukommen lassen. Wir haben technische Wunder
entwickelt, die die Produktivitaet auf eine Hoehe geschraubt haben, die man sich vor fuenfzig Jahren noch nicht haette traeumen
lassen. Vor dem zweiten Weltkrieg war die Leistung des einzelnen
amerikanischen Arbeiters zweieinhalb mal so hoch wie in Europa.
Heute ist die Produktion pro Kopf dreieinhalb mal so hoch wie die
der Westeuropaeer und sechs oder sieben mal so hoch wie die der
Russen. Die grundlegende Erklaerung hierfuer ist, dass der amerikanische Arbeiter weit mehr durch Maschinen unterstuetzt wird als
der Arbeiter anderer Laender. Im Durchschnitt steht dem Arbeiter
in Westeuropa nur ein Drittel der Maschinenkraft des amerikanischen
Arbeiters zur Verfuegung. Der Russe jedoch hat noch weit weniger
Maschinen als der Westeuropaeer zur Verfuegung.
Es gibt aber noch andere, wesentliche Gesichtspunkte fuer den
"laissez-faire"-KapitaliamuB oder europaeischen Kapitalismus, der
in Amerika nicht vorhanden ist. Das freie Unternehmertum Amerikas
wird durch Anti-Trustgesetze geregelt, die, durch die Macht der Gewerkschaften gestaerkt, den strangulierenden Einfluss der Kartelle
oder Monopole auf die amerikanische Wirtschaft verhindern. Es ist
zum Beispiel einer Interessengemeinschaft verboten, sich mit gleichen Wirtschaftsgruppen zu verbuenden, um durch eine Minderung der
Produktion ein hohes Preisniveau zu halten. Diese Massnahme sichert
einen ehrlichen Wettbewerb. Die allgemeine Politik der Industriellen
ist eine Massenproduktion von Waren, die mit einem geringen Gewinn
auf einem riesigen Markt, der ueber 150 Millionen Verbraucher zaehlt,
abgesetzt werden. Und hierbei gibt es keine Zoll- und Handelsschranken, wie es auf dem europaeischen Kontinent der Fall ist.
Diese Art des freien Konkurrenzkampfes bietet den sichersten
Weg zum Erfolg. Es besteht das gleiche Recht fuer den Unternehmer
und den Arbeiter, vorwaerts zu kommen und seine wirtschaftliche und
soziale Lage zu verbessern. Dieses Recht ist gesichert. Ich behaupte nicht, dass das System des freien Unternehmertums gesetzlich
ein vollkommenes ist. Davon ist es noch weit entfernt und immer
wieder werden seine Fehler von der Gewerkschaft kritisiert. Nach
seiner Ansicht gibt es jedoch kein besseres System.

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�Es existieren aber noch immer Misstaende. Die Schwaechen
werden jedoch Schritt fuer Schritt durch die entschlossene Zusammenarbeit der liberalen Kraefte und der Gewerkschaften ueberwunden*
Das sind einige der wesentlichen Gruende, warum der amerikanische Arbeiter die freie Wirtschaft unterstuetzt. Wir haben Freiheit in wirtschaftlicher, kultureller und auch politischer Hinsicht.
Und jede totalitaere Macht, die versucht, uns diese Freiheit zu
rauben, muss gegen den amerikanischen Arbeiter kaempfen.
Es muss jedem klar gemacht werden, dass die Amerikaner nicht
die Absicht haben, ihr Wirtschaftssystem und ihre Ideologie anderen
Voelkern aufzuzwingen. Andere Laender moegen den Weg des demokratischen Sozialismus waehlen -- oder irgend ein anderes System
foerdem, solange sie nicht den Weltfrieden und die Unabhaengigkeit anderer Laender durch imperialistische Aggressionen bedrohen.
Die amerikanischen Arbeiter , sowie die Amerikaner ueberhaupt
wuenschen nur, den Menschen anderer Laender zu helfen, ihren Lebensstandard zu heben und die Fruechte freier Arbeit in Frieden und
Freiheit zu geniessen.
Quellet
Features ünit Labor Special,
Ho. 190
Bewegungsstudie halbiert Anlernzeit
Heue Arbeitsmethoden in Verbindung mit neuen Schulungssystemen
haben bei der Steigerung der ProduktlTitaet der Kayser Bondor Strumpffabrik in Baidock, England, eine wichtige Rolle gespielt. Bis 1947
sassen die Arbeiterinnen, die kettelten, saeumten und die Struempfe
prueften, in verschiedenen fiaeumen. Dadurch ging viel Zeit und
Arbeitskraft beim üebergang von einem zum anderen Arbeitsgang verloren.
Die Maedel arbeiten jetzt in Gruppen, die die drei Arbeitsgaenge unter sich aufteilen. Diese Methode reduziert nicht nur
die Dauer der Arbeitsgaenge, es wurde ausserdem festgestellt, das»
einer der groessten Vorteile darin besteht, dass der Pruefer einen
festgestellten Fehler.sofort verbessern lassen kann* Die Produktion
und der Arbeitslohn sind dadurch um 20$ gestiegen.
Weiterhin konnte die Anlernzeit fuer Saeuaen und Ketteln von
12 Monaten auf 12$ Wochen herabgesetzt werden. Zu der Zeit, da
daa Anlernen noch nicht so gut organisiert war, sass der Anlernling mit einer qualifizierten Arbeiterin zusammen und lernte von
ihr, so gut es eben ging.
Als man 1947 intensiv durchgefuehrte Lehrgaenge einfuehrte,
wurde die Anlernzeit von 12 auf 6 Monate reduziert. Im letzten
Jahr jedoch fuehrte man erstmalig Bewegungsstudien bei einem
Abschnitt des Unterrichts durchs der durchschnittliche Anlernling
erreicht jetzt den erforderlichen Leistungsstandard bereits in 12$
Wochen. Ein Maedchen, das waehrend des Unterrichts die erforderliche Geschicklichkeit erreicht hatte, buesste sie oftmals wieder
ein, sobald es seinen Platz innerhalb der Gruppe, die in der Werkstatt arbeitete, einnahm. Man loeste dieses Problem zum grossen
Teil dadurch, dass man der Arbeiterin einen Arbeitsplatz in einer
Produktionsabteilung anwies, die von der Werkstatt der Fabrik

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�getrennt war, in der jedoch die Arbeiterinnen den gleichen Leiatungaatandard wie aie aelbat hatten, da aie ebenfalls im Unterricht geschult worden waren.
Hier bleibt nun daa Maedel.bis die naechate TJnterrichtaklaaee
den erforderlichen Leiatungsstandard vermittelt hat, erat dann
wird aie von der Produktionsabteilung in die Fabrikwerkstatt versetzt.
Bewegungsstudien sind auch bei der Schulung der Sortierer angewandt worden, daa aind jene Arbeiter und Arbeiterinnen, die die
gefaerbten und schlusabehandelten Struempfe nach Paaren sortieren.
Vor der Einfuehrung der Bewegungsstudie betrug die durchschnittliche
Anlernzeit sechs Monate. Sie konnte jetzt auf neun Wochen herabgesetzt werden, ohne die Leistungen irgendwie zu vermindern.
Ebenso wie in der Abteilung der Saeumer und Ketteier hat man
auch bei den Sortierern die neuen Methoden der Gruppenarbeit angewandt | innerhalb von zwei Jahren waren hier die Leistungen um
50# und die Loehne um J0% gestiegen. Vor der Einfuehrung des
Gruppenarbeitssystems hatten die Sortierer, die Etikettierer (Arbeiter, die den Markennamen auf den Struempfen anbringen), und die
Falter, die die Struempfe falten und verpacken, je einen Arbeitsraum.
Nach dem neuen System der Gruppenarbeit werden alle diese
Arbeitsgaenge gemeinsam in einem Raum ausgefuehrt. Die Dauer
der Arbeitsgaenge wurde dadurch auf ein Minimum reduziert, ein
Foerderband bringt die verpackten Struempfe in daa Lager und
bringt zugleich leere Kartons zu den Faltern.
Ein anderer Beitrag zur Beschleunigung der Produktion in
dieaer Abteilung wurde mit der Errichtung einea Gestells zwiachen
dar Zurichterei(hier werden vor allem die Fadenenden entfernt)
und der Sortierabteilung geleistet. Bis dahin wurden die Struempfe
auf einem Lastkarren von der Zurichterei duroh eine Tuer in die
Sortierabteilung gebracht. Jetzt hat man die Wand zwiachen dieeen
beiden Abteilungen beseitigt und dafuer ein Gestell erriohtet. Dia
Zurichter achieben mit Struempfen vollgestopfte Behaelter in dieaaa
Gestell, die Sortierer koennen auf der anderen Seite die Struempfe
herausnehmen, wann und wie ee ihnen gerade paaat.
Nach dem Vorschlag einea Arbeiters wurde fuer jeden Sortierer
eine gesonderte verateilbare Lampe angebracht. Auch diese Massnahme hat zur Verbesserung dea Arbeitsergebnisses beigetragen, da
auf diese Weise eine Ueberanstrengung der Augen vermieden wird.
In der Strickabteilung wurde hauptaaechlich durch neue Maschinen eine 25-prozentige Produktionssteigerung innerhalb einea Jahre«
erreicht. Man kann jetzt das Verdoppeln der Einfassung an dreisaig
Struempfen in einem automatischen Arbeitsgang vornehmen, waehrend
frueher jede Einfassung einzeln mit der Hand verdoppelt werden
muaate.
Selbst bei einem verhaeltniamaeaaig geringen Arbeitsergebnis
muss die Leitung des Werkes in Anbetracht der fuer Schulung benoetigten Zeit der Placierung neu eingestellter Arbeiter auf besondere
geeignete Arbeitsplaetze ataendige Aufmerksamkeit widmen. Frueher
war die Placierung der Arbeitekraefte ausschliesslich von einem
Interview mit dem Personalchef abhaengig. Auch heute noch wird
daa "Interview" ala der wichtigate Faktor bei der Auawahl dea

-

13 -

�Personals angesehen; vor zwei Jahren hat man jedoch die vom
Nationalinstitut fuer Psychologie entworfene Eignungspruefung
eingefuehrt. Die Ergebnisse dieser Pruefungen werden in dem
Bericht des Personalchefs mit aufgezeigt; der dadurch gewonnene
Gesamteindruck, ermoeglicht dann eine besonders geeignete Placierung des Neulings in der Fabrik.
In der Fabrik besteht ein Gemeinschaftliches Produktions Komitee (GPK) und ein Betriebsrat. Letzterer besteht aus 21
Mitgliedern, die ihren Vorsitzenden wechselweise fuer ein Jahr
aus den Reihen der Leitung des Betriebs und fuer das naechste
Jahr aus dem Kreis der Arbeiter waehlen. In Verbindung mit dem
GPK gibt es ein Vorschlagsschema-Komitee, das die Hoehe der Praemien fuer geeignete Vorschlaege empfiehlt. Das GPK diskutiert
lediglich Produktionsprobleme, waehrend alle anderen Angelegenheiten vom Betriebsrat bearbeitet werden.
Die neuen Arbeitsmethoden wurden mit voller Unterstuetzung
der Arbeiter eingefuehrt, die fast alle Mitglieder der Gewerkschaft der Strumpfarbeiter sind.
"Target"
51-11-12

Hans Hansens Die daeniachen Baugenossenschaften zeigen Moeglichkeiten
verstaerkten Wohnungsbaus.
In dem Kopenhagener Vorort RVidovre beschaeftigt sich die
daenische Baugenossenschaft "Arbejderbo" augenblicklich mit einem
Bauvorhaben, das fuer den daeniachen Nationalfond fuer Wohnungsbau unter ümstaenden eine Ersparnis von 112,000,000 Kronen bedeutet und Tausenden, die auf der Wohnungs-Warteliste stehen, neue
Hoffnung gibt. Der daenischen Baugenossenschaft, die von den
Gewerkschaften gegruendet wurde, ist es gelungen, die Kosten fuer
107 Wohneinheiten um 15$ im Verhaeltnis zum gegenwaertigen Stand
zu senken. Dies wurde erreicht durch eine weitgehende Rationalisierung der Bautechnik,wobei man besonderen Wert auf die sorgfaeltige Abstimmung der in üntervertraegen festgesetzten Arbeiten legte
und vor allem die Verwendung fertig konstruierter und genormter
Betongussteile vorsieht, die an Ort und Stelle hergestellt werden.
Im daenischen Bauwesen ist es ueblich, alle Vertraege fuer
die vorkommenden einzelnen Arbeiten direkt zu vergeben, anstatt
einen einzigen Vertragspartner damit zu beauftragen; zugleich
wird dem jeweiligen "Hauptkontraktor" ein gewisser finanzieller
Spielraum gegeben, der ihn gegen unvorhergesehene Ereignisse
schuetzt. Bei dem Bauvorhaben wichen der Vorsitzende der "Arbejderbo", Erik Jensen, der Architekt Eske Kristensen und der
Ingenieur P. E. Malstrom von der bisherigen daenischen Tradition
ab und stellten in Zusammenarbeit mit zahlreichen finanzstarken
Kontraktoren einen bis in alle Einzelheiten gehenden Plan auf,
bevor sie Angebote einholten. Der Erfolg dieses Vorgehens bestand darin, dass die Angebote, die angenommen wurden, dem absoluten Minimum viel naeher kamen als es sonst gewoehnlich der Fall
war.
Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist der Umfang, in dem neue
Methoden der Betonbauweise die Ziegelsteinbauweise ersetzt haben.

- 14

�Die Aussenwaende bestehen aus Betonplatten von der Croease 60 z
110cm. Sie werden in der "Fabrik", die sich im Freien direkt
neben dem Bauplatz befindet, gefertigt, d.h. im Buettelverfahren
gegossen und heissbehandelt. Diese und sehnlich konstruierte
groessere Platten fuer das Fundament und den Boden werden mit
Hilfe von fahrbaren Kraenen an Ort und Stelle gebracht. Vertikale Innenteile werden direkt in vertikalen Verschalungen gegossen; dieses Verfahren wird der Aufsetzmethode vorgezogen*
Die Standardgussvorrichtungen bestehen aus Holz; sie sind leicht
versetzbar und koennen immer wieder benutzt werden.
Jede Wohneinheit besteht aus vier zweistoeckigen Wohnungen.
Jede Wohnung ist fuer eine Familie mit drei bis vier Kindern
bestimmt; im ersten Stock befindet sich ein Wohnzimmer, eine
Kueche mit einer Essnische- sowie eine Spuelkueche. Im zweiten
Stock liegt ein grosses Schlafzimmer, ein etwas kleineres Schlafzimmer fuer die juengsten Kinder, zwei etwa halb so grosse Zimmer
fuer die aelteren Kinder, die ihr "eigenes" Zimmer haben sollen,
und schliesslich ein Badezimmer. Es ist kein Keller vorhanden,
jedoch ist ein Verschlag vorgesehen, den man zum Abstellen der
Fahrraeder benutzen kann. Fuer die 107 Wohneinheiten soll eine
Zentralheizungsanlage sowie eine Cemeinschaftswaescherei eingerichtet werden. Die daenischen Arbeiterfamilien, die demnaechst
dort einziehen werden, bezahlen etwa 200 Kronen Miete im Monat;
das entspricht ungefaehr einem Wochenlohn.
Die Gesamtbaukosten fuer eine Wohnung betragen 40,230 Kronen
oder etwa 24.000 DM. Die Kosten liegen damit ungefaehr iyf&gt; unter
den gegenwaertigen Baukosten. Man verspricht sich bei dem gesamten
Bauvorhaben durch Anwendung rationalisierter Methoden eine Ersparnis von 700 000 daenischen Kronen. Es erscheint jedoch noch etwas
zu frueh, um bestimmte Angaben zu machen. Verschiedene Sachverstaendige halten es fuer das Beste, diese neuen Methoden erst bei
vier- oder mehrstoeckigen Gebaeuden anzuwenden, ehe sie mit ihnen
vielleicht Schiffbruch erleiden. Andere Sachverstaendige meinen
wiederum, man koenne die Kosten noch weiter reduzieren.
Nachdem nun, nach dreizehn Jahren, die Rationierung der Verbrauchagueter in Daenemark aufgehoben wurde, (Kaffee und Zucker
wurden erst im vergangenen Monat freigegeben), bleibt das Wohnungsproblem noch immer eines der wichtigsten Probleme der daenischen
Wirtschaft. In diesem Jahr sieht der Baufinanzierungsetat der
Regierung die Schaffung von 16 000 neuen Wohnungen vor. Eine
Ersparnis von 7000 Kronen pro Wohnung oder eine Gesamtersparnis
von 112 000 000 Kronen wuerde fuer 13.915 Wartende eine neue
Wohnung bedeuten.
Sonderbericht der
MSA Labor Division,
Kopenhagen.

Zunahme dea Mittelstandes in den Vereinigten Staaten
Eine allmaehliche Veraenderung der Einkommensschichtung der
Vereinigten Staaten hat in den letzten 20 Jahren zu einer Verbreiterung des Mittelstandes gefuehrt. Im Verlaufe dieses Prozesses hat sich die Hoehe des Bevoelkerungsanteils innerhalb der
Spitzeneinkommengruppe und der niedrigsten Einkommenstufe zahlen-

15

�maessig verringert. Tor kurzen beendete Simon Kuznets vom amerikanischen Wirtschaftsforschungsinstitut eine umfangreiche Abhandlung
ueber diese Veraenderungen in der amerikanischen Einkommensstruktur.
Die Ergebnisse dieser Studie wurden von Geoffrey H. Moore fuer die
"American Economic Review", einer amerikanischen Wirtschaftszeitung,
eingehend analysiert. Eine amerikanische Zeitung, die einen Kommentar zu dieser Abhandlung veroeffentlichte, erklaerte, die Studie
zeige, dass in den Vereinigten Staaten eine friedliche soziale
Revolution mit durchgreifenden wirtschaftlichen Folgen vor sich geht.
Im Jahre 1929 gaben 513 Personen ihr Einkommen mit einer Million
Dollar oder mehr an, im Jahre 1948 waren es nur noch 149« Ton 1929
bis 1948 stieg das Einkommen des einprozentigen Bevoelkerungsanteils
mit Spitzeneinkommen um 8$; das Einkommen der restlichen 99$ erhoehte
sich jedoch um 124$. Waehrend des 35-jaehrigen Zeitraums von 1913
bis 1948 stieg das Einkommen der unteren 99$ um das Vierfache.
Waehrend der Zeit von 1929 bis 1939 sank das Individualeinkommen beider Gruppen, und zwar bei der oberen Einkomaensklasse um 39$
und fuer die verbleibenden 99$ der Bevoelkerung um 18$. Von 1939
bis 1948 trat wiederum eine wesentliche Erhoehung ein. Sie betrug
78$ pro Kopf fuer die oberste Einkommensgruppe und 174$ fuer die
untere Einkommensklasse. Diese Veraenderungen in der Einkommensschichtung der verschiedenen Bevoelkerungskreise zeigen eine Tendenz
nach der Mitte hin - und zwar wird sie hervorgerufen durch das steigende Einkommen der niedrigeren Einkommensklassen, einem Absinken
der Spitzeneinkommensklassen und schliesslich einem Ansteigen des
Einkommens der Mittelklasse.
Fuer die Hebung des Einkommensstandards werden verschiedenartige
Begruendungen gegeben. Man "uehrte dabei vor allem an, dass die
Loehne und Gehaeiter im Verhaeltnis zu den Einkommen aus Renten,
Dividenden und Zinsen erheblich gestiegen sind. Die Gehaeiter der
Angestellten haben sich um 134$ pro Kopf der Bevoelkerung erhoeht,
waehrend die Einkuenfte in der Landwirtschaft, Einzelunternehmen
und Handwerksbetrieben um 143$ gestiegen sind.
Die Hebung des Einkommens minderbemittelter Familien hat sich
am staerksten ausgewirkt. Sie wurde spuerbar durch groessere Aufwendungen fuer Verbrauchsgueter und einer groesseren Nachfrage in
den Geschaeften. Im Jahre 1939 hatte eine von 10 Familien ein Einkommen von 3000 Dollar oder mehr und eine von 45 Familien gehoerte
zu der Einkommensgruppe mit 5000 Dollar und mehr. Im Jahre 1948
jedoch hatte die Haelfte aller Familien ein Einkommen von 3000
Dollar oder mehr und eine unter 6 Familien war in der Einkommensgruppe 3000 Dollar und mehr.
Viele Wirtschaftssachverstaendige glauben, dass die Veraenderungen in der Einkommenverteilung die Wiederholung einer Wirtschaftskrise verhindern wuerden. Die wirtschaftliche Lage hat
durch das Anwachsen des Mittelstandes zweifellos eine Stabilisierung erfahren. Die Angehoerigen des Mittelstandes sind so zahlreich wie nie zuvor und verfuegen ueber den groessten Einkommenanteil. Sie besitzen eine starke Kaufkraft und betraechtliche
Spareinlagen; sie tragen dadurch zur Ausdehnung des amerikanischen
Marktes bei. Nach Ansicht vieler Wirtschaftssachverstaendiger wird
die Erhoehung des Realeinkommens des Durchschnittsamerikaners noch
weiter andauern und eine Erhoehung der Produktivitaet sowie ein
Anwachsen des Kapitals zur Folge haben, wobei sich die Durchschnittsziffern erhoehen.
Weekly Labor News Digest
VIl/43
-

16

�</text>
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                <text>Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in Westeuropa&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Ursache des industriellen Friedens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vollbeschäftigung in Schweden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Franzözische Seeleute blicken hinter den "Eisernen Vorhang"</text>
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S 1

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Januar 1952 - 31. März 1952

Seite
1.) ALLGEMEINES

1

2.) KOMMENTARE

5

3.) SONDERBEILAGEN

6

4.) ARTIKEL FÜR DIE FRAU

8

5.) JUGEND

10

6.) GEISTIGES LEBEN

11

7.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

12

8.) LANDWIRTSCHAFT

16

* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST* kostenlos Bildmaterial

�iL. .-ALLGEMEINES,
4/1/52

*

IRO zieht Bilanz
Das Ozeanographische Institut von Woods Hole
sammelt Erfahrungen über die nordatlantischen
Meeresströmungen
Die zehn wichtigsten Ergebnisse der aartronomisehen
Forschung im Jahre 1951

9/1/52

*

Die Sonne tönt . . . Funksignale aus dem
Weltenraum
Das Leben im Jahre 2027
Morgenrot am Filmhimmel

11/1/52

*

Rekruten vor dem Fernsehschirm
Ausbildungsunterricht durch Fernsehübertragungen
bei der Marine
Auf der Spur des Schnupfenvirus
Berlin Anno 1930 auf der New Yorker Bühne.
John van Drutens Bühnenstück "lam a Camera"

16/1/52

*

Internationale Verständigung durch persönlichen
Kontakt
Babylonische Sprachentwirrung
Die voraussichtlichen Vorzüge einer endgültigen
Weltsprache
Die gefährliche "rosa Lady"
Gegen den Mißbrauch von Schlaftabletten

18/1/52

*

Sister Ann Joachim, eine der interessantesten
Frauen der USA
"Alcometer" im Kampf gegen betrunkene Autofahrer
Wir werden das Raumschiff erleben

23/1/52

Die Vereinigung "Operation Democracy".
Kultureller Austausch zwischen amerikanischen
und westdeutschen Städten
Aus der Arbeit der UN-Vollversammlung in Paris

'•Sicherheit beim Absturz"
Neue Gesichtspunkte im Flugzeugbau
ZM den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIEN3?'
kostenlos Bildmaterial
- 1 -

�ALLGEMEINES
25/1/52

*

David K. Bruce - der zweite Mann im State
Department

*

Das Palais de Chaillot besitzt einen eigenen
Gebetraum für UN-Delegierte

*

Versandhaus für Bakterien
Stephan Wolpe - ein Künstler, der sich treu bleibt

30/1/52

*

Zum Geburtstag Abraham Lincolns am 12. Februar
Tiere im Winterschlaf
50 Jahre amerikanisches Genossenschaftswesen
Amerikanische Farmgenossenschaften
* * * * * *

1/2/52

"Zum Seemann geboren" - Admiral L.D. McCormick,
Oberbefehlshaber der NATO-Seestreitkräfte
Eine neue Aera der Landwirtschaft?
"Krilium", das neue Dünge- und Bodenverbesserungsmittel
Über eine neue einheitliche internationale
Fliegerspräche

6/2/52

*

Das amerikanische St. Moritz

*

Der Schlittschuh fahrende Scholar - Dick Button

*

Wunderland Colorado
Wiedergutmachung an Winnetous Erben
Senfgas für kranke Kinder
Bedeutende Erfolge in der Behandlung von Leukämie

8/2/52

*

Kameradschaft der Völker auf See
Länger und glücklicher leben
Probleme für alternde Menschen
Journalismus per Elektron

-

2

-

�ALLGEMEINES
13/2/52

*

Elektroingenieure als Mädchen für alles
Synthetische Photosynthese

15/2/52.

*

Marlenes Tochter
Maria Riva, die Tochter der Dietrich

*

Die Sportfliegerei in den USA

*

Die Pathologie, das gute Gewissen der Ärzte
Das Zeugnis - eine Reliquie aus dem vorigen
Jahrhundert?

20/2/52

*

George Washington: Bauer, General und Staatsmann
(Zu seinem Geburtstag am 22. Februar)

*

Der Sender im Schützenloch
Verbesserungen des Nachrichtensystems der amerikanischen Streitkräfte
Schach in der dritten Dimension

22/2/52

*

"Amerika-Haus Ruhr" öffnet seine Pforten

*

Das Magnetophon erobert Amerika
Wissenschaft mit Bagger und Geigerzähler
Deutsche Jungärzte an amerikanischen Krankenhäusern

27/2/52

*

Das Museum für Wissenschaft und Technik in
Chikago
Wir sterben nicht aus
Gespräch über die Chancen und Erwartungen der
Menschheit

29/2/52

*

"Handeln ist das große Geheimnis des Erfolgs"
Am 2. März 1829 wurde der deutsche Rebell der
Freiheit und amerikanische Politiker Carl Schurz
geboren

*

"Nach Oregon oder zum Teufel!"
Die Sonne - bei Licht besehen
Neues Sonnenobservatorium registriert durch
Elektronen-Lenkgerät die gesamte Sonne.naktivität
Deutsche Bücher in Amerika
* * * * *

*

�INES
5/3/52

7/3/52

Bundespräsident Heuss spricht zur Eröffnung der
"Woche der Brüderlichkeit"
*

Travelers Aid - Schutzengel der Reisenden

*

Der erste schwimmende Sender der "Stimme Amerikas

*

Als Krankenschwester in Korea
Synthetische Edelsteine sind keine minderwertigen
"Glasbonbons"
Sind die Vereinigten Staaten imperialistisch?
Zur "Woche der Brüderlichkeit" 1952
Aussprüche großer Männer

12/3/52

*

Spokane - die "Fröhliche Bergarbeiterstadt"
Amerikanischer Geschäftsmann bestimmt zwei
Drittel des jeweiligen Reingewinns seiner Firma
für karitative Zwecke
Das Geheimnis um Adolph Strasser
Die sonderbare Lebensgeschichte eines großen
Arbeiterführers
Zur "Woche der Brüderlichkeit" 1952
Aussprüche großer Männer

14/3/52

*

Panama-Kanal - heiße Zone Zentralamerikas
West Points stolze Tradition
Vor 150 Jahren wurde die berühmte amerikanische
Militärakademie gegründet
Kulturgeschichte des Zeichenfilms

19/3/52

ÄtherfreundSchäften
Seit zwei Jahren haben die deutschen Funkamateure
wieder die Möglichkeit, internationale Verbindungen aufzunehmen
Das Schulspeisungsprogramm in den Westsektoren
Berlins
Schubert - Portrait eines Musikers
Das letzte Werk des in Deutschland geborenen
und kürzlich in den USA verstorbenen Musikkritikers Dr. Alfred Einstein

- 4 -

�ALLGEMEINES
21/3/52

*

Moderne Isolationstechnik ermöglicht "Heizung"
mit Körperwärme
Kreuzweg der Kalmücken
"Amahl und die nächtlichen Gäste"
Gian-Carlo Menotti schrieb erste Fernsehoper

26/3/52

*

Das Transpazifik-Kabel hat seine Bedeutung
verloren

*

Der Amerikanische Automobilverband AAA
Biber als Fallschirmspringer

28/3/52

*

Atlantic City, der Badeort zwischen New York
und Philadelphia
Staatsexamen im Gefängnis
Todesursache: Angst
* * * * * *

22_KOMMENTARE_
4/1/52

Wiedersehen in Washington

9/1/52

Europa vor dem Wendepunkt

11/1/52

Europa und die amerikanischen Wahlen

16/1/52

Zuversichtliche Stimmung in Washington

18/1/52

Eine Mahnung an Europa
* * * * * *

1/2/52

Bonn im Mittelpunkt

6/2/52

London - eine entscheidende Etappe

13/2/52

Diskutable Bedingungen

15/2/52

Appell an die Vernunft

20/2/52

Neutralismus - eine Utopie

- 5-

�KOMMENTARE
22/2/52

Optimismus in Lissabon

27/2/52

Eine erfolgreiche Konferenz

29/2/52

Lissabon und die Präsidentschaftswahlen
# * * * * *

5/3/52

Die Schuldigen an den Pranger

7/3/52

Tito und die deutsche Wiederbewaffnung

14/3/52

Stimmungsbarometer New Hampshire

21/3/52

Die zweite Runde

26/3/52

Erst Europa - dann die Saar

28/3/52

Der Kreml hat das Wort
* * * # * *

32__SONDERBEILAGEN
11/1/52

Trumans Botschaft über die Lage der Nation
Schlußkommunique der Truman-Churchill-Besprechungen

18/1/52

Trumans Wirtschaftsbotschaft an den US-Kongreß

23/1/52

McCloy: Rede vor Studenten der Universität Freiburg vom 21.1.1952

30/1/52

Acheson
Auszüge
nischen
Action"

zum Punkt-Vier-Programm
einer Rede vom 25.1.1952 vor der amerikaOrganisation "Americans Por Democratic
in New York
* * * * * #

6/2/52

Resolutionsentwurf der US-Senatoren über die
Schaffung der "Vereinigten Staaten von Europa"
und Antwortschreiben Präsident Trumans vom 31»
Januar 1952
- 6 -

�SONDERBEILAGEN
15/2/52

Vierter MDAP-HalbJahresbericht Trumans (Auszüge)

22/2/52

Die Londoner Kommuniques
Wortlaut zweier Kommuniques, die nach Abschluß
der Londoner Besprechungen von den Außenministern
der drei Westmächte und dem deutschen Bundeskanzler sowie von den Außenministern der Vereinigten
Staaten, Großbritanniens und Prankreichs herausgegeben wurdai

27/2/52

9. Viertel Jahresbericht McCloys
Die grundsätzliche Deklaration der NATO
Das Abschlußkommunique des Nordatlantikrates
# * * * * *

5/3/52

Achesons Rechenschaftsbericht über Lissabon (29.2.52)
Truman eröffnet das erste Programm des schwimmenden Senders der "Stimme Amerikas" (Rede v.4.3«52)

7/3/52

"Report on Germany"
Auszüge aus dem Bericht eines Unterhausausschusses
des US-Repräsentantenhauses über die auf einer
Reise durch Westdeutschland und Berlin gesammelten Eindrücke von den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in der Deutschen Bundesrepublik

14/3/52

Wortlaut eines Interviews, das Dr. Adenauer einem Vertreter der amerikanischen Wochenzeitschrift "United States News and World Report" gab

19/3/52

Wortlaut der US-Note zum österreichischen Staatsvertrag
Wortlaut des alliierten Entwurfes eines Staatsvertrages für Österreich

28/3/52

V/ortlaut der amerikanischen Antwortnote vom
25.3.1952 auf den sowjetischen Deutschlandvorscüag
Truman-Botschaft vom 24.3.1952 zum Flüchtlingsproblem

31/3/52

•cechenschai tsoericht General Eisenhowers vom 2.&amp;
- 7 -

�il__ARTIKEL_FÜR_piE_PRAU
9/1/52

Zwölf-Ton-Musik im Kinderzimmer
Was wird aus Musterschülern
Ein Kapitel über angereicherte Nahrungsmittel
*

Die fahrbare Kinderklinik
Unfallverhütung durch bedachtsam gewählte Kinderkleidung
Gleichberechtigte Frauen
Neues Verfahren zur Tiefkühlung von Fischen
bereits auf hoher See
Neue Auszeichnung für Marguerite Higgins

23/1/52

Kindheit und Gesellschaft
*

Ausblick auf die Frühjahrsmode 1952
Warum so eilig?
Eine amerikanische Mutter erzählt aus ihrem Alltag
Ratschläge zur Erhaltung gesunder und zur Behandlung kranker Füße
Hausfrau oder Karriere?
Die' schwierige erste Dekade
Carepakete für Korea
Eine wundersame Insektenbekämpfungsanlage
* * * * * *

6/2/52

Zum Tode Dorothy Dix', der meistgelesenen Journalistin Amerikas
Frauen in Halbtagsstellungen
Empanadas aus Chile und Falafel aus Israel
Über ein internationales Kochbuch
Wer verfügt über das Haushaltsgeld?
*

Vollendete Gebrauchskunst
Musterschau für Möbel in Chikago

- 8 -

�ABra£L-EtlB_DIE-EEAU.
20/2/52

Mr. Groggle muß noch viel lernen
Besprechungen eines kürzlich in New York erschienenen "Leitfadens für intelligente Männer zum
besseren Verständnis der Frau"
"Kein Mitleid bitte . . ."
Eine unverheiratete Amerikanerin verbittet sich
das Mitleid der Umwelt
Darf ein Kind auch "nein" sagen?
Die Orientalin und das Punkt-Vier-Programm
Kleine Kaffeepause groß geschrieben . . .
Wie in Chikago an Hand von Tests festgestellt
wurde, ist die umstrittene Kaffeepause des Angestellten ein Mittel zur Leistungssteigerung
Eine Modenschau besonderer Art
Vom amerikanischen weiblichen Arbeitsmarkt
* * * * * *

5/3/52

*

"Ich bin mit drei Männern verheiratet"
Aus dem Leben der Mrs. Eisenhower
Frauenstudium - immer noch zu männlich?
Für und wider eine Lehrplanreform zugunsten
der "höheren Töchter"

*

"Modell 1952" - zart und verspielt
Brigitte Horney findet Amerika himmlisch
Wie können Eltern ihren Kindern helfen, Freunde
zu gewinnen?

19/3/52

*

" . . . Ich hätte sterben mögen für die Schönheit"
Die de Mille-Story
Amerikanische Ärztin und Psychologin gibt Ratschläge für Kindererziehung
Vom Mythus der Wundernahrung
Das Weltmeer um uns
Der amerikanische Bestseller "The Sea Around Us"
von Rachel Carson
Moskauer Mode in New York
Gegen die Trägheit des Herzens
Mrs. Ellen I McGloy zum 125-jährigen Bestehen
des Krefelder Frauenvereins
* * * * * *

- 9-

�Januar 1952

Die Waljäger vom Kap Cod
Kalulu und der Tausendfüßler
Eine Tiergeschichte
Nonstopflug der Zugvögel
Abraham Lincoln auf dem Totempfahl
Der Indianerstamm der Raben in Alaska errichtete
aus Dankbarkeit für die Befreiung von der Sklaverei
einen Totempfahl mit einem Standbild Abraham
Lincolns
Kriegsrat mit Friedenspfeife
Abhaltung von Versammlungen bei den Indianern
Nordamerikas
* * * * * *

Rotkehlchen und der Güterzug
Eine wahre Geschichte

Februar 1952

Iglu, das billigste Haus der Welt
Besuch bei den Eskimos in den arktischen Ländern
Die wunderbare Geschichte von Amerikas bedeutendstem Amateur-Astronomen
Fußball im Dornröschenschlaf
Schauspieler aus Kreppapier und Pappmache
Eine Kindergruppe in Annapolis geht mit einem
selbstgebastelten Marionettentheater auf Tournee
* * * * *

*

Huhurit und sein Brüderchen
Eine Indianererzählung

März 1952
*

100 Jahre "Onkel Toms Hütte"
Ein guter Handel
Eine Geschichte aus der amerikanischen Kolonialzeit •
Frau Eskimo bittet zu Tisch
Aus dem Leben der Eskimos (2.Folge)
* * * * * *

- 10 -

�§2__551§1155§_ii52?l.
Wie denken Sie über die Danirier?
Man haßt am "anderen", womit man in sich selbst
nicht fertig geworden ist, lehrt die Psychologie
der Gruppenvorurteile

Januar 1952

Europa, Amerika und die Musik
Ein Viertel Jahrtausend Yale
Eine Weltrundschau der Literatur
Die einzige umfassende internationale Literaturrevue gibt der deutsche Schriftsteller Ernst E.
Noth in Oklahama heraus.
Akademisches Allzuakademisches
Die deutsche Universität leidet unter dem Gewicht ihrer Tradition und unter Mangel an Kontakt mit der Öffentlichkeit
* * * * * *

Es bleibt noch viel zu tun
Ein Aufruf gegen die geistige Müdigkeit unserer
Zeit von Pulitzer-Preisträger Edgar A. Mowrer

Februar 1952

Interview mit einem Roboter
Über die Kapazität des ersten Elektronen-Gehirns
in der amerikanischen Industrie
Der Abenteurer Lorenzo da Ponte
Aus dem Leben des Librettisten der Mozart-Opern
"Figaros Hochzeit","Don Giovanni" und "Cosi fan
tutte"
*

Hitlers Vermächtnis an das deutsche Kunstschaffen
Eindrücke eines amerikanischen Kunsthistorikers
nach einem Besuch in der Bundesrepublik.Von Dr.
Alfred Werner
* * * * * *

März 1952

Die große Debatte
Die Niederlage des amerikanischen Isolationismus
Amerika entdeckt neuerdings die Freude am reinen,
gesprochenen Wort
Hinter den Kulissen der koreanischen Waffenstillstandsverhandlungen
Buchauktion auf Weltreise
Internationales Theater als Brücke zwischen den
Völkern
* * * * * *
- 11 -

�Z1_JNI5TSCHA^TJJN^_AEBJ:IT

4/1/52

*

Europa lernt von Amerika
US-Produktionsmethoden bewähren sich auch
in Europa

*

Neukonstruktionen vorläufig "auf Eis gelegt"
Lieferstop für Werkzeugmaschinen für US-Automob ilindustrie
Gewerkschaftsführer von morgen auf der Schulbank
Gedämpfter Optimismus am Baumwollmarkt
Neues Herstellungsverfahren für Gummi
100 Photokopien in der Minute

H/l/52

Weiter ansteigende Produktion und hoher
Beschäftigungsstand
ECA-Garantien ermöglichen amerikanische K^italinvestierungen in der europäischen Wirtschaft
Amerikas "Volkswagen" wird im Warenhaus verkauft
Miss Hardy arbeitet 6 Tage im Monat nur für die
Steuer
Stahlarbeiterstreik vorläufig ausgesetzt
Setzmaschine mit Lochstreifensender
US-Stahlindustrie in Zahlen
Spareinlagen erreichen Höchststand
Unabhängigkeit der US-Gunmiindustrie von fernöstlichen Gummieinfuhren

18/1/52

*

Europäische Raffinerien für orientalisches öl
Starke Zunahme der Lebensversicherungen
Industrie hat großes Auftragspolster
Ölchemie wird zur Großindustrie
Der deutsche Arbeiter besitzt eine größere
soziale Sicherheit
CIO-Gewerkschaft dreht Film aus der praktischen
Arbeit
"Holmanit" macht Lehm zum Heizmittel
"Ausfrieren" - ein neues Trocknungsverfahren
- 12 _

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
18/1/52

Die OEEC berichtet über ihre Arbeit im Jahre 1951

25/1/52

Amerikas Wirtschaft im Zeichen der westlichen
Verteidigung
*

Europas Schiffbau kommt auf Touren
Ein Blick in die Geschäftsberichte der US-Gesellschaften
US-Handelslaboratorien lösen technische Knoten
im "Handumdrehen"
Warum die amerikanischen Arbeiter ein garantiertes
Jahreseinkommen furdern
Die Stellungnahme des Präsidenten der amerikanischen CIO-Gewerkschaft, Philip Murray
Technik und Wissenschaft in der US-Ölindustrie
Turbinengeneratoren mit "Hohlkühlung"
* * * * * *

1/2/52

Die Hintergründe der russischen Handelsoffensive
Großwirtschaftsräume in Zahlen gesehen
Die industrielle Entwicklung in Westeuropa,
Sowjetrußland, den USA und Westdeutschland
(Schaubild)
Produktionsausweitungen schufen angespannte Versorgungslage bei Kraftstrom
Kunststoffe - der "Schrei der Stunde"
Die USA an der Schwelle des Atomzeitalters
Die amerikanischen Gewerkschaften wurden von
Menschen aus 38 verschiedenen Nationen aufgebaut
Der "AFI News Reporter" - eine neue Gevverkschaftszeitung

8/2/52

Gegensätze zwischen europäischem und amerikanischem Kapitalismus
Kreditschöpfung auf neuen Wegen
Ein Blick hinter die Kulissen der amerikanischen
Flugzeugindustrie

- 13 -

�1TIETSCHAE1_UÜD_AEBEIT.
8/2/52

Produktionssteigerung - der Schlüssel zum höheren
Lebensstandard
Die Entwicklung der Löhne im Verhältnis zu den
Produktionsleistungen in den letzten 100 Jahren
"Telefonitis" - eine Zeitkrankheit
Die großen Überraschungen bei den US-52-er Modellen blieben aus
Eine neue Gleitschutzvorrichtung

15/2/52

Die Kohle muß reichen
Wie kann Europa von Kohleneinfuhren unabhängig
gemacht werden?
Amerikas Hausfrauen schwören auf tiefgekühltes
Obst und Gemüse
Invasion neuer Kunstfasern
Höhere Umsätze und Gewinne für 1952 erwartet
Ausgefallene Werbeideen brachten volle Kassen
Arbeitsschutzgesetze für die Frau in den USA
Eine Frau kämpfte für die arbeitenden Frauen

22/2/52

Kanada - die Rohstoffkammer des Westens
Schiffahrts-"Boom" dauert an
Lebensversicherungen stark gefragt
US-Exporte erreichten neuen Höchststand
"Highway-Sklerose", die verkehrskrankheit der USA
"Suburbanite" ein neuer Autoreifen
"Xm" - der "Scheibenwischer^ für Brillen

29/2/52

Der amerikanische Außenhandel im Spiegel des
letzten Jahres
Gebrauchsgüterindustrie hat Sorgen
Metallzuteilungen um weitere 10$ gekürzt
Kapazitätsausweitungen werden beschleunigt
Mehr Zeitungspapier in Sicht
21 Uhr - Ladenschluß
- 14 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
New Yorker ttPreiskrieg" schlägt hohe Wellen

29/2/52

"Kaltziehen" von Stahl - keine Utopie mehr
Radioaktiver Kobaltdraht für Werkstoffprüfung
* * * * * *

7/3/52

*

Alle zwei Minuten ein neuer Volkswagen
Gute Jahresabschlüsse der Banken
Der "Dollar-Kreislauf" (Schaubild)
Die Einnahmen und Ausgaben des US-Staatshaushaltes
1952-53
Amerikanische Importeure sind wählerischer geworden

*

Hubschrauber - das "Automobil" der Luft?
Blauer "Virginia-Dunst" in den USA
"CAMEL" weiterhin führend - PALL MALL holt auf
Mangel an Arbeitskräften nimmt zu
"Atomreifen" mit größerer Lebensdauer
Die ideale Schulbank

19/3/52

HANOMAG intensiviert Rationalisierungsbestrebungen
Beträchtliche Zunahme der Emissionen
Schwefel bleibt knapp
Der Wert der Kohle wurde neu "entdeckt"
Erhöhung der Förderleistung von 570 auf 880
Mill. Tonnen geplant
Brathähnchen und Mastgänse vom Fließband
Die "Soziale Revolution" der USA
Tonfilm im eigenen Atelier
Mylar - ein neues Kunstharz

26/3/52

Die europäische Energieverbundwirtschaft kann
verwirklicht werden
US-Finanzexperten im Meinungsstreit über antiinflatorische Maßnahmen
15 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
26/3/52

Die chemische Industrie - "Mädchen für alles"
Aluminiumindustrie mit Siebenmeilenstiefeln
Tiefgekühlte Diners a la Parte
US-Speisewagengesellschaften beschreiten neue
Wege zur Kostensenkung
Warum unterstützen die Arbeiter das Wirtschaftssystem der USA?
"Germanium" ersetzt Radioröhre
* * * * * *

§2—IfM5!![I22§25APT
Januar 1952 *

Hinweise für den Viehzüchter
Plattenspieler im Schweinestall
Gute Erfolge mit synthetischer Schweinemilch
Das häuslichste Haustier - die Kuh
Was bedeutet PH?
Mit Hilfe der PH-Skala wird der Kalkgehalt des
Bodens gemessen
Gegen Maul- und Klauenseuche
* * * * * *

Februar 1952

Rechenschaftsbericht der amerikanischen Landwirtschaft für 1951
*

Soja - die vielseitigste Anbaupflanze der Welt
Sollen Eier gewaschen werden?
Stallbedingungen für die Aufzucht gesunder Kälber
Die Qualität der- Kartoffel (Folge I)
Ratschläge zur Verbesserung der Kartoffel
* * * * * *

- 16 -

�LANDWIRTSCHAFT
März 1952

*

Die Zukunft der Landwirtschaft

*

Diverse Gemüse aus den hängenden Gärten der Armee
Hydrokulturen der US-Army in Japan
Boden - die Schatzkammer der Vereinigten Staaten
Von Russell Coleman, Präsident des Verbandes der
amerikanischen Düngemittelindustrie
Hühner am laufenden Band
Die Qualität der Kartoffel (Folge II)
Die Kochqualität
Wieviel trinkt ein Tier?
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 17 -

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INHALTSVEEZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL
DES "AMERIKA DIENST"
vom 1. April

1952 -' "50. Juni 1952

•

Seite

1. ) ALLGEMEINES

1

2.')

SONDERBEILAGEN

5

3.")

PUR DIE FRAU

7

4.: )

JUGEND

5. )

GEISTIGES LEBEN

10

6.") WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

7.') lANDWIRTSCHAFT

16

•

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*

•

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9

*

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

�1) ALLGEMEINES
2/4/52

NATO - Garant des Friedens
Zum 3' Jahrestag der Gründung der NordatlantikpaktOrganisation
*

Helikopter - Nußschalen der Luft
Langfristiges Herzforschungsprogramm der medizinischen Wissenschaft in Framingham, Mass.,

4/4/52

"

Hat unser Kind Musik im Blut?
Vier Tests überzeugen Eltern, ob es Zweck hat,
ihren Kindern Musikunterricht erteilen zu lassen

*

Ostern in den Vereinigten Staaten
Geheimnisvolle Zusammenhänge zwischen den Jahresringen der Bäume und der zyklischen Wiederkehr von
Sonnenflecken
Ein halbes Jahrhundert Hollywood
Vier Jahre Weltgesundheitsorganisation

9/4/52

*

Brüder, die in Einheit leben
Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist seit mehr
als 100 Jahren ohne jegliche Befestigung

*

Basketball - Das Spiel der großen Männer
Mr. "X" geht nach Moskau
George F. Kennan, Rußland-Experte Nr. 1
der USA

11/4/52

*

Holz aus Tacoma
Tacoma gehört neben Seattle zu den wichtigsten
Umschlaghäfen im amerikanischen Nordwesten
Amerikanische Kinderhilfe für Korea
Durch elektrischen Herzschock ins Leben zurückgerufen

16/4/52

*

Am Grabe F. D. Roosevelts
Zum 7. Todestage des amerikanischen Präsidenten
am 12. April

*

Die Renovierung des Weißen Hauses ist beendet
Die fremdsprachige Presse in den USA
Der See in den Schwarzen Bergen
Archäologische Funde geben Aufschluß über das
Leben der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents

18/4/52

*

Die neue Aera in der Met und der New Iork
City Opera Company

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENS"'.
kostenlos Bildmaterial
..

�ALLGEMEINES
18/4/52

Internationale Regelung des Straßenverkehrs
Am 25. März 1952 trat die Internationale Straßenverkehrskonvention in Kraft
Eine bittere Erfahrung
"Endstation Sehnsucht" - Regisseur Elia Kazan
widerlegt Gerüchte über seine politische Vergangenheit

23/4/52

*

Meisterwerke des XT. Jahrhunderts
Künstlerische Veranstaltung des "Kongresses
für kulturelle Freiheit" in Paris
Der"Eiserne Mann"
Das Wahr- und Warnzeichen des Eisernen Tales
am Roten Berge bei Birmingham

25/4/52

*

Dämme und Fluten
Der "Pick-Sloan-PlanM soll im Missouri-Gebiet
die Gefahr erneuter Hochwasserkatastrophen
bannen

*

James W. Riddleberger Deutschlandkenner im amerikanischen Außenministerium

*

Pierre Monteux - Botschafter der Musik
Amerikanische Bundesbehörden zahlen Prämien
für Vorschläge und Anregungen zur Rationalisierung und Verbilligung der Arbeitsmethoden
Dinosaurier-Eier aus Afrika
Entdeckungen im Jahre 1951

30/4/52

*

Neuer Oberbefehlshaber der NATO
Ridgway Nachfolger General Eisenhowers
Die Bostoner Symphoniker
Erfolgreicher Kampf gegen die Kinderlähmung
Menschen ohne Heimat - das große Problem
des 20. Jahrhunderts
* * * * *

2/5/52

*

Die Philantropie der Bockefellerad)
Roboter als Wetterprophet
Der New Yorker Hafen
Die europäische Integration
Vor drei Jahren unterzeichneten zehn europäische
Staaten die Satzung des Europa-Rates
- 2 -

�ALLGEMEINES
7/5/52

Zum 124. Geburtstag Henri Dunants, des
Schöpfers des Boten Kreuzes
"Woche der Musik" in den USA
Die Odyssee des HeinrigJb üuhliemann
Berlin - Barometer internationaler Politik
Zur Aufhebung der Berliner Blockade vor
drei Jahren
Muttertag in den USA

9/5/52

Von Aahwahnachee bis Zylyff
Die New Yorker Stadtbibliothek
Die Philantropie der Rockefellers (II)
Banthin gegen Magengeschwüre
Pulitzer-Preise verliehen

14/5/52

*

"Die genaue Zeit, bitte"
Die amerikanische Rundfunkstation '.V'.VV sendet
Zeitangaben
Amerika bewahrt seine Tradition

*\/

16/5/52

Atomkraft und Radioisotope zum Wohle
der Menschheit
"Ersatzstoffe" erobern den Industriemarkt
Warum kauft Mrs. Jones ein grünes Kleid?
Mathematische Biologie - ein neuer Zweig
der Naturwissenschaft
"Reader's Digest", die meistgelesene
Publikation der Welt

21/5/52

Der amerikanische Bevölkerungsschwerpunkt verlagert sich ständig weiter nach Westen
Der Weise von Concord
Aus dem Leben des amerikanischen Lichterphilosophen Ralph Waldo Emerson
Tödliche Viren gegen wuchernde Zellen
Der Stand der Krebsforschung in den USA

23/5/52

Amerika gedenkt der Toten
Zum "Memorial Day" am 30. Mai
Dammbau-Zentrale Denver/Colorado
"Vom unendlichen Leben ich singe
Aus dem Leben Walt Whitmans
- 3 -

..."

�ALLGEMEINES
28/5/52

Idlewild - größter Zivilflughafen der Welt
Flüchtlinge der Revolution
Über Carl P, Wittkes neues Buch
"Refugees of Revolution"
Berufseignung"
in den Schulen,
in der Industrie und bei den Streitkräften

50/5/52

Meteorstudien mit Super-Schmidt-Kameras
Die Millionen des "Herzogs von Florida"
Geschichte eines Mannes, der ein großes
Dschungelgebiet in Florida kultivieren wollte
Fernsehen rund um die Erde

6/6/52

Reklame für die gute Sache
Aus der Arbeit des amerikanischen "Rates für
Reklame", einer Gesellschaft, die große Werbe
kampagnen im Dienst am Gemeinwohl durchführt
Was ist "American Way of Life"?
Neun bekannte amerikanische Persönlichkeiten
diskutieren die geistigen Grundlagen der
Vereinigten Staaten
Die Stadt der "Heiligen der letzten Tage" Salt Lake City
Zum Tode John Deweys am 1. Juni

11/6/52

Das große Puppenkonzil in den USA
Gefiederte Flugzeuge und Wolfsmilch-Wolle
Grönlands größter Exportartikel: Eisberge

13/6/52

Gorki - der totgeschwiegene Humanist
Mr. Ex-President
Amerikas Präsidenten werden nach Ablauf
ihrer Amtszeit wieder einfache Staatsbürger
ohne Pensionsansprüche
Drei UNESCO-Institute in der Bundesrepublik

18/6/52

Die schweigenden Farmer
Aus dem Alltag des Trappistenklosters

New Melleray

Organverpflanzungen in lebenden Körpern
20/6/52

Amerika vor der Olympiade
Freie Bahn den jungen Unternehmern
Über "Junior Achievement Firms", in denen
junge Menschen spielerisch die Grundzüge des
Kaufmannsstandes erlernen
- 4 -

�ALLGEMEINES
20/6/52

Uralte Indianerkultur am Mississippi
Bakterienkrieg als Propaganda (I)
Deutsche Nobelpreisträger sprechen sich gegen
die kommunistischen Anschuldigungen aus

25/5/52

*

Die Jungfernfahrt der "United States"
Bakterienkrieg als Propaganda (II)
Wissenschaftler und Politiker der westlichen
/Veit überführen die Sowjets und ihre Anhänger
der verleumderischen Fälschung
Das Gebot der Stunde ist Humanitas
Von Peter Viereck

27/6/52

Betriebsärztliche Betreuung in den USA
Gemeinsame militärische Ausbildung für
Soldaten der freien »Veit
Die Kunstakademie New Yorks

* * * * * *

2)

SONDERBEILAGEN

2/4/52

Wortlaut der Rundfunkansprache General Dwight
D. Eisenhcwers anläßlich des ersten Jahrestages der Gründung von SHAPE

11/4/52

Ansprache Präsident Trumans vom 8. April über
die Bedeutung des Funkt-Vier-Programms

1 6/4/52

Unterzeichnung des japanischen Friedensvertrages durch Präsident Truman

23/4/52

Acheson zur Deutschlandfrage
Auszüge einer Ansprache des US-Außenministers
vom 19. April vor dem amerikanischen Journalistenverband in Washington
Wir, die Völker der Vereinten Nationen, sind
entschlossen . . .
Zum 7. Jahrestag der Konferenz von San Franzisko
am 25. April 1952

25/4/52

Amerika wählt (i)
Sheriff, Bürgermeister und Präsident
Das amerikanische Volk wählt 800 000 Vertreter
Botschaften amerikanischer Gewerkschaftsführer
zum 1• Mai

�SONDERBEILAGEN
30/4/52

Truman zum Inkrafttreten des japanischen Friedensvertrags
* * * * * *

9/5/52

Deutschland - heute und morgen
Auszüge aus einer Ansprache Dr. Henry Kellermans
vom 5. Mai 1952 auf dem Empfang der Carl SchurzGesellschaft in Philadelphia
Erklärung Präsident Trumans zum letzten Waffenstillstandsangebot der Vereinten Nationen (7.5.52)
Amerika wählt (II)
Ursprung, -Entwicklung und Vorgang der "Primaries"
in den Vereinigten Staaten

21/5/52

Rede Präsident Trumans vom 20. Mai 1952 anläßlich
des 150-jährigen Bestehens der Militär-Akademie
in West Point

28/5/52

Amerika wählt (III)
Geschichte des amerikanischen Zweiparteien-Systemb
Zur Unterzeichnung des Generalvertrages

30/5/52
Wortlaut der Dreier-Erklärung zur SVG
Acheson zur Unterzeichnung des EVG-Vertrages
* * * * * *

6/6/52

Wortlaut der Botschaft Präsident Trumans vom 2.6.52
an den US-Senat anläßlich der Übersendung der Verträge von Bonn und Paris
Wortlaut der Rede Dean Achesons vom 2.6.52 anläßlich
der Unterzeichnung des Generalvertrages und des Vertrages über die EVG

13/6/52

Erklärung des US-Außenministers Dean Acheson vom
10. Juni 1952 zu der Drei-Mächte-Konvention und
dem NATO-Protokoll vor dem außenpolitischen Ausschuß des US-Senats
Bruce: Bundesrepublik ein wesentliches Element
der EVG
Amerika wählt (IV)
Feldzüge um Wähler-Stimmen - Methoden und Finanzierung der Wahlkampagnen in den bereinigten Staaten

1 8/6/52

San Franzisko und Panmunjon
Zwei denkwürdige Jahrestage in der letzten Juniwoche
Rede Präsident Trumans anläßlich der Kiellegung des
ersten mit Atomkraflangetriebenen Unterseebootes
(14. Juni 1952)
- 6 -

�•SONDERBEILAGEN
20/6/52
27/6/52

*

Biographie von V/alter J. Donelly
Die Geburtsstunde einer Nation
Der 4. Juli in den Vereinigten Staaten
Text der Unabhängigkeitserklärung
Kongreßsitzung vom 4. Juli 1776
Amerika wählt (V)
Biographien der zehn Anwärter auf eine Kandidatur
um die Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft der
Vereinigten Staaten

* * * * * *

3)

ARTIKEL FÜR DIE FRAU

2/4/52

Eine echte "Mammy" Mary McLeod Bethune
Eine junge Deutsche wirkt in New York für
Berlins Studenten
Für jeden etwas im internationalen Kaufladen
der Vereinten Nationen
Mangelberuf Krankenschv/ester
Grundumsatz und Körpergewicht
Wie wird die Amerikanerin wählen?
Ergebnis einer Umfrage
Ursula Thiess macht Karriere
Erfolge der deutschen Nachwuchsschauspielerin
in Hollywood
Auch große Frauen haben Modesorgen

1 6/4/52

Der Tag der Gesundheit des Kindes
Der 1. Mai in den Vereinigten Staaten
Vorurteile gegen Superwohnungen
Die Entwicklung der Mode in den letzten Jahrzehnten
Claudette Colbert
Die Frau mit den Märchenaugen
Konvention für die politische
Gleichberechtigung der Erau
Migräne eine Allergie?
- 7 -

�. ARTIKEL FÜR DIE FRAU
30/4/52

Die Frau im zwanzigsten Jahrhundert
Einwanderer in den USA bereiten sich
auf ihre Staatsbürgerprüfung vor
Museen für Kinder
Texas zeigt Stoffe und Modelle für heiße Tage
Internationaler Kinderhilfsfonds verstärkt
Arbeit in Asien und Afrika
Milch in Scheiben
* * * * * *

Dr. Martha Eliot, die Leiterin des US-Bundesamtes für Jugendfürsorge

H/5/52

Das Leben der Familie Garland Durchschnitt des amerikanischen Lebensstandards
Wo die Vereinten Nationen zu Mittag essen
Mode - leicht verrückt
Doppelröcke, Pumphosen und andere Neuheiten
auf New Yorker Modeschauen
Die amerikanische Frau im -Berufsleben
Aschenbrödel - beliebtestes Märchen
Vitamin C zur Behandlung von Brandwunden
28/5/52

*

Amerikanische Haus- und Küchengeräte für Europa
Große Frau ganz privat Mrs. Roosevelt
Warum sind sie unzufrieden?
Testergebnisse in Arbeits- und Berufsfragen
Kunsterziehungsprogramm an den Schulen von Chikago
"Sie sagen, was sie denken"
Ein populäres Radioprogramm
Amerikanische Urgroßmutter veröffentlicht
ihre Lebensgeschichte
Kindergärten auf kooperativer Basis
Nicht so viel bücken
53 Projekte in 72 Ländern
Aus der Arbeit des Kinderhilfsfonds der UN
* * * * * * *

- 8 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
11/6/52

*

Mittlerin zwischen Ost und West
Zum 60. Geburtstag von Pearl S. Bück
Aus dem Leben einer amerikanischen Diätköchin

*

Das menschliche Gesicht der Tiere
Persönliche Initiative fördert Völkerverständigung
Welt-Freundschafts-Fonds der Frauen
Ist Kriminalität schon im Kindesalter absehbar?
Eine Frau fliegt über den Atlantik - Amelia Earhart

25/6/52

*

Die Herrin von Fort Knox - Mrs. Nellie Tayloe Ross,
Schatzmeister der USA

*

Eine außergewöhnliche Mädchenschule
Das fortschrittliche Bennington College in Vermont
Überfüttert die Kinder nicht!
Kopfschmerz der Friedlichen - Neue Erkenntnisse
in der Erforschung der Migräne
Veränderlich wie die Launen einer Frau - Sommerkollektionen
Frischmilch in Konserven
* * * * * *

Jj

..MGEND

April 1952

Peter der Dritte - der kein Osterhase sein wollte
Gigi und die Ostereier-Krone
Eine Ostergeschichte aus dem Gnomenreich
Schiffsreise durch sechs Jahrtausende
Überblick über die Entwicklung des Schiffsbaus
Wie Admiral Peary den Nordpol entdeckte
Triumph und Tragik der Arktis-Forscher
Das lebendige Museum
Das Naturkunde-Museum für Kinder in San Franzisko
* * * * * *

Mai 19^)2

Der Seehund, der Angst vorm Wasser hatte
*

Der größte Zirkus Amerikas spielt für kranke
Kinder in New York

- 9-

�- JUGEND
Mai

1952

*

"Rodeos", die Cowboy-Wettkämpfe des
amerikanischen Westens
Der weiße Vogel mit dem grünen Kreuz
Ein ehemaliges Transportflugzeug als "fliegende Rettangsambulanz"
Erfolgreiche Schüler-Polizei in Chikago
Europareisen amerikanischer Studenten 1952 mehr
als verdoppelt
YWCA hält Nationalkonvent ab
* * * * * *

Juni 1952

Daniel Boone - Der Held der Wildnis
Weißt du, wieviel Monde stehen
Die "Familie" unserer Sonne
Meeresungeheuer - Sage oder Wirklichkeit?
Eine amerikanische Münzenausstellung zeigt
die seltsamsten Zahlungsmittel der Welt
Achtung: Rotes Licht
Verkehrserziehung als Unterrichtsfach
* * * * * *

5) GEISTIGES LEBEN
April 1952

Die Kritik am Buch der Bücher
^er Stand der wissenschaftlichen Bibelforschung
Die Wirtschaftslage des amerikanischen Buchautors
*

Das Wunder der musikalischen Schöpfung
Auszug aus "A Composers World" von Paul Hindemith
Eine der anregendsten Ausstellungen dieses Jahres? "Vierzehn Augen in den Magazinen eines
Museums"
US-Institut für internationales Erziehungswesen
veröffentlicht Jahresbericht
August Macke-Ausstellung in New York
Hugo-Wolf-Biographie in USA erschienen
"Europäische Geschichte" eines amerikanischen
Historikers in Deutschland erschienen
* * * * * *

- 10 -

�GEISTIGES LEBEN
Mai 1952

*

Getanztea Leben und erlebter Tanz Martha Graham und Doris Humphrey
Die Vernichtung des Judentums durch den Kreml

*

Eugene O'Neill und die moderne Dramatik
Die neue Welt wird porträtiert
Bericht von der Neukartographierung der westlichen Hemisphäre
Ausstellung zweier Mainzer Bibeln in der Kongreßbibliothek in Washington
Columbia-Universität in New York beginnt Ostasien-Seminar
20 Millionen Besucher der National-Galerie in
Washington
Wallfahrt amerikanischer Katholiken nach Barcelona
* * * * * *

Juni 1952

Zur bevorstehenden Veröffentlichung einer Autobiographie der Menschheit
*

Beethoven-Handschriften in Amerika
Sammlungen von Notenhandschriften und Briefen
großer europäischer Musiker in den USA
Geknebelte Sowjetwissenschaft - Der wohlüberlegte
Mord an der Vererbungsforschung

*

Auf das Zusammenleben kommt es an - über das
Pulbright-Programm
Religionsgemeinschaften in den USA
Relaisstationen im Weltall
Zehn Jahre Tanglewood

* * * * * *

6) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
2/4/52

Im Delawaretal entsteht Amerikas Ruhrgebiet Neues Stahlzentrum Morrisville
Deutsche Spielwaren eroberten Amerika
Bilanz der II. Internationalen Spielwarenmesse
in New York
- 11 -

�"WIRTSCHAFT UND ARBEIT
2/4/52

Kalt- und ölgummi auf dem Vormarsch
Westdeutschland zweitgrößter Werkzeugmaschinenexporteur
Kreuzzug mit Pinsel und Quast - 65# aller amerikanischen Familien streichen heute ihre Wohnungen
selber
Der Magier von Bad Nenndorf
Public-relations, wie sie sein sollen
"Verjüngungsbäder" für Nylon
Neuer KunststoffÜberzug
Klemmsicherer Reißverschluß

9/4/32

Moskauer "Handelsfrühling" ohne "Schwalben"
Der inflationistische Druck ist gewichen
bbröckelnde Preise - bessere Versorgungslage zurückhaltende Käufer
Erdölsorgen - vorläufig unbegründet
Der amerikanische Reisekompass zeigt nach Europa
Die soziale Sicherung der Arbeitnehmer in Deutschland und den USA
Betriebsdemokratie und Mitbestimmung - international
gesehen.
Wo arbeitet die Amerikanerin?
Die "fliegende Schreibmaschine"

16/4/55

Die richtige Heilmethode
Preiskontrollen oder freier Markt?
Aufträge für Riesentanker
Fast 2 Millionen dwt Schiffsraum auf den amerikanischen Helligen
Die wirtschaftliche Stärke in Ost und West (Schaubild)
VI. internationaler Kongreß für Weidewirtschaft
in den USA
Der automatische Parkplatz
AutoSteckbrief
Der g r ö ß t e PKW-Motor: C h r y s l e r K - 310

-

12 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
1 6/4/52

Für und wider den Indexlohn
Lohngleichheit von Mann und Frau
Reallöhne in den Marshallplanländern 1938 und 1951
Probleme des Düsenmotorbaueü
Keramische Werkstoffe statt Metalle

23/4/52

*

Die Conti-Werke suchen neue Wege zur Leistungssteigerung
Elektrizität in neuer "Ehe" mit Aluminium
Der US-Staatshaushalt in 4 Jahrzehnten
Neues aus der Atomphysik
XPs - Herolde eines neuen Zeitalters
Die Entwicklung der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft
Der garantierte Jahreslohn in der Praxis
Verbesserte Metallsehneideverfahren

30/4/52

In Labrador wird das größte Eisenerzgebiet der
Welt erschlossen
Amerikanische Wirtschaftslage teils rosig, teils
grau gesehen
Aufrüstung kein gutes Geschäft
Lehrlingsausbildung und Berufsschulung in den USA
Gewerkschaftsunterricht für Lehrer
Büchsenmilch mit Geschmack von Frischmilch
Durchsichtiger Kunststoff aus Zucker
* * * * * *

7/5/52

*

Schaumgummi erobert Amerika
Vielfältige Verwendungsarten - hervorragende Eigenschaften
Lebenshaltungskosten in den USA 1941 - 1952
Hohe Spareinlagen als Inflationsbremse
Über 4 Millionen Firmen in den USA

- 13 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die "Arbeiterhochschulen11 der CIO-Gewerkschaft

7/5/52

"Taylorismus" und "Mayoismus"
Die Entwicklung der amerikanischen Betriebsverhaitnisse
Vom Abfall zum wichtigen Rohstoff - Die Rinde
der Douglas-Tanne
Die Badeanstalt in der Aktentasche
14/5/52

*

Aktivierung der innerbetrieblichen Reserven bei
der Dortmund-Hörder Hüttenunion A.G.

*

Wallstreet zwischen 1792 und 1952
Die New Yorker Börse feiert ihren 1 60. Geburtstag
Wie groß wird das Defizit im amerikanischen Staatshaushalt?
Die Bedeutung des Abzahlungsgeschäftes und der
Kreditbüros im amerikanischen Wirtschaftsleben
Was erwartet den deutschen Einwanderer in den USA?
Arbeitsmarkt und Verdienstmöglichkeiten
X-2 verdoppelt Haltbarkeit von Kunstseide
Veredelte Baumwolle mit Eigenschaften synthetischer Pasern

21/5/52

So arbeitet die "Wall Street"
Ein Interview mit dem deutschen Handelsattache
in New York
Ausbau von Erzbergwerken im In- und Ausland
Steigender Brennstoffverbrauch in der ganzen Welt
Überblick über die Weltenexgieversorgung 1929-1950
Arbeitsfrieden ohne Gesetzgeber und Richter
Die freiwilligen Abmachungen der US-Gewerkschaften
zur Eindämmung der StreiKgefahr
Weibliche Halbtags- und Stundenarbeit in den USA
Das Problem der Morphinsynthese
Billiges Kohlehydrierverfahren

28/5/52

*

"Das Herz des Viertakters schlägt in Detroit"
Die -"'ordwerke - die größte Industrieanlage der Welt
Der "Fall" Giannini
Pederal Reserve Board gegen Monopolisierungstendenzen im Bankwesen
- 14 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
28/5/52

Weltfilmproduktion im Spiegel der

etzten 20 Jahre

Neue Farben mit Titanpigmenten - Synthetische
Edelsteine aus Farbpigmenten
Was erwartet den deutschen Einwanderer in den USA?
Der US Arbeitsmarkt bis 1953
Arbeitsbedingungen in der amerikanischen Landwirtschaft
Atombatterie
Feuerlöscher im Benzintank
* * * * *

1/6/52

Die Rolle der Aktiengesellschaften in der US-Wirtschaft
Die deutsche Wissenschaft stand Pate
Amerikas Chemische Industrie "entdeckte" die Kohlehydrierung
Die Aufga en der Weltbank im Jahre 1952
Serie "Was erwartet den deutschen Einwanderer in
den USA?"
Die Verhältnisse in der amerikanischen Schuhindustrie
Die amerikanische Negerbevölkerung holt auf
10 000 Zeichen/sec mit dem "Charactron11
Hochwertige Treibstoffe durch neues Raffinationsverfahren
Kalt-Polybutadien
Schrumpffeste Kunstseide

i8/6/52

*

Technische Planung nach neuartiger Methode
Kaiser-Frazer spart Arbeitsstunden und Personal
Fünf Jahre Taft-Hartley-Gesetz
Westdeutschland im Mittelpunkt der Toronto-Messe
Wieviel kostet ein Kilo Film?
UNESCO im Kampf gegen die kunstlichen Kulturschranken
Die Gewerkschaften am Kreuzweg
Wandlung vom Arbeiterscnutzverband zum wirtschaftlichen Kontrollorgan?
Feuersichere Wolle

- 15 -

�WIRTSGHAFT UND ARBEIT
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Alkohol aus Holzabfällen
Fugzeugtreibstoffe mit hoher Verbrennungstemperatur
Pia tisches Fernsehen

25/6/52

*
*

Deutschland fragt - Amerika antwortet Der Technologische Informationsdienst des RKW
Amerikanische Flugzeugprod ktion rollt
Der amerikanische "Kapitalismus" im Spiegel neuer
Wirtschaftsthe rien
Weltreisernte auf Vorjahrshöhe
Ameri anischer "union-shop" und deutsches Mitbestimmungsrecht
Der Feuerlöscher in der Handtasche
Der perfekte

alzstreuer

Schallplatte als Sparschwein
"Walkie-Lookle*
* * * * * *

7)

LANDWIRTSCHAFT

April 1 9-2

Neues Verfahi en der "Herstellung'' von Süßwasser
aus Meerwasser
Neue Luzernes rte gibt gute Weich- - Die Bewährung
der Nomad-L zerne

*

Experimente mi

präparierten Rüben- und Gemüsesam n

Die Nahrungsmittelreserven der Welt liegen im Ozean
Das Notizbuch des Bauern
Aufzeichnung n ersparen Arbeit un

Ärger

Landwirtschaft.iches Produktionsprogramm Amerikas
für 1952
53 Millionen Truthühner
Eierproduktion in den USA
* * * * * *

- 16 -

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LANDWIRTSCHAFT
Mai 1952

Das internationale «eizenabkommen
Queckentöterin Trespe
*

Das Geld wächst auf der Wiese
Salz für die Milchkuh
Amerikanische Plugzeuge gegen Heuschrecken im
Mittleren Osten
Neue Geräte zur Düngerverteilung
Pasteurisieren von Eiern
Amerikanische Jungfarmer besuchen Europa
* * * * * *

Juni 1952 *

Riesenfußball mitten im Urwald
Ein Wald wird in Stunden gerodet
Fliegenbekämpfung mit chemischen Mitteln

*
*

Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung
Kleine Mäuse - Große Geschäfte
Chinchilla-Zucht in Kalifornien
Insektenvertilgungsmittel fördern Pflanzenwachstum
Die Verteilung der Traktoren in den Ländern
der Welt
Amerikanische Farmjugend in Westdeutschland
* * * * * *

Zu dsn mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 17 -

�A M E R I K A

D I E N

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL
DES "AMERIKA DIENST»
vom 1. Juli 1952 - 3o«September 1952

Seite
1

1.) ALLGEMEINES
2.) SONDERBEILAGEN
3.) FÜR DIE FRAU
4.) FÖR DIE JUGEND»

8

5.) GEISTIGES LEBEN

9

6.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

lo

7.) LANDWIRTSCHAFT

15

* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der »AMERIKA DIENST»
kostenlos Bildmaterial

�1) ALLGEMEINES
2/7/52

4/7/52

*
*

11/7/52
*

16/7/52

*
*

18/7/52

*

Philadelphia - Schrein der amerikanischen
Freiheit
Wissenschaftler entwickeln neue
Ratten-Vernichtungsmittel
Osteuropa hinter Staoheldraht
Zu dem Buch "Eroberung durch Terror"
Von Leland Stowe
Die gestörte Kurzwelle
Beobachtungen der Sonnenaktivität durch ein weltumspannendes Netz von Observatorien
Nordamerikas älteste Siedlung
Das 800 Jahre alte Old Oraibi in der Reservation
der Hopi-Indianer
Geheimnisvoller Pazifik
Wissenschaftliche Expedition in die Tiefen des
Pazifischen Ozeans
Zehn Ereignisse machten Geschichte
Die für die Entwicklung der USA wichtigsten
Ereignisse
Großhändler in Fliegenden Bananen
Erfolgreicher amerikanischer Hubschrauber-Konstrukteur
Das Chamäleon würde blaß vor Neid
Verblüffende Farbänderungen bei Fischen
Indianer, Mexikaner, Amerikaner
Ton Oliver La Farge, dem Verfasser des bekannten
Indianerromans "Der große Nachtgesang"
PVP als Blutplasma-Ersatz
Menschen an der Schwelle des Weltraums
Ich war Volontär bei der UN
Studenten aus aller Welt lernen die UN durch
praktische Arbeit aus eigener Anschauung kennen
Die Negerpresse in den USA

23/7/52

New York braucht billige Wohnungen
Die Vereinigten Staaten von Europa in amerikanischer
Perspektive
Neue Hoffnung für Geisteskranke
Erfolge mit chemischer Schocktherapie

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 1 -

�ti/r/52
fi/8/52

Sozialversicherung für Selbständige

*

Zwischen Tiefsee und Dschungel
Zum 75»fteburtstagvon William Beebe

Cleveland

Amerika en miniature

Das billige gute Buch
Haue Viertelj ahrea-Poeket-Book-Serie
•New World Writing*
Bockefellerstiftung verteilte im 2.Quartal
1952 zehn Billionen Dollar
8/8/52

Die Klima-Anlage im menschlichen Körper
Würstchenbude bringt Millionenkapital
USA - Die Permanente Revolution
Buchbesprechung einer kürzlich in Deutsch
erschienenen selbstkritischen Analyse der USA
Die Trommeln rufen zum Pow-Wow
Das Treffen der nordamerikanischen Indianer
in Gtallup

13/8/52

Was ist Blindheit?
UM nimmt sich Lösung der Blinden-Problerne an
Die amerikanischen
15/8/52

*

Universitätsverlage

Tosemite Valley - Das Ferien-Paradies
in der Sierra Nevada
Das Ende einer Revolution» Klassen im
"klassenlosen" Staat der UdSSR
Aufführung von Johann Strauss1 "Eine Sacht in
Venedig» im Freilichttheater von Jones Beaeh
in New Xork

2o/8/52

Nationaltheater ohne Subventionen
Bolle der ANTA (American National Theatre and
Academy) im amerikanischen Theaterleben
Die Porstwirtschaft in den USA
Eine Stadt ist zu vermieten
Privatunternehmer baut Stadt für 7o ooo Einwohner

22/8/52

Wyoming - der Staat auf dem Berg
•

Der Tater des amerikanischen realistischen Homana Leben und Werk Theodore Dreisers

�ALLSBMBINB3
"Haben wir Zeit, ein Taxi zu nehmen?*
Bas Terkehrsproblem der amerikanisohen Großstädte und Vorschläge zu seiner Lösung

22/8/52

27/8/52

*

Methode zur Konservierung "lebender"Bautstücke

*

Luftbrücke über den Pazifik
Nach Korea sind zu jeder Stunde loo Transportflugzeuge der UATS unterwegs
Gruß an Trossingen
Amerikanische Stimme zur; Soo-Jahrfeier der
Mundharmonika-Stadt
LAROE BAI — Tag der Besinnung und der Mahnung
Mtt staatliche Uruekerei der USA

29/8/52

Hex Feldzug gegen das Analphabetentum
UHESCQ bildet in aller Welt »Missionare in
Wort und Schrift* aus
Bas internationale Netz der Höhenforschung
Hochgebirgslaboratorien im Henste naturwissenschaftlicher Forschung
* # * *

3/9/52

*

*

New; Orleans - ein Welthandelsplatz
Tollinvalide mit Beruf und Lebensziel
Aus der Arbeit des lew Torker Instituts für
Physikalische Medizin
Zur Ökonomie des Lesens
Winke für den, der mit seiner Lektüre
"nicht durchkommt*

5/9/52

*

Carl Schurz* unbeirrbarer Rebell der Freiheit

*

Bas Weiße Kaue im Wandel der Jahrhunderte

*

lo/9/52

. . . Und wieder fallen alle Zehne
Kein Sport in den USA hat so viele aktive
Anhänger wie das Kegeln
WHO gegen Krankheit und Seuchen
Saropa und das Technische Hilfsprogramm der
Weltgesundheitsorganisation
Ideen muß mannhaben
Beutsoher_Sehneidermeister wird in USA angesehener business man
Bie Mohawka von Brooklyn
4 000 Mohewk-Indianer arbeiten bei Stahlbaufirmen
in Brooklyn

- 3-

�ALLGEMEINES
Pur Hilfsbereitschaft und Pairness,
Aus der Tätigkeit der vier großen amerikanischen Clubs Eotary, Kiwanis, Lions und
Exchange

1o/9/52

12/9/52

*

Der Selfmademan, der Plugwege baut
Die rollende Blutbank
Eisenbahnspezialwagen hilft in der großen
Blutspendeaktion
Sinnesorgane und ihre Pehler
Musikalität und verfeinerter Seschmaekssinn
sind von fienen abhängig

17/9/52

Die unsichtbaren Mörder
über die Erforschung der Pflanzenviren versucht
man die Erreger der menschlichen Tirenerkrankungen der medizinischen Kontrolle zu unterwerfen
Onkel Toms Versicherungsgesellschaft
Charles Spaulding, ein Pionier des zwanzigsten
Jahrhunderts
Knigge ex cathedra
Amerikanische Hochschulen machen ausländische
Studenten mit den Gewohnheiten des Landes vertraut
Hemingways neues Werk *The old Man and the Sea*

19/9/52

Universität unter dem Polarkreis
Alaska, Land mit der großen Zukunft
Lärmbekämpfung erhöht Produktivität
Erfahrungen eines amerikanischen Industriewerkes
Anonyme Größe
Der Bildhauer James Karle Praser

24/9/52

*

Kabeljau auf der Börse
Die Pisch-Börse von Boston
Brücken zwischen Kontinenten
Aufgaben der Amerika-Häuser in der Veit
34o Millionen Tolt gegen Krebsgeschwüre und
Materialfehler
Hollywood dreht •-Joe-Louis-Pilm*

26/9/52

Herzen unter dem Messer
Methoden und Möglichkeiten der Thorax-Chirurgie
In der größten Baumwollspinnerei der USA

-

*

-

�ALLGEMEINES
26/9/52

*

Der ttSapreme Court*, Amerikas höchste richterliche Gewalt
* * * * #

2) SagPEBBBILAGEN
2/7/52

Wir werden in Berlin bleiben
Berliner Rede dea US-Außenministers Dean Aoheson
vom 29»6.1952

4/7/52

AMERIKA WÜHLT (71)
Wie wird man Kandidat?
Form, Aufgabe und Durchführung der nationalen
Parteikonvente der-USA

11/7/52

Das neue China Mao Tse-tungs - eine totale
Despotie
Leitartikel der "Times of India" vom 2.Juli 1952

18/7/52

"Jaran glaube ich" •!
Menschliche Bekanntnisse amerikanischer Persönlichkeiten zu Anstand, Würde, Gerechtigkeit
und Freiheit
John Steinbeck antwortet einem Kommunisten
Brief des amerikanischen Schriftstellers an den
kommunistischen italienischen Schriftsteller
Ezio Taddei

23A/52

"Daran glaube ich" (II)
Bekenntnisse amerikanischer Persönlichkeiten
zu Anstand, Würde, Gerechtigkeit und Freiheit
*

* * * *

6/8/52

"AMERIKA" - ein Dorn im Auge der Sowjets
Zur Einstellung des Erscheinens der russischsprachigen amerikanischen Monatszeitschrift
"Amerika" im Bereich der Sowjetunion

27/8/52

Erklärung Präsident TrumanJzum amerikanischen
Feiertag der Arbeit (1.9.52)
LABOR DAT 1952
Von Maurice J.Tobin, Arbeitsminister der USA
* * * * *

- 5-

�S03HSBBBILAGEN
12/9/52

Amerika wählt (VII)
Die große Bewährungsprobe
Wahlkampf um die US-Präsidentschaft ist in
vollem G-ange

17/9/52

Eean Acheson zur weltpolitischen Lage (11.9.52)

19/9/52

Das Erbe Carl Schurz*
Bede des amerikanischen Hochkommissars
Walter J.Donnelly in der frankfurter Paulakirohe (17.9.52)
•

* * . * *

3) ARTIKEL PUB DIB FRAU
9/7/52

*

Die Welt erlebt mit nur drei Sinnen (I)
Ton Helen Keller
Brnst zu nehmende Backfische
Psychologin «eist nach, daß die junge Amerikanerin von heute ausgesprochen verantwortungsbewußter Mensch ist
Die ganze Welt wartet
Das Tagebuch der 13-jährigen Anne Prank
Unbeschwerte Schwangerschaftswochen
Internationales Stipendium für Frauen
33 Ländern

23/7/52

aus

Gleiches Beoht für die Frau
Bine Bound-Table-Diskusaion der Universität
von Chicago über die sich ständig wandelnde
Bolle der Prau in den USA
Die Welt erlebt mit nur drei Sinnen (II)
Ton Helen Keller
Das redselige Geschlecht
Wer ist redseliger, Mann oder Prau?
Pflanzen- oder gemischte Kost?
Forschungsergebnisse zu einer alten Streitfrage
Schülerin aus Bayern
dem Akkordeon

erobert- Amerika mit

Eierschalen nicht wegwerfen
*

* * * *

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
13/8/52
Das einsame Land der schwerhörigen Kinder
*

Variationen ülaer ein Thema, in Stoff
Aus der Arbeit amerikanischer Modeschöpfer
Die Frau* Reserve des amerikanischen Arbeitsmarkt es
Internationaler Kinderhilfsfomda setzt Arbeit fort
Saltios braucht nicht geschmacklas zu sein

2.7/8/52

*Die amerikanischen Frauen könnten den Präsidenten wählen ••••
Der politisch«,Einfluß der amerikanischen Frau
Das begabte Kind
Aufgaben, die außergewöhnlich begabte Kinder
Eltern und Lehrern stellen
Atome in der Küche
Radioaktive Substanzen kommen Nahrungsmitteln
zugute
Indiskretionen über die kommende Herbstmode
Sinn für Humor gehört zur glücklichen Ehe
Harlan Anderson filmt
Die verborgene Blume
Ein neuer Roman Pearl S. Ruoks
*

lo/9/52

* * * *

Die wunderbare Wirkung der Spieltherepie
Schwer erziehbare Kinder spielen sioh von ihren
Komplexen frei
*

Ihre Exzellenz:, die Frau Botschafter
Eugenie Anderson,US-Botschafterin in Dänemark

*

Tierkinder erziehen Menschenkinder
Kinder entwickeln Verantwortungsgefühl,Fürsorglichkeit beim Spielen mit Jungen Heren
Nebenlinie der Model Der Sweater
Sag niemals *immer*
Ratschläge für eine gute Ehe
Studium - die beste Kitgift

24/9/52

*

Gespräch mit Marian Anderson

*

Kinderspielplätze - Paradies der New Torker Kinder
Waschtag ohne Schrecken

- 7 -

�JJCTIKSIt FÜS Dia F&amp;A.U
24/9/52

Neues i n t i b i o t i c u m

gegen i k n e

Wohlriechende Farben *schmecken ,M, liiesaer
Forschungeergebnisae e i n e r chemischen Versuchsanstalt
Franenclübs planen Weltreise zur Hebung ies
Semeins chaftsgedankens
* * * * *

4) JUGE3EB
Juli 1952

lebende Fossilien im Schatten der Wolkenkratzer
Chemiker - ein Beruf mit Zukunft
*

Schwere Musik leicht gemacht
Die New Torker Philharmoniker bereiten wieder
Konzerte für Kinder und Jugendliche vor
Unter dem Schlamm der Sintflut
Ausgrabungen im Helta des Enphrat und ügris
Vor der Wissenschaft steht der Mensch
Erfahrungen eines Austauschstudenten in den USA
* * * * * *

August 1952 * Bronco Charlie
Eer letzte Postreiter aus dem Wilden Westen
"Der Streik schadet den Blumen*
Stuart Jackson, ein neunjähriger Zeitungsverleger
75 Jahre •Konserrierter Schall*
Won Kdisona phonographiseher Walze zum
Magnet©phonband
Geheimnis der fliegenden Monarchen
Wissenschaftler versuchen das Seheimnis des Wanderflugs eines Schmetterlings zu enträtseln
Schwarze Kiesel für die UN
Sin einzigartiges; Geschenk der Insel Ihodos
* * * * *

�jussxa
September 1952

Der leichtsinnige Hirachjäger
Eine.IhdianererZählung
*Uie pferdestehlende Katze von Oregon*
Im amerikanischen Westen sind auf Pumas
Kopfprej se ausgesetzt
*Jungferninseln* mit buntbewegter Vergangenheit
Seeräuber und Zuckerrohrpflanzer traten
Kolumbus1 Erbe an
Himmelsfeuerwehr im Urwalä.
Todesmutige Bauchspringer ersticken Waldbrände im Keime
# • * * #

3) SSI8TiaSfl LEBEN
Juli

Menottis Einfluß auf die moderne amerikarnisohe Opernbühne

1952
*

Mary Casaatt - Malerin der Mütter und Kinder

*

Registrierte Cehirnwellen
über Erfahrungen mit Elektroencephalographen

E r z i e h e r i s c h e Formung der (Sesamtpersönlichkeit
Die landwirtschaftliche Kochsehule von
Michigan
Offener Brief TTpton Sinclairs an Joseph Stalin
Deutsche Chorstuhle im Metropolitan Museum
*

August 1952

» # * #

Kind und Kultur
über das Hauptwerk des Kinderspezialisten
Er« med. Ir.phil. Arnold! Gesell, das in
deutscher-Sprache erschien
Wort, Musikj äeräusche
Erfolgreiches Fest moderner schöpferischer
Kunst an der Erandeis-Uhlversität
Genialität und Eisziplin
Ben Stahl fand Synthese zwischen den künstlerischen und praktischen Werten der Malerei
und Graphik

�GEISTIGES LBJäJSN
August

1952

Deutsche Bandesrepublik nimmt am
Fulbright-Programm teil
25o deutsche Studenten und Dozenten werden
ab 1955 jährlich im lahmen des Pulbrightr-Ans-tauschprogramms in den USA. studieren
# * * * *

September 1952 *

*

"Weg von den farblosen Aufsätzen*
T Gilbert ßrosvenor und sein "national
Geographie Magazine*
Sinclaar Lewis:, letzte Tage
Ton Alexander Manson, dem Privatsekretär
des amerikanischen Richters
OoHenry - der*Entdecker* E'ew Xorks
William Sydney Porter, der unter dem
Pseudonym O.Henry Weltruhm erlangte
Bas Traumhaus von Peterborough
Im Haus der greisen Mäzenin Marian MäeBowell
schrieb Thorton Wilder *Ble Brücke von
San Luis.Key*
Deutsche lucherfolge in den USA
*

•

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*

*

#

61 WIRTSCHAFT TOD ARBEIT
2/7/52

*

Betroiter Zukunftsmusik

*

Herrscher über Milliarden Kilowatt
Bie "Bonuville Power Administration* verfügt über die größten Staudämme der-Welt
Lars hatte eine Idee
Deutsche Bin-Mann-Nlederlassung überwindet
i n t e r n a t i o n a l e Rohstoffkontrollen
Kunststoffe haben eine große Zukunft
Gewerkschaftliche S e l b s t k o n t r o l l e i n den USA
Reform des Arbeiterbildungswerks i n e i n e r
US-Gewerkschaft
Zweirädriger Eisenbahnwagen
*Synchro-Tape * - ein neues Magnetophonband

- lo -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
13/8/52

*

Tradition und Portschritt verbinden sieh bei
Soennecken
Anzüge aus Erdöl - völlig knitterfrei
«Chemische* Textilindustrie auf dem Tormarsch
Wer besitzt die amerikanische Industrie?
Die Hasse der Aktien befindet sich in der
Hand von Kleinaktionären
Ungewöhnliche Metalle in der modernen Industrie
"Union Shop* mit neueat Akzent
«Motor der Zukunft«
225-Magahertz-Transistören
Hbohspannungs-Trockengleichrichter

2o/8/52

Leistungsfähiger - schneller - billiger
Sin alter Kraftfahrer zieht Bilanz
Das Fernsehen erobert den amerikanischen
Kontinent
Amerikas Wirtschaft zur Jahresmitte
Trotz Stahlstreik normale Entwicklung
Der ideale lebensmittelladen der Zukunft
Die strukturellen Veränderungen in der
amerikanischen Textilindustrie
Kunstharzbeton mit doppelter Festigkeit
Fertigbetonplatten für Industrie und Wohnungsbauten

27/8/52

Zur Stärkung der freien Welt
Das neue MSA-Geaetz konzentriert die amerikanische Wirtschaftshilfe
Werkzeugmasohlnenfahrik .7.111 Märkte zurückerobern
Die USA sind eine Billion Dollar wert
Überblick über das amerikanische Tolksvermögen
Zwischen Scylla und Gharybdis
Die Frage der Preispolitik in den USA
Sin Haus aus Stroh
Die gleitende Lohnskala in den
Staaten

12 -

Tereinigten

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
27/8/52
Die "sprechende" Fahrbahn
Neue Gummifarben mit überragenden Eigenschaften
Neues Hochleistungskabel
Die Gewerkschaften als Hüter des Lebensstandards
*

3/9/52

* * * *

Man sagt Merck und meint Medizin
Väterliche Tradition und eigene Initiative
schufen ein bedeutendes Industrieunternehmen
in der Neuen Welt
Die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1975
Wie amerikanische Volkswirtschaftler die wirtschaftliche Entwicklung der USA in den nächsten
25 Jahren sehen
Titanerzeugung soll durch staatliche Hilfe
forciert werden
US-Gewerkschaften als potentieller Wahlblock
Neuerungen in der Meßtechnik
Apothekerwaage mit 1/10 Milligramm Genauigkeit
Microgasometer

10/9/52

Compax PH-Messer
Minot Rotary Microtome
Strontium 90 als Dickenmesser
Die Türkei löst ihre Verkehrsprobleme
Amerikanische Autos erhalten ein neues Gewand
Baisse am amerikanischen Wollmarkt
Radar für den Plughafen
Weltpolitik als Thema der Erwachsenenbildung
"Musterbetrieb* der amerikanischen Textilindustrie
Aluminiumüberzüge nach neuem Tauchverfahren

- 13 -

�WIRTSCHAFT 'Jim ARBEIT.
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Das Schmalfilmprogramm der MSA unterstützt die
Bestrebungen der deutschen Produktivitätsaktion

4oo-Millionen~nollar-^J.uminiuacfferk i n Alaska
Manganerzeugung soll durch staatliche Subventionen erhöht werden
Deutsche Maschinen für amerikanisches Aluminiumwerk
Wie kaufe ich einen gebrauchten Wagen? (I)
Streikfrage und Gewerkschaftsmonopol in
den USA
Frauen

im amerikanischen

Plugzeugbau

Einkommen der Xrzte,Rechtsanwälte und Zahn—
ärzte in den USA
Neue -lunderfaser" widersteht 1 4oo Grad Celsius
Penicillinpräparat gegen Gelenkrheuma
BAL gagen Hauterkrankungen
Cortison gegen Haarausfall
24/9/52

Hollywoods Pilmproduzenten in der Zwickmühle
Selbstbedienung bei Woolworth
Steht eine nochmalige Erhöhung der Aluminiumkapazität bevor?
Wie kaufe ich einen gebrauchten Wagen? (II)
Gewerkschaftliche "Faehhoehschule* in den USA
Die ILGrWU beschreitet neue Wege im Arbeiter-,
bildungswerk
Parbfernsehen jetzt technisch durchführbar
Marisilid gegen TBC

* * * * *

- 14 -

�7)

LACTfflRTSCHAPT

August

1952

Internationale Abwehrmaßnahmen gegen die
Bang1sehe Krankheit
(Sa^-Schutzhülle für Obst und Semüse
Versand von frischem Obst und Gemüse ohne
Kühlung
Klima-Kalender für lauern und Särtner
Amerikanischer Klimaforscher errechnet
Wachstumseinheiten für Hutzpflanzen
Ein Pionier des Veizenbaues
Einkommensverhältnisae in der amerikanischen
Landwirtschaft
Hormone gegen Sterilität
*

September 1952

*

•

•

*

•

Bodenbeschaffenheit und menschliche Ernährung
Ein ungewöhnliches Geschenk
Die Universität von Missouri erhält Aie
ßuernaey-ZuchtviehiiercLe mitsamt Liegenschaften als (Je schenk
Yiehfutter waggonweise aus dem Labor
Schwefel in Landwirtschaft und Industrie
Ein neues Yitamin-A-Präparat
Rekordernten aus Hydrokulturanlagen
Interessantes für den Bauern

•

* * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der «AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 15 -

�7) UünMIRTSCHAET
August

1952

Internationale Abwehrmaßnahmen gegen die
Bang*sehe Krankheit
ffias-Schutzhülle für Obst und ©emüse
Tersand von frischem Obst und ftemüse ohne
Kühlung
Klima-Kalender für lauern und Särtner
Amerikanischer Klimaforsoher errechnet
Wachstumseinheiten für lutzpflanzen
Ein Pionier des W/eizenbaues
Einkommensverhältnisae in der amerikanischen
Landwirt schaft
Hormone gegen Sterilität
*

September 1952

*

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*

*

•

Bodenbeschaffenheit und menschliche Ernährung
Ein ungewöhnliches G-eschenk
Die Universität von Missouri erhält tie
Giuernaey-Zuchtviehherde mitsamt Liegenschaften als Geschenk
Yiehfutter waggonweise aus dem Labor
Schwefel in Landwirtschaft und Industrie
Ein neues Yitamin-A-Präparat
Rekordernten aus Hydrokulturanlagen
Interessantes für den Bauern

*

*

*

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Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der »AMERIKA DIENST"
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- 15 -

�Nummer 223

F.uropagespräche in Rom: .Wenn ich ein Vöglein war.,.'

Zeichnung: Lej«

�INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL
DES "AMERIKA DIENST"
vom 1. Oktober 1952 - 31. D-esember 1952

Seite

1.) ALLGEMEINES

1

2.)

SONDERBEILAGEN

5

3.)

PUR DIE FRAU

5

4.) PUR DIE JUGEND

7

GEISTIGES LEBEN

8

6.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

9

5.)

7.) LANDWIRTSCHAFT

12
* * * *

*

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
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�1) ALLGEMEINES
1/10/52 * Cape Cod, der historische "Landungssteg" Amerikas
Der Mann am Ton-Steuer Die physikalische Technik kommt den Musikfreunden
vor den Lautsprechern zu Hilfe
* Er war ein unzeitgemäß glücklicher Mensch Zum Tode des Dichterphilosophen George Santayana
Aus dem Kraftfahrwesen der USA Ermäßigte Versicherungsprämien für unfallfreies Fahren
Die amerikanische Handelsflotte 3/10/52
Zwei neue Typen von 10 000 BRT-Handelsschiffen
Völker sprechen miteinander Auslandische Studenten an der Universität von Ohio
Hollywoods Talentsucher mit neuer Mission
8/10/52
An der Pforte des Düsenzeitalters
Die neue Theatersaison am Broadway
Nur für starke Nerven Der neue dreidimensionale Tonfilm "CINERAMA" in
New York angelaufen
* Es gibt nicht Freund noch Feind über alle Grenzen hinweg betreiben die Quäker ihr
stilles Werk der Nächstenliebe
10/10/52
USA und Montan-Union
* Das neue Thule Amerika baut Flugplätze in der Arktis
Industrieforschungsinstitut untersucht nationalökonomische Verhältnisse
15/10/52
Trygve Lie zum 24. Oktober 1952, dem Tag der
UN-Sonder- Vereinten Nationen
ausgabe
Vermitteln - Verhandeln - Versöhnen Sieben Jahre UN-Charta
Die Bank der UN und ihre Aufgaben Weltbank und Internationaler Währungsfonds
Aus der Tätigkeit des Wirtschafts- und Sozialratet
der Vereinten Nationen
Aus der Arbeit der Vereinten Nationen im Jahre 195^
Schiffsmuseum in "Lebensgröße" im historischen Hafex
1 5/10/52
von Mystic
Augenzeuge einer Apokalypse Arthur Köstlers erster Band seiner Autobiographie
Episoden aus dem Verhandlungszelt von Panmunjom
17/10/52
Limit: sechs Weltsprachen Zwei französische Sprachforscher weisen einen neuen
Weg aus dem Sprachenbabel unserer Welt
Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

�ALLGEMEINES
17/10/52 * Auf zwei Quadratkilometer ein Mensch Nevada lebt vom Fremdenverkehr und Bergbau
Sprechstunde für Blattläuse Naturwissenschaftler nutzen Mikroben, um
Pflanzenseuchen zu bekämpfen
22/10/52 * Sorgloses Alter in der Blumenkolonie Stiftung des Staates New Jersey schenkt alten
Leuten eigene Siedlungskolonie
* Pracht per Luftexpreß
Kleine Tempel echter Filmkunst

24/10/52

UN-Haushaltplan für 1953

*

29/10/52
*

*
31/10/52

*

*

5/11/52

Man ist so alt wie seine Arterien Durchblutung bestimmt die körperliche Verfassung eines Menschen
Die Kunst, öl zu bohren
Im größten Tierspital der Welt Aus der Arbeit des Angell-Memorial-Hospitals
in Boston
Probleme der UN-Vollversammlung Die 7. Vollversammlung, die neue Bewährungsprobe der großen internationalen Organisation
Büffelhäute und Känguruhleder Ein Blick auf die amerikanische Lederindustrie
Fremdsprachenunterricht von acht Jahren an Die Yale-Universität untersucht ein vieldiskutiertes Unterrichtsproblem
Beseelte Drahtgestelle Sandy Calder, einer der eigenwilligsten Bildhauer Amerikas
Boston - Keimzelle der USA Die historische und kulturelle Bedeutung der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Massachusetts
"Große Bücher der westlichen Welt" Der Verlag der "Encyclopedia Britannica" in
Chikago gibt jetzt in 54 Bänden die "Großen
Bücher der westlichen Welt" heraus
Moderner amerikanischer Gebrauchs-Stil
Der Dichter und sein Lektor Die Geschichte der Freundschaft zwischen Thomas
Wolfe und seinem Verlagslektor Maxwell Perkins
Herve J. L'Heureux Der neue rangälteste amerikanische Generalkonsul
in Deutschland
# # » # #
Pflugscharen statt Schwerter Zur einjährigen Arbeit der UN-Abrüstungskommission
Die Kohlenpipeline im Pittsburgher Revier
Erste Hilfe für Geigen und Trompeten Die Vereinigung amerikanischer Musikgesellschaften
unterstützt Musiker in kriegsgeschädigten Ländern
- 2 -

�ALLGEMEINES
7/11 /52A* Die Korbmacherinnen von Arizona Nach uralten Vorlagen flechten die Eingeborenenfrauen der Indianerstämme Arizonas ihre formschönen
und bunten Körbe
Die Luxusvilla des Sowjetdelegierten bei den
Vereinten Nationen auf Long Island
Rost nagt an der Zivilisation Forschungsinstitute der USA führen scharfen Kampf
gegen Metallkorrosion.
* Tampa, an der Westküste Floridas gelegen, ist
Industriezentrum, Kurort und Welthafen zugleich
Langsamfahren - keine Garantie gegen Unfälle
"Er war still und immer voller Güte..." Besprechung der Einsteinbiographie aus Bela
Kornitzers neuem Band "Amerikanische Väter und Söhne"
U/11/52
Die Viehzucht in den USA
Der Vulkanausbruch auf San Benedicto
Bibel bricht Verkaufsrekorde
19/11/52 * Charleston ist eine der schönsten und eigenartigsten
Städte des amerikanischen Südens
Walt Disney: Auch ein Kulturfilm muß unterhalten
Das elektronische Gedächtnis
Im Zeichen der Roten Feder Sammelfeldzug füllt die Wohlfahrtskassen der Gemeinden
21/11/52 * Die Spanisch-Moos-Sammler von Louisiana
Spielzeugangebot wie noch nie
*\ple Brezellegende
* Amerika und sein Truthahn
26/11/52
Millionengeschäfte mit Ruß
* Wie ich Schachmeister wurde von Larry Evans, dem 19jährigen amerikanischen
Schachmeister
Musik lehren heißt Menschen erziehen
28/11/52 * Hurrikan-Flieger über der karibischen See
Die Räucherkammer der USA Smithfield in Virginia ist durch seinen Schinken
bei den Feinschmeckern der ganzen Welt ein Begriff geworden
Den Erzfeind hegen und pflegen... Analyse der gegenwärtigen russischen Haß-Kampagne
gegen die USA und der Ziele und Formen der Sowjetpropaganda überhaupt
Schwester Kenny Die um die Bekämpfung der Spinalen Kinderlähmung
verdiente Krankenschwester
* * * * *

�ALLGEMEINES
3/12/52

*
5/12/52

*

10/12/52

*
*
*

12/12/52

*
*

17/12/52

*

19/12/52

*
*
*

Menschenrechte - eine Verpflichtung
Am 10. Dezember 1948 wurde in Paris die "Allgemeingültige Erklärung der Menschenrechte" von der UNVollversammlung unterzeichnet
Regen ohne Risiko - Die künstliche Auslösung von Regen
Wisconsin - Milch, Käse und sozialer Fortschritt
Weihnachtsbäume - Ein Weihnachtsrundbrief von Robert
Prost
Weihnachtsbräuche in den USA
Geschichten um die Weihnachtskarte
In Amerikas Christbaumwäldern
Prau Weihnachtsmann von Oklahoma
22 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Tuberkulose
bfachte der vorjährige Verkauf der "Xmas-Seals"
Der Erfinder des Streptomycins - Interview des diesjährigen Trägers des Nobelpreises für Medizin, Professor Selman A. Waksman
Häuser auf Rädern - Wohnwagen-Anhänger finden eine
immer größere Gemeinde
"Laßt die Moleküle rasen..." - Ein Laie spaziert durch
das Atomlaboratorium Brookhaven
Die Erdölfarmer von Oklahoma
Produktivität eine Geisteshaltung
Aber Prauen leben länger als Männer ..•
Einzelheiten über den Bevölkerungsstand der Erde
gibt die 700 Seiten starke Publikation der V/HO
"Lebensstatistiken und Todesursachen"
Deutsche Richter im Zuschauerraum - Deutsche Juristen
finden bei amerikanischen Jugendgerichten Beispiele
väterlich - rücksichtsvoller Prozeßführung
Vom Waisenknaben zum Pinanzminister - Zur 150. Wiederkehr des Geburtstages von Christopher Gustavus Momminger
Kunst und Werbung
Prauen bei der UNESCO
Kapitol: Schauplatz großer Entscheidungen - Seit 150
Jahren werden im Kapitol die wichtigsten politischen
Entscheidungen der Vereinigten Staaten getroffen
Bücher - Filme - Bilder - Poren
Die Programme und Projekte der "»AMERICAN LIBRARY
ASSOCIATION"
Avenue der Botschaften - Diplomaten von 77 Nationen
leben in Washington
Andersens Märchen am Broadway
# * * * #

- 4-

�2) SONDERBEILAGEN
3/10/52

2 2/10/52
31/10/52

5/11/52

7/11/52

AMERIKA WÄHLT (VIII)
Macht und Verantwortung
Bedeutung der amerikanischen Präsidentschaft als
oberste Exekutive des Landes
Rede des amerikanischen Außenministers Dean Acheson
vom 16. Oktober 1952 vor der UN-Vollversammlung in
New York
Auszüge aus der Rede des US-Außenministers Dean
Acheson vom 24« Oktober 1952 vor dem I. Politischen
Ausschuß der UN-Vollversammlung
AMERIKA WÄHLT
IX. Folge und Schluß
M
Die Wahlmänner ... stimmen durch Stimmzettel für
einen Präsidenten ..."
Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1948 und
1952 Aufschlüsselung der 531 Wahlmänner nach einzelnen Bundesstaaten.
* * * * *

3) ARTIKEL FÜR DIE FRAU
8/10/52

2 2/10/52

Die Frauen in den gesetzgebenden Körperschaften von
New Hampshire
UN-Organisationen sorgen für die Ausbildung von
Hebammen in asiatischen und latein-amerikanischen
Ländern
Das kleine Porträt (I)
Die Bibliotherapeutin Sadie Peterson Delaney
Geld - psychologisch betrachtet
Ergebnisse einer Reihe von Umfragen über
die Beziehungen des Menschen zum Geld
Selbstvertrauen schon in der Kinderstube
"Good Housekeeping" - Drinnen und Draußen
Erziehung zum Staats- und Mitbürger» ein Schulfach
am Mills College in Kalifornien
Schmitz, Gnepp und Hutzelbrod
Deutsch-Pennsylvanischer Küchenzettel
Gesellschaftliches Rezeptbuch 1952
Amy Vanderbilti Ein Buch für gutes Benehmen, wie es
der Neuzeit angepaßt ist
Sie begeisterte Könige und Bürger
Annie Oakley, das scharfäugige Mädchen aus Ohio
Das kleine Porträt (II)
Doriot Antony, erste Flötistin bei den Bostoner
Symphonikern

- 5 .

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
22/10/52

Die Hausfrauen-Polizistinnen von Milwaukee

5/11/52

* New Yorker Ausstellung über die Geschichte
der Suffragettenbewegung in den USA
* Wenn das Kind nicht schlafen will ...
Amerikanischer Wissenschaftler untersucht,
warum Kinder sich gegen das Zubettgehen sträuben
Das kleine Porträt (III)
Ida Hildibrand - die Freundin der Farmersfrauen
Landschaft auf Lager
Amerikanische Photographin arbeitet als
"Filmszenerie-Detektiv" für Hollywood
In 57 Staaten sind die Frauen gleichberechtigt
Bericht des UN-Generalsekretärs Trygve Lie

19/11/52

Ein Bündel Malstifte
Ein schizophrenes Kind malt sich gesund
In Schönheit verhungern
Amerikanische Ernährungs-Wissenschaftler raten
bei allen "Schnell-Abmagerungs-Kuren" zur Vorsicht
Wandelbare Mode - Spiegelbild der Zeit
Das Bostoner Kunstmuseum zeigt zur Zeit eine
umfassende Sammlung von Kleidern aus den vergangenen 250 Jahren
Brillen sind "fashionable"
Eis-Shows im New Yorker Madison Square Garden
über die Freiheit zur Selbstdisziplin
w
Mutter-Sohn-Team" erstmals im Kongreß der USA

5/12/52

Die natürliche Überlegenheit der Frau
Von Ashley Montagu, Direktor des anthropologischen Instituts der Rutgers-Universität
in New Brunswick
Das kleine Porträt (IV)
Gewebte Geschichtsbücher - Deutschamerikanerin
restauriert wertvolle Gobelins
Ehe der Jugendrichter eingreift •••
Erwachsenen-Forum soll gefährdete Jugendliche
vor der Bekanntschaft mit dem Gericht bewahren
Frauen in den Vereinten Nationen
Frauen übernehmen diplomatische Funktionen bei
den UN-Delegationen
Warm behütet in den Winter
Große, weiche Winterhüte in der Gunst der
Amerikanerin

�„, ARTIKEL FÜR DIE FRAU
17/12/52

* Psychologin auf eigenen Wegen
Die in Deutschland geborene Psychotherapeutin
Karen Eorney starb am 4. Dezember in New York
* Eltern sind reizend, aber ...
Amerikanische Teenagers sprechen über "elterliche" Probleme
Vati ist kein Kinderschreck
Disziplin und die Rolle des Vaters in der
Erziehung der Kinder
Das kleine Porträt (V)
Florence Chambers - Olympiamedaille und
Züchterdiplom
Das Kleid der Zukunft
Synthetische Pasern und Pasermischungen sind
eine starke Konkurrenz natürlicher Produkte
Sandwiches für festliche Stunden
# # * # #

4) ARTIKEL PUR DIE JUGEND
Oktober 1952 Der Teufel und Daniel Webster
"Mensch, ihr seid doch anständige Kerle!"
Kinder erteilen den Erwachsenen von Bloomfield
eine Lektion darin, was es heißt, Mitbürger
zu sein
* Ich breche die Blitze ...
Im Jahxe 1752 erfand Benjamin Franklin den
Blitzableiter
"Halloween" - Nacht der Hexen und Geister
Kindermummenschanz am 31. Oktober
Rennwagen aus Schrott
"Hotrod"-Rennen an den Salzseen im Staate Utah
November 1952

*

Das Kaninchen und die Brunnenwächter
Eine Tiergeschichte aus dem amerikanischen
Märchen- und Sagenschatz
Das Tagebuch einer kleinen Stadt
Fünfzehnjährige Jungen und Mädchen einer höheren
Schule sehreiben ein Buch über ihre Heimatstadt
Pack die Angelrute ein •••
In den USA gibt es Millionen begeisterter junger
Angler
Mister Clark, der Büffelzüchter
Trupp 198
New Yorks blinde Pfadfinder

Dezember 1952

Die Geschichte vom kleinen Esel
Eine Weihnachtsgeschichte aus dem amerikanischen
Süden

�JUGEND
Dezember 1952

Der Schneeschuhgeist der Sierra Nevada
Ein amerikanischer Landbriefträger vollbrachte 20 Jahre lang Übermenschliches
an Entsagung und Hilfsbereitschaft
Das Wunder der gefüllten Strümpfe
Die Entstehungsgeschichte eines amerikanischen Weihnachtsbrauches
Besuch in der Spielzeugstadt
Eine kleine Weihnachl :krippe gab Anregung
für die Anlage einer selbstgebastelten
Spielzeugstadt
# # * * *

5) GEISTIGES LEBEN
Oktober 1952

Geigerzähler korrigieren Geschichtsbücher
Archäologen bestimmen mit Isotopenkalender
und Atomuhr das genaue Alter historischer
und prähistorischer Funde
Ostasiatische Kunstsammlungen in den USA
* Neues Programm zur Veröffentlichung von
Dissertationen
Was Geschäftsleute sammeln
Eine Ausstellung privater Gemäldesammlungen
Engländer gewinnt Carnegie-Preis
Das Carnegie-Institut zeichnet den englischen
Maler Ben Nicholson aus
November 1952# Über den wahren Humanismus
Interview mit Albert Einstein
* Der begabte Zuhörer
Von Aaron Copland
Worpswede in Florida
Sarasota, das Künstlerstädtchen am Golf
von Mexiko
Tennessee Williams in Moll und Dur
US-Außenministerium verteilt Fachbibliographie
Dezember 1952

Deutsche Maler in Amerika
Ein Menschenalter reicht nicht aus
Interview mit dem jungen amerikanischen
Dirigenten Thomas Schippers
* Die Dumbarton Oaks-Sammlung für byzantinische
Kunst
Die Pyramidentexte
Der erste Buddhistentempel der USA eingeweiht
# » * # •

�WIRTSCHAFT UND ARBKIT
1/10/52

*

Werkzeuge des "Management" für deutsche
Unternehmer
Amerikanische Betriebsführer berichten
deutschen Industriellen über ihre Erfahrungen
Der Farmer wird umworben
Beide Parteien versprechen das gleiche
USA lehnen Vorschläge zur Bildung eines
neuen Gummikartells ab
Der Sender des US-Normenamtes übermittelt
Zeit-, Frequenz- und Tonsignale
Amerikanische Landarbeiterprobleme
Die nächsten 10 Jahre in der amerikanischen
Gewerkschaftspolitik
Besser und schöner als Papierwolle
Neues amerikanisches Kunstharzmaterial für
den Glaswarenversand

8/10/52

*

Im Bmslandmoor geht der Mammutpflug um
Bankiers, Kredite und Kartelle
NAM-Gutachten umreißt die Möglichkeiten und
Hindernisse für ausländisches Anlagekapital
in Westdeutschland
Heilmittel für alle Welt
Amerikanische pharmazeutische Werke für den
Riesenbedarf an Medikamenten
Die Renaissance der Baumwolle
Lohnwellen und Sozialleistungen in der
amerikanischen Privatindustrie
Der Arbeiter muß das Ziel seiner Arbeit kennen
Größeres wirtschaftliches Verständnis durch
volkswirtschaftliche Fortbildungskurse
Leuohtschirm und Schattenflugzeug als
konstante Wegweiser
Cortisongewinnung vereinfacht

15/10/52

* Erdöl verändert Landschaft und Menschen
45 ölgesellschaften in Nord-Dakota
Neue Riesen-Ölleitung wird Texas mit dem
Westen verbinden
Hudson in Konkurrenz mit Ford
Neuer Wagentyp in der billigen Preisklasse
Das Autovermietgeschäft nimmt ständig zu
Mode- und Textilkrise in den USA
Neuheiten auf dem amerikanischen Weihnachtsmarkt
Der lechte Mann am rechten Platz
Deutsche ujid amerikanische Produktivitätserfahrungen Verden in Berlin gezeigt

22/10/52

- 9-

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
22/10/52

Mehr Wissenschaftler in die Betriebe
Die Verteidigungsausgaben müssen erhöht werden
Erhöhung der Gesamtausgaben auf rund 250 Milliarden Dollar wahrscheinlich
Der ungekrönte König aller Schreibutensilien
Ein Kapitel sozialer Selbstverwaltung
Die "Agreed Bills" im Staate Illinois als
Vorbild für die Sozialgesetzgebung
Flüssiger Kunststoff
"Abstossende" Farbe
Neues Schweißgerät für Nichteisenmetalle

29/10/52

Der Venezuela-Handel hat goldenen Boden
Wie man heute in Amerika baut
Gewaltiger Anstieg des Luftfrachtverkehre
Westdeutschland hat größten Anteil an der
Steigerung des Frachtvolumens
In den USA ist der Automat "Mädchen für alles"
Die russischen "Paradieslöhne" - einmal
nüchtern betrachtet
Die hundertprozentige Kunststoffwohnung

5/11/52

Industrie baut Basteln zu einem Millionengeschäft aus
Amerikanische Wirtschaftslage weiterhin stabil
Die Wandlung der Einkommenstruktur
"Autofahren" im Schulzimmer
Amerikanische Frauenarbeit und Frauenlöhne
Neues Jugend-Arbeitsschutzgesetz
Hochempfindlicher Wärmemesser
Photographiere mit Datum
Regenschirm mit Fenster

J2/11/52

Betrachtung zu den deutsch-amerikanischen
Betriebsführerbesprechungen
Läden ohne Waren und Verkäufer
Ein Experiment zur Senkung der Preise und
Betriebskosten
Konkurrenzkampf auf dem Automarkt verschärft a c
Erdölwunder in der modernen Chemie
Berufswahl und höheres Schulwesen in den USA
Kleinzündanlage mit "Superfunken"
Oszillograph-Kontrollwaage für LKW

*

- 10 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/11/52

*

Amerikanisches Weihnachtsgeschäft läuft an
Neue Tongeräte mit neuen Effekten
Auf die richtige Farbe kommt es an
Amerikanische Geschäfte prüften verschiedene
Barben auf ihre "Verkaufseigenschaften"
Wandlungen im Arbeitsplatzwechsel in den USA
Neues gummiartiges Produkt mit großer Widerstandsfähigkeit
Neue Kunstgummiqualität verringert Reifenerwärmung

26/11/52

Planung und Test - Das A und 0 der
Produktivitätssteigerung
Weiterhin lebhafte Investitionstätigkeit in
der US-Industrie
Volkswagen auf US-Markt durchaus konkurrenzfähig
Technisches Spielzeug beherrscht den diesjährigen
amerikanischen Weihnachtsmarkt
Die Bedeutung der amerikanischen Gewerkschaftspresse
Koffer-Fernsehapparate mit Germanium-Transistoren
"Rechnendes" Transportband
Ungeziefer-sichere Kleidung

3/12/52

Bessere Wohnungen - Niedrigere Baukosten
MSA-Bergarbeitersiedlungen als Modelle für
den künftigen sozialen Wohnungsbau
"Werkprofessoren" - Ein Bindeglied zwischen
Hochschule und Industrie
Autobahnbau mit privaten Mitteln
Amerikas Erfahrungen mit einem internationalen
Problem
Die Kältetechnik in Dienste der modernen Industrie
"Musikkonserven" bedrohen die Existenz des
Berufsmusikers
Spuranzeiger lokalisiert Heizrohrschäden
Wasserski für Düsenflugzeuge
Düsenpropeller-Flugzeug

10/12/52

Das RKW - die Clearingstelle für technische
Erfahrungen aus aller Welt
internationales Wirtschaftstreffen der Freien
Welt 1953 in Wien
Das Zentrum der Aluminium-Industrie liegt
in Kanada und Alaska
"Glas"-Kunststoffe so hart wie Stahl
"Ferngelenkte" Handlungsreisende
"Walkie-Üsten" - der verlängerte Arm des Chefs
- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
10/12/52

Pharmazeutika in Kapselform
Neue Papiersorte aus Glas

17/12/52

Amerikanischer Wirtschaftsspiegel 1952
(Schaubild)
Ein Jahr der Konsolidierung
Der Dollarkreislauf (Schaubild)
Produktionsausweitung - der Schlüssel zur
Erfüllung der Verteidigungsaufgaben
Großwirtschaftsräume in Zahlen gesehen
(Schaubild)
Die Außenhandelsstruktur veränderte sich
Der amerikanische Außenhandel im Jahre 1952
(Schaubild)
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung 1952
Das Wachstum der US-Gewerkschaften (Schaubild)
* • # *

•

7) LANDWIRTSCHAFT
Oktober 1952

November 1952

Dezember 1952

*

Die große Zukunft der Hybriden Formen
Große Fische im Genossenschafts-Netz
Amerikanische Fischer organisieren sich
zu Genossenschaften
Kraftfutter aus dem eigenen Betrieb
Künstliche Trocknung ermöglicht rationellere
Futterwirtschaft
Saatgutkontrolle in Texas
Neuer Trächtigkeitstest bei Kühen
US-LandwirtSchaftsministerium will
Rosinenexport subventionieren
USA tauschen Weizen gegen Dünger
Der Dichter hinter dem Pflug
Louis Bromfield als Pionier der
Bodenkultivierung
Impfstoffe gegen Hühnerkrankheiten
Jede Stunde ein Ferkel
Arbeitsbericht von einer Drei-Mann-Schweinezucht in Delaware
Es geht auch ohne Melken
Kurioses Experiment amerikanischer Viehzüchter
Maßnahmen zur Hebung der Eier-Produktion
Höherer Zuckergehalt der Zuckerrüben
Zwergwuchs bei Rindern
- 12 -

�LANDWIRTSCHAFT
Dezember 1952

Hexereien mit Hirse
Colchicinpräparat beschleunigt
Zuchtauslese
Mehr Schweinefleisch - weniger Fett
Die Schweinezüchter von Ohio haben ihre
Produktion nahezu ganz auf Fleischschweine
umgestellt
Äcker schwimmen ins Meer
Experimente im Mississippital veranschaulichen, welch ungeheure Mengen von Mutterboden jährlich durch Auswaschung verloren
gehen
Buschrodung mit chemischen Mitteln
Erfahrungen mit Chlorphenoxy-Essigsäuren
Hülsenfruchtanbau seit 6000 Jahren
Ersatzstoffe für Eiweiß
Neomycin gegen Mastitis
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- 13 -

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                    <text>A M

E

R

I

k A

D I E N S T

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Januar 1952 - 31. März 1952

Seite
1.) ALLGEMEINES

1

2.) KOMMENTARE

5

3.) SONDERBEILAGEN

6

4.) ARTIKEL FÜR DIE FRAU

8

5.) JUGEND

10

6.) GEISTIGES LEBEN

11

7.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

12
•

8.) LANDWIRTSCHAFT

16

* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

�iL. .-AllGEMEINES,
4/1/52

*

IRO zieht Bilanz
Das Ozeanographische Institut von Woods Hole
sammelt Erfahrungen über die nordatlantischen
Meeresströmungen
Die zehn wichtigsten Ergebnisse der asrtronomisehen
Forschung im Jahre 1951

9/1/52

*

Die Sonne tönt .
Weltenraum

Funksignale aus dem

Das Leben im Jahre 2027
Morgenrot am Filmhimmel
11/1/52

*

Rekruten vor dem Fernsehschirm
Ausbildungsunterricht durch Fernsehübertragungen
bei der Marine
Auf der Spur des Schnupfenvirus
Berlin Anno 1930 auf der New Yorker Bühne.
John van Drutens Bühnenstück "Iam a Camera"

16/1/52

*

Internationale Verständigung durch persönlichen
Kontakt
Babylonische Sprachentwirrung
Die voraussichtlichen Vorzüge einer endgültigen
Weltsprache
Die gefährliche "rosa Lady"
Gegen den Mißbrauch von Schlaftabletten

18/1/52

*

Sister Ann Joachim, eine der interessantesten
Frauen der USA
"Alcometer" im Kampf gegen betrunkene Autofahrer
Wir werden das Raumschiff erleben

23/1/52

Die Vereinigung "Operation Democracy".
Kultureller Austausch zwischen amerikanischen
und westdeutschen Städten
*

Aus der Arbeit der UN-Vollversammlung in Paris

''Sicherheit beim Absturz"
Neue Gesichtspunkte im Flugzeugbau
ZTu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST'
kostenlos Bildmaterial
- 1 -

�ALLGEMEINES
25/1/52

*

David K. Bruce - der zweite Mann im State
Department

*

Das Palais de Chaillot besitzt einen eigenen
Gebetraum für UN-Delegierte

*

Versandhaus für Bakterien
Stephan Wolpe - ein Künstler, der sich treu bleibt

30/1/52

*

Zum Geburtstag Abraham Lincolns am 12. Februar
Tiere im Winterschlaf
50 Jahre amerikanisches Genossenschaftswesen
Amerikanische Farmgenossenschaften
* * * * * *

1/2/52

"Zum Seemann geboren" - Admiral L.D. McCormick,
Oberbefehlshaber der NATO-Seestreitkräfte
Eine neue Aera der Landwirtschaft?
"Krilium", das neue Dünge- und Bodenverbesserungsmittel
Über eine neue einheitliche internationale
Fliegersprache

6/2/52

*

Das amerikanische St. Moritz

*

Der Schlittschuh fahrende Scholar - Dick Button

*

Wunderland Colorado
Wiedergutmachung an Winnetous Erben
Senfgas für kranke Kinder
Bedeutende Erfolge in der Behandlung von Leukämie

8/2/52

*

Kameradschaft der Völker auf See
Länger und glücklicher leben
Probleme für alternde Menschen
Journalismus per Elektron

-

2

-

�ALLGEMEINES
13/2/52

*

Elektroingenieure als Mädchen für alles
Synthetische Photosynthese

15/2/52.

*

Marlenes Tochter
Maria Riva, die Tochter der Dietrich

*

Die Sportfliegerei in den USA

*

Die Pathologie, das gute Gewissen der Ärzte
Das Zeugnis - eine Reliquie aus dem vorigen
Jahrhundert?

20/2/52

*

George Washington: Bauer, General und Staatsmann
(Zu seinem Geburtstag am 22. Februar)

*

Der Sender im Schützenloch
Verbesserungen des Nachrichtensystems der amerikanischen Streitkräfte
Schach in der dritten Dimension

22/2/52

*

"Amerika-Haus Ruhr" öffnet seine Pforten

*

Das Magnetophon -erobert Amerika
Wissenschaft mit Bagger und Geigerzähler
Deutsche Jungärzte an amerikanischen Krankenhäusern

27/2/52

*

Das Museum für Wissenschaft und Technik in
Chikago
Wir sterben nicht aus
Gespräch über die Chancen und Erwartungen der
Menschheit

29/2/52

*

"Handeln ist das große Geheimnis des Erfolgs"
Am 2. März 1829 wurde der deutsche Rebell der
Freiheit und amerikanische Politiker Carl Schurz
geboren

*

"Nach Oregon oder zum Teufel!"
Die Sonne - bei Licht besehen
Neues Sonnenobservatorium registriert durch
Elektronen-Lenkgerät die gesamte Sonne.naktivität
Deutsche Bücher in Amerika
* * * * *

*

�ALIGEMEINES
5/3/52

7/3/52

Bundespräsident Heuss spricht zur Eröffnung der
"Woche der Brüderlichkeit"
*

Travelers Aid - Schutzengel der Reisenden

*

Der erste schwimmende Sender der "Stimme Amerikas

*

Als Krankenschwester in Korea
Synthetische Edelsteine sind keine minderwertigen
"Glasbonbons"
Sind die Vereinigten Staaten imperialistisch?
Zur "Woche der Brüderlichkeit" 1952
Aussprüche großer Männer

12/3/52

*

Spokane - die "Fröhliche Bergarbeiterstadt"
Amerikanischer Geschäftsmann bestimmt zwei
Drittel des jeweiligen Reingewinns seiner Firma
für karitative Zwecke
Das Geheimnis um Adolph Strasser
Die sonderbare Lebensgeschichte eines großen
Arbeiterführers
Zur "Woche der Brüderlichkeit" 1952
Aussprüche großer Männer

14/3/52

*

Panama-Kanal - heiße Zone Zentralamerikas
West Points stolze Tradition
Vor 150 Jahren wurde die berühmte amerikanische
Militärakademie gegründet
Kulturgeschichte des Zeichenfilms

19/3/52

ÄtherfreundSchäften
Seit zwei Jahren haben die deutschen Funkamateure
wieder die Möglichkeit, internationale Verbindungen aufzunehmen
Das Schulspeisungsprogramm in den Westsektoren
Berlins
Schubert - Portrait eines Musikers
Das letzte Werk des in Deutschland geborenen
und kürzlich in den USA verstorbenen Musikkri-rtikers Dr. Alfred Einstein

�ALLGEMEINES
21/3/52

*

Moderne Isolationstechnik ermöglicht "Heizung"
mit Körperwärme
Kreuzweg der Kalmücken
"Amahl und die nächtlichen Gäste"
Gian-Carlo Menotti schrieb erste Fernsehoper

26/3/52

*

Das Transpazifik-Kabel hat seine Bedeutung
verloren

*

Der Amerikanische Automobilverband AAA
Biber als Fallschirmspringer

28/3/52

*

Atlantic City, der Badeort zwischen New York
und Philadelphia
Staatsexamen im Gefängnis
Todesursache: Angst
* * * * * *

2)

KOMMENTARE

4/1/52

Wiedersehen in Washington

9/1/52

Europa vor dem Wendepunkt

11/1/52

Europa und die amerikanischen Wahlen

16/1/52

Zuversichtliche Stimmung in Washington

18/1/52

Eine Mahnung an Europa
* * * * * *

1/2/52

Bonn im Mittelpunkt

6/2/52

London - eine entscheidende Etappe

13/2/52

Diskutable Bedingungen

15/2/52

Appell an die Vernunft

20/2/52

Neutralismus - eine Utopie
- 5 -

�KOMMENTARE
22/2/52

Optimismus in Lissabon

27/2/52

Eine erfolgreiche Konferenz

29/2/52

Lissabon und die Präsidentschaftswahlen
# • # * * #

5/3/52

Die Schuldigen an den Pranger

7/3/52

Tito und die deutsche Wiederbewaffnung

14/3/52

Stimmungsbarometer New Hampshire

21/3/52

Die zweite Runde

26/3/52

Erst Europa - dann die Saar

28/3/52

Der Kreml hat das Wort
* * * * * *

3)

SONDERBEILAGEN

11/1/52

Trumans Botschaft über die Lage der Nation
Schlußkommunique der Truman-Churchill-Besprecbungen

18/1/52

Trumans Wirtschaftsbotschaft an den US-Kongreß

23/1/52

McCloy: Rede vor Studenten der Universität Freiburg vom 21.1.1952

30/1/52

Acheson
Auszüge
nischen
Action"

zum Punkt-Vier-Programm
einer Rede vom 25.1.1952 vor der amerikaOrganisation "Americans Por Democratic
in New York
* * * * * *

6/2/52

Resolutionsentwurf der US-Senatoren über die
Schaffung der "Vereinigten Staaten von Europa"
und Antwortschreiben Präsident Trumans vom 31«
Januar 1952
- 6 -

�SONDERBEILAGEN
15/2/52

Vierter MDAP-Halbjahresbericht Trumans (Auszüge)

22/2/52

Die Londoner Kommuniques
Wortlaut zweier Kommuniques, die nach Abschluß
der Londoner Besprechungen von den Außenministern
der drei Westmächte und dem deutschen Bundeskanzler sowie von den Außenministern der Vereinigten
Staaten, Großbritanniens und Prankreichs herausgegeben wurden

27/2/52

9. ViertelJahresbericht McCloys
Die grundsätzliche Deklaration der NATO
Das Abschlußkommunique des Nordatlantikrates
* * -x-

5/3/52

Achesons Rechenschaftsbericht über Lissabon (29.2.52)
Truman eröffnet das erste Programm des schwimmenden Senders der "Stimme Amerikas" (Rede v.4.3«52)

7/3/52

"Report on Germany"
Auszüge aus dem 3ericht eines Unterhausausschusses
des US-Repräsentantenhauses über die auf einer
Reise durch Westdeutschland und Berlin gesammelten Eindrücke von den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in der Deutschen Bundesrepublik

14/3/52

Wortlaut eines Interviews, das Dr. Adenauer einem Vertreter der amerikanischen Wochenzeitschrift "United States News and World Report" gab

19/3/52

Wortlaut der US-Note zum österreichischen Staatsvertrag
Wortlaut des alliierten Entwurfes eines Staatsvertrages für Österreich

28/3/52

Wortlaut der amerikanischen Antwortnote vom
25.3.1952 auf den sowjetischen DeutschlandvorscbLag
Truman-Botschaft vom 24.3.1952 zum Flüchtlingsproblem
henschai csbericht General Eisenhowers vom 2.4

�il__ARTIKEL_PÜR_DIE_PRAü
9/1/52

Zwölf-Ton-Musik im Kinderzimmer
Was wird aus Musterschülern
Ein Kapitel über angereicherte Nahrungsmittel
*

Die fahrbare Kinderklinik
Unfallverhütung durch bedachtsam gewählte Kinderkleidung
Gleichberechtigte Frauen
Neues Verfahren zur Tiefkühlung von Fischen
bereits auf hoher See
Neue Auszeichnung für Marguerite Higgins

*

23/1/52

Kindheit und Gesellschaft
*

Ausblick auf die Frühjahrsmode 1952
Warum so eilig?
Eine amerikanische Mutter erzählt aus ihrem Alltag
Ratschläge zur Erhaltung gesunder und zur Behandlung kranker Füße
Hausfrau oder Karriere?
Die' schwierige erste Dekade
Carepakete für Korea
Eine wundersame Insektenbekämpfungsanlage
* * * * * *

6/2/52

Zum Tode Dorothy Dix', der meistgelesenen Journalistin Amerikas
Frauen in Halbtagsstellungen
Empanadas aus Chile und Falafel aus Israel
über ein internationales Kochbuch
Wer verfügt über das Haushaltsgeld?
*

Vollendete Gebrauchskunst
Musterschau für Möbel in Chikago

- 8 -

�ÄBIIKSL-EÜß-DIE-EBAU
20/2/52

Mr. Groggle muß noch viel lernen
Besprechungen eines kürzlich in New York erschienenen "Leitfadens für intelligente Männer zum
besseren Verständnis der Frau"
"Kein Mitleid bitte . . ."
Eine unverheiratete Amerikanerin verbittet sich
das Mitleid der Umwelt
Darf ein Kind auch "nein" sagen?
Die Orientalin und das Punkt-Vier-Programm
Kleine Kaffeepause groß geschrieben . . .
Wie in Chikago an Hand von Tests festgestellt
wurde, ist die umstrittene Kaffeepause des Angestellten ein Mittel zur Leistungssteigerung
Eine Modenschau besonderer Art
Vom amerikanischen weiblichen Arbeitsmarkt
*

5/3/52

*

*

*

•

*

•

*

-

*

"Ich bin mit drei Männern verheiratet"
Aus dem Leben der Mrs. Eisenhower
Frauenstudium - immer noch zu männlich?
Für und wider eine Lehrplanreform zugunsten
der "höheren Töchter"

*

"Modell 1952" - zart und verspielt
Brigitte Horney findet Amerika himmlisch
Wie können Eltern ihren Kindern helfen, Freunde
zu gewinnen?

19/3/52

*

" . . . Ich hätte sterben mögen für die Schönheit"
Die de Mille-Story
Amerikanische Ärztin und Psychologin gibt Ratschläge für Kindererziehung
Vom Mythus der Wundernahrung
Das Weltmeer um uns
Der amerikanische Bestseller "The Sea Around Us"
von Rachel Carson
Moskauer Mode in New York
Gegen die Trägheit des Herzens
Mrs. Ellen I McCloy zum 125-jährigen Bestehen
des Krefelder Frauenvereins
* * * * * *

_ 9_

�Januar 1952

Die Waljäger vom Kap Cod
Kalulu und der Tausendfüßler
Eine Tiergeschichte
Nonstopflug der Zugvögel
..Abraham Lincoln auf dem Totempfahl
Der Indianerstamm der Raben in Alaska errichtete
aus Dankbarkeit für die Befreiung von der Sklaverei
einen Totempfahl mit einem Standbild Abraham
Lincolns
Kriegsrat mit Friedenspfeife
Abhaltung von Versammlungen bei den Indianern
Nordamerikas
* * * * * *

Februar 1952

Rotkehlchen und der Güterzug
Eine wahre Geschichte
Iglu, das billigste Haus der Welt
Besuch bei den Eskimos in den arktischen Ländern
Die wunderbare Geschichte von Amerikas bedeutendstem Amateur-Astronomen
Fußball im Dornröschenschlaf
*

Schauspieler aus Kreppapier und Pappmache
Eine Kindergruppe in Annapolis geht mit einem
selbstgebastelten Marionettentheater auf Tournee
* * * * * *

März 1952

Huhurit und sein Brüderchen
Eine Indianererzählung
*

100 Jahre "Onkel Toms Hütte"
Ein guter Handel
Eine Geschichte aus der amerikanischen Kolonialzeit •
Frau Eskimo bittet zu Tisch
Aus dem Leben der Eskimos (2.Folge)
* * * * * *

- 10 -

�6)

GEISTIGES LEBEN

Januar 1952

Wie denken Sie über die Danirier?
Man haßt am "anderen", womit man in sich selbst
nicht fertig geworden ist, lehrt die Psychologie
der Gruppenvorurteile
Europa, Amerika und die Musik
Ein Viertel Jahrtausend Yale
Eine Weltrundschau der Literatur
Die einzige umfassende internationale Literaturrevue gibt der deutsche Schriftsteller Ernst E.
Noth in Oklahama heraus,
Akademisches Allzuakademisches
Die deutsche Universität leidet unter dem Gewicht ihrer Tradition und unter Mangel an Kontakt mit der Öffentlichkeit
* * * * * *

Februar 1952

Es bleibt noch viel zu tun
Ein Aufruf gegen die geisuige Müdigkeit unserer
Zeit von Pulitzer-Preisträger Edgar A. Mowrer
Interview mit einem Roboter
Über die Kapazität des ersten Elektronen-Gehirns
in der amerikanischen Industrie
Der Abenteurer Lorenzo da Ponte
Aus dem Leben des Librettisten der Mozart-Opern
"Figaros Hochzeit","Don Giovanni" und "Cosi fan
tutte"
Hitlers Vermächtnis an das deutsche Kunstschaffen
Eindrücke eines amerikanischen Kunsthistorikers
nach einem Besuch in der Bundesrepublik«Von Dr.
Alfred Werner
* *

März 1952

*

*

Die große Debatte
Die Niederlage des amerikanischen Isolationismus
Amerika entdeckt neuerdings die Freude am reinen,
gesprochenen Wort
Hinter den Kulissen der koreanischen Waffenstills tandsverhandlungen
Buchauktion auf Weltreise
Internationales Theater als Brücke zwischen den
Völkern
* * * * * *
- 11 -

�Z1__™?SCHA20N5_^BEIT
4/1/52

* Europa lernt von Amerika
US-Produktionsmethoden bewähren sioh auch
in Europa
*

Neukonstruktionen vorläufig "auf Eis gelegt"
Lieferstop für Werkzeugmaschinen für US-Automobilindustrie
Gewerkschaftsführer von morgen auf der Schulbank
Gedämpfter Optimismus am Baumwollmarkt
Neues Herstellungsverfahren für Gummi
100 Photokopien in der Minute

H/l/52

Weiter ansteigende Produktion und. hoher
Beschäftigungsstand
EOA-Garantien ermöglichen amerikanische K^Ltalinvestierungen in der europäischen Wirtschaft
Amerikas "Volkswagen" wird im Warenhaus verkauft
Miss Hardy arbeitet 6 Tage im Monat nur für die
Steuer
Stahlarbeiterstreik vorläufig ausgesetzt
Setzmaschine mit Lochstreifensender
US-Stahlindustrie in Zahlen
Spareinlagen erreichen Höchststand
Unabhängigkeit der US-Gunmiindustrie von fernöstlichen Gummieinfuhren

18/1/52

* Europäische Raffinerien für orientalisches Öl
Starke Zunahme der Lebensversicherungen
Industrie hat großes Auftragspolster
ölchemie wird zur Großindustrie
Der deutsche Arbeiter besitzt eine größere
soziale Sicherheit
CIO-Gewerkschaft dreht Film aus der praktischen
Arbeit
"Holmanit" macht Lehm zum Heizmittel
"Ausfrieren" - ein neues Trocknungsverfahren
- 12 _

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
18/1/52

Die OEEC berichtet über ihre Arbeit im Jahre 1951

25/1/52

Amerikas Wirtschaft im Zeichen der westlichen
Verteidigung
*

Europas Schiffbau kommt auf Touren
Ein Blick in die Geschäftsberichte der US-Gesellschaften
US-Handelslaboratorien lösen technische Knoten
im "Handumdrehen"
Warum die amerikanischen Arbeiter ein garantiertes
Jahreseinkommen fordern
Die Stellungnahme des Präsidenten der amerikanischen CIO-Gewerkschaft, Philip Murray
Technik und Wissenschaft in der US-Ölindustrie
Turbinengeneratoren mit "Hohlkühlung"
* * * * * *

1/2/52

Die Hintergründe der russischen Handelsoffensive
Großwirtschaftsräume in Zahlen gesehen
Die industrielle Entwicklung in Westeuropa,
Sowjetrußland, den USA und Westdeutschland
(Schaubild)
Produktionsausweitungen schufen angespannte Versorgungslage bei Kraftstrom
Kunststoffe - der "Schrei der Stunde"
Die USA an der Schwelle des Atomzeitalters
Die amerikanischen Gewerkschaften wurden von
Menschen aus 38 verschiedenen Nationen aufgebaut
Der "AFI News Reporter" - eine neue Gewerkschaftszeitung

8/2/52

Gegensätze zwischen europäischem und amerikanischem Kapitalismus
Kreditschöpfung auf neuen Wegen
Ein Blick hinter die Kulissen der amerikanischen
Flugzeugindustrie

- 13 -

�IIETSCHAET-USD-AEBEIl.
8/2/52

Produktionssteigerung - der Schlüssel zum höheren
Lebensstandard
Die Entwicklung der Löhne im Verhältnis zu den
Produktionsleistungen in den letzten 100 Jahren
"Telefonitis" - eine Zeitkrankheit
Die großen Überraschungen bei den US-52-er Modellen blieben aus
Eine neue Gleitschutzvorrichtung

15/2/52

Die Kohle muß reichen
Wie kann Europa von Kohleneinfuhren unabhängig
gemacht werden?
Amerikas Hausfrauen schwören auf tiefgekühltes
Obst und Gemüse
Invasion neuer Kunstfasern
Höhere Umsätze und Gewinne für 1952 erwartet
Ausgefallene Werbeideen brachten volle Kassen
Arbeitsschutzgesetze für die Frau in den USA
Eine Frau kämpfte für die arbeitenden Frauen

22/2/52

Kanada '- die Rohstoffkammer des Westens
Schiffahrts-"Boom" dauert an
Lebensversicherungen stark gefragt
US-Exporte erreichten neuen Höchststand
"Highway-Sklerose", die Verkehrskrankheit der USA
"Suburbanite" ein neuer Autoreifen
"Xm" - der "Scheibenwischer1 für Brillen

29/2/52

Der amerikanische Außenhandel im Spiegel des
letzten Jahres
Gebrauchsgüterindustrie hat Sorgen
Metallzuteilungen um weitere 10$ gekürzt
Kapazitätsausweitungen werden beschleunigt
Mehr Zeitungspapier in Sicht
21 Uhr - Ladenschluß
- 14 -

�WIRTSCHAFT JJNp__ARJ3EIT
29/2/52

New Yorker «-Preiskrieg" schlägt hohe Wellen
"Kaltziehen" von Stahl - keine Utopie mehr
Radioaktiver Kobaltdraht für Werkstoffprüfung
*

7/3/52

* * * * *

Alle zwei Minuten ein neuer Volkswagen
Gute Jahresabschlüsse der Banken
Der "Dollar-Kreislauf" (Schaubild)
Die Einnahmen und Ausgaben des US-Staatshaushaltes
1952-53
Amerikanische Impxteure sind wählerischer geworden
K

Hubschrauber - das "Automobil" der Luft?
Blauer "Virginia-Dunst" in den USA
"CAMEL" weiterhin führend - PALL MALI holt auf
Mangel an Arbeitskräften nimmt zu
"Atomreifen" mit größerer Lebensdauer
Die ideale Schulbank

19/3/52

HANOMAG intensiviert Rationalisierungsbestrebungen
Beträchtliche Zunahme der Emissionen
Schwefel bleibt knapp
Der Wert der Kohle wurde neu "entdeckt"
Erhöhung der Förderleistung von 570 auf 880
Mill. Tonnen geplant
Brathähnchen und Mastgänse vom Fließband
Die "Soziale Revolution" der USA
Tonfilm im eigenen Atelier
Mylar - ein neues Kunstharz

26/3/52

Die europäische Energieverbundwirtschaft kann
verwirklicht werden
US-Finanzexperten im Meinungsstreit über antiinflatorische Maßnahmen
- 15 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
26/3/52

Die chemische Industrie - "Mädchen für alles"
Aluminiumindustrie mit Siebenmeilenstiefeln
Tiefgekühlte Diners a la Qarte
US-Speisewagengesellschaften beschreiten neue
Wege zur Kostensenkung
Warum unterstützen die Arbeiter das Wirtschaftssystem der USA?
"Germanium" ersetzt Radioröhre
* * * * * *

§2__5Mffi35§25APT
Januar 1952 *

Hinweise für den Viehzüchter
Plattenspieler im Schweinestall
Gute Erfolge mit synthetischer Schweinemilch
Das häuslichste Haustier - die Kuh
Was bedeutet PH?
Mit Hilfe der PH-Skala wird der Kalkgehalt des
Bodens gemessen
Gegen Maul- und Klauenseuche
* * * * * *

Februar 1952

Rechenschaftsbericht der amerikanischen Landwirtschaft für 1951
*

Soja - die vielseitigste Anbaupflanze der Welt
Sollen Eier gewaschen werden?
Stallbedingungen für die Aufzucht gesunder Kälber
Die Qualität der Kartoffel (Folge I)
Ratschläge zur Verbesserung der Kartoffel
* * * * * *

- 16 -

�LANDWIRTSCHAFT
März 1952

*

Die Zukunft der Landwirtschaft

*

Diverse Gemüse aus den hängenden Gärten der Armee
Hydrokulturen der US-Army in Japan
Boden - die Schatzkammer der Vereinigten Staaten
Von Russell Coleman, Präsident des Verbandes der
amerikanischen Düngemittelindustrie
Hühner am laufenden Band
Die Qualität der Kartoffel (Folge II)
Die Kochqualität
Wieviel trinkt ein Tier?
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 17 -

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INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL
DES "AMERIKA DIENST"
vom 1. April

1952 - 30. Juni 1952

Seite

1.

ALLGEMEINES

1

2.

SONDERBEILAGEN

5 .

3.&lt;

FÜR DIE FRAU

7

4.

JUGEND

9

5.

GEISTIGES LEBEN

10

6.

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

7.)

LANDWIRTSCHAFT

16
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

�1) ALLGEMEINES
2/4/52

NATO - Garant des Friedens
Zum 3. Jahrestag der Gründung der Nordatlantikpakt- J
Organisation
*

Helikopter - Nußschalen der Luft
Langfristiges Herzforschungsprogramm der medizinisehen Wissenschaft in Framingham, Mass.,

4/4/52

*

Hat unser Kind Musik im Blut?
Vier Teste überzeugen Eltern, ob es Zweck hat,
ihren Kindern Musikunterricht erteilen zu lassen

*

Ostern in den Vereinigten Staaten
Geheimnisvolle Zusammenhänge zwischen den Jahresringen der Bäume und der zyklischen Wiederkehr von
Sonnenflecken
Ein halbes Jahrhundert Hollywood
Vier Jahre Weltgesundheitsorganisation

9/4/52

Brüder, die in Einheit leben
Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist seit mehr

*

als 100 Jahren ohne jegliche Befestigung
Basketball - Das Spiel der großen Männer

11/4/52

Mr. "X" geht nach Moskau
George F. Kennan, Rußland-Experte Nr. 1
der USA
Holz aus Tacoma
Tacoma gehört neben Seattle zu den wichtigsten
Umschlaghäfen im amerikanischen Nordwesten
Amerikanische Kinderhilfe für Korea

*

Durch elektrischen Herzschock ins Leben zurückgerufen

16/4/52

*

Am Grabe F. D. Roosevelts
Zum 7. Todestage des amerikanischen Präsidenten
am 12. April

*

Die Renovierung des Weißen Hauses ist beendet
Die fremdsprachige Presse in den USA
Der See in den Schwarzen Bergen
Archäologische Funde geben Aufschluß über das
Leben der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents

18/4/52

*

Die neue Aera in der Met und der New xork
City Opera Company

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DlEflST*
kostenlos Bi ldmaterial
1

x

�ALLGEMEINES
18/4/52

^

Internationale Regelung des Straßenverkehrs
Am 25. März 1952 trat die Internationale Straßenverkehrskonvention in Kraft
Eine bittere Erfahrung
"Endstation Sehnsucht" - Regisseur Elia Kazan
widerlegt Gerüchte über seine politische Vergangenheit

23/4/52

*

Meisterwerke des XX. Jahrhunderts
Künstlerische Veranstaltung des "Kongresses
für kulturelle Freiheit" in Paris
Der"Eiserne Mann"
Das Wahr- und Warnzeichen des Eisernen Tales
am Roten Berge bei Birmingham
Dämme und Fluten
Der "Pick-Sloan-Plan" soll im Missouri-Gebiet
die Gefahr erneuter Hochwasserkatastrophen
bannen
James W. Riddleberger Deutschlandkenner im amerikanischen Außenministerium

25/4/52

*

Pierre Monteux - Botschafter der Musik
Amerikanische Bundesbehörden zahlen Prämien
für Vorschläge und Anregungen zur Rationalisierung und Verbilligung der Arbeitsmethoden

\

Dinosaurier-Eier aus Afrika
Entdeckungen im Jahre 1951
30/4/52

*

Neuer Oberbefehlshaber der NATO
Ridgway Nachfolger General Eisenhowers

K

Die Bostoner Symphoniker
Erfolgreicher Kampf gegen die Kinderlähmung
Menschen ohne Heimat - das große Problem
des 20. Jahrhunderts
* * * * *

2/5/52

*

Die Philantropie der Rockefellers (I)
Roboter als Wetterprophet

*

*

Der New Yorker Hafen
Die europäische Integration
Yor drei Jahren unterzeichneten zehn europäische y
Staaten die Satzung des Europa-Rates

�ALLGEMEINES
7/5/52

*

Zum 124. Geburtstag Henri Dunants, des
Schöpfers des Rnten Kreuzes
"Woche der Musik" in. den USA

A.

Die Odyssee des Heiniiun Suhliemann
Berlin - Barometer internationaler Politik
Zur Aufhebung der Berliner Blockade vor
drei Jahren
Muttertag in den USA
9/5/52

*

Von Aahwahnachee bis Zylyff
Die New Yorker Stadtbibliothek
Die Philantropie der Rockefellers (II)
Banthin gegen Magengeschwüre
Pulitzer-Preise verliehen

14/5/52

16/5/52

"Die genaue Zeit, bitte"
Die amerikanische Rundfunkstation '/V/V sendet
Zeitangaben
Amerika bewahrt seine Tradition
*

Atomkraft und Radioisotope zum Wohle
der Menschheit

*

"Ersatzstoffe" erobern den Industriemarkt
Warum kauft Mrs. Jones ein grünes Kleid?
Mathematische Biologie - ein neuer Zweig
der Naturwissenschaft
"Reader's Digest", die meistgelesene
Publikation der Welt

21/5/52

Der amerikanische Bevölkerungsschwerpunkt verlagert sich ständig weiter nach Westen
Der Weise von Concord
Aus dem Leben des amerikanischen Dichterphilosophen Ralph Waldo Emerson
Tödliche Viren gegen wuchernde Zellen
Der Stand der Krebsforschung in den USA

23/5/52

Amerika gedenkt der Toten
Zum "Memorial Day" am 30. Mai
Dammbau-Zentrale Denver/Colorado
"Vom unendlichen Leben ich singe
Aus dem Leben Walt Whitmans

P

-

3

..."

�ALLGEMEINES
28/5/52

Idlewild - größter Zivilfiughafen der Welt
Flüchtlinge der Revolution
Über Carl F. Wittkes neues Buch
"Refugees of Revolution"
Berufseignungstests in den Schulen,
in der Industrie und bei den Streitkräften

30/5/52

A

Meteorstudien mit Super-Schmidt-Kameras
Die Millionen des "Herzogs von Florida"
Geschichte eines Mannes, der ein großes
Dschungelgebiet in Florida kultivieren wollte

^

Fernsehen rund um die Erde
6/6/52

Reklame für die gute Sache
Aus der Arbeit des amerikanischen "Rates für
Reklame", einer Gesellschaft, die große Werbekampagnen im Dienst am Gemeinwohl durchführt

^

Was ist "American Way of Life"?
Neun bekannte amerikanische Persönlichkeiten
diskutieren die geistigen Grundlagen der
Vereinigten Staaten
Die Stadt der "Heiligen der letzten Tage" Salt Lake City
Zum Tode John Deweys am 1. Juni
11/6/5:

X

Das große Puppenkonzil in den USA
Gefiederte Flugzeuge und Wolfsmilch-Wolle

&lt;

Grönlands größter Exportartikel: Eisberge
1 3/6/52

Gorki - der totgeschwiegene Humanist

x

Mr. Ex-President
Amerikas Präsidenten werden nach Ablauf
ihrer Amtszeit wieder einfache Staatsbürger
ohne Pensionsansprüche
Drei UNESCO-Institute in der Bundesrepublik
1 8/6/52

Die schweigenden Farmer
Aus dem Alltag des Trappistenklosters

New Meileray

Organverpflanzungen in lebenden Körpern
20/6/52

Amerika vor der Olympiade
Freie Bahn den jungen Unternehmern
Über "Junior Achievement Firms", in denen
junge Menschen spielerisch die Grundzüge des
Kaufmannsstandes erlernen

^

�ALLGEMEINES
20/6/52

Uralte Indianerkultur am Mississippi
Bakterienkrieg als Propaganda (I)
Deutsche Nobelpreisträger sprechen sich gegen
die kommunistischen Anschuldigungen aus

25/6/52

*

Die Jungfernfahrt der "United States"
Bakterienkrieg als Propaganda (II)
Wissenschaftler und Politiker der westlichen
Welt überführen die Sowjets und ihre Anhänger
der verleumderischen Fälschung
Das Gebot der Stunde ist Humanitas
Von Peter Viereck

27/6/52

Betriebsärztliche Betreuung in den USA
Gemeinsame militärische Ausbildung für
Soldaten der freien Welt
Die Kunstakademie New Yorks

* * * * * *

2)

SONDERBEILAGEN

2/4/52

Wortlaut der Rundfunkansprache General Dwight
D. Eisenhcwers anläßlich des ersten Jahrestages der Gründung von SHAPE

11/4/52

Ansprache Präsident Trumans vom 8. April über
die Bedeutung des Punkt-Vier-Programms

1 6/4/52

Unterzeichnung des japanischen Friedensvertrages durch Präsident Truman

23/4/52

Acheson zur Deutschlandfrage
Auszüge einer Ansprache des US-Außenministers
vom 19. April vor dem amerikanischen Journalistenverband in Washington
Wir], die Völker der Vereinten Nationen, sind
entschlossen . . .
Zum 7. Jahrestag der Konferenz von San Franzisko
am 25. April 1952

25/4/52

Amerika wählt (I)
Sheriff, Bürgermeister und Präsident
Das amerikanische Volk wählt 800 000 Vertreter
Botschaften amerikanischer Gewerkschaftsführer
zum 1. Mai
- 5 -

�SONDERBEILAGEN
30/4/52

Truman zum Inkrafttreten des japanischen Friedensvertrags
* * * * * *

9/5/52

Deutschland - heute und morgen
Auszüge aus einer Ansprache Dr. Henry Kellermans
vom 5. Mai 1952 auf dem Empfang der Carl SchurzGesellschaft in Philadelphia
Erklärung Präsident Trumans zum letzten Waffenstillstandsangebot der Vereinten Nationen (7.5.52)
Amerika wählt (II)
Ursprung, Entwicklung und Vorgang der "Primaries" *
in den Vereinigten Staaten

21/5/52

Rede Präsident Trumans vom 20. Mai 1952 anläßlich
des 150-jährigen Bestehens der Militär-Akademie
in West Point

26/5/52

Amerika wählt (III)

*

Geschichte des amerikanischen Zweiparteien-Systems
Zur Unterzeichnung des Generalvertrages
30/5/52
Wortlaut der Dreier-Erklärung zur SVG
Acheson zur Unterzeichnung des EVG-Vertrages
* * * * * *

6/6/52

Wortlaut der Botschaft Präsident Trumans vom 2.6.52
an den US-Senat anläßlich der Übersendung der Verträge von Bonn und Paris
Wortlaut der Rede Dean Achesons vom 2.6.52 anläßlich
der Unterzeichnung des Generalvertrages und des Vertrages über die EVG

13/6/52

Erklärung des US-Außenministers Dean Acheson vom
10. Juni 1952 zu der Drei-Mächte-Konvention und
dem NATO-Protokoll vor dem außenpolitischen Ausschuß des US-Senats
Bruce: Bundesrepublik ein wesentliches Element
der EVG
Amerika wählt (IV)
Feldzüge um Wähler-Stimmen - Methoden und Finany
zierung der Wahlkampagnen in den Vereinigten Staaten

1 8/b/^

San Franzisko und Panmunjon
Zwei denkwürdige Jahrestage in der letzten Juniwoche
Rede Präsident Trumans anläßlich der Kiellegung des
ersten mit Atomkraflaigetriebenen Unterseebootes
( H . Juni 1952)
- 6 -

*

�SONEERBEILAGEN
20/6/52

*

27/6/52

Biographie von Walter J. Donelly
Die Geburtsstunde einer Nation
Der 4. Juli in den Vereinigten Staaten
Text der Unabhängigkeitserklärung
Kongreßsitzung vom 4. Juli 1776

*

Amerika wählt (V)
Biographien der zehn Anwärter auf eine Kandidatur
um die Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft der
Vereinigten Staaten

* * * * * *

3)

ARTIKEL FÜR DIE FRAU

2/4/52

*

Eine echte "Mammy" Mary McLeod Bethune
Eine junge Deutsche wirkt in New York für
Berlins Studenten
Für jeden etwas im internationalen Kaufladen
der Vereinten Nationen
Mangelberuf Krankenschwester
Grundumsatz und Körpergewicht
Wie wird die Amerikanerin wählen?
Ergebnis einer Umfrage

,,

Ursula Thiess macht Karriere
Erfolge der deutschen Nachwuchsschauspielerin
in Hollywood
Auch große Frauen haben Modesorgen
16/4/52

*

Der Tag der Gesundheit des Kindes
Der 1. Mai in den Vereinigten Staaten

*

Vorurteile gegen Superwohnungen
Die Entwicklung der Mode in den letzten Jahrzehnten

*

Claudette Colbert
Die Frau mit den Märchenaugen
Konvention für die politische
Gleichberechtigung der Erau
Migräne eine Allergie?

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
30/4/52

Die Frau im zwanzigsten Jahrhundert
*

Einwanderer in den USA bereiten sich
auf ihre Staatsbürgerprüfung vor

*

Museen für Kinder
Texas zeigt Stoffe und Modelle für heiße Tage
Internationaler Kinderhilfsfonds verstärkt
Arbeit in Asien und Afrika
Milch in Scheiben
* * * * * *

14/5/52

Dr. Martha Eliot, die Leiterin des US-Bundesamtes für Jugendfürsorge
Das Leben der Familie Garland Durchschnitt des amerikanischen Lebensstandards
*

Wo die Vereinten Nationen zu Mittag essen
Mode - leicht verrückt
Doppelröcke, Pumphosen und andere Neuheiten
auf New Yorker Modeschauen
Die amerikanische Frau im -Berufsleben
Aschenbrödel - beliebtestes Märchen
Vitamin C zur Behandlung von Brandwunden

28/5/52

*

*
*

Amerikanische Haus- und Küchengeräte für Europa
Große Frau ganz privat Mrs. Roosevelt
Warum sind sie unzufrieden?
Testergebnisse in Arbeits- und Berufsfragen
Kunsterziehungsprogramm an den Schulen von Chikago
"Sie sagen, was sie denken"
Ein populäres Radioprogramm
Amerikanische Urgroßmutter veröffentlicht
ihre Lebensgeschichte
Kindergärten auf kooperativer Basis
Nicht so viel bücken
53 Projekte in 72. Ländern
Aus der Arbeit des Kinderhilfsfonds der UN
- 8 -

�ARTIKEL PUR DIE FRAU
11/6/52

*

Mittlerin zwischen Ost und West
Zum 60. Geburtstag von Pearl S. Bück
Aus dem Leben einer amerikanischen Diätköchin
Das menschliche Gesicht der Tiere
Persönliche Initiative fördert Völkerverständigung
Welt-Freundschafts-Fonds der Frauen
Ist Kriminalität schon im Kindesalter absehbar?
Eine Frau fliegt über den Atlantik - Amelia Earhart

25/6/52

Die Herrin von Fort Knox - Mrs. Nellie Tayloe Ross,
Schatzmeister der USA

*

Eine außergewöhnliche Mädchenschule
Das fortschrittliche Bennington College in Vermont
Überfüttert die Kinder nicht!
Kopfschmerz der Friedlichen - Neue Erkenntnisse
in der Erforschung der Migräne
Veränderlich wie die Launen einer Frau - Sommerkollektionen
Frischmilch in Konserven
* * * * * *

4)

JUGEND

April 1952

Peter der Dritte - der kein Osterhase sein wollte
Gigi und die Ostereier-Krone
Eine Ostergeschichte aus dem Gnomenreich
Schiffsreise durch sechs Jahrtausende
Überblick über die Entwicklung des Schiffsbaus
Wie Admiral Peary den Nordpol entdeckte
Triumph und Tragik der Arktis-Forscher
Das lebendige Museum
Das Naturkunde-Museum für Kinder in San Franzisko
* * * * * *

Mai 1952

Der Seehund, der Angst vorm Wasser hatte
*

Der größte Zirkus Amerikas spielt für kranke
Kinder in New York
- 9 -

�JUGEND
Mai

1952

*

"Rodeos", die Cowboy-Wettkämpfe des
amerikanischen bestens
Der weiße Vogel mit dem grünen Kreuz
Ein ehemaliges Transportflugzeug als "fliegende Rettangsambulanz"
Erfolgreiche Schüler-Polizei in Chikago
Europareisen amerikanischer Studenten 1952 mehr
als verdoppelt
YWCA hält Nationalkonvent ab
* * * * * *

Juni 1952

Daniel Boone - Der Held der Wildnis
Weißt du, wieviel Monde stehen
Die "Familie" unserer Sonne
Meeresungeheuer - Sage oder Wirklichkeit?
Eine amerikanische Münzenausstellung zeigt
die seltsamsten Zahlungsmittel der Welt
Achtung: Rotes Licht
Verkehrserziehung als Unterrichtsfach
* * * * * *

5) GEISTIGES LEBEN
April 1952

Die Kritik am Buch der Bücher
^er Stand der wissenschaftlichen Bibelforschung
Die Wirtschaftslage des amerikanischen Buchautors
*

Das Wunder der musikalischen Schöpfung
Auszug aus "A Composers World" von Paul Hindemith
Eine der anregendsten Ausstellungen dieses Jahres: "Vierzehn Augen in den Magazinen eines
Museums"
US-Institut für internationales Erziehungswesen
veröffentlicht Jahresbericht
August Macke-Ausstellung in New York
Hugo-Wolf-Biographie in USA erschienen
"Europäische Geschichte" eines amerikanischen
Historikers in Deutschland erschienen
* * * * * *

- 10 -

�GEISTIGES LEBEN
Mai 1952

*

Getanztes Leben und erlebtei' Tanz Martha Graham und Doris Humphrey
Die Vernichtung des Judentums durch den Kreml

*

Eugene O'Neill und die moderne Dramatik
Die neue Welt wird porträtiert
Bericht von der Neukartographierung der westlichen Hemisphäre
Ausstellung zweier Mainzer Bibeln in der Kongreßbibliothek in Washington
Columbia-Universität in New York beginnt Ostasien-Seminar
20 Millionen Besucher der National-Galerie in
Washington
Wallfahrt amerikanischer Katholiken nach Barcelona
* * * * * *

Juni 1952

Zur bevorstehenden Veröffentlichung einer Autobiographie der Menschheit
*

Beethoven-Händschriften in Amerika
Sammlungen von Notenhandschriften und Briefen
großer europäischer Musiker in den USA
Geknebelte Sowjetwissenschaft - Der wohlüberlegte
Mord an der Vererbungsforschung

*

Auf das Zusammenleben kommt es an - über das
Pulbright-Programm
Religionsgemeinschaften in den USA
Relaisstationen im Weltall
Zehn Jahre Tanglewood

* * * * * *

6) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
2/4/52

Im Delawaretal entsteht Amerikas Ruhrgebiet Neues Stahlzentrum Morrisville
Deutsche Spielwaren eroberten Amerika
Bilanz der II. Internationalen Spielwarenmesse
in New York
- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
2/4/52

Kalt- und Ölgummi auf dem Vormarsch
Westdeutschland zweitgrößter Werkzeugmaschinenexporteur
Kreuzzug mit Pinsel und Quast - 65$ aller amerikanischen Familien streichen heute ihre Wohnungen
selber
Der Magier von Bad Nenndorf
Public-relations, wie sie sein sollen
"Verjüngungsbäder" für Nylon
Neuer Kunststoffüberzug
Klemmsicherer Reißverschluß
Moskauer "Handelsfrühling" ohne "Schwalben"
Der inflationistische Druck ist gewichen
bbröckelnde Preise - bessere Versorgungslage zurückhaltende Käufer
Erdölsorgen - vorläufig unbegründet
Der amerikanische Reisekompass zeigt nach Europa
Die soziale Sicherung der Arbeitnehmer in Deutschland und den USA
Betriebsdemokratie und Mitbestimmung - international
gesehen.
Wo arbeitet die Amerikanerin?
Die "fliegende Schreibmaschine"

16/4/52

Die richtige Heilmethode
Preiskontrollen oder freier Markt?
Aufträge für Riesentanker
Fast 2 Millionen dwt Schiffsraum auf den amerikanischen Helligen
Die wirtschaftliche Stärke in Ost und West (Schaubild)
VI. internationaler Kongreß für Weidewirtschaft
in den USA
Der automatische Parkplatz
AutoSteckbrief
Der größte PKW-Motor: Chrysler K - 31 0

- 12 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
1 6/4/52

Pur und wider den Indexlohn
Lohngleichheit von Mann und Frau
Reallöhne in den Marshallplanländern 1938 und 1951
Probleme des Düsenmotorbaues
Keramische Werkstoffe statt Metalle

25/4/52

Die Conti-Werke suchen neue Wege zur Leistungssteigerung
Elektrizität in neuer "Ehe" mit Aluminium
Der US-Staatshaushalt in 4 Jahrzehnten
Neues aus der Atomphysik
XPs - Herolde eines neuen Zeitalters
Die Entwicklung der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft
Der garantierte Jahreslohn in der Praxis
Verbesserte Metallsehneideverfahren

50/4/52

In Labrador wird das größteriisenerzgebietder
Welt erschlossen
Amerikanische Wirtschaftslage teils rosig, teils
grau gesehen
Aufrüstung kein gutes Geschäft
Lehrlingsausbildung und Berufsschulung in den USA
Gewerkschaftsunterricht für Lehrer
Büchsenmilch mit Geschmack von Frischmilch
Durchsichtiger Kunststoff aus Zucker
* * * * * *

7/5/52

Schaumgummi erobert Amerika
Vielfältige Verwendungsarten - hervorragende Eigenschaften
Lebenshaltungskosten in den USA 1941 - 1952
Hohe Spareinlagen als Inflationsbremse
Über 4 Millionen Firmen in den USA

- 13 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
7/5/52

Die "Arbeiterhochschulen" der CIO-Gewerkschaft
"Taylorismus" und "Mayoismus"
Die Entwicklung der amerikanischen Betriebsverhai tnisse
Vom Abfall zum wichtigen Rohstoff - Die Rinde
der Douglas-Tanne
Die Badeanstalt in der Aktentasche

14/5/52

*

Aktivierung der innerbetrieblichen Reserven bei
der Dortmund-Hörder Hüttenunion A.C.

*

Wallstreet zwischen 1792 und 1952
Die New Yorker Börse feiert ihren 160. Geburtstag
Wie groß wird das Defizit im amerikanischen Staatshaushalt?
Die Bedeutung des Abzahlungsgeschäftes und der
Kreditbüros im amerikanischen Wirtschaftsleben
Was erwartet den deutschen Einwanderer in den USA?
Arbeitsmarkt und Verdienstmöglichkeiten
X-2 verdoppelt Haltbarkeit von Kunstseide
Veredelte Baumwolle mit Eigenschaften synthetischer Fasern

21/5/52

So arbeitet die "Wall Street"
Ein Interview mit dem deutschen Handelsattache
in New York
Ausbau von Erzbergwerken im In- und Ausland
Steigender Brennstoffverbrauch in der ganzen Welt
Überblick über die Weltenergieversorgung 1929-1950
Arbeitsfrieden ohne Gesetzgeber und Richter
Die freiwilligen Abmachungen der US-Gewerkschaften
zur Eindämmung der StreiKgefahr
Weibliche Halbtags- und Stundenarbeit in den USA
Das Problem der Morphinsynthese
Billiges Kohlehydrierverfahren

28/5/52

*

"Das Herz des Viertakters schlägt in Detroit"
Die ^'ordwerke - die größte Industrieanlage der Welt
Der "Fall" Giannini
Federal Reserve Board gegen Monopolisierungstendenzen im Bankwesen
- 14 -

�* WIRTSCHAFT UND ARBEIT
28/5/52

Weltfilmproduktion im Spiegel der

etzten 20 Jahre

Neue Farben mit Titanpigmenten - Synthetische
Edelsteine aus Farbpigmenten
Was erwartet den deutschen Einwanderer in den USA?
Der US-Arbeitsmarkt bis 1953
Arbeitsbedingungen in der amerikanischen Landwirtschaft
Atombatterie
Feuerlöscher im Benzintank
* * * * *

11/6/52

Die Rolle der Aktiengesellschaften in der US-Wirtschaft
Die deutsche Wissenschaft stand Pate
Amerikas Chemische Industrie "entdeckte" die Kohlehydrierung
Die Aufga en der Weltbank im Jahre 1952
Serie "Was erwartet den deutschen Einwanderer in
den USA9"
Die Verhältnisse in der amerikanischen Schuhindustrie
Die amerikanische Negerbevölkerung holt auf
1 0 000 Zeichen/sec mit dem "Charactron"
Hochwertige Treibstoffe durch neues Raffinationsverfahren
Kalt-Polybutadien
Schrumpffeste Kunstseide

18/6/52

*

Technische Planung nach neuartiger Methode
Kaiser-Frazer spart Arbeitsstunden und Personal
Fünf Jahre Taft-Hartley-Gesetz
Westdeutschland im Mittelpunkt der Toronto-Messe
Wieviel kostet ein Kilo Film?
UNESCO im Kampf gegen die künstlichen Kulturschranken
Die Gewerkschaften am Kreuzweg
Wandlung vom Arbeiterscnutzverband zum wirtschaftlichen Kontrollorgan?
Feuersichere Wolle

- 15 -

�"WIRTSCHAFT UND ARBEIT
18/6/52

Alkohol aus Holzabfällen
F!ugzeugtreibstoffe mit hoher Verbrennungstemperatur
Pia: tisches Fernsehen

25/6/52

*

Deutschland fragt - Amerika antwortet Der Technologische Informationsdienst des RKW

*

Amerikanische Flugzeugprod; ktion rollt
Der amerikanische "Kapitalismus" im Spiegel neuer
Wirtschaftsthe rien
Weltre'sernte auf Vorjahrshöhe
Ameri anischer "union-shop" und deutsches Mitbestimmungsrecht
Der Feuerlöscher in der Handtasche
Der perfekte

alzstreuer

Schallplatte als Sparschwein
"Walkie-lookie1
* * * * * *

IXm LANDWIRTSCHAFT
April 19i2

Neues Verfahren der "Herstellung"' von Süßwasser
aus Meerwasser
Neue Luzernes rte gibt gute Weidu - Die Bewährung
der Nomad-L zerne
*

Experimente mi

präparierten Rüben- und Gemüsesam n

Die Nahrungsmittelreserven der Welt liegen im Ozean
Das Notizbuch des Bauern
Aufzeichnung n ersparen Arbeit un

Ärger

Landwirtschaftliches Produktionsprogramm Amerikas
für 1952
53 Millionen Truthühner
Eierproduktion in den USA
* * * * * *

- 16 -

�i

* LANDWIRTSCHAFT
Mai 1952

Das internationale Weizenabkommen
Queckentöterin Trespe
*

Das Geld wächst auf der Wiese
Salz für die Milchkuh
Amerikanische Plugzeuge gegen Heuschrecken im
Mittleren Osten
Neue Geräte zur Düngerverteilung
Pasteurisieren von Eiern
Amerikanische Jungfarmer besuchen Europa
* * * * * *

Juni 1952 *

Riesenfußball mitten im Urwald
Ein Wald wird in Stunden gerodet
Fliegenbekämpfung mit chemischen Mitteln

*
*

Erfahrungen mit künstlicher Befruchtung
Kleine Mäuse - Große Geschäfte
Chinchilla-Zucht in Kalifornien
Insektenvertilgungsmittel fördern Pflanzenwachstum
Die Verteilung der Traktoren in den Ländern
der Welt
Amerikanische Parmjugend in Westdeutschland
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 17 -

�A M E R I K A

D I E N S T

f~^

^UJLZT

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTSNHATERIAL UND ARTIKEL
DES »AMERIKA DIENST»
vom 1. Juli 19t?2 - 2o.September 1952.

Seite
1

1.) ALLGEMEINES
2.) SONDERBEILAGEN

5

% ) FÜR DIE FRAU

6

4.) FÜR DIE J1NS1I)

8

5.) GEISTIGES LEBEN

9

6.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

lo

7.) LANDWIRTSCHAFT

15

* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der »AMERIKA DIENST»
kostenlos Bildmaterial

�1) ALLGEMEINES
2/7/52

4/7/52

11/7/52

16/7/52

Philadelphia - Schrein der amerikanischen
Freiheit
Wissenschaftler entwickeln neue
Ratten-Vernichtungsmittel
Osteuropa hinter Stacheldraht
Zu dem Buch "Eroberung durch Terror"
r'on Leland Stowe
* Die gestörte Kurzwelle
Beobachtungen der Sonnenaktivität durch ein weltumspannendes Netz von Observatorien
* Nordamerikas älteste Siedlung
Das 800 Jahre alte Old Oraibi in der Reservation
der Hopi-Indianer
Geheimnisvoller Pazifik
Wissenschaftliche Expedition in die Tiefen des
Pazifischen Ozeans
Zehn Ereignisse machten Geschichte
Die für die Entwicklung der USA wichtigsten
Ereignisse
* Großhändler in Fliegenden Bananen
Erfolgreicher•amerikanischer Hubschrauber-Konstrukteur
Das Chamäleon würde blaß vor Neid
Verblüffende Farbänderungen bei Fischen
*
*

18/7/52

*

Indianer, Mexikaner,, Amerikaner
Von Oliver La Farge, dem Verfasser des bekannten
Indianerromans "Der große Nachtgesang"
PVP als Blutplasma-Ersatz
Menschen an der Schwelle des Weltraums
Ich war Volontär bei der UN
Studenten aus aller Welt lernen die UN durch
praktische Arbeit aus eigener Anschauung kennen
Die Negerpresse in den USA

23/7/52

New York braucht billige Wohnungen
Die Vereinigten Staaten von Europa in amerikanischer
Perspektive
Neue Hoffnung für Geisteskranke
Erfolge mit chemischer Schocktherapie

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

�ALLGEMEINES

n/1/52
6/JÖ/52

Sozialversicherung für Selbständige
# # # Tt *

*

Zwischen Tiefsee und Dschungel
Zum 75» Geburtstag von William Beebe
Cleveland —

Amerika en miniature

Das billige gute Buch
Heue Tierteljahrea-Pocket-Book-Serie
*New World Writing*
Rockefellerstiftung verteilte im 2»Quartal
1952 zehn Millionen Dollar
Die Klima-Anlage im menschlichen Körper

8/8/52

Würstchenbude bringt Millionenkapital
USA. - Die Permanente Revolution
Buchbesprechung einer kürzlich in Deutsch
erschienenen selbstkritischen Analyse der USA
13/8/52

*

Die Trommeln rufen zum Pow-Wow
Das Treffen der nordamerikanischen Indianer
in öallup
Was ist Blindheit?
TU nimmt sich Lösung; der Blinden-Probleme an
Die amerikanischen

Universitätsverlage

Tosemite Talley - Das Ferien-Paradies
in der Sierra Nevada

15/8/52

Das Ende einer Revolution! Klassen im
•klassenlosen'1 Staat der UdSSR
Aufführung von Johann Strauss* »Sine Nacht in
Venedig* im Freilichttheater von Jones Beaoh
in New Xork
Nationaltheater ohne Subventionen
Rolle der ANTA (American National Theatre and
Academy) im amerikanischen Theaterleben

2o/8/52

Die Forstwirtschaft in den USA
Eine Stadt ist zu vermieten
Privatunternehmer baut Stadt für 7o ooo Einwohner
22/8/52

*

Wyoming - der Staat auf dem Berg

*

Der Tater des amerikanischen realistischen Romana
leben und Werk Theodore Dreisers

- 2

�22/Ö/52

*Haben wir Zeit, ein Taxi zu nehmen?*
Bas Terkehrsproblem der amerikanischen Großstädte und Vorschläge zu seiner Lösung

27/8/52

Methode zur Konservierung *lebender"Bautstttcke
Luftbrücke über den Pazifik
Naoh Korea aind zu jeder Stunde loo Transportflugzeuge; der KULTS unterwegs
Gruß an Trossingen
Amerikanische Stimme zur 5oo—Jahrfeier der
Mundharmonika-Stadt
LABOR DAX - Tag der Besinnung und der Mahnung

29/8/52

Die staatliche Druckerei der USA.
lex Feldzug gegen das Analphabetentum
UNESCO bildet in aller Welt »Missionare in
Wort und Schrift* aus
Das internationale Netz der Höhenforschung
Hochgebirgslaboratorien im Dienste naturwissenschaftlicher Forschung
* * * # *

3/9/52

*

New Orleans - ein Welthandelsplatz
Yollinvalide mit Beruf und Lebensziel
Aus der Arbeit des Mew Torker Instituts für
Physikalische Medizin
Zur Ökonomie des Lesens
Winke für den, der mit seiner Lektüre
"nicht durchkommt*

5/9/52

*

Garl Schürzt Unbeirrbarer Rebell der Freiheit

*

Das Weiße Saus im Wandel der Jahrhunderte

*

lo/9/52

• • . Und wieder fallen alle Zehne
Kein Sport in den USA hat so viele aktive
Anhänger wie das Kegeln
1H0 gegen Krankheit und Seuchen
Europa und das Technische Hilfsprogramm der
Weltgesundheitsorganisation.
Idean muß manrhaben
Deutscher_Sehneidermeister wird in USA angesehener business man
Die Mohawka von Brooklyn
4 000 Mohawk-Indianer arbeiten bei Stahlbaufirmen
in Brooklyn

�ALLGEMEINES
Für Hilfsbereitschaft und Fairness
Aus der Tätigkeit der vier großen amerikanischen Clubs Rotary, Kiwanis, Lions und
Exchange

lo/9/52

12/9/52

*

Der Selfmademan, der Plugwege baut
Die rollende Blutbank
Eisenbahnspezialwagen hilft in der großen
Blutspendeaktion
Sinnesorgane und ihre Fehler
Musikalität und verfeinerter Geschmackssinn
sind von Genen abhängig
Hie unsichtbaren Mörder
über die Erforschung der Pflanzenviren versucht
man die Erreger der menschlichen Tirenerkrankungen der medizinischen Kontrolle zu unterwerfen

17/9/52

Onkel Toms VersieherungsgeSeilschaft
Charles Spaulding, ein Pionier des zwanzigsten
Jahrhunderts
Khigge ex cathedra
Amerikanische Eochschulen machen ausländische
Studenten mit den Gewohnheiten des Landes vertraut
Hemingways neues Werk *The old Man and the Sea*
Universität unter dem Polarkreis
Alaska, Land mit der großen Zukunft

19/9/52

Lärmbekämpfung erhöht Produktivität
Erfahrungen eines amerikanischen Industriewerkes
Anonym« Größe
Her Bildhauer James Earle Praser
Kabeljau auf der Börse
H e Pisch-Börse von Boston

24/9/52

Brücken zwischen Kontinenten
Aufgaben der Amerikat-Häuser in der Welt
34o Millionen Tolt gegen Krebsgeschwüre und
Materialfehler
Hollywood dreht ^Joe-Louis-Pilm1"
26/9/52

*

Herzen unter dem Messer
Methoden und Möglichkeiten der Thorax-Chirurgie
In der größten Baumwollspinnerei der USA

- 4 -

�26/9/52

*

Der *Supreme Court", Amerikas höchste richterliche Gewalt
* * * *

*

2) SdSDBRBBILAGEH
2/7/52

Wir werden in Berlin "bleiben
Berliner Rede dea "US-Außenministers Dean Aoheson
Tom 29o6.1952

4/7/52

AMERIKA WÄHLT (VI)
Wie wird man Kandidatt
Form, Aufgabe und Durchführung der nationalen
Parteikonvente der.USA.

11/1/$ 2

Das neue China Mao l'se-tungs - eine totale
Despotie
Leitartikel der "Times of India" vom 2.Juli 1952

18/7/52

"Jaran glaube ich" ?!
Menschliche Bekenntnisse amerikanischer Persönlichkeiten zu Anstand, Würde, Gerechtigkeit
und Freiheit
John Steinbeck antwortet einem Kommunisten
Brief des amerikanischen Schriftstellers an den
kommunistischen italienischen Schriftsteller
Ezio lad de i

23/7/52

*

"Daran glaube ich" (II)
Bekenntnisse amerikanischer Persönlichkeiten
ZXL Anstand, Würde, Gerechtigkeit und Preiheit
•

»

»

*

»

*

6/8/52

"AMERIKA" - ein Dorn im Auge der Sowjets
Zur Einstellung des Erscheinens der russischsprachigen amerikanischen Monatszeitschrift
"Amerika" im Bereich der Sowjetunion

27/8/52

Erklärung Präsident Trumamzum amerikanischen
Peiertag der Arbeit (1.9.52)
LABOR DAT 1952
Ton Maurice J.Iobin, Arbeitsminister der USA
*

* * * *

�SOfflQEBBEIIAGEK
12/9/52

Amerika wählt (VII)
Die große Bewährungsprobe
Wahlkampf um die US-Präsidentsehaft ist in
vollem Gange

17/9/52

Dean Acheson zur weitpolitischen läge (11.9.52)

19/9/52

Das Erbe Carl Schurz'
Bede des amerikanischen Hochkommissars
Walter J.Bonnelly in der Frankfurter Paulakircha (17.9.52)
* * * * *

3) ARTIKEL FÜR DIE FRAU
9/7/52

*

Die Welt erlebt mit nur drei Sinnen (I)
Ton Helen Keller
Ernst zu nehmende Backfische
Psychologin weist nach, daß die junge Amerikanerin von heute ausgesprochen verantwortungsbewußter Mensch ist
Die ganze Welt wartet
Das Tagebuch der 13-jährigen Anne Frank
Unbeschwerte SchwangerSchaftswochen
Internationales Stipendium für Frauen
33 Ländern

23/7/52

aus

x

^

Gleiches Recht für die Frau
Eine Round-Table-Diskusaion der Universität
von Chicago über die sich ständig wandelnde
Rolle der Frau in den USA.
Die Welt erlebt mit nur drei Sinnen (II)
Ton Helen Keller
Das redselige Geschlecht
Wer ist redseliger, Mann oder Frau?
Pflanzen- oder gemischte Kost?
Forschungsergebnisse zu einer alten Streitfrage
Schülerin aus Bayern
dem Akkordeon

erobert- Amerika mit

Eierschalen nicht wegwerfen
* * * * *

- 6-

�ARTIKEL PUR DIE FRAU
13/8/52:
Das einsame Land der schwerhörigen Kinder
*

Variationen iil&amp;er ein Thema, in Stoff
Ans der Arbeit amerikanischer Modeschöpfer
Die Frau» Reserve des amerikanischen Arbeitsmarkt es
Inte rnationaler Kinderhilfafomda setzt Arbeit fort
Salfclos braucht nicht geschmacklos zu sein

2.7/8/52

*Die amerikanischen Frauen könnten den Präsidenten wählen ...*
Der politische.Einfluß der amerikanischen Frau.
Das begabte Kind
Aufgaben, die außergewöhnlich begabte Kinder
Eltern und Lehrern stellen
Atome in der Küche
Radioaktive Substanzen kommen Nahrungsmitteln
zugute
Indiskretionen über die kommende Herbstmode
Sinn für Humor gehört zur glücklichen Ehe
Karl au Anderson filmt
Die verborgene Blums
Ein neuer Roman Pearl S. Rucks
*

10/9/52

* * * *

Die Wunderbare Wirkung der Spieltherapie
Schwer erziehbare Kinder spielen sich von ihren
Komplexen frei
*

Ihre Exzellenz, die Frau Botschafter
Eugenie Anderson,US-Botschafterin in Dänemark

*

Tierkinder erziehen Menschenkinder
Kinder entwickeln Verantwortungsgefühl,Fürsorglichkeit beim Spielen mit jungen Tieren
Nebenlinie der Modet Der Sweater
Sag niemals »immer*
Ratschläge für eine gute Ehe
Studium - die beste Mitgift

24/9/52

*

Gespräch mit Marian Anderson

*

Kinderspielplätze - Paradiea der New Torker Kinder
Waschtag ohne Schrecken

�ARTIKEL FÜR VIR FBAU
24/9/52

Neues Antibioticum

gegen Akne

Wohlriechende: Farben ttschmecken^besaer
Forschungsergebnisse einer chemischen Versuchsanstalt
Frauenclubs planen Veitreise zur Hebung; &lt;ies
Seme ins chaf t sgedankens
* * * * *

4) JUSEEB
Juli 1952

Lebende Fossilien im Schatten der Wolkenkratzer
Chemiker - ein Beruf mit Zukunft
Schwere Musik leicht gemacht
M e New Torker Philharmoniker bereiten wieder
Konzerte für Kinder und Jugendliche vor
Unter dem Schlamm der Sintflut
Ausgrabungen im Delta des Enphrat und ÜÜgris
Yor der Wissenschaft steht der Mensch
Erfahrungen eines Austauschstudenten in den USA
* * * * * *

August 1952 * Bronco Charlie
Der letzte Postreiter aus dem Wilden Westen
"Der Streik schadet den Blumen*
Stuart Jackson, ein neunjähriger Zeitungsverleger
75 Jahre "Konservierter Schall*
Von Kdisons. phonographischer Walze zum
Magne t ephonb an d
Geheimnis der fliegenden Monarchen
Wissenschaftler versuchen das ©eheimnis des Wanderflugs eines Schmetterlings zu enträtseln
Schwarze Kiesel für die UN
Bin einzigartiges; Gr.eschenk der Insel Ihodos
*

* * * *

�September 1952

Der leichtsinnige Urachjäger
Eine. Ihdianererzählung
*Eie pjferde stehlende Katze von Oregon*
Im amerikanischen Westen sind auf Pumas
Kopfpreise ausgesetzt
•Jungferninseln* mit buntbewegter Vergangenheit
Seeräuber und Zuckerrohrpflanzer traten
Kolumbus' Erbe an
Himmelsfeuerwehr im Urwald
Todesmutige Bauchspringer ersticken Waldbrände im Keime
* * * * *

5) «5I8TISBS LEBEN
Juli

1952

Menottis Einfluß auf die moderne amerikanische Opernbühne
Mary Gassatt - Malerin der Mutter und Kinder
Eegistrierte Sehirnwellen
über Erfahrungen mit Elektroencephalographen
Erzieherische Formung der Gesamtpersönlichkeit
Die landwirtschaftliche Kochschule von
Michigan
Offener Brief TTpton Sinclairs an Joseph Stalin
Deutsche Chorstühle im Metropolitan Museum
* * * * *

August 1952

Kind und Kultur
über das Hauptwerk des Kinderspezialisten
Er« med« Er.phil. Arnold. Gesell, das in
deutscher.Sprache erschien
Wort, Müsi^j Geräusche
Erfolgreiches Fest moderner schöpferischer
Kunst an der Erandeis-TIhiversität
Genialität und Disziplin
Ben Stahl fand Synthese zwischen den künstlerischen und praktischen Werten der Malerei
und Graphik
- 9 -

�GEISTIGES LBBüiN
August

1952

Beutsehe Bandesrepüblik nimmt am
Fulbright-Prograinm "teil
25o deutsche Studenten und Bozenten werden
ab 1953 jährlich im lahmen des Fulbrightr-Austausehprogramms in den USA. studieren
# * * * *

September 1952

*

"Weg von den farblosen Aufsätzen*
T Gilbert G'rosvenor und sein "National
Geographie Magazine*

*

Sinclair Lewis:1 letzte Tage
Ton Alexander Manson, dem Privatsekretär
des amerikanischen Bichters
OoHenry - der "Entdecker"' Hew Xorks
William Sydney Porter, der unter dem
Pseudonym 0»Henry Weltrühm erlangte
Bas Traumhaus von Peterb.orough
Im Haus der greisen Mäzenin Marian MacBowell
schrieb Thorton Wilder ttBie Brücke von
San Luis.Key*
Beutsehe lucherfolge in den USA
* : &lt; * * * *

6] WIRTSCHAFT UND ARBEIT
2/7/52

*

Betroiter Zukunftsmusik

*

Herrscher über Milliarden Kilowatt
Bie "Bonrarille Power Administration"1 verfügt über die größten Staudämme der.Welt
Bars hatte eine Idee
Deutsche Eln-Mann-Niederlassung überwindet
internationale lohstoffkontrollen
Kunststoffe haben eine große Zukunft
Gewerkschaftliche Selbstkontrolle in den USA
Reform des Arbeiterbildungswerks in einer
US-Gewerkschaft
Zweirädriger Eisenbahnwagen
"Synchro—TapeH: - ein neues Magneto phonband

- lo -

�WÜHSOHAKL UND AHBSIf
9/7/52

Erdöl in Nordalaska
Rationelleres Metallformua&lt;gpverfahren durch
Metallpulver
Bergbau ohne Bergleute
Heißwasser zur Schwefel- und Salzgewinnung,
Kohl«verbrennung unter Tage, Leichtmetall aui
dem Ozean
USA-Gewerkschaften und politische Wahlen
Die amerikanischen Arbeitnehmerverbände als
politischer Faktor
Präzisionsuhr ohne Steine

16/7/52

Auch Amerikas Zeitungen haben ihre Sorgen
Ißfc-Wirtschaft trotz Stahlstreik stabil
Gewinnbeteiligungs- und Pensionspläne in der
US-Privatindustrie
Größere soziale Sicherheit durch Initiative der
Unternehmer
Warum arbeitet die Amerikanerin?
Die Universitäten dringen ins Volk
Mangangewinnung aus Hochofenschlacke
•

6/8/52

# * • •

Der Prosperitätswall gegen den. Kommunismus
Das amerikanische Hilfeprogramm für Ostasien
zeitigt erste Erfolge
Lebt der Amerikaner besser als wir?
. Auf je 4 Arbeitnehmer 5 Aktionäre
Die großen Industrieunternehmen der USA in
Zahlen gesehen
Die 8 Gebote des sozialen Friedens
Ursachen der innerbetrieblichen Spannungen
Kaffeemaschine mit Wählseheibe
Magnetpumpe für flüssige Metalle
Metalle freischwebend geschmolzen

11 -

�WIRTSCHAFT UJSD ARBEIT
13/8/52

*

Tradition und Fortschritt verbinden sich bei
Soennecken
Anzüge aus Erdöl - völlig knitterfrei
•Chemische* Textilindustrie auf dem Tormarsch
Wer besitzt die amerikanische Industrie?
Die Masse der Aktien befindet sich in der
Band von Kleinaktionären
Ungewöhnliche Metalle in der modernen Industrie
"Union Shop* mit neuem Akzent
"Motor der Zukunft*
225-Megahertz-Transi stören
HoQhspannungs-Trockengleichriehter

2o/8/52

Leistungsfähiger - schneller - billiger
Bin alter Kraftfahrer zieht Bilanz
Das Fernsehen erobert den amerikanischen
Kontinent
Amerikas Wirtschaft zur Jahresmitte
Trotz Stahlstreik normale Entwicklung
Der ideale Lebensmittelladen der Zukunft
Die strukturellen Veränderungen in der
amerikanischen Textilindustrie
Kunstharzbeton mit doppelter Festigkeit
Fertigbetonplatten für Industrie und Wohnungsbauten

27/8/52

Zur Stärkung der freien Welt
Das neue KSA-Gesetz konzentriert die amerikanische Wirtschaftshilfe
Werkzeugmaschinenfabrik »Till Märkte zurückerobern
Die USA sind eine Billion Dollar wert
tiberblick über das amerikanische Volksvermögen
Zwischen Scylla und Charybdis.
Die Frage der Preispolitik in dem USA
Sin Haus aus Stroh
Die gleitende Lohnskala in den. Vereinigten
Staaten

- 12 -

�WIFTSCHAFT UND ARBEIT
27/8/52
Die "sprechende" Fahrbahn
Neue Gummifarben mit überragenden Eigenschaften
Neues Hochleistungskabel
Die Gewerkschaften als Hüter des Lebensstandards
*

3/9/52

* * * *

Man sagt Merck und meint Medizin
Väterliche Tradition und eigene Initiative
schufen ein bedeutendes Industrieunternehmen
in der Neuen Welt
Die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1975
Wie amerikanische Volkswirtschaftler die wirtschaftliche Entwicklung der USA in den nächsten
25 Jahren sehen
Titanerzeugung soll durch staatliche Hilfe
forciert werden
US-Gewerkschaften als potentieller Wahlblock
Neuerungen in der Meßtechnik
Apothekerwaage mit 1/10 Milligramm Genauigkeit
Microgasometer

10/9/52

Compax PH-Messer
Minot Rotary Microtome
Strontium 90 als Dickenmesser
Die Türkei löst ihre Verkehrsprobleme
Amerikanische Autos erhalten ein neues Gewand
Baisse am amerikanischen Wollmarkt
Radar für den Flughafen
Weltpolitik als Thema der Erwachsenenbildung
"Musterbetrieb" der amerikanischen Textilindustrie
Aluminiumüberzüge nach neuem Tauchverfahren

- 13

�WISH5QHAPT UHB ARBEIT
17/9/52

Das Scrjnalfilmprogramm der MSA unterstützt die
Bestrebungen der deutschen Produktivitätsaktion
4oQ-BH 11 ionen—Do 11 ar-AJ.umIni.uHBV erk in Alaska
Manganerzeugung soll durch staatliche Subventionen erhöht werden
Deutsche Maschinen für amerikanisches Aluminiumwerk
Wie kaufe ich einen gebrauchten Wagen? (I)
Streikfrage und Gewerkschaftsmonopol in
den USA
Frauen

im amerikanischen

Plugzeugbau

Einkommen der Ärzte,Rechtsanwälte und Zahnärzte in den "USA
Neue "Wunderfaser" widersteht 1 4oo Grad Celsius
Penicillinpräparat gegen Gelenkrheuma
BAL gagen Hauterkrankungen
Cortison gegen Haarausfall
24/9/52

Hollywoods Pilmproduzenten in der Zwickmühle
Selbstbedienung bei Woolworth
Steht eine nochmalige Erhöhung der Aluminiumkapazität bevor?
Wie kaufe ich einen gebrauchten Wagen? (II)
Gewerkschaftliche "Tachhoehschule* in den USA
Die I1GWU besehreitet neue Wege im Arbeiter-,
bildungswerk
Farbfernsehen jetzt technisch durchführbar
Marisilid gegen TBC

* * * * *

- 14 -

�7) LASMIRTSCHAFT
August

1952

Internationale Abwehrmaßnahmen gegen die
Bang*sehe Krankheit
G'afi-Schutzhülle für Obst und Gemüse
Versand von frischem Gbst und Gemüse ohne
Kühlung
Klima-Kalender für Bauern und Gärtner
Amerikanischer Klimaforscher errechnet
Waohstumseinheiten für Hutzpflanzen
Ein Pionier des ITeizenbaues
Einkommensverhältnisae in der amerikanischen
Landwirtschaft
Hormone gegen Sterilität
* * * * *

September 1952

Bodenbeschaffenheit und menschliche Exnährung
Ein ungewöhnliches Geschenk
Die Universität von Missouri erhält 4ie
Guernae^Zuchtviehherde mitsamt Liegenschaften als Geschenk
Viehfutter waggonweise aus dem Labor
Schwefel in Landwirtschaft und Industrie
Ein neues Vitamin-A-Präparat
Rekordernten aus Hydrokulturanlagen
Interessantes für den Bauern

* * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der »AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

- 15 -

�A M E R I K A

D I E N S T

W V

VVMA-

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL
DES "AMERIKA DIENST"
vom 1. Oktober 1952 «- 31 • D.esember 1952

Seite

1.) ALLGEMEINES

1

2.)

SONDERBEILAGEN

5

3.)

PUR DIE FRAU

5

4.)

EUR DIE JUGEND

7

5.)

GEISTIGES LEBEN

8

6.)

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

9

7.) LANDWIRTSCHAFT

12
* * * * »

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial

�1) ALLGEMEINES
1/10/52 * Cape Cod, der historische "Landungssteg" Amerikas
Der Mann am Ton-Steuer Die physikalische Technik kommt den Musikfreunden
vor den Lautsprechern zu Hilfe
* Er war ein unzeitgemäß glücklicher Mensch Zum Tode des Dichterphilosophen George Santayana
Aus dem Kraftfahrwesen der USA Ermäßigte Versicherungsprämien für unfallfreies Fahren
3/10/52
Die amerikanische Handelsflotte Zwei neue Typen von 10 C00 BRT-Handelsschiffen
Völker sprechen miteinander Auslandische Studenten an der Universität von Ohio
Hollywoods Talentsucher mit neuer Mission
8/10/52 * An der Pforte des Düsenzeitalters
Die neue Theatersaison am Broadway
Nur für starke Nerven Der neue dreidimensionale Tonfilm "CINERAMA" in
New York angelaufen
* Es gibt nicht Freund noch Feind Über alle Grenzen hinweg betreiben die Quäker ihr
stilles Werk der Nächstenliebe
10/10/52
USA und Montan-Union
* Das neue Thule Amerika baut Flugplätze in der Arktis
Industrieforschungsinstitut untersucht nationalökonomische Verhältnisse
Trygve Lie zum 24. Oktober 1952, dem Tag der
15/10/52
UN-Sonder- Vereinten Nationen
ausgabe
Vermitteln - Verhandeln - Versöhnen Sieben Jahre UN-Charta
Die Bank der UN und ihre Aufgaben Weltbank und Internationaler Währungsfonds
Aus der Tätigkeit des Wirtschafts- und Sozialrates
der Vereinten Nationen
Aus der Arbeit der Vereinten Nationen im Jahre 1952
15/10/52 * Schiffsmuseum in "Lebensgröße" im historischen Hafen
von Mystic
Augenzeuge einer Apokalypse Arthur Köstlers erster Band seiner Autobiographie
* Episoden aus dem Verhandlungszelt von Panmunjom
17/10/52
Limit: sechs Weltsprachen Zwei französische Sprachforscher weisen einen neuen
Weg aus dem Sprachenbabel unserer Welt
Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial
- 1 -

�ALLGEMEINES
17/10/52 * Auf zwei Quadratkilometer ein Mensch Nevada lebt vom Fremdenverkehr und Bergbau
Sprechstunde für Blattläuse Naturwissenschaftler nutzen Mikroben, um
Pflanzenseuchen zu bekämpfen
22/10/52 * Sorgloses Alter in der Blumenkolonie Stiftung des Staates New Jersey schenkt alten
Leuten eigene Siedlungskolonie
* Pracht per Luftexpreß
Kleine Tempel echter Filmkunst
24/10/52
UN-Haushaltplan für 1953
Man ist so alt wie seine Arterien Durchblutung bestimmt die körperliche Verfassung eines Menschen
* Die Kunst, öl zu bohren
Im größten Tierspital der Welt Aus der Arbeit des Angell-Memorial-Hospitals
in Boston
29/10/52
Probleme der UN-Vollversammlung Die 7. Vollversammlung, die neue Bewährungsprobe der großen internationalen Organisation
* Büffelhäute und Känguruhleder Ein Blick auf die amerikanische Lederindustrie
Fremdsprachenunterricht von acht Jahren an Die Yale-Universität untersucht ein vieldiskutiertes Unterrichtsproblem
* Beseelte Drahtgestelle Sandy Calder, einer der eigenwilligsten Bildhauer Amerikas
31/10/52 * Boston - Keimzelle der USA Die historische und kulturelle Bedeutung der Haupt
stadt des amerikanischen Bundesstaates Massachusetts
"Große Bücher der westlichen Welt" Der Verlag der "Encyclopedia Britannica" in
Chikago gibt Jetzt in 54 Bänden die "Großen
Bücher der westlichen Welt" heraus
Moderner amerikanischer Gebrauchs-Stil
Der Dichter und sein Lektor Die Geschichte der Freundschaft zwischen Thomas
Wolfe und seinem Verlagslektor Maxwell Perkins
* Herve J. L'Heureux Der neue rangälteste amerikanische Generalkonsul
in Deutschland
* * * * *
5/11/52
Pflugscharen statt Schwerter Zur einjährigen Arbeit der UN-Abrüstungskommission
Die Kohlenpipeline im Pittsburgher Revier
Erste Hilfe für Geigen und Trompeten Die Vereinigung amerikanischer Musikgesellschaften
unterstützt Musiker in kriegsgeschädigten Ländern
- 2 -

�INES
7/11/52 * Die Korbmacherinnen von Arizona Nach uralten Vorlagen flechten die Eingeborenenfrauen der Indianerstämme Arizonas ihre formschönen
und bunten Körbe
Die Luxusvilla des Sowjetdelegierten bei den
Vereinten Nationen auf Long Island
Rost nagt an der Zivilisation Forschungsinstitute der USA führen scharfen Kampf
gegen Metallkorrosion.
* Tampa, an der Westküste Floridas gelegen, ist
Industriezentrum, Kurort und Welthafen zugleich
Langsamfahren - keine Garantie gegen Unfälle
"Er war still und immer voller Güte..." Besprechung der Einsteinbiographie aus Bela
Kornitzers neuem Band "Amerikanische Väter und Söhne"
U/11/52
Die Viehzucht in den USA
Der Vulkanausbruch auf San Benedicto
Bibel bricht Verkaufsrekorde
19/11/52 * Charleston ist eine der schönsten und eigenartigsten
Städte des amerikanischen Südens
Walt Disney: Auch ein Kulturfilm muß unterhalten
Das elektronische Gedächtnis
Im Zeichen der Roten Feder Sammelfeldzug füllt die Wohlfahrtskassen der Gemeinden
21/11/52 * Die Spanisch-Moos-Sammler von Louisiana
Spielzeugangebot wie noch nie
* Die Brezellegende
* Amerika und sein Truthahn
26/11/52
Millionengeschäfte mit Ruß
* Wie ich Schachmeister wurde von Larry Evans, dem 19jährigen amerikanischen
Schachmeister
Musik lehren heißt Menschen erziehen
28/11/52 * Hurrikan-Flieger über der karibischen See
Die Räucherkammer der USA Smithfield in Virginia ist durch seinen Schinken
bei den Feinschmeckern der ganzen Welt ein Begriff geworden
Den Erzfeind hegen und pflegen... Analyse der gegenwärtigen russischen Haß-Kampagne
gegen die USA und der Ziele und Formen der Sowjetpropaganda überhaupt
Schwester Kenny Die um die Bekämpfung der Spinalen Kinderlähmung
verdiente Krankenschwester
* * * * *

�ALLGEMEINES
3/12/52

*
5/12/52

*

10/12/52

*
*
*

12/12/52

*
*

17/12/52

*

19/12/52

*
*
*

Menschenrechte - eine Verpflichtung
Am 10. Dezember 1948 wurde in Paria die "Allgemeingültige Erklärung der Menschenrechte" von der UNVollversammlung unterzeichnet
Regen ohne Risiko - Die künstliche Auslösung von Regen
Wisconsin - Milch, Käse und sozialer Portschritt
Weihnachtsbäume - Ein Weihnachtsrundbrief von Robert
Frost
Weihnachtsbräuche in den USA
Geschichten um die Weihnachtskarte
In Amerikas Christbaumwäldern
Frau Weihnachtsmann von Oklahoma
22 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Tuberkulose
bfachte der vorjährige Verkauf der "Xmas-Seals"
Der Erfinder des Streptomycins • Interview des diesjährigen Trägers des Nobelpreises für Medizin, Professor Selman A. Waksman
Häuser auf Rädern - Wohnwagen-Anhänger finden eine
immer größere Gemeinde
"Laßt die Moleküle rasen..." - Ein Laie spaziert durch
das Atomlaboratorium Brookhaven
Die Erdölfarmer von Oklahoma
Produktivität eine Geisteshaltung
Aber Frauen leben länger als Männer ...
Einzelheiten über den Bevölkerungsstand der Erde
gibt die 700 Seiten starke Publikation der V.'HO
"Lebensstatistiken und Todesursachen"
Deutsche Richter im Zuschauerraum - Deutsche Juristen
finden bei amerikanischen Jugendgerichten Beispiele
väterlich - rücksichtsvoller Prozeßführung
Vom Waisenknaben zum Finanzminister - Zur 150. Wiederkehr des Geburtstages von Christopher Gustavus Memminger
Kunst und Werbung
Frauen bei der UNESCO
Kapitol: Schauplatz großer Entscheidungen - Seit 150
Jahren werden im Kapitol die wichtigsten politischen
Entscheidungen der Vereinigten Staaten getroffen
Bücher - Filme - Bilder - Foren
Die Programme und Projekte der HAMERICAN LIBRARY
ASSOCIATION"
Avenue der Botschaften - Diplomaten von 77 Nationen
leben in Washington
Andersens Märchen am Broadway
* * * * *

- 4 -

�2) SONDERBEILAGEN
3/10/52

22/10/52
31/10/52

5/11/52

7/11/52

AMERIKA WÄHLT (VIII)
Macht und Verantwortung
Bedeutung der amerikanischen Präsidentschaft als
oberste Exekutive des Landes
Rede des amerikanischen Außenministers Dean Acheson
vom 16. Oktober 1952 vor der UN-Vollversammlung in
New York
Auszüge aus der Rede des US-Außenministers Dean
Acheson vom 24. Oktober 1952 vor dem I. Politischen
Ausschuß der UN-Vollversammlung
AMERIKA WÄHLT
IX. Folge und Schluß
"Die Wahlmänner . »• stimmen durch Stimmzettel für
einen Präsidenten ..."
Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1948 und
1952 Aufschlüsselung der 531 Wahlmänner nach einzelnen Bundesstaaten.
*

*

3) ARTIKEL FÜR DIE FRAU
8/10/52

2 2/10/52

Die Frauen in den gesetzgebenden Körperschaften von
New Hampshire
UN-Organisationen sorgen für die Ausbildung von
Hebammen in asiatischen und latein-amerikanischen
Ländern
Das kleine Porträt (I)
Die Bibliotherapeutin Sadie Peterson Delaney
Geld - psychologisch betrachtet
Ergebnisse einer Reihe von Umfragen über
die Beziehungen des Menschen zum Geld
Selbstvertrauen schon in der Kinderstube
M
Good Housekeeping" - Drinnen und Draußen
Erziehung zum Staats- und Mitbürger, ein Schulfach
am Mills College in Kalifornien
Schmitz, Gnepp und Hutzelbrod
Deutsch-PennsyIvanischer Küchenzettel
Gesellschaftliches Rezeptbuch 1952
Amy Vanderbilts Ein Buch für gutes Benehmen, wie es
der Neuzeit angepaßt ist
Sie begeisterte Könige und Bürger
Annie Oakley, das scharfäugige Mädchen aus Ohio
Das kleine Porträt (II)
Doriot Antony, erste Flötistin bei den Bostoner
Symphonikern

- 5 -

�ARTIKEL!ÜR DIE *EAU
22/10/52

Die Hausfrauen-Polizistinnen von Milwaukee

5/11/52

* New Yorker Ausstellung über die Geschichte
der Suffragettenbewegung in den USA
* Wenn das Kind nicht schlafen will ...
Amerikanischer Wissenschaftler untersucht,
warum Kinder sich gegen das Zubettgehen sträuben
Das kleine Porträt (III)
Ida Hildibrand - die Freundin der Farmersfrauen
Landschaft auf Lager
Amerikanische Photographin arbeitet als
"Filmszenerie-Detektiv" für Hollywood
In 57 Staaten sind die Frauen gleichberechtigt
Bericht des UN-Generalsekretärs Trygve Lie

19/11/52

Ein Bündel Malstifte
Ein schizophrenes Kind malt sich gesund
In Schönheit verhungern
Amerikanische Ernährungs-Wissenschaftler raten
bei allen "Sehne11-Abmagerungs-Kuren" zur Vorsicht
Wandelbare Mode - Spiegelbild der Zeit
Das Bostoner Kunstmuseum zeigt zur Zeit eine
umfassende Sammlung von Kleidern aus den vergangenen 250 Jahren
Brillen sind "fashionable"
Eis-Shows im New Yorker Madison Square Garden
Über die Freiheit zur Selbstdisziplin
"Mutter-Sohn-Team" erstmals im Kongreß der USA

3/12/52

.Die natürliche Überlegenheit der Frau
Von Ashley Montagu, Direktor des anthropologischen Instituts der Rutgers-Universität
in New Brunswick
Das kleine Porträt (IV)
Gewebte Geschichtsbücher - Deutschamerikanerin
restauriert wertvolle Gobelins
Ehe der Jugendrichter eingreift •••
Erwachsenen-Forum soll gefährdete Jugendliche
vor der Bekanntschaft mit dem Gericht bewahren
Frauen in den Vereinten Nationen
Frauen übernehmen diplomatische Funktionen bei
den UN-Delegationen
Warm behütet in den Winter
Große, weiche Winterhüte in der Gunst der
Amerikanerin

�^

ARTIKEL FÜR DIE FRAU

17/12/52

* Psychologin auf eigenen Wegen
Die in Deutschland geborene Psychotherapeutin
Karen Eorney starb am 4. Dezember in New York
* Eltern sind reizend, aber ...
Amerikanische Teenagers sprechen über "elterliche" Probleme
Vati ist kein Kinderschreck
Disziplin und die Rolle des Vaters in der
Erziehung der Kinder
Das kleine Porträt (V)
Florence Chambers - Olympiamedaille und
Züchterdiplom
Das Kleid der Zukunft
Synthetische Pasern und Pasermischungen sind
eine starke Konkurrenz natürlicher Produkte
Sandwiches für festliche Stunden
•

# • * *

4) ARTIKEL FÜR DIE JUGEND

m

Oktober 1952 Der Teufel und Daniel Webster
"Mensch, ihr seid doch anständige Kerle!"
Kinder erteilen den Erwachsenen von Bloomfield
eine Lektion darin, was es heißt, Mitbürger
zu sein
* Ich breche die Blitze •••
Im Jab.e 1752 erfand Benjamin Franklin den
Blitzableiter
"Halloween" - Nacht der Hexen und Geister
Kindermummenschanz am 31. Oktober
Rennwagen aus Schrott
"Hotrod"-Rennen an den Salzseen im Staate Utah
November 1952

*

Das Kaninchen und die Brunnenwächter
Eine Tiergeschichte aus dem amerikanischen
Märchen- und Sagenschatz
Das Tagebuch einer kleinen Stadt
Fünfzehnjährige Jungen und Mädchen einer höheren
Schule schreiben ein Buch über ihre Heimatstadt
Pack die Angelrute ein •••
In den USA gibt es Millionen begeisterter junger
Angler
Mister Clark, der Büffelzüchter
Trupp 198
New Yorks blinde Pfadfinder

Dezember 1952

Die Geschichte vom kleinen Esel
Eine Weihnachtsgeschichte aus dem amerikanischen
Süden

�JUGEND
Dezember 1952

Der Schneeschuhgeist der Sierra Nevada
Ein amerikanischer Landbriefträger vollbrachte 20 Jahre lang Übermenschliches
an Entsagung und Hilfsbereitschaft
Das Wunder der gefüllten Strümpfe
Die Entstehungsgeschichte eines amerikanischen Weihnachtsbrauches
Besuch in der Spielzeugstadt
Eine kleine Weihnacht :krippe gab Anregung
für die Anlage einer selbstgebastelten
Spielzeugstadt
* * * * *

5) GEISTIGES LEBEN
Oktober 1952

*

Geigerzähler korrigieren Geschichtsbücher
Archäologen bestimmen mit Isotopenkalender
und Atomuhr das genaue Alter historischer
und prähistorischer Funde
Ostasiatische Kunstsammlungen in den USA
Neues Programm zur Veröffentlichung von
Dissertationen
Was Geschäftsleute sammeln
Eine Ausstellung privater Gemäldesammlungen
Engländer gewinnt Carnegie-Preis
Das Carnegie-Institut zeichnet den englischen
Maler Ben Nicholson aus

November 1952^ Über den wahren Humanismus
Interview mit Albert Einstein
* Der begabte Zuhörer
Von Aaron Copland
Worpswede in Florida
Sarasota, das Künstlerstädtchen am Golf
von Mexiko
Tennessee Williams in Moll und Dur
US-Außenministerium verteilt Fachbibliographie
Dezember 1952

Deutsche Maler in Amerika
Ein Menschenalter reicht nicht aus
Interview mit dem jungen amerikanischen
Dirigenten Thomas Schippers
* Die Dumbarton Oaks-Sammlung für byzantinische
Kunst
Die Pyramidentexte
Der erste Buddhistentempel der USA eingeweiht
* * * * *

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
1/10/52

*

Werkzeuge des "Management" für deutsche
Unternehmer
Amerikanische Betriebsführer berichten
deutschen Industriellen über ihre Erfahrungen
Der .Farmer wird umworben
Beide Parteien versprechen das gleiche
USA lehnen Vorschläge zur Bildung eines
neuen Gummikartells ab
Der Sender des US-Normenamtes übermittelt
Zeit-, Frequenz- und Tonsignale
Amerikanische Landarbeiterprobleme
Die nächsten 10 Jahre in der amerikanischen
Gewerkschaftspolitik
Besser und schöner als Papierwolle
Neues amerikanisches Kunstharzmaterial für
den Glaswarenversand

8/10/52

*

Im Emslandmoor geht der Mammutpflug um
Bankiers, Kredite und Kartelle
NAM-Gutachten umreißt die Möglichkeiten und
Hindernisse für ausländisches Anlagekapital
in Westdeutschland
Heilmittel für alle Welt
Amerikanische pharmazeutische Werke für den
Riesenbedarf an Medikamenten
Die Renaissance der Baumwolle
Lohnwellen und Sozialleistungen in der
amerikanischen Privatindustrie
Der Arbeiter muß das Ziel seiner Arbeit kennen
Größeres wirtschaftliches Verständnis durch
volkswirtschaftliche Fortbildungskurse
Leuchtschirm und Schattenflugzeug als
konstante Wegweiser
Cortisongewinnung vereinfacht

15/10/52

*

Erdöl verändert Landschaft und Menschen
4-5 ölgesellschaften in Nord-Dakota
Neue Riesen-Ölleitung wird Texas mit dem
Westen verbinden
Hudson in Konkurrenz mit Ford
Neuer Wagentyp in der billigen Preisklasse
Das Autovermietgeschäft nimmt ständig zu
Mode- und Textilkrise in den USA
Neuheiten auf dem amerikanischen Weihnachtsmarkt
Deriechte Mann am rechten Platz
Deutsche u»d amerikanische Produktivitätserfahrungen Verden in Berlin gezeigt

22/10/52

- 9-

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
22/10/52

Mehr Wissenschaftler in die Betriebe
Die Verteidigungsausgaben müssen erhöht werden
Erhöhung der Gesamtausgaben auf rund 250 Milliarden Dollar wahrscheinlich
Der ungekrönte König aller Sehreibutensilien
Ein Kapitel sozialer Selbstverwaltung
Die "Agreed Bills" im Staate Illinois als
Vorbild für die Sozialgesetzgebung
Flüssiger Kunststoff
"Abstossende" Farbe
Neues Schweißgerät für Nichteisenmetalle

29/10/52

Der Venezuela-Handel hat goldenen Boden
Wie man heute in Amerika baut
Gewaltiger Anstieg des luftfrachtverkehrs
Westdeutschland hat größten Anteil an der
Steigerung des Frachtvolumens
In den USA ist der Automat "Mädchen für alles"
Die russischen "Paradieslöhne" - einmal
nüchtern betrachtet
Die hundertprozentige Kunststoffwohnung

5/11/52

Industrie baut Basteln zu einem Millionengeschäft aus
Amerikanische Wirtschaftslage weiterhin stabil
Die Wandlung der Einkommenstruktur
"Autofahren" im Schulzimmer
Amerikanische Frauenarbeit und Frauenlöhne
Neues Jugend-Arbeitsschutzgesetz
Hochempfindlicher Wärmemesser
Photographiere mit Datum
Regenschirm mit Fenster

32/11/52

Betrachtung zu den deutsch-amerikanischen
Betriebsführerbesprechungen
Läden ohne Waren und Verkäufer
Ein Experiment zur Senkung der Preise und
Betriebskosten
Konkurrenzkampf auf dem Automarkt verschärft sich
Erdölwunder in der modernen Chemie
Berufswahl und höheres Schulwesen in den USA
Kleinzündanlage mit "Superfunken"
Oszillograph-Kontrollwaage für LKW

*

- 10 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/11/52

*

Amerikanisches Weihnachtsgeschäft läuft an
Neue Tongeräte mit neuen Effekten
Auf die richtige Farbe kommt es an
Amerikanische Geschäfte prüften verschiedene
Barben auf ihre "Verkaufseigenschaften"
Wandlungen im Arbeitsplatzwechsel in den USA
Neues gummiartiges Produkt mit großer Widerstandsfähigkeit
Neue Kunstgummiqualität verringert Reifenerwärmung

26/11/52

Planung und Test - Das A und 0 der
Produktivitätssteigerung
Weiterhin lebhafte Investitionstätigkeit in
der US-Industrie
Volkswagen auf US-Markt durchaus konkurrenzfähig
Technisches Spielzeug beherrscht den diesjährigen
amerikanischen Weihnachtsmarkt
Die Bedeutung der amerikanischen Gewerkschaftspresse
Koffer-Fernsehapparate mit Germanium-Transistoren
"Rechnendes" Transportband
Ungeziefer-sichere Kleidung

3/12/52

Bessere Wohnungen - Niedrigere Baukosten
MSA-Bergarbeitersiedlungen als Modelle für
den künftigen sozialen Wohnungsbau
"Werkprofessoren" - Ein Bindeglied zwischen
Hochschule und Industrie
Autobahnbau mit privaten Mitteln
Amerikas Erfahrungen mit einem internationalen
Problem
Die Kältetechnik in Dienste der modernen Industrie
"Musikkonserven" bedrohen die Existenz des
Berufsmusikers
Spuranzeiger lokalisiert Heizrohrschäden
Wasserski für Düsenflugzeuge
Düsenpropeller-Flugzeug

10/12/52

Das RKW - die Clearingstelle für technische
Erfahrungen aus aller Welt
-Liiternationales Wirtschaftstreffen der Freien
Welt 1953 in Wien
Das Zentrum der Aluminium-Industrie liegt
in Kanada und Alaska
"Glas"-Kunststoffe so hart wie Stahl
"Ferngelenkte" Handlungsreisende
"Walkie-listen" - der verlängerte Arm des Chefd
- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
10/12/52

Pharmazeutika in Kapselform
Neue Papiersorte aus Glas

17/12/52

Amerikanischer Wirtschaftsspiegel 1952
(Schaubild)
Ein Jahr der Konsolidierung
Der Dollarkreislauf (Schaubild)
Produktionsausweitung - der Schlüssel zur
Erfüllung der Verteidigungsaufgaben
Großwirtschaftsräume in Zahlen gesehen
(Schaubild)
Die Außenhandelsstruktur veränderte sich
Der amerikanische Außenhandel im Jahre 1952
(Schaubild)
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung 1952
Das Wachstum der US-Gewerkschaften (Schaubild)
* * * * *

7) LANDWIRTSCHAFT
Oktober 1952

November 1952

Dezember 1952

*

Die große Zukunft der Hybriden Formen
Große Fische im Genossenschafts-Netz
Amerikanische Fischer organisieren sich
zu Genossenschaften
Kraftfutter aus dem eigenen Betrieb
Künstliche Trocknung ermöglicht rationellere
Futterwirtschaft
Saatgutkontrolle in Texas
Neuer Trächtigkeitstest bei Kühen
US-Landwirtschaftsministerium will
Rosinenexport subventionieren
USA tauschen Weizen gegen Dünger
Der Dichter hinter dem Pflug
Louis Bromfield als Pionier der
Bodenkultivierung
Impfstoffe gegen Hühnerkrankheiten
Jede Stunde ein Ferkel
Arbeitsbericht von einer Drei-Mann-Schweinezucht in Delaware
Es geht auch ohne Melken
Kurioses Experiment amerikanischer Viehzüchter
Maßnahmen zur Hebung der Eier-Produktion
Höherer Zuckergehalt der Zuckerrüben
Zwergwuchs bei Rindern
- 12 -

�LANDWIRTSCHAFT
Dezember 1952

Hexereien mit Hirse
Colchicinpräparat beschleunigt
Zuchtauslese
Mehr Schweinefleisch - weniger Fett
Die Schweinezüchter von Ohio haben ihre
Produktion nahezu ganz auf Fleischschweine
umgestellt
Äcker schwimmen ins Meer
Experimente im Mississippital veranschaulichen, welch ungeheure Mengen von Mutterboden jährlich durch Auswaschung verloren
gehen
Buschrodung mit chemischen Mitteln
Erfahrungen mit Chlorphenoxy-Essigsäuren
Hülsenfruchtanbau seit 6000 Jahren
Ersatzstoffe für Eiweiß
Neomycin gegen Mastitis
#

*

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Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMEEIXA DIENST
kostenlos Bildmaterial

- 13 -

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ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 1

Frankfurt, 5. Januar 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Eine Erklaerung des Vereinigten Komitees fuer
Arbeitsnolitik - - - - - - - - - - - - - - - Prae3ident Truman l o b t zwei grosse amerikanische
Gewerkschaften - - - - - - - - - - - - - - - -

4

Z e i t fuer Lohnkontrollen in Amerika noch n i c h t
gekommen - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

6

Schulung der Experten des Punkt-Vier Programms

1

-

Franzoesische Studiengruppe fuer Zusammenarbeit
Gewerkschaften-Unternehmer - - - - - - - - - -

7
8

Wesen und Arbeitsweise der britischen "Anordnung
1305" - - - - - - -

- - _ - . _ - .

Gewerkschaftliche Erfolge in Neuseeland - - - - -

9
11

Zeit- und Bewegungsstudium kann westdeutsche
Produktion erhoehen - - - - - - - - - _ _ _ 12
Gewerkschaftlicher Beratungsausschuss fuer internationale Angelegenheiten - - - - - - - - - 13
Ein Jahr IBFG - - - - - - - - - - - - &gt; - - 15

EINE ERKLAERUNG DES VEREINIGTEN KOMITEES FUER ARBEITSPOLITIK
Das Vereinigte Komitee fuer Arbeitsgesetzgebung (United Labor
Policy Committee) hat dem Praesidenten der Vereinigten Staaten
folgende Erklaerung unterbreitet:
Die Gewerkschaftsbewegung Amerikas hat ein Komitee fuer Arbeitsgesetzgebung gebildet, das sich aus Vertretern der AFL, des
CIO, der Eisenbahnergewerkschaft und der Internationalen Gewerkschaft der Maschinisten zusammensetzt. Es verpflichtet sich,
die Nation und den Praesidenten in der gegenwaertigen Krise vor- 1-

�behaltlos zu unterstuetzen.
Es ist sein Ziel, gemeinsam die Probleme zu loesen, die sieb
mit dem Mobilisierungs- und Stabilisierungsprogramm ergeben haben.
All sein Streben gilt der Sicherheit und Wohlfahrt unseres Landes.
Die Sicherheit, die Menschenwuerde und das materielle Wohlergehen
der Arbeiterschaft Amerikas und darueberhinaus der ganzen Welt
haengen davon ab, ob die demokratische Lebensform erhalten werden
und sich ausbreiten kann. Es ist sich des Ernstes der Krise bewusst, vor der die Nation steht. Es verpflichtet sich, mitzuhelfen, das Land stark zu machen und diese Staerke so zu verwenden,
dass sie der Menschheit Frieden und Wohlstand bringt.
Es ist von groesster Bedeutung, dass der Gewerkschaftsbewegung eine aktive Teilnahme und eine wirklich fuehrende Stellung
in allen fuer die Mobilisierung des Landes wichtigen Behoerden geweehrt wird. Die Gewerkschaften bedauern, dass sie bisher nicht
die Moeglichkeit hatten, sich uneingeschraenkt an den Mobilisierungsbemuehungen zu beteiligen. Die freie Gewerkschaftsbewegung
kann ihren groesstmoeglichen Beitrag nur dann leisten, wenn sie
die Ermaechtigung hat, sich ueberall fuer die Mobilisierung zur
Verteidigung des Landes in Bezug auf die Politik und die Verwaltung einzusetzen. Keine Gruppe hat bei der Mobilisierung der
Hilfsquellen Anspruch auf ein Ideenmonopol. Jede Gruppe hat viel
zu bieten, und nur in gegenseitiger Zusammenarbeit kann die Kampfansage der Diktatur erfolgreich beantwortet werden.
Die Kontrolle der Preise aller taeglichen Lebensnotwendigkeiten des Arbeiters ist das Grundproblem der Lohnstabilisierung.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass es nach den Bestimmungen
des Gesetzes fuer die Ruestungsproduktion, das im Jahre 1950
erlassen wurde, unmoeglich ist, diese Preise zu kontrollieren.
Unter diesem Gesetz sind grosse Preissteigerungen besonders
fuer Nahrungsmittel zulaessig, die etwa 40$ der Ausgaben fuer die
Lebenshaltungskosten der durchschnittlichen amerikanischen Familie darstellen. Ausserdem unterliegen die Mietpreise, die etwa
13% der Lebenshaltungskosten ausmachen, ebenfalls zur Zeit noch
keiner wirksamen Kontrolle.
Solange Lebenmittel- und Mietpreise rapiden und drastischen
Steigerungen ausgesetzt sind',, muessen ausgleichende Lohnanpassungen erlaubt bleiben. Das gegenwaertige Verbot der Lebensmittelund Mietpreiskontrolle macht jedes System der Preis- und Lohnkontrolle unmoeglich, und bevor eine durchfuehrbare Aktion zur Stabilisierung eingeleitet werden kann, muessen diese Verbote aufgehoben werden. Eine wirksame Kontrolle der Lebensmittelpreise des
Kleinhandels kann verwirklicht und den Landwirten koennen gleichzeitig gerechte Preise fuer ihre Erzeugnisse gesichert werden.
Das Gesetz fuer die Ruestungsproduktion muesste vom Kongress
sofort abgeaendert werden, damit es diesen Anforderungen genuegt.
Die amerikanischen Industrien bilden eine geschlossene Einheit, sodass keines ihrer Teile zum Zwecke der Einfuehrung von
Lohn- und Preiskontrollen auf sich selbst gestellt werden kann.
Wenn eine Preiskontrolle wirksam sein soll, muss sie allgemein
sein. Die noetigen Einrichtungen und durchgreifende Ausfuehrungsverfahren muessen ausgearbeitet-werden, andernfalls werden diese
Kontrollen unwirksam sein.
Die Regierung muss nach Gerechtigkeit streben und dafuer sorgen, dass ihre Stabilisierungsmassnahmen durchfuehrber sind. Diese Faktoren unterordnen zu wollen, um durch provisorische Messnah- 2 -

�men Zeit zu sparen, w^ere in Wirklichkeit keine Zeitersparnis,
sondern ein Kinauszoegern des Zeitpunkts, zu dem eine wirkliche
Stabilisierung erreicht werden kann.
Die dringendsten provisorischen Massnahmen sind zwar getroffen-, aber es mues3en weitere Phasen des Stabilisierungsprogramms
in Angriff genommen werden, um spaetere Fehler und Verzoegerungen
zu vermeiden. In Bezug auf die Lohnstabilisierung muessen drei
grundlegende Prinzipien beachtet werden, damit sie in die entsprechenden Bestimmungen aufgenommen werden koennen.
Der erste dieser Grundsaetze bezieht sich auf die Durchfuehrungsmethoden. Gegenwaertig ist die Lohnstabilisierung einer
Buerokratie unterworfen, die diese Arbeit unnoetigerweise behindert. Nach den jetzigen Bestimmungen muessen lohnpolitische Massnahmen zuerst-von einem Ausschuss gutgeheissen werden, in dem
Gewerkschaften, Unternehmer und die Oeffentlichkeit vertreten
sind. Die Empfehlungen dieses Ausschusses unterliegen sodann der
schiedsrichterlichen Entscheidung einer Einzelperson. Dadurch
ist ein schnelles und gerechtes Handeln unmoeglich gemacht.
Wenn diese Empfehlungen dann noch von einem einzelnen hohen
Verwaltungsbeamten ueberprueft werden, der auf Grund seiner allgemeinen verwaltungstechnischen Erfahrung und nicht wegen seiner
besonderen Erfahrungen auf dem Gebiet der Lohnpolitik hierzu ausersehen ist, so wird dadurch in den Prozess der Lohnstabilisierung
nur Ungewissheit, Verzoegerung und Willkuer gebracht. Die Verfahren der Lohnstabilisierung muessen revidiert werden, damit der
Lohlistabilisierungsausschuss das Statut und die Ermaechtigung erhaelt, ueber Angelegenheiten, die in seinen Zustaendigkeitsbereich
fallen, selbst zu entscheiden.
Die Lohnstabilisierungspolitik muss es ermoeglichen, die
Lohntarife den Lebenshaltungskosten anzupassen. Sie mu3s ausserdem die Erhoehung zu niedriger Loehne und die Beseitigung von
Verschiedenheiten in bestehenden Lohntarifen innerhalb oder zwischen den einzelnen Industrien vorsehen. Der jetzt allgemein anerkannte Grundsatz, dass die Arbeiter an den Gewinnen des industriellen Fortschritts und der gesteigerten Produktionsleistung,
die die Nation von ihren Industriearbeitern erwarten muss und kann,
muss in der Lohnstabilisierungspolitik besonders beruecksichtigt
werden. Eine Lohnstabilisierungspolitik muss bestehende Tarifvereinbarungen, die selbst die Stabilitaet garantieren, resnektieren. Das wuerde zum Beispiel fuer die Automobil- und andere Industrien zutreffen, wo in bestehende Vertraege "eine gerechte Anglelchung der Lohntarife vorgesehen ist. Wenn man auf dem Kollektivverhandlungsweg abgeschlossene Vertraege fuer ungueltig erklaeren wollte, wuerde man unweigerlich industrielle Unruhe stiften
und damit das Ziel der Lohnstabilisierungspolitik verfehlen.
Die Ueberstundenbezahlung, die jetzt durch Tarifvertraege oder
gueltige Gesetze gesichert ist, muss weiterhin bestehen bleiben.
Diese Bestimmungen setzen in keiner Weise voraus, dass die jetzt
als normal erachtete Arbeitszeit verlaengert wird. Sie sehen lediglich eine Belohnung fuer produktive Ueberstunden- und Feiertagsarbeit vor.
Ein gerechtes Programm zur Kontrolle der Steuern, Ersparnisse,
Preise und Rationen ist die Antwort auf das Problem der ueberschuessigen Kaufkraft. Erhoehte Steuern, die der Arbeiter zu zahlen hat, und die Erhoehung der Lebenshaltungskosten haben seine
Kaufkraft bereits vermindert. Ausserdem hat die Regierung ein Programm eingeleitet, das die freiwillige Anlage von Geldern aus lau3 -

�fenden Lohnzahlungen in Kriegsanleihen der Regierung der Vereinigten Staaten anregt. Die Gewerkschaftsorganisationen sind bereit,
in jeder Weise an der Erreichtung dieses Zieles mitzuarbeiten.
Wirksame Preis- und Rationierungskontrollen werden dieses freiwillige Sparen nichtausgegebenen Einkommens foerdern. Diese Ersparnisse bilden eine Zusammenballung an Kaufkraft, die nach der gegenwaertigen Krise der Nation einen Auftrieb geben und die Produktion
ziviler Anschaffungsgueter ohne Risiko erweitern wird.
Die arbeitende Bevoelkerung ist das groesste Vermoegen einer
Nation. Es muessen Schritte unternommen werden, um das Reservoir
an Arbeitskraeften zu staerken und zu erweitern. Dabei muss die
Tatsache beruecksichtigt werden, dass die freie Arbeiterschaft dem
System der Sklavenarbeit produktionsmaessig ueberlegen ist. Die
freie Arbeiterschaft wird eine wesentlichere Rolle spielen, wenn
es darum geht, das Ziel der Hoechstproduktion zu erreichen. Die
Erfahrungen aus den Zweiten Weltkrieg haben gelehrt, dass eine
Politik der freiwilligen Verwendung der Arbeitskraefte ein Hoechstmass an Lsistungsfaehigkeit, Zusammenarbeit und Moral gewaehrleistet. Der zwangsmaessige Einsatz ziviler Arbeitskraefte wuerde
jedoch die Bemuehungen zum Scheitern bringen, das Ziel der Hoech3tnroduktion zu erreichen.
Die amerikanischen Arbeiter und Gewerkschaften unterbreiten
diese Vorschlaege,damit das Ruestungsnotprogramm so schnell und
so wirksam wie moeglich zur Ausfuehrung kommt. Sie halten es fuer
ihre Pflicht, nicht nur wörtliche Zusicherungen zu geben, sondern
auch auf die Schwierigkeiten und Probleme hinzuweisen, die geloest
werden muessen, wenn ein Hoechstmass an nationaler Sicherheit erreicht werden soll.
Die Mitglieder des Vereinigten Komitees fuer Arbeitsgesetzgebung sind:
Als Vertreter des CIO: Vorsitzender Fhilip Murray; Vizevorsitzender Walter Reuther; Vizevorsitzender Emil Rieve; Vizevorsitzender L. S. Buckmaster und Jacob Potofsky, Mitglied des Exekutivausschusses des CIO.
Als Vertreter der AFL: Vorsitzender William Green; Hauptkassierer George Meany; Vizevorsitzender George M. Harrison; Vizevorsitzender Dan V,". Tracy und Vizevorsitzender William C. Doherty.
Fuer den Internationalen Maschinistenverband:
A. J. Hayes und Vizevorsitzender Eimer Walker.
Fuer die Eisenbahnergewerkschaft:
und Hauptkassierer A. E. Lyon.

Vorsitzender

Vorsitzender George Leighty

An dem Besuch beim Praesidenten nahmen teil: Green, Harrison,
Tracy, Murray, Reuther, Potofsky, Hayes und Leighty.
Mitteilung des CIO
XII/20/50
PRAESIDENT TRUMAN LOBT ZWEI GROSSE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTEN
Praesident Truman sprach unlaengst zwei grossen internationalen
Gewerkschaften des CIO seine Anerkennung fuer die grossen Siege
aus, die sie innerhalb der Gewerkschaftsbewegung im Kampf gegen
die Kommunisten errungen hatten. Gleichzeitig gab er der Hoffnung
Ausdruck, dass die Arbeiter in beiden Organisationen auch weiterhin
- 4 -

�den Totalitarismus bekaempfen, indem sie sich mit allen Kraeften
dem gegenwaertigen Wiederaufruestungsprogramm zur Verfuegung stellen.
Es handelt sich um die Internationale Gewerkschaft der Elektroarbeiter, die seit einem Jahr dem CIO angehoert und die die von
Moskau beherrschte Gewerkschaft der Vereinigten Elektroarbeiter
ersetzt, sowie um die Transportarbeitergewerkschaft, die vor zwei
Jahren alle Kommunisten aus ihren fuehrenden Positionen entfernt
hat.
Der Praesident lobte insbesondere den Hauptkassierer des CIO,
•James B. Carey, fuer seine "aufopfernde Arbelt im Interesse der
amerikanischen «rbeiter" und "seinen entschlossenen Widerstand
gegen die Kraefte des Totalitarismus, die die Gewerkschaftsbewegung stuerzen und zerstoeren wollen." Die Botschaft des Presidenten, die auf dem Jahreskongress in Milwaukee verlesen wurde,
schloss, indem sie den mehr als 500 Delegierten "in ihrem Kampf
gasen die unmoralischen Einfluesse des amerikanischen und internationalen Kommunismus Glueck wuenschte."
An die Transportarbeitergewerkschaft, die sich zu einer Tagung in New York ruestet, richtete Praesident Truman eine weitere
Botschaft, in der er erklaert, dass diese Organisation in den
zwei Jahren seit der Entfernung der Kommunisten aus den Aemtern
"die bedeutendsten Erfolge in ihrer Geschichte erzielt hat."
Der Praesident forderte die Mitglieder der beiden Gewerkschaften auf, sich mit allen Mitteln an den Wiederaufruestungsbemuehungen zu beteiligen.
In der Botschaft an die Elektroarbeitergewerkschaft heisst es, dass sich "eine Moeglichkeit bietet, nicht nur
den Glauben an die Demokratie und die Ablehnung der totalitaeren
Philosophie unter Beweis zu stellen, sondern auch mitzuhelfen,
unsere Industrieproduktion so zu steigern, wie es erforderlich
ist, um den Sieg zu sichern."
"Die schwere Zeit, die uns bevorsteht," heisst es in der Botschaft weiter, "wird die hoechste Pflichterfuellung eines jeden
Amerikaners erfordern. Die Freiheit der Arbeiterschaft steht in
der ganzen Welt auf dem Spiel. Ich bin gewiss, dass die Mitglieder der Internationalen Gewerkschaft der Elektro-, Radio- und
Maschinenarbeiter einen wertvollen und patriotischen Beitrag im
Kampf zur Beschuetzung unserer Freiheiten leisten werden."
Die Transportarbeiter forderte der Praesident auf, in kritischen Kriegszeiten von jedem Streik abzusehen.
"In einer Zeit, in der wir zusammenarbeiten, um die Interessen
unserer Nation zu schuetzen und schneller zum Frieden fuer die
ganze Welt zu kommen, muessen sich die vielen Millionen Industriearbeiter unseres Landes darauf verlassen koennen, dass.ihnen die
Transoortarbeiter ohne Unterbrechung dienen."
Besonders anerkennend aeusserte sich der Praesident ueber
das Abkommen, das im Sommer vorigen Jahres zwischen den Transportarbeitern und der Transportbehoerde der Stadt New York zustandegekommen war. Dieser Vertrag weicht von dem ueblichen Standpunkt
der Regierung ab, dass es den bundesstaatlichen, einzelstaatlichen oder kommunalen Behoerden verboten waere, Vertreege mit den
Gewerkschaften einzugehen.
Truman bemerkte, dass dieses Abkommen der Gewerkschaft ihre
seit langem begehrte Anerkennung seitens der Kocmunalbehoerden ge- 5-

�sichert und ihren Mitgliedern wesentliche Vorteile gebracht hat.
Eine Gewerkschaft, die fuer den 1. Januar mit einem Streik
mehrere privater Autobuslinien in New York gedroht hatte, veroeffentlichte die Botschaft ohne jeden Kommentar.
In Milwaukee eroeffnete Carey, der gleichzeitig Ortsvorsitzender der Elektroarbeiter ist, den Kongress dieser Gewerkschaft, indem er die Aufforderung aussprach, einen langen und
besseren Kampf zu fuehren, um die kommunistischen Funktionaere
aus der Gewerkschaft zu entfernen und die "Marionettenfuehrung"
zu beseitigen.
Die
muessten
der Lohn
naehmen,

Bemuehungen zur Organisierung einer freien Gewerkschaft
vorlaeufig zurueckgestellt werden, fuehrte Carey aus;
fuer die Anstrengungen, die die Arbeiter jetzt auf sich
sei die Freiheit.

"Wir haben hier Menschen," sagte er, "die wir in dieser chaotischen Welt dringend benoetigen, Menschen, die den Mut haben,
fuer eine Ueberzeugung auch mit allen Kraeften einzutreten.
Mitteilung des U.S. Aussenministeriums
XI1/6/50
ZSIT FUER LOENKCFTROLIEN IN AMERIKA NOCH NICHT GEKOMMEN
Das beschleunigte Verteidigungsprogramm, das Amerika du'rchfuehren muss, erfordert "strenge und bindende Kontrollen" der
Rohstoffe und Verbraucherpreise, "die Zeit ist jedoch noch nicht
gekommen, um Lohnkontrollen aufzuerlegen."
Diese Meinung vertrat der Praesident der Internationalen Maschini
3tengewerkschaft, AI Hayes, vor dem Nationalen Lohnstabilisierungsausschuss. Er erklaerte in allen Einzelheiten, warum Lohnkontrollen abzulehnen seien, und gab seiner üebErzeugung Ausdruck, dass
das Preisniveau der Zeit nach dem Kriegsausbruch in Korea eindeutig das Ergebnis der Profitmacherei und nicht der Lohnerhoehung
ist.
Hayes hob hervor, dass sich die Internationale Maschinistengewerkschaft des Ernstes der Weltlage und der Notwendigkeit energischer Massnahmen vollauf bewusst ist. Den Vereinigten Staaten
stuende ein "Kampf auf Leben und Tod" mit dem Kommunismus bevor,
der die groesste Bedrohung ihrer Regierungsform und Lebensweise im
Verlauf ihrer gesamten Geschichte darstelle.
"Deshalb," fuhr Hayes fort, "muessen wir unverzueglich unsere
eigene Verteidigung aufbauen und anderen freien Voelkern der '^elt,
besonders in Europa, helfen, die ihrige aufzubauen; und wir muessen alles Notwendige tun, um unser Land stark zu machen, selbst
wenn dies "wesentliche Veraenderungen und Opfer" in unserem eigenen Zivilleben bedeutet.
Auf Loehne und Preise zurueckkonmend, erklaerte Hayes vor
dem Lohnstabilisierungsausschuss, dass das Gesetz fuer die Verteidigungsproduktion Praesident Truman vorschreibe, Hoechstgrenzen
fuer "Preise festzusetzen, die Loehne jedoch nur zu stabilisieren.
"Damit," fuehrte er weiter aus, "gab der Kongress dem Presidenten groessere Handlungsfreiheit in Bezug auf Loehne als auf Preise."
In Kreisen der Industrie hatte man behauptet und darauf bestanden,
dass das Gesetz fuer jede Industrie, in der Preiskontrollen einge- 6 -

�fuehrt sind, auch Lohnbegrenzungen vorsehe.
Was sich nach Ausbruch des Krieges in Korea wirklich ereignete, schilderte Heyes mit folgenden Worten:
Die durchschnittlichen Stundenloehne sind in der gesamten
Industrie geringfuegig in die Hoehe gegangen, und zwar von 1,453
Dollar im Juni auf 1,430 Dollar drei Monate spaeter, eine Steigerung von 1,8$. Im gleichen Zeitraum ist der Verbraucherpreisindex um 2,1$ gestiegen. Diese Aufwaertsbewegung hielt auch in
der letzten Zeit weiter an. Gemessen an den Preisen und Loehnen
ist die Kaufkraft tatsaechlich zurueckgegangen, und die hoehere
Sinkommenssteuer hat die Kaufkraft des Einzelnen noch weiter gesenkt.
Der Grosseinkaufspreisindex stand im Juni auf 157,3. In der
letzten Woche des Monats Oktober hatte er 169.4 erreicht. Die
Grosshandelspreise fuer landwirtschaftliche Gueter waren um 8,5$
angestiegen. Die Lebensmittelpreise gingen um 7,3$ in die Hoehe.
Die Preise fuer Kupfer stiegen um 8,9$, fuer Wolle um 35$, fuer
Blockeisen um 6,5$ , fuer Gummi um 124$ und fuer Zinn um 44$.
(Gummi, Zinn und Wolle werden auf internationalen Maerkten gekauft) .
"Welche logischen Entschuldigungen oder Gruende gibt es fuer
diese ungerechtfertigten Erhoehungen der Grosshandelspreise?"
fragte Hayes. "Sicherlich nicht die Lohnerhoehungen. Die Arbeitskosten fuer den groessten Teil dieser Erzeugnisse sind verhaeltnismaessig gering, und die durch Lohnaufbesserungen verursachten
Mehrkosten (weniger als zwei Prozent) sind nicht der Rede wert.
Vir brauchen nicht weiterzusuchen, wenn wir aufrichtig bestrebt
sind, die Inflation zu verhindern. Hier haben wir die Ursache
fuer die inflationistischen Kraefte, die nun im Aufstieg begriffen sind. Lohnstops oder -beschraenkungen werden sie nicht aufhalten, weil diese Kraefte nicht durch Lohnerhoehungen in Bewegung
gesetzt wurden. Wenn es noch eines weiteren Beweises dafuer bedarf, dass wir zu dieser Zeit keine Lohnkontrollen benoetigen, so
erlauben Sie mir, dass ich auf die Unternehmergewinne hinweise.
"Dem Steueraufkommen zufolge sind die jaehrlichen Gewinne
der Unternehmer von 17,2 Milliarden Dollar im ersten Quartal des
Jahres 1950 auf 24,4 Milliarden Dollar im dritten Quartal angestiegen. Dies ist eine Steigerung um 41,8$. In der gleichen
Zeit ging der Produktions- und Geschaeftstaetigkeitindex der
Bundesstaatlichen Finanzbehoerde um etwa 6,5$ in die Hoehe. Der
Produktionsindex der "Geschaeftswoche" stand im Juni auf 210.2
und hatte im Dezember 220.6 erreicht, was einer Steigerung um
4,9$ entspricht. Es sind keine Unterlagen vorhanden, die besagen,
dass die 41$ige Gewinnsteigerung auf eine gesteigerte Produktion
zurueckzufuehren sei. Auf die Frage nach der Ursache der Inflation gibt es also keine andere Antwort als: Profitmacherei das willkuerliche Steigern der Preise."
Daily News Service
XII/15/50
SCHULUNG DER EXFERTEM DES PUNKT-VIER PROGRAMMS
Das amerikanische Aussenministerium gab bekannt, dass der
'?rste Schulungslehrgang fuer Experten des ^unkt-Vier Programms beendet ist.
- 7-

�In der Bekanntmachung heisst es, dass die erste Schulungsgruppe zwei Wochen intensiven Studiums an dem Institut fuer auswaertigen Dienst beendet hat, und dass sich die Teilnehmer im Rahmen
des Punkt-Vier Programms nach Liberia, Indien, Haiti, El Salvador
und anderen lateinamerikanischen La endern begeben werden.
In dem Lehrgang wird besonderer Wert auf das Verstaendnis fremder Voelker, ihrer Kultur, Geschichte, Sitten und Sprachen gelegt.
Der naechste Lehrgang ist fuer die zweite Woche des Monats
Januar geplant. Der Administrator des Punkt-Vier Programms Henry
G. Benett hofft, die Dauer des Lehrgangs fuer alle Techniker auf
drei bis sechs Monate verlaengern zu koennen.
Zwei erfahrene Anthropologen, Dr. Edward A. Kennard und Dr.
Edward T. Hall, sind von dem Institut fuer auswaertigen Dienst
Planung und Ausbildung anvertraut worden. Die Amerikanische Anthronologische Vereinigung arbeitet ein allgemeines Handbuch zum Gebrauch in dem Lehrgang aus.
Die Gruppe, die den ersten Lehrgang beendet hat, setzt sich
aus folgenden Mitgliedern zusammen:
George G. Vander Berghe, Techniker der Gummiverarbeitung,
(fuer Haiti bestimmt); Nazrio C. De Banca, der in El Salvador die
landwirtschaftliche Entwicklung unterstuetzen wird; William Cornel
Pope, ein fuer lateinamerikanische Laender bestimmter Spezialist
fuer Sicherheitsfragen; George C. Taylor, ein Grundwassergeologe,
der in Indien in Fragen der Wasserversorgung und der kuenstlichen
Bewaesserung Ratschlaege erteilen wird; Frau Helen L. Murphy, die
als Beraterin in Fragen der Krankenpflege und der Krankenhausverwaltung nach El Salvador gehen wird; George W. Kines, der sich als
Experte der Gesundheitspflege nach Liberia begeben wird, und William
E. Harris, der ebenfalls die oeffentliehe Gesundheitsfuersorge in
Liberia foerdern wird.
Daily Wireless Bulletin
XII/28/50
FRArZOESlSCHE STUDIENGRUPPE FUER ZUSA^ÜvSNARBEIT GEWERKSCHAFTENUNTERNEHMER
Eine Studiengruppe der franzoesischen Elektroindustrie, die
zur Zeit die Vereinigten Staaten bereist, ist der Auffassung, dass
die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmern der
Schluessel zum zukuenftigen Wohlstand Frankreichs ist, und sie ist
optimistisch in bezug auf die Verwirklichung dieser Zusammenarbeit.
Diese Zusammenarbeit, so sagen die Vertreter der Gewerkschaften
und der Unternehmer in dieser 15-koepfigen Grunpe, haette einen
hoeheren Lebensstandard fuer die Arbeiter, einen angemessenen Ertrag aus den Investitionen und eine stabilere franzoesische Wirtschaft zur Folge.
Die Gruppe hat sich im Rahmen des Marshall-Plan-Programms und
seiner technischen Unterstuetzung mit den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und den Produktionsmethoden in der
Elektroindustrie befasst.
Die stark optimistische Einstellung zur Gestaltung eines
besseren Frankreichs entstammt den Beobachtungen der Grupoenmitglieder in den Vereinigten Staaten, bei denen sie feststellen konnten,
wie erfolgreich Unternehmer und Arbeiterschaft dort oft zusammenarbeiten.
- 8-

�Die Gruppe ist der Ansicht, dass sowohl der hohe Lebensstandard in den Vereinigten Staaten als auch die zeitsparenden Produktionsmethoden dieses Landes auf diese enge Zusammenarbeit zurueckzufuehren sind.
"Was mich am meisten ueberraschte, war die Tatsache, dass
die amerikanischen Chefs den Problemen der menschlichen Beziehungen grosse Bedeutung beimessen," erklaerte Severin Prudhomme aus
Paris, ein Mitglied"des franzoesischen Gewerkschaftszentrura3
"Force Ouvriere".
"Der amerikanische Arbeitgeber scheint ein Psychologe zu
sein, der weiss, dass sein Wohlstand direkt an den der Arbeiter
gebunden ist."
"In Frankreich sind die Arbeiterloehne zehn- oder zwoelfmal
hoeher als vor dem Kriege, waehrend die Lebenshaltungskosten um
das 20- oder 25-fache gestiegen sind. Unter diesen Bedingungen
hat der professionelle Agitator ein leichtes Spiel."
"Wenn viele Arbeiter politischen Fuehrern folgen, dann vor
allem deshalb, weil sie glauben, dass es niemanden anders gaebe,
dem man folgen koenne. Wir werden eine staerkere Nation und eine
gesundere Wirtschaft aufbauen koennen, wenn Unternehmer und Gewerkschaften in Frankreich enger zusammenarbeiten, wenn der
franzoesische Arbeitgeber mehr Verstaendnis fuer die Gewerkschaft
seiner Arbeiter zeigt und der Arbeiter versucht, die Probleme der
Unternehmer zu verstehen, - so umriss Prudhomme seinen Standpunkt'.'
"Pierre Rivat, ein Ingenieur der Firma Garnier in Lyon, die
elektrische Apparate und Zaehler baut, erklaerte, es sei seine
fe3te Ueberzeugung, dass die franzoesischen Arbeiter lernen muessten,
was der Amerikaner bereits weiss, naemlich "dass es fuer die Arbeiter keinen vVohlstand geben kann, wenn es fuer das Unternehmen,
fuer das er arbeitet, keinen Wohlstand gibt." Er sagte ferner,
"Frankreich befinde sich dank des Marshall-Planes jetzt auf dem
Wege zum Wiederaufbau, obwohl es in zwei Kriegen schwer mitgenommen worden sei. Wenn wir erst einmal genuegend technische Fortschritte und Verstaendnis fuer die menschlichen Beziehungen uns angeeignet haben, werden auch die politischen Differenzen geloest
werden koennen."
EGA Labor Information
XII/14/50
WESEN UND ARBEITSWEISE DER BRITISCHEN "ANORDNUNG 1505"
In den letzten sieben Jahren haben die Delegierten des britischen Gewerkschaftskongresses TUC regelmaessig die Auswirkungen
der "Anordnung 1305" eroertert; dreimal seit dem Kriege haben sie
ueber Resolutionen abgestimmt, in denen gefordert wurde, diese
Anordnung fuer ungueltig zu erklaeren.
In allen Faellen war das Ergebnis des gleiche. Der Kongress
hat beschlossen, dass diese Anordnung aus der Kriegszeit, durch
die die Schiedsgerichtsbarkeit geschaffen wurde, noch immer ihrem
urspruenglichen Zwecke dient und mithilft, Streitigkeiten in der
Industrie beizulegen, wenn andere Einrichtungen versagen oder
ueberhaupt nicht bestehen» und deshalb bestehen bleiben soll.
Um die Ziele, Grundsaetze und Bedingungen dieser Anordnung jedoch voll und ganz zu verstehen, ist es notwendig, sich die Ver- 9-

�haeltnisse der kritischen Zeit von 1940 ins Gedaechtnis zurueckzurufen. Als Hitlers Armeen die franzoesischen und belgischen
Kanalhaefen besetzt hatten, war es selbstverstaendlich, dass der
Aufstieg der Industrie durch nichts gestoert wurde. Deshalb wurde diese Anordnung erlassen, die den Zweck hatte, Streitigkeiten
in der Industrie gerecht, schnell und ohne Streik beizulegen.
Die alteingefuehrten Methoden der Tarifverhandlung und der
freiwilligen Scniedssprechung wurden jedoch nicht ueber Nacht abgeschafft, um durch die obligatorische Scniedssprechung ersetzt
zu werden. '.Vie in der Anordnung eindeutig klargestellt war, wuerden alle bestehenden gemeinsamen Schlichtungseinrichtungen in jeder Berufs- und Industriegrup^e weiterbestehen. Dem Arbeitsministerium gemeldete Streitigkeiten wuerden nur dann durch obligatorische Scniedssprechung beigelegt werden, wenn sie nicht auf
eine andere V/eise zu loesen waeren.
Als einen weiteren Beitrag zum industriellen Frieden wurden
die Arbeitgeber durch die Anordnung verpflichtet, Loehne zu zahlen und Arbeitsbedingungen zu bieten, die nicht weniger guenstig
al3 die durch Kollektivverhandlungen oder freiwillige Scniedssprechung bereits festgelegten sein durften. Ausserdem wurde ein
Streik oder eine Aussperrung fuer illegal erklaert, wenn die
Streitigkeit nicht zuerst dem Arbeitsminister gemeldet und von
diesem innerhalb von drei Wochen zur Beilegung weitergegeben war.
Im wesentlichen sind diese Bestimmungen noch in Kraft; ebenso
die aufgrund der Anordnung geschaffenen Einrichtungen, die sich
mit Faellen befassen, die der obligatorischen Schiedssprechung
unterliegen. Be/or der Arbeitsminister jedoch ein Schiedsgericht
einberuft, muss er von einer der beiden Parteien davon unterrichtet worden sein, dass eine Streitigkeit besteht, dass auf normalem
Vege kein Ergebnis erzielt worden sei und man sich nicht einigen
konnte, das Problem dem Industriegerichtshof zu unterbreiten. Nur
dann kann er den Fall unter Einhaltung einer Ankuendigungsfrist
von 21 Tagen dem Nationalen Schiedsgericht uebergeben.
Drei Mitglieder des Gerichtes, einschliesslich des Vorsitzenden, werden vom Arbeitsminister aus einem Gremium ernannter Mitglieder, das er selbst zusammengestellt hat, ausgewaehlt. Die
anderen beiden kommen aus je einem Gremium von Vertretern des
Britischen Gewerkschaftskongresses und des Britischen Unternehmerverbandes. Von diesen fuenf Mitgliedern bilden drei eine beschlu3Sfaehige Einheit, vorausgesetzt, dass immer ein ernanntes
Mitglied, das den Vorsitz uebernehmen kann, und je ein Vertreter
der Gewerkschafts- und Unternehmerseite zugegen ist.
Bei den Aussprachen, die solange inoffiziell abgehalten werden, bis eine gegenseitiges Einverstaendnis erzielt ist, haben
beide Parteien die Moeglichkeit, ihre Meinung kundzutun, und koennen, wenn sie es wuenschen, von einem Anwalt unterstuetzt werden.
Nachdem die beiderseitigen Gutachten erwogen sind, faellt das
Gericht gewoehnlich einen Schiedsspruch, der gesetzlich verbindlich ist und eine Bedingung darstellt, die in die Vertraeße zwischen den in Frage kommenden Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgenommen wird.
In den vergangenen zehn Jahren hat das Gericht jaehrlich durchschnittlich 150 Schiedssprueche gefaellt. Viele davon beziehen
sich natuerlich auf Loehne. So wurden allein in den letzten drei
Jahren dem Gericht 104 Lohnforderungen unterbreitet, von denen
nur 24 abgelehnt wurden.
Ausserdem bietet die Anordnung 1305 den Gewerkschaften die
Moeglichkeit, reaktionaere Arbeitgeber vor das Gericht zu bringen,
- 10 -

�die sich weigern, mit den Gewerkschaften zu verhandeln oder irgendwelche Vertraege abzuschliessen. In dieser Hinsicht fuellt das
Gericht, uni die ."'orte eines Delegierten aus dem Jahre 1946 zu gebrauchen, eine Luecke aus, die in den Verfahren fuer endgueltige
Verhandlungen und Beilegungen vorher bestanden hat. Die Tetsachen bestaetigen diese Behauptung. In der Nachkriegszeit sind
95$ der Verfahren von den Arbeitern angestrengt worden.
Obwohl weder der TUC noch die ihm angeschlossenen Gewerkschaften festellen konnten, dass die Meinung vorherrsche, die Anordnung
und die obligatorische Schiedssprechung muessten zum staendigen
Bestandteil der industriellen Wechselbeziehungen in England werden,
macht man in zunehmendem Masse von der Anordnung Gebrauch.
Im Jahre 1949 wurden dem Arbeitsminister 441 Streitfaelle
uebergeben. Das Gericht faellte jedoch nur 188 Schiedssprueche.
Die uebrigsn Streitigkeiten wurden entweder in inoffiziellen Aussprachen oder auf andere Weise beigelegt.
Trotzdem ist der Arbeitsanfall bei dem Gericht so gross, dass
es selbst bei vier oder fuenf Verhandlungstagen in der Woche rund
elf Wochen dauert, bis ein vom Arbeitsminister an das Schiedsgericht uebergebener Streitfall durch Schiedsspruch beigelegt wird.
Zwei Vorschlaege sind inzwischen gemacht worden, um die Arbeit
zu beschleunigen: die Gremien der Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter zu vergroessern und das Gericht zu ermaechtigen, in zwei
Abteilungen Sitzungen abhalten zu lassen.
Beiden Vorschlaegen stimmte der Arbeitsminister zu. Das
Gremium der Arbeitnehmervertreter wurde auf 25 Mitglieder erweitert, die ueber besondere Erfahrungen in den Verhandlungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern verfuegen. Durch eine Abaenderung
der Anordnung vom 1. August ist es nun moeglich, dass zwei Faelle
zugleich von Schiedsgerichten behandelt werden koennen, wobei sich
diese aus verschiedenen Mitgliedern zusammensetzen.
Labour Press Service
XI1/50
GEWERKSCHAFTLICHE ERFOLGE IN NEUSEELAND
"Die bemerkenswerten Erfolge der Kandidaten der Labour-Party
sind ein Beweis fuer den wachsenden Unwillen des Volkes gegen die
Regierung und die Ernuechteru'ng nach den Erfahrungen der vergangenen elf Monate," erklaerte W. Nash, ein Gewerkschafter und stellvertretender Vorsitzender der Oppositionspartei in Neuseeland, als
kuerzlici die Ergebnisse einiger oertlicher V.'ahlen in Neuseeland
veroeffentlicht wurden.
"Diese Ergebnisse," fuhr er fort, "bringen Tausenden von
"Jaehlern die Hoffnung, dass der Tag sich naehert, an dem sie die
Nationalisten und ihre privilegierte Gesetzgebung loswerden. Diese "Zahl bringt deutlich zum Ausdruck, dass die Waehler den schwersten Bruch von 'Wahlversprechungen in der neuseelaendischen Geschichte ablehnen."
In einem Kommentar zu dem Ergebnis der Wahlen erklaerte A. H.
Nordmeyer, der Vorsitzende der Labour-Partei und Vorstandsmitglied
der Gewerkschaften von Neuseeland: "Innerhalb von zwei Jahren wird
die "Vahl des Volkes noch eine deutlichere Sprache sprechen. Wenn
auch viele Kandidaten der Buergerpartei versuchten, ihre politische
Zugehoerigkeit zu ihr zu verschleiern, ist ihre enre Verbindung mit
der Nationalpartei fuer alle offensichtlich. Die Labour-Kandidaten
- 11 -

�singen dagegen zu den Urnen, ohne zu versuchen, ihre politische
Einstellung ZU tarnen. Sie hatten es nicht noetig. Obwohl es
an sich schwierig ist, die Anhaenger der Labour-Partei davon zu
ueberzeup-en, dass sie uebor Probleme oertlicher Natur abstimmen
musssen, war eine bemerkenswerte Zunahme der fuer die Labour-Partei abgegebenen Soimmen zu verzeichnen. Die Tatsachen sprechen
fuer sich."
Labour Press Service
XII/50
ZEIT- ITTD BE'"SGUNOSSTUDIUM KANN WESTDEUTSCHE PRODUKTION ERHOEKEN
F. Mi Holmes, ein Berater der ECA, der sich zur Zeit in
Deutschland aufhaelt, erklaerte, dass die westdeutsche Industrie
durch die Anwendung von Zeit- und Bewegungsstudien ihre Produktion wesentlich steigern und ihre Exporte und den Lebensstandard heben koenne. "Solche Programme wuerden keine zu3aetzlichen
Kaoitalanlagen erfordern und auch den Beschaeftigungsstand nicht
verscnlechtern."
Holmes ist amerikanischer Spezialist auf dem Gebiet der
Zeit- und Bewegungsstudien. Es kam auf Ersuchen des Rationalisiarungskuratoriums fuer die westdeutsche V/irtschaft nachDeutschland. Als Angehoeriger der ECA-Sondermission fuer Westdeutschland
bereiste er im November 1950 die Industriezentren, wo er Vortraere
hielt. In acht bedeutenden Industriestaedten der britischen Zone
besprach er sein Programm mit mehr als 1.500 westdeutschen Industriellen und Spezialisten auf dem Gebiet des Zeit- und Bewegungsstudiums. Auch in den kommenden drei Monaten wird er mit aehnlichen Gruppen zusammentreffen und im Ruhrgebiet und in Staedten der
amerikanischen und franzoesischen Besatzungszone Vortraege halten.
Holmes stellte fest, dass das Interesse Deutschlands an einer
gesteigerten Produktion durch die Anwendung wirksamerer Produktions
methoden staendig zunimmt.
In einer Erklaerung zu den Programmen des Zeit- und Bewegungstudiums sagte er, dass es die Analyse der Methoden, des Materials,
der Werkzeuge und der üusruestung sei, die bei der Arbeit in der
Industrie verwendet wuerde. "Zeit- und Bewegungsverluste im Her3tellungsprozess koennen nur dadurch beseitigt werden, dass man
die Aufmerksamkeit auf diese Verluste konzentriert und sich mit
der Verbesserung der verschiedenen Arbeitsgaenge befasst."
Waehrend sich die beiden Programme in ihrer Arbeitsweise unterscheiden, stehen sie doch in engem Zusammenhang und erfordern
eine wirkliche Aufgeschlossenheit, die Bereitwilligkeit, neue
Ideen auf die Probe zu stellen und die gemeinsame Mitarbeit der
Gewerkschaften und Unternehmer an der Loe3ung dieser Probleme.
Das Programm des Bewegungsstudiums, wie es in Amerika entwickelt ist, verfolgt zwei Ziele, die verschiedenen Zwecken dienen.
Es wendet sich einmal an die Unternehmer, Betriebsleiter und
manchmal an die Arbeiter.
Zum andern sollen durch dieses Programm die Techniker fuer
Zeit- und Bewegungsstudien in den Betrieben ueber die neuesten Methoden auf diesem Arbeitsgebiet informiert werden.
Das Zeitstudium ist eine Zeitbestimmung des Arbeiters und -einer Arbeit mit Hilfe der Stoppuhr. Durch diese genaue Beobachtung
- 12 -

�ist es moeglich festzustellen, warum Zeit- und Bewegungsverluste
eintreten.
"Zeit- und Bewegungsstudien sind fu3r Deutschland nicht ganz
neu," berichtete Holmes. "Obwohl sie nicht allgemein angewendet
wuerden, bestuenden sie in Deutschland seit 25 Jahren. Dar, Rationalisierungskuratorium fuer die westdeutsche Wirtschaft sei eine
Organisation, die in der gesamten deutschen Industrie einen staendig zunehmenden Interessentenkreis finde. Die westdeutsche Industrie habe sich in den letzten drei Jahren rapid ausgedehnt. Deshalb sei ein leistungsfaehigeres arbeiten notwendiger als je zuvor.
Holmes, der zeitweiliger Berater fuer den Marshall-Plan in
Deutschland ist, war vorher Direktor der Industrietechnischen Abteilung der Fieldcrest-Werke in Spray, Nordkarolina. Dieses Unternehmen setzt sich aus 10 Textilfabriken mit 5,000 Arbeitern zusammen.
Die Zeit- und Bewegungsstudien bilden ebenfalls eine "Phase
des Marshall-Plan-Programms zur Steigerung der Produktionsleistung
in Westdeutschland.
ECA-Release Nr. 217
1/2/51
GEWERKSCHAFT!ICHER BERATUNGSAUSSCHUSS FUER INTERNATIONALE ANGELEGENHEITEN
ten,
auch
fuer
lung

Sowohl die AFL als auch der CIO haben in ihren Jahresberichdie fuer die Kongresse Rechenschaft ueber die Arbeit ablegten,
zur Taetigkeit des Gewerkschaftlichen Beratungsausschusses
Internationale Angelegenheiten im US-Arbeitsministerium Stelgenommen.

In dem Bericht der AFL heisst es: "Im vergangenen Jahr hat
sich die AFL weiterhin aktiv an der Arbeit des Ausschusses beteiligt. Regelmaessige Konferenzen des Vollausschusses und des staendigen Ausschusses wurden von Arbeitsminister Tobin und seinem
Stellvertreter Philip I'. Kaiser anberaumt, auf denen der Hauptkassierer der AFL, George Meany, die Vizevorsitzenden Matthew '.Voll
und David Dubinsky sowie der internationale Repraesentant George
P. Delaney den Standpunkt der AFL zu wichtigen Fragen der Aussenpolitik darlegten. Dem Ausschuss gehoeren ausserdem Funktionaere
des CIO und der Eisenbahnergewerkschaften an.
"Das Arbeitsministerium, das fuer die Formulierung der Arbeitspolitik unserer Regierung in Amerika und im Ausland verantwortlich ist, wird auf dem Wege ueber diesen Ausschuss von den Fuehrern
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung in internationalen Arbeitsangelegenheiten beraten. Der Gewerkschaftliche Beratunsausschuss organisiert die Zusammenarbeit des Arbeitsministeriums mit
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung.
"Im vergangenen Jahr hat sich der Ausschuss mit folgenden Fragen befasst: Mittel und Wege zu finden, durch die das Programm fuer
Sozialreferenten durch die Ernennung erfahrener Referenten, die
eine erfolgreiche Laufbahn in amerikanischen Gewerkschaften nachweisen koennen, fuer verantwortliche Stellungen im Ausland gefoerdert -werden kann und es fuer die Unterstuetzung unseres aussenpolitischen Programms durch die Arbeiterschaft von besonderer Wichtigkeit ist; die Notwendigkeit einer direkten Vertretung der Gewerkschaftsbewegung in den US-Delegationen bei den Vereinten Nationen
- 13 -'

�und ihren Fachorganisationen; die Rolle, die die Gewerkschaftsbewegung im Punkt-Vier Frogramn zu spielen hat; die Beteiligung der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegung an den Programmen zum Austausch von Gewerkschaftsfunktionaeren mit anderen Laendern; die
Notwendigkeit, den gewerkschaftlichen Standpunkt in Bezug auf
Handelsvertraege und Zollfragen wirksamer zu vertreten; die Notwendigkeit, einflussreiche, fuehrende Berater in Arbeitsfragen
den Besatzungsmaechten in Deutschland und Japan beizuordnen; und
die Zusammenstellung einer Mission amerikanischer Gewerkschafter,
die den Fernen Osten besuchen soll.
"Der Ausschuss sprach sich ferner gegen etwaige Veraenderungen des Gesetzes Nr. 75 der Militaerregierung in Deutschland aus,
durch die die Beteiligung der freien deutschen Gewerkschaften an
der Neuordnung der deutschen Kohle- und Stahlindustrie eingeschraenkt worden waere, und forderte, dass die demokratischen Gewerkschaften Deutschlands ermutigt werden, die wirtschaftlichen
Entwicklungen ihres Landes gemaess dem Gesetz Nr. 75 zu beeinflussen. Dieser Standpunkt ist von den Regierun~en der Alliierten gebilligt worden.
"Durch die Zusammenarbeit des Staendigen Ausschusses wurden
gewerkschaftliche Schulungsprogramme fuer eine grosse Zahl auslaendischer Gewerkschaftsfunktionaere arrangiert, die die Vereinigten Staaten im Laufe des vergangenen Jahres besuchten. Annaehernd 300 Gewerkschafter und Experten in Arbeitsfragen aus
Deutschland, Oesterreich, Japan, Lateinamerika und Westeuropa reisten unter der Schirmherrschaft des US-Arbeitsministeriums nach
den Vereinigten Statten, wo sie vom Staendigen Ausschuss mit den
Taetigkeiten der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung vertraut
gemacht wurden. Diese Programme haben viel zur Verbesserung der
Beziehungen zwischen der amerikanischen und auslaendischen Gewerkschaftsbewegungen beigetragen und die demokratischen Gewerkschaftsorganisationen der ganzen Walt materiell unterstuetzt.
"Auf Ersuchen des Ausschusses wurden Vorkehrungen getroffen,
damit die Vertreter des Arbeitsministeriums, die an internationalen Handels- und Zollbesprechungen teilgenommen haben, ueber den
Ausschuss die Gewerkschaften laufend unterrichten. Dies hat zu
einer engeren Zusammenarbeit zwischen Regierung und Gewerkschaftsbewegung auf diesem bedeutsamen Gebiet gefuehrt.
"Gemaess ihrem Wunsch, die gewerkschaftlichen Aspekte der
amerikanischen Aussenpolitik zu staerken, unterstuetzt die AFL
aktiv die Arbeit des Ausschusses und die internationalen Ziele
des Arbeitsministeriums.•
Philip Yurray stellt in seinem Jahresbericht an den Kongress
des CIO fest:
"Im vergangenen Jahr hat sich der CIO weiterhin an der Arbeit
des Gewerkschaftlichen Beratungsausschusses fuer internationale
Fragen beteiligt, die innerhalb des Arbeitsministeriums gebildet
wurde. Der CIO ist in diesem Ausschuss durch James B. Carey,
Jacob Potofsky, Emil Rieve und Michael Ross vertreten.
"Da das Arbeitsministerium dafuer verantwortlich ist, den
Standounkt der Arbeiterschaft in ueberministeriellen Ausschuessen
zu vertreten, die die Politik in allen auswaertigen Angelegenheiten formulieren, ist dieser Ausschuss das Werkzeug gewesen, mit dem
den Beamten des Arbeitsministeriums und insbesondere dem stellvertretenden Arbeitsminister Philip !,!. Kaiser die Stellungnahme der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu aussenpolitischen Fragen
uebermittelt wurde.
- 14 -

�"DurJÜ die Arbeit dieses Ausschusses hat die Gewerkschaftsbewegung wachsenden Sinfluss auf die* Entwicklung des Programms fuer
Sozialreferenten und des Programms zum Austausch auslaendischer
lewerkschaftsfuehrer mit amerikanischen genommen. Der Ausschuss
lfat fernerhin immer -wieder auf den Standpunkt der Gewerkschaftsbewegung in bezug auf das Punkt-Vier Programm, die Besatzungspolitik
Ln Deutschland und Japan sowie zahlreiche andere Taetigkeiten hingewiesen. "
Monthly Service of the Office of International
Labor Affairs
XI1/50
rincent Tewson: EIN JAHR IBFG
Vor einem Jahr gab es Zyniker genur, die dem neugegruendeten
[internationalen Bund Freier Gewerkschaften keine bessere Zukunft
ils die eines Propagandainstruments prophezeiten, dessen Aufgabe
53 sei, eine Serie von Schlagworten hinter den Eisernen Vorhang
su lanzieren.
Gewiss gab es ungluecKselige Vorzeichen, die diesen Zynismus
rechtfertigten. London, die Geburtsstaette des IBFG, hatte oftmals vor 1949 mutige Versuche zur Gruendung internationaler Gewerkschaf tsOrganisationen miterlebt, die jedoch fehlschlugen.
Der erste Versuch wurde 75 Jahre vor der Gruendung des IBFG
zon dem Vorsitzenden des Londoner Berufsverhandes unternommen.
Sr konnte seine Organisation mit Muehe und Not 12 Jahre zusammenhalten,
Dhne dass sie jedoch grossen Einfluss gewonnen haette. Karl Marx
m ä der Anarchist Bakunin konkurrierten um ihre Gunst, waehrend die
inglaender, die den groessten Teil der demokratisch orientierten
.'itgliedschaft bildeten, bestrebt waren, das Gleichgewicht zwischen
seiden zu halten.
Einer der letzten Fehlschlaege, die in London ihren Ursprung
matten, war der "'eltgewerkschaftvbund, der an der Unnachgiebigkeit
ler Kominformhoerigen in seinen Reihen - scheitern musste.
Sich der staendigen Freiheitsbedrohung durch die Kommunisten
antgegenstemmend, erklaerten die Delegierten der Gruendungskonferenz
les IBFG, dass sie sich zusammenschliessen wollten, um auf dem
Gebiet internationaler gewerkschaftlicher Beziehungen einen neuen
Anfang zu machen, und dass die neue Organisation nach ihren Taten
ini nicht nach der Zahl und Laenge ihrer Manifeste beurteilt werden
sollte.
Das soll nicht heissen, dass in diesem Kampf der Ideen 'Torte
als ".äffen verachtet werden sollen. Keine Wuehe soll gescheut
werden, um die Freiheit zu retten und um ueberall Verstaendnis fuer
lie Ziele einer demokratischen Gewerkschafitsbewegung zu erwecken.
Der IBFG verbreitet deshalb seine Nachrichten und Informationen
aeber die ganze Welt.
Von groesserer Bedeutung ist jedoch die praktische Arbeit,
iie diese Organisation zur Staerkung einer jungen Gewerk~cheftsor^anisation in jenen Teilen der Welt leistet, wo Massnahmen fuer
3ie Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit am notwendigsten sind.
Kit der Delegation, die kuerzlich nach Suedostasien entsandt wurde,
•urde eine Reihe von Missionen eroeffnet, die sich um die unterentwickelten Gebiete kuemmern sollen. Sie hat mehr Laender besucht
and mehr Verbindungen aufgenommen als jede fruehere Gewerkschaftsielegation. Ihr Bericht hatte zur unmittelbaren Folge, dass ein
- 15 -

�asiatischer Gewerkschafter ernannt wurde, der ein staendiges
Verbindungsbuero in Singapur leiten wird, bei dem alle asiatischen Gewerkschaften Informationen und Ratschlaege einholen
koennen.
Durch ein ausgedehntes Erziehungsprojekt und ein Programm
fuer wirtschaftliche und technische Unter^tuetzung ist eine
weitere Staerkung der gewerkschaftlichen Organisationen in diesen Gebieten «eplant.
Afrika soll das naechste Taetigkeitsfeld werden, und es ist
offensichtlich, dass des ZweiJahresprogramm des Britischen Gewerkschaftskongresses, mit dem die Arbeiter der britischen Kolonien
unterstuetzt werden sollen, dem Plan des IBFG entgegenkommt,
selbstaendige Gewerkschaften in Anpassung an die oertlichen
Verhaeltnisse aufzubauen.
Bedeutsam ist ausserdem, dass sich der IBFG gegen eine Ueberzentralisierung seiner Funktionen ausgesprochen hat. Gewerkschaftsvertreter aus 15 Laendern, einschliesslich England, sind bereits
zusammengetreten, um sich ueber die Bildung einer europaeischen
Organisation zu einigen, die sich mit den industriellen und
wirtschaftlichen Problemen Europas befassen wird.
Aehnliche Konferenzen sind fuer ganz Amerika, Asien und
Afrika abgehalten worden. Jeder regionalen Organisation wird es
freistehen, unter Beachtung der wichtigsten Entscheidungen, die
vom IBFG in demokratischer Weise getroffen wurden, ihren eigenen
Weg bei der Verwirklichung der Grundsaetze und der einzuschlagenden Politik zu gehen.
Die Aussicht, eine enge und staendige Zusammenarbeit der
Gewerkschaften in allen Gebieten zustande zu bringen, duerfte
den starken und gut fundierten Organisationen die Moeglichkeit
geben, juengeren und weniger erfahrenen NachbarOrganisationen
zu helfen.
Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenartigen Gewerkschaftsorganisationen ist im IBFG bereits erreicht worden und kommt am
deutlichsten in den intsrnationalen Berufssekretariaten zum Ausdruck, die der jungen Internationale ihre Erfahrung und ihr
Koennen zum Wohle der Arbeiter in den Berufen und Industrien, fuer
die sie- zustaendig sind, freimuetig zur Verfuegung gestellt haben.
Obwohl der IBFG noch vor zwoelf Monaten weder durchorganisiert war noch ueber das erforderliche Personal, ueber Bueroraeume
und Arbeitsmaterial verfuegte, ist er bereits zum Sprecher der
freien Gewerkschafter der gesamten freien Welt geworden.
Mit Bueros in Bruessel, Singapur, New York und Genf wird er
in der Lage sein, seine Bestrebungen darauf zu richten, durch
eigene Initiative und auf dem Weg ueber andere Behoerden, wie
zum Beispiel das Internationale Arbeitsamt, die UNESCO und den
Wirt3chafts- und Sozi^lrat der Vereinten Nationen, die dem IBFG
alle mitberatendes Statut gewaehrt haben, das Lebens- und Erziehungsniveau und die Arbeitsbedingungen aller Schaffenden zu verbessern.
Unabhaengig von politischen Parteien und frei von jeder Beherrschung durch Regierungen geniesst der IBFG den Ruf, ein energischer Kaempfer fuer Brot, Freiheit und Frieden zu sein.
Labour
XII/50
- 16 KICOC (9-1-51) «150 5 M 1 C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 2

Frankfurt,

1 2 . Januar 1950 -/

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Gewerkschaften Amerikas u n t e r r , t u e t z e n V e r t e i d i g u n g s produktion - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

1

Amerikanische Gewerkschaften h e l f e n am P u n k t - V i e r Pro.^ramn mit - - - - - - - - - - - - - - - - - -

3

Die Bedeutung der Lehrlings- und Berufsschulausbildung fuer die Verteidigung Amerikas - - - - -

5

Zahl der weiblichen Arbeitskraefte in Amerika steigt 6
In 3ngland entscheiden die Bergleute selbst ueber
ihre Zukunft - - - - - - - - - - - - - - - - - Gerechte? Akkordsyster: steigert Produktionsleistung

9
11

I.'eany zur Rolle des Rundfunk- und Fernsehwesens - - 13
Amerikanische Gewerkschaftsfuehrer unterstreichen
die Bedeutung der Arbeiterbildung - - - - - - - 14
Ausbildungsinstitut fuer die wirtschaftliche Planung
asiatischer Entwicklungsprojekte - - - - - - - - 15
Indische Gewerkschaften erkennen die kommunistische
Gefahr
--.-----___-__
_ _ _ _ IQ

GEWERKSCHAFTEN AMERIKAS UNTERSTUE1ZEN VERTEIDIGTOIGSFRODÜKTI CN
Die Nachrichten von der bejahenden Haltung der Gewerkschaftsbewegung einer gesteigerten Verteidigungsproduktion gegenueber
und ihrer Bereitwilligkeit, notwendige Preis- und Lohnkontrollen
zu akzeptieren, nehmen in der amerikanischen Gewerkschaftspresse
einen breiten Paum ein.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung bekennt sich zu
dem Motto des ersten Wirtschaftsberaters Praesident Trumans, Leon
Keyserling: "Produktion, mehr Produktion und noch mehr Produktion."
- 1-

�Die Gewerkschaften haben ihre uneingeschraenkte Zusammenarbeit bei der Steigerung der Produktion zugesichert, damit Amerika
und die ganze freie Welt gegen alle feindlichen Absichten gefeit
sind. Noch bevor die Kommunisten die Republik Korea angegriffen
hatten, war die Produktion in Amerika auf einen Hoechststand gestiegen, und das nationale Einkommen - einschliesslich der Lohnsumme - ging
wie nie zuvor in die Iloehe.
Heute haben die Ausgaben der Unternehmer zur Ausdehnung ihrer
Produktionskapazitaet eine Stufe erreicht, die ueber der des zweiten Weltkrieges und des Jahres 1948 liegt, als die Nachfrage nach
Waren aller Art eine ungeheure Ausdehnung der Industrie erforderlich machte. Und jetzt wird diese vermehrte Nachfrage nach Waren
fuer den Inlandbedarf noch durch die zwingende Notwendigkeit gesteigert, die freie Welt wirtschaftlich und militaerisch zu staerken, um den kommunistischen Imperialismus abwehren zu koennen.
Auch diese Absicht hat die begeisterte Zustimmung der amerikanischen Gewerkschaften gefunden.
Diese rekordbrechende Ausdehnung der amerikanischen Produktivitaet schafft neue Arbeitsplaetze und stellt die Gewerkschaften
auf Grund des sich hieraus ergebenden Mangels an Arbeitskraeften
in eine guenstige Position. Die Gewerkschaften nutzen diese
groessere Macht jedoch nicht dazu aus, um unberechtigte Forderungen
zu stellen.
Nachdem Praesident Truman den nationalen Notstand erklaert
hatte, kamen etwa 10.000 Eisenbahner im Interesse der nationalen
Verteidigung dem Ersuchen des Praesidenten nach, ihren Streik zu
beenden.
Im August wurden die Bahnen von- der Regierung uebernomnen, um
einen nationalen Streik der Gewerkschaft des Zugpersonals und der
Zugfuehrer zu verhindern. Seit dieser Zeit arbeiten sie unter
der Kontrolle der Regierung.
Die Gewerkschaften wuenschen fuer die Lagerarbeiter der Eisenbahn eine volle Verguetung fuer 48 Arbeitsstunden bei einer
40-Stunden-Woche und eine E0%ige Tariferhoehung fuer die Streckenarbeiter. Augenblicklich verdienen die Zugbegleiter durchschnittlich 1,58 Dollar in der Stunde und woechentlich 75 Dollar. Der
durchschnittliche Wochenlohn aller Industriearbeiter belaeuft sich
gegenwaertig auf 68 Dollar. Nach Ausbruch des Streiks der Eisenbahner wurden Tag und Nacht im Weissen Haus Besprechungen zwischen
den Eisenbahngesellschaften und den Gewerkschaften gefuehrt, an
denen auch der Berater des Praesidenten, Dr. John R. Steelman,
teilnahm. Man rechnete damals bereits mit einer raschen Beilegung
des Streiks.
William Green, der Praesident der AFL, versprach, dass die
acht Millionen Mitglieder dieses Gewerkschaftsbundes waehrend
des Notstandes von Streiks absehen wuerden, wenn Praesident Truman
sie darum ersuchte. Er fuegte hinzu, dans die Arbeiterschaft
bereit 3ei, "mehr als die Haelfte des Weges" zu einer Vereinigung
mit den Unternehmern und Farmern zurueckzulegen, um die Programme
zur Steigerung der Ruestungsproduktion zu foerdern.
Green bestand jedoch darauf, dass eine "Gleichheit" zwischen
Loehnen und Preisen hergestellt werden muesse, bevor irgendein
Lohnstabilisierungaprogramm durchgefuehrt werden koenne^
Philip Kurray, der Vorsitzende des CIO, versprach ebenfalls
Hoechstproduktion zur Unterstuetzung Praesident Trumans und der
Vereinten Nationen in dem ge^enwaertigen Kampf zur Abwehr aller
Aggressionen.
- 2 -

�Der CIO-Vorsitzende fuehrte aus:
"Vor fuenf Jahren erst haben wir den Kampf um die Freiheit
gegen die nazistischen und japanischen Imperialisten gewonnen.
In diesem Kampf spielte die ^roduktivkraft der amerikanischen Industrie und der amerikanischen Arbeiter eine wesentliche Rolle.
"Heute werden wir wieder dafuer arbeiten, die freien Voelker
und die freien Menschen vor dem Angriff des kommunistischen Imperialismus zu schuetzen. Die amerikanischen Arbeiter wissen,
dass Kommunismus Sklavenarbeit bedeutet, die freien Gewerkschaften zerstoert und den Arbeitern das Recht nimmt, zu streiken. 3o
wie Hitler schutzlose Voelker ueberfiel, sind es nun die Kommunisten, die nach Sued-Korea und Indo-China eindringen."
Der CIO-Vorsitzende brachte zum Ausdruck, dass die amerikanischen Arbeiter keineswegs ihre Handlungsfreiheit einbuessen,
wenn sie sie Regierung in dieser kritischen Zeit unterstuetzen.
Sie werden auch in Zukunft verlangen, dass Ungerechtigkeiten in
der Bezahlung korrigiert werden, und dass die Arbeiterschaft an der
Formulierung und Verwaltung der Richtlinien und Programme in allen
Behoerden der Regierung in groesserem Masse beteiligt wird. Sie
werden fordern, dass die durch den Notstand auferlegten Lasten
unter alle sozialen Orup-en gerecht verteilt werden.
"Wenn die amerikanischen Arbeiter ihre Unternehmer oder ihre
Regierung kritisieren, dann glauben Sie nicht, dass Amerika uneinig ist. Unsere Demokratie is*t stark, weil Jeder Buerger das
Recht hat, ohne Furcht zu sprechen, ueber oeffentliche Tobleme
zu diskutieren und abzustimmen. Die Freiheit schwaecht uns nicht.
3ie verleiht uns staerke, weil wir wissen, wofuer wir arbeiten und
kaemofen. In diesen schweren Zeiten wird die hoehere T'roduktivkraft der amerikanischen Arbeiter zusammen mit dem Industriepotential der amerikanischen Industrie die notwendigen militaerischen
und wirtschaftlichen Mittel wieder einmal produzieren, mit denen
die freiheitsliebenden Voelker der ganzen Welt unterstuetzt werden.
Um es erneut zu sagen:
'»Vir werden stark und siegreich sein, weil
wir fuer das Recht kaempfen."
Die Gewerkschaftsbewegung fordert nun energisch eine staendig groessere Beteiligung in allen Phasen der Mobilisierung der
Hilfsquellen und Machtmittel Amerikas. Das Vereinigte Komitee
fuer Arbeitsgesetzgebung, das sich aus Vertretern der AFL, der
CIO und der selbstaendigen Gewerkschaften zusammensetzt, wurde zu
dem Zweck gebildet, sich mit den Problemen der Mobilisierung zu befassen.
Program Service Section
Labor News Rounduo jj- 75
12/20/50
AMERIKANISCHE GE-YERKLCK^FTEr HttLFICr ,-.N PITKT-VILR-F:iOGIui.MM MIT
Jacob 5. Potofsky, der Vorsitzende der Vereinigten Bekleidungsarbeiter von Amerika (CIO), und Lewis G. Hines, der Sondervertreter der AFL, gehoeren zu den 12 Mitgliedern des neuen Beratungsau~schusses fuer Internationale Entwicklungen, der von Praesident
Truman ernannt worden war, um sich mit dem Punkt-Vier-Programm zur
Entwicklung rueckstaendirer Gebiete als eines wichtigen Mittels
zur endgueltigen Sicherung von Frieden, Wohlstand und Sicherheit
in der "elt zu befassen.
- 3-

�Auf einer Konferenz mit- Potofsky, Hines, dem Vorsitzenden
Nelson A. Rockefeiler und anderen Mitgliedern des Ausschusses erklaerte Praesident Truman:
"Die Anregung zu wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt
in den unterentwickelten Gebieten ist eines der wichtigsten Probleme, denen die freie Welt gegenuebersteht. Dies trifft besonders fuer jene asiatischen Laender zu, in denen die kommunistische
Gefahr so gross ist.
"Die Staerkung der unterentwickelten Gebiete und die Staerkung der freien Voelker der ganzen Welt stehen in einem direkten
Abhaengigkeitsverhaeltnis zueinander. Zwei Drittel der Weltbevoelkerung leben in diesen Gebieten. Sie leiden an Funger, Krankheit, Unwissenheit und Armut. Diese Voelker haben bereits beschlossen, dass eine '.Vendung eintreten muss, komme, was da wolle."
Zu diesem Problem erklaerte der ^raesident ferner, dass seine
Dringlichkeit in Anbetracht der chinesisch-kommunistischen Aggressi
in Korea verdoppelt sei.
"Es dreht sich jetzt um die Frage, aus welcher Richtung diese 7/endung kommen soll -" fuehrte er aus, "ob sie sich ungeachtet
der vielen Y.'erte vollziehen soll, die dem freien Menschen teuer
geworden sind, oder ob sie zu einer friedlicheren '.Veit in Wohlstand
beit.ra.een soll. Wir in den Vereinigten Staaten koennen ueber diese Frage nicht entscheiden: sie kann nur von den Bewohnern der
unterentwickelten Gebiete selbst entschieden werden. Aber ich
glaube, dass wir ihnen unsere Hilfe anbieten koennen, wann sie
darum kaempfen, dem Elend zu entrinnen, und wir koennen ihnen auch
den Weg zeigen, den andere zur Srringung der Freiheit, Menschenwusrde und Wohlfahrt gegangen sind."
Die Bedeutung der Worte des Praesidenten wurde in dem Bericht
des Statistischen Bueros der Vereinten Nationen unterstrichen, in
dem' festgestellt wurde, dass die Produktion der £5 aermsten Laender der Welt mit de\r Htelfte der Weltbevoelkerunr nur ein Zehntel
aller Nationaleinkommen betraeet.
China hatte zum Beispiel ein Nationaleinkommen von nur 27
Dollar jaehrlich pro Kopf der Bevoelkerung; in Indien sind es 57
Dollar. Von allen industrialisierten und halbindustrialisierten
Nationen der Erde hat, abgesehen von Polen, Russland das gerinn-te
Nationaleinkommen pro Kopf der Bevoelkerung (30:3 Dollar). Die
Vereinigten Staaten stehen dank ihrer Messenrroduktionsmaschinen
und denk des Draengens der Gewerkschaften und anderer Grunnen nach
gerechter Verteilung dessen, wes produziert wird, tait 1.453 Dollar
T O Kopf der Bevoelkerung an erster Stelle. Mit anderen '.','orten,
das Durchschnittseinkommen der Amerikaner ist fuenfmel so hoch
wie das der Durchschnittsrussen.
In einer Srklaerung des Jahreskongresses der CIO, auf dem
dem ^raesidenten die uneinpe^chraenkte Unterstuetzung dieser Organisation fuer das Punkt-Vier-Programm zugesprochen wurde, hiess
es:
"Unser Export industrieller Methoden im Rahmen des Punkt-VierProgramms bietet uns und unseren Freunden im Ausland groesste Vorteile, wenn Hand in Hand mit ihnen .jene sozial- und erbeitsnolitischen Methoden eingefuehrt werden, durch die das amerikanische
Volk unser eigenes System der Lenkung und des Gleichgewichts unserer industriellen Zivilisation entwickelt hat."
- 4-

�Ebenso erklaerte die AFL:
"Wir fordern, dass das Punkt-Vier-Programm so durchgefu, -*••
wird, dass es die Erziehung, die nationale Kultur, die Volksgesundheit, die technische Ausbildung, Gerechtigkeit und Arbeitsnormen foerdern kann. In allen Gebieten Asiens und Afrikas, die noch
nicht ihre voellige Unabhaengigkeit erlangt haben, sollen Vertreter der eingeborenen Bevoelkerung das Recht haben mitzureden, und
sie sollen in wirksamer Weise an der Planung und Durchfuehrung
des Punkt-Vier-Programms beteiligt werden."
Program Services Section
Labor News Roundun # 73

m/e/so

DIE HEDEUTUFG DER LEHRLINGS- UND BERUFSSCHPLAUSBILDUNG FUER DIE
VERTEIDIGUNG AMERIKAS
(Auszuege aus einer Ansprache des Leiters des Bueros fuer
Lehrlingswesen im U.S. Arbeitsministerium W. F. Patterson, die
er auf dem Kongress der Vereinigung der amerikanischen B/erufsschullehrer hielt.)
Die Gruppe fuer Berufsschulung sowie die b'undesstaatlichen
und staatlichen Behoerden, die sich mit dem Lehrlingswesen befassen, haben in diesem Augenblick die schwerste Probe zu bestehen,
der sie sich je gegenübergestellt sahen. Im Zweiten Weltkrieg
hatte Amerika mehrere Jahre zur Verfuegung, um seine militaerischen Kraefte zu organisieren und seine 'Wirtschafts- und Produktionsquellen zu mobilisieren. In der gegenwaertigen ungeklaerten
Situation weiss niemand, ob ein Krieg in den naechsten Monaten
oder Tagen oder eine Zeit kritischer Ungewissheit bevorsteht, die
sich ueber 10 oder 15 Jahre erstrecken kann.
Jeder, der mit den Fragen der Ruestungsnroduktion vertraut
ist, weiss, dass die Schlagkraft einer militaerischen Streitmacht
an der Front von einer ununterbrochenen Versorgung mit Industrieproduktion abhaengi"; ist: Waffen, Maschinen, Munition, Lebensmittel, Bekleidung und anderem Kriegsmaterial. Um diesen Materialstrom in Fluss halten zu koennen, ist eine Riesenzahl an Arbeitskraeften notwendig, von der ein grosser Prozentsatz gelernte
Facharbeiter sein mue^sen. Der Schluessel zum wirksamen Einsatz
dieser Arbeitskraefte ist, wie allgemein bekannt, die Berufsschulung und Berufsausbildung. Wenn die Berufsausbildung in wirksamem Masse schnell und gruendlich durchrefuehrt werden soll, muessen
alle die, die mit diesen beiden Gruppen verbunden sind, in genauer
Kenntnis ihrer Funktionen, in enger Harmonie und Gleichschaltung
aller Bemuehungen zusammenarbeiten - andernfalls wird es nicht gelingen, die schwere und dringende Aufgabe, die gestellt ist, zu
loesen.
Es ist vielleicht angebracht, wenn kurz auf die Arbeit dieser
beiden Gruppen in den vergangenen Jahrzehnten eingegangen wird.
Das Aufkommen de.: Fabriksystems und der Methoden der Massenproduktion hatten nicht unmittelbar eine Neuorientierung des Erziehungssystems zur Folge. Es dauerte in der Tat viele Jahrzehnte, bevor im Erziehungssystem Beweise fuer die Notwendigkeit erkennbar wurden, Maenner und Frauen durch eine entsprechende Ausbildung auf ihre Arbeit in der Industrie vorzubereiten,30 wie fuer
akademische Berufe eine Ausbildung an einer Hochschule ebenso notwendig wie selbstverstaendlich ist. Weitere Jahre vergingen, bevor
- 5-

�auf Grund dieser Erkenntnis Aenderungen in den Erziehungs- und
Ausbildungsürogrammen vorgenommen wurden. Folglich hatten die
Grundschulaüsbildung und die der hoeheren Schule fast ausschliesslich das Ziel, auf die Aufnahme in eine Hochschule vorzubereiten.
In gewissem Grade sind sich die Erzieher noch immer nicht der
Bedeutung der beruflichen Schulung innerhalb des allgemeinen Erziehungssystems bewusst. Die jetzige Auseinandersetzung mit
diesen Fragen ist ein Beweis fuer den Fortschritt auf dem Gebiet
der Berufsschulung, fuer das Ausmass, in dem diese durchgefuehrt
wird, und fuer die bedeutende Rolle, die sie auf erzieherischem
Gebiet spielt.
Wie wertvoll die Berufsschulen fuer das allgemeine Lehrlingswesen sind, wurde bereits in einer Veroeffentlichung des Bundesstaatlichen Amtes fuer BerufsSchulung mit dem Titel "Lehrlingsausbildung" vom Juni 1923 beschrieben. Man war sich im klaren
darueber, dass, wenn des Lehrlingswcsen seinen ihm gebuehrenden
Platz einnehmen sollte, bestimmte Aspekte einer besonderen Betrachtung unterzogen werden mussten. Wenn mit genuegendem Nachdruck betont wird, dass der Lehrling ein im Arbeitsverhaeltnis
stehender Arbeitnehmer ist, muss irgendeine Behoerde mit der besonderen Aufgabe betraut werden, ein diesem Zweck entsprechendes Programm zu entwickeln und zu foerdern. Dieser Notwendigkeit war
man sich weitgehend bewusst, was zur Entstehung des heutigen Amtes fuer Lehrlingswesen fuehrte. Allen jenen, die auf dem Gebiet
der Berufserziehung taetig sind und sich unablaessig fuer ein
besseres gegenseitiges Verstaendnis der beiden Grupnen eingesetzt
haben, muss eine besondere Anerkennung ausgesprochen werden:
Dr. Stratton, John McCarthy, Clarence Greiber, Howard Campion,
Walter Sahlin und viele andere, die nicht namentlich genannt werden koennen, die fortwaehrend mitgeholfen haben, das nationale
Lehrlingsprogramm und seine Ideen und Ziele zu foerdern.
In einer Zeitspanne von mehr als 16 Jahren sind die beiden
Gruppen zu der Erkenntnis gekommen, dass es nicht notwendig und
nicht ratsam ist, Schwierigkeiten und Mi3svers^aendnisse einfach
zu ignorieren. Auch waere es unklug, nicht zugeben zu wollen, dass
diese Missverstaendnisse fortbestehen, nur weil keine Versuche
unternommen werden, sie in ehrlicher und offener Aussprache zu
beseitigen.
Die Oeffentlichkeit wird sich daran erinnern, dass in der
ersten Zeit des Bestehens der beiden Grupnen mit mehreren tuechtigen Fachleuten eine Vereinbarung ausgearbeitet wurde, in der die
Funktionen der beiden Gruppen gemaess der Auffassung ueber die
Stellung eines Lehrlings, ob Arbeitnehmer oder Schueler, festgelegt wurden. Dieses Dokument hat sich bei der Umgrenzung der
beiderseitigen Taetigkeitsbereiche als ungeheuer wertvoll erwiesen.
Auch die oertlichen und staatlichen Behoerden fuer Berufsschulung, die staatlichen Lehrlingsaemter und die Mitglieder des
Personalstabes, die mit der Aussenarbeit betraut sind, koennen
nicht genu,? Anerkennung fuer die aussergewoehnliche Umsicht erfahren, mit der sie an geneinsame Probleme herangingen, ihre Ansichten austauschten, wo es noet/ig war, konstruktive Kritik uebten,
und in vielen Faellen Schwierigkeiten durch schriftliche Abmachungen beseitigten, in denen sie festlegten, in welcher Form zusammengearbeitet werden sollte. Noch in den letzten Jahren sind Beauftragte der Vereinigung der amerikanischen Eerufsschullehrer
in etwa sechs Faellen mit fuehrenden Mitgliedern des Amtes formell
zusammengetreten, um die gegenseitigen Beziehungen zu eroertern
und freundschaftliche und praktische Abmachungen ueber die beiderseitige Politik und die gemeinsame Arbeit zu treffen. Das Buero
- 6-

�fuer Lehrlingswesen ist immer stolz auf diese guter, Beziehungen gewesen und bemueht sich, die getroffenen Abmachungen auch gewissenhaft einzuhalten.
Eines der "^roble^e, die beide Teile geneinsam interessierten und bei zahlreichen Gelegenheiten besprochen wurden und fuer
das die Berufsschullehrer ausschliesslich verantwortlich sind,
ist die Berufsschulausbildung fuer Lehrlinge. Die Schwierigkeiten sind durchaus bekannt, die die staatlichen und oertlichen
Berufsschullehrer hatten, um genuegend Geldmittel fuer diesen
Zweck zu bekommen. Niemals ist die Tatsache verkannt worden,
dass die Berufsschulausbildung ein notwendiger und grundlegender
Bestandteil des Lehrlingswesens ist, und die Allgemeinheit ist
ueberzeugt, dass ihre Bedeutung, weit groesser ist, als die Zeit
vermuten laesst, die man ihr im allgemeinen widmet. Wenn von
der Berufsschulausbildung gesprochen wird, muss darauf hingewiesen werden, dass ihr mehr Zeit gewidmet werden muesste. Es ist
das Bestreben des Amtes, jedem Lehrling in den Vereinigten Staaten eine Berufsschulausbildung zuteil werden zu lassen, die an
Q,ualitaet und Q,uantitaet nichts zu wuenschen uebriglaesst. Dies
war jedoch immer und muss auch immer eine Funktion der Berufsschulen sein. Der wertvolle Beitrag der Berufsschullehrer zum
Lehrlingswesen wird in dieser Richtung trotz verwirrender und
oft unueberwindlich erscheinender Schv/ierigkeiten stets geschaetzt.
Es ist ein Glueck fuer die Vereinigten Staaten, dass sie
heute ueber die Erfahrungen einer 16-jaehrigen Zusammenarbeit
verfuegen, denn in dieser gefaehrlichen Situation von heute kommt
es darauf an, noch enger als bisher zusammenzuarbeiten. Man muss
alle Gefahren ins Auge fassen, die sich ergebenden Konsequenzen
daraus ziehen und versuchen, entsprechend ausgerichtete wirksame
Programme vorzubereiten. Wenn die USA in eine entscheidende
Krise verwickelt werden, werden alle Kraefte bis zum Aeussersten
angespannt werden muessen, um der Industrie zu helfen, dass sie
die Arbeitskraefte zur Produktion der riesigen Mengen an "Zaren,
die gebreucht werden, richtig einsetzt. In diesem Fall muss die
gemeinsame Arbeitsgruppe, die bereits erwaehnt wurde, aeusserst
aktiv sein und sehr oft zusammentreten.
Wenn die USA in Kuerze einer umfassenden Krise gegenueberstehen sollten, werden die Probleme, die geloest werden muessen,
sehr verschieden von denen sein, die vor 10 oder 15 Jahren bewaeltigt werden mussten.
Unmittelbar vor dem 2. V/eltkrieg verfuegten die Vereinigten
Staaten ueber ein grosses Reservoir an Arbeitskraeften, die der
Industrie zugefuehrt werden konnten. Es gab z.B. eine betraechtliche Zahl Arbeitsloser. Mehrere Millionen Frauen waren zuvor
nie erwerbstaetig gewesen. Es gab ausserdem viele Personen,
die auf Grund ihres Alters oder koerperlicher Maengel zwar nicht
arbeiteten, aber doch bis zu einem gewissen Grade arbeitsfaehig
waren. 100.000 dieser Leute wurden in Berufsschulen ausgebildet
und daraufhin in Ruestungsfabriken beschaeftigt. Ohne diese Reserve waeren die Bemuehungen zur Steigerung der Ruestungsproduktion niemals so erfols-reioh gewesen.
Heute verfuegen die USA nicht ueber diese umfangreichen Reserven. Eine Arbeitslosigkeit besteht praktisch nicht. Viele
Frauen und Koeroerbehinderte sind bereits laengst berufstaetig.
Im uebrigen werden mehrere Millionen junger Leute dem Arbeitsmarkt
entzogen, um bei den militaerischen Streitkraeften Maschinengewehre zu bedienen, Schiffe zu bemannen und Flugzeuge zu steuern.
- 7-

�Wenn die Produktionsleistung unter solchen Bedingungen gesteigert-worden soll, gibt es keine andere Moeglichkeit, als die
Faehigkeiten der bereits Beschaeftigten zu erhoehen.
Dieses Problem der Berufsausbildung im Dienst der amerikanischen Industrie kann bearbeitet werden, ohne dass zu diesem
Zwecke neue Behoerden gebildet werden. Seit dem 2. Weltkrieg
haben sich die beiden Gruppen ausdruecklich und unbedingt an
diesen Grundsatz gehalten. Es ist lediglich erforderlich, die
Richtlinien so auszuarbeiten und die Taetigkeiten so zu lenken,
dass ein derartiger Schritt nicht notwendig wird.
Die Maenner und Frauen, die auf diesen Gebieten taetig sind,
sind sich bewusst, dass sie nicht nur einen Arbeitsolatz ausfuellen, sondern dass sie gemeinsam ein Ziel erstreben. Sie wollen
weiter arbeiten, wie sie es auch in der Vergangenheit getan haben, wobei folgende Ziele ihnen vorschweben moegen: Den nationalen Wohlstand zu foerdern, das wirtschaftliche Wohlergehen des
amerikanischen Volkes zu verbessern und dem Lande eine unueberwindliche Verteidigung zur Verfuegung zu stellen.
U.S. Arbeitsministerium
12/1/50
ZAHL DER WEIBLICHE?! AR3EIT5 KRAEFTE IN AMERIKA STEIGT
Prozentualer Anteil der weiblichen Arbeitskraefte an der
Erwerbsbevoelkerung der Vereinigten Staaten in den Jahren 1870-1949

Dem statistischen Buero der
Vereinigten Statten zufolge hat
sich die Zahl der weiblichen Bevoelkerunr im Alter von ueber 14
Jahren in der Zeit von Oktober
1949 bis Oktober 1950 um 680.C00
erhoeht.
sIa gleichen Zeitraum ist die
Zahl der erwerbstaetigen Frauen
um 1.093.000 angestiegen, deren
Zahl sich damit im Oktober 1950
auf insgesamt 18.668.000 belief.
Die T-roesste Beseheeftigunrszunähme in diesen 12 Moneten" ist bei
jenen Freuen zu verzeichnen, die
in nichtlendwirtscheftlichen Indus triezweis^en beschaeftigt sind.
Ihre Zahl steigerte sich um 599.000
insgesamt, damit heben die Frauen
im Oktober 1950 die 16 1/2 Millionen Grenze uebsrschritten. Die
weiblichen Arbeitnehmer in der
Lendwirt3Cheft, deren Zahl sich
im Oktober 1950 auf insgesamt
1.902.000 belief, hetten seit dem
gleichen Monat des Vor/iahres eine
Zunahme von 494.0C0 zu verzeichnen.

Die_Zahl der berufstaetigen
Frauen in den bereinigten Staaten
uebertrifft somit die Gesamtzahl
der deutschen Berufstaetigen einschliesslich aller .*rbe4tslosen.
Labor Information Bulletin
XII/50
- B-

�IN ENGLAND ENTSCHEIDEN SIE BERGLEUTE S5IBST UEBER IHRE ZUKUNFT
Die Besprechungen uebar den englischen Fuenfzehnjahresplan
werden von den Mitgliedern der Beratungsausschuesse der Kohlenbergwerke gefuehrt, die alle ein Exemplar dieses groessten Programms auf weite Sicht erhalten haben, das die britische Industrie
je gekannt hat.
Die ersten Erklärungen zu dem Programm wurden im November
den Mitgliedern des Landes-Beratungskoiaitees von dem Vorsitzenden
der obersten Kohlenbehoerde gegeben. Die gemeinsame Beratung
wird fortgesetzt, und die Betriebsleiter und Arbeiter jeder Abteilung studieren die Einzelheiten, die vor. unmittelbarer Bedeutung fuer sie sind.
Die Bergarbeitergewerkschaft hat bereits offiziell dieses
ausgeglichene Programm der Kapitalentvvicklung gebilligt, das den
Zweck hat, Arbeitskraefte, Geld und Maschinen so zu verwenden,
dass die besten Ergebnisse erzielt werden koennen.
Wie ein Sprecher erklaerte, waren sich die Bergarbeiter immer
der Bedeutung der Herausstellung der Leistungsfaehigkeit bewusst,
und sehen nun eine Gelegenheit, ihre Hoffnungen zu verwirklichen.
Der ""lan kann jedoch nur gelingen, wenn er von der Industrie
wohlmeinend mit allen Mitteln unterstuetzt wird.
Die Vorschlaege zu diesem Fuenfzehn Jahresprogramm, das en
sich nicht an feste Quoten gebunden ist, sehen eine Steigerung
der jaehrlichen Kohlenfoerderung Englands um 36 Millionen Tonnen
bei einer Senkung der Zahl der Bergarbeiter um 80.000 vor.
Es wird weniger Gruben geben, aber mehr Destillierwerke. Es
werden sich groessere Stollen in den Gruben finden, zum Zerkleinern und Abtransport der Kohle wird weitgehend von elektrischer
Energie Gebrauch gemacht werden. Den Bergarbeitern werden in
groesserem Masse Badeeinrichtungen an den Ausgaengen der Gruben
zur Verfuegung stehen, sie werden mit groesserer Sicherheit arbeiten, und man wird sich eingehender als bisher mit Wohlfahrtseinrichtungen fuer sie befassen.
Diese Aenderungen koennen nicht sofort vorgenommen werden;
es kann bis zu zehn Jahren dauern, bis ein rrosses, modernes Kohlenbergwerk in vollem Ausmass produzieren kann.
Weil eine groessere Mechanisierung hoeheren Ausstoss mit
sich bringt, werden die Gestehungskosten fuer jede Tonne Kohle
um deben Schillinge fallen.
Nicht alle Gewinne werden in Form niedriger Teise der Oeffentlichkeit zufliessen. Die Maenner, die im Bergbau arbeiten, werden
besonders beruecksichti/rt werden, da die oberste Kohlenbehoerde
den Grundsatz akzeptiert hat, dass die Loehne im gleichen Masse
erhoeht werden, in dem die Produktionsleistung steigt.
Den HauTtanteil der Gestehungskosten fuer Kohle bilden die
Loehne (nahezu zwei Drittel). Obwohl das Komitee sich nicht verpflichten wuerde, eine bestimmte Lohnpolitik zu betreiben, hat es
teschlossen, bei der Errechnung der Gestehungskosten an Hand der
Loenne drei Voraussetzungen zugrundezulegen:
Die Unterschiede In den Lohntarifen der einzelnen Gebiete
werden ausgeglichen, die verschiedenen Lohnstufen werden .jetzt
bleiben, und die Loehne als Ganzes werden nur erhoeht, wenn auch
- 9-

�die Produktionsleistung steigt, wobei jedes Gebiet mit Kohlevorkommen getrennt behandelt wird.
Die groesste Aufgabe wird es sein - dessen ist sich auch die
Behoerde bewusst - die Belegschaftsstaerke der Bergwerke beizubehalten.
In vielen Faellen wird es schwierig sein, neue Arbeiter einzustellen. Die Behoerde rechnet damit, dass nur in wenigen Bezirken ueberzaehlige Bergarbeiter Schwierigkeiten haben werden,
einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Als ein Hauptproblem sieht
man die Tatsache an, dass man im allgemeinen bestrebt ist, ueberzaehlige Arbeiter zu halten, anstatt sie zu veranlassen, in anderen Industrien Arbeit zu finden.
Die Gefahr einer weitverbreiteten Arbeitslosigkeit ist sehr
gering. Allgemein gesprochen, wird Neuorganisierung nichts weiter
bedeuten als eine Reihe von Arbeitsplatzwechseln in andere Gruben.
Fuer solche Wechsel ist den Arbeitern versprochen, dass ihnen alle
interessierten Stellen der naechsten Umgebung beratend zur Seite
stehen werden.
Die Kohlenbehoerde hat in ihren Richtlinien jede Rueckkehr
zu jenen Tagen von vornherein ausgeschlossen, als die Bergwerke
ueberbelegt waren und die Bergleute bei geringerer Nachfrage nach
Kohle arbeitslos wurden. Dadurch, dass man die Arbeiter je nach
den Schwankungen im Absatz zu Produktions- oder Ausbauarbeiten
heranzieht, will man die Fuenf tage-Yvoche beibehalten und eine
stabile Beschaeftlgtenziffer sichern.
Der Plan ist nicht unabaenderlich festgelegt, sondern er unterliegt fortwaehrenden Veraenderungen, da die Richtigkeit der Erwartungen staendig nach^eprueft wird.
Dadurch, dass man den Preis fuer jede Hauptkohlensorte in 'edem Absatzgebiet so weit wie moeglich in Uebereinstimmung mit den
Produktions- und Transportkosten festlegt, will die Behoerde dafuer sorgen, dass jede Verbrauchergrupne fuer die Kohle, die sie
braucht, einen angemessenen Preis zahlt. Die Preise fuer die einzelnen Absatzgebiete werden jedoch nicht endgueltig festgelegt
werden, sie werden aber mit den Veraenderungen in der Versorgung
mit verschiedenen Kohlensorten und der Nachfrage schwanken. Andere Faktoren, die berücksichtigt wurden, waren das erforderliche
Kapital und natuerliche Hilfsquellen. Die Behoerde hofft, die noetigen Ausruestungen und Finanzmittel fuer ihre Projekte zu bekommen, zumal Untersuchungen ergeben haben, dass ein Mangel an Kohlevorkommen fuer viele Generationen unwahrscheinlich ist.
Eine Besorgnis erregende Tatsache ist jedoch, dass die be^te
und billigste Kohle bereits abgebaut ist, insbesondere jene Sorten, die sich zu Hartkoks fuer die Stahlindustrie verarbeiten
lassen. Auf der anderen Seite hofft die Kohlenbehoerde, die
Schwierigkeiten, die zur Zeit durch die Nachfrage der Verbraucher
nach besonderen Kohlensorten entstanden sind, ueberwinden zu koennen. Unter anderem beabsichtigt man, durch eine Form der Preisrsgelung, eine bessere Verteilung der einzelnen Sorten und verbesserte Methoden beim Mischen der Kohle der gesamten Nachfrage gerecht
werden zu koennen.
Das Programm der Neuorganisation enthaelt keine Angaben ueber
die Gruben, die geschlossen oder wiederaufgebaut werden sollen.
Diese Entscheidungen bleiben den oertlichen Betriebsleitungen
ueberlassen, die fuer die Durchführung der Einzelphasen des ^lanes
verantwortlich sind.
- 10 -

�Die oberste Kohlenbehoerde ist der Auffassung, dass sie bei
der Ausarbeitung dieses Programms auf lange Sicht sich konservativ verhalten hat. Sfen erwartet von den Arbeitern in der Zukunft
keine groesseren Anstrengungen als sie zur Zeit fuer ihre Arbeit
aufwenden. BSan hat sich auch nicht auf technische Erfindungen
gestuetzt, die gerade im richtigen Augenblick zu Hilfe gekommen
waeren.
Um noch weiterzugehen, erklaert die Behoerde, sie habe in
"einem Gemisch vernuenftiger Erwartung und hoffnungsvollen Denkens" gehandelt. Nachdem sich nun die Produktionsmoeglichkeiten
und die Tendenzen in der Nachfrage klar abgezeichnet haben, kann
der Plan abgeaendart werden. Er wird in jedem Falle staendigen
Revisionen unterliegen.
"fie vorsichtig die Schaetzungen auch sein moegen, so hat
die Kohlenbehoerde doch ein Problem in Angriff genommen, das unbedingt einer Loesung bedarf.
Jedes kleinere und einzelne Projekt zur Neuorganisierung und
"odsrnisierung haette die Produktion nur auf den niedrigen Stand
von 1945 herabgedrueckt. Und der Preis fuer Kohle, der in den
letzten Jahren gesunken ist, wuerde erneut ansteigen, wie es 70
•Jahre lang der Fall war. Innerhalb von fuenf Jahren haette er
ohne einen derartigen ^lan fuenfmal so hoch sein koennen.
Das Programm muss nun einer gründlichen Untersuchung unterzogen wuerden, und zwar nicht nur von Persoenlichkeiten der Industrie, sondern auch von den Vertretern der Oeffentlichkeit in
den Ausschuessen fuer Kohleverbraucher und dem Ministerium fuer
Brennstoff und elektrische Energie. "Wir werden auch in Zukunft,"
erklaerte der Vorsitzende der obersten Kohlenbehoerde, "uns nach
neuen Ideen umsehen und solche Ideen begruessen, soweit es sich
um gesunde und vernuenftige Vorschlaege handelt."
Labour
XII/50
GERECKTES AKKORDSY5T5M STEIGERT PRODUKTIONSLEISTUNG
Die Produktionsziffern der englischen Industrie gehen staendig in die Hoehe. V/ie ist dies ohne zusaetzliche Arbeitskraefte
und ohne schwerere Arbeit moeglich? Das Staatliche Buero fuer
./irtschaftsinformationen hat sich mit 107 Firmen in Verbindung
gesetzt und hat drei eindeutige, aber keineswegs nagelneue Antworten auf diese Frage erhalten:
Gemeinsame Beratung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern,
gerechte Akkord-Systeme und Betriebsinformationen.
Die Untersuchungen haben dieses Buero zu einer grossen Zahl
.^roesserer und kleinerer Betriebe gefuehrt. Ein Fuenftel der
Betriebe zaehlen mehr als 1000 Arbeiter, ein Viertel weniger als
250. Auch die Art der Waren, die sie produzieren, ist sehr verschieden.
Unter Zuhilfenahme der Geschaeftsbuecher der einzelnen Firmen
ist eine Liste zusammengestellt worden, aus der zu ersehen ist,
wie die Produktion gesteigert, die Gestehungskosten und Preise
gesenkt und die Loehne der Arbeiter erhoeht worden sind.
- 11 -

�Diese Zusammenstellung ist sehr aufschlussreich. In 75 Firmen fuehren Vertreter der Unternehmer und Arbeiter gemeinsame Besprechungen. Gerechte Akkordsysteme spielen in 72 Faellen eine
bedeutende Rolle, waehrend 45 Firmen ihre Produktionsziffern dadurch steigern, dass sie ihre Arbeiter uebar die Erzeugnisse des
Betriebes, den Absatz, die ^roduktionsquoten, die Gestehungskosten und die bereits erzielten Erfolge eingehen unterrichten.
"Viele Firmen bedienten sich dieser drei Methoden mit grossem
Erfolg. Zwei Beispiele zeigen, wie fortschrittliche Unternehmer
mit einsichtigen Arbeitern eintraechtig zusammenarbeiten, um die
Produktionsleistung zum Nutzen der Firma, ihrer Arbeitnehmer und
ihrer Kunden zu steigern.
Die Technischen Vferke in Leeds z.B. koennen von einer "Produktivitaetssteigerung um 44% seit 1947 berichten. Der Mangel an
Treibstoff, der in jenem «Tahre geherrscht hat, ist fuer dieses Unternehmen zur Veranlassung geworden, seine 55 Kilowatt-Dieselgeneratoren zu normen. Das Erzeugnis der Firma ist ab heute geaendert, um eine guenstigere Verwendung des Rohmaterials zu gewaehrleisten, und um die Produktion des genormten Produktes zu beschleunigen, ist eine umwaelzende Neuordnung der Betriebsanlagen
durchgefuehrt worden.
Frueher sind spezialisierte V.'erkzeugmaschinen nur im beschraenkten Masse verwendet worden, um Einzelteile fuer eine Vielzahl von Maschinen herzustellen. Nach der Neuorganisation sind
die Yferkzeugmaschinen, in Gruppen geordnet aufgestellt, in voraus
sorgfaeltig eingerichtet, damit die maschinelle Arbeit in ununterbrochenen Fliessbandsystem ausgefuehrt werden kann. Die Arbeiter
sind waehrend dieser Neuorganisation genauestens ueber die einzelnen Vorgaenge unterrichtet worden, ebenso sind die Plaene dem
gemeinsamen Produktionsausschuss laufend vorgelegt worden. Auf
diese Weilst ist es moeglich gewesen, sich die Mitarbeit der Belegschaft bei dieser Neuorganisation zu sichern.
Und die Ergebnisse? Fuer die Verbraucher eine 25%ige Preissenkung, fuer den Unternehmer eine 10%ige Verminderung der Produktionskosten und fuer 1800 Arbeitnehmer eine Steigerung ihrer Loehne um durchschnittlich sechs Schillinge bis zu einem ^fund Sterling,
wobei die Lohnverbes3erungen im Rahmen des nationalen Lohngesetzes
nicht beruecksichtigt sind.
Im Suedwe3ten Englands sehen wir das zweite Beispiel: In
Avonmouth (Bristol) werden den Arbeitern fuer die Erzeugung von
Zink, Schwefelsaeure und Industrie-Chemikalien Leistungspraemien
gezahlt. Die Zinkproduktion hat sich seit dem Kriege um 20% und
die der Schwefelsaeure um 25% gesteigert. Die 7/ochenloehne der
Arbeiter sind dadurch um einen Betrag von dreissig Schillingen bis
zu zwei Pfund Sterling in die Hoehe gegangen.
Die Leistungspraemien werden in den verschiedenen Industriezweigen nicht eher eingefuehrt, als bis in Sondersitzungen mit
Unternehmer- und Gewerkschaftsvertretern alle Einzelheiten des
Systems ausgearbeitet sind und eine Abmachung zustande gekommen
ist, zu der sich 90% der 1500 Arbeiter dieses Betriebes bekennt
haben. Leistungsprämien koennen auch in den Warenlagern gezahlt
vyerden und sind selbst fuer die jungen Leute vorgesehen, die mit
dem Fahrrad Botengeenge ausserhalb der Fabrik verrichten.
Praktisch ist jede Arbeit in diesen Betrieben vom Hofreinifer
bis zum Reparieren der Pumoen und Wiederaufbauen der Retorten ger&gt;rueft und zeitlich bemessen worden. In allen Faellen ist es den
- 12 -

�'&lt;.

Arbeitern moeglich, sich an die Zeitnehmer zu wenden und eine Angleichurlg der Zeit zu erwirken, wenn dies erforderlich ist.
Fuer die Maschinentechniker, Klempner, Maurer und andere
Handwerker sind Akkordsysteme eingefuehrt worden, denen eine Untersuchung ausschlaggebender Leistungseinheiten zu Grunde liegt.
In jedem dieser Systeme ist der Vorarbeiter der wichtigste
Mann. Er prueft die Zeiten, die fuer die Arbeitsgaenge gebraucht
werden. Wenn die Ausfuehrung der Arbeit schlecht ist, kann er
darauf bestehen, dass sie noch einmal verrichtet wird oder die
Praemie nur fuer den Teil gezahlt^wird, der zufriedenstellend ausfaellt. Der Vorarbeiter selbst arbeitet nach einem Leistungspraemien-System, das sich auf die Arbeitsleistung seiner Arbeiter
gruendet.
Diese 105 Faelle, die man untersucht hat, sind ein klarer
Beweis dafuer, dass die englische Industrie ueber ein grosses Mass
an Erfahrung und Wissen verfuegt, das ausgewertet werden kann wenn es die Unternehmer nicht fuer erniedrigend halten, mit den
Vertretern ihrer Arbeiter neue Methoden zu besprechen, bevor
die Fabriken in Betrieb gesetzt werden, und wenn die Arbeiter
nicht zu mi3strauisch oder zu konservativ sind, sich damit einverstanden zu erklaeren, eine neue Idee auszuprobieren, nachdem
sie sie sorgfaeltig geprueft haben.
Labour
6/50
MEANY ZUR ROLLE DES RUNDFUNK- UND FEP.NSEKWSSENS
"Dieses neue und maechtige Beeinflussungsmittel darf nicht
voellie- der Industrie als Propagandawerkzeug zur Steigerung ihres
Absatzes ueberlassen werden."
Dies sagte George Meany, der Hauptkassierer der AFL, vor
der bundesstaatlichen Kommission fuer Rundfunk- und Fernsehwesen.
Er schloss sich der Bitte einer Grupoe Erzieher an, dass ein gewisser Prozentsatz der Fernsehsendungen ausschliesslich fuer erzieherische Zwecke verwendet werden soll. "Wir wollen, dass
unsere Kinder durch die Fernseheinrichtungen mehr lernen koennen
als nur die Kenntnis einer ausgezeichneten Geschaeftsreklame."
n

Die Regierung ist dem amerikanischen Volke sehr vieles
schuldig. Sie sollte die Kinder der Nation und die Erwachsenen
vor den uebertriebenen Haendlergeist bewahren, dem sie zur Zeit
ausgesetzt sind."
Meany stellte fest, dass die bestehenden Fernsehstationen
es versaeumt haetten, sich zu einem Forum fuer die verschiedenen
Meinungen zu den nationalen und internationalen Problemen zu
entwickeln, und erklaerte: "Die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, finden in dem IleL.leben zahlloser amerikanischer Familien und den Erziehunpsmoeglichkeiten der kommenden Generationen ihren Niederschlag."
^r wies ferner darauf hin, dass die amerikanische Arbeiterschaft das Erziehunrswesen immer unterstuetzt hat, weil sie zu
der Erkenntnis gekörten ist, dass "ein intelligentes Volk aufeeklaert sein muss." 3r betonte, dass es "die arbeitenden Maenner und Frauen Amerikas waren, die den Kampf fuer die Errichtung
eines freien und oeffentlichen Schulsystsms gefuebrt haben.*'
- I*7 -

�Die Gewerkschaften haben sich fuer der üeffentlichkeit zugaengliche Hochschulen eingesetzt und sind heute an den Universitaeten
und Volkshochschulen ausserordentlich interessiert.
Durch die Entwicklung des Rundfunks und des Fernsehwesens
sind die Erziehungs- und Informationsmoeglichkeiten sehr stark
ausgedehnt worden, man habe jedoch zur Foerderung der allgemeinen
Erziehung und zur Propagierung sozialpolitischer Programme nur
in beschraenktem Masse von den Rundfunk- und Fernseheinrichtunsren
Gebrauch gemacht, und ndie Geschichte der letzten £5 Jahre hat gezeigt, dass der Rundfunk nicht die grosse erzieherische Rolle gestielt hat, die man von ihm erwartete."
"Die fortschrittliche amerikanische Arbeiterschaft ist der
Auffassung, dass hoshere Loehne und bessere Arbeitsbedingungen, so
lebenswichtig sie sind, weder das einzige Interesse der Arbeiter
darstellen, noch die einzige Verantwortlichkeit sind, die die Unternehmer ihren Arbeitern gegenueber zu tragen haben. Die Gewerkschaften wie auch die Unternehmer vertreten die Auffassung, dass
die Erziehung fuer den Arbeiter von vordringlicher V/ichtigkeit ist.
Ein aufgeklaerterer Arbeiter ist leistungsfaehiger. Er lernt in
kuerzerer Zeit mehr, verrichtet seine Arbeit besser und steht innerhalb der Gemeinschaft auch nachdruecklicher seinen Mann."
Daily News Service
XIl/6/50
AFRIKANISCHE GEWERKSCHAFTSFÜHRER UNTERSTREICHEN DIE BEDEUTUNG
DER ARBEIT ^BILDUNG
Bei der feierlichen Uebergabe des Samuel-Gompers-Oedaechtnisfonds an das Roosevelt-College in Chikago, der sich auf ICO.000
Dollar belaeuft, erklaerten fuehrende Funktionasre der Gewerkschaften, der Fortschritt der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
haenge groesstenteils von der Ausbildung ab, die den Gewerkschaftsmitgliedern zuteil '.&lt;erde.
William Green, der Vorsitzende der AFI, fuehrte in diesem
Zusammenhang aus: "»ir waren bisher vielleicht zu sehr geneigt,
unseren Fortschritt nach den I'itgliederzehlsn allein zu bemessen d.h. eher nach quantitativen als nach qualitativen Normen
Nur in dem Masse, in dem wir erziehen und auch werbend wirken,
koennen wir die Gewissheit haben, dass die Struktur der organisierten Gewerkschaftsbewegung in Amerika erhalten bleibt und sich fortwaehrend verbessert."

Der Vorsitzende des CIO, Philip Murray, wies darauf hin, da-rs
"unsere hoeheren Lehrinstitute bis vor kurzem noch der Gewerkschaftsbewegung gegenueber entweder unfreundlich oder irgendwie gleichzeitig eingestellt waren oder ihr sogar den Ruecken kehrten."
Im Roosevelt-College wird die Arbeiterbildung auf der gleichen
Basis wie die Ausbildung in Kuensten und '..'issenochaften betrieben.
Sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaften sind im Treuhaenderausschuss vertreten, '"alter Reuther, der Vorsitzende der üUtomobilarbeitergewerkschaft des CIO, und Morris Bialis von den Damenoberbekleidungsarbeitern der AFL sind Mitglieder dieses Ausschusses.
V.'eekly Labor News Direst
Vol. V - Nr. 51
XII/20/50

- 14 -

�AUSBILDUNGSIMSTITUT FULR DIE WIRTSCHAFTLICHE PLANUNG ASIATISCHER
ENTWICKLUNGSPROJEKTE
In Lahors (Pakistan) ist das erste regionale Schulungsprogramm fuer Volkswirtschafter, Techniker und Verwaltungsbeamte angelaufen, die sich mit der Planung und Finanzierung landwirtschaftlicher Entwicklungsprogramme befassen. An dem Lehrgang nehmen mehr als 50 Regierungsbeamte aus vorderasiatischen Laendern
und dem Fernen Osten teil. Es handelt sich um eines der ersten
groesseren Schulungsprogramme, die durch das erweiterte technische
Unterstuetzungsprogramn unter der Schirmherrschaft der Organisation fuer Ernaehrung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen
und der Internationalen Bank fuer wirtschaftlichen '.Vi ede rauf bau
und Entwicklung ermoeglicht wurden. Zweck dieses Lehrganges ist,
die Beamten asiatischer Laender in der Vorbereitung wirtschaftlicher Entwicklungsprojekte zu unterrichten und ihre Faehigkeiten
auf diesem Gebiet zu vervollkommnen, da:..it derartige Projekte
von den staatlichen Verwaltungsbehoerden und den internationalen
Finanz-Instituten besser bearbeitet werden koennen. Es ist oftmals von verschiedenen Finanzinstituten - wie z.B. der Internationalen Bank - darauf hingewiesen worden, dass schlecht ausgearbeitete Skizzen ueber wirtschaftliche Entwicklungsprojekte eine erhebliche Schwierigkeit fuer den wirtschaftlichen Fortschritt
unterentwickelter Laender darstellen.
Der Lehrplan des Instituts umfasst folgende Gebiete:
a) Die Auswirkung besonderer Projekte auf die wirtschaftlichen Verhaeltni3se eines Landes und die ~laene fuer die
zukuenftige Entwicklung bestimmter Industriezweige und Projekte, bestehender und geplanter Absatzmoeglichkeiten,
Transportwesen, Kredit-Institute fuer die Landwirtschaft
sowie Schulen und andere staatliche Einrichtungen.
b) Voraussichtliche Kosten und Gewinne aus wirtschaftlichen
Entwicklungsprojekten. Kostenvoranschlaege fuer technische
Plaene, Bau- und Arbeitsprojekte und technische Produktionseinrichtungen, das Studium landwirtschaftlicher Projekte
unter Berücksichtigung der dar&amp;u?. entstehenden Einnahmen;
zusammenfassende Finanzberichte ueber Ausgaben und Einnahmen.
c) Besondere Probleme und die verschiedenen Arten der Entwicklungsprojekte. Kuenstliche Be- und Sntwaesserung, Flussregulierung, Bodenkultivierung, Vertriebs- und weiterverarbeitende Unternehmen, die kombinierte Ausbeute der natuerlichen Hilfsquellen, Transport- und Informationswesen, Gesundheitsprobleme, agronomische Fragen in- und auslaendischer
Maerkte zum Absatz der Erzeugnisse und die indirekte Auswirkung aller dieser Probleme auf die Staatseinnahmen.
d) Organisation und Verwaltung der Projekte. Gerichtsbarkeit, Organisationsform, Machtbereich und Aufgaben, PersonalPolitik, Ueberwachung und Rechnungsfuehrung, Beziehungen zur
Landwirtschaft und anderen Industrie-Zweigen, Auswahl und
Ausbildung der Siedler, Vorarbeiter, Mechaniker, die Bearbeitung von Kolonisierungs- sowie Ein- und Auswanderungsnroblemen.
e) Finanzfragen. Direkte Rueckerstattungen an die Farmer,
Siedler und andere Personen, die Erzeugnisse oder Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, direkte Projekteinnahmen
in weichen und harten Waehrungen. Bedarf an inlaendischen
und ^ ausländischen Dienstleistungen und Materialien sowie
Kanitalien fuer nationale und internationale Finanzierungen,
- 15 -

�Finanzierungsmethoden eines Projektes und die Verwendung des
zur Verfuegung stehenden Kapitals.
f) Zusammenfassung aller Gesichtspunkte eines wirtschaftlichen Entwicklungsprojektes in einer Abhandlung, in der technische, verwaltungsmaessige und finanzielle Einzelheiten
festgelegt sind.
Den Teilnehmern an diesen Lehrgaengen wird die Moeglichkeit
geboten, besprochene Grundsaetze und Methoden bei der Bearbeitung
praktischer Entwicklungsprobleme und Projekte anzuwenden. Zusaetzlich zu den Informationen, die ueber aus^ev.aehlte Projekte
anzuwenden. Zusaetz-ich zu den Informationen, die ueber ausgewaehlte Projekte in Pakistan der Schule zur Verfuegung stehen
v/erden, erwartet man von den Lehrgangsteilnehmern aus anderen
Ltendern, dass sie moeglichst ausfuehrliche Informationen ueber
eine oder mehrere Entwicklungsprojekte in ihrem eigenen Lande
zu diesem Zwecke vorlegen.
Economic and Social Problems
in the United States
No. 10 Vol. 2
10/50
INDISCHE GEWERKSCHAFTEN ERKENNEN DIE KOMMUNISTISCHE GEFAHR
Hariharnath Shastri, der Generalsekretaer des Indischen Nationalen Gewerkschaftskongresses (INTUC) gab vor kurzem eine Erklaerung cb, in dir er ausfuehrte:
"Die Kommunisten greifen unsere Unabhaengi^keit unmittelbar
an; und das gleiche tun sie auf der ganzen Welt. Sie sind eine
Gefahr fuer die ganze 'Veit.
"Amerika und England repraesentieren die demokratischen
Kraefte. Einige sind der Auffassung, dass sie die kapitalistischen Kraefte repraesentieren. Das mag vor Jahren so gewesen sein;
die Verhältnisse haben sich jedoch geaendert. Sie habon ihre
imperialistischen Ansprueche laengst aufgegeben. Nun versuchen
sie ihr Bestes, um dia demokratischen Kraofte in der '.Veit zu staerkej
Amerika wuenscht, seine Stellung in der gesamten '/Veit auf demokratischer Ba3is beizubehalten. In der Hede Praesident Trumans sind
unlaengst die falschen Vorstellungen von angeblichen Machtanspruechen Amerikas zurueckgewiesen worden.w
Generalsekretaer Shastri, der kuerzlich auf dem Kongress des
INTUC von 2.000 Delegierten wiedergewaehlt worden war, fuhr fort:
"Fuer England, Amerika und Indien besteht eine gemeinsame Gefahr,
der wir ins Auge sehen muessen. Eine einzige Nation bedroht den
Frieden der Welt. Diese Macht ist fuer England und Amerika weniger gefaehrlich als fuer Asien. Starke Nationen koennen sich
selbst verteidigen, wir koennen es jedoch nicht."
Khandubhai Desai, der zum Vorsitzenden des INTUC wiedergewaehlt wurde, brachte die gleichen Ansichten zum Ausdruck.
In den vergangenen 18 Monaten sind 15 Gewerkschaften mit rund
100.000 Mitgliedern von insgesamt 1.434.000 aus dem INTUC ausgeschlossen worden, weil sie der von Moskau diktierten kommunistischen Linie folgten.
Program Services Section
Labour News Roundup # 7 3
XII/6/50
- 16 -

Hl.ui (li-1-51) wn&lt;r S U C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di* folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 5

Frankfurt, 2 Februar 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die britischen Gewerkschaften und der Marshallplan

1

Die jugoslawische Gewerkschaftsbewegung

4

Die industriellen Gewerkschaftsraete des CIO

6

Der erfolgreiche Kampf der ECA gegen den Kommunismus

8

Klauseln ueber Index-Loehne in amerikanischen Tarifvertraegen

10

Argentinischer'Gewerkschaftsbund1 zur IBFG-Konferenz in
Mexiko nicht zugelassen

11

Englands Benuehungen zur Steigerung der Produktionsleistung

13

Amerikas Gewerkschaften sichern den VerteidigungsMinistern ihre Unterstuetzung zu

16

DIE BRITISCHEN GL-; ^RKSCHAFTEN UND DER KAK3IIALLPLAN
Grossbritannien war die erste europaeische Nation, die sich mit allem
Nachdruck fuer die Verwirklichung des Marshallplanes einsetzte. Der erste
Anstoss zu diesem Plan ging von einer Rede des damaligen amerikanischen
Aussenministers George C. l.'arshall aus, der die Leitsaetze dieses Hilfsprogramms am 5. Juni 1947 in einer Rede vor der Harvard-Universitaet entwickelte.
Der britische Aussenminister Ernest Bevin, - ein fuehrender Funktionaer
der Gewerkschaften, bevor er seinen Regierungsposten

�uebernahm - tegab sich kurze Zeit darauf nach Paris, um hier
mit den Aussenministern Frankreichs and der Sowjetunion diesen
Pl£n zu eroerte n. Aber Russland verweigerte schon damals jede
Teilnahme, und einige Satellitenstaaten, die an den ersten Vorbesprechungen teilnahmen und grosses Interesse fuer diesen Plan
zeigten, wurde
bedeutet, dass sie mit dem Wirtschaftsfoerderungsprogramm der TJSA nichts zu tun haben duerften.
Trotz dieser Resistenzbefehle Moskaus beteiligten sich 16
europaeische Staaten am Marshallplan, wobei der britische Schatzkanzler Sir Stafford Cripps einer der aktivsten Foerderer wurde.
In den Vereinigten Staaten berief man drei fuehrende Gewerkschafter
in die Marshallplan-Kommission, damit die dringendsten wirtschaftlichen Peduerfnisse der europaeischen Staaten, soweit sie sich am
Marshallplan freiwillig beteiligten, erfuellt werden konnten.
Im Aj-ril 19^6 begann die Marshallplan-Hilfe mit ihrer
eigentlichen Arbeit. In der Zwischenzeit hatte sich in den
*
Vereinigten Staaten die FCA gebildet, die Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit, waehrend die europaeischen Laender
aehnliche Organisationen bildeten wie die europaeische Zahlungsunion oder die OEEC, die europaeische Organisation fuer. wirtschaftliche Zusammenarbeit.
In jener Zeit existierte noch nicht der IPFG, der erst im
Dezember 1949 gegruendet wurde, und der damalige Weltgewerkschaftsbund befand sich voellig in den Haenden der Kommunisten. Eine Zusammenarbeit mit dem WGP war fuer die Ma^shallplan-Kommission
unmoeglich, die vorgesehenen Besprechungen wurden immer wieder
veMapt; vom November 1947 auf Fe1, ruar 1948, dann wieder auf den
Monat Mai des Jahres 1948.

Eine Fortsetzung dieser offensichtlichen Sabotagepolitik des
WGP haette bedeutet, dass die Gewerkschaften Europas voellig von
allen Verhandlungen des OPEC ausgeschlossen worden waeren. Aus
diesem Grunde beriefen die belgischen, hollaendischen und britischen
Gewerkschaften eine Konferenz aller freien und demokratischen
Gewerkschaften nach London ein. Hier wurde zu allen Problemen,
die sich aus der Planung und Durchfuehrung des Marshallprogrammes
fuer die freien Gewerkschaften ergaben, eingehend Stellung
genommen und ein Rat gebildet, der sich Gewerkschaftliches Peratungs
komitee fuer das ERP (Europaeisches Wiederaufbauprogramm) nannte
und sich als "T'JAC" konstituierte. Dieses Beratungskomitee der
Gewerkschaften wurde von der OEEC als offizieller Sprecher der
europaeischen Gewerkschaften anerkannt, es ist inzwischen durch
die Europaeische Regionalorganisation des IEFG, den Internationalen
Bund Freier Gewerkschaften, ersetzt worden.

Die britischen Gewerkschaften bildeten zu jener Zeit bereits
ein eigenes Komitee, dessen Vorsitz in den Haenden des Generalsekretaers Vincent Tewson lag und der mit dem britischen Schatzamt ueber ERP-Probleme staendig Beratungen pflegte. Die Vertreter
der britischen Gewerkschaften arbeiteten zugleich sehr aktiv bei
der Festlegung der Politik des Britisch-Amerikanischen Produktivitaetsrates, durch diese Kanaele floss vor allem die technischorganisatorische Unterstuetzung der britischen Wirtschaft im Rahmen
des Marshallplanes. Die ersten Entscheidungen in dieser Richtung
traf der Generalrat der britischen Gewerkschaften. Hier setzte
mitfrllemNachdruck der Gegenstoss der Kommunisten ein,'aber die
Delegierten des britischen Gewerkschaftskongresses billigten die
Politik ihres Generalrates in den Jahren 1948 und 1949 mit ueberwaeltigender Mehrheit. Darueber hinaus wurde auf dem Jahreskongress der Labour Party einstimmig eine Resolution angenommen,
die der Generalsekretaer der Gewerkschaft der oeffentlichen Arbeiter
eingebracht hatte.

- 2 -

�Die ersten Hilfslieferungen im Rahmen des Marshallprogramms
begannen im spaeten Fruehjahr 194-8. Es wurde bereits erwaehnt,
dass Grossbritannien das erste europaeische Land war, das sich
fuer den Marshallplan einsetzte. Es ist aber auch der erste
europaeische Staat, der auf eine weitere Foerderung durch den
Marshallplan verzichten zu koennen glaubt, weil seine Wirtschaft
sich weitgehend von den Kriegs- und Nachkriegsfolgen erholt hat.
Vom Spaetfruehling 1948 bis zum Dezember 1950 hat Grossbritannien an wichtigen Rohmaterialien und Nahrungsmitteln
Lieferungen im Werte von 700 Millionen Pfund Sterling erhalten,
was 12.316.223.800 Mark entspricht. 1948/49 betrug der Wert
der Marshallplanhilfe 2,5$ des gesamten britischen Volksvermoegens, 12$ der Gesamtimporte und 51% aller Importe' aus den
Dollargebieten.
Die gelieferten Gueter waren lebenswichtig fuer den Wiederaufbau der britischen Wirtschaft, aber ebenso wichtig fuer die
Beibehaltung der Vollbeschaeftigung und fuer die Aufrechterhaltung und Verbesserung des Lebensstandards der breiten Masse.
Die wichtigsten Lieferungen im Rahmen des Marshallplanes umfassten von April 1948 bis September 1950 folgende Gueter:
Gueter:

GesamtprozentWert in Millionen $: zahl der Einfuhr
dieses Gutes:

Zucker
Weizen und Weizenmehl
Speck
Kaese
Tabak
Baumwolle
Eauholz
Z e l l u l o s e und P a p i e r e r z e u g n i s s e
Schwefel
Aluminium
Kupfer
Blei
Zink

115,6
536,5
65,6
68,2
173,3

228,9
70,7
71,7
10,0
101,8
101,8

32,5
56,6

20$
54$
21$

23$

48$
34$
8$
12$
100$

9
S
28$
23$
52$

Maschinen und Ersatzteile sind ebenfalls als wichtige Posten
der Marshallplanlieferungen anzusehen. Druckereien, Oelraffinierungsanlagen, Wagenfabriken, Verpackungsbetriebe, Stahlwerke und Bergwerke haben alle mit Hilfe von ERP-Mitteln Maschinen
und Ersatzteile erhalten, aber ebenso sind landwirtschaftliche
Maschinen und Geraete sowie Textilmaschinen durch den Marshallplan importiert worden, ferner Bauholz und Nichteisenmetalle, die
durch ECA-Vereinbarungen eingefuehrt wurden und die in erster
Linie fuer den Bau von Wohnungen und neuen Werkanlagen Verwendung
fanden.
Alles in allem betrug die an Grossbritannien geleitete
Marshallplanhilfe je britischen Haushalt etwa 53 Pfund Sterling,
wie Schatzkanzler Hugh Gaitskell, der Nachfolger Sir Stafford
Cripps vor wenigen Tagen in einer Ankuendigung mitteilte, als er
die Beschluesse der beiden Haeuser der britischen Legislative der
Oeffentlichkeit bekannt gab, dass die Marshallplanlieferungen
nach Grossbritannien in Zukunft nicht mehr erforderlich sind, da
der Wiederaufbau der britischen Wirtschaft beendet ist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der britische Konsument ganz gleich, ob es ein Arbeiterhaushalt oder ein Industrie-

- 3-

�konzern ist - die Karshallplanlieferun^en nicht bezahlt hat, die er
benoetigte. aber die Konsumenten hatten diese Betraege in Sterling,
also in englischer "aehrung, an ihre eigene Regierung zu Zahlen. Die
Dollarzahlungen selbst werden durch Farshallplanmittel geleistet.
Der Ilarshallplan hat ebenso die Koeglichkeit geschaffen fuer
die Gruendung und In-Gang-Setzung der Europaeischen Zahlungs-Union,
wodurch der britische Handel mit dem Kontinent sich weiterhin ausdehnen laesst. Ebenso wird die Entwicklung bestirnter Ueberseegebiete und die Durchführung strategischer Materialplanungen durch
die ERP-Hilfe weiter angekurbelt. Das gleiche ist der Fall bei dem
technischen Unterstuetzungsprogramm im Hahnen des Punkt-Vier-Programms,
aber auch bei der Arbeit, des «nglo-Amerikanischen Produktivitaetskomitees.
Der Austausch solcher Erfahrungen hat bereits in umfangreichem 1/asse
stattgefunden und bleibt auch weiterhin ein Beitrag zur britischen
Produkt.ivitaetsfoerterung, der vor allem bei den Exportbemuehungen eine
so bedeutsame Rolle pielt.
Kehr als hundert britische Gewerkschafter - sowohl einfache Mitglieder der oertlichen Organisationen als auch festangestellte Funktionaere haben unter dem Leitstern des technischen Unterstuetzungsplanes als
Kitglieder des Anglo-Amerikanisehen Produktivitaetskomitees die Vereinigten
Staaten besucht. Ihre Hauptbeschaeftigung als LIitglieder dieses Komitees
war es, industrielle Methoden in den Vereinigten Staaten zu studieren,
aber sie brachten es fertig, zur gleichen Zeit eine Fuelle von Einzelheiten ueber die amerikanische Arbeiterbewegung und die von ihr angewandten Kittel und Methoden kennenzulernen, die dazu dienen, die Interessen des Arbeiters in einer produktionsintensiven Wirtschaft zu foerdern
und voranzutreiben.
Vom gewerkschaftlichen Standpunkt war von weit groesserer Bedeutung
der Besuch einer Gruppe Gewerkschaftsfunktionaere in den Vereinigten
Staaten, die im Herbst 1949 durchgeführt wurde. Diese Gruppe wurde
durch den Generalrat des britischen Gewerkschaftskongresses ausgewaehlt,
wobei die Vorschlaege der einzelnen Gewerkschaften zugrunde lagen. Der
Leiter dieser Besuchergruppe war der stellvertretende Vorsitzende der
britischen Bergarbeitergewerkschaft '..'. Lrnest Jones. Seine Aufgabe war
es, die Forschungs- und Produktivitaetsfoerderungsabteilungen der
amerikanischen Gewerkschaften zu studieren und gleichzeitig eine Richtschnur festzulegen, bis zu der diese Erfahrungen fuer den britischen
Arbeiter nuetzlich sein koennten - aufgrund dieser Feststellungen und
ihrer Auswertungen, zu denen sich auch die britischen Arbeiter bekannten,
erreichte die britische Produktivitaet bemerkenswerte Steigerungen. Die
Feststellungen dieser Besuchergruppe wurden unter den Titel "Gewerkschaften
und Produktivitaet" vom Britischen Gewerkschaftsbund (TUC) herausgegeben
und bildete den Anlass fuer viele Diskussionen ueber diese Fragen in
beiden Laendern.
ECA-Berichte London
12/21/50

Dp; JUGOSLAWISCHE GEMrSRKSCHAFTSBEM'EGUNG
(Vor kurzer Zeit besuchte eine norwegische Gewerkschaftsdelegation Jugoslawien. Aus dem umfassenden
Bericht wird der Abschnitt ueber die jugoslawische
Gewerkschaftsbewegung abgedruckt.)
Da ueber die Gewerkschaftsbewegung in Jugoslawien genauere Nachrichten
fehlen, hat eine Delegation der norwegischen Gewerkschaften die Verhaeltnisse in Jugoslawien studiert. Da die norwegischen Gewerkschaften noch in
letzter Zeit Studienreisen nach Russland durchfuehren konnten, hatten sie
Gelegenheit, genaue Vergleiche darueber anzustellen, welche Verschiedenheiten seit der Losloesung Jugoslawiens vom Ostblock zu verzeichnen sind.

-4 -

�Die Gewerkschaftsbewegung in Jugoslawien ist von der anderer
Laender sehr verschieden. In der Einleitung ihrer Satzungen heiert
es: "Die jugoslawische Gewerkschaftsorganisation vereinigt in ihren
Reihen die breite Hasse der Arbeiter und Angestellten mit der Aufgabe, sie fuer die Loesung aller Probiene des wirtschaftlichen
Lebens und des Staates zu aktivieren und zu einer intensiven sozialen
und politischen Betaetigung in jeder '.'eise heranzuziehen. Sie ist
damit eine Schule der Fuehrung und der Verwaltung, eine Schule des
Kommunismus, aus der die Fuehrer unseres wirtschaftlichen und politischer
Lebens hervorgehen".
Die Probleme und Aufgaben sind in den Satzungen ausfuehrlich beschrieben. An erster Stelle steht die Erziehung der arbeitenden
Klassen zu einem sozialistischen Bewusstsein im marxistisch-leninistischen Geist. An zweiter Stelle steht die Aufgabe, die Arbeiter zu
groesseren Leistungen in ihren Beruf zu erziehen. Erst an dritter
Stelle steht das Ziel, das vAt der Hauptaufgabe der freien, demokratischen Gewerkschaftsbewegung identisch ist: "Sich taeglich und
mit allen Mitteln um die Beduerfnisse der Arbeiter und ihrer Arbeitsund Lebensbedingungen zu kuemmern, taeglich fuer eine gerechte Einhaltung des Lohnsystems zu kaempfen und das Recht zu verwirklichen,
auf das die Arbeiter eines sozialistische« Staates Anspruch haben."
Da der Kapitalismus verschwunden ist, wird jeder Streik fuer nachteilig und zv/ecklos erklaert. Das Lohnsystem selbst wird zum Bestandteil der staatlichen 'Wirtschaftsplanung. Es wird durch Regierungsverordnungen und nicht durch T"\rif Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Staat bestimmt. Es wird jedoch hervorgehoben, dass
diese Verordnungen in gemeinsamen Beratungen mit den Gewerkschaften
ausgearbeitet werden. Auf der anderen Seite haben sich die Gewerkschaften in den einzelnen Betrieben mit zahlreichen weniger wichtigen
Angelegenheiten zu befassen, wenn einzelne Arbeiter oder geschlossene
Gruppen der Meinung sind, dass gegen die Verordnungen Verstössen wurde,
oder dass man sie zun Nachteil der Arbeiter falsch ausgelegt hat. Die
Hauptaufgabe der Gewerkschaften ist jedoch, die Arbeiternassen zu erziehen, sie zu fuehrer! und sie zur gesteigerten Produktionsleistung
anzuspornen. Sie sollen ausserdem eine weitreichende und vielseitige
soziale Taetigkeit ausueben.
Die jugoslawische Gewerkschaftsorg&lt;»nisation setzt sich aus 22
Einzelgewerkschaften zusammen, denen - mit nur wenigen Ausnahmen das System der Industriegewerkschaft zugrundeliegt. Abweichungen
hiervon sind auf nationale oder geographische Besonderheiten zurueckzufuehren. In jeder der sechs Volksrepubliken gibt es ein Zentralkommitee oder ein Sekretariat. Diese sind dem allgemeinen oder dem
geneinsamen Gewerkschaftsbund unterstellt. Kuerzlich wurde eine
Dezentralisierung durchgeführt, durch die der groes3te Teil dieser
Verwaltungsarbeit den Volksrepubliken ueberantwortet wurde. Etwa
90% Arbeiter des Landes sind organisiert. Die Gewerkschaftsvorstaende
und Funktionaere werden von den Mitgliedern gewaehlt. Die Gewerkschaftsfunktionaere jedes Betriebes waehlen alljaehrlich ihren oertlichen Gev.erkschaftsvorstand.
Alle drei Jahre v/erden von den Gewerkschaften Landeskongresse abgehalten, auf denen gleichzeitig ein Vorstand gewaehlt wird. Die Delegierten zu diesem Kongress werden durch Abstimmungen in den Betrieben
ernannt. Auch die Delegierten zun Kongress des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes werden von den Gewerkschaftsmitgliedern gewaehlt. Ein
Betrieb mit mehr als 2000 Arbeitern ernennt einen Delegierten, kleinere
Betriebe waehlen gemeinsam einen Abgeordneten.
Die Ge\&lt;erkschaftsbeitraege betragen etwa 1^ der Loehne, d.h. 10
Dinar fuer je 1000 Dinar Monatseinkommens. Die Beiträge werden von den
Loehnen nicht abgezogen, sondern von Kassierern in den Betrieben gesammelt .

- 5-

�Fuer aktive Gewerkschafter verden Ausbildungskurse von verschiedener Dauer durchgeführt, und in Belgrad besteht eine Schule,
deren Lehrgaenge fuer Gewerkschafter sich ueber mindestens ein
Jahr erstrecken. Die einzelnen Gevierkschaften waehler "itglieder,
die sie als geeignet fuer den Besuch dieser Schule erachten. Auf
diese Ueise werden die Funktionaere und Angestellten der jugoslawischen Gewerks.chaftsorganisation ausgebildet.

DIE INDUSTRIELLEN Gg.äRKSCHaFTSRASTS PPS CIO
Die Arbeit der industriellen Gewerkschaftsraete des CIO
(Industrial Union Councils) hat in den letzter. Jahren ununterbrochen und in steigendem i:asse der Uohlfahrt der organisierten
Arbeiterschaft gegolten.
In der Entstehungszeit des CID, als die Grundlagen der
industriellen Gewerkschaftsfona in Amerika geschaffen wurden, widmeten
sich die Gewerkschaftsraete zun groessten Teil den regionalen Raeten
des CIG und den Landesgewerkschaften, um sie auf ihr Ersuchen hin bei
der Loesung ihrer Organisierungsprobleme zu unterstuetzen. Zu dieser
Zeit war es erforderlich, dass die Gewerkschaftsraete ebenso wie die
uebrigen Dienststellen des CIO ihr Hauptaugenmerk darauf richteten,
die Nichtorganisierten fuer die Gewerkschaft zu gewinnen. Die z.ihlreichen anderen Funktionen, die die Gewerkschaftsraete inzwischen
entwickelt haben, waren zu jener Zeit noch von verhaeltnisraaessig
geringer Bedeutung. Die Gewerkschaftsraete haben sich aufgrund der
Aktionen der regionalen Raete und der Landesgewerkschaften natuerlich
auch weiterhin mit der Errichtung oertlicher Gewerkschaften und ihrer
Unterstuetzung befasst. Sie haben sich jedoch nachdruecklich auf
andere Fragen konzentriert, die in dem besonderen Zustaendigkeitsbereich dieser Raete liegen.
Schon in fruehester Zeit bildeten die Gewerkschaftsraete, deren
Zahl sich heute auf 39 belaeuft, die Zentren, ueber die die Organisationen des CIC den Kontakt mit den einzelstaatlichen Regierungen
aufrechterhielten. Dies bedeutete fuer sie in erster Linie legislative Arbeit, die sich vor allem auf direkte Arbeitsangelegenheiten
erstreckte, wie z.B. Arbei'terunfallversicherung, Arbeitslosenunterstuetzung, Lohn- und Arbeitszeitgesetze, Probleme der Sicherheit und
Gesundheit und somit die '.Techselbeziehungen zwischen Unternehmern
und Arbeitnehmern. Es war von ausschlaggebender Bedeutung, die sich
gegen die Gewerkschaften richtenden Gesetzesvorlagen, die im Einzelstaat eingebracht wurden, so weit wie moeglich zu bekaempfen. Die
Gewerkschaftsraete haben darueber hinaus staendig fuer eine unablaessige Verbesserung der Gesetzgebung in allen Fragen der sozialen
Sicherheit und der Arbeitsbedingungen gekaempft.
Die gesetzgeberische Arbeit der Gewerkschaftsraete, deren Befugnisse sich nur auf der Basis eines Einzelstaates erstrecken, ist aber
nicht nur auf dieser einzelstaatlichen Ebene von Bedeutung gewesen;
sie sind darueber hinaus auch fuer die bundesstaatliche Gesetzgebung
innerhalb ihrer Aufgabengebiete verantwortlich.. Es ist ihre Pflicht,
mit den Senatoren und Kongressmitgliedern ihrer Staaten in Verbindung
zu bleiben, um sie ueber den Standpunkt der Gewerkschaften zu unterrichten. Das bedeutet die Erzielung eines ununterbrochenen Kontakts
mit den Kongressmitgliedern sowohl in den Parlamenten Washingtons
als auch durch Besuche in deren Privatwohnungen. Manchmal mussten
sich Delegationen bestimmter Staaten nach Washington begeben, um dort
ihren Standpunkt klarzulegen. Die Mitglieder der Gewerkschaftsraete

-6 -

�der Einzelstaaten nuessen sich sowohl ueber die oundesstaatliehe
als auch ueber die einzelstaatliche Gesetzgebung auf den laufenden
halten und zwar sowohl in allgemeinen Tragen als auch in Bezug
auf bestimmte Gesetzesvorlagen.
In jeder Ortschaft, wo die Gewerkschaft ueber einen Stadtoder Bezirksgewerkschaftsrat verfuegt, - insgesamt heute 236 haben diese Raete den oertlichen Qehoerden gegenueber die gleichen
Verantwortlichkeiten. Sierauessenmit den Bezirksbeauftragten,
den Stadtraeten, Bürgermeistern und anderen oeffentliehen Beamten
in Verbindung stehen. Oft sind einige der schwierigsten Prooleme,
die die ','erbetaetigkeit behindern, durch Verordnungen der Ortsbehoerden verursacht, mit denen z.B. friedliche Streikpostenlinien
oder die Verteilung gedruckten Materials verboten werden. Schwierigkeiten dieser Art koennen rechtzeitig durch gesetzliche Verfahren
ueberv.'unden werden, in denen auf die Verfassungswidrigkeit solcher
Massnahmen hingewiesen wird. Es ist jedoch am besten, derartige
Entwicklungen, wenn irgend moeglich, von vornherein aufzuhalten,
indem die Ge\-erkschaftsraete von ihrem demokratischen Recht der
Einflussnahme auf die oertliche Verwaltung Gebrauch machen. Diese
Aufgaben der oertlichen Gewerkschaftsraete sind von groesster Bedeutung, und die Organisationen haben im Laufe der Jahre auf diesem
Gebiet viel Erfahrung gesammelt.
Auch die Arbeit der CIO-Gewerkschaftsraete auf dem Gebiet der
oeffentlichen Beziehungen ist von hoechster '.Tüchtigkeit. Stadtund Bezirksraete sind die gegebenen kommunalen Organisationen. Die
Raete der Einzelstaaten sind die "Behoerden", die sich auf Landesebene mit allen Fragen der Oeffentlichkeit befassen. In einer
Reihe von Gewerkschaftsraeten gehoeren hauptamtliche Sachbearbeiter
fuer oeffentliche Beziehungen zum Personalstab.
In jedem Falle unterhalten die Gewerkschaftsraete vielseitige
freundschaftliche Beziehungen zu anderen Organisationen in ihrem
Bezirk, wie zu anderen Gewerkschaftsgruppen, 3auernverbaenden,
Berufsverbaenden und besonderen Interessenorganisationen aller Art.
T'o inner die Notwendigkeit und Moeglichkeit besteht, mit wirklich
fortschrittlichen Organisationen die sich mit aehnlichen Problemen
wie die Gewerkschaften befassen, zusammenzuarbeiten, ist es die
Aufgabe der Gewerkschaftsraete, die Verbindungen herzustellen und
diese Zusammenarbeit zu entwickeln.
Publizitaet und Presse steilen ein anderes Gebiet dar, auf dem
die Gewerkschaftsraete der Industrie taetig sein muessen. Es gibt
eine betraechtliche Anzahl Zeitungen, die unter der Schirmherrschaft
der Landesgewerkschaftsraete des CIO von den Gewerkschaften herausgegeben werden.
Die Gewerkschaftsraete der Industrie koennten viele ihrer
Funktionen nicht erfuellen, wenn keine zufriedenstellende politische
Grundlage geschaffen waere. Letzten Endes ist die legislative
Arbeit, sei es auf oertlicher, einzel- oder bundesstaatlicher Ebene,
von der Zusammensetzung der Landesregierungen, der Landesgesetzgebung und dem Kongress in Yfashington abhaengig,. VJenn die Arbeit
der Raete auf dem Gebiet der Verbindungen und Beziehungen noch so
wirksam waere, koennte sie doch nicht die Schranken einer feindlich
gesinnten legislativen Majoritaet ueberwinden. Es ist bekannt,
dass der CIO im Kampf um eine fortschrittliche, politische Betaetigung
in Amerika seit vielen Jahren sehr weit vorgeschritten ist. Infolge
einer einschraenkender Gesetzgebung, die von den Unternehmern selbstverstaendlich beguenstigt wird, und die die politische Arbeit der
Gewerkschaften behindert, ist es notwendig gewesen, politische Aktiona-

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�ausschuesse ins Leben zu rufen, die in ihrer Struktur den Gewerkschaftsraeten sehr aehnlich sind, die aber die durch die Gesetze
geforderte Trennung einhalten.
Die politische Arbeit der Gewerkschaftsraete und der politischen Aktionsausschüsse ist fuer jede andere Taetigkeit des CIO
von grundlegender Bedeutung. Sie ist letzten Endes fuer saemtliche
freien Institutionen Amerikas von fundamentaler Bedeutsamkeit.
Report to the Congress of Industrial Organizations
Twelfth Constitutional Convention
11/20-24/50

DER ERFOLGREICHE KAMPF DER ECA GEGEN DEN KOMMUNISMUS
(Der nachstehende Artikel von Manchester Boddy, dem
Herausgeber der "Los Angelos Daily News", wird vom
Buero fuer Arbeitsinformationen der Verwaltung
fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit verteilt. Der
Verfasser bringt darin seine Anerkennung fuer den
Kampf der ECA gegen den Kommunismus in Europa zum
Ausdruck.)
"Im Fruehjahr 1947 kehrte ich von einer mehrmonatigen Studienreise durch Mitteleuropa mit einer Menge Dokumente und Beobachtungen
zurueck, die mir bewiesen, dass Sowjetrussland die Absicht hatte, die
organisierte Arbeiterschaft als eine Hauptwaffe zu benutzen, um ganz
Europa unter die Herrschaft des Kommunismus zu bringen."
"Ich hoffe, dass die Oeffentlichkeit eines Tages davon Kenntnis
erhalten wird, wie der Kreml dieses Ziel zu erreichen gedachte. Dann
und nicht frueher wird das amerikanische Volk erfahren, dass die Entscheidungsschlacht des alten Krieges in Europa von der organisierten
Arbeiterschaft und nicht allein vom Marshall-Plan und den Gestaltern
des Atlantiks-Paktes fuer die Freiheit gewonnen wurde."
"Es darf nicht vergessen werden, dass zu Anfang dieses Kampfes
alle Vorteile, die Gewerkschaftsbewegung Europas in die Hand zu bekomnen, auf Seiten Russlands rtanden."
"Der Kommunismus hat diesen Kampf verloren, und jeder Amerikaner
kann auf die Rolle stolz sein, die die Gewerkschaftsbewegung in diesem
Kampf spielte, und der auch Harry Martin, der Vorsitzende der amerikanischen Journalistengewerkschaft und Leiter des Bueros fuer Arbeitsinformation der ECA, in seinem vor kurzem erschienenen Bericht seine
Anerkennung gezollt hat."
Martin erklaerte in einer Rede an den Commonwealth Club in San
Franzisco unter anderem: "Die freien Gewerkschaften Europas waren die
Ersten, die die Handlungen der Vereinten Nationen in Korea unbedingt
befürworteten. VJaehrend andere Schichten der europaeischen Bevoelkerung noch beratschlagten, stellten sich die Gewerkschaften vorbehaltlos auf die Seite der Freiheit."
"Die norwegische Gewerkschaftsbewegung gab eine Broschuere unter
dem Titel "Krieg in Korea" in einer Auflage von 500.000 Exemplaren
heraus. Aufgrund dieses schnellen Entschlusses der norwegischen Gewerkschaftsbewegung wurde das norwegische Wölk ueber die Ereignisse in Korea
sofort aufgeklaert, das fuer die Norweger zwar ein weit entferntes Land

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�ist, von dem man nur wenig weiss. Die Gefahr jedoch, in der es sich
befindet, kann eines Tages auch ueber Norwegen hereinbrechen".
"Die daenischen Kommunisten versuchten, das Entladen von Waffenlieferungen zu verhindern. Es war jedoch ein politischer, ein verraeterischer Streik an der Sache der Freiheit. Die Fuehrer der
daenischen Gewerkschaften gaben die Zusage, dass er nicht stattfinden
wuerde, und die Schiffe wurden entladen."
"Als sich Westeuropa mit den Vereinigten Staaten im AtlantikPakt vereinigte und die ersten V.'affenlieferungen an die Verbuendeten
gingen, gerieten die Kommunisten Frankreichs in helle Verzweiflung.
Sie riefen die Arbeiter Europas zu einer Massenbewegung auf, um gegen
die Wiederaufruestung zu protestieren. An den Kuesten ganz Europas
kam es zu Gewalttaetigkeiten."
"Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften klaerte die europaeischen Voelker jedoch ueber den wahren Charakter dieses gemeinen
Feldzuges des Verrats auf, mit dem Europa die Chance genommen werden
sollte, eine Aggression abzuwehren. Die einflussreichen Gewerkschaftsorganisationen der Transportarbeiter, Seeleute und Hafenarbeiter
versetzten den Kommunisten schwere Gegenschlaege."
"Heute werden mit wenigen Ausnahmen die dringend notwendigen
'..'äffen der Verteidigung in den groesseren Haefen jedes demokratischen
Landes Europas ohne jede Verzoegerung entladen."
"Im vorigen Monat hatten die Kommunisten Oesterreichs, die natuerlich von den Russen angestiftet waren, Plaene geschmiedet, um einen
Generalstreik auszurufen, der in einer offenen Revolte und dem Sturz
der Regierung gipfeln sollte."
"Unter den Arbeitern aller politischen Richtungen herrschte damals
eine grosse Unzufriedenheit ueber die neue Lohn-Preispolitik. Ein
Generalstreik wurde ausgerufen, und die Kommunisten ruesteten sich zum
Kampf."
"Dem oesterreichischem Gewerkschaftsbund ist es in erster Linie
zuzuschreiben, dass sich die Kommunisten bei der Abstimmung der Betriebsfunktionaere nur 5% der Stimmen sichern konnten. Die Gewerkschaftsfunktionaere hatten einen Tag vor dem Streik alle Betriebsraete der
oesterreichischen Betriebe und selbst die der russisch-besetzten Zone
zu Versammlungen zusammengerufen."
"Durch die Reihen der gesamten oesterreichischen Arbeiterschaft
ging das Wort: Der Generalstreik ist eine Heuchelei, es ist nur ein
Trick, um unsere Regierung zu stuerzen. Er darf nicht gelingen. In
den naechsten vier oder fuenf Tagen muessen die mutigen und unbewaffneten
Gewerkschaftsmitglieder mit ihren blossen Faeusten gegen die gut ausgebildeten und gut bewaffneten Aktionskolonnen der Kommunisten kaempfen."
"Im freien Europa gibt es nur noch zwei Laender, in denen kommunistischen Gewerkschaften eine starke Stellung einnehmen: Frankreich und
Italien. Ks muss viel getan werden, um den kommunistischen Einfluss in
diesen Laendern voellig zu beseitigen. Die Arbeiter muessen einen angemessenen Lebensstandard haben, und sie muessen an den Fruechten des
Wiederaufbaues gerecht beteiligt werden."
"In den Laendern, in denen die Gewerkschaften stark und frei sind,
ist das europaeische '„'iederaufbauprograram von grossem Erfolg gekroent;
wo die Gewerkschaften dagegen schwach sind oder ihre Leitung in den
Haenden der Kommunisten liegt, haben sich dem Wie deraufbauprogramm

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�entmutigende Probleme in den VJeg gestellt. Es ist meine feste Ueberzeugung, dass diese Probleme geloest werden, wenn die Freien Gewerkschaftsbewegungen Frankreichs und Italiens stark genug sein werden,
um sich Gehoer und Einfluss auf die Arbeiterschaft zu verschaffen."
The CIO News
1/22/51

KLAUSELN UEBSR INDEX-LOEHNE IN AFRIKANISCHEN TARIFVERTRAKGKN
Eine der bedeutendsten Entwicklungen auf dem Gebiet des Tarifvertragswesens ist seit Juni 1950 die Tatsache, dass in zunehmendem
Masse Klauseln zur automatischen Angleichung der Loehne an die
Lebenshaltungskosten in die Tarifvertraege aufgenommen wurden. Vor
Mitte 1950 bestanden fuer etwa 500.000 Arbeiter derartige Bestimmungen.
Man schaetzt, dass sich die Zahl der Arbeiter, fuer die in der Zeit
von Juli bis Dezember 1950 solche Tarifvertraege abgeschlossen wurden,
die Klauseln zur Angleichung der Loehne an den Lebenshaltungsindex
enthalten, also sogenannte Indexloehne sind, sich auf 1.500.000 erhoeht
hat.
Bestimmungen zur automatischen Angleichung der Loehne an die
Lebenshaltungskosten oder sogenannte "Stufen-Klauseln" sind jedoch
weder neu noch ungewoehnlich.
Das Interesse fuer Lebenshaltungskosten als Grundlage der Indexklausel stieg mit der Sinfuehrung einer Stufen-Klausel im Zweijahresvertrag, der im Mai 1948 zwischen General Motors und der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO abgeschlossen wurde. Der Vertrag enthielt eine neue Bestimmung, wonach den Arbeitern der General Motors
Uerke eine jaehrliche Aufbesserungspraemie von 3% des Stundenlohns
gewaehrt wird, um die Realloehne dieser Arbeiter zu verbessern. Damit
trat eine Aenderung in der Haltung der flewerkschaften ein, die sich
bisher geweigert hatten, in Tarifvertraegen die Loehne an die
Schwankungen der Lebenshaltungskosten zu binden. Vorher waren die
meisten Gewerkschaften der Auffassung, dass die Angleichung der Loehne
an die Lebenshaltungskosten nur dazu diene, keine Verbesserung des
Realeinkommens zuzulassen und den Arbeitern damit jenen Anteil vorzuenthalten, auf den sie aufgrund technologischer Neuerungen oder einer
Expansion der V.'irtschaft Anspruch haben.
Der Neuabschluss des Tarifvertrages zwischen den General Motors
Uerken und der Automobilarbeitergewerkschaft fuer eine weitere Zeitspanne von 5 Jahren mit '.'irkung ab Mai 1950, in dem die Stufen-Klausel
beibehalten und die jaehrliche Lohnaufbesserung auf k% erhoeht wird,
hat erneut die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit auf die charakteristischen Merkmale dieses Lohnangleichungsverfahren gelenkt.
Obwohl in einigen Vertraegen nicht ausdruecklich bestimmt ist,
dass der Lebenshaltungsindex als Grundlage der Anpassung der Loehne
verwendet v/ird, wird in den meisten von ihnen der Verbraucherpreisindex d
des statistischen Bueros des Arbeitsministeriums als ausschlaggebend
bezeichnet. Zugrundegelegt werden entweder der monatliche Index fuer
die Vereinigten Staaten als Gesamtheit oder monatliche Indizes, die
fuer 10 verschiedene Grosstaedte verfuegbar sind. "Stufen-Klauseln"
basieren meistens auf dem bundesstaatlichen Index, da viele solcher
Tarifvertraege in Staedten abgeschlossen werden, fuer die keine besonderen Indizes zur Verfuegung stehen, oder sie erstrecken sich, wie im
Falle des General Motors-Vertrages, auf mehrere Betriebe in ganz Amerika.

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�Gewoehnlich vdrd der Index des Monats, in dem der Tarifvertrag in
Kraft tritt, als Ausgangsgrundlage zur Berechnung der entsprechenden
Lohnangleichung verwendet.
Zahlreiche Vertraege, die in der letzten Zeit zustandekamen, sind denen der General Motors darin aehnlich, dass sie Lohnangleichungen
schon bei verhaeltnismaessig geringen Verae'nderungen im Lebenshaltungskostenindex vorsehen. Dieser Vertrag bestimmt regelmaessige, vierteljaehrliche Lohnangleichungen und zwar einen Cent fuer jede Veraenderung von 1,14 Punkten im Index. Nach einigen Klauseln muss die Veraenderung im Index verhaeltnissmaessig gross sein, bevor eine Lohnangleichung vorgenommen wird, wie z.B. eine l^ige Lohnveraenderung bei
einer Schwankung im Index um fuenf Punkte.
In vielen Stufen-Klauseln wird eine Tiefst- und Hoechstgrenze oder
auch beides fuer die automatische Lohnangleichung festgesetzt. In
einem Vertrag kann festgelegt werden, dass aufgrund der Schwankungen
im Index unter oder ueber eine bestimmte Punktzahl keine Lohnangleichungen
mehr vorgenommen v/erden duerfen. Allgemein gesagt, ist die untere Begrenzung der Lohnkuerzungen wie bei General Motors dadurch bestimmt,
dass eine weitere Lohnreduzierung untersagt wird, wenn der Index eine
bestimmte Granze unterschreitet.
Da der urspruengliche Zweck der Stufen-Klausel darin besteht, die
Arbeiter fuer laufende Veraenderungen der Preise fue„r 1,'aren und Dienstleistungen, die sie erwerben muessen, zu entschaedigen, werden Angleichungen an die Lebenshaltungskosten verhaeltnismaessig oft vorgenommen. Im allgemeinen werden diese Angleichungen, wie auch im Vertrag
der General Motors, alle drei Monate durchgeführt, in anderen Vertraegen sind sie monatlich oder auch alle zwei Monate vorgesehen.
Andere Vertraege verlangen wiederum jaehrlich nur eine einzige
Lohnangleichung. In verschiedenen Tarifvertraegen wird festgelegt,
dass die Dauer, fuer die Lebenshaltungekostenausgleichsverguetungen
gewaehrt werden, von der Verfuegbarkeit des offiziellen monatlichen
Verbraucher-Index* des Bueros fuer Arbeitsstatistik in seiner jetztigen
Form abhaengig ist.
Labor Information Bulletin
1/51
ARGENTINISCHER "GS.'ERKSCHAFTSBUND" ZUR IBFG-KüNFKRKNZ IN MEXIKO NICHT
ZUGELASSEN
AFL, CIO und die Bergarbeitergewerkschaft der Vereinigten Staaten
bildeten eine gemeinsame Front amerikanischer Gewerkschaften gegen den
Versuch, den argentinischen Gewerkschaftsbund CGT zu der interamerikanischen Regionalkonferenz des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften in Mexiko zuzulassen.
"Die AFL Delegation wird unter keinen Umstaenden einer Zulassung
des argentinischen Gewerkschaftsbundes zustimmen," erklaerte George
Meany, der Hauptkassierer der AFL und einer ihrer Delegierten, in einer
Rede an die Konferenz.
"Eine andere Haltung einzunehmen, waere mit einem Verrat an den
vielen argentinischen Arbeitern gleichzusetzen, die an eine wirklich
freie Gewerkschaftsbewegung glauben, und denen das Recht streitig gemacht wird, freie Gewerkschaftsorganisationen zu bilden."
"Diese Arbeiter," fuegte Meany hinzu, "sind praktisch Sklaven, weil

- 11 -

�der CGT ueber alle ihre Angelegenheiten seine feste Hand haelt. Der
CGT ist keine Gewerkschaft, sondern in Wirklichkeit ein Werkzeug der
faschistischen Regierung. Der CGT ist daher der Arbeitsfront Hitlers
und den sogenannten "Gewerkschaften" Russlands gleichzusetzen."
Jacob S. Potofsky, der Vorsitzende der Vereinigten Bekleidungsarbeiter (CIO) und zusammen mit Meany der Vorsitzende der amerikanischen
Delegation, erklaerte:
"Ich bin gegen jeden Totalisarismus, ob er von rechts oder von
links kommt."
Ursprünglich waren Argentinien, Panama und die Dominikanische
Republik nicht zu der Konferenz eingeladen, weil der IBFG der Auffassung war, dass in diesen Laendern keine demokratischen Gewerkschaftsbewegungen existieren, die frei von jeder Bevormundung durch
die Regierung sind. Im Verlauf der Konferenz fuehrte der von Mexiko
eingebrachte Antrag, die Argentinier einzuladen, jedoch dazu, dass
ihre Aufnahme in die neue Regionalorganisation abgelehnt wurde.
Nachdem die uebrigen Delegierten den Standpunkt des mexikanischen
Gewerkschaftsbundes in Bezug auf die argentinische Frage zurückgewiesen hatten, zog sich diese Gewerkschaft, wenigstens voruebergehend,
aus der Regionalgruppe zurueck, und ihr Vorsitzender Fidel Velasquez,
der zum Vorsitzenden der Konferenz gewaehlt worden war, legte dieses
Amt nieder. An seine Stelle trat der Vorsitzende des peruanischen
Gewerkschaftsbundes, Arturo Sabrosa, der aufgrund seiner gewerkschaftlicher Taetigkeit in seinem Heimatland 18 Monate im Gefaengnis verbrachte.
Waehrend der Debatte ueber die argentinische Frage stellte die
amerikanische Delegation klar heraus, dass sie selbst ihre Entscheidungen treffe und nicht, wie man ihr vorgeworfen hatte, eine vom
Aussenministerium der Vereinigten Staaten vorgeschriebene Politik verfolge. Dies wurde zum Ausdruck gebracht, als die drei amerikanischen
Gewerkschaftsgruppen den Antrag William O'Dwyers, des amerikanischen
Gesandten in Mexiko, abschlugen, der die Gruppen ersucht hatte, sich
fuer eine Stunde zurückzuziehen und mit ihm vertraulich ueber diese
Angelegenheit zu beraten,
Alich Brasilien war auf der Konferenz von Mexiko nicht vertreten.
Die brasilianischen Gewerkschaftsführer waren zwar eingeladen worden,
wurden aber an der Teilnahme gehindert, angeblich, weil die Gewerkschaften bei den kuerzlich stattgefundenen Praesidentschaftswahlen
Getulio Vargas unterstuetzt hatten. Vargas gewann, er wird sein Amt
aber nicht vor den Monat üaerz antreten.
Trotzdem sind 20 Nationen und 17 Millionen Arbeiter in der neuen
Interamerikanischen Regionalorganisation der Arbeiter (IRCX«*) vertreten,
die auf der Konferenz in Mexiko gegruendet wurde. Der hauptamtliche
Sekretaer der IRC7.7 ist Francisco Aguirre aus Kuba, sein Amtssitz ist
Havanna.
Die Wirtschafts- und Sozialpolitik der IROW wurde in einer sechs
Punkte umfassenden EntSchliessung niedergulegt, die von einem Sprecher
des CTO eingebracht und von der Konferenz angenommen wurde. Den
gemeinsamen amerikanischen Standpunkt fasste der Hauptkassierer der
AFL, Meany, in einer Rede mit folgenden Worten zusammen:
"Die Hauptaufgabe der Voelker Lateinamerikas besteht in der Frage,
wie sie den lange gehegten Wunsch, ihre Laender zu industrialisieren,

- 12.-

�verwirklichen koennen. Viele Menschen sind der faelschlichen Meinung
verfallen, dass die Vereinigten Staaten kein Interesse an der Foerderung der Industrialisierung unserer lateinamerikanischen Schwesterstaaten haetten."
"Schon lange sind wir uns klar darueber, dass kein Land erfolgreich
seinen Uohlstand foerdern und verteidigen kann, wenn es von Gebieten
umgeben ist, in denen wirtschaftliche Depression herrscht, der Lebensstandard niedrig und die Kaufkraft praktisch gleich Null ist."
"Die Beibehaltung niedriger Loehne in Lateinamerika stellt letzten
Endes den Versuch dar, den Lebensstandard in den Vereinigten Staaten
herunterzudruecken. Die Antwort der Arbeiter der westlichen Hemisphaere
muss hierauf sein, dass sie sich zusamnenschliessen, ihre Erfahrungen
gegenseitig auswerten, Informationen austauschen und gemeinsames Handeln
planen."
i

"Diese Solidaritaet wird sicn besonders in solchen Faellen als
fruchtbar erweisen, wo lateinamerikanische Arbeiter durch die Macht
bestimmter Grossunternehmen der Vereinigten Staaten unterdrueckt werden.
So, wie wir immer bereit waren, die Versuche zu bekaempfen, die Arbeiter
der Vereinigten Staaten auszubeuten, werden wir auch entschlossen sein,
gegen jene vorzugehen, die die Arbeiter Lateinamerikas ausbeuten wollen."
FYI/183:1/24/50
ttßi
ENGLANDS BEMUEHUNGEN ZUR STEIGERUNG DER PRODUKTIONSLEISTUNG
Zukuenftige Produktionssteigerungen in Grossbritannien fuer den
Zivil- oder auch Kriegsbedarf haengen von der Steigerung der Produktionsleistung selbst und von der Moeglichkeit ab, Arbeiter, die weniger wichtige Taetigkeiten verrichten, an Arbeitsplaetze umzugruppieren, die von
groesserer Bedeutung sind. Im Jahre 1949 waren bei einer Erwerbsbevoelkerung von 22.150.000 im Durchschnitt nur 300.000 arbeitslos. Im
Dezember 19^9 umfasste die gesamte Erwerbsbevoelkerung 90$ aller Maenner
ueber 15 Jahren und l*b% aller Frauen im Alter von 15 bis zu 60 Jahren,
'.'eder durch freiwillige Methoden noch durch die l.'iederauferlegung der aus
dem Kriege bekannten Arbeitsmarktkontrollmassnahmen war es gelungen, in
der Zeit von 1947 bis 1949 eine bemerkenswerte Umschichtung der Arbeiter
aus weniger wichtigen in wichtigere Industriezweige zu erreichen. Die
so bedeutende und entscheidend wichtige Kohlenbergbauindustrie hat z.B.
Arbeiter verloren und zwar besonders solche, die unmittelbar die Kohle
foerderten.
Man ist sich im allgemeinen darueber einig, dass Modernisierung;
wenigeres Fernbleiben vom Arbeitsplatz; Lohnsysteme, die auf dem Leistungsprinzip beruhen; und die Bereitwilligkeit, neue Arbeitsmethoden zu akzeptieren, notwendig sind, um die Kluft zwischen den vergangenen und zukünftigen Produktionszielen der britischen Industrie ueberbruecken zu
koennen. Sowohl die Gewerkschaften als auch die Unternehmer haben diesen
Problemen groesste Aufmerksamkeit geschenkt. Augenblicklich werden etwa
20$ des gesamter. Nationaleinkonmens fuer Kapitalinvestierungen verwendet;
ein Viertel hiervon ist allein fuer den '.Wohnungsbau bestimmt.
Eine weit bedeutendere Erhoehung des Index1 fuer die gesamte Industrieproduktion gegenueber dem der Beschaeftigung bedeutet bereits einen Fortschritt. Dem "irtSchaftsministerium Englands zufolge hat die GesamtProduktionsleistung des Jahres 1949 die des Jahres 1948 um 5h% ueberschritten. '„'enn man die ersten fuenf Monate des Jahres 1950 mit einer
gleichen Zeitspanne des Jahres 1949 vergleicht, so sind es sechs und

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�sieben Prozent. Dieser Prozentsatz ist betraechtlich hoeher, als im
Wirtschaftsbericht fuer das Jahr 1950 veranschlagt wurde, er ist ausserdem hoeher als vor dem Kriege.
Grosszuegige Schaetzungen der Steigerungsquote koennen jedoch nur
dann vorgenommen werden, wenn genauere Hasstaebe fuer die Veraenderungen
in der Produktionsleistung aufgestellt sind. Die Verbesserung der
statistischen Messung der Produktionsleistung innerhalb eines Industriezweiges oder eines Betriebes gehoert mit zu dem allgemeinen Programm
Grossbritanniens. Zu diesem Zwecke haben Gruppen englischer Statistiker
in den Jahren 1949 und 1950 die Vereinigten Staaten besucht, um die im
Statistischen Buero des US Arbeitsrainisteriums angewandten Methoden zu
studieren,
Produktivitaets-Studiengruppen aus der britischen Industrie, denen
Vertreter der Gewerkschaften und Unternehmer angehoerten, haben die
Produktionsmethoden in Amerika eingehend studiert. Derartige Studienreisen werden von dem Anglo-Amerikanischen Produktivitaetsausschuss
arrangiert, der im September 1948 gebildet wurde. Die Gruppen werden
von der Verwaltung fuer TJirtschaftliche Zusammenarbeit finanziell unterstuetzt, die darin einen ihrer Beitraege fuer den Wiederaufbau Englands
sieht. In den letzten zwei Jahren sind meist auf Industriebasis 27
Studiengruppen zusammengestellt worden; einige spezialisierte Gruppen
beschaeftigten sich mit enger begrenzten Problemen, wie z.B. der Vereinfachung spezieller Produktionsmethoden, des Verpackungsverfahrens
oder des Materialtransportes. In neueren Berichten an den Ausschuss
wird zum Ausdruck gebracht, dass die englischen Firmen untereinander
ebensoviel lernen wie von den Unternehmen der Vereinigten Staaten; dass
ferner die Voreingenommenheit der britischen Arbeiter gegen die Methoden
zur Steigerung der Produktionsleistung, einschliesslich der Mechanisierung, zum Teil zerstreut worden sind; und dass Normung und Vereinfachung besonders in den oeffentlich kontrollierten Industriezweigen
akzeptiert worden sind.
Im Anschluss an die Studienreisen der Produktivitaetstudiengruppen
werden gewoehnlich Konferenzen und oeffentliche oder Betriebsversammlungen abgehalten, auf denen die Berichte der Gruppen und die Moeglichkeiten besprochen werden, ihre Vorschlaege und Empfehlungen zu verwirklichen. So hat zum Beispiel die britische Stahlindustrie ia verschiedenen Giessereien Verbesserungen in gewissen Arbeitsprozessen durchgefuehrt, nachdem die Studiengruppe, die sich aus Vertretern dieser
Industrie zusammensetzte, ueber ihren Besuch in den Vereinigten Staaten
berichtet hatte. Das Ergebnis war, dass der Arbeitsaufwand in einem
bestimmten Arbeitsverfahren um 50% reduziert werden konnte, bei anderen
Verfahren konnte sowohl Material als auch Arbeitszeit eingespart werden.
Eine der britischen Gruppen setzte sich ausschliesslich aus Gewerkschaftsvertretern zusammen, die sechs Wochen lang die amerikanischen
Industriezentren besuchten, um sich darueber zu orientieren, welche Rolle
die Gewerkschaften bei der Steigerung der Produktionsleistung in den
Vereinigten Staaten spielen. Nachdem die Gruppe "die Arbeitsweise und
Methoden einer Anzahl amerikanischer Gewerkschaften bei der Durchführung
ihrer Verwaltungsaufgaben und in den Betrieben studiert hatte", gab sie
einen anregenden Bericht ueber die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaften heraus, eine Analyse, in der die entsprechenden
Probleme der beiden Laender miteinander verglichen wurden. Der Bericht
enthielt einige weitgehende Empfehlungen, die an die Gewerkschaftskollegen und die Unternehmer in England gerichtet waren.
Eine Tatsache, die die Besucher besonders beeindruckte, war, dass
in Amerika leistungsfaehige Betriebsleiter die Quoten der Produktions-

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�leistung festlegen, und dass die Gewerkschaften massgeblich mithelfen, die Leistungsfaehigkeit solcher Betriebe zu steigern, die
nicht so konkurrenzfaehig sind wie andere. "Die amerikanischen
Gev.erkschaften dringen auf bessere Loehne, damit die Arbeit hoeher
eingeschaetzt wird. Sie erwarten, dass die Kraft der Konkurrenz
finanzkraeftige, unternehmende und aggressive Betriebe zwingt,
ihre Gestehungskosten zu senken," und sie rechnen dunit, dass niedrigere Produktionskosten zu niedrigeren Verbraucherpreisen luehren,
die wiederum neue und groessere Absatzmaerkte erschliessen werden,
die ausreichen, um die durch die neuen Methoden ueberfluessig gewordenen Arbeiter zu absorbieren.
In ihren Empfehlungen forderte die .Studiengruppe der britischen
Gewerkschaften dazu auf, eine Lohnpolitik zu betreiben, die sich
nach dem Ausstoss und der Leistungsfaehigkeit der Betriebe richtet.
Angesichts der Notwendigkeit, die Preise niedrig zu halten und die
Vollbeschaeftigung zu sichern, stellte die Gruppe nicht die Forderung
auf, die allgemeine Lohnstop-Politik aufzugeben. Die britischen Gewerkschaften waren, wie man feststellte, in der Tat eher geneigt, auf
dem Leistungsprinzip beruhende Lohnsysteme anzunehmen als die amerikanischen Gewerkschaften, obwohl die Delegierten des GewerkschaftsKongresses sich fuer die Aufgabe der Lohnstop-Politik entschieden.
Die wichtigste Empfehlung der Gruppe besteht in dem Vorschlag
zur aktiven Zusammenarbeit der Gewerkschaften bei der Anwendung "wissenschaftlicher Methoden der Betriebsleitung." Die Initiative soll dabei dem Unternehmertum ueberlassen bleiben, aber von den groesseren
Gewerkschaften und dem britischen Gewerkschaftskongress TUC sollen
technische Gewerkschaftsreferate fuer Produktionsfragen errichtet
werden, die die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder wahrnehmen und
ihre Verdienstmoeglichkeiten auf ein Maximum steigern. Eine ablehnende
Haltung der Einfuehrung neuer Maschinen gegenueber beziehungsvreiaeeine
Neuzuteilung der Arbeitskraefte ist nach Auffassung der Gruppe jetzt
nicht gerechtfertigt. Die Gewerkschaften muessten im voraus um Rat
gefragt werden; genaue Plaene zur Entschaedigung durch Entlassungsgelder fuer jene Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz wechseln muessen,
sind sofort auszuarbeiten. Die Gewerkschaften muessten auf der einen
Seite bestrebt sein, hoechst wirtschaftliche Unternehmen zu veranlassen, ihre Verbraucherpreise zu senken, und sie muessten auf der
anderen Seite den weniger wirtschaftlichen arbeitenden Unternehmen
helfen, ihre Leistungsfaehigkeit zu steigern.
Zur Unterstuetzung der Gewerkschaften und Unternehmer in Fragen
der Produktion hat die englische Regierung im Jahre 1948 das Britische
Institut fuer Betriebsleitungsfragen gegruendet. 22 Gewerkschaften
und der Gewerkschaftskongress TUC sind eingeschriebene Mitglieder
des Instituts. Oertliche Arbeitnehmervereinigungen, die im vergangenen Jahr in vier Industriezentren gebildet wurden, veranstalten
oeffentliche Foren ueber gute Methoden der Betriebsleitung, an denen
Gewerkschafter teilnehmen.
Zwei kuerzlich erschienene Berichte zeigen die Veraenderungen
in der Produktionsleistung in einem bestirnten Industriezweig, naemlich
der Bauindustrie auf. Nach der Annahme einer freiwilligen Vereinbarung auf Landesbasis im Jahre 1947 wurden in etwa einem Drittel der
Vertraege, die von oertlichen Komraunalbehoerden geschlossen wurden,
Bestimmungen ueber Akkord- und Bonusloehne aufgenommen, die sich auf
etwa die Haelfte der im Monat Oktober fertiggestellten "ohnhaeuser
erstreckten. Diese Bestimmungen sollten von beiden Partnern &lt;Meses
Industriezweiges im Jahre 1950 erneut ueberorueft werden.
Der Untersuchungsausschuss erklaerte, dass die 13 $ige Reduzierung
an Arbeitskraft und Arbeitszeit je Haus, die in der Zeit von Oktober

- 15 -

�1947 bis Oktober 1949 erreicht werden konnte, zur Haelfte diesem
Leistungsprinzip, das sich in der Entloehnung ausdrueckt, zuzuschreiben sei. Obwohl der groesste Teil der Einsparungen in Form
von Bonuszahlungen den Arbeitern ausgezahlt wurde, konnten je
Haus etwa 15 Pfund Sterling eingespart werden, was etwa einem
Prozent der Gesamtkosten des Hauses entspricht.
Im Anschluss an eine allgemeine Konferenz des TUC ueber Produktivitaetsfragen, an der die Vorstandsmitglieder aller angeschlossenen Gewerkschaftsorganisationen teilnahmen, hat der TUC in den
Jahren 1949 und 1950 verschiedene Konferenzen ueber Produktivitaetsfragen abgehalten, an der eine Reihe verschiedener Gewerkschaften
teilnahmen. Zwei dieser Konferenzen fanden zusammen mit der Landesgewerkschaft der Beschaeftigten der Bauindustrie statt, auf denen
die Reaktionen des Lohnsystems dieser Industriezweige auf die verschiedenen Berichte besprochen wurden und ein Plan zur allgemeinen
Steigerung der Produktionsleistung in solchen Industriezweigen ausgearbeitet wurde, an dem der TUC aufgrund des '.'ohnraummangels besonders interessiert ist. Auf seiner Konferenz im Jahre 1950 forderte der TUC in einer EntSchliessung den Generalrat auf, die Gewerkschaften bei der Ueberpruefung der fuer ihre Industrie eigenen
Probleme zu, unterstuetzen. Der TUC forderte weiter, dass vor der
Einfuehr &gt;ng neuer Methoden und Arbeitsverfahren ausfuehrliche Aussprachen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften ermoeglicht werden,
und darauf zu dringen, dass die durch gesteigerte Produktionsleistung
erzielten Gewinne den Verbrauchern in Form niedrigerer Preise und den
Arbeitern in Form verbesserter Loehne und Arbeitsbedingungen Zugute
kommer..
Monthly Labor Review 12/50

AMERIKAS Gi?..'SRKSCHAFTEN SICHERN DEM VERTEIDIGUNGSMINISTER IHRE UNTERSTUETZUNG ZU
Vor kurzem wurde auf einer Konferenz des Gemeinsamen Ausschusses
fuer Arbeitspolitik, an der auch Verteidigungsminister George C.
Marshall, seine Stellvertreterin Anna Rosenberg und andere Beamte des
Ministeriums teilnahmen, erneut zum Ausdruck gebracht, dass die Gewerkschaftsbewegung den Kampf der Nation gegen den sowjetischen
Imperialismus restlos uncerstuetzt.
Die Konferenz diente einem inoffiziellen, allgemeinen Meinungsaustausch ueber Probleme, die sich mit dem nationalen Hotstand ergeben
haben.
Die Gewerkschaftsgruppe erinnerte die Beamten des Verteidigungsministeriums daran, dass ein grosser Teil der unter '„'äffen stehenden
Soldaten aus den Reihen der Arbeiter und ihrer Familien kommt, und
erklaerte, dass sich die Gewerkschaftsmitglieder der dringenden Notwendigkeit bewusst sind, sowohl die nilitaerische als auch die industrielle Staerke so schnell wie moeglich zu entwickeln. Sie sprach sich
ferner fuer die konstruktive Politik Marshalls aus.
"Fuer keine Gruppe steht in dem Kampf zur Erhaltung der Freiheit
auf der T'elt mehr auf dem Spiel als fuer die arbeitenden Maenner und
Frauen dieses Landes," erklaerte Marshall den Gewerkschaftern.
"Der Bestand der freien Gewerksehaftsorganisationen und aller
anderen demokratischen Einrichtungen haengt davon ab, ob wir mit Erfolg das Anwachsen der Polizeistaaten und die kommunistischen Aggressionsplaene unterbinden koennen."
The CIO News

-16

1/22/51

HICO) (2-2-51) U26 U 1 C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di* folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 6

Frankfurt, den 9. Februar 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Arbeit des '..'ohnungsausschusses des CIO

1

Italienischer Gev/erkschaftsfuehrer heisst General
Kisenhower willkommen

7

Der britische Schatzkanzler erklaert den englischen
Arbeitern, warum Produktivitaetssteigerung
notwendig ist

8

T. C. McManus, ehemaliger Hauptkassierer der
kanadischen Seeleute-Gewerkschaft:
Der Untergang einer Gewerkschaft

»^

Die Berichte des internationalen Arbeits-Amtes ueber
den Gesundheitszustand der Seeleute erfordern in
weitem Masse Beachtung

10

15

DIE AKbEIT DES ..OHNUuGSäAUAUSSCHUSS^S DES (JIQ
Der V/ohnraununangel ist auch weiterhin eines der schwierigsten inneren
Probleme der Vereinigten Staaten von Amerika. Deshalb ist der Ausschuss
fuer '.i'ohnungsbau unter der Leitung des Vorsitzenden der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO, '„'alter F. tteuther, aufgefordert worden, sich mit den
verschiedenen Blickwinkeln der Probleme zu befassen, die durch den u'ohnraummangel verursacht sind.
Der Auaschuss war sowohl auf Landesebene als auch innerhalb der
Kommunalverbaende im ganzen Lande vielseitig taetig. Er hatte insofern

- 1 -

�einige Erfolge zu verzeichnen, als es ihm gelang, den Fortbestand der
bundesstaatlichen Mietkontrolle zu sichern und verschiedene organisierte,
gegen die '..'ohnungsbauprogramme gerichteten Bemuehungen zu vereiteln.
Der Ausschuss war massgeblich daran beteiligt, den Kongress davon zu
ueberzeugen, dass angesichts des werbemaessig gut lancierten und freigebig
finanzierten Reklamefeldzuges, den die Hintermaenner der Grundstücksbesitzer mit der Absicht fuehrten, das Gesetz zu verhindern oder zumindest
unwirksam zu machen, irgendeine Form der Mietkontrolle bestehen bleiben
muesse. Da es diesen Interessentenkreisen nicht gelungen war, auf bundesstaatlicher Basis das Gesetz zu beseitigen, beschlossen sie, auf oertlicher
Ebene in der gleichen Richtung taetig zu sein.
Zuerst wurden die Mietberatungsauaschuesse gezwungen, Empfehlungen zu
unterbreiten, in denen auf die Veraenderungen der Mietpreise und den danit
unvereinbaren Fortbestand des Gesetzes'hingewiesen werden sollte. Als dies
jedoch nicht zur voelligen Aufhebung der Mietkontrollen fuehrte, verlegten
sich die Hintermaenner der Grundstücksbesitzer mit Unterstuetzung republikanischer Kreise im Kongress auf die Methode, eine Aufhebung der"Kontrollen
auf oertlicher Basis durch entsprechende Abstimmungen der regierenden
Kommunalbehoerden zu erwirken. Hierauf haben sich zahlreiche oertliche 3ehoerden, in denen kein betraechtlicher Einfluss der Gewerkschaften besteht,
fuer eine Aufhebung der Mietkontrollen ausgesprochen. Die durch diese
Massnahmen in Mitleidenschaft gezogenen Gebiete sind der landwirtschaftliche
Sueden und Suedwesten. Aber auch in einigen Industriebezirken sind die
Kontrollen abgeschafft worden. Die Methoden, die zur Erwirkung dieser Massnahmen angewandt wurden, sind kennzeichnend fuer die politischen Verhaeltnisse in einigen Kommunalbehoerden. Dies ist durch einen Vorfall bewiesen,
der sich in keiner geringeren Stadt wie Los Angeles zugetragen hat, wo der
Stadtrat bestochen worden sein soll, damit er fuer eine Abschaffung der Mietkontrollen stimme.
In diesem Falle wandte sich der Ausschuss fuer Uohnungsbau an gewerkschaftliche und liberale einflussreiche Persoenlichkeiten sowie an den Ausschuss fuer Hauspaechter in Los Angeles und brachte die. Tatbestaende vor die
Gerichte. Schliesslich konnte man durchsetzen, dass die EntSchliessung zur
Abschaffung der Mietkontrolle widerrufen werden musste.
Auf dem letzten CIO-Kongress wurde nun die Vorbereitung eines wirksamen
Gesetzes fuer Mietkontrollen in Erwaegung gezogen.
Der Ausschuss hat unablaessig den Gedanken unterstuetzt, dass die
kontrolle in die Haende der bundesstaatlichen Uohnungsbehoerden gelegt
werden woll, damit eine Gewaehr dafuer besteht, da3s die Mietkontrolle
solange bestehen bleibt, wie tatsaechlich ein '..'ohnraummangel herrscht.
Das '.'ohnungsbauprogramra der Regierung soll darauf ausgerichtet werden,
sen Mangel zu beheben, und Mietkontrollen sollen nur solange notwendig
erforderlich sein, wie ein Mangel an Wohnungen besteht.

Mietnur
dieund

Die bis heute ergriffenen Massnahmen konnten keine zufriedenstellende
Loesung des Problems schaffen. Schuld hieran ist einmal die Tatsache, dass
man sich gesetzlich genehmigte Programme nicht in vollem Umfang zunutze
machte, und zum andern, dass keine Gesetze erlassen Wurden, die die bestehenden Luecken haetten schliessen koennen.
Zu viele Beamte der v.rohnungsbehoerden sind der Auffassung, dass sie
das Problem geloest haben, wenn sie neue Bedingungen fuer die Hypothekenfinanzierung ausgekluegelt haben. Zu wenige dieser Beamten haben anscheinend ein Interesse an der Schaffung eines genuegenden Wohnraums, an
der kommunalen Vohnungsbauplanung, an Massnahmen, die eine Senkung der
Baukosten oder eine Vereinfachung der Bauverfahren foerdern koennten. Infolgedessen hat der 'Johnungsbau die Tendenz, an C.ualitaet -zu verlieren,

- 2 -

�in einem gerechten Gleichgewicht fuer die verschiedenen Schichten der
Bevoelkerung zu stehen, und obendrein stellt er einen unnoetigen
Aderlass des Kreditpotentials der US-Regierung dar.
Seit vielen Jahren hat der Ausschuss fuer Yfohnungsbau eine Expansion der Bauindustrie befuervortet, um den Uohnraumbedarf Amerikas
besser decken zu koennen. Die Sprecher der Industrie und konservative
Volkswirtschaftler haben der Bauindustrie die Faehigkeit der Ausdehnung
abgesprochen. Doch das Jahr 1950 ist ein Rekordjahr fuer die Bauindustrie gewesen. Im August 1950 wurde die jaehrliche Quote von zwei
Millionen Wohnungen, die vom Ausschuss seit 1948 befuerwortet wird,
bereits annaehernd erreicht.
Diese erstmalige Rekordproduktion hat den Rueckstand, der durch
die Kriegsjahre und die geringe Bautaetigkeit waehrend der Depression
der 30er Jahre eingetreten war, erheblich verringert. Selbst die
konservative amerikanische 3par- und Anleiheliga hat diesen hohen Stand
der Bautaetigkeit zur "Beendigung des Wohnraummangels in praktisch
jeder Ortschaft" gutgeheissen. In der Vergangenheit hat die Bauindustrie
ihre Aufgabe, das Land mit genuegend '.Johnraum zu versorgen, nicht erfuellen koennen. In einem etwas engstirnigen Bewusstsein ihrer Verpflichtung dem Volk gegenueber, hat die Bauindustrie eine geplante
Knappheit an Wohnungen beguenstigt, die zu Beunruhigung und Sorge in
Hillionen von Familien Anlass gegeben haben, deren groesstes Problem
darin besteht, dass sie keine angemessene Wohnung bekommen koennen.
Die Bevoelkerungsziffer der Vereinigten Staaten steigert sich jetzt
jaehrlich um fast 900.000 neue Familien. Wenn der rueckstaendige Bedarf der Vergangenheit gedeckt werden soll, die Elendsviertel bereinigt
und mehr Wohnungsmoeglichkeiten geschaffen werden sollen, muss die Bauindustrie ihre neue hohe Kapazitaet von zwei Millionen Einheiten im Jahr
zumindest in den.naechsten zehn Jahren voll ausnutzen.
Mit keinem Programm und keiner Politik koennen alle Einzelheiten
dieses Problems restlos geklaert werden. Mit einem wohlabgerundeten
Wohnungsbauprogramm wird den Beduerfnissen aller Schichten der Bevoelkerung am besten entsprochen werden koennen. Diese Beduerfnisse erstrecken sich nicht nur auf angemessene Wohnungen, sondern auch auf die
gesamte Umgebung innerhalb einer Ortschaft, die die Kindestnormen der
Ansprueche einer Familie erfuellen sollen. Schulen, Kirchen, Krankenhaeuser und Erholungsstaetten sind zu oft in den umfassenden Plaenen
privater Architekten vernachlaessigt worden.
Der Ausschuss fuer Wohnungsbau de« CIO hat deshalb vorgeschlagen:
1.) Ein oeffentliches Wohnungsbauprogramm fuer die niedrigen Einkommensgruppen, d.h. diejenigen, die keine fuer den Besitzer rentable
Miete zahlen koennen.
2.) Anleihen und Darlehen fuer die Bereinigung von Elendsvierteln
und die ftatwicklung der Staedte.
3.) Ein Programm fuer die mittleren Einkommensgruppen, das technische Ilnterstuetzung und langfristige Kredite bei niedrigen Zinssaetzen
fuer die Baugenossenschaften vorsieht.
4.) Ein Programm fuer den nichtlandwirtschaftlichen Wohnungsbau
auf dem Lande,
5.)

Ein einleitendes Programm fuer dft* landwirtschaftlichen Wohungs-

bau.

- 3-

�6.) Ein verbessertes Forschungsprogramm zur Senkung der Kosten
des 'Wohnungsbaus.
7.) Unierstuetsung bei der Entwicklung einer industrialisierten
"'ohnungsbauindustrie.
8.) Verkauf regierungseigener Kriegsbauten an Paechter, die
ohne Gewinn arbeiten und diese l'ohnungen selbst bewohnen.
Die gesamte '..'irtschaft wurde durch die Entwicklung der koreanischen
Krise ersc'mettert. Der '.Johnungsbau, der den groessten Komplex des
inl&amp;endisehen Bedarfs darstellt, wurde als erster durch die Entwicklungen in Mitleidenschaft gezogen, die sich mit der Notwendigkeit der
Steigerung der Ruestungsproduktion ergeben haben. Dieser Zweig der
zivilen "'irtschaft, der sich nach zwei langen Jahrzehnten unzureichender
Produktion zun erstenmal stark ausdehnte, wurde von einer uebereLfrigen
Buerokratie abgedrosselt, die unfaehig ist, die ihr gestellten Aufgaben zu erfuellen.
Die Remuehungen der Regierung, das rTohnungsbauprobleni ausschliesslich durch Kreditkontrollen zu loesen, sind weder wuenschenswert, noch
durchführbar und gerecht.
Diese Kreditkontrolle hat dazu gefuehrt, dass die Preise des
spekulativen 'Wohnungsbaus, der sich jetzt wieder seine« Daseins erfreut,
und auch die Preise fuer die zur Verfuegung gestellten Wohnungen in die
Hoehe geschraubt wurden.
Angenommen, der "'ohnun^sbau muesste im Interesse der sich ausdehnenden Ruestungsproduktion gekuerzt werden, dann muss doch alles
'•'oegliche getan werden, um eine Hoechstproduktion an "ohnraun aus den
noch uebrigen Arbeitskräften und Materialien sicherzustellen. Diese
Verordnung und andere fruehere Verordnungen, die die Kredite der
Regierung einschraenk«n,- wurden erlassen, bevor der fuer das Programm •
notwendige Bedarf an ..rbeitskraeften und ?'aterial veranechlagt war und
genauere Angaben ueber die in Jahre 1951 verfuegbare Zahl an Arbeitskräften vorhanden waren.
/
Die Anwendung der Kreditkontrollen allein zur Erreichung dieses
Zieles ist lueckunhaft und kann zu Missbrauch fuehren. Diejenigen, die
ueber umfangreiche Geldmittel verfliegen, duerfen ohne Einschraenkung
bauen, !36r Gruppe je loch, deren ",'ohnraunbedarf am groessten ist, wird
absolut keine ','oegliohkeit geboten, sich ','ohnraum zu schaffen. Diese
Tatsache ist auch nicht dazu angetan, das Problem der Einschraenkung
der Sautaetigkeit infolge der Inflation der l.'aterialkosten zu erleichtern.
Die Regierung muesste sofort dieses gesarate Problem erneut ueberpruefen und dabei folgendes beachten:
aj Um zu garantieren, dass die fuer das Produktionsjähr 1951
verfuegbaren Arbeitskraefte der Bauindustrie voll ausgenutzt werden,
muss ein jaehrliches Produktions.:iel unter Beruecksichtigung des militaeri'3Chen und wesentlichen zivilen Bedarfs gesteckt werden.
b) Innerhalb der Vereinigten Staaten muessen sofort Vorbereitungen getroffen werden, um den auf 100.000 Einheiten geschaetzten
Bedarf an I.'ilitaerunterknenften zu decken.
c) Fuer Arbeiter in kriegswichtigen Betrieben, die sich staendig erweitern, muessen '.'ohnungen gebaut werden.
Noch schlimmer als die Auswirkungen der Vorgaenge in Korea sind die

- k -

�Entwicklungen in Hahnen des jetzigen '.'ohnungsbauprogramms.
Ifis muss leider festgestellt werden, dass bis jetzt die in den
meisten Phasen des Programms ergriffenen Massnahmen so gehanriha'ot
wurden, dass sie ihren Zweck verfohlten, Ein groesserer Fehlschl&amp;ß
haette nicht eintreten koennen,- v.enn das Programm im umgekehrten
Sinne geplant gewesen waere. Der Vorsitzende dieses Ausschusses,
der das Problem erkannte, dem s.ch die Gewerkschaften gegenuebersahen,
als der Kongress das "ohnungsbaugesetz von 1949 (Gesetz Nr. 171)
erliess, bat in einem Schreiben an Praesident Truman um die Ernennung einer neuen, mit erweiterten Refuegnissen a'^estatteten
Behoerde, die entschlossen sei, die Bestimmungen des neuen Gesetzes
auch zu verwirklichen.
Man kann sich am besten von dem Versagen dieser ^ehoerde ein
Bild machen, wenn man die Ergebnisse unt.er^iicht, die nach den Bestimmungen des Gesetzes 171 fuer den oeffendlichen '.'ohnungsbau erzielt wurden; dieses Gesetz wurde nach fuenf Jahren harten Kampfes
gegen die Grundstücksbesitzer angenommen.
Der Vorsitzende Beuther wies vor dem Kongress im Pebruar ]%9
auf die Dringlichkeit des '.'ohnraumbedarfs hin und verlangte vom
Kongress, "fuer die Erstellung von mindestens einer Million '."ohnhaeuser mit niedrigen Mieten zu sorgen". Das Programm muesse jedoch
zusammengedraengt und in vier anstatt in sieben Jahren durchgefuehrt
werden, sodass in den naechsten vier Jahren jaehrlich durchschnittlich
250.000 Einheiten mit niedrigen Mietsaetzen erstellt werden koennten.
Als Antwort auf diesen Vorschlag und auf die Dringlichkeit der
Situation stimmte der Kongress fuer die Erstellung von mindestens
100.000 Einheiten jaehrlich in den naechsten sechs Jahren ;ait dem Hinweis, dass "auf Reschluss des Praesidenten hin, nachdem dieser den
Ausschuss der Mirtschaftsberater zu Ilate gezogen hat, die gesamte
Jahresproduktion auf 200.000 Einheiten gesteigert werden kann."
Ein Jahr nach dem Srlass des ''ohnungsbaugesetzes von 1949 g"b
Ü e Peh^erds fuer die Finanzierung des '.'ohnungsbaus und der "ohnungen
unter dem Titel "Fortschritt des '.'ohnungsbauprogramms in den Jahren
1949 - 1950'einen Bericht heraus, in dem folgende Feststellung enthalten war: "Am 31. Juli 1950 waren 640 (sechshundertundvierzig 1)
dieser Einheiten begonnen."
In Anbetracht der Tatsache, dass man das betraechtliche Arbeitskraeftereservoir der Arbeitslosen nioht einsetzte und die Kapazitaet
der baustofferzeugenden Industrien nicht ausnutzte, ist eine Kritik
durchaus gerechtfertigt.
Die Verwaltung Tuer den oeffentlichen ' .'ohnungsbau hat in hoechst
buerokratischer "eise dieses Gesetz verwaltet; ihre Haltung koennte
mit der eines Gutsbesitzers seinen Paechtern gegenueber verglichen
werden. Im Gegensatz zu den organisierten Grundstücksbesitzern hat
sich diese Verwaltung bei der Verfolgung der Ziele des Gesetzes 171
viel Zeit gelassen.
Die Verwaltung betrachtet den '..'ohnraumbedarf der niedrigen Zinkommensgruppen als von zweitrangiger Bedeutung. Die meisten Leiter
der oeffentlichen '.'ohnun^s'oauprojekte behandelten diese Mieter mit
einer gewissen Verachtung. Eine wahre Kampagne wurde gegen diejenigen
Mieter eingeleitet, die die gesetzte Einko-imensgrenze ueberschritten
hatten. Auf Veranlassung der Grundstücksbesitzer wurden diese T?«.rni—
lien und besonders jene, die Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung
waren, unter Druck gesetzt, u-n sie zu zwingen, ihre ','ohnung zu verlassen, ihre familiaeren und nachbarlichen Verbindungen zu zerreissen und

- 5-

�sich anders&gt;vo Wohnung&amp;noeglichkeiten zu suchen. Statt den Bau der zusaetzlichen Wohnungen in Angriff zu nehmen, konzentrierte sich die Verv/altungsbehoerde auf eine Kampagne, die den Zv;eck hatte, die Mieter mit
allzu hohem Einkommen aus diesen Wohnungen wieder zu verweisen. Die
Kampagne verlief erfolgreich. Tausende von Mieter wurden gezwungen,
Wohnungen zu gesteigerten Preisen zu mieten, deren Mietzins jenseits
ihrer Zahlungsfaehigkeit lag.
Eine Ursache fuer das Misslingen des oeffentlichen Wohnungsbauprogramms ist die Tatsache, dass in vielen Wohnungsbehoerden Vertreter der
oertlichen Grundstuecksbesitzerorganisationen sitzen. Unter solchen
Umstaenden ist es unmoeglich, die dienstlichen Pflichten dieser Vertreter
als oeffentliche Beamte von den Zielen der organisierten Kampagne der
Grundstuecksbesitaer scharf zu trennen.
Die oertlichen WohnungsbauVereinigungen der Buerger sind ebenfalls
zuweilen der Beeinflussung seitens der Grundstücksbesitzer zum Opfer
gefallen. So hat die Buergervereinigung von Baltimore fuer Planung und
Wohnungsbau den Beteuerungen der Grundstuecksvertreter Gehoer geschenkt
und den Vorschlag eines Interessenten des bundesstaatlichen legislativen
Ausschusses, der jedoch praktisch fuer die Hypothekenbanken sich einsetzte, angenommen. Dieser Vorschlag bezieht sich auf ein Programm, das
die Bereinigung der Hinterhoefe der bestehenden Wohnungsbauten vorsieht.
Unter dem Titel "Der Baltimore-Plan" ist dieses Programm der Oeffentlichkeit weitgehend zur Kenntnis gebracht worden. In Wirklichkeit handelt
es sich jedoch um ein privates Unternehmen, um den Ersatz fuer ein Programm,
das die Interessenvertreter "sozialistisch und kommunistisch" nennen, und
das mit Unterstuetzung des Praesidenten Truman und der Senatoren Tobey,
Flanders, Sparkman, Maybank u.a. zum Gesetz erklaert wurde.
Es gibt nur eine Loesung fuer dieses Problem. Die Oeffentliche
Wohnungsbaubehoerde muss mit neuem Blut aufgefrischt werden, und sie muss
von der festen Entschlossenheit beseelt sein, die in den Satzungen des
Kongresses enthaltenen Ziele zu erreichen. Das Programm muss auf einer
festen Grundlage fussen, die durch gegenseitiges Verstaendnis und die
gemeinsame Arbeit an den menschlichen Problemen gebildet wird, deren 3eduerfnisse durch das Programm befriedigt werden sollen.
Fuer den Sieg der Demokratie in der heutigen Welt ist es erforderlich, dass alle Menschen einen angemesseneren Lebensstandard ihr eigen
nennen. Das Wohnungsbauprogramm der Vereinigten Staaten kann und darf
nicht so verunstaltet werden, dass angemessene Wohnungen nur den Wohlhabenden zur Verfuegung stehen, und dass ein Programm, das fuer die wirtschaftlich weniger Beguenstigten bestimmt ist, versiegen und absterben
darf.
Die Bestimmungen fuer die Bereinigung der Elendsviertel und die
staedtische Entwicklung, die in dem '..'ohnungsbaugesetz von 19^9 enthalten
sind, traten erst im Juli 1950 in Kraft. Deshalb hat die Wohnungsbaubehoerde auch erst seit einiger Zeit damit begonnen, mit den Grosstaedten
und anderen Staedten ueber die Durchführung der Bestimmungen dieses
Gesetzes zu verhandeln.
Die Staedte Norfolk im Staate Virginia und Nashville in Tennessee
haben bereits Hervorragendes zur Bereinigung der Elendsviertel geleistet.
Auch in Chikago ist ein Programm angelaufen, und man hofft, aus bundesstaatlichen Mitteln sechs Millionen Dollar und von den oertlichen 3ehoerden drei Millionen Dollar zu bekommen, um das Negerviertel bereinigen
und fuer l.AOO Familien mit hoeherem Einkommen Wohnungen mit hoeheren
Mietsaetzen bauen zu koennen. Ihre frueheren Wohnungen sollen diese
Familien fuer 3.500 Familien der niedrigen Einkommensgruppen zur Verfuegung stellen. Dieser Vorschla8 entspricht jedoch nicht dem eigentlichen Zweck des Programms, v/onach auf den Grundstuecken der Elendsviertel
anstaendige Wohnungen und eine passende Umgebung geschaffen werden sollen.

- 6-

�Das industrialisierte Wohnungsbauprograinra, das von diesem Ausschuss
gefoerdert und vom Kongress bewilligt wurde, ist leider der Kontrolle der
im Dienste der Gesellschaft fuer die Finanzierung des Wiederaufbaus
stehenden Vertreter unterstellt. Aul- Ersuchen des üewerkschaftsausschusses und anderen Gremien hin hat der Kongress vor kurzem einen Neuorganisationsplan bewilligt, der eine Uebertragung dieser Funktion an
das Amt fuer die Finanzierung des Wohnungsbaus und der Wohnungen vorsieht.
Man hofft, dass in dieser neuen Umgebung den Ueberlegungen zum Wohnungsbau der Vorrang vor den Befuerchtungen jener Vertreter gegeben wird, in
erster Linie eine neue Industrie zu finanzieren.
Report to the Congress of Industrial Organizations
XI/20-24/50

ITALIENISCHER GSTEKKSCHAFTSFUEHRER HEISST GENERAL 2I5ENH0WER WILLKOMMEN
(Nachstehender Artikel wurde von Giulio Pastore, dem
Sekretaer des Italienischen Gewerkschaftsbundes (CISL)
geschrieben und in "Conquiste dej. lavoro", dem
offiziellen Organ dieser Gewerkschaftsorganisation,
veroeffentlicht. Pastore begruesst in seinem Artikel
die Suropareise General Eisenhowers und warnt vor der
falschen Friedenspropaganda sowjetischer Konmunisten.)
Alle Ereignisse internationaler Bedeutung, die uns in diesen Tagen
bewegen, machen es klar, dass das alte Europa noch nicht alle seiner
Probleme ueberwunden hat.
Der Daemon des Nazi-Faschismus, der fuer den letzten Krieg verantwortlich gemacht v/erden muss, ist gerade beseitigt, und schon tritt der
sowjetische Imperialismus, der ebenso machthungrig ist, in Erscheinung.
Wenn es noch erforderlich ist, einen weiteren Beweis fuer die Aehnlichkeit zwischen Nazi-Faschismus und Kommunismus zu liefern, so kann er zun
grossen Teil aus der Entwicklung der internationalen Lage abgeleitet
v/erden.
Es ist nicht erstaunlich, dass sich die freien Voelker erneut voellig darueber einig sind, dass dieser neuen bedrohlichen Gefahr begegnet
werden muss. V'enn General Eisenhower nach Europa kommt, so ist das
keineswegs belanglos, sondern es zeigt auf, dass die freien Nationen den
festen Willen haben, sich zu verteidigen, damit das Banner der Freiheit
und Demokratie nicht fuer immer gesenkt werden muss.
Kurz nach Beendigung des letzten Krieges hat sich Europa in einer
aehnlichen Lage befunden, als der Kommunismus gehofft hat, Europa durch
Hunger und Elend erobern zu koennen. Wiederum ist es das grosszuegige
amerikanische Volk gewesen, das uns durch den Marshall-Plan eine Lebensmoeglichkeit gegeben und uns von dem grausamen Alpdruck des Kommunismus
befreit hat.
Wenn man nach dem Lauf der Dinge urteilt, muss man annehmen, dass
der sowjetisch-slawische Imperialismus, dessen Hoffnung, seinen Machtbereich durch die Aussaat von Elend und Verzweiflung ausdehnen zu koennen,
sich nicht erfuellt hat, den Krieg gewaehlt hat. Die Entwicklung der
tragischen Ereignisse bestaetigen diese Vermutung«
Dies muss gesagt werden, weil man auch in unserem Lande unter dem
beschaemenden Vorwand, die Demokratie wolle den Krieg, versucht, die
friedliebenden Arbeiter unserer Fabriken und Werften fuer gefahrvolle
Sabotageaktionen zu gewinnen, die eindeutig verraeterische Merkmale
tragen.

-7 -

�l'oegen diese beschaenenden Pazifisten versuchen, die ','ahrheit
Uffl die asiatische Tragoedie zu verbergen', "er ueberschritt zuerst,
bewaffnet bis an die Zaehne, den 38. Breitengrad und brachte dem
friedlichen auedkoreanischen Volk die Geissei des Krieges? Niemand
kann an dieser Tatsache etwas aendern, und es ist keine alt Gewalt
betriebene Propaganda notwendig, um den italienischen Arbeitern, die
mehr denn je zuvor ihre intellektuelle Tuechtigkeit und ihren oinn
fuer Moral unter Beweis gestellt haben, die ganze Bedeutung dessen vor
Augen zu fuehren, was sich in der "..'elt seit jenem un^luecicseligen
25" Juni 1950 zugetragen hat. Nienand anders als die Kolumnisten sind
es, die der Frieden untergraben haben, und es ist jetzt eine niederträchtige Luege und off uns .entliehe Heuchelei, wenn die Kommunisten
ils I'nschul Islamn vor die Arbeiter treten.
Heute muessen sich diejenigen, die auch kuenftig in Freiheit leben
wollen, endgueltig entscheiden. Angesichts des Narren, der sein
eigenes Huus ueberfaellt und seine heiligsten Rechte preisgibt^ ist da«
Vorurteil, nan sei cUnit fuer den Krieg, voellig unsinnig, und kein
Mensch «it Ehrbegriffen kann davon traeumen, passiv zu bleiben. Und
das ist der Clou des Dramas.
',.'ir muessen uns entscheiden, ob wir auf ein freies Leben verzichten
wollen, in dem jeder so handelt, wie es seinen '..'eson als freier Mensen
entspricht, oder ob wir «in Leben fuehren wollen, 'Jas uns zwingt, alle
persoenlichen Hechte eines Menschlichen "esens aufzugeben.
Alle Arbeiter
weil dieser Friede
unterstuetzen, die
Anders zu handeln,
.Stockholm", hiesse
stellen.

Italiens und der '.,'elt sind fuer den Frieden, und eben
ihr groesster ','unsch ist, werden sie alle Massnahmen
in irgendeiner '..'eise den Angreifer entmutigen koennen.
selbst mit einem Mundvoll '.'orte wie "Frieden a la
einfach, sich auf die Geite der Kriegstreiber zu

Die italienischen Arbeiter, die sich der '..'erte eines demokratischen
Lebens bewusst 3in.i, wissen, dass es heute das ^roesste Interesse Italiens
und des italienischen Volkes ist, sieh jedem, innerhalb und ausserhalb
Italiens zu widersetzen, der den Versuch unternimmt, eine Aggression
gegen dieses Land zu fuehren.
l^Cx Labor Information
16/1/50

DZR ""JTI3CH-; JCI:ATZ.KA:iZI«.Pt ^ i I X A ^ T '.)VM dh'GLIGCKMN ARBZITiwTK. "ARUM
k.u-)UKTtVi 1 t;JT37r irr -MING1 ?*,tV:hDiM ilfr.
Di« Zeitschrift "Target" dient dem Zweck, Informationen, Vorschlaege
und Ideen zu veroeffentlichen, die den britischeil Firmen bei der Steigerung der Produktionsleistung ihrer Betriebe helfen sollen« Ist eine
solche Aufgabenstellung jedoch realistisch in einer Zeit, in der sich
einer gesteigerten Produktionsleistung neue Hindernisse in den V.eg stellen?
Der Handel an bestimmten Rohstoffenrausszeitweilige Schwierigkeiten verursachen. )',a wird alles verrucht, um durch internationale Vereinbarungen der britischen Industrie ihren wesentlichsten Bedarf an
Rohstoffen zu sichern, und die ;i*»£i«rung wird, sobald dies moeglich ist,
endgneitig tieber die üesbezueglichen «uösichten Aufklaerung jenen, weil
sie weiss, dass die gegenwärtige Ungewissheit in Bezug auf die Materialversorgung denjenigen grosse Sorge bereitet, der danach strebt, seine
eigene Produktionsleistung und die seines Betriebes zu steigern, '..'eiter
r.uespen die lurch den hinter bedingten Probleme der Versorgung mit Brennstoff urd "'nergie benweksichtigt werden.

- B -

�Auch die Umstellung auf neue Produktionsverfahren, die durch das
'..'iederaufruestungsprograrim bedingt ist, kann in einigen Unternehmen
Anlftss zu grossen Schwierigkeiten geben.
Und warum faehrt die Regierung trotzdem fort, die Akzeptierung
neuer Methoden zur Steigerung der Produktionsleistung zu fordern, und
gibt in "Target" Beispiele, die direkt aus der Industrie genommen sind?
Sicherlich nicht deshalb, v/eil sie die Art der Schwierigkeiten nicht
kennt, die fuer die Produzenten im kommenden Jahr auftreten koennen.
Gewiss auch nicht deshalb, v/eil sie nicht wuesste, dass eß fuer einige
Betriebe sehr schwer sein kann, ihre Produktionsleistung zu steigern,
und. dass einige sogar besondere Anstrengungen machen muessen, um ein
Absinken der Produktionsleistung zu verhindern.
Die Gruende hierfuer sind vielmehr folgende:
1.) Eines der Mittel zur Steigerung der Leistungsfaehigkeit ist,
wie die Erfahrung in Zahlreichen Betrieben gelehrt hat, die enge
Zusammenarbeit und das gegenseitige Umratfragen zwischen Betriebsleitern und Arbeitern. Ein solches Verhaeltnis ist besonders dann unerlaesslich, wenn sich die Moeglichkeit gegenseitigen Missverstehens
und gegenseitiger Reibungen infolge Materialmangels, Stromsperren und
anderer Schwierigkeiten mehren.
2.) Ein anderes Mittel zur Steigerung der Leistungsfaehigkeit,
das auch in "Target" zuweilen genannt wird, ist das Bestreben, Müterialverluste zu vermeiden und eine bestimmte Menge Material so wirtschaftlich wie ;noeglich zu verwerten. Gewoehnlich bleibt immer noch genuegend
Raum fuer neue Ideen zur Einsparung von Material. In Anbetracht der
Notwendigkeit, Material einzusparen, bietet sich hier eine aeusserst
guenstige Gelegenheit; alle Bemuehungen in dieser Richtung sind von
besonderem '..'ert, weil der Erfolg ein dauernder ist.
3.) Verbesserte technische Produktionsmethoden, die im Augenblick
in einigen Betrieben vielleicht nicht verwertbar sind, koennen fuer
andere sehr gut anwendbar sein. Mangel an Material wird sich selbst
im schlimmsten Falle nicht ununterbrochen auf einen Betrieb oder auf
alle Betriebe gemeinsam auswirken.
i+.) Materialmangel und Produktionsunterbrechungen werden, wo sie
auftreten, wohl nicht vor zu grosser Dauer sein. Der weitblickende
Betriebsleiter bereitet sich im voraus auf et..aige'Schwierigkeiten vor.
Somit koennen Systeme zur Steigerung der Produktionsleistung, die in dej
naechsten Monaten ausgearbeitet und besprochen sind, unter guenstigen
Bedingungen angewandt werden, sobald sie praxisreif sind.
5.) Die Frage der Produktionsleistung ist eine Frage auf weite
Sicht. Ungeachtet der gegcnv.aertigen Schwierigkeiten sind zwei Tatsachen unumstoesslich: Erstens muss in Zukunft &amp; r Konkurrenz begegnet
werden. In anderen Laendern gibt es tuechtige liaenner, die ununterbrochen planen und arbeiten, um die Produktionsleistung zu verbessern.
Zweitens wird, was noch entscheidender ist, der Lebensstandard eines
Landes auf lange Sicht hin von der Leistungsfaehigkeit seiner PHxluktionsmaschinerie bcsti• jlt. Es wird verbraucht, was erzeugt wird, '.'enn die
Frage der Produktionsleistung jety.t aufgrund kurzfristiger Unzulaenglichkeiten und Schwierigkeiten ausser acht gelassen wird, so wird im voraus
die Zukunft der britischen Industrie und des britischen Staates geschaedigt. Unter den gegenwaertigen Urastaenden wird es nicht moeglich sein,
scfmell vorwaertszuko u..en, wie es gegenwaertig en.uenscht ist, aber dies
ist gewiss kein Grund, s^ch von der richtigen Richtung abzuwenden und
auf Fortschritte zu verzichten, die moeglich w^eren. Obwohl dies ueber-

- 9 -

�zeugend genug klingt, v/erden einige Betriebsleiter und Arbeitsvorgesetzte in bestimmten Betrieber. jetzt und in den kommenden Monaten
Geduld und Umsicht an den Tag legen mueasen, um tatsaechlich auch
danach zu handeln. Die Regierung ist sich dieser Notwendigkeit bewusst, sie glaubt aber nicht, dass sie damit zuviel von der britischen
Industrie erwartet.
Unter den neuen Gegebenheiten wird in "Target" an Hand von vielen
praktischen Beispielen gezeigt werden, welche besonderen Schwierigkeiten bestimmte Unternehmen ueberwinden muessen, und die Methoden
werden gruendlich erklaert werden muessen, mit denen die Probleme
geloest werden koenncn.
ECA Labor Information
1/18/51

wie

T.G. MCMANUS, EHEMALIGER HAUPTKASSIERER DER KANADISCHEN SKELEUTKGEWERKSCHAFT".
DER UNTERGANG EINER GEWERKSCHAFT.
Vor 5 Jahren zaehlte die kanadische Seeleutegewerkschaft noch nahezu 10.000 Mitglieder. Sie hatte Vertraege mit mehr als 300 Schiffseignern abgeschlossen, die die Grossen Seen, die Kuesten der Ozeane und die
Ozeane selbst befuhren. Die monatlichen Einnahmen der Gewerkschaften
beliefen sich auf 30.000 Dollar.
Heute hat die kanadische Seeleutegewerkschaft nicht mehr als 600
Mitglieder. Ihre Mannschaften arbeiten auf kaum einem Dutzend Schiffen.
Die Gewerkschaft ist aus dem kanadischen Gewerkschaftsbund ^Trades and
Labour Congress,) ausgestossen worden.
Die Achtung, die ihr einst von Unternehmern, Regierung und anderen
Gewerkschaften bezeugt vmrde, hat sich in Feindschaft und Verachtung
umgewandelt. Im gewerkschaftliehen Sinne ist die Seeleutegewerkschaft
einfach tot.
Die Hauptursache fuer ihren Niedergang ist bereits bekannt oder
wird von den meisten, die ihn miterlebten oder davon gelesen haben, in
der richtigen Linie vermutet. Nur wenige kennen die naeheren Zusammenhaenge, und zu diesen wenigen gehoere ich. Ich war Hauptkassierer
dieser Gewerkschaft und hatte damit eine Stellung inne, die hinsichtlich der damit verbundenen Autoritaet nur von der des Vorsitzenden
uebertroffen vmrde. Auch war ich Mitglied der kommunistischen Partei
Kanadas, die bei jeder Gelegenheit die Ereignisse diktierte, die zu dem
bitteren, ruhmlosen Ruin der Gewerkschaft fuehrten. Natuerlich kann
ich mich nicht, selbst wenn ich es wollte, meines eigenen Anteils an
der Verantwortung entziehen. Bei jedem der in der Zeit von 1946 bis
1949 gefuehrten Streiks, die mit dem Zusammenbruch der kanadischen Seeleutegewerkschaft endeten, habe ich den direkten und besonderen Befehlen der kommunistischen Partei Folge geleistet und mitgeholfen, die
Streiks auszurufen und sie zu fuehren. Selbst als ich glaubte, dass
diese Streiks taktisch falsch waeren, konnte ich mich vor vier Uonaten
noch nicht entschliessen, aus der Partei auszutreten. Ich verlasse sie
heute, nachdem ich ihr 19 Jahre lang als selbstloser und disziplinierter
Kommunist gedient habe, weil ich zu der Ueberzeugung gekommen bin, dass
ich die russlandfreundliche und antikanadische Einstellung der Partei
zu den Vorfaellen in Korea nicht gutheissen kann.
Wenn ich befuerchten muesste, dass ich die Sache der Gewerkschafts-

- 10 -

�bewegung schaedigen wuerde, wuerde ich nicht das aussprechen, was ich
an dieser Stelle sage. Es ist jedoch meine feste Ueberzeugung, dass
von 100 kanadischen Gewerkschaftern kein Einziger sich eine klare Vorstellung machen kann, wie eine kommunistisch beherrschte Gewerkschaft
gefuehrt wird, und ich glaube, dass es in ihrem eigenen Interesse
wichtig ist, die Gewerkschafter hierueber aufzuklaeren.
Genau genommen gibt es keine kommunistisch beherrschte Gewerkschaft, denn wenn sie der kommunistischen Bevormundung unterstellt ist,
ist es keine Gewerkschaft mehr. Sie wird zu einer Zweigorganisation
der kommunistischen Partei. Die Partei schreibt ihr oft Ziele und
Handlungsweise vor, die vom Standpunkt eines Gewerkschafters aus absolut gesund und bereciitigt sind, l.'o 3ich die Interessen der Partei
mit denjenigen der Gewerkschaft jedoch ueberschneiden, wird der Partei
der Vorrang gegeben, selbst wenn damit, wie im Falle der kanadischen
Seeleutegewerkschaft, der Untergang der Gewerkschaft besiegelt ist.
Diese Organisation wurde im Jahre 1936 auf einer Konferenz der
kommunistischen Partei Kanadas gegruendet. Zu ihrer Bluetezeit waren
90 % ihrer Mitglieder Nichtkomnunisten, aber die meisten waren damit
einverstanden, den kommunistischen Fuehrern die Kontrolle ueber die
Gewerkschaft zu ueberlassen. Sie waren der Ueberzeugung, dass die
Ziele ihrer Gewerkschaft ehrlich und gesetzlich gerechtfertigt waren,
und ich glaube, dass sie diese Ueberzeugung beibehielten, bis sie mit
diesen Zielen in Konflikt gerieten. In diesem Augenblick brach die
Gewerkschaft zusammen.
Ich trat im Jahre 1945 der kanadischen Seeleutegewerkschaft bei.
Mehrere Monate war ich im Hafen von Montreal als Betriebsrat taetig.
Ich habe sowohl fuer die Partei als auch fuer die Gewerkschaft viel gearbeitet. Zum Kongress der Gewerkschaft im Jahre 1946 in Montreal
wurde ich als Delegierter entsandt.
Die Form, in der diese Tagung abgehalten wurde, entsprach der jeder anderen Konferenz der Gewerkschaft, der ich beiwohnte. Ich bin der
Ueberzeugung, da£s man ohne weiteres annehmen kann, dass seit der Gruendung
der Gewerkschaft durch die Partei jede Konferenz in gleicher ''eise verlief.
Offiziell wurden die Funktionaere fuer das naechste Jahr auf einer
Konferenz von etwa 80 Delegierten und Funktionaeren der Seeleutegewerkschaf gewaehlt. In '.'irklichkeit wurden sie auf einer Partei Versammlung
am Abend zuvor bestimmt. Die einzigen Mitglieder der kanadischen Seeleutegewerkschaft, die dieser Vorbesprechung beiwohnten, waren die 18
oder 20 Gewerkschaftsdelegierten oder -funktionaere, die Mitglieder der
kommunistischen Partei waren. Den Vorsitz dieser Versammlungen fuehrte
J.B. Salsberg, ein bekannter kommunistischer Politiker in Ontario, der
Mitglied des Politischen 3ueros der Partei und gleichzeitig der Leiter
des Referats fuer Gewerkschaftsfragen ist.
Salsberg ging die Kandidatenliste der Funktionaere der Seeleutegewerkschaft durch und gab seine Kommentare zur Arbeit eines jeden einzelnen
Kandidaten. Dann kuendigte er mit der Sicherheit eines Spielfuehrers,
der die Aufstellung seiner Mannschaft bekanntgibt, die neue Kandidatenliste an.
"Su. Ivan wird das Amt des Vorsitzenden weiterhin bekleiden," sagte
er. "Davis wird erster VizeVorsitzender, Cyril Hauptkassierer und Gerry
McManus Sekretaer sein."
Wir alle, die wir Schluesselstellungen bekleideten, waren natuerlich
Parteimitglieder. Einije Mitglieder des Exekutivausschusses, - Leute wie

- 11 -

�Theodore Roy und Eddie Reid - die nicht der Partei angehoerten, sich
aber innerhalb der Seeleutegewerkschaft der Partei nicht widersetzten,
wurden von Salsberg zur Neuernennung zugelassen.
Obwohl auf einen kommunistischen Delegierten vier nichtkommunistische kamen, wurden am naechsten Tag die von Salsberg vorgeschlagenen
Kandidaten auf den Kongress der kanadischen Seeleutegewerkschaft ohne
Zwischenfall gewaehlt. Salsberg nahm an dieser Konfereae natuerlich
nicht teil, weil er niemals Mitglied dieser Gewerkschaft gewesen ist.
Auf dein naechsten Kongress, oder besser gesagt, auf der naechsten
ParteiverSammlung, die Salsberg am Abend vor dem neuen Kongress einberufen hatte, wurde ich zum Hauptkassierer "gewaehlt". Von diesem Zeitpunkt an fuehrte ich zusammen mit Harry Davis die kanadische Seeleutegewerkschaft zur vollsten Zufriedenheit Salsbergs und der Partei.
In jedem der drei Jahre von 1946 bis 1948 trat die kanadische Seeleutegewerkschaft in den Streik. Ich schlage vor, nicht die Probleme
und Einzelheiten dieser Streiks hier zu eroertern. Nicht, dass ich
etwas verbergen moechte. Ich bin lediglich der Auffassung, dass die
Stellungnahme, die der Gewerkschaft von der Partei vorgeschrieben wurde,
richtig gewesen ist, und dass es vom gewerkschaftlichen Standpunkt aus
vernuenftig und gerecht war, eine derartige Haltung einzunehmen.
Im Gegensatz zu der allgemeinen Meinung waren die Gewalttaetigkeiten und Ausschreitungen, die den Streik auf den Grossen Seen von 1948
begleiteten, nicht von der Partei provoziert worden. Selbst jetzt, nach-,,
dem ich die Ereignisse von hocherer "..'arte aus uebersehe und von der
verpflichtenden Notwendigkeit befreit bin, mir selbst wieder und wieder
sagen zurauessen,dass die Partei immer recht hat, kann ich mich nicht
entsinnen, dass die Partei von mir verlangt hat, etwas zu tun, was ein
gewissenhafter Gewerkschuftsfunktionaer nicht getan haette.
Ich erkenne jetzt, dass der Streik im Jahre 1948 ein taktischer
Fehler war. Er spielte die Gewerkschaftsmitglieder genau Pat Sullivan
in die Haende, der aus der Partei und der kanadischen Seeleutegewerkschaft ausgetreten war, um die rivalisierende Seeleutegewerkschaft der
kanadischen Seen zu gruenden. Er staerkte die grossen Reeder, die den
Streik durch die Aussperrung der der kanadischen Seeleutegewerkschaft aiigehoerenden Mannschaften verursacht hatten. Zwar wurde die Gewerkschaft
von der uebrigen Gewerkschaftsbewegung noch stark unterstuetzt, und
Frank Hall musste eine grosse Fiederlage einstecken, als er zum erstenmal versuchte, die Organisation aus dem Kanadischen Gev&lt;erkschaftsbund
auszustossen; aber selbst die arglosesten nichtkommunistischen Gewerkschaftsführer begannen sich zu fragen, ob wir nicht allru "streiklustig"
waeren.
Alle diese Punkte koennten ins Unendliche fortgesetzt und behandelt
werden. '7enn ich darueber nicht argumentiere, so deshalb, weil ich hier
Tatsachen und keine Meinungen wiedergeben will, Tatsache ist, dass die
Partei den Streik anordnete und fuehrte. Als Hauptkassierer berichtete
ich taeglich Joe Salsberg ueber «He Entwicklungen des Streiks und nahm
seine Befehle entgegen. Im Anfangsstadium des Streiks verlegte ich meinen
Amtssitz von Montreal nach Toronto, um mit Salsberg in staendigem persoenlich^m Kontakt bleiben zu koennen.
Die kana iische Seeleutegewerkschaft var durch den Streik des Jahres
1948 schwer mitgenoi den, aber keinesfalls geschlagen, ürst der Streik von
1949 besiegelte ihren Untergan0, und sie verlor endgueltig die meisten
ihrer Mitglieder an die Internationale Seeleutegei.erkschaft. Sie v.urde
ausserdcu aus dem kanadischen Gewerkschafl.sbund ausgestossen.

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�Ich moechte im Kinzelnen berichten, was ich ueber diesen Streik
weiss, denn es war der erste, bei dem selbst ich, der ich noch
immer ein treuer Parteianhaenger war, mied nur schwer davon ueberzeugen konnte, dass die Partei die Interessen des Landes im Auge
habe.
Ende 1948 begannen wir, ueber einen neuen Vertrag mit den Schifffahrtsgesellschaften zu verhandeln, die die Hochseehandelsflotte
Kanadas unter ihrer Kontrolle haben. Ein dreikoepfiger Vermittlungsausschuss unterbreitete im April 1949 einen Bericht. In ihm wurden
Zugestaendnisse beider Partner vorgeschlagen. Ich persoenlich sah
in diesem Vorschlag eine glueckliche Loesung, weil wir hoffen konnten,
mit ihm die schv/ierige Situation zu ueberwinden. Ich war dafuer, die
wesentlichen Vorschlaege in Bezug auf Loehne und Arbeitsbedingungen
anzunehmen und zu versuchen, auch weiterhin ueber die Frage der
Arbeitsvermittlungsbueros der Gewerkschaft zu verhandeln.
In diesem einzigen Falle war Salsberg nicht in der Lage, eine
klare Entscheidung zu treffen. Das war uebrigens nicht erstaunlich.
Die Hochseeschiffahrt ist international. Ein Streik der Hochseeschiffahrt, der von der kanadischen Seeleutegewerkschaft ausgerufen
werden waere, wuerde sich auf viele andere Laender auswirken. Die
kommunistische Partei Kanadas hielt es somit fuer bedenklich, eine
Entscheidung zu treffen, ohne die Partei in anderen Teilen der l'.'elt
um Rat gefragt zu haben. Aus diesem Grunde hatte sich Harry Davis ins
Ausland begeben. Salsberg befahl uns, die Konferenzen, wie geplant,
fortzusetzen, aber nicht zuzugeben, dass eine Entscheidung getroffen
wuerde, bevor Davis zurueckgekehrt sei.
'..'ir waren gerade in einer solchen Sitzung, als Davis zurueckkam. Er blickte freudestrahlend, er hatte an zwei wichtigen Konferenzen
in Europa teilgenommen; einer Sitzung des Exekutivausschusses des
kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbundes und an einer
Sondersitzung der Hafenarbeiterfraktion der kommunistischen Partei
Englands. Man hatte ihm fuer den Fall eines Streiks der kanadischen
Seeleutegewerkschaft die aktive Unterstuetzung fast jedes Hochseehafens in Europa zugesichert.
,r T

..ir koennen gegen die ganze Veit streiken," sagte Davis begeistert. Ich erhob mich. "Einen Augenblick," sagte ich. "Wie
steht es mit Kanada? 'u'enn wir erneut streiken, glaube ich nicht, dass
wir von allen bedeutenden Zweigen der kanadischen Gewerkschaftsbewegung unterstuetzt werden." Und ohne die Hilfe der kanadischen Gewerkschaftsbewegung hielt ich jede Unterstuetzung aus dem Ausland fuer
bedeutungslos.
Die Sitzung wurde vertagt, und v.ir erklaerten Joe Salsberg, dass
wir anderer Meinung seien. Salsberg bat Tim Bück in Toronto, zu uns
zu kommen. Am naechsten Tage fragten die kommunistischen lütglieder
des Vorstandes der kanadischen Seeleutegewerkschaft den hoechsten
Fuehrer der Partei um Rat.
Ich sprach mich noch Limer fuer eine friedliche Loesung aus.
Davis war sehr ueberzeugund. Immer v.'ieder versicherte er, dass wir
auf die Hilfe der Partei und der kommunistischen Gewerkschaften der
ganzen -..'elt zaehlen koennten. In England habe man ihm nicht nur
Hilfe zugesichert, sondern den Streik dringend gefordert. Seitdem
die Labour-Partei in England an der Macht war, erklaerte uns Davis
unablaessig, dass die britische Arbeiterbewegung keine kaempferischen
Fuehrer habe - mit anderen '..'orten, die konmunistische Partei Englands
hatte Schwierigkeiten, bei innerpclitischen Streitfragen die Arbeiter zum Streiken zu bewegen.

- 13 -

�Ein Streik an den Kuesten Grossbritanniens koennte die gejamte
britische Gewerkschaftsbewegung in Mitleidenschaft ziehen. Davis
brachte klar zum Ausdruck, dass die kommunistische Partei Englands
nicht die Absicht habe, sich an den fuer die- kanadischen Seeleute
entstehenden Unkosten zu beteiligen.
Die beiden Schiffe "Lady Rodneyn und "Lady Nelson" der kanadischen Nationalen Schiffahrtsgesellschaft befanden sich in Halifax.
Bück befahl uns, auf diesen beiden Schiffen streiken zu lassen, um
der Regierung zu zeigen, dass unser Streik gegen die Unternehmer gerichtet war.
Davis gab den Befehl zum Streik und wies gleichzeitig im Namen
der Gewerkschaft den Vorschlag des Verndttlungsausschusses rundweg ab.
Er ging damit weiter, als ihm die Partei erlaubt hatte, und 3uck und
Salsberg waren hierdurch offensichtlich beunruhigt. Sie befuerchteten,
dass ein Streik der Partei in Kanada schaden koennte und mussten
ausserdem damit rechnen, dass, wenn'kein Streik gefuehrt wuerde, das
Ansehen der kanadischen Partei im Ausland Schaden erlitt. Sie befahlen Davis, nach Ottawa zu gehen und zu versuchen, mit Arthur McNamara,
dem stellveit retenden Arbeitsminister und P^rcy Bengough, dem" Vorsitzenden des kanadischen Gewerkschaftsbundes zu verhandeln und eine
Beilegung der Streitigkeiten zu erwirken. Ich selbst ging mit ihm.
In der Hauptfrage, naemlich den Arbeitsvermitciungsbueros der Gewerkschaft, machten wir anfangs Fortschritte, '.,'ir arbeiteten eine
komplizierte Vergleichsforrael aus, die zufriedenstellend aussah. Einige Bestimmungen dieser Formel mussten von der Regierung genehmigt
werden. McNamara, ein tuechtiger Verhandlungspartner, der immer versuchen wird, eine Einigung zu erzielen, wenn er meint, dass dies im
Interesse der Oeffentlichkeit ist, erklaerte sich damit einverstanden,
seine Vorgesetzten ueber die bestehenden Probleme zu Rate zu ziehen.
Als er zurueckkam, machte er ein ernstes Gesicht. "Es ist zu spaet",
sagte er. "Die Reeder haben sich soeben mit der Internationalen Seeleutegewerkschaft geeinigt". Mir brachen die Verhandlungen ab. Davis
war ausser sich. "Ich sagte Ihnen schon, dass wir streiken muessen,"
erklaerte er. "Der Streik hat hiermit begonnen."
Davis telephonierte mit einer Presseagentur in Ottawa und kuendigte
an, dass die kanadische Seeleutegewerkschaft in den Streik treten wuerde.
Dann telephonierte er allen Vertretern der Gewerkschaft in den kanadischen Haefen und befahl ihnen, die Arbeiter von der Arbeit wegzurufen.
Er telegraphierte den Leuten, mit denen er auf der Konferenz des V.'eltgewerkschaftsbundes in Paris zusammengewesen war. Er hatte bereits
seinen Bruder, Jack Pope, (der eigentliche Familienname ist Popowit»ch)
ein Mitglied der kommunistischen Partei Englands, zum Delegierten der
kanadischen Seeleutegewerkschaft in London ernannt. Er telegraphierte
an Pope und befahl ihm, die Londoner Hafenarbeiter ueber die Lage in
Kanada zu unterrichten.
Uas sich hierauf ereignete, ist in der gesamten Oeffentlichkeit
bekannt. Als die Schiffe "Beaverbrae" und "Agramont" in London einliefen, befahl Pope den Mannschaften, die Arbeit niederzulegen. Gemaess
ihrem Davis gegebenen Versprechen veranlasste die Dockarbeiterfraktion
der kommunistischen Partei Englands Tausende britischer kommunistischer
und nichtkoramunistischer Hafenarbeiter, als Demonstration gegen die
"schwarzen" Schiffe aus Kanada zu streiken. Streiks und Befehlsverweigerung erschuetterten kurz, aber heftig die halbe Uelt.
Davis' Stern begann zu steigen. Er hatte den Streik ausgerufen,
ohne die Exekutive der Gewerkschaft um Rat gefragt oder um eine Abstim-

- 14 -

�mung der Gewerkschaftsmitglieder ersucht zu haben. Es hatte nicht
einaal einen offiziellen Streikaufruf gegeben. Dies haette eine
unverzeihliche Handlungsweise sein koennen. In Wirklichkeit wurde
sie zu einem Triumpf, als das offizielle Organ des Kominform und die
Bibel der kanadischen Kommunisten "Democracy und Lasting Peace"
(Demokratie und dauerhafter Frieden) den Streik als ein Beispiel
internationaler Solidaritaet der Arbeiterklasse verherrlichte. Dieser Streik fuehrte jedoch zum Zusammenbruch der kanadischen Seeleutegewerkschaft.
Heute ist diese Organisation ruiniert und von jedem mit Ausnahme
der kommunistischen Partei verachtet, und selbst die Partei weiss,
dass diese Gewerkschaft aufgehoert hat, zu bestehen. Aber es ist
nicht ihre Gewohnheit, Vergangenem nachzutrauern.
IIA.

Die kanadische Gewerkschaftsbewegung hat mit ihren Massnahmen im
Kampf gegen den Kommunismus den ersten Schritt getan. Es ist jedoch
nur ein Anfang. Da, wo es wirklich gilt, naemlich in den Ortsgewerkschaften, ist die Partei noch stark.
Waehrend der letzten Monate meiner Partelzugehoerigkeit hatte ich
die Aufgabe, Unterschriften fuer den Stockholmer Friedensappell zu
sammeln, in dem der Bann gegen die Atombombe ausgesprochen wurde. Eine
der Ortsgewerkschaften, in denen ich gearbeitet habe, ist der internationalen Eisenbahnergewerkschaft angeschlossen, die als erste den
Kampf gegen die Kommunisten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung aufgenommen hat. Diese Ortsgewerkschaft hat mehr als 150 Mitglieder, aber
nur acht hiervon sind im Besitz des kommunistischen Parteibuches. Ich
rief zwei der kommunistischen Mitglieder zu mir, gab ihnen Abschriften
des Aufrufes und erklaerte ihnen, dass die Partei eine lOOjSige Antwort
wuensche. Und sie erhielt diese Antwort. Dies ereignete sich, nicht
zu vergessen, in einer Gewerkschaft, deren hoechste Funktionaere unbeirrbare Antikommunisten sind.
Innerhalb dieser Gewerkschaft wurde der Kommunismus von vielen
Mitgliedern unmittelbar und nachhaltig unterstuetzt, die zwar Nichtkommunisten sind, aber immer noch auf ihre kommunistischen Betriebsraete
hoeren. Deshalb betone ich immer wieder, dass der Entscheidungskampf
der Gewerkschaften gegen den Kommunismus, naemlich der Kampf innerhalb
der Ortsgewerkschaften, noch gewonnen werden muss.
THE SEAMAN
XI-XII / 5 0

DIE BERICHTE DES INTERNATIONALEN ARBEITS-AMTES UEBER DEN GESUNDHEITSZUSTAND DER SEELEUTE ERFORDERN IN WEITEM MASSE BEACHTUNG.

Die gesundheitlichen und sozialen Bedingungen, unter denen die Seeleute noch immer leben muessen, wenn sie in allen Teilen der Welt von
Hafen zu Hafen fahren, bilden sowohl fuer die Seeleute selbst als auch
fuer die Hafenbevoelkerung eine staendige Bedrohung. Dies ist die
Quintessenz eines Berichtes, den der Generaldirektor des norwegischen
Gesundheitsdienstes, Dr. Karl Evang, veroeffentlichte.
Eine sofortige internationale Aktion unter der gemeinsamen Verantwortung der Weltgesundheits-Organisation und des Internationalen
Arbeitsamtes ist erforderlich, wenn allein das ernste Problem der Ansteckungsgefahr und ihre Vermeidung geregelt werden soll, wie Dr. Evang
in dem soeben erschienenen Monatsheft der Internationalen Arbeits-Revue
feststellt. Dr. Evang teilt hier mit, dass trotz aller seit 1920 gemachten Fortschritte, die durch die Annahme internationaler Verein-

- 15 -

�t

barungen, die die Verhaextnisse auf See regeln und die durch das IAA
vorgeschlagen und auch von den meisten an der Schiffahrt beteiligten
Kationen angenommen worden sind, eine ganze Anzahl Probleme ungeloest
bleiben, die dringend einer Regelung beduerfen. Kvang sagt hierzu
folgendes:
Fast jeder Hafen wird von Seeleuten besucht, die an Tuberkulose,
an einer milderen Fora der Blattern, an Geschlechtskrankheiten und
anderen Krankheiten leiden. Das Ziel eines internationalen Gesundheitsdienstes muss es sein, jede Infektionsgefahr fuer die Landbevoelkerung zu vermeiden.
Vom Standpunkt des Seemanns besteht die Notwendigkeit, sich ohne
Schwierigkeiten in den Krankenhaeusern behandeln zu lassen, wobei
faehige Aerzte Voraussetzung, aber auch sprachliche Verstaendigungsraoeglichkeiten gegeben sein rauessen. Viele Seeleute fallen mit ihren
gesundheitlichen Sorgen in die Haende skrupelloser Aerzte, die sich
Jedoch erfreulicherweise in der Minderheit befinden.
Zu den Gefahren, die den Seenann bedrohen, gehoert in erster Linie
der AlKohol. Der Seemann verbraucht an Bord weit weniger Alkohol als
viele Bevoelkerungskreise auf dem Festland, aber waehrend des Aufenthaltes in den Haefen wird eine ausserordentlich grosse Menge an
Alkohol konsumiert - der Alkoholgenuss konzentriert sich praktisch in
den Zeiten des Aufenthalts in den Hafenstaedten.
Die "EntnationalisierungM ist ein anderes Problem, das fuer den
Seemann typisch ist. Getrennt von 3einem Heim, wird er durch das Leben in langen Zeitabschnitten in eintoenigen und oft unruhigen Umgebungen fuer individualistische Einfluesterungen und Ueberzeugungen
gewonnen, die behaupten, dass der Seemann ein unerwuenschtes Individuum
sei. Die vorhandene Umgebung traegt dazu bei, dass er leicht Demagogen
in die Haende faellt.
Das Leben und die sozialen Bedingungen an Land sind ein weiterer
Punkt, der den Seemann ziemlich vernachlaessigt. Nur allzu oft findet
der Seemann keinerlei im gründe selbstverstaendliche Beouemlichkeiten
und Foerderungen, er ist praktisch von den Erholungsmoeglichkeiten und
jeder sportlichen Betaetigung ausgeschlossen.
Dr. Evang ist der Meinung, dass die Zeit gekommen ist, um ernsthaft an die Schaffung eines internationalen Gesundheitsdienstes fuer
Seeleute in allen wichtigen Hafenstaedten heranzugehen. Er schlaegt
drei Moeglichkeiten vor, um diese Gesundheitsfuersorge zu verwirklichen.
1.) Die Bruesseler Uebereinkunft aus dem Jahre 1924 wird auf die
Behandlung ansteckender Krankheiten ausgedehnt und beschraenkt sich nicht
wie bisher auf die Behandlung der Geschlechtskrankheiten. Das Bruesseler
Abkommen verpflichtete die unterzeichneten Staaten, in den Haefen kostenlose Behandlungsjaoeglichkeiten fuer Geschlechtskrankheiten zu schaffen,
sodass die daran leidenden Seeleute sich hier jederzeit behandeln lassen
koennen.
2.) Die Gruendung internationaler medizinischer Ambulatorien durch
Zusammenarbeit zwischen den Hegierungen der schiffahrttreiuenden Laender,
wobei IAA und '..'GO das Protektorat uebexnehmen.
3.) Durch die Gruendung internationaler medizinischer Ambulatorien
durch die Zusammenarbeit zwischen den Schiffahrtinteressenten in den verschiedenen an der Seeschiffahrt beteiligten Laender.
Dr. Evang gibt dem zweiten Vorschlag den Vorzug, weil dieser eine gewisse Form der Selbsthilfe bedeutet, die immer die beste und zweckmaessigste Loesungsform ist.
IAA Nachrichten
IS. 7/
1.2.51
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" 'ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 7

Frankfurt, den 16. Februar 1951

INHALTSVERZEICHNIS
Bauexperten des IAA suchen Ifoeglichkeiten zur
Einschraenkung saisonbedingter Arbeitslosigkeit .... 1
Die Bedeutung des Uarshallplans fuer den franzoesischen
Arbeiter

2

Die vietnamesische Gewerkschaftsbewegung

7

Was ist Produktivitaet?

11

Gute Zusammenarbeit zwischen den amerikanischen
Gewerkschaften und der ECA

14

BAUEIFERTEN DES I AA SUCHEN MÖGLICHKEITEN ZUR EINSCHRAENKUNG SAISONBEDINGTER ARBEITSLOSIGKEIT

12.
ein
der
der

Den IAA-Au3schus3 fuer Bauwesen und oeffentliche Arbeiten, der vom
- 23. Februar zu seiner dritten Sitzung in Genf zusammentritt, wird
Programm unterbreitet werden, das Massnahmen der Bauindustrie und
Regierungen zur Reduzierung der saisonbedingten Arbeitslosigkeit in
Bauwirtschaft vorsieht.

Der Bericht des Internationalen Arbeits-Amtes, der diese Vorschlaege
enthaelt und die Ueberschrift "Saisonbedingte Arbeitslosigkeit in der
Bauwirtschaft" traegt, wurde von dem Generaldirektor des Internationalen

- 1 -

�Arbeits-Amtes David A. Morse vor kurzem veroeffentlicht.
Dieser Bericht wird von Regierungs-, Unternehmer- und Arbeitnehmervertretern aus 22 verschiedenen Laendern, die in dem Ausschuss vertreten
sind, eroertert «erden.
Die saisonbedingte Arbeitslosigkeit ist, dem internationalen ArbeitsAmt zufolge, die eine den Vereinten Nationen angeschlossene Fachbehoerde
ist, durch die folgenden Hauptfaktoren bedingt:
Klima Clange Frostperioden in den Wintermonaten)

MJ
Soziale Gepflogenheiten (.der Hoehepunkt der Bautaetigkeit faellt in
einigen Laendern mit einem gewohnheitsmaessig festgelegten Kündigungstermin zusammen; traditionelle Ansichten in Bezug auf die guenstigste
Zeit zum Bauen.)
Baukosten (.groessere Schwierigkeiten bei winterlichem Wetter, geringere i,eistungsfaehigkeit der Arbeitskraeftej
Allgemeiner Beschaeftigungsstand (.wenn die wirtschaftliche Aussichten unguenstig sind, besteht die Tendenz, die fuer das Bauen
guenstigste Zeit abzuwarten;
industrielle Organisation (wenn kleine Unternehmen in einer Industrie dominieren, bestehen weniger Aussichten, mit anderen Schwierigkeiten fertigzuwerden)
Das Internationale Arbeits-Amt wird dem Ausschus» folgende Massnahmen zur Bekaempfung dieser Schwierigkeiten zur Eroerterung vorschlagen:
Bessere Kenntnis jener Baumethoden, die die Wirkung niedriger
Temperaturen herabmindern.
Steigern der Produktionsleistung, Senkung der Materialpreise und
regierungsseitige Unterstuetzung fuer im Winter durchgeführte Bauprojekte .
Regulierung der privaten Nachfrage durch Anregung zur ganzjaehrlgen
Bautaetigkeit und durch weitere bewilligte Kuendigungsdaten.
Schaffung ausgleichender Beschaeftigungsmoeglichkeiten durch
Projekte fuer oeffentliche Arbeiten und Beschaeftigungsmoeglichkeiten
ausserhalb der Bauindustrie.
Unterweisung der Arbeitsvermittlungsaemter in der Anwendung dieser
Massnahmen und Schaffung besonderer Arbeitsveraittlungsaemter fuer die
Bauindustrie.
ILO News Service
II/1/51

DIE BEDEUTUNG DES MARSHALL-PLANS FUER DEN FRANZüESISCHEN ARBEITER
T

i dem folgenden Artikel, der -as der Pariser Tageszeitung "L'AUBE"
uebersetzt ist, werden viele Fragen beantwortet, die meistens von Leuten
gestellt werden, die dem Marshall-Plan feindlich gegenüberstehen. Es
wird in breiter Ausführlichkeit erklaert, in welcher Form der Durchsciinittsarbeiter Frankreichs aus der ECA-Hilfe Nutzen gezogen hat.

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�Waehrend die ECA selbst haeufig versucht hat, das franzoesische Volk
mit diesen Fragen vertraut zu machen, besteht die besondere Bedeutung
dieses Artikels darin, dass er von einem Franzosen geschrieben und in
einer einflussreichen franzoesischen Tageszeitung veroeffentlicht wurde.
"L'AUBE" ist das offizielle Organ der Christlich-Demokratischen
Partei (MR£ - llouvement Republicain Populaire), die die dominierende
politische Gruppe in der gegenwaertigen franzoesischen Koalitionsregierung darstellt.
Kommt der Marshall-Plan dem Durchschnittsfranzosen in irgendeiner
Weise zugute?
Stellen die Maschinen- und Rohstofflieferungen im Rahmen des MarshallPlans nicht, wie die Kommunisten behaupten, eine Konkurrenz fuer den
franzoesischen Arbeiter dar, und verursachen sie nicht Arbeitslosigkeit
in den "marshallisierten" Laendern?
Aus welchem Grunde sollten die Amerikaner den Franzosen gegenueber
grosszuegig sein, die sie niemals gesehen haben und nur kennen, weil sie
zweimal an ihrer Seite einen Krieg gefuehrt haben?
Diese Fragen sollen hier beantwortet werden.
Eine grosse Zahl der franzoesischen Industrien ist mehr oder weniger
darauf angewiesen, durch den Marshall-Plan mit den erforderlichen Rohstoffen, wie Chemikalien, Metallen und textilen Rohstoffen, versorgt zu
werden•
Tagtaeglich erhaelt Frankreich fuer den Ausbau seiner Fabriken
Maschinen und andere Industrieerzeugnisse im Werte von ueber 500 Millionen
Franken. (1000 Franken - 8,34 EM)

Wieviele unserer Raffinerien waeren i n Betrieb, und wieviel der
29.000 Facharbeiter dieser Industrie haetten Arbeit, wenn durch den
Marshall-Plan nicht ueber 7556 des Petroleumbedarfs Frankreichs gedeckt
wuerde?
Dutzende zweitrangiger Industriezweige sind ebenfalls von dem
Marshall-Plan abhaengig, der ueber 6055 des franzoesischen Kupferbedarfs
deckt, der fast alle nach Frankreich importierten Spinnstoffe, wie Hanf,
Manila-Faser und Sisalhanf lieferte, 95$ des benoetigten Rohboraxes
und 70/5 der fuer die Neueinrichtung der Flachsindustrie notwendigen
Maschinen zur Verfuegung stellte.
So eindrucksvoll diese Zahlen auch sind, so verbergen sie doch nicht
die Tatsache, dass die Marshall-Hilfe nur einen Teil der Gesarataufwendungen Frankreichs fuer seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau darstellt.
Der Plan hat es diesem Land ermoeglicht, seinen Bedarf in der Dollarzone zu decken, auf den es in der Zeit seines Wiederaufbaus stark angewiesen gewesen ist.
Diese Bemuehungen waren erfolgreich. Frankreich ist heute wohlhabender, als viele seiner Buerger wissen.
Frankreichs Importe aus der Dollarzone werden vom Staat vorfinanziert,
wodurch viele Probleme umgangen werden konnten, die die schon bestehenden
Schwierigkeiten noch vergroessert haetten.
Ohne die amerikanische Baumwolle haette die franzoesische Textilindustrie laengst lahm gelegen. Damit haetten auch Weber und Schneider
unter dem Mangel an Textilien zu leiden gehalSt, und die Geschaefte haetten

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�ihren Kunden nur eine kleine Auswahl an Stoffen bieten koennen.
602.000 franzoesische Arbeiter sind in der Textilindustrie beschaeftigt und 356.000 in der Fertigkleidungsindustrie. 80$ der Baumwolle, die sie verarbeiten, sind durch den Marshall-Plan geliefert
worden.
Ohne amerikanisches Benzin waere das Transportwesen Frankreichs
stark eingeschraenkt worden. Dies haette sich auch auf die Preise
stark ausgewirkt.
Mit anderen Worten, wenn die wesentlichen, durch den MarshallPlan gelieferten Rohstoffe gefehlt haetten, waeren die Auswirkungen
dieses Mangels vielfaeltige gewesen. Mangel an Rohstoffen in einem
Industriezweig zieht zwangslaeufig Beeintraechtigungen in allen anderen Industrieen nach sich.
Im allgemeinen waere Frankreich ohne den Marshall-Plan sicherlich
weniger wohlhabend geworden und waere auf dem Weg zum Wiederaufbau
weit weniger schnell vorangekommen.
Gewisse Kritiker am Marshall-Plan, besonders diejenigen, die ihre
Augen nach Moskau gerichtet haben, behaupten, dass der Plan eine Ursache der Arbeitslosigkeit sei, weil unter ihm Waren nach Frankreich
importiert wuerden, die in Frankreich selbst hergestellt werden koennten
und muessten. Die Wahrheit ist, dass selbst kleinste Mengen irgendeiner Ware nicht importiert wird, wenn die franzoesische Regierung nicht
ausdruecklich darum gebeten hat.
Die Marshall-Plan-Behoerden halten sich an den einfachen Grundsatz, dass eine Ware, die es in Frankreich oder sonstwo in Westeuropa
gibt, besser dort als in Amerika gekauft werden muss.
Extremisten des linken Fluegels haben amerikanische Traktoren als
ein Standardbeispiel fuer die erwaehnte Behauptung bezeichnet. Sie
behaupteten, die amerikanischen Traktoren, die in angeblich zu grosser
Zahl in Amerika hergestellt wuerden, waeren nur deshalb nach Europa
geschickt worden, um damit den franzoesischen Traktorenmarkt zu ueberschwe»men und ein amerikanisches Monopol zu errichten.
Die Tatsachen sind ganz anders. Traktoren waren in der Tat ein
wesentlicher Faktor fuer den Wiederaufbau unserer Landwirtschaft; sie
konnten aber waehrend der ersten Phase der Marshall-Hilfe von franzoesischen Herstellern nicht in genuegender Menge produziert werden, um den
dringendsten Bedarf decken koennen.
Die Situation aenderte sich jedoch, sobald unsere Industrie mit Hilfe
der Werkzeugmaschinenimporte im Rahmen des Marshall-Plans in der Lage war,
Traktoren in ausreichender Menge selbst herzustellen. Von dieser Zeit an
beschraenkte sich die amerikanische Hilfe fuer Frankreich auf diesem
Gebiet auf eine Lieferung, die nur eine geringe Anzahl bestimmter Modelle
enthielt.
Anlaesslich der Fertigstellung des ersten Traktors in den CIMAWerken kamen vor kurzem franzoesische und amerikanische Techniker in
Saint-Didiers zusammen. Dank einer Zuwendung von ECA-Geldern in Hoehe
von 4.600.000 Dollar (1.610.000.000 Francs) werden die CIMA-Werke in der
Lage sein, in Zusammenarbeit mit einem amerikanischen Unternehmen, der
"International Harvester Corporation", ein modernes und volkstuemliches
Traktorenmodell namens "Farmall" herzustellen. Nach Beendigung der Anlaufzeit werden alle Einzelteile dieses Traktors in Frankreich produziert
werden.

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�Wir koennten andere Beispiele anfuehren, um zu beweisen, dass
bestimmte Produkte in dem Augenblick nicht mehr nach Frankreich geliefert werden, in dem sie in Frankreich in ausreichender Menge hergestellt werden koennen.
Wir koennten noch zahlreiche andere Beispiele anfuehren, um zu
beweisen, dass die Einfuhrgenehmigungen des Marshall-Planes fuer ein
bestimmtes Produkt in dem Augenblick aufgehoben werden, in dem
franzoesische Erzeuger selbst in der Lage sind, dieses Produkt in
ausreichenden Mengen herzustellen* Zu diesen Produkten gehoeren
auch Erdnuesse. Waehrend der ersten Phase des Marshall-Planes, als
in Frankreich das Speiseoel streng bewirtschaftet war, hat Amerika
durch die Lieferung von Erdnuessen diesem Mangel abgeholfen.
Die gelieferten Mengen an amerikanischen Erdnuessen entsprachen
etwa 5Q% der in den franzoesischen Ueberseegebieten geernteten Nuessen,
wo die Vorkriegsproduktion jedoch noch nicht erreicht war. Die
Rationierung fuer Salatoel konnte bald aufgehoben werden.
Seit der Ernte 1949/1950 ist der Bedarf Frankreichs an Erdnuessen
mehr oder weniger gedeckt, und wir brauchen sie nicht mehr aus der
Dollar-Zone einzufuehren. Die Marshallplanlieferungen sind deshalb
eingestellt worden.
Die Europa zur Verfuegung gestellten Marshallhilfamittel belaufen
sich zurzeit auf annaehernd 10 Milliarden Dollar. Frankreich hat mehr
als 1/5 dieses Betrages erhalten. Sein Anteil betrug 2,055,043,000
Dollar, das sind 719.265.000.000 Franken nach dem gegenwaertigen Umwechslungskurs.
Das bedeutet, dass das amerikanische Volk ab 3. April 1948 2£ Jahre
lang der franzoesischen Nation alle 15 Minuten Waren im Werte von 10
Millionen Franken geschenkt hat.
In diesem Betrag ist nicht die sogenannte "Gegenwerthilfe" enthalten. Die franzoesische Regierung verkauft die Waren, die sie aus
den Vereinigten Staaten erhaelt, an den fransoesischen Verbraucher und
die Franken, die ihr dafuer gezahlt werden, werden in einen Sonderfonds
deponiert. Dieser Fonds wird meist fuer die Finanzierung des Wiederaufbaus und bestimmter Modernisierungsprogramme verwendet, d.h. fuer
den Rauf franzoesischer Waren in Frankreich. Bis jetzt hat die franzoesische Regierung aus diesem Fonds 574 Milliarden Franken zur Beschleunigung des Wiederaufbaues in den wichtigsten Sektoren der franzoesischen Wirtschaft aufgewendet.
Wer weiss, wieviel Bergwerke in Betrieb waeren, und wieviel der
314.000 Bergarbeiter Arbeit haetten, wenn "Charbonnages de France",
die franzoesische verstaatlichte Bergbauindustrie, aus Gegenwertmitteln
nicht 94 Milliarden Franken erhalten haette?
Wieviel der 815.000 Arbeiter der Bauindustrie waeren arbeitslos,
wenn diese Industrie nicht 29 Milliarden Franken erhalten haette und fuer
den Wiederaufbau zusaetzliche 41 Milliarden zur Verfuegung gestellt
worden waeren?
Die SNCF (Nationale Franzoesische Eisenbahngesellschaft) ist mit
etwa 40 Milliarden Franken aus Gegenwertmitteln unterstuetzt worden, was
fuer unsere Eisenbahnen und die von ihnen abhaengigen 459.000 Arbeitnehmer
eine grosse Hilfe darstellt.
Um den Wiederaufbau der franzoesischen Handelsflotte zu foerdern,
sind aus Gegenwertfondsraitteln 15 Milliarden Franken gewaehrt worden.

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�Viele franzoesische Haefen verdanken ihren 'Wiederaufbau und
ihren Aufschwung teilweise den Marshallplan-Importen, die in,einigen
Faellen kO - 50$ der gesamten in diesen Haefen vorgenommenen Ausladungen ausmachen. Es gibt ausserdem noch andere Fromen der Marshallplanhilfe, wie z.B. die europaeische Zahlungsunion (EPü).
Im Verlauf der letzten 31 Monate sind Frankreich damit durch den
Marshallplan in jeder Minute eine Millionen Franken zugutegekommen.
Der Durchschnittsfranzose konnte nicht immer feststellen, dass
diese Riesengeldsunmen fuer seine eigene Person von*Belang sind.
"Niemand hat mir etwas gegeben", koennte er sagen; "ich habe vom
Marshall-Plan gehoert, aber mir ist damit in keiner VJeise geholfen
worden."
Nehmen wir Pierre als Beispiel, der zwanzig Jahre alt ist und als
Lehrling in einer Schneiderei in Paris arbeitet. Er weiss nicht, dass
im Rahmen des Marshall-Planes taeglich Baumwolle im YJerte von 10
Milliarden Francs nach Frankreich geliefert wird; das sind 80% des
Gesamtbedarfs Frankreichs. Vielleicht weiss er auch nicht, dass ein
grosser Teil dieser Baumwolle in den Textilien enthalten ist, die er
verarbeitet. Er ist sich auch nicht im klaren darueber, dass ihm ohne
den Marshall-Plan nur sehr wenig Material zur Verfuegung staende, und
dass deshalb nur sehr wenig Schneiderlehrlinge gebraucht wuerden.
Paul ist 41 Jahre alt und arbeitet als Buchhalter in einer Raffinerie
in der Naehe von Marseilles. Er weiss vielleicht nicht, dass der MarshallPlan Frankreich tagtaeglich mit Rohoel im Werte von ueber 10 Millionen
Francs versorgt. Er weiss auch nicht, dass ohne dieses Oel schwere
Einsehraenkungen auf der Raffinierindustrie lasten wuerden und ein Teil
des Personals wahrscheinlich entlassen werden muesste.
Jacques ist 28 Jahre alt und als Bergmann im Bergwerk von Oignies
im Departement Pas-de-Calais beschaeftigt. Er niuimt sich vielleicht
nicht die Zeit, darueber nachzudenken, dass durch den Marshall-Plan
monatlich ueber zwei Milliarden Franken zur Modernisierung und
Mechanisierung der franzoesischen Bergwerke verwendet werden. VJenn
er nachdenken wuerde, muesste er sich 3agen, dass das Bergwerk von
Oignies ohne diese Hilfe wahrscheinlich nicht modernisiert worden waere,
und er und viele seiner Arbeitskameraden deshalb arbeitslos waeren.
Der 35-jaehrige Henri mischt Beton beim Bau eines Staudamms im
Departement Ariege. Er weiss nicht, dass Frankreich im Rahmen des
Marshall-Planes woechentlich fast eine Milliarde Franken zur Finanzierung von Projekten erhaelt, die die Stromerzeugung Frankreichs
steigern sollen, und dass der Damm, an dem er arbeitet, ohne diese Geldmittel heute vielleicht noch auf dem Papier stuende.
Jean, 22 Jahre alt, ist Monteur in den Renault-Yferken, heute eines
der erfolgreichsten Unternehmen Frankreichs. Eine grosse Zahl neuer,
fuer die Fertigung benoetigter Maschinen wurden mit Hilfe des MarshallPlanes importiert. Sie kosten 185 Millionen Franken und ermoeglichen
es der Fabrik, bessere Automobile zu guenstigeren Preisen herzustellen
und damit die Lebenshaltung ihrer Arbeitnehmer zu verbessern.
Diese Liste koennte durch weitere Beispiele auf fast allen franzoesischen Industriezweigen, vom Schiffsbau bis zur Herstellung von
Streptomycin, erweitert werden.
T

.'Iie ist es moeglich, -dass sich das amerikanische Volk bereiterklaert hat, sich in solche-u Ausraass am Yttederaufbau Frankreichs zu
beteiligen?

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�Haben die Amerikaner die Absicht, wie die Kommunisten behaupten,
Frankreich den Vereinigten Staaten voellig «u unterwerfen? N«in,
eine derartige Unterstellung ist geradezu laecherlich, denn die Amerikaner haben in jahrhundertelanger Freundschaft in Frankreich einen
Freund und Verbuendeten gesehen, der die Vereinigten Staaten in gewissen schwierigen Zeiten seiner Geschichte un,erstuetzt hat. Sie
wuenschen nun, dass Frankreich ihr wohlhabender und unabhängiger Verbuendever im Kampf um den Frieden und den Wiederaufbau in der Welt
wird.
V.'uenschen die Amerikaner, ueberfluessige Erzeugnisse Amerikas
loszuschlagen? Nein, denn die Arbeitsweise des Marshall-Planes ist
eine Garantie dafuer, dass die amerikanische Regierung nur dieT,,'aren
liefert, die Frankreich anfordert. Es ist zu beachten, dass keine
Klauseln oder Lintschliessungen, die den Absatz ueberfluessiger Varen
ermoeglicht haetten, jemals in das Gesetz aufgenommen wurden, das die
Verwaltung des Marshall-Plans regelt, obwohl im Kongress derartige Gesetzesvorlagen eingebracht wurden, die sich insbesondere auf die ueberfluessige landwirtschaftliche Erzeugung bezogen.
Soll Frankreich gegen die Kommunistische Bedrohung unterstuetzt
werden?
Indirekt ja.
Das Hauptziel des Marshall-Plans ist die Schaffung einer gesunden
Wirtschaft in Frankreich und dem uebrigen Westeuropa als Garantie fuer
einen dauerhaften Erieden. Die Bevoelkerung eines Landes, das in Wohlstand lebt, fuehlt sich nur selten gezv.ungen, sich in eine Revolution
zu stuerzen.
Sowjetrussland und die Laender Osteuropas sind eingeladen worden,
sich an diesem Programm zu beteiligen. Sie weigerten sich. Man kann
mit gutem Grund annehmen, dass einige der Satellitenstaaten gern mit
"Ja" geantwortet haetten.
Liegen dem Marshall-Plan denn nur Motive der Menschenliebe seitens
eines Landes zugunsten eines anderen zugrunde? Diese Frage kann zu
einem grossen Teil bejaht werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben
die Vereinigten Staaten ihren egoistischen Isolationismus aufgegeben.
Sie erkannten, dass Europa ohne ihre Hilfe mehrere Jahrzehnte gebraucht
haette, um sich von den Folgen der sechs Jahre des Krieges und der Besetzung zu erholen. Ohne Frieden und 'Johlstand in Europa konnte es
auch keinen Frieden und keinen 'Johlstand in der 'Jelt geben.
Armut und Unzufriedenheit in Europa haetten sich unvermeidbar auf
die Wirtschaft und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten schaedigend
ausgewirkt. Deshalb haben die Vereinigten Staaten in ihrem eigenen
Interesse das Europaeische "Jiederaufbauprogramm aufgestellt. Aus
diesem Gedanken heraus ist der Marshall-Plan entstanden.
ECA Labor Information
1/26/50

DIE VIETNAMESISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
In Vietnam, dem einzigen Land in Indochina mit einer groesseren Gewerkschaftsorganisation, befinden sich drei verschiedene Gewerkschaftsbewegungen. Zwei dieser Organisationen trifft man in den Gebieten, die
unter der Kontrolle der Regierung Bao Dais stehen. Die groessere setzt
sich aus verschiedenen nichtkommunisoischen Gewerkschaften zusammen, die

-7-

�von fran oesischen Arbeitern gegruendet wurden und in allgemeinen
europaeischen Gewerkschaftsverbaenden angeschlossen sind. Die
kleinere Gruppe besteht aus den chinesischen Gilden und den Vereinigungen zur gegenseitigen Unterstuetzung, die in einigen Faellen
gewerkschaftliche Merkmale tragen. Die dritte Bewegung, die von
den Kommunisten in den von der Itebellenregierung Ho beherrschten
Gebieten Vietnams organisiert und geleitet wird, beansprucht fuer
sich eine weit groessere Mitgliedzahl als jede der anderen Bewegungen. Es sind jedoch keine zuverlaessigen statistischen Angaben
vorhanden, die diese Behauptungen bestaetigen oder widerlegen
koennten.
Obwohl 3eit linde des zweiten Weltkrieges die franzoesischen
Arbeiter in Indochina als franzoesische Buerger von ihrem Hecht
Gebrauch machten, sich in Gewerkschaften zusammenzuschliessen, ist
bis jetzt noch keine Gesetzgebung geschaffen worden, die dieses
Hecht auch den indochinesischen Arbeitern zugestanden haette. Ein
Erlass ueber Vereinigungsfreiheit, der im Jahre 1945 unter der
japanischen Besatzung herausgegeben wurde, hat niej^als die Anerkennung des jetzigen Regimes gefunden, und ist im August 1950 widerrufen worden. Das Arbeitsgesetz von 1947 fuer Indochina, in dem die
Bildung von Gewerkschaften vorgesehen war, ist von dem franzoesischen
Hohen Kommissar von Indochina nicht verkuendet worden. Auf einer
Konferenz des Internationalen Arbeitsamtes im Juni 1950 in Genf,
stellte der Delegierte der Vietnam-Regierung fest, dass die Vereinigungsfreiheit praktisch bereits anerkannt ist, und dass seine
Regierung beabsichtigt, gewerkschaftliche Betaetigungen durch Massnahmen zu schuetzen, die auf internationalen Vereinbarungen beruhen.
Dui'ch die Verordnung Nr. 10 vom August 1950 wurde die Vereinigungsfreiheit jedoch eingeschraenkt. In dieser Verordnung wurde
bestimmt, dass keine Vereinigung oder Gewerkschaft ohne die Genehmigung des Innenministeriums oder der oertlichen Regierungsbehoerden bestehen duerfe, und dass diese Genehmigung ohne Angabe von
Gruenden verweigert werden kann.
Die Gewerkschaften in den Gebieten, die unter der Kontrolle Bao
Dais stehen, sind im allgemeinen dem franzoesischen Gewerkschaftsbund
CGT-Force üuvriere, dem franzoesischen Bund Christlicher Arbeiter
(CPDC), der Internationalen Foederation Christlicher Gewerkschaften
(CI3C)' oder der franzoesischen von Kommunisten gefuehrten allgemeinen
Arbeiterfoederation (CGT) angeschlossen. Die Gewerkschaften, die der
CGT-FO und den christlichen Gewerkschaften angehoeren, sind offiziell
voll anerkannt und behandeln Lohnprobleme und Arbeitsgesetzgebung in
enger Zusammenarbeit mit dem Amt fuer Arbeit.
Die der CGT angeschlossenen Organisationen arbeiten dagegen im
geheimen, weil sie mit Viet Minh sympathisieren.
Funktionaere der CGT-FO in Indochina haben am 27. Juni 1948 einen
nach Bezirken eingeteilten Gewerkschaftsbund gegruendet. Diese
Organisation setzt sich zusammen aus der Beamtengewerkschaft in Indochina, der Berufsvereinigung der franzoesischen Handelsangestellten
in Cochinchina, der Gewerkschaft der Angestellten der Luftfahrtgesellschaft "Air France", der Gewerkschaft des Personals des Arsenals
in Saigon und der Gewerkschaft der Offiziere der Handelsmarine in
Indochina. Die Indochinesische CGT-FO hat am 1. August 1948 ihre
Zentrale formell in Saigon eroeffnet.
Die erste Organisierungsnassnahme galt vor allem den Arbeitnehmern
der Eisenbahnen, die Regierungseigentum sind. Die Organisatoren geben
an, dass die Beamtengewerkschaft in Indochina, zu der offensichtlich

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�auch die Eisenbahnangestellten zaehlen, im Juni 1948 2.100 Mitglieder, einschliesslich Europaeer und Chinesen, hatte. Die Mitgliederzahl der Gewerkschaften der CGT-FO wurde zu Ende des Jahres
1949 vom Amt fuer Arbeit mit rund 4.800 beziffert. Hierzu gehoerten 3.500 Europaeer, 1.000 Chinesen der 3eamtengewerkschaft
und 300 franzoesische Arbeitnehmer der privaten Industrie und des
Handels, die zugleich Mitglieder der 3erufsgruppe franzoesischer
Handelsangestellten in Cochinchina sind.
Die christliche Gevurkschaftsbewegung hat zwei Gruppen
organisiert. Die groessere der beiden ist der CFTC angeschlossen
und zaehlt 4.000 Indochinesen und 1.600 franzoesische Beamte. Die
andere Gruppe gehoert direkt dem CISC an und erklaerte im August
1950, dass sie etwa 3.000 Asiaten, einschliesslich Vietnamesen,
Chinesen und Inder aus Handel, Industrie, den freien Berufen und der
Landwirtschaft organisiert habe.
Der indochinesische Zweig der von Kommunisten gefuehrten CGT,
der im Oktober 1945 auf einem Kongress in Hanoi gebildet wurde, ist
von zvrei Gruppen organisiert worden: den Franzosen, die mit den
Kommunisten sympathisieren und fru=her Mitglied der CGT in Frankreich
und Angehoerige der linksorientierten Widerstandsbewegung waren, und
den Indochinesen, die frueher irgendwelchen Kontakt mit der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung hatten. Die CGT konnte jedoch nur
wenige hundert Mitglieder fuer sich gewinnen. Auf dem zweiten Kongress
der CGT, der im Juni 1946 in Hanoi stattfand, kam die Organisation
unter die Kontrolle der sogenannten "Arbeitervereinigung fuer die
nationale Befreiung" und vereinigte sich mit der neugegruendeten Gewerkschaf tsbewegung Viet Minhs. In den unter franzoesischer Kontrolle
stehenden Bezirken des suedlichen Vietnam, besonders in der Gegend
Saigon-Cholon, hat die CGT einige Gruppen organisiert, die in ihrem
Aufbau der franzoesischen Ursprungsgewerkschaft angeglichen sind.
Diese Gruppen arbeiten mit der Gewerkschaftsbewegung des Viet Minh eng
zusammen, besonders wenn es sich darum handelt, Streiks auszurufen
oder Sabotageakte zu begehen. Die Mitgliederzahl der CGT in Indc—
cliina wurde vom Amt fuer Arbeit gegen Ende des Jahres 1949 auf 400
geschaetzt.
Die Bemuehungen der CGT, in gleicher Form wie die CGT-FO und die
christlichen Gewerkschaften anerkannt zu werden, schlugen im Maerz
1949 fehl. Ihr Gesuch um Zulassung zum Lohnaussc!uss des Amtes fuer
Arbeit wurde abgelehnt.
Die unabhaengigen Gewerkschaften in Vietnam sind die Vereinigung
der franzoesischen Handels- und Industrieangestellten in Cochinchina
mit 1.600 Mitgliedern, die Gesellschaft fuer gegenseitige Unterstützung der Cochinchinesischen Arbeitnehmer des Handels und der
Industrie mit 250 Mitgliedern und die beiden Organisationen, deren
Mitgliederzahlen nicht bekannt sind, - naemlich die Arbeitnehmer des
Handels, der Industrie, der Landwirtschaft und der freien Berufe und
eine Gewerkschaft der Schriftsteller und Journalisten des suedlichen
Vietnam. Die Gewerkschaft der Arbeitnehmer des Handels, der Industrie,
der Landwirtschaft und der Angehoerigen freier Berufe wurde offiziell
im Jahre 1950 anerkannt, als ein Mitglied ihres Vorstandes zum
Arbeiterdelegierten fuer die Konferenz des IAA in Genf gewaehlt und
von der Regierung eingeladen wurde, die Interessen der Arbeiter im
Amt fuer Arbeit zu vertreten.
Heiter wird von einer beachtlichen gewerkschaftlichen Taetigkeit
unter den Chinesen-berichtet, Fachleute sind der Meinung, dass vor
dem zweiten '.'eltkrieg 70 derartige Gewerkschaften bestanden. Die
meisten davon waren auf den Bezirk Saigon-Cholon konzentriert. Aus

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�den Berichten geht hervor, dass seit 1948 kommunistische Agenten in
diese Gewerkschaften eingedrungen sindj diese Tatsachen bereiten den
franzoesischen Behoerden einige Sorgen. Es ist seit jener Zeit nur
wenig ueber diese Gewerkschaften bekannt geworden, weil sie seitdem
im geheimen taetig gewesen sind.
Der unmittelbare Vorlaeufer der jetzigen Gewerkschaftsbewegung
des Viet u-inh war die Arbeitervereinigung fuer die nationale Befreiung
des Vietnam. Sie wurde im Jahre 1941 als der gewerkschaftliche Zweig
der Viet Minh-Liga fuer die Unabhängigkeit des Vietnam - eine linksgerichtete anti-japanische Widerstandsgruppe - gegruendet und trug vorwiegend politische und nationalistische Merkmale. Ihre Mitgliedschaft
setzte sich nicht nur aus Arbeitern, sondern auch aus Unternehmern und
anderen Einzelpersonen zusammen, die die vietnamesische Unabhaengigkeit beguenstigten.
Sobald nach der japanischen Kapitulation die Republik Vietnam
verkuendet war, beschloss diese Arbeitervereinigung, ihre Gewerkschaftsbewegung in aller Öffentlichkeit zu proklamieren und sie ueber das
ganze Land auszudehnen. Dies sollte im Rahmen des Gesetzes ueber die
Vereinigungsfreiheit in Gewerkschaften geschehen, das waehrend der
japanischen Besatzung am 5« Juli 1945 erlassen wurde. Das Gesetz sah
vor, dass Personen, die gleiche Taetigkeiten verrichten, solche in
kommerziellen Unternehmen, die verwandte Erzeugnisse herstellen, und
die freiberuflich Taetigen sich ohne besondere Genehmigung der Regierung
in oertlichen Gewerkschaften zusaramenschliessen duerfen, v;enn ihre
Fuehrer sich zu einem loyalen Verhalten verpflichten und sich an bestimmte Vorschriften der Regierung halten - z.B. in Bezug auf ihre
Satzungen und die Aufstellung einer Mitgliederliste. Diesen Gewerkschaften wurde ein juristischer Status und das Recht zuerkannt, ueber
finanzielle Mittel zu verfuegen, Vertraege abzuschliessen und durch
Zusammenschluss mit aehnlichen oertlichen Gewerkschaften Gewerkschaftsverbaende zu bilden.
Ein vorbereitender Ausschuss, der sich aus Funktionaeren dieser
Vereinigung zusammensetzte, schlug im Maerz 1946 vor, einen Gewerkschaftsbund nach dem Beispiel der kommunistisch beherrschten franzoesischen CGT
zu gruenden. Im Mai 1946 wurde demgemaess die Tong Cong Doan Vietnam
(TCD) oder der allgemeine Gewerkschaftsbund des Vietnam formell gebildet. Diese Organisation wird haeufig auch als Tong Lau Doan (TLD)
bezeichnet.
Dem Mailaender Bericht des Weltgewerkschaftsbundes von 1949 zufolge
sind die oertlichen TLD-Gewerkschaften in Gewerkschaftsverbaenden
aehnlichen Charakters oder in regionalen Gewerkschaftsraeten zusammengefasst. Jede Einheit hat ihre vom TLD festgelegten Funktionen und ist
nur innerhalb der engen, vom TLD vorgeschriebenen Grenzen autonom. Die
Arbeiter zahlen festgesetzte monatliche Beitraege von 60 indochinesischen
Cents (etwa -. 15 DM), die gleichmaessig unter den Industrieverband, den
regionalen Gewerkschaftsrat und den TLD verteilt werden. Es ist bekannt,
wie die .Ortsgewerkschaften finanziert werden. Nach der ueblichen
kommunistischen Methode muessen die Ort sgewe .Geschäften bei ihrer vorgesetzten Organisation um die Geldmittel nachsuchen, die sie benoetigen.
Ende des Jahres 1948 hatte der TLD angeblich eine Mitgliederzahl
von 255.000, von denen 20^ Fabrikarbeiter sein sollen. Im August 1949
berichtete der Weltgewerkschaftsbund von einer Mitgliederzahl dieser
Organisation von 258.000.
Die Zuverlaesdigkeit dieser Angaben ist anzuzweifeln. Die einzelnen
Zentren der kommunistischen Gewerkschaften geben aus propagandistisehen
Gruenden im allgemeinen hoehere Mitgliederzahlen an, und der Weltgewerk-

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�schaftsbund ist natuerlich nicht im Besitz genauer Mitgliedschaftszahlen, weil er von den angeschlossenen Gewerkschaften keine Abgaben
erhaelt, so dass schon aus diesem Grund jede Kontrolle illusorisch
ist.
Die Taetigkeit des TLD ist den politischen Zielen des Viet Minh
durch Hoang Quoc angepasst, der sowohl Vorsitzender des TLD als auch
Generalsekretaer der Viet Minh-Partei ist. In dem augenblicklichen
Buergerkrieg ist der TLD in erster Linie damit beschaeftigt, die
Arbeiter zur Unterstuetzung der Kriegsanstrengungen des Viet Minh zu
mobilisieren und zu versuchen, die Produktion durch aufeinanderfolgende Streiks in den franzoesisch besetzten Gebieten zu unterbrechen. Waehrend die Sender des Viet Minh von Erfolgen in den Massnahmen zur Foerderung der Arbeitsstreitigkeiten in den der Kontrolle
Bao Dais unterstehenden Gebieten berichten, zeigen offizielle
statistische Angaben der Bao Dai-Regierung nur wenige ArbeitsStreitigkeiten oder Produktionsunterbrechungen auf.
#
Im Gebiet des Viet Minh hat sich der TLD zur Steigerung der
Produktion im wesentlichen der gleichen Mittel bedient, wie die Gewerkschaften der sogenannten "Volksdemokraten". Arbeitern, die ihre
Produktionsquoten weit ueberschreiten, wird der Ehrentitel "Held der
Arbeit" verliehen. Wie von auslaendischen Rundfunksendern der HoRegierung berichtet wird, ist der TLD bestrebt, seinen Mitgliedern
kommunistische Prinzipien aufzuoktroyieren, er lehrt sie sogar lesen
und schreiben, gibt eine Veroeffentlichung unter dem Titel "Lao Dong"
heraus und stellt Arbeitergruppen zusammen, die einen Teil ihrer Zeit
militaerischen Uebungen widmen. Sie foerdert ausserdem oeffentliche
Arbeitsprojekte, fuer die die Arbeiter ihre "Freizeit" verwenden
sollen.
Der TDL hat im Mai 1946 selbst erklaert, dass er mit den Prinzipien
und Satzungen des Weltgewerkschaftsbundes vollkommen einverstanden ist.
Jedoch erst am 1. Januar 1949 entschloss sich der Exekutivausschuss
des Weltgewerkschaftsbundes, den TDL anzuerkennen und ihn als angeschlossene Organisation zu registrieren. Der Gewerkschaftsbund des
Vietnam entsandte Nguyen Tuy Tinh, ein Mitglied der Eisenbahnergewerkschaft des TDL, als internationalen Vertreter zum Kongress des TJeltgewerkschaftsbundes, der im Juni 1949 in Mailand stattfand. Auf diesem
Kongress wurde er zum dauernden Mitglied des Generalrates des Weltgewerkschaftsbundes und zum Delegierten fuer die Konferenz in Peiping
im November 1949 gewaehlt.
Monthly Labor Review
1/51

WAS IST PRODUKTIVITAET?
Seit Beginn des Wiederaufbauprogramms ist die Steigerung der
Produktivitaet immer wieder als besonders wichtig hervorgehoben worden,
weil sie einen entscheidenden Faktor fuer die Wiedergesundung der
Wirtschaft der Laender Westeuropas darstellt und es ihnen ermoeglicht,
ihre Ausfuhren und die Moeglichkeit, finanzielle Mittel fuer industrielle
Einrichtungen zu investieren, zu erhoehen und zugleich den Lebensstandard
der Arbeiter zu verbessern. Seit der kommunistischen Invasion in Suedkorea ist die Notwendigkeit, die Verteidigung gegen eine Aggression
aufzubauen, vordringlich geworden. Sie wird eine schwere Belastung
fuer die Wirtschaft der westeuropaeischen Laender darstellen. Es ist
nicht moeglich, allen diesen Anspruechen vollkommen und gleichzeitig
gerecht zu werden. Es muss in der Befriedigung der lebenswichtigen
Bedürfnisse ein Gleichgewicht in vernuenftigen Grenzen hergestellt

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�werden, ',,'enn die Produktivitaet gesteigert wird, wird es letzten Endes
moeglich sein, einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren, wenn
auch ein betraechtlicher Teil den Berauehungen um die Sicherung der
Zukunft und der Erhaltung der Freiheit gewidmet werden muss.
Augenblicklich wird die Produktivitaet im allgemeinen als die
grundlegende Loesung der ungeheuren wirtschaftlichen Schwierigkeiten
dieser Zeit angesehen, "..'enn dieser 3egriff "Produktivitaet" auch noch
so haeufig in oeffentlichen Diskussionen und Zeitungsberichten angewandt wird, so ist seine genaue Bedeutung der grossen Masse doch nicht
genuegend bekannt. Selbst die Experten konnten sich noch nicht auf
eine einfache und klare Definition dieses Begriffes einigen. Auch die
Methoden zur Bemessung der Produktivitaetsquote bilden noch immer Gegenstand heftiger Kontroversen.
Der Produktivitaetsausschuss der Organisation fuer die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas hat sich in seinem Arbeitsprogramm die
Aufgabe gestellt, mehr Licht in den Begriff"Produktivitaet" zu bringen,
um zur Anwendung verbesserter Methoden der Wertung der Produktivitaetsquote beizutragen, die die fuer die Produktivitaetskarapagne der westeuropaeischen Laender wesentlichen Informationen liefern koennen. Dieser Ausschuss hat einen Bericht ueber die Terminologie der Produktivitaet
ausgearbeitet, der vervielfaeltigt wurde, um an groesaere Kreise verteilt werden zu koennen.
Fuer diejenigen, die nicht in der Lage sind, den Bericht in allen
Einzelheiten zu studieren, werden die nachstehenden wichtigsten Punkte •
zusammengefasst:
Allgemein gesprochen, bedeutet Produktivitaet besseres Zusammenspiel
von Mensch, Kapital, Zeit, Maschine und Material, um bei dem gleichen
Aufwand an Anstrengungen mehr Waren produzieren und verteilen zu koennen.
Der Produktivitaetsausschuss der UftftC gibt in seiner Abhandlung einen
Ueberblick ueber die Methode zur Berechnung der Produktivitaet. Diese
Studien gruenden sich nicht nur auf die produktivitaet der Arbeitskraft,
sondern auch auf die des Kapitals, der Investitionen und der Rohstoffe,
so wie die Produktion von dem Kapital, den Investitionen und den Rohstoffen im Produktionsprozess abhaengig ist.
Trotzdem bleibt die Produktivitaet der Arbeitskraft das wichtigste
Element bei der Berechnung der industriellen Leistungsfaehigkeit. Man
errechnet sie, in dem man die Produktion durch die Anzahl der Arbeitsstunden teilt. Der so errechnete produktivitaetsindex dient zu Vergleichszwecken und gibt die Situation einer Produktionseinheit (Betrieb,
Industrie, Nation; im Vergleich zu anderen Einheiten oder zu seinen
eigenen Ergebnissen waehrend einer anderen Zeitspanne an. Damit koennen
die Ursachen analysiert werden, die den Stand der produKtivitaet bestimmen, und es kann festgestellt werden, welche Schwierigkeiten moeglichen
Verbesserungen der Produktion im liege stehen.
Es muss hier darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Berechnung dar
Produktivitaet der Arbeitskraft nicht darin besteht, die physische Anstrengung des Arbeiters, sondern die allgemeine '.'irksamkeit der Verwendung
der Arbeitskraft zu messen. Der Produktivitaetsindex stellt das Ergebnis
der kombinierten Wirkungen einer grossen Anzahl verschiedener, aber unabhaengiger Faktoren dar, wie z.B. Menge und Qualitaet der verwendeten Ausruestungen, technische Verbesserungen, die Faehigkeit der Betriebsleitung,
die Zirkulation der Rohstoffe und Einzelteile, den relativen Einsatz der
Produktionseinheiten je nach ihrem Wirksamkeitsgrad und schliesslich
berufliche Tuechtigkeit und Arbeitsbereitschaft des einzelnen, Wenn genaue
Schluesse aus einer derartigen Analyse gezogen werden, ergeben die
Produktivitaetsstudien eine mehr oder minder grosse Veraenderung des

- 12 -

�Produktionsvolumens.
In weiterem Sinne koennen die Bemessung der Produktivitaet und die
gleichzeitige Analyse ihrer Ursachen und Elemente fuer allgemeine
v/irtschaftsanalytische Zwecke verwendet werden, um fuer die Gegenwart
und Zukunft die Gesamtproduktion eines Landes oder einer Industrie, den
Bedarf an Arbeitskraeften, die Konkurrenzfaehigkeit und aehnliches abzuschätzen. Damit ist auch die Berechnung der Produktivitaet ein
wichtiges Hilfsmittel bei der Wirtschaftsplanung.
Je nach dem Zweck, dem die Produktivitaetsstudien dienen muessen,
wird die Produktivitaet aufgrund der verschiedenen Zeiteinheiten und
der verschiedenen Faktoren der Produktion berechnet. Die Unterschiede
sind so gross, dass ein Vergleich der Statistiken ueber die Produktivitaet in den westeuropäischen Laendern zurzeit noch schweren Irrtuemern unterworfen ist und ihre Nutzbarkeit dementsprechend aeusserst
beschraenkt ist. '.Jenn man die Zeiteinheit zugrundelegt, laesst sich
die Produktivitaet pro Mann, pro Stunde, pro '.,'oche oder pro Jahr berechnen. Die Produktivitaet im Verhaeltnis zur Arbeitszeit wird dazu
verwendet, die durch technische Ursachen hervorgerufenen Schwankungen
in der Produktivitaet zu messen, waehrend die Produktivitaet, die auf
jaehrlicher Basis einschliesslich Urlaub und Fernbleiben vom Arbeitsplatz aus sonstigen Gruenden berechnet wird, dazu dient, das Nationaleinkommen oder den Bedarf an Arbeitskraeften abzuschaetzen.
Die verschiedenen zu beruecksiehtigenden Kategorien der Arbeitskraefte stellen einen anderen Faktor dar, der grosse Unterschiedlichkeiten in den statistischen Berechnungen verursacht. Angaben ueber die
Produktivitaet koennen sich entweder nur auf die Arbeiter oder auch auf
das Bueropersonal, die Verwaltungsdienststellen und die technischen
Dienste beziehen. Auch kann zwischen den direkten Arbeitskraeften, die
unmittelbar mit der Produktion beschaeftigt sind, und den indirekten
Arbeitskraeften ein Unterschied gemacht werden, deren Taetigkeiten in
Arbeiten der Instandhaltung, der Vfarenlagerung, des innerbetrieblichen
Transports usw. bestehen. Natuerlich unterscheiden sich die Statistiken
nach dem Zwec'k, zu dem sie ausgearbeitet wurden.
Auch der Berechnung der Gesamtproduktivitaet schenkt man groesste
Beachtung, in der nicht nur die direkten, sondern auch alle anderen
Arbeitskraefte beruecksichtigt werden, einschliesslich der mit der
Herstellung industrieller Ausrüstungen Beschaeftigter und der Arbeiter
der Stromerzeugungs- und Iiohstoffindustrienj diese letzte Kategorie
wird in Bezug auf die Arbeitsstunden und die Zahl der Arbeiter bemessen.
Dadurch wird eine Kontrolle der Gesamtindustrie erraoeglicht.
Anstatt den Ertrag nach seinem Volumen zu bemessen, kann den Berechnungen der ','ert des Reinertrags zugrundegelegt werden. '.Tenn man
von der Gesamtabsatzziffer (Bruttoproduktion) die Kosten fuer Rohstoffe,
Treibstoff usw., die in dem Produktionsprozess verbraucht v/erden, abzieht, erhaelt man den 'i.'ert der bei der Produktion des Erzeugnisses geleisteten Arbeit. Die Nettoproduktion bildet den Fonds, aus dem die
erforderlichen Summen fuer Loehne, Absatzunkonten, Steuern, Zinsen,
Amortisationen usw. geschoepft werden. In ihr ist ausserdem der Gewinn
enthalten. Der 'wert der Nettoproduktion kann deshalb durch jedes beliebige Mass der Arbeitskraft geteilt werden, und man kann von einer
Nettoproduktion pro Stunde oder pro Arbeiter oder Angestellter sprechen.
Diese Art der Produktivitaetsstatistik kann fuer die Gewerkschaften
besonders interessant sein, wenn sie bei einer Steigerung der Produktionsleistung die Absicht habtn, Lohnerhoehungen zu fordern oder Leistungslohntarife festzusetzen.
Uenn man sich mit den technischen und wissenschaftlichen Aspekten

- 13 -

�der Produktivitaet befasst, muss man auch jene Faktoren in Erwaegung
ziehen, die direkt zur Steigerung der Produktivitaet beitragen, wie
z.B. die industrielle Planung, die wissenschaftliche Forschung und
Erfindungen. Der Begriff Produktivitaet ist so umfassend, dass die
gemeinsame Erfassung all jener, die in dem Produktionsprozess stehen,
vom einfachen Arbeiter bis zum Y.'issenschaf tler. und Volkswirtschaftler,
erforderlich ist. Uegen dieser unentbehrlichen Zusammenfassung aller
Betaetigten darf niemals das Ziel der Steigerung der Produktionsleistung aus den Augen verloren werden, die den augenblicklichen
Lebensstandard garantieren, den gemeinsamen Zielen zur Sicherung einer besseren Zukunft dienen und unsere Verteidigungsmassnahmen zur
Erhaltung der demokratischen Freiheiten staerken muessen.
Bulletin D1Information Syndicale
1/15-31/51

GUTE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN DEN AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN UND DER
ECA
Die Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten hat dem MarshallPlan von Anfaig an wertvolle Dienste geleistet.
AFL-Vorsitzender ".Jilliam Green, Bill Gomberg von der Internationalen
Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft, Florence peterson von der Automobilarbeitergewerkschaft, Gordon Cole vom Maschinistenverband und Jim
Carey vom CIO sind einige der amerikanischen Gewerkschaftsführer, die
der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit in den letzten zweieinhalb Jahren hoechst wertvolle Ratschlaege erteilt haben.
Die Maenner und Frauen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
sind aufgefordert worden, auf jede "eise mitzuhelfen, um die zur
technischen Unterstuetzung Europas entsandten Delegationen mit dem erforderlichen Ruestzeug zu versehen, umfassende Informationsprogramrae
und Vorschlaege zur Staerkung der freien Gewerkschaften in Europa auszuarbeiten.
Obwohl in Amerika kein formeller ERP-Beratungsaueschuss wie in Europa besteht, vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein amerikanischer Gewerkschafter um Rat oder Auskunft gebeten wuerde. Telephonische Besprechungen
zwischen Beamten der ECA und amerikanischen Gewerkschaftern sind in allen
Teilen des Landes an der Tagesordnung. Haeufig werden Gewerkschaftsführer,
Herausgeber von Gewerkschaftszeitungen, Spezialisten im Erziehungswesen
oder Experten fuer Zeit- und Bewegungsstudien fuer tage- oder selbst
wochenlange Aussprachen in das Zentralbuero der ECA gerufen, wo sie um
ihre Meinung und ihren Rat befragt werden. Die internationalen Vertreter
der AFL und des CIO, George P. Delaney und Michael Ross, halten sich
staendig im oder in der Naehe des Zentralbueros auf. Uichtige Entscheidungen, die fuer die Arbeiterschaft von Belang sind, werden nicht getroffen, ohne diese beiden Vertreter um Rat gefragt zu haben.
Das hoechste Gremium, in dem die Gewerkschaftsfuehrer vertreten sind,
ist der oeffentliche Beratungsausschuss der ECA, dorn ebenfalls Vertreter
der Landwirtschaft und Industrie angehoeren. Die Gewerkschaftsvertreter
sind James Carey, der Hauptkassierer des CIO, George Meany, der Hauptkassierer der AFL, und A. E. Lyon, der Hauptkassierer der Eisenbahnergewerkschaften.
Der Ausschuss hat sich bisher auf Veranlassung des Beraters fuer
Arbeitsfragen Clinton S. Golden mit wichtigen Fragen wie z.B. dem Problem

-14-

�der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten in Verbindung mit der
Einstellung der Gewerkschaftsbewegung zum Marshall-Plan oder Reaktionen
auf die Amerikabesuche europaeischer Produktivitaetsteams befasst.
Eine der wichtigsten Konferenzen zwischen Gewerkschaftsfunktionaeren
und fuehrenden Beamten der ECA fand vor kurzem im Zentralbuero der ECA
statt. Es waren 21 fuehrende Gewerkschaftsfunktionaere anwesend, u.a.
auch William Green, der Vorsitzende der AFL, AI Hayes, der Vorsitzende
des Internationalen Liaschinistenverbandes, und Stanley Ruttenberg, der
Leiter des CIO-Referats fuer Forschung und Erziehung.
An dieser Konferenz nahmen ausserdem teil: L. S. Buckmaster, der
Vorsitzende der Vereinigten Gumniarbeiter Amerikas (CIO), Eimer Cope,
der Europavertreter des CIO, George P. Delaney, der internationale
Repraesentant der AFL, J. L. Elliot, Vizepresident der Gewerkschaft der
Telegraphenarbeiter der Eisenbahnen, Michael Fox, Hauptkassierer der
Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten (AFL), Leo E. George, der Vorsitzende des Nationalen Verbandes der Bueroangestellten der Post (AFL),
Allan S. Haywood, Vizepresident des CIO, liartin Kyne, geschaeftsfuehrender Vorsitzender der Gewerkschaft der Angestellten des Klein- und
Grosshandels und der Warenhaeuser, A. E. Lyon, geschaeftsfuehrender Sekretaer der Eisenbahnergewerkschaft, Y/alter Mason, Repraesentant im
legislativen Ausschuss der AFL, David McDonald, Hauptkassierer der Vereinigten Stahlarbeiter von Amerika (CIO), H. L. Mitchell, Vorsitzender
der Gewerkschaft der Landarbeiter (AFL), John J. Murphy, Sekretaer der
Internationalen Gewerkschaft der Maurer und Yteissbinder (AFL), Stanley
VI. Oliver, Vorsitzender der Internationalen Gewerkschaft der technischen
Ingenieure, Architekten und Zeichner (AFL), Eric Peterson, Hauptkassierer
des Internationalen Maschinistenverbandes, Michael Quill, Vorsitzender
der TranSportarbeitergewerkschaft Amerikas (CIO), Victor Reuther, der
Leiter des Erziehungsreferats der Vereinigten Automobilarbeiter von
Amerika (CIO) und William Schoenberg, der Vorsitzende der Internationalen
Gewerkschaft der Zement-, Leim- und Gipsarbeiter.
Von der ECA waren zugegen: Paul G. Hoffman, der damalige Administrator, Richard M. Bisseil jun., der damalige stellvertretende Administrator des Programms und die Berater fuer Arbeitsfragen Bert M. Jewell
und Clinton S. Golden.
Hoffman brachte in seiner Begruessungsansprache seine Anerkennung
fuer die Mitarbeit der Gewerkschaftsbewegung am Marshall-Plan zum Ausdruck.
Ohne diese Unterstuetzung, sagte er, waeren die im YJiederaufbauprogramm
erzielten Fortschritte niemals moeglich gewesen. Fragen wie die wirtschaftliche Vereinigung Europas, sowie die Lieferung gewerkschaftlichen
Materials fuer Europa und Besuche amerikanischer Gewerkschafter in Suropa
standen zur Debatte.
Eine Gruppe amerikanischer Gewerkschafter wurde fuer eine zweitaegige Konferenz in das Amt der Arbeitsberater der ECA gerufen, um ein
Programm zur Verbesserung der Lebensverhaeltnisse in Frankreich auszuarbeiten. Zu dieser Gruppe gehoerten Stanley Ruttenberg (CXO), William
Gomberg von der «Internationalen Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft,
Victor Reuther und Harold Gibbons.
Zuvor waren im Mai 1950 die fuehrenden Herausgeber der Gev.erkschaftszeitungen aus ganz Amerika zusaiimengerufen worden, um das InformationsProgramm und Mittel zu seiner Verbesserung zu eroertern. Es waren anwesend: Theodore Brown, Herausgeber des "The Black T'orker" von der Gewerkschaft der Schlafwagenbediensteten, Leo Clussmann, Herausgeber des
"The National Musician" von der Gewerkschaft der Musiker Amerikas, Kenneth
Fiester, Herausgeber der Zeitung "Textile Labor" von der Textilarbeitergewerkschaft des CIO, J. B. S. Hardman, Herausgeber von "Labor and Nation",

- 15 -

�Ben Haskel, der Herausgeber von "The Textile Challenger", von der
Textilarbeitergewerkschaft von Amerika (AFL), John Herling, der
"John Herling's Labor Letter" herausgibt, A. B. Herrington, der Leiter des Referats fuer oeffentliche Beziehungen in der Gewerkschaft
der Telefon- und Telegrafenarbeiter (CIO), Charles Herrold, der
Herausgeber der "AFL Weekly News", Oscar Jager, der Herausgeber der
n
Comaunication Workers News", Joseph Keenan, der "League Reporter"
redigiert, Irvin S. Lippe, Herausgeber der "Trainmen News", Arch A.
Mercey, Sonderberichterstatter der Ransdell Inc., William J. Pachler,
Herausgeber der Zeitung "Light", Organ der Gewerkschaft der Arbeiter
oeffentlicher Versofgungsbetriebe (CIO), Hugh Reichard, vom Komitee
der Freundeshilfe, Ray Scott, der Herausgeber des Magazins der Gewerkafc
schaft der Lokomotivfuehrer und Heizer, Allan L. Swim, der Leiter des
CIO-Referats fuer oeffentliche Beziehungen und Herausgeber der "CIO
News", Bernard Tassler, Herausgeber des AFL-Magazines "The Federationist",
Philip E. Ziegler, Herausgeber der Zeitung der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten, des Verbandes der Bueroangestellten der Eisenbahnen
und Dampfschiffahrt, der Gepaecktraeger und der Bahnhofsangestellten.
In einer ganztaegigen Sitzung wurden die Aufgaben der Gewerkschaftsbewegung im Ma.rshall-plan, das ECA-Programm in den Ueberseegebieten und
Informationsmethoden besprochen.
Im Sommer vorigen Jahres hat die ECA William Goraberg, den Leiter
des Referats fuer Betriebswirtschaft in der Damenoberbekleidungsgewerkschaft nach Grossbritannien, Holland und Westdeutschland geschickt,
um mit Gewerkschaftsfunktionaeren Besprechungen zu fuehren. Seine
Aufgabe war, jene Aspekte der amerikanischen Gewerkschaftserfahrung
auf dem Gebiet der Produktionstechnik zu besprechen, die den europaeischen
Gewerkschaftern in ihren Bestrebungen zur Steigerung der Produktivitaet
von Nutzen sein konnten.
Drei Herausgeber von Gewerkschaftszeitungen hielten sich unter
dem Protektorat der &amp;CA Z U Anfang des Jahres 1949 mehrere Wochen in
Europa auf, um die europaeischen Verhaeltnisse zu studieren und entsprechende Vorschlaege zu machen. Es waren dies Allan L. Swim, der
Herausgeber der CIO News, William Gausmann vom Gewerkschaftspresseverband und Cornelius Miller vom AFL Weekly News Service (Woefhentlicher
Nachrichtendienst der AFL.)
Drei fuehrende Gewerkschaftsfunktionaere wurden im Sommer vorigen
Jahres nach Frankreich geschickt, um mitzuhelfen, die freie Gewerkschaftsbewegung zu staerken und die Kampagne durch Steigerung der Produktionsleistung zu unters^uetzen. Es waren J. William Belanger, der Vorsitzende des CIO-Industriegewerkschaftsrates von Massachusett, Harold
Gibbons, der Hauptkassierer der AFL-Ortsgewerkschaft Nr. 688, der Internationalen Gewerkschaft der Fahrer, und Carmen Luoia, die stellvertretende
Vorsitzende der Internationalen Gewerkschaft der Vereinigten Hutmacher.
Ihre Vorschlaege und ihre Forderung nach Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter haben bei den fuehrenden Beamten der ECA und
auch dem Administrator Foster groesste Beachtung gefunden.
ECA Labor Information
1/30/51

- 16 -

D M » 15 F»b 51 0549 5 » li C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Office oi Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 8

Frankfurt/Main, den 23. Februar 1951
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Der gegenwaertige Stand der amerikanischen Arbeitsgesetzgebung

1

Gewerkschaften der Mittelmeerlaender ruesten sich
zum Kampf gegen die kommunistischen Saboteure

6

Ostberliner Arbeiter erhalten doch ihre Weihnachtsgratifikation

7

Uie die iranischen Gewerkschaften unterstuetzt werden .. 8
Erfolge der amerikanischen Autoraobilarbeitergewerkschaft

9

LohnentwicKlungen in den Vereinigten Staaten

11

Die Invalidenunterstuetzung in der US-Bekleidungsindustrie

13

Marshallplanadministrator William G. Foster zur
europaeischen Wirtschaftslage

14

Regierungsangestellte in Chile erhalten Gehaltsaufbesserung

15

Die gewerkschaftliche Entwicklung in Burma

16

D^R GriOSM.'AKftTIOE STAND V£R AMalilKAKIÖCHEN ARBEITSGESETZGEBUNG
Die 17. Nationalkonferenz fuer Arbeitsgesetzgebung galt in erster
Linie der Mobilisierung der menschlichen Hilfsquellen Amerikas fuer den
Frieden und gegen die Aggression. Arbeitsminister Maurice J. Tobin bezeichnete die Konferenz als ein "Forum, in dem staatliche Beamte und GeVierkschaftsfuehrer zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen, Probleme
der Arbeitsgesetzgebung zu diskutieren und eine gemeinsame Grundlage fuer
die Verbesserung der Arbeitsnormen zu schaffen."
Praesident Truman versicherte in seiner Botschaft an die Konferenz,
dass ihre Kenntnisse und ihre Erfahrungen mithelfen koennten, die Nation
"in jenen Massnahmen und Methoden anzuleiten, die unseren Produktions-

- 1 -

�apparat zu hoechster Leistungsfaehigkeit befaehigen werden."
Angesichts der kritischen Lage, in der Amerika sich zurzeit befindet, wurde besonders betont, dass eine Vergeudung wertvoller Arbeitskraefte durch Arbeit sunfae H e vermieden v/erden muss. Die durch Unfaelle
verursachten Verluste an Arbeitszeit beliefen sich im Jahre 1949 auf
insgesamt 39 Millionen Arbeitstage, was einer Untaetigkeit von 139.000
Arbeitern fuer die Dauer eines ganzen Jahres entspricht. Die 15.000
Todesfaelle und 1.600 Unfaelle, die eine staendige Arbeitsunfaehigkeit
zur Folge hatten, bedeuten eine dauernde Reduzierung des Arbeitskraeftereservoirs des Landes. Die nahezu 80.000 Faelle dauernder beschraenkter
Erwerbsfaehigkeit wirken sich durch die verminderte Leistungsfaehigkeit
der Opfer - meistens Amputierte - in aehnlicher \.'eise aus.
Da fast alle Arbeitsunfaelle vermieden werden koennten, sah die
Konferenz ihre dringlichste Aufgabe darin, die diesbezueglichen Erfahrungen und die Methoden der Unfallverhuetung den vielen Betriebsleitern zur
Kenntnis zu bringen, die noch nicht in wirksamer '.'eise in dieser Hinsicht
taetig sind. Die Konferenz des Praesidenten ueber industrielle Sicherheit hat festgestellt, dass Unternehmen, die in unzureichendem Masse
fuer die Sicherheit sorgen, im allgemeinen zu klein sind, um Unfallverhuetungsachverstaendige selbst beschaeftigen zu koennen, wie es in grossen
Betrieben der Fall ist, die infolgedessen auch verhaeltnismaessig niedrige
Unfallziffern aufzuweisen haben, Es wurde vorgeschlagen, dass die üinzelstaaten die Vielzahl kleiner Unternehmen durch direkte Hilfsraassnahmen
unterstuetzen, die der Arbeit hauptamtlich beschaeftigter Unfallverhuetungsexperten in grossen Betrieben entsprechen auessen.
Hierzu sei erforderlich, stellte die Konferenz fest, dass grundlegende
Gesetze erlassen werden, in denen angemessenere und einheitlichere Bestimmungen und Normen garantiert werden, dass Unfallstatistiken zur Verfuegung
gestellt werden, dass die Einzelstaaten Sicherheitsprogramme ausarbeiten
und Regierungsbearate die Betriebe in ihren Massnahmen zur Unfallverhuetung
unterstuetzen.
Die Konferenz empfahl, die bestehenden Sicherheitsvorschriften angesichts des nationalen Notstandes auf ihre Zulaenglichkeit zu pruefen. Hierbei sollen Sachverstaendige des Bueros fuer Arbeitsnormen behilflich sein.
Statistische Unfallziffern nuessen planvoll zusammengestellt und ausgewertet werden und Angaben ueber die Groesse der Betriebe, Art der Arbeit
und dergleichen enthalten. Es wurde weiter empfohlen, sich bei der
Berichterstattung ueber Unfaelle an die fuer Amerika gueltige ilethode zu
halten.
*

*

*

In Anbetracht der zu erwartenden Entwicklungen auf dem Gebiet der
Beschaeftigung verheirateter Frauen hat die Konferenz gefordert dass die
Staaten, die Normen in ihrer Gesetzgebung fuer berufstaetige Frauen aufgestellt haben, diese Normen beibehalten und verbessern. Jene Staaten, die
solche Normen nicht haben, sollen sie ebenfalls einfuehren.
Mindestnormen fuer erwerbstaetige Frauen sollen einen Ruhetag in der
Yfoche, die 40-Stunden-Uoche mit einer maximalen Arbeitszeit von 48 Stunden,
eine elfstuendige Zeitspanne fuer Nachtruhe, die die Zeit von Mitternacht
bis vormittags sieben Uhr einschliesst und ausreichende Pausen fuer Mahlzeiten vorsehen. Die Unternehmer sollen zur Erhaltung der Gesundheit und
Leistungsfaehigkeit der Arbeiter fuer saubere Speiseraeume, Aufenthaltsraeume, Toiletteneinrichtungen, gute Ventilation und gute Beleuchtung
sorgen.
Die Konferenz forderte ausserdem, eine Benachteiligung der Frauen den
Maennern gegenueber zu vermeiden. Sie befürwortete die bestehenden

- 2 -

�staatlichen Gesetze, die den gleichen Lohn bei gleicher iiTueit vorsehen,
weiter zu vervollkommnen und darauf hinzuwirken, dass entsprechende
staatliche und bundesstaatliche Gesetze erlassen werden. Es vmrde ferner
vorgeschlagen, in die Gev.erkschaftsvertraege Bestimmungen ueber gleichen
Lohn bei gleicher «rbeit aufzunehmen.
Di« Konferenz sprach sich sodann dafuer aus, in dem bundesstaatlichen
Ges«tz fuer gerechte Arbeitsnormen Bestimmungen ueber einen iünaeststundenlohn von einem Dollar zu verankern. Weiterhin sollen Mindestlnennn fuer
solche Arbeiter festgesetzt werden, fuer die noch keine tarifvertragliche
Regelung besteht.
Die Konferenz stellte fest, dass berufstaetige Frauen gegen Lohnausfaelle bei:n Fernbleiben vom Arbeitsplatz gesichert werden muessen. Die
Ausdehnung der Verteidigungsbetriebe auf neue Gebiete wird 'Johnungs- und
Ernaehi-ungsproblerae fuer die beschaeftigten Arbeitnehmer aufwerfen. Die
Konferenz forderte, den Koranunalprojekten fuer angemessenen Wohnungsbau,
fuer Transport, Kinderbetreuung waehrend der Arbeitszeit, ambulante Fuersorge und anderen Massnahmen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
machte den Vorschlag, dass sich das Buero fuer Frauenangelegenheiten mit
der Abwesenheit berufstaetiger Frauen vom Arbeitsplatz unter besonderer
Berücksichtigung ihrer haeuslichen Verpflichtungen und der Gesundheitsfaktoren beschaeftigt.
Es sei eine kostspielige Selbsttaeuschung, fuhr die Konferenz fort,
Jungen und Maedchen - die zukuenftigen Arbeiter und Buerger Amerikas sofort an Arbeitsplaetzen unterbringen zu wollen, wo das, was sie produzierten, nur einen geringen Teil dessen ausmachen wuerde, was sie einige
Zeit spaeter fuer die Nation leisten koennten. Eine Altersmindestgrenze
von 16 Jahren fuer jegliche Beschaeftigung waehrend der Schulstunden und
fuer die Beschaeftigung in herstellenden und mechanischen Betrieben zu
jeder Zeit sei wichtiger denn je. Derartige BeStimmungen seien erforderlich,
um allen Jugendlichen die Moeglichkeit zu geben, sich eine Grundschulausbildung und berufliche Faehigkeiten zu sichern und sich zu guten Bucrgern
he ranzubilden.
In den Staaten, die nicht in der Lage sind, den vorzeitigen Zustrom
der Jugendlichen zum Arbeitsmarkt aufzuhalten, muessen die staatlichen
Arbeitsbeauftragten und die Gewerkschaftsorganisationen sich dafuer einsetzen, dass entsprechende Gesetze erlassen werden.
Um ein Maximum an Leistungsfaehigkeit auf lange Sicht erzielen zu
koennen, muessen gesunde Arbeitsnormen und gute Arbeitsbedingungen geschaffen
werden. Die Konferenz ist der Auffassung, dass die staatlichen Aemter fuer
Arbeitsfragen und das US-Arbeitsministerium in einem Programm zusammenarbeiten muessen, das der Entwicklung und Foerderung der Normen fuer die
Arbeitsbedingungen und der Verhuetung von Arbeitsunfaellen gewidmet sein
rau3s. In diesem Zusammenhang wurden folgende Normen vorgeschlagen:
a) Ein 8-Stunden-Tag und eine 40-Stunden-Vfoche, wobei Ueberstunden mit 150^ des normalen Lohnes und Sonn- und Feiertagsarbeit mit Sonderpraemien zu vergueten sind.
b)

Von sieben Tagen muss zumindest einer als Ruhetag festgesetzt sein.

c)

Die Essenspause in der Mitte der Arbeitszeit darf nicht
weniger als 30 Minuten dauern. Es sind ausserdem weitere
entsprechende Ruhepausen einzulegen.

d) Der Mindestlohn muss auf 1 Dollar erhocht werden. Arbeitnehmer, die noch nicht unter die Bestimmungen des Mindestlohngesetzes fallen, muessen einbezogen werden. Alle Staaten

- 3-

�rauessen fuer alle Arbeitnehmer ohne Ausnahme Gesetze ueber
Mindestloehne erlassen, Ein MindestStundenlohntarif von
v/enigstens 75 Cents muss in der Verfassung festgelegt werden,
und die Lohnausscimesserauessenemaechtigt sein, hoehere
Mindestloehne anzuordnen und unter bestimmten Garantien die
Tarife fuer Anlernlinge, Lehrlinge und koerperbehinderte
Arbeiter abzuaendern. Mehr als acht Arbeitsstunden pro Tag
und 40 Stunden pro Woche muessen mit eineinhalbfacher Bezahlung verguetet werden. Staatliche Gesetse, die sich nur
auf Frauen und Minderjaehrige erstrecken, muessen auch auf
die maennlichen Arbeitnehmer ausgedehnt werden.
e)

In jedem Staat muss gesetzlich festgelegt werden, dass der
volle Lohnbetrag in bar, in Scheck oder in der Form der Buergschaft zumindest zweiwoechentlich auszuzahlen ist; ein
Arbeiter, der von der Lohnliste gestrichen wird, muss sofort
ausbezahlt werden; die Aemter fuer Arbeitsfragen in den
Einzelstaaten muessen, wenn notwendig, mithelfen, die faelligen
Lohnbetraege einzutreiben; fuer Unternehmer, die gegen das
Mindestlohngesetz Verstössen, sind Strafen vorzusehen.

f) Durch gemeinsame Bemuehungen der bundesstaatlichen und einzelstaatlichen A«mter fuer Arbeitsangelegenheit, der gewerkschaftlichen Gruppen, der Betriebsleiter und anderer oeffentlicher
und privater Organisationen muessen die Unfallziffern herabgesenkt und dadurch wertvolle Arbeitskraefte erhalten werden. Die
gemeinsamen Ausschuesse fuer industrielle Sicherheit, in denen
Gewerkschaften und Unternehmen vertreten sind,rauessenin
Taetigkeit treten. Die staatlichen Gesetze muessen verbessert
oder angepasst werden, damit Sicherheitsvorschriften von den
Aemtern erlassen werden koennen. In der Durchführung der
Sicherheitsbestimmungen, die in dem Gesetz fuer Hafenarbeiter
enthalten sind, muss eine bessere Zusammenarbeit zwischen den
bundesstaatliehen und einzelstaatlichen Aemtern fuer Arbeitsangelegenheiten gewaehrleistet werden.
g) Um unsere Jugend zu schuetzen, muessen wir gegen Bestrebungen
auf der Hut sein, die einer Abschaffung der bestehenden Schutzbestimmungen das Hort reden. Die Konferenz ist der Auffassung,
dass der groesste Beitrag der Jugend zum Verteidigungsprogramm
darin besteht, dass sie ihre Schulausbildung zumindest bis zum
Abschluss der hoeheren Schule fortsetzt.
Die gegenwaertige Erwerbslosigkeit wurde von der Konferenz mit den
Zustaenden des zweiten Weltkrieges verglichen, als die Zahl der Erwerbslosen 10 Millionen betrug. Schaetzungsweise sind weniger als 2 Millionen
arbeitsfaehige Personen zurzeit erwerbslos. In dieser Zahl sind diejenigen enthalten, die ihren Arbeitsplatz staendig wechseln oder die
voruebergehend ohne Beschaeftigung sind.
Die Konferenz brachte zum Ausdruck, dass Schulungsplaene auf lü- oder
15-jaehriger Basis durchgefuehrt werden rauessen.
Nur ein Viertel der zur Aufrechterhaltung des normalen Facharbeitermarktes erforderlichen Lehrlinge sind augenblicklich berufstaetig.
Die Konferenz hat deshalb empfohlen, dass das bundesstaatliche Buero
fuer Lehrlingsw«sen, die einzelstaatlichen Lehrlingsaemter, die internationalen Gewerkschaften und die Unternehmerorganisationen aufgefordert werden,
den Angehoerigen von Minderheitsgruppen Moeglichkeiten zur Lehrlingsausbildung und zu beruflichem Fortkommen zu bieten. Es wurde ausserdem befuerwortet, dass die Öffentlichkeit ueber den Mehrbedarf an Lehrlingen

-4-

�unterrichtet wird, und der Personalstab des Amtes fuer Lehrlingswesen
und der staatlichen Lehrlingsaerater vergroessert wird, um den bevorstehenden Aufschwung in diesem Programm bewerkstelligen zu koennen.
Die Konferenz empfahl die Zusammenarbeit zwischen bundesstaatlichen
und staatlichen Regierungen, um zu gewaehrleisten, dass Arbeiter und
Unternehmer von den oeffentlichen Arbeitsvermittlungsaemtern groesstmoeglichen Gebrauch machen. Sie sprach sich ferner dafuer aus, dass der
Kongress ausreichende Mittel zur Erreichung und Unterhaltung von Einrichtungen und Personal zur Verfuegung stellt, das mit der Durchführung
der Programme zum Einsatz der Arbeitskraefte beauftragt wird. Staatliche
und bundesstaatliche Gesetze ueber die Zulassung privater Arbeitsvermittlungsbehoerden und Vertragsfirmen sollen noch geschaffen werden. Die
Taetigkeiten zur Einstellung und Plazierung von Arbeitskraeften anderer
Gruppen, die im Arbeitsvermittlungsdienst stehen, muessen coordiniert
werden. Die Verwaltung der oeffentlichen Arbeitsvermittlungsaemter muss
wieder in einem bundesstaatlichen System zusammengefasst werden. Uird
diese Zusammenfassung verwirklicht, dann ist die Verwaltung dieser Behoerden dem Arbeitsministerium zurueckzugeben.
Um unnoetige und nicht wuenschenswerte Versetzungen von Arbeitskraeften zu vermindern, hat die Konferenz vorgeschlagen, dass die Unternehmer davon ablassen, Arbeiter anderer Unternehmen fuer sich zu werben
und dass die Zeitungen nicht mehr jene Art der Reklame betreiben, die
eine schaedliche Umschichtung und Verlagerung der Arbeitskraefte zur
Folge hat.
Die Unternehmer sollen ihre Betriebsstruktur so gestalten, dass die
einzelnen Arbeiter schnell ausgebildet und in den Produktionsprozess eingeschaltet werden koennen und dass die Faehigkeiten der bereits beschaeftigten Arbeiter besser ausgenutzt werden. Fuer die Einstellung
von Frauen wurde empfohlen, zuerst jene Frauen in ein Beschaeftigungsverhaeltnis zu bringen, die keine wichtigen haeuslichen Verpflichtungen
haben, also vor allem der jungen alleinstehenden Frauen, der aelteren
Altersgruppen und der Kurzarbeiter. Jugendliche sollen nicht eingestellt
werden, wenn ihre Beschaeftigung nicht mit den bundesstaatlichen oder
staatlichen Gesetzen zu vereinbaren ist.
Das Arbeitsministerium, die staatlichen Regierungen und andere
oeffentlichen und privaten Behoerden und an dieser Frage interessierten
Organisationen sollen sofort ihre Bemuehungen vereinigen, um genuegend
Beamte fuer den Einsatz der Arbeitskraefte zu schulen, die besonders
befaehigt sind, koerperbehinderten Personen eine passende Beschaeftigung
zu schaffen. Die wertvollen Faehigkeiten aelterer Leute, die gegenwaertig nicht beschaeftigt sind, bilden eine Kraftquelle und um diese
Arbeiter wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfuegung zu stellen, soll die
Oeffentlichkeit darueber in Kenntnis gesetzt werden, dass wir diese
Faehigkeiten brauchen. Arbeiter, die bereits auf den Pensionslisten
stehen, verfuegen ueber berufliche Kenntnisse, die zur Ausbildung anderer
ausgenutzt werden muessen. Besondere Massnahmen muessen eingeleitet
werden, um diesen Arbeitern bei einer Neuaufnahme der Beschaeftigung ihre
Pensionsrechte zu sichern.
Da eine groesstmoegliche Beweglichkeit der Erwerbsbevoelkerung von
groesster Wichtigkeit ist, schlug die Konferenz eine Abaenderung der
privaten Pensionsprogramne vor, damit die Arbeiter bei einem V'echsel
dieser Beschaeftigung keinerlei Rechte verlieren.
Sie empfahl ausserdem, entsprechende Arbeitgeber-Arbeitnehmerausschuesse zu bilden, die auf bundesstaatlicher, staatlicher und oertlicher
Basis den Behoerden bei der Mobilisierung der Arbeitskraefte behilflich
sind.

- 5-

�18 Resolutionen wurden von der Konferenz gebilligt. Zu den darin
enthaltenen Zielen gehoeren gesetzliche Sicherheitsmassnahmen fuer
Eisenbahnarbeiter, die Bildung zusaetzlicher Behoerden und Dienststellen fuer Koerperbehinderte, die Beseitigung von Schranken, die der
Beschaeftigung aelterer Arbeiter im Wege stehen und die Fortsetzung
der Ansprueche auf die soziale Versicherung solcher Arbeiter, die zu
den Uaffen gerufen werden.
In einer Resolution wurden neue Gesetze in Vorschlag gebracht, die
den Arbeitern dieses Landes und ihren Angehoerigen in Falle von Verletzungen oder Tod, die durch Atombombenangriffe auf Industriezentren
verursacht sind, Schutz, aerztliche Betreuung und Entschaedigung geben
sollen. Derartige Angriffe koennten von so grosser Wirkung sein, dass
die Mittel der bestehenden Versicherungssysteme erschoepft werden und
sie ihre finanziellen Verpflichtungen nicht erfuellen koennten.
lionthly Labor Review
1/51

(gflERBSCHAFTEN DER MITTELLJEERLAENPAR RUSSTfcM SICH ZUM KAUFT Gi.GEN PIK
KOMMUNISTISCHEN SABOTEURE
In den Haefen des Mittelneers von üran bis Haifa, von Piraeus bis
Marseilles ruesten sich die Gewerkschaften der Seeleute und Hafenarbeiter
zum Kampf gegen die kommunistischen Saboteure.
Waehrend die Diplomaten ueber die hoehere Strategie zur Verhinderung
der kommunistischen Aggression debattieren, gehen diese Seeleute und
Hafenarbeiter in realistischer Weise in ihrem eigenen Wirkungsbereich
energisch an dieses Problem heran und stehen mit Faeusten und Schultern
und geistigen Waffen bereit, die sie in ihrem Kampf verwenden koennen.
Die Schiffe und Waffenlieferungen fuer die westeuropaeische Verteidigung werden mit allen Mitteln gegen die kommunistische Sabotage verteidigt werden - diese Warnung hat das Mittelmeerkomitee der Internationalen
Transportarbeiter-Foederation ausgesprochen.
Dieses Aktivistenkomitee der Gewerkschafter wird von Pierre FerriPisani, einem langjaehrigen Gewerkschaftsführer im Hafen Marseilles,
gefuehrt. Es wird ferner von einem amerikanischen Gewerkschafter dabei
massgeblich unterstuetzt, naemlich von Irving Brown, dem europaeischen
Vertreter der AFL.
In einigen europaeischen Haefen hat die Ankunft von Schiffen, die
mit Marshall-Plan-Guetern oder mit Waffen fuer die Verteidigung der
Staaten des Nordatlantik-Paktes beladen waren, feindselige kommunistische
Demonstrationen und die Weigerung ausgeloest, diese Schiffe zu entladen.
Das Mitteloeerkomitee sieht ueber diese Vorfaelle hinaus in die kuenftige
Entwicklung und bereitet sich auf die Moeglichkeit vor, dass konmunistische Widersacher versuchen, Schiffe oder Ladungen in Besitz zu nehmen,
zu versenken oder zu zerstoeren.
Dadurch, dass komuunistische "Aktivisten" in Schiffsmannschaft«!,
Hafenarbeiterkolonnen, Seeleute- und Haf snarbeitergev-erkschaften eingesickert sind,rauessendie Verteidiger der westeuropaeiachwi Kultur in
den freien Gewerkschaften staendig auf der Hut sein. Fuenf ?Jaenner sollen
bekanntlich in der Lage sein, ein ganzes Schiff in Besitz zu nehmen. Deshalb ist es notwendig, dass sich an Bord jedes Schiffes mindestens fuenf
tatkraeftige anti-kommunistische Verteidiger in Alarmbereitschaft befinden, die in der Lage sein muessen, die fuenf Saboteure abzuwehren.

- 6-

�Innerhalb der Haefen gestaltet sich diese Aufgabe schwieriger.
Die Funktionaere, die das Mittelmeer-Komitee gebildet haben, sind
erfahrene Gewerkschafter, die allen organisatorischen Aufgaben gewachsen sind. Die meisten von ihnen haben ihren physischen und
moralischen Mut bereits unter Beweis gestellt.
Seit der Gruendung des Komitees im Sommer vorigen Jahres in Neapel
und auf einer kuerzlichen Tagung in Marseilles waren Brown und FerriPisani staendig den Anfeindungen der kommunistischen Presse ausgesetzt,
die sich dagegen wandte, dass Lieferungen fuer die europaeische Verteidigung entladen und fuer Korea und Indochina bestimmte Schiffe beladen werden.
Diese beiden Fuehrer und ihre Verbuendeten im Komitee brachten
jedoch in der kaempferischen Sprache ihrer EntSchliessungen und anderer
Verlautbarungen, die sie anlaesslich der Sitzung in Marseilles herausgaben, ihre iintschlossenheit zum Ausdruck, jedem Sabotageversuch der
Komrauriisten die Stirn zu bieten. Das Komitee arbeitet groesstenteils
auf vertraulicher 3asis und beschaeftigt sich mit den besonderen Problemen
der Haefen Frankreichs, Griechenlands, Italiens, Israels, Maltas,
Algeriens, Tunis1 und Marokkos. Der Inhalt dieser vertraulichen Besprechungen kommt jedoch in den irklaerungen deutlich zum Ausdruck, die
sich gegen die Agenten Moskaus richten, und in denen der Kreml beschuldigt wird, sich in illegaler "eise in den Haefen vieler Nationen
in deren Schiffahrt einzumischen.
Ferri-Pisani erklaerte, warum es notwendig sei, vertrauliche
Sitzungen abzuhalten. "Unsere Organisation ist weder eine Geheimorganisation noch ist sie illegal," sagte der franzoesiche Gewerkschafter. "Aber
wir muessen alle moeglichen Sicherheitsmassnahmen treffen, um zu vermeiden, dass unsere Feinde, die darauf geschult sind, sich Informationen
zu verschaffen, unsere Plaene erfahren."
Brown versprach vor der Konferenz in Marseilles, dass den freien
Arbeitern Europas in ihrem Kampf gegen den sowjetischen Imperialismus
weiterhin die Unterstuetzung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
zuteil wuerde.
"VJir kaempfen fuer die gleiche Sache, l.'ir sind der festen Ueberzeugung, dass Hafenarbeiter und Seeleute eine wesentliche Holle in der
Verteidigung der demokratischen ..'elt spielen."
SCA Labor Information

n/i/51
OSTBKRLINER ARBKITSR aiiHALTüN DOCH IHRL \.TEIHNACHTSGRATIFIKATION

Berichten des amerikanischen Arbeitsministeriums zufolge haben die
Arbeiter in Ostberlin nun doch ihre traditionelle Weihnachtsgratifikation
erhalten.
Kurz vor '..'einnachten hatte sich der kommunistisch beherrschte Freie
Deutsche Gewerkschaftsbund in Ostberlin gegen die Ausbezahlung der
Gratifikation in verstaatlichten Betrieben ausgesprochen, weil sie mit
dem Grundsatz "unvereinbar" sei, dass sich die Loehne nach dem Ausstoss
richten muessen. Die Auszahlung der Gratifikationen war in privaten
Unternehmen noch gestattet, aber nur unter der Bedingung, dass der Unternehmer alle Steuern, Sozialversicherungsbeitraege usw. abgefuehrt hat
und die Gratifikationen aus den Gewinnen bezahlt werden.

-7 -

�Die Reaktion der Arbeiter auf dieses Verbot hin war jedoch
so unguenstig, dass das Politbuero der kommunistischen Partei Ostberlins das Verbot mit der Begruendung rueckgaengig machte, das
Prinzip der Angleichung der Loehne an den Ausstoss habe sich noch
nicht genuegend durchgesetzt, um ein derartiges Verbot zu rechtfertigen.
Labor Press Service
1/29/51

W K DIU IRANISCHEN GrT.SRK SCHÄFTEN UNTERSTUETZT \&amp;IiDKN
Experten in Arbeitsfragen aus dem Iran studieren gegenwaertig
die gewerkschaftliehe Organisation und die Handhabung der Arbeitsgesetze durch die Regierung der Vereinigten Staaten. Gleichzeitig ist
ein Sachverstaendiger fuer das Lehrlingswesen aus dem US-Arbeitsministerium in Iran taetig. Sie alle naben das Ziel vor Augen, die
Arbeitsbedingungen der iranischen Arbeiter zu verbessern.
Cyrus Majd, ein Hauptberater im iranischen Arbeitsiainisterium,
besuchte im Januar unter dem Protektorat des Bueros fuer internationale
Arbeitsangelegenheiten im US-Arbeitsministerium amerikanische Gewerkschaften und Betriebe. Majd ist Mitglied des iranischen Gewurkschaftsbundes ESKI. ESKI ist dem nichtkornmunistischen Internationalen Bund
Freier Gewerkschaften angeschlossen, dem auch alle groesseren US-Gewerkschaften angehoeren.
Das Frauenbuero im US-Arbeitsministerium hat ein Darlehen gewaehrt,
aufgrund dessen ein sechsmonatiger Studienaufenthalt in den Vereinigten
Staaten ermoeglicht wird. Von dieser Lioeglichkeit macht zurzeit Dr.
Kechnineh Kazimi Gebrauch. Das Darlehen wurde im Rahmen des Programms
der amerikanischen Regierung fuer die Zusammenarbeit mit anderen Laendern
zur Verfuegung gestellt. Dr. Kazimi, der Leiter des Bueros fuer Frauen
und jugendliche Arbeiter sowie fuer industrielle Hygiene im iranischen
Arbeitsministeriura ist, besucht Schulen und Betriebe in den Vereinigten
Staaten.
Auch Habib Naficy weilte kuerzlich in den Vereinigten Staaten und
ist nach einer Studienreise durch Amerika, die vom Buero fuer internationale Arbeitsangelegenheiten im US-Arbeitsministerium unterstuetzt
wurde, in sein Land zurueckgekehrt. Naficy, der ein Fuehrer der Bewegung fuer soziale Gesetzgebung, ein einflussreiches Arbeitsministerium
und demokratische Gewerkschaften ist, war in der Zeit von 1946 bis 1950
mit einigen Unterbrechungen stellvertretender Arbeitsminister.
Leon C. Shingledecker, ein Experte fuer industrielle Ausbildung im
Buero fuer Lehrlingswesen des US-Arbeitsministeriums, ist jetzt fuer
zwei Jahre nach dem Ir^n geschickt worden, um dieses Land bei der Ausarbeitung eines wirksamen Programms zur Ausbildung von Industriearbeitern
zu unterstuetzen. Zu seiner Aufgabe gehoert auch, dass er in bestimmten
Betrieben Projekte zur praktischen Veranschaulichung ausarbeitet und der
iranischen Regierung bei der Loesung ihrer umfassenden Ausbildungsprobleme hilft.
Vor 1945 bestand im Iran keine Behoerde in der Regierung, die sich
mit Arbeitsproblemen befasst haette. Im Jahre 1945 wurde als Teil des
Ministeriums fuer Handel und Industrie ein "vorlaeufiges Amt fuer
Arbeitsangelegenheiten" gegruendet. Das gegenwärtige Arbeitsministerium entstand im Mai 1946 gemaess den Bestimmungen eines Arbeitsgesetzes, das von Naficy unterstuetzt worden war, der damals Leiter des

- 8 -

�vorlaeufigen Amtes fuer Arbeitsangelegenheiten war.
Das erste und grundlegende Arbeitsgesetz von 1946 wurde durch
eine Gesetzesvorlage abgeaendert, die im Juni 1949 bewilligt wurde.
Es enthaelt allgemeine Bestimmungen ueber Loehne, Arbeitszeit,
Urlaub, Entlassungsbedingungen und dergleichen. Ferner findet in
diesem Gesetz die Frage der industriellen Gesundheit und Sicherheit
sowie der Versicherung, der Rechte der Gewerkschaften, der Schiedsgerichtsbarkeit zur Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten usw. Beruecksichtigung.
Labor Press Service
1/29/50

ERFOLGE DER AMERIKANISCHEN AUTOMOBILARBEITERGE'.'ERKSCHAFT
Die Automobilarbeitergewerkschaft des CIO nimmt fuer sich den Ruf
in Anspruch, mit 1.250.000 Mitgliedern die groesste Gewerkschaft in
Amerika zu sein. In einem Bericht an die Mitglieder der Gewerkschaft
prophezeit ihr Vorsitzender VJalter P. Reuther, dass sie bis zur Eroeffnung des naechsten Jahreskongresses am 1. April 1951 in Cleveland
eine Mitgliederzahl von 1.300.000 erreicht haben duerfte.
In dem jetzt veroeffentlichten Bericht wird festgestellt, dass die
Gewerkschaft seit ihrem letzten Kongress im Juli 1949 250.000 neue
Mitglieder geworben hat. Der Bericht gibt sodann einen Ueberblick
ueber die Lohnpolitik der Gewerkschaft und rechtfertigt ihre Haltung
in der Frage der Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten. Die
Stufen-Klausel hat den Arbeitern, die den Bestimmungen der Tarifvertraege unterliegen, im September 1950 eine Lohnerhoehung von fuenf Cents
und im Dezember eine von drei Cents eingebracht. Nach den letzten
Informationen wird eine weitere Lohnaufbesserung im Maerz vorgenommen
werden.
Reuther erklaerte^ dass diese Erhoehungen nicht inflationistischer
Natur seien, da sie gegenueber den Bewegungen im Verbraucherpreisindex
um 90 Tage zurueckbleiben. Sie verursachten auch keine Preissteigerung.
Ihr Zweck sei lediglich, den Arbeitern einen Ausgleich zu bieten, nachdem derartige Preissteigerungen bereits eingetreten seien.
Er sagte voraus, dass der Lohnstabilisierungsausschuss die Automobilarbeite rgewerkschaft in ihren Bemuehungen zur Angleichung der Loehne an
die Lebenshaltungskosten und in der Verwirklichung automatischer Anpassungstarife unterstuetzen und die Fuenf-Jahresvertraege schuetzen
wird, die sich auf den groessten Teil der Automobil-Industrie erstrecken.
Im Jahre 1949 habe die Gewerkschaft ihr Hauptaugenmerk auf die
Sozialversicherung gerichtet. Dadurch, dass sie kurz nach dem Kongress
in Milwaukee den Vertrag mit den Ford-l.'erken als Musterbeispiel erklaert
habe, haette sie klar zu erkennen gegeben, dass 1949 das Jahr war, in
dem die Automobilarbeitergewerkschaft die Absicht hatte, mit den bestehenden bisherigen Wirtschaftlichen und moralischen Masstaeben der
Automobil-Industrie aufzuraeumen.
'".Vir waren der Auffassung", erklaerte Reuther woertlich, "dass eine
Industrie, die es sich erlauben kann, Betriebsleitern hohe Pensionen zu
zahlen, obwohl diese nicht darauf angewiesen sind, auch den Arbeitern
Pensionen zahlen muss, die sie wirklich brauchen."
Der mit den Ford-..'erken abgeschlossene Pensionsvertrag war der erste,

- 9-

�in dem drei grundlegende Prinzipien verankert waren, die fuer einen
gesunden Pensionsplan notwendig sind, - naemlich ein Pensionsplan,
fuer den die Arbeiter keinerlei Abgaben zu entrichten haben und der
allein von den Unternehmern finanziert wird, ferner Pensionszahlungen,
die durch einen wirklich gesunden Pensionsfonds gesichert sind, zu
dem die Unternehmer beisteuern muessen, damit die Kosten fuer fruehere
und zukuenftige Unterstützungen an die Arbeiter gedeckt werden
koennen, und ein gemeinsamer Verwaltungsausschuss, der die Durchführung des Planes ueberwacht und von den Vertretern der Gewerkschaft
und der Gesellschaft paritaetisch besetzt ist.
Diese neu aufgestellten Prinzipien haben die Sozialversicherungsunterstuetzungsmassnahmen fuer das gesamte amerikanische Volk verbessert.
"Unsere Ziele", erklaerte der Vorsitzende der Automobilarbeitergewerkschaft, "gehen dahin, unseren Arbeitern eine iündestpension von
200 Dollar zu sichern und darueber hinaus durchzusetzen, dass sie beim
Wechsel ihres Arbeitsplatzes von einem Unternehmen zu einem anderen
ihren Pensionsanspruch nicht verlieren."
In Detroit und Toledo sei bereits ein Anfang gemacht worden. Hier
kann ein Arbeiter seinen Arbeitsplatz innerhalb einer bestimmten Gruppe
von Unternehmen wechseln, ohne den Anspruch auf Pensionen zu verlieren,
weil ein gemeinsamer Pensionsfonds besteht.
tfM Gesundheits- und aerztliche Betreuungsprogramme sowie Krankenund Invalidenversicherung betrifft, seien in den kleineren Unternehmen
groessere Fortschritte als in den grossen erzielt worden. Die Automobilarbeitergewerkschaft habe Vertraege abgeschlossen, die sich auf nahezu
1.250.000 Arbeiter erstreckte und in denen woechentliche Kranken- und
Invalidenunterstuetzungen von 28 und 45 Dollar vorgesehen seien.
Im Rahmen dieser Pensionsprogramme gelang es, die Unternehmer zu
bewegen, die Kosten fuer Lebensversicherungen fuer pensionierte Arbeiter
zu tragen. Der Verkauf von ArbeitsVersicherungen sei jedoch noch immer
ein eintraegliches Geschaeft. Die Gewerkschaftsmitglieder zahlen noch
immer durch ihren Beitrag zur Versicherung Millionen von Dollar, die
durch allerlei Vereinbarungen der Unternehmer mit den Versicherungsgesellschaften der Industrie wieder zufHessen.
Auf dem naechsten Jahreskongress wird Reuther die Delegierten auffordern, die Gruendung einer Versicherungsgesellschaft der Automobilarbeitergewerkschaft zu billigen, die ohne Gewinn arbeiten soll. "Die
Gewerkschaft sei gross genug," sagte Reuther, "um ihre Mitglieder auf
gegenseitiger Basis selbst zu versichern und betraechtliche Betraege
fuer die Arbeiter zuruecklegen zu koennen.
Es ist mit Sicherheit damit zu rechnen, dass auf dem AutomobilArbeiter-Kongress im April eine Erhoehung der Gewerkschaftsbeitraege und
d»r Kopfsteuer beschlossen wird. Die Beitraege sind seit 1946 nicht erhoeht worden. Sie sind die niedrigsten aller groesseren Gewerkschaften
Amerikas (monatlich 1,50 Dollar) und, nach Aussage Reuthers, reichen sie
nicht aus, um die Unkosten der Gewerkschaft im Jahre 1951 zu decken.
Der naechste groessere Schritt der Gewerkschaft auf dem Gebiet der
Tarifverhandlungen ist der Kampf um einen garantierten Jahreslohn.
Reuths»' erklaerte, die Zeit der langfristigen Vertraege wuerde ausgenützt werden, um Unterlagen zu sammeln und vorzubereiten, um die Forderung
nach einem festgesetzten Jahreslohn rechtfertigen zu koennen.
Er versprach ferner, dass die Gewerkschaft in Uashington ihren Kampf
um eine gerechte Verteilung der Lasten und ein Mobilisierungsprogramm

- 10 -

�fortsetzen werden.
Labor News fron the United States
February 16, 1951

LOHNENTUICKLUNGEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Die fortgesetzten und weitverbreiteten Bestrebungen nach einer
allgemeinen Erhoehung der Loehne hat im Lohnabkommen zwischen der U.S.
Steel Corporation und der Stahlarbeitergewerkschaft des CIO im November
vorigen Jahres ihren Hoehepunkt gefunden» Fast unmittelbar danach
folgten aehnliche Abkommen mit anderen bedeutenden Stahlerzeugern.
Die Stahlarbeitergewerkschaft Amerikas (CIO) hat mit den zwei
groessten Stahlerzeugern, der U.S. Steel Corporation und der Bethlehem
Steel Corporation Vertraege abgeschlossen und in neun Stahlfabriken sind
im Laufe des Monats November "Union-Shop"-.'ahlen zu den Gunsten der
Gewerkschaften entschieden worden.
Der Vertrag mit der U.S. Steel Corporation, der am 30. November nach
sechs-woechigen Verhandlungen abgeschlossen wurd^, sah, mit Wirkung vom
1. Dezember Lohnerhoehungen von durchschnittlich 16 Cents pro Stunde vor.
Diese Erhoehun;;en variieren von mindestens 12|- Cents pro Stunde fuer die
niedrigsten Lohngruppen bis zu 28 Cents fuer die hoechsten. Die Arbeiter
in den Fabriken der Tennessee Kohle -Eisen-und Eisenbahn-','erken erhalten
zusaetzlich 4«? Cents pro Stunde, wodurch die Ortsklassenunterschiede in
den noerdlichen und suedlichen Zweigbetrieben der U.S. Steel Corporation
um 10 Cents reduziert werden. An der Ablauffrist des bestehenden Vertrages, naemlich dem 31. Dezember 1951, aendert sich nichts.
Nur wenige Stunden nach der Unterzeichnung des Vertrags mit der U.S.
Stsel Corporation wurde ein Abkommen mit der Bethlehem Steel Corporation
erzielt, in dem aehnliche Lohnerhoehungen vorgesehen sind. Unmittelbar
hierauf folgten Vertraege mit der Jones und Laughlin Stahl Corporation,
Republic Stahl Corporation, Youngstown Blech-und Roehren-Corporation
und Allegheny Ludlun Stahl Corporation, in denen aehnliche Bestimmungen,
wie in dem Vertrag mit den U.S. Steel ',,'erken enthalten sind.
V/aehrend im November Lohnverhandlungen gefuehrt wurden, fuehrte der
Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen gemaess dem Gesetz ueber ArbeitgeberArbeitnehmer Beziehungen aus dem Jahre 1947 in neun stahlerzeugenden
Unternehmen "Union-Shop"-'.'ahlen durch.
In allen Betrieben sprach sich die Mehrzahl der Arbeitnehmer fuer den
"Union-Shop" aus und ermoeglichte es damit der Gewerkschaft, in den Tarifverhandlungen mit UnternehmernMUnion-Shop^BestimcBungen zu vereinbaren.
Im groessten Zweigunternehmen der U.S. Steel Corporation, der CarnegieIllinois Steel Corporation, stimmten nahezu 63.000 von 82.000 stimmberechtigten Arbeitnehmern mit etwa 3:1 Stimmen fuer den "Union-Shop". "UnionShog"-Uahlen wurden ferner in folgenden Unternehmen durchgefuehrt: National
Roehren Company, Ailegheny-Ludlum Stahl Corporation, American Stahl und
Draht Company, American Bridge Company und Laughlin Steel Corporation,
Crucible Steel Company und Sharon Steel Corporation.
Ende Oktober fuehrte der Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen Vertreterwahlen fuer die Arbeitnehmer der ','eirton Steel Corporation in Ueirton
('.'est-Virginia) durch. Die unabhaengige Stahlarbeitergewerkschaft setzte
sich dabei mit 7.291 gegen 3.454 Stimmen gegen die Stahlarbeitergewerkschaft des CIO durch. Nur 267 Stimmberechtigte beteiligten sich nicht an

- 11 -

�der Abstimmung.
Etwa 17.000 Arbeitnehmer der Yfestern Electric Company aus 43 verschiedenen Staaten und 16.000 Arbeiter, die bei der Michigan Bell
Telephone Company beschaeftigt sind, traten am 9. November in den Streik,
weil man sich nicht mit den Unternehmern ueber Loehne und die Dauer der
Tarifvertraege einigen konnte. Der Streik hielt an, und die Arbeiter
stellten vor den Telephonfabriken und Bueros bis zum 19. November Streikposten. Zu diesem Zeitpunkt kamen neue Vertraege zwischen den Unternehmern und der Gewerkschaft der Telephon-und Telegraphenarbeiter (CIO)
zustande.
In den Tarifvertraegen der Vestern Electric Company sind Lohnaufbesserungen fuer Installationsarbeiter von durchschnittlich 11,3 Cents
pro Stunde, von 10,3 Cents fuer Lagerarbeiter und 10,1 Cents fuer
Produktionsarbeiter in der Fabrik in Haverhill vorgesehen, die der
Company gehoert. Alle diese Vertraege haben eine Gültigkeitsdauer von
15 Monaten und laufen am 15. Februar 1952 ab. In dem Tarifvertrag der
Michigan Bell Company werden die Lohnerhoehungen der Arbeiter von Detroit
von 3 Dollar auf 5 Dollar woechentlich heraufgesetzt. Ortsklassenunterschiede zwischen Detroit und kleineren Staedten wurden durch eine Neuklassifizierung 63 verschiedener Staedte reduziert. Dadurch wurden die
Wochenloehne stellenweise um 9 Dollar erhoeht.
Am 19. November wurde von den vier groessten Fernsehsendern und der
sogenannten "Television Authority" ein vorlaeufiger Zwei-Jahresvertrag
unterzeichnet. Diese Organisation repraesentiert etwa 25.000 Angestellte
des Rundfunk- und Fernsehwesens, die fuenf Zweigorganisationen der Gewerkschaft der Schauspieler und Kuenstler Amerikas (AFL) angehoeren,
naemlich der amerikanischen Schauspieler-Vereinigung, dem amerikanischen
Verband der Rundfunkkuenstler, der amerikanischen Gilde der Musiker, der
Gilde der Variete -Kuenstler und der Vereinigung der Chorsaenger.
In dem Vertrag wurden folgende Mindestloehne festgesetzt:
1. Fuer Schauspieler 50 bis 170 Dollar pro Vorfuehrung je nach
der Zahl der Zeilen, die zu sprechen sind, der Dauer der Vorfuehrung und der Zahl der erforderlichen Probenstunden.
2. Fuer volkstuemliche Darbietungen 200 Dollar fuer einen einzigen
Auftritt bis zu 475 Dollar fuer vier Auftritte.
3. Fuer Sportberichterstatter 200 Dollar fuer jeden Bericht einer
groesseren Veranstaltung oder 550 Dollar woechentlich fuer
sieben Veranstaltungen der gleichen Sportart.
Auf provisorischer Basis wurde auch ein Abkommen zwischen den bedeutendsten Rundfunksendern und der amerikanischen Gewerkschaft des Rundfunkpersonals abgeschlossen. In ihm ist eine Erhoehung der Mindestlohntarife von 15 bis 20# vorgesehen, was sich auf etwa 5.000 Schauspieler
und Sprecher des Rundfunks auswirken wird.
Nahezu 60.000 Mitgliedern der Internationalen Gewerkschaft der Damenoberbekleidung sarbeiter (AFL) in New York, New Jersey und Connecticut
wurde von Sol A. Rosenblatt, dem unparteiischen Vorsitzenden der Industrie
fuer Damenmaentel und -Kostueme in New York, mit 'Tirkung vom 20. November
eine Lohnerhoehung von fuenf Dollar in der 'Joche gewaehrt. Die Gewerkschaft
und die Unternehmer hatten sich an Rosenblatt gewandt, nachdem sie auf dem
Verhandlungsweg keine Einigung erzielen konnten. Die Stundenloehne der
Arbeiter wurden um 142 Cents erhoeht. Die Lohnerhoehungen fuer Akkordarbeiter werden auf prozentualer Basis errechnet.
David Dubinsky, der Vorsitzende der Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft, erklaerte, dass diese Lohnerhoehung bahnbrechend sein wuerde,

-12-

�um fuer 370.000 weitere Mitglieder der Gewerkschaft in den Berufen und
Industriezweigen der Bekleidungsherstellung im Zustaendigkeitsbereich
der Gewerkschaft Lohnerhoehungen aufgrund der Steigerung der Lebenshaltungskosten durchzusetzen.
Nachdem das Buero fuer Arbeitsstatistik im November mitgeteilt
hatte, dass der Verbraucherpreisindex in der Zeit vom 15. Juli bis
15 Oktober von 172,5 auf die zuvor nie erreichte Zahl 174,8 gestiegen
sei, wurde etwa einer Million Arbeiter aufgrund dieser Erhoehung eine
Lohnaufbesserung gewaehrt. Vor allem kamen hierfuer mehr als 600.000
Arbeiter der Automobilindustrie in Frage, in deren Tarifvertraegen
Stufen-Klauseln enthalten sind. Diese Automobilarbeiter erhielten mit
V.'irkung vom 1. Dezember Stundenlohnerhoehungen von drei Cents.
Am 12. November kam zwischen den Kugellagerwerken Timken und der
Stahlarbeitergewerkschaft des CIO ein Abkommen zustande, in dem 16.000
Arbeitern in sechs Betrieben in Ohio eine Lohnerhoehung von 10$ zugesprochen wurde. Der Vertrag, der bis Juli 1952 gueltig ist, enthaelt
keine Bestimmungen ueber eine Neuaufnahme von Lohnverhandlungen.
Eine Reduzierung der Grundarbeitszeit von 225 auf 210 Arbeitsstunden im lionat ohne einen finanziellen Verlust wurde von einem Krisenausschuss des Praesidenten zu Anfang November fuer 1.800 Pullman
Lokomotivfuehrer vorgeschlagen. V.'enn das Pullman-Unternehmen und die
Gewerkschaft der Lokomotivfuehrer im Staate Indiana mit diesem Vorschlag
einverstanden waere, wuerde sich eine Lohnerhoehung von etwa 10 Cents
pro Stunde ergeben.
Die Elektrogesellschaft Mestinghouse und die Gewerkschaft der Vereinigten "lektro-, Radio- und Ilaschinenarbeiter schlössen einen neuen
Vertrag ab, durch den 19.000 Arbeiter in 21 Betrieben rueckvirkend zum
18. Dezember Stundenlohnerhoehun en von 10 Cents erhalten. Der Vertrag,
der mit ','irkung von 1. November ein Jahr Gueltigkeit hat, sieht vor, dass
fuenf Monate nach Inkrafttreten des Vertrags neue Lohnverhandlungen aufgenommen werden koennen.
Monthly Labor Review
1/51

DIE INVALI^NUNT^tSxUJTZUNG IN DER US-BEKLEIDUMGSINDUSTRia
Von den Gewerkschafts- und Unterneiimervertretern im Vereinigten
Versicherungsfonds ist fuer die gesamte Industrie vor kurzem ein Abkommen
getroffen worden, nach den die Arbeiter der Herren- und Kiwbenbekleidungsindustrie, die total und dauernd erwerbsunfaehig sind, Pensionen auch dann
erhalten, wenn sie das Pensionsalter von 65 Jahren noch nicht erreicht
haben.
Funktionaere der Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter Amerikas und
der Arbeitgebervereinigung erklaerten, dass damit zum erstenmal auf
industrieweiter Basis dauernd und total Erwerbsunfaehigen Pensionen gesichert seien.
Von den 150.000 Bekleidungsarbeitern, fuer die die Gewerkschaft
Tarifvertraege abgeschlossen hat, v/erden diejenigen Anspruch auf Invalidenunterstuetzung haben, die 20 Jahre in der Industrie beschaeftigt waren und
deren Arbeitgeber ,/iindestens zwei Jahre vor Beginn ihrer Unterstuetzungsberechtigung regelmaessig 3% ihres Y.'ochenlohnes in den Versicherungsfonds
gezahlt haben. Die Arbeitsunfaehigkeit muss nach dem 1. Juli 1947 einge-

- 13 -

�treten sein.
Ln Rahmen eines Pensionsplanes der Bekleidungsarbeitergewerkschaft,
der seit Januar 1947 Gueltigkeit hat, erhalten mehr als 6000 pensionierte
Bekleidungsarbeiter zusaetzlich zu ihren Pensionen aus der bundesstaatlichen Sozialversicherung monatlich 50 Dollar, wodurch ihr Gesamteinkommen auf durchschnittlich 116 Dollar pro Monat erhoeht wird, wenn
sie das 65. Lebensjahr erreicht haben. Diejenigen Bekleidungsarbeiter,
die vor Erreichen des 65. Lebensjahres Anspruch auf Invalidenunterstuetzung haben, erhalten monatlich 50 Dollar aus den Industriefonds.
Mit 65 Jahren steht ihnen eine zusaetzliche Unterstuetzung aus der bundesstaatlichen Sozialversicherung zu.
Labor News frora the United States
2/16/51

MAaSHALLPLAMADmtilS'lViATOa WILLIAM G. POSTER ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTSLAGE
Kurz vor seiner Abreise gab William G. Foster, der Administrator fuer
den Marshallplan, vor franzoesischen Journalisten ein Interview, das
folgenden Wortlaut hatte:
Kein Buerger der freien V.'elt braucht daran erinnert zu werden, dass
wir in einer Zeit grosser Gefahren leben. Wir werden mit kriegerischen
Massnahmen von jenen bedroht, die gern die Freiheiten zerstoeren moechten,
aber auch die Kulturen und die verschiedenen Lebensformen, die in Jahrhunderten hervorgebracht wurden.
Aber auch in dieser Zeit der Krise ist es selbstverstaendlich, dass
Schiessereien nieiiials in sich selbst eine Loesung der Probleme menschlicher
Beziehungen darstellen. Die Geschichte zeigt, dass es moeglich ist, einen
Krieg zu gewinnen und doch dabei versagen kann, eine bessere Loesung der
Hauptprobleme zu finden. Es ist deshalb eine dringende Notwendigkeit, dass
wir als freie Menschen auf friedlichem Wege wirkliche Loesungen suchen
muessen. Uir muessen, wie mein Freund Paul Hoffman es ausdrueckte, "den
Frieden weiterfuehren".
Wir muessen auch dann so handeln, wenn wir kluge und jetzt notwendig
werdende Schritte wie den der Wiederaufrüstung gehen. Das ist das Mittel,
das der freie Mensch jetzt ergreifen muss. Es lehnt die These des
Schiessens, des Bombenwerfens und aller den Krieg begleitenden Schrecken
ab.
Wir sind uns darueber im klaren, dass unsere Ruestung, die in Verbindung mit militaerischer Bereitschaft steht, Bestandteile moralischer,
politischer und wirtschaftlicher Natur enthalten muss.
Mein Hauptinteresse liegt natuerlich beim Marshallplan. Der moralische
und politische Glaube, den die alte Welt mit der neuen teilt, findet jetzt
seinen wirtschaftlichen Ausdruck in den vereinten Anstrengungen, die
materiellen Lebensbedingungen der Maenner, Frauen und Kinder Westeuropas
zu erhoehen.
Die Marshallplanverwaltung hat wiederholt ihr Interesse zum Ausdruck
gebracht, die europäische Produktion zu steigern, und zwar nicht allein
durch den Export, obgleich dieser ein Schluessel zum besseren europaeischen
Lebensstandard ist. Aber wir begruessen jede hoehere Produktion, da es

- 14 -

�dann mehr industriell hergestellte Gueter gibt, die unter den
europaeischen Voelkern zur Verteilung kommen koennen.
Die freien Gewerkschaften bestehen darauf, dass die Arbeiterschaft einen gerechten Anteil an den Erfolgen ihrer Arbeitsleistungen
hat.
Dies ist gerecht und selostverstaendlich, aber die Marshallplanlaenderrauesseneinen weit groesseren Produktionsurafang erreichen,
damit die Anteile fuer jeden einzelnen groesser werden koennen. Ich
habe der Verwaltung fuer europaeische wirtschaftliche Zusammenarbeit
vorgeschlagen, dass Kuropa seinen jaehrlichen Ausstoss von dem Stande
des letzten Jahres mit 160 Milliarden Dollar auf 260 Milliarden in
diesem Jahre steigert. Das kann durchaus erreicht werden. Die Vereinigten Staaten mit nur 150 Millionen Einwohnern haben im Gegenaat»
zur westeuropäischen Bevoelkerung mit 270 Millionen fuer fast 300
Milliarden Dollar Gueter produziert.
Ich glaube, dass dieses Ziel sogar erreicht werden kann und die
notwendigen Anstrengungen mit ganzem Herzen durchgeführt werden, wann
am 30. Juni 1952 der Marshallplan zu Ende geht. Bei der Groesse der
Verteidigungsaufgaben, die uns von der kommunistischen Ruestung aufgezwungen werden, und die immer klarer werden, rueckt die Notwendigkeit fuer gesteigerte europaeische Produ-ctionsanstrengungen immer
schaerfer in den Blickpunkt.
Es ist der einzige V.'eg, den Lebensstandard auf einer vernuenftigen
Ebene zu behaupten, waehrend gleichzeitig eine staerkere 'Wirtschaft und
ein staerkerer militaerischer Schutz aufgebaut wird. Ich kann nicht
versprechen, dass dies leicht sein wird. Alle Formen wirtschaftlicher
Belastung werden jetzt der amerikanischen Wirtschaft auferlegt. Es ist
unvermeidlich, dass einige dieser Lasten sich in der Hilfe zurueckspiegeln, die wir Westeuropa geben koennen. Da wir jedoch das gleiche
Ziel haben, werden wir in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit die Wege
und Mittel finden, uns zu verteidigen, waehrend wir zu gleicher Zeit
gemeinsam daran wirken, den Frieden an allen Fronten zu erhalten.
General Marshall sagte, als er ueber die Wirtschaftliehe Erholung
Westeuropas sprach, dass beinahe ein Wunder vollbracht worden sei. Es
liegt heute an uns, um ein gleiches Wunder fuer die moralische,
politische, wirtschaftliche undrailitaerischeStaerke unseres Gebaeudes
zu erbitten und zu erarbeiten. Das ist das Licht der Zukunft, fuer das
wir geraeinsam voranschreiten muessen.

REGIERUNGSANGESTELLTE IN CHILE ERHALTEN GEHALTSAUFBESSERUNGEN
In Chile wurde eine 35prozentige Gehaltserhoehung fuer die etwa
100.000 Angestellten der chilenischen Regierung gesetzlich angeordnet.
Ausserdem sollen die Angestellten zwoelf verschiedener Beschaeftigungsgruppen der Regierung in hoehere Gehaltsgruppen eingestuft werden. Alle
Angestellten, die nicht hoeher eingestuft werden, erhalten eine Lohnerhoehung, die einer hoeheren Einstufung um eine volle Gehaltsgruppe entspricht. Fuer die Angestellten der juristischen Faecher ist zusaetzlich
zu der 22.6 prozentigen Gehaltsaufbesserung eine Erhoehung um 20$ vorgesehen. Familienzulagen werden um 66$ erhoeht. In dem gleichen Gesetz•
wird eine Erhoehung der Steuern vorgenommen, um die Gehaltsaufbesserungen
finanzieren zu koennen. Erhoehungen sind weiter vorgesehen fuer die
Einkommensteuern bestimmter Gruppen und fuer Steuern auf bestimmte Verbraucherartikel. Die Bestimmungen fuer Einkommensteuern sind rueckwirkend
zum 1. Januar 1950 geltend und beziehen sich demnach auch auf das Einkommen des Jahres 1949»
Notes on Labor Abroad
m/50

- 15 -

�\

DIE GEIJERKSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG IN BURMA
Am 21. September 1950 hat der Lxekutionsausschuss der Friedensliga
antifaschistischer Voelker (AFPFL), eine Koalition von Parteien,
Organisationen und Einzelpersonen, den Vorsitzenden und Vizevorsitzenden
des burmesischen Gewerkschaftsbundes (TUC) und diesen Gewerkschaftsbund
selbst solange aus seinen Reihen ausgeschlossen, bis diese beiden
Funktionaere durch andere ersetzt sind. Es handelt sich um Thakin Lwin
und Thakin Hla Kywe, die sowohl auf politischem als auch auf gewerkschaftlichem Gebiet fuehrende Persoenlichkeiten sind. Die einzige legale
burmesische Gewerkschaftsfoederation ist zurzeit der obengenannte Gewerkschaftsbund, der unter der Schirmherrschaft der sozialistischen Partei im
Jahre 1945 gegruendet wurde, und den wichtigsten Bestandteil der AFPFL
bildet. Der TUC Burmas zaehlte gegen Ende des Jahres 1949 etwa 100.000
Mitglieder. Unterrichtete Beobachter bezeichneten diese Massnahmen der
AFPFL als einen der bedeutendsten politischen Schritte, die die Regierung
in Burma seit der Festnahme der komnunistisehen Fuehrer nach dem offenen
Aufruhr im Jahre 1948 unternojamen hat. Nach ihrer Auffassung bringt sie
die Entschlossenheit der Regierung und der sozialistischen Fuehrer zum
Ausdruck, den kommunistischen Einfluss auf die Gewerkschaftsoewegung endgueltig zu beseitigen.
Der Exekutivausschuss der AFPFL hat die beiden Funktionaere ausserdem aufgefordert, ihre Mandate im Parlament niederzulegen, die sie aufgrund ihrer Zugehoerigkeit zur AFPFL erlangt hatten. Diese Beschluesse
wurden von Premierminister Thakin Nu in seiner ?Ugenschaft als Vorsitzender
der AFPFL bekanntgegeben. Als Begruendung wurde angegeben, dass die beiden
Gewerkschaftsführer die Programme und Taetigkeiten der AFPFL staendig
bekaerapft und ins Laecherliche gezogen haetten und durch die Zersetzung
der AFPFL eine Konkurrenzorganisation ins Leben rufen wollten. Der
Premierminister erklaerte ferner, dass sie Reden gehalten haetten, deren
Inhalt mit den Grundsaetzen der AFPFL nicht zu vereinbaren sei.
Thakin Lwin hatte am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, den burmesischen
Gewerkschaftsbund TUC aufgefordert, sich dem kommunistischen Ueltgewerkschaftsbund anzuschliessen. Thakin Hla Kywe hatte am 5. September 1950
in einer Rede die militaerischen Operationen der Nordkoreaner in SuedKorea unterstuetzt.
Im Monat Oktober hatten Thakin Lwin, Thakin Hla Kywe und sieben andere
Mitglieder des burmesischen Gewerkschaftsbundes ihre Aemter in Ausschuessen
und Komitees der Regierung niedergelegt, mit denen sie als Mitglieder der
AFPFL betraut worden waren. Nach 12taegigen Verhandlungen reichten die
beiden Funktionaere ihre Ruecktrittsgesuche beim TUC ein und der Exekutivausschuss dieser Organisation beschloss sie anzunehmen.
Zum Praesidenten des TUC wurde der frühere Hauptkassierer dieser
Organisation Thakin Lu Aye ernannt. Vizevorsitzender wurde Thakin Tin
Nyunt, der parlamentarische Sekretaer des Arbeitsministeriuias, der lange
von seinem Amt als Generalsekretaer des TUC beurlaubt war. Thakin Khin
Zaw wurde vom geschaeftsfuehrenden zum staendigen Generalsekretaer der
Organisation befoerdert. Der Exekutivausschuss bewarb sich sodann um den
VJiederanschluss des TUC an die AFPFL, und am 29. Oktober kuendigte der
Exekutivausschuss der AFPFL an, dass er diesem Ersuchen stattgegeben habe.
Vor wenigen Tagen erst setzten sich Thakin Lwin und Thakin Hla Kywe"
an die Spitze einer Gruppe linksorientierter Kreise, die aus der
sozialistischen Partei austraten und die Absicht hatten, eine neue
burmesische Arbeiter- und Bauernpartei zu gruenden. Die sozialistische
Partei hat dazu entsprechende Liassnaiimen unternommen, um eine Zersetzung
der Arbeiter- und Bauernorganisation zu vermeiden.
Notes on Laoor Abroad
XI1/50

- 16 HTnv. n m* M ..iLii •• &gt;• n -

�Internationale

ARBEITSMTTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 9

Frankfurt, 2. Maerz 1951
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

CIO schlaegt Steuerprogramm zur Finanzierung der
Verteidigungsausgaben vor
Die Tagesordnung fuer die 12. Sitzung des M r t schafts- und Sozialrates der Vereinten
Nationen

1

3

US-Gewerkschaftsfunktionaere in Regierungsstellungen berufen

4

Der amerikanische Gewerkschaftssender WFDR

5

US-Gewerkschaftsfuehrer antwortet den Isolationisten

6

Hohe Geldstrafe fuer illegalen Streik einer
amerikanischen Gewerkschaft

13

Soziale Fortschritte in den Renault-Werken

14

Bezahlung nach Leistung fuehrt zu hoeherer
Produktion

16

CIO SCHLAEGT STEÜBRPR03RAMM ZUR FINANZIERUNG DER VERTEIDIGUNGSAUS3A3EN VOR
Der Wirtschaftsberater des CIO, Stanley Ruttenberg, hat am
21. Februar vor dem zustaendigen Ausschuss des Weissen Hauses
zum Ausdruck gebracht, dass die 16 Milliarden Dollar Steuern,
die zur Finanzierung der Verteidigungsausgaben gebraucht werden,
nicht die niedrigen Einkorumensgruppen treffen duerften.
"•Venn man die Moeglichkeiten uebersieht, die sich zur
Erhebung dieses Betrages bieten, wird man feststellen, dass der
einfache Weg nicht unbedingt der richtige sein muss," sagte er.
- 1

�Er wies auf die Gefahren hin, die entstuenden, wenn man die
Steuerlast den Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen
aufbuerden wolle, weil man der Meinung sei, dass diese Steuern
am leichtesten einzutreiben seien.
"Die Ungerechtigkeit dieser Steuertheorie duerfte fuer alle
offensichtlich sein. Millionen von Familien haben keine Mittel
im Ueberfluss, durch die die Nachfrage nach knappen Waren gesteigert werden koennte. Millionen smerikanischer Familien
haben kaum genuegend Einkommen, um sich die Mindestausgaben, dl«
fuer ein angemessenes Familienleben notwendig sind, leisten zu
koennen. Eine weitere Erhoehung der Steuern dieser Familien
wuerde ihnen die Moeglichkeit nehmen, die Waren zu kaufen, die
fuer die Erhaltung der Gesundheit und ein anstaendiges Dasein
wesentlich sind."
Das Steueraufkommen koennte nach Auffassung Ruttenbergs
dadurch vermehrt werden, dass man bestehende Luecken im Steuergesetz schliesst, was eine Erhoehung um 4,5 bis 5 Milliarden
zur Folge haette, dass ferner neue Steuern fuer Gesellschaftsunternehmen festgesetzt wuerden, was eine Steigerung um 8 oder
9 Milliarden Dollar ergeben wuerde, und dass man schliesslich
die Einkommensteuer fuer Privatpersonen erhoeht und das Steueraufkommen dadurch um 3,5 bis 4 Milliarden Dollar vermehrt.
Zu dieser Einkommensteuer schlug Ruttenberg vor, dass
Familien mit einem Einkommen von weniger als 4000 Dollar
jaehrlich keine hoeheren Steuern als gegenwaertig zahlen sollen,
und dass solchen mit einem Einkommen zwischen 4000 und 5000 Dollar nicht so hohe Steuererhoehungen auferlegt werden sollen
wie den Familien mit hoeheren Einkommen«
Er forderte, dass die uebermaessigen Gewinne der grossen
Unternehmen mit 85 % besteuert werden, und dass andere Unternehmersteuern strenger gehandhabt werden muessten, "um grosse
Gewinne als Folge des Mobilisierungsprogramms zu vermeiden."
Es schlug folgende Massnahmen zur Schliessung der Luecken
in den Steuergesetzen vor, "die die Reichen auf Kosten der
Masse der Amerikaner noch reicher machen":
1. Die Bestimmung des Einkommensteuergesetzes ueber
Gemeinschaftseigentum muss abgeschafft werden, da sie den
Familien mit Einkommen von ueber 4900 Dollar jaehrlich ermoeglicht, 2,5 Milliarden Dollar an Steuern einzusparen.
2. Die Grundstuecks- und Geschenksteuer muss erweitert
werden, wodurch das Steueraufkommen um eine Milliarde Dollar
erhoeht werden kann.
3. Die Steuern fuer Kapitalgewinne muessen von den gegenwaertlgen 25 % auf mindestens 50 % erhoeht werden.
4. Steuerverguenstigungen fuer Zinsen aus staatliehen und
lokalen Wertpapieren muessen abgeschafft werden.
5. Von Dividenden- und Zinsenzahlungen muessen wie bei
Loehnen und Gehaeltern Steuern einbehalten werden.
6. Die gegenwaertigen Steuerverguenstigungen fuer Gewinnanteile fuer die Ausbeutung von Naturachaetzen muessen abgeschafft werden.
2 -

�7. Steuern muessen nach den regulaeren Steuersaetzen auf
solche Gewinne erhoben werden, die den obersten Betriebsleitern
grosser Unternehmen durch ihr Uebernahmerecht fuer Aktien entstehen, die sie zu Preisen kaufen koennen, die weit niedriger
als die regulaeren Marktpreise sind.
8. Die gegenwaertige "Ausgleichsteuer" fuer Lebensversicherungsgesellschaften muss ausgedehnt werden, um eine "ungerechtfertigte bevorzugte Behandlung" dieser Gesellschaften zu vermeiden.
Daily News Service
11/21/51
D I g TAGESORDNUNG FUER DIE 1 2 . SITZUNG DES WIRTSCHAFTE- UND
SÖZTALRATES DAR ygREiyiiar NATIÖNBE

Aus der vorlaeufigen Tagesordnung, die von den Vereinten
Nationen veroeffentlicht wurde, geht hervor, dass auf der Konferenz des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen,
die am 20. Februar in Santiago begonnen hat, mehrere Fragen zur
Debatte standen, die fuer die Gewerkschaftsbewegung von besonderer Bedeutung sind. Hierzu gehoertea:
1. Die Weltwirtschaftslage - in der Debatte zu dieser Frage
wurde der Vorschlag des IBFG fuer internationale Abmachungen ueber
Verbrauchsgueter zur Debatte gestellt, durch den die Preise der
lebenswichtigsten Verbrauchsgueter stabilisiert werden sollen.
2. Der Entwurf einer Vereinbarung ueber Menschenrechte und
Massnahmen zu ihrer Verwirklichung.
3. Zwangsarbeit und Massnahmen zu ihrer Beseitigung - Besprechung und Entscheidung ueber eine Entschliessung der Vereinigten Staaten und Englands zur Bildung einer gemeinsamen
Untersuchungskomission der Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation, die bereits in der 11. Sitzung
eingebracht, aber bis zur 12* Sitzung vertagt worden war.
4. Gewerkschaftliche Rechte - Entscheidung ueber die
Behandlung der Beschwerden, die von acht Gewerkschaftsorganisationen wegen Verletzung gewerkschaftlicher Rechte gefuehrt wurden.
Diese Beschwerden wurden eingereicht von:
a) dem IBFG, der Sowjetrussland beschuldigt, die Interessen der Gewerkschaftsbewegung denen der kommunistischen Partei
untergeordnet zu haben und wirkliche Gewerkschaften voellig zu
unterdruecken;
b) dem Weltgewerkschaftsbund, der die Japanische Regierung
und die amerikanische Besatzungsmacht beschuldigt, die Japanischen
Arbeiter zu unterdruecken und sich zu weigern, der Japanischen
kommunistischen Partei die politische und soziale Betaetigung zu
erlauben;
c) der allgemeinen Union der spanischen Exilgewerkschaften,
(in Toulouse, Frankreich) die den Vorwurf erhebt, dass seit
Maerz 1939, "dem Zeltpunkt, als die falanglstlsche Diktatur die
politische Herrschaft ueber Spanien mit Gewalt an sich riss",
dem spanischen Arbeiter alle gewerkschaftlichen Rechte versagt
wurden. In der Beschwerde heisst es, dass die Bestimmungen der
sogenannten "vertikalen" Gewerkschaften, die In Spanien zur Zeit
gueltig sind, von der Regierung vorgeschrieben und den Arbeitern
aufgezwungen wurden. (Die klagefuehrende Gewerkschaft ist Mitglied des IBFG).
- 3 -

�d) der Gewerkschaft "De Metaal" (Amsterdam), die sich
darueber beschwert, dass verschiedene Unternehmer in der Metallindustrie den gewaehlten Delegierten hei der Ausfuehrung ihrer
Arbelt fuer die Gewerkschaft, der sie angehoeren, Schwierigkeiten machen, und sie sogar mit Entlassung bestraften. Die
Gewerkschaft fordert die Regierung auf, Massnahmen zum Schutze
der gewerkschaftlichen Rechte der hollaendischen Arbeiter zu
ergreifen. (Diese Gewerkschaft ist dem EVC angeschlossen, der
seinerseits Mitglied des IBFG ist.)
e) dem allgemeinen franzoesischen Gewerkschaftsbund CGT,
der kommunistisch orientiert ist und der der amerikanischen
Regierung und Mac Arthur vorwirft, die in der Charta der Vereinten Nationen enthaltenen Grundsaetze missachtet zu haben,
indem sie die japanische Regierung veranlasst haetten, die
Aufloesung des Zen-Ro-Ren, des Verbindungskomitees japanischer
Gewerkschaften (dem Weltgewerkschaftsbund angeschlossen) anzuordnen. Der Grund fuer diese Anordnung war dem CGT zufolge die
Verletzung des Besatzungsstatuts. (Der CGT gehoert dem Weltgewerkschaftsbund an.)
Von "Eeheidsvak Centrale" (Hollaendischer Gewerkschaftsbund Amsterdam) wurde die gleiche Beschwerde gefuehrt. Die Gewerkschaft ist ebenfalls Mitglied des Weltgewerkschaftsbundes.
f) der Union der Vereinigten Gewerkschaften Kameruns
(Duala, Franzoesisch-Kamerun), die den franzoesischen Behoerden
Unterdrückung der Gewerkschaften, Festnahme und Inhaftierung
bestimmter Gewerkschaftsfuehrer und das Unterlassen vorwirft,
ein demokratisches Arbeltsgesetz einzufuehren. (Diese Gewerkschaft ist kommunistisch.)
g) der allzyprischen Gewerkschaftsfoederation (Nicosia,
Zypern), die die Regierung Israels beschuldigt, den 5. Jahreskongress Arabischer Gewerkschaften verboten zu haben. (Diese
Foederation ist Mitglied des Weltgewerkschaftsbundes).
5. Regierungsunabhaengige Organisationen - dieser Punkt
ist fuer die Gewerkschaften von wesentlicher Bedeutung, weil
der Wirtschafts- und Sozialrat ueber die Gesuche des Internationalen Metallarbeiterverbandes und des Internationalen Verbandes Freier Journalisten um einen mitberatenden Status innerhalb des Rates entscheiden wird. Ueber die Bewerbungen zum
mitberatenden Status, die vom Internationalen Verband der
Handels-, Buero- und technischen Angestellten, Internationalen
Bergarbeiterverband und dem Internationalen Bekleidungsarbeiterverband eingereicht wurden, wird jedoch erst auf einer spaeteren
Konferenz des Wirtschafts- und Sozialrates entschieden werden.
US-GEWERKSCHAFTSFUNKTIONAERE IN REGIERUNGSSTELLUNGEN BERUFEN
Zwei fuehrende Gewerkschaftsfunktionaere wurden in hohe
Regierungsstellungen berufen. George M. Harrison, stellvertretender Vorsitzender der American Föderation of Labor und der
Vorsitzende der Bruederschaft der Angestellten der Eisenbahnund Schiffahrtsbetriebe, hat eine Stellung als Sonderbeauftragter
des Leiters des Amtes fuer wirtschaftliche Stabilisierung,
Eric Johnston, uebernommen, der er jedoch nur einen Teil seiner
Arbeitskraft widmen wird. Harrison erklaerte, dass er diesen
Posten uebernehmen werde, weil dieser eine wirkliche Moeglichkeit
in sich traegt, an der Formung politischer Entscheidungen teilzuhaben, soweit diese Angelegenheiten der wirtschaftlichen Stabilisierung und ihre Verwaltung betreffen.
- 4 -

�Der Vorsitzende der internationalen Vereinigung der
Maschinisten,A. J. Hayes, ist als Sonderbeauftragter in das
Verteidigungsministerium berufen worden, weil er sich mit den
Problemen der militaerlschen Arbeitskraefte beschaeftigen wird.
Hayes, der ein Vertreter fuer Frau Anna M. Rosenberg sein wird,
der stellvertretenden Sekretaerin im Verteidigungsministerium
fuer Arbeitskraft- und Personalfragen, erklaerte sich bereit,
auf der Grundlage von etwa zwei vollen Arbeitstagen in der Woche
ausschliesslich fuer dieses Amt zu arbeiten und je nach Bedarf
auch zu anderen Zeiten. Daneben wird er selbstverstaendlich
sein Amt als Vorsitzender der Maschinistengewerkschaft weiterfuehren.
DER.AMERIKANISCHE OEWERKSCHAFTSSENDER WFDR
Moechten Sie Fragen und Antworten ueber das neue Sozialversicherungsgesetz hoeren? Oder die letzten Nachrichten ueber die
Gewerkschaften in England? Moechten Sie wissen, womit die
Gewerkschaftsbewegung in New York beschaeftigt ist? Wuenschen
Sie Musik - klassische Konzerte, Jazz oder Opern?
Diese Fragen umschliessen die grosse Zahl der Themen, die
in einer Woche von dem ersten gewerkschaftseigenen und von der
Gewerkschaft betriebenen Rundfunksender WFDR behandelt werden
koennen. Der Sender ist Eigentum der Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft der AFL.
Der Sender, der nach Praesident Roosevelt benannt Ist und
zu den drei Stationen gehoert, die sich im Besitz der Damenoberbekleldungsarbeitergewerkschaft befinden, steht seit fast zwei
Jahren im Dienste der amerikanischen Metropole und der Gewerkschaftsbewegung. (Die beiden anderen Rundfunkstationen dieser
Gewerkschaft stehen (KFMV)in Los Angeles und (WVUN) in Chattanooga,
Tennessee). Ausserdem gibt es noch andere Sender der Gewerkschafte
Die Rundfunkstation WFDR ist in ihrem Programm bestrebt,
den vielseitigen Anspruechen ihrer Hoerer gerecht zu werden.
Die Hoererzahl dieses Senders hat sich seit einem Jahr verfuenffacht und belaeuft sich heute in New York auf ueber 50.000.
Der WFDR,'der in den neu ausgestatteten Studios im Gebaeude
der Internationalen Damenoeberbekleidungsarbeitergewerkschaft
untergebracht ist, ist unter der Leitung des Generalintendanten
Lou Frankel zu einem wichtigen Werkzeug der Gewerkschaft bei der
Verbreitung ihrer Nachrichten und Mitteilungen geworden.
Das Nachrichtenprogramm dieses Senders enthaelt Informationen
aus der Gewerkschaftsbewegung, die sich auf direkte Berichte
stuetzen und nicht nur eine Weitergabe uebermittelter Nachrichten
sind» Als zum Beispiel David Sulliman, der Vorsitzende der
Ortsgewerkschaft 32 B der Gewerkschaft Buerohausbedienstete
den Abschluss der TarifVerhandlungen ankuendigen sollte, fand
sich der WFDR mit seinem tragbaren Mikrofon ein und nahm die
Erklaerung Sullivans auf, in der er die Beendigung des Streiks
anordnete. 15 Minuten spaeter wurde der Bericht von dem Sender
durch den Aether verbreitet.
Als der Hauptkassierer der AFL Meany nach der Jruendun^ des
Internationalen Bundes Freier jewerkschaften aus London zurueckkehrte, war ein Reporter des WFDR mit seinem Mikrofon am Kai.
Wenige Stunden spaeter wurde der Bericht Meanys uebertra&lt;?en.
Der WFDR brachte im vergangenen Jahr zahlreiche Sfdungen

�ueber Samuel Gompers und sein Leben, in denen das Andenken dieses
grossen Arbeiterführers geehrt wurde.
Frank Edwards gibt allabendlich ueber den WFDR Nachrichten
der AFL. Dieser Sender ist ein Forum fuer die Gewerkschafter
aus aller Welt, die die Vereinigten Staaten besuchen. Im Mittelpunkt einer der besten Sendungen dieser Station stand vor kurzem
Irving Brown, der europaeische Vertreter der AFL.
Aber man glaube nicht etwa, dass das Programm des WFDR mit
unnuetzen Reden ueber Krisen und Bedingungen und dergleichen
ueberladen ist. Mit an erster Stelle steht im Programm ein
elementarer Musikunterricht, der nicht in der ueblichen Form
gegeben wird, sondern fuer die Erwachsenen zugeschnitten ist und
musikalische Debatten zwischen Anhaengern klassischer Musik und
den Jazzbegeisterten enthaelt. "Variety", die Wochenfibel der
Vergnuegungsindustrie, lobt diese Sendung in ihrer Kritikspalte
in den hoechsten Toenen.
WFDR ist eine Rundfunkstation fuer Erwachsene und ist ausserdem der Sender der Stadt. Bei der Ausarbeitung der Programme
sind immer zwei Fragen ausschlaggebend: Dienen sie der Gemeinschaft? Sind sie interessant? Wenn beide Antworten positiv
sind oder nur eine Moeglichkeit der Bejahung besteht, sagt sich
der WFDR, der jung, vorwaertsstrebend und optimistisch ist:
"Versuchen wir es!
US-GEffBRKSCHAFTSFUEHRER ANTWORTET DEN ISOLATIONISTEN
(Nachstehend werden Auszuege aus einer interessanten Rede
ueber aussenpolitlsche Fragen wiedergegeben, die
James B. Carey, der Hauptkassierer des CIO und Vorsitzende
der Gewerkschaft der Elektro-, Radio- und Maschinenarbeiter
(CIO) vor dem Industriellen Gewerkschaftsrat des CIO fuer
den Staat Ohio in Columbus gehalten hat. Carey, der Mitglied des oeffentlichen Beratungsausschusses der ECA ist,
wendet sich zugleich gegen Isolationistische Tendenzen.)
Die Welt von 1951 ist eine Welt der Unsicherheit, der
Furcht, der schrecklichen Gefahr, des Verrats, aber auch des
Mutes. Es ist ein Jahr, in dem niemand weiss, was der naechste
Monat bringen wird, ob Hoffnung oder Erfolg, Verzweiflung oder
Vertrauen, Leben oder Tod. Bis jetzt koennen wir noch nicht
wissen, wie weit Russland in seiner Sucht nach der Beherrschung
menschlicher Seelen und der Menschen selbst gehen wird. Wir
wissen heute noch nicht, ob die sowjetischen Heuschrecken am
31. Dezember 1951 den groessten Teil Asiens und ganz Europa,
mithin drei Viertel der Weltbevoelkerung, verschlungen haben
werden, oder ob dieser alte Plan Moskaus durch irgendwelche
militaerischen oder moralischen Mittel durchkreuzt werden wird,
oder ob der Kreml selbst in aufgibt.
Die Welt wird sich In diesem Jahr entscheiden muessen. Es
bleibt keine Zeit mehr zum Abwaegen, es bleibt auch nur sehr
wenig Zeit zum Experimentieren. Es bleibt praktisch nur noch
Zeit zum Handeln. Wenn wir dem russischen Volk beweisen koennen,
dass wirklicher Friede sich bezahlt macht, dann wird Russland
vielleicht auf diesem Wege die Tatsache einer Lebensauffassung
zur Erkenntnis gebracht werden. Wenn dies schnell gelingt, koennen wir ein Weltbollwerk des Friedens errichten, das niemand
zerstoerer. koennte.
Heute moechte ich von den Gefahren sprechen, die uns umgeben
6 -

�und meine Gedanken kreisen um die Frage, -wie wir uns verhalten
muessen, wenn wir einen Zusammenbruch der freien Welt, die wir
erhalten muessen, vermeiden wollen. Ich moechte Ihre Aufmerksamkeit auf die Rolle und die Verantwortlichkeiten lenken, die
der Regierung, den Unternehmern und den Gewerkschaften in diesem
Kampf zufallen.
Es scheint klar zu sein, dass wir alle in diesem Ringen
zusammenstehen muessen. Wenn wir diesen Kampf gegen den
Kommunismus verlieren, gibt es keinen Privatbesitz mehr, keine
freien Unternehmen und keine freien Bauern; die kleinen Unternehmen werden zum Bestandteil des Sowjetapparates werden, und
statt der freien Arbeiterschaft werden wir jene Art Sklavenarbeiter finden, wie wir sie jetzt in Osteuropa und China sehen.
In den kommunistischen Konzentrationslagern wird es keinen
Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern geben, und
Hoover und Acheson wuerden unter den gleichen Kugeln der Exekutionskommandos fallen.
In der Frage, wie es sich seine Freiheit erhalten kann,
naehert sich Amerika einem Scheideweg. Es gibt zwei Wege, die
uns offenstehen, und wir muessen uns fuer einen entscheiden.
Es sind jedoch voellig entgegengesetzte Wege. Wenn wir den
einen einschlagen, koennen wir die kommunistische Aggression
abschlagen, die freie Welt erhalten und erweitern und nicht nur
die Ideale der Freiheit, sondern auch einen hoeheren Lebensstandard fuer uns selbst und fuer Hunderte von Millionen anderer
Menschen verwirklichen.
Auf dem zweiten Weg jedoch wuerden wir bestenfalls aus
Amerika eine nach aussen geschlossene Festung machen, die
nach und nach zu einem faschistischen Staat degenerieren wird,
der mehr und mehr Jenen Diktaturen aehneln wuerde, die wir heute
bekaempfen wollen.
Welches sind die beiden Wege also, die uns offenstehen?
Es ist einmal die zuletzt genannte Methode, die uns vorgeschlagen wird. Man schlaegt praktisch letzten Endes vor,
dass wir unsere demokratischen Freunde auf der ganzen Welt im
Stich lassen, weil sie "unzuverlaessig" seien, dass wir uns in
unserem Kampf gegen den Kommunismus allein auf jene "zuverlaeasigen" Streiter wie Franco, Tschiang-Kei-schek, den Kaiser von
Indochina und andere Ihrer Sorte verlassen, und dass wir uns
auf unsere Kuesten zurueckziehen und uns in unsere Luftschutzkeller verkriechen.
Ob man diesen Vorschlag nun "Neuorientierung " oder
"Isolationismus" nennt, die Theorie ist die gleiche. Diese
Leute meinen, es sei hoffnungslos, auch nur den Versuch zu
wap;en, das demokratische England und Frankreich, das sozialdemokratische Korwegen oder die Schweiz oder Italien zu verteidigen.
Sie meinen, wir sollten nur kaempfen, wenn Amerika selbst angegriffen wird. Die uebrige .Veit kann nach der Auffassung dieser
Theorien zum Teufel gehen.
Diese Theorie ist keinesfalls neu. Die gleichen Leute, die
jetzt in dem Kampf gegen den Kommunismus ihre Verfechter sind,

�predigten sie bereits im Jahre 1940, als es galt, den NaziFaschismus zu bekaempfen. Sie werden sich an jene Theorie
erinnern, die das Motto "Zuerst Amerika" (America First) predigte und deren politische Fuehrer die gleichen Leute wie heute
waren,denen von ihren Goennern aus der Grossindustrie Millionen
von Dollars fuer Propagandazwecke zur Verfuegung gestellt wurden.
Als England allein fuer die Demokratie kaempfte, wollten diese
"tapferen" Maenner der Gruppe "Zuerst Amerika" dieses Land und
ganz Europa im Stich lassen. Sie hatten nicht den Mut, sich fuer
die Demokratie einzusetzen. Das war zu kostspielig. Hoeren Sie,
was ein Senator im Jahre 1940 sagte, als Frankreich ueberrannt
und England vom Blitzkrieg bedroht war:
"Ich weiss nicht, was die Deutschen zu tun gedenken, und
niemand weiss es, solange der gegenwaertige Krieg nicht beendet
ist und sich den Deutschen keine Moeglichkeit bietet, ihre
Absichten zu zeigen. Wenn wir ihre Methoden kennen, koennen wir
sie mit den gleichen Methoden bekaempfen. Wir koennen die gleichen
Massnahmen treffen, die notwendig sind, um der besonderen Art
des deutschen Blitzkriegs zu begegnen, wenn es ueberhaupt einen
solchen Blitzkrieg gibt, und wenn wir herausgefunden haben, worin dieser Blitzkrieg eigentlich besteht."
Diese bedeutsame Erklaerung hatte keinen anderen Sinn als:
"Lasst die Nazis den Krieg gewinnen, und wenn wir dann angegriffen werden, wollen wir ueberlegen, was zu tun ist."
Ist das praktisch nicht genau das Gleiche, was heute in dem
Kampf gegen den Kommunismus gesagt wird?
Als in den Jahren 1940 und 1941 Roosevelt zur gleichen
Zeit versuchte, sein Land wieder aufzuruesten, erklaerten
einige Grossindustrielle, es sei nicht noetig, dass wir mehr
Stahl, mehr Kupfer und mehr Aluminium haetten. Sie wollten die
uebliche Geschaeftstaetlgkeit und ueblichen Gewinne. Die organisierte amerikanische Gewerkschaftsbewegung war es, die die
Forderung stellte, das Land zu mobilisieren, um die Herausforderung der Nazis zurueckweisen zu koennen.
Die Politik dieser Vertreter der Isolationstheorie, die
staendig nach "freier Wirtschaft" und "Demokratie" rufen, war,
als sie sich zu entscheiden hatte, nichts anderes als eine
Politik der Abwehr. Sie hatten kein Vertrauen zur Demokratie oder
zur Freiheit. Sie waren bereit, beides aufzugeben.
Heute verfolgen sie die gleiche Politik. Waehrend die
Vertreter der Isolationstheorie grosse Reden gegen den Kommunismus
schwingen und eine Saeuberung von kommunistischen Elementen
fordern, werfen sie die Flinte ins Korn, wenn es wirklich gilt,
den Kommunismus zu bekaempfen.
Isolationismus und Kommunismus sind heute ungewollt ebenso
gute Verbuendete, wie es Faschismus und Isolationismus vor genau
zehn Jahren, in den Jahren 1941 und 1942, waren. Nur wenigen
naiven Menschen kann es heute noch als unwahrscheinlich erscheinen, wenn jene Theoretiker, in denen man rueckhaltlose Gegner
des Kommunismus vermutet, mit den Welteroberungsplaenen des Kreml
in Zusammenhang gebracht werden.
8 -

�Bewusst oder unbewusst stehen diese Theoretiker der "Neuorientierung" heute mit Joseph Stalin ebenso im Bunde wie vor
zehn Jahren mit Hitler und Mussolini.
Ist dies denn moeglich? Um zu beginnen: Heute kann nicht
einmal ein Spezialist angeben, welcher Unterschied in der Politik bestimmter Zeitungen, die die Neuorientierung oder den
Isolationismus vertreten und dem "Communist Daily Worker" besteht.
Seit der Invasion der suedkoreanischen Republik im Juni vorigen
Jahres haben beide Zeitungstypen unaufhoerlich den Abzugder
amerikanischen Truppen aus Korea verlangt. Beide haben gefordert,
dass die amerikanischen Truppen aus Asion und Europa zurueckgezogen werden. Beide Zeitungstypen haben letzten Endes erklaert,
dass die beiden Kontinente dem russischen Imperialismus auf Gnade
oder Ungnade ausgeliefert werden sollen. Beide Zeitungstypen
haben unaufhoerlich alle wichtigen Entscheidungen und Massnahmen
der Vereinten Nationen angegriffen und zu unterminieren versucht.
Die "Neuorientierung" dient aber noch auf andere Weise dem
Kreml. Diese amerikanischen Isolationisten verlangen heute genau
das, was sie in den Jahren 1940 und 1941 forderten, naemlich, dass
sich Amerika hinter seine beiden Ozeane zurueckzieht und sich in
einer Art gigantischem "Gibraltar" verschanzt, das von einer
feindlichen Welt vollkommen eingezingelt ist.
Stalin selbst koennte sich nicht mehr wuenschenl Er koennte
sich keine erfreulichere Kapitulation der Vereinigten Staaten
denken, als dass sie die demokratischen Nationen Europas und
Asiens im Stich lassen, die gerade zum erstenmal damit begannen,
der Demokratie den Weg zu ebnen. Wir wuerden der Sklavenwirtschaft Stalins unzaehlige Millionen von Maennern und Frauen ausliefern und ihm die unschaetzbar wertvollen Naturschaetze zweier
Kontinente zur Staerkung seines Kriegspotentials ueberlassen.
Ist
stehende
Wahnsinn
nennt es

es deshalb verwunderlich, dass selbst betont gegen Truman
Zeitungen, wie die "New York Herald Tribüne", diesen
nicht einmal als "Isolationismus" bezeichnen will? Sie
einfach "Zurueckzleherei".

Ich spreche so ernst zu Ihnen, wie Ich nur kann. Es gibt in
der heutigen Welt, der Walt der Atom- und Wasserstoffbombe, keine
Stelle, wo man sich vor dem Totalitarismus verbergen koennte.
Weder der Atlantische Ozean, noch der Stille Ozean oder der Nordpol bieten Schrankenl
Wir koennen uns nicht mehr in schoenen Worten ergehen oder
auf einer schoenen Etikette bestehen, wenn die Zukunft unserer
Nation auf dem Spiel steht und die Demokratie der ganzen Welt in
groesster Gefahr Ist. Wir muessen erkennen und auch offen zu
erkennen geben, dass jene Maenner, die befuerworten, dass wir
unsere Verbuendeten in diesem Kampf auf Leben und Tod aufgeben,
Verraeter sind. Isolationismus Ist heute die Fuenfte Kolonne des
Kommunismus. Isolationismus Ist ebenso unser Feind wie der Kommunismus, dem er dient. Unsere eigene Sicherheit als Nation und die
Errichtung einer demokratischen und friedlichen Welt haengen davon
ab, dass wir alles zurueckweisen, wofuer die "Neuorientierer"und
"Isolationisten" einstehen. Wir muessen uns zu unserer eigenen
Rettung und zur Rettung der Welt von jener gefaehrlichen Illusion
freimachen, dass wir ohne unsere Freunde weiterbestehen und dass
in einer Welt, die zu einem Fuenftel frei und zu vier Fuenfteln
versklavt ist, Friede herrschen koennte.
- 9

�Was wuerde sich in Amerika ereignen, wenn der Isolationismus
erfolgreich waere?
Ich denke, wir sehen bereits die ersten Anzeichen hierfuer.
Koennen wir nicht schon feststellen, dass der Isolationismus
jener Clicque, die auf Abwehr eingestellt ist, mit einer unamerikanischen Politik in unserem eigenen Lande verbunden ist?
Um es offen zu sagen, jene Leute haben dabei folgende Ziele Tor
Augen:
1. Sie werden versuchen, Amerika fuer unbestimmte Zelt in
eine geschlossene Festung umzuwandeln, waehrend die Kommunisten
die westliche Hemisphaere Stueck fuer Stueck an sich reissen sei es in Kanada, Suedamerika oder Westindien.
2. Sie werden diese Lage, die sie selbst heraufbeschworen
haben, dazu benutzen, das amerikanische Volk einzuschuechtern,
damit es ihnen im Jahre 1952 die politische Macht uebergibt.
3. Wenn sie erst einmal die Macht in Haenden haben, werden
sie das Gesetz zur Kontrolle subversiver Taetigkeiten und aehnliche Gesetze praktizieren, um jeden oder jede Gruppe auszurotten,
die nicht ihrer Meinung sind. Die freie Gewerkschaftsbewegung,
die freien Bauernvereinigungen, die freien buergerlichen Organisationen werden einer eisernen Kontrolle unterstellt werden. Die
Gefaengnisse werden sich mit politischen Haeftllngen fuellen.
4. Je groesser die kommunistische Bedrohung von aussen
wuerde, umso strenger wuerden die den Amerikanern auferlegten
Kontrollen, bis wir schliesslich die gleiche Diktatur haetten, die
wir bekaempfen wollen.
Dies ist kein verrueckter Traum. Es ist eine grimmige,
drohende Wahrscheinlichkeit. So waere es gekommen, wenn die
Isolationisten die Wahlen von 1940 gewonnen und die Regierung
damals kontrolliert haetten. Nur dann, glaube Ich, haetten sie
ihren Frieden mit den Nazis geschlossen.
Ich sage, dass dies ein moegllcher Weg ist. Sie moegen
erwidern, dass einige derer, die wuenschen, dass wir diesen
isolationistischen Weg einschlagen, keine Anhaenger der Diktatur
sind. Das mag zutreffen. Aber wenn wir alle in einem kommunistischen Konzentrationslager oder vor einem Exekutionskommando
enden, duerfte es da nicht voelllg gleichgueltig sein, ob diese
Theoretiker nur unwissende Narren und keine bewussten Faschisten
waren?
Welches ist der zweite Weg, den wir in diesem Jahr 1951
einschlagen koennen? Es Ist der Weg der Kameradschaft mit der
demokratischen Welt in der Erkenntnis, dass wir alle von Gefahren
umlauert sind, und dass es die Sache aller fuer Einen und Eines
fuer Alle Ist. Als freie Menschen ueberleben wir entweder zusammen, oder wir gehen gemeinsam unter.
Wir sind uns bewusst, dass Europa, das zwei verheerende
Kriege durchgemacht hat, nur mit groesstem Widerwillen an einen
dritten denkt. Wir wollen deshalb nicht ungeduldig und diktatorisch sein, sondern mit den freien Voelkern Europas in wahrer
Kameradschaft und wirklichem Verstaendnis zusammenarbeiten. Wir
lassen die Voelker Europas und das freie Asien wissen, dass wir
nicht nur die milltaerische Verteidigung,sondern auch die Moeglichkelten eines anstaendigen Lebensstandards mit ihnen teilen
werden. Wir haben klar herausgestellt, dass dieser Kampf nicht
10

�ein Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus, sondern zwischen
Demokratie und Diktatur ist.
Sie sollen wissen, dass wir uns bis zur Erschoepfung aller
Koeglichkeiten an ihre Seite stellen werden, um eine kommunistische Aggression zu verhindern, und dass wir sie niemals im
Stich lassen werden.
Sie sollen wissen, dass Amerika nicht wuenscht, sie zu befehlen, sondern in Gemeinschaft und Kameradschaft eins mit ihnen zu
sein.
Das bedeutet, dass wir in Amerika .unsere Freiheit nicht nur
erhalten, sondern auch ausdehnen werden. Wir werden Opfer bringen,
soweit es uns moeglich ist. Wir werden unsere industrielle
Kapazitaet erweitern, weil wir gewiss sind, dass jetzt und nach
dieser kritischen Zeit eine unbegrenzte Nachfrage nach den Waren
bestehen wird, die das Leben bequem und annehmlich gestalten
koennen.
Wir werden Amerika zum Schauplatz der Demokratie und der
buergerlichen Rechte machen, weil wir nicht an der Liebe der
Amerikaner zur Freiheit zweifeln.
In diesem Kampf, der uns bevorsteht, werden es nicht die
Isolationisten sein, die in vorderster Front gegen den Kommunismus kaerpfen. Es wird wie immer die Arbeiterschaft sein. Denn
wir haben seit 30 Jahren auf der ganzen Welt gegen den Kommunismus gekaempft, und der Internationale Bund Freier Gewerkschaften
steht ganz vorn in der Verteidigungslinie der Demokratie. Es ist
seltsam und Ironisch, dass die Presse bereit ist, jene Isolationisten
zu unterstuetzen, wo es doch die Arbeiterschaft ist, die Tag fuer
Tag an vorderster Front steht und den kommunistischen Angriff
abschlaegt.
Es ist eine ironische und vielleicht tragische Tatsache,
dass gewisse Zeitungen alles aufbieten, um Isolationisten zu
unterstuetzen, obwohl diese zehn Jahre lang, zuerst vor der
nazistischen Bedrohung und jetzt vor der kommunistischen Gefahr,
mit Elindheit geschlagen waren. In Ihrem blinden Antagonismus
gegen Liberalismus und Arbeiterschaft war diese Presse bereit,
ein Unglueck fuer unsere Nation heraufzubeschwoeren, Indem sie
Isolationisten zu fuehrenden Stellungen verhalf.
Es ist seltsam und ironisch, dass grosse Geschaeftsunternehmen, die sich mit Laerm und Geschrei gegen vermeintliche
kommunistische Elemente in Washington wenden, sich weigern, an
dem Kampf gegen den Kommunismus sich zu beteiligen, solange ihnen
nicht ihre enormen Gewinne garantiert sind. Vor kurzem berichteten die Zeitungen, dass ein Stahlwerk Im Werte von 400 Millionen
Dollar aufgebaut wird, um die Produktion zu erweitern. Dieses
Unternehmen gab jedoch erst dann den Auftrag zu dieser Erweiterung, nachdem ihm die Regierung zugesichert hatte, dass es die
Kosten fuer das neue Werk in fuenf Jahren von dem zu versteuernden
Betrag abschreiben duerfe. Das helsst, dass die Regierung 300
Millionen Dollar der Gesamtkosten in Form von Steuereinsparungen
zurueckerstatten wird, die die Firma nicht zu zahlen braucht.
Die Gesellschaft wird also nur ein Viertel der Aufbaukosten bezahlen und trotzdem alleiniger Eigentuemer des neuen Werkes sein.
Das gleiche gilt fuer andere Unternehmen, die Aluminium herstellen,
und fuer die monopolistischen Kupferhersteller. Sie konnten vor
kurzem in einem Bericht des Kongresses lesen, wie unsere Verteidigung durch die Weigerung der monopolistisch denkenden Unternehmer,
- 11 -.

�die Nickelproduktion zu erweitern, aufgehalten wird.
Es Ist zugleich seltsam und ironisch, dass grosse Geschaeftsunternehmen nicht nur fortfahren koennen, mit kommunistischen
Gewerkschaften Geschaefte zu machen, sondern sogar versuchen,
kommunistische und antikommunistische Gewerkschaften gegeneinander
auszuspielen. Und dabei sprechen jene grossen Unternehmen
gewichtig von den Gefahren, die die freie Wirtschaft und die
amerikanische Lebensweise bedrohen.
Und wenn ich zur Ruestungsbehoerde gehe und ihr vorschlage,
denjenigen Unternehmen keine Ruestungauftraege zu geben, in denen
es kommunistische Gewerkschaften gibt, dann huellen sich diese
grossen patriotischen amerikanischen Gesellschaften und die
amerikanische Presse in Schweigen.
Was waere der Unterschied, wenn man eines der groessten Werke
der Elektroindustrie, in dem noch eine kommunistische Gewerkschaft an der Macht ist, nach Stalingrad verlegte, wo die Kommunisten
alles unter ihrer Kontrolle haben?
Wir Gewerkschafter haben im Jahre 1951 eine Riesenaufgabe
vor uns. Wir muossen dem amerikanischen Volk die beiden Wege
zeigen, die es einschlagen kann, und die Gefahren, die ihm
drohen, wenn es den 'Weg des Isolationismus und der Neuorientierung waehlt. Wir muessen das amerikanische Volk lehren, den
Kommunismus mit Waffen, Ideen und wirtschaftlicher Unterstuetzung
zu bekaempfen. Wir muessen ihm vor Augen fuehren, dass es ein '
Unglueck waere, die Diktatur in Europa und Asien beschwichtigen
zu wollen, denn je mehr Zugestaendnisse wir ihr machen, umso
staerker wird sie und umso schwaecher werden wir.
Wir muessen ebenfalls zeigen, dass es ein Unglueck waere, die
isolationistischen Tendenzen in unserem eigenen Land mit Konzessionen fuettern zu wollen, denn je mehr Konzessionen wir
machen, umso staerker werden sie und umso schwaecher werden die
Kraefte des Liberalismus und der Freiheit.
Wir muessen vor allem demonstrieren, dass der Kampf, den
unsere Regierung gegen den Kommunismus fuehrt, nicht von Erfolg
gekroent sein kann, wenn er nur von den Vertretern der Unternehmer
gefuehrt wird. An der Spitze muessen, ihnen gleichberechtigt,
Fuehrer der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung stehen, die die
Strategie, die Politik und die Massnahmen dieser umfassenden
"Operation Freiheit" dirigieren.
Unserer Sache ist im Ausland bereits grosser Schaden dadurch
zugefuegt worden, dass keine Leute aus der Gewerkschaftsbewegung
in den hoechsten und vollzugsberechtigten Behoerden unseres
Verteidigungsapparates sasser.
Wir muessen uns darueber im Klaren sein, dass der Kampf um
die buergerlichen Freiheiten, die Rechte der Arbeiterschaft,
einen anstaendigen Lebensstandard und um gleiche Opfer in der
Heimat notwendigerweise mit zu dem Kampf gegen die Diktatur und
die Aggression im Ausland gehoert. Wir koennen In der Welt nur
frei bleiben, wenn wir auch zuhause frei sind. Die gesamte
freie .jewerkschaftsbewegung Amerikas hat ueber den Vereinigten
Arbeitsausschuss ihr Programm Praesldent Truman unterbreitet.
Mit diesem Programm koennen wir vor dem amerikanischen Volk und
den Voelkern der ganzen Welt bestehen.
12 -

�vi/ir muessen den. amerikanischen Volk zeigen, dass trotz der
Verleumdung der Gewerkschaftsbewegung waehrend der letzten Wahlen
wir keine Interessen haben, die mit der vVohlfanrt unseres Landes
und Volkes nicht zu vereinbaren waeren. Wir muessen durch unsere
Handlungen und unsere erzieherische Arbeit beweisen, dass es im
Verlauf der gesamten rrescuichte unseres Landes immer wieder die
Gewerkschaftsbewegung gewesen ist, die fuehrend im Kampf um eine
bessere Demokratie stand. Und auch heute sind wir wieder dazu
bereit. Wir wuenschen, uns mit allen Kaennern und Frauen, die
guten Willens sind, zu vereinigen, ganz gleich, ob sie Republikaner
oder Demokraten, Geschaeftsleute oder Bauern, Rechtsanwaelte oder
Aerzte sind.
ECA Labor Information
1/17/51
HOHE GELDSTRAFE FUER ILLEGALEN STREIK EINER AFRIKANISCHEN
GEWERKSCHAFT
Die amerikanische Gewerkschaft des Eisenbahn-Zugpersonals
hat sich am 19. Februar in Washington fuer schuldig erklaert,
eine"n sittenwidrigen "Krankheitsstreik" gefuehrt zu haben und
wurde zu einer Geldstrafe von 75.000 Dollar verurteilt.
Dieses ueberraschende Eingestaendnis wurde von Rechtsanwalt
Edward B. Henslee vor dem Bundesrichter Edward A. Tamm abgegeben.
Der Verteidiger hatte eine genaessigte Strafe als zweckdienlicher
als eine schwere bezeichnet, da sie eher als Abschreckmittel anstatt als Bestrafung wirken muesse.
Der Bundesrichter Tamm "erachtete" die Strafe jedoch als
"berechtigt" und erklaerte, es sei seine Pflicht, sie aufzuerlegen, obwohl nur eine geringe Zahl der Gewerkschaftsmitglleder an
dem Streik teilgenommen haette.
"Wenn die Gewerkschaften wachsen und gedeihen wollen, muessen
sie sich an ihre Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten ebenso wie
an Ihre Rechte halten," sagte Tamm. Er bezeichnete das Eingestaendnis als "einzig In seiner Art", und sagte, es sei ein
Beweis fuer den "ununterbrochenen Fortschritt" der Gewerkschaften
in der Erfuellung ihrer Verpflichtungen.
Als der Richter Henslee fragte, warum sich die Gewerkschaft
zu ihrer Schuld bekannt habe, gab dieser zur Antwort, dass dieses
Gestaendnis nicht aus Berechnung gemacht worden sei, sondern weil
die Gewerkschaftsmitglieder durch die gerechte Haltung des
Richters Michael Igoe in Ghikago beeindruckt worden seien, der
unter der gleichen Anklage im Prozess gegen die Gewerkschaft diese zu
einer Geldstrafe von 25.000 Dollar verurteilte.
Henslee erklaerte, nach seiner Meinung waere der gleiche
Betrag wieder angemessen. Er wies darauf hin, dass die Gewerkschaft voll Vertrauen "in das amerikanische Rechtswesen" vor
Ger'cnt getreten sei, und bat nur darum, dass die Regierung alle
Umstaende beruecksichtig'en moege.
Auf dieses Eingestaendnis hin kuendigte der Staatsanwalt
George Morris Fay an, dass die Regierung der Vereinigten Staaten
die Kla.^e gegen fuenf Personen und fuenf Ortsgewerkschaften In
Washington fallen Hesse, und auch die in Chikago und Cleveland
- 13 -

�schwebenden Prozesse nicht weiterfuahre.
Inzwischen konnten .die vier grossen Gewerkschaften des
Verbandes von keinem Fortschritt in ihren langwierigen Verhandlungen mit den Unternehmern berichten. Sie warfen den von der
Regierung eingesetzten Vermittlern vor, es nicht fertiggebracht
zu haben, beide Partner genuegend oft zusammenzubringen, um eine
Einigung zu erzielen.
Unbekuemmert um ihre Weigerung, sich auf Verhandlungen einzulassen, legten die Eisenbahngesellschaften eine erstaunliche
Bereitwilligkeit an den Tag, als es sich darum handelte, etwas
fuer sich selbst zu verlangen. Sie ersuchten am 19. Februar
die Handelskomission um eine voruebergehende 6 %ige Zinserhoehung mit der Begruendung, dass die zusaetzlichen 470 Millionen
Dollar im Jahr eine Dividende aus ihren Investierungen von nur
4.17 % einbringen wuerden.
Jess Larsen, der Administrator der "General Services", erklaerte, seine Behoerde lehne eine solche Erhoehung ab. Er
ersuchte die Handelskomission, der Forderung der Eisenbahngesellschaften nicht stattzugeben, bis der Tatbestand in einer oeffentlichen Sitzung des zustaendigen Ausschusses zur Sprache gebracht
werden koennte.
Daily News Service
11/19/51
SOZIALE FORTSCHRITTE IN DEN RENAULT-WERKEN
Die Renault Werke in Billancourt, die sich ueber ein grosses
Gebiet erstrecken und seit vier Jahren verstaatlicht sind,
beschaefti^en zur Zeit ueber 37.000 Arbeitnehmer. Zahlreiche
Werkstaetten, die die alliierten Bomber waehrend der Eesatzungszeit hatten zerstoeren muessen, damit die Nazis sie nicht fuer
sich ausnuetzen konnten, mussten wieder aufgebaut werden. Dieser
Wiederaufbau ist jetzt abgeschlossen.
Dann musste der Produktionsapparat dieses ungeheuren Ameisenhaufens wieder angekurbelt werden. Dies war eine Gelegenheit,
um viele Einrichtungen zu ersetzen und auszubessern, die zum
Teil unbrauchbar geworden Waren. Besonders bemerkenswert ist
in diesem Zusammenhang die Einfuehrung neuer Werkzeuge und neuer
Werkzeugmaschinen, die voll automatisch sind, umd zum Teil bis
zu 20 Arbeitsgaengen selbstaendig verrichten koennen. Zu bemerken
ist ausserdem die NeueInfuehrung von Uebertragungsmaschinen, die
bis zu 150 Arbeitsgaenge erledigen koennen. Dies sei nur am
Rande bemerkt, um zu zeigen, dass die Direktion der Nationalregie
Renault in dem Eestreben, die Fabriken von Billancourt wieder
zum Leben zu erwecken, sich zuerst die Aufgabe gestellt hat,
dem Arbeiter die schwersten koerperllchen Anstrengungen zu ersparen, die bisher mit weniger vervollkommneten Werkzeugen unvermeidlich waren.
Im Durchschnitt stellen die Renault-Werke taeglich 520
Fahrzeuge her, wovon 400 Personenkraftwagen sind. Im Dezember
1950 liefen 12.777 bahrzeu^e vom Band. Hiervon waren 7.613
Personenkraftwagen. Eine grosse Zahl dieser Fahrzeuge ist fuer
den Export bestimmt und werden ins Ausland verkauft.
- 14

�Die Karshallplan Hilfe, die in Form von Gegenwertfondsmitteln fuer die Wiedererrichtung der zerstoarten Werkstaetten,
die Neuausrüstung und die Modernisierung der Werkzeuge zur
Verfuegung gestellt wurde, hat in grossem Umfang zu der Entwicklung der Renault Werke beigetragen. Die in diesen Werken
hergestellten 4-PS-Wagen sind in der ganzen Welt bekannt.
Neben den technischen Fragen interessieren sich die neuen
Leiter der grossen Fabrik mib ihren vielseitigen und so
verschiedenen Herstellungsarten vor allem fuer die Probleme
der menschlichen beZiehungen. Man kann behaupten, dass die
soziale Arbeit, die dort jetzt geleistet wird, ihr Dasein und
ihre Entwicklung vor allem der neuen Betriebsleitung der Renault Werke verdankt.
Worin besteht diese soziale Arbeit?
-Ein Betriebsrat, der seit 1945 unter den gleichen Bedingungen,
mit den gleichen Funktionen und den gleichen Machtbefugnissen
wie in Jedem anderen Privatunternehmen in Frankreich gewaehlt
wurde, hat sich seine Aufgabe zu Herzen genommen, und die seit
der Befreiung erzielten sozialen Erfolge sind betraechtlich.
Eine Fuersorgekomlssion hat in vier Jahren in zahlreichen
Faellen wertvolle Hilfe geleistet.
In den Kantinen wird den Arbeitern zu einem bescheidenem
Preis reichliche und gesunde Verpflegung geboten. Unter anderem
sind Konsumgenossenschaften fuer die Familien der Arbeitnehmer
•ingerichtet worden, wo sie zu guenstigen Preisen Nahrungsmittel
und Bekleidungsartikel kaufen koennen.
Die Kindergaerten koennen bis zu 200 Kinder aufnehmen.
Ein Pflegeheim, ein Erholungs- und ein Kinderheim haben es
ermoeglicht, vielen kraenklichen Menschen Leben und Gesundheit
zu erhalten.
Alljaehrlich verbringen Tausende von Kindern der Arbeitnehmer
ihre Ferien in Lagern und sonstigen Erholungsstaetten, die
eigens zu diesem Zweck gekauft wurden. In jeder Hinsicht ist
fuer Bequemlichkeit und die geistige und moralische Entwicklung
der Kinder gesorgt.
Der Betriebsrat beschaeftigt sich auch mit s portlichen
Verantstaltungen und der Freizeitgestaltung. In dem bewaldeten
Huegelgelaende von Meudon ist ein sehr schoenes Stadium gebaut
worden.
Die Betriebsleitung war bemueht, die Loehne der Arbeiter
auf verschiedene Weise zu verbessern, indem sie zum Beispiel den
Leistungslohn einfuehrte, der den geschickteren Arbeitern die
Moeglichkeit bietet, ihren Verdienst wesentlich zu erhoehen.
Eine Praemie auf die rroduktion, die monatlich unter die
Arbeiter verteilt wird, macht zur Zelt etwa 10 % des Grundlohnes
aus.
Schliesslich wird den Arbeitern einmal im Jahr zur Ferienzeit eine Sonderpraemie gewaehrt, die nach den erzielten Gewinnen
des Unternehmens errechnet wird.
Eulletin Syndical
11/24/51
- 15

�BEZAHLUNG NACH LEISTUNG FUEHRT ZU HOEHERER PRODUKTION
Zu Anfang des Jahres 1948 war eile Produktionsleistung pro
Mann und pro Arbeitsstunde In den britischen Stahldrahtwerken
"Reinforced Concreto Engineering Co., Ltd.", in Stafford niedriger
als Im Jahre 1938. Den Arbeitern wurde erklaert, dass solange
mit keiner Lohnerhoehung zu rechnen sei, bis die Produktion gesteigert sei.
Dieses Unternehmen beschaeftigt rund 350 Arbeiter In der
direkten Produktion. Hergestellt werden in diesem Werk zusammengeschweisste Stahldrahtgeflechte, die beim Bau von Strassen,
Bruecken und Gebaeuden aus Beton Verwendung finden, ferner Landungsmaschendraht fuer Flugplaetze und kleinere Stahlprodukte,
wie z.B. Stahlkisten fuer die Toepferei und andere Industriezweige.
Wie sollte die Produktion gesteigert werden? Das Betriebskomitee hatte sich mit diesem Problem zu befassen. Gewaehlte
Arbeitervertreter, zwei Direktoren und der Betriebsleiter eroerterten diese Frage und schlugen ein Leistungssystem vor.
Eine Gruppe von Sachverstaendigen uebernahm die Aufgabe,
ein Leistungssystem fuer die Arbeiter in der groessten Abteilung
des Werkes versuchsweise einzufuehren. Es wurde vereinbart, den
Plan aufzugeben, wenn er zu keiner Steigerung der Produktionsleistung In dieser Abteilung fuehren wuerde.
Die Arbeiter Hessen sich darauf ein, und - die Produktion
stieg an. Es wurde daraufhin ebenfalls in anderen Abteilungen
eingefuehrt.
Ende Oktober 1949 lag die Produktionsleistung um 65.5 %
hoeher als im Jahre 1947, obwohl die Beschaffung von Rohstoffen
noch Schwierigkeiten bereitete. Eine weitere Steigerung um79 %
gegenueber dem Stand von 1947 trat ein, als die Stahlbewirtschaftung aufgehoben wurde.
In der Zeit von 1947 bis 1950 erhoehten sich die Loehne von
30 auf 46 Pfund Sterling in der Woche.
Diese Eezahlung nach Leistung wird im Gruppensystem durchgeführt. Die Gruppen bestehen aus vier bis zu zehn Arbeitern. Das
Lohnbuero errechnet die Groesse einer Arbeitsgruppe und die fuer
die Arbeitsgaenge zur Verfuegung stehende Zelt.
Nach Beendigung der Arbeit wird die benoetigte Zelt von der
errechneten Zeit abgenogen und die Differenz durch eine Leistungspraemie verguetet.
Fuer eine Gruppe von vier Arbeitern wird zum Beispiel errechnei
dass sie in zehn Stunden eine Tonne Stahldrahtgeflecht herstellen
muss. Wenn sie in 176 Arbeitsstunden 25 Tonnen fertigstellt, erhaelt sie eine Bonuszahlung fuer 74 Stunden. (250 Stunden minus
176 Stunden)
Dieses Bonussystem kommt nur fuer Arbeiter in Frage, die
direkt in der Produktion beschaeftigt sind. Die indirekt
Beteiligten, wie z.E. Kranfuehrer. Leute, die das Material an die
Maschinen bringen und fertige Stahldrahtrollen transportleren,
erhalten ungefaehr vier Fuenffcel der Durchschnittsloehne der in
der Produktion taetigen Arbeiter. Es liegt deshalb In ihrem eigenen Interesse, dass die Arbeiter an den Maschinen laufend mit
Material versorgt werden.

Target
- 16 H/51
BICOC 2 k t 51 OUt 5 » H &lt;

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 11

Frankfurt/Uain, den 16 Maerx 1951
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die Invalidenunterstuetzung in den Pensionaplaenen der
Amerikanischen Industrie

1

Gewerkschaftskongress fuer Zentral- und Westafrika ...... 4
CIO fordert Marshallplan fuer Suedostasien
lellaeadische Kohlenbergwerke

• 5

••••••••

6

Gegensaetze kennzeichnen die franzoesische Kohlenindustrie 7
Der belgische Textilarbeiter und sein Lebensstandard .... 9
TTiedereroeffnung der griechisch-Jugoslawischen Grenze ... 12
Afrikanische Lehrerin fordert Abschaffung der Polygamie . 13
Vereinigung der Nichtkommunistischen Gewerkschaften in
Pakistan

14

Sowjets leisten finnischen Kommunisten finanzielle Hilfe

14

Landreform in Italien

15

Das Hauptproblem der Produktionssteigerung liegt auf
psychologischem Gebiet
••••••••

15

DIE INVALIDENUNTERSTUETZUNG IN DEN PENSICNSPLAENEN DER AMERIKANISCHEN
INDUSTRIE
Als gegen Ende des Jahres 1949 in einer Reihe groesserer Industrien
der Vereinigten Staaten Tarifvertraege abgeschlossen wurden, wurde das
Interesse und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Bestimmungen
ueber die Unterstuetzung von Invaliden- und Altersrentnern in den Pensionsplaenen der Industrie gelenkt. Der erste dieser Vertraege wurde am 28,
September 1949 von der Ford Motor-Company und der Gewerkschaft der Arbeiter
in den Zubringerindustrien der Automobil-, Flugzeug- und landwirtschaftlichen
Geraeteindustrie (CIO) abgeschlossen. Die Bestimmungen ueber Invalidenunter stuetzung waren in diesem Vertrag in ihrem Umfang begrenzt. Derartige

1 -

�Invalidenrenten werden nur bei dauernder und totaler Erwerbsunfaehigkeit
an Arbeiter gezahlt, die das 55. Lebensjahr erreicht und 30 DienstJahre
•ollendet haben. Ein Vertrag, der einen Ilonat apaeter zwischen der
Bethlehem Steel Corporation und der Stahlarbeitergewerkschaft des CIO
abgeschlossen wurde, sieht Invalidenunterstuetzungen fuer Arbeitnehmer
mit mindestens 15 ununterbrochenen DienstJahren vor, wenn dauernde Erwerbsunlaehigke.it vorliegt. Diesen Vertraegen folgten in mehr oder weniger
schneller Reihenfolge andere Abmachungen in mehreren Industrien der Massenproduktion, vor allem der Stahl-, Automobil-, Gummi- und Glasindustrie.
Allein in diesen vier Industrien sind in den von September 1949 bis Ende
Juni 1950 abgeschlossenen Tarifvertraegen mindestens 80 Pensionsplaene mit
Bestimmungen ueber die Auszahlung von Invalidenunterstuetzungen enthalten.
Wenn die Gewerkschaften auf die Einbeziehung von Unterstuetzungsbestimmungen bei dauernder und totaler Arbeitsunfaehigkelt Y/ert legen, so
ist dies eine neuere Entwicklung. Derartige Bestimmungen bestehen jedoch
bereits in Pensionsplaenen, die seit vielen Jahren gueltig sind. Auch
gibt es einige Sonderplaene, die lediglich den Zweck haben, dem Risiko
dauernder und totaler Arbeitsunfaehigkelt zu begegnen.
Die meisten Pensionsplaene enthalten irgendeine Bestimmung ueber die
Pensionierung von Arbeitern vor Erreichen des normalen Pensionsalters,
aber allgemein nicht vor Erreichung des 55. Lebensjahres. Fuer Arbeitnehmer, die sich nach Erreichen des $5* Lebensjahres zur Ruhe setzen, sehen
die meisten Pensionsplaene jaehrliche Unterstuetzungsgelder vor, fuer die
die zu zahlenden Praemien jedoch geringer sind. Nach einigen Plaenen kann
fuer Arbeitnehmer, die vor Erreichen des 55* Lebensjahres die Arbeit niederlegen, unter besonderen Bedingungen bei Erreichung des 65* Lebensjahres
eine Unterstuetzung nachgezahlt werden, deren Hoehe sich nach den vom
Arbeitnehmer gezahlten Praemien sowie den von seinem Arbeitgeber fuer ihn
geleisteten Zuschuessen richtet. Nach den Bestimmungen einiger Plaene wird
den Arbeitnehmern sofort nach Einstellung ihrer Erwerbstaetigkeit, selbst
wenn sie noch nicht 55 Jahre alt sind, eine jaehrliche Beihilfe gezahlt,
wenn sie sich den Anspruch hierauf nach Hassgabe der Pensionsplanbestimmungen
erworben haben. Obwohl derartige Plaene einigen Arbeitnehmern ermoeglichen,
Unter st uetzungen zu beziehen, die im allgemeinen sehr niedrig sind, wenn sie
wegen Arbeitsunfaehigkeit die Arbeit niederlegen muessen, werden derartige
Plaene in der vorliegenden Studie nicht berücksichtigt.
Plaene, die Unterstuetzungen fuer dauernd und total Arbeitsunfaehige vorsehen, sind gewoehnlich in grossen Betrieben anzutreffen. 70 dieser Plaene
erstrecken sich auf Arbeitnehmer privater Unternehmen in allen moeglichen
Industrien. Der Wohlfahrts- und Pensiohsfonds der Bergarbeitergewerkschaft
dagegen besteht fuer die gesamte Industrie und erstreckt sich auf 400.000
Arbeitnehmer. Die 70 Plaene bestehen in Betrieben verschiedener Groessen von kleinen Unternehmen mit weniger als 100 Arbeitnehmern bis zu der riesigen
American Telephone und Telegraph Company rit ueber 600.000 Arbeitnehmern.
Annaehernd 5556 der Plaene sind jedoch fuer Betriebe gueltig, die 2.500 oder
mehr Arbeitnehmer beschaeftigen.
Ein erwerbsunfaehiger Arbeiter, der gegen Erwerbsunfaehigkeit versichert war, muss eine oder mehrere der folgenden Bedingungen erfuellen, um
untarstuetzungsberechtigt zu sein. Die Arbeitsunfaehigkelt muss von einer
Art sein, die in dem Plan vorgesehen ist. In den meisten Betrieben ist
eine bestimmte Dienstzeit erforderlich, und der Arbeitnehmer muss ein bestimmtes Alter erreicht haben oder bei Eintritt der Erwerbsunfaehigkeit ein
gewisses Alter besitzen.
Die Art und Weise, in der ueber das Vorhandensein einer Arbeitsunfaehigkelt entschieden wird, ist in einigen Plaenen gaenzlich dem Unternehmer oder dem Verwalter des Pensionsplans ueberlassen; in anderen wird
sie mehr oder weniger detailliert festgelegt. In den Plaenen, die in dieser Erhebung beruecksichtigt sind, variiert die Auslegung des Begriffs der

- 2 -

/

�"Arbeitsunfaehigkeit" - wenn ueberhaupt dazu eine besondere Moeglichkeit
besteht - von der Unfaehigkeit, jede normale Taetigkeit zu verrichten,
bis zur dauernden und voelügen Arbeitsunfaehigkeit fuer jede Art von
Arbeit. Die Bedingungen in bezug auf das aerztliche Gutachten sind ebenfalls sehr verschieden. Manchmal werden nur sehr vage Bedingungen und
manchmal ganz spezifische Bestimmungen sowohl fuer einmalige als auch
fuer dauernde aerztliche Untersuchungen und Gutachten gestellt.
Fast in zwei Dritteln der Plaene wird gefordert, dass der Arbeitnehmer ein bestimmtes Alter erreicht und eine bestimmte Zahl von Dienstjahren geleistet hat. Manchmal werden auch beide Bedingungen gestellt,
wenn der Arbeitnehmer als unterstuetzungsberechtigt erklaert werden soll.
Nur in 15% der Plaene werden jedoch beide Bedingungen gestellt,
Bedingungen in bezug auf das Dienstalter werden zweimal so haeufig
gestellt als Bedingungen in bezug auf das Lebensalter. Die erforderliche
Dienstzeit variiert zwischen fuenf und 25 Jahren, am haeufigsten werden
15 Dienstjähre zur Voraussetzung gemacht. In mehr als 36% der Plaene
werden 15 oder mehr Dienstjähre gefordert. Derartige Bestimmungen sind
haeufiger in solchen Plaenen zu finden, bei denen die Arbeitnehmer keine
Praemien zahlen als in solchen, bei denen die Arbeiter selbst Beitraege
zu entrichten haben.
In achtzehn Betrieben muss der Arbeitnehmer ein bestimmtes Alter erreicht, haben, wenn er Anspruch auf Invalidenunterstuetzung haben will.
In 10 Betrieben werden keine Unterstützungen gezahlt, wenn der Arbeitnehmer nicht 55 Jahre alt ist, mit der Ausnahme jedoch, dass das Mindestalter fuer Frauen in drei Betrieben auf 50 Jahre festgelegt ist. In
sechs Betrieben sind nur solche Arbeitnehmer unterstuetzungsberechtigt,
die noch nicht 56, 60 oder 65 (fuer Frauen 55) Jahre alt sind. In diesen
Betrieben muessen die aelteren Arbeitnehmer Pensionsunterstuetzungen aufgrund ihres Alters beantragen. Altersbedingungen sind in beitragspflichtigen
Plaenen verhaeltnismaessig haeufiger anzutreffen als in nicht-beitragspflichtigen.
Bezueglich der Alterspensionierung ist die Hoehe der wegen &amp;rwerbsunfaehigkeit zu zahlenden Pensionsunterstuetzung im allgemeinen von dem
Verdienst und den Dienstjahren abhaengig. Da die Dienstzeit eines Arbeitsnehmers infolge seiner Arbeitsunfaehigkeit gekuerzt wird, ist der Betrag,
der sich aus der Anwendung der Unterstuetzungsbestimmungen ergibt, nicht
nur aufgrund des niedrigeren Pensionsalters niedriger, sondern vermindert
sich ebenso durch die verhaeltnismaessig kurze Dienstzeit.
Einige der verhandelten Pensionsplaene sind neue Plaene, die durch
Tarifvertraege entstanden sind, wie zum Beispiel der Pensionsplan, der in
dem Vertrag zwischen der Ford Motor Company und der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO enthalten ist. Andere Plaene sind aelteren Datums, sie
wurden urspruenglich von dem Unternehmer aufgestellt und gefoerdert, sie
sind durch Vertraege revidiert und der Jetztzeit angepasst. Der Plan der
Bethlehem Steel Corporation, der durch den Tarifvertrag mit der Stahlarbeitergewerkschaft des CIO revidiert wurde, gehoert zu dieser zweiten
Kategorie.
Alle diese Plaene mit Ausnahme von einem einzigen sind fuer die Arbeitnehmer nicht beitragspflichtig. Die einzige Ausnahme ist der Plan der
Inland Steel Company. Der Vertrag zwischen dieser Firma und der Stahlarbeitergewerkschaft sieht einen "ergaenzenden" und einen "freiwilligen"
Pensionsplan vor, und der Arbeitnehmer kann waehlen, in welchen er einbezogen sein will. Fuer den "ergaenzenden" Plan, der neu ist, sind keine
Beitraege zu entrichten. Der "freiwillige" plan sieht Beitragszahlung
durch die Arbeitnehmer vor, er wurde von der Gesellschaft ins Leben gerufen
und bestand bereits zurzeit des Vertragsabschlusses. Durch den Tarifvertrag wurde er abgeaendert. Nach den Bestimmungen dieses Planes zahlt

- 3-

�der Arbeitnehmer etwa zwei Prozent seines monatlichen Verdienstes, wenn
er zwischen 50 und 250 Dollar liegt. Fuer Betraege ueber 250 Dollar
werden zusaetzlich vier Prozent erhoben. Der Arbeitgeber zahlt den Restbetrag, der notwendig ist, um die vorgesehenen Unterstuetzungen zu
finanzieren. Diese Zuschuesse sind in allen Bestimmungen fuer Pensionsunterstuetzungen und nicht nur in denen der Invalidenunterstuetzungen
enthalten«
Die Invalidenunterstuetzungen werden in fast allen Faellen von den
Unternehmern getragen. Haehrend nach den Tarifvertraegen die Unternehmer
in den meisten Faellen fuer die Unterstuetzungen verantwortlich zeichnen,
sind nur wenige Pensionsplaene bekannt, fuer die kommerzielle Versicherungstraeger verantwortlich zeichnen.
Obwohl die von den Gewerkschaften vor kurzem verhandelten Pensionsplaene in den Industrien der Massenproduktion die Aufmerksamkeit auf das
Problem des gesicherten Einkommens fuer solche Arbeiter gelenkt haben, die
wegen Arbeitsunfaehigkeit ihre Erwerbstaetigkeit beenden mussten, sind
weniger bekannte Bestimmungen fuer die Auszahlung von Unterstützungen an
dauernd erwerbsunfaehige Arbeiter ebenfalls in vielen Arbeiter-Unterstuetzungsplaenen vorzufinden, die seit einer Reihe von Jahren bestehen«
Die meisten Plaene, die Unterstützungen fuer dauernd und total
Erwerbsunfaehige vorsehen, sind in grossen Unternehmen anzutreffen. Da
die Unterstuetzungszeit von grosser Dauer sein kann, ist in den Plaenen,
die sich auf Privatfirmen oder Privatunternehmen erstrecken, die Unterstuetzung von dauernd und total Erwerbsunfaehigen auf solche Arbeitnehmer
beschraenkt, die verhaeltnismaessig lange Zeit fuer den einzelnen Unternehmer gearbeitet haben. In den meisten Plaenen, die dieser Erhebung
zugrunde liegen, sind die Unterstuetzungsbetraege ziemlich niedrig, besonders,
wenn es sich um Plaene handelt, in denen nur eine Uindestdienstzeit zur
Bedingung gemacht wird. Nichtsdestoweniger ist das Vorhandensein von
Pensions- und anderen Plaenen, in denen ein bestimmter Schutz gegen das
Risiko der totalen und dauernden Arbeitsunfaehigkeit vorgesehen ist, ein
Beweis dafuer, dass in zunehmendem Masse die Notwendigkeit und die Moeglichkeit anerkannt wird, vorbeugende Massnahmen zum Schutz vor diesem Risiko
• zu treffen.
Social Security Bulletin
1/51

Gü*ffiRKSCHAFT3K0NG3ESS FUER ZENTRAL- UND HESTAFRIKA
35 Gewerkschaftsdelegierte aus verschiedenen Teilen Zentralafrikas
und Vertreter europaeischer und amerikanischer Gewerkschaftsgruppen kamen
in diesen Tagen in Duala (Franzoesisch-Kamerun) zu einer historisch bedeutsamen Konferenz der freien Gewerkschaften Afrikas zusammen.
Es ist der erste Kongress des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften, der die Gewerkschaftsfuehrer aus zehn zentral- und westafrikanischen Territorien, einschliesslich Senegal, Gambia, die Goldkueste, Sierra
Leone, Dahomey, Nigeria und Kamerun, und Gewerkschaftsdelegierte aus Frankreich, Belgien und Grossbritannien zusammenfuehrte.
Einige Kommunisten hatten versucht, eine vorbereitende Konferenz, auf
der die Delegierten der Gewerkschaften des IBFG die Themen fuer den Kongress
in Duala besprachen, zu stoeren. Dieser Versuch war jedoch schnell vereitelt.
Die Delegierten erklaerten, sie seien ueberzeugt, dass die Arbeiter
Zentral- und V.'estafrikas sehr wohl zwischen kommunistischen Agitatoren und
Gewerkschaftsführern unterscheiden koennten, die ehrlich bestrebt sind, den

-4-

�Interessen der Arbeiter zu dienen.
Der IBFG ergreift die Initiative in der Unterstuetzung der sozialen
und wirtschaftlichen Massnahmen, die die Arbeitsbedingungen der einheimischen Bevoelkerung verbessern sollen. In Anbetracht des gegenwaertigen Weltmangels an gewissen Rohstoffen, die in Zentral- und Westafrika vorhanden sind, kommt dieser Konferenz eine besondere Bedeutung
zu. Obwohl die strategisch wichtigen Reichtuemer dieser Gebiete als betraechtlich angesehen werden, haben die Gewerkschaftsdelegierten, die die
Konferenz vorbereiten, nicht die Absicht gehabt, dieses Thema auf die
Tagesordnung zu setzen.
Dem Gewerkschaftskongress wird ein Bericht ueber die Inspektionsreisen vorgelegt werden, die zwei IBFG-Gruppen unternommen hatten, um
sich ueber die Arbeitsbedingungen in Zentral- und Westafrika zu informieren .
Die IBFG-Delegation wird gefuehrt von Frederic W. Dalley von der
einflussreichen britischen Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten, ferner
von Lawrence Wight, der vom Internationalen Transportarbeiterverband
delegiert ist, Andre Lafond, dem Generalsekretaer der franzoesischen Gewerkschaft CGT-Force Ouvriere, Marcus Grant, dem Generalsekretaer der
Gewerkschaft der Handwerks- und aehnlicher Berufe in Sierra Leone, Harold
D. Snell, einem Funktlonaer der Transportarbeitergewerkschaft des CIO,
und Arthur Sercu, dem zweiten Vorsitzenden der belgischen Textilarbeitergewerkschaft. Ausserdem sind zwei Sekretaere anwesend, Walter Hood aus
Australien und Pierre Liniger aus der Schweiz.
IBFG Paris 3/7/51

CIO FORDERT MAftdHALLPLAN FUER SUEDOSTASIEH
Die dringende Forderung nach der "sofortigen Schaffung eine's Marshallplanes fuer die Nationen Suedostasiensn ist von dem Hauptkassierer des CIO,
James 'B. Carey, in einer Rede gestellt worden, die er vor dem dreizehnten
Jahreskongress das Nationalen Farminstituts in Des Moines (Iowa) hielt.
"Die westlichen Demokratien riskieren ihren moralischen, militaerischen und wirtschaftlichen Bestand, wenn sie die 560 Millionen Menschen
Suedostasiens mit den natuerlichen Reichtuemern dieser Gebiete verlieren",
betonte hier warnend Carsy.
"Ich bin fest davon ueberzeugt, dass wir heute wesentlich weiter waeren,
wenn wir einen Marshallplan fuer Suedostasien entworfen und ein 20 Milliarden-Dollar-Programm eingeleitet haetten."
Im Vergleich zu den diesjaehrigen Ausgaben fuer Verteidigungszwecke,
die sich auf 70 Milliarden Dollar belaufen, "haetten wir unbedingt Geld gespart, wenn wir uns haetten entschliessen koennen, vier Jahre jaehrlich
fuenf Milliarden Dollar fuer ein ECA-Programm im Fernen Osten aufzuwenden."
Carey brachte zum Ausdruck, dass er das Punkt-Vier-Programm der amerikanischen Regierung zur Unterstuetzung wirtschaftlich rueckstaendiger Gebiete befuerwortet, fuagte jedoch hinzu, dass die fuer Investitionazwecke
bewilligten 25 Millionen Dollar fuer jeden der 560 Millionen Menschen Suedostasiens nicht ganz i-^J Ce^ts bedeuteten.
Der CIO-Funktiona*r erklaerte in seinen Ausführungen vor der Konferenz u.a.:
"Die Alarmschlaegör und Habgierigen werden uns natuerlich vorwerfen,

-5

�dass wir einen unserer groessten Absatzmärkte zerstoeren, wenn wir
diesen Laendern Suedostasiens helfen, ihre eigene Wirtschaft aufzubauen und den Lebensstandard ihrer Bewohner au verbessern."
«Eine derartige Propaganda ist unrichtig, weil sie unsinnig ist.
Ihr liegt die Vermutung zugrunde, dass die Beduerfnisse dieser Menschen
trotz wirtschaftlichen Fortschritts gering bleiben wuerden."
"Der konkrete Beweis fuer die Unrichtigkeit dieser Propaganda ist
die einfache Tatsache, dass unser Aussenhandel mit solchen Laendern besonders rege ist, in denen die Produktionskapazitaet am hoechsten ist.
Wenn also jemand den Wunsch hat, diesen Vorschlag unter dem engstirnigen
Blickwinkel des Selbstinteresses zu betrachten, dann moege er sich vor
Augen halten, dass eine Steigerung des Lebensstandards der ganzen Welt
und eins Steigerung der Produktionsleistung aller Nationen su einer immer
groesseren Nachfrage nach allen erdenklichen Erzeugnissen Amerikas fuehren
wird."
Labour News from the US
3/2/51

HOLLAENDISCHE KOHLäNBEaCR.'ERKE
Auch in Holland gibt es Kohlenbergwerke, aber die kohlefuehrenden
Adern sind fast so schmal und duenn wie die Wurzeln eines Baumes. Dennoch
ist es durch eine systematische Anwendung der Grundsaetze wissenschaftlicher
Betriebsfuehrung gelungen, die Ausbeute beträchtlich zu steigern, zugleich
jedoch die manuelle Arbeitsleistung des einzelnen Bergmanns herabzusetzen.
In erster Linie ist dies dem Transportband zu verdanken, das das gefoerderte
Gut nach oben befoerdert und damit die harte Arbeit des Schaufeins ueberfluessig macht. Diese Baender gab es auch bereits frueher, aber sie mussten
sozusagen "beschaufelt" werden, waehrend heute das Band in sehr geringer
Hoehe laeuft, sodass die Kohle nur auf das Band "geschoben" zu werden braucht.
Eine weitere Erhoehung der Leistung ist durch die Einfuehrung der Leuchtroehren in den Stollen erreicht worden, die eine wesentlich bessere Beleuchtung als bisher ergeben.
Von den 12 Kohlenbergwerken befinden sich vier in der Hand des Staates,
acht gehoeren privaten Unternehmungen. In diesen 12 Schaechten sind Aß.000
Bergleute beschaeftigt, wobei eine Reihe Massnahmen getroffen wurde, um
den Nachwuchs heranzubilden. Der Lehrling kommt zuerst in einen Vortrupp,
der von einem Jugendlichen gefuehrt wird. Sobald 2k Jugendliche dem Vortrupp
angehoeren, beginnt die Berufsausbildung. Gelehrt werden vor allem Sicherheit smassnahmen, der richtige Gebrauch der mechanischen Ausruestung und eine
Reihe technischer Aufgaben. Aber auch fuer die sportliche Betaetigung wird
Sorge getragen, im ersten Jahr nimmt jeder Jungbergmann an einem achttaegigen
Zeltlager teil.
Im zweiten Lehrjahr beginnt die praktische Arbeit in einem Modellschacht,
der mit allen in Frage kommenden Ausrüstungen ausgestattet ist. Anfangs
wird taeglich fuenf Stunden in den Oberflaechenbetrieben des Bergwerks gearbeitet. Hier handelt es sich nur um einfache Arbeiten wie das Ausladen und
das Aufstapeln der Kohle, das Reinigen der Hoefe und sehnliches, die eigentliche bergmaenni8che Taetigkeit beginnt erst im dritten Lehrjahr, anfangs
einen Tag in der Woche und spaeter drei Tage im Schacht. Jugendliche unter
16 Jahren duerfen in Holland nicht staendig unter Tage beschaeftigt werden,
aber wenn die Bergwerklehrlinge ihre Lehrzeit beendet haben, sind sie dennoch
zu perfekten Hauern geworden.
Die eingeschaltete Berufsberatung sorgt dafuer, dass der einzelne Jugend-

-6-

�liehe den richtigen Berufszweig erlernt, sei es als Mechaniker, als
Steiger oder als Elektriker. Diese Testpruefungen werden jedoch auch mit
Bergleuten durchgefuehrt, die schon jahrelang in den Schaechten arbeiten.
An Hand der Testergebnisse zeigte es sich wiederholt, dass einzelne Bergleute nicht an der richtigen Stelle taetig waren. Durch entsprechende
Auswechslungen konnte sowohl den einzelnen Arbeiter als auch dem Bergwerk
selbst gedient werden.
Durch Leistungskontrollen wird die Betriebsleitung im uebrigen auch
auf anderem Wege auf solche Fehlbesetzungen aufmerksam, sodass auch von
dieser Seite her der Testversuch in Anwendung kommen kann.
Die hollaendischen Bergwerke blicken auf keine lange Tradition zurueck. Noch vor fuenfzig Jahren erstreckten sich im Limburger Gebiet,
der suedoestlichsten Ecke Hollands zwischen Belgien und Deutschland, ueberall bestellte Aecker. Dann wurden die ersten Bergwerke eroeffnet, und die
Bauern verdienten als Bergleute besser als bisher. Aus diesem Grunde stammen 9056 aller hollaendischen Bergleute aus dem Limburger Gebiet, und die
Jungen der Bergleute gehen selbstverstaendlich wieder in die Bergwerke.
Die kleinen Aecker wurden beibehalten, hier in Limburg kennt man nicht die
ueberall in der Welt fuer die Bergwerke so typischen Siedlungen. Die
hollaendischen Bergarbeiterwohnungen unterscheiden sich betraechtlich von
denen in anderen Laendern. Hier draengt sich auch nicht Wohnhaus an Wohnhaus, sie stehen vielmehr einzeln "im Gruenen", in einer freundlichen Landschaft, die kaum zu einem Kohlenrevier zu gehoeren scheint.
Die hollaendische Bergarbeitergewerkschaften zaehlen etwa 24.000 Mitglieder, die jedoch in verschiedene Verbaende aufgeteilt sind. Der monatliche Ausstoss betraegt ueber eine Million Tonnen, er liegt jedoch erst bei
85£ der Vorkriegsfoerderung.
Die Gewerkschaften ueben in Holland einen starken parlamentarischen
Einfluss aus. Die Sozialversicherungen sind daher ausgezeichnet. Unternehmer und Arbeiter zahlen 2,l£ der Monatsbezuege fuer Krankenversicherung
und 7,556 fuer den Pensionsfonds. Fuer die Zahlung von Krankengeldern muss
der Arbeiter weitere 2% und der Unternehmer 6% aufbringen. In Krankheitsfaellen oder bei Unfaellen erhaelt der Arbeiter jedoch 60/C seines Lohnes
fuer sechs Monate.
Die Altersversicherung kann bis zu 70/f des Lohnes betragen, sie richtet
sich danach, welche Einzahlungen in den Pensionsfonds geleitet worden sind.
Die Witwe erhaelt 50% dieser Betraege. Die staatseigenen Bergwerke haben
einen sozialen Haushaltshilfsdienst eingerichtet, der die erkrankten Bergleute betreut.
ECA - Sondermitteilungen

GEGENSAETZE KENNZEICHNEN DIE FRANZCESISCHE KOHLENINDUSTRIE
Von Grubenpferden und aermlichen Arbeiterwohnungen bis zum amerikanischen Foerderkarren mit Flachbaggervorrichtung und modernen Siedlungen,
von kommunistischen bis zu christlichen Gewerkschaften bietet die franzoesische Kohlenindustrie ein Mosaik der Gegensaetze und Probleme.
Von allen Nachkriegsproblemen der franzoesisehen Wirtschaft bildet
das der Kohle das schwierigste, denn 75£ der in der Industrie und den
Haushalten Frankreichs benoetigten Energie wird aus der Kohle gewonnen.
Und ausser den schweren Kriegsschaeden litten Frankreichs Bergwerke seit
mindestens zehn Jahren vor dem Krieg an Vernachlaessigung und einem Mangel
an Kapitalinvestitionen.

7-

�Was die Lage noch schwieriger gestaltet, ist die Tatsache, dass
Prankreich immer viel Kohle importiert hat, - in der ersten Haelfte des
20. Jahrhunderts mehr als alle anderen Laender der Welt. Am Ende des
Krieges waren Frankreichs groesste Kohlelieferanten, naemlich Deutschland, Belgien, Polen und England, nicht mehr lieferfaehig.
Zu dieser Zeit verstaatlichte Frankreich 97% seiner Bergwerke und
leitete ein gigantisches Programm zur Erweiterung und Modernisierung
seines Bsrgwerksystems ein. Man kann sich von dem Umfang dieses Programms
eine Vorstellung machen, wenn man ueberlegt, dass Ende 1952 die Haelfte
aller franzoesischen Bsrgwerkseinrichtungen seit dem Krieg erneuert sein
werden.
Ein anderer Beweis fuer die Groesse dieses Programms sind die Kosten.
Von 1946 bis 1950 sind dafuer 65 Milliarden Francs oder rund 200 Millionen
Dollar aufgewendet worden. Mehr als die Haelfte dieses Betrags wurde aus
Marshallplan-Gegenwertmitteln aufgebracht, das heisst Geldern in franzoesischer Waehrung. die franzoesische Buerger fuer gelieferte MarshallplanWaren an ihre Regierung gezahlt haben, und die von der Regierung in einen
Sonderfonds deponiert wurden. nCharbonnages de France", die Organisation,
die die verstaatlichten Bergwerke verwaltet, steht als Empfaenger von Gegenwertgeldern an zweiter Stelle hinter den verstaatlichten Elektrizitaetswerken.
Da das Modernisierungsprogramm weit vorangetrieben, aber nicht vollendet
ist, bietet der franzoesische Kohlenbergbau ein Bild der Gegensaetze. Neues
und Altes, Leistungsfaehiges und Rucckstaendiges stehen haeufig Seite an
Seite.
Nehmen wir zum Beispiel die Bergarbeiterwohnungen. Im "Bassin du Nord"
waren die alten Wohnungen ohne jede Kanalisierung gebaut worden. Die Bergarbeiter haben sich selbst ausserhalb ihrer Haeuser Huetten errichtet, die
irgendwie einen primitiven Eindruck machen. In einigen Gemeinden wird das
Wasser noch in Eimern an den oeffentlichen Pumpen geholt, und die elektrische
Beleuchtung ist oft noch sehr mangelhaft.
Auf der anderen Seite wurde ein Drittel des gesamten fuer das Erweiterungsprogramm aufgewendeten Geldes fuer den nohnungsbau verwendet. Die Gelder
fuer den Wohnungsbau wurden in zunehmendem Masse aur Marshallplan-Gegenwertfonds zur Verfuegung gestellt. Allein in der Zeit von 1946 bis 1948 wurde
mit dem Bau von 21.000 Wohnungseinheiten begonnen. Viele franzoesische Bergarbeiter sind nun in der gluecklichen Lage, in Gartensiedlungen mit üinfamilienhaeusern leben zu koennen. Diese modernen Haeuschen sind oft von
Gaerten umgeben, in denen Kaninchenstaelle und Huehnerlaeufe angelegt sind.
Garagen gibt es nicht, denn ein franzoesischer Arbeiter kann sich keinen
Wagen leisten.
Der Bergarbeiter selbst, das Bergwerk, in dem er arbeitet und die Tferkzeuge, die er benutzt, sind ebenfalls sehr verschieden. Unter den Bergarbeitern gibt es Marokkaner, Tunesier und Algerier, die alle arabisch
sprechen; ferner Italiener, Polen und Tschechoslowaken« Ausserdem trifft
man, wenn auch in geringerer Zahl, dort Spanier, Belgier, Deutsche, ein paar
Portugiesen und wenige Russen. Mehr als ein Viertel aller Bergleute sind
Auslaender, weil die Franzosen eine Abneigung gegen die Arbeit in den Kohlengruben haben.
Der Arbeiter, der in den modernen Bergwerken in Lothringen beschaeftigt
ist, kennt die modernen Einrichtungen, die im Rahmen des Marshallplanes geliefert wurden, wie z.B. dreiarmige Bohrer, Foerderkarren mit Ladebagger,
automatische Ladevorrichtungen, Diesel-Zugmaschinen und Presslufthaemmer«
In einigen Bergwerken im "Bassin du Nord" dagegen kommt es vor, dass er 300
Meter weit durch enge, sich windende Stollen kriechen muss, um an eine Abbruchsteile zu gelangen, die nur Raum fuer einen Mann und eine Picke bietet.
In diesen Gruben werden die Foerderkarren von Ponys gezogen*

•*• Q ••

�Die franzoesische Kohle ist vorwiegend bituminoes. Viele Vorkommen
liegen in einer Tiefe von 1300 Metern, und die Adern sind oft unterbrochen
und duenn. Steinkohle wird zum groessten Teil im Stollenabbau gewonnen;
die franzoesischen Reserven an Anthrazit, Koks und Giessereikoks sind jedoch zu gering, und rrankreich ist in dieser Beziehur^ auf den Import angewiesen. 1949 wurden von diesem Land 53 Millionen Tonnen produziert und
1 Million Tonnen exportiert. Aber trotzdem mussten noch 21 Millionen Tonnen importiert werden. In den vier Jahren von 1946 - 19A9 importierte
Frankreich ueber 30 Millionen Tonnen Kohle aus den Vereinigten Staaten.
Bis Ende des Jahres 1950 hatte es aus Marshallplan-Mitteln ueber 156 Millionen Dollar fuer Kohlenimporte aus den Vereinigten Staaten erhalten.
Der Aufsichtsrat der "Charbonnages de France" setzt sich aus sechs Mitgliedern der drei Gewerkschaften, die die Bergleute vertreten, sechs Mitgliedern, die von der Regierung ernannt werden, und sechs Vertretern der
Verbraucher zusammen, wobei letztere politische Delegierte sind und im
allgemeinen die Industrie vertreten.
Prozentual gesehen bilden die Bergleute die groesste gewerkschaftlich
organisierte Arbeitergruppe Frankreichs. Trotzdem sind nur 50$ von ihnen
in Gewerkschafter: organisiert. Von diesen 50$ gehoert ein wesentlicher
Teil dem kommunistisch beherrschten Allgemeinen Gewerkschaftsbund CGT an.
Die uebrigen sind mehr oder weniger auf die antikommunistische Gewerkschaft
"Force Ouvi'iere", die sich vor drei Jahren vom CGT loslceste, und auf den
Gewerkschaftsbund Christlicher Arbeiter (CFTC), eine vorwiegend katholische
Gruppe, verteilt,
Obwokl der komnunistisch gefuehrte CGT betraechtliche Verluste seit
dem grossen Streik im Jahre 1948 erlitten hat, ist er immer noch die
staerk8te Organisation dieser drei.
Die anderen Gewerkschaften weigern sich haeufig, mit Vertretern des
CGT am TarifVerhandlungstisch zusammenzusitzen. Da es in Frankreich nicht,
wie in den Vereinigten Staaten, den festen Zustaendigkeitsbereich einer Gewerkschaft gibt, verhandelt der Koiilenausschuss mit jeder Gewerkschaft
einzeln. Deshalb besitzt auch keine Gewerkschaft das, was man in den Vereinigten Staaten eine starke Verhandlungsposition nennt.
United Mine Workers Journal
3/1/51

DER BELGISCHE TEXTILARBEITER UND SEIN LEBENSSTANDARD
Die belgischen Textilarbeiter erfreuen sich, wie ueberhaupt die belgischen Arbeiter im allgemeinen, eines hoeheren Lebensstandards als alle
anderen Arbeiter des europaeischen Kontinents mit Ausnahme der schwedischen.
Fuer den amerikanischen Beobachter bestehen gewisse augenscheinliche
Unterschiede zwischen dem Lebensstandard des belgischen und amerikanischen
Arbeiters. Des Morgens, nachmittags und wiederum nach Feierabend sind die
engen, kopfsteingepflasterten Strassen mit Radfahrern jeden Alters dicht
bevoelkert.
Ausserdem sind nach amerikanischen Begriffen Kanalisierung und Wasserversorgung vernachlaessigt, oft ist die naechste V/asserquelle eine rostige
Pumpe im Hinterhof. Es gibt nur wenige Badeeinrichtungen. Die Toilette
besteht oft aus einer Holzhuette, wie sie frueher in Amerika auf dem Lande
ueblich war.
Der Belgier legt zwar weniger ',,'ert auf moderne Transportmittel und
sanitaere Anlagen, aber dafuer ist ihm seine Ernaehrung wichtig. Ernaehrung
ist fuer ihn Erholung. Jeden Abend begibt er sich in sein kleines Back-

-9 -

�Steinhaus, schliesst die Fen3terlaeden und bringt Stunden bei der Mahlzeit zu.
Bier ist sein Getraenk. Und die alltaeglichen Speisen, bei denen
zwar soviel Kartoffeln verzehrt werden, dass ein amerikanischer Rohkoestler Angst davor bekaeme, liegen weit ueber dem europaeischen Durchschnitt. Dies ist jedoch nicht ohne grosse Bemuehungen moeglich. Da
es keine Kuehlschraenke gibt, muessen die Hausfrauen jeden Tag Frischgemuese einkaufen und viel Zeit fuer ihre Zubereitung aufwenden. Das
Ergebnis ist dementsprechend ein koestliches. Es ist fast ausgeschlossen,
dass man in Belgien ein kaergliches Mahl vorgesetzt bekommt, da die
Kueche vorwiegend franzoesisch ist.
Der verhaeltnismaessig hohe Lebensstandard in Belgien ist zum Teil
der Y/achsamkeit und Tatkraft der belgischen Gewerkschaften zu verdanken.
Es gibt zwei grosse Gewerkschaften, die saemtliche Industriezweige
organisiert haben: die "sozialistische" Gewerkschaft, die mehr oder
weniger mit der politischen Partei gleichen Namens uebereinstimmt, und der
Katholische Gewerkschaftsbund.
Die sozialistische Gewerkschaft (FGTB) vereinigt in ihren Reihen die
Mehrheit der Textilarbeiter (etwa 60£). Die Zentralstellen der FGTB sind
fuer alle Industrien mit Ausnahme der Textilindustrie in der belgischen
Hauptstadt untergebracht. Der Sitz der Textilarbeitergewerkschaft ist in
Gent, einer Stadt der Kanaele mit alten, aus Stein gebauten Kirchen und
einer faszinierenden Geschichte.
Diese Stadt wurde im Jahre 629 gegruendet, sie ist ein Zentrum der
europaeischen Tuchweber, und seine Einwohnerzahl war einst groesser als
die von Paris. Gent ist noch immer das Zentrum der belgischen Textilindustrie.
Es gibt natuerlich auch Ortsgewerkschaften der Textilarbeiter der
FGTB in den vielen Staedten der Textilfabrikation. St. Nikiaas zum Beispiel, eine Stadt mit 36.000 Einwohnern im Norden in der Naehe von Antwerpen, ist die Heimat der Teppichindustrie. Die aelteste Teppichfabrik
Belgiens, Petws Van Boys, hat hier ihre Spinnereien, Yfebereien und Samtwerkstaetten.
Das FGTB-Buero in St. Nikiaas wird von einem jungen, aeusserst
ruehrigen Sekretaer namens Lucien Rotthier gefuehrt. Er selbst ist in
schwerer Arbeit in der Textilindustrie grossgeworden und begann mit 1A
Jahren als Webereilehrling. Das war vor 19 Jahren, und man sieht es noch
heute seinen Fingern an.
Vor vier Jahren bewarb er sich erfolgreich zusammen mit 14 anderen
um die Stellung, die er jetzt bekleidet. Seine Erscheinung entspricht
auch seinem Jesen - ein schlankes Gesicht mit dunklen, durchringenden Augen.
Seine Arbeit laesst ihn trotz der belgischen Ernaehrung kaum schwerer als
120 Pfund werden.
Die engen Strassen von St. Nikiaas sind von kleinen, zweistoeckigen
Haeusern umsaeumt, die eng aneinander und dicht am Buergersteig stehen. Es
gibt Tausende davon, und sie sind alle gleich.
Auch die Rotthiers wohnen in einem solchen Haeuschen. Meistens gibt
es im Erdgeschoss ein Empfangszimmer, das nur selten benutzt wird und
etwas muffig riecht, ein Speisezimmer (wo die Familien sich meistens aufhalten), eine Kueche und ein Hof hinter dem Haus. Im Obergeschoss befinden
sich zwei Schlafzimmer. Zu den meisten Haeusern gehoert ein kleiner Blumenund Genuesegarten hinter dem Haus. Haeufig werden Huehner und Tauben gehalten.

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�Frau Rotthier, eine ansehnliche Blondine, haelt ihr Heim in
peinlicher Ordnung. V.ia in den meisten flaemischen Haeusern 3ind alle
Gegenstaende an ihrem Platz, nichts "steht herum". Die Raeume selbst
sehen nicht so aus, als ob sie bewohnt waeren. Die Moebel und der
aeussere Anblick dieser 'Johnungen haben eine ueberraschende Aehnlichkeit mit Millionen von Arbeiterwohnungen in den Vereinigten Staaten.
In Belgien wird weniger auf Kredit gekauft als in den Vereinigten
Staaten. Die Rotthiers haben zum Beispiel monatelang gespart, um sich
einen Tisch fuer das EmpfangszL'amer zu kaufen. Es ist geradezu paradox,
dass in dieser Stadt der Teppiche die meisten Vlohnungen nicht mit Teppichen, sondern mit Linoleum ausgelegt sind.
Ein Kohleofen verbreitet in der '..'ohnung eine angenehme VJaerme. In
der Kueche steht ein Kohleherd. Die Fenster sind wie in allen belgischen
Y/ohnungen mit freundlichen weissen Spitzenvorhaengen behangen. In jedem
Haus findet sich ein Lautsprecher, der an ein benachbartes Empfangsgeraet angeschlossen ist. Aehnlich wie in vielen amerikanischen Hotels
und Krankenhaeusern stehen fuenf Programme zur V.'ahl.
Die Lohnzahlungen fuer den belgischen Arbeiter erfolgen fast ausschliesslich nach dem Akkordsystem. Die Nettoloehne der Textilarbeiter
sind hoeher als die der uebrigen Arbeiter, aber niedriger als die der
Bergleute, Stahlarbeiter und Hafenarbeiter. Die Loehne der Textilindustrie
und des Baugewerbes haben ungefaehr den gleichen Stand.
lieber verdienen woechentlich im Durchschnitt 109.20 DM, Hilfarbeiter
in Webereien verdienen ungefaehr 75.60 DM.
Die Mieten sind jedoch niedrig
und die Arbeiter koennen ihr Einkommen noch durch die Bewirtschaftung
ihrer Gaerten verbessern. Stoffe sind jedoch, wie fast ueberall in Europa,
verhaeltnismaessig teuer. Vfeil die Preise fuer Lederschuhe sehr hoch sind,,
tragen viele Arbeiter Holzschuhe bei der Arbeit.
Der Lebenshaltung skosten-Index Belgiens ist vor kurzem innerhalb von
zwei Monaten um 23% angestiegen, was auf die geringe Kauftaetigkeit und den
zu erwartenden Warenmangel zurueckzufuehren ist, der durch den Krieg in
Korea verursacht ist. Die Gewerkschaften fordern verbesserte Gesetze fuer
Pensionen und Unfallunterstuetzung.
Vfie immer sind die Verbesserungen der Loehne und Arbeitsbedingungen die
wichtigsten Aufgaben der'Gewerkschaften des Landes. Sie werden jedoch durch
Verhandlungen bestimmt, die im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung gefuehrt
werden.
Obwohl viele Aufgaben auf der Landesebene geloest werden, hat der
Sekretaer Rotthier seine eigenen Schwierigkeiten in seiner Qrtsgewerkschaft.
Eine dieser Schwierigkeiten ist durch eine neue moderne Maschine hervorgerufen worden, die im Rahmen des Marshall-Planes importiert wurde.
Die Teppichfabrik Peters van Roy erhielt vor kurzem einen vier Meter
breiten Lansco-Teppichwebstuhl, der von der Lansdown Corporation in Morton,
Pennsylvania geliefert wurde. Man hatte versucht, eine eurcpaeische Maschine
dieser Groesse zu verwenden,rausstejedoch feststellen, dass sie zu leicht
war. Grosse Erschuetterun en verursachten zahlreiche Fadenbrueche, und der
Verlust an Zeit war betraechtlich.
Die Umstellung auf breite Teppichsorten war notwendig, um dem amerikanischen Geschmack Rechnung zu tragen und die Teppiche in den Vereinigten
Staaten verkaufen zu koennen. Zur Zeit, als dieser Webstuhl von der Firma
erworben wurde, waren nur amerikanische Maschinen zu verwenden.
V/ie den meisten anderen europaeischen Nationen fehlte es Belgien seit

- 11 -

�dem Kriege jedoch an den notwendigen Dollars, um derartige lebenswichtigen Einkaeufe taetigen zu koennen. Hier sprang der Uarshallpl&amp;n
ein. Im Rahmen dieses Programms sind Belgien Dollarbetraege unter der
Bedingung zur Verfuegung gestellt worden, dass dieses Land seinerseits
anderen westeuropaeischen Nationen entsprechende Kredite einraeumt, die
belgische Erzeugnisse benoetigen, aber nicht bezahlen koennen.
Auf diese Weise erhielt die Firma Peters van Roy ihren neuen Webstuhl im Werte von 25.000 Dollar. Eine Konkurrenzfirma, die Louis
Depoorter-Gesellschaft in Courtrai, besitzt bereits 10 Webstuehle dieser Art, und beide Unternehmen rechnen mit einem groesseren Absatz in
den Vereinigten Staaten.
Nun hat 3ich auch fuer Rotthier eine neue Aufgabe ergeben. Die
neuen Marshallplan-Webstuehle werden die Teppiche viel schneller herstellen und dai_.it ergeben sich fuer die Y.'eber, die sie bedienen, aussergewoehnlich hohe Loehne. Es kann deshalb damit gerechnet werden, dass
die Gesellschaft ihre Akkordsaetze revidieren muss.
Dieser Revision werden eingehende Verhandlungen vorausgehen muessen.
Sie werden von einem Ausschuss gefuehrt, der sich aus Vertretern der Unternehmer und der Arbeiter zusammensetzt. Nach belgischem Gesetz muessen alle
Betriebe mit mehr als 200 Arbeitnehmern einen solchen Ausschuss haben.
Es liegt an Rotthier, die Sache der Arbeiter in die Hand zu nehmen.
Die Verhandlungen sind haeufig schwierig und koennen, wenn die Arbeiter sich
damit einverstanden erklaeren, zu oertlichen Streiks fuehren.
Produktionsleistung und Gewinne sind in 3elgien und darüberhinaus in
ganz Europa angestiegen. Neue Arbeitsmethoden und neue Maschinen, die beide teilweise erst durch die Hilfsmassnahmen des Marshallplans ermoeglicht
wurden, haben die einzelnen Laender in die Lage versetzt, ihr wirtschaftliches Niveau der Zeit vor dem Kriege wieder zu erreichen und zu uebertreffen.
Die belgischen Arbeiter, einschliesslich der Textilarbeiter, wuen3chen
jedoch von sich aus an diesen Gewinnen beteiligt zu werden. Der Streik im
Juni 1950, der 23 Tage dauerte, ist als ein Schritt in dieser Richt\uig anzusehen.
Entschlossenem Handeln und der Zielstrebigkeit seiner Gewerkschaften
verdankt der belgische Arbeiter seinen Lebensstandard, sein behagliches
kleines Haus, seine ueberdurchschnittliche Ernaehrung, seine Kleidung, und
die Erhaltung seiner Lebensgewohnheiten.
Noch hat er nicht den Lebensstandard seiner amerikanischen Arbeitskollegen erreicht, aber er ist einer der wohlhabendsten Arbeiter in der vom
Krieg zerruetteten alten europaeischen Welt.
ECA Labor Inforniation

3/51

YflEüERK.tOEFFNUNG DER GRIECHISCH-JUGOSLAWISCHEN GRENZE
Als der erste Zug aus Griechenland ueber die jugoslawische Grenze rollte,
die Ende Feoruar erneut geoeffnet wurde, gehoerten zu den Fahrgaesten Funktic—
naere der Eisenbahner-Gewerkschaften Nord-Griechenlands. Als ein Symbol der
Solidaritaet, die nun die Arbeiter dieser beiden Laender verbindet, brachten
sie Fruechte, Gebaeck und Zigaretten als Geschenk fuer die jugoslawischen Eisenbahnarbeiter mit, die sie an der Grenze empfingen. Begeisterte Menschenmengen umjubelten den Zug bei seiner Ankunft in Jugoslawien, und die Eisenbahnarbeiter der beiden Laender feierten gemeinsam die Wiedereroeffnung der

- 12 -

�Grenze. Die Uiederaufnähme der Eisenbahnverbindungen zwischen Griechenland und Jugoslawien, die seit Kriegsende unterbrochen war, ermoeglicht
einen staendigen Zustrom amerikanischer Hilfsgueter fuer Jugoslawien, die
in dem griechischen Hafen Saloniki entladen werden. Beide Laender werden
hieraus Nutzen ziehen. Jugoslawien wird auf dem billigsten und naechsten
Weg versorgt. Der griechischen Wirtschaft wird durch die Benutzung des
Hafens von Saloniki neuer Auftrieb gegeben. Touristen werden bald Griechenland vom Yfesten her mit dem bekannten Orient-Express erreichen koennen.
Darüberhinaus ist mit einem Aufleben des Binnenhandels zwischen diesen
beiden Laendern zu rechnen.
Die letzte Luecke in der unterbrochenen Bahnlinie zwischen den beiden
Laendern wurde im Dezember vorigen Jahres geschlossen. Politische
Schwierigkeiten, die ausserdem die YJie de raufnähme des Verkehrs hinauszoegerten, sind beseitigt worden, und die Eisenbahn-, Post-, Telegrafenund Telefonverbindungen zwischen beiden Laendern werden schnell wiederhergestellt.
ECA Labor Information

2/20/51

AFRIKANISCHE LEHRERIN FORDERT ABSCHAFFUNG DER POLYGAMIE
Eine 23-jaehrige Eingeborene aus Franzoesisch Kamerun verursachte
einige Aufregung, als sie auf dem ersten pan-afrikanischen Kongress des
Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften die Forderung erhob, die Vielweiberei zu verdammen.
Aufgrund de» heftigen Protestes liess sie das Yfort "Polygamie" fallen,
konnte Jedoch erreichen, dass eine Resolution angenommen wurde, in der die
allgemeine Gleichstellung der afrikanischen Frauen gefordert wird.
Diese junge Pionierin ist Marie Issola, eine Lehrerin an der Eingeborenenschule in Duala und die einzige weibliche Delegierte bei der
historischen dreitaegigen Konferenz des IBFG, die am 8. Maerz beendet war.
Der von Frau Issola eingebrachte Antrag kam fuer einige afrikanische
Delegierte wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die selbst noch immer der
Polygamie huldigen, und zwar entweder aufgrund ihres islamitischen Glaubens
oder einfach deshalb, weil sie mit dieser jahrhundertealten Einrichtung
sehr zufrieden sind.
Frau Issolas Antrag wurde sofort von dem einzigen amerikanischen
Delegierten Harold D. Snell befuerwortet, der erklaerte, die freien Gewerkschaften muessten alle Massnahmen foerdern, die dazu beitragen koennten,
eine moeglichst grosse Zahl von Maennern und Frauen zu emanzipieren. Snell,
der stellvertretende Vorsitzende der Transportarbeitergewerkschaft des CIO,
hatte auf diesem Kongress ausserdem die AFL und die Bergarbeitergewerkschaft
zu vertreten.
Frau Issola ist Mutter von zwei Kindern. Sie wurde in der afrikanischen
Steppe geboren und ist dort grossgeworden. Nachdem sie Schulen in Duala,
Dakkar und Aix-en-Provence (Frankreich) besucht hatte, stellte sie sich in
den Dienst der Gewerkschaften.
Die junge Lehrerin schilderte der Konferenz, unter welchen Bedingungen
viele afrikanische Frauen noch leben; eine Eingeborenenheirat sei haeufig
das Ergebnis eines Kuhhandels zwischen dem Vater, der Braut und seinem zukünftigen Schwiegersohn. Dieser muss seine zukuenftige Frau buchstaeblich
mit Objekten wie Ziegen, Salz, V.'ein, Kuechengeraeten und auch Papiergeld
einhandeln.

- 13 -

�Frau Issola fuegte hinzu, dass mehr als die Haelfte der Bevoelkerung
Kameruns noch immer polygamisch leben, obwohl viele Christen seien und
kirchlich getraut wuerden. In den meisten Faellen hielten sich die Eingeborenen viele Frauen, weil diese Frauen fuer den Mann arbeiten koennten.
Frau Issola erklaerte sich einverstanden, das Wort "Polygamie" zu
streichen, um die Einwaende der islamitischen Delegierten aus dem Senegal
und Nigeria zu beruecksichtigen, die erklaerten, das Problem sei zu umfassend, um an Ort und Stelle geloest werden zu koennen.
Die Bemuehungen zu ihrer Abschaffung sind jedoch insofern von
historischer Bedeutung, als es gelang, die Gewerkschaftskonferenz zu bewegen, eine Entschliessung zur Gleichstellung der afrikanischen Frau anzunehmen. Marie Issola ist in ihre Schule in Duala zurueckgekehrt, wo
ihre jungen Schueler vielleicht niemals etwas von dein Kampf ihrer Lehrerin
um die Besserstellung ihres Volkes erfahren.
Mitteilung des IBFG 3/9/51

VEREINIGUNG DER NICHTKOMVUNISTISCHEN GEWERKSCHAFTEN IN PAKISTAN
Drei&amp;sig Gewerkschaftsorganisationen, in denen 160 Gewerkschaften
und 320.000 Gewerkschaftsmitglieder vertreten sind, haben sich zum AllPakistanischen Gewerkschaftsbund zusammengeschlossen. Die neue Organisation vereinigt in sich die liewerkschaftsverbaende Ost- und West-Pakistan
und urafasst alle nichtkonmunistischen GewerkschaftsOrganisationen des
Landes. Die staerksten Gruppen des Gewerkschaftsbundes werden von den
Dockarbeitern in Keradschi und Chittagong, dem Zugpersonal der Eisenbahnen und den Arbeitern der Binnenschiffahrt in Ost-Pakistan gebildet.
Auf der Gruendungskonferenz des Gewerkschafsbundes wurde beschlossen, dem
Internationalen Bund Freier Gewerkschaften beizutreten, die Regierung,
die englischen und andere Reeder zu ersuchen, mehr pakistanische Seeleute
zu beschaeftigen und sich weiterhin mit der Frage der Landreform zu beschaeftigen.
Die Pakistanische Gewerkschaftsfoederation, die dem Weltgewerkschaftsbund angeschlossen ist und im allgemeinen als Werkzeug der kommunistischen Partei in Pakistan angesehen wird, ist der neuen Organisation
nicht angegliedert. Diese Foederation setzt sich aus einzelnen Gewerkschaften zusammen, die insgesamt 80.000 Mitglieder fuer sich beanspruchen.
Ihr Zentralbuero und die groesste Konzentration ihrer Macht liegen in
Lahore im Pandschab. Der groesste Teil ihrer Mitglieder kommt aus den
verschiedenen Werkstaetten der Eisenbahngesellschaft des Nordwestens, die
sich in Regierungsbesitz befindet.
In der letzten Zeit entsandte die Regierung nur solche Gewerkschaftsvertreter und -berater zu internationalen Konferenzen, die von Organisationen
aufgestellt waren, die dem neuen Gewerkschaftsbund angehoeren.
Notes on Labor Abroad

12/50

SOWJETS LEISTEN FINNISCHEN KUKMUNISTEN FINANZIELLE HILFE
In verzweifelten Anstrengungen, um die Kontrolle ueber den finnischen
Gewerkschaftsbund in die Hand zu bekommen, sollen die Kommunisten Hunderte
Millionen von Finnmark aufwenden. Sie bekommen dieses Geld von sowjeteigenen Konzernen in Finnland geschenkt,, Eines dieser Unternehmen, Sexiino
Osakeyhtide, hat zum Beispiel von seinen Gewinnen im Jahre 1950 den

- 14 -

�finnischen Kommunisten offiziell 46 Millionen Finnmark (etwa 870.000 DM)
geschenkt.
Program Services Section 3/7/51

LANDREFüHM IN ITALIEN
Der italienische Landwirtschaftsminister hat mitgeteilt, dass 1«
Rahmen der Landreforra in diesem Jahr mit der Aufteilung von 1.750.000
Morgen begonnen werden wird.
Die ersten Grundstuecke in einer Groesse von 20 bis zu 50 Morgen
werden in diesem Sommer italienischen Bauern zugeteilt werden. Die
Regierung wird die gegenwaertigen Eigentümer mit 170 bis 250 DM Je
Morgen entschaedigen. Sie beabsichtigt, spaeterhin fuer die Verbesserung des Ackerlands 550 bis 840 DM je iiorgen aufzuwenden.
Die Bauern werden den Kaufpreis fuer das Land in 30 Jahresraten
an die Regierung zurueckbezahlen, die ihrerseits technische und finanzielle Hilfe leistet. 1.800 Traktoren sind bereits in Auftrag gegeben
worden.
Man hofft, dass dieser Abschnitt der Landreform im Jahre 1952 beendet sein wird. Es sollen dann weitere zwei Millionen Morgen aufgeteilt werden.
Program Services Section 2/13/51
/

DAS HAUPTPROBLEM DER PRODUKTIONSSTEIGERUNG LIEGT AUF PSYCHOLOGISCHEM
GEBIET
"Andere Industrien haben dank des Marshallplans ihre Geschaeftstaetigkeit steigern koennen. Sie benoetigen mehr Materialien von uns.
Das heisst, dass auch wir unser Geschaeft belebt haben."
Diese einfache Feststellung wurde von KaJ Arn, dem Produktionsleiter der Nordiske Kabel- und Ürahtfabrik A/S in Kopenhagen getroffen, der
hierin die Erklaerung fuer die durch die Marshallplan-Aufwendungen verursachte Belebung der Wirtschaft sieht, die dazu beitraegt, die Wirtschaft
dieses Landes wieder aufzubauen.
In seinem eigenen Betrieb konnte sich Arn von der Gueltigkeit dieser
Behauptung ueberzeugwn, seitdem mit Marshallplan-Mitteln neue Maschinen
gekauft und aufgestellt wurden. Die neuen Arbeitsnethoden, die im Rahmen
der Modernisierung der Produktion und der Steigerung der Produktionsleistung in diesem Betrieb angewendet wurden, haben dazu gefuehrt, dass
die Arbeit leichter und angenehmer ist. Das war gerade in diesem Unternehmen von Bedeutung, weil es schwierig wurde, die Arbeiter hier an ihrem
Arbeitsplatz zu halten.
Im Jahre 1946, unmittelbar nach dem Krieg, blieben bei Nordiske nur
zwei Prozent der Arbeiter laenger als ein Jahr in dieser Firma. Die Zahl
der Arbeitsplatzwechsel ist immer noch verhaeltnismaessig hoch (im vorigen
Jahr blieben Jedoch bereits 41% der Arbeiter in diesem Betrieb;. Arn
schreibt diese wesentliche Verbesserung den verbesserten Arbeitsbedingunge
zu.
Der durchschnittliche Stundenlohn, der dem von der Gewerkschaft ver-

�traglich festgelegten Tarif entspricht, wurde seit 1946 von 2,76 Kronen
auf 3,60 Kronen oder um etwa 2556 erhoeht.
In der gleichen Zeit hat sich die Gesamtproduktion von 6.000 Tonnen
jaehrlich im Jahre 1946 auf 12.000 Tonnen in diesem Jahr erhoeht. Im
gleichen Zeitraum ist die Zahl der Arbeitnehmer von 476 im Jahre 1946 auf
680 in die Hoehe gegangen, was eine wesentliche Steigerung der Produktionsleistung pro Mann und Arbeitsstunde darstellt.
Di« Arbeiter Nordiskes, die in der starken Daenischen Metallarbeitergewerkschaft* der drittgroessten in Daenemark, organisiert sind, brauchen
trotz der neuen Maschinen, der modernen Produktionsmethoden oder der gesteigerten Produktionsleistung nicht zu befuerchten, dass sie arbeitslos
werden. Dies ist teilweise der Tatsache zuzuschreiben, dass in Daenemark
seit dem Krieg ein akuter Mangel an gelernten Arbeitskraeften herrscht,
und die Gewerkschaft ist der Ueberzeugung, dass sie viele ihrer 250.000
Mitglieder in angelernten und gelernten Berufen unterbringen kann.
Nordiske hat die Feststellung gemacht, dass die Zahl der Arbeitnehmer
tatsaechlich vergroessert werden musste, um in gewissen Abteilungen mit
der gesteigerten Produktion Schritt halten zu koennen.
Das Ergebnis dieser Tatsachen ist, dass die Arbeitnehmer des Betriebs
nichts gegen die Umstellung auf neue Maschinen und modernere Arbeitsmethoden einwenden. Die Arbeiter in der Messing- und Kupferdrahtproduktion erwarten mit Ungeduld die Umstellung von einem veralteten und
komplizierten Ziehverfahren auf eine schnellere, einfachere und modernere
Methode, die durch die Inbetriebnahme einer neuen Ziehpresse moeglich ist,
welche mit Marshallplan-Mitteln in den Vereinigten Staaten gekauft wurde.
Sie wissen zwar, dass die Bedienung der neuen Maschine weniger Arbeitskraefte erfordert, aber sie sind der festen Ueberzeugung, dass die Steigerung der Produktion mit der neuen Maschine so hoch sein wird, dass nicht
weniger, sondern mehr Arbeiter als bisher gebraucht werden, um die erforderlichen Materialien heranzuschaffen und auch die naechsten Arbeitsgaenge
zu beschleunigen, um eine Stockung zu vermeiden. Warum sollten sie also
gegen die Einfuehrung der neuen Maschine sein? Auf diese Weise konnte
Nordiske seine Produktion seit dem Jahr 1946 staendig steigern.
Viele Rohstoffe, die in diesem Betrieb verarbeitet werden, werden mit
Marshellplan-Geldern finanziert. Und weil Nordiske einer der groessten
daenischen Erzeuger fuer Bleche und Draht ist und wichtige Metalle wie
Messing, Kupfer, Bronze und Aluminium verarbeitet, die wiederum fuer die
Herstellung dringend benoetigter Elektorartikel und fuer Versorgungsbetriebe gebraucht werden, spiegelt sich die gesteigerte Produktion der
Firma Nordiske in groesseren Beschaeftlgungsmoeglichkeiten in Hunderten
von kleinen Geschaeften und Werkstaetten in ganz Daenemark wider.
Ingenieur Arn hat in seinem Wiederaufbauprogra/iun eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass der Wiederaufbau nicht durch materielle Werte allein
bewirkt werden kann. Weder neue Maschinen, Uarshallplan-Dollar noch
Dutzende von Tonnen an Rohstoffen werden von ihm als die wesentlichste
Triebkraft fuer Nordiskes erfolgreichen Wiederaufbau angesehen.
Er hat festgestellt, dass das wesentlichste Problem das menschlichpsychologische ist. Der Arbeiter war es und nicht die Maschine, der sich
am staerksten umsteller &gt; musste. Zu diesem Zweck griff Arn zu einer
Produktivitaetsmethode, die die Ausbildung am Arbeitsplatz durchfuehrt.
Die Arbeiter sind heute bei Nordiske zufriedener und bestaendiger als
Je zuvor seit dem Kriege. Und Kaj Arn bekennt sich begeistert zu der Tatsache, dass die Arbeiter als menschliche Organismen der Schluessel zur
Produktivitaetssteigerung sind.
ECA Labor Information

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMTTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher R e d a k t e u r e , der Gewerkschaften, G e w e r k s c h a f t s s c h u l e n und deren Mitglieder.
Von d i e s e m Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare k ö n n e n kostenlos bei
Office ol Labor Affairs
HICOG. APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch w e r d e n diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der a m e r i k a n i s c h e n
Hohen K o m m i s s i o n für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 12

Frankfurt/Main, den 23. Maerz 1951

I N H A L T S V S R Z a l

'JUNIS

Der Molotow-Plan wird Warschau befohlen - Das polnische
Volk nuss sich selbst kasteien

1

Die erste Produktivitaetsausstellung in Birmingham

8

SCA - Chef fordert Friedensproduktion

9

Kritik an der Arbeitsbewusstseintheorie Professor
Perlmans
Der Lohn-Preis-Plan eines amerikanischen Gewerkschaftsfunktionaers

13

Daeniache Gev/erkschaft behebt Facharbeitermangel

1A

Die Situation der Lehrlingsausbildung in den
Vereinigten Staaten

16

10

DÜR UULüTUW-PLAN '..'IKP WARSCHAU BEFÜHLEN - DAG PiLNISCHh VOLK MU.33 J1CH
SKL55T KASTal^N
Wann man sich mit der gegenwaertigen Lage des polnischen Volkes
befasst, wird man feststellen, dasa in allen laeniern hinter dem eisernen Verhäng bestimmte Phrasen und bestimmte Motive immer wieder auftauchen. So zum Beispiel: "Dia Methode, die den '..'ie de rauf »au er•oeglicht hat, ist der geniale dialektische Katerialisaus Lenins und
Stalins", "die Arbeiter arbeiten begeistert am Aufbau des Sozialismus",
"die ko.iiiiunistische Partei, der Vorposten der fortschrittlichen Menschheit", "die tapfere Rote Armee wacht ueber
"

- 1 -

�Aber wie sieht die Wirklichkeit hinter diesen Phrasen aus,
welches Niveau des Wohlstands hat die polnische Bevoelkerung erreicht? Welche Atnesphaere herrscht in diesem Land?
Die polnische Geschichte der letzten zehn Jahre ist unverstaendlich, wenn man ihr nicht die ataendige, nicht immer sichtbare
Opposition derer gegenüberstellt, die die "Gruppe des Auslands"
oder auch die sogenannte "Gruppe Moskau" bilden«
Gehen wir ins Jahr 1926 zurueck, um etwas klarer zu sehen»
In dieser Zeit hat die von der sozialistischen Partei Polens ^P.S.)
und vom Allgemeinen Geweikschaftsbund (C.GT.-ebenfalls sozialistisch)
gefuehrte Arbeiterschaft Polens ihren Kampf gegen den Totalitarismus
begonnen. Nach der Invasion des Landes mussten die Arbeiter im
Verborgenen den Eindringling bekaempfen.
Von 1939 bis 1944 stellte die Arbeiterbewegung "Wolmosc, Rownosc,
Niepodleglosc" (Freiheit, Gleichheit, Bruederljchkeit) den demokratischen Gegenspieler Deutschlands dar. Man rechnete damit, dass
die nationale Befreiung gleichzeitig eine soziale Befreiung sein
wuerde.
Was die Kommunisten betrifft, so konnten sie in jenen Jahren
verhaeltnismaessig spaet damit beginnen, sich zu organisieren. Erst
im Jahre 1942 bildeten sie eine unabhaengige Wiederstandsbewegung.
Die Arbeiterpartei Polens (PPR), die zu jener Zeit gegruendet wurde,
gab vor, mit der ehemaligen kommunistischen Partei in keinerlei Zusammenhang zu stehen, die v©n der Komintern im Jahre 1938 aufgeloest
worden war.
Die PPR entstand nicht allein. Gleichzeitig wurde in Moskau ein
anderes kommunistisches Zentrum unter dem Namen "Vereinigung der
polnischen Patrioten" gegruendet. Zu gleicher Zeit wurde jedoch aus
der Entfernung die Taetigkeit der PPR dirigiert.
Als im Jahre 1944 die Rote Armee in das russische Territorium
eindrang, schuf die kommunistische Bewegung einen riesigen Apparat
fuer Verwaltung und Regierung, der nach und nach die Macht und die
Leitung der Wirtschaft durch die fortlaufende Beseitigung jeglicher
Opposition und aller polnischen gewerkschaftlichen Elemente, die dem
Kreml nicht hoerig waren, in die Hand nahm.
Dass dieser Umschwung in der Orientierung dank der aktiven Zusammenarbeit des russischen Militaers und der russischen Polizei
moeglich war, wird ganz offiziell zugegeben.
"Es ist offensichtlich", schrieben die Delegierten der polnischen
Arbeiterpartei (PPR) im Jahre 1948, "dass wir den Weg der Volksdemokratie nicht haetten einschlagen koennen, wenn uns nicht die Hilfe
und die Staerke der sowjetischen Armee zur Verfuegung gestanden haette."
Fast alles uebrige ist mit diesem uingestaendnis gesagt .......
Der Kreml ist darauf bedacht gewesen, in Polen vor allem jene
Elenente der Arbeiterschaft zu beseitigen, die im Verlauf des Widerstandskampfes gegen Deutschland gereift waren und die sowjetische
Orthodoxie ablehnen mussten.
Noch vor Beendigung der Feindseligkeiten war in Russland eine
"Polnische Sozialistische Partei" ins Leben gerufen worden, eine neue
Organisation unter einem alten Namen, die von Sowjetrussland ermaechtigt,
unterstuetzt und ermutigt wurde. Diese Partei diente als Kern fuer

- 2 -

�ein« groessere Bewegung, die von den Kommunisten und ihren Anhaengern
dirigiert wurde, um zu verhindern, dass die 7J.R.N. (Freiheit, Gleichheit, Bruederlichkeit) aus ihrer Verborgenheit auftaucht und sich des
gewerkschaftlichen Apparates bemaechtigt.
Vfie konnte sich nun die Machtergreifung vollziehen, wie wurde sie
unvermeidlich? Vor allem dadurch, weil die Opposition verschwand, weil
die Fuehrer der sozialistischen Partei der Regierung nachlaessig un4
blind gegenüberstanden und Opportunisten waren, die der Meinung waren,
abwarten zu koennen, und weil vor allem der Apparat des kommunistischen
Terrors vollkommen war. Er wurde zum wichtigsten Werkzeug, das der
kommunistischen Partei, oder besser gesagt, dem "Demokratischen Block"
zum Sieg verhalf.
Bevor man jedoch zu der gegenwaertigen Lage des polnischen Arbeiters
Stellung nimmt, muss etwas ueber die Angelegenheit Gomulka gesagt werden.
Der Monat Oktober des Jahres 1947 war durch die Bildung des Kominform
und die Wiedererstehung der im Jahre 1938 verschwundenen Komintern gekennzeichnet.
Bis dahin waren zwei Theorien von den Kreisen der Linken bevorzugt
worden: "Der polnische Weg zum Sozialismua unterscheidet sich von dem,
den die Sowjetunion gewaehlt hat," hiess die eine, waehrend die andere
voller Zuversicht beteuerte: "Der Aufbau des Sozialismus kann sich auf
friedlichem Wege vollziehen." Diese beiden Theorien hatten bis dahin
vorgeherrscht. Die grosse V.'ende wurde nicht sofort und nicht voellig
von vielen polnischen Kommunisten verstanden. Diese Nachzuegler, die in
erster Linie polnische Kommunisten waren, hatten nicht die Geistesgegenwart, im richtigen Moment zu handeln, sie mussten ihren Irrtum teuer
bezahlen.
Was der fruehere Chef der polnischen koiumunistischen Partei W. Gomulka
sich damals dabei dachte, ist unbekannt. Man weiss aber, dass auf einer
Konferenz des Politbueros am 3. Juni 1948 die "Revolte" zum Ausbruch kam,
die die Partei erschuettern sollte. Aufgrund dieses Umsturzes und der
Saeuberung, die darauf folgte, errang sich die "Gruppe Moskau" im Zentralkomitee die Vorherrschaft ueber die "Nationale Gruppe", das heisst ueber
diejenigen Mitglieder, die waehrend des Krieges im Lande geblieben waren.
Diese Spaltung kann trotz allem als Ausdruck einer sozialistisch-demokratischen Tendenz in der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) angesehen werden.
Moskau wollte, dass die letzten Spuren dieser Tendenz verwischt werden.
Deshalb musste Gomulka verschwinden und die auslaendische Gruppe sich das
Monopol der Theorie und der politischen Macht aneignen. Diese offizielle
Verkuendung des "Einblocksystems" wurde von der authentischen oeffentlichen
Meinung in Polen wie eine nationale Katastrophe aufgenommen. Seit dem
Verschwinden der Bauernpartei war die PPS trotz ihres Opportunismus die
einzige Hoffnung geblieben. Von nun an gab es ueberhaupt keine Opposition
mehr.
Und nun sei einiges ueber die Lage der Gewerkschaften gesagt. Diese
Organisationen vertreten ebensowenig den Willen der Arbeiter wie die
Sozialistische Partei Polens (PPS), die von Stalin geschaffen wurde, den
wahren Geist des Sozialismus verkoerpert.
Die Kommunisten waren bemueht, ihrer wirklichen Macht den Anschein
der "revolutionaeren Legalitaet" zu geben. Hieraus erklaert sich die Zusammenkunft des Kongresses, mit Ausnahme der Delegierten des Bezirks
Lublin, die am 20. November stattfand, und in deren Verlauf die gewerkschaftliche Organisation der "Befreiung" gegruendet wurde.
Diese Gruppe, die kaum als Interessenvertretung der polnischen Ar-

- 3-

�beiter anzusehen sein duerfte, erweiterte ihren Aktionsbereich mit
dem Vordringen der sowjetischen Truppen. Mit Unterstuetzung der politischen Polizei stellte die neue gewerkschaftliche Formation eine
Arbeiterbewegung auf die Beine, die ausschliesslich stalinistisch und
orthodox war.
Vfas wurde in dieser Zeit der Y/iedererstehung des Nachkriegspolens
aus den sozialistischen und demokratischen Arbeiterbewegungen und den
Gewerkschaften, die nicht moskauhoerig waren?
Diese Bev;egungen waren im geheimen organisiert worden. Aber sie
sahen, dass ihre Beuuehungen durch die polnische Sicherheitspolizei
und die russische N.K.Y.'.D« mattgesetzt wurden.
Die Gfcheimorganisationen hatten zuerst geplant, aus dem Untergrund
aufzutauchen und am "Tag der Befreiung" offiziell eine polnische Verfassung zu verkuenden. Es kam jedoch anders.
Die Massnahmen der russischen Militaer- und Zivilbehoerden machten
eine voellige Aenderung der Taktik und eine Rueckkehr zu den Methoden
notwendig, die unter der deutschen Besatzung angewendet wurden.
Es muss gerechterweise darauf hingewiesen werden, dass in dieser
ersten Phase der "Befreiung" die Arbeiter trotz ihrer feindseligen
Haltung gegenueber ihrer Besatzungsmacht und denen gegenueber, die sich
in ihren Dienst stellten, einen guenstigen Eindruck von den Reformen
bekamen, die jetzt durchgefuehrt wurden: Verstaatlichung der Schluesselindustrien, Verstaatlichung der Banken, Aufteilung des Grundbesitzes,
Landreform usw. Es blieb noch eine Hoffnung, so meinten sie, und zwar
die Moeglichkeit, das System von unten her zu demokratisieren.
Aber die Kom unisten wussten, was 6ie wollten.
Die Satzungen der CGT, die einstimmig angenommen wurden,- verstaerkten noch die ko.-rununistische Macht. Die Gewerkschaftszentrale
wurde als unabhaengig von den politischen Parteien erklaert, was ihr
ermoeglichie, die "Parteilinie" zu verfolgen und etwaige Gegner zu beschuldigen, "die Einheit der Arbeiterklasse zu zerstoeren."
Theoretisch war in diesen Satzungen vorgesehen, dass der Anschluss
an die CGT freiwillig sein soll. In V.'irklichkeit war die Angliederung
seit 1944 obligatorisch. Die Betriebsleitungen schlugen den Personalchefs vor, alle Lohnempfaenger auf die Gewerkschaftsliste zu setzen und
die Beitraege zu diesem Zweck von Amts wegen bei der Lehnauszahlung einzubehalten.
Gleichzeitig aenderten sich Bedeutung und Bestimmung dieses neuen
Gewerkschaftswesens, Man zentralisierte und raeumte jenen neuen Gewerkschaftsfunklionaeren den ersten Platz ein, die als "Unterweiser" bezeichnet wurden, und deren Aufgabe es war, die Verbaende und Gewerkschaften zu "kontrollieren", das heiast letzten Undes, die Partei in
jeder Hinsicht zu verti-eten.
Auf der anderen Seite trat ein neues Prinzip in Erscheinung: das
der "Erraenzung durch verdienstvolle Liaenner", die nicht der gewerkschaftlichen Sphaere angehoerten. Diese "Ere;aen^ung" hatte eine beachtliche Bewegungsfreiheit der leitenden Organe der Organisationen zur
Folge. Von nun an durften sich diese Organe nur noch aus "zuverlaessi^.en
Leuten" zusammensetzen, durch das System der "Ergänzung" konnten zugleich missliebige Persocnlichkeiten abgeschoben werden.
Das Ringet/] zwischen den leiden Gesinnungsrichtungen, der freien

- 4_

�und der moskauhoerigen Gewerkschaften, sollte von 1945 bis 1947 andauern.
Die ersten Betriebsratswahlen sahen eine betraechtliche Zahl van
Waehlern. Sie zeigten eindeutig die wirkliche Schwaeche des kommunistischen Einflusses auf. Die kommunistische Liste erhielt 2l£,
die Sozialistische Partei dagegen 60^ und die "Gewerkschaftsliste" 12%
der Stimmen. Dieser Fehlschlag der "Gruppe Moskau" wurde der Oeffentlichkeit jedoch vorenthalten.
Der Gegenschlag liess jedoch nicht lange auf sich warten. Man
entfernte die "buerokratisierten und korrupten Elemente" aus den leitenden Stellungen der Gewerkschaften. In der Zeit von 1946 bis 1948
wurden von 68 Mitgliedern des Zentralausschusses 21 durch 23 "Ergaenzungsmaenner" ersetzt, die ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung
standen und vorher niemals irgendeine gewerkschaftliche Funktion inne
hatten. Das Zentralkomitee der Gewerkschaften, das sich selbst weitgehende Vorrechte angeeignet hatte, nachte es sich zur Gewohnheit, sich
in die internen Angelegenheiten der einzelnen Gewerkschaften einzumischen und die Vorstandsmitglieder zu beseitigen, die "politisch nicht
zuverlaessig" waren. Dazu war das Mittel der "Ergaenzung" ausserordentlich praktisch. Darueber hinaus wurden ganze Organisationen von
einem Tag auf den anderen von den Kontrollorganen einfach mit solchen
"Ergaenzungsleuten" durchsetzt.
Die Arbeiter brachten ihre Forderungen zu jener Zeit vor allem
durch Streiks zum Ausdruck. Die Streikenden in der "Volksdemokratie"
forderten Erhoehung der Loehne, Einhaltung der Tarifvertraege und Verbesserung der Lebensmittelversorgung. Zu dieser alten Form des Streiks
hat sich dann die neue des "stummen Streiks" gesellt, bei dem die Arbeiter aus Furcht vor Repressalien durch die Regierung weder Beschwerden
noch Forderungen laut werden Hessen. Sie zu verstehen, blieb den
Betriebsleitern ueberlassen.
Im Jahre 1946 nahmen die Arbeitsniederlegungen den Charakter einer
Massenbewegung an. Zu Anfang des Jahres waren Streiks in den Bergwerken,
Eisenhuetten und Metallfabriken des Dombrowa-Bezirks und in Oberschlesien zum Ausbruch gekommen. Sie erstreckten sich bald ueber das
ganze Land: von üzenstochau und Posen bis Gdingen, Danzig und Stettin.
L,S kam zu blutigen Zusaramenstoessen mit der Polizei.
In Lodz brachen im September 1947 Streiks in der Textilindustrie aus,
die noch groessere Nachwirkungen zur Folge hatten. In dem Unternehmen
"Gayer" waren die Arbeiter, die eine Lohnerhoehung gefordert und gegen
die zu grossen Anforderungen unter dem System des "Arbeitswettbewerbs"
protestiert hatten, von der Polizei angegriffen worden. Daraufhin wurde
in der gesamten Textilindustrie die Arbeit niedergelegt.
Die offizielle Reaktion auf diese Streiks war ein allgemeiner Schweigebefehl. Den Zeitungen wurde verboten, darueber auch nur eine Zeile zu
veroeffentlichen. Als es jedoch nicht mehr moeglich war, die Sache zu
verheimlichen, weil sie all zu bekannt geworden war, beschraenkte man sich
darauf, die Streikenden zu beschimpfen, denn ein Streik muss nach der
Doktrin des Kreml unter einem "fortschrittlichen" Regime notgedrungen
"reaktionaer" sein.
Im uebrigen wurde bald der Befehl erlassen, die Streiks zu
"licuidieren". An der Durchführung dieses Befehl3 beteiligten sich die
Sicherheitspolizei, die Miliz und die "aktiven" Mitglieder der Partei
und der Gewerkschaften.
Die ideologische Erklaerung fuer dieses Streikverbot ist in dem

- 5-

�nachstehenden Auszug aus der EntSchliessung des Praesidi'ums der
polnischen CGT zusainmengefasst, die vt&gt;ra Juni 1947 datiert:
"In der verstaatlichten Industrie, in der die Arbeiterklasse
direkt an der VJiederaufrichtung der nationalen Wirtschaft beteiligt
ist, und deren gesteigerte Produktion zum Wohlergehen des Arbeiters
beitraegt, wirkt sich jeder Streik fuer das Land und infolgedessen auch fuer die Arbeiterklasse nachteilig aus. Die Gewerkschaftskomraission spricht sich damit gegen Streiks in der verstaatlichten
Industrie aus."
Wenn man jedoch behaupten wollte, die neuen Gewerkschaften wuerden
saemtliche Freiheiten unterdrücken, eo wuerde das nicht der Wahrheit
entsprechen.
Jedesmal, wenn die Regierung die Initiative ergreift, um die
"Massen fuer eine «kollektive Aufgabe' zu mobilisieren", muss eine
"freudige" freiwillige Aktivitaet entfaltet werden.
Im Jahre 1947 wurde das System des sogenannten "Arbeitswettbewerbs" unter seinem sowjetischen Anstrich eingefuehrt; es war seit
1945 bereits von der Jugend unter dem Namen "Arbeitswettkampf"
praktiziert worden.
Das System, das nach und nach in der gesaraten Industrie und in
seinen verschiedenen Fonren angewendet wird, hat ebenfalls die Einsparung von Rohstoffen und die groesstraoegliche Ausnutzung der
Maschinen und der Energie zum Ziel.
Die "Stachanows" werden gehegt und gepflegt, offiziell betreut,
befoerdert und ausgezeichnet, man gewaehrt ihnen Sonderpraemien und
eine 30£ige Steuerermaessigung. Ihre Zahl belaeuft sich ungefaehr auf
20.000. Die Leistungen dieser Produktionskaempfer ziehen automatisch
eine Revision der Produktionsnormen und die Einfuehrung eines
moerderischen Arbeitstempos nach sich.
Anlaesslich verschiedener Festlichkeiten ergreifen diese "Stachanows" die Initiative und geben "Produktionsverpflichtungen" ab, das
heisst, sie verpflichten sich, die Produktion ihres Betriebs wesentlich
zu steigern. Der Masse .bleibt nichts anderes uebrig, als diesen "Verpflichtungen" zu folgen, und voller Begeisterung" die ihnen vorgelegten Entschliessungen zu akzeptieren.
Der Gewerkschaftliche Zentralrat hat ia August 1950 folgende Befehle erteilt:
"Die Gewerkschaften muessen unablaessig daran arbeiten, den Arbeit swettbewerb zu einer Massenbewegung zu gestalten.
"Die Erfolge der leistungsfaehigsten Arbeiter und Arbeitsgruppen
muessen auf alle Arbeiter des gleichen Unternehmens ausgedehnt werden."
"Die Loehne sind einzig und allein von der Erfuellung und Ueberschreitung der Produktionsnormen abhaengig."
"Die Gewerkschaften muessen ueberall und entschlossen fuer die
Wahrung der sozialistischen Arbeitsdisziplin sorgen."
Wenn man den Gewerkschaftsfuehrern in Warschau Glauben schenken
will, verdienen die polnischen Arbeiter heute mehr als vor dem Krieg.
In Wirklichkeit entsprechen die Realloehne des Jahres 1950, mit Ausnahme der Loehne der "Produktionshelden" kaum der Haelfte der Loehne

- 6-

�aus der Zeit vor 1939.
TIenn der Stundenlohn des polnischen Arbeiters heute mit den Koeffizienten 100 beziffert wird, haben die preise fuer lebenswichtige Nahrungsmittel den Koeffizienten 200 und die fuer Lederartikel und Textilien mindestens 300.
Hinzu kommt, dass die Arbeiter keinerlei Einfluss mehr auf die Entwicklung der Loehne ausueben koennen, weil es zum Prinzip gemacht wurde,
dass "die Lohnfrage von nun an nicht mehr im Zeichen des Klassenkampfes,
sondern durch Bestimmungen, die in engstem Einvernehmen mit der Gewerkschaftsbewegung gefasst werden, geloest wird."
Koerperliche Ermuedung, moralische Gleichgültigkeit und die sichueberall bemerkbar machende Hoffnungslosigkeit sind Faktoren, die einen Geisteszustand geschaffen haben, der in der Nachlaessigkeit bei der Arbeit, im
Fernbleiben vom Arbeitsplatz und in den Schwankungen der Arbeitsleistung
seinen Niederschlag findet.
Hieraus erklaeren sich die beiden Gesetze vom 7. Maera und vom 5. Mai
1950. In dem ersten wird bestimmt, dass der Arbeiter, der seinen Arbeitsplatz wechseln moechte, hierzu die Erlaubnis der Betriebsleitung einholen
muss. Das zweite, sogenannte "Gesetz der sozialistischen Arbeitsdisziplin"
sieht gerichtliche Bestrafung beim Fernbleiben vom Arbeitsplatz vor, wenn
die Dauer des Fernbleibens in einem Jahre vier Tage ueberschreitet. Auch
Arbeitgeber setzen sich Bestrafungen aus, wenn sie derartiges Fehlen dulden.
Die Gewerkschaften sind angewiesen, die Durchfuehrung dieser beiden Gesetze zu ueberwachen.
Seit dem 17. Mai, dem Tage an dem das Gesetz der "sozialistischen
Arbeitsdisziplin" in Kraft trat, wurden mehrere hundert Arbeiter nach
diesem Gesetz mit Geld- und Gefaengnisstrafen bis zu drei Monaten bestraft.
Diese Vorkommnisse werfen ein grausames Licht auf die ungeheure Last,
die dem polnischen Volk durch den Sechsjahresplan, der als Molotow-Plan
bezeichnet wird, aufgebuerdet wurde.
Man weiss, dass der plan fuer die Zeit von 1950 bis 1955 eine Produktivitaetssteigerung fuer die Schwer- und Leichtmetall-Industrie von 66%*, fuer
die Bauindustrie von 86%, fuer die Eisenbahnen von 52$, fuer den Kleinhandel von 45%" und fuer die Staatsgueter von 90$ vorsieht.
Im ganzen gesehen kommt es jedoch nicht auf diese hochgesteckten Ziele
an. Bemerkenswerter ist, dass der Apparat der kommunistischen Partei und
der Gewerkschaften vor keiner Massnahme zurueckschreckt, sei sie auch noch
so ruecksichtslos, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Die Solidaritaet
der Arbeiterschaft ist unter diesem System voellig verschwunden, und ihr
Fehlen laesst den Arbeiter in grausamer Weise spueren, wie schutzlos er allem
ausgeliefert ist.
Um sich von der hartnaeckigen Opposition ein Bild machen zu koennen,
die vor keinem offiziellen Befehl Halt macht, muss man aufmerksam die Artikel der kommunistischen Presse Polens lesen.
Dem System des Arbeitswettbewerbs gegenueber sind die Arbeiter im allgemeinen feindlich eingestellt. Sobald die obligatorische "Begeisterung"
etwas nachgelassen hat, nimmt die Zahl der "Produktionshelden" rapid ab.
In bestimmten Industrien werden die monatlichen Produktionsziele durch
Ueberstunden an Sonn- und Feiertagen erreicht. Die Arbeiter nehmen dies
als das geringere Uebel in Kauf im Vergleich zu dem, was ein beschleunigter
Hueckgang in der Produktion bedeuten wuerde.

-7 -

�Auch die Abwesenheit vom Arbeitsplatz laesst sich nicht abschaffen,
obwohl die Aerzte, die Arbeitsunfaehlgkeitsbescheinigungen ausstellen,
strengstens ueberwacht werden.
Der unparteiische Beobachter kann aus all dem schliessen, dass eine
wirkliche Opposition besteht, die nicht wie anderswo offen und legal,
sondern organisch und in sich konkret vorhanden ist und den stummen V.'iderstand verkoerpert, den die Arbeiterschaft, die das totalitaere Joch des
neuen Staates verabscheut, der Gewerkschafts-"elite" entgegensetzt.
Rapport8 France - Etats Unis
2/51
PIK BKSTri PR0DUKTIVITAET3AUSSTELLUNG IN BLiMINGHAM

Kine neue und hoechst wirkungsvolle Form einer Produktivitaetsausstellung ist vor kurzem vom englischen Finanzminister eroeffnet worden.
In der Ausstellung wurden erprobte Arbeitsmethoden gezeigt, die die
Produktion pro Mann und pro Arbeitsstunde um 30 bis 900 Prozent gesteigert und haeufig gleichzeitig zu einer Einsparung von Material gefuehrt
hatten.
Die Ausstellung ist von 8250 Arbeitern aus allen Zweigen der Industrie
Mittelenglands besucht worden. Sie sahen lk Ausstellungsmodelle, die alle
eine besondere Bedeutung hatten und zeigten, wie die Produktionsleistung
gesteigert wurde und noch gesteigert "werden kann. Jeder Arbeitsmethode,
jeder V'andkarte oder Fotografie lag das gleiche Motiv zugrunde: hoehere
Produktionsleistung durch bessere Arbeitsmethoden.
116 organisierte Gruppen aus Betrieben besuchten die Ausstellung,
von denen viele ihren gemeinsamen Produktionsausschuessen Bericht erstatten
nussten, um ihnen die Annahme neuer Ideen zu empfehlen, zu denen die Ausstellung angeregt hatte.
Die Ausstellungsmodelle waren von zustaendigen beruflichen oder
technischen Vereinigungen und nicht von den Firmen, die sie verwenden, ausgesucht worden. Diese Vereinigungen hatten ihren Mitgliedern nahegelegt,
nur solche Gegenstände zu'waehlen, die folgenden Bedingungen entsprachen:
Sie duerften weder bekannt noch in der Industrie allgemein gebraeuchlich
sein; sie mussten ueberall und ohne grosse finanzielle Aufwendungen anwendbar sein, damit sie nicht nur von den grossen Unternehmern, sondern
auch von den kleinen ausgewertet werden koennen.
In seiner Rede zur Eroeffnung der Ausstellung erklaerte der Finanzminister: "Viele von ihnen werden sich daran erinnern, dass im ersten
gemeinsamen Bericht des Anglo-amerikanischen produktivitaetsrates die
Vertreter der Industrien beider Laender zum Ausdruck gebracht hatten,
dass die englische Industrie an ihren eigenen guten Methoden ebenso viel
lernen kann wie von der Industrie der Vereinigten Staaten. Diese allgemeine Ansicht ist durch verschiedene Berichte einzelner Reisegruppen bestaetigt worden, die feststellten, das3 sie in Amerika wenig entdeckt
haetten, was nicht in irgendeiner Fabrik in England bereits anzutreffen
ist, oder, mit anderen "..'orten, dass der Hauptunterschied zwischen den »
Industrien der beiden Laender nicht im Unterschied zwischen den hoechsten
Normen begruendet ist, sondern durch den Durchschnitt. In Amerika ist die
Zahl der Betriebe, in denen die besten Arbeitsnethoden angewendet werden,
prozentual viel groesser.

- 8 -

�"Dies scheint mir hoechst bedeutsam zu sein. Diese Erkenntnis stellt
der britischen Industrie eine besondere Aufgabe. Wir wollen unter allen
Umstaenden die beachtlichen Errungenschaften der amerikanischen Industrie
erkennen und daran lernen, aber laege es nicht naeher, an Hand der besten
Methoden in unserem eigenen Lande zu lernen?"
"Die Aufgabe dieser Ausstellung hier in Birmingham besteht darin, die
britische Produktionsleistung mit Hilfe guter praktischer und erprobter Arbeitsmethoden der arbeitenden Industrie vor Augen zu fuehren. Die Ausstellung
ist aeusserst vielseitig. Sie beschraenkt sich nicht auf irgendwelche technischen Besonderheiten oder auf die Interessen bestimmter Industriezweige, sondern lediglich auf jene Dinge, die zur Steigerung der Produktionsleistung
beitragen koennen."
"Ich bin ueberzeugt, dass es fuer Sie viel leichter ist als fuer mich,
die Geheimnisse neuer technischer Verfahren zu verstehen, die in dieser Ausstellung gezeigt werden. Aber selbst ein Laie wie ich kann nicht umhin,
sich fuer die Aussicht einer staendigen Verbesserung unserer nationalen Produktionsleistung zu interessieren und zu begeistern - mit all ihrer Bedeutung, die diese Produktivitaetsverbesserungen fuer unsere nationale Sicherheit und wirtschaftliche Macht haben."
"Ich finde es weiter sehr wichtig, daran zu denken, dass britische Firmen ihre Produktionsgeheimnisse und Patente der Oeffentlichkeit zeigen, ihre
Toren und Fenster oeffnen, um ihren Nachbarn zu helfen. Das ist der wirkliche Grundsatz gegenseitiger Hilfe des Menschen."
Alle Anwesenden stimmten darin ueberein, dass ihre BemueUungen der Muehe
wert waren und stimmten William Batt, dem Beauftragen ECA-Minister zu, der
erklaerte, diese Ausstellung muesste in jedem Industriezentrum Englands gezeigt werden.
Obwohl dies nicht moeglich sein duerfte, hofft man, dass diese Ausstellung
fuer andere, die noch folgen werden, ein gutes Beispiel sein wird. Sie wurde
auf dem Bezirksberatungsausschuss in Birmingham, der dem Regionalausschuss
der Industrie Mittelenglands angehoert, organisiert und von der Informationsabteilung des Finanzministeriums und dem zentralen Informationsbuero vorbereitet .
Target
2/51
ECA - CHEF F'OrtDKHT FüIEDKNSPaODUKTION
"Ich bringe erneut meine Ueberzeugung zum Ausdruck, dass es fuer Europa
einen '.'eg gibt, jedem einzelnen ein besseres Leben zu gestalten und gleichzeitig die notwendige militaerische Sicherheit zu schaffen," erklaerte unlaengst der Leiter des Marshallplans, '„'illiam C. Foster, in Paris.
"S3 dreht sich darum, die gesamte Produktion zu steigern. Wenn Europa
die gegenwaertige Gelegenheit wahrnimmt und seine Maerkte zusammenfasst,
seine Produktionsleistung steigert und so handelt, wie es seiner Klugheit
entspricht, dann bin ich ueberzeugt, dass es seine Bruttoproduktion um
100 Millionen Dollar jaehrlich erhoben kann."
Der Marshallplan-Verwalter brachte zum Ausdruck, dass der Marshallplan
nun vor allem die '..'iederaufruestung zum Ziele habe, die der Sicherheit der
freien ','elt diene. Er hielt sich in Paris auf, um mit den Leitern der
Marshallplan-Missionen aller westeuropaeischen Laender zu konferieren.
Foster fuegte hinzu: "V.'aehrend wir ^lle 'nieder aufruesten muessen,
rauss unser groesstes Ziel der Friede sein. Wir sind uns alle dessen bewusot,

- 9 -

�dass wir entschlossen und ohne Ruecksicht auf die taeglichen Schicksalsschwankungen alle notwendigen Schritte zur Erhaltung des Friedens unternehmen muessen."
Die wirtschaftliche Hilfe Amerikas fuer nichtlebenswichtige Zwecke
wuerde weitgehend reduziert werden muessen, da die Kraefte der freien
Welt fuer die Verteidigung mobilisiert werden muessten. MarshallplanGelder koennten jedoch noch immer fuer den Wohnungsbau verwendet werden,
wo der Wohnraumoangel ein ernsthaftes Problem darstelle.
Diejenigen Laender, die entschlossene Massnahmen zur Kontrolle der
nichtlebenswichtigen Produktion und zur Verwendung von Austauschstoffen
ergriffen haetten, wuerden bei der Zuteilung von Mangelwaren behandelt.
ECA Labor Information
2/21/51
KRITIK AN DER ARBLITSBEWUSSTSEINTHEÜRIE PRuFSSSOR PLRLMAN3
Die Grundzuege der Perlmanschen Theorie besagen, dass die Philosophie
der Arbeiterschaft praktisch niemals auf der Basis der Klassenkampftheorie
begruendet war. Vor allem trifft das auf die amerikanische Gewerkschaftsbewegung zu, auch wenn diese in ihren Anfaengen durch Entwicklungen, die
in Westeuropa vor sich gingen, beeinflusst worden ist. Nach der Perlmanschen Theorie rueckt die Frage des Arbeitsbewusstseins immer staerker in
den zentralen Blickpunkt der amerikanischen Gewerkschaftsarbeit, was sich
vor allem darin ausdrueckt, dass in einzelnen Faellen die Gewerkschaften
Massnahmen trafen, um in bestimmten Situationen sich fuer die Erhaltung
bisheriger Arbeitsplaetze auszusprechen. Das tritt insbesondere zutage bei
dem Seniorenproblem und bei der Vergebung freier Arbeitspiaetze.
Es haben sich jedoch gewichtige Stimmen zu './ort gemeldet, die die Gueltigkeit dieser Theorie des Arbeitsbewusstseins nicht in vollem Umfang oder
nur zu einem beschraenkten Teil gelten lassen wollen. Die nachstehenden
Kritiken sind deshalb von besonderer Bedeutung, weil hierbei von verschiedenen Blickwinkeln an das Gesamtproblem herangegangen wird.
Everett M. Kassalow, stellvertretender Leiter des amerikanischen
Amtes fuc-r soziale Sicherheit, unterscheidet scharf zwischen den heutigen
Gewerkschaften und jenen, die die Perlmansche Theorie darstellt.
Kassalow ist der Meinung, dass die Massengewerkschaftsbewegung von
heute, die zu« grossen Teil aus der v.irtschaftlichen Depression der Dreiseiger Jahre geboren wurde und grosse, neuaufgekommene Industrien umfasst,
natuerlich den Staat und die Regierung unter einem anderen Blickwinkel
sehenraussals die Bewegung aus dem Jahre 1928. Im Gegensatz zu den Gewerkschaften der Zwanziger Jahre, die gewissermassen eine defensive Stellung
einnahmen, sind die Tarifverhandlungstaetigkeiten vieler sogenannter neuer
Gewerkschaften zu einer bedeutsamen gestaltenden Macht im gesamten nationalen
Wirtschaftsbild geworden.
Man versuche einmal, so fuhr Kassalow fort, sich an den im wesentlichen
defensiven und stark begrenzten Charakter der Bewegung und ihre Philosophie
in den Zwanziger Jahren zu erinnern. Man vergleiche ihn mit der Lage der
Gewerkschaften von heute. Die Gewerkschaftsbewegung umfasst 15 Millionen
Mitglieder und erstreckt sich tatsaechlich auf jede bedeutende Industrie.
Auf Grund dieser zahlreichen Tatsachen allein ist sie in viele neue Verantwortlichkeitsgebiete und neue Positionen eingefuehrt worden. Als die
groesste Interessengruppe in der Wirtschaft ist sie zum Beispiel zum
Machtzentrum der fortschrittlichen Sozial- und Wirtschaftsreform Amerikas
geworden.

- 10 -

�"enn man sich, um nur einige soziale Probleme der heutigen Zeit zu
nennen, eingehend mit dem oeffentlichen und genossenschaftlichen ,'ohnungsbau, der Sozialversicherung, der Krankenversicherung, den Mindestloehnen
oder gerechten Beschaeftigungsmethoden befasst, ..ird man feststellen,
dass die organisierte Gewerkschaftsbewegung der einzige, aber zugleich
bedeutsamste Fuersprecher und politische Foerderer dieser Programme gewesen ist.
V.'enn jemand denkt, dass diese Massnahmen lediglich ein erneuter
Ausdruck und eine Erweiterung der arbeitsueberwachenden Geweikschaftsbev.e^ung sind, dann soll er einmal als eindeutiges Beispiel die veraenderte
Haltung der Gewerkschaftsbewegung gegenueber der Sozialversicherung studieren. Kassalow stellte anschliessend fest, dass dieser Punkt eingehend
behandelt und darauf hingewiesen werden muss, wie logisch es fuer arbeitsbewusste und arbeitskontrollierende Gewerkschaften ist, sich fuer Arbeitslosenunterstuetzung und aehnliches einzusetzen. Dies mag sehr logisch
sein, aber was dadurch nicht zum Ausdruck gebracht wird, ist die Tatsache,
dass zur Bluetezeit der arbeitsbewussten Gewerkschaftsbewegung, als Dr. Perlman seine Theorie proklamierte, die Gewerkschaftsbewegung oder zumindest
ihre oberste Fuehrung, in der Praxis und im allgemeinen prinzipiell derartige Formen der Einmischung der Regierung in das wirtschaftliche Leben
ablehnte.
Es fehlt heute an '.Wissenschaftlern, die die Arbeit Dr. Perlmans
wieder aufnehmen, die vor nahezu einem ViertelJahrhundert so glaenzend
begonnen wurde, und die die neuen Grenzen erweitern. In diesen Zusammenhang gibt es eine Reihe von Punkten in der Perlman-Theorie, die einer
Neuerforschung beduerfen. Hiervon seien fuenf genannt:
1. Die Veraenderungen im traditionellen amerikanischen Kapitaiismus
seit 19*19 und die "neue und bei \.eitern skeptischere Einstellung" der
Gewerkschaftsbewegung dieser Form des Kapitaiismus gegenueber.
2. Die Bande, die die Mitglieder der grossen Industriegewerkschaften
verbinden, und keineswegs Klassencharakter tragen, sind eher industrieller
Art als durch die Arbeit bedingt. Der Begriff "Arbeitsbe..usstsein" muss
deshalb eine neue Bedeutung annehmen.
3. Das Tarifverhandlungsverfahren, das sich heute auf den grossen
Maerkten der Industrie abspielt, nimmt das Merkmal eines wirtschaftlichen
Machtkampfes an, der sich, ausser auf Loehne wie in den Zwanziger Jahren,
auch auf Preise, Beschaeftigungsmoegiichkeiten und ProduktionsfaKtoren
erstreckt.
A. Das gesteigerte Interesse der Gewerkschaften an Problemen auf
nichtpolitischem und nichtwirtschaftlichem Gebiet, wie zum Beispiel ihre
gesteigerte Beteiligung an kommunalen Sozialeinrichtungen.
5. Die gesteigerte direkte Beteiligung der Gewerkschaftsbewegung
an vielen Einrichtungen und Massnahmen der Regierung.
Es ist ueber zwtnzig Jahre her, dass Dr. Perlman seine, die
erhellenden Schlussfolgerungen praesentierte. Jeder .ird sicher
grossen Verdienste anerkennen, aber zwischen Himmel und ^irde der
schaftlichen Theorie haben sich inzwischen Dinge abgespielt, von
selbst in der Perlman-Philosophie nicht einmal getraeurat wurde.

Probleme
seine
gewerkdenen

Der stellvertretende Arbeitüminister Philip M. Kaiser eroerterte
die ijwendung der Perlman-Theorie auf internationale /.rbeitsangelegenheiten. Nachdem Kaiser auf die drei dominierenden Faktoren hingewiesen
hatte, die einen entscheidenen Einfluss auf das ,,'esen der Gewerksch.-.fts- 11 -

�bewegung ausueben, naemlich ein dynamischer Kapitalismus, eine Gruppe
einflussreicher Intellektueller und die Gewerkschaften selbst, fuehrte
er aus:
"Obwohl diese drei Faktoren seit der Veroeffentlichung der Perlraanschen
Theorie gewisse Veraenderungen erfahren haben, bin ich der Meinung, dass
es heute unraoeglich ist, Fragen internationaler Arbeitsangelegenheiten zu
verstehen, v.enn man nicht die Kampfkraft des Kapitalismus, die Rolle des
doktrinaeren Intellektuellen und die Aussichten der Gewerkschaftsbewegungen
in Erwaegung zieht. Und selbst da, v-o besondere, fuer einzelne Laender
bezeichnende Faktoren in Erscheinung getreten sind, bietet Perlmans
historische Analyse durch ihre auf Erfahrung »egruendete Sensitivitaet
gegenueber spezifischen Sinfluessen wie zum Beispiel den Agrarbewegungen,
den Grad der Entwicklung demokratischer Institutionen, in politischer und
anderer Hinsicht, dann dem Ausmass der Markterschliessung und fuer eine
ganze Zahl aehnlicher Dinge eine fruchtbare Ausgangsbasis."
Die Faktoren, die bei der Gruendung des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften eine Rolle spielten, wurden wie folgt von Kaiser dargelegt,
womit zugleich die Perlman-These unterstuetzt wurde:
"Der IBFG hat grundsaetzlich die Philosophie der Gewerkschaftsbewegung akzeptiert. Ich sage dies, weil die 'sozialistischen' Ziele weder
in der Satzung noch in dem Manifest erwaehnt sind, das Ziel und Zweck
der neuen Organisation umreisst. Fuer diejenigen, die die Geschichte
der internationalen Gewerkschaftsbewegung und ihren jahrhundertalten
Zusammenhang mit dem Sozialismus verfolgt haben, ist es unbedingt bemerkenswert, dass eine weltweite internationale Gewerkschaftsbewegung
unter der Fuehrung ihrer wichtigsten Mitgliedsorganisationen mit dem
Gefuehl, sich bekennen und ihre Ziele in einer Y'elt der ideologischen
Konflikte darlegen zu muessen, ausdruecklich das Prinzip der freien
Gewerkschaftsbewegung als das grundlegende und einigende Ziel fuer
die Arbeiter der ganzen .Jelt uebernimmt. Dies ist, um ein 7,'ort Perlmans
zu gebrauchen, "Organisierung der Arbeit auf weltweiter Basis."
Professor Philip Taft, ein Schueler Professor Perlmans, wertete sein«
Theorie folgender/nassen aus;
"Aehnlich wie andere Theorien auf anderen Gebieten muss die der
Professoren John R. Commons und Selig perlman von der Universitaet
'Wisconsin nach ihrer Faehigkeit beurteilt werden, die Haltung und Einstellung der Gewerkschaftsbewegung sinnvoll zu erklaeren.
"Als Professor Commons begann, sich mit dem Gebiet der Arbeit zu
beschaeftigen, war die amerikanische Bevoelkerung der Idee der organisierten Arbeiterschaft weit weniger aufgeschlossen als heutzutage. Man
hegte allgemein die Vermutung, dass der Preismechanismus eine ausreichende
Methode zur Verteilung der Reichtuemer und Gewinne sei, und dass jede
Einmischung der Gewerkschaftsbewegung in die Jirtschoft eine Verminderung
des '/Wohlstandes zur Folge haette. Es herrschte auch die Ansicht, dass
Gewerkschaften revolutionaere Gruppen darstellen, die die Absicht haetten,
die bestehende Gesellschaftsordnung mit Gewalt umzustuerzen. Professor
Commons machte es sich zur Aufgabe, diese Auffassungen zu widerlegen.
Die Erfahrung lehrte ihn, dass die 'Wirtschaft weit weaiger vollkommen
war, als die traditionelle Theorie es vermutete, und er hatte die Beobachtung gemacht, dass selbst in den Betrieben, deren Eigentueraer sich unter
den '/Wettbewerbsbedingungen des '.Warenmarktes beteiligten, Begünstigungen
und Benachteiligungen vorhanden waren. Der einzige Schutz war dem Einzelnen nur dadurch geboten, dass er sich mit anderen zusammenschioss, um
sich gemeinsam fuer eine gerechte Behandlung und eine entsprechende Bezahlung einzusetzen.
'Die Demokratie und die Regierung d s Vertreter des Volkes muesoten
nach Commons Meinung von der Gesetzgebung auch auf die Industrie ausgedehnt
- 12 -

�werden; ein solcher Schritt - die Anerkennung der Gewerkschaftsbewegung
durch die Unternehmer - ..uerde den Kapitalismus eher staerken als schwaechen. Die moderne Industrie musste erst organisiert werden, und Commons
glaubte, dass es bestimmten Gruppen moeglich sei, lebensfaehige Beziehungen
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herzustellen, die fuer die ,,'irtschaft
eint Kraftquelle werden koennten, wenn diese Gruppen Toleranz und Verstaendnis fuer die gegenseitigen Probiere zeigen '..uerde.
"Professor Perlman erweiterte und staerkte die Ansichten Commons. Er
unterscheidet zwischen den Ansichten der Arbeiter selbst, ihrer gewaehiten
Funktionaere und denen, die kein Mandat der Arbeiter in Haenden haben, aber
in ihrem Namen sprechen. Letztere jind genoehnlich diejenigen, die der
Meinung sind, die Arbeiter mues;;ten ein bestimmtes soziales und politisches
Programm billigen, und wenn sie auch im Namen der Arbeiterschaft sprechen,
so vertreten sie aoeh Keineswegs die grosse Masse der Arbeiter, jarueoerhinaus pflegen diese Gruppen auf Grund ihrer sozialen Auffassung, den
Faehigkeiten der Gewerkschaften allein wenig Bedeutung beizumessen, die
Arbeiter in ihrem Kampf um einen gerechteren Anteil am Sozialprodukt und
um eine gesteigerte Sicherheit des Arbeitsplatzes zu unterstuetzen.
Professor Perlman weist diesen Standpunkt zurueck uni stellt fest,
dass die Arbeiter deshalb Gewerkschaften -ufgeb -ut haben, um ihr Interesse
an der Arbeitsraoeglichkeit wahrzunehmen. Die Arbeiter v.issen, dass ein
Mangel an Arbeitsgelegenheiten besteht, und sie haben deshalb Einrichtungen
geschaffen, um diese Moeglichkeiten sicherzustellen und den Mitgliedern
diese Arbeitsmoeglichkeiten zur Verfuegung zu steilen. Dies ist am besten
aus den Richtlinien der Berufsgewerkschaften zu ersehen, dies zeigt sich
jedoch auch in den Richtlinien der Industriegewerkschaften, iie den
Schutz der Arbeitsmoeglichkeit und die Senioritaet besondere betonen.
Veraenderungen in der Arbeitsweise und der StruKtur der Gewerkschaften
haben zu keiner Veraenderung dieser grundsätzlichen Einstellung gefuehrt.
Monthly Labor Review
11/51
DE.t LOHN-PilEIJ-PLAN EINES AMERIKANISCHEN 3b::SrtKJCHAFTSFUHKTlCNASR3
Die "Denver Post" s t e l l t i n einem L e i t a r t i k e l , der die U e b e r s c h r i f t
"Ein Ge«erKschaftsfu^hrer beweist s e i n s t a a t s i a a e n n i s c h e s Koennen" t r a t g t ,
f e s t , dass (j. A. Knight, der Vorsitzende der E r d o e l a r b e i t e r - G e w e r k s c h a f t
durch s e i n e n " L o h n - P r e i s - S t a b i l i s i e r u n g s p l a n ' 1 zur h o - c h s t e n itufe des*
g e w e r k s c h a f t l i c h e n Denkers emporgestiegen i s t . ' Das Kernziel d i e s e s
Planes i s t die S t a b i l i s i e r u n g der , ' i r t s c h a f t dtes Landes.
Knight, der Vorsitzende der I n t e r n a t i o n a l e n Er l o e l a r b e i t e r g e w e r k sch.^ft uni Vizevorsitzende; - des CIO, schlug vor, a l l e P r e i s e und a l l e
Loehne, und zwar d i e der g e w e r k s c h a f t l i c h o r g a n i s i e r t e n un-J n i c h t o r g a n i s i e r t e n Arbeitnehmer, zu einem bestimmten Datum zu " b l o c k i e r e n .
Von da
an s o l l e n die Loehne an etwaige Erhoehungen der Lebenshaltungskosten
automatisch angepasst »erden. Dann wu«rd«n iie Loehne fuer die Dauer des
n a t i o n a l e n Metstandes s t a b i l i s i e r t und nur r e g e l m ä s s i g a l l e d r e i Monate
e r n e u t ueberpi-ueft, um g e g e b e n e n f a l l s an die Lebenshaltungskosten wiederum
angeglichen zu werden«
Im Grunde s c h l u e g t Knight, einen n a t i o n a l e n LebenshaltungoKcstenG l e i t e a t z fuer . l l e Lohnempfaenger in ,jncrika, uni zwar .owohl O r g a n i s i e r t e
a l s auch N i c h t o r g a n i s i e r t e , v o r .
Zuerst w o l l t e er a l l t !.oehn&lt;. uni ._le : Y e i s e mit irkung vom 1 5 . Februar 1951 "oder zu einer, anderen annehmbaren Z e i t p u n k t " " b i o c / . i e r e n . "

- 13 -

�Danach sollte jeder Arbeitgeber aufgefordert werden, Lohnerhoehungen in
genau dem gleichen Prozentsatz zu gewaehren, in dem sich der Verbraucherpreisindex des Bueros fuer Arbeitsstatistik seit dem 15. Juni 1950 erhoeht
hat. Neue Angleichungen - nach oben oder unten - wuerden danach in dreimonatigen Abstaenden vorgenommen werden, aber die Loehne duerfen nicht
unter den Stand, in dexa sie "blockiert" wurden, gesenkt werden.
Inzwischen wuerden "nicht-inflationistische Unterstuetzungen an
Arbeitgeber", wie zum Beispiel Pensionen, Versicherungsrenten, L'ohlfahrtsunterstuetzungen, Urlaubsverguetungen und Produktivitaetsbonuszahlungen im
normalen Tarifverhandlungsverfahren festgelegt werden und muessten von dem
Lohnstabilisierungsausschuss bewilligt werden. Die vorher abgeschlossenen
Tarifvertraege wuerden nicht abgeaendert, es sei denn, dass dies notwendig
wuerde, damit sie mit den automatischen Mindestaufbesserungen zur Angleichung an die Lebenshaltungskosten uebereinstimraten." Der Lohnstabilisierungsausschuss wuerde weiterhin ein "dreiteiliges" Gremium sein, das sich
aus Vertretern der Gewerkschaften, der Industrie und der Oeffentlichkeit
zusammensetzt. Knight schlaegt vor, gleichzeitig einen Preiskontrollausschuss in der gleichen '.'eise zusammenzustellen. Der Preisausschuss wuerde
befugt sein, Preissteigerungen in nachweislich dringlichen Faellen zuzulassen und Preissenkungen anzuordnen, wo dies ohne grosse Haerten moeglich
waere. Preissubventionen sollen jedoch nur dann gewaehrt werden, wenn einwandfrei erwiesen sei, d^ss die automatischen Lohnangleichungen an die
Lebenshaltungskosten unbillige Haerten mit sich gebracht haetten.
Labor News frora the US
3/16/51

DAENISCHE GEWERKSCHAFT BaffiiBT FACHARBEITERMANGEL
Eine Metallarbeitergewerkschaft in einem iand, in dem ein chronischer
Mangel an 3.000 gelernten Kacharbeitern dieser derufssparten herrscht,
duerfte, wenn auch nur kurzfristig, ueber Vorteile verfuegen.
So ist die Lage in Daenemark; man sollte annehmen, dass eine weniger
verantwortungsbewus3te Gewerkschaftsfuehrung alles moegliche tun wuerde, um
die Ausbildung von Facharbeitern einzuschraenken, um aus diesem Mangel Vorteile zu schlagen, hoehere Loehne fuer ihre Mitglieder zu erzielen und die
Industrie* in der Memme zu halten. Dies ist jedoch nicht bei der daenischen
Metallarbeitergewerkschaft der Fall, die in einem bemerkenswerten Geist der
Zusammenarbeit mit den Unternehmern daran gegangen ist, dieser Situation zu
begegnen und ein vernuenftiges Gleichgewicht zwischen gelernten Arbeitskraeften und den vorhandenen üeschaeftigungsraoeglichkeiten herzustellen.
Die hierzu gewaehlte Methode ist die Ausbildung angelernter Metallarbeiter am Arbeitsplatz im Rahmen eines vielseitigen Erziehungsprogramris,
das eine beschleunigte Lehrlingsausbildung, eine Ausbildung zur Auffrischung
der Kenntnisse am Arbeitsplatz, Abendkurse und ein Sonderausbildungsprogramm
fuer Vorarbeiter und Meister umfasst. Das Programm, das vor drei Jahren begonnen wurde, ist in weiten Kreisen begeistert aufgenommen worden und bildet
einen der wichtigsten Zweige der gewerkschaftlichen Arbeit.
Ein Grund fuer dieses Verantwortungsbewusstsein der VJohlfahrt des gesamten Volkes gegenueber ist fuer die Gewerkschaftsfunktionaere die Tatsache,
dass sie in Daenemark mit der von den Gewerkschaften stark beeinflussten
Sozialdemokratischen Partei eng zusammenarbeiten, die in der rcegierung die
dominierende Partei darstellt, jer Vorsitzende der ..etallarbeitergewerkschaft
Hans Rasmussen ist «dtglied des Parlaments. Die Gewerkschaftsfunktionaere
fuehlen sich jedoch nicht nur fuer die Arbeiter, sondern darueber hinaus fuer
das gesamte \iolk verantwortlich, und sie wissen, dass eine Situation, die die

- 14 -

�Herstellung des Gleichgewichts in der daenischen Wirtschaft hinauszoegern
wuerde, - wie zum Beispiel ein staendiger kritischer Mangel an Facharbeitern - nicht nur den nationalen .Wiederaufbau aufs schwerste gefaehrden,
sondern auch ein schlechtes Licht auf die von den Gewerkschaften beeinflusste Regierung werfen muesste.
Als in Daenemark der [.lange 1 an Facharbeitern akut wurde, entwickelten
Unternehmer und Gewerkschaften gemeinsam ein Program zur schnelleren Ausbildung angelernter Arbeiter zu Fachkraeften. Jies war nicht ohne eine
gewisse anfaengliche Opposition der aelteren Gesellen, die noch aus dem
Handwerk hervorgegangen waren, moeglich, die sich nicht mit dem Gedanken
abfinden wollten, dass sich die Jungen sozusagen ueber Nacht Fachkenntnisse
arteignen koennen, fuer die sie selbst viele harte Jahre als Lehrlinge schwer
taetig sein und ohne Verdienst arbeiten mussten. Es gibt noch einige, die
erbittert an dieser Meinung festhalten, die meisten von ihnen sind jedoch
von den Gewerkschaften ueberzeugt worden, dass dieses Programm das beste
fuer die daenische Wirtschaft und infolgedessen auch, auf lange Sicht gesehen, das beste fuer sie selbst ist.
So sagte Hans Rasmussen unlaengst: "Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben ein gemeinsames Interesse an der Loesung dieser Probleme".
Die Verantwortung fuer die Auswahl geeigneter angelernter Arbeitskraefte fuer das Ausbildungsprogramra liegt bei den Arbeitgebern, aber auch
die Gewerkschaften schalten sich bisweilen ein, wenn sie glauben, gute Vorschlaege machen zu koennen, oder wenn die Unternehmer nicht geneigt sind,
an einen bestimmten Programm mitzuarbeiten. Wenn der Arbeiter ausgev/aehlt
ist, wird er je nach den Moeglichkeiten, die der Gewerkschaft in einem
Betrieb oder einem Bezirk zur Verfuegung stehen, kostenlos ausgebildet.
In einigen Faellen stellen Unternehmer den angelernten Arbeitern zur
Ausbildung waehrend der normalen Arbeitszeit Maschinen zur Verfuegung.
Diese Ausbildung wird von einem Meister ueberwackt, der zumeist auch Mitglied der Metallarbeitergewerkschaft gewesen ist, bevor er Meister wurde
und in die fuer ihn zustaendige Gewerkschaft der Vorarbeiter und Meister
eintrat.
In anderen Faellen nimmt der angelernte Arbeiter an Abendkursen teil,
die woechentlich zweimal stattfinden. Die Gewerkschaft ist nicht so sehr
fuer dieses System, weil sie der Auffassung ist, dass der Arbeiter nach
einem vollen Arbeitstag in der Fabrik zu muede ist, um abends noch soviel
aufnehmen zu koennen, wie er eigentlich sollte. Aber wenn dieses System
das einzig moegliche bleibt, haben sie nichts dagegen einzuwenden.
Dann gibt es ein beschleunigtes Lehrlingsprogramm, bei dem mit Hilfe
der Gesellen die uebliche Lehrlingszeit von vier bis fuenf Jahren auf ein
Programm von drei oder noch weniger Jahren gekuerzt wird. Den Lehrlingen
werden in vielen Faellen regulaere Loehne fuer angelernte Arbeiter gezahlt,
sie unterstuetzen in allen praktischen Arbeiten die Gesellen. V'enn der
Geselle der Gewerkschaft mitteilt, dass sein Helfer geprueft werden kann,
ruft die Gewerkschaft einen Pruefungsausschuss zusammen, der den Lehrling
prueft und entscheidet, ob er als Facharbeiter anerkannt werden kann.
Die Gewerkschaft setzt sich dafuer ein, dass die Meister und Vorarbeiter an dem sogenannten "TOI-Programm" (Trainingswerk in der Industrie)
teilnehmen. Sie haelt die jungen Leute zum Besuch der technischen Ausbildurigskurse an und beteiligt sich an den Bemuehungen zur Steigerung der
Produktionsleistung, durch die der Arbeitsaufwand reduziert, die Produktion
gesteigert und die Wirtschaft des Landes gestaerkt werden soll.
An dem Ausbildungsprogramm sind jaehrlich nahezu 5.000 Arbeiter beteiligt. "Die Metallarbeitergewerkschaft", so erklaerte Rasmussen, "ist

- 15 -

�der Frage der hoeheren Produktionsleistung gegenueber positiv eingestellt.
Wir stehen in enger Zusammenarbeit mit dem Regierungsausschuss fuer
Produktivitaetsfragen, dem ich selbst als Mitglied angehoere. Unsere
Mitglieder sind der Ueberieugung, dass hoehere Produktionsleistung die
daenische Wirtschaft staerkt und es ihr ermoeglicht, sich auszudehnen.
Hieraus werden sich wiederum groessere soziale Sicherheiten und ein hoeherer
Lebensstandard fuer diese Arbeiter ergeben und damit die Moeglichkeit, sich
selbst besser zu schuetzen."
Rasmussen wies darauf hin, dass seine Gewerkschaft 51.000 Mitglieder
zaehlt, somit praktisch saentliche gelernten Metallarbeiter Daenemarks umfasst, ueber ein Vermoegen von 80 Millionen daenische Kronen verfuegt und
einen starken Einfluss auf die sozialdemokratische Partei ausuebt, die die
fuehrende Partei in der Regierung ist und auf eine 62-jaehrige Tradition
erfolgreicher Zusammenarbeit mit den Unternehmern innerhalb der daenischen
Wirtschaft zurueckblickt, in der es Lohn- und Preiskontrollen gibt und
fuer ganze Industriezweige Tarifvertraege abgeschlossen wurden.
Wenn die Steigerung der Produktionsleistung Fruechte traegt, meint
Rasmussen, dann sind die Mitglieder der Metallarbeitergewerkschaft politisch
und wirtschaftlich stark genug, um fuer eine gerechte Verteilung dieser
Gewinne Sorge zu tragen.
ECA Labor Information

3/2/51

DIE SITUATION DER LclltLINGSAUSBILDUMG IN 13LK VT.RKIMGTaN STAATEN
Der Leiter des Bundesstaatlichen Amtes fuer Lehrlingswesen, W. F.
Patterson, brachte in einer 3otschaft an die Bauindustrie warnend zum Ausdruck, dass groessere Anstrengungen seitens der Angehoerigen dieser
Industrie notwendig waeren, wenn das hohe Niveau ihres handwerklichen
Koennens beibehalten werden sollte.
"Das Personal des Lehriingsbueros wird sich in Zukunft nicht mehr
vornehmlich mit der Frage der Ausbildung, gelernter Bauhandwerker beschaeftigen koennen. Dies sei aufgrund des Wohrraummangels der Nachkriegszeit der
Fall gewesen; dieser Mangel sei jedoch weitgehend behoben, und heute besteht ein wirksames Lehrlingsprograram fuer die Bauberufe. Das Personal des
Lehriingsbueros sei jedoch nicht in der Lage, zusaetzliche Ausbildungsmassnahraen zur Verteidigung zu ergreifen, ohne irgendeine andere Taetigkeit einzuschraenken.
Mit dem Bemerken, dass viele Angehoerige der Bauberufe moeglicherweise mit ilirer Einberufung rechnen muessten, und dass in Zukunft nicht soviel Jungen die Bauberufe erlernen koennten, weil sie ebenfalls zum Militaerdienst herangezogen wuerden, richtete Patterson an 3.239 oertliche Ausschuesse fuer i.ehrlingsfragen der Bauindustrie, die sich aus 20.000 freiwilligen Vertretern der Gewerkschaften und Unternehmer zusammensetzen, die
Aufforderung, ihre Taetigkeiten zu aktivieren und sich auf die Erweiterung
der Ausbildung3/;u:&gt;eglichkt'iten zu Konzentrieren.
Absei.liessend betonte Patterson, dass diese Ausschuesse die Bauberufe
durch die Zurverfuegungstellung neuer Aroeitskraeftt! ernaehren wuerder..
Auf den Schultern die»er Ausschuesse ruht die Aufgabe, die Bauberufe am
Leben zu ernalten und den Grundstein zu legen, auf dem die zukuenftige Berufsausbildung fuer normale Zeiten wieder aufgerichtet werden kann."
Apprenticeship Digest

- 16 -

3/5C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUHGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

Frankfurt, ZO. I'eerz 1951

IV - 13

I K H A L T S V E R

Z E I C H F IS

Englische Gewerkschaften fordern Gesundheitsdienst innerhalb der Betriebe - - - - - - - -

1

Gewerkschaftliche Schulung fuer Funktionaere in
England - - - - - - - - - - - - - - - - - - Gewerkschaften in Nigeria

?

- - - - - - - - - - -

4

Kanadische Gewerkschaften bilden gemeinsames
Komitee - - - - - - - - - - - - - - - - - - 5
Japaner studieren industrielle Wechselbeziehungen 6
Die Lehrzeit ist die beste Schule fuer Vorgesetzte - - - - - - - - - - - - - - - - - - 7
Eine der groessten Gewerkschaften der Welt - - -

8

Die Rolle der internationalen Berufssekretariate 12
"Gomoers-Platz" in New York vorgeschalgen

5N0i.ir.CHS

- - - 16

GEY^RKSCKAFTE^ FORDEN GESÜITDK^ITSDIEKST INNERHAIB DER

BETRIEBE

"

'

~

~

Sin Gesundheitsdienst der Industrie, der in enerer Zusammenarbeit mit dem allgemeinen Gesundheits-System steht; eine Kenaue
Ueborpruefunsr der Bedingungen, die Berufskrankheiten verursachen;
mehr Aerzte in den Betrieben - das sind die Vorschlafe des bri- '
tischen Gewerkschaftskongresses TUC fuer einen nationalen, obligatorischen, betriebsaerztlichen Betreuungsdienst. Dieser Dienst
soll sich unter der Verwaltung einer zentralen Koerperschaft der
Regierung nicht nur auf Betriebe, sondern auch auf andere Arbeit.-olaetze wie Geschaefte und Bueros erstrecken.
- 1-

�Nachdem sich ein Regierungsausschuss mit diesen Vorschlaegen
und anderen Empfehlungen industrieller und medizinischer Organisationen beschaeftigt hat, hat er nun einen Bericht ausgearbeitet,
der den besten Weg zeigen soll, wie der britischen Industrie ihr
eigener Gesundheitsdienst gegeben werden kann. In diesem Bericht
wird besonders hervorgehoben, dass es sich die Nation nicht leisten kann, schlechte Arbeitsbedingungen zuzulassen, die die Gesundheit der Arbeiter gefaehrden koennen.
Besondere /ufmerksamkeit- wird dabei den drei folgenden Hauptproblemen geschenkt: Ein etwaiges Ueberschneiden der Funktionen
des industriellen und des allgemeinen Gesundheitsdienstes; die
Erweiterung der bestehenden Gesundheitseinrichtungen in der Industrie und die Herstellung einer Verbindung zwischen dem oeffentlichen und industriellen Gesundheitsdienst.
Jede bestehende Ueberschneidung der Funktionen kann, wenn
sie nicht betraechtlich ist, gerechtfertigt sein, heisst es in
dem Bericht des Ausschusses. Ein Gesundheitsdienst in der Industrie kann eine Garantie dafuer sein, dass der gesundheitliche
Zustand eines Arbeiters auf Grund seiner Beschaeftigung wenigstens nicht schlechter werden kann, und er wird darueberhinaus
sogar die Gewaehr dafuer bieten, dass sein Gesundheitszustand
sich bessert. Als ein fuer gute Arbeitsmoral wesentliches Element
kann dieser Dienst zur Steigerung des Vertrauens, der Zufriedenheit und der Leistung der Arbeiter beitragen. Aus diesen Gruenden
muss der Gesundheitsdienst in der Industrie erweitert werden.
Zwar muessen freiwillige Bemuehungen in dieser Richtung gefoerdert werden, aber sie reichen natuerlich nicht aus, um die gesamte
Industrie und insbesondere die kleineren Betriebe zu erfassen.
Bsnoetigt werden umfassende Massnahmen, hinter denen die Regierung
steht.
Augenblicklich sind etwa 230 Werksaerzte in Betrieben vollzeitlich beschaeftigt, weitere 1500 arbeiten teilweise fuer die
Industrie, und 1200 sind in irgendwelcher Art in die betriebsaerztliche Betreuung eingeschaltet. Der Industrie stehen rund
3000 Krankenpfleger zur Verfuegung, von denen 2.600 staatlich zugelassen sind.
Um mehr Aerzten die Moeglichkeit zu geben, in der Industrie
zu arbeiten, werden kurze, intensive Ausbildungskurse ueber betriebsaerztliche Betreuung abgehalten.
Der Ausschuss der Regierung weist jedoch darauf hin, dass
eine wesentliche Vorbedingung fuer alle Aerzte, die die industrielle Medizin praktizieren wollen, eine gute und umfassende Erfahrung
in der klinischen Behandlung ist. Welche Erweiterung des Systems
auch vorgenommen wird, die Regierung muss sich immer der entsprechenden Machfrage nach Aerzten und Krankenpflegern bewusst
sein.
Wie Attlee im Unterhaus erklaerte, muesste es moeglich sein,
einen industriellen Gesundheitsdienst sofort zu entwickeln und
nicht damit noch leengere Zeit zu warten.
Diesem Ausschuss, dessen Vorsitzender der Richter Dale ist,
gehoeren Frau Anne Loughlin vom TUC und J. T. Byrne von der Elektroarbeitergew^rkschaft an. Sie empfehlen vor allem, eine Verbindung zwischen den drei bestehenden Gesundheitssystemen herzustellen, einen neuen staendigen Beratungsausschuss von Aerzten, Krankenpflegern und VerUretern der Gewerkschaften, Unternehmer und
- 2 -

�der Ministerien fuer Gesundheit, Arbeit, Brennstoff und Energie
zu bilden.
Labour

3/51

GEWERKSCHAFTLICHE SCHULUNG FUER FUNKTIONALES IN ENGLAND
In der ersten Woche dieses Monats nahmen 17 Studenten an dem
ersten Schulungskurs ueber Fragen der Produktion und Betriebsleitung teil, der vom britischen Gewerksohaftskongress TUC in seiner
Gewerkschaftsschule in Clapham fuer Betriebsfunktionaere abgehalten wurde.
"Ich gehe nicht mit dem Gedanken nach Hause, dass ich alles
ueber Zeit- und Bewegungsstudien weiss," sagte ganz offen einer
der Gewerkschaftsfunktionaere, die an dem Kursus teilgenommen
hatten. Kr fuegte jedoch hinzu, dass ihm ein guter Ueberblick
ueber das Arbeitsstudium, die Lohnsysteme, die Arbeitsbewertung,
Produktionskosten und dergleichen gegeben worden sei. Durch weiteres Selbststudium und eigene Beobachtungen koenne er die noch
vorhandenen Kenntnisluecken schliessen. Diese Ausfuehrungen wurden bestaetigt, als die Studenten nach Beendigung ihres einwoechigen Lehrgangs in einer Schlusssitzung die wichtigsten Punkte dessen,
was ^ie gelernt hatten zusammenfas3ten.
Alle erklaerten uebereinstimmend, dass es fuer sie besonders
wertvoll gewesen waere, Sachverstaendige aus der Betriebsleitung
und der Gewerkschaftsbewegung ueber Methoden sprechen zu hoeren,
die mehr und mehr allgemeine Anwendung in der Industrie finden.
Einige Studenten erwaehnten insbesondere den Besuch grosser
Betriebe, in denen sie die praktische Anwendung der Schultheorien
sehen konnten. Andere betonten ihr Interesse fuer die Filmvorfuehruneen, in denen ein illustrierter Bericht eines wohlbekannten
Experten ueber die Bewegungsstudien ergeben wurde.
7,'as den Studenten zweifellos am besten gefiel, war die Unterrichtsstunde, in der sie mit der c'.topDUhr in der Hand ihre eigenen Zeitstudien durchfuehrten. rJiner von ihnen bemerkte, dass er
damit zum ersten Mal in die arbeit und Methoden des ZeitstudienExperten einen praktischen Einblick gewonnen haette.
Nun wuesste er, welche Aufgabe der Mann mit der StoDpuhr in
seinem Botrieb hat und, was noch wichtiger ist, wie seine Berechnungen ausgewertet werden koennen.
Von Anfang an stellten die Lehrer de3 TUC die Sachlage klar.
Die Studenten sollten ueber die Methoden der Produktion und Betriebsleitung, die heute in der Industrie angewendet werden, beraten und
brauchten sie nicht unbedingt als geeignet anzuerkennen. Um bei
den Verhandlungen und den gemeinsamen Berctungsausschuessen wirksame arbeit leisten zu koennen, muessten die Vertreter der Arbeiter
ueber die gleichen Kenntnisse verfuegen wie die Repraesentanten
der Unternehmer. Dieser Ausbildungskursus sei fuer sie eine Gelegenheit, sich di^se Kenntnisse zu erwerben.
Ueberall wurde diese Erkenntnis dar Gewerkschaften hervorgehobon. Jedesmal, wenn ein Vertreter der Unternehmer einen Vortrag
hielt, folgten eigene Experten des TUC und Frank Chapnell, eia
- S-

�frueherer Funktionaer der Elektroarbeiter-Gewerkschaft und jetzt
als Berater in der Industrie taetig, der Vorlesung und schlössen
eine Diskussion daran an.
Neue Ideen, neue Arbeitsverfahren oder neue Produktionsmethoden, die bereits in einem Betrieb erprobt waren, wurden eingehend besprochen. Den Gewerkschaftsfunktionären nur einen vorbereitetsn Lehrplan, selbst wenn disser gut waere, bieten zu
wollen, wuerde bedeuten, dass weder das Verstaendnis und die
Zusammenarbeit gefoerdert werden, noch von den Talenten der Arbeiter Gebrauch gemacht wird.
Im Anril und "ai werden weitere Lehrsaenge diesem ersten Experiment folgen. Nachdem nun alle Lehrstuehle besetzt sind und
der erste Kursus erfolgreich verlaufen ist, hofft der Britische
Gewerkschaftskongress, dass die neechsten Kurse mit noch groesserem Erfolg dem Verlangen nach weiteren Kenntnissen ueber Produktionsmethoden entsprechen werden.
Nach den ersten Eindruecken zu schliessen, koennts man annehmen, dass es dem TUC gelungen ist, seinen angeschlossenen Gewerkschaften mit diesen Kursen wertvolle Dienste zu erv.eisen. Tech
den jetzigen Ergebnissen zu urteilen, hat die Aufnahme, die die^e
neue Einrichtung gefunden hat, bewiesen, dass dieses Experiment
sehr wertvoll ist und eine seit langem bestehende Luecke ausgefuellt hat, deren sich besonders die hauptamtlichen Gewerkschafter
und Betriebsfunktionaere bewusst waren. Die zukuenftigen Erfahrungen und die Beduerfnisse der Gewerkschaften selbst werden ma^srebend fuer die Planung und Erweiterung weiterer Kurse sein.
Der genaue Lehrplan und Angaben ueber Einzelheiten des Lehrgangs werden vom TUC auf Wunsch zur Verfuegung gestellt.
Labor 3/51
GEWERKSCHAFTEN IN NIGERIA
Das Gewerkschaftszent.rum Nigerias, der Arbeitskongress, hat
seit einiger Zeit unter kommunistischem Einfluss gestanden. Aber
nun verlieren die Kommunisten auch in diesem Lande nach und nach
an Einfluss. Der Generalsekretaer des Gewerkscri&amp;ftsbundes Nigerias
ist vor kurzem aus der Nationalistischen Partei Nigerias ausgeschlossen worden. Der Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes ist
daraufhin zu der Uebarzeugung gekommen, dass es das beste fuer ihn
und fuer die Interessen der Arbeiterschaft des Landes ist, wenn
er die kommunistische Sache aufgibt. Diese beiden Ereignisse, die
sich im Verlauf der beiden letzten Wochen absoielten, sind hoechst
kennzeichnend fuer die im Lande herrschende Tendenz. Der durchschnittliche afrikanische Arbeiter weiss sehr wenig vom Kommunismus, aber ungluecklicherweise hat dieser Kommunismus eine grosse
Luecke in seinem Leben ausgefuellt. Der Afrikaner sehnt sich
nach Informationen und nach irgendwelchen gedruckten Dingen. Die
kommunistische Partei hat ihm unaufhoerlich diese Informationen
und gedrucktes Material geliefert. Die demokratischen Gewerkschaften haben es einfach versaeumt, diesen Wunsch der afrikanischen Arbeiter zu erfuellen. Aber dank der Bemuehungen des IBFG werden die
demokratischen Gewerkschaften bald in der Lage sein, diese Aufgabe
zu uebernehmen.
Vom strategischen Standpunkt aus ist Afrika heute von groesster
Bedeutung fuer die westliche Welt. Wenn die westliche Welt diesem
- 4 -

�Erdteil den Ruecken zukehrt und sich ihren Verpflichtungen den
Voelkern und Arbeitern Afrikas gegenueber entzieht, waere dies
fuer sie ein greiser Kachteil in dem gegenwaertigen kalten Krieg,
der zu einem heissen Krieg werden kann. In diesem Falle koennte
sich der kommunistische Einfluss in Afrika ausbreiten, und die
westliche Ilemisnhaere wuerde nicht mehr mit den so wichtigen Rohstoffen Afrikas rechnen koennen, zu denen auch die Grundstoffe
cshoeren, die fuer die Atomforschung gebraucht werden.
Die Entwicklung, die in einigen Teilen Afrikas vor sich ging,
ist ueberraschend. Und in anderen Teilen ist der ungeheuer niedrige Lebensstandard der Menschen geradezu entmutigend. Im Ganzen
gesahen sind die Aussichten jedoch gut, und der IBFG kann mit
Recht erwarten, den Arbeitern dieser Gebiete Afrikas helfen zu
koennen.
Das wichtigste Problem ist die gewerkschaftliche Organisierung.
In Mittel- und Westafrika ist die Gewerkschaftsbewegung noch neu
und schwach. Aber abgesehen hiervon wird der Besucher von dem
grossen Drang der dortigen Menschen nach Aufklaerung stark beeindruckt sein. Meiner Auffassung nach ist irgendeine Art der gewerkschaftlichen Erziehung eines der wichtigsten Dinge, die der IBFG
den Arbeitern Afrikas bringen kann, damit dieser Erdteil aufgeklaerte Gewerkschaftsfunktionaere und aufgeklaerte Mitglieder haette, die Garanten fuer eine wirksame Taetigkeit der Gewerkschaften
waeren.
Kein besseres Ergebnis haette auf der Konferenz des IBFG in
Duale erzielt werden koennen als die Errichtung eines regionalen
Zentrums des IBFG fuer Mittel- und Westafrika. Dies ist die
groesste Unterstuetzung, die der IBFG den Arbeitern Westafrikas
zutail werden lassen kann.
Program Service Section
3/14/51
KANADISCHE GEWERKSCHAFTEN BILDEN GEMEINSAMEM KOMITEE
Die vier grossen Gewerkschaftscrganisationsn Kanadas haben
ein gemeinsames staendiges Komitee gebildet, das sich mit Problemen von allgemeinem Interesse wie Arbeitsmarkt, Produktion, Preiskontrolle und Verteidigungsmobilisierung befasst.
Ueber eine Million Arbeiter sind in den vier GewerkschaftsOrganisationen organisiert - dem Berufs- und Arbeiterkongress Kanadas
(TLC), dem Kanadischen Arbeiterkongress, dem Kanadischen Katholischen Gewerkschaftsbund (CCL) und dem Gemeinsamen Legislativen Ausschuss der Eisenbahntransportarbeiter-Gewerkschaft. Dem TLC und
der CCL gehoeren Gewerkschaften an, die ebenfalls der AFL bzw. dem
CIO angeschlossen sind.
Der Bildung dieses Komitees ging vor einigen Monaten die Eroeffnung der ersten gemeinsamen Kampagne zur gewerkschaftlichen Vereinigung in der kanadischen Geschichte voraus. Gegen Ende des
Jahres 1950 hatte die organisierte Arbeiterschaft Kanadas eine
gemeinsame Erklaerung abgegeben, in der sie den Beginn einer ueber
das ganze Land verbreiteten Kampagne ankuendigte, in deren Rahmen
die Auferlegung von Preiskontrollen und die Beibehaltung der Mietkontrollen gefordert wurden.
In Kanada ist einer von je drei Arbeitern gewerkschaftlich organisiert.
Labor Press Service
3/19/51
- 5 -

�JAPANER STUDIERE INDUSTRIELLE WECHSELBEZIEHUNGEN
Die Eindruecke und Erfahrungen einer vierzehnkoeofigen Japanischen Besuchergruppe, die sich in den Vereinigten Staaten aufhielt und aus Vertretern der Gewerkschaften und Unternehmer zusammengesetzt war, sind von Professor Arthur K. Ross von der Universitaet Kalifornien in einem Bericht ausgewertet worden. Diese
japanische Mission hielt sich zum intensiven Studium derWeohselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern zwei Monate
lang in den Vereinigten Staaten auf.
Die Gewerkschaftsmitglieder der Besuchergruppe waren von
der Staerke der amerikanischen Gewerkschaften beeindruckt, die es
ihnen ermoeglicht, den Unternehmern auf Gleichstarker Basis gegenueberzutreten. Die Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten wird nach ihrer Meinung als ein lebenswichtiger und zugehoeriger Bestandteil der industriellen Ordnung und nicht nur als eine
blosse Einrichtung angesehen. Beeindruckt hat sie ausserdem die
Tatseche, dass die Intervention der Regierung in die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf ein Minimum
beschraenkt bleibt. •
Im Gegensatz zu ihrem eigenen Land vermissten die japanischen
Arbeiter in der amerikanischen Gesellschaftsordnung die Ueberreste
des Feudalismus. Der hohe Lebensstandard, der unerschöpfliche
Reichtum und die Freiheit in den Vereinigten Staaten sind nach
Auffassung der Japaner eine Erklaerung dafuer, dass die Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten die freie Wirtschaftsordnung oder den Kapitalismus unterstuetzt, und dass sie sich in
der Verfolgung ihrer Ziele hauptsaechlich auf ihre wirtschaftliche
Macht und nicht auf eine Arbeiterpartei verlassen haben. Die
Japaner waren darueber ueberrascht, was ihnen ein Mangel an irgendeiner Ideologie in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
zu sein scheint, sie stehen deshalb dieser Sachlage etwas kritisch
gegenueber.
Die Delegierten erklaerten, dass sie "von den systematischen
Verfahren" ungeheuer beeindruckt gewesen waeren, mit denen Streitigkeiten und Beschwerden in der amerikanischen Industrie beigelegt wuerden. "Wir glauben," sagten sie, "dass ein aehnliches
System des Schiedssnrechens, der Tarifverhandlung und des Beschwerdeverfahrens weitgehend zur Verbesserung der Beziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern in unserem Lande beitragen wuerde."

Waehrend die Japaner die meisten Asnekte der amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung lobten, missbilligten sie die in einigen Gewerkschaften herrschende Tendenz, sich auf die Fuehrung zu verlassen. In Japan, so erklaerten sie Professor Ross, beteiligten
sich die Mitglieder aeusserst aktiv an der Arbeit der Ortsgewerkschaften. Dadurch wuerde eine demokratische Denkart geschaffen,
die die Gewerkschaft als ein Bollwerk gegen den Kommunismus staerke.
Sowohl die Vertreter der japanischen Gewerkschaften als auch
der Unternehmer sprachen sich anerkennend ueber die fortgesetzten
vertraglichen Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den
Unternehmern in den Vereinigten Staaten aus und waren der Auffassung, dass eine weitverbreitete Anwendung dieses Systems in
Japan mithelfen wuerde, die Industrie zu stabilisieren und Streitigkeiten zu vermeiden. Die Gruppe erklaerte ferner, dass die
Loehne in ihrem Land ebenso wie in Amerika nur durch die Zusammenarbeit beider Partner zur Steigerung der Produktion aufgebessert
werden koennten.
- 6-

�Fuar die Zukunft sind weitere Missionen zum Studium der
Wechselbeziehungen zwischen Arbeiteebern und Arbeitnehmern aus
Japan, Westeuropa und anderen Gebieten geplant. Es ist interessant
festzustellen, das? die Eindruecke und Meinungen der Delegierten
aus dem Orient und den Okzident die gleichen sind. Auch herrscht
die uebereinstimmende Auffassung, dass diese Missionen zum Studium der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften und die Besuche zum Studium der Produktivitaet nicht nur
wertvoll sind, weil sie mithelfen, die Produktion zu steigern und
die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu verbessern, sondern auch weil sie das internationale gegenseitige
Verstaendnis foerdern.
Program Services Section
3/12/51
DIE LEHRZEIT IST DIE BIMSTE SCHULE FUER VORGESETZTE
In dem Allis-Chalmers-Unternehmen besteht wie auch bei anderen Firmen seit langem ein Befoerderungssystem, nach dem es Betriebsengehoerigen mit besonders guten Leistungen moeglich ist,
in Stellungen der Betriebsleitung berufen zu werden.
"Welche andere Ausbildung bietet dem Arbeitsvorgesetzten ein
so gut geplantes und alle Einzelheiten umfassendes Studium, das
zur Kenntnis der Betriebsvorgaenge notwendig ist, wie die Lehrlingsausbildung? Der Lehrling wird nicht nur in den ^roduktionsvorgaengen geschult, sondern wird auch mit den Verfahren, Methoden,
Grundsaetzen, Materialien usw. vertraut. Wenn der ehemalige Lehrling deshalb mit anderen Betriebsangehörigen bei Befoerderungsnoeglichkeiten konkurriert, so ist er auf Grund seiner gelenkten
und vollstaendigeren Ausbildung in gewissem Sinne im Vorteil."
Diese Erklaerung ist die Einfuehrung zu einem Artikel von
W. C. van Cleaf, dem Direktor fuer Wechselbeziehungen in der In-,
dustrie in der "Allis-Chalmers Manufacturing Company" in Milwaukee
(Wisconsin).
"Eine seit 1935 laufende Analyse ueber die beruflichen Erfolge
jener Arbeiter, die eine Lehre durchgemacht haben," fuehrt van
Cleaf hier aus, "liefert einen klaren Beweis fuor die Tendenz und
die Ratsamkeit, das Lehrlingswesen beizubehalten. In dem Betrieb
wurden in der Zeit von 1935 bis 1947 421 Lehrlinge ausgebildet;
281, die mit Erfolg ihre Lehrzeit beendet haben, sind heute noch
in dem Betrieb taetig. Von diesen*haben heute 108 oder 39$ uebergeordnete Stellunren inne. Es kann natuerlich nicht erwartet werden, dass die Arbeiter, die in den letzten beiden Jahren ihre
Lehrlingszeit beendet haben, prozentual gesehen in Vorgesetztenpositionen ebenso stark vertreten sind wie die aelteren Arbeiter.
Aber es ist sicher, dass einer von je drei Lehrlineen, die seit
1935 bei der Firma beschaeftigt sind, in verantwortungsvolle Stellungen aufgerueckt ist.
"Alle Befoerderungen wurden streng nach den nersoenlichen Verdiensten und der allgemeinen Tuechtigkeit der Arbeiter vorgenommen.
Die Tatsache, dass ein Arbeiter eine Lehrlingszeit hinter sich
hat, bedeutet nicht, dass er bei Befoerderungen automatisch bevorzugt wird. Er muss die Bef oerderun/s: auf Grund seiner eigenen Verdienste und in Konkurrenz mit jedem anderen Arbeiter im Betrieb
verdienen. Trotzflem sind es meistens Lehrlinge, die in die letzte
Auswahl kommen, und dies ist sicher kein Zufall."
- 7-

�"Der heutige Komplex der industriellen und produktiven Organisation mit seinem Drang nach Arbeitsvereinfachung, Normung und
nach soezifischen Methoden der Massenproduktion scheint den Gegnern des Lehrlingswesens.beachtliche und vorteilhafte Argumente
in die Haende zu spielen. Selbst in der Industrie der Massenproduktion, die bis aufs aeusserste genormt ist, bleibt der Bedarf an Facharbeitern wie zum Beispiel Betriebselektrikern, Mustermachern, Werkzeugmachern, Maschinisten, Maschinenschlossern und
vielen anderen bestehen. Obwohl der Prozentsatz der Facharbeiter
zurueckgecangen ist, ist die Abhaengigkeit von einem kleineren
Kern an Fachleuten, die die gleichen beruflichen Kenntnisse haben,
groesser geworden."
"So sind zum Beispiel in der Traktoren-Werkstaette der
"Allis-Chalmers"-Werke die Arbeitsmethoden der Messenproduktion
vorherrschend. .Die Zahl der Lehrstellen ist verhaeltnismaessig
gering. Gerade das Gegenteil trifft fuer die allgemeine Maschinenabteilung zu, in der der groesste Teil der Erzeugnisse nicht
nach den ueblichen Massenproduktionsmethoden hergestellt wird.
Der Bedarf an einer grossen Vielfalt guter Facharbeiter ist konstant. Die Produktion koennte ohne Arbeiter mit gruendlichen
und ausfuehrlichen Fachkenntnissen nicht leistungsfaehig und
rentabel gehalten werden."
"Dieser gesamte Komplex an Faktoren - Fachkenntnisse, Traditionen, Bewusstsein der Äufstiegsmoeglichkeiten, Beurteilung der
Beziehungen zu den Arbeitnehmern und der Erzeugnisse nach qualitativen Gesichtspunkten, das Vertrautsein mit den Grundsaetzen
und Arbeltsverfahren - hilft mit, Vertrauen und Moral der Arbeitnehmer zu staerken, was sich direkt in der Produktion widerspiegelt. Weil die Arbeiter in der Produktion Gelegenheit haben,
mit diesen verschiedenen ^hasen des Her3tellungsprozesses direkt
und indirekt in Beruehrung zu korken, fuehlen sie sich sicherer,
weil sie einen unmittelbaren Beitrat zur Herstellung der Erzeugnisse leisten koennen. Man braucht ihn3n nicht das Gefuehl zu"
geben, dass sie ein Raedchen in einer grossen "aschine sind. Sie
sind besser in der Lage, sich an eine Vielfalt von Beschaeftigungen innerhalb der betrieblichen Organisation anzupassen. Arbeiter mit erfolgreicher Lehrzeit sind selten Opfer von Minderwertigkeitskomplexen oder, industriell gesnrochen, von Misserfolgen. Dank ihrer gut abgerundeten fachlichen Kenntnisse haben
nie mehr Moeglichkeiten als der ungelernte Arbeiter, eine Beschaeftigung zu bekommen."
Apprenticeship Digest
Vol. S/50
EINE DER GROESST^M GEWERKSCHAFTEN DER WELT
Der nachstehend? Artikel erschien in der "Arbeiter Zeitung",
dem Organ der Sozialdemokratischen Partei in Oesterreich und
zugleich der ^roessten Wiener Tageszeitung. Der Verfasser
ist Karl Ausch, ein Mitglied der oesterreichischen ,rournalistengruppe, die vor kurzem unter dem Protektorat der ECA und
der oesterreichischen Regierung die Vereinisten Staaten
besuchte.
Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass dar1 Lebensstandard der Arbeiter in den Vereinigten Staaten wesentlich hoeher ist
als in irgendeinem anderen Lande. Obwohl nicht jeder /«rb-iiter
- 3-

�einen Y/agen in der Garage, einen elektrischen Kuehlschrank in
der Kueche und ein Fernsehgeraet in seinem Wohnzimmer hat, sind
viele von ihnen im Besitz jener Vsrbrauchsgueter, die nach oesterreichischen Begriffen unerreichbare Luxusgegenstaende sind. Dieser Lebensstandard in Amerika ist teilweise der wesentlich hoeheren Produktionsleistung der amerikanischen Industrie und Landwirtschaft zu verdanken. Die Arbeiter jedoch mussten schwer um
ihren Anteil an der gesteigerten Froduktivitaet kaempfen, und
dieser Kampf um einen gerechten Anteil am amerikanischen Sozialprodukt wird niemals aufhoeren und muss taeglich und stuendlich
fortgesetzt werden, wenn der amerikanische Arbeiter nicht um
Jahre zurueckgeworfen werden will.
Das beste Beispiel fuer diesen Kampf und seine staendig
sich aendernden Methoden und Ziele bietet die amerikanische Automobilarbeitergewerkschaft, die dem CIO angeschlossen ist und mit
ihren 1.125.000 Mitgliedern eine der groessten Gewerkschaften
der 7/elt darstellt.
In wenigen Monaten wird diese Gewerkschaft erst ihren 15.
Geburtstag feiern, was in gewisser Beziehung ueberraschend ist.
Als sie im April 1936 gogruendet wurde, hatte sie nur 7.000
Mitglieder. Es war die Zeit nach der grossen wirtschaftlichen
Krise der Dreissiger Jahre. £00.000 Automobilarbeiter waren
arbeitslos, und die anderen 245.000 arbeiteten woechentlich nur
33 Stunden und verdienten etwa 20 Dollar.
Die Arbeit am Montageband war aufreibend und eintoenig, und
die Arbeiter wurden zu immer srroesserem Arbeitstempo angetrieben. Bis zu jener Zeit hatten es die Betriebsleiter der grossen
Automobilfabriken verstanden, die Arbeiter daran zu hindern, sich
in Gewerkschaften zu organisieren. In den Betrieben gab es
zahlreiche' Spitzel. Jeder, der eine Arbeiterorganisation beguenstigte, setzte sich einer Disziolinarstrafe aus, und die
Vertreter der Arbeiter wurden auf der Strasse von Leuten ver^ruegelt, die im Dienst der Unternehmer standen. Und dies alles ereignete sich zu einer Zeit, in der bereits seit langem eine maechtige und einflussreiche Gewerkschaftsbewegung bestand.
Die Industriellen weigerten sich auch weiterhin, die Gewerkschaft anzuerkennen. Dann traten die Arbeiter im Sommer 1936 zum
ersten Mal in einem Betrieb in den Streik. Dabei wurde der Sitzstreik in der amerikanischen Automobilindustrie eingefuehrt.
Andere Betriebe folgten diesem Beispiel, und eine V/eile von
Sitzstreiks breitete sich ueber die Automobilindustrie aus.
Die Industriellen riefen die ^olizei zu Hilfe. Die Uiliz
versuchte, die Streikenden mit Maschinengewehren aus den Betrieben zu vertreiben. Es war zwecklos. Drei Monate snaeter war
der Streik gewonnen. Zum erstenmal verhandelten die Industriellen mit der neugegruendeten Automobilarbeitergewerkschaft. Im
September 1937 hatte die Automobilarbeitergewerkschaft bereits
mit ueber 400 Betrieben Tarifvertraege abgeschlossen.
Im Rahmen eines Zeitungsartikels ist.es nicht moeglich, die
gesamte Geschichte dieser Gewerkschaft bis zum heutigen Tage zu
erzaehlen,. die jetzt auch die Arbeiter der Flugzeugfabriken und
jener Betriebe, die landwirtschaftliche Maschinen herstellen, umfasst.
Wir moechten ein Ereignis besonders hervorheben: Im v b i
1941 blieb die Gewerkschaft selbst ueber Ford erfolgreich. Damit
- 9-

�hatte die letzte der grossen Automobilfabriken die Automobilarbeitergewerkschaft anerkannt.
Augenblicklich sind etwa £.700 Tarifverträge zwischen der
Automobilarbeitergewerkschaft und ebenso vielen Einzelfirmen in_
Gueltigkeit. Im Gegensatz zu den oestarreichischen Gepflogenheiten werden in den Vereinigten Staaten keine Tarifvertraege fuer
ganze Industriezweige abgeschlossen. Kopien dieser 2.7G0 Vertraege
befinden sich in den gewerkschaftseigenen Bueros und im Ministerium fuer wirtschaftliche Forschung und Wirtschaftstaetigkeit in
sicherer Obhut. In diesem Amt arbeiten Wirtschaftswissenschaftar,
Statistiker, Finanzexperten, Volkswirtschafter, Eechtsanwaelte
und Techniker, die die Unterlagen fuer die Tarifverhandlungen vorbereiten, angefangen von der /malyse der Geschaeftsbilanzen der
Industriellen bis zur Kontrolle der Zeitnahme.
Die Tarifvertraege, die von der üutomobilarbeitergawerksohaft
abgeschlossen sind, 3ind alles andere als wissenschaftliche Abhandlungen. Der Vertrag mit den General Motors-Werken, dem
groassten Unternehmen dieses Industriezweiges, ist in einem Buch
von 114 Seiten und 154 Paragraphen niedergelegt. Das Inhaltsverzeichnis enthaelt nahezu £00 Punkte. Hieraus ergibt sich, dass
die Rechte und Pflichten der Arbeiter, ihre Arbeitsbedingungen, die
Beziehungen zwischen der Gewerkschaft und der Werkleitung und auch
die verschiedenen Verfahren zur Beilegung von ^rbeitsstreitigkeiten mit der groessti.ioeglichen Genauigkeit ausgearbeitet und festgesetzt sind.
Sine Gegenueberstellung der in den letzten 15 -Jahren abgeschlo-*
nen Tarifvartraege wuerde aufzeigen, welche erfolge die Automobilarbeiter bei der Erkaempfung ihrer Rechte errangen, ob es sich
nun um Mindest!oehne , Ueberstundenbezahlung, bezahlten Urlaub oder
Betriebsfunktionaere handelt, alles Rechte, die nicht gesetzlich
verankert sind. Eine andere bedeutende Errungenschaft, die in
Oesterreich unbekannt ist, ist das sogenannte Senioritaetsrecht,
nach dem beiEinschraenkungen Arbeiter,die noch nicht laangere Zeit
in dem 3etrieb arbeiten, entlassen und bei der Wiedereinstellung
jene bevorzugt werden, die am laengsten in dem Betrieb taetig vind.
Dieses Recht, das strengstens eingehalten werden mu^s, schuetzt
in erster Linie den aslteren Arbeiter und stellt eine wirksame
Massnahme gegen willkuerliche Entlassungen der Industriellen dar.
Unter der Fuehrung ihres jungen und energischen Vorsitzenden,
Waltsr Reuther ist die Automobilarbeitergewerkschaft ueber den
Rahmen einer Gewerkschaft, die sich darauf beschraenkt, hoehere
Loehne und bessere Arbeitsbedingungen fuer ihre Mitglieder zu erkaempfen, hinausgewachsen.
Reuther und seine Mitarbeiter sind zu den Traegern der gewerkschaftlichen "olitik geworden, die darauf gerichtet ist, einen
Mechanismus zwischen der sich staendig steigernden Produktion und
der Kaufkraft der breiten Masse herzustellen. Die Realloehne sollen mit anderen Worten staendig und automatisch erhoeht werden und
damit die grundlegende Bedingung fuer eine Wirtschaftspolitik der
Vollbeschäftigung schaffen.
Unmittelbar lach Kriegsende fordorte die ^utomobilarbeitargewerk^chaft von den General Motors-Werken eine Lohnernoehun°- und
gleichzeitig das Versprechen, da = ? der Betrieb die Preise fuer
seine Automobile, nicht erhoeht. Diese Forderung, die an die groa^ta
Aktiengesellschaft der Vereinigten Staatenfeestelltwurde, sollte
beispielgebend fuer alle anderen Industrien werden: hoehere To«hne
bei unveränderten Preisen. Die Genoral Motors weigerten sioh und
- 10 -

�400.OCO Arbeiter streikten. Der Streik dauerte 11? Tege und verursachte den Unternehmen einen finanziellen Verlust von 300 MilliqQsn Dollar. Auch die Arbeiter hatten schwere Verluste. Der
Streik wurde durch ein Kompromiss b3endet, der hoehere Loehne und
bessere Arbeitsbedingungen fuer die Arbeiter bedeutete, ohne jedoch das gewuenschte Gleichgewicht zwischen Loehnen und "reisen
herzustellen.
.
Diese Idee wurde drei Jahre spaeter verwirklicht. Im Tahre
1943 schloss die Automobilarbeitergewerkschaft mit den General Motor* den ersten Tarifvertrag ab, in dem die Loehne an den Lebenshaltungskostenindex gekoppelt sind und alle drei Monate, wenn
immer die "reise in die Hoehe gehen, automatisch verbessert werden.
So bedeutsam die Anerkennung dieses Prinzips der Indexloehne
durch die amerikanische Automobilindustrie auch ist, so ist es
keineswegs neu. Zwei Jahre spaeter wurde jedoch eine andere wirklich revolutionaere Idee in die amerikanische Lohnberechnung aufgenommen, der sogenannte jaehrliche Aufbesserungsfaktor, dem folgende
Ueberlegungen zugrunde liegen: Als eine Folge des technologischen
Fortschritts und besserer Maschinen und Werkzeuge geht die Produktionsleistung der Arbeiter in die Iloehe und damit auch die Menge
der Gueter, die den Verbrauchern zur Verfuegung stehen.
Um es den Arbeitern zu ermoeglichen, einen entsprechend groesseren Anteil an der staendig groesser werdenden Menge an Waren zu
erhalten, muss seine Realkaufkraft erhoeht werden. Der Aufbesserung^fcktor sieht deshalb sine automatische Verbesserung des Stundenlohnes um 4 Cents fuer die Gueltigkeitsdeuer des Tarifvertrags vor.
Dies sind etwa 2 1/2$ des durchschnittlichen Stundenlohnes.
Der Kemnf geht jedoch weiter. Er wurde in juengster Zeit
hauntsaechlich auf die Verbesserung.der Alterspensionen und die verschiedenen Arten der Krenkenversicherungen fuer den Arbeiter und
seine Familie konzentriert. Das amerikanische Gesetz fuer Altersnensionen setzt fuer monatliche Pensionen eine Hoechstgrenze von
etwa 45 Dollar. Bisher war es der Gewerkschaft maß gl ich, fuer
75% ihrer Mitglieder die Zusicherung zu erhalten, dass den Arbeitern eine zusaetzliche Pension von 75 Dollar von den Unternehmern
gezahlt wird.
Das naechste Ziel der autoraobilarbeitergewerkschaft ist ein
Mindest.iahreslohn. Damit soll der ruecksichtslosen Methode der
amerikanischen Industrie, die Arbeiter einfach fuer ein naer Tage,
'.Vochen oder Monate zu entlassen,' ein Ende bereitet werden.
Der Industrielle kann damit nicht mehr das Risiko der Schwenkungen in der Wirtschaft auf die Arbeiter abwaelzen. Der Mindestiahreslohn wird die Industriellen ausserdem zwingen, ihre Produktion besser zu planen, wa3 ein weiterer Beitrag zur Erhaltung der
Vollbeschäftigung ist. Zur heutigen Zeit, in der die amerikanische Industrie auf vollen Touren laeuft, mag dies kein akutes
Problem sein. Aber die Automobilarbeitergewerkschaft will mit
dieser Politik alle Moeglichkeiten der Zukunft ins Aug3 fassen.
Sie kaempft Tag um Tag und plant unableessig fuer die Zukunft.
ECA LABOR INF CR" ATI 0N
3/16/51

- 11 -

�Ctoer Bscu, Generalsekretaer des Internationalen Transportarbeiterverbandes:
DIE ROLLE DER INTERNATIONALE BSPUFSSEKRLTARIATE
Das Problem der Beziehungen, die zwischen den internationalen
Berufssekretariaten und der Gewerkschaftsinternationale bestehen
sollten, ist keineswegs neu. Seit der Viedergruendun* des Internationalen Gewerkschaftsbundes im Jahre 1919 bildete dieses Problem einen Gegenstand unablaessiger und zuweilen hitziger Diskussionen, bis das gesamte Thema bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges voruebersehend beiseitegelegt werden musste.
Sofort nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wurde des
"Thema" jedoch wieder aufgenommen, als auf der Weltgewerkschaftskonferenz in London im Februar 1945 Vorschlaego eingebracht wurden,
die auf eine Eingliederung der Berufssekretariate in den dem Tarnen
nach noch bestehenden Internationalen Gewerkscheftsbund abzielten.
Bis .letzt waren die Berufssekretariate voellig autonome Koernerschaftsn, wenn sie auch freundschaftliche Beziehungen zum Internationalen Gewerkschaftsbund unterhielten und mehr oder weniger eng
mit ihm zusammenarbeiteten.
Diesen Vorschlaegen wurde ausserhalb des Komitees auf der
Weltgewerkschaftskonferenz nur wenig Beachtung geschenkt. Das Verwaltungskomitee zog sie .jedoch in Erwaegung und die Konferenz wurde beauftragt, eine weitere Konferenz vorzubereiten, die die Einleitung zu einem neuen Weltgewerkschaftskongress bilden sollte,
auf den eine neue Gewerkschaftsinternationale ins Leben gerufen
werden sollte. Dieser Ausschuss, in dem die Berufssekretariate
einen Vertreter hatten und zwar J. H. Oldenbroek, den damaligen
Generalsekretaer des Internationalen Transportarbeiterverbendes
und Jetzigen Generalsekretaers des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften, hatte als erste Aufgabe, eine Satzung fuer die neue
Internationale auszuarbeiten.
Trotz der Opposition Oldenbroeics arbeitete der Vsrwaltungsausschuss einen Satzungsentwurf aus, in dem die Errichtung von "Berufsabteilungen" innerhalb der neuen Internetionale vorgesehen war, die
letzten Endes Rivalen der Internationalen berufssekretariate gewesen waeren, wenn die letzteren nicht unter Aufgabe ihrer Selbstaendigkeit in die neue Koerperschaft haetten aufgenommen vverden koennen
Diese Bestimmun? zur Errichtung von "Berufsabteilungen" wurde
tatsaechlich in die Satzung aufgenommen, die vom Kon^re^s gebilligt
wurde, und die die Gruendung des 'Weltgewerkschaftsbundes im Tahre
1945 bedeutete. Die Delegierten schienen sich demals nicht darueber im klaren zu sein, dass der Versuch gemacht wurde, durch
statuarische Beschluesse die Existenz einer Reihe voellig unabhaengiger internationaler Organisationen einfach zu beenden, von
denen einige jahrzehntelang der Gewerkschaftsbewegung wertvolle
Dienste geleistet hatten. Die Berufssekretariate^wurden mit dem
Versprechen abgespeist, dass der Kongress Verhandlungen mit ihnen
arrangieren wuerde.
In den hierauf folgenden Verhandlungen wurde der Versuch unternommen, die Berufssekretariate in eine voellige ünterwuerfigkeit
zu zwingen, was sich jedoch als nicht einfach herausstellte, weil
diese darauf bestanden, ein bestimmtes Mass an Selbstaendigkeit sich
zu bewahren. Und als es mit der Zeit offensichtlich wurde, dass
der Weltgewerkschaftsbund das Werkzeug einer bestimmten politischen
Partei werden sollte, bestanden die Berufssekretariate mit noch
groesserer Hartnaeckigkeit auf dieser Forderung. Schliesslich kamen
- 12 -

�sie im September 1948 zu der Erkenntnis, dass es keinen Zweck
heetta, die Verhandlungen fortzusetzen. Vier Monate spaeter,
am 17. Januar 1949, folgten der Britische Gewerkschaftskongress
TUC, der amerikanische Kongress der Ir.dustrieverbaende CIO und
der hollaendiscl.e Gewerkschaf tsbund ihrem Beispiel, und sagten
sich wie noch viele andere Organisationen vom Weltgewerkschaftsbund los, der infolgedessen zu einer rein kommunistischen Organisation wurde.
Seit der Erricntung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften sind die internationalen Berufssekretariate wesentlich
besser daran gewesen. Der erste Kongress des Internationalen
3undes Freier Gewerkschaften nahm im Dezember 1949 klugerweise
eine grosszue^igere und anpassungofaehigere Haltung ein und billigte eine Entschliessung, in der der Exekutivausschuss ermaechtigt
wurde, baldigst "Verhandlungen mit den Internationalen Berufssekretariaten aufzunehmen und dabei bemueht zu sein, Abmachungen zu
treffen, die eine hoechst intensive Zusammenarbeit, die gegenseitige Vertretung auf mitberatender Grundlage und die beiderseitige
Unterstuetzung auf dem Gebiet
der gewerkschaftlichen Organisierung
gewaehrlaisten koennten.n
Die Antwort der Berufssekretariata auf diese Bereitwilligkeit
blieb nicht aus, zumal sie alle immer auf engste Zusammenarbeit
zwischen diesen beiden Sektionen, die schliesslich doch derselben
Bewegung ansehoerten, bedacht gewesen waren.
Die internationalen Berufssekretariate sind dem IBFG seit
seiner Gruendung angeschlossen. Drei ihrer Vertreter nahmen im
•Tuni 1949 an der internationalen Gewerkscnaftskonferonz in Genf
teil, auf der die Gruendung der neuen Internationale beschlossen
wurde, und sie waren durch J. H. Oldenbroek im vorbereitenden
Ausschuss vertreten, der die aufgäbe hatte, eine Satzung und ein
Programm fuer eine neue internationale Gewerkschaftsorganisation
auszuarbeiten, "die alle freien und demokratischen Gewerkschaftsorganisationen umfassen und zum Ziel haben sollte, in moeclichst
enger Beratung und Zusammenarbeit mit den internationalen Berufssekretariaten zu stehen."
Die internationalen Berufssekretariate, die am 8. und 9. Tovember 194y zu einer Konferenz in Paris zusammenkamen, begruessten
ihrerseits den Vorschlag, eine neue Gewerkschaftsinternationale zu
errichten und brachten ihren Wunsch zum Ausdruck, diese neue Organisation zu unterstuetzen und "in enge und freundschaftliche Beziehungen zu ihr zu treten."
Fuenfzehn Berufssekretariate waren auf der Konferenz der
internationalen freien Gewerkschaften vertreten, die am 28. November 1949 in London begann, und auf der am 7. Dezember dar Internationale Bund Freier Gewerkschaften gegruendet wurde.
Da auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden war, dauerte
es nicht lange, um sich ueber die Art der Zusammenarbeit einig
zu werden. Unmittelbar nach der Gruendung des IBFG trat der Koordinationsausschuss der internationalen Berufssekretariate am
8. Dezember in London zusammen und stellte eine fuenfkoepfige Delegation zusammen, die bei der ersten besten Gelegenheit die VerDindung zum IBFG aufnehmen
sollte. Dieser Koordinationsausschuss
L-t ein Gremium von neun rersonen, das im Ivlaarz 1949 zum Zwecke
"regelmaessi^ar Besprechungen ueber Angelegenheiten, die fuer die
Berufssokretariate von allgemeinem Interesse sind, cebildet wurde.
- 13 -

�Diese Delegation traf an 17. Maerz 1950 mit dem Krisenaussohus3
des IBFG in Druessel zusammen, und spaeter wohnten zwei seiner
Mitglieder einer Konferenz des Exekutivausschusses des IBFG bei,
die am 26. und 27. Mai stattfand.
Als Ergebnis dieser Konferenzen und Besprechungen traten einige Prinzipien in Erscheinung; die allgemeine Grundlage fuer die
Zusammenarbeit wurde damit geschaffen. Der IBFG und die Internationalen Berufs Sekretariate sind sich stets dessen bewusst geworden, dass sie lediglich zwei Teile ein und derselben internationalen Gewerkschaftsbewegung sind. Hieraus ergibt sich, dass die Internationalen Berufssekretariate die allgemeine Politik des IBFG
zu akzeptieren" haben, dass aber euf der andern Seite dar IBFG die
Selbstaendigkeit der- Sekretariate und ihr Recht anerkennt, ungestoert ihre eigenen Sondemrobleme zu bearbeiten. Beide Teile
muessen naturpemaess in allen Angelegenheiten von allgemeinem Interesse zusammenarbeiten.
Zum Zwecke der gemeinsamen Vertretung mit den 3eruf3sekreteriaten wird der IBFG den Koordinationsausschuss anerkennen, war ,'edoch
nicht eussonliesst, da^s der IBFG direkte Verbindungen zu federn
oder allen Berufssekretariaten unterhaelt. Der" Koordinationsausschuss der Internationalen Berufssekretoriate soll in beratender
Eigenschaft in den exekutiven Koerpersch&amp;ften des IBFG vertreten
sein, und zwar durch einen Repraesentanten bei den Konferenzen des
Krisenausschusses und durch zwei Vertreter bei den Tagungen des
Exekutivausschusses, wenn es sich um Besprechungen von Angelegenheiten handelt, die fuer die Internationalen Berufssekretariate direkt oder indirekt von Belang sind. In den Konferenzen des Generalrates soll der Ausschuss durch fuenf Repraesentanten vertreten sein.
Der IBFG wird zu den Konferenzen des Generalretes jedes Berufssekretariat einzeln einladen. Auf den Kongressen des IBFG werden die
internationalen 3erufssekretariate mit einer Mitgliederzahl bis
zu einer Million durch einen Delegierten, die mit zwei bis drei'
Millionen Mitglieder durch zwei Delegierte und die mit ueber drei
Millionen Mitgliedern durch drei Delegierte einzeln vertreten sein.
Auf der anderen Seite wird der IBFG zu allen Kongressen und Konferenzen der Internationalen Berufssekretariate und zu den Tagungen
des Koordinationsausschusses, aber nicht zu den Konferenzen der
exekutiven Koerperschaften der Berufssekretariate, stets eingeladen.
'.Venn Fragen von besonderer Bedeutung, aber auch schwerwiegende
Meinungsverschiedenheiten ueber Fragen von gemeinsamem Interesse
zur Debatte stehen, werden Vorkehrungen zur Bildung gemeinsamer
Ausschuesse getroffen, die sich aus Mitgliedern des Koordinations-ausschusses und Vertretern des IBFG zusammensetzen. Der IBFG hat
ausserdem angekuendigt, dass er die Absicht hat, einen Funktionaer
zu ernennen, dessen besondere Aufgabe die Aufrechterhaltung engster
Beziehungen zu den internationalen Berufssekretariaten sein *oll.
Hiermit wird ein neues Kapital in den Beziehungen der Berufssekretariate zu der Gewerkschaftsinternationale eroeffnet. K*c ist
jetzt notwendig, die versaeumte Zeit wieder aufzuholen, denn e
ist zweifellos eine Menge Zeit vergeudet worden. Die Zusammenarbeit konnte vor dem Krieg niemals als sehr &lt;?ut bezeichnet werden,
weil sie niemals riohtig organisiert war. '.Ve ehrend des Krieges
blieben die internationalen GewerkschaftsOrganisationen aus varstaendlichen Gruenden ^roesstsntsils untaatig. ^ine bemerkenswerte
Ausnahme bildete der Internationale Transnortarbeiterverband der
durch den Krieg ein besonders fruchtbares Taetigkeitsfeld befunden
- 14 -

�hatte, und der deshalb in der Lage war, die Nachkriegsnrobleme
sofort nach Kriegsende in angriff zu nehmen. Aber die meisten
Sekretariate und der IBFG selbst konnten nur wenig oder per nichts
tun, und was sie unternahmen, war groesstenteils nur vorlaeufiger
Katur.
Nach dem Kriege trat in der Einschaltung der Gewerkschaftsbewegung in ihre frueheren Funktionen eine neue Verzoegerung ein.
Die Bildung des Weltgewerkschaftsbundes und seine Versuche, die
internationalen Berufssekretariate voellig in seine Hand zu bekommen, erwiesen sich als hinderlich und nicht foerderlich fuer die
internationale Gewerkschaftsarbeit, weil damit ein Element der Unsicherheit geschaffen wurde. Die internationalen Berufssekretariate
hatten im allgemeinen die Hoffnung, gute und erspriessliche Verbindungen aufnehmen zu koennen. Einige von ihnen nahmen in der
Erwartung, dass der Weltgewerkschaftsbund nach und nach so gestaltet wuerde, wie es ursprueneilicir; geplant war, eine abwartende Haltung ein.
Einige Sekretariate jedoch, wie zum Beispiel der Internationale Transnortarbeiterverband, zweifelten ernstlich daran, da-s eine
so schwerfaellige Organisation, wie sie vom Weltgewerkschaftsbund
vorgeschlagen wurde und die groesstenteils von Leuten p-eleitet
werden sollte, die wenig oder ueberhaunt keine Erfahrung in der
internationalen Gewerkschaftsarbeit hatten, reibungslos funktionieren koannte. Bevor sie ihre Organisationen, die sie so muehsam
aufgebaut hatten, der: Weltgewerkschaftsbund einverleibten, glaubten sie, sich mindestens vergewissern zu muessen, dass dar Aufbau
dieser Organisation auch eine Gewaehr fuer die Erreichung der
proklamierten Ziele bot. Und von Anfang an hatte man das Gefuehl das sich auch mit der Entwicklung der laeti^keit des Weltgewerkschaftsbundes mehr und mehr bestaetigte - dass diese Organisation
nicht ganz so unpolitisch wer, wie sie es zu sein vorgab.
Und damit warBn vier kostbare "ahre verlorengegangen. Vielleicht nicht ganz verloren, weil die Zwanpsmethoden des Weltgewerkschaftsbundes die internationalen üerufssekretariate einander
naehergebracht und sie vera.nla^st hatten, eine Apparatur fuer die
gegenseitige Zusammenarbeit und Beratung aufzubauen und zwar zuerst in Form eines Verbindungsausschusses und dann in der jetzigen
des Koordinationsausscxiusses.
Es bestände-, zaalrsiche L'isaverstaendnisse ueber das Wesen und
die Zwecke dieses Koordinationsausschusses, und ich moechte als
einer, der diesem iiusschuss von i.nfang an angehoert, die Gelepenheit
ergreifen, um zu sagen, dass im Laufe der Verhandlungen, die die
internationalen Berufssekretariate in den letzten fuenf .'ahren gefuehrt haben, in keiner V.eise die Errichtung einer Organisation in
Erwaegung gezogen wuerde, die auch nur in geringstem 'lasse einen
Uebero-riff auf den Zustaendigkeitsbereich und die Vorrechte der
Gewerkschaftsinternationale bedeutet haette. ^m Anfang war der
Zweck der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Berufssekretariaten teilweise defensiver Uatur; 3paeter wurde sia jedoch i'ortgesetzt, well sie sich auch auf anderen Gebieten als nutzbringend
erwiesen hatte.
Nachdem nun der Internationale Bund Freier Gewerkschaften ins
Leben berufen ist, klaube ich, dass man mit einer raschen Entwicklung der internationalen Gewerkschaftsbewegung rechnen kann, denn
wie im Abkommen zwischen dem IBFG und den internationalen Berufs-ekrekretariaten festgelegt ist, bilden beide zusammen eine einzige
internationale Bewegung. Die 20 Millionen Mitglieder der internationalen Berufssekretariate gehoeren groesstenteils zu den 50 Killionen
- 15 -

�des IBFG. Dia meisten staatlichen Gewerksciiaf tszentren, die dem
I3FG anrehoersn, verfliegen ueber Mitgliederorganisetionen in den
BerufsSekretariaten.
Es ist wahr, dass Luecken bestehen, aber sie auszufuellen ist
der Zweck der.Zusammenarbeit, mit der nun begonnen wurde.
Dieser Zusammenarbeit sind grosse Aufgaben gestellt. Es gibt
noch viele Millionen von Arbeitern auf der Welt - und selbst diesseits des Eisernen Vorhangs - die nicht gewerkschaftlich organisiert
sind, oder die nur in unzureichendem Masse organisiert sind, und
die der Unterstuetzung und der Anregung der internationalen Gewerkschaftsbewegung beduerfen.

Es bestehen Plaene, wonach der Internationale Bund Freier Geweri
Schäften und die Internationalen Berufssekretariate gemeinsam Regionalbueros in verschiedenen Teilen der Welt errichten sollen, un die~e
Arbeit zu erleichtern. Einige der internationalen Berufsorganisationen haben bereits Verbindungen zu Laendern, mit denen andere noch
nicht in Beruehrung gekommen sind; sie koennen dienen andern somit
helfen, dort ebenfalls Fuss zu fassen. Die internationale Gewerkschaftsbewegung war in der Lage, ihren Einfluss in vielen der verschiedenen offiziellen internationalen Koerperschaften geltend zu
machen, die der Krieg und seine Folgen ins Leben gerufen hatte.
Auch in dieser Richtung bieten sich Moeglichkeiten der Zusammenarbeit und der Koordinierung.
Arbeit gibt es genues-end zu tun. Es kann mit Recht erwartet
werden, dass die freundschaftlichen Beziehungen, die .letzt hergestellt wurden, die Moeglichkeit bieten, diese Arbeit besonders erfolgreich durchzufuehren.
The American Federationist
3/51
"GOMPERS-PLATZ" IN NEW YORK VORGESCHLAGEN
Auf einem unbenannten dreieckigen Platz in New York, der durch
das Zusammentreffen der Massachusetts-Avenue und der Zehnten Strasse
gebildet wird, befinden sich eine Reihe von Bronzestatuen, die die
sitzende Figur Samuel Gompers' umgeben, der der erste Vorsitzende
der AFL war und dieses Amt 38 Jahre lang innehatte. Das Zentralbuero der AFL befindet sich eine Strasse weiter.
•Tonn Herling, der Herausgeber der "John Lerling's Labor
Letter", hat vorgeschlagen, diese Stelle "Gomners-Platz" zu nennen.
In einem Schreiben an die "Gewerkschaf tspresse-Vereinip-ung" erklaerte Herling: "Waere es nicht in Anerkennung der Verdienste
Samuel Gompers um die Arbeiter der ganzen Welt und der Beziehungen,
in denen Washington als Stadt zu der uebrigen Welt steht, angebracht, das unbenannte Dreieck, auf dem die Gompers-Statue steht,
nach dem Mann zu benennen, der diesem Platz sein besonderes Gepraege gegeben hat?"
"Indem wir so einen grossen Amerikaner ehren," fuhr Herling
fort, "koennten wir feststellen, dass die meisten Amerikaner, unsere Freunde in Uebersee und im Sueden, den Wunsch haben, sich an
dieser Ehrung zu beteiligen." Ausser gewerkschaftlichen, buergerlichen, oertlichen und Landes-Gruopen waeren der Senat, die Bezirksausschüsse des Repraesentantenhauses und die Bezirksbeauftragten selbst an einer schnellen Verwirklichung dieser Idee, der Schaffung eines "Gompers-Platz", interessiert.
Daily News Service
3/19/51
- 16 EICOO 5 »pr 51 «92 5 « 1t C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht a b offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 15

Frankfurt, 13. April 1951

I N H A L T £ V

E R Z E I C H N I S

Ein Neger berichtet ueber die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung - - - - - - - - - -

l

Freie Gewerkschaften setzen sich in Afrika
durch - - - - - - - - - - - - - - - - - -

4

Ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Marshallplan-Verwaltung und hollaendischen
Gewerkschaften - - - - - - - - - - - - -

7

FuenfJaehriger Vertrag fuer die Kraftfahrer
New Yorks abgeschlossen - - - - - - - - - 1 0
AFL unterstuetzt italienische Gewerkschaften im Kampf gegen die Kommunisten - - - 11
Gewerkschaften der Philippinen fordern
Mindestlohntarife

- - - - - - - - - - - - 1 3

Warum kommunistische Streiks in Amerika? - - 14
Kommunistischer Arbeiter auf Ersuchen der
Gewerkschaft entlassen - - - - - - - - -

iß

EIN NEGER BERICHTET UEBER DIE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Morris Hood, der in Detroit (Michigan) wohnt, ist 42 Jahre
alt. Seit seinem 27. Lebensjahr ist Hood Mitglied der Gewerkschaft
der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft, deren diesjaehrige
Tagung gerade in der im mittleren Westen gelegenen Stadt Cleveland durchgefuehrt wurde. Morris Hood begann als Arbeiter in
einer der vielen Autofabriken in Detroit. Heute ist Morris Hood,
ein Neger, ein Funktionaer dieser Gewerkschaft, die einen tiefen
Einfluss auf sein Leben, seine Familie, seine finanzielle Situation und sein Glueck ausuebt. Dieser Gewerkschaftsfunktionaer
Hood nahm zu einigen der Problemen Stellung, mit denen die Autoraobilarbeitergewerk3Chaft sich zu befassen hat.
- 1 -

�"Einige Jahre zuvor hatte unsere Gewerkschaft sich mit den
Fragen der kommunistischen Infiltration auseinanderzusetzen. Dieienigen von uns, die der Meinung waren, dass das Heil der Automobilarbeiter in der Demokratie und nicht im Kommunismus liegt,
bewiesen selbst unseren Mitgliedern, dass die kommunistische Bewegung den Arbeitern der ganzen Welt keinen Fortschritt bringen
kann. Ohne an die Verwirklichung irgendwelcher Ziele zu denken,
helfen die Kommunisten selbst dabei , unseren Standpunkt unter
Beweis zu stellen, indem sie den Arbeitern wunderschoene Versprechungen gaben, die jedoch nicht im geringsten mit ihren Handlungen im Einklang stehen."
Morris Eood, der der Tagung der &gt;vutomobilarbeitergewerk3chaf t
in Cleveland beiwohnte, nahm sich trotz seiner vielen Pflichten
die Zeit, in einer Sendung der Stimme Amerikas zu erklaeren, wie
die Funktionaere der Automobilarbeitergewerkschaft es moeglich
gemacht haben, die Kommunisten von der Leitung der Gewerkschaft
auszuschliessen, wobei hier der Wille der Majoritaet zum Ausdruck
kam. Diese Sendungen der Stimme Amerikas waren fuer den Fernen
Osten, den Mittleren Osten und Europa bestimmt. In den Sendungen
selbst sagte Hood:
"Durch diese Massnahmen, die in demokratischen und einwandfreien 7/ahlen bestanden, entfernten wir die Kommunisten aus den
Geschaeftsstellen der Gewerkschaften, weil bei diesen Wahlen die
Kommunisten staendig ueberstimmt wurden. Jene Kommunisten, denen
es gelungen war, frueher einmal in die Geschaeftsstelle zu gelangen, mussten zusehen, wie sich ihre Anhaencer von ihnen abwandten
und sie ueber keinerlei Einfluss mehr verfuegten. Ich moechte
hinzufuegen, dass die Mitglieder beider Rassen, die den Kommunisten und ihren Versprechungen anfangs nicht unsympathisch gegenueberstanden, sich sehr bald mit ihnen entzweiten. Die Neger
haben genau wie andere Leute die Faehigkeit, die Forderung einer
Grunpe und deren Aufrichtigkeit zu beurteilen. Die Wirkunsr war,
dass die meisten unserer Leute anfingen, durch die leeren Worte
falscher kommunistischer Behauptungen hindurchzusehen. Heute
sind diese Neger, die als Mitglieder in den Reihen der iiUtomobilarbeitergewerkschaft stehen, ebenso starke Anti-Kommuni3ten wie
die Fuehrerschaft dieser Gewerkschaft selbst und 3ie erkennen die
Ueberlegenheit demokratischer Grundsaetze restlos an."
Hood ging dann dazu ueber, die rassischen Beziehungen in der
Automobilarbeitergewerkschaft zu schildern:
"Allgemein gesprochen bieten in unserer Organisation die
rassischen Beziehungen keinerlei Probleme. Neger und Nicht-Neger
sind Mitglieder der Gewerkschaft, sie arbeiten voller Sympathie
und Harmonie Seite an Seite zusammen. Wir haben in den Anschauungen unserer Mitglieder die Idee menschlicher Kameradschaft und
der gewerkschaftlichen Solidaritaet mit vollem Erfolg erreichen
koennen. Darueber hinaus glaube ich, dass die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft wirkliche Fortschritte erreicht hat, die
der Negerbevoelkerun^ ebenso wie allen anderen Leuten zugute gekommen ist."
Morris Hood ist verheiratet und hat zwei Soehne. Der eine
ist 17 Jahre und der andere 15 Jahre alt. Die beiden Junten besuchen in Detroit die Hochschule. Ihr Vater ist sehr stolzauf sie
und hegt grosse Hoffnungen auf ihre Zukunft:
"Meine Frau und ich haben nicht die Absicht, sie wieder Automobilarbeiter werden zu lassen. Wissen sie, wir wuerden es lieber
- 2 -

�haben, sie auf die Hochschule zu schicken. Die Jungen werden
dann einen Beruf ergreifen koennen, der es ihnen ermoeglicht,
dem Volk unseres grossen Landes besonders nustzlich zu werden."
"Es pibt so vieles, fuer das wir dankbar sein muessen und
wir hoffen, dass die Jungen'Amerika all das zurueckerstatten
werden, was es fuer uns getan hat."
Jetzt erzaehlt der Gewerkschaftsfunktionaer Hood einiges
ueber die Hintergruende seiner Bemerkungen:
"Ich komme aus dem Suedstaat Georgia. Al3 ich acht Jahre
alt war, fing ich in den Sommerschulferien an, in einem Baumwollbetrieb zu arbeiten. Nachdem ich die hoehere Schule absolviert
hatte, ging ich zum Morhouse-College in Atlantik (Georgia), wo
ich einen vormsdizinischen Kursus belegte."
"Meine Absicht war es, Doktor zu werden. Ich mussts aber
die Hochschule nach zwei Jahren verlassen, weil mir das Geld
fehlte. Es war eine unglueckliche Angelegenheit. Aber was konnte
ich damals tun?"
Morris Hood konnte damals in dieser Sache garnichts tun.
Nur, dass er solche Stellen nahm, die fuer ihn offen waren. So
zog er eine Reihe von Jahren durch den susdlichen Teil der Vereinigten Staaten. Schliesslich erhielt er eine Stellung in einer
Eisenschmelzerei in Cincinnati (Ohio), einer Stadt des Mittleren
Westens. Hier wurde er in der Giesserei beschaeftigt. Aber bald
setzte die Depression der fruehen
dreissiger Jahre an und Morris
Hood war ebenso ploetzlich wie 1000 andere Arbeiter arbeitslos.
Voellig entmutigt ging er 1931 nordwaerts und kam nach Detroit,
wo er Verwandte hatte.
"Ich uebernahm jede Arbeitsmoeglichkeit, die ich kriegen
konnte. Ich wusch Automobile, sDielte Parkwaechter oder irgendeinen Gehilfen fuer irgend etwas und wurde actfiiesslich Bote in
einem Hotel. In meinem Kopf schwand vollkommen jede Erinnerung
an die Tage auf der Hochschule und damit jede Hoffnung auf eine
medizinische Karriere. Ich war nichts anderes als ein einfacher
Arbeiter. Ich hatte eine Frau und auch ein Baby, aber wir hatten
unseren Lebensunterhalt. Aber erst im Jahre 1936 konnte ich eine
Stellung in der KUtomobilindustrie erhalten. Ich wurde Lagerarbeiter, das bedeutete, dass ich Zubehoerteile auf ein Foerderband zu legen hatte, sodass sie weiter verwandt werden konnten,
sresaeubert und schliesslich zu einem ganzen Wagen zusammengesetzt
wurden. Im .Jahre 1936 organisierten die Automobilarbeiter eine
Gewerkschaft, die sich Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft
Amerikas nannte. Ich wurde aktives Mitglied und half bei der
Gruendung einer Ortsgewerkschaft sowie einer Sektion der Gewerkschaft in meiner Fabrik."
Ueber jene Tage berichtet Hood weiter:
"Ich bin eines der ersten Mitglieder der Automobilarbeitergewerkschaft. Einige Jahre spaeter wurde ich in meiner Ortsge-.erkschaft als Funktionaer gewaehit. Dann kam der zweite Weltkrieg
und meine Fabrik wurde ebenso wie zahlreiche andere ^utofabriken
von der Autoproduktion auf die Flugzeugproduktion umbestellt.
Die Leute nannten bald unsere Flugzeugfabrik "Arsenal der Demokratie." In jenen aufgeregten Tagen arbeiteten wir Tag und Macht."
- 3

�Al3 der Krieg im Jahre 1945 vorueber ging, wurden die Fabriken wieder in Automobilproduktionsstaetten verwandelt. Ein Jahr
spaeter wurde Morris Hood befoerdert. Er war nicht mehr Funktionier seiner Ortsgewerkschaft, sondern bereits fuer die Gesamtgewerkschaft als Beauftragter taetig. In seiner Eigenschaft als
zustaendiger Vertreter verhandelte der Gewerkschafter Hood ueber
Tarifvertraege zwischen der Gewerkschaft und den verschiedenen
Autounternehmen. Diese Arbeit uebernahm er bis 1949, als er
Leiter der Versandabteilung der Gewerkschaft v»urde, diesen Posten
hat er auch heute noch inne. Zu den Erfolgen seiner Gewerkschaft
sagte Morris Hood:
*

"Unsere Gewerkschaft hat vieles fuer unsere Mitglieder erreicht. Wir haben heute Altersrenten. V/enn jetzt ein Mann oder
eine Frau das pensionsfaehige Alter von 6ö Jahren erreicht, so
koennen sie sich einer Pension erfreuen, die von dem Unternehmen
g'ewaehrt wird, fuer das die einzelnen Arbeitskraefte taetig
waren. Dann setzten wir den Wohlfahrtsfond durch, die dem Arbeiter und ihren Familien in Krankheits- oder Todesfaellen die notwendige Unterstuetzung gewaehrt. Durch unsere politische! Aktionsgruppen in den verschiedenen Staaten war es uns moeglich, hohe
Arbsitslosenunterstustzung zu erreichen. Daneben konnten wir jedoch andere wertvolle Errungenschaften fuer die Arbeiter durchsetzen - bessere Arbeitsbedingungen, kuerzere Arbeitszeiten,
hoehere Nettoloehne und eine sicherere Stellung. Als Teil dieser
Arbeitsplatzsicherung fuehrten wir das System der Senioritaet
ein, d.h., dass ein Mann, der in einem Unternehmen viele Jahre
taetig war, nicht durch irgendeinen Neueingestellten ersetzt werden kann, ebenso koennen sich neu eintretende Kraefte nicht ueber
die Vorrechte aelterer Arbeiter und Angestellten hinwegsetzen.
Morris Hood sagte ebenso herzlich wie aufrichtig, dass die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft einen tiefen und guten Einfluss auf sein gesamtes Leben ausuebt. Abschliessend sagte er:
"Die Gewerkschaft hat auch auf die anderen Mitglieder einen
sehr guten Einfluss, in allen unseren Arbeitsstaetten kommen die
Leute vorwaerts und machen Fortschritte, ohne jeden Unterschied
in Rasse und Herkunft. Es gibt keine Diskriminierung zwischen
Negern und anderen Arbeitern. Alle Tarifvertraege unserer Gewerkschaft mit den verschiedenen Autounternehmern muessen durch den
gewerkschaftlichen Bezirksleiter der Gewerkschaft genehmigt werden.
Und dieser Leiter wuerde es niemals zulassen, dass irgendeine
Ortsgewerkschaft einen Tarifvertrag unterzeichnet, der irgendwelche diskriminierenden Klauseln enthalten wuerde, der das Vorwaertskommen irgendeiner Beschaeftigtengruppe behindert.
Dieser Bericht, den ein Funktionaer der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft gegeben hat, zeigt einen Querschnitt durch
den Einfluss und die Bedeutung der Gewerkschaft und Morris Kood,
der heute hier seine Meinung ausgesprochen hat, ist ein Mitglied
der Gewerkschaft und Neger, dem es gelungen ist, von einem einfachen Arbeiter zu einem Kauptfunktionaer der Automobilarbeitergewerkschaft empor zu steigen.
Labor Special
Program Service Section
4.3.51
FREIE GEWBRKSCHA'" T5N SETZEN SICH IN AFRIKA DURCH
Im suedlichen Teil Westafrikas hat sich eins Gruppe Arbeiter
daran gemacht, ueberall soziale, wirtschaftliche und oolitische
- 4-

�Kraefte zu mobilisieren

und zugleich Gewerkschaften zu errichten.

Kit der Selbstlosigkeit, wie sie nur Kreuzfahrern eigen
ist, und der Weitsicht eines Columbus, sind 28 Meenner und eine
einzige Frau in einer mit Stroh bedeckten Huette unter der sengenden Sonne Afrikas zusammengekommen und haben Plaene entworfen,
um durch freie demokratische Gewerkscnaften der Wirtschaft und
der Idee der sozialen Gerechtigkeit in ihrem Lande eine neue
Bedeutung zu geben.
Das Gebiet, dem ihre Arbeit gilt, umfasst 1.919.246 'iuadratmeilen und liegt zwischen dem Atlantischen Ozean und der Sahara. Es
ist ein Land unberuehrter industrieller und militeerlscher Reichtuemer. In ihm leben unter der Herrschaft weisser Europaeer fast
45 Millionen Menschen, deren wachsender Nationalgeist mit dem
kolonialen Denken ihrer Beherrscher in Konflikt geraet.
Diese 28 Maenner und die eine Frau waren Delegierte zur regionalen Gewerkschaftskonferenz fuer Mittel- und Westafrika, die
unter dem Protektorat des Internationalen Bundes fuer Gewerkschaften stand und im vorigen Monat in der Hafenstadt Duala in
Franzoesisch-Kamerun abgehalten wurde.
Die Delegierten kamen aus 10 Kolonien Gross-Britanniens und
Frankreichs: dem Senegal, der Sierra Leone, aus Dahomey, Nigeria,
der Goldkueste, der Elefanten-Elfenbeinkueste, aus FranzoesischAequatoriel-Afrika und Franzoesisch- und Britisch-Kamerun.
Mit aller Kuehnheit eroberten sie sich einen dauernden Platz
an der Seite anderer Gewerkschaftspioniere, die koerrerliche
Anstrengungen auf sich nahmen, die zur Gruendung der Gewerkschaftsbewegung in jedem Land der Welt fuehren.
Sie sprachen ein buntes Durcheinander von Sprachen und Dialekten. Einige waren Europaeer und einige Afrikaner waren in Europa
erzogen worden. Sie renraesentierten eine Vielzahl von Kulturen
und Tradition mit ihrer Kleidung. Diese variiert von den Roecken,
wie sie Adio Moses, der Sekretaer des Gewerkschaftskongresses von
Nigeria, trug, bis zu den europaeischen Shorts Markus Grants,
des Sekretaers des Gewerkschaftsbundes der Sierra Leone und Vertreter von West- und Mittelafrika des Exekutivausschusses des
IBFG.
Drei Delegierte, die von armen Gewerkschaften geschickt waren,
musstsn ueber 60 teilen schwierigen Geltendes zu Fuss zuruecklegen,
um an der Konferenz teilzunehmen. Andere kamen mit Zuegen, die
zum Transport von Bananen bestimmt sind, andere wiederum wurden
in Autobussen befoerdert, die aus dem Mittelalter zu stammen schienen.
Fuer einige musste der IBFG ein Flugzeug mieten, weil sie
keine andere Moeglichkeit hatten, nach Duala zu kommen. Unter
der Fuehrung und Anleitung einer Gruppe von acht Delegierten des
IBFG arbeiteten sie 'Irei Tage lang und legten damit den Kern zu
einer ellafrikani3Chen Regionalorganisation des IBFG. Zu den
Delegierten des IBFG gehoerten Harold D. Snell von der CIO-Gewerkschaft der Arbeitnehmer im Befoerderungsdienst, der zugleich Repraesentant der AFI, der Werkarbeitergewerkschaft und der Eisenbahnergewerkschaft war.
Im Verlauf der Diskussionen zeigten sich die Probleme' auf,
die der gewerkschaftlichen Organisierung in einem Lande im Wege
- 5 -

�stehen, dbs fast unbegrenzte Reichtuemer an Rohstoffen von ungeheurer Bedeutung und starke militaerische und flugtechnische
Basen besitzt, die ebenfalls von grosser strategischer Bedeutung
sind.
Der groesste Teil der Arbeitgeber in jenen zehn Staaten und
viele Regierungsbeamte halten nicht viel von den Gewerkschaften,
was Jedoch nicht ausschliesslich fuer Afrika zutrifft, obwohl
diese Einstellung dort staerker betont ist.
Sie sniegelt den unglueckseligen allgemeinen V/unsch der Unternehmer wider, ueber einen uebervollen Arbeitsmarkt zu verfuegen, auf dem es sich seine Arbeiter aussuchen und sie so bezahlen 'kann, wie er es wuenscht. Darueber hinaus gibt es jedoch
ganz bestimmte Tendenzen anderer Artf die sich aus dem klassischen
Kolonialismus ergeben haben.
Das Niveau des Alphabeten ist im allgemeinen sehr niedrig.
Ebenso verhaelt es sich mit seiner Produktionsleistung. Nur ein
geringer Prozentsatz der Eingeborenen verfuegt ueber irgendwelche
mechanischen Fachkenntnisse. Das Recht der Frau, ausserhalb der
Familie zu arbeiten, i3t beschraenkt. Die Loehne sind so niedrig,
dass visle Arbeiter keine Gewerkschaftsbeitraege zahlen koennen
und in einigen Gebieten haben die Gewohnheiten und Sitten der
Eingeborenen, wie z.B. die Polygamie,wirtschaftliche Schwierigkeiten heraufbeschworen.
Diese Frage der Polygamie hat auf dieser Konferenz mehr Aufregung hervorgerufen als irgendetwas anderes, jedenfalls mehr
als die Zwischenrufe der Kommunisten und ihrer Helfershelfer die e3 sogar in Afrika gibt - die den Sitzungen beiwohnten, da
diese der Oeffentlichkeit zugaenglich waren.
Die einzige weibliche Delegierte, Frau Marie Issoula, eine
23.iaehrige Mutter von zwei Kindern und die Delegierte einer Lehrergewerkschaft in Duala, brachte eine Resolution ein, in der sie
forderte, dass die afrikanische Frau von der ^olygamie befreit
wird.
Frau Issoula war in Duala und in Frankreich aufgezogen worden, sie ist die einzige .brau eines afrikanischen Beamten.
Was fuer die Konferenz mit am bedeutsamsten war, blieb die
Tatsache, dass sich die Delegierten, obwohl sie Funktionaers der
Gewerkschaftsbewegung sind, die eine Befreiung von der europaeischen Herrschaft erstreben, sich streng an die Vereinbarung "hielten, sich nur mit den wirtschaftlichen Problemen der Arbeiter zu
befassen. Sie forderten voellige Freiheit bei der Abfassung der
Entschliessungen, sie benutzen die Konferenz jedoch nicht dazu,
ihren besonderen nationalen Forderungen Ausdruck zu verleihen.
Sie wuenschten sine gesunde Basis zu errichten, von der aus
die Rechte der Arbeiter in der industriellen Revolution gewahrt
werden koennen,die sich, wie sie hoffen, in allernaechster Zukunft
auf ihrem heute noch primitiven Kontinent abspielen wird.

Die Arbeiter, die an der Konferenz teilnahmen, waren zum
sroessten Teil Beamte, Bergleute, Eisenbahnar, Eafen- und Industriearbeiter.
Moses, der Gewerkschaftsfuehrer aus Nigeria, spielte hier
eine ungewoehnliche Rolle. Die Kommunisten haben einen grossen
- 6-

�Teil ihrer organisatorischen und propagandistischen Anstrengungen
auf diese ihrer Lage nach strt-tegisch wichtigen englischen Kolonie konzentriert, der Gewerkschaftsbund von Nigeria ist dem
kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund angeschlossen.
Aber Moses, ihr Sekretaer, nimmt eine fuehrende Stelle in
dem Kampf zur Beseitigung der Kommunisten und zur Angliederung
der Gewerkschaftsbewegung Nigerias an den IBFG ein. Er erklaerte
der Konferenz, dass der Antikommunismus in seiner Organisation
stark sei und sagte voraus, es sei damit zu rechnen, dass diese
Kraefte im -Juni fuer den Austritt aus dem Weltgewerkschaftsbund
stimmen werden.
Zwei starke Gewerkschaften, naemlich die der Lehrer und
der Eisenbahner, gehoerten der Zentralorganisation an, als sie
noch den Namen "Gewerk3Chaftskongress von Nigeria" fuehrte, sie
loesten sich jedoch von der neuen Gruppe los, da sie sich weigerten, dem Weltgewerkschaftsbund beizutreten.
Die Delegation des IBFG war mit den Fortschritten, die auf
dieser Konferenz erzielt wurden, zufrieden. Frederic W. Dalley,
ihr Vorsitzender und Mitglied der britischen Gewerkschaft der
Sisenbahnangesteilten, erklaerte:
"Auf dieser Konferenz wurden Fehler gemacht, aber im Hinblick
auf die Schwierigkeiten der verschiedenen Sprachen, Rassen und Bekenntnisse war es ein Anfang und meiner Meinung nach ein guter
Anfang' - und das ist das, was in Afrika gebraucht wird." Andre
Lafond, der Sekretaer der franzoesischen Gewerkschaft CGT-Force
Ouvriere erklaerte: "Wir haben hier in Afrika zur Beseitigung
wirtschaftlicher Schwankungen, fuer eine groessere wirtschaftliche
Zusammenarbeit und einen besseren Lebensstandard gearbeitet. Ich
bin ueberzeugt, dass die Errichtung einer starken internationalen
Bewegung freier Gewerkschaften die Verteidigung unserer Freiheit
ohne Krieg garantieren kann."
"Die Freiheit ist in der ganzen Welt bedroht und muss in
Afrika ebenso hartnaeckig verteidigt werden, wie sie in anderen
Teilen der Welt angegriffen wird."
The CIO News

IV/2/51

AUSGEZEICHNETE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN MARSHAILPLAN-VERWALTUNG UND
H OLLAENDISCHEN GE'YERKSCHAFTEN
Die einflussreiche antikommunistische hollaendische Gewerkschaftsbewegung setzt sich in ihrem Land fuer ein ausgedehntes Verteidigungsnrogramm ein, wobei ein hervorragend funktionierendes
Verbindungssystem besteht, das bereits Fruechte getragen hat, die
sowohl der hollaendischen Arbeiterschaft als auch den Maennern
zugute gekommen ist, die die amerikanische wirtschaftliche Hilfe
fuer die Niederlande lenken.
Waehrend der letzten 19 Monate haben sich die Gewerkschaftsfuehrer und die Beauftragten der Sondermission der Verwaltung fuer
wirtschaftliche Zusammenarbeit in den Niederlanden jeden Monat
regelmaessig getroffen, damit auf der einen Seite das Arbeitsberatungskomltee der ECA-Mission seine Vorschlaege unterbreiten und
diese auf die besonderen Probleme abstimmen kann, die sich durch
die gegenwaertige Situation der einheimischen und internationalen
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen ergeben.
- 7-

�\

Die Apparatur fuer diese Besprechungen wurde im August 1949
auf Vorschlag von Bert Jewell festgelegt, dem Arbeitsberater
fuer ECA-Fraren in Washington. Dadurch ergab sich eine gute Zusammenarbeit mit Holland, vor allem durch die Initiative von
Lee R. Smith, dem Arbeitsbeauftragten der Mission, sowie durch
die begeisterte Zusammenarbeit der Gewerkschaftsfuehrer, die
mehr als 900.000 hollaendische Arbeiter in allen industriellen
und Dienstleistungsbetrieben vertreten.
Das Interesse der Gewerkschaften an dieser Zusammenarbeit
mit dem Beratungskomitee wird am besten beleuchtet durch die Anwesenheit jeder einzelnen Gewerkschaft auf den 20 Sitzungen, sodass immer wenigstens zwei der Spitzenfunktionaere der N W (Konfessionell nicht gebunden und ueberwiegend sozialistisch), der
KAB (katholisch) und des CNV (protestantisch) zugegen waren, auf
der Seite der ECA fanden sich als Teilnehmer der Chef der Mission,
Clarencs E. Hunter, und fast alle Missionsbeauftragte, deren Aufgabengebiet das Finanzwesen, Handel und Gewerbe, Industrie, Troduktivitaet, Planung und Information ist. Auch die Vertreter der
amerikanischen Gesandtschaft nahmen regelmaessig an den Sitzungen
teil, wobei Smith den Vorsitz fuehrte.
Mit der zunehmenden Bedeutung des Marshall-Planes fuer die
wirtschaftliche Erholung und spaster fuer die Verteidigung nahm
das Beratungskomitee auf der letzten Sitzung zu den grundsaetzliohen Fragen Stellung, wobei die hollaendischen wie auch die amerikanischen Mitglieder sich zu den folgenden Beschluessen bekannten:
1. Auf hollaendischer Seite hat der Austausch der Vorschlaege
der Gewericschaftsfuehrung die Moeglichkeit gegeben, ihre eigenen
Probleme im Licht der Weltprobleme ganz allgemein zu betrachten.
Dadurch wurde ein klares Bild ueber die Gedankenwelt gewonnen, von
der die wirtschaftliche Aussenoolltik der Amerikaner ausgeht. Dies
wiederum hat wertvolle Informationen ermoeglicht, die fuer die
Planungen der sozialen und wirtschaftlichen Programme von groesstem
Nutzen fuer die hollaendische Arbeiterschaft sind.

2. Auf amerikanischer Seite liegen die hauptsaechlichen Vorteile darin, dass ein breiteres Verstaendnis und eine Einsichtnahme
in die besonderen Probleme der hollaendischen Arbeiterschaft gewonnen wurde, in einer Versicherung der weitreichenden Unterstuetzung
durch die hollaendischen Arbeiter fuer die grundsaetzlichen Ziele
de3 Marshall-Planes und ein staendigsr Fluss von Informationen uebej
die Entwicklung und die Auswirkung der EOA-Arbeit auf die hollaendische Gewerkschaftsbewegung.

Eine wichtige Foerderung der Aufgaben beider Partner ist durch
die Entwicklung einer engeren Zusammenarbeit im Rahmen des Komitees
unter den Fuehrern der drei freien Gewerkschaften geschaffen worden,
deren Interessen und Politik in der Vergangenheit recht unterschiedlich waren. Sowohl die hollaendischen als auch die amerikanischen
Teilnehmer der regelmaessigen Konferenzen stimmen darin ueberein,
dass diese Entwicklung von wachsender Bedeutung fuer die Loesung
der grundlegenden Frobleme geworden sind, die sich heute fuer alle
Gewerkschaften ergeben, zumal die hollaendische Regierung ein neue«
Vier-Jahres-Verteidigungsprogramm ausgearbeitet hat, fuer das sechs
Milliarden Gulden, das sind fast sieben Milliarden D-Mark vorgesehen sind.
°
Die Konferenzen des Beratungskonitees haben eins allgemein
ueblich gewordene Arbeitsweise seit ihrer Einfuehrung befolgt.
Auf
Grund der dringenden Arbeiten an den Werktagen sind diese Monats8 -

�konferenzen immer auf die fruehen Abendstunden gelegt worden. Sie
beginnen mit einem Abendessen und gehen ueber in eine zweistuendige Diskussion, wobei das Gespraechsthema von den Gewerkschaftsfuehrern auf der vorausgehenden Konferenz festgelegt worden ist.
Die drei freien Gewerkschaften und die ^CÄ-Verwaltung wechseln sich in der Rolle der Gastgeber ab. Das Abendessen selbst
hat sich als eine wertvolle Gelegenheit erwiesen, informierende
Aussprachen zwischen Hollaendern und Amerikanern ueber "unkte zu
f uehren, die von allgemeinen! Interesse sind und die nicht in die
vorgesehenen Aussprachen ueber das Ilauptthema passen wuerden.
Line Uebersicüt ueber die von dem Beratungskomitee diskutierten Punkte «eit der ersten Konferenz gibt oraktisch ein ?ut
abgerundetes Bild aller wichtigen hollaendisch-europaeischen Pachkriefrsprobleme und das Funktionieren der amerikanischen Hilfe.
Als Beis".il kann das hollaendische 7/ohnbauproblem genannt werden
oder das Sachsen des deutschen "Wettbewerbs in Westeuropa, die
Feststellungen hollaendischer Gewerkschaftsr, die unter dem Protektorat der SCA die Vereinigten Staaten bereisen, den SchumanPlan oder das Budget der hollaendischen Regierung, die liberalisierung des Aussenhandels in Europa, die industrielle Schulungsarbeit oder das Punkt-Vier-Programm Praesident Trumans und in
letzter Zeit vor allem die Knappheit bestimmter Rohmaterialien.
Die Diskussionen hatten gewohnlich zum Mittelpunkt die Rolle
der Gewerkschaften als Gespra3Ch3thema, wobei das Verstasndnis
der Mitgliedschaft fuer diese Fragen gewahrt wurde und eine Politik vorgeschlagen wurde, mit der die Mitgliedschaft allgemein
einverstanden war.
Die Erfolge waren so ins einzelne gehend, dass die Cewerkschaftsfuehrer selbst die Empfehlung gaben, dass diese Konferenzen
auf der ^egenwaertigen Basis weiter fortgefuehrt werden sollten,
wobei besonders Sitzungen des Komitees vorgesehen sein sollten,
um ueber irgendein wichtiges Problem sich auszusprechen, das auf
Grund des Verteidir.ungsProgramms sich ploetzlich ergeben kann.
'.Venn man die Reaktionen einiger einflussreicher Gewerkschaftsfunktionaere zu der Arbeitsweise des Beratungskomitees feststellen will, so ergibt sich folgendes Bild:
Evart Kupers, der der fruehere Vorsitzende der JTW und ein
international bekannter Gewerkschafter ist: "Ich betrachte diese
Konferenzen als hoecast wertvoll ... waehrend der Diskussion ueber
diese "robleme ist es wiederholt augenscheinlich geworden, wie
hoechst wichtig die Marshallnlan-Hilfe ist."
M. Ruppert, der Vorsitzende der CNV: "Diese Konferenzen sind
ein ausgezeichnetes Mittel fuer den gegenseitigen Kontakt. Die
Arbeits^bteilung der ECA kann dadurch die Meinuns-en und Gedanken
der verschiedenen Gewerkschaften erkennen, die Gewerkschaften
koennen ihrerseits sehr viel von den Meinungen und Gedanken der
Maenner der Arbeit3ebteilunpren lernen."
Ad Vermeulen, 'jekretaer der JJW: "Der Kontakt de&lt;* Arbeitsbsratungskomitees mit den hollaendischen Gewerkschaften hat durch
unsere monatlichen Konferenzen unsere Ansichten ueber diese Fragen erweitert. Die Bedeutung und die Technik des Varshall-^lanes
ist ebenso eine intärnationale soziale und wirtschaftliche Frage
wie eine allgemeine. Insbesondere die Informationen, die wir von
- 9 -

�der 2CA erhalten haben, zeigten sich oft bei der Aufstellung der
sozialen und wirtschaftlichen Programme als aeusser3t nuetzlich."
P.C.W.M. Bogaers, der Beauftragte fuer Wirtschaf tsf ragen_ der
KA3: "Diese Diskussionen haben mir einen aktuellen Einblickin
die'dringendsten Fragen gegeben und diese wiederum hat mich in
die Lage versetzt, eine wesentlich breitere Plattform zu gewinnen,
vor allem hinsichtlich unserer eigenen gewerkschaftlichen Probleme.
Labor Information IV/z/51
FUENFJAEHRIG2R VERTRAG FUER DIE KRAFTFAHRER NSV: YORKS ABGESCHLOSSEN
Ein fuenf jaehriger Arbeitgeber-Arbeitnehmervertrag wurde im
Buero des amerikanischen Arbeitsministers Maurice «T. Tobin in
Washington von den New Yorker Kraftfahrern und ihren Arbeitgebern
untsrzeichnet.
Der Vertrat, der ab sofort in Kraft tritt und zwischen den
Ortsgewerkschaften 307 und 707 der Fahrergewerkschaft, in der
11.000 Lastwagenfahrer aus New York vertreten sind, und der betreffenden Arbeitgeberorganisation (1500 Unternehmer) von New
York abgeschlossen wurde, sieht eine schiedsrichterliche Schlichtung aller Streitigkeiten vor, die sich um Loehne, Arbeitszeit
und Arbeitsbedingungen drehen. Ausserdem haben sich die Arbeitgeber einverstanden erkleert, eine Klage auf 10 Millionen Dollar
Schadenersatz zurueckzuziehen, die sie beim Bundesgericht gegen
die Lokalgewerkschaften und ihre Funktionaere auf Grund der Streiks
im Jahre 1946 gefuehrt hatten.
Was in der Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern einmalig ist, i3t die Tatsache, dass in
dem Vertrag zwei hohen Regierungsbeamten der Vereinigten Staaten,
naemlich Arbeitsminister Tobin und dem' stellvertretenden Verteidigungsminister Anna V.. Rosenberg, die Befugnis uebertragen wurde,
Schiedsrichter zu ernennen, die ueber umstrittene Probleme end^ueltig entscheiden duerfen, wenn die beiden Partner keine direkte
Einigung erzielen.
Nach diesem Vertrag vereinbaren beide Partner, einen Arbeitgebsr-Arbeitnehmerausschuss unter dem Namen "New York City
Trucking Authority" (Lastwagenverkehr-Schiedsstelle fuer die Stadt
New York) zu bilden, der die Aufgabe hat, Streitigkeiten durch
Schiedsspruch beizulegen, Vertraege abzufassen und ein Programm
fuer die Beziehungen zur Oeffentlichkeit und wirtschaftliche Analysen fuer die Industrie aufzustellen.
An der Spitze dieses Ausschusses, der sich aus sechs Vertretarn der Industrie und sechs Vertretern der Gewerkschaften zusammensetzt, -wird ein unparteiischer Vorsitzender stehen, der von Arbeitsminister i'obin ernannt wird. Der Fuenf Jahresvertrag bezeichnet seine Entscheidungen ueber alle Beschwerden und Streitigkeiten
als "endguelti? und bindend fuer alle Partner".
Der unparteiische Vorsitzende ist jedoch nicht befugt, ueber
ungeloeste Streitfragen in Bezug auf Loehne, Arbeitszeit oder
Bestimmungen zu sozialen Wohlfahrts- und Versicherungs^iaenen der
Industrie zu entscheiden. Im Bezirk New York, wo jeehrlich 40
Millionen Doller an Loehnen ausgezahlt werden, hat der stellvertretende Verteidigungsminister Rosenberg die vertraglich festgelegte Befugnis, aus einem Gremium, das von beiden ~artnern zusammengestellt wird, einen Lohnangleicher zu ernennen. Dem Gremium
- 10 -

�gehoeren en: Armee-General Dwight D. üisenhower, William J".
Kelley, Murray Gurfein, Fred G. Vorritt, Professor Paul R. Hays,
der Richter Nathan E. Zellet und Charles Preusse.
In dem "Vertrag ist vorgesehen, dass nach dem 1. LCal 1952
neue Bestimmungen ueber Loehne, Arbeitsstunden, Pensionen und
sonstige soziale Einrichtungen erlassen werden koennen. Zu dieser Zeit kann der Schiedsrichter die Sachlage ueberpruefen und
sich ueber umstrittene Probleme Gutachten einholen; er ist weiter
berechtigt, sine fuer beide Partner bindende Entscheidung zu
treffen, die fuer die Zeit vom 1. September 1952 bis zum 31. August 1954 Gueltigkeit hat.
Der Schiedsrichter fuer Lohnfragen kann sich jedoch mit den
von der Industrie finanzierten sozialen 7,'ohlfahrts- und VersicherungsbeStimmungen befassen, die z. Zt. fuer Gewerkschaftsmitglieder eine Lebensversicherungssumme von 2.000 Dollar, im Falle
toedlichen Unfalls oder schwerer dauernder Verletzungen eine Versicherungssumme von 2.000 Dollar, ferner woechentliehe Unfallund Krankenuntorstuetzungen von 35 Dollar, die Rueckerstattung
von Arztkosten und die Erstattung von Krankenhausgeldern fuer die
Arbeitnehmer und ihre Familien vorsehen.
AFL Weekly News Service IV/3/51
AFL UNTER0TU2TZT ITALIENISCHE GEWERKSCHAFTEN W KAI'^F GEGEN DIL
KCI.";UNISTSN

Die Gewerkschafter, die vor kurzem gegen die kommunistische
^artei Italiens rebelliert haben, die nichts weiter als ein ruecksichtsloses und brutales Werkzeug des imperialistischen Aussenoolitischen Amtes der Sowjetunion ist, stehen mit Vertretern der
AFL im Ausland und in Italien selbst in Verbindung.
Dies wurde unlaengst vom Houptkassierer der AFL George I.'caay
berichtet.
Meany, der vor der Katholischen Gewerkschaftsallianz in
Chikago eine Rede hielt, nahm ausfuehrlich zu den Taetigkeiten
der AFL in Europa und Asien Stellung:
"'Vir haben uns bestaendig zur-Aussenpolitik unseres Landes
bekannt und ihr immer haeufiger unsere Unterstuetzung zuteil werden
lassen. '.Vir sind fest davon ueberzeugt, dass unsere Regierung eine
wirksame demokratische Aussenpolitik in einer Form entwickeln und
verfolgen kann, die eine massgebliche Einflussnahme des Volkes
selbst ermoeglicht.
"In diesem Zusammenhang moechte ich darauf hinweisen, dass
es die Idee der AFL war, die Arbeiterschaft der V.'elt um den Narshallnlan zu scharen und sie zur Abwehr der kommunistischen Sabotageversuche in Europa zu mobilisieren.. Es waren unsere Funktionaere,
die ^ie Kraefte der freien Gewerkschaftsbewegung zur Unterstuetzung
des Nershallplans organisierten, jene Kraefte, die den entscheidenden
fchlap gegen die kommunistischen Versuche fuehrten, den euronaeischen Wiederaufbau zu verhindern.
"Auch unsere hilfe fuer den Atlantik-Pakt wer nicht theoretischer Art. Wir mussten in die wichtigsten liaefen Euronas gehen, um
mitzuhelfen, die demokratischen Arbeiter zu vereinigen, um die
- 11 -

�Kommunisten daran zu hindern, den Transport der Waffenlieferungen
Amerikas im Rahmen des Nordatlantikpaktes zu sabotieren. Wenn
die demokratischen Gewerkschaften Europas mit der vollen Unterstuetzung der AFL nicht gesiegt haetten, waere der Nordatlantikpakt heute ein Vorschlag, der nur auf dem "anier steht, und unseren Verbuendeten haetten keine amerikanischen Waffen geliefert
werden koennen.
''Erst vor wenigen Wochen brachten die Arbeiter Europas dem
franzoesischen und damit dem Weltkommunismus eine schwere Niederlage bei. Hierbei spielte die AFL eine hoechst dramatische Rolle.
In enger Zusammenarbeit mit Ferri Pisani, jenem unermuedlichen
Kaempfer fuer die freie Gewerkschaftsbewegung, beteiligte sich
der europaeische Repraesentant der AFL Irving Brown an den Aktionen zur Beseitigung der kommunistischen Kontrolle ueber den Hafen
Marseilles. Heute gehoeren 35 der 50 Mitglieder des Hafenrates
demokratischen Gewerkschaftsorganisationen an, und amerikanische
Atlantikpakt-Waffen koennen in Marseille ohne Furcht vor kommunistischer Sabotage entladen werden.
"Hier hat die europaeische freie Gewerkschaftsbewegung einen
ihrer bedeutsamsten und ent3Cheidensten Siege ueber ihren kommunistischen Gegner errungen. Er kam gerade zur rechten Zeit und
bildete einen grossen Ansporn zur Bekeempfung der Demonstrationen,
die die Kommunisten unter Aufwendung aller Mittel, aber ohne Erfolg, gegen General Eisenhower organisieren wollten.

"In Frankreich bilden die Kommunisten noch immer den dominierenden Faktor in den Gewerkschaften. Hieraus erklaert sich in
gewissem Grade die schwierige wirtschaftliche und politische Lage
Frankreichs. Es konnte jedoch in diesem Lande, vor allem auf
Grund der Bemuehungen der AFL, ein starkes demokratisches Gewerkschaftszentrum gebildet werden, das den Namen "Force Ouvriöre"
traegt"und das, obwohl es nur eine Minderheit darstellt, zusammen
mit den verschiedenen unabhaengigen und christlichen Gewerk^chaf tsorganisationen die Kommunisten daran hindern konnte, das Wirtschaf 1
gefuege Frankreichs zu zerstoeren und damit dem Chaos und der
kommunistischen Revolution in diesem strategisch wichtigen Land
die Tore zu oeffnen.
"Auch in Italien haben die Kommunisten in den Gewerkschaften
die Oberhand, was ebenfalls eine Erklaerung fuer die heutige kritische Lage Italiens gibt. Aber in Italien gibt es nun, wie"auch in
Frankreich, sine lebendige demokratische Gewerkschaft, die unter
dem Namen Confederazione Italiana Sindicati Lavoratori (CISL) bekannt ist.
Obwohl auch diese Gruope nur eine Minderheit darstellt, ist
sie stark genug, um es den Kommunisten in Italien unmoeglich zu
machen, Generalstreiks vom Zaume zu brechen, die die italienische
Wirtschaft paralysieren koennten.
"Obwohl Finnland hinter dem Eisernen Vorhang liegt, arbeitet
die AFL eng mit dem finnischen Gewerkschaftsbund zusammen.

"In Israel steht die AFL mit der demokratischen Gewerkschaftsgruppe in Verbindung, die in erster Linie den israelitischen Gewerk
schaftsbund liistadrut veranlasst hat, aus dem kommunistisch beherrs
ten Weltgewerkschaftsbund auszutreten.
tung.

"Auch in Indien verfuegt die A F L ueber eine sehr aktive Vertra
Ihr ßuero dient nicht nur als InformütionsZentrum ueber die
- 12 \

�rorgaenge in Amerika und nicht nur als Gegenspieler der gegen
onser Land und unsere Einrichtungen gerichteten luegnerischen
Propaganda der Kommunisten, sondern steht auch als Wegbereiter
da fuer die Entwicklung praktischer Kenntnisse innerhalb der iniischen Gewerkschaftsbewegung, ueber die Methoden der Tarifverlandlungen, die friedliche Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten
and die Errichtung starker Gewerkschaften.
"In Deutschland und Berlin hat sich die AFL besondere Verdienste bei der Verteidigung von Lebensmitteln und der Verbreitung
amerikanischer Ideen und Ideale erworben. Die AFL hat betraechtliche Mengen von Literatur veroeffentlicht und in grosszuegiger
iVeise die Errichtung einer maechtigen freien Gewerkschaftsbewegung
in Deutschland unterstuetzt. Es ist diese Bewegung, die heute
las Bollwerk zum Schutze der Demokratie in Deutschland darstellt
und die der staerkste Gegenspieler der russischen und kommunistischen Machenschaften in Berlin ist, das hinter dem Eisernen Vorhang liegt." Dar von den deutschen Gewerkschaften unablaessig
gefuehrte Kampf um das sogenannte Mitbestimmungsrecht hat viel
Staub aufgewirbelt. Ich moechte auf zwei Faktoren hinweisen,
die von Wirtschaft3-"Experten", die der Arbeiterschaft feindlich
gesinnt sind, absichtlich oder aus irgendwelchen anderen Gruenden
uebersehen wurden. "Die deutschen Gewerkschaften haben mit der
(Gewinnung dieses Rechtes der Arbeiter in der Stahl- und Kohlenindustrie Deutschlands die Vormachtstellung der R'ihrmagnaten und
Kartelle im wirtschaftlichen Leben Deutschlands gepchwaecht. Es
waren dieselben Herren des Ruhrgebietes, die Hitler zur Macht verholfen und seine aggressive Kriegsmaschinerie aufgebaut hatten.
"Mit der Erringung dieses Rechtes hat sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung von dem Gedanken der Verstaatlichung distanziert, von jener verderblichen Auffassung, dass die Verstaatlichung
des wirtschaftlichen Lebens einer Nation ihren Menschen Freiheit
und Demokratie braechte.
"In Japan ist es der AFL trotz zahlreicher Schwierigkeiten
gelungen, der aufstrebenden freien japanischen Gewerkschaftsbewe- •
?ung grosse Dienste zu erweisen. Die von der AFL gelieferte Literatur und ihre Zusammenarbeit haben sich fuer die jungen und un3rfahrenen japaniseilen Gewerkschafter in ihren unermuedliehen und
tapferen Versuchen, ihre Reihen von allen kommunistischen Elementen und Agenten zu saeubern, die von Russland finanziell stark
mterstuetzt wurden, als ungeheuer wertvoll erwiesen."
AFL Weekly Mews Service
111/20/51
GEWERKSCHAFTEN DER PHILIPPINEN FORDERN MINDfCc_TLOHNTARIFE
Die freien Gewerkschaften der Philippinen sind in einen schv.ecen Kampf gegen die maechtigen Finanzherren dieses Landes verwickelt, die versuchen, die Gesetzgebung fuer Mindestloehne zu
3abotieren, mit der sich der Kongress der "hillnninen zur Zeit
•&gt;eschaeftigt.
Obwohl die versprochene Hilfe der Vereinigten Staaten fuer
liese kaemnfende junge Republik von dem iirlas3 eines zufriedenstellenden Mindestlohngesetzes abhaengig gemacht wurde, haben die wohllabenden Plantagenbesitzer und die Unternehmer der Zuckerindustrie
linter den Kulissen gegen die Verwirklichung eines solchen Gesetzes
gearbeitet. Sie wollen auf keinen Fall die Loehne der sehr schlecht
13 -

�bezahlten Arbeiter verbessern, obwohl sie grosse Gewinne erzielen
und das Preisniveau sehr hoch ist.
Bis jet:,'t ist es den Finanzmagnaten gelungen, zu verhindern,
dass ein Gesetz ueber Mindestloehne vom Komitee fuer Arbeitsfraren im Repraesentantenhaus erlassen wurde.
Im vorigen Jahr hatten die Vereinigten Staaten auf jir^uchen
des philippinischen iraesidenten eine £ondermis3ion ("Beil-Mission"
genannt) nach den Fhiliopinen geschickt, die die wirtschaftlichen
Schwierigkeiten dieses Landes untersuchen und Massnahmen zu ihrer
Beseitigung vorschlagen sollte. Nach eingehenden Studien schlug
diese Mission weitgehende Veraenderungen vor, um die finanzielle
Krise der "hilippinen ueberwinden zu koennen, und forderte, dass
die Vereinigten Staaten diese .junge Republik finanziell unterstuetzen solle.
Die Regierung der Vereinigten Staaten erklaerte sich einverstanden, Anleihen und Kredite in Hoehe von 260 Millionen Dollar
unter der Bedingung zur Verfuegung zu stellen, dass die ohilinpinische Regierung vorher einige Forderungen erfuellt. i.ine dieser
Forderungen ist die Verwirklichung eines angemessenen Mindestlohngesetzes.
Inzwischen hat der Senat einen zufriedenstellenden Gesetzentwurf gebilligt, der
1. einen Mindestlohn fuer die nichtlandwirtschaftlichen Arbeiter von 4 Pesos taeglich und 2. fuer landwirtschaftliche Arbeiter einen Tageslohn von mindestens 2 Pesos 50 Centavos vorsieht,
wobei nach Abzug der Unkostensaetze fuer Mahlzeiten und Wohnung
nicht weniger als 2 Pesos in bar ausgezahlt werden duerfen. Die
Gesetzesvorlape des Senats wuerde
nach dem gegenwaertigen amtlichen Umwechslungskurs von zwei resos fuer einen Dollar fuer nichtlandwirtschaftliche Arbeiter einen Mindestlohn von zwei Dollar und
fuer landwirtschaftliche Arbeiter einen solchen von 1.25 Dollar
bedeuten.
Die Vorlage des Senatr entspricht im allgemeinen^ den Bedingungen, die in Bericht der Beil-Mission gestellt wurden/ obwohl der
festgesetzte Mindestlohn neuen Untersuchungen zufolge fuer die
Familie eines Industriearbeiters in der Stadt nicht einmal die
Mindestkosten fuer den Haushalt decken würde. Die Lebenshaltungskosten auf den Philippinen gehoeren zu den hoechsten der Welt.
Die Gesetzesvorlage des Repräsentantenhauses dagegen wuerde
den vom Senat gebilligten Mindestlohn fuer die Arbeiter"in Manila
und Umgebung auf 4 resos, fuer nichtlandwirtschaftliche Arbeiter
ausserhalb Manilas auf 3 Fesos und fuer landwirtschaftliche Arbeiter auf 2 Pesos festsetzen.
•

AFL 7,'eekly News Service
111/16/51
WARUM KOMMUNLVi'ISCLL STR5IKS IN AMERIKA?
Ein Fluechtling aus Ungarn, der sich zur Zeit in Paris .aufhaelt, schreibt uns, dass die Leute in seinem Land nicht verstehen,
warum es in demokratischen Laendern einschliesslich der Vereinigten
Staaten, mitunter zu politischen Streiks kommt, die von den Kommunisten angezettelt sind. V.'arum unterbindet die Regierung nicht
- 14 -

�derartige politische Streiks, fragt uns dar Schreibar, und warum
werden die*Kommunisten nicht bestraft" Ist es nicht ein Beweis
dafuer, dess die Kommunisten in Amerika und anderen demokratischen
Laendern staerker Und als man es zugeben will? Und der President einer grossen Herstellerfirma in New-England fuegt hinzu:
Ist es wahr" dass Russland auf ein Signal die amerikanische Industrie durch die Kommunisten in den Gewerkschaften lahmlegen
koennte?"
Wie verhaelt es sich in Wirklichkeit0
Der kommunistische Einfluss in den amerikanischen Gewerkschaften hat in den letzten Jahren seinen tiefsten Funkt erreicht.
Die Kommunisten sind in den Gewerkschaften zu schwach, um irgendwelche bedeutenden Unruhen stiften zu koennen. Die Kommunisten
behaupten, dass von etwa 16 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern in
Amerika rund 600.000 kommunistisch beherrschtenGewerkschaften angehosren. Diese Zahl duerfte bei. weitem zu hoch gegriffen sein,
und es i~t zweifelhaft, ob die kommunistischen Gewerkschaften mehr
als 300.000 Mitglieder haben. Selbst wenn die°e Zahl jedoch
richtig waere, so steht fest, dass die ueberwaeltigende Mehrheit
der Gewerkschaftsmitglieder, einschliesslich der Mitglieder kommunistisch kontrollierter Gewerkschaften selbst, keine Kommunisten
sind.
Harry Bridges zum Beispiel, der bestraft worden war, weil er
faelschlicherweise geschworen hatte, niemals ein Kommunist geweseri zu sein, versuchte, die Internationale Hafen- und LegerarbeiterGewerkschaft, deren Fraesident er ist, gegen die amerikanische
Folitik des Widerstandes wider die kommunistische Aggression in
Korea aufzuputschen. Die Mitglieder der Gewerkschaften durchkreuzten jedoch diese Plaene und zwangen Bridges, sie aufzugeben.
Und als er sich dem Sicherheitsprogramm der Regierung widersetzte,
das unter anderem darin bestand, kommunistischen Hefenarbeitern den
Zutritt zu den Haefen zu verweigern, sprach sich die ueberwaeltigende Mehrheit der Delegierten der Ortsgewerkschaften in einer Abstimmung fuar eine Verwirklichung dieses Frogramms aus. Sie erklaerten:
"Diese Konferenz erkennt an, dass ein angemessenes Sicherheitsprogramm notwendig ist, um die Interessen unseres Landes zu
wahren."
Waehrend das amerikanische Volk sorgsam darauf bedacht ist,
die Nation vor kommunistischer Sabotage zu schuetzen und verraeterische Handlungen zu verhindern, wollen wir doch Einscbraenkungen der gewerkschaftlichen Rechte vermeiden. Aber nicht deshalb, weil wir etwa die Staerke der Kommunisten fuerchteten, sondern um zu beweisen, dass Amerika der Demokratie huldigt. Deshalb
moegen die Kommunisten gelegentlich in der Lage sein, politische
Streiks heraufzubeschwoeren, waehrend sie behaupten, dass die^e
Streiks wirtschaftliche Ziele verfolgten, aber sie muessen die
politischen Untertoene vor den Gewerkschaftsmitgliedern sorgsam
verbergen. Die Nation verlaesst sich jedoch darauf, dass die
Vernunft der amerikanischen Arbeiterschaft die kommunistischen
Hoffnungen vereitelt. Und die Kette von Misserfolgen, die die
Kommunisten in den beiden vergangenen Jahren in den Gewerkschaften
hinnehmen mussten, ist ein Beweis dafuer, daes man sich auf die
Vernunft der Arbeiterschaft verlassen kann.
Program Services Section 111/28/51
- 15 -

�KOMMUNIST IS CKSP ARBEITER AUF ERSUCHEN D2R GEWERKSCHAFT ENTLASSEN
Die kommunistische Taetlgkeit, sei sie effektiv oder nur vermutet, wird nicht durch das Taft-Hartley-Gesetz "geschuetzt".
Dementsprechend ist es keine unfaire Arbeitsmethode, wenn ein
Unternehmen einen Mann entlaesst, der unter dem Verdacht steht,
auf Befehl oder Anregung einer Organisation eine derartige Taetigkeit auszuueben.
Diese Ueberlegun«r lag einer Entscheidung zugrunde, die George
Bott in seiner Eigenschaft als Generalanwalt des Bundessteatlichen
Ausschusses fuer Arbeitsfragen gefaellt hat. Damit weigerte er
sich, fuer einen Mann Beschwerde zu fuehren, der von einer Strumnffabrik in Wisconsin entlassen wurde. Bott bestaetigte eine Entscheidung eines Bazirksdirektors des Bundessteatlichen Ausschusses
fuer Arbeitsfragen. Nach dem Taft-Hartley-Gesetz i3t es nicht
gestattet, Berufung einzulegen, wenn sich der Generalanwalt weigert, eine Beschwerde zu fuehren. .
Gegen das Unternehmen war urspruenglioh Klage gefuehrt worden.
Der entlassene Arbeiter hatte erklaert, die Firma habe ihn entlassen, weil er au3 seiner Gewerkschaft, und zwar nicht wegen
Nichtbezahlung der Beitraege, ausgestossen worden war. Normalerweise ist Nichtbezahlung der Gewerkschaftsbeitraege nach dem
Taft-IIartley-Gesetz der einzige Grund, aus dem eine Gewerkschaft
die Entlassung eines Arbeiters verlangen kann, vorausgesetzt,
dass ein gueltiger "Union-Shop"-Vertrag zwischen der Gewerkschaft
und dem Arbeitgeber besteht. Ein derartiger Vertrag war in dem
vorliegenden Falle abgeschlossen. Und der Arbeitgeber gab zu,
dass der Arbeiter auf Ersuchen der Gewerkschaft entlassen wurde.
Der Bezirksdirektor und der Generalanwalt stellten spaeter
fest, dass etwa drei Wochen vor der Entlassung des Arbeiters sein
Name in einer Zeitung erschienen wer, weil er eine Petition zugunsten des Stockholmer Friedensappells unterzeichnet hatte, die
allgemein als kommunistisches Propagandamanoever erkannt worden
war. Auch seine Gewerkschaft war in einer Form erwaehnt, dass
man haette annehmen koennen, er spreeche fuer diese Gewerkschaft.
Doch die Arbeitskollegen dieses Mannes Hessen schnell erkennen, das3 sie«ine Handlungsweise ablehnten. Einige drohten mit
Gewaltanwendung, andere weigerten sich, mit ihm zusammenzuarbeiten. Der Betriebsausschuss der Gewerkschaft warnte jedoch vor
Gewalttaetigkeiten und Arbeitsniederlegungen, die den Gewerkschaftsvertrag gefaehrd3t haetten. Schliesslich verlangte man von dem
Arbeitgeber, den Arbeiter zu entlassen.
Der Generalanwalt stellte abschliessend fest, dass der entscheidende Grund fuer die Entlassung des Arbeiters der Verdacht
war, dass er fuer die kommunistische Partei taetig ist, was fuer
einen Arbeitgeber ein Grund zu grosser Beunruhigung sei, sei es
auch nur deshalb, weil dadurch Unruhen unter den uebrigen Arbeitern entstehen koennten. Der Anwalt stellte ausserdem"fest, das3
das Taft-Hartley-Gesetz diesem Arbeiter keinen Schutz biete.
Es handelt sich hier um die erste gerichtliche Entscheidung
in diesem Bereich des Gesetzes.
Daily News Service
111/29/51
- 16 -

�International*

ARBEITSMTTEIMINGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Iahalt der „Arbeitamitteilungea" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
IV

- 16

F r a n k f u r t , 2 0. A p r i l 1951
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Der CIO zur internationalen Wirtschaftlichen
Entwicklung - - - - - - - - - - - - - - - - - -

l

Pranzoesiche Arbeiter sind zu hoeherer Produktionsleistung bereit, wenn sie an den Gewinnen
beteiligt werden - - - - - - - - - - - - - - - - 3
Belgische Schiffswerft baut fuer die europaeische
Handelsflotte - - - - - - - - - - - - - - - - -

4

Vorlaeufige Schaetzungen ueber Unfallziffern in
der amerikanischen Industrie - - - - -----6
Arbeiterbildung in der U. S. Gewerkschaft der
Schlafwagenschaffner - - - - - - - - - - - - - - 8
Gewerkschaftliches GesundheitsZentrum in New York
eroeffnet - - - - - - - - - -

- - - - - - - - -

io

Neue Richtlinien fuer Leistungsloehne - - - - - -

11

Tarifvertraege in Rumaenien - - - - - - - - - - -

13

Das Schicksal der Baltischen Gewerkschafter - - -

14

Fruchtbare Arbeit amerikanischer Gewerkschaften
in Europa - - - - - - - - - - - - - - ----16
DER CIO ZUR INTERNATIONALEN WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG
(Dies ist der ungekuerzte Text einer EntSchliessung, die vom
Exekutivausschuss des CIO auf seiner Konferenz in Washington
angenommen wurde•)
Der Exekutivausschuss des CIO haelt es in der gegenwaertigen Weltkrise fuer die groesste Gefahr, die unser Land
bedrohen koennte, wenn man die Bedeutung umfassender Programme zur Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gesundheit der freien Welt verkennen wollte. Die
dringende Notwendigkeit, die militaerische Staerke der freien

�Welt aufzubauen, braucht und darf nicht verhindern, dass die
Staerkung der demokratischen Einrichtungen als fundamentale
Notwendigkeit anerkannt wird. Die Verteidigung der Vereinigten Staaten erfordert die gleichzeitige Entwicklung milltaeriacher und sozialer Programme.
Es darf nicht zugegeben werden, dass die notwendige
Entwicklung eines Programms zur Herstellung der milltaerischen Bereitschaft in Europa die Bemuehungen zur Schaffung
einer stabilen europaeischen Friedenswirtschaft durchkreuzt.
In einigen Kreisen herrscht die Tendenz, das weltweite PunktVier-Programm nach der Zahl bewaffneter Divisionen zu beurteilen, die wir durch dieses Programm auf unsere Seite bringen.
Man ist sich allgemein noch nicht der Notwendigkeit bewusst,
dass der sowjetisch-kommunistische Totalitarismus, der sich
den minderprivilegierten Menschen der Welt faelschlicherwelse
als soziale und wirtschaftliche Bewegung praesentiert, dadurch
bekaempft werden muss, dass man die produktiven Reichtuemer
der freien Welt organisiert, um die wirtschaftliche Verbesserung in einer freien Gesellschaftsordnung zu demonstrieren.
Aus diesen Gruenden begruesst der CIO die Veroeffentllchung des Berichtes "Partner des Fortschritts", der vom
Beratungsausschuss fuer Internationale Entwicklung unter dem
Vorsitz von Nelson A. Rockefeiler dem Praesidenten der Vereinigten Staaten ueberreicht wurde. Dieser Ausschuss, der
sich aus Vertretern aller Schichten der Bevoelkerung zusammensetzt, und dem auch Jacob S. Potofsky vom CIO angehoert, wurde
zu dem Zweck gebildet, die Politik und die Ziele zu ueberpruefen, die vom Praesidenten in seiner Eroeffnungsansprache zum
Punkt-Vier-Programm im Januar 1949 dargelegt wurde. Der Ausschuss soll ausserdem den "Gray-Bericht" ueber die wirtschaftliche Unterstuetzung anderer Laender untersuchen.
Der CIO glaubt, dass konstruktive Ergebnisse erzielt
werden koennen, wenn alle Teile unserer nationalen Gemeinschaft aufgerufen werden, sich an der Gestaltung der Wirtschaftspolitik unseres Landes zu beteiligen.
Der Exekutivausschuss des CIO spricht dem Kollegen
Potofsky und seinen Mitarbeitern seine Anerkennung fuer ihre
Beteiligung an der Arbeit des Ausschusses aus und ist der Auffassung, dass sie wesentlich zu dem allgemein zufriedenstellenden Charakter dieses Berichtes beigetragen haben.
In "Partner des Fortschritts" wird eindeutig festgestellt,
dass "die Staerkung der Wirtschaft unterentwickelter Gebiete
und eine Verbesserung ihres Lebensstandards als ein wesentlicher Bestandteil unserer eigenen Verteidigungsmoblllsierung
angesehen werden muss."
Der CIO hat wiederholt versichert, dass Friede, freie
demokratische Institutionen und die Wohlfahrt der Menschen
nur Im Rahmen einer sich erweiternden Weltwirtschaft gesichert sind. Wir stimmen diesem Bericht in seiner Festjl Stellung zu, dass "wir in einer wirtschaftlichen Offensive
zur Ausrottung von Eunger, Armut, Analphabetentum und Krankheit alle Kraefte vereinigen muessen, wenn wir auf der Welt
dauernden Frieden, Sicherheit und Wohlstand haben wollen."
Der CIO bringt seine Genugtuung darueber zum Ausdruck,
dass der Bericht des Ausschusses einen Beitrag zur Arbeit
der freien Gewerkschaften in ihrem Kampf gegen die kommunistische und faschistische Infiltration darstellt, die das
- 2 -

�t

Ziel haben, das Los ihrer Mitglieder zu verbessern. Wir
schliessen uns der Auffassung an, dass "die Verbesserung des
Lebensstandards der Bewohner unterentwickelter Gebiete ein
feststehendes strategisches Ziel der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten ist , und unterstreichen die Empfehlung des
Ausschusses, die freien, Gewerkschaften unablaessig zu unterstuetzen.
Der CIO ist ferner der Meinung, dass unsere wirtschaftlichen Programme weitgehend erweitert werden muessen. Puer
die langfristige wirtschaftliche Entwicklung muessen Milliarden von Dollar sowohl aus oeffentlichen als auch aus privaten
Mitteln fuer Investitionszwecke im Ausland bereitgestellt
werden. Eine neue wirtschaftliche Verwaltung fuer Ueberseegebiete muss gebildet werden, die die Arbeit der bestehenden
9ehoerden, einschliesslich der Export-Import-Bank mit der
Arbeit der Weltbank und den Vereinten Nationen koordiniert.
Der Exekutivausschuss des CIO fordert, dass der Kongress
schnellstens Gesetze erlaesst, durch die die Vorschlaege verwirklicht werden koennen, die im Bericht des Beratungsausschusses fuer Internationale Entwicklung enthalten sind.
Der Exekutivausschuss fordert die Mitgliedsorganisationen
des CIO auf, diesen Gesetzen ihre Unterstuetzung zuteil werden
zu lassen und dafuer zu sorgen, dass mit ihnen eine Verwirklichung der konstruktiven Vorschlaege des Berichtes gewaehrleistet ist.
Der Exekutivausschuss empfiehlt ferner, dass die Grundsaetze und Richtlinien, die dem Programm fuer internationale
wirtschaftliche Entwicklung zugrundeliegen, unter den Mitgliedern des CIO publiziert werden, um das Verstaendnls und
die Unterstuetzung fuer solche Massnahmen zu foerdern, die auf
•Veitfrieden und Wohlstand In einer freien Welt abzielen.
ECA Labor Information
IV/4/51
FRAHZOESICHE ARBEITER SIND ZU HOERERER PRODUKTIONSLEISTUNG
BEftTO. WBMN SIE AN DEN G E W I N T O BETOTLIGT WSK5W
Jean Prottin, ein Arbeiter in den Stahlwerken Acieries
de Longwy, Mount-Saint-Martin, erklaerte, der franzoesische
Arbeiter muesse die Gewissheit haben, dass er einen gerechten
Anteil an den gesteigerten Gewinnen erhaelt, bevor er rueckhaltlos das Prinzip der hoeheren Produktionsleistung unterstuetzen koenne.
Prottin gehoerte einer franzoesischen Produktivitaetsstudiengruppe der Stahlindustrie an, die vor kurzem aus den
Vereinigten Staaten zurueckgekehrt ist. Die Reise erfolgte
im Rahmön des Programms fuer technische Unterstuetzung innerhalb des Marshall Planes.
Prottin begruendete seine Forderung wie folgt: "Um neue
Maschinen zu kaufen, muessen die Unternehmer Geld verdienen.
Um Geld zu verdienen, muessen sie ihre Erzeugnisse mit Gewinn
verkaufen. Um die Gewinnspanne zu vergroessern, muss die Produktionsleistung gesteigert werden. Aber eine hoehere Produktionsleistung kann nur erreicht werden, wenn die Arbeiter
Vertrauen haben. Deshalb ist die wachsende Produktionsleistung
etwas, das sich, wie in den USA, aus sich selbst heraus vergroessert."
- 3 -

�Adrien Auberson, d e r Ingenieur In den Stahl- und Huettenwerken von Firminy ist, bekennt sich zu der gleichen Meinung
und erklaerte, das Problem der Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern sei In bezug auf die Produktionsleistung von besonderer Bedeutung. Es koenne ohne grosse
Ausgaben fuer neue Maschinen geloest werden. Notwendig ist
Ja doch eine G-eisteshaltung, die In den Vereinigten Staaten
sorgfaeltig genaehrt wuerde. Ohne diese koennten die amerikanischen Stahlarbeiter Ihre technischen Einrichtungen nicht
waehrend jeder Arbeitsstunde voll ausnutzen.
Nach der Auffassung Aubersons koennen in der franzoesischen Stahlindustrie folgende Verbesserungen sofort vorgenommen werden:
1. die gegenwaertige Organisation der Betriebsleitung
kann durch das amerikanische System der sorgfaeltigen Dezentralisierung und der Bestimmung der Verantwortlichkeiten in
allen Stufen ersetzt werden;
2. den Arbeitern muessen zusaetzllche Leistungspraemien
geboten werden?
3. der normale Wettbewerb innerhalb der Industrie muas
wieder aufleben, um hierdurch die Anwendung besserer Methoden
in allen betrieben anzuregen;
4. es muessen bessere betriebstechnische Methoden angewandt werden, um eine volle Ausnutzung der Einrichtungen zu
gewaehrleisten.
Die Studiengruppe beschaeftigt sich jetzt damit, einen
Bericht auszuarbeiten, in dem weitere bestimmte Vorschlaege
zur Steigerung der Produktionsleistung innerhalb der Industrie
enthalten sind.
ECA Labor Information
111/20/51
BELGISCHE SCHIFFSWERFT BAUT FUER DIE EUROPAEISCHE HANDELSFLOTTE
Die flaemische Stadt Hoboken liegt an der Scheide, einige
Meilen unterhalb von Antwerpen. Vor vielen Jahren gruendeten
Emigranten aus diesem Ort in New Jersey in Nordamerika eine
Stadt gleichen Namens. Sie behielten ihr Handwerk auch drueben
bei, und heute werden in den beiden Staedten Hoboken vornehmlich Schiffe gebaut.
Pierre Katz, der 35 Jahr alt ist, koennte als Rohrleger
in beiden Staedten angesehen werden. Seiner aeusseren Erscheinung nach zu urteilen, koennte er Amerikaner sein. Er
arbeitet zur Zeit in der groessten Schiffswerft Belgiens, der
tockerill-Werft". Er iat ein Mann mit Selbstbewusstsein; er
traegt eine amerikanische Soldatenmuetze auf seinem Hinterkopf,
Ist schlagfertig und ein Laecheln erhellt seine rauhen, offenen
Gesichtaeuege. Er ist, wie viele Werftarbeiter, untersetzt und
muskuloes.
4 -

�Katz liebt Amerika. Und zwar aus zwei Sruenden: Erstens,
weil sein Vater jetzt in New York lebt, und zweitens, weil er
ahnt, dass seine Werft und wahrscheinlich auch er selbst viel
weniger zu tun haette, wenn es den Marshall-Plan nicht gaebe.
Der Cockerill-Werft" sind zum Beispiel Auftraege fuer
Schiffe erteilt worden, die niemals haetten gebaut werden koennen, wenn die Werft nicht amerikanische Rohstoffe im Rahmen
des Iv'arEhall-Planes erhalten haette. Mit dieser Hilfe jedoch ist
die Werft unverzueglich daran gegangen, Schiffe fuer die westeuropaeische Handelsmarine zu bauen und dabei mitzuhelfen,
eine Reserve fuer das Seetransportwesen zu schaffen, das im
Kriegsfalle eine Staerkung der westeuropaeischen Verteidigung
bedeutet.
Pierre Katz, seine Frau Alice und seine beiden Kinder wohnen in einer kleinen Wohnung in Hoboken. Zwischen den beiden
Kindern, einem siebenjaehrigen Jungen und einem fuenfzehnJaehrigen Maedchen, liegen acht Jahre und ein Krieg. Als die
deutschen Armeen Eelgien ueberrannten und besetzten, zwangen sie
die Arbeiter, wie bisher weiter Schiffe zu bauen - aber fuer
Hitler. Wie der groesste Teil der belgischen Industrie entzogen sich auch die Werften unter unendlich viel Vorwaenden
den Lieferungsverpflichtungen. Fuer Katz war es jedoch nicht
so einfach. Man stellte ihn vor die Wahl, entweder fuer Hitler
auf den Schiffen zu arbeiten oder zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet zu werden.
Er behielt seine Arbeit und konnte wa«hrend des ganzen
Krieges zuhause bleiben. Als Rohrleger verdient er in der
Stunde ungefaehr 50 Cents. Er ist in der gluecklichen Lage,
mit seinem Lohn seine Miete und den Lebensunterhalt seiner
Familie bestreiten zu koennen. Fuer Kleidung reicht es jecoch
nicht. Sie ist zu teuer. Wie fuer die meisten belgischen
Arbeiter sind auch fuer die Familie Katz die Mahlzeiten von
groesster Wichtigkeit. Deshalb sind sie auch ausgezeichnet.
Eines der Schiffe, die gegenwaertig in der Werft, in der
Katz beschaeftigt ist, gebaut werden, ist der 22.000 Tonnen Passagierdampfer "Vera Cruz", der fuer Portugal bestimmt ist.
Nicht nur diesen Auftrag, sondern auch die wichtigsten Teile,
die fuer den Bau dieses Schiffes geliefert wurden, kann die
Werft dem Marshall-Plan verdanken.
Portugal brauchte das Schiff, hatte aber keine belgische
Waehrung, um es zu bezahlen. Weil die belgische Wirtschaft
verhaeltnismaessig guenstig dasteht und ueber dringend benoetigte Rohstoffe verfuegt, ist die Nachfrage nach belgischen
Franken gross, die deshalb - wie der Dollar - als "harte"
Waehrung angesehen werden.
Bis jetzt war die Marshall-Plan-Hilfe fuer Belgien von
verschiedenen Bedingungen abhaengig. Wesentliche Waren wurden
unter der Bedingung finanziert, dass Belgien seinerseits anderen Marahall-Plan-Laendern Kredite in entsprechender Hoehe
einraeumt. Nach diesem System hat Belgien Portugal genuegend
Franken auf Kredit gegeben, mit denen es die "Vera Cruz" bezahlen kann. Die portugiesischenElnkaeufer vergaben den Auftrag an die "Cockerill-Werft". Es handelt sich hier um ein
System einer weltweiten wirtschaftlichen Zusammenarbeit, das
dazu bestimmt ist, die westeuropaeischen Laender nach einem
verheerenden Krieg wieder auf ihre eigenen Fuesse zu stellen,
5

�um ihnen die industrielle Kraft zukommen zu lassen, die sie benoetigen, um ihrerseits zur Verteidigung gegen die Bedrohung
einer kommunistischen Aggression beitragen zu koennen.
Auf dieser Werft arbeiten rund 3.000 Arbeiter, die alle
ebenso wie Katz vom Marshall Plan abhaengig sind. Viele von
ihnen arbeiten unmittelbar an den Teilen, die aus den Vereinigten Staaten importiert werden.
Kessel zum Beispiel waren Mangelware. Die auf der Werft
benoetigten Kessel wurden vor dem Kriege von den Stahlwerken
der Werft in der Naehe von Luettich hergestellt. Waehrend der
deutschen Besatzung waren diese Fabriken jedoch von britischen
Moskito-Eombern und nach der Befreiung von deutschen V-l Geschossen zerstoert worden. Der Wiederaufbau der Kesselfabriken
nahm lange Zelt In Anspruch, und die Lieferauftraege konnten
nicht erfuellt werden. In der Zwischenzelt sind aus Amerika
Kessel im Werte von 16.000 Dollar importiert worden, die von
Murray &amp; Co. in Elizabeth (New Jersey) hergestellt und mit
Marshall-Plan-Geldern finanziert wurden.
Schiffsschrauben waren frueher aus England gekommen.
Durch die Wirren des Krieges und die Zurueckstellung von Auftraegen konnten Jedoch auch die Englaender die Lieferungsauftraege nicht erfuellen. Die Bethlehem Steel Company und
Ferguson &amp; Co. in Hoboken (New Jersey) verkauften der Werft
solche riesigen Schiffsschrauben aus Messing im Werte von
106.000 bzw. 72.000 Dollar. Katz selbst verwendet bei seiner
Arbeit an den Rohranlagen Erweiterungsdichtungen, die von der
U. S. Rubber Co. und der Arbit Trading Co. in New York geliefert
wurden. Die Cockerill-Werft hat ausserdem viele andere Einzelteile betriebswichtiger Werkzeugmaschinen fuer Ihre Werkstaetten
importiert»
Die Folge hiervon ist, dass Laender wie Portugal, Belgien
und Norwegen ihre Handelsmarine fuer Friedens- oder Kriegszwecke vergroessern koennen, der gesamten belgischen Wirtschaft
Auftrieb geben und Arbeiter wie Katz und viele tausend andere
einen Arbeitsplatz haben, der sonst ueberhaupt nicht bestehen
wuerde.
Die Bewohner der beiden gleichnamigen Staedte Hoboken in Belgien und New Jersey - sind erneut zusammen Alt den Buergern der uebrlgen freien Welt zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen.
ECA Labor Information
VORLAEUFIGE SCHAETZÜNGBN UEBER UNFALLZIFFERN IN DER AMERIKANISCHEN INDUSTRIE
Wie vorlaeufigen Schaetzungen zu entnehmen ist, ging in
den Vereinigten Staaten die Zahl der Arbeitsunfaelle des
Jahres 1950 gegenueber dem Jahre 1949 um 4;* In die Hoehe. Diese
Erhoehung ist zum groessten Teil auf die groessere 3eschaeftigtenziffer zurueckzufuehren» Aber abgesehen hiervon machen
sich In einigen Industrien Anzeichen fuer hoehere Unfallziffern bemerkbar.
Die Gesamtzahl der Arbeitsunfaelle, die Arbeitsunfaehigkeit zur Folge hatten, wurde fuer das Jahr 1950 auf etwa
1,952.000 geschaetzt gegenueber 82.000 im Jahre 1942. Die
- 6 -

�Gesamtzahl des Jahres 1950 lag Jedoch unter der gesohaetzten
Zahl von 2.019.900 des Jahres 1948 und war damit die zweitniedrigste seit 1949.
Im Verlauf des Jahres 1950 verliefen annaehernd 15.000
Arbeitsunfaelle toedllch. Weitere 84.900 Arbeiter wurden
durch Unfall dauernd erwerbsunfaehlg, weil sie z.B. entweder
irgendein Koerperglled verloren hatten oder irgendeine
Funktion des Koerpers geschaedigt war. Diese Zahl schliesst
etwa 1.600 Unfaelle ein, bei denen die Arbeitsunfaenigkeit
so schwerwiegend ist, dass die Betroffenen nicht mehr in der
Lage sind, fuer den Rest ihres Lebens irgendeine Erwerbstaetlgleit auszuueben.
Der groesste Teil der Unfaelle (75$) hatte jedoch nur
voruebergehende Arbeitsunfaehigkelt zur Folge, infolge derer
die Arbeiter einen Tag oder laengere Zeit nicht arbeiten
konnten. Von den Unfaellen selbst erholten sie sich Jedoch
ohne irgendwelche dauernden Nachwirkungen auf ihre Gesundheit.
Im Jahre 1950 gingen auf Grund von Unfaellen, die sich in
diesem Zeitraum ereigneten, etwa 40 Millionen Arbeltstage verloren. Dieser Betrag entspricht einer jaehrlichen, vollzeitlichen Beschaeftigung fuer rund 134.000 Arbeiter. Wenn man
die Unterstuetzungen beruecksichtigt, die fuer die spaeteren
Auswirkungen von toedlichen Unfaellen und dauernden Koerperschaeden gezahlt werden, wuerde sich der Gesamtverlust an
Arbeitszeit auf etwa 212 Millionen Arbeitstage belaufen, d.h.
eine jaehrliche vollzeitliche Beschaeftigung fuer ungefaehr
706.000 Arbeiter.
Die erhoehte Beschaeftigtenziffer und die gesteigerte
Taetigkeit im Baugewerbe und In der Herstellungsindustrie
fuehrten zu einer Erhoehung der Unfallziffern von nahezu
12/&amp; in Jedem dieser beiden Industriezweige.
In der Herstellungsindustrie war sowohl die Beschaeftigtenziffer als auch die durchschnittliche woechentllche
Arbeltszeit im Jahre 1950 gegenueber dem Jahre 1949 angestiegen.
Das Risiko industrieller Unfaelle ist damit In der
Herstellungsindustrie um 9% groesser gewesen. Vorlaeuflge
Berichte aus einer Reihe von Herstellungsbetrieben weisen auf
eine allgemeine Aufwaertstendenz Im Verlaufe dieses Jahres
hin. Obwohl diese Zahl Im Jahre 1950 niedriger als Im Jahre
1949 war, lagen die der spaeteren Monate ueber denen der
entsprechenden Zeitraeurae des Vorjahres. Es ist wahrscheinlich, dass die endgueltige Unfallziffer fuer 1950 etwas
Woher als die des Jahres 1949 sein wird.
In der Bauindustrie ist die Lage aehnlich. Die Taetigkeit dieses Industriezweiges hatte waehrend des Jahres 1950
ein nie erreichtes Ausmass angenommen. Die hoehere Beschaeftigtenziffer hatte zur Folge, dass durch die vermehrte Arbeltszelt das Risiko industrieller Unfaelle groesser war, das
gesteigerte Arbeitstempo trug ebenfalls zu einer Erhoehung
der Unfallziffern bei.
Lediglich in der oeffentlichen Versorgungsindustrie ging
die Zahl der Unfaelle wesentlich zurueck. Die Beschaeftigtenziffer in der Telefonindustrie ging wenig, und die der uebrigen
Vermittlungslndustrien staerker zurueck. Der Rueckgang der
Unfallziffern ist jedoch in den meisten Betrieben der oeffentliehen Versorgungsindustrie auf eine verbesserte Aufklaerung
ueber Unfaelle zurueckzufuehren.
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�Andere Gruppen der Industrie zeigen nur geringe Veraenderungen oder unwesentliche Erhoehungen der Unfallziffern.
Der Transportindustrie konnten die Eisenbahnen jedoch von
einer bescheidenen Abnahme der Unfallziffern berichten. Sie
ging dagegen in anderen Zweigen des Transportgewerbes soweit
In die Hoehe, dass dieser Rueekgang bei den meisten Bahnen
aufgehoben wird und die Industrie im gesamten mehr Unfaelle
als frueher aufzuweisen hat.
Obwohl die Beschaeftigtenzahl im Kohlenbergbau geringer
wurde, ist die Zahl der Unfaelle um Z% gestiegen. Im bituminoes e n Kohlenbergbau, dem bedeutendsten Zweig der Zechenindustrie,
wurde die Zahl der Unfaelle ein wenig kleiner, aber nicht so
wesentlich, dass damit der Rueekgang der Beschaeftigtenzifferausgegllchen waere. Trotz der geringeren Beschaeftlgtenziffer
jedoch war die Gesamttonnage der abgebauten Kohle groesser
mit dem Ergebnis, dass die Unfallziffer, nach Millionen Tonnen
abgebauter Kohle berechnet, Im Jahre 1950 geringer war als
im Jahre 1940. Anthrazit, Metall und N^chtmetallgruben berichteten von hoeheren Unfallziffern.
Die Unfallziffern im Handel, dem Finanzwesen, den Behoerden und verschiedenen anderen Industrien weisen geringe
Erhoehungen auf und folgten in den meisten Faellen den Veraenderungen der Beschaeftigtenzlffer.
Obwohl die Beschaeftigtenzlffer In der Landwirtschaft
zurueckglng, war die Unfallgefahr auf Grund der gesteigerten
Mechanisierung der Landarbeit in solchen Farmen groesser, wo
frueher keine Maschinen verwandt wurden, da diejenigen, die
zum ersten Mal die Maschinen bedienen, verhaeltnismaessig unerfahren sind. Man nimmt deshalb an, dass die Zahl der Arbeitsunfaelle In der Landwirtschaft Im Jahre 1950 die gleiche war
wie im Jahre 1940.
Monthly Labor Review
II1/51
Theodore E. Brown:
ARBEITERBILDUNG IN DER U.S. GEWERKSCHAFT DER SCHLAFWAGENSCHAFFNER"
Die Gewerkschaft der Schlafwagenschaffner ist eine Landesorganisation mit 117 Ortsgewerkschaften in den Vereinigten
Staaten und Kanada. In dieser Gewerkschaft sind Schaffner
saemtlicher Typen von Schlaf- und Personenwagen und Kellner
und Kellnerinnen auf den Eisenbahnen der Vereinigten Staaten
und Kanadas organisiert.
Das Arbeiterbildungsprogramm dieser Gewerkschaft kann von
der Landes-, Bezirks- und Ortsebene aus beobachtet werden.
Zu dem Zentralbuero gehoert ein Referat fuer Forschung
und Erziehung, das sich aus 6 Personen zusammensetzt und fuer
die Ausarbeitung und Durchfuehrung von Projekten auf Landesebene
verantwortlich Ist« Ueber einen Kongressausschuss fuer Erziehungs- und Organisationsfragen unterbreitet dieses Referat
dem Kongress seine Vorschlaege. Saemtliche Kongressbeschluesse,
- 8 -

�die die grundlegenden Richtlinien in Erziehungsfragen regeln,
werden auf Veranlassung dieses Ausschusses gefasst.
Die neue Abfassung des Arbeitsgesetzes fuer die ^senbahnen,
in der die Betriebsform des "Union-Shop" und die Einbehaltung
der Gewerkschaftsbeitraege vom Lohn genehmigt werden, macht
gewisse Veraenderungen-, im Erziehungsprogramm der Organisation
notwendig. Die Atmosphaere des "Open-Shop", die die Industrie
bisher beherrschte, scheint ihrem Ende entgegenzugehen. Da die
Organisation bereits mit 43 Eisenbahngesellschaften Vertraege
abgeschlossen hat, deren Arbeiter zu 99°o organisiert sind, wird
die Einfuehrung des "Union-Shop" zu einer Erhoehung der Mitgliederzahl um etwa 5% fuehren. Diese zusaetzlichen fuenf
Prozent koennen gewisse Probleme akut werden lassen und die
Notwendigkeit eines aktiveren Erziehungsprogramms steigern.
Filme, die dem aehnlich sind, der vor kurzem von der Organisation unter dem Namen "Eure Gewerkschaft" produziert wurde,
Lehrschriften ueber Themen, die fuer die Arbeiter von Interesse
sind, wie z.B. parlamentarische Verfahrensregeln oder solche
ueber aktuelle Begebenheiten, die politische Taetigkeit, dramatische Darstellungen und Gesangschoere sind einige der
gegenwaertigen Projekte, fuer die die Mitglieder der Gewerkschaft ein lebhaftes Interesse zeigen, und die von dem Arbeitsbildungsreferat gefoerdert werden.
Die Landesgewerkschaft ist aus verwaltungstechnischen
Gruenden in fuenf Bezirke aufgeteilt, an deren Spitze jeweils
ein Bezirksbeauftragter steht, die mit einer Ausnahme Vizevorsitzende der Landesgewerkschaft sind. Es gibt ausserdem
in jedem Bezirk einen Propagandisten. Diese beiden Punktionaere
sind fuer die Ueberwachung der erzieherischen Taetigkeiten
der Ortsgewerkschaften innerhalb ihres unmittelbaren Verwaltungsbereiches verantwortlich. Unter dem Vorsitz der Bezirksbeauftragten werden an passenden Stellen des Bezirks in den
Jahren, in denen kein Kongress stattfindet, regelmaessig
Bezirkskonferenzen abgehalten, die mehrere Tage dauern. Auf
diesen Konferenzen bringen die Delegierten der Ortsgewerkschaften ihren Standpunkt zum Ausdruck und weisen auf die
Notwendigkeit bestimmter Erziehungsprojekte hin. Diese
Projekte koennen kurz- oder langfristig sein. Auf diesen
Konferenzen werden ausserdem von den Bezirksbeauftragten
auf Veranlassung des Referats fuer Forschung Vorschlaege ueber
Tendenzen, Hilfs- und Informationsquellen, Fragebogenauswertung und Versorgung mit allgemeinen Informationen ueber
erfolgreiche Arbeitsmethoden anderer Organisationen unterbreitet. Jede Ortsgewerkschaft im Bezirk entsendet Vertreter,
die sich an der A rDe it der Konferenzen beteiligen und ihren
Ortsgewerkschaften Bericht erstatten muessen.
Es sind vor allem die Ortsgewerkschaften, in denen sich eine
wirksame Arbeiterbildung abspielt. Auf oertlicher Basis muss
jedes Projekt erfolgreich sein, um die gewerkschaftliche
Moral zu foerdern und eine abgerundete gewerkschaftliche
Philosophie zu gestalten. Jede Ortsgewerkschaft hat einen
staendigen Bildungsausschuss, dessen Mitglieder von dem
Vorsitzenden der Ortsgewerkschaft ernannt werden. Es ist
Vorschrift, dass jede Ortsgewerkschaft mindestens eine Kon,
ferenz im Monat allein erzieherischen Fragen widmen muss.
In jeder Ortsgewerkschaft gibt es ein staendiges Arbeiterbllriungsprogramm, dem Themen zugrundeliegen, die oben bereits
erwaehnt sind. Viel Zeit wird fuer die Verbesserung der
Methoden einer wirksamen Bearbeitung von Beschwerden und Forderungen verwendet.
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�Zum Erziehungsprogramm jeder Ortsgewerkschaft gehoert
die Besprechung von Problemen wie sie das bundesStaatliehe
Gesetz fuer gerechte Eeschaeftigungsmethoden mit seinen
Durchführungsbestimmungen mit sich bringen, oder die Abschaffung' der Trennung von Weissen und Negern im Mllitaerdienst und die Beseitigung dieser Trennung und Diskriminierung in allen oeffentlichen Einrichtungen. Das Referat fuer
Forschung und Erziehung sowie das offizielle Organ der Gewerkschaft "The Black Worker" liefern Quellen und aktuelles
Material, mit denen die Ortsgewerkschaften in diesen Fragen
unterstuetzt werden.
Die Ortsgewerkschaft versucht, jedes Gewerkschaftsmitglied zur aktiven Teilnahme an einigen Zweigen des Gewerkschaftsprogramms heranzuziehen, angefangen mit der Unterrichtung ueber parlamentarische Verfahren« Die Mitglieder
sollen ausserdem dazu erzogen werden, in mindestens einem
Ausschuss der Ortsgewerkschaft taetig zu sein. Die politische Betaetigung ist fuer die gesamte Gewerkschaft von groesster Bedeutung, und die Erziehungsausschuesse sind dafuer
verantwortlich, dass fortlaufend an dem Programm der Gewerkschaftlichen Liga fuer Politische Erziehung gearbeitet wird,
das die politische Äaffe der AFL darstellt und von der Landesgewerkschaft und ihren Ortsausschüssen rueckhaltlos unterstuetzt und gebilligt wird.
Die Arbeiterbildung nimmt in der Arbeit der Gewerkschaft
der Schlafwagenschaffner einen aeusserst breiten Raum ein«
Wir sind fast davon ueberzeugt, dass durch ein demokratisches
Klima in der Industrie die groessten Erfolge eines demokratischen Staates verwirklicht werden koennen. Dies ist Jedoch
nur moeglich, wenn jeder Arbeiter Mitglied einer demokratischen
Gewerkschaft wird, sich selbst schult und sich die Kentnisse
aneignet, die er als Einzelner zum Aufbau einer staerkeren
Gewerkschaft und einer schlagkraeftigern Bewegung verwerten
kann«
Nows Letter, Workers* Education
Bureau AFL
IV/51
GEWERKSCHAFTLICHES GESUNDHKITSZKNTRUM IN NEW YORK EROEFFNET

Das Sidney-Hillman-Gesundheitszentrum in New York, dessen
Erstellung eine Million Dollar kostete, wurde am 16. April
fuer 40.000 Mitglieder der Bekleidungsarbeiter-Gewerkschaft
des CIO im Bezirk New York eroeffnet.
Dieses Zentrum ist nach dem Gruender und ersten Vorsitzenden dieser Gewerkschaft benannt. Sein Aufbau wurde mit Geldern
der Gewerkschaft und der Unternehmervereinigung der Bekleidungsindustrie des Bezirks New York finanziert. Die laufenden
Unkosten des ersten Jahres werden durch zusaetzliche Beltraege
in Hoehe von 10 Dollar je Gewerkschaftsmitglled gedeckt.
Bei einem Diner im Anschluss an die Eroeffnungsfeierlichkeiten wurde Hillman und der Gewerkschaft fuer ihre unemuedliche Arbeit zu Gunsten der Gesundheit und der Wohlfahrt ihrer
Mitglieder allgemeine Anerkennung gezollt.
- 10 -

�Zu den Sprechern gehoerten Jacob S. Potofsky, Hillmans
Nachfolger als Vorsitzender der Gewerkschaft, Oscar R. Ewing,
der Administrator fuer bundesstaatliche Sicherheit, der
New Yorker Oberbuergermeister Vincent Impelliteri und
Louis Hollander, der stellvertretende Vorsitzende des Gemeinsamen New Yorker Ausschusses der Bekleidungsarbeiter-Gewerkschaft,
"Wenn wir dieses neue Zentrum, das der Erholung unserer
Mitglieder dient, heute bewundern, erklaerte Potofsky, "wird
uns bewusst, wie weit wir von den Tagen der "Schwitzwerkstatt"
in den Jahren 1910 und 1912 entfernt sind. Es ist eine
lebende Erinnerung an den grossen Sidney Hillman, der sich
aus einer harten Vergangenheit emporgerungen hat und bis zu
seinem Tode um derartige Einrichtungen kaempfte. Dieses
Zentrum ist die Verwirklichung seines alten Traumes. Er
hatte den Wunsch, den Mitgliedern zu dienen und sie gegen
Unbill zu schuetzen. Sein Leben war dieser Aufgabe gewidmet."
Ewing, der vor dem Kongress die Billigung einer Gesetzesvorlage gefordert hatte, in der die bundesstaatliche Unterstuetzung oertlicher oeffentlicher Gesundheitseinrichtungen
vorgesehen ist, sprach der Gewerkschaft seine Anerkennung
dafuer aus, dass "sie ein Beispiel gegeben hat, wie die Mindestvorteile aus sozialen Programmen der Regierung durch die
Initiative, den ^infallsreichtum, die Weitsicht und den Realismus einer gut gefuehrten und sich selbst achtenden Mitgliedschaft einer Gewerkschaft ergaenzt werden koennen."
"Sie zeigen heute," fuehrte Ewing aus, "in diesem Gebaeude
dem ganzen Land und darueber hinaus der ganzen Welt, wie die
amerikanische Gewerkschaftebewegung in Zusammenarbeit mit der
amerikanischen Industrie und vor allem mit der amerikanischen
Regierung, die fuer das Volk da ist, zum groesseren Wohl des
einzelnen Buergers tatkraeftig beitragen kann."
Hollander teilte mit, dass das Gesundheitszentrum 250.000
Dollar fuer die wissenschaftliche Erforschung von Blutgefaesserkrankungen und Gicht zur Verfuegung gestellt hat.
Diese Erkrankungen treten besonders haeufig bei Arbeitern der
Bekleidungsindustrie auf.
Das sechsstoeckige Gesundheitszentrum ist zur Behandlung
von 750 Patienten in der Woche eingerichtet, die auf vorherige
Vereinbarung zur Behandlung kommen. Das Personal besteht aus
75 Aerzten, 25 Technikern, Krankenschwestern, Apothekern,
Sozialarbeitern und anderen. Dr. Morris A. Brandt, der stellvertretende medizinische Leiter des Gesundheitsversicherungssystems von Gross-New York, ist der verantwortliche aerztliche
Leiter des Institutes.
Daily News Service
IV/16/51
NEUE RICHTLINIEN FUER LEISTÜNGSLOEHNE
Das Interesse der Gewerkschaften an der Lohnfrage ist in
den vergangenen Jahren mehr und mehr den Methoden zur Bezahlung
der Arbeitnehmer nach ihrer Leistung zugewendet worden. In
einer Reihe von Industriezweigen, wie z.B. Kohle und Baumwolle,
wird Jetzt traditionsgemaess ein groesserer Prozentsatz von
11 -

�Arbeitern nach Produktionsergebnissen bezahlt als je zuvor.
Entweder als Alternativloesung oder als Zusatz zu der
Bezahlung fuer geleistete Arbeitszeit muessen Akkordsysteme
so gut ausgearbeitet und auf die besonderen Verhaeltnisse
derjenigen Industriezweige abgestimmt sein, fuer die sie
bestimmt sind. Kein System ist fueralle Industriezweige anwendbar.
Um allen jenen zu helfen, die die Methoden des Leistungslohnsyatems ausarbeiten und zur Anwendung bringen, und hierzu
muessen sowohl Gewerkschaften als auch Unternehmer gehoeren hat das Arbeitsministerium eine Abhandlung ueber Leistungslohnsysteme veroeffentlicht.
Sie ist von einem Ausschuss von Vertretern des britischen
Gewerkschaftsbundes TUC und Vertretern der Unternehmer aus
oeffentlichen und privaten Betrieben verfasst worden und gibt
Beschreibungen und Beispiele von Leistungssystemen, wie z.E.
unterschiedliche Stuecklohntarife, Zeitzuschlagsysteme und
kollektive BonusZahlungen.
In einer allgemeinen Zusammenfassung ueber die Bezahlung
nach dem Leistungsprinzip wird in dieser Veroeffentlichung
darauf hingewiesen, dass die Industrie ueber mehrere solcher
Systeme verfuegt und dass einige der bereits bestehenden
vorbessert werden muessten. So lange diese Systeme nicht zu
einem Ersatz fuer das bewaehrte Prinzip eines angemoasenen
Tageslohnes fuer eine entsprechende Tagesarbeit werden, und
so lange sie ein Ergebnis besonderer Bemuehungen seitens der
Arbeitnehmer sind, werden sie der Nation als Gesamtheit zugute
kommen und sowohl den Unternehmern als auch den in Frage
kommenden Arbeitern Vorteile und Genugtuung bieten.
Die Einfuehrung solcher Systeme muss sorgfaeltigst ueberwacht werden. Leistungssysteme duerfen erst nach sorgfaeltiger
Ueberpruefung jeder Taetigkeit festgelegt werden. Hoechst bedeutsam ist dabei, dass von dem Augenblick an, in dem ein
System zum ersten Mal in Vorschlag gebracht wird, bis zu dem
Zeitpunkt, In dem jeder Arbeiter genau versteht, wie sich
dieses System auf ihn auswirken wird, es in geraeinsamer Beratung besprochen wird. Wenn Leistungssysteme einmal eingefuehrt
sind, muessen sie sorgfaeltig ueberwacht werden. So sollen z.B.
Akkordtarife, die nach einer gewissen Zeit nicht mehr dem Wert
der Anstrengungen entsprechen, die fuer die betreffende Arbeit
aufgewendet werden muessen, nur auf Grund gegenseitiger Uebereinstimmung neu angeglichen werden.
Um eine Garantie gegen das zu schaffen, was die Gewerkschaften frueher befuerchteten, wird in der Veroeffentlichung
"Leistungslohnsysteme" darauf hingewiesen, dass der Ausstoss
nicht auf Kosten der Qualitaet oder auf Kosten uebermaesslger
Ermuedung oder Anstrengung der Arbeiter gesteigert werden darf.
In einer Uebersicht ueber die verschiedenen Lohnsysteme
nach dem Leistungsprinzip fuer die einzelnen Arbeiter wird
ausserdem insbesondere auf kollektive Leistungslohnsysteme
hingewiesen, die fuer eine Arbeitsgemeinschaft oder eine ganze
Abteilung eines Betriebes angewendet werden. Um sicherzustellen,
dass die Belohnungen denen zugutekommen, die sie tatsaechllch
verdienen, sollten so oft wie moeglich BonnsZahlungen ausgearbeitet werden.
- 12 -

�Eine Erhebung ueber Leistungslohnsy steine, die vom Arbeitsminlsterium durchgefuehrt wurde, hat ergeben, dass drei von je
zehn Arbeitern, die in der britischen Industrie nach ihrer
Leistung bezahlt werden, meistens in groesseren Betrieben beschaeftigt sind. Dieser Prozentsatz enthaelt jedoch nicht
diejenigen Arbeiter, die nach Lohnsystemen bezahlt werden,
denen teilweise Zeittarife und zum Teil Produktionsergebnisse
zugrundeliegen.
Labour
IV/51
TARIFVERTRAEGE IN RÜMAENIEH
In der westlichen Welt enthalten Tarifvertraege zwischen
Gewerkschaften und Unternehmern Bestimmungen ueber Loehne,
Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen, und ueber diese Bedingungen
wird in Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern entschieden. In der "Volksdemokratie" des vom Kreml
beherrschten Rumaeniens ist es jedoch nicht so. Dort werden
die Texte fuer sogenannte Tarifvertraege in den Staatsministerien ausgearbeitet, ohne dass die Arbeiter zu Rate gezogen
werden.
Die Vertraege enthalten jedoch eine Bestimmung, die besagt,
dass die Arbeiter an die Unternehmer Forderungen stellen koennen.
Damit aber nicht irgendein Arbeiter dummerweise von dieser
Bestimmung Gebrauch macht, haben die kommunistische Partei
und ihre Unternehmergewerkschaften eine Mitteilung veroeffentlicht, in der sie vorschlagen, dass die Arbeiter keine "materiellen Forderungen" stellen und z.B. nicht hoehere Loehne, kuerzero Arbeltszeit und bessere Arbeitsbedingungen verlangen«
Als »Varnung an die Arbeiter heisst es in dieser Mitteilung;
"Alle, die unverantwortliche Forderungen stellen und die
Interessen ihres Unternehmens und der nationalen Wirtschaft
ausser Acht lassen, werden als Volksfeinde entlarvt und
isoliert."
Inzwischen hat sich die Sowjetunion auf Grund der Aufruestung fuer neue militaerische Wagnisse gezwungen gesehen,
das Risiko einzugehen, ihre Zwangsarbeitslager in groessere
Staedte zu verlegen. In der letzten Ausgabe des "New Leader",
einer fuehrenden gewerkschaftlichen und liberalen amerikanischen Wochenzeitschrift, stellt Vasily Yershoff, ein frueherer
Oberst in der sowjetischen Militaerverwaltung Ostdeutschlands
fest, dass die Zwangsarbeitslager, die vor dem 2. Weltkrieg
in abgelegenen Gebieten der Sowjetunion vor den Augen der
Oeffentlichkeit verborgen gehalten wurden, nun in grossen
Staedten vorzufinden sind.
Oberst Yershoff, der sowjetischer Beamter war und vor dem
Krieg vor allem Probleme der Lebensmittelindustrie bearbeitete,
kam gegen Ende des Krieges mit seinem Regiment nach Berlin.
Im August 1947 wurde er von der Besatzungsarmee beurlaubt
und kehrte in seine Heimatstadt, eine der groessten Staedte
Russlands zurueck. Er besuchte einen Freund - dem er das
Pseudonym Alexander Kikolaevltsch gibt - der Direktor einer
grossen Fabrik war. In diesem Betrieb sah er mit eigenen
Augen, dass 1200 der 5.000 Arbeiter weibliche Zwangsarbeiter
Im Alter von 20 bis 45 Jahren waren, die "zu viel gesehen
hatten". Sie waren von den Deutschen dienstverpflichtet und
13 -

�nach Deutschland gebracht worden. Nach ihrer Befreiung durch
die Rote Armee Im Jahre 1945 wurden sie als "Volksfeinde"
zu drei bis fuenf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil sie
ausserhalb Russlands gewesen waren und Stalin deshalb befuerchtete, sie koennten zu der Ueberzeugung gekommen sein, dass
die Zwangsarbeit selbst im nazistischen Deutschland dem untragbaren russischen Leben vorzuziehen sei. Die meisten
dieser Frauen waren ungepflegt, schmutzig, abgezehrt und
barfuessig. rtaechter, die mit Gewehren bewaffnet waren,
beaufsichtigten sie bei der Arbelt. ^arum wurden diese
Zwangsarbeiter eingesetzt? Vor dem Krieg hatte dieser Betrieb 5.000 Arbeiter beschaeftigt. Mehr als 40£ hatten
laenger als 10 Jahre dort gearbeitet und verfuegten ueber
die entsprechenden Erfahrungen. Aber infolge der Kriegswirren starben die aelteren Arbeiter und von den 2.100
juengeren kehrten nur 900 aus der Armee zurueck. 3.000 ungelernte Arbeiter wurden aus verschiedenen Teilen aus der
Sowjetunion zusammengeholt. Doch Stalin brauchte schnellere
Massnahmen, um sein Industriepotential fuer den Krieg aufbauen zu koennen.
Oberst Yershoff berichtet, dass die Sklaveroi in den
russischen Staedten eine zweischneidige Waffe ist. Sie gibt
auf der einen Seite Stalin die Moeglichkeit, seine industrielle
Kriegsmaschinerie unter geringem Kostenaufwand aufzubauen
und gleichzeitig die politisch "Unzuverlaessigen" zu ueberwachen, die, wenn sie frei waeren, eine Gefahr fuer die
Diktatur des Kreml bedeuteten. Indem Stalin jedoch auf der
anderen Seite die bittersten Gegner seines Regimes als
Straeflinge vor die Augen ihrer Freunde in den Staedten
fuehrt, sagt Yershoff, duerfte er sich den Weg zu seinem
eigenen Untergang ebnen.
Yershoffs Informationen zufolge gibt es Zwangsarbeitslager in Moskau, Leningrad, Kiew, Odessa, Charkow, Swerdlowsk
und hunderten anderer russischer Staedte.
Program Services Section
IV/ll/51
DAS SCHICKSAL DER BALTISCHEN GEWERKSCHAFTER
Fast alle bekannten Gewerkschafter sind seit der Uebernahme der baltischen Staaten durch die Kommunisten deportiert
worden. In Estland hat sich Maxim ünt in seiner Eigenschaft
als Koramissar der Arbelt gewissen russischen Richtlinien widersetzt, um zu versuchen, in eine desorganisierte Situation
etwas Ordnung zu bringen.

Obwohl Unt linksgerichteter Soziallst und Gewerkschafter
war und als erster Polizeiminister in der sogenannten "Roten
Nationalregierung" fungierte, verschwand er 1m Buero
Schkurins, dem Chef der oertlichen NKWD, wohin er beordert worden wa
Das gleiche Schicksal traf Paul Baumann, den stellvertretenden
Kommissar fuer Arbeit, der wegen seiner revolutionaeren Taetigkeiten 12 Jahre in estnischen Gefaengnlssen verbracht hatte.
Diesen Maennern folgten viele andere, die zu Beginn der Besatzung zu den Kommunisten hinueber geschwenkt waren, weil sie
glaubten, dadurch in der Lage zu sein, die Rechte der Arbeiter
zu verteidigen und gegen die russische Korruption zu protestieren.
- 14 -

�Die frueheren linksgerichteten Sozialisten hegten natuerlich zuerst die Hoffnung, dass sich das Los der estnischen
Arbeiter unter dem Sowjet-Regime verbessern wuerde. Sie
waren hoechst enttaeuscht, als sie sahen, dass das Gegenteil
der Fall war. Aber sie konnten nichts dagegen tun, ja, sie
durften nicht einmal ihre Stellungen kuendigen.
Die allgemeine Welle des furchtbaren Erwachens griff auf
viele ueberzeugte und hartgesottene Kommunisten ueber, sodass
eine Reihe Kommunisten, die aus Russland zurueckgekehrt waren,
vom bolschewistischen Glauben abfielen.
Unter der sowjetischen Besatzung wurden zahlreiche
Sozialdemokraten verhaftet und wenn sie nicht an Ort und
Stelle beseitigt wurden, deportierte man sie in die Zwangsarbeitalager in Russland.
Zu den Opfern der estnischen Gewerkschaftsbewegung
gehoeren Jaan Piiskar, der fruehere Vorsitzende des Allgemeinen Bundes Estnischer Gewerkschaften, August Gustavson, der
stellvertretende Vorsitzende dieses Gewerkschaftsbundes und
Repraesentant des Internationalen Arbeitsamtes fuer Estland,
Joosep Rukki, der Vorsitzende der Estnischen Eisenbahnergewerkschaft und Delegierter fuer den Ausschuss des Internationalen Transportarbeiter Verbandes, Viktor Rutnik, der
Sekretaer der Estnischen Eisenbanarbeitergewerkschaft, Juhan
Kurvits, der Vorsitzende der Estnischen Arbeiterkammer und
Mitglied des Exekutivausschusses der Estnischen Druckergewerkschaft, Mlhkel Mihkelson, Parlamentsmitglied und Vizevorsitzender der Estnischen Landarbeitergewerkschaft und Leopold
Johanson, ebenfalls Mitglied im Parlament und Sekretaer der
Liga Estnischer Krankenkassen und frueherer Aussenminister.
All diese Maenner sind verschwunden, ohne eine Spur zu
hinterlassen und es gibt keinerlei Informationen ueber ihr
Schicksal. Neben den Gewerkschaftsfuehrern hat das gleiche
Schicksal eine grosse Zahl unabhaengig gesinnter estnischer
Arbeiter ereilt.
Am 14. Juni 1941 wurden 1.000 Personen verhaftet und anschliessend deportiert, annaehernd 1.S00 Estlaender wurden
von der NKWD beseitigt, ohne dass ihnen der Prozess gemacht
wurde. Etwa 64.000 Estlaender wurden waehrend der ersten
russischen Besatzung liquidiert.
Mit kleinen oertlichen Veraenderungen trifft die gleiche
Geschichte fuer Lettland und Litauen zu. Am 14. Juni 1941
deportierten die sowjetischen Behoerden 14.000 Menschen aus
Lettland, in 39 Kategorien eingeteilt, nach Sibirien. Zu
den Deportierten gehoerten beide Vorsitzende des lettischen
Exekutivausschusses der Gewerkschaften, J. Visnia und
A. Veckalns. Visnia spielte In der Revolution von 1917 eine
aktive Rolle, waehrend Veckalns unter der Diktatur Ulmanis
lange Zeit im Konzentrationslager untergebracht war.
Die zahlreichen fortschrittlichen Gesetze und Einrichtungen der frueheren demokratischen Nation Lettland sind
ausgemerzt worden und der Lebensstandard der Arbeiter wurde
auf etwa l/3 seines frueheren Standes reduziert.
Die unaufhoerlichen Verhaftungen, das Verschwinden von
Menschen, die Deportierungen und Mobilisierungen, verbunden
mit dem staendigen Prozess der Russifizierung, fuehren zu
einer systematischen Zerstoerung der nationalen Eigenart der
baltischen Voelker«
International Labor
- 15 Relations Committee APL

�FRUCHTBARE ARBEIT AMERIKANISCHER GEWERKSCHAFTEN IN EUROPA
Die "Hemdsaermeldiplomaten", die aus amerikanischen
Gewerkschaften kommen, haben,wie von der Verwaltung fuer
europaeische wirtschaftliche Zusammenarbeit erklaert wird,
in Europa wesentlich zum Aufbau eines Bollwerks gegen die
sowjetische Aggression beigetragen.
In einer Anerkennung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung aus Anlass des dritten Geburtstages des Marshallplans bezeichnet die ECA das Nachlassen des kommunistischen
Einflusses innerhalb der europaeischen Gewerkschaften als
ein Ergebnis der Arbeit dieser Leute. Vor drei Jahren, heisst
es in der Erklaerung der ECA, beherrschten die Kommunisten
die europaeischen Gewerkschaften mit insgesamt 12 Millionen
Mitglieder. In diesem Jahr zaehlen die kommunistisch beherrschten Gewerkschaften nur noch 6 Millionen Mitglieder,
die aber nicht alle Kommunisten sind.
Auch die Zahl der wirklichen Kommunisten in Europa ist
in einem aehnlichen Verhaeltnis geringer geworden. Zuverlaessigen Schaetzungen zufolge ging die Zahl der Kommunisten
in West-Europa von 3.188.000 im Jahre 1947 auf 2.560.000 in
diesem Jahre zurueck.
Von Anfang an standen dem europaeischen Wiederaufbauprogramn
Berater fuer Arbeitsfragen und Mitarbeiter fuer diese Fragen
zur Seite. Der fruenere Leiter der ECA Paul Hoffmann und
sein Nachfolger William Foster wurden und werden von Vertretern der AFL und des CIO laufend unterstuetzt, wenn sie
3eschluesse von grosser politischer Bedeutung zu fassen haben.
Als ein Zentralbuero fuer Uebersee in Paris errichtet wurde,
war eine seiner wichtigsten Unterabteilungen die Abteilung
fuer Arbeitsfragen, in der amerikanischen Gewerkschafter taetig
sind.
Auch den ECA-Missionen in den einzelnen Marshallplanlaendern wurden Berater fuer Arbeitsfragen zugewiesen. Die
Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit hat durch die
gewerkschaftlichen Beratungsausschuesse in den am europaeischen Wiederaufbauprogramm beteiligten Laendern versucht, bei
den europaeischen Arbeitern Verstaendnis fuer dieses Programm
zu erwecken. Darüberhinaus sind Gruppen amerikanischer Arbeitsspezialisten nach Europa gekommen, um mit europaeischen
Organisationen Beratungen zu pflegen und eine Reihe amerikanischer Gewerkschaften haben mit eigenen Mitteln Funktionaere
ins Ausland geschickt, um die freie Gewerkschaftsbewegung in
ihren Bemuehungen beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu unterstuetzen.
In den Vereinigten Staaten haben Gewerkschaftsmitglieder
ihre Wohnungen und Konferenzraeume Tausenden europaeischer
Besucher geoeffnet, die im Rahmen des ECA-Programm fuer technische Unterstuetzung nach den Vereinigten Staaten kommen, um
den Aufbau und die Methoden der amerikanischen Gewerkschaften
und auch die Methoden der amerikanischen Industrie zu studieren.
Labor News from the ü. S.
IV/13/51
- 16 -

HICOO 27 i p r 51 0920 5 • 2 C

�Internationale

ARBEITSHITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - iv

Frankfurt, 27. April 1951

I y li A L T S V E R Z £ I 0 E TT I S
7/as bedeutet der Schuman-Plan? - - - - - - - - - -

1

Die Notwendigkeit der Vereinigung Europas

4

- - - -

Kommunistische Taktik in amerikanischen Gewerkschaften - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

7

Italien wird nicht wie Frankreich unter Streiks
zu leiden haben - - - - - - - - - - - - - - - -

9

Amerikanische Tarifverträge sehen Stipendium vor

11

Daenische Gewerkschaft im Dienst dar erwerbstaetigen Frau
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 2
Der eurooaeische V/iederaufbau

- - - - - - - - - - 1 3

Internationales Sekretariat der Lehrer geplant - - 16

'•VAS BEZWECKT DER SCHUKAN-PLAN?
Der Schuman-Plan hat die Errichtung eines freien und einzigen Absatzmarktes fuer zwei grosse Grundstoffindustrien der sechs
Mitgliedstaaten zum Ziel: Kohle und Stahl. Fuor diese beiden "Zaren
wird es in Zukunft keine ,-Zollgebuehren, keine einschraenkenden
Zollbestimmungen, keine Importquoten, keine Zuschuesse der Regierungen, keine "donnelten" unterschiedlichen Frachtgebuehren fuer
auslaendische und inlaendische Verbraucher mehr geben. Der Vertrag erklaert ausserdem alle Methoden fuer ungesetzlich, die in
der Vergangenheit zur Schaffung von Monopolen, zur Kontrolle der
- 1-

�Produktion oder zur Einschraenkung der Absatzmaerkte angewendet
wurden. Der einzige Absatzmarkt wird in Zukunft frei und der
Konkurrenz unterworfen sein. Alle Hersteller werden freien und
gleichberechtigten Zutritt zu den Maarkten haben, und alle Verbraucher haben gleichen Anspruch auf die verfuegbaren Waren.
Alle Formen einer Diskriminierung sind abgeschafft. Dies sind
in einfachen Worten die wesentlichen Merkmale des Schuman-Planes.

Der einzige Absatzmarkt untersteht einer Reihe von Institutionen, die in dem Vertragsentwurf festgelegt sind. Die exekutive
Institution ist die Hohe Behoerde, die sich aus neun Mitgliedern
zusammensetzen wird. Acht dieser Mitglieder werden von den Teilnehmerstaaten ernannt, wobei einem Land nicht mehr als zwei Mitglieder zustehen. Diese acht Mitglieder werden daraufhin das
neunte Mitglied der Hohen Behoerde waehlen. Diese Behoerde wird
nicht irgendeinem Lande, sondern dem Pool bzw. allen Mitgliedstaaten gegenueber verantwortlich sein. Die wichtigste Aufgabe der
Hohen Behoerde
esteht darin,
dafuer zu sorgen,
dass der allgemeine
,€ufopaixke SememßkaftßrJ(phku.Stahl'\ nicht Absatzmarkt
in irgendeiner V/eise be&amp;ieJ(ohle-u.StQklprodktti(»l eintraechtigt
12,1
wird. Die Behoer10,5
der 6 Sikumanplan lancier
de selbst soll
1950 in MtU
sich nur insoweit
in die Arbeit des
Absatzmarktes einJUI
mischen, als dies
Fi 10.*"«
zur Erreichung und
DEUTÄHUNO
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• T | | BURG
| ITALIEN
Sicherung der Ziele des Schumanflufbau der „turopäifthenGemeinfdioffm
Planes notwendig
ist. Gleichzeitig
und (Funktion ihrer Organe ••••••••
hat sie weitgehende Befugnisse, in
Zeiten wirtschaftlicher Krisen oder
Verknappungen einzugreifen, und ist
berechtigt, bei
der Modernisierung
der Industrie mitzuhelfen, das Lohnniveau und die
Arbeitsbedingungen
zu schuetzen und
die wirtschaftliche
Forschung anzuregen. Die Kontrollorgane werden ausser
der Hohen Behoerde
aus einem Beratungsausschuss, einem
Ministerrat, einer
Gemeinsamen Versammlung und einem
Gerichtshof
bestehen,
SSPahl
Der Beratungsausschuss soll die

DER SCHUMAN-PLAN

7Vc

lUitglwdftaateA

�Hohe Behoerde unterstuetzen und kann zu jeder Zeit zu Rate gezogen
werden, wenn die Hohe Behoerde dies fuer angebracht haelt. Unter
gewissen Umstaenden ist die Hohe Behoerde gezwungen, sich den Rat
dieses Ausschusses einzuholen. Der Ministerrat wird sich aus Ministern der Teilnehmerstaaten zusammensetzen und fuer die Koordinierung und Verbindung zwischen der Hohen Behoerde und den Regierungen der Mitgliedstaaten sorgen. Die Gemeinsame Versammlung
besteht aus Mitgliedern, die von den Parlamenten der sechs Teilnehmerstaaten ernannt werden, und sie wird als legislative Koerperschaft taetig sein, an die die Hohe Behoerde in regelmässigen
Zeitabstaenden Bericht erstatten muss. Der Gerichtshof schliesslich hat die Aufgabe, darueber zu wachen, dass die Hohe Behoerde
nicht willkuerlich oder in Verletzung der Bestimmungen des Vertrags von ihren Befugnissen Gebrauch macht.
Vom Standpunkt des deutschen Arbeiters aus sind die Vorteile
dieses Planes offensichtlich. Der Plan sieht die progressive
Schliessung unrentabler Bergwerke in Belgien und Frankreich vor.
Dies wird zu einer Ausdehnung des Absatzmarktes fuer die Ruhr
fuehren und damit eine breitere und stabilere Besfchaeftigung fuer
die Arbeiter bedeuten. Mit dem Zusammenbruch der kuenstlichen
Zollschranken wird die deutsche Stahlindustrie in der Lage sein,
die Fruechte aus ihrer produktiven Leistungsfaehigkeit zu ernten,
die wiederum den Arbeitern in Form einer hoeheren Stabilitaet
der Beschaeftigung zugutekommen. Eines der grundlegenden Ziele
des Planes ist die "Entwicklung der Beschaeftigungsmoeglichkeiten
und die Verbesserung des Lebensstandards" in den Teilnehmerstaaten.
Den Arbeitern wird ein Schutz gegen jene Unternehmer geboten, die
durch niedrigere Loehne und damit geringere Produktionskosten ihre
Erzeugnisse zu niedrigeren Preisen verkaufen wollen. Sie koennen
ausserdem bei Arbeitslosigkeit, die auf technologische Ursachen
zurueckzufuehren ist, von der Hohen Behoerde unterstuetzt werden.
In den meisten Faellen jedoch bleibt das Recht der Arbeiter, hoehere Loehne zu fordern, eine Privatangelegenheit, die in Verhandlungen zwischen dem betreffenden Unternehmen und seinen Arbeitnehmern
geklaert wird.
Fuer den Durchschnittsbuerger in jedem der sechs Teilnehmerstaaten hat der Schuman-Plan eine ganz besondere Bedeutung. Durch
die Beseitigung der Zoelle fuer Rohstoffe, die zwischen den einzelnen Laendern ausgetauscht werden, ist mit Sicherheit mit geringeren Produktionskosten zu rechnen. Auch die Abschaffung verschwenderischer Arbeitsmethoden wird zu einer Senkung der Gestehungskosten beitragen und die uneingeschraenkte und gesunde Konkurrenz,
die sich hieraus ergeben wird, ist eine Garantie dafuer, dass die
Einsparungen dem Verbraucher in Form niedrigerer Preise fuer Tausende von Waren, die aus Stahl hergestellt werden, zugutekommen.
Ein Zimmermann zum Beispiel, auf dessen Arbeit sich der Plan nicht
direkt auswirken kann, wird indirekt insofern profitieren, als er
billigere Naegel fuer seine Arbeit und billigere Kohle fuer seine
Wohnung kaufen kann.
Als der Schuman"Plan zum erstenmal von der franzoesischen Regierung in Vorschlag gebracht wurde, fand er als ein Schritt auf
dem Wege zu einem vereinigten Europa und zur Erhaltung des Friedens
allgemeine Zustimmung. Die moderne Kriegfuehrung ist von der
Stahlerzeugung abhaengig, und es ist offensichtlich, dass, wenn
der Schuman-Plan endgueltig akzeptiert und durchgefuehrt wird, es
einer europaeischen Nation unmoeglich sein wird, ohne das Wissen
anderer Nationen aufzuruesten. Und wenn jede Nation gleichen Zutritt zu den Produktionsquellen hat, ist es unwahrscheinlich, dass
eine von ihnen in der Lage sein wird, sich einen Vorrat an Waffen
zu schaffen, der groesser ist als der anderer Nationen. Bei der
- 3 -

�Verkuendung seines Planes hat der franzoesische Aussenminister
Schuman festgestellt, dass sich Europa durch Kriege selbst aufgerieben hat, weil es niemals vereinigt war. Er bot diesen Plan
als eine konkrete Massnahme zur Schaffung einer europaeischen Solidaritaet'und zur endgueltigen Beendigung des uralten Kampfes zwischen Frankreich und Deutschland an. Der Plan ist von den politischen Fuehrern der Welt als ein Schritt zum Frieden und zur europaeischen Vereinigung begruesst worden.
Der Schuman-Plan berechtigt zu grossen Hoffnungen fuer die
Zukunft. Es ist das erste Mal, dass sich Vertreter von sechs
europaeischen Laendern einverstanden erklaert haben, ihre souveraenen Rechte in bezug auf die Kontrolle und Entwicklung zweier grundlegender Industriezweige aufzugeben. Es hat einen Voelkerbund, die
Vereinten Nationen und einen Europarat gegeben, aber der SchumanPlan ist das erste Forum, mit dessen.Hilfe die nationalen Schranken,
die Europa jahrhundertelang in verhaeltnissmaessig kleine wirtschaftliche Einheiten aufgespalten haben, zerbrochen sind und eine
wahre uebernationale Organisation geschaffen werden kann. Die
Beseitigung der Handelsbeschraenkungen, Zollschranken und Zoelle
fuer Kohle und Stahl wird zweifellos zu aehnlichen Massnahmen in
anderen Grundstoffindustrien Anlass geben. Die franzoesische Regierung hat bereits die Zusammenfassung der westeuropaeischen
Landwirtschaft unter einer uebernationalen Behoerde vorgeschlagen,
die der des Schuman-Planes aehnlich ist. Wenn sich der Plan fuer
Kohle und Stahl als erfolgreich erweist - warum sollte er dann
nicht auf alle anderen Grundstoffindustrien uebertragen werden?
Der Schuman-Plan fuehrt letzten Endes zur europaeischen Wirtschaftseinheit und die sichere Folge dieser Wirtschaftseinheit ist die
politische Einheit.
Background Information
IV/80/51
DIE NOTWENDIGKEIT DER VEREINIGUNG EUROPAS
Wie den nachstehenden Ausfuehrungen zu entnehmen ist, ist die
Idee einer europaeischen Einheit keineswegs neu. Sie hat Philosophen, Soziologen, Staatsmaenner und Eroberer in ihren Bann gezogen, wobei die letzteren ein Alibi fuer ihre Eroberungen suchten.
Das Zeitalter der Traeumereien und der intellektuellen Erwaegungen
schien mit dem ersten Weltkrieg zu Ende zu gehen.
Der Voelkerbund war bestrebt, mit einem Schlag weltumfassend
zu werden, ein Vorhaben, das an sich schon ueberspannt ist und
noch durch die Tatsache ueberspannter wurde, dass es zu Anfang an
einem ausschlaggebenden Partner und spaeter an Anhaengern fehlte.
Ungefaehr um das Jahr 1930 ging Aristide Briand naeher an dieses
Ziel heran, indem er eine europaeische Wirtschaftseinheit vorschlug: Sie wurde unter Blumen begraben, scheiterte jedoch in
Wirklichkeit schon an dem Misstrauen Gross-Britanniens und die
sich naehernde Weltkrise bereitete in vielen Laendern das fuer eine
autarke Struktur guenstige Klima durch eine Reaktion vor, die ebenso unueberlegt wie traditionsgebunden war.
Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, der weit "revolutionaerer" war als der erste, wurde das Problem einer europaeischen
Vereinigung in zunehmendem Masse akut.
Politisch gesprochen, haben die Ereignisse dieser letzten Monate selbst den Unaufmerksamsten zu erkennen gegeben, dass unter den
- 4 -

�Voelkern des Abendlandes tatsäechlich eine Solidaritaet bestand.
Es ist offensichtlich, dass keines dieser Voelker in der Läse ist,
selbst die Organisation seiner bedeutenden Sicherheit bewaeltigen
zu koennen.
Verantwortlich hierfuer sind die Verwuestungen und Verluste
des Krieges, die weit bedeutender sind als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Weltgeschichte und die man am Tage nach
dem Waffenstillstand noch gar nicht uebersehen konnte. Aus diesem Grunde bleibt uns nichts anderes uebrig, als uns zu dem nationalen Wahlspruch unserer belgischen Freunde zu bekennen: "Einheit macht stark" und ihn auf den europaeischen Plan zu uebertragen.
Die Idee einer europaeischen "Wirtschaftseinheit ist durefc
das Inkrafttreten der Marshallhilfe wesentlich gestaerkt worden.
Die Leiter dieses Planes haben nicht aufgehoert, darauf hinzuweisen, dass es ihr Ziel ist, Europa sobald wie moeglich auf
seine eigenen Fuesse zu stellen. Mit anderen Worten, wenn Europa auf seinen eigenen Fuessen stehen will, darf es nicht mehr
wie bisher in kleine Stuecke aufgeteilt werden oder, um es mit
noch anderen Worten zu sagen, das Bild eines zerstueckelten
Koeroers bieten.
Es ist notwendig, dass ein vereinigter Organismus die freie
Zirkulation der Produkte, des Kapitals und der Menschen selbst
ermoeglicht. Man wird vielleicht einwenden, dass dieses Ziel
ohne eine besondere Organisation erreicht werden kann: Zur Zeit
des triumphierenden Liberalismus ist natuerlich die europaeische Arbeitsteilung geschaffen worden. Man darf nicht mehr an
die Rueckkehr und besonders an eine rasche Rueckkehr einer solchen "Organisation" glauben. Der fruehere Mechanismus ist seit
1914 durch die Ereignisse und die Politik dermassen geaendert worden, dass er heute ausser Gebrauch ist und durch andere Auffassung
ersetzt werden muss, denen eine neue Ideologie zu Grunde liegt.
Was schliesslich das wesentliche ist, die Welt im allgemeinen und
die Wirtschaft im besonderen, ist betraechtlichen Aenderungen
unterworfen worden.
Wir befinden uns im Zeitalter der Wirtschaft der Massen und
der Wirtschaft des grossen Raumes. Die Stunde ist gekommen, den
europaeischen Wirtschaftsraum wirtschaftlich einzuteilen.
Geschieht das nicht, so wird das Abendland vor der physischen
Unmoeglichkeit stehen, im wirtschaftlichen Leben von Morgen eine
Rolle zu spielen. üuf der anderen Seite jedoch bestehen die
Moeglichkeiten einer solchen wirtschaftlichen Keuformung.
Was soeben gesagt wurde, ist eine erschoepfende Erklaerung
fuer die Schwierigkeiten Gross-Britanniens, seinerseits den europaeischen Gedanken zu pflegen und es ist eine Erklaerung fuer
die reservierte Haltung diesem Gedanken gegenueber, wie sie David
Scott an den Tag legt. Das Commonwealth bedeutete fuer England
diesen grossen Raum der modernen Wirtschaft und diese Auffassung
besteht seit lancer Zeit in einem Masse, dass es diesem Lande
vielleicht eher schaedlich als nuetzlich erscheinen koennte, sich
einer anderen Einheit anzuschliessen.
Wie koennte deshalb uebersehen werden, was fuer die britische Sicherheit im engsten Sinne dieses Wortes und selbst in wirtschaftlicher Hinsicht auf dem Spiel steht, weil der Sterling-Block
- 5-

�von chaotischen Zustaenden in Europa nioht in Mitleidenschaft gezogen wuerde.
Es wird bestimmt Grund zur Ueberraschung sein, dass derartige
entscheidenden Motive fuer die Vereinigung nur langsame Verwirklichungen folgen. Es handelt sich nicht im europaeischen Falle
darum, mit neuem Material aufzubauen, wie es fuer die Vereinigten
Staaten der Fall war, als sie ihren Bundesstaat schufen. Hier
muss darum aus Altem Neues gebildet werden, d.h. tiefgehende Veraenderungen des Aufbaues und des wirtschaftlichen Gleichgewichts
von frueher vorzunehmen und, was noch wesentlich schwieriger ist,
in Traditionen hängengebliebene politische Formen, Standpunkte oder
Sentiments ueber den Haufen zu werfen, die seit Jahren, ja seit
Jahrhunderten und selbst seit Jahrtausenden verankert sind. Um
das aktuellste Beispiel zu geben: kein vernuenftiger Mensch wird
behaunten, dass man Europa sowohl wirtschaftlich als auch politisch
ohne Deutschland gestalten kann. Dass diese Notwendigkeit verstanden wurde, ist in ausreichendem Masse durch den Schumanplan bewiesen. Es ist jedoch fuer den einfachen Franzosen nicht moeglich,
dass das, was ihm seine Vernunft sagt, nicht der Erinnerung an
drei deutsche Invasionen in weniger als 3/4Jahrhundert entgegentritt.
Er kann sich hiervon nicht sofort und spontan freimachen.
Wenn man Remon Millet glauben will, muss man in Europa im entstehenden Europarat zwischen Foederalisten und Funktionellen unterscheiden. Die Foederalisten wollen Europa in einem genau festgelegten und sofort vorgeschriebenen Rahmen einordnen. Die Funktionellen dagegen wuenschen eine allmaehliche Vereinigung der europaeischen Staaten durch Vereinbarungen ueber bestimmte und aufeinander
folgende Punkte verwirklichen zu koennen. Der grundlegende Unterschied besteht darin, dass die foederalistische Auffassung den
Vorschlag einer uebernationalen Behoerde enthaelt, waehrend die
Funktionellen hiervon nichts wissen wollen.
Die Franzosen sind groesstenteils Foederalisten: Sie sind es
aus persoenlicher Ueberzeugung. Wenn es ihnen erlaubt ist, einmal
an ihre eigenen Erlebnisse zu denken, muessen sie feststellen, dass
es fuer sie schwierig ist, sich mit dem Gedanken einer uebernationalen Behoerde vertraut zu machen. Aber man muss wissen, was man
erstrebt. Die einfachste Beobachtung besagt, dass bei dem Plan
dieser Behoerde, die die Initiative ausloeschen oder zusammenfassen
kann, jede Verzoegerung der Verwirklichung dieses Gedankens entgegentritt, wenn dieser nicht sogar selbst aufs Spiel gesetzt wird.
Das bedeutet nicht, dass der europaeische Aufbau ein anderer ist
als ein ueblicher Aufbau, d.h., dass man alle Arbeiten gleichzeitig
erledigen und erst dann das Fundament errichten kann. Es bedeutet
auch nicht, dass man sich unbedingt sofort auf die Schwierigkeiten
stuerzen muss und dass man sie, wenn sich Vereinbarungen ueber eine
endgueltige Handlung als moeglich erweisen, diese bis zum Abschluss
einer doktrinaeren Debatte ueber die Nationalsouveraenitaet hinauszoegern muss. Angesichts der alle bedrohenden Gefahr kommst es vor
allem darauf an, dass Frankreich sich diesem Gedanken gegenueber
nicht voellig ablenken laesst.
Es gibt in den franzoesischen Grenzprovinzen ein Haus, das als
Symbol gewertet werden kann. Es war in den Jahren 1814, 1870, 1914
und 1940 zerstoert und jedesmal wieder aufgebaut worden. Die Fassade dieses Hauses traegt eine Inschrift, die hiervon berichtet. Wenn
die europaeische Einheit nicht verwirklicht werden kann, besteht
die Gefahr, dass diese Inschrift morgen oder uebermorgen mit einem
neuen Datum einer nochmaligen Zerstoerung versehen wird, der jedoch
kaum ein Wiederaufbau folgen wuerde.
Rapports France-Etats Unis ll/E
- 6 -

�KOMMUNISTISCHE TAKTIK IN AFRIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN
Es gibt keinen besseren Masssteb fuer die kommunistische Gewerkschaft als ihr Verhaeltnis zum Streik, wie ihr Verhalten vor
und nach der russischen Invasion in Korea beweist. - Vor der Invasion hatte Jack Johnstone im Organ der Kommunisten "Daily
Worker" erklaert: "Der Anti-Streik Plan, den die Funktionaere der
AFL und die Anhaenger Hillmans innerhalb des CIO den Arbeitern
der Schiffsbauindustrie einzutrichtern versuchen, ist als ein
Teil des Bestrebens zu werten, die Gewerkschaften in die Ruestungsmaschinerie einzuspannen."
Nach der russischen Invasion sagte Earl Browder auf einer
oeffentlichen Massenkundgebung in St. Louis: "Jede konditionelle
Form der Anti-Streikpolitik bedeutet, dass man die Gewerkschaftsbewegung von ihrer eigentlichen Aufgabe abbringen und den Klassenkampfgedanken in Amerika ausloesen moechte, der die Kriegsanstrengungen untergraben wuerde und fuer' Amerika und die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung unheilvolle Folgen haette."
Obwohl der groesste Teil der Gewerkschaftsfunktionaere sich
gegen die in Kriegszeiten gefuehrten Streiks John L. Lewis' aussprach, haette niemand totalitaere Massnahmen zur Unterdrueckung
des Bergarbeiterstreiks gefordert.
Nach der Beendigung des Krieges entwickelten sich in Europa
Spannungen zwischen der Sowjetunion und ihren westlichen Alliierten.
Dies war das Zeichen fuer die amerikanische kommunistische Partei,
einen Angriff gegen die amerikanische Regierung zu starten. Alf
das Programm Praesident Trumans verkuendet wurde und der MarshallDlan sowie der Atlantik Pakt sich verwirklichten, wurde die Kluft
zwischen den Kommunisten und den amerikanischenv Gewerkschaften immer groesser. Dies bedeutete natuerlich, dass die amerikanischen
Gewerkschaftsfunktionaere, die die Aussenpolitik der Vereinigten
Staaten unterstuetzten, immer heftigeren Angriffen ausgesetzt waren.
Diese grundsaetzliche Feindschaft gegenueber den westlichen Demokratien kam auch in gewerkschaftlicher Form zum Ausdruck. Extravagante
Lohnforderungen waren der erste Schritt, es folgten unaufhoerliche
Streikaufrufe und eine gegen die Regierungspolitik gerichtete Agitation innerhalb der Gewerkschaften.
Indem sich die Kommunisten die Opposition der Gewerkschaften
gegen einschraenkende Arbeitsgesetze, wie z.B. die "Case Bill" und
das "Taft-Hartley-Gesetz" zunutze machten, versuchten sie, den TOlitischen Streik in Amerika auf der Bildflaeche erscheinen zu lassen.
Dies wurde eindeutig in "March of Labor", einer gewerkschaftlichen
Publikation im Dienste der Kommunisten und ihrer Anhaenger, mit
folgenden Worten zum Ausdruck gebracht:
"Die Zeit ist jetzt fuer die Gewerkschaftsmitglieder gekommen,
die Angelegenheiten in bezug auf das Taft-Hartley-Gesetz selbst in
die Hand zu nehmen. An dem Kampf um den Widerruf dieses Gesetzes
muessen sich die Millionen Arbeiter in den Gewerkschaften beteiligen.
Sie duerfen, wenn es notwendig ist, auch nicht davor zurueckschrecken,
die Arbeit niederzulegen."
Derartige Vorschlaege wurden von den Gewerkschaftsfunktionaeren
verworfen, die darauf bestanden, ein Mittel zur Regelung dieser Situation durch gesetzgeberische und verfassungsmaessige Methoden zu
suchen.
Das kommunistische Bestreben, aus dem Taft-Hartley-Gesetz politisches Kapital zu schlagen, hat den Mitgliedern einiger noch
- 7-

�kommunistisch beherrschter Gewerkschaften schwere Haerten auferlegt.
Sie weigerten sich, ihre Stellungen niederzulegen odei* eine Erklaerung zu unterschreiben, dass sie keine Kommunisten sind. Diese
Srklaerung ist im verabschiedeten Gesetz vorgesehen und ihre Abgabe ist Pflicht, wenn die Verfahren des bundesstaatlichen Ausschusses fuer Arbeitsfragen angewendet werden. Dennoch wurde
diese Politik von allen kommunistisch orientierten Gewerkschaften
verfolgt, ohne Ruecksicht auf die daraus entstehenden Folgen fuer
die Mitglieder oder die Organisation zu beruecksichtigen.
Die kommunistische Taetigkeit innerhalb der Gewerkschaften
ist sehr vielfaeltig und erweckt oft den Eindruck, als ob sie mitunter im Widerspruch mit sich selbst stuende . Man kann das Verhalten der Kommunisten jedoch verstehen, wenn man an den Rat Lenins
denkt: "Waere es nicht vollendeter Unsinn, den Krieg zum Sturz
des internationalen Buergertums zu riskieren und gleichzeitig von
vornherein die Anwendung der hierzu erforderlichen Methoden abzulehnen? Es waere das gleiche, wenn man ein gefaehrliches und bisher unerforschtes Gebirge ersteigen und sich von Anfang an weigern
wollte, den Aufstieg unter Benutzung der Serpentinen durchzufuehren.
Man wird also zeitweilig umkehren, ja sogar scheinbar die gewaehlte
Richtung aufgeben, um eine andere zu benutzen, die sich als gangbarer erwiesen hat."
Die Kommunisten sahen sich im Winter 1947/1948 hinsichtlich
der Situation, in der sich der Stadtverkehr in New York befand,
einem Dilemma gegenueber. Zuerst glaubten sie, die Transportarbeitergewerkschaft bei der Stange halten zu koennen und gleichzeitig
ihre politische Kampagne, die sich um den fuenf Cents-Fahrpreis
drehte, durchzufuehren. Bald jedoch stellte sich heraus, dass
ihnen nur die Wahl blieb, entweder die Transportarbeitergewerkschaft
zu verlieren oder ihre attraktiven politischen Schlagworte abzulegen. Da die Politik fuer die Kommunisten wichtiger ist als
Tarifverhandlungen, riskierten sie das Abspringen der Gewerkschaft.
"Lohnaufbesserungen ohne Preiserhoehungen" war fuer die Kommunisten gewiss keine Prinzipienfrage. Waehrend die Situation des
New Yorker Transportwesens einen guenstigen Kampfplatz fuer eine
kommunistische politische Kampagne bot, betrachteten sie das Zimmerpreisoroblem der Hotels von einem anderen Standpunkt aus. In
diesem Falle unterstuetzte der kommunistisch beherrschte Rat fuer
das Hotelgewerbe die Hotelbesitzervereinigung in ihrer Forderung
nach hoeheren Entgelten. Die kommunistischen Fuehrer wandten sich
gegen die Verwaltung O'Dwyers, die die Genehmigung fuer die Erhoehungen von Hotelzimmerpreisen aufgehoben und die Rueckerstattung von
Ueberbetraegen angeordnet hatte, die bereits bezahlt worden waren.
In einem Versuch, die Funktionaere der Gewerkschaften in Schwierigkeiten zu verwickeln, versuchten sich die Kommunisten in allen
moeglichen Arten von Systemen mit der Hoffnung, propagandistische
Erfolge erringen zu koennen, gleichgueltig, ob ihre Vorschlaege akzeptiert wurden oder nicht. Eines dieser Probleme war die in den
letzten Jahren gestellte Forderung nach Landeskonferenzen ueber
Lohnfragen fuer alle CIO-Gewerkschaften, "damit der Kampf um eine
Srhoehung der Loehne und gegen die Gefahr der Arbeitslosigkeit organisiert, ausgeweitet und koordiniert werden koennte." Dies entspricht der kommunistischen Auffassung, dass die Gewerkschaft ein
Werkzeug ist, mit dem die Massen in Bewegung gesetzt werden koennen.
Es waere jedoch falsch,anzunehmem, dass die Kommunisten tatsächlich das verfolgen, was sie in ihrer eigenen Propaganda als
ihre Ziele erklaeren. Mitten in den Streiks des Jahres 1946. die sicJ
- 8 -

�zum erstenmal um Lohnerhoehungen drehten, waren die Funktioniere
der kommunistisch gefuehrten Elektroarbeitergewerkschaft (UE) die
ersten, die sich im Namen ihrer eigenen Mitglieder durch die Annahme eines Kompromisses, das ihnen wenig mehr als die Haelfte
der urspruenglichen Forderung einbrachte, mit den General Motors
einigten. Sie entschlossen sich hierzu, ohne die Automobilarbeitergewerkschaft zu Rate gezogen zu haben, deren General MotorsAbteilung sich zur gleichen Zeit im Streik befand.
In der Lohnkampagne des Jahres 1949 erklaerten die Anhaenger
der Kommunisten: "Die Stahl-, Automobil- und Elektroindustrie
wuerde eine unschlagbare Einheit bilden, die in der Lage waere,
ihre Loehne selbst zu bestimmen." Diese Forderung nach Einheit
war jedoch von einer kommunistischen Gewerkschaftspolitik begleitet, die ein gemeinsames Handeln unmoeglich machte. Ausserdem
sind Gewerkschafter realistisch genug, um zu wissen, dass sie angesichts der wirtschaftlichen Tatsachen ihre Loehne nicht selbst
bestimmen koennen.
Auf Grund dieser realistischen Einstellung billigen und unterstuetzen die Gewerkschafter die Auffassung, dass der Lebensstandard
des Volkes, auf lange Sicht gesehen, nur durch Reduzierung der
Gestehungskosten und durch die Versorgung mit mehr Waren zu niedrigeren Preisen verbessert werden kann. Sie sind der Auffassung,
dass reduzierte Gestehungskosten durch verbesserte Technologie
und bessere Produktionsverfahren, durch leistungsfaehipe Techniker
und Unternehmer ermoeglicht werden muessen. Gewerkschafter lehnen
es jedoch ab, den Arbeitern ungerechte Arbeitslasten aufzuerlegen.
Spaeter hielten es die Kommunisten fuer vorteilhaft, ueberspannte Lohnforderungen zu stellen. Was Lohn- und Vertragserfolge
betrifft, sind die kommunistisch beherrschten Gewerkschaften immer
nur dem Beispiel der allgemeinen Gewerkschaftsbewegung hinterhergeschickt. Nachdem sie jedoch nun mit eigenem Dampf fahren muessen,
koennen sie nicht mehr so viel erreichen. Ihre eigenen Vertraege
weisen keine sichtbaren Gewinne auf. Von den 86 Lohnabkommen der
kommunistischen Elektroarbeitergewerkschaft, die in der Zeit von
April bis August abgeschlossen wurden und vom Buero fuer Arbeitsstatistik zusammengestellt sind, finden sich in 5£ Abkommen kein.e
allgemeinen Lohnaufbesserungen; acht Vereinbarungen enthalten nur
Erhoehungen von einem bis drei Cents, in 17 Vertraegen werden die
Loehne um vier bis fuenf Cents erhoeht, und nur neun Abkommen sehen
Erhoehungen von sechs bis zehn Cents vor. Diese Lohnerfolge sind
weit von den 500-Dollar-Loehnen entfernt, mit denen sich die Fianktionaere der Elektroarbeitergewerkschaft vorzeitig ruehmten.
Nach den "Monatsberichten ueber Lohnentwicklungen" des Bueros
fuer Arbeitsstatistik zu urteilen, erging es den anderen kommunistischen Gewerkschaften nicht besser. In der Praxis ist es tatsaechlich
so, dass die Presse von einer Reihe Lohnkuerzungen berichten musste,
mit denen sich kommunistische Gewerkschaften einverstanden erklaerten. Dies hat sie jedoch keineswegs davon abgeschreckt, die AFL
und den CIO anzugreifen, weil sie angeblich "mit ihren Lohnforderungen zu langsam traeten."
Research Staff, Int. Ass. of Machinists
11/27/51

ITAT IEN -VIRD NICHT ".TS FRANKREICH UNTER STREIKS ZU LEIDEN HABEN
"Es ist den Lohnerhoehungen auf Grund der "Gleitenden Skala"
fuer Lebenshaltungskosten, die vor kurzem fuer drei Millionen Indu- 9-

�striearbeiter Italiens erzielt werden konnten, zu verdanken, dass
sich die Welle der Streiks und Arbeitsunruhen, die das wirtschaftliche Leben in Frankreich im Maerz voellig lahmlegte, in Italien
nicht wiederholen wird.
Diese zuversichtliche Prophezeiung wurde von Giulio Fastore,
dem langjaehrigen Gewerkschaftsfuehrer und Generelsekretaer des
maechtigen italienischen Gewerkschaftsbundes CISL, in einem inoffiziellen Interview ausgesprochen.
"Die wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Beziehungen zwischen den Arbeitern und den Unternehmern in Frankreich haben durch
das Fehlen einer Vereinbarung, wie sie die "Gleitende Lohnskala"
darstellt, die Lohnverhaeltnisse in kritischen Zeiten aeusserst
schwierig gestaltet. Die Streiks der letzten Wochen sind zweifellos durch die unguenstige Lage verursacht worden, in der sich die
franzoesische Arbeiterklasse angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten befand."
"Wenn in Frankreich eine Einrichtung zur automatischen Loesung dieses Problems bestanden haette, wie zum Beispiel eine
"Gleitende Lohnskala", waere es nicht zu einer so kritischen Lage
gekommen und die Kommunisten haetten nicht die Moeglichkeit gehabt, zur Erreichung ihrer eigenen umstuerzlerischen Ziele aus
den berechtigten Forderungen der Lonnempfaenger Kapital zu schlagen.
Als einflussreichster Gewerkschaftsfuehrer Italiens wird
Pastore auch als einer der bedeutendsten Kapazitaeten in der europaeischen Gewerkschaftsbewegung anerkannt. Im Jahre 19£0 organisierte er im Alter von 18 Jahren seine erste Gewerkschaft, und
seitdem kaempft er unablaessig fuer die europaeische Arbeiterschaft.
Von den Schwarzhemden Mussolinis unmittelbar nach dessen
Machtergreifung verfolgt, fuehrte er in den zwanziger Jahren der
Diktatur einen gefaehrlichen Krieg gegen den Faschismus. Als
Gruender und Herausgeber der geheimen Gewerkschaftszeitung
"Conquiste Sindicale" (Gewerkschaftliche Erfolge) wurde er im
April 1944 in Rom von den Nazis verhaftet und sollte in ein deutsches Konzentrationslager gebracht werden. GluecklicherWeise wurde er am 5. Juni 1944 von alliierten Truppen, die der 5. Armee
General Mark W. Clarks angehoerten, befreit.
Angesichts der Bemuehungen.Italiens zur Wiederingangsetzung
und Mobilisierung seiner Wirtschaft zur Sicherung der Verteidigung
gegen irgendwelche Aggressionsgelueste einer fremden Macht stellte
man Pastore die Frage, ob er glaube, dass die italienischen Kommunisten versuchen wuerden, sich agitatorisch zu betaetigen, um die
Verteidigungsmassnahmen zu sabotieren."
Nach kurzer üeberlegung gab Pastore vorsichtig zur Antwort,
indem er seine Worte genauestens ueberlegte: "Unser Gewerkscheftsbund fuehrt wichtige Verhandlungen mit der italienischen Regierung.
Wenn die Regierung unseren gerechten Forderungen nach einer aktiven Beteiligung der Arbeiterschaft an der politischen Wirtschaftspolitik in diesen verworrenen Zeiten stattgibt, werden sich zweifellos die Ereignisse in Frankreich hier nicht wiederholen koennen.
Wenn uns die Regierung dagegen kein Gehoer schenkt, zoegere ich,
irgendwelche Voraussagen zu machen."
"Glauben Sie, dass diese Streikwelle in Frankreich irgendwelche Nachwirkungen auf die Situation der Arbeiterschaft in Ita- 10 -

�lien haben wird?" wurde der italienische Gewerkschaftsfuehrer
sodann gefragt.
"Es besteht kein Zweifel," antwortete er, "dass die italienischen Kommunisten, wenn sich eine guenstige Gelegenheit hierzu
bietet, ebenso wie ihre franzoesische Kollegen handeln werden.
äs darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Moeglichkeiten
kommunistischer Machenschaften auf gewerkschaftlichem Gebiet in
Italien weit beschraenkter sind als in Frankreich.
AFL Weekly News Service
17/17/51
AMERIKANISCHE TARIFVERTRÄGE SEHEN STIPENDIUM VOR
Der althergebrachte Brauch, wonach der Sohn in die Fusstanfen
seines Vaters tritt und den gleichen Beruf waehlt, ist in den
Vereinigten Staaten niemals allzu ausgepraegt gewesen. Dieser
Brauch ist nun durch eine amerikanische Gewerkschaft der Elektroindustrie erneut durchbrochen worden.
Nach den Bestimmungen eines neuen Tarifvertrages, der zwischen der Ortsgewerkschaft Nr. 3 der Internationalen Elektroarbeitergewerkschaft (AFL) und der Elektroindustrie im Bezirk New York
abgeschlossen wurde, koennen die Soehne in ihrem Beruf viel weiter kommen als ihre Vaeter.
In dem Vertrag wird festgelegt, dass die Fabriken der Elektroindustrie, deren jaehrlicher Umsatz eine Million Dollar uebersteigt, ein Stipendium fuer den Besuch der Columbia-Universitaet
zur Verfuegung stellen. Diese Stipendien koennen nur Soehnen von
Mitgliedern der Ortsgewerkschaft zuerkannt werden, die an dem
Pensionsplan der Gewerkschaft beteiligt sind.
Diese Stipendien ermoeglichen ein sechsjaehriges Studium an
der Universitaet Columbia. Die ersten drei Studienjahre sind
den allgemeinbildenden Wissenschaften gewidmet, waehrend die uebrige Zeit dem Studium der Elektrotechnik vorbehalten ist. Jedes
Stipendium hat einen Wert von 4.260 Dollar.
Die Firmen, die Traeger dieses Planes sind, gehoeren dem
Gemeinsamen Industriellen Ausschuss der Elektroindustrie an. Zur
Zeit hat der Ausschuss zwei Jahresstipendien an der Universitaet
von Columbia vergeben. Man schaetzt, dass es mindestens 11 Firmen mit einem Jahresumsatz von 1.000.000 Dollar gibt^ Diese Stipendien geben somit zusammen mit den beiden bereits bestehenden
13 Soehnen von Gewerkschaftsmitgliedern die Moeglichkeit, im
Herbst ihr Studium an der Universitaet zu beginnen.
Der Dekan Lawrence Chamberlain von der Universitaet Columbia,
der mitgeholfen hat, die Einzelheiten fuer den StipendienDlan auszuarbeiten, teilte mit, dass sich bei einem Stipendienfonds von
1.500.000 Dollar und den gegenwaertigen Zinssaetzen die Gesamtjahreseinnahmen auf 55.000 Dollar belaufen.
Die jungen Maenner, die sich um ein Stipendium bewerben, werden auf ihre Kenntnisse und Feehigkeiten geprueft. Das Stipendium
deckt saemtliche Unkosten fuer Unterrichtsgelder, Buecher und Gebuehren. Aus der Liste der Bewerber werden 50 bis 60 fuer die
erste Pruefung ausgewaehlt. Die Besten muessen dann eine Universitaetsaufnahmepruefung ablegen, wonach den 13 Befaehigsten ein
Stipendium zugesprochen wird.
ECA Labor Information
111/20/51
- 11 -

�DA5KISCHE GEWERKSCHAFT IM DIENST DER ERWERBSTAETIGLN FRAU
Die daenische Gewerkschaft fuer weibliche Arbeiter ist die
einzige Gewerkschaft der Welt, der ausschliesslich weibliche
ungelernte Arbeitskraefte angehoeren. Sie feierte jetzt ihr
50-jaehriges Bestehen.
Diese Gewerkschaft konnte im Jahre 1903 ihren ersten Vertrag
abschliessen. Heute zaehlt sie 30.000 Mitglieder und ist die
viertgroesste der dem Daenischen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Gewerkschaften.
Die Gewerkschaft fuer weibliche Arbeiter hat in der Geschichte de'r daenischen Gewerkschaftsbewegung eine bedeutende Rolle gespielt. Durch feste Solidaritaet und intelligente Fuehrung hat
die Gewerkschaft es erreicht, dass der Beitrag, den die weiblichen Arbeiter zur daenischen Produktion leisten, von der Oeffentlichkeit anerkannt wird.
Die Gewerkschaft setzt sich aus 90 angeschlossenen Ortsgewerkschaftea zusammen. Ihre Mitglieder sind in der Eisen- und Metallindustrie, in Rundfunkfabriken, der Gummierzeugung, in Streichholzfabriken, der Konservenindustrie und Reinigungsberufen beschaeftigt.
Die Gewerkschaft begann ihre Arbeit mit einer Anleihe von
100 Kronen. Heute stehen gut organisierte Srwerbslosenversicherungen im Dienste ihrer Mitglieder, in Vertraegen sind annehmbare
Loshne und Arbeitszeit festgelegt und die Bueros sind in modernen,
gut eingerichteten Raeumen untergebracht.
Ueber die Bedeutung der daenischen Produktivitaetsausschuesse
befragt, erwiderte Frau Edith Olsen, die Vorsitzende dieser Gewerkschaft:
"Die Produktivitaetsausschuesse bedeuten den Anfang eines
neuen Zeitalters. Die Epoche der menschlichen Erscheinung, die
wie eine Maschine arbeitet, naehert sich schnell ihrem Ende. Die
Arbeiter in der Industrie sollen wieder Mensch sein und nicht blosse
Bestandteile der Maschinen."
In der 157 Jahre bestehenden Seilerei Jacob Holm &amp; Soehne in de
malerischen Hafenstadt Christianshavn, sind von 660 Arbeitnehmern
260 Frauen. Sie sind Mitglieder der oben genannten Gewerkschaft.
Frau Gerda Christiansen arbeitet in dieser Fabrik seit 43 Jahren.
"Ich begann hier im Jahre 1906," erzaehlt sie, "und damals
verdiente ich mit Muehe und Kot 10 Kronen in der Woche. Heute verdiene ich bei kuerzerer Arbeitszeit zwoelfmal soviel.
"Unsere Gewerkschaft war fuer uns von unschaetzbarem Wert.
Die Sicherheit, die sie uns bietet, ist ein unschaetzbarer Vorteil."
"Ich hoffe nur, dass die jungen Leute, die heute in die Industrie kommen, Verstaendnis fuer die vielen Opfer aufbringen, die
die ersten Gewerkschafter bringen mussten, um unsere Gewerkschaft
stark zu machen."
"Durch die Einfuehrung von Maschinen ist die schwere Arbeit
erleichtert und die Produktion gesteigert worden," sagt Frau
Christiansen, "sodass mehr Leute kaufen und die Arbeiter auch die
Zaren erwerben koennen, die sie erzeugen."
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�Der groesste Wunsch der arbeitenden Frau Daenemarks ist es,
fuer gleiche Arbeit gleichen Lohn zu bekommen. Gegenwaertig liegen die Loehne der Frauen im Durchschnitt um ein Drittel niedriger als die der Maenner. In einigen Industriezweigen, wie z.B.
der Textil- und Tabakindustrie, ist die Idee der gleichen Loehne
jedoch verwirklicht worden.
Sine andere bedeutende Aufgabe ist e3, die arbeitenden Frauen zur groesseren Aktivitaet auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiet zu erziehen. Dies geschieht durch die Bildungsabteilung der Gewerkschaftsbewegung, die gewerkschaftlichen Hochschulen
und das Frauensekretariat. Dieses setzt sich aus Vertretern aller
Gewerkschaften zusammen, zu deren Mitgliedern weibliche Arbeitnehmer gehoeren, ferner aus Delegierten des Frauenausschusses der
Arbeiterpartei (Sozialdemokratische Partei) und der Abteilung fuer
die Ausbildung weiblicher Betriebsraete.
Die Frauen unterstuetzen neben vielen anderen Dingen vor
allem die Idee einer staerkeren Vertretung ihres Geschlechts im
Parlament, damit die Probleme der Frauen des Landes besser anerkannt und verstanden werden koennen.
Erwerbstaetige Kuetter mit kleinen Kindern sind besonders an
der Arbeit fuer die Erweiterung der Sozialleistung fuer die Muetter neugeborener Kinder interessiert, die es ihnen ernoeglichen
soll, fuer die erforderliche Zeit zu Hause zu bleiben, um nicht
ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kinder schaedigen zu muessen.
Kurzarbeit ist ein weiteres Problem von grosser Bedeutung,
das von den Funktionaeren der Gewerkschaft als ein zweischneidiges
Schwert angesehen wird, da daraus geschlossen werden koennte,
dass in einer Zeit der Erwerbslosigkeit die weiblichen Arbeiter
zuerst entlassen werden sollten.
Und dabei arbeiten die Frauen in der Industrie nur deshalb,
weil sie den Verdienst einer vollen Arbeitswoche brauchen, um ihren
Kindern einen anstaendigen Lebensstandard und eine bessere Zukunft
bieten zu koennen. Bei den heutigen hohen Preisen kann mit einem
einzigen Wochenlohn kaum der Lebensunterhalt fuer eine Familie
bestritten werden, zu der Vater, Mutter und zwei oder mehr Kinder
gehoeren.
Allgemein gesagt, hat die erwerbstaetige Frau den Wunsch,
finanziell auf die gleiche Stufe mit ihren maennlichen Kollegen
gestellt zu werden.
ECA Labor Information
IV/13/51
U.S. Sonderbotschafter Milton Katz:
DER EUROPAEISCHE WIEDERAUFBAU
Die ebenso ruecksichtslose wie vielseitige Aggressionskampagne
der Sowjetunion und ihrer kommunistischen Nachlaeufer hat die freien Nationen Europas und Amerikas zur Wiederaufruestung gezwungen.
Die Wirtschaft Europas und Amerikas muss die Einwohner nicht nur
mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Wohnungen versorgen, sie muss
nicht nur das im Krieg zerstoerte wieder aufbauen und einen Teil
unserer Produktivitaet fuer neue Investierungen einsparen, um die
erzeugungstechnischen Moeglichkeiten unserer Zukunft zu sichern
und auszudehen, sondern sie muss sich auch der fundamentalen Verant- 13 -

�wortlichkeit unterziehen, unsere Verteidigungsstaerke zur Abwehr
der Aggression und zur Sicherung des Friedens aufzubauen.
Wir in Amerika sind ueberzeugt, dass diese Ziele erreicht
werden koennen, wenn wir alle unsere Hilfsquellen kraftvoll und
wirklichkeitsnah organisieren. Die wirksame Organisation unserer
Hilfsquellen fuer diese Zwecke stellt uns vor eine Reihe unendlich
vielseitiger und komplizierter Probleme. Nach amerikanischer Auffassung sind die beiden Grundelemente in dieser Organisation die
wirtschaftliche Vereinigung Europas und eine Steigerung der Produktionsleistung. Angesichts der Lage, in der sich Europa zur Zeit
befindet, stehen diese Grundelemente in enger Verbindung miteinander.
Wirtschaftliche Vereinigung und gesteigerte Produktionsleistung sind Worte, die wir oft gebraucht haben. Wir haben dabei
nicht immer verstaendlich gemacht, was wir eigentlich letzten Endes
damit meinen. Ich moechte erneut versuchen, ihre Bedeutung fuer
uns klarzulegen. Wenn wir von wirtschaftlicher Vereinigung sprechen, meinen wir die progressive Entwicklung eines einzigen grossen
Absatzmarktes fuer Europa. Dies wuerde bedeuten, dass es einer
europaeischen Hausfrau oder einem Arbeiter, Bauern oder Geschaeftsmann frei stuende, die besten Gueter zu kaufen, die irgendwo in
Europa hergestellt werden und zwar zum niedrigsten Preis, zu dem
sie in Europa erhaeltlich sind. Es wuerde fuer die Hersteller
oder Bauern ausserdem bedeuten, dass sie ihre Erzeugnisse irgendwo
in Europa verkaufen koennen.
Angesichts der Moeglichkeiten, die ein derartiger grosser
Absatzmarkt bietet, waere der europaeische Erzeuger oder Bauer
in der Lage, seine Produktion auf weite Sicht zu planen und zu organisieren. Auf diese Waise koennte er seine Produktionsleistung
steigern und es damit ermoeglichen, mehr 'vVaren zu niedrigen Preisen
zu verkaufen und gleichzeitig bessere Loehne zu zahlen.
Wenn wir von der Notwendigkeit einer Steigerung der Produktionsleistung sprechen, meinen wir damit, dass Arbeitskraefte, Kapital, Maschinen, Rohstoffe und der Faktor Zeit besser verwertet
werden muessen, um mit dem gleichen Aufwand an Anstrengungen mehr
7/aren herstellen und verteilen zu koennen. Hierzu ein Beispiel:
Europas Jahresproduktion belauft sich gegenwaertig auf rund 135
Milliarden Dollar. Wenn in Europa die Leistung pro Arbeitsstunde
und pro Arbeiter die gleiche waere wie in Amerika, so wuerde der
Wert der europaeischen Jahresproduktion 405 Milliarden Dollar ueberschreiten. Wenn sich die europaeische Produktionsleistung nur um
1/3 der Differenz zum amerikanischen Stand steigern wuerde, wuerde
dies bereits eine jaehrliche Erhoehung der Produktion um einen Wert
von 100 Milliarden Dollar bedeuten.
Wenn diese jaehrliche Steigerung der Produktion verwirklicht
werden koennte, waere es moeglich, dass das freie Europa fuer Wiederaufruestungszwecke 40 bis 50 Milliarden Dollar jaehrlich verwenden und gleichzeitig seinen Lebensstandard verbessern kann.
Ich moechte nun nicht behaupten, dass dies ueber Nacht zu erreichen
ist. Zu Anfang und auf kurze Sicht gesehen, duerften die Verteidigungsbemuehungen der Vereinigten Staaten und der freien Nationen
Europas in gewissen Sektoren zu Engpaessen fuehren. Aber auf lange
Sicht gesehen, sehen wir keinen Grund, warum die freien Nationen
Europas und Amerikas nicht in der Lage sein sollten, die Mittel
zur Verteidigung bereitzustellen, mit der eine Aggression verhindert und eine friedliche Zukunft gesichert werden kann, und gleichzeitig den Lebensstandard ihrer Bewohner zu verbessern.
14 -

�Ist eine solche Zielsetzung ungerechtfertigt? Im Jahre 1900
ar die Produktionsleistung pro Arbeiter und pro Arbeitsstunde
n Europa im wesentlichen die gleiche wie in den Vereinigten Staaen. Heute liegt diese Produktionsleistung ungefaehr zwischen
inem Drittel und einem Viertel der der Vereinigten Staaten,
enn damit begonnen wuerde, diesen Abstand zu verringern, duerfte
ierueber niemand gluecklicher sein als der Arbeiter. Gesteigere Produktionsleistung wird nicht nur bedeuten, dass mehr Waren
rzeugt und verkauft werden, sondern dass auch mehr Einkommen fuer
.en Verbrauch zur Verfuegung steht. Sie werden zu wissen wuenschen,
de dieses gesteigerte Einkommen verteilt wird. In allen demokra.ischen Laendern wird heute die Aufgabe der freien Gewerkschaften
verkannt,
einen gerechten Anteil aus den gesteigerten Einkomlen fuer die Arbeiter zu erkaempfen. Ich bin ueberzeugt, dask es
inerkannt wird, dass es ebenfalls Aufgabe der freien Gewerkschaften
.st, mitzuhelfen, dieses erhoehte Einkommen durchzusetzen.
Niemand anders als der Arbeiter hat durch gesteigerte Produkiionsleistung
mehr zu gewinnen, aber auch niemand hat mehr zu
r
erlieren, wenn die Bemuehungen fehlschlagen. Aus allem, was ich
gesagt habe, werden Sie ersehen, dass nach unserer Auffassung die
loehere Produktionsleistung mit einer hohen und stabilen Beschaefiigung und einer sich ausdehnenden Wirtschaft verbunden ist. Und
:war deshalb, weil wir an die ureigene soziale Bedeutung der allgemeinen Entwicklung gesteigerter Produktionsleistung denken. In
lieser Hinsicht schafft sie mehr Arbeitsplaetze, groessere sozia.e Sicherheit, mehr Aufstiegsmoeglichkeiten und ein reicheres und
rielseitigeres Leben.
Manchmal besteht jedoch noch immer die Befuerchtung, dass
loehere Produktionsleistung die Beschaeftigungsmoeglichkeiten verlindern koennte. Es gibt eine Situation, in der sich diese Be'uerchtung bewahrheiten koennte. Diese Situation waere gegeben,
Kenn die Äbsatzmaerkte trotz hoeherer Produktionsleistung beschraenkt
vaeren. Wenn eine derartige Situation eine groessere Arbeitslosigkeit
tach sich zieht, ist es von hoechster Wichtigkeit, dass man den
rehler und die Quelle allen Uebel's sofort erkennt. Der Fehler liegt
In der Einengung der Äbsatzmaerkte und nicht in der Steigerung der
'roduktionsleistung. Wenn Ihre Schuhe zu eng sind, werden Sie
)eim Gehen Schmerzen verspueren. Abhilfe schafft man, indem man
»eitere Schuhe verwendet, aber nicht, indem man stillsteht.
Ich habe hervorgehoben, wie ein hoeherer Lebensstandard und
lie Erweiterung der Äbsatzmaerkte fuer Europa von der hoeheren
Produktionsleistung abhaengig sind. Folglich muss ein Programm
sur Steigerung der Produktionsleistung auf die Erweiterung der Abäatzmaerkte im In- und Ausland abgestimmt sein.
Durch die OEEC und die Europaeische Zahlungsunion, die diese
Organisation schuf, werden wesentliche Fortschritte zur Beseitigung der Zollschranken und zur Erweiterung der Äbsatzmaerkte ersielt. Dieser Mechanismus wurde, wie Sie wissen, von den Regierun;en der Marshallolan-Laender in Zusammenarbeit mit der OEEC und
ait Unterstuetzun* der ECA ins Leben gerufen.
Durch die Europaeische Zahlungsunion koennen die Waehrungen
ier Marshallplan-Laender ausgetauscht werden. In den betreffenden
Jebisten ist bereits die groesste Schwierigkeit der blockierten
Gehrungen, die ursnruenglich durch Hitler und Mussolini populaer
vurden, verschwunden. Ebenso verhaelt es sich mit den Handelsquo;en, einem wirtschaftlichen Aspirin, das die Gunst der Autarkisten
;enoss. Im allgemeinen haben sich die Mitgliedstaaten der Europae- 15 -

�ischen Zahlungsunion mit der Bestimmung einverstanden erklaert,
dass 75% ihrer Importe, die frueher den einschraenkenden Bestimmungen der Handelsquoten unterlagen, in Zukunft nicht mehr diesen Beschraenkungen unterworfen sein sollen.
Ausser der Europaeischen Zahlungsunion und den Massnahmen
zur Beseitigung der Handelsquoten koennen wir als einen weiteren^
hoechst konstruktiven Schritt zur wirtschaftlichen Vereinigung
Europas den Schuman-Plan nennen, mit dem die Kohle- und Stahlquellen von sechs Maechten zusammengelegt werden sollen und der
vor kurzem in Paris paraphiert wurde.
In Amerika ist der Schuman-Plan als ein wichtiger konkreter
Schritt zum Aufbau eines starken und geeinten Europas weitgehend begruesst worden, eines Europas, das in der Lage ist, sich
selbst zu verteidigen, und seinen Menschen wirtschaftlichen Fortschritt zu bieten.
Die Staatsmaenner Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Belgiens, Hollands und Luxemburgs sind dazu zu beglueckwuenschen,
dass sie einsichtsvoll und stark genug waren, gegenseitig die
Opfer zu bringen, die notwendig1 sind, um diese wirtschaftliche
Vereinigung zum Wohle Europas zustandezubringen.
ECA Labor Information (OßR 256
INTERNATiaJALES SEKRETARIAT DER LEHRER GEPLANT
Massnahmen zur Errichtung eines internationalen Berufssekretariates fuer Lehrer wurden am 22. April von Delegierten der Gewerkschaftsorganisationen fuer Lehrer getroffen, die am Weltkongress fuer Geistesarbeiter teilgenommen hatten. Die Sitzung begann in Bruessel am 21. April.
Die Lehrer bildeten einen Ausschuss, der die Aufgabe hat,
Informationen ueber gewerkschaftliche Organisationen der Lehrer
zusammenzutragen und sich die Zusammenarbeit bei der Errichtung eines Berufssekretariats zu sichern. Mitglieder des Ausschusses
sind Van der Moertel, Belgien, Irvin R. Kuenzli, Ü.S.A., und Gilbert Walusinski, Frankreich, der die Gewerkschaft Force Ouvri*re
vertritt, die beauftragt ist, die naechste Konferenz der interessierten Organisationen im August dieses Jahres zu organisieren.
Die Lehrer der Welt bilden damit die erste Gruppe Gewerkschafter, die positive Schritte unternommen haben, um das Programm
fuer die Weltorganisation der Geistesarbeiter durchzufuehren, das
auf dem Weltkongress in Bruessel festgelegt wurde. Der Weltkongress hatte den Anschlug an bereits bestehende Berufssekretariate
oder die Organisation neuer Sekretariate dort gefordert, wo bis
jetzt- noch keine bestanden.
Zwei internationale Lehrerorganisationen waren auf der Konferenz in Bruessel vertreten: Die Internationale Foederation der
Lehrergewerkschaften und der Internationale Verband der- Hochschullehrer. Die amerikanische Lehrergewerkschaft ist diesen beiden
Organisationen angeschlossen.
Eine dritte internationale Organisation, die nicht-gewerkschaftliche organisierte Weltorganisation der Lehrer, duerfte ebenfalls aufgefordert werden, sich dem geplanten Berufssekretariat anzuschliessen, damit alle Lehrer der Welt von einem Sprecher bei
der Unesco und anderen Weltorganisationen vertreten werden koennen.
ECA Labor Information LI 613
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mittflieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
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IV - 18

Frankfurt, 4... Mai 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Amerikanische Studie ueber Arbeitnehmer-ArbeitgeberBeziehungen im Ausland - - - - - - - - - - - - - -

1

Wahre Worte einer aegyptischen Zeitung

- - - - - - -

2

- - - - - - - -

3

Amerikanische Stimmen zur Mitbestimmung - - - - - - -

6

Die Arbeitspolitik in Sowjetrussland

Der amerikanische Eisenbahnerstreik von der gewerk- f
schaftlichen Seite gesehen - - - - - - - - - - - 8
Die 1. Mai-Idee stammt aus dem "kapitalistischen"
Amerika
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 0
Das Wohnbauproblem in Frankreich

- - - - - - - - - -

n.

Amerikanische Gewerkschaften protestieren gegen die
Einwanderung mexikanischer Arbeiter

-------13

New Yorker Gewerkschaftsrat plant Bildungslehrgang
Das Los der Arbeiter hinter dem Eisernen Vorhang

- 15
- - 16

AMERIKANISCHE STUDIE ULBSR ARBEITNEHMER-ARBEITGl^SR-BEZIEKUNGEN
IM AUSLAND"
Die Bedingungen, unter denen sich die Wechselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern in Gross-Britannien, Frankreich und Schweden entwickelt haben, bilden Gegenstand einer Abhandlung, die vor kurzem vom Forschungsausschuss fuer Wirtschaftliche Sicherheit in Chikago veroeffentlicht wurde.
Die Geschichte dieser Laender, heisst es in dem Bericht, spiegelt die drei Moeglichkeiten der gewerkschaftlichen Entwicklung
- 1-

�wider. Das englische Beispiel zeigt die Entwicklung einer LabourPart9i, mit deren Hilfe die Gewerkschaften in der Lage sind, ihren
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Forderungen Nachdruck
zu verleihen.
In Frankreich sehen wir die Entwicklung einer "Volksfront",
die sich nicht nur auf den Industriearbeiter, sondern auch auf den
Bauern, den Geistesarbeiter und den Geschaeftsmann erstreckt.
In Schweden dagegen haben sich stark zentralisierte Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen entwickelt.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung, so berichtet der
Ausschuss, koenne innerhalb der Regierung niemals die gleiche Bedeutung erlangen wie die Gewerkschaften in Frankreich und GrossBritannieh.
Auch das Unternehmertum sei als zentrale TarifVerhandlungspartei weniger organisiert als die Arbeitgeber in den drei obengenannten Laendern.
Die Abhandlung ueber 'Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehnern gehoert zu einer Reihe von "Studien ueber Soziale Sicherheit im Ausland", die von dem Forschungsausschuss fuer
Wirtschaftliche Sicherheit veroeffentlicht wurden. Der Vorsitzende
des Ausschusses, Gerhard Hirschfeld, erklaert in diesem Zusammenhang: "Welche Form der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern sich in unserem eigenen Lande auch entwickeln
wird, sie wird ausgesprochen amerikanisch mit eigenen charakteristi
sehen Merkmalen, Abaenderungen und Angleichungen sein. Aber ungeachtet dieser amerikanischen Form wird der Einfluss der Regierung
immer vorherrschend sein, wenn sich eine Labour-Partei oder eine
Volksfront entwickelt. Wenn dagegen die Entwicklung dem schwedischen Beispiel folgt, wird die Rolle der Regierung von geringerer
Bedeutung sein."
Der Forschungsausschuss ist eine aus privaten Mit.teln finanzierte Forschungs- und Bildungsorganisation, die ausschliesslich
Studien ueber Probleme sozialer .und wirtschaftlicher Art gewidmet
ist. Sie hat in den letzten fuenf Jahren ueber 80 Abhandlungen
ueber verschiedene Aspekte der sozialen Sicherheit veroeffentlicht,
die von der Industrie, den Gewerkschaften, den Universitaeten und
Gemeinschaftsgru?pen des ganzen Landes verwendet werden.
Labor Information Bulletin

17/51
WAHRE WORTE EINER ÄGYPTISCHEN ZEITUNG
Ein Ereignis in Aegypten ist von fast allen amerikanischen
Zeitungen uebsrsehen worden und wurde selbst in der "New York
Times" nur beilaeufig erwaehnt, die sich ruehmt, alle Nachrichten
aus dem Ausland zu bringen. Und doch ist diese Mitteilung fuer
jeden von grosser Bedeutung, der den Wunsch hat, die Welt fuer
die Demokratie zu retten.
Die mutige aegyptische Zeitung "Akhbar El Yom" setzte sich
ueber die Zensur hinweg und veroeffentlichte einen Leitartikel,
in dem sie erklaert, dass die "verschwenderische Lebensweise" der
Grossagrarier Ägyptens hauptsaechlich fuer das Anwachsen des Kommu
nismus in diesem Lende verantwortlich sei.
- 2-

�Aegypten war einst eine grosse Nation und hat eine "reiche
Geschichte", heisst es in dem Artikel weiter. Was die ganze
Welt jedoch jetzt von Aegypten hoert, sind lediglich Berichte
ueber die grossen Ausgaben wohlhabender Aegypter auf ihren Reisen
ins Ausland. Inzwischen "bildet die weite Kluft zwischen dem
Reichen und dem Armen den Ansatzpunkt fuer den Kommunismus in
Aegypten. Die Reichen besitzen den groessten Teil des Bodens.
Die Fellachen bearbeiten ihn fuer unglaublich niedrige Loehne.
Das durchschnittliche Jahrsseinkommen in Aegynten betraegt weniger als 45 Dollar."
"Der scharfe soziale und wirtschaftliche Klassenkontrast
und die ungeheure Armut der Massen ist eine offene Einladung an
den Kommunismus, hier seine Zersetzungsarbeit zu starten."
Es ist eine Genugtuung im fernen Aegypten eine Zeitung zu
sehen, die etwas sagt, was in der amerikanischen Gewerkschaftszeitung "Labor" haeufig betont wurde: dass Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit und insbesondere das feudale Grossagrariertum den Naehrboden bilden, auf dem dir- Kreml seine Saat des Kommunismus pflanzen und zuechten kann.
Kein Land, das seinen Menschen einen anstaendigen Lebensstandard und irgendeine Hoffnung auf eine bessere Zukunft bietet,
braucht die Kommunisten zu fuerchten. Sie haben nur dort Chancen,
wo heute Armut ist und fuer morgen keine Hoffnung besteht. Mit
anderen Worten nur dort, wo, wie in Aegypten, eine Welle der
Niedergeschlagenheit ueber das Volk hereingebrochen ist. Und
AegyDten ist nicht das einzige Land, wo dies der Fall ist.
Selbst das grosse und reiche Amerika kann es sich niemals
leisten, diesen Lehrsatz zu vergessen.
Labor IV/21/51
DIE ARBEITSPOLITIK IN SOW JETRUSS LAND
Die Arbeitspolitik, die die Sowjetregierung im Jahre 1929
singefuehrt und bis heute fortgesetzt hat, ist durch "Peitschen
.ind Zuckerbrot" gekennzeichnet. Zugesteendnisse, Belohnungen
and Vorrechte sind den besten Facharbeitern vorbehalten, waehrend
lie Mehrheit durch die Peitsche des Hungers und der Bestrafung
ingetrieben wird.
Mit diesen Worten beschreibt Wladimir Gsowski die sowjetische
^rbeitsoolitik, der auf diesem Gebiet ein Experte ist und als
..eiter der Abteilung fuer Rechtswesen im Ausland in der Kongress&gt;uecherei in Washington taetig ist. Im "Monthly Labor Review"
lat er in zwei Artikeln die sowjetische Arbeitsgesetzgebung ana.ysiert. Dr. Gsowski beginnt seinen Artikel, indem er eine sowjetische Behoerde zitiert, die im Jahre 1920 folgendes schrieb:
'Sow'etrussland
weiss nichts von irgendeinem Arbeitsvertrag oder
r
on irgendwelchen gesetzlichen Beziohungen, die im allgemeinen
;it dem Begriff des Arbeitsvertrages verbunden sind. Pflicht
.st in Sowjetrur-sland die Grundlage der Arbeitsbeziehungen."
Der russische Arbeiter hat mit anderen Worten keine Rechte,
ondern nur Pflichten. Diese Auffassung hat zum Erlass einiger
rbeitsgesetze gefuehrt, die, Dr. Gsowski zufolge, "bestrafenden
nd keinen schuetzenden Charakter" haben.
- 3 ^

�Er faehrt mit der Feststellung fort, dass die Beziehungen
zwischen dem einzigen Arbeitgeber, naemlich dem Staat, und den
Arbeitern in Russland genau festgelegt und statisch \md nicht wie
in demokratischen Laendern fluessig sind.
"Behoerden der Regierung, die sich geschaeftlich betaetigen,
arbeiten auf "kommerzieller'' Basis und erfreuen sich einer formellen Unabhaengigkeit. Sie gehen miteinander Vertraege ein. Aber
vorgesetzte Dienststellen legen ihrer Unabhaengigkeit endgueltige
Beschraenkungen auf, ohne die fortgesetzte Kontrolle durch die
Geheimpolizei und die kommunistische Partei zu erwaehnen."
Dr. Gsowski erklaert ferner, dass es unter dem sowjetischen
System keinen garantierten Mindestlohn gibt. Es bestehen grosse
Unterschiede in Bezug euf Loehne und Praemien, die den Zweck haben,
den Wettbewerb und die Leistungsfaehigkeit anzuregen. Der Arbeiter muss eine'bestimmte Leistungsnorm erreichen. Wenn ihm dies
nicht gelingt, wird sein Lohn gekuerzt, und er wird nach der Menge
und Qualitaet seines Ausstosses bezahlt. Praemien sind fuer diejenigen bestimmt, die die normalen Leistungsnormen ueberschreiten.
Dr. Gsowski erklaert in diesem Zusammenhang: "Unter solchen
Verhaeltnissen ist es offensichtlich, dass es ebenso leicht zu
Konflikten kommen kann wie in einem kapitalistischen Staat. Unter dem sowjetischen Regime besitzt die Arbeiterschaft jedoch
nicht jene wirksame Waffen, mit denen sie sich, wie in der kapitalistischen Welt, zu schuetzen vermag."
Stalin erklaerte im Jahre 1934: "Die gleiche Berechtigung
in bezug auf Forderungen und persoenliches Leben ist reaktionaer
und kleinbuergerlicher Unsinn."
Die grossen Unterschiede in den Loehnen, die an die zahlreichen Kategoiien der Arbeiter gezahlt werden, haben sich jedoch zusammen mit den grossen materiallen Belohnungen fuer Tuechtigkeit
und Schnelligkeit als ungenuegenden Anreiz zu guter Arbeit erwiesen
Deshalb hat das Regime schwere Strafen fuer Abwesenheit vom Arbeits
platz und zu geringe Arbeitsleistung angedroht. Dr. Gsowski nennt
einige dieser Strafen: "Die Unternehmer koennen die Arbeiter bestrafen, wenn sie am Arbeitsplatz "herumlungern". Bei Abwesenheit
und Verlassen des Arbeitsplatzes ohne Genehmigung werden sie gerech
lieh verfolgt. 10 bis 25 Jahre Zwangsarbeitslager mit oder ohne
Konfiszierung des Eigentums koennen fuer Diebstahl von Regierungseigentum oder des ihrer Behoerden verhaengt werden. Beschaedigungen von Werkzeugen, Rohstoffen, Brennstoff und selbst an der Arbeitskleidung werden, wenn sie durch die Nachlaessigkeit des Ar-)
beitnehmers verursacht sind, mit Abzuegen von Lohn bestraft, die
unter Umstaenden das zehnfache des Wertes des beschaedigten Gegenstandes ausmachen koennen."
"Mit zwoelf Jahren koennen Kinder in Betriebs-*- und Berufsschulen eingewiesen werden, in denen militaerische Disziplin herrscht.
Ein Arbeiter, der mehr als 20 Minuten zu spaet zur Arbeit kommt,
,kann entlassen werden. Der Arbeiter darf seine Beschaeftigung nict
ohne Erlaubnis aufgeben, und wenn er es trotzdem tut, kann er mit
Gefaengnis bis zu vier Monaten und in Ruestungsindustrien bis zu
acht Jahren bestraft werden. In einigen Irdustriezweig'en kann der
Unternehmer,ohne das Gericht zu verstaendigen, Gefeengnisstrafen bj
zu £0 Tagen verhaengen. Maennliche und weibliche Arbeitskraefte
koennen zur Ausbildung in Berufsschulen herangezogen werden und
muessen danach in Fabriken arbeiten, die vom Ministerium fuer Arbeitskraftreserven bestimmt werden. Akademiker haben nach Verlasse
der Universitaet nicht das Recht, ihren Arbeitsplatz selbst auszusi
- 4-

�Dr. Gsowski zitiert sowjetische Behoerden, um zu zeigen,
dass, wie Dogadow im Jahre 1949 schrieb, "in einem sozialistischen
Staat kein Unterschied in Prinzip und Qualitaet zwischen verpflichteten und freiwilligen Arbeitskraeften besteht."
Betriebsleiter in staatseigenen Betrieben sind aehnlichen
schweren Strafen unterworfen, wenn sie keinen Gewinn aufweisen
und die Quoten des Fuenf jj&amp;hresplanes nicht erfuellen koennen.
Deshalb treiben sie ihre Arbeiter bis zur Grenze menschlicher Ausdauer an. Den Arbeitern steht keine Zuflucht offen, sagt Dr.
Gsowski, weil "alle Einrichtungen, mit denen die Arbeiter in einer
demokratischen Welt ihre Ziele verteidigen koennen, wie z.B. Gesetzgebung, Gerichte, Verwaltungsbehoerden, Presse und Gewerkschaften, in Sowjetrussland immer Behoerden des Arbeitgebers, d.
h. des Staates sind. Gewerkschaften werden als eine Waffe der
Regierung betrachtet, und sie dienen ausschliesslich deren Interessen. "
Das Zentralkomitee der sowjetischen Gewerkschaften wurde im
Jahre 1933 offiziell zur Regierungsorganisation erklaert. Damit
war die Beseitigung der letzten'Spur gewerkschaftlicher Unabhaengipkeit und des repraesentativen Charakters der Gewerkschaften, selbst
nach der Auffassung der sogenannten "sowjetischen Demokratie",
besiegelt. Das Gesetz schreibt vor, dass dieses Komitee vom Kongress der Gewerkschaften gewaehlt werden muss, aber nach 1932
wurden 17 Jahre lang keine derartigen Kongresse mehr abgehalten.
Als ein Kongress im Jahre 1949 zusammengerufen wurde, gab es keinerlei Erklaerung fuer diese Verzoegerung; der Kongress war eine
erneute Bestaetigung der Tatsache, dass die gesamte Kontrolle
ueber die Regierung und die Gewerkschaften in den Haenden der
kommunistischen Partei liegt, und dass es die Aufgabe der Gewerk3Chaften ist, die Produktion zu steigern. Der Passus "die Pflicht,
iie Interessen des arbeitenden Volkes wahrzunehmen," der im Jahre
L922 akzeptiert worden war, wurde nicht in die Satzungen aufgenommen, die vom Gewerkschaftskongress im Jahre 1949 gebilligt wurden.
"TarifVerhandlungen, die im Arbeitsgesetz von 1922 vorgesehen
varen, wurden im Jahre 1933 fuer ueberholt erklaert. Im Rahmen
ler ruecksichtslosen Unterwerfung verwischten die sowjetischen
?uehrer die letzten Spuren von Vertraegen in den Beziehungen zwischen den kommunistisch beherrschten Gewerkschaften und den dem
Staat unterstellten Unternehmern. Im Jahre 1947 wurde jedoch befohlen, neue Tarifvertraege abzuschliessen. Diese neue Politik
var jedoch weit davon entfernt, neue freie Tarifverhandlungen einsufuehren. Die neuen Bestimmungen besagen, dass Loehne, Stueck.ohntarife und Praemien, wie sie von der Regierung festgelegt sind,
Ln die Tarifvertraege aufgenommen werden muessen. Lohnfragen sind
&gt;ei
den Tarifverhandlungen ausgeschlossen. Die Bestimmungen der
r
ertraege sind als Verordnungen anzusehen."
Dr. Gsowski weist sodann darauf hin, dass das Arbeitsgesetz
on 1922 niemals offiziell widerrufen wurde. Nach der totalitaeren
Ulffassung von den Befugnissen einer Regierung kann ein Gesetz und
leibst eine Bestimmung der Verfassung durch einen Erlass der Verwaltungsbehoerden ausser Kraft gesetzt werden.
r

In der sogenannten "Stalin"-Verfassung aus dem Jahre 1936 war
;.B. der siebenstuendige Arbeitstag vorgesehen. Im Jahre 1940
rurde jedoch vom Obersten Sowjet der Acht-Stundentag durch Erlass
ngeordnet. Die Verfassung wurde jedoch erst sieben Jahre spaeter
n diesem Sinne abgeaendert. In Wirklichkeit arbeiten die russi- 5-

�sehen Arbeiter natuerlich laenger als acht Stunden am Tage, aber
Ueberstunden werden angeblich auf "freiwilliger" Basis geleistet.
Unter einem Regime, in dem die Gesetze und selbst die Verfassung von irgendeiner Zentralbehoerde der Regierung abgeaendert
werden koennen, haben die Gesetze keine wirkliche Gewalt und
keinen Wert, sie bieten den Buergern keinen Schutz.
Ebenso ist ein System, das dem Betriebsleiter gestattet,
einen Arbeiter auf 20 Tage ins Gefaengnis zu schicken, weil er sich
weigert, eine andere Arbeit anzunehmen, ein System der Sklaverei.
Die Artikel Dr. Gsowskis in "Monthly Labor Review" stuetzen
sich auf offizielle sowjetische Dokumente, die meistens zitiert
werden. So ist die Geschichte dessen, was sich bei den sowjetischen Arbeitern ereignet hat, nicht nur von Tausenden von Fluechtlingen aus Laendern hinter dem Eisernen Vorhang, nicht nur von
Feinden des Kommunismus allein, sondern auch in der unverbluemten
Sprache der kommunistischen Fuehrer wiedergegeben.
Dr. Gsowski behandelt in seinen Artikeln nicht das Thema
Zwangsarbeitslager. Er erzaehlt nur von der sogenannten "freien"
Arbeiterschaft in Sowjetrussland. Er beweist in ueberzeugender
Weise, dass selbst die russischen Arbeiter ausserhalb der Zwangsarbeitslager von der Freiheit, wie wir sie in demokratischen Laendern kennen, weit entfernt sind.

In diesem Sinne haben die sowjetischen Gewerkschaften am 1.
Mai die Siege feiern muessen, als die Arbeiter zum Roten Platz
gefuehrt wurden, wo sie das Lob fuer ihre Fuehrer und fuer alles,
was sie fuer sie getan haben, hinausschreien muessen. Diese sklavischen Arbeitsbedingungen moechten die Kommunisten nur allzu gern
auch der uebrigen Welt auferlegen.
Program Services Section IV/18/5
AMERIKANISCHE STIMMEN ZUR MITBESTIMMUNG
Die Debatten im westdeutschen Parlament und die Massnahmen
des Bundestages zur Mitbestimmung in der Stahl- und Kohleindustrie
haben in den Vereinigten Staaten lebheftes Interesse erweckt.
Im allgemeinen sehen interessierte Amerikaner in der Mitbestimmung eine neue zur Stellungnahme herausfordernde Idee, die
Meinungen selbst sind jedoch verschieden. Die Gewerkschaften nehmen in dieser Frage im allgemeinen eine fuer den deutschen Arbeiter
guenstige Haltung ein, auf die Geschaeftswelt dagegen hat die Nachricht von der Einfuehrung des Mitbestimmungsrechtes alarmierend
gewirkt, und politische Wissenschafter sind der Ansicht, dass sehr
vieles zu den Argumenten beider Seiten zu sagen weere.
Offiziell haben die Vereinigten Staaten in Uebereinstimmung
mit ihrer traditionellen Methode, jede Einmischung in die inneren
Angelegenheiten anderer Laender zu vermeiden, eine objektive und
unparteiische Haltung gezeigt. Die amerikanischen Besatzungsbehoer
den genehmigten, dass das in seinen Konsequenzen aehnliche Betriebs
raetegesetz versuchsweise in Hessen und Wuerttenberg-Baden eingefuehrt wurde, als vor einem Jah in diesen Laendern hierauf gedrungen wurde. Der Hochkommissar John J. McCloy ist der Auffassung,
dass die Mitbestimmung ein Problem ist, ueber das die westdeutsche
Demokratie selbst entscheiden muss.
- 6-

�Die amerikanischen Wirtschafts- und Handels-Veroeffentlichungen haben sich in Leitartikeln gegen die westdeutschen gewerkschaftlichen Forderungen zur Verwirklichung des Mitbestimmungsrechtes mit der Begruendung gewendet, dass eine ununterbrochen
leistungsfaehige Betriebsleitung auf dieser Basis unmosglich waere,
und sie haben versichert, dass die Gewerkschaften zwar die erforderliche Autoritaet, aber nicht die im Vergleich hierzu ebenso
wichtige finanzielle Verantwortung besaessen. Die Nationale Unternehmervereinigung (KAM)) eine private Organisation von Geschaeftsleuten, hat kuerzlich die Warnung ausgesprochen, dass
s^ch die amerikanischen Investoren wahrscheinlich weigern würden,
Geld in der deutschen Industrie zu investieren, wenn das Mitbestimmungsrecht auf breiter BasLs verwirklicht wuerde.
Die Gewerkschaften dagegen befuerworten im allgemeinen die
neue Idee, wobei die katholischen Gewerkschaftszeitungen, die
darin einen Mittelweg zwischen Sozialisierung und freier Wirtschaft sehen, die staerksten Anhaenger der Mitbestimmung sind.
Die Frage der Mitbestimmung war jedoch fuer die amerikanischen Gewerkschaften insofern kein brennendes Problem, als sie
niemals besonders bedacht darauf waren, Funktionen der Unternehmer
zu uebernehmen, soweit es sich nicht um Loehne, Arbeitszeit und
Arbeitsbedingungen handelt. Auf diesen Gebieten hatten die amerikanischen Gewerkschaften bekanntlich besonders grosse Erfolge,
indem sie die Unternehmer zwangen, ihren Forderungen stattzugeben.
Die amerikanischen Gewerkschaften haben sich dagegen fuer die
Schaffung sogenannter nIndustrieraeten eingesetzt, die den in
Deutschland im Rahmen des Mitbestimmungsrechtes vorgeschlagenen
Aufsichtsraeten aehnlich sind. Auch sie bestehen aus elf Mitgliedern, von denen fuenf von den Gewerkschaften und fuenf von den
Aktionaeren ernannt werden, waehrend das elfte Mitglied von den
zahn anderen zum Vorsitzenden gewaehlt wird.
Die Forderung der deutschen Gewerkschaftsbewegung auf Mitbestimmung wurde von dem Europavertreter des CIO, Victor C. Reuther,
nachdruecklich unterstuetzt, der vor kurzem sein Buero in Paris,
Boulevard Haussmann Nr. 32, eroeffnete.
"Nach den bitteren Erfahrungen der Nazizeit," so erklaerte
Reuther in einer offiziellen Verlautbarung, "sind wir der Ueberzeugung, dass die deutschen Arbeiter berechtigt sind, eine genuegende demokratische Kontrolle ueber die Leitung ihres eigenen innerdeutschen Wirtschaftslebens zu verlangen, um sich gegen die
Machtgier einer selbstsüchtigen Minderheit deutscher Grosskapitalisten zu schuetzen, deren Einstellung zur Demokratie, um es
milde auszudruecken, zum mindesten aeusserst verdaechtig ist."
Gleichzeitig beschuldigte Reuther die Nationale Unternehmervereinigung Amerikas ihrer "reaktionaeren Launen" in ihrer Kampagne
gegen das Mitbestimmungsrecht. "Diese Vereiniggung", erklaerte er,
"spricht weder in dieser Angelegenheit noch in anderen fuer das
amerikanische Volk. Und sie spricht gewiss nicht fuer die 16 Millionen Arbeiter, die ia CIO und der AFL organisiert sind und die fuer
die freie Gewerkschaftsbewegung Europas den Wunsch haben, dass sie
ihre eigenen Wege zur Verwirklichung einer wirtschaftlichen Demokratie geht."
"Das amerikanische Volk," fuhr Reuther dann fort, "hat den
verantwortungsbewußten Standpunkt eingenommen, dass es die Ver- 7-

�pflichtung hat, den durch den Krieg verwuesteten und wirtschaftlich
unterentwickelten Gebieten der Welt zu helfen. Wir sehen in dieser
Verpflichtung eine natuerliche Folge unserer bevorzugten wirtschaftlichen und geographischen Lage. Wir glauben nicht, dass
wir das Recht haben, von der uebrigen Welt zu verlangen, dass sie
als Gegenleistung fuer die wirtschaftliche Hilfe das amerikanische
Beispiel der wirtschaftlichen Neuorganisation
als Vorbild ansieht.
Wir betrachten diese Hilfe nicht als eine T«Vohltaetigkeit, sondern
als eine kluge Investierung fuer den V/eltfrieden."
"Wir muessen auf die
N Abschliessend sagte Victor Reuther:
verstaendnisvolle Einsicht der europaeischen Arbeiter rechnen,
zwischen den reaktionaeren Launen der Minderheit einer Unternehmervereinigung und der Entschlossenheit des amerikanischen Volkes zu
unterscheiden, den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Welt zu unterstuetzen, ohne den freien Voelkern vorschreiben zu wollen, wie sie
ihr Leben im einzelnen innerhalb des Rahmens dieser erforderlichen
Freiheit gestalten sollen."
Wirtschaftspolitiker der Vereinigten Staaten haben im allgemeinen eine unparteiische und beobachtende Haltung eingenommen.
Einige von ihnen haben jedoch auf einige etwaige Gefahren des Mitbestimmungsrechtes hingewiesen. Sie meinen, dass es sowohl von
Unternehmern als auch von Arbeitern bewusst missbraucht werden
koennte, wenn sie sich zu ihrem eigenen Vorteil auf Kosten der Verbraucherschaft zusammenschliessen. Sie erklaeren ausserdem, die
Mitbestimmung koenne den Weg zum Staendestaat ebnen und ihn damit
totalitaeren Maechten von rechts oder links in die Kaende spielen.
Labor News from the US
17/27/51
DER A?FERIKANISSHE EISENBAHNIRSTRBIK VCN DER GEWERKSCHAFTLICHEN
SEITE GESEHEN
Der erste einer Serie Artikel, die in Gewerkschaftszeitungen
unter der Ueberschrift "Warum Eisenbahnarbeiter krank werden", erscheint, wird in der Mai-Ausgabe des "Liberty Magazine" veroeffentlicht.
Diese Zeitschrift hat sich neuerdings vorgenommen, auch
den Gewerkschaften die Moeglichkeit zu geben, ihren Standpunkt vor
der Oeffentlichkeit zu vertreten.
Dieser Artikel ueber die Eisenbahnarbeiter, der von einem
langjaehrigen Reporter fuer Gewerkschaftszeitungen, Rüben Levin,
verfasst ist, stellt einen genauen Bericht ueber die letzten Ereignisse dar, die bereits zu einer Kontroverse der Vergangenheit geworden sind. Levin schreibt in erster Linie fuer "Labor", die
nationale Wochenzeitschrift von 15 Eisenbahnergewerkschaften. Er
ist Vorsitzender der Ge-werkschaftspressevereinigung, eines Nachrichtendienstes auf genossenschaftlicher Grundlage im Dienst der gewerkschaftlichen Presse der Vereinigten Staaten.
Sine eingehende Diskussion ueber die Probleme, die zu dem beröchtigten "Krankwerden" der Eisenbahner fuehrten sowie die Vorschlaege fuer eine etwaige Loesung der chronischen Probleme der
Eisenbahnarbeiter ergaenzen diesen Artikel in der letzten Ausgabe
von "Labor", mit dem zum ersten Mal' eine oeffentliche Kontroverse
in einer allgemeinen Veroeffentlichunar von den Gewerkschaften besprochen wird.
- 8-

�"V/a ehrend die "Krankheit" der Eisenbahner ein Leiden ist,
das in keinem medizinischen Lexikon zu finden ist," weist Levin
darauf hin, dass es "ausser Frage stuende, dass die Eisenbahnarbeiter wegen der langen und endlosen Verzoegerung in" ihren Lohn- .
forderungen krank, veraergert und enttaeuscht waren."
Trotz einer hysterischen Propaganda, trotz Geldstrafen und
Drohungen mit den Verlust des Arbeitsplatzes fuehrten die Eisenbahner einen Kampf, der, wenn ihre Lebensbedingungen nicht wesentlich verbessert werden, sich wahrscheinlich nur als eiro von
vielen Streitigkeiten erweisen wird.
Die Kontroverse mit den Eisenbahnarbeitern enthaelt zahlreiche ,/idersprueche, zu denen nicht zuletzt die Tatsache gehoert,
dass die Tarifverhandlungen in Uebereinstimmung mit dem Arbeitsc,esetz fuer Eisenbahnen gefuehrt wurden, das fuer lange Zeit als
ein Musterbeisoiel dieser Art Gesetzgebung galt.
Den Gewerkschaften zufolge liegt der Fehler nicht am Gesetz.
Der Vorsitzende David B. Robertson, .der heissbluetige Fuehrer der
Lokonotivfuehrer- und Heizergewerkschaft, wies auf einen der wesentlichsten Punkte hin, der nicht nur fuer die Schwierigkeiten
des Zugpersonals bezeichnend ist. "Es gibt zu viele Anwaelte,
die die Eisenbahngesellschaften bei Tarifverhandlungen vertreten,"
sasrte Robertson. "Was wir brauchen, sind weniger Anwaelte und mehr
Leute am Konferenztisch, die praktisch arbeiten, Leute, die sich
von unten emporgearbeitet haben,und die Probleme der Eisenbahner
genau kennen. Wir muessen zu der sogenannten "Rengiernethode"
zurueckkehren, d.h. zu einer Sprache und zu einer Verbandlungsmethode, die die Arbeiter verstehen und die weniger Zweideutigkeiten
enthaelt."
Viele hatten gehofft, dass die Uebernahme der Eisenbahnen
durch die Regierung ein Schritt zur baldigen Loesung dieses Problemes sei. Warum dies nicht der Fall war, ist, Levin zufolge, am
besten von Senator Wayne Morse erklaert worden, der den Sitzungen
des Senatsausschusses fuer Arbeitsfragen beigewohnt hatte, als
diese Frage zur Debatte stand.
"Diese Uebernahme durch die Regierung ist eine Farce," sagte
Morse, "die das Weisse Haus auf die Seite der.Eisenbahngesellschaften stellt."
"Bei einer wirklichen Uebernahme," fuegte er hinzu, wobei ihm
die Eisenbahngewerkschaften zustimmten, "wuerden die Eisenbahngesellschaften doch eine gerechte Abfindung fuer die Benutzung ihres
Eigentums erhalten, und den Arbeitern waere eine gerechte Beilegung dieses Streitfalles sicher. Dies wuerde fuer beide Partner
9in Ansporn sein, sich gegenseitig zu einigen."
Aber selbst eine andere Art der Uebernahme wuerde nicht garantieren, dass die Eisenbahner ihre Arbeit nicht niederlegen. Es
?aebe andere Faktoren, die sich im Laufe der Jahre angehaeuft
laetten und wesentlich zum "Krankwerden" der Eisenbahner beigetragen haetten. "Es ist einmal die nachlassende Tuechtigkeit jener
Leute, die das Eisenbahnarbeitergesetz verwalten. Zu oft sind
Experten in Arbeitsfragen durch politische Nichtskoenner ersetzt
vorden. So sind z.B. die Untersuchungsausschuesse von der Regierung wiederholt mit Leuten besetzt worden, die wenig oder ueberlaupt nichts von ArbeitsProblemen und noch weniger von den komplizierten .Arbeitsbestimmungen der Eisenbahnen verstehen."
- 9 -

�"Auch der Faktor Brot und Butter ist wesentlich," sagt Levin.
"Vor noch nicht allzu langer Zeit waren hiisenbahnarbeiter und vor
allem solche im Zug- und Maschinendienst "Aristrokaten" der Arbeit.
Ihre Loehne waren fast die besten aller Loehne in den wichtigsten
Industrien. Aber hieran hat sich im letzten Jahrzehnt vieles geaendert. Die Flut der gewerkschaftlichen Organisation in den Industrien der Massenproduktion, die haeufig von Streiks begleitet war,
hat zu krassen Lohnerhoehungen gefuehrt. Die Eisenbahner sind
jedoch weit zurueckgeblieben und in der Lohntabelle immer tiefer
herabgesunken."
Liberty Magazine
IV/26/51
DIE 1. MAl-IDEä STAMMT AUS DEM "KAPITALISTISCHEN" AMERIKA
Die Kommunisten der Welt mussten am 1. Mai in einer Rundfunksendung der "Stimme Amerikas" erfahren, dass die Idee der modernen
Maifeier aus dem "kapitalistischen/' Amerika kommt.
"Der 1. Mai," hiess es in der Sendung, "hat seinen Ursprung
in den Vereinigten Staaten als ein Tag, an dem die Erfolge gefeiert werden, die die Arbeiter erringen konnten, und an dem ihre
Kraefte fuer die weiteren. Bemuehungen um sozialen Fortschritt mobilisiert werden. Seine Idee bedeutet Freiheit vor Furcht vor dem
Arbeitgeber, Freiheit vor der Furcht vor Arbeitslosigkeit und Hunger, Freiheit vor Furcht vor dem Staat und der Polizei." In der
"Stimme Amerikas" wurden Sonderbotschaften des Arbeitsministers
Tobin,.des Vizepresidenten der AFL Matthew Woll und des Sozialistenfuehrers Norr;an Thomas uebertragen.
"Der 1. Mai als Feiertag der Arbeit," erklaerte Woll, "fuehrte
sich im Jahre 1886 in Amerika in Verbindung mit den Kaemnfen um den
Achtstunden-Tag ein." In einer Botschaft an die versklavten Arbeiter hinter dem Eisernen Vorhang versicherte Woll, dass "sie unserer
Freundschaft, unserer Sympathie und Solidaritaet gewiss sein koennen,
Wir ersehnen, dass wir den Tag Eurer Befreiung erleben."
Woll und Thomas brachten die.Hoffnung zum Ausdruck, dass die
Arbeiter in Laendern, die jetzt unter kommunistischer Kontrolle
stehen, eines Tages ebenso frei den 1. Mai feiern koennen wie die
Arbeiter in Amerika.
Tobin forderte die Sowjetunion auf, "eine Tat des guten Willens zu vollbringen" und dem russiscnen Volk das "Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung, das ihnen Gott verliehen hat, zurueckzugeben." Er erinnerte an den "historischen guten Willen der Zusammenarbeit" zwischen Amerikanern und den Voelkern Russlands, an dem
auch die russischen Machthaber nichts aendern koennten. Tobin erklaerte, dass die Kommunisten den Sinn des 1. Mai entstellt und
damit ungewollt der freien Welt warnend gezeigt haetten, "wie eine
grosse Nation zum Spielball einer eigensinnigen Gruope Aggressoren
geworden ist, die Freiheit und Anstaendigkeit euf der ganzen Welt
zerstoeren moechte."
In Moskau fand eine riesige Parade der sowjetischen Heeresund Luftstreitkraefte statt. In einer Rede an die versammelten
Trunpen auf dem Roten Platz erklaerte der Kriegsminister Alexander
iassilewski, dass die Vereinigten Staaten einen dritten Weltkrieg
vorbereiteten, alle Friedensangebote der Sowjets zurueckgewiesen
hatten, und dass die sowjetische Politik darauf gerichtet sei, den
- 10

�Krieg zu verhindern und den Frieden zu wahren. Er sagte, die Vereinigten Staaten haetten den Krieg in Korea provoziert.
In Berlin wurden kaum zwei Kilometer voneinander entfernt,
zwei Massenkundgebungen voellig verschiedener Art abgehalten. In
Ost-Berlin wohnten etwa 500.000 Menschen der Kundgebung der Sowjetzone im Lustgarten bei, der jetzt den Namen "Marx-Engels-Platz"
traegt. Herbert Warnke, der kommunistische Gewerkschaftsfuehrer,
erklaerte, dass die "Remilitarisierung Deutschlands Krieg bedeute,"
und dass die "Gefahr eines Krieges niemals so gross gewesen sei
wie jetzt." Mehr als 600.000 antikommunistische West-Berliner
versammelten sich vor dem zerstoerten Reichstagsgebaeude, um ihrer
Entschlossenheit dem sowjetischen Imperialismus zu widerstehen,
Ausdruck zu geben. Zu den Sprechern gehoerten auch Buergermeister
Ernst Reuter, Victor Reuther von der Automobilarbeitergewerkschaft
des CIO und Henry Rutz von der AFL.
Zwei Raketen, die antikommunistische Flugblaetter enthielten,
wurden von der '/Vestzone auf die oestliche Seite des Potsdamer
Platzes abgefeuert, wo der amerikanische, der britische und der
russische Sektor aneinandergrenzen.
In Tokio nahmen etwa 50.000 Arbeiter an verschiedenen Kundgebungen zur Feier des 1. Mai teil. Sowohl das Kabinett als auch
der neue Besatzungskoianandeur, General Matthew Ridgeway, hatten
die traditionelle Kundgebung auf dem Platz vor dem Kaiserpalast
verboten. Ridgeway erklaerte, dass dieser Platz nur fuer "Versammlungen nationalen Cherakters" verwendet werden duerfe. Das
Kabinett ist der Ansicht, dass es ein Platz der "Ruhe und VVuerde"
sein soll. In Wirklichkeit ist es ein Tummelplatz fuer die .Tugend
Tokios.
Der Generalrat der japanischen Gewerkschaften hat fuer den
3. Mai, dem Tag der japanischen Verfassung, organisierte Demonstrationen geplant, um gegen die vorgeschlagenen, fuer "die Kapitalisten vorteilhaften" Abaenderungen der Verfassung zu protestieren.
Daily News Service
V/1/51
DAS WOHFRAUMPROBLEM IN FRANKREICH
Der Mangel an Wohnungen mit niedrigen Mieten fuer die Arbeiter
war auch noch zu Anfang des Jahres 1951 eines der groessten sozialen Probleme Frankreichs. Die franzoesische Regierung hatte im
Verlauf des Jahres 1950 einige Massnahmen zur Foerderung des Wohnungsbaus ergriffen, und im Juli erklaerte Premierminister Pleven,
dass der Wohnungsbau der letzte wirtschaftliche Sektor sei, der
unter etwaigen Einschraenkungen leiden mue3se, die durch das Wiederaufruestungsprogramm bedingt seien. Die Gewerkschaften protestierten jedoch gegen iinde des Jahres 1950 dagegen, dass der fuer 1951
vorgeschlagene Haushaltsplan fuer den Wohnungsbau eine Kuerzung
dieses Programms darstellt, das schon nicht ausreichte, um den
Mindestbedarf decken zu koennen.
Die Beschaedi£un(T und Zerstoerung von ueber zwei Millionen
Wohnungen waehrend des zweiten Weltkrieges Hessen den Wohnraummangel, der bereits vor dem Krieg bestand, immer akuter werden.
Schaetzungen der Regierung zufolge belief sich der Bedarf an Wohnungen fuer die naechsten 20 Jahre oder noch laenger auf jaehrlich
240.000 neue Wohneinheiten. Die anfaenglichen Bemuehune-en waren
- 11 -

�jedoch nur auf die Instandsetzung fast einer Million zerstoerter
Wohnungen iE den ersten sechs Jahren nach dem Kriege konzentriert.
Bis 1948 waren nur 56.300 dauernde Wohnungen neu oder wiederaufgebaut worden. Dieser langsame Rhythmus der Bautaetigkeit war
hauptsaechlich auf den Mietstopp zurueckzufuehren, durch den die
Mieten so niedrig gehalten wurden, dass fuer das Kapital, das
fuer den Wohnungsbau investiert wurde, nur wenig oder gar keine
Einnahmen uebrig blieben. Infolgedessen wurde in einem Gesetz vom
September 1948 bestimmt, dass die meisten Mieten neu eingeschaetzt
und fuenf Jahre lang halb jaehrlich erhoeht werden sollten, bis die
Mietsaetze von Januar 1949 verdreifacht waeren. Um einen Ausgleich fuer die hoeheren Mieten zu schaffen, wurde ein System
fuer Wohnungsgeldzuschuesse fuer Familien der niedrigen Einkommensgruppen errichtet. Die Arbeiter erhielten diese Zuschuesse, gleichgueltig, ob sie ihre Wohnung gemietet oder eine Hypothek abzuzahlen hatten.
Die Mieterhoshungen gaben zusammen mit Steuern und anderen
-Konzessionen, die im gleichen Gesetz enthalten waren, dem Wohnungsbau im Jahre 1949 maechtigen Auftrieb. In diesem Jahre "wurden
51.436 staendige Wohnungseinheiten gebaut und in der ersten Hälfte
1950 weitere 30.685. Am 30. Juni befanden sich 129.040 weitere
Einheiten im Bau.
Die Regierung hat darueberhinaus die Kleinwohnungsbaugenossenschaften weitgehend unterstuetzt. Einige dieser Organisationen
sind oeffentliche Aemter unter lokaler Verwaltung, die zum Aufbau
billiger Wohnungen von der Regierung fuer 65 Jahre Kredite erhalten, die mit 2% verzinst werden. Andere stellen private Unternehmen dar oder Organisationen, die von industriellen Unternehmen
gemeinsam gebildet werden und Anspruch auf Subventionen, niedrigere Zinssaetze, bevorzugte Steuerbehandlung und Kredite der Regierung haben, die denen aehnlich sind, die den oeffentlichen Wohnbauaemtern gewaehrt werden. Die Regierung uebernimmt die Buergschaft fuer Hypothekenkredite, die den Arbeitern von den Wohnungsbauorganisationen gewaehrt werden.
Die Behoerden der Wohnungsbauorganisationen erhalten dadurch
Anspruch auf Kredite aus dem Familienzuschussfond des sozialen
Versicherungssystems. Sie vermieten nicht nur Wohnungen an Arbeiter, sondern koennen diese Wohnungen auch auf Grund von Amortisationsvertraeeen verkaufen.
Viele franzoesische Industrieunternehmen haben ihre Arbeiter
bei dem Versuch unterstuetzt, ihre Wohnraumprobleme zu loesen, indem sie selbst Wohnungen bauten und sie an die Arbeiter des Unternehmens unter Beruecksichtigung ihres Familienstandes und ihrer
Senioritaetsrechte vergaben. Der Zeitraum, fuer den der Arbeiter
die Wohnung beanspruchen kann, entspricht der Gueltigkeitsdauer
seines Arbeitsvertrages. Normalerweise bezahlt ein Arbeiter monatlich fuer eins Wohnung mit vier Raeumen 600 bis 1.000 Franken.
Industrieunternehmen haben ausserdem den Wohnungsbauorganisationen durch Subventionen geholfen, Haeuser zu bauen und sie an
die Arbeiter zu vermieten, wobei Arbeiter solcher Unternehmen bevorzugt werden, die einen finanziellen Beitrag geleistet haben.
Sie haben ferner den Arbeitern Geldmittel geliehen, damit sie
eigene Wohnungen bauen koennen, und zuweilen einen Teil der Baukosten selbst uebernommen. Bestimmte ^rbeitergruppen sind beim
Wohnungsbau besonders unterstuetzt worden. In Anerkennung der
Tatsache, dass der Mangel an Wohnraum die Beweglichkeit der Ar- 12 -

�beitskraefte wesentlich reduziert, hat die Regierung im Jahre
1945 eine Anordnung herausgegeben', in der Wohnungsbauten fuer Arbeitnehmer der verstaatlichten Eisenbahnen vorgesehen sind, und
sie hat es spaeter als notwendig erachtet, Haeuser zu bauen, um
Arbeiter fuer die verstaatlichten Kohlenbergwerke zu gewinnen.
Sin Beisniel fuer WohnungsbauDrojekte besonderer Gruppen in der
"Privatindustrie ist der "ueberberufliche Wohnungsbauausschuss",
der im Jahre 1948 im noerdlichen Frankreich zu dem Zwecke gebildet
wurde, Wohnungen fuer Metall- und Textilarbeiter zu bauen. Gewerkschaften, Unternehmer und Baufirmeh sind in diesem üusschuss vertreten, und die Geldmittel werden teilweise durch Kredite der Regierung
und'teilweise durch einen Beitrag der Unternehmer, der Z$ des Lohnlistenbetrages ausmacht, zur Verfuegung gestellt. In mehreren Erlassen des Jahres 1950 wird gefordert, dass diejenigen, die billige
Wohnungen bauen und kaufen, unterstuetzt werden. In einem dieser
Erlasse ist vorgesehen, dass den Erbauern billiger Wohnungen
jaehrliche Baupraeaiien bis zu 500 Franken pro qm Wohnbauflaeche 20
Jahre lang gezahlt werden. In einem anderen Erlass wird die Genehmigung erteilt, dass die Regierung direkte Anleihen solchen Leuten
zur Verfuegung stellt, die Bauplaetze haben oder die Mitglieder
von Wohnungsbaugesellschaften sind. Die Haelfte des Betrages, den
ein Unternehmen fuer den Wohnungsbau aufwendet, .ist steuerfrei.
Staatliche Kredite und Buergschaften fuer Wohnungsbauorganisationen wurden in zunehmendem Masse gewaehrt. Sie beliefen sich auf
insgesamt 41 Milliarden Franken, mit denen das Wohnungsbauprogramm
des Jahres 1950 finanziert werden sollte.
Die wichtigsten nicht-kommunistischen Gewerkschaften bildeten
ein gemeinsames "Kartell fuer Massnahmen zugunsten von Wohnungsbaukrediten im Jahre 1951." Gefuehrt wurde diese Gruppe von der
Force Ouvriöre, dem Bund christlicher Arbeiter (CFTC), der nationalen Gewerkschaft der Familienvereinigungen (UNAF) und zwoelf anderen Gewerkschaften und sozialen Organisationen. Es wurde darauf
hingewiesen, dass die 41 Milliarden Franken, die den Organisationen
fuer billigen Wohnungsbau im Jahre 1950 zur Verfuegung gestellt
wurden, nicht ausreichten und dass fuer eine normale Entwicklung
im Jahre 1951 100 Milliarden Franken benoetigt wuerden.
Der Ausschuss stellte im Jahre 1951 fest, dass der Haushaltsplan fuer 1951 nur 30 Milliarden Franken fuer das Wohnungsbauprogramm enthielt einschliesslich der zwoelf Milliarden Franken aus
Gegenwertmitteln der ECA. Ausserdem waren die Gewerkschaftsfuehrer
der Auffassung, dass diese Geldmittel besser verwendet werden koennten, wenn die Kosten fuer Baumaterialien von den franzoesischen
Trusts nicht kuenstlich auf einem ueberhoehten Niveau gehalten worden waeren.
Notes on -Labor abroad
11/51
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTEN PROTESTIEREN GEGEN DIE EINWANDERUNG
MEXIKANISCHER ARLEITER
'
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung hat gegen eine Gesetzesvorlage des Senats schaerfstens protestiert, in der die Anwerbung
und Einwanderung mexikanischer Arbeiter fuer die amerikanische Landwirtschaft vorgesehen ist. In einem Fernschreiben an den Majoritaetsfuehrer des Senats,'Ernest W. McFarland (Arizona) hat der Vorsitzende der AFL William Green den Senat aufgefordert, diese Gesetzesvorlage erneut zu ueberpruefen, weil "sie nicht die Interessen der
amerikanischen Landarbeiter schuetzt und mit den am 26. Maerz 1951
- 13

�veroeffentlichten Feststellungen uni Empfehlungen des zustaendiren
Untersuchungsausschusses des Praesidenten unvereinbar ist." Green
erklaerte,in dem Bericht dieser Komaiission sei klar zum Ausdruck
gebracht, dass die Einwanderung ausl&amp;endischer Arbeitskraefte die
Lohn- und Arbeitsbedingungen der amerikanischen Landarbeiter noch
weiter verschlechtere. Die wirtschaftliche Lage dieser Gruppe sei
schon .jetzt schlechter als die jeder anderen Schicht der Bevoelkerung."
Er erklaerte ferner, die AFL sei der Auffassung, dass der
Bedarf an auslaendischen Arbeitskraeften zu sehr betont wuerde.
Indem er auf die ?ro?se Zahl landwirtschaftlicher Arbeiter aus
Puerto-Rico hinwies, die entweder arbeitslos sind oder nur zeitweise beschaeftigt werden koennen, forderte er, dass die amerikanischen arbeitskraefte und die aus Puerto-Rico zuerst voll ausgenutzt werden, bevor man andere auslaendische Arbeitskraefte voruebergehend einwandern laesst.
McFarland erhielt ausserdem Telegramme von der Vereinigung
der Eisenbahnergewerkschaften, in der 18 Gewerkschaften mit ueber
einer !*i11ion Mitglieder vertreten sind, und von der Nationalen
Farmergewerkschaft.
Im Namen dieser Vereinigung erklaerte ihr Vorsitzender George
E. Leighty, dass diese Massnahme unueberlegt sei und eine Gefahr
fu^r die amerikanischen Land- und Industriearbeiter darstelle.
Leighty erinnerte den Senat an die in der "New York Times" vor
kurzem erschienene Artikelserie, in der von den "skandaloesen Bedingungen berichtet wird, unter denen Millionen mexikanischer legaler und illegaler Wanderarbeiter in unserem Lande leben."
Es sei klar bewiesen, dass genug amerikanische Arbeitskraefte
vorhanden sind, die bei den Srntearbeiten beschaeftigt werden
koennten, wenn einigermassen angemessene Arbeitsbedingungen geboten
wuerden.
.Tames G. Patton, der Vorsitzende der Farmergewerkschaf t, erklaerte, dass die Einwanderung billiger Arbeitskraefte aus dem
Ausland, ohne zuerst zu versuchen, die zahllosen amerikanischen
Landarbeiter einzustellen, die unterbeschaeftigt sind, einen Vertrauensbruch an dem amerikanischen Volk und seinen Idealen darstelle
Diese Versorgung mit billigen Arbeitskraeften aus dem Ausland bedrohe sowohl die Landarbeiterfamilien, die die Grundlage der amerikanischen Landwirtschaft bildeten, als auch die schwer erkaempften
Erfolge der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. "Wir fordern
vom Senat, dass er diese Gesetzesvorlage ablehnt und sich zuerst
mit der wirksamen Verwendung amerikanischer Arbeitskraefte beschaeftigt."
Einige Tage zuvor hatte auch der CIO gegen diese Vorlage orotestiert. Inzwischen hatte die "New York Times" in Fortsetzung
ihrer .Artikelserie ueber die Arbeits- und Lebensbedingungen eingewanderter Arbeitskraefte berichtet, dass sich Tausende erwartungsvoller Mexikaner in drei Staedten des noerdlichen Mexikos angesammelt haetten, als das Geruecht umging, dass demnaechst Landarbeiter
von amerikanischen Farmern eingestellt wuerden.
•

Die Behoerden in Monterey, Chihuahua und Hermosilles haben
sich an die mexikanische Regierung mit der Bitte gewandt, bei der
Betreuung der 30.0C0 von Armut betroffenen Menschen mitzuhelfen,
die diese Staedte ueberschwemmt haben, in der Hoffnung, in den Vereinigten Staaten arbeit zu bekommen. Es sind jedoch nur wenige
- 14 -

�eingestellt worden und haeufig kommt es unter diesen Leuten, die
keinen festen Wohnsitz haben und von Hunger und Krankheiten geplagt sind, zu Gewalttaetigkeiten.
Die Wohnmoeglichkeiten sind in diesen drei Staedten unzureichend, und viele Arbeiter kampieren in oeffentlichen Parkanlagen.
Es wird berichtet, dass die bisher abgeschlossenen Arbeitsvertrae«e Stundenloehne von 85 Cents, abzueglich 1.75 Dollar pro Tag
fuer Verpflegung vorsehen. Dieser Lohn ist etwa doppelt so hoch
wie der gesetzliche Mindestlohn in Mexiko.
Daily News Service
IV/27/51
NEW YORKER GEWERKSCKAFTSRAT PLANT BILDUNGSLEHRGANG
Donald J*. O'Connor, der Leiter des Bildungsreferats der Internationalen Mechanikergewerkschaft, teilte mit, dass auf Veranlassung
des Gewerkschaftsrates der Mechanikergewerkschaft fuer den Staat
New York an der Cornell Universitaet ein dreitaegiger Bildungslehrgang durchgefuehrt wird, an dem Delegierte der Ortsgewerkschaft
teilnehmen.
•
"Der erste Lehrgang wird voraussichtlich voiA 13. bis 15. Juli
in der Universitaet. Cornell stattfinden. Die Plaene fuer diese
Lehrgaenge wurden vor kurzem auf der Konferenz des staatlichen
Gewerkschaftsrates in Buffalo ausgearbeitet", berichtete O'Connor.
Die Delegierten hoerten einen ausfuehrlichen Bericht ueber die
Fortschritte, die in dem staatlichen Bildungsprogramm unter der
Schirmherrschaft des Gewerkschaftsrates und in Zusammenarbeit
nit der Volkshochschule der Universitaet erzielt wurden.
"Das Ortsprogramm, an dem wir nun arbeiten, ist von dem
Lehrkoerper der Universitaet und Vertretern der Internationalen
Vechanikergewerkschaft gemeinsam ausgearbeitet worden. Die Lehrgaenge werden ueberall im Staat durchgefuehrt und haben den Zweck,
lie Mitglieder und Funktionaere der Ortsgewerkschaft
in ihren alltseglichen Problemen zu unterstuetzen.n
Die Delegierten waehlten erneut in die hoechsten Stellungen
les Gewerkschaftsrates: Robert Hanson aus Jamestown zum Vorsitzenien, Harold Fitzgibbon aus Buffalo zum Finanzsekretaer, Thomas
3arey aus New York zum Leiter des Referats fuer Arbeitsgesetzgebung
ind O'Connor aus Ithaka.
Die prominentesten Sprecher dieser Konferenz waren die Vize'orsitzenden der Internationalen Mechanikergewerkschaft Fred Coonley
ind Ernie White, sowie die Ortsgewerkschaftsvertreter Rudy Faupl
md William H. Brodt.
An der Konferenz nahmen als Besucher teil: Pater Boland,
ler
Vorsitzende
des Vermittlungsausschusses fuer den Staat New
r
ork, Professor John Thurber von der Cornell Universitaet, Charles
:alloran, der Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes von Buffalo und
ie Ortsgewerkschaftsvertreter H. F. Huff, Victor Kalaski und Dan
)mer.
Die Delegierten der Konferenz forderten die Fortsetzung der
olitischen Betaetigung der Gewerkschaftsmitglieder, sie verlangten
om Kongress bundesstaatliche Mietköntrollen und gaben den Bestreungen ihre Zustimmung, das staatliche Kindestlohngesetz abzuaen- 15 -

�d e m und den Mindestlohn von 75 Cents auf einen Dollar zu erhoehen.
Schliesslich forderten sie die Mitglieder des Repraesentantenhauses
und die Senatoren Herbert H. Lehman und Irving M. Ives auf, sich
weiterhin fuer eine Finanzierung der medizinischen Ausbildung auf
bundesstaatlicher Basis einzusetzen.
The Machinist
IV/26/51
DAS LOS DER ARBEITER hINTER DEM EISERNEN VORHANG
Waehrend die polnischen Gewerkschaften eifrig darauf bedacht
sind, die Arbeiter anzuhalten, laenger zu arbeiten und ihre Produktionsleistung, aus Anlass des 1. Mai zu steigern, haeufen sich in
der Gewerkschaftzeitung "Glos Pracy" die bitteren Beschwerden ueber
das mangelnde Interesse der Gewerkschaften an dem Wohlergehen der
Arbeiter und der Wahrung ihrer Rechte."
Ein Korrespondent dieser Zeitung schrieb am 3. April, nachdem
er die Papierfabriken in Mirkow besucht hatte, dass die Arbeiter
zwar auf vollen Touren laufe und die Produktion der Fabrik vollkommen zufriedenstellend sei-, dass jedoch die rechtliche und soziale Stellung der Arbeiter viel zu wuenschen uebrig liesse.
Dem Bericht dieses Korrespondenten zufolge erhielten viele
Arbeiter bis jetzt nicht die Schutzkleidung, die ihnen schon fuer
1950 zugesagt war, obwohl hierdurch ihre Gesundheit auf Grund chemischer Reaktionen und schaedlicher Gasen, die dem Papiermaschöe
entstroemen, ernstlich gefaehrdet wird.
"Die Hallen sind niedrig und Ventilationsvorrichtungen gibt
es ueberhaupt nicht. Der Dampf sammelt sich unter der Decke an
und senkt sich auf den Zementfussboden. Es gibt keine Abflussanlagen und die Arbeiter stehen bis zu den Knoecheln in schmutzigem
Wasser. Sie muessten Gummistiefel haben. Aber nur wenige besitzen
sie."
Der Korrespondent traf mit verschiedenen Arbeitern zusammen
und unterhielt sich mit ihnen. Einer von ihnen erklaerte: "Es
ist moeglich, dass die Arbeitsbedingungen in unserem Betrieb besser
sind,wenn Ventilatoren angebracht werden koennten, die man uns
schon lange versprochen hat. Auch koennten wir laengst unsere
Schutzkleidung erhalten haben - wenn es nicht unseren Betriebsrat
gaebe. Jedesmal, wenn jemand in den Betrieb kommt, der uns helfen
koennte, versucht der Betriebsrat, ihn darin zu hindern, mit den
Arbeitern zu sprechen."
Ein anderer Arbeiter fuegte hinzu: "Selbst wenn sich jemand
die Muehe gibt, mit den Arbeitern zu sprechen, ist es zwecklos.
Vor kurzem besuchte Genosse Pawlak vom Zentralkomitee der Chemiearbeitergewerkschaft unseren Betrieb. Wir erzaehlten ihm alles.
Er hoerte uns an, reiste ab, und nicht das geringste ereignete sich
danach.
Der Korrespondent schliesst mit der Feststellung, dass er kein
Gelegenheit hatte, ueber diese Angelegenheit mit dem Vorsitzenden
des Betriebsrates zu. sprechen, weil dieser waehrend seines mehrstuendigen Aufenthaltes in der Fabrik "angeblich dienstlich im
Betriebsgelaende zu tun hatte." "Aber", erklaert der Korrespondent
"wir konnten ihn auch dort nicht antreffen, obwohl wir uns laengere
Zeit im Betrieb3gelaende bewegten."
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar and dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
^
_^____^______^___

IV - 19

Frankfurt,

1 1 . Mai 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

D. Bowers: Westeuropa in der Weltwirtschaft - -

1

Allgemeine Lohnerhoehungen in Schweden - - - - -

10

Referate fuer Produktionstechnik in amerikanischen Gewerkschaften - - - - - - - - - - - -

H

Tuerkische Gewerkschaften werden staerker

- - - 13

Amerikanische Gewerkschaft ernennt internttionalen Repraesentanten - - - - - - - - - - - - - 1 4
Steigende Aktivitaet der Frauen in amerikanischen
Gewerkschaften
- - - - - - - - - - - - - - - 1 5
Warum amerikanische Arbeiter Gewerkschafter sind 16

D. BOWERS: WESTEUROPA IN DER WELTWIRTSCHAFT
Westeuropa ist ein Gebiet mit etwa 270 Millionen Einwohnern, die unter normalen Umstaenden den hoechsten
Lebensstandard der Welt besaessen mit Ausnahme der Vereinigten Staaten. Dies wurde ermoeglicht dank der Faehigkeiten
der eu'ropaeischen Industrie, die sich vornehmlich mit der
Erzeugung von Fabrikaten befasst hat, die in der uebrigen '
Welt gegen Rohstoffe und Nahrungsmittel eingetauscht wurden,
die die Bevoelkerung zu ihrem Lebensunterhalt brauchte.
Auf diese Weise konnten die Voelker Westeuropas ihren verhaeltnlsmaessig hohen Lebensstandard aufrechterhalten.
Vor dein letzten Kriege blieb Westeuropa trotz der schnellen
- 1 -

�Portschritte der Vereinigten Staaten die bedeutendste
"Werkstatt der Welt". Es hatte beinahe die Haelfte des
internationalen Welthandels inne, beinahe zwei Drittel
der Weltschiffahrt, waehrend sein Einkommen, das aus jahrzehntelang angesammelten ausländischen Investierungen,
seinen Banken und anderen Dienstleistungen floss, genuegte,
um beinahe ein Viertel seiner Einfuhren aus der uebrigen
Welt zu finanzieren.
Obschon ein Grosstell des Aussenhandels der westeuropaelschen Staaten einen Binnenhandel im Rahmen Westeuropas darstellte, sind die Wirtschaften dieser Laender zu
einem hohen Ausmass nach den üeberseemaerkten gerichtet*
Vor dem Kriege stammte beinahe die Haelfte der europaeischen Einfuhren aus Ueberseelaendem, und mehr als ein
Drittel der westeuropaeischen Ausfuhren gingen nach Uebersee; seit dem Kriege ist der TTeberseehandel aus besonderen
Gruenden bedeutend groesser als der westeuropaeische Innenhandel. Weit davon entfernt, sich zu ergaenzen, machen
sich daher die westeuropaeischen Wirtschaften in einem
hohen Grade Konkurrenz.
Der westeuropaeische TJeberseehandel wurde natuerlich
oft mit unabhaengigen Laendern getaetigt, jedoch spielte
sich ein sehr grosser Teil mit den europaeischen Besitzungen und den angegliederten Gebieten ab. Dies war insbesondere der Fall bei Grossbritannien, das gegenwaertig
ungefaehr die Haelfte seines Aussenhandels mit den Laendern
des britischen Commonwealth taetigt. Es waren vor allem
diese Besitzungen, die den Mutterlaendern billige Rohstoffe
und geschuetzte Maerkte verschafften* Diese Lage war das
Ergebnis der Periode der imperialistischen Ausdehnungspolitik des 19. Jahrhunderts, sie nahm oft die Form einer beschraenkten wirtschaftlichen Entwicklung der abhaengigen
Gebiete an, die jedoch nicht im Interesse der einheimischen
Voelker liegt. Wir muessen daher zugeben, dass der Lebensstandard Westeuropas, einschliesslich derjenige seiner
Arbeiter, zu einem gewissen Ausmass der Ausbeutung der
Kolonialvoelker zu verdanken war. Diese Tatsache hat, wie
wir sehen werden, Westeuropa grosse Unannehmlichkeiten
bereitet*
Es steht fest, dass die westeuropaeische Wirtschaft
seit langer Zeit krank war, im grossen und ganzen seit
Anfang dieses Jahrhunderts* Die Kennzeichen dieser Krankheit waren ausgedehnte Perioden chronischer Arbeitslosigkeit und die Tatsache, dass es misslang, die Moeglichkelten
der modernen Wissenschaft und Technik voll zu entwickeln*
Insbesondere machte sich die Tendenz bemerkbar, hinter den
Vereinigten Staaten auf dem Gebiete der industriellen
Lei8tungsfaehlgkeit zurueckzublelben. Wie alle Gewerkschafter jedoch wissen, war diese Krankheit teilweise durch
die falsch gerichtete innere Wirtschaftspolitik verschuldet, die von den westeuropaeischen Regierungen und Arbeitgebern getrieben wurde. Das heisst, dass die ungleiche
Verteilung der Reichtuemer auf den inneren Maerkten die
Kaufkraft geschwaecht und Perioden schwerer Arbeitslosigkeit sowie wirtschaftliche Stockungen hervorgerufen hat.
Die gleichen Faktoren haben jedoch auch auf internationalem
Gebiet ihre Wirkung ausgeuebt und das Ergebnis gehabt, dass
das Verbrauchspotential der unter- und weniger entwickelten
- 2 -

�Laender nicht ausgedehnt werden konnte. Dagegen wurde von
den Mutterlaendern versucht, sich selbst und die von ihnen
abhaengigen Gebiete mit Immer hoeheren Zoll- und anderen
Handelsschranken zu umgeben.
Meiner Ansicht nach war diese falsch gerichtete Wirtschaftspolitik sowohl im Inneren als auch nach aussen nur
der Hauptgrund des ersten Weltkrieges, der vor allem dem
Umstand zuzuschreiben war, dass es der gewaltigen deutschen
Wirtschaft misslang, geeignete Absatzmaerkte zu finden«
Doch wir alle wissen, dass dieser Krieg dieses Problem nicht
geloest hat. In Wirklichkeit erschwerte er nur die langfristigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas auf dem
Gebiete des Welthandels. Dies war vor allen Dingen dadurch
begruendet, dass der Rueckschlag, den die westeuropaeische
Industrie durch die Kriegszerstoerungen und die intensive
Kriegsproduktion erlitt und der dementsprechende Antrieb,
der der industriellen Entwicklung in den Vereinigten Staaten
zuteil wurde, den Niedergang Westeuropas als wichtigstes
Industriegebiet der Welt beschleunigte und es den Vereinigten Staaten ermoeglichte, sich einige wichtige westeuropaeische Ueberseemaerkte anzueignen* Zweitens begannen einige
der weniger entwickelten Ueberseelaender, die durch den
Krieg von ihren ehemaligen Versorgungsquellen in Europa abgeschnitten wurden, schnell ihre eigenen Nebenindustrien zu
entwickeln und selbst als Konkurrenten im Welthandel aufzutreten. Das klassische Beispiel dafuer ist natuerllch Japan.
Vor dem ersten Weltkrieg, waren seine Ausfuhren an Fabrikaten
ueberhaupt nicht beachtenswert; 1938 jedoch lieferte Japan
ein Puenftel des Weltexportes an Baumwolle- und Kunstseideerzeugnissen.
Zwischen den beiden Weltkriegen hatten diese Entwicklungen das Ergebnis, dass der Anteil Westeuropas am Welthandel schnell abnahm. Die zunehmende Industrialisierung
der weniger entwickelten Laender und der Umstand, dass die
Verbrauchskraft nicht in gleichem Masse in der ganzen Welt
ausgedehnt werden konnte, hatten zur Folge, dass der gesamte
internationale Handel zu einem Stillstand kam und sogar eingeschraenkt werden musste. Waehrend zwischen 1875 und 1915
der Umfang des Welthandels in Fertigerzeugnissen verdreifacht werden konnte, war im Jahre 1930 der Umfang dieses
Handels nur noch, drei Viertel so gross wie 1913, trotz der
Tatsache, dass sich zwischen 1913 und 1939 die Weltproduktion
an Fertigerzeugnissen verdoppelte. Dies trug stark zu der
rossen Depression bei, die in den Jahren vor dem zweiten
eltkrieg in fast allen europaeischen Staaten vorherrschte.

«

Allerdings war die wachsende Schwaeche Westeuropas
waehrend dieser Zelt teilweise ueberdeckt - wenn auch auf
Kosten der Ueberseelaender, die Nahrungsmittel und Rohstoffe
erzeugten. Dies war dem Umstand zuzuschreiben, dass erstens
die ausgedehnten Ueberseelnvestierungen, die von Westeuropa
am Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht wurden, in der Zeit zwischen den beiden Kriegen
die wichtigsten Bedarfsartikel in Huelle und Fuelle und zu
geringen Preisen auf den Markt brachten, waehrend anderseits
die Depression der dreissiger Jahre die Nachfrage nach diesen
Artikeln bedeutend herabdrueckte. Da sie nicht schnell genug Absatz finden konnten, wurden sie sogar noch billiger»
Dank der vorteilhaften Handelsbedingungen machte sich die
- 3 -

�Wirkung dieses Abfallens des Westeuropaeischen Aussenhandels
nicht vollauf bemerkbar.
Doch diese guenstigen Einfluesse waren nicht von langer
Dauer; denn erstens brachte die grosse Depression die Ueberseeinvestierungen in den minder- und unterentwickelten Laendern fast zu einem vollstaendigen Stillstand, und zweitens
brachte die unzulaengliche Nachfrage nach Hauptbedarfsartikeln eine Anzahl unterentwickelter Laender nach und nach
dazu, die Produktion dieser Artikel einzuschraenken und sich
schneller dem Ausbau ihrer eigenen Nebenindustrien zuzuwenden. Die jetzige ernste Knappheit an Nahrungsmitteln und
Rohstoffen, die auf der ganzen Welt fuehlbar ist, steht in
engstem Zusammenhang mit diesen Folgen der grossen Depression,
die ebenfalls eine weitere Einsehraenkung der westeuropaelschen Maerkte in den weniger entwickelten Laendern mit sich
brachte. Eine Untersuchung, die kuerzlich von der Wirtschaft skomission der Vereinten Nationen fuer Europa unternommen wurde, hat bewiesen, dass dies insbesondere in Südamerika der Fall war, wie wir in England es uebrigens in den letzten
Jahren im Laufe der Verhandlungen mit Argentinien bezuegllch
der Versorgung mit Fleisch sehr zu unserem Leidwesen und auf
unsere Kosten bemerkten.
Nichtsdestoweniger waren die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Westeuropa zwischen den beiden Kriegen gross genug,
Insbesondere wieder im Falle Deutschlands, um die tieferen
Ursachen des zweiten Weltkrieges klarzustellen. Diesmal war
es wirklich ein Weltkrieg, und seine Folgen in bezug auf die
heikle und bereits sehr geschwaechte Struktur des westeuropaeischen Aussenhandels waren verheerend. Zahlreiche Produktionszentren wurden zerstoert, das Transportsystem zerrissen,
Mengen an Schiffsraum gingen verloren, eine grosse Anzahl aus~laendischer Investierungen musste verkauft werden und neue
Schulden gemacht, die gesamte landwirtschaftliche und industrielle Produktion Westeuropas wurde im -Interesse der Kriegszwecke
umgestellt und viele Arbeiter aus ihren normalen Arbeitsplaetzen
erissen, waehrend Rohstoffgebiete und Haerkte auf der ganzen
elt in Verlust gerieten oder zerstoert wurden.

S

Im Jahre 1945 war die industrielle Produktion in Frankreich, Belgien und Holland 40$ unter das Niveau von 1938 gefallen. In Italien war sie auf ein Fuenftel gesunken, waehrend sie in Deutschland praktisch zum Stillstand gebracht
worden war. Ausserdem machten sich die gleichen Wirkungen
auf die langfristige Stellung Westeuropas im Welthandel bemerkbar: genau wie im ersten Weltkrieg, jedoch zu einem noch
hoeheheren Hasse als zu jener Zeit. Die Vereinigten Staaten
waren in der Lage, ihre industrielle Produktion ununterbrochen
fortzusetzen und aufzubauen« so dass sie im Jahre 1945 mit
mehr als der Haelfte der gesamten Weltproduktion und des gesamten Welthandels hervortraten. Mit diesen Moeglichkeiten
hatten sie waehrend des Krieges eine weitere Anzahl frueherer
Ueberseemaerkte Westeuropas unter ihre Kontrolle gebracht.
Dies war umso ernster, als der zweite Weltkrieg die politische Folge hatte, dass Westeuropa von seinen frueheren wichtigen Maerkten im Osten mehr oder weniger vollkommen abgeschnitten war.
A H dies machte das Europaeische Wiederaufbauprogramm
und die weitgehende Hilfe der Vereinigten Staaten, die diese«
- 4

�Programm erst ermoegllchte, zu einer Notwendigkeit. Es ist
nicht meine Absicht, auf die Einzelheiten der Ergebnisse des
Europaeischen Wiederaufbauprogramms einzugehen, da hier schon
genuegend geschrieben und gesprochen wurde. Ich moechte nur
nebenbei bemerken, dass dieses Programm ein durchschlagender
Erfolg.war, und dass im vierten Quartal 1950 die industrielle
Produktion Westeuropas 40% ueber ihrem Vorkriegsstand lag und
um 42% hoeher war als 2&amp; Jahre zuvor, als das .Europaeische
Wiederaufbauprogramm begann» Das internationale Handelsdefizit
Westeuropas, das sich im Jahre 1947 auf 7j Milliarden Dollar
belief, hatte sich im Jahre 1950 schaetzungsweise auf weniger
als 2 Milliarden Dollar vermindert.
Die Frage, die sich hier stellt, ist die folgende:
Bis zu welchem Grad hat dieses Programm dazu beigetragen, die
langwierige Krankheit der westeuropaeischen Wirtschaft zu
heilen? Sie werden sich vielleicht erinnern, dass ich sagte,
diese Krankheit waere im Grunde genommen dadurch verursacht,
dass die Reichtuemer ungleich verteilt wurden und die Ueberseemaerkte im Verhaeltnis zu den Produktionsmoeglichkeiten
keine genuegende Ausdehnung erfuhren, und dass die Merkmale
dieser Krankheit neben der chronischen Arbeitslosigkeit vor
allem der Mangel an industrieller Leistungsfaehigkeit waren.
Die wirtschaftliche Genesung Westeuropas, wenigstens bis
zum Jahre 1949, fusste vor allen Dingen auf der ungewoehnlichen
Nachfrage nach Ersatzguetern und Ersatzmaterialien, die gewoehnlich die Folgeerscheinung eines langen und verheerenden Krieges
ist. Bereits 1949 erlitt der europaeische Wiederaufbau einen
ernsten Schlag, der zum groessten Teil durch den leichten wirtschaftlichen Rueckgang in den Vereinigten Staaten im gleichen
Jahr erklaerlich ist. Ausserdem dürfen wir nicht vergessen, dass
bis zum Jahre 1949 Deutschland und Japan - zwei der Laender,
die vor dem Krieg am staerksten zum internationalen Handel beisteuerten - noch nicht wieder auf den Maerkten zugelassen waren.
Es ist zum Beispiel sehr interessant, festzustellen, dass der
Aufschwung der britischen Ausfuhr zwischen 1938 und 1948 ungefaehr gleichbedeutend war mit dem deutschen Exportrueckgang
zur gleichen Zeit. Es schien daher, dass eine Rueckkehr zu den
Verhaeltnissen der Zwischenkriegszeit beginnen sollte, und dass
ein ruecksichtsloser Wettbewerb zur Eroberung der Maerkte einsetzen sollte.
Wenn das diesmal nicht der Fall war und der Wiederaufbau
seit 1949 ununterbrochen fortgeschritten ist, so ist dies meiner
Meinung nach in hohem Masse dem wachsenden wirtschaftlichen
Ansporn der Aufruestung zu verdanken. Ich weiss, dass auch
andere Ursachen daran beteiligt sind, wie zum Beispiel die Entwertung einer Anzahl westeuropaeischer Waehrungen zu Ende des
Jahres 1949. Ich glaube jedoch, dass fuer die Wirtschaft der
Vereinigten Staaten, die heutzutage durch ihre Macht den Stand
der wirtschaftlichen Taetigkeit Im ganzen Westen bestimmt und
in der ein Viertel der nationalen Produktion den Zwecken der
Verteidigung gewidmet ist, der Ansporn der Aufruestung die Haupt»ursaohe fuer den hohen Stand der Industrieproduktion seit 1949 ist.
Wie wir alle wissen, ruehrt die unmittelbare Bedrohung der
westeuropaeischen Wirtschaft heutzutage nicht von einer mangelnden Nachfrage her, sondern vielmehr von der Knappheit an Rohstoffen, die zum Grossteil durch das Anlegen von Vorraeten fuer
Verteidigungszwecke verschuldet ist. Es scheint demnach, dass
Westeuropa wenigstens in absehbarer Zukunft keine Sorge darueber
zu haben braucht, ob fuer seine ganze Erzeugung genuegend Absatzmoeglichkeiten vorhanden sein werden. Ich bin jedoch der
Ansicht, dass wir weder auf wirtschaftlichem Gebiet noch In moralischer Hinsicht uns mit einem wirtschaftlichen Wohlstand
zufrieden geben sollten, der In so hohem Masse von Verteidigungsausgaben abhaengig ist.
Wenn durch
5

�irgendein Wunder» das wir alle erhoffen mueaaen, der gegenwaertige Aufrueatungastürm ploetzlich aufhoeren koennte, so
wuerde aich die Frage stellen, was aus den weateuropaeiachen
und anderen westlichen Wirtschaften werden soll* Um es
gerade heraus zu sagen: es ist ganz klar, daaa den Haerkten
der Grund und Boden entzogen wuerde.
Wie aollen wir uns also zur unterirdischen Schwaeche
Westeuropas stellen, die heute durch den kuenatlichen Ansporn der Aufruestung ueberdeckt wird? Im Laufe des vergangenen Jahres war von vielen Verhandlungen und Plaenen
die Rede, die alle das Ziel hatten» die wirtschaftliche
und politische Vereinigung Westeuropas herbeizufuehren.
Auf wirtschaftlichem Gebiet ist das Hauptziel aolch einer
Vereinigung» die industrielle Leiatungafaehigkeit durch
die Schaffung einea besonderen westeuropaeiachen Marktgebietes zu verbessern. Ich bezweifle nicht, daaa aolche
Vorschlaege einen grossen Wert haben, glaube jedoch, daaa es
auaaerordentlich 8chwer aein wird, aie in die Wirklichkeit
umzusetzen und ich fuerchte, dass aie keine sehr schnellen
Ergebnisse zeitigen werden. Doch bin ich der Meinung» daaa
diese Vorschlaege fuer Westeuropa als Ganzes die erwuenachte
Loeaung nicht erbringen koennen, weil, wie ich achon frueher
gesagt habe, die westeuropaeischen Wirtschaften immer die
Tendenz haben, nach aussen, also auf die Ueberseemaerkte zu
blicken und einander zum Grossteil nicht ergaenzen. So
wichtig es auch sein mag, die industrielle Leistungsfaehigkelt zu erhoehen, insbesondere seit Westeuropa nicht mehr,
wie vor dem Krieg, ein Puenftel aeiner Auafunren mit einem
Einkommen bezahlen kann, das ihm aus auslaendisehen Investierungen zufliesst, ao beateht doch daa wichtigate Beduerfnia
Westeuropaa auf lange Sicht in der Erschliessung und Erweiterung von Ueberseemaerkten; und da die Vereinigten Staaten,
die den weitesten Einzelmarkt der Welt darstellen, sich in
hohem Masse selbst versorgen, muessen diese Maerkte vor allem
in den unterentwickelten oder nur teilweise entwickelten
Laendern Asiens, Afrikas und Suedamerlkaa geschaffen werden.
In Wirklichkeit leben die Voelker in vielen dieser
Laender heutzutage in erdrueckender und abscheulicher Not»
Ea genuegt, die Einkommensziffern pro Kopf zu betrachten,
um dies zu beurteilen. Das Durchschnittseinkommen in den
Vereinigten Staaten belaeuft 8ich auf etwa 1200 Dollar im
Jahr, in England auf $600, in 13 anderen Induatrielaendern
auf $450 oder mehr, in der uebrlgen Welt Jedoch, daa helast
in einem Gebiet, in dem zwei Drittel der Bevoelkerung der
Erde leben, ist das Durchschnittseinkommen nur 60 bis 90
Dollar Im Jahre - oder etwa 1 1/2 Dollar In der Woche.
Was die Sache noch aerger macht, ist, daaa in vielen
der aermeren Laender die Unterschiede zwischen Armut und
Reichtum besonders auffallend sind, waehrend in den reicheren
Laendern eine starke Tendenz nach einer zunehmenden Verwischung der Einkommensunterschiede besteht. Mehr noch, die
Kluft zwischen den fortschrittlichen und den zurueckblelbenden Laendern wird immer tiefer. Dir fortschrittlichen
Laender haben durch ihren blossen Portschritt einen starken
Vorteil gegenueber den anderen. Ihr groesseres Produktionspotential macht es ihnen leichter, fuer die weitere Entwicklung Kapital anzuhaeufen, waehrend die rueckstaendigen Gebiete,
die faat ihre gesamten Mittel benuetzen mueaaen, um allein
- 6 -

�ihre Bewohner am Leben zu erhalten, immer weiter zurueckfallen. Wie ich es bereits hervorgehoben habe, geschah
dies selbst dort, wo die Mutterlaender in ihren Ueberseebesitzungen bis zu einem gewissen Ausmass Kapital entwickelt
haben, oft in der Form einer Produktionsfoerderung, die sich
einzig und allein auf die wichtigsten Gebrauchsgueter
erstreckte und nicht genuegend ausgeglichen war, um eine
nennenswerte Erhoehung des Lebensstandards der Arbeiterklasse
dieser Gebiete zu erreichen*
All dies zeigt sehr klar die Notwendigkeit eines internationalen Planes auf, der dafuer sorgen muss, dass die
industriellen Leender in grossem Masstabe dafuer die rueckstaendigen Laender Kapital bereitstellen.
Worauf wir es
hier wirklich abgesehen haben, ist die Aufrechterhaltung eines
hohen und festen Standardes einer produktiven Beschaeftigung
in der ganzen Welt, und es ist interessant, die Schlussfolgerungen hervorragender Wirtschaftssachverstaendiger zu
lesen, die im vorigen Jahr ersucht wurden, den Vereinten
Nationen ueber dieses Thema einen Bericht abzugeben. Wahrscheinlich der ausschlaggebendste Satz im Bericht dieser
Sachverstaendigen war der folgende:
"Wir sind der Meinung, dass das Problem der Vollbeschaeftigung nur im Rahmen einer ausgedehnten Weltwirtschaft geloest werden kann, in welcher die wirtschaftliche
Entwicklung der unterentwickelten Laender das wichtigste
Einzelelement darstellen wuerde."
Denn wenn die Arbeitsproduktivitaet in den unterentwickelten Laendern so weit erhoeht werden koennte, dass sie
den westeuropaeischen Verhältnissen etwas naeher kommt, so
wuerde dies schliesslich im Leben von mehr als 1.000 Millionen Menschen geradezu eine Umwaelzung darstellen. Ihre
Produktion koennte auf ein Vielfaches gesteigert und ihre
Kaufkraft entsprechend erhoeht werden. Puer Westeuropa
wuerde dies die Eroeffnung unausdenkllcher neuer Exportmaerkte und die Schaffung .riesiger Mengen von Rohstoffen
und Nahrungsmitteln bedeuten. Und was die Exportmaerkte betrlefft, wuerde es sich nicht bloss um eine zeitweilige
Nachfrage nach Kapitalausruestung handeln, die die westeuropaelsche Wirtschaft ohne weiteres bereitstellen koennte,
es wuerde sich darueber hinaus eine dauernde Nachfrage nach
allen mqeglichen Fabrikaten einstellen, deren Verbrauch
den betreffenden Voelkern durch die Erhoehung ihres Lebensstandards zum ersten Mal gestattet sein wuerde.
Es ist natuerlich klar, dass der Groateil der fuer
einen solchen internationalen Plan benoetigten Finanzmittel
von den Vereinigten Staaten bereitgestellt werden muesste,
da sie in der heutigen Welt bei weitem das reichste Wirtschaftspotential besitzen. Es ist Jedoch ebenso klar, dass
die westeuropaeischen Laender sich an diesem Plan entsprechend ihrer Moegllchkeiten beteiligen muessten. Und es
muss hervorgehoben werden, dass es sich um einen internationalen Plan handeln muss. Viele der rueckstaendigen
Laender haben mit den politischen und wirtschaftlichen
Ergebnissen des Imperialismus unglueckliche Erfahrungen
gemacht und sind daher geneigt, allen aeusseren finanziellen
Unterstuetzungsplaenen zu misstrauen. Ausserdem hat es
keinen Zweck, zu glauben, dass ein Grossteil der zur Finanzierung dieses Planes benoetigten Gelder aus privaten Quellen
- 7

�fHessen koennte. Zuerst wuerde es sich darum handeln, die
wichtigsten Dienstleistungen sicherzustellen, wie zum Beispiel
Strassen, Eisenhahnen, Kanalisationen, Schulen, Krankenhaeuser und so weiter, und es wuerde viele Jahre dauern» ehe die
Kapitalinvestierungen in diesen Laendern Ertraege in dem Hassstab bringen wuerden, wie private Kapitalisten sie erwarten.
Der Grossteil der Finanzen muesste daher von den Regierungen
aufgebracht werden.
Es besteht heute zwischen den Wirtschaftssachverstaendigen aller Richtungen Einvernehmen darueber, dass ein solcher
gegenseitiger Unterstuetzungsplan auf internationaler Grundlage notwendig ist, und in der Tat wird auch bereits Verschiedenes im Sinne dieser Richtlinien unternommen. Zunaechst
gibt es das von Praesident Truman eingeleitete Punkt-VierProgramm. Leider wurden jedoch bis jetzt nur 30 Millionen
Dollar vom Kongress fuer dieses Programm bereitgestellt.
Dann gibt es den Colombo-Plan, der von den Regierungen des
britischen Commonwealth ins Leben gerufen wurde und der sich
die Bereitstellung einer Finanzhilfe von 3 Milliarden Dollar
im Laufe von sechs Jahren an bestimmte suedostasiatische
Laender zur Aufgabe stellt. Bis jetzt jedoch wurde kein Vorschlag darueber gemacht, woher ein Grosstell dieser finanzlallen
Unterstuetzung kommen soll. Allerdings stehen bei der amerikanischen Regierung weitere Plaene in Vorbereitung, die aus Mitteln
der Vereinigten Staaten im ersten Jahr einen Betrag von etwa
500 Millionen Dollar an rueckstaendige Laender vorsehen. Es
bleibt jedoch dahingestellt, welche Betraege vom Kongress wirklich bereitgestellt werden. Daneben starten die einzelnen westeuropaeischen Laender In den von ihnen abhaengigen Gebieten
ihre eigenen Entwicklungssysteme. Grossbritannien zum Beispiel steht im Begriff, auf diese Weise 1,5 Milliarden auszugeben, waehrend Belgien beabsichtigt. Im Laufe von 10 Jahren
fuer aehnliche Zwecke 900 Millionen Dollar bereizustellen.
Doch alle Betraege, die bis jetzt von den Regierungen
angenommen oder eroertert wurden, koennen In Wirklichkeit kaum
die Peripherie des Problems beruehren, da die rueckstaendigen
Gebiete so ausgedehnt und ihre Einwohner so ungeheuer zahlreich sind. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass aus Gruenden, auf die ich hier nicht eingehen kann, ihre Bevoelkerung
sich sehr schnell vermehrt. Man schaetzt, dass innerhalb
von 20 Jahren die Bevoelkerung Suedostasiens um 120 Millionen
steigen wird, das heisst um eine Zahl, die beinahe so gross
ist, wie die gesamte Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten.
Es ist daher anzunehmen, dass die Gelder, die jetzt in dienen
Gebiete angewendet werden, kaum genuegen werden, um eine
weitere Verschlechterung des Lebensstandards zu verhueten, wobei von einer Verbesserung dieses Standards ueberhaupt nicht
gesprochen werden kann. Wie James Carey von der C.I.O. hervorgehoben hat, stellt das Geld, welches bislang von den Vereinigten Staaten im Rahmen des Punkt-Vier-Programm aufgebracht
wurde, weniger als ein Viertel-Dollar fuer jeden der 560 Million ea Menschen in Suedostasien dar.
Wenn irgendetwas Wirksames getan werden soll, um dieses
Problem zu loesen, so muessen diese Vorschlaege die Kuehnheit
und Grosszuegigkeit der Anregungen besitzen, die von einem
anderen C.I.O.-Fuehrer, Walter Reuther, gemacht wurden. Was
er vorschlug, war, dass sich das Volk der Vereinigten Staaten
dazu verpflichte, hundert Jahre lang durch die Vereinten
Nationen einen jaehrlichen Betrag von 13 Milliarden Dollar
fuer die wirtschaftliche Entwicklung der tJeberseelaender bereitzustellen, und dass die anderen Nationen je nach ihren
- 8

�Moeglichkeiten aehnliche Verpflichtungen eingehen*
Die Frage, die sich angesichts dieser astronomischen
Zahlen sofort stellt« ist, ob Westeuropa und die anderen
Westmaechte solche Betraege aufbringen koennen, insbesondere
Jetzt, da so viel fuer die Aufruestung ausgegeben wird. In
diesem Jahre stellt der Kongress einen Betrag von 70 Milliarden Dollar fuer die Aufruestung bereit, gegenueber 25 Milliarden Dollar, die bis jetzt fuer das Punkt-Vier-Programm gebilligt wurden. Auch in den westeuropaeischen Laendern steigen
die Aufruestungskosten; in England werden sie zum Beispiel
verdoppelt.
Die Antwort, die ich auf diese Frage geben moechte, ist,
dass die Westmaechte einen internationalen Hilfsplan zugunsten
der rueckstaendlgen Laender in einem aehnlichen Masstab wie
der, den ich erwaehnt habe, unbedingt annehmen muessen. Wir
muessen uns ein fuer allemal darueber Rechenschaft ablegen,
dass diese rueckstaendigen Laender, insbesondere in Asien
und Afrika, das groesste politische und soziale Problem, das
die Welt heutzutage kennt, darstellen. Wenn wir dieses
Problem nicht loesen, so ist es hoechstwahrscheinlich, dass
alle unsere Verteldigungsplaene letzten Endes scheitern werden.
In diesem Zusammenhang moechte ich wieder eine Feststellung anfuehren, die von James Carey gemacht wurde. Es
helsst, dass er gesagt haette, die westlichen Demokratien
wuerden sowohl auf moralischem als auch auf militaerlschem
und wirtschaftlichem Gebiet ihre eigene Zukunft in Frage
stellen, wenn sie die 560 Millionen Einwohner Suedostaslens
samt den natuerllchen Reichtuemern dieses Gebietes an den
Kommunismus verlieren wuerden. Im Vergleich zu den diesjaehrlgen 70 Milliarden Dollar, die die Vereinigten Staaten fuer
ihre Verteidigung ausgegeben haben, sagte Carey, "haetten wir
offenkundig Geld erspart, wenn wir uns entschlossen haetten,
vier Jahre lang Jaehrlich 5 Milliarden Dollar fuer MarshallPlan-Programme im Fernen Osten auszugeben".
Uns allen Ist bekannt, dass in Suedostasien gegenwaertig
eine politische und soziale Gaerung vor sich geht. Die Einwohner dieses und anderer Gebiete werden unter dem Druck eines
erwachenden Nationalismus immer staerker den empoerenden Abgrund gewahr, der zwischen ihren eigenen Lebensbedingungen und
denjenigen der Voelker in den fortschrittlichen Laendern besteht. Sie kommen schnell zu dem Schluss, dass es angesichts
der gegenwaertigen Mittel der Wissenschaft und Technik keinen
triftigen Grund dafuer gibt, dass sie in ihrer entsetzlichen
Armut verbleiben sollten. Wenn wir nicht etwas Grosszuegiges
tun, um Ihre Lebensbedingungen zu verbessern, und wenn wir
es nicht schnell tun, so werden diese Voelker unvermeidlich
dem Kommunismus verfallen und sich uns nicht nur als Maerkte,
sondern auch als Quellen lebenswichtiger Nahrungsmittel und
Rohstoffe verschliessen. Die kuerzllchen Ereignisse in Persien
beweisen, dass die Laender nicht erst dem Kommunismus verfallen
muessen, um diesen Weg zu beschreiten. Und was das fuer Westeuropa bedeutet, ist, dass, wenn noch mehr Maerkte und Versorgungsquellen auf diese Weise geschlossen werden, dies am
Ende mit Sicherheit den wirtschaftlichen Untergang zur Folge
haben wird, und zwar mit allen politischen und sozialen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
- 9 -

�Die Eroerterung clor Probleme Westeuropas Hess uns zu einer
Stelle kommen, -die von Europa selbst weit entfernt ist. So ist
es auch in der Tat, denn in Wirklichkeit ist es in mancher Hinsicht
und insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet bloss eine besondere
Form der Vorstellung, wenn man Westeuropa als ein separates Ganzes
betrachtet. Es ist viel eher der Teil eines Weltwirtschaftskomplexes, und seine Probleme koennen nur im Rahmen einer umfassenden
Planung eine Loesung finden. Wie ich die Dinge sehe, bleiben diese
Weltwirtschaftsprobleme nach wie vor das, was sie unter dem Kapitalismus immer waren - trotz des bemerkenswerten Fortschritts,
der im Sinne einer Milderung der besonders harten Seiten dieses
Systems erzielt wurde. Die Probleme bleiben im Grunde genommen
die grossen Ungerechtigkeiten der Gueterverteilung zwischen den
verschiedenen Klassen und Nationen und die sich dareus ergebende
Unmoeglichkeit, ein hohes und festes Beschaeftigungsniveau aufrecht zu erhalten sowie die Produktionstechnik zur vollen Entwich
lung zu bringen, weil die Kaufkraft der Volksmassen nicht genuegend hoch ist.

ALLGEMEINE LOHNERHOEHUNGEN IN SCHWEDEN
Zum erstenmal seit drei Jahren sind gegen Ende des Jahres
1950 und anfangs 1951 fuer 1 1/2 Millionen schwedische Arbeiter
oder 60% der 2 1/2 Millionen Lohn- und Gehaltsempfaenger Schwedens
Verhandlungen ueber neue Lohn- und Gehaltsabkommen gefuehrt worden.
Der schwedische Gewerkschaftsbund (LO) verfolgte seit 1947 die
Politik, die bestehenden Lohntarife beizubehalten, machte jedoch
im Jahre 1950 die Fortsetzung dieser Politik von der Stabilisierung
der Preise abhaengig. Seit dem Beginn der Feindseligkeiten in
Korea im Jahre 1950 hatte der schwedische Gewerkschaftsbund jedoch
mit grossen Preiserhoehungen gerechnet und den ihm angeschlossenen
Gewerkschaften empfohlen, die bestehenden Tarifvertraege zu kuendigen und wieder freie TarifVerhandlungen aufzunehmen.
Obwohl die Verhandlungen waehrend der ersten Haelfte des Jahres 1951 fortgesetzt werden sollten, koennten bereits Ende Februar 1951 fuer etwa die Haelfte der Arbeiter Vertraege auf friedlichem Weg abgeschlossen werden. Die drei folgenden wesentlichen
Merkmale kennzeichnen im allgemeinen die neuen Vertraege:
(1) Die Lohnerhoehungen sind im Vergleich zu den geschaetzten
Steigsrungen der Lebenshaltungskosten maessig. Der Lebenshaltungskostenindex hatte im Dezember 1950 den Durchschnitt des Jahres
1947 um 10% ueberschritten. Als im Dezember 1950 die Subventionen
fuer alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse aufgehoben wurden, begannen die Preise schnell anzusteigen und schwedische Behoerden
schaetzten, dass die Erhoehung des Lebenshaltungskostenindex im
ersten Quartal des Jahres 1951 insgesamt acht Prozent betrug.
(2) Die Lohnerhoehungen waren fuer niedrig bezahlte Industriezweige und fuer die Gruppen mit niedrigen Einkommen, vor allem
Frauen, am hoechsten.
(3) Die Vertraege sind auf ein Jahr Gueltigkeitsdauer begrenz
und nicht mit den periodischen Steigerungen der Lebenshaltungskosten gekoppelt. Die Funktionaere des schwedischen Gewerkschaftsbundes haben den Gewerkschaften nahegelegt, von dieser letzteren
Massnahme zum Schutze der Realloehne abzusehen, um eine Lohn-PreisSpirale zu verhindern.
- 10 -

�In den Vertraegan, die in der Zeit von November 1950 bis
Februar 1951 abgeschlossen wurden, sind, folgende durchschnittliche Lohnerhoehunren vorgesehen:
prozentuale
Gruppe
Lohnerhoehung
170.000 Wald- und Forstarbeiter

12.0$ - 17.0%

100.000 landwirtschaftliche Arbeiter .
(etwa die Haelfte nicht gewerkschaftlich
organisiert)
maennlich

13.5%

weiblich

19.0%

12.000 Arbeiter in Herstellungsbetrieben

8.0% - 13.0%

150.000 Maschinen- und Giessereiarbeiter

9.5%

5.000 Bergleute in Erzbergwerken
(mit Lohnunterschieden gemaess den Senioritaetsanspruechen, um uebermaessig
haeufige Arbeitsplatzwechsel zu vermeiden)

8.0%

35.000 Arbeitnehmer im Hotel- und Gaststaettengewarbe

13.0% - 14.0%

35.000 Bekleidungsarbeiter

13.0% - 14.0%

9.000 Angestellte der Handelsbanken
(hier erfolgte eine prozentuale Erhoehung
der Gesamteinkommen. Frauen erhielten
hoehere Gehaltsaufbesserungen)

10.0% - 25.0%

200.000 Beamte und andere Arbeitnehmer der
18.8%
Regierung
(ebenfalls prozentuale Erhoehung der
Gesamteinkommen)
Etwa 50.-000 Empfaenger von Alterspensionen, die von der Regierung gewaehrt werden, haben mit der gleichen prozentualen Erhoehung ihres Einkommens wie die Arbeitnehmer der Regierung gerechnet. . Dieses Abkommen gilt ausserdem indirekt fuer ueber 200.000
Kommunal- und Provinzialbedienstete, deren Loehne und Gehaeiter
im allgemeinen (Jenen der Arbeiter und Beamten der Regierung angeglichen werden.
Notes on Labor Abroad
11/51
REFERATS FUER PR QDUKTIOfrSTSCHNIK IN AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN
Eine Anzahl amerikanischer Gewerkschaften haben Referate
fuer Produktionstechnik oder -Forschung. Vielleicht ist diese
Tatsache ein Beweis fuer das Ausmass, in dem die Betriebswissenschaft in der amerikanischen Industrie angewendet wird. Man darf
natuerlich nicht vergessen, dass die Betriebsleitung in den Vereinigten Staaten, allgemein gesprochen, "mehr auf eigenen Fuessen
steht" als in Grossbritannien. Die Konkurrenz spielt eine wesentliche,stets akute Rolle. Lohnverhandlungen werden zwischen oertlichen Gewerkschaften und einzelnen Unternehmen und weniger auf
gesamtindustrieller Basis gefuehrt..
- 11 -

�Wenn gewerkschaftliche Referate fuer Produkt!onstechnik bestehen, so bedeutet das nicht, dass die amerikanischen Gewerkschaften die Absicht haben oder auch nur inErwaegung ziehen, die Funktionen der Betriebsleitung in der Industrie zu uebernehmen. 2s
ist in der Tat in den meisten Vertraegen zwischen den Unternehmen
und Gewerkschaften eindeutig festgelegt, dass sich die Gewerkschaft
in keiner V/eise in die Funktionen der Betriebsleitung einmischen
oder ihnen entgegen handeln darf. Die Einstellung und Entlassung
von Arbeitnehmern wird im allgemeinen nicht zufaellig als eine
Funktion der Betriebsleitung angesehen. Die Unternehmer haben
bei zahlreichen Gelegenheiten die Gewerkschaften um ihren Hat
ersucht, wenn es sich um Probleme des Betriebes handelte.
Wenn die- amerikanischen Gewerkschaften Referate fuer Produktionstechnik errichtet haben, so ist hierin sine rein defensive
Massnahme zu sehen, eine Massnahme, die den Zweck hat, die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder gegenueber der allzu haeufigen
Anwendung "wissenschaftlicher Betriebsleitungsmethoden" zu
schustzen, die «jeder menschlichen Ueberlegung entbehren. Techniker im Dienst der Gewerkschaften haben die Aufgabe, die statistischen Unterlagen- bereitzustellen, die fuer TarifVerhandlungen notwendig sind, um beweisen zu koennen, was die Arbeiter leisten
koennen, und um sich nicht auf Grund wissenschaftlicher Methoden
vorschreiben zu lassen, was sie leisten sollten.
Die Gewerkschaften und natuerlich auch viele amerikanische
Unternehmen hegen keinen Zweifel ueber die wissenschaftlichen Grenzen des Zeitstudiums und der Arbeitsbewertung. Sie sind rieh bswusst, dass die persoenliche und individuelle Beurteilung - d.h.
das menschliche Element, das bei der Festsetzung vorgeschlagener
Arbeitsnormen mitspielt, nicht so ist, dass die gewaehrte Arbeitszeit, die in Zeitstudien errechnet wird, als "Tatsache" angesehen
werden kann.
Dieser Umstand hat zweifellos dazu beigetragen, dass viele
Gewerkschaften davon Abstand genommen hab3n, eine Haltung einzunehmen, die von vornherein gegen das Zeitstudium gerichtet ist.
Denn wenn bei Fragen, die sich auf Ermuedung, Tariffestsetzung usw.
beziehen, persoenliches Urteil und persoenliche Meinung eine so
grosse -Rolle soielen, dann bestehen auch genuegend Moeglichkeiten
zur ^Diskussion. Mit anderen 7/orten, Zeitstudien bieten eine
Moeglichkeit, in die TarifVerhandlungen einen realistischen Gei3t
zu bringen.
Aufgabe der Produktionsreferate der Zentralstelle der Gewerkschaften ist es, hauptsaechlich die Grtsgewerkschaften mit Dienstleistungen und Informationen zu unterstuetzen. Der Personalstab
dieser Referate ist nur klein und umfasst hoechstens drei oder
vier Mitglieder, die jedoch hochqualifizierte Experten auf dem
Gebiet der Technik und der Betriebsleitung sein muessen. Einige
Gewerkschaften beschaeftigen auch in ihren Bezirksbueros technische Sachverstaendige. Die Arbeit die-er Techniker in den Gewerkschaften besteht nicht darin, Zeitstudien durchzufuehren oder
Arbeitsnormen festzusetzen, obwohl sie hierzu in der Lage waeren
und es auch mitunter fuer notwendig erachten, sondern die Zeitstudien oder Arbeitsplatzbewertung der Arbeitgeber zu ueberwachen
und dementsprechende Verhandlungen zu fuehren. Wenn neue Maschinen oder neue Produktionsmethoden in einem Betrieb eingefuehrt
werden, wenn'ein Montageband abgeaendert oder ein neuer Arbeitsvertrag entworfen wird, wird die Ortsgewerkschaft haeufig Rat und
Unterstuetzung beim Produkt!onsreferat ihres Gewerkschaftsvorstandes einholen, dem genuegend Informationen und statistische Unterlagen zur Verfuegung stehen und das hoechstwahrscheinlich ueber
die finanzielle Lage des Unternehmens gut unterrichtet ist.
- 12 -

�Es besteht wohl kein Zweifel darueber, dass die erfolgreiche
Arbeit dieser produkt,ionstechnischen Referate der amerikanischen
Gewerkschaften in dem Bestreben, die Interessen ihrer Kitglieder
zu wahren und sie zu foerdern, viel dazu beigetragen hat, das zu
beseitigen, was unter anderen Umstaenden ein Hindernis fuer
die technologische Entwicklung in den betreffenden Industrien
ha.ette -ein koennen. Die Gewerkschaften sind der Auffassung,
dass die Sicherheit des Arbeitsplatzes am besten durch eine
groesstmoegliciie Leistungsfaehigkeit der Industrie garantiert
ist, und dass die Verbesserung des Lebensstandards vornehmlich
von der Steigerung der Produktionsleistung abhaengig ist.
Besonders interessant auf diesem Gebiet der Produktiontechnik ist die Arbeit des produktionstechnischen Referats der Internationalen Dt.menob3rbekleidungsarbeitergewerkschaft. Diese Organisation, in der Arbeiter der groessten und am staerksten konkurrierenden Industrie organisiert sind, ist in der Entwicklung der
Methoden des Zeitstudiums weiter gegangen als die meisten Gewerkschaften mit dem Ergebnis, dass die Lohntarife in dieser Industrie im Laufe der letzten Jahre wesentlich verbessert und, was
noch wichtiger ist, stabilisiert wurden. Eine andere gewerkschaftliche Errungenschaft ist die Teilnahme der Vereinigten
Stahlarbeitergewerkschaft an dem Arbeitsbewertungsprogramm, das
in der Stahlindustrie auf Anordnung des nationalen Arbeitsausschusses fuer den Einsatz der Arbeitskraefte in Kriegszeiten im
Jahre 1945 durchgefuehrt werden musste. Diese Anordnung war auf
die Forderung der Gewerkschaft nach Lohnaufbesserungen und Beseitigung vieler Ungleichheiten bei der Lohnzahlung in der Stahlindustrie zurueckzufuehren. Das Programm hat insofern einen
Riesenaufwand an Arbeit bedeutet, als fuer alle Arbeitsplaetze
in der Industrie Arbeit3beschreibungen verfasst werden mussten,
die Arbeitsplaetze entsprechend der Anzahl der Punkte, die fuer
berufliche Fähigkeiten, Verantwortung,. Ausbildung und Unfallgefahr zuerkannt werden, klassifiziert wurden und ein Grundtarif
mit einer entsprechenden Tabelle fuer Arbeiter mit mehr Punkten
festgesetzt werden musste.
Das Referat fuer Lohnunterschiede der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft befasst sich zusammen mit technischen Vertretern der Unternehmer mit dieser Arbeit. Diese Arbeitsbewertung
hat sich als so erfolgreich erwiesen, dass Unternehmer und Gewerkschaften vereinbart haben, keine Beschwerden ueber Unterschiedlichkeiten der Lohntarife zu fuehren, sondern derartige Fragen in
direkten Verhandlungen zu klaeren.
Organizing for Output, BIM
TUERKISCHE GE~.VERKS GRÄFTEN WERDEN STAERKER
Irving Brown, der internationale Repräsentant der AFL, hat
dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften einen vorlaeufigen
Bericht uebar seinen Besuch in der Tuerkei unterbreitet, in dem
festgestellt wird, dass in diesem strategisch wichtigen aufstrebenden Land des Orients, das nur durch einen Wasserstreifen von
wenigen Meilen von Sow letrussland getrennt ist, eine freie Gewerkschaftsbewegung im Entstehen ist.
In seinem Bericht an J. H. Oldenbroek, den Generalsekretaer
de3 IBFG, erklaert Brown, die Zahl der tuerkischen Gewerkschaften
sei von 83 im Mai 1950 auf 103 im Maerz 1951 angestiegen. Die
Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter habe sich von
74.000 auf 99.000 erhoeht.
—

j.o

—

�Zwar wuerden die tuerkischen Gewerkschaften jetzt noch von
der Regierung genauestens kontrolliert, "und selbst die internen
Angelegenheiten der Gewerkschaften unterstuenden polizeilicher
Kontrolle, doch seien diese Massnahmen mit der Entfaltung der
neuen Gewerkschaftsbewegung im Abklingen."
Im Verlauf dieser Feststellungen teilte der Sprecher der
AFL mit, dass auf dem Kongress des Gewerkschaftsbundes in Istanbul,
an dem 500 Delegierte teilnahmen, "offen und uneingeschraenkt
an dem Arbeitsministerium Kritik geuebt" worden sei, und dass
alle wesentlichen Gewerkschaftsprobleme eingehend besprochen
worden seien.
Brown berichtete ferner, dass grosses Interesse fuer den
IBFG gezeigt worden sei und die Gewerkschafter die Hoffnung zum
Ausdruck gebracht haetten, nach der Bildung der LandesOrganisation
der Tuerkei dem IBFG beitreten zu koennen. Die Gruendung einer
solchen LandesOrganisation ist fuer das Ende dieses Jahres oder
fuer den Anfang des Jahres 1952 vorgesehen.
AFL Weekly News Service
17/24/51
AFRIKANISCHE GEWERKSCHAFT ERNEUEST INTERNATIONALEN RE'PRAES ENTANTEN
Eine der groessten Gewerkschaften Amerikas hat ihr wachsendes Interesse an internationalen Angelegenheiten dadurch unter
Beweis gestellt, indem sie einen internationalen Sondervertreter
ernannt hat.
Es handelt sich um die Internationale Gewerkschaft der Mechaniker (IAM), die unlaengst ihre Mitgliedschaft in der AFL wieder aufgenommen hat. Die Gewerkschaft hat Rudy Faupl, der sich
seit langem mit nationalen und internationalen- Gewerkschaftsfragen beschaeftigt hat, zu ihrem ersten internationalen Repräsentanten ernannt.
Faupl3 Ernennung bedeutet einen weiteren Schritt zur Einschaltung der Gewerkschaften in internationale Arbeitsbereiche.
Seit Jahren ist die Internationale Gewerkschaft der MeOhaniker
dem Internationalen Metallarbeiterverband und dem Internationalen
Transportarbeiterverband angeschlossen. Als eine seiner ersten
Amtshandlungen wird Faupl die 600.000 Mitglieder der IAM auf den
Konferenzen des Metallarbeiterverbandes in der Schweiz im Juli
dieses Jahres vertreten.
Als der Vorsitzende der IAM AI Eayes die Ernennung Faunls
bekanntgab, erklaerte er, dass die Gewerkschaft sich jetzt nicht
mehr allein durch den lediglich zeitweiligen Einsatz taetiger
Funktionaere in wirksamer V/eise in die Weltangelegenheiten einschalten wollen.
"Die Ereignisse haben bewiesen," fuhr, er fort, "dass es uns
ohne die Zusammenarbeit und die Solidaritaet aller freiheitsliebenden Menschen der Welt unmoeglich ist, Frieden, Freiheit und
Wohlstand in einer Welt zu erhalten, die aufgrund der technologischen Entwicklungen mit jedem Tape kleiner"wird."
Als internationaler Repraesentant der IAM wird Faunl gemeinsam mit den freien Gewerkschaften der ganzen Welt an der ünterstuetzung der Arbeiterschaft in ihrem Kampf um Frieden, Freiheit
und Wohlstand arbeiten.

- 14 -

�Der neue internationale Repraesentant war mehr als zehn
Jahre lang mit Fragen der Mechaniker beruf e beschaeftigt. V/aehrend des zweiten 7/eltkrieges half er der amerikanischen Regierung bei der Bearbeitung von Lohnfregen. Seit Januar 1951 war
er gemeinsam mit Exekutivstellen der IAM an Lohnstabilisierungsproblemen taetig. Im vergangenen Jahr gehoerte Faupl zu der
dreiköpfigen Delegation, die von amerikanischen Gewerkschaften
zur Berliner Industrieausstellung entsandt worden war.
Labor Air Bulletin
V/9/51
STEIGENDE AKTIVITAET DER FRAUEN IN AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN
Frauen spielen nicht nur rein zahlenmaessig in der Mitgliedschaft, sondern auch in der gewerkschaftlichen Organisation und
Fuehrung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung eine Rolle von
zunehmender Bedeutung.
Der zahlenmaessige Anteil der Frauen in den Gewerkschaften
nimmt staendig zu, was im wesentlichen auf die nachdruecklicheren
Bemuehungen der Organisationen in den letzten Jahren zurueckzufuehren ist, die Bueroangestellten und anderen Angestelltengrup^en
als Mitglieder zu gewinnen, in denen Frauen in grosser Zahl vertreten sind.
Von den 19 Millionen Frauen, die heute in den Vereinigten
Staaten erwerbstaetig sind, sind mehr als drei Millionen gewerkschaftlich organisiert. In einigen Gewerkschaften, wie z.B. der
Textilarbeitergewerkschaft, der Telephon- und Telegraphenarbeitergewerkschaft, der Internationalen Gewerkschaft der Elektro-,
Radio- und Maschinenarbeiten der Vereinigten Bekleidungsarbeiterund der Internationalen Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft
betraegt der Anteil der Frauen an der Gesamtmitgliederzahl 40
bis 75%.
Die amerikanischen Gewerkschaften waren stets darauf bedacht,
allen Arbeitern ohne Ruecksicht auf Rassenzugehoerip:keit, Konfession, Farbe oder Geschlecht den gleichen Schutz zu gewaehren.
Sie haben das Prinzip des gleichen Lohnes fuer gleiche Arbeit
unterstuetzt und unablaessig danach gestrebt, die fuer weibliche
Arbiiter notwendigen Gesundheits- und Sicherheitsmassnahmen zu
vervollkommnen.
Ein bezeichnendes Beispiel fuer die Arbeit, die in dieser
Hinsicht geleistet wird, ist die amerikanische Gewerkschaft der
Arbeiter in Automobil- und Flugzeugfabriken und in Fabriken zur
Herstellung landwirtschaftlicher Geraete (UAV.7). Sie ist eine der
groessten Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten.
Obwohl die 100.000 Frauen in dieser Gewerkschaft weniger
als 10% der gesamten Mitgliedschaft darstellen, hat 3ich die UAW
besondere Verdienste um die Abschaffung diskriminierender Methoden gegen Frauen und die Foerderung der Rechte der Frauen in der
Industrie erworber.
Sie hat zwei Sonderrefarata geschaffen, die sich speziell
mit Probismen der berufstaetigen Frau befassen. Der Beratungsausschuss fuer Frauen arbeitet auf Betriebsebene und beichaeftirt
sich vornehmlich mit Loehnen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen.
Die andere Einrichtung, das sogenannte Frauenbuero, arbeitet auf
Landesebene, um die V/ohlfahrt der Frauen durch erzieherische, gesetzgeberische und staatliche Massnahmen zu foerdern.
- 15 -

�Das Frauenbuero dor UAW arrangiert ausserdem Studienreisen
fuer Gewerkschaftsgruppen aus dem Ausland, die die Vereinigten
Staaten besuchen. Es stellt anderen Gruppen, die am Fortschritt
der Frauen interessiert sind, Literatur und Snrecher zur Verfuegung und wirkt bei der Werbung fuer neue Ortsgewerkschaften mit.
Die weiblichen Mitglieder der UAW beteiligen sich aktiv an
zahlreichen Phasen der-gewerkschaftlichen Arbeit. Etwa 600 von
ihnen bekleiden entweder Funktionaerstellungen, sind Mitglieder
in Ausschuessen, die mit Automobilfabriken ueber Terifvertraege
verhandeln, oder.betaetigen sich in Bildungs- und politischen
Ausschuessen verschiedener Ortsgewerkschaften. Andere arbeiten
in den Wohlfahrts- und Gesundheitsausschuessen der UAW.
Die Beteiligung der Frauen an der gewerkschaftlichen Arbeit
hat bei der Erzielung besserer Arbeitsbedingungen - richtige Beleuchtung, Heizung, Ventilation, sanitaere Waschraeume, Sicherheitsmassnahmen, Ruhepausen und Genesungsurlaub - eine wesentliche
Rolle gespielt. Sie hat ausserdem mitgeholfen, die Aufmerksamkeit der Gewerkschaften auf die besonderen Probleme der arbeitenden Mutter zu konzentrieren: die Notwendigkeit eines angemessenen
Mutter3chaftsurlaubs und kommunale Programme fuer Tageskindergaerten und Kinderbetreuung.
Immer groessar wird die Zahl amerikanischer Gewerkschaften,
die jetzt Klauseln ueber Mutterschaftsurlaub in ihre Tarifvertraege aufnehmen, in einigen wird eine maximale Abwesenheitsdauer von
einem Jahr festgelegt, ohne dass die Frauen den Anspruch auf ihren
Arbeitsplatz verlieren.
Labor Air Bulletin
V/9/51
WARUM AMERIKANISCHE ARBEITER GEWERKSCHAFTER SIND
Eine neue Erhebung, die innerhalb einer groesseren amerikanischen Gewerkschaft vor kurzem durchgefuehrt wurde, hat gezeigt,
dass der groessere Teil ihrer Mitglieder - etwa 70% - der Gewerkschaft beigetreten sind. Viele andere, die diesen festen Glauben
zu Anfang nicht hatten, sind nun begeisterte Mitglieder und einige
sind sogar in fuehrende Stellungen aufgerueckt.
Diese Feststellungen sind in einem Bericht enthalten, der,von
drei Sozialwissenschaftern des Instituts fuer Industrielle Wechselbeziehungen an der Universitaet Chikago in der Zeitschrift "The
Annals" der Amerikanischen Akademie fuer Politik und Sozialwissenschaft veroeffentlicht wurde.
Die drei Wissenschafter haben in einer Ortsgewerkschaft der
Vereinigten Stahlarbeiter von Amerika, die etwa 14.000 Mitglieder
hat, eine 14-monatige Studie durchgefuehrt. Die Gewerkschaft ist
dem CIO angeschlossen.
In dem Bericht wird hervorgehoben, dass die Familientradition
in der Arbeiterschaft eine der wichtigsten Ursachen dafuer ist,
dass die Arbeiter von ihrer gewerkschaftlichen Mission voellig uebei
zeugt sind. Viele, die dies als Grund angaben, erklaerten, dass ihi
Vaeter und andere nahe Verwandte Gewerkschaftsmitglieder waren und
auch sie fest an die gewerkschaftliche Sache glaubten.
Der Umfang der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung laesst vef-

- 16 -

Labor Air Bulletin
V/9/51

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 20

Frankfurt, 18. Fei 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Eine Analyse des Schuman-Plans - - - - - -

l

Gewerkschaften im Dienst der oeffentlichen
Wohlfahrt - - - - - - - - - - - - - - Was "Freie Arbeit" in Russland ist - - - -

7
6

Textilarbeiterstreik in Danville (U.S.A.)- 10
Die grosse Aufgabe der Berufsberatung - - 11
Die Gewerkschaftsbewegung in Asien breitet
sich aus
- - - - - - - - - - - - - - - 1 5

EINE ANALYSE DES SCHUMAN-PLANS
Am 9. Mai 1950 hat der franzoesische Aussenminister Robert
Schuman den Vorschlag seiner Regierung bekanntgegeben, die
Kohle- und Stahlindustrien Frankreichs und Deutschlands zusammen mit denen anderer europaeischer Laender in einem einzigen
Absatzmarkt zu vereinigen. Dieses Vorhaben stellt eine Entwicklung von groesster Bedeutung im politischen und wirtschaftlichen
Leben Westeuropas dar.
Schumans Vorschlag, einen Vertrag auszuarbeiten, erging
an alle suropaeischen Nationen. Fuenf Laender nahmen seine Einladung an: Belgien, Holland, Italien, Luxemburg und Westdeutschland. Diese fuenf Nationen haben nun zusammen mit Frankreich
einen detaillierten Vertrag in Ausfuehrung der urspruenglichen
Vorscblasga ausgearbeitet. Darin wird vorgeschlagen, dass alle
- 1-

�notwendigen Befugnisse zur Leitung dieser Industrien neuen
Institutionen uebertragen werden, die denen einer Bundesregierung aehnlich sein sollen. Der Angelpunkt in der Fuehrung dieser Industrien war die Beseitigung der nationalen Handelsbeschränkungen und der einschränkenden privaten Vereinbarungen.
Die diskriminierenden Methoden, die bisher haeufig beim Verkauf
•von Kohle und Stahl angewendet wurden, muessen fortfallen.
Kohle- und Stahlerzeugnisse und Arbeiter der Kohle- und Stahlindustrie duerfen innerhalb der Mitgliedstaaten frei ausgetauscht
werden. Bei einer kritischen Knappheit oder sonstigen Krisen,
die ein Eingreifen der Regierung erfordern, muessen sich die
neuen uebernationalen Institutionen einschalten.
Der einheitliche Absatzmarkt, der durch diese Bestimmungen
geschaffen wuerde, waere von der uebrigen Welt nicht isoliert.
Hersteller aus Staaten, die Niohtmitglied sind, -haetten ebenfalls freien Zutritt zu dem Markt, ohne dass der Einfuhr ihrer
Erzeugnisse bedeutendere Handelsbeschränkungen auferlegt wuerden. Aus-serdem wuerde denjenigen Laendern, die von den Herstellern des einzigen Absatzmarktes auf dem Importwege beliefert
werden, gleiche Behandlung und angemessene Preise zugesichert.
Diese revolutionaeren Vereinbarungen und Einrichtungen verdienen, dass man sich eingehend mit ihnen beschaeftigt. Im Folgenden sind die wesentlichen Bestimmungen des Plans zusammengefa3st und dargelegt, wie man sich 3eine Arbeitsweise vorstellt.
Die Satzungen des Sohumanplans zeigen, dass die Souveraenitaet
der einzelnen Laender duroh eine Reihe wesentlicher Bestimmungen
gewahrt bleibt. Nach dem Abkommen wird eine exekutive Koerperschaft gebildöt werden, die befugt ist, den groessten Teil der
wesentlichen Bestimmungen zur Ausfuehrung zu bringen. Die Mitglieder dieser exekutiven Koerperschaft, die die Bezeichnung
"Hohe Behoerde" tragen wird, werden gemeinsam von den Regierungen
der Mitgliedstaaten fuer eine Amtszeit von sechs Jahren gewaehlt.
Kein Mitglied dieser Behoerde darf sich an eine nationale Regierung irgendeines Teilnehmerstaates wenden oder Instruktionen von
ihr annehmen.
. Die Befugnisse, die fuer die Hohe Behoerde vorgeschlagen
sind, reichen sehr weit. Hierzu gehoert das Recht, die Produktion der Unternehmen, die ihr unterstehen, zu besteuern, Richtlinien in bezug auf Kohle und Stahl herauszugeben, die fuer die
einzelnen Unternehmen und Staaten, an die "sie gerichtet sind,
bindend sind, solchen Unternehmen, die ihre Anordnungen nicht
befolgen, Geldstrafen aufzuerlegen, die Gewinne, die aus irgendwelchen illegalen Handlungen der Mitgliedstaaten entstehen, durch
Sonder3teuern auf die Produktion in den Betrieben dieser Laender
praktisch zu beschlagnahmen, zu borgen und zu verleihen, Erhebungen durenzufuehren und den Betrieben und Staaten innerhalb
ihres Wirkungsbereichs Vorschlaege zu unterbreiten. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, wenn erforderlich, die Ausfuehrung
der Anordnungen der Hohen Behoerde durch den Einsatz ihrer ""olizeikraft zu erzv;ingen.
Die Hohe Behoerde wird regelmaessig einer Gemeinsamen Versammlung 'Bericht erstatten, die sich aus Delegierten zusammansatzt,
die in vereinbarter Zahl von den ntgllodstfcfcten entsendet werden« Die Versammlung wird die Arbeit der Hohen Behoerde all,1aehrlich ueberpruefen. Mit einer Stiiiimennehrheit von zwei Dritteln kann die Versammlung der Behoerde das Vertrauen absprechen
und ihre Mitglieder zum Ruecktritt zwingen. Sie wird ausserdem
befugt sein, einen Jahreshaushalt, der von der hohen Behoerde vorgeschlagen ist, zu pruefen und im Gesamten zu bewilligen.

�Eine dritte wesentliche Einrichtung des "°lans ist der besondere Ministerausschuss. Die Schaffung eines solchen Ausschusses
entstammt der Notwendigkeit, irgendwelche Mittel zu finden, mit
denen die Arbeit der Hohen Behoerde in den Kohle- und Stahlsektoren des Wirtschaftsgefueges der Mitgliedstaaten mit den Massnahmen
koordiniert werden kann, die von diesen Regierungen fuer den
uebrigen Teil ihrer Wirtscheft ergriffen werden. In frueheren
Verhandlungen wurden die Auswirkungen von Massnahmen der Hohen
Behoerde in Kohle und Stahl auf nationale Probleme, wie z. B.
die Kontrolle der Inflation, die Bilanz auswaertiger Konten und
die Sicherung der Verteidigung besprochen.
•

Der Mlnisterausschuss, dem Minister aus den Regierungen der
Signatarstaaten angehoeren, wird dementsprechend mit den notwendigen Befugnissen ausgestattet, um diese Koordinierung bewerkstelligen zu koennen. Der Ministerausschuss wird z. B. das Recht
haben, Vorschlaege zu formulieren, und er wird immer bei den Entscheidungen der Hohen Behoerde mitzureden haben, wenn es sich um
Fragen der Kontrolle des Absatzmarktes handelt, wie z.B. die
Moeglichkeit, Hoeohstpreise und Zuteilungsquoten festzusetzen,
wenn Warenknappheit besteht. Der Ministerausschuss wird ausserdem an den Verfahren direkt beteiligt, mit denen die Zolltarife
der sechs Laender fuer Kohle und Stahl festgesetzt werden.
Ein anderes Element in der durch den Schuman-Plan geschaffenen Struktur ist der Gertchtähof. In den meisten, typisch uebernationalen Vereinbarungen werden Meinungsverschiedenheiten ueber
die Auslegung im allgemeinen durch Abmachungen unter den Signatarstaaten geklaert, wobei zuweilen bestimmt wird, dass die Regierungen das Recht haben, beim Internationalen Gerichtshof Berufung
einzulegen. Der Schuman-Plan soll seinen eigenen Gerichtshof
haben, der sich mit Rechtsfragen beschaeftigt, die sich aus den
Beziehungen der einzelnen Organe miteinander und aus Beschwerden
einzelner Regierungen, Unternehmen oder Einzelpersoenen ergeben.
Die Mitglieder des Gerichtshofes werden groesstenteils durch das
gleiche Verfahren gewaehlt «ie die der Hohen Behoerde. Die wichtigste Befugnis des Gerichtshofes ist das Recht, die Bestimmungen
der Hohen Behoerde fuer ungueltig zu erklaeren und zwar auf dieselbe V/eise und auf der gleichen Grundlage wie die Gerichtshoefe
der Vereinigten Staaten die Gesetze des Kongresses fuer verfassungswidrig und die Entscheidungen der Verwaltungsbehoerden der Regierung fuer ungueltig arklaeren koennen. Kurz gesagt, wenn die
Hohe Behoerde ihre Befugnisse ueberschreitet oder willkuerlich
handelt, hat der Gerichtshof das Recht, einzugreifen. Er kann
ausserdem Handlungen des Ministerausschusses oder der Gemeinsamen
Versammlung fuer null und nichtig erklaeren, wenn diese Koerperschaften die Grenzen ihres Machtbereiches ueberschreiten.
Das. System der Einrichtungen wird durch ein weiteres Organ,
naemlich den Beratungsausschuss, vervollstaendigt. Dieser • IJBschuss hat die Aufgabe, eine direkte Verbindung zwischen der Höhen
Behoerde auf der einen Seite und dem Hersteller, dem Arbeiter und
den Verbrauchern auf der anderen Seite herzustellen. Er wird
sich aus Vertretarn zusammensetzen, die von den drei Gruppen in
gleicher Zahl ernannt vverden und wird beratende Funktionen allgemeinen Charakters haben.
Der dominierende Grundsatz des Schuman-Plans ist, dass die
Kohle- und Stahlindustrien der Mitgliedstaaten so behandelt werden
sollen, als ob keine nationalen Grenzen zwischen ihnen bestuenden.
Die Laender Westeuropas muessen ihre Bemuehune-en aufgeben, selhstgsnueg3am in bezur auf Kohle und Stahl zu sein, sie muessen vielmehr diesen Industrien gestatten, sich zu einem gemeinsamen Ab- 3-

�satzmarkt zusammenzuschliessen, der alle Mitgliedstaaten umfasst.
Die wesentlichen Bestimmungen ueber die Arbeitsweise des
Planes gelten dementsprechend der Beseitigung nationaler Handelsschranken. In ihnen wird die sofortige Beseitigung praktisch
aller Zoelle gefordert, die von irgendeinem Mitgliedstaat den
Kohle- und Stahlerzeugnissen aus irgendeinem anderen Mitgliedstaat auferlegt werden.
Diese Bestimmungen sehen ausserdem die Aufhebung der Mengenbeschraenkungen fuer Importe und Exporte von Kohle- und Stahlerzeugnissen innerhalb der Mitgliedstaaten und die Beseitigung
zahlreicher anderer einschraenkender oder diskriminierender Methoden vor. Diese Vorschlaege, die in gewissen Bestimmungen den
Satzungen einer Zolleinheit sehnlich sind, werden durch einschneidendere Massnahmen in bezug auf einschraenkende Vereinbarungen
zwischen den Produzenten von Kohle und Stahl erp-aenzt. Alle Abmachungen der Produzenten, die entweder durch Festsetzung der
""reise, durch Zuteilung von Verbrauchern, durch Beschraenkung
der Einfuehrung neuer technischer Methoden oder durch andere
Mittel den Wettbewerb einschraenken, sind fuer ungesetzlich erklaert. Gemeinsame Betriebsvereinbarungen der Unternehmer zur
Foerderung der Normung in der Herstellung bestimmter Erzeugnisse
koennen unter gewissen ümstaenden genehmigt werden. Derartige
Abmachungen musssen jedoch zuvor von der Hohen Behoerde gebilligt
werden, was nur cieschieht, wenn die Behoerde der Usberzeugung
ist, dass diese Abmachungen einen positiven Beitrag zur Leistungsfaehigkeit der in Frage kommenden Betriebe darstellen und den
Grad des Wettbewerbs auf den betreffenden Absatzmaerkten nicht
wesentlich in Mitleidenschaft ziehen.
Auf Grund der allgemeinen Befugnisse der Hohen Behoerde, mit
denen sie Massnahmen einzelner Regierungen verhindern oder rueckgaengig machen kann, die eine diskriminierende Auswirkung auf
Kohle- und Stahlunternehmen in ihrem Geschaeftsbereich haben,
kann die Hohe Behoerde eine Abaenderung der diskriminierenden
Struktur der Frachtsaetze bewirken, die von oeffentlichen Transportorganisationen auferlegt werden, die in dem Gebiet zustaendig
sind. Die Verhandlungsteilnehmer haben den Wunsch, dass die
Hohe Behoerde sobald wie moeglich von diesem Recht Gebrauch macht
und damit eine 3eit langem bestehende Ursache gegenseitiger Missverstaendnisse beseitigt.&lt; Man rechnet damit, dass die Erzeuger
auf dem gemeinsamen Absatzmarkt in betraechtlichem Umfang dem
Preiswettbewerb unterworfen sind. Durch die langfristigen Auswirkungen dieser Aufhebung konkurrierender Kraefte duerften di3 Produktionsleistung gesteigert und die Preise fuer Kohle und Stahl
auf dem einzigen Absatzmarkt niedriger werden. Wenn nicht einige
Sicherheitsgarantien vorgesehen waeren, wuerde jedoch die Gefahr
bestehen, dass die Produzenten Methoden zur Preisbestimmung entwickeln, die allgemein als 'unfairer Wettbewerb" anzusehen sind.
Sie koennten z.B. versuchen, die Konkurrenz aus einem lokalen Absatzmarkt dadurch zu vertreiben, indem sie allein auf diesem Markt
zeitweilig zu wesentlich reduzierten Preisen verkaufen. Eine
andere Moeglichkeit waere, dass die Produzenten Methoden zur Beguenstigung der Unternehmer irgendeiner Nation vor denen einer
anderen anwenden. Um derartige Eventualitaeten auszuscnliessen,
will man die Hohe Behoerde mit der Befugnis ausstatten, Anordnungen zu treffen, die die Methoden zur Preisfestsetzung (nicht der
Preise allein) der Produzenten in dem betreffenden Gebiet regeln.
Das allgemeine Ziel der Hohen Behoerde v.uerde eine Methode
- 4 -

�der Preisfestsetzung auf der Basis der Gleichberechtigung sein,
ohne unnoetigerweise den vorgesehenen Preiswettbewerb und die
Flexionsfaehigkeit der Preise zu beeintraechtigen.
Gegenwaertig ist jeder der vorgesehenen Mitgliedsteaten
der Union vielen Laendern ausserhalb der Union gegenueber verpflichtet, ihnen in Angelegenheiten des Aussenhandels Meistbeguenstigung zu gewaehren; d.h. jeder der in Aussicht stehenden
Teilnehmer ist zur Zeit durch Vertraege z.B. verpflichtet, fuer
Kohle und Stahl aus Gross-Britannien oder den Vereinigten Staaten
gleiche Zolltarife anzuwenden wie fuer die gleichen Waren aus
Schuman-Plan-Laendern. Die Teilnehmerstaaten werden ueber die
Abaenderungen dieser Verpflichtungen verhandeln muessen, um die
Kohle- und Stahlzoelle unter sich selbst aufzuheben und sie
gleichzeitig auf die Importe aus Nichtteilnehmerstaaten zu uebertragen. Bis zur Beendigung der Verhandlungen ueber diesen Verzicht und bis zur Bekanntgabe der naeheren Bedingungen duerfen
alle Besprechungen ueber Handelsbeziehungen der Schuman-PlanLaonder mit anderen Staaten nur vorlaeufigen Charakter haben.
Die Hohe Behoerde ist in der Zwiscnenzeit nicht befugt, irgendwelche Massnahmen zu ergreifen, die mit den internationalen Verpflichtungen der Teilnehmerstaaten unvereinbar sind.
Die Hohe Behoerde behaelt sich jedoch ein wesentliches Recht
vor, kraft dessen unter Umstaenden der Wareniimort aus anderen
Laendern reduziert werden kann. Fuer den Fall, dass sich eine
akute Krise entwickelt, die die Auferlegung von Produktionsquoten
fuer Kohle und Stahl im Gebiet der Union rechtfertigen wuerde,
und dass die Imoorte mengenmaessig und unter den erwaahnten Bedingungen in Mitleidenschaft gezogen wuerden, wodurch die Produzenten konkurrierender Kohle- und Stahlerzeugnisse auf dem einzigen Absatzmarkt schwergeschaedigt werden koennten, wuerde die
Hohe Behoerde befugt sein, Importquoten aufzuerlegen. Diese Befugnis ist dem Rechtstitel nach der sogenannten Ausweichklausel
gleichzusetzen, die sich Teilnehmerstaaten im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens vorbehalten haben.
Im allgemeinen erwartet man von den konkurrierenden Kraeften,
dass sie die oertliche Lage der Kohle- und Stahlunternehmen des
einzigen Absatzmarktes bestimmen und die Erweiterung und Modernisierung dieser Anlagen fordern. Die Hohe Behoerde wird nicht
unmittelbar befugt sein, kostspielige Bergwerke oder Stahlwerke
zu schliessen. Sie kann ausserdem nicht zu Investitionen in
zusaetzlichen Kohle- oder Stahlbetrieben zwingen. In dieser Hinsicht wird es die Hohe Behoerde den Organen des Absatzmarktes
ueberlassen muessen, das, was sie wuenschen, auszufuehren.
Auf der anderen Seite koennte die Behoerde die Art der Investierung auf verschiedene Weise beeinflussen. Sie koennte z.
B. gepien eine vorgeschlagene Investierung in Kohle- oder Stahlbetrieben, die eine Gesellschaft auf diese Weise mit nichteigenen Geldmitteln finanzieren will, Einspruch erheben, wenn sie
der Ueberzeugung ist, dass die vorgeschlagenen Betriebe voraussichtlich nicht ohne Subventionen oder andere kuenstlichen Hilfsmittel bestehen koennen. Die Hohe Behoerde kann ausserdem Kredite
an Unternehmen vergeben, um ihnen bei der Erweiterung ihrer Betriebsanlagen zu helfen. Sie ist schliesslich verpflichtet, laufend die Kohle- und Stahlunternehmen zu uebernruefen und auf den
Bedarf und die üoeglichkeiten zusaetzlichar Investierungen in dem
betreffenden Gebiet hinzuweisen.
Im Verlauf der Verhandlungen ueber die Bestimmungen des
Schuman-Planes wurde es in zunehmendem Masse offensichtlich, dass
- 5-

�das Projekt der Bildung eines einzigen Absatzmarktes Umsohichtungen in der Kohle- und Stahlindustrie der Teilnehmerstaaten nach
sich zieh/efl) muss. Diese Umschichtungen wiederum wuerden die Abwanderung oder die Umsiedlung einiger Arbeiter erforderlich machen, die in diesen Industrien beschaeftigt sind. Die Hohe Behoerde wurde dementsprechend beauftragt, diesen Arbeitern zu helfen, sich den neuen Verhaeltnissen anzupassen. Diese Unterstützung
kann verschiedener Art sein. Sie kann sich auf Abkehrgelder,
Umschulungskurse oder die Erstattung von Umsiedlungskosten und
sonstiger Unkosten erstrecken. Sie kann ausserdem darin bestehen,
dass in den betroffenen Gebieten neue Industrien finanziert werden, die den freigestellten Arbeitern Arbeitsmoegliohkeiten bieten koennen.
r

Die Verpflichtungen der Hohen Behoerde der Arbeiterschaft
gegenueber enthalten bestimmte positive Ziele.
Es-ist eine der Hauptaufgaben der Hohen Behoerde, der willkuerlichen Anwendung der Lohnkuerzung als ein Mittel der Konkurrenzmethode ein Ende zu setzen. Eine Bestimmung des Vertrags
verbietet - ausser unter bestimmten, genau definierten Verhaeltnissen, wie z.B. bei einer Senkung der Lebenshaltungskosten irgendwelche Lohnkuerzungen. Die Hohe Behoerde kann ferner den
Regierungen ueber die Korrektur bereits bestehender, anomal niedrig
ger Lohnverhaeltnisse verhandeln.
Der Vertrag enthaelt darueberhinaus weitere Verpflichtungen,
fuer die es nur wenige Beispiele in der internationalen Geschichte der Arbeiterbewegung gibt. Die Teilnehmerstaaten beteiligen
sich an der Ausarbeitung einer ausfuehrlichen Abmachung zur
Beseitigung tatsaechlich aller Restriktionen in der Anwerbung von
Kohle- (und Stahlarbeitern, die Angehoerige der Nation irgeneines
anderen der Teilnehmerlaender sind. Besondere Bemuehungen sollen
unternommen werden, um die Schranken zu. beseitigen, die der Wiedereinstellung von Arbeitern gesetzt sind, die in anderenLaendern
freigestellt sind. Jegliche Diskriminierungen, die gegen die
Kohle- oder Stahlarbeiter eines anderen Teilnehmerstaates angewendet werden, sollen ebenfalls durch den Vertrag beseitigt werden, gleichgueltig, ob es sich um eingearbeitete Arbeitskraefte
handelt oder nicht. Von Anfang an waren sich die Erschaffer des
Planes darueber einig, dass bei Anlauf des Planes waehrend einer
verhaeltnismaassig kurzen Zeit Sondermassnahmen getroffen werden
muessen, um den Unterschieden in den Gestehungskosten Rechnung zu
tragen, die in den Kohle- und Stahlindustrien der verschiedenen
Laender bestehen. Es war zu ueberlegen, dass der freie Handel
zwischen den Kohle- und Stahlindustrien der sechs Laender in dem
vereinigten Gebiet Produktionsumschiohtungen in einem so grossen
Ausmass erforderlich machen koennte, dass dies fuer einige der
betreffenden Laender zu untragbaren Haarten fuehren koennte. Die
schwierigsten Probleme dieser Art sind durch die mit verhaeltnismaassig hohen Kosten arbeitende belgische Kohleindustrie und die
italienische Stahlindustrie verursaoht.
In Bezug auf das belgische Kohleproblem sind Bestimmungen
zur Einrichtung eines sogenannten Ausgleichsfonds getroffen worden,
der fuenf Jahre lang voruebergehend bestehen soll. Der Fonds
wuerde durch Sondersteuern auf die Kohle- und Stahlproduktion der
belgischen Hersteller mit niedrigen Gestehungskosten gespeist und
fuer die belgischen Produzenten mit hoh3n Gestehungskosten als
Ausgleich verwendet werden. Diese Subventionen wuerden so schnell
wie moeglioh verringert werden, wobei der Rhythmus der Verringerung
von der Schnelligkeit abhaengig waere, mit der sich die belgische

6

�Industrie der Lage anzupassen vermag.
Die Loesung fuer das ^roblem der italienischen Stahlindustrie
ist anderer Art^ Die Verhandlungspartner waren sich darueber
einig, dass ein Ausgleichfonds fuer die italienische Stahlindustrie aus technischen Gruenden nicht moeglich ist. VJenn die
Hohe Behoerde es fuer erforderlich haelt, kann die italienische
Industrie deshalb in der Uebergangszeit durch Zoelle geschuetzt
werden. Diese Zoelle koennten jedoch in keinem Falle hoeher
sein als zu Beginn des Planes und wuerden in einem bestimmten
Prozentsatz in jedem der Folgejarrre bis zu ihrer endgueltigen
Aufhebung vermindert werden.
The Department of State Bulletin
IV/E/51
GFXEHKT CHAFTEV El DIENST DER OEFFD^TLICHEN WOIILFAKRT
• In einem Leitartikel der "New York Times" kommt zum Ausdruck, mit velcher Energie Amerikas freie Gewerkschaften ihre
Machtmittel" in den Dienst der allgemeinen '.Vohlfahrt stellen.
Die "Times" berichtet, wie zwei grosse Gewerkschaften, naemlich die Internationale Damenoberbekleidunp-sarbeiter-Gewerkschaf t
(ILGw*U) und die Vereinigten Bekleidungsarbeiter von Amerika
(ACWA) zur Reform der allgemeinen Wohlfahrt beigetragen haben.
- Die ILGWU, die der AFL angeschlossen ist/ hat angekuendigt,
dass sie waehrend des Jahres 1951 fuer vVohltaetigkeits-, liberale und gewerkschaftliche Zwecke in den Vereinigten Staaten und
in anderen Lasndern der »Veit eine Million Dollar zur Verfuegung
stellen wird. Seit 1935 hat diese Gewerkschaft fuer philanthropische Zwecke mehr als £0 Tüllionen Dollar gespendet.
"Dies ist eine erstaunliche Summe fuer eine Organisation,
deren Mitglieder einst am meisten unter der Unterdiueckung und
Ausbeutung zu leiden hatten, der die amerikanischen Arbeiter damals ausgesetzt waren," heisst es in der "Times". "In dem gleichen Masse, in dem Mitgliederzahl und Macht der ILGV.TJ zunahmen,
gelangte diese Gewerkschaft zu der Erkenntnis, dass auch ihre
Verantwortung gegenueber der Industrie und der Allgemeinheit
groesser wurde. Die Geldmittel, die sie fuer philanthropische
Zwecke zur Verfuegung gestellt hat, bedeuten nur einen Beweis
fuer ihren Erfolg in dieser Richtung."
Als zweites Beispiel fuer das Interesse einer Gewerkschaft
an der allgemeinen 'Vohlfahrt nennt die "New York Times" das
neue Gesundheitszentrui, Sidney Hillman, das einen 'Vert von einer
Million Dollar -hat und zu Ehren des Gruenders und ersten ^aesidenten der Vereinigten Bekleidungsarbeiter von Amerika erbaut
wurde. Diese Gewerkschaft ist dem CIO angeschlossen.
Die Zeitung bezeichnet diese Einrichtung als einen "bedeutsamen Beitrag zur Wohlfahrt der Bevoelkerungder Stadt." Ausser
medizinischer Dienstleistung und diagnostischer Untersuchung fuer
40.000 Mitglieder der Gewerkschaft- im Bezirk Kew York wird das
Zentrum sein eigenes ^rogramm zur Erforschung von Krankheiten
haben, die gerade bei Bekleidungsarbeitern weitverbreitet sind.
Die Bekleidüngsarbeitergewerk3Chaft hat vor Kurzem ein aehnliches Gesundheitszentrum in TV.iladelohia (Pennsylvanien) seiner
Bestimmung uebergeben.
- 7-

�Die "Tiine=;" meint, dass durch -las New Yorker Zentrum nicht
nur der "allgemeine Gesundheitszustand der Bevoelkerung verbessert
wird sondern dass damit auch den Steuerzahlern eine ins Gewicht
fallende finanzielle Belastung abgenommen ist. Die zusaetzlichen
Geldmittel, die von der Gewerkschaft speziell fuer die Forschung
auf dem Gebiet der Herzerkrankungen und der Gicht gespendet wurden, bedeuten fuer die Allgemeinheit einen nochjv.ertvolleren
Dienst."
"Diese Forschungsarbeit wird nicht nur und im besonderen den
Mitgliedern der Gewerkschaft., sondern dem ganzen Volk zugutekommen.w
"Sowohl die Bekleidungsarbeiter-Gewerkschaft als auch die
der Damenoberbekleidungsarbeiter haben sich erneut den Anspruch
auf eine Vorrangstellung unter den Organisationen erworben, deren Arbeit der Wohlfahrt der Allgemeinheit gewidmet ist.
Labor Air Bulletin
V/9/51
WAS "FREIE ARB3IT" IN RUSSLAND IST
Seit 1940 darf in Russland kein Arbeitnehmer seinen Arbeitsplatz ohne Erlaubnis aufgeben. Zahlreiche Kategorien von Arbeitern koennen jedoch ohne Berücksichtigung ihrer eigenen beruflichen Wuerische in andere Arbeitsplaetze eingewiesen werden.
Sowjetische Rechtsgelehrte weisen darauf hin, dass in vielen Faellen Arbeiter nach dem russischen Gesetz auf Anordnung
der Verwaltungsbehoerden zu bestimmten Arbeiten gezwungen werden
koennen. .Ein Beispiel hierfuer ist die Aushebung von Jugendlichen fuer Arbeitsplaetze in der Industrie.
Der Erla-s vom 2. Oktober 1940 uebertrug dem Rat der Volkskommissare (seit 1945 Ministerrat genannt) die Befugnis, jaehrlich
zwischen 800.000 und 1.000.000 Jugendliche im Alter von 14 bis
17 Jahren zur Ausbildung in Berufsschulen und Lisenbahnwerkstaetten oder fuer eine besondere Ausbildung am Arbeitsplatz zu verpflichten, um sie zu Facharbeitern oder, wie das Gesetz es ausdrueckt, zu "Massen"-arbeitern im Bergbau, der Metall- und Bauindustrie heranzubilden. Die Ausbildungszeit betraegt von sechs
Monaten bis zu zwei Jahren, was ein eindeutiger Beweis dafuer
ist, dass diese Schulen keine Erziehungsinstitute, sondern lediglich Anlernprojekte sind. Der Lehrplan entheelt nicht nur berufliche Ausbildung, sondern sieht auch eins politische Erziehung
und militaerische Schulung der Arbeiterschaft vor. Fuer das Studium allgemeinbildender Themen sind keine besonderen Unterrichtsstunden vorgesehen. Dagegen sollen zwei Stunden in der Woche fuer
politische Belehrung verwendet werden. Die Schueler tragen eine
besondere Uniform und leben unter Regeln, die denen einer £111taerschuls aehnlich sind. Sie muessen die Vorschriften militaerischer Eoeflichkeit beachten. Die am 15. Maerz 1947 erlassenen
Richtlinien schrieben z.B. folgende Umgangsformen vor: "Wenn
sich der Lehrer neehert, muss sich der Schueler erheben, er darf sie
nicht setzen, bevor der Lehrer an ihm vorueber ist oder ihm die
Erlaubnis gibt,sich zu setzen. Wenn er ihn anspricht, muss er
Haltung annehmen. Wenn der Schueler an dem Lehrer vorbeigehen
will, muss er ihn um Erlaubnis fragen."
Durch Erlass des Praesidiums vom 19. Juli 1947 wurde das
dienstpflichtig« Alter abgeaendert, und es wurde bei dieser Gelegenheit klargestellt, dass Jugendliche beiderlei Geschlechts ver- 8-

�nflichtst werden koennen. Fuer die Ausbildung in Berufsschulen
und Eisenbahn^erkstaettan koennen Jungen in» Alter von- 14 bis
17 Tahren und I'aedchen zwischen 15 und 16 Jahren ausgehoben werden. Fuer die Berufsschulen der Industrie betraegt das dienstpflichtige Alter fuer Jungen und Maedchen 16 bis 18 Jahre. Fuer
die Untertagearbeit in der Kohlen- und 3ergbauindustrie, die
Arbeit an Schmelzoefen, in Giessereien, Schweissereien und an
Bohrmaschinen in der detail- und Oelindustrie koennen junge
Maenner bis zu 19 Jahren ausgehoben werden. Nach der Ausbildung
sind diese Arbeiter verpflichtet, in'Betrieben und Bergwerken
der Regierung, die vom Ministerium fuer Arbeitsreserven bestimmt
werden, vier Jahre lang zu arbeiten. Es werden ihnen regulaere
Loehne gezahlt, die denen der anderen Arbeiter voellig gleich
sind. Bis zum Ablauf ihrer Pflichtzeit sind diese Jugendlichen
vom Militaerdienst befreit.
Bei einem Verlassen der Schule ohne Erlaubnis und anderen
Verletzungen der Schuldisziplin koennen die jungen Leute mit
einer Einweisung in eine Besserungsanstalt bi3 zu einem Jahr
bestraft werden. Die Zahl der jungen Leute, die in den Staedten
ausgehoben werden sollen, wird durch jaehrlich festgesetzte Quoten bestimmt. Auf den Kollektivfarmen - das sind die Kolchosen werden von je 100 Personen zwischen 14 und 55 Jahren zwei junge
Leute in die Ausbildungsschulen eingewiesen. Im November 19^0
und im Juni 1941 wurden auf diese Weise 600.000 Personen dienstverpflichtet. In den Jahren 1946 und 1947 wurden 1.700.000
Jungen und Maedel geschult. Einem Bericht des Ministeriums fuer
Arbeitsreserven zufolge waren im Jahre 1950 mehr al^ die Haelfte
aller Arbeiter in den grossen Fabriken der Sowjetunion junge
Leute, die im Rahmen dieses Programms geschult worden waren.
Abgesehen hiervon koennen Waisenkinder im Alter von 12 bis
15 Jahren fuer Sonderschulen zu einer drei- oder vierjaehrigen
Ausbildung ausgehoben werden. Sie haben die gleichen Pflichten
wie die obengenannten zwangsverpflichteten Schueler, ihre Zahl
ist in den obengenannten Ziffern enthalten. Den verfuegbaren
Richtlinien ist nicht zu entnehmen, dass die Einwilligung der
Waisen oder ihres Vormunds erforderlich ist.
Hochschulabsolventen und solche, die technische Hochschulen
besucht haben, muessen drei oder fuenf Jahre lang Stellungen
bekleiden, die ihnen von dem fuer die betreffende Schule zustaendigen Ministerium zugewiesen werden. Wenn sie dieser Vorschrift nicht Folge leisten, setzen sie sich Bestrafungen aus,
die durch Gerichtsurteile fuer ihre Abwesenheit oder ihr unerlaubtes
Verlassen des Arbeitsplatzes verhaengt werden. Schliesslich wurden in der Kriegszeit mehrere Gesetze erlassen, nach denen Arbeitskraefte fuer die Arbeit in den verschiedenen Zweigen der
Industrie ohne Ruecksicht auf ihre oertliche Lage herangezogen
werden koennen.
Ausser diesen Grundsaetzen der Pflicht- und erzwungenen
"freien Arbeit" gibt es in Russland noch die ausgesprochene
Zwangsarbeit in Arbeitslagern, die dem Innenministerium unterstellt
sind. In diesem Artikel soll ueber diese jedoch nicht diskutiert
werden, weil er sich ausschliesslich auf diejenige soziale Grunpe Russlands beschraenkt, fuer die das aehnlichste Gegenstueck
unserer freien Arbeit in Frage kommt.
In Erosrteruneen der allgemeinen Situation der frei Beschaeftigten nach dem Kriege gaben sowjetische Tutoren selbst ganz
offen zu, dass unter russischen Verhaeltnissen "freiwillige Besehe eftigung" von Zwangsarbeit nicht sehr verschieden ist. In
- 9 -

�einer Abhandlung von Dogadoff ueber die Entwicklung der sowjetischen Arbeitsgesetzgebung, die im Jahre 1949 erschien, heisst es:
w

In einer sozialistischen Gesellschaftsordnung besteht kein
Unterschied im Grundsatz und in der Qualitaet zwischen der
zwangsverpflichteten Arbeit und der auf freiwilliger Basis verrichteten Arbeit. Wenn wir sagen, dass das Prinzip der freiwilligen Arbeit in der sozialistischen Gesellschaftsordnung anerkannt wird, sprechen wir nicht von der Anerkennung irgendeiner
Form eines abstrakten Grundsatzes der freien Arbeit und der freien Berufswahl in liberalem und buargerlichem Sinne. .
Unter den Bedingungen einer sozialistischen Gesellschaftsordnung ist es unmoeglich, nach dem Grundsatz "jeder nach seinen
Faehigkeiten" zu handeln, ohne dass der Staat und da3 Gesetz in
Bezug auf die universale Arbeitspflicht einen gewissen Druck ausueben.
Es ist offensichtlich, dass die freiwillige Arbeit, die noch
in einigen wenigen Zweigen der Industrie Sowjetrusslands/vorzufinden ist, von unserem Begriff der freien Arbeit weit entfernt
ist. Der Arbeiter ist an seinen Arbeitsplatz gebunden. Fuer
Arbeiter und Unternehmer gibt es gleiche schwere Strafen und
zwar sowohl nach dem Strafgesetz als auch nach dem buergerlichen
Gesetz. Millionen zukuenftiger sowjetischer Buerger, die erst
im Alter von 12 bis 14 Jahren stehen, werden fuer die Ausbildung
an Arbeitsplaetzen bestimmt, die fuer sie vpn den Behoerden ausgesucht werden, ohne dass dabei ihre persoenllchen Wuensche
oder die ihrer Eltern oder ihres Vormunds beruecksichtigt wuerden.
Auch Akademiker haben lange Zeit nach dem Verlassen der Hochschule nicht,das Recht, sich selbst einen Arbeitsplatz zu suchen.
Dies ist" das allgemeine Bild von der "freien Arbeit" in dem sowjetischen Staat, wie es sich einem neutralen und objektiven Beob-'
achter darbietet.
Monthly Labor Review

J7/51
TEXTILARB^ITERSTR^IK IN DANVILLE (U.S.A.)
Die Unternehmer haben bei Streiks unendlich viel Zeit und
verlassen sich, wie in Danville in Virginia, auf die Not, die
Verschuldung und die Ungewissheit der Arbeiter als ihre unmittel- '
baren Vorbuendeten, mit denen sie den Streik der Textilarbeiter zu
brechen hoffen.
Jeder Grundstuecksbesitzer, jeder Versorgungsbetrieb und
jedes Bank- und Kreditunternehmen kann unter Ümstaenden eine
streikbrechende Kraft sein. Die streikenden Textilarbeiter in
Danville hoeren in hundert verschiedenen Variationen das Wort
"Geht zurueck zur Arbeit". Wenn ein Arbeiter, der mit seiner
Vlete in Rueckstand ist, um eine Stundung bittet, sagt ihm der
Grundstuecksbesitzer: "Warum nehmen Sie nicht wie Ihr Nachher Ihre
Arbeit wieder auf?" Wenn sich ein Arbeiter einen Wagen, eine Waschmaschine oder einen Kuehlschrank kaufen will, ist die Antwort die
gleiche. Auch die Versorgungsbetriebe und Kreditgesellschaften
geben ihm den gleichen Rat.
Man kennt in Danville nicht jene Nachsichtigkeit, die in
den vergangenen Jahren bei den Streiks im Norden zur Schau getragen wurde, denn Danville ist das Zentrum grosser Auseinandersetzungen.. Man hat das Ziel, die Gewerkschaft zu zerstoeren. Waehrend
- 10 -

�der grossen Stahlarbeiterstreiks des Jahres 1949, des ChryslerStreiks im Jahre 1950 und selbst bei den Textilarbeiterstreiks,
die vor kurzem im Norden der Vereinigten Staaten stattfanden, war
es der Gewerkschaft ein leichtes, mit den Versicherungsgesellschaften und den Kredit- und Finanzunternehmen Vereinbarungen
ueber spaetere Zahlungen zu treffen. Aber in Danville gibt es auf
derartige Anliegen nur eine Antwort: "Warum nehmt Ihr die Arbeit
nicht wieder auf?"
Der populaerste und maechtigste Streikbrecher, naemllch
der Hunger, fehlt jedoch. James Kelley versorfet die 40.000 Streikenden aus sieben verschiedenen Staaten mit Lebensmitteln. In
einer Woche werden allein fuer die Stadt Danville 140.000 Pfund
Lebensmittel herbeigeschafft. Der Speiseplan ist in jeder Woche
verschieden. Der von der Regierung vorgeschlagene Mindestsatz
fuer Verpflegung bildet die Basis fuer die Verteilung, aber die
Gewerkschaft hat selbstverstaendlich mehr fuer ihre Mitglieder
getan. Es gibt zum Beispiel wesentlich mehr Zucker. Und was die
Leute in den verschiedenen Gegenden am liebsten essen, ist ebenfalls beruecksichtigt worden: Zichorie fuer die Kaffeeliebhaber
in New Orleans und Reis anstelle von Mehl; Gries anstatt Hafergruetze oder Karottengemuese anstelle von Kohl.
Das Warenhaus der Erzeugergenossenschaft, das ein gutes
Stueck ausserhalb von
Danville lie^t, dienst den Streikenden als
Verkaufszentrale. cie st?llen sich in fuenf Reihen hintereinander auf, die sich alphabetisch ordnen. Die Lebensmittelpakete,
die von Streikenden im voraus gepackt werden, sind entsprechend
der Groesse der Familien in drei Gruppen A, B und C aufgeteilt.
Nachdem die Streikenden ihre Ausweise vorgezeigt haben, die ihnen
im Gewerkschaftsbuero ausgehaendigt werden, nehmen sie ihre Lebensmittel in Empfang, die ihnen im Voruebergehen an den Verkaufsstasnden von freiwilligen Helfern in die offengehaltenen Taschen
und Koerbe gelegt werden. Dann suchen sie nach einer Transportmoeglichkeit, um nach Htiuse zu kommen. Der Lautsprecher ist fortwaehrend in Betrieb, um Bekanntmachungen etwa folgenden Inhalts
durchzugeben: "Ein Fahrer bietet zwei Sitzplaetze nach Campbell
Hill, kommen Sie mit Gepaeck zum Mikrophon," oder "Wer nimmt drei
Personen nach Eued Danville mit?"
Die Verkaufszentrale wird von der Landesgewerkschaft finanziert. Die Gewerkschaft finanziert auch den besamten uebrigen
Bedarf: Miete, V/asser und Etrom, Kohle und Brennstoff. Es gibt
in Danville keine sozialen Einrichtungen, keinen Bezirks- oder
staedtischen Woblfahrtsdienst. Und in den Dan River-A'erken weiss
man dies genau. Es gehoert mit zur Politik der Unternehmer, dem
Textilarbeiter Angst einzujagen, sie zu beunruhigen und ihnen
ihren wirklich bescheidenen Anteil an den schoenen Dingen disssr
Welt zu entziehen, die er erst seit kurzer Zeit zum erstenmal in
sainem Leben besitzt.
Daily News Cervice
IV/30/51
DIE GROSSE AUFGABE DER BERUFSBERATUNG
Unter den Jugendlichen der Vereinigten Staaten ist ein
groesserer Prozentsatz erwerbslos als in jeder anderen Altersgruppe der Erwerbslosenbevoelkerung. Und wenn es jungen Leuten gelingt, eine Arbeit zu finden, so sind es hfiufig Beschaeftigungen,
die nur wenig oder ueberhaupt nicht ihren Interessen und Faehig- 11 -

�Reiten entsprachen, und in denen die Zoeglichkeiton, vorwaertszukommen,T beschrasnkt sind. Diese- Problem der Berufslenkung
fusr die ugend Ist in den Vereinigten Staaten nicht neu, und es
ist um so dringlicher geworden, als die Arbeitskraefte fu3r die
nationale Verteidigung mobilisiert werden muessen. Um eine
Verschwendung von Arbeitakraeftea zu vermeiden, wie es waehrend
des zweiten Weltkrieges der Fall war, ist es wichtig, dass der
hoechstnoeglichste Wirksamkeitsgrad im Einsatz fuer diese Reservan dieser iugendliehan Arbeitskraefte erreicnt wird.
Wenn jaehrlich die Schulabsolventen und diejenigen, die die
Schule vor einer abschlussprusfung verlassen haben, zu den
oeffentliehen Arbeitsvermittlungsbueros kommen, so haben sie
in viel zu vielen Faellen keine realistischen Ziele in Bezug
auf ihren zukuenftigen Beruf. Es fehlt ihnen an entsprechenden
Kenntnissen ueber Liangelberufe. Sie haben nur eine vage Idee
von ihrer Eignung fuer irgendeine Beschaeftigung. Eaeufig
wissen sie nichts ueber ihre besonderen Faehigkeiten. Selbst
ihre Interessen sind oft oberflaechlicher und voruebergehender
Art. Die Berufsberater muessen diesen jungen Leuten helfen,
sich das Wissen anzueignen, dass sie in Bezug auf die verschiedenen Arbeitsgebiete benoetigen. Sie muessen ihre Interessen und
Faehigkeiten abwaegsn, bevor passende Arbeitsplaetze fuer sie
gefunden werden koennen.
Die Schulbehoerden sind sich sehr wohl der Notwendigkeit
einer angemessenen Berufslenkung bewusst, durch die die jungen
Leute bei dem Uebergang von der Schule zum Beruf unterstuetzt
werden sollen. Obwohl in den groesseren Staedten bereits innerhalb der Schulsysteme wirksame Einrichtungen der Berufslenkung
bestehen, werden die arbeitsvermittlungsbueros haeufig ersucht,
Informationen ueber die verschiedenen Berufe und die Lage auf
dem Arbeitsmarkt zur Verfuegung zu stellen und ihrerseits Absolventen der hoeheren Schulen beruflich zu beraten. Im allgemeinen verfuegen Schulen in kleineren staedten nur ueber bes.chreenkte Einrichtungen dieser Art und sind, gewoehnlich in Bezug auf
die akademische Berufsberatung weitgehend auf die Unterstuetzung
ihrer oertlichen oeffentlichen Arbeitsvermittlungsbueros angewiesen.
In den hoeheren Schulen auf dem Land, die keine eigenen
Berufsberatungsbueros und keine Arbeitsvemittlungsaemter hoben,
die nahe genug gelegen sind, um sie mit mehr als gelegentlichen
Dienstleistungen betreuen zu koennen, ist dieser Bedarf an
Berufsberatung noch dringender, ^uch der Bedarf an Berufsinformationen ist fuer die Studenten dieser Gebiete im allgemeinen groesser als fuer die, die in grossen Staedten wohnen, und
in Anbetracht der beschraenkten Beschaeftigungsmoeglichkeiten
auf dem Lande wird das Problem noch akuter. Wenn diese jungen
Leute ihren Blickwinkel in dieser Richtung erweitern wollen,
muessen sie in die Grossstaedte gehen, wo sie eine bessere Auswahl haben. Unlaengst hat man in Erwaegung gezogen, ob man
nicht zusaetzliche Industrien in die laendlichen Bezirke verlegen sollte, um fuer die dortigen Reserven an Arbeitskraeften
Verwendungsmoegliciikeiten zu schaffen. Nicht nur des oertliche
Arbeitslosenoroblem wuerde durch die Schaffung von mehr Arbeitsplaetzen geloest, sondern es wuerden auch Wohnraum-, Transnortund Unterrichtsschwierigkeiten ueberwunden, die dann entstehen,
wenn die Arbeiter in Industriezentren uebersiedeln mue-sen.
Zu den gebraeuchlichsten Methoden, die- die hoeheren Schulai
anwenden, um ihre Schueler zu veranlassen, sich mit berufsfragen
- 12 -

�zu beschaeftigen, gehoert der sogenannten "Berufsberatungstag"
oder das "Arbeitsplatzforum". In diesen Programmen wurden frueher akademische Berufe besonders hervorgehoben und den Fach- und
Anlernberufen nur wenig Beachtung geschenkt. In vielen Faellen
war der Berufsberatungstag nicht viel mehr als eine Methode zur
Anwerbung der Schueler der hoeheren Schulen. Seit kurzer Zeit sind
Bestrebungen im Gange, den Beduerfnissen der gesamten zu akademisch an Zielen strebenden Jugend gerecht zu werden, indem man Beamten
der oeffentlichen Arbeitsvermittlungsbueros die Moeglichkeit
gibt, einleitende Worte an die Studenten zu richten, um einen
allgemeinen Ueberblick ueber die Arbeitsmarktlage zu geben.
In den vergangenen Monaten war es mehr als sonst notwendig,
die Schueler zu einer systematischen Berufsplanung zu veranlassen,
weil sie einer Krankheit zum Opfer fielen, die man als "Einberufungskomolex" bezeichnete. Diese Krankheit befiel hauptsaechlich
die aeltaren Schueler der hoeheren Schulen, aber auch Schueler
aUer anderen Klassen. Ihr wesentlichstes Symptom scheint der
Mangel an Interesse fuer die Unterrichtsfaecher der Schule zu
sein. Das Ergebnis ist ein Rueckgang in der Leistung und sine
unverstaendliche Gleichgueltigkeit in Bezug auf die Planung der
beruflicnen Laufbahn. Es besteht die Tendenz, "die Tage bis zur
Einberufung zum Militaerdienst zu zaehlen." Aus diesem Grunde
waere es vielleicht angebracht, wenn Schulbehoerden. und Berufsberater sich ein Motiv zu eigen machen und es auch propagieren, wie
es bereits in einigen Gebieten der Fall ist. Dort heisst dieses
Motto: "Erwartet nicht untaetig *ure Einberufung zum MilitaerdienstJ"
Junge Leute nuessen daran erinnert werden, dass der Dienst
beim Militaer in vielen Faellen einer Taetigkeit im Zivilberuf
irgendwie aehnlich sein kann, und dass es oft moeglich ist, die
beruflichen Ziele waehrend der Militaerdienstzeit weiter zu verfolgen. Die Schueler muessen deshalb die Zeit vor ihrer Einberufung zum Militaerdienst fuer die Auswahl und Vorbereitung ihres
Berufes so gut wie moeglich verwenden. Ausserdem werden einige
Tugendliche im dienstpflichtigen Alter niemals zum Militaerdienst
herangezogen werden, wenn die Einstellungsbedingungen nicht gelockert werden. Viele duerften deshalb in der Lage sein, ihre
berufliche Laufbahn ohne Unterbrechung fortzusetzen, wenn sie
nicht in Anbetracht der Erfordernisse der Verteidigungsproduktion
in strategisch wichtigen Berufen voruebergehend arbeiten und
ihrj langfristigen Berufsziele weiter hinausschieben muessen.
Die Notwendigkeit einer Berufsplanung fuer Maedchen wird
in der gegenwärtigen Krisenzeit mehr als sonst hervorgehoben.
Maedchen, die unter normalen Verhaeltnis3en heiraten und nicht
einen Beruf ausueben wollen, erkennen jetzt, dass sie ihre Heiratsplaene hinausschieben muessen, bis ihre zukuenftigen Ehegatten vom Militaerdienst zurueckkommen. Auch moechten sie sich
die Moeglichkeiten nicht entgehen lassen, waehrend der Ehe weiter
zu arbeiten und Geld zu verdienen. In Anbetracht der Verteidigungsproduktion werden zweifellos mehr Frauen beschaeftigt werden muessen und der Arbeitskittel wird wieder zum nopulaeren Kleidung^stueck fuer Maedchen werden. Es ist deshalb wichtig, das?
sie sich sowohl auf die Heirat als auch auf eine berufliche Laufbahn vorbereiten.
Der Staatliche Arbeitsvermittlungsdienst in Wisconsin stellt
seine Berufsberatungs- und Pruefungsorg^ne den hoeheren Fchulen
zur Verfuegung, die um Unterstustzung gebeten haben. Das Ausmass,
in dem derartige Dienste geleistet werden, hing verstaendlicher— lu —

�weise von der dem Personal zur Verfuegung stehenden Zeit ab. In
einigen Faellen stellen die Dienstleistungen der Arbeitsvermittlungsaemter lediglich eine Ergaenzung zur Berufsberatung der
Schulen dar, waehrend sie in anderen Faellen eine wesentliche
Rolle in der Beratung ^ener Schueler spielen, die im Begriff
sind, in den Arbeitsprozess einzutreten. Viele dieser kooperativen Schulprogramme beginnen mit einer Aussprache ueber berufliche
Aussichten an die vor der Entlassung, stehende Klasse. Anschliessend
werden die Studenten,' die eine Unter3tuetzung durch das Amt bei
der Aufnahme einer Beschaeftigung wuenschen, aufgefordert, eine
Bewerbungskarte des Arbeitsvermittlungsamtes auszufuellen. Sie
beantworten ausserdem ein besonderes Formular, au«! dem ersehen
werden kann, wer beruflich beraten werden moechte. Den Bewerbern
wird dietfoeglichkeiteiner persoenlichen Aussprache mit dem
Berufsberater geboten. Befaehigungspruefungen werden dürchgefuehrt, wenn man sie fuer erforderlich haelt. Der Berufsberater
der Schule wird daraufhin ueber die Ergebnisse informiert. Der
Schueler wird von dem Arbeitsvermittlungsamt und der Schule in
jeder Weise unterstuetzt, um ihm zu helfen, seinen Berufsplan
zu verwirklichen. Wenn nach Beendigung der Schule keine weitere
Ausbildung erforderlich ist, laesst es sich haeufig ermoeglichen,
vor Abschluss der Schulzeit schon einen Arbeitsplatz festzumachen,
damit bis zur Aufnahme der Beschaeftigung moeglichst wenig Zeit
verloren geht. .

Die Sohulen sind sich der Notwendigkeit eines Berufsberatungsdienstes auch fuer juengere. Studenten bewusst, der bereits
vor Abschluss der Schulzeit in Taetigkeit treten muss. In solchen Faellen sind die Arbeitsvermittlung3aemter der Meinung,
dass ihre Dienste nur jenen Schuelern zur Verfuegung gestellt
werden sollen, die die Absicht haben, in Kuerze in den Arbeitsorozess sich einzuschalten. Die berufliche Beratung jener Studenten, die die Schule vor ihrer Abschlusspruefung verlassen, muss,
obwohl sie absolut wichtig ist, als eine Taetigkeit angesehen werden,
die nicht in den eigentlichen Arbeitsbereich der Arbeitsvermittlungsaemter gehoert.
Im vergangenen Schuljahr haben die Arbeitsvermittlungsaemter
im Staat Wisconsin annaehernd 3.500 aeltere Schueler in 2Ö0 der
500 hoeheren Schulen des Staates individuell beraten und geprueft.
Es ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Schulen, deren Schueler auf diese Weise unterstuetzt werden, in diesem Jahre wesentlich hoeher sein wird. Da die Schulen selbst mehr und mehr eigene Einrichtungen zur Berufsberatung entwickeln, werden die Arbeitsvermittlungsaemter des Staates Wisconsin in der Lage sein, einen
groesseren Teil ihrer Zeit dazu zu verwenden, die notwendigen Informationen ueber berufliche Aussichten und Arbeitsmarktlags zu liefern und die Schueler der hoeheren Schulen beim Antritt ihrer beruflichen Laufbahn zu unterstuetzen. Die Notwendigkeit einer
engen Zusammenarbeit zwischen den Schulen und den oertlichen Bueros der verschiedenen staatlichen Arbeitsvermittlungsdienste ist
weitgehend anerkannt worden, um auf diese Weise dafuer zu garantieren, dass die jungen Leute in angemessener Weise in den Arbeitsprozess aufgenommen werden. Das Erziehungsbuero und der Arbeitsvermittlungsdienst der Vereinigten Staaten haben vor kurzem ein
Handbuch veroeffentlicht, -das bei der Entwicklung einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Schulen und Arbeitsvermittlungsaemtern ein wertvoller Helfer sein wird und dazu anregen soll, von
den Moeglichkeiten dieser beiden Einrichtungen soweit wie moeglich Gebrauch zu machen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird den Anforderungen,
die die jungen Amerikaner in bezug auf ihre beruflichen Absichten
- 14 -

�stallen, noch besser gerecht werden koennen, wenn sich auch
1» oertlichen Behoerden der Tatsache bewusst sind, dass Berufs\ enkung sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Schule ein stetiger Prozess ist, und dass das gesamte Volk stets dafuer verantwortlich ist, dass den jungen Leuten die Moeglichkeit geboten
wird, einen Beruf zu ergreifen, der sie auch wirklich befriedigt.
Employment Security Review
17/51
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IM ALIEN BREITET SICH AUS
Der Gaerungsprozess, der sich im Fernen Osten vollzieht, bedeute l weit mehr als ein Abschuetteln der Ketten der Kolonialsysjteme und die ungestuene Nachwirkung [der ersten Atemzuege der
Freiheit.
Der Ursnrun^ dieses Gaerungsorozesses liegt tiefer als in der
politischen Befreiung: Er ist ebenso stark wirtschaftlicher
Natur und findet in der Entschlossenheit der grossen Masse der
Arbeiter seinen Niederschlag, starke Gewerkschaften zu errichten,
die ihnen zu ihrem rechtmasssigen Anteil an den ungeheuren Reichtuemern verhelfen sollen, die sie produzieren.
Diese Feststellung wurden von Paul Schuler getroffen, der
der Repraesentant der Textilarbeitergewerkschaft des CIO in New
Orleans ist und vor kurzem nach einem fast dreimonatigen Aufenthalt auf den Philippinen und in Indonesien in seiner Eigenschaft
als Sondervertreter des CIO nach Amerika zurueckkehrte.
*Die Armut in diesen beiden Laendern ist ungeheuer gross,"
berichtete Schuler. "Auf den Philinninen und besonder in Manila
sind die Preise hoeher als in den Vereinigten Statten und die
Loehne unwahrscheinlich niedrig. In Indonesien sind die Preise
niedriger eis hiar oder auf den Philippinen, aber die Loehne
sind noch niedriger.
"Die Bewohner der Philippinen sind den Vereinigten Staaten
freundlich gesinnt. Aber in Indonesien und dem proe^sten Teil
de3 uebrigen Asiens sind sie ueber die angebliche Rassendiskriminierung in unserem Lande empoert.
"Man gab mir dies usberall zu verstehen. Die Menschen in
Indonesien vvollteh wissen, warum die Vereinigten Statten sagten,
sie hastten den Wunsch, hier den farbigen Voelkern zu helfen,
waehrend in den Vereinigten Staaten in Amerika geborene Neger,
die zugleich amerikanisches £ taatsbuerger sind, nicht mit den Weissen
in den gleichen Eisenbahnwagen reisen oder in den gleichen Hotels
essen und wohnen duerften.
m

"Das Beste, was ich hiergegen tun konnte, war, ihnen zu erklaeren, dass die Diskriminierung in Amerika mit den niedrigen
Loehnen in Indonesien zu vergleichen sei. Denn der groesste Teil
der Bevoelkerun" beider Laender wuenschten weder das eine noch
das andere und kaemnfen dagegan. Eines Tages werden wir diese
beiden rueckstaendigen Auffassungen ueberwunden haben."
Von den Philippinen berichtete Cchuler:
• "Am schlechtesten ist die Lage an der Kueste von Manila.
8.00U Kuestenarbeiter suchen dort nach Arbeit« Es gibt jedoch
hoechstsns 1.800 /.rbeitsplaetze. Jahrelang haben sie unter dem so- 15 -

�genannten 'Cabo'-Systom gearbeitet, das am bebten mit dem Patronatssystem zu vergleichen ist, das in den Vereinigten Staaten fuer
bestimmte Gruppen von Arbeitern, besonders eingewanderte Landarbeiter, angewandt wurde.
"Der Unternehmer stellt einen 'Gabo' ein und bezahlt ihn
fuer die Arbeitskolonne, die er anwirbt. Der Cabo wiederum bezahlt
die Leute, die die eigentliche Arbeit leisten. Es bestehen zahlreiche Moeglichkeiten, mit einem solchen System Missbrauch zu treiben, und die •Cabos' haben hiervon haeufig Gebrauch rremacht."
"Das 'Cabo'-System fuehrte zur Bildung unabhaengiger Arbeiterorganisationen, deren erste von Walter J. Hogan, einem Teauiten-Priester aus Philadelphia, gegruendet wurde, der unter den
Kuestenarbeitern lebt und wirkt. Diese Gewerkschaft ist der Organisation "Freier Arbeiter" angeschlossen, und ihre Mitglieder
haben sich rundweg geweigert, unter dem "Cabo"-System zu arbeiten.
"Die Gewerkschaftsbewegung der Philippinen ist nicht stark,"
erklaerte Schüler. "Schaetzungsweise sind 150.000 Arbeiter in allen
Gewerkschaften auf den Philippinen organisiert. Die hohen Preise,
die niedrigen Loehne und der phantastische Kontrast zwischen dem
Los des Wohlhabenden und dem des Arbeiters haben ihnen eine Entschlossenheit gegeben, die jedoch noch nicht in dar gegenwaertigen
Mitgliederzahl zum Ausdruck kommt. Die Zustaende in den Elendsvierteln sind unvorstellbar. Sie sind weit furchtbarer als in
den schlimmsten Hegervierteln in New Orleans. Ganze Familien leben in einraeumigen Bretterbuden mit duennen Waenden, Strohdaechern
und schmutzigen Boeden. Fenster gibt es nicnt. Sie schiefen auf
Strohmatten und heben keine Moebol.
"Die Lebenshaltungskosten sind um etwa 12% hoeher als in den
Vereinigten Staaten und die Loehne um mehr als die riaelfte niedriger. Der einfache Kuestenarbeiter verdient taeglich, wenn er arbeitet, acht Rupien ode"r rund vier Dollar. Die Loehne in einer
Textilfabrik, die Schuler besuchte, lagen zwischen einem Minimum
von zwei Rupien und einem Maximum von etwa sechs Rupien.
Schüler nahm an einem Diner teil, das von Arbeitsminister
Jose Figueras gegeben wurde. Das Kongressmitglied Tizon, der
Vorsitzende des Ausschusses fuer philippinische Angelegenheiten,
war ebenfalls zugegen und berichtete von der weitreichenden Gesetzgebung, die von seinam Ausschuss zur Bekaempfung der Kommunisten vorbereitet wurde.
Als man Schüler bat, zu sprechen, sagte er ganz offen zu
Tizon, dass es viel besser fuer ihn waere, etwas zur Linderung
der Arbeiterarmut und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der
Arbeiter zu tun, anstatt die haelfte seiner Zeit fuer anti-kommunistische Gesetze zu verwenden.
Der normale Mindestlohn, der uebrigens empfohlen und nicht resetzlich vorgeschrieben ist, betraegt zwei Rupien pro Tag oder
26,2 Cents. Cewerkschaftsorganisierte Erdoelarbeiter verdienen
taeglich 11,55 Rupien, erhalten ihren Reis sowie lebenshaltungsko~ten-und Mietzuschlaege. Das Einkommen der Arbeitnehmer der General
Motors-Filiale in Takarta (unter dem holla endischen System als Bata-'ia bekannt) ist im grossen und ganzen das gleiche. Schuler war
in einer Textilfabrik, in der Webersiarbeiter taeglich 10-15 Rupien
verdienen, d.h. 1,30 und 1,96 Dollar. Das ist ausserordentlich'weni
im Vergleich zu jinem Stundenlohn von 1,50 Dollar fuer die gleiche
Arbeit in den Vereinigten Staaten.
The CI0 News
V/14/51
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
•

IV - 21

Frankfurt, 25. Mai 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Berufslenkung und Einsatz der Arbeitskraefte - -

1

US-Kongress soll Arbeiterbildungsaustausch
erweitern - - - - - - - - - - - - - - - - - -

7

Gewerkschaften bewahrten die U.S.A. vor Revolution - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

8

Entschliessung der amerikanischen Zeitungsarbeiter-Gewerkschaft - - - - - - - - - - - - -

9

Militaerische Sicherheit durch wirtschaftliche
Einheit - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

10

Morelische Prinzioien der Wechselbeziehungen in
der amerikanischen Industrie
- - - - - - - - 1 5
IAA fuer gleichen Lohn bei gleichwertiger Arbeit 16
BERUFSLENKUNG UND EINSATZ DER ARBEITSKRAEFTE
Die IAM veroeffentlichen hier die Feststellungen der amerikanischen Arbeitsgruppe fuer Berufslenkung und Einsatz
der Arbeitskraefte vor der Konferenz des Weissen Hauses
ueber Kinder- und .Tugendfragen, die vor einiger Zeit in
Washington stattfand.
Ein demokratisches Staatssystem ist verpflichtet, jedem
Einzelnen das Recht zu garantieren, in Bezug auf seine Berufswahl seine eigene Entscheidung zu treffen. In Anerkennung der
individuellen Verschiedenheit der Menschen und der Vielseitigkeit
der modernen Wirtschaft ist der Staat ausserdem dafuer verantwortlich, dass die Jugend in der erforderlichen Weise unterstuetzt und unterrichtet wird, um es ihr zu ermoeglichen, die
- 1 -

�bestmoeglichen Entscheidungen zu treffen. Und der Stt-at hat
ferner die Aufgabe, die entsprechenden sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen'zu schaffen, durch die eine gesunde Berufswahl gefoerdert und eine falsche Wahl verhindert wird. Indem
der Staat auf diese Weise zu einem befriedigenderen Leben der
jungen Menschen beisteuert, ermoeglicht er es der Jugend, ihrerseits in Anerkennung dieser Unterstuetzung ihre Verantwortung
dem Staat gegenueber auf sich zu nehmen.
Die Einrichtungen der Berufslenkung und der Arbeitsvermittlung tragen wesentlich zur Entwicklung einer brauchbaren Persoenlichkeit bei. Die Hilfe geschulter Kraefte bei der Wahl eines
Berufes, der dem jungen Menschen auch eine wirkliche Befriedigung bedeutet, ist sin wesentlicher I'aktor in der Verhuetung
von Fehlgriffen, sie kann bei der Korrektur von Missgriffen in
der Berufswahl von entscheidender Bedeutung sein. Andererseits
haengt die Faehigkeit der Jugendlichen, konstruktiv zu olanen
und von den ^erufsberatungseinrichtungen wirksamsten Gebrauch
zu machen, unmittelbar mit dem Grad der von Geburt an erworbenen
Entwicklung der Persoenlichkeit zusammen.
Fuer den groessten Teil der Jugend dar Vereinigten Staaten
stehen keine angemessenen Einrichtungen der Berufslenkung zur
Verfuegung. Einige der vorhandenen Einrichtungen neigen dazu,
unzureichend zu bleiben und in weitgehendem Masse nicht aufeinander abgestirjnt zu sein. Fast in allen Faellen suchen die Jugendlichen nach Verstaendnis bei erwachsenen, mitten im Berufsleben stehenden Personen, mit denen sie sich offen ueber ihre
beruflichen, bildungsmaessigen, sozialen und persoenlichen Probleme unterhalten koennen. Nur in wenigen Teilen des Landes
sind genuegend Mittel zur Verfuegung gestellt worden, um der Jugend auf ihrem schweren Weg von der Schule zur Arbeit zu helfen.
In der gegenwaertigen Weltlage kann die Berufslenkung im
Einsatz der Ärbeitskraefte fuer die benoetigte Produktion und den
Militaerdienst eine besonders wichtige Rolle spielen. Experten
der Berufslenkung und der Arbeitsvermittlung koennen die Unternehmer unterstuetzen und ihnen zeigen, wie man alle Reserven an
Ärbeitskraeften, auch die Körperbehinderten und Angehoerigen
der Minderheitsgruppen im Programm der Produktion fuer den zivilen Bedarf so wirksam wie moeglich einsetzt. Fuer den jungen
Mann im wehrdienstpflichtigen Alter, der mit einer Unterbrechung
seiner beruflichen Planung rechnen muss, wird eine Planung auf
lange Sicht, die eine Verbindung zwischen der Ausbildung zum
Militaerdienst und dem Zivilberuf herstellen kann, dem Jugendlichen helfen, sich trotz der herrschenden Krise in konstruktiver Weise mit seiner Zukunft zu beschaefti^ren. Der Berater kann
ihn darauf vorbereiten, sich die Moeglichkeitsn der Berufslenkung
und -ausbildung, die ihm im Wehrdienst geboten werden, zunutze
zu machen. Und er kann den Militaerbehoerden helfen, im Rahmen
ihres ursoruenglichen Zweckes, eine Streitmacht zu entwickeln,
auch Moeglichkeitsn fuer eine ausgedehntere Berufsvorbereitung
zu schaffen.
Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe fuer Berufslenkung und
Einsatz der Ärbeitskraefte lauten im einzelnen:
1. Der Jugend in und ausserhalb der Schule muss ein umfassenderer Berufslenkungs- und Arbeitsvermittlungsdienst zur
Verfuegung gestellt werden, damit alle Jugendlichen, in Staedten
und auf dem Land, Koerperbehinderte sowie Angehoerige von Minder- 2-

�heitsgruppen derartige Dienste in allen Teilen unseres Landes in
Anspruch nehmen koennen.
2. Diese Dienststellen der Berufsberatung muessen mit
sorgfaeltig ausgesuchten Personen besetzt sein, die gereifte
Persoenlichkeiten sind, sympathisch wirken und besonders geschult
sind.
3. In Schulen, in denen bis jetzt noch kein Berufsberatungsprogramm besteht, muessen Mitglieder des Lehrkoerpers ausgewaehlt werden, die so weit wie moeglich die persoenlichen und
anderen Befaehigungen eines tuechtigen Berufsberaters besitzen
und allen Studenten beratend zur Seite stehen, die mit ihnen
berufliche und aehnliche Probleme besprechen moechten. Diese Berater muessen veranlasst werden, sich in Fragen der Berufsberatung weiter auszubilden.
4. Um den verschiedenen Interessen der einzelnen Schueler
staerker Rechnung zu tragen, muessen die Schulen die Lehrnlaene
der hoeheren Cchulen erweitern, revidieren und anpa3sen, um auf
diese Weise ein wirksameres Programm der Berufslenkung zu ermoeglichen.
5. Die Jugend muss sich selbst an der Planung der Berufslenkungseinrichtungen beteiligen, damit diese Einrichtungen den
wirklichen Bedürfnissen der Jugend in bezug auf ihre berufliche
Vorbereitung naeherkommen.
6. Die Ämter muessen zu der Erkenntnis kommen, dass die
Grundprinzipien und Methoden der Berufslenkung und der Einzelberatung einen wesentlichen Beitrag zur Bereitstellung, Unterbringung und zum Einsatz der Arbeitskraefte in einer Wirtschaft
der Verteidigung in Verbindung mit dem Militaerdienst zu leisten
haben, und dass die Militaerbehoerden und die der zivilen Arbeitskraefte die Wichtigkeit folgender Faktoren anerkennen muessen:
a) Selbsterkenntnis und Freiheit der Berufswahl in durchfuehrbaren Grenzen bei der Personalbenennung.
b) Die Moeglichkeit, innerhalb der Grenzen der jeweils
herrschenden Situation die Berufsplanung und Ausbildung des Einzelnen bei seinem Uetergang vom Zivilberuf auf eine militaerische Taetigkeit oder eine beschaeftigung im Rahmen der Verteidigungsproduktion und umgekehrt so weit wie moeglich zu berücksichtigen.
c) Vorkehrungen zur Auswertung aller einschlaegigen Informationen zu treffen, die von Berufsber^tem und anderen Behoerden ueber den Betreffenden eingeholt wurden und systematisch
von kompetenten Organen den zustaendigen Aemtern zugeleitet werden.
d) Versorgung der Oeffentlichkeit und insbesondere der
Volksschulen, hoeheren Schulen und anderer Schulen, die auf dem
Gebiet der Berufsberatung und Berufsvorbereitung taetig sind,
mit allen Informationen und Erlaeuterungen, die genaue Angaben
ueber die Richtlinien zum Einsatz der Arbeitskraefte in Kriegszeiten, \ieber Bedarf und Moeglichkeiten , Personalpolitik und
deren Methoden enthalten muessen.
e) Fortgesetzte Berufsberatung und eine gleiche Personalbetreuung waehrend des Militaerdienstes und waehrend des zivilen
Arbeitseinsatzes in den Behoerden und in der Industrie.
- 3-

�f) Vorkehrungen, die gewaehrleisten, dass st&amp;endig Berufsberatungs- und Personalexperten in nichtmilitaerischen Aemtern
und Personen fuer die Ausbildung solcher Experten in ausreichender Zahl zur Verfuegung stehen.
7. Psychologische 'Pruefungen koennen, wenn sie fachmaennisch
gehandhabt und sorgfaeltig ausgewertet werden, ein wertvolles
Hilfsmittel im Studium des* Einzelnen sein; sie duerfen jedoch
nicht als ein Ersatz fuer die Beratung,sondern nur als ein Teil
des gesamten Beratungsverfahrens angesehen werden. Eingehende
Kenntnisse ueber den Einzelnen sollen durch Eignungs- und Persoenlichkeitspruefungen eingeholt werden, die mithelfen koennen. die
Bruecke zwischen Pruefungen und Berufen (oder Berufsgruppen) zu
schlagen.
8. Berufsberater muessen sich zur Einholung aufschlussreicher Informationen ueber die Berufsprobleme des Einzelnen an
Eltern, Schule, Kirche und andere Einrichtungen seiner naeheren
Umgebung wenden.
9. Behoerden, die ueber die Zulassung hoeherer Schulen zu
entscheiden haben, muessen, bevor sie eine Entscheidung treffen,
die Zulaenglichkeit der Berufslenkungsprogramme dieser hoeheren
Schulen in Betracht ziehen.
10. Mittel und Wege muessen ausfindig gemacht werden, um
die Jugend besser mit Stipendien und sonstigen finanziellen Mitteln zu unterstuetzen. Ausserdem muss den Methoden staarkere Beachtung geschenkt werden, mit denen man die Schueler der obersten
Klassen ueber derartige Moeglichkeiten unterrichtet.
11. Das Verstaendnis fuer die Berufsberatung und die Verwendung der vorhandenen Mittel sollen durch Lehrgaenge fuer solche
Leute gefoerdert werden, die sich auf die Berufsberatung vorbereiten, um sie auf diese Weise mit der Art und der Bedeutung der
Berufsprobleme junger Menschen und den zur Loesung dieser Probleme
zur Verfuegung stehenden Mitteln vertraut zu machen.
12. Hochschulen und Lehrerseminare muessen bessere Methoden
zur Auswahl und Ausbildung des Berufsberatungspersonals entwickeln
und zwar sowohl fuer reine Berufsberater als auch fuer Lehrer,
die auf diesem Gebiet taetig sind. Sie muessen im praktischen
Aussendienst und im internen Buerodienst geschult werden. Es
muessen besondere kurzfristige und eigene BetriebsProgramme ausgearbeitet werden, um die Schulrektoren auf ihre verantwortungsvollen Positionen vorzubereiten, die sie in der Organisation und der
Verwaltung wirksamer Berufslenkungsprogramme in ihren Schulen uebernehmen muessen.
13. Diejenigen, die bereits als Berufsberater taetig sind,
und vor allem Leute, die eine derartige Taetigkeit ohne die entsprochende Vorbildung ausueben, muessen fortlaufend weiter ausgebildet werden.
14. Es muessen ununterbrochen Erhebungen ueber Neueintritte
ins Berufsleben, Beschaeftigungsmoeglichkeiten und Entwicklungswandlungen durchgefuehrt werden, die fuer die Jugend sowohl auf
oertlicher als auch auf Landesebene von Bedeutung sind.
15. Fuer zuverlaessige Informationen ueber Berufsaussichten,
die fuer alle Jugendliche der verschiedenen Bildungsgrade verstaendlich sind, muss gesorgt werden.
- 4-

�16. Arbeitgeber und Gewerkschaften muessen veranlasst werden, fuer eine immer groessor werdende Zahl junger Arbeiter
ohne Diskriminierung hinsichtlich ihrer Rassen- oder Religionszup.ehoerigkeit gut beaufsichtigte Lehrstellen und Anlernstellen
zur Verfuegung zu stellen.
17. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen muessen
dazu ermutigt werden, mit den Lchulen zusammenzuarbeiten, um
die jungen Leute ihrer Bezirke oder die dort taetigen Organisationen so zu beraten, wie es erforderlich ist.
18. Eltern, Buerger, Arbeitgeber, Gewerkschaften und sonstige Grupoen muessen mit den Schulen und den Arbeitsvermittlungsaemtern zusammenarbeiten, um ein Berufsberatungssystem aufzubauen und zu unterstuetzen, das den Erfordernissen der Jugend
gerecht werden kann, und um die Organe fuer ein koordiniertes
lokales Gemeinschaftsorogramm zu schaffen. In Anerkennung der
Tatsache, dass Schulen und oeffentliche Arbeitsvermittlungsaemter die reichsten und zugaenglichsten Quellen der Berufsberatung
und Arbeitsvermittlung darstellen, muessten alle Schichten der
Bevoelkerung bestrebt sein mitzuhelfen, dass diese beiden oeffentlichen Einrichtungen bei der Erweiterung und Verbesserung des
Berufslenkungssystems fuer die Jugend enger zusammenarbeiten und
sich gegenseitig unterstuetzen. Zu diesem Zweck waere folgendes
notwendig:
a) Die Verantwortungsbereiche beider Institutionen muessen
genau festgelegt und ihre Funktionen in der Unterhaltung, Formulierung und Verbesserung der Berufsberatungs- und Arbeitsvermittlun^sdienste koordiniert werden.
b) Die Schulen und oeffentlichen Arbeitsvermittlungsaemter
muessen mit befaehigtem Personal besetzt werden, damit die jungen
Leute in angemessenar V/eise beruflich beraten und in das Erwerbsleben eingefuehrt werden koennen.
c) Informationen ueber Hilfsmittel und Grundprinzipien der
Berufsberatung muessen ausgetauscht werden, um zu gewaehrleisten,
dass (1) den jungen Leuten und dem ganzen Volk geholfen wird,
die V/u erde und Verantvvortung jeder Art von Arbeit anzuerkennen,
(2) den jungen Menschen eine groessere praktische Hilfe und
weitgehende Informationen ueber Moeglichkeiten und Methoden der
Arbeitsplatzsuche und Bewerbung zuteil werden, (3) den jungen
Leuten geholfen wird, die Bedeutung ihres ersten Arbeitsplatzes
als Sprungbrett zu ihrer zukuenftigen beruflichen Laufbahn zu
sehen, (*) ihnen eine Moeglichkeit gegeben wird, ihr relatives
Verdienst auszuwerten, das sie sich erworben haben, indem sie
noch in der Schule blieben, anstatt fruehzeitig erwerbstaetig zu
werden, und (5) der Berufsberater den jungen Leuten auch noch
nach Beginn ihrer beruflichen Laufbahn beratend zur Seite steht.
19. Die Oeffentlichkeit muss ueber den Wert der Berufsberatung- und Arbeitsvermittlungsdienste fuer die jungen Leute und
uebor den bestehenden Bedarf und die Methoden in den einzelnen
Bezirken unterrichtet werden.
20.
a)

Von den einzelnen Bezirken muessen gefoerdert werden:
die Vollbeschaeftigung;

b) Organisierte und beaufsichtigte Vermittlung? von Arbeitsnlaetzen unter fairen Bedingungen fuer die junpen Menschen, die
in das Berufsleben eintreten, und
- 5 -

�c) Möglichkeiten fuer die Jugend der hoeharen Schulen,
sich waehrend der Schulferien und in zeitlich begrenzter Beschaeftigung unter beaufsichtigten Arbeitsbedingungen Berufserfahrungen anzueignen.
21. Schulen, Kommunalbehoerden und Arbeitsvermittlungsaemter muessen in ihrer Arbeit und durch ihr Personal bestrebt
sein, diskriminierende Methoden abzuschaffen, die zur Zeit noch
gegen Angehoerige von Minderheits- und sonstiger Sondergrunpen
angewendet werden. Den Berufsberatern und den Beamten der Arbeitsvermittlungsaemter muss eine besondere Rolle zufallen, weil sie
sowohl denen, die sie beraten, als auch den Arbeitgebern in dieser Hinsicht dienen muessen.
22. Die statistische Forschung muss gefoerdert werden, um
die Auswertung und Verbesserung der Berufslenkungs- und Arbeitsvermittlungsmethoden zu unterstuetzen, um ein besseres Verstaendnis fuer die grundsaetzliche Einstellung der Arbeiter, die Anforderungen der verschiedenen Berufe und die persoenlichen Erwartungen zu erwecken, und um auf die erforderlichen Entwicklungen in der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung hinzuweisen.
23. Auf bundesstaatlicher, einzelstaatlicher und lokaler
Ebene muessen hoehere Geldmittel zur Verfuegung gestellt werden,
um zulaengliche Berufsberetungs- und Arbeitsvermittlungsdienste
zu ermoeglichen, die den Anforderungen der gesamten -Tugend gerecht werden koennsn.
In der Plenarsitzung der obengenannten Grunpe wurden folgende Empfehlungen gebilligt, die sich in irgendeiner Weise auf
die Berufslenkung und Arbeitseinfuehrung beziehen:
Berufslenkungs- und Beratungsbehoerden in Schulen, Arbeitsvermittlungsasmtern und Jugendbehoerden muessen gefoerdert und
erweitert werden, sie muessen die persoenlichen Faktoren bei
der Berufswahl und die besondere Eignung fuer einen bestimmten
Beruf berücksichtigen.
Den Kindern von nicht ses3haften und Saisonarbeitern muss
ebenso wie anderen Kindern gleicher Schutz und gleiche Betreuung gewaehrt werden, wobei Transport-, Wohnraum-, Gesundheitsund Erziehungsprobleme sowie Sozialunterstuetzungen und ein
ausreichender Schutz im Rahmen der Arbeitsgesetze besonders zu
beruecksichtigen sind.
In den Erziehung^Programmen muss den Faktoren besondere Beachtung geschenkt werden, die mit der Entwicklung geistiger Werte
durch die Berufslenkung verknuepft sind, in der das Motiv des
Dienstes an der Gemeinschaft vor das des Geldverdienens gestellt
werden muss.
Gewerkschaften, Industrie, Erziehungsinstitutionen, sonstige kommunale Einrichtungen sowie die Militaerbehoerden muessen
ihre Personal-, Auswertungs-, Vermittlungs-, Berufslenkungsund Berufsberatungsarbeit verbessern und erweitern, um den Inter- •
essen der jungen Menschen zu dienen und die allgemeine Entwicklung
und wirksame Verwendung der gesamten Reserven an menschlichen
Arbeitskraeften zu foerdern.
Staatliche und andere zustaendige oeffentliehe Koerperschaften muessen wirksame Berufslenkungs- und Arbeitsvermittlungseinrichtunpen schaffen und die allgemeine Beachtung von Grundsaetzen
- 6-

�in Bezug auf die Beschaeftigung der Jugendlichen in allen Berufen durchsetzen; diese Grundsaetze muessen sich auf Mindestalter und Mindestloehne, Arbeitszeit, Nachtarbeit, Schutz bei
der Ausuebung unfallgefaehrdeter Beschaeftigungen und auf eine
angemessene Unfallversicherung erstrecken. Unter Beachtung dieser Vorschriften muessen die Unternehmer Jugendlichen die Mtoeglichkeit bieten, sich in zeitweiliger Beschaeftigung die erforderlichen Berufserfahrungen anzueignen.
Alle diejenigen, die auf dem Gebiet der Jugenderziehung
taetig sind, muessen. sich im Rahmen ihrer Vorbereitung eine
Grundlage allgemeiner Kenntnisse und Erfahrungen ueber die Grundbegriffe des menschlichen Wesens aneignen, und sich der Notwendigkeit bewusst sein, sowohl die Gesamtperson als ihre persoenlichen Besonderheiten in Betracht zu ziehen, das neisst, da3
Gegenspiel physischer, geistiger, sozialer, kultureller und
wirtschaftlicher Kraefte, die Bedeutung der gegenseitigen persoenlichen Beziehungen, die Bedeutung der Selbsterkenntnis, die
Betonung einer nositiven Anerkennung und Foerderung einer gesunden Persoenlichkeit und die individuelle Behandlung besonderer
Charaktere; Laien auf diesem Gebiet nuessen durch formelle und
nichtformelLe Ausbildung dahingehend orientiert werden, dass sie
fuer die Bedeutung der obengenannten Begriffe Verständnis aufbringen.
Alle diese Dienste muessen fortlaufend mit kritischen Augen
ueberprueft werden, und es muessen von allen Ebenen aus fortlaufend wissenschaftliche Studien ueber Bedarf, Ziele, Alternativmethoden und Wirksamkeit der aufgestellten Programme durchgafuehrt werden.
Emnloyment Security Review
IV/51
US-KONGRESS SOLL ARBEITLRBILDUNGSAÜSTAUSCE ERWEITERN
Wehr Stipendienmoeglichkeiten fuer ArbeiterbildungsInstitute, mehr Studienreisen fuer Gewerkschafter und besondere Sommerscnulen zum Studium der sozialen Probleme in anderen Laendern
wurden zur Erreichung der Ziele emofohlen, die sich das amerikanische Aussenmiftisterium mit seinem weltweiten "Feldzug der Wahrheit" gesteckt hat.
Diese Empfehlungen bilden einen Teil eines Berichtes, der
vor kürzen vom amerikanischen Beratungsausschuss fuer den Austausch im Rahmen der Arbeiterbildung dem amerikanischen Kongress
unterbreitet wurde. Mark Starr, der Leiter des Bildungsreferats
der Internationalen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbaiter,
ist Mitglied dieses Ausschusses.
In einem Aufruf zur gesteigerten Taetigkeit auf dem Gebiet
des internationalen Austausches fuehrendsr Gewerkschaftsfunktionaere wird in dem Bericht erklaert:
"Es muss unsere Aufgabe sein, die wirklichen Verhaeltnisse,
unter denen die Arbeiter in der Sowjetunion und den sowjetischen
Satellitenstaaten leben, denen gegenueberzustellen, unter denen
die amerikanischenArbeiter ihre wirtschaftliche Sicherheit, die
Anerkennung ihrer l^enschenwuerde, Selbstachtung und nersoenliche
Anerkennung geniessen, ohne einen Klassenkampf fuehren und auf
- 7-

�eine Diktatur zurueckgreifen zu muessen, die nach der kommunistischen Lehre erforderlich sind, um den Arbeitern zu ihren
Rechten zu verhelfen."
In dem Bericht wird ferner festgestellt, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung bereits mitgeholfen hat, durch den
Internationalen Bund Freier Gewerkschaften ein technisches Unterst uetzungsprogramm auszuarbeiten. Zu den vielen Projekten, die vom
IBFG in die Wege geleitet worden sind, gehoert die Errichtung von
Ausbildungsinstituten in Asien, in denen die kuenftlgen Fuehrer
der dortigen freien Gewerkschaftsbewegung geschult werden.
ECA Labor Information
V/9/51
GEWERKSCHAFTEN BEWAHRTEN DIE U.S.A. VOR REVOLUTION
n

Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung hat unser Land vor
einer grausamen und blutigen Revolution" bewahrt, erklaerte
Bischof Bernhard J. Sheil vor dem John A. Ryan-Forum am 15. Mai.
Dieses Forum wurde von der Katholischen Arbeitsallianz einberufen. Es fand anlaesslich des 60. Jahrestages der paepstlichen
Enzyklika
"Ueber die soziale Lage der Arbeiterschaft" statt,
die von Papst Leo XIII. verfasst war, und des 20. Jahrestages der
Enzyklika Papst Pius XI. ueber die "Wiederherstellung der Sozialen
Ordnung."
Bischof Sheil erklaerte: "Die Geschaeftsleute dieses Landes
koennen der Gewerkschaftsbewegung dankbar dafuer sein, dass sie
den Kapitalismus gerettet hat. Die Arbeiterschaft hat ihn davor
bewahrt,gestuerzt und aus sich selbst heraus zerstoert zu werden,
indem sie einen Mittelweg zwischen einem extremen Individualismus und einem extremen Kollektivismus gesucht und gefunden hat.
Bischof Sheil war einer der drei Sprecher ueber "Ein christliches Programm fuer Gewerkschaften und Unternehmer." Die anderen
beiden Sprecher waren Milton Murray, Hauptkassierer des Organisationskomitees der Regierungs- und Zivilangestellten (CIO)
und John Quincy Adams-, der Praesident der Kuehlschrankfabrik
Manhattan in New York.
Vor 1.000 Anwesenden wurde ein Telegramm des CIO-Vorsitzenden Philip Murray vorgelesen, der eigentlich hatte sorechsn sollen, aber infolge einer schweren Erkrtnkung verhindert war. Er
verglich die grosse naepstliche Enzyklika "Rerum Novarum" mit
einem Leuchtfeuer in der Zeit ihrer Veroeffentlichung vor 60
Jahren. Diese Botschaft zeigte den damaligen Fuehrern der Gewerkschaftsbewegung dieses Landes und Europas den Weg. Sie ist mit
Recht die "Magna Charta" der Arbeiterrechte genannt worden."
Mit der Veroeffentlichung der paepstlichen Botschaft "Quadragesimo
Anno" hatten "viele falsche Prooheten nach seltsamen und schlechten
Loesungen geschrieen. Viele andere hatten die falsche Behauptung
aufgestellt, dass eine soziale Loesung ueberhaupt nicht erforderlich sei." Murray fuegte hinzu, das3 alle "arbeitenden Menschen
Amerikas und daruefcarhinaus der ganzen Welt den grossen Paepsten
Leo XIII. und Pius XI. viel zu verdanken haetten."
Adams erklaerte, dass es z.Zt. am wichtigsten sei, Ausschue^se
zu bilden, die sich aus Gewerkschafts- und Unternehmervertretern
zusammensetzen, um auf diese Weise industriellen Frieden und Fortschritt sicherzustellen. Diese Ausschuasse wuerden auf Betriebs-,
8 -

�Verwaloungs-, Industrie- und nationaler Ebene benoetigt und
muessen aus einer gleichen Zahl von Vertretern der Gewerkschaften und Unternehmer zusammengesetzt sein.
Ein Betriebsausschuss, so sagte er, mue -.ste sich mit folgenden Fragen befassen: Produktionsleistung, Sicherheitsmassnahmen,
planmaessisüer Abbau jeder Verschwendung und der Ueberstunden, Mechanisierung und technischer Fortschritt, wirtschaftliche Tendenzen und Wettbewerb. Er wies darauf hin, dass diese Ausschuesse
in keiner 7/eise mit den Funktionen der Gewerkschaften in Konflikt
kommen duerftan.
Als der erste Schritt zur Beilegung der gegenwaertigen Konflikte ist es erforderlich, so fuhr Adams fort, dass alle Buerger
die Gewerkschaften in ihren organisatorischen Bemuehungen auf
,1ede nur moegliche Art unterstuetzen. Arbeitskollegen in einem
Unternehmen oder einer Industrie haben das selbstverstaendliche
Recht, fuer die Gewerkschaft zu werben, lind es sollte alles getan
werden, dass sie dieses Recht ausueben.
Adams erklaerte, dass "in seinem Betrieb die Produktionsleistung durcn die Arbeit dieser Ausschuesse weitgehend erweitert
und der gute Wille aller Arbeitnehmer gefoerdert worden sei, obwohl sie sich in keiner Weise in die Arbeit der Gewerkschaften
eingemischt haetter, mit denen sieben Sondervertraege abgeschlossen
seien. Alle unsere Bueros, Fabriken und ".Varenhaeuser sind nicht
zufaelligerweise ohne Ausnahme gewerkschaftlich organisiert."
Milton Murray bezeichnete das gegenwaertige Programm des
CIO als einen Beweis dafuer, dass die Gewerkschaftsbewegung nicht
jene "selbstsuechtige willkuerliche Gruppe ist," als die sie
gewisse Kritiker hinstellen moechten. "Wenn wir gerechte Preiskontrollen, Mietkontrollen und andere Massnahmen fordern, setzen
wir uns nicht allein fuer die Rechte der Gewerkschaftsmitglieder
ein. Wir wollen, dass alle Amerikaner, ob sie gewerkschaftlich
organisiert sind oder nicht, gerecht behandelt und ihre Interessen in der gegenwaertigen Verteidigungsgesetzgebung gewahrt
bleiben. Gewiss, wir sind bereit, Opfer zu bringen, und die
Arbeiterschaft ist auch bereit, den ihr zukommenden Anteil an
Opfern 'zu tragen. Aber die heute gueltigen Gesetze sind jedoch
nicht gerecht, denn sie legen den Arbeitern einen zu grossen Teil
der Lasten auf.
Daily News Service
V/16/51
ENTSCHLIESSUNG DER AMERIKANISCHEN ZEITUNGSARBEITER-GEWERKSCHAFT
Der Internationale Exekutivausschuss der Amerikanischen Zeitungsarbeiter-Gewerkschaft nimmt mit besonderem Interesse von zwei
historischen Entwicklungen Kenntnis, die sich innerhalb der letzten
Monate in jenem Abschnitt des internationalen gewerkschaftlichen
Arbeitsgebietes abgespielt haben, an dem diese Gewerkschaft besonders interessiert ist.
Mit besonderer Genugtuung hat diese Gewerkschaft den Erfolg
des Internationalan Bundes Freier Gewerkschaften mit der Einberufung des ersten Weltkongresses der Geistesarbeiter verfolgt, zu
denen Lehrer, Journalisten, Musiker, Kuenstler, Schauspieler, Angestellte in Handel und Industrie sowie Arbeitsvorgesetzte gehoeren.
Die Gewerkschaft der amerikanischen Zeitungsarbeiter begruesst
- 9-

�mit Begeisterung das Programm, das von diesem Kongress zur Foerderung der gegenseitigen Interessen dieser Arbeiter, zur Aktivierung der organisatorischen Bestrebungen in fortgeschrittenen
und unterentwickelten Gebieten der Erde, zur Verbesserung ihres
Lebensstandards und ihrer Arbeitsbedingungen, zur Festigung
der Beziehungen, die bereits zwischen den Arbeitern der Faust
und der Stirn bestehen, zur Foerderung des gegenseitigen Verstaendnisses aller Voelker der Welt und zur Vereinigung der
Kraefte der freien Laender in Verfolgung des Kampfes fuer "Brot,
Freiheit und Frieden" vorgeschlagen haben, die das Leitmotiv
der Arbeit des IBFG bilden.
Die amerikanische Zeitungsarbeiter-Gewerkschaft ist stolz
darauf, durch den Vorsitzenden des Internationalen Beratungsausschusses des IBFG fuer Geistesarbeiter, der ihr Mitglied ist,
mitgewirkt zu haben, diesen Kongress und seine ermutigenden Ergebnisse zustandezubringen. Sie befuerwortet allgemein die Empfehlungen dieses Kongresses und insbesondere die Forderung, das« der
IBFG den Internationalen Beratungsausschuss zu einer dauernden
Einrichtung erklaeren soll, die diese Arbeit fortsetzen und erweitern kann.
Die Gewerkschaft stellt mit Befriedigung fest, dass als
eines der zahlreichen wertvollen Nebenergebnisse dieses ^Programms
bereits ein internationales Berufssekretariat fuer die Lehrer
der Welt gebildet wurde. Ein anderer konstruktiver Erfolg, der
fuer die Mitglieder dieser Gewerkschaft von unmittelbarem Interesse ist, ist die Schnelligkeit und die Entschlossenheit, mit
der sich der Kongress gegen die Unterdrueckung einer freien
Presse ausgesprochen und als verabscheuungswuerdigstes Beispiel
der letzten Zeit die Enteignung der "La Prensa" durch das diktatorische Peron-Regime und die Ausweisung eines prominenten amerikanischen Pressekorrespondenten als neueste Unterdrueckungsmassnahme des totalitaeren Franco-Regimes angefuehrt hat.
Die Gewerkschaft hat erfreut zur Kenntnis genommen, dass die
Bemuehungen zur Errichtung eines neuen freien und demokratischen
internationalen Berufssekretariats fuer die Journalisten der
Welt in diesem Jahr in mancher Hinsicht erfolgreich waren. Die
Mitglieder dieser Gewerkschaft hoffen, dass innerhalb der naechsten Monate eine vorbereitende Konferenz stattfinden kann, auf
der ein Weltkongress der Journalisten geplant werden koennte,
wenn eine Internationale fuer die Angehoerigen dieser Berufs sparte gegruendet werden kann. Die Journalisten werden weiterhin
trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse diesem Ziel zustreben, bis die freien Zeitungsleute der Erde ein organisatorisches
Werkzeug zur Verfuegung haben, mit dem sie gemeinsam an der Foerderung der freien Presse und der Loesung von Problemen arbeiten
koennen, die ihnen allen gemeinsam sind.
ECA Labor Information
V/21/51
Dr. Isador Lubin, Repraesentant der Vereinigten Staaten im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen:
MILITAERISCHE SICHERHEIT DURCH WIRTSCHAFTLICHE EINHEIT
Der Krieg in Korea hat die Wirtschaftsplaene der friedensliebenden Nationen ernstlich gestoert. Inlaendische Verbesserungsprogramme in industrialisierten Laendern und Programme zur wirt- 10 -

�schaftlichen Entwicklung in den unterentwickelten Gebieten der
Welt muessen nun unter einem neuen Gesichtswinkel betrachtet
werden.
Um die freie Welt so zu staerken, dass sie jede eventuelle
militaerische Gefahr fuer ihre Sicherheit und Freiheit erfolgreich abwenden kann, waren die Vereinigten Staaten gezwungen,
einen grossen Teil ihrer Produktionskapazitaet fuer die Ruestung
zu verwenden. Andere Nationen, die sich an den gemeinsamen
Verteidigungsbemuehungen beteiligen, folgten diesem Schritt.
Bis zum Ende des Jahres 1951 werden die Aufwendungen der
US-Regierung fuer die Verteidigung und aehnliche Zwecke im
eigenen Land und im Ausland fuer Waren und Dienstleistungen
voraussichtlich den Betrag von 45 Milliarden Dollar jaehrlich
ueberschritten haben. Dieser Betrag entspricht ungefaehr 15%
des Gesamtwertes der Produktion der Vereinigten Staaten. Obwohl dieses Verhaeltnis wesentlich kleiner ist als die 45% der
Gesamtproduktion, die auf dem Hoehepunkt des zweiten Weltkrieges
fuer militaerische Zwecke verwendet wurden, wird er die Verteidigungsstaerke der freien Welt wesentlich erhoehen und fuer den
Fall, dass ein totaler Krieg gefuehrt werden muss, den Grundstein fuer eine riesige Erweiterung der Waffenproduktion legen.
Den Wirtschaftsplaenen der Vereinigten Staaten liegt jedoch
nicht die Ueberlegung zugrunde, dass ein dritter grosser Krieg
unvermeidlich sei. Es besteht die Absicht, Industrie, Landwirtschaft und Handel in diesem Lande und in den anderen freien
Laendern so zu staerken, dass der freien Welt damit ein Maximum
an Verteidigungsstaerke verliehen wird, die auch in kritischer
Zeit beibehalten werden kann, die unter Umstaenden viele .Tahre
dauern kann. Di'e Politik in den Vereinigten Sta&amp;ten gruendet
sich auf die Ueberzeugung, dass eine dauernde nicht nachlassende
Staerke eine Aggression abwehren und vereiteln kann, bis der
eventuelle Angreifer bereit ist, seine verwerflichen Ziele aufzugeben.
Die Politik der USA anerkennt die Tatsache, dass die Wiedererrichtung der Verteidigungsstaerke der freien Welt sowohl fuer
das amerikanische Volk als auch fuer die Voelker anderer freier
Nationen ein Opfer bedeuten wird. Fuer das amerikanische Volk
wird sie bedeutende Einschraenkungen in der Versorgung mit bestimmten Zivilguetern mit sich bringen, ausserdem werden hoehere
Steuern eine ihrer unmittelbaren Folgen sein. Das gleiche wird
fuer andere Nationen zutreffen, die sich an den Verteidigungsbemuehungen beteiligen.
Die Vereinigten Staaten wissen, dass sie nicht in der La&lt;?e
sein werden, einige der Projekte fuer die wirtschaftliche Unterstuetzung unterentwickelter Laender in dem Umfang durchzufuehren,
den man fuer angemessen gehalten hatte, obwohl die entsprechenden Programme noch erweitert werden sollen.
Die industrialisierten Laender der Welt, besonders die
Vereinigten Staaten und andere Laender des Nordatlantikpaktes,
sind in Bezug auf Rohstoffe, die fuer die Wiederherstellung der
Verteidigungsstaerke unentbehrlich sind, von vielen dieser unterentwickelten Gebiete abhaengig.
Aber diese Gebiete sind umgekehrt auch von diesen Laendern
in der gleichen Weise abhaengig. Die Verbraucher und Hersteller
dieser Gebiete brauchen naemlich viele Fertigwaren aus den indu- 11 -

�strialisierten Laendern. Diesen unbefriedigten Bedarf so weit
wie moeglich zu erfuellen, ist ein integraler Bestandteil der
Verteidigungsbemuehungen der freien Welt.
Es gibt fuer die freien Natione nur einen Weg, um die Buerden eines neuen Krieges zu vermeiden: indem sie sich die Lasten der
Wiederaufruestung auferlegen. Wenn es Leute gibt, die hoffen,
auch diese Lasten vermeiden zu koennen und gleichzeitig gegen
eine Aggression gesichert zu sein, so geben sie sich damit frommen Wuenschen hin. Die Politik der Vereinigten Staaten gruendet
sich auf die Erwartung, dass die freien Nationen fuer die Notwendigkeit dieses Opfers Verstaendnis haben, es bewusst aur sich
nehmen und im Geiste der Vereinten Nationen arbeiten werden; ihre
Bestrebungen muessten jedenfalls darauf ausgerichtet sein, dass
dieses Opfer nicht umsonst sein soll.
Selbst unter groessten Anstrengungen zur Ausdehnung der inund auslaendischen Produktion werden in bestimmten Faellen ernsthafte Verknappungen, scharfe Preissteigerungen und Fehlverteidigungen von Vorraeten unvermeidlich sein. Die Notwendigkeit, diesen Problemen zu begegnen, ist der erste Beweis fuer die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Einigkeit und einer internationalen Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet.
Um eine gleichmaessige Verteilung der Rohstoffe sicherzustellen, haben sich die Vereinigten Staaten mit England, Frankreich und anderen Laendern zur Gruendung der sogenannten Internationalen Materialkonferenz zusammengeschlossen. Zu dieser
Koerperschaft gehoeren Vertreter der Hersteller- und Verbrauchslaender, die an den besonderen, in Frage stehenden Waren das
groesste Interesse haben.
Zu Anfang des Monats Mai waren 25 Laender in sieben internationalen Rohstoffausschuessen vertreten, die zu dem Zweck gebildet worden waren, den Regierungen die besonderen Massnahmen zu
empfehlen, die hinsichtlich jedes einzelnen dieser Rohstoffe zur
Ausdehnung der Produktion, zur Sicherung der Bestaende und einer
hoechstwirksamen Verteilung und Verwendung ergriffen werden
sollen.
Die einzelnen Ausschuesse beschaeftigen sich mit: 1.)
Kupfer, Zink und Blei, 2.) Schwefel, 3.) Baumwolle und Baumwollfasern, 4.) Wolfram und Molybdaen, 5.) Magnesium, Nickel
und Kobalt, 6.) Wolle und 7.) Zellulose und Papier. Die Bildung weiterer Ausschuesse fuer andere knappe Rohstoffe ist in
Erwaegung gezogen.
Die Ausschuesse haben bereits viel geleistet, indem sie
Feststellungen zu der gegenwaertigen Lage in Angebot und Nachfrage dieser knappen Rohstoffe trafen und Schaetzungen ueber
den zukuenftigen Bedarf ausarbeiteten. Sie werden demnaechst
Empfehlungen zur Erhoehung des Angebots und zur Verteilung unterbreiten.
Der amerikanische Standpunkt in Bezug auf die Zuteilung von
knappen Rohstoffen wurde von dem Direktor fuer die Verteidigungsmobilisierung, Charles E. Wilson, mit folgenden Worten klar zum
Ausdruck gebracht:
"Wir in den Vereinigten Staaten sind uns der unumgaenglichen
Notwendigkeit bewusst, alle knappen Rohstoffe hauptsaechlich
fuer die Kriegsproduktion und die lebenswichtige Zivilproduktion
- 12 -

�zu reservieren. Gleichzeitig sind wir entschlossen, diese Rohstoffe fuer diese wesentlichen Zwecke gleichmaessig an unser
eigenes Land und an unsere Freunde zu verteilen."
"Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Vereinigten Staaten den Plan gefasst, Kontrollen einzufuehren, wie zum Beispiel
angemessene Exportquoten zusammen mit Bevorzugungen und Anweisun
gen an Erzeuger, wenn dies erforderlich ist."
Die Preisfrage ist zusammen mit den sie begleitenden inflationistischen Gefahren ein Problem, dem durch internationale
Zusammenarbeit begegnet werden muss. Die auffallende Erhoehung
der Preise fuer bestimmte, strategisch wichtige Materialien
hat sich bereits nicht nur auf die Lebenshaltungskosten in den
industrialisierten Laendern, sondern auch auf die Preise fuer
Fertigwaren ausgewirkt, die in unterentwickelte Gebiete wiedereingefuehrt werden. Sie hat ausserdem die Kosten fuer die Wiederauf ruestung betraechtlich erhoeht."
"In Uebereinstimmung mit ihrer allgemeinen Politik der
Foerderung wirtschaftlich gesunder Verhaeltnisse und einer wirtschaftlichen Einigkeit der freien Welt sind die Vereinigten
Staaten bereit, mit anderen rohstofferzeugenden und -verarbeitenden Laendern Verhandlungen aufzunehmen, um festzustellen,
ob internationale Vereinbarungen ueber Rohstoffe getroffen werden koennen, die angemessene Preise fuer wichtige knappe Rohstoffe garantiaren wuerden."
"Wir in den Vereinigten Staaten haben die Zuversicht, dass
diese Probleme in demokratischer Weise und im Geist voller Harmonie geloest werden koennen."
Economic Air Bulletin
V/18/51
Maurice J. Tobin, U.S. Arbeitsminister:
MORALISCHE PRINZIPIEN DER WECHSELBEZIEHUNGEN IN DER AMERIKANISCHEN
INDUSTRIE
~ —
"
Die Menschen in den Vereinigten Staaten und anderen Nationen der freien Welx, feierten im Mai dieses Jahres den 60. Jahrestag der von Papst Leo XIII. am 15. Mai veroeffentlichten Enzyklika "Rerum Novarum" ueber die soziale Lage der Arbeiterschaft.
Sie feierten ausserdem den £0. Jahrestag der von Papst Pius XI.
verfassten Enzyklika "Quadragesimo Anno" ueber die Wiederherstellung der sozialen Ordnung.
In der Welt herrschen viele Missverstaendnisse ueber die
Funktion der katholischen Kirche als eines Fuehrers der Arbeiter
und ihrer Kinder. Das allgemeine Missverstaendnis besteht darin,
dass man annimmt, die Kriche versuchte, den Menschen vorzuschreiben, was sie von Angelegenheiten halten sollen, die mit Religion
ueberhaupt nichts zu tun haben.
Dies ist nicht der Fall, und ich moechte beweisen, warum
es nicht so ist, indem ich den Ursprung der Enzyklika "Rerum
Novarum" ueber die soziale La&lt;?e der Arbeiterschaft als Beweis
anfuehre.
- 13 -

�Jahrelang hat man sich in Europa und in den Vereinigten
Staaten in katholischen Kreisen mit der Frage beschaeftigt, welche Haltung die Arbeiter den Gewerkschaftsorganisationen gegenueber einnehmen sollen. Diese Diskussionen bezogen sich auf
der einen Seite auf politische und wirtschaftliche Fragen und
auf der anderen auf Fragen des Glaubens und der Moral. Die
Fragen des Glaubens und der Moral wurden in Verbindung mit den
sozialen Problemen der Arbeiterschaft von den Katholiken der ganzen Welt aufgeworfen.
In den Vereinigten Staaten drehte sich eine der aktivsten
Diskussionen um die Frage, welche Haltung der GewerkschaftsOrganisation "Ritter der Arbeit" (Knights of Labor) gegenueber eingenommen werden sollte, die als Vorgaenger des amerikanischen
Gewerkschaftsbundes AFL anzusehen ist. Die "Ritter der Arbeit"
versuchten den amerikanischen Arbeitern in einer Zeit zu helfen,
in der die Arbeitsbedingungen in der Industrie haeufig unmoralisch hart waren.
Die Arbeit zum Wohl des Volkes, die diese "Ritter der Arbeit" leisteten, wurde sowohl von der Laienwelt als auch von der
Hierarchie des katholischen Glaubens unterstuetzt. Kardinal
Gibbons aus Baltimore war einer der aktivsten Fuersprecher fuer
die Unterstuetzung der Organisation "Knights of Labor." Als
Widersacher, die zum Teil ebenfalls mit der Kirche zusammenhingen,
die Organisation angriffen, machte es sich der Kardinal zur Aufgabe, deren Bemuehungen zur Unterstuetzung der Armen in aller
Oeffentlichkeit zu loben.
Als andere Katholiken wuenschten, dass diese Organisation
verdammt wuerde, ging Kardinal Gibbons selbst so weit, ihre Sache
vor dem Heiligen Vater in Rom zu vertreten. Hierbei hatte er
mit zwei Ausnahmen alle amerikanischen Erzbischoefe hinter sich.
Diese Bitten des Kardinals Gibbons und anderergleichgesinnter
Mitglieder des Kardinalkollegiums waren an Papst Leo XIII. gerichtet, der sich vor vielen Jahren mit diesen Problemen beschaeftigte.
Inzwischen fuehrten viele arbeiterfreundliche Priester der
Vereinigten Staaten ihre Arbeit zum Wohle des arbeitenden Volkes
fort. Erzbischof Ireland von St. Paul im Staate Minnesota erklaerte im Jahre 1889 vor einer Konferenz des ersten Amerikanischen Katholischen Kongresses in Baltimore, dass in der amerikanischen Kirche ein neues Zeitalter anbrechen werde, und dass
die Katholiken von, den Bischoefen bald zur aktiven sozialen Betaetigung angeleitet wuerden.
Waehrend diese Fragen vor dem Heiligen Stuhl schwebten,
veroeffentlichte Papst Leo XIII. die Enzyklika, die seitdem
Richtschnur fuer die Haltung der katholischen Arbeiterschaft geworden ist.
In diesem Schreiben wird tatsaechlich festgestellt, dass
trotz der Unterschiede in der politischen Interpretation der Ziele
der Gewerkschaftsbewegung die Frage der sozialen Lage der Arbeiterschaft seit vielen Jahren im Vatikan besprochen wird. Der
Papst definierte bestimmte Prinzipien des Glaubens und der Moral,
die fuer alle Katholiken bei Entscheidungen in Arbeitsfragen massgebend sein muessten.
In der Enzyklika werden Massnahmen zum Schutz der Gesundheit
der Arbeiter, zur Erzielung hoeherer Loehne, kuerzerer Arbeits- 14 -

�zeit und der Moeglichkeit gefordert, sich dem Familienleben und
seiner Erholung zu widmen. Eine uebermaessige Bescheeftigung
von Kindern und Frauen wird darin abgelehnt. Das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren und fuer gerechte Zwecke selbst
zu streiken, wird in ihr bestaetigt.
Es steht fest, dass weder diese noch eine andere Enzyklika
einen Einbruch in private wirtschaftliche oder politische Rechte
bedeutet.
Sie schreibt nicht einem Unternehmer vor, wieviel er seinen
Arbeitnehmern bezahlen muss, und sie schreibt auch nicht dem
Arbeitnehmer vor, welche Loehne er von seinem Arbeitgeber fordern
soll. Dies sind politische und wirtschaftliche Fragen, ueber die ,
von anderen Gremien entschieden werden muss.
Obwohl Papst Leo XIII. erklaert, dass "der Niedrigste dem
Hoechsten nicht gleichgestellt werden kann," stellt er klar heraus, dass es"zu den vornehmsten Pflichten des Unternehmers gehoert, jedem Arbeiter das zu geben, was er sich verdient hat.
Ausserdem muessten sich Reiche und Unternehmer daran erinnern,
dass weder menschliche noch goettliche Gesetze es ihnen auf Grund
ihres Reichtums erlauben, den Armen zu unterdruecken oder zu versuchen, aus der Not Vorteile zu schlagen." In der zweiten beruehmten Enzyklika ueber die Wiederherstellung der sozialen Ordnung werden viele der neuen Probleme aufgegriffen, die in den
40 Jahren seit der Veroeffentlichung der 1. Enzyklika entstanden
sind.
In diesem zweiten Schreiben, dass von Papst Pius XI. veroeffentlicht wurde, wird der Grundsatz der ersten Enzyklika wiederholt, dass das Recht, Eigentum zu besitzen, von dem Recht,
es frei zu verwenden, unterschieden werden muesse. Das Recht
des Eigentumbesitzes wuerde auch grosse Pflichten auferlegen.
Eine der wesentlichsten Pflichten sei es, den Besitz fuer gute
soziale Zwecke und nicht fuer die Ausbeutung zu verwenden. Es
wird betont, dass "Reichtum, der durch sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt staendig vergroessert wird, so verteilt werden muss
muss, dass «r zur Förderung des Allgemeinwohls beiträgt."
Das soeben Genannte liegt im Sinne eines der wichtigsten
Ziele der Kirche: des Friedens im Hause; aber wir koennen den
Frieden im Hause nur vollsteendig geniessen, wenn wir auch als
Nation in Frieden leben. Aus diesem Grunde hat es sich die Kirche zur Aufgabe gemacht, den Frieden sowohl unter den Voelkern als
auch unter den Menschen zu foerden.
Die Kirche befuerwortet den Frieden als ein Prinzip der Moral, aber es ist notwendig, klar festzulegen, welche der verschiedenen vorgeschlagenen politischen Wege zum Frieden fuehren.
Unter den Katholiken koennen viele Meinungsverschiedenheiten in
der Frage bestehen, welche politischen und wirtschaftlichen Handlungen dem Frieden am dienlichsten sind. Es handelt sich hier um
eines der Probleme, das die Fuehrer Amerikas seit Jahren bes-chaeftigt hat.
Nach dem letzten Krieg war der Friede in Griechenland und in
der Tuerkei bedroht. Die Vereinigten Sta&amp;ten kamen zu der Ansicht,
dass sie ihre Friedensziele am besten durch die Unterstuetzung
der Tuerkei und Griechenlands und zwar selbst in Form militaerischer Hilfe erreichen konnten. Heute sind die Tuerkei und Griechenland vor dem Kommunismus sicher. Jugoslawien, das einst eines
der fuehrenden Mitglieder der kommunistischen Internationale war,
- 15 -

�ist zumindest kein Verbuendeter Russlands mehr und sicherlich
auch keine Gefahr mehr fuer den Frieden in Europa.
Dieser Entschluss, die sogenannte Truman-Doktrin, war
aeusserst klug. Sie ist mit jener Entscheidung zu vergleichen,
die die Vereinigten Staaten in Korea treffen mussten. Sie gingen nach Korea, um den Frieden zu erhalten und um ein freies
Volk vor der internationalen kommunistischenAggression zu
schuetzen.
Die Buerger der Vereinigten Staaten haben den moralischen
Vorteil, zu wissen, dass sie sich nicht eines aggressiven Angriffs in Korea schuldig gemacht haben. Diese moralische Stuetze
muss erhalten bleiben, denn diejenigen, die sie nicht haben,
sind gottlos.
Einen aggressiven Krieg zu befuerworten, waere ein Verbrechen gegen Gott und die Menschheit. Es ist ein Verbrechen gegen
Gott, weil damit versucht wird, die Entscheidung ueber Menschenleben von ihm zu uebernehmen. Es ist ein Verbrechen gegen die
Menschheit, weil es deren Moral zerstoert.
Labor Air Bulletin
V/23/51
IAA FUER GLEICHEN LOHN BEI GLEICHWERTIGER ARBEIT
Der Generaldirektor des Internationalen Arbeitsamtes, einer
der Fachbehoerden der Vereinten Nationen, hat die offizielle
Stellungnahme 34 verschiedener Nationen zur Frage der gleichen
Bezahlung von Maennern und Frauen fuer gleichwertige Arbeit veroeffentlicht.
Mit Ausnahme von Polen haben alle Laender die Entwurftexte
gebilligt, die dem Internationalen Arbeitsamt auf seiner Konferenz am 6. Juni in Genf als Ausgangspunkt fuer die Diskussion unterbreitet werden sollen, wenn auch einige Gruppen Abaenderungen
vorschlugen. Die Delegierten der Vereinigten Staaten wiesen darauf hin, dass ueber die Frage der gleichen Bezahlung von Maennern
und Frauen im Rahmen der Bundesverfassung aller Wahrscheinlichkeit
nach von den verschiedenen Staaten aufgrund ihrer getrennten Zustaendigkeit getrennt entschieden wuerde. Die Vereinigten Stauten
haetten jedoch in Betracht gezogen, eine durch Empfehlung ergaenzte
Konvention zu unterstuetzen, wenn sich eine Mehrheit der im Internationalen Arbeitsamt vertretenen Laender fuer eine Konvention entscheiden sollte.
Der revidierte Konventionsentwurf, der fuer die Diskussion
auf der Konferenz vorbereitet wurde, fordert die ratifizierenden
Laender auf, alle durchfuehrbaren Massnahmen zu ergreifen, um
durch Gesetze oder Bestimmungen, gesetzlich errichtete oder anerkannte Institutionen zur Lohnbestimmung, durch Tarifvertraege oder
eine Kombinierung dieser drei Methoden die Verwirklichung dieses
Prinzios "gleichen Lohn fuer gleiche Arbeit" zu gewaehrleisten.
Labor News from the U.S.
V/25/51

- 16 -

HIOOG 5 Jim 51 1211 B£ K

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Aaszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommi&amp;sio» für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

TT - 22

F r a n k f u r t , 1 . J u n i 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
L a n d a r b e i t e r l o e h n e und b e z a h l t e F e i e r t a g e auf d e r
Tagesordnung d e r IAO - - - - - - - - - - - - - -

1

Punkt-Vier-Programm g e h o e r t zum V e r t e i d i g u n g s prograiam - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

3

Fuenfzig Jahre amerikanische Gewerkschaftsbewegung

4

Lohnangleichung an Lebenshaltungskosten in amerikanischen Tarifvertraegen - - - - - - - - - - - -

8

Asien und Europa sind lebenswichtige Verbuendete im
Kampf gegen die kommunistische Aggression - - - 11
Deutsche Bergbaufachleute in den Vereinigten Staatenl4
Ekuador olant Modernisierung der Bergbauindostrie - 16

LANDARBEITERLOEHNE UND BEZAHLTE FEIERTAGE AUF DER TAGESORDNUNG
DER IAO
'
~~
Die 62 Mitgliedstaaten der Internationalen Arbeits-Organisation sind eingeladen worden, Regierungs-, Unternehmer- und
Arbeitnehmervertreter zur 34. Jahre3konferenz der IAO zu entsenden, die am 6. Juni in Genf zusammentreten wird.
Die Delegierten werden im Verlauf der dreiwoechigen Verhandlungen eine neun Punkte umfassende Tagesordnung bearbeiten, die
das Ziel hat, internationale Mindestnormen auf verschiedenen
wichtigen Arbeits- und Sozialgebieten festzusetzen, die' im uebrigen als Konventionen und Empfehlungen bekannt sind.
- 1-

�zwei Lohnnrobleme fuer die Landwirtschaft - naemlich Massnahmen zur Festsetzung von Mindestloehnen und bezahlte Feiertage - werden zur Sprache gebracht werden. Es ist beabsichtigt,
eine endgueltige Entscheidung mit der Annahme einer Konvention
oder Empfehlung zur Frage der Lohnbestimmungen zu treffen, weil
dieser Punkt bereits auf der 33. Sitzung der Konferenz im Jahre
1950 zur Debatte stand. Die Frage der bezahlten Feiertage in
der Landwirtschaft, die von der Tagesordnung der 33. Konferenz
uebernommen wird, ist in Durchfuehrung einer Resolution aufgegriffen worden, die vom staendigen Landwirtschaftsausschuss der IAO
gebilligt worden war. Die Konferenz wird sich mit zwei Berichten zu dieser Frage beschaeftigen, die 3inen Einblick in die
Gesetze und Methoden der verschiedenen Mitgliedstaaten und ihre
Antworten auf eine diesbezuegliche Umfrage geben.
Ein anderer wichtiger ""unkt der Tagesordnung fuer diese
Konferenz ist die gruendliehe üeberpruefung der Ziele und Mindestnormen der Sozialversicherung mit dem Ziel, ein Rahmenwerk
zu entwickeln, in dem die Fortschritte der letzten -Jahre auf diesem Gebiet beruecksichtigt werden sollen und dessen Aufgabe es
waere, die auf den verschiedenen Gebieten der Sozialversicherung
bestehenden Konventionen der IAO zu revidieren. Es ist ausserdem in Erwaegung gezogen, bei der Eroerterung dieser Fragen das
Ausmass zu besprechen, in. dem in verschiedenen Laendern heute
und in der naechsten Zukunft Massnahmen ergriffen werden koennen, in denen sich die Gesetzgebung ueber die Sozialversicherung
noch in ihrem Anfangsstudium befindet. Diese Diskussion soll
sich .jedoch auch auf solche Laender erstrecken, in denen diese
Gesetzgebung weitgehend bereits entwickelt ist.
Zur Frage der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern werden die Delegierten der Konferenz aufgefordart
werden, internationale Bestimmungen in Form von Lmpfehlun£*en zu
billigen, die sich auf Tarifvertraege und freiwillige Schlichtung und Schiedssprechung beziehen. Sie werden ferner zum
erstenmal die Frage der Zusammenarbeit zwischen oeffentlichen
Behoerden und Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen diskutieren.
Man rechnet ausserdem mit einer endgueltigen Entscheidung
in der Annahme von internationalen formen in Bezug auf gleiche
Bezahlung fuer Maenner und Frauen bei gleicher Arbeitsleistung.
Die uebrigen Punkte der Tagesordnung enthalten einen Bericht
des General-Direktors des IAA*f einen Bericht ueber finanzielle
und Haushaltsfragen, Informationen und Berichte ueber die Verwirklichung von Konventionen und Empfehlungen.
Alle endgueltigen Entscheidungen, die von der Konferenz in
Form von Konventionen oder Empfehlungen gebilligt werden, werden
den Mitgliedstaatan der IAO auf dem ueblichen Wege zugeleitet
werden. Diese Laender haben hierzu Stellung zu nehmen und die
entsprechenden Massnahmen zu ergreifen.
Die Delegation der Vereinigten Staaten wird aU3 je einem
Abgeordneten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und zwei Abgeordneten der Regierung bestehen. In ihrer Begleitung befinden sich
eine Anzahl Berater, die vom Handelsministerium der Vereinigten
"Staaten, von der nationalen Arbeitgebervereinigung, von der AFL,
dem CIO und anderen zustaendigen Behoerden der Regierung nominiert werden.
Labor Information Bulletin
V/51
- 2-

�PUNKT-VISft-PROGRAMM GEHOERT ZUM VERT5.IDIGUNGSPP.OGRAKM
Praesident Truman nannte das Punkt-Vi er-Programm, in dem
die technische Unterstuetzung entwicklunpsbeduerftiger Gebiete
durch die Vereinigten Staaten vorgesehen ist, einen Teil der
Verteidigungsbemuehungen der freien Welt und die beste Antwort
auf die falschen VersDrechungen des Kommunismus.
Diese Erklaerung stellt eine offizielle Annahme des Berichts
Henry G. Bennetts dar, der in seiner Eigenschaft als Administrator der Verwaltung fuer technische Zusammenarbeit des U.S.
Aussenministerium-3 vor kurzem von einer Reise durch Latein-Amerika zurueckkahrte.
Bennett berichtete von den Fortschritten des technischen
Unterstuetzungsprogramms und sagte, dass 15 formelle Abmachung
gen nun vor der endgueltigen Annahme stuenden, waehrend 22 bereits gebilligt seien.
In der Erklaerung des Praesidenten heisst es weiterhin,,
das Punkt-Vier-Programm ist heute notwendiger als je zuvor.
Die Gefahr einer kommunistischen Aggression zwingt die freie
Welt, eine starke militaerische Verteidigung aufzubauen. Aber
der Kommunismus kann nicht allein durch Waffen aufgehalten werden. Eines seiner gafaehrlichsten Kampfmittel ist die falsche
Propaganda in Laendern, in denen die Menschen unter Hunger, Krankheit, Armut und Unwissenheit leiden.
Das Punkt-Vier-Frogramm ist somit ein Bestandteil des Verteidigungssystems der freien Welt. Es ist die beste Antwort auf
die falschen Versprechungen des Kommunismus. Es bietet den
Menschen der Welt eine Moeglichkeit, das zu tun, was ihnen am
meisten am Herzen liegt, naenlich ihre Lebensbedingungen durch
eigene Bemuehungen zu verbessern.
In diesem Geist wird das Punkt-Vier-Programm von den freien
Laendern Asiens, Afrikas, des mittleren Ostens und Latein-Amerikas beerrueist. Das Punkt-Vier-Abkommen ist bereits von 22
Regierungen unterstuetzt worden. Rund 360 amerikanische Techniker arbeiten in 28 Laendern an ^unkt-Vier-Projekten. Mehr als
240 Techniker aus 34 Laendern werden in den Vereinigten Staaten
fuer diese Aufgaben geschult.
Dies ist jedoch nur ein Anfang. Wie Dr. Bennett berichtete, kann das Punkt-Vier-Programm mit varhaeltnismaessig geringen
Geldaufwendungen etwa 50 Laender mit fast einer Milliarde Menschen helfen, ihre Nahrungsmittelproduktion in fuenf bis zehn
Jahren zu verdoppeln. Aehnliche Fortschritte koennen von diesen
Laendern auf dem Gebiet des oeffentlichen Gesundheits- und Erziehungswesens und auf verschiedenen Sektoren der Wirtschaft erzielt werden.
Dr. Bennett berichtete dem Praesidenten, dass das Programm
von Gewerkschafts- und Wirtschaftsgruppen sowie von kirchlichen
und sozialen Organisationen in den^Vereinigten ^uaaten befuerwortet wird. Er referierte ausserdem von seiner Reise durch
14 lateinamerikanische Laender, von den guten Beziehungen zu den
USA und den Vereinbarungen, die mit ihnen getroffen werden konnten. Der Fortschritt, der im Punkt-Vier-Programm mit den lateinamerikanischen Nationen erzielt worden sei, ist sehr gross.
Auf eine besondere Anfrage der Pressevertreter stellte Dr.
Bennett fest, dass den Vereinigten Staaten aus 42 verschiedenen
- 3-

�Laendern 533 Gesuche um Unterstuetzung im Rahmen des Punkt-VierProgramms zugegangen sei. 254 dieser Gesuche seien genehmigt
und befinden sich bereits in Bearbeitung.
Auf die riesigen natuerlichen und menschlichen Reserven
der Gebiete Lateinamerikas hinweisend, berichtete Bennett, dass
dort die Arbeitsbedingungen im allgemeinen nicht gut seien.
OILA-Memorandum
5/51 Vol. II Nr. 6
William C. Gausmann:
50 JAHRE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Im Jahre 1900 lebten 60% der amerikanischen Bevoelkerung
auf Farmen oder in kleinen Landgemeinden und nur 40% in "Staedten.
Heute ist dieses Verhaeltnis genau umgekehrt. 1900 waren fast
14 von je 100 Amerikanern in Europa geboren. Heute sind nur
8% unserer Bevoelkerung der Bevoelkerung auslaendischer Herkunft.
Die Gesamtbevoelkerung hat sich inzwischen verdoppelt, die Einwohnerzahl ist von 76 Millionen auf ueber 150 Millionen angestiegen.
Diese Zunahme der Bevoelkerung hat sich zumeist in den groesseren Staedten vollzogen. Alte Staedte wie New York, Chikago und
Pittsburg sind um mehr als das Doppelte angewachsen. Aber noch
bedeutsamer war der Aufstieg der neuen Industriezentren. Detroit
zum Beispiel, die Heimat der Automobil-Industrie, hatte 1900
wenig mehr als 250.000 Einwohner. Heute leben in dieser Stadt
und ihrer naeheren Umgebung fast drei Millionen Menschen.
Inzwischen hat die technische Revolution in der Industrie,
d.h. die Entwicklung der Methoden der Massenproduktion, einen ungeheuren Aufstieg des nationalen Wohlstandes ermoeglicht. Waehrend sich die Zahl der Erwerbstaetigen verdoppelt hat, ist das
nationale Einkommen um das vierfache angestiegen. Die Produktionsleistung in den Hers'tellungsindustrien ging sogar in noch
schnellerem Tempo in die Hoehe. Die durchschnittliche woechentliche Arbeitszeit sank von 60 auf 40 Stunden, die zuverlaessigsten statistischen Schaetzungen besagen, dass die amerikanischen
Arbeiter, waehrend sie im Jahre 1900 nur 17% ihres Einkommens
fuer andere Zwecke als fuer Nahrung, Bekleidung und Wohnung ausgeben konnten, im Jahre 1950 etwa 40% ihres Lohnes fuer nichtlebenswichtige Gueter zur Verfuegung hatten. Diese technologische
Entwicklung vollzog sich jedoch nicht unaufhoerlich im gleichen
Rhythmus. Sie wurde durch verschiedene wirtschaftliche Krisen
verzoegert, deren schwerste die grosse Depression von 1929 bis
1934 war, waehrend sie auf der anderen Seite durch zwei Weltkriege beschleunigt wurde.
In diesen 50 Jahren spielten die Gewerkschaften in der amerikanischen Wirtschaft meist nur eine Rolle untergeordneter Bedeutung. Der Grund hierfuer ist sehr einfach: die meisten
Schluesselindustrien, d.h. diejenigen Industrien, die sich am
schnellsten ausdehnten, waren nicht gewerkschaftlich organisiert.
Der amerikanische Gewerkschaftsbund AFL, der in den 80er Jahren
gegruendet wurde, hat verschiedene heroische Versuche unternommen, dia Stahlindustrie zu organisieren. Im Jahre 1901 musste
er jedoch nach einem erbitterten dreimonatigen Streik gegen den
neuen grossen Trust der Stahlgssellschaften ei*- schwere"Niederlage
- 4-

�einstecken. Damit hatten die Arbeiter in der Stahlindustrie ebenso
wie die in der Automobil-, Elektro-, Gummi-, Erdoel- und chemischen Industrie kein wirksames Mittel in der Hand, um ihren Stendounkt zu vertreten, waehrend es ihren Arbeitgebern immer besser
ging.
Die AFL blieb deshalb vornehmlich ein Verband von Handwerkern, die in den aelteren Handwerksberufen und Industrien beschaeftict waren, die fuer die oertlichen und bezirk-lichen i\bsatzmaerkte arbeiteten. Es gab natuerlich Ausnahmen. Der Bergarbeitercrewerkschaft, einer ausgestochenen Industriegewerkschaft,
arelang es in den Kohlenbergwerken in der Zeit vor dem ersten
"Veitkrieg Fuss zu fassen. Die sozialistisch gefuehrten Gewerkschaften der Bekleidungsarbeiter berannen in der zweiten Dekade
dieses Jahrhunderts ihre Arbeit eis Pioniere der Gewerkschaftsbewegung. Eisenbahner schlössen sich trotz der Spaltung der
Berufsverbaende In eine ^nzahl Berufsgewerkschaften zusammen und
konnten auf organisatorischem Gebiet grosse Erfolge erzielen.
Dass es der API nicht gelang, in die neueren Industriezweige
vorzudringen, wurde natürlich haeufig kritisiert. Es muss
jedoch bemerkt werden, dass auch die radikalen syndikalistischen
Organisationen der Industriearbeiter der ,.elt hier keinen Erfolg
hatten.
Der wirkliche Grund hierfuer war, dass der Arbeitsmarkt
zu grossen Schwankungen unterlag, um eine Organisierung so vieler Gruopen der Arbeiterklasse zu ermoeglichen. In der Zeit
von 1900 bis 1914 kamen fast 13.500.000 Einwanderer nach Amerika, ein sehr hoher Prozentsatz von ihnen wurde sofort in den Arbeitsprozess der Industrie eingeschaltet. Sie kamen aus allen
Laendern Euronas, aus hoch industrialisierten Gebieten und aus
rueckstaendigen Landbezirken Polens und Sued-Italiens. Sie hatten miteinander oder auch mit der alten amerikanischen Bevoelkerung nur wenig gemeinsam. Zu Hunderttausenden wurden sie Opfer
einer unverzeihlichen Ausbeutung,und ihr Los war keineswegs
besser als in der "Alten Welt".
Es war in Europa uetlich, die politische Einstellung der
AFL als hoffnungslos rueckstaendig abzutun. Aenn man sich jedoch die objektive Einstellung der amerikanischen Gewerkschaften in der Zeit vor 1914 vor Augen haelt, kann man feststellen,
dass das aeusserst bescheidene politische Programm dieser Organisation und ihm Konzentrierung auf den Schutz der Arbeitsnormen ihrer Mitglieder die einzig durchfuehrbare Methode war. Es
gelanr ihr in der Tat, viele staatliche Gesetze zu Gunsten der
Arbeiter abzuaendern.
Waehrend des ersten Weltkrieges ging die I.Ütgliedszahl der
Gewerkschaften stark in die Hoehe, Vertreter der Arbeiterschaft
wurden zum erstenmal in Fragen nationalpolitischer Bedeutung von
der Regierung zu Pate gezogen. Als der Kriefr vorueber war, begann eine Zeit der politischen Reaktion, der groesste Teil der
gewerkschaftlichen Erfolge ging wieder verloren. Somit waren
die "guten zwanziger Jahre" eine flaue Zeit fuer die Gewerkschaften, die Arbeiter in den Industrien der Massenproduktion wurden
noch immer nicht organisiert. Der Strom der Einwanderung war
jedoch, wie die AFL es gefordert hatte, abgedaemmt worden. Die
Auswirkungen machten sich jedoch nicht unmittelbar bemerkbar.
Schwere Zeiten im landwirtschaftlichen Sueden vor der Depression
in der Industrie im Jahre 1919 fuehrten den Ttaedten viele Landarbeiter zu, und zwar Weisse und Neger, die zu Anfang fuer die
- 5-

�Mitgliedschaft in der Gewerkschaftsbewegung ebenso wenig zu erwaegen waren wie die sued- und osteuropaeischen Einwanderer der
Zeit vor 1914.
Es ist unmoeglich, ausfuehrlioh den Fortschritt der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung seit der Grossen Depression zu
beschreiben. Sobald der Handel wieder aufbluehte, forderten die
Arbeiter, die bisher den Organisatoren der Gewerkschaften keinerlei Gehoer geschenkt hatten, eine energische gewerkschaftliche
Vertretung.
Die AFL begann, ihre Verluste waehrend der Deoression in
den alten Handwerksberufen wieder auszugleichen; sie versuchte
auch, den Arbeitern in den nichtorgani3ierten Industrien zu helfen. Ihre Bemuehungen waren erfolglos und zwar vor allem wecran
des Vetorechtes, das in ihren Spitzenausschuessen vor einer Handvoll alter Funktionaere ausgeuebt wurde, die nicht in der Lage
waren, mit der neuen Entwicklung und den neuen Erfordernissen
Schritt zu halten. Daraufhin wurde der Eongress der Industrieorganisationen (CIO) gegruendet und hatte seeen Ende des Jahres
1937 bereits die Stahl-, Automobil-, Elektro-, Fertigwaren-,
Textil-, Gummi- und Erdoelindustrien erobert.
Eine neue Einstellung gegenueter sozialistischen und wirtschaftlichen Problemen begann jetzt die Amerikaner zu charakterisieren, vor allem waehrend der Zeit der Depression und in den
Jahren des New Deal. Der normale uuerger war nicht mehr bereit,
auf gut Glueck und voellig blind der Macht des Arbeitsmarktes
zu trauen. Obwohl das Vertrauen in das Wettbewerbssy^tem als
Grundlage der wirtschaftlichen Organisation stark blieb, war
man sich darueber einig, dass die Regierung das Volk gegen bestimmte Konsequenzen dieser Politik schuetzen muss, und der
Umfang der oeffentlichen sozialen Leistungen, fuer das Volk wurde weitgehend ausgedehnt. Aus dieser neuen Haltung heraus entwickelten sich die Cozialversicherungsgesetze, ferner eine Vielzahl bindender Vorschriften, durch die fuer die Arbeiter unguenstige Methoden der Betriebstuehrung eingeschraenkt wurden, als
weiteres grosse oeffentliche Projekte wie z.B. die Tennessee
Talbehoerde (TVA). Die Bundesregierung setzte sich mit allen
Mitteln fuer das Werbungsrecht der Gewerkschaften ein. Mindestlohngesetze wurden erlassen, eine Reihe von Massnahmen wurden
gebilligt, die tatsaechlich die Farmer von ihrer Abheengigkeit
von den MarktDreisen befreiten.
Mit Ausnahme einiger Gebiete im Sueden sah man zum erstenmal in der amerikanischen Geschichte im Lohnempfaenger ganz allgemein einen Gewerkschafter. Nach Tausenden harter Konflikte
wurde die Gewerkschaftsbewegung als dauernde Einrichtung anerkannt. Man fing an, Orts- und Landasgewerkschaftsfuehrer bei
der Auswahl politischer Kandidaten und bei der Formulierung von
Parteinrogrammen zu Rate zu ziehen.
Die AFL erholte sich schnell von ihren Misserfolgen und im
Laufe der Jahre kamen sich AFL und CIO in ihrer Haltung und
ihrem Programm immer naeher.
Im Verlauf des zweiten Weltkrieges stiegen die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften staendig, weil diese zeigten, dass
sie faehi/2: waren, die Loehne auf dem Stand der Lebenshaltungskosten zu halten. Nach Kriegsende waren sie bemueht, ihre Erfolge
zu konsolidieren und verhinderten dadurch ein Absinken der Eauf- 6-

�kraft und der Beschaeftigungsziffer, was der groesste Teil der
Volkswirtachafter fuer unvermeidlich gehalten hatte. Nachdem
die Verknappungen der Kriegszeit ausgeglichen und die Lebenshaltungskosten stabilisiert waren, konnte die Gewerkschaftsbewegung in den Jahren 1948 und 1949 und in der ersten Haelfte von
1950 eine bedeutende Erhoehung der Realloehne herbeifuehren. Sie
begann ausserdem mit grossem Erfolg ihre Kampagne zur Erzielung
von Tarifvertraegen, die den Arbeitern soziale Sicherheit garantierten.
Politisch gesehen hatte die Bewegung jedoch einen Rueckschlag erlitten. Die gutgehenden Geschaefte waehrend des Krieges hatten den Unternehmern ihr Selbstvertrauen zurueckgegeben.
Ein Propagandakrieg, weit heftiger als der gegen Roosevelts New
Deal gefuehrte, wurde gegen Trumans Fair Deal eingeleitet. Viele
der fortschrittlichen Vors'chlaege, die von der Gewerkschaftsbewegung stammten, wurden vom Kongress abgelehnt. Das Taft-HartleyOesotz wurde erlassen, das die Gewerkschaften der Vorteile der
Arbeitsgesetze in Rahmen des New Deal berauben sollte. Obwohl
die Gewerkschaften auch weiterhin betraechtliche Lohnerfolge erzielen konnten, bedeutete dieses Gesetz fraglos ein Hindernis
in der Werbetaetlgkeit der Gewerkschaften. Der groesste Teil
der Arbeiter in Verkaufalaeden und fast alle Angestellten stehen
noch ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung.
Die Antworten der Gewerkschaften hierauf war die Bildung
ihrer politischen Aktionskomitees. Alle Gewerkschaften und die
beiden grossen Gewerkschaftsverbaende fuehren nun ein intensives
politisches Bildungsprogramm durch. Es dreht sich hierbei, nicht
nur darum, die Mitglieder fuer die politischen Plaene der aktiven
Mitgliedschaft der Bewegung zu gewinnen. Die Arbeiter muessen
vor allem von der Notwendigkeit ueberzeugt werden, sich staendig
fuer die Politik zu interessieren.
Waehrend die amerikanische Gewerkschaftsbewegung um die Wende
der Jahrhundertmitte ueber die Vermittlung errichteter politischer
Parteien arbeitet, wie sie es auch im Jahre 1900 tat, ist die
Grundlage ihrer politischen Arbeit sehr veraendert. Ihre Hauptaufgabe liegt jetzt nicht mehr wie frueher bei den einzelstaatlichen und oertlicnen Behoerden, sondern bei der Bundesregierung.
Waehrend im Jahre 1900 "Arbeitsfragen" fuer die Gewerkschaften
eng begrenzt waren, sind sie heute an jeder Phase der gesamten
Politik hoechst interessiert.
"Warum bildet die amerikanische Gewerkschaftsbewegung mit
diesem neuen Interesse ihrer Mitglieder fuer die Politik keine
eigene Partei?" fragt man haeufig. ^ine erschoepfende Antwort
auf diese Frage wuerde viel mehr Raum erfordern, als hier zur Verfuegung steht. Ein oder zwei springende Punkte sollen jedoch hier
festgehaltin werden. Selbst heute leben nur rund 6O70 der Gesamtbevoelkerung in den Staedten. In den kleineren Gemeinden ist es
unmoeglich, die Gewerkschaftsbewegung zum Zentrum der oertlicnen
politischen Organisation Z L machen. Ausserdem gibt es auch ein
bundesstaatliches Regierungssystem; das heisst unter anderem,
dass die geringer bevoelkerten landwirtschaftlichen Staaten einen
Einfluss im Senat haben, der nicht im Verhaeltnis zu ihrer Bevoelkerungsziffer steht. Und die Farmer, die man einst als in
Frage kommende Verbuendete der organisierten Arbeiter innerhalb
einer neuen Bewe^unp- ansah, sind viel zu gut durch die Landwirtschaftsgesetze im Rahmen des New Deal geschuetzt, um einer neuen
Partei gegenueber aufgeschlossen zu sein.
- 7-

�Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung muss also, um
einen entscheidenden politischen Einfluss ausueben zu koennen,
mit anderen sozialen Gruppen zusammenarbeiten, von denen man
nicht zu erwarten hat, dass sie mit der Bildung einer ArbeiterPartei einverstanden sind. Nachdem die Gewerkschaften nun in
der Industrie festen ?uss gefasst haben und ihrer politischen
Arbeit mehr Aufmerksamkeit zuwenden koennen, v/ird ihr Einfluss
zweifellos groesser werden. ~uch die Angestellten in den
Staedten muessen zugeben, dass die Gewerkschaftsbewegung am
tatkraeftigsten fuer die Interessen der Verbraucher eintritt.
Seit 1953 ist die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder von wenig ueber 2.500.000 auf 16.500.000 angestiegen. Trotz der anfaenglichen hartnaeckigen Opposition der groessten Unternehmen
der Welt konnte sich die Gewerkschaftsbewegung in diesen Industrien durchsetzen. Die Bewegung ist nocn jung und ungestuem,
sie hat sowohl die Staerke als auch die Schwaechen der Tugend.
Sie wird fortfahren, ihren Einfluss im amerikanischen Leben und
besonders in der Politik zu steigern. Sie kann dies .jedoch nur
tun, wenn sie sich der Kompliziertheiten und Gegenstroeme in
einem Lande von kontinentalen Ausmassen bewusst ist, in dem der
Kapitalismus fuer den Durchschnittsbuerger weit mehr getan hat
als irgendwo sonst auf der Welt.
Während die amerikanische Gewerkschaftsbewegung dem aeu^seren Anschein nach von der britischen Labour Bewegung sehr verschieden ist, sind ihre Ziele, naemlich hoehere Realloehne, Sicherheit im Falle einer Erkrankung und im Kiter, Vollbeschaeftigung, Erhaltung der Demokratie und Erreichung des Weltfriedens
im Grunde sehr aehnlich.
Labor News from tue US
V/2o/51
LOHNANGLEICHUNG AN LEBENSHALTUNGSKOSTEN IN AMERIKANISCHEN TARIFVERTRAEGEN
Die Lebenshaltungskosten stellen seit langer Zeit einen der
wichtigsten Faktoren bei den TarifVerhandlungen der Vereinigten
Staaten dar. Allgemein werden Veraenderungen in den Preisen fuer
Waren und Dienstleistungen, die von einem Arbeiter benoetigt
werden, nach den vorherrschenden Loehnen in der Industrie oder
der gesteigerten Produktionsleistung und anderen wichtigen Faktoren bemessen, die in Lohnverhandlungen eine Rolle spielen.
Normalerweise werden die hieraus sich ergebenden Abmachungen
zwischen Arbeitern und Unternehmern fuer eine bestimmte Zeitspanne - ein, zwei, drei Jahre oder laenger - unterzeichnet.
Lohntarife werden solange nicht geaendert, wie die Abmachung in
Gueltigkeit bleibt. Die Abkommen, die im allgemeinen laenger als
ein Jahr in Kraft bleiben, sehen eine jaehrliche Wiederaufnahme
der Vertragsverhandlungen zur Ueberpruefun.? der Loehne vor.
Die Methode, Lohnangleichungen oefter als einmal im Jahr
vorzunehmen und diese Lohnveraenderungen von den Vereenderungen
in den Lebenshaltungskosten abhaengig zu machen, hat seit dem
Kriegsausbruch in Korea immer mehr um sich gegriffen.
Der rapide Anstieg der -reise spielte zu Ende des Jahres
1950 eine bedeutsame Rolle in dieser allgemein verbreiteten Entwicklung. Derartige, haeufig vorkommende Abmachungen ueber Lebenshaltungskosten, durch die die Loehne an die Preise gekon- 8-

�pelt werden, nennt man oft "Stufen-Klauseln". Nach diesen
Plaenen steigen und sinken Löhne und Preise gemeinsam.
"StufenDVereinbarungen sind weder neu noch ungebraeuchlich.
Die Methode, Lohnveraenderungen auf Grund von Preisveraenderungen vorzunehmen, war in gewissem ausmass waehrend und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und dann wieder vor dem Zweiten
Weltkrieg vorherrschend, als die Preise rapid anzusteigen begannen.
In juengerer Zeit wurde das Interesse an Lebemhaltungskosten-Plaenen durch die Aufnahme einer Stufen-Klausel in dem
Zweijahresvertrag erweckt, der im Mai 1945 zwischen der General
Motors Gornoration und der Automobilarbeitergewerkschaft abgeschlossen und im Mai 1950 auf fuenf Jahre verlaengert wurde, .alle
drei Monate werden die Loehne unter Zugrundelegung des offiziellen Verbraucherpreisindex' der Regierung angeglicnen.
Nach dieser Vereinbarung sind die Loehne der Arbeitnehmer der
General Motors Vferke in die Hoehe gegangen oder gesunken und
zwar auf der Grundlage von einen Cent pro Stunde fuer eine Veraenderung im Verbraucherpreisindex um 1.14 Punkte. Hierbei hat
sich das folgende Bild fuer die Entwicklung der Loehne ergeben:
Monat, in dem die Angleichung
vorgenommen wurde
Mai
SeDtember
Maerz
Juni
Maerz
September
Dezember
Maerz

Hoehe der Lohnangleichung
(in Prozent pro Stunde)

1948
1948
1949
1949
1950
1950
1950
1951

/
/
/
/

4

5
3
2
1
2
5
3
5

Es ist ersichtlich, dass seit September 1950 diese Automobilarbeiter zum Ausgleich fuer die Preissteigerungen 13 Cents
in der Stunde mehr erhalten haben. Sie bekommen ausserdem im
Rahmen ihres Gewerkschaftsvertrags eine jaehrliche Lohnaufbesserung von vier Cents pro Stunde. Diese Erhoehung, die "jaehrlicher Aufbesserungsfaktor" genannt wird, soll den Arbeitern helfen, ihre Realloehne gleichzeitig mit den Steigerungen der Produktionsleistung des ganzen Landes zu verbessern. Die jaehrliche Produktivitaets-Lohnerhoehung ist jedoch nicht ein notwendiger Bestandteil der Lebenshaltungskosten-Stufenklausel, obwohl
in vielen Vertraegen diese beiden Arten der Lohnangleichung vorgesehen sind.
Diese Lohn-Stufen-Methode der General Motors Werke und der
Automobilarbeitergewerkschaft wurde in den Jahren 1948 und 19*9
nicht von vielen Gewerkschaften nachgeahmt. Dies war zum Teil
auf die traditionelle Politik der Gewerkschaften zurueckzufuehren,
Lohnangleichungen mit der Begruendung zu vermeiden, dass die
Lohntarife auf diese Weise erhoeht, aber auch gesenkt werden koennen, wenn sie von den Lebenshaltungskosten abhaengig sind; sie
zogen es vor, nur ueber Lohnerhoehungen zu verhandeln.
Auf Grund der Preissteigerungen und der Befuerchtungen in
bezug auf einen Mangel an Facharbeitern, der durch den Kriep in
Korea verursacht werden koennte, zeigten sich Gewerkschaften und
Unternehmer im allgemeinen jedoch jetzt eher bereit, des oefteren Angleichungen der Loehne an die Lebenshaltungskosten vorzunehmen.
- 9-

�In den neun Moneten von Ende Juni 1950 bis Ende Maerz 1951
hat sich die Zahl der Arbeiter, von denen bekannt war, dass fuer
sie Tarifvertraege mit derartigen "Stufenklauseln" abgeschlossen
waren, von etwa 500.000 auf rund 2.Ö50.000 erhoeht.
Ausserdem erhalten schaetzungsweise eine Viertel I'illion
Buero- und sonstige Angestellte, die in Firmen beschaeftigt sind,
welche fuer ihre Produktionsarbeiter mit einer Gewerkschaft Ve rtraege abgeschlossen haben, ebenfalls vergleichbare lebenshaltungskostenzuschuesse oder Bonuszahlungen. Deshalb sind gegenwaertig
ungefaehr 2.9o0.000 Arbeitnehmer in die verschiedenen Arten der
Stufen-Vertraege einbezogen.
Ueber eine Million der in solchen Vertraegen erfassten Arbeiter sind in der metallverarbeitenden Industrie beschaeftigt.
Fuer den groessten Teil der Arbeiter hat die Gewerkschaft der
Vereinigten .tiutomobilarbeiter (CIO) mit grossen Automobil- und
Landwirtschaftsgeraetefabriken diese Vertraege abgeschlossen.
15 Gewerkschaften, in denen Eisenbahnschlosser, Gleisarbeiter und
Bueroangestellte der Eisenbahn organisiert sind, haben fuer eine
weitere Million Arbeiter einen Tarifvertrag zustandegebracht.
Bekleidung und Bau sind weitere Industriezweige, in denen die
Loehne einer betraechtlichen Zahl von Arbeitern mit den Lebenshaltungskosten gekoppelt sind.
Von mindestens 80 Landes- und allamerikanischen Gewerkschaften weiss man, dass sie Vertraege mit Stufen-Klauseln abgeschlossen
haben. Mit Ausnahme der Automobilarbeiter- und Eisenbahnergewerkschaften des CIO haben die Textilarbeitergewerkschaft (CIO), die
Internetionale Gewerkschaft der Elektroarbeiter (CIO) und die
Internationale Gewerkschaft der Mechaniker (AFL) am weitgehendsten von der Moeglichkeit der Koppelung der Loehne mit den.Lebenshaltungskosten Gebrauch gemacht.
Ein typisches Merkmal der Vertraege ist die Bestimmung, dass
die Loehne vierteljaehrlich in Anpassung an den vom US-Arbeitsministerium veroeffentlichten Verbraucherpreisindex revidiert
werden. Dieser Index zeigt Veraenderungen in den Preisen fuer
Lebensmittel, Bekleidung, Wohnung und andere Waren und Dienstleistungen auf, die von Arbeiterfamilien und Arbeitern in Grossstaedten mit maessigem Einkommen benoeti;?t werden. Der Index
wird monatlich ermittelt.
Die Hoehe der Lohnangleichung haengt natuerlich von dem Betrag ab, um den die Preise gestiegen oder gesunken sind. Sie
haengt ausserdem von der Methode zur Festsetzung der Lohnveraenderungen ab, ueber die sich Gewerkschaften und Unternehmer
geeinigt haben. In den meisten Fallen erhalten die Arbeiter
.iaehrlich zusaetzlich 1 Cent fuer jede Erhoehung des Lebenshaltungkostenindex um einen Punkt. Im Oktober 1950 stand der Leben«haltungskostenindex zum Beispiel auf 175.6 (1935-1939: 100) und "
im Januar 1951 auf 181.5;Arbeiter, deren Tarifvertrag fuer jede
Indexerhoehung um einen Punkt eine Stundenlohnerhoehunff um 1
Cent vorsieht, erhielten dementsprechend eine vierteljaehrliche
Lohnerhoehung von sechs Cents" pro Stunde, weil der Index in den
drei Monaten um sechs Punkte gestiegen war.
In vielen "Stufen"-Vertraegen wird der Betrag der Lohnsenkungen, die bei einem Lohnrueckgang vorgenommen werden koennen,
nach unten hin begrenzt, nuf der andern Seite ist in verhaeltnismaessig wenigen Vertraegen eine Hoechstgrenze fuer Lohnerboehungen festgesetzt. Mit anderen Worten, die Loehne koennen
- 10 -

�mit den Preisen steigen, v.erden jedoch nicht unter einem vereinbarten Betreg gesenkt, selbst wenn die Preise staerker fallen.
Ein zur Zeit gueltiger Erlass der Regierung besagt, dass
Stufen-Klauseln in Tarifvertraegen der Gewerkschaften, die vor
dem 25. Januar 1951 (an diesem Tag trat das Lohnstabilisierungsnrogramm in Kraft) abgeschlossen wurden, trotz des Lohnstabilisierungsprograiizas bis zum 31. Juni 1951, ungeachtet der Hoehe
solcher Lohnaufbesserungen,in Kraft bleiben duerfen. Handelt
es sich dagegen u.i Vertraege, die nach dem 25. Januar 1951 unterzeichnet wurden, so duerfen nach den gueltigen Bestimmungen
des Erlasses Lohnerhoehungen nicht um mehr als 10 Prozent ueber
die im Januar 1950 gueltigen Tarife hinausgehen.
Labor News from the U.S.
V/11/51
William Green: ASIEN UND EUROPA SIND LEBENSWICHTIGE VERBUENDETE
IM KAMPF GEGEN DIE KOMMUNISTISCHE AGGRESSION
Heute stellt die Bedrohung des kommunistischen Imperialismus die gestirnte freie Welt vor eine klar erkennbare und unmittelbare Gefahr. Wenn es eine Zeit gab, in der man sich ohne Gefahr angeblichen Hoffnungen und sehnsuechtigen Gedankengaengen
hingeben konnte, so ist diese Zeit vorbei. Wenn wir uns jetzt
auf das schlimmste vorbereiten, koennen wir wahrscheinlich nicht
enttaeuscht werden.
Der erste Dolchstoss, der der freien Republik Korea versetzt wurde, duerfte genuegt haben, um aucn den zurueckgezogensten und selbstzufriedensten Nationen die drohende Gefahr vor
Augen zu fuehren - wenn es ueberhaupt in diesem Stadium noch
eines neuen Alarms bedurfte. Dieser verwerfliche Angriff war
nicht nur gegen eine kleine Republik, sondern gegen den Bestand
der menschlichen Freiheit selbst gerichtet.
Ungeachtet der Dinge, die da kommen werden, wird es immer
ein Verdienst fuer die amerikanische Nation sein, dass sie sich
angesichts dieser kritischen Situation mit unerhoertem Mut zu
ihrer Aufgabe als Verfechter der Freiheit und internationalen
Moral bekannt und dementsprechend gehandelt hat. Indem sie die
moralische und materielle Hilfe der Vereinten Nationen zur
Verteidigung von Korea gemeinsam beschlossen, haben sie ein einzigartiges Bravourstueck der Diplomatie vollbracht. Sie hat allen, die gegen gefaehrliche Widersacher in der Welt fuer Freiheit
und Anstaendigkeit einstehen, neue Zuversicht begeben.
Wenn dieses brutale Verbrechen gegen die Menschlichkeit
durch unser eigenes Verschulden seinen Urhebern Belohnung statt
Vergeltung eingebracht haette, waeren wir heute der Verzweiflung naeher als der Hoffnung. In die moralische und physische
Abwehrmauer der freien Welt waere eine nicht wieder gutzumachende Bresche geschlagen worden. Der Wille, der kommunistischen
Aggression in Indien, im Iran, in Westeuropa und allen anderen
Laendern an der Peripherie des Kommunismus zu widerstehen, waere
untergraben worden.
Hieran muss gedacht werden, wenn diese Probleme im klaren
Licht der Vergangenheit betrachtet und ueberprueft werden. Auch
wenn verspaetete Stimmen sich erheben, um die Beschluesse zu
kritisieren, die uns in die Verteidigung Koreas verwickelt haben,
- 11 -

�muessen wir dtiran denken, dess unsere eigene Freiheit schon
lange verloren waere, wenn sie der Verantwortung der "Sommersoldaten" und "Sonnenscheinpatrioten" ueberlassen worden waere.
Die lebenswichtigen Fragen drehen sich heute um die Zukunft und nicht um die Vergangenheit. Die naechsten Schritte
werden von grosser Tragweite sein.
Aufrichtige Menschen koennen hinsichtlich der zu ergreifenden Massnahmen geteilter Meinung sein. Aber alle verantwortungsbewussten Busrger muessen sich darueber im Klaren sein, dass wir
uns zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unserer Verpflichtung in dem
Kampf gegen die kommunistische Aggression entziehen koennen.
Die grundlegende, alles beherrschende Frage, in der keine
Meinungsverschiedenheit herrschen kann, heisst heute klar und
unmissverstaendlich: Bestehen oder Untergang.
Es wuerde bedeuten, den Untergang heraufzubeschwoeren, wenn
wir jetzt in unseren Bemuehungen nachlassen und uns der bequemen
Illusion hingeben wollten, das schlimmste sei ueberstanden und
unsere Streitkraefte auf unkluge Weise zu konzentrieren oder in der
grossen Isolation Zuflucht zu suchen. Derartige Massnahmen wuerden diesen Untergang mit Sicherheit herbeifuehren.
Die Gefahren, denen wir gegenueberstehen, betreffen alle
Parteien, Demokraten und Republikaner, Liberale und Konservative,
Arbeiter, Bauern und Industrielle - alle sind ihnen in gleicher
Weise ausgesetzt. Die Ketten, die in Moskau geschmiedet werden,
passen fuer alle Gruopen und Einzelpersoenen ohne jede Bevorzugung oder Vorrechte. Wir werden alle zusammen unterjocht werden,
wenn wir uns nicht eines vereinten Widerstandes faehig und verantwortungsbewusst zeigen.
Um uns aus den Spaltungen und den Streitigkeiten zu retten,
die z. Zt. unter uns herrschen, muss eine Grundlage fuer eine
neue populaere Front gefunden werden - eine populaere Front
gegen den sowjetischen Imperialismus.
Wenn dereinst der Bestand der Freiheit endgueltig gesichert
sein wird, dann wird auch Zeit genug vorhanden sein, um die eigenen Ziele und Ambitionen zu verfolgen. Augenblicklich haben
wir zu wenig Zeit und muessen uns auf die Verteidigung der Freiheit konzentrieren, damit wir spaeter unsere normale Lebensweise
wieder aufnehmen und unseren eigenen Zielen wieder nachgehen
koennen.
Die Kampflinie in diesem Ringen um den Frontabschnitt ist
von niemandem weit entfernt. Obowhl Korea eine halbe Welt von
uns getrennt ist, ist es eine fortlaufende Linie, die sich von
der Front in Korea ueber die Nachrichten und Versorgungswege
nach Washington in die Betriebe, Bauernhoefe, Laeden und Wohnungen in Amerika erstreckt.
Unsere
bildet eine
ist nur ein
Umzingelung

Verteidigungslinie beginnt an der Front in Korea und
geschlossene Kette um den gesainten Erdball. Korea
kleines Segment in dem Kreis der kommunistischen
und des kommunistischer- Drucks.

Die militaerische Aggression in Korea ist nur eine der
vielen Kraefte, die die kommunistische Vorsohwoerung in Bewegung
gesetzt hat, um den Frieden und die Sicherheit der freien Welt
- 1£ -

�in Gefahr zu bringen. Unsere militaeTischen Bemuehungen sind
nicht mehr als nur eine Phase in dem allgemeinen Kampf, der
durchfochten werden muss, damit jene Kraefte unschaedlich gemacht werden. Korea ist ein kleiner Bestandteil des Gesamtbildes der kommunistischen Aggression, die die systematische Zersetzung innerhalb der Vereinten Kationen, die sporadische Gewaltausuebung in Indien, die heuchlerische Kampagne des Stockholmer Friedensannells in den Vereinigten Staaten, Sabotage in
England und Westdeutschland, die bedrohung des Iran, die Ausbeutung der Menschen Asiens und Afrikas und vielfaeltige andere
Methoden zum Ziele hat, fuer die Verleumdung, Umsturz, Sabotage
und Buergerkrieg geeignet sind.
Nutze jede Schwaeche aus, teile und herrsche - das ist ein
altes Sprichwort, das besonders in Haenden von Experten Gueltigkeit erlangt.
Alle muessten sich ueber die staendige Gefahr eines Angriffs durch die Kraefte des Kommunismus im klaren sein. Nicht
so "offensichtlich dagegen ist, wo und in welcher i'orm der naechste Schlag gefuehrt werden wird. '.Vir koennen nur mit Gewissheit sa
gen, dass er wahrscheinlich dort gefuehrt werden wird, wo in
den Augen des Kreml unser schwaechster Punkt ist, wo und zu welcher Zeit dies auch sein mag. Unsere ganze Staerke und Aufnerksamkeit auf ein bestimmtes Gebiet zu konzentrieren, wuerde bedeuten, das3 wir einen Angriff auf andere lebenswichtige Gebiete lenken, die weniger geschuetzt erscheinen.
Dieses Problem wird nicht durch irgendwelche einfachen iEasanahmen und auch nicht durch irgendein einziges grosses militaefisches ilanoever, so glaenzend es auch ausgefuehrt wird, geloest
werden. Die Verteidigung der freien Welt ist heute die schwierigste Aufgabe, die der Menschheit je gestellt wurde. Sie erfordert alle moeglichen politischen, sozialen, wirtschaftlichen
und militaerischen Anstrengungen.
Die internationale Taetigkeit der freien Gewerkschaften,
der Marshallplan, das Punkt-Vier-Programm, die "Stimme Amerikas"
und Lebensmittel fuer die hungerleidenden Menschenmassen in Indien
bilden ebenso einen Bestandteil des Verteidigungssystems wie der
Nordatlantikpakt und der Kampf der Vereinten Nationen in Korea.
Erfolge auf einem dieser Gebiete koennen durch Versagen oder
Vernachlaessigung auf einem anderen Gebiet mehr als zunichte gemacht werden. Sie alle bedeuten einen staendigen Kontakt mit
den Kamnfmitteln und wegen der kommunistischen Expansion und
Aggression.
Die relative Bedeutung Asiens und Europas in der Strategie
des Widerstandes gegen den Kommunismus braucht nicht diskutiert
zu werden. Wir koennen uns nicht den Luxus leisten, uns nur
fuer einen dieser beiden Erdteile zu entschliessen. Wir koennen
uns auch nichL in diesen Kamnf auf irgendeines der militaerischen, wirtschaftlichen, politischen oder moralischen I'amofmittel konzentrieren. Beide Gebiete sind lebenswichtig und alle
Waffen, die wir hervorbringen koennen, werden benoetigt.
Wir muessen auf unserer gesamten Verteidigungslinie die ailitaerische Ueberlegenheit erringen. Wir muessen ein System
der gemeinsamen Zusammenarbeit mit allen freien Nationen der
Welt, in Asien sowohl als auch in Europa, entwickeln.
1^iL/

�Wir muessen unsere Programme der wirtsohaftlichen Unterst uetzung und Entwicklung erweitern, um die Massen der Welt an
der Verteidigung der Freiheit zu interessieren, um die lieber leaenheit der Demokratie dem kommunistischen Despotentum gegenueber zu demonstrieren.
Diese Crossen Aufgaben reichen aus, um all unsere Energie
und unsere Machtmittel fuer lange Zeit in Anspruch zu nehmen.
Sie erfordern Voraussicht, Opferbe.reitschaft und grossen Mut.
Der Preis ist hoch, aber kein Preis ist zu hoch, um fuer
die Erhaltung menschlicher Anstaendigkeit, der Freiheit und
des Weltfriedens zu wirken. Unser einziges Streben muss darauf
gerichtet sein, dafuer zu sorgen, dass wir fuer den Preis, den
wir zahlen, den vollen Wert zurueckerhaiten, indem wir ueber
unsere Machtmittel und Kraefte so verfuegen, dass sie uns soweit
wie moeglich den angestrebten Zielen naeherbringen.
The American Federationist
V/51
DEUTSCHS BERGBAUFAOBLEUTE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Einer der Hoehenunkte der Studienreise durch die Vereinigten Staaten, auf der sich zur Zeit eine Gruppe aus der deutschen
Bergbauindustrie befindet, war das Wochenende, das diese Gruope
vor kurzem in Willkes-Barre (Pennsylvanien) verbrachte.
Dort, im Kerzen des bedeutendsten Anthrazitgebietes des
Landes, wo viele Duerger deutscher Abstammung sind, wurden die
Gewerkschaftsfuehrer besonders herzlich empfanden und konnten
einen kleinen Einblick in das amerikanische Leben gewinnen, der
eine wertvolle Ercaenzung zu ihren uebrigen Studien darstellt,
in deren Verlauf sie sich vor allem mit den Kohlenbergbaumethoden in Amerika befass.ten.
Den Hoehe^unkt dieses Wochenendes bildete ein Empfang fuer
die deutschen Gaeste In dem dortigen Klubhaus der Deutsch-Amerikanischen Vereinigung. Kongressmitglied Daniel Flcod, der demokratische Repraesentant des Wilkes-Barre-Bezirks im amerikanischen Kongresa, hielt eine Begruessungsansorache und erzaehlte
der Gruppe von seinen Erlebnissen auf einer Reis e durch das
Ruhrgebiet, die er vor kurzem unternommen hatte. Er zog Parallelen zu den Verhaeltnissen in der Berrbauindustrie der Vereinigten Staaten und Europas.
Dr. Wilhelm Keidemann, der Direktor des Kohlenbergwerks
"Konstantin der Grosse" in Bochum, einer der sieben deutschen Bergfachleute, die an der Reise teilnahmen, dankte fuer die Begruessungsansprache im Namen der deutschen Besuchergruppe, deren Studienreise
unter dem Protektorat der ECA im Rahmen des technischen Unterstuetzuncspro^ramms steht. Die drei anderen Mitglieder der Gruppe sind Gewerkschaftsfuehrer.
"Durch bessere Beziehungen zwischen den Maennern der amerikanischen und der deutschen Industrie," sagte Dr. Iieidemann,
"werden wir den Grundstein fuer bessere internationale Beziehungen
legen. Wir betrachten diese Reise durch. Ihr Land als den ersten
Schritt fuer den Aufbau einer Bruecke, die von Ihrem Land in das
unsrige- geschlagen werden muss."
- 14 -

�Er stallte weiter fest, dass Deutschland euch in Zukunft
die Hilfe Amerika? benoetige, und zwar in der Form "jenes 7erstehens, das fuer Sie als Amerikaner notwendig ist, um uns
helfen zu koennen, unsere "Tobleme zu loesen, jedoch nicht immer in Form von Dollars."
Dr. Keidemann erklaerte ferner, dass er erstaunt sei, in
amerikanischen Zeitungen so »venig ueber Europa zu lesen, und
die wenigen Nachrichten aus Europa, die er vorgefunden hatte,
seien baeufig in sensationaller Aufmachung erschienen.
Auch Paul Bruehl, der Vorsitzende der Deutsch-Amerikanischen Vereinigung, begruesste die deutschen Gaeste und erklaerte, seine Vereinigung freue sich darueber, dass Gewerkschaftsfuehrer aus dem "Alten Lande" kaemen, um "unsere Lebensweise und
unsere Industrie zu studieren."
Dr. Heidemann dankte der Vereinigung und berichtete, dass
die Gruppe ueberall in den Vereinigten Staaten mit grosser
Freundlichkeit und Gastfreundschaft empfangen worden sei.
Deutschland hoffe, in der nahen Zukunft viele amerikanische Besucher begruessen zu koennen, um "auf diese '"eise die Bande
des gegenseitigen Verstaendnisses auf beiden Seiten des Atlantiks noch enger zu knuepfen."
"Die Welt sieht einer ungeheuren Gefahr aus dem Osten ins
Auge," fuhr er fort. "Nur in vollster Einigkeit koennen wir
fuer unsere Ideale einstehen." Er wies in diesem Zusammenhang
auf die grosse Bedeutung der Kohle fuer das Verteidigungsprofframm Westeuropas hin.
An den offiziellen Teil des Empfangs schloss sich eine
allgemeine Diskussion an, die im gleichen Geiste der Freundschaft
verlief.
Es war somit ein «rosser Tag fuer die Besuchergruone. Dabei nahm sie die Gelegenheit wahr, die Wohnung eines ortsansaessigen Bergmannes namens Edward Zawatski zu besuchen, um die
Lebensweise eines einfachen amerikanischen Bergmannes zu beurteilen.
Die Mitglieder der deutschen Gruppe zeigten grosses Interesse fuer die gute Ausstattung einer amerikanischen Wohnung.
Sie stellten Fragen hinsichtlich des Einkommens der Familie,
und Frau Zawatzki gab ihnen alle Einzelheiten ueber die Kosten
fuer die Unterhaltung der Wohnung, die Ausbildung ihrer sechs
Kinder und ueber andere wissenswerte Angelegenheiten.
Am Sonnabend Nachmittag wohnte die Grunpe einer Versammlung
der Ortsgewerkschaft Fr. 1616 bei, die der Gewerkschaft der Vereinigten Bergarbeiter Amerikas angeschlossen ist. Dort diskutierten die deutschen Gewerkschafter mit den Ortsgewerkschaftsfunktionaeren die Sicherxieitsprogramme fuer die Bergwerke, die
von Unternehmern und Gewerkschaften gemeinsam mit Unterstuetzung
des Staat3S und dem Bundesstaatlichen Bergbaubuero durchgefuehrt
werden. Mit diesem Programm ist man bestrebt, festzustellen,
welche Arbeitsbedingungen ünlass zu Unfaellen geben koennten,
um sie sofort zu korrigieren, bevor Unfaelle sich ueberheupt ereignen.
Auch der Vohlfahrtsfonds der Bergarbeiter, die Unfallversicherung, und andere Programme der Kohlenbergbauindustrie und der
- 15 -

�Amerikanischen Bergarbeitergewerkschaft wurden besprochen. Man
zog Vergleiche zu den Arbeitsbedingungen in Deutschland.
Am Sonntag Korgen wohnten die Besucher Gottesdiensten bei,
und jeder Deutsche war von einem od:;r mehreren ihrer neugewonnenen amerikanischen Freunde begleitet.
Das letzte Wochenende fand am Sonntagnachmittag mit einem
Ausflug in die Umgebung der Stadt ihren Abschluss. Mitglieder
der verschiedenen Gewerkschaften der Stadt nahmen die deutschen
Besucher in ihren eigenen Wagen mit und betaetigten .sich dabei
als Heisefuehrer.
Im Anschluss an ihren Wochenendbesuch in Wilkes-Barre,
einer Stadt von 76.000 Einwohnern, setzten die Kohlenbergbauspezialistan ihre Heise zum Studium der amerikanischen Bergbaumethoden in diesem Gebiet fort, wo die Arbeitsmethoden denen des
Ruhrgebietes aehnlich sind, weil die Schraege oder des Gefaelle
der Kohlenadern aehnlich sind wie jene im Ruhrgebiet.
Informationsbuero der ECA
V/£2/51
EKUADOR PLANT MODERNISIERUNG DER BERGBAUINDUSTRIE;
In der Provinz Canar in Ekuador wird seit einiger Zeit in
sehr kleinem Umfang Kohle abgebaut. Zur Zeit werden in primitiven Arbeitsverfahren monatlich etwa 50 Tonnen Kohle zu Tage gefordert. Die Kohle wird von den Bergleuten auf dem Ruecken
nach oben getragen. Bei Verwirklichung der gemachten Vorschlaega koennte die Produktion auf 4.000 Tonnen monatlich gesteigert
werden, eine Tat38Che, die auf die kooperativen Bemuehungen ausländischer und einheimischer Fachleute im Rahmen des technisehen Unterstuetzungsprogramms der Vereinigten Staaten ein ausgezeichnetes Licht wirft.
1950 wurde von einem Ingenieur aus Ekuador ein vorlaeufiger
Bericht ueber diese Kohlevorkomruen verfasst. Die Regierung von
Ekuador ersuchte die Vereinten Nationen, ihr einen Experten zur
Verfuegung zu stellen, der bei weitern Studien behilflich sein
koennte. Thoma3 Fräser, ein Ingenieur fuer Kohleaufbereitung
im Bergbaubuero der Vereinigten Staaten, wurde auserwaehlt, dieses Problem in Zusaiamenarbeit mit Ingenieuren aus Ekuador zu
studieren.
Fräser berichtete, dass die dortige Kohle zwar nicht von
hoher Qualitaet und, ohne brikettiert zu werden, wohl kaum als
Hausbrand zu verwenden sei, dass sie sich jedoch wahrscheinlich
fuer die Reizung von Dampfkesseln, fuer die Zement-, Ziegelsteinund Ziegelherstellung und als Treibstoff fuer Lokomotiven verwenden iiesse. Die Ingenieurgruppe stellte genuesrend Kohlereserven fest, die den "voraussichtlichen Bedarf der ekuadorianischen Industrie decken koennten.
Freier arbaitetj daraufhin zusammen mit ekuadoriaJ ischen
Ingenieuren einen Plan zur Modernisierung von zwei Bergwerken
aus, die eins maximale Produktionskapazitast von je 8.0C0 Tonnen
im Monat haben koennten. Die Gruben sollen mit einfachen Vorrichtungen zum Transport der Kohle in Handwagen, zur Ventilierung
der Schlechte und zur Steigerung der Produktionsleistung jedes
einzelnen Bergmannes ausgestattet werden.
- 16 -

an» u J«D a

UM

Hu

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar and dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen and deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierang der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

17-23

Frankfurt,

8. J u n i 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Paul Styles:
Die Bedeutung des TarifVerhandlungswesens -

1

Leon «Touhaux, Vorsitzender der Force
Ouvrie^re:
Freie Gewerkschaften in Frankreich - - - -

3

Amerikanische Gewerkschaftsbewegung und
internationale Angelegenheiten - - - - -

11

Die asiatische Regionalorganisation des
IBFG gegruendet
- - - - - - - - - - - - 1 4

Paul Styles:
DIE BEDEUTUNG DES TARIFVhRHANDLUNSWESENS
Es gibt im ganzen vier Methoden, um Arbeitsbedingungen festzulegen:
1) Sie koennen von dem Unternehmer bestimmt werden;
2) Sie koennen von der Gewerkschaft vorgeschrieben werden;
3) Sie koennen durch Erlass der Regierung angeordnet
werden und koennen
4) auf dem Tarifverhandlungsweg geregelt werden.
Die Geschichte hat gezeigt, dass die beiden ersten Methoden,
die eine absolut einseitige llandlungsvolliecht seitens der Unter- 1-

�nehmer oder der Gewerkschaften voraussetzen, mit dem System der
freien Wirtschaft unvereinbar sind.
Die dritte Moeglichkeit, bei der die Regierung die Arbeitsbedingungen in allen Einzelheiten vorschreibt, unter denen Unternehmer und freie Arbeiter arbeiten sollen, bildet gerade jetzt
Gegenstand lebhafter Diskussionen. Sollen wir in unserem eigenen Lande gerade diejenigen Massnahmen gutheissen, die wir in
anderen Laendern verabscheuen, und damit jenen Kraeften einer
zentralisierten Regierungskontrolle Vorschub leisten, denen
wir ueberell auf der Welt feindlich gegenuebergestellt sind?
Auch die vierte Moeglichkeit, naemlich das Tarif verhandlungsverfahren zwischen den gewaehlten Vertretern der Unternehmer
und der freien Gewerkschaften, mag wohl ein System sein, das
nicht vollkommen ist, aber es ist jedenfalls das beste System,
das von Leuten ausgearbeitet wurde, die auf die Erhaltung ihrer
Freiheiten bedacht sind.
Das TarifVerhandlungswesen entstand nicht erst vor 25 Jahren. Historiker stellten fest, dass die ersten Urs'pruenge dieser Methode in Amerika aus dem Jahre 1636 stammen. Die Leute,
die hierbei .eine Rolle spielten, waren sogenannte "verpflichtete"
Arbeiter und Fischer.
Sie kamen mit einem Agenten ihres Unternehmers Zusammen Und- versuchten, ihn zu bewegen, ihnen einen
Jahreslohn zu zahlen, den er nicht zahlen wollte. Schliesslich
verliessen die Leute in Massen ihre Arbeitsplaetze, was der
Agent des Unternehmers als "Meuterei" bezeichnete. Fuenf Jahre
spaeter beschwerte sich der gleiche Agent des Unternehmers darueber, dass seine Arbeiter die Arbeit an einem Nachmittag niedergelegt hatten, um gegen die unzureichende Verpflegung zu
protestieren. Dies waren wahrscheinlich die ersten Versuche,
mit dem Unternehmer "TarifVerhandlungen" durchzufuehren, die
Arbeiter in Amerika unternahmen. Erst 150 Jahre spaeter jedoch
entstand die erste Gewerkschaft, die mit den heutigen Organisationen eine wirkliche Aehnlichkeit aufweist.
Das Auftreten von ArbeitnehmerOrganisationen, die das
Ziel hatten, auf kollektiver Basis ihre. Tarifvertraege zu verhandeln und zwar zu einer Zeit, in der sich die Demokratie gerade im Aufstieg befand, ist keineswegs als einer jener Zufaelle
der Geschichte anzusehen. TarifVerhandlungen sind lediglich
eine der Begleiterscheinungen der demokratischen Idee. Eigentlich sind sie ein Mittel, um die Demokratie in die Fabriken und
Werkstaetten zu bringen.
In dem Arbeitsgesetz von 1935, das unter dem Namen WagnerGesetz besser bekannt ist, hat der Kongress die Bedeutung der
TarifVerhandlung in einer demokratischen Staatsordnung in klarer Form zum Ausdruck gebracht. In dem Gesetz heisst es:
"Die ungleiche Verteilung der Machtbefugnisse zwischen
Arbeitnehmern, die nicht volle Vereinigungs- und Vertragsfreiheit
besitzen, und Arbeitgebern, die in einer Gesellschaft oder in
einer anderen Form der Besitzvereinigung zusammengeschlossen
sind, belastet und behindert die Wirtschaft und traegt dazu
bei, Wirtschaftsdepressionen noch zu erschweren, indem sie die
Lohntarife und die Kaufkraft der Lohnempfaenger in der Industrie
beeintraechtigt und eine Stabilisierung konkurrierender Lohntarife und Arbeitsbedingungen innerhalb der Industrie erschwert.
"Die Erfahrung hat gelehrt, dass der gesetzliche Schutz
des Vereinigungs- und Vertragsrechtes- der Arbeitnehmer den Wirtschaf tsprozess vor Schaeden oder Unterbrechungen bewahrt und
2 -

�die Handelstaetigkeit durch die Beseitigung gewisser anerkannter Ursachen industrieller Streitigkeiten und Unruhen foerdert
und zwar dadurch, dass Methoden gefunden werden, durch die
eine Beilegung industrieller Streitigkeiten, die sich aus den
Verschiedenheiten in Loehnen, Arbeitszeit oder anderen Arbeitsbedingungen ergeben, auf friedlichem Wege verwirklicht werden
kann; damit sind die Machtbefugnisse bei Tarifverhandlungen
gleichermassen auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt."
Auf dieses Gesetz gruendet sich noch immer die Arbeitspolitik der Vereinigten Staaten. Als der Kongress im Jahre 1947
das Gesetz fuer Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen revidierte,
sahen die Gesetzgeber keinen Grund, irgendein Wort in diesem
Text abzuaendern. Ueber jeden Zweifel hinaus haben die Ereignisse die Richtigkeit und Gueltigkeit desselben unter Beweis
gestellt.
Die Verpflichtung fuer Arbeitgeber und Gewerkschaften,
TarifVerhandlungen nach bestem Wissen und Gewissen zu fuehren,
und der Wortlaut des eben genannten Gesetzes bilden die Grundlage fuer das Leitmotiv der Regierung und des Tarifverhandlungswesens.
Das Wesen und die Ursachen eines.Notstandes weisen erst
recht auf die Notwendigkeit hin, die Grundsaetze des Tarifverhandlungswesens zu staerken.
Tarifverhandlungen sind die beste Loesung fuer das Problem
der Arbeitsbedingungen. Bevor Arbeitgeber oder Gewerkschaften
zu ihrem eigenen unmittelbaren Vorteil sich entscheiden, irgendeinen anderen Weg zu gehen, der .die TarifVerhandlungen ersetzen
soll, moegen sie daran denken, dass Industrie und Gewerkschaften nicht nur mehr Freiheit geniessen, sondern auch produktiver
wirken koennen, wenn sie unter gemeinsam vereinbarten Bedingungen anstatt unter Bedingungen, die von der Regierung vorgeschrieben sind, zusammenarbeiten.
Es ist wahr, dass sich Notstands- und Stabilisierungsmassnahmen auf das TarifVerhandlungswesen auswirken. Doch gerade
hierin liegt der Kern de'r Aufgabe. Arbeitgeber und Gewerkschaften muessen sich, um ihre gemeinsame Staerke zu erhalten und zu
vergroessern, auf dem Verhandlungsweg ueber die vorzunehmenden
Aenderungen einig werden. Kurz gesagt, die TarifVerhandlung
muss auf die Dauer das Werkzeug zur dauerhaften Formulierung
und Verbesserung der Tarifverhandlungsmethoden sein. Anders
zu handeln wuerde bedeuten, die Erfahrungen der Geschichte ausser
acht zu lassen und eines Tages in dem grossen Ringen zu unterliegen.
The Machinist
V/17/51
Leon Jouhaux, Vorsitzender der "Force Ouvriere":
FREIE GEWERKSCHAFTEN IN FRANKREICH
Fuenf Funktionaere^des Allgemeinen Franzoesischen Gewerkschaftsbundes CGT (Confederation Generale du Travail) ueberreichten am Nachmittag des 19. Dezember 1947 dem Zweiten Generalsekretaer^des CGT, Benoit Frechon, ihre Austrittserklaerung. Es
waren Leon Jouhaux, der Verfasser dieses Artikels, der seit 1909
- 3-

�Generalsekretaer des CGT war, ferner die drei Sekretaere Robert
Botherau, Georges Delamarre und Albert Bouzanquet und der
Kauptkassierer Pierre Neumeyer.
Dieser Schritt war kurz zuvor auf einer Landeskonferenz
beschlossen worden, zu der sich aktive franzoesische Gewerkschafter unter der Schirmherrschaft der Gewerkschaftszeitung
"Force üuvriäre" zusammengefunden hatten. Diese Zeitung war
aus der Untergrund-Veroeffentlichung "Resistance Ouvriere"
entstanden, die die Verteidigung der Freiheit und der gewerkschaftlichen Unabhaengigkeit auf ihre Fahne geschrieben hatte.
Diese Lossagung vom CGT, die die zweite dieser Art seit
dessen Wiedervereinigung im Jahre 1935 war, kam keineswegs unerwartet. Sie war seit sechs Monaten unvermeidlich geworden,
nachdem die kommunistische Partei aufgehoert hatte, eine der
Mehrheitsparteien der Regierung zu sein. Das bedeutet jedoch
nicht, dass die tiefverwurzelten Ursachen zu dieser Handlung
nicht schon vorher bestanden haetten. Ausgeloest wurde sie
dadurch, dass die Mehrheitsmitglieder des CGT zu diesem ZeitDunkt von der Verpflichtung befreit wurden, wie bisher zumindest nach aussen hin die Rechte der Minderheit zu respektieren.
Es muss gesagt werden, dass die angebliche gewerkschaftliche Einheit, die im Jahre 1935 in Toulouse auf Grund der Charta
von Amiens hergestellt wurde, in der die Unabhaengigkeit der
Gewerkschaftsbewegung von allen philosophischen Lehren, allen
religioesen Ueberzeugungen und politischen Parteien proklamiert
wird, nichts weiter als eine leere Phrase war, und die Mehrheit
des CGT, die zum grossen Teil der kommunistischen Partei angehoerte, war nicht aufrichtig, als sie sich zum Prinzip der gewerkschaftlichen Unabhaengigkeit bekannte. Vier Jahre spaeter
bedeutete der Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes fuer die Organisation eine schwere Belastung. ß ie kommunistischen Gewerkschafter erklaerten sich nach einigem Zoegern mit der Politik
des Kreml einverstanden. Die darauf folgende Beteiligung der
Sowjetunion an dem Kampf gegen Nazismus und Faschismus sowie
die Notwendigkeit, sich den Eindringlingen zu widersetzen, fuehrten natuerlich zur Wiedergeburt eines CGT, die sich erneut nach
dem Grundsatz der gewerkschaftlichen Unabhaengigkeit zusammenschloss i
Nach dem Krieg erkannten wachsame franzoesische Gewerkschafter, die sich nicht von dem Licht, das aus Moskau kam, hatten blenden lassen, dass ebenso wie im Jahre 1935 die Ware
nicht Voellig ihrer Bezeichnung entsprach, und dass fuer Kommunisten praktisch die Unabhaengigkeit mehr dem Schein nach als
in 7/irklichkeit bestand. Die nichtkommunistischen Arbeiter hatten nicht das Verlangen, Strohpuppen zu sein, die von Kraeften
dirigiert werden, die ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung
stehen. Diese freiheitsliebenden Arbeiter scharten sich um
eine kleine, von Gewerkschaftern veroeffentlichte Zeitung, die
sich nie durch jene falsche "Einheit" hatte irrefuehren lassen.
Monatelang hatte diese Gruppe alles Moegliche versucht, um die
Situation zu klaeren. Dann berief sie eine nationale Konferenz
der "Force Ouvriere" ein, die kurz als FO bezeichnet wird. Diese erste nationale Konferenz der FO fand nur sechs Wochen vor
dem Bruch mit dem CGT statt.
Auf dieser ersten Konferenz, die am 7. und 8. November
1947 zusammentrat, zog man noch nicht eine Trennung vom CGT in
Erwaegung. Man beschloss lediglich, sich innerhalb des CGT
_ 4-

�energisch dafuer einzusetzen, eine Beherrschung der Organisation
durch eine oolitische Partei zu vermeiden. Auf der Konferenz
der FO wurde eine geheime Abstimmung innerhalb der CGT und eine
verhaeltnisgleiche Vertretung der in dieser Abstimmung gezeigten Tendenzen gefordert.
Dieser Standpunkt wurde auch auf der Konferenz des Nationalkomitees des CGT vertreten, das wenige Tage spaeter, naemlich am 12. und 13. November, zusammentrat. Wie ich in der
Ausgabe der "Force Ouvridre" vom 1. Januar 1948 erklaerte, wurden "diese Gedanken von der Mehrheit der Delegierten des Nationalkomitees des CGT nicht gebilligt."
"War man wirklich der Ansicht," so fuhr ich fort, "dass
in einer so schwierigen Lage, in der sich unser Land heute befindet und in der die Entscheidungen einer zentralen Gewerkschaftsorganisation einer gruendlichen und fachgemaessen Ueberpruefung
der Situation beduerfen, um die Interessen der Arbeiter zu wahren, wir uns damit einverstanden erklaeren koennten, bei allen
unseren Handlungen eine vorgeschriebene Linie zu befolgen, die
uns zum Teil von unverantwortlichen, nichtorganisierten Elementen und selbst solchen Leuten aufgezwungen worden waere, die mit
der Nuetzlichkeit der gewerkschaftlichen Organisation entweder
nicht vertraut sind oder sie sogar anzweifeln?"
"Offen gesagt, wir warnten den Nationalausschuss vor einer
solchen Entscheidung. Trotzdem wurde sie jedoch von der Mehrheit
der kommunistischen Delegierten getroffen."
Durch Streikbefehle ueberstuerzten sich die Ereignisse.
Obwohl beschlossen war, Streikvorschlaege auf der Konferenz des
Nationalkomitees des CGT zu eroertern, die fuer den 19. Dezember anberaumt war, kam es fast augenblicklich zu Streikausbrueohen. Seltsamerweise fielen sie zeitlich mit der Aussenministerkonferenz d®r Grossen Vier in London und der Tagung des amerikanischen Kongresses zusammen, auf der ueber die Erweiterung
der wirtschaftlichen Hilfe fuer Europa entschieden werden sollte. Wie wir damals schrieben, wurden die Streiks im Interesse
einer politischen Partei und zwar der kommunistischen Partei
gefuehrt, die damit die Konferenz in London beeinflussen wollte.
Dies wurde umso offensichtlicher, nachdem der CGT am 26.
November um eine Unterredung mit dem Arbeitsminister nachgesucht hatte, in deren Verlauf ihm die Forderungen der Gewerkschaft unterbreitet werden sollten. Die Regierung erklaerte
sich am folgenden Tage mit einer Lohnerhoehung um monatlich
1.500 Francs einverstanden, die allen Lohnempfaengern in der Privatindustrie und im oeffentlichen Dienst gewaehrt werden sollte.
Ausserdem war eine Erhoehung der Familienbeihilfen und eine
UeberDruefung der allgemeinen Arbeitslage in Bezug auf Loehne,
Preise und Waehrungskurse genehmigt worden.
Diese Konzessionen konnten natuerlich nicht den Beduerfnissen der Arbeiterklasse in vollem Umfang gerecht werden, und
wir brachten die^ in aller Oeffentlichkeit der% Regierung zum
Ausdruck. Gleichzeitig lehnten wir jedoch ungerechtfertigte
Einschraenkungsmassnahmen ab. Wir waren aber der Ansicht^ dass
die Verhandlungen fortgefuehrt werden muessten, und dass "eine
Verallgemeinerung der Streikmethode den Weg zu einem Abenteuer
ebnen wuerde, fuer das kein aufrichtiger Gewerkschafter die Verantworung uebernehmen koennte."
- 5-

�Jedesmal, wenn Gewerkschafter nach demokratischen Verfahrensregeln zu Rate gezogen wurden, lehnte die Mehrheit von ihnen
eine extreme Handlungsweise ab. Das Streikkomitee dagegen, das
weit eher darauf bedacht war dem Kominform statt den Interessen
der franzoesischsn Arbeiter zu dienen, forderte unter Missachtung aller demokratischen Regeln die Streikenden auf, nicht
nachzugeben. Der Befehl zum Generalstreik wurde erteilt. Er
wurde nur in sehr begrenztem Umfang ausgefuehrt, aber es kam zu
Sabotageakten und Ausschreitungen. Die Oeffentlichkeit sah der
Angelegenheit mit gemischten Gefuehlen entgegen. Unter der Arbeiterklasse waren bereits klare Anzeichen der Verwirrung und Uneinigkeit zu erkennen.
Wir bemuehten uns um eine Fortsetzung der Verhandlungen mit
der Regierung, brachten aber gleichzeitig unsere unerschuetterliche Einstellung den Ausnahmegesetzen gegenueber zum Ausdruck.
Es wurden uns Verbesserungen gewaehrt, die gegenueber den Vorschlaegen der Regierung nicht unwesentlich waren. Trotz der
Aufschneidereien und Luegen des Nationalen Streikkomitees wurde
es am 9. Dezember notwendig, den Befehl zu einem ^taktischen
Rueckzug" zu geben. Die Arbeiter, die gestreikt hatten, nahmen
die Arbeit unter den gleichen Bedingungen wieder auf, die ihnen
bereits am 30. November angeboten, von ihren Vertretern jedoch
abgelehnt worden waren.
Die Probe hatte .ein Ende, aber der Schaden war angerichtet.
Die Gewerkschaftsbewegung kam aus diesem Abenteuer geschlagen
heraus. Die Arbeiter desertierten zu Tausenden aus den Reihen
des CGT. Damit bekundeten sie, dass sie Methoden ablehnten,
die mit ihren Interessen und ihrer Wuerde unvereinbar waren".
Denjenigen, die wir aufforderten, unserer Organisation beizutreten, haben wir immer erklaert, dass sie selbst ueber die
Massnahmen entscheiden wuerden, die ihre Gewerkschaften zur
Unterstuetzung ihrer gerechten Forderungen ergreifen wuerden.
Und wir haben immer wieder betont, dass kein Arbeiter blindlings Entscheidungen akzeptieren kann, ueber die er- und seine
eigene Gewerkschaft keine Kontrolle haben. Es war fuef die Arbeiterschaft notwendig, sich ihrer Ziele bewusst zu werden.
Aus diesem Grunde hielt die Force Ouvriere am 18. und 19. Dezember 1947 eine Konferenz ab.
Demokratische Gewerkschafter kamen zusammen, um in ueberzeuge-nder Form den Missbrauch, der mit ihnen und ihren Gesinnungsgenossen getrieben wurde, am"zudecken, zugleich aber auch
.die Verfolgungen zu zeigen, denen sie ausgesetzt waren. Sie
forderten, dass eine Politik abgelehnt wird, die es der politischen Partei einer fremden Macht erlaubt, die Entscheidungen
der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung selbstaendig zu treffen.
Die Delegierten beschlossen daraufhin, eine von demokratischem Geis-t beseelte Gewerkschaftsorganisation neu zu errichten,
den der CGT in der franzoesischen Arbeiterklasse so viele
Jahre lang geoflegt hatte, indem sie auf das herrliche Gebaeude in der Rue Lafayette, das mit den Beitraegen der Arbeiter gebaut worden war, und 'auch auf die Tageszeitung "Le Peunle" verzichteten, die von ihnen gegruendet und dank ihrer Bemuehungen
zu einem Organ groesster Bedeutung geworden wa^.
Im Bewusstsein ihrer Pflicht und ihrer Loyalitaet zum Freiheitsgedanken gruendeten sie die »»Force Ouvriären.
6 -

�Zwei wichtige Grundsaetze schwebten den Gewerkschaftern
vor, die beschlossen hatten, eine neue franzoesische zentrale
Gewerkschafts Organisation in3 Leben zu rufen: Die Respektierung der Demokratie' innerhalb der Organisation und die absolute Unabhaengigkeit der Gewerkschaft von allen politischen oder
klerikalen Kraeften sollte der Grundsatz dieser Organisation
sein. Durch diese beiden Grundsaetze wurde die Force Ouvriere
zur einzigen Gewerkschaftsorganisation, deren Haltung mit der
traditionellen Einstellung der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung voellig identisch war.
Der CGT dagegen hielt weiterhin an seiner Politik fest,
s;Lch bedingungslos den Argumenten und der Haltung des Kominform
"anzupassen. Die Franzoesische Foederation Christlicher Arbeiter
(Confederation Francaise des Travailleurs Chretiens) - (CFTC)
bestaetigte erneut/ganz im Sinne ihres Namens (was jedoch in
keiner Weise an ihrer demokratischen Grundeinstellung etwas
aendert), dass ihre Bestrebungen im Sinne der christlichen Lehre, d.h. um es genauer zu sagen, im Sinne des Programms des sozialen Katholizismus liegen.
Es eruebrigt sich, festzustellen, dass die Gruendung der
Force Ouvriere ueberall in der Arbeiterklasse groesstes Interesse erweckte. In allen Departements Frankreichs wurden ausnahmalos neue Gewerkschaften der FO sofort ins Leben gerufen.
Landesorganisationen, wie z.B. die Landesorganisation der Lehrer, beschlossen, ihre Selbstaendigkeit zu bewahren, aber sie
brachten durch ihren Austritt aus dem CGT eindeutig zum Ausdruck, dass sie den Entschluss der Force Ouvriere billigten und
die Argumente dieser Organisation auch die ihren waren.
Die formelle Errichtung der Force Ouvriere war ein nicht
wieder gutzumachender Schlag fuer die Diktatur, die die kommunistische Partei der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung durch
Gewerkschafter aufzuerlegen versuchte, die den kommunistischen
Anordnungen Folge leisteten.
Zweifellos wird der CGT auch weiterhin in der Lage sein,
behaupten zu koennen, dass er die zentrale Gewerkschaftsorganisation mit der groessten Mitgliederzahl ist. Ueber seine Werbemethoden und seine Beitragserhebung koennte sehr viel gesagt
werden.
Auf jeden Fall ist es in den vergangenen drei Jahren klar
geworden, dass der CGT nur einen Bruchteil der franzoesischen
Arbeiterklasse repraesentiert. Ein Journalist einer Gewerkschaftszeitung konnte im April 1951 auf Grund eigener Beobachtungen und unwiderlegbarer Tatsachen folgendes schreiben:
"Wenn ein Streikbefehl gegeben werden soll, muss er von
der Force Ouvriere erlassen und gebilligt werden. In einem Unternehmen, in dem der CGTK - eine heut weit verbreitete Bezeichnung fuer den CGT, die dessen Gefolgstreue zum Kominform zum
Ausdruck bringen soll - zehnmal staerker ist als die Force
Ouvriere, wird ein Streikbefehl der CGT niemals von mehr als
einem Drittel der Belegschaftsmitglieder, die dem CGT angehoeren, befolgt werden. Dagegen wird ein Streikbefehl der Forde
Ouvriere von der Mehrheit der Belegschaft befolgt."
Die Gruendung der Force Ouvriere entsprach auf gewerkschaftlichem Gebiet einer wirklich historischen Notwendigkeit. Sie
stellt eine Verbindung her zwischen der Gewerkschaftsbewegung von
heute und der aus dem Ende des 19. Jahrhunderte und ueberhaupt mit
der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung aller Zeiten.
- 7-

�»

Wenn jedoch allgemeine Prinzipien fuer irgendeine soziale
Organisation notwendig sind, die in irgendeiner Weise deren
Daseinsberechtigung unterstreichen~tind ihre wesentlichen charakteristischen Merkmale bilden, muss ihnen auch in Form eines
entsprechenden Programms konkrete Gestalt verliehen werden.
Eine Gewerkschaftsbewegung kann sich nicht darauf beschraenken,
individuelle und beschraenkte Forderungen zu vertreten. Wir
sind der Auffassung, dass sie, um ihrer historischen Rolle wuerdig zu sein, es auf sich nehmen mus3, Veraenderungen in der Gesellschaftsstruktur zu bewirken.
Der franzoesische CGT hat, als ihm noch unsere Ideale vorschwebten, bewiesen, dass er sich seiner Verpflichtung eingedenk war, indem er im Jahre 1920 bereits den Gedanken einer Verstaatlichung der Industrie entwickelte. Dies wurde von den
sogenannten Revolutionaeren mit viel Laerm ins Laecherliche gesogen. Als der Wille der Arbeiter sie spaeter zwang, diese
Idee zu akzeptieren, taten sie es zwar, waren aber entschlossen,
sich die Verstaatlichung zur Verfolgung ihrer selbstsuechtigen
politischen Ziele zunutze zu machen, und nicht damit dem Wohle
der Nation zu dienen.
Dagegen erklaerten diejenigen, die die Force Ouvriere
gruendeten, bereits im Januar 1948, sie haetten die Absicht,
nach sorgfaeltiger Ueberpruefung der Wirtschaftslage alle berechtigten Forderungen zu unterstuetzen.
In der Ausgabe des offiziellen Organs der Force Ouvriere
vom 22. Januar 1948 wurde das Grfindungsmanifest der FO veroeffentlicht.
Dieses Manifest enthielt als Hauptpunkte die
folgenden vier: Stabilisierung, Marshall-Plan,° Produktionssteigerung durch Modernisierung und gerechte Einkommensverteilung. n
In einem Kommentar schrieb ich hierzu: "Wenn wir zuerst
die Stabilisierung erwaehnen, denken wir an die Kaufkraft der
Loehne, die um jeden Preis gehalten werden muss, indem wir uns
der schrecklichen Gefahr einer Inflation, die unser Land bedroht, widersetzen.
"Zu diesem Zwecke muss der arbeitende Teil unserer Bevoelkerung die Verantwortung fuer die ganze Nation, insbesondere
fuer die wirtschaftlich schwaecheren Elemente, Leute, die von
kleinen Renten leben muessen, usw. uebernehmen. Durch Stabilisierung der Wirtschaft und der Waehrung muss die tragische Spirale aufgehalten werden, die uns zum Bankrott und die Republik
in die Arme der brutalsten Reaktion fuehren koenr.te.
"Aber die Wirksamkeit einer derartigen Politik der oeffentlichen Y.'ohlfahrt koennte durch gesteigerte Produktionsbamuehungen gesichert werden. Gesteigerte Produktion haengt von der Verwirklichung der Ilodernisierungs- und Ausruestungsolaene ab.
Wenn wir das Ausruestungsmaterial unserer Industrie und Landwirtschaft nicht ueberholen und modernisieren,koennen wir unmoeglich auf einen Fortschritt hoffen.
n

Es kann jedoch keinen Monnet-Plan geben, ohne dass es
einen Plan fuer die amerikanische Hilfe fuer Europa gibt, denn
Modernisierung und Neuausruestung erfordern wirtschaftliche Hilfe und die Importierung all dessen, was in unserer Wirtschaft
fehlt - Rohstoffe, Maschinen, Fertigwaren und Erzeugnisse aller
Art, die uns nur jene amerikanische Hilfe bringen kann."
- 8-

�"Y.'enn wir eine gerechtere Verteilung des Nationaleinkommens fordern, so bleiben wir damit der alten grundlegenden Forderung der Gewerkschaftsbewegung treu. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit rechtfertigt das Bestehen der Gewerkschaftsbewegung .
"Wenn ein grosser Teil der Fruechte der Arbeit an nutzlosen "Punkten einer irrationellen Verteilung zwischen Hersteller
und Verbraucher festgehalten wird, so sind wir berechtigt,
eine gerechtere Verteilung des Gesamteinkommens durch die Beseitigung parasitenaehnlicher Taetigkeiten, und besonders die
der ueberflue3sigen Mittelsleute, zu fordern. Im Jahre 1948
jedoch ist es in einem Staat, der durch zwei Weltkriege verarmt und au^gesogjn ist, nicht moeglich, allein durch die Reform jener Gesetze,, die die Verteilung des durch die Arbeit
des Volkes geschaffenen Wohlstandes regeln, diese sozialen
Probleme zu loesen. Das Einkommen, das zur Verteilung bereitsteht, muss vergroessert werden.
"Das Nationaleinkommen muss deshalb nicht nur auf die
bestmoegliche Art und V/eise verteilt werden, sondern es muss
auch bedeutend vermehrt werden, um den ungeheuren Anforderungen unserer Tage und unseres Zeitalters gerecht werden zu
koennen. Deshalb muss die Modernisierung und Ausruestung der
Betriebe von einer rationell eingestellten GewerkschaftsOrganisation unterstuetzt werden, die nach immer groesserer Produktivitaet strebt.
Wir haben niemals daran gedacht, den Glauben an jenes Programm aufzugeben. Bei all unseren Handlungen hatten wir den
Leitsatz vor Augen: Kampf gegen eine katastrophale Inflation
durch eine Senkung oder zumindest eine Stabilisierung der Preise, Steigerung und Rationalisierung der Produktion und gleichmaessigere Verteilung der Produkte der nationalen Arbeit. Vor
allem die beiden letzten Faktoren waren es, die uns veranlasst
haben, dieses Programm zu unterstuetzen.
Wenn wir uns zum Beispiel1 fuer ein Programm der sozialen
Sicherheit einsetzen, wenn wir nicht nur dessen Fortsetzung
fordern, sondern auch seine Verallgemeinerung vorschlagen, dann
handeln wir im Sinne einer gerechteren Verteilung des nationalen Einkommens. Wenn wir dem Schuman-Plan unsere Unterstuetzung
zusagen, dann tun wir damit weiter nichts, als dass wir in
Europa die Verwirklichung unseres Grundsatzes der Steigerung
der Produktion durch wohlueberlegte und koordinierte Verwendung
der Rohstoffe und hierbei der zwei grundlegenden Erzeugnisse,
naemlich Kohle und Stahl, foerdern.
Wir haben uns ebenfalls zugunsten einer internationalen
Organisation der Verteilung ausgesprochen, die den Zweck hat,
etwaigen durch einen Weltmangel an bestimmten Rohstoffen verursachten Schwierigkeiten in der Produktion zu begegnen.
In den letzten 3 1/2 Jahren war die Force Ouvriere die
einzige Gewerkschaft, deren Handlungen ausschliesslich von dem
Wunsche bestimmt waren, das Los der franzoesischen Arbeiter zu
bessern und eine gerechtere und freiere Gesellschaftsordnung
aufzubauen.
Das Jahr 1948 sah die Force Ouvriere im Kampf um die Erhaltung des Preisniveaus. Sie uebte zu diesem Zweck einen schweren Druck auf die Regierung aus. Es ist nun Zeit genug verflossen, um die Ergebnisse unserer Bemuehungen uebersehen zu
- 9-

�koennen. (Der Lebenshaltungskostenindex stand zu Anfang des
Monats Februar 1948 auf 1.520 gegen 100 Im Jahr 1938) . Er
erreichte im Juli 1948 die Zahl 1530. Das war natuerlich kein
Rueckgang, aber es bedeutete praktisch die Stabilisierung.
Im Monat Aoril 1948 fand der erste Kongress der Force
^
Ouvriere statt. Er trat in Paris in der "Salle de.la Mutualite"
zusammen. 1.435 Delegierte waren anwesend. Sie legten das
Programm der FO fest und waehlten ihre fuehrenden Organe.
Ich wurde zum Vorsitzenden und Robert Bothereau zum Generalsekretaer gewaehlt.
In der Rede, die ich auf dem Kongress hielt, und die bei den
Delegierten einstimmigen Beifall fand, erklaerte ich mich eindeutig zugunsten einer Vereinigung Europas, und seitdem hat
die Force Ouvriere unaufhoerlich den Kampf um den Frieden durch
die Vereinigung Europas und der Welt und durch eine wirksame
Solidaritaet der Voelker in Anerkennung der Grundsaetze der
Freiheit und der Achtung der Menschenwuerde gefuehrt.
1949 kaempften wir um die Wiedereinfuehrung der freien
Lohnverhandlungen in Form der Tarifabkommen. Seit dem Sommer
vergangenen Jahres hat sich die Regierung als unfaehig erwier
sen, die Preisstabilisierung zu erzwingen. Zu ihrer Verteidigung muss jedoch gesagt werden, dass das Parlament, ohne es zu
wagen, eine klare Haltung zugunsten des wirtschaftlichen Liberalismus einzunehmen, die Politik der Wirtschaftslenkung und
selbst die Politik einfacher Wirtschaftskontrollen abgelehnt
hat. Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse, mit Ausnahme
des Preises fuer V/eizen, und Preise fuer Industrieerzeugnisse
waTen praktisch nicht kontrolliert, waehrend die Loehne auf
der anderen Seite durch ministeriellen Erlass gebunden blieben.
Die Arbeiterschaft hatte schwerwiegenden Konsequenzen dieser unterschiedlichen Behandlung zu tragen. Ein bezeichnendes
Sprichwort, das in dieser Zeit entstanden ist, heisst: "Preise
duerfen den Fahrstuhl benutzen, aber die Loehne werden von der
Regierung gezwungen, die Treppenstufen zu gehen."
Der Kampf um Gerechtigkeit dauerte lange. Dem Ziel, zur
Tarifverhandlung zurueckzukehren, das am ersten Jahrestag der
Gruendung der Force Ouvriere in einem Manifest niedergelegt wurde, war man am 27. Januar 1949 naehergekommen, und zwoelf Monate
spaeter, am 11. Februar 1950, wurde das Gesetz zur Aufhebung
des Lohnstops erlassen. Auch in den folgenden sechs Monaten
musste energisch gehandelt werden, um zu erreichen, dass am
23. August 1950 das Gesetz zur Festsetzung garantierter Mindestloehne erlassen wurde.
Das Hauptziel, das sich die Force Ouvriere fuer das Jahr
1950 gesteckt hatte, wuerde an 3ich schon ein eingehendes Studium erfordern, weil damit die Frage um die Erhaltung unseres
Sozialversicherungssystems verbunden ist. Unsere Organisation
setzte alle ihre Macht in diesem Kampfe ein. Wir beschaeftigten uns mit der Frage der Sozialversicherung bereits im CGT zu
einer Zeit, als dessen jetzige Fuehrer deren Grundsaetze und ihre
Verwirklichung ablehnten, und als die Verfechter des Kapitalismus
Angriffe gegen sie richteten, die sie immer wiederholt haben. Wir
wissen, dass dieser Kampf ein schwerer sein wird, aber wir sind
ueberzeugt, dass soziale Sicherheit und Verstaatlichung jene
Moeglichkeiten sind, die die franzoesische Arbeiterschaft zu ihrer
Befreiung fuehrte. Soziale Sicherheit gibt der Arbeiterklasse die
Moeglichkeit, Schwierigkeiten zu verringern, die Krankheit und
- 10 -

�hohes Alter mit sich bringen. Wir sind aus dem CGT ausgetreten,
um gegen die Vormundschaft einer politischen Partei zu protestieren j die sich einer fremden Nation verpflichtet hat, und um
die Unabhaengigkeit der Gewerkschaftsbewegung zu sichern. Wir
haben allen Grund, mit den bis jetzt erzielten Erfolgen zufrieden zu sein. Unsere Gewerkschaften in den Departements und
unsere Industrieverbaende sind voller Initiative. Sie umfassen
mehr als eine Million Lohnempfaenger und bilden die moralische
Basis des Kampfes, den die franzoesische Arbeiterklasse um
die Besserung ihrer materiellen Lage fuehrt.
Die Force Ouvriäre hat die Herrschaft der kommunistischen
Partei gebrochen. Seit der Gruendung unserer Organisation
schwand der Einfluss der Kommunisten unaufhoerlich. Diese Tatsache bildet eines der charakteristischen Merkmale der Jahre
1949, 1950 und 1951.
Wir werden unser Ziel jedoch nicht erreichen, wenn die
franzoesische Arbeiterklasse sich nicht erneut der beiden Wahrheiten eingedenk wird, dass es "keinen ueberirdischen Helfer
fuer sie gibt, und dass sich die Arbeiter selbst helfen muessen."
Mit unserer Beteiligung an der historischen Gruendung des
Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften haben wir uns
einen Anspruch auf einen Platz in dem weltweiten Ringen um Freiheit und Frieden erworben. Unsere bruederliche Zusammenarbeit
mit den anderen freien Gewerkschaftsbewegungen wird von Dauer
sein.
Wir von der Force Ouvriere werden der Auffassung unseres
grossen Jean Jauräs treu bleiben, der einmal erklaerte: "Mut
bedeutet, die Wahrheit zu suchen, und die Wahrheit zu sagen bedeutet, nicht der Herrschaft der Luege zu unterliegen."
The American Federationist
V/51
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG UND INTERNATIONALE ANGELEGENHEITEN
"Warum soll sich meine Gewerkschaft um Probleme in Peru,
Indien oder Oesterreich kuemmern? Was geht es mich an, ob die
Lebenshaltungskosten in Paris steigen oder ob die Arbeitslosigkeit in Pakistan zurueckgeht?"
Dies sind die Einleitungsworte einer neuen Flugschrift
mit dem Titel "Der CIO und internationale Angelegenheiten", die
von dem sechs Millionen Mitglieder zaehlenden Kongress der Industrieverbaende veroeffentlicht wurde. Der Vorsitzende des
CIO, Philip Murray, gibt hierauf die Antwort:
"Ein Absinken der Loehne in Paris kann Arbeitslosigkeit in
Pittsburgh oder Detroit bedeuten. Antigewerkschaftliche Aktionen in Buenos Aires koennen in der gesamten Hemisphaere Reaktionen auslossen, die sich auch auf das amerikanische Volk auswirken koennten. Und jede kommunistische Infiltration oderAggression,
die sich immer zuerst gegen die Gewerkschaften richtet, kann zu
jeder Zeit zu einer Weltkrise fuehren.
Aber beschaeftigt sich der CIO mit internationalen Problemen lediglich aus Selbstinteresse? Lediglich, um seinen eigenen
- 11 -

�Mitgliedern ihr Brot und ihre Butter zu sichern? Bestimmt
nicht. Murray sagt hierzu: "Jede amerikanische Gewerkschaft
ist zugleich ein Symbol der Freundschaft und der Zusammenarbeit. Wenn Gewerkschaftsmitglieder nichtorganisierten Arbeitern in einem anderen Betrieb helfen, ihre eigene Ortsgswerkschaft zu errichten, so demonstrieren sie damit ihren Geist
der Kollegialitaet und der Freundschaft. Dieser Geist hat
unsere Gewerkschaften stark und lebensfaehig gemacht. Als demokratische Amerikaner koennen wir vieles tun, um unseren Arbeitskollegen in anderen Nationen zu helfen. Wir erfreuen uns
im aligemeinen eines hoeheren Lebensstandards als die Arbeiter
irgendeiner anderen Nation. Als Gewerkschafter, als Maenner
und Frauen, die um ein besseres Los der Menschheit ringen,
wuenschen wir zu helfen - wir wollen den weniger Beguenstigten
dabei helfen, in den Besitz jener Gueter zu kommet, mit denen
Gott unsere Erde gesegnet hat."
Der CIO ist nicht die einzige Gewerkschaft, die diesen
Wunsch zum Ausdruck gebracht hat. Er steht in enger Zusammenarbeit mit den acht Millionen Mitgliedern der AFL, mit denen
er gemeinsam fuer eine bessere Welt kaempft. Die Hilfe der
amerikanischen Gewerkschaften ist aber auch kein.Wohltaetigkeitsdienst. Philip Murray erklaert in diesem Zusammenhang:
"Durch den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften
schaffen wir freundschaftliche und kooperative Arbeitsbeziehungen mit unseren Gewerkschaftskollegen in anderen Laendern.
Diese Beziehungen sind absolut produktiv. Gewerkschafter aus Uebersee
haben uns frueher einmal geholfen; ich vermute sogar, dass auch
wir ihnen helfen koennten. Wir haben ein grosses Selbstinteresse an diesen Angelegenheiten von weltweiter Bedeutung, denn
wir wissen, dass Kommunismus und Diktatur nur in dem Morast
wirtschaftlicher Not gedeihen koennen. Indem wir mit daran
taetig sind, die Gewerkschaftsbewegungen anderer Laender aufzubauen und ihren Mitgliedern zu einem besseren Leben verhelfen,
zeigen wir, dass die echte Demokratie wirklich lebensfaehig
ist. Und wir beweisen damit, dass die Propaganda des Kreml,
in der Amerika als ein Land des Wall-Street-Imperialismus und
ausgebeuteter Sklaven hingestellt wird, nichts anderes als die
Fabrikation kommunistischer Luegen und Verleumdung ist."
Um seine Taetigkeit auf internationalem Gebiet wirksamer
zu gestalten, hat der CIO ein Internationales Komitee gebildet,, an dessen Spitze der Vorsitzende der Bekleidungsarblitergewerkschaft, Jacob S. Potofsky, steht. Dieses Komitee hilft,
auf der ganzen '.Veit Zweigstellen des IBFG aufzubauen, es sendet aber auch noch eigene Vertreter in die verschiedenen Gebiete. Victor Reuther, der Leiter des Bildungsreferats der Automobilarbeitergewerkschaft, ist z.B. der Leiter einer dreikoepfi^en Delegation in Europa.
Welche politischen Ziele verfolgt und unterstuetzt der CIO
in Angelegenheiten von weltweiter Bedeutung? Auf dem Kongress
des CIO im November vorigen Jahres wurde erklaert:
"Die Erringung eines dauernden Friedens ist das erste Ziel
aller Voelker der Welt. Der CIO unterstuetzt mit allen Mitteln
die Staerkung der demokratischen Kraefte in Amerika und auf der
ganzen Welt. Damit bemueht er sich, die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Grundlagen zu schaffen, auf denen der Friede aufgebaut werden kann."
Als die nordkoreanischen Marionetten Stalins im Juni 1950
in die Republik Korea eindrangen, verurteilte der CIO sofort
- 12 -

�diese Handlungsweise. Auf dem Kongress des CIO im November vorigen Jahres wurde erneut bestaetigt, dass der CIO die Vereinten
Nationen in ihrem Kampf gegen die kommunistische Aggression in
Korea mit allen Mitteln unterstuetzt. Der CIO bemerkte, dass
die neue Aggression der chinesischen Kommunisten die Gefahr fuer
den Frieden der Welt vergroes^ere. Nach dem Kongress begruesste
der CIO den vom Beratungsausschuss fuer Internationale Entwicklung verfassten 3ericht"an Praesident Truman. Hierbei unterstuetzt er die Tatsache, dass sich Hunderte von Millionen Menschen gegen Armut und Ungerechtigkeit, gegen Imoerialismus und
Kolonialismus auflehnen. In diesem Bericht heisst es:
"Um dauernden Frieden, Sicherheit und Wohlergehen auf der
Welt zu erreichen, muessen wir gemeinsam eine wirtschaftliche
Offensive gegen Hunger, Armut, Analphabetentum und Krankheit
starten."
Als das Europaeische Wiederaufbauprogramm begonnen wurde,
haben CIO und alle anderen freien Gewerkschaftsgruppen diese
Arbeit unterstuetzt. Gleichzeitig wurde auf dem CIO-Kongress
eine bessere Verteilung der nationalen Einkommen in den MarshallPlan-Laendern gefordert. Seitens des CIO wurde erklaert:
"Wir fordern, dass in zunehmendem Masse solchen Massnahmen
Beachtung geschenkt wird, die direkt oder indirekt zu einer
Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter in solchen Laendern fuehren, die Marshall-Plan-Hilfsgelder erhalten, namentlich Italien, Frankreich und Westdeutschland, wo legislative
und wirtschaftliche Reformen kategorische Notwendigkeiten sind.
Sie sollen es dem arbeitenden Volk ermoeglichen, einen gerechteren Anteil an den aus den Wiederaufbaubemuehungen entstehenden
Gewinnen zu erhalten.
In der Flugschrift des CIO wird darauf hingewiesen, dass
viele amerikanische Gewerkschaftsdelegationen, die sich im Jahre
1950 in Europa aufhielten, scharfe Kritik daran uebten, dass
man es versaeumt hat, die durch die ECA entstandenen Gewinne
den einfachen Arbeitern zuzuleiten. Die amerikanischen Gewerkschafter haben unablaessig behauptet, dass der Lebensstandard
der Arbeiter seit Kriegsende nieht genuegend gesteigert wurde,
waehrend die Unternehmergewinne in einer Anzahl europaeischer
Laender ohne Unterbrechung in die Hoehe gingen.
'Der CIO hat Praesident Trumans Programm fuer wirtschaftliche und technische Unterstuetzung der unterentwickelten Gebiete
der Welt - als Punkt-Vier-Programm bekannt - staendig unterstuetzt und dabei folgende Forderungen gestellt:
"Im Rahmen des Punkt-Vier-Programms muessen auch die Arbeiter unterstuetzt werden, damit die technische Modernisierung der
Industrie mit der Modernisierung der Rechte der Arbeiterschaft
Hand in Hand geht. Der Mindestlohn, die Tarifverhandlung und
die gemeinsame Beilegung von Streitigkeiten muessen in der Liste
der Methoden, die unser Land nach diesen unterentwickelten Gebieten "exportiert", an erster Stelle stehen."
Indem er sich gegen jegliche Form der Diktatur wendet, sei
sie stalinistischer oder faschistischer Art, ist der CIO der
Auffassung, dass diese Unterstuetzung nur solchen Nationen zuteil werden soll, die "in dem Kampf um die Erhaltung und Verbreitung der Demokratie und der Freiheit wirkliche Hilfe leisten
koennen." Er lehnt Kredite fuer Franco-Soanien deshalb ab, weil
-

l

n

-

�dies einer Schwaechung der demokratischen Kraefte in Europa
und Asien gleichkommt. Der CIO billigt das militaerische Hilfsprogramm fuer die Freunde der Demokratie in Europa, um eine erfolgreiche Verteidigung der Demokratie gegen jegliche Aggression
Sowjetrusslands zu ermoeglichen.
Der CIO hat ausserdem gefordert, dass die Arbeiterschaft
noch mehr als bisher am aussenpolitischen Programm der Vereinigten Staaten beteiligt wird,, wozu auch die Vertretung der Gewerkschaften im Aussenministerium und anderen Regierungsbehoerden
gehoert, die sich mit der Aussenpolitik beschaeftigea. In diesem Zusammenhang hat der CIO erklaert:
"Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung verfuegt ueber
Nachrichtenwege und Beziehungen mit dem Ausland, die fuer die
erfolgreiche Durchfuehrung einer demokratischen amerikanischen
Aussenpolitik von grossem Wert sein koennen."
Sozialreferenten und Beamte fuer Arbeitsinformationen sind
in amerikanischen Botschaften auf der ganzen Welt beschaeftigt.
Auch zu den Personalstaeben der ECA in Europa gehoeren Experten
auf dem Gebiet der Arbeitsinformationen.
Durch seine Mitgliedschaft im 60 Millionen Mitglieder
starken Internationalen Bund Freier Gewerkschaften kaempft der
CIO auf weltweiter Basis um Brot, Frieden und Freiheit. Es
ist keine leichte Aufgabe. Die Freiheit muss stets schwer erkauft werden. Aber die Gewerkschaftsbewegung weiss, dass sie
das Salz des Lebens ist, das dem Brot und dem Frieden die
Wuerze gibt.
Program Services Section
V/18/51
DIE ASIATISCHE REGIONALORGANISATION'DES IBFG GEGRUENDET
Der IBFG hat vor kurzem eine neue Regionalorganisation fuer
Asien gegruendet. Auf einer historischen Konferenz in Karachi,
Pakistan, riefen Delegierte aus zwoelf asiatischen Laendern,
die nahezu zehn Millionen Arbeiter vertreten, diese neue Organisation ins Leben, um damit die freie Gewerkschaftsbewegung
zu foerdern.
Die Gewerkschaf ten #in Asien waren niemals so stark wie in
Westeuropa und Amerika. ' Man erwartet,- dass diese Konferenz
einen Wendepunkt in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung dieses Kontinents darstellen wird. Ihre Gruender prophezeien, dass
die Regionalorganisation eine Rolle von zunehmender Bedeutung
nicht nur im Kampf gegen den stalinistischen Imperialismus, sondern auch in den Bestrebungen zur Erhoehung des Lebensstandards
der asiatischen Bevoelkerung spielen wird.
Faiz Ahmed, der Delegierte aus Pakistan, nominierte den
72jaehrigen N. M. loshi zum Vorsitzenden der Konferenz. Joshi,
"der Vater der indischen und asiatischen Gewerkschaftsbewegung"
wurde einstimmig gewaehlt. Der Veteran der Arbeit dankte fuer
diese Ehre und erklaerte, dass die asiatischen Gewerkschaften
die Hilfe des IBFG brauchen und begruessen. Mit dessen Unterstuetzung koennten starke Gewerkschaften organisiert werden, die
sich erfolgreich fuer eine Verbesserung des Lebensstandards der
Arbeitermassen Asiens einsetzen koennten. Er sagte: "Wir brau- 14 -

�chen vor allem das Kapital und die technischen Erfahrungen, die
uns in Form des Colombo-Plans und des Punkt-Vier-Programms zur
Verfuegung gestellt werden. Die Aufgaben, die auf uns warten,
sind nicht nur sehr bedeutsam, sondern auch weitreichend und
aeusserst schwierig. Wir muessen unsere Bevoelkerung von dem
Joch der Arbeitslosigkeit befreien, und indem wir diesem grossen
Gebiet zu industriellem Fortschritt verhelfen, muessen wir ein
Gleichgewicht unserer Taetigkeit auf landwirtschaftlichem und
industriellem Gebiet herstellen."
De Mungat, der Repraesentant des I3FG fuer Asien, verlas
einen Bericht des Generalsekretaers J. H. Oldenbroek. Mungat
erklaerte, dass der IBFG Regionalorganisationen organisiert habe,
um die verschiedenen Probleme der einzelnen Gebiete auf regionaler Basis loesen zu koennen. Die Selbstaendigkeit jeder einzelnen Regionalorganisation muesse mit der Notwendigkeit in Einklang gebracht werden, die zentralen Richtlinien und die weltweiten Bestimmungen zur Koordinierung der Taetigkeit- der neuen
demokratischen Gewerkschaftsinternationale zu beachten.
Er forderte vor allem die Einigkeit der Gewerkschaften
der freien Welt, die durch "Kraefte bedroht sind, die sich
durch krassen antidemokratischen Geist auszeichnen."
G. G. Metha von der sozialistischen Gewerkschafts-Foederation Hind Mazdoor Sabha in Indien bemerkte, dass zu viele Gewerkschaften in Asien gezwungen seien, die Anordnungen ihrer
Regierungen zu befolgen. Die Gewerkschaften muessten von den
Regierungen vollkommen unabhaengig sein. Er warnte den IBFG
davor, sich durch irrendeine Machtgruppe beeinflussen zu lassen.
Die Delegation der Gewerkschaftsorganisationen der Republik Korea forderte die asiatischen Gewerkschaften auf, die'
Tatsache anzuerkennen, dass die Kommunisten die Aggressoren in
ihrem Lande sind. Die Mitgliederorganisationen des IBFG muessten
sich weigern, irgendetwas zu unternehmen, was fuer die chinesischen Kommunisten von Vorteil sein koennte.
Irving 3rown, der Reoraesentant der AFL in Europa und Mitglied des Exekutivausschusses des IBFG, war ebenfalls zur Teilnahme an der Konferenz in Karachi eingeladen. Er versicherte
den Delegierten, dass der IBFG sich der ungeheuren Bedeutung
starker Gewerkschaften in ganz Asien bewusst sex und versprach
jede nur moegliche Unterstuetzung. Den Regionalorganisationen
wuerde ein groesstmoegliches Mass an Selbstaendigkeit gewaehrt
werden.
"Der IBFG will," so fuhr er fort, "die Gewerkschaftsbewegung von der Bevormundung durch totalitaere Politik und Diktatur
befreien. Wir befolgen den Grundsatz, dass kein Mensch
gezwungen werden kann, einen Weg zu verfolgen, der ihm von anderen vorgeschrieben ist. Der IBFG wird nicht versuchen,andere
zu zwingen, die Ideologie irgendeiner Partei oder Grunpe zu
uebernenmen."
Damit braohte Irving Brown klar zum Ausdruck, dass der
IBFG nicht von irgendeiner Ideologie, ausser der demokratischen,
beherrscht ist. Ihm gehoeren Gewerkschaften an, die sowohl sozialistisch sind als auch andere, die fuer die freie Wirtschaft
eintreten, ^r umfasst Katholiken, Protestanten, Moslems, Hindus und Angehoerige anderer Glaubensbekenntnisse.
- 15 -

�Am letzton Tag der Konferenz, dem 31. Mai, billigten die
Delegierten eine intSchliessung, in der den Vereinten Nationen
und dem Volk in Korea in dem Kampf gegen die kommunistische
Aggression jede nur^moegliche Unterstuetzung zugesagt wird.
Alle Delegierten, mit Ausnahme derjenigen der Indischen Gewerkschaftsorganisation Hind Mazdoor Sabha, stimmten fuer die Resolution, u.a. auch die Delegierten des indischen Gewerkschaftskongresses. In der Entschliessung wird festgestellt, dass das
freie Gewerkschaftstum die Grundlage der Demokratie ist, und
dass Kommunismus gleichbedeutend mit der Missachtung aller Rechte der Arbeiter ist.
Wenn das Volk in Korea seine Unabhaengigkeit an die totalitaeren Stalinisten verlieren wuerde, so waere hierin eine
schwere Niederlage fuer die Arbeiter und die Demokratie zu sehen.
Die Delegierten forderten alle Gewerkschaftsorganisationen auf,
entsprechende Massnahmen zu ergreifen, um die Resolution zu verwirklichen und den Vereinten Nationen zu helfen. Hierzu gehoere
auch der Boykott von Kriegsmateriallieferungen fuer die Angreifer. Die Hilfe, die die Gewerkschaften den suedkoreanischen
Streitkraeften und denen der Vereinten Nationen leisten koennten, muesse erweitert werden, heisst es abschliessend in der
Resolution.
Zuvor hatte die Konferenz eine Entschliessung gebilligt,
die sich gegen die koloniale 'Wirtschaft Asiens wendet. Die Welt
wird darin aufgefordert, mitzuhelfen, den Lebensstandard Asiens
auf ein anstaendiges Niveau zu bringen. Die Notwendigkeit einer
Landreform wird besonders hervorgehoben; auf diese Weise koenne
am besten der kommunistischen Gefahr begegnet werden.
Der Delegierte der freien chinesischen Gewerkschaften, die
sich nun auf Formosa befinden, war Liang Yung Chang. Er berichtet, dass die Arbeitsbedingungen auf dem chinesischen Festland
furchtbar schlecht seien; allein in Schanghai seien 150,000
Arbeiter erwerbslos und 50.000 waeren al3 Zwangsarbeiter nach
Sowjet-Russland und dessen SatellitensU aten geschickt worden.
Lian Yung Ghang fuehrte weiter aus, dass das Los der Arbeiter auf Formosa, obwohl diese Insel von Krieg bedroht sei, laufend verbessert wuerde. Ein Programm sei in die Wege geleitet
worden, das Unfall-, Alters-, Kranken- und Invalidenunterstuetzungen fuer die Arbeiter vorsehe.
Der chinesische Gewerkschaftsfuehrer beschuldigte die stalinistischen Eindringlinge, bei der Eroberung seines Landes die
Unabhaengigkeit
dar Gewerkschaften z.^rstoert zu haben. Demokratische Gewer;-schaftsfuehrer wurden ermordet, andere terrorisiert.
Er berichtete ferner, dass die Opposition gegen die Roten in
China staendig groesser wird und forderte jede nur moegliche Unterstuetzung fuer die dortige Untergrundbewegung.
Delegierte und Beobachter aus Ceylon, Indien, Korea, China,
Malaya, Pakistan, Thailand, Hongkong, Burma, Indonesien, Singapur und von den Philippinen waren zugegen. Es war die dritte
Regionalorganisation, die vom IBFG gesrruendet wurde. Die erste
war fuer Westeuropa und die zweite fuer die westliche Hemisphaere
in Mexiko ins Leben gerufen worden.. Die Errichtung aehnlichor
Organisationen fuer Afrika und den mittleren Osten ist geplant.
Program Services Section
VI/1/51
- 16 -

HICOC 15 Jun 51 11977 5i K

�Internationale

ARBEITSHITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 24

Frankfurt, 22, Juni 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Europaeische Konferenz ueber "Produktivitaet und
Lebensstandard"
- - - - - - - - - - - - - -

1 .

Beziehungen zur Oeffentlicukeit

4

- - - - - - - -

Die Arbeiterschaft muss am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben
- - - - - - - - - - - - - Westeuropa nach drei Marshallplan-Jahren

- - -

9
10

Amerikanischer Experte Äussert sich zu Produktivitaetsproblemen - - - - - - - - - - - - - -

14

Jahreskonferenz der IAO ohne Russland - - - - -

15

EUROPAEISCHE KONFERENZ UEBER "PRODUKTIVITAET UND LEBENSSTANDARD"
Mehr als 175 Persoenlichkeiten aus dem industriellen und
gewerkschaftlichen Leben Westeuropas kamen im Juni in der historischen Abtei Royaumont in der Naehe von Paris zusammen, um
ueber die Beziehungen zwischen gesteigerter Produktionsleistung
und dem Lebensstandard der europaeischen Arbeiter zu diskutieren.
Auf einer dreitaegigen Konferenz aeusserten sich Unternehmer, Betriebsleiter, Arbeitsvorgesetzte und Gewerkschafter zu
diesem Thema. Technische Experten aus allen Sparten des industriellen Lebern brachten eindeutig zum Ausdruck, dass die Lebensbedingungen der meisten europaeischen Arbeiter und besonders derjenigen in Frankreich unter der durchschnittlichen Norm
liegen. Sie beschlossen, Methoden auszuarbeiten, um dieser Si- 1-

�tuation zu begegnen, die allgemein als gefaehrlicr. und ungerecht
bezeichnet wurde. Im Verlauf dieser Diskussionen wurden die
bereite gemachten Erfahrungen in Bezug auf Produktivitaets- und
Betriebsmethoden ausgetauscht.
Der Anlass zu dieser Konferenz war die 5. Internationale
Konferenz fuer Gozielprobleme der Arbeitsorganisationen, die
von dem franzoesischen Nationalen Ausschuss fuer Arbeitsorganisation in Zusammenarbeit mit der franzoesischen Vereinigung
zur Foerderung einer gesteigerten Produktionsleistung und dem
Internationalen Ausschuss fuer Betriebswissenschaftliche Organisation einberufen worden war. Den Vorsitz des franzoesischen
Ausschusses leitete Rolf Nordling.
Einen Hoehepunkt der Konferenz bildeten die Ansprachen amerikanischer Fachleute ueber Produktivitaetsfragen, die aus den
Reihen des amerikanischen Unternehmertums, der Gewerkschaften
und der Regierung kamen. Diese Sachverstaendigen tauschten mit
den europaeischen Konferenzteilnehmern ihre Erfahrungen aus, die
sie sich bei der Entwicklung des fortschrittlichen Wirtschaftssystems in den Vereinigten Staaten, eines hohen Produktivitaetsstandes, eines verbesserten Lebensstandards und einer starken
Gewerkschaftsbewegung angeeignet hatten.
Die Sprecher waren:
Robert Oliver, Berater fuer Arbeitsfragen der ECA in
Washington,
R. R. Zimmerman, Sonderberater des Leiters der_ Abteilung fuer technische Unterstuetzung in der ECA,
William Gomberg, der Leiter des technischen Referats
der Internationalen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarb ^iter,
James M. Silberman, Sachbearbeiter im Arbeitsministerium
der Vereinigten Staaten und
Henry Nunn von der "Nunn-Bush"-Schuhfabrik.
M. Christa, Generalsekretaer der franzoesischen Gewerkschaft
"Fondeurs de France," berichtete von einem Programm zur Steigerung der Produktionsleistung in der franzoesischen Eisen- und
Stahlindustrie. * Er erklaerte, dass man auf Geratewohl zehn Betriabe ausgewaehlt habe, in denen mit diesem Programm begonnen
werden sollte, und die fuer die andern dann als Musterbeispiel
dienen sollten. Fuer die Unternehuer wuerden achttaegire Lehrgaenge.fuer Techniker sechswoechige und fuer Vorarbeiter vierwoechige Ausbildungskurse durchgefuehrt. In dem Betrieb wuerden je vier
oder fuenf Arbeiter zu Schulungsgrupp.en zusammengefasst und angeregt, selbst zu ueberlegen, wie man die Produktionsleistung steigern koenne. Die Loehne gingen im gleichen Verhaeltnis wie die
Produktionsleistung in die Hoehe.
Christa stellte klar heraus, dass nach seiner Auffassung die
wesentlichste Vorbedingung fuer ein durchfuehrbares Produktivitaetsprogramm die Aufgeschlossenheit der Arbeiter im Betrieb ist.
Die Produktionsleistung in den Vereinigten Staaten sei weniger
besseren Moeglichkeiten als vielmehr intensiver Arbeit, gutem
Willen und wissenschaftlichem Studium zu verdanken.
Rene Richards, der Generalsekretaer der franzoesischen Gewerkschaft CGT - Force Ouvriere, erklaerte vor der Konferenz,
dass gemeinsame Bemuehungen der Unternehmer, Gewerkschaften und
Arbeiter zu einem besseren Lebensstandard fuehren koennten, und
- 2 -

�dass er in der Art, in der seine Gewerkschaft begonnen habe, am
Produktivitaetsprogramm mitzuarbeiten, einen guten Anfang konstruktiver Zusammenarbeit sehe.
Der Konferenz wohnten 140 Delegierte aus Frankreich bei.
Andere kamen aus Deutschland, Belgien, Spanien, Finnland,
Grossbritannien, Italien, Holland, Schweden und den Vereinigten
Staaten. Die meisten Delegationen setzten sich aus Vertretern
der Gewerkschaften und der Unternehmer zusammen.
V/aehrend das Hauptthema der Konferenz "Produktivitaet und
Lebensstandard" hiess , aeusserten- sich die Delegierten zu einer
Vielzahl von Problemen, die mit dem nationalen wirtschaftlichen
Wohlergehen in Zusammenhang stehen, wie z.B. Steuerwesen, Stabilitaet der Waehrung, Beschaeftigungslage, Betriebsrationalisierung, soziale Dienstleistungen, Produktionsnormung und Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Besonders interessant war fuer die meisten Delegierten ein
Bericht aus Schweden ueber soziale Probleme des Arbeitsmarktes.
Dieser Bericht, der von Lennard Cronquist, Gunnar Lindstrom
und Otto Nordenskiold verfasst war, zeip-te auf, dass 10% des
Nationaleinkommens Schwedens fuer soziale Dienstleistungen zum
Nutzen der Arbeiter verwendet werden. Die Arbeitsweise der
schwedischen V/irtschaft sei so organisiert, dass die Arbeiter
an den Gewinnen aus der gesteigerten Produktionsleistung einen
entsprechenden Anteil haben.. Zu diesem Zweck, heisst es in
dem Bericht weiter, wuerden keine Vereinbarungen ueber Gewinnbeteiligung getroffen, sondern Tarifvertraege zwischen der Industrie und den Arbeitgebern abgeschlossen. Der Bericht weist
darauf hin, dass sich die Arbeiter in Schweden seit den dreissiger Jahren darueber im Klaren sind, dass eine Steigerung der
Produktion eine Vorbedingung fuer die fortlaufende Verbesserung
des Lebensstandards der Arbeiter ist, und- dass die Gewerkschaften Massnahmen zur Foerderung der Rationalisierung der Industrie
ergriffen haben.
Georges Villiers, der Vorsitzende des franzoesischen Arbeitgeberverbandes, erklaerte als Vorsitzender der Sonntagssitzung, er sei ueberzeugt, Frankreich haette viel von jenen
Laendern zu lernen, die sich eines hoeheren Lebensstandards
und eines hoeheren Produktivitaetsst^ndes erfreuten. "Der Lebensstandard der franzoesischen Arbeiter ist ungenuegend,"
sagte er, "und wir duerfen ihnen keine Luegen erzaehlen."
In einer Zusammenfassung der Themen, die auf der Konferenz
zur Debatte standen, fuehrte Nordling auf der Schlusssitzung am
Sonntag aus': "Eine allgemeine und laufende Verbesserung des
Lebensstandards ist nur aufgrund einer Erhoehung der Produktionsleistung moeglich. Leider ist die Mehrheit des franzoesischen Volkes noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen. Trotz
alledem muss die Produktionsleistung in Frankreich gesteigert
werden, und Unternehmer und Gewerkschaften muessen zur Zusammenarbeit aufgerufen werden, um dieses Ziel erreichen zu koennen."
Er schloss mit den Worten: "Die in verschiedenen Betrieben gebammelten Erfahrungen haben gelehrt, dass eine T,roduktionssteigerung ohne eine Beschleunigung der menschlichen Arbeit
moeglich ist, und dass sie durch eine gerechte Verteilung der
aus ihr resultierenden zusaetzlichen Gewinne an Verbraucher, Arbeiter und den Betrieb selbst gesichert werden kann.
ECA Labor Information
VI/8/51
- 3-

�Eine grosse Aufgabe fuer U.S. Gewerkschaften:
BEZIEHUNGEN ZUR OSFFENTLICKKEIT
Das heutige Zeitalter kann das Zeitalter der Pflege der&gt;
Beziehungen zur Oeffentlichkeit genannt werden. Mehrmals je
zuvor konkurrieren alle Arten von Organisationen, Einzelpersonen und Industrien um die Gunst der Oeffentlichkeit. Durch alle
moeglichen Mittel versuchen sie, .bei der Oeffentlichkeit ihre
Ideen, ihre Ziele oder auch ihre Erzeugnisse anzubringen.
Alle bemuehen sich in dem grossen Ringen, die Oeffentlichkeit auf ihre Seite zu bringen. Welche Ziele sie auch verfolgen
moegen, seien sie gute oder schlechte, sie wissen alle, das3 ~ie
keinen Erfolg haben koennen, wenn sie nicht so viel Leute wie
nur irgend moeglich fuer ihre Sache gewinnen koennen.
Natuerlich kann es sich auch die Gewerkschaftsbewegung
nicht leisten, auf diesem lebenswichtigen Gebiet hinter den an- ,
deren zurueckzustehen. Sie muss ihre Botschaft allen Buergern
uebermitteln, wenn sie Fortschritte erzielen und ihre Ziele erreichen will.
Die Lebensfaehigkeit der Gewerkschaftsbewegung, ihr Wachstum und ihre Zukunft haengen davon ab, ob sie sich das Wohlwollen und das Verstaendnis der Oeffentlichkeit sichern kann. Das
bedeutet fuer sie, unablaessig und kompromisslos auf erzieherischem Gebiet taetig zu sein.
Nur zu oft geben Zeitungen, Rundfunk, Redakteure und Kommentatoren der Oeffentlichkeit ein falsches Bild von der Gewerkschaftsbewegung. In grosser Aufmachung berichten sie von
Streiks und Ausschreitungen. Wenn irgendein einzelnes Mitglied
einer Gewerkschaft eine falsche Handlung begeht, berichten sie
hiervon in grossen Schlagzeilen. Jeder Missstand innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung, sei er auch noch so unbedeutend, wird erbarmungslos ans Licht der Oeffentlichkeit gezerrt.
Die guten Taten der Gewerkschaften werden dagegen zum
groessten Teil ignoriert. Wenn in ueber 90% aller Faelle die
Gewerkschaften auf friedlichem Wege Tarifvertraege mit ihren Arbeitgebern abschliessen, ohne dass auch nur eine einzige Arbeitsstunde verlorengeht, dann sieht die" Presse zumindest hierin
nichts besonderes.
Es ergibt sich hieraus fuer die Gewerkschaftsbewegung die
Notwendigkeit, diese Situation durch eine ununterbrochene Kampagne der Aufklaerung zu korrigieren, in der sie der Oeffentlichkeit zeigt, dass die Ziele der Gewerkschaften, ihr Kampf und
ihre Erfolge der Wohlfahrt des gesamten Volkes dienen.
Der Gewerkschaftsbewegung erwachsen somit auf dem Gebiet
der oeffentlichen Beziehungen grosse Aufgaben. Sie ist fuehrend
im Kampf zur Errichtung eines' freien oeffentlichen Schulwesens.
Sie bemueht sich an fuehrender Stelle um die Verbesserung des
Lebensstandards des Volkes. Sie leistet Pionierarbeit im Kamnf
gegen die sogenannten "Schwitzwerkstaetten"; sie kaempft in
erster Front um gleiche Moeglichkeiten des Aufstiegs fuer Alle,
ohne Rueck3icht auf Rasse, Religion oder Farbe.
Ihr ist es zum grossen Teil zuzuschreiben, dass Schutzgesetze verwirklicht wurden, die alle Arbeiter vor Ausbeutung
schuetzen, dass das Uebel der Kinderbeschaeftigung eingeschränkt
worden ist, dass die uebermaessig lange Arbeitszeit gekuerzt
- 4-

�und dass soziale Sicherheit fuer Millionen Amerikaner geschaffen werden konnte.
Diese Errungenschaften bilden den Grundstein der amerikanischen Lebensform, der von freien Arbeitern
in einem freien Wirtschaftssystem in Zusammenarbeit mit einsichtigen Arbeitgebern gelegt worden ist. Wir muessen unsere
Geschichte wieder und wieder erzaehlen. Es gibt viele Moeglichkeiten, sie vor die Oeffentlichkeit zu bringen, aber eine der
besten ist die Gewerkschaftsnadel, der gewerkschaftliche Betriebsausweis und das gewerkschaftliche Warenzeichen. Dies
sind Symbole des .gewerkschaftlichen Fortschritts, Wegweiser
und Leuchtfeuer auf der grossen Strasse der Gewerkschaftsbewegung. Es sind die Kittel, um der Oeffentlichkeit die Gewissheit zu geben, dass sie ^ualitaetswaren und -dienstleistungen
erhaelt, die von tuechtigen Fachleuten nach hohen amerikanischen Normen produziert werden.
Jeder Gewerkschafter muss alles in seiner Tracht Stehende
tun, um das Evangelium der Gewerkschaftsnadel, des gewerkschaftlichen Warenzeichens und des gewerkschaftlichen Betriebsausweises zu verbreiten. Wenn alle Mitglieder der Gewerkschaften,
ihre Familien und ihre Angehoerige bei ihren Einkaeufen nach
diesen drei Kennzeichen fragen, erweisen sie der gewerkschaftlichen Sache damit einen ungeheuren Dienst. Sie helfen dadurch,
ein grosses! neues Bollwerk zum Schutz des Tarifverhandlunp,swesens und bessere wirtschaftliche Bedingungen fuer alle zu schaffen. Das gewerkschaftliche Warenzeichen blickt auf eine ehrenvolle und denkwuerdige Geschichte zurueck. Es ist in Europa
bereits in den Gilden des Mittelalters zu finden, ja, vielleicht
sogar noch frueher. Die Gilden haben damals ihre Erzeugnisse
gestempelt, um vor der Oeffentlichkeit die ^ualitaet und den
Ruf ihrer Erzeugnisse zu garantieren. Diese Stempel sind die
ersten gewerkschaftlichen Warenzeichen der Vergangenheit.
Das Referat fuer gewerkschaftliche Warenzeichen im amerikanischen Gewerkschaftsbund AFL hat es sich zur Aufgabe gemacht,
den Beweis anzutreten, daas Millionen Gewerkschaftsmitglieder,
die sich der Bedeutung dieses Warenzeichens bewusst sind, wissen,
dass sie ihr Ziel erst zur Haelfte erreicht haben, wenn sie
hoehere Loehne durchgesetzt haben. Sie wissen, dass Milliarden
Dollars, die sie gemeinsam dank ihrer Gewerkschaft verdienen,
alljaehrlich fuer Waren und Dienstleistungen ausgegeben werden
muessen, die gewerkschaftlicher Herkunft sind.
Wenn wir beim Einkauf von Waren verlangen, dass diese
das gewerkschaftliche Warenzeichen tragen, duerfen wir nicht
vergessen, dass es ebenso wichtig ist, auf den gewerkschaftlichen Betriebsausweis oder die Gewerkschaftsnadel zu achten.
Diese drei Kennzeichen sind symbolisch fuer den hoechsten Grad
handwerklicher Tuechtigkeit und Solidaritaet; dies gilt sowohl
fuer Waren als auch fuer Dienstleistungen. Es sind die offiziellen Warenzeichen, die Waren und Dienstleistungen von hoher
Qualitaet auszeichnen, es sind zugleich die Warenzeichen der AFI,.
Heute machen die Kosten fuer die Verteilung von Erzeugnissen in vielen Faellen mehr als die Haelfte des Verbraucherpreises aus. Aus diesem Grunde hat diese Sparte der Wirtschaft
eine so grosse Bedeutung erlangt. Zu ihr gehoeren zahlreiche
Arbeitsgebiete, wie z.B. Tankstellen oder Weiterverarbeitung,
Herstellung und Verpackung, Transport und Gross- und Kleinhandel. Wenn wir auf gewerkschaftlichenDienstleistungen bestehen,
sichern wir die vorhandenen Arbeitsplaetze der organisierten Arbeiter und schaffen ausserdem eine staerkere Beschaeftigungs- 5 -

�moeglichkeit fuer Gewerkschaftsmitglieder. Auch in Bezug auf
hygienische Bedingungen in der Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln und Bekleidung ist das gewerkschaftliche Warenzeichen
fuer uns die beste Sicherheit.
Wenn Gewerkschaftsmitglieder den Wunsch haben, 3ich unserer «rossen Organisation anzuschliessen, koennen sie sich bei
den gewerkschaftlichen Verbrauchergenossenschaften einschreiben
lassen. Diese Genossenschaften sind direkt dem Referat fuer
gewerkschaftliche Warenzeichen der AFL angeschlossen.
Wir koennen den Bestand der amerikanischen Arbeitsnormen
nicht sichern, wenn wir nicht jene Waren- und Dienstleistungen
kaufen, die von gewerkschaftlich organisierten Maennern und
Frauen hergestellt bzw. geleistet werden. Als Verbraucher
koennen die Gewerkschaftsmitglieder irgendeiner Ortschaft ihre
Taetigkeit zur Foerderung des gewerkschaftlichen Warenzeichens
dadurch vorantreiben, dass sie eine gewerkschaftliche Verbrauchergenossenschaft bilden, oder sich einer solchen anschliessen,
die das Zentrum aller gewerkschaftlichen Taetigkeit und Aufgaben
in jeder Stadt und ihrer naeheren Umgebung bildet.
Die. Woche des gewerkschaftlichen Warenzeichens ist ein
grosses alljaehrliches Ereignis. Sie findet in diesem Jahr vom
2. bis 8. September statt. Die von der AFL offiziell genehmigte und vom Referat fuer gewerkschaftliche Warenzeichen organisierte Woche wird am Sonntag der Arbeit, dem 2. September,
beginnen und am ß. September beendet sein. Der allgemeine
Zweck dieser Woche besteht darin, bessere Beziehungen zur
Oeffentlichkeit zu schaffen und das Verstaendnis fuer alle Organisationen in der AFL zu foerdern.
Die Woche des gewerkschaftlichen Warenzeichens bietet
eine ausgezeichnete Gelegenheit, fuer Waren- und Dienstleistungen mit dem gewerkschaftlichen Warenzeichen zu werben. Geschaeftsleute zeigen in ihren Schaufenstern gewerkschaftlich hergestellte Waren, sie werben fuer diese in den oeffentlichen Tageszeitungen und ueber Rundfunk- und Fernsehstationen. Auch
die Erzeuger steigern ihren Absatz, indem sie die hohe Qualitaet der mit gewerkschaftlichen Warenzeichen versehenen Waren
vor der Oeffentlichkeit preisen. Andere Geschaeftsunternehmen,
die sich mit dem gewerkschaftlichen Betriebsausweis undder Gewerkschaftsnadel ausweisen, wollen hiermit die hohe ^ualitaet
ihrer Waren oder Dienstleistungen demonstrieren. Im allgemeinen
erlassen die Buergermeister und die Gouverneure der Staaten zur
Woche des gewerkschaftlichen Warenzeichens besondere Proklamationen.
1

Das Referat fuer gewerkschaftliche Warenzeichen gibt alljaehrlich ein offizielles Verzeichnis ueber Waren heraus, die
das gewerkrchaftliche Warenzeichen tragen. Dieses hat vor allem
den Zweck, unter den Mitgliedern der Gewerkschaften, der Frauenvereinigungen und der gewerkschaftlichen Verbrauchergenossenschaften fuer den Kauf dieser Waren mit gewerkschaftlichem Warenzeichen und die Benutzung der Dienstleistungen gewerkschaftlich
organisierter Unternehmen zu werben.
Dieses Verzeichnis des Referats fuer gewerkschaftliche Warenzeichen ist ein praktisches Nachschlagwerk fuer Verbraucher,
die auf das gewerkschaftliche Warenzeichen achten. Darueber hinaus gibt es den^Kaufleute-n Auskunft darueber, wo sie Waren mit
gewerkschaftlichen Warenzeichen einkaufen koennen. Wenn ein
- 6-

�Kaufmann sagt, dass er nicht in der Lage sei, Waren mit gewerkschaftlichen Warenzeichen zu beschaffen, wird ihm eine solche
Liste ausgehaendigt, in der alle Hersteller dieser Waren genannt
sind. Die Gewerkschaftsmitglieder werden staendig aufgefordert, den Loyalitaetswahlspruch der Gewerkschaftsbewegung zu
beherzigen: "Kauft nur bei solchen Firmen, deren Waren das
gewerkschaftliche Warenzeichen tragen, und kauft nur bei soldhen
Leuten, die den gewerkschaftlichen Betriebsausweis und die Gewerkschaftsnadel besitzen. "
Eine Neuheit in der aktivierten Werbekampagne des Referats
fuer gewerkschaftliche Warenzeichen ist ein Plakat, das Karikaturen traegt und in fuenf Farben illustriert ist. Die Plakate
sind eingerahmt und werden den Gewerkschaftsvorstaenden und
den Zweigorganisationen der AFL fuer die Verwendung in Versammlungsraeumen kostenlos zur Verfuegung gestellt. Ein Schlagwort
auf"einem der Plakate heisst: "Sei Gewerkschafter und kaufe
nur Waren mit gewerkschaftlichem Warenzeichen."
Die Industrieausstellungen der Gewerkschaften der AFL sind
ein ausgezeichnetes Beispiel fuer die guten Beziehungen zur
Oeffentlichkeit. Sie sind anschaulich und dynamisch. Es gibt
in diesen Ausstellungen keine gekuenstelte Pracht, sie sind
ebenso realistisch wie erzieherisch, weil sie nur von gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und gerechten Unternehmern
organisiert sind. Die Ausstellungen hinterlassen bei den "Besuchern einen nachhaltigen Eindruck, weil sie eindringlich zeigen, wie gelernte Handwerker der AFL zahlreiche bekannte amerikanische Erzeugnisse herstellen oder bestimmte Dienstleistungen
verrichten.
Funktionaere des Referats fuer gewerkschaftliche Warenzeichen sind ueberzeugt, dass die "Gewerkschaftliche Industrieausstellung", die jetzt stattfindet, die groesste ihrer Art
sein wird. Mit ueber 50,000 qm Ausstellungsgelaende wird sie
jede Ausstellung dieser Art uebertreffen, die je in Amerika
gezeigt wurde.
Im vorigen &lt;Tahr sind die Menschenmassen, die sich in Philadelphia in die riesige Kongresshalle begeben haben, von der
Vielseitigkeit und der Menge der ausgestellten Waren stark beeindruckt gewesen.
Mit den gewerkschaftlichen Industrieausstellungen wurde
vor dem 2. V/eltkrieg begonnen. Die erste fand im Jahre 1938
statt. 1946 wurde die zweite Ausstellung in Sant Louis gezeigt. Es folgten Ausstellungen in Milwaukee und Cleveland.
Jede einzelne bedeutete einen sensationellen Erfolg. Die Zahl
der Besucher war fuer die verschiedenen Ausstellungsraeume,
in denen die gewerkschaftlich hergestellten Waren zur Schau
gestellt wurden, rekordbrechend.
Die gewerkschaftliche Industrieausstellung ist keine Methode der Geldmacherei. Sie kostet im Gegenteil die AFL und
ihre angeschlossenen Gewerkschaften Hunderttausende von Dollar.
Die Gewerkschaften geben dieses Geld.jedoch gern aus, weil
sie wissen, dass dies eine gute Investierung ist. Sie helfen
sich damit, indem sie den gerechten Unternehmer unterstuetzen,
der nur Gewerkschaftsmitglieder beschaeftigt, im Vergleich zu
dem, der ungerecht ist. Wenn die AFL einem gerechten Unternehmer hilft, hilft sie damit auch ihren Mitgliedern.
7 -

�Auf der jetzigen Ausstellung wird es zahllose Ausstellunrsstaende geben, in denen die beruflichen Faehigkeiten und Erzeugnisse der amerikanischen Arbeiterschaft der Oeffentlichkeit
gezeigt werden - vom Reisszwecken bis zum kostbarsten Porzellan,
aber auch Zigarren, Tabak, Bekleidung, Moebel, Rundfunkgeraete
und aehnliches.
Der Gewerkschaftsrat des Baugewerbes von Chicago hat die
gesamte Ostseite der Ausstellungshalle fuer Ausstellungsgegenstaende der Berufe der Maurer, Klempner, Zimmerleute, Elektriker und Maler reserviert. Ein anderer grosser Teil des Ausstellungsgelaendes steht den Waeschereiarbeitern zur Verfuegung.
Die Baecker werden mit allen Arten von Torten und Gebaeck der
Oeffsntlichkeit von ihrer Arbeit berichten. Auch die Gewerkschaften der Dienstleistungsgevorbe, wie die der Fahrer, der
Hausbediensteten und aehnli.cher Berufe werden vertreten sein.
Das Verteidigungsministerium wird in Zusammenarbeit mit
der Armee, der Marine und der Luftwaffe den Besuchern der Ausstellung eine Moeglichkeit geben, die neuesten und besten militaerischen Ausruestungsgegenstaende Amerikas zu besichtigen.
Die Ausstellungen der Armee, der Marine und der Luftwaffe, die
im Jahre 1951 gezeigt werden, zeigen im Gegensatz zu frueheren
militaerischen Ausstellungen die umfassende: Taetigkeit der Gewerkschaften und Unternehmer im Rahmen der nationalen Verteidirunsbemuehungen und die Anwendung der modernen Wissenschaft auf
militaerische.ni Gebiet.
Um eine vollendete Arbeit zu leisten, muessen sowohl Maenner als auch Frauen sich der Bedeutung des gewerkschaftlichen
Warenzeichens bewusst werden und fuer die Sache der Gewerkschaften gewonnen werden. Das Referat fuer gewerkschaftliche Warenzeichen der AFL ist stolz darauf, jene Idee vorbereitet und gefoerdert zu haben, die sich heute als eine der lebenswichtigen
wirtschaftlichen Kraefte in Amerika erweist. Auf einem Kongress
der AFL hatte das Referat fuer gewerkschaftliche Warenzeichen
die Resolution eingebracht, die die Gruendung der amerikanischen
Frauenvereinigung bedeutete. In ihr wurde der Zusammenschluss
aller loyalen und aktiven Frauen in die Familie der Gewerkschaften gefoerdert, die eine aggressive Armee von Verbrauchern darstellen sollen und das Geld der Lohn- und Gehalt3empfaenger nur
fuer "aren und Dienstleistungen ausgeben, die von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern hergestellt bezw. geleistet
werden.
-Jetzt scaliessen sich neue Frauenorganisationen dieser Frauenvereiniging der A F L an. Die Frauen erfuellen damit eine ihrer
vornehmsten Pflichten, indem sie als K&amp;euferinnen der meisten
Lebensr.otwendigkeiten' fuer den Durchschnittshaushalt nicht versaeumen, nach dem gewerkschaftlichan Warenzeichen, dem gewerkschaftlichen Betriebsausweis und der Gewerkschaftsnadel zu fragen.
Das Referat fuer gewerkschaftliche "arenzeichen erkennt mit
Dankbarkeit die grosszuegige Unterstuetzung und die freundschaftliche Zusammenarbeit an, die ihm von Seiten des Vorsitzenden
der A F L , William Green, des Hauntkassierer3 George I'eany und
allen Funktionaeren der anderen Referate der AFL, der nationalen
und allamerikanischen Gewerkschaften, der bundesstaatlichen Gewerkichaftsvorstaende, der zentralen Gewerkschaftsorganisationen
und der Ortsgewerkschaften zuteil wird.
Das Referat ist darueber hinaus den Herausgebern der offiziellen Gewerkschaft?organe, der woechentlichen Gewerkset.aftszei- 8-

�tungen und anderen Gewerkschfaftaveroeffentlichungen dankbar,
die in grosszueaiper Weise zu jeder Zeit R&amp;um fuer Werbezwecke
zur Verfuerunp- gestellt haben.
Das umfassende Programm des Referats fuer gewerkschaftliche Warenzeichen ist dazu bestimmt, die
Oeffentlichkeit ueber
die Bedeutung des gewerkschaftlichen :'.'arenzeichens, des gewerkschaftlichen Betriebs und der Gewerkschaftsnadel zu unterrichten, sie ueber die "rohleme der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufzuklaeren und die Faufkraft der amerikanischen Arbeiter zu steigern, was fuer diese eine proess^re
wirtschaftliche Sicherheit bedeutet. Mit diesem Prorramm soll
au-serdem die Nachfrage nach V.aren, die von Gewerkschaftern
hergestellt sind, gesteigert und allen amerikanischen Arbeitern
ihr Arbeitsplatz bei anstaendigen Loehnen gesichert werden.
Das Plauptziel dieses Referates liegt damit darin, alle
Erfolge, die sich die AFL im Verlaufe der letzten 70 Jahre in
Zusammenarbeit mit der Oeffentlichkeit gesichert hat, mit allen
Buergern zu teilen.
Um dieses Programm wirksam werden zu lassen, ist es notwendig, dass alle Gewerkschaftsmitglieder, ihre Familienangehoerigen und ihre Freunde staendig nur Waren und Dienstleistungen verlangen, die das gewerkschaftliche Warenzeichen tragen.
Das Referat ist fuer die wertvolle Mitarbeit der Funktionaere aller LÜtglied'sorganisationen der AFL dankbar, es weiss
,1'edoch, dass die Mitglieder selbst noch viel mehr fuer die
gemeinsame Sache tun koennten. Alle menschen, die gewerkscnaftlich organisiert sind, muessen eine umfassende universelle
Kampagne zur Foerderung dieser grossen Sache starten, die fuer
die Gewerkschaften und alle Amerikaner so viel bedeutet.
Das Referat bittet deshalb jedes Mitglied der Gewerkschaften, mitzuhelfen, die Botschaft der Bewegung der Oeffentlichkeit zu uebermitteln, um auf diese Weise ihr Verstaendnis und
ihr Wohlwollen zu gewinnen.
The American Federationist

5/51

US-Staotssekretaer fuei1 Arbeit Philio M. Kaiser:
Dri ARBEITERSCHAFT MtftS AU WIRTSCHAFTLICHEN AUFSTIEG TEILHABE
Alle Programme, die mithelfen, die industrielle Produktion
in den freien Gebieten &amp;er Welt zu steigern, koennen ohne die
aktive Unter«uuatzung durch die Arbeiter nicht erfolgreich verlaufen, erklaerte der stellvertretende .nrbeitsmirii-ter der Vereinigten. Staaten, Philip I". Kaiser, dieserTaga in Pbrl?.
Diese Programme, so sagte er, koennen keinen Lrfolr htben,
wenn die Gewinne aus der gesteigerten Arbeitsleistung der betriebe nicht in Form von hoeheren Mnko.rimen fuer die Arbeiter ^elb-t
in die 'Virtschaft wieder zurueckceleitet werden.
In einer Rede vor dem Anerikani ~chen Club in Paria wie-, der
stellvertretende Arb^itsmini-ter darauf hin, dass die Vereinigten Staaten das Bestreben haben, den freien Nationen zu helfen,
Jenen Zustand wirtschaftlicher, politischer und sozialer Stabilitaet zu erreicnen, der eine Gewaehr dafuer bietet, dass sie
nicht dem kommunistischen Kerrschaftsansnruch zum Oofer fallen.
Um .jedoch eine ausgeglichene Entwicklung gewährleisten zu koen- 9-

�nen, die den Grundstein fuer den dauernden Fortschritt in diesen Laendern bildet, muss die Arbeiterschaft an den Gewinnen,
die durch ihre Arbeit erzielt werden, voll beteiligt werden.
Kaiser, der fuer internationale Arbeitsangelegenheiten im
amerikanischen Arbeitsministerium zustaendig ist, brachte seine
Anerkennung fuer die Arbeit der freien Gewerkschaften auf der
ganzen 7/elt zum Ausdruck. Er fuehrte einen Bericht an, der vor
kurzem von Vorsitzenden des Beratungskomitees fuer Fragen der
internationalen Entwicklung veroeffentlicht wurde, und in dem
es heisst:
"Die fraien Gewerkschaften in den unterentwickelten Gebieten haben in ihrem Kampf gegen kommunistische und faschistische
Infiltration lobenswerte Leistungen vollbracht und gleichzeitig danach gestrebt, das wirtschaftliche Los ihrer Mitglieder
zu verbessern. Hierbei sind sie von den amerikanischen Gewerkschaften mit Ratschlaegen und Geldmitteln unterstuetzt worden."
"Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung," fuhr Kaiser
fort, Tiat eine grossartige Leistung vollbracht, indem sie den
freien Gewerkschaftsbewegungen anderer Laender eine helfende
Hand geboten hat. Sie hat dies freiwillig und aus eigener Initiative ge.tan - unabhaengig von der Regierung der Vereinigten
Staaten."
"Die Bestrebungen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung,
die auf eine aufrichtige Unt,erstuetzung und eine enge Zusammenarbeit mit den Arbeitern in den demokratischen Laendern der Welt
gerichtet sind, gehoeren zu der neuen Auffassung der amerikanischen Regierung uebe.r eine wirkliche Diplomatie. Unter diesen
Begriff fallen .heute die Beziehungen zwischen der eigenen Bevoelkerung und den Menschen anderer Laender zwischen den eigenen
Organisationen und Einrichtungen mit aehnlichen im Ausland.
Diese Auffassung ist von der Diplomatie der Vergangenheit so verschieden wie die Atombombe von der wirksamsten Waffe, die man
im Jahre 1941 gekannt hat."
"Die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten," bemerkte abschliessend Kaiser, "ist eine Politik der gegenseitigen Unterstuetzung, die sich auf gemeinsame Interessen gruendet. Es ist
der einzige Weg zur Sicherung der gemeinsamen Freiheit und zur
Errichtung eines dauerhaften Friedens in Freiheit."
Labor Press Service
VI/11/51
WESTEUROPA NACH DREI MARSHALLPLAN-JAHREN
Fuer das gestaerkte Westeuropa beginnt das vierte Jahr des
Marshall-Plans. Durch die Erweiterung der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion und die Wiederbelebung des Handels
sind Erfolge erzielt worden, die eine starke Grundlage fuer den
Aufbau eines widerstandsfaehigen westlichen Verteidierungssystens
bilden.
Berichte an den Sonderbotschafter der Vereinigten Staaten
in Europa, Milton Katz, von den Missionen der verschiedenen europaeischen Laender zeigen nach dem dreijaehrigen Bestehen des
Marshall-Plans eine allgemeine Wiederherstellung der wirtschaftlichen Staerke, eine Ausdehnung der Grundstoff- und strategischen
Industrie und eine Abnahme des kommunistischen Einflusses. Diese
- 10 -

�Faktoren haben .33 den am europaeischun .Viederaufbauprorramm
beteiligten Leond*rn sraoerlicht, mit Zuversicht an den Aufbau
eines vereinten Verteidigungssystems zu gehen, dar zugleich
fr.^on jegliche Bedrohung von aussen einen wirksamen Sshutz
sribt.
Einer der groessten Fortschritte im Marshall-Plan-Brogratara
ist das üb kämmen,, wonach die direkte I.tershall-Plari-Unterstu.itzung
fu;r Gross-Britannien ab 1. Januar 19öl eingestellt wird, weil
in» diesem Land die gestockten ERP-Ziele erreicht worden sind.
Englands wirtschaftliche Staerke, die mit der i'arshall-PlanHilfe wieder hergestellt wurde, wird es diesem Land ermoeglichan,
ein umfassendes Verteidigungs Programm zu starten. Die Rohstoffe,
die im Rahmen dieses Programms nach England exportiert werden,
bilden die Grundpfeiler seiner Industrie.
Auch die wirtschaftliche Staerke Norwegens hat in den
letzten drei Jahren staendig zugenommen. Diese t'ation befindet
sich jetzt in einem ausgezeichneten Zustand politischer Gesundheit und demokratischer Einheit. Die Norweger sind fest entschlossen, ihr Land gegen eine kommunistische Aggression zu
verteidigen. Obwohl Korwegen eine Bevoelkerungsziffer von nur
wenig mehr als drei Millionen hat, ist eine Handelsflotte aufgebaut worden, die die drittgroesste der '.Veit ist; die Zahl der
Schiffe ni mt staendig. zu. Das Land hat seine Aufwendungen
fuer Verteidigungszwecke verdoppelt, seine Streitkraefte um
etwa 30 Prozent erhoeht und rund 33 Prozent der Erwerbsbevoelkerung fuer die Ruestungsindustrie freigemacht. Die Staerke der
kommunistischen Partei ist im Verlauf des Jahres 1949 dermassen
zurueckgegangen, dass die Kommunisten auch noch die elf Mandate
verloren, die sie im norwegischen Parlament, das 150 Mitglieder
zaehlt, innehatten.
Frankreichs beachtliche wirtschaftliche Rehabilitierung,
die durch den r.'arshall-Plan gefoerdert wurde, hat ein Industriepotential geschaffen, das es dem Land ermoeglicht, seinen vollen Beitrag zur Verteidipung Westeuropas zu leisten. I.'it seinen
Grundstoffindustrien, die alle Zeichen der Lelensfaehigkeit tragen, ist Frankreich fest entschlossen, seine Verpflichtungen,
die ihm der Nor.datlantikpakt auferlegt, zu erfuellen. T'an rechnet mit Bestimmtheit auf eine Erweiterung der Produktion, die
von Massnahmen zur Kontrolle der Inflation und zur gerechten
Verteilung knapner Rohstoffe begleitet ist, um sowohl die nationale Verteidigung als auch eine Verbesserung des Lebensstandards
des franzoesischen Volkes garantieren zu koennen.
In Italien war das vergangene Jahr das beste der drei
J'arshall-Plan-Jahre, in dem sowohl an der wirtschaftlichen als
auch an der sozialen Front sichtbare Fortschritte erzielt werden konnten, ^ine der wichtigsten Ursachen fuer die zunehmende
wirtschaftliche und politische Staerke Italiens war die immer
groesser werdende Unsicherheit in der Laltung des Kreml gegenueber seinen kommunistischen Marionetten in Italien und die
entschlossene Haltung, mit der die italiniesche Regierung Vortraege und Verpflichtungen mit dem Westen eigegangen ist. Sie ist
am V/iederaufi'uestungsprogramm und den Bestrebungen zur europaeischen Vereinigung beteiligt. Auf internationalem Gebiet war
Italien eines der Laender, das am tatkraeftigsten zur Zusammenarbeit beitrug.. Es war die erste Kation, die offiziell den
Schumanolan gebilligt hat. Als General Sisenhöwer nach Kaennern
fuer die Verteidigung Westeuropas fragte, antwortete Italien als
eines der ersten Laender mit dem Versprechen, drei Divisionen
zu stellen.
- 11 -

�Weil sich die Sowjetunion einem Friedensvertrag mit
Oesterreich widersetzt, war dieses L^nd nicht in der Lape, im
gemeinsamen Sicherheitsprogramm'Westeuropas bisher eine Rolle
zu spielen. Es hat sich jedoch glaenzend bewaehrt, indem es
den sowjetischen Satelliten gezeigt hat, wie eine kleine Nation von 6 1/2 Millionen Menschen der kommunistischen Gefahr
mit Zuversicht widerstehen kann, eine Zuversicht,- die ihm durch
die dreijaehrige amerikanische Hilfe zur Erhaltung der Demokratie und einer lebensfaehigen Wirtschaft gegeben wurde. Obwohl es von drei Seiten von kommunistischen Nationen umgeben
ist, sind weniger als fuenf Prozent aller wahlberechtigten
Oesterreicher Kommunisten.
Trotz der Schwierigkeiten, der eine Stadt gegenuebersteht, die durch den Eisernen Vorhang von ihrem Hinterland
abgeschnitten ist, hat Triest in den drei Marshall-Plan-Jahren
grosse Fortschritte auf dem Weg zum Wiederaufbau erzielt. Durch
den Bau von Handelsschiffen und als wichtigster Hafen fuer die
oesterreichischen Importe, die sich zum grossen Teil aus Marshall-Plan- V/aren zusammensetzen, traegt sie zur wirtschaftlichen Staerkung 'Westeuropas bei.
Daenemark, das keine anderen Reichtuemer als seinen eigenen Grund und Boden und die Tuechtigkeit seiner 4 1/4 Millionen Menschen besitzt, hat in der Nachkriegszeit einen Hoechststand an nationalem Wohlstand erreicht. Am Zugang zur Ostsee gelegen ist Daenemark eines der strategisch wichtigsten
Laender Europas. Trotz seiner.langen traditionellen Keutralitaet hat es sich der Gemeinschaft der ^tlantikpakt-Staaten
angeschlossen. Seine Ausgaben fuer militaerische Zwecke werden
im Haushaltsjahr 1951/52 ein Viertel des Gesamtbudgets Daenemarks ausmachen. Die militaerischen Streitkraefte sollen wesentlich ver^roessert werden. Das ECA-Programm hat mitgeholfen, durch die Unterstuetzung beim wirtschaftlichen Wiederaufbau den Grundstein fuer Daenemarks Verteidigungssystem und
eine stabile Wirtschaft zu legen. Ein kommunistischer Einfluss
besteht praktisch ueberhaupt nicht. Die fuer die Kommunisten
abgegebenen Stimmen sind von 141.094 im Jahre 1947 auf 94.523
im Jahre 1950 zurueckgegangen, die Mitgliedsstaerke der kommunistischen Partei wird z.Zt. auf 22.500 geschaetzt, was eine
Abnahme um 63 Prozent seit 1946 bedeutet.
Schweden hat angesichts des Ost-West-Kampfes seine traditionelle Neutralitaet gewahrt. Seine Staerke traegt jedoch
zur Staerke der westlichen Welt bei. Schwedische Kredite und
schwedische Erzeugnisse sind im Rahmen der gemeinsamen Selbsthilfebemuehungen Westeuropas anderen N.arshall-Plan-La endern
zugeflossen. Seine ausgedehnten Reserven an Bauholz tragen
dazu bei, einen der kritischsten Maengel in Westeuropa zu beheben.
Das kleine Island hilft mit, die lebenswichtigen Zugaenge
zum Nordatlantik zu bewachen. In drei Jahren der I.IarshallPlan-Hilfe konnte Island seine Fischereiindustrie modernisieren, die die Grundlage der islaendisc/ien Wirtschaft bildet;
ebenso konnte es sein Wirtschaftssystem durch den Bau von
Wasserkraftwerken vervollstaendigen, die es ihm ermoeglichen,
seine wichtige Aufgabe in der westlichen Verteidigung zu erfuellen.
Auch Westdeutschland, das von den Vereinigten Staaten weitgehend unterstuetzt wird, ist bereit, die Bemuehungen der westlichen Welt zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit zu unter- 12 -

�stuetzen. Die industrielle Produktion im April 1948 betrug nur
die Haelfte der Produktion von 1936. In den drei darauffolgenden Jahren ist die Industrieproduktion Westdeutschlands jedoch
auf ueber 125 Prozent des Wertes von 1936 gestiegen. Das Beispiel des Sklavenstaates Ostdeutschland macht es den Westdeutschen klar, was in diesem heutigen Kampf fuer sie auf dem
Spiel steht.
Mit der Verbesserung der Wirtschaftslage in Belgien konnte dieses Land durch die Erweiterung seiner Kredite fuer seine
westeuropaeischen ^achbarn zur staendigeri Staerkung Europas
beitragen. Dies geschieht auf dem Weg ueber die Europaeische
Zahlungsunion, die eine Errungenschaft des europaeischen Wiederaufbauprogramms darstellt. Die Marshall-Plan-Eilfe hat es
Belgien ausserdem ermoeglicht, sein Investierungsprogramm fuer
die Ruestung zu beschleunigen, seine Produktion zu steigern
und der Arbeitslosigkeit wirksam zu begegnen. Belgien hat
sein Ruestungsbudget um 75 Prozent erweitert. Die erhoehte
Produktion strategisch wichtiger Rohstoffe in Belgisch-Kongo
ist ein weiterer Beitrag Belgiens zu den Verteidigungsbemuehun?en.
Auch in Holland ist der wirtschaftliche Wiederaufbau weit
vorangetrieben worden. Aber wie fuer viele andere europaeische
Laender, in denen Mangel an Materialien herrscht, haben sich
auch fuer Kolland auf Grund der Preissteigerungen Schwierigkeiten ergeben. Trotzdem verdoppeln die Hollaender ihr Budget
fuer die Verteidigung, um ihren Verpflichtungen im Rahmen des
Atlantikpaktss nachzukommen. In Holland werden Waffen fuer
die Verteidigung der freien Welt, wie z.B. Jagdflugzeuge und.
Glyzerin fuer Sprengstoffe hergestellt. Der Kommunismus stellt
in Holland nur ein unbedeutendes Problem dar, weil die Zuversicht des hollaendischen Volkes durch die Gewissheit gestaerkt
wird, dass eine Aggression aufgehalten werden kann»
Portugal berichtet, dass seine wirtschaftliche Lage weit
guenstiger als zu jener Zelt ist, in der der Marshall-Plan
noch nicht bestand. Geine neuen Verpflichtungen, die ihn der
Mordatlantikpakt auferlegt, koennen ein^enalten werden. Portugals strategische Bedeutung fuer die Verteidigung des Westens
besteht in den Azoren, seinem grossen Hafen Lissabon und den
Kaefen in seinen Kolonien an den Ost- und Westkuesten Afrikas.
Was strategisch wichtige Rohstoffe betrifft, so macht sich
Portugal durch die Lieferung kleiner Mengen von Beryllium
nuetzlich. uin Produktionskredit ist von der 3CA fuer den
Abbau von Wolfranerzen zur Verfuegung gestellt worden. Er
wird durch Wolframlieferungen zurueckgezahlt, das das Ausgangsprodukt fuer das strategisch wichtige Tungsten ist.
Griechenland, dessen Unabhaengigkeit durch kommunistische
Kinfluesse von aussen und durch den Guerillakrieg der Kommunisten bedroht war, konnte in den letzten Jahren grosse wirtschaftliche £,rfolfi erzielen. Industrie, Vermittluncswesen,
Transport, Handel und Landwirtschaft sind nach neun Priegund Besatzungsjähren wiederaufgerichtet worden. Griechenland
traer-t nun durch strategisch wichtige Materialien zur Verteidigung Westeuropas bei. Grosss Vorraete an Braunkohle und Eisenerzen - zweitausend Jahre alte Blei- und Zinkbergwerke werden neu erschlossen - helfen mit, den Vorrat -ier westeuropaeischen Nationen an strategisch wichtigen Metallen zu vergroessern.
An der oestlichsten Grenze des Wirkungsbereichs des Europaeischen Wieäeraufbaupropramms war es das Hauptziel des Mar- 13 -

�shall-Plans, es der Tuerkei, die dem russischen Imperialismus
lange Zeit sehr nahe stand, zu ernoeglichen, ihr umfassendes
Verteidigungsprogramm durchzufuehren, ohne dabei die zivile
'/Wirtschaft zu schaedigen. Fast 40% des Budgets der Tuerkei
sind fuer Verteidirungszwecke bestimmt. Der Beitrag dieses
Landes ist damit im Vergleich zu seiner Groesse einer der
groessten. Hier ist keine Werbekampagne erforderlich, um die
Morel des tuerkischen Volkes zu staerken. Die Tuerkei ist
bereit und entschlossen, den Kommunismus zu bekaempfen. Der
Kampfgeist tuerkischer Soldaten hat auf den Schlachtfeldern
in Korea seine Probe bestanden. In den letzten Monaten sind
Karshall-Plan-Mittel zur Verbesserung des Strassensystems, zur
Finanzierung der Modernisierung und Erweiterung der Kohlenbergwerke, fuer Kredite an die Landwirtschaft und zur Foerderung
eines umfassenden Prograiims der industriellen Entwicklung verwendet worden.
ECA Labor Information
17/51
AFRIKANISCHER EXPERTE AEUS5ERT SICH ZU PRODUKT IV ITAETSPROBLEM-aK
Einer der bedeutsamsten Faktoren bei der Steigerung der
amerikanischen Produktionsleistung ist die kooperative Haltung
der organisierten Gewerkschaftsbewegung.
Diese Auffassung brachte James LI. Silberman, ein Produktivitaetsexperte im amerikanischen Arbeitsministerium, vor.der
5. Internationalen Konferenz fuer soziale Probleme der Arbeiter
zum Ausdruck, die im Juni in der Abtei Royaumont in der Taehe
von Paris abgehalten wurde.
Zu dieser Konferenz finden sich alljaehrlich Gewerkschaftsfunktionaere, Volkswirtschafter, Industrielle, Professoren, Regierungsvertreter und technische Experten aus den Vereinigten
Staaten und Europa ein. Koeglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Gewerkschaften, die zu einer
Steigerung der Produktionsleistung und einer schnellstmoeglichen Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter fuehren koennen, werden hier ausfuehrlich in Erw&amp;egung gezogen.
Silberman erklaerte ganz offen, dass die amerikanischen
Gewerkschaften eine hoehere Produktionsleistung nicht nur um
ihrer selbst willen, sondern auch als eines Mittels" befuerworten, das die Srhoehung des Lebensstandards des Volkes ermoeglicht. Der amerikanische Gewerkschaftsbund AFL hat nachweislich seit 1896 eine hoehere Produktionsleistung in der Industrie bef uerwortet.
Die Sprecher des amerikanischen Arbeitsministeriums nannten sechs Faktoren, die in der historischen Entwicklung des
Produktivitaetsproblems in Amerika eine wesentliche Rolle gespielt haben:
1.

Die bedeutende Rolle des Einzelmenschen in der amerikanischen Gesellschaftsordnung seit der Zeit der kolonialen Periode;

2.

Die Foerderung der industriellen Forschung;

3.

Die Notwendigkeit eines Massenabsatzmarktes von der
fruehesten Zeit an;
- 14 -

�4.

Das Vorhandensein von Kapital;

5.

Die fruehe Erkenntnis von der Bedeutung einer guten
Geschaeftsfuehrung und guter Fachkenntnisse;

6.

Die Bedeutung der Gruppenforschung.

Silberman ist der Auffassung, da3S alle diese Faktoren
auf dem Prinzip der Freiheit des Einzelmenschen beruhen. Aus
dieser Freiheit ergibt sich die Anerkennung der Menschenwuerde,
der persoenlichen Sicherheit und der persoenlichen Verantwortung. In einer Gemeinschaft freier Menschen wuerden andere
Entwicklungen eine natuerliche Folgeerscheinung darstellen,
wenn sie nicht durch aussenstehende Kraefte behindert wuerden.
"Ich meine damit, dass freie Menschen versuchen werden,
ihre Lebensbedingungen zu verbessern und dass sie damit Erfolg
haben werden, wenn man sie nicht mit Gewalt daran hindert.
Eines „dieser Mittel, die zum Erfolg fuehren, ist die Verbesserung der Produktionsleistung. Die iVahrheit dieser Behauptung
ist im Verlauf der letzten 150 Jahre durch die Entwicklung in
den Vereinigten Staaten praktisch bewiesen worden."
Der Sprecher hob besonders hervor, dass dieser Erfolg in
den Vereinigten Staaten fast ausschliesslich von Maennern und
Frauen europaeischer Herkunft, mit anderen Worten von Emigranten erzielt worden sei.
Silberman nahm zu jedem dieser sechs Punkte Stellung und
zeigte auf, in welcher Weise sie'die Steigerung der amerikanischen Produktivitaet beeinflusst haben.
Er betonte besonders den Gedanken des Massenabsatzmarktes, d.h. das Bestreben amerikanischer Geschaeftsleute, zu
niedrigen Preisen an alle und nicht zu hohen Preisen an nur
wenige zu verkaufen. Diese Richtlinie ist in der Entwicklung
der genormten, auf weite Sicnt geplanten Produktion hoechst
bedeutsam gewesen.
"Dieses System,"so schloss Silberman, "hat fuer die amerikanischen Arbeiter einen hohen Lebensstandard zur Folge gehabt, weil es ihnen durch ihre Beteiligung an den aus der
hoeheren Produktionsleistung entstehenden Gewinnen moeglich
ist, jene Waren zu kaufen, die sie selbst herstellen."
Abschliessend wies der Sprecher darauf hin, dass-wir
bei der Arbeit zur Verbesserung der Produktionsleistung unsere
ureigenste Aufgabe, naemlich die Verwirklichung des menschlichen Fortschritts, in hohem Masse erfuellen»
EGA Labor Information
VI/8/51
JAHRESKONFERENZ DER IAO OHNE RUSSLAND
Die Sowjetunion weigert sich,
organisation beizutreten, die ihre
in Genf eroeffnet hat. Sowohl 6er
andere Mite-liedsorganisationen- des
chungen teil.

der Internationalen ArbeitsJahreskonferenz am 6. Juni
HFL und die CIO als auch
IBFG nehmen an den Bespre-

- 15 -

�George Meany, der Bauptkassierer der AFL, wies darauf hin,
dass die Internationale Arbeitsorganisation bestehen blieb,
waehrend ihre Elternorganisation, der Voelkerbund, nicht mehr
bestuende. Als Gruende hierfuer nannte er folgende:
"Die Internationale Arbeitsorganisation verfolgt ein gu•tes Ziel, ein menschliches Ziel und kuemmerte sich nicht um
Gebietswerbungen, um die !'achtkaempfe zwischen einzelnen Laendern oder imperialistische Ambitionen. Die Internationale Arbeitsorganisation blieb bestehen, weil sie sich mit der einfachen Philosophie der Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter der Welt beschaefti-gte, der Verkuerzung ihrer Arbeitszeit,
der Vergroesserung ihres Einkommens und der Reform ihrer Arbeitsbedingungen. Beute ist die Internationale Arbeitsorganisation einflussreicher als je zuvor."
Inzwischen hat die IAO, gerade als ob sie diese Worte
Meanys bestaetigen wollte, eine Veroeffentlichung herausgegeben, in der gezeigt wird, dass die Mitarbeit der Arbeitnehmer
bei der Einfuehrung von Leistungs- und Praemienloehnen zur
Steigerung der Produktion von entscheidender Bedeutung ist.
Der Bericht, der von einem Expertengremium ausgearbeitet ist,
bringt zum Ausdruck, dass ein allgemeiner Wohlstand nur dann
erreicht werden kann, wenn Leistungslohnsysteme in einer Atmosphaere guter Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern angewendet werden. Die Gruppe schlaegt vor, derartige Systeme soweit wie moeglich zum Gegenstand von Tarifverhandlungen zu machen.
In dem Bericht der IAO wird darauf hingewiesen, dass es
oft zu Streitigkeiten und Unzufriedenheiten unter den Arbeitern
gekommen ist, wenn Leistungslohnsysteme allein zu dem Zweck
eingefuehrt wurden, die Gestehungskosten .zu reduzieren, und
wenn diese Lohnsysteme ohne Zustimmung der /Arbeiter abgeschlossen
wurden. Derartige Systeme sind in allen von Stalin kontrollierten Gebieten gesetzlich angeordnet. Die IAO kommt zu der
Schlussfolgerung, dass jedes Leisturgslohnsystem eine endgueltiece Srhoehunp des Durchschnittseinkommens der betreffenden Arbeiter zur Folge haben muss, andernfalls waere es auch fuer die
Arbeitgeber unbefriedigend und wuerde von den Arbeitern abgelohnt.
Der Vertreter der AFL auf der Konferenz in Genf Ist der
Regional Organisator William Gollins, waehrend Jacob Po'tofsky,
der Vorsitzende der Bekleidungsarbeiter-Gewerkschaft, den CIO
vertritt.
Protfrara Services Section
71/6/51

- IG -

BICOC 2B Jun 51 18)28 5 M 5i C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNCEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dien- n
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
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Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
^^^^^

IV - . 2 6

Frankfurt,

I K H A L T S V O

K a r l I.'arx und umerika

n i

2 9 . J u n i 1951

CHK I Ü

- - - - - - - - - - - -

1

Verschiebungen der liinkommenverteilung i n den
U.3.A.

9

Schiedssprechung und Schlichtung in Sowjetrussland - - - - - - - - - - - - - - - - -

9

Das betriebstechnische iiufgabengebiet der USGewerkschaften - - - - - - - - - - - - - -

li

Unzufriedene tschechische Arbeiter muessen fuer
Russlands Kriegsmaschinerie arbeiten - - - 15
IBFG erhaelt Hilfsmittel fuer unterentwickelte
Laender - - - - - - - - - - - - - - - - - -

KÜRL

16

VARX UTD AFRIKA

V/as den auslaendischen Beobachter in ^merika am meisten
in Erstaunen versetzt, ist die staendige irhoehung des Lebensstandards der lassen. In den Vereinigten Staaten leben jedoch
nicht alle Menschen gleicheren* ssen gut. Nicht alle sind vor
Arbeitslosigkeit, Absatzschwierigkeiten und den anderen Folgeerscheinungen wirtschaftlicher Depressionen geschuetzt. Trotzdem ist im Gegensatz zu den Prophezeiungen Karl !.:arx* die ununterbrochene ^rhoehung des Lebensstandards ein allgemeiner
und ist seit 50 Jahren immer staerker von wirtschaftlicher und
sozialer Sicherheit fuer jeden begleitet.
Georges-Henri !.'artin, der Korrespondent der franzoesischeh
Zeitung "Franoe-Soir" in Neu York ist wie viele andere von dieser Tatsache hoechst beeindruckt, ^r hat sich darueber mit
ndolf Serie unterhalten, einem Amerikaner, der in diesen Fragen
- 1-

�sehr genau Bescheid weiss. Adolf Berle hat seine akademische
Laufbahn aufgegeben, um einer der vertrauten Berater Roosevelts zu werden. Mehrere Jahre hindurch hat er jener kleinen
Gruppe von Maennerh angehoert, die man den "Gehirntrust" des
Nev/Deal nennt. Nachdem er die Finanzen der Stadt New York
einige Zeit verwaltet hat, ist er Unterstaatssekretaer fuer
auswaertige Angelegenheiten und spaeterhin Gesandter fuer Brasilien geworden. Augenblicklich fuehrt er eine bedeutende
Rechtsanwaltpraxis, zu deren Kunden sowohl kapitalistische Unternehmer als auch Gewerkschaften gehoeren. ".Vir geben nachstehend den Standpunkt Adolf Berles wieder, wie er ihn vor dem
franzoesischen «Journalisten dargelegt hat:
Georges-Henri Martin: Amerika ist das Land der Statistik.
Seitdem ich hier hin, studiere ich fortwaehrend die unzaehligen Diagramme und Skalenschwankungen, mit denen man in jedem
Augenblick den Zustand dieses jungen Riesen, der sich in staendigem Wachstum befindet, uebersehen kann.
Diese Statistiken stroemen ein Klima des Optimismus aus,
das ausserordentlich beachtlich ist. Wenn man den Fachleuten
Glauben schenken kann, leben die Menschen hier von Jahr zu
Jahr besser und bequemer und arbeiten dabei weniger.
_ Wenn aber diese Statistiken richtig sind, so haette Karl
Marx unrecht und mit ihm alle Marxisten.
Haben sich Karl Marx und die Marxisten nun in ihren Voraussagen getaeuscht? Und wenn ja, warum? Doch um eine Frage
vorwegzunehmen, wie ist Karl Marx und seine Lehre mit Amerika
in Zusammenhang zu bringen?
Adolf Berle: Waehrend eines Teils des 19. Jahrhunderts sind
die Vereinigten Staaten mehr als jedes andere Land von Karl
Marx und seiner Lehre beeinflusst gewesen. Marx ist in London
Korrespondent jener Zeitung geworden, die als "New York Kerald
Tribüne" in der ganzen Welt bekannt ist. Er hat sich durch
diese Berichterstattung seinen Lebensunterhalt verdient, und
damit ist ihm auch eine Tuer nach Amerika geoeffnet worden,
durch die er die Ideenwelt dieses Landes beeinflusst hat. Die
Zeit hierfuer ist umso guenstiger gewesen, als Marx in einer
Epoche gelebt hat, in der sich zahllose Maenner nach Amerika
begaben, weil sie wegen ihrer linksgerichteten politischen Einstellung von den damaligen konservativen Regierungen Europas
vertrieben sind.
Martin: Hat man damals diese Ideen Karl Marx' fuer Amerika
anwendbar gehalten?
Berle: Denken Sie daran, dass Marx seine Lehre auf Beobachtungen in England gestuetzt hat. Sein Lehrsatz besagt letzten
Endes, dass es nicht genug Waren gibt, um die Beduerfnisse
aller Menschen befriedigen zu koennen, und dass es in einem
kapitalistischen Regime niemals moeglich sein wird, alle
Klassen der Bevoelkerung zufriedenzustellen, weil die kapitalistischen Unternehmen ein Interesse daran haben, die Produktion zu beschraenken - ich betone zu beschraenken - um sich
groessere Gewinne zu sichern.
Martin: Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, dass Amerika
kein Land der grossen Gewinne ist?
- 2 -

�Berle: Natuerliofa nicht. '.Vir sind hier noch immer ein Land
der hohen Gewinne, aber das ist nicht der Punkt, der uns im
wesentlichen von den Marxisten trennt. Der Schluessel des Problems liegt ganz wo anders.
In Erkenntnis der Moeglichkeiten, die die wirtschaftliche
Ausdehnung de^ Landes geboten hat, hat sich in amerika eine
oeffentliche Meinung gefomt, die auf dem Cxrundsatz fusst:
7/enn wir mehr 7/aren benoetigen, um den'Bedarf aller Menschen^
zu decken, warum sollen wir nicht soviel produzieren, dass wir
alle Menschen zufriedenstellen koennen?
Martin: Ganz offen gesagt, ist dies der Lehrsatz eines Volkswirtschafters oder eine konkrete '.Wirklichkeit?
Berle: Verstehen Sie mich recht, wir haben nicht versucht,
die L'illionaere zu beseitigen. Diese sind füer niemand ein
Hindernis, solange man den anderen Menschen das sichern kann,
was sie brauchen, und darueber hinaus die Begueterten zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen.
Martin: All dies erklaert uns jedoch nicht, weshalb die Voraussagen Karl Marx' in Amerika sich nicht realisiert haben.
Berle:
zwe i.
Martin:

Es gibt hierauf nicht eine Antwort, sondern mindestens
BQginnen wir mit der ersteren.
•

Berle: Marx konnte nicht den erbitterten Kampf voraussehen,
der sich in unserem Land zwischen jenen abspielte, die die Produktion ins Unendliche steigern und jenen, die diese Produktion
beschraenken wollen, um die Vorteile ihrer Situation nicht zu
verlieren, in deren Genuss sie bereits gekommen sind. Was Marx
vor allem jedoch nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass
die Befuerworter der unbegrenten Steigerung der Produktion
letzten ^ndes einen entscheidenden Sieg davongetragen haben.
Martin:

V/ie ist dies moeglich gewesen?

Berle: Durch den Triumph jener Tendenzen, die durch fortschrittliche Gruppen,in Suropa linksgerichtete genannt,
vertreten 'worden sind. Zuerst ist ein heftig-r Kampf gegen die
'.'onopole und Kartelle entbrannt. Sie haben ein Interesse daran
gehabt, die Produktion zu beschraenken und nach eigenem Gutduenken die Absatzmaerkte aufzuteilen, um die hohen Preise stabil
zu halten. Heute fordern die bundesstaatlichen Gesetze Amerikas
und die volkstuemlichen politischen Kraefte, dass der Staat
jeden Industriellen bestraft, der versucht, durch ein .abkommen
mit anderen Industriellen kuenstlich hohe Preise aufrecht zu
halten, indem die Produktion beschraenkt wird. Es handelt sich
hierbei um unsere sogenannten anti-Trust-Gesetze.
Martin: Sie haben vorhin nicht nur von einer Tendenz, sondern
von mehreren Tendenzen fortschrittlicher Gruppen gesprochen.
Berle: Es hat sich tatsaechlich noch ein ander-.r Kampf abgespielt und zwar der der hoeheren Produktionsleistung. Ein
fuerchterlicher Druck, der von der Oeffentlichkeit ausgeuebt
und durch die Verhaeltnisse noch verstaerkt worden ist, hat
die Verbesserung der Produktionsleistung die man bei uns Produktivitaet nennt, vorwaertsgetrieben. Produktivitaet bedeutet

�den Einsatz aller nur moeglichen Energiequellen auf breitester
Basis. Heute produziert der amerikanische Arbeiter in Durchschnitt viermal so viel wie sein euronaeischer Kollege. Ein
amerikanischer Arbeiter, der frueher eine Webmaschine bediente,
bedient heute allein 36. Es ist Aufgabe des Industriellen, zu
oroduzieren. Wenn er versucht, die Produktion zu beschraenken,
kann man ihn, wie ich schon sagte, sogar mit Gefaengnis bestrafen. Die Furcht ist oft ein Beginn zur einsieht, und es ist
verhaeltnissmaessig selten, dass man zu solchen Massnahmen zurueckgreifen muss. Dies ist jedoch sicher eine Tatsache, die
Marx weder vorausgesehen noch selbst in Erwaegüng gezogen hat,
als er uns prophezeit hat, dass der kapitalistische Unternehmer
immer eine Ausdehung der Produktion verhindern wird, um auf
kuenstliche Weise einen Mangel an bestimmten Waren zu schaffen.
Unser System sichert den Bestand des Privatunternehmens, wobei
der Privatunternehmer jedoch eine Rolle spielt, die genau festgelegt ist und die ihn praktisch zum Techniker der Produktionserweiterung werden laesst.
Martin: Dies ist also die Erklaerung fuer den ersten Irrtum
Karl Marx'. Wuerden Sie jetzt Ihre Meinung dazu aeussern, was
Sie soeben den zweiten Irrtum nannten, dem Karl Marx zum Opfer
fiel?
Berle: 7/enn der Kampf um ein Maximum der Produktion und zwar
ein staendis steigendes Maximum gewonnen ist, muss noch der
Kampf um die Verteilung ausgetragen werden. Er hat 50 Jahre
gedauert, und, wenn ich so sagen darf, hat er sich an zwei
Fronten abgespielt. Er ist von fuehrenden forts.chrittlichen
Leuten gegen ihre konservativen Kollegen gefuehrt worden.
Eines schoenen Tages hat Henry Ford erklaert, er koenne so
viele Automobile verkaufen, wie er wolle, wenn er nur pro Wagen einen Dollar verdient. Es ist eine grosse Sensation geworden. Seine Konkurrenten haben versucht, uebrigens ohne Erfolg,
ihn daran zu hindern. Sein Beisoiel ist damals nach und nach
von allen grossen Industrien nachgeahmt worden. Die einzige,
die sich bis zum Schluss widersetzt hat, ist die der elektrischen Energie. Ihr Widerstand ist endgueltig durch Roosevelt
gebrochen worden, .iaehrend also die einen nach einer Steigerung
der Produktion gedraengt haben, haben andere nach niedrigeren
Preisen gestrebt, .aber all dies waere vielleicht wirkungslos geblieben, wenn den ersten Reformen nicht die Roos.evelt'sehe
Revolution gefolgt waere.
Martin:
beitet.

Sie haben eng mit Praesident Roosevelt zusammengearWas verstehen Sie unter seiner Revolution?

Berle; Es handelt sich hierbei um grundlegende Revolutionen
im Kreditsystem, und wir beruehren damit die wesentlichste Ursache des marxistischen Irrtums. Zu der Zeit, als Karl Marx
sein Buch "Das Kapital" geschreiben hat, ist das Kreditwesen
fast voellig unbekannt gewesen. Es hat keine zentralen Banken
sregeben, oder, wenn solche bereits bestanden haben, sind sie
noch im allerersten Anfangsstadium gewesen. Da es Marx nicht
moeglich gewesen ist, die Form des staatlichen Kredits vorauszusehen, hat er a.uch nicht die Sozialisierung des Kredits ahnen
koennen, wie wir sie heute in den Vereinigten Staaten kennen.
Martin: Was verstehen Sie eigentlich unter der Sozialisierung
des Kredits? Und gibt es hierfuer spezielle Formen in Amerika?
Berle: Sie sind erstaunt hierueber, und es ist trotzdem richtig. Marx hat letzten Endes die Sozialisierung der Produktions- 4 -

�mittel vorgeschlagen. V.rir haben die Sache von einer anderen
Seite angepackt. Was Roosevelt zustandegebracht hat, ist zum
groessten Teil gleichbedeutend mit einer Sozialisierung des
Kredits. Der amerikanische Staat schaltet sich in das wirtschaftliche Leben ein, indem die Regierung dem Einzelverbraucher genuegende Kredite zur Verfuegung stellt.
Martin;

In welcher Form ist dies jedoch geschehen?

Berle: Es gibt dafuer zahlreiche Beispiele. Nehmen wir einmal die Nachfrage nach Wohnungen zu niedrigen Preisen. Sie
werden sich erinnern, dass im Jahre 1946 zehn Millionen Soldaten entlassen worden sind. Das Problem der Stunde hat gelautet, ihnen arbeit und ein Dach ueber dem Kopf zu geben - fuer
sie und ihre Familien. Die Regierung hat ihnen fast unbeschraenkte Kredite eroeffnet, damit sie sich eigene Haeuser
kaufen koennen. Was man dem amerikanischen Verbraucher sagen
will, ist im wesentlichen folgendes: "Kauf Dir ein Haus,
das Dir gefaellt, und der Staat wird Dir das Geld vorschiessen.
damit Du es bezahlen kannst."
Martin: Aber es gibt doch genuegend Wohnhaeuser, die zum Ver*kauf angeboten sind und billige Wohnungen? Wenn das der Fall
ist, wozu dienen dann die grosszuegigen Kredite, die vom Staat
angeboten werden?
Berle: Man hat das Notwendige getan. Der Staat hat den Unternehmern ohne Umschweife erklaert: "Es muss gebaut werden."1
Diese haben zur Antwort gegeben, dass sie nicht die hierfuer
erforderlichen Finanzen zur Verfuegung haben. "Gleichgueltig,"
hat die Regierung erwidert. "Borgt Geld bei den Banken, und
der Staat wird die Buergschaft fuer alle Kredite uebernehmen.
Wesentlich ist, dass jeder seine Wohnung hat." Karl Marx hat
in seiner Theorie Haeuser direkt vom Staat bauen lassen und
zum Arbeiter gesagt: "Hier hast Du kostenlos ein Haus." Das
amerikanische System sagt zum Arbeiter: "Hier hast Du Geld,
kauf Dir ein Haus, das Dir gefaellt. Arbeite dann, um es in
aeusserst kleinen Raten - im Laufe von 30 Jahren etwa - abzuzahlen. Sicher steht auf jeden Fall fest, dass man Dich niemals aus dem Haus heraussetzen kann." Die Regierung stellt
dem-amerikanischen Arbeiter ihren Kredit zur Verfuegung, indem
sie ihm erklaert: "Wir vertrauen Dir." Die europaeischen Marxisten versuchen, diesen oder jenen besonderen Zweig der Produktion zu sozialisieren. Wir werden zweifellos viel weiter
kommen, wenn wir ganz allgemein den Kredit sozialisieren. Der
Vorteil unseres Systems, das weit elastischer als das marxistische Prinzip ist, besteht darin, dass der einzelne sich selbst
das Haus aussuchen kann, das ihm gefaellt, waehrend nach marxistischer Auffassung der Arbeiter gern oder ungern das Haus
uebernehmen muss, das der Staat fuer ihn gebaut und ihm mehr
oder minder zwangsweise zugeteilt hat.
Martin: Gibt es eine sehnliche Krediteinrichtung fuer die
Stahlproduktion?
Stahl gehoert doch zu jenen Rohstoffen, aus
denen Verbrauchsgueter gefertigt werden.
Berle: Aber natuerlich. Die Regierung ist der Auffassung,
dass die Stahlproduktion mit jedem Jahr erhoeht werden muss,
um erstens den Lebensstandard zu erhoehen, ganz besonders heute
jedoch aus Gruenden der nationalen Verteidigung, A U S diesem
Grunde wendet sich der Staat auch an die Unternehmer und verlangt von ihnen eine Erweiterung der Stahlindustrie. Die Ant- 5

�wort der Industriellen heisst im allgemeinen: Wir haben hierzu
keine finanziellen Mittel. Die Regierung uebernimmt wiederum
die Verantwortung und stellt Beglaubigungsschreiben aus, in
denen bescheinigt wird, da-as die Produktionserweiterung des
Unternehmerns von oeffentlichem Nutzen ist. Mit diesem Beglaubigungsschreiben ist es dem Unternehmer einer Fabrik moeglich,
hei den Banken Kredite aufzunehmen und sich alle finanzieller
Mittel zu beschaffen, die er braucht, um z.B. neue Hochoefen
bauen zu koennen. Auf diese V/eise hat die Regierung im Verlaufe der letzten fuenf Jahre die Unternehmer der Aluminiumindustrie veranlasst, zwei neue, sehr bedeutsame Unternehmen zu
gruenden. Man ist in Washington der Meinung- gewesen, dass es
im Interesse der Oeffentlichkeit notwendig sei, die Produktionskapazitaet fuer Aluminium zu steigern, um sowohl die Preise zu senken und die Nachfrage der Verbraucher decken zu koennen. -Wie ich bereits erwaehnt habe, ist es die Aufgabe des
Industriellen, zu produzieren. Die Regierung kuemmert sich
um die Steigerung der Verteilung, indem sie oeffentliche Kredite gibt. Die Kredite koennen im gleichen Verhältnis mit
der Steigerung der Produktion erweitert werden, um die Verbrauchsgueter auf die verschiedenen Bevoelkerungsschichten in
ausreichender Weise verteilen zu koennen. Diese Idee blieb
Marx verschlossen, weil er sich ueber Geld- und Kreditprobleme noch vollkommen im Unklaren war. Er war zu jener Zeit noch
der Auffassung, dass Geld gleichbedeutend ist mit Gold. Die
Entdeckung jedoch, dass Geld etwas voellig anderes als Gold
ist, hat es dem amerikanischen System ermoeglicht, anders zu
handeln, als es in den marxistischen Prophezeihungen vorgesehen
war. Geld ist heute nicht mehr durch Gold, sondern durch die
sich staendig steigernde Produktion gedeckt.
Martin: In diesem Zusammenhang moechte ich eine Reihe Prognosen stellen, die uns einen voellig unerwarteten Blick in die
Zukunft oeffnen. In zehn Jahren wird der amerikanische Arbeiter, der heute vier Stunden weniger in der Woche arbeitet als
im Jahre 1940, noch vier Stunden weniger arbeiten koennen.
"'«Vaehrend die Arbeitswoche in Amerika vor zehn Jahren 45 Stunden gehabt hat, zaehlt sie jetzt weniger als 41 Stunden. Im
Jahre 19 60 wird der amerikanische Arbeiter in der Woche nicht
mehr als 37 Stunden arbeiten. Und trotzdem wird in diesem gleichen Zeitraum die Gesamtproduktion der Vereinigten Staaten um
mindestens 20$ und hoechstwahrscheinlich sogar um 40$ erhoeht
sein. Diesen Zahlen liegen hoechst zuverlaessige wirtschaftliche Studien zugrunde. Sie sind von einem sehr bekannten Forschungsinstitut ausgearbeitet, das "The SOth Century Fund" genannt wird, und dessen Vorsitz Sie zur Zeit fuehren. Meines
Wissens handelt es sich hierbei um eine Einrichtung, die ohne
Gewinn arbeitet und die im Interesse der Allgemeinheit heeufig
bestimmte Vorgaenge in der amerikanischen Wirtschaft eingehenden
Studien unterzieht, um sich ein besseres Bild ueber die wirtschaftliche Entwicklung machen zu koennen. Wie sehen Sie im
Licht der Prophezeihungen dieser Einrichtung die Zukunft dieses
amerikanischen Arbeiters, der immer weniger arbeitet, um viel
mehr zu produzieren?
Berle: Dieses Phaenomen ist in Amerika nicht so erstaunlich,
wie Sie anscheinend glauben. Im Verlauf der letzten zehn Jahre
ist der Lebensstandard des amerikanischen Volkes, im Ganzen
gesehen, um 50% verbessert worden. Dies trifft vor allem fuer
die laendliche Bevoelkerung zu. Wenn man sich mit diesen ermutigenden Ziffern beschaeftigt, muss man sich haeufig fragen,
ob die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften nicht einen anderen Lauf genommen haette, wenn Karl Marx, anstatt in London
- 6-

�zu bleiben, nach den Vereinigten Staaten gekommen waere, um dort
die Produktion zu studieren.
Die Verbesserung des Lebensstandards ist moeglich gewesen,
obwohl Amerika in diesem gleichen Zeitraum die Produktion fuer
die nationale Verteidigung zweimal der fuer den Zivilbedarf
voranstellten musste.
Wirtschaftlich gesehen, ist die Produktion von Kriegsgeraeten immer ein glatter Verlust, aber die Regierung in Washington war stets der Meinung, dass, wenn man
fuer die nationale Verteidigung produzieren kann, erst recht
auch Waren fuer den Zivilbedarf herstellen kann. Auf diese Weise ist durch den zweiten Weltkrieg die steigende Kurve der Erhoehung des Lebensstandards nicht unterbrochen worden.

Martin;

Wie ist dies aber moeglich?

Berle: Die amerikanische Produktion steigert sich alljaehrlich
regelmaessig um drei bis fueiif Prozent. Damit verdoppelt sich
unsere Produktion in 15 bis £0 Jahren automatisch.
Martin;

Ist dies jedoch keine Uebertreibung?

Berle: Auf keinen Fall. In den beiden letzten Jahren ist die
Produktion des Landes in noch staerkerem Tempo angestiegen als
man voraussehen konnte. Sie sehen also, dass wir in unseren
Berechnungen durchaus vorsichtig sind. Nach unsaren Schaetzungen muss sich die Gesamtproduktion der Vereinigten Staaten bis
zum Jahre 1960 um mindestens 20% erhoehen. Es ist wahrscheinlich, dass sie sogar 40% hoeher sein wird und zwar ohne uebermaessige Anstrengungen. Wenn die Umstaende es jedoch erforderlich machen, koennte unsere Produktion noch wesentlich hoeher
gesteigert werden.
Martin: Welchem Umstand schreiben Sie dieses Phaenomen der
staendigen Erweiterung zu?
Berle; Vor allem der Verbesserung der Produktionsleistung. Indem man dem Arbeiter fortwaehrend bessere Werkzeuge und bessere
Maschinen gibt, vergroessert man automatisch seine Produktionskapazitaet. Diese Erhoehung der menschlichen Arbeitsleistung
wird auf jaehrlich 2% geschaetzt. Fuer Marx war der Unternehmer
ein Mensch, den man beseitigen musste, weil er Parasit und Ausbeuter war. Unser amerikanisches System hat aus ihm einen Techniker gemacht, von dem man besondere Leistungen erwartet. Er
wuerde sich seiner Pflicht entziehen, wenn er nicht die besten
Mittel faende, um fortschrittliche technische Methoden und Kapitalinvestierungen zu kombinieren, die fuer die Gesamtheit eine
Verbesserung des Lebensstandards bedeuten.
Martin; Was hat diese Steigerung der Produktionsleistung fuer
eine Zeitspanne von zehn Jahren praktiscn zu bedeuten?
Berle: Heute produziert der amerikanische Arbeiter mit Hilfe
seiner Maschinen 25% mehr in einer Arbeitsstunde als 1940.
Martin:

7/em kommt diese gesteigerte Leistung jedoch zugute?

Berle: Die statistischen Angaben der letzten zehn Jahre zeigen
uns, dass die Gewinne aus der Steigerung der Produktivitaet, wie
wir die Arbeitsleistung nennen, ungefaehr gleichmaessig durch
eine Reduzierung der Zahl der Arbeitsstunden und eine Erhoehung
- 7-

�der ^rbeiterloehne absorbiert wurden. Wie Sie bereits ersehnten-, ist die durchscnittliche Arbeitswoche von 45 Stunden im
Jahre 1940 auf weniger als 41 Stunden zurueckgegangen. In einigen Jahren wird man nur noch 37 Stunden in der Woche arbeiten.
Martin: Welche Gewaehr haben Sie dafuer, dass die Vorteile dieser besseren Arbeitsleistung nicht in die Taschen der Unternehmer fliessen?
Berle: Diese Aufgabe der Kontrolle faellt in unserem amerikanischen Wirtschaftssystem den grossen freien Arbeitergewerkschaften zu.
Martin: Wie stellt man sich die Erweiterung der industriellen
Einrichtungen der Vereinigten Staaten vor?
Berle: Wie Sie wissen, sind die Steuergesetz-e seit der Einwirkung des Praesidenten Roosevelt so gefasst, dass die Grossunterneiimer gezwungen sind, einen betraechtlichen Prozentsatz ihrer
Gewinne fuer die Erweiterung der Produktion durch Investierungen zu verwenden. Die Ausdehnung der industriellen amerikanischen Einrichtungen kann fuer die 20 Jahre von 1940 bis 1960
auf 40% geschaetzt werden. Diese Zahl betrifft lediglich den
Aufbau voellig neuer Fabriken. Es handelt sich hierbei natuerlich um Nettowerte,' wobei die Erneuerung abgenutzten Materials
und die Amortisierung nicht einbegriffen sind. Diese Erweiterung um 40% der Gesamtheit der industriellen Einrichtung stellt
eine Investierung des groessten Teils der neu gewonnenen Kapitalien dar.
Martin: Die wichtigste Frage, mit def man sich am haeufigsten beschaeftigt, ist meiner Meinung nach die des Nationaleinkommens. Was besagen Ihre Zahlen in Bezug auf dieses Nationaleinkommen Amerikas?
'
Berle: Hierauf will ich Ihnen gern eine genaue Antwort geben.
Aber um der Verstaendlichkeit halber moechte ich von vornherein
feststellen, dass den Zahlen, die ich angebe, der tatsaeehliche Dollarwert zugrunde liegt, d.h., dass in ihnen bereits
den Wertverlust beruecksichtigt ist, damit Vergleiche ueberhaupt moeglich sind. Das amerikanische Nationaleinkommen, das
im Jahre 1940 135 Milliarden Dollar jaehrlich betrug, hat heute
den Betrag von 250- Milliarden Dollar erreicht. Es wird sich
im Jahre 1960 auf 350 Milliarden Dollar und sehr wahrscheinlich
sogar auf 375 Milliarden Dollar belaufen. Das ist nicht aussergewöhnlich, wenn man diese Zahlen mit dem vergleicht, was sich
in den letzten zehn Jahren abgespielt hat, in denen unser Nationaleinkommen verdoppelt wurde trotz, wie ich bereits erwaehnte,
eines Krieges, der vom wirtschaftlichen Standpunkt aus ein reines Verlustgeschaeft war.
Martin: Bedeutet aber all dies fuer den kleinen Mann' in den
Vereinigten Staaten eine wirkliche Verbesserung seines Lebensstandards?
Berle: Welch1 seltsame Frage. Natuerlich ist es eine Verbesserung, da sich die Bevoelkerungsziffer des Landes im Vergleich
zur Steigerung des Nationaleinkommens relativ nur \.enig erhoeht
hat. Es ist offensichtlich, dass die Erhoehung des Lebensstandards in diesen zehn Jahren eine gewaltige war. Nehmen wir als
Beispiel den Durchschnittswert des kleinen Kapitals, das eine
amerikanische Familie in jeder Form von Besitztum ihr eigen nennt.
- 8 -

�2s besteht in Fora von Ersparnissen, liaeusern, Grundstueeken
und besonders Lebensversicherungspolicen. Nach den Schaetzungen
des "Twentieth Century Fund" besitzt die amerikanische Familie
im Durchschnitt ein Kapital von 5,000 Dollar. Vierzig Prozent
der Familien haben mehr als 5,000 Dollar und 20$ mehr als
2,500 Dollar.
Martin: Was Sie uns gesagt haben, beweist nicht nur, dass sich
der amerikanische Kapitalismus nicht auf dem Wege des Selbstmordes befindet, wie Karl l'arzin seiner Akkumulationslehre glaubte, sondern es zeigt uns,- dass der Amerikaner, was auch im Interesse der Allgemeinheit nur nuetzlich ist, zu einem praktischen Sozialisten geworden ist, auch wenn er sich dieser Tatsache- garnicht bewusst wird.
Rapports France-Etats-Unis
VI/51
VERSCHIEBUNGEN DER EETKauL:ENV ERTEILUNG IN DEN U.S.A.
In seinem Jahresbericht stellt Dr. Burns, der Forschungsleiter des amerikanischen nationalen Bueros fuer wirtschaftliche
Forschung, fest, dass Amerika seit 1929 in seinem Streben nach
einer besseren Verteilung der Einkommen grosse Erfolge erzielt
hat. In der Zeit von 1929 bis 1946 hat sich das durchschnittliche Jahreseinkommen fuer jeden Mann und jede Frau in den Vereinigten Staaten von 690 auf 1.166 Dollar erhoeht. Gleichzeitig
ist das Durchschnittseinkommen jenes einen Prozents der Bevoelkerung mit den hoechsten Einkommen von 15,168 auf 8,994 Dollar
zurueckgegangen. Diese Verschiebung, so sagt der bekannte
Volkswirtschafter, haette sich friedlich und allmaehlich vollzogen, sie koenne jedoch als eine der groessten sozialen Revolutionen der Geschichte s-ewertet vverden.
Dr. Burns berichtet weiter, dass der Anteil der fue lf Prozent der 3evoelkerung mit den hoechsten Einkommen am gesamten
Nationaleinkommen im Jahre 1929
34# saemtlicher persoenlicher
Einkommen betragen habe, aber 1im Jahr 1946 auf 18% zurueckgegangen sei. Durch diese Differenz ist der Anteil der Lohn- und
Öehaltsempfaenger Amerikas in den beiden Dekaden zwischen 1950
und 1950 auf 70'/ö des Nationaleinkommens angestiegen. Nicht nur
der Gesamtbetrag aller Arbeitereinkommen ist groesser geworden,
sondern auch der Prozentsatz am Gesamteinkommen, der dem Arbeiter
zufaellt, ist um 17-jb gestiegen.
Mit dem Hinweis, .dass kein Vergleich mit den Laendern hinter ' dem Eisernen Vorhang moefrlich ist, weil in kommunistischen
Laendern die Veroeffentlichung von statistischen Informationen
mit der Begruendung verboten ist, dass es sich um Staatsgeheimnisse handelt, stellt Dr. Burns trotzdem die Frage, ob irgendeine der sogenannten "Volksdemokratien" Stalins eine so umfassende Demokratisierung im Verteilungsprozess der Einkommen in irgendeinem ihrer eigenen Laender aufweisen koenne.
Program Services Section
. VI/6/51
SC KI EPS STRECKUNG UND { CKLICKTUNG IN SOv/ JET RUSS LA NT
Hit.der Abschaffung des Tarifverhandlungswesens im Jahre
1953 erfuhr auch das Beschwerdeverfahren, das urspruenglich dazu
- 9-

�bestimmt war, Arbeitsstreitigkeiten beizulegen, eine grundlegende i^enderum:. Nach der .Viedereinf uehrung der Tarifverhandlungen im Jahre 1947 zogen die sowjetischen Juristen einen
klaren Trennungsstrich zwischen Streitigkeiten, die sich um
die Festsetzung oder Veraenderungen der Arbeitsbedingungen
drehen und solchen, die sich aus der Anwendung bereits bestehender Arbeitsbedingungen ergeben. Praktisch, so sagen sie, gehoert lediglich diese zweite Gruppe in das besondere Schiedsspruchverfahren, das urspruenglich jedoch fuer beide bestimmt
war. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen und ihre Veraenderungen gehoeren augenblicklich in den Zustaendigkeitsbereich
der Verwaltung.
Die Vermittlungs- und Scniedsrichterausschuesse, die zur
Beilegung von Streitigkeiten ueber Arbeitsbedingungen gebildet waren, wurden mit dem Arbeitsgesetz vom 29. August 1928
aufgeloest. Spaeter ist das Volkskommissariat fuer Arbeit
durch den Zentralrat der Gewerkschaften im Jahre 1923 ersetzt
worden.
Die Schiedsausschuesse, die zu jener Zeit in jedem Betrieb
gebildet wurden, bestehen zwar noch immer, aber seit dem 2.
Januar 1923 ist der wichtigste Teil ihrer Funktionen und zwar
die Festsetzung von Akkordsaetzen und von Produktionsnormen
weggefallen, wie im offiziellen Handbach ueber Arbeitsgesetzgebung von 1946 erklaert wurde. Es sind in V.'irklichkeit Aus-r
schuesse, die die Aufgabe haben, Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern ueber die Anwendung der bestehenden
Arbeitsgesetze beizulegen, d.h. es sind reine Beschwerdeausschuesse. In bestimmten Faellen muss die beschwerdefuehrende
Partei ihre Beschwerde dem Ausschuss vortragen, bevor sie sich
an das Gericht wendet. Repraesentanten der Unternehmer- und
der Arbeitnehmerausschuesse sind in gleicher Zahl vertreten,
und wenn kein Uebereinkommen erzielt wird, kann sich der Beschwerdef uehrende an das Gericht wenden. Die Strafen sind unwiderruflich, koennen jedoch von hoeheren Behoerden "von Amts
wegen" abgeaendert werden. Wenn diese die Strafe aufheben,
kann ebenfalls beim Gericht Beschwerde eingereicht werden.
In einigen anderen Faellen steht es frei, sich an das Gericht oder an den Ausschuss zu wenden. Folglich bietet das
sowjetische Gesetz fuer Arbeit-sstreitigkeiten dem Arbeitnehmer
bestenfalls einen Schutz gegen den persoenlichen Lissbrauch der
Ifecht des Unternehmers.
Es gibt jedoch auch Faelle, in denen weder beim Gericht
noch beim Ausschuss Beschwerde eingelegt werden kann. In diesen Faellen müessen hoehere Verwaltungsbehoerden in Anspruch
genommen werden. Dies trifft insbesondere fuer jene Beschaeftigungszweige zu, in denen die Unternehmer kraft des sogenannten Disziplinargesetzbuches ueber weitgehende Disziplinarbefugnisse verfuegen. Sin Arbeitnehmer in solchen Industriezweigen kann, wenn er von der Verwaltung bestraft wird,weder beim
Gericht noch beim Verwaltungsausschuss Berufung einlegen. Er
hat nur die "oeglichkeit, hoehere Vorgesetzte in seinem Unternehmen zu Rate zu ziehen.
The Monthly Labor Review
(Elements of Soviet Labor Law)

17/51
- 10 -

�DAS BETRIEBSTECHNISCHE AUFGABENGEBIET DER US-GEWERKSCHAFTEN
Der Mann im
Bleistift in der
stungsfaehigsten
tatsaechlich ein

weissen Hemd und Krawatte, mit Notizbuch und^
Hand, dem man in vielen der groessten und leiIndustrieunternehmen Amerikas begegnet, ist
Angestellter der Gewerkschaft.

Vielleicht entwirft er Tlaene fuer eine Neuordnung des Betriebs, analysiert die Produktionsziele, oder aber er fuehrt
Zeit- und Bewegungsstudien durch - wenn ihn nicht die traditionelle Antipathie der Gewerkschaften gegen diesen Ausdruck veranlasst hat, dieses Verfahren mit irgendeinem anderen technischen Ausdruck zu bezeichnen. Im allgemeinen beschaeftigt er
sich jedoch mit der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung", die
man gern mit seinem Widerpart, dem Unternehmer, identifiziert.
Wie und warum kamen die amerikanischen Gewerkschaften dazu,
sich mit der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung" zu befassen?
Offen gesagt, die Gewerkschaften drangen in dieses Gebiet
aus Gruenden des Selbstschutzes ein.
Die Arbeitgeber haben die "wissenschaftliche Betriebsleitung" zu einem permanenten und festen Bestandteil der modernen
amerikanischen Industrie gemacht. So wie die Arbeitgeber es fuer
erforderlich hielten, mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten,
hielten es die Gewerkschaften fuer notwendig, mit der "wissenschaftlichen Betriebsf uehrung" ins Einvernehmen zu komn.en. Sie
gelangten vor einigen Jahren zu der Erkenntnis, dass die einzige
Möeglichkeit, mit ihr zurechtzukommen und sich gleichzeitig
vor der Ausbeutung durch wissenschaftliche Methoden zu schuetzen,
darin bestand, mindestens ebensoviel, wenn nicht sogar mehr als
die Unternehmer, ueber die wirksame Rationalisierung der Industrie zu wissen.
Aus diesem Grunde gibt es gewerkschaftliche Referate fuer
Betriebstechnik, in denen gut geschulte junp;e Maenner beschaeftigt sind, die von der Gewerkschaft bezahlt werden. Wenn irgendein Betriebsplan Hintertueren hat, die sich nachteilig auf
die Arbeiter auswirken koennten, so finden diese Techniker es
sehr bald heraus. Gestuetzt auf eine starke, gut organisierte
Gewerkschaft koennen sie, mit Tatsachen und Informationen bewaffnet, mit dem Bestreben in die Verhandlungen gehen, fuer die organisierten Arbeiter und die Gewerkschaft das beste herauszuschlagen.
Die Bedeutung, die man der "wissenschaftlichen BetriebsfBhrung" mit ihren besonderen Arbeitsmethoden wie Zeitstudien, formelle Leistungslohnsysteme, Arbeitsplatzbewertung, Einstufung
nach Verdienst usw. beimisst, hat sich auf die Industriearbeiter
in den Vereinigten Staaten in grundlegender Weise ausgewirkt.
Die Arbeitgeber haben manchmal versucht, diese Methoden anzuwenden, um zu bestimmen, wie schwer ein Arbeiter arbeiten und was
er verdienen muesste. So koennte die Betriebsleitung zum Beispiel sagen, das Fliessband wuerde nicht so schnell laufen, wie
es eigentlich der Fall sein muesste. Eine Menge statistischer
Unterlagen, die von den Zeitstudienfachleuten der Unternehmer
zusammengetragen wurden, werden als Beweismaterial vorgelegt.
Diese Unterlagen - graphische Darstellungen, Diagramme,' mathematische Tabellen - koennen in einer technisch so komplizierten Ausdrucksweise gehalten sein, dass sie im allgemeinen fuer die Arbeiter unverstaendlich sind. Muessen derartige Statistiken nun
als mathematische Tatsachen akzeptiert werden? Die Gewerkschaf- 11 -

�ten sagen "Kein". Viele der Grundbegriffe, die in der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung" verwendet werden, sind weniger
von einer objektiven als vielmehr der persoenlichen Beurteilung
abhaengig. Die Gewerkschaften vertreten den Standpunkt, dass
der Arbeiter keine Maschine ist und auch nicht als solche gewertet werden kann. Sie sind der Auffassung, dass viele Aspekte der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung" auf fragwuerdigen Vermutungen beruhen, die weder zuverlaessig noch allgemein
gueltig sind.
Dies jedoch nur zu glauben, genuegt aber keineswegs, weil
das Unternehmertum entschieden hat, sich dieser Methoden zur
Foerderung seiner Ziele zu bedienen. Infolgedessen beschlossen
die Gewerkschaften, sich die notwendigen Kenntnisse anzueignen,
um den Unternehmern zeigen zu koennen, wo, wie und warum ihre
Behauptungen falsch und ihre Forderungen unberechtigt sind.
Sie wollten in der Lage sein, sich innerhalb des Tarifverhandlungsprozesses gegen die "wissenschaftliche Betriebsfuehrung"
zu schuetzen.
Viele Gewerkschaften verlegten sich daraufhin auf die
Methode der technischen Dienstleistungen durch die Gewerkschaft.
Die Taetigkeit der Gewerkschaften auf betriebstechnischem Gebiet ist in den Vereinigten Staaten verhaeltnismaessig jung
und trat zum erstenmal zu Ende der Dreissiger Jahre auf.
Fuer die Gewerkschaftsbewegung war die "wissenschaftliche
Betriebsfuehrung" im Grunde eine antigewerkschaftliche Angelegenheit. Um die Jahrhundertwende, als die moderne Betriebstechnik ins Leben trat, befanden sich die Gewerkschaften in der
Defensive. Gewerkschaftsfunktionaere sahen in dem neuen Begriff
eine neue Waffe zur Zerstoerung der Gewerkschaftsbewegung. Diese Auffassung wurde durch die Tatsache bestaerkt, dass die Unternehmer, die die "wissenschaftliche Betriebsfuehrung" befürworteten, an antigewerkschaftlichen Taetigkeiten beteiligt waren.
Der Begriff "wissenschaftliche' Betriebsfuehrung" wurde in Gewerkschaftskreisen als ein Ungeheuer angesehen, das die Gewerkschaften den Unternehmern gefuegig machen und den gesamten Tarif verhandlungsprozess unterminieren soll.
Wie Solonon Barkin von der Textilarbeitergewerkschai't
schrieb, standen die Gewerkschaften auf dem Standpunkt, dass
"Leistungslohnsysteme die Arbeiter in unmenschlicher und selbstmoerderischer Welse gegeneinander aufwiegeln", und dass "Zeitund Bewegungsstudien keine wissenschaftliche Methode zur Bestimmung der Leistung und der Festsetzung der Loehne sind, sondern
lediglich Massnahmen, um- die Wuensche und Meinungen der Unternehmer in mathematischer Form zum üusdruck bringen."
Weil die Gewerkschaften nicht stark genug waren, um die
Einfuehrung der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung", besonders in ihrer Auswirkurg auf die Lohnbedingungen der Arbeiterschaft, verhindern zu koennen, begannen sie eine 'Verbekampagne,
um die Oeffentlichkeit fuer ihre skeptische Einstellung zu gewinnen.
Diese Kampagne fand im Jahre 1915 ihren hoehepunkt, als
das Gesetz zur Kriegsfinanzierung vom Kongress dahingehend abgeaendert wurde, dass man die Bezahlung von Experten, die sich
mit Zeitstudien beschaeftigten, aus Geldmitteln der Regierung
ablehnte.
Nach dem ersten V/eltkrieg stellten die Arbeitgeber eine
Verbindung zwischen "wissenschaftlicher Betriebsfuehrung" und
- 12 -

�den "Unternehmer-"gewerkschaften her. Die Antipathie der Gewerkschaften wurde dadurch nur vergroessert. 7/oimmer es moeglich war, versuchten die Gewerkschaften, Zeitstudien, Leistungslohnsysterae, psychologische Pruefungen und Einstufungssysteme
nach der Leistung abzuschaffen. Zu jener Zeit befand sich die
Industrie der Vereinigten Staaten jedoch im Aufschwung. Die
Unternehmer hatten ihre Aufgabengebiete neu organisiert und
machten sich die neuen Begriffe der Forschung, Normung, Planung und deren Ausfuehruhg zu eigen. Die "wissenschaftliche Betriebsfuehrung" blieb bestehen und mit ihr ihre Methoden. Ilaeufig wurde jedoch mit diesen Methoden Missbrauch getrieben. Die
amerikanischen Gewerkschaften gewannen nach und nach groesseren
Sinfluss und widersetzten sich konsequent den neuen Methoden.
Victor Reuther von der Automobilarbeitergewerkschaft des
CIO, der heute Repraesentant des CIO fuer Europa ist, nahm zur
Gruendung der Automobilarbeitergewerkschaft im Jahre 1956/37
in folgenden 7»orten Stellung:
"Antreibemethoden und ungerechte Leistungsnormen waren
fuer uns ebenfalls ein Grund, uns gegen die Tyrannei in den
Betrieben aufzulehnen, wie all die anderen Ungerechtigkeiten,
die uns veranlasst hatten, uns zu organisieren. In den darauffolgenden Jahren, in denen unsere Gewerkschaft groesser wurde
und dadurch Macht und Einfluss gewann, schuf sie besondere Einrichtungen wie z.B. unser Referat fuer Zeitstudium und Produktionstechnik. Damit haben wir unsere urspruengliche, instinktiv
ablehnende Haltung den Methoden des Zeitstudiums gegenueber •
ueberprueft. Die technischen Erfahrungen, die wir uns in der
Zwischenzeit angeeignet haben, ermoeglichen es uns, an Hand der
Unterstuetzung durch feststehende Tatsachen den Kampf weiterzufuehren.
"Heute sind die technischen Dienste der Gewerkschaft den
Verhandlungsfuehrenden in der gleichen V/eise dienlich, wie
die Techniker den Unternehmern. Wenn eine Arbeits Streitigkeit nicht allzu kompliziert ist, kann die Ortsgewerkschaft
das Lehrmaterial ueber "wissenschaftliche Betriebsfuehrung"
verwenden, das von dem betriebstechnischen Personal der Landesgewerkschaft ausgearbeitet ist. Sie koennen damit die Angaben
der Unternehmer ueberpruefe-n, um z.B. festzustellen, ob die
Schnelligkeit des Fliessbandes erhoeht worden ist. Die Ortsgewerkschaft kann darueber hinaus von sich aus um die direkte
Unterstuetzung durch technische Experten der Gewerkschaft bitten.
"Die wichtigste Tatsache hierbei ist, dass alle gewerkschaftlichen Aspekte, wenn eine Gewerkschaft stark und der Betriebstechniker der Gewerkschaft tuechtig ist, bei den Verhandlungen beruecksichtigt werden koennen. Eine englische Gruppe
von Gewerkschaftern, die vor einiger Zeit unter der Schirmherrschaft des Marshall-Pla-s dieVereinigten Staaten besuchte,
erklaerte im Anschluss an ihre Reise: "Die Gewerkschaftsmitglieder muessen sich darueber im klaren sein, dass die Anwendunr
von Methoden der "wissenschaftlichen Betriebsfuehrung», auch
wenn sie nicht wissenschaftlich sind, in der heutigen Industrie
unvermeidlich und notwendig ist, und dass die Entschlossenheit,
Missbraeuche zu verhindern und diese "wissenschaftliche Betriebsfuehrung soweit wie moeglich zu kontrollieren, eine notwendige Funktion der modernen Gewerkschaftsbewegung ist."
Einige amerikanische Gewerkschaften, wie z.B. die der
Damenoberbekleidungsarbeiter, der Textil- und Automobilarbeiter
haben regulaere gewerkschaftliche Referate fuer Hetriebst&lt;?chnik.
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�Anders Gewerkschaften haben weniger formell arbeitende technische Einrichtungen, aber auch sie sind sich mehr#und mehr der
wachsenden Bedeutung der gewerkschaftlichen Ttetigkeit auf
dem Gebiet der Produktionstechnik bewusst.
Auch auf andere V/eise hat die Gswerkschaftsbewegung von
der gewerkschaftlich erarbeiteten Betriebstechnik Gebrauch
gemacht. Ein Beisoiel hierfuer sind die technischen Einrichtungen der allamerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter. Hierzu ein Beispiel, das wir dem monatlich erscheinenden Organ dieser Gewerkschaft "Justice" entnehmen:
"Die gesteigerte Konkurrenz der Nachkriegszeit auf den Absatzmaerkten der Bekleidungsindustrie hat in diesen Betrieben ein
besonderes Problem geschaffen. Noch vor 30 Jahren wurde in
allen Betrieben nach dem System der Zeitarbeit gearbeitet.
.Mit der erhoehten Konkurrenz sahen sich die Firmen gezwungen,
an ihre Arbeitnehmer groessere Anforderungen zu stellen." In
dem Bericht heisst es weiter, dass die Konkurrenzfaehigkeit
der Firmendurch die Zeitlohnbasis geringer wurde. Auf Veranlassung der Gewerkschaftsfunktionaers wurde, ein abgeaendertes.
Produktionssystem auf Stuecklohnbasis eingefuehrt. Nachdem
die verschiedenen Probleme ueberwunden waren, die sich mit
der Neuerung ergeben hatten, stiegen die Loehne der Arbeiter
um mehr als 50?o. Die Gestehungskosten wurden geringer, sodass jeder Betrieb besser in der Lage war, mit anderen zu konkurrieren.
Ein Beispiel fuer die Gruendung eines betriebstechnischen
Referats einer Gewerkschaft bietet die iiUtomobilarbeitergewerkschaft. Sie hat fuer die Gehaeiter und Auslagen ihres technischen Personals, zu dem drei Gewerkschaftstechniker und eine
technische Gehilfin gehoeren, 40.000 Dollar bereitgestellt.
Dieses technische Personal wird vom Landesvorstand der Gewerk- .'
schaft ueber den wirksamsten .,Einsatz seiner Arbeit beraten.
Es ist bemerkenswert, dass diese Techniker selbst langzeitige .Mitglieder einer Gewerkschaft sind. Die Gewerkschaften glauben nicht, dass unabhaengige, akademisch geschulte
technische Berater der Gewerkschaft eine ungeteilte Loyalitaet
bewahren. Die verschiedenen Formen der wissenschaftlichen Betriebsfuehrung sind im wesentlichen Methoden, die von den Unternehmern gefoerdert werden. Nur wenige technische Berater
in der Industrie hatten die notwendigen Kenntnisse, um den
Arbeitern helfen zu koennen, sich vor der Jillkuer des Unternehmertums zu schuetzen. Die Gewerkschaften, die auf diesem
Gebiet am weitesten vorgeschritten sind, sind der Auffassung,
dass Techniker im Dienste der Gewerkschaften enge und dauernde
Beziehungen zu der Gewerkschaft pflegen muessen, und dass ihnen
von der Gewerkschaft selbst gut ueberlegte Anweisungen gegeben
werden muessen. Solei e Beziehungen wuerden nach ihrer üUffassung
fuer die erfolgreichste Anwendung der beruflichen Faehigkeiten
und Erfahrungen der 3etriebstechniker im Dienste einer Gewerkschaft buergen.
Das technische Personal der Gewerkschaften leistet eine
Vielzahl aeusserst wichtiger Dienste fuer die Gewerkschaftsbewegung. Einige ihrer Funktionen muessen anderen vorangestellt
werden,-dies ist jedoch jeweils von der betreffenden Gewerkschaft oder Iniustrie abhaengig. Diese technischen Dienstleistungen der Gewerkschaften bilden die Grundlage fuer Tarifverhandlunge'n. Sie foerdern die Entwicklung der industriellen
Technik im Interesse der Gewerkschaften, der Unternehmer und
der Oeffentlichkeit. Sie dienen als Informationsquelle fuer
die Gewerkschafter, die sich mit technischen Problemen befassen,
und darueberhinaus als Richtlinien fuer diejenigen, die die
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�gewerksohtftliohe Politik gestalten.
Ss ist darauf hingewiesen worden, dass die betriebstechnische nrbeit der Gewerkschaften in Amerika einer defensiven
Handlung seitens der Gewerkschaftsbewegung entsorungen ist,
die durch die Gegebenheiten einer bestimmten Situation bedingt war. Die betriebstechnische arbeit der Gewerkschaften
in Suropa mag von weit groesserer Bedeutung seih, weil die
'Wirtschaftssysteme der europaeischen Laender in die Phase
der Verteidigungsproduktion eintreten. Indem die Betriebstechniker- der Gewerkschaften es der Gewerkschaftsbewegung ermoeglichen, sich mit groesserer Zuversicht auf dem Gebiet
der Leistungsfaöhigkeit der Industrie zu bewegen, koennen
sie zu den Bestrebungen der europaeischen Gewerkschaftsbewegung beitragen, die selbst bei einer Steigerung der Verteidigungsproduktion auf die Erhaltung des bestehenden Lebensstandards gerichtet sind.
Labor News from the US
71/8/51
Syd Stogel, Korrespondent des "AFL V.'eekly News Service" in Rom:
UNZUFRIEDENE TSCHECHISCHE ARBEITER MJESSEK FUER RUSSLANDFKRIEGS•"ASCKINERIE ARBEITEN
Ihres fundamentalen Streikrechtes beraubt, blieb den
ehemals freien tschechoslowakischen Gewerkschaftern kein anderes Nittel als "krank" zu sein, um sich gegen die erbarmungslosen Antreibmethoden aufzulehnen, denen die Industriearbeiter
in Rahmen des FuenfJahres-Planes ausgesetzt sind.
Ueberi.ll bleiben die Arbeiter "wegen Krankheit" ihrer
Arbeitsstaette fern. Diese Gewohnheit hat unter den Bergleuten solche Ausmasse angenommen, dass das kommunistische Regime
gezwungen war, Soldaten zum Abbau der Kohle einzusetzen.
Dies ist ein Teil des Gesamtbildes, das ein in Prag
stationierter Diplomat, der si%ch in Rom aufhielt, in einem
Interview ueber die Lage der Arbeiterschaft in der kommunistischen Tschechoslowakei gegeben hat.
Nach der .'..'einung dieses Beamten flea Ausfertigen Dienstes,
der sich seit der "Befreiung" Prags in dieser Stadt befindet,
ist die kommunistische Diktatur in der Tschechoslowakei sowohl
fuer die politischen als auch fuer die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich zu machen.
Die Saeuberungsaktion dementia war lediglich ein Anfang,
und niemand fuehlt sich heute noch sicher, selbst nicht der
Praesident Clementis Gottwald. Bei immer gesteigerteren russischen Forderungen nach Kriegsmaterialien und schweren Austestungen kann selbst eine so hoch entwickelte industrielle Basis
wie die der Tschechoslowakei unter der Last solcher Anforderungen zusammenbrechen, erklaerte der auslaendische Beobachter.
Der Diplomat stellt fest, dass die tschechische Industrie
bereits vor dem Ueberfall der Roten Armee auf Korea fuer den
Krier- mobilisiert war, und dass die Ruestungsfabriken in drei
Schichten ununterbrochen Tag und Nacht arbeiteten.
"Die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft,"faehrt er fort,
"haette ernsthafte Folgen fuer die Beziehungen des Landes mit
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�Russland . ".'eil die Tschechen nicht in der Lage »üren,. all
die wichtigen Varen und Ausrufstunzart zu liefern, die Russland in dem Handelsabkommen zwischen diesen beiden laendern
beansprucht hatt-s, haben die Ru3=?en die Lieferun? von 460.000
Tonnen '.Veizen unterbunden, die der Tschechoslowakei versprochen worden waren. Dadurch wurde die wirtschaftliche Lage der
Arbeiter noch schlechter, zumal seit Deginn des Jahres der
Preis fuer Brot^ das wichtiste Nahrungsmittel in der Tschechoslowakei, um 60,o in die Hoehe gegangen ist. Der Preis fuer ein
Kilogramm Mehl stieg von 7 1/2 auf 21 Kronen. Zum erstenmal
seit Jahren hat erneut eine allgemeine Hortung -von Lebensmitteln
eingesetzt."
Der Diplomat berichtet ferner, dass die Tschechoslowakei
in den Kriegsplaenen der Sowjetunion eine bedeutende Rolle
spielt. Um die Produktion wesentlicher Erzeugnisse zu beschleunigen, haben die Russen befohlen, dass die Tschechen so weit
wie moeglich die FTiessbandmethode anwenden. Maschinen und
Rohstoffe, die von der Sowjetunion nicht beschlagnahmt wurden,
bleiben fuer Russlands Satellitenstaaten reserviert.
""Lieferungen fuer China zum 3eisoiel sind laufend durch
den polnischen Hafen Gdingen geschleust worden. Russland hat
versorochen, die Tschechoslowakei mit Kupfer zu versorgen, das
frueher aus Jugoslawien und anderen Laendern des V.'estens eingefuehrt wurde.
"Am bezeichnendsten," so schliesst der Korrespondent,
"ist die Tatsache, dass der groes.ste Teil der strategisch wichtigen Industrie in den westlichen Teilen der Tschechoslowakei
nach der Slowakei im Osten verlagert wird. Zu den grossen Industrieunternehmen, die zur Zeit weiter nach Russland verligert
werden, gehoeren die Kolbek-Danek-'.Verke in Prag, Skoda in Pilsen. Man hat dabei natuerlich im /iUge, sie vor amerikanischen
Bombern besser schuetzen zu koennen."
AFL Y.'eekly News Service
VI/5/51
IB7G aRKAi.LT HILFSMITTEL J'U^R UI'T^R^HT».T0K^LT^ LAHIID^R
Der Generalrat des Britischen Gewerkschaftskongresses (TUC)
hat mitgeteilt, dass er 60 000 Pfund .Sterling beisteuern werde,
um dem internationalen Bund Freier Gewerkschaften die Hoeglichkeit zu geben, weltweite Regionalorganisationen aufzubauen. Züsaetzlich zu dieser Summe, die der TUC selbst gibt, sind die angeschlossenen Gewerkschaften aufgefordert worden, einen gleichhohen Betrag fuer die drei naechsten Jahre ebenfalls vorzusehen.
Zu diesem Schritt bemerkt der Generalsekretaer des TUC, Sir
Vincent Tewson in der TUC-'.Vochenschrift "Industrienachrichten":
"Der IBFG ist nicht allein begruendet worden, um den Kommunismus
zu bekaempfen oder etwa sich der Diktatpolitik des V/eltgewerk-.
schaftsbundes zu widersetzen, der dem Kominform untersteht, sondern um in erster Linie eine starke und freie Gewerkschaftsbewegung in jenen Laendern aufzubauen, in denen diese noch nicht genuegend entwickelt ist. as ist deshalb fuer die Gewerkschaften
eine selbstverstaendliche Verpflichtung, dass in allen Laendern,
wo diese einen Hoechststand erreicht haben, sie ihren Kollegen
in anderen Laendern in jeder „reise helfend zur Seite steht.
Labor Information LI 642
- 16 -

�Intcrnafionale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Aaszüge ans der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen and deren Mitglieder.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch .irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
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IV - 27

Frankfurt, 6. Juli 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Unternehmertun und wirtschaftliche Zusammenarbeit -

1

Britische Gewerkschaften entwickeln Hilfsprogramm
fuer unterentwickelte Laender - - - - - - - - -

9

Bessere Arbeitgeber-Arbeitnehmer Beziehungen erforderlich - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 1
Siegfried Aufhaeuser kommt nach Deutschland zurueck 12
Die Schiedssprechung der amerikanischen Gewerkschaften in Taetigkeit - - - - - - - - - - - - - 1 3
Lebensstandard und Produktivitaet von Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
abhaengig - - - - - - - - - - - _ _ _ - - _ _ _

16

UNTERNEHMERTUM UND WIRTSCHAFTLICHE ZUSAUVILNARBLIT
Auszuege aus einer Ansprache ueber menschliche Beziehungen
und Produktivitaet, die vor kurzem von R. R. Zimmermann,
einem technischen Sachbearbeiter der ECA-Abteilung fuer
technische Unterstuetzung, in Washington gehalten wurde.
Die Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit ist,
soweit sie den Vereinigten Staaten entstammt, vielleicht ein
Gegenbesuch der neuen ..'elt in der alten Welt, der Quelle ihrer
Staerke. Ich bin eher ein praktischer Llensch als ein Philosoph, aber es scheint mir, dass die alte Welt nicht nur ihre
Soehne und Toechter und das Kapital, mit denen das Land aufgebaut wurde, nach der neuen »Veit exportiert hat, sondern noch
einen weit bedeutsameren Faktor: Sie hat zwei getrennte Ge- 1-

�dankengaenge in die neue .Veit gebracht, die sich in Amerika
vereinigt und ein neues Produkt europaeischer Zivilisation hervorgebracht haben.
Die beiden Gedankengaenge oder Auffassungen, die ich meine, sind einmal die Wissenschaften, zum anderen der Begriff
der Menschenwuerde. Beide Begriffe waren europaeiscnen Geistes
und europaeischer Auffassung, sie waren.revolutionaer. Beide
sind in gleichem Kasse bestimmte charakteristische Merkmale
westlicher Kultur. Sie haben beide in Europa eine grosse Verbreitung erfahren. In Amerika haben sie vielleicht eine Variante erzeugt. Diese beiden Begriffe muessen jedoch analysiert
werden.
Die Wissenschaft ist ein geistiges Verfahren, in dessen
Verlauf Beobachtungen angestellt, Hypothesen ausgearbeitet,
Experimente geplant und Schlussfolgerungen ausgewertet werden.
Diese Methode hat in ihrer Anwendung durch Louis Pasteur zu
jenen bekannten neuen Entdeckungen auf medizinischem Gebiet
gefuehrt. Ihre Anwendung in der amerikanischen Industrie hat
zahlreiche technologische Entwicklungen in einem ebenso grossen
Massstab wie in Europa ausgeloest.
Der andere Begriff, die Menschenwuerde, bildet die Grundlage der franzoesischen Revolution, die ganz Europa mit sich
riss. Das Schlagwort: Freiheit, Gleichheit und Bruederlichkeit fand in den Herzen der Amerikaner staerksten Widerhall umsomehr, als der junge Marquis de Lafayette der ringenden amerikanischen Revolution tapfere Hilfe brachte. Auch die Amerikaner hatten damals aehnliche Traeume, die fast den gleichen
Quellen der europaeischen Kultur entsprangen.
Ich moechte ihre Aufmerksamkeit heute auf die Anwendung
jener beiden Ideen in der amerikanischen Kultur lenken und dabei
nicht nur in das Gebiet unserer materiellen Lebenshaltung, sondern auch in das der menschlichen Befriedigung, also eines
nicht materiellen Charakteristikums;, vordringen. Diese menschliche Befriedigung, glaube ich, ist eng mit der in Amerika zu
findenden Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und ebenso unserer Produktivitaet verknuepft. Um diese
Verknuepfung zu illustrieren, moechte ich gern auf zwei Beispiele der Forschung auf dem Gebiete der menschlichen Beziehungen hinweisen. Sie sind in der Tat ueberaus akut, obwohl ein
grosser Teil der Arbeit noch nicht vollendet ist. Ich zeige
sie ihnen deshalb weniger vom Standpunkt eines vollkommen ausgewerteten Ergebnisses wissenschaftlicher Forschung, sondern
vielmehr als Beweise..
Die beiden in Frage kommenden Studien wurden von Sozialwissenschaftlern an Universitaeten durchgefuehrt, die dem Buero
fuer Marineforschung vertraglich verpflichtet sind. Diese Behoerde der Regierung wurde vom Marineministerium nach Beendigung des zweiten /Veitkrieges zu dem Zweck errichtet, .iegliche
Forschungsarbeit, die von der Marine auf allen Gebieten - angefangen bei den Waffen bis zu den medizinischen Entdeckungen geleistet wird, auszuwerten.
Mit Geldmitteln, die von dieser Behoerde bereitgestellt
wurden, hat die Universitaet Michigan in Zusammenarbeit mit
einigen fuehrenden Unternehmen der Vereinigten Staaten eine Studie ueber Organisation, Produktivitaet und Moral begonnen.
Eines der ausgewaehlten Unternehmen war eine grosse Lebensver- 2 -

�Sicherungsgesellschaft, die ueber die Produktionsleistung in
verschiedenen Bueros, in denen die gleiche Arbeit verrichtet
wurde, genau Buch fuehrte. Diese parallelen Einheiten waren
vor einigen Jahren eingerichtet worden, weil das Unternehmen
der Meinung war, da3S bei einem sehr grossen Arbeitsanfall
die Arbeiten schneller erledigt wuerden, wenn die Gesamtzahl
der Konten ihrer Versicherten in Einzelabteilungen unterteilt
wuerde, in denen der Gesamtarbeitsvorgang der Berechnung und
Buchhaltung fuer sich geleistet wird. Die Arbeitnehmer dieser
Unterabteilungen wurden nach den gleichen Gesichtspunkten ausgewaehlt und arbeiteten unter den gleichen Bedingungen. Und doch
war die Produktionsleistung in einigen Abteilungen besser als
in anderen.
Die genaue Feststellung der Produktionsleistung lieferte
ausgezeichnete Unterlagen, mit deren Hilfe die Abweichungen auf
den einzelnen Gebieten festgestellt werden konnten. Der Faktor,
den man analysieren wollte, war die Art der Arbeitsleistung.
Die Forscher der Universitaet fanden heraus, dass die arbeitsvorgeseuzten der Gruppen mit hoeherer Produktionsleistung folgende charakteristische Merkmale aufzuweisen haben:
1. Sie spielen als Arbeitsvorgesetzte eine ganz bestimmte Rolle. Sie verwenden fuer die gleichen Funktionen weniger
Zeit als die Arbeitenden und mehr Zeit fuer die Beratung und
Unterstuetzung ihrer Beschaeftigten.
2. Die Arbeitenden werden von ihren Vorgesetzten weniger
streng ueberwacht, ebenso wie sie auch die Arbeit ihrer Untergebenen weniger ueberpruefen. Sie lassen den Arbeitnehmern •
mehr Handlungsfreiheit und erlauben ihre persoenliche Mitwirkung, wenn Entscheidungen getroffen werden. Katuerlich heben
die Beschaef tigten ein groesseres Interesse, wenn die Struktur
des Betriebes sowohl den Vorgesetzten als auch den Arbeitenden
eine groessere Handlungsfreiheit gibt und sie bei wichtigen
Entscheidungen zu Rate gezogen werden. Es bestehen infolgedessen bessere Moeglichkeiten, sich ueber die Dinge« auszusprechen.
3. Die Vorge-setzten unterrichten die Arbeitnehmer laufend
und lassen sie wissen, was man von ihnen erwartet und was sie
wirklich leisten. Die Vorschlaege der Beschaeftigten zur Befoerderung ?uter Mitarbeiter begruenden sich auf Tatsachen und
sollen von ihren Vorgesetzten wiederum verwirklicht werden.
In einem Ueberblick ueber diese Feststellung werden wir
daran erinnert, dass die Prbduktivitaetsfrage nur ein einziges
Kriterium der Gruppenleistungsfaehigkeit bildet. Die Genugtuung, die den einzelnen aus ihrer Arbeit erwaechst, ist
selbstverstaendlich ebenso bedeutsam, weil die menschliche Befriedigung in einer Demokratie eines der Endprodukte des industriellen Prozesses sein muss.
Die Befriedigung, die eine Arbeit in sich birgt, scheint
eine Funktion der Art der Arbeit zu sein, d.h. der Beachteftigung, des Faehigkeitsniveaus und des Interesses an der Arbeit
selbst. Abgesehen davon gibt es ebenfalls ein Befriedigtsein oder Nichtbefriedigtsein mit der Arbeitsgemeinschaft, in
die man gestellt ist. In den Gruppen mit einer besseren Produktionsleistung sind die Arbeiter'auf ihre Arbeit sehr stolz.
Sie haben das Empfinden, dass ihre Vorgesetzten in ihren Erwartungen vernuenftig sind. Mit guten Vorgesetzten produzieren
die Arbeiter nicht nur mehr, sondern sie sind auch gluecklichor.

•-J

�In dieser Darstellung hüben wir einige besondere Aspekte
der Arbeitsueberwachung in bezug auf Produktivitaet und Moral
festgestellt. Die beauftragten Forscher beeilen sich, uns
davor zu warnen, dass diese Feststellungen nicht unbedingt
auch fuer andere Organisationen gueltig sein muessen. Es wird
z. Zt. eine umfassende Forschungsarbeit geleistet, um diese
Feststellung auf ihre Gueltigkeit unter anderen Arbeitsbedingungen zu ueberpruefen.
Auf grund der bis jetzt getroffenen Schlussfolgerungen
haben Unternehmen und Universitaet beschlossen, eine andere
Schlussfolgerung auf die Probe zu stellen. Sie beabsichtigen,
in einer Gruppe von Arbeitsgemeinschaften noch staerker die
Uebertragung der Verantwortung von der hoeheren Betriebsleitungsebene auf die Arbeitsvorgesetzten auszupraegen und die
Arbeitsvorgesetzten in ihrem Umgang mit ihren Arbeitnehmern
besonders zu schulen, um sie an wichtigen Entscheidungen zu
beteiligen, und um es ihnen zu ermoeglichen, Vorschlaege auszuprobieren und aehnliches mehr. In einer anderen Arbeitsgruppe
versuchten sie dies mit weniger Diskretion und Hessen das technische Personal des Unternehmens arbeitsparende Methoden ausarbeiten und pruefen. Dieses Experiment ist noch nicht beendet. In beiden Faellen ging die Produktion in die Hoehe. Sie
werden sich an die beruehmten Hawthorne-Experimente erinnern,
in denen die Produktion gesteigert, wurde, als die Beleuchtung
verbessert und die Produktion wiederum in die Hoehe ging, als
man die Beleuchtung verringerte. Dies ist ein Beweis dafuer,
dass die wirkliche Ursache dieser Steigerung nicht die Beleuchtung selbst, sondern die Aufmerksamkeit ist, die man den Arbeitnehmern widmet. In dem jetzigen Experiment besteht jedoch
ein wichtiger Unterschied. Die Zahl der Arbeitsplatzwechsel
ist in jenen Einheiten groesser geworden, in denen die Aenderung
der Produktionsmethoden besonders hervorgehoben werden, waehrend sie in solchen niedrig blieb, in denen man groesseren .Vert
auf gute Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
legte. Die Zeit wird hierueber naeheres berichten koennen.
Yv'enden wir uns nun einer zweiten Studie zu, die wir Identifizierung und Akzeptierung der Fuehruni* nennen wollen, einer
Studie, die fuer das Amt fuer Marineforschung vom Institut
fuer menschliche Beziehungen in Philadelphia unter der Leitung
von Dr. Fillmore K. Sanford durchgefuehrt wird. Die bis heute
erzielten Ergebnisse sind bereits in einem Buch zusammengestellt.
Dr. Sanford wollte feststellen, was einfache Arbeiter von ihren
Vorgesetzten denken. Er bediente sich dabei einer Gruppe von
40 Bewohnern Philadelphias, die aus jedem der 24 Stadtgebiete
aufs Geratewohl herausgesucht wurden. Um zu sehen, wie die
Fuehrung vom Standpunkt des Untergebenen aus aussieht, stellte
man ihnen viele Fragen - welche Fuehrer sie' bewundern, welche
sie um Rat fragen,und was sie insbesondere von den Fuehrern
denken. Man pruefte auch gewisse oersoenliche Aspekte der Befragten. Die Pruefung bestand aus acht Punkten, die, wie
fruehere Studien bewiesen haben, einen Persoenlichkeitsgradmesser vom autoritaeren Charakter bis zu dem der Gleichheit
liefern. Ein autoritaerer Charakter, so stellt Sanford und
andere fest, wird als ein umfassender Komplex von Haltungen beschrieben, die in der Persoenlichkeit tief verwurzelt sind.
Der autoritaere Mensch ist jemand, der auf grund seiner ihm erzogenen Gewohnheit sich der Autoritaet der Eltern und anderer
Menschen anzupassen sucht und durch folgende Kennzeichen charakterisiert ist:

4 -

�Grosse Anpassungsfaehigkeit, Verachtung fuer diejenigen,
die ausserhalb seiner Gruppe stehen oder die sich mit den Werten und Eigenschaften des Menschenbildes jener Gruppen zufriedengeben, eine offene Feindseligkeit ihnen gegenueber,verbunden mit einer bereitwilligen Unterwerfung gegenueber dem Staerkeren, jedoch eine berechnende Haltung in den Beziehungen zu
diesen Menschen, Opposition gegenueber dem Gutherzigen, dem
Idealisten, ueberhaupt allem Menschlichen und eine unverkennbare intellektuelle Ruecksichtslosigkeit, gepaart mit einer opportunistischen Intelligenz in ihrem Streben nach persoenlicher
Macht. Diese Kombination zeigt eine Unsicherheit, die tief
in -der Persoenlichkeit steckt und die zu ueberdecken der Einzelne zahlreiche Versuche unternimmt.
Dagegen wird derjenige, dem die Gleichheit der Menschen
ein echtes Prinzip ist, vernuenftig in seinem Verhaeltnis zu
seinen Vorgesetzten sein, die menschliche Gruppenverantwortlichkeit akzeptieren und die soziale Funktion des Fuehrers hervorheben.
Diese Pruefung, ob eine Person autoritaer oder gleichberechtigt gesinnt ist, besteht, so wie sie in Philadelphia angewendet wurde, aus acht einzelnen Fragen:
1. Muss es bei den menschlichen Wesen immer Krieg und
Konflikte geben?
2. Ist das Wichtigste, was ein Kind lernen soll, der
Gehorsam gegenueber seinen Eltern?
3. Koennten einige wenige tuechtige Fuehrer dieses Land
besser vorwaertsbringen als alle Gesetze und Reden?
4. Haben die meisten Menschen, die nicht vorwaertskommen,
nicht genug Willenskraft?
5.

Muessen die Maenner ihren Frauen helfen?

6.

Sollen sich die Frauen aus der Politik heraushalten?

7. Die Leute behaupten manchmal, dass eine Beleidigung
nicht vergessen werden darf, weil sie die Ehre verletzt. Sind
sie damit einverstanden oder nicht?
8.

Kann man allen Menschen Vertrauen schenken?

Selbstverstaendlicti liegen diesen fragen die Verhaeltnisse
in Amerika zugrunde. Die Antworten der meisten, die ihre Mitmenschen fuer gleichberechtigt halten, sind stark verneinend
auf die Fragen 1, 2, 3, 4, 6 und 7, dagegen beja^n. sie die
Fragen 5 und 6. Die Antworten der autoritaeren Charaktere dagegen sind natuerlich gegensaetzllcher Auffassung.
Der Autoritaere bevorzugt in seiner Wahl von Fuehrern
kraftvolle Persoenlichkeiten mit grossem Einfluss. Wenn er sich
an jemand wendet, um dessen Rat einzuholen, wuenscht er einen
Menschen mit Prestige zu fragen, der die Situation klaeren kann.
Der Autoritaere wird sich mit einer starken Fuehrung stets einverstanden erklaeren. Wenn ein Fuehrer Zeichen der Schwaeche
oder einer abweichenden Gesinnung zeigt, wird der Autoritaere
feindselig. "Der Fuehrer, der sich seiner nicht sicher ist,
ist abzulehnen."
- 5-

�Derjenige dagegen, dem die Gleichberechtigung der Menschen
Grundsatz ist, kann sich mit der Machtausuebung eines anderen
einverstanden erklaeren, kann sie aber auch entbehren. Er kann
einen autoritaeren Fuehrer akzeptieren, wenn.die Situation es
erfordert. Und er kann sich seiner Macht auch entziehen, wenn
eine Veraenderung der Situation eintritt.
Das Verhalten des Autoritaeren richtet sich danach, was er
fuer sich gewinnen kann, d.h. es wird beherrscht von einer Art
Haendlergeist. Er kann z.B. dirigieren oder den einflussreichen Fuehrer als einen Menschen ansehen, der ihm Schutz und andere Dinge bieten kann, und als Gegenleistung hierfuer bietet
er ihm seine Loyalitaet.
Der, dem jedoch die Gleichheit der Menschen am Herzen
liegt, wuenscht sich dagegen einen Fuehrer, der persoenlich und
verantwortungsbewusst ist, der seine Mitmenschen achtet und
ihre Ideen- kennenlernen will.
Der Autoritaere sieht in einem Fuehrer weniger den Treeger
einer sozialen Funktion, sondern vielmehr eine Machtperson.
Der andere dagegen denkt funktionell, d.h. er wuenscht,
dass der Fuehrer eine besondere Leistung vollbringt. Wenn die
Fra^e gestellt wird, ob ein Mann ein guter Sprecher ist, 30 wird
er sich mit den Gedankengaengen, der Zahl und der Art seiner
Zuhoerer befassen» bevor er eine Meinung zum Ausdruck bringt.
Der üutoritaere aber wird, wenn er eine hohe Meinung von einem
Menschen hat, ihn als gleichmaessig gut fuer eine Vielzahl von
Taetigkeiten ansehen.
Die Beziehungen des Autoritaeren zum Fuehrer sind persoenlicher Art. Er hat wenig Gemeinschaftsbewusstsein. Er
schliesst sich nicht willig einer Gruppe an, und wenn er es
tut, hat er dabei die Absicht, selbst dabei zu profitieren.
Der andere kuemmert sich um seine Kollegen ebensosehr wie
um seine Vorgesetzten. Er wuenscht, dass die Ziele seiner Gemeinschaft immer hoeher gesteckt werden. Er wird eine Verantwortung uebernehmen, um seiner Gruppe zu helfen und wird freiwillig Aufgaben fuer seine Gruppe uebernehmen, selbst wenn sie
ihm keinen Ruhm oder keinen Dank einbringen. Er wird sich
eher Menschen anschliessen als sie zu beherrschen suchen. Er
passt sich den Situationen, aber nur bedingt dem Fuehrer an.
Schliesslich hat der autoritaere weniger Aussichten, von
seiner Gruppe gewaehlt zu werden. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach von oben her ernannt werden und sich deshalb
seinen Vorgesetzten gegenueber verantwortlich fuehlen, nicht
aber seinen Untergebenen und Mitarbeitern.
Derjenige, fuer den alle Menschen gleich sind, wird das
Bestreben haben, den freundlichen oder populaeren Menschen zu
seinem Fuehrer zu waehlen, vor allem dann, wenn es sich um
eine Stellung handelt, die nicht allzu wichtig ist. Wo jedoch
viel auf dem Spiel steht, wird er sehr waehlerisch sein. Im
Dschungelkrieg wird er den zum Fuehrer waehlen, der ueber die
Faehigkeit verfuegt, seine Kampfeinheit lebend wieder herauszubringen. '
Damit sieht Sanford, objektiv betrachtet, ein dreiteiliges
Verhaeltnis: Die Situation, den Fuehrer und den Gefolgsmann.
Eine bestimmte Art einer Situation wird eine bestimmte Art der
- 6-

�Beziehungen zum Fuehrer und Gefolgsmann erfordern. Wenn weitere
Forschungsergebnisse zur Verfuegung stehen, wird uns diese Denkeinstellung helfen koennen, die Menschen in jene Gruppen zu
gruppieren, in denen sie sich gluecklicher fuehlen und mehr
leisten koennen.
Stellen wir nun einen Vergleich zwischen diesen beiden
Studien an. In der Versicherungsgesellschaft gibt es in den
Gruppen mit hoeherer Produktivitaetsleistung Arbeiter,, die
auf ihre Arbeit stolz sind und Vorgesetzte, die ihre Untergebenen laufend unterrichten und alles mit ihnen besprechen. Mit
anderen V/orten, die Vorgesetzten sind gereifte Persoenlichkeiten, die in anderen Menschen Sicherheit und Vertrauen schaffen.
Sie fuehlen sich selbst verhaeltnismaessig sicher und brauchen
nicht anderen Menschen in einer Form Befehle zu erteilen, dass
sie damit ihre eigenen egoistischen Ziele foerdern. Sie koennen es sich leisten, sachlich zu sein, Tatsachen zu berücksichtigen und sich um andere zu kuemmern.
Diese Feststellungen, so moechte ich fast glauben, sind
in gewisser Hinsicht typisch fuer einen Gruppierungsvorgang,
der in Amerika nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in vielen anderen Organisationen stattgefunden hat. Dieser Vorgang
steht in schreiendem Widerspruch z*u der alten Auffassung vom
Meister und seinem Diener, der in der Vergangenheit das Wirtschaftsleben sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in
anderen Laendern zu beherrschen versuchte. Gewiss gab es fuer
die "Kapitaene der Industrie", die vor einigen Generationen
die grossen Unternehmungen errichteten, keinerlei Zweifel usber
die Frage, wer ein wirklicher Fuehrer ist. Als jedoch um 1890
in Amerika kein freies Land mehr zur Besiedlung verfuegbar
war und die Emigration aus anderen Laendern schnell abnahm,
begann die schnelle Entwicklung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung mit ihrer Forderung, die Arbeiterschaft als
gleichberechtigt am Verhandlungstisch anzuerkennen. Diese Gewerkschaftsbewegung ist ein dritter wesentlicher Faktor, der
zur Entstehung unserer gegenwaertigen industriellen Einrichtungen beigetragen hat, ebenso wie die Wissenschaft und die
demokratische Auffassung von der Wuerde des Einzelmenschen und
seiner Faehigkeit, mit seinem Wissen und seiner koerperlichen
Kraft sich nuetzlich zu machen. Eine andere Macht, die fuer
unsere Einrichtungen von Bedeutung war, ist der fliessende Charakter der amerikanischen Lebensweise, d.h. die Möglichkeit,
die fast jeder hat, sich unentgeltlich ausbilden zu lassen
und vorwaerts zu kommen.
Im Licht dieser Faktoren, die den Grundstein fuer unsere
soziale Struktur bilden, moechte ich heute feststellen, dass
die Art der Fuehrung, ueber die wir in unseren amerikanischen
industriellen Einrichtungen heute verfuegen, sehr viel mit
unserer Produktivitaet zu tun hat-.
Die meisten Menschen, die vieles ueoer technische Unterstuetzung und gegenseitigen Austausch wissen, beschaeftigen
sich hauptsaechlich mit technologischen und technischen Gesichtspunkten. Ich glaube jedoch, dass die menschlichen und sozialen
Gesichtspunkte im Rahmen der amerikanischen Industrie und des
amerikanischen Lebens fuer unsere Produktivitaet zumindest ebenso
wichtig und wahrscheinlich noch bedeutsamer sind.
Der Wert der vorliegenden Studien liert hauptsaechlich in
der Feststellung, was Menschen gefuehlt und versucht haben. Im
grossen und ganzen streben viele Amerikaner danach, Persoenlich- 7-

�keiten zu sein, die die Gleichberechtigung ihrer Mitmenschen
anerkennen. Mit dieser Grundeinstellung halten es viele von
uns fuer verhaeltnismaessig leicht, den gefuehlsmaessigen und
sozialen Beduerfnissen der Arbeiter und auch ihren Lebensbeduerfnissen Rechnung zu tragen. Wir sind der Ansicht, dass,
wenn Menschen tatsaechlich als Menschen anerkannt werden, wenn
sie das Gefuehl haben, einer echten Gemeinschaft anzugehoeren
und frei ihre Meinung zum Ausdruck bringen und ihre Ideen nach
eigenem Ermessen ansetzen koennen - ebenso wie ihrer Haende
Arbeit - sie auch das Bewusstsein haben, fuer etwas mehr als
nur fuer einen unentbehrlichen Lohn zu arbeiten. Durch diese
Einstellung entwickeln sie sich vom Lohnempfaenger zur Persoenlichkeit.
Ich moechte auf keinen Fall den Vorschlag unterbreiten,
dass wir diese Ideen absolut und vollkommen verwirklichen,
denn sowohl im Wirtschaftsleben als auch in der Regierung gibt
es Menschen in fuehrenden Positionen, die sowohl in gefuehlsmaessiger Hinsicht unreif als auch geistig zu beeinflussen
sind. Es sind vor allem jene, die gern ueber andere triumphieren. Wir haben schon unsere kleinen Diktatoren und manche von ihnen sind garnicht einmal unbedeutend.
Uebrigens sind wir zu einem Stadium verhaeltnismaessig
guter Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmer
durch Kaempfe und Streiks gelangt. Frueher'waren sowohl
Unternehmer als auch Arbeiter absolut egoistisch und kaempften
lediglich fuer ihre eigenen Ziele. Jeder der beiden Partner
widersetzte sich irgendwelchen Veraenderungen in der Form der
Zusammenarbeit, da jeder befuerchtete, dass die Konzessionen
auf Kosten ihres Status oder ihres Prestiges gingen und sie
dadurch in den Augen des anderen herabgesetzt wuerden. Unternehmer und Gewerkschaften haben sich in der Vergangenheit in einen
kostspieligen Kampf um die Frage eingelassen, wer die Fuehrung
der Arbeiterschaft uebernehmen soll. In vielen Faellen haben
die Gewerkschaften deshalb den Kampf gewonnen, weil die Arbeiter der Auffassung waren, dass die Gewerkschaften mit ihnen
identisch sind, dass das Unternehmertum an ihren Problemen nicht
interessiert sei.
'Es hat niemals eine Zeit gegeben, in der es derart wichtig fuer Unternehmer und Gewerkschaftsfuehrer gewesen ist, die
Wuensche und Erwartungen der Arbeiterschaft verwirklichen zu*
helfen, wie es heute der Fall ist. Es hat auch niemals eine
Zeit gegeben, in der eine feindselige Haltung der Arbeiterschaft
gegenueber dem Unternehmertum fuer die gesamte Zivilisation gefaehrlich geworden ist. Die Stimme des Kommunismus ruft laut
nach allen jenen, die unzufrieden sind und die sich nicht als
Teil ihrer industriellen Gruppe fuehlen. Die Stimme der Kommunisten schreien sehr laute, aber verdaechtige Verpsrechungen,
die die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang schon laengst als
hohl und falsch erkannt haben, fuer die die bisherige Freiheit
durch Unterdrueckung ersetzt und ihr Lebensstandard heruntergedrueckt wurde.
Es mag sein, dass die Vereinigten Staaten, die Frucht der
Freiheit und der Wissenschaft, jene Traeume in ein etwas schaerferes Licht gebracht haben, die sich hinter dem grossen Glauben unserer westlichen Zivilisation erstrecken. Es ist Tatsache, dass
in der westlichen Welt, in Europa und Amerika
und wo immer sonst sich unsere Gedenken ausgebreitet haben,
diese nicht nur einen Weg fanden, um den physischen Moeten der
Menschen zu begegnen, sondern auch um dem kleinen Mann auf der
- 8-

�Strasse alle Moeglichkeiten zu geben, seine Kraefte zu entwickeln
und ein aktiver Teilhaber der Gesellschaft zu werden, nicht nur
mit seinem Hirn, sondern ebenso mit seinen Haenden. Wir haben
daher das volle Vertrauen, dass im Gegensatz zur Tyrannei der
Sowjets, die unter utopischen Versprechungen die Freiheit der
Menschen ausgeloescht haben, die freie Welt in Wirklichkeit
nach dem strebt, was fuer die meisten Menschen in ihren Traeumen zum Ausdruck kommt. Ich habe den Glauben, dass die freie
Welt, die erst kuerzlich Hitler-Moussolini beseitigen konnte,
nicht nur dem sowjetischen Imperialismus widerstehen wird, sondern zu gleicher Zeit auch andere Hoffnungen der Menschheit in
Erfuellung bringen kann.
Wir sind bereits sehr weit auf diesem Wege gegangen, um
jedem Menschen dabei zu helfen, sich selbst als wertvolle und
wuerdige Persoenlichkeit zu fuehlen, als wirklicher Buerger in
der Familie und in zunehmendem Masse auch an seiner Arbeitsstaette. Wir kennen das Geheimnis, den Lebensstandard zu
heben - auch heute, wo wir in eine Aera der Wiederbewaffnung
eintreten muessen. Wir haben aber auch die einzige Gelegenheit,
den ganzen Willen freier Menschen aufzurufen, indem wir ihr
Los auf dem Wege zur Freiheit besser gestalten.
Transatlantic Vi/51
Vincent Tewson:
BRITISCHE GEWERKSCHAFTEN ENTWICKELN HILFSPROGRAMM FUER UNTERENTWICKELTE LAENDER
Der nachstehende Artikel von Vincent Tewson, dem Generalsekretaer des britischen Gewerkschaftskongresses, kuendigt an, dass der TUC dem Internationalen Bund Freier
Gewerkschaften 60,000 Pfund Sterling zur Unterstuetzung
der gewerkschaftlichen Organisation in unterentwickelten
Gebieten zur Verf uegung -stellt. Tewson gibt zugleich
einen aeusserst zeitgemaessen Ueberblick ueber die Ziele
des TUC, die natuerlich auch denen der freien Gewerkschaftsbewegungen der uebrigen Welt entsprechen.
Innerhalt sehr kurzer Zeit - in weniger als 18 Monaten ist 3s dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften nicht
nur gelungen seinen Verwaltungsapparat fuer eine intensive
konstruktive Arbeit zu organisieren, sondern diese Arbeit
auch ununterbrochen weiterzufuehren.
Die Anweisungen, die dem IBFG auf der Gruendungskonferenz
in London im Dezember 1949 gegeben wurden, waren gewiss
aeusserst klar und eindeutig. Es war nicht seine Aufgabe, sich
in unfruchtbare Kontroversen mit dem kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund einzulassen, von dem sich die grosse
Masse der Gewerkschaften der freien '.Veit zurueckgezogen hatte.
Unsere Organisation hatte den Auftrag, eine positive Politik
zu verfolgen, und bereits im Maerz 195Ö beschaeftigte sich der .
Notstandsausschuss des IBFG, dessen Funktion darin besteht,
alle wichtigen und dringenden Fragen zu bearbeiten, die sich
zwischen den regulaeren Konferenzen des Exekutivausschusses ergeben koenner, mit der gewerkschaftlichen Situation in allen
Teilen der Welt und besonders im Fernen Osten, in Suedost-Asien,
dem Mittleren und Nahen Osten und Afrika.
9 -

�Diese Pruefung der gewerkschaftlichen Situation erfolgte
in Uebereinstimmung mit einem der wichtigsten Beschluesse, die
auf der 1. Konferenz in London gefasst wurden. Man war sich
der Notwendigkeit bewusst, die Beziehungen zwischen den freien
Gewerkschaften der Welt zu erneuern, um Missverstaendnisse
und falsche Zielsetzungen zu beseitigen, die im Zusammenhang
mit der Ursache des Bruches zwischen den freien demokratischen
Gewerkschaften und dem Weltgewerkschaftsbund entstanden waren
und gleichzeitig starke und freie Gewerkschaftsorganisationen
zur Foerderung einer fortschrittlichen Arbeiterpolitik in solchen Laendern aufzubauen, in denen die Gewerkschaftsbewegung
nicht genuegend entwickelt war. In einigen Faellen war vielleicht sogar eine falsche Politik festzustellen, weil einzelne
Gewerkschaften unter widerstrebenden politischen und sozialen
Bedingungen operieren mussten. Dies war klarer und eindeutiger als die Direktive, die die Londoner Konferenz dem Exekutivausschuss zur Festlegung seiner unmittelbaren Aufgabe gegeben
hatte.
In dieser Direktive wurde der Ausschuss aufgefordert,
so schnell wie moeglich jene nationalen Gewerkschaftszentren
zu unterstuetzen, die die Hilfe am dringendsten benoetigten.
Zugleich sollte er Verbindungen mit den bestehenden regionalen Gewerkschaftsgruppen aufnehmen, um die moeglichen Grundlagen der Zusammenarbeit bei der Entwicklung regionaler Organisationen ausfindig zu machen. Eine weitere Aufgabe bestand
darin, festzustellen, welche Meinung alle angeschlossenen
nationalen Gewerkschaftszentren bei dem Aufbau eines regionalen Gewerkschaftsapparates haben und die vorlaeufig notwendigen Schritte zu unternehmen, um ein weltweites System regionaler Organisationen als eines integralen Bestandteils des IBFG
zu schaffen.
Diese erste Aufgabe ist mit so viel Energie und Erfolg
angepackt worden, dass der IBFG damit einen klaren Beweis fuer
seine konstruktiven Absichten und positiven Ziele geliefert
hat. Der Fortschritt, der in so kurzer Zeit erzielt wurde,
hat den britischen Gewerkschaftskongress so stark beeindruckt,
dass er beschloss, aus eigenen Geldmitteln eine Summe von
60,000 Pfund Sterling zur Verfuegung zu stellen. Er wendet
sich gleichzeitig an seine ihm angeschlossenen Organisationen
mit der Bitte, mindestens ebenso viel Mittel freizumachen, die
in den naechsten drei Jahren fuer die Entwicklung der regionalen Organisationen und der regionalen Taetigkeit des IBFG bereitgestellt werden sollen.
Da dieser Betrag zusaetz lieh zu den jaehrlichen Mitgliedsbeitraegen geleistet wird, die die britischen Gewerkschaften an den IBFG zahlen, kann er als Beweis fuer das aktive
Interesse gewertet werden, das die britische Gewerkschaftsbewegung am Aufbau der ganzen Welt zeigt. Der TUC fuehlt sich vor
allem fuer die junge Gewerkschaftsbewegung im Commonwealth verantwortlich und hat vor kurzem positive Massnahmen zur Foerderung ihrer Entwicklung eingeleitet, in dem er Bueromaterialien,
Transporteinrichtungen und andere Mittel zur Verfuegung gestellt hat, die fuer die Gewerkschaftszentren in einigen der
Kolonien wichtig sind, aber zurzeit nicht ueber die Mittel
verfuegen, um sich selbst zu unterhalten.
Der TUC hat ausserdem fuer junge Gewerkschafter in den
Kolonien Stipendien und andere Moeglichkeiten der Ausbildung
zur Verfuegung gestellt. Erfahrene Gewerkschafter haben unter
der Schirmherrschaft des britischen Gewerkschaftsbundes TUC
10 -

�die Kolonien besucht, um die Organisatoren der Kolonialgewerkscheften bei ihren praktischen Problemen zu beraten und zu
unterstuetzen.
Es ist damit eine neue Richtlinie in der Politik des TUC
festgestellt. Der TUC setzt sich nachdruecklich dafuer ein,
dass seine Mitgliedsorganisationen ein starkes Interesse an
der Foerderung der Gewerkschaftsbewegung in unterentwickelten
und wirtschaftlich rueckstaendigen Gebieten zeigen* Jus ist
eine Verpflichtung der Solidaritaet, dass Gewerkschafter in
solchen Laendern, in denen die Bewegung herangereift ist,
ihre Kollegen in anderen Laendern tatkraeftig unterstuetzen
und alles foerdern, was auf diesem Gebiet getan werden kann.
Und hier kann viel geleistet werden. Der richtige Weg ist
nach Auffassung des TUC die Zusammenarbeit aller nationalen
Gewerkschaftszentren mit dem IBFG am Aufbau seiner regionalen
Organisationen. Dabei darf keine Zeit verloren und keine
Gelegenheit versaeumt werden, um den Internationalen Bund
Freier Gewerkschaften zu der weltweiten GewerkschaftsOrganisation zu machen die er sein soll.
Die Zukunft der freien Gewerkschaften haengt von der
gemeinsamen Arbeit der im' IBFG zur Verfolgung der gleichen
Ziele zusammengeschlossenen Gewerkschaften ab. Die Organisation wurde keineswegs allein zu dem Zweck ins Leben gerufen,
den Kommunismus zu bekaempfen, oder der Beschwichtigungspolitik der internationalen Gewerkschaftspolitik des Kominform
entgegenzutreten. Der IBFG und seine ihm angeschlossenen nationalen Gewerkschaften haben wichtigeres zu tun, als lediglich der gefaehrlichen umstuerzlerischen Taetigkeit des Weltgewerkschaftsbundes entgegenzutreten. Zweifellos jedoch ist
es auch eine unserer Aufgaben, die Gewerkschaftsbewegung auf
nationaler und internationaler Ebene von diesen schaedlichen
Einfluessen zu saeubern.
ECA Labor Information
VI/20/51
BESSERE ARBEITGEBER - ARBEITNEHMER BEZIEHUNGEN ERFORDERLICH
Die Beseitigung politischer Gesichtspunkte aus" den Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und die
Festsetzung von Arbeitsbedingungen wurde von zwei italienischen Gewerkschaftern, die eine Studienreise durch die Vereinigten Staaten beendet haben, als Mittel zur Verbesserung der
Beziehungen zwischen Arbeiter und Unternehmer in ihrem eigenen
Lande bezeichnet.
Die beiden Arbeiter Giovanni Caligari aus Mailand und '
Anthony Cocci aus Rom waren Mitglieder einer Besuchergruppe,
die sich aus Vertretern der Buntmetallindustrie zusammensetzte
und ihre einmonatige Studienreise durch die Vereinigten Staaten
im Rahmen des technischen Unterstuetzungsprogramms des Marshallplans soeben beendet nat.
Wir moechten gern, dass sich unsere Gewerkschaften in
ihren Verhandlungen auf Wirtsehaftsfragen beschraenken, so wie
es in den Vereinigten Staaten der Fall ist, sagte Cocci. Wenn
es den Kommunisten gelingt, politische Elemente in diese Verhandlungen hereinzutragen, sind diese Beziehungen in ihrer Gesamtheit gestoort.

�Sein Kollege Caligari wies darauf hin, dass die italienischen Arbeiter eine Modernisierung nicht fuerchten, durch die
ihre Arbeit erleichtert und die Produktionsleistung gesteigert
werden koennte. Die Kommunisten versuchten jedoch die Arbeiterschaft angesichts dieser neuen Idee mit derart viel Bedenken
zu umgeben, dass sie Schiffbruch erleiden muss.
Waehrend ihres Besuches in den Vereinigten Staaten hatten
die Mitglieder der Besuchergruppe ein ungewoehnliches Erlebnis, in dem sie als Uebermittler technischer Informationen zwischen zwei amerikanischen Betrieben taetig waren. In einem
Betrieb sahen sie, wie die durch Azetylen erzeugte Hitze dazu
verwendet wurde, die Q,ualitaet der Zinkbleche zu verbessern.
Die Italiener ueberlegten nicht nur, wie dieses Verfahren in
Italien angewendet werden koennte, sondern erwaehnten es auch
zufaellig in dem naechsten Betrieb, den sie besichtigten* In
diesem Betrieb war dieses Verfahren unbekannt und die Werkleitung beschloss, sich sofort mit dem System zu beschaeftigen
und, wenn es irgend moeglich ist, es anzuwenden.
Waehrend ihrer Reise durch die Vereinigten Staaten besuchte die Gruppe Betriebe in New Jersey, Connecticut, Massachusetts,
Rhode Island, Indiana und Illinois.
SCA Labor Information
VI/20/51
SIEGFRIED AUFKAEUSER KOMMT NACH DEUTSCHLAND ZURUECK
Der nachstehende Bericht, 5er dem Organ der New Yorker
Journalistengewerkschaf.t "Front Page" entnommen ist, gibt die
Geschichte eines New Yorker Journalisten wieder, der vor 1933
Gewerkschaftsfuehrer in Deutschland war und jetzt in dieses
Land zurueckkehrt, um dort die gewerkschaftlichen Organisationen der Angestellten zu unterstuetzen.
Bis zu seiner Rueckkehr nach Deutschland war der ruhige
bescheidene Siegfried Aufhaeuser fuer seine Arbeitskollegen
nichts weiter als ein aelterer deutschsprachiger Journalist.
Nicht viele wussten, dass er vor 1933 in Deutschland ein
bekannter Gewerkschaftsfuehrer und Vorsitzender der maechtigen
Gewerkschaft der Angestellten, des AfA-Bundes, und Mitglied
des Reichstags war. Vor dem Krieg bekleidete er eine fuehreivde Stellung in der deutschen Gewerkschaftsbewegung; er kehrt
nach Deutschland zurueck, um erneut in dem Kampf der freien
Gewerkschaften mitzuarbeiten.
Aufhaeusers gewerkschaftliche und parlamentarische Laufbahn fand mit der Machtuebernalime Hitlers ein jaehes Ende. Zu
Anfang des« Jahres 1933 ereilte ihn das gleiche Schicksal wie
die meisten prominenten Persoenlichkeiten in Deutschland, die
sich mit Hitler nicht einverstanden erklaeren konnten und es
wagten, ihre Stimme gegen ihn zu erheben.
Er wurde verhaftet und als Mitglied des deutschen Parlaments sogar beschuldigt, an jenem berechtigten Reichstagsbrand beteiligt gewesen zu sein. Jahre danach stellte man
fest, dass der Reichstag von Hitlers eigenen Schergen zu propagandistischen Zwecken in Brand gesteckt worden war.
Nach seiner Flucht aus Deutschland begab sich Aufhaeuser
nach Paris und spaeter in die Tuerkei. In Prag wurde er fueh- 12 -

�render Funktionaer der Gewerkschaftsbewegung der Angestellten
des mittleren Europas und der Balkanstaaten, und es gelang
ihm, eine Organisation mit einer Mitgliederzahl von mehreren
100,000 aufzubauen.
In Prag, war er bis zum Jahre 1938 taetig, als Hitlers
Schergen ihn erneut waehrend der nichtprovozierten Invasion
der Tschechoslowakei aufstoeberten. Mit Hilfe von Anhaengern
der Untergrundbewegung konnte er erneut entkommen und ging
diesmal nach London. Aber schon im naechsten Jahr verliess
er England und ging in New York an Land. Mit 53 Jahren begann
fuer ihn ein neues Leben in einem fremden Lande. Hier kannte
ihn das Aussenministerium als wertvollen Berater fuer den Aufbau einer neuen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland nach dem
Kriege.
Zweifellos wird Aufhaeuser in der Rehabilitierung des demokratischen Deutschlands und der freien Gewerkschaftsbewegung
eine bedeutende Rolle spielen. Von seiner zehnjaehrigen Erfahrung als taetiges Mitglied der amerikanischen Presse berichtet
er: Wenn ich die Vereinigten Staaten verlasse, so bedauere ich
vor allem, dass ich unsere Gewerkschaft nicht mit mir nehmen
kann. Ich »var sowohl in Deutschland als auch in Amerika Journalist und zugleich waehrend meines ganzen Lebens Gewerkschafter.
Seibsc in Deutschland hatten wir vor 1933 niemals eine
Organisation, die man mit der hiesigen Gewerkschaft haette vergleichen koennen. Es ist eine meiner aufrichtigsten Hoffnungen,
mithelfen zu koennen, die Journalistenverbaende und Gewerkschaften in Deutschland zu vereinigen, wie wir es auch in Amerika
unter dem Banner der Journalistengewerkschaft getan haben.
In Deutschland wird Aufhaeuser seine langjaehrigen gewerkschaftlichen Erfahrungen dazu verwenden, um die gespaltene Organisation der Angesteliten wieder zu einer einzigen maechtigen
Kraft zu vereinigen, wie sie es in der Zeit vor Hitler war.
Aufhaeuser erklaerte, dass
nale Repraesentant das CIO beim
weilt, wahrscheinlich einer der
ist, die mithelfen werden, eine
gewerkschaft aufzubauen.

Victor Reuther, der internatioIBFG, der oft in Deutschland
zahlreichen Gewerkschaftsfuehrer
vereinigte deutsche AngestelltenThe CIO News
VI/25/51

DIE SCHIEDSSFRECHUNG DER AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN IN TÄTIGKEIT
Der beste Weg zum Verstaendnis des Beschwerdemechanismus
und der Schiedssprechung ist die Verfolgung eines gegebenen Falles. Hier handelt es sich um einen Fall, der in einem grossen
Stahlwerk in Pittsburg auftauchte, und als "der Fall der ungewaaohenen Waende"bekannt wurde. Mr. X. ist der Ammoniakdestillateur des Nebenproduktwerkes. Als er am Sonntag, den 27. Juni
1948 zur 4-8 Uhr Schicht zur Arbeit kam, forderte ihn sein Vormann auf, an diesem Tage die Waende des Destillationsraumes innerhalb seiner normalen Arbeit zu waschen. Mr. X. beschwerte sich
und sagte, dass das Waschen -der Waende nie zuvor von ihm verlangt
worden sei, und dass die Waende tatsaechlich erst einmal, und
zwar von einem Pfoertner, gewaschen worden waeren. Der Vormann
sagte: "Nichtsdestoweniger muessen Sie heute die Waende waschen.
j-o

—

�Da3 ist ein Auftrag meines Betriebsfuehrers." X. bat um Erlaubnis, mit einem Mitglied seines Beschwerdekomitees sprechen zu
koennen, bevor er sich entschloesse, was zu tun sei. Nach einigem Zoegern wurde diese Erlaubnis abgelehnt, und X. vor die
Alternative gestellt, entweder die Waende sofort zu waschen
oder nach Hause zu gehen. Er zog es vor, nach Hause zu gehen
(er blieb jedoch auf dem Posten, bis ein Ersatzmann beigeschafft
werden konnte). Am anderen Tage kehrte er zur Arbeit zurueck,
und ihm wurde das Ultimatum gestellt, entweder die Waende zu
waschen oder nach Hause zu gehen. So ging er nochmals nach
Hause. Am dritten Tage wurde ihm der Eintritt ins Werk verweigert. Seine Karte war vom Haken genommen worden, und als er
dagegen protestierte, erklserte die Gesellschaft, dass er seinen
Posten freiwillig aufgegeben haette, und dass damit die Sache
abgeschlossen sei. Natuerlich war sie nicht abgeschlossen.
Mr. X. setzte sich mit seinem Beschwerdekomitee in Verbindung,
und der Fall begann seinen Lauf durch die fuenf Schritte des
Beschwerdemechanismus. Waehrend des vierten Schrittes bot die
Gesellschaft eine Beilegung auf der Basis der Wiedereinsetzung
ohne Bezahlung der rueckstaendigen Loehne an. Die Gewerkschaft
lehnte dieses Angebot ab und wies darauf hin, dass der Vertrag
verletzt worden sei, und dass daher Mr. X. einen Anspruch auf
die verlorenen Loehne haette. Der Fall kam am 29. September
1948 vor ein Schiedsgericht, nachdem ueber drei Monate seit
Beginn der Beschwerdefuehrung vergangen waren. Die Gewerkschaft
brachte als Zeugen Mr. X., drei seiner Mitarbeiter des Nebenproduktwerkes und ein Mitglied des Beschwerdekomitees bei.
Die Untersuchung wurde von einem Mitglied der Untersuchungsabteilung der Gewerkschaft gefuehrt. Die Gesellschaft wurde
durch ihren Rechtsanwalt und ihren stellvertretenden Personalchef vertreten. Drei Zeugen waren vorhanden; und zwar der
Vormann, der Abteilungsleiter und der Direktor der Arbeiterabteilung des Werkes.
Um diesen Fall verfolgen zu koennen ist das Verständnis
der Tatsache, dass der Vertrag ein besonderes Suspendierungsund Entlassungsverfahren vorsieht, notwendig. Diese Klausel
besagt, dass Arbeitnehmer nicht diktatorisch entlassen werden
koennen, und dass in allen Faellen, in denen die Betriebsfuehrung zum Entschluss kommt, dass das Verhalten des Arbeitnehmers
eine Suspendierung oder Entlassung fordere, dieser zunaechst
einmal fuer nicht mehr als fuenf Tage zu suspendieren ist. Vertritt der Arbeitnehmer den Standpunkt, dass die Suspendierung
oder die beabsichtigte Entlassung unberechtigt ist, kann er
eine Beschwerde einreichen, die automatisch nach dem dritten
Schritt der Beschwerdeordnung behandelt wird.
In diesem Falle fuehrte die Gewerkschaft aus, dass die
Gesellschaft den Bestimmungen des Vertrages nicht nachgekommen
sei. Sie hatte Mr. X. ohne Suspendierung und Zulassung einer
Verhandlung entlassen. Es stimmte zwar, dass X. sich einer
Suspendierung aussetzte, indem er sich weigerte, den Auftrag
seines Vormannes auszufuehren. Die in dem Uebereinkommen vorgesehene Verhandlung haette entschieden, ob seine Weigerung
berechtigt war oder nicht, aber es konnte kein Zweifel in Bezug
auf den Anspruch des Herrn X. auf zunaechst einmal eine Suspendierung und eine Verhandlung innerhalb von fuenf Tasren bestehen.
Der Vertrag bestaetigt ausdruecklich, dass diktatorische Entlassungen nicht zulaessig sind. Die Gewerkschaft diskutierte
die Berechtigung der Verweigerung der Waende Reinigung nicht,
obwohl sie zum Ausdruck brachte, dass, wenn Herr X. den normalen Gang der Auftragserteilung gegangen waere und zu einem
spaeteren Zeitpunkt eine Beschwerde eingereicht haette, es fuer
- 14 -

�ihn keine Bereinigung des Vorfalles geben konnte, selbst wenn
festgestellt worden waere, dass die Gesellschaft nicht berechtigt war, das Waendewaschen von ihm zu verlangen, Es waere
mit seinem normalen Stundenlohn bezahlt worden, und die einzige Befriedigung, die er haette haben koennen, waere das Wieder beschmutzen der Waende gewesen.
Die Gesellschaft fuehrte aus, dass sie Herrn X. nicht entlassen haette, sondern dass er freiwillig aus dem Arbeitsverhaeltnis ausschied und daher kein Recht zur Beschwerdefuehrung
bestuende.
Der Schiedsrichter ueberpruefte die Sachlage, ob Herr X.
freiwillig ausgetreten sei oder nicht auf das Genaueste und
kam zu dem Ergebnis, dass Herr X. nicht gekuendigt hatte, und
dass er das Recht der. Beschaeftigung in seiner Position habe,
solange diese bestuende. Da man die vertraglichen Bestimmungen fuer die Entlassung nicht befolgt hatte, war X. Angestellter geblieben, und man hatte ihm einfach nicht gestattet, seiner Arbeit nachzugehen. Das wa? natuerlich nicht zulaessig,
und daher ordnete der Schiedsrichter an, dass X. unter voller
Bezahlung; seiner rueckstaendigen Loehne wieder in seinen Posten einzusetzen sei. Dieser Beschluss wurde am 27. Oktober
gefasst. Einige weitere Tage vergingen, bis X. in der Lage war,
a*n seinen Posten zurueckzukehren. Er erhielt also eine Bezahlung fuer vier I-'onate, und zwar in der gleichen Eoehe, als wenn
er waehrend dieser Zeit gearbeitet haette. In diesem Falle
hatte X. anderweitige Beschaeftigung gefunden, waehrend er auf
die Verhandlung seines Falles wartete. Diese Zwischenverdienste wurden nicht von seinen rueckstaendigen Loehnen abgezogen,
da die Bezahlung von rueckstaendigen Loehnen nicht nur eine
'.Viedergutmachung fuer unberechtigte Zuruecksetzung ist, sondern
auch als Strafe fuer eine Vertragsverletzung gilt.
Haette die Gesellschaft Herrn X. bei seiner Rueckkehr aufgefordert, die Waende zu waschen, haette er sich einem ganz
anderen Problem gegenueber gesehen, da die Gesellschaft dieses
Mal die Beschwerdeordnung des Eollektivverhandlunrsvertrages
auf das Genaueste befolgt haette. Wenn sich X. auch dann noch
geweigert haette, haette man den unparteiischen Schiedsrichter
zur Entscheidung der Frage, ob diese Taetigkeit innerhalb der
Pflichten der Position liege oder nicht, anrufen muessen. Die
Gesellschaft stellte sich jedoch nicht auf diesen Standpunkt,
und Herr X. arbeitet, ohne sich mit dem Gedanken an "Waende"
zu belasten.
Dieser Fall war von ausschlaggebender Wichtigkeit, und
zwar nicht wegen der Frage der Waende, sondern in Bezug auf
die iintlassungsvorschriften und das Recht des Arbeitnehmers,
seinen Posten zu halten, solange dieser besteht. Hierdurch wird
das Gefuehl der Sicherheit vertieft und die lYoeglicukeit der
Ausnutzung verringert, ohne irgendwelche Einschraenkung der
legitimen Rechte der Betriebsfuehrung, da dies auf Grund der
vertraglich festgelegten Ordnung Abhilfe schaffen kann. Es mag
von Interesse sein, dass dieses Problem, nachdem es einmal durch
einen Schiedsspruch geloest war, zu keinem Zeitnunkt und bei
keiner Dienststelle wieder auftauchte.
Der ganze Fall verursachte beachtliche Kosten, allein die
aktenmae^sige Festlegung der Verhandlung kostete einen nicht unbedeutenden Betrag, Loehne der Zeugen rauasten bezahlt werden,
und auch die Zeit des Mitgliedes des Beschwerdekomitees und
der anderen Gewerkschaftsfuehrer kostete Geld. Nichtsdestowe- 15 -

�niger zahlte Herr X. nicht mehr als seine regulaeren Beitraege,
wie sie jedss andere Mitglied der Gesellschaft zahlt, mit anderen Worten also $ 2.00 im Monat. In diesem Falle war der Wiedergutnachungsbetrag hoeher als die Kosten der aller Verhandlungen. Die Gewerkschaft betrachtet jedoch eine Beschwerde
selten, wenn ueberhaupt, vom finanziellen Gesichtspunkt aus.
Sie ist vielmehr daran interessiert Prinzipien und Leitfaeden
festzulegen. Wichtig ist, dass der Vertrag in allen seinen
Einzelheiten respektiert wird. Sehr oft waren die Kosten fuer
ein Schiedsspruchverfahren bei weitem hoeher als die moegliche
Rueckzahlung an die Mitgliedschaft. Nichtsdestoweniger liess
die Gewerkschaft den Fall verhandeln, mit dem Ergebnis, dass
die Rechte der Arbeitnehmer zu feststehenden Begriffen geworden sind.
Auszug aus: Die Geschichte der StahlarbeiterGewerkschaften
LEBENSSTANDARD UND PRODUKTIVITAET VON ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN
GEWERKSCHAFTEN UND UNTERNEHMERN ABHAENGIG
Ein Funktionaer des amerikanischen Bergarbeiterverbandes
ist der Meinung, dass der Anstieg der Produktivitaet und des
Lebensstandards auf die Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmern zurueckgefuehrt werden kann.
Diesen Bericht erstattete Thomas Kennedy, der stellvertretende Vorsitzende des Bergarbeiterverbandes. Er sprach zu
den Delegierten der Internationalen Arbeitsorganisation und
stellte hierbei fest, dass die 600,000 Mitglieder seiner Gewerkschaft alles zu tun wuenschen, um den Bergleuten in der
ganzen Welt behilflich sein zu koennen.
Kennedy's Meinung geht dahin, dass die Bergarbeiter in
anderen Laendern ebensoviel wie die amerikanischen Arbeiter
foerdern koennen, wenn ihnen die geeigneten Geraete und vernuenftige Arbeitsbedingungen gegeben werden. Er forderte dazu
auf, dass durch die IAO eine Konferenz einberufen werden soll,
an der sich Gewerkschaften, Unternehmer und Regierungen eller
kohleerzeugenden Laender beteiligen sollen, um hier gemeinsame
Probleme der Loesung naeherzubringen.
Noch vor 50 Jahren verdiente der amerikanische Bergarbeiter praktisch bessere Trinkgelder, lebte in werkeigenen"Wohnungen und arbeitete unter fuerchterlichon Bedingungen. Heute
besitzen 65% aller amerikanischen Bergarbeiter eigene Haeuser.
Sie zaehlen zu den bestbezahltesten Arbeitern uncf die Sicherheitsmassnahmen werden in gemeinsamer Arbeit mit den Bergwerksgesellschaften durcheefuehrt.
Labor Air Bulletin
VI/20/51

HIOOO 11 Jul 51 17528 6 M

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITYEILUNGEN
Dl« folgenden Artikel stellen Auszüge ans der amerikanischen Presse and anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gehrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 28

Frankfurt, 12. Juli 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Finanzen der amerikanischen Gewerkschaften - -

1

Eine neue Waffe der Y.'eltgewerkschaf tsbewegung

5

- -

Niedrige Arbeitsmoral behindert Produktion der
Satellitenstaaten immer staerker - - - - - - Die Gewerkschaftsbewegung im Fernen Osten
Blut aus Oesterreichs Boden

8

- - - - 11

- - - - - - - - - - -

14

In welchen Berufen arbeiten amerikanische Freuen?

16

lack Barbash:
DIE FINANZEN DER AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN
"Die moderne Gewerkschaft ist in vieler Hinsicht ein grosses
Geschaeftsunternehmen geworden," sagen Philip Murray und !". L.
Cooks.
Dieser Bemerkung fuegte ein Delegierter zum Koneress der
Zimmerer folgende Bemerkung an: "Ich glaube, wir sind alle der
Meinung, dass unser Verband ein grosses Unternehmen ist. Der
Betrieb unseres Zimmermannsheims ist ein grosses Unternehmen.
Die Leitung unserer Druckerei in Indianapolis ist ein grosses
Unternehmen. Die Statistische Abteilung unserer Vereinigten
- 1-

�Bruderschaft kann sich mit den groessten statistischen Bueros
irgend einer Handels- oder Industrie-Organisation vergleichen."
Die "Verwaltung der Gewerkschaftsfinanzen umfasst die Eintreibung der Beitraege, der Eintrittsgebuehren und der Extrabeiträege und die Buchfuehrung darueber. Sie bedeutet auch
die Auszahlung der Arbeitslosen-, Streik-, Krankenunterstuetzungsund der Sterbegelder, die Pruefung der Buecher untergeordneter
Einheiten, Zahlung von Beihilfen an angegliederte Organisationen, Investierung der Verbandsgelder in V/ertpapieren und Grundbesitz und das finanzielle Operieren, wie es ein Unternehmen
mit vielleicht tausend Arbeitern tun wuerde. Diese Funktionen
haben in den inneren Betrieb der Gewerkschaften viele geschaeftsmaessige Praktiken gebracht, die garnicht mit dem Gleichheitsideal harmonieren, fuer das die Gewerkschaften ein Ausdruck
sind.
Diese geschaeftsmaessige Regelung des inneren Geschaeftsbetriebes hat dazu gefuehrt, dass manchen einfachen Mitgliedern
die Gewerkschaft wie ein unpersoenlicher Mechanismus vorkommt.
Die meisten Dinge, die das Mitglied mit der Gewerkschaft zu erledigen hat - Beitraege zahlen und Unterstuetzung erhalten spielen sich in der Atmosphaere einer Bank und nicht so sehr
in der einer bruederlichen Organisation ab. Die Tendenz zu
finanzieller Nuechternheit und Haerte ist einer der Faktoren,
die eine Kluft zwischen der Gewerkschaftsverwaltung und den
Mitgliedern geschaffen haben. Fuer das Mitglied ist die Gewerkschaft "das Buero". Daran muss der Kassierer der CIO Shipyard
Worker (Werftarbeiter) gedacht haben, als er meinte, "es sollten
viel weniger Betraege fuer 'Zeitverlust' aus der Gewerkschaftskasse gezogen werden," und die Hoffnung aussprach, "dass wir
wieder zu den Tagen der kaempferischen Gewerkschaftsbewegung
zurueckkehren, wo es einreichen der Ehre fuer einen Verbandsbruder war, unserer Sache zu dienen ohne Entschaedigung fuer
'Zeitverlust', wenn dadurch nicht gerade sein Unterhalt gefaehrdet wurde." Und bei einer viel aelteren Gewerkschaft finden wir
dieselbe Reaktion, wenn der Grosslogen-Auditor der Maschinisten
klagt, es zeuge von einer Verkuemmerung der gewerkschaftlichen
Moral, wenn Gewerkschaftsmittel fuer verschwenderische und nichtige Zwecke verwandt werden, weil die neuen Mitglieder nicht in
gesunden Gewerkschaftsprinzipien erzogen sind."
Der Konflikt zwischen dem Idealismus und der Leistungsfaehigkeit der Gewerkschaft hat sich nirgends schaerfer manifestiert,
als im Finanzaufbau der Gewerkschaften. Hohe Gehaeiter der Gewerkschaftsangestellten werden als unvereinbar mit den guten
Gewerkschaftsprinzipien angesehen. Der Streit ueber die Gewerkschaf tsgeheelter geht zwischen denen, die glauben, dass kein
Angestellter mehr erhalten sollte als der bestbezahlte Arbeiter
in der Fabrik, und jenen, die versichern, dass Tuechtigkeit und
wirkungsvolle Vertretung der Gewerkschaftsinteressen die Zahlung von Gehaeltern rechtfertigen, die denen von Direktoren
naeher kommen als den Arbeiterloehnen.
Das Gleichheitsgefuehl unter den Arbeitern ist noch stark.
Der Buchdruckerverband machte diese Erfahrung, als ein Antrag
auf Erhoehung der Gehaeiter fuer Vizevorsitzende in einem Referendum abgelehnt wurde. Der Vizevorsitzende Eimer Brown
klagte:
"Dass die Mitglieder nicht willens waren, sie fuer die
Mehrkosten zu entschaedigen, die mit dem Eintritt in das Amt
durch die hohen Lebenskosten und die hoeheren Steuern erwucfc- 2 -

�sen, wird sich in keiner Weise auf die Dienste auswirken, die
diese Funktionaere den Mitgliedern des Buchdiuckerverbendes
leisten. Jeder, der sich um ein Amt im Verband mit der Erwartung auf materielle Entschaedigung fuer seine Muehen bewirbt,
hat schwere- Enttaeuschungen zu gewaertigen. Wie die Minister
muessen auch die Verbandsangestellten mit der Genugtuung zufrieden sein, die der Erkenntnis entspringt, dass sie etwas fuer die
tun, deren Wohl sie dienen."
Als auf dem Kongress des Zimmererverbandes die Gehaeiter
der hoeheren Angestellten diskutiert wurden, drueckte ein Delegierter die moderne Geschaeftsauffassung aus: "Die Arbeiterorganisation nimmt eine Position in der Welt ein, die ein
Teil des Geschaeftslebens ist. Sie hat jetzt den Punkt erreicht, wo wir unsere Angestellten bezahlen muessen im Verhaeltnis zu der geschaeftlichen Leistung, die sie vollbringen."
Philip Tafts Untersuchungen ueber die Gehaeiter der Gewerkschaftsangestellten ergaben, dass die Gehaeiter der oertlichen Funktionaere in einem gewissen Verhaeltnis zu den Arbeiterloehnen in ihrem Beruf stehen. Das durchschnittliche
Wochengehalt eines solchen Angestellten betraegt etwafr75,-.
Die Gehaeiter der Angestellten in der Leitung der allamerikanichen Gewerkschaften lassen keine Beziehung zu den Arbeiterloehnen erkennen. Das Durchschnittsgehalt ist hier - wenn
man von den hoechsten Funktionaeren absieht - etwa fr 5 500,pro Jahr; fr 6 500,- bei den AFL-Gewerkschaften, etwas unter
fr 4 000,- bei den CIO-Gewerkschaften. Die Gehaeiter der Hauptexekutivbeamten stellen sich auf durchschnittlich fr 6 500,-;
bei der AFL auf fr 7 000,-. bei der CIO auf fr 6 000,-.
Der Vorsitzende der UAW-CIO (Automobilarbeiter), einer
Gewerkschaft mit einer Million Mitglieder, erhaelt fr 9 000,-.
Eine heftige Debatte war notwendig, um das Gehalt von fr 5 000,euf diesen Betrag zu erhoehen. Der Vorsitzende der Gummiarbeiter erhaelt fr 4 000,- und der der United Electrical Workers
ungefaehr fr 3 500,-. Der Vorsitzende der Newspaper Guild bezieht kein Gehalt, er arbeitet als Journalist. Der Praesident
der Pulp and Sulphite Workers (Papiermacher) bezieht fr 6 500,-,
t 12 000,- erhaelt der leitende Mann der Ladies' Garment
'.Yorkers. Das hoechste Gehalt scheint das aes Vorsitzenden der
Lastwagenfahrer mit fr 30 000,- zu sein. Die Vorsitzenden der
Bergarbeiter und der Bueroangestellten bei den Eisenbahnen haben je fr 25 000,-, die der Stahlarbeiter, der Musiker und der
AFL je fr 20 000,-. Vergleicht man diese Gehaeiter mit denen
von Angestellten der Privatindustrie, die eine gleiche Verantwortung haben, so erscheinen sie niedrig.
Der demokratische Geist, der in den gewerkschaftlichen
Organisationen lebt, zeigt sich in der Offenheit, mit der ueber
die finanziellen Transaktionen in der Oeffentlichkeit berichtet wird. In den Berichten des Exekutivausschusses an den
Kongress und in den Verbandsblaettern werden gewoehnlich sehr
ausfuehrliche Abrechnungen veroeffentlicht. In der Tat gehoeren zu den Dingen, die die Gewerkschaftszeitungen so schwer
lesbar machen, die vielen Spalten langen und ins Einzelne gehenden Finanzberichte. Die Kalktraeger machen eine Ausnahme.
Einer ihrer letzten Finanzberichte umfasst die ganze Periode
von 1911 bis 1941.
Einer der aufschlussreichsten Finanzberichte ist der der
Buchdrucker. In einer der neuesten Fummern des "Journal" erscheint eine graphische Darstellung, die zeigt, wie die fr 5,80
- 3-

�Monatsbeitrag, die ein Buchdrucker mit 4 250,- Monatseinkommen
zahlt, verwandt werden: $ 4,15 fuer Alterspensionen, 85 Cents
fuer Sterbegelder, 50 Cents fuer des Buchdruckerheim, 30 Cents
fuer wirtschaftliche Einrichtungen, davon 5 Cents fuer das
"Journal".
Die Abrechnung des Newspaper Guild liefert das Material
fuer eine gruendliche Pruefung der Finanzgebarung der Gewerkschaft durch die Mitglieder und die Oeffentlichkeit. Man
kann z.B. daraus erfahren, dass der Redakteur des Verbandsblattes im Vierteljahr $ 845,-, der Leiter der Forschungsabteilung § 885,- erhielt; $ 13 523,- wurden fuer Propagandazwecke
ausgegeben, und die Verwaltungskosten beliefen sich auf
$ 10 770,- in diesem Vierteljahr (September 1945).
Man kann getrost sagen, dass die Finanzberichte der Gewerkschaften mit viel mehr Einzelheiten und viel haeufiger veroeffentlicht werden als die der Trustunternehmungen. Das ist umso
bezeichnender, als bis zum Taft-Hartley-Gesetz kein Zwang fuer
die Gewerkschaften bestand, ueber ihre Finanzgebarung oeffentlich Rechnung zu legen.
Eine allgemeine Tendenz ist das Zurueckgehen der Beitraege
fuer »Vohlfahrtszwecke, die fuer die aelteren Gewerkschaften so
charakteristisch waren. Gewerkschaften neigen immer mehr dazu,
Beitraege nur fuer das zu erheben, was der Buchdruckerverband
als "wirtschaftliche Aktivitaet" bezeichnet. Diese Entwicklung
ist begruendet durch die wachsende Bedeutung der staatlichen
Sozialversicherung; durch den staer*eren Anschluss von ungelernten Arbeitern an die Gewerkschaften, die Wohlfahrtsunterstuetzungen durch die TarifVerhandlungen zu erreichen hoffen; ausserdem
wirkt sich aus, dass die Wohlfahrtseinrichtungen der Gewerkschaften in immer geringerem Masse leistungsfaehig bleiben.
"Wohlfahrtseinrichtungen," sagt Matthew Wöll, "sind, wo sie
noch bestehen, eine staendige Sorgenquelle. Die Beitraege fuer
sie muassen immer wieder erhoeht werden, um mit dem steigenden
Lebensalter Schritt zu halten, und Beitragserhoehungen sind
immer schwer durchzusetzen. Allerhand Scnwierigkeiten ergeben
sich daraus. Nichts bringt soviel Sorgen und Unsicherheit fuer
die Gewerkschaften mit sich als die Wohlfahrtseinrichtungen, wo
sie noch bestehen."
Aber auch andere Zwecke verfolgt die Finanzgebarung der
Gewerkschaften neben der Erhebung der Beiträge zur Deckung der
laufenden Ausgaben der Verbaende. Hohe Eintrittsgelder werden
manchmal erhoben, um die Mitgliederzahl zu beschraenken, namentlich in den Industrien mit "geschlossenen Betrieben". Zu diesem
Zwecke erhoben oertliche Organisationen des Verbandes der Filmoperateure zeitweilig Beitrittsgelder von 4 300,- bis fy 1 000,-.
Andere Gewerkschaften, deren Beitrittsgelder ungefaehr dieselbe
Hoehe erreichten, waren die Zementmaurer, die Plakatankleber
und die Linoleumleger. Die Zentralkasse der Lastwagenfahrer
beansprucht vom niedrigsten Monatsbeitrag von $ 2,- nur 30 Cents,
um die Ortsorganisationen zu einer starken Organisierungstaetigkeit anzuspornen.
Die Bestimmung der Finanzpolitik der Gewerkschaften geht
immer mehr in die Haende der allamerikanischen Verbaende ueber.
Millis und Montgomery stellen fest: "Zuerst lag die Festsetzung
der Beitrittsgelder und der Beitraege in den Haenden der oertlichen, nicht der allamerikanischen Verbaende. Das hat sich aber
4 -

�sehr entschieden geaendert, seitdem die allamerikanischen Ver
beende neue Aufgaben uebernommen und groessere Macht erworben
haben."
Vorabdruck aus dem vom Bund-Verlag Koeln
herausgegebenen Werk Jack Barbash:
Struktur und Taktik der amerikanischen
Gewerkschaften.
David Dubinsky:
EINE NEUE V/AFFE DER WELTGEV/EI&amp;SCHAFTSBEIVEGUNG
Die neue Internationale ist in erster Linie das Ergebnis
des riesigen .'/achstums des Gewerkschaftswesens. Die amerikanische Gewerkschaftstewegung hat seit 1933 einen gewaltigen_
Aufschwung genommen, so dass sie zurzeit 16 Millionen Mitglieder zaehlt. Die auf dem Londoner Kongress in Erscheinung getretene dynamische Einheit der American Federation of Labor (AFL)
und des CIO hob ihr Ansehen und trug zur Staerkung der amerikanischen Gewerkschaften bei. Auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans haben die britischen Gewerkschaften nach einem
furchtbaren totalen Krieg erhoehten Einfluss erlangt. Die freien Gewerkschaften des demokratischen Europa sind trotz der grausamen Unterdrueckung durch die Nazis zu neuen Leben erwacht;
allein in '/{Ostdeutschland zaehlen die wiedererstandenen Gewerkschaften, der Deutsche Gowerkschaftsbund, mehr als fuenf Millionen Mitglieder. In Lateinamerika haben die Gewerkschaften trotz
grosser Schwierigkeiten an Umfang und Reife gewonnen. In Japan
gibt es zurzeit etwa sechs Millionen organisierte Gewerkschaftsmitglieder. Auch in Indien und in den noch unentwickelten Kolonialgebieten hat die Gewerkschaftsbewegung bemerkenswerte
Fortschritte gemacht.
Noch in zweiter Hinsicht weicht die neue Internationale
von dem Vorbild aller ihrer Vorlaeuferinnen ab. So bedeutend
die Ziele und Aktionen der europäischen Gewerkschaften auch
sein moegen, sind sie doch nicht c'e Haupoursache ihrer Entstehung. Die aktuelle und potentielle Staerke der neuen Organisationen ruehrt grossenteils von der aufsteigenden Gewerkschaftsbewegung in Asien und Afrika her. Auf dem Londoner Kongress
traten die jungen Gewerkschaftsbewegungen Asiens und der kolonialen Laender kraftvoll und unabhsengig auf. Sie spielten
nicht die Rolle farbiger Statisten, wie dies - unter heuchlerischer Berufung auf die Gleichberechtigung der Rassen - auf kommunistisch kontrollierten Konferenzen der Fall ist. Dass es sich
hier um eine wirkliche Zusammenarbeit auf der Grundlage der
Gleichberechtigung handelt, zeigte sich darin, dass von den 19
Mitgliedern des Exekutivkomitees, die gewaehlt wurden, 8 aus
Verbaenden stammen, die ausserhalb Europas und Nordamerikas
ihren Sitz haben, wo das Gros der gegenwaertigen Mitgliedschaft
zu finden ist - naemlich 3 aus Asien und dem Mittleren Osten,
2 aus Latein-Amerika und je einer aus Afrika, den Gebieten
Australien-Neuseeland und Westindien, iines der ermutigendsten
Merkmale des Londoner Kongresses war, dass von einem Uebergewicht der Grossmaechte nicht die Rede sein konnte. Der Praesident Paul Finet, ein Belgier, und der Generalsekretaer, J. K.
Oldenbroek, ein Hollaender, sind Vertreter kleiner Staaten, und
um den Anschein zu vermeiden, als werde der Internationale
Freie Gewerkschaftsbund von einer der "Grossmaechte" kontrolliert, waehlte man Bruessel zum Sitz der Organisation.
- 5 -

�Der Grundsatz der Autonomie zieht sich wie ein roter Faden
durch Statut und Struktur der neuen Organisation. Die Aussicht
auf volle Zusammenarbeit mit den Internationalen Gewerkschaftssekretariaten - Organen angeschlossener Verbaende in besonderen Branchen oder Industrien zum Zwecke"der Zusammenarbeit in
der ganzen Welt - wird durch die Annahme des Grundgesetzes der
Autonomie betraechtlich erhoeht. Der Internationale Gewerkschaftsbund und noch mehr der Weltgewerkschaftsbund konnten
sich nie damit abfinden, dass die Internationalen Berufssekretariate auf ihrer Autonomie bestanden. Vor dem ersten "Weltkrieg verfuegten die deutschen Gewerkschaften mit ihrem hochgradigen Zentralismus im Internationalen Gewerkschaftsbund ueber
beherrschenden Einfluss. Dadurch wurde das volle Einvernehmen
mit den Berufssekretariaten sehr erschwert. Nach dem zweiten
Y/eltkrieg beherrschten die ueberzentralisierten sowjetischen
Gewerkschaften den Weltgewerkschaftsbund und suchten die Berufssekretariate auf die Rolle blosser Verwaltungsstellen der internationalen Organisation zu beschraenken. Als die AFL zu entschiedenem Gegenangriff ueberging, stuetzte sie sich weitgehend
auf die Berufssekretariate und setzte sich nachdruecklich fuer
deren Autonomie ein.
Die amerikanischen Gewerkschaften sind immer mehr zu der
Einsicht gekommen, dass der groesste Gegensatz, der die Menschen
heute in jedem einzelnen Lande und die Nationen voneinander
trennt, nicht darin besteht, dass die einen verstaatlichte Industrie wuenschen, waehrend andere das '/Veiterbestehen von Industrien in Privateigentum vorziehen, sondern darin, dass auf
der einen Seite das Menschenleben missachtet wird, waehrend
auf der anderen Seito menschliche Werte, Rechte und Freiheiten
mehr, als alles geschaetzt werden. Als die britische LabourRec;ierung im vergangenen Jahre in den Vereinigten Staaten und
in Grossbritannien als Verfechterin des "Wohlfahrtsstaates"
scharfen angriffen ausgesetzt war, kamen ihr die amerikanischen
Gewerkschaften zu Kilfe. Das war ein neuartiger Vorgang, in
dem ein bisher unbekanntes Hoechstmass von Uebereinstimmung von
Gewerkschaftern aus Europa, Asien, Afrika und den beiden Amerika erreicht wurde. Die freien Gewerkschaften sind ueberall
zu der Erkenntnis gekommen, dass Nazitum, Faschismus, Falangismus und Kommunismus ihrem .Vesen nach gleich sind, und dass freie
Gewerkschaften mit regierungskontrollierten "Arbeitsfronten"
so unvereinbar sind wie Demokratie und Diktatur. Getreu
diesem Grundsatz erkannte der Londoner Kongress die siamesische und dominikanische Delegation nicht an, weil sie keine
echten Gewerkschaften vertraten.
Die Verteidigung der Demokratie gegen die kommunistischen
Ansprueche auf ./eltherrschaft muss militaerische Massnahmen
nach sich ziehen. Militaerische Sicherheit allein genuegt aber
nicht. Der Internationale Freie Gewerkschaftsbund fordert» politische Freiheit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Sicherheit muessen fuer das Leben der freien Nationen bestimmend
sein, wirtschaftliche Hilfe fuer die unterentwickelten Laender
und moeglichst baldige volle nationale Freiheit fuer die abhaengigen Voelker sind von wesentlicher Bedeutung fuer die Bekaem^fung
des Totalitarismus. Die erste Voraussetzung fuer die Verteidigung der Weltdemokratie gegen den Kommunismus und jede andere
Art Totalitarismus ist nicht ein Flickwerk von Massnahmen, die
nur eine voruebergehende Erholung ermoeglichen, sondern die Einbeziehung der Wirtschaft der freien Laender in" eine gesunde, ausgeglichene Weltwirtschaft. Die neue Internationale betrachtet
düs Europaeische Hilfsprogramm (ERP) und Praesident Trumans
Punkt-Vier-Programm als eine gesunde, wirksame Politik, die zur
- 6-

�Entstehung einer gemeinschaftlichen Wirtschaft &amp;uf kontinentaler
und universeller Grundlage fuehrt.
Die Vereinigten Staaten sind aus einem revolutionaeren
Kampf um die nationale Unabhaengigkeit hervorgegangen, und das
amerikanische Volk und die organisierte Arbeiterbewegung
blicken auf eine altehrwuerdige Ueberlieferung der Opposition
gegen jede Form des Kolenialregimes zurueck. Die heranwachsende Gewerkschaftsbewegung der zurueckgebliebenen Laender erwartet in ihrem nationalen Unabhaengigkeitskampf von der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung weitgehende Unterstuetzung.
Die amerikanischen Gewerkschaften tragen eine doppelte^
Verantworung; sie muessen nicht nur den Internationalen Freien
Gewerkschaftsbund bei seiner Arbeit unterstuetzen, sondern auch
entschlossen sein, die Aussenpolitik der Regierung der Vereinigten Staaten konsequent in entschieden demokratischem Sinne zu
beeinflussen. Eine schwankende Haltung, wie sie unlaengst
das Staatsdepartement gegenueber Franco-Spanien einnahm, kann
zu grossen Missverstaendnissen bei den Mitgliedern der europaeischen und asiatischen Gewerkschaften fuehren.
Ueberdies wird der Konflikt zwischen dexa Freien und dem
kommunistischen Weltgewerkschaftsbund zwangslaeufig immer heftiger und erbitterter werden. Beide kaempfen den groessten Wettkampf in der 7/elt aus, den Kampf um Herz, Seele und Geist vieler Millionen Arbeiter in zahlreichen Laendern. Die Organisation kann sich da nicht abseits stellen oder leisetreten. Moskau kann der uebrigen Welt den Kommunismus nicht aufzwingen,
ohne zuvor die noch freien Gewerkschaftsorganisationen abzuwuergen, d.h. den Internationalen Freien Gewerkschaftsbund zu zerschlagen, der heute Kopf und Herz der international demokratischen Gewerkschaftsbewegung ist. Die neue Internationale ist
sich des Ernstes der Gefahr voll bewusst. Der Kampf gestaltet
sich umso schwieriger, als der kommunistische Weltgewerkschaftsbund fuer sein Vorgehen gegen die freien Gewerkschaften in den
demokratischen Laendern volle Handlungsfreiheit geniesst, waehrend den freien Gewerkschaften der Zutritt zu allen Laendern
hinter dem Eisernen Vorhang versperrt ist.
Noch schlimmer ist, dass der kommunistische Weltgewerkschafts
bund in Frankreich, Italien und Teilen üfrikas und Asiens noch
in der Uebermacht ist, die sich die Kommunisten in den vier Jahren, waehrend deren die Zusammenarbeit mit den freien Gewerkschaften noch ihrem Ansehen zugute kam, zu verschaffen wusste.
Eine dringende Aufgabe des Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes ist es, die durch den kommunistischen Weltgewerkschaftsbund beherrschten Organisationen zu entlarven und die Arbeiter
von ihrem ^influss zu befreien.
Die Bedrohung der Gewerkschaften durch den totalitaeren
Kommunismus gilt fuer alle Laender der Welt. Man kann ihr nur
durch den Kampf der freien Gewerkschaften in der ganzen Welt
entgegentreten. Keine Gewerkschaftsbewegung, die den Totalitarismus in irgendeinem Lande bekaempft, sollte in ihrem Kampfe
gegen eine internationale, von einer riesigen totalitaeren Weltmacht hervorgerufene und gefoerderte Gefahr allein gelassen werden. Die demokratische Gewerkschaftsinternationale ist jetzt zu
einer Lebensnotwendigkeit fuer den gedeihlichen Fortbestand der
menschlichen Freiheit und des sozialen Fortschritts geworden.
Dass diese neue Internationale eine Realitaet ist, wurde durch
den Londoner Kongress, wo sich alle zu gemeinsamer Abwehr der
Bedrohung durch Totalitarismus und Reaktion zusammenschlössen
deutlich vor Augen gefuehrt. Unter den fuehrenden Maennern des
- 7-

�Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes befinden sich auch
gleichberechtigte Vertreter des deutschen und japanischen Gewerkschaftsbundes.
Die neue Internationale beruht nicht auf dem Buendnis verschiedener Maechte und wird, anders als beim kommunistischen
Weltgewerkschaftsbund, nicht das Werkzeug eines Staates oder
einer Maechtegruppierung werden. Obwohl voellig unabhaengig
von den Regierungen der Leender, in denen die ihm angeschlossenen
Verbaende Ihren Sitz haben, kann und wird sie in dem sich anbahnenden historischen Kampf zwischen den demokratischen und totalitaeren Laendern nicht neutral bleiben. Keine Organisation,
die fuer Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eintritt, kann
sich dem Kampf fernhalten, wenn Freiheit und Frieden derart bedroht sind.
Gerade weil die Freien Gewerkschaften so energisch vorgehen,
richten die Kommunisten wurentbrannt Angriffe gegen den Internationalen Freien Gewerkschaftsbund. Seine Gründung ist eine kategorische Absage an den Mythos, dass der sowjetische Totalitarismus eine fortschrittliche Idee sei, oder dass das kommunistische
System irgendetwas bieten koenne, was im Interesse der internationalen Arbeiterklasse liegt. Die Vertreter'von Millionen
Arbeitern aus mehr als 50 Laendern haben nun den Bolschewismus
als Erzfeind der Gewerkschaften gebrandmarkt. Das kann sich
als entscheidender Schlag gegen die Anmassung erweisen, der der
Bolschewismus, der sich als Freund der Arbeiter in der ganzen
Welt aufspielt, seit mehreren Jahrzehnten die meisten Erfolge
verdankt.
Die internationale freie Gewerkschaftsbewegung ist eine
maechtige Waffe im Kampf fuer eine Gesellschaft, in der alle
Menschen und menschlichen Einrichtungen danach streben, ihre
Ideale in zivilisierter Weise und im Geiste der Freiheit zu
verwirklichen.
Aus:

"Foreign Affairs", New York, IV/50

NIEDRIGE ARBEITSMORAL BEHINDERT PRODUKTION DER SATELLITENSTAATEN
I'^R STAERKER
"Mit der Peitsche kann man zwar Maultiere antreiben, aber
Menschen sind eben keine Maultiere," muessen die Helfershelfer
Stalins jetzt immer wieder feststellen. Antreibemethoden sind
hinter dem Eisernen Vorhang an der Tagesordnung. Und das Ergebnis? Widerstand, Auflehnung und niedrige Moral herrschen
unter den Arbeitenden; die Produktion ist dadurch schwer in
Mitleidenschaft gezogen.
Josef Frank, ein hoher stalinistischer Fuehrer, hat unlaengst erklaert, dass sich "die Wirtschaft der Tschechoslowakei in einer verzweifelten Lage befindet und diese Lasre immer
schlechter wird." Der stellvertretende Parteisekretaer sagte
ferner voraus, es sei damit zu rechnen, dass diese f.'ation die
Ziele des Fuenf-Jahresplans nicht erreichen kann. Er gab zu,
dass die Produktion von Erdoel und Kohle nur 84,5% der Produktionsziele erreichen wuerde. Auch die Produktion von Baustoffen
sei wesentlich beeintraechtigt worden. Die Arbeiter verlassen
ihre Arbeitsplaetze in den Bergwerken schneller, als andere
wieder eingestellt werden konnten. In der Landwirtschaft sei
die Lage aehnlich.
8 -

�Der tschechoslowakisch stalinistische Gewerkschaftsfuehrer
Zapotocky fuehrt diese Situation auf den i:angel#an sozialistischer Disziplin" zuruffck. Dieser Mangel wiederum sei vermutlich durch das fehlen einer angemessenen politischen üufklaerung bedingt, reibst Parteimitglieder neigen dazu, so meinte
er, die Bedeutung l^r politischen Schulungslehrgaenge zu unterschaetzen. Voller Verachtung sprach er jedoch vor allem
von den Parteimitgliedern unter den Bergarbeitern in'Kladno.
Diese kouaunistischen Veteranen, fuehrte Zapotocky aus, glauben, dass sie den Kursen fernbleiben koennen, "weil sie die
kommunistische Lebensschule absolviert haben." Er bedeutete
ihnen jedoch, dass diese ihren Lebensschulen voellig kapitalistischer Natur und dass die neue stalinistische Schule etwas
absolut verschiedenes sei. Die "buergerlichen humanitaeren
Auffassungen" von der sozialen Sicherheit sind laengst ueberholt. Der fruehere revolutionaere Kampf um hoehere Loehne
und kuerzere Arbeitszeit wird in einer "Volksdemokratie" zur
konter-revolutionaeren Sabotage, erklaerte Namend, der stalinistische Gewerkschaftsfuehrer.
Der Mangel an Arzneimitteln in der Tschechoslowakei ist
auf den uebermaessigen Verbrauch von Tabletten zurueckzufuehren, wie die Zeitung "Livoda Democracia" ihren Lesern berichtet. Sie geisselt jene Methoden des Tabl3ttenschluckers und
behauptet, dass der menschliche Organismus sich an derartige
Arzneien gewoehnt und diese deshalb ohne Wirkung sind, wenn
man ernstlich krank wird. Ein tschechoslowakischer Fluechtling in Paris gibt hierzu die ironische Bemerkung, dass er damit an die deutsche Besatzungszeit erinnert wuerde, waehrend
der die Menschen vor Gesundheitsschaedigungen durch uebermaessigen Verbrauch von Nahrungsmitteln gewarnt wurden.
'.Vaehrend dies.es Monats sind verschiedenen ungarischen Industrien neue Tarifvertraege aufgezwungen worden. Der Sekretaer Istvan Kossa nannte die Aufgaben und Pflichten der Gewerkschaften, wie sie in diesen neuen Vertraegen bezeichnet sind.
Er berichtet, dass in ihnen strengere Disziplin und Opfer gefordert werden, die zur Steigerung der Produktion notwendig
sind.
Man braucht mehr und mehr Stachanow-Arbeiter, sagte
er. In den neuen Vertraegen seien denen, die das stalinistische Arbeitsgesetz uebertreten, strengste Bestrafungen angedroht.
"Szabad Nep", eine Budapester Zeitung, nimmt zu der Tatsache Stellung, dass es nicht gelungen ist, den Plan fuer die
P'ohlefof.rderung fuer die ersten drei Monate dieses Jahres zu
erfuellen. Dies ist durch steigendes Fernbleiben der Arbeiter
vom Arbeitsplatz, nachlassende Disziplin und unzureichende Arbeitswettbewerbe im Sinne Stachanows verursacht worden. Die
Fierrtarbsiter werden deshalb des Betrugs beschuldigt.
In Bulgarien haben die Stalinisten versucht, die Beziehungen zur Masse des Volkes zu verbessern und einen Aufruf erlassen,
in dem sie freiwillige Kaeinnfer aus der breiten Masse der
Mitgliedschaft
suchen. Das Gewerkschaftsorgan "Trud", das
in Sofia erscheint, hat zu diesen Fragen Stellung genommen. Es
wandte sich' in scharfen V/orten gegen diese freiwilligen Kflmnfer
und beschuldigte sie ihres Mangels an beruflicher Erfahrung,
ihrer ideologischen Ziellosigkeit und der Unfaehigkeit-, das
Vertrauen der Arbeiterschaft zu gewinnen.
"Trud" scheint ausserdem in bezu/~ auf den sogenannten Arbeit sv» et tbewerb , um im s&amp;alinistischen Jargon zu sprechen, pessi- 9-

�mistisch zu sein. Gemeint ist hiermit der Wettbewerb der stachanowistischen "Arbeitshelden." Offiziellen Angeben zufolge
hat sich im Jahre 1949 von 850,545 Gewerkschaftsmitgliedern
nur die Haelfte an dem Arbeitswettbewerb anlaesslich des 1.
Mai beteiligt. Ihre Zahl stieg bis Ende des Jahres 1949 auf
500,000 an. Die Zahlen fuer 1950 werden nicht angegeben, und
zwar hoechstwahrscheinlich deshalb, weil die Zahl der Beteiligten wiederum zurueckgegangen ist. "Trud" berichtet, dass
zwei Gewinner.des Dimitrow-Preises, der ihnen fuer hohe Arbeitsleistungen zuerkannt wurde, naemlich Helena Gerassimowa
und Liliana Dimitrowa, an die weiblichen Textilarbeiter einen
Aufruf gerichtet haben, der jedoch nur wenig Anklang gefunden
hat. Aehnliche Aufrufe an die Arbeiter der Metallindustrie
und anderer Industriezweige trafen ebenfalls auf taube Ohren
und
blinde Augen. "Trud" berichtet, dass eine Art von
w
Luegen-Stachanowismus"sich ausbreitet. Durch Angabe falscher
Produktionszahlen wuessten sich die falschen Stachanows besondere Vorteile zu verschaffen, die sie nicht verdient haetten.
Die schlimmsten Beispiele sind hierfuer die Fabriken "Wasil
Kolarow", "Elprome" und"Metal". Zu einem frueheren Zeitpunkt
hatte sich "Trud" bereits gegen verschiedene Unternehmen gewendet, "in denen wegen Mangels an Disziplin der Produktionsplan
nicht erfuellt werden konnte." Es ist offensichtlich, dass
diese Situation nicht geklaert worden ist, sondern vielmehr
noch schlimmer wurde.
In allen Laendern, die dem sowjetischen Satellitenregime
unterstehen, werden buergerliche Gewohnheiten und buergerliche
Denkweisen, die noch nicht ausgemerzt werden konnten, als Ursache fuer die offensichtlichen Schwaechen bezeichnet. Die
Sozialisten und alten Gewerkschaftsfuehrer sind dabei willkommene Suendenboecke.
Die polnische Zeitung "Trybuna Ludu" veroeffentlichte in
ihrer Ausgabe Nr. 113 einen Bericht aus der Fabrik "Unja" in
Graudenz, in dem sie sich ueber den Fortbestand derartiger
Ideen beschwert. Selbst Parteimitglieder werden fuer schuldig
befunden. Eines dieser Mitglieder ging so weit, den Stachanowisten den Rat zu geben, ihre Produktionsleistung zu reduzieren,
um zu vermeiden, dass die Leistungsnormen noch mehr gesteigert
werden. "Dieser Genosse war einst ein Arbeitsheld, der an
einem Tag 20 Werkstuecke maschinell herstellte. Seine Leistungen gingen spaeter auf 8 - IE Stuecke pro Tag zurueck."
Am 17. Mai 1950 wurde in Polen ein neues Arbeitsp:esetz
erlassen. In ihm wurden schwere Strafen fuer jedes Fernbleiben vom Arbeitsplatz angekuendigt. Dieses Fernbleiben bildet
jedoch noch immer das Ziel haeufiger Angriffe durch die offizielle Presse, die viele Betriebe, und vor allem Bergwerke anprangern. Polnische Fluechtlinge weisen darauf hin, dass das
Fehlen am Arbeitsplatz nicht durch buergerliche oder sozialdemokratische Ideen verursacht wird., sondern dass der Hauptgrund hierfuer in den schlechten Arbeitsbedingungen, dem niedrigen Lebensstandard und der ebenso ungerechten wie strengen Disziplin zu suchen ist, gegen die die Arbeiter nur die einzige
Protestform anwenden koennen, die ihnen zur Verfuegung steht,
naemlich die Krankmeldung.
"Trybuna Ludu" nennt einige Bergwerke, in denen das Fehlen der Arbeiter fuer die Produktion besonders nachteilig gewesen ist. Die schlimmsten dieser Erfahrungen wurden in den
Bergwerken Sosnica, Wirek und Mikulczye gemacht. Dass die
Arbeitsbedingungen in diesen Bergwerken schlechter waren, ist
- 10 -

�durch die Tatsache bewiesen, dass die Arbeiter in Missachtung
der Gesetze sogar in den Streik traten.
Das Bluehen des Buerokratismus ist eine staendige Begleiterscheinung des Stalinismus. In Rumaenien ist die Zahl der
Gehaltsempfaenger im Verlauf des vergangenen Jahres um 21,5%
angestiegen. Von den neuen Arbeitnehmern, die weniger von
Loehnen als vielmehr von Gehaeltern leben, sind die meisten
keine Handarbeiter - das bedeutet also eine zahlenmaessige Zunahme der nichtproduktiven Buerokraten.
Die Stalinisten behaupten, dass derartige Maengel, wie
sie hier auftreten, nur Kinderkrankheiten der Volksdemokratie
seien oder Schwaechen, die ein Erbstueck der buergerlichen Vergangenheit darstellten. Sie wuerden beizeiten beseitigt werden.
In diesem Argument wird jedoch die Tatsache ausser Acht gelassen,
dass selbst in Sowjetrussland die gleichen Maengel immer noch
auftreten. Derartige Schwaechen sind damit Folgeerscheinungen
des stalinistischen Systems. Dies kommt in einem Leitartikel
der "Erawda" zum Ausdruck, in der in scharfen Worten gegen die
schlechte Leistung und die buerokratischen Methoden Beschwerde
gefuehrt wird. Es heisst darin, dass sich die Partei von den
Buerokraten freimachen und Gruppen leistungsfaehiger Arbeiter
bilden muesse. Diese. Kritik, die 24 Jahre nach der Revolution
laut wird, scheint zu besagen, dass der Stalinismus Buerokraten schneller ins Leben ruft als er sie wieder beseitigen kann»
Program Services Section
VI/6/51
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IM FERNEN OSTEN
Ein Interview mit Sol Sanders.
Viele Nationen in Suedostasien haben sich bereits von
ihrer kolonialen Bevormundung unabhaengig gemacht, sei es
auf friedlichem Wege, sei es durch Kampf. Der Schatten
des Hungers haengt jedoch immer noch ueber diesen Laendern und machthungrige Hyaenen Stalins durchstreifen das
Gebiet, um sich auf alle wehrlosen oder unvorsichtigen
Menschen zu stuerzen. Was geht in Wirklichkeit in diesen Laendern vor? Hierueber aeussert sich Sol Sanders,
ein Auslandskorrespondent, der soeben von einem langen
Aufenthalt in Suedostasien zurueckgekehrt ist. Sanders
hat fuer verschiedene Veroeffentlichungen Artikel geschrieben, unter anderem fuer den "Christian Science Monitor"
den "New Leader" und den "Socialist Call", weiter stand
er im Dienste der "Bangkok Post in Thailand", des "Hindu
of Madres in Indien" und der "Mainichi Papers von Tokio".
Frage: Herr Sanders, wie lange haben Sie sich in Suedostasien
aufgehalten?
Sanders: Ich war zwei Jahre in Thailand, Indonesien, Malaya
und Indochina.
Fra.^e: Im Westen ist eine der wichtigsten Waffen ge^en wirtschaftliche Unsicherheit und Armut die freie Gewerkschaftsbewegung. Gibt es auch in Suedostasien Gewerkschaften*?
Sanders: Ja, in allen Laendern Suedostasiens bestehen Gewerkschaften, wenn auch einige von ihnsn erst nach dem Ostasienkrieg im Jahre 1945 entstanden sind.
- 11 -

�Die Kommunisten haben lange genug gezeigt, dass die Beherrschung der Arbeiter ihr erstes und wichtigstes Ziel in ihrem
Streben nach Macht bilden. Sobald sie die Gewerkschaften unter
Kontrolle haben, benutzen sie diese rueqksichtslos - wie in
der Tschechoslowakex - um mit Gewalt die Regierung an sich zu
reissen.
Frage: Sind die Kommunisten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung Suedostasiens als stark zu bezeichnen?
Sanders: Die Kommunisten in Suedostasien bedienen sich dort
selbstverstaendlich der gleichen Methode. Weil die Gewerkschaftsbewegung in jenem Teil der Welt noch sehr jung ist, hatten die
Kommunisten hierbei leider groessere Erfolge. Es ist jedoch
bemerkenswert, zu erwaehnen, dass die Stalinisten in Suedostasien in den dortigen Gewerkschaften im allgemeinen nicht als
kommunistische Nationalisten auftreten. Eine Frage, die uns
in Suedostasien immer wieder beschaeftigt, ist die, ob diese
Gewerkschaftsfunktionaere, die absolute Gefolgsch&amp;ftsleute des
Kremls sind, die wirklichen kommunistischen Fuehrer sind. Es
hat naemlich den Anschein, dass sie eher ihre Befehle erhalten
als die offiziellen Parteifuehrer, die tatsaechlich Mitglieder
der kommunistischen Partei dieser Laender sind. Ich habe z.B.
in Indonesien festgestellt, dass der kommunistisch beherrschte
Gewerkschaftsbund Sobsi seine kommunistischen Propagandaaktionen
beginnt, bevor Alimin, der Leiter der kommunistischen Partei
Indonesiens, die dortige Nachrichtenagentur Antara davon in
Kenntnis setzt.
Frage: Demnach gibt es also auch dort freie demokretisch Gewerkschaften?
Sanders: Ich glaube, dass Sie ganz allgemein die freien Gewerkschaften in Indonesien mit solchen identifizieren koennen, die
wirkliche Gewerkschaften sind. Mit den echten Gewerkschaften
meine ich jene Gewerkschaftsorganisationen,.die in erster Linie
um hoehere Loehne und bessere Arbeitsbedingungen kaempfen und
die fuer ihre Mitglieder TarifVerhandlungen fuehren. Die kommunistischen Gewerkschaften dagegen sind im allgemeinen lediglich
Propagandaagenturen und keine Organisationen, die sich mit Lohnund Arbeitszeitfragen beschaeftigen. Lassen Sie mich ein Beispiel in Indonesien anfuehren. Die Sobsi, die kommunistische
Gewerkschaft, behauptet manchmal, eine halbe Million Mitglieder
zu haben. Eine nichtkommunistische Gewerkschaft jedoch, die
sogenannte Pob, sagt ganz offen, nur rund 30,000 Mitglieder zu
zaehlen. Sie ist jedoch bereit, ihre Geschaeftsbuecher offen
zu legen, um an Hand der Zahlen ueber beitragszahlende Mitglieder zu beweisen, wie stark sie in Wirklichkeit ist.
Frage:

Welche Staerke haben die freien Gewerkschaften?

Sanders: Aufgrund ihrer verhaeltnismaessig spaeten Gruendung sie entstanden erst nach den kommunistischen Gewerkschaften sind die freien Gewerkschaften noch nicht so stark wie ihre moskauhoerigen Gegenspieler. Sie bauen jedoch sehr schnell auf,
und zwar auf einer gesunden gewerkschaftlichen Basis. Vor wenigen Wochen kamen in Karatschi Vertreter freier Gewerkschaften
aus zwoelf asiatischen Laendern als Repraesentanten von zehn
Millionen Arbeitern zusammen, um eine regionale Mitgliedsorganisation des IBFG fuer Asien zu gruenden. Es handelt sich hierbei um den internationalen Bund freier, antikommunistischer Gewerkschaften. Sie hoffen, untereinander und mit den besser or- 12 -

�ganisierten and finanzierten freien Gewerkschaften Europas und
Amerikas im Kampf fuer die Arbeiterbewegung in Asien ihre
Ideen austauschen zu koennen. Ich denke, es ist ein gutes
Vorzeichen, wenn diese Gewerkschaften das positive Ziel anstreben, den Lebensstandard in Asien zu verbessern und sich
nicht nur darauf beschraenken, ihre Energie im Kampf gegen
den kommunistischen Weltgewerkschaftsbund und dessen Filiale
in Peiping zu verschwenden. Auf der Konferenz in Karatschi
wurde einstimmig eine Resolution gebilligt, in der den Vereinten Nationen und dem koreanischen Volk jede Unterstuetzung in
ihrem Kampf gegen die kommunistische Aggression zugesagt wird.
Frage:

Wie arbeiten dort die freien Gewerkschaften?

Sanders: Die freien Gewerkschaften in Suedasien arbeiten
nach den gleichen Grundsaetzen wie die Gewerkschaften im Westen. Es gibt natuerlich zahlreiche Unterschiede, die sich
aus der dortigen Situation ergeben. Einige Gewerkschaften
stellen Organisationen dar, die zugleich fuer die Unabhaengigkeit ihres Landes kaempfen und gleichzeitig Körperschaften
sind, die die Interessen der Arbeiter vertreten. Natuerlich
ergeben sich auch durch die unterentwickelte Industrie in
Asien und vornehmlich in Suedostasien Schwierigkeiten in der
Organisierung der Arbeiter.
Frage: Werden Landarbeiter ebenso wie Industriearbeiter organisiert?
Sanders: Man hat zuweilen versucht, die Landarbeiter zu organisieren. Mit Erfolg geschieht dies in mindestens zwei
suedostasiatischen Laendern, naemlich Malaya und Indonesien.
Indien, wo ich mich ebenfalls vor einigen Wochen einige Zeit
aufhielt, verfuegt ueber eine maechtige Landarbeitergewerkschaft. In Malaya vollzieht sich die gewerkschaftliche Organisierung unter der Fuehrung Jack Braziers, eines Organisators,
den der britische Gewerkschaftskongress (TUC) zur Unterstuetzung
der nichtkommunistischen Gewerkschaften nach Malaya entsandt
hat. Wie ich hoerte, wurden bei dieser Organisierungskampagne
groessere Fortschritte erzielt.
Frage: Sind auch der Marshallplan, die ECA, das Punkt-VierProgramm Praesident Trumans und der britische Colombo-Plan
eine Hilfe beim Aufbau der Wirtschaft und der Hebung des Lebensstandards der Voelker Suedostasiens?
Sanders: Asiens Probleme sind leider so umfassend und entsprechen so wenig unseren eigenen Erfahrungen in Amerika und Westeuropa, dass die ECA mit ihrer Aufbauarbeit in Suedostasien
nur langsam vorwaerts kommt. In Indochina jedoch'hat Robert
Blum, der Administrator der ECA, ein Hilfsaufbauprogramm gestartet, das diesem Land wirksame Unterstuetzung gebracht hat.
Das trifft besonders fuer das noerdliche Vietnam - oder Tongking, wie man es hier nennt - zu. Die ECA arbeitet unablaessig
daran, oei'fentliche anlagen wieder aufzubauen, die waehrend
der Kriegsmassnahmen der Kommunisten in den Jahren 1946 und
1947 zerstoert wurden, weil das Prinzip der "verbrannten Erde"
ruecksichtslos von den Schergen Moskaus angewandt wurde. Das
Punkt-Vier-Programm und der britische Colombo-Plan befinden
sich jedoch noch in ihrem Anfengsstadium^ aber ich glaube, dass
der Punkt-Vier-Plan in Thailand bereits in die Tat umgesetzt
wird.
- 13 -

�Frage: Was koennen die amerikanischen und europaeischen Gewerkschaften tun, um das Misstrauen zu beseitigen, das ein Erbe der
Zeit der kolonisatorischen Vergangenheit ist?
Wie koennen
wir das Verstaendnis und den guten Willen foerdern?
Sanders: Das ist keine leichte Angelegenheit. Ich denke zuerst daran, da3S die Amerikaner verstehen muessen, dass nach
Jahrhunderten eines konsequenten europaeischen Imperialismus der heute zwar tot und verbannt ist - Asien natuerlich argwoehnisch auf uns blickt. Die Buerde des Beweises dieser neuen Politik - einer Politik der uneigennuetzigen Hilfe und der
Zusammenarbeit zwischen Asien und Westeuropa - bleibt auf uns
liegen. Aber dann wird Asien zu vergeben und zu vergessen habend Diese Entwicklung geht bereits in Indonesien vor sich,
wo viele der frueheren hollaendischen Beamten heute in Regierungsstellungen in Indonesien taetig sind. Heute sieht man
in den malaiischen Staaten, dass Briten, Chinesen, Malayen
und andere eintraechtig zusammenarbeiten fuer die Zukunft eines
freien und sich selbst genuegsamen "Schmelztiegels". Die Franzosen in Indonesien arbeiten eine Loesung aus, die, wie jeder
hofft, zu einem freien Vietnam fuehrt. Die Asiaten entdecken
gerade, dass die Unabhaengigkeit allein nicht alle ihre Probleme loesen kann. Viele von ihnen erkennen an, dass Europa und
Amerika nuetzlich sein koennen, vor allem bei der Foerderung
das Aufbaus der industriellen Entwicklung Asiens, dessen Hilfsquellen niemals voellig entwickelt worden sind.
Frage: Wie aber koennen die Kommunisten die Unabhaengigkeit
und den Lebensstandard der Voelker Asiens tatsaechlich bedrohen?
Sanders: Ich bin zwar von einem langzeitigen Aufenthalt in
Asien zurueckgekehrt, aber hier kann ich keine praezise Antwort .
geben. Ich weiss auch nicht, wie irgend ein Land sich fuer
eine gewisse Zeitdauer von dieser Bedrohung abschliessen könnte.
Aber ich glaube mehr und mehr an die Verwirklichung eines
nichtkommunistischen Asiens und an eine Zusammenarbeit zwischen allen Antiimperialisten in Asien und der westlichen Welt.
Und mehr und mehr Menschen Asiens beginnen zu verstehen, dass
es weder logisch ist noch eine Loesung bedeutet, wenn auf der
einen Seite die Ketten des vergangenen 19. Jahrhunderts abgeworfen werden, dagegen der neue sowjetische Kolonialismus, neue
und staerkere Fesseln in Peiping und Moskau schmiedet. Es
scheint mir, das3 hier ein Problem der Einsicht vorliegt. Der
Mensch in Asien hat erkannt, dass seine wirklichen auswaertigen Freunde jene sind, die gegen den Stalinismus kaempfen, auch
dann, wenn er Buerger eines frueheren Kolonialgebiets ist. Und
wir muessen uns darum bemuehen, dass die asiatischen Nationalisten - und sogar die kampfesfreudigen - sich mit uns fuer eine
antikommunistische Welt einsetzen. Wenn die Wuerfel jedoch gefallen sind, dann wuerden auch fuer diese keine Moeglichkeiten mehr
bestehen.
Program Services Section
VI/5/51
BLUT AUS OESTERR^ICHG BODEN
Die nachfolgenden Zeilen entstammen einem Artikel des
"Solidaritaet", dem Zentralorgan des oesterreichischen
Gewerkschaftsbunde3, in dem die 1300 000 organisierten
oesterreichischen Gewerkschafter daran erinnert werden,
- 14 -

�was mit ihrem Erdoel, dem Blut aus Oesterreichs Boden,
geschieht. Die eine Haelfte des Erdoels verschwindet
in Richtung Osten, die andere wird an die OROP geliefert, einer sowjetischen Handelsorganisation, die das
Oel der Oesterreicher an sie "verkauft".
Vor zwanzig Jahren gingen die ersten Waggonladungen des
Oesterreichischen Mineraloels von der Eisenbahnstation Zistersdorf/Goestling zu den Verbrauchern. Der Leiter der Ingenieurarbeiten hielt die uebliohe Rede, ein Orchester spielte einen_
zackigen Marsch und jeder war zufrieden, denn die oesterreichische Wirtschaft begann Nutzen aus den kostbaren natuerlichen
Reichtuemern Oesterreichs zu ziehen.
Das Zistersdorfer Mineraloelgebiet ist mit Bohrtuermen
und Bohrwinden uebersaet, mit Roehrenanlagen und Oelsammlern.
Die Pumpanlagen sind wie Pilze unrep;elmaessig in dem Gebiet
verstreut, sie sammeln das kostbare Mineraloel, das Blut des
oesterreichischen Bodens.
Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden die oesterreichischen Mineraloelgewinnungsanlagen zum groessten Teil von der
russischen Besatzungsmacht uebernommen. Heute arbeiten etwa
8000 Arbeiter und Angestellte fuer die sowjetische Mineraloelverwaltung in Oesterreich. Die Arbeiter an den Pumpanlagen werden verhaeltnismaessig gut bezahlt, dennoch ist aber ihr Los
alles andere als beneidenswert. Das Mineraloelgebiet ist naemlich ein ruecksichtslos abgeschlossenes Gebiet, das volle
exterritoriale Privilegien besitzt. Hunderte bewaffneter
Werkschutzpatrouillen kontrollieren das gesamte Oelfeldgebiet
und die Anlagen. Eines derreichsteneuropaeischen Oelfelder
wird heute so behandelt, als ob es ausserhalb Europas laege,
zumindest jedoch ausserhalb Oesterreichs.
Dieses Gebiet ist heute fuer Oesterreich Niemandsland.
Der Reichtum des Landes, das kostbare Mineraloel, das aus den
Tiefen des oesterreichischen Bodens gefoerdert wird, ist nicht
unser Eigentum. Im vergangenen Jahre sdnd etwa l£ Millionen
Tonnen Oel aus diesem Gebiet gebohrt worden, in diesem Jahr
glaubt man diese Ziffer auf 1,8 Millionen erhoehen zu koennen.
Gegenwaertig sind etwa 50% dieses Oels fuer Oesterreich erhaeltlich. Der Vertrieb des Oels wird durch die OROP geleitet, eine von den Russen betriebene Handelsorganisation. Das
Bohren des Oels und der Export des oesterreichischen Oels geschieht ohne jede Einspruchsmoeglichkeit oder irgendeine Kontrolle durch die oesterreichischen Behoarden.
Tankwagen transportieren unser Oel in fremde Laender.
Heute gibt es keine Reden mehr, wenn ein Tankzug abfaehrt,
noch spielt ein Orchester bei solchen Anlaessen. Das oesterreichische Volk wuenscht mit anderen Voelkern einen wirtschaftlichen Austausch auf Gegenseitigkeit zu betreiben, ganz gleich,
wo diese Laender auch liegen moegen. Heute aber erhaelt
Oesterreich ueberhaupt nichts als Ausgleich fuer diese Oellieferungen. Tag und Nacht flieset unaufhoerlich Blut aus Oesterreichs Boden aus dem Lande heraus.
ECA Information
LI 649 6/26/51

- 15 -

�IN .VELCHEN 3ERUFEN ARBEITEN AMERIKANISCHE FRAUEN?
Innerhalb eines Jahres hat die Zahl der berufstaetigen
Amerikanerinnen um 750,000 zugenommen, sodass heute rund 30%
aller Beschaeftigten in den Vereinigten Staaten Frauen sind.
Den groessten Anteil stellen mit 97„4% aller Beschaeftigten
in der Gruppe der Haushaltsangestellten die Frauen. An zweiter Stelle folgen mit 65,1% aller in kaufmaennisehen Berufen Beschaeftigten Stenotypistinnen und aehnliche weibliche Bueroangestellte. Der geringste Prozentsatz, naemlich 2,5%, wird in
der Berufsgruppe Werkmeister erreicht.
Aber auch in den Beschaeftigungsgruppen selbst haben sich
im Laufe des vergangenen Jahres sehr grosse Verschiebungen gezeigt. Es wurde bereits erweehnt, dass innerhalb eines Jahres
750,000 Amerikanerinnen in das Berufsleben neu eingetreten sind,
sodass heute 18 Millionen Frauen berufstaetig sind. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Zahl der Verkaeuferinnen im Laufe
eines Jahres um ueber 250,000 abgenommen haben. Dagegen hat
die Zahl der Fabrikarbeiterinnen um 525,000 zugenommen, die der
weiblichen Bueroangestellten um fast 400,000, die der Hausangestellten um ueber 100,000 und die der kleinen selbstaendigen
Geschaeftsleute und Verkaufsstellenleiterinnen um fast 100,000.
Die Zunahme der Haushaltsangestellten hat sich entgegen den
Erwartungen vollzogen, da hier allgemein mit einer weiteren
Abnahme gerechnet wurde. Vom gewerkschaftlichen Standpunkt aus
ist in bezug auf die Abnahme der Zahl der Verkaeuferinnen hierzu
zu sagen, dass die gewerkschaftliche Organisierung des Verkaufspersonals auch in den Vereinigten Staaten eine sehr schwierige
ist. Die Folge davon ist nicht nur eine verhaeltnismaessig geringe Entlohnung, sondern auch eine sehr hohe Fluktuation, da
jede Frau bestrebt ist, einen besser bezahlten Arbeitsplatz zu
erbalten.
Insgesamt gibt es fast 57.000.000 Frauen in den Vereinigten Staaten, die aelter als 14 Jahre sind. Von diesen sind rund
18.000.000 Berufstaetige - das heisst also, dass jede dritte
Amerikanerin, die aelter als 14 Jahre ist, in den Arbeitsprozess
eingereiht ist.
Die Haelfte der berufstaetigen Frauen ist verheiratet,
ein Drittel wird als alleinstehend in der Statistik bezeichnet,
waehrend das restliche Sechstel verwitwet ist, getrennt lebt
oder geschieden ist.
Im Jahre 1900 betrug der Anteil der erwerbstaetigen Frauen
10%, waehrend des zweiten Weltkrieges stieg er bis auf 36% an,
um jetzt wieder auf 32% abzusinken.
Vor zehn Jahren waren 49% der berufstaetigen Frauen alleinstehend, heute sind es nur noch 32%. Damals waren 30% aller
berufstaetigen Frauen verheiratet, heute sind es dagegen 48%.
Mehr als 25% aller berufstaetigen Frauen, das sind 4,5 Millionen, haben Kinder unter 18 Jahren. Von diesen 4,5 Millionen
Kindern sind l£ Millionen in noch nicht schulpflichtigem Alter,
sie sind also juenger als sechs Jahre.
Wenn das Alter der berufstaetigen Frauen zugrundegelegt
wird, so ergibt sich, dass 31% Alter als 45 Jahre sind.
,

Facts on Women Workers
V/31/51

/
HICOO U

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5 0

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

17-29

Frankfurt,

2 0 . J u l i 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Produktivitaetsfragen

und Lebensstandard - -

Gewerkschaften im Roten China
D. Abkhazi:

- - - - - - -

Der Schumanplan und Europa

- -

1
4
6

S i r Vincent Tewson:
Die Voraussetzungen f u e r d i e H e r s t e l l u n g und
E r h a l t u n g des W e l t f r i e d e n s
- - - - - - - 1 3

PRODUKTIVITAETSFRAGEN UND LEBENSSTANDARD
Mehr a l s 175 P e r s o e n l i c h k e i t e n des w e s t e u r o p a e i s c h e n i n d u s t r i e l l e n und g e w e r k s c h a f t l i c h e n Lebens versammelten s i c h i n
der h i s t o r i s c h e n A b t e i Royaumont b e i P a r i s , um h i e r d i e Zusammenhaenge zwischen e i n e r g e s t e i g e r t e n P r o d u k t i v i t a e t und dem
L e b e n s s t a n d a r d d e r e u r o p a e i s c h e n A r b e i t e r zu e r o e r t e r n .
I n e i n e r d r e i t a e g i g e n Konferenz ueber d i e s e Frage e r h i e l t e n Unternehmer und U n t e r n e h m e r v e r t r e t e r , A b t e i l u n g s l e i t e r und
Gewerkschafter e i n e U e b e r s i c h t ueber a l l e Fragen des i n d u s t r i e l l e n Lebens, wie s i e von t e c h n i s c h e n Experten gesehen werden.
Diese gaben zu, und zwar z i e m l i c h e i n h e i t l i c h , d a s s d i e Lebensbedingungen der m e i s t e n e u r o p a e i s c h e n A r b e i t e r , i n s b e s o n d e r e
j e n e r in F r a n k r e i c h , u n t e r dem D u r c h s c h n i t t l i e g e n und deshalb
die Folgerung n a h e l e g e n , g e e i g n e t e Methoden a u s z u a r b e i t e n , um
- 1 -

�diese ebenso gefaehrliche wie ungerechte Situation zu aendern.
Der fruehere Geschaeftsfuehrer des CIO fuer Texar, Oliver, berichtete, dass der heutige Lebensstandard des amerikanischen
Volkes in erster Linie durch die Streikpostenkette erkaempft
wurde. Sa war zwar ein bitterer und langwieriger Kampf, aber
er fuehrte zum Erfolg. Nachdem die Versammlung davon ueberzeugt wurde, dass de,r amerikanische Arbeiter tatsaechlich seinen hohen Lebensstandard durch harte Streiks und regelrechte
Schlachten an der Streikpostenkette erzielt hat, berichtete
der T/!arshall-Plan-Vertreter, dass die Erfahrungen, die in den
Vereinigten Staaten gemacht wurden, es durchaus wert sind,
genauer studiert zu werden. Er zeigte auf, dass hiermit nicht
gemeint sei, dass in Europa unbedingt die amerikanischen Beispiele zugrunde gelegt werden muessten; aber wenn man die
frueheren Ergebnisse und die Irrtuener sowie die Erfahrungen
auf diesem Gebiet studiert, so koennte der Europaeer manches
finden* was ein naeheres Studium dieser Entwicklung rechtfertigen wuerde.
Oliver gab dann einige Einzelheiten, an denen er beispielhaft erklaerte, dass er ueberzeugt sei, ein steigender Lebensstandard und eine Beteiligung der Arbeiter an den Gewinnen
aus der Produktionssteigerung sind absolut erforderlich, xim
eine moderne industrielle Wirtschaft aufzubauen. R. R. Zimmermann, der Sonderbeauftragte der Abteilung fuer technische
Unterstuetzung im europaeischen Eilfsprogramm, betonte nachdruecklich, dass in solchen Zeiten, wie wir sie heute durchleben, es besonders wichtig sei, dass die Wuensche der Arbeiter
befriedigt werden. Es hat niemals eine Zeit gegeben, in der
die Gegnerschaft und selbst eine unfreundliche Haltung der
Arbeiter gegen das Unternehmertum so gefaehrlich fuer unsere
gesamte Zivilisation sein koennte wie heute. Zimmermann erinnerte hierbei daran, dass die Stimme der sowjetischen Lockrufe
alle jene aufrufe, die unzufrieden sind, und die sich nicht als
zugehoeriger Teil zu einer Industriegruppe fuehlen. Es genuegt
nicht, darauf hinzuweisen, dass die Tyrannei der Sowjets unter
dem heuchlerischen Versprechen einer utopischen Zukunft die
Freiheiten ganzer Voelker ausgeloescht hat. Unsere Aufgabe ist
es, die .Veit noch freier zu machen, das heisst aber, den Lebensstandard zu heben.
Das bedeutet wiederum, dass die europaeische Zivilisation
heute der Welt zwei neue Begriffe geben muss, und zwar die
der Y/issenschaft und die der Menschenwuerde. Er erwaehnte, dass
diese beiden Erbschaften der alten Welt den groessten Einfluss
auf die amerikanische Kultur gehabt haben. Zu diesen beiden
tritt noch die kaempferische amerikanische Arbeiterbewegung
als dritter Hauptfaktor. Alle drei Faktoren zusammsn haben
das heutige amerikanische Wirtschaftsleben und seine industriellen Organisationen geschaffen. Ein weiterer Faktor ist der
Fluss des amerikanischen Lebens, d.h. die Moeglichkeit, jedem
Einzelnen eine Erziehung und eine Schulung zu geben, die ihm
die Voraussetzung dafuer gibt, bis zu den hoechsten Raengen aufzusteigen. Alle diese Faktoren haben dazu beigetragen, die
Grundvoraussetzungen fuer die amerikanische Produktivitaet zu
schaffen. Er fuegts hinzu, dass die humanitaere und soziale
Seite der amerikanischen Industrie zumindestens so. wichtig fuer
die Produktivitaet ist wie technische und ingenieurmaessige
Faktoren. Im uebrigen bemerkte er, dass er keineswegs jemand
davon ueberzeugen wollte, dass es nur Zartheit und Licht in
den Beziehungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften gaebe.
- 2 -

�.Villiam Gomberg, der Geschaeftsfuehrer der Ingenieurabteilung dar Gewerkschaft der Damenoberbekleidun^sindustrie &lt;?ab
eine Uebersicht ueber die Aktivitaet seiner Gewerkschaft in
der Zusammenarbeit mit der Bekleidungsindustrie, die das Ziel
hatten, die Produktivitaet zu steigern. Gomberg stellte fest,
dass diese «ktivitaet keineswegs einzigartig sei, und am besten
verstanden werden koenne, wenn man den Hintergrund in Betracht
ziehe, d.h. die positive Einstellung der amerikanischen Gewerkschaften zur Fra?,e der Produktivitaet. In den Vereinigten
Staaten wird das Unternehmertum durch eine aggressive Fuehrerschaft beherrscht, die staendif neue Produkte fuer alte Maerkte
sucht und neue Ikerkte fuer alte Produkte. "Aber lassen Sie
mich beruhigt hinzufuegen, dass auch wir unsere Zauselbaerte
haben, die durchaus zufrieden sind mit dem, was eine staatliche
Wirtschaft ihnen bietet - vorausgesetzt, dass die Gewerkschaften
damit einverstanden sind." Er wies dann darauf hin, dass Arbeiter nur dann an Produktions fragen interessiert werden koennen, wenn das wirtschaftliche Aequivalent ihnen binnen kurzem zur
Verfues;unp; stehe, d.h. eine hoehere Entlohnung. Ueberlegungen
auf l^nge Sicht sind ein Luxus, den sich vielleicht Akademiker
leisten koennen, Arbeiter bevorzugen stets die sofortige Entscheidung. Sie schaetzen deshalb sofortige Praemienzahlungen.
Sie koennen natuerlich auch ihren Kindern etwas bieten; sie
haben jedoch nicht die Absicht, bis zu ihrem Tode darauf zu
warten, ob aus ihrer Anteilnahme an einer Steigerung der Produktivitaet auch wirklich etwas fuer sie selbst dabei herauskommt.
|

Es ist Aufgabe der Ingenieurabteilung der amerikanischen
Gewerkschaften, bei einer Beteiligung der Arbeiter bei der
Schaffung und Durchfuehrung einer gesteigerten Produktion die
Gewerkschaft mit allen notwendigen Unterlagen zu versehen,
damit die Arbeiter auch zu ihrem gerechten Anteil kommen.
Hierbei ist es wichtig, all das herauszustellen, was sie tun
koennen und was sie nicht tun koennen. Sie stutzen keineswegs ihr Programm so zurecht, damit auch der ungenuegendste
Arbeitsfaktor auf Kosten niedriger Loehne sich weiterhin behaupten kann. Die gewerkschaftliche Ingenieurabteilung hat
die aufgäbe, ihre eigenen ingenieurmaessigen Kriterien festzulegen und festzustellen, was eine "faire** Produktionsrate ist.
Diese Voraussetzung ist ebenso grundlegend fuer die schuetzende Funktion wie auch fuer die Zusammenarbeit der Gewerkschaften mit den Unte-i.ehiüern. V.'enn die Ingenieurabteilung gerufen
wird, um einen Unternehmer zu unterstuetzen, so ist die grundlegende Frage die nach der Methode, die sich anwenden laesst,
um die Produktion zu steigern unter Beruecksichtigung der Grenzen, die sich durch die maschinelle .nusruestung ergeben.
Gomberg entwickelte dann, wie in den letzten zehn Jahren
eine vollkommene Gewerkschaftsphilosonhie sich in den Vereinigten Staaten entwickelt hat und wie durch die Pionierarbeit, die
auf dem Felde der Unterstuetzung der Unternehmer bei diesen
Massnahmen und in der Zusammenarbeit mit den Unternehmern die
Gewerkschaft der Arbeiter der Damenoberbekleidungsindustrie
als Modell fuer viele andere amerikanische Gewerkschaften diente. Durch die Produktivitaetsingenieure der Gewerkschaften
ist eine annaeherung der Arbeiterschaft an die Anforderungen
einer gesteigerten'Produktivitaet erfolgt. Die Produktivitaetsinpenieure haben aber zugleich die Versuche des Unternehmertums
zurueckpewiesen, ihre einseitigen Massnahmen und ihre einseitige Technik den Arbeitern aufzuoktroyieren.
- 3 -

�Die Produktivitaetsaktivitaet der amerikanischen Gewerkschaften wird von einer nachdrücklichen Forderung auf hoehere Loehne
begleitet. Diese Aktivitaet begann meist als eine schuetzende
Funktion und endete oft mit einer Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaft und Unternehmern auf diesem Gebiet. Diese Zusammenarbeit
besteht aber fuer die Gewerkschaften in erster Linie darin, dass
der Arbeiter einen hoeheren Lohn erhaelt und dass die amerikanische Produktivitaet sich weiter entwickelt.
Alle diese Aktivitaeten, so schloss Gomberg, haben dazu
gefuehrt, dass eine Gruppe amerikanischer Produktivitaetsspezialisten sich mit der Gewerkschaftsbewegung ins Einvernehmen
setzte und dann zum Sprecher der Arbeiterschaft wurde mit dem
Ziel, neue wirksamere industrielle Techniken auszuarbeiten, die
zugleich dazu beitragen, die gegenwaertigen Arbeitsbedingungen
euch fuer den Arbeiter zu verbessern. Die amerikanischen Gewerkschaften foerdern die Produktivitaetsbestrebungen jedoch keineswegs nur aus dem Gedanken einer hoeheren Produktion heraus,
sondern sie sehen hier eine Moeglichkeit, den Lebensstandard
des Arbeiters zu erhoehen.
Labor News from the US
7/6/51

11/25

GEW5RKSGRÄFTEN IM ROTEN CHINA
Als die kommunistischen Armeen China besetzten, gab die
Militaerkontroll-Kommission eine Verlautbarung heraus, dass
die Gewerkschaften fuer die einzelnen Industrien ihre Arbeit
im gewohnten Stile fortsetzen sollten, als ob nichts geschehen
sei. Dadurch existierten die Gewerkschaften noch einige Monate, aber-in der Praxis wurde die gesamte Aktivitaet der Gewerkschaften lahmgelegt. Kommunistische Agenten drangen in die
verschiedenen industriellen Betriebe und sorgten dafuer, dass
bei jeder Wahl fuer die Gewerkschaften die gewuenschten Wahlresultate zustande kamen. Die Folge hiervon war, dass nach und
nach jede Gewerkschaft unter die direkte Kontrolle der kommunistischen Agenten kam, wobei man obendrein behaupten konnte,
dass die Arbeiterschaft hier selbst gesprochen habe. Die heutige Taetigkeit der sich inimer noch Gewerkschaft nennenden Organisationen ist naturgemaess sehr beschraenkt. Die Kauptaufgäbe
besteht darin, alle antikommunistischen Personen in den Betrieben herauszufinden und sie zu registrieren. Das Ergebnis ist
damit praktisch eine schwarze Liste. Auf der anderen Seite
weiss jedoch niemand, ausser einigen kommunistischen Spitzenfunktionaere, welche Namen sich tatsaechlich auf diesen Listen
befinden. Durch diese Ungewissheit .werden praktisch alle Arbeiter in einer staendigen Unruhe- und Ungewissheit gehalten.
Sine andere Aufgabe der "Gewerkschaften" ist heute die
Abhaltung von Massenversammlungen, sobald sich irgendwelche
Zeichen der Unzufriedenheit zeigen. Das ist nach den kommunistischen Richtlinien auch dann erforderlich, wenn die schwarzen
Listen allzu lang werden. Diese Massenversammlungen bieten zugleich eine Moeglichkeit, auf diesen Listen eine Reihe von
Namen wieder auszustreichen. 2s gibt sogar Faelle, in denen
auf diesen iuassenversammlungen die Todesstrafe fuer solche Leute
gefordert wird, die offensichtlich nicht mit allen Vorgaengen
einverstanden sind. Aber das kann ebenso auch mit Arbeitern
geschehen, die voellig unschuldig sind und aus denen lediglich
- 4 -

�eine gewisse Veraergerung spricht. Wenn es jedoch zu viel
verdaechtige Elemente gibt, so uebergeben die kommunistischen
Spitzel die Kamen dieser Personen der Geheimpolizei, die denn
diese Leute verhaftet und unter Umstaenden auch erschiesst.
Diese Verhaftungen geschehen stets bei Nacht. Es wird an
den Tueren geklopft und noch vor der Morgendaemmerung sind
saemtliche Verhaftungen durchgefuehrt. Praktisch sind die
Gewerkschaften im Roten China somit Agenturen der Geheimpolizei, die ueber China ein Terrorregime errichtet hat.
üiine weitere Aufgabe der Gewerkschaften in China besteht
heute darin, die Produktionsleistungen des Arbeiters hochzuschrauben. Hierbei ist bemerkenswert, dass der chinesische
Stachanowist von den Kommunisten geradezu als lebender Buddha
gefeiert wird. Aber sonderbarerweise ist dieser chinesische
"Kämpfer" an der Erschoepfung zugrundegegangen, die sich durch
die Ueberarbeit ergab. Jeder Arbeiter wird gefragt, ob er
bereit ist, den bestehenden Produktionsrekord zu uebertreffen.
Das ist umso leichter fuer die "Gewerkschaften", als ja vorher
jene Arbeiter entfernt wurden, denen man nicht trauen konnte,
sodass die Kommunisten umso leichter alle jene ausbeuten
koennen, -denen sie noch Vertrauen schenken. Man sagt heute
in China, dass die Arbeiter Zitronen geworden sind. ..enn sie
so ausgequetscht sind, dass kein Tropfen mehr aus ihnen herauskommt, wirft man sie auf den Abfallhaufen.
Nach den Mitteilungen des Ministerpraesidenten der Puppenregierung in Peking, Chow An-Lai, sind seit Anfang Mai Irr
Millionen antikommunistischer Personen erschossen worden.
Tatsaechlich wird jedoch die Zahl der von den Kommunisten erschossenen Menschen v/eit groesser sein. Damit sie ihre Kontrolle ueber das Land verstaerken und ihre Fleene ueber die
Eroberung der «Veit beschleunigen koennen, wird jeder, der
schuldig befunden wird - und sei es auch nur in geringem
Grade - einfach verhaftet und bei naechster Gelegenheit erschossen, wenn man es nicht vorzieht, ihn in ein Zwangsarbeitslager zu bringen, da heute bereits in China nicht genuegend
Arbeitskraefte mehr zur Verfuegun&lt;* stehen, um die auferlegten
Produktionsverpflichtungen zu erfuellen.
Die Arbeitszeit betrug vor der kommunistischen Invasion
acht bis neun Stunden am Tag, heute betraegt sie zehn bis
zwoelf Stunden. Gleichzeitig ist jedoch jeder Arbeiter gezwungen, schneller zu arbeiten, um seine ^uote erfuellen zu koennen. Das fuehrt praktisch dazu, dass die taegliche Arbeitszeit zumeist 13 und in vielen Faellen sogar 16 Stunden am
Tag betraegt. Nicntkriegswichtige Industrien sind zum grossen
Teil voellig eingestellt, umso groesser ist der Aufschwung in
der Ruestungsindustrie. Man kann sich vorstellen, mit welchen.
Gefuehlen die Arbeiter zu den vorgeschriebenen Massenversammlungen gehen, wenn sie bereits 16 Stunden an ihrem Arbeitsplatz
standen. Rechnet man noch den Weg von der Arbeitsstaette zur
Fabrik und zurueck dazu, so ist es keinesfalls eine Uebertreibung, wenn heute der chinesische Arbeiter wochenlang keine
Gelegenheit hat, einmal mit seinen Familienmitgliedern sich
zu unterhalten. Der chinesische Arbeiter steht meist vor sechs
Uhr morgens auf, um puenktlich am Arbeitsplatz zu sein. Zu
dieser Zeit schlaeft die Familie noch. Die Arbeit, ist um neun
Uhr abends zu Ende und wenn hier noch zwei oder drei Stunden
durch Sitzungen im Betrieb oder durch gewerkschaftliche Massenversammlungen verlorengehen, so kommt der Arbeiter so snaet
nach Hause, dass er seine Familie schon schlafend vorfindet.
5 -

�I.fen muesste annehmen, dass bei einer derartigen langen
Arbeitszeit auch die Loehne wesentlich gestiegen sind. In
Sowjet-China ist dies jedoch nicht der Fall. Um die Loehne
in ein richtiges Verhaeltnis zu setzen, ist es am besten,
wenn als Basis fuer den «Yert des chinesischen Geldes das_
Grundnahrungsmittel Reis verwendet wird. Als der chinesische
Arbeiter im"Jahre 1947 taeglich neun Stunden arbeitete, konnte
er sich dafuer im Monat 600 Pfund Reis kaufen. Im Jahre 1951
wurde bis zu 16 Stunden am Tage gearbeitet, aber fuer den Gesamtlohn reichte es nur fuer 200 Pfund Reis. Hier muss jedoch
einschraenkend bemerkt werden, dass bei diesem Vergleich der
Nominallohn zugrunde gelegt wird. Der wirkliche Lohn, der
mit nach Mause genommen werden kann, schwankt zwischen 100
bis 150 Pfund Reis im Monat, da 50 Pfund immer fuer die verschiedenen Steuern und Abgaben abgezogen werden muessen, waehrend weitere 50 Pfund Reis - manchmal weniger, icanclimal mehr fuer die mannigfaltigen Formen der freiwilligen Opferabgaben,
fuer die eigenartigsten-Sammlungen und auch fuer solche Zwecke,
wie sie von den machtausuebenden Funktionaeren festgelegt werden,
in Abzug kommen. Selbstverstaendlich bedeuten diese freiwilligen Opfer in der Praxis zwangsweise Abzue^e. 100 Pfund Reis
sind gerade so viel, um taeglich zwei ochuesseln einer sehr
duennen Reismahlzeit oder eines Reisbreis fuer die Mahlzeit
jedes der fuenf Mitglieder 'einer Familie fuer einen Monat zuzubereiten,wenn man einen Durchmesser von drei Mahlzeiten je
Tag zugrundelegt. T'atuerlich sind in den Tausenden von Zwangsarbeitslagern, die ueber das ganze Land verstreut sind, die
Verhaeltnisse noch schlechter, ilin Zwangsarbeiter muss Tag
fuer Tag 16 Stunden lang hart arbeiten und erhaelt nur zwei
Schuesseln Reis bei jeder Mahlzeit. Fuer die Unterstuetzung
seiner Familienmitglieder erhaelt er keinerlei Moeglichkeiten.
Unter diesen Umstaenden ist es nicht erstaunlich, dass Unterernaehrung und lange Arbeitszeit in der Industrie zu Zrmuedungserscheinungen fuehrt und ein starkes Anwachsen der Berufsunfälle zu verzeichnen ist. So war der Durchschnitt der Unfallziffern in der Zeit vor der kommunistischen Herrschaft 3,6 im
Monat, waehrend heute fast Tag fuer Tae; ein Unfall passiert.
wang-Chu vor dem IBFG-Kongress
in Mailand
D. Abkhazi:
D2R SCHITAUPLAN UND ZUR OPA
Z'in Jahr ist bereits seit dem Augenblick verflossen, wo
Robert Schuman seine Idee bekanntgegeben hat, dass die Kohleund Zisenvorkommen Zuropas fuer eine gemeinsame ..irtschaft zur
Verfuegung stehen sollen. Die Unterschriften unter diesem
Plan haben heute dieser Idee Vi/irklichkeit gegeben.
In der Zwischenzeit haben sich in der ganzen V.'elo dramatische Ereignisse vollzogen, i.ber diese konnten der Idee Schumanns nur eine umso groessere v;ichti~keit &lt;reben. heute wird
eine vernuenftige Loesun? der letzten Differenzen zwischen
Deutschland und Frankreich gesucht. Man hatte ursnruenglich
diesen Plan als Kohle-Plan bezeichnet, oder als eine KohleZisen-Gemeinschaft. Tatsaechlich ist dieser Plan jedoch weder
das eine noch das andere, wie man sehen wird, ^llen freien
Laendern steht es offen sich an diesem Plan zu beteiligen,'
der sich gegen niemand wendet, noch ist er ein Kartell, das
von egoistischen Interessenten ins Leben gerufen worden ist.
- 6-

�Die Idee zu diesem Plan erscheint durchaus einfach unS
ueberzeugend. Sie besteht darin, die gesamte deutsoh-frenzo«»sische Produktion an Sfcahl und ^isen in die Ha ende einer Hoher.
Konmission zu legen, deren Verwaltung in gemeinsamen Haenden
liegt und an der sich auch andere europaeische Laender beteiligen koennen.
Diese Voraussetzung ist praktisch genug, um sie auf einen
wirtschaftlichen Plan zu uebertragen. In der Praxis handelt
es sich darum, dass man fuer die Produktion einer Tonne Stahl
1 , 5 - 3 Tonnen Eisenerz benoetigt, je nach dem Eisengehalt
der von 33$ bis 65$ variiert. Ebenso benoetigt man 0,8 bis
1,2 Tonnen Koks oder 1 bis 1,6 Tonnen Kohle, die in Koks umgewandelt wird, wobei die Destillation einer Tonne Kohle etwa
750 kg Hochofenkoks ergibt.
In Frankreich befinden sich als wichtige Bodenschaetze
Europas umfangreiche Eisenerzlager. Diese werden auf etwa 7
Milliarden Tonnen geschaetzt. Sie liegen damit an zweiter
Stelle hinter denen der Vereinigten Staaten. Kurz vor dem
zweiten Weltkrieg betrug die franzoesische Produktion etwa 33
Millionen Tonnen Eisenerz mit einem mittleren iisengehalt von
33$, d.h. also 11 Millionen Tonnen eines 100$igen Eisenerzes.
9/10 der Eisenerze befinden sich in Lothringen. Damit uebertraf
Frankreich bei weitem die britische Produktion, die 4,5 Millionen Tonnen Eisenerz betrug, wenn es auf 100$ umgerechnet wird,
sowie die Produktion Deutschlands mit 3 Millionen Tonnen und
die Luxemburgs mit 2 Millionen Tonnen. Frankreich exportierte
rund 45$ seiner Produktion, 2/3 davon an die belgisch-luxemburgische Zoll-Union und ein weiteres Drittel an Deutschland. Das
damalige Deutschland verarbeitete rund 14 Millionen Tonnen reinen Eisenerzes. Da die deutschen Vorkommen weder in Q,ualitaet
noch in ^uantitaet ausreichend waren, konnten die eigenen Förderungen nicht mehr als 20 bis 25$ seines Bedarfs decken, denn
die mageren Eisenerze enthielten im Durchschnitt nur 25$ Eisen.
Der Rest musste somit von Schweden, Frankreich, Spanien und
von Uebersee importiert werden.
In der Frage der Kohle, diesem ebenso wichtigen Faktor bei
der Aufbereitung des Eisenerzes, ergibt sich jedoch eine ganz
andere Situation. Dank dem Ruhrgebiet verfuegt V.'estdeutschland
ueber den groesseren Teil der europaeischen Kohle, die sich in
Koks ueberfuehren laozst. 1938 betrug seine Produktion 137
Millionen Tonnen Kotue und 36 Millionen Tonnen Koks. Her Export
fester Kohle jeder Art erreichte die Ziffer von 38 Millionen
Tonnen. Im Gegensatz hierzu verfuegt Frankreich nur ueber 47
Millionen Tonnen Kohle und steht dabei an dritter Stelle noch
hinter Grossbritannien, das 232 Millionen Tonnen zur Verfügung
hat. Darueberhinaus ist die franzoesische Foerderung sehr arm
an Kohle, die sich verkoken laesst. Die Koksproduktion konnte
nur auf 7,5 Millionen Tonnen gesteigert werden, waehrend der
Bedarf auf etwa 10 Millionen Tonnen geschaetzt wird.
Bei einem Gesamtverbrauch von jaehrlich etwa 68 Millionen
Tonnen fester Kohle musste Frankreich 21 Millionen Tonnen einfuehren, davon allein'2,5 Millionen Tonnen Koks. Deutschland
und Grossbritannien lieferten Frankreich je etwa 1/3 der fehlenden Menge, der Rest kam aus Belgien, Holland, Polen und anderen
Laendern. Alles in allem ergibt sich, dass Frankreich reich an
Eisenerzen ist und in der Lage ist, fast die Keelfte seiner Froduktion zu exportieren. Frankreich ist jedoch weniger guenstig
gestellt in bezug auf Kohle. Es muss 1/3 seines Verbrauchs ir.i.7 -

�portieren und vor allen die Haelfte des benoetigten Kochofenkoks, der fuer die Erzaufbereitung unbedingt notwendig ist.
Deutschland produziert nur geringe Kengen an Eisenerz,
das obendrein nur einen sehr geringen Eisengehalt hat. Es muss
daher 3/4 seines Verbrauchs importieren. Dagegen ist Deutschland ausserordentlich gut gestellt, was die Kohlenproduktion
anbelangt und kain hier ohne weiteres 1/4 seiner Produktion exportieren.
Wenn man diese Tatsachen zusammenfasst, so ergibt sich
eine geradezu natuerliche Schlussfolgerung:
1.

Die beiden Wirtschaftsgebiete ergaenzen sich.

2.

Bei dem gegenwaertigen Stand der Technik kann eine Erzverhuettung in Frankreich nicht ohne die deutsche Kohle
existieren, aber ebenso wenig kann das Kuettenwesen in
Deutschland gedeihen, wenn keine franzoesischen Erze
zur Verfuegung stehen.

Im Laufe eines Jahrhunderts hat man dreimal versucht, eine
Loesung zu finden, bei der man mit Gewalt die Lage der Grenzen
veraendert hat. Der -Begriff"Kohle und Eisen" hat sich in den
Koenfen der Uenschen so festgebohrt, dass er zur Idee des Krieges und der Zerstoerung wurde.
Auf dieser Grundlage muss man heute die Initiative Schumanns betrachten, d.h. die Vereinigung der deutschen und franzoesichen Kohle- und Eisenquellen, um darueber hinaus durch eine
uebernationale Kontrolle praktisch jeden Krieg zwischen Deutschland und Frankreich nicht allein undenkbar, sondern, materiell
gesehen, auch unmoeglich zu machen.
Es handelt sich hierbei keineswegs, wie zuweilen behauptet
worden ist, um die Schaffun«? eines sich gegenseitig verpflichteten Industriekartells, sondern um eine wirkliche Abstimmung der
beiden sich ergaenzenden Wirtschaftsgebiete, die sich dabei
einer uebernationalen europaeischen Kontrolle unterwerfen muessen.
Die aufnähme, die dieser Plan in der oeffentlichen Meinung der
7/elt gefunden hat, ist noch frisch im Gedaechtnis. Trotz gewisser Bedenken, die der Durchfuehrung dieses Planes entgegengebracht werden, hat die Mehrzahl der interessierten Regierungen
diesem Plan sozusagen sofort zugestimmt. Deutschland war eines
der ersten Laender, das sich zu diesem Plan bekannte. Nur Grossbritannien, das auch hier seinem alten Prinzip des "Abwarten-undSehen" treugeblieben ist, hat sich bis jetzt noch nicht zu einer
Zusammenarbeit bereiterklaert.
Diese Haltung Englands bedarf einiger Erklaerungen:
23 ist unbestreitbar, dass der psychologische Schock, mit
dem die Initiatoren des Schumanplans rechneten, dazu beigetragen
hat, dass die oeffentliche Meinung in England sich abwartend verhaelt. Seit mei^r als einem Jahrhundert hat die britische Kohle
und der britische Stahl die V/eltmaerkte beherrscht. England
sieht sich daher sehr betroffen, weil ohne jede vorhergehende
Aussprache und ohne zuvorige Beratung dieser Plan sozusagen brutal
der Oeffentlichkeit vorgelegt wurde, ohne auf die Punkte Ruecksioht zu nehmen, die Grossbritannien weitgehend betreffen. Es
genuegt, in dieser Hinsicht an den bitteren Ton der englischen
Presse zu erinnern, der im Mai 1950 zu finden war.
8 -

�Vergessen wir hierbei .auch nicht, dass der so oft diskutierte Tunnel zwischen England und Frankreich auch heute noch
nicht seiner Verwirklichung naehergebracht worden ist. Der
Snglaender bevorzugt es aufgrund seiner geistigen Haltung,
insular zu bleiben. Er ist neuen Ideen gegenueber nur recht
wenig aufgeschlossen - ganz im Gegensatz zu den Voelkern, die
sich auf- dem alten Kontinent diesen Ideen anschliessen und diese
begeistert aufnehmen. Es ist sehr schwer fuer den Englaender,
sich bereitzuerklaeren, seine Ideenwelt zu aendern. Es kommt
ihn vor, als ob er dabei einen Teil seiner Souveraenitaet aufgeben muesse. Und hat er nicht im gewissen Sinne auf die Idee
des Schumanplans reagiert, als er sagte, dass ein Land, das
die Kontrolle ueber seine Kohle und seine Erze verliert, nicht
mehr seine nationale Freiheit besitzt?
Tan muss dabei auch verstehen, dass die heutige besondere
Situation ohne jedes Ge,?enstueck in der englischen Geschichte
ist, die aus dem Vereinigten Koenigreich ein Commonwealth machte
und vielleicht nocn staerKer als alle anderen Gruende dazu beitragen, sich gegen die uebrige '.Veit abzuschliessen. Indessen
bleibt trotz allem die Hoffnung, dass Grossbritannien sich dem
Schumanplan zuwenden wird, nachdem dieser Plan durch die Parlamente der beteilis'ten Laender ratifiziert worden ist. Aber
auch dann, wenn keine wirkliche Beteiligung in diesem engeren
Sinne zustande komr.it, wird Grossbritannien sich doch zu einer
Zusammenarbeit bereiterklaeren. Die fortschreitende Vereinigung Europas ist ohne Grossbritannien nicht denkbar und nicht
durchfuehrbar.
Sine der ersten Aufgaben der kuenftigen Hohen Kommission
wird es sein, eine Uebereinstimmung zwischen den Laendern, die
h an diesem Plan beteiligt sind und den abseitsstehenden westeuropaeischen Laendern herbeifuehren, zu denen in erster Linie
Grossbritannien gehoert.
Trotz aller Kritiken und gewisser zoegernder Momente haben
sich die Vertreter der sechs interessierten Laender. naemlich
Westdeutschland, Belgien, Frankreich (die Saar wird zur Zeit
durch Frankreich vertreten), Luxemburg,und Holland am 20. Juni
1950 in Paris getroffen, um hier die Modalitaeten festzulegen,
um ein gemeinsames Arbeiten ihrer Schwerindustrie zu ermoeglichen.
Die nachstehende Tabelle gibt die Produktionsziffern fuer
Kohle, Eisenerz, Eisen und Stahl der Teilnehmerlaender im Jahre
1950 wieder. Danach werden die britischen Zahlen und die der
europaeischen Gesamtproduktion gegeben.
"an muss jedoch hierbei bemerken, dass die Produktion
dieser sechs Laender seit dem letzten Jahr einen nicht unerheblichen Aufschwung genommen hat. Nach den Erfahrungen, die die
ersten drei Monate des Jahres 1951 betreffen, ist die Kohleproduktion in Westdeutschland auf 120 Millionen Tonnen gestiegen,
in Frankreich auf 54 Millionen Tonnen, im Saargebiet auf 17
Millionen Tonnen und in Belgien 29 Millionen Tonnen. V.ras die
Stahlproduktion anbelangt, hat die westdeutsche Produktion 12
"illionen Tonnen erreicht, die Frankreichs 9,6 Millionen Tonnen, die der Saar 2,5 Millionen Tonnen, die Belgiens 4,7 Millionen Tonnen und die Luxemburgs 3 Millionen Tonnen. Fuer die
Teilnehmerlaender am Schumanplan betraegt somit die Produktionssteigerung zu Anfang des Jahres 1951 fuer Kohle dfo, d.h. also
16 Millionen Tonnen mehr und 10% fuer Stahl, d.h. 3 Millionen
Tonnen.
- 9 -

�Die europaeische Produktion im Jahre 1950
(In Millionen Tonnen)

Westdeutschland
Frankreich .
Saar . . . .
Belgien . .
Luxemburg
Niederlande
Italien . .
Total . . .
Grossbritannien
Andere europaeische Laender

110,8
50,8
15,1
27,3
12,3
1.0

Stahl:

Eisenerze: Eisen:

Kohle

22%
20% 2,7 - 9% 9,5
18%
9% 10,3 -34% 7,8
3%
1,7
5% 0,2 - 0,5 3,7 - 9%
1,2 - 4% 2,5 - 6%
2%
- 0,5 - Ifo
0,2 - 0.5 0,6 - 1%

20%
14%
3%
6%
4%

12,1
8,7
1,9
3,8
2,5
0,5
2,5

217,3

39% 14,6 -48% 26,3 - 61% 31,8 - 52%

219,8

40%

3,9 -13% 9,7 - 22% 16,4 - 27%

21% 11,8 -59% 7,1 - 17% 12,8 - 21%
119,9
Total . . ., 557,0 -100% 30,3 -100% 43,1-100% 61,0 -100%

* Der Erzgehalt ist umberechnet auf 100% Eisengehalt.
Man hat uebrigens festgestellt, dass in den Teilnehmerstaaten des Schumanplans im europaeischen Gesamtgebiet, mit
Ausnahme der UDSSR, sich die Kohlenfoerderung 1950 um 39% steigerte; fuer Eisenerz um 48%; fuer Eisen um 61% und fuer Stahl
um 52%.
Die zweite Tabelle zeigt Importe und Exporte der teilnehmenden Laender, wobei lediglich feste Brennstoffe, Eisenerze,
Eisen und Stahl beruecksichtigt ist.
Import- und Exportzahlen fuer 1950
(In Millionen Tonnen)
.feste
Brennstoffe
Imp. Exp,
Westdeutschland
Frankreich .
Saar . . . .
Belgien . .
Luxemburg
Niederlande
Italien . .
Total .
Cx-ossbritannien

19,6

Eisenerze
Imp. Exp.
4,8

11,5

Eisen

Stahl

Imp. Exp. Imp. Exp.
-

0,46

-

1,17

-

2,81
3,13

11,1

0,3

3,8
8,3

- 0,33
0,06

3,8
8,8

0,6

- 0,25
0,21
-

8,5

3,7

6,6

-

15,1

8,5

0,16

0,67

0,82 0,48 -

5,81

-

1,39

Wenn das gestellte Problem in seinen Prinzipien sich auf
den ersten Blick fuer die in Paris versammelten Delegierten
als ein verhaeltnismaessig einfaches darstellte, so ist doch
auf der anderen Seite der Mechanismus, den der Schumanplan vor- 10 -

�gesehen hat, nicht so einfach, um ohne weiteres verwirklicht
zu werden. Die Arbeiten der Vertreter der sechs Laender, die
Jean Monnet leitete, waren ebenso langwierig wie anstrengend.
Die Umwandlung der Prinzipien in die Wirklichkeit des Tages
mussten notwendigerweise gewisse politische, wirtschaftliche,
finanzielle und soziale Schwierigkeiten in das Licht ruecken,
ebenso begegneten sich hier die verschiedenen Interessen, die
oft entgegengesetzter Natur waren. Man nuss hierbei beruecksichtigen, dass die Wirtschaftsstruktur der sechs Teilnehmerlaender eine verschiedene ist, und dass sie nur schwer zu
einer Harmonie gebracht werden koennen. Die Produktion, die
Ertraege, die Technik, die soziale Gesetzgebung, die inneren
Marktbedingungen und bestimmte Schwierigkeiten in den aeusseren Bereichen wie beispielsweise bei dem Sonderstatut der
Saar, den Vollmachten der internationalen Ruhrbehoerde und
sehnliches hat naturgemaess den Ablauf der Verhandlungen gehemmt. Weiter ergab sich, dass, wenigstens fuer die Zwischenperiode, eine Reine von Vorbehalten und Sonderklauseln eingefuehrt werden mussten. Diese Umstellungsperiode war jedoch
von Anfang an vorgesehen, sie sollte sich auf jene Zeit erstrecken, die notwendig war, um die Hohe Behoerde dieser Wirtschaftsgemeinschaft in Funktion treten zu lassen, sie wurde
auf sechs Monate befristet. Gleichzeitig s.ollten in dieser
Zeit die einzelnen Institutionen ihre Arbeit aufnehmen und den
gemeinsamen Markt festlegen.
Eine weitere Uebergangsperiode von fuenf Jahren wurde
vorgesehen, um gelegentliche Stoerungen zu vermeiden, die
sich durch die neuen Organisationen ergeben koennten. Waeh•' rend dieser Periode spielen verschiedene Sicherheitsmassregeln
eine Rolle, deren Aufgabe es ist, die bej diesem Plan am wenigsten beguenstigten Industrien bestimmter Laender zu unterstuetzen. So soll eine Ausgleichskasse errichtet werden, um
den unter besonders schwierigen Verhaeltnissen arbeitenden
belgischen Kohlenbergwerken und italienischen Stahlwerken zu
helfen.
Durch die Ereignisse in Korea ist naturgemaess der gesamte Plan beeinflusst worden. Als im Mai 1950 die Idee dieses
Plans der Oeffentlichkeit unterbreitet wurde, schien die europaeische Produktion eine gewisse gesunde Basis erreicht zu
haben. Wenige Wochen spaeter jedoch hatte sich die wirtschaftliche Situation voellig veraendert, von dem Zustand einer in
voller Bluete stehenden Wirtschaft gelangte man zu einer
Mangelwirtschaft. Dadurch wurde jedoch die Gefahr vermieden,
bestimmte Bergwerke und Fabriken stillzulegen, weil sie unrentabel waren. Auf der anderen Seite hat netuerlich diese
neue Konjunktur die Probleme stark vereinfacht und den Kurs
wieder auf die Hauptprobleme zurueckgebracht. Die Preishausse
schuf darueberhinaus noch andere und fuehrte zu gewissen Sonderwuenschen, die mit dem Ziel des Plans unvereinbar waren. Trotz
allem konnte jedoch der Vertragsentwurf und die Vereinbarungen
am 19. Maerz paraphiert und am 18. April durch die sech3
Aussenminister feierlich unterzeichnet werden. Der Vertrag
ist jetzt noch durch die Parlamente der einzelnen Teilnehmerstaaten zu ratifizieren.
Mit dem Schumanplan ist die erste uebernationale Organisation geschaffen, um die Voraussetzung fuer ein wirtschaftlich
vereinigtes Europa zu schaffen, wobei die Teilnahme an diesem
Plan allen Staaten Europas offen steht. Dieser Satz der gemeinsamen Erklaerung der Aussenminister der sechs Laender charakte11 -

�risiert die tiefgehenden Umwandlungen, die sich in der wirtschaftlichen Struktur der Teilnehmerlaender vollziehen wird.
Zum erstenmal in der Weltgeschichte sind sechs Staaten uebereingekommen, einen Teil ihrer Souveraenitaet einer gemeinsamen Organisation zu ueberantworten. Es handelt sich hierbei
um eine fundamentale Aenderung in den Beziehungen souveraener
Staaten. Die Form des Nationalstaates, die bisher trennend
wirkte, macht heute einer uebernationalen Form Platz, die dazu
beitraegt, diese Staaten zusammenzuschliessen.
Das Ingangsetzen einer gemeinsamen Kohle- und Stahlproduktion umfasst einen Markt von 150 Millionen Verbrauchern,
das ist die Bevoelkerungszahl der sechs Teilnenmerlaender.
Im Innern dieses Marktgebietes, das ebenso rross ist wie das
der Vereinigten Staaten, werden alle Produzenten freien und
gleichen Zugang zu den liilfsmoeglichkeiten haben, aber ebenso
haben alle Verbraucher die Moeglichkeit, sich ebenfalls die
Vorteile dieses Plans zunutze zu machen. Es gibt keine Zoelle
mehr und keine Kontignentierungssysteme, es gibt auch keine
Vorzugstarife noch irgendeine andere Form der Benachteiligung
oder Diskriminierung, die sich dem freien Umlauf der Kohle entgegenstellt, aber nicht nur der Kohle, sondern auch dem Eisenerz, dem Eisen und dem Stahl in einem Gebiet, das von den
sechs Teilnehmerstaaten gebildet wird. Die gesamten Vorraete
an Kohle und Stahl werden ohne Ruecksicht auf ihren Ursprung
je nach dem Bedarf der teilnehmenden Laender diesen uneingeschraenkt zur Verfuegung stehen.
Die Freiheit und die schoepferische Initiative sind die
Basis fuer die gemeinsame Organisation. Die"Unternehmen werden weiterhin die volle Verantwortlichkeit fuer ihre Transaktionen haben, ja, sogar in verstaerktem Masse als bisher, denn
die freie schoepferische Initiative wird wieder hergestellt
durch die Abschaffung der Restriktionspraktiken der Kartelle.
Die Verbraucher werden dadurch gegen die Auswuechse der
Konzentration einer .Virtschaf tsmacht geschuetzt. Daneben werden selbstverstaendlich Vorkehrungen getroffen, um den technischen Fortschritt zu foerden und selbstverstaendlich auch die
Hebung der Lebensbedingungen fuer alle Beteiligten.
Dieser kurze Abriss kann selbstverstaendlich nicht erschoepfend sein, um all das aufzuzeigen, was am Schumanplan
wichtig ist. Er gibt jedoch einen Umriss, bei dem die wichtigsten Aufgaben herausgestellt sind. Hieraus ergibt sich auch
die Notwendigkeit, die Instrumente der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu schmieden.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein Redakteur
der "New York Herald Tribüne" schrieb, dass Jean Monnet, Frankreichs Wirtschaftsexperte Nr. 1, nicht nur der glueckliche Vater zweier Toechter Anna und Marianne ist, sondern auch Vater
zweier Plaene, des Monnet- und des Schumenplans. Man kann sich
nicht vorstellen, welche Summe an Arbeit, an Hartnaeckigkeit,
an Geduld und an Takt im Laufe der letzten zehn Monate Monnet
beweisen musste, um nicht in den letzten zehn Monaten ueber
irgendwelche Zwirnsfaeden zu stolpern, die seinen Plan zu Fall
gebracht haetten. Die Geschichte wird eines Tages den Namen
Robert Schumans als des Menschen herausstellen, der in einem
der schwersten Augenblicke der Weltgeschichte es verstanden hat,
sich ueber nationale Sonderbestrebungen hinwegzusetzen und die
echten Interessen der Laender und Voelker herauszustellen, um
zu einem Werk beizutragen, das ein entscheidender Beitrag bildet
- 12

�fuer die Integration des von allen moeglichen Kraeften gestossenen Europas und fuer eine staendig anwachsende Zusammenarbeit
zwischen'den Voelkern. Man sollte es nicht verheimlichen:
Eine grosse Hoffnung ist geboren. E3 liegt an uns, diese
Hoffnung zu einem echten Leben zu erwecken.
RAPPORTS France-Etats Unis
Nr. 52 Juli 1951
Sir Vincent Tewson:
DIE VORAUSSETZUNGEN FUER DIE HERSTELLUNG UND ERHALTUNG DES
WELTFRIEDENS
Mit seiner Erklaerung ueber wirtschaftliche und soziale
Forderungen umriss der Gruendungskongress des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften seine Ziele und Aufgaben. Diese
Erklaerung verweist nachdruecklich auf die PrBa.mbel zur IBFGSatzung, in der der Internationale Bund bekraeftigt, "dass
die auf freier Arbeit und wirtschaftlicher Demokratie gegruendete allgemeine .Johlfahrt, die soziale Gerechtigkeit und Sicherheit die Grundlagen bilden, auf denen ein dauernder Friede
aufgebaut werden kann."
Der Internationale Bund hat auf seinem zweiten Weltkongress die Verantwortung, dieser Erklaerung von allgemeinen
Grundsaetzen praktische Wirkung zu verleihen. Der Internationale Bund ist gewiss nicht in der Absicht gegruendet worden,
um lediglich einander mehr oder weniger gleichende Manifeste
und Erklaerungen allgemeinen Inhalts herauszugeben. Als wir
eine internationale Organisation freier Gewerkschaften gruendeten, entledigten wir uns aller kommunistischen Einfluesse,
die uns vom konstruktiven Wiederaufbau einer durch den Krieg
verbrauchten »Veit und von der Errichtung wirtschaftlicher Stabilitaet ablenken wuerden, durch die allein aber Vollbeschaeftigung und ein staendig sich hebender Lebensstandard und sozialer 7/ohlstand fuer alle Voelker gesichert werden koennen.
(Dem Internationalen Bund faellt die bedeutende Aufgabe
zu, bei der Schaffung der fuer die Herstellung und Erhaltung
eines dauerhaften Friedens von uns fuer notwendig angesehenen
Voraussetzungen mitzuwirken. Seit unserem ersten Kongress
sind energische Massnahmen fuer den Aufbau der zur Foerderung
dieser Arbeit benoetigten internationalen und regionalen Einrichtungen getroffen worden. Diese noch unvollstaendigen aber
bereits gut entväckelten Einrichtungen wurden fuer konstruktive
Zwecke geschaffen, mit deren Erfuellung der dauerhafte Weltfriede hergestellt werden wird.

Es ist daher die oberste Pflicht des Internationalen Bundes, diese Einrichtungen von nun an" zur Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen industriell entwickelten Laendern auszubauen und praktisch zu verwerten.. Durch sie muss er das Wirtschaftsleben der Voelker in unterentwickelten Laendern organisieren helfen und die Selbstregierungsbestrebungen kolonialer
Gebiete unter der Voraussetzung politischer Freiheit und mit
demokratischen Garantien gegen jede Ausbeutung und Unterdrueckung
foerdern.
Dies alles gehoert zu den wesentlichsten Voraussetzungen
fuer einen dauerhaften Frieden. V/ie sich bereits in der Vergangenheit gezeigt hat, ist die freie Gewerkschaftsbewegung
- 13 -

�eines der HauptInstrumente fuer den Aufbau von Einrichtungen
freier Staatsbuerger und fuer den Fortschritt der Demokratie.
Dieser Kongress muss daher die Notwendigkeit der Erweiterung
und des Ausbaus der internationalen Gewerkschaftsorganisation
anerkennen. Besonders wichtig ist dabei, dass Mittel fuer
die Entwicklung der regionalen Organisationen gefunden werden,
die vom Internationalen Bund in Europa, Asien und fuer die beiden Amerikas geschaffen wurden. Ebenso wichtig ist die Foerderung regionaler Gruppierungen in anderen Gebieten, darunter
in Afrika, wo bereits vorbereitende Schritte unternommen wurden.
Bei tatkraeftiger und planvoller Verwendung dieser Einrichtungen kann der Internationale Bund die Plaene und Massnahmen von Regierungen und Voelkern in allen Teilen der Welt
wirksam beeinflussen. Internationale Beziehungen sollten
nicht eine Angelegenheit geheimer Verhandlungen oder Beratungen zwischen Regierungen sein. Der freie Austausch von Nachrichten zwischen den Voelkern der verschiedenen Laender der
Welt darf nicht behindert werden. Wir muessen ganz allgemein
die gegenseitige Beachtung der Menschenrechte und der Pressefreiheit fordern. Der Friede ist nicht allein eine Angelegenheit der Regierungen. Die Voelker, die ihre Regierungen frei
waehlen, koennen dadurch auch die Politik ihrer Laender bestimmen. Ihre Staerke wird am groessten, wenn sie sich freiwillig
zu Gewerkschaftsorganisationen vereinigen, die die politischen
Massnahmen ihrer Regierungen weitgehend beeinflussen koennen.
Dieses alles trifft fuer Laender zu, in denen die Demokratie
herrscht; in Diktaturlaendern aber ist die Situation umgekehrt.
Deshalb ist mit den Diktaturlaendern eine derartige Kriegsgefahr verbunden, weil das Volk von der Freiheit des Zusammenschlusses, oder von sonstigen demokratischen Mitteln zur Ausuebung der Regierungsgewalt durch das Volk keinen Gebrauch machen kann.
Insbesondere muessen die von den Regierungen der freien
Welt getroffenen Massnahmen zur Entwicklung der Prinzipien der
kollektiven Sicherheit und der gemeinsamen Aktion zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens voll unterstuetzt werden. Die grundlegenden Voraussetzungen fuer die Herstellung und Erhaltung des
Friedens sind mit dem von den Vereinten Nationen geschaffenen
Sicherheitssystem gegeben. Dieses System gruendet sich auf den
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, gestuetzt und verstaerkt
durch die Nordatlantikpakt-Organisation, die Westliche Union
und den Europarat, die Organisation fuer Europaeische Wirtschaftliche Zusammenarbeit und anderen, wie.den Benelux-Zollvertrag,
die t^-uesseler und Duenkirchener Vertraege, den FranzoesischItalienischen Zollvertrag und das Amerikanische Gesetz fuer Auslandshilfe, die alle mit den Zielen und Aufgaben der Vereinten
Nationen in Zusammenhang stehen.
Der Internationale Bund sagt diesen Massnahmen seine uneingeschraenkte Unterstuetzung zu. Neben ihrer Aufgabe, die Verteidigung der freien Welt zu staerken, dienen sie alle konstruktiven Zwecken, und zwar der Erhaltung des Friedens. Der Internationale Bund weist ohne Zoegern und aufs energischste jede
Propaganda zurueck, durch die versucht wird, diese gegen die
Aggression gerichteten Verteidigungsmassnahmen als kriegsaehnliche oder imperialistische Bestrebungen irgendeiner der Westmaechte hinzustellen.
Eine notwendige Voraussetzung fuer die Gewinnung eines •
dauerhaften Friedens besteht darin, dass von der oeffentlichen
14 -

�Meinung der ganzen Welt anerkannt wird, dass die errichtete Verteidigungs-Organisation eindeutig friedlichen Absichten dient_
und dass die freien demokratischen Laender das Recht haben, sich
selbst gegen die Aggression zu bewaffnen. Es ist daher eine
wesentliche Aufgabe des Internationalen Bundes, der Propaganda
entgegenzutreten, durch die dieses Verteidigungssystem als
Aufbau einer gegen irgendein Land gerichteten politischen und
militaerischen Organisation entstellt werden soll. '-Vir muessen
mit allen uns zur Verfuegung stehenden Mitteln den Nachweis ueber
die friedlichen Absichten des Verteidigungsprogramms verkuenden
und verbreiten und keine Luege der Kommunisten unwiderlegt
lassen.
Eine gewerkschaftliche Kampagne auf dieser positiven Linie
ist es, die richtige Antwort auf das kommunistische Betrugsmanoever ihrer "Friedens"-Propaganda zu geben. Diese Propaganda
schreckt auch nicht vor noch so skrupelloser und verlogener Kritik an den Motiven der Vereinten Nationen zurueck. Sie versucht
systematisch, das Verteidigungsprogramm zu unterminieren. Der
organisierten Sabotage, der staendigen Einmischung in Streiks
und der Ausnutzung von Arbeitsstreitigkeiten, insbesondere bei
Transport- und Hafenarbeitern, muss begegnet werden. Wir muessen
ueber jeden Zweifel klar herausstellen, dass die Gewerkschafter
der freien Welt entschlossen sind, ihre Lebensart, ihre demokratischen Einrichtungen und ihre Freiheit zu verteidigen, indem
sie sich unerschuetterlich fuer die Verteidigungsprogramme der
daran beteiligten Nationen einsetzen.
Der Internationale Bund hat ein Recht darauf, an die gewerkschaftliche Tradition internationaler Solidaritaet zu
appellieren, um deren Gewicht zur Unterstuetzung dieser Politik
zu erhalten. Durch die Ereignisse in Korea wird die Staerke
und Einmuetigkeit unserer Unterstuetzung auf eine entscheidende
Probe gestellt. '.Vir bekraeftigen den Beschluss der Vereinten
Nationen, von der Waffe Gebrauch zu machen, um der Aggression
an der von ihnen zwischen Nord- und Suedkorea festgelegten Demarkationslinie Einhalt zu gebieten. In der Frage der mit dem
Koreakrieg aufgeworfenen grundsaetzlichen Probleme kann es bei
uns keine Kapitulation geben. Wir koennen uns keiner Taeuschung
ueber die schicksalhaften Folgen hingeben, die sich fuer die
ganze freie Welt ergeben wuerden, wenn die Streitkraefte der
Vereinten Nationen bei ihrer Mission der Befreiung Suedkoreas
versagen sollten. vVenn den Aggressoren gelehrt werden soll,
dass Aggressionen keine Dividenden tragen, so ist es Seche der
Vereinten Nationen, mit dem Koreakrieg ein Beispiel dafuer zu
geben, und somit einen Sieg zu erringen, der auf dem Wege zum
dauerhaften Frieden liegt.
Nunmehr muessen aber weitere positive Massnahmen getroffen
werden, um die konstruktiven Elemente des Sicherheitssystems zu
entwickeln, die zur Herstellung des Weltfriedens beitragen. In
den Vertraegen und in anderen Dokumenten, auf die das SicherheitS'
system aufgebaut worden ist, wurde immer wieder betont, dass die
Vertragspartner die Notwendigkeit fuer die Zusammenfassung ihrer
Bemuehungen anerkennen, um den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu
foerdern, ihre wirtschaftlichen Aktionen zu organisieren und koordinieren, Konflikte innerhalb ihrer Wirtschaftspolitik auszuschalten, die Produktivitaet zu erhoehen und die Leistungsfaehigkeit ihrer Industrien zu verbessern, den internationalen Handel
zu entwickeln und den unterentwickelten Laendern die Moeglichkeit zu geben, sowie allen ihren Voelkern einen hoeheren Lebensstandard und bessere soziale Bedingungen bereitzustellen.
- 15 -

�Ein weiterer konstruktiver Weg in Richtung buf den Weltfrieden liegt in der Arbeit von Koerperschaften wie dem Beratenden Ausschuss des Commonwealth, dem die Regierungen von Australien, Kanada, Ceylon, Indien, Neuseeland, Pakistan und Grossbritannien angehoeren. Die Colombo-Konferenz wurde auf Initiative der britischen Regierung in der Hoffnung einberufen, dass
auch nicht zum britischen Commonwealth gehoerende Regierungen,
die ein Interesse an Sued- und Suedostasien haben, teilnehmen
und zur Wirtschaftsentwicklung eigene Sechsjahresplaene aufstellen wuerden. Die insgesamt 570 Millionen Menschen umfassenden
Laender dieses weitraeumigen Gebiets stellen eine bedeutende
Nahrungsmittel- und Rohstoffquelle fuer die ganze industrialisierte Welt dar. Trotzdem haben diese Voelker seit vielen Generationen nur Armut und Hunger erlitten, Es gehoert daher mit
zur Verantwortlichkeit nicht nur der zum Commonwealth gehoerenden Regierungen, sondern aller an den Problemen dieses und aehnlicher Gebiete Interessierten, im Sinne des konstruktiven Colombo-Plans zu wirken, sowie zu der Arbeit der von der britischen
Regierung errichteten Koerperschaft fuer Koloniale Entwicklung
beizutragen. Dieses sind Beispiele fuer Aufgaben, die ueberall
in der Welt unternommen werden muessen, wo industriell entwickelte Laender die Pflicht haben, zum Fortschritt der Menschen beizutragen.
Alle diese konstruktiven Massnahmen auf v/irtschaftlichen
Gebiet stellen die schöpferische und positive Seite des kollektiven Sicherheitssystems dar. Wir duerfen nicht zulassen, dass
die volle Bedeutung der Politik der Vereinten Nationen durch rein
politische und militaerische Aspekte dieses Systems geschmaelert
wird. Die Verwirklichung der in den Vertraegen und Buendnissen
festgelegten Ziele, durch die eine zusammengefasste und gemeinschaftliche Aktion nicht nur fuer die Interessen der Verteidigung,
sondern auch fuer die wirtschaftlichen, sozialen und humanitaeren
Interessen aller Voelker bereitgestellt wird, erfordert derartige bestimmte Programme. Der Internationale Bund hat Einrichtungen aufgebaut, mittels derer die freien Gewerkschaften an der
Aufstellung dieser Programme mitarbeiten koennen. Sie bedeuten
Vollbeschaeftigung fuer die Menschen in unterentwickelten Laendern sowie in den industriell entwickelten Gemeinschaften, und
damit einen ansteigenden Lebensstandard fuer alle. Ferner wird
durch die exportfaehigen Ueberschuesse an Lebensmitteln und
Rohstoffen, die in einem Lande produziert werden koennen, das
internationale Handelsvolumen zum Segen aller Laender anschwellen.
Auf der Grundlage dieser Plaene wird das -Programm der vom
Internationalen Bund aufgestellten wirtschaftlichen und sozialen Forderungen erfuellt werden. An der Entwicklung der im Rahmen dieser Plaene erforderlichen Zusammenarbeit wird die unverschaemte und verlogene Kritik der kommunistischen Propaganda abprallen, und die Ursachen der sozialen Unzufriedenheit, die sich
der Kommunismus zunutze macht, werden beseitigt werden. Der Internationale Bund hat jetzt die Aufgabe, die GewerkschaftsOrganisation in allen Teilen der Welt zu entwickeln. Dann werden wir
in der Lage sein, an den konstruktiven Arbeiten fuer die Herstellung und Erhaltung des Weltfriedens voll und ganz teilzunehmen.
Auszug eines Referats von Sir
Vincent Tewson, Zweiter Weltkongress des IBFG in Mailand,
4. - 12. Juli 1951
- 16 -

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 31

F r a n k f u r t , 3 . August 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die s t a a t l i c h e Organisation fuer Arbeitsvermittlung
in I r l a n d
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - _ i
Es geschah i n Karachi

- - - - - - - - - - - - - - - 4

I n t e r n a t i o n a l e Sommerschule des I.B.F.G. fuer Westeuropa
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 0
Praemien fuer Sonderleistungen

- - - - - - - - - - 1 3

Amerikanische S t a h l a r b e i t e r besuchen b r i t i s c h e
Betriebe - • - - ™ - - - - - - . - . . . . . . .

j£

DTE STAATLICHE ORGANISATION FUER ARBEITSVERMITTLUNG IN IRLAND
Vom Ministerium fuer soziale Wohlfahrt, Dublin, Irland.
Die staatliche Organisation fuer Arbeitsvermittlung in
Irland wurde auf Grund des im Jahre 194-9 erlassenen Gesetzes
ueber Arbeitsvermittlung errichtet. Es ist eine bis ins einzelne durchorganisierte und sich ueber das ganze Land erstreckende Organisation. Im ganzen gibt es 123 oertliche
Arbeitsaemter in den verschiedenen Teilen des Landes; im
Durchschnitt hat jede Grafschaft fuenf solcher Aemter.
Allgemein gesprochen arbeiten zweiunddreissig dieser
Arbeitsaemter fuer die groesseren Staedte und deren Umgebung;
das Personal setzt sich aus Beamten des Ministeriums fuer
soziale Wohlfahrt zusammen. Die uebrigen 91 Arbeitsaemter
- 1-

�befinden sich in Kleinstaedten und sind fuer diese und die sie
umgebenden Gebiete zustaendig. Die Arbeitsaemter in den Kleinstaedten werden in der Regel von Personal geleitet, das nur auf
eine bestimmte Zeit angestellt ist und die Arbeit als Nebenarbeit
verrichtet. Die entsprechende Zentralstelle beim Ministerium
fuer soziale Wohlfahrt erteilt allen 123 Arbeitsaemtern die fuer
ihre Arbeit erforderlichen Weisungen und beaufsichtigt ihre
Taetigkeit.
Die Registrierung
Alle, die ueber das schulpflichtige Alter hinaus sind,
koennen sich, gleichviel ob sie Arbeit haben oder nicht, bei
einem Arbeitsamt registrieren lassen; dies kann entweder durch
persoenliche Vorsprache geschehen oder brieflich. Das Amt vermerkt das Alter des Bewerbers, seine Kenntnisse und Fertigkeiten,
sowie die Art der gewuenschten Arbeit.
Im Hinblick darauf, dass es, namentlich in letzter Zeit,,
fuer die Wirtschaft des Landes sehr wesentlich ist, dass Arbeitskraefte sofort dort eingesetzt werden, wo in der Landwirtschaft
oder bei der Rasenarbeit Luecken bestehen, ist die Eintragung
betreffend fruehere Arbeitserfahrung ausfuehrlicher gehalten,
als es allgemein ueblich ist. Gleichfalls wird angegeben, ob
der Betreffende gewillt ist, Arbeit in anderen Teilen des Landes
anzunehmen. Zweckmaessigkeitshalber werden die Meldungen nach
Berufszweigen geordnet; zu diesem Zwecke sind ungefaehr 38O verschiedene Berufsgruppen aufgestellt worden.
Wo es sich durchfuehren laesst, werden Frauen und jugendliche Bewerber (d.h. Bewerber unter 18) in gesonderten Raeumen
oder in einer besonderen Abteilung des Arbeitsamtes registriert.
Wo weder das eine noch das andere moeglich ist, werden in der
Regel besondere Empfangszeiten fuer sie vom betreffenden Arbeitsamt festgesetzt. Des weiteren werden, soweit es moeglich ist,
Frauen und Jugendliche von Beamtinnen registriert.
Die Bewerber halten ihre Bewerbung dadurch aufrecht, das5
sie sich in regelmaessigen Abstaenden - in der Regel mehrmals
in der Woche, mindestens aber einmal alle zwei Wochen - persoenlich oder brieflich beim Arbeitsamt melden. Antraege auf Arbeitslobenuntex'stuetzung koennen nur beruecksichtigt werden, wenn eine
solche Meldung erfolgt ist.
Wie der Apparat funktioniert
Ein Unternehmer, der die Dienste eines Arbeitsamtes in
Anspruch nehmen will, meldet seinen Bedarf bei einem solchen an.
Das Arbeitsamt bemaeht sich, ihm am Ort wohnende Arbeitskraefte
zur Verfuegung zu stellen. Unter den registrierten Arbeitssuchenden werden solche ausgewaehlt, und dem Arbeitgeber vorgeschlagen, die fuer den betreffenden Arbeitsplatz geeignet erscheinen. Wenn der Beamte des betreffenden Arbeitsamtes nicht in der
Lage ist, fuer die betreffende Arbeit geeignete Personen vorzuschlagen, weil keine entsprechenden Bewerbungen bei ihm vorliegen,
schlaegt er ein bestimmtes Verfahren ein, nach dem die Einzelheiten
betreffend den offenen Arbeitsplatz noetigenfalls innerhalb von
ein oder zwei Tagen den bei saemtlichen anderen Arbeitsaemtern
in Irland registrierten Arbeitssuchenden zur Kenntnis gebracht
werden koennen. Dieses Verfahren besteht darin, dass Einzelheiten mit Bezug auf den offenen Arbeitsplatz der Zentralstelle gemeldet werden, welches sie ihrerseits den verschiedenen lokalen

2

�Arbeitsaemtem meldet. Diese teilen sodann den entsprechenden
Eewerbern alle Einzelheiten mit; des weiteren werden die Einzelheiten auch "oeffentlich durch Aushang" bekanntgegeben.
Die Arbeitsvermittlung ist kostenlos und erfasst das ganze
Land. Der Leiter eines Arbeitsamtes kann dem Arbeitssuchenden
einen Schein fuer Freifahrt ausstellen, vorausgesetzt dass sich
der Arbeitgeber oder der registrierte Arbeitsuchende verpflichtet, die Fahrtkosten zurückzuzahlen; das Arbeitsamt kann ihm
auch das noetige Fahrgeld vorstrecken, damit der Arbeitsuchende
zur Vorstellung fahren kann. In Faellen, in denen registrierte
Arbeitsuchende auf Arbeitslosenunterstuetzung Anrecht haben,
kann ein Teil des Vorschusses aus dem Fonds fuer Arbeitslosenunterstuetzung genommen werden.
Fuehlungnahme mit den Arbeitgebern.
Der Leiter eines Arbeitsamtes hat die Pflicht, die Arbeitgeber des betreffenden Gebietes von Zeit zu Zeit aufzusuchen,
um sie zu veranlassen, das Arbeitsamt von gegebenenfalls frei
werdenden Arbeitsplaetzen zu unterrichten. Wenn die Arbeitgeber die bei ihnen frei werdenden Arbeitsplaetze dem zustaendigen Arbeitsamt unverzueglich melden, so kann dieses alle notwendigen Massnahmen ergreifen; auf diese Weise wuerde der
Bedarf in der Regel schnell und gut befriedigt, das unerfreuliche Feilbieten von Arbeitskraeften vermieden werden. Des
weiteren wuerde es auf diese Weise den Arbeitsaemtem leichter
gemacht, entsprechende Stellen an Personen zu vermitteln, die
sich anderenfalls um Arbeitslosenunterstuetzung beratenen wuerden.
Es gibt keine Statistik ueber den Prozentsatz der Zahl der
Arbeitsvermittlungen, die du^ch die Arbeitsaemter erfolgt sind,
im Vergleich zu den gesamten Einstellungen im ganzen Land;
jedoch laesst sich feststellen, dass die einzelnen Arbeitsaemter
seit Kriegsende im Jahr ungefaehr 50,000 Arbeitsplaetze vermittelt haben.
Besondere Aufgaben des Arbeitsamtes
Es ist von Interesse "festzustellen, dass die Arbeitsaemter
gelegentlich besondere Aufgaben durchfuehren. So fuehren zum
Beispiel die Arbeitsaemter Listen von ehemaligen Angehoerigen
der irischen Wehrmacht, um auf diese Weise den Veteranen alle
nur moegliche Hilfe bei der Wiedereingliederung ins bürgerliche Leben zu gewaehren; auf Grund dieser Listen werden denjenigen Arbeitgebern Vorschlaege gemacht, die sich bereit erklaert haben. Veteranen bevorzugt einzustellen.
Sodann befassten sich die Arbeitsaemter in den Jahren 1944
bis 1947 mit dem von der Regierung durchgefuehrten Projekt der
Beschaffung von Erntearbeitern. So wurden den Bauern in den
betreffenden Gebieten Arbeitskraefte aus den ueberfuellten Gebieten der Westkueste als Erntehilfskraefte zur Verfuegung gestellt. Der Staat trug die Reisekosten fuer jeden Arbeiter
und beteiligte sich an der Deckung seiner Nebenausgaben und
Unterhaltskosten. Dazu wurden in den Jahren 1943 bis 1947 noch
besondere Listen von Landarbeitern und Rasenarbeitern gefuehrt.
Ein weiteres Beispiel fuer die Mitarbeit der Arbeitsaemter
bei der Durchfuehrung verschiedener Projekte bilden die Projekte
fuer Torf- und Rasengewinnung, die von der Regierungsstelle fuer
Rasenzuechtung durchgefuehrt wurden. In diesem Zusammenhang wurden
Arbeitsuchende in den verschiedenen Teilen des Landes von den
freien Arbeitsplaetzen durch die Arbeitsaemter in Kenntnis

- 3-

�gesetzt; die Arbeitsaemter sorgten auch dafuer, dass sie zu
den Arbeitsplaetzen fahren konnten. Im Jahre 1948 uebernahm
die Regierungsstelle fuer Rasenzuechtung von den Grafschaften
einige Bodenreklamations- und Rasenzuechtungsprojekte. Bei
der Durchfuehrung dieser Projekte wurden nur einheimische
Arbeitskraefte verwandt, die, soweit das erforderlich war,
von den oertlichen Arbeitsaemtern vermittelt wurden.
Ausschuesse zur Beratung Jugendlicher
Den Arbeitsaemtern in Dublin, Cork, Limerick und Waterford
sind Ausschuesse zur Beratung Jugendlicher angegliedert. Diese
Ausschuesse setzten sich aus Vertretern der Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kirchen, Erziehungsbehoerden und oertlichen Verwaltungsbehoerden, sowie aus anderen, an Jugendfragen interessierten
Personen zusammen. Der Zweck dieser Ausschuesse ist, den
Minister fuer soziale Wohlfahrt mit Bezug auf die den Arbeitsaemtern zu erteilenden Weisungen zu beraten, soweit es sich um
die Behandlung von jugendlichen Arbeitsuchenden handelt; die
Ausschuesse haben ferner die Aufgabe, die Jugendlichen und ihre
Eltern bei der Berufswahl und in anderen Fragen zu beraten.
Die Ausschuesse bemuehen sich, eine Zusammenarbeit zwischen
Lehrern, Eltern und Arbeitgebern herbeizufuehren und den Schulentlassenen passende Arbeitsplaetze zu vermitteln. Sie bemuehen
sich ferner, mit den jugendlichen Arbeitnehmern in den ersten
Jahren ihrer Taetigkeit in Fuehlung zu bleiben und sie zu
beraten.
Die Erweiterung des Arbeitsgebietes der irischen Organisation fuer Arbeitsvermittlung hat natuerlich an dem urspruenglichen Zweck dieser Behoerde nichts geaendert. Die verschiedenen irischen Regierungen haben ausnahmslos den Standpunkt
vertreten, dass der Staat die Freiheit des Individuums, sich
eine Arbeit nach seinem Ermessen zu suchen, nicht beschraenken
duerfe. Die oben beschriebene Taetigkeit soll lediglich dazu
dienen, dem Einzelnen dabei behilflich zu sein, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden; der Staat uebt jedoch in dieser
Beziehung keinerlei Druck aus.
Employmert Security Review
VI, 1951
Richard Deverall (Vertreter des Asien-Gewerkschaftsbundes,
Asien (A.F.L.)):
ES GESCHAH IN KARACHI
Unter der brennenden Sonne in WestHPakistan zog an einem
Sonnabend Nachmittag eine Parade der Gewerkschaften am Rathaus
vorbei, die Hauptstrasse von Karachi entlang. Welch buntes
Bild bot dieser endlose Zugl 1000 von Kamelen, 900 von Pferden
und 1000 von Eseln gezogene Fahrzeuge begleiteten Tausende
freier Gewerkschafter von Pakistan.
Waehrend die Pakistan-Gewerkschafter ihre Fahnen schwangen
und Gewerkschaftsschlagworte und Grussse den asiatischen Gewerkschaftsfunktionaeren zuriefen, schritten die stattlichen
Kamele, den Kopf hoch in die Luft der Freiheit und Unabhaengigkeit erhoben, majestaetisch die Strasse entlang. Koreanische
Gewerkschaftsfuehrer gingen von Wagen zu Wagen und riefen ihren
Pakistan-Bruedern zu:
- 4 -

�"Pakistan Zindabadl" (Es lebe Pakistan*)
Diese praechtige Demonstration in Karachi bedeutete eine
Voranzeige fuer die Stadt, dass am folgenden Montag der ehrwuerdige Gewerkschaftsfuehrer von Indien, Mr. N. M. Joshi,
die erste regionale Konferenz des Internationalen Bundes der
freien Gewerkschaften zusammenrufen wuerde. Als Joshi die
Tagung mit Hamraerschlag eroeffnete, waren ungefaehr 31 Gewerkschaftsabgeordnete von elf Laendern des Freien Asien im grossen
Saal des Rathauses anwesend, um den Eroeffnungsansprachen und
den Begruessungen der Eruder-Delegierten beizuwohnen.
Neben dem Vorsitzenden Joshi aus Indien sassen zwei Vizepresidenten, Chun Chin-han vom Koreanischen Arbeiterbund und
R. E. Jayatilaka vom Gewerkschaftskongress Ceylon. Pakistan*s
M. A. Khatib begruesste die auslaendischen Abgeordneten und
Beobachter im Namen des gesamten Pakistan-Arbeiterbundes und
Irving Brown, A.F.L., war als Vertreter des Internationalen
Bundes der Freien Gewerkschaften (I.B.F.G.) erschienen.
In seiner Rede betonte Kollege Brown die Notwendigkeit,
dass die unorganisierten Arbeiter im Freien Asien sich organisieren und zusammenschliessen, damit die Voraussetzung zur
Erlangung groesserer wirtschaftlicher Vorteile fuer die Arbeiter Asiens geschaffen wird. Er unterstrich die Tatsache, dass
waehrend der letzten zwei Jahre, als die I.B.F.G. in Asien
die Fuehrung erlangte, hat der Weltgewerkschaftsbund (W.G.B.),
eine Spitzelorganisation, sich in vielen Teilen Asiens praktisch
aufgeloest.
Das Erwaehnen des W.G.B. brachte die beruechtigte W.G.E.Konferenz, die Ende lovember 19*9 in Peking stattfand, ins
Gedaechtnis zurueck, zu der die kommunistischen "Gewerkschaftsfuehrer" zum Schein zusammengetreten waren, um mit den SowjetEeratern den militaerischen Umsturz Suedost-Asiens vorzubereiten. Die veroeffentlichten Vorgaenge jener W.G.B.-Versammlung
klingen wie diejenigen eines Armeegeneralstabes - Angriff,
Waffen, Partisanen, Kriegfuehrung und aehnliches mehr.
Im krassen Kontrast hierzu war der Verlauf der I.F.F.G.Konferenz in Karachi ein einziger Schrei nach Frieden, eine
Forderung, dass Stalins Kriegstreiber sich von Asien fernhalten
sollten, eine sachliche Diskussion der lebensnahen Probleme der
Aroeiter des freien Asiens. Waehrend W.G.B. sich als eine der
militaerischen Einheiten der kommunistischen Weltarmee entpuppt
hat, marschiert der I.B.F.G. mit Worten und Taten an der Spitze
derer, die Freiheit, Unabhaengigkeit und wahre Menschenwuerde
auf ihr Banner gesetzt haben.
Auf der Viertage-Kcnferenz der I.E.F.G. wurden viele
aktuelle Themen behandelt, viele Entschluesse gefasst, Abstimmungen fuer die Schaffung einer permanenten regionalen parteipolitischen Organisation fuer die I.B.F.G. in Asien durchgefuehrt, und Indiens weitgereister Dhyan Mungat zum Sekretaer
gewaehlt. Die Glanzpunkte der Konferenz bildeten die Diskussion
ueber Plantagenarbeit und Arbeiterschutzgesetzgebung, Korea und
der durch das kommunistische Banditenregime des Mao auf die
Arbeiterschaft Chinas ausgeuebte Druck.
Die Plantagen sind tief in der Volkskunde und im Gedaechtnis der Amerikaner, die nicht vergessen koennen, dass durch
Sklavenarbeit einst der Tabak, die Baumwolle und andere auf
Geldverdienen eingestellte Plantagen des kolonialen und

- 5-

�nach-revolutionaeren Amerika angelegt wurden, verankert.
Diese Dinge gehoeren der Vergangenheit Amerikas an, doch
in vielen Teilen Asiens ist Onkel Tom immer noch lebendig und wenn auch der die Peitsche schwingende Simon Legree schon
lange nicht mehr unter den Lebenden weilt, so leben doch noch
zehntausende asiatischer Arbeiter unter den gleichen Verhaeltnissen, die vor 100 Jahren im suedlichen Teil der Vereinigten
Staaten bestanden.
Kollege Sibnath Eanerjee, der Vertreter von Indiens Hind
Mazdoor Sabha, erklaerte bei der Konferenz:
"Eine der Hauptgrundlagen fuer die Kolonial- und HalbKolonialwirtschaft weiter Gebiete Asiens bilden die jetzt
Jahrhunderte alten, ausgedehnten Plantagen. Weite Flaechen,
die frueher der Nahrungsversorgung der oertlichen Bevoelkerung
dienten, wurden waehrend des letzten Jahrhunderts fuer Gummi-,
Tee-, Zucker-, Kaffee-, Kokosnuss- und Gewuerzplantagen benutzt,
die das sogenannte "Cash-Crop" System (auf Geldverdienen eingestelltes Erntesystem) verkoerperten. Durch das PlantagenSystem wurden die Arbeiter vieler ihrer wirtschaftlichen und
bürgerlichen Grundrechte beraubt und leben auf dem Niveau
der Halbversklavten.
"Die Plantagenwirtschaft ist ueber ganz Asien .verbreitet
und wird durch private Gruppen der Grosserzeuger kontrolliert.
Wie bekannt, wurde durch diese privaten, ausbeutenden Gruppen
ein enormer Profit aus dem Eoden Asiens gezogen. In dem Masse
wie die asiatischen Arbeiter verarmten, gelangten die Plantagenbesitzer zu Wohlstand."
Diese Betrachtungen bildeten einen Teil der bei der Konferenz durch das Subkommittee abgegebenen Erklaerungen.
Eanerjee betonte die Schwierigkeiten des Organlsierens der
Plantagen-Arbeiter in Indien:
"Die Schwierigkeiten sind in Traditionen zu suchen - bei
den feudalen Lords in Gestalt von Managern, die keine Annaeherung an die Arbeiter oder eine Ansprache an sie zulassen."
Kollege Deven Sen° von dem Indischen Gewerkschaftsbund
I.N.T.U.C. hob hervor, dass es in Asien (das chinesische Festland ausgenommen) 3*000.000 Plantagenarbeiter gibt und dass
die Loehne nicht hoeher als 33 cents pro Tag sind. Sen erklaerte, dass trotzdem Tee, Gummi und andere Plantagenprodukte
Asiens zu den internationalen Guetern gehoeren und seit dem
Ausbruch des Koreakrieges die Gummi- und sonstigen Preise gestiegen sind, die Gehaeiter auf einer beklagenswert tiefen
Stufe stehen geblieben sind.
Sen erklaerte:
"Die Hauptschwierigkeit bei der Organisation der Plantagenarbeiter besteht darin, dass die Plantagen weit ausserhalb der
Staedte liegen. Es besteht keine Verbindung und so hat natuerlicb jeder Plantagen-Manager seine eigenen Gesetze. Fr besitzt
ausgedehnte Flaechen Landes - mehrerer tausend Morgen - und es
ist sehr schwierig alle Gebiete zu erreichen.
"Die trotz dieser Hindernisse gemachten Fortschritte sind
wirklich sehr ermutigend, und ich bin ueberzeugt, dass im Laufe

- 6-

�der Zeit es moeglich sein wird, eine starke, eng verbundene
Plantagenart-eiterorganisation zur Verteidigung der Arbeiterrechte zu bilden."
Kollege Faiz Ahmed aus Ost-Pakistan erklaerte:
"Menschen koennen doch nicht auf dem Niveau der Tiere leben.
Man sollte Menfchen nicht zumuten,in solchen Hauesern, wie sie
den Plantagenarbeitern zur Verfuegung stehen, zu leben. Ich
moechte auch hervorheben, dass unsere Regierungen in Asien, wenn
sie auch Anspruch erheben, die Vertreter des Volkes genannt zu
werden, bis jetzt nicht genug zur Verbesserung der Lage der
Plantagenarbeiter beigetragen haben. Die Plantagen-Manager
halten sich fuer weitraaechtigerals die Premierminister."
Die Sprecher von Ceylong und Malaya schlössen sich den
Forderungen der freien Arbeiterschaft hinsichtlich einer schnellen Abhilfe der Missbraeuche auf den Plantagen Asiens an.
Mr. Jayatilaka aus Ceylon forderte, dass diese Zustaende
so verbessert werden muessten, "dass an die Stelle der durch
Generationen herangezogenen armen, abgemagerten, halb-nackten
Arbeiter eine Generation tritt, deren Kinder und Nachkommenschaft die Aussicht auf eine bessere Zukunft haben."
Mit einem machtvollen Aufruf nach hilfe und Unterstuetzung
wandte sich Kollege Liang Yung-chang aus dem Freien China an
die Abgeordneten und sprach ueber den chinesischen Arbeiterbund,
der sich jetzt auf Taiwan stuetzt:
"Allein in Shanghai sind bekanntlich ueber 150.000 Arbeiter
arbeitslos geworden, nachdem sie der sogenannten "Befreiung" durch
die Kommunisten gefolgt waren. Von diesen Arbeitslosen wurden
mindestens 50.000 Arbeiter nach Sowjet-Russland und andere
russische Satellitenstaaten fuer Zwangsarbeiten verschickt.
"Schaetzungsweise sind ueber 1.500.000 chinesische Arbeiter
fuer die kommunistische Aggression ir_ Korea zwangsweise eingezogen worden oder haben ihr Leben auf dem Schlachtfeld der koreanischen Front lassen muessen.
"Die Wirtschaft des Festlandes ist durch die Methode der
Kommunisten, die Industrieanlagen der Staedte wie Shanghai,
Canton, Hankow und Tientsin unbarmherzig abzubauen und sie in
die Grenzgebiete der Sowjet-Union, wie die Mandschurei und
Sinkiang, zu verlegen, rui»lert worden."
Kollege Liang Yung-chang und sein Mitabgeordneter, Kollege
Teng Wan-hsi, gaben eine Peschlussfassung hinsichtlich des kommunistischen Imperialismus, die dem Mailaender Kongress des
I.B.F.G. vorgelegt worden war, bekannt.
In der Peschlussfassung gegen die Untergrabun* der Arbeiterrechte durch die chinesische Besatzung auf dem Festland, die gewaltsame Einfuehrung der obligatorischen Schiedsgerichte, des Vierzebn-Stunden-Tages und der Zwangsarbeitslager nach sowjetischem
Muster in China vorzugehen, die der Mailaender I.B. F. Gj-Ver Sammlung
unterbreitet wurde, wurde die Bitte ausgesprochen, "einen intensiven Kampf gegen Kriegshetzer wie Stalin und Mao zu fuehren,
die Zwangsarbeit zu bekaempfen und das Hinmetzeln von Asiaten
durch die kommunistischen Imperialisten zu brandmarken." Ferntr
wurde der I.B.F.G. gebeten, "alle freien Gewerkschaftszentren

- 7-

�aufzurufen, ihre moralische und politische Macht zur Anfeuerung
ihrer Regierungen, das kommunistisch besetzte China zu blockieren,
einzusetzen."
Die chinesische Beschlussfassung enthielt eine weitere
Bitte an den I.B.F.G., naemlich "zu veranlassen, dass alle
freien Gewerkschaften in det ganzen Welt sich weigern sollten,
Schiffsladungen fuer das besetzte China und alle anderen
Kominform-Laender zu verschiffen oder zm loe'schen." Ferner
wurde der I.B.F.G. durch diese Beschlussfassung dringend dazu
aufgefordert, seine Mitglieder zu veranlassen, ihre moralische
und politische Macht zu verwenden, die jeweiligen Regierungen
dahingehend zu beeinflussen, dass sie entweder die Anerkennung
der kommunistischen Junta im besetzten China verweigern oder,
sollte eine solche Anerkennung der kommunistischen Junta gegenueber bereits ausgesprochen worden sein, jene sofort zurueckzuziehen. Damit soll die Solidaritaet der freien Arbeiter der
Welt und deren Entschluss dokumentiert werden, kein Land unter
die Herrschaft der Militaristen kommen zu lassen, die versuchen,
den kommunistischen Imperialismus ueber ganz China, Korea,
Japan, Indo-China und andere Laender eines nach Freiheit und
Gerechtigkeit als angeborenes Recht schreienden Asiens auszudehnen."
Kollege Chun Chin Han vom Koreanischen Gewerkschaftsbund
erklaerte:
"Seit der kommunistischen Invasion im vergangenen Jahr hat
unsere koreanische Federation iure ganzen Kraefte dazu eingesetzt, sich mit den alliierten Truppen im Kampf um die Verteidigung unseres Vaterlandes und die Erhaltung der Freiheit zusammenzuschliessen. Millionen Koreaner sind den kommunistischen
Waffen zum Opfer gefallen.
•

"Die meisten Fuehrer und Mitglieder des Koreanischen
Arbeiterbundes, dies es versaeumt hatten,bei der ersten kommunistischen Invasion im letzten Sommer in den Sueden zu fliehen,
wurden von den Roten als "Reaktionaere" bezeichnet und ermordet
oder nach Nord-Korea verschleppt. Ihre Zahl erreichte 30,000.
"Fast alle Industrieunternehmen wurden durch die Zerstoerungen der nord-koreanischen Kommunisten im vergangenen Sommer
in Asche gelegt."
Und weiter erklaerte der Fu«hrer der koreanischen Arbeiterschaft:
"Der gegenwaertige Koreanische Krieg ist nicht ein Krieg
lokaler Art, er verkoerpert den ersten Konflikt zwischen der
auf Prinzipien der Freiheit basierenden Demokratie und de« auf
Diktatur aufgebauten Kommunismus.
"Einige Menschen, die nur oberflaechlich den Lauf der Weltgeschichte kennen, sprechen immer noch - in der Vorstellung
eines noch vorhandenen offenen Weges - von einer friedlichen
Loesung oder einer Koalition mit den Kommunisten. Friedliche
Loesungen oder Koalition mit ihnen suchen, waere wie die Hand
denjenigen zu reiche», die uns das Haus in Brand gesetzt haben.
Schweine sollten als Schweine behandelt werden."
Als diese Erklaerungen bei der Konferenz zur Sprache kamen,
ergriff Faiz Ahmed aus Pakistan das Wort:

- 8-

�"Wir sollen unsere Ansieht ueber die Geschehnisse in K«rea
wiedergeben. Was heute in Korea geschieht, kann morgen in Pakistan, uebermorgen in Indien u.s.w. geschehen. Ich schliesse
mich der obigen Erklaerung voll und ganz an."
Nach dem Fuehrer der Gewerkschaften Pakistans wandte sich
Indiens Harihar Nath Shastri von der I.N.T.U.C. mit wohlerwogenen und eindrucksvollen Worten an die Versammelten:
"Die Situation in Korea, wie sie sich bis heute entwickelt
hat, ist eine solche, dass eine bloss in Worten ausgedrueckte
Sympathie faer das Ringen Chinas und Koreas empfinden, dann ist
das Wenigste, was Sie tun koennen, dass Sie eine aufrichtige,
moralische Unterstützung denjenigen gewaehren, die in ihrem
Lande den Kampf gegen die totalitaere Aggression fuehren.
Dieser Kampf ist'ein Kampf, der in der Endanalyse die
ganzen asiatischen Vo«lker betrifft, und ich zweifle nicht
daran, dass, wenn Korea und China verloren sind, keine Macht
der Welt - selbst der Himmel nicht - Asien schuetzen koennte.
Das Wenigste, das wir tun koennen, ist, dieser Resolution
unsere aufrichtige Unterstuetzung zuteil werden zu lassen."
Der bei der Konferenz gefasste Beschluss, die "totalitaeren, aggressiven Maechte" zu brandmarken ut^d den Voelkern
in Korea zum Siege ueber die aggressiven Maechte zu verhelfen,
brachte den Willen der Konferenz zum Ausdruck, "alle Arbeiterorganisationen anzuspornen, geeignete Schritte zur Durchfuehrung
der Resolutionen der Vereinten Nationen zu unternehmen, naemlich
die Lieferung von Kriegsmaterial an den Angreifer einzustellen
und jeden nur moeglichen, im Machtbereich der Gewerkschaften
liegenden positiven Eeistand zu leis.ten."
Der Eeschluss wurde von der Majoritaet der Abgeordneten
gutgeheissen.
Darauf begab sich Mr. Cbun Chin Han zu Mr. Shastri aus
Indien, um ihm fuer seine tatkraeftige Unterstuetzung zu
danken, und waehrend er vor ihm stand, legte sich ein Scbweigen
ueber die Reihen der Abgeordneten, alt die beiden Arbeiterfuehrer Asiens sich die Haende drueckten. Mr. Chun war so
ergriffen, dass Traenen der Freude die Wangen des Koreanischen
Arbeiterfuehrers herunterrollten - Freude darueber, dass er
nach seiner Rueckkehr in das kaempfende Korea seinen Gewerkschaftern sagen koennte, dass die regionale Konferear des
I.B.F.G. geschlossen hinter ihnen stuende.
Durch weitere Eeschluesse bei der Karachi Konferenz wurde
empfohlen, eine enge Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft hinsichtlich der Durchfuehrung internationaler und nationaler
Wirtschaftsentwicklungsprorramme in den asiatischen Laendern
anzustreben. Ferner sollen in Asien Gesetze fuer die Arbeiter
eingefuehrt werden, die ihnen das Recht geben, als Gesamtheit
Verhandlungen zu fuehren und innerbetriebliche Gewerkschaften
und willkuerliche Entlassungen fuer ungueltig zu erklaeren.
Und schliesslich soll an den I.P.F.G. mit der Bitte herangetreten werden, bei der Vorbereitung von "Proschueren und Flugschriften behilflich zu sein, die den Arbeitern Asiens verstaendliche Informationen hinsichtlich der geltenden Prinzipien,
der Taetigkeit der freien Gewerkschaft, der Kollektivverfahren
u.s.w. in ihrer eigenen Sprache vermitteln sollen."

- 9-

�Vor allem vereinte die regionale Konferenz des I.B.F.G.
in Asien Gewerkschafter aus Japan und Pakistan, aus Ceylon
und Indonesien, aus Indien und Eurma, aus Malaya, den
Philippinen und Hongkong, aus Formosa und Thailand - Fuehrer
aus Laendern mit verschiedenen Problemen, die aber in gleicher
Weise sich verpflichtet haben, mit dem I.E.F.G. fuer die Befreiung der arbeitenden Voelker Asiens und fuer die Festigung der Demokratie der unabhaengigen und uebrigen bei der
Konferenz vertretenen Laendern Asiens zu marschieren.
Wenn sich auch einige bei der Konferenz vertretenen
Laender im Guerillakrieg mit den Kommunisten befinden, so
marschieren die Fuehrer der freien Gewerkschaftsbewegung
Asiens doch in dem Kreuzzug der I.E.F.G. Hand in Hand mit
den Arbeitern der uebrigen Welt, im Bestreben, eine bessere
Zukunft fuer alle Arbeiter der Welt zu schaffen - nicht fuer
die im Osten oder Westen, sondern fuer die Arbeiter der ganzen
Welt.
The American Federationist
VIT, 1951
INTERNATIONALE SOMMFRFCHULE DES I.BTF.G._ EUER WESTEUROPA
Unter der Leitung von Gust de Muynck und Hans Gottfurcht
fuehrte der I.B.F.G. vom 29. Juli bis 11. August 1951 in
Wörgl/Tirol eine Sommerschule durch, zu der mehr als 40 Teilnehmer westeuropaeischer Gewerkschaften sich versammelten.
Durch die Einteilung der Teilnehmer in vier Sprachengruppen
wurdendie sprachlichen Hemmnise ueberwunden, wobei der I.B.F.G.
die Dolmetscher stellte. Diese Aufteilung in Sprachgruppen
hatte den weitei-e-n Vorteil, dass im Anschluss an die Uebersetzungen die einzelnen Sprachgruppen das Thema ausgiebig
diskutieren und dann bestimmte Fragen zum Thema stellen
konnten. Die getrennten Diskussionen fuehrten dadurch zu
einer erschoepfenden Behandlung der Vortrage der einzelnen
Referenten, wobei sich naturgeraaess einzelne Fragen ueber-schnitten und ergaenzten.
Diese Sommerschule war somit ein Experiment, wobei man
sich bei Beginn nicht darüber im klaren war, ob es gelingen
wuerde. Es zeigte sich aber schnell, dass diese Form der
Aufteilung in Sprachengruppen die sprachlichen Schwierigkeiten
restlos ueberbrueckt, auch wenn hierbei nicht jede europaeische
Sprache beruecksichtigt werden konnte.
Seihst in einem Kursus, der sich auf zwei Woche erstreckte, koennen nicht alle Probleme erschoepfend behandelt werden.
Die Vortraege wurden eroeffnet durch Gust de Muynck, der ueber
die Verantwortlichkeiten der Gewerkschaftsbewegung in einer
sich aendernden Gesellschaftsordnung berichtete. Alfred
Eraunthal gab dann eine ausgezeichnete Analyse der Wirtschaftssysteme, Fritz Fricke vom DGB und Rose Etienne von der franzoesichen CGT-Force Ouvriere referierten ueber die Stellung
des Arbeiters in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, wobei
Rose Etienne den typisch aus der franzoesischen Sicht gesehenen Standpunkt entwickelte, wodurch die Problematik der
ganzen Fragen zu Tage trat.

- 10

�Es folgten Kurzreferate ueber die Gewerkschaftsbewegung
der einzelnen europaeischen Laender, wobei die Karsteilnehmer
selbst als Sprecher auftraten, Leon Dale berichtete ueber die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung, Hans Gottfurcht ueber die
internationale Bewegung unter besonderer Eeruecksichtigung der
Theorie, der Geschichte und der Organisation.
Neben diesen Referaten gab es Terschiedene Ausfluege in
den Bereich der Praxis, Innsbruck wurde besichtigt, wobei die
Einrichtungen der Konsumgenossenschaften im Vordergrunde standen, ein zweiter Ausflug fuehrte nach Salzburg, waehrend der
dritte als Ziel Kaprun hatte, jenen Ort, wo mit Hilfe von
ERP-Mitteln ein gewaltiges Stauwerk gebaut wird, das die Stromversorgung Oesterreichs wesentlich verbessern wird. Diese Besichtigung fuehrte automatisch zur Diskussion wichtigster
Probleme, sei es die ERP-Hilfe oder die Steigerung der Produktiv! taet, die ohne eine Erhoehung der elektrischen Kapazitaet
sich kaum ohne weiteres verwirklichen Hesse.
Den Hoehepunkt der Sommerschule brachte der Besuch des
Generalsekretaers des I.B.F.G., J. H. Oldenbroek. Er berichtete ueber den Weg des I.B.F.G. von London bis Mailand, ueber
die Erfolge, die in der kurzen Zeit errungen werden konnten,
aber auch ueber die Schwierigkeiten, die zu bewaeltigen waren.
Oldenbroek bekannte ganz offen, dass manches haette mehr getan
werden koennen, aber hierbei muesse auch die Situation beruecksichtigt werden, die zu jener Zeit bestanden hat.
In der kurzen Zeit des Bestehens hat der I.B.F.G. eine
Reihe regionaler Organisationen geschaffen, die ihre eigenen
Probleme zu bearbeiten, aber stets den I.B.F.G. als hoechste
beschlussfassende Koerperschaft anzuerkennen haben. In der
UNO, dem Internationalen Arbeitsamt und der UNESCO ist der
I.E.F.G. erfolgreich taetig, wobei er in Bezug auf Aktivitaet
weitaus an erster Stelle liegt. Naturgemaess ist eine Erweiterung der Aktivitaet denkbar, aber der I.E.F.G. ist keine
Organisation mit unermessliehen finanziellen Kraeften. Schon
in Europa laesst sich feststellen, dass die lateinischen Laender keine guten Eeitragszahler sind, waehrend die skandinavischen Staaten als Musterbeispiele gelten koennen. Ebenso koennen die Beitraege der nordamerikanischen Gewerkschaften nicht
die geringen Eingaenge wettmachen, die aus den uebrigen Teilen
der Welt nach Bruessel fliessen.
Die Verschiedenheit der Sprachen ist ein weiterer Punkt,
der zu einer gewissen Verschwendut p in der Arbeit fuehren muss.
Obwohl nur vier Sprachen als offizielle anerkannt sind, werden
doch etwa 30$ der gesamten Arbeitszeit des I.E.F.G.-Personals
fuer Uebersetzungsarbeiten benoetigt, die wiederum ueberprueft
und geglaetted werden muessen, um eine hochwertige Pressearbeit sicherzustellen. Aus diesem Grunde muessen auch Wuensche abgelehnt werden, die weitere Sprachen als offizielle
einfuehren wollen, damit der Leerlauf nicht noch proesser wird.
Nach dem Londoner Kongress musste praktisch alles zunaechst
improvisiert werden, es genuegte nicht, einen Mitarbeiterstab
zu engagieren, sondern dieser musste auch so aufeinander abgestimmt sein, dass ein positives und vertrauensvolles Zusammenarbeiten selbstverstaendlich wurde.- Dies ist heute der Fall,
- 11 -

�ebenso ist die Pressearbeit laengst ueber die Kinderkrankheiten
hinaus. Vielleicht waere es damals besser gewesen, etwas behutsamer vorzugeben, aber auf der anderen Seite war keine Zeit zum
Abwarten vorhanden, esraussteeinfach gebandelt werden, auch
wenn sich auf Grund dieser File spaeter hier und da Beanstandungen ergaben.
Es war zu erwarten, dass nach der Uebersetzung der Ausführungen des Generalsekretaers in den einzelnen Sprachengruppen sich eine Fuelle von Fragen ergaben, wobei trotz der
Aufforderung Oldenbroeks zur Kritik sich eine eigentlich kritischen Femprkungen zeigten - offensichtlich hatte Oldenbroek
mit seiner offenen Sprache diese Kritik selbst vorweggenommen.
Aus der Fuelle der Fragen seien nur zwei herausgenommen,
die der skandinavischen Delegation, aus welchen Gruenden man
nur beilaeufig von dem Angebot der Zusammenarbeit seitens des
Weltgewerkschaftsbundes Kenntnis genommen hat und die Frage
der deutschen Delegation, ob der I.P.F.G. nicht dafuer Sorge
tragen koenne, dass bei der Verteilung der Marshallplangelder
etwas staerker die Interessen der Arbeitenden beruecksichtigt
werden koennten.
Auch hierzu aeusserte sich Oldenbroek sehr offen. Das
Angebot des Weltgewerkschaftsbundes kam kurz vor dem Mailaender
Kongress zur Kenntnis des I.B.F.G. Nun wissen Gewerkschafter
aus der kommunistischen Praxis, dass immer dann die Generallirie eine Aenderung erfaehrt, wenn mit der bisherigen Methode
keine Erfolge erzielt werden konnten. Und bis zu diesem Zusammenarbeitsangebot waren die Repraesentahten des I.P.F.G.
Lakaien des amerikanischen Imperialismus und der Wallstreet,
um im Jargon des Weltgewerkschaftsbundes zu reden.
Wenn jetzt ploetzlich die Aufforderung zur Zusammenarbeit
laut wird, dann koennen die bisherigen Vorwuerfe doch nicht
vollkommen richtig sein, zumal der WGB sein Programm nicht
verleugnen kann. Das mindeste, was bei einem solchen Angebot,
wenn es auch nur einigermassen ehrlich gemeint sein soll, zu
erwarten ist, das ist die Ruecknahme der Verleumdungen, bevor
man sich zusammensetzt, falls man einigermassen Anspruch auf
Achtung erheben will. Aber daran denkt der WGB ueberhaupt
nicht - und aus diesem Grunde ist das Angebot zur Zusammenarbeit auch nicht sonderlich ernst genommen worden. Im uebrigen
laesst sich immer dann ein solches Anerbieten finden, wenn die
Linie des WGP sich festgerannt hat und eine Kette von Misserfolgen an der Tagesordnung ist. Unter diesen Umstaenden war es
vollkommen zwecklos, sich naeher mit dem Anerbieten der Zusammenarbeit zu befassen, es gab fuer den I.B.F.G. wichtigere Dinge.
Die Frage der deutschen Vertreter nach einer besseren
Unterstuetzung durch den I.B.F.G. bei der Verteilung der
Marshallplangelder und einer staerkeren Beruecksichtigung der
Arbeitenden fand ebenfalls eine klare Antwort durch Oldenbroek.
Er fuehrte aus, dass diese Verhandlungen zwischen de« amtlichen
Vertretern der USA fuer Fragen des Marshallplans und den Vertretern der einzelnen Regierungen gefuehrt werden. Der I.P.F.G.
kann auf die an diesen Vereinbarungen beteiligten Regierungen
keinerlei direkten Druck ausueben, dies ist vielmehr Aufgabe der
Gewerkschaften in den einzelnen Laendern Westeuropas. Es liegt
hier an den Gewerkschaften, dafuer Sorge zu tragen, dass ihr Einfluss auf die Regierungen ein staerkerer wird ohne ih,re aktive

- 12 -

�und entscheidende Mitarbeit ueber die Vergebung der Marshallplanmittel nichts entschieden wird. Hier hat der I.B.F.G.
keine Moeglichkeit des Eingreifens, er kann zwar Empfehlungen
ausarbeiten, aber nicht mehr. Die eigentliche und tatsaechlich wirksame Form der Beeinflussung liegt jedoch bei den
Gewerkschaftszentralen der-einzelnen Laender. In diesem Zusammenhang bedauerte es Oldenbroek, dass ein so erheblicher
Teil der Marshallplanmittel fuer Nahrungsmittel verwendet
werden musste, anstatt die westeuropaeische Wirtschaft bereits
frueher wieder auf eigene Fuesse zu stellen. Aber in jenen
Jahren nach 19*5 war eben die Frage der Versorgung der Bevoelkerung mit Lebensmitteln der zentrale Punkt in allen Besprechungen und Verhandlungen. Dadurch verzoegerte sich der
wirtschaftliche Wiederaufbau, der heute mit aller Energie
beschritten werden muss. Es ist offensichtlich, dass hier
die Gewerkschaften sich einen staerkeren Einfluss auf die Verteilung der Marshallplanmittel sichern muessen, aber man darf
dabei nicht uebersehen, dass fuer die europaeischen Gewerkschaften noch ein weites Feld beackert werden muss. Ein knappes
Drittel aller Arbeitenden in Westeuropa ist gewerkschaftlich
organisiert, wobei auch die britischen Gewerkschaften trotz
ihres starken Einflusses nicht sehr stark ueber dieses Drittel
hinausgekommen sind, waehrend die skandinavischen Gewerkschaften in weit staerkerem Masse Erfolge errungen haben. Auch in
solchen speziellen Fragen wie die der Verteilung der Marshallplanmittel zeige sich deutlich, wie wichtig eine geschlossene
gewerkschaftliche Organisation ist und immer dort die besten
Erfolge erzielt werden, wo die Organisation stark und einheitlich ist. Und dies sei auch die eigentliche Aufgabe der Sommerschule des I.B.F.G., die Notwendigkeit einer staerkeren
Organisierung herauszustellen, damit die Gewerkschaften auch
auf politischem Gebiet den Einfluss erringen, dessen sie zur
Verwirklichung ihrer Ziele beduerfen.
Eigener Bericht von
Herrn Hans Ettkorn
Stuart T. B. Morrison, Amt fuer Sicherung der Arbeitsplaetze:
PRAF.MIEN FUER SONDERLEISTÜNGEN
Eine gute Idee macht sich oft bezahlt. Dieses stellte
Alexander Fall fest, der Leiter der Abteilung fuer Leistungen
an Anspruchsberechtigte im Amt fuer Sicherung des Arbeitsplatzes. Fall ist der erste Angestellte des betreffenden
Amtes, der eine Praemie fuer Sonderleistungen im Rahmen des
vom Arbeitsministerium der Vereinigten Staaten durchgefuehrten
Programms der Praemierung von Sonderleistungen erhielt.
Die Praemien fuer Sonderleistungen wurden eingefuehrt, um
die Leistungen des Ministeriums und der ihm angegliederten
Aemter zu steigern und Leerlauf zu vermeiden; das Praemiensystem soll den Angestellten einen Anreiz geben, Neuerungen
und Verbesserungen vorschlagen.
Fall erhielt eine solche Praemie in Gestalt einer Befoerderung in eine hoehere Gehaltsstufe; seine Leistung bestand darin, dass er eine neue Form des Ablegens von Material einfuehrte,
das den Dienststellen des Ministeriums zu informatorischen
Zwecken zugaenglich gemacht wird; es handelt sich dabei um Entscheidungen betreffend die Anerkennung oder Zurueckweisung von
Anspruechen auf Arteitslosenunterstuetzung. Fall fuehrte die
- 13 -

�Ablage des Materials in Form von losen Blaettern ein. Die betreffenden Entscheidungen werden in einer monatlich erscheinenden Reihe veroeffentlicht; jeder Jahrgang erhaelt ein Inhaltsverzeichnis, d.h. es erscheinen im Jahre 13 solcher Hefte.
Somit wuerden also in wenigen Jahren zu den bereits vorhandenen,
hunderte von neuen Heften hinzukommen, die man alle durchsuchen
muesste, wenn man auf fruehere Entscheidungen zurueckgreifen
wollte. Es handelte sich also darum, das Material so zu ordnen,
dass es den Dienststellen ohne weiteres zugaenglich gemacht werden
konnte. Fall widmete sich diesem Problem und das Ergebnis war
die neue Methode der Ablage in losen Blaettern.
Die von Fall eingefuehrte Methode sieht folgendermassen
aus: Die anfallenden Entscheidungen werden in einem Ordner in
losen Blaettern abgelegt, und zwar nach Inhalt geordnet; das
betr. Stichwort wird auf einem Zwischenblatt vermerkt; Hinwelse
wo weiteres Material zu finden ist, werden hinzugefuegt. Das
anfallende Material wird so hergerichtet, dass es ohne weiteres
in den Ordner passt.. Entscheidungen in aehnlich gelagerten
Faellen werden zusammen abgelegt. Der Benutzer sucht sich also
unter dem Stichwort die entsprechenden
Entscheidungen heraus.
Da sie alle zusammen abgelegt sine1, braucht er nicht, wie bisher,
zahllose Inhaltsverzeichnisse zu durchstoebern. Unter dem betreffenden Stichwort wird auch im weiteren Sinne einschlaegiges
Material abgelegt, so dass der Benutzer sofort eingehend informiert wird. Diese Neuerung und Verbesserung ist von einigen
staatlichen Dienststellen uebernommen worden; sie benutzen die
gleichen Zwischenblaetter, das gleiche Format und die gleichen
Stichworte fuer ihr eigenes Material. Auf diese Art koennen
die Hefte ausgewertet werden, ohne dass dadurch weitere Unkosten entstehen.
Die Methode, Angestellte fuer besondere Leistungen zu belohnen, ist bereits in der Industrie, in der Ge»ck«eft»welt und
in staatlichen Dienststellen eingefuehrt worden und gehoert mit
zu einer erfolgreichen Personalpolitik. Es hat sich gezeigt,
dass, wo diese Methode geschickt gehandhabt wird, die Angestellten eine Reihe von nuetzlichen Vorschlaegen mit Bezug auf Neuerungen, verbesserte Verfahren usw. gemacht haben; ohne die
Praemie fuer besondere Leistungen waeren diese Vorschlaege wahrscheinlich nicht gemacht worden. Das System der Praemien fuer
Sonderleistungen ist sowohl fuer den Arbeitnehmer wie fuer den
Arbeitgeber von Vorteil. Der Arbeitnehmer wird angeregt, darueber nachzudenken, wie er den Arbeitsvorgang verbessern ko«ennte.
Da der Arbeitnehmer mit den Einzelheiten des Arbeitsvorganges
eingehender vertraut ist, als es sein Vorgesetzter jemals sein
kann, fallen irgendwelche Maengel des Verfahrens dem Arbeitnehmer in der Regel zuerst auf; er ist also in der Lage, sie
abzustellen und Leerlauf zu vermeiden. So ist also er es, der
entsprechende Verbesserungsvorschlaege machen kann. Die ihm
winkende Praemie bietet ihm einen Anreiz, dies auch wirklich
zu tun.
Das Amt fuer Sicherung des Arbeltsplatzes hat staendig
darauf hingewirkt, seine Angestellten Vorschlaege einreichen
zu lassen. Es hat die Abteilungsleiter angewiesen, in dieser
Beziehung zu ermutigen. Die Angestellten sind sich darueber
klar, dass ihre Vorschlaege nicht nur zu einer Steigerung der
Leistungen ihrer Dienststelle beitragen, sondern ihnen vielleicht
auch noch sogar Geld einbringen. Praemiert werden koennen Vorschlaege, die geeignet sind, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, besseren Dienst am Publikum, Leistungssteigerung oder
14 -

�sonstige Verbesserungen herbeizufuehren. Die betreffenden Vorschlaege koennen sich sowohl auf die vom Angestellten selbst
verrichtete Arbeit, als auch auf irgend einen anderen Taetigkeitszweig des Amts beziehen. Die Anregungen muessen jedoch
ausserhalb des Rahmens der normalen Anforderungen liegen, wie
sie an einen Angestellten in der entsprechenden Position gestellt werden koennen.
Antraege auf Gewaehrung einer Leistungspraemie muessen
eine genaue Beschreibung des betreffenden Vorschlages enthalten, sowie der Vorteile, die sich aus seiner Annahme ergeben würden. Der Antrag wird auf gewohnlichem Papier mit
der Maschine geschrieben und in doppelter Ausfertigung samt
den dazu gehoerigen Anlagen auf dem gewoehnlichen Dienstwege
an den Leistungspraeraien-Ausschuss des Amts fuer Sicherung des
Arbeitsplatzes geleitet.
Der Leistungspraemien-Ausschuss entscheidet nicht darueber,
ob ein' Verbesserungsvorschlag angenommen oder abgelehnt werden
soll. Diese Entscheidung wird vom Vorgesetzten des betreffenden Angestellten selbst oder nach Ruecksprache mit den ihm
uebergeordneten Instanzen getroffen. Der Vorgesetzte des betreffenden Angestellten stellt einen Antrag auf Gewaehrung
einer Leistungspraemie nur dann, wenn der Vorschlag angenommen
worden ist. Der Ausschuss untersucht lediglich die einem solchen Antrag zugrundeliegenden Tatsachen und teilt das Ergebnis
seiner Untersuchungen zusammen mit seinen Empfehlungen dem dem
Arbeitsministerium angegliederten Ausschuss fuer Leistungspraemien mit. Dieser Ausschuss des Ministeriums untersucht
die ihm vom Ausschuss des Amts mitgeteilten Ergebnisse und
Empfehlungen und teilt seine Entscheidung dem Arbeitnehmer,
der den Vorschlag gemacht hat, mit.
Nicht alle Vorschlaege werden praemiert; wenn aber eine
Praemierung erfolgt, so kann sie in Gestalt einer Barzahlung,
einer besseren Einstufung um ein, zwei oder drei Stufen oder
auf andere Art erfolgen. Es werden im Rahmen dieses Programs
auch Ehrenpraemien, Medaillen und Urkunden verliehen; der uns
zur Ve-fuegung stehende Raum laesst eine weitere ins Einzelne
gehende Schilderung jedoch nicht zu.
Der Vorschlag des Herrn Fall, der das System der Ablage
in losen Blaettern einfuehrte, ist typisch dafuer, wie man
"etwas besser macht". Es gibt zweifellos auch andere Angestellte, die mehr oder weniger konkrete Vorstellungen davon
haben, wie man gewisse Arbeitsvorgaenge verbessern koennte.
Das Amt fuer Sicherung des Arbeitsplatzesraoechtedie Betreffenden ermuntern, ihren Vorschlaegen konkrete Gestalt zu verleihen.
Das Ziel des Praemiensysteras ist nicht die Praemie als
solche. Wesentlicher ist, dass es dazu fuehrt, dass die Angestellten des Amts gemeinsam an einer Verbesserung der Arbeitsmethoden arbeiten.
Employment Security Review
VI,1951

- 15 -

�Harry L. Turtledove:
AMERIKANISCHE STAHLARBEITER BES7CHFN PRTTTSCHE BETRIEBE

Fuenf amerikanische Gewerkschafter s t e l l t e n auf i h r e r
5-woechigen Besuchsreise durch Gross-Britannien f e s t , dass
die Betriebe der b r i t i s c h e n S t a h l i n d u s t r i e ueber Erwarten
gut mit modernen Maschinen e i n g e r i c h t e t sind.
"Der b r i t i s c h e Arbeiter muss, weil die Mechanisierung
i n der b r i t i s c h e n I n d u s t r i e noch nicht so weit f o r t g e s c h r i t ten i s t , schwerer a r b e i t e n a l s sein Kollege i n den Vereinigten S t a a t e n , " sagte Joseph Molony, L e i t e r des D i s t r i k t s 4
der Gewerkschaft der Vereinigten S t a h l a r b e i t e r von Amerika
(CIO). "Die Anzahl der neuen Maschinen und die allgemeine
Sauberkeit i n den Eetrieben hat einen sehr grossen Eindruck
auf uns gemacht."
Molony i s t e i n e r der fuenf Gewerkschafter des 15-koepfigen
amerikanischen Produktivitaets-Teams - das zweite, das a l s
Gast des Anglo-Amerikanischen P r o d u k t ! v i t a e t s r a t s zum Studium der b r i t i s c h e n Industrien nach England g e r e i s t i s t .
Als ein T e i l des Produktiv!taetsprogramms des Marshallplans sind s e i t 1948 b r i t i s c h e Gruppen in die Vereinigten
Staaten g e r e i s t , um die i n d u s t r i e l l e n Methoden der U. S. zu
s t u d i e r e n . Die e r s t e Gruppe aus den Vereinigten Staaten, die
nun Gross-Britannien b e r e i s t e , bestand aus T e x t i l a r b e i t e r n .
Beide Gruppen, die T e x t i l - wie auch die Stahlgruppe sind ein
Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Team. Ausser Molony bestand d i e
Vertretung der Arbeiterschaft aus weiteren v i e r S t a h l a r b e i t e r n .
Diese Gruppe besuchte 14 Werke im ganzen Lande.
"In manchen modernen Betrieben konnte man sich beinahe
v o r s t e l l e n , dass man in D e t r o i t s e i , " sagte ein Mitglied der
Gruppe a u s . "Die Hauptschwierigkeit bei e i n e r Produktionssteigerung l i e g t wohl d a r i n , dass das Produktionsvolumen
Gross-Eritanniens geringer i s t a l s das der Vereinigten S t a a t e n .
Ausserdem hat der amerikanische Fabrikant mehr Sinn fuer die
mechanischen H i l f s m i t t e l a l s der b r i t i s c h e .
"In den i n d u s t r i e l l e n Beziehungen," sagte Michael Kerwin,
Mitglied der Vereinigten Automobilarbeiter-Gewerkschaft (CIO),
"hat Gross-Eritannien einen Vorsprung vor den Staaten.
Uebera l l wo wir hinkamen wurden die Arbeltgeber-ArbeitnehmerEeziehungen auf e i n e r hoeflichen, freundlichen Easis gepflogen.
Auf jeden F a l l h a t t e es den Anschein, dass sie besser seien
a l s bei uns zu Hause."
Die M e t a l l i n d u s t r i e Gross-Britanniens beschaeftigt p r o p o r t i o n a l zu den Maennern ebensoviel Frauen wie i n den Vere i n i g t e n S t a a t e n , obwohl die Frauen in Gross-Eritannien eine
groessere Anzahl von Arbeiten v e r r i c h t e n . Die amerikanischen
Gewerkschafter waren a l l e r d i n g s ueber die Tatsache e r s t a u n t ,
dass bei gleicher Arbeit verschiedene Loehne fuer Maenner
und Frauen bezahlt werden.
Die Kantinen, sportlichen und k u l t u r e l l e n Einrichtungen
h i n t e r l i e s s e n einen grossen Eindruck bei der amerikanischen
Gruppe - und der Ausschank von Bier in den Fabriken b e g e i s t e r te die Arbeiter.
ECA Labor Information
August 7, 1951
- 16 HICOG 16 4ug 5 1 119SE S U

5 C

�Internationale

ARBEITSMTTEIMINGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 32

Frankfurt,
I N H A L T S V E R Z

FI

10. August 1951

CHNIS

Die Bedeutung des "Tages d e r A r b e i t " 1951 - - - -

1

Die G e s c h i c h t e des "Labor Day" i n den U.S.A.

4

- -

"Labor Day"-'Botschaften a m e r i k a n i s c h e r Gewerkschaftsführer - - - - - - - - - - - - - - - -

5

"Menschenwuerde und p e r s o e n l i c h e F r e i h e i t " Gruesse
an d i e amerikanischen A r b e i t e r zu dem Tage
Arbeit - 8
Wie l e b t d e r a m e r i k a n i s c h e A r b e i t e r ? - - - - - -

9

Eine Erhebung ueber d i e A r b e i t s f a e h i g k e i t von
Rentnern i n den U.S.A.
- - - - - - - - - - - - 1 1
Die O r g a n i s a t i o n s b e s t r e b u n g e n der AFL im Sueden
d e r U.S.A.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 4

DTF BFDFUTUNG DES "TAGFS DER ARBFIT" l?5l
Der Tag der Arbeit im Jahre 1951 hatte fuer die europaeisehen Arbeiter eine ungewoehnliche Bedeutung. Man vermisste
die Picknicks, Wiener Braten und Mussestunden am Strand. In
Neapel stiessen stattdessen die freien Arbeiter mit kommunistischen Aktivisten zusammen, die mit Stoecken bewaffnet waren.
In Athen nahmen Hunderte von Gewerkschaftern an Versammlungen
teil, um Reden ueber ernsthafte Probleme anzuhoeren. In WestBerlin, auf das die Kommunisten ein gieriges Auge werfen, wurde
den freien deutschen Arbeiter in riesigen Massenkundgebungen
von amerikanischen Gewerkschaftsfuehrern versichert, dass man
sie nicht vergessen wird.
In Moskau marschierte das Militaer.

- 1 -

�All dies ereignete sich am 1. Mai. Waehrend der 1. Mai
im wesentlichen ein europaeischer Feiertag der Arbeit ist,
stammt der Gedanke von Amerikanern. Amerikanische Delegierte
brachten im Jahre 1889 auf dem Pariser Kongress der zweiten
Sozialistischen Internationale eine Resolution ein, in der gefordert wurde, den 1. Mai zu einem internationalen Feiertag
der Arbeit zu erklaeren. Ein Grund hierfuer war, dass am
1. Mai 1886 ein Generalstreik in Chicago, mit dem man den
8-Stundentag erzwingen wollte, mit dem beruechtigten "Blutbad
von McCormack" endete.
Die amerikanischen, in "Knights of Labor" organisierten
Gewerkschafter lehnten den Gedanken des Maifeiertages der Sozialisten ab. Sie hatten sich seit 1884 darum bemueht, den
ersten Montag im September zum amerikanischen Feiertag der
Arbeit zu machen, und ihre Plaene wurden von Erfolg gekroent,
als der Kongress ihn im Jahre 1894 zum nationalen Feiertag
erklaerte.
In den Jahren seit dem 1. Weltkrieg hat die europaeische
Arbeiterschaft den 1. Mai nicht in Einigkeit gefeiert. Die
Stimme des stalinistischen Kommunismus hat diesen Feiertag
sowohl in Russland als auch anderswo ins Laecherliche gezogen, so wie er auch die internationalen Bestrebungen der
europaeischen Gewerkschaftsbewegungen fuer lächerlich erklaert hat.
Zuweilen hat es dem russisch-imperialistischen Kommunismus gefallen, sich in nicht-kommunistische Gewerkschaften und
Arbeiterparteien einzudraengen, so wie es kurz nach dem 1.
Weltkrieg der Fall war, als viele Sozialdemokraten und andere
gewillt waren, die sichtbaren Fehler des Sowjetregimes in der
Hoffnung zu uebersehen, dass politische Demokratie und Freiheit
des Einzelnen zu einer Aenderung der Wirtschaftsverhaeltnisse
fuehren und der Arbeiter den ihm gebuehrenden Status erlangen
wuerde.
Zuweilen hielt es die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken auch fuer vorteilhaft, die Arbeiterklasse zu entzweien und die Sozialdemokratie und jene Einrichtungen zu
bekaempfen, die die Gewerkschaftsbewegungen in Laendern wie
Deutschland und Oesterreich geschaffen hatten. Damit ebneten
sie faschistischen Diktatoren den Weg, die die Macht ueber
eine zahlenmaessig starke, aber uneinige Gewerkschaftsbewegung
erringen konnten. Wir denken hier an Mussolini in Italien,
Hitler in Deutschland und Dolfuss in Oesterreich.
In diesem Jahr Hessen sich die freien, europaeischen
Gewerkschaften, die durch die amerikanische Wirtschaftshilfe
im Rahmen des Marshallplanes weitgehend gestaerkt und ermutigt
wurden, durch das heuchlerische kommunistische Ersuchen um Zusammenarbeit nicht taeuschen. Sie waren dagegen entschlossen,
vor aller Welt die wahren Ziele und Absichten der Kommunisten
zu demonstrieren.
In Oslo konnten die freien Arbeiter die Plaene der Kommunisten im Keim ersticken, indem sie eine groessere wirkungsvollere Kundgebung organisierten. Sie forderten unter anderem,
dass ein Opfer der kommunistischen Saeuberungsmethoden freigelassen wuerde, naemlich Anna Kethly, eine ungarische Gewerkschaftsfuehrerin und Mitglied im Parlament, die nun in einem
- 2 -

�Konzentrationslager hinter dem Eisernen Vorhang gefangen gehalten wird. Transparente mit Kethlys Namen belebten den
skandinavischen anti-kommunistischen Schlachtruf "Friede
in Freiheit".
In ganz Griechenland fanden zum 1. Mai Kundgebungen
statt. Der Berater fuer Arbeitsfragen in der ECA, D. Alan
Strachan, der Mitglied der Automobilarbeitergewerkschaft des
CIO ist, sprach zu den Arbeitern von Athen und Pyraeus. Die
Kommunisten hatten wenig zu sagen.
In Stockholm nahm Viktor J. Sjaholm, der Leiter der
Arbeitsabteilung in der F.CA-Mission und Mitglied der Lokomotivfuehrergewerkschaft, zum vierten Mal mit seinen Eisenbahnerkollegen an der Kundgebung zum Tag der Arbeit teil.
Der vielleicht schwerste Schlag gegen die Kommunisten war
die riesige Gewerkschaftskundgebung der freien deutschen Arbeiter auf dem Platz der Republik in West-Eerlin. Tausende von
Mitgliedern des starken deutschen Gewerkschaftsbundes DGB
lieferten,ohne sich an der Naehe der Russen zu stoeren, einen
ueberzeugenden Beweis ihrer Solidaritaet. Sie hoerten ergreifende Reden amerikanischer Gewerkschaftsführer.
Viktor Reuther, der internationale Repraesentant der CIO
begeisterte seine Zuhoerer, als er sagte:
"Seitdem der Tag der Arbeit am 1. Mai gefeiert wird, hat
die freie Gewerkschaftsbewegung der Welt noch nie einen besseren Grund zum Feiern gehabt als heute an dieser Stelle, wo die
heroischen Berliner Arbeiter, die an der Grenze zweier Welten
stehen, der neuen Tyrannei so schwere Schlaege versetzt haben.
"Ihr habt der ganzen Welt den so dringend benoetigten Beweis geliefert, dass die wirksamste Antwort auf die stalinistische Aggression nicht der negative und isolierte AntiKommunismus der Reaktionaeren, sondern die Entschlossenheit der
freien Maenner ist, die Demokratie durch die Verwirklichung des
demokratischen Idealismus in einem praktischen, positiven Programm sozialer und wirtschaftlicher Tat zu foerdern."
Henry Rutz, der Vertreter der AFL in Westdeutschland, richtete eine Botschaft an die Arbeiter"Deutschlands, der Tschechoslowakei, Polens und an alle Voelker hinter dem Eisernen Vorhang, die sich nach Frieden sehnen, und vor allem an jene Millionen, die fuer ihren Kampf um Freiheit mit Versklavung in russischen Arbeitslagern belohnt wurden."
"Ich sage jenen Millionen, Ihr seid nicht vergessen. Die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung arbeitet zusammen mit dem
Internationalen Bund freier Gewerkschaften Plaene zu Eurer Befreiung aus."
"Der Weltfriede, wie ihn jeder sich wuenscht, wird nur
garantiert sein, wenn in den Laendern unter kommunistischer
oder, wie in Spanien, unter faschistischer Tyrannei die Menschen, die noch zum Schweigen verurteilt sind, wieder in der
Lage sein werden, ihr Schicksal in Ihre eigenen Haende zu
nehmen.

- 3\

�"Wir arbeiten fuer den Tag, an dem alle Nationen im Osten
und Westen den ersten Mai als den grossen Weltfeiertag, den
grossen Feiertag der Freiheit feiern koennen."
ECA Labor Information
VII/31/1951
DIE GESCHICHTE DES "LABOR DAY" IN DEN U.S.A.
Der "Labor Day", der im Jahre 1882 als Feiertag fuer die
amerikanischen Arbeiter eingefuehrt wurde, wird nun am 1. Montag
des Monats September von jedem Buerger der Vereinigten Staaten,
vom Schuljungen bis zum Praesidenten gefeiert.
Der Gedanke, in jedem Jahr einen Tag zu Ehren der Arbeit .
zu feiern, wurde zum ersten Mal am 8. Mai 1882 von Peter J.
McGuire in Vorschlag gebracht. Er war damals Vorsitzender
der Gewerkschaft der Zimmerleute und Tischler Amerikas und
fuehrender Funktionaer in der ersten grossen amerikanischen
Gewerkschaftsorganisation, genannt "Knights of Labor", ("Ritter
der Arbeit").
Er unterbreitete der Zentralgewerkschaft in New York einen
Vorschlag, in dem er die Gewerkschaftsbewegung aufforderte, "sich
einen Tag auszuwaehlen, an dem in einem Aufmarsch die Staerke und
der Geist der Arbeiterorganisationen aller Welt gezeigt werden
sollte". Dem Aufmarsch sollte ein "Picknick" oder eine Festveranstaltung folgen.
McGuires Vorschlag wurde angenommen. Mehr als 10.000 organisierte Arbeiter marschierten auf dem beruehmten Broadway in
New York, hoerten Reden und Konzerte und nahmen dann an einem
riesigen Picknick im Elm Park teil. Es war ein grosser Erfolg,
wenn auch die grosse Menge der Arbeiter sich erst am Abend versammeln konnte, weil sich viele Unternehmer weigerten, den Arbeitern einen freien Tag zu geben.
Die Generalversammlung der Organisation "Knights of Labor"
stimmte bald nach dem ersten Aufmarsch dafuer, den "Labor Day"
alljaehrlich zu feiern. Am 9. Oktober 1884 beschlossen die
Foederationen der Berufs- und Arbeitergewerkschaften Amerikas
und Kanadas (spaeter AFL), den Labor Day zu einem nationalen
Feiertag zu erklaeren.
Oregon war 1887 der erste Staat, in dem er erste Montag
im September zu einem gesetzlichen Feiertag zu Ehren der Arbeit
erklaert wurde. Innerhalb weniger Monate folgten die Staaten
Colorado, Massachusetts, New York und New Jersey diesem Beispiel, und 1894 erklaerte der amerikanische Kongress den "Labor
Day" zum nationalen gesetzlichen Feiertag. Heute wird er in
allen Staaten gefeiert.
Den traditionellen Aufmarsch und das grosse Picknick am
"Labor Day" gibt es noch heute in vielen Teilen Amerikas; mehr
und mehr g°hen die Menschen in den Vereinigten Staaten Jedoch
dazu ueber, die Gelegenheit eines dreitaegigen Wochenendes
wahrzunehmen. Sie begeben sich mit ihren Familien per Auto in
die Gebirge oder an den Strand, um mit neuem Interesse und neuer
Arbeitskraft am Dienstag die Arbeit in den Schulen und Fabriken
wieder aufzunehmen.
Labor Air Bulletin
VIII/16/1951
- 4 -

�^LABOR^AY'^BOTECHAFTEN AMERIKANISCHER GEWERKSCHAFTSFÜHRER
Maurice Tobin, U. S. Arbeitsminister:
Freiheit, die Verbesserung der Lebensverhaeltnisse fuer die
Menschen und Weltfriede sind die hoechsten Ziele der amerikanischen Politik. Es sind die Ziele aller Menschen guten Willens
in jedem Land und der "Labor Day" im Jahre 1951» einem Jahr der
Krisen und Kaempfe, der Unruhen und Entmutigungen, ist ein guenstiger Zeitpunkt, um festzustellen, welche Fortschritte wir inzwischen erzielt haben. Vor 100 Jahren erklaerte Louis Kossuth,
der grosse ungarische Kaempfer fuer die Freiheit, in New York:
"Die Sache der Freiheit ist ausschlaggebend fuer das Schicksal
der Menschheit, und in jedem Teil der Welt, in dem sie an Boden
gewinnt, wird sie nach und nach fuer alle diejenigen, die sich'
nach ihr* sehnen, ein gemeinsames Ziel sein."
Das ist der Grundsatz, zu dem sich die Vereinigten Staaten
von ganzem Herzen bekannt haben. Wir haben gelernt, dass der
Begriff Freiheit eindeutig und unveraenderlich ist. Es ist die
Pflicht aller friedensliebenden Menschen, darauf zu achten, dass
die Flamme der menschlichen Freiheit nicht erlischt .
Es ist
die Pflicht aller Nationen, die die Grundregeln der Moral achten,
um die Freiheit ihrer Nachbarn genau so besorgt zu sein wie um
ihre eigene. In dieser kleinen Welt gibt es fuer uns nur zwei
Moeglichkeiten: entweder wir alle sind gemeinsam frei oder wir
sind getrennt und ohne Freiheit.
Freiheit ist mehr als Selbstregierung, mehr als Gedanken-,
Rede-, Religions- und Versammlungsfreiheit. Heutzutage sind
menschliche Freiheit und Verbesserung des menschlichen Loses so
eng miteinander verbunden, dass ihre Unterschiede nur schwer
festzustellen sind. In der heutigen Zeit ist politische Demokratie nicht aasreichend. Sie muss durch wirtschaftliche und
soziale Demokratie ergaenzt werden, wenn Freiheit die Bedeutung
haben soll, die ihr zukommt.
Wenden vir uns nun dem kuehnen Plan .Praesident Trumans zu,
den er mit seinem Punkt-vier-Programm entworfen hat und der der
Weltfreiheit und gleichen wirtschaftlichen Moeglichkeiten fuer
alle gewidmet ist. Jahrhunderte lang haben eine Milliarde
Maenner und Frauen in Asien, Afrika und Suedamerika ein Hungerdasein gefuehrt.
Von dem, was dafuer getan wird, diese unterentwickelten
Gebiete aus dem Sumpf der Krankheiten, des Hungers, der Unwissenheit und der landwirtschaftlichen und industriellen Rueckständigkeit zu befreien, und von der Unterstuetzung einer grossen
Armee menschlicher Wesen, die zur wirtschaftlichen Hilfslosigktit
verurteilt sind, haengt nicht nur ihre Befreiung aus den Ketten
der Armut und Verzweiflung, sondern auch der Friede der Welt ab.
Solange in einem solchen Ausmass Mangel herrscht, haben wir eine
Welt, die wirtschaftlich zur Haelfte frei ist und die zur Haelfte
versklavt ist; diese Welt kann nicht bestehen, denn sie wankt
unter politischen Unruhen und internationaler Verwirrung. Indien
braucht Trinkwasser ebenso dringend wie Weizen, im Mittleren
Osten koennten durch Landbewaesserung grosse Ackerbaugebiete
erschlossen werden, und in Afrika muss die Schlafkrankheit
mit medizinischen Mitteln bekaempft werden, um grosse Gebiete
fruchtbar machen zu koennen. Auf der ganzen Welt muss die
Landwirtschaft modernisiert und Daenune und Wasserkraftwerke

- 5-

�muessen errichtet werden.
All dies und noch mehr muss
auf weltweiter Basis getan werden, wenn die Verbesserung des
menschlichen Loses mehr als nur eine leere Versprechung sein soll.
Lassen Sie sich nicht durch die aeusseren Erscheinungen des
amerikanischen Lebens irrefuehren. Ich versichere Ihnen, dass
das Gefuehl der Solidaritaet mit anderen Voelkern, die in Freiheit leben und diese Freiheit zu schaetzen wissen, jetzt ein Bestandteil des amerikanischen Glaubens ist.
Wir haben durch den Marshallplan und den Nord-Atlantik-Pakt
bewiesen, dass die Hilfsquellen Amerikas der freien Welt zur
Verfuegung stehen. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir durch
nichts veranlasst werden koennen, in unserer Hilfe fuer jene
Sache nachzulassen, fuer die wir bereits so viel gegeben haben.
Amerika bekennt sich nach wie vor zu den demokratischen Grundsaetzen der gleiche Rechte und Moeglichkeiten fuer alle, der
Glaubens- und Gedankenfreiheit und der Freiheit der Menschen,
sich ihr eigenes Schicksal selbst zu gestalten.
William Green, Vorsitzender der AFL:
Im Namen der acht Millionen Mitglieder der AFL uebermittele
ich hiermit den freien Arbeitern der Welt aufrichtige Gruesse
zum "Labor Day".
Fuer uns in Amerika ist die Freiheit der Arbeit das kostbarste Gut. Wir haben aus der Erfahrung die Lehre gezogen, dass
die freien Gewerkschaften in Respektierung der Wuensche und Bedürfnisse ihrer Mitglieder und frei von einer Bevormundung oder
Kontrolle ihrer Regierung grosse wirtschaftliche, soziale und
politische Fortschritte erzielen koennen.
Unsere Beobachtungen, die wir ueber die Gewerkschaftsbewegungen unter totalitaerer Herrschaft angestellt haben, haben uns
ebenfalls gelehrt, dass die Arbeiter, wenn ihre Gewerkschaften
unter der Kontrolle eines Staates stehen, zu Sklaven der Diktatur werden und keine Moeglichkeit mehr haben, durch gemeinsame
Bemuehungen ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
Was wir heute in dieser Welt am dringendsten benoetigen,
ist Friede - Friede, um in der Zukunft groessere Fortschritte
zu erzielen, und Friede, um die Wunder der Wissenschaft zur
Erleichterung der Buerde der Arbeiterschaft und der Menschheit
ueberhaupt weiterentwickeln und nutzbar machen zu koennen.
An diesem Tag der Arbeit verpflichten sich die amerikanischen
Arbeiter, sich ihrer Verantwortlichkeit zu unterziehen, indem sie
die Verteidigung der freien Welt so staerken, dass ein weiterer
Weltkrieg verhindert werden kann. Wir sind im Namen des Friedens
zur Erfuellung dieser Aufgabe verpflichtet.
Auf lange Sicht gesehen ist militaerische Bereitschaft
allein jedoch keine Loesung. Wir muessen zusammen mit Sowjetrussland eine Entscheidung treffen, in der jegliche Aggression
verboten und es der freien Welt ermoeglicht wird, in Frieden zu
leben.
Die freien Nationen koennen, indem sie gemeinsam jeder
Aggression gegenuebertreten und, wie in Korea, den Aggressoren
vernichtende Niederlagen beibringen, den Prozess beschleunigen,
Russland zur Vernunft zu bringen.

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�Die Arbeiterschaft Amerikas begruesst die geschlossene
Front der freien Welt gegen den sowjetischen Imperialismus.
Wir wuenschen, dass.die Arbeiter Europas, Asiens und anderer
Laender jenseits der Ozeane wissen, dass wir ihnen zur Verteidigung der Freiheit entschlossen zur Seite stehen, und dass
wir niemals nachgeben werden, solange der Sieg der Freiheit
der Menschen nicht gesichert ist.
Philip Murray, Vorsitzender des CIO:
Der "Labor Day" ist der besondere Feiertag der amerikanischen Arbeiter. Es ist ein Tag der Entspannung- aber auch
ein Tag, an den man sich ueber die Zukunft der Arbeiterschaft
in Amerika und auf der ganzen Welt Gedanken macht.
Am "Labor Day 1951" senden die amerikanischen Arbeiter
den Arbeitern der demokratischen Welt ihre kollegialen Gruesse.
Wir sind stolz darauf, in den vergangenen Jahren die Bande
der Freundschaft mit den Arbeitern und ihren Gewerkschaften
in vielen Laendern der Welt gestaerkt zu haben.
Die Gewerkschaftemitglieder Amerikas wissen, dass es
keinen Frieden, keinen dauernden Wohlstand und keine Hoffnung
auf Frieden geben kann, solange die kommunistische Diktatur
und Reaktion die Demokratie und ihre Einrichtungen bedroht.
Wir sind entschlossen, alles zu tun, was in unserer Macht
steht, um diesen demokratischen Einrichtungen Staerke und
Lebensfaehigkeit zu verleihen. Wir wissen so gut wie Ihr,
dass die Gewerkschaftsbewegung in jedem Land das Eollwerk
der Demokratie ist.
Wenn Diktatoren an die Macht kommen, ist ihre erste
Handlung die Zerstoerung oder Uebernahme der freien Gewerkschaften. So ereignete es sich im nazistischen Deutschland
und in den sowjetischen Satellitenstaaten. Das Gleiche sahen
wir in Spanien und Argentinien.
Am "Labor Day 1951" erneuern die Gewerkschaften Amerikas
ihr Geloebnis, fuer die Freiheit der Gewerkschaftsbewegung in
allen Laendern zu kaempfen. Die amerikanischen Arbeiter sind
gegen den reaktionaeren Faschismus und gegen das reaktionaere
Sowjetsystem, das die Freiheit zerstoert und die Gewerkschaften
unterdrueckt.
Aber die amerikanischen Gewerkschaften wissen auch, dass
sich verbessernder Wohlstand fuer die demokratische Welt, fuer
ihre Menschen und ihre Gewerkschaften von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Aus diesem Grunde hat der CIO, in dessen Namen ich spreche,
den Marshallplan und das Punkt-Vier-Programm unterstuetzt, mit
denen den unterentwickelten Gebieten Hilfe gebracht wurde; und
aus dem gleichen Grunde wird der CIO jeden wertvollen Plan unterstuetzen, der mithilft, den Lebensstandard des "kleinen
Mannes" auf der Welt zu verbessern.
So uebersende ich an diesem "Labor Day" im Namen der sechs
Millionen Mitglieder des CIO den Gewerkschaftern der ganzen
Welt unsere Gruesse. Ich verspreche Euch, dass der CIO im
Kampf der Demokratie um ein besseres Leben fuer alle Menschen
stets eine fuehrende Rolle spielen wird.

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�Thomas Kennedy, Vize-Vorsltzender der Amerikanischen Ber&amp;arbeltergewerkschaft:
Im Namen des Vorsitzenden der amerikanischen Bergarbeitergewerkschaft, John L. Lewis, und aller Mitglieder dieser Organisation moechte ich der freien Gewerkschaftsbewegung der Welt
unsere bruederlichen Gruesse uebermitteln. Wir von der Bergarbeitergewerkschaft wuenschen ihnen eine Verbesserung ihres
Lebensstandards, ihrer Loehne und sonstigen Arbeitsbedingungen.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung, und vor allem
^iie Bergarbeitergewerkschaft, hat seit dem Labor Day im vorigen Jahr wichtige Frfolge errungen. Wir moechten unseren
Gewerkschaftskollegen auf der ganzen Welt den Rat geben, so
zu handeln, dass ihre wirtschaftliche Organisation im Gefuege
der Demokratie in einer Weise Eeruecksichtigung findet, dass
sie ihre Ziele durch Kollektivverhandlungen verwirklichen
koennen.
Viel Glüeck und Erfolg in Euren Bemuehungen 1
Labor Air Bulletin
VIII/16/1951
Christian Fette, Vorsitzender des DGB:
"MENSCHF.NWÜERDE UND PERSOENLICHE FREIHEIT", GRUESSE AN DIE
AMERIKANISCHEN ARFEITER ZU DEM TAG DER ARBEIT.
Auch in diesem Jahre begeht die amerikanische Arbeitnehmerschaft wieder den "Tag der Arbeit" - den Tag, an dem
sich das ganze Volk der Vereinigten Staaten in Freude und
Stolz zum Wert der Arbeit und zur Ehrung der arbeitenden
Menschen bekennt.
Aber die Gedanken der amerikanischen arbeitenden Menschen
gehen ueber den Rahmen ihres Landes und ihres Kontinents hinaus.
Mehr denn je spielen sie heute in der Politik und Wirtschaft
ihres Landes und der gesamten freien Welt eine bedeutende Rolle.
Ihre maechtigen Gewerkschaftsorganisationen haben besonders
nach 1945 eine entscheidende Rolle in der Foerderung einer po •
sitiven demokratischen Weltpolitik gespielt. Sie haben von
Anbeginn alle jene Kraefte gestuetzt, die totalitaere Maechte
dadurch bekaenpfen, dass sie die Voraussetzunfen fuer Faschismus und Bolschewismus - naemlich wirtschaftliches Chaos und
soziale Not - praktisch zu beseitigen suchen.
Die grossen amerikanischen Gewerkschaften sind damit zu
wesentlichen Traegern des Freiheitskampfes in der Welt geworden, eines Kampfes, in dem es um den sozialen Inhalt der modernen Demokratie und damit um ihren Bestand ueberhaupt geht.
Sie sind ein wichtiger Teil des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften, jenes Bundes freier Arbeiter in der freien
Welt, die nicht gewillt sind, Menschenwuerde und persoenliche
Freiheit an Reaktlonaere von rechts und links zu verkaufen.
Wir deutschen Gewerkschafter, die wir uns nach dem Terror
des Hitlersystems in sechs Jahren einen Deutschen Gewerkschaftsbund mit 5,7 Millionen freiwilligen Mitgliedern geschaffen haben,
wissen, was dieser Kampf fuer die Freiheit bedeutet. Wir wissen
auch, was es bedeutet, dass die amerikanischen Gewerkschaften

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�entschlossen sind, wie bisher mit ihren Kollegen in allen
freien Laendern aktiv an der Neugestaltung der freien Welt
in solidarischer Gemeinschaft mit den freien Gewerkschaften
ueberall mitzuwirken.
Im Namen des deutschen Gewerkschaftsbundes entbiete ich
unseren Bruedern und Schwestern in Amerika unseren Gruss und
wuensche ihnen und ihren stolzen Organisationen Erfolg und
Staerke fuer das gemeinsame Ziel: fuer Freiheit, soziale
Gerechtigkeit und wahren Frieden unter den Voelkern einer
freien Welt i
Christian Fette
Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaft!bundes
WIE LEBT DER AMERIKANISCHE ARBEITER ?
Viele unserer Leser haben uns in Zuschriften gefragt, wie
der durchschnittliche amerikanische Arbeiter lebt, was er verdient, wieviel Stu iden er arbeitet und wie er seine Freizeit
verbringt. Offen gesagt, es gibt nicht so etwas wie einen
Herrn Durchschnittsarbeiter. Es ist unvermeidlich, dass die
Verhaeltnisse in den verschiedenen Industrien und in den verschiedenen Teilen des Landes verschieden sind.
Anstatt Ihnen von dem Durchschnittstrbeiter zu erzaehlen,
wollen wir einige Arbeiter aus verschiedenen Industrien'herausgreifen. Heute steht uns Walter Peterson, ein junger lediger
Mechaniker gegenueber. Er ist in der New Jersey-Maschinenfabrik in Hoboken (New Jersey) beschaeftigt. Die Belegschaft
dieses Betriebes zaehlt etwa 250 Arbeitnehmer. Peterson ist
Maschinendreher und stellt verschiedene Maschinenteile her.
Er ist von dem Unternehmer als angelernter Arbeiter eingestuft, ist mit dieser Einstufung jedoch .nicht einverstanden.
Nach seiner Ansicht leistet er Facharbeit. Er wird jedoch
entsprechend der Einstufung bezahlt. Er verdient in der
Stunde 1,68 Dollar. Der Grundlohn.betraegt 1,58 Dollar, in
der Nachtschicht verdient er jedoch 10 Cents mehr pro Stunde.
Zufaellig ist der Zuschlag fuer Nachtarbeit in vielen anderen
Betrieben weitaus hoeher. Da viele Auftraege zu erledigen sind,
arbeitet Peterson woechentlich 48 Stunden und alle ueber 40
Stunden geleisteten Arbeitsstunden werden mit zusaetzlichen
50% verguetet. Der Betrieb arbeitet an einigen Auftraegen der
Regierung, stellt jedoch im wesentlichen Waren fuer den Zivilbedarf her. In der Woche verdient Peterson bei einer Arbeitszeit von 48 Stunden 87,36 Dollar. Diesen Betrag erhaelt er
jedoch nicht in bar, weil von Steuern und Praemien fuer die
Arbeitslosen-, Unfall-, Sozial- und Invalidenversicherung abgezogen werden. Da er nicht verheiratet ist, sind seine Abgaben ziemlich hoch, und er bringt in der Woche 72 Dollar
nach Hause. Wenn er eine Frau haette und ein oder zwei Kinder,
waeren seine Steuern wesentlich niedriger. Die Nachtschicht
dauert von 20:30 Uhr bis 07:00 Uhr morgens mit einer halben
Stunde Essenspause um 02:30 Uhr. Peterson gewoehnt sich allmaehlich an diese Arbeitszeit. Er fruehstueckt, wenn er nach
Hause kommt, und nimmt eine Mahlzelt ein, bevor er zur Arbeit
geht. Fuer seine Verpflegung braucht er woechentlich 10 oder
13 Dollar. Er bereitet seine Speisen zu Hause selbst zu. Seine
Spezialitaeten sind Roastbeaf oder Hammelbraten, Haschee und
Schweinekottelett. Seine Hauptmahlzeit ist z.Z"t. das Fruehstueck. Es besteht aus Fruchtsaft, einem Viertel Liter Milch,

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�Fruechte, Speck, Eier und Gebaeck. Er nimmt jedoch keinen
Kaffee zu sich, da Kaffee ihn nervoes macht. Fuer seine Miete
zahlt er 15 Dollar im Monat. Das ist sehr billig. Er wohnt
in Manhattan in einer Wohnung ohne Heizung mit 3 Raeumen. Er
hat heisses Wasser und seine eigene Toilette, und weil er ledig
ist, meint er, dass die Wohnung gut genug fuer ihn ist. Ausserdem will er keine teure Wohnung bezahlen.
Fuer Bekleidung gibt er jaehrlich etwa 150 Dollar aus.
Ein neuer Anzug kostet 45 oder 50 Dollar. Fuer ein halbes
Dutzend weisser und ein halbes Dutzend Sporthemden braucht er
etwa 36 Dollar, 24 Paar Struempfe kosten 12 Dollar. Unterwaesche und Krawatten kosten 15 Dollar und ein paar Arbeitsschuhe 8 Dollar. Ausserdem kauft er sich in jedem Jahr einen
Ueberzieher fuer etwa 35 oder 40 Dollar. Das ergibt einen
Betrag von 155 bis 165 Dollar im Jahr.
Gibt es in seiner Wohnung viel mechanische Einrichtungen?
Einen mit Gas betriebenen Kuehlschrank, ein elektrisches Bueg«leisen, einen elektrischen Brotroester und ein Radio mit Plattenspieler. Er hat keinen Fernsehapparat, weil er seine Freizeit
am liebsten mit Lesen verbringt.
Natuerlich ist er gewerkschaftlich organisiert. Er gehoert
der Internationalen Mechanikergewerkschaft der AFL an, die ueber
600.000 Mitglieder zaehlt, und er ist in seiner Gewerkschaft
aeusserst aktiv. Seine Ortsgewerkschaft hat 1200 Mitglieder,
und er nimmt stets an den regelmaessigen monatlichen Versammlungen teil. Es finden ausserdem in der Zwischenzeit ausserordentliche Betriebsversammlungen statt. Er ist jetzt Kandidat
fuer den ünterhaltungsausschuss, der unter anderem Programme
fuer Abendgesellschaften, Bierabende und Ausfluege fuer die
Mitglieder ausarbeitet. Man bildet ausserdem Kegel- und
Korbballmannschaften.
Die Ausgaben dieses Arbeiters sind im Vergleich zu seinem
Einkommen ziemlich niedrig. Was macht er mit seinem uebrigen
Geld? Er hat eine Freundin, und sie gehen haeufig zusammen
aus; zum Kino, zum Konzert, zu Vortraegen, Tanzveranstaltungen,
zum Ballett und Picknick. Im Sommer verbringen sie viel Zeit
am Strand. Peterson spart ausserdem. Denn wer kann es wissen?Eines Tages koennte er vielleicht sogar heiraten1.
Der Tarifvertrag seiner Gewerkschaft enthaelt viele Klauseln,
die nach der Meinung aller Arbeiter sehr gut sind. Fuer Arbeit
am Sonnabend werden 150$ gezahlt, selbst wenn der Arbeiter waehrend der Woche an einem Tag nicht zur Arbeit erschien.Dieser Bericht ist ein Beispiel fuer das Leten vieler
junger, lediger Arbeiter in den Vereinigten Staaten. Das Bild
mag sich wesentlich veraendern, wenn der Arbeiter heiratet und
einige Kinder hat.
Program Services Section
V/28/1951

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�EINE ERHEBUNG UEBER DIE ARBF.ITSFAEHIGKEIT, VON RENTNERN IN
DEN* P.S.4?
Schaetzungsweise zwei Drittel bzw. drei Viertel der
Maenner und Frauen, die augenblicklich Alterspensionen beziehen, sind arbeitsunfaehig. Die meisten von ihnen haben
fuer immer aufgehoert zu arbeiten. Einige von ihnen koennen
jedoch arbeiten und arbeiten nach'ihrer Pensionierung auch in
Berufen, die nicht so grosse Ansprueche wie ihre ursprünglichen Berufe an sie stellten. Zweifellos koennten noch mehr
arbeiten, wenn Arbeitsplaetze vorhanden waeren, die ihrer begrenzten Arbeitsfaehigkeit entspraechen.
Dieses geschaetzte Ausmass der Arbeitsunfaehigkeit unter
allen aelteren Pensionsempfaengern in den Vereinigten Staaten
bezieht sich auf die gegenwaertige, im Verhaeltnis als Vollbeschaeftigungsperiode anzusprechende Situation. Bei einem
Arbeitsmarkt, der fuer die Beschaeftigung aelterer Leute weniger guenstig waere, waere der Prozentsatz der Arbeitsunfaehigkeit niedriger als diese Schaetzung, weil mehr koerperlich arbeitsfaehige Personen von 65 Jahren und darueber untaetig waeren
und Altersrenten beziehen wuerden.
Der Begriff der Arbeitsunfaehigkeit ist natuerlich relativ,
und der geschaetzte Prozentsatz der arbeitsunfaehigen Rentenempfaenger haengt davon ab,wie man diesen Begriff definiert.
Bei der zugrundeliegenden Schaetzung wurde ein Rentenerapfaenger
als arbeitsunfaehig betrachtet, wenn er nicht in der Lage war,
den Beruf, den er vor seiner Pensionierung susuebte, vollzeitlich weiter zu betreiben.
Die vorliegende Schaetzung stuetzt
sich auf die Aussagen einzelner Altersrentenempfaenger in 20
verschiedenen Staedten. Insgesamt wurden in der Zeit von 1941
bis 194-9 3362 Maenner und 622 Frauen befragt, die in den acl t
Jahren von 1940 bis 1947 die ersten Unterstuetzungen bezöge»;
man wollte feststellen, wie es ihnen nach ihrer Pensionierung
erging. Unter anderem fragte man sie, was sie von ihrem Gesundheitszustand und ihrer Arbeitsfaehigkeit hielten. Die Gebrechen, ueber die sie klagten, und jegliche Beschaeftigung,
die sie in dem der Befragung vorausgehenden Jahr ausgeuebt
haetten, wurden notiert.
In der Auswertung der gesammelten statistischen Unterlagen wurden Rentenempfaenger zuerst gemaess ihrer Meinung
bezueglich ihrer Arbeitsfaehigkeit zur Zeit der Eefragung in
drei Klassen gruppiert. Sodann studierte man die Statistiken
ueber die Beschaeftigung der Rentenempfaenger nach ihrer Pensionierung in jeder einzelnen Klasse und ihren gegenwaertigen Gesundheitszustand*
Bei der Eingruppierung der Rentenempfaenger nach ihrer
Meinung bezueglich ihrer Arbeitsfaehigkeit, bediente man sich
der folgenden Einstufungsraethode:
1. Diejenigen, die sagten, sie koennten vollzeitlich,
d. h. 35 oder mehr Stunden pro Woche, einen Beruf ausueben,
fuer den sie auf Grund ihrer Erfahrungen qualifiziert sind.
2. Diejenigen, die sich fuer vollkommen arbeitsunfaehig
hielten und
3. diejenigen, die erklaerten, sie seien arbeitsfaehig,
jedoch mit der Einschraenkung, dass die Arbeit "leicht" oder nur
"kurzzeitlich sein duerfe.
- 11

�In allen drei Klassen waren auch einige Unterstuetzungsempfaenger, deren Unterstuetzungen fuer einen Monat oder laenger
in dem der Erhebung zugrundeliegenden Jahre wegen ihrer Einkuenfte aus irgendeiner Beschaeftigung gesperrt waren.
Die meisten der Rentenempfaenger, die sich fuer vollzeitlich arheitsfaehig in ihren urspruenglichen Berufen erklaerten,
wenn sie hierzu die Moeglichkeit hatten, waren wahrscheinlich
auch wirklich hierzu in der Lage. So waren zum Beispiel im
Kriegsjahr 1944 89% aller maennlichen, in Ohio wohnhaften uni
in der Erhebung erfassten Rentenempfaenger irgendwie beschaeftigt. Zwei Drittel der Maenner, die sagten, sie koennten vollzeitlich arbeiten, waren das ganze Jahr hindurch auch vollzeitlich erwerbstaetig. Als die Nachfrage nach Arbeitskraeften
jedoch nachliess, war der Prozentsatz der Rentenempfaenger mit
nicht-vollzeitlicher Beschaeftigung. geringer und variierte
zwischen 44 und 72$. in den verschiedenen, in der Erhebung beruecksichtigten Gebieten, weil es fuer aeltere Maenner und
Frauen im allgemeinen schwieriger ist, eine Beschaeftigung in
der Industrie oder im Handel zu finden.
Die meisten Rentenempfaenger, die sich fuer vollkommen
arbeitsunfaehig erklaerten, waren wahrscheinlich krank. Sie
sagten, sie litten an Herzkrankheiten, hohem Blutdruck, Laehmungserscheinungen, Gicht, Blutarmut, Nachlassen der Sehkraft,
Krebs, Nierenerkrankheiten und anderen degenerierenden Alterserscheinunf:en. Einige Maenner, und zwar waren es 1944 bis zu
29 % und in den uebrigen Jahren von 4 - 19 #, hatten irgendeine Beschaeftigung, meist eine Gelegenheitsarbeit. Die Mehrzahl jedoch hatte zur Zeit der Befragung ihren Arbeitsplatz
aufgegeben, und andere waren trotz schwerer gesundheitlicher
Schaeden noch erwerbstaetig.
Aus der Studie ueber ihre Beschaeftigungsziffer waehrend
des Jahres der Erhebung und ueber ihre eigenen Anschauungen in
Bezug- auf ihre Gesundheit kann man die Schlussfolgerung ziehen,
dass alle Rentenempfaenger, die sagten, sie seien arbeitsunfaehig, auch als arbeitsunfaehig anzusehen sind.
Die Rentenempfaenger, die sagten, sie koennten nur kurzzeitlich arbeiten oder eine leichte Arbeit verrichten, setzten
sich aus Maennern und Frauen in einer Vielzahl verschiedener
Situationen zusammen. Mit Ausnahme des Erhebungsjahres 1944
in Ohio, wo der Prozentsatz 70 betrug, hatten weniger als die
Haelfte (32 - 46 %) der Maenner, die erklaerten, nur kurzzeitlich oder leicht arbeiten zu koennen, irgendeine Beschaeftigung. Einige der Rentenempfaenger, die keine Arbeit hatten,
hatten die Hoffnung verloren, einen Arbeitsplatz zu finden und
hielten sich in ihren urspruenglichen Berufen fuer arbeitsunfaehig. Andere dagegen haetten keine vollzeitliche Beschaeftigung uebernehmen koennen, die grosse Kraftanstrengung erfordert haette; einige haetten wahrscheinlich ueberhaupt nicht
arbeiten koennen. aber weil sie erklaerten, "bestimmte Arten
von Arbeit" verrichten zu koennen, wurden sie zu denen gezaehlt,
die Kurzarbeit oder leichte Arbeit uebernehmen koennten.
Die groesste Gruppe unter den Rentenempfaengern in dieser
Kategorie, die irgendeine Arbeit hatten, waren Maenner, - meist
Handarbeiter - die waehrend eines Teils des Jahres der Erhebung
oder auch ununterbrochen in diesem Jahr Beschaeftigungen ausge_
uebt haben, die weniger koerperliche Anstrengungen erforderten
als ihr herkoemmlicher Beruf. Wenige arbeiteten waehrend des
ganzen Jahres in kleinen eigenen Geschaeftsunternehmen. Ein
- 12 -

�alter Mann z. F., der Spritzlackierer in einer Klavierfabrik
gewesen war, zuechtete Hunde waehrend des Jahres der Erhebung.
Einige arbeiteten vollzeitlich in der Industrie, verrichteten
jedoch verhaeltnismaessig leichte Arbeiten. Typisch war ein
frueherer Maler, der als Wachmann beschaeftigt war. Die
meisten dieser Kategorie waren jedoch im Jahre der Erhebung
nur als Gelegenheitsarbeiter taetig; ein frueherer Zimmermann arbeitete gelegentlich privat fuer Familien, und ein
frueherer Arbeiter einer Stahlfabrik leistete Gartenarbeit
fuer seine Nachbarn.
Eine kleine Zahl von Maennern war waehrend eines Teils
des Jahres oder im ranzen Jahr in den herkoemmlichen Beschaeftirunpsarten taetig. Einige von ihnen mussten nach ihrer Wiedereinstellung feststellen, dass die Arbeit fuer sie zu schwer
war. urd sie hoerten wieder auf zu arbeiten. Ein Arbeiter aus
der ftahlindustrie war zum Beispiel acht Monate lang als Arbeiter der gleichen Branche taetig, musste jedoch dann aufhoeren,
weil er die schweren Arbeiten, die man von ihm verlangte, nicht
mehr leisten konnte. Er sagte, er habe Schmerzen in den Beinen,
koenne jedoch leichtere Arbeit verrichten. Andere hatten waehrend des ganzen Jahres gearbeitet, erklaerten aber den mit der
Erhebung Beauftragten, sie koennten nicht mehr laenger durchhalten. Wenige machten den Eindruck, auch weiterhin vollzeitlich in ihren urspruenglichen Berufen taetig sein zu koennen.
Ein bestimmter Prozentsatz derjenigen Rentenempfaenger,
die unter bestimmten Einschraenkungen hinsichtlich ihrer Arbeitsfaehigkeit erklaert hatten, eine Beschaeftigung ausueben zu koennen, duerften zu denen gezaehlt werden, die in dem Sinne arbeitsunfaehig waren, dass sie nicht ihre urspruenglichen Berufe ausueben konnten. Vorsichtig geschaetzt wuerde es sich dabei um
die Haelfte dieser Kategorie handeln.
Wenn man der Zahl der total arbeitsunfaehigen Rentner die
Haelfte derer hinzuzaehlt, die sich, fuer bedingt arbeitsfaehig
halten, wuerde man zu einer vorsichtigen Schaetzung der Gesamtzahl derer kommen, die wahrscheinlich fuer eine vollzeitliche
Beschaeftigung in ihren herkoemmlichen Ferufen untauglich sind.
In Boston (Erhebungsjahr 1946) und in PhiladelphiaFaltimore (194-9) gab es mehr arbeit sunfaehige Rentenempfaenger
als In den uebrigen in der Erhebung beruecksichtigten Gebieten,
was vor allem darauf zurueckzufuehren-ist, dass die in diesen
beiden Gebieten Befragten schon laenger Renten bezogen (1 bis
6 bzw. 1 bis 9 Jahre) als die bei frueheren Erhebungen Befragten, fuer die die Dauer der Unterstuetzungsberechtigung nur
1 bis 3 Jahre betrug. Da diese Erhebungen in Boston und
Bfeltinore juengeren Datums sind und sich auf Rentner erstrecken,
die schon laengere Zeit Renten beziehen, sind die Feststellungen
betreffs der Arbeitsunfaehigkeit in diesen beiden Beispielen
fuer die Gesamtlage in den Vereinigten Staaten vor Inkrafttreten
der Gesetzesaenderungen im Jahre 1950 zweifellos zutreffender
als die d&lt;r frueheren Studien.
Die Beispiele, die den obengenannten Prozentzahlen zugrunde liegen, erstreckten sich auch auf wenige Einzelfaelle,
in denen die Betreffenden waehrend des ganzen Jahres den
Pensionsbestimmungen unterliegende Beschaeftigungen vollzeitlich ausuebten und keine Renten bezogen. Wenn sich die Prozentsaetze auf Faelle beziehen wuerden, in denen nur Rentenempfaenger
beruecksichtigt sind, die waehrend eines Teils des Jahres oder
ununterbrochen Renten bezogen, waeren sie ein wenig hoeher.
Ausserdem konnten annaehernd zwei Prozent der Rentenempfaenger,

- 13 -

�die urspruenglich als Beispiele herausgegriffen waren, wegen
Krankheit nicht befragt werden. Ihre Einbeziehung wuerde
ebenfalls den Prozentsatz der Arbeitsunfaehigen erhoehen.
Bei der Abschaetzung der Arbeitsunfaehigkeitsziffer aller
Altersrentenempfaenger des Landes haben diese Umstaende Berücksichtigung gefunden.
Die in der Gesetzesaenderung von 1950 enthaltenen Bestimmungen, die besagen, dass nach sechs Vierteljahren des
Versichertseins Anspruch auf Rente besteht, haben wahrscheinlich zu einer Erhoehung der Arbeitsunfaehigkeitsquote gefuehrt,
weil unter denen, die frueher keinen Anspruch auf Renten hatten,
jetzt aber unterstuetzungsberechtigt sind, einige kranke Personen sind. Diese Auswirkung auf die Arbeitsunfaehigkeitsquote wird wahrscheinlich nicht durch eine Steigerung der
Pensionsquote koerperlich arbeitsfaehiger Personen aufgehoben,
die durch die Erhoehung der Renten, wie sie auch in der Gesetzesaenderung von 1950 vorgesehen ist, ausgeloest wurde,
weil die Erhoehung der Renten in erster Linie den Zweck hatte,
einen Ausgleich fuer die Steigerung der Lebenshaltungskosten
nach 1939 zu schaffen und nicht die Kaufkraft der Renten zu
erhoehen. Die Altersrenten sind, verglichen mit den Loehnen
noch zu niedrig, um denjenigen, die weiterarbeiten koennen,
Veranlassung zu geben, sich pensionieren zu lassen.
Wenn man alle diese Faktoren in Eetracht zieht, erscheint
es wahrscheinlich, dass zwei Drittel bis drei Viertel der zur
Zeit Altersrenten beziehenden Rentner - Maenner und Frauen
gemeinsam veranlagt - in dem Sinne arbeitsunfaehig sind, dass
sie nicht ihre urspruenglichen Berufe vollzeitlich ausueben
koennen.
Der Prozentsatz der arbeitsunfaehigen Rentenempfaenger
wird mit den Jahren zweifellos groesser werden, weil sich die
durchschnittliche Zeitspanne seit ihrer Pensionierung und damit auch ihr Durchschnittsalter erhoehen. Die Arbeitsunfaehigkeitsquote wird ebenfalls groesser werden, auch wenn die Unternehmer ihre Einstellung in der Frage der Pensionierung
aendern und ihre Arbeitnehmer so lange wie moeglich arbeiten
lassen, weil weniger arbeitsfaehige Personen ihre Beschaeftigung aufgeben werden. Sollte es jedoch zu einer schwierigen
wirtschaftlichen Depression kommen, durch die arbeitsfaehige
Maenner und Frauen von 65 Jahren und darueber von dem Arbeitsmarkt gedraengt und in die Pensionierung gezwungen wuerden,
wuerde die Tendenz einer steigenden Arbeitsunfaehigkeitsquote
der Altersrentenempfaenger ins Gegenteil umschlagen, weil die
Zahl der Rentenempfaenger durch das Hinzukommen arbeitsloser,
noch arbeitsfaehiger Rentner erhoeht wuerde.
Social Security Bulletin
VI/1951
J. L. Rhodes, Bezirksleiter fuer Werbung der AFL:
DIE ORGANISATIONSBESTREBUNGEN DER AFL IM SUEDEN DER U.S.A,
Im Laufe des vergangenen Jahres richteten die Gewerkschaften der Suedstaaten der U.S.A. ihr Hauptaugenmerk auf eine Erhoehung der Loehne. Die Veranlassung hierzu war ein dauerndes
Ansteigen der Lebenshaltungskosten. Die meisten Organisationen
waren hierbei recht erfolgreich, wenn auch in vielen Faellen
die von der Arbeiterschaft erreichte Lohnerhoehung durch ein
weiteres Ansteigen der Lebenshaltungskosten prompt wieder aufgehoben wurde.
14 -

�Die Arbeiter in den Suedstaaten fahren fort, sich Gewerkschaften anzuschliessen and neue Organisationen zu bilden. Das
Zunehmen der Mitgliederzahl der AFL im Sueden ist erstaunlich.
Durch die neuerdings im Sueden gegruendeten neuen Industrien
wurden viele neue Verdienstmoegiichkeiten geschaffen. Wenn auch
keine ernstliche Knappheit an Arbeitskraeften besteht, so machte
sich doch eine Verdichtung des Arbeitsmarktes bemerkbar.
Ein neues Interesse fuer die Gewerkschaftso^ganisation erwachte durch ueberhoehte Preise, zu hohe Mieten und die Unzulaenglichkeit der Loehne fuer nichtorganisierte Arbeiter. Dies
sind die Faktoren, die das Ansteigen der Gesamtmitgliederzahlen
der Gewerkschaften im Sueden trotz Widerstand der Arbeitgeber
und der antigewerkschaftlichen Gesetzgebung beschleunigen.
Der Sueden ist der Bauplatz neuer Atorakraftanlagen geworden, die einen Kostenpunkt von Hunderten von Millionen Dollars
darstellen und nach deren Abschluss Tausende von Arbeitern Beschaeftigung finden werden. Die AFL hat es verstanden, das
Vertrauen der meisten Arbeiter in Oak Ridge zu gewinnen. Zur
Zeit vertritt die AFL drei der Hauptgruppen und mehrere kleinere Gruppen der Atomkraftbetriebe und der damit verbundenen
Eeschaeftigungszweige.
Die Organisation der Farmarbeiter macht in den Zitronenplantagen Floridas und in dem Rio Grande-Tal von Texas gute
Fortschritte. Die Milchfarmarbeiter in Louisiana, Kentucky
und Georgia werden von der Nationalen Gewerkschaft der Fsrraarbeiter organisiert.
Eine hervorragende Organisationskampagne wurde neulich
von der Internationalen Gewerkschaft der Angestellten bei der
"Consolidated Aircraft Corporation" du^chgefuehrt. Aehnllche
Organisationsbestrebungen sind in allen Staaten des Suedens
im Gange.
Die Textilindustrie im Sueden weist die hoechste Zahl an
beschaeftigten Industriearbeitern auf. In diesem Gebiet uebermittelt die Textilarbeitergewerkschaft den Arbeitern laufend
die Werbebotschaften der AFL. Meistens befinden sich die
Textilfabriken in Staaten mit einer drastischen Antigewerkschaftlichen Gesetzgebung. Die Loehne der Textilarbeiter muessten erhoeht und nur durch eine tatkraeftige Arbeiterorganisation koennte
eine Verbesserung der unzulaenglichen Lohntarife erreicht werden.
Die Internationale Chemiearbeiter-Gewerkschaft hat ihr
Betaetigungsfeld im ganzen Sueden. In Oak Ridge hatte sie zu
den AFL Erfolgen beigetragen. Weitere Programme dieser Gewerkschaft werden in Florida, Louisiana und anderen suedlichen
Staaten verfolgt. In allen suedlichen Gegenden konnten viele
Gruppen cer verschiedenen chemischen Industriezweige der
Chemiearbeiter-Gewerkschaft einverleibt werden.
Die Gewerkschaftsbewegung bemu«ht sich dauernd, die Importierung mexikanischer Arbeitskraefte einzuschraenken und zu
kontrollieren. Erschütternde Tatsachen wurden von der von
Praesident Truman eingesetzten Untersuchungsgruppe berichtet.
Hunderttausende von "Grenzgaengern" sind auf Veranlassung gewinnsuechtiger amerikanischer Arbeitgeber diesseits des Rio
Grande in die Vereinigten Staaten gekommen. Durch diesen

- 15 -

�Zustrom mexikanischer Staatsangehoeriger und ihre Bereitwilligkeit, frier erbaermliche Loehne zu arbeiten, wurde die amerikanische Arbeiterschaft gescraedigt. Die Nationale FarmarbeiterGewerkschaft und andere AFL-Gewerkschaften haben gegen die
Untergrabung des amerikanischen Lohnstandards - eine Folge der
Verschwoerung gewisser Arbeitgeber, die Schaffung angemessener
Arbeitsbedingungen zu vereiteln - gekaempft.
Laut den bei den suedlichen Dienststellen der AFL eingelaufenen Berichten soll ein Teil der Unternehmer gewillt sein,
sich mit der Föderation zum Zwecke der Regulierung des Zustroms
mexikanischer Staatsangehoeriger und zur Unterstuetzung der sich
auf illegale Grenzgaenger beziehenden Einwanderungsgesetze zusammenzuschliessen. Es wurde vorgeschlagen, dass diejenigen
Arbeitgeber, die illegal eingewanderte Arbeitnehmer einstellen,
strafrechtlich verfolgt werden sollen.
An alle neuaufgenommen Gewerkschafter werden jetzt Sozialversicherungskarten ausgegeben. Es ist mit allem Nachdruck
darauf hingewiesen worden, dass diese Karten an illegal Eingewanderte nicht ausgegeben werden sollen.
Mexikanern, die illegal in diesem Lande leben, wird es
gestattet, bei den vom Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen durchgefuehrten Repraesentationswahlen ihre Stimme auf derselben
Basis wie amerikanische Buerger abzugeben. Dieser Ausschuss
sollte die Grenzgaenger an der Teilnahme an solchen Wahlen
hindern.
Dies stellt ein aeusserst ernstes Problem dar. Die
Nationale Farmarbeiter-Gew°rkschaft hat durch das Verbreiten
von Berichten ueber diese Zustaende eine grosse erzieherische
Arbeit auf diesem Gebiet geleistet. Die AFL versucht durch
die gesetzgebenden Organe in Washington eine Gesetzgebung zu
erwirken, welche der auf den Zustrom von Grenzgaengern zurueckzilfuehrenden Lohnsenkung Einhalt gebieten soll.
Die AFL-Bewegung im Sueden wird in den kommenden Monaten
auf viel Widerstand stossen. Sie beabsichtigt,ihm mutig zu
begegnen.
The American Federationist
VII/1951

- 16 -

KICCIO £3 i l l g 51 11855 6 II

�Internationale

ARBEITSHITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 33

Frankfurt, 17. Aurust 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Wie lebt man in Moskau?

1

Neue Richtlinien der ECA zur Foerderung der
Produktivitaet

4

Beschaeftigungslage im amerikanischen
Bergbau

5

Amerikanische Gewerkschafter in Frankreich

7

Bodenreform - Ein Schluessel zur wirtschaftlichen Entwicklung

9

Vereinte Kationen beschaeftigen sich mit dem
V/ohn raumprob lern in Asien

13

'.Veitgesundheitsorganisation bekaempft Malaria
in Indien

14

WIE LEBT MAN IN MOSKAU?
George C. Se:.imens, der Autor des folgenden Artikels, hat kuerzlich mit einer englischen Delegation
Russland besucht. In der Londoner sozialistischen
Zeitschrift "Tribüne" berichtet er darueber:
Wie sieht das Leben in Russland im Vergleich zum Leben bei
uns aus? Der staerkste Unterschied ergibt sich wohl im Leben

- 1 -

�der Frauen. In Russland ist fast jede verheiratete Frau gezwungen, arbeiten zu gehen, um mitzuhelfen, das Haushaltsgeld
auszugleichen - ausser natuerlich, wenn ihr Mann in der giuecklichen
Lage ist, ein betraechtlich hoeheras Einkommen zu haben als der
Durchschnitt. Darin, so erklaerten uns unsere russischen Fuehrer,
bestehe die Emanzipation der Frauen; sie haetten es gern, arbeiten zu gehen und wirtschaftlich unabh&amp;engig zu sein. Um Muetter
in den Stand zu setzen, arbeiten zu gehen, werden die Kinder, sobald sie nur einige Wochen alt sind, in Krippen und Kindergaerten
geschickt.
Wenige Frauen leisten qualifizierte Arbeit. Die meisten sind
mit verhaeltnismaessig unqualifizierter Arbeit beschaeftigt, wie
zum Beispiel Strassenkehren, Auf- und Abladen von Lastautos, Erdarbeiten - "alles", so sagte man uns, "ausser der allerschwersten
Arbeit". Tatsaechlich scheint fast die ganze unqualifizierte Arbeit von Frauen geleistet zu werden. Sie erhalten bei gleicher
Beschaeftigung die gleiche Bezahlung w"le Maenner, aber da sie gewoehnlich die minderqualifizierten Arbeiten verrichten, sind ihre
Durchschnittsloehne niedriger als die der Maenner.
' Wir versucnten wiederholt, die Koehe der Loehne festzustellen, aber es war unmoeglich, genaue Statistiken oder auch nur eine
verlaessliche Schaetzung der durchschnittlichen Lohnhoehe zu erhalten. Wir-konnten jedoch feststellen, dass die Unterschiede
zwischen den einzelnen Loehnen und Einkommen phantastisch hoch
sind fuer ein Land, das behauptet, sozialistisch zu sein. Die
meisten Leute, die wir fragten, sagten, der Durchschnittslohn
mache ungefaehr 900 Rubel aus, waehrend das Familieneinkommen, wegen des niedrigeren Verdienstes der Frau, ungefaehr 1600 Rubel betraep-t. Dies-e Schaetzung ist wahrscheinlich ein wenig zu optimistisch, da sie auf die sehr grosse Zahl der unqualifizierten
Arbeiter nicht Bedacht nimmt.
Eine Krankenschwester verdient ungefaehr 400 Rubel im Monat
bei einer Arbeitswoche von sechs Tagen zu sechs Stunden. Wenn
sie die Zahl der Arbeitsstunden verdoppelt, erhaelt sie auch den
doppelten Lohn. Ein Arzt erhaelt waenrend der ersten fuenf Jahre
nur 600 Rubel und selbst nach 20 Jahren nur 1200, ausser er spezialisiert sich und erwirbt zusaetzliche Qualifikationen. Nach
30 Dienstjahren bekommt er jedoch eine Pension von 40 Prozent
seines Gehaltes und zusaetzlich auch noch das Gehalt, wenn er
weiterarbeiten will.
Die Bezahlung eines Lehrers haengt von der Art der Schule
ab. Er erzielt ein Hoechsteinkommen von 1500 Rubel pro Monat in
den hoechsten Schultypen und moeglicherweise weniger als 1000
Rubel in einer Volksschule. Nach 25 Jahren erhaelt auch er eine
Pension von 40 Prozent. Auch er kann sein Einkommen verdoppeln,
wenn er doppelte Schichten arbeitet. In Moskau zum Beispiel
werden die meisten Schulen infolge des Mangels an Schulgebaeuden
nach einem Zweischichtensystem betrieben. Ein Bergarbeiter
erhaelt einen Grundlohn von 1000 Rubel im Monat. Ist er ein
Stachanow-Arbeiter, kann er bis zu 6000 Rubel verdienen. Das
hoechste Gehalt, das wir feststellten, bezog ein Spezialist,
Professor der Medizin, der 12.000 Rubel im Monat erhielt - dreissie
mal soviel wie eine Krankenschwester.
Es war nicht leicht fuer uns, ausfindig zu machen, wieviel
und wie gut die gawoehnlichen Leute essen, da wir immer in den
besten Hotels und Restaurants verpflegt wurden. Nur einmal nahmen
wir eine Mahlzeit ein, die auch die Studenten der Anstalt, die wir
besuchten, erhielten. Von den Preisen, die wir in den Geschaeften
sahen, aufgrund der Tatsache, dass es keine Rationierung gibt,
und auch von dem, was uns die Leute ueber ihre Essgewohnheiten

- 2 -

�erzaehlten, empfingen wir den Eindruck, dass die meisten Russen wahrscheinlich etwas mehr essen als wir, aber dass sie ein
gutes Stueck mehr als die Haelfte des gesamten Familieneinkommens fuer Lebensmittel ausgeben muessen.
Die Kleidung, die man in den Strassen sieht, ist im allgemeinen dunkler und schaebiger als bei uns. Alle Maenner tragen
Anzuege, gewoehnlich dunkle. Kleidungsstuecke wie Sportsakkos
oder rauhe Stoffe wie Tweed sind unbekannt. Ja zwei von uns,
die Harris-Tweed-Sakkos trugen, wurden wiederholt gefragt, wie
sie denn solche schlechte Kleider tragen koennten.' Harris
Tweed ist bekanntlich ein besonders ruter, dicker englischer
Stoff. Auch die Kleidung der Frauen ist etwas farblos, die Roekke sind gewoehnlich kurz und wenige Frauen schminken sich. Stoffe guter 4ualitaet und gutgeschnittsne Kleider sind vorhanden,
aber teuer. Anderseits koennen Stoffe schlechter ^ualitaet und
Kleider, die schlechter sind als jene, die man normalerweise in
England sieht, ziemlich billig gekauft werden.
Viele Konsumgueter, wie zum Beispiel Hausnaitungss-egenstaende, Schreibmaterialien, Buecher und so weiter, sind leicht zu
haben. Andere notwendige Artikel sind jedoch sehr kna^p. So
sahen wir zum Beispiel eine lange Schlange von Frauen, die sich
nach Zwirn anstellten, und hoerten auch eine lebhafte Auseinandersetzung, als Frauen, die sich um Leinentaschentuecher angestellt hatten, nichts mehr erhielten, weil der Vorrat ausverkauft war.
Kinderwagen, Fahrraeder und I.!otorraeder sind in den Strassen
kaum zu sehen. Zwar gibt es genug Autos in L.'oskau und in anderen Staedten, die wir besuchten, aber die meisten gehoeren
oeffentlichen Organisationen. In ganz Moskau gibt es nicht mehr
als zehntausend Autos in Privatbesitz. Auf einer Kollektivfarn
bei Suchumi an der Kueste des Schwarzen Meeres fanden wir jedoch,
dass 35 der insgesamt 415 Familien im letzten Jahr ein Auto gekauft hatten.
Offiziell gibt es keine Arbeitslosigkeit und jeder Buerger
hat Anspruch auf einen Posten. Aber trotzdem Rahen wir eine Anzahl von Bettlern, meist Kruepnel, und auch ein Kind, die neben
der Kasse eines Geschaeftes im Zentrum Moskaus um Kleingeld bettelten. Krueppel gibt es, wie man verstehen wird, sehr viele,
waehrend man kaum jemals Prothesen sieht.
Wir waren besonders bepierig, .etwas von den Wohnverhaeltnissen zu sehen zu bekommen. Aber obwohl wir im europeeischen Russland an die 6000 Kilometer herumfuhren, war unser Aufenthalt
ueberall so kurz, dass wir kaum eine Moeglichkeit hatten, Wohnunge
zu besichtigen. Die einzige Ausnahme war Moskau, wo ich zwoelf
Tare verbrachte. Dort sind die Y.'ohnverhaeltnisse entsetzlich.
Und doch erklaerten uns unsere Fuehrer, als wir durch die aer^sten
Elendsviertel gingen, die wir jemals gesehen hatten, dass Koskau
die einzige Hauptstadt der 'Veit sei, in der es keine 31 ums gebe.'
Im Zentrum Moskaus lebt man normalerweise in grossen Wohnbauten. Die meisten dieser Wohnblocks sind arg vernachlaessirt,
viele von ihnen feucht und gewoehnlich schlecht eingerichtet. Die
Waende sehen aus, als ob sie seit Jahren keine Farbe mehr gesehen
haetten; der L'oertel faellt ab. Auch kleinere Cebaeudo, die es
gibt, befinden sich in einem unmoeg-lichen Zustand. Alte Kirchen,
die nicht mehr fuer ihren ursoruenflichen Zweck verwendet werden,
werden fuer Wohnzwecke benutzt.
In den Vororten Moskaus, und im geringeren Ausmass auch im

�Zentrum, gibt es Blockhaeuser aus Holz, die mit Lloertel beworfen sind. Biese Blockhaeuser bestehen gewoehnlich aus
zwei Raeumen und besitzen fast nie eine entsprechende Fundierung, so dass sie 3ich meistens senken. Ihre Tueren und
Fensterrahmen sind kaum jemals rechteckig und passen daher
auch nicht.
Diese Wohnstaetten sind nicht nur schlecht, sie sind auch
ueberfuellt in einem Ausmass, das wir uns nicht vorstellen
koennen. Kaeuser und Wohnungen haben fuer den Brieftraerrer
eine Liste der Bewohner an den Tueren angebracht. Viele der
kleinen Blockhaeuser, die wir sahen, zeigten lange Listen mit
Namen, und zumindest einige dieser Namen muessen fuer ganze
Familien gestanden sein. 3s ist natuerlich keineswegs ueberraschend, dass die Verhaeltnisse so schlecht sind, denn das
Wohnungsproblem war bereits vor dem Krieg sehr ernst, und seither hat sich die Zahl der Bevoelkerung Moskaus zumindest verdoppelt. Die Zahl der Neubauten in Moskau ist, selbst nach den
optimistischesten angaben, die wir erhielten, betraechtlich
weniger als die Kaelfte der Neubauten Londons, umgerechnet auf
den Kopf der Bevoelkerung.
.Ich war als Kind vor 23 Jahren in Moskau und kann mich an
einiges erinnern. Zweifellos ist seither ein grosser Fortschritt gemacht worden. Alle Hauptstrassen sind nun breit angelegt und asphaltiert. Der Verkehr ist dicht. Die oeffentlichen
Verkehrseinrichtungen, die hoffnungslos unzureichend waren,
scheinen nun recht gut zu funktionieren. Ueberall sieht man
grosse, neue oeffentliche Gebaeude. Die Untergrundbahn ist
hoechst eindrucksvoll.
Der Gegensatz zwischen .diesen imposanten neuen Gebaeuden
und den entsetzlichen allgemeinen Wohnverhaeltnissen ist jedoch
enorm. Als wir darueber Fragen stellten, erklaerte man uns,
dass die Untergrundbahn von jedermann benuetzt wuerde und daher
eben grossartig sein muesse, waehrend Wohnungen ja nur einzelnen
Familien dienen. Wir konnten uns aber nicht des Gefuehls erwehren, dass etwas grundlegend falsch sein muss, wenn man mehr
Gewicht auf protzenhafte Aeusserlichkeit legt als auf die Befriedigung normaler menschlicher Befuerfnisse.
LOA Labor Information
VIII/8/51
NEUE RICHTLINIEN DER ECA ZUR FOLRDKRUNG D1£R PRODUKT IV IT ALT.
Die 3GA hat eine Reihe neuer Richtlinien fuer eine "Produktionshilfskamnagne" in Westeuropa ausgearbeitet, die im wesentlichen dazu bestimmt sind, nicht nur die Produktivitaet zu
steigern, sondern auch die daraus entstehenden Gewinne auf die
Arbeiter, Verbraucher und Unternehmer gerecht zu verteilen. Um
ihre Bemuehungen auf einzelne Industriezweige und Betriebe zu
konzentrieren, beabsichtigt die ECA, ihren allgemeinen Kurs zu
aendern und nicht nur wie bisher mit den Regierungen zusammenzuarbeiten, sondern auch einen Verwaltungsapparat zu gruenden,
der die direkte Verbindung mit Gewerkschaften,einzelnen Unternehmen, einzelnen Betriebsleitern, Industrieverbaendenund Gewerkschaf tsfuehrern herstellt.
Zu den besonderen Problemen, mit denen man sich befassen
will, gehoeren die Gedankenlosigkeit auf sozialem und industriellem Gebiet, der mangelnde Ansporn fuer Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Steigerung der Produktionsleistung, gewisse nach- 4 -

�teilige Massnahmen seitens der Kartelle, Berufsvereinigungen,
Geschaeftskollegen und haeufig auch seitens der Regierungen,
nachteilige Massnahmen und Kannfxaethöden der Gewerkschaften,
die sich unter Unistaenden gegen einzelne Arbeiter richten, die
ihre Arbeitsleistung erhoehen wollen, die Befuerchtungen der
Gewerkschaften vor einer Ankurbelung der Produktion und vor
einer dadurch hervorgerufenen Arbeitslosigkeit, der Mangel an
Kapital oder unerschwingliche Zinssaetze, der Mangel an Dollar
zur Anschaffung bestimmter Maschinen und der Mangel an Rohstoffen und Maschinen. Geldmittel der Regierung und der oertlichen
Behoerden sollen unter der Bedingung bewilligt werden, dass
1. damit ein befuerwortetes Programm zur Steigerung der
Produktivitaet in einem Unternehmen verwirklicht werden kann,
damit wichtige militaerische oder Zivilgueter hergestellt werden
koennen oder die Verteilung verbessert werden kann.
£. die Gewinne, die aus der Verbesserung der Produktivitaet entstehen, an die Arbeiter der Betriebe in Form hoeherer
Loehne und in Form niedriger Preise an die Verbraucher gerecht
verteilt werden.
3. die Arbeiter der Betriebe oder Firmen an der Planung
und der Ausfuehrung der Programme zur Steigerung ihrer Produktivitaet freien Anteil nehmen koennen, und dass
4. Kredite nach ihrer Rueckzahlung wieder zur Ankurbelung
der /Wirtschaft verwendet werden.
Diese neuen Richtlinien der EGA werden als Beispiel fuer
die allgemeine Tendenz angesehen, die sowohl in amerikanischen
privaten Finanzkreisen als auch in halboeffentlichen Einrichtungen wie zum Beispiel der "World Bank" herrschen.
Wenn also amerikanisches Kapital ins Ausland geht, soll man
nicht nur pruefen, ob eine Nation Hilfe braucht, sondern auch,
ob sie bereit ist, sich selbst zu helfen, indem sie versucht,
finanzielle und andere Methoden, die in den Vereinigten Staaten
bereits erfolgreich erprobt wurden und sich als vorteilhaft erwiesen haben, anzuwenden.
V/eekly Labor News Digest
VIIT/1/51
BESCHAEFTIGUNGSLAGE IM AMERIKANISCHEN BERGBAU.
Ein Sorgenkind aller Nationen ist die Foerderung ihrer Bergwerke. Selbst wenn sie nicht weitgehend industrialisiert sind,
besteht trotzdem ein bestimmter Bedarf an Energie und Schwermetallen. Sie muessen entweder Mittel und Wege finden, um diesen Bedarf zu decken, oder sie muessen dafuer sorgen, dass sie
genuegend ürbeitskraefte haben, die ihre natuerlichen Hilfsquellen in ausreichender Menge ausbeuten koennen, um den Bedarf des
Landes selbst zu decken und in besonderen Faellen auch den lüxportvernflichtungen nachkommen zu koennen.
Die Vereinigten Staaten gehoeren zu den Laendern, in denen
groessere Mengen an Kohle, Kupfer, Eisenerz, Petroleum, Blei,
Zink, Bauxit und anderen Metallerzen gefoerdert werden. Darueber
hinaus haengt das gesamte Aufruestungsprogramm vom Bergbau ab,
ganz abgesehen von dem normalerweise hohen Verbrauch, der durch
die intensive Industrialisierung und den Export bedingt ist.
Trotz der Notwendigkeit, seit Beginn der Feindseligkeiten in Korea
- 5 -

�die Foerderung wesentlich zu steigern, ist die Beschaeftigtenziffer des Bergbaus tatsaechlich unvereendert geblieben. Die
Zahl der woechentlichen Arbeitsstunden ist dagegen wesentlich
erhoeht worden, wodurch auch das vorhandene Reservoir an Arbeitskraeften ver°;roessert wurde, ohne dass zusaetzliche Arbeiter eingestellt wurden. Der Mangel an Facharbeitern im Erzbergbau hat- sich erneut bemerkbar gemacht, eine Erscheinung, die
auch waehrend des 2. Weltkrieges zu beobachten war.
Wenn zu anderen Zeitpunkten -die Nachfrage nach den Produkten der Bergwerke in ungewoehnlicher Weise anstieg, war es
letzten Endes der Mangel an Arbeitskraeften, der in vielen
Sektionen des amerikanischen Bergbaus ausschlaggebend war. Die
im allgemeinen abgelegene Lage der Bergwerke und die besondere
Art der Arbeit vergroesserten dieses Problem. Bergwerksleiter
koennen in kritischen Zeiten nicht auf bedeutende Reserven an
Arbeitskraeften zurueckgreifen, wie zum Beispiel Frauen, Jugendliche und koerperbehinderte Arbeiter, weil diese füer die schwere
und unangenehme Arbeit in den Bergwerken untauglich sind. Schutzgesetze verbieten die Beschaeftigung von Frauen und Jugendlichen
im Untertagebergbau. Die isolierte Lage der Bergwerke bringt es
auch mit sich, dass die Arbeit in den Bergwerken auf die Stadtbevoelkerung Weniger anziehend wirkt, obwohl die Stundenloehne
fuer Bergarbeiter hoeher sind als fuer Fabrikarbeiter. Eine andere Schwierigkeit besteht darin, dass im Bergbau fachlich geschulte Arbeitskraefte gebraucht werden.
Die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute in der Nachkriegszeit hindert viele Bergarbeiter daran,
dieser Industrie den Ruecken zu kehren, wenn sich andere Beschaeftigungsmoeglichkeiten bieten. Ausserdem sind besondere Wohlfahrtsprogramme eingefuehrt und die aerztliche Betreuung ist verbessert worden. Die betriebseigenen Siedlungen verschwinden immer mehr. Viele Bergarbeiter koennen jetzt in Staedten leben,
weil die Strassen besser sind und viele Arbeiter ihren eigenen
Wagen haben.
Die Mechanisierung hat in der amerikanischen Bergbauindustrie
einen zweifachen Zweck erfuellt. Sie hat die Verdienstmoeglichkeiten der Arbeiter und auch ihre Produktionsleistung gesteigert.
Die Beschaeftigtenziffer im Bergbau betrug 1950 rund 904.000, d.h.
mit anderen Worten, auf 50 Arbeiter in nichtlandwirtschaftlichen
Betrieben kam etwa ein Bergarbeiter. 30 Jahre frueher waren rund
1.£30.000 Personen in den Bergwerken beschaeftigt, d.h. auf 22
Arbeitnehmer in der Industrie und dem Handel kam ein Bergarbeiter.
Unter den jetzigen Verhaeltnissen ist die Wahrscheinlichkeit einer
Spannung auf dem Arbeitsmarkt fuer Bergarbeiter geringer als im
Vergleich zu frueheren Zeiten, wenn ein gesteigerter Bedarf an
Bergwerksprodukten bestand.
Eine Ausnahme in der allgemeinen Aufwaertstendenz des Bergbaus bildet der Kohlenbergbau. Selbst waehrend des 2. Weltkrieges
wurde die Produktion durch den Mangel an Arbeitskraeften nicht wie
in Grossbritannien und anderen Laendern ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen. Eine beachtliche Verlaengerung der Arbeitswoche
im Erz- und Mineralbergbau und in der Steingewinnung verbunden mit
einer geringen Erhoehung der Beschaeftigtenziffer im April. 1951
waren von einer Verlaengerung der Arbeitswoche im Kohlenbergbau
von 43,9 auf 46 Stunden begleitet. Im Gegensatz hierzu wurden betraechtliche Ueberschuesse'an Arbeitskraeften in diesem Fruehjahr
aus zwei Kohlenbergbaugebieten und eine verkuerzte Arbeitswoche in
den Anthrazit- und Braunkohlenbergwerken gemeldet. Verbesserte
Bergwerksmaschinen und die Konkurrenz anderer Brennstoffe waren
fuer diesen Rueckschlag mitverantwortlich. So wurde zum Beispiel

- 6 -

�auf vielen Eisenbahnstrecken die Dampflokomotive durch Dieselmotoren ersetzt, ebenso wurden Taüsende von Yvohnungen mit Oel
oder Erdgas geheizt, die man vor einem ViertelJahrhundert noch
mit Kohle heizte.
In allen Staaten der USA gibt es Beschaeftigungsmoeglichkeiten in Bergwerken, die Haelfte aller Bergarbeiter ist jedoch
auf die Staaten Pennsylvanien,tfest-Virginia,Texas und Kentucky
konzentriert. Die groessten Konzentrationen nach der Art der
Foerderung sind in Pennsylvanien und Y/e st-Virginia vorzufinden,
wo 28 °/o der bituminoesen Kohle abgebaut werden. 35 % der Gesamt foerderung an Rohoel und Erdgas werden in Texas gewonnen.
Durch das Verteidigungsprogramm ist ein Anreiz dazu gegeben,
minderwertige Kupfer- und Eisenerzbergwerke in verschiedenen Gebieten von Michigan, Montana, Minnesota und New York auszubeuten.
Die geeigneten Arbeitskraefte fuer diese Bergwerke ausfindig zu
machen wird fuer Gewerkschaften und Unternehmer ein Problem erstrangiger Bedeutung sein.
Weekly Labor News Digest
VIII/1/51
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTER IN FRANKREICH.
"Der franzoesische Arbeiter braucht mehr Lebensmittel und
mehr Kleider, und die amerikanische Gewerkschaftsbewegung wuerde
es begruessen, wenn er diese bekommen koennte", erklaerte der
Gewerkschaftsfunktionaer Joe Glazer nach seinem kuerzlichen Besuch in Frankreich. Glazer, der Leiter der Bildungsabteilung
der dem CIO angeschlossenen Gewerkschaft der Gummi-, Kork-, Aluminium- und Plastikarbeiter von Amerika, verbrachte auf Ersuchen
der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) einen
Monat in Frankreich, um mit franzoesisehen Gewerkschaften zusammenzuarbeiten.
Er zieht einen Vergleich zwischen den wirtschaftlichen Verhaeltnissen der Arbeiter in Frankreich und denen in Amerika und
stellt dabei fest, dass die franzoesischen Arbeiter der Gummiindustrie bei einer laengeren Arbeitswoche wesentlich weniger
verdienen als ihre Kollegen in den Vereinigten Staaten, dass sie
jedoch die gleichen oder sogar noch hoehere Preise zahlen. Die
einzige Ausnahme ist die Miete, die in Frankreich sehr niedrig
ist. Mach den Worten eines Gewerkschaftsfunktionaers aus
Marseille "lebt der franzoesische Arbeiter von der Hand in den
Mund. Die Familienunterstuetzungen bewahren den verheirateten .
Arbeiter und seine Familie vor dem Kungerdasein. Der Arbeiter
gibt 70 % seines Einkommens fuer Nahrungsmittel aus. Er hat
keine Ersparnisse und keinen finanziellen Rueckhalt."
Nach der Auffassung Glazers ist die Schwaeche der Gewerkschaftsbewegung in Frankreich sowohl Ursache als auch Auswirkung
der unzulaenglichen Lebensverhaeltnisse der Arbeiter. Die
Organisierten sind in drei Gruppen aufgespalten - den kommunistisch beherrschten Gewerkschaftsbund (CGT), den katholischen
Gewerkschaftsbund und die nichtkommunistischen, sozialistisch
orientierten Gewerkschaftsgruppen (CGT - Force Ouvriöre).
Die zahlenmaessige und organisatorische Schwaeche. der franzoesischen Gewerkschaftsbewegung und die beschraenkten finanziellen Mittel der Arbeiter spiegeln sich in der aeusserst schwachen
finanziellen Lage der Gewerkschaften wider und werden durch sie
noch erschwert. "Bei zahlreichen Gewerkschaftsversammlungen sah
- 7 -

�ich die Arbeiter stundenlang auf Baenken ohne Rueckenlehne
sitzen, weil die Gewerkschaft nicht genuegend Geld hat, um
Stuehle zu kaufen," berichtet Glazer. "Ich unterhielt mich
mit Gewerkschaftsfunktionaeren, die Stunden damit verbrachten,
Briefe selbst zu tippen, anstatt draussen in den Ortsgewerkschaften taetig zu sein. Sie hatten jedoch kein Geld, um eine
Sekretaerin einzustellen. Ein Gewerkschaftsfuehrer in dem bedeutendsten Zentrum der Gummiindustrie Clermont-Ferrand erzaehlte mir, dass er seinen kleinen Wagen aufgeben und sich
des Fahrrads bedienen muesse, weil die Gewerkschaft. das notwendige Benzin nicht bezahlen koenne. Und dabei war er fuer
ein grosses Gebiet verantwortlich, und er wurde in seiner Arbeit durch diesen Umstand natuerlich stark behindert. Glazer
ging naeher auf die einzelnen Faktoren ein, die fuer diese Verhaeltnisse verantwortlich sind. Er berichtete, dass die Gewerkschaften sehr wenig Tarifvertraege haetten und die Moeglichkeit der Einziehung des Gewerkschaftsbeitrages durch den Unternehmer ebenso unbekannt sei wie irgendeine vertragsmaessig
festgelegte Bestimmung, nach der die Arbeitnehmer des Betriebs
Gewerkschaftsmitglieder sein muessen. "Es gibt kein organisiertes Beitragszahlungs3ystem und viele, die an die Gewerkschaft
glauben und sich als Gewerkschaftsmitglied fuehlen, haben monatelang keinen Beitrag gezahlt. Ich hatte zahlreiche laengere
Besprechungen mit verschiedenen Gewerkschaftsfuehrern ueber
unser Beitragssystem und seine Arbeitsweise, stellte jedoch fest",
das dieser Gedanke fuer sie voellig neu ist."

s

Die franzoesischen Gewerkschaften sind also, um die Worte
des Gewerkschaftsfuehrers aus Marseille zu gebrauchen - " zu
sehr gespalten und zu schwach, um fuer Dinge zu kaempfen, die
ihnen zustehen." Die Regierung ist entweder nicht bereit oder
schreckt davor zurueck, strenge Preiskontroll- und Steuergesetze zu erlassen, die den Arbeitern helfen koennten. Obwohl
der Marshallplan eine grosse Hilfe bedeutet, ist die wirtschaftliche Lage des franzoesischen Arbeiters schlechter als 1939.
Es ist ein fruchtbarer Naehrboden fuer die Demagogen der Linken naemlich die Kommunisten - und die der Rechten, die Gaullisten.
Beide versprechen eine starke Regierung, und viele ueberdruessige und enttaeuschte Arbeiter folgen ihnen.
Joe Glazer sieht fuer diese kritischen Probleme nur zwei
Loesungen: "Die Anwendung moderner Produktionsmethoden und die
Schaffung einer starken Gewerkschaftsbewegung, damit die Arbeiter den ihnen zustehenden Anteil an den Gewinnen aus der gesteigerten Produktion erhalten." Der Marshallplan, so betont er,
sei in beiden Richtungen eine grosse Kilfe. Die EGA arbeite
nicht nur an einem umfassenden Programm zur Unterstuetzung der
Steigerung der franzoesischen Praduktivitaet, sondern sie ist
auch staendig bemueht, den franzoesischen Gewerkschaften die
Erfahrungen und Methoden der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage .der Arbeiter zu uebermitteln.
Joe Glazer ist nicht der erste amerikanische Gewerkschaftsfuehrer, der nach Frankreich geht, um Betriebe zu besuchen und
mit Gewerkschaftsfuehrern, Betriebsraeten sowie einfachen Gewerkschaftsmitgliedern zusammenzutreffen, Gewerkschaftsfilme zu
zeigen und Gewerkschaftslieder zu singen. Er und die anderen,
die vor ihm in Frankreich waren, unternahmen nach seinen Worten
diese Reise, "um den freien franzoesischen Gewerkschaften durch
Informationen, neue Gedanken und Methoden zu helfen, tatkraeftigere Organisationen aufzubauen." Sie waren aber auch dort, um
mitzuhelfen, bei den franzoesischen Arbeitern ein besseres und
realistischeres Verstaendnis fuer die amerikanische Gewerkschafts- 8-

�bewegung und Amerika selbst zu erwecken. Und da Joe Glazer
seine Beobachtungen, die er ueber die Lage der Gewerkschaften
in Frankreich gemacht hat, seiner Gewerkschaft mitteilt und sich
mit seinen Kollegen hierueber unterhaelt, dient er noch einem
dritten Zweck: er erweckt naemlich bei amerikanischen Gewerkschaftern ein besseres Verstaendnis und Mitgefuehl fuer die Probleme ihrer Arbeitskollegen in der ganzen Welt.
Weekly Labor News Digest
711/25/51
BODENREFORM - EIN SCHLUESSEL ZUR WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG.
Die Vereinten Nationen haben in Zusammenarbeit mit der
Organisation fuer Ernaehrung und Landwirtschaft ihre erste weltweite Erhebung ueber Misstaende in der Struktur der Landwirtschaft als eines Hindernisses fuer die wirtschaftliche Entwicklung
beendet. Die Ergebnisse dieser Erhebung werden vom Wirtschaftsund Sozialrat der Vereinten Nationen im August und von der Organisation fuer Ernaehrung und Landwirtschaft auf deren Konferenz
im November behandelt werden. Man erwartet, dass durch den Bericht,
der auf Ersuchen der Generalversammlung ausgearbeitet wurde,
grosses Interesse fuer die Probleme und die Notwendigkeit der
Landreform in vielen Laendern erweckt wird.
In dem Bericht wird zu Anfang auf die bedeutende Rolle hingewiesen, die landwirtschaftliche Einrichtungen im grossen Rahmen
der landwirtschaftlichen Taetigkeiten spielen. Viele dieser Einrichtungen stellen in ihrer jetzigen Form ein Hindernis fuer die
wirtschaftliche Entwicklung und die Erzeugung von Nahrungsmitteln
dar. Zu den Grunduebeln in der Landwirtschaft gehoeren die Zerstueckelung des Grundbesitzes, die Unsicherheit des Pachtsystems,
die unzureichenden Kreditmoeglichkeiten sowie die Starrheit und
die Ungerechtigkeit des Besteuerungssystems.
Das auf der ganzen Welt am haeufigsten auftretende Problem
in der landwirtschaftlichen Struktur ist die unrentable Groesse
des Grundbesitzes. Nur in verhaeltnismaessig sehr wenig Faellen
entspricht die Groesse des Bauernhofes dem Aufwand an Arbeit, den
Erfordernissen der Bauernfamilien und dem Bedarf eines Landes an
Nahrungsmittelerzeugung. Nach diesen Punkten beurteilt sind die
Bauernhoefe entweder zu klein oder zu gross, hierbei dreht es sich
jedoch nicht nur um die Bodenflaeche. V.'ichtig ist vielmehr, dass
von den Produktionsreserven des Landes groesstmoeglicher Gebrauch
gemacht wird. Ein Bauernhof von einer bestimmten Groesse kann in
einem Land und unter gewissen Verhaeltnissen zu gross und in einem
andern Land unter anderen Verhaeltnissen zu klein sein. In vielen
Laendern, in denen die Bevoelkerungsziffer sehr hoch ist, sind zahlreiche Koefe zu klein, um selbst dem Bauern und seiner Familie ein
Unterhaltsminimum zu sichern.
Die Konzentration des Landbesitzes in grossen Guetern, wie
zum Beispiel in den meisten Teilen Asiens und des Mittleren Ostens,
fuehrt oft dazu, dass Teile grosser Gueter an kleine unabhaenrige
Paechter verpachtet werden. In anderen Gebieten, wie zum Beispiel
in Lateinamerika, sind grosse Hoefe als geschlossene Einheit im
Besitz Einzelner und werden auch als solche bewirtschaftet. Wenn
grosse Gueter in Einzelteilen von kleinen Paechtern bewirtschaftet
werden, stellen uebertrieben hohe und unveraenderliche Pachten die
groessten Schwierigkeiten dar, die der Entwicklung im Wege stehen.
Weitere Hindernisse sind die Unsicherheit der Pacht ohne jedlichen
gesetzlichen Schutz, geringe Bareinnahmen des Paechters, mit denen
er keine Investierungen vornehmen kann, und im allgemeinen der geringe Anreiz, den Ertrag zu steigern und die Einrichtungen zu ver- 9 -

�bessern. Unter diesen Umstaenden werden durch den Grossgrundbesitz nicht jene Vorteile geboten, die bei einer Bewirtschaftung im grossen und durch die entsprechenden Investierungen
moeglich-'sind. Der Landeigentuemer uebernimmt nur einen geringen Teil der Gestehungskosten, waehrend dem Paechter nur ein
geringer Teil jener Gewinne zufliesst, die man sich aufgrund
verbesserter Arbeitsmethoden verspricht.
Bei den grossen Guetern, die al3 geschlossene Einheit bewirtschaftet werden, unterscheidet man Gueter, die in wenig besiedelten Gebieten mit viel Brachland nur oberflaechlich bewirtschaftet werden, und intensiv bearbeite Grundstuecke, die
man in uebersiedelten Gebieten vorfindet, in denen ein Mangel
an geeignetem Ackerboden herrscht. In beiden Faellen werden
der Landbevoelkerung nur. unzufriedenstellende Beschaeftigungsmoeglichkeiten geboten; hierzu kommt ein geringes Verantwortungsbewusstsein und wenig Initiative seitens der Arbeitgeber,
wobei ein sehr niedriges Einkommen die Folge ist. In Lateinamerika ist eine ganze Haelfte des Ackerbodens in Pachtgrundstuecke in einer Groesse von ueber 6.000 Hektar aufgeteilt, die
Eigentumsrechte dieser Grundstuecke sind jedoch auf nur lf %
der Bauern konzentriert. Die grosse l'asse der Landbevoelkerung
setzt sich somit aus kleinen Paechtern und besitzlosen Landarbeitern zusammen. In den meisten Laendern, in denen es schlecht
bewirtschafteten Grossgrundbesitz gibt, entspricht die landwirtschaftliche Erzeugung nicht der notwendigen Erzeugung von Nahrungsmitteln. Nahrungsmittel mit hohem Naehrwert und fuer die Gesundheit wichtige Funktionen sind besonders kanpp. Derartige Wirtschaftssysteme des Grossgrundbesitzes ermoeglichen vielleicht
Wenigen einen grossen Reichtum, aber sie sind im Grossen und Ganzen nicht in der Lage, eine allgemein ausreichende Kaufkraft jenen Leuten zu bieten, die auf dem Lande leben und arbeiten. Die
Konzentration von Grundstuecken auf bestem Ackerboden zwingt
haeufig die Besitzer kleinerer Grundstuecke dazu, aermlichen
Boden an steilen Abhaengen zu bebauen, wo die Gefahr einer Bodenauswaschung sehr gross ist.
Das Plantagensystem ist in Gebieten vorzufinden, die stark
tiberbesiedelt sind. In Westindien zum Beispiel, wo auf einen
Quadratkilometer bebauten Ackerlandes 75 bis 125 Menschen kommen, trifft man meist grosse, nur schlecht ausgenutzte Plantagen
an. Was die Versorgung der schlecht ernaehrten eingeborenen Bevoelkerung betrifft, so wirft ein solches System in allen Faellen
schwierige Probleme auf. Die in den meisten Laendern bestehende
Notwendigkeit, eine gerechtere Verteilung des Gesamteinkommens
und groessere Moeglichkeiten des sozialen Fortkommens zu sichern,
ist mit diesem Plantagensystem unvereinbar. Fast ueberall, wo
das Plantagensystem in der Landwirtscnaft vorherrscht, haben Einfrucht- oder Fruchtwechselsysteme, die auf den Export ausgerichtet
sind, nachteilige Folgen fuer die wirtschaftliche Stabilitaet und
die inlaendische wirtschaftliche Entwicklung.
In engem Zusammenhang mit diesen fundamentalen Misstaenden
in der agrarwirtschaftlichen Struktur der unterentwickelten Gebiete steht die grundlegende Notwendigkeit einer Klaerung der
Besitz- und Wasserrechte. Eine Gesetzes Ordnung, die diese Rechte
nicht eindeutig und gerecht bestimmt, ist leistungsfaehigen landwirtschaftlichen Methoden wenig dienlich. Sie fuehrt zu fortgesetzten Streitigkeiten ueber die Besitzrechte, erhaelt die Unsicherheit und foerdert die Vergeudung von Land, Wasser und Arbeitskraeften.
Von den zahlreichen Hilfsmitteln, die die Bauern benoetigen,
um erzeugen zu koennen, ist keines wichtiger als angemessene
- 10 -

�Kreditmoeglichkeiten. Kleine Grundstuecksbesitzer leiden im
allgemeinen unter dem Mangel an Krediten oder unguenstigen
Kreditbedingungen staerker als Grossgrundbesitzer. Eine Ueberpruefung des Kreditsystems der Landwirtschaft in einigen unterentwickelten Gebieten hat gezeigt, dass die Zinssaetze vielerorts unvernuenftig hoch sind. In Indien zahlen Grossgrundbesitzer 12 - 15 jo Zinsen, waehrend die grosse Masse der Schuldner
zwischen 12 und 50 % und manchmal sogar bei Anleihen ohne Sicherheiten bis zu 300 L/o zahlen muss. In vielen anderen Laendern ist
durch uebertriebene Zinssaetze und Mangel an langfristigen Kreditmoeglichkeiten eine weitgehende Verschuldung der Landbevoelkerung hervorgerufen. In vielen Faellen deuten die grossen Schulden der Bauern nicht etwa auf grosse Kapitalanlagen hin, sondern
sie sind dadurch entstanden, dass mit geliehenem Geld der taegliche Verbrauch finanziert werden musste. In Ceylon sind 73 %
der Bauern verschuldet, sodass 90 % der Kredite fuer nichtproduktive Zwecke aufgenommen werden mussten.
Unkluge steuerpolitische Massnahmen hatten verheerende Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Erzeugung. In vielen unterentwickelten Gebieten der Welt besteht ein starres Steuersystem,
das auf einer unzweckmässig ausgewaehlten und nur selten verbesserten
Besteuerungsgrundlage beruht. Eine solche Besteuerung steht in
keinem Verhaeltnis zu dem Stand der Einkommen, vor allem dann,
wenn die Preise sich aendern. Waehrend wirtschaftlicher Depressionen sind die Steuern zu hoch und bei guter Wirtschaftslage zu
niedrig. Unvernuenftig hohe Steuern fuer Kleinbauern, ob sie
direkt oder indirekt erhoben werden, tragen zu einer chronischen
Verschuldung der Landbevoelkerung bei und foerdern die Tendenz,
Hypotheken aufzunehmen und die Grundstuecke an Grossgrundbesitzer
zu verkaufen.
Waehrend es verhaeltnismaessig leicht ist, ueberall die den
agrarwirtschaftlichen Einrichtungen anhaftenden Fehler festzustellen, ist es nicht so einfach, ganz bestimmte Verbesserungen
vorzuschlagen. Die meisten der erwaehnten Probleme sind gegenseitig voneinander abhaengig. Die Wirksamkeit von Reformen
haengt haeufig von gemeinsamen Massnahmer. auf vielen wechselseitig sich ergaenzenden Taetigkeitsgebieten ab. Bestimmte durchfuehrbare Reformen sind verhaeltnismaessig einfache Massnahmen,
die in den meisten Faellen ohne eine grundlegende Veraenderung
de-r wirtschaftlichen und sozialen Struktur der Landwirtschaft angewendet werden koennen. Hierzu gehoeren die Vereinheitlichung
zerstueckelter Grundstuecke einzelner Bauernhoefe, um eine groessere Leistungsfaehigkeit zu gewaehrleisten, die genaue Bestimmung und Registrierung von Besitz- und Wasserrechten, eine Reform
des Steuersystems, um ihm eine gerechtere und geschmeidigere
Grundlage zu geben, die Bereitstellung von langfristigen Krediten
bei angemessenen Zinssaetzen und die Verbesserung des Schulungsund Beratungswesens auf dem Lande. Wenn auch die Durchfuehrung
der Programme dieser Art keineswegs einfach ist, so stehen doch
hier genuegend Erfahrungen zur Verfuegung, die eine gute Gewaehr
dafuer bieten, dass man solche Reformen, wenn sie richtig angepackt werden, mit Erfolg durchfuehren kann.
An vielen Stellen, wo wirtschaftliche und soziale Probleme
am dringendsten sind, werden einschneidendere und schwierigere
Reformen notwendig. Die meisten dieser Reformen erfordern eine
Uebertragung der Besitzrechte von Grundbesitzern auf Bauern. In
den vergangenen Jahrzehnten haben mehrere Laender umfassende Reformen dieser Art verwirklicht. Das Ausmass dieser Umwaelzungen
geht aus der Tatsache hervor, dass zum Beispiel in Indien bis zum
Januar 1950 1.800.000 Hektar (mehr als ein Drittel der gesamten
Anbauflaeche) in den Besitz von Bauern ueberfuehrt wurden, und
- 11 -

�dass drei Millionen Bauern nach.den neuen Gesetzen Land gekauft
hatten. In Mexiko, wo das Pachtsystem in der Zeit von 1922 bis
1945 einer grundlegenden Aenderung unterzogen worden war, ist
nahezu die Haelfte der gesamten Anbauflaeche (sieben Millionen
Hektar) in Kleinbauernbesitz uebercegangen.
Zu diesen Massnahmen, die in verschiedenen Laendern ergriffen
wurden, gehoeren auch die Einfuehrung und UnterstuetzUng der
bäuerlichen Erzeugungs- und Absatzgenossenschaften. In ihnen
ist ein hoeehst bedeutsames Mittel zur Verbesserung des bestehenden Agrarsystems zu sehen. Bestimmte Arten der Bewirtschaftung
auf genossenschaftlicher Basis haben ebenfalls gute Ergebnisse
durch die Foerderung der Schaffung neuer Einrichtungen im Anschluss
an die Bodenreform gezeitigt. Bauerngenossenschaften arbeiten
ueberall dort mit guten Erfolgen, wo die Bodenreform bereits durchgefuehrt ist. Durch Grosseinkauf und zentralisierten Absatz koennen die Genossenschaften ihren Mitgliedern wesentliche finanzielle
Vorteile bieten. Die baeuerlichen Genossenschaften foerdern zugleich die Spezialisierung sowie die Normung und erhoehen damit
die Leistungsfaehigkeit.
Die grundlegendsten Massnahmen, die zur Beseitigung gewisser
Maengel in den Landwirtschaftssystemen angewendet werden, haben
wesentliche Veraenderungen im Umfang und der Art der Erzeugung
zur Folge. In vielen Gebieten, in denen unguenstige Naturbedingungen herrschen, vor allem in solchen mit trockenem oder tropischem Klima, ist es schwer, ohne besondere Unterstuetzung der
Regierung eine Umgestaltung der landwirtschaftlichen Struktur
durchzufuehren, die sich auf kleine unabhaengige Grundstuecke
erstreckt. In solchen Gebieten muessen Bodenreformmassnahmen
Teil eines umfassenden Entwicklungsplanes sein, der in Gestalt
geschlossener regionaler Entwicklungsprogramme, einer grosszuegigen Investierung-, gemeinsamer Bemuehungen zur Ausnutzung von
Land und Wasser, der Bekaempfung der Bodenerosion, grossangelegter Bewaesserungsprojekte sowie der Erweiterung des Transportwesens verwirklicht wird.
In den ueberbevoelkerten Gebieten der Welt koennte das Landwirtschaftssystem auf engraeumige, intensive Bewirtschaftung umgestellt werden, wie zum Beispiel die Baumwollerzeugung. Solche
Massnahmen sind zusammen mit der Bodenreform wichtig, weil die
^volle wirtschaftliche Entwicklung auf breiter Front durchgefuehr-t
'werden muss. Wenn Agrarreformen allein durchgefuehrt werden, ohne
dass auch anderen Sektoren des Wirtschaftssystems Beachtung geschenkt wird, ist es moeglich, dass diese Reformen erfolglos bleiben. Genau so kann man auch nicht erwarten, dass die industrielle
Entwicklung, der in den meisten unterentwickelten Gebieten jetzt
hoechste Aufmerksamkeit geschenkt wird, erfolgreich verlaeuft,
wenn der Lebensstandard der baeuerlichen Bevoelkerung nicht verbessert wird, und wenn' das durch die Industrialisierung zusaetzlich
geschaffene Einkommen auf der anderen Seite durch landwirtschaftliche Pachten und Zinsen absorbiert und nicht zur Steigerung des
Lebensstandards der Landbevoelkerung verwendet wird. Es darf
weiterhin nicht uebersehen werden, dass durch Agrarreformen, die
die Einkommensverteilung aendern und die landwirtschaftliche Erzeugung steigern, eine Ausdehnung der Industrie ermoeglicht wird,
die dann eine zusaetzliche industrielle Kaufkraft erzeugen und
neue eigene Absatzmaerkte schaffen kann. Auf diesem Wege ist die
Reform eines mangelhaften Agrarsystems ein Schluessel zum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt.
Der Bericht enthaelt am Schluss bestimmte Empfehlungen an Regierungen in solchen Laendern, in denen die agrarpolitischen.Verhaeltnisse "ein Hindernis fuer die wirtschaftliche Entwicklung dar- 12 -

�stellen." Diese Regierungen werden aufgefordert, agrarpolitische Probleme im Lichte ihrer eigenen wirtschaftlichen und
sozialen Ziele zu studieren und sich bei wichtigen Entscheidungen auf gruendliche wissenschaftliche Untersuchungen zu
stuetzen. Es wird ausserdem empföhle», die einschlaegigen
Erfahrungen anderer Laender zu studieren. Den Regierungen
wird die Moeglichkeit vor Augen gefuehrt, sich der Einrichtung
der Vereinten Kationen und ihrer Fachbehoerden zu bedienen,
jedoch nur unter der Bedingung, dass sie bereits selbst Massnahmen in dieser Richtung ergriffen haben und die zur Verfue^ung
stehenden Mittel fuer weitgehendere Plaene der wirtschaftlichen
Entwicklung verwenden.
Economic and Social Problems
in the United Nations
VIII/51
VEREINTE NATIONEN BESCHAEFTIGEN SICH MIT DEM WOHNRAUMPROBLEM IN
ASIEN.
Wie eine Mission von Sachverstaendigen, die vom Sozialrat
der Vereinten Nationen zusammengestellt wurde, vor kurzem berichtete, stellen die "in Asien vorliegenden Verhaelthisse die
schwierigsten Wohnraumprobleme der Walt dar". Die Mission besuchte Indien, Pakistan, Malaya, Singapur und Thailand. Ihr
Bericht enthaelt auch ein Kapital ueber die Philippinen, das von
einem philippinischen Experten ausgearbeitet wurde.
Nach den Schaetzungen der Mission leben 100 bis 150 Millionen asiatischer Familien in ueberbelegten, ungesunden und
schlechten Unterkuenften. Ein grosser Prozentsatz dieser Menschen ist in Wohnungen zusammengepfercht, deren Einzelzimmer
zwei oder noch mehr Familien beherbergen.
Hauptsaechlich in Indien, Pakistan und Malaya ist dieses
Problem zum Teil durch die Millionen von Fluechtlingsfamilien
bedingt, die unter menschenunwuerdisren Bedingungen in behelfsmaessigen Lehmhuetten wohnen. Die Einwohnerzahl von Delhi zum
Beispiel ist in der Zeit von 1947, als die Teilung des Landes
stattfand, bis heute von 800.000 auf 1.600.000 angewachsen, von
denen rund 500.000 Fluechtlinge sind. Aehnlich liegen die Verhaeltnisse in Kalkutta, das 1945 2.500.Q00 Einwohner zaehlte und
heute an die fuenf Millionen hat, von denen rund zwei Millionen
Fluechtlinge sind, die nach 1947 in die Stadt kamen. Auch in
Malaya sind die Verhaeltnisse aehnlich, wo die Zusammenballung
von Menschen in den Staedten waehrend des Krieges noch beschleunigt
wurde, als die Landbevoelkerung vor den auf der malaiischen Halbinsel vordringenden Japanern in die Staedte wie zum Beispiel
Singapur fluechtete.
Aehnlich sind die Probleme auf den"Philippinen. Etwa 80 c/o aller Gebaeude in Manila, von denen ueber die
Haelfte Wohnhaeuser waren, wurden waehrend des Krieges zerstoert
oder beschaedigt.
Die Experten berichten ferner, dass die Verhaeltnisse in den
Doerfern und Landbezirken ebenso schlecht und ungesund sind. 85 %
der Bewohner der besuchten Laender leben auf dem Lande. Die bedeutendste Folgeerscheinung dieser Verhaeltnisse ist die Tatsache,
dass Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Lungenentzuendung
nicht bekaempft werden koennen.
Die Mission stellte fest, dass ein grosser Teil der Wohnbauund Gemeindeentwicklungsprojekte, die waehrend der letzten zwanzig
Jahre von den staatlichen und lokalen Behoerden versuchsweise durch- 13 -

�gefuehrt wurden, sich als falsch erwiesen und viel Vergeudung,
Verwirrung und Entmutigung verursacht haben. Es gab ein paar
gut ausgearbeitete Projekte zur Verbesserung der Wohnverhaeltnisse in diesen Gebieten, jedoch konnten diese Laender nicht
die Kosten fuer diese Programme bestreiten, deren Verwirklichung
fuer alle schlecht untergebrachten Familien auf dem Lande und
in der Stadt eine wesentliche Verbesserung der Wohnverhaeltnisse bedeutet haette.
Die Mission empfahl unter anderem, dass die Vereinten
Nationen ein Programm internationaler Zusammenarbeit auf dem
Gebiet des Wohnbaus und der Staedte- und Landplanung entwickeln.
Sie brachte hierbei die Auffassung zum Ausdruck, dass sich
internationalen Organisationen eine grossartige Gelegenheit
boete, wirksam fuer die Verbesserung der Wohnverhaeltnisse zu
arbeiten, indem sie ihre Taetigkeit auf Projekte und Programme
konzentrieren, die sich auf das Erziehungswesen, die Volksgesundheit und Hygiene, die Foerderung der Landwirtschaft und der
sozialen Verhaeltnisse auf dem Lande, die Entwicklung von Bewaesserungs- und Stromerzeugungsanlagen und auf die industrielle
Entwicklung erstrecken. Angesichts des grossen Interesses fuer
eine technische Untarstuetzung des Wohnhaus und der Gerne inaeentwicklung, das man in den besuchten Laendern an den Tag gelegt
hat, forderte die Mission die Vereinten Nationen auf, im Zuge
ihres technischen Unterstuetzungsprogramms wirksame Arbeit auf
diesem Gebiet zu leisten.
Aufgrund der Empfehlungen der Mission schlug der Sozialrat
vor, im Rahmen des technischen Unterstuetzungsprogramms der
Vereinten Nationen Ausbildungsinstitute zur Schulung von Bautechnikern und Bauingenieuren in Sued- und Soedostasien zu
errichten und Schulungskurse ueber einfache Baumethoden in die
Srziehungs- und Gemeindeentwicklungsprogramme der Vereinten
Nationen zu uebernehmen, die in den Lehrplaenen bereits vorgesehen sind. Der Sozialrat empfahl ausserdem, dass man sich vor
allem der Vorbereitung besonderer Studien ueber die Wohnbaufinanzierung, den Entwurf von Wohnbauprogrammen und die Staedteplänung widmen solle. Diese Arbeit wuerde in Zusammenarbeit mit
den regionalen Wirtschaftskommissionen der Vereinten Nationen
durchgefuehrt werden - der Wirtschaftskommission fuer Asien und
den Fernen Osten, fuer Lateinamerika und fuer Europa.
Economic and Social Problems
in the United States
VIII/51
WELTGESUNDHEITS ORGANISATI PN 3EKAEMPFT MALARIA IN INDIEN.
Die Malaria, der Weltfeind Nummer Eins der Volksgesundheit,
befaellt alljaehrlich in Indien eine von je vier Personen. Zu
Beginn des Jahres 1949, kurz nachdem die Weltgesundheitsorganisation ihre weltumspannende Attacke gegen diese Krankheit begonnen hatte, bat die indische Regierung die Weltgesundheitsorganisation und den Internationalen Kinderhilfsfonds, vier Arbeitsgruppen zur Verfuegung zu stellen, die in vier verschiedenen Gebieten
Anleitungen zur Bekaempfung dieser Krankheit geben sollten. Die
erste Gruppe begann mit einem Ueberwachungsprogramm in der Provinz Mysore an der Suedwestkueste Indiens. Die kleine Gruppe
setzte sich aus Paul Bierstein, einem amerikanischen Volksgesundheit sexperten, seiner Frau und einigen indischen Fachleuten zusammen. Bierstein- war schon vorher als Mitglied einiger Malariastudiengruppen in Griechenland, Aethiopien und Jugoslawien taetig.
Ein Bericht ueber seine zweijaehrige Arbeit in Mysore beleuchtet

- 14 -

�einige dieser Probleme, die bei der Durchfuehrung seines Gesundheitsprogramms ueberwunden werden mussten und die Dienste,
die den Menschen in Indien damit erwiesen wurden.
Die wichtigste Aufgabe bestand darin, den einheimischen,
auf dem Gebiet der Volksgesundheit Beschaeftigten die modernen
Methoden zur Bekaempfung der Malaria zu zeigen, fuer die Ueberwachung der Krankheit unter moeglichst niedrigem Kostenaufwand
zu sorgen und eine staendige Organisation zu errichten, die
diese Methoden nach Beendigung der Anleitungsperiode selbstaendig anwenden kann.
Die Gruppe arbeitete in einem Gebiet von 70 Quadratkilometern Umfang mit einem grossen landwirtschaftlichen Potential
und einer Bevoelkerung von rund 140.000 Menschen. Die Gemeinden waren in ihrer Groesse sehr verschieden - von kleinsten
Doerfern mit einigen Dutzend Bewohnern bis zu Staedten mit 5.000
bis 25.000 Bewohnern. Oftmals gab es fuer Gemeinden mit 10.000
und mehr Einwohnern keine ortsansaessigen Aerzte, Krankenschwestern oder Krankenhaeuser. In einigen Faellen war der
naechste Ort, an dem aerztliche Hilfe geleistet werden konnte,
40 bis 50 Kilometer entfernt. Die Benachrichtigungsmoeglichkeiten waren sehr duerftig. Sechsmonatige jaehrliche Regenperioden mit einer Niederschlagsmenge von 750 Zentimetern erschwerten nicht nur den Transport, sondern vermehrten auch die
Brutstaetten der malariauebertragenden Moskitos. Viele Doerfer
waren waehrend der Regenperiode ueberhaupt nicht zu erreichen.
Da man den rueckstaendigsten Teil des Staates Mysore zur Durchführung der Aufklaerungskampagne ausgesucht hatte, hatte man
es hauptsaechlich mit aberglaeubischen Menschen ohne jede Schulausbildung zu tun, die noch immer unter dem Kastensystem lebtenUeberbleibsel einer Ordnung, die in den groesseren Staedten
schnell verschwindet.
Eines der Hauptprobleme der Gruppe bestand darin, das Vertrauen der Dorfbewohner zu gewinnen. Diese Aufgabe fiel vor
allem Frau Bierstein und den daenischen Krankenschwestern zu,
die sich der Gruppe spaeter anschlössen und die Vorhut der
daenischen Gesundheitsinspektoren und Arbeitsgruppen bildeten,
die durch Spruehungen den gefaehrlichen Insekten zu Leibe gingen.
Sie belehrten die Landbevoelkerung darueber, wie sie ihre
Wohnungen zum Bespruehen vorbereiten muessen, und wie man Lebensmittel ,und Kleidung behandeln muss. Zuvor hatte die Gruppe
die Grundbegriffe der dortigen Sprache erlernen muessen, um den
Leuten erklaeren zu koennen, dass die Malaria durch eine gewisse
Art Moskitos uebertragen wird. Sie zeigten ihnen, wie malariauebertragende Moskitos aussehen, und wo sich ihre typischen
Brutstaetten befinden. Nach Erledigung dieser Aufgabe gingen
an Ort und Stelle ausgebildete Bekaempfungstruppen daran, die
Innenwaende der Wohnungen und die Verstecke der Moskitos rund um
die Wohnungen zu bespruehen.
Weil gerade Kinder fuer Malaria besonders anfaellig sind,
was durch Unterernaehrung und Lungenerkrankungen noch beguenstigt
wird, widmete man sich ganz besonders Gesundheitsproblemen von
Mutter und Kind. Die Schwestern und Hebammen beschaeftigten sich
besonders mit Schulkindern. Viele Kinder hatten Laeuse, Kraetze
und Hautinfektionen. Man lehrte die Muetter Sauberkeit, baute
Latrinen und zeigte den Kindern, wie man sie in hygienischer
Weise benutzt. Schulbaeder wurden gebaut, wo die Kinder mit Hilfe der Lehrer und Schwestern taeglich badeten. Freiwillige Gruppen lieferten jede Woche saubere und sterile Handtuecher fuer
die Kinder. Bald verschwanden Kraetze und Laeuse. Mit Mangezweigen improvisierte man Zahnbuersten und erklaerte den Kindern,
- 15 -

�wie sie ihre Zaehne outzen muessen. Die Dorfbev;ohner lehrte
man, Seife aus einer fetthaltigen Nuss herzustellen, die in
diesen Gebieten im Ueberfluss gedeiht.
Waehrend des Aufenthaltes der Gruppe in Indien kam es in
diesem Gebiet zu einem epidenieartigen Ausbruch der Pest. Die
Gruppe "stellte sich sofort auf die Bekaempfung der Pest um.
Sineftoche,nachdem sie ihre Flohbekaempfungsaktion mit Spruehmitteln beendet hatte, die genau so ausgefuehrt wird wie die
Bekaempfung der malariauebertragenden Moskitos, wurden keine
weiteren Erkrankungen mehr gemeldet. Die Leute hatten vor der
Pest weit mehr Ang3t als vor der Malaria, sodass sie von dieser
Bekaempfungsaktion der Gruppe noch staerker beeindruckt wurden
als von ihrer Arböit zur Unterdrueckung der Malaria. Die Pestbekaempfungsaktion wurde mit einem Kostenaufwand von 3£ Gents
pro Kopf der Bevoelkerung durchgeführt. Im Staate Mysore
wendet man seitdem die von der Gruppe vorgefuehrten Methoden
zur Pestbekaempfung planmaessig an.
Um die Menschen in diesem Gebiet vor der Malaria zu schuetzen und diese Krankheit tatsaechlich vollkommen auszumerzen,
benoetigt man jaehrlich schaetzungsweise 12 Gents pro Person.
Als die Gruppe in diesem gefaehrlichen Gebiet ankam, stellte
sie fest, dass viele Bauern mitten in der Erntezeit nicht auf
dem Felde waren, sondern malariakrank zu Hause lagen. Als sie
die Gegend verliessen, waren alle Bauern auf dem Felde und
konnten ihre schwere Tagesarbeit verrichten. Die Malaria war
derart zurueckgegangen, dass sie kein Volksgesundheitsproblem
mehr darstellte, und die oertlichen Arbeitsgruppen, die von der
internationalen Studiengruppe ausgebildet wurden, blieben
aeusserst wachsam, um ein V.'iederauf treten der Krankheit zu verhindern. Die Dorfbewohner, fuer die einst die Malaria eine
Begleiterscheinung des taeglichen Lebens war, die generatiunenlang immer sozusagen heimisch war und immer wieder auftrat,
haben heute fast vergessen, dass sie einmal von dieser Krankheit schwer heimgesucht waren. Einer der sichtbaren Beweise
fuer die Veraenderung im Landleben ist die Tatsache, da-~ss die
Arbeiter ihre Tagesarbeit frueher und schneller beenden und nicht
mehr so sehr auf die liilfe ihrer Kinder auf den Feldern angewiesen sind. Dadurch besuchen mehr Kinder die Schule, wo die
Gesundheitserziehungsprogramme von einheimischen, gruendlich
ausgebildeten Schwestern durchgefuehrt werden.
7/enn einmal ein Malariabekaempfungsprorramm angelaufen und
ortsansaessiges Personal zur Fortfuehrung der Arbeit ausgebildet
ist, setzen sich die oertlichen Regierungsstellen mit allen
Mitteln fuer eine Fortsetzung der Malariabekaempfungsprogramme
ein.
Es ist eines der vielen Programme, die von der Veitgesundheitsorganisation und dem Kinderhilfsfonds durchgefuehrt werden
und zur Verwirklichung, eines der Grundziele dieser Organisationen
beitragen: die Volksgesundheitseinrichtungen zu verbessern,
indem man die Menschen zu der Sehnsucht erzieht, in einer gesunden Umgebung zu leben.
Economic and Social Problems
in the United Nations
VIII/51

- 16 HICOO 28 tut 51 18351 « II

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der F mexikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 34

Frankfurt,

24 August 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Zuschlagiahlungssysteme in den Vereinigten
Staaten

1

"Dreiseitige Partnerschaft" - Eine neue
Moeglichkeit zur Loesung von Lohnkonflikten .*

3

Technische Zusammenarbeit mit Lateinamerika

6

Amerikanische Hilfe fuer Europas Arbeiter

8

Amerikanische Wohltaetigkeitsorganisationen
beschaeftigen sich mit der Lage minderbemittelter Familien

10

Bologna - Ein Beispiel fuer den Wiederaufbau
Italiens.

11

AFL fordert Massnahmen zur Kontrolle der
Inflation
'.

12

AFL-Funktionaere fordern intensivere politische
Anteilnalune

13

ZUSCHLAGZAHL1N3SSYSTEME IN DEN VEREINIGTEN STAATEN.

Die 40-stuendige Arbeitswoche und der achtstuendige Arbeitstag sind Beschaeftigungsnormen, die fuer die Mehrzahl der amerikanischen Arbeiter sichergestellt sind. Aufgrund der kurzen Arbeitszeit und des hohen Lebensstandards steht dem amerikanischen
Arbeiter viel Freizelt fuer seine Fortbildung und seine Erholung
zur Verfuegung.
Eingeengte Arbeitsmaerkte und die Erweiterung der Produktion erfordern jedoch eine Beschaeftigung ueber die regulaere

- 1 -

�Arbeitswoche und den Arbeitstag hinaus. Besondere Zuschlagszahlungen werden deshalb an alle laenger arbeitenden Arbeitnehmer geleistet, um sie fuer die Beschwerlichkeiten und Unannehmlichkeiten der Ueberstundenarbeit zu entschaedigen.
Die Entwicklung der Zuschlagszahlungsmethoden und ihre verschiedenartige Anwendung werden in einem Artikel analysiert, der
unter der Ueberschrift "Premium Pay: Analysis of Industrial
Practices" (Zuschlagszahlung: Analyse der industriellen Praxis)
in der Septemberausgabe des vom statistischen Buero des US-Arbeitsministeriums veroeffentlichten "Monthly Labor Review"
erscheint.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war es dank des Fortschritts der
gewerkschaftlichen Organisation und der Lohn- und Arbeitsstundengesetzgebung moeglich, das Ausmass der Zuschlagszahlungen zu
erweitern. Das Gesetz fuer gerechte Arbeitsnormen aus dem Jahre
1938 ging in dieser Richtung sehr weit. Die "eineinhalbfache"
Verguetung fuer die Arbeitszeit, die ueber die 40-Stundenwoche
hinaus geleistet wird, wurde fuer die meisten Arbeitnehmer gefordert, die unter die Bestimmungen des Gesetzes fielen. Nach
dem Walsh-Healy Gesetz fuer sogenannte Vertragsfirmen, das im
Jahre 1936 erlassen wurde, erhalten alle Arbeitnehmer, deren
Firmen an bundesstaatlichen Auftraegen arbeiten, Ueberstundenzuschlaege fuer jede Arbeit, die ueber den* achtstuendigen Arbeitstag oder die 40-stuendige Arbeitswoche hinaus geleistet wird.
1941 waren die Bestimmungen ueber Zuschlagszahlungen in der
Mehrzahl der Industrien der Massenproduktion rechtsgueltig.
Ueberstundenzuschlaege fuer jegliche Arbeit ueber 40 Stunden in
der Woche oder ueber acht Stunden am Arbeitstag waren allgemein
ueblich. In Tarifvertraegen wurden ausserdem besondere Zuschlagszahlungen fuer Feiertagsarbeit vorgesehen. Fuer Arbeit an bezahlten Feiertagen wurde der doppelte Lohn gezahlt, waehrend die
Arbeit an nichtbezahlten Feiertagen mit doppeltem oder eineinhalbfachem Lohn verguetet wurde. 1942 waren in der Mehrzahl der
Tarifvertraege Bestimmungen ueber Sonnabend- und Sonntagszuschlaege
in eineinhalbfacher bzw. doppelter Hoehe der normalen Loehne vorzufinden. Eine Ausnahme bildeten lediglich die Industrien, in
denen durchgehend gearbeitet wird.
Waehrend der Jahre 1948 und 1949 war es allgemein ueblich,
Ueberstundenarbeit auf Tagesbasis zu berechnen. Diese Methode
ist auch heute noch im allgemeinen ueblich. Das Prinzip der
woechentlich berechneten Ueberstundenarbeit hat, wenn es in bestimmten Industrien auch heute noch in der Lohnkalkulation angewendet wird, an Bedeutung verloren. Bei beiden Methoden ist die
eineinhalbfache Verguetung der Ueberstundenarbeit gebraeuchlich.
Nur wenige Industrien zahlen Zuschlaege bei weniger als aoht Arbeitsstunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. In der Bekleidungs-,
Druckerei-, Telefon-, Telegrafen- und Bauholzindustrie beginnt
die Verguetung von Ueberstundenarbeit bereits bei 30 bis 37^stuendiger Arbeitswoche und einem unter acht Stunden liegenden
Arbeitstag.
Auch Bueroangesteilte erhalten bestimmte Zuschlaege fuer
Ueberstundenarbeit. Auch hier ist das Grundgehalt nach der festgesetzten 40-stuendigen Arbeitswoche berechnet, und jede zusaetzliche Arbeitsstunde pro Woche wird mit einem Zuschlag von 50 %
verguetet. Eine Ausnahme bilden die Herstellerindustrien, in
denen die Ueberstundenarbeit auf Tagesbasis berechnet wird.
Die Zuschlagszahlung fuer Arbeit an Sonnabenden, Sonntagen
- 2 -

�und Feiertagen ist verschiedenartig und entspricht den
charakteristischen Unterscheidungsmerkmalen der einzelnen
Industrien. Im allgemeinen ist fuer die Arbeit an Sonnabenden
eine eineinhalbfache Bezahlung vorgesehen. In einigen Tarifvertraegen wird dabei die Bedingung gestellt, dass die Arbeiter
zuvor eine vollstaendige 40-stuendige Arbeitswoche mit fuenf
Arbeitstagen hinter sich gebracht haben. In den meisten Abmachungen ist fuer Sonntagsarbeit eine doppelte Bezahlung vorgesehen. Was andere Feiertage betrifft, so enthalten fast alle
Vertraege Bestimmungen, nach denen sie eingehalten werden, aber
nur 58 &lt;jb der Vertraege sehen eine regulaere Bezahlung der Feiertage vor, an denen nicht gearbeitet wird. Die Arbeit an Feiertagen wird gewoehnlich mit doppeltem Lohn verguetet, in einigen
Faellen wird sogar der zweieinhalbfache und dreifache Lohn
gezahlt.
In Industrien, die durchgehend arbeiten, sind fuer die
zweite und dritte Schicht Stundenlohnzuschlaege von vier bzw.
sechs Cents vorgesehen.
Durch den Zweiten Weltkrieg wurde es notwendig, die durchgehende Schichtarbeit einzufuehren, das Fehlen am Arbeitsplatz
moegli-chst einzuschraenken und die Leistungsfaehigkeit zu steigern.
Um diese Ziele erreichen zu koennen, wurde in einer im Jahre 1942
erlassenen Anordnung, die waehrend des ganzen Krieges gueltig war,
bestimmt, dass jede Ueberstundenarbeit bei mehr als acht Stunden
pro Tag und mehr als 40 Stunden pro Woche und jede Arbeit am
sechsten Tag einer festgesetzten Arbeitswoche mit eineinhalbfachem Lohn verguetet wird. Fuer die Arbeit an sechs Feiertagen
ist der gleiche Zuschlag vorgesehen, fuer die Arbeit am siebten
Tag einer festgesetzten Arbeitswoche wird die doppelte Bezahlung
gewaehrt. Diese Anordnung bedeutet eine Abkehr von der vor dem
Krieg ueblichen Methode, den Zuschlag fuer jegliche Ueberstundenarbeit mit Ausnahme des siebten Arbeitstages in einer Woche auf
50 # des Normallohnes zu beschraenken.
Das gegenwaertige Verteidigungsprogramm in den Vereinigten
Staaten hat sich auf die Frage der Ueberstunden-, Schicht-,
Wochenend- und Feiertagsbezahlung entscheidend ausgewirkt. Von
verschiedenen interessierten Seiten wurde vorgeschlagen, fuer die
Dauer der kritischen Zeit die Ueberstundenbezahlung abzuschaffen.
Charles E. Wilson, der Leiter der Verteidigungsmobilisierung, hat
diesen Standpunkt abgelehnt und sich fuer die Beibehaltung der
Zuschlagszahlungen fuer eine laengere als eine 40-stuendige Arbeitszeit in der Woche mit der Begruendung eingesetzt, dass die
Abschaffung der Ueberstundenzuschlaege ndas Lohnstabilisierungsprogramm und die Wechselbeziehungen in der Industrie im allgemeinen erschuettern wuerde".
Weekly Labor News Digest
VIII/8/51
"DREISEITIGE PARTNERSCHAFT"
L05SUNG VCN LOHNKONFLIKTEN7

-

EINE NEUE MPEGLICHKEIT ZUR

Der amerikanische Kongress beschaeftigt sich zurzeit erneut
mit der dreiseitigen Zusammensetzung des amerikanischen Lohnstabilisierungsausschusses, dem Vertreter der Gewerkschaften,
der Unternehmer und der Regierung angehoeren, die die Aufgabe
haben, in kritischen Zeiten eine Lohnstabilisierung herbeizufuehren und vorhandene Streitigkeiten beizulegen. Aus der Zusammensetzung dieses Gremiums hat sich der speziell amerikanische
Ausdruck "Dreiseitige Partnerschaft1* gebildet, der bereits zu

- 3-

�einem feststehenden Begriff auf dem Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen diesen drei Partnern geworden ist.
Wingate H. Lucas" (Demokrat, Texas) hat als Mitglied des
Repraesentantenhauses nach mehrwoechigen Untersuchungen eines
Unterausschusses eine Abaenderung des Gesetzes fuer die Verteidigungsproduktion vorgeschlagen, die, wenn sie gebilligt
wuerde, eine einschneidende Veraenderung der Zusammensetzung
des Lohnstabilisierungsausschusses bedeuten wuerde.
Der Ausschuss setzt sich in seiner jetzigen Form aus 18
Mitgliedern zusammen, die das Unternehmertum, die Gewerkschaften
(je drei des CIO und der AFL) und die Regierung paritaetisch vertreten. Die Mitglieder, die nicht die Regierung vertreten
werden von Praesident Truman ernannt, nachdem sie von den Gruppen,
die sie repraesentieren, nominiert wurden. Die Regierungsmitglieder werden von den uebrigen Mitgliedern als "unparteiisch*?
akzeptiert; auch alle uebrigen wichtigen Berufungen in den Lohnstabilisierungsausschuss werden von den Vertretern der beteiligten
Gruppen auf ihre Unparteilichkeit hin geprueft.
Der Lohnstabilisierungsausschuss, der der Verwaltung fuer
wirtschaftliche Stabilisierung untersteht, hat die Aufgabe, Richtlinien zur Lohnstabilisierung auszuarbeiten, diese Richtlinien
zu verwirklichen und die Einhaltung ihrer Bestimmungen durchzusetzen. Er hat ausserdem die Befugnis, Streitigkeiten beizulegen.
Nach der Gesetzesvorlage von Lucas wuerde sich der neue Ausschuss in seiner Mehrheit aus Vertretern der Regierung zusammensetzen. Er haette nicht mehr das Recht, Lohnbestimmungen zu erlassen, sondern seine Taetigkeit bliebe darauf beschraenkt, Richtlinien hierfuer auszuarbeiten und diese dem Administrator fuer die
wirtschaftliche Stabilisierung zu unterbreiten. Eine dritte
wesentliche Veraenderung waere die Beseitigung zumindest eines
grossen Teiles der Schlichtungsbefugnisse des Ausschusses.
Der Vorschlag, im Lohnstabilisierungsausschuss eine klare
Mehrheit der Regierungsmitglieder zu bilden, ist von dem gegenwaertigen Lohnstabilisierungsausschuss mit der Begruendung angegriffen worden, dass damit die dreiseitige Funktion des Ausschüsse" zerstoert wuerde. Die "Dreiseitige Partnerschaft" sei
bestrebt, die demokratischen Werte des freien Tarifverhandlungswesens zu erhalten, soweit dies waehrend einer Krisenperiode
ueberhaupt moe&lt;?:lich sei. Der Lohnstabilisierungsausschuss argumentiert weiter, dass eine der groessten Staerken der amerikanischen Lebensweise die bewiesene Faehigkeit der Gewerkschaften
und Unternehmer ist, ihre Probleme in Zusammenarbeit mit der
Regierung, aber nicht unter der Bevormundung der Regierung zu
loesen.
Wenn es in :ritischer Zeit im Interesse der Oeffentlichkeit
notwendig wird, den Partnern die Befugnis, endgueltige Entscheidungen zu treffen, zu entziehen, so muss die Regierung unter allen
Umstaenden bestrebt sein, jene grundlegenden Werte der Selbstbestimmung, wozu auch das Tarifverhandlungswesen gehoert, in die
Zukunft hinueberzuretten. In einer Krise muss die Regierung ein
echter Treuhaender fuer die Freiheiten der Partner sein. Es ist
deshalb fuer die Regierung erforderlich, so zu handeln, dass nach
Beendigung der Krise diese Freiheiten mit einem Minimum an Schaden
von den Partnern wieder uebernommen werden koennen.
George W. Taylor, der Vorsitzende des LohnstabilisierungsaussGhusses erklaerte, die Gesetzesvorlage von Lucas wuerde der
erfolgreichen dreiseitigen Zusammenarbeit im Ausschuss ein Ende

�bereiten und ihn zu einer "ftegierungsmaschinerie" stempeln.
Eine paritaetische dreiseitige Vertretung der Interessengruppen
im Ausschuss ist jedoch fuer die gute Zusammenarbeit im Stabilisierung sprogramm absolut notwendig.
Das Prinzip der dreiseitigen Partnerschaft ist in kritischen
Zeiten in den Vereinigten Staaten wiederholt angewendet worden.
Es wurde zum erstenmal verwirklicht, als der amerikanische Arbeitsminister waehrend des Ersten Weltkrieges einen dreiseitigen Beratungsausschuss ernannte. Dieses Gremium hatte den Vorschlag
gemacht, die Vereinigten Staaten sollen waehrend ihrer Teilnahme
am Kriege einen dreiseitigen Ausschuss zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und zur Vermeidung von Aussperrungen und Streiks ernennen. Hierauf wurde
die Nationale Arbeitsbehoerde fuer die Kriegszeit gebildet, die
sich aus fuenf Vertretern der Gewerkschaften, fuenf Vertretern
der Unternehmer und zwei Beisitzern als Vertreter der Regierung zusammensetzte.
Auch Praesident Wilsons Nationale Konferenz ueber industrielle
Fragen, die im Jahre 1919 abgehalten wurde, wurde ebenso wie die
nach dem Zweiten Weltkrieg von Praesident Truman einberufene Konferenz aus Vertretern der drei Interessengruppen zusammengestellt.
Es ist Samuel Gompers, dem ersten Vorsitzenden der APL, zuzuschreiben, eine dreiseitige Zusammensetzung der Internationalen Arbeitsorganisation vorgeschlagen zu haben, die mit seiner Unterstuetzung
auf der Friedenskonferenz in Versailles gegruendet wurde.
Der Arbeitsausschuss der Elsenbahnen (1920-1926) war ebenfalls
dreiseitig zusammengesetzt. Nach dem Nationalen Gesetz fuer die
industrielle Wiederaufrichtung war der Nationale Arbeitsausschuss,
der waehrend der ersten Amtsperiode Praesident Roosevelts zur Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten gegruendet wurde, ebenso wie
mehrere der besonderen Industrieausschuesse dreiseitig ausgerichtet,
die nach dem gleichen Gesetz Ins Leben gerufen wurden.
Waehrend des Zweiten Weltkrieges wurde die Zusammenarbeit der
drei Partner auch in dem Nationalen Schlichtungsausschuss, dem
Nationalen Arbeitsausschuss in der Kriegszelt und dem Nationalen
Lohnstabi11sierungsausschuss verwirklicht. Seit 1945 haben verschiedene Staedte, vor allem Toledo (Ohio), oertliche dreiseitige
Ausschuesse gebildet, um Arbeitsstreitigkelten beizulegen und, was
ihnen auch tatsaechlich gelungen ist, durch Kompromisse zu verhindern. Im ganzen Lande hat sich die dreiseitige Partnerschaft
in den Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern und
vornehmlich auf dem Gebiet der Schiedssprechung in Arbeitsstreitigkeiten eingebuergert und wird sowohl von den Gewerkschaften als
auch von der Industrie befuerwortet.
4

Eine der Befuerchtungen, die in der letzten Zeit In bezug auf
die gegenwaertige Form des Lohnstabilisierungsausschusses laut
wurden, ist von dem Senator Robert A. Taft zum Ausdruck gebracht
worden, der hierbei eine Moeglichkeit sieht, dass die Vertreter
der Gewerkschaften und der Unternehmer eine Koalition bilden und
dadurch die Vertreter der Regierung ueberstimmen koennen. In einer
eingehenden Studie ueber die "dreiseitige Partnerschaft", die Beilegung von Streitigkeiten und die Lohnpolitik waehrend des Zweiten
Weltkrieges stellt dagegen Professor William H. McPherson fest,
dass es bei den Tausenden von Faellen, die waehrend des Zweiten
Weltkrieges von den drei dreiseitigen Ausschuessen zur Beilegung
von Arbeltsstreitigkeiten und Lohnstabilisierung behandelt wurden,
es nur ganz selten zu einer derartigen Koalition gekommen Ist.
In einer Zusammenfassung seiner Feststellung ueber die
— 5—

�"dreiseitige Partnerschaft" waehrend des Zweiten Weltkrieges
kommt McPherson zu der Schlussfolgerung, dass die Beilegung von
Streitigkeiten oder ein Lohnstabllisierungsprogramm von Gewerkschaften und Unternehmern gemeinsam freiwillig akzeptiert oder
gebilligt werden muss, wenn sie Erfolg haben soll. Die dreiseitige Zusammensetzung der Ausschuesse gibt den Gewerkschaften
und den Unternehmern durch die Moeglichkeit, sich der Stimme zu
enthalten, ein echtes Vetorecht, dessen man sich jedoch nur
unter grossen Opfern bedienen kann. Es kann also nur selten angewendet werden. Diese Form der Zusammensetzung der Ausschuesse
traegt ausserdem dazu bei, dass die Vertreter der Regierung fuer
die einzelnen Paelle volles Verstaendnis haben und dadurch als
Vermittler zwischen den beiden Partnern taetig sein koennen und
fuer alle drei Partner annehmbare Beschluesse auszuarbeiten imstande sind.
Obwohl die dreiseitige Form der Ausschuesse durchaus Gefahren
in sich birgt, deren groesste darin besteht, dass die Vertreter
der Regierung durch eine Koalition der beiden anderen Partner
ueberstimmt werden koennten, werden nach der Auffassung McPhersons
die Nachteile und Gefahren dieses Systems durch seine Vorteile bei
weitem aufgewogen.
Weekly Labor News Digest
VII/18/51

TECHNISCHE ZUSAMMEN ARBEIT MIT LATEIN AM ERIKA.

(Auszuege aus einem Bericht, der von Serafino
Romualdi im Namen der AFL der dritten Standford-Konferenz ueber lateinamerikanische Fragen vorgelegt wurde.) .
Lateinamerika als Gesamtheit gehoert zu jenen Gebieten der
Welt, die technische Unterstuetzung brauchen. Diese Unterstuetzung
ist notwendig, um eine Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung und der industriellen Produktion zu ermoeglichen, ohne
die nur geringe oder ueberhaupt keine Aussicht besteht, den Lebensstandard der Bevoelkerung zu verbessern. Lateinamerika verfuegt ueber grosse Reserven an Mineralien und anderen Rohstoffen,
die fuer die freie Welt in ihren Berruehungen, eine wirkungsvolle
Verteidigungsfront gegen jegliche kommunistische Aggression aufzubauen, wesentlich sind. Die Bedeutung Lateinamerikas liegt so
klar auf der Hand und ist dementsprechend anerkannt, dass man sie
nicht weiter zu betonen braucht.
Lateinamerika bietet jedoch bestimmte eigene Probleme, die
durch die politische Unstetigkeit bedingt sind, die man wiederum
Umstaenden zuschreiben muss, die man als chronische Krisen der
Demokratie bezeichnen koennte. Mit wenigen Ausnahmen scheinen die
verfassungsmaessigen Regierungen nicht in der Lage zu sein, sich
der regelmaessig wiederkehrenden Anschlaege militaristischer Gruppen zu erwehren, die in den meisten Faellen gewaltsam die Macht an
sich reissen und, um an der Macht zu bleiben, totalitaere Methoden
einfuehren. Damit werden die produktiven Kraefte der Nation (Arbeitskraefte und Kapital) Zwangsmassnahmen unterworfen, die eine
regelmaessige Entfaltung jedes wirtschaftlichen und sozialen
Fortschritts behindern. Bevor man deshalb mit einem Programm der
technischen Zusammenarbeit in Lateinamerika beginnt, das sowohl
technische Unterstuetzung als auch die notwendige Finanzierung
vorsieht, muesste eine Festigung des demokratischen Regimes ge-

- 6 -

�waehrleistet sein, was nach unserer Auffassung eine unerlaessliche Vorbedingung ist.
Der Beratungsausschuss fuer Internationale Entwicklung
schliesst sich dieser Auffassung an, wenn er feststellt, dass
"Fortschritte am besten in einer wirklich demokratischen Staatsordnung gedeihen", und dass fuer eine "wirtschaftliche Entwicklung nach unseren Begriffen Redefreiheit, wirtschaftliche
Sicherheit, das Recht, vor einem Gericht gehoert zu werden, das
Recht zu arbeiten, das Recht, sich zu organisieren, das Streikrecht und das Wahlrecht selbstverstaendliche Voraussetzungen
sind" - mit anderen Worten, dass ein echtes Klima der politischen
Demokratie herrschen muss, das es Jedem ermoeglicht, an den Angelegenheiten des Staates aktiv Anteil zu nehmen.
Ausser der technischen Unterstuetzung, die in der Lieferung
von Maschinen fuer die Landwirtschaft und die Industrie besteht,
braucht Lateinamerika Kapital. Zwar sind wir der Ansicht, dass
allgemeine Bemuehungen zur besseren Verwendung des Eigenkapitals
der Laender, das zurzeit entweder untaetig oder hauptsaechlich In
spekulativen Unternehmungen investiert Ist, wesentlich zur Behebung des Kapitalmangels beitragen koennten. Aber wir geben auch
zu, dass zur erfolgreichen Durchfuehrung grossangelegter Programme
der technischen Zusammenarbeit die Investierung auslaendischen
Kapitals notwendig ist. Diese Investierung auslaendischen Kapitals,
vor allem von Privatkapital, wirft jedoch eine Reihe von Problemen
auf, die in der In Lateinamerika weitverbreiteten Tendenz wurzeln,
sich, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen, von der "finanziellen Abhaengigkeit vom Ausland" freizumachen. Dies ist ein Begriff,
der sich fuer politische Spekulationen und totalitaere Demagogie
besonders eignet, und den Kommunisten und fanatische Nationalisten
senr willkommen heissen und ihn gern fuer propagandistische Zwecke
gegen die Vereinigten Staaten verwenden. Man muss dem jedoch zugutehalten, dass die Methoden und Missbraeuche der Vergangenheit
eine Erklaerung fuer die relativ grosse Popularitaet solcher Sedanken sind. Eine Reihe lateinamerikanischer Regierungen haben
tatsaechlich Gesetze erlassen, die eher gegen als fuer eine
Investierung auslaendischen Privatkapitals in diesen Laendern
sprechen. Natuerlich kann mit der Finanzierung irgendwelcher grossangelegter Programme der technischen Zusammenarbeit in Lateinamerika nicht darauf gewartet werden, dass die gegenwaertigen
Schwierigkeiten zwischen Regierungen und privaten Geldgebern ueberwunden sind. Eine Teilloesung waere, wenn man fuer produktive
Investierungen in Lateinamerika grosse Betraege oeffentlicher Geldmittel In Form von Anleihen bereitstellen koennte, die von den
ueberstaatlichen Finanzeinrichtungen bereitgestellt wuerden. Inzwischen koennte durch Aufklaerung der Oeffentlichkeit und auch
durch neue Verhaltungsverfahren der voraussichtlichen Geldgeber
selbst aller Wahrscheinlichkeit nach der Weg zur Wiederaufnahme
der Privatinvestierung in grossem Masstab und unter Bedingungen
geebnet werden, die fuer beide Teile zufriedenstellend waeren.
Die Regierungen und die Voelker Lateinamerikas muessen sich
darueber im klaren sein, dass auslaendlsche Investoren ein Anrecht
auf positive Garantien in bezug auf angemessene Verzinsung und
Sicherheiten haben muessen. Auslaendlsche Investoren muessen sich
dagegen vergegenwaertigen, dass die Zeiten des willkuerlichen
Unternelimertums, das sich nur von dem Gewinnmotiv leiten und
motivieren Hess, der Vergangenheit angehoeren. Das Kapital muss
sich jetzt den in Aussicht stehenden Gebieten zur Investierung
mit einer neuen Einstellung naehern, die ausser der Erwartung,
rechtmaessige Gewinne zu erzielen, den ueberzeugenden Wunsch enthalten muss, den Menschen zu helfen, einen hoeheren Lebensstandard

7

�zu erreichen. Diese neue fortschrittliche Auffassung muesste
ausserdem den Plan enthalten, den Wirtschaften der kreditaufnehmenden Laender zu helfen, und, wenn moeglich, selbsterhaltend
zu werden und sie von auslaendischer Vormundscnaft voellig freizumachen. Vor allem muessten sie jedoch ihre eigenen Hilfsquellen
dazu verwenden, die Wohlfahrt der Kassen zu verbessern und nicht
die Gewinne Einzelner zu vermehren, damit die demokratische Lebensweise, fuer die das Kapital einen wesentlichen Bestandteil bildet,
in den Augen der notleidenden Menschen unterentwickelter Gebiete
als ihre groesste Hoffnung auf eine bessere Zukunft gerechtfertigt
werden kann.
Inter-American Labor Bulletin
VIII/51

AMBRIKAIIISCHB HILFE FUER EUROPAS ARBEITER.

Im Sommer dieses Jahres haben eine Reihe amerikanischer
Persoenlichkeiten, darunter zwei Kongressausschuesse der Vereinigten Staaten, Europa besucht und sich mit den wirtschaftlichen
Verhaeltnissen dieses Erdteils beschaeftigt. Sie faellten einstimmig das Urteil, dass die ERP-Hilfe nicht bis zu den Arbeitern
vorgedrungen ist. Diese Auffassung kam besonders deutlich in einer
Erklaerung des damaligen stellvertretenden ECA-Administrators zum
Ausdruck, der in Portland (Oregon) sagte: "Es ist eine grausame
Tatsache, dass sowohl franzoesische als auch italienische Unternehmer noch immer dazu neigen, die Arbeiterschaft als eine kompakte
Masse minderwertiger Menschen anzusehen, deren Hoffnung auf ein
besseres Leben in wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht ungestraft ignoriert werden kann." Diese bittere Erkenntnis ist verschiedentlich von AFL- und ClO-Sachverstaendigen in Arbeitsfragen
bestaetigt worden, die antikommunistische europaelsche Gewerkschaften
mit Geldmittel und Ratschlaegenunterstuetzt hatten, und die mit der
unveraenderten Einstellung der europaelschen Unternehmer hoechst
unzufrieden sind. Kaiser, der stellvertretende amerikanische Arbeitsminister, erklaerte vor dem amerikanischen Klub in Paris:
"Die Verbesserung des Lebensstandards der Menschen in unterentwickelten Gebieten ist ein wichtiges strategisches Ziel der amerikanischen Aussenpolitik."
Die europaelschen Regierungen haben fuer die sozialen Aspekte
der amerikanischen Aussenpolitik volles Verstaendnis. Sie sind
jedoch noch nicht In die Koepfe der Industriellen eingedrungen, die
immer noch dazu neigen, die Marshallplanhilfe als ein Verfahren der
materiellen Neuinvestierung In Europa zerstoerterGrundstoffindustrien anzusehen. Fuer Frankreich zumindest ist diese Meinung in
gewissem Sinne nicht ueberraschend, weil der groesste Teil der Hilfe seit 1948 ueber Herrn Monnet in die grossen Grundstoffindustrien
geflossen ist, die zum groessten Teil entweder verstaatlicht sind
oder staatlicher Kontrolle unterstehen. (Die wichtigste Ausnahme
bildet die Stahlindustrie). Die zahllosen kleinen Fabriken, in
denen 50 bis 200 Arbeiter beschaeftigt sind, sind vom Monnet-Plan
in seiner bisherigen Form nicht erfasst worden. Da in den Herstellerindustrien die allgemeine Aufmerksamkeit jetzt weniger auf
Investierungen als auf die Produktivitaet gelenkt wird (die zweite
Moeglichkeit zur Steigerung des Sozialproduktes), wird der menschlichen Seite der Produktion, den Wechselbeziehungen in den einzelnen Unternehmen, dem Verantwortungsgefuehl des einzelnen Arbeiter
und den Leistungsloehnen mehr Beachtung geschenkt.
Die wachsende amerikanische Unzufriedenheit mit dem wirtschaft- 8 -

�liehen Fortschritt und den sozialen Verhaeltnissen in den freien
europaeischen Laendern resultiert daher in der Forderung, die
gesteigerte Produktivitaet oder die bessere Verwendung der zur
Verfuegung stehenden Arbeitskraefte und Materialien durch das
Schlagwort "Mehr Waren, billigere Waren, hoehere Loehne" zu
inspirieren. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Verwaltung
fuer Wirtschaftliche Zusammenarbeit beschlossen, in Ueberelnkunft
mit den verschiedenen Regierungen den einzelnen Unternehmen in
den Marshallplan-Laendern eine direkte finanzielle und technische
Hilfe zu leisten. William H. Joyce ist zum stellvertretenden
Administrator fuer Produktionsfragen ernannt worden mit der Aufgabe, die neue Kampagne zu organisieren. Aus Gegenwertfonds des
ERP werden rund 250 Millionen Dollar zur Durchfuehrung dieser
Kampagne bereitgestellt werden. In diesem Programm ist das
romanische Frankreich, ein zur Haelfte agrarisches Land und zur
Haelfte Industriestaat, dabei jedoch zweifellos das Schluesselland.
Das franzoesische Produktivitaetszentruat, das von Lemaresquier
und Griminelli unter der Ueberwachung von Robert Buron, des Wirtschaftsrnlnisters der zurueckgetretenen Regierung, geleitet wird,
hat in der Verbreitung der Produktivitaetspropaganda beachtliches
geleistet. Und nachdem viele franzoesische Vertretergruppen aus
der Industrie die Vereinigten Staaten besucht haben, werden bereits
neue Produktionsmethoden in den Fabriken angewendet. Mit den neuen
Massnahmen, die gegenwaertig von der ECA und franzoesischen Behoerden besprochen werden, will man erstens die Modernisierung der
Betriebe und der Produktionsmethoden beschleunigen und zweitens
die Arbeiter an den Gewinnen aus der gesteigerten Produktion und
der hoeheren Produktivitaet in den betreffenden Unternehmen direkt
beteiligen. Zu Ende des Monats Juli bildeten die drei nichtkommunistischen Gewerkschaften Force Ouvriere, CFTC und CGC ein
eigenes Produktiv!taetszentrum, das das nationale Produktivitaetszentrum unterstuetzen soll. Es ist daher zu erwarten, dass diese
Gewerkschaften die Vorschlaege zur Neuorganisation franzoesischer
Betriebe, die von amerikanischen Experten auf der Ebene der Betriebsleitung ausgearbeitet werden sollen, mit allen Mitteln unterstuetzen werden.
Diese Spezialisten, die von den Unterabteilungen der amerikanischen Regierung und den grossen Unternelimen in den Vereinigten
Staaten regulaer beschaeftigt werden, gehen wie ein rtirbelsturm
durch eine Industriegruppe. Probleme, wie Kontrolle der Gestehungskosten, Ausgaben, des Vertriebs, der Produktion und anderer betriebswirtschaftlicher Vorgaenge, der Planung und Festsetzung von
Produktionszielen, Verkaufsanteile und Leistungslohnsysteme,
Plaene fuer die Einstufung nach Verdienst, Analyse und Auswertung
der Statistik, Kontrolle der Geschaeftstaetigkeit und alle anderen
finanziellen und sozialen Fragen werden von einem Stab von Personalverwaltern, Inspektoren der Betriebsleitung, Buchhaltern und
Sozialarbeitern geloest. Einzelheiten ueber das neue System sind
noch nicht bekannt. Man rechnet damit, dass amerikanische Betriebsleiter in einige franzoesische Fabriken geschickt werden, um die
letzten N'aencel zu beseitigen, nachdem die Betriebstechniker Ihre
Arbeit beendet haben.
Der springende Punkt der franzoesischen Produktivitaetsfrage
wird die Eelohnung von Unternehmern, die Modernisierungen vornehmen, durch Steuerverguenstigun^en sein. Interne franzoesische
Probleme machen es notwendig, die einzelnen Unternehmen in Irgendeiner Weise vertraglich an die franzoesischen Produktlvitaetsbehoerden zu binden. Der Unternehmer wuerde sich als Ausgleich
fuer die bevorzugte Steuerbehandlung damit einverstnaden erklaeren,
gewisse Verpflichtungen zu uebernehmen. Gleichzeitig wuerde er
- 9 -

�sich aufgrund seines Vertrages wahrscheinlich Anrechte auf
Kredite der ECA erwerben. Es ist offensichtlich, dass derartige Methoden viel zur Beilegung des Klassenkampfes in den
Betrieben selbst unö zur Verbesserung der veralteten Methoden
des Tarifverhandlungswesens beitragen wuerden. Eine solche
Entwicklung waere vor allem im Hinblick auf die neue Gesetzgegung zu begruessen, die, wenn man nach den ersten Eindruecken
urteilen will, nur wenig neue oder positive Merkmale versprechen.
Labor Information
ECA - FYI - 239

AMERIKANISCHE WOHLTAETIGKEITSORGAKISATIONEN BESCKAEFTIC-EN SICH
MIT DER LAGE MINDERBEMITTELTER FAKILIEN.

Ein Bericht der amerikanischen Regierung beschaeftigt sich
mit den Familien, die jaehrlich weniger als 2.000 Dollar verdienen. Der Bericht sieht hinter den rein statistischen Tatsachen die menschlichen Wirklichkeiten und schildert die Verhaeltnisse, unter denen die Menschen leben und ihre Umwelt.
Das Buch enthaelt Tatsachenberichte ueber 100 Familien in
27 verschiedenen Staaten und beschreibt, wie sich einzelne Menschen durchschlagen muessen, um mit 2000 Dollar jaehrlich leben
zu koennen, waehrend die Regierung erklaert, fuer einen Mindestlebensunterhalt braucht man jaehrlich 3.600 Dollar. Es gibt mehr
als 10 Millionen Familien, deren jaehrliches Einkommen unter
2000 Dollar liegt.
Der Eericht ist das Ergebnis einer Studie, die von neun Organisationen auf Ersuchen des Gemeinsamen Komitees fuer die Vorbereitung des Wirtschaftsbericht es durchgefuehrt wurde. Das
Komitee will dieses Tatsachenmaterial als Argumente zur Unterstuetzung seiner Forderungen vor dem Repraesentantenhaus zur
Sprache bringen. Senator John Sparkman (Demokrat, Alabama) hat
um Anschauungsmaterial zur Ergänzung dieser Studien nachgesucht.
Die Feststellungen umfassen 22 Seiten, die Tatsachenberichte 121
Seiten«
Etwa zwei Drittel der befragten Familien waren verschuldet.
Ein Drittel hiervon hatte Arztrechnungen zu bezahlen. Einige
Familien versuchten, das Krankheitsproblem durch den Beitritt zu
irgendwelchen Krankenversicherungen zu loesen, aber die meisten
konnten sich nicht einmal diesen Schutz leisten.
Nur wenige Arbeiter der niedrigen Einkommensgruppe sind
gegen Arbeitslosigkeit versichert. Die Folge davon Ist, dass,
wenn der Ernaehrer krank wird oder sich einen Unfall zuzieht, die
Familie nicht nur seinrn Lohn verliert, sondern gleichzeitig vor
das Problem der Bezahlung der Arztrechnungen gestellt ist. Eine
Reihe Ernaehrer waren Facharbeiter, die woechentlich bis zu 60
Dollar verdienten, deren gesamtes Jahreseinkommen jedoch infolge
Krankheit, unregelmaessiger Beschaeftigung und schlechten Wetters niedriger als 2.000 Dollar war.
Der sroesste Teil der Einkommen wurde fuer Lebensmittel ausgegeben, ob die Familie nun ein oder zehn Kinder h&amp;tte« Selbst
in den kleineren Familien war der Betrag, der fuer Lebensmittel
ausgegeben werden konnte, von der Hoehe der Miete abhaengig.
.Nicht selten traf man Familien mit sieben Personen an, die fuer
zwei Raeurae und ausserhalb des Hauses gelegene Toiletten woechentlich 12 Dollar zahlten. Nur wenige hatten das Glueck, in oeffent- 10 -

�liehen Wohnbauten zu wohnen, in denen die Mieten einigermassen
erschwinglich waren.
In dem Bericht helsst es woertlich: "Wir streiten uns noch
immer in kleinen Staedten und grossen Staedten ueber das Wohnungsproblem, waehrend zahllose Kinder im Schmutz aufwachsen."
Die von den Familien am haeufigsten angewendete Methode zur
Senkung der Kosten fuer die Ernaehrung bestand darin, Fleisch und
Milch, - ausgenommen fuer Saeuglinge - vom Speisezettel zu streichen
und sie durch Kartoffeln und billige Gemuesesorten zu ersetzen.
Neue Kleider waren eine Seltenheit. Die meisten groesseren Kleidungsstuecke wurden gebraucht gekauft.
All diese Dinge - duerftige Ernaehrung, schlechte Wohnungen
und der Mangel an warmen Kleidern - wirkten sich auf den Gesundheitszustand aus. Nur 13 der 100 Familien verfuegten ueber Ersparnisse, und zwar handelte es sich dabei meistens um Gelder,
die aus einer Versicherung oder einer Erbschaft stammen. Diese
Familien hatten das grosse Glueck, dass sie durch keine ernstliche
Krankheit oder einen sonstigen wirtschaftlichen Rueckschlag ihre
Ersparnisse hatten in Anspruch nehmen muessen. Bei einem Viertel
aller befragten Familien lebte der Vater nicht mehr oder hatte seine
Familie verlassen. Ueber die Haelfte der Ernaehrer hatte die Grundschule weniger als acht Jahre besucht, aber fast alle hatten beschlossen, dass ihre Kinder eine bessere Schulausbildung haben
sollten, gleichgueltig, wie stark der Geldbeutel der Familie damit
belastet wuerde.
Die Organisationen, die sich an der Erhebung beteiligten,
waren der Amerikanische Verband der Sozialangestellten, der Vorstand
Juedischer Verbaende und der Wohlfahrtsfonds, die Amerikanische
Vereinigung fuer Familienunterstuetzung, die Siedlungsvereinigung,
die Vereinigung zur Unterstuetzung von Reisenden, die Liga zur
ünterstuetzung der Stadtbevoelkerung, das Komitee fuer Kinderarbeit
sowie die Konferenz Katholischer Wohltaetigkeitsorganisationen und
die Heilsarmee.
Daily News Service
VIII/17/51

BOLOGNA

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EIN BEISPIEL FUER DEN WIEDERAUFBAU ITALIENS.

Ein Brennpunkt des Transportwesens Italiens ist die norditalienische Stadt Bologna. Am Fusse der Apenninen und am Rande
der grossen norditalienischen Tiefebene gelegen, ist Bologna ein
Schluesselpunkt im Eisenbahnnetz zwischen Nord- und Sueditalien.
Wegen seiner strategischen Lage wurde Bologna waehrend des
2. Weltkrieges schwer bombardiert, und seine Bahnhoefe, die sechs
Hauptlinien aus verschiedenen Richtungen aufnehmen, wurden schwer
beschaedigt.
Heute befindet sich diese Stadt - und mit ihr ganz Italien mit Hilfe des Marshallplanes auf dem Wege zum Wiederaufbau. Der
Hauptbahnhof von Bologna ist mit 2 Kontrollstationen ausgeruestet
worden, die zu den modernsten in Europa zaehlen.
Von diesen Stationen aus wird der Verkehr auf 23 Gleisen
ueberwacht, die sich ueber ein Gebiet von annaehernd 600.000 qm
erstrecken. Die Stationen wurden von den staatlichen italienischen
Elsenbahnen unter Zuhilfenahme von Gegenwert-Fonds der ECA einge-

ll

�richtet, die fuer den Wiederaufbau der Eisenbahnen bereitgestellt
worden waren.
Der Kontrollraum, der 3 Maennern Platz bietet, liegt in der
oberen Etage der Kontrollstation. Seine Einrichtung besteht aus
einer Uhr, einem schwarzen Kontrollbrett aus Kristall und einer
grossen Skala, die mit zahllosen kleinen Knoepfen bedeckt ist.
Mit der Betaetigung eines Knopfes wird ein umfassender
Mechanismus von Kontrolleinrichtungen und Signalen in Bewegung
gesetzt, mit denen die Zuege sicher in den Bahnhof geleitet werden.
Nach dem Bruchteil einer Sekunde bewegt sich in einer Entfernung
von einem Kilometer ein Haltesignal, eine Weiche aendert automatisch
ihre Stellung, und der Zug rollt sicher auf einem der 23 Gleise in
die Stadt Bologna.
700 km elektrischen Drahtes waren zur Verbindung der in den
Kontrollstationen befindlichen Installationen notwendig, die ausgereicht haetten, um eine Verbindung zwischen Turin und Rom herzustellen. Weitere 185 km Draht durchlaufen spinnennetzartig die
unterirdischen Verbindungsrohre zu den Bahnhofsweichen und den
Signalstationen.
Bologna hat den einzigen Bahnhof in Italien, der mit derartigen. Kontrollstationen ausgeruestet Ist. Sie haben wesentlich
zu der zweokmaessigen Arbeitsweise dieses wicntigen italienischen
Eisenbahnknotenpunktes beigetragen.
ECA Labor Information
VII1/8/51

AFL FORDERT MASSNAHMEN ZUR KONTROLLE DER INFLATION. •
Die Kaufkraft des Dollars ist heute nur noch etwas mehr als
halb so hoch wie vor zwoelf Jahren, der amerikanische Lebensstandard ist niedriger als vor-sieben Jahren. Diese Entwicklung
wird sich noch schlimmer auswirken, wenn nicht konkrete Massnahmen zur Kontrolle und zur Verhinderung der Inflation ergriffen
werden.
Dies wird Im monatlichen Wirtschaftsueberblick der AFL zum
Ausdruck gebracht, in dem weiterhin bemerkt wird, dass durch das
neue Gesetz fuer die Verteidigungsproduktion die Preise noch weiter
ansteigen werden. Da von dem jetzigen Kongress kein besseres
Gesetz zu erwarten sei, muesse die Regierung auf schnellstem Wege
andere, gegen die Inflation gerichtete Massnahmen ergreifen.
Um eine weitere Inflation zu verhindern, werden in dem AFLBericht folgende Massnahmen vorgeschlagen:
1. hoehere Steuern, soweit dies durchfuehrbar ist;
2. der verstaerkte Verkauf von Schatzanweisungen der
Regierung an Privatpersonen und weniger an Banken, und
3. strenge Kontrollen der Bankkredite.
Die Verbraucher muessen ausserdem ihre Ersparnisse soweit
wie moeglich erhoehen, und alle Sektoren der Wirtschaft muessen
zusammenarbeiten, um die Produktion von Verkaufsguetern auf dem
hoechstmoeglichen Niveau zu halten.
Die Hauptursache der Inflation Ist ein Mangel^ an Verkaufsguetern zu einer Zeit, in der die Kaufkraft sich erhoeht. Durch
- 12

�Preiskontrollen allein kann die Inflation nicht verhindert werden,
und wenn ihre wahren Ursachen nicht bekaempft werden, koennen
Preiskontrollen niemals wirksam sein, sondern werden einfach zum
Schwarzmarkt fuehren.
Wenn die Preise auch zeitweise unveraendert gehlieben sind,
so ist es doch unvermeidlich, dass sie mit der Steigerung der
Verteidigungsproduktion in die Hoehe gehen, dass die Produktion
ziviler Gueter zurueckgeht und die Verbraucher um die verfuegbaren Verbrauchsgueter regelrecht bitten muessen. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, werden die Verbraucher in dem Bericht aufgefordert, die Preisentwicklungen genau zu verfolgen, keine Waren
zu ueberhoehten Preisen zu kaufen und nur das zu kaufen, was sie
tatsaechlich und unbedingt benoetigen.
"Waehrend die Inflation unser gefaehrlichster Feind im
eigenen Lande ist", faehrt der Bericht fort, "ist der Weltkommunismus unser schlimmster Feind draussen. Wir muessen die
kommunistische Taktik und die Taeuschungsmanoever durchschauen,
furchtlos verhandeln und uns weigern, ueber Grundsaetzlichkeiten
zu feilschen oder ein weiteres kommunistisches Vordringen an
irgendeiner Stelle der Welt zuzulassen. Wir muessen jene ermutigen, die hinter dem Eisernen Vorhang leben und bestrebt sind, sich
von ihren Unterdrueckern freizumachen."
Die militaerische und wirtschaftliche Hilfe fuer Europa muss
nach der Auffassung der AFL fortgesetzt werden, die Westmaechte
muessen an den Kuesten und auf den Inseln des Mittelmeeres Luftund Seestuetzpunkte errichten. Die militaerische Schlagkraft
Japans muss wiederhergestellt und dieses Land nach Unterzeichnung
des Friedensvertrages in den Pazifik-Verteidigungspakt aufgenommen
werden» Die Streitkraefte der Vereinten Nationen muessen in Korea
bleiben, bis dieses Land wieder frei und geeinigt ist»
In dem iranischen Oelkonflikt stellt sich die AFL auf die
Seite Grossbritanniens mit der Begruendung, dass die Perser, die
England beschuldigen, den "Reichtum ihres Landes zu pluendern",
vergessen, dass die technischen Erfahrungen und das Kapital Grossbritanniens erst die Entwicklung der Oelindustrie durch einen
langfristigen Vertrag mit dem Iran ermoeglicht haben, dass Persien
zu einem gewissen Wohlstand gekommen ist.
Die neue Regierung des Irans hat diesen Vertrag gebrochen und
die Anglo-Iranische Oelgesellschaft verstaatlicht. Die AFL ist
der Meinung, dass der Iran seinen Vertrag mit England einhalten
muesse, weil die Respektierung von Vertraegen den Schluessel zu
Vertrauen und zu Sicherheit bildet und das Gesetz und die Ordnung
einer verfassungsmaessigen Regierung auf grundlegenden Vereinbarungen und Vertraegen beruhen, die von der Mehrheit der Buerger
durch ihre gewaehlten Abgeordneten gebilligt sind.
Daily News Service
VI11/17/51

IFL-FUNKTIONAfiRE FORDERN INTENSIVERE POLITISCHE ANTEILNAHME.

Hohe Funktionaere der AFL haben in ihren Botschaften zum
imerikanischen Tag der Arbeit die Notwendigkeit einer intensiveren
&gt;olitischen Betaetigung hervorgehoben.
Der Vorsitzende William Green bemerkte, dass der amerikanische
:ongress beeinflusst wird, "hoeheren Preisen und noch hoeheren Ge-

13

�winnen auf Geheiss der Geschaeftsinteressenten die Tore zu
oeffnen". Die gleiche Koalition Im Kongress, die fuer den Erlasa
des verwerflichen Taft-Hartley-Gesetzes verantwortlich war, hat
sich erneut gegen Gewerkschaften und Verbraucher zusammengeschlossen.
"'Wenn wir unsere politische Betaetigung nicht erweitern und
vervollstaendigen, koennte die Gewerkschaftsbewegung durch eine
nachteilige Gesetzgebung viel von den Erfolgen verlieren, die sie
sich in langen Jahren durch Organisierung, Kampf und TarifVerhandlungen erobern musste."
"Unsere grosse Aufgabe ist es, den Wuergegrlff zu lockern, mit
dem eine reaktionaere Koalition den Kongress zu beherrschen sucht.
Wir muessen 1952 einen wirklich liberalen Kongress waehlen, um die
Interessen der Arbeiter und der Verbraucher unserer Nation zu
wahren. Wir muessen eine Regierung und einen Kongress haben, die
die Beduerfnisse der Menschen respektieren und die Gefahren erkennen, die die freie Welt bedrohen. Wir koennen eine solche Regierung und einen solchen Kongress haben, wenn Jeder wahlberechtigte
Buerger von seinem Wahlrecht Gebrauch macht."
Hauptkassierer George Meany erklaerte, die "Organisierung der
Nichtorganisierten stelle noch immer ein wesentliches Problem fuer
die APL dar." Aber jetzt muessen wir einer neuen Gefahr begegnen.
Wenn auch der "Amerikanische Plan" fehlgeschlagen, der Plan der
Unternehmer misslungen ist, der die Arbeiterschaft in Not und Armut
gestuerzt haette, und wenn es auch nicht zur Verwirklichung der
antigewerkschaftlichen Gesetzgebung gekommen Ist, mit der man die
Gewerkschaften zurueckwerfen und In die Defensive zwingen wollte,
so ist es doch zu dem Erlass des Taft-Hartley Gesetzes gekommen.
Dieses Gesetz hat vieles von dem fertiggebracht, was den Unternehmern zu unserer Zeit niemals vorher gelungen waere.
"Vergesst folgendes nicht: Als die Stimmen ausgezaehlt wurden,
mit denen das Taft-Hartley-Gesetz Im Jahre 1947 angenommen wurde,
waren wir eindeutig unterlegen. Als Praesident Trumans Veto gegen
dieses Gesetz ueberstlmmt wurde, waren wir ebenfalls ohne Zweifel
unterlegen. Das Grosskapital, das durch die Nationale Fabrikantenvereinigung und ihre Puersprecher Im Kongress vertreten ist, erhiell
die erforderlichen Stimmen, nicht wir hatten sie. Wenn wir diese
Situation aendern wollen, gibt es fuer uns meines Wissens nur einen
Weg: Wir muessen die notwendigen Stimmen erhalten."
"In allen Bezirken und in allen Ortsgewerkschaften muessen wir
fuer dieses Ziel arbeiten. Nicht in Washington wird gewaehlt, die
Kongressleute werden draussen im ganzen Lande gewaehlt. Wir muesse:
deshalb auf oertlicher Basis die notwendige Arbeit verrichten."
Charles J. McGowan von der Gewerkschaft der Kessel- und Grobschmiede sagte: "Die Entwicklungen im Kongress und in vielen
Einzelstaaten haben die arbeitende Bevoelkerung gezwungen, sich
auf freiwilliger Basis zusammenzuschliessen, um sich gegen die
Angriffe zu wehren, die auf politischem Gebiet gegen unsere Gewerkschaftsbewegung gefuehrt werden. Wir muessen nicht nur alles
in unserer Macht stehende vollbringen, um unsere wirtschaftliche
Organisation, unsere Gewerkschaft weiter aufzubauen und zu
staerken, sondern wir muessen auch als einzelne Buerger auf freiwilliger Basis mit anderen Gleichgesinnten zusammenarbeiten, damit jene Leute In oeffentliche Aemter gewaehlt werden, die in
Ihrem Herzen an den Wahlspruch "Gott segne Amerika" wirklich glauben und nach ihm auch stets handeln.
AI Hayes von der allamerikanischen Gewerkschaft der Mechanikei
- 14 -

�erklaerte: "Die Feinde des Fortschritts, die durch ihre reichen
und maechtigen "Drahtzieher" Im Kongress arbeiten, wollen, dass
sich unsere Regierung gegen die grosse Masse des Volkes wendet.
Sie versuchen, sie zu einem Hindernis auf dem Wege des Fortschritts umzugestalten. Wenn wir unseren Verpflichtungen uns
selbst und unseren Kindern gegenueber gerecht werden wollen,
muessen wir einen Weg finden, um unserer organisierten Staerke
mehr Binfluss auf die Politik zu geben - der Politik in unserem
Stadtbezirk, in unseren Staedten und Gemeinden und schliesslich
auf die staatliche und nationale Politik. Wenn wir es zulassen,
dass unsere politische Staerke durch Zustaendlgkeitsstreitigkeiten und geringfuegige Meinungsverschiedenheiten aufgespalten
wird, so unterstuetzen wir damit nur unsere Feinde."
Alexander McKeown von der Strumpfarbeitergewerkschaft
erklaerte: "Wir muessen endlich einsehen, dass es verlorene Liebesmuehe ist, einen schlechten Kongress ueberreden zu wollen,
gute Arbeit zu leisten. Wir muessen alle unsere gesamte Energie
dafuer einsetzen, den gegenwaertigen Kongress durch einen besseren
Kongress im Jahre 1952 zu ersetzen."
H.L. Mitchell von der Nationalen Landarbeitergewerkschäft
bemerkte: "Die Gewerkschaftsbewegung muss Ihre gesamten Bemuehungen auf die Vorbereitung der Wahlen im kommenden Jahre
konzentrieren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Gewerkschaftsmitglieder schulen und aufklaeren muss, sondern auch die natuerlichen Verbuendeten der Gewerkschaftsbewegung - die kleinen Bauern,
die kleinen Geschaeftsleute, die Angestellten und die Intellektuellen. Die Koalition der jetzigen gegen die Gewerkschaften eingestellten Kongressabgeordneten hat das fortschrittliche Programm
der Regierung scheitern lassen."
Woodruff Randolph von der allamerikanischen Buchdruckergewerkschaft sagte: "Die Gewerkschaftsbewegung muss den Leuten
nicht nur zeigen, welche Art der Gesetzgebung fuer das Land vorteilhaft ist, sondern muss endlich auch die gegen sie gerichtete
Kritik ueberwinden und als der bessere Berater der gemeinsamen
Interessen der Oeffentlichkeit auftreten."
T. C. Caroll von der Gewerkschaft der Strassenarbeiter vertritt
folgenden Standpunkt: "Die Gewerkschaften muessen bei Ihrer Arbeit
ein wachsames Auge auf die Kongressbeschluesse richten. Dieser
Kongress hat es unterlassen, das Wohl der Lohnverdiener ebenso zu
hueten wie das des Kapitals. Im Kriegsfalle hat sich die Gewerkschaftsbewegung niemals Ihren Verpflichtungen entzogen, dagegen
blueht jetzt bereits das Geschaeft der Kriegsgewinnler. Hiergegen
protestiert die Gewerkschaftsbewegung energisch, waehrend anscheinend gewisse Leute In offiziellen Positionen einfach die Vorhaenge zuziehen, ut die Schuldigen zu verbergen."
W. L. Allen von der Gewerkschaft der Telegrafenarbeiter ist
folgender Meinung: "Unter den 57 % der Wahlberechtigten, die im
vorigen Jahre nicht abgestimmt haben, befanden sich viele Millionen
Lohnempfaenger. Sie haben mit ihren Stimmen die Macht, solche
Leute zu waehlen, die ihre politischen Interessen beruecksichtigen
und darauf achten werden, dass sie ihren gerechten Anteil an den
Fruechten des Fortschritts erhalten. Offensichtlich machen sie
sich keine Gedanken darueber, wer sie vertritt, und legen deshalb
keinen Wert darauf, zu waehlen. Aus diesem Grunde konnten viele
gewerkschaftsfreundliche Senatoren und Abgeordneten fuer das
Repraesentantenhaus 1950 nicht gewaehlt werden. So hat die Arbeiterschaft heute weniger Freunde im Kongress als vor zwei Jahren.
Hieraus erklaert es sich auch, dass das verwerfliche Taft-HartleyGesetz noch Immer in Kraft ist."

- 15 -

�Richard P. Walsh von der Gewerkschaft der Buehnenarbeiter
nahm mit folgenden Worten zu der Frage der politischen Betaetigung
Stellung: "Bei den Wahlen 1948 und 1950 brachte das Grosskapital
eine genuegende Zahl seiner Repraesentanten in Amt und Wuerden,
um uns die Fluegel zu beschneiden. Nun stehen wir vor einem schwerwiegendem Problem, das die Richtigkeit unserer Einstellung beweisen
duerfte. Die hohen Lebenshaltungskosten haben eine allgemeine
Unruhe hervorgerufen. Dieses Mal sollten die Waehler unseren
Argumenten besser Gehoer schenken. Wenn diese Argumente in richtiger und ueberzeugender Weise vorgebracht werden, dann werden die
Leute endlich wach werden und gesetzgebende Koerperschaften waehlen,
die liberal genug sind, um das Problem der Inflation in' der richtigen Weise anzupacken und gute soziale Gesetze zu erlassen. Zugleich
werden sie die schlechten Gesetze, mit denen man die Gewerkschaftsbewegung untergraben wollte, endlich hinwegraeumen."
Lee W. Minton von der Gewerkschaft der Glasflaschenblaeser
sagte: "Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung ist in den vergangenen fuenf Jahren durch eine voreingenommene Gesetzgebung
erschuettert worden. Und doch scheint die grosse Masse der amerikanischen Arbeiterschaft in einem apathischen Zustand zu leben.
Die amerikanische Arbeiterschaft muas schnellstens aktiver werden
und dafuer sorgen, dass Ihre Vertreter Im Kongress und ihre Senatoren ueber ihre Wuensche genau unterrichtet werden. Ich moechte
jeden, der an der Wohlfahrt der gesamten Nation und auch an einer
geordneten Wirtschaft Interessiert ist, auffordern, sich staerker
um die Arbeit der Regierung zu kuemmern, damit der Kurs geaendert
wird."
D. W. Tracy von der Internationalen Gewerkschaft der Elektroarbeiter erklaertei "Wir erwarten am liebsten einen direkten Widerruf des Taft-Hartley Gesetzes, in jedem Falle aber eine fuer die
Gewerkschaften guenstige Abaenderung. Die Gewerkschaftsbewegung
wird sich mit diesem ungerechten Gesetz niemals abfinden und nicht
eher ruhen, als bis es aus unseren Gesetzbuechern verschwunden ist.
Die gesamte Gewerkschaftsbewegung muss sich der Notwendigkeit einer
unaufhoerllchen politischen Betaetigung In ihrem eigenen Interesse
und zum Schutz der Rechte des Arbeiters bewusst sein."
J. H. Lyons von der Gewerkschaft der Ei»«nkonstrukteure aeusser
seine Meinung folgendermassen: "Wir haben einen langen Weg zurueckgelegt und wollen auf die errungenen Erfolge nicht Verzicht leisten,
sondern wir wollen fortfahren, fuer weiteren Fortschritt in unserer
nationalen Wirtschaft zu kaempfen. Das ist das Ziel der Gewerkschaftsbewegung, und es kann nur durch stete gemeinsame Bemuehungen
erreicht werden."
William F. Schnitzler von der Gewerkschaft der Baeckerei- und
Konditoreiarbeiter warnte die Gewerkschaftsbewegung vor einer
"kuenstlich geschaffenen Krise, die man dazu ausnutzen koennte, die
gerechten Forderungen der Gewerkschaftsbewegung abzulehnen."
Lester Washburn von der Automobilarbeitergewerkschaft stellte
fest: "Es gibt keinen besseren Weg, alle amerikanischen Arbeiter
zu schuetzen, als sie alle durch starke, demokratische und finanzkraeftige Gewerkschaften zu vertreten. Der nlchtorganisierte Arbeiter befindet sich heute In einer nicht beneidenswerten und gefaehrlichen Lage. Er braucht eine Gewerkschaft zumindest ebenso
noetig wie die Gewerkschaft Ihn braucht."
Daily News Service
VIII/17/51

16 H1C0O 4 9*pt 51 18338 8 V

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

• IV - 35

Frankfurt, 31. August 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Bereits vor 3100 Jahren wurde gestreikt

1

Die Arbeiter der Tschechoslowakei verweigern
"freiwillige Zusammenarbeit"

3

Die erwerbstaetige Japanerin

5

Britische Gewerkschaften und Kommunismus

7

Wie amerikanische Gewerkschaften finanzschwache
Betriebe unterstuetzen

9

Italien erzeugt Strom mit vulkanischen
Daempfen
t

13

Kommunismus in Burma verliert an Boden

15

US-Baeckergewerkschaft schafft eigenen Unfallverhuetungsfilm

16

BEREITS VOR 5100 JAHREN WURDE GESTREIKT.
Ein Gelehrter der Universitaet Chikago hat einen Streik
buchstaeblich "ausgegraben", der vor etwa 3100 Jahren stattfand.
Es war zurzeit der Eroberung Trojas, als aegyptische Arbeiter, die an der Fertigstellung und Ausschmueckung des Grabmals
des aegyptischen Pharaonen Ramses III. in Thebens "Tal der Koenige"
beschaeftigt waren, die Arbeit einstellten, weil sie ihre Loehne
zu dem festgesetzten Zeitpunkt nicht erhielten.
Von diesem Streik wird in einer aegyptischen amtlichen Denk- 1 -

�•

schrift aus jener Zelt berichtet, deren Uebersetzung in der
neuesten Ausgabe des von William F. Edgerton herausgegebenen
"Journal of Near Eastern Studies" (Zeitschrift nahoest 1*1 eher
Studien) veroeffentlicht ist. Edgerton ist Aegyptologe und Vorsitzender der Fakultaet fuer orientalische Sprachen am orientalischen Institut der Universitaet Chicago.
Die Arbeiter traten buchstaeblich in den Streik, indem sie
ihre Arbeitsplaetze am Grabmal des Pharaonen verliessen und sich
an anderen Plaetzen der Umgebung versammelten.
Als Beamte der Regierung eiligst hinzugezogen wurden, weigerten
sich die Arbeiter, ihre Arbeit wiederaufzunehmen, mit folgender Begruendung: "Es sind Hunger und Durst, die uns hierher treiben.
Wir haben keine Kleidung, keine Arzneien, keine Fische und kein Genuese."
Obwohl der Bericht unvollstaendig ist, geht aus ihm hervor,
dass die Arbeiter im Verlauf eines Jahres fuenfmal streikten, weil
ihre Lebensmittelrationen nicht rechtzeitig geliefert wurden oder
unzureichend waren. Sie verweigerten jedesmal die Arbeit, wenn sie
keine Lebensmittel erhielten. Ihr Streik war natuerlich immer
erfolgreich.
Obwohl zu jener Zeit In Aegypten eine Inflation herrschte, durch
die der Preis fuer Weizen um 500 % in die Hoehe ging, mag es fuer
Ramses III, haeufig schwierig gewesen sein, genuegend Lebensmittel
fuer die Arbeiter zusammenzubekommen. Edgerton vermutet jedoch,
dass die Streikenden eine Art primitiver Erpressungsmethoden angewendet haben.
Ein Verwandter des Pharao namens To war zum Wesir des Regenten
ernannt worden und wurde dadurch zum zweitmaechtigsten Mann in
Aegypten. Offensichtlich gehoerte es zur Taktik Tos, diese Streiks
In Szene zu setzen. Anstatt dem Hungertode nahe zu sein, werden
Ile Arbeiter in dem koenigllchen Grabmal lediglich im Auftrage Tos
einen Druck auf seine Verwandte ausgeuebt haben.
Die offensichtliche Milde, mit der fuer damalige Zeiten die
Arbeiter behandelt wurden, indem man restlos ihren Forderungen stattgab, laesst sich entweder durch den Einfluss Tos oder die grosse Bedeutung ihrer Arbeit erklaeren.
Der Pharao konnte keine Unterbrechung der Arbeiten im Grabmal
hinnehmen, weil es eine seiner wichtigsten Lebensaufgaben war, noch
zu Lebzeiten das gewaltiee Bauwerk zu errichten, das nach seinem
Tode sein Leben als das eines "grossen Gotts" verherrlichen wuerde.
Zum erstenmal erhielt man Kenntnis von diesem Streik durch ein
primitives Bruchstueck, einer Scherbe aus Ton, die sich in einem
Eerliner Museum befand. Die gesamten Vorkommnisse wurden von einem
damaligen Schriftgelehrten auf einem inzwischen beschaedigten
Papyrusstreifen schriftlich niedergelegt, der sich jetzt in einem
Museum in Turin befindet.
Mitglieder des Lehrkoerpers des orientalischen Instituts der
Unlversltaet in Chikago hatten zum erstenmal 1925 mit Nachforschungen
am Grabmal Ramses III. in Theben begonnen, um diesem ersten ueberlleferten Streik auf den Grund zu gehen.
The CIO News
VIII/13/51

- 2 -

�DIE ARBEITER DER TSCHECHOSLOWAKEI VERWEIGERN "FR ET'.VILLI GS ZUSAMMENARBEIT" .

Weder durch Ueberredungen, noch durch Versprechungen und
Saeuberun~saktionen ist es den Kommunisten gelungen, das Rueckgrat des Widerstandes der Arbeiter gegen das stachanowistische
Antreibungssystem und andere Methoden der sogenannten "sozialistischen Arbeitsdisziplin" in den Laendern hinter dem Eisernen
Vorhang zu brechen. Die verschiedenen stalinistischen Diktaturen
sahen sich deshalb bezwungen, mehr und mehr zur nackten Gewalt zu
greifen, um die Durchfuehrung der Anordnungen zur Planerfuellung
zu erzwingen. Dies geht aus einer Reihe Berichte hervor, die
nach dem Westen durchsickerten.
Ein weiterer Beweis hierfuer Ist sogar die offizielle kommunistische Presse und der kommunistische Runkfunk. So massregelte zum Beispiel der tschechoslowakische KInisterpraesident
Zapotocky am 8. August Betriebsraete, Gewerkschaften und Betriebsleiter aufs schaerfste, weil es Ihnen nicht gelungen war, die Anordnung vom 29. Juli auszufuehren, In der die Uebernahme von
77.500 Verwaltungsangestellten in den Produktionsprozess der
Industrie angeordnet worden war. Der KInisterpraesident erklaerte:
"Eines ist gewiss - und wir muessen dies als unabaenderliche Tatsache anerkennen - wir werden der Anordnung Folge leisten und die
Uebernahme der Verwaltungsangestellten in die Industrie durchfuehren muessen."
Natuerlich war diese intensive Propagandakampagne, mit der
man die Verwaltungsangestellten ueberreden wollte, ihre Familien,
ihre Wohnungen und ihre Bueros freiwillig zu verlassen, um In die
Bergwerke oder Fabriken zu gehen, ein Fehlschlag. Ein Beweis
hierfuer sind die Angestellten der Stadt Prag. In den letzten
Monaten wollten nur 1.191 Angestellte ihren Arbeltsplatz wechseln,
obwohl man denen, die sich freiwillig zur Arbeit In den Bergwerken
melden, besondere Vorteile bietet. Nur 35 dieser Angestellten
wollten in den Kohlenbergwerken von Maehrisch-Ostrau arbeiten,
obwohl in der kommunistischen Propaganda auf den Mangel an Arbeitskraeften p-erade in diesem Dezirk besonders hingewiesen worden war.
I»'an bot den Freiwilligen verschiedene Bevorzugungen beim Ruecktransport nach Prag nach Ihrer zweijaehrigen freiwilligen Arbeit
im Bergwerk.
Ein weiteres bezeichnendes Beispiel sind die Angestellten der
Pramen-Verteilungsstellen In der Lebensmittelbranche. Von 2.000,
die zur Arbeit in den Bergwerken bestimmt waren, weigerten sich
300 ohne jede Umschweife. Auch die Betriebsleiter wurden von der
Regierung zurechtgewiesen, weil sie diejenigen Arbeiter zurueckgestellt hatten, die fuer eine Verwaltungsarbelt untauglich waren,
oder nur eine geringe Arbeitsleistung aufzuweisen hatten. Die
Fabrikbetriebe, die die ueberwiesenen Arbeiter aufnehmen sollten,
lehnten dies haeufig mit der Entschuldigung ab, sie haetten noch
nicht die notwendigen Maschinen und seien auch noch nicht genuegend
vorbereitet, um sie beschaeftigen zu koennen. Der "Sabotage an
der Verordnung", wie es die Regierung nennt, machen sich also nicht
nur die Arbeiter, sondern auch die Unternehmer schuldig.
Bevor man mit dieser Kampagne der Ueberfuehrung von Verwaltungsangestellten in den Produktionsprozess begann, hatte man
bereits auf die Absolventen der hoeheren Schulen, die aelter als
15 Jahre sind, einen Druck ausgeuebt,. um sie zu veranlassen, eine
Beschaeftigung in der Fabrik oder Im Bergwerk anzunehmen. Das
Ergebnis dieser Massnahme und der uebrigen, die noch folgten, ist
die Zerstoerung des Familienlebens und die Trennung von Vaetern,
Iüiettern und Kindern. In einer neueren Verordnung sieht man vor,

- 3 -

�schriftliche Vertraege abzuschliessen, nach denen es Lehrlingen
verboten ist, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, wenn dies nicht
aufgrund ausserordentlicher Verhaeltnisse - aber auch dann nur
mit behoerdlicher Genehmigung - geschieht. Alle diese Massnahmen weisen darauf hin, dass es den Stalinisten seit ihrer
Machtuebernahme im Februar 1948 nicht gelungen ist, sich die
freiwillige Mitarbeit der Arbeiterschaft zu sichern.
Diese Verordnungen sind ausserdem durch die grossen Verpflichtungen notwendig geworden, die die Tschechoslowakei im
Rahmen des fuenfjaehrigen Handelsabkommens, das am 5. November
1950 unterzeichnet wurde, der Sowjetunion gegenueber eingegangen
ist. Schwerwiegende und weitverbreitete Leistungsunfaehigkeit
der Industrie, gegen die die offizielle Presse fortwährend
Sturm laeuft, macht die Erfuellung dieser Verpflichtungen fast
unmoeglich.
Die Folge hiervon ist ein allgemeiner Mangel an Waren, ein
finanzielles Defizit und Inflationsspiralen als Begleiterscheinungen. Bei dem Versuch, sich aus diesen wirtschaftlichen
Schwierigkelten herauszuwinden, hat die tschechische Regierung
zu immer drastischeren Massnahmen gegen die Arbeiterschaft
Zuflucht genommen. Hierzu gehoeren natuerlich auch Ihre neuesten
Bemuehungen um eine weitere Steigerung der Produktionsnormen.
Dass es den tschechischen Arbeitern gelungen ist, sich den
immer wiederkehrenden stachanowistischen Antreibungskampagnen zu
widersetzen, wird durch konkrete Zahlen bewiesen, die vom
Nationalen Planungsbuero am 29. Juli 1951 bekanntgegeben wurden.
Diesem Bericht zufolge Ist die Arbeitsleistung des Einzelnen In
der ersten Haelfte dieses Jahres um 3,9 % angestiegen. In dem
Plan war fuer das Jahr 1951 eine Steigerung um 11 % gefordert
worden. Der Steigerung von 3,9 % in der ersten Haelfte von 1951
steht eine Erhoehung von 7 % in dem gleichen Zeitraum des Jahres
1950 gegenueber. Ueber den Prager Rundfunk wurde dem Nationalen
Zentralkomitee der tschechoslowakischen Hauptstadt, das mit der
Stadtverwaltung beauftragt ist, am 13. August vorgeworfen, bei
der Zusammenstellung von freiwilligen Arbeitskolonnen fuer die
Hopfenernte aeusserst nachlaessig gewesen zu sein. Das Komitee
hatte sich verpflichtet, 10.000 Freiwillige zusammenzustellen,
aber nur 1.600 standen bei der Ernte zur Verfuegung, wie im Rundfunk mitgeteilt wurde. Auch in anderen Gegenden war die Antwort
der Arbeiter auf diesen Aufruf enttaeuschend. Von schaetzungswelse 50.000 Helfern, die zum Einbringen der Ernte benoetigt wurden,
konnte nur die Haelfte ausgehoben werden, und die dadurch geschaffene Lage wurde vom Prager Rundfunk als "kritisch" bezeichnet«
Eine der Ursachen, die die Unzufriedenheit unter den Arbeitern
in der Tschechoslowakei naehren, ist das wachsende Ansteigen der
Unfallziffern in der Industrie. Man zaehlt jetzt dreimal so viel
schwere Unfaelle am Arbeitsplatz wis vor dem Kriege.. In einem
Kommentar hierzu bemerkte der Vorsitzende der tschechoslowakischen
Gewerkschaften, Frantisek Zipka, in zynischer Weise vor dem
Parlament: "Ein Arbeiter, der einen Unfall hat, verliert seine
Arbeitsfaehigkeit. Nach Beendigung seiner Behandlung kann er noch
immer arbeitsunfaehig sein. Auf diese Weise entstehen fuer den
Staat Unkosten, zugleich gehen Arbeltsstunden verloren. Wenn der
Unfall durch eine Explosion, durch einen Brand oder eine andere
Katastrophe verursacht ist, muss mit erheblichen Schaeden an
Maschinen und anderen Ausruestungsgegenstaenden der Industrie und
Verlusten an Rohstoffen und Fertigwaren gerechnet werden." So Ist
es woertlich in der "Prace" vom 13. Juli 1951 zu lesenl
In dem Bestreben, derartige Verluste zu vermeiden, hat die
- 4 -

�Regierung den Gewerkschaften die Verantwortung fuer die Sicherheit smassnahmen uebertragen. Dies ist seit 1945 die zweite
Aenderung in ihrem Programm. Zipka erklaerte in der stalinistischen Zeitung "Prace" am 7. Juli hierzu: "Arbeitsunfaelle
sind meistens auf die Unvorsichtigkeit und Nachlaessigkeit der
Arbeiter zurueckzufuehren." Fluechtlinge aus der Tschechoslowakei dementieren diese Behauptung und beschuldigen Zipka, wie ein
Arbeitgeber und nicht wie ein Gewerkschaftsfuehrer zu sprechen.
Sie sind der Ansicht, dass die gesteigerten Unfallziffern in den
Fabriken und in den Bergwerken durch den Mangel an Sicherheitsmethoden oder durch veraltete Einrichtungen und ueberbeanspruchte
Maschinen bedingt sind, die regelrecht zusammenbrechen und zahlreiche Unfaelle verursachen. Eine weitere Ursache der Unfaelle
ist die staendige Beschleunigung des Arbeitstempos. In den
Fabriken und besonders in den Bergwerken werden Menschen und
Maschinen durch das stachanowistische Antreibesystem gezwungen,
schneller als bisher zu arbeiten: ein anormaler Verschleiss an
Menschen und Maschinen ist die unausbleibliche Folge. Es kommt
zu unnoetigen Unfaellen, und die Arbeitsmoral sinkt zwangslaeufIg.
Propagandaschlagworte ueber den "Aufbau des Sozialismus" sind
fuer derartige Arbeitsbedingungen kein Ausgleich. Die stalinistischen Machthaber der Tschechoslowakei muessen in immer staerkerem
Masse Terror und brutale Gewalt anwenden, um einmal den passiven
Widerstand zu ueberwinden, und zum anderen aus ihren Opfern immer
mehr herauszuholen.
Program Services Section
VIII/14/51

DIE ERWERESTAETIGE JAPANERIN.

Die erwerbstaetige Frau lebt auch in Japan immer noch unter
dem Joch alter Gebraeuche und Traditionen; aber heute sind schon
mehr als eine Million Japanerinnen eifrige Gewerkschaftsmitglieder.
Trotz der vielen Hindernisse, die zu ueberwinden waren, haben sie
betraechtliche Fortschritte erzielt.
Gladys Dickason, die als erste .Gewerkschafterin aus Amerika
in offizieller Mission nach Japan geschickt wurde, hatte nach
einem viermonaticren Besuch in Japan diesen allgemeinen Eindruck
von dem Fortschritt gewonnen, den die arbeitenden Frauen Japans
erzielt hatten.
Fraeulein Dickason ist Vizevorsitzende und Leiterin der
Forschungsabteilung der Bekleidungsarbeitergewerkschaft des CIO.
In ihrem Buero in der Zentrale der Bekleidungsarbeitergewerkschaft des CIO in New York sprach Fraeulein Dickason zu Vertretern der "CIO News" ueber ihre Beobachtungen in Japan.
Sie unternahm diese Reise als Sachverstaendige fuer Frauentagen in den Gewerkschaften. Um sich Informationen ueber Loehne,
Arbeits- und Lebensbedingungen und die Taetigkeit der Gewerkschaften an Ort und Stelle einzuholen, hat sie etwa 50 Betriebe
besucht, In denen rund 120.000 Arbeiter, meist Frauen, beschaeftip;t
sind. Sie wohnte Versammlungen bei und hatte Unterredungen mit
Vertretergruppen oertlicher Gewerkschaften, die sich aus Maennern
und Frauen zusammensetzten. Sie unterhielt sich mit Beamten der
Regierung, die sich mit Arbeits- und Frauenfragen beschaeftigen.
Im Beisein von Gewerkschaftsfunktionaeren fuehrte sie Besprechungen
mit Arbeitgebervertretern, sie sprach aber auch anlaesslich ver-

5 -

�schiedener Massenkundgebungen der Gewerkschaften.
"Das Interesse der Frauen fuer die Gewerkschaften und fuer
Angelegenheiten oeffentlicher Bedeutung ist wirklich erstaunlich,"
berichtete Gladys Dickason. "So ist zum Beispiel der Prozentsatz
der Wahlbeteiligung; der Frauen groesser als der der Ma-enner."
"Die Amerikaner moegen es mit Erroeten zur Kenntnis nehmen,
wenn sie an die eigene Wahlbeteiligung denken, dass mehr als 80 %
der Wahlberechtigten an den Wahlen' teilnehmen."
Wir neigen zu der Annahme, dass das Gesicht des japanischen
Menschen ausdruckslos ist. Was jedoch mit zu den lebendigsten
Erinnerungen Gladys Dickasons gehoert, ist der aufgeweckte und
anteilnehmende Gesichtsausdruck der japanischen Frauen, mit denen
sie sich unterhielt.
Sie stuermten regelrecht in die Versammlunersraeuine, um sie
sprechen zu hoeren. Bei ihren Besuchen in den betriebseigenen
Schlafsaelen, in denen noch viele Frauen leben, war sie immer von
einer grossen Schar wissensdurstiger Frauen umgeben, die mit Hilfe
eines Dolmetschers ihr Hunderte von Fragen stellten.
Ein grosser Prozentsatz der erwerbstaeti^en Frauen, in Japan
ist sehr jung. Das Mindestarbeitsalter ist 15 Jahre. Gladys
Dickasons jedoch berichtete, dass einige von ihnen nicht aelter
als 10 oder 12 Jahre ausgesehen haetten, sie jedoch gut und gern
15 Jahre und aelter gewesen sein koennen, weil man dem Japaner Im
allgemeinen sein Alter nicht ansieht. Nur etwa 15 % der erwerbstaetigen Frauen sind vorheiratet.
Der Status der in der Industrie beschaeftigten Frauen Ist
durch die umwaelzenden Veraenderungen in der Gesetzgebung und Verfassung In der Nachkriegszeit wesentlich verbessert worden. Diese
Veraenderungen haben eine Revolution der gesellschaftlichen Stellung der Frau in Japan bewirkt.
Zu den wichtigsten Veraenderungen gehoert das Wahlrecht der
Frau, das sie zum erstenmal im April 1946 ausuebte. Jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Beziehung ist fuer ungesetzlich erklaert und
den Frauen sind heute die gleichen Bildungsmoeglichkelten gewaehrt
worden.
Das Gesetz fuer Arbeltsnormen, das sich sowohl auf erwerbstaetige Maenner als auch Frauen erstreckt, beschraenkt die taegliche
Arbeitszeit auf acht Stunden und die woechentliche Arbeitszeit In
den Hersteller- und verarbeitenden Industrien auf 48 Stunden. Es
legt gewisse Beschraenkungen fuer die Ueberstundenarbeit der Frau
auf und verbietet darueber hinaus gefaehrliche und gesundheitsschaedliche Arbelt fuer Frauen.
Das Gesetz ueber gewerkschaftliche Organisation, das im Dezember 1945 erlassen wurde und sich sowohl auf Maenner als auch auf
Frauen erstreckt, garantiert das Recht, sich gewerkschaftlich zu
organisieren sowie das Streikrecht.
"Die traditionellen Schwierigkeiten, denen die Frauen ausgesetzt waren,lassen diese beiden Gesetze als Urkunden der Freiheit
fuer die Frau erscheinen."
Nach der neuesten verfuegbaren Statistik zurzeit des Aufenthalts Gladys Dickasons in Japan waren von einer gesamten 33 Millionen Menschen zaehlenden Erwerbsbevoelkerung mehr als 12 Millionen Frauen. Nahezu die Haelfte hiervon war in der Landwirtschaft

- 6 -

�schaft beschaeftist.
Nur rund 2,5 Millionen Frauen oder 38 % der 6,5 Killionen
in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben Besthaeftigten arbeiten
in der Hersteller- und verarbeitenden Industrie. Ueber zwei
Killionen sind im Handel und Gewerbe beschaeftigt. Sine Killion
Frauen verdient sich in den Dienstleistungsindustrien ihr Brot,
und 210.000 sind bei der Regierung beschaeftigt.
Eine der ueberraschendsten Tatsachen ist es, betont Gladys
Dickason, dass es in Japan eine grosse Anzahl unbezahlter Arbeiter
gibt, die man sogar in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben antrifft.
Kehr als sieben Killionen Maenner und Frauen, das heisst etwa
ein Drittel aller in dieser Kategorie, erhalten keinen Lohn. Sie
arbeiten in der grossen Zahl der Familienbetriebe , die fuer die
Gewerkschaften in Japan eines der schwierigsten Probleme darstellen.
Nahezu drei Killionen oder 43 % aller erwerbstaetigen Frauen
in Fabriken und Ladengeschaeften werden nicht entlohnt. Nur
wenirr mehr als 1,5 Millionen der 2,5 Millionen Frauen, die in der
Herstellerindustrie beschaeftigt sind, erhalten einen Lohn. Die
üarloehne der Frauen sind Im Durchschnitt um mehr als die Haelfte
niedriger als die der Kaenner.
In Anbetracut der grossen Schwierigkeiten, mit denen die erwerbstaetige Frau gerade in Japan zu kaempfen hat, duerfte die
Tatsache ein Beweis fuer ihre bejahende Haltung den Gewerkschaften
gegenueber sein, dass von je vier Mitgliedern in der Gesamtmitgliederzahl ein Kitglied eine Frau Ist.
Insgesamt gibt es 1.304.332 weibliche Gewerkschaftsmitglieder.
Etwa 38 % aller Frauen, die eine bezahlte Beschaeftigung ausueben,
gehoeren einer Gewerkschaft an.
Nach der Industriezugehoerigkeit ist die groesste Gruppe gewerkschaftlich organisierter, erwerbstaetiger Frauen in der Textilindustrie vorzufinden, in der 284.000 Frauen Gewerkschaftsmitglieder sind und damit 71 % der gesamten Kitgliederzahl dieser
Gewerkschaft ausmachen.
The CIO News
VIH/13/51
C K . Hartwell, Herausgeber des TUC-Organs:
BRI TISCHE GEWERKSCHAFTEN UND KOKMTNISKUS .

Da sich die Sorrmersaison der gewerkschaftlichen Konferenzen
in England ihrem Hoehepunkt, naemlich der Jahresversammlung des
Britischen Gewerkschaftskongresses (TUC) im September genaehert
hat, werden bereits Vermutungen ueber etwaige Aenderunn;en in der
Politik gegenueber wichtigen gewerkschaftlichen Problemen laut.
Am wenigsten Hoffnung, eine Chance zu haben, besteht dabei
fuer die Kommunisten. Sie blicken auf ein nicht besonders erfolgreiches Jahr zurueck. Seit Ostern haben ihnen die uebrigen
Delegierten in allen Konferenzen eine ablehnende Haltung gezeigt,
und eine Abstimmung nach der anderen hat erwiesen, dass Ihr Bemuehen, dem Kommunismus In den Gewerkschaften eine fuehrende Stellung zu sichern und ihn zu staerken, voellig fehlgeschlagen ist.
In der Metallarbeitergewerkschaft, deren 80u.OOO Kitglieder
- 7 -

�wesentliche Arbeiten an Verteidigungsprojekten verrichten, hat
Jack Tanner vor kurzem einen Sieg ueber seinen kommunistischen
Rivalen errungen, als er von den Mitgliedern der Gewerkschaft
zum Vorsitzenden gewaehlt wurde. Zuvor hatte die gleiche Gewerkschaft unter Anwendung der gleichen demokratischen Methoden die
Kommunisten aus den hohen Aemtern innerhalb der Gewerkschaft
vertrieben. Hierunter faellt auch der Ruecktritt zweier Organisatoren auf Landesebene.
Diese Rueckschlaege der Kommunisten fallen zeitlich mit einem
Tiefstand des politischen Einflusses des Kommunismus zusammen,
denn kein einziger Anhaenger der kommunistischen Partei ist als
Abgeordneter im Parlament, und nur wenige konnten ihre Mandate in
den Ortsverwaltuneen beibehalten, die sie sich errunt en hatten,
als sie ein wenig Ansehen aus den Kriegserfolgen der Roten Armee
zu ihren Gunsten in die Waagschale werden konnten.
Enttaeuscht darueber, dass es ihnen nicht gelungen ist, die
schweren Verluste, die sie in der Politik erlitten hatten, auf
industriellem Gebiet wiedergutzumachen, haben sich die Kitglieder
der kommunistischen Partei daran erinnert, dass es ihre wichtigste
Aufgabe ist, in den Betrieben kommunistische Parteigruppen zu
bilden. Sie haben zu erkennen gegeben, dass es ihr Ziel ist, nicht
Hunderte solcher Gruppen, sondern vielmehr Tausende zu bilden, von
denen viele, wenn die uebliche kommunistische "Normaltaktik" angewendet wird, ihre Existenz vollkommen verbergen oder ihre politische Zugehoerigkeit unter dem Namen wie "Arbeiterschutzkomitees"
tarnen wuerdo^ waehrend sie bestrebt sind, Stimmen fuer solche
Kandidaten zu sammeln, die von den Parteifuehrern fuer die Aemter
in Orts- und Landesgewerkschaften vorgesehen sind.
Dass von selten des TUC bereits vor drei
und andere Methoden aufmerksam gemacht wurde,
gangen, und es fand in diesem Jahr wohl keine
3tatt, auf der das schwierige Problem, um das
handelt, nicht erwaehnt worden waere.

Jahren auf diese
ist niemandem enteinzige Konferenz
es sich hierbei

In mehreren Faellen haben jedoch die Delegierten aufgrund
ihrer traditionellen Toleranz Minderheitsgruppen gegenueber gezoegert, drastische Massnahmen gegen die Taetigkeit einer organisierten Gruppe in ihren Reihen zu ergreifen, die zwar wenig Respekt
fuer demokratische Grundsaetze zeigt, aber nichtsdestoweniger die
demokratischen Einrichtungen zu ihrem Vorteil ausnutzt.
Auf der anderen Seite sehen sich aber verschiedene Gewerkschaften aufgrund bitterer Erfahrungen veranlasst, dieser Gefahr
prompt zu begegnen. So bestand zum Beispiel die Gewerkschaft der
Bueroangestellten vor zwei Jahren darauf, dass sich die Kandidaten
fuer alle Aemter in der Gewerkschaft auch zu ihrer politischen
Ueberzeugung bekennen. Damit war den Hoffnungen vieler kommunistischer Bewerber ein Ende gesetzt, zu denen auch jener Mann gehoerte, der in diesem Jahr bei den Wahlen um den Vorsitz der Gewerkschaft mit sechs gegen eine Stimme geschlagen wurde.
Inzwischen haben etwa acht Kommunisten ihre Positionen als
oertliche Gewerkschaftsfuehrer dazu ausgenutzt, Betriebsraeten
und anderen gewerkschaftlichen Koerperschaften Meinungen aufzuzwingen, die mit der Politik der Gewerkschaft nicht in Einklang zu
bringen sind. Sie wurden daraufhin aus der Gewerkschaft ausgestossen.
Die Gewerkschaft der Transport- und Fabrikarbeiter, die 1,3
Millionen Mitglieder zaehlt, hat es vor zwei Jahren fuer notwendig
erachtet, aehnliche Regelungen zu treffen.
- 8 -

�Von den gewaehlten Vertretern der 350.000 Arbeiter im Verteilergewerbe hatte die Mehrheit auf der Jahresversammlung der
Gewerkschaft verlangt, dass der englische Botschafter in Madrid
abberufen wird. Aber nur wenige Kaende wurden gehoben, um'die
Forderung nach dem Rueckzug aller auslaendischen Truppen aus
Korea und andere Resolutionen zu unterstuetzen, die den Zweck
hatten,' die sowjetische Aussenpolitik zu rechtfertigen oder die
Politik der westlichen Laender zu diffamieren.
Ausserdem entschieden sich die Delegierten bei der Wahl des
Vorsitzenden mit grosser Mehrheit fuer ein Parlamentsmitglied,
der der Gewerkschaftsbewegung angehoert, und nicht fuer seinen
kommunistischen Rivalen. Gleichzeitig ging die Zahl der Kommunisten unter den 113 Punktionaeren der Landes- und Bezirksvorstaende auf sechs zurueck.
All diese Tatsachen zeigen, dass sich die englischen Gewerkschaften in voller Ausuebung ihres Rechtes, zu kritisieren
und eine Aenderung in der Politik ihrer Regierung herbeizufuehren,
mehr und mehr der grossen Gefahren bewusst sind, die durch eine
allzu tolerante Haltung den kommunistischen Infiltrationsmethoden
gegenueber nicht nur ihre Gewerkschaften, sondern auch die wirtschaftliche Staerke und demokratische Struktur ihres Landes bedrohen.
The CIO News
VIII/20/51
»VIS AFER1KANI3CEE GEWERKSCHAFTEN FINANZSCHWACHE BETRIEBE UNTERSTUETZEN.
Wenn auch die amerikanische Gewerkschaftsbewegung ein Kampfmittel darstellt, so hat sie sich doch nach Richtungen entwickelt,
die auf einen Europaeer zuweilen ueberraschend wirken. So pflegt
zum Beispiel seit langer Zeit schon eine bedeutende amerikanische
Gewerkschaft, naemlich die der Damenoberbekleidungsarbeiter (ILGWU),
mit den Unternehmern eine Form der Zusammenarbeit, die auf dem
folgenden Grundsatz beruht: Es ist besser, ein gesundes Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen, als es untergehen und die
Arbeiter erwerbslos werden zu lassen.
Das Beispiel der ILGWU ist zweifellos fuer die gesamte Gewerkschaftsbewegung Amerikas nicht allgemeingueltig. Aufgrund
Ihrer Eigentuemlichkeit, der Bedeutung und Lebendigkeit der Gewerkschaftsorganisation, die diesen Standpunkt vertritt, ist es
jedoch der Muehe wert, sich naeher damit zu befassen.
Diese Art der gewerkschaftlichen Arbeit erfordert natuerlich
geschultes Personal, das in der Lage ist, ein Unternehmen auf
seine Maengel genauestens zu untersuchen und Abhilfe zu schaffen.
Sie erfordert ebenfalls seitens der Gewerkschaften wie auch der
Unternehmer eine Geisteshaltung, der jegliches Gefuehl des Misstrauens fernliegen muss. Der Arbeitgeber muss wissen, dass man
ihm nicht auf sein gutes Gesicht hin hilft, und der Arbeiter muss
sein Bestes tun, nicht nur, um seinen Lohn zu erhalten, sondern
auch um seinem Betrieb die Moeglichkeit zu geben, sich gegen die
Konkurrenz durchzusetzen.
Mit dem geschulten Personal meinen wir die technischen
Experten der Gewerkschaft: Techniker, die aufgeschlossen sind und
genau die Aufgaben ihrer Gewerkschaft kennen. Er wird von der Gewerkschaft bezahlt. Er ist es, der Methoden ausarbeitet, deren
- 9 -

�Beachtung bei der Pestsetzung der Loehne anerlaesslich sind,
der die Organisation der Betriebe mit dem Ziel studiert, die
Produktivitaet zu verbessern und die Crewinne aus dieser Verbesserung in Form hoeherer Loehne den Arbeitern zuzuleiten. Es
ist der "Mann der Produktivitaet".
Zu Anfang Juni fand in der Abtei Royaumont in der Naehe von
Paris eine Arbeitskonferenz statt, die sich mit den sozialen und
organisatorischen Problemen der Arbeiter beschaeftigte. Die
Frage der Produktivitaet stand ebenfalls auf der Tagesordnung,
und verschiedene Sprecher aeusserten ihre Ansichten zu dieser
Frage. Einer von ihnen war ein technischer Experte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung: William Gomberg von der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter. Als Einleitung nahm er
mit folgenden Worten zum amerikanischen Unternehmertum Stellung:
"Man darf nicht vergessen, dass wir uns in einem Lande, das
so gross und so dynamisch wie die Vereinigten Staaten ist, gluecklich preisen koennen, dass die Leitung der Industrie in den Haenden kuehner Fuehrer liegt, die staendlg nach neuen Produkten fuer
alte Absahzmaerkte und nach neuen Maerkten fuer alte Produkte
suchen. Damit Sie nicht der Ansicht sind, dass ich Ihnen ein allzu optimistisches 3ild vor Augen halten moechte, beeile ich mich,
hinzuzufuegen, dass auch wir noch einen bestimmten Prozentsatz an
Unternehmern alter Praerrung haben, die, wenn wir Gewerkschafter
es zuliessen, sich sehr wohl damit begnuegen koennten, die Vorteile einer statischen Wirtschaft fuer sich allein zu beanspruchen.
Sie sind stets bereit, Ihnen zu erklaeren, dass die vorhandenen
Absatzmaerkte uebersaettigt sind, dass durch niedrige Preise nur
ein Chaos herbeigefuehrt und keine neue Moeglichkeit erschlossen
wird, und dass durch hoehere Loehne die Gestehungskosten in untragbarer Weise gesteigert werden. Sie werden uns anschliessend
erklaeren, dass wir mit unseren Forderungen nach hoeheren Loehnen
erst die wirkliche Steigerung der Produktivitaet abwarten muessen.
Gleichzeitig wird diese selbe Gruppe behaupten, dass die Wirtschaft
unseres Landes ihr groesstmoegliches Potential an Investierungen
absorbiert habe, und wird sich weigern, ihre Fabriken zu vergroessern und ihre Einrichtungen zu erneuern. Sie werden Ihnen
sagen, dass die Loehne der Produktivitaet angepasst werden muessen,
aber sie werden nichts tun, um mitzuhelfen, diese Produktivitaet
zu steigern. Gluecklicherweise ist in unserem Lande diese kleine
Gruppe Unternehmer durch dynamische Elemente aus der Unternehmergemeinschaft zum Schweigen gebracht worden. Wir Gewerkschafter
haben diese pe-ssimist Ische Einstellung von Anfang an grundsaetzllch
abgelehnt."
Es ist also das Ziel der technischen Experten der amerikanischen Gewerkschaften, jene Apparaturen und Voraussetzungen auszuarbeiten, durch die die Arbeiter an dem Verkauf und an den Gewinnen
aus einer Steigerung der Produktion beteiligt werden koennen.
Diese Beteiligung muss sich jedoch in der Form eines sofortigen
Gewinnes zeigen, denn "Belohnungen auf lange Sicht sind ein Luxus,
den sich nur Akademiker leisten koennen. Arbeiter muessen heute
leben und Ihre Kinder heute erziehen; auf lange Sicht sehen und
abwarten wollen,bedeutet fuer sie Tod."
Es ist einfacher, die Arbeitswelse dieser technischen Einrichtungen zu verstehen, wenn man sie im Lichte der grundliegenden
Politik betrachtet, die die amerikanischen Gewerkschaften mit
ihren Kollektivverhandlungen verfolgen. Diese Politik besteht
darin, mit Energie und Ausdauer hoehere Loehne zu fordern.
Dieser dauernden Forderung liegt die Ueberzeugung zugrunde,

- 10

�dass nur gutgefuehrte Unternehmen die Moeglichkeit haben, hohe
Loehne zu zahlen. "Grenzunternehmen", das heisst solche, deren
Gestehungskosten so hoch sind, dass sie ihnen kaum Gewinne ermoeglichen, halten sich mit Muehe und Not an der Grenze vor dem
Zusammenbruch. Es ist offensichtlich, dass diese Unternehmen
stark bedroht sind, wenn die Gewerkschaften zu -hohe Loehne fordern und wenn ihre Direktoren keine Reform der ueberholungsbeduerfti^en Arbeitsmethoden durchfuehren.
In diesem Moment beginnt die Taeti?;keit der technischen
Experten der 3ewerkschaft: Sie sind staendig bereit, ein Rettun-'smanoevor durchzufuenren, wenn dies ueberhaupt moeglich ist,
um einen "Grenzbetrieb" vor dem Ruin zu bewahren und es ihm zu
ermoeclichen, die von der Gewerkschaft geforderten Loehne zu
zahlen. Sie werden mithelfen, die Wirtschaftlichkeit des Betriebes zu verbessern. Sich mit Loehnen zu begnuegen, die unter
dem Niveau der Konkurrenzbetriebe liegen, wird nicht als rechtmaessiges Mittel zur Unterstuetzung der Leitung eines Unternehmens betrachtet. Dies wuerde nur eine Belohnung fuer Unfaehigkeit darstellen.
Und nun ein schematisches Beispiel zu einer solchen Hilfsaktion:
Nehmen wir an, in einem Gebiet, das der Zustaendigkeit einer
Gewerkschaft untersteht, bestehen die beiden Betriebe "A" und
"B". In dem Tarifvertrag ist vorgesehen, dass die Stuecklohntarife so festgesetzt sind, dass ein durchschnittlicher Stundenlohn von X Dollar garantiert ist. Die Tarife werden dementsprechend festgesetzt,und die Gewerkschaft uebt in den Betrieben
eine Kontrolle aus, um festzustellen, wie es sich damit verhaelt.
Sie stellt fest, dass in dem Betrieb "A" alles nach dem Rechten
geht und der durchschnittliche Stundenlohn tatsaechlich X Dollar
betraegt. In dem Betrieb "B" dagegen ist dieser Stundenlohn geringer. Der Leitung dieses Betriebes "B" wird also mitgeteilt,
dass sie nicht die Bestimmungen des Vertrages einhaelt, und die
Gewerkschaft fordert eine Revidierung der Stuecklohntarife, damit
der vorgesehene Mindestlohn gesichert ist. Der Unternehmer
antwortet, dass er die Tarife nicht erhoehen kann, ohne sein
Unternehmen zu ruinieren. Die Gewerkschaft steht nun vor der
Frage, ob sie auf der Einhaltung der Bestimmungen bestehen und
damit die Gefahr einer Betriebsschliessung heraufbeschwoeren soll.
Die Gewerkschaft entschliesst sich also zu einem Kompromiss
und schlaegt der Betriebsleitung des Unternehmens "B" vor, bei
der Neuorganisierung der Arbeitsmethoden mitzuhelfen. In diesem
Augenblick bestehen drei Moeglichkeiten:
1. Der Unternehmer kann der Auffassung sein, dass die
Einzelheiten der Betriebsfuehrung, wie zum Beispiel Arbeitseinteilung und Arbeitsmethoden innerhalb des Betriebs die Gewerkschaft nichts angehen. Er haelt es fuer Dinge, die der Betriebsleitung vorbehalten sind. "Einverstanden" wird die Gewerkschaft
erwidern, "aber Sie respektieren nicht den Tarifvertrag, denn
die Loehne, die sie zahlen, sind niedriger als der vereinbarte
Durchschnitt. Wir werden uns deshalb an einen Schiedsrichter
wenden." Der Schiedsrichter wird wahrscheinlich den Unternehmer
zwingen, die Tarife zu erhoehen, und das Unternehmen wird sich
in einer verhaengnisvollen Lage befinden.
2. Die Gewerkschaft kann zu dem Entschluss kommen, dass
nichts zu aendern ist, und sie ueberlaesst es dem ^nternelimer
selbst, sich aus der Affaere zu ziehen, haelt jedoch ihre For-

- 11 -

�derunjen ohne Ruecksicht auf den Betrieb, der daran zugrunde
gehen wird, aufrecht. Es ist uebrigens eine ausgezeichnete
Wirtschaftstheorie, dass ein unrentables Unternehmen seine
Tueren schliessen muss und sein Absatz und seine Arbeiter von
der Konkurrenz absorbiert werden. Die amerikanischen Gewerkschaften sind sich jedoch darueber klar geworden, dass sich das
freie Spiel der industriellen Konkurrenz weitaus besser in den
Handbuechern der Wirtschaftspolitik als in der Wirklichkeit abspielt. Es wuerde nicht lange dauern, bis die Industrie eher
einem Dschungel als einer zivilisierten Gemeinschaft gliche.
3. Das Unternehmen ist gesund, und die Betriebsleitung
setzt sich aus verstaendigen Leuten zusammen. Es ist dem Interesse der Arbeiter und Verbraucher dienlicher, wenn man diese
Produktionseinheit ermutigt, mit einem Maximum an Ertrag zu
arbeiten. Hieraus entwickelt sich die Zusammenarbeit zvischen
der Betriebsleitung und den technischen Experten der Gewerkschaft.
Die Angelegenheit wird In allen Einzelheiten studiert, und der
technische Experte der Gewerkschaft laesst ihr die In anderen
aehnlichen Unternehmen gesammelten Erfahrungen zugutekommen.
Es muss natuerllch bemerkt werden, dass diese Hilfe auf
keinen Fall so gehandhabt werden darf, dass das am schlechtesten
bewirtschaftete Unternehmen auf Kosten der darin beschaeftigten
Arbeiter existieren kann. Wenn der von der Gewerkschaft unterstuetzte Arbeitgeber bestehen will, muss er sich in bezug auf
Loehne an die Vorschriften der Gewerkschaften halten und befaehigt
sein, das Problem der Konkurrenz zu loesen. "Wir sind der Ansicht,
dass die Unternehmer aufgrund ihrer Verstaendigkeit und ihres
Einfallsreichtums in der Fabrikation, aber nicht aufgrund ihrer
mehr oder weniger grossen Faehigkeit, Vereinbarungen ueber
moeglichst niedrige Loehne zu-treffen, vor der Konkurrenz bestehen koennen."
Ausserdem stellt die Arbeit der technischen Experten der
Gewerkschaften einen Schutz fuer die Interessen der Arbeiter dar,
wenn aussenstehende Experten, die zu Rate gezogen werden, die
Neuorganisation der bestehenden Betriebe durchfuehren. Jede
Neuorganisation bringt neue Arbeitsplaetze mit sich, fuer die
Stuecklohntarife neu festgesetzt werden muessen.
Nehmen wir an, ein Arbeiter hat bewiesen, dass er an seinem
frueheren Arbeitsplatz 1.60 Dollar verdienen kann. Man gibt ihm
nun einen anderen Platz. Der technische Experte der Betriebsleitung fuehrt ein Zeltstudium durch und setzt den Tarif so fest,
dass der Arbeiter gezwungen ist, mehr zu arbeiten als vorher,
wenn er 1.60 Dollar verdienen will. Der Protest des Arbeiters
koennte erfolglos sein, denn der Experte wird erklaeren, seine
wissenschaftlichen Metboden haetten bewiesen, dass der Arbeiter
zu langsam arbeite. Es ist sehr leicht moeglich, dass die neue
technische Organisation des Betriebs den verborgenen Zweck hat,
das Arbeitstempo der Arbeiter zu steigern. Es liegt also an den
Experten der Gewerkschaft, durch Zeitstudien festzustellen, ob
eine Beschleunigung vorliegt oder nicht.
Man erwaehnte als Beispiel eine Kleiderfabrik In Virginia,
wo die technischen Experten der Gewerkschaft versuchten, die
Verbesserung auszuwerten, die den Experten der Unte 'nehmer zufolge dank einer neuen technischen Arbeitseinteilung ermoeglicht
wurde. Diese Behauptung hatte als Vorwand gedient, um die
Loehne um 25 - 30 % verringern zu koennen, was, so behauptete
die Betriebsleitung, durch die Veraenderungen der Arbeitsmethoden ausgeglichen waere, mit denen eine entsprechende Reduzierung der Arbeitszeit ermoeglicht worden waere. Nach ein-12-

�gehenden Studien bezifferten die technischen Experten der Gewerkschaft die wirkliche, aufgrund neuer Methoden herbeigefuehrte Verbesserung auf 7 % und weigerten sich, die von dem Unternehmen
festgesetzten Lohntarife anzuerkennen.
Niemand wird es leugnen, dass die Frage der Produktivitaet in
den amerikanischen Gewerkschaften hoechst akut ist. Eine Steigerung der Produktivitaet ist in ihren Augen die einzige Moeglichkeit, den Lebensstandard nicht nur der Arbeiter, sondern der gesamten Bevoelkerung zu verbessern. In diesem Kampf spielt der
technische Experte der Gewerkschaft eine sehr bedeutsame Rolle.
Seine Aufgabe ist jedoch nicht leicht, denn selbst in Amerika gibt
es unfortschrittliche Unternehmer. Aus diesem Grunde muss der
technische Exporte vor allem auch ein erfahrener Psychologe sein.
Er kann in der Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern Grosses leisten.
Wo ist in Wirklichkeit der Unternehmer, der nicht jammert,
wenn man von ihm eine Lohnerhoehung verlangt? Seine Einstellung
ist jedoch vosllig anders, wenn mit dieser Forderung genaue Vorschlaege unterbreitet werden, die es der Betriebsfuehrung ermoeglichen, den Gewinn einer besseren Betriebsorganisation mit den Arbeitern zu teilen. In der Arbeit der technischen Experten der Gewerkschaften ist also ein Getriebe zu sehen, das fuer die Riesenmaschine der amerikanischen Wirtschaft aeusserst nuetzlich ist:
Diese Einrichtung stellt zweifellos einen ausgezeichneten Exportartikel dar, den sich auch Europa zu eigen machen sollte.
Rapports France-Etats Unis
VIII/51

ITALIEN ERZEUGT STRCW MIT VULKANISCHEN DAEMPFEN.

Die Kohle, die auch als "schwarze Kraft" bezeichnet wird,
muss verbrannt werden, um Wasser in Dampf zu verwandeln; es war
die erste Kraftquelle, mit der man Elektrizitaet erzeugte. Spaeter
nutzte man Wasserkraefte, die sogenannte "weisse Kraft" dazu aus,
Turbinen zu drehen, mit denen Strom fuer die Betriebe und Wohnungen
in allen Laendern erzeugt wird. Heutzutage hat man in Italien
jedoch eine neue Kraftquelle gefunden und nutzbar gemacht: vulkanische Daempfe. Eine solche Kraftquelle im Larderello-Tal, einer
abgelegenen Gegend der Provinz Toscana, etwa 60 Kilometer suedlich
von Florenz gelegen, erzeugt jaehrlich fuer das energiearme Italien
fast zwei Milliarden Kilowattstunden Strom. Man nennt das Produkt
dieses grossen Naturgiganten "vulkanische Energie".
Jahrhundertelang war das Tal von Larderello Schauplatz des
ungezuegelten Spiels wilder Naturkraefte. Die Erdoberflaeche des
Tals wird von hochschiessenden helssen Dampfsprudeln und Quellen
siedenden Schlammsund kochenden Wasseis durchbrochen, denn das Tal
befindet sich ueber einem Vulkan, der weit unter der Erdkruste
glueht und sich unterirdisch ueber ein Gebiet von annaehernd 210
Quadratkilometern erstreckt. Regenwasser, das durch den poroesen
Fels In grosse Ablagerungen heisser Lava dringt, wird fortlaufend
in Dampf umgewandelt. Jahrelang brodelte diese maechtige Kraft im
Innern der Erde, bis eines Tages Maenner der Technik den Entschluss
fassten, sie nutzbar zu machen und Strom fuer Italiens energiebeduerftige Eisenbahnen, Fabriken und den Zivilbedarf zu erzeugen.
Die Italienischen Arbeiter machten diese Riesenreserven an
Dampfkraft nutzbar, indem sie Bohrloecher in das Erdinnere trieben,
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�aehnlich wie der amerikanische Arbeiter in Texas oder Louisiana,
der nach Erdgas bohrt.
Es ist ein schauriger Anblick, wenn mit einem Bohrer die
Felsschicht durchbrochen wird und damit die Pforte zu den unterIrdischen Dampfbehaeltern freigegeben wird. Der siedende Dampf &lt;
dringt zischend durch das Bohrloch nach oben. Der Druck macht
sich mit einer solchen Gewalt frei, dass der Erdboden wie bei
einem Erdbeben schwankt und zittert. Einige statistische Angaben
ueber das Werk moegen fuer unsere Leser von Interesse sein. Wir
verdanken sie Signore Bartelli, einem italienischen Korrespondenten.
"Durch einige Bohrloecher stroemen stuendlich 35 Tonnen Dampf mit
einem Druck von 170 kg auf einen Quadratzentimeter bei einer Geschwindigkeit von 390 m in der Sekunde und einer Temoeratur von
215 Grad^Celsius." .
Es Ist keine leichte Aufgabe, einen .so maechtigen Geiser zu
baendigen. Die Maenner, die die Aufgabe haben, im Innern des
Bohrschachtes die erforderlichen Einrichtungen anzubringen, die
Beton- und Stahlanlagen bauen, muessen mit gebeugten Knien arbeiten, um die heftigen Erdstoesse aus dem Erdinnern zu ueberstehen. Sie stopfen ihre Ohren mit Watte aus, um ihre Trommelfelle vor dem Laerm zu schuetzen, und trotz dieser Vorsichtsmassregel haben viele ihr Gehoer verloren.
Manchmal laesst die Natur ihre Kraefte nicht ohne einen erbitterten Kampf nutzbar machen. Bartelli berichtete als Beispiel von
dem Eohrschacht Nr. 50 im Tal von Larderello. Die Bohrarbeiten
waren gerade im Gange, als ein grosser Dampfstrahl zu fruehzeitig
ausbrach. Das Droehnen dieses furchtbaren Ausbruches, das in den
Bergen rings um das Tal widerhallte, war furchtbar. Um den Dampf
niederzuhalten, war vorher Wasser In den Bohrschacht gepumpt worden.
Dieses Wasser wurde in einen gluehenden Sprudel verwandelt und
Plünderte von Metern in die Luft geschleudert. Rot gluehende Felsstuecke und siedender Schlamm wirbelten umher. Die Hitze war so
stark, dass sich die Eisentraeger eines staehlernen Eohrturms,
der in der Naehe stand, kruemmten. Die Arbeiter gewannen jedoch
den Kampf gegen die Naturkraefte, und In kurzer Zeit konnte der
Dampf abgeschirmt und durch Rohrleitungen zu den Generatoren geleitet werden.
Die Kraftwerke in Larderello sind die einzigen in der Welt,
die mit vulkanischer Energie betrieben werden. Es sind dort
staendig 1.500 Arbeiter beschaeftigt, von denen 300 Elektroarbeiter
sind, die den Dampf in elektrischen Strom umwandeln. Diese
Elektroarbeiter verdienen monatlich etwa 35.000 Lire, was in
deutscher Waehrung etwa 235 D-I»'ark entspricht.
Die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern sind
in Larderello aussergewoehnlich gut. Die Elektroarbeiter gehoeren der italienischen Gewerkschaft Freier Elektroarbeiter an,
die dem nichtkommunistischen italienischen Gewerkschaftsbund angeschlossen ist. Sie arbeiten In der Woche 48 Stunden, und Ihre
Gewerkschaft hat fuer sie Sozialversicherungs- und Krankenunterstuetzungen, bezahlten Urlaub, 13 bezahlte Feiertage im Jahr und
eine Weihnachtsgratifikation durchgesetzt.
Die Kraftwerke in Larderello sind gross und ausgedehnt.
Weilenweit, schlaengeln sich Rohrleitungen durch das Tal, und
zahlreiche Verbindungsleitungen koppeln die gischtenden Dampfschaechte mit. Kraftstationen, Transformatoren, Kondensationstuermen und chemischen Fabriken. In Larderello wird ein wertvolles Nebenprodukt gewonnen. Die vulkanischen Daernpfe dieses

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�Gebietes enthalten Borax, Amriioniumkarbonat und Spuren anderer
Chemikalien. Vor etwa 200 Jahren haben die Italiener eine
Industrie errichtet, durch die diese Produkte aus den Daempfen
gewonnen werden. Als einzige Quelle natuerlicher Borsaeure der
.Veit hat diese chemische Fabrik im vorigen Jahr ueber 4.500 Tonnen chemischer Produkte erzeugt.
Durch aetzende Oxydbildung wurden die kupfernen elektrischen
Anlagen und Leitungen in Larderello meistens zerstoert. Man hat
dieser Schwierigkeit durch die Verwendung von Aluminiumdraehten
im ganzen Betrieb abgeholfen.
Im Zentrum der italienischen Halbinsel freieren, kann Larderello
seinen Kraftstrom nach allen Richtungen schicken und Italiens Vorraete an elektrischer Energie ergaenzen. Etwa 65 % des erzeugten
Stromes werden von d'en staatlichen Eisenbahnen abgenommen. Weitere
25 )\ werden in den Fabriken verbraucht, waehrend die restlichen
10 % Bueros und Wohnungen mit Licht ström versorgen.
Zu Anfang des Jahres 1944 wurden in Larderello die Turbinen,
Generatoren, chemischen Fabriken und Arbeiterwohnungen von deutschen
Truppen auf dem Rueckmarsch zerstoert. Amerikanische Heeresingenieure und amerikanische Techniker halfen den Italienern, die
Anlagen mit einem Kostenaufwand von acht Milliarden Lire wiederaufzubauen. Im August des vergangenen Jahres drehte sich wieder
die erste Turbine.
"Im Jahre 1950 lieferte Larderello 7-| % der gesamten Stromerzeugung Italiens. Mit den neuen Anlagen kann dieser Anteil nun
um weitere 5 % gesteigert werden. Es ist wohl der billigste Strom
der Welt, der hier erzeugt wird. Denn der Bau von Wasserkraftwerken ist kostspielig, und mit Kohle betriebene Elektrizitaetswerke sind im Verbrauch sehr teuer.
Da Italien nur ueber minderwertige Kohle verfuegt und die
Moeglichkeiten einer Nutzbarmachung der Wasserkraft begrenzt sind,
kann die Bedeutung Larderellos nicht hoch s;enug einweschaetzt werden.
Die Reserven an vulkanischen Daempfen sind in Larderello anscheinend unerschoepflich, waehrend Wasserkraftwerke saisonbedingten
Schwankungen in der Versorgung unterworfen s^nd.
Es handelt sich hier tatsaechlich um ein einzigartiges Unternehmen - "Vulkane drehen Turbinen" - mit denen in Italien Strom
erzeugt wird, um einem Land zu helfen, das bestrebt ist, aus eigener
Kraft heraus wieder wirtschaftlich selbstgenuersam zu werden. Die
Allamerikanische Gewerkschaft der Elektroarbeiter ist stolz auf
die Hilfe, die die USA den italienischen Arbeitern und besonders
den Elektroarbeitern zukommen laesst, die soviel dazu beitragen
koennen, dass auch die uebrin;e Bevoelkerung wieder zu produktiven
Buergern wird. Die amerikanischen Elektroarbeiter ^ruessen die
ECA und wuenschen ihr in allen ihren Unternehmungen den gleichen
Erfolg wie in Larderello.
The Electrical Workers Journal
VII/51
Organ der Allamerikanischen Gewerkschaft der Elektroarbeiter (AFL)

KOMMUNISMUS IN BURMA VERLIERT AN BODEN.

Der Kommunismus kann in Suedostasien durchaus besiegt werden.
Aber hierfuer braucht man wirtschaftliche und soziale Hilfe und
- 15 -

�auch eine gewichtige militaerische Staerke. Dies ist die
Meinung des sozialistischen Ministerpraesidenten in Burma,
Thakin Nu. In einem Interview mit Henry R. LIeberman von der
"New York Times" fuegte der 44-jaehrige burmesische Ministerpraesident hinzu, eine friedliche Beilegung des Korea-Konfliktes
muesse nicht unbedingt eine Erhoehung der kommunistischen Gefahr in diesem Gebiet zur Folge haben. Die Marshallplan-Hilfe
sei ein wirksames Gegengewicht gegen den kommunistischen Druck.
Im vergangenen Jahr erhielt Burma von der Verwaltung fuer
Technische Zusammenarbeit mehr als zehn Millionen Dollar fuer
die Entwicklung des Gesundheitswesens, die Poerderung der Landwirtschaft und des Transportwesens, sowie fuer die Einfuhr
wichtiger Verbrauchsguetern.
Thakin Nu erklaerte: "Wir brauchen Techniker, Ausruestungen,
Berater und finanzielle Unterstuetzung. Wir wuerden diese Unterstuetzung von jedem Lande annehmen, das sie gewaehren will, ohne
uns politische Fesseln anzulegen. Das amerikanische Programm
bringt uns die Art der Hilfe, wie ich mir sie vorstelle."
Als der Ministerpraesident gefragt wurde, ob ein Friede in
Korea den chinesischen Kommunisten nicht die Moeglichkeit geben
wuerde, ihre Hilfe fuer die kommunistischen Rebellen gegen die
burmesische Regierung zu aktivleren, antwortete er: "Wenn wir
uns den Frieden in Korea zunutzemachen und selbst unsere Vorbereitungen zur Abwehr einer Aggression treffen, glaube ich nicht,
dass dieser Friede eine Gefahr bedeutet."
Thakin unterstrich, dass er den Kommunismus und jegliche
Form der Diktatur ablehne, und fuhr dann fort:
"Ich moechte auf demokratischem Wege ein sozialistisches
System einfuehren. Ich werde das Volk selbst ueber dieses System
entscheiden lassen. Wenn es ihm gefaellt, werden wir gewaehlt.
Wenn nicht, sollen sie uns eben fortjagen."
Der burmesische Ministerpraesident war der festen Ueberzeusung, dass die kommunistische Revolte gegen seine Regierung
im Absterben ist und die burmesischen Kommunisten eine immer geringer werdende Gefahr darstellen, denn, so sagte er, "wir haben
die Massen auf unserer Seite."
Program Services Section
VIII/15/51
US-BAECKERGEWERKSCHAFT SCHAFFT EIGENEM UNFALLVERHUETUNGSFILM.

Die wachsende Zahl der gewerkschaftlichen Filme wird um
einen weiteren vermehrt werden, sobald die Gewerkschaft der Backund Suesswarenarbeiter auf Ihrem Kongress am 17. September ihren
Delegierten den neuen Film "Es haengt von Dir ab" zeigen wird,
der von einer Filmgesellschaft In Hollywood hergestellt wurde.
Der Film beschreibt jene Unfaelle, die erfahrungsgemaess in der
Back- und Suesswarenindustrie auftreten und hat die Aufgabe,
drastisch die Unfaelle am Arbeitsplatz darzustellen und zu bekaempfen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft, William F. Schnitzler,
teilte mit, dass dieser Film nach seinem Start, allen Ortsgruppen
der Gewerkschaft zur Verfuegung steht.
Daily News Service

- 16 M C 00 IE Sept 51 18338 6 K

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNCEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office oi Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 36

Frankfurt, 7. September 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Grundlegende Probleme der Gewerkschaftsbewegung .. 1
Das einzige Mittel zur Steigerung der Reallöhne .. 5
Sozialistischer '.Vettbewerb in der Sowjetunion
zum Scheitern verurteilt
Kommunale Entwicklungsprogramme in Ekuador

8
10

Europaeische Produktionstechniker sammeln wertvolle Erfahrungen in den U.S.A
11
Amerikanische Kommunisten besuchen Russland

14

Hoehere Loehne und mehr Arbeit durch neue Produktionsmethoden

16

Fannia K. Cohn, Sekretaerin im Arbeiterbildungsreferat der
Allamerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter:
GRUNDLEGENDE PROBLEME DER OEyraRKSCiJ^FTSBEV.'EGUNG
Die Gewerkschaftsbewegung ist sich immer dessen bewusst
gewesen, wie wichtig es ist, ihre Mitglieder in ihren Anschauungen, ihren Grundsaetzen und ihrer Politik zu schulen
und sie darauf vorzubereiten, aktiv an der Loesung ihrer
Probleme mitzuarbeiten. Natuerlich sind die Gewerkschaften
selbst, ihre Versammlungen und ihre taeglichen Aufgaben
die beste Schule fuer die Arbeit in der Praxis. Um jedoch
dem Einzelnen ein eingehenderes Studium ueber die Hintergruende der Gewerkschaftspolitik zu ermoeglichen und ihn
dabei zu unterstuetzen,seine Rolle als Buerge einer echten
1

�Demokratie zu spielen, haben die Gewerkschaften die Notwendigkeit erkannt, ihre Arbeit auf dem Gebiete der Arbeiterbildung zu erweitern. In dieser Hinsicht hat das Buero fuer
Arbeiterbildung, die erzieherische Waffe der AFL, eine fuehrende und anerkannte Rolle gespielt.
Die Aufgaben dieses Bueros sind heute von groesserer
Bedeutung als je zuvor. Die Gewerkschaftsbewegung hat in den
Vereinigten Staaten eine bestimmte Reife erreicht. Sie steht
nicht mehr tagtaeglich vor der Notwendigkeit, um ihr blosses
Existenzrecht zu kaempfen. Durch ihre eigene Staerke hat
sie sich einen anerkannten Platz in der Gesellschaft gesichert, dessen Berechtigung nicht mehr anzuzweifeln ist. Auf
politischem und wirtschaftlichem Gebiet hat sich die Bewegung als eine konstruktive Macht entwickelt, mit der gerechnet werden muss.
Aber diese grossen Erfolge der Gewerkschaftsbewegung
haben ihr auch neue Probleme und neue Pflichten auferlegt.
Sie steht heute vor der Aufgabe, nicht nur fuer sich selbst,
sondern auch fuer die gesamte Lebensgemeinschaft des Staates
Fuehrer zu stellen. Sie hat sich viele Freunde gewonnen,
sie musste jedoch dabei feststellen, dass sie maechtige Gegenspieler hat.
Obwohl diese es nicht mehr wagen, wie einst einen frontalen Angriff gegen die Gewerkschaften zu fuehren oder zu
versuchen, sie vollkommen zu zerstoeren, sind sie doch immer noch bestrebt, die Macht der Gewerkschaften zu schwaechen und sie zumindest eines Teils ihrer Handlungsfreiheit
zu berauben. Unablaessige Wachsamkeit ist deshalb auch fuer
eine starke Gewerkschaftsbewegung geboten. Wenn die Gewerkschaften ihre Positionen beibehalten und verbessern wollen,
muessen sie von den Faehigkeiten, die in ihren eigenen Reihen zu finden sind, weitgehenden Gebrauch machen. Die jungen Maenner und Frauen, die den Gewerkschaften zustroemen,
muessen dafuer geschult werden, der Gewerkschaftsbewegung zu
dienen, die wiederum ihnen dienen muss, wenn alle ihre Faehigkeiten zu voller Entfaltung kommen sollen.
In der Vergangenheit sind zahlreiche bekannte Fuehrer
aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangen, Maenner und Frauen, die sich die Achtung aller Sektoren der staatlichen Lebensgemeinschaft erworben haben. Sie wurden in der Schule
der Erfahrung in den einzelnen Ortsgewerkschaften,als Streikposten, in den Streikbueros und in dem Kampf um den Aufbau
der Organisation angesichts ueberwaeltigender Schwierigkeiten
herangebildet.
Die ersten Kaempfe, unter denen die Gewerkschaftsfuehrer
heranwuchsen, und in denen sie die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung kennenlernten, sind nun vorueber. Heute gibt es nur
wenige Gewerkschaftsmitglieder, die vor der Notwendigkeit stehen, jene Kaempfe zu durchstehen, und jene Opfer zu bringen,
die von den Pionieren der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
verlangt wurden. Es ist vorteilhaft, dass sich die Gewerkschaften eine Position erobert haben, in der diese Kaempfe
nicht mehr notwendig sind, und die es ihnen ermoeglicht, weitere Erfolge fuer ihre Mitglieder herauszuschlagen, von denen
sie noch vor einer Generation nicht zu traeumen wagte. Dies
bedeutet jedoch auch gleichzeitig, dass die neuen Mitglieder
nicht jene Kampferfahrung haben, die, wenn sie auch oft
grosse Opfer verlangte, grosse Fuehrer hervorbrachte.
2 -

�Wenn die Gewerkschaftsbewegung auch in der Zukunft Fuehrer von der gleichen ^ualitaet wie jene der frueheren Zeit
haben will, uiuss sie irgendeinen Weg finden, um ihren Mitgliedern jene bitteren Lehren der Vergangenheit vor Augen
zu fuehren, die ihnen heute erspart bleiben.
Muessen die jungen Mitglieder alle üaenipfe und Haarten
durchstehen, wie sie die Pioniere der Gewerkschaftsbewegung
kannten, um sich in dieser Bewegung bewaehren zu koennen?
Nein. Der junge amerikanische Buerger braucht nicht mehr
die Kaempfe der Gruendungsvaeter der Republik durchzumachen,
um ein wertvoller Buerger in der Lebensgemeinschaft der
Nation zu sein. Der junge Buerger lernt sein Amerika auch
nur in der Schule, der Hochschule, in seinen Schulbuechern
und dem Geschichtsunterricht kennen. So kann auch der junge
Gewerkschafter mit Hilfe eines wirksamen Schulungsprogramms
viel von seiner Gewerkschaft und der ersten Kampfzeit der
Gewerkschaftsbewegung lernen. Hieraus entwickelt sich eine
Loyalitaet fuer die Bewegung, die sich auf Verstaendnis und
Ueberzeugung gruendet.
Auch heute werden die Probleme, denen die Gewerkschaftsbewegung gegenuebersteht, immer umfassender. Es sind nicht
mehr allein Streiks, Streikpostenketten und Kollektiv-Verhandlungen, durch die die- Lebensverhaeltnisse der Arbeiter
verbessert werden. Die Gewerkschaften beschaeftigen sich
auch nicht mehr nur mit den Arbeitsbedingungen der Arbeiter.
Sie versuchen vielmehr, ihn zu schuetzen und seine Lebensbedingungen als Verbraucher und als Buerger zu verbessern. Sie
sind bestrebt, ihren Mitgliedern volle und sichere Beschaeftigung und einen ausreichenden Schutz in Zeiten der Arbeitslosigkeit, in Krankheitsfaellen und im Alter zukommen zu lassen.
Bei allen diesen Problemen, wie auch bei den Lohn- und
Arbeitszeitproblemen selbst, spielt die Regierung eine Rolle
von staendig zunehmender Bedeutung. Um ihre Mitglieder zu
schuetzen und deren Interesse zu wahren, behandelt die Gewerkschaftsbewegung in Washington und anderen Hauptstaedten
der einzelnen Staaten tagtaeglich neue Probleme. Die Gewerkschaften muessen in der Lage sein, Gesetzgebungsprobleme auf
vielerlei Gebieten zu bearbeiten, weil die Aufgaben der Regierung sich mehr und mehr auf die Gewerkschaften und ihre Mitglieder direkt auswirken. Darueberhinaus suchen auch andere Sektoren der staatlichen Lebensgemeinschaft in der Entwicklung
eines Programms fuer eine bessere Zukunft Amerikas und der Welt
nach geeigneter Fuehrung.
Zusammen mit anderen produktiven und schoepferischen Gruppen, einschliesslich Bauern, Akademikern und allen vorwaerts
strebenden Elementen der Gesellschaft, hat die Gewerkschaftsbewegung eine historische Funktion zu erfuellen. Vereint mit
diesen neuen Freunden kann sie einen gesunden Elnfluss auf
die Entwicklung einer Politik ausueben, die dazu beitraegt,
Sicherheit und Freiheit nicht nur fuer das eigene Land, sondern fuer alle Voelker der Welt zu garantieren.
Dass sich die Arbeiterschaft dieser neuen Moeglichkeit
bewus3t ist, hat sie bereits bewiesen. Der Sieg der Alliierten im vergangenen Krieg und die Bewahrung der freien Nationen vor der nazistischen und faschistischen Tyrannei sind zum
grossen Teil der'historischen Rolle zu verdanken, die die ame3 -

�rikanische Gewerkschaftsbewegung bei der Mobilisierung der
Arbeitskraefte und der natuerlichen Hilfsreserven des Landes
gespielt hat.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung hat mitgeholfen, die Gewerkschaften und andere demokratische Kraefte
in den uebrigen Laendern zu staerken; und zwar sowohl in
Laendern, die mit Amerika verbuendet waren, als auch in solchen, in denen amerikanische Truppen die Diktatoren beseitigt haben, die die Arbeiterschaft unterdrueckten. Sie hat
vor allem Verantwortungsbewusstsein und Verstaendnis fuer
jene Weltprobleme an den Tag gelegt, die sie in die vorderste Front der Weltdemokratie gestallt haben. In der Verwaltungsorganisation des Marshall-Planes hat die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung heute eine wichtige konstruktive Aufgabe zu erfuellen, wie sie es auch bereits bei der Entwicklung dieses Planes getan hat.
Die neuen Funktionen, die zu erfuellen die Gewerkschaftsbewegung heute berufen ist, sind so zahlreich und so umfassend, dass diese Bewegung neue Arbeitsmethoden anwenden
musste. Auf vielen Gebieten musste sie auf Experten zurueckgreifen, die wirklich wertvolle Arbeit geleistet haben. Wenn
jedoch diese Experten auch heute noch noetig sind, um die
komplizierten Probleme der Gewerkschaften zu loesen, so koennen sie doch niemals eine aufgeklaerte und aufgeschlossene
Mitgliedschaft ersetzen. Denn wenn die Mitglieder die grundlegenden Probleme nicht verstehen, werden sie auch nicht
die Voraussetzungen fuer ihre Loesung kennen, Experten aber
koennen sie nur verwirklichen, wenn der Boden vorbereitet ist.
Die Festlegung einer Politik ist eine Funktion, die
die Gewerkschaften keinem Aussenstehenden uebertragen kann,
denn sie bildet den Hauptinhalt der Demokratie.
Die »Veit erwartet von der Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten ein konstruktives Programm, das den Interessen der notleidenden Menschheit auf der ganzen Welt Rechnung tragen muss.
Niemand kann sich der Tatsache entziehen, dass grosse
wesentliche Reformen nicht ohne Gesetzgebung zustandegebracht
werden koennen. Die besten Elemente in der Gesellschaft
werden bereit sein, sich der Gewerkschaftsbewegung in ihren
Bestrebungen anzuschliessen, einen positiven Einfluss auf
die Regierung auszuueben.
Die Gewerkschaftsbewegung kann sich mit ihrer realistischen Auffassung und ihrer ueberlegten und vorsichtigen Politik an einer solchen Fuehrun« beteiligen. Um sich das Vertrauen aller fortschrittlich denkenden Mitbuerger zu sichern,
muss sie ihre Achtung vor dem Wissen, dem Verstaendnis und
der Aufklaerung vor der Fuehrung und auch vor den Millionen
Gewerkschaftsmitgliedern unter Beweis stellen, denen der
Segen der Demokratie zugedacht ist. Dies ist zugleich die
aktuellste Aufgabe und eine neue Moeglichkeit fuer weitere
Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung.
The Federationist
XI/49
- 4-

�DAS EINZIGE rflTTEL ZUR STEIGERUNG DiJt REALLQ&amp;HNE
Der nachstehende Artikel, der in der Londoner "Sunday
Times" am 26.3.1951 veroeffentlicht wurde, wird von
den Fuehrern des Europeeisehen Produktivitaetsprogramms
als eine bedeutende Abhandlung zu diesem Thema betrachtet. Der .Verfasser ist der Generalsekretaer
der britischen Chemiearbeitergewerkschaft Bob Edwards.
Im Jahre 1950 produzierte Amerika mit. einer Bevölkerungsziffer von 150 Millionen Waren im Werte von 260 Milliarden
Dollar. Eine halbe Killion amerikanischer Bergleute foerderten mehr Kohle zutage als die zwei Millionen Bergarbeiter in
Europa. Eine Arbeitsstunde in Amerika entspricht heute 15
Arbeitsstunden auf der uebrigen Welt.
Der Impuls der amerikanischen Produktion ist so gewaltig,
dass sich das amerikanische Volk heute des hoechsten Lebensstandards der ganzen weit erfreuen kann. Es steigerte sich
1950 das Durchschnittseinkommen jedes einzelnen Llannes, jeder
Frau und jedes Kindes um 9&gt;. Es trifft zu, dass der amerikanische Wohlstand durch viele rein natuerliche Faktoren erleichtert wird. Aber selbst wenn man diese Faktoren beruecksichtigt, bleibt die wesentlichste Ursache dieser hohen Produktivitaet die viel hoehere Leistungsfaehigkeit der amerikanischen Industrie im Vergleich zu der in England und im uebrigen Europa. Dies ist wiederum durch die Tatsache bedingt,
dass sich die amerikanischen Arbeiter durch ihre Gewerkschaften den Grundsatz zu eigen gemacht haben, dass ihr Lebensstandard
von einer staendig ansteigenden Produktionsleistung
abhaen*rig ist, und sie haben nicht gezoegert, neue Ideen der
industriellen Betriebsfuehrung und Arbeitsmethoden zu akzeptieren.
In den letzten zehn Jahren haben der britische Gewerkschaftskongress TUC und die britische Regierung immer wieder
auf die Notwendigkeit einer gesteigerten Produktion hingewiesen. Diese Aufforderung hat in gewissem -lasse zu Erfolgen
gefuehrt. 1950 war die Produktion um 9&gt;b hoeher als 1949,
und trotz Rohstoffmangel konnte dieser Vorsprung auch in den
ersten sechs Monaten des Jahres 1951 beibehalten werden.
Er kann jedoch noch wesentlich erweitert werden, wenn beide
Partner der Industrie bereit sind, die noch bestehenden hinderlichen veralteten 2iethoden zu beseitigen.
Die 50 verschiedenen Berichte der Besuchergruppen, die
nach Amerika gereist sind, um dort Fragen der Produktivitaet
zu studieren, beweisen ohne jeglichen Zweifel, dass moderne
Produktionsmethoden und wissenschaftliche Betriebsleitung
bei allgemeiner Anwendung von Anreizlahnsystemen eine staendis;e Erhoehunsr der Realloehne ermoeglichen und den Einfluss
und die Staerke der amerikanischen Gewerkschaften eher erweitert als beschraenkt haben. An Hand des Berichtes einer
Besuchergruppe, die sich aus britischen Gewerkschaftsfunk tionaereb zusammensetzte und 1949 in den Vereinigten Staaten
weilte, um die Arbeitsweise der amerikanischen Gewerkschaften
und ihre Auswirkung auf die industrielle Produktion kennenzulernen, hat der Verwaltungsausschuss des TUC den Gewerkschaften folgende Vorscnlaege unterbreitet:
a) Sie muessen sich aktiv fuer moderne Methoden der
Produktion und Betriebsleistung einsetzen, um die
Leistungsfaehigkeit der Industrie zu verbessern.
- 5 -

�b)

Sie muessen Leute beschaeftigen, die in der Lage sind,
bei der Loesung von Produktionsproblemen Ratschläge
zu erteilen, und sie muessen mithelfen, ihre eigenen Referate fuer Produktionsfragen zu errichten,
wo es angebracht ist.

cj Sie muessen fuer grosszuegige Ausbildungs- und Schulungseinrichtungen fuer ihre Mitglieder sorgen und
d)

ueberpruefen, ob ihre Organe Produktionsprobleme
so wirksam wie moeglich behandeln und Beschreibungen geeigneter technischer Apparaturen und Methoden
an ihre Mitglieder verteilen.

Dies stellt eine Revolution in der Denkweise der Gewerkschaften dar und, wenn auch die britischen Gewerkschaften
nicht den Wunsch haben, amerikanische Produktionsmethoden unveraendert auf die britischen Industrien zu uebertragen, so
unterstreichen sie doch die Notwendigkeit gesteigerter Produktion durch Modernisierung und Neuausruestung.
Diese Notwendigkeit erfordert die Beibehaltung eines
hohen Niveaus der Kapitalinvestierung, und da wahrscheinlich
80% der britischen Wirtschaft in Privathand bleiben, kann
diese Kapitalinvestierung nur aus den Gewinnen oder Ueberschuessen kommen. Wenn die neuerdings gestellten Forderungen
nach Lohnerhoehungen durch Beanspruchung eines groesseren
Teils der Gewinne befriedigt werden sollen, werden entweder
die Kapitalinvestierungen reduziert oder die Preise gesteigert werden muessen. Folglich werden die Realloehne der
Arbeiter - zum Unterschied von der groesseren Lohntuete nicht erhoeht werden.
Die gesteigerte Produktion pro Arbeiter und pro Arbeitsstunde ist der einzige Ausweg aus diesem Dilemma. Es ist
der Weg, die Realloehne zu erhoehen und gleichzeitig die
Preise zu senken, vorausgesetzt, dass die Gewinne aus der
gesteigerten Produktion an alle gleichmaessig verteilt werden.
Die chemische Industrie, mit der ich mich unmittelbar
beschaeftige, ist ein bezeichnendes Beispiel. Die gesteigerte Produktion in diesem Industriezweig ist ein wichtiger
Schluessel zur Zukunft Grossbritanniens als Industriemacht.
Diese Industrie liefert nicht nur die Zubringerrohstoffe
fuer alle Grundstoffindustrien, sondern ihre Erzeugnisse gehoeren auch zu den wichtigsten Exportartikeln. Wenn wir
diesen Export vor allem nach den Dollargebieten steigern
koennen, vergroessern wir unsere Moeglichkeit, mehr Lebensmittel und lebenswichtige Rohstoffe zu importieren.
Die grosse Ausdehnung der chemischen Produktion in den
vergangenen Jahren ist vor allem auf die Modernisierung und
Neuausruestung zurueckzufuehren, woraus sich ergibt, dass
die Arbeiter dieser Industrie Traeger sehr hoher Kapitalanlagen sind. Auf jeden Arbeiter dieser Industrie kommen im
Durchschnitt Betriebsanlagen und Ausruestungen im Werte von
1600 Pfund Sterling, mit denen er chemische Erzeugnisse im
Werte von etwa 2400 Pfund Sterling im Jahre produziert. Wenn
die jetzigen Plaene zu weiteren Kapitalinvestierungen verwirklicht sind, werden auf jeden Chemiearbeiter rund 2500
Pfund Sterling in Form von Betriebsanlagen kommen, die eine
6 -

�Produktionskapazitaet fuer chemische Erzeugnisse im Werte von
3500 Pfund üterling jaehrlich darstellen.
Die volle Auswertung dieses wertvollen Besitzes muss jedoch durch eine aufgeschlossenere Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitern und deren Bereitwilligkeit ermoeglicht werden, sich den neuen Verhaeltnissen anzupassen. Viele
Betriebe leben weiter in dem alten Trott und begnuegen sich
damit, unter Anwendung alter Produktionsmethoden geringe Gewinne zu erzielen. Wir haben noch Zeit, aber die Zeit ist
bemessen. Selbstzufriedenheit wird bald durch die gesteigerte Konkurrenz erschuettert werden, die vor allem aus Amerika,
Kanada und den wiederbelebten chemischen Industrien Deutschlands kommt.
Neue Ausruestungen und neue Betriebe allein reichen
nicht aus. Sie sind nur Mittel und Werkzeuge. Die chemische
Industrie und natuerlich auch alle anderen Industrien muessen
die Durchschnittsproduktion zu einem Hoechststand bringen.
Hierzu ist es erforderlich, dass Anreizlohnsysteme allgemein
angewendet werden. Wir haben selbst die Erfahrung gemacht,
dass in jede:,i Betrieb, in dem diese Systeme in gemeinsamer
Zusammenarbeit und nicht durch willkuerlichen Entscheid der
Betriebsleitung eingefuehrt wurden, hoehere Produktivitaet
und hoehere Ertrae&amp;e bei niedrigeren Gestehungskosten moeglich wurden und die Einkommen der Arbeiter um 30 bis 60%
ueber den nationalen Mindestlohn gesteigert werden konnten.
Die Anreizlohnsysteme sind je nach den oertlichen Verhaeltnissen und Erzeugnissen verschieden. Sie sind aus der Bezahlung aufgrund von Zeit- und Bewegungsstudien, aus Stueckloehnen und Akkordloehnen oder einer Kombination dieser drei Verguetungsmethoden entwickelt.
Unsere Mitglieder haben, wie uebrigens auch in anderen
Industrien, die Einfuehruns derartiger Systeme gefuerchtet in Anbetracht der zwischen den beiden Weltkriegen gesammelten
schlechten Erfahrungen nicht ohne guten Grund.
In der Nachkriegszeit jedoch hat man sich ein ganz neues
Bild von ihrem Zweck und ihren Auswirkungen gemacht und sie
zu schaetzen gelernt. ^&gt;ie Arbeiter im allgemeinen und besonders unsere Betriebsraete haben sich dieser neuen Verantwortlichkeit unterzogen, und sie haben nun Verstaendnis fuer die
Grundsaetze und Methoden der Anreizlohnsysteme. Die Forderung
nach solchen neuen Methoden der industriellen Betriebsfuehrung
ist deshalb von dem einfachen Arbeiter selbst gekommen.
Anreizlohnsysteme als Schluessel zur gesteigerten Produktivitaet werden niemals bereitwillig und rueckhaltlos akzeptiert, wenn die Gewerkschaften keine Vereinbarungen mit den
Unternehmern getroffen haben, die den Gewerkschaftsfunktionaeren und Betriebsraeten das Recht geben, sich an der Ausarbeitung der Methoden und Zeitnormen zu beteiligen und sie zu
kontrollieren. Wenn wir aus einer sichtbaren wirtschaftlichen
Niederlage eine Lehre ziehen und die Grundlagen fuer eine
Wirtschaft des Ueberflusses legen wollen, muessen diese neuen
Methoden zu einer Selbstverstaendlichkeit in der gesamten britischen Industrie werden.
ECA Labor Information
- 7

�SOEIALISTISCI&amp;R lYSTTBhVasRB IK DLR SOWJSTUNKK ZUM SCHEITERN
VERURTEILT
Diese Feststellung ist einem Artikel zu entnehmen, der
vor kurzem in der sowjetischen Gewerkschaftszeitung "Trud"
veroeffentlieht wurde. Ihr Verfasser ist V. V. Kuznetsoff,
der Fuehrer der sowjetischen Gewerkschaften. Kuznetsoff
kuendigt an, dass einschneidende Veraenderungen in dem sogenannten sozialistischen Arbeitsdisziplinsystem angeordnet
wurden. Diese Zassnshme schliesst sich einer langen Reihe
von Bemuehungen an, Kaengel zu beseitigen und lüssbraeuche
unmoeglich zu machen, Bemuehungen, die sich bereits ueber drei
Jahrzehnte erstrecken.
Die kommunistische Theorie, die besagt, der sozialistische '.Vettbewerb sporne die Arbeiter zu noch groesseren Anstrengungen bei der Steigerung der Produktivitaet an, hat sich
in der ?raxi3 als irrtuemlich erwiesen. Dies wird durch eine
vor kurzem beendete Untersuchung mehrerer sowjetischer Gewerkschaf tsfuehrer bestaetigt, die natuerlich hohe stalinistische
Beamte sind, vom Politbuero ernannt wurden und ihre Untergebenen selbst auswaehlen.
Die Untersuchungen haben, wie Kuznetsoff erklaerte, bewiesen, dass viele Direktoren und Betriebsleiter, aber auch
Gewerkschaftsbuerokraten die endlosen sozialistischen Wettbewerbe mechanisch und ohne Begeisterung durchfuehren. Produktionsziele und Formen werden festgesetzt, ohne dabei die Arbeiter zu Rate zu ziehen. Die ablehnende Haltung der Arbeiter ist nicht ueberwunden, und ihre aktive Kitarbeit ist
keineswegs gesichert.
In vielen Faellen, so gibt Kuznetsoff zu, hat der Versuch, die Arbeiter zu Aktivisten zu erziehen und damit finanzielle Vorteile, ansehen und Vorrechte zu gewinnen, zu schweren Missbraeuchen gefuehrt. Fuer die Betriebsleitung gilt
iuantitaet oft mehr als ^ualitaet, um gute Berichte einreichen und die Produktionsziele als"uebertroffen" melden zu
koennen." 7/aren, die leicht herzustellen sind, werden in zu
grosser ifenge produziert, waehrend andere Artikel, die in
anderen Fabriken gebraucht werden, nicht in genuegender Anzahl vorhanden sind. Damit wird das wirtschaftliche Gleichgewicht nichv erreicht, das die mit der Produktionsplanung Beauftragten anstreben.
Fabrikdirektoren behalten ausserdem ihre alten Produktionsmethoden bei, gegen die sich hohe Buerokraten schon jahrelang gewehrt haben, und geben einfach falsche Produktionsziffern an. Sie bedienen sich dieser Faelschungen, um obendrein gelobt zu werden und die ausgesetzten Praemien zu erhalten. Der schlimmsten Vergehen auf diesem Gebiet hat sich
Kuznetsoff zufolge die Transportmaschinenindustrie schuldig
gemacht. In frueheren Veroeffentlichun"-en anderer sowjetischer Zeitungen wurden noch andere Industrien genannt. Seit
laengsrer Zeit ist jedoch praktisch jede Industrie der sowjetischen Wirtschaft diesem Prozess der sogenannten "Selbstkritik" unterworfen gewesen.
Kuznetsoff beschwert sich darueber, dass auch bei der
Verteilung von Praemienzahlungen im sozialistischen Vettbewerb nach den Methoden Stachanows Korruption getrieben wird.
8 -

�Oft werden Praemien Arbeitern zuerkannt, die nichts oder nur
wenig getan haben, um sie zu verdienen. Bei der Verteilung
der Preise scheinen Tolitik und Guenstlingswesen eine hervorragende Rolle zu spielen, oder aber die Praemien, die durch
gefleischte Berichte zuerkannt wurden, werden g.eichmeessig
unter die Arbeitnehmer des Betriebs verteilt, sodass niemand
soviel erhfllt, um darin einen Ansporn zu sehen.
Kuznetsoff wirft ausserdem den Betriebsleitern vor, ihre
Bemi;ehungen in erster Linie auf die Steirerung der Produktion
und weniger auf die Befriedigung der Beduerfnisse der Arbeiter
zu richten, wie zum Beispiel den Wohnungsbau. Sie vergaessen,
dass angemessene Lebensbedingungen eine Vorbedingung f'uer die
Steigerung der Produktion sind.
Man hat in Russland eine neue Reihe von Massnahmen gebilligt, um solche Uissbraeuche und Maengel im sowjetischen
System der Arbeitsdisziplin und des sozialistischen Vettbewerbs zu beseitigen. Die neuen Richtlinien enthalten verschiedene Bestimmungen und Bedingungen fuer die verschiedenen
Industrien. Zur Senkung der Produktionskosten werden konkrete
Vorschriften erlassen. Die Fabriken muessen sich bei der Herstellung ihrer Erzeugnisse genau an die Vorschriften der Regierung halten. Es werden ausserdem Sparsamkeit in der Verwendung von Rohstoffen und eine Verbesserung der ^ualitaet gefordert.
Angesichts der Tatsache, dass man sich schon seit drei
Jahrzehnten oder zumindest seit dem ersten Fuenf-Jshresolan,
der 1928 begann, in dieser Richtung bemueht, haben sich viele
Experten fuer sowjetische Fragen und auch Fluechtlinge aus
dem "Arbeiterparadies" skeptisch zu diesem Versuch geaeussert.
Leistungsfähigkeit und Begeisterung, so erklaeren sie, koennen nicht befohlen werden, Erst recht kann die Buerokratie
nicht auf Befehl abgeschafft werden.
Sie sind der ansieht, dass eine grundlegende Ursache fuer
diese immer wiederkehrenden Fehler und Uissbraeuche die Ueberzeugung der sowjetischen Arbeiter ist, dass sie nicht die
kollektiven Besitzer der Produktionsmittel sind, und dass
die Gewinne aus der gesteigerten Produktion nicht gerecht verteilt werden. Die Arbeiter sehen die wachsende Kluft zwischen
der buerokratischen Elite und den einfachen Arbeitern.
Das sowjetische System des imitierten Wettbewerbs ist
ein klaeglicher Ersatz fuer den wirklichen 'Wettbewerb, der
bei einer echten Zusammenarbeit in der freien .Veit floriert.
Ebenso ist das sowjetische System der "Selbstkritik" nicht
einmal ein schlechter Ersatz fuer v/irkliche Kritik, üie
kann nicht Rede- und Pressefreiheit oder die Rivalitaet politischer Parteien ersetzen, die sich um die Unter^tuetzung
ihrer Politik durch die breite Masse des Volkes bemuehen
muessen. üuf wirtschaftlichem Gebiet ist Selbstkritik nichts
anderes als Zurechtweisung kleinerer Beamten durch solche in
hoeheren Stellungen. Die Beamten im zweiten Rang, die ihre
Irrtuemer zwar einsehen, waelzen die Schuld auf den dritten
Rang eb. So geht dies weiter, bis die unterste ochicht der
riesigen buerokratischen Pyramide, also schliesslich die Arbeiter, verantwortlich gemacht werden, über die Fehler und
Vergehen scheinen immer wieder aufzutauchen. A'enn ein I an^el
an einer Stelle beseitigt ist, tritt er an einer anderen auf.
9 -

�Zusammen mit der Sklavenarbeit und anderen Einrichtungen
des Stalinismus ist die bolschewistische Methode der "Selbstkritik" in alle Satellitenstaaten der Sowjetunion exportiert
worden. Deshalb ist auch die offizielle Presse jeder dieser
Marionettenregierungen augenblicklich mit Beschwerden angefuellt, die denen Kuznetsoffs gleich sind.
In Sowjetrussland, dem Mutterland des Stalinismus, konnte
man durch endlose Saeuberungsaktionen, die in den obersten und
untersten Reihen der herrschenden Partei und in dem buerokratischen Gebilde durchgefuehrt wurden und bei denen es schwerste
Strafen hagelte, diese Probleme nicht loesen. wenn die Bolschewisten, die seit 34 Jahren die diktatorische Gewalt ausueben, ihr eigenes Land von der buerokratischen Leistungsfaehigkeit nicht befreien koennen, ist es kein 'Wunder, dass ihre
Koerigen, die aehnliche Methoden anwenden, in ihrer kurzen
Karriere als Diktatoren ebenfalls versagt haben.
Keinem dieser Tyrannen ist es je eingefallen, dass es
hiergegen nur ein einziges wirksames Mittel gibt: naeralich
demokratische Methoden!
Program Services Section
VIII/SS/51
KOM::UNALE SKTV.-IGKLUT^GSPROGRA:,^^ I N EKUADOR

.am 14. Mai 1951 haben der Fraesident von Ekuador und die
Minister fuer Finanzen,Regierungsauftraege, oeffentliche Arbeiten und soziale Wohlfahrt ein "Programm der kommunalen Entwicklung durch die Initiative der Zivilbevoelkerung" angekuendigt. Nachdem Glenn Leet, ein Berater der Vereinten Nationen fuer Kommunale Entwicklungsprogramme eine Inspektionsreise nach Ekuador unternommen hatte, wurde das Programm von
den Vereinten Nationen gebilligt, .auf Ersuchen der Regierung
von Ekuador stellt diese Organisation einen amerikanischen
Soziologen zur Verfuegung, der sich seit langem auf soziologische Probleme in Lateinamerika spezialisiert hat und bei
der Durchfuehrung des Programms Ratschlaege erteilen soll.
Der Sinn dieses Programms in Ekuador ist, ein neues Verhaeltnis der Zusammenarbeit zwischen den zentralen und oertlichen Behoerden und der ortsansaessigen Bevoelkerung herzustellen. Dadurch sollen die Menschen ermutigt werden, ihre
Freizeit fuer kommunale Reformen zur Verfuegung zu stellen,
deren Wahl ihnen selbst ueberlassen bleibt.
In dem Programm ist vorgesehen, dass die nationalen, provinzialen, kantonalen und oertlichen Behoerden den Bewohnern
ihrer verschiedenen Zustaendigkeitsgebiete den Begriff "Kommunalentwicklung" auf folgende Weise auseinanderlegen:
"Wenn in einer Gemeinde durch die freiwillige und unbezahlte Arbeit ihrer Bewohner Arbeit von oeffentlichem Nutzen
geleistet wird, wird die Regierung des Landes jedem einzelnen
Arbeiter als Ansporn eine kleine Praemie fuer seine taegliche
Arbeit gewaehren.
"Diese Praemie, die pro Tag einen Sucre betraegt und unter dem Namen 'Sucre des Patriotismus' bekannt ist, soll kein
10 -

�Lohn oder Gehalt sein, sondern vielmehr eine Anerkennung
der Regierung fuer den wertvollen patriotischen Beitrag,
den jeder Einzelne durch seine Arbeit in seiner Freizeit
zur Foerderung gemeindlicher Reformen geleistet hat."
Der 'Sucre des Patriotismus' kann je nach Wunsch der Betreffenden an Einzelpersonen oder auch kollektiv verteilt
werden. Jede Art der Arbeit, die von oeffentlichem Nutzen
ist, passt in dieses Programm, so zum Beispiel die Verbesserung von Strassen, der Bau neuer Strassen, Entwaesserung,
Bewässerung, Flussregulierung, Bau von Schulen, 'Wasserversorgung oder Schaffung von hygienischen Einrichtungen.
In der Verordnung ist ausserdem die Bildung nationaler,
Drovinzialer und 'lokaler Ausschuesse fuer Komiuunalentwicklung und die Ernennung technischer Sachbearbeiter vorgesehen, die die Vorschlaege zur Kommunalentwicklung auf ihre
Brauchbarkeit ueberpruefen sollen. Das Programm wird aus dem
re^ulaeren Haushalt des Landes finanziert, und zu seiner
Durchfuehrung ist kein zusaetzliches Verwaltungspersonal erforderlich.
Dieses Programm in Ekuador bedeutet fuer Lateinaraerika
zum erstenmal die Verwirklichung der Grundsaetze der "Beschaeftigunp durch Kommunalentwicklung", die zum erstenmal
von den Vereinten Nationen in Griechenland angewandt worden
waren. Leet und andere Sachverstaendige haben zahlreiche
Doerfer und Landbezirke in Ekuador besucht, um festzustellen,
wie dieses Programm am besten den dortigen Verhaeltnissen angepasst werden kann. Das Programm in seiner endgueltigen
Form, in der es gebilligt wurde, gruendet sich zum Teil auf
die Ergebnisse der an Ort und Stelle durchgefuehrten Studien.
Economic and Social Programs
in the United Nations
VIII/51
EUROPÄISCHE PRODUKT IONS TECHNIKER SALiMSLN WERTVOLLE ERFAHRUNGEN IN DEN U.S.A.
Die erste Besuchergruppe, die sich aus Produktionstechnikern verschiedener europaeischer Gewerkschaften zusammensetzte und im Rahmen des technischen Unterstuetzungsprogramms
der ECA die Vereinigten Staaten besuchte, hat vor kurzem ihre
Orientierungskurse in New York beendet und ist in Untergruppen aufgeteilt worden, die ihre Studien in den fuer sie in
Frage kommenden Industrien fortsetzen.
Die Gruppe selbst ist in ihrer Zusammensetzung der Nation,
die die Produktionstechniker besuchen, sehr sehnlich. Die
Vereinigten Staaten, deren Menschen aus allen Teilen der Welt
kommen, sind oft als "Schmelztiegel" bezeichnet worden. Die
Besuchergruppe setzt sich aus drei Schweden, einem Norweger,
zwei Daenen, einem Deutschen und einem Englaender zusammen.
Die einzelnen Mitglieder der Gruppe werden jetzt vorgestellt:
Folke Eberhard Svensson aus Huddinge (Schweden) ist ein
Vertreter der Schwedischen Textilarbeiter-Gewerkschaft, der
gemeinsam mit Olav Bruvik aus Haus (Norwegen) amerikanische
Betriebe aufsucht. Bruvik ist Vorsitzender der Norwegischen
- 11 -

�Textilarbeiter-Gewerkschaft. Beide betreiben ihre Studien
unter der Anleitung Solomon Barkins, des Leiters der Forschungsabte ilunp der Amerikanischen Textilarbeiter-Gewerkschaft, die dem CIO angeschlossen ist.
Henry Ernest Matthews aus Surrey (England), ein Sachbearbeiter fuer industrielle Fragen in der Gewerkschaft der
Fabrik- und Kommunalarbeiter, der zusammen mit Arnold R.
Johannesson, dem Vorsitzenden der Klempner-Gewerkschaft
Daenemarks umherreist. Diese beiden Experten arbeiten unter
der Leitung Dr. William Gombergs, des Leiters des Referats
fuer Technische Betriebsleitung in der Allamerikanischen
Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter (AFL).
Harry Jensen aus Kopenhagen, ein Treuhaender und Bezirkskassierer der Ortspewerksch&amp;ft Fr. 12 der Daenischen
.'/iechaniker-Gewerkschaft, der gemeinsam mit Hans Hagnell aus
Stockholm, dem Leiter des Wirtschaftlichen Forschungsreferats der ochwedischen Metallarbeiter-Gewerkschaft die Studienarbeiten durchfuehrt. Robert Kanter, der stellvertretende Leiter des Referats fuer Forschung und Technik in
der Vereinigten KUtoncbilarbeiter-Gewerkschaft von Amerika
(CIO), beobachtet und foerdert die nrbeit Jensens und
Hagnells.
Zwei weitere Mitglieder der uruppe fuehren ihre Studien
allein durch. Es sind dies ülfred Beyer aus Duesseldorf,
ein Chemiestudent und nebenamtlicher Referent in der DGBHauptabteilung II, parlamentarische Verbindungen und ERP,
der sich eingehend mit Produktivitaetsfragen der Gummi-Industrie in ükron [ Ohio) beschaeftigt.
Per Adolph Geijer aus Falun iSchweden), ein Zeitstudienexperte und Vorsitzender der Ortsgewerkschaft in Falun, die
der Gewerkschaft der technischen und Bueroangestellten angeschlossen ist, muss seine Studien beschleunigt durchfuehren,
weil er aufgrund gewerkschaftlicher Verpflichtungen fruehzeitig nach Schweden zurueckkehren muss.
Die Gruppe kam am 13. Juli in den Vereinigten Staaten
an und verbrachte die ersten vier Wochen in New York, wo
sie an Vorlesungen bekannter amerikanischer Universitaetsprofessoren teilnahm.
In diesen Vorlesungen wurden alle Phasen der amerikanischen Industrie unter besonderer ßeruecksichtigung der Probleme der tsetriebsleitung, der Gewerkschaften und der sozialen .Yohlfahrt behandelt, unmittelbar nach der letzten Vorlesung wurde die GruDpe in kleinere Einheiten aufgeteilt.
Matthews begab sich allein nach Peoria in Illinois, wo er
die Traktorenfabrik besichtigte, in der 28 000 Arbeiter beschaef tigt sind, deren tarifverhandlungsberechtigte Gewerkschaft die Automobilarbeiter-Gewerkschaft des CIO ist. Er
ging sodann nach Lima in Ohio, um die v.echselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in dem Unternehmen
Baldwin-Hamilton zu studieren. In dieser Fabrik, in der Aus3Chachtungsmaschinen hergestellt werden, stellte Matthews
fest, dass der Tarifvertrag, den die Automobilarbeiter-Gewerkschaft abgeschlossen hatte, eine Aufbesserungsklausel
enthaelt. Nach dieser Bestimmung werden die Loehne zu Beginn
eines jeden der fuenf Jahre, ueber die sich der Vertrag er- 12 -

�streckt, automatisch um vier Cents pro Stunde erhoeht. Diese
automatische Lohnerhoehung gruendet sich auf die Tatsache,
dass sich die amerikanische Wirtschaft jaehrlich aufgrund
technologischer Fortschritte um 2&amp;# erweitert. Die Lohnaufbesserung wirkt sich somit weder auf Kosten noch auf Preise
aus und somit auch nicht auf die Verhandlungen um andere Erhoehungen der Grundloehne des Unternehmens.
Johannesson hatte inzwischen Washington besucht, wo er
Unterredungen mit Martin Durkin, dem Vorsitzenden der allamerikanischen Klempner-Gewerkschaft fuehrte. In Washington arbeitete Johannesson mehrere Tage praktisch als Klempner und
erwarb sich viele neue Kenntnisse bei der Anwendung mechanischer Hilfsmittel in diesem Handwerk.
Matthews und Johannesson trafen sich in Toledo wieder
und setzten ihre Reise gemeinsam fort. Auf ihrem Rueckweg
nach New York bereiteten sie sich auf ihre Konferenzen mit
Dr. Gomberg vor und besuchten Steinbrueche, Zementfabriken
und aehnliche Betriebe. Beide waren von den kameradschaftlichen Beziehungen zwischen Weissen und Negern stark beeindruckt
und waren erstaunt, den "schwarzen" Mann als voellie: Gleichberechtigten in Gewerkschaftsversammlungen zu sehen.
Bruvik und Svensson verliessen zusammen mit Franklin
Bishop, dem Stellvertreter von Barkin, New York, um die Verhandlungen zwischen der Textilarbeiter-Gewerkschaft und dem
Betriebsleiter mehrerer Fabriken in Pennsylvemien zu beobachten. Ihre Arbeit beschraenkte sich bis. jetzt auf reine
Beobachtung der Vorgaenge am Konferenztisch. Sie werden
voraussichtlich eingehende Produktionsstudien in den riesigen Textilfabriken Neu Englands durchfuehren.
Hagneil und Jensen gingen nach Detroit, wo sie unter
der Leitung Robert Kantors mit Funktionaeren der Automobilarbeiter-Gewerkschaft zusammenarbeiteten. Jensen machte
einen Abstecher nach einer der Ortsgewerkschaften dieser Organisation in Toronto (Kanada), dann besichtigten sie gemeinsam den Zweigbetrieb "Dodge" der Chrysler Corporation Dodge.
Sie beobachteten einen Tag lang die Herstellung der DodgeAutomobile, angefangen vom geschmolzenen Metall bis zum fertigen Erzeugnis.
Salt Lake City in Utah war das erste Reiseziel Geijers.
Er besichtigte die Stahlfabrik Geneva bei Provo und hatte
mehrere Besprechungen mit Vertretern der Stahlarbeiter-Gewerkschaft des CIO. Er begab sich hierauf nach Pittsburgh,
wo er mehrere Konferenzen mit William Jacko von der Amerikanischen Stahlarbeiter-Gewerkschaft (CIO) fuehrte. Von dort
wird er nach Washington reisen und vor seiner Abreise nach
Schweden Unterredungen mit den Beratern fuer Arbeitsfragen
in der ECA fuehren.
Beyer hat seine gesamte Zeit damit verbracht, die Gummiindustria in Akron (Ohio) zu studieren.
Waehrend des naechsten Abschnitte ihrer Studienreise
wird die Gruppe in verschiedene Betriebe geschickt werden,
wo sie die Produktionsmethoden studieren soll. Sie wird
sich erst Mitte September wieder vereinigen und gemeinsam nach
Knoxville in Tennessee reisen, um sich dort ueber die Arbeit
- 13 -

�der Verwaltungsbehörde des Tennessee-Tales zu informieren.
Etwa am 15. Oktober wird die Gruppe die Rueckreise
nach Europa antreten.
ESA Labor Information
VIII/27/51
AMERIKANISCHE KOMMUNISTEN BESUCHTEN RUSSLAND
Als Katharina die Grosse russische Zarin war, wollte sie
eines Tages eine Besichtigungsreise nach der Krim unternehmen.
Ihr Guenstling, Feldmarschall Potemkin, wollte sich unter
allen Umstaenden ihre Gunst erhalten. Er liess deshalb entlang der Strasse, die Katharina durchfahren musste, Musterdoerfer bauen und stellte wohlgenaehrte, eigens zu diesem
Zweck angeheuerte Bauern an dieser Strasse auf, waehrend
er eifrig darauf bedacht war, die verarmten, hungerleidenden Sklavenarbeiter vor den Blicken der Zarin zu verbergen.
Katharina war hocherfreut, und damit war die Stellung Potemkins staerker als zuvor.
Heute braucht man nicht mehr derartige Taeuschungsmanoever durchzufuehren, wenn kommunistische "Gewerkschaften"
aus Amerika oder anderen Laendern Stalins Paradies besichtigen. Diese Kommunisten sehen bereits vor ihrer Ankunft
Potemkin'sehe Doerfer vor ihrem geistigen Auge. Das neueste
Beispiel hierfuer ist die Reise der sogenannten araerikanischen"Gewerkschafts"delegation nach Suropa, an deren Spitze
Leon Straus stand, der Vizevorsitzende der "Gewerkschaft"
der Pelz- und Lederarbeiter, die wegen ihrer kommunistischen
Einstellung aus dem CIO ausgeschlossen worden war. Von
den elf kommunistisch gesinnten "Gewerkschaftern", die diese
Reise durch Russland, Polen und kommunistische Gebiete in
Italien und Frankreich unternahmen, gehoeren sechs Gewerkschaften an, die aus dem CIO ausgestossen wurden. Fast alle
anderen waren einfache Gewerkschaftsmitglieder, die nur
ihre eigenen Vertreter und die der kommunistischen Farteifraktion ihrer Betriebe waren. Nach ihrer Rueckkehr in die
Vereinigten Staaten veranstalteten die Delegierten eine
Pressekonferenz, in der sie von den Schoenheiten des Sowjetparadieses berichteten. Jedesmal, wenn die Reporter jedoch
Fragen stellten, Hessen sieh die falschen Fassaden der
Potemkin'sehen Doerfer erkennen.
"Warum ist es sowjetischen Arbeitern nicht erlaubt, einen
Rei3epass zu besitzen?" fragte man zum Beispiel. Ein unverstaendliches Murmeln war die Antwort.
In dem gemeinsamen Bericht wird behauptet,
mals die Geheimpolizei der Gruppe gefolgt sei."
tungsleute jefbeh fragten, woher man dies wisse,
Leon Straus zoegernd: "Soviel uns bekannt ist,
nicht gefolgt."

dass "nieAls Zeierkleerte
ist man uns

Keiner der Delegierten konnte russisch sprechen, und
alle waren somit auf die vier Dolmetscher angewiesen, die
die sowjetische Arbeitsfront zur Verfuegung gestellt hatte.
Diese Dolmetscher waren natuerlich ohne Ausnahme Agenten der
NKWD.
- 14 -

�Straus behauotete, die friedlichen Absichten Stalins
seien offensichtlich, weil die Sow.jet-Union keinerlei Kriegsvorbereitungen treffe. Nach mehreren Fragen stellte es sich
jedoch heraus, dass er und seine Genossen nicht verlangt hatten, irgendetwas, was mit einer Kriegsproduktion zu tun haben
koennte, zu besichtigen. Kurz gesagt, die Kommunisten organisierten eine Vergnuegungsreise nach der Sowjet-Union, die
im voraus festgelegt war, und ueber die man schon vor der
Reise haette entsprechende Berichte schreiben koennen. Vielleicht war dies auch tatsaechlich der Fall.
Eine andere"Gewerkschafts"delegation, diesmal aus England, besuchte vor kurzem das kommunistische Polen. Obwohl
die meisten Delegierten Kommunisten oder Gleichgesinnte waren,
konnten sich einige Nichtkommunisten in die Gruppe einschleichen. Einer von ihnen namens Louis Wright, der Vorsitzende
der Baurawollweber-Gewerkschaft und ein aussichtsreicher Kandidat der Labour-Partei fuer das Parlament, berichtete in
der "Manchester Evening News" folgendes ueber seine Reiseerlebnisse: "Die Taube Picassos flattert in papierener Form
in allen Schaufenstern. Es ist die Taube des Friedens, und
damit der Friede innerhalb Polens erhalten wird, sind in
den Betrieben, auf den Bauplaetzen und in allen Fabriken Uniformierte anwesend, die mit automatischen Waffen ausgeruestet
sind. Bei all diesen Friedensbeteuerungen war es natuerlich
schwierig, eine Erklaerung fuer die anti-britische und antiamerikanische Propaganda zu finden, die ueberall betrieben
wird."
Wrie-ht und eine Grunpe anderer Gewerkschafter besuchten
Nova Huta, eine neugebaute Stadt mit einer Einwohnerzahl von
etwa 120,000. Die dortigen Textilfabriken waren nach dem
Bericht Wrights mit den schlechtesten in Lancashire zu vergleichen. In einer Diskussion ueber den Lebensstandard polnischer und britischer Baumwollarbeiter erklaerte V.'right:
"Es ist schwierig, den Lebensstandard des polnischen Baumwollarbeiters mit dem des britischen zu vergleichen, aber an
Kand der Preise und Loehne kann man sich ungefaehr folgendes
Bild machen, wenn man den Durchschnittslohn in Lancashire
mit sechs Pfund Sterling beziffert.
Um ein Popelinhemd zu kaufen, muss ein Pole eine Woche
und ein Englaender 15 Stunden arbeiten. Der Erloes aus
fuenf Wochen Arbeit eines polnischen Arbeiters und l£ Wochenseines englischen Kollegen entspricht dem Preis eines Herrenanzugs. Fuer'ein Pfund Kartoffeln arbeitet der polnische
Baumwollarbeiter 29 Minuten und sein britischer Kollege 10
Minuten. Ein Pfund Kaese kostet einen Polen 154 Minuten Arbeit und einen englischen Arbeiter 26 Minuten. Waehrend der
polnische Arbeiter fuer 20 Zigaretten jedoch nur 48 Minuten
arbeitet, braucht der britische Arbeiter 70 Minuten, um sie
zu verdienen - aber hisr ist die englische Steuer sehr hoch.
Wright berichtet, dass die Gewerkschaftsdelegetion und
ihre einzelnen Mitglieder waehrend ihres Aufenthaltes in
Polen staendig bewacht wurden. Im Fluesterton fragte er
den Leiter einer Textilfabrik, warum er bewaffnete Wachposten
brauche. Fuer den Leiter dieses sowjetischen Unternehmens
waren bewaffnete .Yaechter eine Selbstverstaendlichkeit, und
er hatte fuer die Frage Wrights kaum Verstaendnis. '..right
beschloss seinen Bericht mit der Bemerkung: "Als ich Polen
verliess, konnte ich micht nicht des Gedankens erwehren - 15 -

�was nuetzt es einem Mann, wenn er die .Veit gewinnt und seine
Seele dabei verliert?"
Program Services Section
VIII/15/51
hOSHSRS LOSKNS UND MEHR ARBKIT DURCH 1-IÜ.US PRODUKTI OTSMETHODKN
Die Kuehlschraenke, die in der Hauptstadt der westlichsten Provinz Oesterreichs hergestellt werden, sind ueberall
auf der Welt, in Suedafrika wie in Schweden, in der Tuerkei
wie in Siam, stark gefragt.
Die Bregenzer Elektra-Gesellschaft, die vor fuenf Monaten eroeffnet wurde, hat ihre MonatsProduktion bereits von
100 auf 500 Kuehlschraenke erhoeht. Man plant, bis zum November monatlich sogar 1000 Kuehlschraenke herzustellen.
Sin wesentlicher Faktor fuer die rapide Steigerung der
Produktion sind die unablaessigen Bemuehungen, die Troduktivitaet der 20 Arbeiter des Betriebs fortwaehrend zu verbessern.
"Es ist ein kleiner Betrieb, in dem kleine Kuehlschraenke hergestellt werden," erklaerte Eduard Sommer, der technische Leiter. "Wir legen besonderen Wert auf praktischen Sinn
bei der Ausarbeitung neuer Arbeitsmethoden; unsere Aufmerksamkeit gilt weniger einer Unzahl kostspieliger Ausruestungsgegenstaende. Wir haben in der Tat die meisten Betriebseinrichtungen selbst entwickelt."
Eine Einrichtung, die eine Zeitersparnis von 25'^ ermoeglichte, ist eine rotierende Schweissanlage. Anstatt die
Kuehleinrichtung Stueck fuer Stueck zusammenzuschweissen,
werden die verschiedenen Einzelteile auf diese Anlage aufmontiert, und die Stellen, die geschweisst werden muessen,
werden dem Arbeiter durch Drehen der Anlage zugefuehrt.
Wenn die Kuehleinrichtung von dieser Anlage abgenommen wird,
ist sie fertig zum Isolieren und kann dann, in den Kuehlschrank eingebaut werden.
"Die Loehne konnten bereits erhoeht werden, was durch
die hohe Produktion moeglich war," erklaerte Sommer weiter.
Eine andere Verbesserung der Produktion war die Installation des sogenannten "runden Tisches". Es ist eine Werkbank, die sich durch Beruehren mit dem Fuss drehen laesst.
Der Arbeiter kann, ohne seinen Stand zu veraendern, das Isolierungsmaterial an den verschiedenen Kuehleinrichtunren anbringen. Die hierdurch gesparte Zeit betraegt schaetzungsweise 4:0p.
Sin wenig Sinn fuers Praktische bei der Einrichtung des
Betriebes konnte ebenfalls zur Verbesserung der Produktivitaet beitragen, ^ie Rollwagen z.B., auf denen die Kuehlschraenke transportiert werden, sind genau so hoch wie die
Pruefstaende. Die Apparate koennen ohne ueberfluessipe Anstrengung von dentfagenauf die Pruefstaende geschoben werden.
Sommer beabsichtigt, die Zahl der ^rbeiter zu erhoehen.
Der Betrieb hat naemlich viele ^uftraege aus dem Ausland erhalten. Auch Italien und der Nahe Osten interessieren sich
jetzt fuer diese Kuehlschraenke. Das grosse Problem jedoch,
so sagt Sommer, ist es, den Wuenschen der Verbraucher hechnung zu tragen.
aCA Labor Information
IX/10/51
- 16 HICOO 19 S«pt M 18J43 58 0

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 37

Frankfurt, 14. September 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
U.S.-Gewerkschaften bejahen neue Lohnpolitik

1

U.S. Kabinett spricht amerikanischer Arbeiterbewegung Anerkennung aus

3

Der wirtschaftliche "Wiederaufstieg Norwegens seit
1945

4

Vereinte Nationen unterstuetzen Afghanistan bei
der Erschliessung von Erdoelquellen

6

Ein Marshallplan-Projekt in der Sowjetzone
Oesterreichs

7

Die Entwicklung der griechischen Gewerkschaftsbewegung

9

Britische Gewerkschaften und Weltfrieden

14

Neue Stromerzeugungsanlagen in Griechenland

16

U.S. GEV/ERKSCKAFTEN BEJAHEN NEUE LOHNPOLITIK
Vor kurzem wurde berichtet, dass sich der amerikanische
Lohnstabilisierungsausschuss einstimmig entschlossen hatte,
die Loehne direkt an die Lebenshaltungskosten zu koppeln.
"The Machinist", das woechentliche Organ der 600,000 Mitglieder zaehlenden allamerikanischen Mechaniker-Gewerkschaft
(AFL), begruesst die festen Zusicherungen der Regierung,
die erklaerte, man werde es nicht zulassen, dass die Loehne
den Preisen nachhinken und die Tarife fuer Ueberstundenarbeit reduziert werden.
Die Zeitung erinnert uns sodann daran, dass sich die
Gewerkschaften aus den Behoerden fuer Fragen der Verteidigung solange zurueckgezogen hatten, bis die Struktur des
Lohnstabilisierungsausschusses geaendert und den Gewerkschaf- 1-

�ten eine angemessene Vertretung zugebilligt war. Sie zitiert
^raesident Truman, der bei der Unterzeichnung des revidierten
Gesetzes zur Verteidigungsproduktion erklaerte:. "In dem
gleichen Masse, in dem mit diesem Gesetz Preis- und Lebenshaltungskostenerhoehungen gestattet werden, wird es notwendig sein, entsprechende Lohnangleichungen zu gewaehren. Wir
koennen von unseren Arbeitern nicht verlangen, dass sie ihren
Lebensstandard reduzieren, nur um einen Ausgleich fuer die
hoeheren Gewinne zu schaffen, die in diesem Gesetz fuer das
Unternehmertum vorgesehen sind."
Und wie stellen sich die Unternehmer zu der neuen, in
Vorbereitung befindlichen Lohnpolitik? In dem Magazin
"Business Week" heisst es: "Die neue Politik ist eine wichtige Garantie dafuer, dass das Verteidigungsprogramm nicht
durch langwierige Streiks gestoert wird."
Mit der Feststellung, dass die Loehne die Grundursache
von Arbeitsstreitigkeiten in einex Zeit wirtschaftlicher Umstellungen und wirtschaftlicher Ungewissheit sind, behauptet
"Business Week", andere Streikprobleme waeren weniger gefaehrlich, wenn diese Streitfrage in harmonischer Weise geloest
werden koennte. Damit geben die GrossUnternehmer ihr Einverstaendnis zu Vereinbarungen ueber die Gewerkschaftszugehoerigkeit der Betriebsmitglieder, nach denen alle Arbeiter eines
Betriebes einer Gewerkschaft beitreten muessen, die um die
Mitgliedschaft der Arbeitnehmer erfolgreich wirbt, wie im
Falle der United States Rubber Company und der Gummiarbeitergewerkschaft des CIO.
Gleichzeitig haeufen sich Berichte, in denen die Vermutung ausgesprochen wird, dass das vereinigte Komitee fuer
Arbeitspolitik aufgeloest wuerde. Diese Koerperschaft bedeutet in den Verhandlungen mit der Regierung ueber Mobilisierungs- und 'Stabilisierungsprobleme eine Zusammenfassung
der Staerke der AFL, des CIO und der Mechaniker- und Eisenbahner-Gewerkschaft. Louia Stark berichtet in der "New York
Times", dass sich eine grosse Mehrheit des Exekutiv-üusschusses der AFL dafuer ausgesprochen hat, die Zusammenarbeit
mit dem CIO abzubrechen. Dieser Entschluss hatte die Form
einer Empfehlung, die dem Jahreskongress der AFL, der am
17. September in San Franzisko begonnen hat, vorgelegt worden
ist. Die AFL hat damit einen direkten Zusammenschluss in
bestimmten Fragen vorgezogen. Der CIO sprach sich dagegen
fuer eine funktionelle Einheit, d.h. ein tagtaegliches enges
Zusammenarbeiten bei der Behandlung bestimmter Probleme;
dies sollte zugleich die Stufe der Vorbereitung eines voelligen organischen Zusammenschlusses sein. Stark zitiert
einen fuehrenden Funktionaer der AFL, der hierzu erklaerte:
"Der CIO hat in den vergangenen Monaten unsere Zusammenarbeit
zu seinen Gunsten dahingehend ausgenutzt, sich selbst in verschiedener Weise und in bestimmten Organisationen der Regierung zu staerken. Wir bestehen auf unserem Wunsch nach einer
wirklichen organischen Einheit der beiden Organisationen,
wir lehnen daher die funktionelle Einheit ab.n
Dieser Beschluss der AFL wirkt sich jedoch in keiner
Weise auf die Mitgliedschaft der beiden Organisationen AFL
und CIO im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften aus.
Sie werden erneut, jede von sich aus, versichern, dass sie
nach wie vor den Marshall-Plan, den Kampf gegen den kommuni- 2-

�stischen Imperialismus und die Verteidigung des sozialen und
wirtschaftlichen Fortschritts auf der ganzen Welt unterstuetzen.
Program Services Section
VIIl/lö/51
U.S. KABINETT SPRICHT AMERIKANISCHER ARBEITERBEWEGUNG ANERKENNUNG AUS
In Botschaften zum amerikanischen "Tag der Arbeit" an
die Vereinigung der Gewerkschaftspresse haben Mitglieder des
Kabinetts Praesident Trumans der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung fuer ihre energische antikommunistische Haltung und
ihre Unters tuetzung des Verteidigungsprogramms ihre Anerkennung ausgesprochen.
Arbeitsminister Maurice J. Tobin erklaerte, "die Gewerkschaftsbewegung hat in dem Kampf um Freiheit, Besserstellung
der Menschheit und Frieden eine fuehrende Rolle gespielt."
Sie habe es in Zusammenarbeit mit den Unternehmern ermoeglicht, dass Amerika in der Produktion fuer die Verteidigung
und im erneuten Aufbau der wirtschaftlichen und abwehrbereiten
Staerke der freien Welt grosse Erfolge erzielt hat.
Der Minister fuer Landwirtschaft, Charles F. Brannan,
sprach der immer besser werdenden Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Bauern seine Anerkennung aus und wies-in
scharfen Worten alle jene zurecht, die faelschlich behaupteten, dass diese beiden Gruppen fuer die hohen Preise verantwortlich seien.
"Es ist fuer die Nation wichtig, dass Arbeiter und Bauern
wissen, dass diese gegen sie gerichteten, selbstsuechtigen
Vorwuerfe voellig falsch sind. Der Arbeiter muss wissen, dass
die Bauern nicht selbst die Preise der meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse festsetzen, und der Bauer muss wissen,
dass die Preise fuer die Erzeugnisse der Industrie nicht vom
Arbeiter bestimmt werden."
Der Finanzminister John W. Snyder erklaerte, die Gewerkschaftsbewegung habe im Dienste der Nation viele wertvolle
Beitraege geleistet, von denen einer der bedeutsamsten ihre
unablaessige Aktivitaet zugunsten des amerikanischen Sparprogramms mittels Schatzanweisungen sei. Snyder forderte
die Gewerkschaften auf, weiterhin dieses Programm zu unterstuetzen und - wenn moeglich - zu erweitern und damit die
Wirtschaft staerken und die Inflation bekaempfen zu helfen.
Der Handelsminister Charles Sawyer beglueckwuenschte die
Gewerkschaftsbewegung zu ihrer realistischen Einstellung den
Lohn- und Preiskontrollen gegenueber. Die Inflation muesse
mit allen Mitteln bekaempft werden, und diese Kontrollen sind
unerlaesslich, wenn die wirtschaftliche Stabilitaet beibehalten werden soll.
Frank Pace, der Heeresminister, bemerkte, dass sich das
Militaer, um seine Beduerfnisse befriedigt zu sehen, auf das
Verstaendnis und die Unterstuetzung des arbeitenden Volkes
verlasse.
- 3-

�"Wir leben heute in einer Zeit des militaerischen Aufbaus zur Abwehr gewisser Aggressionen. Die normalen Wechselbeziehungen in der Industrie sind heute gewissen Stoerungen
unterworfen. Trotz dieser voruebergehenden Schwierigkeiten
wissen wir jedoch, dass die Aufgabe, die wir zu erfuellen
haben, wichtig genug ist, um fuer sie Opfer zu bringen. Wir
koennen sie nicht hinauszoegern, solange der Weltkommunismus
bereit ist, seine Ziele durch bewaffnete Aggressionen zu verfolgen."
Der Luftwaffenminister Thomas K. Finletter und der stellvertretende Verteidigungsminister, Frau Anna M. Rosenberg,
schlössen sich den Worten des Heeresministers an. Finletter
sagte noch, Gewerkschaften und Militaer arbeiteten in Amerika
fuer das gleiche Ziel, naemlich die Sicherung des Friedens.
Er lobte die Gewerkschaften fuer ihre Bemuehungen zur Durchfuehrung des Verteidigungsprogramms und erklaerte, das Militaer sei gewiss, dass, wenn es zum Krieg kaeme, die Gewerkschaftsbewegung die bewaffneten Streitkraefte beim Aufbau
einer starken Verteidigung mit allen Mitteln unterstuetzen
und damit erneut den Sieg garantieren wuerde.
Frau Rosenberg bezeichnete die freien Gewerkschaften als
eine wichtige Waffe gegen die kommunistische Aggression und
fuegte hinzu, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung
die Verantwortung in der gegenwaertigen Krise uebernehmen
wuerde, indem sie sich aktiv an jedem einzelnen Abschnitt
des Verteidigungsprogramms beteilige. Die Gewerkschaften
haetten die Gefahr der inneren Zersplitterung und der Sabotage
dadurch verringert, dass sie die Kommunisten aus einflussreichen Stellungen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung vertrieben haetten.
Daily News Service
VIII/17/51
DER WIRTSCHAFTLICHE WIEDERAUFSTIEG NORWEGENS SEIT 1945
Norwegen ist ein kleines Land mit einer Einwohnerzahl,
die nicht.halb so hoch wie die Londons ist. Der Beitrag,
den das norwegische Volk waehrend des zweiten Weltkrieges
zum Sieg der Alliierten leistete, war erstaunlich und stand
in keinem Verhaeltnis zu den begrenzten Reserven und Kraeften einer so kleinen Nation.
Als das Land im Jahre 1945 nach fuenf Jahren ruecksichtsloser wirtschaftlicher Ausbeutung durch Hitlers Beauftragte
befreit wurde, waren seine natuerlichen und wirtschaftlichen
Moeglichkeiten weitgehend zerstoert oder schwer mitgenommen.
Dies gilt sowohl fuer Norwegens Fischerei als auch fuer die
walfischverarbeitende Konservenindustrie und die Bauholzwirtschaft. Es trifft ebenso fuer einige der wertvollsten
Kapitalanlagen des Landes zu, wie zum Beispiel die norwegischen Kraftwerke und die Handelsflotte.
Seit Ende des Krieges und der endgueltigen Befreiung
sind nun sechs Jahre vergangen. Zusammen mit allen anderen
freien Nationen Europas und der westlichen Welt steht Norwegen heute vor der doppelten Aufgabe, seinen Wiederaufbau zu
vollenden - d.h. die in den wenigen Nachkriegs jähren erziel- 4 -

�ten Erfolge zu sichern - wie auch als Mitglied des Nordatlantikpaktes zur kollektiven Verteidigung Europas gegen die
neue Bedrohung aus dem Osten beizutragen. Norwegen wird dieser
doppelten Aufgabe vor allem durch Anwendung moderner industrieller Froduktivitaetsmethoden gerech^.
"Sechs Jahre sind vergangen, seitdem Norwegen wieder
frei wurde. In dieser Zeit hat dieses Land in Frieden und
Freiheit gelebt. 2a stellt sich die Frage: Wie ist diese
Zeit ausgenutzt worden?"
Mit dieser Frage beginnt eine kleine Broschuere, die unlaengst von der norwegischen Arbeiter-Partei in Oslo herausgegeben wurde. In ihr sind die wichtigsten, in den letzten
sechs Jahren erzielten Erfolge aufgezaehlt. Am Anfang der
Liste wird zu der Frage der Erziehung und Beibehaltung der
Vollbeschaeftigung Stellung genommen.
Waehrend die Arbeitslosigkeit in nur einem einzigen
Jahr der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen (1920 - 39)
geringer als 10% war und Mitte der dreis-siger Jahre auf mehr
als ein Drittel anstieg, konnte seit der Befreiung die Vollbeschaeftigung ununterbrochen aufrechterhalten werden.
"Seit 1945 ist die Beschaeftigtenziffer um 120,000
(d.h. 9% aller Arbeitskraefte der Nation) angestiegen,"
heisst es in der Broschuere. "Es gibt heute mehr offenstehende Arbeitsplaetze als Arbeitsuchende. Die Menschen haben
sich an diese Situation so gewoehnt, dass fuer sie die Vollbeschaeftigung eine Selbstverstaendlichkeit geworden ist."
Der Schluessel zu diesem Erfolg ist der eindrucksvolle
Fortschritt in Norwegens Industrieproduktion und der Leistungsfaehigkeit seiner Industrien seit der Befreiung. Heute ist
die Gesamtproduktion der norwegischen Industrie mindestens
um 70% hoeher als im Jahre 1945 und liegt um 35 bis 40%
ueber dem Vorkriegsniveau.
Eine der entscheidendsten und fortschrittlichsten Wendungen in der Produktivitaet der norwegischen Industrie zum Unterschied von dem Gesamtvolumen der Produktion - ist
in der Entwicklung der norwegischen Landwirtschaft seit 1945
zu sehen. Mit Stolz wird in der Broschuere darauf hingewiesen, dass eine Steigerung des landwirtschaftlichen Ertrages
um 25% erzielt wurde, obwohl in diesem Wirtschaftszweig,
50,000 Personen weniger als zuvor beschaeftigt sind.
Die fuenf entscheidenden Mittel, durch die diese Erfolge
erzielt wurden, werden.in der folgenden Rangordnung angefuehrt:
1.)
2.)
3.)
4.)
5.)

Vollbeschaeftigung.
Wiederherstellung und Erweiterung der wichtigsten
industriellen Einrichtungen, die zum Teil mit Hilfe
des Marshall-Plans beschafft werden konnten.
Neue und bessere Produktionsmethoden (d.h. Produktivitaet) .
Der allgemeine Arbeitseifer.
Bessere Ausbildung und Schulung.

Ein aöderes bezeichnendes Beispiel fuer Norwegens Fortschritt in der industriellen Produktivitaet ist die Tatsache,
- 5

�dass dank wissenschaftlicher Forschung und modernisierter
Arbeitsgeraete die durchschnittliche Fangbeute des norwegischen Fischers heute um 40 bis 50% hoeher ist als in den
dreissiger Jahren.
Was die Erweiterung wichtiger industrieller Einrichtungen betrifft, so sind in den letzten fuenf Jahren 20 Millionen Kronen zu diesem Zweck investiert worden. Mehr als 10%
dieser Investitionsmittel kamen aus Marshall-Plan-Mitteln
und -Krediten.
Den groessten Fortschritt erzielten die stromerzeugende
Industrie"und die Schiffahrt Norwegens. Unter Ausnutzung
der riesigen natuerlichen Reserven an Wasserkraft konnte die
Erzeugung elektrischen Stromes gegenueber der Vorkriegszeit
um fast das Doppelte gesteigert werden.
Einen aehnlichen Erfolg erzielte die norwegische Schifffahrt. Obwohl waehrend des Krieges fast die Haelfte der
Schiffstonnage der norwegischen Handelsflotte verlorenging,
ist die Flotte jetzt weit groesser als vor dem Kriege.
Die Broschuere beendet ihren Bericht ueber den errungenen Fortschritt mit einer Warnung fuer die Gegenwart und
die Zukunft: "Der Krieg geht weiter auf der Welt. Wir hoffen, dass er sich nicht ausdehnt. Der Schutz unseres Friedens und unserer Freiheit ist deshalb eine Aufgabe, der wir
uns vor-allen anderen widmen muessen, und die militeerische
Bereitschaft ist eine Frage ueber Leben oder Tod fuer alle
Voelker, die den Wunsch haben, ihre Freiheit zu erhalten."
ECA Labor Information
VIII/9/51
VEREINTE NATIONEN UNTERE,TUETZEN AFGHANISTAN BEI DER ERSCHLIESSUNG V CK • ERP OELQUELLEN
Die Regierung von Afghanistan hat die Vereinten Nationen um ihre technische Unterstuetzung bei der weiteren Erforschung der Erdoelvorkommen gebeten, die man zur Befriedigung der inlaendischen Beduerfnisse zu erschliessen hofft.
Eine Erdoelversorgung aus eigenen Quellen und die entsprechenden Anlagen zur Raffinierung wuerden Afghanistan die
Versorgung mit Treibstoff zum Antrieb der Motoren und zur
Aufrechterhaltung des Kraftwagentransports sichern. Der
Kraftstoff wird aber auch zur Ergaenzung der schwindenden
Holzreserven als Heizmaterial fuer Wohnungen und fuer die
Entwicklung der Industrie gebraucht. Afghanistan benoetigt
ausserdem Asphalt fuer seine Strassen und als Baumaterial.
Das Vorhandensein von Erdoelablagerungen in Afghanistan
ist seit langem bekannt oder zumindest vermutet. In einem
Bezirk z.B. pflegte die Bevoelkerung an die Erdoberflaeche
durchgesickertes Erdoel in einfachen Gefaessen aufzufangen
und in Oellampen oder als Medizin zu verwenden. In der Vergangenheit sind verschiedentlich vorlaeufige Untersuchungen
angestellt worden. Aber nun hat Afghanistan um die technische Unterstuetzung der Vereinten Nationen nachgesucht, um
sich genaue Angaben ueber die geologische Beschaffenheit und
die Struktur des Erdbodens zu beschaffen, die den frueheren
6 -

�Untersuchungen nicht entnommen werden konnteji. In Beantwortung dieses Gesuches haben die Vereinten Kationen einen niederlaendischen Erdoelgeologen nach Afghanistan geschickt, der
mit Hilfe eines einheimischen Experten wieder groessere ardoelablagerungen festgestellt hat. Der Sachverstaendige der
Vereinten Nationen hat ausserdem Vorschlaege zur Bildung einer
afghaniscnen iirdoelgewinnungsOrganisation, zur Ausbildung einheimischen Personals fuer die Bohrarbeiten und zu weiteren
notwendigen Massnahmen zur Durchfuehrung von Bohrarbeiten im
Lande den zustaendigen Stellen unterbreitet.
Die Regierung von Afghanistan ist zur Zeit damit beschäftigt, einige dieser Empfehlungen zu verwirklichen, aber sie
hat auch die Vereinten Nationen fuer die folgenden Arbeitsabschnitte um weitere Unterstuetzung durch Sachverstaendige
gebeten. Mit dieser Bitte zugleich hat sich die Regierung
damit einverstanden erklaert, die mit der Erdoelgewinnung verbundenen Risiken zu uebernehmen und die volle Verantwortlichkeit fuer einen Erfolg oder einen Fehlschlag des Unternehmens
zu uebernehmen. Der zweite Sachverstaendige, der von den
Vereinten Nationen zur Verfuegung gestellt wird, ist ein
Bergbauingenieur, der ebenfalls aus den Niederlanden kommt
und ueber umfassende Erfahrungen in der Erdoelbohrung und
-gewinnung verfuegt.
Bei der Durchfuehrung dieses Programms der Erdoelgewinnung werden, besonders was den Transport dar Geraete betrifft,
zahlreiche Schwierigkeiten zu ueberwinden sein, weil Afghanistan keine Eisenbahnen hat. Der Strassentransport ist nicht
nur wegen des gebirgigen Gelaendes unzulaenglich, sondern
auch weil die Strassen zu bestimmten Jahreszeiten gesperrt
und fuer den Transport der erforderlichen schweren Austestungen nicht geeignet sind. Man hat fuer bestimmte Teile
des Projekts den Transport auf dem Luftwege in Erwaegung gezogen.
Die Mission zur Entwicklung der Erdoelgewinnung stellt
einen Abschnitt in einem koordinierten Plan zur technischen
Unterstuetzung Afghanistans dar. Man rechnet damit, dass
die Vereinten Nationen und ihre Fachbehoerden in den kommenden Monaten eine Anzahl weiterer Experten in bestimmten Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung auf Ersuchen der afghanischen Regierung in dieses Land schicken werden.
Economic and Social Problems
in the United Nations VIIl/51
EIN MARSEALLPLAK-PROJEKT IN DER SOWJETZONE OESTERREICHS
Etwa 30 Kilometer hinter dem Eisernen Vorhang ist eine
mit Marshallplan-Geldern erbaute Baumwollspinnerei zu einem
Musterbeispiel amerikanischer Produktionsmethoden geworden.
Die Spinnerei Walek &amp; Co. in Wiener Neustadt, das in
der russischen Zone Oesterreichs liegt, ist heute die modernste in Europa. Ihre weiss leuchtenden, einstoeckigen Gebaeude
und ihre zweckmaessige angelegten Grundstuecke stechen aus
der duesteren und zerbombten Umgebung wie ein Zukunftstraum
hervor.
Die Fabrik wurde im November vorigen Jahres fertiggestellt. Seitdem sind unzaehlige Betriebsleiter, Ingenieure
- 7 -

�und Techniker aus allen Teilen Europas und sogar aus Indien
gekommen, um die neuen Einrichtungen zu besichtigen. Ein
Journalist eines fuehrenden oesterreichischen Wirtschaftsblattes schrieb nach einem Besuch in der Fabrik, "er habe das
Gefuehl gehabt, eine andere Welt zu betreten."
Da- die Fabrik doch mit amerikanischer Hilfe gebaut wurde
und innerhalb der Sowjetzone liegt, ist es seltsam genug,
dass sie nur von wenig Amerikanern und Russen besucht wird.
Amerikaner sind meistens daran gehindert, weil ihnen das
Betreten der Sowjetzone verboten ist. Die Russen sihd der
Fabrik wohl aus Verlegenheit ferngeblieben, denn sie stellt
einen glaenzenden Beweis fuer die industrielle Ueberlegenheit des Westens dar.
Mit dem neuen Unternehmen wird eine Fabrik der Firma
Y/alek und Co. ersetzt, die waehrend des Krieges gaenzlich
zerstoert wurde. Am 13. August 1943 wurde die alte Fabrik
von drei Bomben getroffen. Die erste explodierte in den
Hoefen, ohne Schaden anzurichten, die zweite legte die Stromund Wasserversorgung still, und die dritte zerstoerte die
Haupthalle der Spinnerei.
Die Arbeiter konnten einige der Gebaeude wieder notduerftig zusammenflicken, einige Maschinen aus den Truemmern
retten und sie wieder zusammensetzen; zum groessten Teil
war das Unternehmen jedoch ruiniert, und fast alle Arbeiter
wurden entlassen.
Otto Walek, der zusammen mit seinem Bruder Franz das
Unternehmen leitet, erklaerte, man haette die alte Fabrik
natuerlich wieder ausbessern koennen, hielt es jedoch fuer
wirtschaftlicher, einen vollkommen neuen Betrieb errichten
zu lassen.
"Die alte Fabrik war nach ihrör Fertigstellung im Jahre
1936 eine der besten in Europa," berichtete Walek. "Waehrend
im Weltkrieg in der Entwicklung der europaeischen Textilindustrie jedoch ein Stillstand eingetreten war, wurden in
den Vereinigten Staaten grosse Fortschritte gemacht, und
heute sind uns die Amerikaner um Jahre voraus."
Die neuesten amerikanischen Ideen sind in der neuen
Fabrik verwirklicht worden. Zuerst waren die Arbeiter ueberrascht, als sie feststellten, dass der groesste Teil der
Fabrik, naemlich die Spinnerei, ohne ein einziges Fenster
oder ein Glasdach gebaut wurde. Inzwischen haben sie erfahren, dass man die Absicht hatte, die Halle von den atmosphaerischen Bedingungen der Aussenwelt hermetisch abzuschliessen,
weil geringfuegige Veraenderungen im Licht, der Temperatur
oder der Luftfeuchtigkeit ausreichen, um ein Reissen feiner
Fasern zu verursachen.
Fluoreszierende Lampen sorgen fuer gleichmaessiges
Licht, das vom Wetter draussen unabhaengig ist. Mit Luftregulatoren lassen sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit ganz
nach Wunsch regulieren, und die Luft wird staubfrei gehalten,
indem sie alle fuenf Minuten vollkommen erneuert wird. Unter
diesen Bedingungen und mit neuen amerikanischen Maschinen
kann eine so feine Faser hergestellt werden, dass ein Strang
von ueber 250 km Laenge nur knapp ein Kilogramm wiegt.
- 8 -

�Die meisten amerikanischen Maschinen wurden von den
Saco-Lowell"-Werkstaetten in Boston geliefert. Sie wurden
mit 980.000 Dollar aus Marshallplangeldern und 235.000 Dollar der Export-Import Bank finanziert. Zur Deckung der
Bau- und Installationskosten wurden ausserdem aus Marshallplan-Gegenwertmitteln 56 Millionen Schillinge freigegeben,
was einem Betrag von mehr als zehn Millionen D-Mark entspricht. Insgesamt wurde mehr als die Haelfte der gesamten
Aufbaukosten mit amerikanischen Mitteln gedeckt.
M

Die Fabrik produziert heute alljaehrlich 990.000 Kilo
feiner Fasern und Garne und die gleiche Menge an Kord fuer
Reifen, elektrische Isolierungen und andere Gummierzeugnisse.
40% der Produktion werden in Oesterreich selbst abgesetzt,
waehrend 60% auf westeuropaeischen Absatzmaerkten gegen Devisen verkauft werden.
In der Fabrik sind 1100 Arbeiter beschaeftigt, das sind
400 mehr als in dem alten Betrieb 'in seinen besten Tagen.
Etwa zwei Drittel der Arbeitnehmer sind Frauen, und viele sind
Facharbeiter, die seit der Zerstoerung der Automobil- und
Flugzeugfabriken der Stadt waehrend des Krieges erwerbslos
wurden.
Die Fabrik ist wegen der guten Arbeitsbedingungen ein
beliebtes Ziel fuer Arbeitssuchende. Durch die Luftregulatoren ist die Gefahr der Lungenerkrankungen gebannt, die in
Textilfabriken besonders haeufig anzutreffen ist. Geraeuschabsorbierende Deckon und Waende reduzieren den Laerm der
Maschinen, iin modernes Verbandszimmer mit allen neuzeitlichen Einrichtungen, wie Roentgenanlage und Ultraviolette
Bestrahlung, steht den Arbeitern jederzeit zur Verfuegung.
Im Omnibuspendelverkehr werden die Arbeiter kostenlos morgens
zur Fabrik und abends nach Hause gebracht. In der Werkkantine koennen sie fuer etwa 35 Pfennig ein warmes Mittagessen
bekommen.
Die Arbeiter zeigten deutlich, was sie von ihrem Betrieb
halten als oesterreichische Kommunisten auf geheimen Befehl
der Sowjets im Herbst vorigen Jahres versuchten, in ganz
Oesterreich durch einen Generalstreik Unruhen zu erzwingen.
Die Arbeiter der Firma Walek weigerten sich "rundweg, in den
Ausstand zu treten, und als schwerbewaffnete Mannschaften benachbarter russischer Fabriken geschickt wurden, um die Tore
abzusperren, baten sie um Unterstuetzung durch die Wiener
^olizei, die ihnen Zugang zur Fabrik und ihren Arbeitsplaetzen
verschaffte. Der sowjetische Hohe Kommissar fuer Oesterreich
hatte inzwischen eingesehen, dass die Beteuerungen der oesterreichischen Kommunistenfuehrer ueber ihren Einfluss auf die
Arbeiterschaft ein leeres Geschwaetz war, sodass er daraufhin
sich von dem Putschversuch distanzierte.
VII/20/51
DIE ENTWICKLUNG DER GRIECHISCHEN GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Die Urspruenge der griechischen Gewerkschaftsbewegung gehen bis zum Anfang dieses Jahrhunderts zurueck. Damals gab
es jedoch noch keine sonderlich bemerkenswerte gewerkschaftliche Taetigkeit in Griechenland.
- 9-

�Die Gewerkschaften traten erst im Jahre 1914 in Erscheinung, nachdem die Balkankriege vorueber waren und das griechische Parlament das Gesetz Nr. 28.1 ueber die Betaetigung
der Gewerkschaften verabschiedet hatte. Aber selbst zu dieser Zeit blieben die Gewerkschaften als solche noch isoliert,
es fehlte auf nationaler und mehr noch auf internationaler
Ebene an Zusammenarbeit und Koordinierung. Es gab nur uerufsraete, die sich getrennt und unabhaengig voneinander betaetigten. Auch gab es keine Landesgewerkschaften. Sie wurden
erst spaeter gagruendet.
Das Beispiel europaeischer Laender mit einer gut entwickelten Gewerkschaftsbewegung begann jedoch die Aufmerksamkeit der griechischen Gewerkschafts?uehrer auf sich zu ziehen
und liess den Gedanken aufkommen, eine Gewerkschaftszentrale
fuer ganz Griechenland aufzubauen.
1918 wurde der erste griechische Gewerkschaftskongress
abgehalten, auf dem die Gruendung des Allgemeinen Griechischen Gewerkschaftsbundes beschlossen wurde. Der damals noch
junge Allgemeine Griechische Gewerkschaftsbund wurde jedoch
zu einem Schauplatz politischer und ideologischer Differenzen,
sodass es in den ersten fuenf Jahren seines Bestehens zu
einer Spaltung in der griechischen Gewerkschaftsbewegung kam,
die von Anfang an grosse Schwierigkeiten verursachte. Die
Tatsache, dass Griechenland zu jener Zeit nur eine kleine
Industrie und folglich eine zahlenmaessig begrenzte industrielle Erwerbsbevoelkerung hatte, liess das Problem der gewerkschaftlichen Organisierung nicht, wie es in industriell hochentwickelten Laendern der Fall ist, zu einer dringenden Kotwendigkeit werden. Auf der anderen Seite erleichterte der
Mangel an Erfahrung und Tradition in den griechischen Gewerkschaften eine Beeinflussung von aussen her. Trotz alledem
war man zu jener Zeit allgemein bemueht,'GewerkschaftsOrganisationen auf Landesebene aufzubauen, die zum groessten Teil
bald nach der Gruendung des Allgemeinen Griechischen Gewerkschaftsbundes ins Leben gerufen wurden. Man kann sagen, dass
der Gewerkschaftsbund zeitlich gesehen diesen Organisationen
vorausging und aus Berufsraeten entstand, ein Merkmal, das
sich bis jetzt in der Struktur und dem Status der griechischen
Gewerkschaftsbewegung erhalten hat.
Die griechische Gewerkschaftsbewegung blieb bis zum
Jahre 1926 aufgespalten. Ein Teil bestand aus dem Gewerkschaftsbund, der in Athen seinen Sitz hatte und von den Kommunisten
beherrscht wurde, waehrend der andere Teil sein Zentralbuero
in Piraeus hatte und von Nichtkommunisten und einer anderen
unabhaengigen Gruppe beeinflusst war.
Im Jahre 1926 fand ein nationaler "Einheits"-Kongress
der Gewerkschaften statt, auf dem die gesarate Organisation
in die Haende der Reformisten ueberging. Seitdem hat sich
ein schwerer und ruecksichtsloser Kampf zwischen den Reformisten auf der einen Seite und den Kommunisten auf der anderen
Seite abgespielt. Die Kommunisten, die ueber die organisatorischen Mittel der kommunistischen Partei ihre Propaganda
und Presse und ueber ausreichende materiaile Mittel verfuegten, haben die Aufgabe einer Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung immer wieder erschwert.
Trotzdem konnten im Jahre 1928, als der dritte griechische Gewerkschaftskongress zusammentrat, die Reformisten im
- 10 -

�Exekutivausschuss des Gewerkschaftsbundes wiederum die Oberhand behalten. Der Kampf wurde haerter und haerter. Ein
Jahr spaeter, im Jahre 19£9, hielten die Kommunisten,auf
einen Befehl aus dem Ausland hin, einen eigenen Kongress ab
und gruendeten den "Vereinigten" Allgemeinen Griechischen
•Gewerkschaftsbund, der, wie sie selbst zugaben, ein Werkzeug
der kommunistischen Partei war. Die Gruendung dieses kommunistisch gesonnenen Gewerkschaftsbundes fuehrte jedoch zur
voelligen Isolierung der Kommunisten von der Arbeiterschaft,
und aus diesem Grunde unterbreiteten sie in Ausfuehrung ihrer
neuen Instruktionen aus Moskau neue Vorsohlaege zu einer tatsaechlichen Vereinigung der beiden griechischen Gewerkschaftsbuende.
Es wurde eine Vereinbarung getroffen, aber mit der Machtuebernahme durch den Diktator General Metaxas am 4. August
1936 wurde jede weitere Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung
in Griechenland unterbrochen.
Waehrend der Besatzung Griechenlands durch die Achsenmaechte, die dieser Episode folgte, konnten die freien Gewerkschaften ebenfalls keinerlei Taetigkeit entfalten, die Arbeiter verliessen die Gewerkschaften, waehrend es den Kommunisten durch ihre nationale Widerstandsbewegung und auch mit
Hilfe der freien Gewerkschaften gelang, die Arbeiterschaft
unter ihre Kontrolle zu bekommen und sich damit auf die voellige Beherrschung der Gewerkschaften vorbereiten konnten.
Kurz nach der Befreiung des Landes sahen sich die griechischen Gewerkschaften in den Haenden der Kommunisten, die
in der Zwischenzeit die verschiedenen Gewerkschaften durch
Gewalt in ihre Macht gebracht und ihre Agenten in ihnen festgesetzt hatten. Der Kreml hatte das Ziel gesetzt, bei den
Versuchen, Griechenland auf die andere Seite des Eisernen
Vorhangs zu bringen, die Gewerkschaften als Brueckenkoepfe
zu verwenden.
Ein schwerer und ungleicher Kampf wuetete daraufhin innerhalb der Gewerkschaftsbewegung, in dem die freien Gewerkschafter danach strebten, sich zu behaupten, waehrend sich
die Kommunisten aller nur erdenklichen Mittel bedienten. Sie
verfuegten ueber den riesigen organisatorischen Apparat der
kommunistischen Partei und ueber ausreichende finanzielle
und propagandistische Mittel und zoegerten nicht, ruecksichtslos Drohungen, Gewalt und Terror anzuwenden; dadurch gelang
es ihnen auch, fuer eine gewisse Zeit die Funktionaere der
freien Gewerkschaften dem Gewerkschaftsbund und den beiden
Gewerkschaftszentren in Athen und Piraeus zu entfremden und
erneut die Kontrolle der gesamten Gewerkschaftsbewegung des
Landes zu uebernehmen.
Die freien Gewerkschafter Hessen sich jedoch nicht entmutigen und gaben den Kampf nicht auf. Zu Anfang waren sie
dem Verzagen nahe, als die Kommunisten waehrend ihres Staatsstreiches 150 fuehrende Funktionaere der freien Gewerkschaften hinrichten Hessen, aber sie hielten unerschuetterlich
an den Grundsaetzen der demokratischen Gewerkschaften fest
und setzten ihren Kampf fort, der langsam aber sicher Erfolge
zeitigte.
Die freie Gewerkschaftsbewegung ging aus dem Blutbad,
das der kommunistische Terror angerichtet hatte, mit dem ge- 11 -

�staerkten Willen hervor, weiter aktiv zu sein und die' Gewerkschaften von dem eisernen Griff der kommunistischen Hydra zu
befreien. Die griechischen Gewerkschaften standen zu jener
Zeit allein, sie fuehlten sich von den freien Gewerkschaften
der westlichen Laender verlassen, die damals noch freundschaftliche Beziehungen zu dem kommunistischen Weltgewerkschaftsbund unterhielten und die internationale kommunistische Propaganda noch um ihre eigenen abfaeiligen Bemerkungen
ueber die griechischen Gewerkschaften bereicherten. Dies
ist eine unangenehme Erinnerung, die jedoch durch die Tatsache gemildert wird, dass «ich der unablaessige Kampf der
freien griechischen Gewerkschaft en,, wenn auch spaet, in nationaler und internationaler Hinsicht als voellig gerechtfertigt und notwendig erwiesen hat» Hierbei war es jedoch
noetig, dass die wirklichen Absichten des stalinistischen
Weltgewerkschaftsbundes erkannt wurden, und dass auch andere
Laender die blutigen Schrecken und die zynischen Methoden des
Kommunismus am eigenen Leibe erfahren mussten, bevor das Gewissen der Gewerkschaften im Ausland wach wurde und bevor sie
anfingen, fuer den Kampf der freien griechischen Gewerkschaften Gefuehl und Verstaendnis zu haben.
Unter unaufhoerlichen Anstrengungen/und im Kampf gegen
einen weit staerkeren Feind, der nicht vor Mord, Betrug, Faelschung, Luege und Gewalt zurueckschreckte, konnten die freien
Gewerkschafter in Griechenland nach und nach ihre Stellung
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung zurueckerobern. Hand in
Hand mit diesem Kampf ging zu jener Zeit das Ringen der griechischen Nation als Gesamtheit, die ihre Kraefte zu einem
schweren Kampf auf Leben und Tod mobilisierte.
Im Maerz 1948, als dieser Kampf seinen Hoehepunkt erreicht hatte, wurde der neunte griechische Gewerkschaftskongress abgehalten, auf dem die Grundlagen zum Wiederaufbau der
Bewegung auf freier demokratischer Basis gelegt wurden. Es
war der erste freie Konpress nach der Befreiung Griechenlands
von den Achsenmaechten. In der Geschichte der griechischen
Gewerkschaftsbewegung war dieser Kongress trotz zahlreicher
Maengel ein Ereignis von hervorragender Bedeutung.
Obwohl die eigentlichen Probleme der Arbeiterschaft
noch nicht eroertert wurden und die vom Gewerkschaftsbund zu
unternehmenden Schritte noch nicht definiert werden konnten,
wurde doch eine hoechst bedeutsame Aufgabe erfuellt: Man
waehlte den ersten Exekutivausschuss des unabhaengigen Allgemeinen Griechischen Gewerkschaftsbundes, der dem freien
Willen griechischer Arbeiter entsprang.
Der neunte Kongress der griechischen Gewerkschaften fiel
zeitlich mit der ersten Spaltung innerhalb des Weltgewerkschaftsbundes zusammen, der vom sowjetischen Imperialismus
ganz offen zur S_toerung der Verteidigung der freien Welt missbraucht wurde. Im Gewissen internationaler Gewerkschaftsfuehrer regten sich Zweifel ueber die Richtigkeit der Vorwuerfe,
die der unabhaengigen griechischen Gewerkschaftsbewegung gemacht wurden, und sie entdeckten sehr schnell die Falle, in
die sie der Kommunismus gelockt hatte.
Dann folgte die endgueltige Spaltung des Weltgewerkschaftsbundes und im Dezember 1949 die Gruendung des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften, in dem auch der Griechische All12 -

�gemeine Gewerkschaftsbund mitbestimmendes Mitglied war, und
dessen Gruendung eine glaenzende Rechtfertigung der von der
griechischen Gewerkschaftsbewegung gefuehrten Kaemnfe war.
Der unerbittliche ideologische Konflikt zwischen den
freien Gewerkschaften auf der einen Seite und dem Kommunismus auf der anderen liess es zur vornehmsten Pflicht des
IBFG werden, sich mutig und entschlossen fuur die Verteidigung der demokratischen und freiheitlichen Ideale einzusetzen, weil der Kommunismus die Freiheit mit Terror und
Gewalt unterdrueckt und zugleich durch eine fortwaehrende
Agitation den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Laender unterminiert mit der Absicht, aus dem Elend der Arbeiterschaft
Vorteile zu schlagen.
Der Allgemeine Griechische Gewerkschaftsbund hat sich
in Anerkennung der Grundsaetze der freien demokratischen
Gewerkschaftsbewegung an die Seite der uebrigen freien Gewerkschaften der Welt gestellt, in dem er sich als mitbestimmendes Mitglied an der Gruendung des IBFG aktiv beteiligte.
Die griechische kommunistische Partei hatte zwar nach
der Niederlage in dem Buergerkrieg, in den sie Griechenland
gestuerzt hatte, ihre Taetigkeit einschraenken muessen. Aber
auf der sechsten Plenarsitzung ihres Zentralkomitees legte
sie die Form und den Umfang ihrer weiteren Taetigkeit in
Griechenland fest. Auf Anordnung des Kominform hat sie wiederum die Eroberung der Gewerkschaften zu ihrem obersten
Ziel erklaert und den Kampf um die Herrschaft ueber diese
Bewegung erneut begonnen. Finanzielle Mittel standen dabei
in Huelle und Fuelle zur Verfuegung.
Seitdem ist, wie es die taeglichen Ereignisse beweisen,
die kommunistische Agitation auf diesem Gebiet in vollem
Gange. Es herrscht in Wirklichkeit ein Krieg des internationalen Kommunismus gegen Griechenland, der in einer noch intensiveren Form als bisher, wenn auch mit anderen Mitteln,
weitergefuehrt wird.
Angesichts dieser Situation hat der Exekutivausschuss
des Allgemeinen Griechischen Gewerkschaftsbundes, der unerschuetterlich an seiner ideologischen Ausrichtung festheelt,
es sich zur Aufgabe gemacht, den Unterschied zwischen den
Grundsaetzen und der Politik klar herauszustellen, die die
freien Gewerkschaften von der kommunistischen Arbeitsfront
distanzieren. Er appelliert an das Gewissen der freien Arbeiter und ruft alle mutigen Kaempfer zur Verteidigung der
freien Gewerkschaften gegen jegliche kommunistische Aggression
auf.
Unter Beachtung dieser Grundsaetze und in dem Bestreben,
die freie griechische Gewerkschaftsbewegung, wieder aufzubauen, bereitete der Exekutivausschuss des Allgemeinen Griechischen Gewerkschaftsbundes, diesmal vom IBFG unterstuetzt,
den zehnten griechischen Gewerkschaftskongress vor, der
aeusserst erfolgreich war. Dies geht auch aus dem Geschaeftsbericht hervor, der vom IBFG dem zweiten internationalen
Gewerkschaftskongress in Mailand vorgelegt wurde.
Die griechischen Gewerkschaften haben heute nach all den
Kaempfen und Schwierigkeiten, die sie zu ueberwinden hatten,
ihren Weg gefunden.
- 13 -

�Trotz aller internen Schwierigkeiten konnten sie sich
jetzt in verstaerktem Masse auch mit den wirtschaftlichen,
sozialen und beruflichen Problemen des arbeitenden Volkes bescheeftigen. Sie organisierten eine Reihe von Streitgespraechen, in deren Verlauf nicht nur bewiesen wurde, dass der
Mythos der kommunistischen Propaganda falsch und verlogen
ist, nach dem es in Griechenland angeblich keine gewerkschaftlichen Freiheiten gaebe und dass "Gewerkschafts"fuehrer, nur
weil die Streiks befehligten, zum Tode verurteilt wurden,
sondern sie haben auch wesentlich zur Loesung der sozialen
unö wirtschaftlichen Probleme beigetragen.
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Leistungen der griechis.chen Gewerkschaften bei dem wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes.
News Letter of the General Confederation of Greek Workers Nr. 25
BRITISCHE GEWERKSCHAFTEN UND WELTFRIEDEN
Der maechtige britische Gewerkschaftsbund TUC mit seinen
acht Millionen Mitgliedern hat sich vor kurzem mit ueberwaeltigender Mehrheit fuer das Verteidigungsprogramm der LabourRegierung ausgesprochen. Ein Parlamentsmitglied der LabourPartei, Kapitaen Harry Purcey, gibt in diesem Artikel einige
Erklaerungen hierzu. Purcey hatte erst vor kurzer Zeit die
Vereinigten Staaten besucht.
Purcey diente 30 Jahre lang bei der Marine und kam niemals weiter westlich als bis Trinidad. Er hatte immer den
Wunsch,Amerika zu sehen, um sich ein Bild ueber das Leben auf
diesem westlichen Kontinent machen zu koennen.
Auf die Frage, ob es nicht fuer einen Menschen von seinem
Rang ungewoehnlich sei, als Abgeordneter der Labour-Partei
Parlamentsmitglied zu sein, erwiderte Purcey, dass es bis
1912 keinem einfachen Marinesoldaten moeglich gewesen sei,
Offizier zu werden. Natuerlich stuende die Mehrheit der Marineoffiziere auf der anderen Seite, d.h. in der Partei der
Konservativen. Trotzdem haette beim Militaer immer eine
gute liberale Tendenz geherrscht, und es sei moeglich, dass
im Laufe der Zeit und mit der Verbesserung der politischen
Kenutnisse und Schulung mehr und mehr Marineoffiziere sich
nach ihrer Entlassung um Mandate fuer das Parlament bewerben
wuerden, so wie auch er es vor 30 Jahren getan habe. Purcey
vertritt im Parlament ^ast Hüll, einen der vier Stadtteile
der drittgroessten englischen Hafenstadt. Er ist vor allem
Vertreter der Seeleute- und Hafenarbeiterbezirke. Es ist
interessant^estzustellen, dass es in Hüll praktisch keine
Arbeitsstreitigkeiten gibt; die Erklaerung hierfuer ist einfach: es geht den Hafenarbeitern in England unter der LabourRegierung heute besser denn je zuvor, weil sie alle Beschaeftigung haben, und weil sie im Schutz des umfassenden Sozialversicherungs-Systems stehen, das heute in England besser
ist als in allen anderen Laendern der Welt.
Der Marshall-Plan, so berichtet Purcey, hat die englischen Betriebe mit Rohstoffen versorgt und bei der Wiederaufrichtung der kriegszerstoerten englischen Wirtschaft mitge- 14

�holfen. Drei von je vier Haeusern wurden in England waehrend
des Krieges zerstoert oder beschaedigt. Die llershallplan-Hilfe
fuer England wurde praktisch durch Verpflichtungen Englands
anderen Laendern gegenueber und durch die Gewaehrung von Krediten und Anleihen aufgehoben.
Was das Verteidigungsprogramm betrifft, so ist England
heute das am hoechsten besteuerte Land der Welt, es hat pro
Kopf der Bevoelkerung zur Verteidigung wohl mehr beigetragen
als jede andere Nation. Die Zahl der unter Waffen Stehenden
ist heute in England dreimal so hoch wie 1914 kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und zweimal so hoch wie 1939.
Bei einer Bevölkerungsziffer von 50 Millionen zaehlt England
eine Million Soldaten. Das Aequivalent fuer Amerika mit seinen 150 Milli
nschen waere also drei Millionen Soldaten.
England beteiligt sich mit gleicher Aktivitaet an den Verteidigungsanstrengungen. Die britische Marine trat fast gleichzeitig mit der amerikanischen Marine in Korea in Aktion.
Niemand unterschaetzt die Luftwaffe oder die Armee Russlands. Die russische "Achillesferse" ist jedoch die Marine.
Im letzten halben Jahrhundert war Russland in drei Kriege
verwickelt. Der russisch-japanische Krieg von 1905 brachte
eine schwere Niederlage. In den Kriegen 1914 und 1939 wurden
an die russische Marine keine grossen Anforderungen gestellt.
Die Russen sind niemals Seeleute gewesen, und sie haben heute
im Vergleich zu den amerikanischen und englischen Seestreitkraeften, die die groessten der Welt sind, praktisch keine
Ueberwasserflotte.
Obwohl Russland das raeumlich groesste Land der Welt
ist, hat es unter zahlreichen natuerlichen Nachteilen zu
leiden, wie z.B. die riesigen Entfernungen. Es muss deshalb
seine Streitkraefte aufteilen und kann sie nicht an einer
einzigen Stelle konzentrieren. Das Transportwesen Russlands
ist keineswegs gut. Vom marinetechnischen Standpunkt aus
gesehen hat Russland vier offene Meereskuesten: das Eismeer,
in dem natuerlich kein Krieg gefuehrt wflrde, die Ostsee,
das Schwarze Meer und der Stille Ozean im Fernen Osten. Die
Ostsee und das Schwarze Meer sind praktisch Binnenseen, in
denen einige Marinestreitkraefte unterhalten werden muessen,
die der Hauptflotte verlorengehen. Das bedeutet, dass die
strategisch wichtigste Kueste Russlands sich im Fernen Osten
befindet. In diesem Gebiet kann Amerika aber immer auf die
Hilfe Englands und besonders die der englischen Flotte bauen.
Im Falle eines Krieges mit Russland muessen deshalb die Energie und Aufmerksamkeit Grossbritanniens dem Kampf zur See
gewidmet werden. Truppen und Material muessen zur See befoerdert werden, die Schlagkraft der Marine wird einer der
ausschlaggebenden Faktoren sein.
Wenn man von der Moeglichkeit einer Krieges mit Russland spricht, muss man sich vergegenwaertigen, dass nicht die
Atombombe das wirksamste Abschreckmittel gegen Russland ist,
sondern vielmehr die Tatsache, dass sich zum erstenmal in
der Geschichte Amerika und England, bevor es noch zu einem
Schuss gekommen ist, verpflichtet haben, gemeinsam den europaeis chen Kontinent zu verteidigen. Wenn dies von Anfang an
auch 1914 und 1939 der Fall gewesen waere, waeren diese beiden Kriege wohl voellig anders verlaufen. Diese Argumente
sollen zu keinem Missverstaendnis fuehren und nicht den Ein- 15 -

�druck erwecken, Russlands Staerke wuerde unterstuetzt. Die
Verteidigungsbemuehungen muessen in der jetzigen Zeit unter
allen Umstaenden gefoerdert werden, weil die einzige Sprache,
die die Russen verstehen, die der Staerke'und nicht die der
Schwaeche ist.
Befragt, was nach seiner Meinung das beste Mittel zur
Durchfuehrung einer politischen Offensive waere, die die
Russen von ihren kriegsvorbereitenden Tendenzen abhalten
koennte, antwortete Purcey: "Eine der besten Methoden, deren
man sich bedienen koennte, waere eine gemeinsame Kampagne
der Vereinten Kationen, in der man Russland eine allgemeine
Abruestung untei' allgemeiner Ueberwachung vorschlagen wuerde.
Mit der Abruestung waeren alle Voelker der schweren Verpflichtung enthoben, grosse unwirtschaftliche Ausgaben fuer die
Verteidigung machen zu muessen. Alle Laender haetten die
Moeglichkeit, ihre Wirtschaft auf die Friedensproduktion
einzustellen und jedem einen besseren Lebensstandard, groessere soziale Sicherheit und alle sonstigen Vorteile zukommen
zu lassen, die das Wohlergehen der Kationen und der Welt
insgesamt verbessern wuerden.
Ob Russland einen solchen Vorschlag akzeptieren kann?
Dieser Vorschlag ist in verschiedener Form Russland natuerlich schon unterbreitet worden. Die Russen erklaerten immer
wieder, dass sie ihn grundsaetzlich billigten. Sie erklaerten sich bereit, alles moegliche zu tun. Wenn man jedoch zu
Einzelheiten ueberging und die Frage einer ausreichenden
Ueberwachung angeschnitten wurde, dann wollte- Russland, wie
allgemein bekannt ist, keinerlei annehmbare Uebe"rwachungsmethoden akzeptieren, die anderen Laendern eine Gewaehr dafuer
bieten koennten, dass Russland nicht doch im geheimen aufruestet.
Program Services Section
IX/6/51
NEUE STROMERZEUGUNGSANLAGEN IN GRIECHENLAKD
Mit Hilfe des Marshallplans werden jetzt die laendlichen
Bezirke Griechenlands der elektrischen Stromversorgung angeschlossen woei die in den Staedten befindlichen Krafterzeugungs
anlagen erweitert werden. Dieses Programm, das im Jahre 1955
beendet^sein soll, wird drei hydroelektrische und eine Dampfkrafterzeugungßanlage umfassen, zu denen dann die Verteilungsanlagen treten. Die Wasserkraftanlagen werden am Wodas, am
Ladhon und am Loures-Fluss errichtet. Die Anlage, die auf
Dampfkraft basiert, ist bereits im Bau. Sie liegt in der
Naehe von Aliveri,. einer Insel in Euboea, auf der sich grosse
Lignit-Ablagerungen befinden. Lignit ist eine minderwertige
Kohle, die hier jedoch mit einfachen Mitteln aufbereitet wird
und gleichzeitig als Brennstoff fuer dieses neue Kraftwerk
diänt. Ein amerikanisches Ingenieurunternehmen, die Ebasco
Dienst G.m.b.H., ueberwacht den Bau und die Arbeit dieser Anlage. Der aus Griechen bestehende Stab der oeffentlichen
Stromverwaltung wird das Werk uebernehmen, sobald es spaetestens im Jahre 1955 fertiggestellt ist. Die Gesamtkosten
dieses Projektes werden etwa 80 Millionen Dollar betragen. In
diesem Betrag ist ein Posten von 54 Millionen Dollar enthalten,
der fuer Lieferungen aus dem Ausland entstanden ist, waehrend
10 Millionen Dollar auf direkte Unterstuetzung entfallen, die
durch den Marshallplan gewaehrt werden.
EGA Special Report
VIII/7/51
- 16 IICOG

25 Mp&lt; 51 U542 6 II

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse «ad anderen Quellen dar «ad dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werde«.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht-als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 38

Frankfurt,

£ 1 . September 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Das Europaeische Hilfsprogramm und s e i n e Gegner . .

1

P r o d u k t i o n s p l a n der SCA f i n d e t i n Europa B e i f a l l

4

N i e d e r l a g e der Kommunisten b e i den f i n n i s c h e n
Gewerkschaftswahlen
Die neue b r i t i s c h e Verordnung ueber die Regelung
von A r b e i t s s t r e i t i g k e i t e n
Z e i t s t u d i e n von d e r anderen S e i t e gesehen

.

6
7
9

Foerderung d e r P r o d u k t i v i t a e t durch Normung

13

U . S . f o r d e r n Bodenreform auf der ganzen Welt

14

DAS EUROPAEISCHE HILFSPROGRAMM UND SEINE GEGNER
Die B e r i c h t e der ECA-Verwaltung z e i g e n auf, d a s y zur
g l e i c h e n Z e i t , i n d e r s o w j e t i s c h e Agenten Hunderte von M i l l i o n e n D o l l a r ausgeben d u e r r e n , um d i e f r e i e Welt i n e i n
Chaos zu s t u e r z e n und z u g l e i c h d i e Bemuehungen d e r a m e r i kanischen w i r t s c h a f t l i c h e n U n t e r s t u e t z u n g z u n i c h t e zu machen, Amerika auf d i e kommunistischen Luegen ueber d i e
" i m p e r i a l i s t i s c h e K r i e g s p o l i t i k der USA" a n t w o r t e n muss.
Die b e s t e Antwort, d i e durch die ECA gegeben werden kann,
l i e g t wohl i n den Einladungen an Hunderte von S t u d i e n g r u p p e n , d i e im Rahmen des t e c h n i s c h e n Unterstuetzungsprogramms
- 1 -

�der EGA die Vereinigten Staaten besuchen, wobei die Mitglieder
der Studiengruppen sich aus Gewerkschaftsfunktionaeren, Landwirten, Technikern und Industriellen zusammensetzen, die aus
westeuropaeischen Laendern Amerika besuchen, um hier im Rahmen
des technischen Hilfsprogramms moderne Produktionsmethoden
zu studieren. Die Erfahrungen, die diese Fachleute zurueck
nach Europa bringen, sind zugleich der beste Beweis, dass
Amerika keinen Krieg will, aber in jedem Fall durch entsprechende Verteidigungsmassnahmen den Aggressionen des Kreml
ein Halt entgegenzusetzen wuenscht.
Die Mitglieder dieser Studiengruppen lernen bei ihren
Reisen in den Vereinigten Staaten auch den kleinen Mann kennen, mit dem sie staendig in Beruehrung kommen. Dadurch hoeren sie aus berufenem Munde ueber die Lebensweise des amerikanischen Arbeiters, des Bauern und des Angestellten. Es
kommt natuerlich vor, dass ein voreingenommener Besucher sich
Scheuklappen anlegt und nur das sehen will, was ihm in seine
Richtung'passt. Aber im allgemeinen kommen mit den Besuchergruppen objektiv eingestellte Yvesteuropaeer nach ümerika, die
vor allem den ungeheuren Einfluss der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung auf die Lebenshaltung der breiten Masse erkennen. Eine ganze Anzahl dieser Besucher ist zu der Schlussfolgerung gekommen, dass hier eine gigantische wirtschaftliche
Revolution stattgefunden hat und dass hier der Arbeiter und
der kleine Mann der Strasse alle jene Errungenschaften erreicht haben, von denen er vor zwei Jahrzehnten nur traeumen
konnte und die im allgemeinen den Forderungen entsprechen, die
die marxistische Lehre als Endziel fuer den einzelnen aufgestellt hat. Das betrifft allerdings nicht das Eigentum an
den Produktionsmitteln selbst, sondern nur einen optimalen
Anteil an den durch diese erzielten Gewinnen. Eine solche
wirtschaftliche Revolution hat in dieser Form in Sowjetrussland nicht stattgefunden, hier ist zwar das Privateigentum
gemaess der marxistischen Lehre beseitigt, aber der einzelne
russische Arbeiter hat dadurch keineswegs seinen Lebensstandard erhoehen koennen. Wenn heute immer noch der Eiserne Vorhang heruntergelassen bleibt, so ist zweifellos der Hauptgrund
hierfuer, dass die russischen Machthaber keineswegs daran
interessiert sind, dass der russische Arbeiter uebe*rhaupt etwas ueber den Lebensstandard des amerikanischen Arbeiters erfaehrt.
Einige Studiengruppen bestanden ausschliesslich aus Gewerkschaftern, fuenf von ihnen haben in den letzten vier Monaten ausgedehnte Studien durchgefuehrt, wobei sie in erster
Linie an Hochschulen solche Seminare und Vorlesungen hoerten,
die vor allem die Arbeit der Gewerkschaftsbewegung betrafen.
So wurden die Roosevelt-Hochschule in Chicago, die WisconsinUniversitaet in Madison, die Cornell-Universitaet in Ithaka
bei New York, das Technologische Institut fuer Massachusetts
und die Harvard-Handelshochschule in Cambridge besucht. Fach
diesen theoretischen Vorbereitungen gingen die Studiengruppen
an die praktische Arbeit, sie besuchten Fabriken und Werkanlagen, aber auch Bergwerke, um ueberall die Produktionsmethoden
in der Praxis naeher kennen zu lernen und sich gleichfalls
ueber die Tarifvertragsverhandlungen zu orientieren. Dabei
hatten sie selbstverstaendlich jegliche Freiheit, um jene Seiten des amerikanischen Lebens kennen zu lernen, die nach der
Meinung amerikanischer Gewerkschafter noch durchaus reformbeduerftig sind. Die Studiengruppen haben sich daher ein Bild
- 2

�der Wirklichkeit machen koennen, sei es in sozialer oder in
wirtschaftlicher Hinsicht, aber sie erfuhren hierbei auch,
wie die amerikanischen Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit
politischen Kraeften sich darum bemuehen, jene Schattenseiten des amerikanischen Lebens auszumerzen, moegen diese nun
in der Gemeinde, in der Provinz oder im Staat bestehen, moegen hierfuer kommunale, einzelstaatliche oder bundesstaatliche Aktionen erforderlich sein.
Die Mitglieder der Studiengruppen haben selbstverstaendlich auch mit den ürbsitsberatern der ECA ueber die wirtschaftlichen Probleme Europas gesprochen, wobei vor allem die Frage
im Vordergrund stand, ob durch eine Erhoehung der Produktivitaet eine Erhoehung des Lebensstandards erreicht werden kann.
Diese Frage ist deshalb von entscheidender Bedeutung, weil
durch die immer notwendiger werdende Verteidigungsbereitschaft gegen kommunistische Aggressionen auch in Westeuropa
ein Verteidigungsprogramm unumgaenglich wird, wobei aber
die bisherige Gueterproduktion fuer den zivilen Sektor nicht
beeintraechtigt werden soll. Auch die Gefahr einer Inflation
laesst sich vermeiden, wenn durch eine Beibehaltung des
jetzigen Produktionsniveaus der bestehenden Nachfrage entsprochen werden kann. Fuer Deutschland wuerde dies bedeuten,
dass das Arbeitslosenheer wieder in den Erwerbsprozess eingereiht wird, dass aber darueber hinaus durch eine Steigerung
der Produktivitaet fuer den zivilen Sektor genuegend Bedarfsgueter produziert werden, um Engpaesse zu vermeiden. Da jedoch zu diesem Produktiv itaetsprogramia auch die Frage gehoert,
dass mehr Nahrungsmittel zu niedrigeren Kosten erhaeltlich
sein muessen, so sind gegenwaertig zahlreiche Experten aus
der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten mit dem Studium
der dortigen Agrarmethoden beschaeftigt. Dabei wird gleichzeitig geprueft, welche dieser Methoden sich auch fuer die
westeuropaeische Landwirtschaft eignet. Die Notwendigkeit
der Verbilligung der Massennahrungsmittel ist heute schon
von elementarer Bedeutung fuer den Lebensstandard der breiten
Masse, erst recht jedoch angesichts der Drohungen, die der
Kreml immer wieder vom Stapel laesst.
Gegenwaertig weilen zwoelf junge weibliche Landwirtschef tsexperten in den Vereinigten Staaten, die aus fuenf
Laendern Westeuropas kommen, um hier an dem Agrarschulungsprogramm fuer weibliche Agronomen teilzunehmen, das von der ECA
protegiert und mit Hilfe des Landwirtschaftsministeriums der
USA durchgefuehrt wird.
Elf Techniker aus Daenemark, Belgien und Norwegen studieren insbesondere die Anordnung und den Aufbau landwirtschaftlicher Gebaeude. In allen drei Laendern gibt es traditionelle Methoden, vor allem in bezug auf die Bauweise und
die Abmessungen, aber diese sind voellig veraltet und erfordern dringend eine Revision, um Arbeitskraft, Materialien
und investierte Kapitalien einzusparen und mit diesen ersparten Mitteln mehr und besseres aufzubauen.
Dreizehn andere Studiengruppen beschaeftieen sich mit
der Bekaempfung von Vorratsschaedlingen, mit der wirtschaftlicheren Verwendung von Holz und Bauholz, der Aufzucht des
Viehs, der Lagerung und Verpackung von Obst und Gemuese,
mit ihrer industriellen Konservierung, mit der Bewaesserung
und Erschliessung neuen Ackerbodens und der Mechanisierung
- 3-

�der Landwirtschaft, mit den Ancaumoeglichkeiten von Soyabohnen
und der Durchfuehrung von Bodenanalysen, mit der Gartenkultur und der ^rnte von Alfalfagras-Samen, der Seuchenbekaempfung
durch ^uarantaenemassnahmen und schliesslich mit der Foerderung des Zuckerruebenanbaus und seinen Voraussetzungen.
Fuenfzehn weitere Studiengrupnen widmen sich industriellen Problemen, sie informieren sich ueber Haefen und Dockanlagen, ueber industrielle Organisation und Betriebstuehrung,
ueber Gebaeudekonstruktionen und"Ausnutzung von Naturgasquellen, die Erhoehung der Produktiviüaet in der Baumwollindustrie
und der Bekleidungsfabrikation, die Verwaltung der Telefonaemter, die verlustfreie Lagerung von Korn, die Herstellung
von Keks und Biskuit, fuer Europa wichtige chemische Forschungsarbeiten, Stahlzieh- und -Valzanlagen, die Verlegung
von Draehten und Kabeln, die Anwendung von Leimverbindungen
und Zement, Verwendungsmoeglichkeiten fuer plastische fassen
und schliesslich neue Destilliermethoden durch Aufspaltung
und Trennung unter besonderen Verhaeltnissen.
Sieben amerikanische .Experten, die vor allem auf dem
Gebiet der Begründung und Durchfuehrung spezieller Forschungsaufgaben geschult sind, werden ihre Erfahrungen gegenseitig
austauschen und ergaenzen, um eine otudienreihe vorzubereiten, die in ,7esteuropa durchgefuehrt werden soll und sich
mit der Frage beschaeftigen wird, ob aehnliche Institutionen
direkt in Westeuropa begruendet, werden sollen und welche .
Forschungsgebiete am notwendigsten fuer die einzelnen Laender sind. Der Beitrag, der auf Westdeutschland entfallen
soll, ergibt sich aus einem Besuch des deutschen Mitglieds
des OSEC-Komitees fuer wissenschaftliche und technische Angelegenheiten, Dr. Joachim Pretsch, der vor einiger Zeit
die USA unter diesem Gesichtspunkt bereiste.
EGA Labor Information
VI 11/31/51
PRODUKTIONSPLAN DER ECA FINDET IN EUROPA BEIFALL
Die neue Kampagne der ECA zur Foerderung der Produktivitaet hat in den nichtkommunistischen Gewerkschaftszeitungen
Europas allgemein ein guenstiges Echo gefunden.
Das "Programm der ECA soll den Europaeern helfen, ihre
Industrien zu modernisieren, ihre Produktionsmethoden zu
verbessern und ihren Ausstoss zu steigern, wobei den Arbeitern gleichzeitig ein gerechter Anteil an den Gewinnen gesichert werden soll.
Weil diese klaren Forderungen einem der Hauptdiskussionspunkte der Kommunisten der. Boden entzogen hat, hat
die kommunistische Presse in Europa, wie nicht anders zu erwarten war, "einmuetig" gegen das gesamte Programm Stellung
genommen.
Eines der freien Gewerkschaftsorgane Frankreichs, naemlich das des Christlichen Gewerkschaftsbundes ICFTC), billigt
das Programm unter der Bedingung, dass "es sorgfaeltig ueberwacht wird."
- 4

�Grundsaetzlich stimmtdem Programm auch Andre Malterre,
der Generalsekretaer des Gewerkschaftsbundes der Arbeitsvorgesetzten (Confederation Generale des Cadres)zu, der in
einem Leitartikel des offiziellen Organs seiner Gewerkschaft
"Le Greuset des Cadres" schreibt:
"Das Ziel, die Fruechte der Produktivitaet unter Unternehmern, Lohnempfaengern und Verbrauchern gerecht zu verteilen, ist ausgezeichnet."
Gewerkschaftlich orientierte Tageszeitungen, wie z.B.
"Combat", "Le Populaire" und "Franc-Tireur" brachten Artikel,
in denen die Notwendigkeit des Programms bejaht und gegen
jene Unternehmer der Industrie in scharfen Worten Stellung
genommen wird, die sich immer noch zu den Prinzipien der
"Mentalitaet der niedrigen Loehne und hohen Gewinne" bekennen.
Gewerkschaftsfuehrer in Deutschland billigten das Vorhaben in aehnlicher Weise und brachten nicht nur ihr Interesse daran zum Ausdruck, sondern sagten auch ihre Unterstuetzun« zu. Ludwig Rosenberg, Leiter der Hauptabteilung
II des Deutschen Gewerkschaftsbundes, berichtete, dass er
mit der Vorbereitung eines Wirtschafts- und Fropagandaprogramms beschaeftigt ist, das mithelfen soll, die Ziele des
ECA-Programms zu verwirklichen.
In einer Produktivitaetsbroschuere, die vom Deutschen
Gewerkschafts-Bund herausgegeben wurde, begruesst Georg
Reuter, der stellvertretende Vorsitzende des DGB und Leiter
der Hauptabteilung Film, Presse und Rundfunk diese Kampagne
und erklaert: "Der Hauptinhalt der Gewerkschaftsziele ist
es, das Sozialprodukt so gerecht wie moeglich unter die
Bevoelkerung zu verteilen und es staendig zu vermehren,
um auf diese Weise den Lebensstandard zu heben."
"Die Produktivitaet einer Volkswirtschaft ist deshalb
nicht nur fuer die Arbeitgeber, sondern und moeglicherweise
sogar in erster Linie fuer die Arbeitnehmer von Bedeutung."
In Holland sind in offiziellen Gewerkschaftsorganen
bisher noch keine Kommentare gegeben worden, dagegen aeusserten sich bereits zwei gewerkschaftlich orientierte Tageszeitungen zu dem Thema. "Vrije Volk", eine sozialistische
Arbeiterzeitung, erklaerte in vorsichtigem Ton:
"Es besteht die Gefahr, dass die ECA Aufgaben uebernimmt, zu deren Erfuellung sie nicht die noetigen Mittel
besitzt und auch nicht gerade die passendste Institution
ist. Es besteht weiter die Gefahr, dass die ^arshall-hilfe
zu einer Hilfe fuer Industrien und nicht fuer Laender wird."
Die katholische Gewerkschaftszeitung "Volksgrant" bezeichnete die neuen Bemuehungen als "Hoffman-Plan" und hob
besonders die Unternehmen der Regierung hervor.
Das daenische, gewerkschaftlich orientierte Blatt
"Social Demokraten" berichtete in grossen Schlagzeilen von
dem neuen Programm. Diese grosse, in ganz Daenemark gelesene Tageszeitung wies auf die Bedeutung des Programms hin,
die ihm als mittel zur Steigerung der Loehne und^ zur Senkung
der Verbraucherpreise zukommt.
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�Die schweizerische sozialistische Zeitung "Volksrecht",
die in Zuerich erscheint, gab zu den Auswirkungen des Planes auf die franzoesischen Gewerkschaften folgende Erklaerung:
"Wir koennen behaupten, dass dieser Plan den freien
franzoesischen Gewerkschafts Organisationen neue weite Perspektiven eroeffnet. Der Grundsatz einer wirksamen technischen Unterstuetzung duerfte fuer die Entwicklung der Produktivitaet Frankreichs aeusserst fruchtbringend sein, die
nach unserer Auffassung von hervorragender Bedeutung ist.
The CIO News
IX/10/51
NIEDERLAGE DER KOMMUNISTEN BEI DEN FINNISCHEN GE'.vaP.KSOHAFTSWAHLEN
Auf dem diesjaehrigen Kongress des finnischen-Gewerkschaftsbundes (S.A.K.) waren die Kommunisten in der Minderheit, da bei der Wahl der Kongressdelegierten die Sozialdemokraten einen klaren Sieg errangen.
Ihr Erfolg ist zweifellos ihren energischen und unermuedlichen Anstrengungen bei der Bekaempfung der kommunistischen Machenschaften und ihrer Schlagwortdrescherei zu
verdanken. Die Sozialdemokraten stellten der kommunistischen Taktik ein ganz bestimmtes Programm entgegen und verfochten ihre Meinung in offenen Aussprachen bei allen Gewerkschafts- und Betriebsversammlungen. Angesichts dieser unzweideutigen Haltung ihrer Gegner waren die Kommunisten gezwungen, offene Aussprachen mit ihnen zu vermeiden, s
In dem Bestreben, ihre Kandidaten und ihre Mitglieder
ueber ihre Meinung zu informieren, verteilten die sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionaere eine woechentlich erscheinende kleine Broschuere mit dem Titel "Zur Sache".
Je naeher der Tag der Wahl rueckte, umso groesser wurde die
Nachfrage nach dieser Veroeffentlichung, und schliesslich
wurde sie vielen Arbeitern an ihrem Arbeitsplatz ueberreicht.
Alle anderen modernen politischen Kampfmethöden, einschliesslich der Erforschung der oeffentlichen Meinung, wurden in
den Kampf geworfen.
Das Ergebnis dieser aktiven Wahlkampagne war, dass 60%
aller Gewerkschafter zu den Wahlurnen gingen, ein Prozentsatz,
wie man ihn seit dem Kriege nicht gekannt hatte.
Durch diese starke Opposition wurden die Kommunisten
aus dem Gleichgewicht gebracht, sie versuchten daraufhin,
die angewendeten Wahlmethoden zu bemaengeln. Bereits vor
vier Jahren waren die Wahlmethoden im Gewerkschaftsbund SAK
abgeaendert worden. Waehrend es vorher jeder Gewerkschaft
freigestanden hatte, nach welcher Wahlmetnode sie ihre Delogierten ernennen wollte, hatte der Kongress im Jahre 1947
beschlossen, dass die Gewerksciiaften das gerechtere System
der Verhaeltniswahl anwenden muessen, wenn es unter der Mitgliedschaft konkurrierende Gruppen gibt, und dass allen Mitgliedern Gelegenheit gegeben werden muss, sich an der Wahl zu
beteiligen.
- 6 -

�In diesem Jahre versuchten die Kommunisten zu beweisen,
dass das Recht, die Delegierten nach den Grundsaetzen der
Verhaeltniswahl festzustellen, mit den Satzungen des Gewerkschaftsbundes SAK unvereinbar sei. Die Kommunisten bezweckten damit natuerlich, dass Gewerkschaften mit sozial-demokratischer Mehrheit Verhaeltniswahlen abhalten sollten, waehrend
kommunistisch beherrschte Gewerkschaften in letzter Minute
einfach direkte Mehrheitswahlen haetten durchfuehren koennen.
Sie fuegten diesen Argumenten die laecherliche Behauptung
hinzu, die Mehrheit der Gewerkschaft stuende ja sowieso auf
ihrer Seite.
Die beste Antwort an die Kommunisten waren die Wahlergebnisse - sozialistische Kandidaten erhielten mehr als 107.000
Stimmen und die Kommunisten 88.000. Dies bedeutete, dass 152
Sozialisten und nur 65 Kommunisten fuer den Kongress als
Delegierte gewaehlt wurden.
Finnische Gewerkschafter, die an die Demokratie glauben,
sind der Ueberzeugung, dass ihre Bemuehungen eine konkrete
Lehre fuer die freie Welt darstellen. Sie wissen, dass sie
die Kommunisten in gerechten Wahlen schlagen koennen. Und
der Kongress der finnischen Gewerkschaften hat beschlossen,
aus dem vom Kominform beherrschten Weltgewerkschaftsbund
endgueltig auszutreten.
Labour VIII/51
DIE NEUE BRITISCHE VERORDNUNG USBER DIE REGELUNG VON ARBEITSSTREITIGKSITEK
Die britische Verordnung Nr. 1305 besteht nicht mehr,
und an ihre Stelle tritt eine neue Verordnung, die Gewerkschaf tsvertraege und ueberhaupt das Tarifverhandlungswesen
foerdert.
Nach der neuen Verordnung ueber Arbeitsstreitigkeiten
in der Industrie sind Streiks und Aussperrungen nicht illegal. Aber jede Gewerkschaft oder jede Arbeitgeberorganisation, die sich ueblicherweise an der freiwilligen Regelung
der Loehne und Arbeitsbedingungen innerhalb einer Industrie
beteiligen, kann den Arbeitsminister davon unterrichten, dass
in der betreffenden Industrie eine Streitigkeit vorliegt.
Der Arbeitsminister kann den Streitfall sodann dem Gericht fuer industrielle Streitigkeiten uebergeben, das auf
der gleichen Basis gebildet wird wie das fruehere Nationale
Schiedsgericht.
Jeder Entschluss dieses Gerichtes wird automatisch zu
einer Bestimmung des Tarifvertrags zwischen den Arbeitern
und Unternehmern. Bei Nichtbeachtung dieser Bestimmung haben
die entsprechenden Vertragspartner das Recht, bei den Zivilgerichten eine Klage wegen Vertragsbruchs anhaengig zu machen.
Bevor jedoch ein Streitfall dem Gericht uebergeben wird,
muss sich der Arbeitsminister davon ueberzeugen, dass man alle
Moeglichkeiten zur Beilegung des Streits durch Beanspruchung
der bestehenden Vermittlungseinrichtungen in der Industrie
erschoepft hat.
- 7-

�Einige Industrien - ihre Zahl wird immer groesser - haben
ein Abkommen getroffen, nach dem Streitigkeiten, die nicht
in dem normalen Verhandlungsverfahren beigelegt werden koennen, an ein Industriescericht oder eine im Vertrag festgelegte
Schiedssprechungsinstitution ueberwiesen werden. V.'ird der
Streitfall durch Entscheid einer dieser Institutionen beigelegt, eruebrigt sich eine Inanspruchnahme des Gerichts durch
den Arbeitsminister.
Bedeutsamer noch ist die Tatsache, dass der Arbeitsminister nicht verpflichtet ist, einen Streitfall einem Gericht
zu uebergeben, solange ein Streik oder eine Aussperrung oder
eine andere Massnahme, die einen schwerwiegenden Bruch des
Vertrags darstellt, in Durchfuehrung begriffen ist.
Das Problem der Schlichtung von Streitigkeiten in solchen
Industrien, in denen der Prozentsatz der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter verhaeltnismaessig niedrig ist und in
denen daher entsprechende Verhandlungsinstitutionen fehlen,
ist durch eine Klausel in der Verordnung geloest, die dem
Arbeitsminister die Befugnis gibt, einen Bericht ueber eine
Streitigkeit von einer Gewerkschaft oder einer ArbeitgeberOrganisation anzunehmen, die seines Erachtens fuer die Arbeitgeber oder Arbeitnehmer der betreffenden Industrie zustaendig
ist.

Diese neue Verordnung ist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen zwischen dem TUC, den Arbeitgeberorganisationen
bzw. Vertretern der verstaatlichten Industrien und Alfred
Robens und seinem Vorgaenger im Arbeitsministerium.
Nach Aussagen von Gewaehrsleuten des TUC duerften die
Verhandlungen im Januar dieses Jahres begonnen haben, als
der Verwaltungsrat des TUC im Hinblick auf das Versprechen,
das man den Delegierten auf dem vorjaehrigen Kongress gegeben
hatte, die uebliche Ueberpruefung der Arbeitsweise der Verordnung Nr. 1305 vornahm.
Ende Februar waren bereits konkrete Vorschleege Gegenstand der Verhandlungen, die unter dem Titel "What the TUC
is Doing" (Vtes der TUC bearbeitet) veroeffentlicht wurden.
Bei der Eroerterung der Einzelheiten der vielen Entwuerfe,
die notwendig waren, bevor man sich ueber den endgueltigen
rechtsverbindlichen Wortlaut einigen konnte, wurden die Erfahrungen der angeschlossenen Gewerkschaften und ihre schriftlichen und muendlichen Kommentare vor dem Kongress beruecksichtigt, mit der Absicht, jene Bestandteile der Verordnung Nr.
1305, die die Gewerkschaften fuer wertvoll hielten, zu erhalten.
Bemerkenswert unter diesen war die Bestimmung in Absatz
III, nach der die Gewerkschaften die Eoeglichkeit hetten,
eine widerspenstige Firma - ob sie einer Arbeitgeberorganisation angehoart oder nicht - zu zwingen, die Loehne zu zahlen
und die Arbeitsbedingungen einzuhalten, die die Gewerkschaften
in Verhandlungen mit einer groesseren Zahl von Firmen der
betreffenden Industrie vereinbart hatten. Diese ^oeglichkeit
besteht auch nach der neuen Verordnung.
. Labour
- 8-

VIIl/51

�ZEITSTUDIEN VON DER ANDEREN SEITE GESEHEN
Es gibt eine genze Reihe von Moeglichkeiten, sich unerlaubte Vorteile zu verschaffen, sei es auf legalem oder illegalem Wege. Es gibt Leute, die einen Zigarettenladen pluendern, aber es gibt auch Geschaefte, die sich Tausende von
Mark dadurch verschaffen, dass sie sehr knapp wiegen. Es
gibt auch Unternehmer, die pro Arbeitsstunde sich 5 Pfennig
verschaffen, indem sie den Beschaeftigten einen Lohn zahlen,
der 5 Pfennig unter dem vereinbarten Satz liegt. Man kann
aber auch mit der Stoppuhr aehnliche unehrliche Rechenkunststuecke fertigbringen.
Ein Beispiel hierzu: Nehmen wir einmal an, dass im Verlaufe einer Zeitstudie festgelegt wird, dass 5% der Arbeitszeit Dingen gewidmet werden kann, die.nicht unmittelbar mit
der Arbeit in Verbindung stehen. Eine solche Vereinbarung
kann bei einer pharisaeerhaften Auslegung dazu fuehren, dass
sich dadurch eine Unternehmerpraemie von mehr als einer Million Mark ergibt.
Die amerikanische Gewerkschaft der AUtomobilarbeiter
gibt hierzu ein Beispiel. Eine der groessten amerikanischen
Gesellschaften, die mehr als 100.000 Arbeiter beschaeftigt,
hat eine Vertragsformel etwas unrichtig und einseitig ausgelegt und war dadurch in der Lage, an ihren Arbeitern im
Jahre rund neun Millionen Doller zu profitieren. Dieser Betrag ist doppelt so hoch wie jene Summe, die bei einem gewissen Kettenhandelsunternehmen Jahr fuer Jahr dadurch gewonnen wird, dass bei einer schnellen Bedienung die Waren knapp
gewogen werden und Uebergewichte ebenso schnell uebersteigert berechnet werden.
Heute steht dieses Kettenhandelsunternehmen, nicht allein
da mit seinen Methoden. 7/ahrscheinlich wird mancher Leser,
wenn er diesen Artikel studiert, feststellen, dass auch in
seinem Betrieb aehnliche sonderbare Praktiken gang und gaebe
sind.
Gehen wir zurueck zu der Vereinbarung, dass 5% der teeglichen Arbeitszeit fuer persoenliche Zwecke zur Verfuegung
stehen. Ein achtstuendiger Arbeitstag bedeutet 8 x 60 Minuten, also 480 Minuten. Fuenf Prozent von 480 Minuten sind
24 Minuten. Das bedeutet, dass nicht 480 Minuten pro Tag
gearbeitet wird, sondern tatsaechlich 456 Minuten. Die erwaehnten 24 Minuten stehen fuer nichtbetriebliche Zwecke dem
einzelnen Arbeiter zur Verfuegung. .Venn man diese Summe durch
8 teilt, so ergibt sich, dass die produktive Zeit 57 Minuten
fuer jede Arbeitsstunde betragen muss. Dies entspricht auch
genau dem Vertrag: 57 Minuten m 95% Arbeitszeit und 5% oder
3 Minuten sind dem Arbeiter fuer eigene Zwecke freigegeben.
Diese Rechnung ist vollkommen klar. Sie wird auch in Grossbetrieben wie General Motors und Ford durchgefuehrt.
Was geschieht nun tatsaechlich in den /.erken? .Vas geschieht zum Beispiel in einer der groessten Gesellschaften,
einem der gesottensten amerikanischen Monopolbetriebe mit
seinen rund 100.000 Arbeitern?
Schoen, die Zeitstudienabteilung berechnet dieses Zugestaendnis der 5%igen Privatzeit etwas anders und kommt zu
dem Schluss, dass fuer jede Stunde 3 Minuten fuer Dersoenliche
9

�Zwecke des Arbeiters zur Verfuegung stehen. Das heisst also,
wie gesagt, 3 Minuten je Stunde. Nun gut, sagt das Unternehmen, das heisst also, dass der Arbeiter 60 Minuten an seiner
Maschine zu stehen hat und dann 3 Minuten sich privaten
Dingen widmen kann, also nicht drei Minuten in jeder Stunde,
sondern 3 Minuten auf 63 Minuten gerechnet. Vjenn man dies
umrechnet, so bedeutet dies keine 5%, wie es im Vertrag steht,
sondern nur 4,76%.
Anstatt 57 Minuten Arbeitszeit und 3 Minuten Ruhe hat
dieses Unternehmen also 60 Minuten Arbeit und 3 Minuten Ruhe
festgelegt. Wenn man das pro Arbeitskraft einmal nachrechnet, so ergibt sich, dass 1/7 Minute an Arbeitszeit pro Stunde
verlangt wird, wofuer keine Berechtigung besteht. Diese
1/7 Minute fuer jede Stunde wird bereits pro Tag zu 1 1/7
Minuten. Auf das Jahr berechnet ergeben sich somit 285 Minuten fuer den einzelnen Arbeiter. Fuer die 100.000 Lohnarbeiter waechst sich diese Massnahme der Firma zu rund 4.750.000
Arbeitsstunden an, die durch eine einfache einseitige Korrektur eines Vertrages gewonnen sind. Wenn man den Durchschnittslohn pro Stunde auf 2 Dollar berechnet, so ergibt sich durch
eine einfache Berechnung, dass die Gesellschaft aus dieser
anscheinend geringfuegigen Aenderung des Abkommens einen Nutzen
von 9 Millionen Dollar an unbezahlter Arbeitszeit innerhalb
eines Jahres auf Kosten der Belegschaft gewinnt!
Natuerlich kann man sich auf den Standpunkt stellen,
dass 1/7 Minute pro Arbeitsstunde gar nichts bedeutet. Die
l/7 Minute ist wesentlich kuerzer als die Zeit, die man
braucht, um sich die Sache ueberhaupt zu ueberlegen. Tatsaechlich ist diese Angelegenheit jedoch eine Sache, die die
Gewerkschaften nicht durchgehen lassen koennen. Natuerlich
scheint es sich nur um eine Kleinigkeit zu handeln, aber
wenn man, wie es hier geschehen ist, der Sache einmal nachgeht, so ergibt sich, dass das Unternehmen einen Sondergewinn
von 9 Millionen Dollar hat, da es fuer die 1/7 Minute nichts
zahlt. Vom Standpunkt der 9 Millionen handelt es sich aber
keineswegs um eine Kleinigkeit.
Dieses eine Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass
bei allen Zeitstudien nicht nur die Arbeiter bloss die Zeitnehmer kontrollieren, sondern aucb erfahrene Experten zur
Stelle sind, um jeden Versuch, den Vertrag mit Klauseln so
auszustatten, dass das Unternehmen doch noch Sondervorteile
herauszieht, abzuwehren. Dass die Kalkulation die Vernachlaessigung kleinster arithmetischer Groessen stets zu ihren
Gunsten vornimmt, scheint im Einzelfall und auf die einzelne
Arbeitsstunde bezogen, nicht allzuviel auszumachen, umsomehr
bedeuten diese Groessen jedoch etwas, wenn man sie auf das
Jahr und auf die Gesamtbelegschaft umrechnet. Der Anteil
an der Arbeitszeit, der abgesetzt werden muss fuer' die Befriedigung persoenlicher Beduerfnisse oder umgekehrt der Betrag,
der effektiv fuer die tatsaechlich geleistete Arbeitszeit
gezahlt wird, wird in den Zeitstudienberechnungen mit dem
Begriff Zykluszeit benannt. Diese Zykluszeit ist der Gesamtbetrag der Minuten fuer die Arbeitsvorbereitung, der von der
Gesamt-Arbeitszeit abgezogen wird, die Zykluszeit ist die
Zeit, in der ein Arbeitsvorgang vorbereitet wird, bis er'tatsaechlich beginnen kann. Die Zykluszeit schliesst auch die
Gesamtzeit ein, die fuer persoenliche Faktoren etewaehrt wird,
fuer Arbeitsunterbrechungen und fuer alle anderen notwendigen
- 10 -

�Zeiten bis zur tatsaechlichen Durchfuehrung der Arbeit selbst.
Wir bringen hier die Unterlagen der Bulova-Uhren-Gesellschaft,
die von dem Industrieingenieur David Anderson und dem Leiter
der Standard-Abteilung Arthur Hansen herausgegeben wurde.
"Waehrend des durchschnittlichen neunstuendigen Arbeitstages
wurden die folgenden Zugestaendnisse fuer eine besondere Form
der Arbeit gemacht:
Form des Zugestaendnisses

Persoenliche Zwecke
Ermuedung
Unterbrechungen, Neueinrichtungen
We r kz e ug v or be r e i t ung,
Reinigen usw.
Gesamtsumme der Zugestaendnisse

Minuten pro Tag

In Prozenten der gesamten 9-stuendigen
Arbeitszeit

27
54

5%
10%

27

5%

54

10$

162 Minuten

30% der Arbeitszeit des
9-stuendigen
Arbeitstages

Die normale Zeit, die jeder einzelne Arbeitsvorgang pro
Stueck bei dieser Studie benoetigte, belief sich auf 0,15
Minuten. Die allgemein angewandte Methode der Festlegung
der Zeitzugestaendnisse, also die tatsaechliche Zeit fuer
den Arbeitsvorgang betraegt
0,150 Minuten.
w
Summe der Zugestaendnisse 30%
0,045
Standardzeit
0,195 Minuten.
Die stuendliche Produktion wird daraufhin wie folgt
festgelegt: 60 Minuten werden geteilt durch 0,195 Minuten.
Es ergibt sich somit pro Stunde eine Stueckzahl von 307,2.
Diese Zahl wird jetzt als Basis fuer den betreffenden Arbeitsvorgang zugrunde gelegt. Die taegliche neunstuendige Produktion auf dieser Basis wuerde daher 307,2 x 9 betragen, das
heisst also, 2.764,0 Stueck p r o Tag.
Wenn man jedoch richtig rechnet - und die Zeitstudieningenieure der Gewerkschaft haben diese Rechnung sorgfaeltig
geprueft - so ergeben sich nur 2.520 Stueck p r o Tag.
Zieht man naemlich von den 540 Minuten des gesamten
Neunstundentages 162 Minuten,
die dem 30%igen Zugestaendnis
entsprechen, ab, so kommt - man zu einer tatsaechlichen Arbeitszeit von 378 Minuten fuer den Neunstundentag.
Wenn man die tatsaechliche Arbeitszeit von 378 Minuten
durch die fuer den Arbeitsvorgang notwendige Zeit (0.15 Minuten) dividiert, erhaelt man eine Produktionsziffer von 2.520
Stueck fuer den Neunstundentag.
Die Differenz zwischen 2.520 und 2.764,8 Stueck ist also
244,8 Stueck. Dies ist die Produktion, um deren Bezahlung
der Arbeiter betrogen wird. 244, 8 Stueck sollen nach der
Rechnung des Unternehmens produziert und nicht bezahlt werden.
Der Irrtum liegt natuerlich darin begruendet, dass die
Zeitzugestaendnisse an den Arbeiter nach dem gesamten Arbeits- 11 -

�tag berechnet werden, entweder nach acht Stunden oder nach
neun Stunden.
Der gesamte Arbeitstag besteht aus der dem Arbeiter zugestandenen Zeit fuer persoenliche Faktoren und der tatsaechlichen Arbeitszeit. Wenn das Zeitzugestaendnis 30^ betraegt,
dann beziehen sich diese 30% auf den gesamten Arbeitstag.
Man zieht also diese dreissig Prozent ab, und was uebrigbleibt, ist die tatsaechliche effektive Arbeitszeit. Man
teilt diese Arbeitszeit durch die fuer den Arbeitsvorgang
notwendige Zeit und erhaelt die Zahl der Arbeitsgaenge, die
verlangt werden koennen.
Dies waere eine ehrliche und korrekte Rechnung.
Wenn man jedoch Sondervorteile herausschlagen will, bedient man sich der Rechenkunststueckmethode, die viele Unternehmer anwenden. Man stellt zuerst den Prozentsatz der fuer
verschiedene nichtproduktive Faktoren zugestandenen Zeit
fest, nehmen wir an 30% insgesamt.
Diese 30% bezieht man lediglich auf die tatsaechliche
Arbeitszeit. Und hier haben wir den Trick. Man bezieht den
gleichen Prozentsatz auf einen kleineren Betrag, naemlich
die tatsaechliche Arbeitszeit, anstatt auf den gesamten Arbeitstag.
Hieraus ergibt sich, dass die Zeit in Minuten oder Sekunden, die fuer Ermuedüng und die verschiedenen anderen,
nichtproduktiven zeitverbrauchenden Faktoren zugestanden wird,
kuerzer ist. Es bedeutet, dass von dem Arbeiter ein hoeheres
Arbeitstempo verlangt wird. Es bedeutet, dass von dem Arbeiter eine Produktion verlangt wird, die nicht bezahlt wird.
Das heisst also: 30% von 378 Minuten (die tatsaechliche
Arbeitszeit des Neunstundentages nach dem Beispiel der BulovaGesellschaft) und nicht 30% von 540 Minuten.
Wenn die gesamte Zykluszeit eines Arbeitsvorgangs (d.h.
die Arbeitszeit plus vereinbartem Zugestaendnis von 18 Sekunden) 60 Sekunden betraegt, laesflt sich Zeit unterschlagen,
indem man 42 Sekunden mit 30&gt; multipliziert. Hieraus ergeben
sich naemlich 12,6 Sekunden an Zeitzugestaendnis. Die ehrliche Methode ist die, dass man 60 Sekunden mit 30% multipliziert. Dan erhaelt man naemlich 18 Sekunden an Zeitzugestaendnis fuer persoenliche Faktoren.
Ganz einfach gesagt: man muss, um ehrlich zu verfahren,
den Prozentsatz des Zeitzugestaendnisses mit der Zahl der Minuten des gesamten Arbeitstages multiplisieren, dann zieht man
das Ergebnis von den Minuten des gesamten Arbeitstages ab und
erhaelt die tatsaechliche Arbeitszeit. Dividiert man die
tatsaechliche Arbeitszeit durch die fuer einen Arbeitsvorgang
erforderliche Zeit, so erhaelt man die Zahl der erforderlichen
herzustellenden Stuecke.
Es hat auf den ersten Blick den Anschein, dass hier nur
ein sehr geringfuegiger Irrtum vorliegt. Multipliziert man
jedoch mit zweitausend Stunden pro Jahr und mit einhundert
oder eintausend Arbeitern oder sogareinhunderttausend Arbei- 12 -

�tern, dann wird dieser "geringfuegige Irrtum" zu einem grossen
Betrag und damit zu einem Betrug auf Kosten der Arbeitenden.
UAW-CIO Ammunition
VIII/51
FOERDERUKG DER PRODUKTIVITÄT DURCH NORMUNG
Viele Unternehmer in Europa sind sich dessen bewusst,
dass die Normung ihrer Erzeugnisse im Hinblick auf die Gestehungskosten wuenschenswert ist. Aber nur wenige Unternehmen
halten es fuer moeglich, sich von den alten Traditionen freizumachen, die darin bestehen, dass man den individuellen
v/uenschen der Verbraucher Rechnung traegt. Und doch ist
die belgische Baumwoll- und Flachsweberei "Camille de Stoop"
in Courtrai dazu uebergegangen, anstatt 20 verschiedener Farben und Q,ualitaeten nur noch sechs oder sieben herzustellen,
eingerechnet Hemdenstoffe, Kattun und Matratzendrelle. Diese
Massnahme trug wesentlich zur Steigerung der Produktivitaet um
22% in einem Zeitraum von weniger als einem Jahr bei. In einigen Faellen war man auf Grund der Normung gezwungen, neue
Kaeufer zu suchen, die sich jedoch in Holland, den Vereinigten
Staaten, Grossbritannien, Norwegen und Schweden fanden. Im
ganzen werden etwa 50% der Produktion dieser Firma exportiert.
Zu den neuesten Abnehmern gehoeren das englische und das belgische Heer.
Im Jahre 1950 waren in diesem Betrieb 100 Menschen beschaeftigt. 1951 waren es 130, und die Produktion pro Arbeiter hatte sich um 22% gesteigert. Diese Verbesserung war unter anderem auch einem neuen kleinen Zusatzgeraet zu verdanken, das die Knoten und Verunreinigungen aus den Faeden entfernt. Sachverstaendige hatten diese Vorrichtung in amerikanischen Betrieben im Jahre 1946 gesehen. Sie wird in der
Schweiz hergestellt, kostet etwa 6.50 D-Mark, und mit ihr
lassen sich 10 bis 20% der Arbeitszeit einsparen.
Eine andere grundlegende Aenderung bestand darin, dass
man dazu ueberging, ein qualitativ besseres Garn einzukaufen.
Das bedeutet, dass den V.ebern die Arbeit erleichtert wird.
Da ihr Entlohnungssystem nicht geaendert wurde, verdienen
sie jetzt etwa 20% mehr (d.h. 20 - 25 Francs pro Stunde) als
frueher, als noch Garne von schlechterer 5,ualitaet verarbeitet
wurden. Die Loehne anderer Arbeiter wurden auf Grund verschiedener Neuerungen des Betriebes um 10 bis 15% verbessert.
Zu den Neuanschaffungen an Maschinen gehoert auch eine
schweizer "Pirn"-Spulmaschine, an der ein Arbeiter jetzt 60
Spindeln gleichzeitig ueberwachen kann, wogegen er an der alten Maschine nur 20 betreuen konnte. Eine weitere Neuerung
ist eine moderne amerikanische Maschine, die die Spulen automatisch reinigt. Zu ihrer Bedienung genuegt ein Arbeiter.
Mit dieser Arbeit waren frueher drei oder vier Arbeitskraefte
beschaeftigt. Die Betriebsleitung wartet zur Zeit auf die
Lieferung 24 neuer automatischer Webstuehle aus der Schweiz
und weiterer 24 aus Belgien. Dieser Kauf wird ein entscheidender Schritt in der Modernisierung der 78 Jahre bestehenden
Fabrik sein. Ein '//eber wird in Zukunft 12 //ebstuehle bedienen koennen, wozu jetzt noch vier bis sechs Arbeiter erforderlich sind. Man beabsichtigt jedoch nicht, Belegschaftsmit- 13 -

�glieder zu entlassen, weil nur 16 Webstuehle durch neue ersetzt
werden und die Produktion zugleich erweitert wird. Die 16
alten Webstuehle sollen an eine Weberei in Australien verkauft werden.
Ausser diesen Neuerungen, die auf eigene Initiative der
Firma vorgenommen wurden, hat man noch eine Reihe anderer Veraenderungen durchgefuehrt, die von einer Besuchergruppe dreier amerikanischer technischer Betriebsleiter vorgeschlagen .
wurden. Diese Gruppe hatte unter der Schirmherrschaft der
ECA im Rahmen des Programms fuer technische ünterstuetzung
19 Betriebe der Textilindustrie in Europa besichtigt und anschliessend einen zusammenfassenden Bericht geschrieben. Eine
Anzahl nichtformeller Empfehlungen der Gruppe sind von der
Firma Stoop bereits verwirklicht worden. Hierzu gehoeren:
1. Eine Umstellung der Tische, an denen die Stoffe
ueberprueft werden, um zu gewaehrleisten, dass das natuerliche Licht von links kommt anstatt von rechts, damit der Pruefer die ^ualitaet des Stoffes besser pruefen kann und seine
Augen weniger angestrengt werden.
2. Beim Weben das Verknoten mit der Hand durch einen
mechanischen Verknoter zu ersetzen.
3. Eine neue Methode anzuwenden, nach der man groessere
Mengen von Garn auf die Spulen bringen kann, damit weniger
Zeit zum Neuauffuellen der Spulen verlorengeht.
Andere allgemeine Empfehlungen der amerikanischen BesuchergruDpe, wie z.B. die Verwendung von Arbeitskarten, auf
denen die Funktionen des Arbeiters und seine ueblichen Arbeiten aufgefuehrt sind, werden zur Zeit in einzelnen belgischen
Baumwollfabriken und von dem Verband belgischer Baumwollweber
erwogen. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass hierdurch
der Status der belgischen Baumwollspinn- und Baumwollwebindustrie, die hinsichtlich ihrer Bedeutung an dritter Stelle
in Belgien steht, verbessert werden kann, d.h. dass die Zahl
der Arbeitnehmer erhoeht werden kann. Bisher sind die Zu
hohen Produktionskosten, die auf den Mangel an Normung und auf
unzulaengliche Vertriebs- und Verteilungskosten zurueckzufuehren sind, als das schwierigste Problem dieser Industrie
angesehen worden. Man hat ihnen deshalb auch in der Durchfuehrung des Programms fuer technische ünterstuetzung besondere
Beachtung geschenkt.
Die Arbeitnehmer der Firma Stoop sind in den sozialistischen und katholischen belgischen Gewerkschaften organisiert.
Ihre Vertreter treten regelmaessig mit den Unternehmern in
Betriebsberatungen zusammen, um Veraenderungen und Neuerungen
innerhalb des Betriebs zu besprechen und dann erst durchzufuehren.
ECA, Research and Analysis
VIII/7/51
U.S. FORDERN BODENREFORM AUF DER GANZEN WELT
Die Vereinigten Staaten haben in einer grundsaetzlichen
Erklaerung ueber den Landbesitz ein grundlegendes, sich ueber
- 14 -

�laengere Zeit erstreckendes Programm der Bodenreform auf weltweiter Basis gefordert.^
Als der amerikanische Delegierte Isador Lubin auf der
Genfer Konferenz des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen eine EntSchliessung zu diesem Zweck einbrachte,
berichtete er von den ausgezeichneten Ergebnissen der Landreform in Japan, die unter amerikanischer Fuehrung durchgefuehrt worden war, und bezeichnete sie als ein Beispiel dafuer, was auf diesem Gebiet geleistet werden kann.
Lubin teilte dem Rat der Vereinten Nationen mit, dass
in weniger als zwei Jahren drei Millionen japanischer Bauern
Land erworben haetten. Unter der amerikanischen Politik der
Bodenreform seien die japanischen Bauern von einem erdrueckenden System der Bauernhoerigkeit befreit worden, und die landwirtschaftliche Erzeugung habe eine beachtliche Steigerung
erfahren.
Die Richtigkeit seiner EntSchliessung, die, wie er sagte,
die oeffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten widerspiegelt, wurde durch die Worte Praesident Trumans bestaetigt,
die er bei der Eroeffnung der Verhandlungen ueber den Friedensvertrag mit Japan an die Konferenz in San Franzisko
richtete:
"Ueber achthunderttausend Hektar Ackerland sind den alten
Grossgrundbesitzern abgekauft und an Landarbeiter weiterverkauft worden," erklaerte der Praesident, als er von den demokratischen Fortschritten in Japan in den letzten sechs Jahren sprach. "Heute gehoeren etwa 90$ der gesamten Anbauflaeche des Landes jenen, die sie bearbeiten. 1945 verfuegten
sie nur ueber 50$."
Der sowjetische Delegierte G. P. Arkadieff stellte in
einer langen Rede die Aufrichtigkeit der Vorschlaege Lubins
in Frage. Der britische Delegierte G. T. Corley-Smith gab
ihm hierauf eine zurechtweisende Antwort und fragte den sowjetischen Delegierten, ob die Kollektivierung der russischen
Bauernhoefe die Millionen an Menschenopfern wert gewesen sei,
die diese Massnahmen in Russland gefordert haetten.
Lubin betonte in seiner Rede, dass ein weltweites Programm
der Bodenreform zur Steigerung des Lebensstandards und zur
Foerderung des Friedens und der wirtschaftlichen Stabilitaet
erforderlich sei.
"Die lebenswichtige Notwendigkeit, das Los von Millionen
Landarbeitern zu verbessern, ist heute eine der groessten Aufgaben der freien Welt. Es ist an der Zeit, die Aufmerksamkeit der Welt auf landwirtschaftliche Arbeitsmethoden zu lenken, die fuer Millionen Bauern und Landarbeiter wirtschaftliches und soziales Elend bedeuten."
Lubin machte auf die Tatsache aufmerksam, dass drei Viertel der gesamten Weltbevoelkerung ihr Einkommen aus der Bebauung des Ackerbodens ziehen muessten. Ausser dem Problem des
besitzlosen Bauern gaebe es noch das des Bauern, der zwar
einen gewissen Landbesitz sein eigen nennt, der aber haeufig
durch seine staendige Verschuldung an Krediteinrichtungen
in seiner Arbeit gehemmt ist. Andere Probleme, die geloest
- 15 -

�werden muessen, sind die endlosen Streitigkeiten ueber Besitztumsrechte und die schwere Steuerbelastung, die in keinem
Verhaeltnis zur Zahlungsfaehigkeit der Bauern stuende.
"Aus diesen Gruenden muss die Bodenreform eines der
grundlegenden Probleme der Vereinten Nationen sein. Es ist
klar, dass sie im Gedankengut des amerikanischen Volkes
einen breiten Raum einnimmt."
Lubin versicherte, man sei in den Vereinigten Staaten
immer der Auffassung gewesen, dass ein guter Ackerboden nicht
nur grossen Grundstuecksbesitzern vorbehalten sein darf.
"Wir sind um die Bodenreform besorgt, weil wir um die Wahrung
der Menschenwuerde, der sozialen Gerechtigkeit und die Beseitigung unnoetiger sozialer und politischer Spannungen besorgt
sind."
Lubin forderte in seiner Resolution die Regierungen auf,
die erforderlichen Massnahmen zu ergreifen, um folgende Ziele
zu erreichen:
1. Sicherheit des Landbesitzes fuer denjenigen, der
den Boden bearbeitet, und eine Moeglichkeit fuer ihn, einen
gerechten Anteil an seinem Ertrag zu erhalten.
2. Die Moeglichkeit fuer den Besitzlosen, der den Boden bearbeitet, Land zu erwerben.
3. Die Unterteilung der Anbauflaeche in Bauernhoefe,
deren Groesse eine Gewaehr fuer ihre Rentabilitaet bietet.
4. Kredite fuer die Landwirtschaft zu vernuenftigen
Zinssaetzen.
5. Annehmbare Pachtsaetze fu'er gepachtetes Land und
gerechte Besteuerung.
6. Genossenschaftliche Organisationen fuer die wesentlichsten Dienstleistungen.
7. Verpflanzung solcher Industrien auf das Land, die
eine Ergaenzung der landwirtschaftlichen Einkommen darstellen
koennen.
8. Bessere Schulausbildung und Foerderung allgemeiner
Erziehungsmassnahmen in Landbezirken.
9. Einrichtungen fuer die Ausbildung von Bauern in der
landwirtschaftlichen Forschung und Technik sowie die Verrbesserung der sozialen Stellung des Landarbeiters.
Ein direktes Ergebnis der Bodenreform, so heisst es in
der Resolution, waere die Erweiterung der Nahrungsmittelerzeugung, die bisher mit der Steigerung der Bevoelkerungsziffer nicht Schritt halten konnte. Die Vorteile hieraus wuerden sich fuer den groessten Teil der Weltbevoelkerung sehr
bald bemerkbar machen.
ECA Labor Information
IX/10/51
- 16 -

KICOO 28 Sapt 51 1 6 3 4 4 « U

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

17-39

Frankfurt, 28. September 1951

I URAL

TS

V E R Z E I C H N I S

Gewerkschaften und £CA-Programm

1

Die Stellung Sowjetrusslands zu Karl Marx und
seinen Werken

10

U.S. Bergarbeitergewerkschaft hilft Arbeitsunfaehigen wieder ins Erwerbsleben

16

Nelson H. Cruikshank, Leiter der Arbeitsabteilung der ECA
fuer Europa:
GEWERKSCHAFTEN UND ECA-FROGBAKM
Es ist noch nicht ein Jahr her, .als der Vorsitzende
der Amerikanischen Gewerkschafts-Foederation, William Green,
mich bat, meiner Ernennung als Leiter der Arbeitsabteilung
der ECA-Verwaltung fuer Europa zuzustimmen. Kurz vor
Weihnachten begab ich mich im vergangenen Jahr nach Europa.
In dieser kurzen Zeit ist es selbstverstaendlich unmoeglich,
eine Autoritaet fuer die wirtschaftlichen Probleme Europas
zu werden. Im uebrigen war ich mir sehr wohl dessen bewusst, dass ich mit meinem Amt eine grosse Verantwortung
uebernehme, aber ich war mir nicht ganz im klaren, was angesichts der ungeheuren Bedeutung und der Kompliziertheit
- 1 -

�der Probleme am besten getan werden koenne, um hier einige
Schritte weiterzukommen. So hatte ich mich auf die Versicherungen der ECA-Sachbearbeiter zu verlassen, dass sie mich in
meinem Vorhaben unterstuetzen wuerden, fuer das mich die
Amerikanische Gewerkschaftsfoederation vorgeschlagen hatte
und das ich auch nach bestem Wissen und Gewissen erfuellen
will, üeute ist bereits etwa die Haelfte der 18 Monate vorueber, in denen ich meine Arbeit durchfuehren konnte, umso
erfreulicher ist es fuer mich, jetzt auf dem 70. Kongress
der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation ueber meine bisherige Arbeit zu berichten.
Der Kongress der AFL, der jetzt in San Franzisko abgehalten wird, ist zugleich ein gutes Forum fuer diesen Rechenschaftsbericht. Es war vor etwa vier Jahren, als die Amerikanische Gewerkschaftsfoederation gleichfalls in San Franzisko in einem kritischen Augenblick ihre energi che Stimme fuer
den Marshallplan erhob, viele Monate frueher, als die amerikanische Gesetzgebung diesen Plan Wirklichkeit werden liess.
In jener Resolution, die den Marshallplan unterstuetzt, heisst
9s nach den Protokollen des 66. Kongresses der AFL:
"Der Tag ist zu ernst fuer eine Politik der improvisierten und bruchstueckweisen Annaeherung unserer Beziehungen zu
denen anderer Laender. Freiheit, Sicherheit und Wohlstand
aller Voelker bedingen, dass unsere Regierung keine Anstrengungen scheuen darf, allen Voelkern behilflich zu sein, die
den Willen haben, untereinander und mit uns zusammen zu arbeiten, um den Wiederaufbau der Welt voranzutreiben. Das betrifft sowohl die besiegten als auch die siegreichen Nationen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Elend und Hunger sind
die besten Antriebskraefte fuer jeden Totalitarismus, moege
er von rechts oder links kommen. Die Erhaltung des Friedens
in der Welt und die Aufrechterhaltung der freien demokratischen Regierungen in Westeuropa sind unmittelbar abhaengig
von der sofortigen wirtschaftlichen Unterstuetzung Amerikas,
wie dies im Vorschlag des Staatsministers Marshall zum Ausdruck kommt."
Der Exekutivausschuss der AFL, der im vergangenen Monat
in Montreal zusammentrat, ueberpruefte die Beziehungen der
AFL zur Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA)
und stellte fest, dass die AFL unaufhoerlich den'Harshallnlan seit seiner Ingangsetzung im Jahre 1947 unterstuetzt
hat. Der Exekutivausschuss ist ueberzeugt, dass der Fortschritt, der in der wirtschaftlichen Wiedergesundung erzielt
worden ist, seine damaligen üntschluesse absolut rechtfertigt.
Ich moechte jetzt einige der Tatsachen mitteilen, die
den Standpunkt des Exekutivausschusses vollauf rechtfertigen.
Wenn man das Jahr 1947 mit dem Jahr 1950 vergleicht, so
stellen wir fest, dass die gesamte industrielle Produktion
in den Marshallplanlaendern sich um 46^o erhoeht hat. D*e
Stahlproduktion ist um 65^ gestiegen, die Zahl der erzeugten
Kilowattstunden um 37&gt;, die Eisenbahntransporte um 18&gt;,
die Agrarproduktion um £S£ und die Oelraffinierung um das
dreifache. Der einzige wichtige Sektor der Produktion, der
mit den Fortschritten nicht Schritt haelt, sind die Bergwerke, die heute nur 93% jener Kohlenmenge foerdem, die 1938
die Schaechte verliess. ^ber auch hier ist gegenueber 1947
eine Steigerung von ZO'/i, festzustellen.
- 2 -

�Der Umfang der Handelsbeziehungen zwischen den Teilnehmerlaendern des Marshallplanes ist heute um 25% hoeher als
der Vorkriegsstand, waehrend er im Jahre 1947 um 33% darunter lag.
über es gibt noch weitere Anzeichen fuer einen bemerkenswerten Fortschritt der wirtschaftlichen Wiedergesundung.
Ohne die wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen, die durch den
Marshallplan erzielt wurden, wuerde Westeuropa ueberhaupt
nicht in der Lage sein, seine Verteidigungsmassnahmen gegen
kommunistische Aggressionen auch nur auf dem Papier durchzufahren. Obgleich auch heute noch wirtschaftliche und militaerischs Hilfsmassnahmen erforderlich sind, wo die Situation
es erfordert, macht sich doch in zunehmendem Masse ein Vertrauen in die Staerke und die Feehigkeit der westeuropaeischen Demokratien bemerkbar, sich selbst verteidigen zu koennen. Das ist eine Tatsache, obwohl man sich durchaus darueber im klaren ist, dass die Notwendigkeit der unvermeidlichen Verteidigungsruestungen in starkem Masse jene Bemuehungen beeintraechtigt, die die Erhoehung des Lebensstandards
Westeuropas als Ziel gesetzt haben.
In diesem Zusammenhang muss jedoch darauf hingewiesen
werden, dass es einige Folgeerscheinungen des Marshallplanes
gibt, die vielleicht ebenso wichtig sind wie die messbaren
wirtschaftlichen Fortschritte. Eine der wichtigsten Umwaelzungen ist die voellige Neuorientierung auf solchen Gebieten,
wo es geradezu eine durch Generationen hindurchgehende Engstirnigkeit in bestimmten Fragen gab: Heute sind die Grenzen in Westeuropa bis zu einem gewissen Grade bereits geoeffnet worden, die einer vernuenftigen wirtschaftlichen Abstimmung des Gueteraustausches im Wege standen. Um einem Amerikaner klar zu machen, wie sich die Situation in Westeuropa
dem unvoreingenommenen Betrachter praesentierte, muss man
sich vorstellen, dass jeder einzelne der 49 Staaten der Vereinigten Staaten von Nordamerika sich darum bemuehte, alle
jene Bedarfsgueter selbst zu erzeugen, die dem amerikanischen
Lebensstandard entsprechen. Die einzelstaatlichen Behoerden
wuerden diese Produktion innerhalb ihres Bereichs mit allen
Mitteln foerdern, wobei auch kostspielige und unwirtschaftliche Produktionsstaetten durch hohe Zoelle an jeder Grenze
geschuetzt wuerden - es ergaeben sich solche Extreme, dass
durch enorme Schutzzoelle die ueberhoehten Produktionskosten
fuer Orangen und Pampelmusen in Michiganer Gewaechshaeusern
noch "lukrativ" abgesetzt werden koennen, waehrend auf der
anderen Seite durch aehnliche Schutzzoelle protektionierte
Autofabriken im schoenen Florida noch mit Ueberschuessen arbeiten koennten. Dieses Bild wird noch weiter dadurch vervollstaendigt, dass die Einwohner der verschiedenen Laender
eine verschiedene Sprache sprechen, was nicht nur effektiv,
sondern auch bildlich gemeint ist. Die ganze staatsmaennische Kunst ihrer Regierungsform scheint darin zu bestehen,
dass jeder einzelne Staat von sich aus die Zollbarrieren der
anderen zu beseitigen oder zu umgehen wuenscht, aber durchaus
nicht daran denkt, von sich aus die eigenen Zollbarrieren zu
beseitigen oder wenigstens die Zollsaetze herabzusetzen.
Aber trotz aller dieser Hindernisse, die es in Westeuropa
gibt, konnte ein nicht unwesentlicher Fortschritt in der Richtung einer besseren wirtschaftlichen gegenseitigen Abstimmung
der Beduerfnisse der einzelnen Laender erzielt werden, ^ine"
- 3-

�der weitreichendsten Massnahmen in dieser Hinsicht war die
Gruend.ung der Europa eischen Zahlungs-Union, Es handelt sich
hierbei um ein Clearingsystem, das den wirtschaftlichen Gueteraustausch zwischen den Laendern ermoeglicht, die Mitglied
dieser Union sind, wobei es gleichgueltig ist, ob die getaetigten Kaeufe in der V.'aehrung des betreffenden Landes entrichtet werden koennen oder nicht. Es besteht somit die Moeglichkeit, dass die EZU die Grundlage fuer ein einheitliches Banksystem fuer ganz Westeuropa werden kann, genau so wie es die
Nationalbank fuer ganz Nordamerika ist.
Aber noch weitere Europaplaene fuer eine zunehmende wirtschaftliche Abstimmung sind bereits im Werden. So gibt es
heute schon den Begriff Benelux - dies ist eine Zollunion zwischen Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Dies ist der
erste Schritt zur Beseitigung ueberfluessiger westeuropaeischer
Grenzschranken gewesen, die den wirtschaftlichen Gueteraustausch behindert haben. Vor kurzem ist ein neuer Plan angelaufen, der weit nachhaltigere positive Einwirkungen haben
wird als jeder andere. Es handelt sich hierbei um den Schumanplan, der die Eisenerz- und Kohleversorgung der sechs
mitteleuropaeischen Kationen sichern soll und hindernde gegenseitige Massnahmen abschafft. Weiterhin ist durch die Gruendung der Organisation fuer die wirtschaftliche Zusammenarbeit
Europas (OEEC), die im Laufe einer direkten Einladung der
Marshallplanverwaltung an die westeuropaeischen Regierungen
vollzogen wurde, ebenfalls ein betraechtlicher Schritt nach
vorn in der wirtschaftlichen und politischen gegenseitigen
Abstimmung der einzelnen Laender getan worden. Der Europarat hat die Aufgabe, engere politische Bindungen zu schaffen.
Der Nordatlantikpakt bindet ebenfalls die einzelnen Nationen
enger aneinaader, wobei zugleich die Vereinigten Staaten und
Kanada einen wesentlichen Beitrag zur Verteidigung lebenswichtiger Gebiete bieten.
Diese sich gegenseitig unterstuetzenden Organisationen
und Abkommen setzen sich.von Tag zu Tag staerker durch. Sie
berechtigen uns zu der Hoffnung, dass Europa jetzt in ein
Stadium gelangt, dass mit unserer eigenen Situation vor dem
Unabhaengigkeitskrieg grosse Aehnlichkeit hat - damals verschwand ein Abkommen nach dem andern - sei es sofort, sei es
nach einiger Zeit - das einzelne Staaten getroffen hatten,
um sich gegenseitig abzuschliessen und eigensuechtige Ziele
zu vertreten. Aber diese Abkommen verschwanden restlos und
es folgte eine langzeitige Periode des Aufstiegs der amerikanischen Wirtschaft, die ohne die Abschaffung der einzelstaatlichen Verbote, Beschraenkungen und Abwehrmassnahmen
niemals erreicht worden waere.
Natuerlich sind die politischen Erfolge, die neben den
wirtschaftlichen erzielt worden sind, ebenso wichtig, da diese
Fortschritte den Grad der Entwicklung aufzeigen, den der
echte Glaube an Demokratie und Freiheit erreicht hat.
In Frankreich fuehlen wir durchaus, dass die heutige
Situation alles andere als zufriedenstellend ist. Aber ich
erinnere mich sehr deutlich der Situation im Jahre 1946, als
ich dort zwei Monate zubrachte. Ich weiss noch sehr genau,
dass damals eine Anzahl einflussreicher Ministerposten von
Mitgliedern der kommunistischen Partei besetzt waren, und
dass die Kommunisten ein Regiment fuehrten, wobei der Terror
- 4-

&lt;.

�dieser Partei sich bis in die Haushaltungen von Millionen
Franzosen bemerkbar machte. Seit jenem Jahr, in dem der
Marshallplan zum ersten Male in Frankreich verankert wurde,
hat sich die franzoesische Regierung zugleich von allen kommunistischen Kontrollen im Ministerrat und in den einzelnen
Ministerausschuessen frei machen koennen. Natuerlich blieb
der Druck und die Drohungen der untergrunderfahrenen kommunistischen Partei, aber die Zahl der kommunistischen Abgeordneten ist seitdem von 181 auf 101 zurueckgegangen.
In Belgien ist die Zahl der kommunistischen Abgeordneten
von 23 auf 7 herabgesunken, in Holland von 10 auf 8, in Norwegen ist kein einziger der 11 Abgeordneten im Parlament geblieben und in Grossbritannien ist die kommunistische Partei
ebenfalls ueberhaupt nicht mehr im Unterhaus vertreten. In
Westdeutschland gibt es bei 402 Abgeordneten nur 15 Kommunisten und kein einziger von ihnen ist in seinem Wahlkreis
aufgrund einer dort bestehenden.Mehrheit gewaehlt worden.
Auch in Griechenland, das durch Krieg und Besatzungsfolgen
verwuestet wurde, haben die Kommunisten weder mit Stimmzetteln noch mit Gewalt ihre Niederlage verhindern koennen.
Die Kommunisten haben jedoch auch in den Gewerkschaften
staendig an Einfluss verloren. In Frankreich, wo die Kommunisten den CGT kontrollieren, bleibt dieser noch die staerkste Organisation mit seinen - so wird behauptet - immer noch
drei bis dreieinhalb Millionen Mitgliedern, A U S dieser Zahl
geht jedoch hervor, dass der CGT seit 1947 etwa zwei Millionen Mitglieder verloren haben muss. Die freie Gewerkschaftsbewegung in Frankreich zaehlt heute bereits einundeinehalbe
Million Mitglieder.
Vor fuenf Jahren kontrollierten die italienischen Kommunisten die Gewerkschaftsbewegung, ohne dass es eine wirksame Opposition gab. Heute steht der ferngesteuerte CGIL
staendig im Kampf mit der energischen und wachsamen CISL,
die heute bereits mehr als 1 200 000 Mitglieder zaehlt und
in ihren Messnahmen durch 300 000 Mitglieder anderer nichtkommunistischer Gewerkschaften unterstuetzt wird.
Das wachsende Gefuehl der Staerke und das zunehmende
Vertrauen dieser westeuropaeischen Gewerkschaftsfuehrungen
wird in betraechtlichem Masse durch des Vorhandensein einer
echten Solidaritaet unterstuetzt, die sich durch die weltweite internationale Gewerkschaftsbewegung ergibt, die seit
1949 im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften organisiert ist und ihren Sitz in Bruessel hat. Dieser Bund, der
3eit seiner Gruendung in London erst zwei Jahre besteht, hat
bereits drei Millionen neue Mitglieder gewinnen koennen, sodass
heute 52 Millionen Mitglieder aus 80 dem IBFG angeschlossenen
Gewerkschaften in 60 Laendern demokratische Prinzipien anerkennen. Im Gegensatz hierzu hat der kommunistisch beherrschte 'Weltgewerkschaftsbund staendig Mitgliedsorganisationen
und damit Anhaenger verloren. Wichtiger jedoch als diese
Verluste an Mitgliedern duerfte jedoch die Tatsache sein,
dass der Weltgewerkschaftsbund ueberall in der Welt als Werkzeug des kommunistischen Imperialismus gebrandmarkt wird.
Jeder Arbeiter in der freien Welt weiss heute, was der WGB
tatsaechlich ist. Den .anstoss zu dieser iiitlarvung gab der
Kongress der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation im Jahre
1944 in New Orleans, wo diese angebliche "Gewerkschaft" namens
- 5-

�WGB bereit3 als der verlaengerte Arm der Moskauer Diktatoren
erkennt wurde. Viele Arbeiter in Westeuropa - wenn auch
laengst nicht alle - die noch vor kurzem gezwungen waren, ihre
nominelle Mitgliedschaft in den von den Sowjets kontrollierten Arbeitsfronten beizubehalten (die sich zwar immer noch
Gewerkschaften nennen, aber es nicht einmal dem Namen nach
sind) haben laengst den wahren Charakter dieser Organisationen erkannt und sich echten Gewerkschaften angeschlossen.
Wenn auch manches erreicht werden konnte, wie es auch
aus den Feststellungen des Exekutivausschusses hervorgeht,
was mit den vVuenschen der AFL in bezug auf den Marshallplan
uebereinstimmt oder sich in deren Richtung bewegt, so muss^
doch zugegeben werden, dass wir noch weit davon entfernt sind,
alle jene Ziele erreicht zu haben, die wir uns gestellt hatten.
Hierbei moechte ich mich wiederum auf die Sitzung des Exekutivausschusses in Montreal beziehen, die mit einer Resolution
beendet wurde, in der es heisst:- Die Bemuehungen des Marshallplans, den Lebensstandard der Voelker Westeuropas zu
verbessern und dem Verbraucher alle Ertraege der Foerderung
der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit zukommen
zu lassen, koennen von allen jenen unterstuetzt werden, die
demokratische Grundrechte verteidigen wollen. Aber die Voraussetzungen muessen geaendert werden, denn es ist nicht
die Absicnt dieses Planes, niedrige Loehne und hohe Preise
zu konservieren, zumal diese zu einem besonders geringen Lebensstandard fuehren, wie es in Schluessellaendern wie Frankreich und Italien der Fall ist, obwohl es nicht der Fall zu
sein brauchte. Und es kann nicht der Zweck des Marshallplanes sein, auf der einen Seite alles zur Bekaempfung des Kommunismus und zur Wiedergesundung Europas zu unternehmen, auf
der anderen Seite durch eine Unterbezahlung der Arbeiterschaft
der kommunistischen Agitation Tuer und Tor zu oeffnen.
Was besagt nun eigentlich die erwaehnte Resolution des
Exekutivausschusses der Amerikanischen Gewerkschafts-Foederation?
Zuerst nimmt diese zu verschiedenen Beobachtungen Stellung,
die von Mitgliedern des Ausschusses gemacht wurden, als sie
als Delegierte zum Kongress des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften im Juli Mailand und anschliessend Europa, besuchten. Viele dieser Delegierten haben als aktive Gewerkschafter Europa bereist und mit dem Arbeiter selbst gesprochen. Sie fragten ihn, was er von den Gewerkschaften erwarte
und sie entdeckten dabei einige bedenkliche Beispiele niedriger Loehne und ueberlegten sich dabei die Wirkungen uebertioehter Preise. Diese Ausschussmitglieder kamenzu dem
Sohlüss, dass die beste Basis fuer alle Fortschritte in Eurooa
die loyale Haltung des einfachen Arbeiters ist. Sie stellten
weiter fest, dass der Durchschnittsarbeiter in Italien und
Frankreich in erster Linie sich durch Brot ernoehrt, weil der
Preis dieses Nahrungsmittels billig ist, weil dieser streng
kontrolliert wird. Sie beobachteten weiter, dass er in 'Wohnungen lebt, die weit unter dem Durchschnitt liegen, die er
aber deshalb bewohnt, weil hier die Mietsaetze behoerdlich
festgelegt sind. i&gt;ie Wohnungen worden jedoch nur selten geheizt, weil die Preise fuer Kohle oder andere Brennstoffe
viel zu hoch sind. Weiter stellten die Delegierten fest,
d iSS die Garderobe des Arbeiters meistens aus einem Ueberzieher und einem Anzug besteht, wobei er sich zwar einen weiteren
- 6-

�Anzug kaufen kann, dann aber nur die allernotwendigsten Lebensmittel fuer laengere Zeit erstehen kann, da der Lohn nicht
ausreicht, um sich beides zugleich leisten zu koennen. Und
wenn der Arbeiter eine groessere Familie zu ernaehren hat,
wird er erst recht nicht an Neuanschaffungen denken koennen.
Diese Erfahrungen veranlassten diese amerikanischen Gewerkschafter, sich das Bild Westeuropas etwas genauer anzusehen. Waehrend sie die ausserordentlichen Erfolge des Marshallplans anerkannten, sahen sie ebenso auf die statisti-^
sehen Ergebnisse, Sie entdeckten dabei, dass ein franzoesischer Arbeiter, der eine vierkoepfige Familie zu ernaehren
hat, in den Jahren zwischen 1938 und 1948 einen Rueckgang
seines Lebensstandards um 31% zu verzeichnen hatte und dass
er bis zum Ende des Jahres 1950 nur etwa ein Drittel von dem
witder erringen konnte, was er in der Zwischenzeit verloren
hatte. Sie entdeckten weiter, dass bei steigenden Preisen
und hinterherhinkenden Löhnen der franzoesische Arbeiter kaum
imstande gewesen ist, sich seinen bisherigen Lebensstandard
zu erhalten, wenn man die letzten neun oder zehn Monate hierbei zugrunde legt.
Was aber muss getan werden, damit wir diese Dinge wieder
in Ordnung bringen, damit die Gewinne gehalten werden koennen,
die erzielt worden sind und die zur Sicherung Westeuropas
ausserordentlich beitragen koennen? Wenn wir von der Sicherheit Westeuropas sprechen, dreht es sich um die Sicherheit
und die Freiheit der ganzen Welt - aber was kann hier getan
werden? Die Antwort ist keineswegs einfach. Sie liegt niemals in einem einfachen demagogischen Appell. Euer alle
jene jedoch, die diese Probleme sozusagen aus erster Hand
kennen lernen, ragen einige Punkte heraus, die unter denen,
die unbedingt getan werden muessen, an erster Stelle stehen:
1.) Muessen jene Anstrengungen verstaerkt werden, die
restriktiven Handelspraktiken zu vermindern, die das Ausweiten des euronaeischen Gueteraustausches verhindern;
2.) muessen die Bemuehungen intensiviert und erweitert
werden, die die Vereinigung des zivilen und militaerischen
europaeischen Wirtschaftspotentials zum Ziele haben;
3.) energische Massnahmen muessen sofort einsetzen, um
jede Inflation zu verhindern und zugleich die Lebenshaltungskosten zu senken, um auf diese Weise die Kaufkraft des Arbeiters zu erhoehen. Ein solches Programm muss dadurch in
seiner Wirkung erhoeht werden, dass endlich ein gerechteres
Steuersystem durchgesetzt wird, das vor allem jene Kreise
staerker Heranzieht, dia auch in der Lage sind, diese Steuern zu entrichten und die zum groessten Teile heute ihre
eigentlich auf sie entfallenden Steuern nicht zahlen - das
sind in erstei Linie die Unternehmer in Frankreich, Italien
und Deutschland;
4.) muessen Massnahmen getroffen werden, um die Produktivitaet zu erhoehen. Es kann keinerlei Reichtum zur Verteilung kommen, der nicht produziert worden ist. Um dies verstaatlich zu machen, sei darauf hingewiesen, dass vor 50
Jahren der Ausstoss je Arbeitskraft und Arbeitsstunde in Europa
der gleiche gewesen ist wie in den Vereinigten Staaten. Heute
betraegt der Ausstoss je Arbeitsstunde und Arbeiter nur ± des
- 7

�in den Vereinigten Staaten erreichten Produktionsstandes.
Wenn der Ausstoss je Stunde und Arbeiter heute in Europa
ebenso hoch waere wie in Amerika, dann wuerde die gesamte
Produktion Europas sich auf 405 Milliarden Dollar im Jahr
belaufen - ein ungeheurer Abstand zu der tatsaechlichen jetzigen Jahresproduktion Europas im Werte von etwa 135 bis 150
Milliarden Dollar. Wenn die Produktivitaetsquote Europa
nur um die Haelfte des Ausstossunterschiedes gesteigert werden koennte, so koennten damit die gesamten Kosten fuer die
Verteidigungsanstrengungen gedeckt werden und zu gleicher
Zeit der Lebensstandard der europaeischen Bevoelkerung sehr
erheblich erhoeht werden.
Heute wird sich Europa Tag fuer Tag staerker der Notwendigkeit einer gesteigerten Produktion bewusst. Die Gewerkschaften haben bereits erkannt, dass das Lebensniveau ihrer
Mitglieder in erster Linie von der Steigerung der Produktiv itaet abhaengig ist - aber gleichzeitig verschiebt sich der
Nachdruck, der auf der Frage der Sicherheit ruht. Die gemeinsamen Sicherheitsbemuehungen basieren, immer staerker in Richtung einer Sicherheit, die die Entwicklung einer dynamischen
und sich erweiternden Wirtschaft zur Voraussetzung hat, aus
der sich allein eine wirkliche Sicherheit ergibt. Es ist
kein unerfreuliches Anzeichen, dass auch eine stetig groesser
werdende Zahl Industriefuehrer sich ebenfalls dieser Tatsachen
bewusst wird.
Eines der ermutigendsten Ereignisse der letzten Jahre
ist eine Erklaerung, die ausgangs des vergangenen Jahres von
18 Regierungen abgegeben worden ist, die Mitglieder der Organisation fuer die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas
(OEEC) sind und in der gesagt wird, dass alle Anstrengungen
gemacht werden wuerden, um die Produktion in den naechsten
fuenf Jahren alljaehrlich um 5% zu erhoehen.
In Beantwortung dieser Tatsachen und angesichts der
dringlichsten Noete der westeuropaeischen Staaten legt die
Verwaltung des Marshallplans in den letzten Monaten den
staerksten Nachdruck auf eine Unterstuetzung der Marshallplanlaender in ihren Bemuehungen zur Steigerung der Produktivitaet.
Bei dieser Aufgabe wird die Arbeitsabteilung der ECA eine
besondere Verantwortung uebernehmen muessen.
Da viele Mitglieder meines Bueros direkt aus den Reihen
der amerikanischen Gewerkschaften kommen, erkennen wir vielleicht besser als alle anderen, dass es hier ebenso Gefahren
wie auch besondere Hoffnungen in den Bemuehungen gibt, die
Produktivitaet zu steigern. So erkennen wir zum Beispiel,
dass ohne besondere Sicherheitsvorkshrungen alle diese Anstrengungen nichts weiter sein wuerden als eine blosse Beschleunigung der Arbeitsvorgaenge, die dem Arbeiter keinerlei Vorteile
bringen wuerde. Die Mitarbeiter der Arbeitsabteilung haben
ihre eigenen Erfahrungen mit jenen angeblichen Experten gemacht, deren Hauptweisheit die Stoppuhr und der Rechenschieber
ist, und sie sind obendrein stolz darauf, Beschleunigungen
der Arbeitsvorgaenge durchgefuehrt zu haben, wobei auch Arbeitskraefte abgebaut werden konnten. Das ist in vielen amerikanischen Werken geschehen, in denen meine Mitarbeiter vor geraumer
Zeit beschaeftigt waren. Wir sind jedoch heute entschlossen,
unter allen Umstaenden dafuer Sorge zu tragen, dass das technische Unterstuetzungsprogramm der ECA fuer die Foerderung der
- 8-

�Produktivitaet nicht in einer derartigen Form missbraucht
wird, ebenso werden keinerlei Entartungserscheinungen hingenommen werden, sondern in diesen Faellen wird sofort Widerspruch erhoben.
Das wirkliche Produktivitaetsprogramm sieht vor, dass
Standardbestimmungen fuer die Ausweitung der Unterstuetzung
der Unternehmer bei der technischen Beratung zugleich den
Arbeiter in diesen Unternehmen schuetzen muessen. Ueberall
dort, wo ein Produktivitaetsprogramm anlaeuft, muss der Arbeiter einen gerechten Anteil an den Gewinnen aus der gesteigerten Produktivitaet erhalten, das heisst, er muss eine vollere
Lohntuete nach Hause bringen koennen. /Vir sind uns im klaren
darueber, dass es nicht leicht sein wird, wirksame und gerechte
Voraussetzungen hierfuer zu schaffen, vor allem in Laendern
wie Italien und Frankreich. Aber die Fuehrer der freien Gewerkschaftsbewegung haben uns bereits ihre uneingeschraenkte
Mitarbeit bei der Loesung dieser Probleme zugesagt. Trotz
der Schwierigkeiten dieser Aufgaben gehen wir an diese Arbeit
heran, weil wir von der Arbeitsabteilung uns dessen bewusst
sind, dass wir nicht deshalb nach Suropa entsandt worden sind,
um einfach das Ja und Amen der Gewerkschaften zu einer vergroesserten Produktivitaetskampagne uns geben zu lassen. Ich
versichere jedem auf mein Wort, dass, solange ich der Leiter
der Arbeitsabteilung der ECA fuer Europa bin, es keine Kampagne fuer eine gesteigerte Produktivitaet geben wird, wenn
nicht alle Vorkehrungen getroffen worden sind, um den Lohnerapfaengern und den Verbrauchern unter allen Umstaenden einen
gerechten Anteil aus den Ertraegen der gesteigerten Produktivitaet zu sichern. Und ich weiss, dass auch saemtliche Mitarbeiter meines Bueros die gleiche Meinung vertreten und die
gleiche Forderung stellen werden - aber auch alle Mitglieder
der Arbeitsabteilungen der ECA-Verwaltungen in den einzelnen
Mitgliedsstaaten vertreten uneingeschraenkt dieses Prinzip.
Da der Charakter des ECA-Programms kein statisches ist,
weil die Erfordernisse des Verteidigungsprogramms sich den
veraenderten Verhaeltnissen anpassen muessen, so aendern sich
auch manche Verantwortlichkeitsbereiche der Arbeitsabteilungen. Die Sachbearbeiter der einzelnen Arbeitsabteilungen in
den verschiedenen Laendern der I'arshallplanstaaten werden
neue Aufgaben uebernehmen muessen, sie werden aber darauf
achten muessen, dass die Auftraege fuer bestimmte Versorgungsgueter, die an westeuropaeische Unternehmen erteilt werden,
vor allem dort gegeben werden, wo der damit verbundene hoehere Beschaeftigungsstand eine Staerkung der Position der freien Gewerkschaften zur Folge hat. Die Leiter der Arbeitsabteilungen wie die Sachbearbeiter im Buero des Pariser Sonderbeauftragten wissen durch ihren staendigen Kontakt mit den
Gewerkschaftsfuehrern sehr genau Bescheid, wo die geeigneten
Fabriken und Werke vorhanden sind, in denen Verteidigungsmittel hergestellt werden koennen, ohne dass irgendwelche
Gefahren der Sabotage oder einer Untergrundbewegung bestehen,
oder wo die Lieferung durch Streiks verzoegert werden koennte,
weil von den Kommunisten inszenierte politische Streiks ausbrechen.
Diese und viele andere Verantwortlichkeiten werden wir
in den kommenden Lonaten uebernehmen muessen; Ich weiss, dass
ich diesen Appell an amerikanische Gewerkschaftsfuehrer zu
einer Zeit richte, wo diese bis zum. aeussersten beansprucht
sind, um den Kampf gegen die drohende Inflation mit aller
- 9 -

�Energie durchzufuehren, die Amerika bedroht, ich weiss, dass
mit aller Kraft p-epen das Teft-Hartley-Gesetz opponiert werden muss, das die Organisationsfreiheiten des amerikanischen
Arbeiters bedroht, ich weiss, dass energische Schritte fuer
ein besseres Y/ohnbauprogramm erforderlich sind, dass die
soziale Sicherheit verbessert werden muss, dass endlich das
Gesetz ueber die Arbeitslosenversicherung Wirklichkeit werden muss - all das sind Kaempfe, die ich keineswegs uebersehe, obwohl ich seit vielen Monaten nicht mehr in Amerika
sein konnte. Ich weiss auch, dass die Hilfsquellen der
Gewerkschaften bis zu jener Gren2,e beansprucht sind, die
sich durch das Verteidigungsprogramm ergeben, ich weiss auch,
welche Bedeutung das Programm zur Stabilisierung der Wirtschaft hat. Obwohl ich mir all dieser Dinge bewusst bin,
apoelliere ich dennoch an die Fuehrer und Funktionaere der
amerikanischen Gewerkschaften auf diesem Kongress der amerikanischen Gewerkschaftsfoederation, uns in all unseren Bemuehungen den Ruecken zu staerken, die wir als verantwortliche Repraesentanten der Gewerkschaften in Europa unternehmen.
Ohne diese Rueckendeckung werden unsere Erfolge keinerlei
dauernde Bedeutung haben. Aber man uebersehe dabei nicht,
dass diese Anstrengungen nur ein Teil des gemeinsamen Kampfes
sind, den die Gewerkschaften durchzufechten haben und der
heute eine weltweite Bedeutung gewonnen hat. Dieser Kampf
soll dazu beitragen, uns den Frieden zu erhalten, unseren
eigenen freien Vv'eg der Lebensgestaltung zu waehlen und unsere
Freiheit und die .Vuerde des arbeitenden Menschen in der
gesamten freien Welt zu erhalten.
ECA Labor Information
FYI-255
DHC STELLUNG S 0;,rJETRUSSL/^vTDS ZU K^RL MARX UND SEINEN WERKEN
Ueber dem Werk Karl Marx' scheint ein tragisches Schicksal zu schweben: nahezu 70 Jahre nach seinem Tod und mehr
als 50 Jahre nach dem Tode seines engsten Mitarbeiters Friedrich Engels gibt es noch immer keine Gesamtausgabe seiner
Schriften, die von Millionen Menschen sehnlichst erwartet
wird.
Als wirtschaftlicher Schriftsteller, der zu Anfang voellig unbekannt und gegen Ende seiner Karriere verhasst und
zugleich gefuerchtet war, hatte 63 Marx nicht leicht, einen
Herausgeber zu finden, der mutig und verstaendnisvoll genug
gewesen waere, sein Gesamtwerk zu veroeffentlichen. Engels,
der seinen Freund um zwoelf Jahre ueberlebte, verbrachte den
groessten Teil seiner Zeit damit, die zahlreichen Manuskripte
Marx' zu entziffern und zu ordnen, vor allem um die Baende
II und III des "Kapitals" zusammenzustellen. E3 war ihm
jedoch nicht vergoennt, seinen groessten Wunsch verwirklicht
zu 3ehen und die gesamten V.erke Marx' mit seiner Biographie
zu veroeffentlichen. Nach dem Tode Engels schien diese Aufgabe der juengsten Toclter Marx', Eleanor Marx-Aveling, zuzufallen. Sie hatte bereits mehrere Schriften ihres Vaters,
die in Englisch abgefasst waren, veroeffentlieht, als sie'
auf Grund einer Nervenzarraettung den Freitod waehlte. Die
begonnene Aufgabe wurde dadurch wiederum unterbrochen. Die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die dann das Erbe
der Schriften Marx' und Engels' antrat, konnte ebenfalls
- 10 -

�nicht den 'Wunsch verwirklichen, den der sterbende Engels
noch geaeussert hatte. Die theoretischen Streitigkeiten im
Zeitalter des Revisionismus liessen Karl hautsky und Eduard
Hernstein, die beide lange Zeit in der naechsten Umgebung
Engels gelebt hatten, zu politischen Widersachern werden und
hinderte sie daran, gemeinsam dieses grosse Werk zu vollenden.
In der Zeit nach dem Tode ü-ngels (1895) bis zum Beginn des
Ersten '.Veitkrieges tauchten durch die Initiative Einzelner
nur eine Reihe Fragmente der zahlreichen und bedeutsamen
Manuskripte Marx' aus der Vergessenheit wieder auf.
Sollte die russische Revolution des Jahres 1917 mit ihrer
anfaenglichen Geisteshaltung die Moeglichkeit geben, endlich
das ersehnte Licht in die von den beiden Gruendern des wissenschaftlichen Sozialismus hinterlassenen Werke zu brin-yan? Sollte die Idee einer grossartigen und vollständigen Ausgabe, die
so lange und so sehnlich von den Arbeiterfuehrern der ganzen
Welt erwartet wurde, endlich Wirklichkeit werden?
j-»er Mann, der diese Aufgabe uebernehmen sollte und auf
Grund seiner bisherigen Taetigkeit als Forscher und durch seim e
frueheren Arbeiten fuer diese grosse Aufgabe glaenzend befaehigt war, war D. Rjasanoff. Was die Arbeiterbewegung des
Abendlandes bisher versaeumt hatte, obwohl sie ueber die erforderlichen Mittel verfuegte, betrachtete von nun an der
Kommunismus als seine erste Pflicht, zumal er sich berufen
sah, dieses Werk zu uebernehmen.
In einer biographischen Notiz ueber Rjasanoff, die man
im Namensverzeichnis im Band VII der Werke Lenins (erschienen Moskau ]928j finden kann, liest man folgendes:
Rjasanoff, D.B. (geboren 1870). i^iner der aeltesten
russischen Sozialdemokraten. Beteiligte sich kurz nach
1890 an der Organisation der ersten Arbeiterzentren in Odessa.
Fuenf Jahre Gefaengnis, drei Jahre unter strengster Ueberwachung, dann Emigration. Bemuehte sich, die Tendenzen der
ersten Iskra und des Oekonomismus zu vereinigen; war einer
der Gruender der Gruppe "Borba" (Der Kampf). Widmete sich
waehrend der Revolution im Jahre 1905 der Gruendung von Gewerkschaften in Odessa und Petersburg. Musste erneut auswandern und betaetigte sich innerhalb der sozialistischen Bewegung des Westens. Wurde von der deutschen Sozialdemokratie
beauftragt, den literarischen Nachlass Marx* und Engels'
und die Geschichte der Ersten Internationale an Hand der Originaldokumente zu studieren. Internationalist waehrend des
Krieges. Rueckkehr nach Russland 1917, Eintritt in die bolschewistische Partei, beteiligte sich an der Vorbereitung der
Oktoberrevolution. R. ist einer der Gruender der kommunistischen Akademie in Moskau und des Marx-^ngels-Instituts, dessen Leiter er zur Zeit ist. Mitglied des Exekutivausschusses
der Sowjets der U.R.S.S.
Aber leider! Drei Jahre nach Erscheinen dieser Notiz
war Rjasanoff aus seinem Amt als Leiter des Marx-Engels-Instituts entfernt worden, das er im Jahre 1922 gegruendet hatte.
Ohne d9ss etwe.s ueber die Gruende dieser Ungnade bekannt wurde, ohne Prozess und ohne oeffentliches Urteil war Rjasanoff
festgenommen und deportiert worden. Ueber das ande seines
Lebens gibt es nur sehr ungenaue Angaben, Er scheint eine
risse Zeit in Saratow an der Wolga gelebt zu haben und kurz
vor Ausbruch -des zweiten Weltkrieges gestorben zu sein.
- 11

�1930, ein Jahr vor seiner Entfernung aus dem Amt, war
Rjasanoff anlaesslich
seines 60. Geburtstages offiziell gefeiert und zumngroessten Marxologen der Epoche" proklamiert
worden. Die sozialistische Akademie hatte dieses Ereignis
grossartig gefeiert, indem sie eine Schrift von 650 Seiten
veroeffentlichte, die dem hervorragenden marxistischen Gelehrten gewidmet war. Die deutsch-russische Zeitschrift
"Unter dem Banner des Marxismus" hatte ihm ebenfalls einen
begeisterten Artikel gewidmet, in dem es einleitend hiess:
Initiator einer grossen Zahl Studien ueber Entstehung,
Entwicklung und Propagierung des Marxismus, Verfasser der
weitverbreiteten biographischen Aufzeichnungen ueber lirx
und Engels, Entdecker und Herausgeber mehrerer Hundert ihi er
Manuskripte, Redakteur der grossen russischen Ausgabe und
der vollstaendigen internationalen Ausgabe ihrer Werke, Leiter des Marx-Engels-Instituts, Redakteur der drei wissenschaftlichen, der marxistischen Forschung gewidmeten Zeitschriften und schliesslich Inspirator einer immer groesser
werdenden Zahl von Forschern. Auf diesen Gebieten hat Rjasanoff die Ziele, Wege und Methoden der Marxologie vorgezeichnet und gleichzeitig die Bedingungen einer systematischen
und methodischen Organisation der Marxologie und ihrer Entwicklung geschaffen.
Um die ganze Groesse der von Rjasanoff waehrend seiner
achtjaenrigen Taetigkeit am Marx-Engels-Institut geleisteten Arbeit ermessen zu koennen, muss man sich vergegenwaertigen, dass dank der Bemuehungen und des Koennens dieses
Gelehrten Russland heute ganz allein ueber die Gesamtheit
der Dokumente, Unterlagen und Manuskripte verfuegt, die zur
Zusammenstellung einer historischen Ausgabe der Werke Marx'
und Engels* unerlaesslich sind. Der Plan fuer eine solche
Ausgabe wurde im Jahre 1922 der sowjetischen Regierung, durch
Rjasanoff unterbreitet. Diese billigte das Projekt und bewilligte die zu seiner Durchfuehrung erforderlichen Geldmittel. Von 1923 - 1925 arbeitete Rjasanoff gemeinsam mit
einer Grupoe sorgfaeltig ausgesuchter Forscher mit ausserordentlichem Eifer an der Suche nach ^uellenmaterial, das der
Verwirklichung der Idee einer Gesamtausgabe haette dienlich
sein koennen. Auf zahlreichen Reisen in die Laender Westeuropas erwarb er mehrere Privatbibliotheken, die aeusserst
seltene Buecher und dokumentarische Sammlungen ueber die Geschichte der Arbeiterbewegung, des Sozialismus und insbesondere die Erstausgaben von verken Marx* und Engels' enthielten.
Er gruendete damals an dem Moskauer Institut, dessen Leiter
er war, das in seiner Art einzige "Marx-Engels-Kabinett".
Es sind vor allem aber die Archive des Instituts, die den1
groessten Reichtum des literarischen Verhaeltnisses Marx und
Engels' enthalten. Sie bilden die Grundlage der monumentalen
Ausgabe, die Rjasanoff geplant hatte.
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die bis
1933 den literarischen Nachlass Marx' und Engels' verwaltete,
wurde zum Hauptlieferanten Rjasanoffs. Sie oeffnete dem
russischen Marxologen ihre Archive und gab ihm die Erlaubnis, alle gewuenschten Schriften und Dokumente zu fotokopieren. Auf diese Weise konnte das Institut in Moskau in den
Besitz des gesamten Nachlasses von Marx und Engels gelangen.
Die gleichen Moeglichkeiten wurden Rjasanoff aber auch von
verschiedenen anderen privaten und oeffentlichen Instituten
- 12 -

�und Bibliotheken gewaehrt. Er konnte ixa Britischen Museum
in der Oeffentlichen Buecherei von New York, an der Preussischen Staatsbibliothek, in den historischen Archiven von
Koeln und an anderen Stellen die Briefe und Manuskripte
Marx' und Engels' und die sich auf ihre Arbeiten, beziehenden Dokumente ebenfalls fotokopieren. Bei Eduard Bernstein,
der noch im Besitz wichtiger Manuskripte Marx' war, fand
das Vorhaben Rjasanoffs den besten Anklang. Bernstein gab
sogar seine eigenen Plaene fuer eine Herausgabe der MarxEngelsachen 'werke daraufhin auf.
1925 traf Rjasanoff im Namen des Moskauer Instituts
ein Abkommen mit dem Vorstand der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands und mit der Soziologischen Gesellschaft, die
in Frankfurt von Professor Carl Gruenberg geleitet wurde.
Dadurch kam es zur Gruendung einer Herausgeber-Gesellschaft, die unmittelbar danach die erste Lieferung des MarxEn "els-Archivs veroeffentlichte: es war ein Buch von mehr
als 5C0 Seiten, das bedeutende philosophische und historische Beitrage russischer Gelehrter wie Deborine und Wolguine
sowie den Anfang einer "Geschichte der Ersten Internationale"
enthielt, die der Feder Rjasanoffs entsprungen war. Zu den
nichtveroeffentlichten Dokumenten gehoerte der erste Teil
des Manuskripts ueber die "Deutsche Ideologie" und Briefe, die
zwischen Marx und Vera Zassulitsch ausgetauscht worden waren.
Hier findet man auch bereits den detaillierten Plan ueber
die Gesamtausgabe der Werke Marx' und Engels*, die beruehmte
"MEGA" (Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe).
Sie sollte 42 Baende in Oktavformat umfassen, die in
vier Abschnitten unterteilt waren.
Der erste abschnitt umfasste: philosophische, wirtschaftliche, historische und politische Schriften mit Ausnahme
der Schrift "Das Kapital"(17 Baende)}
Im zweiten Abschnitt sollte veroeffentlicht werden:
"Das Kapital", und zwar nach einem gaenzlich neuen Plan unter
Verarbeitung der zahlreichen und umfangreichen Manuskripte
Marx', die bislang unveroeffentlicht geblieben sind (13
Baende);
Der dritte Abschnitt war vorgesehen fuer die gesamte
Korrespondenz zwischen Marx und Engels, die ungekuerzt wiedergegeben werden sollte (10 Baende);
Im vierten Abschnitt sollte der allgemeine Index untergebracht werden (ß Baende).
Jeder der vier Abschnitte wurde einem auf dem betreffenden Gebiet erfahrenen Experten uebergeben, der von mehreren
Fachkraeften unterstuetzt wurde, die ueber langjaehrige Erfahrungen in der Entzifferung der Handschriften Marx' und Engels
verfuegten, eine Vorbedingung, die zur Bearbeitung der Konzente und Briefe unerlaesslich war.
Von diesen 42 geplanten Baenden konnte Rjasanoff in der
Zeit von 1926 - 1930 nur fuenf herausgeben, von denen drei
den Briefwechsel zwischen Marx und Engels behandeln. Aber
schon die Vorworte, die kritischen und historischen Anmerkungen, die diese Baende bereichern, zeugen von dem Umfang seines
- 13

�Wissens und der Fuelle seiner Erfahrungen, die er sich in
seiner dreissigjaehrigen Taetigkeit im Dienste der Marxologie erworben hatte.
Von dem Nachfolger Rjasanoffs, V. Adoratski, dem jetzigen Leiter des Staatsarchivs, kann nicht das gleiche gesagt
werden. Er war durch keinerlei besondere Sachkenntnis zur
Vollendung der begonnenen Arbeit wirklich berufen. Und doch
wurden von 1931 -1935 unter seiner Leitung weitere sechs
Baende der MEGA veroeffentlicht, deren Texte bereits von
Rjasanoff und seinen Mitarbeitern abgefasst und vorbereitet
worden waren. Ebenso uebernahm Adoratski die Leitung des
von Rjasanoffs gegruendeten Instituts, das von nun an den
Namen "Marx-Engels-Lenin-Institut" fuehrte.
Wir haben bereits von dem Verschwinden Rjasanoffs berichtet. Was das Schicksal seiner Manuskripte betrifft, so koennen wir hier leider keinerlei Illusionen naehren, die man
sich ueber sie macht, weil wir die Vernichtungsmethoden der
unter dem Befehl Stalins stehenden Inquisitoren kennen.
Was das Schicksal der Baende betrifft, die waehrend der
kurzen Amtszeit Adoratskis veroeffentlicht wurden, so koennen
wir auch hier wieder nur Vermutungen aussprechen. Nach dem
Verschwinden Rjasanoffs im Jahre 1931 wurden die Anzeichen
immer haeufiger, dass das "marxistische" Russland den Gedanken einer Gesamtausgabe der Y/erke von Marx und Engels voellig
aufgegeben hatte.
Die Ausloeschung der Vergangenheit hat sich in mehreren
Etappen vollzogen, woran man wiederum die Tradition der stalinistischen Methoden erkennt: Die Ausschaltung Rjasanoffs
und seiner besten Mitarbeiter, die staendig zunehmende Austilgung saemtlicher Spuren ihrer Namen und ihrer Arbeiten in
spaeteren Veroeffentlichungen, die voellige Aufgabe des Gedankens einer Veroeffentlichung der MEGA - was auch zur Folge
hatte, dass die bereits gedruckten Werke eingestampft wurden das Verschwinden dieser Baende aus russischen und aus auslaendischen Bibliotheken durch Agenten und schliesslich die sogenannte "Saeuberung" der Werke Marx' und Engels1 unter Zuhilfenahme sogenannter "populaerer" Ausgaben, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrten. 'Wie wir spaeter sehen werden, kann man die Spuren dieser Saeuberungsaktion sowohl an
Ausgaben, die in der ui*spruenglicnen Sprache erschienen waren,
als auch an den russischen Ausgaben verfolgen. Damit ersetzte
man nach und nach die MEGA, ein wissenschaftliches und vollstaendiges Werk, durch eine Serie unabhaengiger Veroeffentlichungen, die man hier und da anscheinend planlos in Zeitschriften veroeffentlichte. Auf der anderen Seite "russifizierte"
man die Werke Marx* und Engels' und veröffentlichte die noch
nicht herausgegebenen Manuskripte ausschliesslich in russischer
Sprache. Die Art und Weise, in der man die verschiedenen Veroeff entlichungen dem Laser praesentierte, legt Zeugnis ab von
der Verwirrung und Angst jener Leute, die mit dieser Aufgebe
betraut waren. Kommentare fehlen fast paenzlich oder sie sind
von einer fast laecherlichen Kuerze. So enthaelt an einzelnen
Stellen jede Seite eines Textes von Marx oder Engels ein vernichtendes Urteil ueber den Polizeistaat und das"Sklavensystem,
die auf der anderen Seite von Stalin im Namen des Marxismus
eingefuehrt wurden. Aenderungen wurden somit fuer die Sowjets
zu einer zwingenden Notwendigkeit.
- 14 -

�Das war also das tragische Schicksal der von Rja3anoff
unter der Schirmherrschaft des "marxistischen Staates" so
glorreich begonnenen Aroeit, die von Stalin selbst, dem
"genialen Schueler" Marx1, abgebrochen werden musste. Rjasanoff, der so streng in seinem Urteil ueber die Art und Weise
war, in der der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratischen
Partei den literarischen Kachlass Marx' und Engels' verwaltet
hatte, konnte nicht ahnen, dass sein Traum einer Gesamtausgabe
dieser Werke in dem "Lande des Sozialismus" noch weniger Chancen hatte, verwirklicht zu werden als in irgendeinem kapitalistischen Lande.
Leider hatte der Fehl3Chlag dieses Unternehmens eine
noch viel sc hl Liiere Konsequenz angesichts der nicht abschaetzbaren Folgen fuer jeglichen weiteren Versuch der endgueltigen
Herausgabe dieser Werke. Waehreud der ßluetezeit des Nazismus in Deutschland konnten die Archive der Sozialdemokratischen Partei nur teilweise gerettet und in oicharheit gebracht
werden. Der wichtigste Teil hiervon befindet sich heute im
Internationalen Institut fuer Sozialgeschichte in iimste'rdam.
Man wartet jedoch noch darauf, dass ein Verzeichnis der Schriften und Dokumente veroeffentlicht wird, die sich in 6er Obhut
dieses Instituts befinden, um ihre Bedeutung ermessen zu
koennen. üs ist heute schon mit groesster 'Wahrscheinlichkeit
anzunehmen, dass das Institut nicht saemtliche Dokumente besitzt, die von Rjasanoff fuer das Moskauer Institut photokopiert oder erworben wurden. Dieses Institut ist damit zur
Zeit das einzige, das ueber die hinterlassenen 'Werke Marx'
und Engels' verfuegt, und damit haelt Stalin den Schluessel
zu jedem weiteren Unternehmen in der Hand, mit dem man die
Arbeit Rjasanoffs wieder aufnehmen und fortsetzen wollte.
Man koennte natuerlich jetzt schon anfangen, die Unterlagen
und Dokumente zusammenzutragen, die noch in den groesseren
kulturellen Zentren Yvesteuropas und der Vereinigten Staaten
vorhanden sind. Es ist jedoch zu befuerchten, dass eine Gesamtausgabe der Werke Marx' und Engels' niemals verwirklicht werden kann, solange der Zutritt zu den Archiven des Moskauer
Instituts nicht gestattet ist.
Mehr als jedes andere Ereignis in ^ussland seit der
Machtuebernahme Stalins zeigt die Zerstoerung der Arbeiten
Rjasanoffs den entgueltigen Bruch zwischen den von dem "marxistischen" Diktator eingefuehrteri Regime und den authentischen marxistischen Gedankengängen, die noch zu Lebzeiten
Lenins Geltung hatten.
V'enn es gestattet ist, einen bestimmten Zusammenhang zwischen den verschiedenen Typen der Geheimpolizei herzustellen,
die man seit 1918 in ^u:sland von der Tscheka bis zur M.'.D gekannt hat, wenn die Unterdrueckung jeglicher politischer Opposition von vornherein fuer den Bolschewismus traditionell gewesen ist, dann laesst sich sagen, dass ein Umschwung von der
Ziviliation zum Barbarentum stattgefunden hat. Die Behandlung,
die die stalinistische Autokratie den Werken Marx' und ^ngels'
zuteil werden liess, und ihre "Umwandlung" und ihre Verfaelschung zeigt in beispielhafter '..eise, bis zu welchem Grad der
Stalinismus die absolute Verneinung jeglicher Kultur bedeutet.
Preuves
IX/1951
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�U.S. BERGARBSITERGEWERKSCKAFT HILFT ARBEITSUNFÄHIGEN WIEDER
INS ERWERBSLEBEN
John L. Lewis, der Vorsitzende der amerikanischen Bergarbeitergewerkschaft, ist einer der schaerfsten Kritiker
Praesident Trumans. Bei den letzten drei Praesidentschaftswahlen hat er ohne Erfolg republikanische Kandidaten unterstuetzt. Trotzdem ist dem Wohlfahrts- und Pensionsfonds der
Bergarbeitergewerkschaft durch Praesident Trumans Komitee
fuer die Beschaeftigung Koerperbehinderter die Anerkennung
ausgesprochen, worden.
Vizeadmiral Ross Mclntire, der Vorsitzende des Komitees,
bezeichnete diesen Fonds als eine ausgezeichnete Errungenschaft auf einem aeusserst schwierigen Gebiet, ja sogar als
die beste gewerkschaftliche Einrichtung dieser Art. Er erklaefte wörtlich: "Der Wohlfahrts- und Pensionsfonds der
Bergarbeitergewerkschaft hat den koerperbehinderten Arbeitern
hervorragende Dienste geleistet, indem er bewiesen hat,.dass
Menschen mit schwerer koerperlicher Behinderung wieder zu
wirtschaftlich und sozial wertvollen Buergern werden koennen.
Sie koennen aus der Verzweiflung, der Abhaengigkeit, der Not
und der Hilflosigkeit gerettet werden, wenn ihnen die geeigneten Mittel zu ihrer koerperlichen Gewandtheit und beruflichen Eingliederung zur Verfuegung gestellt werden."
Der Fonds wurde im Oktober 1947 gegruendet. Was hat
er seit dieser Zeit erreicht? Mclntire berichtet hierzu:
"Der erste Patient, ein hilfloser, bettlaegeriger
Krueppel, ist nach dreieinhalbjaehriger Behandlung durch
Aerzte, Therapeutiker und Berufsberater wieder zu einem Buerger geworden, der fuer sich selbst sorgen kann. Bis zum 1.
Januar 1951 sind fuer 658 weitere koerperbehiriderte Bergarbeiter Umschulungskurse begonnen worden, mit denen man sie
wieder zu brauchbaren Mitbuergern machen will."
Was dies bedeutet, zeigt uns am besten das Beispiel
Rüssel Browns, eines gelaehmten Bergarbeiter in Seth, West
Virginia. Brown hatte 1939 einen Unfall und war durch dessen
Folgen zehn Jahre lang bettlaegerig. Die Aerzte seiner Heimatstadt waren der Meinung, dass nichts mehr zu machen sei.
Die Gewerkschaft bezweifelte dies und bewirkte, dass Brown
im Rühmen des Wohlfahrtsfonds der Gewerkschaft in das New
YorKer Institut fuer Krankenoflege und koerperliche Genesung
aufgenommen wurde. Ein Jahr spaeter konnte Brown wieder mit
Hilfe von Kruecken laufen. Dann kamen fuer ihn sechs Monate
Berufsausbildung.
Ein kleines Haeuschen in der Naehe seiner Wohnung wurde
in eine Schuhreparaturwerkstatt umgebaut. Die staatliche fiehoerde fuer Berufseingliederung stellte die notwendigen Maschinen zur Verfuegung. Seine Gewerkschaft gab ihm einen
Kredit in Hoehe von 480 Dollar, um die notwendigen v.erkzeuge
und Materialien zu kaufen. Brown erklaerte vor kurzem:
"Dank meiner Ortsgewerkschaft und hilfsbereiter Menschen meiner Umgebung habe ich keine Schulden mehr. Die Arbeit als
Schuhmacher ist nicht halb so schwer wie meine ersten Gehversuche an Kruecken."
Program Services Section
IX/5/51
- 16 -

H1C0U 5 Oot 51 18346 (&gt; U

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessentea direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 40

Frankfurt, 5. Oktober 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die gewerkschaftliche Organisation der
Angestellten

1

Daenemark zeigt eine Moeglichkeit zur Steigerung der Produktivitaet

6

Aus der Arbeit der OEEC

8

Die Taetigkeit der Gewerkschaften in
Venezuela

• 12

Aktiver Humanismus in der Gewerkschaftsbewegung

• 14

Einfuhrzoelle beeintraechtigen Steigerung
der Produktivitaet

16

DIE GEWERKSCHAFTLICHE ORGANISATION DER ANGESTELLTEN.
Maurice J. Tobin:
Maurice J. Tobin Ist in Kabinett Truman als Staatssekretaer fuer Arbeitsangelegenheiten taetig, eine
Stellung, die in der Praxis der eines Ministers
entspricht, auch wenn es in den Vereinigten Staaten
die Bezeichnung Minister offiziell nicht gibt.
Durch die Tatsache, dass ein Kabinettsmitglied diese
- 1

�Ausfuehrungen gemacht hat, gewinnen sie besonderen
Wert.
Heute zaehlt Amerika etwa 15 Millionen Angestellte. Von
diesen 15 Millionen sind aber weniger als zwei Millionen Mitglieder gewerkschaftlicher Organisationen. Schon diese beiden
Zahlen beweisen, dass auf dem Gebiet der Zusammenschliessung der
Angestellten in Gewerkschaften noch ausserordentlich viel -Arbeit,
geleistet werden muss, denn diese Angestellten benoetigen Gewerkschaften, wenn sie mit ihren Gehaeltern nicht meilenweit hinterherhinken wollen, die Gewerkschaften brauchen die Angestellten,
damit die organisatorische Staerke eine noch groessere als bisher
wird.
Natuerlich kann man die Verhaeltnisse der Angestellten in
Amerika mit denen anderer Laender vergleichen, was vor allem dann
moeglich ist, wenn auf Studienreiser gerade diese Frage aufgerollt
wird. In diesem Licht sind natuerlich die Gehaeiter der amerikanischen Angestellten durchaus ertraegliche.
Im Grosshandel sind in den Vereinigten Staaten etwa vier Millionen Angestellte beschaeftigt. Vor etwa 30 Jahren sagte ein Gewerkschaf tsfunktionaer: "Wenn Gott in seiner Allmacht heute auf
die Erde herniederstiege, wuerde er doch kaum genuegend Staerke
haben, um eine kampfkraeftige Gewerkschaftsorganisation im Grosshandel auf die Beine zu stellen". Dieser Punktionaer hat aber
zweifellos nicht nur die Allmacht Gottes unterschaetzt, sondern
auch die Angestellten im Grosshandel. In beiden Richtungen hatte
er unrecht, und heute hat die Gewerkschaft laengst bewiesen, dass
er falsch urteilte. James Suffridge und Vernon Kousewright haben
niemals ihre Aufgabe mit einer solchen Einstellung begonnen, sie
waren Maenner der Praxis, die wussten, dass die Angestellten des
Grosshandels organisiert werden muessen - sie begannen mit ihrer
Propaganda und organisierten die Angestellten. Heute ist diese Gewerkschaft In der APL staerkemaessig an neunter Stelle stehend dabei waechst diese Gewerkschaft auch heute noch weiter.
Trotz aller Fortschritte muss jedoch gesagt werden, dass die
gewerkschaftliche Organisation der Angestellten gerade begonnen hat.
Der Exekutivausschuss der AFL bestaetigte dies in seiner letzten
Sitzung, als er die Feststellung traf, dass auf diesem Gebiet gewerkschaftlicher Organisation sozusagen eben die Oberflaeche angekratzt Ist.
Das ist ein sehr ernstes Problem. Es ist deshalb so ernst,
weil die Zahl der Anges-tellten von Jahr zu Jahr zunimmt. Vor zehn
Jahren gab es nur 11 Millionen, damals waren es etwa 24 % aller
Lohn- und Gehaltsempfaenger der USA.* Heute sind es mehr als 15
Millionen, ihr Anteil belaeuft sich auf 28 % aller Lohn- und Gehaltsempfaenger. Die Zahl der Angestellten nimmt immer weiter zu,
Aufgabe der Gewerkschaften muss es sein, mit dieser Entwicklung
Schritt zu halten und ihre entsprechenden gewerkschaftlichen Organisationen mit dieser Entwicklung im Schritt zu halten.
Diese Angestellten brauchen die gewerkschaftliche Organisation.
Sie brauchen sie, weil sie sonst In der wirtschaftlichen Entwicklung
zurueckblelben. Der Durchschnittswochenlohn eines Industriearbeiters ist seit 1939 um etwa 170$ gestiegen. Die Gehaeiter der
3ueroangestellten sind In der gleichen Zeit nur um 92 % gestiegen.
Der Fabrikarbeiter hat im Maerz dieses Jahres durchschnittlich
64,33 Dollar in der Woche oder 1,57 Dollar in der Stunde verdient.
Der Durchschnittsangestellte im Grosshandel verdiente jedoch, entsprechend umgerechnet, in der Woche nur 48,95 Dollar oder in der
Stunde 1,24 Dollar. Ein wesentlicher Anteil der hoeheren Lohnbasis
des Fabrikarbeiters ist darauf zurueckzufuehren, dass es auf diesen
- 2 -

�Gebieten starke und einflussreiche Gewerkschaften gibt.
Die gewerkschaftliche Organisation der Angestellten ist
jedoch nicht allein deswegen erforderlich, weil dadurch hoehere
Loehne und bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Sie
ist ebenso wichtig, weil durch die Gewerkschaft die Angestellten
eine Moeglichkeit haben, sich selbst in die Verhandlungen ueber
Lohnfragen und Arbeitsbedingungen in einer Form einzuschalten,
die den Wuenschen der Angestellten entspricht. Erst durch die
Gewerkschaft haben die Angestellten jedes Unternehmens und jeder
Dienststelle das demokratische Recht der Mitsprache, er ist dadurch etwas mehr als ein Angestellter mit einem vom Unternehmen
ausgefertigten Anstellungsvertrag. Besteht aber in dem Unternehmen eine gewerkschaftliche Organisation, so kann der Angestellte all das aussprechen, was ihn bewegt, und das wird von den
Gewerkschaftsvertretern wiederum den Unternehmern vorgelegt, um
auf dieser Basis zu entsprechenden Vereinbarungen zu kommen.
Wenn der Angestellte organisiert ist, so hat er eine Stimme,
die mitspricht, er fuehlt sich in einem tieferen Sinne mit dem
Unternehmen verbunden, denn jetzt hat er ein groesseres Interesse
an dem Fortschritt des Unternehmens. Dadurch geht der Angestellte
zugleich mit einer besseren Aufgeschlossenheit und einer groesseren
Zufriedenheit an seine Arbeit.
Damit bleibt aber der Angestellte nicht mehr der veraergerte
Gegenspieler des Unternehmers, w3e die marxistische Lehre ihn
glauben machen will. Der Angestellte und der Unternehmer werden
Partner in den fremeinsamen Bemuehungen, das Unternehmen zu Erfolgen zu fuehren. Der Angestellte weiss, dass er durch groessere
Anstrengungen auch eine Moeglichkeit hat, bei Abschluss entsprechender Tarifvertraege sich seinen Anteil an den Auswirkungen
seiner besseren Arbeit zu sichern, die mit seinem groesseren Einsatz geleistet werden konnte.
Aber heute gibt es immer noch Angestellte, die ihre Nase
ziemlich vernehmlich ruempfen, wenn die Sprache auf die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Arbeit gelenkt wird. Dabei ist diese
Srhabenheit nichts anderes als eine besondere Form eines Snobismus,
sie glauben, dass Gewerkschaften nur fuer Arbeiter und nicht fuer
Angestellte zustaendlg sind, dass jedoch diese Arbeiter weit unter
der Kategorie der Angestellten stehen. Deshalb halten sie es fuer
eine Entwuerdigung des Angestellten, wenn er zu der gleichen Gewerkschaft gehoeren sollte, der auch Arbeiter angehoeren, Menschen,
die in einem Overall dahergehen.
Dabei verdienen die Fabrikarbeiter mehr Geld als die Angestellten. Sie koennen fuer ihre Familien bessere Lebensmittel,
bessere Bekleidung und bessere Wohnungen erwerben. Sie koennen
ihre Kinder in hoehere Schulen schicken. Aber trotzdem glauben
viele Angestellte immer noch, dass es eine Entwuerdigung waere,
wenn Angestellte gemeinsam mit Arbeltern In den gleichen Gewerkschaften organisiert waeren. Fuer jeden, der heute noch so denkt,
muss der Angestellte ein Opfer seiner Vorurteile sein. Aber es
ist mehr als das: Es ist ein dummer Streich.
Man sollte glauben, dass mit dem Verschwinden der Postkutsche
auch diese Form des Denkens vorbei sein sollte. Man sollte meinen,
dass diese Denkweise fuer solche Leute reserviert sein sollte, die
tatsaechlich snobistisch sind oder den Snobismus gepachtet haben.
Und die unorganisierten Angestellten haben und kennen ihn nicht.
Ganz und garnicht.
Es muss ausgesprochen werden, dass die Gewerkschaftsbewegung
- 3 -

�eine der konstruktivsten Kraefte der Geschichte der Vereinigten
Staaten gewesen sind. Und wenn irgendjemand glaubt, dass er zu
gut waere, um sich ihnen anzuschliessen, so moechte ich diesen
Menschen doch einmal naeher kennenlernen.
Heute ist es ein Vorrecht geworden, einer amerikanischen Gewerkschaft anzugehoeren. Es ist eine Ehre fuer jeden, einer Gewerkschaft als Mitglied zu dienen. Und jeder Arbeiter, ganz
gleich, welche Farbe sein Kragen* hat, wird mit Stolz seiner Gewerkschaft angehoeren. Warum ist dies bei den Leuten, die einen
weissen Kragen zu tragen als besonderes Vorrecht ansehen, so
wesentlich anders?
Die Gewerkschaften sind eine der vornehmsten Organisationen
der Demokratie, wie sie je in ihr hervorgebracht wurden. Sie
sind die logische Erweiterung der Prinzipien der Demokratie in das
geschaeftliche und das industrielle Leben Amerikas.
Demokratie bedeutet, eine Stimme zu haben. Sie bedeutet, an
Entscheidungen teilzunehmen, die die eigene Wohlfahrt betreffen.
Und das ist es ja gerade, was die Gewerkschaftsbewegung will:
Eine Stimme in der Fabrik, eine Stimme Im Warenhaus, eine Stimme
ueberall da, wo Menschen beschaeftigt sind. Sie bedeutet das
Recht, an der Verwaltung des industriellen und geschaeftlichen
Lebens teilzuhaben.
Und wer ist der wirkliche Mitbuerger in der geschaeftlichen
und industriellen Gemeinschaft? Der Arbeiter, denn er hat eine
Stimme und wendet sie auch an. Wer ist ein guter Amerikaner?
Der Fabrikarbeiter, der seine Stimme anwendet und auswertet, oder
etwa der Angestellte, der im Hintergrund still dasitzt und sich
Anordnungen unterwerfen muss, bei deren Festlegung er kein Jota
mitzureden hatte?
Dieses System der Mitwirkung, der Mitspräche in allen Angelegenheiten, die die eigene Wohlfahrt betreffen, ist der Felsgrund,
auf dem die gesamten amerikanischen Verteidigungsanstrengungen
beruhen. Die Vertreter der Arbeiter und der Unternehmer in den
verschiedenen Verteidigungszentren helfen einmuetig, das gesamte
Verteidigungsprogramm zu foerdern und zu unterstuetzen. Sie
wurden von der Regierung gebeten, mitzuwirken, weil die Regierung
der Meinung ist, dass auf diesem Wege die wirkungsvollste Moeglichkeit gefunden wird, die Staerke der gesamten Nation gegen den
Kommunismus zu wappnen.
. Diese Zusammenarbeit traegt heute zur Staerkung und zur Erhoehung des Wirkungsgrades der Wirtschaft und der Industrie bei,
ebenso wie sie dazu beitraegt, die Regierung stark und tatkraeftig
zu unterstuetzen. Ebenso wie die Buerger einer Nation wertvolle
Beitraege zu dem Fortschritt der Nation leisten koennen, wenn ein
demokratisches System ihnen eine Moeglichkeit dafuer gibt, genau
so koennen die Mitbuerger in einer industriellen Gemeinschaft an
dem Fortschritt der Industrie teilhaben, wenn man ihnen die Moeglichkeit gibt, durch freie und demokratische Organisationen an
dieser Arbeit teilzunehmen.
Es gibt eine Reihe guter, sauberer, verantwortungsbewusster
Gewerkschaften fuer Angestellte, wie diese fuer den Grosshandel,
wo jeder Beschaeftigte seine industrielle Mitbuergerschaft ausueben kann. Daneben gibt es aber auch Gewerkschaften, die nur
diesen Namen tragen, aber weder gut noch sauber sind und im uebrigen
sich demokratischen Spielregeln nicht unterwerfen.
*

Der amerikanische Angestellte heisst Weisser-Kragen-Arbeiter.
4

�Aber diese Gewerkschaften, wenn man sie ueberhaupt so nennen
darf, verlieren staendig an Einfluss, waehrend echte Gewerkschaften ihren Einfluss staendig erweitern.
Angestellte werden sich jedoch auch niemals in Gewerkschaften
organisieren, die in ihrem Vorstand noch Kommunisten haben. Darueber gibt es keinerlei Zweifel. Sie brauchen jedoch gute und
loyale Gewerkschaften mit wirklichen Fuehrern, genau so wie es in
anderen Gewerkschaften der Fall ist. Die Kommunisten sind seit
langem aus der offiziellen Familie der amerikanischen Gewerkschaften ausgeschlossen worden. Und ich vertraue darauf, dass
der geringe Einfluss, den sie auf einigen Gebieten der Angestelltenbewegung noch immer haben, sehr bald verschwinden wird.
Es gibt ausgezeichnete Gewerkschaften, die den Kampf auf
dieser wichtigen Front der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung vorantreiben - der Front der Angestellten. Diese Gewerkschaften muessen mit groesserer Energie an ihre historische Aufgabe herangehen,
die noch immer vorhandenen Unorganisierten fuer die Gewerkschaften
zu gewinnen. Heute, in der fuenften Dekade des 20. Jahrhunderts,
bedeutet dies, die Angestellten zu organisieren. Ich habe bereits
betont, dass die Gewerkschaften die Angestellten brauchen, ebenso
wie die Angestellten Gewerkschaften benoetigen. Viele dieser Angestellten, vor allem in den technischen und aus handwerklichen
Berufen hervorgegangenen Gruppen, haben Erfahrung und Uebung auf
diesem Gebiet, sie kennen die Hintergruende, sodass sie sich fuer
die Gewerkschaften von besonderem Wert erweisen koennen. Ihre
schulische Vorbildung und ihr Intellekt koennen ausserordentlich
wirkungsvoll die Erfahrungen und das praktische Wissen der Gewerkschaftsfunktionaere unterstuetzen. Ich bin der Ueberzeugung,
dass gerade durch eine breitere Mitwirkung der Angestellten in
den Gewerkschaften deren Verantwortungsbewusstsein noch weiter
gesteigert werden wird.
Bei dieser Gelegenheit moechte ich ueber ein Aufgabengebiet
im Grosshandel sprechen. Hiermit meine ich das Problem des Stellenwechsels. Sie alle wissen, wie wichtig dieses Problem ist.
Kaum hat die Gewerkschaft eine Anzahl Bueroangestellter organisiert, so hat ein grosser Teil bereits wieder die Stellung gewechselt und die Gewerkschaft hat mit den neueingetretenen Angestellten wieder die gleiche Arbeit. Die Gewerkschaften haben Tag
und Nacht zu tun, um mit diesen neuen Mitgliedern, die sehr
haeufig ihren Arbeitsplatz wechseln, in Kontakt zu bleiben. Aber
die Arbeit ist eine Sisyphusarbeit, man kann ebenso gut Wasser in
einem Sieb transportieren wollen.
Unter diesen Voraussetzungen kann eine Gewerkschaft niemals
auf die Dauer ihre Organisationsarbeit durchfuehren. Und es ist
auf der anderen Seite verstaendlich, wenn kein Grosshandelsunternehmen eine staendige Arena fuer eine immerwaehrende Organisationskampagne sein will. Aus diesem Grunde haben die Unternehmer und
die Gewerkschaften eine Antwort auf diese Verhaeltnisse und zwar
im Rahmen der TarifVertragsverhandlungen ausgearbeitet. Diese
Loesung heis-st kurz und schlicht der Gewerkschaftsbetrieb, der
"Union-shop".
Das soll nun nicht etwa heissen, dass der Grosshandel ohne
weiteres den Gewerkschaftsbetrieben zugestimmt haette, so ganz
ohne jeden Kampf - aber allgemein laesst sich doch sagen, dass
der Grosshandel sich weit geringer dem Gewerkschaftsbetrieb widersetzt hat als etwa Herstellerunternehmen. Der Grosshandel hat
der Einfuehrung des cewerkscnaftlichen Betriebs, des "Union-shop"
im gesamten Grosshandel in den Vereinigten Staaten prinzipiell
zugestimmt. Die Vorschriften des "Union-shops" besagen, dass in
5 -

�diesen Betrieben jeder Neueintretende entweder der Gewerkschaft
beitreten oder aus dem Unternehmen wieder ausscheiden muss. Solange jemand in dem Unternehmen beschaeftigt ist, muss er also
der Gewerkschaft angehoeren.
Der "Union-shop" wirft im Grosshandel neue Probleme auf,
nach meiner Meinung gehoert diese Klausel in die einzelnen Tarifvertraege. Die Unternehmer sind deshalb damit einverstanden, weil
dadurch die staendigen Werbefeldzuege der Gewerkschaften ueberfluessig werden, und jetzt die Werbung neuer Mitglieder durch andere Massnahmen erreicht wird. Gleichzeitig verschwinden auch die
Streitigkeiten zwischen den Organisierten und den sogenannten
"Trittbrettfahrern", die den Gewerkschaften nicht beitreten, aber
ihre Erfolge auch fuer sich in Anspruch nehmen. Und schliesslich
wird durch den "Union-shop" die Gewerkschaft staerker werden. Eine
wirklich starke Gewerkschaft braucht nicht alle zehn Minuten Gehaltszulagen zu fordern, um ihre Mitglieder halten zu koennen. Es kann
mit dem Unternehmer in aller Offenheit ueber diese Fragen gesprochen werden, ohne dass es dabei zu einem voelligen Bruch zu
kommen braucht. Eine starke Gewerkschaft wird bei Verhandlungen
mit dem Unternehmer immer eine groessere Verantwortungsbereitschaft
zeigen als eine schwache.
vVenn ich sagte, dass die Klausel ueber Gewerkschaftsbetriebe
in gewerkschaftliche Tarifvertrae^e genoert, so ziehe ich mir damit
im gesamten Grosshandel die Kritik aller jener Angestellten zu, die
imner noch glauben, sehr klug zu sein, wenn sie auf das Recht pochen,
einer Gewerkschaft nicht beitreten zu brauchen.
Heute erlaubt sogar das Taft-Hartley-Gesetz den Gewerkschaftsbetrieb ueberall dort, wo die Belegschaft in einer Abstimmung zum
Ausdruck bringt, dass sie einen solchen wuenscht. Und wenn die
Arbeiter und Angestellten im Grosshandel inn wuenschen, so muessen
sie derartige Abstimmungen in ganz Amerika fuer den Grosshandel
fordern, damit der Gewerkschaftsbetrieb auch dort zu etwas selbstverstaendlichem wird.
Der Gewerkschaftsbetrieb oder "Union-shop" wird einen konstruktiven Einfluss auf den gesamten Grosshandel haben. Der Unternehmer,
der das erkannt hat und daraus die entsprechenden Folgerungen
zieht, verdient hoechste Anerkennung.
Ich habe wiederum einen Appell an die Angestellten berichtet,
sich in den Gewerkschaften zu organisieren, nicht nur, weil es
fuer sie guenstig ist, sondern weil ich glaube, dass es fuer ganz
Amerika von Vorteil sein wird. Das Wachsen der Gewerkschaften
staerkt die Demokratie. In dieser Zeit der grossen Krisis und
der die ganze Welt ueberschattenden Gefahren muessen wir die Demokratie so stark wie moeglich machen. Und ich weiss, dass die Gewerkschaften einen hervorragenden Anteil an diesen Bemuehungen
uebernehmen werden.
Labor Press Service
VIII/51
DÄNEMARK ZEIGT EINE iJOSGLICHKSIT ZUR STEIGERUNG DER PRODVKTIVITAST.

Die Sondermission der ECA fuer Daenemark hat ein wirksames
Mittel gefunden, um die Aufmerksamkeit der daenischen Unternehmer
auf ihre neue Produktivitaetshilfskampagne zu lenken.
Die Frage, wie das Produktivitaetsproerramm mithilft, die
6 -

�dringenden wirtschaftlichen Probleme der Nation zu loesen, wird
das Hauptthema der ECA-Ausstellung sein, die im Rahmen der
daenlschen Arbeltsmesse vom 11. - 21. Oktober gezeigt wird.
Charles A. Marshall, der Leiter der daenlschen ECA-Mission,
hat als Beitrag einen Artikel geschrieben, in dem die allgemeinen
Ziele der Produktivitaetskampagne und ihre Vorteile fuer
Daenemark zum Ausdruck gebracht werden. Der Artikel wird in
dem amtlichen Messekatalog erscheinen.
Von welcher Tragweite diese Ausstellung der ECA und der
Artikel in dem Messekatalog sind, zeigt die Tatsache, dass auf
dieser Messe eine grosse Zahl daenischer Unternehmer vertreten
sein wird.
Dadurch hat die Informationsabteilung der ECA eine Moeglichkeit, Einzelpunkte zu dem neuen Programm, das im allgemeinen noch
nicht genuegend populaer ist, unmittelbar an solche Persoenlichkeiten zu bringen, die fuer die Foerderung der Produktivitaet
entscheidend sind.
In seiner in dem Katalog enthaltenen Botschaft erklaert
Marshall, dass Daenemark in seinem Eedarf an Devisen nicht mehr
wie in der Vergangenheit lediglich von dem Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse abhaengig sein darf.
"Was jetzt notwendig ist, ist eine Erweiterung der daenlschen Exporte an Industrieerzeugnissen, und zu diesem Zweck muss
die Produktivitaet der daenlschen Industrie gesteigert werden."
"Hoehere, Produktivitaet erfordert die bestmoegliche Verwendung von Arbeitskraeften, Maschinen und Material. Sie bedeutet
einen hoeheren Produktionsausstoss pro Arbeiter und pro Stunde."
"Hoehere Produktivitaet bedeutet nicht groessere Anforderungen
an den Arbeiter", fuehrte Marshall weiter aus und griff damit der
Beschuldigung vor, das Programm sei eine altbekannte "Antreibemethode". Die meisten Arbeiter in Europa arbeiten schwer genug,
nach modernen Begriffen manchmal sogar zu schwer, aber sie arbeiten
nicht immer mit der grösstmoeglichen Wirksamkeit. Produktivitaet
bedeutet, wirksamere Arbeit zu leisten."
Die technische Unterstuetzung im Rahmen der Produktivitaetskampagne ist keine unbekannte Sache fuer die Daenen, denn das
Land hat bereits im Rahmen des Technischen Unterstuetzungsprogramms
350 Experten nach den Vereinigten Staaten geschickt, um amerikanische Produktivitaetsmethoden zu studieren. Die Ergebnisse sind
hervorragend gewesen.
Im Rahmen des neuen Programms wird ein Gremium von Experten
der Industrie in Paris gebildet werden, zu dem auch Industrietechniker gehoerten, um deren Unterstuetzung die daenlschen Unternehmer nachsuchen koennen. Sie sollen bei Untersuchungen ueber
3etriebsanordnung und Betriebsausruestung, neue und bessere Erzeugnisse, Verbesserung der Produktionsmethoden und bei der Ausarbeitung besserer Vertriebs- und Buchfuehrungsmethoden behilflich
sein.
"Gesteigerte Produktivitaet erfordert nicht unbedingt hoehere
finanzielle Aufwendungen und groessere physische Anstrengung. Sie
kann genau so gut erreicht werden, indem man zum Beispiel das
Material naeher an den Arbeitsplatz heranbringt und dem Arbeiter
damit Zelt, koerperliche Anstrengung und Energie erspart. Anstatt
grosse und teure Maschinen zu kaufen, koennte ein Betriebsleiter
- 7 -

�zum Beispiel die Anordnung der Maschinen in den Werkstaetten
verbessern, um damit die Leistungsfaehigkeit seines Betriebs zu
steigern."
Der Missionsleiter fuehrte Beispiele an, wo die gesteigerte
Produktivitaet sich bereits bezahlt gemacht hat. Durch besondere
industrielle Schulung konnte in einem Betrieb die Produktion um
18 % gesteigert werden. In einer Kopenhagener Schuhfabrik sei die
Produktion um 42 % und die Beschaeftigtenziffer um 23 % erhoeht
worden; die Loehne der Arbeiter wurden verbessert und dAe Verbraucherpreise gesenkt. Nachdem in einem anderen Unternehmen 100
Vorarbeiter und Arbeiter geschult worden waren, wurde die
Produktion in der Zeit von 1946 bis 1950 verdoppelt.
Die besondere Aufmerksamkeit seiner Leser lenkte Marshall
auf die neue Moeglichkeit, innerhalb der westeuropaeischen Voelkerfamilie den Handel auszuweiten, nachdem die Europaeische
Zahlungsunion errichtet und fruehere Zollhindernisse verringert
worden sind.
"Wenn Daenemark diese Moeglichkeit, mehr Maren nach Europa
und nach den Dollargebieten zu exportieren, voll ausnutzen will,
muss es ihm aufgrund der Leistungsfaehigkeit seiner Industrie
moeglich sein, zu konkurrenzfaehigen Preisen zu verkaufen,"
erklaert Marshall abschliessend. "Ich bin gewiss, dass die
Daenen die Paehigkeit und den Willen haben, diese Probleme erfolgreich In Angriff zu nehmen. Sie haben es in der Vergangenheit getan und koennen es auch heute wieder tun."
ECA Labor Information
IX/6/51

AUS DER ARBEIT DER OEEC.

Die Vertreter der Mitgliedstaaten der Organisation fuer
Wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas (OEEO) haben auf ihrer
letzten Konferenz folgende Erklaerung abgegeben:
Wir haben die Anforderungen ueberprueft, die an die europaeische Wirtschaft gestellt werden, und die sich aus den Bedürfnissen ergeben, die fuer unsere Voelker zurzeit am wichtigsten
sind. Es handelt sich um die Garantie der individuellen und
kollektiven Sicherheit unserer Laender und um die Entwicklung
ihrer wirtschaftlichen Staerke und Wohlfahrt. Wir sind ueberzeugt, dass wir diesen Beduerfnissen durch einzelne und gemeinsame Handlungen gerecht werden koennen, vorausgesetzt, dass die
Regierungen und Voelker die erforderlichen Anstrengungen in bezug
auf eine Steigerung der Produktivitaet machen, sodass alle ernstkiften Schwierigkeiten, die sich aus den Wirtschaftsbeziehungen
mit dem Ausland ergeben, durch die Zusammenarbeit mit anderen
Laendern ueberwunden werden koennen. Wir sind der Auffassung,
dass diese beiden Bedingungen sich erfuellen lassen.
Die Regierungen sind sich darueber einig, dass das grosse
Ziel ihrer Politik darin bestehen muss, in den naechsten fuenf
Jahren die Gesamtproduktion um 25 % zu steigern. Durch diese
Erhoehungen der Produktion kann in diesem Zeitraum eine Verbesserung des Lebensstandards und ein weiterer sozialer Fortschritt
erzielt werden. Gleichzeitig koennen die Bedingungen erfuellt
werden, die die Verteidigung an uns stellt. Die Regierungen werden im Sinne der Konvention ueber die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas zusammenarbeiten, um gemeinsam jene Schritte zu
8

�unternehmen, die notwendig sind, um dieses Ziel verwirklichen
zu koennen.
Die Bedingungen in den einzelnen Laendern noe-en verschieden
sein, aber trotzdem ist die europaeische »Virtschaft als .iesarntheit durch einen konzentrierten Einsatz ihrer Hilfsquellen in der
Lage, ihre Produktivitaet um den Betrar; von alljaehrlich 5 ^ zu
steigern. Die Aufgaben, die den Mitgliedstaaten in der Vergangenheit gestellt waren, waren nicht weniger schwierig. Durch die
schwere Arbeit ihrer Menschen, und dank der grosszuerigen Hilfe
der Vereinigten Staaten konnten sie allein in den letzten drei
Jahren eine Steigerung der Produktion um 25 % verwirklichen.
Europa verfuögt ueber umfangreiche natuerliche Hilfsquellen,
ein riesiges industrielles Potential, eine grosse und tuechtige
Erwerbsbevoelkerung, und es hat die Moeglichkeit, schnelle Fortschritte zu machen. Die restlose Mobilisierung dieser Hilfsquellen erfordert Voraussicht, Entschlossenheit, den V/unsch guter
Zusammenarbeit und eine Politik, die sich auf soziale Gerechtigkeit stuetzt. Die Regierungen sind ueberzeugt, dass eine solche
Politik die Voraussetzung dafuer ist, die Erfolge sichern zu
koennen, die bereits erzielt wurden. Die soziale -Gerechtigkeit
erfordert die gerechte Verteilung der Lasten Und Abgaben, um auch
auf diese Weise das Wohlergehen der weniger beguenstigten Schichten
der 3evoelkerung zu foerdern. In vielen Laendern wird die Steigerung der Produktion zuerst zur Staerkung der Verteidigung und
zur Erweiterung des Exports verwendet werden muessen, damit die
hoeheren Kosten fuer Importe bestritten werden koennen. Aber ein
immer niroesser werdender Ueberschuss muss verfuegbar sein, um die
Versorgung mit Verbrauchsguetern zu verbessern, mehr Haeuser zu
bauen und den Beitrag europaeischer Industriestaaten zur Foerderung
unterentwickelter Laender und Gebiete zu erhoehen.
Herrn das Problem der Erweiterung der Produktion auf diese
Weise gemeinsam In Angriff genommen wird, koennen wir der Zukunft
ohne die Befuerchtung entgegen sehen, dass die wirtschaftliche
Besserstellung auf unbestimmte Zeit hinausgezoegert werden muss,
oder dass den Verteidigungsbemuehungen eine wirtschaftliche
Depression folgt. Man kann hoffen, dass die jetzigen Verhaeltnisse, die eine Einschraenkung erforderlich machen, voruebergehender
Natur sind. Die Industrie kann gewiss sein, dass, nachdem die
Zeit grosser Aufwendungen fuer die Verteidigung vorueber ist, der
Bedarf so hoch sein wird, dass kein Teil der verschiedenen nutzbaren Produkticnskapazitaeten untaetig zu bleiben braucht. Die
Arbeiter in der Industrie und der Landwirtschaft koennen in der
Gewissheit, staendig beschaeftlgt zu sein, zur Steigerung der
Produktion beitragen.
Um eine allgemeine wirtschaftliche Erweiterung mit der gewuenschten Schnelligkeit zu verwirklichen, muessen Massnahmen
ergriffen und Bedingungen erfuellt werden, die nachstehend aufgefuehrt sind:
Die Regierungen werden so schnell wie moeglich Schritte
unternehmen zu dem Zweck, gemeinsam die Ziele der Produktionssteigerung auf dem Gebiet der Kohlegewinnung, Stahlerzeugung,
Stromerzeugung und der Ernte landwirtschaftlicher Produkte zu erreichen. Sie werden sich ausserdem damit beschaefti^en, die Ziele
auf dem Gebiet des Wohnungsbaues und der Umsiedlung von Arbeltskraeften festzulegen.
Mangel an Kohle, Elektrlzitaet und Stahl bedeutet eine Gefahr
fuer die allgemeine industrielle Erweiterung. Die Kohleproduktion
ist nicht In genuegendem Masse gesteigert worden, um den immer
- 9 -

�groesser werdenden Bedarf der Industrie und des Zivilverbrauchs
im eigenen Land und im Ausland zu decken. Europa muss Mittel
und Wege finden, um nicht mehr von den teuren Importen amerikanischer Kohle abhaengig zu sein, es muss die Industrie vor
Unterbrechungen in der Produktion schuetzen und die fuer den
Haushaltsgebrauch erforderliche Kohle beschaffen. Auch die Nachfrage nach elektrischer Energie wird staendig groesser. Die gesteigerte Erzeugung von Kohle und Strom muss durch eine wirksamere und bessere Verwendung ergaenzt werden.
Um ihre Verteidigung zu staerken, mehr Haeuser zu bauen und
ihre Industrien und Landwirtschaft mit modernen Ausruestungen und
Maschinen auszuruesten, brauchen die Mitgliedsstaaten mehr Stahl.
Hierdurch wird eine erhoehte Produktion von Koks und Eisenerzen
erforderlich.
Auch die Erzeugung anderer knapper Rohstoffe,' wie zum Beispiel
nichteisenhaltige Erze, muessen erhoeht und die verfuegbaren
Vorraete gerecht unter die einzelnen Laender verteilt werden. Zu
diesem Zweck wird es erforderlich sein, dass auch andere Regierungen durch die Vermittlung bestehender internationaler Organisationen bei diesen Aufgaben mitarbeiten. Es muessen mehr
Nahrungsmittel erzeugt werden, was vor allem durch die Verwendung
wirksamerer Arbeitsmethoden erreicht werden kann. Insbesondere
muss die Erzeugung von Viehfutter vermehrt werden, um die Versorgung mit Fleisch und Milchprodukten zu verbessern.
Der Mangel an Wohnraum Ist ein akutes Problem, das in einigen
Gebieten sogar beunruhigend ist. Besonders dort, wo Arbeitsmoeglichkeiten fuer anderwaerts Beschaeftigungslose vorhanden sind,
werden mehr Haeuser gebraucht.
In einigen europaeischen Laendern konnte die Arbeitslosigkeit
noch nicht ueberwunden werden. Energische Massnahmen sind notwendig, um diese Situation abzustellen. In Westdeutschland gibt
es noch etwa 1.000.000 Erwerbslose, In Italien sind es 2.000.000,
ganz zu schweigen von den Kurzarbeitern. Dies bedeutet sowohl
grosse Haerten fuer den Einzelnen und betraechtliche Verluste fuer
die Allgemeinheit. Das Arbeitslosenproblem ist wahrscheinlich
durch eine wirtschaftliche Ausweitung im Lande selbst zu loesen,
In Italien dagegen gibt es nur einen Ausweg, naemlich den der
Auswanderung. Auch die vielen Fluechtlinge in Deutschland, der
Tuerkei und Griechenland stellen ein ernstes Problem dar. Zur
Ueberwindung dieser Schwierigkeiten ist es notwendig, dass die
Mitgliedsstaaten laufend zusammenarbeiten, zur voelligen Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist jedoch die Zusammenarbeit aller
Regierungen unbedingt erforderlich.
Die Steigerung der Produktivitaet ist in der Erweiterung der
Produktion der wichtigste Faktor. Durch die Erhaltung einer
hohen Leistungsfaehigkeit der Arbeiter und Unternehmer und durch
einen wirklichen Beitrag aller Schichten der Bevoelkerung sind
grosse Fortschritte moeglich. Die fortlaufende Ergaenzung und
Modernisierung der Ausruestungen traegt zu diesem Fortschritt bei.
Die Produktivitaet kann jedoch auch, abgesehen von zusaetzlichen
Investierungen, durch geeignete neue Produktionsmethoden gesteigert werden.
Inflatorische Preissteigungen muessen verhindert werden,
weil eine Inflation eine Produktionserweiterung gefaehrden und
die Verteidigungsbemuehungen der verschiedenen Laender behindern
und zu grossen sozialen Ungerechtigkeiten Veranlassung geben
wuerde. Jede Regierung Ist dafuer verantwortlich, ein Gleichgewicht zwischen den im Land verfuegbaren Waren und Dienstleistungen
- 10 -

�und der vorhandenen Nachfrage auf dem betreffenden Markt herzustellen. Zu diesem Zweck muss eine entsprechende und richtige
Steuer und Finanzpolitik verfolgt werden. Diese Politik muss
sich auf den Grundsatz stuetzen, dass Lasten glelchmaessig zu
verteilen sind. Die Stabilitaet der Preise kann jedoch nicht
durch Massnahmen einzelner Laender allein gesichert werden.
Preise auf dem Inlandsmarkt sind auch durch auslaendische Faktoren beeinflusst. Zusammenarbeit unter den Mitgliedsstaateu
und den anderen Regierungen ist deshalb unerlaesslich, um ein
groesseres Mass an Stabilitaet fuer Rohstoffpreise zu erreichen
und eine Kontrolle der Inflation zu ermoeglichen.
Fuer die meisten Mitgliedsstaaten bilden die finanziellen
Beziehungen mit anderen Laendern noch immer eine Frage der Abhaengigkeit. Die Stabilitaet der Zahlungsbilanz rtewisser Laender
ist durch neuere rapide Preissteigerungen fuer Importe Im Gegensatz zu den Exporten schwer bedroht worden. Es ist deshalb
lebenswichtig, dass die Bemuehungen, die auf Internationaler
Basis aur Erreichung einer groesseren Stabilitaet der Preise
fuer Rohstoffe gemacht wurden, von Erfolg gekroent sind. Gesteigerte Produktion durch die restlose Verwendung der menschlichen und materiellen Reserven und die Kontrolle der Inflation
werden uns dem Zeltpunkt naeher bringen, zu dem alle europaeischen Laender in der Lage sein werden, ihre Rechnungen ohne
Unterstuetzung vom Ausland zu zahlen. Es ist deshalb wichtig,
dass sie ihre Exportbemuehungen fortsetzen, und dass gleichgesonnene Laender Bedingungen fordern, die wirkliche Erfolge gewaehrleisten. Um die Erweiterung der Produktion zu unterstuetzen
und die wirtschaftlichen Hilfsquellen Suropas so wirksam wie
moeglich zum Einsatz zu bringen, werden die Mitgliedsstaaten in
ihren Bemuehungen fortfahren, alle jene Hindernisse abzubauen,
die dem Handel im Wege stehen und die Zusammenarbeit der Regierungen innerhalb der europaeischen Zahlungsunion foerdern.
Die Industriestaaten Westeuropas haben in der Vergangenheit
mit den Voelkern unterentwickelter Laender gemeinsam gearbeitet,
die grosse Kapitalinvestierung benoetigen, um ihre Produktionskapazitaet erweitern zu koennen. Sie haben auch in der Nachkriegszeit trotz eigener Sorgen um ihren Wiederaufbau ihre Bemuehungen auf diesem Gebiet fortgesetzt. Es Ist vorgesehen, dass
die zukuenftige wirtschaftliche Ausdehnung in Europa zu einer
weiteren Entwicklung der wirtschaftlich rueckstaendigen Gebiete
beitraegt.
Die Regierungen der Mitgliedsstaaten sind entschlossen, die
in dieser Deklaration genannten Ziele durch gemeinsame und individuelle Bemuehungen zu foerdern. Innerhalb anderer internationaler Organisationen, denen sie angehoeren moegen, werden die
Grundsaetze dieser Deklaration fuer sie ausschlaggebend sein.
Angesichts der neuen Aufgaben auf dem Gebiet der europaeischen
Zusammenarbeit sind sich die Regierungen der Mitgliedsstaaten der
gegenseitigen Abhaengigkeit solcher Laender bewusst, deren Bestrebungen und Ziele gleich sind. Gemeinsames Ziel und ein echter
3elst der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Laendern werden
fuer sie auch weiterhin eine Richtschnur ihrer Politik und die
Vorbedingung zu ihrem Erfolg sein.
Im Vertrauen auf die Zukunft Europas und die Paehi^keit
seiner Menschen, mit den Aufgaben der heutigen Zeit fertig zu
werden, verpflichten sich die Regierungen bei der Ausfuehrun^ der
Irundsaetze, die in dieser Deklaration enthalten sind, tatkraeftig
zusammenzuarbeiten und alle Schichten der Bevoelkerung aufzufordern, ihren wichtigen Beitrag dazu zu leisten.
0E2C Information
51/8
- 11 -

�DIE TAETIGKBIT DER GEWERKSCHAFTEN IN VENEZUELA.
Die allgemeine wirtschaftliche Prosperitaet Venezuelas, die
zum groessten Teil durch den Export von Petroleum ermoeglicht wird,
ist von einer allgemeinen Erhoehung des Lebensstandards der Arbeiter bis zu einem Niveau begleitet, das man noch nie in der Geschichte Venezuelas gekannt hat. Wenn auch statistische Angaben
ueber die Zahl der Beschaeftigten und ueber die Arbeitslosigkeit
nicht verfuegbar sind, bevor die Ergebnisse der Zaehlungen des
Jahres 1950 bekannt sind, so laesst sich die Zeit schon sas;en, dass
von 1949 bis 1950 durch fast totale Vollbeschaeftigung gekennzeichnet ist. Arbeitslosigkeit stellt auf keinen Fall ein wichtiges
nationales Problem Venezuelas dar. Im Verlaufe des Jahres 1950
haben sich die Realeinkommen der Arbeiter erheblich verbessert.
Die Preise fuer die meisten Verbrauchsgueter sind stabil geblieben
oder sind gesenkt, waehrend die Kehrzahl der Lohntarife beibehalten oder erhoeht worden ist.
Die Gewerkschaftsbewegung hat jedoch durch die Militaerregierung der Junta unter schweren Beschraenkungen zu leiden. So
sind zum Beispiel zahlreiche Gewerkschaftsorganisationen als
illegal erklaert worden. Auf Einladung der Regierung Venezuelas
hat Mitte des Jahres 1949 eine Mission des Internationalen Arbeitsamtes das Land besucht, um die venezolanische Gewerkschaftsbewegung, die Sozialversicherung und aehnliche Einrichtungen zu
studieren. Der Bericht dieser Mission des IAA enthielt genauere
Informationen ueber die organisatorischen Misstaende innerhalb
der Gewerkschaftsbewegung des Landes und die sich hieraus ergebenden Gefahren fuer die Arbeiterschutzgesetzgebung Venezuelas,
die zwar fortschrittlich ist, aber deren Verwirklichung zum
groessten Teil von den Gewerkschaften abhaengt. Die Massnahmen,
die die venezolanische Regierung nach der Abreise der Mission
ergriffen hat, sind in dem Bericht als ein bedeutsamer Schritt
zur Wiedererrichtung der verfassungsmaessigen Garantieen bezeichnet,
ohne die eine Gewerkschaftsbewegung nicht frei und ihren Aufgaben
gemaess arbeiten kann.
Nach dem Staatsstreich im November 1948, durch den die demokratische Verwaltung durch die gegenwaertige Militaerregierung
der Junta ersetzt worden ist, sind die demokratischen Parteien
offiziell aufgeloest worden. Die Arbeitspolitik der Junta-Regierung besteht in einem fortschrittlichen sozialen nVohlfahrtsprogramm und der Trennung der Gewerkschaften von der Politik, insbesondere ihre Losloesung von der fuer illegal erklaerten "Partei
fuer Demokratische Aktion."
Im Februar 1949 ist die von der demokratischen Partei unterstuetzte Gewerkschaftsfoederation CTV, die bedeutendste Gewerkschaftsorganisation in Venezuela, und die ihr angeschlossenen Gewerkschaften, zu denen auch der wichtige Verband der Petroleumarbeiter gehoert, offiziell aufgeloest worden.. Die 705 Ortseewerkschaften der CTV, die annaehernd vier Fuenftel aller Gewerkschaften in Venezuela einschliesst, sind durch diese Bestimmung
als Einzelorganisation nicht in Mitleidenschaft gezogen, sie koennen jedoch nicht mehr auf legalem Wege zusammenarbeiten. Es ist
ihnen befohlen worden, neue Funktionaere unter Bedingungen zu
waehlen, die vom Arbeitsministerium vorgeschrieben sind. Es ist
schwierig, sich an die Wahlvorschriften des Arbeitsministeriums zu
halten, eine staendige Abnahme der Zahl der Orts^ewerkschaften ist
die unausbleibliche Folge.
Die Tarifvertraege, die fuer eine Dauer von drei Jahren von
der Gewerkschaft der Petroleumarbeiter im Februar und Maerz 1948
12 -

�abgeschlossen sind, hat ein Erlass der Regierung fuer rechtsgueltig erklaert, obwohl die Gewerkschaft fuer ungesetzlich
erklaert worden ist. Nach den Bestimmungen des Vertrages koennen
nach zwei Jahren neue Verhandlungen ueber Lohntarife aufgenommen werden. Als die Funktionaere der PetroLeumarbeiter zu Anfang
1950 jedoch versucht haben, sich auf diese Bestimmungen zu berufen, ist ihnen dies unmoeglich gemacht worden, weil die Gewerkschaften kein legales Existenzrecht mehr haben und das Tarifkomitee der Gewerkschaften gesetzlich nicht anerkannt worden ist.
Die sich durch diese Massnahme ergebenden Streiks im Mai 1950
sind durch drastische Massnahmen der Regierung gebrochen worden.
Die 47 streikenden Ortsgewerkschaften, in denen der groesste
Teil der Arbeiter der Erdoelindustrie und nahezu die Haelfte der
fast 50.000 Petroleumarbeiter organisiert sind, hat ein Befehl
der Regierung einfach voellig aufgeloest. Die meisten dieser Gewerkschaften gehoeren der nichtkommunistischen Partei fuer demokratische Aktion an, aber einige sind auch dem kommunistischen
Gewerkschaftsbund der Erdoelarbeiter "Cosutrapet" angeschlossen.
Dieser Organisation ist zusammen mit der Kommunistischen Partei
Venezuelas wegen ihrer Teilnahme an den Streiks verboten, die von
der Regierung als rein politisch und umstuerzlerisch bezeichnet
worden sind. Die Mitgliederzahl der Gewerkschaften der Erdoelarbeiter, die sich vor dem Verbot der Gewerkschaft auf ueber 60 %
aller Erdoelarbeiter belaufen hat, ist im Dezember 1950 auf nur
noch rund 10 % der frueheren Mitgliedszahl zurückgegangen.
Im Anschluss an die Oelstreiks im Mai 1950 hat die Regierung
einen Untersuchunsrsausschuss ernannt, der die bestehenden Kollektivvertrae&lt;^e untersuchen soll. Der Ausschuss, der sich urspruenglich
aus Vertretern der drei Interessengruppen zusammengesetzt hat,
ist trotz des Ruecktritts der Gewerkschaftsdelegierten bestehen
geblieben und hat dem Arbeitsminister Im November einen Teilbericht'
ueberrelcht, der nicht veroeffentlicht worden ist. Als der dreijaehrige Tarifvertrag Anfang 1951 kurz vor seinem Ablauf bestanden
hat, ist ein Arbeitskomitee der Petroleumindustrie gebildet worden,
in dem alle bestehenden gesetzlichen Gewerkschaften der Erdoelarbeiter vertreten sind. Unter der Fuehrung des Arbeitsministeriums ist dieser Ausschuss mit Unternehmervertretern zusammengetreten. Bis zum 9. April 1951 hat man kein Abkommen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern treffen koennen, die Regierung hat
daraufhin durch einen offiziellen Erlass die' Gueltigkeit des
erloschenen Vertrags um weitere 2\ Jahre verlaengert. Der neue
Vertrag enthaelt nur wenige Abaenderungen, die vornehmlich wirtschaftlicher Art sind. Der Erlass bezieht sich auf Arbeitnehmer
im Tagelohn und Monatsgehalt. Ausgenommen sind ungefaehr 1.000
Arbeiter der Handelsmarine, die zur See fahren, (ihr Tarifvertrag
ist im Mal 1951 abgelaufen) sowie Arbeltsvorgesetzte, die mit
entsprechenden Aufbesserungen durch freiwillige Betriebsvereinbarungen rechnen koennen. Unter Einbeziehung des Abkommens fuer
die Arbeiter der Handelsmarine rechnet man damit, dass sich die
verlaengerten Vertraege auf insgesamt etwa 45.000 Arbeiter erstrecken werden.
Der Erlass der Regierung wird eine durchschnittliche Erhoehung der Jaehrlichen Realloehne der Erdoelarbeiter um
schaetzungsweise 16 % zur Folge haben. Zu den grundsaetzlichen
Veraenderungen gehoeren Bestimmungen ueber Lohnerhoehungen in
Iioehe von 2 - 5 Bolivar taeglich, eine Erhoehung des Mindestlohntarifs von 14 auf 16 Bolivar pro Tag, hoehere.Mietzuschuesse,
hoehere Mutterschaftsunterstuetzungen und erhoehte Urlaubszuschuesse. Die Gueltigkeit der Bestimmungen, nach der Gewerkschaftsdelegierte fuer Gewerkschaftskongresse Anspruch auf eine
15-taegige bezahlte Beurlaubung haben, ist auch auf internationale
Konferenzen ausgedehnt worden. Viele Arbeiterunterstuetzunsen,
die zuvor von den Unternehmern freiwillig gezahlt worden sind,
- 13

�erklaert jetzt das Gesetz als obligatorisch. Die Unkosten,
die der Industrie aus den Lohnerhoehungen und den hoeheren
Unterstuetzungen erwachsen, werden sich schaetzungsweise auf
jaehrlich ueber 100 Millionen Bolivar (etwa 120 Millionen DM)
belaufen, wie Vertreter der Krdoelgesellschaften erklaerten.
In der aufbluehenden Elsenerzindustrie Venezuelas wurde
im Mai 1951 ein dreijaehriger Tarifvertrag zwischen einem
Zweigbetrieb der riesigen U S Stahlgesellschaft "Bethlehem
Steel Corporation" und einer Ortsgewerkschaft der Arbeiter im
Elsenerzbergbau unterzeichnet. In Gewerkschaftskreisen gilt
dieser Vertrag als fortschrittlich. Die Verhandlungen, die in
Gegenwart von Arbeitsinspektoren der Regierung durchgefuehrt
wurden, verliefen friedlich. 53 der 56 Forderungen der Gewerkschaften wurden in den Vertrag aufgenommen und unter anderem
auch eine allgemeine Erhoehung der Tagesloehne um 3,4 Bolivar
gebilligt. Der Vertrag kann nach 18 Monaten gekuendigt und
neue Verhandlungen ueber Loehne und Mietzuschuesse koennen wieder
aufgenommen werden.
Notes on Labor Abroad
51/5

Mark Starr:
AKTIVER HUMANISMUS IN DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG.
Mark Starr, der heute der Leiter der Schulungsabteilung
der all-amerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter ist, begann seine Laufbahn als Bergarbeiter in England.
Heute leitet er in der genannten Gewerkschaft die gesamte
Schulungsarbeit, sowie die Abendkurse und die Erholungsaktionen
seit dem Jahre 1935. Er ist in erster Linie bestrebt, der
Oeffentlichkeit zu zeigen, wie eine Gewerkschaft arbeitet, und
dass ihr Platz in einer industrialisierten demokratischen Gesellschaft von lebenswichtiger Bedeutung ist. Waehrend der
vergangenen Jahre hat Mark Starr zahlreiche Veroeffentlichungen
durch seine Beitraege bereichert, u.a. "Labor and Nation",
"The Educational Forum", "The Survey" und "Teachers College
Record".
Weil die Gewerkschaften in ihre Arbeit alle Maenner und
Frauen einschliessen, die ihre Arbeitskraft fuer einen Lohn oder
ein Gehalt einem Unternehmer zur Verfuegung stellen, koennen sie
Anspruch darauf erheben, eine so weite Basis zu haben wie der
aktive Humanismus selbst. Eine kleine Minderzahl der Gewerkschaften ist mitunter nicht ganz mit diesem Ideal der proletarischen Solidaritaet einverstanden, aber die Praxis der Gewerkschaftsbewegung vereinigt zu ihrem eigenen Fortschritt Maenner
und Frauen ohne jeden Unterschied In bezug auf Geschlecht, Rasse
oder Glauben.
Eine andere haeufig nicht bemerkte Verbindung zwischen der
Humanitaetsbewegung und den organisierten Gewerkschaften ist der
bedeutende Beitrag, den die organisierte Arbeiterschaft im
letzten Jahrhundert erbracht hat, um zur, Wohlfahrt der Allgemeinheit beizutragen. Sicher sind die Gewerkschaften ebenso ureigene amerikanische Errungenschaften wie heisse Wuerstchen oder
Kuerbispasteten. Eine der ersten Versammlungen der Grünaungsvaeter der Gewerkschaften wurde in der Halle der Zimmerleute in
Philadelphia abgehalten, lange bevor die Handelskammer und die
Nationale Vereinigung der Fabrikanten existierten und ueberhaupt
14

�jene Gebaeude geschaffen wurden, die fuer diese Vorhaben geeignet waren. Es ist allgemein bekannt, dass Horace Mann in
seinem Kampf fuer eine durch Steuermittel unterstuetzte
oeffentliche Erziehung keinen staerkeren und bestaendigeren
Verbuendeten als die organisierte Gewerkschaftsbewegung hatte.
Was die Gewerkschaftsbewegung in ihrem Kreuzzug fuer die
Humanitaet und gegen die "Schwitzbuden" getan hat, wie sie
den traditionellen vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang
waehrenden Arbeitstag beseitigt hat, kann nur durch ein
wirkliches soziales Verantwortungsbewusstsein erfasst werden.
Heute leben die Menschen laenger, es gibt viel weniger Elendshoehlen als damals, heute geht fast jedes Kind zur Schule,
unsere Bevoelkerung befindet sich in einem guten Gesundheitszustand - all dies ist in erster Linie erreicht worden, well
die Gewerkschaften die Basis fuer die Organisation jener Menschen waren, die fuer ein wirkliches Leben arbeiteten und fuer
ein anstaendiges Wohnen kaempften, die sich fuer soziale Sicherheit, hoehere Loehne und kuerzere Arbeitszeit einsetzten, im
Gegensatz zu jenen Hochgeborenen und geschaeftstuechtigen Superklugen, die diese Forderungen mit allen Mitteln bekaempfen ebenso wie heute die Amerikanische Medizinische Gesellschaft die
obligatorische Gesundheitsversicherung bekaempft.
Heute wird mit groesstem Nachdruck danach gestrebt, neue
und bessere Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
einzufuehren. Natuerlich ist bei einer Beruecksichtigung
humanistischer Ideale festzustellen, dass ein patriarchalischer
Zustand in den augenblicklichen Wechselbeziehungen unmoeglich
ist, weil die moderne Industrie auf einer weiten Basis aufgebaut Ist, in der die Beziehungen zwischen den Eigentuemern einer
Gesellschaft und den Arbeitern und Angestellten voellig unpersoenlich geworden sind. Aus dem gleichen Grund kann der Arbeiter
nicht staendig wie ein Kind behandelt werden. Die ganze Geschichte
der alten diktatorischen Methoden in den industriellen Beziehungen
zeigt auch, wie unsinnig und wirkungslos diese Haltung gewesen
Ist. Wenn der Oberste Gerichtshof der USA die Gesetzmaessigkeit
der Wapnerakte bestaetigt hat, so stellt er damit ein Einverstaendnis der Oeffentllchkeit mit den Tarifvereinbarungsgrundsaetzen als den wirksamsten Weg fest, um die industriellen Beziehungen weiter zu tragen.
Gewiss bereichern die Gewerkschaften die Ideale der Demokratie,
indem sie ueberall dort taetig sind, wo das Leben ihrer Mitglieder
beeinflusst wird. Sie fordern deshalb ein staerkeres Wort in
den industriellen Beziehungen. Die Gewerkschaften legen daher
nicht den groessten Nachdruck auf das Wort Eigentum, sondern auf
das Wort Volk. Die Gewerkschaften druecken damit die Meinung
ihrer Mitgliedschaft aus, zu denen Maenner und Frauen gehoeren,
die fuer ihren Lebensinhalt zu arbeiten haben. Sie geben damit
auf der anderen Seite dem alleinstehenden einzelnen Arbeiter ein
Gefuehl der Staerke und der Zusammengehoerigkeit.
In Grossbritannien, wo einige Grundstoffindustrien der Allgemeinheit gehoeren und von ihr geleitet werden, haben die Gewerkschaften neue Funktionen erhalten. Sie bemuehen sich heute
vor allem in der gemeinsamen Beratung der Probleme in den
Betriebskoerperschaften, sie muehen sich jetzt um eine Loesung
jener Probleme, die durch das System der Anrelzloehne und eine
erhoehte Produktivitaet geschaffen werden, zumal sie glauben,
dass dadurch der Lebensstandard in der heutigen Gemeinschaft verbessert werden kann. In der westdeutschen Bundesrepublik hat
-^ie Gewerkschaft jetzt das Recht der Mitbestimmung erhalten, sie
kontrolliert damit bis zu einem gewissen Grade die Industrie und
- 15 -

�sieht sich zugleich dem Problem gegenueber, ihre Funktionaere
und Mitglieder so zu schulen, dass sie in dem Bereich der
komplizierten technischen Fragen dazu instande sind, ihr Wissen
ueber Loehne, Arbeitszeit, Gewerkschaften und Arbeitsbedingungen
so zu vervollstaendlgen, dass sie wirklich mitsprechen und mit
entscheiden koennen.
Der Kampf, den die freien Gewerkschaften in der gesamten
Welt fuehren, und in dem die AFL und der CIO eine hervorragende
Rolle gespielt haben, darf neben allem anderen nicht vergessen
werden. Zu oft haben die Voelker auf dem Schlachtfeld Siege
errungen und diese auf den Reisfeldern verloren. Weit wirksamer
als die Stimme Amerikas und alle Informationen und Propagandadienste der staatlichen Stellen sind die Bemuehungen des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften, der die Arbeiter Im
Morgen- und Abendland unterstuetzt, sich selbst zu helfen, indem
freie Gewerkschaften gegruendet werden. Aus diesem wie auch aus
anderen* Gruenden sollte es ein groesseres Verstaendnls und eine
bessere Wuerdigung dieser Leistungen geben, damit sich die Anhaenger der aktiven humanistischen Bewegung und der Gewerkschaften
gegenseitig unterstuetzen, um weitere Fortschritte zu erzielen.
The Humanist
1951

EINFUHRZOELLE BEBINTRABCHTTOEN STEIGERUNG DER PRODUKT! VIT ABT.

In einem Schreiben, das am 26. September in der franzoesischen Zeitung "Le Monde" veroeffentlicht wurde, beschwert sich
Andre Manuel darueber, dass von der franzoesischen Regierung eingefuehrte Zoelle auf importierte Maschinen aus den Vereinigten
Staaten die Entwicklung wirksamer Produktionsmethoden In der
franzoesischen Textilindustrie stark beeintraechtigen. In dem
Schreiben helsst es:
"In den ersten beiden Jahren des Marshallplans hatte die
franzoesische Textilindustrie die Moeglichkeit, amerikanische
Maschinen einzukaufen, die sie mit den 10 % bezahlte, die das
Waehrungsamt aus ihren Exporten nach Laendern mit harter Waehrung
fuer sie reserviert hatte. Die franzoesische Regierung gab dem
Druck des Finanzministeriums und des Praesidenten des Verbandes
kleiner und mittlerer Maschinenhersteller nach und fuehrte einen
Zoll ein, durch den die Importe von Textilmaschinen aus den
Vereinigten Staaten unter Berechnung der bereits bestehenden
Steuern mit rund 40 % belastet wurden. Durch diese Massnahme
sind die 700.000 Textilarbeiter des Landes gezwungen, unter
schlechten Bedingungen zu produzieren, weil sie, wenn sie ihre
Produktivitaet erhoehen wollen, moderne Maschinen brauchen.
Daily Productivity Bulletin
IX/27/51

16 -

KICOC 5 Oct 31 1.634' i M

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di* (olgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar and dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office oi Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 41

F r a n k f u r t , 12. Oktober 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Gewerkschaftsbewegung in Kenia

1

Die Sprache der Gewerkschaftsbewegung

5

Die kleinen Nationen auf der Friedenskonferenz in San Franzisko

7

Das Weltfriedensprogramm des CIO

11

Die Geschichte eines hollaendischen Arbeitersl3

DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IN KENIA
Die Entwicklung einer starken Gewerkschaftsbewegung wurde
in Kenia durch den niedrigen Kulturstand und durch die schwierigen Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes
erschwert. Die Lage ist weit schwieriger als in den englischen Kolonien Westafrikas, weil es in Kenia asiatische und
weisse Ansiedler gibt. Das Hochland von Kenia ist eine der
wenigen Gebiete Afrikas, dessen Klima fuer europaeische Ansiedler ertraeglioh ist. Die Politik der ortsansaessigen Behoerden war darauf ausgerichtet, weisse Ansiedler anzuwerben
und im Lande zu halten, weil dieses Land Kapital, Facharbeiter und tuechtige Unternehmer braucht. Durch den Fortschritt
auf dem Wege zur politischen Selbstbestimmung und zur Befreiung von den Kontrollen, die von Whitehall ausgeuebt wurden,

1

�ist es jedoch zwischen dem Wunsch der Europaeer nach ihrer
Vorherrschaft auf der einen Seite und den politischen Ambitionen der Afrikaner und Asiaten auf der anderen zu Konflikten gekommen.
Kurz nach dem zweiten V/eltkrieg wurde das Arbeitsministerium Kenias umorganisiert und erweitert. Die hoechsten
Stellungen im Ministerium wurden von Persoenlichkeiten aus
dem britischen Kolonialamt und dem britischen Arbeitsministerium besetzt, die seitdem versucht haben, eine verantwortungsbewusste Gewerkschaftsbewegung aehnlich der in Grossbritannien zu entwickeln. Die Gesetze ueber gewerkschaftliche
Funktionen wurden im November 1949 revidiert, um dieses
Programm zu erleichtern. Auch andere Arbeitsgesetze wurden
einer Revision unterzogen.
Die Knappheit an Ackerland Ist das Hauptproblem in
Kenia. Grosse Gebiete wurden fuer die Ansiedlung von Weissen
und andere gesondert fuer Eingeborene bereitgestellt. Die
Entwicklung des Landes nach europaeischen Masstaeben war
kostspielig und langwierig. Das Land genuegte nicht, um
durch Anwendung der uebllchen landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden den Lebensunterhalt fuer die sich staendig vergroessernde Eingeborenenbevoelkerung zu sichern. Die Eingeborenen Hessen sich nur unwillig in die fuer sie bestimmten
Gebiete umsiedeln. Ein grosser Teil der Eingeborenenbevoelkerung blieb in dem Siedlungsgebiet der Weissen, wo sie als
Landarbeiter ihr Brot verdienten, aber durch den Versuch der
weissen Farmer, die Zahl dieser "Fremden" zu reduzieren, kam
es laufend zu Unstimmigkeiten.
Die Zunahme der Bevoelkerungsziffer und der Wunsch,
Viehbesitz zu erwerben, hat viele Afrikaner gezwungen, sich
nach einem Erwerb umzusehen. Ein paar Monate Arbeit waehrend
des Jahres reichen fuer den Eingeborenen jedoch aus, um
seine Kopfsteuern zu zahlen, und um die wenigen Waren zu
kaufen, die er unbedingt fuer seinen Lebensunterhalt braucht.
Auf Grund des //ohnraummangels und des Zugehoerigkeitsgefuehls
des Kenia-Volkes zu Land und Stamm kehrt der üfrikaner, der
in den Staedten eine Beschaeftigung in der Industrie gesucht
hat, bald wieder heim. Die Arbeitslosigkeit ist deshalb gering, die Nachfrage nach Arbeitskraeften uebertrifft das Angebot. Facharbeiter, meistens Asiaten, sind aeusserst knapp.
Die afrikanische Bevoelkerung, die zum grossen Teil nicht
lesen und nicht schreiben kann, deren Gesundheitszustand haeufig zu wuenschen uebrig laesst, kann als Arbeitskraeftereservoir weder die Industrie noch die Landwirtschaft befriedigen.
Die Unternehmer verpflegen und beherbergen meistens ihre
afrikanischen Arbeiter, die Loehrie in bar sind daher sehr
niedrig. Durch stark ansteigende Preise nach dem Kriege
wurden auch die Loehne erhoeht, eiber solange es nicht zu
einer Erhoehung der Barloehne kommt, bleibt diese Aenderung
fuer den Afrikaner unbefriedigend.
Alle diese Schwierigkeiten sind durch die Bemuehungen
um die Foerderung des wirtschaftlichen Niveaus noch vermehrt
worden. Durch die Einfuehrung hoher Schutzzoelle, durch
die die minder wichtigen Industrien des Landes gefoerdert
werden sollen, hat Kenia die Einfuhr benoetigter Verbrauchsgueter, die die eigene Industrie noch nicht in genuegender Menge
herstellen kann, erschwert. Die Steuereinkuenfte des Landes
- 2

�reichen nicht aus, um selbst fuer die wenigen Europaeer moderne Programme der Erziehung und der Sozialfragen finanzieren zu koennen. Fuer die Eingeborenen ist aber in dieser
Richtung nur wenig getan worden.
Die Gesetzgebung Kenias sieht, wie in anderen britischen Kolonien, die Registrierung der Gewerkschaften und
die Beilegung industrieller Streitigkeiten vor. Weil sich
der Afrikaner jedoch eher als Angehoeriger eines Stammes
denn als regulaerer Lohnverdiener fuehlt, ist es in Industriebetrieben nur in wenigen Faellen zurspontanen gemeinsamen Aktion gekommen.
1949 waren, wie die nachstehende Tabelle zeigt, acht
Gewerkschaften eingetragen. Nur vier von ihnen werden vom
Arbeitsministerium als aktiv oder "leistungsfaehig" angesehen.
Datum der Eintragung

Name der Gewerkschaft

30. Sept. 1937

Gewerkschaftsbund
Ostafrikas
Ostafrikanische Gewerkschaft fuer asiatische Arbeiter
Druckergewerkschaft von
Kenia
Gewerkschaft asiatischer
Beamte in Kenia
Gewerkschaft asiatischer
Eisenbahner in Kenia
und Uganda
Transportarbeitergewerkschaft
Schneider- u. Bekleidungsarbeitergewerkschaft
Schuhmachergewerkschaft

5. April 1941
5. Sept. 1946
21. April 1947
21. April 1947
30. Juli

1946

10. Juli

1948

10. Dezember 1948

Angegebene
Mitgliederzahl
2,426
64
44 Afrikaner
204 Asiaten
1,350
1,608
2,564
569
351

Die Organisatoren der Gewerkschaften waren im allgemeinen Europaeer oder Asiaten. Der erste afrikanische Gewerkschaf tsfuehrer, der zum Studium nach Grossbritannien
geschickt wurde, war Meschack Okelo Ndisi, der Generalsekretaer der Transportarb3itergewerkschaft.
Die Gewerkschaftsbeauftragten der drei britischen Territorien in Ostafrika (Kenia, Tanganjika und Uganda) haben versucht, durch Anordnungen und Anleitungen der Regierung die
stabilen und verantwortungsbewussten Gewerkschaften zu foerdern, die beitragzahlende Mitglieder haben und aufrichtige
Funktionaere, die sich der Mitgliedschaft gegenueber verantwortlich fuehlen. Viele Organisationen, die aktiv waren und
sich Anhaenger unter den Afrikanern erworben haben, erfuellen
jedoch nicht diese Bedingungen. Beamte des Arbeitsministeriums Kenias und die Arbeitsberater im britischen Kolonialamt, die Ostafrika besucht haben, sind der Auffassung, dass
die kommunistischen Fuehrer die Eingeborenen durch einen
vergeblichen und kostspieligen politischen Streik irregefuehrt,
die Arbeit anerkannter Gewerkschaften behindert, die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestoert und die
- 3-

�Gewerkschaften vor der Oeffentlichkeit in Misskredit gebracht haben, Ein Ostindier namens Makhan Singh, von dem
bekannt ist, dass er mit dem kommunistischen Weltgewerkschaftsbund in Verbindung steht, war in Kenia aeusserst
aktiv und hatte bei der Organisation von Streiks und Demonstrationen afrikanischer Arbeiter in der Industrie, Regierungsbetrieben und den Plantagen in den Jahren von 1948 bis1
1950 ziemliche Erfolge.
Auf ihrer Konferenz im November 1949 wurden sich die
drei Arbeitsbeauftragten darueber einig, dass eine Gesetzgebung erforderlich ist, die Arbeitsunterbrechungen in wichtigen Industriezweigen regelt. Ferner muss eine gewerkschaftliche Organisation von ihren Mitgliedern regelmaessig
Beitraege einziehen, wenn sie als legale Gewerkschaft registriert werden soll. Ss muessen einfachere Organisationsformen angestrebt werden, als man sie bisher in den eingetragenen Gewerkschaften kennt. Diese Organisationen muessen
gesetzliche Bedingungen erfuellen und auf Ersuchen ihre
Konten und Geschaeftsbuecher ueberpruefen lassen. Es muss
moeglich sein, Gewerkschaften zu verbieten, die sich eines
Vergehens schuldig gemacht haben. Schliesslich muessen
Gewerkschaftsfunktionaere in ihrem Beruf oder in der Industrie als Arbeitnehmer beschaeftigt sein, also an Plaetzen,
fuer die die betreffende Gewerkschaft zustaendig ist. Die
Verordnungen ueber Gewerkschaften, die 1937 erlassen und
1943 erneut fuer gueltig erklaert wurden, sind gemaess diesen Beschluessen im November 1949 revidiert worden.
Die ürbeitsbeauftragten beguenstigen ausserdem die
Durchfuehrung von Tarifverhandlungen durch dreiseitige Mindestlohnausschuesse, die fuer bestimmte Industrien und
Berufe nach dem Vorbild der englischen Lohnausschuesse gebildet wurden. Seit einigen Jahren ist in Kenia eine Verordnung ueber I^indestloehne in Kraft, und verschiedene Ausschuesse haben Empfehlungen eingereicht, die fuer die Verordnungen ueber Mindestloehne als Grundlage dienten. Man
erwaegt zur Zeit eine Revision dieser Vorschriften, um den
Ausschuessen weitgehendere Befugnisse zu verleihen, wie zum
Beisoiel jene, die im englischen Gesetz fuer Lohnausschuesse
aus dem Jahre 1945 enthalten sind.
Radikale Elemente in Kenia haben die Bemuehungen der
Regierung, die Gewerkschaften zu unterstuetzen, so ausgelegt,
als wollte man sie zu Dienern der Europaeer, der Unternehmer und der Regierung erniedrigen. Sie kritisieren die Bemuehungen der Behoerden, gewerkschaftliche Organisationen
zu registrieren, hierbei handelt es sich vor allem um den
ostafrikanischen Gewerkschaftskongress, der unter der Fuehrung seines Sekretaers Makhan Singh und des Vorsitzenden
Frederick Kubai im Mai 1949 gegruendet worden war.
Das Arbeitsministerium ist bestrebt, in seinen Berichten zu zeigen, dass Arbeitergruppen, die die Gewerkschaftsbeauftragten des L'inisteriums zu Rate gezogen und mit seiner
Hilfe Beschwerdeverfahren gefuehrt haben, Verbesserungen erzielen konnten, und dass auf der anderen Seite Arbeiter,
die planlos gestreikt haben, ihren Streik und darueber hinaus ihren Arbeitsplatz verloren haben.
Notes on Labor Abroad
V/51
4 -

�DIE SPRACHE DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
"Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung benimmt sich
so, als waere sie noch eine schwache Minderheit. Man
koennte meinen, sie fuehle sich einer zuernenden Unternehmerklasse gegenueber politisch hilflos, als waere ihr
eigener Lebensstandard staendig neuen Angriffen ausgesetzt, und als waere ihre unmassgebliche Stimme die
Einzige, die das Interesse der Nation gegen die Profitgier von Sonderinteressen verteidigt."
Diese Worte stammen von Daniel Bell, dem füer Gewerksohaftsfragen verantwortlichen Redakteur des "Fortune Magazins". Bell
fuegt jedoch sofort hinzu, dass in dieser Darstellung offensichtlich etwas falsoh ist, denn auch zu anderer Zeit sind
sich Gewerkschaftsfuehrer darueber im klaren, dass sie in den
Vereinigten Staaten 15 Millionen Mitglieder haben. Die
"Union-shop"-Vereinbarungen sind in zahlreichen Industrien
zur Selbstverstaendlichkeit geworden. Fast jede groessere
Industrie ist 'gewerkschaftlich organisiert, die Lohn- und
Arbeitsbedingungen sind wesentlich verbessert worden. Tausende von Gewerkschaftern sind in den Aufsichtsraeten kommunaler Betreuungsorganisationen und aehnlicher Einrichtungen
taetig. Verglichen mit den dreissiger Jahren haben die
Streiks an Bedeutung verloren, die Kampfmethoden sind weniger hart geworden. Zahlreiche Gewerkschaftsfunktionaere sind
in Marshallplan-Missionen und als Sozialattaches in amerikanischen Botschaften im Ausland fuer Amerika taetig. Die Gewerkschaftsbewegung ist zu wirklicher Macht gekommen». Und
sie ist sich dieser Tatsache voll bewusst.
Bell bemerkt hierzu: "Die amerikanischen Gewerkschaftsfunktionaere bedienen sich nur selten oder ueberhaupt nicht
einer gegen das Kapital gerichteten Propaganda, wenn sie
europaeischen und asiatischen Arbeitern von Amerika erzaehlen.
Eine Aufgabe uebrigens, der sie sich mit grosser Energie und
grossem Geschick widmen. Mit grossem Stolz hat die Gewerkschaftsbewegung auf ihre eigene maechtige Stellung im amerikanischen Leben als einen Beweis fuer die Vitalitaet des demokratischen Systems hingewiesen. Durch die ECA und ihr technisches Uhterstuetzungsprogramm hat die amerikanische Arbeiterschaft den europaeischen Gewerkschaften gezeigt, wie durch
gesteigerte Produktiv!taet der Lebensstandard der Arbeiter
verbessert werden kann."
Bell zitierte Marx Lewis, einen Sekretaer der Hutmachergewerksohaft der AFL und einen frueheren Fuehrer der Sozialistischen Partei, der auf seinem Weg nach Europa zu einem
Gewerkschaftsdelegierten sagte:
"Amerika ist nicht mehr das kapitalistische Ungeheuer,
und Sie koennen mit gutem Gewissen vor Europaeern von uns
als der besten Hoffnung auf eine wirkliche industrielle Demokratie sprechen."
Radio Moskau hat versucht, aus einem offensichtlichen
Paradoxon Kapital zu schlagen. Er hat in haemischer Schadenfreude auf die Kritik hingewiesen, die von der Geschaeftswelt
oder der Regierung an der Gewerkschaftsbewegung geuebt wird,
waehrend zu gleicher Zeit die amerikanische Gewerkschaftsbewegung als Werkzeug der "Wall Street" bezeichnet wurde. Was
- 5 -

�die Kommunisten absichtlich uebersehen, ist das Wesen des
demokratischen Staatssystems. Sie sind so daran gewoehnt,
die Befehle ihres Diktators auszufuehren, dass sie es sich
nicht vorstellen koennen, dass die Arbeiterschaft voellig
frei Kritik ueben kann. Das Geben und Nehmen des Tarifverhandlungswesens und demokratischer Kompromisse sind ihrer
Gedankenwelt voellig fremd. Amerikanische Arbeiter betaetigen sich im Rahmen einer demokratischen Staatsordnung aktiv und unabhaengig - einer Staatsordnung, die nicht nur
die Rechte der Mehrheit garantiert, sondern auch der Minderheit die Freiheit laesst, danach zu streben, eine Mehrheit
zu werden.
Trotzdem ist es eine Tatsache, dass amerikanische Gewerkschafter weit mehr Kritik ueben, wenn sie in ihrem eigenen
Lande sprechen, als wenn sie zu Auslaendern im Ausland sprechen. Und warum dieser Unterschied? Bell zitiert einen
Gewerkschaftsfunktionaer, der die folgende treffende Beobachtung machte:
"Zu seiner Frau spricht man in einer bestimmten Weise,
aber von ihr spricht man in einer anderen."
Dies ist natuerlich nicht die einzige Erklaerung fuer
dieses Paradoxon. Bell nennt noch eine Reihe anderer Gruende. Er erinnerte uns daran, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung eine langjaehrige Tradition hat. Fuer Samuel Gompers, den Gruender der AFL, waren die Ziele der Gewerkschaften auf hoehere Loehne, kuerzere Arbeitszeit und bessere
Arbeitsbedingungen beschraenkt und umfassten weniger das sozialistische Ziel, eine gerneinnuetzige Organisation zu sein.
Gompers' Ziel ist mit dem einen V/ort "Mehr" zusammenzufassen.
"Aber," sagt Bell, "wenn man Macht teilen will, dann muss
man notgedrungen auch die Art und Weise aendern, in der sie
ausgeuebt wird. Diese Dynamik, die noch immer innerhalb der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegungen blueht, bedeutet fuer
die Unternehmer eine ununterbrochene Herausforderung und ist
zum grossen Teil fuer den Verdacht verantwortlich, Gewerkschaften seien eine radikale Macht. Die einfache GompersPhilosophie des "Mehr", das von den Unternehmern gefordert
wird, hat bei der Schaffung des amerikanischen Lebensstandards eine wesentliche Rolle gespielt."
Bell stellt ausserdem fest, dass die Satzungen der AFL
und vieler alter Gewerkschaften marxistische Forderungen enthalten, die bereits 1886 aufgenommen und inzwischen niemals
abgeaendert wurden.
In den Tagen, in denen die Gewerkschaften durch Werbeaktionen staendig groesser wurden, kam es zu schweren Kaempfen
zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmern. Bell bemerkt dazu: "Gewalt hinterlaesst im Gedaechtnis der Menschen
Spuren, die durch die Zeit niemals ganz ausgeloescht werden.
Viele Frauen der Gewerkschaftsfuehrer, wie zum Beisniel May
Reuther, erinnern sich noch sehr gut daran, wie ihre Maenner
blutueberstroemt und geschlagen von der Streikpostenkette zurueckkamen." Oder "Die Sprache des V.erbestreiks ist agitatorisch. Die Gemueter der Menschen muessen erregt, Beschwerden und Unzufriedenheit uebertrieben und die Betriebsleiter
und Unternehmer als leibhaftige Teufel hinbestellt werden."
Ein anderer Aspekt dieses Problems ist Bell zufolge der
Wunsch nach Schlagzeilen in der Presse. So berichtete zum
- 6 -

�Beispiel ein Redakteur des CIO: "Als der Rechtsberater des
CIO Arthur Goldberg eine Pressekonferenz gab und eine berechtigte Erklaerung abgab, in der er ein breitgetretenes
Geruecht ueber die Stellungnahme der Gewerkschaft zu Lohnstreitigkeitsproblemen dementierte, wurde seine Erklaerung
von der Presse ignoriert. Als Jim Carey in der folgenden
Woche ein Gutachten ueber das Gesetz fuer Verteidigungsproduktion abgab, wurde die Sache im ganzen Lande populaer,
und das Lohn- und Preisproblem wurde dramatisiert.
Noch eine andere ungeloeste Frage in diesem politischen
Bilderraetsel ist die Tendenz der Gewerkschaften, irgendeine Erklaerung der Nationalen Arbeitgebervereinigung als
den Standpunkt des gesamten Kapitals auszulegen. Gleichzeitig bezeichnen die Sprecher der Unternehmerschaft die Gewerkschaftsbewegung als eine Einheit und erwaehnen dabei nicht
die verschiedenen Meinungsrichtungen der Gewerkschaften. AI
Heyes, der Vorsitzende der Mechanikergewerkschaft bemerkte
hierzu:
"In Verhandlungen und in Ausschuessen der Regierung kommen wir mit den Unternehmern gut ueberein. Der Bestand des
TarifVerhandlungswesens ist gesichert, und man ist sich ueber
die Notwendigkeit einig, einen hohen Lebensstandard beizubehalten. Wenn jedoch manchmal Gewerkschaften und Unternehmer
als Einzelorganisationen aufeinanderstossen, 'wie zum Beispiel
die Mechanikergewerkschaft und die Handelskammer, oder der
CIO und die AFL, dann aendert sich das Bild voellig."
Wenn der Ton auch verschieden ist, in dem die Verhandlungen gefuehrt werden, so sind sich doch Gewerkschaften und
Unternehmer dessen bewusst, dass sie voneinander abhaengig
sind. Und wenn sie sich gegenseitig kritisieren, dann heisst
das nicht, dass sie unversoehnliche Feinde sind. Sie sind
Verhandlungspartner in dem staendigen Geben und Nehmen von
Ideen und Einfluessen, die Wesensmerkmale der demokratischen
Lebensweise sind. Waehrend Gewerkschaften und Unternehmer
energisch das verteidigen, was sie als ihre legitimen Rechte
ansehen, dann sind sie sich doch in der Erkenntnis einig, dass
alles getan werden muss, um die Freiheit in der Welt zu erhalten.
Program Services Section
IX/21/51
DIE KLEINEN NATIONEN AUF DER FRIEDENSKONFERENZ IN SAN FRANZISKO
Ein bemerkenswertes Merkmal der Verhandlungen ueber den
japanischen Friedensvertrag war die entschlossene und einheitliche Haltung der kleinen Nationen gegenueber den Versuchen des Sowjetblocks, den Friedensvertrag zu torpedieren.
Ein Ueberblick ueber die Verhandlungen in San Franzisko
zeigt, dass unter den kleinen Maechten nicht nur bei der Abstimmung ueber den Vertrag, sondern auch in ihren Reden voellige
Einigkeit herrschte. Sie gaben klar zu erkennen, dass Russlands Maoht, mit der es die kleinen Nationen unter Druck
setzen wollte, endgueltig geringer geworden ist. Die kleinen
Nationen erklaerten sich fuer die Ziele des Friedensvertrags,
billigten den darin enthaltenen Geist der Versoehnyng, der
Grosszuegigkeit und des Realismus und brachten ihr Vertrauen
- 7

�den Vereinigten Stauten gegenueber zum Ausdruck, die an dem
Abschluss des Friedensvertrages fuehrend beteiligt waren.
Der Vorwurf des Sowjetblocks, der Friedensvertrag sei ein
Ergebnis amerikanischer "Diktatur", wurde von Carl Berendsen
aus Neu-Seeland prompt zurueckgewiesen. Er erklaerte:
"Wir bekennen uns zu dem wohlwollenden Vertrag, den wir unterzeichnet haben, und lassen uns durch die Vorwuerfe der
sowjetischen GrupDe nicht irremachen. Anspielungen auf die
sogenannte "Diktatur" der Vereinigten Staaten lassen uns
unberuehrt. Wir im suedlichen Pazifik sind der Gefahr einer
Diktatur gegenueber besonders empfindlich. Wir kennen Jedoch
die Vereinigten Staaten und haben in diesem Zusammenhang keinerlei Befuerchtungen. Aber wir kennen auch andere, und
es ist die Gefahr der Diktatur dieser anderen, die uns beunruhigt.
Er liess keine Zweifel darueber, dass er damit den kommunistischen Expansionismus im Pazifik meinte. Die sowjetische Delegation unter der Fuehrung Andrej A. Gromykos und
die Delegationen der beiden Satellitenstaaten sind naoh der
Auffassung Berendsens zu dieser Konferenz erschienen, nicht
um Japan zu unterstuetzen oder sich fuer den Frieden einzusetzen, sondern um Unruhe zu stiften.
Der Neu-Seelaender wies darauf hin, dass die Sowjetunion
bereits frueher Gelegenheit hatte, ihre Einwaende geltend zu
machen, dass sie von dieser Koeglichkeit jedoch keinen Gebrauch gemacht hat. Er forderte Russland ausserdem auf, Aufklaerung ueber das Schicksal Hunderttausender japanischer
Kriegsgefangener in Sibirien zu geben. Er schloss seine Rede
mit dem ueberzeugenden Argument: "üinem Land, des durch den
Raub der Mandschurei und die Besetzung der Kurilen soviel
profitiert hat, steht es schlecht an, wenn es die ehrlichen,
aufrichtigen und bescheidenen Versuche der Vereinigten Staaten und anderer Kationen kritisiert, die die schwierigen Probleme loesen moechten, vor die uns ein Friedensvertrag mit
Japan stellt."
Mit geschickter Ironie nahm Percy C. Spender, der Delegierte Australiens, zu einer von der Gruppe Gromykos vorgeschlagenen Abaenderung des Vertragstextes Stellung. Diese
Gruppe hatte gefordert, Japan die Presse-, Religions-, Meinungs- und oeffentliche Versammlungsfreiheit zu gewaehren,
"jedoch nicht jene Freiheit," so sagte Spender, "die Russland
seinem eigenen Volk oder den Voelkern jener Kationen einraeumt,
die seiner unerbittlichen Macht unterworfen sind."
Diese Freiheiten seien in der Praeambel zum Friedensvertrag verankert, doch die kommunistischen Delegierten kuemraerten sich wenig hierum, "weil es ja nicht ihre Aufgabe sei,
an diesem Ort die Wahrheit zu sprechen oder festzustellen, sondern lediglich irrezufuehren."
Im Gegensatz zu den verhaeltnismaessig grosszuegigen Bestimmungen des Vertrages schlug die sowjetische Delegation
strenge Restriktionen gegen Japan vor, was ihr eine scharfe
Antwort des Delegierten aus Ceylon J. H. Jayewardene einbrachte. Er sagte ganz offen, dass derartige Restriktionen,
besonders auf dem Gebiet der Verteidigung, den Friedensvertrag
nicht nur fuer die auf der Konferenz vertretenen Staaten, sondern auch fuer andere, besonders fuer Indien, unakzeptierbar
machen wuerden.
- 8 -

�"Der Grundgedanke, von dem die Voelker Asiens beseelt sind,
ist, dass Japan frei sein muss," fuhr er fort. "Ich fordere,
dass dieser Gedanke ohne Einschraenkung. im Friedensvertrag
verankert wird."
Der Delegierte aus Ceylon erklaerte sein Einverstaendnis
damit, dass kleinen Nationen das Recht gegeben wird, an der
Ausarbeitung des Friedensvertrages mitzuwirken, was unmoeglich
gewesen waere, wenn man den Vorschlag der Sowjetunion befolgt
und den Entwurf des Vertrags den vier Grossmaechten China,
Grossbritannien, Russland und den Vereinigten Staaten ueberlassen haette. Auch Dr. Charles Malik, der Delegierte des Libanon, unterstrich die Bedeutung der Tatsache, dass kleine
Nationen an der Ausarbeitung des Friedensvertrages teilnehmen
durften. "Mein Land ist eines der kleinsten, die hier vertreten sind, und unsere Verteidigungsbemuehunge/i- sind im Vergleich zu denen der Grossmaechte und selbst der Laender mitt**
lerer Groesse praktisch unbedeutend. Wenn wir der Einladung
der Vereinigten Staaten gefolgt und heute hier vertreten sind,
so wollen wir damit lediglich die moralische Solidaritaet der
Menschheit bekunden, die in diesem Zeitalter der Vereinten
Nationen international anerkannt wird. Solange der Kleine
die Gewissheit hat und in dieser Gewissheit bestaerkt wird,
dass er trotz seiner materiellen Unbedeutenheit mit dazu gehoert, besteht eine Hoffnung auf Frieden in der Welt. Denn
nichts ist mehr dazu angetan, jenes Gefuehl der Ungerechtigkeit zu naehren, das frueher oder spaeter zu Krieg und Empoerung fuehren wird, als das Gefuehl, willkuerlich aus einer
Gemeinschaft ausgestossen zu sein. Gleichgueltig, was auch
die Materialisten denken moegen: Nichts ist willkuerlicher
und ruecksichtsloser, als Menschen und Nationen nach dem Umfang ihrer Macht und ihrer materiellen Liittel zu beurteilen."
Die Tapferkeit, mit der die kleinen Nationen hier ihren
Standpunkt vertreten haben, gewinnt besonders angesichts der
Tatsache an Bedeutung, dass der drohende Schatten des Kommunismus ueber einigen dieser Laender schwebt.
Kronprinz Savang aus dem Koenigreich Laos lenkte die Aufmerksamkeit der Zuhoerer auf die Lage seines Landes, das an
das kommunistische China grenzt. "Trotz Krieg und Leiden ist
dieses Land frei und demokratisch geblieben, und aufgrund seiner geographischen Lage steht Laos noch immer im Schatten der
Kriegsgefaehr. Aus diesem Grund wuenscht es, dass der Kriegszustand mit Japan beendet werden moege. Die Delegation aus
Laos ist gewiss, dass der Abschluss eines Friedensvertrages
in San Franzisko sehr viel Gutes bewirken wird, indem er in
die Kerzen der Menschen wieder freundschaftliche Gefuehle säet."
Die Erklaerungen und Stimmen der kleinen Nationen waren
keine automatischen von vornherein feststehende Billigungen
des Friedensvertrages, denn die meisten von ihnen brachten
zahlreiche ernsthafte Bedenken zum Ausdruck. Trotzdem waren
sie bereit, diese Unstimmigkeiten zu ueberwinden, die im Grunde
genommen nicht ernstlicher Natur waren und die Hauptziele der
Konferenzen nicht bedrohten.
Der Delegierte aus Pakistan M. Zafrulh Khan sagte,dass sein
Land es gern gesehen haette, dass China an der Konferenz teilnehmen wuerde, er bedaure auch die Abwesenheit Indiens und
Burmas. Es sei jedoch eine Genugtuung festzustellen, dass
die asiatischen Laender auf dieser Konferenz vertreten sind
una mehr als ein Viertel aller in San Franzisko versammelten
Nationen ausmachten.
- 9 -

�Viele von ihnen haetten durch Japan grosse Verluste an
Menschenleben und Eigentum erlitten. Sie begruessten jedoch
die Freizuegigkeit des Vertrages, der einen gerechten Frieden ermoegliche. Uebermaessige Restriktionen gegen Japan
wuerden auch ihren eigenen Zwecken nicht dienlich sein. Waehrend der Sowjetblock behauptete, der Friedensvertrag sei ein
Schritt zu einem neuen Krieg im Pazifik, erklaerte der Delegierte aus Pakistan: "Wir sind uns darueber einig, dass es
ein guter Friedensvertrag ist, obwohl er einige Maengel hat.
Er birgt nach unserer Auffassung nicht die Saat eines neuen
Krieges in sich. Er hat wirklich den Zweck, den Frieden wieder herzustellen. Es ist der Beginn eines neuen Abschnitts
in den Beziehungen zwischen Ost und West, wie sie in den
letzten Jahrhunderten bestanden haben, und wir begruessen
ihn als den Vorboten einer gluecklichen Zukunft."
Paul Van Zeeland aus Belgien als Delegierter einer anderen kleinen Nation sprach sich anerkennend ueber den aufrichtigen Friedensgeist aus, der in dem Vertrag enthalten ist.
"Wir beglueckwuenschen die grossen Gedanken, die ihn inspirierten. Wir sehen in ihm die Sprache des Friedens, und wir
bringen die Hoffnung zum Ausdruck, dass andere internationale
Massnahmen in dem gleichen Geist der Grosszuegigkeit vollzogen werden, der zugleich Zeugnis ablegt des Realismus und des
Mutes, und der der gesamten Welt einen dauerhaften und gerechten Frieden sichert."
Premierminister Shigeru Yoshida versprach im Namen Japans, dass sein Land mit allen Kraeften dazu beitragen werde,
"die folgenden Generationen vor der Geissei des Krieges zu
bewahren. Wir haben hier Delegierten zugehoert, die uns an
die schrecklichen Leiden und die grossen materiellen Zerstoerungen des letzten Krieges im Pazifik erinnert haben. Mit
dem Gefuehl des Bedauerns erinnern wir uns an die Rolle, die
das alte Japan in diesem katastrophalen menschlichen Ereignis gespielt hat. Ich spreche bewusst von dem alten Japan,
weil aus der Asche des alten Japan ein neues Land entstanden
ist."
"Durch die Leiden und die Zerstoerungen, die der Krieg
ueber Japan selbst gebracht hat, ist unser Volk von jeglichem
Wunsch oder dem Streben nach militaerischen Eroberungen befreit worden."
"Mein Volk hat nun den heissen Wunsch, mit seinen Nachbarn im Fernen Osten und mit der ganzen Welt in Frieden zu
leben und seinen Staat so aufzubauen, dass er allen Buergern
ein besseres Leben ermoeglichen kann." Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich Japan bald den Vereinten Nationen
anschliessen duerfte und schloss mit folgenden Worten: "Wir
wollen unseren Platz unter den Nationen wieder einnehmen, die
sich dem Frieden, der Freiheit, dem Fortschritt und der Gerechtigkeit verschrieben haben, und wir versprechen, dass Jaoan
im Streben nach diesen Zielen seinen vollen Beitrag leisten
wird."
ECA Labor Information
IX/13/51

- 10 -

�DAS WELTFRISDENSPROGRAI"- DES CIO
Manchmal veroeffentlichen Gewerkschaften Beitraege in
der Presse, um waehrend einer Arbeitsstreitigkeit ihren
Standpunkt der Oeffentliohkeit mitzuteilen. Kuerzlich jedoch erschien in der "New York Times" eine volle Seite unter dem Titel "Fuer den Weltfrieden", der von dem CIO-Kongress des Staates New York abgefasst war. Es handelte sich
um eine Resolution, die einstimmig von den Delegierten angenommen war, die eine Million Gewerkschaftsmitglieder in diesem Staate vertreten. Man fragt sich, warum der CIO einen so
ungewoehnlichen Schritt unternommen hat und diesen Beitrag
veroeffentlichte.
Hier ist die Antwort: Der CIO-Kongress des Staates New
xork hat sich dieser Methode bedient, um vor allen Diplomaten, die zur Ratifizierung des japanischen Friedensvertrages
in San FranZisko versammelt sind, zu demonstrieren, dass die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung rueckhaltlos fuer die
Grundsaetze einsteht, die die amerikanische Regierung zum
Ausdruck gebracht hat und deren Grundgedanke ist, dass unsere
'.Veit von der Angst vor einem neuen Krieg befreit werden muss.
Diese Grundsaetze heissen die Unterstuetzung und Verteidigung
der Demokratie auf der ganzen Welt und die Herstellung des
Friedens und des guten Willens zwischen allen Nationen gut.
Nur autokratische Regierungen, die niemals vor den Rachegefuehlen und etwaigen Erhebungen ihrer Voelker sicher sind,
suchen nach Krieg und Aggression, um damit ihre Machtstellung zu sichern. Amerikas Liebe zur Demokratie und zum Frieden stuetzt sich auf ein gesundes Nationalgefuehl und auf
seine Erfahrungen in der Geschichte.
Zur Verwirklichung dieser Grundsaetze muss so schnell
wie meeglich der Demokratie auf der ganzen Welt Kampfstaerke verliehen werden; fest und unnachgiebig muss jeder Aggression und jedem Uebergriff des kommunistischen Imperialismus
entgegengetreten werden. Ein umfassendes Unterstuetzungsprogramm ist einzuleiten., um allen befreundeten Nationen bei
ihren Bemuehungen zu helfen, ihre wirtschaftliche Stellung
zu staerken und den Lebensstandard ihrer Buerger zu verbessern. Der CIO weist daraufhin, dass die kommunistische
Diktatur in Russland allein fuer die heutigen Kriegsgefahren
verantwortlich ist, und wirft Stalin vor, die Ziele und Methoden Hitlers uebernommen zu haben.
Zu diesen Methoden gehoeren internationale Intrigen,
fuenfte Kolonnen, wirtschaftlicher Zwang, Furcht, heimtueckische Aggression, und wenn alle diese Methoden nichts helfen,
offener Krieg, der entweder direkt gefuehrt, oder den Satellitenstaaten befohlen wird. Massnahmen des Kreml, die sich
gegen Frieden und Demokratie richten, druecken sich in der
Verhinderung jedes wirksamen internationalen Planes zur Atomkontrolle aus, in der Blockade Berlins, in der getarnten
Einmischung im Iran, im Guerillakrieg in Griechenland, in
der Unterjochung der Tschechoslowakei und anderer Nachbarstaaten unter die kommunistische Tyrannei, in dem Kampf auf
den Philippinen und in dem verbrecherischen und blutigen
Angriff gegen die Republik Korea, der von der Regierung Stalins inszeniert und unterstuetzt wird, und den nordkoreanische und chinesische Armeen durchfuehren.
- 11 -

�Der CIO spricht den Vereinten Nationen fuer ihren Widerstand gegen die kommunistische Aggression seine Anerkennung
aus und erklaert, die Sowjetunion wiederhole die gleichen
zersetzenden Methoden heute in San Franzisko, wo sie mit allen Mitteln versuchte, eine konstruktive Loesung des japanischen Problems zu verhindern.
Der heutige Konflikt ist nach der Auffassung des CIO
ein Kampf zwischen der freien Arbeiterschaft und dem Zwangsarbeitersystem. Die freie Arbeiterschaft ist der Auffassung,
dass die Angriffsplaene der sowjetischen Diktatur den Untergang der freien Gewerkschaftsbewegung auf der ganzen Welt
bedeuten wuerden, wenn man ihnen nicht Einhalt gebieten koennte. Es wird auf die grosse Kluft zwischen den sowjetischen
Machthabern und dem sowjetischen Volk mit den folgenden
Worten hingewiesen: Die russischen Menschen sind ebenso
die Opfer der kommunistisch imperialistischen Ambitionen
wie die Voelker der anderen Welt. Deshalb duerfen keine
Bemuehungen gescheut werden, um das russische Volk zu ermutigen, Massnahmen zu ergreifen, die dieses Land fuer immer
auf die Seite des Friedens, der gegenseitigen Achtung und
der internationalen Zusammenarbeit bringen koennten.
Der CIO laesst sich auch nicht durch das Friedensgeschrei oder die Vorschlaege des"friedlichen Nebeneinander
von Kommunismus und Demokratie" irrefuehren, das zur Zeit
das Schlagwort der Stalinisten ist. Er ist davon ueberzeugt,
dass die Machthaber im Kreml nur Eines fuerchten: das aber
ist nicht die Unzufriedenheit des Volkes, nicht das Elend,
das sie verursachen, nicht die Menschenleben, die sie zerstoeren, sondern sie fuerchten einzig und allein bewaffnete
Staerke, und deshalb sind die freien Nationen der Welt endgueltig gezwungen worden, Russland zu zeigen, dass sie entschlossen sind, einem jeglichen weiteren Angriff mit aller
Macht entgegenzutreten. Auch eine ploetzliche Aenderung der
Politik des Kreml darf die freie Welt nicht veranlassen, die
Kampflinie zu verlassen, die sie gegen die Aggression bezogen hat. Es wird Russlands Strategie bleiben, von Frieden
zu sprechen und dadurch zu versuchen, die Demokratien davon
abzubringen, bewaffnet und fuer den Ernstfall bereit zu bleiben. Die russischen Machthaber, die ueber genuegend Zwangsarbeitslager verfuegen, die fuer jene aus dem eigenen Volk
bestimmt sind, die ihre Unzufriedenheit und ihren Unwillen
offen zur Schau tragen, koennen ruhig dieses Spiel des "friedlichen Nebeneinander von Kommunismus und Demokratie" solange
weiterspielen, wie sie es wuenschen; sie koennen aber auch
ploetzlich und unvorhergesehen ihr Gesicht veraendern. Bewaffnete Staerke genuegt jedoch nicht, sagt der CIO; dadurch
wird die sowjetische Aggression nur aufgehalten aber nicht
im Keime erstickt. Die kommunistische Waffe der gewaltsamen
Erpressung»der Aggression und schliesslich der offenen Kriegsfuehrung kann aus dem kommunistisch imperialistischen Arsenal
nur dann entfernt werden, wenn die Sowjetunion mit ihren unterjochten Staaten und Voelkern von einer Welt umringt ist, die
wirtschaftlich gesichert und fortschrittlich ist und unter
demokratischen Regierungen lebt. Dies ist die einzige Moeglichkeit, Russland aufzuhalten. Es ist die Aufgabe der Vereinten Nationen, des Marshall-Flans und des Punkt-Vier-Programms, die Verteidigungsbemuehungen durch ein umfassendes
Programm der sozialen und politischen Aufrichtung zu ergaenzen.
Die Verteidigung muss mit wirtschaftlicher Sicherheit und po- 12 -

�litischer Freiheit gekoppelt sein. Die Gewerkschaftsbewegung
stellt sich mit aller Energie und Entschlossenheit dieser
Aufgabe zur Verfuegung.
Program Services Section
IX/7/51
DIE GESCHICHTE EINES HOLLAENDISCHEN ARBEITERS
Noch vor sechs Jahren, im letzten "Hungerwinter" Kollands unter deutscher Besatzung, lebte Gerard van Leeuwen,
ein hollaendischer Schlosser, von Kartoffelschalen und Tulpenknollen.
Die Fabrik, in der van Leeuwen jetzt arbeitet, ist waehrend des Fliegerangriffs der deutschen Luftwaffe auf Rotterdam im Jahre 1940 durch Brandbomben voellig niedergebrannt
worden. Inzwischen ist von den alten Unternehmern eine neue
Fabrik gebaut worden, die den Namen "de Hoop" fuehrt und
elektrische Geraete fuer die Marine herstellt. Die Lebensbedingungen sind dank der grossen Anstrengungen, die fuer
die wirtschaftliche Wiederaufrüstung Hollands beispielhaft
sinü, fuer van Leeuwen heute weit besser. Obwohl uober die
Haelfte aller hollaendischen Schiffe waehrend des 2. Weltkrieges verlorenging, ist die Kandelstonnage dieses Landes heute
wieder proesser als vor dem Krieg. Dieser Umstand ist den
Bemuehungen der hollaendischen Industrie und der hollaendischen Arbeiter zu verdanken, fuer die wir in der Firma de
Hoop und dem Schlosser Gerard van Leeuwen ein bezeichnendes
Beispiel sehen. Sie haben mitgeholfen, der hollaendischen
Schiffahrt wieder einen bedeutenden Platz unter den Nationen
der Welt zu sichern.
Die Firma de Hoop besteht seit 1892. Sie stellt heute
zahlreiche komplizierte elektrische Anlagen fuer moderne
Schiffe her. Die neue Fabrik steht nahe an der Kueste im
wiederaufgebauten Rotterdam, an der Kuendung des Rheins, die
das Ausfahrtstor des noerdlichen und mittleren Europas und
den groessten Hafen der Welt bildet.
Kurz vor dem Krieg hatte die Firma de Hoop genuegend
Geldmittel gespart, um ihre Fabrik neu einzurichten. Zum erstenmal seit vielen Jahren sollte sie die Koeglichkeit haben,
einen Betrieb nach Masstaeben der modernen Technik und der
Eeistungsfaehigkeit aufzubauen. Bevor jedoch der Umzug in
das neue Gebaeude stattfinden konnte, wurde das Zentrum von
Rotterdam und mit ihm das moderne Fabrikgebaeude waehrend
des grossen Luftangriffs am 14. Kai 1940 zerstoert, der eine
Vergeltungsmassnahme der deutschen Luftwaffe fuer diehartnaeckige Verteidigung der Hollaender war.
Gerard van Leeuwen, der 1940 Geschaeftsreisender war,
tauchte waehrend des Krieges unter und konnte mit vielen
seiner Landsleute nur mit Muehe und Not die Hungerwinter in
Holland ueberleben. Nach der Befreiung, seiner Heimat musste
er zwei Jahre lang in der hollaendischen Armee dienen. Kach
seiner Entlassung fasste er den Entschluss, seine Arbeit zukuenftig in den Dienst seines Landes zu stellen. Holland,
dessen Wirtschaft schwer erschuettert, dessen strebsame Bevoelkerung jedoch guten Mutes war, begann ein Industrialisie- 13 -

�rungsprogramm fuer das ganze Land. In der Industrie sah Holland die einzige Moeglichkeit, sich wieder aufzurichten, und
hierzu brauchte es Tausende von Arbeitern. Van Leeuwen besuchte kostenlos eine Schule der Regierung, um sich als
Schlosser ausbilden zu lassen. Nach erfolgreicher Beendigung
der Ausbildung arbeitete er kurze Zeit fuer ein anderes Unternehmen und kan dann vor drei Jahren zur Firma de Hoop. In
diesen Werken sind von 1050 Arbeitnehmern etwa 800 Arbeiter
direkt in den Produktionsprozess eingeschaltet. Gerard arbeitet an einer mit Marshallplanmitteln gekauften Drehbank und
an einer Presse, er stellt hier Schalter, elektrische Motorenanlasser, Sicherungen, PruefLampen und andere elektrotechnische
Geraete her. Seine r.'erkbank steht in einer geraeumigen, gut
eingerichteten Werkstatt, wo sich die einzelnen Produktionsverfahren nebeneinander vollziehen. Es gibt kein Fliessband,
weil zu viel verschiedene Arten von Erzeugnissen meist in kleineren Mengen oder nach Auftraegen hergestellt werden - eine
Tatsache, die, um die V/orte der Betriebsleitung zu gebrauchen,
die "Staerke und die Schwaeche" des Unternehmens ist. Durch
guenstige Geschaeftsabschluesse ist die Firma jedoch in der
Lage, mit dem Bau einer neuen Fabrik zu beginnen, wo bestimmte genormte Erzeugnisse im Fllessbandverfahren hergestellt
werden sollen.
Gerard arbeitet woechontlich 48 Stunden. Er hat 15 Minuten Fruehstueckspause und eine halbe Stunde Mittagszeit.
Nach Gerards Auffassung sind die Arbeitsbedingungen gut, und
auch nach amerikanischen Begriffen koennen sie als gut bezeichnet werden, obwohl es in den grossen Maschinenhallen an
strengen Wintertagen ziemlich kalt ist. Auch die Unfallverhuetung steht auf ziemlich hohem Niveau. Es gab hier noch
keinen Streik.
Fuer seine 48-stuendige Arbeitswoche erhaelt Gerard nach
deutschem Geld DM 61.-. Sein Nettolohn betraegt etwa DM
58.-. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen einen gleichen Beitrag fuer den Pensionsfonds, auf dessen Unterstuetzungen Gerard mit 65 Jahren Anspruch hat. Die hoechste Pension betraegt
60% des letzten Lohnes. Von dem Lohn werden ausserdem Beitraege fuer die Krankenversicherung abgezogen. Auch hier bezahlt der Arbeitgeber den gleichen Anteil. Wenn ein Arbeiter
krank wird, erhaelt er 52 .Vochen lang 90% seines Lohnes. Er
hat Anspruch auf kostenlose aerztliche, fachaerztliche und
Krankenhausbehandlung. Die Unternehmer zahlen an die Regierung, ausserdem 15fr aller Arbeitsloehne, die verschiedenen
Fonds zufHessen, aus denen zusaetzliche Altersrenten, Unfallunterstuetzungen und Kinderbeihilfen gezahlt werden. Gerard
erhaelt mit drei Kindern vierteljaehrlich eine Kinderbeihilfe
von etwa DM 150.-.
Als Gerard in den Betrieb dettoopeintrat, schloss er
sich der Gewerkschaft an. Es gibt in Holland nicht das System
des "Union Shop" wie in Amerika, wo jeder Beschaeftigte Mitglied der Gewerkschaft sein muss. Aber Gerard wusste, dass
die Arbeiter Vertreter haben muessen, die fuer sie eintreten.
Er hatte die iVahl zwischen der sozialistischen, katholischen
und protestantischen inetallarbeitergewerkschaft. Er entsc; loss
sich fuer die sozialistische ANMB, die dem hollaendischen Gewerkschaftsbund N W , der groessten und fortschrittlichsten
uewerkschaftsOrganisation, angeschlossen ist.
- 14 -

�Die ANMB ist mit 71.000 Hitgliedern die groesste Einzelgewerkschaft des Landes. 10.000 hiervon sind Metallarbeiter
in Rotterdam. Diese Gewerkschaft ist in dem Unternehmen de
Hoop seit 1900 vertreten, und 75#&gt; der gewerkschaftlich organisierten Belegschaftsmitglieder linsgesamt 325) gehoeren dieser
Organisation an. Durch Funktionaere erhaelt sie die Verbindung zu ihren Mitgliedern aufrecht. Auf 25 organisierte Arbeiter in jedem Betrieb kommt ein Gewerkschaftsvertreter. Es
gibt keine regelmaessigen Versammlungen der. Gewerkschaftsmitglieder. Die AMNB verteilt alle 14 Tage ein Mitteilungsblatt
an ihre Mitglieder. Im Winter finden vier bis sechs Filmabende statt, zu diesem Zweck werden von der Gewerkschaft Vorfuehrungsraeume gemietet. Bei besonderen Anlaessen, wie z.B. den
Massenkundgebungen des N W zur Unterstuetzung des Beschlusses
des Sicherheitsrates in Bezu? auf Korea, werden die Arbeiter
durch Rundschreiben von ihrer Gewerkschaft informiert.
Wie bei fast allen Gewerkschaften steht die Lohnfrage
im Vordergrund. Die Loehne unterliegen in Kolland jedoch
der Lohnkontrolle. Vor allem auf den Druck der Gewerkschaften
hin hat die Regierung innerhalb von 15 Monaten dreimal eine
Lohnerhoehung von fuenf Prozent angeordnet. Die hollaendischen Gewerkschaften haben sich damit einverstanden erklaert,
diese Hoechstgrenze von 5% anzuerkennen, obwohl die Lebenshaltungskosten vor der letzten Lohnerhoehung um 10% gestiegen
waren. Dieses Einverstaendnis mit einer Kuerzung des Lebensstandards war ein Beitrag der Gewerkschaftsbewegung in dem
Kampf gegen die Inflation.
Das zweitwichtigste Problem der Gewerkschaften ist augenblicklich der Mangel an Grundstoffen, der, wenn die Verhaeltnisse noch kritischer werden, fuer viele Leute der Verlust ihrer Beschaeftigung zu werden droht. ~Rohstoffe, die
Holland nur in begrenztem Umfang zur Verfuegung stehen und
dann sehr teuer sind, sind fuer dieses Land nicht nur wertvoll, sondern geradezu lebenswichtig. Holland muss 91$ aller
Rohstoffe, die in der hollaendischen Industrie verarbeitet
werden, importieren. Der zu geringe Unterschied zwischen den
Loehnen der Facharbeiter und der ungelernten Arbeiter ist
ein weiteres grosses Problem fuer die hollaendische Industrie.
Die hollaendischen Gewerkschaften koennen auf wesentliche
Erfolge fuer ihre Mitglieder hinweisen, die sie in jahrelanger
Taetigkeit erringen konnten. Bevor sich die Gewerkschaften
mit der Urlaubsfrage beschaeftigten, erhielten die Arbeiter
jaehrlich sechs Tage Urlaub. Nach und nach wurde das Minimum
auf 12 Tage hochgeschraubt. In der Firma de Hoop koennen
sechs Tage Urlaub hintereinander genommen werden. Die uebrigen sechs Tage werden nur einzeln gewaehrt. Die Ortsgewerkschaft der ANMB in Rotterdam, der auch Gerard angehoert, versucht nun, die Arbeiter fuer die Forderung zu gewinnen, den
14-taegigen Urlaub ununterbrochen nehmen zu koennen. Das
Jahr 1946 war hinsichtlich der gewerkschaftlichen Erfolge in
der Firma de Hoop von besonderer Bedeutung. Es konnte vereinbart werden, dass alle Arbeiter fuer eine Woche nicht beanspruchten Urlaubs zwei Wochenloehne ausbezahlt bekommen. A'enn
die Frau eines Arbeiters stirbt, erhaelt er vier Tage bezahlten Urlaubs. Frueher dagegen standen ihm in einem solchen
Fall nur zwei Tage zu. Wenn ein Arbeiter heiratet, bekommt
er zwei Tage Urlaub, wogegen er frueher keinen Heiratsurlaub
erhielt. Jedes Mitglied der ANMB, das 25 Jahre lang in einem
Betrieb beschaeftigt ist, erhaelt jaehrlich zwei zusaetzliche
- 15 -

�Urlaubatage und bei 40 Jahren Dienstzeit sechs zusaetzliche Urlaubs tage. Ausserdem wurde ein System der Gewinnbeteiligung
eingefuehrt, was man in Holland nur selten vorfindet. Wenn
das Unternehmen einen Gewinn erzielt, erhaelt jeder Arbeiter
jaehrlich eine Praemie, die 2% seines gesamten Lohnes ausmacht.
Seit 1946 konnten zum Jahresende den Arbeitern des Betriebes
regelmaessig Praemien ausbezahlt werden. Gerard van Leeuwen
ist 35 Jahre alt und seit 12fc Jahren verheiratet. Sein aeltestes Kind ist 12 Jahre alt und die beiden anderen Kinder sind
vier und drei Jahre. Sie wohnen In einer Vierzimmerwohnung,
fuer die sie woechentlich, nach deutschem Geld gerechnet, etwa
DM 7.- Miete zahlen. Diese Miete ist von der Regierung festgesetzt. Gerard besitzt ein kleines Rundfunkgeraet. Er hat
natuerlich kein Auto und auch kein Fahrrad - das uebliche
Transportmittel in Holland. Gerard geht zu Fuss zur Arbeit,
etwa 20 Minuten und nimmt, wie alle hollaendischen Arbeiter,
sein Mittagessen mit in die Fabrik. Er verzehrt es in einer
der drei Kantinen.
Er liest eine konservative Zeitung, kann sich aber kein
Magazin leisten. Nur selten geht er ins Kino. Er ist Mitglied
des sozialen Klubs, er zahlt hier monatlich 15 hollaendische
Cents. Dort kann er unentgeltlich Ping Pong, Billard und
Karten spielen. Es gibt ausserdem Tennis-, Gesangs- und Fussballgruppen, die von den Unternehmern unterstuetzt werden.
Die Gewerkschaft haelt die Einrichtung des sozialen Klubs der
Firma de Hoop fuer gut.
Ein Arzt ist dem Betrieb zugeteilt, der jedoch nicht regelmaessig anwesend ist. Die Arbeiter werden in unregelmaessigen
Zeitabstaenden kostenlos geroentgt. Vor kurzem wurde in dem
Betrieb eine Fortbildungsschule eingerichtet, wo die Lehrlinge
zwei Jahre lang praktisch und theoretisch unterrichtet werden.
Trotz dieser Einrichtungen und der guten Arbeitsbedingungen
wechseln im Monat durchschnittlich 25 Arbeiter ihren Arbeitsplatz. Die Betriebsleiter erklaeren, dass dies durch Entlassungen wegen mangelnder Faehigkeit, durch freiwillige Kuendigung
der Arbeiter, well sie die Art der Arbeit nicht lieben, oder
durch den Wunsch bedingt sei, in einem anderen Betrieb mehr
Geld zu verdienen.
Die neueste Errungenschaft auf dem Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in diesem
Betrieb ist der 19 Mitglieder zaehlende Betriebsrat. Ein Mitglied vertritt die Arbeitgeber und 14 Betriebsraete vertreten
die Arbeiter, die uebrigen die Angestellten. Die Mitglieder
werden alle zwei Jahre neugewaehlt, der Betriebsrat waehlt
seinen Vorsitzenden und seinen Sekretaer selbst. Der Betriebsrat ist im wesentlichen eine beratende Koerperschaft. Er hat
keine direkten Befugnisse, sondern wird als der erforderlicher
Mittelsmann zwischen Gewerkschaften und Unternehmern von beiden Partnern respektiert. Die Gewerkschaft, die sowohl im
Betriebsrat als auch im gesamten Betrieb am staerksten vertreten ist, naemlich die ANMB, ist der Auffassung, dass dieser
Betriebsrat im Vergleich zu anderen Betrieben in Holland ueberdurchschnittlich gut ist; auf der anderen Seite waere es aber
zu wuenschen, dass er in Fragen, die sich direkt auf den Betrieb
beziehen, mehr zu sagen hat. Die Gewerkschaftsfunktionaere haben sich fuer die Durchsetzung ihrer Forderung einen Zeitraum
von drei Jahren als Ziel gesetzt und hoffen, dass dieser Wunsch
in dieser Zeit verwirklicht werden kann.
ECA Labor Information VI11/23/51
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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
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Hohen Kommission fUr Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 42

F r a n k f u r t , den 1 9 . Oktober 1951

I N H A L T S V E R Z
Gewerkschaften begruessen

£ ICH N I 3

"Produktivitaetsfeldzug"

der ECA

1

V/er verfliegt in Amerika ueber das Haushaltsgeld? .. 3
Gleiche Verteilung der Produktionsertraege bekämpft
gleichzeitig Kommunismus
Neue Probleme der japanischen Gewerkschaftsbewegung

4
7

Eine Erklaerung der OEEC
9
Was hat die freie Wirtschaft in den U.S.A. vollbracht?
11
Der Kongress des kanadischen Gewerkschaftsbundes .. 14

GEWERKSCHAFTEN BEGRUESSEN "PRODUKTIVITAiTSFELDZUG" DER ECA
"Der neue Produktivitaetsfeldzug der ECA ist von der
freien Gewerkschaftsbewegung mit grosser Begeisterung aufgenommen worden. Was den Gewerkschaften hierbei besonders zusagt, ist die Tatsache, dass die Forderung einer gerechten
Beteiligung der Arbeiter an den Gewinnen aus der gesteigerten Produktivitaet besonders hervorgehoben wird. Wenn dieser
neue Feldzug bei den Unternehmern den gleichen Anklang finden wuerde, dann waere bereits viel zur Verbesserung des
Lebensstandards in allen Laendern getan."
Dies ist die Meinung des Leiters des Politischen Aktionskomitees des CIO, Jack Kroll. Nach seiner Rueckkehr von
einer Studienreise durch Grossbritannien, Frankreich, Italien,
Griechenland, Israel, Westdeutschland und Schweden erklaerte
Kroll, die amerikanische Gewerkschaftsbewegung haette sohr
- 1-

�zum Wohl und zur Stabilitaet der europaeisehen Gewerkschaftsbewegung beigetragen.
Die groesste Staerke besitzen die Gewerkschaften in
Schweden, Israel und Grossbritannien, diese Laender erfreuten sich auch der groessten Stabilitaet. Ohne Erwerbslosigkeit und mit ausgeglichenem Staatshaushalt sind ste allen anderen auf dem vVeg zum Aufbau weit voraus. Diese Leistungen
sind ein sichtbarer Beweis fuer die konkreten Auswirkungen,
die die Bemuehungen der Gewerkschaften fuer ein Land haben
koennen. Kroll berichtete woertlich: "1950 produzierte Amerika mit 150 Millionen Einwohnern Waren im Werte von 260.000
Millionen Dollar. Eine halbe Million amerikanischer Bergleute foerderten mehr Kohle zutage als die zwei Millionen
Bergleute Europas gemeinsam; eine Arbeitsstunde in Amerika
entspricht in ihrem Ertrag 15 Arbeitsstunden in der uebrigen
Welt.
Der Hauptgrund fuer diese hohe Produktivitaet ist die
weit hoehere Leistungsfaehigkeit der amerikanischen Industrie;
und diese ist wiederum vornehmlich auf die Tatsache zurueckzufuehren, dass der amerikanische Arbeiter durch seine Gewerkschaft das Grundprinzip anerkannt hat, dass der wachsende Lebensstandard von einer staendigen Erhoehung der Produktion abhaengig ist. Er hat sich deshalb nicht davor gescheut, neue Methoden der Betriebsfuehrung und neue Arbeitsmethoden zu akzeptieren."
Durch Modernisierung und Neuausruestung hat sich auch
die chemische Industrie in Grossbritannien wesentlich erweitert. "In allen Betrieben, in denen diese Neuerungen
eingefuehrt werden konnten, ist es zu einer Steigerung der
Produktivitaet und gleichzeitig zu einer Senkung der Produktionskosten gekommen. Die Arbeitsloehne sind um 30 - 60%
ueber die im Land gueltigen Grundlohntarife erhoeht worden.
Es war nicht leicht, den Entschluss derartige Methoden einzufuehren, zu verwirklichen."
Die Mitglieder des Britischen Gewerkschaftskongresses
(TUC) befuerchteten, wie auch die Arbeiter in anderen Industrien, am Anfang nicht ohne guten Grund die Einfuehrung dieser Systeme. Sie hatten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit diesen zu 'schlechte Erfahrungen gemacht. In den
Nachkriegs jähren hat man den Zweck und die Auswirkungen dieser Methoden jedoch mit ganz anderen Augen angesehen. Der
Arbeiter selbst hat nach ihnen verlangt. Leistungslohnsysteme
als Schluessel zur gesteigerten Produktivitaet werden niemals
bereitwillig und rueckhaltlos akzeptiert, wenn die Gewerkschaften kein Abkommen mit den Unternehmern getroffen hatten,
das den Gewerkschaftsfunktionaeren und Betriebsraeten das
Kecht garantierte, an der Entwicklung und Anwendung dieser
Methoden mitzuarbeiten und ihre Durchfuehrurig zu kontrollieren.
Wenn wir die Grundlage zu einer Wirtschaft des Ueberflusses legen wollen, muessen diese neuen Methoden in der
gesamten britischen Industrie zur allgemeinen Selbstverstaendlichkeit werden.
Program Services Section
IX/26/51
- 2 -

�WER VERFLIEGT IN AMERIKA UEBER DAS HAUSHALTSGELD?
Diese Frage und die verschiedenen Antworten darauf
bilden einen viel behandelten Gegenstand des zeitgenoessischen amerikanischen Humors. Die Tatsache, dass amerikanische Frauen 80% der Kaufkraft aller Familien verausgaben,
hat.Anlass zu zahlreichen Reklamekampagnen gegeben. In
der Annahme, dass die Kaufkraft der Frauen groesser ist
als die der toenner, sind die Reklamefachleute bestrebt,
den Geldbeuteln der Frauen so viel Dollar wie moeglich zu
entziehen.
Es ist sehr schwierig, zu beweisen, dass die Frauen
ueber 80% der Kaufkraft der Familien verfuegen, und es ist
auch schwierig, das Gegenteil zu beweisen. Es ist sogar
schwierig, festzustellen, wie man zu dieser Zahl kommt. Jemand hat es sich zur Aufgabe gemacht&gt; die Quelle dieser Angabe ausfindig zu machen. Nachdem er in allen moeglichen
Schriften Machforschungen angestellt hatte, entdeckte er die
erste Spur schliesslich in einem Buch, das im Jahr 1934 veroeffentlicht wurde, und dessen Verfasser diese Information
auf einer Konferenz in Erfahrung gebracht hatte, die 19£7
an der Universitaet Chikago stattfand. Er fand nur wenig
Beweise fuer die Gueltigkeit dieser ßehauptung. Doch diese
Zahl ist zu einem so weit verbreiteten Begriff geworden,
dass sie selbst von Frauen als richtig akzeptiert wird.
Zahlreiche Erhebungen ueber die Sinkaufsgewohnheiten
der Familien sind inzwischen angestellt worden, und die Zahl
der verschiedenen Antworten auf die Frage "Wer verfuegt
ueber die Kaufkraft der Familie?" ist im grossen und ganzen
der Zahl der verschiedenen Erhebungen gleich, die ueber diese Frage angestellt wurden. Die Unzulaenglichkeit der statistischen Angaben der Marktforschung ist zum «rossen Teil
hieran schuld. In dem Bestreben, sich fuer ihre Zwecke wertvolle Angaben zu beschaffen, haben Reklamefachleute und
Reklamefirmen auf Grund nicht allgemeingueltiger Beispiele
und Suggestivfragen Untersuchungen durchgefuehrt, deren Ergebnisse jedoch nicht als gueltig anzusehen sind.
Eine neuere Untersuchung, die zuverlaessige Informationen liefert, wurde im Jahr 1949 durchgefuehrt. Sie besagt,
dass Frauen 55% der Wareneinkaeufe der Familien taetigen.
Darueberhinaus sind sie zusammen mit den "aennern an weiteren 11% der Einkaeufe beteiligt. Die Maenner kaufen unabhaengig von den Frauen fuer 30# ein und Kinder kaufen selbstaendig 4% der von amerikanischen Familien benoetigten Waren.
Der Durchschnitt von 55% ist jedoch grossen Unterschiedlichkeiten unterworfen, wenn man die einzelnen Verbrauchsgueter betrachtet. So werden zum Beispiel nur 4% aller Herrenanzuege und -A-aentel von Frauen gekauft, obwohl sie bei dem
Einkauf weiterer 21% mitreden. Die Beteiligung der Maenner
am Einkauf von Frauenbekleidung ist noch geringer. Allein
taetigen sie nur 5% und mit den Frauen gemeinsam weitere 6%
dieser Einkaeufe. Nahezu 90% aller Frauenbekleidung wird von
Frauen gekauft und etwa 3/4 der Herrenbekleidung von iJaennern.
Ein bezeichnendes Beispiel fuer gemeinsamen Einkauf sind
Moebel und Teppiche, von denen 56% bzw. 33% von "aennern und
Frauen gemeinsam gekauft werden. Damentoilettenartikel, Stoffe

�und Vorhaenge werden zu 90% nur von ürauen gekauft. Von allen
Elnkaeufen an Maedchenkleidung und Kuechengeraeten entfallen
80£ auf Frauen und etwa 2/3 aller Lebensmitteleinkaeufe. Teppiche und Decken werden zu 60$ von Frauen gekauft, und aehnlich ist ihr Anteil an den Elnkaeufen von Schmuckwaren, Knabenbekleidung und Arzneien.
Was elektrische Geraetel41%). Moebel(ein Drittel) Toilettenartikel fuer Herren und Eisenwaren (ein Drittel) betrifft,
so sind Frauen allein weit geringer an diesen Elnkaeufen beteiligt. Sie kaufen weniger als ein Fuenftel des Brennmaterials'fuer den Haushalt, etwa ein Zehntel des Treibstoffes
und Motorenoels, die fuer den Wagen der Familie gebraucht werden, und nur in sechs von 100 Faellen kaufen Frauen selbstaendig Automobile.
An dem Gesamtbetrag der verfuegbaren Dollar gemessen, sind
die jaehrlichen Dollareinkaeufe der verheirateten amerikanischen Frauen im Durchschnitt verhaeltnismaessig gering, weil
der fuer Einkaeufe verwendete Teil der Einkommen begrenzt ist.
"'enn man jedoch die geschaetzte Zahl von 55% fuer Ausgaben fuer
den persoenlichen Verbrauch,ausschliesslich der Dienstleistungen, zugrundelegt, stellt man fest, dass im.Jahr 1950 Frauen
in amerikanischen Familien mehr als 72 Milliarden Dollar ausgegeben und bei der Ausgabe von weiteren 14,5 Milliarden Dollar mitzureden-hatten, die bei gemeinsamen Elnkaeufen mit den
l'aennern ausgegeben wurden. In diesen Zahlen ist nicht der
Anteil der Frauen an den 62.1 Milliarden Dollar enthalten, die
sie 1950 fuer Dienstleistungen ausgaben, und auch nicht die
10.7 Milliarden Dollar an persoenlichen Ersparnissen. Insgesamt gesehen hatte also die amerikanische Frau bei der Verwendung des im Jahre 1950 verfuegbaren Gesamteinkommens in
Hoehe von 204,3 Milliarden Dollar ein sehr grosses Wort mitzureden.
Y/enn man sich diese Zahlen vor Augen haelt, wird man
feststellen, dass die amerikanische Frau ihrem Lande vielleicht
einen der groessten Dienste erwei3en kann. Denn eine kluge
und ueberlegte Verwendung dieser ungeheuren Kaufkraft ist wesentlich als ein Mittel zur Kontrolle der gegenwaertigen inflatorischen Tendenzen.
Die.Bedeutung des Mannes als Einkaeufer duerfte durch
diese Zahlen in gewissem i,:asse unterschaetzt werden, weil
sich die Erhebung nur auf verhaeltnismaessig wenig Bauernfamilien erstreckte. Es ist anzunehmen, dass die Maenner auf
dem Lande einen groesseren Prozentsatz der Verbrauchsgueter
ihrer Familien einkaufen als der Mann in der Stadt. Ausserdem
ist der Einfluss der Maenner auf das, was gekauft werden soll,
weit groesser als ihre tatsaechliche Beteiligung an den Einkaeufen 135% gegenueber 30%).
Weekly Labor News Digest
IX/12/51
Harry Martin:
GLEICHE VJP.TEILUTIC- DER

PRODUKTICKSERTRASGJ:

BEKAEMFFT GLEICH-

Harry Martin ist Vorsitzender der amerikanischen Journalistengewerkschaft und gegenwaertig Chef fuer Arbeits- 4 -

�informationell in der ECA-Verwaltung Paris.
Unglücklicherweise ist heute ein Verteidigungsprogramm
notwendig geworden, um die Existenz der freien Welt auch fuer
die Zukunft sicherzustellen. Die Verteidigungsstaerke muss
so gross werden, dass sie den militaerischen Kraeften auf der
Gegenseite einigermassen ebenbuertig ist. Hierbei erhebt
sich jedoch ein anderes Problem. Es darf nicht wieder die
Parole "Kanonen oder Butter" alles andere ueberschatten, sondern in der freien Welt muessen trotz der Notwendigkeit,
fuer die Verteidigungsproduktion Kanonen zu schaffen, fuer
die Arbeiter genuegend Butter und andere Lebensmittel zur Verfuegung stehen, in wirtschaftlicher Hinsicht ist die Verteidigungsproduktion ein glatter finanzieller Verlust, aber die
Freiheit laesst sich heute ohne Opfer nicht mehr schuetzen.
Mit anderen Worten: Ein Teil der zur Verfuegung stehenden
Rohstoffe und finanziellen Mittel muss fuer militaerische
Zwecke bereitgestellt werden.
Es gibt jedoch Moeglichkeiten, trotz dieser Abzweigung
finanzieller Quellen, wichtigerRohstoffe und wertvoller Arbeitsstunden das bisherige Produktionsniveau ziviler Gueter
aufrechtzuerhalten, wenn die Produktivitaet gesteigert wird.
Gerade in Europa laesst sich hier noch sehr viel erreichen,
denn die europaeische Wirtschaft ist noch weit von dem Optimum ihrer Leistungsfaehigkeit entfernt.
Im Jahre 1900 war die Zahl der in der Industrie benutzten
"Pferdestaerken" je Arbeitskraft in Europa und Amerika die
gleiche. Heute entfallen auf jeden amerikanischen Arbeiter
8 PS, auf den westeuropaeischen Arbeiter jedoch nur 2 3/4 PS.
Westeuropa kann durch eine vernuenftige Reorganisierung, bessere Werkzeuge und durch eine BerQcksichtigung der Grundsaetze
der Produktivitaetssteigerung seine industrielle Erzeugung
ohne weiteres um 100 Milliarden Dollar im Jahr steigern.
Schon die ernsthafte Beschaeftigung mit diesem Problem wuerde
bedeuten, dass der Lebenshaltungsstandärd in Westeuropa sich
stetig verbessern koennte und damit zugleich die gesamte wirtschaftliche Lage - auch wenn gleichzeitig fuer die Zwecke der
Verteidigung militaerische Gueter produziert werden muessen.
Die Verwaltung fuer europaeische Zusammenarbeit IECA)
setzt sich nachdruecklich fuer eine Steigerung der Produktivitaet ein. Staendig sind Studiengruppen der verschiedensten
Industriezweige auf dem Wege nach Amerika, denen Werkmeister,
Facharbeiter, Direktoren und Ingenieure angehoeren, die die
amerikanische Industrietechnik kennenlernen wollen, um sie auch
in Westeuropa einzufuehren. Bisher haben 543 Studiengruppen
die Vereinigten Staaten besucht, denen 4034 Fachleute angehoerten. Diese Studienreisen haben bereits viele wertvolle
Anregungen nach Europa gebracht, diedie europaeische Produktion vorangetrieben haben. Das auffallendste Moment in allen
Studienberichten ist im uebrigen die Tatsache, dass das Geheimnis der amerikanischen Produktivitaet darin besteht, dass
die amerikanische Industrie keine Produktivitaetsgeh.eimnisse
hat.
Die gleichmaessige und gerechte Verteilung der Fruechte
einer gesteigerten Produktivitaet unter Arbeitern und Unternehmern ist deshalb so wichtig, weil nur dadurch die kommunistischen Verlockungen unterbunden werden koennen. Die europaei- 5-

�sollen Arbeiter werden aber nur dann einen hoeheren Anteil
an einer erweiterten Produktion erringen koennen, wenn es
starke und freie Gewerkschaften in den westeuropaeischen Staaten gibt. Unter der Herrschaft des Kommunismus sind Gewerkschaften nichts anderes als sta&amp;tlich kontrollierte Arbeitsfront-Apparaturen.
Der IBFG, der erst vor kurzem in Mailand seine Tagung
abhielt, vereinigte etwa 350 Delegierte aus 61 verschiedenen
Laendern. Der IBFG hat in der kurzen Zeit seines Bestehens
im Kampf gegen den Kommunismus hervorragende Erfolge erzielt.
Wenn heute der Kalte Krieg in Europa gewonnen werden konnte,
so ist dies in erster Linie dem Wirken der freien Gewerkschaftsbewegung zuzuschreiben.
Die ungeheure Wichtigkeit einer starken freiheitlichen
Gewerkschaftsbewegung hat sich in Oesterreich gezeigt. Nachdem
die Kommunisten bei den Wahlen fuer das Parlament und die Betriebsraete eine*' eklatante Niederlage erlitten, versuchten sie
aehnlioh wie in der Tschechoslowakei mit Gewalt die Macht zu
uebernehmen. Trotz aller Einschuechterungsversuche der Sowjets setzte sich die Arbeiterschaft zur Wehr - der sowjetische
Hohe Kommissar fuer Oesterreich erklaerte daraufhin ziemlich
naiv, dass die Russen sich nicht in interne Streitigkeiten
einmischten. Die geplante Revolution war damit zusammengebrochen.
Aber auch in der Schlacht um die Haefen Westeuropas hatten
die Kommunisten keinerlei Erfolge.. Hier versuchte der Kreml
alles, um die Transportarbeiter Westeuropas zur Sabotage der
Versorgung mit Verteidigungswaffen zu gewinnen. Aber die freien Gewerkschaften erklaerten, dass sie fuer die ordnungsgemaesse
Entladung der Transportschiffe Sorge tragen und die kommunistische Herausforderung zurueckweisen wuerden. Hierbei ist zu
beachten, dass die Kommunisten in einigen Haefen ueber Hochburgen verfuegen, sodass sie waschechte Kommunisten auf die Transportschiffe dirigieren konnten. Aber die gewerkschaftstreuen
Transportarbeiter organisierten rechtzeitig freiwillige Entladegruppen, sodass keinerlei Stoerungen geschahen und ausserdem
die Kommunisten das Nachsehen hatten. So brachen die bereits
in der kremlhoerigen Presse besprochenen "Friedensmassnahmen"
in Cherbourg und in Neapel wie in allen anderen Haefen sohmaehlich zusammen.
Wie stark der kommunistische cinfluss in den bisherigen
Hochburgen zurueckgegangen ist, zeigt am besten das Beispiel
der Dockarbeitergewerkschaft in Marseille. Hier hatten die
Kommunisten noch zu Ende des Jahres 1950 von 55 Sitzen 54 inne.
Nach den vergeblichen Sabotageaktionen verloren die Kommunisten 44 Sitze, waehrend die CGT-Force Ouvriere anstatt ueber
einen Sitz heute ueber 45 verfuegt. Und so wie in Marseille
wurde ueberall die Schlacht um die Haefen Westeuropas gewonnen.
Heute hat die Arbeiterschaft wieder neue Hoffnung und neuen Glauben gewonnen. Ueber&amp;ll hat sich die Ueberzeugung durchgesetzt, dass das Dogma des Kommunismus in 'Wirklichkeit schwärzeste Reaktion bedeutet, die auf alnem internationalen Imperialismus und einer Lnterdrueckung des Individuums beruht. Immer
staerker setzt sich die Idee durch, dass echte Demokratie ein
starker Fels ist, auf dem fuer die Zukunft gebeut werden kann.
Amerika wird Europa helfen, sich gegsn jede Unterdrueckun? zu
- 6-

�verteidigen und zu schuetzen bis Europa stark genug ist, um
seinen eigenen Schutz uebernehmen zu koennen.
Wenn die weltpolitische Situation unter diesem Aspekt
gesehen wird, so ergibt sich nicht nur die Wichtigkeit und
Notwendigkeit einer Steigerung der Produktivitaet, sondern
auch die unumgaengliche staerkere Beteiligung der Arbeiterschaft an den Fruechten einer hoeheren Produktion. Wenn der
Arbeiter nichts anderes zu verlieren haette als seine Ketten,
dann kaempft er auch niemals fuer eine Staatsform, die unter
solchen Verhaeltnissen eben keine Demokratie sein kann. Wenn
der Arbeiter jedoch einen gesicherten Lebensstandard hat,
dann wird er ohne Zoegern fuer seine Freiheit kaempfen - erst
recht, wenn durch eine steigende Produktivitaet auch sein
eigener Anteil an ihren Fruechten stetig waechst.
Die westeuropaeischen Unternehmer sollten recht bald die
"Wichtigkeit dieses Problems erkennen - sehen sie es nicht,
dann schaufeln sie sich selbst und Europa das Grab, wenn sie
aus Egoismus zu den besten Helfershelfern des Kommunismus
werden.
Labor Information
9/51
I
NEUE PROBLEME DER JAPANISCHEN GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
(Auszuege aus einem Artikel der Zeitschrift "The Reporter".
Der Verfasser war Korrespondent der Londoner "Daily Herald", des oeffentlichen Organs der britischen LabourPartei).
Die frueheren und kommenden Ereignisse in der japanischen
Gewerkschaftsbewegung sind nicht ein rein internes Problem
Japans. Sie sind vielmehr fuer Russland, das staendig ein
Auge auf Japan wirft, die chinesischen Kommunisten und auch
fuer die Vereinigten Staaten und den gesamten Westen von hoechstem Interesse.
Die Beziehungen zwischen der japanischen Gewerkschaftsbewegung und den freien.Gewerkschaften im Westen werden immer
enger.
t

Japanische Delegierte haben als voellig Gleichberechtigte
an der Gruendung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften in London teilgenommen. Die japanische Gewerkschaftsbewegung ist vom internationalen Arbeitsamt anerkannt worden. j-.ine
Anzahl amerikanischer und britischer Gewerkscheftssachverstaendige haben innerhalb der Arbeitsabteilung der Besatzungsbehoerden in Tokio Hilfsdienste geleistet, indem sie der rasch aufbluehenden japanischen Bewegung beratend zur Seite standen und
uebrigens nicht linder lOO^ig mit der Arbeitspolitik McArthurs
einverstanden waren.
Der japanische Gewerkschafter ist im allgemeinen kein
Anti-Amerikaner, auch wenn er nicht immer mit"der amerikanischen Politik in Japan voellig einverstanden ist. Es besteht
jedoch die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten, weil dies
vielleicht angemessen erschien, das Risiko eingegangen sind,
sich einer Netion zu entfremden, die nachtueessig und ideologisch gesehen auf unsere Seite gehoert.
- 7-

�Wie sich deshalb die japanische Gewerkschaftsbewegung
entwickelt, ist fuer die ganze Welt von brennendem Interesse.
Denn nur wenn die japanischen Gewerkschaften die Arbeitsgesetze
und andere Errungenschaften beibehalten und sichern koennen,
und wenn sie den. niedrigen Lebensstandardlzur Zeit nur 70# des
Lebensstandards vor dem Kriege) den Lebensbedingungen im Westen besser anpassen koennen, kann vermieden werden, dass erneut der Vorwurf des wDumpingsn oder "Kuliarbeiters" erhoben
wird.
Gewerkschaftsvertreter der Besatzungsbehoerde geben zwar
zu, dass eine gewisse Gefahr besteht, aber sie sind doch,
wenn auch mit Vorsicht, optimistisch. Sie sind der Ansicht,
dass die japanische Gewerkschaftsbewegung potentiell die
maechtigste und bedeutendste demokratische Macht darstellt,
die es im NachkriegsJapan gibt, eine Behauptung,- die besonders in Bezug auf das V/ort potentiell zutreffen duerfte.
Die Hoffnungen der japanischen Gewerkschaften wurden groesser, als der IßFG im April vorigen Jahres ankuendigte, dass
er die Forderungen der japanischen Lehrergewerkschaft unterstuetze, die mit 400.000 Mitgliedern die groesste Lehrergewerschaft der Welt ist. Diese Organisation hatte sich fuer eine
Aufhebung der den japanischen Gewerkschaften auferlegten Beschraenkungan eingesetzt, u.a. auch das Verbot der normalen
politischen Betaetigung der Angestellten der japanischen Regierung.
Eine weitere Ermutigung fuer die Gewerkschaften in Japan
war die Tatsache, dass der Verband der Bergarbeitergewerkschaften einen 26-taegigen Streik siegreich beenden konnte, an
dem 70% der 433.000 Kohlenbergleute Japans teilgenommen hatten.
Dieser Streik war die groesste rein wirtschaftliche Auseinandersetzung seit Kriegsende. Fuer di^e Gewerkschaftsbeamten
der Besatzungsbehoerden war es eine Genugtuung, dass das Abkommen, das den Streik beendete, durch Schiedsspruch zustandegebracht wurde.
Die groessten Probleme der Bewegung sind in den Augen
der Sachverstaendigen der Besatzungsbehoerden die uebermaessig
hohe Zahl der Gewerkschaftsfunktionaere, die Notwendigkeit einer besseren Schulung der Mitglieder, die Gefahr kommunistischer Infiltration und die Notwendigkeit einer Neugruppierung
der zahlreichen Ortsgewerkschaften auf Landesbasis.
Nach der Auffassung der japanischen Gewerkschaftsfuehrer
besteht das Hauptproblem darin, den durchschnittlichen japanischen Arbeiter zu jener Geisteshaltung zu erziehen, in der er
freudig fuer die V.'ohlfahrt seines Landes arbeitet.
Das Mittel zur Verwirklichung dieses ..unsches und zur
Abwehr des Kommunismus ist nach Auffassung dieser Funktionaere
die Steigerung des Lebensstandards des arbeitenden Volkes.
Ein hoher Gewerkschaftsfunktionaer erklaerte: "Was die japanischen Gewerkschaften fuerchten, ist weniger die .Machtzunähme
des Kommunismus als vielmehr das Grosswerden des Faschismus
in Japan, «enn diese Gefahr Gestalt annimmt, und wenn Gesetze
erlassen v/erden, die die Rechte der japanischen Gewerkschaften
beeinträchtigen, dann werden wir uns nicht nur auf das langsame Wahlverfshrcn verlassen, um eine Regierung an die I'acht zu
bringen, die uns angenehm ist."
- 8 -

�"Wir werden in einem solchen Falle mit allen traditionellen Mitteln der Gewerkschaften kaecipfen, und wir werden
ausserdem im Hinblick auf die Tatsache, dass Japan lebenswichtige Rohstoffe importieren muss, die Gewerkschaften ande
rer Laender auffordern, die Rohstofflieferungen nach Japan
zu unterbinden."
The CIO News
1/1/51
ElMfl EKKLAEROftü DER ÜÜ.EC
Am 30. August 1951 gab der Vorsitzende des Rates der
OEEC Dr. Stlkkers die nachstehende Erklaerung ab:
Die Vertreter der europaeischen Voelker treten jetzt zu
einer Konferenz zusammen. Der Wille der Voelker, der sich
auf den Wunsch nach Freiheit stuetzt, hat Jahrhunderte lang
bei der Gestaltung der Weltgeschichte mitgewirkt. Wir glauben, dass dieser Wille auch heute stark ist. Er hat in den
drei Jahren der Zusammenarbeit einen Aufschwung erfahren, in
denen gemeinsam nach einer Loesung unserer Probleme gesucht
wurde. Diese Zusammenarbeit ist trotz aller Gefahren, die
unsere Lebensweise heute bedrohen, die Grundlage unseres Vertrauens.
Wir muessen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir leben in
einer sehr gefahrvollen Zeit. Unsere blosse Existenz steht
auf dem Spiel. Nur wenn sich jeder Einzelne von uns mit
allen Kraeften einsetzt, koennen wir jene Sicherheit erringen,
die wir brauchen, um an der staendigen Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Wohlergehens unserer Voelker weiterzuarbeiten.
Die Voelker des Freien Europa, die' im Rat der OEEC vertreten sind, stellen sich heute die Frage: "Koennen wir jemals von der Angst vor einem kommenden Krieg befreit werden?
Koennen wir hoffen, dass die Welt je von materieller Not frei
sein wird? Wird die echte soziale Gerechtigkeit ein staendiger Begleiter unseres Lebens sein?
Wir sind der festen Ueberzeugung, dass alle diese Fragen
bejaht werden koennen. Es wird jedoch hierzu erforderlich
sein, dass der Einzelne und die Gemeinschaft mit ganzer Kraft
produktive Arbeit leisten.
Die Probleme und Bedingungen sind in den einzelnen Laendern sehr unterschiedlich. Diese Bemuehungen werden hoechste
Anforderungen an die Energie und den Einfallsreichtum unserer
Voelker stellen. Unter diesen limstsenden werden unsere Laender auf ihre eigene ./eise und zugleich in Uebereinstimmung mit
ihren Partnern die notwendigen Bedingungen schaffen, die Freiheit und Frieden fuer Europa als Gesamtheit und allen seinen
Ii.enschen ein besseres Leben sichern werden.
In den drei Jahren seit der Unterzeichnung der Konvention fuer die wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas haben
wir weit mehr erreicht, als wir jemals fuer moeglich gehalten
hatten, üuf jedem Gebiet der Produktion sind grosse Steigerungen zu verzeichnen. Die industrielle. Produktion ist 45^0
hoehar als im Jahrs 1945. Die landwirtschaftliche Erzeugung,
bei der eine Steigerung weit schwieriger ist, kann eine Er- 9

�hoehung von 25% aufweisen, .auch in bezug auf Handel und
Zahlungsverkehr sind bemerkenswerte Verbesserungen erzielt
worden. Die Wiederherstellung der Produktionskapazitaet
hat eine Exportsteigerung von 91% ermoeglicht. Das Dollardefizit Westeuropas ging von 8 Milliarden Dollar im Jahre
1947 auf 1 Milliarde Dollar im Jahre 1950 zurueck. Durch
dieses verminderte Defizit ist eine. Rueckkehr zu finanzieller Stabilitaet im In- und Ausland ermoeglicht worden.
Durch die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhaeltnisse
ist es zu einer Belebung des Aussenhandels innerhalb Europas
gekommen, was eines der Hauptziele unserer Organisation ist.
Es besteht darueber wohl kein Zweifel, dass die Massnahmen,
die wir zur Liberalisierung des Handels ergreifen sollten, ferner das Abkommen ueber eine gemeinsame listenmaessige Zusammenstellung von Erzeugnissen, die ohne mengenmaessige Beschraenkung unter den europaeischen Laendern im freien Handel ausgetauscht werden sollen, und schliesslich die Errichtung der
Europaeischen Zahlungsunion nicht moeglich gewesen waeren,
wenn nicht die europaeischen Regierungen gemeinsam nach Grundsaetzen gehandelt haetten, die von unserer Organisation hier
in Paris festgelegt wurden.
Es ist noch ein anderer Umstand./ den man heute nicht
ausser Acht lassen kann. Ich meine damit die Hilfe, die uns
von jenseits des Atlantiks zuteil wurde. Der Grosszuegigkeit
des amerikanischen Volkes und seiner Regierung ist der Marshallplan zu verdanken, ohne den der Wiederaufbau in Europa
unmoeglich gewesen waere. Wir sind stolz, dass wir unsere
Dankbarkeit auf konkrete Weise bezeugen koennen. Es ist den
Bemuehungen Europas gelungen, in drei Jahren nahezu all das zu
vollbringen, was wir gehofft haben, in vier Jahren zu erreichen.
Der Marshallplan ist ein Erfolg geworden.
Die 18 Minister, die Europa vertreten, stehen vor neuen
Problemen und Aufgaben; sie werden von dem, was in der Vergangenheit erreicht wurde, inspiriert und sind gegenwaertig mit
neuen Aufgaben beschaeftigt. In den naechsten fuenf Jahren
werden wir zusammenarbeiten, wie wir das in der Vergangenheit
getan haben, um eine weitere Ausdehnung der europaeischen
Wirtschaft zu erreichen, die allein uns die Kraft geben kann,
den Forderungen der Zeit gerecht zu werden.
Das Schriftstueck, das Sie vor sich haben, ist eine Darlegung dessen, was die achtzehn europaeischen Regierungsmitglieder der OEEC durch einzelne und gemeinsame Aktionen in den
kommenden fuenf Jahren erreichen wollen.
«Vir wollen die ungeheuren Anstrengungen, die erforderlich
sind, nicht unterschaetzen, aber wir sind sicher, dass Europa
die noetigen materiellen und geistigen Kraefte besitzt, um
sie zu bewaeltigen.
Es ist unsere Aufgabe, das Vertrauen unserer Voelker wiederherzustellen, indem wir ueber die gegenwaertig schwere
Zeit hinaus einer Zukunft entgegensehen, in der Europas Reichtum voll genutzt werden kann, um einen besseren Lebensstandard
zu erzielen.
10 -

�Wir stimmen alle darin ueberein, dass es jetzt nicht an
der Zeit ist, apathisch zu sein. Wir muessen mit unseren
Voelkern daran arbeiten, die Kraftquellen unseren Laendern
nutzbar zu machen und die menschliche Y.'uerde zu wahren, sodass
Furcht und Not gebannt sind.
Das ist die aufgäbe, die wir uns selbst in Europa gestellt
haben.
ÖEEC Information Division
WAS HAT DIE FREIE WIRTSCHAFT IN DEN Ü.S.A. VOLLBRACHT?
Was hat das System der freien Wirtschaft in Amerika fuer
die Arbeiter vollbracht? - Dies ist eine entscheidende Frage,
denn die Sozialisten behaupten, ihr System sei besser, waehrend die Kommunisten sagen, die amerikanischen Arbeiter wuerden
ausgebeutet.
Zuerst ein //ort zum Grundsaetzlichen. Kein Wirtschaftssystem kann erfolgreich sein, wenn es nicht den noetigen Ansporn bietet. In Amerika ist der wirtschaftliche Ansporn durch
den natuerlichen Wunsch der Menschen, vorwaertszukommen, gegeben. Bestimmte wirtschaftliche Rechte sind gewahrt, damit
jeder in voller Freiheit diesen Wunsch verwirklichen kann:
das Recht, Eigentum zu besitzen, sich seinen Arbeitsplatz
selbst auszuwaehlen, irgendein Geschaeftsunternehmen zu gruenden und einen angemessenen Gewinn zu erzielen, eine Gewerkschaft zu organisieren und Verhandlungen um Loehne und Unterstuetzungen zu fuehren, eine Arbeitgebervereinigung zu organisieren, einen Vertrag abzuschliessen und zwar entweder zwischen Geschaeftsunternehnen oder Gewerkschaften und Arbeitgebern, und schliesslich das Recht, wirtschaftliche Konzerne
ins Leben zu rufen, die frei mit anderen konkurrieren. Und
ueber allem steht das Recht jedes Einzelnen, sich sein eigenes
Urteil zu bilden und danach zu handeln und seine eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen. Diese Rechte bilden
die Grundlage der Initiative und des Verantwortungsbewußtseins des Einzelnen, die unerlaessliche Vorbedingungen des wirtschaftlichen Fortschritts sind.
Ein weiterer Faktor war in der wirtschaftlichen Entwicklung Amerikas von grosser Bedeutung: der freie Markt, der sich
ueber ein Gebiet von drei Millionen Quadratmeilen erstreckt,
in dem es keine Zollgrenzen und keine Unterschiede in der Waehrung gibt, ein Markt, der 150 Millionen Menschen zu versorgen
hat. Dadurch wurde es der Industrie moeglich, durch Massenproduktion die Gestehungskosten zu senken und damit Erzeugnisse
von guter Q,ualitaet zu Preisen zu verkaufen, die auch fuer die
Arbeiter erschwinglich sind. Durch hohe Loehne wurde die zur
Durchfuehrung der Massenproduktion erforderliche Kaufkraft geschaffen.
Zu diesem freien Markt, der sich ueber das ganze Land ausbreitet, waren immer jedem Menschen die Tore geoeffnet. Ohne
Rue*cksicht auf seine soziale Stellung hat er die Moeglichkeit,
seine Talente und Faehigkeiten zu entwickeln. Das freie 'Wirtschaftssystem appelliert an die Energie und das geistige Koennen von Millionen der tuechtigsten Buerger, um jene Werkzeuge
und Maschinen zu schaffen und jene industriellen Organisationen
- 11 -

�zu bilden, die dem Arbeiter einen hohen Lebensstandard ermoeelichen. Die Konkurrenz unter den verschiedenen Firmen
war füer die Geschaeftsleute im allgemeinen ein Ansporn, her-•
vorragende Erzeugnisse zu moeglichst niedrigen Preisen zu
verkaufen, ihre »Varen staendig zu verbessern und neue zu erfinden, um den Wuenschen der Verbraucher gerecht zu werden.
Millionen von Verbrauchern haben durch ihre Wahl unter den
miteinander konkurrierenden Produkten auf einem freien Markt
entschieden, was hergestellt werden soll, und welche Unternehmen bestehen bleiben sollen. Leistungsunfaehige Betriebe
sind dadurch ausgeschaltet worden. Die Industrie ist auf
einem hohen Niveau der Leistungsfaehigkeit gehalten worden,
was fuer einen hohen Lebensstandard wesentlich ist. Der
Wettbewerb wurde zuweilen durch monopolistische Verbindungen
der Industrie behindert. Aber durch besondere ünti-TrustGesetze ist viel dagegen getan worden. Im ganzen gesehen,
ist es im Verlauf des letzten halben Jt-hrhunderts durch den
Wettbewerb ermoeglicht worden, immer grosse Mengen an Waren
von -guter ."iualitaet auf den Harkt zu bringen, deren Preise
fuer den groessten Teil der Bevoelkerung erschwinglich waren.
Vor hundert Jahren konnte der amerikanische Arbeiter im
Durchschnitt in einer Arbeitsstunde tfaren im Werte von 31
Cents herstellen, wenn die heutige Kaufkraft des Dollars zugrundegelegt wird. Infolgedessen war seine Arbeitszeit eine
lange, sein Lohn war sehr niedrig, weil er eben nicht genug
produzieren konnte, um genuegend zu verdienen; aber der Anreiz, die Produktion zu steigern, war sowohl fuer den Arbeitgeber als auch fuer den Arbeiter ein. grosser. Neue Maschinen und neue Arbeitsmethoden erhoehten die Produktion fortlaufend pro Arbeitskraft und pro Stunde. Die besten Erzeuger
wurden durch den Wettbewerb belohnt. 1890 belief sich die
stuendliche Produktionsleistung eines Arbeiters im Durchschnitt auf 53 Cents, der Durchschnittslohn war 48 Cents,
wiederum nach der heutigen Kaufkraft des Dollars gerechnet.
In jener Zeit war die junge Gewerkschaftsbewegung nicht stark
genug, um den Arbeitern ihren rechtmaessigen Anteil an dem
hoeheren Reichtum zu sichern, den sie produzierten. In den
folgenden 20 Jahren erhoehte sich die Produktivitaet um 19
Cents pro Arbeitsstunde, die Loehne jedoch nur um zwei Cents.
Als die Gewerkschaften dann waehrend des ersten Weltkrieges
maechtiger wurden, konnten die Arbeiter ihre Verluste aufholen. Von 1900 bis 1920 gingen die Loehne um 16 Cents pro
Stunde in die Höhe und die Produktivitaet nur um 6 Cents.
Von dieser Zeit an und besonders nach dem Anschwellen der
TÜtgliederstaerke der Gewerkschaften in den dreissiger Jahren
wurden die Unternehmer durch die Forderungen der Gewerkschaften noch hoeheren Loehnen gezwungen, die Produktivitaet
schneller als je zuvor zu steigern. Die Loehne hielten Schritt,
und in der Seit von 1920 bis 1940 wurden die Produktion und
auch die Loehne verdoppelt. Waehrend der Nachkriegsdepression
war diesem Fortschritt vorlaeufig ein ünde gesetzt. Die Arbeitgeber, die zum Ausgleich fuer die Lohaerhoehungen Preissteigerungen durchsetzen konnten, hatten jetzt kein Interesse
daran, die Gestehungskosten zu senken und die Produktivitaet
zu steigern. Die Arbeiter mussten feststellen, dass ihre
Lohngewinne durch Preissteigerungen zunichte gemacht wurden.
Als jedoch den Preissteigerungen im Jahra 1948 Einhalt geboten wurde, begannen Produktivitaet und Loehne erneut zu steigen, iioehere Produktivitaet ist somit immer die Grundlage
fuer hoehere Loehne gewesen. '
12

�Die Kaufkraft des Lohnes fuer eine Arbeitsstunde des
Industriearbeiters wurde in der Zeit von 1890 bis 1950 verdreifacht: sie stieg von 48 Cents auf 1.76 Dollar. Ausserdem wurde seine Arbeitszeit verkuerzt. Wenn wir 1900 mit
1950 vergleichen, stellen wir fest, dass der Wochenlohn des
Arbeiters verdoppelt wurde, waehrend seine Arbeitszeit in
der Woche von 55 oder 60 Stunden auf 40 Stunden zurueckging.
Seine woechentliche Freizeit wurde um 15 bis 20 Stunden verlaengert. Das amerikanische Arbeitsministerium erklaert diese Erfolge und die Gewinne der amerikanischen Arbeiter in dem
halben Jahrhundert von 1900 bis 1950 mit folgenden Worten:
1901 blieben einer Arbeiterfamilie, nachdem sie ihre Lebensmittel, ihre Kleider und ihre Miete bezahlt hatte, nur 17%
ihres Einkommens fuer andere Zwecke, wie zum Beispiel aerztliche behandlung, Ersparnisse, Erholung und Ausbildung. Irgendein Luxus war ihnen damit nicht moeglich, sie waren nicht
einmal gegen ein unvorhergesehenes Unglueck geschuetzt, sie
hatten auch nicht die Mittel fuer eine angemessene Ausbildung
ihrer Kinder. Heute gibt eine Arbeiterfamilie im Durchschnitt
36 - 41% ihres weit hoeheren Einkommens fuer solche Nebenausgaben aus - der Jahresbetrag, der uebrig ist, nachdem sie sich
mit den Lebensnotwendigkeiten versorgt hat, ist, nach den heutigen Preisen gemessen, von 230 auf 1100 Dollar gestiegen.
Das bedeutet, dass der Arbeiter heute mehr Geld fuer Moebel,
fuer Haushaltgeraete, fuer ein Auto, fuer bessere aerztliche
Betreuung, fuer Reise und Erholung und ein besseres soziales
Leben zur Verfuegung hat. Er hat noch mehr Zeit, sich in seiner Gewerkschaft und innerhalb seiner Lebensgemeinschaft zu
betaetigen, er hat ausserdem die Moeglichkeit, seinen Kindern
eine bessere Ausbildung angedeihen zu lassen. Der Durchschnitts-Amerikaner besucht heute die Hochschule. Die Dauer
seiner Schulausbildung ist heute um vier Jahre laenger. als
1900 - naemlich zwoelf Jahre gegen acht.
Der Arbeiter lebt heutzutage in einer weit besseren Wohnung. Nur in -wenigen Arbeiterwohnungen gab es 1900 elektrisches Licht, fliessendes Wasser, ein Bad oder auch nur eine
Brause. Das Telefon war dem Arbeiter unbekannt. Heute sind
all diese Dinge in fast allen Arbeiterwohnungen Selbstverstaendlichkeiten, in vielen gibt es ein Telefon. Vor 50 Jahren waren die Arbeiterwohnungen klein und ueberfuellt und
lagen haeufig in den Elendsvierteln der Staedte. Heute sind
viele dieser Elendsviertel beseitigt worden, obwohl auch heute
noch manche bestehen. Die Arbeiter wohnen im allgemeinen in
groesseren, schoener gelegenen Wohnungen, der eigene Wagen
ermoeglicht es vielen, in den Vorstaedten zu wohnen. 1901 hatten nur 20% der Arbeiter ein eigenes Haus, heute sind es rund
50%.
Eine Arbeiterfamilie kann sich heute eine bessere Ernaehrunp leisten und mehr Eier, mehr Milch und mehr vitaminhaltige Lebensmittel kaufen, üuch ihre Bekleidung ist besser. Sie
gehoert automatisch der Sozialversicherung an, die ihnen eine
Altersrente und Arbeitslosenunterstuetzung bietet, in vielen
Turifvertraegen der Gewerkschaften sind Altersrenten sowie
Kranken- und Euersorgeunterstuetzungen vorgesehen. Die betriebseigene Arbeitersiedlung, in der die Arbeiter der Gnade
des Unternehmers ausgeliefert waren, ist kaum mehr anzutreffen.
Die Arbeiter sind heute unabhaengiger. Das Recht, sich in
Gewerkschaften zu organisieren, ist gesetzlich verankert. Vertraege mit unternehmerhoerigen Gewerkschaften, schwarze Listen
«*

- 13

�und die Anwendung von Gewaltmassnahmen gegen Streikende sind
als ungesetzlich erklaert worden.
In Bezug auf die Verteilung des Einkommens hat sich in
den USA im letzten ViertelJahrhundert eine friedliche Revolution abgespielt. Die hoechsten Einkommensgruppen erhalten
heute einen weit geringeren, die Arbeiter und andere Gruppen
mit niedrigem Einkommen einen weit hoeheren Anteil des gesamten Nationaleinkommens. 1929 waren 34% des Gesamteinkommens
der Nation den 5% zaehlenden Angehoerigen der hoechsten Einkommensgruppe vorbehalten. 1946 war ihr Anteil auf fast die
Haelfte, naemlich 16&gt;, zusammengeschrumpft, d.h. die Angehoerigen der niedrigeren Einkommensgruppen, also häuptsaechlich
Arbeiter, erhielten 1946 25 Milliarden Dollar des gesamten
Einkommens, die, wenn es 1929 verteilt worden waere, den obersten 5% ebenfalls fast zur Haelfte zugeflossen waeren.
Im gesamten gesehen,
Gewinne fuer die Arbeiter
Gesamteinkommens, die die
stets versprochen hatten,

zeigen diese 50 Jahre genau jene
und j.ene Art der Verteilung des
Sozialisten und die Kommunisten
aber niemals erreichen konnten.

Ein Vergleich zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa zeigt, warum in Amerika ein hoeherer Lebensstandard
moeglich ist. Vor dem zweiten Weltkrieg war der Wert der
Produktion pro Kopf der Bevoelkerung in den Vereinigten Staaten 2 1/3 mal so hoch wie in Eurooa - 1360 Dollar in den USA
und 550 Dollar in Europa. Die ungeheure industrielle Proriuktivitaet der USA, die dem freien Wirtschaftssystem zu verdanken ist, ihre Maschinen und ihre Arbeitsmethoden, ihre Massenproduktion und ihre J'assenabsatzmaerkte haben es den Arbeitern
ermoeglicht, sich einen hohen Lebensstandard zu erarbeiten.
Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Produktion pro Kopf der
Bevoelkerung in den USA wieder um mehr als 50% gestiegen, in
Europa dagegen nur um 5%, was auf die Kriegszerstoerungen zurueckzufuehren ist, die zuerst wieder ausgeglichen werden mussten.
Die Produktion oro Kopf der Bevoelkerung ist in den USA heute
3 1/2 mal so hoch wie in Europa - 2100 Dollar in den USA, 600
Dollar in Europa. Hoffentlich kann die J^roduktivitaet auch in
Europa wesentlich gesteigert werden, damit auch dort der Lebensstandard hoeher werden kann.
Labor's Ivionthly Survey
AFL 9/51
DER KONGRESS DES KANADISCHEN GEWERKSCBAFTSBUNDES
Paul Finet, der fruehere Vorsitzende des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften, hielt vor dem Kongress des Kanadischen Gewerkschaftsbundes (CCL) in Vancouver eine bedeutsame Rede. Im Anschluss an seine Rede wurde eine Resolution
angenommen, in der die Absicht des IBFG gebilligt wurde, Geldmittel fuer seine ^ufklaerungs- und Werbearbeit in Suedostasien bereitzustellen. Der Kanadische Gewerkschaftsbund will
sich mit 50.000 Dollar beteiligen, von denen bereits 10.000
Dollar aufgebracht sind.
Ausserdem wurde eine Reihe politischer Erklaerungen gebilligt, denen zufolge die Werbetätigkeit verstaerkt, bessere
Tarifvertraege mit hoeheren Lohntarifen abgeschlossen, Refor- 14 -

�tuen in den. Provinz- und Staatsbehoerden und ihrer Dienstleistungen fuer das Volk gefordert und eine aktivere politische
Betaetigung angeregt werden soll.
Der Kongress brachte seine feste Entschlossenheit zum
Ausdruck, eine Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung zu unterstuetzen, indem er allen Eunktionaeren und allen Gewerkschaftsvorstaenden nahelegt, ihre Bemuehungen fuer eine voellige
Zusa:rjaenarbeit, die Herstellung der organischen Einheit aller
gleichgesonnenen Gewerkschaftsorganisationen und ihre Zusammenfassung in einer einzigen Organisation fuer ganz Kanada
fortzusetzen.
In einer Entschliessung ueber Loehne wird darauf hingewiesen, dass durch die unvorhergesehenen und willkuerlichen
Steigerungen der Lebenshaltungskosten in den vergangenen Monaten Lohnerhoehungen zur unbedingten Notwendigkeit geworden
sind, wenn der jetzige Lebensstandard beibehalten werden soll.
Der Kongress forderte ferner, dass die angeschlossenen
Gewerkschaften unter Berücksichtigung ihrer eigenen Beduerfnisse und Verantwortlichkeiten sofort Massnahmen ergreifen,
um diese dringend erforderlichen wesentlichen Lohnerhoehunren
durchzusetzen.
In der Entschliessung wurde ausserdem der Lohnkoordinierungsausschuss des Kanadischen Gewerkschaftsbundes aufgefordert, die angeschlossenen Gewerkschaften in ihren Lohnforderungen noch mehr als bisher zu unterstuetzen. Es wird ferner
empfohlen, regionale Lohnkoordinierungsausschuesse zu bilden,
die mit dem Landesausschuss und den Ortsgewerkschaften in
allen Bezirken zusammenarbeiten.
Dieser Vorschlag wurde von der Versammlung weitgehend
unterstuetzt. Sprecher wiesen besonders darauf hin, dass damit im Grunde alle Ortsgewerkschaften aufgefordert werden, sich
bei der Forderung von hoeheren Loehnen gegenseitig zu unterstuetzen, besonders dann, wenn es noetig ist, zu streiken.
"Es bedeutet," so sagte ein Delegierter kurz und buendig,
"dass wir die Haerten und Lasten gemeinsam tragen muessen."
Der Kongress stellte ausserdem fest, dass die Arbeitslosigkeit in Kanada um sich greift, und wendete sich in scharfen Worten gegen die Dojainiumsregierung, weil sie nicht die
Vorschlaege des Kanadischen T-ewerkschaftsbundes in Erwaegung
gezogen hat, die darauf ausgingen, den bevorstehenden Entlassungen in der Automobilindustrie Einhalt zu gebieten. Er
beschloss durch Abstimmung, eine Organisation erwerbsloser Arbeiter ins Leben zu rufen.
Er forderte sodann, dass die kanadische Regierung in den
betroffenen Gebieten Projekte zur Arbeitsbeschaffung aufstellt
und die Unterstuetzungen aus der Arbeitslosenversicherung
erhoeht.
In anderen EntSchliessungen wird die Regierung ersucht,
sofort Preiskontrollen einzufuehren, die Preise auf einen
moeglichst niedrigen Stand zurueokzubringen, wenn es erforderlich ist, Subventionen zu zahlen, und die strengen Kreditbe3chraenkungen zu lockern, damit der Arbeitslosigkeit durch eine
Erweiterung des Verbrauchermarktes begegnet werden kann.
- 15 -

�Die Forderung nach einer Altersrente von 65 Dollar im
Monat, die bei einem Alter von 65 Jahren faeilig ist, ohne
dass ueberprueft werden muss, ob der Betreffende unterstuetzungsbeduerftig ist, wurde von dem Kongress einstimmig
gebilligt. Gegenwaertig wird eine Pension von 40 Dollar bei
einem Alter von 70 Jahren gezahlt, ohne dess die Unterstuetzungsberechtigung nachgewiesen werden muss.
Der Kongress billigte das Erziehungsprogramm des Kanadischen Gewerkschaftsbundes und begiueckwuenschte die Funktionaere zu ihrer Arbeit im letzten Jahr, die der Bekaempfung
der Diskriminierung und der Intoleranz gewidmet war. Emmett
Holmes aus Tancouver, ein Neger, der als Delegierter der
Holzarbeiter-Ortsgewerksohaft Kr. 1-217 anwesend war, beruehrte in seinem Kommentar zu diesem Bericht ein heikles Thema.
"Es ist wie mit der Hitze," sagte er, als er von der
Diskriminierung sprach'. "Man kann sie nicht sehen, aber man
fuehlt sie."
Mosher kritisierte in seiner Rede in scharfen Worten
die Unternehmer,die den kommunistischen Gewerkschaften dadurch
helfen, indem sie "billige" Vertraege unterschreiben.
"Ohne die Hilfe dieser Unternehmer waere es den kommunistischen Gewerkschaften viel schwerer, sich ueber Wasser zu halten; aber dessenungeachtet kann in Bezug auf das Endergebnis
kein Zweifel bestehen."
"Der Kommunismus wird ganz bestimmt besiegt werden, soweit dies die Gewerkschaftsbewegung in Kanada betrifft. Es
ist den kommunistischen Gruppen immer schwerer geworden, Anhaenger zu gewinnen, weil der Kommunismus eindeutig als eine
Verschwoerung staatsuntreuer Buerger demarkiert wurde, die
im Interesse einer fremden Macht handelt."
In Bezug auf innerkanadische Angelegenheiten wurde erklaert: "Im Verlauf des letzten Sommers haben die Lebenshaltungskosten eine nie zuvor gekannte Hoehe in Kanada erreicht.
Dadurch wurden die Lohnerhoehungen wirkungslos, die nur unter
.ungeheuren Bemuehungen und in vielen Faellen durch kostsnieligs Streiks errungen werden konnten.
Wenn die Arbeiter das, was sie von den Unternehmern erkaempfen konnten, wieder verlieren, weil ihre Regierung
nicht bereit ist, ihre Interessen genuegend zu wahren, so
duerfte es ueberfluessig sein, darauf hinzuweisen, dass ihnen
keine andere Moeglichkeit bleibt, als ihre eigenen Vertreter
ins Parlament und die gesetzgebenden Organe der Regierung zu
waehlen, um auf diese Weise ihre Interessen gewahrt zu sehen.
Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, dass die wirtschaftliche Lage eine wesentlich andere geworden waere, wenn eine
politische Partei die Macht gehabt haette, den Wuenschen der
Arbeiterschaft Rechnung zu tragen. Damit wtere dem kanadischen Volk ungeheuer viel erspart geblieben.
The CIO News
X/l/51

- 16 -

Etooo ra o « si lejs« 6 ••

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel •tollen Auszuge aus dar amerikanischen Presse nnd anderen Quellen dar and dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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angefordert worden. Auf Wonach worden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
D«r Inhalt dar „Arbeitsmitteilungen" tot nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommisaion für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
___

IV - 43

F r a n k f u r t , 26. Oktober 1951

I N H ALT

S V E R Z E I C H N I S

Die Aufgabe der Gewerkschaftsbewegung Im
J a h r 1952

1

Die wirtschaftllohe Situation Europas

3

Aus der Arbeit der finnischen Gewerkschaftsbewegung
12
Amerikanische Hilfsorganisation feiert
zehnjaehriges Bestehen

16

George Meany, Hauptkassierer der AFL:
DIE AUFGABE DER GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IM JAHR 1952
Unsere Sicherheit als Nation, unsere Lebensweise und
die der freien Welt sind heutzutage von der seit Menschengedenken furohtbarsten Versohwoerung gegen den Fortschritt
der Menschheit bedroht - von der kommunistischen Forderung
nach der Weltherrschaft. Und doch ist angesichts dieser
aufsteigenden Gefahr das amerikanische Volk geneigt, Entscheidungen hinauszuzögern. Es soheint zu glauben, wir
koennten niemals besiegt werden, weil wir noch nie geschlagen worden sind. Der Hauptgrund, dass wir noch niemals einen
Krieg verloren haben, ist die Tatsache, dass die Amerikaner
in Zeiten nationaler Gefahr sich immer auf den Pioniergeist
ihrer Vorfahren und nioht auf Teilnahmslosigkeit und Apathie
besonnen haben.
1 -

�Jeder Einzelne von uns ist fuer die gegenwaertige verwirrte Situation, in der sich unsere Nation befindet, verantwortlich. Wenn wir mit unserem Kongress nicht zufrieden
sind, und wenn wir ueber den Gang der Weltentwicklung enttaeuscht sind, so haben wir niemandem anderem als uns selbst
die Schuld hierfuer zuzuschreiben. Die Menschen koennen
nur das erreichen, wofuer sie zu arbeiten und zu kaempfen
bereit sind. Wenn unsere Freiheit heute bedroht ist, dann
deshalb, weil wir nicht immer genuegend wachsam gewesen
sind und zu dem entscheidenden Zeitpunkt geschlafen haben.
Wir koennen es uns nicht leisten, uns auf den Standpunkt zu stellen, dass wir kein Interesse an der Politik haetten. Wir koennen es uns auch nicht leisten, den Freunden
der Gewerkschaftsbewegung zu sagen: "Haltet Euch gefaelligst
aus meiner Politik heraus, ich waehle, wen ich will." Wir
als Gewerkschaftsfunktionaere und als integraler Bestandteil
unserer gewerkschaftlichen Aktivitaet muessen das politische
Feld betreten.
Zwar sind der "Amerikanische Plan" und der Hungerplan
der Unternehmer nicht geglueckt, und es kam auch nicht zu
der antigewerkschaftlichen Gesetzgebung, mit der man die
Gewerkschaftsbewegung unterdruecken und sie in die Defensive
draengen wollte. Aber es ist den Gewerkschaftsfeinden immerhin gelungen, das Taft-Hartley-Gesetz durchzusetzen.
Was war eigentlich der "Amerikanische Plan"?

Es war

nichts anderes als die obligatorische Einfuehrung des "openshop" in der gesamten Industrie. IBeim "open-shop" steht es
jedem Arbeiter frei, der Gewerkschaft beizutreten oder nicht).
Der Plan wurde von der Nationalen Arbeitgebervereinigung im
Jahre 1921 finanziert, und durch ihn wurde die gesamte Nation
18 Monate lang von einer Seite auf die andere geworfen.
Die Gewerkschaftsbewegung wurde in einigen unserer
groessten Staedte zeitweilig voellig aus der Industrie verdraengt. Es war der Zweck dieses Plans, gewerkschaftlich
organisierte Arbeiter zu zwingen, mit nichtorganisierten in
den Betrieben zusammenzuarbeiten, wobei man die Theorie
im Auge hatte, dass, wenn Gewerkschafter mit nichtorganisierten Arbeitern in den Betrieben zusammen sein muessen, die
Gewerkschaften nicht laenger bestehen koennen.
Am 4. Juni 1951 fasste das Oberste Bundesgericht der
Vereinigten Staaten im Rahmen des Taft-Hartley-Gesetzes
drei Beschluesse, die sich alle auf das Baugewerbe auswirkten und den folgenden Grundsatz hinsichtlich der Auslegung
der Absichten des Kongresses im Rahmen des Taft-Hartley-Gesetzes enthielten: die Gewerkschaften haben nicht das
Recht, gewerkschaftlich organisierte Arbeiter bei ihrer Weigerung zu unterstuetzen, mit nichtorganisierten zusammenzuarbeiten.
Dies war ein offizieller Beschluss des Obersten Bundesgerichtes der Vereinigten Staaten. Das Gericht sagt nicht,
ob das Gesetz gut oder schlecht ist. Es sagt lediglich,
dass es verfassungsgemaess ist, dass es im Sinne der Absichten des Kongresses liegt, und dass es eben einfach ein Gesetz ist.
- 2 -

�Wir duerfen eines nicht vergessen: Als man bei der Abstimmung ueber das Taft-Hartley-Gesetz im Jahre 1947 die
Stimmen zaehlte, wurde gerecht verfahren, Es ging auch mit
rechten Dingen zu, als das Veto Praesident Trumans gegen dieses Gesetz ueberstimmt wurde. Es war das Kapital, vertreten
von dem Nationalen Arbeitgeberverband und von seinen Freunden im Kongress, wie Taft und Hartley, das die Stimmen erhielt.
Nicht wir hatten die Stimmenmehrheit. Wenn wir deshalb dieser
Situation ein Ende bereiten wollen, gibt es meines Erachtens
nur einen Weg: Wir muessen die Stimmen fuer uns bekommen.
Wir werden es niemals erreichen, dass das Taft-HartleyGesetz widerrufen wird, wenn im Kongress nicht Maenner und
Frauen sitzen, die Freunde der Ideen und Grundsaetze unserer
grossen Gewerkschaftsbewegung sind.
Die politische Arbeit unserer Gewerkschaften durch die
Gewerkschaftsliga fuer politische Erziehung (Labor League
for Political Education) anzukurbeln, ist eine schwere Arbeit.
Es dreht sich nicht darum,einfach darueber zu sprechen und
sie dann zu vergessen. So nachteilig 3as Taft-Hartley-Gesetz
auch ist, so fordert es doch jede Ortsgewerkschaft in unserem
Lande geradezu dazu heraus, die Anfangsschritte dieser Arbeit
zu leisten.
Es steht nichts in den Buechern unserer Verfassung, was
eine Ortsgewerkschaft daran hindern wuerde, die Initiative
zu ergreifen und eine Aufklaerungskampagne durchzufuehren
oder ihre Geldmittel dazu zu verwenden, diese Kampagne zu finanzieren, mit der sie ihre eigenen Mitglieder dazu bewegen
will, am Wahltag zu den Urnen zu gehen. Das kann jede Ortsgewerkschaft tun, und damit waeren tatsaechlich die ersten
Schritte der schwierigen Aufgabe getan, unsere Mitglieder,
unsere Familien und unsere Freunde zum Waehlen zu veranlassen.
Wenn uns dies gelingt, braucht es uns um die Wahlergebnisse nicht bange zu sein. Wir wissen, wie sie stimmen werden. Wir wissen, dass sie jene Leute waehlen, die die Wohlfahrt und die Interessen der grossen Masse des arbeitenden
Volkes im Auge haben, die in Wirklichkeit der echte Reichtum
dieses grossen Landes ist.
Fangen wir sofort damit an und widmen wir uns mit allen
Kraeften dieser Aufgabe bei den naechsten Wahlen im Jahre
1952J
Justice
IX/1/51
Paul G. Hoff man:
Dia WIRTSCHAFTLICH*. SITUATION EUROPAS
Im August 1945 nahm ich an einer Versammlung des Rates
der Internationalen Handelskammer in London teil. Waehrend
der Besprechung erreichte uns die Nachricht, dass der Krieg
in Japan beendet war. Soweit ich mich erinnere, veranlasste
uns diese Nachricht, vieles von dem zu uebergehen, was auf
unserer festgelegten Tagesordnung noch uebrig war. Viele
von denen, die an diesem Tage anwesend waren, werden sich
- 3-

�daran erinnern, wie schnell
der Frage zuwandten, welche
friedlichen Handel zwischen
schen Welt getroffen werden

- und hoffnungsvoll! - wir uns
neuen Vorkehrungen fuer einen
der freien und der kommunistikoennten.

Viele von Ihnen werden sich auch daran erinnern koennen,
dass der Kreml aufgefordert, wurde, Vertreter zu dieser Versammlung zu entsenden. Als diese Einladung abgesagt wurde,
drueckten wir unser Bedauern darueber aus. Ueber die Abwesenheit der Sowjets dachten wir aber wirklich nicht allzuviel
nach. Schliesslich waren sie ja unsere Verbuendeten.
In der freundlichen Atmosphaere, die die Nachricht des
Sieges ueber Japan schuf, begannen wir ernsthafte Plaene fuer
den wirtschaftlichen Wiederaufbau auszuarbeiten. Der ueberzeugte Optimismus, den der Friede im Pazifik ausgeloest hatte,
veranlasste uns alle, die bedeutendste Tatsache zu uebersehen.
Wir vergessen, dass der Kreml mit der Ablehnung, sich uns
in London auszusohliessen, lediglich an seiner Parteilinie
festhielt. In jenen gluecklichen Tagen strichen wir einfach
alles aus unseren Gedanken, was wir alle wussten, dass der
Kreml nur einem einzigen Zweck diente -damals, vorher, und
seitdem - die freie Welt zu zersetzen. Waehrend wir uns enthusiastisch in die Diskussion der Moeglichkeiten stuerzten, Wirtschaftsverbindungen mit dem Kreml zu schaffen, stuerzte sich
der Kreml noch energischer auf seine Plaene, uns auszubooten.
Kurz, wir uebersahen, dass Marx, Lenin und Stalin gerade das meinten, was sie sagten, als sie erklaerten, dass der
Kapitalismus abtreten muss und der internationale Kommunismus seine Stelle einnehmen muss.
Wenn wir auf den Verlauf dieser fuenf oder sechs Jahre
zurueckblicken, dann glaube ich zugeben zu muessen, dass
der Kreml im Ganzen gesehen viele Erfolge in diesem totalen
Krieg gegen den Kapitalismus hatte. Im Jahre 1945 folgten
etwa 200 Millionen Menschen den Befehlen des Kremls. Heute
hat sich diese Zahl vielleicht vervierfacht. Auf jeden Fall
wird geschaetzt, dass etwa 800 Millionen Menschen der Stimme
Moskaus gehorchen muessen. Unzweifelhaft gehorchen viele
von ihnen nur mit Furcht und Zittern. Ich glaube aber, dass
man mit Sicherheit sagen kann, dass bei den meisten dieser
800 Millionen der Geschaeftsmann - so wesentlich er fuer die
kapitalistische Welt ist - keinerlei Ansehen besitzt.
Es ist tatsaechlich fraglich, ob die meisten dieser 800
Millionen Menschen ueberhaupt eine Vorstellung davon haben,
was ein Geschaeftsmann ist. Uebrigens gibt es im Russischen
kein Wort fuer "Geschaeftsmann". Die Russen benutzen nur
Schlagworte, wenn sie auf diese Funktion in der westlichen
Gesellschaftsordnung Bezug nehmen.
Die meisten Eroberungen des Kremls in den vergangenen
halbdutzend Jahren erfolgten durch innere Aggression - durch
Umsturz und Sabotage innerhalb der Laender - aber nicht durch
Eroberungskriege gegen Laender. Das bewaehrte Rezept des
Kremls war immer die Ausbeutung innerer Schwaechen anderer
Laender, und dieses Rezept ist bisher wahrhaftig mit Volldampf
angewandt worden. Die Ergebnisse sind verblueffend, wie
zum Beispiel in China.

4

�Einige Leute vermuteten, dass der Kreml seine .Vorherrschaft jetzt so weit ausgedehnt hat, wie er es beabsichtigte,
und dass sein Programm von nun ab lediglich in der Konsolidierung und dem Schutz der Gewinne besteht, die seit dem
Kriege gemacht wurden. Dies ist ein Standpunkt, den Moskau
selbst sehr gern unterstuetzt. Dieser aber ist, nach meiner
Ansicht, ein Irrtum ungeheuersten Ausmasses. Die Maenner
des Kremls glauben und hoffen, dass die bisherigen Massnahmen erst der Anfang sind. Nichts wird sie zufriedenstellen,
solange es noch keine kollektivierte Welt gibt. Ich habe
genug eigene Erfahrungen mit Moskauer Taktiken, um die Wahrheit dieser Erklaerung versichern zu koennen. Sie brauchen
sich aber nicht auf mein Wort zu verlassen - ich verweise Sie
auf die drei vorgenannten Persoenlichkeiten - Marx, Lenin
und Stalin. Sie haben zu diesem Thema viel zu sagenl
Die Geschichte wird uns noch eines geradezu kriminellen
Wohlbehagens fuer schuldig befinden, wenn wir nicht erkennen,
dass dieser kommunistische Vorstoss zur Weltherrschaft den
Kapitalismus ueberall vor Gericht gestellt hat. Das Kernproblem ist die Erhaltung des Kapitalismus gegen die Verheissungen des Kommunismus.
Wenn wir Wirtschafter - gleichgueltig welchen Landes ein Urteil zu unseren Gunsten wollen, dann tun wir gut daran,
die Voelker der ganzen 'Welt davon zu ueberzeugen, dass das
Wirtschaftssystem, von dem wir ein Bestandteil sind, mehr
fuer sie tun wird als irgendein anderes System, und weiterhin, dass es das einzige System ist, das den Menschen die
Hoffnung bietet, in einem Klima der Freiheit, der Sicherheit
und der freien Entfaltung zu leben.
In diesen schnell wechselnden Zeiten mecht sich ein konstanter Faktor bemerkbar, der uns Wirtschafter herausfordert.
Dieser ist der Faktor der Unruhe - der Unruhe, verursacht
durch den Entschluss der Menschen, selbst ihr Los zu bessern.
Wir sehen es bei den lange schlummernden Voelkern der Erde,
die sich heute selbst waychruetteln. Ein besseres Leben ist
fuer sie kein leerer Traum, an dem sich nichts aendern laesst.
Wir wissen, die Sowjets versprechen ihnen taeglich ein besseres Leben. Es ist mir klar, dass unsere freie Gesellschaft
diesen Versprechen der Sowjets durch Taten und nicht durch
Worte entgegentreten muss. Dieses ist die Herausforderung,
der wir erfolgreich entgegentreten muessen, wenn wir die Gesellschaftsform beibehalten wollen, in der wir als Wirtschafter eine wuerdige Stellung einnehmen.
Ich glaube, dass jede objektive Bewertung der Welt zu
dem Schluss fuehren wird, dass der Kapitalismus in keinem Lande gesicherter ist als in den Vereinigten Staaten. Es ist
ganz sicher wahr, dass der Wohlstand in Amerika in einem
schnelleren Verhaeltnis wäschst als in anderen Teilen der
Welt, dass es in den Vereinigten Staaten eine groessere Kapitalansammlung gibt, und dass es in meinem Lande einer groesseren Anzahl Menschen besser geht als sonst irgendwo in der Welt.
Daher glaube ich, dass es sich lohnt, nach den Gruenden
fuer die verhaeltnismaessig solide Position der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu suchen, d.h. der Vereinigten
Staaten. Gewiss, das Vorhandensein von Tausenden von Meilen
rfasseroberflaeohe an beiden Kanten unseres Landes ist ein
Teil dieser ehrlichen, aufrichtigen Antwort. Ich moechte
- 5 -

�aber einwerfen, dass die ganze Antwort tatsaechlich weit ueber
den Zufall'der weiten Grenzen hinausreicht. Eine Antwort,
die der Sache wesentlich naeherkommt, lautet meiner Ansicht
nach etwa so:
t

1. Der Kapitalismus, wie er in den Vereinigten Staaten
vorhanden ist, hat eine fortlaufende und zunehmende Leistungsfaehigkeit zur Schaffung von Wohlstand bewiesen.
2. Dieser staendig wachsende Wohlstand wird mit vernuenftiger Gerechtigkeit auf die Bevoelkerung verteilt.
3. Der amerikanische Kapitalismus hat einen neuen Kurs
angenommen, der in meinem Lande immer haeufiger als das "soziale Bewusstsein der Wirtschaft" bezeichnet wird.
Jeden dieser Faktoren, die unseren Kapitalismus staerken, moechte ich gern kurz mit Ihnen besprechen. Wenn es
erforderlich ist, die Leistungsfaehigkeit des Kapitalismus
der Vereinigten Staaten bei der Schaffung von »Vohlstand nachzuweisen, so fuehre ich die Tatsache an, dass ungefaehr ein
Drittel aller Waren der Welt in den Vereinigten Staaten hergestellt werden und fast die Haelfte aller Fabrikerzeugnisse
der Erde; wir besitzen aber nicht einmal ein Drittel der Rohstoffquellen. Tatsaechlich besitzen wir schaetzungsweiee
1/15 der Weltbevoelkerung, 1/15 des Landgebietes der Erde
und 1/15 seiner Rohstoffquellen. Was wir haben, ist eine
viel hoehere Produktivitaet, d.h. eine groessere Leistung
pro Arbeitsstunde. Wir Amerikaner glauben ziemlich leidenschaftlich an die .Produktivitaet. Wir glauben, dass unser
materieller Wohlstand weitgehend von einem staendig ansteigenden Produktionsausstoss pro Arbeitskraft abhaengt. Andererseits wissen wir, dass dieser fast ausschliesslich davon abhaengt, in welchem Ausmass wir den grossen Hebel der Maschine
benutzen koennen und die Energie der Treibstoffes und des
Wassers zum Betreiben dieser Maschine einspannen koennen.
Nur Maenner, die mit Maschinen ausgeruestet sind, koennen
Wohlstand im Uebermass schaffen, und wenn das, was wir wollen,
Wohlstand im Uebermass fuer viele Menschen ist, so besteht
die Aufgabe darin, die Produktion ueberall dadurch hochzutreiben, indem mechanische Muskeln fuer die menschlichen Muskeln
eingesetzt werden.
Lassen Sie mich nun andererseits zu dem zweiten Punkt
kommen, den ich fuer die verhaeltnismaessig sichere Position
des Kapitalismus in den Vereinigten Staaten voranstelle: die
gleichmaessige Verteilung des Wohlstandes. Die Produktivitaet
hat uns die Gelegenheit geboten, aus Millionen unserer Buerger
"KaDitalisten" zu machen. Peter Drucker hat eine treffende
Feststellung zu diesem Punkt gemacht:
"Wir haben in diesen 50 Jahren gelernt, dass die Produktivitaet ein sozialer Prinzip und nicht einfach ein wirtschaftliches Prinzip ist. Anders ausgedrueckt, die gesteigerte Produktivitaet muss zu einem groesseren Einkommen fuer Viele beitragen sowie zur groesseren Arbeitsplatzsicherheit der Arbeiter und zur groesseren Zufriedenheit des Verbrauchers, um
ueberhaupt p:ut zu sein. Es genuegt nicht, dass sie lediglich
zu Profiten beitraegt."
Ein Blick auf das veraenderte Schema der Wohlstandsverteilung in den Vereinigten Staaten wird diese Aeusserung aus- 6 -

�gezeichnet beleuchten.
Die Statistik zeigt, dass fuer die amerikanische Bevoelkerung von 153 Millionen beinahe 40 Millionen Automobile
vorhanden sind. Hier aber einige Zahlen, die mir noch bedeutungsvoller erscheinen. Im Jahre 1949 erhielten 26$ aller nordamerikanisehen Lohnempfaenger 3000 Dollar oder mehr an Loehnen und Gehaeltern. Zehn Jahre vorher jedoch, im Jahre
1939, bezogen nur 15# der US-Lohnempfaenger ein Einkommen
von gleicher Kaufkraft - ein Zuwachs von beinahe 70$ innerhalb eines Jahrzehnts. Fuer den Umschwung, der zwischen
1900 und 1950 stattgefunden hat, sind keine zuverlaessigen
Ziffern vorhanden. In jeder Dekade ist aber ein zunehmender
Prozentsatz des Insgesamt erzielten Wohlstandes zu der niedrigeren Einkommensgruppe gewandert.
Diese Medaille hat natuerlich auch eine Kehrseite. Die
hoechste Einkommensgruppe in Amerika hat in den fuenf Jahrzehnten zwischen 1900 und 1950 einen stark abfallenden Prozentsatz des insgesamt erzielten Wohlstandes erhalten. Die
meisten Mitglieder der US-Delegation koennen persoenlich bezeugen, dass ihre Einkommen, brutto und netto, waehrend der
zwei vergangenen Jahrzehnte betraechtlich gesunken sind.
Der Abstand zwischen dem Einkommen des Praesidenten einer
Gesellschaft und dem am niedrigsten bezahlten Arbeiter hat
sich betraechtlioh verringert.
Wir sind im Endergebnis eine Nation geworden, in der,
vom materiellen Standpunkt gesehen, Klassenunterschiede nicht
mehr von besonderer Bedeutung sind. So wurde erst kuerzlich
in einer Umfrage der Zeitschrift "Fortune" die Frage gestellt
"Zu welcher Klasse gehoeren Sie?" Das Ergebnis war eine
Bestaetigung von fast 90$ aller Befragten, dass sie sich zum
Mittelstand rechnen.
Wir gehoeren einfach alle zum Mittelstand und sind stolz
darauf. Darum wuerden auch, wenn irgendeiner eine Neuverteilung des Reichtums vorschlagen wuerde, fast alle von uns mit
der Frage antworten: "Wessen Reichtum?" Denn fast alle von
den 40 Millionen Familien haben privates Eigentum in der einen
oder anderen Form. Diese 40 Millionen Familien sind sich
ferner der Tatsache bewusst, dass sie an jeder Steigerung des
Gesamtwohlstandes teilnehmen werden.
Vielleicht besteht daher allgemeines Einverstaendnis
unter uns allen darueber, dass unsere Energien in erster Linie auf die Vergroesserung des zu teilenden Bratens gerichtet sein sollten, als diese Energien in Streitigkeiten darueber zu- zersplittern, wieviel jeder von dem augenblicklich
zur Verfuegüng stehenden Braten zu erhalten hat.
Die beste Art, Ihnen jene Form, die ich als sozialbewussten"Kapitalismus" bezeichnete, zu erlaeutern, ist die,
Ihnen von einem Forum zu berichten, an dem ich kuerzlich in
der Stadt New York teilnahm.
An diesem Forum nahm eine Anzahl Wirtschafter teil, aber der
groesste Teilder Versammlungsteilnehmer waren Intellektuelle
Maenner wie Erwin Canhan, Russell Davenport, Peter Drucker,
Lewis Galentiers, Harry Gideonse und Frank Tannenbaum. Unser
Thema lautete: "Was hat der amerikanische Kapitalismus fuer
und gegen die einzelnen Menschen waehrend der vergangenen 50
- 7 -

�Jahre unternommen?n Dies war eine Frage, mit der man sich
nach unserer Ansicht, ehrlioh auseinanderaetzen muss. Schliesslich liegt die grundsaetzliche Rechtfertigung der freien Gesellschaft in der Gelegenheit, die sie allen Mensohen als
Einzelpersonen gibt, ihre natuerlichen Faehigkeiten zu verwirklichen. In der Ideologie des Kremls lebt der Mensch, um
dem Staat zu dienen; in unserer Ideologie lebt der Staat, um
dem Menschen zu dienen. Wie weit hat, so fragen wir uns,
Amerika seinen Buergern gedient?
Waehrend des ersten Teils der Versammlung versuchten wir
abzuschaetzen, was seit 1900 in den Vereinigten Staaten, hinsichtlich der Moeglichkeit vorwaertszukommen und sich zu entwickeln, geschehen ist,* und ob. die Amerikaner waehrend des
letzten Jahrhunderts in materieller, bildungsmaessiger und
geistiger Hinsicht tatsaechllch fortgeschritten oder zurueokgefallen sind.
Es bestand einstimmiges Einvernehmen darueber, dass, soweit es. sich um den materiellen Fortschritt des Einzelnen handelte, ein V'unäer geschehen ist. Quantitativ und qualitativ
haben sich seine Moeglichkeiten ungeheuer vervielfacht. Im
Jahre 1900 verfuegte Amerika ueber 27 Millionen Arbeitsplaetze nur mittelmaessige Arbeitsplaetze - fuer eine Nation von 75
Millionen Menschen. Im Jahre 1915 waren 62 Millionen Arbeitsplaetze verfuegbar fuer 150 Millionen Mensohen - und diese
Arbeitsplaetze waren auch weitaus besser. Die Realloehne der
Fabrikarbeiter hatten sich mehr als verdoppelt, Versicherungs-,
Pensions- und Gesundheitsplaene fuer die Arbeiter hatten allgemeine Annahme göf undenf und die Arbeitsstunde ist von 60
auf 40 Stunden pro Woche gesenkt worden.
Im Jahre 1900 waren die materiellen Vorteile unseres
Wirtschaftssystems weitgehend auf eine kleine Gruppe an der
aeussersten Spitze der Wirtschaft besohraenkt. Im Jahre 1945
ist, wie wir gesehen haben, unser weitaus groesserer Wohlstand viel gleichmaessiger auf die ganze Bevoelkerung verteilt.
Bei der Frage der bildungsmaessigen Gelegenheiten des
Einzelnen bestand abermals Einvernehmen - ein Wunder hat auch
hier stattgefunden. Am Ende des letzten Jahrhunderts waren
nur 7% aller Kinder der Vereinigten Staaten, die sich im Alter der hoeheren Schueler befanden, noch in der Schule. Im
Jahre 1945 war diese Gesamtzahl auf 80% gestiegen. Im Jahre
1900 hatten wir 7200 Hochschul- und Universitaetsprofessoren.
Heute haben wir mehr als die zehnfache Zahl davon - mehr als
72,000. Seit der Jahrhundertwende ist die Zahl unserer Abiturienten (College Graduates) sechsmal so schnell gestiegen
wie die Zahl der Bevoelkerung.
Bei der Frage nach den Moeglichkeiten des geistigen Fortschritts kamen wir bei der Erwaegung des Fuer und Wider zu
dem Schluss, dass wir vorwaertsgeschritten sind. Wir stellten fest, dass im amerikanischen Leben ein Nachlassen der Heuchelei und eine Abnahme des Vorurteils und der Intoleranz
stattgefunden hat. Wir stellten das Aufkommen neuer und besserer Beziehungen zwischen grossen Gruppen der .Bevoelkerung
fest sowie die Entwicklung von neuen Masstaeben des persoenlichen Verhaltens und neuer Einsichten in die gegenseitige Abhaengigkeit aller Amerikaner.

- 8-

�Die Moeglichkeiten in allen dieser drei Gruppen sind Angelegenheiten des "sozialbewussten Kapitalismus". Wir sind jedoch
darueber erfreut ueber die Erklaerung unserer Intellektuellen,
dass Fortschritte erzielt worden sind. Bitte erhalten Sie
aber nicht den Eindruck, dass irgendeiner von uns auch nur
den Gedanken hatte, dass wir ueber eine erledigte Seche sprachen. Was am klarsten herausgestellt wurde, war der Weg, den
wir noch zurueckzulegen haben, bevor wir alle die Zuversicht
haben koennen, die es nur gibt, dass der Kapitalismus, sogar
der sozialbewusste Kapitalismus, als gesichert angesehen werden kann. Jedesmal, wenn wir glauben, dass die „Aufgabe in
materieller, bildungsmaessiger und geistiger Hinsicht mehr
fuer mehr Menschen zu tun, beendet ist, sind wir selbst am
Ende.
loh moechte nun noch etwas ueber Europa sagen.
Ich nehme an, dass ich genuegend Empfehlungsschreiben
von Ihnen fuer diese Aufgabe besitze. Waehrend meiner Taetigkeit bei der ECA hatte ich zwei Jahre den Vorzug, die Wirtschaft Europas zu betrachten; Jahre, die meinen eigenen Standpunkt unermesslich erweitert haben und mir neuen und tiefen
Respekt fuer alles abgenoetigt haben, was Europa ist und darstellt. Ich glaube das Recht des Freundes zu haben, Dinge
zu erlaeutern, die von groesster Bedeutung fuer uns alle sind.
Ich moechte zuerst ueber die Moeglichkeiten zur Steigerung der euronaeisohen Produktivitaet sprechen. Wir alle
wissen natuerlich, dass das Wort Produktivitaet eine Vielzahl
von Gedanken und Taetigkeiten, Planungsfaehigkeit, Arbeitnehmerkoennen, Maschinenausruestung und Anordnung von Maschinen,
Methoden, Entwuerfen und moralische Fragen umfasst, - nur um
einige zu nennen. Der grundsaetzliche Faktor aber, der Faktor, von dem alle Anstrengungen, die Produktivitaet zu heben,
abhaengen, ist die elektrische Kraft. Wir koennen ein scharfes Bild von ihrem Wirkungsvermoegen fuer die Produktivitaet
in Europa erhalten, indem wir anerkennen, dass die Erzeugungsmoeglichkeiten sehr fest mit dem vorhandenen Strom verknuepft
sind.
Die US-Erzeugung pro Kopf ist aber 2^ mal so gross wie
die europaeische Erzeugung pro Kopf. Diese Tatsache /wirft
jedoch keinerlei Schatten auf die europaeisohen Arbeiter.
Der wesentliche Punkt dieser Angelegenheit ist, dass hinter
jedem amerikanischen Arbeiter 2t mal so viele Pferdestaerken
stehen, 2&amp; mal so viel maschinelle Muskeln, die ihm helfen,
als bei seinem europaeisohen Gegenueber.
Hier sollte man sich an das Folgende erinnern: Der Vorteil, dessen sich der amerikanische Arbeiter hinsichtlich
der vorhandenen Pferdestaerken erfreut, entstand allein waehrend der letzten 50 Jahre. Im Jahre 1900, soweit es sich
noch bestimmen laesst, standen Europa und die Vereinigten
Staaten hinsichtlich der Pferdestaerken auf gleicher Höhe.
Tatsaechlioh entfielen bei Beginn des Jahrhunderts auf beiden Seiten des Atlantik nur etwa 3/4 Pferdestaerken auf den
einzelnen Arbeiter*. In Amerika aber schnellte sie auf mehr
als 8 Pferdestaerken pro Arbeiter empor, waehrend die Ziffer
fuer Europa im Jahre 1950 etwa 2 3/4 Pferdestaerken pro Arbeiter betrug.
- 9-

�Wenn die westeuropaeische Erzeugung pro Kopf im Jahre 1950
der der Vereinigten Staaten entsprochen haette, so haette hier
das Brutto-Volkseinkommen 500 Milliarden Dollar anstelle von
170 Milliarden Dollar betragen.
Damit Sie nioht denken, das3 ich einen gefuehllosen oder
pessimistischen Standpunkt einnehme, lassen Sie mich schnell
hinzufuegen, dass ich bei der ECA sehr erfreut war, festzustellen, dass die europaeische Wirtschaft den Problemen der
Kraftsteigerung einen grossen Vorzug einraeumten. Ich moechte erwaehnen, dass wir in der ECA diesen Anstrengungen jede
Unterstuetzung gaben und andererseits ermutigt wurden, die Ergebnisse in kurzer Frist in Erscheinung treten zu sehen.
In den wenigen Tagen meiner neuerlichen Anwesenheit in
Europa habe ich erneut die Entschlossenheit bemerkt, die tausend Dinge zu tun, die erforderlioh sind, um die Produktivitaet zu steigern. Und wenn ich feststelle, dass dieses nur
ein guter Anfang der Aufgabe ist,, so meine ich lediglich, dass
wir einen erweiterten Austausch von Personen haben sollten,
mehr technische Berater, die den Ozean in beiden Richtungen
kreuzen, mehr Lehrgaenge fuer fortschrittliche Produktionsmethoden, fuer leitende Angestellte vom Vorarbeiter aufwaerts.
Erst vor ein paar Tagen erfuhr ich von zwei Vorfaellen
aus der Praxis dieses Programms. Der Leiter der Eisengiesserei in einer franzoesischen Fabrik fuhr nach den Vereinigten
Staaten im Rahmen eines technischen Unterstuetzungsprogramms
der ECA. Bei seiner Rueckkehr stellte er seinen Maschinenpark
um, vereinfachte die Arbeitsgaenge und schulte sein Personal
fuer die neuen Aufgaben.
Das Ergebnis: Die Arbeitsstunden pro erzeugte Tonne
fielen von 222 auf 83, die Preise wurden um 25% gesenkt, die
Loehne stiegen um 20% - und sein gesamter Arbeitsvorgang wandelte sich voellig um! Dieses ist natuerlich ein Ausnahmefall,
es ist aber ein Fall, der die Moeglichkeiten, die in der gesteigerten Produktivitaet ruhen, beispielhaft veranschaulicht.
Ein weiteres Beispiel: Eine franzoesische Schuhfabrik
schickte, ebenfalls im Rahmen des ECA "Technical Asslstanoe
Programm", einen Stab von Technikern naoh den Vereinigten
Staaten. Aenderungen in den Arbeitsmethoden nach ihrer Rueokkehr erbrachten eine Erzeugungssteigerung von 20%. Die neue
Leistungsfaehigkeit in der Fertigung ermoeglichte es dieser
Gesellschaft, trotz scharfer Steigerung der Materialkosten
ihre Preise beizubehalten. Weiterhin berichtete mir ein Textilfabrikant von der Steigerung seiner Produktion von 72 auf
92% der theoretischen Produktionskapazitaet, ohne eine einzige
neue Maschine aufzustellen.
Ich erinnere mich sehr gut des Misstrauens, dem das erste
technische unterstuetzungsprogramm der ECA begegnete. So war
es fuer mich bei meiner Rueckkehr sehr erfreulich, zu entdecken,
dass das neue Wort "Produktivitaet" ein wirksames und pofiulaeres Thema in der Unterhaltung, in Zeitungen und Zeitschriften
ist.
Da die Produktivitaet in Europa weiterhin ansteigt, glaube
ich mit Sicherheit voraussagen zu koennen, dass sie hier einige
ueberrasehende Veraenderungen in der Verteilung des Wohlstandes,
d".h. in weitestem Masse der Verteilung des neu geschaffenen
- 10

�Wohlstandes, erleben werden. Waehrend der ganzen Zelt, die
ich bei der ECA war, hoffte loh, dass irgendein europaeisoher
Fabrikant den gleichen, kuehnen und schöpferischen Schritt
unternehmen wuerde, den Henry Ford damals im Jahre 1914 unternahm - einer Handlung, die meines Erachtens wie keine andere
dazu beigetragen hat, das wirtsohaftliohe Denken unserer Generation zu varaendern.
Eines sohoenen Tages erklaerte Ford, dass er von nun ab
jedem Angestellten seiner Fabrik mindestens fuenf Dollar pro
Tag zahlen wuerde. Diese Ankuendigung liess die Welt aufhorchen. Ganz bestimmt liess es die Vereinigten Staaten aufhorchen, denn schon zu dieser Zeit, als Henry Ford diese Ankuendigung machte, gehoerten die Arbeitnehmer seiner Fabrik zu
den hoeQhstbezahlten des Landes und verdienten durchschnittlich etwa zwei Dollar pro Tag.
Fords Schritt basierte auf einem sehr einfachen Gedanken:
Er konnte nicht alle Wagen verkaufen, die er zu verkaufen hoffte, wenn nicht viele Leute genug Geld verdienten, um sie zu
kaufen. Er hatte kein Interesse fuer einen Klassenmarkt; er
wollte einen Massenmarkt, und wenn er einen Massenmarkt wuenaohte, so war es das Beste, diesen selbst zu schaffen.
In der Frage des Massenmarktes und der Kaufkraft hat vielleicht niemals jemand ergreifendere Erfahrungen gemacht als
ich. Nach dem ersten Weltkrieg gab es kaum einen Arbeiter
in der Studebaker-Fabrik, der genug verdiente, um einen unserer
Wagen zu kaufen. Im Jahre 1920 erhielten die Studebaker-Arbelter durchschnittlich 1200 Dollar im Jahr und unter den Kaeufern unserer Erzeugnisse waren die Studebaker-Arbeiter auffallenderweise unter den Fehlenden.
Nach dem zweiten Weltkrieg war die Lage gaenzlich anders.
Eins der schwersten Probleme, dem ich als Praesident der Studebaker-Gesellschaft gegenueberstand, war das, die 10 oder 13,000
Arbeitnehmer zu ueberzeugen, dass sie mit einer grossen Zahl
anderer kaufhun^riger Amerikaner anzustehen hatten und zu warten, bis sie fuer ein neues Autq^an die Reihe kommen - eine derartige Anzahl von Auftraegen fuer Studebaker-Automobile hatten
wir damals von den Studebaker-Arbeitnehmern.
Der Grund hierfuer? In Dollars von 1920 ausgedrückt betrug das Durchschnittseinkommen unserer Arbeitnehmer gut ueber
3,000 Dollar im Jahr, d.h. die Realloehne dieser Maenner hatten
sich um mehr als das 2£fache erhoeht.
Ich habe gesagt, dass wir unsere Aufgaben jenseits des Atlantik mit dem Gefuehl einer nie ganz abzuschliessenden Tätigkeit betrachten. Dieses gilt ebenso ueberall dort, wohin wir
in der freien Welt blicken - es bleibt viel nichtabgeschlossene
Arbeit zu tun. Diesen Problemen nachzugehen, das moechte ich
eindruecklich betonen, bedeutet die Bereitschaft, sich von
Tradition und Gewohnheiten zu trennen. Es bedeutet das Niederreissen der Barrieren zwischen den Menschen, gleichgueltig,
ob es wirtschaftliche, politische oder soziale Schranken sind.
Es bedeutet das Vermeiden jeder Fallstricke, Wie die Einrichtungen der Kartelle, Monopole und Schutzzoelle. Es bedeutet
das staendige Handeln mit der Ueberzeugung, dass, um mehr zu
haben, jedermann mehr produzieren muss. Es bedeutet die Entwicklung und Ausdehnung der Massen-Energie, der Massenproduktion, des Massenverkaufs und der Massenmaerkte, da jedes voö
dem anderen abhaengig ist.
- 11 -

�Ich kenne die Menschen Europas und seine Industriefuehrer
gut genug, um tiefen Resjekt fuer ihre Faehigkeiten zu besitzen, diese Aufgabe zu erfuellen.
Als ich im vorigen Jahr meine Taetigkeit bei -der ECA abschloss, war ich zu einigen Schluessen gelangt, die sich kurz
umreissen lassen: Die wirtschaftlichen Moeglichkeiten Westeuropas sind gewaltig. Dieses Gebiet der Erde ist, im ganzen
gesehen, mit Rohstoffquellen gesegnet. Mann fuer Mann sind
diese Menschen in der Produktivitaet allen anderen Menschen
auf der Welt kraeftemaessig gewachsen. Wenn Westeuropa nur
aus dem Nutzen ziehen wird, was es besitzt, so kann es einen
sensationellen Sprung vorwaerts machen.
Ich moechte klar herausstellen, dass ich hier nicht die
Verhaengung eines amerikanischen Planes fuer europaeische Einrichtungen und Methoden vorschlage. Gleichzeitig jedoch bin
ich voellig ueberzeugt, dass, wenn dieser dynamische Vorwaertssprung erreicht werden soll, Europa den drei Faktoren
volle Beachtung schenken sollte, die grundsaetzlich zu dem
Fortschritt der Vereinigten Staaten im letzten halben Jahrhundert beigetragen haben: Gesteigerte Produktivitaet,
gleichmaessigere Verteilung des Wohlstandes und ein sozialbewussteres Herangehen an die Aufgaben der Industrie.
Ich habe ueber die Vereinigten Staaten gesprochen und
ich habe ueber Europa gesprochen. Ich habe versuoht, meine
tiefe üeberzeugung auszudruecken, dass es feststehende und bewaehrte Mittel gibt, die emporschnellende Forderung der Menschen fuer ein besseres Leben ueberall zu erfuellen und dass
wir durch Ausnutzung dieser Methoden und ihre Durohfuehrung
alle gluehenden Versprechen des Kreml in den Schatten stellen
koennen.
Ich moechte mit dem Ausdruck einer noch gluehenderen
üeberzeugung schliessen: Die freien Voelker Europas und die
Vereinigten Staaten muessen zusammenhalten, zusammenarbeiten und, wenn noetig, ihre Freiheit gemeinsam verteidigen.
Wenn die freie Welt ihre Quellen ausnutzt, wenn sie die
grosse dynamisohe Macht der Freiheit selbst voll einsetzt, so
kann sie in dieser Dekade der 50er Jahre einen derartigen
Fortschritt erzielen, dass es keine Macht jemals wagen wird,
sie anzugreifen. Ich versichere, dass die Moeglichkeit fuer
gemeinsame Werke so gross ist, dass die enttaeuschten und
einsamen Menschen, die auf uns durch die eisernen und die Bambusvorhaenge blicken, von sich aus entscheiden werden, dass
sie Anspruch auf den besseren Lebensstil haben, den sie bei
uns sehen. Sie werden sich selbst gegen das Regime entscheiden, dass sie gefangen haelt.
Tatsaechlich, wenn die freien Voelker der Welt das leisten, was sie, wie ich weiss, leisten koennen, so werden sie
in der Lage sein, das klassische Schlagwort der Marxisten gegen sie zu kehren und den enttaeuschten und versklavten Arbeitern hinter den eisernen Vorhaengen sagen koennen: "Erhebt
Euch, Ihr habt nichts zu verlieren als Eure Ketten."
AUS DER ARBEIT DER FINNISCHEN GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Die finnische Gewerkschaftsbewegung sah sich unter dem
Druck inflationistischer Tendenzen und kommunistischer Propa- 12 -

�ganda in den beiden letzten Jahren gezwungen, eine Reihe von
Lohnforderungen zu stellen. Drei allgemeine Lohnerhoehungen
wurden im Jahre 1950 gewaehrt. In den vergangenen Monaten
hat sich die sozialdemokratische Mehrheit in dem Finnischen
Gewerkschaftsbund (SAK) jedoch damit einverstanden erklaert,
mit der Regierung einen "wirtschaftlichen Waffenstillstand"
zu schliessen, um die Stabilisierung zu foerdern. Zwei Faktoren, die die wirtschaftliche Lage in Finnland schwierig gestalten, sind die Nachbarschaft der Sowjetunion und die grosse
Zahl der Kommunisten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung.
Bei den Gewerkschafts- und Parlamentswahlen im Ffuehjahr und
Sommer 1951 konnten sich die Sozialdemokraten jedoch eine
groessere Mehrheit sichern, als sie in den vergangenen Jahren
je hatten, und damit eine Atmosphaere schaffen, in der es
leichter war, ein Wirtschaftsprogramm zur Stabilisierung der
nationalen '.Virtschaft durchzufuehren.
Auf seinem Kongress im Juni 1951 beschloss der Finnische
Gewerkschaftsbund auf Abstimmung, endgueltig aus dem kommunistischen /Weltgewerkschaftsbund auszutreten. Dieser Entschluss war die letzte Phase eines Programms, das sich die
sozialdemokratische Mehrheit innerhalb der Gewerkschaftsbewegung Finnlands zu Ende des Jahres 1949 zum Ziel gesetzt
hatte.
In mancherlei Hinsicht ist das Gesetz ueber Wechselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern in Finnland
den entsprechenden Gesetzen seiner skandinavischen Nachbarlaendern sehr sehnlich. In Finnland konnten jedoch in den 20er
und 40er Jahren keine sehr friedlichen Beziehungen innerhalb
der Industrie Zustandekommen. Weniger als die Gesetzgebung
waren es die Kriegsverhaeltnisse waehrend der sowjetischen Besatzung, die eine Festigung der Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und Unternehmern herbeifuehrten.
Gemeinsam mit anderen, demokratisch gesonnenen Gewerkschaften in Finnland schloss sich der Finnische Gewerkschaftsbund dem Weltgewerkschaftsbund nach seiner Gruendung im Herbst
1945 an. Die guten Gewerkschafter glaubten damals, dass Gewerkschaftsbewegungen mit verschiedener politischer Orientierung auf nichtpolitischer Basis zusammenarbeiten koennten, um
gemeinsam die Arbeitsbedingungen in allen Teilen der Welt zu
verbessern. Zu jener Zeit hatten die Sozialdemokraten die
Mehrheit im Exekutivausschuss des Finnischen Gewerkschaftsbundes, obwohl einige der groessten Mitgliedsgewerkschaften, vor
allem die der Transport-, Forst-, Floss-, Textil-, Holz- und
Moebeiarbeiter kommunistischer Kontrolle unterstanden. Auch
nach dem Kongress im Jahre 1947 konnten die Sozialdemokraten
ihre Mehrheit aufrechterhalten, wenn auch sechs von den 14
Mitgliedern des Exekutivausschusses, der damals fuer vier
Jahre gewaehlt wurde, Kommunisten waren.
In der Zeit von Juni bis September 1949 fanden mehrere
kommunistisch inspirierte Streiks ohne Zustimmung des Exekutivausschusses des Gewerkschaftsbundes statt. Dadurch wurde der
Bruch mit dem .'/eltgewerkschaftsbund herbeigefuehrt. Rene
Arachard, der damalige .Generalsekretaer der franzoesischen Bauarbeitergewerkschaft und Ausschussmitglied in der Berufsabteilung des Weltgewerkschaftsbundes fuer Baustoffe aus Holz und
Bauhandwarke, kam kurz nach Ausbruch dieses Streiks nach Finnland. Vermutlich hatte er die Absicht, die-Spaltung innerhalb
- 13 -

�der finnischen Gewerkschaftsbewegung in kommunistisch gefuehrte und sozialdemokratische Gewerkschaften zu ueberpruefen.
Die sozialdemokratische Mehrheit zweifelte an dem Recht der
Weltgewerkschaftsbewegung, sich in ein rein internes Problem
einzumischen. Dieser Gruppe missfiel besonders die Tätigkeit
Arachards, der einen starken Hang nach den kommunistischen
Gewerkschaften hin hatte und die Meinung des finnischen Gewerkschaftsbundes nicht teilte, dass diese Streiks illegal
waeren. Kurz danach stellte der Finnische Gewerkschaftsbund
seine Beitragszahlungen an den Weltgewerkschaftsbund ein, besohloss jedoch, die endgueltige Entscheidung ueber den Austritt aus dem Weltgewerkschaftsbund dem Kongress im Jahre
1951 zu ueberlassen.
Als Sofortmassnähme gegen die wilden Streiks im Jahre
1949 stiess der Eiekutivausschuss sieben kommunistische Gewerkschaften wegen illegaler Streiktaetigkeiten voruebergehend
aus dem Gewerkschaftsbund aus. Zu Ende September 1949 waren
fuenf dieser Gewerkschaften unter der Bedingung wieder aufgenommen worden, dass sie in Zukunft die Satzungen und Beschluesse
des Gewerkschaftsbundes respektieren. Zwei grosse kommunistische Gewerkschaften, die Finnische Transportarbeiter- und die
Forst- und Flossarbeitergewerkschaft waren im Juli 1951 noch
nicht wieder aufgenommen worden.
Nach den Ereignissen der Jahre 1949 und 1950 steigerten
kommunistische Organisationen in Finnland und in der Sowjetunion ihre Bemuehungen, um innerhalb der finnischen Gewerkschaftsbewegung Fuss zu fassen. Aber sie hatten dabei nur
wenig Erfolg. In den Reihen des Finnischen Gewerkschaftsbundes selbst versuchten Kommunisten erfolglos, diese Organisationen dazu zu bringen, sich der kommunistischen Bewegung der
"Friedenspartisanen" anzuschliessen. Eine Delegation des Weltgewerkschaftsbundes, die im Juni 1950 Finnland besuchte, unternahm den Versuch, wieder gute Beziehungen zwischen den beiden Organisationen herzustellen, waehrend die "Sowjetische
Gesellschaft fuer kulturelle Beziehungen mit dem Ausland"
(VOKSJ bemueht war, die Zahl finnischer Gewerkschaftsdelegationen zu vergroessern, die 1950 die Sowjet-Union besuchten.
Zwar besuchten einige Gewerkschaftsdelegationen die SowjetUnion, aber im allgemeinen hatte der Weltgewerkschaftsbund
in seinen Bemuehungen nur wenig Erfolg.
Inzwischen waren auch die Sozialdemokraten nicht untaetig geblieben. Vom Beginn der Streiks an hatten sozialdemokratische Gewerkschafter versucht, Nichtkommunisten in kommunistisch gefuehrten Gewerkschaften fuer sozialdemokratische
Gewerkschaften zu gewinnen. Die Gewerkschaft der Lastwagenfahrer fuehrte eine Warbekampagne durch, um die Mitglieder
der kommunistischen Transportarbeitergewerkschaft "herueberzuholen". Die Gewerkschaft der Landarbeiter versuchte, die
Forst- und Flossarbeitergewerkschaft durch Uebernahme ihrer
Mitglieder zu schwaechen. Der Erfolg war, dass man gegen
Ende des Jahres 1950 die Mitgliedszahl der beiden ausgeschlossenen Gewerkschaften nur noch auf 60% der Zahl des Jahres 1948
sohaetzte. Die Mitgliederzahl der beiden antikommunistischen
Gewerkschaften war jedoch nicht entsprechend angestiegen.
Die Mitgliedsstaerke der meisten finnischen Gewerkschaften
war tatsaechlich im 2. Quartal des Jahres 1950 niedriger als
1948. Dieser Rueckgang ist zum Teil auf den Austritt einiger
Antikommunisten aus kommunistischen Gewerkschaften zurueckzufuehren, die jedoch nicht in andere Gewerkschaften eintraten,
- 14 -

�und zum Teil auf die Abnahme der Mitgliedszahl in Gewerkschaften mit sozialdemokratischer Fuehrung, was vermutlich mit der
Unzufriedenheit der Mitglieder ueber den geringen Erfolg in
der Durchfuehrung des Wirtschaftsprogramms des Finnischen
Gewerkschaftsbundes zu erklaeren ist. Im April 1950 zaehlte
der Finnische Gewerksohaftsbund etwa 265 000 Mitglieder in
37 Landesgewerkschaften, verglichen mit rund 304 000 und
342.000 Mitgliedern in den Jahren 1948 bzw. 1947, als die Mitgliedstaerke am groessten war.
Im April 1951 waehlten die Mitgliedsgewerkschaften des
Finnischen Gewerkschaftsbundes Delegierte zu ihrem Vierjahreskongress. Bei diesen Wahlen konnten die Sozialdemokraten
152 Mandate gewinnen, waehrend den Kommunisten nur 65 und
der nichtpolitischen Seeleutegewerkschaft nur fuenf Mandate
zufielen. Verglichen mit dem Kongress im Jahre 1947, bedeutete dies, in Zahlen ausgedrueckt, eine Steigerung der nichtkommunistischen Staerke von 57 auf 68j# und eine Abnahme
der kommunistischen Staerke von 43 auf 29$.
Soziale Wechselbeziehungen
Die politischen und wirtschaftlichen Umstaende in Finnland haben dazu gefuehrt, dass durch Arbeitsstreitigkeiten
eine grosse Zahl von Arbeitsstunden verlorenging. In den
20er Jahren war die Zahl sehr hoch und erreichte im Jahr
1927 ihren Hoehepunkt in der finnischen Wirtschaftsgeschichte,
naemlioh 1,529.182 Arbeitsstunden, die durch Streiks verlorengingen. Der Hauptgrund zu diesen Streiks war die Lohnfrage.
Bevor der Acht-Stundentag im Jahre 1917 gesetzlich festgelegt
wurde, drehte es sich bei Arbeitsstreitigkeiten hauptsaechlich
um die Arbeitszeit. Seit 1920 aber wurde praktisch kein
Streik wegen der Arbeitszeit gefuehrt.
Das Tarifverhafldlungswesen und die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten in der finnischen Industrie wurden nach dem
ersten Weltkrieg und erneut im Jahre 1946 gesetzlich geregelt.
In diesen Gesetzen sind die Bestimmungen festgelegt, die
Tarifvertraege enthalten muessen. Sie regeln ausserdem die
Ausserkraftsetzung eines Tarifvertrages und bestimmen, wie
Verletzungen von Vertra9gen zu bestrafen sind. Fuer die meisten Industriezweige sind Tarifvertraege abgeschlossen, die
sich im allgemeinen auf Loehne, Arbeitszeit, Rahepausen, Arbeitsverteilung, Vsrtragsende und andere Bestimmungen erstrecken.
Das Tarifvertragsrecht fuer Personen, die vom Staat beschaeftigt sind, wurde gesetzlich zum ersten Male im Jahre
1942 garantiert, obwohl die Angestellten der Regierung bereits
seit 1922 in dem "Verband der Intellektuellen Arbeiter" gewerkschaftlich organisiert waren.
Die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
wurden in den ersten Arbeitsgesetzen kaum erwaehnt (Gesetz
ueber Tarifvertraege aus dem Jahre 1924). Guenstige Bedingungen zur Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die in dieser Gesetzgebung leider nicht geschaffen
worden waren, entwickelten sich erst nach dem Winterkrieg
mit der Sowjetunion von 1939 auf 1940. Am 24. Januar 1940
wurde ein allgemeines endgueltiges Abkommen von den Dachorganisationen der Gewerkschaften und der Unternehmer unterzeichnet, nachdem ueber gemeinsame Probleme in gegenseitigen Ver- 15 -

�trauen verhandelt werden sollte. Dieses Abkommen erwies sich
jedoch als zu allgemein gehalten, um die Beziehungen zwischen
den beiden Partnern foerdern zu koennen.
Ein anderes allgemeines Abkommen, das 1944 vom Finnischen
Gewerkschaftsbund und der Zentralfoederation Finnischer Arbeitgeber getroffen worden war, wurde 1946 erneuert. Es bildet
die Grundlage fuer Verhandlungen zwischen den Organisationen,
fuer Verfahren zur Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten, Iwaehrend der Gueltigkeit des Abkommens sind Streiks nicht erlaubt)
fuer die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
und die Vertretung der Arbeiter auf betrieblicher Ebene.
Monthly Labor Review
VI11/51
AMERIKANISCHE HJftFS ORGANISATI CT FEIERT

ZSHNJAEHRIGES

BESTEHEN

Philip Murray, der Vorsitzende des CIO, teilte vor kurzem
mit, dass der Ausschuss des CIO fuer Gerneinschaftshilfe zur
Unterstuetzung der Opfer des zweiten Weltkrieges und des Krieges in Korea bisher 30 Millionen Dollar fuer andere Laender
aufgewendet hat.
Murray sprach am £. Oktober bei einem Bankett in Detroit,
das anlaesslich des 10. Jahrestages der Gruendung dieses Ausschusses gegeben wurde. Der Koehepunkt dieser Zusammenkunft
war die Ueberreichung des von diesem Ausschuss gestifteten
"Philip Murray Preises" an den Senator James Murray aus Montana "fuer hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt der
Menschheit." Murray berichtete, dass grosse Geldsummen noch
waehrend des zweiten Weltkrieges als direkte Hilfe nach Europa
und Asien geschickt wurden. Als Beispiel nannte er die amerikanische Hilfe beim Abtransport von Kindern aus London, die
man in sichereren Landbezirken unterbrachte.
Nach dem Krieg sind Geldmittel zum Wiederaufbau zur Verfuegung gestellt worden', u.a. auch zur Durchfuehrung besonderer gewerkschaftlicher Projekte in 17 Laendern Europas und
Asiens. Er wies darauf hin, dass nicht nur Westeuropa sondern
auch Osteuropa unterstuetzt wurde, bevor der Eiserne Vorhang
eine Scheidewand zwischen Westen und Osten legte und jegliche
weitere Hilfe unmoeglich machte.
lieber das amerikanische Rote Kreuz unterstuetzt der Ausschuss im Augenblick vor allem die Opfer des Krieges in Korea.
Nach dem Krieg wurde der Ausschuss, der bis dahin den Namen
"Kriegshilfsausschuss" trug, umbenannt und seine Taetigkeit
innerhalb Amerikas und auch in Uebersee erweitert. Mehr als
10 000 Mitarbeiter sind in den Vereinigten Staaten und im Ausland fuer den Ausschuss taetig, der insgesamt fuer Hilfsaktionen in Amerika und im Ausland 300 Millionen Dollar verausgabt
hat, wovon der groesste Teil in Amerika blieb.
An der Konferenz nahmen u.a. teil: Walter Reuter, der
Vorsitzende der Automobilgewerkschaft; C. A» Knight, der Vorsitzende der All-Amerikanischen Oelarbeitergewerkschaft; Emil
Rieve, der Vorsitzende der Textilarbeitergewerkschaft,und
James B. Carey, der Vorsitzende der All-Amerikanischen Gewerkschaft der Elektro-, Rundfunk- und Maschinenarbeiter und Hauptkassierer des CIO.
ECA Labor Information
X/10/51
- 16 HIC0O 51 Oet Bl 11989 » V

�V

Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
DU folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 44

Frankfurt,

2. November 1951

IKHALTSVSRZfilCHN
Die groesseren Aufgaben der ECA

IS
«...

1

Bulgarische F l ü c h t l i n g e besiedeln mit Hilfe
des ü a r s h a l l p l a n s unbebaute Gebiete der
Tuerkei

8

Die Gewerkschaft der Filmkomparsen in Amerika 11
Die Bauindustrie hat noch v i e l zu lernen . . .

15

Milton Katz:
DIS GROESSEREN AUFGABEN DER ECA
Wir haben manchmal gedacht, dass wir einen Schluessel zu
dem historischen Prozess der Westwaertsbewegung in den Vereinigten Staaten, dem Prozess de9 "Westzuges", finden koennen.
Da wir uns nach Westen in den Vereinigten Staaten bewegten ich spreche ueber die gesamte, weitlaeufige Volksbewegung auf
dem Kontinent - mussten wir zu jeder Zeit bereit sein, mit den
Indianern zu kaempfen. Man stand unter dem staendlgen Risiko
eines Angriffs von selten der Indianer, und so blieb es, bis
man die Wasser des Pazifik erreichte. Wir hatten diese Lage
hinzunehmen und damit fertig zu werden. Wenn die Leute in
den Vereinigten Staaten nicht darauf vorbereitet gewesen waeren die Indianer zu bekaempfen und dies als einen Teil ihrer
taeglichen Aufgabe ansahen, dann haetten sie sich nicht nach
Westen vorwaerts bewegt.
1

�Wenn es andererseits der alleinige Zweck der Westbewegung
gewesen waere, Indianer zu bekaempfen, waeren wir ebenfalls
nicht nach '.Vesten vorgerueckt. Es war die Aufgabe, eine neue
'.Veit aufzubauen und den grossen amerikanischen Traum zu verwirklichen, der die Leute in Bewegung hielt. £.s war die Verwirklichung der latenten amerikanischen Kraft, als wir westwaert3 zogen. Ein Teil des Prozesses war die Aufgabe, diejenigen, die im Wege standen, beiseite zu stossen. Aber im Grunde genommen war es eine schoepferische Bewegung mit einer stark
empfundenen Zweckhaftigkeit.
Koennen wir fuer die atlantische Gemeinschaft heute irgendetwas entwickeln, das dem gleichkommt, was dies fuer die Amerikaner damals bedeutet hat? Wir haben das amerikanische Glaubensbekenntnis, die amerikanische Doktrin in den Knochen, im
Gefuehl, in den Fingerspitzen und im Blute. Sehr wenige sind
befaehigt, das klar zum Ausdruck zu bringen, jedoch wir alle
reagieren darauf, Es erklaert die Einheit des amerikanischen
Lebens, trotz allen Geschreis, das sie verdunkelt. Wird ein
atlantisches, Glaubensbekenntnis auftauchen, das die fehlenden
bejahenden Komponenten liefert?
Worin bestehen diese bejahenden Komponenten? Sie koennten im Wesentlichen die gleichen sein, naemlich ein Wille,
eine Welt zu schaffen, in der jedes menschliche Wesen seine
latenten Wachstumsfaehigkeiten verwirklichen koennte. Waehrend
wir die notwendige Aufgabe durchfuehren, den Kreml in diesen
Zonen aus der Macht zu verdraengen, mue3sen wir gleichzeitig
dafuer Sorge tragen, eine sich ausdehnende Wirtschaft zu foerdern, um die wirtschaftlichen Vorbedingungen zu schaffen, unter
denen ein volles Gedeihen des Geistigen stattfinden kann.
Lassen Sie uns versuchen, diese Denkweise auf die unmittelbare Aufgabe, unsere Verteidigung und die der freien Welt
aufzubauen, in Anwendung zu bringen. Ich halte es fuer wahrscheinlich und wesentlich, dass diese Aufgabe, wenn wir erfolgreich sein sollen, im Zusammenhang mit einer sich ausdehnenden
Wirtschaft angepackt, durchdacht und ausgearbeitet wird. Ich
denke beispielsweise, dass wir unsere Aufgabe nicht als eine
Aufgabe lediglich fuer das Jahr 1&amp;51 oder das Jahr 1952 zu betrachten haben; wir haben sie als eine Aufgabe anzusehen, die
wir, sagen wir, im Jahre 1947 begonnen haben und die wir etwa
in einer 10-Jahresperiode - also von 1947 bis 1957 - zu bewaeltigen haben.
Gestatten Sie mir, diesen Faden fuer einen Augenblick fallen zu lassen. Ich werde wieder auf ihn zurueckgreifen. Was
ist Europa heutzutage? In vieler Hinsicht ist Europa ein
Schlachtfeld. Auf vielerlei Art und Weise leidet es seit 1945
unter den Attacken der Sowjet Union. Im Jahre 1947 fingen wir
an, uns in diesen Kampfe zu wagen, und zwar mit der Ankuendigung
der Truman-Doktrin und ihrer Anwendung auf Griechenland. Dann
kam der Marshall Plan, aber dieser Kampf hat seitdem weiter gewuetet, jedoch mit einem beachtlichen Mass von Erfolg auf Seiten der freien Laender.
Wenn wir auf den Zeitraum von 19^7 - 1950 zurueckblicken,
koennen wir feststellen, dass wir waehrend di'eser Zeit unsere
eigene Verteidigung vernachlaessigt haben. nV'ir wissen das
jetzt, und wir wissen auch, dass die Welt in einer viel besseren Verfassung gewesen waere, wenn die Vereinigten Staaten einen
11 -

�viel groesseren ausbau ihrer Ruestungan beibehalten haette,
als dies wirklich der Fall war. .Vir wissen ebenfalls, dass
das gleiche fuer Europa gilt, 'fliegen dieser Vernachlaessigung
von 1947 - 1950 muessen wir durch einen besonders intensiven
Nachdruck auf der Ruestungsseite waehrend der naech3ten paar
Jahre einen Ausgleich schaffen, Es wuerde jedoch ein schwerer Fehler sein, wenn wir es zuliessen, dass dies als eine
Preisgabe der Aufgabe, das Los des Menschen zu verbessern,
missverstanden wuerde.
Fuer mich ist es klar, dass wir Kanonen und Brot zuwege
bringen muessen - dass wir es sollten - und dass wir es koennen. &lt;Yir koennen die Ruestungsstaerke Europas und der Kordatlantischen Gene inschaft ausbauen und gleichzeitig den Lebensstandard in Europa erhoehen, sowie die Aussichten auf eine
weitere Verbesserung des Lebensstandards auf lange dicht in
starkem Kasse vergroessern.
Ich moechte jetzt gern diese allgemeinen Ziele und Normen in eine Serie spezifischer Ziele umsetzen. Hier moechte
ich von Dingen sprechen, mit denen sie alle vertraut sind.
Zunaechst handelt es sich einmal um den Aufbau der Verteidigung in Europa.
Zweitens gibt es die nufgabe, Europas Erzeugung und Produktivitaet zu erhoehen;
Drittens besteht die Notwendigkeit, eine viel gerechtere
Verteilung der europaeischen Erzeugung, als sie heutzutage in
weiten Gebieten dieses Kontinents besteht, zu bewirken.
Ich moechte Ihnen nahebringen, dass diese drei Dinge zusammengehoeren. Keines von ihnen ist auf lange Sicht ohne die
beiden anderen zu verwirklichen. Sie sind miteinander verbunden, so wie es etwa das Ziel war, «merika aufzubauen und die
Indianer bei diesem Prozess beiseite zu draengen.
Sie koennen keine erhoehte europaeische Produktivitaet
und einen wirklich hohen Lebensstandard in Europa auf lange
Sicht erreichen, ohne die militaerische Staerke Europas auszubauen. Diese Feststellung mag auf Sie wie ein Schock wirken.
Es ist heute in Europa die weitverbreitete Tendenz vornanden,
an das Jiederaufruestungsprogramm zu denken, als ob man an
Rizinu3oel daechte. Es ist etwas, was Sie schlucken muessen,
aber Sie betrachten es in aeusserst negativer '..'eise. Es wird
als eine schmerzliche, wenn auch notwendige Ablenkung der
Hilfsquellen von der Hauptbeschaeftigung der menschlichen Rasse
angesehen. Man denkt daran als an etwas, das die Genesung,
die europaeische Stabilitaet, unterbindet und die wir alle zuwege zu bringen hoffen, das andere aber nichtsdestoweniger
tun muessen.
Die Ruestung ist nicht nur eine Notwendigkeit fuer die
Erhaltung unserer Freiheit, sondern man kann auch das materielle
Potential Europas ohne diese nicht verwirklichen. Warum? Wenn
Sie auf die Entwicklung Europas zurueckblicken, werden Sie
feststellen, dass die Furcht einer der groessten Einzelfaktoren i3t, die den wirtschaftlichen Fortschritt verhindern. Die
Sowjet-Union ist sich darueber klar, und sie hat die Furcnt
vor dem Kriege und vor der Invasion als wesentlichstes und systematischstes Instrument bei ihrem Angriff auf Europa benutzt.
- 3 -

�Furcht verschaerft und verschlimmert soziale Spannungen
und unterbindet eine gemeinschaftliche Aktion innerhalb der
einzelnen Nationen und untereinander. Sie vertieft den Restriktionismus und den Protektionismus; sie verhindert ein
staerkeres Ansteigen der Investierungen und Flanungen auf
lange Sicht.
Lassen Sie mich dies an dem Falle Frankreich illustrieren. Unsere Leute von der Landwirtschaft haben uns gesagt,
dass es moeglich sein wuerde, die landwirtschaftliche Erzeu-?
gung Frankreichs in vier oder fuenf Jahren zu verdoppeln.
Um das zu erreichen, muessen sie Schritt A, B, C, D, und E
tun. Sie werden diese Schritte auch vornehmen, in der Hoffnung, dass sie zu irgend etwas fuehren werden. In einer Atmosphaere, bei der Sie staendig glauben, dass die Welt um Sie
herum in die Luft gehen wird, unternehmen Sie nicht etwas, was
vier oder fuenf Jahre lang keine Ergebnisse zeitigen wird.
Das Gleiche gilt fuer Investierungsprogramme, Arbeiterschulungsprogramme und aehnliches.
Wir wissen, was die Kapitalflucht fuer Europa bei dem
Versuch, eine stabile Genesung zu erreichen, bedeutet hat,
und wir wissen, dass nichts besser dazu angelegt ist, die
Kapitalflucht zu verringern, als die Verringerung der Furcht
vor dem Kriege. Bevor sich die Voelker './Osteuropas nicht
einigermassen sicher gegen Invasion und Krieg fuehlen, werden
sie nicht die Bedingungen schaffen koennen, die es den Voelkern
//Osteuropas ermoeglichen, die latenten wirtschaftliohen Moeglichkeiten dieses reich gesegneten Kontinentes zu verwirklichen.
Behalten Sie das im Auge. Erinnern Sie sich deren, dass es
gerade so wahr ist, dass Sie eine wirkliche Verteidigung
Europas nicht ohne wirtschaftliche Staerke erreichen koennen,
wie es ebenso zutrifft, dass Sie wirtschaftliche Stabilitaet
und wirtschaftliches Gedeihen in Europa nicht ohne militaerische
Sicherheit erzielen koennen.
Sie muessen diese Schutzwehr errichten, und hinter dieser
Schutzwehr koennen Sie die Aufgabe, fuer die Zukunft zu bauen,
durchfuehren.
/ie steht es mit der Produktivitaet? Es ist klar, dass
die europaeische Erzeugungskapazii;aet wesentlich ist fuer die
Verteidigung Europas. Velches sind die Moeglichkeiten fuer
eine erhöhte Produktivitaet? Ich habe mir Muehe gegebenv
Statistiken zu vermeiden, ich moechte jedoch eine erwaehnen,
von welcher Sie schon zuvor gehoert haben, ich denke, sie het
Gueltigkeit und ist bedeutsam. Sie hat mit der Auffassung von
einem nationalen Bruttoerzeugnis zu tun, womit in Kurzschriftform beschrieben wird, was ein Volk waehrend eines bestimmten
Jahres erzeugen kann.
Das Bruttosozialprodukt Europas hat einen Wert von 135
Milliarden Dollar an Guetern und Dienstleistungen. Wenn die
Produktivitaet Europas pro Kopf die bleiche waere wie diejenige
der Vereinigten Staaten, wuerde Europa jedes Jahr nicht 135
Milliarden Dollar, sondern 450 Milliarden oder 5ü0 Milliarden
an Guetern und Dienstleistungen produzieren.

- 4-

�Lassen Sie uns die Tatsache als gegeben hinnehmen, dass
die europaeische Produktivitaet in absehbarer Zeit nicht derjenigen Amerikas angeglichen werden kann. Es ist jedoch einwandfrei moeglich, dass die europaeische Produktivitaet ein
Drittel dieser Luecke innerhalb eines absehbaren Zeitraumes
schliessen kann. Wenn die Produktivitaet soweit gesteigert
werden koennte, um ein Drittel dieser Luecke zu decken, so
wuerde das bedeuten, dass Europa jedes Jahr 100 Milliarden oder
mehr seiner Leistung an Guetern und Dienstleistungen hinzufuegen
wuerde. Das wuerde bedeuten, dass genug Gueter und Dienstleistungen vorhanden waeren„ um eine gewaltige, bewaffnete
Streitmacht fuer Europa aufzubauen und um gleichzeitig einen
erhoehten Lebensstandard zu erreichen. Das sind tatsaechlich die
Moeglichkeiten der Leistungsfaehigkeit in Europa. Sie sind zu
verwirklicheni, wenn wir die politische Geschicklichkeit, die
Zaehigkeit und Vorstellungskraft besitzen, sie in die Tat
umzusetzen.
Eine der Voraussetzungen, die erforderlich ist, um dies
zustande zu bringen, ist eine gerechtere Verteilung der Erzeugung. Bei einer letzten Analyse bedeutet erhoehte Erzeugung
- Erzeugung durch lebendige Menschen, durch die Bauern, die
Arbeiter und die verantwortlichen Leiter des europaeischen
Wirtschaftslebens. Man kann Methoden entwickeln, und man kann
Geraete entwicklen, aber wenn man nicht die Beweggruende kennt
und den Ansporn besitzt, um sie zur Ausfuehrung zu bringen,
wird man die menschliche Energie nicht entfachen. Wenn die
grosse Hasse der Bauern, verantwortlichen Geschaeftsleiter,
Bueroangestellten, Arbeiter, und so fort, die im produktiven
Arbeitseinsatz in Europa stehen, keinen Vorteil fuer sich selbst
bei einer Steigerung der Produktivitaet herausspringen sehen,
dann wird man diese nicht erreichen. Man wird sie nicht erreichen, ungeachtet aller technischen Unterstuetzun^sgruppen,
die die Vereinigten Staaten stellen moegen. Man wird sie nicht
erreichen, selbst wenn man saemtliche Gewerbeschranken zerschlaegt. Diese Dinge sind zwar notwendig, aber sie werden nicht
ausreichend sein. Man braucht den zuendenden Funken und die
Beweggruende, um die menschliche Energie zu entfachen.
Ich moechte einige Statistiken fuer unser eigenes Land
erwaehnen. Ich tue dies, um meinen Standpunkt zu illustrieren.
Jederman hat Kenntnis von der steigenden Leistungsfaehigkeit
Amerikas von 1900 bis 1950. Jederman wei3S, dass im Jahre 1900
die Leistungsfaehigkeit Europas und der Vereinigten Staaten
ungefaehr gleich gross war. heute ist die Produktion pro Kopf
in den Vereinigten Staaten 3, 4 oder 5 mal so gross wie diejenige Europas, ./eniger allgemein bekannt ist eine andere tiefe
Stroemung, welche diese Ausweitung begleitete.
Neulich sah ich einige Einkommensteuer-Statistiken, die
durchaus aufschlussreich waren. Im Jahre 1950 waren es 33 oder
34 Prozent - - ich entsinne mich nicht mehr der genauen Zahl - der Bevoelkerung der Vereinigten Staaten, die ein Einkommen
von mehr als 3000 Dollar pro Jahr hatten. Im Jahre 1939, also
gerade 11 Jahre frueher, hatten nur 23 Prozent unserer Bevoelkerung
ein Einkommen, das nach ihrer tatsaechlichen Kaufkraft den 3000
Dollar des Jahres 1950 gleichwertig war. V.'enn wir 3000 Dollar
als einen Ausdruck fuer Kaufkraft und nicht als eine Zahl benutzen, so stieg der Anteil der Leute mit diesem Einkommensbetrag
von 23 Prozent auf 33 Prozent zwischen 1939 und 1950.
- 5 -

�Ich kann Ihnen dieselbe Sache in einigen einfachen
menschlichen Beispielen erzaehlen. Ich weiss nicht, wieviele von Ihnen die Ergebnisse der 1950er Volkszaehlung in den
Vereinigten Staaten durchgesehen haben. .Vir alle wissen
natuerlich, dass waehrend der vergangenen 50 Jahre die Entwicklung der grossen Staedte mit ihren Mietwohnhaeusern
stattgefunden hat. '.Vir alle haben das Emofinden, als ob wir
uns in eine Art des verstaedterten Lebens hineinbegeben haben,
das dahin geht, das Eigenheim zu verdraengen. Fuer mich war
daher keine Zahl in der 1950er Volkszaehlung auffallender als
die Zahl der Eigentuemer eigener Heime. Diese Zahl war naemlich die hoechste, seit man damit begonnen hat, diese Frage
zu stellen. Im Jahre 1890 hat man zum ersten Male damit angefangen, die Frage zu stellen, wieviele Le^te Eigentuemer
eines eigenen Heimes seien. Der Verhaeltnissatz der Bevoelkerung, der ein eigenes Keim hatte, war im Jahre 1950 groesser,
als er es je zuvor gewesen ist, trotz der Verstaedterung in
den Vereinigten Staaten.
Sie koennen die gleiche Feststellung auf dem Gebiet der
Erziehung machen. Im Jahre 1900 gingen 7 - IC Prozent der
Kinder in den Vereinigten Staaten, die sich im vorgerückteren hoeheren Schulalter befanden, noch in die hoehere
Schule. Im Jahre 1950 besuchten annaehernd 80 Prozent der
Kinder, die sich in dem vorgerueckteren hoeheren Schulalter
befanden, noch die hoehere Schule.
Ich koennte auch die wohlbekannte Steigerung bei den
Loehnen erwaehnen, die sich seit 1900 mehr als verdoppelt
haben. Ob Sie es nun von der Seite der Erziehung, der Eigenheime oder des Einkommens aus betrachten - - Sie koennen
immer feststellen, dass die Ausweitung Amerikas von einer Ausstreuung der Fruechte der amerikanischen Erzeugung begleitet
worden ist.
Einer der auffallendsten Unterschiede zwischen den amerikanischen und den europeeischen Gewerkschaften besteht in ihrer Haltung gegenueber der Erzeugung. Die amerikanischen Gewerkschaften halten es fuer erwiesen, dass es im Interesse des
Volkes liegt, die Erzeugung zu steigern. Es ist eins der
Hauptthemen der AFI und des CIO. Der durchschnittliche europaeische Gewerkschafter neigt dazu, systematische Plaene zur
Steigerung der Produktivitaet als Machenschaften anzusehen, um
aus ihm mehr herauszupressen, ohne dass er selbst irgendetwas
davon haette. Es war ein unerlaessliches Element bei der Produktivitaetssteigerung in den Vereinigten Staaten, dass sich
die amerikanische Arbeiterschaft der Tatsache bewusst war,
dass eine Steigerung in der arzewung zu ihrem eigenen Nutzen
ging.
Lassen Sie mich jetzt zu meinem naech3ten Punkt uebergehen. Ich habe versucht aufzuzeigen, dass man kein wirtschaftliches Gedeihen ohne militaerische Sicherheit haben und dass
man keinen wirksamen üusbau der Verteidigung in Europa ohne
wirtschaftliche Staerke erreichen kann. Ich habe ausserdem
versacht aufzuzeigen, dass man keine gesteigerte Produktivitaet erreichen kann, ohne dass man eine Verteilung der Fruechte
der Erzeugung auf einer breiteren Basis vorsieht, yunmehr
moechte ich zu meinem letzten Punkt kommen.
Sie koennen das Los der grossen Mehrheit der europaeischen Bevoelkerung, es sei denn innerhalb sehr enger Grenzen,
6 -

�nicht wesentlich verbessern ohne eine Steigerung der europaeischen Leistungsfähigkeit. Die Gesamterzeugung Europas
ist unzureichend, um einen weitverbreiteten angemessenen Lebensstandard auf einer breiten Basis zu gewaehrleisten. Es
ist nicht genug vorhanden, um gerade auszukommen. Jeder Prozess, der die Energien Europas auf eine erbitterte Balgerei
um die vorhandenen Vorraete konzentrieren wuerde, koennte nur
zu sozialen Umwaelzungen, zu allgemeiner Verwirrung oder einer
anders verteilten ^rmut fuehren. Er wuerde darauf hinausgehen, Europa zu seinem eigenen Feinde zu machen. Andererseits
ist es sozial, politisch und nraktisch durchfuehrbar, die Erzeugung zu steigern und sich die Gewissheit zu verschaffen,
dass ein geteilter Zuwachs besser ist. Es gibt viele .Vege,
um solch eine gerechte Verteilung durchzufuehren. Es kann
auf dem 7/ege der Lohnpolitik, der Steuerpolitik, der Preispolitik und durch andere Formen der Regisrungseinwirkung erreicht werden. Es kann auch durch den Lebensprozess einer
Gesellschaft, abseits von jeglicher Regierungseinwirkung, geschehen, so wie es sich in weitem Kasse in den Vereinigten
Staaten als wahr erwiesen hat.
Hat irgend jemand von Ihnen einen Blick in den Vertrag
der General Motors Corporation mit der Vereinigten Autoarbeitergewerkschaft geworfen, der vor ein oder zwei Jahren unterzeichnet wurde? Es ist ein bemerkenswertes Schriftstueck
wegen des Lichts, das es auf den Stand der Erziehung bei der
amerikanischen Arbeiterschaft und auch der Arbeitgeberseite
wirft. Es war ein Vertrag, in welchem die General Motors
automatische Lohnerhoehungen ueber einen Zeitraum von fuenf
Jahren hinweg bewilligten. Diese Erhoehungen beruhten, soweit
ich mich erinnere, auf einem Voranschlag der jaehrlichen Produktivitaetssteigerungen. Die Gewerkschaften und die Arbeitgeberseite waren sich in ihrem Urteil einig, dass es moeglich sei, eine solche jaehrliche Steigerung der Produktivitaet zu erzielen.
Von seiten der Arbeiterschaft bedeute es die Erkenntnis,
dass eine Steigerung der Produktivitaet der richtige »Veg sei,
um ihre Loehne zu erhoehen und einen betraechtlichen Anteil an
dieser Steigerung zu erhalten. Von seiten der Arbeitgeber
bedeutete es die Uebernahme der Verantworung dafuer, dass
eine gesteigerte Produktivitaet tatsaechlich erzielt wuerde,
und das Zugestaendnls, dass es ihre Funktion sei, die Produktivitaet zu steigern, und dass ihre Fruechte in gerechter
Weise zu teilen sein wuerde.
Dieser Vertrag ist ein hoechst bemerkenswertes Schriftstueck, sowohl vom Standpunkt der Beziehungen zwischen der
Arbeitgeberseite der Automobilindustrie und den Arbeitern,
als auch von den Erziehungsmoeglichkeiten her. &lt;.'ir erinnern uns noch der bitteren Streiks des Jahres 1936, und wir
stellen fest, was fuer bemerkenswerte Fortschritte zwischen
den Jahren 1936 und 1950 gemacht worden sind, als dieser
Vertrag unterzeichnet wurde.
ich habe mich bei Ihnen hier ins Plaudern verloren. Ich
habe versucht, laut vor Ihnen zu denken. So wie ich die
Dinge sehe, kommen ,v&gt;ir von zwei Gedankengängen her zu aehnlichen Schlussfolgerungen. Der eine setzt bei einer vViederorwaegunp' unserer fundamentalen Ziele ein. Der andere setzte
bei einer Betrachtung unserer dringendsten unmittelbaren Beduerfnisse ein.
- 7-

i

�Was brauchen wir wirklich im Leben?
auf Gerechtigkeit und Freiheit beruht.

Sinen Frieden, der

Was bedeutet das in der Sprache der Welt, wie sie uns
gegeben ist? Ein gleichmaessig durchgefuehrtes Programm zu
beginnen, durch das der Kreml in der freien und der von ihm
ueberschatteten weit wie auch in der Welt seiner Satellitenstaaten, aus der Macht gedraengt wird, und gleichzeitig ein
Programm der Entwicklung und des Gedeihens zu beginnen, bei
welchem alle Voelker den festen Glauben haben, dass sie eine
Welt aufbauen, die auf positiven Werten beruht, und dass sie
diejenigen zurueckdraengen muessen, die diese Welt zerstoeren
wollen.
Das dringendste, unmittelbare ßeduerfnis in Europa ist
heute die Wiederaufruestung. Bei der Untersuchung dieses
Beduerfnisses sind wir zu der Schlussfolgerung gekommen, dass
die /iederaufrttstung Hand in Hand mit einem stetig durchgefuehrten Programm einer gesteigerten Produktivitaet und einem
Programm fuer eine gerechtere Verteilung der gesteigerten Erzeugung, als dies bisher geschehen ist, vor sich gehen muss.
Kanonen und Brot sind nicht nur miteinander vereinbar,*
sie sind zuweilen miteinander notwendig. Nur, wenn Sie Ihre
Perspektive auf ein paar wenige Monate begrenzen, werden Sie
unter der Einbildung leiden, dass sie miteinander in Widerspruch staenden. einige wichtige Elemente im DOlitischen Leben Europas von heute trachten danach, eine politische Streitfrage um diesen angeblichen Konflikt zwischen wirtschaftlichem
Aufschwung und militaerischer Sicherheit aufzurichten. Wenn
diese jedoch aus der richtigen Perspektive, auf weite Sicht
und im Lichte der wirklichen Tatsachen betrachtet werden,
stuetzen sie sich gegenseitig.
ECA-Inf orma t i on
BULGARISCHE FLÜSCHTLINGE BESIEDELN MIT nILFE HES MARSKALLPLANS
UNBEBAUTE GEBIETE DER TUERKEf
~"
Dreissig neue Doerfer werden zur Zeit in der Tuerkei
aufgebaut und sollen zu Anfang des Jahres 1952 fertiggestellt
sein, um einen Teil des ungeheuren Zustroms bulgarischer
Fluechtlinge aufnehmen zu koennen. Heimatlos und verlassen
ueberqueren taegllch Hunderte von Moslems tuerkischer Abstammung, von Bulgarien kommend, die tuerkische Grenze, weil sie
der staendigen Verfolgung muede sind. Unbebautes, fruchtbares
Ackerland in den westlichen, mittleren und oestlichen Teilen
der Tuerkei ist fuer diese Fluechtlingsfamilien bereitgestellt
worden.
Ueber 200 000 Menschen, die in Bulgarien geboren und
gross geworden sind, kamen in den ersten neun Monaten des Jahres 1950 an den offiziellen Grenzuebergangsstellen in die
Tuerkei. Man rechnet bis zum Ablauf des Jahres 1951 mit weiteren 50 000. Es sind noch keine Anzeichen dafuer vorhanden,
dass dieser Zustrom abnehmen wird, oder dass im naechsten oder
usbernaechsten Jahr diese unertraegliche Diskriminierung ein
Ende haben wird, die diese Menschen aus ihrer Heimat vertreibt.
Bereits seit mehr als 30 Jahre kommen Emigranten aus Bulgarien in die Tuerkei. Es waren jaehrlich jedoch nur rund
8 -

�150 000. Diese Zuwanderung hatte unmittelbar nach der Aufloesung des Osmanischen Reiches im Jahre 191© begonnen. Die
tuerkischen Moslems kamen nicht nur aus Bulgarien, sondern
auch aus anderen noerdllchen Teilen des Reiches, um sich
innerhalb der Grenzen der heutigen Tuerkei einen Wohnsitz
zu suchen. Diese Umwanderung war jedoch freiwillig, verursacht durch den ,7unsch der Moslems, sich in der Heimat ihrer
Rasse niederzulassen und unter Angehoerigen ihrer Religion
und ihrer Sprache zu leben. Dieser langsame Zustrom wurde
1950 zur Flut. Die kommunistische Regierung Bulgariens unterdrueckte die Moslems, die so viele Jahre in Bulgarien gelebt hatten, durch ein Regime der rücksichtslosen politischen, religioesen und wirtschaftlichen Verfolgung. Diskriminierende und ungerechte Steuern wurden ihnen auferlegt,
ihre Ernten beschlagnahmt, man verweigerte ihnen die Lebensraittelrationen, und die Freiheit der Religion wurde ihnen
nicht gewaehrt. Sie wurden in ihren Staedten und Doerfern
verdaechtigt, und ihre normalen Beziehungen zu ihren Mitbuergern und alten Freunden wurden unterbrochen. Diejenigen,
die ihnen freundlich gesinnt waren oder mit ihnen in Geschaeftsverbindung standen, wurden bedroht.
Diese Verfolgung, mit der man offensichtlich bezweckte,
die Minderheit der Moslems aus Bulgarien zu vertreiben, hatte
nooh eine andere Folge, die von erfahrenen politischen Beobachtern ebenfalls, ßls beabsichtigt bezeichnet wird. Es war
die Tatsache, dass Hunderttausende hilfloser Menschen, die
meist im hohen Alter standen und arbeitsunfaehlg waren, zur
Belastung der tuerkischen Wirtschaft in dieses Land getrieben wurden, um damit das oestlichst gelegene Mitgliedsland
der demokratischen Voelkergemeinschaft des Westens zu schwaechen und zu schaedigen. Im Jahre 1951 erreichte diese Verfolgungskampagne in Bulgarien einen neuen Hoehepunkt, und
der Strom der Fluechtlinge, die die Grenze ueberquerten,
wuchs zu einem Tagesdurchschnitt von 800 und einem Jahresdurchschnitt von 292 000 Menschen an.
Die tuerkischen Bauern und die tuerkische Regierung gaben
sioh alle erdenkliche Muehe, diese hilflosen Menschen so gut
wie moeglich aufzunehmen. Das Problem nahm jedoch in kurzer
Zeit solche Auamasse an, dass es als internationales Problem
gewertet werden musste. Ein Ansiedlungsprojekt mit einem Kostenaufwand von 25 Millionen Dollar wurde vorbereitet, und
die Internationale Fluechtlingsorganisation {IR0) und der
Marshallplan stellten Geldmittel und Sachverstaendige zur Beratung zur Verfuegung.
Von diesen 25 Millionen Dollar wurden 10,7 Millionen
durch den Marshallplan aufgebracht,
die ausnahmslos fuer die
Sinrichtung der Doerfer, fuer ;«rohnhaeuser,- Scheunen, Saat,
Viehbestand, Bekleidung und aerztliche Betreuung verwendet wurden. Diese Unterstuetzung durch den Marshallplan hat nicht
nur humenitaere sondern auch wirtschaftliche Bedeutung. Die
Haelfte der Fluechtlinge sind bis jetzt in bisher nicht bebauten Gebieten angesiedelt worden. Alle, die man noch in Zukunft
ansiedeln wird, werden Neuland erschliessen. Neues Ackerland
bedeutet neue Ernten, und wie die '.Virtschaftsberater des Programms erklaerten, neue Ernten bedeuten mehr Lebensmittel fuer
die Tuerkei und fuer den Export nach anderen Landern, die
selbst nicht genuegend Nahrungsmittel erzeugen.
9 -

�I
Der tuerkisc:;e Bauer, der groesstenteils in ^rmut und
Abgeschlossenheit von der Aussenwelt in Lehmhuetten wohnt,
hat dem allgemeinen Aufruf zur Unterstuetzung der Fluechtlinge gegenueber eine erstaunliche Grosszuegigkeit an den Tag
gelegt. Nur alte und sehr junge Leute kommen aus Bulgarien.
Diejenigen, die im militaerdienstpflichtigen Alter stehen,
werden hinter dem Eisernen Vorhang zurueckgehelten. Wenn
auch die am meisten begehrten, im arbeitsfaehigen Alter Stehenden nicht in diesem Fluechtlingsstrom zu finden sind, so
haben die Tuerken doch ihren Glaubensgenossen ohne Vorbehvlt
eine herzliche Aufnahme bereitet, und sie teilen bereitwillig
ihr schweres Los.
In einem Bezirk der Tuerkei, in dem jedes Dorf eine ümigrantenfamilie aufgenommen hatte, stellte man den Fluechtlingen eine V/ohnung zur Verfuegung, und materielle Spenden sollten ihnen ueber die ersten 3echs Monate hinweghelfen. In einem
anderen Ort war der Fluechtling, der sich dort niederliess,zufaellig ein Priester. Die Dorfbewohner ernannten ihn zu ihrem
Dorfpriester, und jeder spendete fuer seine Familie ein Schaf,
um ihr den Anfang zu erleichtern.
Diese Grosszuegigkeit in den Doerfern war eine grosse
Hilfe, reichte jedoch nicht aus, um mit den staendig wachsenden Anforderungen Schritt zu halten. Denn fast alle Fluechtlinge kommen mit nur ganz wenig Habseligkeiten ueber die
Grenze; sie besitzen bestenfalls eine Wolldecke und ein paar
Gegenstaende, die sie in ihren Schal gewickelt haben. Alles
uebrige wurde ihnen von kommunistischen Grenzbeamten abgenommen. Die meisten Familien bringen ihren Ofen mit an die Grenze. Fuer sie ist er mehr als ein Gegenstand, auf dem man
kocht; ar bedeutet ihnen Waerme, Haeuslichkeit und Heimat.
Die Grenzwachen erheben auf einen Ofen, der vielleicht 200
Lira gekostet hat, einen Zoll von 2 000 Lira, und der Fluechtling muss ihn schweren Herzens jenseits der'Grenze lassen.
Sie sitzen bedrueckt in den tuerkischen Aufnahmelagern, ihre
wenigen Habseligkeiten aengstlich bewachend. Die Sorge um
das Schicksal, das sie erwartet, steht jedem ins Gesicht geschrieben.
90% der Fluechtlinge sind Bauern, die fuer die Landwirtschaft der Tuerkei wertvolle Arbeitskraefte sind. Die restlichen 10% sind Handwerker, die fuer den Aufbau der 30 neuen
Doerfer sehr wertvoll sind. Etwa die Haelfte der ankommenden
Familien wird von amtlicher Seite als "hilflos" eingestuft,
d.h., dass sie keine Verwandte in der Tuerkei haben7 die ihnen helfen koennen, und dass sie ueber keinerlei Mittel verfuegen.
Diesen Mittellosen stellt man 12 Hektar staatseigenen
Landes,, ein Hau», Ochsen, Arbeitsgeraete, Säet, Viehfutter,
Lebensmittel und Geld zur Verfuegung, das ihnen bis zum Verkauf der ersten ISrnte ausreicht.
In vielen Faellen schliessen sich die Dorfbewohner zusammen, um gemeinsam dem Fluechtling ein Haus zu bauen. Die
Fluechtlinge selbst arbeiten am schwersten und am laengsten.
Bis jetzt sind die Fluechtlinge in den westlichen und mittleren Teilen der Tuerkei angesiedelt worden. Doch diese Gebiete sind bald nicht mehr aufnahmefaehig. Die Doerfer sind besetzt, und das gute Ackerland ist bereits vergeben. Neu an- 10«
*

�kommende Fluechtlinge werden jetzt nach den oestlichen Teilen
der Tuerkei geleitet, ein abgelegeneres und nicht kultiviertes Gebiet, in dem jedoch gutes, unbebautes Ackerland im
Ueberfluss vorhanden ist. Die Ansiedlungsmoeglichkeiten in
diesen Gebiet werden zurzeit geprueft. In dem gesamten Gebiet muessen neue Strassen gebaut, die WasServersorgung muss
sichergestellt und Bauernhoefe muessen gebaut werden. Die
Anbauflaeche der Tuerkei ist fast um 20^. groesser als 1947.
Die Ertragfaehigkeit eines Morgens ist um 13$ gesteigert.
In dem gleichen Zeitraum haben sich die Einkuenfte aus dem
Verkauf von Weizen verdoppelt. Dies ist zum grossen Teil
dem Arbeitseifer der handfesten tuerkischen Landbevoelkerung
zu verdanken.
Auch das landwirtschaftliche Erweiterungsprogramm der
tuerkischen Regierung ist eine Ursache hierfuer und nicht zuletzt die landwirtschaftlichen Maschinen und die Ratschlaege
und Instruktionen von Sachverstaendigen, die der Marshallplan
zur Verfuegung gestellt hat. Ein Teil des Erfolges ist zweifellos auch den bulgarischen Fluechtlingen zuzuschreiben, deren Bemuehungen nun anfangen, sich bemerkbar zu machen. Man
sieht sie bei schwerer Arbeit auf den Feldern Anatoliens.
Reisende treffen sie auf den Feldwegen und Dorfstrassen in
ihrer neuen, von Schweiss und muehseliger Arbeit beschmutzten
khakifarbenen Kleidung an. Sie unterhalten sich in einer
Sprache, die man sonst in der Tuerkei nicht hoert. Sie haben
noch sehr wenig, aber sie haben eine neue Heimat gefunden, sie
leben in Freiheit und haben die Moeglichkeit, in den riesigen,
unerschlossenen Gebieten der Tuerkei zu arbeiten.
ECA Information
1/3/51
Richard H. Gordon, Vorsitzender der AFL Gewerkschaft der
Filmkomparsen:
DIE GEWERKSCHAFT DER FILMKCUPARSEN IN AMERIKA
-Vor vielen Jahren, als die in der Filmindustrie Hollywoods Beschaeftigten noch nicht gewerkschaftlich organisiert
waren, charakterisierte ein Arbeitgebervertreter die Arbeit
der Filmkomparsen "als den undankbarsten und unbefriedigsten
Beruf in der Liste aller menschlichen Besohaeftigungen".
Diese Erklaerung beruhte zu jener Zeit zweifellos in
mancherlei Hinsicht auf Wahrheit. Aber inzwischen konnten
die Komparsen dank ihrer Zugehoerigkeit zu einer starken Gewerkschaft der AFL ihr Los wesentlich verbessern. Es bleibt
natuerlich noch manches zu tun, aber wir sind dabei, unsere
Ziele zu verwirklichen.
Im Grunde war das Hauptproblem der KoiüDarsen die Tatsache, dass die Filmindustrie zwar zu jeder Zeit auf eine bestimmte Reserve an Talenten zurueckgreifen koennen muss, dass sie
diesen wichtigen Arbeitskraeften jedoch keine dauernde Beschaeftigung bieten kann.
Im Jahre 1936 wurde zum Beispiel die anfallende Konparsenarbeit in Hollywood unter 22.937 Personen verteilt, mit
dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Zahl der pro Arbeit- 11 -

�nehmer gearbeiteten Tage in dem ganzen Jahr nur 11,72 und
das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Einzelperson nur
105,63 Dollar betrugen.
1940 hatten die Filmkomparsen in der Filmschauspielergewerkschaft der AFL eine wirksame Vertretung, und die Zahl
der Personen, die sich fuer die Arbeit als Komparsen bereithielten, war auf 7007 zurueckgegangen. Das durchschnittliche
Jahreseinkommen pro Arbeitnehmer in der Komparserie war auf
361 Dollar angestiegen.
Nach 1945 entstand die Gewerkschaft- der Filmkomparsen
als selbstaendige Organisation, und die Zahl der registrierten Komparsen wurde bis zum Ende des Jahres 1950 noch weiter
reduziert. Sie erreichte damals den bisher niedrigsten Stand
von 3.467 Personen, die in diesem Jahr insgesamt 3.941.954
Dollar verdienten. Damit erreichte das durchschnittliche
Jahreseinkommen den bisher hoechsten Betrag von 1.137 Dollar.
Dies ist zwar noch immer eine sehr bescheidene Zahl, aber
man darf nicht vergessen, dass es ein Durchscnitt fuer eine
gesamte Berufsgruppe ist, in der einige Rassentypen und sonstige Sondertypen vertreten sind, die nicht mit regelmaessiger
Beschaeftigung waehrend des ganzen Jahres als Komparsen rechnen koennen, weil es nicht genuegend Filme gibt, in denen
sie gebraucht werden. Viele Komparsen verdienen heutzutage
jaehrlich zwischen zwei- und viertausend Dollar. Einige haben nooh ein weit hoeheres Einkommen.
Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Berufskomparsen ist durch die verstaendnisvolle Zusammenarbeit zwischen der AFL Gewerkschaft der Filmkomparsen und den Arbeltgebern ermoeglicht worden.
Seit jenen Tagen, als Komparsen taeglich fuer drei Dollar und ein Eintopfessen arbeiteten, sind ihre LIindestloehne
um mehrere hundert Prozent erhoeht worden. Und Tausende ungelernter Amateurkomparsen sind ausgeschaltet worden und konkurrieren nicht mehr mit den erfahrenen Berufskomparsen um
die Rollen, die zum groessten Teil von "Central Casting",
der Arbeitsvermittlungsbehoerde fuer Komparsen vergeben werden.
Die Gewerkschaft der Filmkomparsen ist auf die Fortschritte stolz, die sie in der kurzen Zeit von sechs Jahren erzielt
hat. Sie ist ausserdem darauf stolz, dass sie von.anderen
Gewerkschaften in Hollywood und von den Arbeitgebern anerkannt
wird.
Was ist eigentlich die Arbeit der Filmkomparsen? Sie bilden den menschlichen Hintergrund, vor dem die Filmstars ihre
Rolle spielen, allgemein gesprochen unterscheidet sich die
Arbeit der Komparsen und die der Filmschauspieler dadurch,
dass Komparsen waehrend ihres Auftretens nicht im Diaioc SDrechen.
Sie koennen zum Beispiel als Konnarse in Gala am Tisch
eines Nacht-Clubs sitzen, waehrend die Filnstars tanzen oder
singen. Solange ein Darsteller nicht spricht, ist er Komparse.
Aber wenn er einen Satz oder auch nur ein Wort im Einzeldialog spricht, dann ist er Filmschauspieler und wird dementsprechend besser bezahlt.
- 12 -

�Eine Anzahl von Filmstars waren frueher Komparsen und
andererseits koennen fruehere Darsteller in Stummfilmen
heute Komparsen sein.
Die Gewerkschaft der Filmkomparsen wurde 1945 von einer
Gruppe von Komparsen gegruendet. Zu jener Zeit spielte sich
in den Filmstudios ein erbitterter Streit um die Zustaendigkeitsfrage ab, und die eine Partei der Streitenden wurde
von der kommunistischen Partei unterstuetzt. Eine kleine
Gruppe Stoerenfriede hatte die Komparsen veranlasst, aus
der Filmschauspielergewerkschaft auszutreten, und versuchte
nun, sie in die von den Kommunisten unterstuetzte Organisation aufzunehmen. In diesem Augenblick wachte der uebrige
Teil der Komparsen, der die Mehrheit bildete, endlich auf.
Komparsen sind, ebenso wie Filmschauspieler, grundsaetzlich
konservativ. Sie wollten von ihren kommunistischen Kollegen
• nichts wissen, die den Versuch machten, zur Erreichung ihrer
eigenen subversiven Ziele die Filmstudios zu schliessen.
Wir gruendeten die Gewerkschaft der Filmkonparsen und
vereinigten uns mit der Filmschauspielergewerkschaft und anderen nicht-kommunistischen Organisationen, um die Kommunisten
aus den Studios zu vertreiben. In diesem Kampf bewiesen die
Komparsen Hollywoods, dass sie das Recht haben, Seite an Seite mit anderen Gewerkschaften,um die Verbesserung der Lebensbedingungen des arbeitenden Volkes zu kaempfen.
1946 gewann die Gewerkschaft der Filmkomparsen mit ueberwaeltigender Mehrheit ueber ihre Gegenspieler eine vom Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen durchgefuehrte Zustaendigkeitswahl, und seitdem ist sie die Vertreterin der Filmkomparsen. Unmittelbar nach ihrer offiziellen Anerkennung schloss
die Gewerkschaft ihren ersten Tarifvertrag mit den Filmproduzenten ab, durch den die Komparsen mehr als eine Million Dollar an rueckwirkenden Lohnernoehungem erhielten. Seitdem war
die Gewerkschaft unaufhoerlich bemueht, die Lohn- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder zu verbessern.
Unsere wichtigsten Lohntarife fuer den Stundentag sind
folgende: Allgemeine Komparsen 15,56 Dollar, Komparsen in
besonderer Kleidung, T&amp;enzer, Schlittschuhlaeufer oder Schwimmer 22,23 Dollar. Wir haben viele besondere Lohnstufen, so
z.B. fuer Komparsen, die ein Kamel oder einen .Siefanten reiten. Sie verdienen 50 Dollar am Tag. Wenn sie ein Kamel
oder einen Elefanten fuehren, verdienen sie 35 Dollar taeglloh. Fuer Nachtarbeit erhalten sie zusaetzlich 10% und doppelten Lohn fuer Sonntags- und Feiertagsarbeit.
Wenig mehr als ein Jahr, nachdem die Gewerkschaft der
Filmkomparsen unter dem Wagner-Gesetz zur einzig zulaessigen
Vertreterin von Filmkomparsen in Tarifverhandlungen erklaert
worden war, erliess der Kongress ge.-ren das Veto des Praesidenten das Taft-Hartley-Gesetz. Dieses Gesetz bedeutet fuer
uns in unseren Tarifverhandlungen alt den Produzenten ein
furchtbares Handikap, weil mit ihm allen Fersonen, die Arbeit im Film suchen, gleichgueltig ob sie eine Faehigkeit
oder Erfahrungen haben oder nicht, die Tore zu den Studios
geoeffnet werden.
In den Verhandlungen mit den Produzenten, in denen wir
uns darum bemuehten, dieser grossen Gefahr zu begegnen, nahm
- 13 -

�unsere Gewerkschaft eine fuehrende Stellung ein. Schliesslich
konnten wir es durchsetzen, dass erfahrene und registrierte
Komparsen bei der Einstellung bevorzugt werden. Dadurch wurde es verhindert, dass Tausende von unerfahrenen Neuankoemmlingen die Reihen der Filmkomparsen ueberschwemmten, und die
Handlungsweise unserer Gewerkschaft war auch fuer andere Gewerkschaften in der Filmindustrie vorbildlich.
Nach den Bestimmungen unseres Tarifvertrages mit den
Studios i3t ein Ausschuss von Vertretern der Filmhersteller
und der Komparsen gebildet worden, der sich mit besonderen
Problemen befasst, die nicht in dem Vertrag beruecksichtigt
werden koennen. V/ir hatten mehrere Konferenzen ueber Probleme von Minderheitsgruppen besonderer rassischer Herkunft,
und gerade in dieser Hinsicht ist viel Gutes getan worden.
Wenn auch einige dieser Probleme seit vielen Jahren in der
Filmindustrie bestehen und ueber Nacht nicht geloest werden
koennen, so glauben wir jedoch, dass ein besseres Einvernehmen zwischen Unternehmern und Komparsen durch diese Konferenzen gefoerdert wird.
Die Gewerkschaft der Filmkomparsen spielt im Zentralen
Gewerkschaftsausschuss in Los Angeles, im AFL Vorstand des
Staates Kalifornien, im Filmkomitee der AFL von Hollywood
und dem Theaterverband des Staates Kalifornien eine hoechst
aktive Rolle. ;7ir sind ausserdem auf jedem bundesstaatlichen
Kongress der AFL vertreten.
Die Gewerkschaft sieht ihre Aufgabe darin, allen Maennern und Frauen zu helfen, die sich ihren Lebensunterhalt
durch Lohnarbeit verdienen. Auch haben andere Gewerkschaften
Ortsausschuesse und Verbaende von Einzelstaaten unsere Gewerkschaft hundertprozentig unterstuetzt, wenn sie schwierige
Probleme, wie z.B. Vertragsverhan31ungen oder die V/ahrung der
Rechte ihrer Mitglieder nach dem Arbeitslosenversicherungsgesetz, zu loesen hatte. Vor kurzem wurde der Gewerkschaft der
Filmkomparsen von den Delegierten des Zentralen Gewerkschaftsausschusses von Los Angeles, die mehr als 350.000 Mitglieder
der AFL vertreten,hoechste Anerkennung zuteil, als sie den
Exekutivsekretaer dieser Gewerkschaft H. O'Neil Shanks in
den Exekutivaus3chuss dieses Gremiums waehlten, das eine der
bedeutendsten zentralen Koerpersohaften in den Vereinigten
Staaten ist.
Die regierende Koerperschaft der Gewerkschaft der Filmkomparsen ist der Direktorenausschuss, der sich aus 33 im
Arbeitsverhaeltnis stehenden Mitgliedern der Gewerkschaft
zusammensetzt, die von den uebrigen Mitgliedern gewaehlt werden. Alljaehrlich werden £2 .nussohussmitglieder fuer drei
Jahre, und die Funktionaere werden jaehrlich gewaehlt. Alle
Mitglieder des Ausschusses und alle Funktionaere mit Ausnahme
des Exekutivsekretaers sind ehrenamtlich fuer die Gewerkschaft
ta'etig. Wir fuehlen uns geehrt durch die Anwesenheit eines
Philippinen, eines Negers, eines Mexikaners, Chinesen, Hawaianers und eines amerikanischen Indianers in diesem ausschuss.
Es gab eine Zeit, da die meisten Komparsen in Plollywood
am Rande des Elends standen. Die Lage war fuer sie zu einem
gewissen Zeitpunkt, der allerdings viele Jahre zurueckliegt,
so schlecht, dass der Tageslohn von drei Dollar und Mittagessen
- 14 -

�zu 1.25 Dollar und ohne Essen reduziert wurde. Diese Zeit
ist jedoch vorueber und wird solange nicht wiederkehren, wie
die Komparsen in ihrer AFL Organisation vereinigt bleiben.
Hierbei muss ich an die Tatsache denken, dass wir trotz
der niedrigen Beitraege, die an unsere Gewerkschaft gezahlt
werden (monatlich 2 Dollar), in den sechs Jahren seit der
Gruendung unserer Organisation eine finanzielle Grundlage gebildet haben. '.Vir vsrfuepen haute zum Teil in bar, zum Teil
in Schatzanweisungen der Regierung ueber ein Netto-Vermoegen
von 237.295 Dollar, was eine Gewaehr dafuer ist, dass niemand
mehr mit den Komparsen umspringen kann, wie er will.
The American Federationist
VIII/51
DIE BAUINDUSTRIE HAT KOCH VIEL ZU LERNEN
Sir Ben Lockspeiser ist Sekretaer des Referats fuer wissenschaftliche- und Industrie-Forschung der amerikanischen
Bauarbeitergewerkschaft. Kachstehend folgt eine Zusammenfassung der Kommentare, die er ueber die Leistungsfaehigkeit der Bauindustrie gegeben hat, als er vor wenigen Tagen
vor dem Forschungsausschuss der Bauindustrie sprach.
Die Verbesserung der Baumaterialien und der fertigen Baustoffe sowie bessere Kenntnisse ihrer richtigen Verarbeitung
haben sich in den letzten 30 Jahren auf die Planung, die Konstruktion und die Gebaeudeerhaltung ausgewirkt. Das technische .'/issen um Aufbau, Fundamentierung und Baumethoden ist
wesentlich erweitert worden.
Dies sind zweifellos Fortschritte, aber es besteht noch
immer das unanrenehme Gefuehl, dass das Baugewerbe nur sehr
schwer in der Lage ist, Keues zu lernen.
Das allgemeine Bild, das von ihr gegeben werden muss,
spiegelt einen relativen Stillstand wider. Y/aehrend andere Industriezweige wesentliche Fortschritte erzielt haben, hat sich
das Beugewerbe damit abgefunden, rueckstaendig zu bleiben.
Es spricht nicht fuer Eurona, wenn heute dort die Gewohnheit
vorherrscht, nach den Vereinigten otaaten zu sehen, um ueber
bedeutsame technologische Fortschritte Informationen zu erhalten.
Fortschritte in der Technik koennen mit einer Steigerung
der vorfuegbaren mechanischen Energie Hand in Hand gehen. Es
ist die L'aschine, durch die die Menschen von der Knappheit zum
Ueberfluss kamen, u d deshalb sollte einmal die Frage gestellt
werden, inwieweit die Bauindustrie von der L'aschine Gebrauch
macht und dabei wird man feststellen, dass die Verwendung von
^?asohinen dort sehr beschrtenkt ist.
Der Arbeiter der Bauindustrie hatte im Jahre 1935 im
Durchschnitt nicht mehr als die Htelfte einer Pferdestaerke zur
Verfuegung im Vergleich zu 2&amp; Pferdestaerken mechanischer Energie fuer die Arbeiter der uebrigen Kerstellerindustrien. Vermutlich hat sich in der Zwischenzeit dieser Unterschied zuungunsten der Bauindustrie noch erhoeht.
- 15 -

�Beim Aufbau eines Doppelwohnhauses muss ein grosser Teil
der Baumaterialien mehr als einmal transportiert werden, und
es werden tetsaechlich 1200 Tonnen Material hauptsaechlich
mit der Hand befoerdert. Wie jeder moderne Betriebswirt weiss,
ist nichts so teuer wie die angeblich billige ungelernte Arbeit. Die Unkosten fuer Maschinen beim Bau eines Hauses im
Werte von 1300 Pfund Sterling letwa DM 15,500) sind geringer
als 30 Pfund Sterling 1DM 360) im Vergleich zu dem Betrag von
400 Pfund Sterling {DM 4,800), der fuer Arbeitskraefte aufgewendet werden muss.
Es ist Tatsache, dass es sich um eine Industrie handelt,
in der der kleine Unternehmer vorherrscht. 1950 gab es tatsaechlich mehr eingetragene Firmen als Maurer. Etwa 87% der
Baufirmen beschaeftigten weniger als 20 Arbeiter, waehrend
nur 4% mehr als je 1000 Arbeiter hatten.
Etwa ein Drittel aller Bauarbeiter ist in Firmen beschaeftigt, die weniger als 20 Arbeitnehmer haben. Zwei Drittel arbeiten in Betrieben, deren Belegschaft weniger als 100 Mitglieder zaehlt, und nur 12% arbeiten in Unternehmen, in denen 1000
oder mehr Arbeiter beschaeftigt sind.

\

Viele dieser unzaehligen Firmen sind sehr unrentabel. Hierfuer gibt es jedoch keinen triftigen Grund, denn die Groesse
eines Unternehmens ist im allgemeinen kein Gradmesser fuer seine Leistungsfaehigkeit. Ausschlaggebend ist vielmehr, was sich
ein Unternehmer zutraut und wie er seine Arbeit anpackt. V/enn
er versucht, in kleinem Umfang die gleiche Arbeit so wie ein
grosser Betrieb zu tun, ist es fast gewiss, dass er bei der Verwendung seiner Arbeitskraefte verschwenderisch ist.
Auch die kleinen Firmen koennten wirtschaftlich arbeiten,
wenn sie sich auf besondere Arbeiten spezialisieren wuerden,
so z.B. als Vertragsfirmen, die in einem bestimmten Bezirk um
groessere Unternehmen gruppiert werden. Die Verwendung von
Maschinen am Bauplatz koennte dann wirtschaftlicher werden.
Selbst an kleinen Bauplaetzen koennten Maschinen eingesetzt
werden, z.B. fuer Ausschachtungsarbeiten. Dieses System liesse
sich mit dem der Kleinbauern vergleichen, die Traktoren, Maehmaschinen oder Maehdrescher groesserer landwirtschaftlicher Betriebe in Anspruch nehmen, weil sie sich keine eigenen Maschinen leisten koennen.
Jene Bedingungen zu schaffen, die es ermoeglichen, dass
der Bauarbeiter durch einen hoeheren Einsatz der mechanischen
Energie unterstuetzt wird, waere nicht nur im jetzigen Rahmen
der Bautaetigkeit wuenschenswert, sondern, was vielleicht noch
wichtiger ist, es wuerde damit auch die Moeglichkeit geschaffen,
in weiterem Masse Fertigteile entweder im Betrieb oder an der
Baustelle selbst herzustellen.
Ein technischer Fortschritt dieser Art wuerde zu einer
wirksamen Arbeiteinteilung an der Baustelle beitragen und den
reibungslosen Verlauf der einzelnen Arbeitsgaenge garantieren,
wie es in jeder modernen Herstellerindustrie der Fall ist.
Labour X/51

- 16 -

HI000 ? BOT 81 1835« 1 1

10

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar nnd dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 46

Frankfurt, den 16. November 1951

I L H ü L T S V E R Z E I C K N I S
IAO-Konferenz ueber Umsiedlungsfragen

1

Die Kommunisten in Westdeutschland

5

Gewerkschaftliche Entwicklung in Syrien .... 7
Lohnpolitik und Inflationseinfluesse

9

Wann wird endlich mehr produziert?

13

Produktion i3t der Schluessel zum hohen
Lebensstandard

15

IAO-KONFERENZ U^BER UMSIEDLUNGSFRAGEN
Delegierte aus 27 Laendern, lie vom 2. bis 16. Oktober
zu der Konferenz ueber Umsiedlungsfragen in Neapel zusammengekommen waren, sprachen sich fuer die Bildung eines Beratungsausschusses fuer europaeische Umsiedlungsfragen aus.
Diese Konferenz war von der Internationalen Arbeitsorganisation einberufen worden.
Die Konferenz hatte den Zweck, die Probleme der Umsiedlung ueberzaehliger Menschen aus europaeischen Laendern in
Gebiete, die fuer ihre volle Entwicklung zusaetzliche Arbeitskraefte brauchen, zur Sprache zu bringen. Zuvor war
vom Internationalen Arbeitsamt ein ausfuehrliches Programm
aufgestellt worden, in dem die Bildung einer Verwaltung fuer
Umsiedlung und eines Umsiedlungshilfsfonds vorgeschlagen
- 1 -

�wurde. In dem Programm ist vorgesehen, im ersten Jahre
200.000, im zweiten Jahr 300.000 und in den folgenden drei
Jahren jaehrlich 400.000 Personen umzusiedeln. Fuer das
erste Jahr wuerde ein Umsiedlungshilfsfonds zur Verfuegung
gestellt, aus dem zinsfreie Kredite an beduerftige Umsiedler
gewaehrt werden, die sie voraussichtlich in 30 Raten innerhalb von 2fc Jahren zurueckzahlen sollen.
Der Plan des Internationalen Arbeitsamtes sieht ausserdem vor, dass innerhalb dieser Organisation eine Verwaltung
fuer Umsiedlungsfragen gebildet wird, deren Arbeit zu ueberpruefen und nach fuenf Jahren entweder einzuschraenken oder
zu beenden ist. Diese Verwaltung fuer Umsiedlungsfragen
wuerde einem Umsiedlungsausschuss unterstehen, der sich aus
Delegierten solcher Laender zusammensetzt, die Umsiedler
abgeben oder aufnehmen, und die Zahlungen in den eigenen
Sonderfonds dieser Verwaltung vorgenommen haben, der von dem
ordentlichen Budget der Internationalen Arbeitsorganisation
getrennt waere. Ausser den Teilnehmerstaaten, die bei Abstimmungen je eine Stimme haben, wuerden Vertreter der Vereinten Nationen und anderer Faohbehoerden, der Organisation
amerikanischer Staaten, des Europarates und der Organisation
fuer die Wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas ohne Stimmberechtigung an den Beratungen des Ausschusses teilnehmen.
Bei der Anwendung der vom Ausschuss fuer Umsiedlungsfragen
aufgestellten Richtlinien wuerde ein Umsiedlungsrat behilflich sein, der sich aus Vertretern von 12 Kationen zusammensetzt und fuer zwei Jahre gewaehlt wird. Ferner wuerde
ein Beratungsausschuss mitwirken, der sich aus Vertretern
ueberstaatlicher Organisationen zusammensetzt, die sich direkt mit Umsiedlungsfragen beschaeftigen.
Dieser in Vorschlag gebrachte Beratungsausschuss waere
als Ersatz fuer die von der Internationalen Arbeltsorganisation vorgeschlagene Behoerde anzusehen. Der Vorsohlag wurde
von der Konferenz gebilligt. Die Vereinigten Staaten, Australien und Kanada, d.h. die drei fuehrenden Aufnahmelaender,
enthielten sich der Stimme.
An dieser Konferenz von Delegierten der Regierungen
nahmen folgende Laender teil: Argentinien, Australien, Oesterreich, Belgien, Bolivien, Brasilien, Kanada, Chile, Daenemark,
Ekuador, Finnland, Frankreich, die deutsche Bundesrepublik,
Griechenland, Italien, Luxemburg, Holland, Norwegen, Paraguay,
Peru, Portugal, Schweden, die Schweiz, Gross-Britannien, USA,
Uruguay und Venezuela, Beobachter des Vatikans und der Tuerkei waren anwesend.
An internationalen Organisationen waren vertreten: die
Vereinten Nationen, die Organisation fuer Ernaehrung und Landwirtschaft, die Organisation fuer Erziehung, Wissenschaft
und Kultur, die Weltbank, die Weltgesundheitsorganisation,
die Internationale Fluechtlingsorganisation, das Buero der
Hochkommissare der Vereinten Nationen fuer Fluechtlingsfragen,
die Organisation fuer die Wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas und der Europa-Rat, Ausserdem entsandten zahlreiche
ueberstaatliohe Organisationen Beobachter.
Vorsitzender der Konferenz war Sir Guildhaume MyrddinEvans aus Gross-Britannien, ein Mitglied des Verwaltungsrates
der Internationalen Arbeltsorganisation. Jeff Rens, stellvertretender Generaldirektor des IAA, war Generalsekretaer der
Konferenz.
- 2 -

�Der Vorschlag, einen Beratungsausschuss zu bilden, der
von der Konferenz in Neapel gebilligt wurde, wird dem Verwaltungsrat des IAA Mitte November vorgelegt werden. Wenn
er gebilligt wird, wird sich dieser Ausschuss aus Vertretern
derjenigen Laender zusammensetzen, die in Neapel vertreten
waren, und die sich fuer die Umsiedlung in Uebersee interessieren. Er wuerde auch diesen Regierungen gegenueber verantwortlich sein.
In der Resolution, die auf dieser Konferenz angenommen
wurde, wurde festgestellt, dass die Vertreter in diesem Ausschuss ausreichende Befugnisse haben muessen, die es ihnen
erlauben, ihre Aufgaben zu erfuellen. Sie haben folgende
Aufgaben: grundlegende Fragen zu behandeln, insbesondere
die Foerderung, Anregung und Unterstuetzung internationaler
Massnahmen, und Moeglichkeiten internationaler Finanzierung
in Erwaegung zu ziehen; sich naeher mit den Notwendigkeiten
und Moeglichkeiten der Umsiedlung und jener Art internationaler Massnahmen zu befassen, die zur Durchfuehrung solcher
Massnahmen auf individueller oder gegenseitiger Basis wuenschenswert sind; den Regierungen und den ueberstaatlichen
Organisationen auf dem ueblichen Dienstweg Vorschlaege zu
unterbreiten; darauf hinzuwirken, dass in allen Programmen
der wirtschaftlichen Entwicklung der Umsiedlungsfaktor voll
beruecksichoigt wird, und regelmaessig den Regierungen der
angeschlossenen Laender ueber den Fortschritt seiner eigenen Taetigkeiten Bericht zu erstatten.
Die Konferenz billigte ausserdem Entsohliessungen, in
denen bestimmte Richtlinien fuer die aerztliche Untersuchung
und die Auswahl von Umsiedlern enthalten sind, und sie forderte die Regierungen auf, sofort Vorkehrungen fuer den
Transport von Umsiedlern zu treffen. Der Bericht des Ausschusses ueber die Auswahl der Umsiedler auf Grund der aerEtlichen Untersuchung, der von der Konferenz gebilligt wurde,
enthaelt eine Liste von Vorschriften, die bei der Auswahl
von Umsiedlern, die sich um gewoehnliche oder Schwerarbeit
bewerben, auf nationaler Basis zu beachten sind; ferner ein
Handbuch fuer den Arzt, das erklaert, wie Personalkarteien
anzulegen sind, in denen die Ergebnisse der aerztlichen Untersuchungen angefuehrt sind, und ein Muster eines vorschriftsmaessigen Berichtes ueber die Ergebnisse der aerztlichen Untersuchung; ausserdem wird angegeben, bei welchen Krankheiten
die betreffenden Bewerber entweder nach wirksamer Behandlung
wieder vorstellig werden koennen, endgueltig abgelehnt werden
muessen oder fuer Schwerarbeit unfaehig sind.
Die Arbeitsgruppe fuer Transportfragen empfahl einstimmig, dass der Verwaltungsrat des IAA einen Sachverstaenfligenausschuss ernennen moege, der sich mit der Frage beschaeftigen soll, ob es notwendig ist, internationale Normen fuer
die Unterbringung und die Wohlfahrt der Umsiedler an Bord
der Schiffe aufzustellen. Sie ermaechtigte ausserdem den
Generaldirektor des IAA, mit der Internationalen Organisation
fuer Zivile Luftfahrt und anderen zustaendigen internationalen Koerperschaften zu beraten, welche Methode am besten ist,
um die Sicherheit und Wohlfahrt der auf dem Luftwege befoerderten Umsiedler zu gewaehrleisten.
Die Arbeitsgruppe fuer Beratungsdienste unterbreitete
einen Vorschlag, nach dem das IAA entsprechend der verfuegbaren finanziellen Mittel technische Unterstuetzung leisten
- 3 -

�soll, weil die Unkosten die Mittel uebersteigen, die von
den Teilnehmerstaaten aufgebracht werden koennen. Die Arbeitsgruppe fuer die technische Durchfuehrung der Umsiedlung erklaerte, dass das wirksame Funktionieren der Organe,
die mit der Auswahl, der Rekrutierung, der Ausbildung und
der Aufnahme der Umsiedler beauftragt sind, wesentlich fuer
die kuenftige Entwicklung der Umsiedlung ist. Wenn auoh
zur Zeit einige Regierungen keine internationale Unterstuetzung fuer diese Arbeit benoetigen, so duerfte sie doch fuer
andere Regierungen hoechst wertvoll sein. Die Arbeitsgruppe
war jedoch der Auffassung, dass das IAA in entsprechendem
Umfang fortfahren moege, in allen diesen Fragen und besonders auf dem Gebiet der Berufsausbildung technische Unterstuetzung zu geben.
Paul Ramadier, der fruehere Premierminister Frankreichs
und jetzige Vorsitzende des Verwaltungsrates des IAA, erklaerte in seiner Ansprache auf der letzten Sitzung der
Konferenz, dass die "internationale Arbeitsorganisation in
vielerlei Hinsicht ein amerikanisches Produkt ist. Ich
moechte noch weiter gehen und Ihre Aufmerksamkeit auf einen
sehr seltsamen Aspekt der gegenwaertigen Situation lenken.
Zu Anfang hatte der Hauptteil, der praktisch auch der einzige Bestandteil des IAA war, die Aufgabe, internationale Gesetze zum Schutz der Arbeiter zu entwerfen. Diese Idee war
im Friedensvertrag von Versailles niedergelegt worden, und
in der Zeit zwischen den beiden Kriegen war es praktisch die
einzige Taetigkeit dieser Organisation. Im Jahre 1944 jedoch
wurde auf der Konferenz in Philadelphia darauf hingewiesen oder soll ich sagen, dass die«Vereinigten Staaten darauf
hingewiesen haben? - dass das Internationale Arbeitsamt
nicht unbegrenzt fortfahren koenne, Konventionen zu entwerfen und abzuaendern, die'immer den gleichen Gegenstand behandeln. Wenn das internationale Arbeitsgesetzbuch einmal vollstaendig ist, dreht es sich nur noch darum, die Einzelheiten
der Bestimmungen abzuaendern und zu verbessern. Deshalb war
es notwendig, diese an Bedeutung staendig verlierende Arbeit
fallen zu lassen und eine aktivere Rolle zu uebernehmen.Dieser Gedanke wurde in unserer Satzung verankert. Ein zweifellos bescheidener Anfang war damit geschaffen,,dass wir damit
begannen, die Errichtung internationaler Koerperschaften und
internationaler Behoerden technisch zu unterstuetzen und zu
foerdern. Heute unterbreitet der Generaldirektor den wohlueberlegten Vorschlag, unsere Taetigkeiten nach neuen Gesichtspunkten wesentlich zu erweitern. Warum sollte damit
sofort ein Grund zu einer solchen Beunruhigung gegeben sein?
Und fuer welche Leute? Offensichtlich fuer diejenigen, die
uns unseren Weg wiesen und erklaerten: "Dies ist die Strasse
die Ihr in Eurer kuenftigen Arbeit einhalten muesst."
Jeff Rens, der Generalsekretaer der Konferenz und der
stellvertretende Generaldirektor des IAA gab eine Zusammenfassung der in der Vergangenheit von dem IAA auf dem Gebiet
der Umsiedlung geleisteten Arbeit und der Gruende, die dazu
Anlass gaben, diese Konferenz einzuberufen. Er wies darauf
hin, dass keine internationalen Massnahmen notwendig waeren,
wenn alle Regierungen ueber die Verwaltungsapparate und die
finanziellen Mittel verfuegten, die hierzu unerlaesslich sind.'
Dies sei jedoch nicht in allen Laendern der Fall. '.Vir waren
uns nie im Zweifel darueber, dass diese internationale Hilfe
nicht mehr als eine Ergaenzung sein soll. Wir waren der An4 -

�sieht, dass internationale Massnahmen die Entwicklung eigener Einrichtungen in den einzelnen Staaten foerdern wuerden.
Welche Massnahmen die Regierungen auch beschliessen werden,
wir werden fortfahren, sie so gut wie moeglich zu unterstuetzen.
Robert West, der Delegierte der Regierung der Vereinigten Staaten, erklaerte, warum sich die Delegation seiner Regierung nicht fuer die EntSchliessung ausgesprochen hatte,
nach der ein Beratungsausschuss fuer europaeische Umsiedlungsfragen errichtet werden soll. Er sagte: "Diese Enthaltung kann nicht als Mangel an Interesse der Regierung der
Vereinigten Staaten ausgelegt werden, praktische Loesungen
zu den Problemen zu finden, die sich mit der Erweiterung der
europaeischen Umsiedlungstaetigkeit ergeben. Unsere Auffassung
ist es, dass wir Schritt fuer Schritt an die Loesung des Problems herangehen muessen, d.h. dass wir zuerst solche Dinge
tun muessen, die eindeutig als praktische Massnahmen zu werten sind. Wir muessen in Erwaegung ziehen, dass diese Konferenz nur ein Stadium in dem schwierigen Prozess ist, in
dem eine Loesung dieses Gesamtproblems gefunden werden soll.
Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten den Plan des IAA
nicht akzeptieren konnten, darfnicht falsch ausgelegt werden.
Hierdurch wird in keiner Weise etwas an der Tatsache geaendert, dass die Regierung der Vereinigten Staaten das IAA und
seine Arbeit sehr hoch einschaetzt.
Papst Pius XII. erklaerte vor 100 Delegierten dieser
Konferenz waehrend einer Sitzung in Castelgandolfo: "Wir
stellen mit Genugtuung fest, dass diese Konferenz dazu beigetragen hat, die Welt die Wichtigkeit dieser Aufgabe und den
Ernst dieses Problems erkennen zu lassen. Vor allem freut
uns die Tatsache,. dass die geistigen und moralischen Werte,
die sowohl bei der Auswanderung als auch bei der Einwanderung
gesichert, geschuetzt und entwickelt werden muessen, auf
Ihrem Kongress entsprechend gewuerdigt worden sind.
ILO News Service
X/26/51
DIE KOMMUNISTEN IM WESTDEUTSCHLAND
Auszug aus der Rede von Irving Brown, dem Vertreter der
American Federation of Labor in Europa, auf dem Kongress
der AFofL in San Francisco am 18. September 1951.
"Waehrend die kommunistische Partei noch immer
die Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft in Frankreich
und Italien darstellt, sind in Westdeutschland die Sozialdemokraten die herrschende Kraft in der geeinten Gewerkschaftsbewegung. Auf der anderen Seite befindet sich Ostdeutschland
unter Sowjetherrschaft und dort wird aufgeruestet. Aber
selbst in dieser von den Sowjets kontrollierten Zone haben
die wirklich demokratischen Kraefte die von den Sowjets beherrschten Gewerkschaften und politischen Parteien derart
durchsetzt, dass die Sowjets sich nicht auf Ostdeutschland
verlassen koennen. Ostdeutschland ist das einzige Gebiet
jenseits des Eisernen Vorhangs, in dem ein offener und von
den Massen getragener Widerstand gegen die Sowjetunion lebendig ist. Die Kraft der demokratischen Gewerkschaftsbewegung
in Westdeutschland ist in den vergangenen Monaten dadurch
- 5 -

�verstaerkt worden, dass den deutschen Gewerkschaften das Mitbestimmungsrecht in der maechtigen Eisen-, Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebiets gewaehrt wurde. Die ünterstuetzung
durch die amerikanischen Gewerkschaften und den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) hat wesentlich zu diesem Sieg der deutschen Gewerkschaften beigetragen.
Aber daneben gibt es andere Schwaechen und Gefahren in
Westdeutschland. Die kommunistische Partei hat immer noch
eine gewisse Bedeutung innerhalb der Gewerkschaften, was vor
allem der Tatsache zuzuschreiben ist, dass sie nahezu 400
bezahlte Funktionaere im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)
hat und in zahlreichen Betriebsraeten in der deutschen Industrie einen gefaehrlichen Einfluss ausueben kann. Das alles
gibt der KPD eine Staerke, die in keinem Verhaeltnis mit der
wirklichen Lage in 'Westdeutschland steht.
Ich habe gerade einen Bericht von einer der fuehrenden
Persoenlichkeiten der nichtkommunistisohen Gewerkschaftsbewegung erhalten, in dem es u.a. heisst:
"Der folgende Bericht umfasst 211 Grossbetriebe (mit
mehr als 500 Arbeitnehmern) aus der Gegend von Hamburg und
anderen mittelgrossen und Kleinstaedten in Rheinland-Westfalen (unter Ausschluss der Bergwerke).
"Von diesen 211 Betrieben hatten 74 KP-Mitglieder in
ihrem Betriebsrat. Mit anderen Worten: ein Drittel dieser
Grossbetriebe haben Kommunisten in ihrem Betriebsrat.
"Verglichen mit der Gesamtzahl der gewaehlten Betriebsratsmitglieder in diesen 211 Betrieben, haben die Kommunisten (unter Ausschluss wiederum der Bergwerke) 10$ aller
Sitze.
"In diesen 211 Grossbetrieben sind insgesamt 1844 Betriebsratsmitglieder gewaehlt worden. Die politische Aufteilung
ist folgende:
SPD
937

KPD
150

CDU
135

Andere Partelen
17

Neutral (.') .
605

"Es ist dabei bemerkenswert, dass die Kommunisten mehr
Leute haben als die CDU. Ein anderer bemerkenswerter Faktor
ist das staendige Anwachsen der sogenannten "Neutralen".
Eine grosse Anzahl von Sympathisierenden und wirklichen Kommunisten tauchen jetzt als "Neutrale" auf.
"In den Bergwerken haben die Kommunisten ca. 27-28% aller Betriebsratsmitglieder. Dies beweist wiederum, dass sofort etwas geschehen muss."
Noch weit gefaehrlicher ist die Tatsache, dass die Kominformpolitik in Westdeutschland mit Neo-Nazibewegungen spielt
und sie selber schafft Bewegungen, die wie Kommunisten von
"Frieden" und einem "geeinten Deutschland", gegen Wiederaufruestung und eine europaeische Armee reden. Aus einem vertraulichen Bericht, der mir zugegangen i3t, geht hervor, dass
die offiziellen KPD-Fuehrer ihren Vertrauensmaennern in den
Betrieben Anweisung gegeben haben, Einheitsfront-Aktionen mit
Nazigruppen wie z.B. der SRP zu unterstuetzen. Ein solches
- 6 -

�Kommunazi-Buendnis passt ausgezeichnet in die Sowjetparole
vom Kampf gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands und
Westeuropas herein. Waehrend auf der einen Seite in Deutschland ein solches Zusammengehen gefoerdert wird, hetzen die
Kommunisten auf der anderen Seite in der ganzen Welt alle
demokratischen und liberalen Elemente mit ihren Greuelberichten ueber das Wiederaufleben des Neo-Nazismus auf. Selbst
die offiziellen alliierten Stellen in Deutschland machen
sich zum Sprachrohr dieses Unsinns. So hat.zum Beispiel der
amerikanische Hohe Kommissar in Westdeutschland LlcCloy neulich zwar das Versagen der Kommunisten festgestellt, im selben Atemzug aber vor der Gefahr des Nazismus gewarnt. Das
ist eine gefaehrliche Erklaerung. Die Wahrheit in dieser
Sache ist, dass der Nazismus in Deutschland nur eine Gefahr
wegen seiner Verbindung mit dem Totalitarismus der Sowjets
ist.
Die Gefahr eines Wiederauflebens einer kommunistischnazistischen Bewegung in Deutschland wird weiterhin dadurch
gesteigert, da3s die Alliierten nur sehr langsam der deutschen Republik die Rechtsgleichheit gewaehren und die rasche
Integrierung Deutschlands in ein westeuropaeisches Wirtschafts- und Verteidigungssystem immer wieder hinauszoegern.
Das kuerzlich getroffene Abkommen zwischen den Aussenministern
Frankreichs, Englands und der Vereinigten Staaten, das der
Deutschen Bundesrepublik "virtuelle Unabhaengigkeit" gewaehrleistet, ist unzureichend und wird weiteres Oel in das nationalistische Feuer der Kommunazi-Propaganda giessen. Dieses
Versagen der Besatzungsbehoerden, groesseres Vertrauen in
den demokratischen Arbeiterkreisen und zwar sowohl innerhalb
der Gewerkschaften wie auch innerhalb der politischen Parteien zu gewinnen, hilft nur denjenigen. Kraeften, die das Wiederaufleben des deutschen Nationalismus als einen Rauchvorhang benutzen fuer das Hauptbestreben der Sowjets - naemlich
die Kontrolle der Ruhr und Westdeutschlands in die Hand zu
bekommen und dadurch Europa tatsaechlich zu beherrschen.
Denn das ist das System der doppelten Buchfuehrung in der
Sowjetdiplomatie - in Deutschland Zusammenarbeit und Foerderung des Neo-Nazismus, ausserhalb Deutschlands aber Propaganda ueber das Wiederaufleben des sogenannten Neo-Nazismus in
Deutschland."
GEWERKSCHAFTLICHE SWi'V.'ICKLUNGIilN IN SYRIüN
Dank der Baumwoll- und Weizenrekordernten, hoher Exportpreise und Syriens unabhaengiger Stellung als Handelsstaat
nach der Aufloesung der Zollunion mit dem Libanon im Kaerz
1950 haben sich die Arbeitsbedingungen in Syrien im Verlauf
des Jahres 1950 verbessert. Waehrend der wirtschaftlichen
Depression des Jahres 1949 nahm die Arbeitslosenziffer in
den handwerklichen Berufen und in der Textilindustrie beunruhigende Formen an. In dieser Industrie ist etwa ein Viertel
der Erwerbsbevoelkerung der syrischen Industrie beschaeftigt.
Nach der Aufloesung der gemeinsamen Zollunion verfolgte die
Regierung Syriens eine Politik des Protektionismus, und die
Beschaeftigtenziffer in der Industrie nahm erheblich zu.
In Verbindung mit der Baumwollrekordernte ging auch die Beschaeftigtenziffer in der Landwirtschaft in die Hoehe. Die
Arbeitslosigkeit in den Staedten ging von etwa 40$ der gesam- 7 -

�ten erwerbstaetigen Bevoelkerung der Industrie (etwa 90 000)
zu Beginn des Jahres 1950 bis zurr, Ende des Jahres um 25% zurueck, wie von Arbeitsbeamten Syriens schaetzungsweise angegeben wurde. Ende 1950 wurden- ueber die Haelfte der 87 000
Fluechtlinge Palaestinas, die in Syrien geblieben waren, als
"beschaeftigungsfaehig" eingestuft. Hiervon waren nahezu
60% arbeitslos und von der Unterstuetzung der UKRWA (Hilfsorganisation der UN) voellig abhaengig. 30% hatten selbst Arbeit gefunden, und die uebrigen wurden von dieser Organisation
beschaeftigt.
Bei Ausbruch der Feindseligkeiten in Korea forderten
die Gewerkschaften hoehere Loehne.
Im 3. Quartal des Jahres 1950, in dem sich die Geschaeftslage verbesserte und die Preise in die Hoehe gingen, gab die
Regierung den Forderungen der Gewerkschaften statt, und die
Loehne wurden erhoeht.
Am 28. Februar 1950 wurde ein Gesetz ueber gewerkschaftliche Vereinigung erlassen, und am 5. September trat eine
neue Verfassung in Kraft.
Das Genossenschaftsgesetz, das von dem Syrischen Gewerkschaftsbund befuerwortet wurde, sieht sowohl landwirtschaftliche als auch industrielle Genossenschaften vor. Der
Gewerkschaftsbund entwarf eine Reihe mustergueltiger Verordnungen ueber Genossenschaften und legte der Bevoelkerung die
Bildung von Verbrauchergenossenschaften in allen groesseren
Staedten nahe. Drei Verbrauchergenossenschaften waren zu
Ende des Jahres gebildet worden. Der Landwirtschaftsminister
gruendete mit Hilfe von zwei Sachverstaendigen aus Palaestina,
die unter der britischen L&amp;ndatsregierung Erfahrungen auf
diesem. Gebiet gesammelt hatten, landwirtschaftliche Genossenschaften, deren besondere Aufgabe es ist, Kredite und landwirtschaftliche Maschinen zur Verfuegung zu stellen.
In der neuen Verfassung sind Grundsaetze fuer die kuenftige Gesetzgebung niedergelegt, die innerhalb von zwei Jahren
vervollstaendigt sein muss. Die Bestimmungen ueber Arbeitsbedingungen legen folgendes fest: das Recht der Buerger auf
Arbeit, die Begrenzung der Arbeitszeit und bezahlte Wochenfeiertage und Jahresurlaub. Sie sehen die Bildung eines Sozialversicherungssystems vor und erklaeren die Pflichtarbeit
fuer ungesetzmaessig, wenn es nicht in Zeiten nationalen Notstandes ist.
Vor Ablauf des Jahres 1950 hatte die syrische Regierung
die Organisation fuer Erziehung, Wissenschaft und Kultur der
Vereinten Kationen um Unterstuetzung bei der Ausarbeitung des
Sozialversicherungssystems gebeten. Die Zahl der registrierten Gewerkschaften wurde in Syrien im Jahre 1950 von 127 auf
149 erhoeht. Die Schätzungen ueber die I'itgliederzahlen
sind verschieden und werden von Beamten des Arbeitsministeriums
mit 26 800 fuer 1949 angegeben, waehrend Gewerkschaf tsfunktionaere von 80 000 Mitgliedern im Jahre 1950 sprechen. Zu Ende
des Jahres 1950 waren 110 der registrierten Gewerkschaften dem
von der Regierung finanziell unterstuetzten syrischen Gewerkschaftsbund, dem einzigen nationalen Gewerkschaftsbund des
Landes, angeschlossen. Der bedeutende Gewerkschaftsbund der
Hafenstadt Latakia, der sich zuvor geweigert hatte, dem Syrischen Gewerkschaftsbund beizutreten, vereinigte sich mit dieser
Organisation Anfang 1951.

8

�1950 setzte sich der Syrische Gewerkschaftsbund fuer
den Erlass von iirbeitsgesetzen ein und veroeffentlichte unter
dem Titel "al limmal" (Die Arbeiter) ein woechentliches Organ
mit einer Auflageziffer von 5 000. Der Gewerkschaftsbund
setzte seine Politik der Nichteinmischung in lokale Angelegenheiten fort und behielt seine Keutralitaet gegenueber dem
Weltgewerkschaftsbund unddem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften bei.
Kotes on Labor Abroad
VII-VIII/51
George Philip Delaney:
LOHNPOLITIK UND iNFLA'i'IlKSSINFLu'ESStt
Angesichts der Bedrohung durch die kommunistische
Aggression sind die freien Nationen dazu gezwungen worden,
zur Verteidigung ihrer Interessen eine 7/iederbewaffnung durchzufuehren. lüit der 7/iederaufruestung ist eine neue Gefahr,
die Gefahr der Inflation aufgetaucht. Sine Inflation hat,
sobald sie entstanden ist, die Tendenz, sich auszudehnen,
ohne sich dabei durch Landesgrenzen aufhalten zu lassen, bis
sie schliesslich auf alle Nationen ue.bergegriffen hat.
Es bleibt natuerlich jedem einzelnen Land selbst ueberlassen, unabhaengig von den anderen Nationen Loesungen fuer
die zahlreich auftauchenden Probleme auszuarbeiten, die
ihnen als zweckmaessig erscheinen. Trotzdem betreffen diese
Probleme alle unsere Nationen gemeinsam, und es ist daher
zeitgemaess und angebracht, sie zur Diskussion zu stellen.
3s sind dies Probleme komplizierter und tiefgreifender Natur, die jedocn durchaus praktische Folgen haben, eine Tatsache, die sich in den letzten Jahrzehnten hinreichend fuer
alle Arbeiter von vitalstem Interesse erwiesen hat, eine lebenswichtige Angelegenheit fuer die Gewerkschaften aller Nationen.
Die amerikanischen Gewerkschaften sind der festen Ueberzeugung, dass, wenn die offizielle Lohnpolitik waehrend der
augenblicklich herrschenden Inflations-Periode ihren Zielen
zum Erfolg verhelfen will, diese Lohnpolitik auf der Erkenntnis dreier grundlegender Prinzipien fussen muss. Zunaechst
ist es wichtig und notwendig, dass die TarifVerhandlungen
auch weiternin eine grundlegende Rolle in der Wirtschaft spielen. Massnahmen, die im Zusammenhang mit Belangen der oeffentlichen Lohnpolitik getroffen werden, koennen moeglicherweise
zur Ergaenzung der TarifVerhandlungen dienen, sie duerfen
jedoch niemals mit der Absicht ergriffen werden, diese Verhandlungen zu verdraengen. Zweitens kann eine einschraenkende
Politik in Bezug auf Lohnfragen nicht zum Erfolg fuehren, es
sei denn, dass dieser ein allgemeines anti-inflationistisches
Kontrollsystem voreusgeht, welches auf einer gerechten Grundlage beruht und von dem Motiv geleitet wird, die Lasten gleichmaessig zu verteilen. Drittens und letztens bleibt festzustellen, dass eine einschraenkende Lohnpolitik als solche
keine Loesung darstellt. Das beste Mittel gegen die Inflation
ist die iroduktion. Eine Lohnpolitik, die industrielle Unruhen ausloest, die sich stoerend auf den best-moeglichen
Einsatz der Arbeitskraft und der Arbeitsmittel auswirken,
oder die die Arbeiter eines jeglichen wirklichen Gewinnanteils
-9 -

�am wirtschaftlichen Fortachritt beraubt, wird letzten Endes
ihren eigenen grossen Zielen das Grab schaufeln.
Wenn eine Lohnpolitik erfolgreich sein will, so muss
sie verstehen, sich den industriellen Gegebenheiten sowie
den wechselnden timstaenden und n.rfordernissen anzupassen.
Sie muss bemueht sein, die Anwendung willkuerlicher Lethoden, die ihre Daseinsberechtigung einzig und allein "verwaltungstechnischen Bequemlichkeitsgruenden" verdanken, zu
vermeiden, anstatt sie zu staerkeru Sie muss den Arbeitern
Gewaehr dafuer bieten, dass Gerechtigkeitserwaegungen nicht
Gesichtspunkten der Zweckmaessigkeit zum Opfer fallen, dass
ihre Belange in fairer Weise gehoert werden und» sofortige
Beruecksichtigung finden, und dass Haerten, soweit wie irgend moeglich, gemildert werden. Eine Lohnpolitik muss bemueht sein, eine Besserung im Lohngefuege herbeizufuehren,
nicht aber eine Fortdauer der bestehenden Ungerechtigkeiten
und Unterschiede anzustreben.
Eine Stabilisierung ist nicht mit einer Schematisierung
gleichzusetzen. Scharfe und starre Lohnkontrollen wuerden
sich nur schaedlich auf ein fortschrittliches Stabilitaetsbestreben auswirken, ganz besonders aber im Zusammenhang mit
einer Verteidigungsanstrengung auf weite Sicht, wie sie heute
gegeben ist. Solche Lohnkontrollen wuerden nur eine gegenteilige V.irkung auf die Arbeitsintensitaet, Arbeitsmoral und
Arbeitsleistung ausueben. Jedes Lohngefuege muss grundsaetzlich beweglich sein; das ist - im Gegensatz zu einer scheinbaren Stabilitaet - eine wesentliche Voraussetzung fuer eine
echte Stabilitaet.
Das bedeutet, dass man den Methoden und Verfahren, die
sich aus dem System der Kollefctivverhandlungen entwickelt
haben, ein hohes I.:ass an Vertrauen und gutem Willen entgegenbringen muss. Eine brauchbare Lohn-Stabilisierungspolitik muss erkennen, dass die Lohnverhandlungen als solche
ein System der unparteiischen Stabilisierung darstellen.
Im Gegensatz zu den Preisen, die von Tag zu Tag steigen,
schalten Lohnabkommen unkontrollierbare Schwankungen aus,
und bieten in Bezug auf Stabilitaet eine dauerhafte Garantie
fuer ihren Bestand. Sie verringern Ungewissheit und spekulative Einfluesse, die in der Hauptsache fuer das Entstehen
von Inflationen verantwortlich sind.'
Weiterhin haben sich durch die Tarif-Verhandlungen realistische und praktische Methoden fuer die verwaltungstechnische Handhabung der Tarifloehne ergeben, die auf den gemachten Erfahrungen aus erster Hand jene Personen, die mit den
Tatsachen der gegebenen Situation am vertrautesten sind, eufbausn. Angesichts der sterilisierenden Auswirkung der Tarifverhandlungen muessen diese auch weiterhin das hauptsächlichste Hilfsmittel zur Festsetzung und Handhabung dieser
Tarife bleiben. Die oeffentliche Lohnpolitik sollte kein
Ersatz, sondern vielmehr eine Ergaenzung des Tarifverhandlungsverfahrens sein.
Ein Ansteigen des allgemeinen Lohn-Niveaus mit der Tendenz, die erhoehten Lebenshaltungskosten auszugleichen, kann
eher als eine Folge, aber nicht als Ursache der Preis-Inflation angesehen werden. Die seit Ausbruch des Korea Konfliktes
auf diesem Gebiete gesammelten Erfahrungen beweisen das zur
Genuege.
- 10 -

�Am 3Chaerfsten zogen die Preise bei den Waren an, bei
deren Produktionskosten die Loehne eine relativ unbedeutende
Rolle spielen, und bei denen das Einkommen des Arbeiters bei
der direkten Marktnachfrage nicht ins Gewicht faellt. Spekulationen am .Warenmarkt, Zurueckhaltung von Guetern und die
Profitgier der Kaendler und Produzenten naehren den Herd
der Inflation.
Wolts man sich bemuehen, eine Inflation zu bekaempfen,
indem man eine zurueckhaltende Lohnpolitik unter Nichteinfuehrung durchgreifender Preiskontrollen betreibt, oder indem
man der Arbeiterschaft, Lohnerhoehungen zur Anpassung an die
erhoehton Preise verweigert, so wuerde das gleichbedeutend
sein mit dem Versuch, dieses Uebel dadurch zu bekaempfen,
dass man eines seiher Symptome zu heilen sucht.
'.Venn man dem Problem, der Inflation Einhalt zu gebieten,
im Zuge einer einschraenkenden Lohnpolitik begegnen will und zwar nur au3 dem einfachen Grunde, weil sich Loehne leichter kontrollieren lassen als Preise - so wuerde man damit
eine empoerende Ungerechtigkeit an denen begehen, die fuer
Loehne und Gehaeiter arbeiten, und wuerde denjenigen einen
ungebuehrlichen grossen Teil der Lasten auferlegen, denen es
am schwersten faellt, sie zu tragen.
Die Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten ist bereit,
ihren Anteil an den Aufgaben zu uebernenmen und ihren gerechten Anteil an allen notwendigen Opfern, die aus dem Verteidigungsbeitrag erwachsen, zu tragen. Sie besteht jedoch darauf,
dass nicht von ihnen verlangt wird, dass sie die wirtschaftlichen Folgen einer legislativen oder administrativen Wachsicht gegenueber anderen Kreisen, - die tatsaechlich viel
eher imstande sind, diese Lasten zu tragen - auf sich nehmen
muss. Lfan darf nicht von ihr erwarten, dass sie einem System
guten V.'illen entgegenbringt, das sie auffordert - auf Kosten
ihres Lebensstandards und mit ihrem Geld - besondere Vorrechte
und Freiheiten zu unterstuetzen, die ihren Arbeitgebern, Hausherren, den Kaufleuten und Haendlern, mit denen sie geschaeftlich zu tun haben oder Spekulanten und Gewinnlern im allgemeinen ohne weiteres gewaehrt werden.
Solch eine Politik wuerde nicht nur alle Grundsaetze der
Gerechtigkeit verletzen, sondern sie wuerde sich auch letzten
Endes selber zugrunderichten. .Vuerde man versuchen, inflationistische Tendenzen durch Verfolgung einer strikten Lohneinschraenkungspolitik auszugleichen, so wuerde diese nur dazu
dienen, die Grundmaengel und Fehler in anderen lebenswichtigen Kontrollbereichen fuer eine gewisse Zeit zu verschleiern,
was wiederum dazu fuehren wuerde, die Zielsetzung einer weitsichtigen, wirtschaftlichen Stabilisierung zu gefaehrden.
Den inflationistischen Erscheinungen muss entgegengewirkt
werden, indem man auf ihre ursaechlichen Entstehungsgruende
zurueckgreift, und indem man an den Punkten zu Gegenmassnahmen
in Form von Kontrollen ansetzt, an denen man die damit verbundenen augenblicklichen Haerten auf ein Mindestmass beschraenken kann. Da eine Lohnstabilisierungspolitik sich
in den hoeheren Sinkommensstufen nur unbedeutend auswirkt,
sollte man eben dort den Hebel ansetzen und die betreechtlichen Verdienstspannen beschneiden, was mit Leichtigkeit getan
werden kann, ohne die Gesundheit und den Wohlstand des produk11 -

�tiven Leistungsvermoegens zu gefaehrd9n. Im Gegensatz dazu
muss man sich vor Augen halten, dass der groesste Teil des
Verdienstes der Lohnempfaenger fuer Ernaehrung, i.'iete und
sonstige lebensnotwendigen Dinge verwandt wird.
Eine fortschrittliche anti-inflationistische Lohnpolitik mu3S ebenfalls ein gerechtes Steuerprogramm enthalten, das
auf dem Grundsatz der jeweiligen Zahlungsfähigkeit basiert.
Das bedeutet, dass Personen hoher Einkommensstufen und Gesell- •
schaften mit grossem Gewinn am hoechsten besteuert werden
sollten. Der Lebensstandard der Familien der niedrigen und
mittleren Einkommensstufen sollte durch die steuerliche Belastung keinesfalls noch weiter gedrueckt werden, da das zu
einer Schaedigung der Gesundheit und des allgemeinen Wohlstandes der davon Betroffenen fuehren wuerde.
Eine solche Politik muss weiterhin ein wirkungsvolles
und aktiv betriebenes Kontrollprogramm zur Verhuetung von
.'/arenanhaeufungen und Spekulationsmanoevern und auch Preiskontrollen durchfuehren. Sie muss gleichfalls ein Produktions-Kontroll-System aufrechterhalten, das eine planvolle
Lenkung der benoetigten Materialien und sonstigen Mittel in
die Gebiete, in denen der Bedarf an diesen lebenswichtigen
Guetern fuer die Friedens- und Verteidigungsproduktion am
groessten ist, sichert. Erst, nachdem derartige Massnahmen
tatsaechlich ergriffen worden sind, mag es angebrecht sein,
die Gewerkschaftsvertreter anzuhalten, Zurueckhaltung bei
ihren Lohnforderungen zu ueben. Die Meinung der amerikanischen Gewerkschaften in Bezug auf die hauptsaechlichsten Punkte einer zweckmaessigen Lohnpolitik unter dem Gesichtspunkt
eines allgemeinen anti-inflationistischen Kontroll-Systems
koennen vielleicht am besten abschliessend zusammengefasst
werden in einem Auszug einer Erklaerung, die dem Praesidenten
der Vereinigten Staaten von dem Vereinigten Komitee fuer Gewerkschaftspolitik (United Labor Policy Committee) ueberreicht
wurde, das sich aus dem Kongress der Industrie-Verbaende (C.I.O.)
und dem amerikanischen Gewerkschaftsbund (A.F.L.) zusammensetzt.
"Die Lohnstabilisierungspolitik muss sich fuer entsprechende Erhoehungen der Lohnsaetze einsetzen, die als Ausgleich
fuer die gesteigerten Lebensheltungskostsn unerlaesslich sind.
Die Lohnstabilisierung darf nicht zu einem Einfrieren der
Loehne fuehren. Ferner muss diese Politik eine Aufbesserung
der unter dem Durchschnitt liegenden Loehne anstreben, und fuer
einen Ausgleich von Ungerechtigkeiten in den augenblicklich bestehenden Lohnsaetzen innerhalb der Industrie oder zwischen
einzelnen Industriezweigen sorgen. Dem heute in weitesten Kreisen anerkannten Grundsatz, dass die Lohnempfaenger in gleicher
.'/eise an den Vorteilen des wirtschaftlichen Fortschritts und
Produktionsanstiegs - den der Staat von seinen Industriearbeitern fordern muss und wird - beteiligt werden sollten, sollte
die Lohnstabilisierungspolitik in ganz besonderem Masse verfolgen.
Eine jede Lohnstabilisierungspolitik muss bestehende allgemeingueltige Tarifabkommen respektieren, da diese als solche
eine Sicherheitsgarantie bieten.
Die jetzigen Regelungen bezueglich der Ueberstunden-Bezahlung fuer Praemienlohnarbeit, die augenblicklich unter dem
Schutz tariflicher Abkommen oder unter gesetzlichem Schutz
- 12 -

�steht, muessen auch weiterhin als unantastbar gelten. Diese
Bestimmungen setzen keineswegs die Durchfuehrung einer Arbeitswoche, die laenger waere als die im «ugenblick als normal zu betrachtende, voraus, sondern bieten lediglich einen
-Anreiz fuer produktive Ueberstunden- und Feiertagsarbeit."
Das Komitee erklaerte ferner: "Unsere Arbeitskraft ist
die groesste individuelle Kraftquelle der Kation. Es waere
angebracht, L'assnahmen zur Staerkung und Vergroesserung der
Arbeitsreserven zu treffen. Wenn man diesbezuegliche Schritte
unternimmt, so sollte das in dem Bewusstsein der Tatsache geschehen, dass man mit freier Arbeit das Produktionspotential
der versklavten Arbeiterschaft anderer Kationen schlagen kann.
Die freie Arbeit muss bei der Erreichung des Zieles einer
groesstmoeglichsten Produktionsnorm eine entscheidende Rolle
spielen."
Sol D. Ozer, Leiter der Wirtschaftsabteilun.? im Buero fuer
Arbeitsangelegenheiten der EGA:
V;AI:N WIRD ENDLICH I&gt;:H.KH FKCDUZIEKT?

William Foster, der Verwalter der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa (ECA) kuendigte vor einiger Zeit ein
neues Produktivitaetsprogramm an. Dieses neue Programm fand
in Europa eine sehr starke Resonanz, wobei es Zustimmungen
und Kritik gab. Die Haerte dieser Reaktion war durchaus gerechtfertigt, denn diese neuen Ziele, die erreicht werden sollten und fuer die nur eine verhaeltnismaessig geringe Dollarhilfe der ECA zur Verfuegung gestellt wurde, heben die westeuropaeischen Laender zwangslaeuf ig, herausgefordert, endlich
ihre restriktive Mentalitaet abzustreifen, die bislang ihre
Wirtschaftsraeume abdrosselten und durch die ihren Voelkern
das volle Ausmass eines anstaendigen Lebensstandards vorenthalten wurde, zu dem eine moderne technische Auffassung der
Produktivitaet sie ohne weiteres fuehren wuerde.
Die ECA schlug vor, dass die teilnehmenden Regierungen
in jedem Lande eine bestimmte Anzahl Werke ausfindig machen,
die den Wunsch haben, gemeinsam sich fuer lodernisierungsbemuehungen einzusetzen. Die ECA ihrerseits hatte vorgesehen,
dass in diesen Faellen eine sehr wesentliche Unterstuetzung
in technischer und finanzieller Hinsicht erfolgen sollte, um
diesen Werken dabei behilflich zu sein, aller Welt ueberzeugend
klarzulegen, dass es moeglich ist, in kurzer Frist die Produktivitaet wesentlich zu erhoehen, die vermehrte Produktion auch
zu verkaufen und dabei gleichzeitig die wesentlichen "ehrertraege der Verbesserungsmassnahmen in gerechter Weise zu verteilen: an den Unternehmer in Form eines hoeheren Gewinns,
an den Arbeiter in Form eines hoeheren Lohnes und an den Verbraucher in Form eines niedrigeren Preises. Die ECA-Verwaltung unterstrich mit allem Nachdruck diese sozialen Bedingungen des Produktivitaetsprogramm3. Durch die ueberzeugende
Demonstration der Erfolge dieser Bemuehungen hofft die ECA
mehr und mehr Unternehmer dazu zu bewegen, ihre Produktionsbedingungen zu modernisieren und zu ueberholen und die Ertraege
daraus in gemeinsamen Bemuehungen mit ihrer Belegschaft so aufzuteilen, wie es die Richtlinien vorsehen. Das erstrebte Ziel
ist eine aioh stetig ausweitende Wirtschaft, die die Garantie
fuer einen sich unablaessig erhoehenden Lebensstandard der
- 13 -

�Buerger '.Vesteuropas geben kann, ohne dass dabei irgendeine
der demokratischen Freiheit gefaehrdet wird.
Damit gruendet sich das neue EiGA-PTOßraam auf die Ueberzeugung, das.3 die Schwierigkeiten, die einer wachsenden Produktivitaet 3ich gegenueberstellen, zutiefst mit den sozialen Verhaeltnissen in den westeuropaeischen Laendern zusammenhaengen. Sie sind also nicht in erster Linie oder gar einzig
und allein auf die Unwissenheit ueber die besten Produktionsverhaeltnisse zurueckzufuehren - diese sind durchaus bekannt sondern auf die Tatsache, dass kein grundsaetzlicher Wechsel
in der Einstallung gegenueber Fragen der Produktivitaet erreicht werden kann, solange die Grundlage der ilentalitaet der
Restriktionen, also der die Wirtschaft einengenden Faktoren,
sich nicht als voellig falsch erwiesen hat. In dieser Richtung hat die ECA-Verwaltung gehofft, durch die Unterstuetzung
fortschrittlicher Industrieller und erfahrener Gewerkschafter
Proben moderner Technologie demonstrieren zu koeunen. Aber
die Ueberbleibsel traditioneller Vorstellungen, die liebe
Gewohnheit bedrohen dieses ECA-Programm - und hier haben sich
mehr Scheingegengruende gefunden, als die meisten Buerger
Westeuropas auch nur im entferntesten ahnen. Aber die ECA
wuenscht dennoch einige Proben auf das Exempel zu machen,
zumal die LToeglichkeiten hierfuer gegeben sind. Die ECA-Verwaltung hat absolut Recht, wenn sie alles daran setzen will,
die Idee der wirtschaftlichen Einsehraeakungspolitik mit all
ihren Schutzzoellen und diskriminierenden Methoden zu Grabe
zu tragen, die in Westeuropa ueberaus stark verbreitet sind
und zu gleicher Zeit zur allgemeinen Zufriedenheit der Voelker selbst zu demonstrieren, dass noch immer in den westlichen
Demokratien eine starke wirtschaftliche Vitalitaet sich kraftvoll durchzusetzen vermag.
Das Programm der ECA fuer die Produktivitaet erstreckt
sich ueber groessere Zeitraeume. Bereits im Sommer 1948 wurden die Vertreter des Bueros fuer Arbeitsstatistik nach Europa eingeladen, um hier Studien ueber die in Grossbritannien
und Frankreich gebraeuchlichsten Produktionsmethoden durchzufuehren. Die Ergebnisse waren sehr entmutigende, denn sie
zeigten auf, dass die Produktion je Arbeiter und Arbeitsstunde
in diesen Laendern nur einen Bruchteil jener Ziffer erreichte,
die in aehnlichen Werken der Vereinigten Staaten anzutreffen
waren. Besprechungen ueber diese Ergebnisse auf beiden Seiten
des Ozeans fuehrten zu der Gruendung des Anglo-Amerikanischen
Produktivitaetsrates und des Technischen Unterstuetzungsprogramms der ECA. Studiengruppen mit Vertretern der Industrie
und der Arbeiterschaft, die oft von Regierungsvertretern begleitet wurden, reisten in die Vereinigten Staaten, um hier
Einblick in amerikanische Produktionamethoden zu erhalten.
Ihre Berichte unterstuetzteh staendig die Schlussfolgerung,
dass die Produktivitaet je Arbeitsstunde in den amerikanischen
Werken betraeohtlich hoeher lag und dass diese hoehere Produktivitaet einen viel hoeheren Lebensstandard fuer die breite
Masse des Volkes zur Folge hatte. Diese Berichte hatten einen
betraechtlichen Einfluss auf die Intellektuellen der Heimatlaender und Sinn und Begriff des Wortes "Produktivitaet" wurden haeufiger kommentiert und angewendet als in den Vereinigten
Staaten selbst. Die ECA unterstuetzte diese Aktivitaet und
finanzierte die Forschungsarbeit zur Ermittlung der besten amerikanischen Produktivitaetsmethode, die gewonnenen Erfahrungen
wurden interessierten europaeischen Unternehmen ohne weiteres
und ohne jede Kosten zur Verfuegung gestellt.
14 -

�Die Bedeutung dieser frueheren Bemuehungen der SC* sollten nicht unterschaetzt werden, denn sie trugen dazu bei, dass
eine Atmosphaere der Einfuehrbarkeit produktionssteigernder
Methoden geschaffen werden konnte, vor allen in jenen wichtigen Bereichen, wo ein solches Verstaendnis zuvor nicht vorhanden war. Auf der anderen Seite hatten diese Bemuehungen jedoch nicht die gewuenschten Erfolge, um die gewohnten Produktionsmethoden abzuaendern, aber auch die Preise und die Loehne
blieben unveraendert. Der Unterschied zwischen dem Verstaendnis fuer eine Idee und deren Durchführung war zu gross,
schon die vielen Risiken, die sich fuer den einzelnen ergaben,
wenn er sich fuer die Produktivitaet in der Praxis einsetzte,
waren viel zu unangenehm, um den Kampf mit den alten Gewohnheiten durchzufechten - ganz abgesehen davon, dass eben Theorie und Praxis etwas durchaus verschiedenes sind. 2s gab zwar
einige wichtige Beispiele, wo die Lehren, die Teilnehmer der
Studiengruppe aus den USA mit in ihre Heimat genommen hatten,
wirklich angewendet wurden. Diese Musterbeispiele lagen jedoch nur am Rande und ungluecklicherweise wurden die Berichte
hierueber nicht in der richtigen Form publiziert.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Arbeit der ECA die .
Produktivitaet in Suropa nicht zu steigern vermochte. Die
Statistiken beweisen dies im uebrigen sehr ueberzeu^end.
Wichtiger jedoch war die Unterstuetzung, die die EC* jenen
zahlreichen Werken gab, deren Produktion ins Hintertreffen
kam, weil hier gewisse Ersatzteile nicht zu beschaffen waren
oder in viel zu geringen Mengen bereitgestellt werden konnte.
Das gleiche gilt fuer den notwendigen Strom oder fuer andere
Rohstoffe. Diese Aktivitaet, die sich natuerlich ebenfalls
in einem Produktionsanstieg auswirkte, erfuellte jedoch nicht
den eigentlichen Zweck der Bemuehungen der ECA, durch Aenderungen in den Methoden der Produktion eine hoehere Produktivitaet zu erzielen. Einen wesentlich staerker in dieser Richtung gehenden Einfluss hatten die Bestrebungen der ECA, bestimmte neue Maschinen und Ausruestungen den westeuropaeischen
Unternehmen zur Verfuegung zu stellen, wobei die Finanzierung
direkt oder indirekt erfolgte. Diese neuangeschafften neuen
Geraete und Maschinen waren im allgemeinen vom letzten Typ,
ihre Einfuehrung trug somit selbstverstaendlich zu einer hoeheren Produktivitaet in diesen Werken bei. Ungluecklicherweise
aber brachte die Einfuehrung neuer Maschinen keine sozialen
Verbesserungen mit sich, die in dem Programm der ECA das
Hauptthema waren. Die Preise wurden in diesen Faellen nicht
heruntergesetzt, noch wurden die Loehne erhoeht. In vielen
Faellen wer der einzige Erfolg der ECA-Bemuehungen die Srhoehung der Gewinne fuer den Unternehmer, obwohl diese bereits
hoch genug waren.
Labor and Nation
PRODUKTION IST DER SCHLUESSEL ZUM HOHEN LEBENSSTANDARD
Statistiken, die von der AFL aufgestellt und in ihrer offiziellen Zeitschrift veroeffentlicht wurden, zeigen, dass sich
die Loehne der amerikanischen Arbeiter in einem fast direkten
Vörhaeltnis zur Produktion in den U.S.A. erhoeht haben.
Vor hundert Jahren lag die Stundenleistung des amerikanischen Durchschnittsarbeiters bei einem Produktionswert von
15 -

�31 Cents, an der Kaufkraft des heutigen Dollars gemessen. Die
Arbeitszeit war lang und die Loehne niedrig, weil die Arbeiter
nicht genug produzierten, um einen besseren Lohn zu realisieren.
Die Produktion wurde durch neue Maschinen und Methoden
erhoeht. Gegen 1890 entsprach die stuendliche Arbeitsleistung
des Arbeiters einem v/ert von 53 Cents, sie erhielten einen
Lohn von 48 Cents, wiederum an dem heutigen effektiven Wert
des Dollars gemessen.
Die Produktivitaet stieg waehrend der naechsten 20 Jahre
i um 19 Cents, die Loehne jedoch nur um 2 Cents. Als aber waehrend des ersten Weltkrieges die Gewerkschaften einflussreicher
wurden, gewannen die Arbeiter ihre Verluste zurueck, die Loehne
stiegen zwischen 1910 und 1920 um 16 Cents per Stunde, die Produktivitaet jedoch nur um 6 Cents.
Ale die Zahl der Gewerkschaftsmitgliedschaft sich von
3,000,000 im Jahre 1930 auf 9,000,000 im Jahre 1940 erhoehte,
zwangen jetzt neue Lohnforderungen die Arbeitgeber zu einer
beschleunigten Produktionssteigerung. Die Loehne hielten
Schritt - und zwischen 1920 und 1944 verdoppelten sich Produktion und Loehne. Waehrend der Inflation, als die Arbeitgeber
die Preise den Lohngewinnen gemaess erhoehen konnten, stand
ploetzlich jeglicher Fortschritt still. Bei einer Untersuchung
der Preiserhoehungen des Jahres 1948 suchten die Arbeitgeber
erneut nach iiitteln und Wegen die Produktion zu steigern.
Die gesteigerte Produktion war schon immer die Basis
einer Lohnerhoehung. Die Kaufkraft der Stundenleistung eines
Fabrikarbeiters, also sein wirklicher Lohn, hat sich zwischen
1890 und 1950 von 4ö Cents auf 1,76 Dollar mehr als verdreifacht, waehrend seine Arbeitswoche von ungefaehr 60 Stunden
auf 40 Stunden zurueckgegangen ist.
Waehrend der letzten 25 Jahre vollzog sich in den Vereinigten Staaten eine friedliche Revolution in der Verteilung
der Einkommen. 1929 konzentrierte sich 34% des Gesamteinkommens auf die Gruppe der oeberen 5% der Einkommenempfaenger;
gegen 1946 hatte sich dieser Prozentsatz des Gesamteinkommens
dieser Gruppe fast um die haelfte bis auf 18% verringert. Das
bedeutet, dass die niedrigen Einkommensstufen, hauptäaechlich
Angestellte.und Arbeiter, 25,Oüu,000,pOO Dollar des gesamten
Einkommens des Jahres 1946 erhielten. iNacb den Verteilungsschema von 1929 waeren diese 25 Milliarden an die reichsten 5%
gegangen.
Labor News from the US
11/5/51

- 16 -

H1CXS 30 NOT Ol 18362 « I!

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Dl« folgenden Artikel stellen Auszüge ans der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar and diene*
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen and deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
^_^^^^_^_^^^____^__^^_____^—^^^^_

IV - 47

Prankfurt, 23. November 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Produktion - der Weg zur Freiheit

1

Harvard erweitert sein SchulungsProgramm fuer
Gewerkschafter

6

Schach und Gewerkschaften

6

Produktivitaetspolitik erfordert gerechte Grundlagen

9

Arbeiterschulung in Puerto Rico

15

Marion H. Hedges:
PRODUKTION - DER WEG ZUR FREIHEIT
Ein franzoesischer Unternehmer kam eines Tages nach den
Vereinigten Staaten. Hier sah er sich viele Werkanlagen und
Fabriken an. Er lausohte in New York und Washington wichtigen Vortraegen und kehrte dann in sein Heimatland zurueck.
Ploetzlich entschloss er sich jedoch, nioht darauf zu warten,
bis ein in psychologischer Hinsicht geeigneter Moment eintritt, um seine Beobachtungen auszuwerten, sondern sofort damit zu beginnen. Und so beschloss er, das Gesehene sofort
in seiner eigenen Fabrik in Frankreich zu verwirklichen. Und
er faengt tatsaechlich damit an. Das Ziel seiner Produktion
wird von ihm um ZOjL hoeher als bisher festgelegt. Die Loehne
werden im Durohschnitt um IO56 im Wege einer freiwilligen Vereinbarung erhoeht. In der Fabrik wird ein Kasten aufgestellt,
in den die Arbeiter Vorschlaege zur Verbesserung der Produk- 1

�tionsmoeglicbkeiton legen sollen. Er bekennt sich zu dem
Prinzip, "dass die Arbeiter an den Fruecüten einer gesteigerten Produktivitaet sofort beteiligt werden sollen. Eine ebenso einfache wie ueberzeugende Massnahme des franzoesischen
Unternehmers bestand darin, dass jeder Arbeiter nach Hause
gehen konnte, sobald er sein Arbeitspensum erledigt hatte.
Und auf Grund dieser Massnahmen stellt er fest, dass diese •
Pruefmethoden ausserordentlich erfolgreich sind. Sein Unternehmen hat ein ausserordentliches Mass an Publizitaet gewonnen, alle Veit beschaeftigt sich mit dem, was hier geschieht.
Und so erhaelt er in wenigen Wochen ueber .4 000 Bewerbungen
von Arbeitern, die noch in anderen Fabriken taetig sind, aber
gern zu ihm kommen wollen. Diese Geschichte ist gegenwaertig
in allen westeuropaeischen Laendern zu hoeren, sie ist weder
erfunden noch ist sie besonders ausgewaehlt. Sie erzaehlt
lediglich, was in Frankreich und anderen Laendern Europas heute vor sich geht.
Natuerlich gingen diesen Experimenten eine ganze Reihe
eingehender Versuche in Amerika voraus, wobei alle Einzelheiten genau analysiert wurden. Das Experiment war ein erfolgreiches, die Analyse besierte dabei auf den Erfahrungen dieser
typisch franzoesischen Geisteshaltung - jeder Unternehmer erkannte die Gueltigkeit dieser Behauptungen, dass sehr viele
der Misstaende in der Industrie und im sozialen System durch
eine steigende Produktion sich abstellen lassen.
Die Gewerkschaften haben ihren Anteil an diesem Programm.
Die Gewerkschaften haben immer wieder erklaert, dass es voellig nutzlos ist, irgendeinem Land der Marshallplangruppe zu
helfen, wenn diese Hilfe nicht allen Schichten dieser Voelker
zugute kommt.
Die Gewerkschaften haben immer wieder auf die
Rolle hingewiesen - und zwar Jahre hindurch - dass die Dynamik
der amerikanischen Wirtschaft in einer staendig zunehmenden
Kaufkraft besteht - ohne eine gleichmaessige Verteilung der
Fruechte der Produktivitaet wuerde die amerikanische Wirtschaft
sehr schnell steril werden und stagnieren.
Die Wirtschaftsfuehrer der europaeisohen Laender haben,
als sie mit den besonderen Nachkriegsbedingungen sich auseinandersetzen mussten, sich auf einen neuen Prozess der sozialen
Diagnose gestuerzt. Diese soziale Diagnose wird zwar keine neuen Elemente fuer die heutige Situation feststellen, aber sie
wird ergeben, dass neue Elemente und neue Fragenstellungen fuer
diese neuen Elemente in der gegenwaertigen Situation notwendig
sind.
Die Resultate einer solchen Diagnose lassen sich leicht
auf die folgenden Feststellungen konzentrieren: 1.) Der Kapitalismus hat ueberall die Produktion vorwaertsgetrieben.
Der
Sozialismus auf der anderen Seite hat fuer eine bessere Verteilung des Ertrags Sorge getragen. Das Pendel der oeffentlichen
Meinung schwankt zwischen diesen beiden Grundtendenzen hin und
her.
2.) Die wirtschaftliche Erfahrung ist zu dem Schluss gekommen, dass es zwecklos ist, ueber die Verteilung zu sprechen,
wenn die Produktion nicht hoch genug ist und genug produziert
werden kann, um «inen hohen Lebensstandard zu erzielen. Die
Studien, die die rorschungsabteilung der Vereinten Nationen
durchfuehrte, sind kennzeichnend fuer die Staerke und die
Schwaeche der Nationen. Auf der untersten Stufe steht Indone2 -

�sien, es bringt nur so viel an Volkseinkommen hervor, um fuer
jeden Einwohner 25 Dollar im Jahr an Verdienstmoeglichkeiten
zu bieten. In Italien wird ein Maximum von 225 Dollar im Jahr
erreicht, in Russland von 308 Dollar, in den Niederlanden von
etwa 450, in England etwa 650, in Kanada etwa 870 und in den
Vereinigten Staaten etwa 1500 Dollar pro Kopf und Jahr. Natuerlich sind dies keine grossen Reichtuemer, aber die Produktionsleistung der Vereinigten Staaten hat ein Nationaleinkommen zur Folge gehabt, das einmalig ist und ohne jede Vergleichsmoeglichkeit oder Parallelfall in der Geschichte dasteht. Man
braucht auch tatsaechlich nur diese Ziffern herauszustellen, um
dabei festzustellen, dass andere Laender entweder aus Neid die
Vereinigten Staaten hassen oder aber dadurch ermuntert werden,
aehnliche Erfolge auch in Ihrer Industrie zu erzielen und das
Vorbild der USA anzuerkennen. Aus diesen Erwaegungen ist
ueberall heute das Interesse fuer die Produktion und die Mittel zu ihrer Steigerung festzustellen. Die soziale Analyse
muss hierbei jedoch feststellen, dass jede Philosophie, die
entweder ausschliesslich auf der steigenden Produktion oder
ausschliesslich auf dem Prinzip der Verteilung der Ertraege
der gesteigerten Produktion beruht, ein Irrtum ist. Die Pforte zu einer neuen Freiheit, durch die die Menschen zu neuen
Hoehen kommen koennen, muss verbunden sein mit eilen wirtschaftlichen Notwendigkeiten, nur so sind gute Aussichten fuer alle
zu erzielen.
Die geistigen Fuehrer der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sind sich darueber im klaren, dass hier ein Prozess der
Revision vor sich geht, der alle Ideologien erfasst hat - auch
den Sozialismus. Haakon Lie, der bekannte norwegische Sozialdemokrat, hat in den "Sozialistischen Kommentaren", dem Organ
der britischen Sozialisten, ueberzeugende Argumente hierfuer
gebracht. Lie uebersohreibt seinen Artikel "Demokratischer
Sozialismus in unserer Zeit" und sagt hier unter anderem: "Die
kommunistische Bewegung klebt an den marxistischen Dogmen und
findet ihre Staerke in vorbereiteten theoretischen Formulierungen, die aus der marxistischen Erbschaft abgeleitet werden,
die auf alle Fragen eine Antwort bereit zu haben scheint. Wir
wuerden uns selbst zum Narren halten, wenn wir die Anziehungskraft dieses wohlgeknuepften Systems auf viele Menschen unterschaetzten, unter denen sich sonderbarerweise auch viele Intellektuelle befinden. Dieses System zieht aber auch viele
aus der aelteren Generation der Sozialdemokraten an, weil hier
der Nachdruck auf den Klassenkampf gelegt wird, der ihnen immer wieder als der entscheidende Faktor fuer soziale Aenderungen hingestellt wurde. Es wird Zeit, dass unsere Bewegung endlioh einen neuen der Jetztzeit angepassten sozialen Ausblick
gestaltet - eine neue Ideologie. Das ist heute wichtiger denn
Je, weil die fortgeschritteneren Laender mit einer besonderen
Verantwortung belastet sind", wenn sozialdemokratische Fuehrer
die Verantwortung in der Regierung gegenueber der Allgemeinheit
uebernehmen. Dies geschieht nicht mit Gewalt, sondern durch
Ideen und üeberzeugungen. Dies erfordert aber mehr als die
Uebernahme der primitiven Theorie ueber den Klassenkampf. Es
ist erforderlich, dass die Interessen aller Buerger einer Nation,
das heisst nicht nur die der organisierten Arbeiterschaft, in
Batracht gezogen werden muessen. Diese doppelte Aufgabe - die
Fuehrung der Regierungsgeschaefte zu nutze und zu fromm aller
und zu gleicher Zeit diese Aufgaben mit einer ueberzeugenden
Kraft durchzufuehren - scheint ein geeigneter Ausgangspunkt
fuer eine neue sozialistische Theorie zu sein, die auf einer
realistischen Grundlage beruht.

3

�Aber es gibt noch andere Gruende, weshalb die Entwicklung einer neuen sözialbetonten Idee so wichtig ist. Nach
der Zahl ihrer Mitglieder und auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist die amerikanische Gewerkschaftsbewegung heute die
staerkste in der freien Welt und die Herstellung enger Arbeitsbeziehungen ist fuer die internationale Arbeiterbewegung ausserordentlich wichtig. Das gilt nicht allein fuer
die kommenden Monate, in denen der Kampf fuer den Frieden
alle Kraefte in Anspruch nehmen wird, sondern auch fuer die
aufkommenden Probleme der naechsten Jahre, wenn der Westen
eine ueberzeugende militaerische Ueberlegenheit erreicht hat.
Diese maechtige Militaermacht kann in den Haenden reaktionaerer Amerikaner ebenso gefaehrlich sein wie Dynamitpatronen
in den Haenden spielender Kinder. Wir muessen daher mit unseren Freunden jenseits des Atlantiks viel enger als bisher
arbeiten."
Soweit Haakon Lie. Die amerikanischen Gewerkschafter
sind auf Grund ihrer amerikanischen Geisteshaltung Pragmatiker. Sie sind nicht mit Irgendwelchen Theorien verheiratet.
Dies ist auch der Grund, weshalb die marxistische Philosophie
mit ihren spitzfindigen Festlegungen niemals Eingang bei der
Mehrzahl der amerikanischen Gewerkschaften gefunden hat.
Dies mag auf der anderen Seite dazu beigetragen haben, dass
wirtschaftliche Grundsaetze einen Platz in der bodenstaendigen Philosophie der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sioh
sichern konnten. Die grosse Tatsache, dass die Vereinigten
Staaten gegenwaertig ein Produktionssystem entwickelt haben,
das die Armut abschaffen kann und tatsaechlich dies auch
fertigbringt, ist als Theorie ebenso wichtig wie die der Evolution oder die Einsteinsche Relativitaetstheorie. Diese
bedeutsame Tatsache der sich durchsetzenden Ideologie gegenueber anderen erzeugt natuerlich Feindschaften, auch von anderen Seiten her als der kommunistischen. Irgend jemand hat
einmal sehr klar herausgestellt, dass jeder, der ueberkommene Meinungen oder üeberzeugungen durch andere ersetzen will,
sich viel staerker der Gefahr des Lynchens aussetzt als Jemand, der sich etwa an fremdem Eigentum vergreift. Wenn heute
jemand sich erhebt und erklaert, dass "alle gegenwaertigen
Ideologien von einer Wirtschaft des Mangels herrühren und wir
eine Wirtschaft des Ueberflusses beginnen muessen", so wird
er in die Gefahr kommen, wegen seinerwVergewaltigung"ueberkommener Meinungen hemmungslos niedergeschrien ^u werden und zwar
von allen moeglichen Seiten her.
Es gibt jedoch eine Anzahl von Prinzipien und Methoden,
die sich ohne weiteres von den grossen Tatsachen ableiten lassen. Es handelt sich hierbei um die folgenden vier Punkte:
1.) Die Maschine allein genuegt nicht. Die Maschine
ist nur ein Werkzeug, aber nicht mehr. Die blosse Ueberpflanzung von Maschinen in andere Laender garantiert keineswegs,
dass dieses Land sich einen dauernden Wohlstand erwerben kann.
Die Technologie, eine Wissenschaft, die sich mit Maschinen beschaeftigt, hat als ihren Mittelpunkt den Menschen selbst und
ihr Ziel ist einzig und allein die Verbesserung der menschlichen Lebensverhaeltnisse. Die Amerikaner haben hier sehr viel
von den unruhigen letzten dreissig Jahren gelernt. Sie haben
gelernt, dass die Technik in einer sich ausdehnenden Wirtschaft
die Technik einer sich immer staerker ausbreitenden Kaufkraft
der breiten Masse ist. Dieses Prinzip ist ein unveraenderliches und kann nur in der gleichen Form wie andere unabaender-

4 -

�liehe Grundsaetze verletzt werden mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen. Sobald naemlich die Kaufkraft nachlaesst,
verliert die Wirtschaft ihr Gleichgewicht, auch wenn es hierbei oertliche Verschiedenheiten gibt.
2.) Massenproduktion bezieht sich auf das Ziel der Produktion, das heisst, sie bezieht sich auf die gesamte Bevoelkerung. Die Massenproduktion bezieht sich weiter auf grosse
Einheiten an Arbeitern, aber auch auf Maschinen, die in der
Lage sind, grosse Mengen an Guetern herzustellen. Die Technik der Massenproduktion kann von kleineren Industrien auf
kleinerer Basis durchgefuehrt 'werden - dies ist ein sehr wichtiges Prinzip. Diese Tatsache darf auch nicht im Punkt-VlerProgramm, das der Unterstuetzung wirtschaftlich zurueckgebliebener Laender dient, oder anderen internationalen Programmen
der wirtschaftlichen Hilfe uebersehen werden.
3.) Der Klassenmarkt ist eine unvermeidbare Folge der
noch dem Handwerklichen verhafteten Industrie. Die Handwerker, die taeglich nur einige wenige Erzeugnisse herstellen,
muessen diese natuerlicn zu hohen Preisen an einige wenige
Personen verkaufen, die diese Preise zahlen koennen. Das
Ziel des Massenmarktes ist die Erfassung der gesamten Bevoelkerung.
4.) Analysen, die die gegenwaertige amerikanische Gesellschaft betreffen, sind zuweilen etwas sehr vereinfachend
mit ihren Schluessen, wie dieses Prinzip der Massenproduktion
in den Vereinigten Stebten ueberhaupt entstanden ist. Aber
die Motive hierfuer sind sehr leicht aufzudecken. Die Amerikaner sind durch und durch von dem Gedanken der Demokratie erfuellt. Die Leidenschaft der Amerikaner, Fortschritte zu erzielen, an die Spitze zu kommen, es ebensoweit zu bringen wie
der Nachbar, ebenso viel leisten zu koennen wie der andere
sind Urbestandteile der amerikanischen Demokratie. Und dieses
grosse Teilhaben an den Guetern des Arbeitsprozesses mit dem
ausgepraegten Bewusstsein, hieiauf ein Recht zu haben, hat
im letzten Grunde die Massenproduktion zu einer unvermeidbaren
Konsequenz der demokratischen Form der amerikanischen Gesellschaft gemacht.
*

*

*

Natuerlich sind durch den Marshallplan neue Formen der
internationalen Beziehungen geschaffen worden. Diese neuen
Formen der Beziehungen haben sich gegenueber der bisherigen
traditionellen Geheimniskraemerei der Diplomatie durchgesetzt. Die Beziehungen der Marshallplanlaender sind nicht
mehr darauf abgestellt, was die Diplomaten oder die Vertreter
der Regierungen sagen und tun. Die Vertreter der Voelker treffen sich Tag fuer Tag und besprechen gemeinsame Probleme. Sie
tauschen dabei auch Erfahrungen aus, die Schranken der Sprachen und der Traditionen werden dabei zerbrochen. Sie haben
dabei entdeckt, dass gleiche Bedingungen in den Industrien zu
gleichen Wirkungen fuehren. Diese neue Diplomatie, die Diplomatie der Vertreter des Volkes und nicht allein der Reprae3entanten der Regierung ist eines der markantesten Charakteristiken der heutigen Generation. Gerade fuer die Gewerkschaftsbewegung ist diese Einstellung nichts sonderbares. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung hat sich immer stark mit den Gewerkschaften anderer Laender verbunden gefuehlt. Und auf diesen Verbindungen kann und wird eine neue bessere Welt aufgebaut
werden.
- 5 -

�HARVARD ERWEITERT SEIN SCHULUNGSPROGRAMM FIBR GEWERKSCHAFTER
Das Harvard-Gewerkschaftsprogramm, ein hervorragendes
Seminar der Harvard-Universitaet fuer die Schulung von Gewerkschaftern, hat sich zu internationaler Bedeutung entwickelt.
Sechs Vertreter auslaendischer Gewerkschaften trafen sich anlaesslich der zehnten Jahressitzung des Seminars, die Ende
Oktober begann und 13 Wochen dauert, mit acht Gewerkschaftsmitgliedern in den Vereinigten Staaten. Es ist in diesem Jahr
das erste Mal, das den internationalen Arbeitsproblemen besonderes Interesse entgegengebracht wird.
Die Gewerkschaftsvertreter von üebersee kamen aus Oesterreich, England, Deutschland, Irland, Holland und Norwegen. In
den Seminardiskussionen haben sie durch die Darstellung ihrer
Erfahrungen in den Arbeitsproblemen in ihren Laendern zu einem
besseren Verstaendnis wirtschaftlicher Fragen beigetragen.
Clinton Golden, der ehemalige Berater fuer Arbeitsfragen in
der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) sprach
ueber Aufgaben der internationalen Arbeiterbewegung. Die grundlegende Aufgabe des Seminars erstreckt sich auf die Schulung
verantwortlicher Gewerkschafter. Gewerkschaftsvertreter werden
woeohentlich 24 Stunden in den Klassenraeumen des Harvard-Instituts fuer Wirtschaftsangelegenheiten zubringen.
In einem der Seminare, das von Professor James Healy
ueber Arbeitsbeziehungen gehalten wird, werden Gewerkschafter
mit Unternehmern zusammenkommen. Unternehmer, die an diesen
Seminaren teilnehmen, besuchen die Kurse fuer Fortgeschrittene
des Harvard-Instituts fuer Wirtschaftsangelegenheiten. Sechs
dieser Unternehmer sind auslaendische Studenten, die im Rahmen
des Studienprogramms der ECA %n die USA entsandt wurden. Das
Harvard-Gewerkschaftsprogramm, das einzige Universitaetsprogramm in den Vereinigten Staaten fuer die Schulung von Gewerkschaftern, wird von Professor Healy geleitet. Die ECA unterstuetzt in diesem Jahr die Teilnahme auslaendischer Gewerkschaftsvertreter, denn sie glaubt, dass ein gegenseitiges Verstehen der Probleme der Arbeiterbewegung der freien Welt nachhaltig zum Wiederaufbau der einzelnen Nationalwirtschaft beitraegt.
Labor News in the US
11/9/51
SCHACH UND GEWERKSCHAFTEN
Das uralte Schachspiel ist seit einiger Zeit von den Sowjets als ideologisches Kampfmittel eingesetzt worden. Im ersten Augenblick erscheint dies voellig'unverstaendlich. Wer
sich aber ueber die theoretische Doktrin aller totalitaeren Bewegungen im klaren ist, wird sehr schnell begreifen, dass auch
das Schachspiel zu einem Element dieser Systeme werden kann.
In Deutschland hat die NSDAP eine Fuelle von Veranstaltungen
durchgefuehrt, zu denen jeder mehr oder minder gezwungen kommen musste - die Menschen muessen staendig in Bewegung gehalten
werden, sie muessen sich mit bestimmten Themen befassen: mit
dieser Methode lenkt jede Diktatur die oeffentliche Meinung in
die gewuenschte Richtung.
Und so ist in Russland das Schachspiel zu einem Element der
Bewegung geworden. Die Schachfiguren sind in der ganzen Welt
- 6 -

�weisse und sohwarze, in Sowjetrussland sind sie weiss und rot.
Die weissen Figuren repraesentieren den Kapitalismus, sie weisen pflichtgemaess ausgesprochen dekadente Zuege auf, sie symbolisieren Luxus und Militarismus - kurz all das, was in
Russland dem kapitalistischen System vorgeworfen wird. Die
roten Figuren sind dagegen positiv gehalten, der rote Koenig
ist durch einen froehlichen Stachanowarbeiter dargestellt,
dessen Muskeln voller Energie und dessen Antlitz voller Leben
ist - ein Arbeiter, der Wunderleistungen in produktionstechnischer Hinsicht vollbringen kann. Und so geht es von Figur
zu Figur, auf der einen Seite nur positive, auf der andern nur
negative Zuege.
Stalin geht mit seiner Foerderung des Schachspiels auf
russische historische Vorkommnisse zurueck. Den russischen
Studenten war vor der Jahrhundertwende das Schachspielen verboten, da das Studium darunter litt. Als jedoch die russischen Studenten sich gegen die zaristische Unterdrueckung auflehnten, ordnete der russische Kultusminister K a s s o die
Aufhebung des Verbots an, wobei er offen erklaerte, dass das
Sohachspielen den meisten Studenten keine Zeit mehr fuer
revolutionaere Betaetigung uebrig lassen werde.
Heute gibt der sowjetische Staat Millionen an Rubeln
fuer die Propaganda des Schachspielens aus, ueberall gibt es
Sohachklubs mit besonderen Bueros, die alle der gleichen
Aufgabe dienen, die Kultur des Schachspiels in die breiten
Massen zu bringen.
Tatsaechlich kann ein ausgezeichneter Schachspieler es
in Sowjetrussland zu etwas bringen. Der russische Schachmeister Michael B o t w i n n l k
wird offiziell als Ingenieur
vorgestellt, ebenso sein Trainer Wjacheslaff R a g o s i n.
Beide sind aber 'Berufsschachspieler, Botwinnik gehoert zu
dem Kreis der 400 Auserwaehlten, die ein luxurioeses Leben
fuehren koennen, jederzeit die schoensten Sanatorien der
Krim und andere feudalen Erholungsstaetten besuchen duerfen,
einen Wagen staendig zur Verluegung haben - Botwinnik hat
darueber hinaus noch zwei hohe sowjetische Orden verliehen
bekommen.
Ragosin lebt im Schatten Botwinniks, er ist der Chefredakteur der Zeitschrift "Schach in Sowjetrussland". Seine
Hauptarbeit ist jedoch die Ausarbeitung neuer Kombinationen
fuer den russischen Schachmeister, diese werden mit den hervorragendsten Schachspielern durchgearbeitet und nach ihrer
theoretischen Festlegung Botwinnik unterbreitet und zur Auswertung zur Verfuegung gestellt. Eine Veroeffentlichung dieser Versuchspartieen kommt aber erst dann in Frage, wenn Botwinnik diese Kombinationen in Meisterschaftskaempfen angewandt hat.
Das ganze System des Schachkultur-Wettbewerbs wird aber
erst dadurch zu einer Massenbewegung, als sich hier jeder auszeichnen kann und durch gute Turnierleistungen auch vorwaerts•kommt. So kann ein junger Schachmeistsr, der einige oertliche Siege errungen hat, aber keine besondere Ausbildung durchmachte, sich Mindesteinnahmen von 2000 Rubeln in der Woche
erwerben - das ist das Doppelte, was er im Buero oder in der
Fabrik herausholen koennte. Und so traeumen Millionen junrrer
Russen von dieser Moeglichkeit eines leichten unl besseren
Lebens - die Sowjets aber wissen, dass durch die Schuchklubs

7

�Millionen solcher Menschen erfasst werden, die sich sonst
nicht fuer Politik interessieren - ein Ventil ist geschaffen,
das niemals zu gefaehrlichen Ueberdruecken fuehren kann.
Wo ein junger Schachspieler Ueberdurchschnittliches
leistet, wird er meist ueber den oertlichen Schachklub zu
einem Propagandisten des Schachs., er besucht laufend die
Schachklubs der Umgebung, nachdem er genuegend fuer die sowjetischen Belange der Schachkultur gedrillt wurde. Die Parteilinie wird hier voellig klar: Auf der einen Seite
braucht man Millionen Schachenthusiasten in den Klubs, auf
der andern Seite aber routinierte Schaohpropagandisten, die
gut bezahlt werden und die neben ihrem Spiel auch die Propagandataktik beherrschen muessen -• wer von der Bevoelkerung
noch in keiner anderen Organisation erfasst ist, muss wenigstens Schachklubmitglied sein. Bei den aelteren Leuten gibt
man sich jedoon keine besondere Muehe, aber jeder Jugendliche
landet zumindest im Schachklub, wenn er sich bei anderen Organisationen druecken konnte.
Und genau so ist es in den Betrieben. Wer eifrig beim
Schachklub mitmacht, kann sich aridere Dinge erparen, Prinzip
ist eben auch hier, die "Leute" immer etwas bestimmtes tun,
ihnen nicht zu eigenen Gedankengaengen Zeit zu lassen. Das
mu3?te auch Fjodor B o g a r t i t s c h u k erfahren, ein
Roentgenologe, der aus Zeitvertreib Schach spielte, aber mit
Leib und Seele Roentgenforscher war. Bogartitschuk spielte
einmal, ohne sich die Konsequenzen zu ueberlegen, gegen Botwinnik und gewann von fuenf Spielen drei. Damit glaubte
Bogartitschuk die Sache fuer erledigt, weil er das Schach
nur als Spiel ansah - als er jedoch wieder zu seiner Arbeit
zurueckkehrte und seine Beteiligung an Schachwettbewerben zwischen den Kolcnosen, den Industrie-"gewerkschaften", den
Staedten, den Bundstaaten der Sowjetunion und 'anderen Tournieren ablehnte, weil er als Roentgenologe weiter taetig sein
wollte, erhielt er eine Anklage wegen "Sabotage der Schachkultur unter der Jugend". Als Bogartitschuk eines Tages in
Kiew weilte, gelang ihm von hier aus ueber Polen die Flucht
nach dem ,/esten. Heute arbeitet er in Kanada wieder als
Roentgenologe, und wenn er Zeit und Lu3t hat, spielt er auch
einmal Schach. Trotz seiner Flucht aus der Sowjetunion hat
er aber dennoch Verstaendnis und Sympathie fuer die grossen
russischen Schachmeister, aus deren geliebtem Spiel Stalin
ein intellektuelles Narkotikum entwickelte, das restlos in
seinem Dienst steht.
Die "Gewerkschaften" der Sowjetunion haben nichts mehr
mit ihren frueheren Aufgaben zu tun - nur der Name ist geblieben, es ist tatsaechlich eine Arbeitsfront. All das, was
Robert Ley einmal als KdF ausprobiert hat, ist auch in Russlund zu finden. Aber Ley hat das billigste Mittel des Narkotisierens vergessen: das Schachspielen. Da es im uebrigen
ein Mittel ist, den ührgeiz kuenstlioh aufzustacheln, so kann
man mit dieser Schachspielerei auch andere Zwecke erreichen der Ehrgeiz ist an sich verstaendlich, aber die Chance, bequem zu leben und das Doppelte zu verdienen, fuehrt in der
Praxis schon zu manchen Ergebnissen fuer den sowjetischen Apparat.
Jetzt duerfte es auch klar werden, warum Schach und Gewerkschaften in dor IdSSR zusammengehoeren: Beide 3ind nicht nur
- 6 -

�voellig ungefaehrlich, sondern sind im Gegenteil ideologische
Waffen, die reffiniert eingesetzt werden. Man mag darueber
laecheln, aber der voellig unpolitische üoentgenologe Bogartitschuk kann etwas anderes berichten ....
Labor and Nation
V/51
Maurice Bouladoux:
PRODUKTIVITAETSPQLITIK ERFORDERT GERECHTE GRUNDLAGEN
1.

Die schlechten Nebenbedeutungen des Wortes Produktivitaet.

Es gehoert zu-den schwersten Fehlern des Kapitalismus,
dass er die Arbeiterschaft gezwungen hat, den instinktiven
Arbeitsimpuls abzubremsen, der ganz von selbst zu einer
staendig zunehmenden Wirksamkeit fuehrt. Die Arbeiter wissen aus langen und bitteren Erfahrungen, dass persoenliche
oder gemeinsame Anstrengungen nicht belohnt werden, sondern
dass dadurch in Gegenteil fraglos Risiken hervorgerufen werden.
Sehr viele franzoesische Arbeiter sind der Meinung, dass
die Idee der Produktivitaet geradezu verkettet ist mit der
relativen Abwaertsbewegung der Lohnskala, wie sie sich bisher
im Zuge der erhoehten Produktion ergeben hat. Dieser Vorgang
ist allgemein bekannt: Hierbei wird der Faktor Zeit so
genau wie moeglich kalkuliert. In dem Augenblick jedoch, wo
die durchschnittliche Leistung des Arbeiter zunimmt, vermindert der Unternehmer den Betrag der gewaehrten Zeit. Dadurch
kann nur der Arbeiter mit einer ungewoehnlichen physischen
Kraft oder mit einer aussergewoehnlichen Geschicklichkeit hohe
Loehne erreichen, ohne sich dabei gesundheitlich zu gefaehrden.
Dies erkleert z. T., warum der franzoesische Arbeiter
mit einer argwoehnisehen Zurueckhaltung die Vorschlaege fuer
eine zunehmende Produktivitaet zur Kenntnis nimmt. Der Franzose ist dabei ebenso hitzig wie die Arbeiter in andern Laendern und seine Geschicklichkeit liegt unzweifelhalft ueber
dem Durchschnitt.
Kann man ihm diese Haltung verargen? Es erscheint zweckmaessiger, die grosse Zahl der Unternehmer zu tadeln, die weder ihre sozialen Pflichten verstanden haben noch ihre wirklichen Interessen wahrnehmen.
Wenn eine Politik des hohen Produktivitaetsniveaus Erfolg
haben soll, so ist es notwendig, dass die Arbeiter in gleichem Masse an den Ertraegen teilhaben, die durch ihre Anstrengungen geschaffen werden und dass ihre Loehne nicht nur mit
einigen wenigen Prozenten erhoeht, sondern verdoppelt oder
verdreifacht werden, je nach den erzielten Erfolgen, ohne dass
sie jedoch gezwungen werden, mit ausserordentlicher Schnelligkeit oder unter unannehmbaren Bedingungen zu arbeiten.
Viele Unternehmer sind irrtuemlich der Meinung, dass die
Produktivitaet in erster Linie von der Anstrengung des Arbeiters abhaengt und dass die Praemie, die ihm gewaehrt wird,
stets durch einen Teil des Produktionsueberschusses begrenzt
- 9 -

�werden sollte, der durch die Erhoehung seiner Arbeitsgeschwindigkeit erreicht wurde. Andere Unternehmer gehen noch weiter
und reden von einer Erhoehung der gesetzlich zulaessigen Zahl
der Arbeitsstunden. Obwohl aber die Leistung des Arbeiters
als Standard fuer die Messung der Produktivitaet dient, haengt
die Produktivitaet nicht nur von der Arbeitsleisung ab, die
von einem menschlichen Wesen erreicht wird, sondern sie ist
ebenso stark durch die wissenschaftliche Organisation der
Arbeit beeinflusst, durch den Grad der Mechanisierung, die
Qualitaet der Rohmaterialien usw. Ein grosser Teil der
franzoesischen Unternehmer vernachlaessigt jedoch diese elementaren Voraussetzunren.
Angesichts dieser Tatsachen stehen die freien franzoesischen Gewerkschaften einer doppelten Verantwortlichkeit gegenueber: Einmal durch ihre Unterstuetzung zu allen Anstrengungen beizutragen, die zum Nutzen der wirtschaftlichen Entwicklung durchgefuehrt werden und die dem ganzen Land zum
Vorteil dienen - auf der andern Seite jedoch durch eine Erhoehung der Loehne und Gehaeiter diese in eine vernuenftige
Beziehung zu den erreichten wirtschaftlichen Fortschritten zu
bringen. Die Grundsaetze, nach denen sich die Gewerkschaften
in allen Produktivitaetsfragen richten muessen, sind somit
wirtschaftlicher und sozialer Natur. Diese muessen aber
gleichzeitig nebeneinander verfolgt werden, damit nicht in
einem Bereich das verloren geht, was auf dem anderen gewonnen
werden konnte.
Der Lebensstandard eines Volkes steht in engem Zusammenhang mit der Produktion. Ein hoher Produktivitaetsstandard
ist unerlaesslich, wenn ein Volk solche sozialen Fortschritte
erreichen will wie die Verminderung der Arbeitszeit, die
Erhoehung der Loehne, die laengere Schulpflicht Junger Menschen, um dadurch ihre Erziehung und ihre Ausbildung besser
zu vervollstaendigen, bevor sie in den Arbeitsprozess eintreten, oder die Vermeidung der uebermaessigen Beschaeftigungszeitverlaengerung aelterer Arbeiter, indem man ihnen eine ausreichende Pension gibt. Jede Arbeitsstunde muss einen staendig
wachsenden Wohlstand schaffen. Aber das vorbehaltlose Festhalten an diesem Zweck sollte in der Praxis vorsichtig betrieben werden. Die Denkgewohnheiten der Unternehmer und der Arbeiter ueber diese Dinge sollten sorgfaeltig analysiert werden,
um hier gewisse Fallstricke zu vermeiden.
Die Versuche, eine verstaerkte Produktion zu erreichen,
muessen mit dem Gedanken durchgefuehrt werden, die koerperlichen, geistigen und moralischen Energien des Arbeiters einzusparen und fuer die unentbehrliche Entwicklung der Persoenlichkeit volle Freiheit zu gewaehren. Dies schliesst ein
Problem ein, das mit der Unterstuetzung des Betriebsvertrauensmannes, des Betriebsrates oder ganz allgemein gesprochen
mit Hilfe der gewerkschaftlichen Organisationen geloest werden muss. Die Fortschritte auf den Gebiet der Produktivitaet
muessen durch die Zusammenarbeit des Arbeiters fuer seinen
Arbeitsplatz und nicht zu seinem Nachteil, wie es leider nur
zu oft der Fall ist, erzielt werden. Die franz'oesischen Arbeiter haben bis heute in dieser Hinsicht noch keine genuegenden
Garantien erhalten und dies erklaert auch zum Teil ihr gegenwaertiges Misstrauen gegen jede Propaganda fuer eine Steigerung der Produktivitaet.
Ein anderer Grund fuer das Unbehagen gegenueber einer zunehmenden Produktivitaet ist die Aussicht einer durch techni- 10 -

�sehe Gruende bedingten Arbeitslosigkeit. Die Erinnerung an
die vergangenen Depressionen ist noch nicht verschwunden,
und obgleich die gegenwaertige wirtschaftliche Lage keine
Besorgtheit innerhalb der Arbeiterschaft erzeugt, so befuerchtet sie doch, dass eine nachdrueckliche Mechanisierung'
zu einer neuen Arbeitslosenwelle fuehren koennte. Die gewerkschaftliche Organisation sollte sich um diese Dinge kuemmern, was jedoch nicht bedeuten soll, dass sie eine engstirnige Garantiepolitik durchfuehren soll, um jedem Arbeiter
die Beibehaltung seines jetzigen Arbeitsplatzes zu sichern.
Umgruppierungen muessen zur gegebenen Zeit geprueft werden,
wobei ein Ausgleich durch Arbeitslosenversicherung vorausgesetzt werden soll und zugleich der Wohnungsbau anzukurbeln
ist.
Es ist jedoch Tatsache, dass selbst der groesste Einfluss
auf die Begeisterung, eine besser* Arbeit zu leisten und damit die Produktivitaet zu steigern, nicht ausreicht, um dem
Arbeiter einen Lohnausgleich zu geben. Diese Vernachlaessigung jedes Gerechtlgkeitsgefuehls haelt Bitterkeit und Misstrauen im Arbeiter wach, die allein durch Taten und nicht mehr
durch einfaeltige gluehende Appelle vertrieben werden koennen.
2.

Der Arbeiter hat bisher keinerlei Vorteile durch
die wirtschaftliche Erholung Westeuropas gehabt.

Als Frankreich 1945 befreit wurde, war jedermann der
Meinung, dass von allen aufrichtige Anstrengungen gemacht
werden sollten, um eine schnelle Wiedererholung der franzoe8isohon Wirtschaft zu erreichen. In diesem Geiste der Freundschaft versprach Amerika wesentliche Lieferungen an Rohmaterialien
und Ausruestungen. Der Arbeitseifer des franzoesischen Arbeiters war der bedeutendste Faktor,der bei der Wiedererholung
zutage trat, jöie gleiche Tatkraft war jedoch weder vonseiten
der Behoerden noch vonselten der Unternehmer erkennbar, als
es sich um die Erhoehung der Kaufkraft der Arbeiterschaft
handelte.
Die Schnelligkeit, mit der das franzoesische Eisenbahnnetz, die Bergwerke und die Bruecken wiederhergestellt wurden, hat tatsaechlioh allgemeine Bewunderung gefunden. Diese
Leistung erweckte in den franzoesischen Arbeitern einen berechtigten Stolz. Die statistischen Berichte zeigen jedoch nur
allzu klar, dass die Arbeiterschaft zwar ihre Pflicht tat,
aber keineswegs entsprechend bezahlt wurde.
Index *)
1956 (Basis -100)
Industrieproduktion
Ha ushaltsverbrauc h
Produktivitaet
Lebenskosten
Loehne
)

1946

1950

84
83
73
645
347

123
103
100

* von Steigerung

46 %

1813

24 £
37 $
180 #

977

181 jo

Diese Zahlen sind amtlich. Sie stammen entweder vom Nationalen Institut fuer Statistik und Wirtschaftsberichte
oder - soweit es sich um Produktivltaetszahlen handelt vom Buero des Chefberaters fuer den Monnet-Plan. Die
Lebenshaltungskosten wurden dem offiziellen Index des
Jahres 1946 entnommen, in dem Verbraucherpreise angefuehrt
werden (bekannt als Index der 34 Artikel). Der Lohnindex
basiert auf den Hauptloehnen der Metallindustrie des
Pariser Gebietes.
- 11 -

�Waehrend zwischen den Jahren 1946-50 die industrielle Produktion sich um 46% steigerte und einen Punkt erreichte, in
dem sie ihren hoechsten Stand zwischen den beiden Weltkriegen
wieder errang und waehrend die Produktivitaet selbst um 37$
anstieg, blieb die Kaufkraft des Arbeiters unveraendert.
Fuer den ungeschulten Beobachter mag es so aussehen, als
ob sich der Lebensstandard verbesserte, aber diese Verbesserung
ist nur im Hinblick auf die Unterdrueckung des schwarzen Marktes vorhanden, die es der Bevoelkerung heute erlaubt, das Geld
zur Erneuerung ihrer Garderobe auszugeben, das 1946 durch den
Unterschied zwischen "amtliohen" und wirklichen Preisen verschluckt wurde. Trotzdem bleibt dieser Lebensstandard betraechtlich unter dem Stand des Jahres 1938.
Wir duerfen hierbei nicht vergessen, dass die Wirtschaft
durch die grossen Verluste an beweglichem und unbeweglichem
Eigentum belastet war, die durch den Krieg verursacht wurden.
Der haeusliche Verbrauch hat jedoch den Vorkriegsumfang erreicht, im Jahre 1950 sogar ueberschritten, aber hiervon hat
die Arbeiterschaft keinerlei Vorteil gehabt. Offensichtlich
haben andere Gesellschaftskreise den Umfang des nationalen
"Kuchens" und seine Vergroesserung seit 1946 verschlungen, und
das Problem, das wir hier behandeln muessen, ist eine Folge
dieser wirtschaftlichen Tatsache.
Wie kann eine solche Situation geheilt werden? Wenn es
in Frankreich eine starke und einige Gewerkschaftsbewegung
gaebe, koennten zweifellos geeignete Loesungen gefunden werden. Diese Voraussetzung liegt jedoch ungluecklicherweise
nicht in der gewerkschaftlichen Macht. Sie kann nur nach
einer gewissen Zeit erreicht werden, sodass Schritt fuer
Schritt gekaempft und alle zur Verfuegung stehenden Mittel
angewendet werden muessen.
Das kommunistische Ablenkungsrezept.
Das Problem wird im uebrigen dadurch erschwert, dass die
unter kommunistischem Einfluss stehende CGT (Allgemeiner Gewerkschaftsbund) ganz freimuetig erklaert, dass sie eine Katastrophenpolitik fuer das Richtige haelt. In dem Bestreben,
eine "Volksdemokratie" an die Macht zu bringen, vergroessert
sie die Irrtuemer des gegenwaertigen Wirtschaftsregimesj
selbst auf die Gefahr hin, das Vertrauen der Arbeiterschaft
zu der Gewerkschaftsbewegung zu zerstoeren, hetzt sie zu unpopulaeren Streiks auf, die haeufig zum Scheitern verurteilt
sind. Sie fuehrt weiterhin eine staendige Propaganda gegen
den echten Begriff der Produktivitaet und natuerlich auch
gegen den Marshallplan. Sie sabotiert systematisch die verhaeltnismaessig wenigen Errungenschaften eines demokratischen
Wirtschaftssystems, die die vierte Republik gebracht hat. Zu
allererst hat die Einfuehrung der Betriebsraete uns nicht die
Erfolge gegeben, die erhofft wurden. Dies ist ebenso auf ihr
eigenes Schuldkonto zu buchen als auf das der streitbaren
Unternehmer.
Eine derartige Lage verstaerkt natuerlich die Position
der Unternehmer und erschwert die Durchfuehrung einer zufriedenstellenden Loesung. Es gibt jedoch unter den franzoesischen Unternehmern viele, die ihre Bereitwilligkeit gezeigt
haben, mit der Arbeiterschaft zusammenzuarbeiten und die dankenswerte Aktionen durchfuehrten, um das praktische Interesse
- 12 -

�t

der Arbeiterschaft in Fragen der Produktivitaet zu foerdern.
Derartige Aktionen blieben jedoch, da die ünterstuetzung der
Regierung ausblieb und sie stets bekaempft wurde, wenn sie
sich regte, in ihrer Natur sporadisch und in ihrer Reichweite
begrenzt.
Eine Politik des sozialen Fortschritts erfordert in
Wirklichkeit - wie es in dem Bericht des Leiters des Internationalen Arbeitsamtes vorgeschlagen wurde - eine Kombination
wesentlicher und untrennbarer Elemente: Die Stabilisierung
der Preise in naher Zukunft, eine allgemeine Erhoehung der
Loehne unter Beruecksichtigung der Produktivitaetssteigerung
sowie Massnahmen, um den Arbeitern einen gerechten Anteil
an den Ertraegen der industriellen Produktion zu sichern.
3.

Was getan werden muss.

Die wachsende Produktivitaet ist ein wesentliches Element fuer jede gesunde Politik, die darauf abzielt, den allgemeinen Lebensstandard der arbeitenden Schichten zu erhoehen; dieses Mittel allein ist jedoch ungenuegend. Das Streben nach einer Loesung dieses Problems kann nur verwirklicht
werden innerhalb des Rahmens einer breiteren Politik, einer
zweckmaessigeren Verteilung der Kaufkraft, die in liberalerer V.'eise der Arbeiterklasse zugute kommt. Zu gleicher Zeit
muss jedoch eine geschlossene Politik in nationalem Masstab
eine gleichmaessigere und wirtschaftlich fuehlbare Neuverteilung des Nationaleinkommens garantieren.
Im EinDlick auf die Loehne ist es notv»iendig, dass die
Arbeiter eine gleichwertige Verguetung fuer den Anstieg der
Produktivitaet erhalten. Diese Verguetung sollte ihnen nicht
allein in der Form jener traditionellen Fraenie gegeben werden, die nur jenenMohrrueben allzu aehnlich sind, die einem
Affen hingehelten werden, um ihn unter einer schweren Buerde
anzutreiben, sondern in Uebereinstimmung mit bestimmten Regeln, die eine groessere Beachtung der Anstrengungen ergeben,
die von allen betroffenen Kreisen erfuellt werden, seien es
Arbeiter, Eigentuemr oder Manager, und die dafuer buergen,
dass alle einen gerechten Anteil an den Erfolgen erhalten,
die gemeinsam erzielt worden sind.
Die Probleme sind zahlreich, und sie erfordern ein
staendiges und gruendliches Studium. Dies ist auch der Grund,
weshalb die einzelnen franzoesichen Gewerkschaften eine gemeinsame intergewerkschaftliche Zentrale fuer das Studium
und die Erforschung der Produktivitaetsfragen gegruendet haben. Mitglieder dieser Zentrale sind die Confederation
Francaise des Travailleurs Chretiens (Franzoesische Vereinigung christlicher Arbeiter), die Confederation Generale des
Cadres (Allgemeine Meistervereini^ung) und die Confederation
Generale du Travail - Force Ouvriere (Allgemeine Arbeitervereinigung - Dritte Kraft). Diese Zentrale, die gemeinsam mit
der franzoesischen Vereinigung fuer Produkt!onserhoehung arbeitet und die unter der Kontrolle der drei Gewerkscheftsverbaende steht, ist in der Lage, als beratende Koerperschaft bei
allen Streitfragen mitzuwirken, bei denen es sich um Kampfe
mit besonderen Problemen handelt.
Diese beratende Koerperschaft, die von den Gewerkschaftsverbaenden gegruendet wurde
und die einzig und allein ihren Belangen zu dienen hat, wird
somit deren weitgehendes Vertrauen haben. Es ist ueberdies
13 -

�V

beabsichtigt, dass bestimmte Studien durchgefuehrt werden, um
vom technischen Standpunkt aus die besten Bedingungen der Arbeitsorganisation zu bestimmen, die zur gleichen Zeit mit den
grundlegenden ArbeitsvorausSetzungan der freien gewerkschaftlichen Organisationen vereinbar sind.
Seit mehr als einem Jahr haben wir als eines der wirksamsten Mittel der Produktionssteigerung in Frankreich die
Umwandlung und - wenn es moeglich ist - die Errichtung von
Muster-Werkanlagen in bestimmten Gebieten vorgeschlagen unter den gleichen technischen und wirtschaftlichen Bedingungen wie aehnliche Anlagen in den Vereinigten Staaten durchgefuehrt wurden. Gegebenenfalls wuerde eine solche Politik
der Einrichtung solcher Uusterwerke, die in Schluesselgebieten erstellt werden und die in erster Linie mit Artikeln
fuer den laufenden Verbrauch hervortreten sollen, die franzoesischen Unternehmer unter den Zwang stellen, die Methoden, die in diesen •Verken ueblich sind, nachzuahmen. Um
hier vom sozialen Standpunkt aus Folgerungen zu ziehen,
muessen natuerlich solche Werke mit derartigen Experimenten
den groesstmoeglichsten Dienst einer fortschrittlichen Politik erweisen, d.h. dem Lohnempfaenger die Moeglichkeit geben,
an diesen Betriebsarbeiten und an den Ertraegen beteiligt
^u sein. Das erste dieser Erfordernisse muss darin bestehen,
den Arbeitern Loehne zu geben, die mit jenen in Einklang stehen,
die amerikanische Arbeiter in sehnlichen 'Werken erhalten.
Aber offensichtlich machen es die in Frankreich vorherrschenden Bedingungen unmoeglich, dieses Experiment in der bevorstehenden Zukunft voll durchzufuehren. Die wesentliche Aufgabe wird somit darin liegen, sich diesen Bedingungen soweit
wie moeglich zu naehern, in jedem Fall aber diese Bedingungen
in betracht zu ziehen und darueber hinaus einen psychologischen "Schock" hervorzurufen, von dem vieles erwartet werden
kann.
Die intergewerkschaftliche Studienzentrale (CIERP) wird
in ihrer beratenden Eigenschaft und auch in ihrer die Initiative
ergreifenden Taetigkeit eine bedeutende Rolle zu spielen haben.
Die Regierung koennte jedoch sehr stark eine solche Politik
unterstuetzen, selbst wenn sie fuer sich das Recht beanspruchte,
eigene Unternehmen zu betreiben. Man kann jedoch erwarten,
dass die Regierung das Recht fuer sich selbst in Ansrruch
nehmen wird, wenigstens soweit es die Prioritaet betrifft,
Marshallplanmittel sowohl als eigene Kredite an Unternehmen
auszuschuetten, die mit den Gewerkschaften einen Vertrag abgeschlossen haben, der Bestimmungen darueber enthaelt, dass
die Verguetung des Arbeiters im Masstab der Produktionssteigerung erhoeht wird. Vielleicht wird die Regierung wiederum
vorgeben, wie es auch frueher der Fall gewesen ist, hiervon
nichts wissen zu wollen, fuer die Zukunft jedoch koennen wir
lediglich uns darueber freuen, dass der Gedanke an diese Voraussetzungen in einer geraden Linie mit den, wirklichen Absichten der ECA liegt.
Die Unterstuetzung der Oeffentlichkeit ist seit dem erfolgreichen Publlkwerden unentbehrlich,, die von dem gemeinsamen
Gebrauch aller dieser Massnahmen erwartet werden kann. Diese
Unterstuetzung haengt von einer gleichgerichteten Wirtschaftspolitik ab, die insbesondere folgende Punkte umfassen muss:
1. Die Kontrolle der industriellen Vereinbarungen mit der
Absicht, ihre Malthusianismen Aktionen zu unterdruecken;
- 14 -

�2. Die Reorganisierung der Verteilung durch die Ausschaltung der Mittelsleute, deren ünzahl sich in einem
ausserordentlichen Mass erhoeht hat, wozu ein gesetzlicher
und ein steuerreio^tlicher Protektionismus beitrug;
3. und endlich, dass die Frage, mit der wir uns am
meisten befassen muessen, eine Reform der Steuergesetzgebung
ist, durch die die Steuerlast gleichmaessig auf alle Schichten der Buergerschaft verteilt wird. Damit wird, auch zugleich eine breitere Verteilung der Kaufkraft erzielt, sie
wuerde dadurch nicht mehr in den Kaenden einiger weniger
konzentriert bleiben.
Als Beispiel sei wiederum auf Frankreich hingewiesen,
wo die Lohnempfaenger 60ft der gesamten arbeitenden Bevoelkerung ausmachen, aber nur 45% des Nationaleinkommens erhalten» trotzdem aber an direkten Steuern 67% zahlen.
Alle diese L'isstaende muessen berichtigt werden, und die
Franzoesische Gewerkschaft Christlicher Arbeiter hat es fuer
ihren Teil nicht daran fehlen lassen, der Oeffentlichkeit jene
heilenden Massnahmen, zu empfehlen, die sie studiert hat und
die sie heute fordert.
Niemand verkennt die Reichweite dieser Aufgaben, aber
die franzoesischen Gewerkschaften haben alles vorbereitet, um
in loyaler und aktiver Zusammenarbeit, deren Bedeutung niemand unterschaetzen wird, einer nationalen Politik der wirtschaftlichen Ausdehnung und der erhoehten Produktivltaet zur
Verfuegung zu stehen, die auf jenen Prinzipien der Gerechtigkeit basieren, die hier skizziert worden sind.
Frances L. Kauf man, Spezialist fuer Arbeitsschulung, Institut
fuer Arbeitsbeziehungen, Universitaet Puerto Rico:
AHBSITBRSCEÜLÜNG IN PUERTO RICO
Das Institut fuer Arbeitsbeziehungen an der Universitaet
Puerto Rico ist gerade etwas ueber ein Jahr alt. Nach seiner Einrichtung durch die Universitaet Puerto Rico innerhalb
ihrer Abteilung fuer Sozialwissenschaft begann das Institut
im August 1950 unter der Leitung von Dr. Simon Rottenberg
seine Arbeit.
Das Institut dient hauptsaechlich einer doppelten Aufgabe,
naemlich, sich mit der Schulung der Arbeiter und ihrer Ausbildung zu Betrieb30bleiternzu befassen. Wie es in der Darlegung der Aufgaben des Instituts heisst, hat sich das Arbeiterschulungsprogramm des Instituts folgende Ziele gesetzt:
1) Auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Arbeitsfragen
und der Arbeitsbeziehungen Forschungen durchzufuehren und
Veroeffentlichungen herauszugeben.
2) Gewerkschafter zu tuechtigen Sachbearbeitern för
Gewerkschaftsangelegenheiten zu schulen und sie und die Gewerkschaftsmitglieder mit den Grundzuegen und Konsequenzen
der Gewerkschaftspolitik und ihrer Rolle in der Gesamtstruktur
der Wirtschaft vertraut zu machen.
Das Institut arbeitet mit einem hauptamtlich angestellten zentralen Stab, der aus einem Direktor, einem Arbeiter-

15

�Schulungsspezialisten, Frances Kaufman, einem Forschungsassistenten, Alfredo Nazario und zwei Sekreteeren besteht. Hierzu kommt ein Ausschuss von ungefaehr 20 Lehrern der Arbeiterklassen, die von Zeit zu Zeit zu nebenamtlichen Lehrdiensten
herangezogen werden.
Die Arbeiterschulungstaetigkeit des Instituts verteilt
sich folgendermassen:
1) Klassen fuer Arbeiter; Waehrend des ersten Jahres wurden ungefaehr 40 Arbeiterbildungsklassen eingerichtet. Zu
den Lehrfaechern gehoerten: Tarifvertraege, Arbeitsgesetzgebung, Parlamentsregeln, die Wirtschaft von Puerto Rico, Grundzuege der Uekonomie, die Regierung von Puerto Rico, Englisch
fuer Arbeiter und Gewerkschaftsbüchhaltung. Die Klassen werden entweder fuer Mitglieder besonderer Gewerkschaften oder
fuer eine Anzahl von Mitgliedern verschiedener Gewerkschaften
in einem bestimmten Gebiet eingerichtet. Sie sind auf der
Unlversitaet von Rio Piedras wie auch in anderen Teilen der
Insel abgehalten worden. Einige Kurse trafen sich nur achtmal, wohingegen andere viel haeufiger, bis zu einem Maximum
von 32 Malen, zusammenkamen. Die meisten Studenten waren
bis jetzt Gewerkschaftsfunktionaere.
2) Unterricht durch Rundfunk: Sin neunwoechiger Rundfunkkursus fuer Arbeiter ueber die Wirtschaft in Puerto Rico
wurde begonnen, um auch die Landbewohner zu erreichen. Der
Kurs wurde zweimal woechentlich ueber eine Reihe von Rundfunkstationen der Insel uebertragen.
3) Filme: Zwei Filme werden vorbereitet, die bei Gewerkschaftstreffen gezeigt werden sollen, der eine behandelt die
Wirtschaft von Puerto Rico, der andere die Geschichte der
Arbeiterbewegung.
4) Eintaegige Seminare: Verschiedene eintaegige Seminare
wurden in mehreren Staedten der Insel abgehalten. Diese
Seminare finden gewoehnlich am Sonnabend oder Sonntag statt
und bringen Ausfuehrungen ueber die Insel- und Bundesarbeitsgesetzgebung auf Puerto Rioo.
5) Südamerikanisches SchulungsProgramm: Man plant einen
sechs Monate dauernden Schulungskurs fuer eine ausgewaehlte
Gruppe suedamerikanischer Gewerkschafter, der zusammen mit
der Inter-Amerikanisehen Regionalorganisation des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften durchgefuehrt werden soll.
Der Kurs soll Ende 1951 beginnen und enthaelt Vorlesungen,
die durch Aussenbesichtigungen unterstuetzt werden.
6) Lehrerbildungsinstitut: Ende September wurde ein dreitaegiges Lehrerbildungsseminar abgehalten. Fuer die Arbeiterschulungsklassen wurden Lehrkraefte von der Universitaetsfakultaet, den Regierungsabteilungen und anderer geeigneter
Stellen herqngezogen. Man nimmt jedoch an, dass ein Sonderseminar mit speziellen Lehrmethoden fuer Arbeiter sehr zum
Nutzen dieses nur zeitweilig besohaeftigten Lehrstabes waere.
7
) Veroeffentlichungen: Brochueren, die Themen behandeln,
die fuer Gewerkschaftsfunktionaere und -mitglieder von Interesse sind, werden ueberall auf der Insel verteilt. Einige
hiervon sind Nachdrucke staatlicher Veröffentlichungen, doch
der groesste Teil ist hauptsaechlich fuer die Arbeiter von
Puerto Rico geschrieben.

AFL-News Letter
Nov. 51 IIII/ll
16 HICO0 5 DM 31 1 S M 3 6 I

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Dl« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IY - 48

F r a n k f u r t , den 30. November 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Harvard-Universitaet bildet Gewerkschaftsfunktionaere aus
Arbeiterschutz und industrielle Unfallverhütung
Lohnpolitik und Vollbeschaeftigung

1
4
5

Fortschritt trotz ueberkommener Reminiszenzen .. 11

DIE HARVARD-UNIVERSITAET BILDET GEWERKSCHAFTSFUNTICNAERE AUS
Die Harvard Universitaet, die bislang die feudalste Universitaet der Vereinigten Staaten gewesen ist, .hat jetzt in
ihr Vorlesungsprogramm Fragen der gewerkschaftlichen Schulungsarbeit aufgenommen. Der Leiter dieser Kurse, Professor
James J. Healy, verfolgt hiermit die Absicht, die Gewerkschaf tsfunktionaere zu einer groesseren Verantwortlichkeit
in-ihrer praktischen Arbeit heranzubilden. Die Hoerer, die
diese Kurse besuchen, sind bereits Funktionaere, sodass es
Aufgabe der Kurse ist, diesen Persoenlichkeiten zusaetzliche
Hilfsmittel und technische Moeglichkeiten zu bieten, um ihre
Arbeit in den Gewerkschaften noch besser ausfuehren zu koennen und zugleich einen neuen Typ des Funktionaers heranzubilden, der auch die Verantwortung gegenueber der Allgemeinheit
in seiner Arbeit uebernimmt.
- 1-

�Das Arbeitsprogramm selbst begann bereits vor zehn Jahren,
als Robert Watt, der Vertreter der AFL fuer Schulungsfragen,
die Universitaet besuchte und hi3r die Frage stellte, ob die
Universitaet bereit waere, neben ihren Vorlesungen ueber die
Ausbildung in der Betriebswirtschaft und der oeffentlichen Verwaltung auch solche ueber die Schulung gewerkschaftlicher
ehrenamtlicher Mitarbeiter uebernehmen wuerde und ob die Universitaet ihre Lehrmoeglichkeiten in den Dienst einer solohen
Erziehungsarbeit stellen wuerde.
Die Harvard-Universitaet erklaerte sich einverstanden. Und
so laeuft diese Arbeit bereits zehn Jahre, acht Gewerkschaften
haben diese Beniuehungen der Universitaet nachdruecklich unterstuetzt, die alle der AFL angehoeren, waehrend sioh der CIO
von diesen Kursen zurueckgezogen hat. Aber auch auslaendische Gewerkschaften schalten sich in diese Schulungsarbeit
der Harvard-Universitaet ein, es sind dies die Gewerkschaften in
Westdeutschland, Oesterreich, Holland, Norwegen, Irland und
Grossbritannien, so dass neben den acht amerikanischen Vertretern der Gewerkschaftsbewegung noch seohs niohtamerikanische
hinzutreten. Jetzt ist jedoch zum ersten Male die Studentenschaft der Kurse nach Kationen aufgeteilt worden, aber man
glaubt, daae gerade durch diese Internationalitaet die Erfolge
der Schulungsarbeit umso bessere sein werden, da durch diese
Vielfaeltigkeit der Erfahrungen sioh eine ganz andere Wirkungsmoeglichkeit ergibt als wenn nur amerikanische Hoerer die
Kurse besuchten.
Es laufen insgesamt 12 Vorlesungen fuer die Dauer der
Studienzeit, die 13 Wochen betraegt, wobei aber nicht jede Vorlesung sich ueber die Geaamtzeit erstreckt. Die Vorlesungen
umfassen Wirtschaftsanalyse, Bearbeitung von Beschwerden und
das Schlichtungsverfahren, Probleme der Arbeitsbeziehungen,
Arbeitsgesetzgebung, die wirtschaftlichen Voraussetzungen des
Tarifvertragswesens und anderes. Die formelle Seminararbeit
umfasst Jedoch nur einen kleinen Teil des Gesamtprogramms,
obwohl hier bereits 25 Vorlesungsstunden verankert sind, sodass ueber den groesseren Teil der Wochenstunden hier bereits
verfuegt ist.
Nun darf man jedoch nicht annehmen, dass die Seminare
in der sonst an Universitaeten ueblichen Form durchgefuehrt
werden. Es gibt hier keinen Professor, der am Katheder steht
und seine Meinung fix und fertig aufgegliedert zum besten
gibt. An der Harvard-Universitaet geht man bei diesen Kursen von einem Fall, wie er in der Praxis vorkommt, aus und
entwickelt an diesem Fall die gesamte Problematik. Dann werden den Studierenden Parallelfaelle mitgeteilt, aus denen sie
selbst ihre Folgerungen zu ziehen haben - diese Faelle haben
sie dann in den Seminaren zu vertreten. Eier entwickelt sioh
somit eine Situation, wie sie wirklioh in der alltaeglichen
Praxis staendig vorkommt, hier im Seminar wie bei der praktischen Arbeit muss der Funktionaer mit diesen Dingen fertig
werden - und hier in Harvard wird es ihm keineswegs leicht
gemacht, denn in der Diskussion des Falles erhebt sich ein
Einwand nach dem anderen, werden abweichende Gesetzesstellen
zitiert, die sofort widerlegt werden muessen, dem Funktionaer
wird also nicht d&amp;q geringste geschenkt. Und wenn er wirklich nicht mehr ein noch aus wissen sollte - das kommt nicht
allzu oft vor - dann wird in einer gemeinsamen Diskussion des
Falles die richtige Loesung mit samt dem Untergrund aufgezeigt.
- 2-

�Eine weitere Stufe dieser gewerkschaftlichen Vorlesungsarbeit bildet die Behandlung der Probleme der Arbeitsbeziehungen. Hier ist die Kitarbeit insofern schwieriger, als neben
den Funktionaeren der Gewerkschaften auch Vertreter der Unternehmer an diesen Seminaren teilnehmen. Hier ist also die
Diskussion wesentlich schaerfer und pointierter, hier zeigt
es sich aber bereits, wer ein geschickter Unterhaendler ist
und wer mit seinen Argumenten sich durchzusetzen versteht.
Diese Seminare sind somit eine aeusserst glueckliche Loesung,
vor allem deshalb, weil man hier mehr die i'iefenarbeit, also
die wirklich erschoepfende Behandlung eines Themas pflegt
als eine ausgesprochene Breitenarbeit, wie sie in den Grundkursen oft unumgaenglich ist.
Die Karvard-Universitaet ist jedoch noch einen Schritt
weitergegangen. Es hat 3ich herausgestellt, dass es wenig
sinnvoll ist, die Diskussionsleitung solcher Seminare nur
Mitgliedern des Lehrkoerpers anzuvertrauen, weil hier die
Kenntnis der Praxis und der Erfahrung fehlt. So ist man dazu
uebergegangen, anerkannte Fachleute als Lehrbeauftragte heranzuziehen. So behandelt jetzt das Gebiet Arbeitsgesetze ein
bekannter Arbeitsrichter, ueber internationale Gewerkschaftsfragen sprioht Clinton S. Golden, der fruehere stellvertretende Vorsitzende der amerikanischen Stahlarbeiter und heute
Sonderberater fuer Arbeitsfragen in der ECA-Verwaltung.
In der Zwischenzeit haben natuerlich die Gewerkschaften
selbst aehnliche Anstrengungen gemacht, um fuer ihre Mitgliedschaft eine aehnliche Schulungsarbeit durchzufahren. Aber
diese auf oerfclicher Basis durchgefuehrten Arbeiten wenden
sich an den Betriebsvertrauensmann und das einzelne Mitglied,
waehrend bei der Harvard-Universitaet der Funktionaernachwochs
und seine Ausbildung im Vordergrund stehen. Hier sollen vor
allexn die Nachwuchskraefte fuer die hoeheren Verwaltungsposten
in den Gewerkschaften ausgebildet werden, wozu ganz andere
Voraussetzungen gehoeren als bei der Schulung jener Funkticnaere, die Tag fuer Tag anfallende Arbeit zu bewaeltigen haben.
Es wurde bereits erweehnt, dass durch die Teilnahme europaeischer Studenten an den Gewerkschaftsseminaren der HarvardUniversitaet sich eine wirkliche Bereicherung der Studienarbeit ergibt. Die teilnehmenden Funktionaere erfahren die Verschiedenheiten der Auffassungen und die Unterschiedlichkeiten
der Kampfmethoden, sodass sich fuer die Praxis ausserordentlich
wertvolle Anregungen ergeben. Das gleiche gilt auch zun Beisoiel fuer den Marshallplan, der fuer die amerikanischen Funktionaere nichts wesentliches bedeutete, sondern oft als ueb$rfluessige Steuerschroepfung angesehen wurde. Durch die Unterhaltung mit europaeischen Funktionaeren sehen sie jetzt diese
Probleme in einem ganz anderen Licht, sie werden aber das, was
sie hier erfahren haben, wieder weiter tragen und damit zum
gegenseitigen internationalen gewerkschaftlichen Verstehen
entscheidend beitragen.
Auf der anderen Seite haben amerikanische Funktionaere
erfahren muessen, dass sie mit ihren Sozialversicherungen noch
weit hinter den in Europa erreichten Stufen zuruockgeblieben
sind, wie etwa in Fragen der Arbeitslosenversicherung oder
der automatischen Pensionierungsmoeglichkeit, sobald ein bestimmtes Alter erreicht ist. Und die amerikanischen Gewerkt
schafter lernen jetzt die Rolle der europaeischen Gewerkschaftsbewegung kennen, die weitgehend die amerikanische Entwicklung
3

�beeinflusste, auch wenn diese aus der anderen wirtschaftlichen
Situation des Landes heraus voellig andere Schritte .gegangen
ist und diese allein ging.
Heute jedoch ist durch die
internationale Bindung der Gewerkschaften die Moeglichkeit
viel groesser geworden, die Errungenschaften in einem Lande,
wenn sie ihre Feuerprobe bestanden htben, auch auf andere
Laender zu uebertragen, wie es jetzt bei den Sozialversicherungsmas snahmen der Vereinigten Staaten geschehen ist.
Diese Ergebnisse fallen sozusagen am Rande der Harvardkurse ab, sie sind jedoch entscheidend fuer den Geist der
Kurse.
Die Seminare fuer Gewerkschaftsfragen haben somit durch
ihre internationale Besetzung noch das Ergebnis gehabt, dass
die amerikanischen Gewerkschaften fuer internationale Probtome
aufgeschlossener werden und zugleich den grossen Beitrag anerkennen, den die europaeisohen Gewerkschaften der gemeinsamen Sacte beigesteuert haben.
Program Service Section
Labor Special # 87
ARBEITERSCHUTZ UND INDUSTRIELLE UNFALLVERHUETUNG
."Der Unfall eines einzelnen bedeutet fuer alle ein
Unfall." Diese Redewendung charakterisiert seit langem die
Solidaritaet der freien Arbeiterbewegung bei der Abwehr von
Schlaegen jeglicher Richtung. .Diese Redewendung ist jedoch
jetzt noch weiter umschrieben worden, Praesident Truman wendet sie wie folgt an: wDer Unfall eines einzelnen betrifft
alle." Er meinte es wörtlich und bezog sich dabei auf die
vielen Betriebsunfaelle und die Notwendigkeit eines laufenden Unfallverhuetungsprogramms, das sich auf alle Staaten
der U.S.A. erstrecken und die Zahl der Unfaelle verringern
soll. "In einer demokratischen Lebensform beschuetzen wir
die Werte des menschlichen Lebens und des menschlichen
Gluecks gegen die Ausbeutung durch einzelne Leute oder den
Staat." In den Vereinigten Staaten sind Gewerkschaften, Arbeitgeber und Regierung an der Gesundheit und Sicherheit
der Arbeiter interessiert. Staendig werden Unfallverhuetungsfeldzuege durchgefuehrt, um Sicherheitsmassnahmen in der
Industrie zu foerdern. Natuerlich werden auch dabei wirtschaftliche Betrachtungen angestellt, aber die Hauptbetonung
liegt auf dem hohen Wert des Individuums.
Massnahmen zum Krankheitsschutz und zur Unfallverhuetung
wurden bereits vor 50 Jahren in Angriff genommen. Waehrend
der ersten Jahre versuchte man in Amerika vor allem Feuerverhuetungsmassnahmen in den Betrieben zu treffen. Fabrikbraende nahmen damals oft dramatische Umfaenge an und brachten ganze Gemeinden in Aufruhr und fuehrten zu schaerfstem
Protest. Amerika wurde geradezu von einer Gesetzeswelle zur
Feuerverhuetung ueberflutet. Aber die Unfallverhuetungsingenieure merkten bald, dass Betriebsbraende nur eines der
kleineren Probleme waren. Die meisten Betriebsunfaelle
wurden durch Stuerzo verursacht, durch Ausgleiten auf •schmierigem Boden, durch Stolpern ueber Draehte, Seile, Werkzeuge
und andere Materialien. Man setzte daraufhin durch, dass
die Boeden in den Fabrikshallen eben, trocken, sauber und
uebersichtlich sein muessen. Heutzutage ist ein unebener,
nasser oder beschmutzter Boden in einem Betrieb ein Verstoss
gegen das Gesetz.
- 4 -

�Freilaufende Reeder oder bewegliche Teile wurden verkleidet, denn man sagte sich, dass bewegliche Teile, die
einen nicht beruehren, auch keine Verletzung hervorrufen
koennen. Eine andere Ursache von Krankheiten und Verletzungen ist der Fabrikstaub, haeufig fuehrt er zu langsamem Tod
durch Tuberkulose. Ausserdem entzuendet sich Staub leicht
durch Funken von Hammerschlaegen oder Motoren, er kann Explosionen hervorrufen, die Betriebe lahmlegen und viele Arbeiter verletzen. Jetzt werden funkensichere Werkzeuge und
Motore hergestellt, um Staubexplosionen zu verhindern. Entlueftungsanlagen und besondere Gesichtsmasken sorgen dafuer,
bestimmte Berufskrankheiten zu vermeiden.
Arbeitnehmer und Arbeitgeber setzten sich mit Unfallverhuetungsingenieuren zusammen, um noch ein anderes ernstes
Problem, das der Augenverletzungen, zu loesen. Unter den
Ursachen der Augenverletzungen finden sich aetzende Saeuren
und Daempfe, Splitter, spritzende Farben, fluessige Metallspritzer und ausserordentlich grelles Licht. Verschiedene
Arten Schutzbrillen beheben diese Unfallquellen. Ausserdem
wurde eine nicht blendende Beleuchtung erfunden, die den
Arbeitsplatz genuegend erhellt, ohne jedoch dabei auf die
Augen besonders anstrengend zu wirken.
Sohwere und leichte Metallhelme sowie sehr starke Metallkappen, die in die Arbeitsschuhe eingebaut werden, sind andere Methoden, mit denen man die Arbeiter von Kopf bis Fuss zu
schuetzen sich bemueht. Heute wendet man diese Schutzmassnahmen nicht nur im Bergbau an, sondern auch im Bauwesen,
beim Schiffsbau und einer Reihe anderer Industrien.
Mit dem Ansteigen der Produktion von Verteidigungsmaterialien und Konsumwaren sind in letzter Zeit Millionen neuer und unerfahrener Arbeiter in amerikanischen Fabriken eingestellt worden. Viele Arbeiter mussten auch Arbeitsgaenge
uebernehmen, mit denen sie verhaeltnismaessig wenig vertraut
waren. Dies vergroesserte natuerlich die Haeufigkeit der
Betriebsunfaelle.
Den noch verbleibenden Problemen wird nunmehr groesstes
Interesse gewidmet, und zwar gilt es in erster Linie die Arbeiter dazu zu erziehen, selbst an ihre Sicherheit zu denken.
Sie muessen verstehen, dass ihre Sicherheit und die ihrer
Arbeitskameraden wichtiger als irgendein Produktionsplan i3t.
In tausenden Fabriken im ganzen Lande suchen Unfallverhuetungs- •
aussohuesse, denen Gewerkschaften wie Arbeitgeber angehoeren,
neue Wege, gerade diesen Punkt klarzumachen, denn sie stimmen
mit Praesident Truman ueberein:
"Der Unfall eines einzelnen betrifft alle."
Program Services Seotion
Labor Special 103
51/11/16
Alfred Roberts, Vertreter des britischen Gewerkschaftsbundea:
LOHNPOLITIK. VOLLBESCHAEFTIGUNQ UND AUFGABEN DER I.A.O.
Die Diagnose ueber die Wirtsohaftskrankheit der Welt und
die vorgeschlagenen Heilmittel scheinen entsprechend den wirt- 5-

�schaftlichen und politischen Richtungen der Sprecher zu
schwanken. I.:an wird zu der Auffassung gedraengt, dass entweder durch Uebersehen oder mit Absicht der Begriff "objektive Betrachtung" in den meisten Faellen verlorengegangen ist. Es kann
sein, dass ich mich des gleichen Fehlers schuldig mache, ich
will aber mindestens versuchen, bei der Behandlung dieses
Problems realistisch zu bleiben.
Das erste Erfordernis in dem Bemuehen, die Lohnpolitik
zu bestimmen, gleichgueltig wie der Stand der Wirtschaft oder
sozialen Entwicklung ist, besteht darin, sich nicht mit statischen Kraeften, sondern mit Kraeften zu befassen, die staendig schwanken. Die Industrie ist dynamisch. Sie ist dem
tagtaeglichen Druck nationaler und internationaler Ereignisse
ausgesetzt, die Ausgleiche innerhalb der Industrie erfordern:
Sie kann nicht aus sich selbst leben. Die Rohmaterialien
schwanken in ihrer Qualitaet, in der Quantitaet und in der
Verfuegbarkeit fuer eine bestimmte Industrie; die Arbeitsbedingungen wechseln dauernd mit der Verbesserung der Verfahren
und einem entsprechenden Wechsel des Risikos; die Wirtschaftlichkeit schwankt - dies sind Fakturen, die ihre unmittelbaren
Rueckwirkungen auf das Wohlergehen der Industriebevoelkerung
und damit auf die gesamte Volkswirtschaft haben.
Aus diesem Grunde ist eine Betrachtung der Lohnpolitik
an sich unwirklich; sie muss mit anderen Faktoren, wie Produktivitaet, Preisen und Ertraegert verknuepft werden. Es muss
auch erkannt werden, dass die Behandlung und Entscheidung
dieser Politik nicht Regierungen, Arbeitgebern oder Gewerkschaften als getrennten Einheiten obliegt, sondern dass sie
das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen allen drei Elementen
sein muss.
Unter Anerkennung dieser Tatseche hat sich die britische
Gewerkschaftsbewegung im Maerz 1948 als ihren Beitrag zur Erhaltung der Vollbeschaeftigung und des wirtschaftlichen Wiederaufbaus der Nation die Politik der Lohnbeschraenkung zu
eigen gemacht. Diese Politik wurde als Teil einer gemeinsamen
Anstrengung angenommen, die alle Teile der Bevoelkerung beruehrt; zur gleichen Zeit wurde die freiwillige Begrenzung
der Dividende eingefuehrt. Industrie und Handel wurden aufgefordert, die Preise, wo es ueberhaupt moeglich ist, freiwillig
herabzusetzen und die Regierung verschaerfte die Preiskontrolle.
Die Teilnahme der Gewerkschaften an diesen Kontrollen wurde
seitens der Regierung, deren Politik nicht nur auf die Stabilisierung, sondern auch auf die Herabsetzung der Gewinne und
Preise abzielte, zur Bedingung gemacht.
Auf diese Weise wurden die Loehne bis zum Sommer 1950
im wesentlichen stabilisiert. Die Einzelhandelspreise jedoch
stiegen weiter an, was teilweise ala Ergebnis der Abwertung
des Pfund-Sterling im September 1949 gefolgert werden kann.
Die Politik der Beschraenkung war niemals als staendige
Einrichtung gedacht und die internen Spannungen, die sie waehrend des Zeitraumes ihrer Durchfuehrung ausgeloest hat,
Hessen offenbar werden, dass sie nicht fuer unbestimmte Zeit
fortgesetzt werden konnte, besonders seitdem sie eine strengere Form nach der Abwertung angenommen hatte. Die Politik
hatte ihre positiven Seiten - z.B. wurde die Notwendigkeit
gesteigerter Produktivitaet dauernd betont - aber ihr Objekt
war vorwiegend die negative Seite, naemlich die Beschraenkung
- 6-

�der Lohnerhoehungen zu einer Seit, als die Preise zum Steigen
neigten.
Trotz vieler Schwierigkeiten erwies sich diese Politik
als recht erfolgreich in der Erhaltung eines grossen Masses
an Stabilitaet in der '»Virtschaft des Landes - ein Faktor,
der zu einer erheblichen Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen gefuehrt haette, wenn nicht ausserhalb des Einflusses der britischen Gewerkschaften, dar Regierung und der Unternehmer liegende Faktoren sich zum Nachteil
der eigenen und anderer Volkswirtschaften dazwischengedraengt
haetten. Die den freien Voelkern durch die aggressive Politik
des Kommunismus aufgezwungenen Aufruestungs- und Verteidigungsprogramrae fuehrten zu Materialverknappungen, die die
Rohstoffpreise hinaufgetrieben haben. Bei steigenden Rohstoffpreisen, die ihrerseits die Inlandpreise hochtrieben,
waren unter diesen Umstaenden einige Lohnangleichungen unvermeidlich und der britische Gewerkschaftskongress nahm im
September 1950 eine Resolution an, die die fruehere Lohnpolitik aufhob. Dieses bedeutete jedoch nicht ein Versagen
der Politik, sondern war eher ein Beweis fuer die Elastizitaet eines gesunden Koerpers gegenueber aeusseren Erschuetterungen. Es gibt Leute, die an den Begriff einer fein ausbalancierten Wirtschaft glauben, die aber voellig von dem
abhaengig sein soll, was die Gewerkschaftsbewegung bezueglich
der Loehne unternimmt. Die Tatsachen der letzten Monate Weltmarkteinengung und Preissteigerungen bei Rohstoffen haben das Truegerische dieser Auffassung bewiesen. Die Lohnsaetze 3ind nur ein Faktor einer verwickelten Gleichung mit
vielen Variablen und die Gegenmassnahmen der Gewerkschaft
muessen immer davon abhaengig sein, was mit den anderen Variablen vor sich geht.
Dia Erfahrungen der britischen Gewerkschaften in der
Lohnpolitik sind mit diesen Ausfuehrungen kurz dargestellt.
Auf Grund dieser Erfahrung und dem Studium des Problems im
allgemeinen haben sie sich ueberzeugt, dass gewisse grundsaetzliche Notwendigkeiten bestehen, denen jedes Land bei
der Behandlung der Lohnpolitik Beachtung schenken muss, besonders in Bezug auf ein Programm der Vollbeschaeftigung.
Es besteht zweifellos eine zunehmende Bereitschaft zur
Unterstuetzung der Ueberzeugung, dass, wenn die Vollbeschaeftigung gewaehrleistet werden soll, irgendeine Form einer
langfristig abgesprochnenen Lohnpolitik erforderlich ist.
Wahrscheinlich besteht aber weniger Einigkeit darueber, welches die Objekte einer derartigen Politik sein sollten und
unter welchen Bedingungen diese fuer die Gewerkschaft annehmbar waere.
Jede derartige Politik sollte das positive Ziel haben,
dass die Vollbeschaeftigung nicht durch unverantwortliche Aktionen irgendeines Teiles der Bevoelkerung gefaehrdet werden
kann und die Erhaltung und Verbesserung der Loehne und Lebensbedingungen der arbeitenden Bevoelkerung gewaehrleistet bleibt^
Diese Ziele werden nicht durch eine Politik gesichert, die
kuenstliche Schaerfen in der Wirtschaft einfuehrt und nur
daran interessiert ist, die jetzige Verteilung des Volkseinkommens beizubehalten. Diese Ziele muessen eindeutig dargelegt werden, die Politik selbst muss regelmaessig ueberprueft
werden, um zu gewaehrleisten, dass ihre Ziele erreicht werden.
- 7 -

�Mit diesen grundsaetzlichen Zielen waere jede Form der
Lohnpolitik auf vier grundsaetzlichen Prinzipien- aufzubauen - erstens, dass die Freiheit der Gewerkschaften, Kollektiv-Verhandlungen zu fuehren, beibehalten werden muss; zweitens, dass die arbeitende Bevoelkerung in der Lage sein sollte, ihren relativen Anteil am Volkseinkommen zu steigern;
drittens, dass andere Teile der Bevoelkerung zu Massnahmen
schreiten, die die der Gewerkschaftsbewegung ergaenzen; und
viertens, dass die Regierung ihren notwendigen Beitrag fuer
diese Prinzipien leisten sollte.
In erster Linie ist es aus Gruenden, die weit ueber den
gewoehnlichen Vorgang der freiwilligen Lohnverhandlung hinausgehen, besonders wichtig, dass die Freiheit und die Unabhaengigkeit der Gewerkschaften erhalten bleiben. Um jedoch
ihre Geltung als vertretende Organisation zu erhalten, kann
eine Gewerkschaft nicht damit zufrieden sein, sich lediglich
mit Loehnen, Arbeitsstunden, Sicherheitsvorkehrungen und
der Vielzahl anderer Angelegenheiten zu befassen, die tagtaeglich die Gewerkschaft beschaeftigen, sondern sie muss
staendig danach streben, dies in einer Form zu tun, dass sie
wenigstens die Mehrzahl der Arbeiter befriedigt, die sie
vertritt, damit deren allgemeine Interessen in dieser dauernd wechselnden Wirtschaftssituation ausreichend geschuetzt
und gefördert werden. Dies ist eine Verantwortung, die
nicht anderen uebertragen werden kann. Es gibt keinen Ersatz
fuer die Gewerkschaft und dieses Problem kann auch nicht
durch gesetzgeberische Beschraenkungen geloest werden, die
darauf abzielen, die Verhandlungsstaerke der Gewerkschaften
zu verringern.
Zweitens ist es sehr wichtig, dass die Lohnpolitik
nicht negativ aufgefasst wird im Stile eines Einfrierens
der Loehne oder sogar eines Beibehaltens der bestehenden Verteilung des Volkseinkommens des betreffenden Landes. Das
"Einfrieren" wflrde zu einer besonderen Belastung der Wirtschaft mit einer besonderen Lohnstruktur fuehren, die beinahe
mit Sicherheit immer unanwendbarer werden wird. Ich stimme
jedoch nicht mit dem Vorschlag ueberein, dass der allgemeine
Stand der Loehne nur im Verhaeltnis zum Zuwachs des allgemeinen Standes der Produktivitaet steigen sollte. Die Lohnempfaenger sollten allgemein oder in bestimmten Industrien
nicht daran gehindert werden, ihren relativen Anteil an der
Industrie-Erzeugung zu steigern, der in vielen Laendern der
Welt immer noch viel zu klein ist. Damit soll aber nicht die
Notwendigkeit der Steigerung der Produktivitaet geleugnet
werden. Die Notwendigkeit, das System der Leistungsloehne
ueberall zu erweitern, wo es irgend moeglich ist, erkenne ich
an und lasse sie auch gelten, vorausgesetzt, dass dies unter
Fuehlungnahme und mit dem Einverstaendnis der Gewerkscnaften
durchgefuehrt wird.
Drittens stimme ich vollstaendig damit ueberein, dass
die volle Zusammenarbeit aller Teile der Bevoelkerung ein
wesentliches Element jeder Politik ist, die eine Selbst-Beschraenkung und ein groesseres Verantwortungsbewusstsein hinsichtlich der Forderung nach hoeheren Einkommen verlangt.
Viertens sollte die Regierung ihr Ziel der Vollbeschaeftigung und die Massnahmen, die zur Sicherung dieses Zieles vorgesehen sind, weitestgehend bekanntmachen, einschliesslich
aller anti-inflationistischer Massnahmen, Preiskontrollen und,

8

�soweit angebracht, Preissubventionen. Die Regierung sollte
auch fuer die Schaffung ausreichender sozialer Einrichtungen
verantwortlich sein, besonders zum Schutz der Leute mit kleinen Festeinkommen. In allen diesen Angelegenheiten sollte die
Regierung staendig mit beiden Seiten der Industrie die Fuehlung aufrecht erhalten.
Ich betone, dass dies die Prinzipien sind, auf die jede
Lohnpolitik aufzubauen ist, wenn sie fuer die organisierte
Arbeiterschaft annehmbar sein soll. Selbst dann bleibt die
Frage offen, welche genaue Form die Lohnpolitik annehmen soll.
Andere Laender werden andere Methoden als wuenschenswert betrachten. Weiter ist es wichtig, dass jede Industrie ihre
eigene Lohnstruktur ueberprueft, um zu gewaehrleisten, dass
sie mit den besonderen laufenden Umstaenden Schritt haelt
und beweglich genug ist, um Aenderungen in den Organisationsund Produktionsmethoden in Betracht zu ziehen.
Ich will mich nun einem anderen Gesichtspunkt, dem Problem
der Vollbeschaeftigung, zuwenden. Die heutige Weltlage erfordert, dass eine zunehmende Betonung auf die internationale
Auswanderung zur Hebung der Beschaeftigungssituation gelegt
wird. Eins der Ziele des Arbeitskraefte-Programms der Internationalen Arbeiterorganisation, das auf Grund der Entscheidungen der
leitenden Koerperschaft in Angriff genommen wurde, besteht
darin, eine bessere internationale Verteilung der Arbeitskräfte herbeizufuehren, um dadurch den Lebensstandard der Voelker
ueberall zu heben. Eine einmalige Verknuepfung von Umstaenden Massenverschleppungen waehrend des Krieges, kriegsbedingte
Unterbrechung der normalen Wanderbewegung, steigende Geburtsziffern der Laender - hat dazu beigetragen, in einigen Laendern einen grossen Arbeitskraefteueberschuss zu schaffen, den
die Volkswirtschaft nicht aufnehmen kann, waehrend zur gleichen Zeit in anderen Laendern ein akuter Arbeitskraeftemangel
besteht. Es ist selbstverstaendlich, dass es hier zu einem
Ausgleich kommen kann, wenn die Voraussetzungen dafuer geschaffen werden.
Die Internationale Arbeitskonferenz hat durch die Annahme
der Philadelphia-Erklaerung von 1944 hinsichtlich der Ziele
und Zwecke der Internationalen Arbeits-Organisation, der I.A.O.
bereits den Auftrag gegeben, unter den Nationen der Welt Programme zu foerden, die die Schaffung von Einrichtungen fuer
die Ausbildung und Versetzung von Arbeitskraeften ermoeglichen,
einschliesslich der Foerderung von Auswanderungsmoeglichkeiten
zwecks neuer Beschaeftigung und Ansiedlung, wobei ausreichende
Garantien fuer alle Betroffenen gegeben sein muessen.
Dies ist ein Problem, das die Arbeiter ueberall direkt
angeht und das nur von einer Organisation wirkungsvoll behandelt werden kann, in der die Arbeiter selbst direkt vertreten
sind und die ihnen die Sicherheit gewaehrt, dass die Programme
mit ausreichenden Garantien durchgefuehrt werden, die fuer die
Arbeiter der Auswanderungs- und der Einwanderungslaender gewaehrt werden muessen. Einige Schritte sind in dieser Richtung
schon durch den revidierten '•Vertrag fuer Arbeitskräfte-Auswanderung" unternommen worden; die Gewaehrung technischer Hilfe
fuer Regierungen bei der Errichtung oder Verbesserung nationaler Arbeitsvermittlungen, die ein wichtiger Faktor fuer die
Bestimmung der Arbeitskraftanforderungen sind, sowie die Vereinfachung verwaltungsmaessiger Formalitaeten hinsichtlich der
Z uv/anderer.

�Begrenzte finanzielle Mittel haben bisher die Taetigkeit
der I.A.O. auf diese Massnahmen besohraenkt, aber das Ausmass
des Wanderungsproblems und die dringende Notwendigkeit einer
Loesung im Interesse der Arbeiter erfordert eine betraechtliohe
Ausdehnung der Taetigkeit der Organisation. Sie sollte einerseits das Ziel der technischen Unterstuetzung auf diesem Gebiet erweitern und andererseits eine weitgehende praktische
Tae€igkeit auf dem Gebiet der Internationalen Wanderbewegung
durohfuehren. Viele Arbeiter, die keine Beschaeftigung in
ihren gegenwaertigen Laendern finden koennen, sind beispielsweise nioht in der Lage, auszuwandern, da sie nicht die Mittel
fuer ihre Ueberfahrt aufbringen koennen. Sofern erforderlioh,
sollte die I.A.O. Plaene fuer die internationale Finanzierung
der Auswanderer-Transportkosten und der Senkung dieser Kosten
entwerfen, und zwar durch eine Kontrolle auf internationaler
Ebene hinsichtlich der See- und Lufttransportmittel, die fuer
die Wanderung benoetigt werden. Die Organisation sollte in
allen Phasen der Rekrutierungs- und Auswahlarbeiten beraten
und unterstuetzen, damit kein Arbeiter bei seiner Ankunft im
Aufnahmeland die Feststellung machen muss, dass er, ohne eigenes Verschulden, fuer einen Beruf ausgewaehlt worden ist, der
seinen Faehigkeiten nicht entspricht. Es gibt in den Aufnahmelaendern viele Arbeitsplaetze, die auf Grund der mangelnden
Befaehlgung der Einwanderer nicht besetzt werden koennen. Andererseits gibt es viele, die nicht auswandern koennen, da sie
fuer die vorhandene Arbeit nioht ausreichend ausgebildet sind.
Die I.A.O. sollte Berufsausbildungs- und Umschulungsprogramme
entwickeln, un die Faehigkeiten vorhandener Arbeiter den Einwanderungsbeduerfnissen anzupassen. Sie sollte den Regierungen
hinsichtlich der Vorkehrungen fuer die Aufnahme und Unterbringung der zuwandernden Arbeiter Rat und Unterstuetzung gewaehren und sollte ihre Anstrengungen fuer den Schutz der zuwandernden und der ansaessigen Arbeiter fortsetzen und zwar durch
Unterstuetzung und Beratung der Regierungen beim Abschluss
zweiseitiger Vereinbarungen fuer die Einwanderung.
Die Planung und Durchführung der Wanderbewegungen groesseren Ausmasses ist dringend erforderlich und ich habe bereits
einige der Richtungen angedeutet, in denen meiner Ansicht
naoh allgemeines Einvernehmen darueber- besteht, dass Massnahmen erforderlich sind: Massnahmen, die, wie ich nochmals betonen muss, die I.A.O. ausfuehren kann, da sie den Auftrag
und die notwendige Erfahrung besitzt. Ihre gegenwaertigen Mittel sind jedoch voellig unzureichend und.zusaetzliche finanzielle Mittel sind erforderlich. Sierauessengefunden werden.
Damit komme ich nun zu dem letzten Punkt. Bei verschiedenen regionalen Konferenzen und innerhalb der leitenden Koerperschaft haben die Vertreter der Regierungen von dieser Rednertribuene der Gewerkschaftsorganisation nicht nur ihr volles
Lob ausgesprochen, sondern auch neue Plaene und eine noch
groessere Ausweitung ihrer Arbeit gefordert. Bei den Versammlungen des Finanzausschusses haben wir die Forderungen der
Vertreter der gleichen Regierungen - obgleich nicht notwendigerweise dieselben Vertreter - gehoert, dass die Zeit gekommen
ist, den steigenden Aufwendungen ein Halt zuzurufen und das
Budget auf der Grundlage eines Prioritaetssystems zu stabilisieren. Ich habe es erwaehnt, dass die Arbeit einer dynamischen Organisation wie der I.A.O. nicht ausschliesslich von
finanziellen Erwaegungen bestimmt werden kann. Der entscheidende Faktor muss immer die Arbeit sein, die geleistet werden
muss. Die I.A.O. muss ihre organisatorischen Faehigkeiten
10 -

�vervollkommnen und sie in den Dienst aller stellen. Sie
muss die Fuehrung auf dem Gebiet der Sozialpolitik uebernehmen. Sie muss den lebendigen Glauben an die Ziele erwecken,
die sie verkoerpert und staendig danach trachten, diesem
Ausdruok zu geben in allem, was sie unternimmt. Die I.A.O.
muss bei ihrer Arbeit der Zusammenfuehrung der verschiedenen
Voelker der gesamten Welt zu einem gemeinsamen Zweck danach
trachten, ihren universellen Charakter zu erhalten und zu
erweitern. Wir koennen ueberzeugt sein, dass wir, wenn wir
taeglich unseren Beitrag zur Erfuellung dieser Verantworung
leisten, unaufhaltsam der Erreichung unseres Zieles entgegenschreiten - einer besseren Welt des Friedens.
Das ist genau das, was die Arbeiter jahrelang bereits
gesagt haben. Seit ihrer Einfuehrung haben die Arbeiter der
Welt der I.A.O. ihre innigste ünterstuetzung gegeben. Sie
sind stolz auf ihre Erfolge und auf die Geltung, die sie
sich selbst in Weltangelegenheiten erworben hat. Ich moechte
aber die Regierungen und Arbeitgeber bitten, sich immer daran
zu erinnern, dass in dieser Welt der Sorgen, der Spannungen
und Befuerohtungen die Arbeiter diese Organisation schliesslich nach ihrer Bereitschaft beurteilen werden, sich mit
ihren Aufgaben ehrlich auseinanderzusetzen, um die sozialen
und wirtschaftlichen Probleme zu loesen, die die Hauptursaohen der Weltunsicherheit sind. Eine Beschneidung dieser
Taetigkeit durch eine armselige und missguenstige Finanzpolitik seitens der Mitgliedsstaaten wuerden die Arbeiter weder
verstehen noch jemals verzeihen.
Stenoprotokoll der Rede
Nelson Cruikshank:
FORTSCHRITT TROTZ UEBERK OMMENER REMINISZENZEN
In Frankreich, einem der Schluessellaender, das sich am
Marshallplan beteiligt und wie in Italien eines der beiden
Laender, in denen die Kommunisten noch immer die Ergebenheit
eines nioht unbetraechtlichen Bevoelkerungsteils besitzen»
hat sich der Begriff der Produktivitaet in einem einzigartigen Masse durchgesetzt. Mehr als in allen anderen Laendern
der Welt haben hier Presse, politische Parteien, fuehrende
Persoenlichkeiten aller moeglichen Organisationen den Gelegenheiten staendigen Ausdruck gegeben, die sich durch eine verbesserte industrielle V/irksamkeit erreichen lassen und mit
denen die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme, die auf Frankreich lasten, geloest werden koennen.
Troductivite" ist ein verhaeltnismaessig sonderbares Wort,
wenn man an die Zeit vor einigen Jahren zurueckdenkt, aber
heute erscheint es in erstaunlicher Kaeufigkeit in Zeitungen
und in Gewerkschaftsversammlungen, in industriellen und technischen Veroeffentlichungen, in Reden und in Debatten der
Nationalversammlung, in den Aufrufen der politischen Parteien, aber auch in den Programmen der Gewerkschaften und der
Unternehmerverbaende.
Aber jene Resolutionen und die Diskussionen in den Zeitungen bedeuten keineswegs wirkliche Aktionen und sie erzeugen
auch nicht mehr Gueter als bisher. Aber diese Aufmerksamkeit
fuer die Idee offenbart ein Interesse, das bereits konkretere
Formen angenommen hat und in der Zukunft erst recht sich
durohsetzen wird. Ohne Zweifel ist es ein Zeichen der Entschlossenheit wichtiger Kreise des franzoesisohen Volkes,
neue Methoden versuchsweise anzuwenden.
- n -

�Frankreich sah sich nach dem Kriege einem schwierigen
Wiederaufbauproblem gegenübergestellt. Mit Hilfe der
Marshallplanverwaltung und mit viel schwerer Arbeit des
franzoesischen Volkes konnte die Gesamtproduktion soweit
gesteigert werden, dass Sie fast 40 &lt;f&gt; ueber dem Stand von
1938 lag. Die bestehenden Werke Frankreichs sind nicht nur
wiederhergestellt, sondern auch stark verbessert worden.
Moderne Stahlwerke, gewaltige Wasser- und Dampfkraftanlagen,
neue Erdoelaufbereitungsanlagen und Roehrensysteme sind
bereits oder sind in Kuerze fertiggestellt. Die Bergwerke
und die Eisenbahnen wurden modernisiert und weiter entwickelt.
Aber irgendwelche positiven Aus Wirkungen haben sich jedoch
zugunsten des Lebensstandards der Masse des Volkes durch diese
langfristigen Modernisierungen noch nicht ergeben. Betraechtliche Mittel jedoch, die fuer Investitionsnoete vorgesehen
waren, mussten anstatt fuer ihren eigentlichen Zweck denen
des laufenden Bedarfs dienen. So besteht ein staendiger Abzug an Menschen, Materialien und Geldmitteln fuer die Beduerfnisse der Verteidlgungsbemuehungen in Indochina. Dieser Faktor und andere haben dem eirifaohen franzoesischen Arbeiter ein geruhsames Leben vorenthalten.
Vielleicht sind die sozialen und politischen üebel noch
entscheidender, die heute die franzoesische Gesellschaftsordnung daran hindern, so zu funktionieren, wie es am zweokmaessigsten waere. Franzoesische Geschaeftsleute erkennen
jene Grundregeln nicht an, wie zun Beispiel den freien Wettbewerb oder die Verantwortlichkeit des Staatsbuergers gegenueber dem Ganzen, die es erst ermoeglichen, dass auch das
kapitalistische System sich den gemeinsamen Bestrebungen
der Demokratien anpassen kann. Die politischen Ueberzeugungen des Franzosen, die eng, fest und genau sind, bringen es
mit sich, dass es viele Parteien gibt, die jedooh zu wenig
gemeinsame Grundgedanken aufweisen. Viel zu viel Franzosen
wollen sich die Wertschaetzung als Staatsbuerger der Mittelklasse dadurch erwerben, indem sie ein Einzelhandelsunternehmen
aufmaohen oder ein Cafe eroeffnen - hier produzieren sie praktisch ueberhaupt oder fast ueberhaupt nichts fuer die Gesamtwirtschaft, beziehen aber doch von ihr ein Einkommen.- Aus
all diesen Gruenden sieht sich der franzoesische Durchschnittsarbeiter einem bestaendigen Kampf mit dem Nahrungsmittel- und
Kleidungsbedarf seiner Familie gegenübergestellt. Er sieht
aber auch zugleich viele Beispiele eines luxurioesen Lebens,
das in scharfem Gegensatz zu seinem eigenen Schicksal steht.
Er weiss auchwaiterhin, dass dieser Luxus in erster Linie jenen Gruppen zugute kommt, die sich waehrend der franzoesischen
Niederlage zu Anfang des zweiten Weltkriegs ueberall als Raffkes demaskierten und spaeter mit der Vichy-Regierung und den
deutschen Besatzungsbehoerden zusammenarbeiteten und auch hier
lediglich fuer ihren Profit sorgten, heute jedoch trotz aller
Massnahmen laengst wieder ihre alten wirtschaftlichen und politischen Vorrechte und Stellungen wiedergewonnen haben.
Diese Verhaeltnisse schaffen eine Welle der Unzufriedenheit, die die franzoesischen Kommunisten sehr geschickt fuer
ihre eigenen Absichten auszunutzen verstehen. Zu ihrer ausgezeichneten Kaderorganisation und ihrer vom Kreml her finanzierten Propaganda tritt noch der Ruf hinzu, den sich die
kommunistischen Fuehrer der Widerstandsbewegung waehrend des
zweiten Weltkriegs erwerben konnten, ebenso die energischen
Anstrengungen, die von ihnen unternommen wurden, um die Leitung
aller Arten Arbeiter- und Intellektuellenorganisationen zu
- 12 -

�uebernehmen. Es kommt hinzu, dass der Franzose seit jeher
radikal und revolutionaer ist, sodass auch hier die Kommunisten es verhaeltnismaessig leicht hatten, den franzoesischen
Arbeiter daraufhin anzusprechen und zu umwerben. Alle diese
Tatsachen bilden den Schluessel dafuer, dass fuenf Millionen
Franzosen die kommunistischen Listen waehlen, um zu protestieren und dass die Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft
im kommunistisch beherrschten CGT (Congr&amp;s Generale du Trauail Allgemeiner Arbeiterkongress) zu finden ist. Dadurch kompliziert sich das soziale, wirtschaftliche und politische Leben
noch staerker und erschwert alle Bemuehungen, die Bedingungen,
die fuer die Verzoegerung der wirtschaftlichen und sozialen
Wiedergesundung verantwortlich sind, auf einen besseren Stand
zu bringen. Das Endergebnis ist ein staendiger Krisenzustand,
bei dem der Lebensstandard immer in der Gefahr schwebt, nooh
weiter herunterzugehen und Frankreich entweder in die Haende
der Stalinisten oder in die der totalitaeren Maechte auf der
rechten Seite zu schleudern. Steigerungen der Produktivitaet
jedoch, einmal in dem weiteren Sinne einer weitreichenderen
Wirksamkeit der Wirtschaft als auch in dem Sinn der hoeheren
arbeitsstuendlichen Leistung des Industriearbeiter, bieten
augenfaellige und verwirklichbare Wege, das Volkseinkommen
zu erhoehen und einen Lebensstandard zu erreichen, der ein
Minimum an politischer Stabilitaet zu schaffen vermag und
zugleich die Gelegenheit, die Energien aller Franzosen fuer
die grundlegenden Loesungen ihrer Probleme zu sammeln.
Eine Betonung der Produktivitaet sollte unter solchen
ümstaenden als eine natuerliohe Entwicklung angesehen werden,
aber man darf die Tatsache nicht uebersehen, dass die wichtigsten Kraefte des Landes eher eine stabilisierte als eine sich
ausdehnende Wirtschaft erwarten. Eine Unmasse an Energie
ist aufgewendet worden, um den bestehenden Reichtum aufzuteilen und so blieb infolgedessen kaum der Gedanke an eine Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis. Die Investitionen wurden zumeist mit oeffentlichen Mitteln in den verstaatlichten
Industrien durchgefuehrt, waehrend Privatsparmittel meist
ins Ausland gelenkt wurden, weil man kein Vertrauen in die
Zukunft der franzoesischen Wirtschaft hatte. Die industrielle
Wirtschaft wer und ist in Kartellen und Verkaufsvereinigungen
hervorragend durchorganisiert, wodurch der Wettbewerb vermindert wird und restriktive Tendenzen zu Tage treten, bei denen
der Profit auf Grund der durchgefuehrten Geschaefte in bester
Weise zur Verteilung kommt, er aber nicht vermehrt wird. Die
Vorstellung, hoehere Loehne zu zahlen, um Massenmaerkte schaffen zu koennen, wurde ueberhaupt nicht in Erwaegung gezogen.
Die Mehrzahl der Arbeiter folgte andererseits marxistisch
denkenden Fuehrern und glaubte damit eher an eine revolutionaere Neuorganisierung der Gesellschaft als an die Hoffnung, soziale Gerechtigkeit zu finden oder ein annehmbares Leben im
Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung fuehren zu
koennen. Unter diesen ümstaenden muss eine hoehere Produktion
lediglioh zu noch hoeheren Profiten der Unternehmer und der
Manager fuehren. Die Minderheit der katholischen Gewerkschaften hat aehnliohe Plaene fuer eine grundsaetzliche Reform ausgearbeitet, weil sie gegen einen echten Wettbewerb ein tiefes
Misstrauen hat. Die Gewerkschaften konzentrierten sioh bei
ihrer Arbeit auf politische Ziele und entwickelten niemals
eine genuegende Staerke, um hoehere Loehne zu erkaempfen und
die menschliohe Arbeit zu einer kostspieligen Angelegenheit zu
maohen. Politische Parteien und aufeinanderfolgende Regierungen
- 13

\

�spiegeln diesen Standpunkt wider und ueben keinen Druck auf
die Steigerung des industriellen Wirkungsgrades aus. Die
Kraefte, die fuer die wachsende Produktion der bereinigten
Staaten verantwortlich sind, waren dadurch, dass sie sozusagen nicht vorhanden waren, geradezu auffallend.
Ein derartiger Druck existiert noch immer nicht. Aber
es mehren sich die Zeichen, dass er zu Tage tritt, auch wenn
die geschilderten Bedingungen noch weithin wirksam sind. Die
nicht zu leugnende Notwendigkeit, einen Weg zu finden, der
aus dem Labyrinth des Dilemmas herausfuehrt, hat einen fruchtbaren Boden fuer die Notwendigkeit der Produktivitaet geschaffen. Eine derartige Situation wuerde bestimmt spontan die
franzoesischen Interessen in den Jahren nach dem Krieg angespornt haben. Die Hilfsquellen der ECA-Programme fuer Produktivitaet und technische Unterstuetzung haben die natuerliche
Entwicklung vervielfacht, sie sind heute auf einem Punkt angelangt, dass sie allgemeines Interesse finden und eine Diskussion entfachen, wie sie eben geschildert wurde. Einige
der Hindernisse der industriellen Wirksamkeit haben bereits
vieles von ihrer Staerke verloren, andere werden schon heftig
angegriffen. Der Kampf wird keineswegs leicht sein fuer jene,
die neue Wege beschreiten wollen. Die Fuehrer der kommunistischen Gewerkschaften, an Kartellsysteme gewohnte Unternehmer neben anderen reaktionaeren Gruppen verfuegen noch immer
ueber Machtpositionen, sie werden jeden Veraenderungen 'Widerstand entgegenbringen, die eine Situation betreffen, in der
die eine Seite leicht neue Anhaenger gewinnen und die andere
leioht Gewinne scheffeln kann. Jeder, der hier den Mut aufbringt, neue iVege fuer den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt zu entwerfen, muss Hilfe und Unterstuetzung finden,
wenn Frankreich der Demokratie erhalten bleiben soll. Es
sind bereits genuegend Schritte unternommen worden, damit
den Freunden des Fortschritts Ermunterungen gegeben werden
und ihnen die helfende Hand entgegengestreckt wird.
Die nachdrueckliche Beteiligung am ECA-Produktivltaetsprogramra war ein weiterer Schritt vorwaerts. Es folgte die
Erkenntnis eines Problems, das fuer Unternehmer, Gewerkschaften und Regierung von wechselseitigem Interesse war. Hunderte frenzoesischer Industrieller, Techniker und Arbeiter haben
gemeinsam die Vereinigten Staaten besucht, um hier die Faktoren zu studieren, die fuer die hohe Produktivitaet ihrer eigenen Industrien verantwortlich sind. Gewerkschaften, Unternehmerverbaende und die Ministerien arbeiten in der Produktivitaetskommission gemeinsam zusammen, um eine gestiegene Produktivitaet durchzusetzen. Das gleiche trifft fuer die Zusammenarbeit in der Verwaltung der Froduktivitaetszentrale zu, der
franzoesischen Vereinigung fuer erhoehte Produktivitaet. Die
Wichtigkeit dieser aktiven Arbeit wird durch die Reaktion der
Kommunisten augenscheinlich. Bencit Frachon, der Vorsitzende
der CGT, der von den Kommunisten beherrschten Allgemeinen Arbetervereinigung, fuehrte einen.scharfen Angriff"auf den Gesamtbegriff der Produktivitaet durch, als er seine wichtige
Rede auf dem Kongress dieser Gewerkschaft hielt. Die kommunistische Gewerksohaftspresse kritisiert unaufhoerlich die freien Gewerkschaften wegen ihrer Zusammenarbeit mit diesem Programm und mit den amerikanischen Gewerkscnaftern in der ECA,
die in ihrer Verwaltung taetig sind, als "servile Lakaien der
Wall-Street".
- 14 -

�Die Erfolge, die die Stalinisten fuerchten, werden durch
die Ergebnisse in einer Schuhfabrik beleuchtet, nachdem der
Unternehmer von einer Studienreise aus den Vereinigten Staaten
zurueckkehrte, die Fragen der Produktivitaet zum Thema hatte.
Naohdem die Arbeitsmethoden geaendert wurden, konnte eine
50#ige Steigerung der Leistung seiner Fabrik festgestellt werden, die es ihm erlaubte, die Loehne um £0% zu steigern und
die bisherigen Verkaufspreise zu halten, obwohl die Rohmaterial
kosten um 1556 bis 20% gestiegen waren. Von noch groesserer Bedeutung war vielleicht die Unterstuetzung, die er durch die
Regierung erhielt, als seine neue Arbeitsmethode eine ploetzliche Knappheit an umlaufendem Kapital mit sich brachte. Besondere Mittel zu niedrigem Zinsfuss wurden durch die Produktivitaetszentrale bereitgestellt, um. sehnliche fortschrittliche
Massnahmen anderer Unternehmer gleichfalls zu unterstuetz9n
und vor allem das Risiko des Zusammenbruchs zu vermeiden, weil
der Erfolg zu sohnell und zu ploetzlich kam.
Eine Vielzahl einzelner Unternehman wenden heute neue
Methoden an, um fortschrittliche Ergebnisse zu erzielen. Ein
anderer Schritt zu dem gleichen Ziel wird von der gesamten
Giessereiindustrie unternommen, die durch ihre Arbeitgebervereinigung eine intensive industrielle Leistungssteigerungsbemuehung begonnen hat. Hier werden Schulungskurse fuer Betriebsleiter, fuer die Meister und fuer die Arbeiter eingerichtet, wobei franzoesische und amerikanische Fachingenieure
beratend zur Seite stehen. Zehn Firmen haben an der ersten
Serie dieser Massnahmen sich beteiligt, viele andere werden
folgen. Die freien Gewerkschaften setzen sich nachdruecklich
fuer diese Massnahmen ein, dies hatte zur Folge, dass die
beteiligten Unternehmen zu der Ueberzeugung kamen, dass es
absolut notwendig ist, dem Arbeiter und dem Verbraucher einen
gleichwertigen Anteil an den Ertraegen der hoeheren Produktivitaet zu gewaehren. Die organisierten Unternehmer scheinen
zu fuehlen, dass sie hinter dem Interesse der Oeffentlichkeit
an der Produktivitaet zurueckgeblieben sind, es hat noch vor
kurzem eine ganze Anzahl Bestaetigungen dafuer gegeben, die
auf fruehere Vorteile hinwiesen und die bisherige Aufmerksamkeit verstaerkten, die diesem Frobleiu zuueil »vurde.
Waehrend die Mehrzahl der organisierten Arbeiter noch
immer den Funktionaeren der kommunistischen Gewerkschaften Gehoer schenkt, die alle Produktivitaetsmassnahmen als eine von
den Amerikanern inspirierte "Beschleunigung" verdammen, haben
die entschlossen kaemDfenden freien Gewerkschaften (die katholische CFTC, die CGT-FO und die CGG, der Verband der I'eister,
Ingenieure und Techniker) ihre Teilnahme zugesagt, sie arbeiten mit den verschiedenen Produktivitaetsausschuessen zusammen
und erklaeren sich mit Aenderungen einverstanden, wenn sie
ueberzeugt sind, dass die Arbeiterschaft an dem Ertrag der
gesteigerten Produktion beteiligt wird. Diese Organisationen
wurden zu den soaerksten Stuetzen der ECA in ihrem Feldzug
fuer die Weckung des Interesses fuer neue Methoden der industriellen Leistungssteigerung. Sie haben gesehen, dass ihre
Lohnsteigerungen seit dem Kriege durch die Treissteigerungen
mehr als wiederausgeglichen wurden und realisieren jetzt die
'"oeglichkeit, dies dadurch zu vermeiden, dass kuenftig hoehere
Loehne sich durch eine hoehere Produktion ergeben. Die drei
Gewerkschaften arbeiten bei diesen Bemuehungen eng zusammen,
sie haben ein gsmeinsames Forschungsbuero gegruendet, das den
Verbesserungen der Produktivitaet und ihren Methoden besondere
- 15

�Aufmerksamkeit widmet und vor allem das Wissen um die ingenieurmaessigen Zusammenhaenge fuer die Gewerkschaften zur
Verfuegung stellt, damit fuer die Arbeiterschaft ein gleichwertiger Anteil an den erzielten Mehrertraegen gesichert
werden kann»
Die ECA ist jetzt*dabei, ein neues Produktlonshilfsprogramm zu entwickeln, dessen Bestimmung es ist, den Lebensstandard und hierbei besonders den des Arbeiters zu erhoehen, indem Produktivitaetssteigerungsmassnahmen in bestimmten Werken
durchgefuehrt werden, wo eine gerechte Verteilung der Gewinne
aus der erhoehten Produktion sichergestellt ist. Die nichtkommunistischen Gewerkschaften haben diesem Programm ihre
volle Unterstuetzung zugesagt, sie haben die ersten Ankündigungen in breiten Zuegen kommentiert. Die franzoesische Presse
hat'sich im grossen ganzen gleichfalls fuer den Plan ausgesprochen, die einzigen bedeutsameren Kritiken kommen von der nationalistischen Rechten und der stalinistischen Linken. Viele
Unternehmer schrieben an die ECA-Mission in Paris, um hier
Einzelheiten ueber die Vorschlaege zu hoeren, als diese in
den Tageszeitungen und der Gewerkschaftspresse angekuendigt
wurden.
Das neue ECA Programm kann damit auf eine betraeohtliche
Unterstuetzung durch die breite Oeffentlichkeit rechnen. Dafuer sprechen bereits sehr viele Anzeichen. Vier Punkte erscheinen hierbei besonders ermutigend:
1.) Mehrere politische Parteien setzten sich fuer gesteigerte Produktivitaetsbemuehungen ein und erklaerten diese
Anstrengungen als Teil ihres eigenen Programms, was bereits
bei den letzten Wahlen zum Ausdruck kam. Eine der staerksten
Bestaetigungen erfuhr das Programm durch die MRP, die in
der neuen Koalitionsregierung vertreten ist;
2.) ein radikal-sozialistischer Deputierter, Ren€ Mayer,
hat besonderen Nachdruck auf die Loesungen einiger franzoesischer Probleme, die mit der erhoehten Produktivitaet zusammenhaengen, bei seinem erfolglosen Versuch gelegt, von der Kammer
als Ministerpraesident bestaetigt zu werden. Mayer bekleidet
jetzt einen Schluesselposten als Finanz- und Wirtschaftsminister in der neuen Regierung;
3.) die MRP hat der Kammer einen Gesetzesvorschlag unterbreitet, durch den fuer solche Unternehmen eine niedrigere
Sondersteuer und Verkaufssteuerzugestaendnisse festgelegt werden, die mit den Gewerkschaften Tarifvertraege abgeschlossen
haben, die eine Beteiligung der Arbeiter an den Ertraegen der
durch technische Umstellungen erzielten Produktivitaet vorsehen;
4.) ein betraechtliches Hindernis fuer bessere wirtschaftliche Moeglichkeiten kann beseitigt werden, wenn es dem
neuen Ministerpraesidenten Rene" Pleven gelingt, seine bekannte
Absicht zu verwirklichen und eine Gesetzgebung durchfuehrt, die
sich gegen die restriktive Praxis der Wirtschaftsorganisationen
wendet und zugleich andere Widerstaende gegen einen freien
Wettbewerb beseitigt.
Es ist moeglich, dass jeder dieser Vorschlaege nur eine
Idee bleibt und nicht verwirklicht wird. Aber von Frankreich
her gesehen bedeuten diese Prinzipien ermutigende Zeichen fuer
einen Willen, der mit neuen Mitteln eine Loesung fuer alte
Probleme sucht.
Labor and Nation 51/6
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�International«

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der lakalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohes Kommission für Deutochland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 49

Frankfurt, 7. Dezember 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Seeleute gegen Stalin wegen der Verteidigungslasten

1

Taft-Hartley-Qesetz foerdert nicht industriellen Frieden. 3
Probleme der landwirtschaftlichen Produktivitaet
Frankreichs

4

Tagung des Exekutivaussohusses des IBFG
Gleicher Lohn fuer gleiche Arbelt
Heath zum neuen Leiter der ECA-Abteilung fuer Arbeitsfragen ernannt

* .IE
13
15

SEELEUTE! GEGEN STALIN WEGEN DER VERTEIDIGUNGSLASTEN
Christoph Columbus brauchte zwei Monate, um den Atlantik
zu durchqueren, als er auf seiner Reise war, die zur Entdekkung Amerikas fuehrte. Heute benoetigt ein Flugzeug weniger
als 15 Stunden, um die gleiohe Reise zu machen. Raum und
Zeit sind unter der Wirkung der modernen Wissenschaften zusammengeschrumpft. Heute sind Europa und Asien die Pforten
Amerikas.
Als Philipp Murray, der Vorsitzende des CIO, auf dem
8. Kongress der Gewerkschaft der Binnenschiffahrt sprach, bemerkte er, dass Raum und Zeit heute ihren Begriff voellig veraendert haben. Heute liegt tatsaechlich durch die Verbesserung der Verbindungswege und der Transportmittel Europa und
Asien vor der Pforte Amerikas. Die Welt ist heute durch ein
Netz von Verbindungswegen miteinander verknuepft, wie es zuvor nie der Fall gewesen ist. Es ist also nioht erstaunlich,
- 1 -

�dass die Delegierten dieser Seeleutegewerkschaft sehr viel
Zeit den Problemen der Aussenpolitik widmen.
Aus diesem Grunde ist eine Resolution ueber die Aussenpolit"lk von dieser Gewerkschaft in New York angenommen worden,
die ein bedeutsames Dokument ist.
2s deckt die Hintergruende der gegenwaertigen Weltkrisis
auf, ist aber keineswegs irgendeine beliebige Erklaerung, die
in der ueblichen wortreichen Form der diplomatischen Sprache
gehalten ist. Sie spricht von dem, Kreuzweg der amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung und sie spricht aus dem Herzen.
Die Resolution der Binnenschiffahrtsgewerkschaft macht
die Politik des internationalen Stalinismus fuer die gegenwaertigen Spannungen verantwortlich und erklaert:
"Sechs Jahre 3ind vergangen, seitdem die bewaffneten
Streitkraefte und die Kriegsmaschinerie des vereinigten nazifaschistischen und japanischen Imperialismus vernichtet wurden. Aber trotzdem gibt es heute noch keinen Frieden. An
seine Stelle sind staendige Konflikte getreten, ebenso die
Drohung bewaffneter Konflikte. In Korea gibt es sogar einen
richtiggehenden Krieg, der sich jetzt bereits, auf das zweite
Jahr erstreckt. In zahlreichen und weiten Gebieten der Welt
wird der Friede systematisch untergraben. Die Sicherheit der
Voelker ist durch offene Aggressionen oder durch Machenschaften der 5. Kolonne bedroht. In einem Land nach dem anderen
ist die Demokratie entweder zerstoert worden oder sie ist
gezwungen, ihr Leben zu verteidigen. Einzig und allein die
kommunistische Diktatur in Sowjetrussland traegt fuer diesen
tragischen und verhaengnisvollen Stand der Verhaeltnisse in
der ganzen Welt die Schuld, nur sie ist dafuer verantwortlich
zu machen.
Die Gewerkschaft fuer Binnenschiffahrt klagt dann in
ihrer Resolution Stalin an, die Ziele und Methoden Hitlers
uebernommen zu haben. Die Resolution erklaert, dass der Kreml
jeden Vorschlag, der die Abruestung oder eine wirksame internationale Kontrolle der Atomwaffen vorsieht, blockiert hat.
Sie zitiert die Grausamkeiten, die von der UdSSR und ihrer
5. Kolonne begangen wurden. Die SeeleUtegewerkschaft zollt
dann dem Heldentum der Streitkraefte der Vereinten Nationen
ihren Beifall, die die Kommunisten in Korea zurueckgedraengt
haben. Sie erklaert, dass die Opfer, die die tapferen Soldaten gebracht haben, nicht umsonst gewesen sein duerfen. Es
heisst dann wörtlich weiter:
"Das europaeische Wiederaüfbauprogramm, das im Rahmen
des LIarshall-Plans entwickelt wurde - es hat die fruehere Truman-Doktrin erweitert, dem Kommunismus dadurch Einhalt zu gebieten, indem die Demokratie und die Sicherheit ueberall unterstuetzt werden - ist verfeinert und stark ausgedehnt worden
und hat bereits ausserordentlich viel zur Staerkung der freien
Voelker Europas beigetragen.
"Das europaeische Wiederaufbauprogramm erweist sich heute
als ein einzigartig _, Beispiel fuer eine wohlgesinnte und
ohne jede Voraussetzung gegebene grosszuegige Hilfsaktion
einer Nation, die der Welt in einem Zustand dringender Not
hilft. Der CIO und die uebrige freie amerikanische Gewerkschaftsbewegung haben allen Grund, auf ihre schoepferische
- 2 -

�Rolle in der Entwicklung und der Verwirklichung dieses Programms stolz zu sein.
"Es gibt nichts geheimnisvolles oder zersetzendes bei
den umfangreichen Wiederaufbaumassnahmen, die durch die Aktion
des Marshall-Plans moeglich wurden. Wir blicken auf die Gewerkschaftsbewegung und andere wirklich demokratische Kraefte
der Nationen, die diese Unterstuetzungen erhielten, wobei wir
Wert darauf legen, dass diese Hilfsmassnahmen sich zu Gunsten
einer stabileren wirtschaftlichen Lage und eines verbesserten
Lebensstandards fuer die Buerger dieser Laender auswirken dadurch erst erfuellen wir die Ziele unserer eigenen Kation,
die Freiheit und Demokratie ueberall zu fcerdern wuenscht.
"Die Binnenschiffahrtsgewerkschaft erklaert, dass die
Drohung des Kremls gegenueber der demokratischen Zivilisation
nur durch bewaffnete Staerke aufgehalten werden kann. Infolgedessen ist die Verteidigungsruestung den uebriggebliebenen
freien Nationen regelrecht aufgezwungen worden. Die CIO-Gewerksohaften setzen sich fuer den Nordatlantik-Pakt ein und
begruessen ihn. Sie werden dafuer sorgen, dass die amerikanische Arbeiterschaft ihren vollen Anteil an der gemeinsamen
Verantwortlichkeit uebernimmt. Sie warnt zugleich davor, dass
durch einen Kurswechsel der Taktik des Kremls die freie Welt
vor gewissen Schritten zurueckgeschreckt wird, die durch den
bisherigen Lauf der Din&amp;e gewaehlt werden mussten. Sie verdammt die kommunistische Propaganda, einen Hass des Krieges
dadurch erreiohen zu wollen, indem man von einem einseitigen
scheinbaren Friedensmanoever oder von einem zweitrangigen
"friedlichen Nebeneinander" spricht. Dies beweist lediglich,
dass das russisohe Volk ebensosehr das Opfer der kommunistischen Aggression geworden ist wie die uebrige Welt."
Die Resolution, die auf dem Kongress der Binnenschiffahrtsgewerkschaft einmuetig angenommen wurde, beendet ihre Feststellungen mit den Worten:
"Wir unterstuetzen die Anstrengungen unserer Regierung
und der Vereinten Nationen, um das Punkt-Viar-Programm wirksam durchzufuehren, die Fortsetzung der Verteidigungsruestungen gegen die sowjetischen Aggressionen und die Verankerung
eines Programmes auf breiter Basis zur Verbesserung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhaeltnisse. Wir fordern dies in dem Bewusstsein, dass jede Verteidigung ohnewirtschaftliche Sicherheit und politische Freiheit unzureichend
ist. Wir fordern die Regierung auf, sich dafuer einzusetzen,dasa
diese sehr schwierigen Aufgaben geloest werden, wobei die
Versicherung abgegeben wird, dass die Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten die Entschlossenheit, die Kuehnheit, den Mut
und den Glauben an demokratische Ideale haben, durch die
eines Tages der Erfolg erreicht wird."
Program Services Section
Labor Special Nr. 186
TAFT-HARTLEY-GESETZ FOERDERT NICHT INDUSTRIELLEN FRIEDEN
Ein fuehrender Experte der amerikanischen Regierung erklaerte, "duroh das Taft-Hartley-Gesetz sind die Spannungen
in den industriellen Wechselbeziehungen nicht vermindert,

3

�sondern tatsaeonlioh haeufigere Ursachen zu Kontroversen gegeben."
Gustav Peck, ein Experte fuer Arbeitsfragen mit langjaehriger Erfahrung, der in der Kongresgbibllothek taetig ist,
sagte vor dem Unteraussohuss des Senats fuer Arbeitsfragen,
die Zahl der Streiks sei seit 1947 zurueokgegangen, "was auf
eine Vielzahl von Paktoren, aber am wenisten auf das TaftHartley-Gesetz zurueckzufuehren sei."
"Wenn das Taft-Hartley-Gesetz auch viele Praktiken des
Tarifverhandlungswesens festgelegt und zahlreiche Probleme
in Verbindung mit TarifVertragsbestimmungen geloest hat, so
hat es doch anscheinend nicht die Spannungen in den industriellen Wechselbeziehungen vermindert oder eine glattere Beilegung der Probleme erwirkt, die Gegenstand der Verhandlungen zwisohen Gewerkschaften und Unternehmern bilden." Peck
brachte diese Auffassung in einem schriftlichen Sonderbericht
an den Unteraussohuss des Sonata zum Ausdruck.
"In Wirklichkeit kann man behaupten, dass die Abgeneigtheit einiger Gewerkschaften und Unternehmer, gewisse Bestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes zu akzeptieren, und die
Streitigkeiten, die sich in Zusammenhang mit der Bedeutung
und dem Zweok anderer Bestimmungen ergeben haben, die Ursachen zu Kontroversen vermehrt haben."
Peck berichtete, selbst gewerksohaftsfeindliche Volkswirtsohafter seien sich darueber einig, dass den Gewerkschaften die Erhoehung der Leistungsfaehigkeit der Industrie zu
verdanken ist, und dass "man sich praktisch allgemein darueber im Klaren sei, dass die Tarifverhandlungsform bestehen
bleiben muss." Streiks und Streikdrohungen wuerde es solange
geben wie es TarifVerhandlungen gibt, und gelegentliche oder
vereinzelte Arbeitsunterbrechungen seien einer Erhaltung
des "Friedens unter allen Umstaenden" vorzuziehen.
Pecks Bericht an den Unteraussohuss des Senats trug
den Titel "Faktoren des erfolgreichen Tari&amp;erhandlungswesens".
Der Vorsitzende des Ausschusses,Hubert H. Humphrey (Demokrat,
Minnesota), unterbreitete diesen Bericht dem Kongress mit
dem Bemerken, es handele sich um eine "den Tatsachen entsprechende Studie, deren Feststellungen natuerlich weder fuer
den Unteraussohuss noch fuer irgendeinen Senator verpflichtend
sein sollen."
Daily News Service
. XI/28/51
Henri Brousse:
PROBLEME DER LANDWIRTSCHAFTLICHEN PRODUKTIVITAET FRANKREICHS
Man hat bereits sehr viel ueber die Vorteile eines Ansteigens der Produktivitaet in der landwirtschaftlichen Produktion berichtet. Wenn man die gleiche Zahl an Produktion
mit weniger Arbeits:, «unden einbringen kann, so lassen sich
dadurch die Kosten der Produktion herabsetzen, d.h. also,
die Entlohnungsmoeglichkeit der menschlichen Arbeit waechst
und' demzufolge auch der Wohlstand in der Landwirtschaft.
Aber dies setzt voraus, dass die Preise, die beim Verkauf
erzielt werden, nicht von sich aus fuehlbar absinken,
- 4 -

�d.h., dass man nicht vor einem Markt mit Baisse-Tendenzen
stehen darf. Es waere unnuetz, die Landwirte zu ueberzeugen,
dass es notwendig ist, sich mit besseren Geraeten auszumästen, um sich auf eine bessere Rendite vorzubereiten, wenn
das Missverhaeltnis der Preise das Resultat ihrer Modernisierungsbestrebungen zunichte macht und die von ihnen getragenen Opfer, um sich mit besseren Maschinen zu versorgen, unnuetz blieben.
Das hier gestellte Problem laesst zwei Loesungen zu:
Entweder eine Erhoehung der Produktivitaet ohne eine Erhoehung
der Produktion, oder aber eine Erhoehung, die Produktivitaet
und Produktion gemeinsam umfasst, was jedoch voraussetzt, dass
neue Kanaele gefunden werden, um den Produktionsueberschuss
aufzusaugen, sei es durch erhoehten Verbrauch, sei es durch
Export.
Vor dem Jahr 1938 hatte Frankreich sich fuer die erste
Loesung entschieden. Vom Standpunkt des Produzenten landwirtschaftlicher Gueter aus gesehen kann man sagen, dass
Prankreich sozusagen unter einer Glasglocke lebte. Um die
Binnenpreise aufrecht zu erhalten, leitete man einen Teil
der Ernte ab, indem man sie destillierte oder fuer den menschlichen Gebrauch unverwendbar machte. Man konnte damals nicht
exportieren, weil die Produktionskosten wesentlich ueber den
Weltmarktpreisen lagen.
Um aus dieser Situation herauszukommen, mussten die Kosten der Produktion herabgesetzt werden, d.h. man musste
sioh besser ausruesten. Aber die Gewinnspanne war so gering wenn sie ueberhaupt vorhanden war - dass irgendwelche Neuanschaffungen, die eine Erhoehung der Produktivitaet gestattet
haetten, einfach nicht in Betracht gezogen werden konnten.
Man befand sich somit in einer Zwickmuehle, aus der
einfach kein Aufweg gefunden wurde. In dem Masse, wie die
Ertraege sich vergroesserten, verminderte sich die Ackerbauflaeohe. Waehrend es im Jahre.1892 noch 25 Millionen Hektar
Ackerland gab, waren es 1939 nur noch 20 Millionen, 1950 dagegen gerade noch 18,5 Millionen Hektar. Die ungenutzte
Flaeohe vergroesserte sich dementsprechend. Alles in allem
hat die Intensivierung der Kulturarbeiten auf gutem Boden
zur Folge gehabt, dass eine Abnahme mittelmaessigen Bodens
sioh durchsetzte, so dass dadurch ein ungefaehres Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage erzielt wurde.
Diese Situation eines theoretischen Gleichgewichtszustandes ist jedoch tatsaechlich aeusserst unbequem. Die
Veraenderlichkeit des Verbrauchs ist so gross, dass der geringste Ueberschuss sich in katastrophalen Baissen fuer den
Landwirt auswirkt, auf der anderen Seite aber die geringste
Mindererzeugung zu Preishaussen fuehrt, die jedoch wiederum
von Inflationen begleitet werden, die selbstverstaendlich
fuer die Gesamtwirtschaft schaedlich sind.
Eine Situation, die auf der einen Seite staendig die
Merkmale eines Defizits und einer Importnotwendigkeit und auf
der anderen Seite eine staendige Exportneigung aufweist,
soheint alles in allem ein geringeres Risiko mit sich zu
bringen, als ein unsicheres Gleichgewicht.
5 -

�Technisch gesehen ist es leicht, die franzoesiscne landwirtschaftliche Erzeugung um 50%, vielleicht sogar um 100$
zu erhoehen. Die Mittel dazu sind vorhanden. Erinnern wir
uns nur des franzoesischen Verbrauchs an Stickstoffduengemitteln, die, in Stickstoffeinheiten gerechnet, etwa 8,4 kg
pro Jahr und Hektar betragen, waehrend es in Belgien 40 kg
und in Holland 50 kg sind.
Das wirkliche Problem ist somit kein rein technisches.
Es handelt sich in erster Linie um ein Problem der Methodik.
Diese Methodik existiert selbstverstaendlich. . Die westeuropaeischen Laender, die unmittelbare Nachbarn Frankreichs
sind, haben - von Skandinavien abgesehen - eine sehr dichte
Bevoelkerung und ein unzureichendes Ackerland. Sie sind fast
durchweg Dßtizitlaender, wenn man den Masstab der Versorgung
mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen an sie legt. Sie koennen heute nicht mehr wie vor dem Kriege Lebensmittel aus
Ungarn, Rumaenien, Ostdeutschland und Polen importieren.
Sie muessen heute auf Importe aus ferner liegenden Laendern
zurueckgreifen und diese in harterttaehrungbezahlen, was
sie uebrigens ohne die Marshallplanh4,lfe nicht tun koennten.
Die franzoesischen landwirtschaftlichen Erzeugnisse wuerden
uebrigens bei einem Import den Vorteil bieten, dass zumindest die Transportkosten weit geringer sind.
Die Verteidigung des Friedens bringt eine wachsende Nachfrage nach ügrarerzeugnissen mit sich. Nicht allein, dass
das Ivlilitaer einen hoeheren Verbrauch hat als Zivilpersonen vor allem an Fleisch - es muessen darueber hinaus fuer die
Armee Reservelagor angelegt werden. Die Verteidigungsbemuehungen sind bereits auf den Nahrungsmittelfcedarf der Vereinigten Staaten angewachsen und habea dadurch die Exportmoeglichkeiten der typischen Ueberschusslaender vermindert. Die verfuegbaren agrarischen Exportgueter in Argentinien und Australien sind heute begrenzt durch die ^.rhoehung des inlaendischen
Verbrauchs. Der wachsende Importbedarf Indiens konkurriert
ebenfalls mit den Laendern Westeuropas.
Frankreich ist aber durchaus in der Lage, eine Hauptrolle
als Ausgleichsfaktor fuer die Nahrungsm ittelversorgunp; Europas
zu spielen. Man muss aber die jetzige Methodik der Angebote
der franzoesischen Landwirtschaft in eino wirkliche Methodik
ueberfuehren, um die Landwirte von der Notwendigkeit der Mehrproduktion zu ueberzeugen und ihnen zugleich die Zuversicht zu
geben, dass sie bessere Erloese erzielen: nur des haelt sie
von der Zoegerung zurueck, notwendige Investitionen durchzufuehren. Besser waere es natuerlich, den glatt.en Absatz ihrer
Erzeugung zu garantieren.
Die Laender Westeuropas sind mehr oder minder durch den
Krieg zugrundegerichtet, wobei es sich in erster Linie vor
allem um Westdeutschland und Italien handelt.. Aber sie koennen ihre Lebensmittelimporte bezahlen, sie muessen es sogar,
sei es, dass sie einen Teil ihrer 1/Iarshallplanhilfe dabei
opfern, die eigentlich dem Wiederaufbau der deutschen Industrie zugute kommen sollte und die sie deshalb nicht im vorgesehenen Kasse durchfuehren koennen, sei es, dass sie ihre
Nahrungsmittelimporte dadurch bezahlen, indem sie Industriegüter exportieren. Die franzoesische Industrie kann dieser
Konkurrenz auf dem franzoesischen Binnenmarkt begegnen, wobei
sie im Gegensatz zur allgemeinen Meinung an einem Tiefstand der
- 6-

�Preise fuer Agrarerzeugnisse deshalb interessiert ist, weil
eine Erhoehung der Kaufkraft des Arbeiters dadurch ermoeglicht wird, dass also Lohnerhoehungen zu einem erheblichen
Teil verhindert werden.
Die franzoesischen Landwirte haben damit die Wahl zwischen einer Politik der Steigerung ihrer Produktion und
einer Politik, die auf das Risiko der NichtUnterbringung
eines Teils der Ernte Ruecksicht nimmt.
Vom Standpunkt der Industrie laesst sich hierauf manches antworten. Hierzu gehoert vor allem die Feststellung,
dass die franzoesische Landwirtschaft durchaus exportfaehig
sein koennte. Dadurch gaebe es gesteigerte Moeglichkeiten,
franzoesische Industriepordukte zu kaufen. Unter Beruecksichtigung der Verteidigungsruestungen, die jetzt in Europa
durchgefuehrt werden muessen, scheint es der Industrie jedoch
nicht an Auftraegen zu mangeln. Wenn die Agrarproduktion
gesteigert werden kann, so wuerde Frankreich in der Lage
sein, die Lieferung solcher Produkte sich zu sichern, die
heute seiner Industrie fehlen, und dadurch eine Reihe wesentlicher Engpaesse beseitigen, wie sie z.B. beim Huettenkoks bestehen. Schliesslich muss darauf hingewiesen werden,
dass der Devisenausgleich nicht notwendigerweise immer nur
zwischen zwei Laendern zu erfolgen hat, sondern dass dieser
Austausch sich auf drei oder vier Laender erstrecken koennte,
die gleichfalls an Frankreich liefern oder von Frankreich
beziehen. Durch diesen multilateralen Ausgleich waere es
moeglich, solche Gueter zu importieren, an denen Frankreich
heute Mangel hat, wie z.B. Leinen, Holzschliff, Zellulose,
anstatt Fertigprodukte einzufuehren.
Um jedoch sich eine staendige Auslandskundschaft zu
schaffen und um diese sich zu erhalten, muss man selbstverstaendlich immer auf dem Markt Angebote angeben. Man kann
sich keine Kunden sohhffen, wenn man lediglich einen sich
vielleicht ergebenden Ernteueberschuss erhofft; wobei der
Binnenmarkt jedoch stets in gleicher Hoehe beliefert werden
soll. Darueberhinaus ist jedoch das Problem der Qualitaetskontrolle von besonderer Wichtigkeit. Wenn man diesen
Iv'oeglichkeiter: sich nicht verschliessen will, so muss man
selbstverstaendlich erstklassige Gueter exportieren.
In den freien Laendern, d.h. in jenen, die nicht einer
totalen Lenkung unterworfen sind, kann man nicht verlangen,,
dass die Landwirtschaft sich in Dichtung einer Erhoehung der
Produktion bewegt, damit der Ueberschuss exportiert werden
kann, wenn hierbei keine Gewinne moeglich sind. Man sollte
hierbei jedoch auch daran denken, dass England z.B. fuer
zwei Jahre im voraus zu festen Preisen abgeschlossen hat.
Es konnte dies tun, denn es verfuegt ueber eine verhaeltnismaessig stabile Waehrung, und der Absatz auf dem Binnenmarkt
ist immer ein absolut sicherer. In Frankreich ist das Proolem
nicht das gleiche. Die Regierung kann in dieser Richtung
nichts unternehmen. Es gibt keine Preisgarantie, die wirksam
genug ist, wenn sie nicht von einer Abnanmegerantie begleitet
ist, und es kann keine solche Abnahmegarantie geben, solange
man nicht mit anderen europaeischen Maerkten in Verbindung
steht. Um dies zu erreichen, muessen die Produktionskosten
heruntergeschraubt werden, d.h. also, die Produktivitaet muss
erhoeht werden.
- 7 -

�Seit einiger Zeit sind die Preise faer Industrieerzeugnisse sehr viel schneller angestiegen, als die Preise fuer
landwirtschaftliche Produkte. Wenn man fuer 1949 als Preisbasis 100 setzt, so zeigt der-Index fuer Indüstriegueter bereits fuer Mai 1951 einen Stand von 164, waehrend der Index
fuer Agrarerzeugnisse erst auf 123 gestiegen ist. Die Landwirte muessen daher einen sehr viel groesseren Anteil an
Agrarerzeugnissen liefern, um die unentbehrlichsten Indüstriegueter zu kaufen, seien es Kunstduenger, Masohinen, Geraete
oder Wagen. Hieraus geht bereits hervor, wie ausserordentlich
schwer Investierungen zu Gunsten einer Steigerung der Agrarproduktion heute sind.
Prankreich kommt bei seiner landwirtschaftlichen Exportpolitik in Bezug auf Grundnahrungsmittel, wie Getreide, Fleisch
und Molkereiprodukte in Wettbewerb mit den grossen Farmen
Nord- und den Haziendas Suedamerikas, die zwar auf extensiver
Basis arbeiten, aber trotzdem in preislicher Hinsicht mit
der Intensiven Agrarwirtsohaft Nordamerikas konkurrieren koennen. Zu gleicher Zeit gibt es dort ein verhaeltnismaessig
hohes Niveau des Lebensstandards, d.h. die dortigen Verhaeltnisse stehen in starkem Gegensatz zu den Bedingungen der
franzoesischen Landwirtschaft. Es gibt jedoch fuer Frankreich
keine andere Loesung als ein Heraufschrauben der Produktivitaet.
Man muss endllfh aus dem Stadium der Selbstgenuegsamkeit herauskommen und zu einem halb-industriellen Wirtschaftssystem gelangen, wobei - selbst wenn man die bisherige Arbeitweise
der franzoesischen Agrarwirtsohaft beibehalten will - man
doch zu einer grundlegenden Aenderung der Strukturverhaeltnisse gezwungen ist.
Bei einer Betrachtung der Situation wird man zuerst die
Zahl der landwirtschaftlichen Gueter herabsetzen muessen.
Hierbei sollen jedoch die besonderen Kulturen wij.Weine,
Fruechte, Baumschulen und Blumen ausser Betracht bleiben.
R. Dumont, ein agrarpolitischer Experte, ist der Meinung, dass
die Mannigfaltigkeit der klassischen Agrarkulturen abgeschafft
werden mues-fdie darauf beruht, saemtliche Nahrungs- und Futtermittel selbst zu produzieren. Es reicht vom Ertrag aus gesehen durchaus, wenn eine Familie ein Gebiet bearbeitet, das bis
zu 30 Hektar heruntergeht. Dieses Minimum ist in den Gebieten
des Gemueseanbaus restlos erreicht worden, wie z.B. in der
Champagne, die ausserordentlich geeignet ist fuer den Gemueseanbau. Dieses Minimum ist jedoch noch sehr weit entfernt von
dem zweckmaessigsten Durchschnittsmasse das erforderlich ist,
um hier moderne Geraete einzusetzen, wie sie beim Gemueseanbau
erforderlich sind, wenn dieser sich auf mehrere 100 Hektar erstreckt.
Frankreich kultiviert heute 134 Millionen Hektar, die jedoch alles in allem nicht mehr als eine Million Landwirtschaftsbetriebe bilden sollten. Heute zaehlt man jedoch noch immer
zwei Millionen. Die Abschaffung von einer Million landwirtschaftlicher Betriebe ist unter allen Umstaenden erforderlich.
Sie ist ebenso notwendig wie eine Verminderung der Handarbeit
in der Landwirtschaft. Nicht notwendig ist jedoch eine weitgehende Entvoelkerung der landwirtschaftlichen Betriebe, denn
ein Teil der Handarbeit kann in den kleineren Betrieben eingesetzt werden, um hier bestimmte Produkte zu gewinnen und um
gleichzeitig die Voraussetzungen zu schaffen, eine Qualitaetssteigerung zu erzielen, die fuer den Export unerlaesslich ist.
Hierzu gehoert die Einrichtung moderner Molkereien, von Kuehl- 8 -

�anlagen, Einrichtungen von Sohnellgefrierbetrieben und schliesslich von Konservenfabriken.
Weiter fordert die Umgestaltung der franzoesischen Landwirtschaft - schon um eine Arbeitslosigkeit zu vermeiden eine Wirtschaft der Expansion. Natuerlloh haengt diese Wirtschaft, wenn sie sich weiter ausdehnen soll, damit zusammen,
dass die Kaufkraft erhoeht werden muss, d.h. also eine Steigerung der Produktivitaet auf allen Gebieten, also sowohl in
der Industrie als auch im Gewerbe wie erst recht in der Landwirtschaft.
Das Anwachsen der Produktivitaet macht eine Aenderung
der landwirtschaftlichen Struktur erforderlich. Die Abschaffung der alten innergebietliohen Zollschranken und vor allem
die Entwicklung der Transportmittel haben die Landkarten der
Kulturen stark veraendert. Wenn man jedoch in internationalem
Rahmen produzieren will, dann muss die franzoesische Landwirtschaft die Produktion so entwickeln, dass es aus seiner klimatischen Lage groessere Vorteile zieht und alle jene Anbauerzeugnisse fallen laesst, die die Voraussetzungen nicht erfuellen. Eine gesteigerte Produktivitaet erfordert somit eine
Spezialisierung.
Die landwirtschaftliche Produktion hat sich bisher im
grossen und ganzen - wenn auch nicht Immer - nach den erzielbaren Preisen ausgerichtet. Diese Politik des Protektionismus
neigte zu sehr dazu, die jetzige landwirtschaftliehe Struktur
in die Zukunft zu retten und die so notwendige Reform zu
verzoegern. R. Dumont erklaert in diesem Zusammenhang: "Die
Methoden dieses Protektionismus trugen haeufiger zu einer kuenstliohen Beibehaltung der kleinen Bauernhoefe und damit zu einer
Steigerung des Verbrauchs bei und weniger zu einer Modernisierung der Ausruestung. Man konzentrierte sich vor allem auf
fruohtbare Gebiete, die durch ihren hoeheren Ertrag beguenstigt waren, waehrend die Investierung von Kapital vor allem
in aermeren Gegenden notwendig gewesen waere."
Durch andere protektionistische Massnahmen werden die
Kulturen reioher Anbaugebiete geschuetzt (Rueben, Wein, Most),
naemlich durch die Umwandlung unverkaeuflieher Ueberschuesse
in Alkohol, fuer die der Staat einen hohen Preis bezahlen
muss, die er jedooh nicht unter 60 # des Einkaufspreises absetzen kann. Die Milliarden, die auf diese Welse verausgabt
werden, sind in Wirklichkeit getarnte Subventionen zugunsten
solcher Kulturen, die kaum zwei Millionen Hektar von insgesamt
34 Millionen Hektar Anbauflaeche umfassen. Die sozialen und
politischen Ursachen, die diese Massnahmen erforderlich gemacht haben, behindern einen Fortschritt der Produktivitaet
und zwar nicht nur, weil die Vergeudung von Reichtuemern durch
Destillierung vom wirtschaftlichen Standpunkt aus unvernuenftig ist, sondern weil sie auch dazu beitragen, die Produktion
von alkoholliefernden landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu
erhalten.
Die Bodenflaeche, die fuer den Ruebenanbau geeignet ist,
ist sehr begrenzt, was fuer die betreffenden Landwirte ein
wirkliches Privileg bedeutet. Das wichtigste Argument, das
zugunsten der Erweiterung des Zuckerruebenanbaus angefuehrt
wird, ist, dass die intensive Bearbeitung des Bodens, die erforderlich ist, und die dank des Zucker- und Alkoholpreises
- 9 -

�gebuehrend belohn wird, eine wesentliche Steigerung des Ertrags bei solchen Kulturen zur Folge hat, die den Zuckerrueben in der Frucht folgen. Die Saeuberung des Bodens von Unkraut ist heute oh'ne wiederholtes Jaeten und Kacken durch
einfache Bestreuung mit chemischen Pulvern moeglich. Versuche haben gezeigt, dass Ytoizen, der unter gleichen Bedingungen
auf umgepfluegten Luzernfeldern angebaut wird, dieselbe Ertragsfaehigkeit hat wie auf Boeden, die vorher Zuckerrueben
trugen.
Die Unterstuetzung der Landwirtschaft muss sich hauptsaechlich auf 3oeden mittlerer Guete und auf gute Boeden,
die schlecht ausgenutzt sind, erstrecken.
Bei zu armen 3oeden sollte nur dann Geld investiert werden, wenn sie infolge eines Fehlers ertragsarm sind, der ohne
uebermaessige Ausgaben beseitigt werden kann. Auf diese Weise
ist das Gebiet der Limousin durch die Anwendung von Kalk in
ein verhaeltnismaessig wohlhabendes Landwirtschaftsgebiet umgewandelt worden. Auf jeden Fall muessen mittelmaessige Bodensorten so gut wie moeglich ausgenutzt werden.
Das Gleiche gilt fuer zu abschuessige Anbeuflaechen,
die hier und da noch gepflegt werden. R. Duxriont nennt an dieser Stelle die Landschaft der Br'iangonnais, wo zur Bearbeitung
eines Hektars noch tausend Arbeitsstunden notwendig sind.
Stark abschuessige Bodenflaechen muessen bewaldet oder als
Weideland benutzt werden.
Ausser den grossen Guetern im Soissonnais, die 200 bis
800 Hektar umfassen, weitgehend motorisiert und mit modernen
Maschinen gut ausgeruestet sind, und den Gebieten des Vivarais
oder den halbverlassenen weiten Flaechen der Causses, gibt
es in Frankreich viele Gegenden, wo der Ackerboden von mittlerer ^ualitaet und zuweilen sogar reich aber schlecht bearbeitet ist, wie z. B. das Tal der Garonne .
Im Bezirk Cavaillon hat sich seit 1880 eine rapide Vorwaertsentwicklung vollzogen, und an die Stelle des Spatens
ist der Traktor getreten. Man hat die alten Kulturen aufgegeben und sicn dem Anbau von Gemuese, Tomaten und Melonen
gewidmet. Die Mentalitaet des Bauern ist dort die eines Pioniers, der unaufhoerlich neue Moeglichkeiten ins Auge fässt;
im Gegensatz hierzu faellt der Suedwesten Frankreichs, der sich
nicht entwickelt hat, staendig mehr ab. Indem man die notwendigen Entwicklungen in rueckstaendigen Gebieten, die gute
natuerliche Bedingungen bieten (Boden und Klima), vorantreibt,
kann man die Produktivitaet in ungeheurem Masse steigern.
Moderne landwirtschaftliche Maschinen sind sehr teuer.
Eaeufig erfordern sie den Bau von Hallen zu ihrer Unterbringung. Aber abgesehen von diesen kostspieligen Investierungen
gibt es eine ganze Anzahl billigere Moeglichkeiten, von denen
man erwarten kann, dass sie entweder eine wesentliche Steigerung des Ertrags zustandebringen oder den Arbeitsaufwand verringern, d.h. also in beiden Faellen die Produktivitaet steigern.
Die Verwendung von gutem Saatgut erfordert keinerlei zusaetzliche Arbeit. In dieser Beziehung bleibt noch viel zu
tun uebrig. Der Anbau von Mais zur Gewinnung des Maiskorns
bringt in Frankreich einen durchschnittlichen Ertrag von 15
- 10 -

�Doppelzentnern. Dank der Verwendung von veredeltem HybridenSäatmais betraegt der Durchschnittsertrag im amerikanischen
Staate Jowa heute 40 Doppelzentner. Die erzielte Steigerung
des Ertrags betraegt mehr als 33 %.
In Frankreich werden natuerliche Weideflaechen häufig
sich selbst ueberlassen, nur selten und in ungenuegender Menge
wird Kunstduenger verwendet. Man koennte den Ertrag der Boeden durchschnittlicher Guete zumindest verdoppeln, wenn man
die englische Methode der "zeitweiligen Wiesen" anwenden wuerde.
Durch Kalkgaben koennte man den Prozentsatz solcher Graaser
erhoehen, die fleisch- und milchbildend sind. Diese "zeitweiligen Wiesen" werden etwa alle acht Jahre neu eingesaet, wobei
die Saatmischung fruehe Grassorten fuer den Fruehling und spaete
fuar den Herbst enthaelt, um auf diese Weise die V/achstuiusPeriode des Grases und damit die Zeit der Verwendungsfaehigkeit als
Weideflaeche zu verlaengern.
Man sieht noch heute in dem meisten franzoesischen landwirtschaftlichen Gebieten Kinder, die den ganzen Tag Vieh hueten, anstatt zur Schule zu gehen. DÜese Zeitverschwendung
koennte durch Anlegung von Weidezaeunen vermieden werden.
Diese Zaeune, durch die die Wiesen in kleinere Weideplaetze
eingeteilt werden, die sich staendig verschieben lassen, ermoeglichen es, dem Vieh Immer frisches und vitaminhaltiges
Gruenfutter zu bieten.
Die Konservierung des Heus geschieht unter Anwendung der
bekannten Methode des "Heumachens", die viele Arbeitskraefte
erfordert, und bei der das Gras nicht in zu gruenem Zustand
geschnitten werden darf. Das Heu, das zum Teil schon vertrocknet ist, ist schwerer zu verdauen und bildet bei der Verdauung
vor allem Zucker. Es eignet sich fuer Arbeitstiere, aber
nicht fuer Vieh, das Fleisch und Milch liefern coli. Es
braucht junges Gras, das reich ist an Eiweisstoffen. Es gibt
Heusilos, die fuer mittlere und selbst kleinere Bauernhoefe
gedacht sind, waehrend die Turmsilos, wie man sie in Amerika
kennt, den sehr grossen Guetern vorbehalten bleiben. Trotz
ihrer ungeheuren Vorteile (Produktivitaetserhoehung um mindestens ein Drittel) ist die Methode der Heukonservierung in
Silos, die allgemein angewendet werden sollte, abgesehen von
sehr fortschrittlichen Landwirtschaftsgebieten, noch nicht
sehr weit verbreitet.
Man kann es sich in Frankreich nicht leisten, die wichtigste Humusquelle, die zur Erhaltung" der Ertragsfaehigkeit des
Bodesn unentbehrlich ist, naemlich den natuerlichen Dung, verlorengehen zu lassen. Und doch wird dieser natuerliche Doflg
nur schlecht ausgenutzt infolge der Verluste in den Stallungen
und auf dem Dunghaufen, die durch das Entweichen von Ammoniak
im Sommer und durch die Auswaschung der Haufen durch Regen
entstehen. Der Bau von betonierten Dung- und Jauchegru/ben
stellt eine einmalige Geldauslage dar, die sich durch eine Steigerung des Ertrags um 20 bis 30 % bezahlt macht.
Das Verfahren der kuenstlichen Befruchtung findet immer
groessere Verbreitung und wird sich sehr bald durch einen gesteigerten Ertrag an Fleisch und Milch bemerkbar machen, weil
sie progressiv das Gros des Viehbestands auf das TÜveau der
ausgesuchten Zuchttiere bringt» Aber die rationelle Ernaehrung
des Viehbestandes bleibt noch dem groes^ten Teil der Viehzuechter unbekannt. Die Verschwendung wichtiger Futterstoffe,
11 -

�die- sich hieraus ergibt, ist unuebersehbar.
Kommen wir schliesslich zu dem Begriff der zeitlichen
und raeumlichen Einteilung der landwirtschaftlichen Arbeit,
durch die es moeglich ist, die infolge unguenstiger Witterung bisher nutzlose Zeit wirksam auszunutzen und Transportschwierigkeiten soweit wie moeglich zu beseitigen. Manchmal
kann ein einfacher Wanddurchbruch eine Ersparnis von Hunderten von Arbeitsstunden jaehrlich bedeuten. Die Befoerderung,
das Gehen und Kommen nehmen ueberall viel mehr Zeit in Anspruch
als die produktive Arbeit selbst. Diesen Zeitverlust zu reduzieren, hat sich das franzoesische"Institut fuer Wissenschaftliche Organisation der Landwirtschaftlichen Arbeit" (I.O.S.T.A.)
zur Aufgabe gemacht.
Dieser kurze Deberblick genuegt., um die Vielseitigkeit der
Gebiete zu zeigen, in denen die systematische Forschung nach
der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivitaet zur
Anwendung kommt, in denen aber die mit finanziellen Schwierigkeiten verbundenen Neuerungen nicht einmal beruecksichtigt
sind, wie sie etwa die Mechanisierung der Landwirtschaft darstellt. Man wird sich besser ein Bild von der Bedeutung einer
Reduzierung der Produktionskosten und der besseren Verteilung
der Lebensmittel machen koennen, wenn man ueberlegt, dass die
grosse Masse der Lohnempfaenger 50% ihres Einkommens fuer
den Kauf von Lebensmitteln verwendet., Wenn man diesen Prozentsatz auf 30% reduzieren koennte, wuerden die freigewordenen
20% der Bau- und Nahrungsmittelindustrie riesige Moeglichkeiten erschliessen, durch die wiederum neue Tueren geöffnet würden.
Der Modernisierung der Landwirtschaft und der fuer sie
arbeitenden Industrien haette in dem Monnet-Plan mehr Beachtung geschenkt werden muessen, denn hiervon ist zum grossen
Teil der Aufschwung der gesamten Wirtschaft Frankreichs abhaeng ig.
Die Moeglichkeiten zur Steigerung des Ertrags der landwirtschaftlichen Arbeit sind zahlreich und nicht immer kostspielig. Es handelt sich lediglich darum, sie der Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Die franzoesischen Bauern
und zumindest die juengeren sind in geringerem Masse Gewohnheitsmenschen, als man es sich vorstellt. Noetig ist jedoch,
dass man sich mit ihnen beschaeftigt und ihr Vertrauen gewinnt.
Die Behoerden, deren Aufgabe es ist, an die Allgemeinheit heranzutreten, sind in Frankreich jedoch unglaublich arm an Personal, die ihnen gewaehrten Kredite sind unbedeutend. Was vermoegen jedoch Studien und Forschungen auf dem Gebiete der
landwirtschaftlichen Produktivitaet, wenn ihre Verallgemeinerung nicht die Bruecke zum Praktischen schlaegt?
RAPPORTS
France-Etats Unis Xl/51
TAGUNG-DES EXEKUTIVAUSSCHUSSES DES IBFG
Auf dieser Tagung wurden mehr als eine Million neuer Mitglieder aus vier Kontinenten in den,IBFG aufgenommen, wodurch
sich die Gesamtmitgliederzahl auf annaehernd 55 Millionen erhoeht. Die groesste der neuen Mitgliedsorganisationen ist der
- 12 -

�Australische Gewerkschaftsbund mit 800.000 Beitragszahlern.
Als Vertreter des Gebietes Australien-Neuseeland im Exekutivausschuss des IBFG fungiert Albert Monk, der Vorsitzende des
Australischen Gewerkschaftsbundes. Zu den anderen, neuaufgenommenen Gewerkschaften gehoeTen: die Italienische Arbeiterunion UIL, der Gewerkschaftskongress von Singapur, der Gewerkschaftsbund von Britisch-Guyana, der Gewerkschaftsbund von
Ekuador und sechs kleinere Gewerkschaftsgruppen aus Trinidad.
Der IBFG-Vorsitzende Sir Vincent Tewson vom britischen
Gewerkschaftsbund TUC und der Generalsekretaer J". H. Oldenbroek
teilten mit, dass fuer regionale Organisationsarbeiten in notleidenden Gebieten ein Fonds in Hoehe von 700.000 Dollar fast
vollstaendig aufgebracht sei. Der kanadische Gewerkschaftsbund CCL sei hieran mit 6.000 Pfund beteiligt, der britische
TUC mit fast 100.000 Pfund, der amerikanische CIO mit 100.000
Dollar, der Anteil des oesterreichischen Gewerkschaftsbundes
betraegt 10.739 Pfund Sterling.
Aufwendungen fuer Organisations- und Erziehungsprojekte
in einer Gesamthoehe von 100.000 Pfund wurden ebenfalls genehmigt. In Asien wird ein Regionalbuero eroeffnet und Organisatoren werden fuer verschiedene Zeitspannen nach Japan, Korea
und Indochina entsandt werden. Auch ein in Accra fuer Westafrika zu eroeffnendes Buero und Projekte in Nord- und Ostafrika, Lateinamerika und auf den Inseln des Karibischen Meeres
sollen aus diesem Fonds finanziert werden.
Ferner wurde ein Plan genehmigt,nach dem in der Naehe des
Zentralbueros des IBFG ein internationales Gewerkschaftszentrum
errichtet werden soll. Dort sollen Gewerkschafter in Fragen
der internationalen gewerkschaftlichen Taetigkeit geschult
werden.
Grosse Beachtung schenkte man auch der Schaffung von
gewerkschaftlichen Sohulungseinrichtungen in Frankreich und
Italien. Die schwedischen Gewerkschaften haben ihr Haus
"La Breviere" in der Naehe von Paris- fuer diesen Zweok Zur
Verfuegung gestellt.
Der Exekutivausschuss beschloss durch Abstimmung, fuer
die Unterstuetzung der Opfer der Ueberschwemmungen in Norditalien eine Million Lire zu spenden. Er forderte die Gewerkschaften aller Nationen auf, selbstaendig ihren Beitrag zur
Linderung der Not in Norditalien zu leisten. Die AFL und der
CIO haben CARE-Pakete im Werte von 1.000 bzw. 500 Dollar in
das Katastrophengebiet gescnickt. Die Hilfsmittel werden von
Giulio Pastore verteilt werden, der Mitglied im Exekutivausschuss und Generalsekretaer des italienischen Gewerkschaftsbundes CISL ist.
Die naechste Konferenz des Generalrates ist fuer Juli
1952 in Berlin vorgesehen.
Labor Information
Bruessel
GLEICHER LOHN FUER GLEICHE ARBEIT
Eines der bekannten Ziele der freien Arbeitergewerkschaften
kann sehr einfach mit dem Schlagwort "Gleicher Lohn fuer
- 13

�gleiche Arbeit" ausgedrueckt werden. Arbeiterinnen in Fabriken
und Bueros fuehren einen staendigen Feldzug, um diesea Ziel zu
aichern, einea Zielea, daa der Internationale Bund Freier
Gewerkachaften ala daa aoziale Fundamentalrecht bezeichnet.
Die Frage des gleichen Lohnes fuer Maenner und Frauen,
die die gleiche Arbeit leisten, ist als eine der wichtigsten
Angelegenheiten in den Vordergrund getreten. Es war das seit
mehr als 20 Jahren gesteckte Ziel der Gewerkschaften: aber bis
vor kurzem war der Fortaohritt zu diesem Ziel recht langsam.
Der IBFG drueokt gegenwaertig mit erneuter Kraft und Nachdruck
auf diese Forderungen.
Delegierte des IBFG verlangten auf dem zweiten internationalen Kongress in Mailand, dass diese Forderung als soziales
Fundamentalrecht in allen Mitgliedslaendern zu betrachten sei.
Unabhaengig von der Sitzung des IAA in Genf wurde ein neuer
Beschluss getroffen, der die Regierungen fuer die Foerderung
des Prinzips der gleichen Loehnung verantwortlich macht.
Man erwartet somit von den Regierungen, die in Uebereinstlmmung mit den IAA-Beschluessen handeln, die Einfuehrung der
gleichen Loehnung durch eine entsprechende Gesetzgebung in ihren
Laendern. Dadurch muessen sie mit Arbeitgebern, Behoerden-Organisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten.
Gerade jetzt ist die Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft
auf England gerichtet, wo der Kongress der Arbeitergewerkschaft
mit dem Schatzkanzler ueber die Anerkennung des Rechtes der
Frauen,den gleiohen Lohn fuer gleiche Arbeit zu erhalten,
verhandelt. Einer der umstrittensten Punkte ist die Tatsache,
dass die konservative Regierung versicherte, dieses Prinzip
aufrecht zu erhalten. Der TUC beabsichtigt, die Konservativen
an ihre Versprechen zu erinnern.
Die daenisohen Frauen, die in dem viertstaerksten Verband
des Landes vereinigt sind, draengen ebenso stark auf die Erfuellung ihrer Forderungen. Die daenische Vereinigung der weiblichen Arbeiter, die 96.000 Mitglieder zaehlt, legte ihre Strategie auf einen kuerzlich in Kopenhagen abgehaltenen Jubilaeumskongress fest. Die Vereinigung versucht, Frauen in den Verwaltungsausschuessen der Schluesselindustrie unterzubringen, um
hier durch konsequente, aber vernuenftige Forderungen die Löhne
der weiblichen Arbeiter an die der Maenner anzugleichen. Grosse
Fortschritte sind hierdurch bereits in Daenenark erzielt worden.
Vor 30 Jahren betrug der Lohn weiblicher Arbeiter durchschnittlich nur 50 % von dem der Maenner. Diese Ziffer ist laengst
in die Koehe gestiegen und liegt heute bei ungefaehr 70 $&gt;.
Nach den letzten Berichten aus Daenemark haben die Frauen, die
in der Eisen- und Stahlindustrie beschaeftigt sind, einen Sitz
in dem Verwaltungsausschuss der Eisenarbeiter gewonnen - ein
Vorteil von wichtigster Bedeutung - durch den sie sich spaetere
Konzessionen sichern koennen. In Frankreich verstaerken die
.. Frauen-Organisationen ihre Aktivitaet und fordern die Anerkennung als aktive politische und wirtschaftliche Kraft. Von 21
Millionen franzoesischer Frauen sind beinahe 8 Millionen Lohnempfaengerinnen. Sehr" oft sind diese Frauen die alleinigen
Verdiener in der Familie, sie haben also die gleichen Verantwortungen wie ein maennlicher Arbeiter.
Jahre hindurch behaupteten versc/iiedöne Regierungen, dass
hoehere Loehne fuer Frauen Forderungen fuer hoehere Familion14 -

�zulegen nach sich ziehen wuerden und somit hoehere Preise
und hoehere Steuern verursachten. Organisierte Arbeiter
glaubten ebenfalls, dass diese Behauptung wahr sei und dass
erhoehte Loehne fuer Frauen die Verpflichtung £uer eine Herabsetzung der Familienzulagen bedeutete.
Angestellte werden oft bei allgemeinen Gehaltserhoehungen vergessen. Die IAA schlaegt den Regierungen als ersten
Schritt zur iLoesung des Problems vor, die gleichen Loehne
fuer Maenner und Frauen im gleichen Rang zu gewaehren. Selbst
in asiatischen Laendern, wo die Gewerkschaften gerade im
Beginn sind, ihre Kraefte spuerbar zu machen, heben die Arbeiter die gerechte Forderung der Frauen, gleiche Loehnung
fuer gleiche Arbeit zu erhalten, anerkannt.
IBFG-Delegationen, die den Wachstum der Arbeiterbewegungen in wenig entwickelten Gebieten foerdern, unterstuetzen
die Forderung der Arbeiter, dass die Frauenrechte in allen
Gewerkschaftsprogrammen beruecksichtigt werden.
In den U.S.A. besteht immer noch eine Ungleichheit zwischen den Loehnen der Arbeiter und Arbeiterinnen, jedoch
gleicht man die Loehne jetzt beschleunigt an.
Die Lohnstufen fuer Journalisten, die durch die amerikanische Zeitungs-Innung festgelegt sind, erlauben keinen Unterschied gegenueber weiblichen Angestellten. Es zeigt sich
mehr und mehr in der Industrie und im Handel, dass die Gewerkschaftsfuehrer sich dafuer einsetzen, das Prinzip der gleichen
Loehnung durchzufuehren.
Heute foerdern 17 von 26 Regierungen das Prinzip der
gleichen Loehnung. Die Gewerkschaften werden also nach und
nach die allgemeine Empfehlung des IAA durchsetzen koennen.
Die Kommission der U.S.A. fuer die Regelung des Statuts der
Frauen denkt stets an diese Forderung. Man hat aber allen
Grund, zu hoffen, dass dieses Ziel der Gewerkschaften bald
erreicht ist, Loehne und Gehaltsstufen bei zufriedenstellender Arbeit ohne Unterschied des Geschlechts festzulegen.
World Labor News
Script XI/26
HEATH ZUM NEUEN LEITER DER ECA-ABTEILUNG FUER ARBEITSFRAGEN
ERNANNT
Joseph F. Heath, ein amerikanischer Gewerkschaftsfunktionaer und Sachverstaendiger fuer europaeische Gewerl&lt;schaftsfragen,
ist zum Leiter der Abteilung fuer Arbeit im Hauptbuero der
ECA in Paris ernannt worden.
Heath ist von Paul R. Forter, dem ECA-Beauftragten fuer
Europa, in diese Stellung berufen worden und ist damit der
Nachfolger fuer Nelson Cruikshank, der jetzt Berater fuer Arbeitsfragen im Amt fuer Arbeit in der ECA in Washington ist.
Heath, der einstmals Vorsitzender einer Ortsgewerkschaft der
All-Amerikanisohen Gewerkschaft der Elektroarbeiter (AFL) war,
wird dieses Amt auch weiterhin beibehalten, wenn die Funktionen der ECA am 29. Dezember der neuen Verwaltung fuer Gemeinsame Sicherheit (Mutual Security Agency - MSA) uebertragen
werden.
- 15 -

�Als Leiter des Amtes fuer Arbeitsfragen wird Heath seine
Taetigkeit fortsetzen, die er 1949 begonnen hat, als er zum
stellvertretenden Leiter der Arboitsabteilung in der ECA fuer
Griechenland ernannt wurde und die freien europaeisohen Gewerkschaften in ihrem Kampf gegen den Kommunismus unterstuetzte.
Allgemein betrachtet, hat er eine doppelte Aufgabe. Er
wird die Interessen der europaeisohen Gewerkschaften immer dann
vertreten, wenn ECA-Programme damit in Zusammenhang stehen
und er wird, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, ein "Freund
vor Gericht1* sein. Es wird sein Bestreben sein, Gewerkschaftskreise ueber die wahren Ausmasse solcher Programme aufzuklaeren.
"Wir wuenschen nicht, dass dem europaeisohen Arbeiter
ein verzerrtes Bild von unseren Zielen und unserer Planung vorsohwebt. Wenn sie falsch dargestellt werden, so werden sie
von den Kommunisten fuer ihre Propaganda ausgenutzt."
Als unbeirrbarer Exponent der freien Gewerkschaftsbewegung
Europas hat Heath zahlreiche Unterredungen mit den Funktionären nationaler und internationaler Gewerksohaftsorganisationen
gehabt. Er arbeitet fuer einen Austausoh der Ideen und Methoden, dank derer die amerikanische Gewerkschaftsbewegung einen
Teil ihrer grossen Ziele erreichen konnte. Er unterstuetzt
ausserdem den Kampf der europaeisohen Gewerkschaftsbewegung um
bessere Arbeitsbedingungen, hoehere Loehne und eine groeesere
Vertretung in den Aussohuessen der Betriebsleitung.
Es ist eine seiner besonderen Pfliohten, im Zuge der
neuen Produktivitaetskampagne der ECA die Interessen der Arbeiterschaft zu wahren, indem er den Sonderbeauftragten der
ECA ueber die Stellungnahme der Gewerkschaften zu dieser Kampagne unterrichtet und dadurch gewaehrleistet, dass ein gerechter Anteil an den gesteigerten Gewinnen an die Arbeiter verteilt
wird.
"Wir koennen es uns nicht leisten, die Freundschaft der
europaeisohen Arbeiter zu verlieren, denn wenn wir sie verlieren, koennen wir sie nie wieder zurueckgewinnen."
Heath, der aus Philadelphia stammt, war 24 Jahre lang in
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung aktiv taetig. Verschiedentlich war er Funktionaer in Orts-, Bezirks und Landesgewerkschaften der AFI, Vorsitzender der Ortsgewerksohaft 98b
der All-Amerikanischen Gewerkschaft der Elektroarbeiter, Vorsitzender der Ortsgewerksohaft 26 der Amerikanischen Gewerkschaft
der Regierungsangestellten, Sekretaer des Gewerksohaftsvorstandes der Metallberufe in Philadelphia, Finanzsekretaar der Metallberufe an der Ostkueste und schliesslich Landesvizevorsitzender
und Vertreter der Gewerkschaft der Regierungsangestellten.
Seine Berufung in die ECA-Mission fuer Griechenland kam
zu einer Zeit, als das Land um sein Bestehen gegen das organisierte Bandentum kommunistischer Guerillas kaempfen musste.
Er nutzte seine gewerkschaftliche Erfahrung sofort aus, um dem
griechischen Gewerkschaftsbund zu helfen, sioh von der kommunistischen Infiltration freizumachen und den Weg des freien demokratischen Gewerkschaftswesens zu beschreiten.
Heath war massgeblich daran beteiligt, den Zehnten PanHellenischen Gewerkschaftskongress im Jahre 1950 zustandezubringen in dessen Verlauf die Verfassung auf eine weit groessere Mitgliederzahl abgestimmt und die Bildung besonderer Verbaende innerhalb der griechischen Gewerkschaftsbewegung vorgesehen wurde.
• 16 HXCOO U M S

Uta« e H s c

EGA

-Lahor Information
XH/6/51

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Dia folgenden Artikel stellen Auszüge ans der amerikanischen Preise und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mittflieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Oftice of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

iv - 50

Prankfurt, den 14. Dezember 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Gewerkschaften und Produktivitaet ...

1

Der europaeische Arbeiter und der
Marshallplan

9

CIO fordert Verbesserung des Sozialvers icherungsprogramms

13

Gewerkschaftliche Entwicklung im Irak

15

Edwin Fletcher:
GEWERKSCHAFTEN UND PRODUKTIVITAET
1.
Solange die Gewerkschaften an dem Verhaeltnis zwischen
Loehnen, Gewinnen und Preisen interessiert sind, muessen sie
ihre Verhandlungen unter dem Leitstern der Produktionskapazitaet derjenigen Industrie fuehren, mit der sie es zu tun haben. Zu gewissen Zeiten werden sich die Gewerkschaften vornehmlich mit Verhandlungen ueber den Anteil der Produktion besohaeftigen, der den Arbeitern zugutekommt. Aber auf lange
Sicht gesehen stellt die Wirksamkeit, mit der sie ihre Arbeitszeit ausnuetzen, den grundlegenden Faktor dar, der fuer den
Lebensstandard bestimmend ist. Das soll nioht heissen, dass
die Gewerkschaften alle ihre wirtschaftlichen Probleme loesen
koennten, wenn sie sich auf Produktionsprobleme konzentrieren;
dies ist leider zu weit von den Gesamtproblemen entfernt, um
wahr zu sein.
2.
An dieser Stelle moechte ich einige Faktoren zur Sprache
bringen, die mit der Produktion und der Produktivitaet in Zu- 1

�sammenhang 3tehen, und mit denen sich die Gewerkschaften be• schaeftigen muessen; die ihnen von Natur aus am Herzen liegen
muessen und nicht etwa, weil irgendeine dringende Notwendigkeit dazu vorliegt, wie Dollarknappheit oder Wiederaufruestung.
Ich moechte so gut wie moeglich Allgemeinheiten vermeiden
und mich mit Problemen befassen, die besonders fuer die Gewerkschaften von Belang sind. Aus verstaendlichen Gruenden werde
ich mich hierbei hauptsaechlich mit England beschaeftigen
muessen.
Gewerkschaftliche Ziele
3.
Ich moechte mich nicht in den Bereich der politischen
Fragen begeben, ob das Privatunternehmen dem Untergang geweiht
ist, und ob die Gewerkschaften einer solchen Entwicklung etwas nachhelfen sollten. Nach meiner Meinung sind Gewerkschaften dafuer da, die Interessen ihrer Mitglieder zu schuetzen
und zu foerdern, wie Loehne, Arbeitsbedingungen, Zustand und
Kontrolle des Arbeitsplatzes; und sie haben die Aufgabe, diese
Bedingungen zu verbessern. Allgemein gesagt: je mehr Moeglichkeiten der Lohn-, Gewinn- und Preiskomplex enthaelt, umso
eher haben die Gewerkschaften eine Chance, fuer ihre Mitglieder etwas Besonderes herauszuholen.
In Grossbritannien, wo es eine Vollbeschaeftigung gibt,
sind diese Moeglichkeiten wesentlich groesser, weil die uebersohuessige Produktion eines jeden Jahres der Wirtschaft genuegend Spielraum laesst, um es uns zu ermoeglichen, das
System der freien TarifVerhandlung, das uns doch am Herzen
liegt, beizubehalten.
Was sind unsere Aufgaben?
4.
Im Gegensatz zu den Eroerterungen ueber die Frage, welcher
Anteil des tatsaechlich Produzierten den Arbeitern zufliessen
kann (wenn die Anteile Aller auch wirklich 100 # der Produktion ausmachen), eine Frage, die im allgemeinen durch genuegend
statistische Unterlagen geklaert werden kann, ist es doch schwierig, mit einiger Genauigkeit zu bestimmen, inwieweit man mit
einer Produktivitaetssteigerung einer Firma oder einer Industrie rechnen kann.
5.
Auf der anderen Seite bestuende die Moeglichkeit, eine
Fuelle an Informationen ueber den sehr unterschiedlichen Leistungsstand in verschiedenen Betrieben innerhalb zahlreicher
Industrien zusammenzutragen. Grossbritannien hat zum Beispiel
einige der leistungsfaehigsten Betriebe der Welt: die Gesenkachmiedewerke Garrington, die Tonwarenfabrik Wedgwood, usw.,
aber es gibt auch, oft in den gleichen Industriezweigen, viele
Firmen mit altmodischen Maschinen und Gebaeuden. Es ist das
alte Problem: die technische Leistungsfaehigkeit innerhalb
eines Industriezweiges ist nicht gleichzusetzen mit dessen
wirtschaftlicher Leistungsfaehigkeit.
6.
Aus vielerlei Gruenden konnten sich derartig leistungsunfaehige Unternehmen weit laenger behaupten, als es auf Grund
schwankender Nachfrage nach ihren Erzeugnissen gerechtfertigt
gewesen waere. ür*3r den inflationistischen Verhaeltnissen
der Kriegszeit, waehrend des Wiederaufbaus in der Nachkriegszelt und bei der Vollbeschaeftlgungspolitik der Labour-Partei
Konnten mehr als zehn Jahre lang Gewinne nur allzu leicht erzielt werden. Man erinnere sich daran, dass ein wirtschaftlicher
Erdrutsch mit all seinen sozialen Nachteilen ein - vielleicht
- 2 -

�grausames - Versohwinden der am wenigsten leistungs- und konkurrenzfaehigen Unternehmen zur Folge gehabt haette. In
einer Vollboschaeftigung haben wir unser Wirtschaftssystem
nicht so gruendlich gesaeubert, wie es bei einer wirtschaftlichen Depression der Fall gewesen waere.' Zahlreiche Faktoren,
die hierbei eine Rolle spielen, muessen untersucht werden.
Fuer den Gewerkschafter ist Produktivitaet nicht ein einzelnes, in sich abgeschlossenes Problem, sondern eine weitverzweigte Kombination von Problemen.
Internationaler Vergleich
7.
Eine Untersuchung dieser Faktoren kann in jedem Lande
getrennt angestellt werde'n. Ein Vergleich mit anderen Laendern waere aber immerhin interessant und koennte uns helfen,
uns ein besseres Urteil zu bilden, wenn wir auch mit den wohlbekannten Schwierigkeiten rechnen muessen, die sich ergeben,
wenn auf internationaler Basis genaue Vergleiche der industriellen Leistungsfaehigkeit angestellt werden sollen. Es handelt sich hier um eine in der Entwicklung stehende Methode,
an der die Gewerkschaftsbewegung stark interessiert ist. In
einem solchen Falle bedarf es keiner Entschuldigung, wenn man
seinen Blick nach der Industrie der Vereinigten Staaten wendet, ueber die Informationen, verglichen mit anderen, im Ueberfluss vorhanden sind.
8.
Ob wir die statistische Arbeit Rostas nehmen, die im
»Virtschaftsblatt "Economic Journal" und vom Internationalen
Arbeitsamt veroeffentlicht wird, oder tatsaechlicheUntersuchungen in den Vereinigten Staaten, wie sie von den Studiengruppen angestellt werden, die von dem Anglo-Amerikanischen
Produktivitaetsausschuss gefoerdert werden - wir kommen immer
wieder zu der gleichen Feststellung, naemlich, dass die Industrie der Vereinigten Staaten zwei- bis dreimal so produktiv
wie die Grossbritanniens ist. Die Schwierigkeit ist die, dass
sich in dieser Situation so viele Menschen sehnsuechtigem Denken hingeben und fuer diese Situation das verantwortlich machen, was ihnen gerade passt. Ich fuer meinen Teil bin jener
Leute geradezu ueberdruessig, die mir etwas von der Produktivitaet in den Vereinigten Staaten erzaehlen wollen und daran
ihre eigene, ihnen gefaellige Theorie anknuepfen, wie zum
Beispiel jene, die zur Zeit viele englische Unternehmer vertreten, die sich ausschliesslich auf die "Haltung der Arbeit
gegenueber" konzentrieren moechten.
9.
Eine solche Einstellung, nach der man annehmen koennte,
dass ein gleicher Produktivitaetsstand schnell erreicht werden
koennte, ist besonders fuer die Gewerkschaften aeusserst gefaehrlich. Unterstrichen werden muss vielmehr die Tatsache,
dass seit der Jahrhundertwende die Vereinigten Staaten staendig produktiver geworden sind als Grossbritannien. Es ist ein
viel groesseres Unterfangen, der Entwicklung eines halben
Jahrhunderts entgegenzuarbeiten als eine "Geisteshaltung der
Arbeit gegenueber" abzuaendern, besonders wenn es sioh um eine
so missverstandene Haltung handelt. Die britischen Gewerkschafter arbeiten im allgemeinen zumindest genau so schwer wie
ihre Kollegen in den Vereinigten Staaten.
10. Es gelang Grossbritannien, im Verlauf des Jahres 1949 die
industrielle Produktion um &amp;i jo zu steigern, wobei die Zahl
der Beschaeftigen in der Industrie nur um ein Prozent in die
Hoehe ging. Fuer den groessten Teil des Jahres 1950 war die
3

�Steigerungsquote der Produktivitaet noch höher; wir befanden
uns also, in Vergleich zur Vorkriegszeit, im Aufstieg. Durch
die Umstellungsschwierigkeiten und den Materialmangel auf
Grund der Verteidigungsruestung erlitten wir in dieser Entwicklung jedoch vor kurzem einen Rueckschlag, die Produktlvitaetssteigerung kann deshalb im Jahre 1951 nicht so gross
sein wie im Jahre 1950.
KapitalInvestierung
11. Obwohl genaue Informationen nicht vorhanden sind, zeigen doch eine Reihe Schaetzungen, dass Steigerungen der Produktivitaet und Kapitalinvestierungen stark voneinander abhaengig sind. Dies ist im allgemeinen sehr einleuchtend. Die
Industrie der Vereinigten Staaten verbraucht pro Arbeiter
etwa dreimal soviel elektrischen Strom wie die englische Industrie.
12. Es besteht kein Zweifel darueber, dass die Kapitalinvestierung bei einem Vergleich auf internationaler Basis den
Hauptfaktor bildet, und dass auch die Entwicklungen auf diesem Gebiet von ausschlaggebender Bedeutung sind. Man kann
feststellen, dass diese Entwicklung noch groesseren Unterschie
den in den beiden Laendern zustrebt. Neuere Berichte aus
den Vereinigten Staaten besagen, dass die Ausdehnung der Industrien fortgesetzt wird, und dass das Buero fuer die Verteidigungsmobilisierung eine wesentliche Steigerung der ProduktionsJcapazitaet der Grundstoffindustrien fordert.
13. In England hat sich die Tendenz entwickelt, die Notwendigkeit von Kapitalinvestierungen zur Steigerung der nationalen Produktivitaet zu verneinen. Dies scheint vornehmlich
politisch begruendet zu sein, denn wir leben in einer Situation, in der man sich im allgemeinen darueber einig ist,
dass sich die Verteidigungsruestung nachteilig fuer die Kapitalinvestierung auswirken muss. Diese Investierung betrug
im Jahre 1949 in England etwa 18 % der englischen Produktion,
wovon die Haelfte Investierungen der Industrie waren. Die
obengenannte Tendenz ist jedoch insofern teilweise gerechtfertigt, als wir durch verbesserte Faehigkeiten der Betriebsleiter betraechtlicbs Steigerungen der Produktivitaet mit den
vorhandenen Betrieben und ohne groessere Ermuedung der Arbeiter zustandebringen koennen. (Die Gefahren und Verwicklungen
einer Ueberspannung der Produktionskapazitaet der europaeischen Grundstoffindustrien sind an anderer Stelle zu eroertern
Zwei Moeglichkeiten
14. Es gibt zwei verschiedene Moeglichkeiten, das Problem
der Steigerung der Produktivitaet in Angriff zu nehmen.
15. An erster Stelle muessen wir einen betraechtlichen Teil
unserer Hilfsquellen dazu verwenden, eine groessere Zahl jener ausgezeichneten Maschinen zu beschaffen, die von Menschen
erfunden wurden, ohne die ein grosser Teil der Menschheit
jedoch arbeiten muss. Dies ist kein neues Problem. Wir Gewerkschafter protestieren seit Jahren dagegen, dass man sowohl
im englischen Mutterland als auch in den Kolonialgebieten der
Industrie zuviel in Form von Gewinnen entzieht. Aus diesem
Grunde hatte sich auch die britische Gewerkschaftsbewegung im
Jahre 1948 dazu entschlossen, eine Politik der beschraenkten
Lohnforderungen zu betreiben.
- 4 -

�16. Zweitens gilt es, die Frage zu stellen, wie wir die vorhandenen Ausrüstungen der Industrie besser ausnutzen koennen.
Obwohl die exekutive Verantwortlichkeit in den Beenden der
Unternehmer liegt, waere es selbstverstaendlich unzureichend,
wenn man sich allein auf sie verlassen wollte. Koennen wir
uns als Gewerkschafter an die Aufgabe heranwegen, uns mit unrentablen Unternehmen zu beschaeftigen und sie entweder zu
zwingen, rentabler zu werden oder mitzuhelfen, ihnen einen Fortbestand unmoeglich zu machen? Es wird in zunehmendem Masse
bedeutsam, dass unsere sehr begrenzten Vorraete an Rohstoffen,
Kohle, Elektrizitaet und an fachlich geschulten Arbeitskräften ihre Wirksamkeit nicht dadurch verlieren duerfen, dass sie
zu weit und ohne Unterschied verteilt wuerden. Einige Sektoren der britischen Industrie haben seit dem Kriege diesem
Punkt grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Gewerkschaften
waren hieran beteiligt. So hat zum Beispiel die ^ufslchtsbehoerde der Baumwollindustrie zu einer Neuentwicklung der gesaraten Industrie ermutigt. In den meisten Faellen waren es
jedoch die einzelnen Betriebe, die selbst Massnahmen ergriffen
haben.
17. Es ist bezeichnend, dass vor allem solche Unternehmen
diesen Weg beschritten haben, die bereits aeusserst erfolgreich sind. Es hat den Anschein, dass die Kluft zwischen den
leistungsfaehigen und unwirtschaftlichen Untsrnehmen immer
groesser wird.
Monopole
18. Es koennte behauptet werden, der dauernde Bestand einer
verhaeltnismaessig unrentablen Firma unter solchen Umstaenden
sei auf den ersten Blick ein Beweis fuer monopolistische Verhaeltnisse. Die britischen Gewerkschaften haben ihren Einfluss
dahingehend geltend gemacht, die Ernennung einer Aufsichtsbehoerde fuer Monopole zu erwirken. Sie setzen sich nun mit
Nachdruck fuer eine Erweiterung dieser Behoerde ein, weil sie
etwaige Auswirkungen des Monopols auf die Leistungsfaehigkeit
der Industrie ebensosehr befuerchten wie die Gefahren, die
unnoetig hohe Preise und Gewinnspannen mit sich bringen. Die
genaue Wahl des Mittels zur Abhilfe, das dann angewendet werden muss, wenn der Grad der monopolistischen Entwicklung nicht
mehr mit dem Interesse der Oeffentlichkeit zu vereinbaren ist,
muss von den Verhaeltnissen abhaengen, die jeweils in einer
Industrie vorherrschen.
Industrielle Struktur
19. In einigen Industrien waren die Gewerkschaften der Auffassung,
dass eine zufriedenstellende Entwicklung in der Form der Kapi- .
talinvestierungen oder eine Entwicklung der Produktions- und
Betriebsleitungsmethoden unmoeglich ist, wenn diese Industrien
nicht verstaatlicht wuerden.
20. In anderen Industrien duerfte eine Organisation in bestimmter Form notwendig sein, um jene Bedingungen zu schaffen, unter
denen die Privatunternehmer selbst fuer sich oder gemeinsam genuegend Schritte unternehmen, um die Produktivitaet zu steigern. Ein Versuch wurde hierzu in Grossbritannien unternommen, als man in Jahre 1947 das Gesetz fuer Industrielle Organisation und Entwicklung erliess, dem ein einziges Ziel zugrundelag: Die Leistungsfaehigkeit des Privatunternehmens durch die
- 5 -

�t
Bildung von Beratungsausschuessen fuer industrielle Entwicklung zu steigern. Der Au.sschuss setzt sich aus Vertretern
der Arbeiter und Unternehmer und aus einigen Unabhaengigen
zusammen. Dieses Gesetz gab der Regierung die Moeglichkeit,
Ausschuesse fuer industrielle Entwicklung zu ernennen, wenn
diese von einer groesseren Zahl Psraonen in einem Industriezweig gewuenscht wurden. Diese Bemuehungen waren nicht von
Erfolg gekroent, es gibt nur vier solcher Ausschuesse. Ein
intensiver Widerstand wurde von den Unternehmern organisiert.
Dies geschah aus vielerlei Gruenden, und, wie bereits oben
erwaehnt, auch deshalb, weil die vergangenen Jahre im allgemeinen ziemlich leichte Gewinne eingebracht hatten. Warum
sollte deshalb etwas geaendert werden?
21. Der Vorteil der Ausschuesse fuer industrielle Entwicklung besteht darin, dass sie einen recht unabhaengigen Zentralpunkt fuer eine Industrie darstellen, dem ein technischer
Personalstab angegliedert werden kann. Ein solches Zentrum
ist von grossem Wert, wenn man Bedingungen schaffen will,
unter denen sich die Gewerkschaften aktiv an der Steigerung
der Leistungsfaehigkeit der Privatindustrie beteiligen koennen. Die Produktivitaet ist ein Bestandteil der Wechselbeziehungen in der Industrie. Man muss sich jedoch unter Zuhilfenahme einer Organisation, die von der Lohnverhandlungamaschinerie getrennt ist, auf bequemste Art eingehender mit
ihr befassen.
Industrielle Forschung
££. Der wissenschaftliche Fortschritt schreitet in einem solchen Masse voran, dass es innerhalb eines Landes - und natuerlich noch mehr auf internationaler Basis - schwierig ist, mit
den Entwicklungen Schritt zu halten. Die Kapitalinvestieruag
koennte sehr schnell zu einer ueberalterten Methode werden.
Jede Entwicklung kann die Fortdauer der Beschaeftigung beeintraechtigen und interessiert die Gewerkschaften deshalb nicht
als vollendete Tatsache, sondern bereits in ihrer Entstehung.
Normalerweise ist es fuer eine Gewerkschaft besser, auf die
Methode einen Einfluss auszuueben, mit der neue Maschinen
eingefuehrt werden und sich mit dem Sohutz der betroffenen
Arbeiter zu beschaeftigen, anstatt sich der Einfuehrung verbesserter Maschinen zu widersetzen. Eine solche Haltung ist
jedoch nur moeglich, wenn die Gewerkschaft im voraus ueber
etwaige Veraenderungen unterrichtet und beraten wird. In England ist die Lage nicht voellig zufriedenstellend, aber mehr
und mehr koennen sich die Gewerkschaften eine Beteiligung an
der Arbeit der Ausschuesse der genossenschaftlichen Forschungsorganisationen sichern, von denen es ueber 40 fuer die bedeutenderen Industrien gibt. Das Interesse der Gewerkschaften
an dieser Arbeit wird mehr und nehr als gerechtfertigt angesehen, weil die Forschungsorganisationen gezwungen waren, sich
nicht nur mit der Forschung allein, sondern sich auch mit dem
Ausmass zu beschaeftigen, in dem die Ergebnisse dieser Forschung tatsaechlich in der Industrie verwendet werden, ebenso
mit der Anordnung der Maschinen und den Arbeitsmethoden. Wenn
auch eine Ueberscheidung der Forschungsarbeit in gewissem
Masse gerechtfertigt ist, so bestehen doch Moeglichkeiten einer
engeren europaeischen Zusammenarbeit, was vor allem jene Forschungsprojekte betrifft, die auf internationaler Basis mit
gemeinsamem Personal besetzt und finanziert werden.
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�Betriebleitung
23. Die Unterschiede zwischen leistungsfaehigen und leistungsunfaehigen Unternehmen und die Tatsache, dass viele Betriebe
ohne neue Maschinen ihre Produktivitaet verhaeltnismaessig
leicht steigern konnten, geben Anlass zu der Schlussfolgerung,
dass die Betriebsleistungsmethoden in England wesentlich verbessert werden koennen. Da wir nicht mit irgendeiner Veraenderung der grundlegenden Struktur der Industrie rechnen koennen, muessen unsere Gewerkschaften bestrebt sein, das zu unternehmen, was zur Verbesserung dieser Verhaeltnisse getan
werden kann. Nicht dass unsere Buerde groesser waere, aber
unsere Zeit wird durch eine unfaehige Betriebsleitung doch
letzten Endes verschwendet. In besseren Betrieben mit groesserem Ertrag und besserer Bezahlung haetten wir nicht unter
groesserer Ermuedung zu leiden. Aus diesem Grunde hielt es
der britische Gewerkschaftskongress fuer angebracht, die
Gruendung des britischen Instituts fuer Betriebsleiter zu
unterstuetzen, das vornehmlich eine Einrichtung der Arbeitgeber ist. Mehr als 20 Gewerkschaften unterstuetzen dieses Institut in nuetzlicher Weise. Hieraus erwachsen diesen Gewerkschaften einige direkte Vorteile, aber das Hauptziel ist,
einem sehr bedeutsamen Mangel innerhalb der Unternehmerschaft
abzuhelfen, naemlich der Unkenntnis ueber die Gewerkschaften
und die gewerkschaftlichen Ziele. In einem grossen Teil der
Industrie scheint ein enger Zusammenhang zwischen modernen
Betrieben und Ausruestung auf der einen Seite und einer guten
Betriebsleitung auf der anderen zu bestehen. Der Grund hierfuer mag vielleicht sein, dass unter solchen Bedingungen vermeidbare Streitigkeiten und Gegensaetzlichkeiten fuer die betreffenden Firmen aussergewoehnlich kostspielig sind; sie
koennen es sich nicht leisten, eine gute Betriebsleitung zu
vernachlaessigen.
Arbeitszelt
24. Die zunehmende Mechanisierung wirkt sich auch auf den
seit langem waehrenden Kampf der Gewerkschaften um eine kuerzere Arbeitszeit aus, weil es fuer die Unternehmer mehr und
mehr bedeutsam wird, der Dauer der Arbeitsvorgaenge an den
Maschinen mehr Beachtung zu schenken als der Arbeitszeit des
einzelnen Arbeiters an diesen Maschinen. Schichtarbeit wird
fuer sie somit rentabler und sollte es auch fuer die Arbeiter
werden. Gleichzeitig wuerde eine gleichmaessigere Verteilung
der Arbeitszeit eine Entlastung der Stromversorgung in den
Hauptabnahmestunden bedeuten. Die Gewerkschaft laesst jedoch
dabei nicht soziale und wirtschaftliche Erwaegungen im Zusammenhang mit der Schichtarbeit ausser acht.
25. Die normalen Arbeitsstunden wie auch die Ueberstunden
muessen natuerlich entsprechend den charakteristischen Merkmalen und Bedingungen
jeder Industrie festgelegt werden. Das
alte Schlagwort n0b man nach Stueck oder Zeit bezahlt wird,
kuerzere Arbeitszeit bedeutet auf jeden Fall hoehere Bezahlung" duerfte vielleicht im Augenblick nicht als unbedingt zutreffend bezeichnet werden. Andererseits duerfte in dem Vorschlag, im Interesse eines bestmoeglichen Ertrags laenger zu
arbeiten, nicht die Ueberlegung beruecksichtigt sein, welche
Arbeitszeit hinsichtlich der Leistung die beste ist. Es ist
unbedingt notwendig, dass man dieses Problem eingehender studiert. In den Vereinigten Staaten wurde die Auffassung laut,
dass der Forderung nach laengerer Arbeitszeit haeufig ueber- 7 -

�spitzte Hoffnungen auf moegliche Produktionssteigerungen zugrundeliegen koennten. Diese Steigerung waere demnach umsomehr zu erhoffen, als man die Verlaengerung der Arbeitszoit
fuer laengere Zeit beibehalten wuerde. Der ausschlaggebende
Faktor ist aber mehr und mehr die Arbeitszeit der Maschine.
26. Besonders in weitgehend mechanisierten Betrieben, wie z.
B. in modernen Stahlwerken, die weniger Ausweichmoeglichkeiten
haben als aeltere Typen, koennen Zweifel an einer ununterbrochenen Versorgung mit Rohstoffen grosse Schaeden verursachen.
iDas Problem der internationalen Warenabkommen ist fuer die
Gewerkschaften von grossem Interesse, gehoert jedoch nicht in
den Rahmen dieser Diskussion). Dass kostspielige Maschinen
dauernd in Betrieb sein muessen, um wirtschaftlich zu sein,
leuchtet jedem ein. Als Verhandlungsfaktor muss diese Frage
jedoch von den Gewerkschaften eingehender geprueft werden.
Die Methode der Darstellung der Produktionskosten und Gewinne
in einer beweglichen graphischen Kurve ist fuer Verhandlungen
deshalb besonders geeignet, weil dadurch vermieden wird, dass
man die Produktionskosten als einen statischen Begriff betrachtet, waehrend er doch von anderen Faktoren, wie z.B. der Beschaffenheit der Produktionsmittel, weitgehend .abhaengig ist.
Seitens der Unternehmer ist man jedoch noch zu sehr abgeneigt,
genaue Einzelheiten und Statistiken ueber die Betriebe zu enthuellen. Trotz der Verbesserungen, die in England dank der
neuen Gesetzgebung moeglich waren, laesst die gegenwaertige
Situation noch viel zu wuenschen uebrig.
Gewerkschaftliche Erfahrung und Sohulung
27. Wenn die gewerkschaftliche Forderung, angehoert zu werden
und mitreden zu duerfen, berechtigt sein soll, und wenn der gesamte Verhandlungsprozess den Gewerkschaften Vorteile bringen
soll, ist es klar, dass sie sich an vielen eingehenden Diskussionen beteiligen muessen. Die Grundlage dieser Diskussionen muessen die in der Industrie gesammelten Erfahrungen sein,
es ist deshalb fuer Gewerkschaftsvertreter in zunehmendem Masse
erforderlich, dass sie sich umfassende Kenntnisse ueber moderne
Produktions- und Betriebsleitungsmethoden aneignen. Die Gewerkschaften selbst muessen sich dafuer verantwortlich fuehlen,
dass die entsprechenden Moeglichkeiten geboten werden.
28. Die gegenseitigen Besuche der Arbeiter in ihren Betrieben
im Lande selbst wie auch im Ausland muessen gefoerdert werden.
Die europaeische Zusammenarbeit auf technischem Gebiet, an
der sich auch die Gewerkschaften beteiligen, erlangt immer
groessere Bedeutung.
29. Doch dies allein genuegt nicht. Es ist unsere dringende
Aufgabe, eigene Gewerkschaftskurse ueber Themen der Produktion
und Betriebsleitung durchzufuehren, um den Gewerkschaftsfunktionaeren und Betriebsvertretern eine Moeglichkeit zu geben, nicht
nur moderne Methoden, sondern auch die Einstellung der Gewerkschaften zu diesen Methoden in allen Einzelheiten zu besprechen.
Solche Lehrgaenge sind wegen des erzielten Erfahrungsaustausches
von hohem Wert. Als es sich in England zeigte, dass die Wortfuehrer der Gewerkschaften bei Verhandlungen ueber technische
Probleme ueber die neuesten Entwicklungen in der Industrie nicht
ausreichend orientiert waren, hat der britische Gewerkschaftskongress eine Reihe einwoechiger Kurse ueber Produktions- und
Betriebsleitungsfragen arrangiert. Der grosse Anklang, den diese
Kurse gefunden haben, zeigt, wie noetig es war, in dieser Hinsicht
8 -

�etwas zu unternehmen. Es sind Vorkehrungen getroffen worden,
um einem bestimmten Prozentsatz der Teilnehmer an diesen Kursen eine anderweitige Fortgeschrittenenausbildung zu ermoeglichen. Es ist nur allzu richtig, wenn man hinzufuegt, dass
unsere Bemuehungen in dieser Richtum um ein Mehrfaches gesteigert werden muessen.
30. Das technische Personal der Gewerkschaften wird am besten dadurch unterstuetzt, dass man Gewerkschafter ausbildet
und in die entsprechenden Stellungen beruft; es ist retsam,
sich in dieser Beziehung nicht auf Aussenstehende zu verlassen. Es ist einfacher, aus einem Gewerkschafter einen
Produktionstechniker als aus einem ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung stehenden Techniker einen Gewerkschafter zu
machen, mit dem wir auch tatsaechlich zufrieden sind.
Gewerkschaftliche Zusammenarbeit
31. Die Produktion wird nicht hervorgezaubert, sondern ist
genauestens organisiert, viele Aspekte dieser Organisation
muessen von den Gewerkschaften in Verhandlungen bearbeitet
werden. Gelegentlich koennen mittelbare Interessen der Gewerkschaftsmitglieder eine Haltung erfordern, die Einzelnen
oder Gruppen von Gewerkschaftern - was unter Beruecksichtigung
ihrer eigenen Interessen richtig oder falsch sein kann - nur
wenig genehm sind. So kann es auch unter fast inflatorischen
Umstaenden gute Gewerkschaftspolitik sein, zu einer gewissen
Beschraenkung in den Lohnforderungen zu raten, was von der
Mehrheit oder auch einer Minderheit der Mitglieder befuerwortet werden kann. In unserem gegenwaertigen Entwicklungsstadium ist dies unvermeidlich. Es waere ein schlechter Dienst
fuer die Gewerkschaftsbewegung, wenn wir Produktions- und Pror
duktivitaetsangelegenheiten in einer Weise behandeln wuerden,
in der die Integritaet der Gewerkschaften als freie Industrieverbaende der Arbeiter zu deren eigenem Schutz und ihrem Fortschritt nicht mehr eindeutig garantiert waere. Erforderlich
ist, dass die Gewerkschaften ein wirklich kaempferlsches Interesse an der Produktivitaet ihrer eigenen Arbeit nehmen und
nicht stillschweigend die Einstellung der Arbeitgeber zu diesen Fragen gutheissen. Ausserdem trifft es noch immer zu,
dass die Gewerkschaften in dem Streben nach hoeherer Leistung
ihren staerksten Druck auf die Unternehmer ausueben, indem
sie darauf bestehen, dass die Industrie fuer die Verbesserung
des Lebensstandards der Arbeiterschaft sorgen muss. Wenn die
Gewerkschaften in der heutigen Zeit besonders an Produktionsfragen interessiert sind, so ist hierin eine Tendenz zu sehen,
die auf wirtschaftliche und industrielle Entwicklungen zurueckzufuehren ist, die aber auf keinen Fall den Kampfgeist der
Gewerkschaften schwaechen darf. Diese Bewegung muss vielmehr
in der Lage sein, ihren Einfluss auf bestimmte und auch allgemeine Dinge staendig geltend zu machen.
- Protokollauszug DER EUROPAEISCHE ARBEITER UND DER MARSHALLPLAN
Es ist noch nicht allzu lange her - es war das Jahr
1948 - als Europa von Armut und Zerstoerung heimgesucht wurde.
Zum zweiten Male innerhalb einer Generation war die Wirtschaftsstruktur des Kontinents schwer erschuettert worden.
Der Kommunismus, der unter solchen Verhaeltnissen immer leichtes Spiel hat, reckte sein Haupt hoeher. Zeitweilig hatte
- 9-

�*

es tatsaechlich den Anschein, als ob er ganz Europa unter
seinen Fdlessen zerstampfen wuerde.
Das bedauernswerteste Opfer in diesem wirtschaftlichen
Elend war der europaeische Arbeiter. Es war kein Zufall,
wenn die Kommunisten in ihrer politischen Taetigkeit ihr
Hauptaugenmerk auf die Arbeiterschaft Europas riohteten vor allem also auf die Gewerkschaftsbewegung.
Die Kommunisten streckten ihre Haende schon nach einer
Frucht aus, die fast ausgereift war. Darüberhinaus war die
Sicherheit der gesamten freien Welt bedroht, wenn Europa nicht
erneut ein starkes und gesundes Mitglied der demokratischen
Gemeinschaft werden konnte.
Aber 1948 war auch das Jahr, in dem der Marshallplan mit
einem Programm nach Europa kam, das zum Ziel hatte, die europaeische Wirtschaft wieder auf eigene Fuesse zu stellen.
Von diesem Zeitpunkt an ist die kommunistische Expansion
in Europa steckengeblieben, der Kommunismus ist laengst in
die Defensive gedraengt.
Die Beauftragten des Marshallplans waren sich immer darueber im klaren, dass die europaeische Arbeiterschaft unter
anstaendigen Lebensverhaeltnissen leben muss, die es wert
sind, verteidigt zu werden, wenn Europa stark genug sein
soll, sich zu behaupten. Zwar ist der Lebensstandard noch
nicht annaehernd so hooh wie er sein sollte, aber die wirtschaftliche Lage der europaeischen Arbeiter waere heute unendlich schlechter, wenn es den Marshallplan nicht gaebe.
Das erfolgreiche Gelingen des Wiederaufbauprogramms
haengt von dem europaeischen Arbeiter ab, weil erstens vier
Fuenftel der europaeischen Exportgueter, die zum Ausgleich
des europaeischen Dollarkontos gebraucht werden, Erzeugnisse
der Industrie sein muessen, und weil zweitens die positive
Mitarbeit der Industrie-Arbeiterschaft fuer die gesteigerte
Produktion notwendig ist, die fuer die Verteidigungsbemuehungen der westlichen Welt erforderlich ist. Schliesslich ist
dieser Teil der europaeischen Bevoelkerung ein kritischer Faktor in dem ideologischen Krieg, der zur Zeit gegen den imperialistischen Kommunismus gefuehrt wird.
Trotz aller Fröpagandamittel, die die Kommunisten in die
Waagschale werfen, steht die Mehrheit der europaeischen Arbeiter heute hinter dem Marshallplan. Die freien Gewerkschaftsorganisationen bilden die staerkste Einzelmacht in Europa, die
sich fuer wirtschaftlichen Wiederaufbau einsetzt und die Rettung der Demokratie vor allen totalitaeren Uebergriffen sicherstellt.
Seit Beginn des Marshallplans hat sich in sieben von zehn
bedeutenderen Laendern, die von Amerika wirtschaftlich unterstuetzt werden, die Beschaeftigungslage gebessert. Es sind
dies Daenemark, Frankreich, Deutschland, Holland, Norwegen,
Schweden und England. Von dem Jahr 1948 als Basis ausgehend
liegt die Zunahme der Beschaeftigungsziffer in diesen Laendern
zwischen 3 % (Schweden) und 20 % (Deutschland). In Frankreich
stieg sie um 6 #, in England um 8 % und in Holland um 7 %. Norwegen und Daenemark meldeten eine Steigerung un 11 #. Selbst
das schwer mitgenommene Oesterreich und Italien hatten aehnliche

10

�Erfolge zu verzeichnen. Nur in Belgien ist die Beschaeftigungsziffer zurueckgegangen.
In Europa, als Gesamtheit betrachtet, arbeiten heute vier
Millionen Menschen mehr als im Jahre 1946. Dies stellt eine
Zunahme der Beschaeftigungsziffer seit Beginn des Wiederaufbauprogramms um etwa 3,2 % dar.
Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg waren die Realloehne der meisten europaeischen Arbeiter unglaublich niedrig.
Mit Eintreten der Marshallhilfe trat jedoch eine Wendung ein,
die Realloehne der Arbeiter stiegen wieder langsam an. Die
Grundbedingungen waren in den einzelnen Laendern natuerlich
sehr verschieden.
Seit Beginn des Marshallplans im Jahre 1948 sind die
Realloehne in Daenemark um 6,7 # in die Hoehe gegangen. Belgien, Holland und Schweden hatten die gleiche Erhoehung zu
verzeichnen; waehrend sich die Realloehne der norwegischen
Arbeiter um 3,8 % steigerten, konnten die oesterreichischen
Arbeiter eine Verbesserung um 13,8 # gegenueber dem Stand von
1948 durchsetzen. In Frankreich sind die Realloehne der Arbeiter ebenfalls angestiegen, und zwar um 3,7 % fuer verheiratete Arbeiter und um 3,9 % fuer Alleinstehende. In Italien betraegt die Gesamterhoehung 6,4 %. Am auffaelligsten war die
Verbesserung der Realloehne in Westdeutschland - sie verbesserten sich um nicht weniger als 41,4 %. Die 36 #ige Steigerung
in England ist trotz der schweren Belastungen der englischen
Wirtschaft infolge der Verteidigungsbemuehungen kaufkraftmaessig
stabil geblieben. Nur in Holland war, bedingt durch oertliche
Umstaende, ein Rueckgang der Kaufkraft der Loehne zu verzeichnen.
Trotz dieses ueberwaeltigenden Wiederaufbaus ist die Arbeit noch nicht vollendet. Die Wunden, die der zweite Weltkrieg geschlagen hatte, waren so tiefe, dass trotz all dieser
Erfolge der Lebensstandard der Arbeiter besonders in Oesterreich, Frankreich, Italien und Westdeutschland immer noch unter dem Niveau des VorkriegsJahres 1938 liegt.
Dies ist darauf zurueckzufuehren, da3S die Verhaeltnisse
in vielen Gebieten Europas bei Beginn des Marshallplans nicht
schlimmer haetten sein koennen. Seit dem Beginn der wirtschaftlichen Hilfe Amerikas ist die Abwaertsentwicklung der
realen Kaufkraft zu einer Aufwaertsbewegung geworden. Aber
gemessen an der Kaufkraft der amerikanischen Arbeiter hat sich
die Kaufkraft der Arbeiter in Oesterreich, dem Jahre 1938 gegenueber, um 10 % verringert. Unter den gleichen Umstaenden
ist sie in Deutschland um 13 #, in Italien um 2 % und in Frankreich sogar um 37 % niedriger.
Was Lebensmittel betrifft, so verfuegt der Arbeiter in
einem Land wie Frankreich demnach nur ueber ein Drittel der
Kaufkraft des amerikanischen Arbeiters. Und der Lohn des italienischen Arbeiters besitzt nur 25 % der Kaufkraft fuer Lebensmittel seiner amerikanischen Kollegen.
Das Schreckgespenst des Hungers ist heute jedoch gebannt,
und die Lebensmittelrationierung gehoert auf dem groessten
Teil des Kontinents heute der Vergangenheit an. Europas Arbeiter brauchen sich nicht mehr vor der Kaelte unendlich lang
erscheinender Winter zu fuerchten, und man kennt nicht mehr
- 11 -

�die strenge, fast verzweifelte Rationierung von Elektrizitaet,
Gas und sonstigen Notwendigkeiten des taeglichen Lebens. Ein
grosser Teil der Gegenwertfondmittel aus dem Marshallplan insgesamt 442 Millionen Dollar - ist fuer den Bau billiger
Mietwohnungen verwendet worden, um den europaeischen Arbeitein
bessere Wohnmoeglichkeiten zu bieten.
Trotz dieses Wiederaufbaus konnten die waehrend des
Krieges zerstoerten Gebaeude nicht wiederhergestellt werden,
ebenso war es nicht moeglich, zur Linderung der Wohnungsnot
in Frankreich, Italien, Griechenland und Westdeutschland allzuviel zu tun.
Die Vorteile, die der Marshallplan den europaeischen Arbeitern brachte, liegen auf der Hand. Vor Einsetzen des Marshallplanes hatte der Einfluss der Kommunisten auf die europaeische Gewerkschaftsbewegung seinen Hoehepunkt erreicht.
Heute, nach drei Jahren, ist dieser Einfluss geringer als er
Je in der Nachkriegszeit war.
Es war zum Beispiel Europas Arbeiterschaft, die als erste
die Handlungsweise der Vereinten Nationen gegenueber der kommunistischen Aggression in Korea guthiess. Waehrend andere
Sektoren der europaeischen Gesellschaft noch lange Debatten
ueber die Frage fuehrten, ob sie d9m Beispiel der Vereinigten
Staaten folgen sollten, stellte sich die Arbeiterschaft ohne
Zoegern auf ihre Seite. Unter Verwendung aller zur Verfuegung stehenden Informationsmittel wurde die Handlungsweise der
Vereinten Nationen als lebensnotwendig fuer die Verteidigung
der Demokratie dargelegt. Die europaeischen Arbeiter, deren
pazifistische Gesinnung man seit langem kennt, waren nicht
mehr gewillt, eines scheinbaren Friedens willen um jeden Preis
nachzugeben.
Und damit Europa stark genug ist, seine Existenz selbst
zu verteidigen, setzen sich die europaeischen Arbeiter dafuer
ein, dass Waffenlieferungen im Rahmen des Atlantik-Paktes sicher entladen werden. Dies trifft selbst fuer Frankreich zu,
wo noch so viel zu tun uebrigbleibt. Zu Beginn des Marshallplans war Marseille einer der grossen Haefen, die voellig von
den Kommunisten beherrscht waren. Sie hatten 54 von 55 Sitzen
in den Betriebsraeten der Dockarbeiter'inne. Hiervon sind
ihnen jedoch nur zehn Sitze geblieben, die Waffen fuer die
Verteidigung der freien Welt werden ohne jeden Zwischenfall
entladen. Aehnlich sieht es auch in anderen grossen europaeischen Haefen wie Cherbourg und Neapel aus.
Wie die europaeischen Arbeiter heute eingestellt sind,
ist aus einem Vorfall zu ersehen, der sich vor weniger als
einem Jahr in Oesterreich ereignete. Die Kommunisten planten
mittels eines Generalstreiks einen rücksichtslosen Staatsstreich. Die in freien Gewerkschaften organisierten Arbeiter Oesterreichs, die die ueberwaeltigende Mehrheit der Erwerbsbevoelkerung des Landes bilden, versagten jedoch ihre
Mithilfe. Und der kommunistische Griff nach der Macht wurde
zu einem klaeglichen Fehlschlag.
Dies sind einige der immer zahlreicher werdenden Beispiele, die zeigen, dass es den Kommunisten nicht gelingt, die europaeischen Arbeiter zur Erreichung ihrer eigenen Ziele zu
missbrauchen.
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�Dies sind einige wenige Beispiele, die zeigen, wie durch
die Vorteile, die den Arbeitern aus dem Marshallplan erwuchsen, neues Vertrauen in die Demokratie und neue Hoffnungen
auf ein besseres Morgen geschaffen wurden.
Es muss jedoch gesagt werden, dass es noch zwei Laender
in Europa gibt, wo der Kommunismus in zaeher Selbstverteidigung noch immer eine Macht bleibt, mit der gerechnet werden
muss. Es sind dies Frankreich und Italien, deren Arbeiter
einen anstaendigen Lebensstandard und einen gerechten Anteil
an den Fruechten aus dem Wiederaufbau erhalten muessen, bevor
der Einfluss der Kommunisten beseitigt werden kann. Die Unternehmer in diesen Laendern muessen sich darueber im klaren sein,
dass die Arbeiter Anteil an den Fruechten einer gesteigerten
Produktivitaet - die bereits hoeher ist als vor dem Kriege haben muessen.
Es war das Hauptziel des Marshallplans, die wichtigsten
Industrien wieder dahin zu bringen, dass sie funktionieren und
produzieren koennen. Dieses Ziel ist im grossen und ganzen
erreicht worden.
Vor uns liegt jedoch noch die Aufgabe, diese Produktivitaet noch weiter zu steigern und dafuer zu sorgen, dass die
Arbeiter in Form hoeherer Loehne und niedrigerer Preise auoh
Vorteile von ihr haben.
Die
rung der
richtet.
kann und

neue Kampagne der Marshallplan-Verwaltung zur SteigeProduktivitaet ist besonders auf diese Ziele ausgeDie europaeische Industrie produziert bereits. Sie
muss aber noch leistungsfaehiger werden.

Wenn die europaeischen Industrien erst einmal neu organisiert, mit neuen Produktionsmitteln ausgeruestet und nach neuen Gesichtspunkten orientiert sind, wird Europa, einer neueren
Schaetzung des ECA-Administrators zufolge, in der Lage sein,
seine wirtschaftliche Leistungsfaehigkeit um 100 Milliarden
Dollar jaehrlich zu steigern. Dies wuerde bedeuten, dass der
Lebensstandard der europaeischen Arbeiterschaft, besonders in
Gebieten, in denen jetzt noch Unsicherheit herrscht, weiterhin
steigen wuerde, waehrend diese Nationen zur gleichen Zeit fuer
die Verteidigung des Westens ihre Abwehrschritte vorbereiten.
Es wird ausserdem bedeuten, dass den bereits geschwaechten
Kommunisten in Europa endgueltig der Todesstoss versetzt wird.
Dieser letzte Schritt muss noch getan werden, um den Wiederaufbau Europas zu vollenden, es muss dafuer gesorgt werden,
dass die Arbeiterschaft des Kontinents den Lebensstandard erringt und sich der Lebensweise erfreut, die es wert sind, verteidigt zu werden.
ECA Labor Information
CIO FORDERT VERBESSERUNG DES SOZIALVERSICHERUNGSPROGRAMMS
In der Erwaegung, dass schaetzungsweise 5&amp; Millionen Amerikaner Unterstuetzungsgelder beziehen und ein Viertel der
Nation "am Rande der Not lebt," hat der CIO ein erweitertes
bundesstaatliches Sozialversicherungsprogramm gefordert, das
eine Lebens-,Kranken- und Unfallversicherung enthaelt und dem
ein hoeherer Mindestlohn zugrundegelegt werden soll.
- 13

�"Jeder Amerikaner muesste im Schutze dieser Versicherung
stehen, die Unterstuetzungen muessten so erhoeht werden,
dass alte Leute und Hinterbliebene einen besseren sozialen
Schutz haben," hiess es in der Dezember-Ausgabe der ClO-Veroeffentlichung "Economic Outlook". "Auoh der Invalide muss
in diese Versicherung einbezogen werden, die KrankheitsVersicherung muss zusammen mit anderen Bestandteilen eines bundesstaatlichen Gesundheitsprogramms fest verankert werden, zu
dem z.B. die Ausbildung fuer den Sanitaetsdienst und der Bau
von Krankenhaeusern gehoeren.
"Die amerikanischen Unternehmer muessen aufgefordert werden, angemessenere Mindestloehne zu. zahlen und bessere Sicherheiten gegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfall und Todesfall zu
bieten, die hierdurch entstehenden Mehrausgaben sind als Produktionskosten zu betrachten."
In dem "Outlook" heisst es weiter, dass alle einzelstaatlichen Programme der Sozialversicherung in einem bundesstaatlichen Versicherungssystem vereinigt werden muessen, das
gleiche und angemessene Unterstuetzungen und die Erfassung aller Buerger garantiert.
Im "Outlook" wird ferner die "Jenner"-Abaenderung zu dem
neuen Steuergesetz verurteilt, die es einem Staate erlaubt,
die Oeffentlichkeit Einblick in die Listen der Unterstuetzungsempfaenger nehmen zu lassen. Dadurch waeren jene, die unterstuetzt werden muessen, um leben zu koennen, mit einem "grausamen und nicht zu rechtfertigenden Stigma gekennzeichnet."
"Die richtige Antwort auf das Problem der unwuerdigen
offenen Listen der Unterstuetzungsempfaenger sei eine kluge
Handhabung der Wohlfahrtsbehoerden durch ein entsprechendes
Personal geschulter und kompetenter Leute, die Sinn fuer
menschliche Wohlfahrt haben, und die wissen muessen, unter
welchen Umstaenden Hilfe wirklich erforderlich ist. Es ist
unmenschlich, alle Unterstustzungempfaenger als "Schmarotzer"
oder "Parasiten" zu brandmarken."
Rund dreieinviertel Millionen Amerikaner im Alter von
ueber 65 Jahren beziehen Altersrenten, die im Durchschnitt
fuer eine einzelstehende Person 43 Dollar und fuer ein Ehepaar 67 Dollar betragen. Mehr als eine Million Muetter und
Kinder beziehen gemaess den Bestimmungen des Hinterbliebenengesetzes "jammervoll niedrige Unterstuetzungen". Die durchschnittliche Unterstuetzung fuer eine Witwe mit zwei Kindern
betraegt zur Zeit 104 Dollar im Monat oder weniger als 25
Dollar in der Woche. Sechzehn Millionen Arbeiter fallen nicht
unter die bundesstaatlichen Mindestlohngesetze, der bundesstaatliohe Mindestlohn von 75 Gents reicht fuer eine durchschnittliche Familie von vier Personen gerade dazu aus, ihr
Dasein zu fristen.
"Die Verteidigung Amerikas ist nicht eine Angelegenheit
von Maschinengewehren und Atombomben allein; Jede Sicherheit
haengt, auf lange Sicht gesehen, auch von den Menschen ab gesunden, hoffnungsvollen und produktiven Menschen, die bereit
sind, sich fuer die Erhaltung ihrer Lebensweise restlos einzusetzen."
Daily News Service
II1/10/51
14 i

�GEWERKSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN IM IRAK
Im Anschluss an die wirtschaftliche Depression im Irak
ist die Beschaeftigtenziffer seit Mitte 1950 in die Höhe gegangen, waehrend Lohn- und Arbeitsbedingungen praktisch unveraendert blieben. Im Arbeitsministerium gab es nur wenig
Beamte, die sich mit dem Erlass der notwendigen Arbeitsschutzgesetze beschaeftigten, und weder die Industriearbeiterorganisationen noch die anderen Gewerkschaften waren in der Lage,
solche Gesetze durchzusetzen.
1949 und zu Anfang 1950 erreichte die Arbeitslosigkeit den
Hoeohststand der Nachkriegsjähre, was z.T. auf die Entlassung
der Soldaten aus Armee und Polizei zurueckzufuehren ist. Wie
Arbeitsbeauftragte der Regierung erklaerten, war dieses Problem vor allem fuer Angestellte, Bauarbeiter und diejenigen
Fellachen besonders gross, die in die Staedte kamen, um dort
Beschaeftigung zu suchen. Mit der Verbesserung der allgemeinen
wirtschaftlichen Verhaeltnisse und der -Inangriffnahme der Bauprojekte der Regierung ging die Arbeitslosigkeit in der letzten
Haelfte des Jahres 1950 und zu Anfang des Jahres 1951 zurueck.
Nach der Auswanderung von 85,000 Juden nach Israel gab es sogar
offenstehende Arbeitsplaetze.
Nachdem die Konvention 68 des Internationalen Arbeitsamtes
vom Parlament des Iraks ratifiziert war, die sich auf die Organisation des Arbeitsvermittlungsdienstes bezieht, unterrichtete der Generaldirektor fuer Arbeit und soziale Sicherheit
die Leiter der vier Arbeitsaemter in Bagdad, Mosul, Basra und
Kirkuk ueber neu zu treffende Massnahmen. Die Arbeitsinspektoren (sechs in Bagdad und je einer in den drei uebrigen StaedtenJ
wurden angewiesen, die Unternehmer zu veranlassen, der Regierung Vorschlaege ueber Beschaeftigungsbedingungen, Loehne, Arbeitszeit und andere Arbeitsbedingungen zu unterbreiten.
Frueher hatten sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer damit
gezoegert, derartige Vorschlaege der Regierung zu uebermitteln,
weil sie befuerchteten, dass ihnen hieraus ein Nachteil entstehen koennte.
Im Mai 1951 gab es nur 12 schwache Gewerkschaften mit insgesamt 7265 Mitgliedern. Zwei Gewerkschaften der Zimmerleute
waren gegen Ende des Jahres 1950 mit der Begruendung verboten
worden,dass sie sioh durch kommunistische Infiltration und
subversive Ideen beeinflusst, nicht den Massnahmen der Regierung unterordnen wollten.
Seit Dezember 1949 waren fast alle Streiks von nichtorganisierten Arbeitnehmern einzelner Firmen ausgerufen worden. Zu
diesem Zeitpunkt waren das Notstandsgesetz und das Streikverbot
aufgehoben worden. Es hat demnach den Anschein, dass diese Arbeiter in ihren Forderungen mehr Erfolg hatten als die von der
Regierung erlaubten Gewerkschaften.
Im Verlauf des Jahres 1950 wurden drei Streiks gefuehrt,
jedoch nur einer von einer Gewerkschaft. In jedem Falle konnten die Arbeiter ihre wichtigsten Forderungen durchsetzen, die
sich entweder auf hoehere Loehne oder bessere Lohnzahlungsmethoden bezogen. In der ersten Haelfte des Jahres 1951 kam es zu
zwei Streikaktionen. Vom 22. Februar bis zum 7. Maerz streikten 1,300 Arbeiter der Basra Petroleum Company. Sie forderten,
dass man ihnen die zwei Stunden bezahlt, die sie taeglich auf
- 15 -

�den Autobussen der Gesellschaft auf dem Weg zur Arbeitsstaette
und wieder nach Hause zubringen. Nach der endgueltigen Beilegung des Streiks erklaerte sich die Firma lediglich bereit, zu
versuchen, die Fahrtzeit der Arbeiter zu verkuerzen, fuer Unfaelle, die sich waehrend dieser Fahrt ereignen, Unterstützungen zu zahlen, und gewisse andere, geringfuegige Zugestaendnisse
zu machen. Der zweite Streik war durch eine Aussperrung der
Arbeiter in den Textilbetrieben der Firma Fattah Pasha und Ahli
in Bagdad ausgeloest worden. Nach Beendigung der Aussperrung
wurde auch dieser Streik beigelegt.
Die Regierung traf vor kurzem Massnahmen, um den Mangel an
etwa 60.000 preiswerten Wohnungen zu beheben und der Arbeitslosigkeit unter den Bauarbeitern abzuhelfen. Dem Ministerium
fuer Soziale Angelegenheiten wurden in der Zeit von 1950 bis
1951 fuer den Bau von 225 kleinen Haeusern, die hauptsaechlioh
fuer juengere Regierungsbeamte bestimmt waren, Geldmittel in
Hoehe von 75.000 Dinar ( DM 862 000) zur Verfuegung gestellt.
Der groesste Teil dieser Haeuser sollte in Tel-Mohammed, einer
Vorstadt von Bagdad, gebaut werden. Dort ist bereits ein Bauprojekt von 208 Wohnhaeusern fertiggestellt worden.
Ein Grundstueck, das fuer den Bau von Wohnungen fuer
30,000 Fellachen aus Bagdad bereitgestellt worden war, deren
Sohilfhuetten staendig der Gefahr ausgesetzt sind, ueberflutet
zu werden, wurde 1951 fuer den Bau eines Krankenhauses vorgesehen, weil die Fellachen sich weigerten, umzuziehen. Ein
Wohnungsbauprojekt von 700 Haeusern soll Ende des Jahres 1951
fertiggestellt sein. Die Unkosten hierfuer werden sich auf
3.430.000 DM belaufen.
Der Bau wird von der Stadtverwaltung von Basra geleitet,
die ausserdem die Herstellung von 1000 aus Lehmziegeln gebauten Haeuser geplant hat, die von Fellachen durch jaehrliche
Ratenzahlungen von 5 oder 6 Dinar (58,80 - 70,50 DM) kaeuflioh
erworben werden koennen. Im April forderte der Minister fuer
soziale Angelegenheiten die sofortige Abaenderung eines im
Jahre 1947 erlassenen uesetzes, nach dem Arbeitgeber, die mehr
als 200 Personen beschaeftigen, verpflichtet sind, ihren Arbeitern Wohnungen zur Verfuegung zu stellen. Die Irak Petroleum Co., eines der 12 groessten Unternehmen, die unter dieses
Gesetz fallen, hat bereits im Gebiet von Kirkuk 250 Wohnhaeuser
fuer Arbeiter gebaut.
Es ist damit zu rechnen, dass aufgrund der juengsten Entwicklung in der Petroleumindustrie des Iraks - die Unternehmen
haben einen neuen, bis 1961 laufenden Vertrag abgeschlossen,
der eine 50 #ige Beteiligung der Irak-Regierung an den Exporterloesen des Petroleums vorsieht - sowohl der Wohnungsbau als
auch die Gewerkschaften einen starken Aufschwung nehmen werden.
Notes on Labor Abroad
51/7-8

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Äffairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post angeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
SjSjfsnfallen,

IV - 51

F r a n k f u r t , den 2 1 . Dezember 1951

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
"Pilot-Betriebe" als Pruef- und Beweismoeglichkeit fuer Produktivltaetssteigerungen

1

Die erwerbstaetige Japanerin im Schutz neuer
Arbeitsgesetze

9

Die Stellungnahme der norwegischen Gewerkschaften zu den Problemen der Loehne, der
Preise und der Produktion

11

Neuer Fischschwarmdetektor bedeutet mehr
Nahrungsmittel fuer Europa

14

William Gomberg:
"PILOT-BETRIEBE" ALS PRÜEF- UND BE'tfEISMOEGLICEKEIT FUER
PRÖDÜMTvmsiTSSTSIGiiRÜTJGEB
Als am 17. Juni vier und eine halbe Million Franzosen
von insgesamt 17 Millionen Waehlern ihre Stimmzettel in die
Urnen legtenund sich fuer den kommunistischen Kurs und gegen
die Demokratie entschieden, weitere 3,6 Millionen dem Appell
der Gaullisten folgten und sich damit gleichfalls fuer die
Abschaffung der Demokratie aussprachen und die Verwirklichung
einer rechtsradikalen Diktatur forderten, da zeigte es sich
sehr deutlioh, dass die Kommunisten sich nooh immer ihre Hauptkraft in der Arbeiterklasse erhalten haben.
Dieses Echo der kommunistischen Propaganda ist in wirtschaftlicher Hinsicht verstaendlich. Es ist Tatsache, dass
die Industrieproduktion Frankreichs immer neue Rekorde erreicht. Aber die Arbeiter haben an diesem Aufschwune nioht
den geringsten Anteil. Nach einer Statistik in "Business
Week" liegt jetzt die industrielle Produktion 40 % •: ,ber
dem Vorkriegsstand und man rechnet damit, dass sie noch um
- 1 -

�weitere 6 bis 10 % ansteigen wird. Der Grosshendelsindex der
Industrieproduktion ist auf 63 §&amp; geklettert, der Grosshandelsindex fuer Nahrungsmittel auf 16 %, fuer Rohmaterialien auf
102 #, fuer den Pariser Bezirk ist jedoch der Index fuer Nahrungsmittel auf 30 % angestiegen. Aber waehrend der Einzelhandelspreisindex 30 mal so hoch wie vor dem Kriege ist, ist
der Lohnindex nur um etwa das 13fache gestiegen. Das bedeutet, dass die durch die Froduktivitaetssteigerung erzielten
Gewinne zwar sehr betraechtliche geworden sind -sie koennen
auch in erster Linie auf den Marshallplan zurueckgefuehrt
werden - dass diese Gewinne aber nur die Industrie selbst erzielt hat, waehrend die Kaufkraft der Arbeiterschaft sich noch
nicht wieder auf den Vorkriegsstand geschraubt hat. Es ist
daher weder neu noch ueberraschend, dass der Marshallplan sich
bei der franzoesischen Arbeiterschaft keiner besonderen Beliebtheit erfreut.
Natuerlich koennen die Amerikaner behaupten, dass ohne
die Marshallplanmittel die franzoesische Industrie ihren Wiederaufbau nur sehr langsam haette durchfuehren koennen oder
dazu angesichts der besonderen Weltwirtschaftsverhaeltnisse
ueberhaupt nicht_ in der Lage gewesen waere. Unter
diesen Umstaenden gaebe es fuer die franzoesischen Arbeiter
nur noch groessere Haerten und Erwerbslosigkeit. In jedem Falle ist hier jedoch eine betraechtliche Veraergerung ueber den
"reichen Onkel" festzustellen, weil diese Mittel dazu beigetragen haben, eine Ungleichheit zu schaffen, wie die eben angegebenen Zahlen beweisen und aus diesem Grunde sich ueber die
Marshallplanhilfe eher eine Veraergerung als eine Dankbarkeit
ergeben musste.
Aber wie koennen die Amerikaner diese Situation loesen?
Dieses franzoesische Probier;., gibt es in Grossbritannien
dagegen nicht. Die britische Arbeiterregierung war ebenso
stark wie einsichtig genug, um die Interessen der Arbeiterschaft zu schuetzen, weil sie von jedem kommunistischen Einfluss frei war und ihre Ziele niemals verwaessern liess. Der
Regierung gelang es, die britischen Arbeiter davon zu ueberzeugen, dass sie an den Segnungen des Marshallplans beteiligt
sind, weil die Ertraege gerecht aufgeteilt wurden. Dadurch
wirkten sich die Verhaeltnisse nicht in einer Form wie in Frankreich aus. Man muss gerade diesen Punkt herausstellen, weil
es eine weitverbreitete Meinung gibt, dass die Erfolgslosigkeit
des Marshallplans in Frankreich auf propagandistische Maengel
zurueckzufuehren ist. Aber selbst eine weit groessere und bessere Anzeigenkampagne haette hier nicht helfen koennen. Nicht
der Mangel an Publizitaet hat diesen Fehler herbeigefuehrt, sondern eine gewisse und bedeutsame Phase der franzoesischen Politik. Hierueber muss man sich vor allem anderem im klaren sein.
Ob es nun so geplant war oder ob es nur zufaellig so geschah, der Marshallplan hat sich jedenfalls selbst auf die
Theorie der"Sickerungs"-Theorie abgestellt: "Kuenmert Euch um
die fuehrenden Schichten, die Ertraege werden nach und nach
auch bis zu den niedrigsten Gruppen durchsickern." Diese Form
der Politik war in den ersten Jahren der schweren Depression
anzuraten, aber sie erwies sich sehr bald als voellig unwirksam.
Das amerikanisoud Volk verwarf diese Politik mit der Wahl im
Jahre 1932. Kein noch so grosser Aufwand an Anzeigen und Propaganda, mag er auch noch so geschickt sein, kann diese "Siokerungs"-Theorie dem europaeischen Arbeiter im Jahre 1951
- 2

�als die wirkliche.Loesung aller Probleme empfehlen.
Die Amerikaner muessen darauf bestehen, dass ihre wirtschaftliche Hilfe in einer Weise angewandt wird, um ein guenstiges Klima zu schaffen - vor allem fuer jene "franzoesischen Unternehmer, die sich bereit erklaeren, endlich einmal mit jenen
ueberkommenen Methoden der Ausbeutung der Arbeiterschaft zu
brechen. Diese Forderung ist ebenso wichtig wie die finanzielle
Stabilitaet, denn hier ergibt sich ein Appell an eine zahlenmaessig weit staerkere und wichtigere soziale Klasse.
Die Formulierung des franzoesischen Problems mit diesen
Begriffen ist keineswegs neu. Im fruehen Februar des.Jahres
1950 haben die damaligen Leiter des Bueros fuer Arbeitsangelegenheiten Boris Shiskin, der bei der ECA taetig war,und Jim
Stern, der Leiter der Produktivitaetsabteilung im Buero fuer
Arbeitsangelegenheiten, Besprechungen auf einer realistischen
Basis begonnen, die eine zweckmaessigere Verteilung und Vergebung der Marshallplanmittel sicherstellen sollten. Im September
1950 gab eine Studiengruppe amerikanischer Gewerkschafter Lucia, Berenger und Gibbons - ihren Bericht ueber die Ergebnisse
ihrer Studienreise durch Frankreich heraus. Sie wiesen darauf
hin, dass die negative Raktion der franzoesischen Arbeiter in
bezug auf die Marshallplanhilfe zwischen einer offenen Feindschaft und einer voelligen Uninteressiertheit schwankte. Gemaess
den in diesem Bericht geaeusserten Bemerkungen rief der neu ernannte, aus dem CIO hervorgegangene Arbeitsbereter der ECA
Rober Olivler eine Gruppe Gewerkschafter zusammen, um ein neues
Programm fuer Frankreich festzulegen. Dieser Gruppe gehoerten
Victor Reuther, William Gomberg und Harold Gibbons an. Ken Douty,
der leitende Beauftragte fuer Arbeitsfragen in der franzoesisohen Mission, wurde nach Paris gebeten, um an der Konferenz teilzunehmen. Und bei dieser Konferenz entstand zum ersten Mal die
Idee, Pilot-Betriebe in Frankreich zu errichten. Aber es war
nicht die Zeit vorhanden, dieses Vorhaben in allen Einzelheiten
festzulegen. Uebrigens war die Wahl des Begriffs "Pilot-Anlage"
bereits eine etwas unangenehme Angelegenheit. Eine "Pilot-Anlage"
bedeutet in der Sprache des Ingenieurs ein kleines Laboratorium,
das seine Arbeiten in der Hoffnung durchfuehrt, die Grundlage
fuer eine groessere, kostspieligere Anlage ermitteln zu koennen.
Die Beziehung zwischen einer Pilot-Anlage und einer regulaeren
besteht darin, dass erstere den Zweck hat, lediglich als Versuchsabteilung zu dienen und alle Irrtuemer ausschalten soll,
die sioh zu Ungunsten eines Betriebs der Massenproduktion ergeben koennten. Die gesamte Theorie der Pilot-Anlage besteht darin, durch Beispiel und praktische Erfahrung die Materie kennen
zu lernen.
Die Idee,durch Beispiele Erfahrungen zu sammeln, wurde kuehn
auf die franzoesische Situation uebertragen. Das Denken einiger Mitglieder des ECA-Stabes wurde mit einigen wohlmeinenden
Franzosen geteilt, die daran interessiert waren, die Situation
in der franzoesischen Industrie grundlegend zu aendern. Die
Ueberlegungen lagen jedoch ziemlich in der gleichen Richtung.
Der franzoesische Industrielle blieb davon ueberzeugt, dass geringe Gewinnspannen und hohe Umsaetze in den Vereinigten Staaten
sioh ohne weiteres ermoeglichen lassen, jedoch nicht in Frankreich. Wenn jedoch an Hand von Beispielen bewiesen wird, wie
sioh diese Geschaeftsmethoden auch auf Frankreich erfolgreich
uebertragen lassen und das Unternehmen entsprechend gefuehrt
wird, dann sind auch die franzoesischen Geschaeftsleute ohne
weiteres bereit, sofort ihr altmodisches Denkprinzip aufzugeben
und sie erwaermen sich fuer ein System des hohen Lohnes und der
3 -

�niedrigen Verkaufspreise. Unterredungen mit franzoesischen
Geschaeftsleuten, die sich ueber eine Zeit von sechs Wochen
erstreckten, sind durchaus nicht beweiskraeftig, sie sind aber
sehr aufschlussreich. Wiederholt musste man entdecken, dass
der franzoesische Geschaeftsmann kaum noch der Vetter aus der
Kolonialzeit ist, der keine Ahnung von den grossen amerikanische]! Wirtschaftsgrundsaetzen hat, aus der der grosse Katechismus der Rotarier besteht, und die heute wiederum eine von oben
her kommende Anregung fuer eine grundsaetzliche Theorie erwarten. Seine Kenntnis der amerikanischen Praxis war durchaus
zufriedenstellend, sein Wissen um die wirtschaftliche Philosophie uebersteigt. die seines amerikanischen Ebenbildes in
sehr vielen Faellen. Ein Strickwarenhersteller stellte fest,
dass er den Verkaufspreis eines Pullovers von 25 DM auf 8.50
DM herabsetzen und dabei noch immer einen kleinen Gewinn erzielen koennte. Und wenn er es jedoch tun wollte, warum soll
er es eigentlich? Praktisch wuerde dies nur bedeuten, dass er
bei einem ebenso hohen Gewinn oder sogar bei einem geringeren
noch mehr Aktivitaet als bisher aufzuwenden haette. Und weiter ist er der Meinung, dass der Einzelhaendler einfach die
bisherige Spanne fuer sich in Anspruch nehmen wird, das heisst
den Verkaufspreis nicht herabsetzt, sondern die groessere
Differenz fuer sich behalten wird.
Natuerlich gelangt nichts von diesem graswurzelhaften
Denken in den offiziellen Feststellungen oder in den vielen
Reden zum Vorschein. Alle offiziellen Reden preisen die Vorteile des vielfachen Umschlags, des geringen Gewinns und erst
recht die Notwendigkeit einer erhoeüten Produktivitaet. Aber
die Syndici der Unternehmer haben nur halboffizielle Positionen inne, und sie verfolgen selbstverstaendlich die Politik,
wie sie von den Mitgliedern der Verbaende gewuenscht wird.
Und sie fuehren diese umso wirksamer durch, weil sie viele
Jahre hindurch es verstanden haben, sich nach aussen hin eine
gute oeffentliche Meinung zu schaffen. Die notwendigen Konferenzen gehen mit allen Zeremonien vor sich* allen geeigneten
Plattheiten wird in der Oeffentlichkeit ein starkes Echo verschafft. Als ich einmal ziemlich privat mit einem der hervorragendsten Organisatoren solcher Konferenzen mich etwas ausfuehrlicher unterhielt, gestand er mir ganz offen ein, dass
er immer noch einen sehr anstaendigen Profit machen koennte,
wenn er die Preise fuer die Haushaltsartikel reduzierte, die
er herstellte. Er meinte jedoch: "Warum soll ich es aber tun?
Der Markt fuer m9ine Erzeugnisse ist voellig unelastisch."
Jeder Syndikus einer Industriegruppe bringt es fertig, fast
alle Handelsgewohnheiten ihren Mitgliedern aufzuzwingen, weil
sie die Faehigkeit haben, die Zahl der neu in eine bestimmte
Industrie Eindringenden einzuschraenken. Diese Macht ist vor
allem auf die von ihnen ausgeuebte Kontrolle ueber knappe Rohmaterialzuteilungen zurueckzufuehren. Vor der Eroeffnung eines Unternehmens muss der Inhaber sich eine Handelserlaubnis
durch das Wirtschaftsministerium verschaffen. Neue Antraege,
die eine Geschaeftseroeffnung betreffen, werden vom Wirtschaftsministerium an die Geschaeftsfuehrung des betreffenden Industriellenverbandes weitergeleitet, die nun festzustellen hat,
ob in diesem Industriezweig noch Moeglichkeiten fuer die Eroeffnung eines neuen Unternehmens bestehen. Das bedeutet in
der Praxis, dass die Konkurrenten des Unternehmers von morgen
darueber zu Gericht sitzen, ob dieser die Genehmigung oder
das Verbot erhaelt, sich auf diesem Marktgebiet zu betaetigen.
Wenn der Antrag eines Tages endgueltig durch das Wirtschaftsministerium zurueckgewiesen wird, so kann es nicht dazu ver-

- 4 -

�pflichtet werden, die Gruende fuer diese Ablehnung aufzudekken. Es gibt gegen diesen Entscheid auch keinerlei Berufungsmooglichkeit. Und daneben gibt es eine Unzahl aehnlicher Punkte, wo durch das franzoesische sehr komplizierte Gesetzgebungssystem die Gemeinschaft der franzoesischen Unternehmer
einen starken Druck ausueben kann, um etwaige Konkurrenten,
die Aussenseiter sind, in die allgemeinen Schranken zurueck
zu weisen.
Was ich hier berichte, bestaetigt nur die Beobachtungen,
die Kritiker des franzoesischen Wirtschaftssystems wie Lanes
gemacht haben:
"In einem solchen System ist der selbstverstaendliche
Drang nach einer Ausdehnung des Unternehmers im Interesse
des Unternehmens entweder ziemlich unentwickelt oder voellig
abwesend. Tatsaechlich ist der Unternehmer geneigt, wenn
er schon zu etwas entschlossen ist, alle Moeglichkeiten fuer
eine Weiterentwicklung zunaechst zu vertagen," weil der Hauptnachdruck auf die Staerkung und die Erhaltung des Unternehmens gelegt wird und weiterhin eine allzu schnelle Entwicklung
des Unternehmens dieses frueher oder spaeter dazu zwingen
koennte, von Aussenstehenden Kapitalien aufnehmen zu muessen
und dadurch die Alleinbeherrschung des Unternehmens in eine
sohwere Gefahr geraet, die unter Umstaenden diese zu unter- .
hoehlen vermag. Weil jedoch die Unabhaengigkeit ein so kostbares Gut ist, besteht sehr haeufig eine uebermaessige Vollstaendigkeit des Fabrikationsprogramms, die einer wirksamen
rationellen Produktion aeusserst nachteilig ist. Das System
der Untervertraege zwecks Lieferung bestimmter Teile oder
die Geschaeftsverbindung mit Teillieferanten, die in Amerika
fuer die Industrie eine Form der Zusammenarbeit auf der fabrikatorischen Ebene geschaffen hat durch eine entsprechende
Verteilung der Einzelauftraege, ist in Frankreich noch immer
nur in ganz geringem Umfang durchgefuehrt."
"Man kann sogar eine starke Tendenz feststellen, Moeglichkeiten eines staerkeren Wachstums abzubremsen, weil die Theorie
besagt, dass das Unternehmen genug verdient und dass ein zusatzlicher Profit die zusaetzlichen Muehen nicht wert ist.
Diese besondere Abweichung, die im uebrigen keineswegs ungewöhnlich ist, bleibt dem Denken der meisten Amerikaner voellig
fremd, wie sie sich auch durch die immer wiederkehrende Frage
der Touristen zu erkennen gibt "Aber wollen sie denn nicht verdienen?" Die Antwort ist selbstverstaendlich, dass sie es
moechten, dass sie in jedem Falle soviel verdienen wollen, wie
sie zum Leben benoetigen. Die Franzosen neigen dazu, ebenso
in Verlegenheit zu kommen, wie wenn sie mit dem Eigensinn der
franzoesischen Eingeborenen in Verbindung gebracht werden, die
den ueblichen Lohnanreizen unzugaenglich sind. Das ist im
Lichte der Tatsachen genau das gleiche."
Es gibt zwei Wege fuer die Vorbereitung einer Pilot-Anlage.
Die eine besteht darin, dass amerikanische Industriellsten und
Gewerkschafter es eirem franzoesischen Unternehmer ermoeglichen,
die besten zur Verfuegung stehenden amerikanischen technischen
Methoden anzuwenden. Diese Formen der Technik beruhen darauf,
dass die grundsaetzliche Wirtschaftspolitik des Unternehmens
auf einem schnellen Umschlag der Gueter besteht, sodass sich
geringe Gewinnsaetze je Einheit, eine hohe Produktivitaet und
hohe Loehne in geradezu automatischer Konsequenz ergeben. Der
- 5 -

�Grundappell sollte sioh an die patriotischen Gefuehle der
franzoesischen Unternehmerschaft wenden. Andre Coret, ein
franzoesischer Industrialist, der Mitglied der Studiengruppe
gewesen ist, hatte sioh zweifellos an diese Gedankengeenge
erinnert, als er folgendes schrieb:
"Um dieses Ziel zu erreichen, ist es unerlaesslioh, eine
solche Haltung von Grund auf zu schaffen, da in Frankreich
sowohl die fuehrenden Maenner der Industriellen-Vereinigungen als auch die Gewerkschaftsführer sehr oft (dies kann
uebrigens durchaus guten Willens in gutem Glauben geschehen)
sich in einen verhaengnisvollen Kreislauf einspannen lassen die beruehmte Schlange beisst sich dabei in den Schwanz der auf der Meinung basiert, dass es nioht moeglioh ist, diesen ueberkommenen Grundsatz des Denkens jener Maenner zu beseitigen, die sie auf ihre Posten berufen haben. Und diese Grundeinstellung macht jede Tat vergeblich, die das Bestreben hat,
den gegenwaertigen Stand der Dinge endlich einmal zu aendern.
"Es ist deshalb erforderlich, einmal ein konkretes Beispiel zu geben und dabei den Endzweck sich vor Augen halten,
das heisst also, auf einer kleineren Plattform ein Musterbeispiel durchzufuehren, das nur ein Experiment in geringerem
Umfang bedeutet. Aus diesem Grunde kann eine Pilot-Anlage
aeusserst nuetzlich wirken."
Die zweite Moeglichkeit, den Begriff der Pilot-Anlage
staerker in den Vordergrund zu ruecken, besteht darin, einen
nicht in orthodoxen Gedankengaengen steckenden Unternehmer,
der sich nicht echten oder unechten Eartellgrundsaetzen verschrieben hat und der zugleich darauf bedacht ist, sein Unternehmen durch die Schaffung neuer Maerkte und die Eroberung
bestehender Maerkte auszuweiten, ausfindig zu machen. In dieser Situation befanden sich 1911 Henry Ford und 1930 Henry
Kaiser, heute muss man aber gleichdenkende franzoesische Unternehmer mit der Laterne suchen. Aber ihr Einfluss wuerde
in Frankreich deutlich spuerbar werden, weil ihre unorthodoxen
Geschaeftsmethoden die bisherige wirtschaftliche Sicherheit
jener Unternehmen bedrohen wuerden, die diese Methoden nicht
anwenden. Es kann jedoch nicht erwartet werden, dass sogenannte prominente Unternehmer, die mit dem Syndici der Unternehmerorganisationen durch dick und /duenn gehen, ein derartiges Temperament entwickeln wuerden. Tatsaechlieh wuerde es
keineswegs ueberraschen, wenn die Feststellung getroffen werden muss, dass die gefundenen Unternehmer fuer die Pilot-Anlage stirnrunzelnd von den Syndici angesehen werden und gleichzeitig als Aussenseiter der sozialen Ordnung hingestellt wuerden. Diese Unternehmer werden viel leichter ausserhalb der
Unternehmerorganisationen zu finden sein, als wenn man sie auf
dem ueblichen Wege entdecken wollte.
Es erhebt sich die Frage, was wir als Amerikaner diesen
Unternehmern bieten koennen. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass die von uns angebotene technische Unterstuetzung
nicht ausreicht, un den Unternehmer zu veranlassen, wirkliche
Risiken auf sich zu nehmen. Die nackte Wahrheit laeuft darauf
hinaus, dass in den meisten Faellen diese technische Unterstuetzung von der Abteilung fuer technische Kilfe geleistet,
wird, ohne dass von unserer Seite aus entsprechende Forderungen gestellt werden, die dafuer Sorge tragen, dass die Fruechte
der gesteigerten Produktivitaet auch den Arbeitern zugute kommen.
- 6 -

�Ein vielleicht noch staerkerer Anreiz der üeberredung, das Risiko einer solchen Pilot-Anlage zu uebernehmen, liegt in der
Moeglichkeit der Erhaltung eines Kredits aus dem fuer die
Zwecke der Produktivitaetssteigerung bereitgestellten Fond.
Von jedem Unternehmer wird verlangt, dass er mehr als 10 %
Zinsen fuer alle Darlehen zahlt, die ihm von der Bank von
Prankreich oder ihrenZweiginstituten gewaehrt werden. Darueberhinaus wird verlangt, dass er diese Darlehen mit seinem eigenen persoenlichen Giro unterzeichnet. Alle Vorteile der kooperativen Organisationsform werden unter diesen ümstaenden bedeutungslos, ganz abgesehen davon, dass ihre Gueltigkeit nur eine
beschraenkte ist. Die Nachfrage nach Krediten ohne die Bereitstellung eines entsprechenden Fonds an Gegenwertmitteln, die
ausreichend ist, um in Frankreich jede Hebelwirkung zu vermeiden, ist stark genug, um die soziale und wirtschaftliche Lage
jener Unternehmen zu beeinflussen, die um diese Kredite nachsuchen.
Die Entwicklung eines Meohanismus fuer die Durchfuehrung dieser
Pilot-Anlagen wird jedoch auroh die Schwaeche der freien franzoesischen Gewerkschaften beeintraechtigt, die auf einigen Gebieten vorhanden ist. Ein Beispiel hierfuer bietet die PilotAnlage in der Giessereiindustrie. Der Vorsitzende des Produktivitaetskomitteder Foroe Ouvriere unterrichtete mich voll
Stolz, dass es in der Giessereiindustrie bereits eine PilotAnlage gaebe. Tatsaechlich versperrte er sich zwar nicht gegen eine Pilot-Anlage, aber er nannte das ganze eine PilotAnlage - naemlich die gesamte Giessereiindustrie.
Auf der Grundlage einer Reihe Empfehlungen, die der Berater der ECA Laws machte, wurde ein weitmaschiges industrielles Schulungsprogramm in die 'Wege geleitet. Darüberhinaus
wurden Produktions- und Schulungsleiter fuer zehn Anlagen eingestellt. Der Vorsitzende der Force Ouvriere war bei der Beschaffung eines Kredits von 18 Millionen Franken behilflich,
die vom franzoesischen Produktivitaetsbuero gewaehrt wurden,
wobei er jedoch nicht klaeren konnte, ob es sich um ein Darlehen oder eine Zuwendung handelte, die der Finanzierung dieses
Projektes dienen sollte. Das franzoesische Produktivitaetsbuero
wird durch Gegenwertmittel finanziert. Ihm wurde als Gegenleistung nichts anderes auferlegt als die Durchfuehrung bestimmter Kurse ueber die Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und
Gewerkschaftern, die Unternehmern die Moeglichkeit geben sollte,
sich ueber diese Frage naeher zu orientieren. Wenn die Produktivitaet ansteigt, so hat er das Recht, die Frage zu stellen,
in welchem Masse die Arbeiter hieran beteiligt werden. Auf
Grund der franzoesischen Praxis der Gewinn- und Verlustrechnung und der technischen Begrenzungen der Berechenbarkeit des
Produktivitaetsanstiegs kann man sich sehr leicht sagen, dass
dies nur eine Wiederholung der alten ECA-Praxis unter einem neuen Namen ist - die Finanzierung des Pilot-Projekts durch Amerika
und die Ausbeutung so ziemlich des gesamten Ertrages durch die
franzoesische Mittelklasse.
Das Muster einer Pilotanlage ist in Frankreich bereits in
Betrieb, das im uebrigen ueber eine weitreichende Publizitaet
verfuegt. Es handelt sich hierbei um die Firma Telemechanique,
die elektrische Kontrollgeraete herstellt. Vier andere Unternehmer stellen die gleichen Erzeugnisse her, zahlen aber nur
Löhne, die die Haelfte der bei Telemechanique gezahlten erreichen. Die Bonuszahlungen der Telemechanique, die diese doppelt
so hohen Loehne ermoeglichen, sind jedoch genau kalkuliert.
Selbst wenn man die Grundloehne miteinander vergleicht, so ergibt sich, dass diese bei der Telemechanique um zehn Prozent
- 7 -

�hoeher liegen als bei den Konkurrenjen. Ich fragte nuji die
Mitglieder des Produktivit'aetskomites der Foroe Ouvriere, weshalb sie keine Forderungen auf vergleichbare Loehne bei den
anderen unternehmen stellen. Die Antwort war, dass sie mit den
Unternehmern verhandelten, dass diese die gleichen Produktionsmassnahmen wie Telemechanique einfuehren sollten. Sie schienen jedoch nicht daran zu denken, dass es wesentlich klueger
waere, den Konkurrenten der Telemechanique dadurch dienlich zu
sein, indem sie Lohnerhoehungen forderten ohne jede Ruecksicht
auf den gegenwaertigen Stand der Produktion und lediglich dabei
die Tatsache beruecksiohtigen sollten, dass Telemechanique den
Lohnstandard fuer die gesamte Industrie festlegt. Tatsaechlioh
waren jedoch aufgrund dieser Vorschlaege einige der Mitglieder
des Produktivitaetski^nites betroffen, da eine solche Lohnforderung, die gegebenenfalls nur durch einen Streik durchzusetzen
gewesen waere, lediglioh dem Kommunisten Wasser auf die Muehlen
leiten wuerde. Dieses Beispiel soll nur deshalb gegeben werden,
um aufzuzeigen, bis zu welchem Grade man eine wirkliche Unterstuetzung durch die Verwaltungsorgane einiger franzoesischer
Gewerkschaften erwarten kann, wenn man ihre gegenwaertige Einstellung und ihren Machtbereich fuer die Durchführung irgendwelcher Plaene in Reohnung stellt.
In dieser Hinsicht koennen jedoch einige interessante Entwicklungen berichtet werden. Die CGT ist bekanntlich die von
den Kommunisten beherrschte Gewerkschaft, die vor der Eroberung
die franzoesische Zentralgewerkschaft gewesen Ist. Es ist jedoch keineswegs gesagt, dass die CGT ihre Anhaenger auch kuenftig bei der Stange halten kann, selbst wenn die Struktur dieser
Organisation die gleiche bleibt und selbst wenn es ihr gelingt,
guenstige Arbeits- und Lohnbedingungen fuer ihre Mitglieder
durchzusetzen. Zwei Beispiele sind dafuer bezeichnend, wo die
oertlichen Fuehrer der Gewerkschaft aioh mit der Zentrale ueberwarfen, weil ein klug beratenes Unternehmen nicht unbetraechtliche Lohnzugestaendnisse diesen Mitgliedern gemacht hat.
Ein guter Teil der Hoffnungen auf einen Erfolg der Pilotanlagenprojekte liegt in den Haenden der Fuehrer der Ortsgewerkschaften. Unterrichtete Beobachter haben bereits festgestellt, dass ein gesundes und energisches Funktionaerkorps,
das sich mit oertlichen TarifVerhandlungsproblemen intensiv
beschaeftigt, auoh imstande ist, sich in anderen Fragen durchzusetzen. Die Pilotanlagenprojekte muessen deshalb auf der
Basis solcher Voraussetzungen durchgefuehrt werden, das heisst
in derartigen Ortsbetrieben und auf einer geeigneten kommunalen
Basis.
Amerika kann dabei alle Voraussetzungen schaffen, die diese
oertlichen Funktionaere mit der entsprechenden geistigen Nahrung
versorgen kann und zugleich den Gesichtskreis dieser Funktionaere
insofern erweitern, indem eine Umgebung geschaffen wird, in der
ein auf lokaler Ebene wirklichkeitsgetreues und wirtschaftlich
durchfuehrbares Tarif Verhandlungsweg geschaffen warden kann.
Eine solche Entwicklung wuerde eine erfrischende Verabschiedung von der bisherigen Praxis der wertlosen Unsinn-Form sein,
die als Karikatur amerikanischer gewerkschaftlicher und unternehmerischer Zusammenarbeit herumgeistert und die im europaeischen Denken so weit verbreitet ist. Dies wuerde zugleich eine
Moeglichkeit sein, um die Arbeiterschaft von dem politischen
Spekulantentum des franzoesischen CGT loszuloesen, indem ihnen

8

�konkrete wirtschaftliche Vorteile geboten werden, die die Arbeiter vor diesen Abenteuern schuetzen werden.
Labor, and Nation
71/51
DIE ERWERBSTAETIGE JAPANERIN IM SCHÜTZ NEUER ARBEITSGESETZE
Wie aus Berichten des neuen japanischen Arbeitsministeriums
hervorgeht, sind in japanischen Seidenspinnereien wesentliche
Verbesserungen der Arbeitsbedingungen beschaeftigter Frauen
erzielt worden.
Das Kontraktsystem besteht nicht mehr. Das Amt fuer erwerbstaetige Frauen und Jugendliche, das im Jahre 1947 errichtet wurde, berichtet, dass das Kontraktsystem nicht mehr besteht.
Eltern haben keinerlei Recht, Vertraege ueber die Arbeit ihrer
Kinder abzuschliessen oder ihre Loehne an sich zu nehmen. Und
die Unternehmer koennen die weiblichen Arbeiter nicht mehr
zwingen, sich lediglich innerhalb des Werksgelaendes aufzuhalten. Das System der Unterbringung weiblicher Arbeiter in
betriebseigenen Sohlafsaelen ist einer Reform unterzogen worden.
Das Mindestalter fuer die Einstellung ist von 11 auf 15 Jahre
erhoeht worden. Weibliche Arbeiter werden naoh demselben
Tarif bezahlt wie Maenner, wenn die gleiche Arbeit verrichtet
wird. Die Gewerkschaften werden gefoerdert. Frauen duerfen
nicht in Nachtschicht arbeiten, die Arbeitszeit ist auf die
Sechstagewoche und den Neunstundentag reduziert worden^ hierbei
ist eine Stunde fuer Mittagessen und Ruhepausen vorgesehen.
Von diesen und anderen Reformen berichtete das Referat
fuer erwerbstaetige Frauen in der Industrie im japanischen Amt
fuer erwerbstaetige Frauen und Jugendliche, nachdem in dem
Gebiet von Tokio und Yokohama im Jahre 1949 in 20 Seidenspinnereien Erhebungen durchgefuehrt worden waren. Von 6.827 Arbeitern waren 5.661 (-85.9%) Frauen.
Unter den alten Kontraktsystem lieferten verschuldete Eltern (meist Bauern) durch den Abschluss eines Vertrags mit
einem Agenten einer Seidenspinnerei ihre jungen Toechter dieser Industrie in die Haende. Die Maedchen wurden in eine entfernt gelegene Provinz gebracht und wie Gefangene im Werkgelaende der Fabrik untergebracht. Durch das neue Arbeitsgesetz
wurde das Kontraktsystem fuer ungesetzlich erklaert, ebenso
konnten Gewerkschaften errichtet werden. Jetzt ist, wie das
Buerö fuer Frauen und Jugendliche feststellt, die Arbeiterschaft
der Seidenspinnereien gewerkschaftlich gut organisiert, sie
verhandelt in Tariffragen bereits haeufig mit den Unternehmern.
In einigen Betrieben sind 98% der weiblichen Arbeiter der Gewerkschaft beigetreten.
Die meisten weiblichen Arbeiter sind sehr jung. Das Durchschnittsalter der gesamten Gruipe, mit d^r sich das Amt befasst
hatte, betrug 19,2 Jahre. Von je 100 weiblichen Arbeitern waren
26 Maedchen juenger als 17 Jahre; 42 waren juenger als 18 Jahre,
63 juenger als 20 und 91% waren unter 25 Jahren.
Obwohl der Lohn, der bei Eintritt in die Seidenspinnereien
gezahlt wird, der gleiche ist wie in anderen Herstellerindustrien, wird der Lohn fuer routinierte, aber ungelernte Arbeiter
niemals wesentlich ueber den Mindestlohn hinaus erhoeht. Nur
- 9 -

�wenige weibliche Arbeitnehmer haben jemals die Moeglichkeit,
besser bezahlte Positionen uebernehmen zu koennen.
Selbst Frauen, die schon zehn bis 15 Jahre in dem gleichen
3etrieb beschaeftigt sind, verdienen nur das eineinhalbfache
ihres Anfangslohnes. Nur 2,6 % der in dieser Erhebung beruecksiohtigten Frauen waren als Vorgesetzte, hoehere Angestellte
oder hochqualifizierte Facharbeiter taetig, waehrend fast die
Haelfte der Maenner 146,656) solche Berufe ausueben.
Der groesste Teil der Maedchen lebt noch immer in sehr
einfachen Schlafsaelen, die in Bezug auf Ruhe und Privatleben,
Heizung, Beleuchtung und sanitaere Anlagen viel zu wuenschen
uebrig lassen. In einem Saal sind zehn Maedchen untergebracht.
Das Essen ist duerftig und ohne genuegend Abwechslung. Das
Leben in den Schlafsaelen mag dem Amerikaner oder dem Jiuropaeer
als eintoenig und gezwungen erscheinen; man muss es jedoch unter Berueoksichtigung der Gepflogenheiten und der frueheren
Zeiten, wie sie fuer das erwerbstaetige japanische Maedchen
ueblich waren, betrachten. Nahezu 70% der in dieser Erhebung
erfassten Personen waren Maedchen vom Land, die wahrscheinlich
zum groessten Teil von einem noch eintoenigeren Landleben direkt
in die Fabrik gekommen waren.
Nach den neuen Vorschriften koennen die Maedchen, die in
betriebseigenen Schlafsaelen untergebracht sind, kommen und gehen,
wie es ihnen beliebt, üusschuesse der Arbeiterinnen fuer die
Selbstverwaltung werden gefördert. Zu jedem Schlafsaal gehoert
ein Speiseraum, eine Buecherei und ein Klubzimmer, in dem auch
Gaeste empfangen werden koennen.
Wie es den Forderungen des neuen Arbeitsgesetzes entspricht,
haben alle Betriebe Abmachungen ueber - meist unbezahlten - Mutterschaftsurlaub getroffen. Nur wenige Frauen ersuchen, wie das
oben genannte Amt feststellte, um eine Varlaengerung ihrer Beurlaubung nach dar Entbindung, und nur an zwei der in den Betrieben befragten Frauen wurden Familienzulagen gezahlt. Mehr als
die Haelfte der beschaeftigten Frauen arbeiteten, um ihre Familie zu unterstuetzen. In dieser Beziehung liegen die Verhaeltnisse fuer die erwerbstaetige Frau in Japan sehr sehnlich wie
in den Vereinigten Staaten. Die Untersuchungen des Frauenbueros
des amerikanischen Arbeitsministeriums haben gezeigt, dass, im
ganzen gesehen, die weiblichen Arbeitnehmer - ob sie nun verheiratet oder ledig sind - einen grossen Teil der Verantwortung
fuer den Unterhalt der Familie zu tragen haben.
Die neuen japanischen Arbeitsgesetze, unter denen die genannten Fortschritte erzielt wurden, sind fuer alle Herstellerindustrien verbindlich. Das ausfuehrliche Gesetz ueber gerechte Arbeitsbedingunen enthaelt eine Bestimmung, nach der Frauen
und Maennamgleiche Loehne zu zahlen sind. Es verbietet fuer
Frauen und Kinder jegliohe Nachtarbeit und setzt eine Grenze
fuer Ueberstunden. Es verbietet dem Unternehmer, eine Frau zu
entlassen, weil sie schwanger ist, oder weil sie bereits ein
Kind zur Welt gebracht hat.
Andere Arbeitsgesetze erstrecken sich auf die Sicherheit
der Beschaeftigung, Erwerbslosenunterstuetzung, Krankenversicherung und schliesslich auf die Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie auf die gewerkschaftliche
Organisation.
Labor Information Bulletin
10/51
10 -

�DIE STELLUNGNAHME DER NORWEGISCHEN GEWERKSCHAFTEN ZU DEN PROBLEMEN DER LOEHNE. DER PREISE UND DER PRODUKTTÖN
Konrad Nordahl, der Vorsitzende der Norwegischen Gewerkschaf tsfoederation, hielt kuerzlich zwei Ansprachen, die eine
gute Zusammenfassung der Einstellung der organisierten Arbeiterschaften in Norwegen zu den Problemer. der Loehne, der Preise
und der Produktion waehrend der Zeit der Verteidigungsvorbereitungen darstellen. Die Hauptpunkte der beiden von Nordahl gehaltenen Reden werden hier zusammengefasst.
Auf der in Oslo stattgefundenen Versammlung des Nationalrats der Norwegischen Gewerkschaftsfoederation sprach Nordahl
ueber die wirtschaftliche Lage des Landes im Hinblick auf die
Lohnpolitik und die Gewerkschaftsarbeit. Er befasste sich
hauptsaechlich mit den letzten Entwicklungen auf dem Gebiete
der Loehne und Preise und unterbreitete seitens des ExekutivRats einen Antrag auf die dringende Wiedereinfuehrung der
von 1945 bis Fruehjahr 1950 angewandten Stabilisierungspolitik.
Hierbei sollen vier Hauptpunkte beruecksichtigt werden;
a)

Uebermaessigen, auf Preistreiberei zurueckzufuehrenden
Profiten soll durch Auferlegung von Zoellen oder
durch andere Massnahmen Einhalt geboten werden. Die
auf diese Weise gewonnenen Summen sollten fuer eine
Herabsetzung der Preise verwandt werden;

b)

Eine in erhoehtem Masse durchgreifende Preiskontrolle
soll Privatunternehmen davon abhalten, aus anziehenden Preisen uebermaessige Gewinne zu erzielen;

o)

Eine wirksame und gerechte Besteuerung soll auch bei
der Land- und Forstwirtschaft durohgefuehrt werden.
Jeder Stauerbetrug muss streng geahndet werden;

d)

Die Produktion muss auf allen Gebieten zur vollen
Leistungsfaehigkeit gebracht werden.

Nordahl sagte in seiner Ansprache unter anderem:
"Unser Bestreben nach dem zweiten Weltkrieg war es, eine
Inflationsentwicklung zu vermeiden, und viele Laender haben
in dieser Hinsicht Enormes geleistet. In diesem Zusammenhang
hat die Gewerkschaftsbewegung in der Erkenntnis, dass stabile
Preise von groesserem Wert fuer den Lohnempfaenger als Kompensationen fuer die sich unserer Kontrolle entziehenden Preissteigerungen sind, eine gedrosselte Lohnpolitik getrieben.
"Zur Erlaeuterung der treibenden Kraft hinter der heutigen Preisgestaltung moechte ich erwaehnen, dass die in meiner
Heimat gewaehrten Lohnerhoehungen sich auf den Lebenskostenindex im Verhaeltnis 1:5 ausgewirkt haben. Dabei bezieht sich
ein Teil auf die Lohnerhoehung, waehrend fuenf Teile fast ganz
einer Preiserhoehung fuer Rohmaterialien zuzuschreiben sind.
"Wenn dies ein nur meine Heimat betreffender Einzelfall
gewesen waere, dann haetten wir natuerlich einen guten Grund
anzunehmen, dass unsere Wirtschaftspolitik eine falsche war,
aber da wir wissen, dass die Situation in fast allen Laendern
dieselbe ist, muessen anscheinend die Gruenae ausserhalb der
Kontrollmoeglichkeiten eines jeden einzelnen Landes liegen.
- 11 -

�"Sollte es uns nicht moeglich sein, diese Gruende zu erforschen, dann muss ein grosser Teil der Diskussion, die wir
hier fuehren, als wertlos angesehen werden. Urlauben Sie
mir, hier einige von dem Wirtschaftsrat der Vereinten Nationen
fuer Europa (ECS) kuerzlich im Bericht veroeffentlichten
Schaetzungen anzufuehren. Die Zunahme der Leistungsfaehigkeit
pro Arbeiter wird fuer 1950-1951 fuer Skandinavien und Holland
auf 5#, fuer Gross-Britannien auf 6#, fuer Frankreich, Belgien
und Westdeutschland auf 8-10% gesohaetzt. Die durchschnittliche Zunahme fuer ganz Europa wird auf 9% geschaetzt.
"Aber diese Schaetzungen basieren auf der bedeutsamen
Annahme, dass die Laender imstande sein werden, ihre Rohmaterialprobleme sowohl hinsichtlich der Versorgung als auch
der Preise zu loesen. Es ist auch fuer die Gewerkschaftsbewegung von Wichtigkeit, die Gruende fuer die umfangreiche internationale Preissteigerung, di§ in den letzten Jahren zu empfindlichen Preissteigerungen verschiedener hoechst wichtiger Rohmaterialien gefuehrt hat, gegen diesen Hintergrund zu untersuchen.
Ich erwaehne hier Wolle, Baumwolle, Haeute, Blech, Zink, Sohrott,
Papier, Zellulose u.a.
"Eine solche umfassende und zum Teil auch unterschiedliche
Preissteigerung wird natuerlich durch viele Faktoren hervorgerufen. Ich glaube aber, dass die Kauptgruende wie folgt zusammengefasst werden koennen:
"1. Die Produktion verschiedener wichtiger Rohmaterialien
hat mit der zunehmenden Weltproduktion nicht Schritt gehalten.
In diesem Zusammenhang begegnen wir unmittelbar den besonderen
Problemen der in der wirtschaftlichen Entwicklung zurueckgebliebenen Laender. Die Laender dieser Kategorie sind wichtige Rohstoffquellen fuer die ganze Welt.
"2. Den zweiten Punkt bildet die von gewissen Laendern
foroierte Hortung fuer Verteidigungszweoke. Diese Taktik
scheint sich jetzt bei einer steigenden Anzahl von Laendern
breit zu machen.
"Hier finden wir zweifellos die Epklaerung fuer eine so
gewaltige Preissteigerung gegenueber den tatsaechlichen Produktionskosten. Die Ursache des Ansteigens der Preise ist eigentlich nur im Wunsch nach groesserem Profit bei den Verkaeufern
und in der grossen Kauflust bei den Kaeufern zu suchen. Das
sich darbietende Bild wird noch unangenehmer, wenn man weiss,
dass die Kaufer oft nicht Privatleute sind, sondern dass hinter den verstaendlichen Aufkaeufen die Staaten selbst stehen
und - um zum Zuge zu kommen - jeden nur verlangten.Preis zahlen.
So werden grosse Profite erzielt, die weder durch eine groessere
Produktion mit Hilfe der Arbeiter oder der Unternehmer gerechtfertigt sind. Dies steht in direktem Widerspruch zu den sonst
aufrechterhaltenen Prinzipien gegenueber den Lohnempfaengern,
naemlich dass eine Produktionssteigerung, also eine hoehere und
auch eine verbesserte Produktion, hoehere Loehne zur Folge hat.
Diese Entwicklung auf dem Preismarkt hat eine Inflationsgefahr
geschaffen. Die Parole "Freie internationale Wirtschaft ohne
Einschraenkung durch den Staat" hat ihre schlechten Erfolge,
die jetzt viele Laender der Welt mit einer ernsten Inflation
bedrohen, eindeutig gezeigt. Jedes einzelne Land kann eine
nationale Planwirtschaftspolitik in dem Bestreben, die niedrigsten Preise zu erzielen, verfolgen und im Zusammenhang damit
- 12 -

�strenge Massnahmen einfuehren, aber dieselben Laender wirtschaften vollkommen uneingeschraenkt bei ihrem internationalen
Gueteraustausch. Fuer Exportgueter werden dann Preise zugelassen, die in keinem Verhaeltnis zu den Produktionskosten und
einem angemessenen Verdienst stehen. Die anderen Laender sind
dadurch gezwungen, mit ihren Exportguetern in der gleichen Weise
zu verfahren, und so ergibt sich die jetzige fatale Preisentwicklung. Ich muss bemerken, dass die wirtschaftliche Moral
auch in meinem eigenen Lande nicht viel besser war. Auch dort
werden einige Exportgueter zu ueberhoehten Preisen verkauft.
"Sehr ernst ist natuerlich die Lage fuer diejenigen Laender, die keine auf dem Weltschwarzmarkt gefragten Gueter haben.
Die wirtschaftliche Lage dieser Laender ist bereits eine sehr
prekaere.
"Ich weiss, dass die gegenwaertige gespannte wirtschaftliche Lage durch die Verteidigungspolitik der westlichen Demokratien hervorgerufen wurde. Die Furcht vor dem ünvorbereitetsein
gegenueber einem erneuten Angriff seitens undemokratischer Staaten hat sie gezwungen, unsere Verteidigungskraft zu staerken.
Dieses Vorbereitetsein muss natuerlich von dem einzelnen Buerger bezahlt werden, aber es kann nicht geduldet werden, dass di9
Erzeuger, die die strategisch wichtigen Rohmaterialien in der
Welt kontrollierten, so enorme Profite daraus ziehen, dass das
ganze Waehrungssystem gefaehrdet und der Lebensstandard der
breiten Masse empfindlioh heruntergesetzt wird. Dies fuehrt
zu sozialen Unruhen in einem jeden Lande und, anstatt einer
groesseren Sicherheit - das Ziel der gegenwaertigen Politik
des Bereitseins - wird das Gegenteil eintreten.
"Ich weiss, dass diese Fragen internationale Fragen sind.
Die kuerzlich gebildeten Commodity-Committees (Warenkommissionen)
haben die Aufgabe, sowohl die gegenwaertige grosse Knappheit an
Rohmaterialien als auch die zukuenftigen Produktions- und Verbraucherprobleme, die in diesem Zusammenhang auftauchen, zu
untersuchen. Die Wirksamkeit dieser Kommissionen bleibt jedoch
abzuwarten.
"Seit kurzem wurden von einigen Laendern Massnahmen ergriffen, um die knappe Belieferung mit Rohmaterialien so nutzbringend wir nur irgend moeglich auszuwerten. Diese Politik sollte
sowohl von den Regierungen als auch von den Angestellten- und
Arbeiterorganisationen unterstuetzt werden.
"Das Beste waere natuerlich, eine internationale Loesung
dieser Probleme zu finden.
"Es wird in immer staerkerem Masse empfunden, dass wir
international anerkannte Regelungen brauchen, die Erzeugern
und Kaufleuten verbieten, Preise zu verlangen, die entschieden
in keinem Verhaeltnis zu den Produktionskosten der Gueter stehen. Es ist auch notwendig, internationale Abkommen dahingehend zu treffen, dass es den Regierungen in Zeiten der Knappheit nicht erlaubt werden sollte, groessere Guetermengen zum
Zwecke der Hortung zu kaufen, wodurch die Arbeitsmoeglichkeit
in anderen Laendern unterminiert wird.
"Diese Rohmaterialprobleme sind von so entscheidender
Wichtigkeit fuer einen vollen Arbeitseinsatz, dass ich den Vertretern der internationalen Arbeiterschaft raten moechte, jene
zum Gegenstand eines SpezialStudiums zu machen und, falls moeg- 13

�lioh, einen Plan zur Stabilisierung der Preise und zur Schaffung
eines"staendigen Flusses der internationalen Rohmaterialien
vorzuschlagen."
Auszug aus den Sitzungsprotokollen.
NEUER FISCHSCHWARMDETEKTOR BEDEUTET. MEHR NAHRUNGSMITTEL FUER
EUROPA
Eine Krabbe hat heute in Daenemark nur noch geringe Chancen, laengere Zeit am Leben zu bleiben. Aber auch Heringe
und Dorsche teilen das gleiche Schicksal, setdem die daenischen Fischer einen Ultraschall-Fischdetektor in Gebrauch haben, der ihnen von den USA im Rahmen des Karshallplanes zur
Verfuegung gestellt wurde.
Dieses Instument kann unter der Wasseroberflaeche einen
Raum von der Groesse zweier Wohnblocks einer Grosstadt absuchen. Es lassen sich damit Umfang und Tiefe eines Fischschwarms,
seine genaue Lage und selbst die Fischart feststellen. Krabben
koennen bis zu einer Tiefe von 300 Metern festgestellt werden.
Das Tierleben in den nordeuropaaischen Meeren ist noch
immer privaterer und ungestoerterer Natur als das Leben eines
Guppy im Aquarium eines Wohnzimmers. Und doch sind durch das
neue Geraet die Chancen einiger Fischgattungen, den daenischen
Netzen zu entgehen, um 50% verringert worden.
Das bedeutet natuerlich auch mehr Nahrungsmittel auf dem
Tisch des Arbeiters in den Laendei'n der Nordatlantik-Gemeinschaft. Es bedeutet Wohlstand fuer einen daenischen Industriezweig, der in jahrhundertealter, wenn auch oft abenteuerlicher
Geschichte wurzelt.
Der Fischdetektor ist offiziell unter dem Namen "Bendix
Ultraschall-Tiefenmesser" bekannt. Leute wie Kapitaen Robert
Jensen aus Skagen in Daenemark sehen in ihm in erster Linie
"ein wertvolles Hilfsmittel fuer die Fischerei."
Jensen spricht aus Erfahrung, denn die Verbundenheit seiner Familie mit diesem rieruf wird nach Hunderten von Jahren
bemessen. "Nehmen wir z.B. Heringe", so Deginnt er seine Erzaehlung. "Bevor wir den Tiefenmesser einsetzen konnten, brachte ein Heringsfang nur in seltenen Faellen einen wirklichen
Gewinn ein, weil wir zuviel Zeit benoetigten, um den Standort
der Heringe festzustellen. Ich schaetze, dass unsere Chancen
in dieser Beziehung jetzt um 50% groesser sind."
Kit dem "Wir" meint Jensen seinen Bootsmann Egon Koller,
den dritten Kaat Henning Karinussen und den 19 Jahre alten
Koch Verner Jensen, die die Mannschaft der 47 Tonnen grossen
"Helder" bilden.
Die "Helder" ist eines der 16.000 Fischerboote, ihre Besatzung gehoert zu den 14.000 vollbeschaeftigten und 6.000saisonbeschseftigten Daenen, die durch Fischfang ihr Brot verdienen.
In diesem Land mit einer Einwohnerzahl von weniger als
vier Killionen sind die Fischerboote klein; mehr als die Haelfte
haben eine Kapazitaet von weniger als fuenf Tonnen, und nur
1300 Schiffe sind groesser als 1500 Tonnen.
- 14 -

�Der Fischdetektor ist ein amerikanisches Erzeugnis, das
ziemlich auffaellig ist und aller Augen auf sich lenkt. Aber
Jensen erinnert sich auch noch an die Baumwolle, die im Rahmen des Marshallplanes geliefert wurde, und aus der seine
Netze geflochten sind; er erinnert sich an den Treibstoff
und das Oel, mit dem die durch Krieg und Besatzung lahmgelegte
Industrie wieder auf die Beine gebracht wurde.
Daenemark arbeitet nun wieder in seinem alten traditionellen Gewerbe und liefert Millionen von Europaeern Nahrungsmittel. Der englische Speisezettel konnte 1950 z.B. durch
37.500 Tonnen daenischer Fische bereichert werden. Damit hat
England von den 135.000 Tonnen Fisch, die von Daenemark in
diesem Jahr exportiert wurden, den groessten Anteil uebernommen. Die gesamte Fangbeute dieses Jahres belief sich auf
280.500 Tonnen.
Dies bedeutet eine Steigerung gegenueber dem Jahre
1949 um 16.000 Tonnen. Im gleichen Jahr verdoppelte Daenemark
seinen Export an Filet und Teichforellen nach Amerika und belieferte den amerikanischen Fischmarkt mit 1.320 Tonnen. Der
Fischverbrauch in Daenemark selbst stieg um 165.000 Tonnen.
Die daenischen Fischer werden auf der Basis der Gewinnbeteiligung entlohnt. Der Gewinn aus den ersten 50% einer
Beute wird zur Instandhaltung des Schiffes verwendet. Der
Rest wird wie folgt verteilt: 15% fuer den Kapitaen, 13%
fuer den ersten Bootsmaat, 12% fuer den zweiten Bootsmaat und
8% fuer den Koch.
Der Heimathafen der "Helder", Skagen, ist, was das Entladen von Fischen betrifft, der groesste und beschaeftigste
Hafen Daenemarks. Zuweilen koonnen an einem Tag bis zu 600
Boote in den Hafen einlaufen und ihre Ladung loeschen. 1950
wurden dort insgesamt 71.500 Tonnen Fisch fuer 15 Millionen
DM versteigert.
Die Bewohner Skagens sind von dem Fischereigewerbe abhaengig. Die aeltere Generation unter den 8.000 Einwohnern
dieser Stadt sieht es noch als einen Luxus an, an irgendeinem
Tag ausser sonntags Fleisch zu essen. Normalerweise besteht
viermal in der Woche die Hauptmahlzeit aus Fisch.
Mit einem Fischerboot neben dem anderen bildet die Kueste
von Skagen eine ununterbrochene Linie von Fischernetzen, die
an Masten und Radkaesten aufgehaengt sind. Gruene, luftgefuellte Glaskugeln, an denen die Netze auf See in der entsprechenden Tiefe ausgehaengt werden, glitzern an sonnenbeschienenen Decks. Zu solchen Zeiten durchwogt ein emsiges Treiben
den Hafen - die Fischer bessern ihre Netze aus oder sortieren
die Fische, fuer den Verkauf in der Auktionshalle.
Fisch, Fischerei und Fischer beherrschen die Docks, die
Kaffeehaeuser und den Marktplatz. Selbst Neuerfindungen, wie
der Ultraschall-Tiefenmesser, vermochten nicht den Charakter
dieser Fischereihaefen wesentlich zu veraendern. Und alles,
was dazu dient, die Zeit zu verkuerzen, die diese Maenner zur
Ausuebung ihres Berufes brauchen, ist nicht nur willkommen,
sondern wird geradezu zum Stadtgespraech.
Jetzt korrjnen die Fischer oefter zum Entladen in den
Hafen. "Ich habe mehr als' die Kaelfte eines Jahreseinkommens
- 15 -

�gebraucht, um mir einen Fischdetektor fuer mein Boot, den
"Picator" kaufen zu koennen," berichtete Kapitaen Kai Kirkedal.
"Jetzt moechte ich ihn nicht mehr missen, denn der Heringsfang
bringt mir 60% meines .Einkommens ,ein." Kapitaen Kirkedal
verdient im Monat etwa 750 DM.
Er erklaert ferner, dass "vom Dezember bis zum Maerz
im Nordatlantik die beste Zeit fuer den Heringsfang ist der Wind muss oestlich stehen und es muss kalt sein. Mit
dem Fischdetektor haben wir an einem oder zwei Wintertagen
soviel Heringe gefangen wie unser Boot fassen kann."
Man wird sich aber fragen, inwiefern Kirkedal einen
Vorteil durch den Marshallplan hatte, wenn er die Haelfte-eines Jahreseinkommens aufwenden musate, um den Fischdetektor
kaufen zu koennen.
Kurz gesagt die Marshallplan-Kredite und -Zuwendungen
dienen einer Nation als Gesamtheit. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte Daenemark zu wenig Gueter, die es zum Tausch gegen benoetigte Waren haette anbieten koennen, die fuer den
Wiederaufbau seiner Wirtschaft unerlaesslioh waren. Durch
den Marshallplan konnte Daenemark jedoch ueber Dollarmittel
verfuegen, mit denen es diese Waren kaufen konnte.
Eine Dollarzuwendung wird an die Vereinigten Staaten
nicht zurueokgezahlt. Der Verdienst eines halben Jahres
fuer Kapitaen Kirkedal entspricht den Dollarkosten eines
Fischdetektors. Sein von ihm bezahltes daenisches Geld floss
in den sogenannten daenischen "Gegenwertfonds". Die daenische
Regierung verfuegt ueber diesen Fonds und verwendet ihn zur
Finanzierung des Wiederaufbaus bestimmter staatlicher Projekte,
die waehrend des Krieges und der Besatzungszeit zerstoert oder
vernachlaessigt wurden.
Auf
Tausende
nen, die
arbeiten

diese &lt;Veise haben Kirkedal und Jensen und viele
anderer Daenen die Erzeugnisse sich beschaffen koensie benoetigen, um leistungsfaehiger und produktiver
zu koennen.

Ihre Arbeit hilft mit, den Lebensstandard der Daenen
und all der Voelker zu verbessern, die daenische Erzeugnisse
benoetigen.
ECA Labor Information

- 16 -

HICO0 3 Jan 51 183M I II

10

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

IV - 52

Frankfurt, den 28. Dezember 1951

I N H A

L T S V B R Z E I C H N I S

Der amerikanische und der europaeische Unternehmer ...

1

Mitgliederzahlen und Tarifvertraege kanadischer
Gewerkschaften

4

Die Loehne in der amerikanischen Stahlindustrie

5

Die Sozialversicherung der U.S. gewaehrt Muettern
erhoehten Schutz

7

"Mit diesen Beenden"

8

Die Internationale Arbeitsorganisation berichtet von
ihrer Arbeit
«

10

Die Gewerkschaftsbewegung in Mittel- und Suedamerika . 13
Zwei Jahre IBFG und die Erfolge

14

Hollaendische Gewerkschaften fuer E in Schaltung in
Produktivitaetsmassnahmen

16

DER AMERIKANISCHE UND DER EUROPAEISCHE UNTERNEHMER
Eine ernsthafte und wichtige Frage, die zugleich politischer, wirtschaftlicher und geistiger Natur ist, tauchte in den
letzten Monaten mehrmals in der oeffentlichen Diskussion auf.
Jedermann, dem das gute Funktionieren und die innere Gesundheit
dessen am Herzen liegt, was man gemeinhin die "westliche" Welt'
nennt, sollte sioh diese Frage vorlegen: ob naemlioh unsere
Unternehmer untereinander nooh die gleiche Sprache sprechen
und in den gleichen Linien denken. Oder, knapper ausgedrueckt:
die Frage ist entstanden, ob sich der amerikanische Kapitalismus
in der gleichen Richtung bewegt wie der europaeische oder ob da
nicht, innerhalb der Gedankenwelt des Unternehmertums, eine
ernstliche Spaltung oder Meinungsverschiedenheit zwischen Amerikanern und Europaeern entstanden ist.
1 -

�In der ersten Dezemberwoche fand in New York eine Tagung
der "Internationalen Konferenz der Industriellen" statt, ein
Neuankoemmling in der Welt der internationalen Organisationen;
die Tagung war einberufen und durchgefuehrt worden von Amerikas
maechtigem Industriellenverband, der "National Association of
Manufacturers". Auf dieser Tagung prasselten die Differenzen
zwischen den amerikanischen Veranstaltern und ihren europaeischen
Gaesten hart aufeinander-- genau so, wie man das in den letzten
Jahren schon mehrfach auf Kongressen der Internationalen Handelskammer und Industriellenkonferenzen im Rahmen der amerikanischen
Marshallplanorganisation und der Pariser Organisation fuer "wirtschaftliche Zusammenarbeit" erlebt hat. Auf dieser New-Yorker
Tagung gab es eine faszinierende Debatte, gefuehrt auf der einen
Seite von Charles Wilson, Generaldirektor des amerikanischen
Konzerns "General Motors", und auf der anderen Seite von Sir
Norman Kipping, dem Praesidenten des Nationalverbandes der Britischen Industrie; die eine Seite forderte die andere auf, den
"altmodischen Kapitalismus der Alten »Veit" durch das "fortschrittliche amerikanische System des freien "Wettbewerbs" zu ersetzen und die andere Seite erwiderte, dass die Amerikaner ihre Methode
nur darum anwenden koennen, weil sie "aus dem vollen wirtschaften koennen, d.h. weder Rohstoffsorgen noch Absatzsorgen noch
Fragen der Zahlungsbilanz und der Waehrung noch Kreditschwierigkeiten kennen; und im uebrigen haetten so viele amerikanische
Industrien ihren Frieden mit Staatskontrolle und den Organen
staatlicher Planung gemacht, dass man von "freier Wirtschaft"
wohl kaum noch reden koenne."
Dieser Gegensatz innerhalb der industriellen Elite hueben
und drueben zu beiden Seiten des Atlantik ist einer der ernstesten Faktoren in den amerikanisch-europaeischen Beziehungen. Bekanntlich werden die noch verbleibenden Zahlungen des Marshallplanes, ausdruecklich auf Wunsch der amerikanischen Geschaeftswelt, so verwendet, dass ein Druck auf die europaeische Industrie
ausgeuebt wird, ihre Produktionsmethoden zu modernisieren, ihre
Kalkulation zu veraendern und alle restriktiven Methoden (Kartelle,
Monopole, Marktaufteilungen, Preisabkommen usw.) zur Ausschaltung
der Konkurrenz fallen zu lassen. Die meisten europaeischen Industriellen akzeptieren heute das Prinzip der Modernisierung der
Produktion nach amerikanischem Muster - aber das von den Amerikanern gepredigte Prinzip der "Freude an der Konkurrenz" als Ansporn füer vermehrte Anstrengungen und Verbesserungen, hat - nach
maerikanischer Ansicht - sich in Europa nicht durchsetzen koennen.
Und die Sprecher der amerikanischen Wirtschaft, z.B. der erwaehnte
Generaldirektor der "General Motors" in seiner Ansprache in New
York, erklaerten, dass man den Rueckstand der europaeischen Industrie gegenueber der leistungsfaehigeren Produktion in den USA
nicht nur durch Betriebsrationalisierungen undfiinfuehrungdes
Taylor-Systems aufholen koenne; die ganze Konzeption der europaeischen Industriellen verlange eine gruendliche Modernisierung.
Nun muss man sich zwar darueber klar sein, da3S amerikanische
Industriolle gerne den Rock des Missionars anziehen und auf der
ganzen Welt in schulmeisterlichem Tön die Ueberlegenheit ihrer
Methoden, Ansichten und Taetigkeiten predigen - und man braucht
ihre Reden nicht auf die Goldwaage zu legen, denn in der Praxis
sieht auch in Amerika manches anders aus als in pathetischen
Reden im Bankettsaal. Aber ein Koernchen 'Wahrheit ist doch daran.
Die ameri. kanische Industrie war einmal unendlich viel ellenbogenhaerter, ruecksichtsloser, draufgaengerischer und sozialreaktionaerer als die europaeische; die ßuacher von Upton Sinclair und
Jack London, die vor einem halben Jahrhundert die damalige Realitaet
- 2

�aufzeichneten, waren kaum uebertrleben.
Inzwischen hat sich viel geaendert. Die Gesetzgebung der
Aera Roosevelt trug zu diesen Aenderungen viel bei; aber entscheidender war und ist, dass die geistige Einstellung des
Unternehmertums sich gewandelt hat. Und diese neue geistige
Haltung des amerikanischen Unternehmertums ist es, die von
den Sprechern der amerikanischen Wirtschaft heute immer wieder,
haeufig in ungeschickter Form und mit peinlich wirkendem Selbstlob, der «Veltoeffentlichkeit vorgefuehrt wird.
In Wirklichkeit ist es so, dass der geschilderte Riss quer
durch die Schicht der amerikanischen Industriellen, Betriebsdirektoren und "Managers" hindurch geht - es ist fast, wenn
auch nicht haargenau, ein Generationsgegensatz. Oberflaechlich
gesehen, ist das Kennzeichen der juengeren Generation,die
heute schon die Oberhand gewonnen und sich sehr erfolgreich
durchgesetzt hat, dass sie politisch verhaeltnismaessig weit
"links" steht. Sie akzeptiert freudigen Herzens, nicht nur
notgedrungen, die staatlichen Planungs-, Kontroll- und Sozialschutzinstanzen in der Wirtschaft, und sie hat ein System so
ueberraschend enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften geschaffen, dass der Auslaender stets erstaunt ist - wie etwa
ueber den gemeinsamen Besuch von Universitaetskursen ueber Betriebswissenschaften usw. von Industriellen, Direktoren und Prokuristen zusammen mit ihren eigenen Betriebsraeten und den Funktionaeren der zustaendigen Gewerkschaften. Ausserdem ist die
Zahl der paritaetisch zusammengesetzten Kommissionen fuer Betriebs- und Produktionsfragen und dgl. gewaltig angeschwollen wobei es sich,wohlgemerkt, zumeist nicht um gesetzlich vorgeschriebene oder behoerdllche Organe handelt, sondern um freiwillig gebildete Instanzen der wirtschaftlichen und betrieblichen Selbstverwaltung.
Aber die "linke" gewerkschaftsfreundliche und sozialreformatorische Einstellung der juengeren amerikanischen Industriellengeneration ist nur ein Teil des Bildes. Der andere und vielleicht wichtigere Teil ist ihre Experimentierfreudigkeit. Was
es in amerikanischen Fabriken an Experimenten gibt, 'zumeist sozialer Natur, und immer mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen
Betriebsleitung und Belegschaft zu verbessern, ist kaum noch zu
uebersehen. Betriebskrankenkassen, Betriebspensionskassen, Betriebsaltersheime usw. gibt es in grosser Zahl und nach vielen
verschiedenen Formeln und Prinzipien, und zwar bei Gross- wie
auch bei Mittelbetrieben; und ebenso gibt es unendliche Formeln
und Rezepte fuer Gewinnbeteiligung der Belegschaft, Praemienausschuettungen an die Belegschaften nach dem Muster und Schluessel
der Aktiendividenden, verschiedene Experimente fuer "JahresLohngarantie" (bei der „dem Arbeiter ein Jahresgesamteinkommen
fuer 2080 Arbeitsstunden garantiert wird, naemlich 40 Arbeitsstunden pro i/oche in den 52 Wochen des Jahres) und andere Formeln mehr; es gibt Experimente, wie man durch technische Methoden die Zahl der Betriebsunfaslle vermindern und wie man aelteren Arbeitern Leben und Arbeit erleichtarn kann usw.
Nun ist das Standard-Gegenargument von europaeischer Seite,
dass es das gleiche und sehnliches in Europa auch gebe, unbedingt richtig; aber Umfang, Ausdehnung, Tempo und Vorurteilslosigkeit dieser Experimentier- und Reformfreudigkeit sind in
Amerika groesser. Nimmt man zu diesen Dingen noch die bekannten
Faktoren dazu, wie die Massenproduktion mit geringem Profit, die
- 3 -

�Politik der hohen Loehne, die groessere Konsumkraft erzeugt,
und die staendigen Reformen und Verbesserungen in bezug auf
Produktionstechnik und Fabrikationsmethode, dann hat man in der
Tat einige frappante Unterschiede vor sich, die die heutigen
tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen amerikanischem
und europaeischem Unternehmertum sehr deutlich illustrieren.
"Der Bund"
Bern, XIl/16/51
MITGLIEDERZAHLEN UND TARIFVERTRAEGE KANADISCHER GEWERKSCHAFTEN
Die Zahl der Mitglieder aller Gewerkschaften in Kanada
betrug im Jahre 1951 insgesamt 1029,000, - das ist, dem Jahre
1950 gegenueber, eine Steigerung um 2% oder, in Zahlen eusgedrueckt, um mehr als 22,000. Dies geht aus der 14. Jahreszaehlung kanadisoher GewerksohaftsOrganisationen hervor, die
vom kanadischen Arbeitsministerium durchgefuehrt wurde. »Vie
die nachstehenden Zahlen zeigen» wird durch diese Erhoehung
die Aufwaertstendenz in den Mitgliederzahlen seit 1939 fortgesetzt:
Jahr:

Mitgliederzahl:

Jahr:

1939
1940
1941
1942
1943
1944

359,000
362,000
462,000
578,000
665,000
724,000

1945
1946
1947
1948
1949
1951

Mitgliederzahl:
711,000
832,000
912,000
9 78,000
1,006,000
1,029,000

Etwa 85$ der Gewerkschaftsmitglieder gehoeren Gewerkschaften an, die einem der drei kanadischen Gewerkschaftsbuende angeschlossen sind. Seit Dezember 1949 hat sich die Zahl der
Mitglieder des Gewerkschaftsbundes "Trades and Labor Congress"
(TLC) um annaehernd 2,5$, die des "Canadian Congress of Labor"
(CCL) um mehr als 3# und die der "Canadian and Catholic Confederation of Labor" (CCCL) um mehr als 7$ erhoeht. Die Mitgliederzahlen der einzelnen Gewerkschaftsbuende sind der nachstehenden Tabelle zu entnehmen:
Trades and Labor Congress of Ganada (TLC)
davon in Gewerkschaften, die AFL und TLC
angeschlossen sind 1/
TLC allein

470,926

Canadian Congress of Labor (CCL)
davon im CIO und CCL
im CCL allein

312,532
204,945
107,587

Gewerkschaften, die nicht dem CCL angeschlossen
sind
nur der AFL angeschlossen
nur dem CIO angeschlossen
All-Amerikanische Eisenbahnergewerkschaft

389,973
80,953

11,307
1,500
40,459

Andere unabhaengige All-ümerikanische Gewerkschaften 50,205
Kanadischer und Katholischer Gewerkschaftsbund
(CCCL)
- 4 -

86,184

�National Council of Canadian Labor
Canadian Föderation of Labor

2/

5,138

Z/

3,971

Landes-, Bezirks- oder Ortsgewerkschaften, die
nicht dem CCL angeschlossen sind
»
Insgesamt
1,028,521
1/ Fuenfundsechzig Ortsgewerkschaften mit 6,993 Mitgliedern sind direkt und ausschliesslich der AFL
und auch dem TLC angeschlossen.
2/

Diese Zahl bezieht sich auf die angeschlossenen Gewerkschaften, die ihre Mitgliedszahlen dem Arbeitsministerium mitteilten.

Von den 307 Tarifvertraegen, die von der kanadischen Arbeitsverwaltung im Jahre 1951 registriert wurden, enthalten
46 (15%) sehr verschiedenartige sogenannte "Stufengleitklauseln", nach denen die Loehne im gleichen Verhaeltnis wie der
offizielle Lebenshaltungskostenindex erhoeht werden. Die Abteilung fuer '.Virtschaft und Forschung im kanadischen Arbeitsministerium teilt mit, dass die bestehenden Vereinbarungen der
Stufengleit-Klauseln im allgemeinen bestimmen, dass der Stundenlohntarif im Anschluss an eine Erhoehung des Lebenshaltungskostenindex heraufgesetzt werden muss. Im Gegensatz hierzu
war es im Jahre 1950 allgemein ueblich, fuer jede Erhoehung
des Lebenshaltungskostenindex um einen Punkt eine woechentliche Praemie von 25 Cents zu gewaehren. In den Vertraegen von
1951 dagegen wird zumeist festgelegt, dass jede Erhoehung des
Lebenshaltungskostenindex um 1,3 Punkte eine Stundenlohntariferhoehung um einen Cent zur Folge haben muss. Fuer den Fall,
dass der Index jedoch zurueckgeht, sind keine entsprechenden
Vorkehrungen getroffen. Die Vertraege, die Stufengleit-Klauseln enthalten, sind ici Durchschnitt fuer weit mehr Arbeiter
gueltig als solche, in denen derartige Bestimmungen nicht verankert sind.
Notes on Labor Abroad
51/7 - 8
i

DIE LOEHNE IN DER

A I T E R B U N ISCHEN

STAHLINDUSTRIE

Die gegenwaortigen 3emuehungen der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft (CIO) um einen neuen Tarifvertrag fuer
die stahierzeugende Industrie hat die Aufmerksamkeit der Oeffehtlichkeit in den Vereinigten Staaten auf die Lohnstruktur
in diesem Industriezweig konzentriert. Zur gleichen Zeit, in
der Verhandlungen gefuehrt werden, hat das Buero fuer itrbeitsstatistik im amerikanischen ürbeitsministerium einen Bericht
ueber die Lohnstruktur in der Eisen- und Stahlindustrie veroeffentlicht. Die Angaben gelten fuer den Monat Januar des
Jahres 1951. Der durchschnittliche Stundenlohn (ohne Zuschlaege fuer Ueberstunden) betrug fuer 600.000 Arbeiter in der
Eisen- und Stahlindustrie rund 1.79 Dollar. Die Loehne der
mittleren Lohngruppen, denen 50$ aller Stahlarbeiter angehoeren, bewegten sich zwischen 1.50 und zwei Dollar pro Stunde.
In der Eisen- und Stahlindustrie ist der Grad der Unahhaengigkeit der Betriebe von Zubringerbetrieben sehr verschieden. In einigen Unternehmungen spielen sich saemtliche Produk- 5 -

�tionsprozesse ab - von der Gewinnimg der Rohstoffe bis zur
Herstellung der fertigen StahlerZeugnisse. Andere Gesellschaf tsunternehmen, in einigen Faellen auch einzelne Fabriken,
haben sich auf bestimmte Erzeugnisse spezialisiert. Im allgemeinen ist die Mannigfaltigkeit der Arbeitsplaetze, die in
ihren Anforderungen an die Arbeiter wiederum sehr verschieden
sind, ein charakteristisches Merkmal dieser Industrie. Ein
Standard-Lohnsystem mit 32 verschiedenen Stufen ist aus diesen Gruenden aufgestellt worden, der Unterschied zwischen den
einzelnen Stufen kommt in der Bezahlung im allgemeinen durch
einen Stundenlohnunterschied von fuenf Cents zum Ausdruok.
Nach einem "Genossenschaftlichen Lohnstudien-System" werden
bestimmte Berufe nach einem Punktsystem bewertet, bei dem Erfahrung, Geschicklichkeit, Verantwortung, Kraftaufwand und
Arbeitsbedingungen eine Rolle spielen.
Die Industrie ist hauptsaechlich auf die Gebiete der mittleren Atlantikkueste und die der grossen Seen konzentriert.
Hier sind ueber fuenf Sechstel aller Stahlarbeiter taetig.
Sie sind fast 100^-ig gewerkschaftlich organisiert. Die fuehrende Gewerkschaft ist die Vereinigte Stahlarboiter-Gewerkschaft
von Amerika ICIO). Das Wesen dieser Industrie bringt es mit
sich, dass in ihr fast nur Maenner beschaeftigt sind.
In dem allgemeinen Durchschnittslohn des Stahlarbeiters
in Hoehe von 1.79 Dollar pro Stunde sind keine Zuschlaege fuer
Ueberstundenarbeit enthalten. Er war Mitte Januar 1951 einer
der hoechsten Durchschnittsloehne in den amerikanischen Herstellerindustrien. Gebietsmaessig variierte der Durchschnittslohn von 1.68 Dollar im Sueden bis 1.81 Dollar im Gebiet der
grossen Seen. Etwa 1% der Arbeiter erhielten in der Stunde
weniger als 1.30 Dollar, und 1,2% verdienten drei Dollar und
mehr in der Stunde.
In 168 Berufsgruppen bewegten sich die Loehne zwischen
einem Durchschnitt von 1.34 Dollar fuer Feger in Drahtfabriken
und 5 Dollar fuer Blechwalzer in Werken, in denen nur heiss
gewalzt wird. Fuer die Haelfte der Berufe lagen die Durchschnittsstundenloehne zwischen 1.70 und 2.10 Dollar.
Zur Zeit der Erhebung betrug der durchschnittliche Stundenlohn einschliesslich der Ueberstundenpraemien 1.88 Dollar. Aus
Angaben fuer den Monat September 1951 geht hervor, dass dieser
Betrag ungefaehr gleich geblieben ist.
Zu einigen der direkten Lohnverguenstigungen fuer Stahlarbeiter gehoeren Sonderzuschlaege fuer Spaetschicht- und Ueberstundenarbeit, bezahlte Feiertage und Urlaub. Die durchschnittlichen Mehraufwendungen der Unternehmer fuer diese Sonderzuschlaege beliefen sich auf etwa 11 ."5 Cents fuer jede geleistete
zusaetzliche Arbeitsstunde. Fuer indirekte Vergüenstigungen,
wie z.B. gesetzlich vorgeschriebene Versicherungen (Arbeitslosen-,
Alters-, Hinterbliebenen- und Unfallversicherung) und fuer
freiwillige Versicherungen betrugen die ausgaben der Unternehmer
fuer jede geleistete Arbeitsstunde im Durchschnitt 4,6 bzw.
2,5 Cents.
Die Aufwendungen fuer Pensionsplaenc, die von den Arbeitgebern allein finanziert werden, wurden nicht berechnet, weil
sie im Augenblick nicht als charakteristisch fuer die gesamte
Stahlindustrie angesehen werden. Im allgemeinen ist jedoch eine
Pension vorgesehen, die bei Erreichen des 65. Lebensjahres oder
- 6 -

�bei Eintritt totaler Erwerbsunfaehigkeit eines Arbeitnehmers
mit 15 Dienstjahren gezahlt wird.
In den TarifVerhandlungen, die gegenwaertig in der Stahlindustrie gefuehrt werden, stellt die Stahlarbeitergewerkschaft Amerikas 22 Vertragsforderungen, darunter eine "wesentliche" Lohnerhoehung auf Grund hoeherer Lebenshaltungskosten,
ein garantiertes Jahreseinkommen, Ueberstundenbezahlung fuer
Arbeit an Sonnabenden und Sonntagen, acht bezahlte Feiertage
im Jahr, grosszuegigere .Urlaubsbestimmungen, hoehere Praemien
fuer Nachtarbeit und einige andere Vergünstigungen. Man rechnet ausserdem damit, dass die Gewerkschaft eine Lohnerhoehung
auf Grund gestaigerter Produktivitaet fordern wird.
Die Stahlfirmen geben jedoch vor, ohne eine Erhoehung der
Stahlpreise keine- Lohnerhoehungen und sonstigen Vergünstigungen gewaehren zu koennen. Sprechern der Industrie zufolge koennen den Arbeitern nach dem jetzigen Stand nicht mehr als sechs
Cents an Stundenlohnerhoehungen gewaehrt werden, wenn die Bestimmungen des Lohnstabilisierungsausschuases ueber die Lebenshaltungskosten nicht verletzt werden sollen. Die Gewerkschaft
ist dagegen der Auffassung, dass die Arbeiter auf Grund erhoehter Lebenshaltungskosten Anspruch auf eine Lohnerhoehung von
mindestens zwoelf Cents in der Stunde haben, und dass sie ferner Produktivitaetszuschlaege und andere Verguenstigungen erhalten muessen, die insgesamt 25 Cents oder mehr ausmachen
muessen.
Fuer den Fall, dass keine Einigung erzielt ist, wenn die
jetzt gueltigen Vertraege abgelaufen sind, wird der Praesident
den Lohnstabilisierungsausschuss mit der Beilegung des Streitfalles beauftragen, um einen Streik zu vermeiden, der das Mobilisierungs- und Verteidigungsprogramm schwer in Mitleidenschaft ziehen koennte.
Weekly Labor News Digest
VI/49
DIE SOZIAL VERSICHERUNG DER U.S. GEWAEHRT MUETTERN ERHOKHTEN
SCHÜTZ
Naoh der im Jahre 1950 erlassenen Abaenderung zum bundesstaatlichen Sozialversicherungsgesetz fuer die Vereinigten Staaten haben Frauen im allgemeinen groessere Rechte und ebenso
Anspruch auf hoehere Unterstuetzungen. .Dies trifft sowohl
fuer verheiratete Frauen, Muetter und Witwen als auch fuer
solche berufstaetige Frauen zu, die ihre Familie unterhalten.
Das neue Gesetz beruecksichtigt z.B. in weit groesserem Unfang
als das alte die wirtschaftlichen Beduerfnisse der unterhaltsberechtigten Frau mit Kindern. Bisher hatte die Frau eines
pensionierten oder sozialversicherten Arbeiters in keinem
Fall vor Erreichen des 65. Lebensjahres Anspruch auf monatliche
Unterstuetzungen aus der Sozialversicherung. Nach dem neuen
Gesetz dagegen ist eine Frau, die ein minderjaehriges Kind versorgt, das Anspruch auf Unterstuetzung aus der Sozialversicherung hat, ebenfalls unterstuetzungsbörechtigt, gleichgueltig,
welchen Alters sie ist. Diese Zahlungen werden bis zum 18.
Lebensjahr des Kindes fortgesetzt.
Nach dem alten Gesetz hatte eine Mutter, die das minderjaehrige Kind ihres verstorbenen oder geschiedenen Gatten
- 7 -

�unter ihren Namen versorgt, keinen Anspruch auf monatliche Unterstuetzungen aus der Sozialversicherung, nenn sie jetzt jedoch fuer den Lebensunterhalt ihres eigenen Kindes oder eines
gesetzlich adoptierten Kindes aufkommt, das Anspruch auf Unterstuetzungen aus der Sozialversicherung hat, und wenn sie nicht
wieder geheiratet hat, wird auch an sie eine monatliche Untecr
stuetzung gezahlt. Zur Zeit des Todes ihres versicherten oder
geschiedenen Gatten muss ihr Lebensunterhalt entweder auf Grund
einer Abmachung oder einer gerichtlichen Verfuegung mindestens
zur Haelfte von diesem bestritten worden sein. Durch diese Bestimmung findet in dem neuen Gesetz die Tatsache Beruecksichtigung, dass eine geschiedene Frau, deren Lebensunterhalt zum
groessteh Teil aus dem Einkommen ihres ehemaligen Gatten finanziert wurde, nach dessen Tod die Hinterbliebenenrenten mindestens ebenso dringend braucht wie eine Frau, deren Ehe nicht
aufgeloest wurde.
Die Be stimm uns in dem neuen Gesetz, nach der die Militaerzeit waehrend des zweiten Weltkrieges fuer die Sozialversicherung als Arbeitszeit voll angerechnet wird,, hat fuer viele
Frauen zusaetzliche Unterstuetzungen gebracht. Dieses Gesetz
sieht nicht nur die Anrechnung der Militaerzeit fuer Frauen vor,
die selbst beim Militaer dienten, sondern Spricht auch vielen
Witwen und Muettern gefallener Soldaten einen Anspruch auf
Hinterbliebenenrente zu. Hinterbliebene gefallener Soldaten,
die in der Sozialversicherung versichert waren und minderjaehrige Kinder hinterliessen, koennen jetzt selbst dann durch die
Sozialversicherung unterstuetzt werden, wenn sie nach den Bestimmungen des Gesetzes ueber die Versorgung von Soldaten eine
Pension beziehen wuerden. Wenn die Dienstzeit waehrend des
zweiten Weltkrieges zu der Arbeitszeit des gefallenen Gatten
oder Sohnes, waehrend der er der Sozialversicherung angehoerte,
hinzugezaehlt wird, werden viele Frauen sofort Anspruch auf
Unterstuetzungen aus der Sozialversicherung erhalten.
Facts on Women Workers
9/30/51
"MIT DIESEN HAENDEN"
"Mit diesen Haenden" ist die Geschichte von 400.000 Arbeitern des Schneidereigewerbes in den Vereinigten Staaten und
Kanada - die Schilderung eines Kampfes, den eine Gruppe amerikanischer Arbeiter durch ihre organisierte Staerke und durch
den Aufbau einer maechtigen Gewerkschaft mit ihren eigenen
Haenden gegen unmenschliche Bedingungen fuehrte, um sich und
ihren Familien anstaendige Lebensbedingungen zu sichern.
Dieser Film wurde von der All-amerikanischen Gewerkschaft
der Damenoberbekleidungsarbeiter hergestellt, um ihr Goldenes
Jubilaeum aus Anlass ihres 50-jaehrigen Bestehens zu feiern.
Die Geschichte von den KaempTen, die gefuehrt werden mussten,
um die Gewerkschaft gruenden und erhalten zu koennen, ist in
die Herzen der Mitglieder eingeschrieben, und man war der Ansicht, dass diese Geschichte zum Leben erweckt und in ansprechender Form mit den besten Berufstalenten, die dem amerikanischen
Film zur Verfuegung stehen, vor die Oeffentlichkeit und die
uebrige Arbeiterschaft gebracht werden muesse.
Tatsache ist, dass ein solcher Film praktisch von jeder
einzelnen Gewerkschaft haette gedreht werden koennen, denen

8

�die 16 Lflillionen organisierter Arbeiter in den Vereinigten
Staaten und Kanada angehoeren. Bestimmte Vorfaelle, ortsgebundene Probleme, Namen und Daten wuerden verschieden sein aber das Wesentliche waere in allen Faeilen dtis gleiche.
Wenn sich der amerikanische Arbeiter heute eines hohen
Lebensstandards erfreut, so zeigt der Film, wie erbittert
er Schritt fuer Schritt darum kaempfen musste.
Gegen hartneeckige Unternehmer, die sich in keiner ".»'eise
von den Arbeitgebern in der uebrigen Welt unterschieden,
musste jeder Fortschritt schwer erkaempft werden. Wenn jauch
die Unternehmer in den Vereinigten Staaten inzwischen gelernt
haben, dass eine liberale Politik der Beziehungen zwischen
Arbeitgebern und Gewerkschaften sowohl den ersteren als auch
den letzteren zugutekommt, so muss doch hervorgehoben werden,
dass es die Dynamik der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
war, die diese Veraenderung zustandegebracht hat.
Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter haben nicht
vergessen, wieviel Lluehe es gekostet hat, ihre Gewerkschaften
aufzubauen und zu den jetzigen Lebensbedingungen zu kommen,
und sie wissen auch, was es kostet, diese Erfolge fuer clie
Dauer zu sichern. Sie wissen, dass es letzten Endes ihre
Wachsamkeit, ihre Solidaritaet, ihre organisierte Staerke und
die Erhaltung der demokratischen Freiheiten sind, die den Ausschlag geben. Sie sind entschlossen, von dieser soliden Grundlage der Errungenschaften der Vergangenheit aus ihren Weg zu
neuen Horizonten fortzusetzen.
Der groesste Teil der Mitglieder der Gewerkschaft der
Damenoberbekleidungsarbeiter, die die Gewerkschaft erfbaute,
waren Einwanderer, die ihre Heimat in Russland, Polen, Italien
und anderen Laendern verlassen hatten, weil sie sich von der
Neuen »Veit mehr versprachen. Viele hatten die Pogrome in
Europa kennengelernt; andere mussten der politischen Verfolgung entfliehen; wieder andere waren Vorkaempfer und Fuehrer
in der europaeischen Arbeiterbewegung gewesen.
Trotz der schlechten Verhaeltnisse, die ^sie vorfanden,
hatten sie ihren Traum von einer Neuen Welt nicht aufgegeben.
Sie wussten die Freiheit zu schaetzen, und sie schlössen sich
der Gewerkschaft an, um dem echten Begriff der Freiheit sowohl
im industriellen als auch im politischen Leben eine Bedeutung
zu geben.
Eine Ortsgewerkschaft der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter nennt sich Ortsgewerkschaft Nr. 48 zum Andenken an die Revolution von 1848; eine andere Ortsgewerkschaft
italienisch sprechender Arbeiter traegt im Gedenken an die
Franzoesische Revolution im Jahre 1789 die Nr. 89. Ihr Leitspruch heisst "Pane e Rose" (Brot und Rosen).
Dies ist im wesentlichen das Motto der gesamten Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter. Denn fuer diejenigen,
die die Gewerkschaft gruendeten, waren das Recht, sich seinen
Lebensunterhalt zu verdienen und das Recht auf Freiheit und
Glueck untrennbar miteinander verbunden.
Dadurch, dass die Gewerkschaft der DamenOberbekleidungsarbeiter fuer Sicherheit des Arbeitsplatzes, fuer eine Verkuerzung der woechentlichen Arbeitszeit von 70 und 80 Stunden auf
- 9 -

�35 Stunden und fuer bessere Loehne sorgte, hat sie ihren Mitgliedern mehr Freizeit ermoeglicht, in der sie die Annehmlichkeiten des Lebens geniessen koennen. Aber die Gewerkschaft ist nooh weiter gegangen und hat ihren Mitgliedern
nicht nur ein besseres Leben gesichert, sondern auch Einrichtungen geschaffen, die es ihnen ermoeglichen, diese groessere
Freizeit zu geniessen»
Mit ihren Heimen im ganzen Land hat die Gewerkschaft
der Damenoberbekleidungsarbeiter ein weitreichendes Schulungs-,
Kultur- und Erholungsprogramm in die Wege geleitet, das den
Wuenschen und Beduerfnissen ihrer Mitglieder angepasst ist.
Tausende von Arbeitern nehmen an sportlichen Veranstaltungen,
Musikabenden, Vortraegen uebor Kunst, Tanzveranstaltungen
und Theatervorfuehrungen der Gewerkschaft teil. Das Bildungsreferat unterhaelt eine Arbeiterhoohschule, an der Berufsdozenten oder Experten der Gewerkschaft Kurse ueber Gewerksohaftsgeschichte, Rhetorik, Psychologie, Gewerkschaftsprobleme, das Musikhoeren, aktuelle und Wirtschaftsfragen geben.
Das sogenannte "Unity House", das Sommerheim der Gewerkschaft, das einen Wert von einer Million Dollar hat, spielt
in diesem Programm eine wesentliche Rolle. Die Gewerkschaft
bietet ihren Mitgliedern und Gaesten nioht nur einen luxurioesen Ferienaufenthalt zu durchaus erschwinglichen Preisen,
sondern laedt auch in jedem Sommer bekannte Dozenten, Unterhaltungskuenstler und Musiker ein.
Weil die Staerke einer demokratisphen Gewerkschaft davon
abhaengig ist, ob ihre Mitglieder aufgeklaert und wachsam sind,
hat die Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter ein
besonderes Schulungsprogramm aufgestellt, das Lehrgaenge fuer
neue Mitglieder, Sonderkurse fuer Betriebsratsvorsitzende,
fuer Mitglieder oertlicher Gewerkschaftsvorsteende und fuer
zukuenftige Funktionaere vorsieht. Weiter wird Unterricht
ueber die Struktur und Arbeitsweise der Gewerkschaft, ueber
die Organisationsmethoden, das Abhalten von Gewerkschaftsversammlungen, die Fuehrung der Geschaeftsbuecher der Gewerkschaft,
ueber Streik und das Unterbreiten von Forderungen der Arbeiter
erteilt.
"Mit diesen KaendenJ* erzaehlt die Geschichte der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter an Hand der Lebensgeschichte eines einzelnen Mitglieds der Gewerkschaft. Mit dieser Geschichte veranschaulicht der Film ausserdem, was sich
ereignet, wenn sich freie Arbeiter in einem freien Land zusammenschliessen, um sich ein glueckliches Leben und wirtschaftliche Gerechtigkeit zu verschaffen.
Auszug aus dem Prospekt zu
"Mit diesen Haenden" der ILGWU
DIE INTERNATIONALE ARBEITS ORGANISATI PN BERICHTET VON IHRER
ARBEIT
""""—
Vor wenigen Wochen sagte der Generaldirektor der Interna• tionalen Arbeitsorganisation, David A. Morse, vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen:
"Die Internationale Arbeitsorganisation ist universell.
Sie befasst sich mit allen einschlaegigen Fragen und sucht
- 10 -

�Loesungen unter dem Gesichtspunkt des Interesses aller Voelker.
Sie ist kein Werkzeug in der Hand eines Staates oder einer
Staatengruppe und wird es auch niemals sein. Sie wird jeden
Staat als Mitglied begruessen, der bereit ist, die Verpflichtungen auf sich zu nehmen, die sich aus der Charta der Internationalen Arbeitsorganisation ergeben."
Diese Botschaft wurde von den Vereinten Nationen mit Beifall aufgenommen. Die Internationale Arbeitsorganisation hat
in den Jahren ihres Bestandes laengst bewiesen, dass sie eine
unparteiische Einrichtung im Dienste der Gerechtigkeit und der
Freiheit ist. Ihr Ziel ist durch die Charta festgelegt: Die
Arbeits- und Lohnverhaeltnisse in der ganzen Welt zu verbessern
und so die Grundlagen fuer einen allgemeinen und dauernden Frieden zu legen.
Die Internationale Arbeitsorganisation wurde auf der Pariser Friedenskonferenz naoh dem ersten V/eltkrieg geschaffen.
Sie war von Anfang an eine selbstaendige Koerperschaft, die mit
dem Voelkerbund zwar verbunden war, aber nicht von ihm abhing.
Im Jahre 1946 wurde sie zu einer der technischen Spezialorganisationen, die der UNO angeschlossen sind. Ihr Arbeitsfeld
ist die Verbesserung der sozialen Verhaeltnisse und der Arbeitsbedingungen. Sie hat nicht nur eine Reihe von Unters uchunren
ueber Arbeitsfragen in den verschiedensten Teilen der Welt
durchgefuehrt, sondern auch bedeutende praktische Fortschritte
in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Bevoelkerung
zahlreicher Laender erzielt. Der Sitz der Organisation ist in
Genf, dem ehemaligen Sitze des Voelkerbundes.
Die dreiteilige Struktur der Organisation ist sehr klar
und uebersichtlich. Dia hoeohste Instanz ist die Jahreskonferenz, auf der die Vertreter aller Kitgliedsstaaten Beschluesse
fassen und alljaehrlich das Arbeitsprogramm der Organisation,
ihre Geschaeftsfuehrung und die Ernennung und Taetigkeit der
leitenden Funktionaere festlegen und ueberpruefen. Fuer die
Ausfuehrung der Beschluesse der Jahreskonferenz ist der Exekutivausschuss verantwortlich. Die Organisation verfuegt ueber
ein staendiges Sekretariat, das Internationale Arbeitsamt. Gegenwaertig sind 65 Staaten der Organisation angeschlossen. Das
juengste Mitglied ist Japan, das erst vor wenigen Wochen beigetreten ist.
Die Arbeit der Internationalen Arbeitsorganisation vollzieht sich unter Beachtung der staatlichen Souveraenitaet. Die
Organisation kann Vertraege ausarbeiten und den Staaten zur
Ratifizierung vorlegen, aber ihre Beschluesse sind nicht von vornherein fuer alle Mitglieder verbindlich. Eine weitere Besonderheit der Organisation ist die paritaetische Vertretung der drei
Elemente, die das Wirtschaftsleben in jedem Lande bestimmen:
naemlich Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Regierungsvertreter.
Zu den praktischen Erfolgen der Internationalen Arbeitsorganisation gehoert vor allem die Ausarbeitung einer Reihe von
Abkommen, die das internationale Arbeitsrecht bilden. Diese
Abkommen legen die Begrenzung der Arbeitszeit, eine Mindestlohngrenze und eine Anzahl sozialer Vorteile fuer die Arbeiter jener
Laender fest, die diese Abkommen unterzeichnet haben. Auch die
gewerkschaftliche Freiheit wird durch die Bestimmungen des internationalen Arbeitsrechtes gewaehrleistet. Insgesamt wurden
durch die Initiative der Organisation bis heute 98 internationale
11 -

�Abkommen unterzeichnet und 88 Empfehlungen an alle Staaten
herausgegeben. Viele der Mitgliedsstaaten haben die Empfehlungen der Organisation nicht nur befolgt, sondern durch
fortschrittliche soziale Gesetze noch ueberboten.
Urspruenglich war die Mitgliedschaft bei der Internationalen Arbeitsorganisation an die Zugehoerigkeit zum Voelkerbund
gebunden. In der Folgezeit wurden jedoch zahlreiche Staaten,
die bei ihrer Gruendung dem Voelkerbund nicht angehoerten, zur
Internationalen Arbeitsorganisation zugelassen.
Im vergangenen Sommer wurde Deutschland, das die Organisation vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs verlassen hatte,
wieder aufgenommen. Das deutsche Beitrittsgesuch wurde von
dem stellvertretenden Praesidenten der Organisation, Leon
Jouhaux, der vor kurzem mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, mit grosser Energie befuerwortet. Jouhaux sagte
bei diesem Anlass: "Man kann nicht vom Haas leben, man kann
nicht auf Rachegefuehlen bauen."
Kuerzlich hat die Internationale Arbeitsorganisation eine
Erhebung ueber die Zwangsarbeit eingeleitet. Ueberall, wo
Zwangsarbeit besteht, sollen die Verhaeltnisse untersucht und
die Mittel zur Abschaffung dieser barbarischen Einrichtung gefunden werden. Die Vereinten Nationen und alle der Internationalen Arbeitsorganisation angeschlossenen Regierungen haben
ihre Mithilfe bei dieser Untersuchung zugesagt.
Eine andere Frage, mit der sich die Organisation befasst,
ist die planmaessige Lenkung der Auswanderung und die Unterbringung dieser Arbeitskraefte.
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Internationale Arbeitsorganisation allen Problemen, die die Taetigkeit der Gewerkschaften und das Wohlergehen der Arbeiterschaft betreffen. In
den letzten Jahren hat die Organisation nach der Aufforderung der
UNO den Text eines Abkommens zur Sicherung der Gewerkschaftsfreiheit ausgearbeitet. Zwoelf Staaten haben dieses Abkommen
bereits gesetzlich verankert, weitere Ratifizierungen werden
erwartet.
Die moralischen Grundsaetze, auf denen die arbeit der
Organisation beruht, wurden in einer Erklaerung niedergelegt,
die auf der Konferenz von Philadelphia im Jahre 1944 angenommen wurde. In dieser Erklaerung stehen u.a. folgende Saetze:
"Arbeit ist keine Ware. Die Armut, wo immer sie zu finden
ist, gefaehrdet den Wohlstand aller Laender. Freiehit der
Meinungsaeusserung, Koalitions- und Vereinigungsfreiheit sind
die Grundlagen bestaendigen Fortschritts. Alle Menschen, ohne
Unterschied der Rasse, des Glaubensbekenntnisses und des Geschlechtes haben das Recht, ihre materielle und geistige Entwicklung in Freiheit und Wuerde, in wirtschaftlicher Sicherheit
und mit gleichen Moeglichkeiten zu verfolgen."
Diase Erklaerung ist die Richtlinie fuer die gesamte Taetigkeit der Internationalen Arbeitsorganisation im Interesse
der freien 7/elt.
World Labor News
Script 10
12 -

�DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IN MITTEL- UND SUSP AMERIKA
Vor einem Jahr fand in M^xioo-City eine Zusammenkunft statt,
die fuer die organisierte Arbeiterschaft Lateinamerikas einen
Wendepunkt in ihrer Geschichte darstellt. Vertreter fast aller
Laender Sued- und Mittelamerikas waren auf diesem historischen*
Kongress der Arbeit vertreten. Das Ziel war einfach und genau
festgelegt: Die Staerkung der lateinamerikanischen Gewerkschaften durch ihren Zusammenschluss im Rahmen des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften.
Diese Tagung stellte den Gipfelpunkt einer Entwicklung
dar, deren erste Ansaetze im 19. Jahrhundert liegen, als die
Arbeiter in Sued- und Mittelamerika zum erstenmal ihren Willen
bekundeten, sich zu organisieren. V/elcher Weg von jenen bescheidenen Anfaengen bis zum machtvollen Zusammenschluss, der
heute in ganz Lateinamerika eine Front der Arbeit gegen jede
Form von Diktatur schafftl
Schon vor der Gruendung des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften hat die Arbeiterschaft Lateinamerika ihre Kraefte gefestigt und zusarmengefasst. Gewiss fiel das Ende des
Zweiten Weltkriegs mit dem Hoehepunkt des kommunistischen Einflusses in Lateinamerika und mit den Anf.aengen der peronistischen Bewegung in Argentinien zusammen, aber demnach erlebte
die demokratische Gewerkschaftsbewegung in allen Laendern
Sued- und Mittelamerikas zur gleichen Zeit einen machtvollen
Aufschwung. Es blieb dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften vorbehalten, alle demokratischen Gewerkschaften zum
gemeinsamen Kampf fuer Freiheit und sozialen Fortschritt in
diesem Teile der Welt zusammenzuschliessen.
Eine der ersten überstaatlichen Gewerkschaftsorganisationen der Neuen Welt war die 1920 gegruendete Allamerikanische
Arbeitervereinigung. Sie wurde durch die Initiative der American
Föderation of Labor - der groessten Gewerkschaftsorganisation
der Vereinigten Staaten - und des mexikanischen Gewerkschaftsbundes ins Leben gerufen. Der Allamerikanischen Arbeitervereinigung gehoerten die Gewerkschaften der verschiedenen Laender
Mittel- und Suedamerikas an.
Fast zwei Jahrzehnte vergingen, bis im Jahre 1938 eine
neue lateinamerikanische Gewerkschaftsorganisation geschaffen
wurde, die allgemeineren Charakter hatte und sich auf fast alle
Laender Zentral- und Suedamerikas erstreckte. Ihr gehoerten
neben den argentinischen Gewerkschaften, die damals unter sozialistischer Fuehrung standen, die liberalen Gewerkschaften Kolumbiens und verschiedene Gewerkschaften in Kuba, Chile und Uruguay
an, deren Tendenz jedoch damals oft eine kommunistische war.
Dieser Gewerkschaftsbund, der unter den Anfangsbuchstaben
CTAL bekannt war, geriet nach und nach voellig unter die Kontrolle der kommunistischen Elemente. Eine Anzahl Gewerkschaften,
die sich dem kommunistischen Einfluss entziehen wollten, traten
aus der CTAL aus. Andererseits entstanden in vielen Laendern
des amerikanischen Kontinents neue Gewerkschaftsorganisationen,
die von vornherein den ^nschluss an den CTAL ablehnten. In der
gleichen Zeit wurde schliesslich eine neue Form der Regierungsgewerkschaft, die peronistischen Arbeiterorganisationen gegruendet, die das diktatorische Regime Argentiniens unterstuetzten.
Das Ende des Krieges fuehrte in ganz Lateinamerika zu einer
Verstaerkung der Bewegung fuer die Schaffung sozialer Einrichtungen. Ueberaü bildeten sich neue Gewerkschaften, namentlich
- 13 -

�in Uruguay, Chile, Peru, Kuba und Mexiko. Voellig neue Gewerkschaftsorganisationen entstanden in Costa-Rica und Kolumbien. In Venezuela und Haiti bildeten sich ebenfalls Gewerkschaften, diese zwangen die Unternehmer, die bis dahin keine
organisierten Arbeiter geduldet hatten, die neuen Organisationen anzuerkennen und mit ihnen zu verhandeln. Ueberall standen die sozialen Fragen im Vordergrund. Neben den neuen Gewerkschaften brachen aber auch viele frueheren Mitgliedsgewerkschaften des CTAL mit diesem wegen seiner kommunistischen
Linie. So gab es in ganz Sued- und Mittelamerika zahlreiche
Gewerkschaften, die keinen internationalen Zusammenhalt besessen. Erst im Januar 1948 wurde auf einer Tagung in Lima
eine Dachorganisation fuer alle diese Verbaende geschaffen,
de\r CIT, der interamerikanische Arbeiterbund. Gemeinsam
war allen diesen Organisationen ihre soziale Orientierung und
ihre demokratische Haltung. Die peronistischen Gewerkschaften
wuenschten, zu dieser Internationale zugelassen zu werden,
aber dies wurde rundweg abgelehnt, denn der CIT wollte keine
antidemokratischen Verbaende als Mitglieder haben.
Drei Jahre lang stellte der CIT die einzige ueberstaatliohe Organisation demokratischer Gewerkschaften in Sued- und
Zentralamerika dar. In Zentralamerika waren ihr namentlich
die Gewerkschaften von Kuba, Haiti, Mexiko und Costa Rica angeschlossen.
Vor einem Jahr wurde eine besondere Konferenz fuer den
Ansohluss an den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften
einberufen. Der CIT ergriff bereitwillig die Gelegenheit,
sich einem breiteren Rahmen einzugliedern. In der ersten Zeit
standen der Fusion gewisse juristische Hindernisse im Wege,
aber schliesslich wurden alle Schwierigkeiten, ueberwunden und
kurz nach der Konferenz von Mexico City im Januar 1951 kam die
Einigung zustande.
Damit ist die Schaffung einer kraeftigen Organisation der
demokratischen Arbeiterschaft Lateinamerikas abgeschlossen.
Im Rahmen des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften kaempfen die Arbeiter in Sued- und Zentralamerika nunmehr in geschlossener Front gegen Reaktion, Diktatur und Kommunismus, fuer Frieden, -Freiheit und sozialen Fortschritt.
World Labor News
Script 10
ZWEI JAHRE IBFG UND DIE ERFOLGE
Vor zwei Jahren, im Dezember 1949, wurde der Internationale Bund Freier Gewerkschaften gegruendet. Diese Organisation entsprach einem Beduerfnls fuer Millionen von Arbeitern
in der ganzen Welt. Daraus erklaert sich auch sein rasches
Wachstum. Heute, nach zweijaehrigem Bestand, sind 53 Millionen Arbeiter in allen Laendern und Erdteilen in diesem Bund
organisiert, um gemeinsam ihre Freiheiten, ihre "echte, ihre
Lebenshaltung und ihre Menschenwuerde zu verteidigen. Sozialer Fortschritt, Friede und Freiheit sind die Ziele des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
Vor einigen «Vochen hielt der Exekutivausschuss dieser
Organisation seine sechste Tagung in Bruessel ab. Auf dieser
Zusammenkunft wurden weitreichende Beschluesse gefasst, die
fuer die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in vielen Laendern von groesster Bedeutung sind.
- 14 -

�In mehr als sechzig Laendern fuehren die Arbeiter den
Kampf fuer soziale Gerechtigkeit, Demokratie und eine friedliche Zusammenarbeit aller Voelker unter der gemeinsamen Flagge
des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
Wohl niemals zuvor ist eine Organisation so rasch zu solcher Macht und zu solcher Reife herangewachsen.
Vier Jahre lang, von 1945 bis 1949, arbeiteten die demokratischen Gewerkschaften der Welt mit den kommunistischen Arbeiterorganisationen im Rahmen des 'Weltgewerkschaftsbundes zusammen. Trotz allen guten Willens konnten sie jedoch diese
Zusammenarbeit auf die Dauer nicht aufrechterhalten, denn es
wurde von Tag zu Tag offenkundig»,dass die Kommunisten den
Weltgewerkschaftsbund lediglich als ein Instrument der russischen Ausdehnungspolitik betrachteten. Als sich alle Versuche,
diese Organisation dem kommunistischen Einfluss zu entziehen,
als aussichtslos erwiesen, zogen sich die demokratischen Gewerkschaften aus dem Weltgewerkschaftsbund zurueck und hielten
in London eine Tagung ab, auf der sie beschlossen, sich in
einer, neuen Internationalen Organisation zusammenzuschliessen.
So entstand der Internationale Bund Freier Gewerkschaften. Die
juengste Tagung in Bruessel fand unter der Leitung des Vorsitzenden der Organisation, Sir Vincent Tewson, statt. Das war
die erste Zusammenkunft des Exekutivausschusses seit seiner
Wahl auf dem Zweiten Kongress des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften, der im vergangenen Sommer in Mailand stattfand.
Auf dieser Tagung wurden elf Beitrittsgasuche vorgelegt. Unter
den Gewerkschaften, die sich dem Internationalen Bund Freier
Gewerkschaften anschliessen wollen, befinden sich der Australische Gewerksohaftsrat, die Unione Italiana del Lavoro, der
Gewerkschaftsrat von Singapur, ferner Organisationen aus Trinidad
und Britisch Guiana. Wenn alle diese Beitritte angenommen werden, so wird der Bund eine weitere Million neuer Mitglieder
zaehlen.
Ein Beschluss dieser Tagung betraf die Finanzierung der
Organisations- und Erziehungstaetigkeit in den wirtschaftlich
rueckstaendigen Ltendern. Der Fonds fuer Regionale Entwicklung, der diese Taetigkeit unterstuetzt, belaeuft sich auf
700.000 Dollar. Ein grosser Teil dieses Betrags wurde bereits
aufgebracht. Der Britische Gewerk^chaftsrat hat seine Anhaenger aufgefordert, 100.000 Ffund beizustellen, aber diese Summe
wurde ueberboten. Der amerikanische Gewerkschaftsbund CIO hat
100.000 Dollar beigesteuert.
Derzeit nehmen Vertreter des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften regen enteil an der Gewerkschafts- und Erziehungsarbeit in «sien, Suedamerika und Afrika. In naechster
Zeit sollen Organisatoren des Bundes nach Japan, Korea und
Indonesien geschickt werden. Eine Zentralstelle fuer Westafrika
wird in Accra errichtet werden, waehrend nach Nordafrika, nach
Ostafrika und nach Zentralamerika Sondermissionen entsandt
werden.
Auf der Bruesseler Tagung sprach sich der Exekutivausschuss
fuer die Selbstverwaltung und die Selbstbestimmung jener Gebiete
aus, die heute abhaengige Territorien oder Protektorate sind,
soweit ihr Entwicklungszustand das zulaesst. Fuer diejenigen
Gebiete, die zur Selbstverwaltung noch nicht reif sind, soll
eine Kontrolle durch die Vereinten Kationen eingefuehrt werden.
- 15

�Weiter erhob der Aussohuss Protest gegen die Einschraenkungen der Gewerkschaftsfreiheit in verschiedenen Laendern
und forderte die Internationale Arbeitsorganisation auf, darueber eine Erhebung durchzufuehren.
Schliesslich bekraeftigte der Ausschuss seine demokratische Haltung auch in weltpolitischen Fragen. Er analysierte
die Organisation des Atlantikpakts und verlangte die Anwesenheit von Gewerkschaftsvertretern in allen verantwortlichen
Instanzen der Organisation des Atlantikpakts, der NATO. Die
Internationalen Berufssekretariate werden aufgefordert, der
NATO ihre Mitarbeit zu gewaehren.
In einer der Resolutionen, die in Bruessel gefasst wurden,
heisst es:
"Wir treten dafuer ein, dass die freie Gewerkschaftsbewegung in ihrem Kampf fuer den Frieden und gegen den Kommunismus
im Wirkungsbereich der Gewerkschaften alle Kraefte einsetzen,
um die Verteidigungslinien gegen einen moeglichen kommunistischen Angriff in Europa zu verstaerken.
Labor Worls News
Script 11
H01LAENDISCHE GEWERKSCHAFTEN FUER EINSCHALTUNG IN PRODUKTIVITAETSMASSNAHMEN
Auf einer Konferenz des hollaendischen Gewerkschaftsbundes
N W in Utrecht sprach sich J. 0» Suurhoff, ein Funktior.aer des
N W , fuer eine gesteigerte Produktivitaet in der hollaendischen
Industrie aus, die sich jedoch auf die enge Zusammenarbeit
zwischen Gewerkschaften und Unternehmern stuetzen muesse.
Fuer die Arbeiter waere es jedoch geradezu eine "irrsinnige Lage", wenn sie es zugeben wuerden, dass ihre Loehne mit
der Produktivitaet gekoppelt werden, solange die Gewerkschaften
bei der Festlegung der Methoden zur Steigerung der Produktivitaet noch nichts mitzureden haetten.
Suurhoff brachte warnend zum Ausdruck, dass die Gewerkschaften "ohne das Recht, mitzureden, auch die gemeinsame Verantwortung ablehnen. Wir geben uns nicht damit zufrieden, dass
man schoene Worte um eine unechte Zusammenarbeit macht oder
den Arbeitern hie und da freundschaftlich auf die Schulter
klopft, weil sie zur Zeit so wenig streiken."
"Wenn man wirklich industriellen Frieden, Zusammenarbeit
und die Beseitigung des Klassenkampfes auch fuer die Zukunft
erreichen will, muss man schon mehr tun als nur schoene Worte
reden. Wir haben uebrigens nichts gegen schoene Worte, wenn
wir klar sehen, dass hinter diesen Worten Taten stehen, die beweisen, dass man es wirklich ernst meint. "Ich gebe zu, dass
dies ein unangenehmes Argument ist. Aber es ist unweigerlich
richtig. Moegen alle Personen, die im politischen wie im industriellen Leben eine fuehronde Stellung innehaben und sich
nicht von 3elbstsuechtigen Gedanken leiten lassen, sich veranlasst sehen, den Arbeitern ihren Anteil an der gemeinsamen
Verantwortung zu uebertragen, bevor es zu spaetist."
Daily News Service

iii/ie/51
16 H1C0G e A n 52 1B367 « U

3 0

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                <text>Eine Erklärung des Vereinigten Komitees für Arbeitspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Truman lobt zwei große amerikanische Gewerkschaften&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zeit für Lohnkontrollen in Amerika noch nicht gekommen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schulung der Experten des Punkt-Vier Programms&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Französische Studiengruppe für Zusammenarbeit Gewerkschaften-Unternehmer&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wesen und Arbeitweise der britischen "Anordnung 1305"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Erfolge in Neuseeland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zeit- und Bewegungsstudium kann westdeutsche Produktion erhöhen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftlicher Beratungsausschuss für internationale Angelegenheiten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Jahr IBFG</text>
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Januar 1951
INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UNL ARTIKEL DES
"AMERIKA LIEHST"
vom 1. Oktober 1950 - 30. Dezember 1950

Seite

1. Allgemeines

1

Kommentare von John L. Morton

3. Jugend

4
5

Artikel für die Frau

6

Geistiges Leben

8

6. Wirtschaft und Arbeit

8

*

* * * *

�4/10/50

7/10/50

11/10/50

14/10/50

18/10/50

21/10/50

25/10/50

28/10/50

Die "Neunundneunziger" - Der Klub der
amerikanischen Fliegerinnen.
Die Rockefeller-Stiftung
Versuch eines Weißbuchs zur Kartoffelkäferschuldfrage,,
Boys Town, Erziehungsstätte für Jungen,
Luftbrücke Kalifornien-Japan
Transportflugzeuge versorgen die
UN-Streitkräfte.
Die Bibliothekarin der New Yorker Botanischen Gärten "weiß alles",.
Die Mayo-Klinik.
Die magischen Fäden des Pentagon
Deutsche Kunstausstellung in Milwaukee
Greenwich Village - Das amerikanische
Schwabing»
Ausblick au,f die bevorstehenden Kongreßwahlen in den Vereinigten Staaten
Kontrolle der Nahrungsmittelversorgung der
Welt - eines der Hauptziele des Kreml,
Der Tag der 'Vereinten Nationen in den USA,
•Das Tor zum Frieden,
Berlin wird die Heimat der "Friedensglocke",
Friedehsfahne und Siegesbanner- Die blauweiße Flagge der UN.
Zusammenstellung der wichtigsten Daten der UN
Theo Lingen auf Amerika-Tournee.. •'
Harvard - die älteste Universität Amerikas,
Mit ERP-Mitteln bauen Gablonzer Flüchtlinge
bei Kaufbeuren im Allgäu eine Industriestadt
auf o .
Neuanlage unterirdischer Parkplätze,
Täglich 60 000 Menschen mehr auf der Welt,
Der Davis-Staudamm in Arizona,. - Der vierte
Großdamm am Colorado,
Alaska - ein neuer Staat der USA?
Taubheit - keine Arbeitsbehinderung.
Ernie Pyle - das Leben eines Frontberichterstatter s...
» * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "Amerika Dienst"
kostenlos Bildmaterial,,

- 1 -

�1/11/50

4/11/50

8/11/50

11/11/50

15/11/50

18/11/50

22/11/50

*

25/11/50

Idlewild - der größte Plughafen der Welt«
"Atomkalender" für die Archäologen« Neue Methode zur Bestimmung frühgeschichtlicher Daten0
Edna St« Vincent Millay. - Zum Tode einer
großen Dichterin*
Zum Tode AI Jolsons, des berühmten amerikanischen Jazzsängerso
Wie der gute Lehrer sein soll. - Ergebnis
einer Umfrage bei Schulkindern«
Ist Kritik im Kriege angebracht? Taos, die älteste und größte Indianersiedlung
Amerikas•
\
Kapitalismus und Sozialismus in USA* - Ein
Interview mit Norman Thomas, dem Führer der
Sozialistischen Partei in den Vereinigten
Staaten«
Die wirtschaftliche Seite des Fernsehproblems.
Germantown - die erste deutsche Siedlung in'
Amerika0
Der fliegende Güterwagen - Ein neues amerikanisches Lastenflugzeug«
Bayern und Schleswig-Holstein bauen mit
ERP-Mitteln Wohnungen für Heimatvertriebene.
Florida - land der. ewigen Jugend«,
Zeit- und Arbeitsersparnis durch neue Registrierautomaten.
Rudolf Bing. - Ein leben für die Oper«
Die Coloradotal-Verwaltung - Eine Gemeinschaftsaktion amerikanischer Farmer und
Behörden.
Die fünf Programmpunkte der Ford-Stiftung«
Nekrolog auf einen revolutionären Traum«
Thanksgiving-Day 1950« - Wortlaut der Erklärung des Präsidenten zum 23. November 1950.
Fernsehen im Dienst der Erziehung«
Fritz Henle, ein bekannter amerikanischer
Photograph«
Das "Färsen-Projekt" hilft Flüchtlingsbauern«
"Winter" - Betrachtungen über das Leben in der
Natur während der Wintermonate.
"General Omar N« Bradley". - Werdegang des
bersten Soldaten Amerikas"«
Tragen des Films in USA und Deutschland".
Interview mit Upton Sinclair«

- 2 -

�29/11/50

Oscar, der berühmte Maltre d'hötel des
Waldorf-Astoriao
Marcel Breuer und die amerikanische Baukunst
* * # * *

2/12/50

6/12/50

9/12/50

Weihnachtsnummer 1950

*

#
*
#

16/12/50

Das deutsche Marshallplanministeriumu
Die Arbeiterhochschule in Wisconsin«,
Bernard M0 Baruch - Urbild der amerikanischen
Vitalität o
Neue Heimat im Smslandmoor„
Ein Arbeiter der Ölindustrie berichtet
vom Aufbau seines Betriebes•
Problematische Paradiese,
"Paradiesvogel", ein märchenhafter Farbfilm
und ein ernsthafter Versuch, die Geschichte
der Polynesier darzustellen
Hemingway am Ende?
Zum Tag der Menschenrechte
am 10u Dezember*
Das Kind, das immer Kind bleibt„
Auszug aus dem Buch "The Child that never grew"
von Pearl Su Bucko
Die Brücke zwischen der Alten und der Neuen
Welt „
Die Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents von Asien aus durch die Funde in Nordalaska bewiesen
Stolz und Reichtum unter einsamem Stern»
In Texas sind Kühe mit fünf Beinen häufiger
anzutreffen als Minderwertigkeitskomplexe«
St» Nikolaus und Santa Claus.
Märchenstadt am Weißgesicht-Bergo
Zwei Deutsche führten den Brauch, Weihnachten
mit einem Lichterbaum zu begehen, in Amerika
ein0
Die Feuerwehr als Helfer des Weihnachtsmanns•
Weihnachten auf einer amerikanischen Farm0
Der amerikanische Weihnachtsmann kommt in
diesem Jahr mit Hoohfrequenztechnika
Peters-5 mexikanische Weihnächte
Die vergessenen Schwänze.
Weihnachten im hohlen Baum*
Harvard - Erbe des Weimarer Bauhauses.
Das Hotel im Dschungel
Trompeten gegen die Mauern de3 Kreml.
Gedanken zum Buch "The Choice" von Boris Shub.

- 3 -

�20/12/50

*

23/12/50
*
*
30/12/50

1950 - Rückblick auf ein bewegtes Jahr^Dreihundertfünfundsechzig Tage ERP-Kredite.,
Gedanken über 1951.
Wichtige Ereignisse des Jahres 1950*
Die bedeutendsten amerikanischen Persönlichkeiten des Jahres 1950«
Alt werden oder altern?
Elektronische Rechenanlagen lösen die kompliziertesten Aufgaben im Handumdrehen*
Der "Unerfreulichsten" einerc
William Faulkner, Nobel-Literaturpreisträger
des Jahres.
Besitzverhältnisse in der amerikanischen
Landwirt schaf10
Die erste Fernseh-Kleinkamera der Welto
Ein Zeuge der Zeit - John Richard Hersey*
* * * * *

2 «KOMMENTARE..I2S-£2M-5i-!525525i
4/10/50
7/10/50
11/10/50
H/10/50
21/10/50
25/10/50
28/10/50

Entschlossenheit zum Frieden0
Steigerung des Geburtensolls.
Blut, Schweiß und Steuern«
Die Vereinten Nationen ergreifen die Offensive
Probleme des Sieges*
Stapellauf des Schlachtschiffs "Frieden",
In Prag nichts Neues•
*

1/11/50
4/11/50
8/11/50

11/11/50
15/11/50
18/11/50
22/11/50
25/11/50
29/11/50

* * * *

Die Streitfragen des Wahlkampfes in USA0
Puerto Rido - Insel ohne Ruhe*
Klarheit oder Verwirrung?
Zur Bundestagsdebatte über den deutschen
Verteidigungsbeitrag,
Kurs unverändert. - Zu den Parlamentswahlen
in den USA.
Zur Frage der chinesischen Intervention in
Korea»'
Der Gray-Bericht. - Ein neuer Baustein
für die freie Welto
Wirtschaftshilfe für Tito.
•'Landtagswahlen - von außen betrachtet".
Wieviel ist genug?
*

* * * *

- 4 -

�KOMMENTAHB

VON JOHN Li MORTON.

2/12/50
6/12/50
9/12/50
16/12/50
23/12/50
30/12/50

Ruhige Entschlossenheit. Die USA und die KoreaKrise.
Auf Europa kommt es an.
3erliner Wahlen in amerikanischer Schau.
Zur Brüsseler Konferenz»
Kein Preis ist zu hoch.
Es gibt kein Gibraltar«
* * * * *

iL-£2§SSiL
Oktober 1950/1

Der blau-rote Schal.
^Goldsucher und Abenteurer im "Todestal" in
Kalifornien„
Das Geschenk der Indianer - Geschichte und
Bedeutung der Maispflanze in den USA.
Versuch's mal - Vitamin C, ein wichtiger
Paktor in unserer Ernährung.
Oktober 1950/lI*Der Weg in die Wildnis. Die Geschichte von
Daniel Boone, dem Urbild des Lederstrumpf,
*Die Vereinten Nationen und die Jugend.
*Das Rjesenauge auf dem Mount Palomar.
Gold aus der Retorte.
* * * # *

November 1950/1 Die mißglückte Champignon-Zucht.
•Hiawatha, der große Sohn der Ojibways.
*Das Museum für Wissenschaft und Technik in
Chikago0
Praxis ist besser als Theorie«,
Jungen spielen "Politik".
November 1950/1IEs geschah in Oklahoma.
Wie Paul Bunyan den "pfeifenden Fluß" bestrafte.
"Bitte eine Fahrkarte zum Mond". Möglichkeiten
und Unmöglichkeiten der Weltraumschiffahrt.
Alle arbeiten mit. Keine Kluft zwischen Gemein-r
schaft und Schule.
*

*

* #- «

- 5-

�Äi-AMI^-Ü^^Il-EIUUi
H/lO/50

Die Frau in den Vereinten Nationen.
Eicheln, Schnecken und andere Delikatessen
Wenn Kinder nicht teilen wollen*
Dickwerden - durchaus vermeidbar
18/10/50
65—jährige deutsche Auswanderertochter verwirklicht ihren Traume
Spätes G-ehenlernen bei Kindern kein Zeichen
für geistige Unterentwicklung
Nachtblauer Persianer und honiggelber Nerz.
Frauenemanzipation - einmal anders gesehen
25/10/50
Jean Arthur und "Peter Pan".
*
Berufsberatung für Frauen in den USA»
Wenn ein Kind andere schlägt•
Hygiene des Alltags - Schönheitsmassage mit
dem Frottiertuchi
1/11/50
Acht Frauen regieren eine Stadt
Edelsteine in der Retorte - Synthetische
Steine.
*
Patricia Neway - eine Sänger-Schauspielerin-,
Eleganz in rauschender Seide,
8/II/5O.
*
Abkehr vom Klischee - Jane Wyman und Olivia
de Havilland,.
*
Olive Goldman - amerikanische Delegierte in
der Kommission für Frauenrecht der UNo
Angst bei KindernP
Bitte schreiben Sie! Besseres Gedächtnis
1 durch Entlastung*
15/11/50
•
Der deutsche Export und dye 'tfierikanische
Frau»
*
Patricia Travers - die junge amerikanische
Geigerin.,
Von der Llitbürgerschaft der Frau
Der kindliche Zerstörungstrieb
22/11/50
*
Anna M. Rosenberg - die Frau im Pentagon.
Der Aufstieg der Frau im amerikanischen
Journalismusu
Der Westen erobert die USA. Jung Amerika
trägt das Cowboykostüm
Metallimprägnierung - Neue Wege in der
Textilindustrie.
M
Zudenöiit * bezeichneten Artikeln liefert der "Amerika Dienst"
kostenlos Bildmaterialo

�•

ARTIKEL FÜR DIE FRAU.
^ — — • —

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29/11/50

6/12/50

13/12/50

20/12/50

»• —

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••» —

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—

—

Eine Amerikanerin über die europäischen Frauen,
Die amerikanischen Frauenmagazine.
Das Fünkchen Grausamkeit in uns. Sadistische
Tendenzen im Alltagsleben.
Mode und Frisuren in den USA.
V/illa Cather zum Gedenken am 7. Dezember.
Lesestoff für die ganze Familie.
Die New Yorker Internationale Frauenausstellung.
Beliebte Rezepte aus den USA.
Clara Barton veranlaßte die USA zum Beitritt
in die Genfer Konvention.
Ein Weihnacht sl'est in Minnesota 1890.
Bilder- und Geschi.chtenbücher für den Gabentisch der amerikanischen Kinder.
Seelenleben vor der Geburt.
Geschenkpakete für deutsche Kinder.
Martha Graham, eine der bekanntesten und eigenwilligsten amerikanischen Tänzerinnen.
Middletown, der Kernpunkt des- amerikanischen
Lebens.
Werbung für und mit Frauen.
Die Geschichte der Frinzessin Pocahontas
und ihrer Reise nach Europa.
Mädchennamen sind der Mode stärker unterworfen als männliche Taufnamen.
* * * * * *

- 7 -

�,5. GEISTIGES LEBEN.
Oktober 1950
*

Ausblick auf die kommende Spielzeit der
der Metropolitan-Oper.
Carmen Jones. Ein Kapital amerikanischer
Theatergeschichte.
Internationaler Studentenaustausch für 1950/51.
Neue Pläne des internationalen Seminars für
Amerikakunde in Salzburg.
Fritz Reiner dirigiert NBC-Symphonie-Orchester.
* * « • #

Kinderstube und Weltpolitik.
Die Schreibmaschine nach Maß.
Hollywood macht Ernst. Wendung von der Flimmerkiste zum Problemfilm.
Das Problem der deutschen Mentalität Gegenstand wesentlicher Neuerscheinungen auf
dem amerikanischen Büchermarkt.
Dezember 1950/11 * Grundzüge des neuen Bauens.
* George Grosz - ein sozialer Seismograph
kam zur Ruhe.
Winterkurse auf Leopoldskron.

Dezember 1950/1

* * * * *

6. WIRTSCHAFT UND ARBEIT.
7/10/50

14/10/50

21/10/50

Neues Leben auf deutschen tferften.
William C. Foster - der neue MarshallplanAdmini strat or.
Überprüfung der Sehfähigkeit bei amerikanischen Arbeitern.
Lohnanreizsysteme in USA (Teil II).
US-Gewerkschaftsvertreter über deutsche
Arbeitspr'obleme.
Neuer US-Zolltarif für Westdeutschland.
Westdeutsche Kühlmittelfabrikanten besuchen
USA.
Lohnanrei-zsysteme in USA (Teil III).
Einkommensverlagerung in USA.
US-Senator fordert Kaufkraftgarantie für
Staatsanleihen
Westdeutsche Bankfachleute besuchen USA.
Der automatische Schaffner.
Vollautomatische Verkehrskontrolle.

�«

WIRTSCHAPT^UN^ARBEIT;,
28/10/50

*

ERP-Kredite für das westdeutsche
Hotelgewerbe.
Kostensenkung durch vorsorgende Wartung.
Markenartikel in USA stark gefragt.
Die Armour-Stiftung in Chicago.
* * * * *

4/11/50

11/11/50

18/11/50

25/11/50

Heimatvertriebene als IndustriepioniereMarshallplanhilfe für Existenzaufbau.
Der ältere Arbeiter - ein Gewinn für den
Betrieb.
Amerikanische Sender erfassen ihr Publikum.
US-Außenhandelsrat fordert Beseitigung
der internationalen Handelsschranken.
Probleme der Werkskantinen in USA.
Lichtbogenschweißen leicht gemacht.
Was ist eine Verkaufskanone?
Zunehmender US-Touristenverkehr nach Europa.
Marshallplangelder für die Steigerung der
deutschen Erdölproduktion.
Leistungslohn ist billiger.
Ein amerikanischer Betrieb beglückwünscht
"seine" Gewerkschaft.
Engere Zusammenarbeit zwischen USA und
Westeuropa.' Richtlinien Gordon Grays für
Portsetzung der amerikanischen Auslandslinie.
US-Industrie für Kapazitätsausweitung durch
erweiterte A.bSchreibungsmöglichkeiten.
Farben machen sich'bezahlt.
Keine umfassende lewirtechaftung in USA'
geplant.
* * * * *

2/12/50

9/12/50

Weitere Kontrollen in USA.
Export nach USA.stark gefragt.
ECA-Zentralbüro vermittelt Lizenzverträge
zwischen USA und Europa.
Steigende Einfuhr - sinkende Ausfuhr US-Außenhandel vor neuen Problemen.
Wirkt die Inflationsbremse? Weitere Restriktionen in USA,
Neue fettlose Seifen in USA.
Sorgenkind Speisewagen.

- 9-

�*

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
16/12/50

23/12/50

30/12/50

Deutsche Spielwaren auf amerikanischen
Gabentischen.
Gadgets sind nicht patentfähig.
V/ichtige Entscheidung des Obersten US-Bundesgerichts in Patentsachen.
US-Waggonbau entwickelt neuen Güterwagentyp.
Einfuhr von Warenmustern nach USA erleichtert.
US-Wirtschaft im Zeichen des "nationalen
Notstandes".
Die Papierlücke schließt sich - Augsburger
Papierfabrik baut mit ERP-LIitteln.
US-Exportkontrollen weiter verschärft.
Schwarze Listen und Sperrung der rotchinesischen Guthaben.
CIO protestiert gegen gewerkschaftsfeindlichen
Auftrag der Sowjetbotschaft in Y/ashington.
Der Prämienplan einer amerikanischen Speditionsfirma.
USA entwickeln neues Einfrierverfahren für
die Hochseefischerei.
t
Hamensschilder steigern das Selbstbewußtsein.
Der neue GATT-Kodex für Außenhandelsbeziehungen.

- 10 -

�INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Januar 1951 - 31. März 1951

Seite
1.
ALLGEMEINES

1

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

5

SCNDERBEILAGEN

6

2.
3.
4.
JUGEND

7

ARTIKEL FÜR DIE FRAU

9

5.
6.
GEISTIGES LEBEN
7.

12
•

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13

* * * * *

�12-£LIGEMEINES_
6/1/51

*

lO/L/51

*
13A/51

*

17/1/51

*
20/1/51
*

24/1/51
*

27/1/51

*

31/1/51

*

*

Der Mann, der den Blitz erfand
Ein Breslauer Student wird einer der bedeutendsten Forscher der Elektrotechnik in den
USA
Journalistenausbildung in den USA
Amerikanische Radiofreunde lernen die
Orchester Europas kennen.
Colon, die Stadt der Zauberer
1950 - Jenseits der Politik
"Astronomische Marksteine" des vergangenen Jahres
Das Gewerkschaftsprogramm der HarvardUniversität
Baltimore - Stadt der Gegensätze
Der Chor der Mormonenbrüder in Salt Lake City
In Memoriam Sinclair Lewis
Kinderschallplatten - ein ideales Erziehungsmittel
Sechs-Tage-7/undermittel gegen Malaria
Religiöse Filme in den USA
Vor dem Höhepunkt der außenpolitischen
Senatsdebatte
Audubon, Columbus der amerikanischen Vogelwelt
Brigadier-General Lemuel Mathewson zum stellvertretenden US-Kommandanten für Berlin ernannt
Gold im Sohornstein
Die Bodenerosion hat für die Farmer des Mittelwestens ihren Sohreoken verloren
Die Arbeit des Kongresses für Kulturelle Freiheit
New York als Wallfahrtsort - für romantischs
Brautpaare
Gemüse aus em Laboratorium
Die öffentliche Meinung in Sowjetrußland
Das New Yorker Hunter-College entwickelt neue
Lehrmethoden für geistig übsrdurohschnittlioh
begabte Kinder
Mißbrauch von ERP-Gütern wird duroh ständige
Kontrolle verhindert
Erio A. Johnstons Weg vom Zeitungsjungen zum
Leiter des US-Amtes für Wirtschaftsstabilislsrung
# # # # #

Zu den mit * bezeichneten Art
kostenlos Bildmaterial.

liefert der "AMERIKA DIENST"
-

�ALLGEMEINES
3/2/51

Das Gebiet hinter dem Eisernen Vorhang ist
kein massiver Block
Arbeiterbewegung in Europa und Amerika
Dammbauten in den USA

7/2/51

Der Mann,der Amerika einte
Im Februar feiert Amerika die Geburtstage
von George Washington und Abraham Lincoln
Thomas Alva Edison
Nord-Dakota, das Land der Prairien
14. Februar, St. Valentins-Tag in USA
Rias-Berlin - Symbol der Wahrheit

*
#

10/2/51

Neues Projekt der OEEG zur internationalen
Auswertung der Windkraft zur Erzeugung elektrischer Energie
Eine Stadt bekämpft den Krebs
Das wohnliche amerikanische Landhaus

14/2/51

Für Freiheit und Unabhängigkeit
$19« Geburtstag George Washingtons
Arbeitnehmer mit Unternehmergeist
Der Mensch, die billigste Ware in der UdSSR
Dieses Fazit zieht William A. Wood aus einer
drei zehnjährigen Erfahrung als Ingenieur in
der JdSSR
Das Marine-Studio in Florida
Eine Luzernefarm
l'iimarbeit im brennenden Dschungel

17/2/51

21/2/51

*

28/2/51

Charles E« Bohlen - der beste amerikanische
Kenner des Kreml
ERP erstellt' neue Werkzeugfabrik in Westdeutschland
Sehneemsssungen im Hochgebirge
Rudolph Valentino - der Magier des Stummfilms
Warum unterstützen die amerikanischen Gewerkschaften das freie Unternehmertum?
Von Norman Thomas, aktiver Vertreter der amerikanischen Sozialisten und sechsmaliger Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft
Abkehr vom photochemischen Verfahren bei
Bildaufnahmen
Der amerikanische Eisbrecher "Nordwind" hält
die Seewege um Alaska offen
* * * * *

- 2 -

�ALLGEMEINES
Mit Baskenmütze und Hörapparat durch Amerika
Berlins regierender Bürgermeister in USA
Amerika ändert seine Verfassung
Der 22. Zusatzartikel der amerikanischen
Verfassung erlangte im Februar Gesetzeskraft
Fernseh-Plagen und Fernseh-Pläne

3/3/51

Zephyr mit 150 km
Die landschaftlichen Schönheiten und allen
Komfort Amerikas bietet der "Kalifornische
Zephyr" den Reisenden zwischen New York und
San Francisco
Amerika beklagt in dem kürzlich verstorbenen
deutschen Dirigenten Walter Damrosch einen
seiner verdientesten Erzieher zur großen
Musik

7/3/51

Ist Amerika imperialistisch?
Von dem amerikanischen Sozialistenführer
Norman Thomas, der für ein Wirtschaftssystem
eintritt, das er als demokratischen Kapitalismus bezeichnet
Weltpostverein - ein internationales Vorbild
Die industriellen Forschungsinstitute in den
USA
"Leben in Freiheit"
Ein Preisausschreiben für westdeutsche
Jugendliche

10/3/51

Der Festtag der-grünen Insel
Am 17. März feiern die Iren in aller Welt
ihren Schutzpatron, den Heiligen Patrick
Zur Verteidigung der westlichen Kultur
Von US-Senator Paul*H. Douglas
Deutsches Penicillin durch ERP-Hilfe (Farbwerke Höchst)

14/3/51

Die sonderbaren Heiligen im Lehigh Valley
Struthers Burt schreibt über das kürzlich
unter dem Titel "The Pennsylvania Dutch"
erschienene Buch von Professor Klees
Die Sonne wird wärmer
Atomkraft im Dienste der Medizin
Osterfest in Bethlehem
Die Brüdergemeine
in Bethlehem feiert
das Osterfest nicht anders als ihre Vorfahren,
die vor zweihundert Jahren in Pennsylvania
landeten
Los Angeles, die Stadt der Engel

y.
17/3/51

- 3-

�ALLGEMEINES
17/3/51

Der Fall des Genossen Tulajew
In einem Roman erzählt Victor Serge, wie von
der Sowjetregierung angeklagte Trotzkisten auf
Grund der unentrinnbaren Denkschemata, denen
sie sich einmal freiwillig unterworfen haben,
notwendigerweise zu einem Bekenntnis der eigenen "Schuld" kommen müssen

21/3/51

Das "Amerika-Buch" für die Jugend
Ein Jugendbuch, das in deutsch-amerikanischer
Gemeinschaftsarbeit entstand und ein Geschenk
der amerikanischen an die deutsche Jugend darstellt
Aureomycin - die stärkste Waffe gegen Infektionskrankheiten
Amerikanischer Rundfunk in der Klemme
Das Fernsehen in Amerika kann nur aus den
Überschüssen des Rundfunks finanziert werden
Elektronen mit Dolmetscherexamen
Die Elektronen-Übersetzungsmaschine der Zukunft wird den Übersetzern einen großen Teil
der mechanischen Übersetzungsarbeit abnehmen
Traktat über die Vergänglichkeit
In unserer schnellebigen Zeit müssen die
Lexikographen mit der -Behendigkeit und den
Methoden der Tagespresse arbeiten
Industrieausstellung auf Rädern
Über 200 deutsche Industriebetriebe stellen
ihre Erzeugnisse im "Marshallplan-Zug" aus
Der Wettergott muß seine Konzession abtreten
Amerikanische "Regentechniker" produzieren
und verkaufen Niederschlagsmengen
Die wichtigsten Aufgaben der US-Hochkommission
in Deutschland
Von Arthur Krock, Chef des Washingtoner Büros
der "New York Times"
Frühlingstanz im Pueblo
Die "Everglades", ein Tierparadies von großer
Schönheit
Die Verteidigung des Westens
Die dauernde Bereitstellung von 20 bis 40
hochqualifizierten Divisionen zur Verteidi-'
gung Westeuropas schlägt der bekannte britische Militärschriftsteller Liddell Hart vor

24/3/51

28/3/51

*

31/3/51

Sauerbraten, Bockbier und hohe Kunst
Lüchows Restaurant in New York
Edward' Steichen - der Meisterfotograf Amerikas
Provokation und Entscheidung
Eine ausgezeichnete Diskussionsbasis ist das
kürzlich in New York erschienene Buch "Challenge and Decision", in dem ein bekannter amerikanischer Journalist die Problematik des Kalten
Krieges und die Möglichkeiten eines Ausweges
darlegt
# # # * *
- 4 -

�2) KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

31/1/51

"Altbekannte Tatsachen"?
Washington und die sowjetische Note
Trotz allem Einigkeit
Astronomische Zahlen
"IKE"
Stärke gegen Stärke
Josef Flade: "Ich liebe die Freiheit mehr als
mein Leben"
Grenze des Verrats

3/2/51
7/2/51
10/2/51
14/2/51
17/2/51
21/2/51
24/2/51
28/2/51

Gerechtigkeit
Die Vorschläge Eisenhowers
"Die Freiheit-Legion"
Ermutigende Anzeichen
Einig trotz aller Debatten
Stalins "Friedens-Fühler
Viererbesprechungen und Aufrüstung
Deutschland kann nicht ohne den Westen auskommen

6/1/51
13/1/51
17/1/51
20/1/51
24/1/51
27/1/51

* * *

3/3/51
7/3/51
10/3/51
14/3/51
17/3/51
21/3/51
24/3/51
28/3/51
31/3/51

* *

Am Ende der Debatte
Pariser Außenministerkonferenz und Besatzungsstatut
Auf dem Weg zur europäischen Einheit
Der "Krieg der Enttäuschten1*
In Paris: Vielleicht - in Berlin: Njet
Entmilitarisierung - ein neuer sowjetischer
Bluff
Neutralität bedeutet Selbstmord
Quo vadis? - Der Weg der "deutschen Titoisten"
Pan-Amerika - ein antikommunistischer Block

- 5-

�32_SONDERBEIIAGEN_
10/1/51

24/1/51

Die Parole lautet nicht: "Der Krieg ist unvermeidlich"
Von Anne O'Hare McCormick (New York Times)
Voller Wortlaut der Botschaft Präsident Trumans
über die Lage der Nation (vom 8. Januar 1951)
McCloy: Nicht "gegen Windmühlen kämpfen"!
-Voller Wortlaut eines Briefwechsels zwischen dem
amerikanischen Hochkommissar für Deutschland,
John J. McCloy, und Herbert G. Roske, einem
21jährigen Deutschen, der am 29. Dezember 1950
in einem Schreiben die westlichen Alliierten der
Diskriminierung Deutschlands beschuldigte
General Eisenhower: Vergangenes ist vergangen.
Voller Wortlaut einer Erklärung, die der Oberkommandierende der Atlantischen Streitkräfte,
General Dwight D. Eisenhower, am 19. Januar 1951
nach seiner Ankunft auf dem Rhein-Main-Plughafen
vor Pressevertretern abgab
* * » * *

3/2/51
14/2/51
24/2/51
28/2/51

Endgültige Entscheidung über Landsberg
Der 5. Quartalsbericht ies US-Hochkommissars
für Deutschland
Das Berufungsverfahren der in Landsberg zum Tode
Verurteilten
Drew Middleton zu den Auswirkungen des LandsbergProtests
* * * * *

3/3/51
7/3/51
10/3/51

14/3/51

17/3/51

31/3/51

General Clay befürwortet Verstärkung des amerikanischen Truppenkontingents in Europa
Vor der Entscheidung
Zu den Debatten um die. Entsendung amerikanischer
Truppen nach Europa
Der Geist Carl Schurz' und das Deutschland von
heute
Ansprache vor der Carl-Schurz-Gesellschaft,Bremen,
am 5. März 1951, von Benjamin J. Buttenwieser,
Stellvertretender US-Hochkommissar für Deutschland
Artikelreihe des amerikanischen politischen Kommentators Carl C. Hilton, in der er sich mit den
aktuellsten Problemen der Gegenwart auseinandersetzt
Schreiben der Alliierten Hochkommission an Bundeskanzler Adenauer über die Besatzungskosten für
das Finanzjahr 1951/52
Der Schumanplan - Europas Chance
*

- 6 -

*

* *

*

�4) JUGEND
Wickey und der Cowboy
Die Geschichte von Brandgesicht
. . . Und plötzlich stand ein Bär vor
ihnen!
Marionettentheater für die Kinder New Yorks

Januar 1951/1

Januar 1951/11

*

Wie der Esel zu den Menschen kam
Eine mexikanische Volkssage
Steinerne Geschichtsbücher
Pelsinschriften in Texas, Arizona, Neu Mexiko
und Kalifornien künden von der Geschichte der
Ureinwohner Amerikas
Christoph Columbus
An der "Whiteface"-Kurve erbleicht jeder
Passagier
Mit dem Bobschlitten im 100-km-Tempo über
die eisigen Abhänge des Mount Van Hoevenberg
* * * # *

Februar 1951/1

Nara, das "Truthahnmädchen"
Im Zeichen der silbernen Lilie
Jeden Tag ein gutes Werk zu tun ist die
Pflicht jedes Pfadfinders
Sterntalerregen aus dem Himmel Amerika
Schulkinder malen und zeichnen ihre Eindrücke vom Marshallplan
Sie wissan,was sie wollen
Die Höheren Schulen in Atlanta geben ihren
Schülern Gelegenheit, sich durch Halbtagsbeschäftigung in .ihren künftigen Beruf einzuarbeiten
* * * * *

März 1951/1

Picaro und das Zebra
Im Lande der Totem-Pfähle
Riesige geschnitzte Totem-Pfähle versinnbildlichen Geschichte und Sage der Indianer
Alaskas
"Hoppe, Hoppe Reiter . . .
Auch Sechsjährige können schon sattelfest
sein und auf Reittournieren Preise erringen
Versuch's mal
Ein einfacher Versuch mit einem Papierstreifen gibt Aufschluß über die Kräfte, die ein
Plugzeug tragen

- 7 -

�JUGEND
März 1951/11

*

Uörgenröte besucht den großen Geist
Eine indianische Yolkssage
Heuschrecken - Freunde oder Feinde des
Menschen
Ein Kinderparadies zwischen Wolkenkratzern
New Yorker Polizei als Helfer und Freund
der gefährdeten Jugend
VERSUCH»S MAL!
Das Ei in der Flasche
Ein einfaches Experiment mit einer Milchflasche und einem Hühnerei liefert einen
eindrucksvollen Nachweis des vorhandenen
Luftdruckes
* * * * *

- 8 -

%

�5l_ARTIKEL_FÜR_DIE_FRAU_

JA/51

Margaret Chase Smith, der Senator aus Maine
Die amerikanische Journalistin
Der Mensch über Vierzig braucht Ruhe und
Entspannung
Bilderbuch der Köchin
Ein neues amerikanische Kochbuch

10/1/51

Frauen, gestern und heute
Eine kleine Typologie der Frau
Schwiegermütter - geliebt und gefürchtet
Moderne Lampen, zweckmäßig und schön
Fensterschließer und Windelwechsler

17A/51

Susan B. Anthony
Ein Leben für die Rechte der Frau
Die Rolle der Behandlung durch Suggestion
in der modernen Praxis
Einige Winke für die Pflege unserer Zimmerpflanzen
Sprechen Sie deutsch?

24/1/51

Vom Küchenmädchen zum Bühnenstar
Ethel Waters ist die Verkörperung aller
"Neger-Mammie-s"
Frauen übernehmen leitende Stellungen in
amerikanischen Konzernen
Mensch - ärgere dich!
Wer sich nicht ärgern kann, ist seelisch ebenso gefährdet, wie der, der bei jeder Gelegenheit in Wut gerät
Kleine Tips für die Pflege des ersten Kindes

31A/51

Frauen im Berufsleben
Die zehntausend Schritte der Hausfrau
Fußbeschwerden - ein Übel der Zivilisation
unter der Lupe amerikanischer Wissenschaftler
Die kunstseidene Mode
Amerikas Textilmarkt zeigt Shantung-Leinen,
Taft, Gabardine, Tweed, Pikee, Jersey,Chiffon
und Pelze - aus Rayon
Frauen diesseits und jenseits des Ozeans
Mrs. Ellen McCloy, die Gattin des US-Hochkommissars, sprach am Mittwoch, dem 24« Januar
1951»" in der Aula .der Frankfurter Universität
vor der ersten gemeinsamen Konferenz der Frauenvereinigungen der Bundesrepublik
* # * * *

- 9-

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
7/2/51

Man lebt nicht mehr "auf dem Mond"
Frauen auf den einsamen Farmen des amerikanischen Mrttelwestens
Gernhaben ist nicht genug
Widerstreben des Kindes gegen eine Stiefmutter
Wenn amerikanische Kostümzeichner Rat brauchen
Die neuentdeckte Weiblichkeit
Das neue Make-up in Weiß und Rosa paßt sich
den zartesten Pastelltönen der kommenden Frühjahrsmode an

14/2/51

Der gesunde Menschenverstand
Die modernste Regel der Kindererziehung ist
die, daß es keine Regeln gibt
Eine Frau kämpft gegen Konventionen
Vor mehr als zwei Generationen ging Clara
Swain als erste Missionsärztin nach Indien
Pasteurisiere zu Hause!

n/2/51

Auslauschprogramm für ausländische Studenten Eine'Werkstatt des Friedens
Nylon, der \»u_ischtraum jeder Frau
Und wohin geht Vati?
Die Kenntnis detsen, was der Vater im Berufe
tut, ist für das Kind ein wesentlicher erzieherischer Faktor
SchwangerSchaftsgefährdungen
Speisezettel chemisch betrachtet

28/2/51

Es war ein langer Weg
Von Eleanor Roosevelt
Hollywood auf der Suche nach einer neuen Garbo
Die Augen unseres Kindes
Vetternwirtschaft in der sowjetischen Filmindustrie
* *

7/3/51

Textilgeheimnisse aus den USA
Die moderne Kleidung wird immer leichter und
wärmer im Winter und immer leichter und kühler im Sommer
Gestern wurde ich geschieden - Probleme, die
eine Scheidung mit sich bringt
Die Musterfarm in Ambler
Eine berühmte landwirtschaftliche Schule in
den USA
Mumps oder Gehirnentzündung
Ein neuer Mumps-Test ermöglicht eine zuverlässige Diagnose
-10-

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
7/3/51
14/3/51

*

21/3/51

*

28/3/51
*

*

Das internationale Institut zur Bekämpfung von
Kinderkrankheiten
Die "Smith-Girls"
Das Smith College in Northampton
Für gesetzliche Gleichberechtigung
Das doppelte W
Die neue Modesilhouette
Wenn ein Kind operiert werden muß . . .
"LEO", der Schnitzelkönig von New York
Wiener Küche und Wiener Melange begeistern
New Yorks Feinschmecker
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Vom Ursprung und Nutzen des Staubes
Freundschaftsbande über die Grenzen hinweg
Kühl aber nicht frostig
New Yorker Innenarchitekten sagen eine Wandlung
des amerikanischen Geschmacks zu einer gewissen
•gemütlichen Sachlichkeit' in der Wohnraumgestaltung voraus
Vielseitige Würstchen.Einfache amerikanische
Rezepte mit Frankfurter Würstchen
Appell an Stalin
Amerikanische Abgeordnete versucht Stalin von
den Friedensbestrebungen der USA zu überzeugen
Ein schöpferisches Handwerk
Auf der Suche nach ewiger Jugend
Ausstellung "neues Haushaltgerät in USA" in
Stuttgart
Das deutsche Waisenhaus in Washington
* * * * *

- 11 -

�6) GEISTIGES LEBEN
Januar 1951/1

Malerei der Völker
* Deutsche Amerikafahrer im 17. und 18. Jahrhundert
* Kreisler, mit den Augen des Freundes gesehen
»TOHUWABOHU"
Wie die Erde wurde

Januar 1951/11

* Kann ein Mythos abdanken?
Robert M. Hutchins, bisheriger Rektor der
Universität Chicago, legte sein Amt nieder,
um eine leitende Stellung in der "Ford-Stiftung"
zu übernehmen
Dichter und Bauer in Georgia
Byron Herbert Reece aus Georgia baut 70 Morgen
Kartoffeln, Bohnen und Getreide und macht Gedichte
* "Sonnenfinsternis" am Broadway
Bühnenfassung des aufsehenerregenden Romans
"Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler uraufgeführt
Nicht Toleranz sondern Brüderlichkeit
"World Brotherhood" und ihre deutsche Sektion,
derMKoordinierungsrat der Christen und Juden
in Deutschland"
* * * * * #

Februar 1951/1

Albert Einstein: Aus meiner Jugend
Amerika von Schiller bis Bert Brecht
Deutsche Amerikagedichte
* Unaufhörliche uegenwart
Zu Kart Weills zweitem Todestag
Neue Elemente und alte Götter
1'5 Quizfragen für klassisch gebildete Chemiker

Februar 1951/11

Bücher für alle
Die "Hartgesottenen" schockieren nicht mehr
Hemingways und seiner Epigonen Verdienst war
es, den amerikanischen Bürger aus sozialer und
politischer Indifferenz aufgestört zu haben.
Der heutige Leser aber will nicht mehr nur
schockiert, sondern auch über psychologische
Zusammenhänge unterrichtet werden
* Das Gespräch - Bronzeplastik des deutschen
Bildhauers Knud Christian Knudsen
Propaganda bei Lichte betrachtet
Methoden der kommerziellen und politischen
Propaganda
* * * * * *

- 12 -

�.

GEISTIGES LEBEN
März 1951/1

*

*
*

März 1951/II

Pioniere des modernen Wohnbaus
Die beiden amerikanischen Architekten Greene
und Greene
Aus dem New Yorker Musikleben
Zeitlose Plastik
Der amerikanische Bildhauer Donal Hord
Er war der Lehrer des Mahatma - HenryDavid Thoreau
Eduard Hansliok
Der große Widersacher Wagners in Wien
Neuausgabe der Schriften des großen Wiener
Musikkritikers' Eduard Hanslick in einem New
Yorker Verlag
Befreiung von der Angst
Zu Arthur Koestlers neuem Buch
Horace Greeley, Amerikas größter Zeitungsmann
Seher der kommenden Krise
Herman Melville und Nathaniel Hawthorne
* * * * *

7) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
6/1/51

Um die Kontrolle von Preisen und Löhnen
Schwere Aufgaben für die Stabilisierungsbehörden
in USA
Steigende Neuinvestitionen in USA
US-Industrie hat Betriebskapital seit 1939
verdreifacht
Marktforschung als Mittel zur Kostensenkung
"Standard Oil" reduzieren Vertriebskosten
durch verstärkte Marktbeobachtung

13/1/51

Arbeiterparadies im Scheinwerferlicht
ILO will an Untersuchungen über Zwangsarbeit
in der Sowjetunion teilnehmen
*

Aus schwarz-weiß wird bunt
Farbphotographie vor dem Wendepunkt
Mit anderen Augen gesehen
US-Wirtschaftsinstitut berichtet üher Aufgaben
und Zweck der "public-relations"
Baumwolle stark gefragt
Weltbaumwollverbrauch erreicht neuen Höchststand
Weitere Erschwerungen bei US-Exporten
US-Handelsministerium gibt neue Exportbestimmungen bekannt
Bisher 76 Prozent der jährlichen US-Baumwollexportquote freigegeben
- 13 -

�' WIRTSCHAFT UND ARBEIT
20/1/51

Milliarden für die Freiheit
Das neue amerikanische Verteidigungsbudget
Verteidigungswirtschaft in USA
Die wirtschaftspolitischen Ziele und Forderungen
Präsident Trumans

27/1/51

Der Mavshallplan im Zeichen der europäischen
Wiederbewaffnung
Von Miltjn Katz - ECA-Sonderbotschafter für
Europa
Der Kongreß spitzt den Bleistift
Washington sucht neue Steuerquellen
Technische Hilfe für Europa
ECA Austausch von Fachleuten und Erfahrungen
soll Industrieproduktion weiter steigern
•

# * * *

3/2/51

"Eiskeller" oder "Kühlschrank"?
löhne und Preise in USA sind eingefroren worden
Wenig Interesse am Kapitalexport nach Deutschland
US-Wirtschaft äußert Bedenken gegen Mitbestimmung und Lastenausgleich
Der Wettergott kann nicht mehr launisch sein
Künstlicher Schnee für Amerikas Wintersportler
US-Bruttosozialprodukt seit 1929 um 75$
gestiegen

10/2/51

Keine "Ladenhüter" für ERP-Lieferungen
ECA und ERP-Ministerium überwachen Verwendung
der Marshallplangüter
Steigende Sozialleistungen der US-Industrie
Über 5 Millionen Arbeiter werden von privaten
Pensionsplänen erfaßt
Lebhafte Einzelhandelsumsätze in USA
Keine Verknappungen bei Verbrauchsgütern zu
erwarten
Koordinierung der Verteidigungsproduktion
US-Wirtschaftshilfe für Europa soll gegebenen
Verhältnissen angepaßt werden
UN untersuchen Probleme wirtschaftlich rückständiger Gebiete

17/2/51

Steuerschraube statt Notenpresse
Die 10-Milliarden-Dollar Steuervorlage
Präsident Trumans
Vom Umgang mit Vertretern
In Hartford in USA heißt man jeden persönlich
willkommen

-H-

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
17/2/51

Umstrittener Lohn- und Preisstop in den USA
Vorläufiger Schut'zwall gegen inflationistische
Tendenzen in der amerikanischen Wirtschaft

24/2/51

Ein V/arenhaus für Rohstoffe
USA lagern strategisch wichtige Materialien
Zunehmende Kreditgewährung der Weltbank
Anleihevolumen überschreitet 1-MilliardenDollar-Grenze
Wofür gibt der Durchschnittsamerikaner
sein Geld aus?
US-Bundesamt für Arbeitsstatistik will
Verbraucherindex revidieren
Weniger Gesellschaftsneugründungen in den USA
Freies Wochenende wichtiger als 8-Stunden-Tag
* # # * *

Für die Sicherung des Friedens
Die wirtschaftlichen Aspekte der amerikanischen
Verteidigungsbemühungen
Wallstreet bleibt aktiv
Weiter lebhafte Umsätze an der amerikanischen
Wertpapierbörse
Deutsche Werkzeugmaschinen gehen in die Welt
Mitteldeutsche Exportindustrie wird mit Gegenwertmitteln in Westdeutschland wiederaufgebaut
Berufsförderung für Körperbehinderte

3/3/51

10/3/51

17/3/51

*

Deutsche Landwirtschaftsmaschinen wieder auf
dem Weltmarkt
Die größte Traktorenfabrik Europas ist mit
ERP-Krediten aufgebaut worden
Lebensversicherungen in USA stark gefragt
Neugeschäft 1950 um 24,5$ höher als im
Vorjahre
Rentabilitätssteigerung mit Hilfe der Gewerkschaften
Hochschulstipendien für begabte Arbeiterkinder
in USA
Lebhaftes Kaufinteresse auf New Yorker Fachausstellungen
Einschränkung des Metallverbrauchs führt zu
Vorbehalten der Verkäufer
Herr Smith und seine Steuererklärung
Auch die Amerikaner haben ein Finanzamt
Schlichtere Warenverpackung in USA
Packmittelindustrie sieht sich nach Austausch- '
Stoffen um
- 15 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
17/3/51

24/3/51 .

Die elektrischen Verkehrspolizisten New Yorks
Neue Verkehrsampelschaltung beschleunigt
Straßenverkehr
Produktivität und Leistungssteigerung in USA
Amerikanische Arbeiter antworten auf eine
Umfrage
*

Ein Rad dreht sich - hundert drehen sich mit
ERP-Hilfe für einzelne Industrieunternehmen
führt zum wirtschaftlichen Aufstieg einer
ganzen Stadt
Cowboyanzüge am meisten gefragt
New Yorker Spielwarenausstellung brachte
lebhafte Umsätze bei leic-h't erhöhten Preisen
Pensionen und höhere Löhne
Die Erfolge der US-Gewerkschaften im Jahre
1950
US-Stahlindustrie plant umfangreiche Neuinvestitionen
Produktionskapazität soll auf 120 Millionen
Jahrestonnen erhöht werden
* * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.

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INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. April 1951 - 30. Juni 1951

Seite

1.]1

ALLGEMEINES

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2 . :1

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

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SCHAUBILDER

6

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SONDERBEILAGEN

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ARTIKEL FÜR DIE FRAU

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JUGEND

9

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GEISTIGES LEBEN

10

8. )

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

* * * * *

�I

ALLGEMEINES
4/4/51

7/4/51

11/4/51

14/4/51

18/4/51

21/4/51

*

Tiefkühlung;, ein Millionengeschäft
(Schnellgefrierverfahren)
Wer ist der bessere Fahrer*
Mann oder Frau?
Monsignore Fulton J. Sheen •- ein
unwiderstehlicher Christ
Amerikas erfolgreichster katholischer Seelsorger
Das Geheimnis der Sardinen
Plötzlicher starker Rückgang der Sardinenfänge im Pazifik
Salzdome und Salzgärten
Kochsalzförderung in den Vereinigten
Staaten
Die große Tat unseres Jahrhunderts
Verwirklichung der Menschenrechte
"Macht der Furcht ein Ende-.."
Rede des Senators Henry Cabot-Lodge jr.
VJ,T der UN-Vollversammlung
"ZIM"', das neueste sowjetrussische
Automodell
Neue Wohnungen in Gminderdorf
An der Schwelle zur nationalen Unabhängigkeit
Die bevorstehende Gewährung der Autonomie
für Puerto Rico
Die Teppiche der Navajos
ölrausch in Texas
Generalleutnant Matthew Bunker Ridgway
Wasserskilauf^ der jüngste Volkssport
in den USA
Neuer Vorstoß der Medizin im Kampf gegen
die Spinale Kinderlähmung
Kapitalismus - ein für die USA überholter
Begriff
Die neue polnische Armee - ein Werkzeug
des Kreml
Elektronenmikroskop erschließt eine neue
Welt
Merkwürdigkeiten bei der Herstellung von
Stahl

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST
kostenlos Bildmaterial.

- 1 -

�ALLGEMEINES
25/4/51

Gewerkschaften schaffen internationale Einheit
York, Pennsylvania - eine vorbildliche Stadt
Räder rollen für den . . . Frieden. Gemeinsamer deutsch-französischer Güterwagenpark

28/4/51

Tatarennachrichten über die USA (Buchbesprechung)
Ein Rembrandt für acht Tage. "Die "Lejhbilderei"
von Harbor Beach
Washington im Frühling
* * # * *

2/5/51

Ein Refugium für erlauchte Geister. Das Institute for Advanced Study in Princeton, New
Jersey
Der Sommerschnitt. Kein verstümmeln von
Sträuchern
Südliche Sonne in Büchsen. Neuartiges Konservierungsverfahren

5/5/51

Arbeite, spiele und werde gesund - mit Musik
Rundfunkstationen in Alaska
Die Tito-Stalin Kontroverse. Hamilton E.
Armstrongs letztes Werk: "Tito and Goliath"

9/5/51

Das Volkskundemuseum von Neu-Mexiko in Santa Fe
Kongreßarbeit ist lebensgefährlich
Leserbriefe auf Bestellung in der UdSSR

t

Franziskanermissionen an der kalifornischen
£üste
"Quo vadis" - der Film der Superlative
Bilder aus den Tiefen des Meeres

12/5/51

16/5/51

Funksprechverkehr als Arbeitshilfe in der
Industrie
Das Weiße Haus wird "verkauft"
Erfolg macht wachsam. Verbesserung der menschlichen Beziehungen und materiellen Lebensbedingungen

19/5/51

Die wohltemperierte Narkose
Neue Wohnbaumethoden in den USA
Was mich in Europa verrückt macht. Ein amerikanischer Gelehrter kritisiert das europäische
Akademikertum

*

- 2 -

�ALIGEMEINES
23/5/51

Auf dem Wege zu einer neuen Eiszeit? Wetterprognose für den Rest des Jahrhunderts
Amerikanisches Institut für Welthandel in
Arizona
Fischerei im Nordatlantik - ein wichtiger
Beitrag zur Welternährung

26/5/51

Akademische Ehrung für US-Hochkommissar John
Ja McCloy, Präsident
Heuss? Bundeskanzler
Adenauer und die Rektoren der Berliner Freien
Universität und der Universität Bonn durch
die Universität Maryland
Der Sonderwagen des amerikanischen -Präsidenten
Streifzug durch New Yorks "Chinatown"
Die Briefe Präsident Roosevelts

30/5/51

Der moderne Mensch schon 75 000 Jahre alt
Die Wurzeln des Totalitarismus
Ein Leben für den Portschritt, Charles F.,
Kettering, der vitalste und einfallsreichste
Erfinder Amerikas

2/6/51

Charaktertraining in amerikanischen Jugendlagem
Franz Daniel Pastorius. Gründer und Bürgermeister der ersten deutschen Siedlung in den USA
"Die Front ist überall". Die KP in den USA

6/6/51

In Memoriam Serge Koussevitzky
Brücken in die Vergangenheit. überdachte Holzbrücken in den USA
Der erste totale Sieg über die Malaria
Die Flötensammlung der Kongreßbibliothek

*

9/6/51

Neues Serum gegen Tollwut
Automatische Sicherungen gegen menschliche
Unzulänglichkeit bei US Eisenbahnen
Hotelführung als Universitätsfach

13/6/51

Der Grand Canyon - Amerikas größtes Naturwunder
Was verdient der Durchschnittsamerikaner?
Ein praktischer Träumer, Der amerikanische
Sozialistenführer Norman Thomas erörtert die
Schwächen und Möglichkeiten des Sozialismus

16/6/51

Tierparadies hinter Wolkenkratzern- Der
"Bronx-Zoo" in New York

- 3-

�ALLGEMEINES
16/6/51

Die Thrombose verliert ihre Schrecken
"Mir bitte Tintenfisch mit Reis und Seetang".
Truppenverpflegung in Korea

20/6/51

Die Lehren von Korea machen kollektive Friedensaktion notwendig. Warren Austin zum ersten Jahrestag der roten Aggression in Korea
Die Flucht ins Grüne und ihre Folgen. Stetig
wachsende Vororte sind für Millionenstädte der
USA gewaltiges Verkehrs- und Verwaltungsproblem
Warum Rußland den Koreanern nur unzureichende
Waffenunterstützung gewährt
Verpflanzung lebender Zähne

23/6/51

"Imperium" Texas
Zwei Musiker fangen den Regenbogen. Verwendbarkeit des Farbfilms verdankt die Welt zwei
amerikanischen Musikern
Führer und Kopfe. Bemerkungen amerikanischer
Wissenschaftler über die Psychologie des Erfolges

27/6/51

Das papierene Gedächtnis Amerikas. Die Kongreßbibliothek in V/ashington
Mitbestimmungsrecht - auf amerikanische Weise
Die Fesselung der Kunst in der UdSSR. Eine
Buchbesprechung von Brooks Atkinson, "New
York Times"

30/6/51

Das Recht auf Leben, Freiheit und Glück. Aus
dem Text der Unabhängigkeitserklärung vom
4. Juli 1776
An alle, die :lie Freiheit lieben. Botschaft
des amerikanischen Präsidenten Harry S.Truman
175 Jahre der Freiheit. Von Ralph J. Bunche
Der amerikanische Unabhängigkeitstag und
Europa. Der 4. Juli 1776 und seine Wirkungen
auf unsere Zeit
Warum ich in Amerika lebe. Brief des bekannten Journalisten und Schriftstellers Joseph
Wechsberg an einen kommunistischen Jugendfreund

- 4 -

�2|_K0MMENTARE_VgN_J0HN_I1_MgRTgN
Im Dienste des Weltfriedens
Vor den Zusammenbruch der Obstruktionspolitik
Eine große Verantwortung
Eine notwendige Konsequenz
Ein kühner Versuch
Richtige Bewertung der Ereignisse
Gedanken zum 1. Mai
Deutschland am Scheidewege
* * * * *

Europa blickt auf Bonn
Der Wahlkampf wirft seine Schatten voraus
Deutschlands Stunde der Entscheidung
Europa muß wachsam sein
Gleiche Rechte - gleiche Pflichten
Sicherheit im Mittelmeer
Um das "Schwarze Gold" Persiens
Der Freiheit einen Dienst erwiesen
Freiheit - ein Gerücht
* * * * *

Ein lohnendes Angebot
Der Groll wächst
Der Wille zur Verteidigung
Ein anschauliches Beispiel
Für die Freiheit Europas
Noch ist es Zeit
Annehmbare Bedingungen
Friedensvorschlag oder Propagandatrick?
Ein Tag des Gedenkens und der Verpflichtung
* * * * *

- 5 -

�21_§CHAIBILI)ER.
4/4/51
14/4/51
21/4/51
25/4/51

Die Clförderung im Nahen Osten
Der Rote Stern sinkt
Stahlerzeugung
Europäische Geineinschaft für Kohle und Stahl

2/5/51
12/5/51
16/5/51
23/5/51

Verluste im Koreakonflikt
Deutsche Konsulate in den USA
Wieviele Menschen leben auf unserer Erde?
30 000 Ausländer studieren in den USA
* * * * *

2/6/51
6/6/51
13/6/51
23/6/51

Dollars reisen nach Europa
Die Autoproduktion der Welt im Jahre 1950
Deutschlands Handel mit den USA
Die OEEC und ihre vielseitigen Aufgaben

12_§2NDERBEIIAGEN_
4/4/51
11/4/51

14/4/51
18/4/51
21/4/51

28/4/51

Präsident Truman und Außenminister Dean
Acheson zum Erfolg des ERP
Produktionskraft - ein Instrument des Friedens
Rede des ECA-Administrators William C. Poster
vom 3» April 1951 anläßlich des dreijährigen
Bestehens des Marshallplans
Truman: Tür zu Verhandlungen jederzeit offen
(Rede vom 11.4.51)
Truman: Abzug aus Korea würde neuen kommunistischen Angriff auslösen (Rede vom 15.4.51)
Acheson zur Pernostpolitik der Vereinigten
Staaten (Rede vom 18.4.51)
Omar N. Bradley: Ausweitung des Koreakrieges
(Rede vom 17.4.51)
MacArthurs Abschiedsrede (vom 19.4.51)
McCloy: Die Vereinigten Staaten werden jedem
bewaffneten Angriff auf Westdeutschland begegnen (Rede vom 25.4.51)
* * * * * *

2/5/51
9/5/51

Acheson zur gegenwärtigen internationalen Lage
(Rede vom 30.4.51)
Präsident Truman über die Begrenzung des Koreakonfliktes (.Rede vom 7.5-51)
- 6 -

�"SONDERBEILAGEN
23/5/51
26/5/51

Die Ost-West Spannung. Von Carl C Hilton
Sechster Vierteljahresbericht des US-Hochkommissars John J* McCloy
Truman fordert 8,5 Milliarden für die Verteidigung der Freiheit (Rede vom 24-. 5-51)
* * * * *

2/6/51
13/6/51
16/6/51

20/6/51

23/6/51

27/6/51

Note der drei Westmächte an die Sowjetunion
über Abhaltung einer Außenministerkonferenz
am 23» Juli in Washington
Im Schatten der Präsidentschaftswahlen» Von
Carl C. Hilton. I. Folge» 'Außenpolitik - das
Zünglein an der Waage
Im Schatten der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. 2. Folge: "Rätselraten im demokratischen
Lager". Von Carl Co Hilton
Truman fordert scharfes Anti-Inflationsprogramm
zur Sicherung des amerikanischen Verteidigungsbeitrages (Rede vom 14.6.51)
Im Schatten der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Von Carl C Hilton. 3- Folget "Umstrittene Figuren auf dem republikanischen Schachbrett"
I. Europas Wirtschaftszentrale baut an der
Zukunft» Von Hans Günther-Patzig.
II.McCloy: Bundesrepublik macht Fortschritte
(Rede vom 19.6-51)
1. Truman: USA für echten Frieden in Korea
(Rede vom 25.6.51)
2 u Rundfunkansprache US-Hochkommissar=John J„
McCloy zur Situation in Deutschland
(vom 26.6.1951)
* * * * *

5) ARTIKEL FÜR DIE FRAU
4/4/51

11/4/51

Amerikanerinnen von heute
Pubertätspickel
Exaktes Wirtschaften und strenges Haushalten
Textilausstellung in New York
Frauen im Dienst der Amerikanischen Luftstreitkräfte
Musikalische Reise durch Westafrika
Die amerikanische Mutter: Vor 2 5 Jahren und
heute
- 7 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
11/4/51

Mannequin mit 76
Die koreanische Bibel - Das Buch der Frauen

18/4/51

"Andante-Grün" und "Viktoria-Efeu". Die amerikanische Autoindustrie appelliert an den Geschmack der Frau
Nimm und gib
Matisse, der Tapetenmaler. Neue "alte" Ideen
amerikanischer Innenarchitekten
Bleierner Frühling. Frühjahrsmüdigkeit Symptom mancher ernsthaften Krankheit
Die Emanzipation der Frau nach russischem
Muster
Amerikanische Frauendelegation besucht Westdeutschland

25/4/51

Erwerb contra Beruf. Amerika bietet den jungen
Mädchen die besten Berufsaussichten.
Für Regen und Sonnenschein. Die neue Regenmode
Über das Trinken
Gibt es eine erbliche Anlage für Krebs?
Eine "Bombensache". Druckkonserven für Hausfrau, Industrie und Wirtschaft
*

* * * *

2/5/51

Hausschneidern in USA sehr beliebt
Liebe ist "Mantsch". Kinder wählen und zensieren Filme
Vision einer besseren Welt. Highschool-Schülerinnen gründen eine eigene "Modellnation"
Frauen an der Drehbank
Weiblicher Flughilfsdienst in den USA
Vielseitige Glasfaser

9/5/51

Ethel Barrymore, die "First Lady der amerikanischen Bühne"
Amerika braucht Krankenschwestern
Ist Joghurt gesünder als Milch'
UN-Kommission für die Rechtsstellung der Frau
eröffnet neue Sitzungsperiode
Die Frau und das amerikanische Geistesleben
In Deutschland lebende amerikanische Familien
adoptieren deutsche Waisen
Babys, die bei ihrer Geburt weniger als ein
Kilo wiegen, sind durchaus lebensfähig

16/5/51

- 8 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
23/5/51

Die UN-Kommission für die Rechtsstellung der
Frau
Brot als Proteinquelle
Es gibt so viel zu lernen, ehe man zur Schule
kommt
Brasilianerin als "Frau der Amerikas" geehrt
*

* * * *

6/6/51

Vernachlässigte Kinder - eine lohnende Aufgabe
für jede Frau
Judy Hollyday, die beste amerikanische Filmschauspielerin des Jahres 1950
Psychologische Betrachtung über Farben
Demokratie - eine Lebensform. Hessische Frauen
tagten in V/iesbaden
Wie behandelt man Cordsamt?
Die Rolletder Frau im heutigen Deutschland.
Rede des Stellvertretenden US-Hochkommissars
in Deutschland, Benjamin J. Buttenwieser,vom
26. Mai 1951

20/6/51

Erziehung zur Reife
Großmütter machen Filmkarriere, Hollywood
wird natürlicher
Neue Größennormung für Damen- und Kinderkleidung
Schönheitstips für die Frau mit wenig Zeit
und kleinem Geldbeutel
Spinale Kinderlähmung durch Tröpfcheninfektion
Pasteurisieren mit Elektronen
Behandlung von Schnittblumen
Eindrücke einer Reise durch das Bundesgebiet
* * * * *

6) JUGEND
April 1951/1

Die Geschichte der ersten Schmetterlinge. Eine
indianische Volkssage
Von der ersten primitiven Dampfmaschine zum modernen Stromlinienzug
Rätsel um die Gallina-Indianer
Baseball, Amerikas Nationalsport

- 9_

�JUGEND
April 1951/11

Santiagos Schuld. Eine Erzählung aus New Mexico
Großes Land Alaska
Leihanstalt für Ziegen und Mäuse. Tiere helfen
den Lehrern beim Unterricht
Versuch's mal, i'ir basteln uns ein indianisches
Gefäß

Mai 1951

Der Adler auf dem Totem-Pfahl. Eine Indianergeschichte aus Alaska
Was sind "Teenagers"?
Die Puppen der Pueblo-Indianer
Sternwarten gestern und morgen
*

Juni 1951

*

Ich bin ein Cowboy - jippi jeh
Wie Tee Pete, der Mississippi-Boy, seinem Vater
das Leben rettete
Wenn es draußen donnert und blitzt
Giganten des Meeres

7) GEISTIGES LEBEN
April 1951/1

Freiheit als unabdingbare Voraussetzung menschlicher Fortentwicklung. Von Warren M. Robbins

April 1951/11

Thomas Mann: Ich stelle fest . . .
Indien liebt die Freiheit
Hugo Muensterberg - ein Mittler deutschen und
amerikanischen Wesens
Lesebücher einmal anders
* * * * *

§2J?I2TSCHAFT_UND_ARBEIT_

7/4/51

Verbrauchervereinigung in den USA berät das
Publikum
Amerikanisches Gewinnbeteiligungssystem als
Beitrag zur Betriebspsychologie
Deutsche Lederwarenindustrie vor neuen Aufgaben.
Stuttgarter Firma erzielte mit ERP-Hilfe erhebliche Produktionssteigerung
- 10 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
7/4/51
14/4/51

US-Warenhäuser wollen telegraphischen Geschenkdienst einrichten
Die Jahresabschlüsse der amerikanischen Firmen
Drei Jahre europäischer Wiederaufbau
Löhne und Lebensmittelpreise. Australien führt
vor den USA - Westdeutschland an 12. Stelle
Westdeutschlands Bleibergbau erhält neue Bedeutung
USA wollen apfelgroße Erdbeeren züchten

21/4/51

US-Produktionsausweitung im Sinne der Regierung
US_Gewerkschaften beteiligen sich wieder an
Verteidigungsmobilisierung
Welcher deutsche Warenpreis liegt in den USA
richtig?
Der kleine Mann zahlt in den USA nicht die
höchsten Steuern
Viehherden säen ihre Weide selbst
Männer über 40 als verkaufskanonen

28/4/51

Beseitigen freiwillige Kreditrestriktionen die
Deflationsgefahr?
Ein amerikanischer Kommentar zum 1. Mai
Moskau spricht von Produktionssteigerungen
Standard Oil verdiente täglich eine Million
Dollar
* * * * *

5/5/51

Deutsche Kaufleute müssen in den USA amerikanischer werben
Neue Produktionswege der USA
Weiterhin erhöhte Gesellschaftsgewinne in den
USA
Die amerikanische Gewerkschaftspresse

12/5/51

Europa kritisiert internationale Rohstoffpolitik
Der deutsche Sozialreferent in New York
US-Firma mit 1 Million Aktionären
Amerikaner fuhren 2 Millionen mal zum Mond

19/5/51

Das militärische und zivile Leistungspotential
der USA
Ein neuer amerikanischer Absatzmarkt für den
deutschen Kaufmann
Europa braucht amerikanische Kohle
- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/5/51

Mehr Frauen als Funktionäre in US-Gewerkschaften
gefordert
USA produzierten 3 520 zivile Flugzeuge
US-Lastkraftwagen werden älter
Chicago erzeugt 9 000 verschiedene Artikel

26/5/51

Ungenutzte Chancen im Wettlauf um den US-Markt
Nachgiebige Grund stoffpreise in den USA
Geschrumpfter amerikanischer Exportüberschuß
US-Gewerkschaften jetzt mit gleitender Lohnskala einverstanden
Gesellschaftsgewinne als US-Staatsproblem
US-Zivilluftfahrt dient überwiegend Berufszwecken
Wasserdichter Stoff ohne chemische Behandlung
Die amerikanische Frau im Berufsleben
* * * * *

2/6/51

V/all Street ist besorgt
Der Weg zum US-Verkaufsschlager
Pennsylvania als Beispiel für die Wechselwirkung des ERP
Wohin die Amerikaner in Deutschland reisen
US-Rundfunk- und Fernsehgesellschaften verdienten 555 Millionen Dollar
Amerikanische LKW'8 fahren mehr als 56 km
Stundendurchschnitt

9/6/51

Umschichtung der Einkommensverhältnisse in den
USA
Bei Macy kaufen täglich 150 000 New Yorker
Um die Verlängerung des Preis-und Lohnstops
Der "New Look" der amerikanischen Südstaaten
Facharbeiter-Nachwuchs in den USA
Amerikanische Gewerkschaftsbanken
Ratschläge für die Ausfuhr nach den USA

16/6/51

US-Jahresimporte mit 12 Milliarden Dollar veranschlagt
Währungsaufwertungen kein Mittel gegen Inflation
Gesunde Investierungspolitik der US-Regierung
Positive amerikanische Beurteilung des OEECJahresberichts
- 12 -

�•WIRTSCHAFT UND ARBEIT
16/6/51

Die Streikbilanz in den USA
Amerikaner konzentrieren sich auf die Vorstädte.
Land- und Großstadtflucht in den USA
Rotierende Verkaufsstände in US-Warenhäusern

23/6/51

Erfolgsgeheimnis in den USA: Gemeinschaftswerbung
"Eingemottetes" Verteidigungsmaterial beschleunigt Mobilisierung
Kaufleute aus dem Westen gelten in Satellitenstaaten als Spione
Neue Aufgaben der OEEC zur Schaffung einer gesunden europäischen Wirtschaft
Kostensenkung durch mechanisierten Materialtransport
Patent für eine Apfelsinen-Schälmaschine

30/6/51

Ein Jahr europäische Zahlungsunion
Der Vorsprung der US-Textilindustrie
Auch die USA haben Kohlesorgen
Was gibt die Durchschnittsfamilie in den Südstaaten aus?
Alaska ist keine Goldgrube für Arbeiter
Glänzende Berufsaussichten für Studenten in den
USA
* * * * *

Zu den mit
* bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.
- 13 -

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1)

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I

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICKTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Juli 1951 - 30. September 1951

Seite

ALLGEMEINES

2.

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

4

3.

SONDERBEILAGEN

5

4.)

ARTIKEL FÜR DIE FRAU

6

5.)

JUGEND

8

6.)

GEISTIGES LEBEN

8

7.)

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

9

8.)

LANDWIRTSCHAFT

11

* * * * * *

Zu den mit *
bezeichneten Artikeln liefert der
"AMERIKA DIENST" kostenlos Bildmaterial.

�)

ALLGSMEINES

4/7/51

*
*
*

1/1/51
*

Das Aufforstungsprojekt der US-Regierung
Medizinische Farbfernsehsendungen in den USA
Die Lebensgeschichte des Geigers Joseph Szigeti
Das Ergebnis einer Reportage über die deutsche
Jugend in "Ladies' Home Journal"
Gymnastik oder Diät?
"Die großartigste Schau der Welt"
Cecil E. DeMille dreht einen großen Zirkusfilm

11/1/51

*

U/1/51

*

Bessere Ausrüstung und größere Sicherheit für
amerikanische Flieser
Beef aus Poseidons* Küche
Sauerbräten aus Walfischfleisch
Hat Amerika Musikkultur?

18/7/51

*

Zeitlose indianische Kunst
Die Entwicklung einer kleinen deutschen Siedlung
in Kalifornien
Der verbrannte Dornbusch von Manes Sperber
Emanzipation der Dissonanz
Zum Tode Arnold Schoenbergs

Ein Traum von der hohen Gotik
Washingtons Kathedrale St. Peter und Paul
* Tuberkulosebekämpfung in den Vereinigten Staaten
Karl Pfaffs romantischer Keller

21/7/51
*

25/7/51

*
*

28/7/51

*

Freud und Leid eines Fernsehschauspielers
Von baumloser Steppe zum führenden Agrarstaat Nebraska
Zum Wohle der Menschheit - Die Fordstiftung
Zum Tode des amerikanischen Flottenchefs
Admiral Forrest Percival Sherman
Louisiana-Story
Zehn Jahrtausende "Neue Welt"
Dorothy Thompson über Sinclair Lewis

Der erste Pullman: ein Leichenzug
Wovon die Menschen träumen
Der Forstmeister Vanderbilts
* Robert Flaherty zum Gedächtnis

�ALLGEMEINES
Stahlmetropole und Kulturzentrum
Das Gebiet um Pittsburgh (Pennsylvania)
Filmnotizen aus Hollywood
Außenpolitik am Modell
Ghautauqua - die amerikanischste Sache Amerikas
Die amerikanische Baugenossenschaft "Home Builders
Ine.«
Welten "entstehen und vergehen" im New Yorker
Hayden-Planetarium
William Morrow Fechteier - der neue Stabschef
der US-Flotte

1/8/51

4/8/51

Unter dem Sternenhimmel der Wüste
Stammestreffen der nordamerikanischen Indianer
Central-Valley-Projekt - eine neue Groflleistung
der Technik
Der Steckbrief des Krebserregers

8/8/51

11/8/51

Zweieinhalb Jahrtausende Atomtheorie
Keine Angst vor dem Alter
Am Kreuzweg zweier Welten
Santa Fe, die Hauptstadt Neu-Mexikos
Weltjugend ohne Brotbeutel-Ideologie

15/8/51

Vergessene Welt in den Schwarzen Bergen
Chicagos berühmtes Bismarck-Hotel
Gutes Theater braucht Subventionen

18/8/51

New York - die Stadt aller Städte
Einhörner und'Wale mit Zahnprothesen
Zum Tode William R. Hearsts

22/8/51

*
*

25/8/51

US-Hilfe für deutsche Kriegsversehrte
Das goldene Tor zum Frieden - der japanische
Friedensvertrag
Lebensgeschichte des heute 80-jährigen Deutschamerikaners Theodor Hemberger
Ein Besuch bei den Hutterschen Brüdern in SouthDakota
Y/enn man Rot von Grün nicht unterscheiden kann
Bestsellers, von denen man nicht spricht
Bibel, Kochbücher und populärwissenschaftliche
Schriften

- 2 -

�ALIGEIS INES
29/8/51

Präsident Truman zum "Labor 3ay" (3.9.51)
"Tag der Arbeit" in den USA
Kulturgeschichte aus Abfallhaufen
Ausgrabungen in Kalifornien und Arizona
500 Millionen Sterne v/erden photographiert
*

1/9/51
*
*

5/9/51

*

8/9/51
N
I

*

James Fenimore Cooper und seine deutschen leser
Indianersommer - der Herbst in den Vereinigten
Staaten
Der standhafteste Soldat der Welt, eine lebensgroße Kupferpuppe, die zu interessanten Experimenten benutzt wird
Die Vereinigten Staaten und die Berliner
Festwochen
Das Tal der steinernen Gespenster
Aus dem Sinkaufszettel des US-Verpflegungsamtes
Überraschende Ölfunde in Texas
Filmnötizen aus Hollywood. II. Folge
Geheimnisvolles Leben auf dem Meeresgrund
Rettende Engel im Hubschrauber
Arche Noah SOS!
V/alter Mehrings verlorene Bibliothek

12/9/51

Bunte Stoffe vom Bodensee
Ihr Steckenpferd: Erfinden
Zum hundertsten Geburtstag der "New York Times"

15/9/51

US-Verteidigungsminister Robert A. Lovett
Die Vorstadtsiedlung
Die "Ivluny" ,. das erste Freilichttheater der
Vereinigten Staaten
Firnis, Benzin und Fleischersatz aus Zuckeridirabfall

-X

19/9/51

22/9/51

Berichte und Ratschläge zum Thema: Auswanderung
nach Amerika
* Blut-Kurier für Korea
* Football - eine "Nationalkrankheit"
* Wildes Land Montana
Roger Williams, einer der bemerkenswertesten
amerikanischen politischen Denker des 17. Jahrhunderts
- 3 -

�ALLGEMEINES

22/9/51

Theorie und Praxis am Antioeh College

26/9/51

Ein neuer Zweig der Wissenschaft im Dienste der
Verteidigung
Bericht eines Streikes der ägyptischen Bauarbeiter während der Errichtung des Grabmals für
Ramses III.
Der neue Stil der Broadw^r-Shows

29/9/51

Vom Kartoffelacker zur Groß-Siedlung Levittown
Zeitungen auf hoher See
Gesunder Menschenverstand und kalkuliertes Risiko
Bildnis eines typischen amerikanischen Generals
*

2)

* * * * *

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

4/7/51
7/7/51
11/7/51
14/7/51
18/7/51
21/7/51
25/7/51
28/7/51

Ein •ermutigendes Zeichen
Zweckgebundene Toleranz
Ein bedeutungsvoller Schritt
Ein konstruktiver Friedensvorschlag
Verhängnisvolles Zögern
Kontroverse um Spanien
Die Verteidigung ist unteilbar
Keine Zeit für lange Dispute
* * * * * *

1/8/51
4/8/51
8/8/51
11/8/51
15/8/51
18/8/51
22/8/51
25/8/51
29/8/51

Marshallplan und Verteidigung
Berlin - entscheidender als Persien und Korea?
Der rote Bluff
"Friedensaggression"
Washingtons Kurs liegt fest
Geringe Chancen für Moskau
Notwendige Klarstellungen
Täuschungsmanöver in Kaesong
Offenheit,aber keine Obstruktion
* * * * * *

�KOMMENTARE VON JOHN I. HORTON
1/9/51
5/9/51
8/9/51
12/9/51
15/9/51
19/9/51
22/9/51
26/9/51
29/9/51

Frei und gleichberechtigt
Y/eder Rachegefühle noch Ressentiments
Der Friedensvertrag mit Japan
Verhandlungen um Deutschland
Im Zickzack-Kurs zum alten Ziel
Im entscheidenden Stadium der Entwicklung
V/er sagt "Soldaten zweiter Klasse»?
Was will Grotewohl?
Friedensabkommen mit Deutschland

* #

* *

32__SONDERBEILAGEN_
7/7/51
11/7/51

Rede Präsident Trumans vom 4. Juli 1951 anläßlich der 175. Wiederkehr des Tages der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
Trumans Schreiben an Schwernik und die Freundachaftsresolutidn des amerikanischen Kongresses
(vom 7.7.51) •
E'isenhower fordert politische und wirtschaftliche
Integration Europas (Rede vom 3.7.51)
Präsident Truman ersucht US-Kongreß um Beendigung des Kriegszustandes mit Deutschland
(Schreiben vom 9.7.51)

25/7/51

Rede des- US-Außenministers Dean Acheson anläßlich
der 2 50-Jahrfeier der Stadt Detroit (Michigan)
(vom 24.7.51)

28/7/51

V/ortlaut des Begleitschreibens, das Präsident
Truman am 26.7.51 zusammen mit einem Bericht von
US-Außenminister Dean Acheson über die Teilnahme der USA an der Arbeit der UN im Jahre 1950
dem US-Kongreß übergab
V/ortlaut der Stellungnahme desT!S-Außenministers
Dean Acheson vom 26.7.51 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats zu dem von der amerikanischen Regierung vorgeschlagenen gegenseitigen Sicherheitsprogramm* * * * * *

- 5 -

�SCNDERBEILAGEN

1/8/51
22/8/51
29/8/51

Rede des amerikanischen Präsidenten vom 28. Juli
1951 anläßlich der 250-Jahrfeier in Detroit,
Michigan
Zusammenfassung des siebenten ViertelJahresberichts des US-Hochkommissars für Deutschland
Revidierter Entwurf des japanischen Friedensvertrages
* * * * * *

1/9/51

12/9/51
22/9/51
29/9/51

Das Gesicht der heutigen deutschen Presse
Abschnitt des siebenten Viertel Jahresberichts
des US-Hochkommissars John J. McCloy
Buttenwieser zur deutschen Kohlenversorgung
(30.8.51)
Sicherheitspakt zwischen USA und Japan
Wortlaut der Deklaration von Ottawa und des
Schlußkommuniques der Tagung des Atlantikrates,
(vom 20. September 1951)
Deutschland und der Westen
Aus:"London Economist"
* * * * * *

i2__A2TIKEL_PÜR_DIE_FRA.U
4/7/51

18/7/51

1/8/51

Das "Bachelor-Girl"
Die unverheiratete Frau in den USA
Literarische Grenzen bei den männlichen Autoren
Amerikas konstatiert Kritiker Donald Adams
"Mein Vati ist stärker als Deiner . . . "
Kindliche Rivalitäten und kleine Schlägereien
US-Institut für chemische Reinigung und Färben
bringt nützliche Hinweise zur Fleckenentfernung
Eindrücke v/eiblicher Bundestagsabgeordneter in
den USA
Ein Bericht der UN über Kinder- und Jugendfürsorge
Was man beim Kaufe einer Sonnälorille beachten
sollte
Mme. Beran lehrt die Damen der Washingtoner Gesellschaft die hohe Kunst der französischen Küche
Demagogentum bekommt der Frau schlecht
Freiheit ist Verantwortung

- 6 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
1/8/51

15/8/51

*

*

29/8/51

12/9/51

Stellenmärkte zur Auswahl
Angeborener Schwachsinn - kein unabwendbares
Schicksal mehr?
Ein schreiendes Häufchen Unheil
Ein verliebter Vater beschreibt seine kleine
Tochter
Wettbewerb für Amateurschneiderinnen im New
Yorker Waldorf Astoria Hotel

I

Die kristallene Welt des Cembalos
Frauen und Diplomatie
Syracuse - das Ivieissen Amerikas
Zehn Ratschläge für Erfolg im Beruf
Modevorschau auf den ^erbst
31 Jahre Wahlrecht' für die amerikanische Frau
Frau Bürgermeister^persönlich
Zehn Gebote für Ehefrauen
Fliegengitter-Metropole in Mount Wolf, USA
Man trägt Baretts, gnädige Frau

*
*

26/9/51
*

*

Das Jugendamt der Stadt N-ew York
"Wenn Mutti sich bloß nicht immer einmischen
wollte . . . "
Insekten a la carte
Jahrhundertealter Mottenkampf
Die Entwicklung der Frauencolleges in den USA
Kinder als Künstler
Lieber altmodisch, aber gemütlich
Interviews und Rundfragen beeinflussen die Baupläne amerikanischer Architekten
Grau ist durchaus nicht "greulich"
Grau in der diesjährigen amerikanischen Herbstund Wintermode
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.

- 7 -

�2LJL3ÜLSJL2.
Juli 1951

*

Hunde, die dem Menschen helfen
Der "stampfende Büffel" haßt Boogie-Woogie
Aus dem Alltag der Onondaga-Indianer
Im Zeichen der Maultrommel
Kang V/a, die Seidenraupen und der Kobold in der
Dachrinne
Der Mann, der Amerika seinen Namen gab
Zum 500. Geburtstag von Amerigo Vespucci

August 1951 *

Der Tanz ums Lagerfeuer
Wie die Indianer ihre Trommel und ihre Tänze
bekamen
* Wie man in Alaska lebt
Wie mit den Augen einer Katze
Das Geheimnis der infraroten Strahlen
Aus 12 PS wurden 14 000
* Zum Geburtstag Orville Wrights, des Pioniers
des Motorflugs
Lorenz Hagenbeck in Amerika

Sept. 1951

Die
Die
Der
Der

seltsamen Bewohner der "Carlsbad-Caverns"
sieben goldenen Städte
Leuchtturm der Kinder
Feuervogel
* * * * * *

6^

GEISTIGES_IiEBEN_

Juli 1951

Käuze auf der Kiste
Seifenkisten als Kanzel und Rednertribüne
Judentum und v/estliche Kultur
Wie man Freunde gewinnt
"Stalag 17" auf der New Yorker Bühne
August 1951
Die Tragödie der "deutschen" Indianer
Unsere Ahnen waren gar nicht von gestern
* Zur Bauhausausstellung im Busch-Heisingermuseum
an der Harvard-Universität
C0 2 statt Psychoanalyse?
Sept. 19*51

Sauerkraut und Weltschmerz
50 000 Worte Amerikanisch
Hervorragende Deutsche in den USA»
Dietrich von Hildebrandt
Das Ende der Rassenschranken
Menschen und Maschinen
* * * * * *

- 8-

�7) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7/7/51

*

H/7/51

*

21/1/51
*

Die US-Industrie seit Ausbruch des Korea-Konflikts
Petroleum-Chemie dürfte Gesicht unseres Jahrhunderts verändern
Das Empire State Building wechselte den Besitzer
Politbüro wünscht keine Prozentzahlen mehr
Die Lohntendenz in den USA
US-Produktionsmaschine läuft auf vollen Touren
Washington hat volles Verständnis für West-Osthandel in Europa
Neue Methoden beim Eigenheimbau in den USA
Schluchseekraftwerk schafft neue Energiequelle
in Südbaden
Gleiche ürlaubsbedingungen für Arbeiter und
Angestellte in #den USA
Absatzsorgen beim US-Handel
Stahlboom in den USA
Informationsreise nach Salt Lake City
Marshallplanhilfe und Ost-Westhandel
Elastischere Handhabung der US-Auslandshilfe

28/7/51

Lebensversicherung trotz KaufkraftSchwankung
* Exportchancen im amerikanischen Westen
KleinstStückelung ermöglicht jedem Amerikaner
den Erwerb von Aktien
Günstige Ernteaussichten für Baumwolle
* * * * *

8/8/51
*
*

18/8/51

*

Käufer contra Kaufmann
Tauziehen um die Preise in den USA
Radioaktive Isotopen im Dienste der Industrie
Vom Fußballstar zum Kleiderkönig
Mr. Meyers zieht die Frauen an
Neger in den US-Gewerkschaften
Umsatzsteigerung ohne Gewinnerhöhung
US-Gesellschaften füllen Steuersäckel
Vor einer allgemeinen Lohnanpassung
Auch die USA stehen vor dem Problem der
Lohn-Preisspirale

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
18/8/51

Immer mehr Warenhäuser auf Rädern in den USA
Die Internationale Genossenschaftsbewegung
Vom Notquartier zum Eigenheim - Bergarbeitersiedlungen, Werkswohnungen und Aufbauwohnungen
für Flüchtlinge

25/8/51

Ein Startzeichen für den deutschen Handel
Importgeschäft in den USA zeigt neue Belebung
Die Amerikaner feiern den Labor Day
Blüte in der Wüste - Das Sonnen- und Industrieland Kalifornien
Weiches Wasser - ein lohnendes Geschäft
Die Vertriebenenbank berichtet über Verwendung
der ERP-Gelder
* * * *

* *

1/9/51

US-Regierung veröffentlicht Sicherungsprogramm
für Industrie
Japan kann keine Reparationen zahlen
USA befürworten einen Versöhnungsfrieden
Die Lage in der amerikanischen Kohlenindustrie
Steigender Bedarf bei steigender Produktion
Lohnstop - ein Konterschlag für US-BaseballSpieler
Wirtschaftsaufschwung am Bodensee

8/9/51

Materialverknappungen in den USA
Entwicklung der US-Flugzeugindustrie
Die 10O OOO-Mann-Betriebe in den USA
Fernlaster durchqueren die USA

15/9/51

US-Gesellschaften zahlten 3,6 Milliarden
Dollar Dividenden
Takonit für die Erhöhung der Stahlproduktion
Eine Goldgrube im Mississippi-Sumpf
Schwefel ist das Salz der Industrie
Der beste deutsche Wohnungsbauer wird gesucht
Über 17 Millionen Krankenhaus-Zusatzversicherungen in den USA

22/9/51

US-Bruttosozialprodukt auf Rekordstand
Wer bezahlt die Neubauten der Industrie?
Besitzwechsel im "Pfannenstiel" von Texas
Elegante Garderobe - auf dem Acker gezogen

- 10 -

�«

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
22/9/51

Die Schweiz und die Organisation der westeuropäischen Kohlenwirtschaft
Amerikanische Erfahrungen für Deutschlands
Wirtschaft

29/9/51

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
Totale Planwirtschaft bedeutet Leistungsrückgang. Chamberlin befürwortet westdeutschen
Wirtschaftskurs
Pferde helfen Bier verkaufen
Je nach Bedarf» Polizist oder Feuerwehrmann
Arbeitslosenziffer in Deutschland um 14$
gesunken
Anruf genügt - Anzug gereinigt
Kleiderpflege in der Telefonzelle
* * * * * *

§l_-£AOTffIRTSCHAFT_
September 1951 US-Landwirtschaftsminister ist optimistisch
Eindrücke einer zweiwöchigen Studienreise durch
Westdeutschland
* Das Geheimnis der kalifornischen Fruchtbarkeit
Bodenbearbeitung per Flugzeug
Wilder Reis - Delikatesse für Feinschmecker
Sterilitätstest im Laborwagen
USA bauen ihren Flachs selbst
Das Einkommen der amerikanischen Farmer
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Oktober 1951 - 31. Dezember 1951

Seite

1. ALLGEMEINES

1

2. KOMMENTARE

5

3. SONDERBEILAGEN

5

4. ARTIKEL FJR DIE FRAU

7

5. JUGEND

9

6. GEISTIGES LEBEN

10

7. WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

8. LANDWIRTSCHAFT

14

*

* * * * *

Zu den mit
*
bezeichneten Artikeln liefert der
"AMERIKA DIENST" kostenlos Bildmaterial

�.1

ALLGEMEINES

3/10/51

"DH MEDICO"-Ärztliche Behandlung per Punk auf
hoher See
Stahlplatten vor dem Röntgenschirm
* Die amerikanische Nationalgalerie in Washington
Über die Grenzen des Heims hinaus
Gedanken zur Internationalen Frauenkonferenz in
Hind elang/Allgäu

6/10/51

* Die Geschichte der "Crane-School" in Oregon
Reiselustiges Amerika
Auslandsreisen amerikanischer Touristen im
Jahre 1951
Thomas Eakins, ein amerikanischer Pilmpionier

lOAO/51

* Eine Kirche für 30 000 Pfund Tabak
Milium - das Textilwunder
* Round-up Time" in den USA
Die Zeit des Viehabtriebs

12/10/51

Unfallverhütung im Autoverkehr
* Frische Fische - eisgekühlt
Die kleinen Geschwister der Erde
Die Erforschung der Planetoiden

17/10/51

Außenpolitik und öffentliche Meinung
Zeitalter der Retorte
75jährige Gründungsfeier der amerikanischen
Gesellschaft für Chemie
* Jugendliche Initiatoren
Kinder schufen sich eine Bibliothek

19/10/51

* Loujsville, Kentucky, eine Stadt mit persönliche]
Note
Atom als Fracht und Treibstoff
Der kommende Bomber der US-Air Force
Klingende Künde von drüben
Der erfolgreiche Komponist und Dirigent
Gibson Morrissey in Darmstadt

�ALIGEMEINES
24/10/51

Miniaturinstrumente erschließen die geheimnisvolle Welt der Mikroorganismen
* Größere Ernten bei geringerer Arbeitsleistung
durch Verbesserung der Methoden
Buchbesprechung: Roland Baintons Lutherbiographie
"Here I stand"

26/10/51

Angst, die ansteckendste aller Seuchen
Schaumgummi
* Mutter Collage und ihre Kinder
Lie Kunst, mit der "Schere zu malen"

31/10/51

Radioaktive Isotope in der Diagnostik I.
Versuche mit Gummibeimischungen zum Straßenasphalt
Ein Kamin erzählt die Menschheitsgeschichte
* * * * * *

2/11/51

\/ Radioaktive Isotope in der Diagnostik II.
* Rieeentransportflugzeuge erweitern internationalen Handel
Deutschland an dritter Stelle der Länder, die
Studenten nach den USA schicken

7/11/51

9/11/51

* Fliegen steht auf dem Schulplan einer amerikanischen Schule
Das erste Interlingua-Wörterbuch für engl. Sprache
Konservierung durch Elektronenbeschießung
Salzfreie Kost kann durch erhöhten Blutdruck
verursachte körperliche Störungen heilen
* Riesenkamera für strategische Luftaufnahmen
Buchrezensionen aus den Archiven der
"New York Times"

U/11/51

Wetterstationen auf dem Treibeis der Arktis
* Ein privates Experiment überstaatlichen Zusammenlebens
- 2 -

�ALLGEMEINES
14/11/51

* 22. November 1951, Thanksgiving-Day Amerikas

16/11/51

* Organisationen ehemaliger Kriegsteilnehmer in
den USA
Plugkonstrukteure wappnen schnelle Maschinen
gegen Regentropfen
Olney (Illinois) ist augenblicklicher Bevölkerungsmittelpunkt der USA

21/11/51

* Washington, der immergrüne Staat
Zweckgebundenes kindliches Spiel
Betrachtungen über pädagohischen und therapeutischen Wert des Kinderspielzeugs
Amerikanische Nobelpreisträger 1951 (I)
Dr. Max Theiler besiegt das Gelbe Pieber

23/11/51

* Im Schnittpunkt zweier Welten
Überland-Gasleitung von Texas nach San Pranzisko
* Cecil B. De Mille, der Mann, der 1912 Hollywood
schuf
Amerikanische Nobelpreisträger 1951 (II)
Glenn Th. Seaborg und Edwin McMillan - Erforscherneuer chemischer Elemente

28/11/51

* Morelos - ein Damm, den Freundschaft errichtet hat
Amerika

rüstet zur Olympiade 1952

Die Atmosphärenzone der Erde
30/11/51

* Das Übersetzungsbüro der Pordwerke
Die hundert Sensationen des letzten Jahrhunderts
Blindenfürsorge nach deutschem Vorbild
* # * * * *

5/12/51

* Aspen in Colorado - Wintersportplatz und Kulturzentrum
"Le Sabre" - das Auto der Zukunft
Hollywood greift nach den Sternen
- 3 -

�ALLGEMEINES.
7/12/51

Probleme des alternden Menschen
* Das Weiße Haus in neuem Glanz
Punkstation empfängt Morsebotschaft via Mond

12/12/51

* Die "Independence" - das Sonderflugzeug des
amerikanischen Präsidenten
Zwangshandlungen, Ticks und Phobien sind weder
Symptom noch Ursache von Geisteskrankheiten
Unser gequältes Zeitalter
Buchbesprechung von Eugene Lyons
* Vereinigung deutsch-amerikanischer Klubs hilft
Tuberkulosekranken in der Bundesrepublik

14/12/51

* Das schönste Geschenk: ein demütiges Herz
* Weihnacht im amerikanischen Bethlehem
Der Weihnachtsmann von Hollywood
Lieber kleiner Bobby: Ein Weihnachtsbrief
Die unvermeidliche amerikanische Office-Party

19/12/51

Ausblick auf die Entwicklung der amerikanischen
Innenpolitik im Jahre 1952
Die deutsche Bundesrepublik im Jahre 1951
Die bedeutendsten Ereignisse des Jahres 1951
Die wichtigsten Forschungsergebnisse amerikanischer Wissenschaftler im Jahre 1951
Im Jahre 1951 starben.

21/12/51

Die amerikanische Negeranwältin und ehemalige
UN-Delegierte Edith Sampson auf Deutschlandreise
* Kansas, Land im Zeichen der Sonnenblume
Künstlicher Regen als Streitobjekt
* * * * * *

- 4 -

�22_KOMMENTARE
17/10/51

Ägypten am Scheidewege

24/10/51

Der amerikanische Verteidigungsbeitrag

26/10/51

Schutzwall der Freiheit

31/10/51

Blick nach Straßburg
* * * * * *

2/11/51

Unberechtigter Pessimismus

7/11/51

Das SS-Gespenst

9/11/51

Der Frieden geht alle an
Betrachtungen zum Vorschlag einer ViermächteKonferenz

16/11/51

Eine bedeutungsvolle Aussprache

21/11/51

Ein warnendes Beispiel

23/11/51

Die Straßburger Gespräche

28/11/51

1) Die Verantwortung der Presse
Von Shepard Stone, Direktor des Amtes
für öffentliche Angelegenheiten, HICOG
2) Straßburg, Paris und Rom

30/11/51

Ein Frieden ohne Furcht
* * * * * *

5/12/51

Staatsbesuch des deutschen Bundeskanzlers in
London

7/12/51

Gewerkschaften in der Zwangsjacke

12/12/51

Eine brennende Frage

21/12/51

Keine Entscheidung ohne Deutschland
* * * * * *

3)S0NDERBEILAGEN
6/10/51
US-Note weist tschechoslowakische Anschuldigungen
zurück

- 5 -

�17/10/51

Rede Harry S. Trumans vom 15. Oktober 1951 über
die Verständigungsbereitschaft der USA gegenüber
Rußland
Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Dr. Adenauer
und der Alliierten Hochkommission zum Vorschlag
der Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen

19/10/51

Zum 24 Oktober 1951» dem Tag der Vereinten
Nationen

24/10/51

Acheson zur außenpolitischen Situation der USA
(21.10.51)

26/10/51

Proklamation Trumans zur Aufhebung des Kriegszustandes zwischen den USA und Deutschland (24.10.51)
* * * * * *

7/11/51

Erklärung der Westmächte zur Frage gesamtdeutscher Wahlen

9/11/51

Dreimächteerklärung zur Abrüstungsfrage
Präsident Truman unterbreitet neue Abrüstungsvorachläge
Acheson vor der UN-VollverSammlung in Parle

21/11/51

Abrüstungsvorschlag der 3 Westmächte
Resolution des ersten politischen Ausschusses
der UN-Vollversammlung vom 19»11.51
* * * * * *

5/12/51*

UN-Resolution über freie gesamtdeutsche Wahlen

12/12/51

Die Ausführungen der Vertreter der Bundesrepublik
vor dem zweiten politischen Ausschuß der UN-Vollversammlung

19/12/51

McCloy fordert Integration Europas
(Rede vom 17.12.51)
* * * * * *

- 6 -

�U-ABIIEBi-EüE-DIE-EBAn-—
10/10/51

* Omowale, das Kind, das heimfand
Erlebnis einer amerikanischen Neger-Tänzerin
im afrikanischen Busch
Die gute "neue" Zeit
Amerikanische Ärztin berichtigt weitverbreiteten
medizinischen Aberglauben
Sieben-Punkte-Programm für herzkranke Hausfrauen
* Internationale Prauentagung in Hindelang

24/10/51

Gleichberechtigung von Mann und Frau vor dem
Gesetz
Kundendienst par excellence - ein supermodernes
Einkaufszentrum
Jane Addams - Amerikas nützlichster Bürger
Kindliche Unarten bei den Mahlzeiten
Der gefrorene Bacchus - Zu einem neuen französischen Verfahren zur Kristallisierung von Wein
* * * * * *

7/11/51

Aus darArbeit der Referentin für Frauenfragen
beim deutschen Generalkonsulat in Ndw York
Herbststürme der Ehe
* Vom Aschenbrödel zum Modefavoriten - Wolljersey
Die Lady auf dem Fernsehschirm - Fay Emerson
Proteingehalt auch in der Konserve voll erhalten
Ständig steigender Verbrauch von synthetischen
Reinigungsmitteln in USA
Abmagerung durch Hypnose

21/11/51

* Helen Träubel, die gefeierte Sopranistin der Met
Broschüre "Über den Umgang mit Sä^ingen"
. . . und der Himmel beschützt sie
Eine heiter-besinnliche Betrachtung
Ist Fleischessen gesund?

�Si-EllE_2IE-£BALT21/11/51

Die arbeitende Frau und die neue Sozialgesetzgebung
Bavorzugte Käsesorte: Cheddar
Deutsche Frauen - entscheidender Faktor der
europäischen Politik
Eleanor Roosevelt: "An den Frieden glauben ist
nicht genug"
Ellen McCloy: "Frauen als Wegbereiterinnen für
Frieden und Völkerverständigung"
* * * * * *

5/12/51

Grenzstationen der Freiheit
* Spielen muß Spaß machen
* Zum 50. Geburtstag der bekannten amerikanischen
Anthropologin Dr. Margaret Mead
Neun Gebote für den Familenfrieden
Vielfältige Wintermode
. . . und zum Weihnachtsfest: echten Plumpudding
* * * * * *

19/12/51

* Für eine bessere Welt der Kinder
Der Internationale Kinderhilfsfonds der Vereinten
Nationen
Jugendliche beraten Jugendliche
Aus der Arbeit der UN-Kommission für Frauenrecht
* Kleine Pelze - große Mode
Tips für Kinderkleidung
Wolle aus Erdnüssen
* * * * * *

�5 ) _ JUGEND
Oktober

1951

Wie der Regenbogen entstand
Eine Indianerlegende
Prunes
Die wahre Geschichte eines kleinen, treuen
Maulesels
Halloween - Die Nacht des Hexenzaubers
Eli und die Katze
Von der "schrecklichen Eidechse" bis zum
hüpfenden Vogel"
Überblick über das Zeitalter der Reptilien
* * * * * *

November 1951

Die Jugendgeschichte von Pecos Bill, einer der
bekanntesten Gestalten der amerikanischen
Volkssage
Ein amerikanischer Geschäftsmann verkauft
"dressierte" Ameisen
Ohne Geld durch Amerika
Das Geschenk der "Salz-Frau"
* Entwicklung und Verwendungsmöglichkeiten des
Hubschraubers
* * * * * *

Dezember 1951

Wie Santa Claus zu seinen Renntieren kam
Eine amerikanische Weihnachtsgeschichte
Das Geschenk der drei Weisen aus dem Morgenlarde
Eine Weihnachtsgeschichte aus Puerto Rico
Wie Potawamani den Eisriesen besiegte
Eine Indianerlegende
Anook
Eine Hundegeschichte aus dem hohen Norden
Ein Weihnachtskind für Cherokee
Eine weihnachtliche Episode aus dem "wilden
Westen"
* * * * * *

- 9 -

�•6) GEISTIGES LEBEN
Oktober

1951

Technische und medizinische Probleme der
Weltraumschiffahrt
* Moderner Kirchenbau auf uralten Wege::
Kleiner Mann mit weißem Kragen
Hier irrte Marx
Von der Wahrscheinlichkeit des Überlebens
Nicht Darwins"Kampf ums Dasein", sondern die
Liebe ist das oberste Gesetz der Natur
* * * * * *

November 1951

Eine Analyse des sowjetischen Arbeitspotentials
* Ein amerikanischer Komponist diskutiert
Filmmusik
Von Aaron Copland
* Betrachtungen zu Herman Melvilles WalfängerEpos "Moby Dick"
Theater ohne Requisiten
Charles Laughton, Cedric Hardwicke, Charles
Boyer und Agnes Moorehead "sprechen" Bernard
Shaw
Berühmte Balletts werden verfilmt
Literarischer Reisepaß
Sigmund Romberg gestorben
Frieda Hempel, die Unverwüstliche
* * *

Dezember

1951

*

* *

Amerika und der europäische Geist
Ein Viertel Jahrhundert amerikanisches Theater
Fünfzig Jahre Friedensnobelpreis
Der Stein von Keleschin
Vor der Entzifferung der rätselhaften Felseninschrift in Armenien
Amerikanische Autoren auf dem deutschen Büchermarkt :
"Zuchthaus in San Franzisko** von Clinton Duffy •
Dean Jenrings
"Gärung in Fer:.ost" von Mary A. Ncurse
- 10 -

�GEISTIGES LEBEN
Dezember

1951

Ausschreibung eines internationalen Kunstwettbewerbs
Max Hachenburg gestorben
Journalistisch - was ist das?
Mehr konfessionelle Mischehen
* * * * * *

12_^I§TSCHAFT_UND_ARBEIT_
5/10/51

Die Preise fallen
Der gewandelte Markt in den USA
Die militärischen Hilfeleistungea der USA
Neuer Höchststand des Weltexports an Kraftfahrzeugen
Deutsche Arbeiter werden wie Amerikaner in den
USA leben
* Elektrizität verwandelt die Landschaft
Bayerischer Landkreis als Beispiel für die
westdeutsche Entwicklung

12/10/51

Die USA suchen Werkzeugmaschinen
"Small Business" und Verteidigungsproduktion
Austauschstoffe bewähren sich
Gewerkschaftlicher Zusammenschluß der
Filmkomparsen
Rationalisierungskuratorium der Deutschen
Wirtschaft als Produktivitätszentrale

19/10/51

US-Markt ist stabil geblieben
Kraftstrom-Sorgen in den USA
Arbeiter für Amerikas Gruben gesucht

\

- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/10/51

* Wie amerikanische Arbeiter sich erholen
Amerikanische Fachleute als Berater für westdeutsche Ostexporte

2 6/10/51

Warum die USA internationale Kartelle ablehnen
US-Arbeiter geben Unternehmer Kredit
Mehr Steuern für die Amerikaner
* Das sind Public Relations
American Telephone legt den richtigen Draht
* Der ECA-Dcllar verdoppelt sich
Europa wird mit Gegenwertmitteln aufgebaut
*

2/11/51

* #

* * *

Export-Preisindex liegt unter Importindex
Der ungewöhnlichste Laden :1er Welt
Leichter verkaufen - besser kaufen
Gewächshaus als Film-Labor

9/11/51

* Kunststoffe, alltägliche Wunder von heute
und morgen
Deutscher Stahl weiter stark gefragt
Hallo - hier spricht "Höflichkeit und Co.'*
Angespannter Arbeitsmarkt in den USA

16/11/51

* Die Porzellanmetropole der Welt liegt in
Deutschland
Scharfer Steuerdruck in der USA
Die "Kapitalisten" werden gezählt
Verdoppelung des deutschen USA-Exports

23/11/51

US-Regierung fördert private Auslandsinvestitionen
* Erweiterung der Umschulungsprogramme für ,,&gt;rwerbsbehinderte Arbeiter
- 12 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
23/11/51

* Rekordtraubenernte in Kalifornien
Steigende Erdölproduktion in USA
Holztrocknung mit Hochfrequenzstrom

30/11/51

Zunahme der Spartätigkeit
Wer verfügt über das Haushaltsgeld?
Steigende Löhne in der US-Eisen- und
Stahlindustrie
Gewerkschaft "Polizei"
ÜS-Spielwarenhandel rechnet mit gutem
Weihnachtsgeschäft
* * * * * *

7/12/51

287 europäische Wirtschaftler gewinnen Einblick
in die US-Produktionsmethoden
Synthetischer Kautschuk holt auf
Neuartige Wege zur Erzielung echter Leistungslöhne
Entspannung auf dem Metallsektor in Sicht
Neues Schmierpulver für die Industrie
Ferngesteuerter Spielzeugjeep

14/12/51

Möglichkeiten zur

Steigerung des USA-Exportes

"Big Business", amerikanische Weihnachten und
deutsche Spielwaren
Die Bedeutung der US-Gesundheitsprograrame
im Rahmen der Tarifverträge
Die besten Wohnungsbauer Westdeutschlands wurden
gefunden - ECA-Architektenwettbewerb
21/12/51

Die allgemeinen Tendenzen der US-Wirtschaft 1951
Erfolgreiche Steuerpolitik der US-Regierung
Schaubild über die Ausweitung der US-Industrien
1938-1951
- 13 -

�WIRTSCHAPT_UN5_ARBEIT
21/12/51

Produktionsausweitung - der Schlüssel zur
Erfüllung der Verteidigungsaufgaben
Steigende Preise - höhere Löhne
Preis- und Lohnkontrollen in den USA
* * * * * *

§2_MIMI52!§CHAFT
Oktober

1951

Eine Rose 2 50 000 Dollar
* Psychologie im Kuhstall
Kohlköpfe im Dornröschenschlaf
Die richtige Behandlung des Stallmistes
Flachs lind Sojabohnen - wertvolle Rohstofflieferanten für die Industrie
Weltkongreß über landwirtschaftlichen Besitz
Trocknung von landwirtschaftlichen Produkten
durch Radiowellen
Insektenmittel werden elektrisch geladen
* * * * * *

November 1951

* Non ölet
Hochwertiger Dünger aus Kloaken und Rieselfeldern
ACHT
Vierhunderttausend Schweine - ein Pfund Acht
Winterkrankheiten des Rindviehs
Farne im Ziergarten
Keine Sitzstangen

mehr im Hühnerhaus

Kälber brauchen kein Körnerfutter
Trocknung landwirtschaftlicher Produkte durch
Radiowellen
Neues Make-up für Halbreife
* * * * * *

- 14 -

�LANDWIRTSCHAFT
Dezember 1951

Bericht über die Terpentinölgewinnung in
Georgia
Dattelernte im Imperial Valley
USA-Farmer nehmen ihrem Rindvieh die Hörner ab
Fünfzehn Regeln für den Landwirt
Kampf den Unfällen auf dem Bauernhof
Kuh bringt fremdes Kalb zur Welt
ECA schickt Obstveredlungsreiser nach Italien
Bodenverbesserung auf kollektiver Basis
*

* * * * *

Zu den mit *
bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

- 15 -

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                    <text>A

M

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E

N

S

T

Januar 1951
INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA LIEHST"
vom 1. Oktober 1950 - 30. Dezember 1950

Seite
1.) Allgemeines

1

2.) Kommentare von John L. Morton

4

3•) Jugend

5

4.) Artikel für die Frau

6

5.) Geistiges Leben

8

6.) Wirtschaft und Arbeit

8

* # * # *

�4/10/50

7/10/50

11/10/50

T4-/10/50

IS/10/50

21/10/50
*

25/10/50

28/10/50

Die "Neunundneunziger" - Der Klub der
amerikanischen Fliegerinnen
Die Rockefeller-Stiftung,
Versuch eines Weißbuchs zur Kartoffelkäferschuldfrage
Boys Town, Erziehungsstätte für Jungen.,
Luftbrücke Kalifornien-Japan
Transportflugzeuge versorgen die
UN-Streitkräfte.
Die Bibliothekarin der New Yorker Botanischen Gärten "weiß alles"
Die Mayo-Klinik.
Die magischen Fäden des Pentagon,
Deutsche Kunstausstellung in Milwaukee.,
Greenwich Village - Das amerikanische
Schwabing,
Ausblick au,f die bevorstehenden Kongreßwah
len in den Vereinigten Staaten,
Kontrolle der Nahrungsmittelversorgung der
Welt - eines der Hauptziele des Kreml
Der Tag der 'Vereinten Nationen in den USA
Das Tor zum Frieden
Berlin wird die Heimat der "Friedensglocke".
Friedensfahne und Siegesbanner Die blauweiße Flagge der UN,
Zusammenstellung der wichtigsten Daten der UN
Theo Dingen auf Amerika-Tournee0 •'
Harvard - die älteste Universität Amerikas.
Mit ERP-Mitteln bauen Gablonzer Flüchtlinge
bei Kaufbeuren im Allgäu eine Industriestadt
auf, .
Neuanlage unterirdischer Parkplätze.,
Täglich 60 000 Menschen mehr auf der Welt»
Der Davis-Staudamm in Arizona, - Der vierte
Großdamm am Colorado
Alaska - ein neuer Staat der USA?
Taubheit - keine Arbeitsbehinderung^
Ernie Pyle - das Leben eines Frontberichterstatters

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "Amerika Dienst"
kostenlos Bildmaterial»

_ i i.

�1/11/50

4/11/50

8/11/50

11/11/50

15/11/50

18/11/50

22/11/50

*

25/11/50

Idlewild - der größte Plughafen der Welto
"Atomkalender" für die "Archäole*genu Neue Methode zur Bestimmung frühgeschichtlicher DatenQ
Edna St. Vincent Millay. - Zum Tode einer
großen Dichterinu
Zum Tode AI Jolsons, des berühmten amerikanischen Jazzsängerso
Wie der gute Lehrer sein soll. - Ergebnis
einer Umfrage bei Schulkindern0
Ist Kritik im Kriege angebracht? &lt;=
Taos, die älteste und größte Indianersiedlung
Amerikaso
Kapitalismus und Sozialismus in USA0 - Ein
Interview mit Norman Thomas, dem Führer der
Sozialistischen Partei in den Vereinigten
Staaten»
Die wirtschaftliche Seite des Fernsehproblems«
Germantown - die erste deutsche Siedlung inAmerika0
Der fliegende Güterwagen - Ein neues amerikanisches Lastenflugzeugo
Bayern und Schleswig-Holstein bauen mit
ERP-Mitteln Wohnungen für Heimatvertriebene„
Florida - Land der.ewigen Jugend«
Zeit- und Arbeitsersparnis durch neue Registrier automaten0
Rudolf Bingc - Ein Leben für die Oper*Die Coloradotal-Verwaltung - Eine Gemeinschaftsaktion amerikanischer Farmer und
Behörden«
Die fünf Programmpunkte der Ford-Stiftungu
Nekrolog auf einen revolutionären Traum.
Thanksgiving-Day 1950o - Wortlaut der Erklärung des Präsidenten zum 23" November 1950.
Fernsehen im Dienst der Erziehungu
Fritz Henle, ein bekannter amerikanischer
Photograph0
Das "Färsen-Projekt" hilft Flüchtlingsbauern..
"Winter" - Betrachtungen über das Leben in der
Natur während der Wintermonate.
"General Omar N0 Bradley"» - Werdegang des
^ersten Soldaten Amerikas"o
Tragen des Films in USA und Deutschland".
Interview mit Upton Sinclair.,

- 2 -

�29/11/50

Oscar, der berühmte Maltre d'hßtel
Waldorf-Astoria,

des

Marcel Breuer und die amerikanische Baukunst»
*

2/12/50

6/12/50

9/12/50

Weihnachtsnummer 1950

*

#
*

*

16/12/50

* * * *

Das deutsche Marshallplanministeriunu
Die Arbeiterhochschule in Wisconsin,,
Bernard M. Baruch - Urbild der amerikanischen
Vitalität.
Neue Heimat im Emslandmoor6
Ein Arbeiter der Ölindustrie berichtet
vom Aufbau seines Betriebes.
Problematische Paradiese,
"Paradiesvogel", ein märchenhafter Farbfilm
und ein ernsthafter Versuch, die Geschichte
der Polynesier darzustellen.
Hemingway am Ende?
Zum Tag der Menschenrechte
am 10„ Dezember*
Das Kind, das immer Kind bleibt»
Auszug aus dem Buch "The Child that never grew"
von Pearl S« Bück»
Die Brücke zwischen der Alten und der Neuen
:
Welt o
Die Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents von Asien aus durch die Funde in Nordalaska bewiesen*,
Stolz und Reichtum unter einsamem Stern,
In Texas sind Kühe mit fünf Beinen häufiger
anzutreffen als Minderwertigkeitskomplexe,,
St, Nikolaus und Santa Claus.
Märchenstadt am Weißgesicht-Berge
Zwei Deutsche führten den Brauch, Weihnachten
mit einem Lichterbaum zu begehen, in Amerika
ein,,
Die Feuerwehr als Helfer des Weihnachtsmanns&lt;,
Weihnachten auf einer amerikanischen Farm»
Der amerikanische Weihnachtsmann kommt in
diesem Jahr mit Hoohfrequenztechnik«,
Peters15 mexikanische Weihnacht«
Die vergessenen Schwänze•
Weihnachten im hohlen Baum»
Harvard - Erbe des Weimarer Bauhauses.
Das Hotel im Dschungel
Trompeten gegen die Mauern des Kremle
Gedanken zum Buch "The Choice" von Boris Shübo

�20/12/50

*

23/12/50

30/12/50
*

1950 - Rückblick auf ein bewegtes Jahr,Dreihundertfünfundsechzig Tage ERP-Kredite.
Gedanken über 1951.
Wichtige Ereignisse des Jahres 1950o
Die bedeutendsten amerikanischen Persönlichkeiten des Jahres 1950u
Alt werden oder altern?
Elektronische Rechenanlagen lösen die kompliziertesten Aufgaben im Handumdrehen.
Der "Unerfreulichsten" einer.
William Faulkner, Nobel-Literaturpreisträger
des Jahreso
Besitzverhältnisse in der amerikanischen
Landwirt schaf10
Die erste Fernseh-Kleinkamera der Welto
Ein Zeuge der Zeit - John Richard Herseyo
* * * * #

2JC0MMENTARE VON JOHN Lo MORTON«
4/10/50
7/10/50
11/10/50
14/10/50
21/10/50
25/10/50
28/10/50

Entschlossenheit zum Frieden0
Steigerung des Geburtensolls*
Blut, Schweiß und Steuern,,
Die Vereinten Nationen ergreifen die Offensive
Probleme des Siegesa
Stapellauf des Schlachtschiffs "Frieden".,
In Prag nichts Neues•
* * * # *

1/11/50
4/11/50
8/11/50

11/11/50
15/11/50
18/11/50
22/11/50
25/11/50
29/11/50

Die Streitfragen des Wahlkampfes in USA,
Puerto Rico - Insel ohne Ruhe0
Klarheit oder Verwirrung?
Zur Bundestagsdebatte über den deutschen
Verteidigungsbeitrago
Kurs unveränderte - Zu den Parlamentswahlen
in den USA»
Zur Frage der chinesischen Intervention in
KoreaJ
Der Gray-Bericht. - Ein neuer Baustein
für die freie Welto
Wirtschaftshilfe für Tito* •
"Landtagswahlen - von außen betrachtet".
Wieviel ist genug?
# # * *

- 4 -

�KOmjENTA^__VON_JOHN_Li_MORTON:_
2/12/50
6/12/50
S/l2/50
16/12/50
23/12/50
30/12/50

Ruhige Entschlossenheit» Die USA und die KoreaKrise»
Auf Europa kommt es anc
3erliner Wahlen in amerikanischer Schau«
Zur Brüsseler Konferenz.
Kein Preis ist zu hoch.
Es gibt kein Gibraltar,
*- * * * *

g« M JügggD.
Oktober 1950/1

Der blau-rote Schal.
*Goldsucher und Abenteurer im "Todestal" in
Kalifornien,
Das Geschenk der Indianer - Geschichte und
Bedeutung der Maispflanze in den USA.
Versuch*s mal - Vitamin C, ein wichtiger
Paktor in unserer Ernährung..
Oktober 1950/lI*Der Y/eg in die Wildnis. Die Geschichte von
Daniel Boone, dem Urbild des Lederstrumpf.
*Die Vereinten Nationen und die Jugend«
*Das R-fesenauge auf dem Mount Palomar.
Gold aus der Retorte.
* * * * #

November 1950/1 Die mißglückte Ohampignon-Zucht.
*Hiawatha, der große Sohn der Ojibways.
*Das Museum für Wissenschaft und Technik in
ChikagOo
Praxis ist besser als Theorie»
. • Jungen spielen "Politik".
November 1950/lIEs geschah in Oklahoma.
Wie Paul Bunyan den "pfeifenden Fluß" bestrafte.
"Bitte eine Fahrkarte zum Mond"» Möglichkeiten
und Unmöglichkeiten der Y/eltraumschiff ahrt.
Alle arbeiten mit. Keine Kluft zwischen Gemein-r
schaft und Schule.
•

* • # • * *

- 5 -

�4i_^IKEL_PÜR_5IE_FRAU.
Die Frau in den Vereinten Nationen.
Eicheln, Schnecken und andere Delikatessen,
Wenn Kinder nicht teilen wollen»
Dickwerden - durchaus vermeidbar.
65-;) ährige deutsche Auswanderertochter ver18/10/50
wirklicht ihren Traume
Spätes Gehenlernen bei Kindern kein Zeichen
für geistige Unterentwicklung«,
Nachtblauer Persianer und honiggelber Nerz,,
Frauenemanzipation - einmal anders gesehen
Jean Arthur und "Peter Pan".
25/10/50
Berufsberatung für Frauen in den USA.,
Wenn ein Kind andere schlägt„
Hygiene des Alltags - Schönheitsmassage mit
dem Frottiertuch;,
Acht Frauen regieren eine Stadt»
1/11/50
Edelsteine in der Retorte - Synthetische
Steine.
*
Patricia Neway - eine Sänger-Schauspielerin.
Eleganz in rauschender Seide.
*
Abkehr vom Klischee - Jane Wyman und Olivia
8/11/50
de Havilland.
*
Olive Goldman - amerikanische Delegierte in
der Kommission für Frauenrecht der UNo
Angst bei Kindern.,,
Bitte schreiben Sie! Besseres Gedächtnis
durch Entlastung»
*
Der deutsche Export und die '»merikanische
15/11/50
Frau,
*
Patricia Travers - die junge amerikanische
Geigerin»
Von der Mitbürgerschaft der Frau«
Der kindliche Zerstörungstriebo
*
Anna M. Rosenberg - die Frau im Pentagon,
22/11/50
Der Aufstieg der Frau im amerikanischen
Journalismuso
Der Westen erobert die USA. Jung Amerika
trägt das Cowboykostüm,.
Metallimprägnierung - Neue Wege in der
Textilindustrieu
•
/
Zu-den..mit * bezeichneten Artikeln liefert der "Amerika Dienst"
kostenlos Bildmaterial,,
11/10/50

- 6 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU.
29/11/50

*

6/12/50

13/12/50

20/12/50
*

Eine Amerikanerin über die europäischen Fraue
Die amerikanischen Frauenmagazine.
Das Fünkchen Grausamkeit in uns. Sadistische
Tendenzen im Alltagsleben.,
Mode und Frisuren in den USA.
Willa Cather zum Gedenken am 7. Dezember.
Lesest offm für die ganze Familie.
Die New Yorker Internationale Frauenausstellung.
Beliebte Rezepte aus den USA.
Clara Barton veranlaßte die USA zum Beitritt
in die Genfer Konvention»
Ein V/eihnacht sie st in Minnesota 1890.
Bilder- und Geschi.chtenbücher für den Gabentisch der amerikanischen Kinder.
Seelenleben vor der Geburt.
Geschenkpakete für deutsche Kinder»
Martha Graham, eine der bekanntesten und eigenwilligsten amerikanischen Tänzerinnen.
Middletown, der Kernpunkt des- amerikanischen
Lebens.
Werbung für und mit Frauen.
Die Geschichte der Frinzessin Pocahontas
und ihrer Reise nach Europa,
Mädchennamen sind der Mode stärker unterworfen als männliche .Taufnamen.

�£

GEISTIGES LEBEN.

Oktober 1950
*

Ausblick auf die kommende Spielzeit der
der Metropolitan-Oper.
Carmen Jones. Ein Kapital amerikanischer
Theatergeschichte.
Internationaler Studentenaustausch für 1950/51.
Neue Pläne des internationalen Seminars für
Amerikakunde in Salzburg.
Fritz Reiner dirigiert NBC-Symphonie-Orchester,

Kinderstube und Weltpolitik.
Die Schreibmaschine nach Maß.
Hollywood macht Ernst. Wendung von der Flimmerkiste zum Problemfilm.
Das Problem der deutschen Mentalität Gegenstand wesentlicher Neuerscheinungen auf
dem amerikanischen Büchermarkt.
Dezember 1950/11 * Grundzüge des neuen Bauens.
* George Grosz - ein sozialer Seismograph
kam zur Ruhe.
Winterkurse auf Leopoldskron.

Dezember 1950/1

# -x- * # *
6. WIRTSCHAFT UND ARBEIT.
7/10/50

14/10/50

21/10/50

Neues Leben auf deutschen Werften.
William C. Foster - der neue MarshallplanAdmini strat or.
Überprüfung der Sehfähigkeit bei amerikanischen Arbeitern.
Lohnanreizsysteme in USA (Teil II).
US-Gewerkschaftsvertreter über deutsche
Arbeitspröbleme.
Neuer US-Zolltarif für Westdeutschland.
Westdeutsche Kühlmittelfabrikanten besuchen
USA.
Lohnanreizsysteme in USA (Teil III).
Einkommensveriägerung in USA.
US-Senator fordert Kaufkraftgarantie für
Staatsanleihen
Y/estdeutsche Bankfachleute besuchen USA.
Der automatische Schaffner.
Vollautomatische Verkehrskontrolle.

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT.
28/10/50

ERP-Kredite für das westdeutsche
Hotelgewerbe»
Kostensenkung durch, vorsorgende Wartung.
Markenartikel in USA stark gefragt.
Die Armour-Stiftung in Chicago»
* * * # *

4/11/50

Heimatvertriebene als IndustriepioniereMarshallplanhilfe für Existenzaufbau.
Der ältere Arbeiter - ein Gewinn für den
Betrieb.

11/11/50

18/11/50

25/11/50

.•

Amerikanische Sender erfassen ihr Publikum.
US-Außenhandelsrat fordert Beseitigung
der internationalen Handelsschranken.
Probleme der Werkskantinen in USA.
Lichtbogenschweißen leicht gemacht.
Was ist eine Verkaufskanone?
Zunehmender US-Touristenverkehr nach Europa.
Marshallplangelder für die Steigerung der
deutschen Erdölproduktion.
Leistungslohn ist billiger.
Ein amerikanischer Betrieb beglückwünscht
"seine" Gewerkschaft°
Engere Zusammenarbeit zwischen USA und
Westeuropa.' Richtlinien Gordoh Grays für
Portsetzung der amerikanischen Auslandshilfe.
US-Industrie für Kapazitätsausweitung durch
erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten.
Farben machen sich'bezahlt«
Keine umfassende lewirtechaftung in USA'
geplant•
* * * * #

2/12/50

9/12/50

W-eitere .Kontrollen in USA.
Export nach USA .'stark gefragt»
ECA-Zentralbüro vermittelt Lizenzverträge
zwischen USA und Europa.
Steigende Einfuhr - sinkende Ausfuhr US-Außenhandel vor neuen Problemen.
Wirkt die Inflationsbremse? Weitere Restriktionen in USA,
Neue fettlose Seifen in USA»
Sorgenkind Speisewagen,,

�4

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
16/12/50

23/12/50

30/12/50

Deutsche Spielv/aren auf amerikanischen
Gabentischen.
Gadgets sind nicht patentfähig.
Wichtige Entscheidung des Obersten US-Bundesgerichts in Patentsachen.
US-Waggonbau entwickelt neuen Güterwagentyp.
Einfuhr von Warenmustern nach USA erleichtert.
US-Wirtschaft im Zeichen des "nationalen
Notstandes".
Die Papierlücke schließt sich - Augsburger
Papierfabrik baut mit ERP-IJitteln.
US-Exportkontrollen weiter verschärft.
Schwarze Listen und Sperrung der rotchinesischen Guthaben.
CIO protestiert gegen gewerkschaftsfeindlichen
Auftrag der Sowjetbotschaft in Washington.
Der Prämienplan einer amerikanischen Speditionsfirma.
USA entwickeln neues Einfrierverfahren für
die Hochseefischerei.
Hamensschilder- steigern das Selbstbewußtsein.
Der neue GATT-Kodex für Außenhandelsbeziehungen.

- 10 -

�i

N S T

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Januar 1951 - 31• Mär 2 1951

Seite
!•)

1

ALLGEMEINES

2.) KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

5

30 SONDERBEILAGEN

6

4.) JUGEND'

7

5.) ARTIKEL FÜR DIE FRAU

9

6.) GEISTIGES LEBEN

12

7.) WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13

* * * # #

�1) ALLGEMEINES
Der Mann, der den Blitz erfand
Ein Breslauer Student wird einer der bedeutendsten Forscher der Elektrotechnik in den
USA
Journalistenausbildung in den USA
Amerikanische Radiofreunde lernen die
Orchester Europas kennen.

6/1/51

10/1/51

Colon, die Stadt der Zauberer
1950 - Jenseits der Politik
"Astronomische Marksteine" des vergangenen Jahres
Das Gewerkschaftsprogramm der HarvardUniversität

13/L/51

Baltimore - Stadt der Gegensätze
Der Chor der Mormonenbrüder in Salt Lake City
In Memoriam Sinclair Lewis

17/1/51

Kinderschallplatten - ein ideales
'ziehungsmittel
Sechs-Tage-Wundermittel gegen Malaria
Religiöse Filme in den USA

*
20/1/51

*

24/1/51
*

27/1/51

*

31/1/51

*

*

Vor dem Höhepunkt der außenpolitischen
Senatsdebatte
Audubon, Columbus der amerikanischen Vogelwelt
Brigadier-General Lemuel Mathewson zum stellvertretenden US-Kommandanten für Berlin ernannt
Gold im Schornstein
Die Bodenerosion hat für die Farmer des Mittelwestens ihren Schrecken verloren
Die Arbeit des Kongresses für Kulturelle Freiheit
New York als Wallfahrtsort - für romantische
Brautpaare
Gemüse aus dem Laboratorium
Die öffentliche Meinung in Sowjetrußland
Das New Yorker Hunter-College entwickelt neue
Lehrmethoden für geistig überdurchschnittlich
begabte Kinder
Mißbrauch von ERP-Gütern wird durch ständige
Kontrolle verhindert
Eric A. Johnstons Weg vom Zeitungsjungen zum
Leiter des US-Amtes für Wirtschaftsstabilisierung
* * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.
_ -.

�ALLGEMEINES
3/2/51

Las Gebiet hinter dem Eisernen Vorhang ist
kein massiver Block
Arbeiterbewegung in Europa und Amerika
Lammbauten in den USA

7/2/51

Ler Mann,der Amerika einte
Im Februar feiert Amerika die Geburtstage
von George Washington und Abraham Lincoln
Thomas Alva Edison
Nord-Dakota, das Land der Prairien
14. Februar, St. Valentins-Tag in USA
Rias-Berlin - Symbol der Wahrheit

*
*

10/2/51

Neues Projekt der 0EE3 zur internationalen
Auswertung der Windkraft zur Erzeugung elektrischer Energie
Eine Stadt bekämpft den Krebs
Las wohnliche amerikanische Landhaus

14/2/51

Für Freiheit und Unabhängigkeit
§19. Geburtstag George Washingtons
Arbeitnehmer mit Unternehmergeist
Ler Mensch, die billigste Ware in der UdSSR
Lieses Fazit zieht William A* Wood aus einer
drei .-,ehn jähr igen Erfahrung als Ingenieur in
der JdSSR
Las Marine-Studio in Florida
Einp Luzernefarm
Fiimarbeit im brennenden Dschungel

n/2/51

*
*

21/2/51

*
*

28/2/51

Charles E. Bohlen - der beste amerikanische
Kenner des Kreml
ERP erstellt' neue Werkzeugfabrik in Westdeutschland
Sehneemessungen im Hochgebirge
Rudolph Valentino - der Magier des Stummfilms
Warum unterstützen die amerikanischen Gewerkschaften das freie Unternehmertum?
Von Norman Thomas, aktiver Vertreter der amerikanischen Sozialisten und sechsmaliger Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft
Abkehr vom photochemischen Verfahren bei
Bildaufnahmen
Der amerikanische Eisbrecher "Nordwind" hält
die Seewege um Alaska offen
* * * * #

- 2 -

�ALLGEMEINES
Mit Baskenmütze und Hörapparat durch Amerika
Berlins regierender Bürgermeister in USA
Amerika ändert seine Verfassung
Der 22«, Zusatzartikel der amerikanischen
Verfassung erlangte im Februar Gesetzeskraft
Fernseh-Plagen und Fernseh-Pläne

3/3/51

Zephyr mit 150 km
Die landschaftlichen Schönheiten und allen
Komfort Amerikas bietet der "Kalifornische
Zephyr" den Reisenden zwischen New York und
San Francisco
Amerika beklagt in dem kürzlich verstorbenen
deutschen Dirigenten Walter Damrosch einen
seiner verdientesten Erzieher zur großen
Musik
Ist Amerika imperialistisch?
Von dem amerikanischen Sozialistenführer
Norman Thomas, der für ein Wirtschaftssystem
eintritt, das er als demokratischen Kapitalismus bezeichnet
Weltpostverein - ein internationales Vorbild
Die industriellen Forschungsinstitute in den
USA
"Leben in Freiheit"
Ein Preisausschreiben für westdeutsche
Jugendliche

7/3/51

10/3/51

Der Festtag der -grünen Insel
Am 17. März feiern die Iren in aller Welt
ihren Schutzpatron, den Heiligen Patrick
Zur Verteidigung der westlichen Kultur
Von US-Senator Paul*H. Douglas
Deutsches Penicillin durch ERP-Hilfe (Farbwerke Höchst)

14/3/51

Die sonderbaren Heiligen im Lehigh Valley
Struthers Burt schreibt über das kürzlich
unter dem Titel "The Pennsylvania Dutch"
erschienene Buch von Professor Klees
Die Sonne wird wärmer
Atomkraft im Dienste der Medizin
Osterfest in Bethlehem
Die Brüdergemeine
in Bethlehem feiert
das Osterfest nicht anders als ihre Vorfahren,
die vor zweihundert Jahren in Pennsylvania
landeten
Los Angeles, die Stadt der Engel

*

17/3/51

*

- 3 -

�ALLGEMEINES
17/3/51

Der Fall des Genossen Tulajew
In einem Roman erzählt Victor Serge, wie von
der Sowjetregierung angeklagte Trotzkisten auf
Grund der unentrinnbaren Denkschemata, denen
sie sich einmal freiwillig unterworfen haben,
notwendigerweise zu einem Bekenntnis der eigenen "Schuld" kommen müssen

21/3/51

Das "Amerika-Buch" für die Jugend
Ein Jugendbuch, das in deutsch-amerikanischer
Gemeinschaftsarbeit entstand und ein Geschenk
der amerikanischen an die deutsche Jugend darstellt
Aureomycin - die stärkste Waffe gegen Infektionskrankheiten
Amerikanischer Rundfunk in der Klemme
Das Fernsehen in Amerika kann nur aus den
Überschüssen des Rundfunks finanziert werden
•Elektronen mit Dolmetscherexamen
Die Elektronen-Übersetzungsmaschine der Zukunft wird den Übersetzern einen großen Teil
der mechanischen Übersetzungsarbeit abnehmen
Traktat über die Vergänglichkeit
In unserer schnellebigen - Zeit müssen die
Lexikographen mit der -Behendigkeit und den
Methoden der Tagespresse arbeiten
Industrieausstellung auf Rädern
Über 200 deutsche Industriebetriebe stellen
ihre Erzeugnisse im "Marshallplan-Zug" aus
Der Wettergott muß seine Konzession abtreten
Amerikanische "Regentechniker" produzieren
und verkaufen Niederschlagsmengen
Die wichtigsten Aufgaben der US-Hochkommission
in Deutschland
Von Arthur Krock, Chef des Washingtoner Büros
der "New York Times"
Frühlingstanz im Pueblo
Die "Everglades", ein Tierparadies von großer
Schönheit
Die Verteidigung des Westens
Die dauernde Bereitstellung von 20 bis 40
hochqualifizierten Divisionen zur Verteidigung Westeuropas schlägt der bekannte britische Militärschriftsteller Liddell Hart vor

*

24/3/51

28/3/51

*
*

31/3/51

, Sauerbraten, Bockbier und hohe Kunst
Lüchows Restaurant in New York
*
Edward'-Steichen - der Meisterfotograf Amerikas
Provokation und Entscheidung
Eine ausgezeichnete Diskussionsbasis ist das
kürzlich in New York erschienene Buch "Challenge and Decision", in dem ein bekannter amerikanischer Journalist die Problematik des Kalten
Krieges und die Möglichkeiten eines Ausweges
darlegt
# * # * *
- 4 -

�2) KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON
6/1/51
13/1/51
17/1/51
20/1/51
24/1/51
27/1/51
31/1/51

"Altbekannte Tatsachen"?
Washington und die sowjetische Note
Trotz allem E i n i g k e i t
Astronomische Zahlen
"IKE"
Stärke gegen Stärke
Josef Plade: "Ich liebe die Freiheit mehr als
mein leben"
Grenze des Verrats
# # * * *

3/2/51
7/2/51
10/2/51
14/2/51
17/2/51
21/2/51
24/2/51
28/2/51

Gerechtigkeit
Die Vorschläge Eisenhowers
"Die Rreiheit-legion"
Ermutigende Anzeichen
Einig trotz aller Debatten
Stalins "Priedens-Rühler
Viererbesprechungen und Aufrüstung
Deutschland kann nicht ohne den Westen auskommen
* • * * *

3/3/51
7/3/51
10/3/51
14/3/51
17/3/51
21/3/51
24/3/51
28/3/51
31/3/51

Am Ende der Debatte
Pariser Außenministerkonferenz und Besatzungsstatut
Auf dem Weg zur europäischen Einheit
Der "Krieg der Enttäuschten*
In Paris: Vielleicht - in Berlin: Njet
Entmilitarisierung - ein neuer sowjetischer
Bluff
Neutralität bedeutet Selbstmord
Quo vadis? - Der Weg der "deutschen Titoisten"
Pan-Amerika - ein antikommunistischer Block

- 5-

�3)_S0NLERBEIIAGEN_
10/1/51.

24/1/51

Die Parole lautet nicht: "Der Krieg ist unvermeidlich"
Von Anne O'Hare McCormick (New York Times)
Voller Wortlaut der Botschaft Präsident Trumans
über die Lage der Nation (vom 8. Januar 1951)
McCloy: Nicht "gegen Windmühlen kämpfen"!
-Voller Wortlaut eines Briefwechsels zwischen dem
amerikanischen Hochkommissar für Deutschland,
John J. McCloy, und Herbert Gr. Roske, einem
21jährigen Deutschen, der am 29. Dezember 1950
in einem Schreiben die westlichen Alliierten der
Diskriminierung Deutschlands beschuldigte
General Eisenhower: Vergangenes ist vergangen.
.Voller Wortlaut einer Erklärung, die der Oberkommandierende der Atlantischen Streitkräfte,
General Dwight D. Eisenhower, am 19. Januar 1951
nach seiner Ankunft auf dem Rhein-Main-Plughafen
vor Pressevertretern abgab
* * * * *

3/2/51
14/2/51
24/2/51
28/2/51

3/3/51
7/3/51
10/3/51

14/3/51

17/3/51

31/3/51

Endgültige Entscheidung über landsberg
Der 5. Quartalsbericht ies US-Hochkommissars
für Deutschland
Das Berufungsverfahren der in landsberg zum Tode
Verurteilten
Drew Middleton zu den Auswirkungen des LandsbergProtests

General Clay befürwortet Verstärkung des amerikanischen Truppenkontingents in Europa
Vor der Entscheidung
Zu den Debatten um die Entsendung amerikanischer
Truppen nach Europa
Der Geist Carl Schurz' und das Deutschland von
heute
Ansprache vor der Carl-Schurz-Gesellschaft»Bremen,
am 5. März 1951, von Benjamin J. Buttenwieser,
Stellvertretender US-Hochkommissar für Deutschland
Artikelreihe des amerikanischen politischen Kommentators Carl C. Hilton, in der er sich mit den
aktuellsten Problemen der Gegenwart auseinandersetzt
Schreiben der Alliierten Hochkommission an Bundeskanzler Adenauer über die Besatzungskosten für
das Finanzjahr 1951/52
Der Schumanplan - Europas Chance
* * * * *

- 6 -

�i

4) JUGEND
Januar 1951/1

Wickey und der Cowboy
Die Geschichte von Brandgesicht
. . . Und plötzlich stand ein Bär vor
ihnen!
Marionettentheater für die Kinder New Yorks

Januar 1951/11

Wie der Esel zu den Menschen kam
Eine mexikanische Volkssage
Steinerne Geschichtsbücher
Pelsinschriften in Texas, Arizona, Neu Mexiko
und Kalifornien künden von der Geschichte der
Ureinwohner Amerikas
Christoph Columbus
An der "Whiteface"-Kurve erbleicht jeder
Passagier
Mit dem Bobschlitten im 100-km-Tempo über
die eisigen Abhänge des Mount Van Hoevenberg

Februar 1951/1

Nara, das "Truthahnmädchen"
Im Zeichen der silbernen Lilie
Jeden Tag ein gutes Werk zu tun ist die
Pflicht jedes Pfadfinders
Sterntalerregen aus dem Himmel Amerika
Schulkinder malen und zeichnen ihre Eindrücke vom Marshallplan
Sie wissen, was sie wollen
Die Höheren Schulen in Atlanta geben ihren
Schülern Gelegenheit, sich durch Halbtagsbeschäftigung in .ihren künftigen Beruf einzuarbeiten
#

März 1951/1

•

*

*

*

•

*

Picaro und das Zebra
Im Lande der Totem-Pfähle
Riesige geschnitzte Totem-Pfähle versinnbildlichen Geschichte und Sage der Indianer
Alaskas
"Hoppe, Hoppe Reiter . . t .
Auch Sechsjährige können schon sattelfest
sein und auf Reittournieren Preise erringen
Versuch's mal
Ein einfacher Versuch mit einem Papierstreifen gibt Aufschluß über die Kräfte, die ein
Plugzeug tragen

- 7 -

�JUGEND
März 1951/II

*

Morgenröte besucht den großen Geist
Eine indianische Volkssage
Heuschrecken - Freunde oder Feinde des
Menschen
Ein Kinderparadies zwischen Wolkenkratzern
New Yorker Polizei als Helfer und Freund
der gefährdeten Jugend
VERSUCH»S MAL!
Das Ei in der Flasche
Ein einfaches Experiment mit einer Milchflasche und einem Hühnerei liefert einen
eindrucksvollen Nachweis des vorhandenen
Luftdruckes
# * # * *

�5) ARTIKEL FÜR DIE FRAU

3A/51

Margaret Chase Smith, der Senator aus Maine
Die amerikanische Journalistin
Der Mensch über Vierzig braucht Ruhe und
Entspannung
#
Bilderbuch der Köchin
Ein neues amerikanische Kochbuch

10/1/51

Frauen, gestern und heute
Eine kleine Typologie der Frau
Schwiegermütter - geliebt und gefürchtet
Moderne Lampen, zweckmäßig und schön
Fensterschließer und Windelwechsler

17/1/51

Susan B. Anthony
Ein Leben für die Rechte der Frau
Die Rolle.der Behandlung durch Suggestion
in der modernen Praxis
Einige Winke für die Pflege unserer Zimmerpflanzen
Sprechen Sie deutsch?

24/1/51

Vom Küchenmädchen zum Bühnenstar
Ethel Waters ist die Verkörperung aller
"Neger-Mammie-s"
Frauen übernehmen leitende Stellungen in
amerikanischen Konzernen
Mensch - ärgere dich!
Wer sich nicht ärgern kann, ist seelisch ebenso gefährdet, wie der, der bei jeder Gelegenheit in Wut gerät
Kleine Tips für die Pflege des ersten Kindes

31/1/51

Frauen im Berufsleben
Die zehntausend Schritte der Hausfrau
Fußbeschwerden - ein Übel der Zivilisation
unter der Lupe amerikanischer Wissenschaftler
Die kunstseidene Mode
Amerikas Textilmarkt zeigt Shantung-Leinen,
Taft, Gabardine, Tweed, Pikee, Jersey,Chiffon
und Pelze - aus Rayon
Frauen diesseits und jenseits des Ozeans
Mrs. Ellen McCloy, die Gattin des US-Hochkommissars, sprach am Mittwoch, dem 24. Januar
1951»" in der Aula .der Frankfurter Universität
vor der ersten gemeinsamen Konferenz der Frauenvereinigungen der Bundesrepublik
* * * * *

- 9-

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
7/2/51

Man lebt nicht mehr "auf dem Mond"
Frauen auf den einsamen Farmen des amerikanischen Mrttelwestens
Gernhaben ist nicht genug
Widerstreben des Kindes gegen eine Stiefmutter
Wenn amerikanische Kostümzeichner Rat brauchen
Die neuentdeckte Weiblichkeit
Das neue Make-up in Weiß und Rosa paßt sich
den zartesten Pastelltönen der kommenden Frühjahrsmode an

14/2/51

Der gesunde Menschenverstand
Die modernste Regel der Kindererziehung ist
die, daß es keine Regeln gibt
Eine Frau kämpft gegen Konventionen
Vor mehr als zwei Generationen ging Clara
Swain als erste Missionsärztin nach Indien
Pasteurisiere zu Hause!

21/2/51

Auslauschprogramm für ausländische Studenten Eine*Werkstatt des Friedens
Nylon, der \*u.ischtraum jeder Frau
Und wohin geht Vati?
Die Kenntnis dessen, was der Vater im Berufe
tut, ist für das Kind ein wesentlicher erzieherischer Faktor
SchwangerSchaftsgefährdungen
Speisezettel chemisch betrachtet

28/2/51

Es war ein langer Weg
Von Eleanor Roosevelt
Hollywood auf der Suche nach einer neuen Garbo
Die Augen unseres Kindes
Vetternwirtschaft in der sowjetischen Filmindustrie
*

7/3/51

•

*

*

*

•

*

Textilgeheimnisse aus den USA
Die moderne Kleidung wird immer leichter und
wärmer im Winter und immer leichter und kühler im Sommer
Gestern wurde ich geschieden - Probleme, die
eine Scheidung mit sich bringt
Die Musterfarm in Ambler
Eine berühmte landwirtschaftliche Schule in
den USA
Mumps oder Gehirnentzündung
Ein neuer Mumps-Test ermöglicht eine zuverlässige Diagnose
-10-

�ARTIKEL FÜR DIE ERAU
7/3/51
14/3/51

*

21/3/51

*

28/3/51
*

*

Las internationale Institut zur Bekämpfung von
Kind erkrankhei t en
Die "Smith-Girls"
Das Smith College in Northampton
Eür gesetzliche Gleichberechtigung
Das doppelte W
Die neue Modesilhouette
Wenn ein Kind operiert werden muß . . .
"LEO", der Schnitzelkönig von New York
Wiener Küche und Wiener Melange begeistern
New Yorks Feinschmecker
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Vom Ursprung und Nutzen des Staubes
Freundschaftsbande über die Grenzen hinweg
Kühl aber nicht frostig
New Yorker Innenarchitekten sagen eine Wandlung
des amerikanischen Geschmacks zu einer gewissen
•gemütlichen Sachlichkeit' in der Wohnraumgestaltung voraus
Vielseitige Würstchen.Einfache amerikanische
Rezepte mit Frankfurter Würstchen
Appell an Stalin
Amerikanische Abgeordnete versucht Stalin von
den Friedensbestrebungen der USA zu überzeugen
Ein schöpferisches Handwerk
Auf der Suche nach ewiger Jugend
Ausstellung "neues Haushaltgerät in USA" in
Stuttgart
Das deutsche Waisenhaus in Washington
* * * * *

- 11 -

�6) GEISTIGES LEBEN
Januar 1951/1

Malerei der Völker
* Deutsche Amerikafahrer im 17. und 18. Jahrhundert
* Kreisler, mit den Augen des Freundes gesehen
"TOHUWABOHU"
Wie die Erde wurde

Januar 1951/11

* Kann ein Mythos abdanken?
Robert M. Hutchins, bisheriger Rektor der
Universität Chicago, legte sein Amt nieder,
um eine leitende Stellung in der "Ford-Stiftung"
zu übernehmen
Dichter und Bauer in Georgia
Byron Herbert Reece aus Georgia baut 70 Morgen
Kartoffeln, Bohnen und Getreide und macht Gedichte
* "Sonnenfinsternis" am Broadway
Bühnenfassung des aufsehenerregenden Romans
"Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler uraufgeführt
Nicht Toleranz sondern Brüderlichkeit
"World Brotherhood" und ihre deutsche Sektion,
der"Koordinierungsrat der Christen und Juden
in Deutschland"

Februar 1951/1

Albert Einstein: Aus meiner Jugend
Amerika von Schiller bis Bert Brecht
Deutsche Amerikagedichte
Unaufhörliche Gegenwart
Zu Kurt Weills zweitem Todestag
Neue Elemente und alte Götter
1'3 Quizfragen für klassisch gebildete Chemiker

Februar 1951/II

Bücher für alle
Die "Hartgesottenen" schockieren nicht mehr
Hemingways und seiner Epigonen Verdienst war
es, den amerikanischen Bürger aus sozialer und
politischer Indifferenz aufgestört zu haben.
Der heutige Leser aber will nicht mehr nur
schockiert, sondern auch über psychologische
Zusammenhänge unterrichtet werden
* Das Gespräch - Bronzeplastik des deutschen
Bildhauers Knud Christian Knudsen
Propaganda bei Lichte betrachtet
Methoden der kommerziellen und politischen
Propaganda

- 12 -

�GEISTIGES LEBEN
März 1951/1

*

*
*

März 1951/11

Pioniere des modernen Wohnbaus
Die beiden amerikanischen Architekten Greene
und Greene
Aus dem New Yorker Musikleben
Zeitlose Plastik •
Der amerikanische Bildhauer Donal Hord
Er war der Lehrer des Mahatma - HenryDavid Thoreau
Eduard Hans1ick
Der große Widersacher Wagners in Wien
Neuausgabe der Schriften des großen Wiener
Musikkritikers- Eduard Hanslick in einem New
Yorker Verlag
Befreiung von der Angst
Zu Arthur Koestlers neuem Buch
Horace Greeley. Amerikas größter Zeitungsmann
Seher der kommenden Krise
Herman Melville und Nathaniel Hawthorne
* • • # »

7) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
6/1/51

Um die Kontrolle von Preisen und Löhnen
Schwere Aufgaben für die Stabilisierungsbehörden
in USA
Steigende Neuinvestitionen In USA
US-Industrie hat Betriebskapital seit 1939
verdreifacht
Marktforschung als Mittel zur Kostensenkung
'Standard Oil" reduzieren Vertriebskosten
durch verstärkte Marktbeobachtung

13/1/51

Arbeiterparadies im Scheinwerferlicht
ILO will an Untersuchungen über Zwangsarbeit
in der Sowjetunion teilnehmen
Aus schwarz-weiß wird bunt
Farbphotographie vor dem Wendepunkt
Mit anderen Augen gesehen
US-Wirtschaftsinstitut berichtet üher Aufgaben
und Zweck der "public-relations"
Baumwolle stark gefragt
Weltbaumwollverbrauch erreicht neuen Höchststand
Weitere Erschwerungen bei US-Exporten
US-Handelsministerium gibt neue Exportbestimmungen bekannt
Bisher 76 Prozent der jährlichen US-Baumwollexportquote freigegeben
- 13 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
20/1/51

Milliarden für die Freiheit
Das neue amerikanische Verteidigungsbudget
Verteidigungswirtschaft in USA
Die wirtschaftspolitischen Ziele und Forderungen
Präsident Trumans

27/1/51

Der Mai. shallplan im Zeichen der europäischen
Wiederbewaffnung
Von Miltjn Katz - ECA-Sonderbotschafter für
Europa
Der Kongreß spitzt den Bleistift
Washington sucht neue Steuerquellen
Technische Hilfe für Europa
ECA-Austausch von Fachleuten und Erfahrungen'
soll Industrieproduktion weiter steigern
» * * * #
t

'3/2/51

"Eiskeller" oder "Kühlschrank"?
Löhne und Preise in USA sind eingefroren worden
Wenig Interesse am Kapitalexport nach Deutschland
US-Wirtschaft äußert Bedenken gegen Mitbestimmung und Lastenausgleich
Der Wettergott kann nicht mehr launisch sein
Künstlicher Schnee für Amerikas Wintersportler
US-Bruttosozialprodukt seit 1929 um 75$
gestiegen

10/2/51

Keine "Ladenhüter" für ERP-Lieferungen
ECA und ERP-Ministerium überwachen Verwendung
der Marshallplangüter
Steigende Sozialleistungen der US-Industrie
Über 5 Millionen Arbeiter werden von privaten
Pensionsplänen erfaßt
Lebhafte Einzelhandelsumsätze in USA
Keine Verknappungen bei Verbrauchsgütern zu
erwarten
Koordinierung der Verteidigungsproduktion
US-Wirtschaftshilfe für Europa soll gegebenen
Verhältnissen angepaßt werden
UN untersuchen Probleme wirtschaftlich rückständiger Gebiete

17/2/51

Steuerschraube statt Notenpresse
Die 10-Milliarden-Dollar Steuervorlage
Präsident Trumans
Vom Umgang mit Vertretern
In Hartford in USA heißt man jeden persönlich
willkommen
- 14 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
17/2/51

Umstrittener Lohn- und Preisstop in den USA
Vorläufiger Schutzwall gegen inflationistische
Tendenzen in der amerikanischen Wirtschaft

24/2/51

Ein Warenhaus für Rohstoffe
USA lagern strategisch wichtige Materialien
Zunehmende Kreditgewährung der Weltbank
Anleihevolumen überschreitet 1-MilliardenDollar-Grenze
Wofür gibt der Durchschnittsamerikaner
sein Geld aus?
US-Bundesamt für Arbeitsstatistik will
Verbraucherindex revidieren
Weniger Gesellschaftsneugründungen in den USA
Freies V/oehenende wichtiger als 8-Stunden-Tag
*

3/3/51

#

*

• *

*

Für die Sicherung des Friedens
Die wirtschaftlichen Aspekte der amerikanischen
Verteidigungsbemühungen
Wallstreet bleibt aktiv
Weiter lebhafte Umsätze an der amerikanischen
Wertpapierbörse
Deutsche Werkzeugmaschinen gehen in die Welt
Mitteldeutsche Exportindustrie wird mit Gegenwertmitteln, in Westdeutschland wiederaufgebaut
Berufsförderung für Körperbehinderte

10/3/51

Deutsche Landwirtschaftsmaschinen wieder auf
dem Weltmarkt
Die größte Traktorenfabrik Europas ist mit
ERP-Krediten aufgebaut worden
Lebensversicherungen in USA stark gefragt
Neugeschäft 1950 um 24,5$ höher als im
Vorjahre
Rentabilitätssteigerung mit Hilfe der Gewerkschaften
Hochschulstipendien für begabte Arbeiterkinder
in USA
Lebhaftes Kaufinteresse auf New Yorker Fachausstellungen
Einschränkung des Metallverbrauchs führt zu
Vorbehalten der Verkäufer

17/3/51

Herr Smith und seine Steuererklärung
Auch die Amerikaner haben ein Finanzamt
Schlichtere Warenverpackung in USA
Packmittelindustrie sieht sich nach Austauschstoffen um
- 15 - •

�-•

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
17/3/51

24/3/51

Die elektrischen Verkehrspolizisten New Yorks
Neue Verkehrsampelschaltung beschleunigt
Straßenverkehr
Produktivität und Leistungssteigerung in USA
Amerikanische Arbeiter antworten auf eine
Umfrage
*

Ein Rad dreht sich - hundert drehen sich mit
ERP-Hilfe für einzelne Industrieunternehmen
führt zum wirtschaftlichen Aufstieg einer
ganzen Sxadt
Cowboyanzüge am meisten gefragt
New Yorker Spielwarenausstellung brachte
lebhafte Umsätze bei leicht erhöhten Preisen
Pensionen und höhere Löhne
Die Erfolge der US-Gewerkschaften im Jahre
1950
US-Stahlindustrie plant umfangreiche Neuinvestitionen
Produktionskapazität soll auf 120 Millionen
Jahrestonnen erhöht werden

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.

- 16 -

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M E R I K A

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'

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. April 1951 - 30; Juni 1951

Seite

1. )

ALLGEMEINES

1

2.])

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON

5

3 . :)

SCHAIIBILDER

6

4. )

SONDERBEILAGEN

6

5 . :1

ARTIKEL PJR DIE FRAU

7

6.: )

JUGEND

9

7.:1

GEISTIGES LEBEN

10

8.;1

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

# * * * #

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ALLGEMEINES
4/4/51

*

7/4/51

11/4/51

14/4/51

*

18/4/51

21/4/51

*

Tiefkühlung., ein Millionengeschäft
(Schnellgefrierverfahren)
Wer ist der bessere Fahrer:
Mann oder Frau?
Monsignore Fulton J« Sheen - ein
unwiderstehlicher Christ
Amerikas erfolgreichster katholischer Seelsorger
Das Geheimnis der Sardinen
Plötzlicher starker Rückgang der Sardinenfange im Pazifik
Salzdome und Salzgärten
Kochsalzförderung in den Vereinigten
Staaten
Die große Tat unseres Jahrhunderts
Verwirklichung der Menschenrechte
"Macht der Furcht ein Endeu.,"
Rede des Senators Henry Cabot-Lodge jr.
v.j.:r der UN-Vollversammlung
"ZIM"', das neueste sowjetrussische
Automodell
Neue Wohnungen in Gminderdorf
An der Schwelle zur nationalen Unabhängigkeit
Die bevorstehende Gewährung der Autonomie
für Puerto Rico
Die Teppiche der Navajos
ölrausch in Texas
Generalleutnant Matthew Bunker Ridgway
Wasserskilauf» der jüngste Volkssport
in den USA
Neuer Vorstoß der Medizin im Kampf gegen
die Spinale Kinderlähmung
Kapitalismus - ein für die USA überholter
Begriff
Die neue polnische Armee - ein Werkzeug
des Kreml
Elektronenmikroskop erschließt eine neue
Welt
Merkwürdigkeiten bei der Herstellung von
Stahl

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST
kostenlos Bildmaterial.

�ALLGEMEINES
25/4/51

Gewerkschaften schaffen internationale Einheit
York, Pennsylvania - eine vorbildliche Stadt
Räder rollen für den . . . Frieden. Gemeinsamer deutsch-französischer Güterwagenpark

28/4/51

Tatarennachrichten über die USA (Buchbesprechung)
Ein Rembrandt für acht Tage. "Die "Lejhbilderei"
von Harbor Beach
Washington im Frühling
• * * * #

2/5/51

Ein Refugium für erlauchte Geister. Das Institute for Advanced Study in Princeton, New
Jersey
Der Sommerschnitt. Kein verstümmeln von
Sträuchern
Südliche Sonne in Büchsen. Neuartiges Konservierungsverfahren

5/5/51

Arbeite, spiele und werde gesund - mit Musik
Rundfunkstationen in Alaska
Die Tito-Stalin Kontroverse. Hamilton E.
Armstrongs letztes Werk: "Tito and Goliath"

9/5/51

Das Volkskundemuseum von Neu-Mexiko in Santa Fe
Kongreßarbeit ist lebensgefährlich
Leserbriefe auf Bestellung in der UdSSR

12/5/51

Franziskanermissionen an der kalifornischen
Küste
"Quo vadis" - der Film der Superlative
Bilder aus den Tiefen des Meeres

16/5/51

Funksprechverkehr als Arbeitshilfe in der
Industrie
Das Y/eiße Haus wird "verkauft"
Erfolg macht wachsam. Verbesserung der menschlichen Beziehungen und materiellen Lebensbedingungen

19/5/51

Die wohltemperierte Narkose
Neue Wohnbaumethoden in den USA
Y/as mich in Europa verrückt macht. Ein amerikanischer Gelehrter kritisiert das europäische
Akademikertum

*

- 2 -

�«EINES
3/5/51

Auf dem Wege zu einer neuen Eiszeit? Wetterprognose für den Rest des Jahrhunderts
Amerikanisches Institut für Welthandel in
Arizona
Fischerei im Nordatlantik - ein wichtiger
Beitrag zur Welternährung

6/5/51

Akademische Ehrung für US--Hochkommissar John
J, McCloy, Präsident
Heuss, Bundeskanzler
Adenauer und die Rektoren der Berliner Freien
Universität und der Universität Bonn durch
die Universität Maryland
Der Sonderwagen des amerikanischen rräsidenten
Streifzug durch New Yorks "Chinatown"
Die Briefe Präsident Roosevelts

0/5/51

Der moderne Mensch schon 75 000 Jahre alt
Die Wurzeln des Totalitarismus
Ein Leben für den Fortschritt. Charles F*
Kettering,. der vitalste und einfallsreichste
Erfinder Amerikas

2/6/51

Charaktertraining in amerikanischen Jugendlagem
Franz Daniel Pastorius. Gründer und Bürgermeister der ersten deutschen Siedlung in den USA
"Die Front ist überall". Die KP in den USA

6/6/51

In Memoriam Serge Kousse-.ritzky
Brücken in die Vergangenheit., überdachte Holzbrücken in den USA
Der erste totale Sieg über die Malaria
Die Flötensammlung der Kongreßbibliothek

9/6/51

Neues Serum gegen Tollwut
Automatische Sicherungen gegen menschliche
Unzulänglichkeit bei US -Eisenbahnen
Hotelführung als Universitätsfach

3/6/51

Der Grand Canyon - Amerikas größtes Naturwunder
Y/as verdient der Durohsohnittsamerikaner?
Ein praktischer Träumer, Der amerikanische
Sozialistenführer Norman Thomas erörtert die
Schwächen und Möglichkeiten des Sozialismus

6/6/51

Tierparadies hinter Wolkenkratzern, Der
"Bronx-Zoo" in New York

�ALLGEMEINES.
16/6/51

Die Thrombose verliert ihre Schrecken
"Mir bitte Tintenfisch mit Reis und Seetang".
Truppenverpflegung in Korea

20/6/51

Die Lehren von Korea machen kollektive Friedensaktion notwendig. Warren Austin zum ersten Jahrestag der roten Aggression in Korea
Die Flucht ins Grüne und ihre Folgen. Stetig
wachsende Vororte sind für Millionenstädte der
USA gewaltiges Verkehrs- und Verwaltungsproblem
Warum Rußland den Koreanern nur unzureichende
Waffenunterstützung gewährt
Verpflanzung lebender Zähne

23/6/51

"Imperium" Texas
Zwei Musiker fangen den Regenbogen. Verwendbarkeit des Farbfilms verdankt die Welt zwei
amerikanischen Musikern
Führer und Köpfe. Bemerkungen amerikanischer
Wissenschaftler über die Psychologie des Erfolges

27/6/51

Das papierene Gedächtnis Amerikas. Die Kongreßbibliothek in Washington
Mitbestimmungsrecht - auf amerikanische Weise
Die Fesselung der Kunst in der UdSSR. Eine
Buchbesprechung von Brooks Atkinson, "New
York Times"

30/6/51

Das Recht auf Leben, Freiheit und Glück. Aus
dem Text der Unabhängigkeitserklärung vom
4. Juli 1776
An alle, die iie Freiheit lieben. Botschaft
des amerikanischen Präsidenten Harry S.Truman
175 Jahre der Freiheit. Von Ralph J. Bunche
Der amerikanische Unabhängigkeitstag und
Europa. Der 4. Juli 1776 und seine Wirkungen
auf unsere Zeit
Warum ich in Amerika lebe. Brief des bekannten Journalisten und Schriftstellers Joseph
Y/echsberg an einen kommunistischen Jugendfreund

- 4 -

�2) KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON
4/4/51

Im Dienste des Weltfriedens

7/4/51
11/4/51
14/4/51
18/4/51
21/4/51
25/4/51
28/4/51

Vor dem Zusammenbruch der Obstruktionspolitik
Eine große Verantwortung
Eine notwendige Konsequenz
Ein kühner Versuch
Richtige Bewertung der Ereignisse
Gedanken zum 1. Mai
Deutschland am Scheidewege

2/5/51
5/5/51
9/5/51
12/5/51
16/5/51
19/5/51
23/5/51
26/5/51
30/5/51

Europa blickt auf Bonn
Der Wahlkampf wirft seine Schatten voraus
Deutschlands Stunde der Entscheidung
Europa muß wachsam sein
Gleiche Rechte - gleiche Pflichten
Sicherheit im Mittelmeer
Um das ^Schwarze Gold" Persiens
Der Freiheit einen Dienst erwiesen
Freiheit - ein Gerücht
* * * * *

2/6/51
6/6/51
9/6/51
13/6/51
16/6/51
20/6/51
23/6/51
27/6/51
30/6/51

Ein lohnendes Angebot
Der Groll wächst
Der Wille zur Verteidigung
Ein anschauliches Beispiel
Für die Freiheit Europas
Noch ist es Zeit
Annehmbare Bedingungen
Friedensvorschlag oder Propagandatrick?
Ein Tag des Gedenkens und der Verpflichtung
* * * *

- 5 -

�2l_§CHAUMLDER_
4/4/51
14/4/51
21/4/51
2 5/4/51

Die ölförderung im Nahen Osten
Der Rote Stern sinkt
Stahlerzeugung
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl
*

2/5/51
12/5/51
16/5/51
23/5/51

*

Verluste im Koreakonflikt
Deutsche Konsulate in den USA
Wieviele Menschen leben auf unserer Erde?
30 000 Ausländer studieren in den USA
*

2/6/51
6/6/51
13/6/51
23/6/51

* * *

*

*

* *

Dollars reisen nach Europa
Die Autoproduktion der Welt im Jahre 1950
Deutschlands Handel mit den USA
Die OEEC und ihre vielseitigen Aufgaben

12_§2NDERBEILAGEN_
4/4/51
11/4/51

14/4/51
18/4/51
21/4/51

28/4/51

Präsident Truman und Außenminister Dean
Acheson zum Erfolg des ERP
Produktionskraft - e i n Instrument des Friedens
Rede des ECA-Administrators William C. Poster
vom 3. April 1951 anläßlich des dreijährigen
Bestehens des Marshallplans
Truman: Tür zu Verhandlungen jederzeit offen
(Rede vom 11.4.51)
Truman: Abzug aus Korea würde neuen kommunistischen Angriff auslösen (Rede vom 15.4.51)
Acheson zur Pernostpolitik der Vereinigten
Staaten (Rede vom 18.4.51)
Omar N. Bradley: Ausweitung des Koreakriegas
(Rede vom 17.4.51)
MacArthurs Abschiedsrede (vom 19.4.51)
McCloy: Die Vereinigten Staaten werden jedem
bewaffneten Angriff auf Westdeutschland begegnen (Rede vom 25.4.51)
* * * * * *

2/5/51
9/5/51

Acheson zur gegenwärtigen internationalen Lage
(Rede vom 30.4.51)
Präsident Truman über die Begrenzung des Koreakonfliktes {.Rede vom 7.5.51)
- 6 -

�SONDERBEILAGEN

23/5/51
26/5/51

Die Ost-West Spannung. Von Carl C Hilton
Sechster Vierteljahresbericht des US-Hochkommissars John J. McCloy
Truman fordert 8,5 Milliarden für die Verteidigung der Freiheit (Rede vom 24.5-51)
* * * * *

2/6/51
13/6/51
16/6/51

20/6/51

23/6/51

27/6/51

Note der drei Westmächte an die Sowjetunion
über Abhaltung einer Außenministerkonferenz
am 23» Juli in Washington
Im Schatten der Präsidentschaftswahlen., Von
Carl C. Hilton. I. Folge: 'Außenpolitik - das
Zünglein an der Waage
Im Schatten der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. 2. Folge: "Rätselraten im demokratischen
Lager"o Von Carl Co Hilton
Truman fordert scharfes Anti-Inflationsprogramm
zur Sicherung des amerikanischen Verteidigungsbeitrages (Rede vom 14.6„51)
Im Schatten der amerikanischen Präsidentschaftswahlen., Von Carl C, Hilton„ 3» Folge: "Umstrittene Figuren auf dem republikanischen Schachbrett"
I. Europas Wirtschaftszentrale baut an der
Zukunfto Von Hans Günther-Patzig.
II.McCloy: Bundesrepublik macht Fortschritte
(Rede vom 19.6.51)
1» Truman: USA für echten Frieden in Korea
(Rede vom 25.6-51)
2„ Rundfunkansprache US-Hochkommissar^ John J„
McCloy zur Situation in Deutschland
(vom 26.6.1951)
* * * * *

5) ARTIKEL FÜR DIE FRAU
4/4/51

11/4/51

Amerikanerinnen von heute
Pubertätspickel
Exaktes Wirtschaften und strenges Haushalten
Textilausstellung in New York
Frauen im Dienst der Amerikanischen Luftstreitkräfte
Musikalische Reise durch Westafrika
Die amerikanische Mutter: Vor 2 5 Jahren und
heute
- 7 -

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
11/4/51

Mannequin mit 76
Die koreanische Bibel - Das 3uch der Frauen

18/4/51

"Andante-Grün" und "Viktoria-Efeu". Die amerikanische Autoindustrie appelliert an den Geschmack der Frau
Nimm und gib
Matisse, der Tapetenmaler. Neue "alte" Ideen
amerikanischer Innenarchitekten
Bleierner Frühling. Frühjahrsmüdigkeit Symptom mancher ernsthaften Krankheit
Die Emanzipation der Frau nach russischem
Muster
Amerikanische Frauendelegation besucht Westdeutschland

25/4/51

Erwerb contra Beruf. Amerika bietet den jungen
Mädchen die besten Berufsaussichten,
Für Regen und Sonnenschein. Die neue Regenmode
Über das Trinken
Gibt es eine erbliche Anlage für Krebs?
Eine "Bombensache". Druckkonserven für Hausfrau, Industrie und Wirtschaft
*

* * * *

2/5/51

Hausschneidern in USA sehr beliebt
Liebe ist "Mantsch". Kinder wählen und zensieren Filme
Vision einer besseren Welt. Highschool-Schülerinnen gründen eine eigene "Modellnation"
Frauen an der Drehbank
Weiblicher Flughilfsdienst in den USA
Vielseitige Glasfaser

9/5/51

Ethel Barrymore, die "First Lady der amerikanischen Bühne"
Amerika braucht Krankenschwestern
Ist Joghurt gesünder als Milch'
UN-Kommission für die Rechtsstellung der Frau
eröffnet neue Sitzungsperiode
Die Frau und das amerikanische Geistesleben
In Deutschland lebende amerikanische Familien
adoptieren deutsche Waisen
Babys, die bei ihrer Geburt weniger als ein
Kilo wiegen, sind durchaus lebensfähig

16/5/51

- 8 -

�FÜR DIE FRAU
23/5/51

Die UN-Kommission für die Rechtsstellung der
Frau
Brot als Proteinquelle
Es gibt so viel zu lernen, ehe man zur Schule
kommt
Brasilianerin als "Frau der Amerikas" geehrt
*

* * * *

6/6/51

Vernachlässigte Kinder - eine lohnende Aufgabe
für jede Frau
Judy Hollyday, die beste amerikanische Filmschauspielerin des Jahres 1950
Psychologische Betrachtung über Farben
Demokratie - eine Lebensform. Hessische Frauen
tagten in Wiesbaden
Wie behandelt man Cordsamt?
Die Rolletder Frau im heutigen Deutschland.
Rede des Stellvertretenden US-Hochkommissars
in Deutschland, Benjamin J. Buttenwieser,vom
26. Mai 1951

20/6/51

Erziehung zur Reife
Großmütter machen Filmkarriere. Hollywood
wird natürlicher
Neue Größennormung für Damen- und Kinderkleidung
Schönheitstips für die Frau mit wenig Zeit
und kleinem Geldbeutel
Spinale Kinderlähmung durch Tröpfcheninfektion
Pasteurisieren mit Elektronen
Behandlung von Schnittblumen
Eindrücke einer Reise durch das Bundesgebiet
* * * *

*

6) JUGEND
April 1951/1

Die Geschichte der ersten Schmetterlinge. Eine
indianische Volkssage
Von der ersten primitiven Dampfmaschine zum modernen Stromlinienzug
Rätsel um die Gallina-Indianer
Baseball, Amerikas Nationalsport

�JUGEND
April 1951/II
*

Mai 1951

Santiagos Schuld. Eine Erzählung aus New Mexico
Großes Land Alaska
Leihanstalt für Ziegen und Mäuse. Tiere helfen
den Lehrern beim Unterricht
Versuch's mal* Wir basteln uns ein indianisches
Gefäß

Der Adler auf dem Totem-Pfahl. Eine Indianergeschichte aus Alaska
\'Ias sind "Teenagers"?
* Die Puppen der Pueblo-Indianer
Sternwarten gestern und morgen
* * * * *

Juni 1951

Ich bin ein Cowboy - jippi jeh
Wie Tee Pete, der Mississippi-Boy, seinem Vater
das Leben rettete
* Wenn es draußen donnert und blitzt
Giganten des Meeres

7) GEISTIGES LEBEN
April 1951/1

Freiheit als unabdingbare Voraussetzung menschlicher Portentwicklung. Von Warren M. Robbins

April 1951/11

Thomas Kann: Ich stelle fest . . .
Indien liebt die Freiheit
Hugo Muensterberg - ein Mittler deutschen und
amerikanischen Wesens
Lesebücher einmal anders

8) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
7/4/5I

Verbrauchervereinigung in den USA berät das
Publikum
Amerikanisches Gewinnbeteiligungssystem als
Beitrag zur Betriebspsychologie
Deutsche Lederwarenindustrie vor neuen Aufgaben.
Stuttgarter Firma erzielte mit ERP-Hilfe erhebliche Produktionssteigerung
- 10 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
7/4/51
14/4/51

US-Warenhäuser wollen telegraphischen Geschenkdienst einrichten
Die Jahresabschlüsse der amerikanischen Firmen
Drei Jahre europäischer Wiederaufbau
Löhne und Lebensmittelpreise. Australien führt
vor den USA - Westdeutschland an 12. Stelle
Westdeutschlands Bleibergbau erhält neue Bedeutung
USA wollen apfelgroße Erdbeeren züchten

21/4/51

US-Produktionsausweitung im Sinne der Regierung
US_Gewerkschaften beteiligen sich wieder an
Verteidigungsmobilisierung
Welcher deutsche Warenpreis liegt in den USA
richtig?
Der kleine Mann zahlt in den USA nicht die
höchsten Steuern
Viehherden säen ihre Weide selbst
Männer über 40 als ^erkaufskanonen

28/4/51

Beseitigen freiwillige Kreditrestriktionen die
Deflationsgefahr?
Ein amerikanischer Kommentar zum 1. Mai
Moskau spricht von Produktionssteigerungen
Standard Oil verdiente täglich eine Million
Dollar
*

5/5/51

* * * *

Deutsche Kaufleute müssen in den USA amerikanischer werben
Neue Produktionswege der USA
Weiterhin erhöhte Gesellschaftsgewinne in den
USA
Die amerikanische Gewerkschaftspresse

12/5/51

Europa kritisiert internationale Rohstoffpolitik
Der deutsche Sozialreferent in New York
US-Firma mit 1 Million Aktionären
Amerikaner fuhren 2 Millionen mal zum Mond

19/5/51

Das militärische und zivile Leistungspotential
der USA
Ein neuer amerikanischer Absatzmarkt für den
deutschen Kaufmann
Europa braucht amerikanische Kohle
- 11 -

�*

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/5/51

Mehr Frauen als Funktionäre in US-Gewerkschaften
gefordert
USA produzierten 3 520 zivile Flugzeuge
US-Lastkraftwagen werden älter
Chicago erzeugt 9 000 verschiedene Artikel

26/5/51

Ungenutzte Chancen im Wettlauf um den US-Markt
Nachgiebige Grundstoffpreise in den USA
Geschrumpfter amerikanischer Exportüberschuß
US-Gewerkschaften jetzt mit gleitender Lohnskala einverstanden
Gesellschaftsgewinne als US-Staatsproblem
US-Zivilluftfahrt dient überwiegend Berufszwecken
Wasserdichter Stoff ohne chemische Behandlung
Die amerikanische Frau im Berufsleben

2/6/51

Wall Street ist besorgt
Der Weg zum US-Verkaufsschlager
Pennsylvania als Beispiel für die Wechselwirkung des ERP
Wohin die Amerikaner in Deutschland reisen
US-Rundfunk- und Fernsehgesellschaften verdienten 555 Millionen Dollar
Amerikanische LKW'8 fahren mehr als 56 km
Stundendurchschnitt

9/6/51

Umschichtung der Einkommensverhältnisse in den
USA
Bei Macy kaufen täglich 150 000 New Yorker
Um die Verlängerung des Preis-und Lohnstops
Der "New Look" der amerikanischen Südstaaten
Facharbeiter-Nachwuchs in den USA
Amerikanische Gewerkschaftsbanken
Ratschläge für die Ausfuhr nach den USA

16/6/51

US-Jahresimporte mit 12 Milliarden Dollar veranschlagt
Währungsaufwertungen kein Mittel gegen Inflation
Gesunde Investierungspolitik der US-Regierung
Positive amerikanische Beurteilung des OEECJahresberichts
_ 12 -

�V

WIRTSCHAFT UND ARBEIT
16/6/51

Die Streikbilanz in den USA
Amerikaner konzentrieren sich auf die Vorstädte.
Land- und Großstadtflucht in den USA
Rotierende Verkaufsstände in US-Warenhäusern

2 3/6/51

Erfolgsgeheimnis in den USA: Gemeinschaftswerbung
"Eingemottetes" Verteidigungsmaterial beschleunigt Mobilisierung
Kaufleute aus dem Westen gelten in Satellitenstaaten als Spione
Neue Aufgaben der OEEC zur Schaffung einer gesunden europäischen Wirtschaft
Kostensenkung durch mechanisierten Materialtransport
Patent für eine Apfelsinen-Schälmaschine

30/6/51

Ein Jahr europäische Zahlungsunion
Der Vorsprung der US-Textilindustrie
Auch die USA haben Kohlesorgen
Was gibt die Durchschnittsfamilie in den Südstaaten aus?
Alaska ist keine Goldgrube für Arbeiter
Glänzende Berufsaussichten für Studenten in den
USA
* * * * *

Zu den mit
* bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.
- 13 -

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INHALTSVERZEICHNIS ÜBER RACHRICHTENMATERIAL UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Juli 1951 -- 30. September 1951

Seite

10

1

ALLGEMEINES

4

2.) • KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON '

30

SONDERBEILAGEN

4.)

ARTIKEL PUR DIE FRAU

6

50

JUGEND

8

6.]

GEISTIGES LEBEN

8

7.;

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

9

8.]

LANDWIRTSCHAFT

5

•

11

* * * *

* *
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bezeichneten Artikeln liefert der
»AMERIKA DIENST" kostenlos B:Lidmaterial.

Zu den mit

•

�1)

ALLGEMEINES

4/7/51

*
*
*

7/7/51
*

11/7/51

*
*

Das Aufforstungsprojekt der US-Regierung
Medizinische Farbfernsehsendungen in den USA
Die Lebensgeschichte des Geigers Joseph Szigeti
Das Ergebnis einer Reportage über die deutsche
Jugend in "Ladies' Home Journal"
Gymnastik oder Diät?
"Die großartigste Schau der Welt"
Cecil E. DeMille dreht einen großen Zirkusfilm
Ein Traum von der hohen Gotik
Washingtons Kathedrale St. Feter und Faul
Tuberkulosebekämpfung in den Vereinigten Staaten
Karl Ffaffs romantischer Keller

14/7/51

*

3essere Ausrüstung und größere Sicherheit für
amerikanische Flieder
Beef aus Foseidons' Küche
Sauerbraten aus Walfischfleisch
Hat Amerika Musikkultur?

18/7/51

*

Zeitlose indianische Kunst
Die Entwicklung einer kleinen deutschen Siedlung
in Kalifornien
Der verbrannte Dornbusch von Manes Sperber
Emanzipation der Dissonanz
Zum Tode Arnold Schoenbergs

21/7/51
*

2 5/7/51

*
*

28/7/51

Freud und Leid eines Fernsehschauspielers
Von baumloser Steppe zum führenden Agrarstaat Nebraska
Zum Wohle der Menschheit - Die Fordstiftung
Zum Tode des amerikanischen Flottenchefs
Admiral Forrest Fercival Sherman
Louisiana-Story
Zehn Jahrtausende "Neue V/elt"
Dorothy Thompson über Sinclair Lewis

*

Der erste Fullman: ein Leichenzug
Wovon die Menschen träumen
Der Forstmeister Vanderbilts
* Robert Flaherty zum Gedächtnis
*

*

�ALLGEMEINES
Stahlmetropole und Kulturzentrum
Das Gebiet um Pittaburgh (Pennsylvania)
Filmnotizen aus Hollywood
Außenpolitik am Modell
Chautauqua - die amerikanischste Sache Amerikas
Die amerikanische Baugenossenschaft "Home Builders
Ine."
Welten "entstehen und vergehen" im New Yorker
Hayden-Planetarium
William Morrow Fechteier - der neue Stabschef
der US-Flotte

1/8/51

4/8/51

Unter dem Sternenhimmel der Wüste
Stammestreffen der nordamerikanischen Indianer
Central-Valley-Projekt - eine neue Großleistung
der Technik
Der Steckbrief des Krebserregers

8/8/51

11/8/51

Zweieinhalb Jahrtausende Atomtheorie
Keine Angst vor dem Alter
Am Kreuzweg zweier Welten
Santa Fe, die Hauptstadt Heu-Mexikos
Weitjugend ohne Brotbeutel-Ideologie

15/8/51

Vergessene Welt in den Schwarzen Bergen
Chicagos berühmtes Bismarck-Hotel
Gutes Theater braucht Subventionen

18/8/51

New York - die Stadt aller Städte
Einhörner und'Wale mit Zahnprothesen
Zum Tode William R. Hearsts

22/8/51

25/8/51

*

US-Hilfe für deutsche Kriegsversehrte
Das goldene Tor zum Frieden - der japanische
Friedensvertrag
Lebensgeschichte des heute 80-jährigen Deutschamerikaners Theodor Hemberger
Ein Besuch bei den Hutterschen Brüdern in SouthDakota
Wenn man Rot von Grün nicht unterscheiden kann
Bestsellers, von denen man nicht spricht
Bibel, Kochbücher und populärwissenschaftliche
Schriften

- 2 -

�ALLGEMEINES
Präsident Truman zum"Labor Day" (3.9.51)
"Tag der Arbeit"in den USA
Kulturgeschichte aus Abfallhaufen
Ausgrabungen in Kalifornien und Arizona
500 Millionen Sterne v/erden photographiert

29/8/51

* * * * * *

1/9/51

James Penimore Cooper und seine deutschen Leser
Indianersommer - der Herbst in den Vereinigten
Staaten
Der standhafteste Soldat der Welt, eine lebensgroße Kupferpuppe, die zu interessanten Experimenten benutzt wird
Die Vereinigten Staaten und die Berliner
Festwochen

5/9/51

Das Tal der steinernen Gespenster
Aus dem Einkaufszettel des US-Verpflegungsamtes
Überraschende Clfunde in Texas
Filmnotizen aus Hollywood. II. Folge

8/9/51

Geheimnisvolles Leben auf dem Meeresgrund
Rettende Engel im Hubschrauber
Arche Noah SOS!
Walter Mehringa verlorene Bibliothek

*
*

12/9/51

*
*

15/9/51

*
*

19/9/51
*
*

22/9/51

*

Bunte Stoffe vom Bodensee
Ihr Steckenpferd: Erfinden
Zum hundertsten Geburtstag der "New York Times"
US-Verteidigungsminister Robert A. Lovett
Die Vorstadtsiedlung
Die "Muny", das erste Freilichttheater der
Vereinigten Staaten
Firnis, Benzin und Fleischersatz aus Zuckeridirabfall
Berichte und Ratschläge zum Thema: Auswanderung
nach Amerika
Blut-Kurier für Korea
Football - eine "Nationalkrankheit"
Wildes Land Montana
Roger Y/illiams, einer der bemerkenswertesten
amerikanischen politischen Denker des 17. Jahrhunderts

�ALLGEMEINES

22/9/51

Theorie und Praxis am Antioch College

2 6/9/51

Ein neuer Zweig der Wissenschaft im Dienste der
Verteidigung
»

Bericht eines Streikes der ägyptischen Bauarbeiter während der Errichtung des Grabmals für
Ramses III.
Der neue Stil der Broadw^-Shows
29/9/51

Vom Kartoffelacker zur Groß-Siedlung Levittown
Zeitungen auf hoher See
Gesunder Menschenverstand und kalkuliertes Risiko
Bildnis eines typischen amerikanischen Generals
* * * * * *

2)

KOMMENTARE VON JOHN L. MORTOI

4/7/51
7/7/51
11/7/51
14/7/51
18/7/51
21/7/51
25/7/51
28A/51

Ein •ermutigendes Zeichen
Zweckgebundene Toleranz
Ein bedeutungsvoller Schritt
Ein konstruktiver Friedensvorschlag
Verhängnisvolles Zögern
Kontroverse um Spanien
Die Verteidigung ist unteilbar
Keine Zeit für lange Dispute
* * * * * *

1/8/51
4/8/51
8/8/51
11/8/51
15/8/51
18/8/51
22/8/51
25/8/51
29/8/51

Marshallplan und Verteidigung
Berlin - entscheidender als Persien und Korea?
Der rote Bluff
"Friedensaggression"
Washingtons Kurs liegt fest
Geringe Chancen für Moskau
Notwendige Klarstellungen
Täuschungsmanöver in Kaesong
Offenheit,aber keine Obstruktion

- 4 -

�KOMMENTARE VON JOHN L. MORTON
1/9/51
5/9/51
8/9/51
12/9/51
15/9/51
19/9/51
22/9/51
26/9/51
29/9/51

Frei und gleichberechtigt
Weder Rachegefühle noch Ressentiments
Der Friedensvertrag mit Japan
Verhandlungen um Deutschland
Im Zickzack-Kurs zum alten Ziel
Im entscheidenden Stadium der Entwicklung
Wer sagt "Soldaten zweiter Klasse"?
Was will Grotewohl?
Friedensabkommen mit Deutschland

* * -x- * * *

3)

SONDERBEILAGEN

7/7/51
11/7/51

Rede Präsident Trumans vom 4. Juli 1951 anläßlich der 175« Wiederkehr des Tages der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
Trumans Schreiben an Schwernik und die Freundachaftsresolutiön des amerikanischen Kongresses
(vom 7.7.51)
E'isenhower fordert politische und wirtschaftliche
Integration Europas (Rede vom 3.7.51)
Präsident Truman ersucht US-Kongreß um Beendigung des Kriegszustandes mit Deutschland
(Schreiben vom 9.7.51)

2 5/7/51

Rede des- US-Außenministers Dean Acheson anläßlich
der 2 50-Jahrfeier der Stadt Detroit (Michigan)
(vom 24.7-51)

28/7/51

Wortlaut des Begleitschreibens, das Präsident
Truman am 26.7.51 zusammen mit einem Bericht von
US-Außenminister Dean Acheson über die Teilnahme der USA an der Arbeit der UN im Jahre 1950
dem US-Kongreß übergab
Wortlaut der Stellungnahme des HS-Außenministers
Dean Acheson vom 26.7.51 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats zu dem von der amerikanischen Regierung vorgeschlagenen gegenseitigen Sicherheitsprogramm"
* * * * * *

- 5 -

�SCNDERBEILAGEN

1/8/51
22/8/51
29/8/51

1/9/51

12/9/51
22/9/51

29/9/51

Rede des amerikanischen Präsidenten vom 28. Juli
1951 anläßlich der 250-Jahrfeier in Detroit,
Michigan
Zusammenfassung des siebenten ViertelJahresberichts des US-Hochkommissars für Deutschland
Revidierter Entwurf des japanischen Friedensvertrages

Das Gesicht der heutigen deutschen Presse
Abschnitt des siebenten Viertel Jahresberichts
des US-Hochkommissars John J. McCloy
Buttenwieser zur deutschen Kohlenversorgung
(30.8.51)
Sicherheitspakt zwischen USA und Japan
Wortlaut der Deklaration von Ottawa und des
Schlußkommuniques der Tagung des Atlantikrates,
(vom 20. September 1951)
Deutschland und der Westen
Aus:"London Economist"
* * * * * *

4)

ARTIKEL FÜR DIE FRA.U

4/7/51

18/7/51

1/8/51

Das "Bachelor-Girl"
Die unverheiratete Frau in den USA
literarische Grenzen bei den männlichen Autoren
Amerikas konstatiert Kritiker Donald Adams
"Mein Vati ist stärker als Deiner . . ."
Kindliche Rivalitäten und kleine Schlägereien
US-Institut für chemische Reinigung und Färben
bringt nützliche Hinweise zur Fleckenentfernung
Eindrücke weiblicher Bundestagsabgeordneter in
den USA
Ein Bericht der UN über Kinder- und Jugendfürsorge
Was man beim Kaufe einer Sonnenbrille beachten
sollte
Mme. Beran lehrt die Damen der Washingtoner Gesellschaft die hohe Kunst der französischen Küche
Demagogentum bekommt der Frau schlecht
Freiheit ist Verantwortung

�ARTIKEL FÜR DIE FRAU
1/8/51

*

Stellenmärkte zur Auswahl
Angeborener Schwachsinn - kein unabwendbares
Schicksal mehr?
Ein schreiendes Häufchen Unheil
Ein verliebter Vater beschreibt seine kleine
Tochter
Wettbewerb für Amateurschneiderinnen im New
Yorker Waldorf Astoria Hotel

15/8/51

*

Die kristallene Welt des Cembalos
Frauen und Diplomatie
Syracuse - das Ivleissen Amerikas
Zehn Ratschläge für Erfolg im Beruf
Modevorschau auf den ^erbst
31 Jahre Wahlrecht für die amerikanische Frau
Frau Bürgermeister!persönlich
Zehn Gebote für Ehefrauen
Fliegengitter-Metropole in Mount Wolf, USA
Man trägt Baretts, gnädige Frau

29/8/51

12/9/51

*
*

26/9/51

Das Jugendamt der Stadt New York
"Wenn Mutti sich bloß nicht immer einmischen
wollte . . . "
Insekten a la carte
Jahrhundertealter Mottenkampf
Die Entwicklung der Frauencolleges in den USA
Kinder als Künstler
Lieber altmodisch, aber gemütlich
Interviews und Rundfragen beeinflussen die Baupläne amerikanischer Architekten
Grau ist durchaus nicht "greulich"
Grau in der diesjährigen amerikanischen Herbstund Wintermode
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA DIENST"
kostenlos Bildmaterial.

- 7 -

�5)

J U G E N D

Juli 1951

*

Hunde, die dem Menschen helfen
Der "stampfende Büffel" haßt Boogie-Vfoogie
Aus dem Alltag der Onondaga-Indianer
Im Zeichen der Maultrommel
Kang Wa, die Seidenraupen und der Kobold in der
Dachrinne
Der Mann, der Amerika seinen Namen gab
Zum 500. Geburtstag von Amerigo Vespucci

August 1951 *

Der Tanz ums Lagerfeuer
Wie die Indianer ihre Trommel und ihre Tänze
bekamen
* Wie man in Alaska lebt
Wie mit den Augen einer Katze
Das Geheimnis der infraroten Strahlen
Aus 12 PS wurden 14 000
* Zum Geburtstag Orville Wrights, des Pioniers
des Motorflugs
Lorenz Hagenbeck in Amerika

Sept. 1951

Die
Die
Der
Der

seltsamen Bewohner der "Carlsbad-Caverns"
sieben goldenen Städte
Leuchtturm der Kinder
Feuervogel
* * * * * *

§2__55I§II5§S_LEBEN_
Juli 1951

Käuze auf der Kiste
Seifenkisten als Kanzel und Rednertribüne
Judentum und westliche Kultur
Wie man Freunde gewinnt
"Stalag 17" auf der New Yorker Bühne
August 1951
Die Tragödie der "deutschen" Indianer
Unsere Ahnen waren gar nicht von gestern
* Zur Bauhausausstellung im Busch-Reisingermuseum
an der Harvard-Universität
COp statt Psychoanalyse?
Sept. 1951

Sauerkraut und Weltschmerz
50 000 Worte Amerikanisch
Hervorragende Deutsche in den USA:
Dietrich von Hildebrandt
Das Ende der Rassenschranken
Menschen und Maschinen
* * * * * *

- 8-

�7) WIRTSCHAFT UND ARBEIT
7/7/51

*

U/7/51

*
*

21/7/51

Die US-Industrie seit Ausbruch des Korea-Konflikts
Petroleum-Chemie dürfte Gesicht unseres Jahrhunderts verändern
Das Empire State Building wechselte den Besitzer
Politbüro wünscht keine Prozentzahlen mehr
Die Lohntendenz in den USA
US-Produktionsmaschine läuft auf vollen Touren
Washington hat volles Verständnis für West-Osthandel in Europa
Neue Methoden beim Eigenheimbau in den USA
Schluchseekraftwerk schafft neue Energiequelle
in Südbaden
Gleiche Urlaubsbedingungen für Arbeiter und
Angestellte in „den USA

Absatzsorgen beim US-Handel
Stahlboom in den USA
*
a Informationsreise nach Salt Lake City
Marshallplanhilfe und Ost-Westhandel
Elastischere Handhabung der US-Auslandshilfe

28/7/51

Lebensversicherung trotz KaufkraftSchwankung
Exportchancen im amerikanischen Westen
Kleinststückelung ermöglicht jedem Amerikaner
den Erwerb von Aktien
Günstige Ernteaussi.chten für Baumwolle
* * * * * *

8/8/51
*

18/8/51

Käufer contra Kaufmann
Tauziehen um die Preise in den USA
Radioaktive Isotopen im Dienste der Industrie
Vom Fußballstar zum Kleiderkönig
Mr« Meyers zieht die Frauen an
Neger in den US-Gewerkschaften
Umsatzsteigerung ohne Gewinnerhöhung
US-Gesellschaften füllen Steuersäckel
Vor einer allgemeinen Lohnanpassung
Auch die USA stehen vor dem Problem der
Lohn-Preisspirale

_ 9_

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WIRTSCHAFT UND ARBEIT
18/8/51

*
*

25/8/51

Immer mehr Warenhäuser auf Rädern in den USA
Die Internationale Genossenschaftsbewegung
Vom Notquartier zum Eigenheim - Bergarbeitersiedlungen, Werkswohnungen und Aufbauwohnungen
für Flüchtlinge

Ein Startzeichen für den deutschen Handel
Importgeschäft in den USA zeigt neue Belebung
* Die Amerikaner feiern den Labor Day
* Blüte in der Wüste - Das Sonnen- und Industrieland Kalifornien
Weiches V/asser - ein lohnendes Geschäft
Die Vertriebenenbank berichtet über Verwendung
der ERP-Gelder
* * * * * *

1/9/51

*

US-Regierung veröffentlicht Sicherungsprogramm
für Industrie
Japan kann keine Reparationen zahlen
USA befürworten einen Versöhnungsfrieden
Die Lage in der amerikanischen Kohlenindustrie
Steigender Bedarf bei steigender Produktion
Lohnstop - ein Konterschlag für US-BaseballSpieler
Wirtschaftsaufschwung am Bodensee

*

Materialverknappungen in den USA
Entwicklung der US-Flugzeugindustrie
Die 10O 000-Mann-Betriebe in den USA
Fernlaster durchqueren die USA

*

8/9/51

15/9/51

*

22/9/51

US-Gesellschaften zahlten 3,6 Milliarden
Dollar Dividenden
Takonit für die Erhöhung der Stahlproduktion
Eine Goldgrube im Mississippi-Sumpf
Schwefel ist das Salz der Industrie
Der beste deutsche Wohnungsbauer wird gesucht
über 17 Millionen Krankenhaus-Zusatzversicherungen in den USA

US-Bruttosozialprodukt auf Rekordstand
Wer bezahlt die Neubauten der Industrie?
* Besitzwechsel im "Pfannenstiel" von Texas
Elegante Garderobe - auf dem Acker gezogen

- 10

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
22/9/51

Die Schweiz und die Organisation der westeuropäischen Kohlenwirtschaft
* Amerikanische Erfahrungen für Deutschlands
Wirtschaft

29/9/51

Gleicher lohn für gleiche Arbeit
Totale Planwirtschaft bedeutet Leistungsrückgang. Chamberlin befürwortet westdeutschen
Wirtschaftskurs
* Pferde helfen Bier verkaufen
Je nach Bedarf: Polizist oder Feuerwehrmann
Arbeitslosenziffer in Deutschland um 14$
gesunken
Anruf genügt - Anzug gereinigt
Kleiderpflege in der Telefonzelle
* * * * * *

§1__£-A™I??SCHAFT
September 1951 US-Landwirtschaftsminister ist optimistisch
Eindrücke einer zweiwöchigen Studienreise durch
Westdeutschland
* Das Geheimnis der kalifornischen Fruchtbarkeit
Bodenbearbeitung per Flugzeug
Wilder Reis - Delikatesse für Feinschmecker
Sterilitätstest im Laborwagen
USA bauen ihren Flachs selbst
Das Einkommen der amerikanischen Farmer
* * * * * *

Zu den mit * bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

- 11 -

�A M E R I K A

D I E

S

T

INHALTSVERZEICHNIS ÜBER NACHRICHTENMATERIAI UND ARTIKEL DES
"AMERIKA DIENST"
vom 1. Oktober 1951 - 31. Dezember 1951

Seite

1. ALLGEMEINES

1

2. KOMMENTARE

5

3. SONDERBEILAGEN

5

4. ARTIKEL PUR DIE FRAU

7

5. JUGEND

9

6. GEISTIGES LEBEN

10

7. WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11

8.

14

LANDWIRTSCHAFT

* * * * * *

Zu den mit
*
bezeichneten Artikeln liefert der
"AMERIKA DIENST" kostenlos Bildmaterial

�ll_ .J^£GEMEINES_
3/10/51

"DH MEDICO"-Ärztliche Behandlung per Funk auf
hoher See
Stahlplatten vor dem Röntgenschirm
* Die amerikanische Nationalgalerie in Washington
Über die Grenzen des Heims hinaus
Gedanken zur Internationalen Frauenkonferenz in
Hindelang/Allgäu

6/lO/bJ

* Die Geschichte der "Crane-School" in Oregon
Reiselustiges Amerika
Auslandsreisen amerikanischer Touristen im
Jahre 1951
Thomas Eakins, ein amerikanischer Filmpionier

10/10/51

* Eine Kirche für 30 000 Pfund Tabak
Milium - das Textilwunder
* Round-up Timew in den USA
Die Zeit des Viehabtriebs

12/10/51

Unfallverhütung im Autoverkehr
* Frische Fische - eisgekühlt
Die kleinen Geschwister der Erde
Die Erforschung der Planetoiden

17/10/51

Außenpolitik und öffentliche Meinung
Zeitalter der Retorte
75jährige Gründungsfeier der amerikanischen
Gesellschaft für Chemie
* Jugendliche Initiatoren
Kinder schufen sich eine Bibliothek

19/10/51

* Louisville, Kentucky, eine Stadt mit persönliche:
Note
Atom als Fracht und Treibstoff
Der kommende Bomber der US-Air Force
Klingende Künde von drüben
Der erfolgreiche Komponist und Dirigent
Glbson Morrissey in üarmstadt

�ALLGEMEINES
24/10/51

Miniaturinstrumente erschließen die geheimnisvolle Welt der Mikroorganismen
* Größere Ernten bei geringerer Arbeitsleistung
durch Verbesserung der Methoden
Buchbesprechung: Roland Baintons Lutherbiographie
"Here I stand"

26/10/51

Angst, die ansteckendste aller Seuchen
Schaumgummi
* Mutter Collage und ihre Kinder
Die Kunst, mit der "Schere zu malen"

31/10/51

* Radioaktive Isotope in der Diagnostik I.
Versuche mit Gummibeimischungen zum Straßenasphalt
Ein Kamin erzählt die Menschheitsgeschichte
* * * * * *

2/11/51

Radioaktive Isotope in der Diagnostik II.
* Riesentransportflugzeuge erweitern internationalen Handel
Deutschland an dritter Stelle der Länder, die
Studenten nach den USA schicken

7/11/51

9/11/51

* Fliegen steht auf dem Schulplan einer amerikanischen Schule
Das erste Interlingua-Wörterbuch für engl. Sprache
Konservierung durch Elektronenbeschießung
Salzfreie Kost kann durch erhöhten Blutdruck
verursachte körperliche Störungen heilen
* Riesenkamera für strategische Luftaufnahmen
Buchrezensionen aus den Archiven der
"New York Times"

14/11/51

Wetterstationen auf dem Treibeis der Arktis
* Ein privates Experiment überstaatlichen Zusammenlebens
- 2 -

�ALLGEMEINES
14/11/51

* 22. November 1951, Thanksgiving-Day Amerikas

16/11/51

* Organisationen ehemaliger Kriegsteilnehmer in
den USA
Flugkonstrukteure wappnen schnelle Maschinen
gegen Regentropfen
Olney (Illinois) ist augenblicklicher Bevölkerungsmittelpunkt der USA

21/11/51

* Washington, der immergrüne Staat
Zweckgebundenes kindliches Spiel
Betrachtungen über pädagohischen und therapeutischen Wert des Kinderspielzeugs
Amerikanische Nobelpreisträger 1951 (I)
Dr. Max Theiler besiegt das Gelbe Fieber

23/11/51

* Im Schnittpunkt zweier Welten
Überland-Gasleitung von Texas nach San Franzisko
* Cecil B. De Mille, der Mann, der 1912 Hollywood
schuf
Amerikanische Nobelpreisträger 1951 (II)
Glenn Th. Seaborg und Edwin McMillan - Erforscher
neuer chemischer Elemente

28/11/51

* Morelos - ein Damm, den Freundschaft errichtet hat
Amerika

rüstet zur Olympiade 1952

Die Atmosphärenzone der Erde
30/11/51

* Das Übersetzungsbüro der Fordwerke
Die hundert Sensationen des letzten Jahrhunderts
Blindenfürsorge nach deutschem Vorbild
* * * * * *

5/12/51

* Aspen in Colorado - Wintersportplatz unö. Kulturzentrum
"Le Sabre" - das Auto der Zukunft
Hollywood greift nach den Sternen
- 3 -

�ALLGEMEINES.
7/12/51

Probleme des alternden Menschen
* Das Weiße Haus in neuem Glanz
Funkstation empfängt Morsebotschaft via Mond

12/12/51

* Die "Independence" - das Sonderflugzeug des
amerikanischen Präsidenten
Zwangshandlungen, Ticks und Phobien sind weder
Symptom noch Ursache von Geisteskrankheiten
Unser gequältes Zeitalter
Buchbesprechung von Eugene Lyons
* Vereinigung deutsch-amerikanischer Klubs hilft
Tuberkulosekranken in der Bundesrepublik

14/12/51

* Das schönste Geschenk: ein demütiges Herz
* Weihnacht im amerikanischen Bethlehem
Der Weihnachtsmann von Hollywood
Lieber kleiner Bobby: Ein Weihnachtsbrief
Die unvermeidliche amerikanische Office-Party

19/12/51

Ausblick auf die Entwicklung der amerikanischen
Innenpolitik im Jahre 1952
Die deutsche Bundesrepublik im Jahre 1951
Die bedeutendsten Ereignisse des Jahres 1951
Die wichtigsten Forschungsergebnisse amerikanischer Wissenschaftler im Jahre 1951
Im Jahre 1951 starben.

21/12/51

Die amerikanische Negeranwältin und ehemalige
UN-Delegierte Edith Sampson auf Deutschlandreise
* Kansas, Land im Zeichen der Sonnenblume
Künstlicher Regen als Streitobjekt
* * -* * * *

- 4 -

�2]__K0MMENTARE_
17/10/51

Ägypten am Scheidewege

24/10/51

Der amerikanische Verteidigungsbeitrag

26/10/51

Schutzwall der Freiheit

31/10/51

Blick nach Straßburg
* * * * * *

2/11/51

Unberechtigter Pessimismus

7/11/51

Das SS-Gespenst

9/11/51

Der Frieden geht alle an
Betrachtungen zum Vorschlag einer ViermächteKonferenz

16/11/51

Eine bedeutungsvolle Aussprache

21/11/51

Ein warnendes Beispiel

23/11/51

Die Straßburger Gespräche

28/11/51

1) Die Verantwortung der Presse
Von Shepard Stone, Direktor des Amtes
für öffentliche Angelegenheiten, HICOG
2) Straßburg, Paris und Rom

50/11/51

Ein Frieden ohne Furcht
* * * * * *

5/12/51

Staatsbesuch des deutschen Bundeskanzlers in
London

7/12/51

Gewerkschaften in der Zwangsjacke

12/12/51

Eine brennende Frage

21/12/51

Keine Entscheidung ohne Deutschland
* * * * * *

3)S0NDERBEILAGEN
6/10/51
US-Note weist tschechoslowakische Anschuldigungen
zurück

- 5-

�17/10/51

Rede Harry S. Trumans vom 15. Oktober 1951 über
die Verständigungsbereitschaft der USA gegenüber
Rußland
Briefwechsel zwischen Bundeskanzler Dr. Adenauer
und der Alliierten Hochkommission zum Vorschlag
der Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen

19/10/51

Zum 24 Oktober 1951» dem Tag der Vereinten
Nationen

24/10/51

Acheson zur außenpolitischen Situation der USA
(21.10.51)

26/10/51

Proklamation Trumans zur Aufhebung des Kriegszustandes zwischen den USA und Deutschland (24.10.51)
* * * * * *

7/11/51

Erklärung der Westmächte zur Frage gesamtdeutscher Wahlen

9/11/51

Dreimächteerklärung zur Abrüstungsfrage
Präsident Truman unterbreitet neue Abrüstungsvorschlage
Acheson vor der UN-Vollversammlung in Parle

21/11/51

Abrüstungsvorschlag der 3 Westmächte
Resolution des ersten politischen Ausschusses
der UN-Vollversammlung vom 19.11.51
* * * * * *

5/12/51

UN-Resolution über freie gesamtdeutsche Wahlen

12/12/51

Die Ausführungen der Vertreter der Bundesrepublik
vor dem zweiten politischen Ausschuß der UN-Vollversammlung

19/12/51

McCloy fordert Integration Europas
(Rede vom 17.12.51)
* * * * * *

- 6 -

�O-ABlIKEIuEÜB-DIE-EBAII.
1.0/10/51

* Omowale, das Kind, das heimfand
Erlebnis einer amerikanischen Neger-Tänzerin
im afrikanischen Busch
Die gute "neue" Zeit
Amerikanische Ärztin berichtigt weitverbreiteten
medizinischen Aberglauben
Sieben-Punkte-Programm für herzkranke Hausfrauen
* Internationale Prauentagung in Hindelang
»

24/10/51

Gleichberechtigung von Mann und Frau vor dem
Gesetz
Kundendienst par excellence - ein supermodernes
Einkaufszentrum
Jane Addams - Amerikas nützlichster Bürger
Kindliche Unarten bei den Mahlzeiten
Der gefrorene Bacchus - Zu einem neuen französischen Verfahren zur Kristallisierung von Wein
* * * * * *

7/11/51

Aus derArbeit der Referentin für Prauenfragen
beim deutschen Generalkonsulat in Näw York
Herbststürme der Ehe
* Vom Aschenbrödel zum Modefavoriten - Wolljersey
Die Lady auf dem Pernsehschirm - Pay Emerson
Proteingehalt auch in der Konserve voll erhalten
Ständig steigender Verbrauch von synthetischen
Reinigungsmitteln in USA
Abmagerung durch Hypnose

21/11/51

* Helen Träubel, die gefeierte Sopranistin der Met
Broschüre "Über den Umgang mit SäigLingen"
. . . und der Himmel beschützt sie
Eine heiter-besinnliche Betrachtung
Ist Pleischessen gesund?

�ABlIKSi-EÜB-CIE-SSÄU.
21/11/51

Die arbeitende Frau und die neue Sozialgesetzgebung
Bevorzugte Käsesorte: Cheddar
Deutsche Frauen - entscheidender Paktor der
europäischen Politik
Eleanor Roosevelt: "An den Frieden glauben ist
nicht genug"
Ellen McCloy: "Frauen als Wegbereiterinnen für
Frieden und Völkerverständigung"
# * * * * *

5/12/51

Grenzstationen der Freiheit
* Spielen muß Spaß machen
* Zum 50. Geburtstag der bekannten amerikanischen
Anthropologin Dr. Margaret Mead
Neun Gebote für den Familenfrieden
Vielfältige Wintermode
. . . und zum Weihnachtsfest: echten Plumpudding
* # * * * *

19/12/51

* Für eine bessere Welt der Kinder
Der Internationale Kinderhilfsfonds der Vereinten
Nationen
Jugendliche beraten Jugendliche
Aus der Arbeit der UN-Kommission für Frauenrecht
* Kleine Pelze - große Mode
Tips für Kinderkleidung
Wolle aus Erdnüssen
*

* * * * *

- 8 -

�5_1_JUGEND
Oktober

1951

Wie d e r Regenbogen e n t s t a n d
Eins Indianerlegende
Prunes
Die wahre Geschichte eines kleinen, treuen
Maulesels
Halloween - Die Nacht des Hexenzaubers
Eli und die Katze
Von der "schrecklichen Eidechse" bis zum
hüpfenden Vogel"
Überblick über das Zeitalter der Reptilien
* * * * * *

November 1951

Die Jugendgeschichte von Pecos Bill, einer der
bekanntesten Gestalten der amerikanischen
Volkssage
Ein amerikanischer Geschäftsmann verkauft
"dressierte" Ameisen
Ohne Geld durch Amerika
Das Geschenk der "Salz-Frau"
* Entwicklung und Verwendungsmöglichkeiten des
Hubschraubers
* * * * * *

Dezember 1951

Wie Santa Claus zu seinen Renntieren kam
Eine amerikanische Weihnachtsgeschichte
Das Geschenk der drei Weisen aus dem Morgenlarde
Eine Weihnachtsgeschichte aus Puerto Rico
Wie Potawamani den Eisriesen besiegte
Eine Indianerlegende
Anook
Eine Hundegeschichte aus dem hohen Norden
Ein Weihnachtskind für Cherokee
Eine weihnachtliche Episode aus dem "wilden
Westen"
* * * * * *

- 9-

�'6) GEISTIGES LEBEN
Oktober

1951

Technische und medizinische Probleme der
Weltraumschiffahrt
* Moderner Kirchenbau auf uralten Wegen
Kleiner Mann mit weißem Kragen
Hier irrte Marx
Von der Wahrscheinlichkeit des Überlebens
Nicht Darwins"Kampf ums Dasein", sondern die
Liebe ist das oberste Gesetz der Natur
*

November 1951

*

*

*

*

*

Eine Analyse des sowjetischen Arbeitspotentials
* Ein amerikanischer Komponist diskutiert
Filmmusik
Von Aaron Copland
* Betrachtungen zu Herman Melvilles WalfängerEpos "Moby Dick"
Theater ohne Requisiten
Charles Laughton, Cedric Hardwicke, Charles
Boyer und Agnes Moorehead "sprechen" Bernard
Shaw
Berühmte Balletts werden verfilmt
Literarischer Reisepaß
Sigmund Romberg gestorben
Frieda Hempel, die Unverwüstliche
*

Dezember

1951

* * * * *

Amerika und der europäische Geist
Ein Viertel Jahrhundert amerikanisches Theater
Fünfzig Jahre Friedensnobelpreis
Der Stein von Keleschin
Vor der Entzifferung der rätselhaften Felseninschrift in Armenien
Amerikanische Autoren auf dem deutschen Büchermarkt :
"Zuchthaus in San Franzisko" von Clinton Duffy
Dean Jenrings
"Gärung in Fernost" von Mary A. Nourse
- 10 -

�GEISTIGES LEBEN
Dezember

1951

Ausschreibung eines internationalen Kunstwettbewerbs
Max Hachenburg gestorben
Journalistisch - was ist das?
Mehr konfessionelle Mischehen
*

*

*

*

*

*

12J£55£SCHAFT_UND_ARBEIT_
5/10/51

Die Preise fallen
Der gewandelte Markt in den USA
Die militärischen Hilfeleistungea der USA
Neuer Höchststand des Weltexports an Kraftfahrzeugen
Deutsche Arbeiter werden wie Amerikaner in den
USA leben
* Elektrizität verwandelt die Landschaft
Bayerischer Landkreis als Beispiel für die
westdeutsche Entwicklung

12/10/51

Die USA suchen Werkzeugmaschinen
"Small Business" und Verteidigungsproduktion
Austauschstoffe bewähren sich
Gewerkschaftlicher Zusammenschluß der
Filmkomparsen
Rationalisierungskuratorium der Deutschen
Wirtschaft als ^roduktivitätszentrale

19/10/51

US-Markt ist stabil geblieben
Kraftstrom-Sorgen in den USA
Arbeiter für Amerikas Gruben gesucht

- 11 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
19/10/51

* Wie amerikanische Arbeiter sich erholen
Amerikanische Fachleute als Berater für westdeutsche Ostexporte

2 6/10/51

Warum die USA internationale Kartelle ablehnen
US-Arbeiter geben Unternehmer Kredit
Mehr Steuern für die Amerikaner
* Das sind Public Relations
American Telephone legt den richtigen Draht
* Der ECA-Dcllar verdoppelt sich
Europa wird mit Gegenwertmitteln aufgebaut
*

'11/51

*

*

*

¥r

#

Export-Preisindex liegt unter Importindex
Der ungewöhnlichste Laden der Welt
leichter verkaufen - besser kaufen
Gewächshaus als Film-Labor

9/11/51

* Kunststoffe, alltägliche Wunder von heute
und morgen
Deutscher Stahl weiter stark gefragt
Hallo - hier spricht "Höflichkeit und Co."
Angespannter Arbeitsmark:; in den USA

16/11/51

* Die Porzellanmetropole der Welt liegt in
Deutschland
Scharfer Steuerdruck in den USA
Die "Kapitalisten" werden gezählt
Verdoppelung des deutschen USA-Exports

23/11/51

US-Regierung fördert private Auslandsinvestitionen
* Erweiterung der Umschulungsprogrrimme für erwerbsbehinderte Arbeiter
- 12 -

�WIRTSCHAFT UND ARBEIT
23/11/51

* Rekordtraubenernte in Kalifornien
Steigende Erdölproduktion in USA
Holztrocknung mit Hochfrequenzstrom

30/11/51

Zunahme der Spartätigkeit
Wer verfügt über das Haushaltsgeld?
Steigende Löhne in der US-Eisen- und
Stahlindustrie
Gewerkschaft "Polizei"
US-Spielwarenhandel rechnet mit gutem
Weihnachtsgeschäft
* * * * * #

7/12/51

287 europäische Wirtschaftler gewinnen Einblick
in die US-Produktionsmethoden
Synthetischer Kautschuk holt auf
Neuartige Wege zur Erzielung echter Leistungslöhne
Entspannung auf dem Metallsektor in Sicht
Neues Schmierpulver für die Industrie
Ferngesteuerter Spielzeugjeep

14/12/51

Möglichkeiten zur

Steigerung des USA-Exportes

"Big Business", amerikanische Weihnachten und
deutsche Spielwaren
Die Bedeutung der US-Gesundheitsprogramme
im Rahmen der Tarifverträge
Die besten Wohnungsbauer Westdeutschlands wurden
gefunden - ECA-Architektenwettbewerb
21/12/51

Die allgemeinen Tendenzen der US-Wirtschaft 1951
Erfolgreiche Steuerpolitik der US-Regierung
Schaubild über die Ausweitung der US-Industrien
1938-1951

- 13 -

�LANDWIRTSCHAFT
Dezember 1951

Bericht über die Terpentinölgewinnung in
Georgia
Dattelernte im Imperial Valley
USA-Farmer nehmen ihrem Rindvieh die Hörner ab
Fünfzehn Regeln für den Landwirt
Kampf den Unfällen auf dem Bauernhof
Kuh bringt fremdes Kalb zur Welt
ECA schickt Obstveredlungsreiser nach Italien
Bodenverbesserung auf kollektiver Basis
* * # * # #

Zu den mit *
bezeichneten Artikeln liefert der "AMERIKA
DIENST" kostenlos Bildmaterial

- IS -

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ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gehrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

I I I - 20

F r a n k f u r t , 2 1 . J u l i 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Truman:

Gewerkschaften fuehrend im Kampf um

Freiheit

1

AFL k r i t i s i e r t Adenauers Aeusserungen

- - - -

2

Das Problem der k l e i n e n Einkoiamen - - - - - Amerikanische Gewerkschaften warnen vor arbeiterfeindlicher Propaganda - - - - - - - - -

3
5

Das internationale freie Gewerkschaftswesen
erzielt Fortschritte - - - - - - - - - - -

8

Arbeiterfeindliche amerikanische Zeitschrift
verherrlicht Streikbruch

- - - - - - - - -

Schuman-Plan-Komitee des IBFG

- - - - - - - -

10
12

Die Geschichte der Stahlarbeitergswerkschaft
Amerikas ist mit Lettern in Blut geschrieben 13

TRUMAN;

GEWERKSCHAFTEN FUEHREND IM KAMP? UM FREIHEIT

Einer Rede Praesident Trumans auf dem Jahreskongress der Amerikanischen Zeitungspersonalgewerkschaft in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten entnehmen wir einige interessante Ausführungen.
Der Praesident zollte allen Zweigen der Gewerkschaftsbewegung
seine besondere Anerkennung fuer die Arbeit, die zur Foerderung des
Gewerksohaf tsgedankens auf der ganzen V/elt geleistet worden ist.
"In zahlreichen Laendern waren die schaffenden Maenner und Frauen der intensiven Propaganda und den Infiltrationsversuchen der kommunistischen Agitation ausgesetzt. Unsere freien Gewerkschaften
sind besser als irgendeine andere Organisation in der Lage, dem
kleinen Yann wirksam vor Augen zu fuehren, dass die Kommunisten nicht

�um seine Wohlfahrt besorgt sind, sondern ihn zur Verfolgung der
imperialistischen Ziele einer aggressiven Fremdmaoht missbrauchen
moeohten."
"Unsere Gewerkschaften koennen den Arbeitern anderer Laender
am besten zeigen, dass der demokratische und nicht der kommunistische Weg zur wirklichen wirtschaftlichen Gesundung fuehrt."
Truman erklaerte weiter, dass sich die Kommunisten die verheerenden wirtschaftlichen Verhaeltnisse, die in vielen Teilen der
Welt herrschten, zunutze machten. Eines der Kampfmittel gegen den
Kommunismus muss deshalb die Hebung des Lebensstandards in diesen
Gebieten sein.
"Wo die Hammer-und-Sichel-Leute mit inneren Gewaltakten und
bewaffneter Aggression vorgehen, wie zum Beispiel in Korea, muesse
dem Volk, das entschlossen sei, seine ünabhaengigkeit zu verteidigen, jede nur moegliche Hilfe gewaehrt werden."
"Es genuege nicht, Aggressionen nur abzuwehren, Amerika muss
mit allen Regierungen, die das ehrliche Bestreben haben, das Los
ihres Volkes zu bessern, zusammenarbeiten.n
Truman erklaerte, dass durch das Punkt-Vier-Programm, das der
technischen Unterstuetzung rueckstaendiger Gebiete diene und kuerzlich von dem Kongress gebilligt worden sei, in dieser Hinsicht viel
getan werden koenne.
"Wenn es uns nicht gelingt, ein
durchzusetzen, laufen wir Gefahr, an
Millionen Menschen zu verlieren, die
Not den Blick vertrauensvoll auf uns

wirksames Punkt-Vier-Programm
den Kommunismus Hunderte von
in ihrem Kampf gegen Hunger und
gerichtet haben."

"Wir unterstuetzen dieses Programm, weil wir eine friedliche
und freie Welt erstreben, in der alle Menschen als gute Nachbarn
zusammenleben koennen."
LABOR
VII/1/50
Arnold Beiohman, New Yorker Korrespondent der AFL News Service:
AFL KRITISIERT ADENAUERS AEUSSERUNGEN ,
Der Amerikanische Gewerkschaftsbund (AFL) hat den Kanzler der
deutschen Bundesrepublik, Konrad Adenauer, darueber unterrichtet,
dass seine kuerzlich gehaltene Rede, in der er zum Ausdruck brachte, Amerika und Russland seien gleichermassen fuer die Bedrohung des
Friedens verantwortlich, "alle Amerikaner schwer enttaeuscht habe,
die dem freundschaftlichen Verhaeltnis und einer engen Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten"und der wiedererstandenen demokratischen westdeutschem Republik; grosse Bedeutung beimessen."
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In einem 2.500 Worte langen Schreiben an den Chef der Bonner
Regierung legte Matthew Woll, der zweite Vizepresident und Vorsitzende des AFL-Komiteea fuer Internationale Arbeitsheziehungen,
Konrad Adenauer zur r.Last, sich politischer Argumente bedient zu haben, die nicht der Wahrheit entapraechen und im Widerspruch zu allen
Tatsachen der juengsten Geschichte stuenden.
Dleseg Schreiben der AFL folgte einem zusammenfassenden Bericht
ueber die Rede Adenauers, der am ZZ, Mai in der New York Times erschienen war.
- Z

�Matthew V/oll protestierte dagegen, dass Adenauer den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion fuer die gegenwaertige gefaehrliche
Weltfriedenslage die Schuld zuschob.
Er machte dem Bundeskanzler den Vorwurf, dass heute mehr und
mehr Beweise dafuer vorliegen, ndass gewisse deutsche Grossindustrielle sich eifrig darum bemuehten, Handelsverbindungen mit den
Laendern hinter dem Eisernen Vorhang aufzunehmen, und dass diese
Absicht, wie in normalen Zeiten mit Russland Geschaefte abzuwickeln,
trotz der Tatsache noch staerker geworden sei, dass fuer die Sowjetunion Aussenhandel nicht Kaeufe und Verkaeufe, sondern ein Mittel
zur politischen Durchdringung, Erpressung und zum schliessliohen Umsturz sei."
"Wie konnten Sie also, Herr Bundeskanzler, auch nur den Versuoh
unternehmen, einen Vergleich zwischen der Aggressionspolitik der totalitaeren Diktatur Russlands und dem von einer grossen amerikanischen Demokratie verfolgtem konstruktiven und friedlichen Kurs zu
ziehen, dessen Ziel internationale Harmonie und der Fortschritt der
Menschheit sind?"
Matthew Woll erklaerte ferner, die Politik der Nachgiebigkeit,
der es in den Muenchener Tagen nicht gelungen sei, den Frieden zu
erhalten, "biete keinerlei Moegliohkeit, die Katastrophe eines internationalen Weltbrandes zu verhindern."
Abschliessend sagte er: "Es liegt also klar auf der Hand, dass
eine nachgiebige Politik seitens der Vereinigten Staaten die internationale Spannung nicht vermindern, sondern sie im Gegenteil verschaerfen wuerde, weil sie letzten Endes - wenn auch unbeabsichtigt - die
russische Aggressions- und Ausdehnungspolitik ermuntern und verstaerken muesse."
Es kann mit voller Berechtigung behauptet werden, dass nur der
Bruch mit der frueheren Politik der Nachgiebigkeit Westeuropa davor
bewahrt hat,ffberranntund von den bewaffneten Horden Stalins in
Besitz genommen zu werden."
AFL News Service
VI/27/50
DAS PROBLEM DER KLEINEN EINKOMMEN
Aus einem der letzten US-Kongressberichte geht hervor, dass
jene zehn Millionen Familien, deren jaehrliches Durchschnittseinkommen eine geringere Hoehe als 2.000 Dollar erreichten, einen starken,
jedoch nicht abdeckbaren Bedarf an Waren haben. "Dies stellt ein
grosses, unterentwickeltes Wirtschaftsgebiet dar, es ist ein neuer
und erweiterungsfaehiger Markt, auf dem die Gueter der amerikanischen
Industrie abgesetzt werden koennen. In einem Wirtschaftssystem, das
grundsaetzlich auf Massenproduktion ausgerichtet ist, muss auch in
Massen abgesetzt werden, wenn schwere wirtschaftliche Stoerungen vermieden werden sollen."
Nach dem Beschaeftigungsgesetz, das 1946 beschlossen wurde, hat
der Kongress die Aufgabe, Hoechstbeschaeftigung, Produktion und Kaufkraft zu foerdern. Niedrige Einkommen stellen stets einen Hemmschuh
fuer die Erweiterung der Wirtschaft dar. Um dieses Uebel zu beheben,
ist eine eingehende Beschaeftigung mit dem Problem der Liliput-Einkommen erforderlich.
So lauten die Schlussfolgerungen in einem kuerzlich ausgearbeiteten statistischen Bericht ueber amerikanische Familien mit niedrigen
- 3

�Einkommensstufen. Das benoetigte statistische Material wurde dem
Unterausschuss fuer Familien niedriger Einkommensstufen durch
andere Aemter zur Verfuegung gestellt, es dient als Grundlage fuer
die Formulierung der Empfehlungen zur Loesung dieses Problems
niedriger Einkommensstufen. In diesem Bericht werden zwei grundlegende Fragen zwar erhoben, aber nicht beantwortet.
(1) "Wie wirken sich niedrige Produktion und niedrige Kaufkraft der aermeren Familien auf die gesamte Wirtschaft aus? Werden
die geringe Produktion und die Minimalkaufkraft der Stabilisierung
der Wirtschaft auf der Ebene der Hoechstproduktion und -beschaeftigung im Wege stehen? Haengt der Wohlstand und der Fortschritt
aller Buerger davon ab, dass der Lebensstandard dieser Familien
gehoben wird?"
(2) "Was kann geschehen, um die Produktionsleistung und Einkommenskapazitaet dieser Familien zu steigern und damit den Wohlstand der gesamten Wirtschaft zu foerdern?"
In dem Bericht heisat es, dass "die Familien mit Liliput-Einkommen den wirtschaftlichen Fortschritt Amerikas nicht mitgemacht
haben. Ihnen gehoerten nur wenige jener Gueter, die fuer den amerikanischen Lebensstandard von heute als symbolisch gaelten. Diese
Familien wuerden wesentlich staerker als Konsumenten in Erscheinung
treten, wenn ihre Kaufkraft ihren Bedürfnissen entspraeche."
Das Statistische Amt der Vereinigten Staaten berichtet, dass
es in den Vereinigten Staaten 38.5 Millionen Familien und 8 Millionen Alleinstehende gibt, die nicht in einer Familiengemeinschaft
leben. Ein Viertel dieser 38.5 Millionen Familien hat ein Gesamtnettoeinkommen von weniger als 2.000 Dollar in einem Jahre. Zwei
Drittel dieser rund zehn Millionen Familien mit Liliput-Einkommen
leben in Staedten oder sind als Nichtbauernfamilien anzusehen. Etwa
3.3 Millionen Familien sind ausgesprochene Bauernfamilien, von diesen
Bauernfamilien wiederum haben 1.7 Millionen ein Einkommen von weniger
als 1.000 Dollar im Jahre.
Die Ursache fuer diese niedrigen Einkommen ist nach dem Berioht
darin zu erblicken, dass viele Farmen nicht nur unwirtschaftlich arbeiten, sondern sogar Verluste einstecken muessen.
Das hohe Alter ist ebenfalls ein Grund fuer die niedrigen Einkommen dieser zehn Millionen. Ein Viertel jener 6.3 Millionen
Nichtbauernfamilien mit Einkommen unter 2.000 Dollar zeigt Familienvorstaende, die 65 und darueber sind.
Bei den Bauernfamilien sind jene in der niedrigsten Einkommensstufe am zahlreichsten zu finden, deren Familienvorstaende ungelernte Arbeiter sind. Ein Achtel der Nichtbauernfamilien mit LiliputEinkommen haben farbige Familienvaeter. Es gibt weiterhin zahlreiche
Familien, deren Familienvorstand durch Tod, boeswilliges Verlassen
oder Scheidung Frauen geworden sind, auoh sie gehoeren in starkem
Masse zur Gruppe der Liliput-Einkommensbezieher. Der Mangel an Ausbildung ist ein weiterer ausschlaggebender Faktor: fast zwei Fuenftel der Nichtbauernfamilien der niedrigen Einkommensstufe, denen Personen Im Alter von 25 bis 64 Jahren als Haushaltungsvorstand angehoerten, hatten weniger als 8 Jahre Schulausbildung genossen.
Obwohl die verfuegbaren detaillierten Informationen ueber die
Ausgaben einer Familie nicht mehr ganz aktuell sind, koennen dooh
einige wichtige Tatsaohen formuliert werden. Fuer staedtische Familien mit einem Einkommen von weniger als 2.000 Dollar im Jahr betragen die Ausgaben fuer Ernaehrung etwa die Haelfte des gesamten Verdienstes. Dieser Prozentsatz sinkt bei zunehmendem Einkommen und
- 4

�geht bei Familien, deren Einkommen ueber 7.500 Dollar liegt, auf
etwa 17$ zurueck. Aermere Familien muessen daher mehr Getreideprodukte verbrauchen, jedoch weniger Milch, weniger Fleisch, Gemuese
und Frueohte als die wirtschaftlich besser Situierten. Auch die
Ausgaben fuer Miete stehen bei den staedtischen Familien mit einem
Liliput-Einkommen von weniger als 2.000 Dollar im Jahr in keinem
Verhaeltnis zu ihren uebrigen Aufwendungen.
Monthly Labor Review
1/50
Joseph D. Keenan, Leiter der Gewerkschaftlichen Vereinigung fuer
Politische Aufklaerung:
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTEN WARNEN VOR ARBEITERFEINDLICHER PROPAGANDA
"Die Rechte und Interessen des Arbeiters werden nicht von Gewerkschaftsagitatoren geschuetzt und wahrgenommen, sondern von jenen christlichen Maennern, denen Gott in seiner unendlichen Weisheit die Kontrolle ueber die Eigentums Interessen des Landes in die
Hand gegeben hat unl jenem Unternehmertum, von dem so vieles abhaengt. "
Mit diesen Worten beantwortete George F. Baer, der Praesident
der Kohle- und Eisengesellschaft von Philadelphia und Readlng, die
Bitte eines Bergarbeitersohnes waehrend des furchtbaren BergarbeiterStreiks des Jahres 1902. Dieser Bergarbeitersohn, William F. Clark,
starb vor wenigen Wochen in Wllkes-Barre (Pennsylvanien). Die Antwort jedoch, die er damals von diesem arroganten Praesidenten der
Kohlegesellschaft erhalten hatte, erschuetterte im Jahre 1902 die
ganze Nation und sie wird noch lange im Gedaechtnis aller Gewerkschafter weiterleben.
Glauben die Leute, dass sich die Verhaeltnisse seit 1902 gesondert haben? Wenn sie es glauben, dann haben sie zum Teil recht.
Heute sind die Gewerkschaften staerker geworden, und ihr Recht zum
Abschluss von Tarifvertraegen wird allgemein anerkannt. Heute ist
es fuer einen Unternehmer im Interesse seiner Beziehunger zur Öffentlichkeit nicht gerade ratsam, etwa zu sagen, er besaesse das goettliche Recht und die Weisheit, das Leben seiner Arbeitgeber so zu lenken, wie er es fuer richtig halte. Wenn die fuehrenden Ioepfe der
Industrie heute jedoch nicht offen aussprechen koennen, iass sie die
Gewerkschaften beseitigen moechten, so heisst das keinesvegs, dass
sie nicht den Wunsch haetten, es zu tun.
Heute bedienen sie sich anderer, heimtueckischerer iffittel.
Sie erklaeren, die Tage des zuegellosen Kapitalismus seien vorueber,
das Blatt habe sich gewendet. Sie behaupten, heute seien es die
"Gewerkschaftsbonzen", die sowohl den Unternehmern als euch den
unglueoklichen Arbeitern Vorschriften machten. Die Arbeiterschaft
sei in die "Monopolgewerkschaften" gepresst worden.
Die antigewerkschaftliohen Industriellen von 1950 walnen bittere Krokodilstraenen fuer diese "armen Arbeiter, die unter die
rueoksiohtslose Herrschaft der Agitatoren und Gewerkschaftsbonzen
geraten seien."
Man denke nur an die Argumente, die die Fuersprecher des TaftHartley-Gesetzes vorbrachten. Versicherten sie etwa, de3s sie damit die Gewerkschaften zerstoeren und das Kollektivverheadlungswesen
abschaffen wollten? Natuerlich nicht. Nach ihren Worten handelte
es sich um ein Gesetz, das die Arbeiter "befreien" sollte. Es war
ein Gesetz, das den armen, unterdrueckten Unternehmern cas gleiche
Reoht in den Tarifverhandlungen und Sohutz gegen die "meechtige Gewerkschaf tsmaaohinerie" geben sollte.
- 5 -

�Das ehemalige Kongressmitglied Fred Hartley hat ein Buch geschrieben, das den Titel "Unsere Neue, Nationale Arbeitspolitik"
traegt. In diesem Buch hat er versucht, das Taft-Hartley-Gesetz
zu rechtfertigen, es heisst hier:
"Gewerkschaften und Unternehmer hatten die Rollen vertauscht...
Die Gewerkschaften sassen im Sattel und nutzten dies aus
Die
obersten Gewerkschaftsfuehrer hatten die gleiche Macht wie die erwaehlten Fuehrer der Regierung. Seit langem verfuegen sie ueber
weit groesseren Einfluss als die bedeutendsten Unternehmen der
Nation."
Hartley faehrt in seinem Buch fort: "Schwer lastete die Not
auf den Arbeitern. Fuer die Leiter der Gewerkschaften bedeutet jedoch die grosse Masse der arbeitenden Bevoelkerung nichts anderes
als der Poebel fuer Louis XVI."
Hartley bezeichnet den "Dixiekraten" (Spitzname fuer die gewerkschaftsfeindlichen Kongressleute der Suedstaaten) Graham Barden
aus Nordkarolina in lobender Weise als einen Mann, "der fuer die
Arbeiterschinder und besoldeten Gewerkschaftsagitatoren nichts
anderes als Verachtung empfaende." Das ganze Buch hindurch bezeichnet Hartley die gewaehlten Vorsitzenden der Gewerkschaften staendig
als "Gewerkschaftsbonzen."
Als das Taft-Hartley-Gesetz trotz des Einspruchs des Presidenten in Kraft gesetzt wurde, glaubten die Gewerkschaftshasser vielleicht noch ihren eigenen Worten. Betriebswahlen, die ueber Annahme
oder Nichtannahme des "Union-Betriebs"-Systems entscheiden sollten,
wurden als obligatorisch erklaert. Die Gewerkschaftshasser waren
der Ueberzeagung, dass das arbeitende Volk Amerikas zu den Urnen
eilen und gegen seine eigenen Gewerkschaften stimmen wuerde. Was
sich tatsaechlich ereignete, ist bereits Geschichte geworden. Mit
ueberwaeltigender Mehrheit sprachen sich 98$ der Waehler zugunsten
des "Union-Betriebs"-Systems aus. Es gibt keine andere Einrichtung
in den Vereinigten Staaten, der in so ueberzeugender Weise das Vertrauen ausgesprochen worden ist.
Ein Vergleich der Gehaeiter der sogenannten "Gewerkschaftsbonzen" mit denen der Industriellen beweist, eindeutig, dass es kein Bonzentum gibt. Selbst die hoechsten Gehaeiter, die die Gewerkschaften
zahlen, sind im Vergleich zu diesen niedrig. Die beiden Vorsitzenden der Amerikanischen Arbeitsfoederation (AFL) und des Kongresses
der Industrieverbaende (CIO), William Green und Philip Murray, erhalten jaehrüch je 85.000 Dollar. A. B. Homer dagegen, der Praesident der Bethlehem-Stahl-Korporation, bezog im Jahre 1948 Gehaeiter
und Praemien in Hoehe von 263.280 Dollar. Wenn sich Homer mit 65
Jahren zur Ruie setzt, wird er eine Jahrespension von 110.460 Dollar
beziehen, ohna auch nur einen Gent fuer Pensionsversicherung entrichtet zu haben. Benjamin Fairless, der Praesident der US StahlKorporation,
rerdiente im Jahre 1948 207.900 Dollar. Tom Girdler,
der1Vorsitzenle der Republik-Stahl-Korporation, 275.000 Dollar und
der Praesiden: und die fuenf Vizepresidenten der gleichen Gesellschaft mehr aLs 70.000 Dollar je Kopf.
Das gasaate Einkommen aller Gewerkschaften des Landes erreicht
nicht einmal lie Hoehe der Nettogewinne einer einzigen Automobilproduzentin der fereinigten Staaten, naemlich der General Motors-Gesellschaft. .
Noch lae«herlicher ist die Behauptung der Propagandisten der
Grosskapitalisten, die Gewerkschaftsmitglieder waehlten ihre Vorsitzenden nicht tach demokratischen Grundsaetzen und sie koennten keinen
Einfluss auf sie ausueben. Auch in diesem Punkt ist der Gegensatz
zur Industrie geradezu bestechend und ueberzeugend.
- 6-

�"Fragt Euch bitte selbst, ob Ihr eine Einrichtung kennt, die
demokratischer als Eure Gewerkschaft waere? Wie steht es damit in
dem unternehmen, fuer das Ihr arbeitet? Werwaehlt den Vorstand?
Wer die obersten Organe? Steht das Unternehmen unter der Kontrolle
der Aktionaere seiner rechtmaessigen Besitzer? Oder wird es von
nur Wenigen beherrscht, dieNnur einen geringen Teil der Aktien besitzen?"
Die Antwort zu diesen Fragen kennt jedes Mitglied einer amerikanischen Gewerkschaft. Nehmen wir zum Beispiel die groesste Gesellschaft des Landes, die Amerikanische Telefon- und Telegrafen
Kompanie, die unter dem Namen "Beil-System" allgemein bekannt ist.
Walter S. Gifford Hess sich gerade als Vorsitzender dieses Unternehmens pensionieren. Er bezog jaehrlich ein Gehalt in Hoehe von
£09.000 Dollar, seine Pension betraegt jetzt 95.000 Dollar jaehrlich.
Dieses Unternehmen macht mit der Tatsache Reklame, dass 900.000
Aktionaere die eigentlichen Eigentuemer der Gesellschaft sind. Jeder
Aktionaer weiss jedoch, dass die Trennung von Besitz und Leitung in
der Kompanie schon seit langem durchgefuehrt ist. Gifford und andere fuehrende Persoenlichkeiten der Kompanie besitzen von je 2.300
Aktien nur je eine. Das sind knapp ganze vier Hundertstel eines
Prozents des gesamten Kapitals. Und doch wird dieses ungeheure Unternehmen von diesen Wenigen so beherrscht, als wenn sioh saemtliche
Aktien in ihrem Besitz befaenden.
In den meisten Unternehmen liegen die Verhaeltnisse heute aehnlioh. Die Finanzberichte der Gesellschaften an die Aktionaere sind
ein Meisterstueck angedeuteter Unverstaendlichkeit. Wenn diese mit
den detaillierten Finanzberichten verglichen werden, die allen Gewerkschaftsmitgliedern zur Verfuegung stehen und die von ihren gewaehlten Treuhaendern ueberprueft werden, so ergibt sich hier ein
Unterschied von Tag und Naoht. Im uebrigen sitzen weit mehr Angestellte der Banken und Industrie wegen Geldunterschlagungen im Gefaengnis, als es bei den Gewerkschaften der Fall ist.
Alle Gewerkschaftsfunktionaere sind keine Heiligen. Manchmal
werden auch unfaehige Leute in Aemter berufen, die Gewerkschaftsmitglieder koennen sich aber wieder neue Funktionaere waehlen. Sie verlieren die Herrschaft ueber ihre Gewerkschaft niemals soweit wie
Aktionaere ueber das Unternehmen, das ihnen eigentlich gehoert. Den
besten Beweis hierfuer liefert das Postbuero der AFL in Washington.
Es gibt mehr als 40.000 Lokalgewerkschaften der AFL. Die Funktionaere wechseln so oft, dass 40% der Adressen der lokalen Gewerkschaftsfunktionaere in jedem Jahre geaendert werden muessen. Ist das vielleicht die "Diktatur der sich selbst verewigenden Gewerkschaftsbonzen?"
An diese Tatsachen muss man denken, wenn Flugschriften des Senators Taft gelesen werden, in denen er sagt, dass nur "Kommunisten"
und "Arbeiterschinder" den Wunsch haetten, das Taft-Hartley-Gesetz
ausser Kraft zu setzen.
Es darf hier keine Irrefuehrung geben, wenn behauptet wird, dass
ein besonderes Gesetz nur fuer die Gewerkschaftsfuehrer und nicht fuer
die Arbeiterschaft selbst von Vorteil waere. Wenn sie das Recht und
die Macht der gewaehlten Fuehrer schwaechen wollen, die die Mitgliedschaft wirksam vertreten wollen, dann bedrohen sie damit direkt
auch die Sicherheit und die Loehne der Arbeiter.
Von der Handlungsweise der Arbeiterschaft am Wahltag wird es
abhaengen, wie der neue Kongress aussehen wird. Wenn es versaeumt
wird, die Freunde der Arbeiterschaft wiederzuwaehlen, koennte es
leicht moeglich sein, dass die Gewerkschaften in die guten alten Tage
- 7 -

�zurueckversetzt werden, als Aktionaere, Oeffentlichkeit und Arbeitnehmer der Willkuerherrschaft der Grossindustriellen voellig machtlos gegenueberstanden.
Wenn die Arbeiterschaft wuenscht, dass Loehne und Sicherheit
von starken Gewerkschaften und frei gewaehlten Funktionaeren beschuetzt werden, dann wird jede Stimme in diesem Wahljahr benoetigt
werden.
Es sei daran erinnert, dass im Jahre 1946 versaeumt wurde, von
123 Abgeordneten 45 wiederzuwaehlen, die fuer die Gewerkschaften und
gegen das antigewerkschaftliche Case-Gesetz gestimmt hatten. 1948
jedoch wurden alle Freunde der Gewerkschaften wiedergewaehlt. Wie
wird es in diesem Jahre sein?
Das liegt an den acht Millionen Mitgliedern der AFL. Was koennen sie tun? Sie koennen der Gewerkschaftlichen Vereinigung fuer
Politische Aufklaerung beitreten, sie unterstuetzen und ihre Stimme
fuer sie abgeben.
Die andere Seite mag das Geld haben, die Arbeiterschaft hat
die Stimmen.
Wenn jeder Arbeiter als guter Buerger waehlt, wird es ein starkes und wohlhabendes Amerika geben, in dem wirkliche Freiheit
herrscht und das konkurrierende Unternehmertum die Prosperitaet und
das Glueck eines Jeden foerdert.
The American Federationist
V/50
DAS INTERNAT IONALE FREIE GBV.ERKSCHAFT5WESEN ERZIELT FORTSCHRITTE
Die freie Gewerkschaftsbewegung setzt sich unablaessig fuer die
Hebung des Lebensstandards in rueckstaendigen Gebieten, fuer die Abwehr des Kommunismus in Europa und fuer die Verteidigung Europas
erfolgreich ein.
Dies erklaerte kuerzlich J. H. Oldenbroek, der Generalsekretaer
des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften, in einem Bericht
ueber die Erfolge der freien Gewerkschaftsbewegung. Oldenbroek
hielt sich kurze Zeit in Washington auf und fuehrte dort Besprechungen mit Gewerkschaftsfuehrern und hohen Persoenlichkeiten der
amerikanischen Regierung.
Waehrend seines Aufenthaltes in Washington war Oldenbroek
Gast der Amerikanischen Arbeiterfoederation (AFL), des Kongresses
der Industriegewerkschaften (CIO), des Bergarbeiterverbandes und
des Internationalen Metallarbeiterverbandes. Der europaeische Gewerkschaf tsfüehrer traf auch mit Pressevertretern zusammen und
gab, bevor er Washington wieder verliess, dem Vertreter der Zeitschrift "The Laborer" ein Interview.
Generalsekretaer Oldenbroek reiste in die Vereinigten Staaten,
um hier mit den Gewerkschaftsfuehrern zu konferieren und mit ihnen
seine Meinung ueber Mittel und Wege auszutauschen und abzustimmen,
wie man die Ziele des IBFG verwirklichen kann.
n

'»Vir kommen verhaeltnismaessig schnell den in unserem Programm gesteckten Zielen naeher. Unsere Zentrale ist in Bruessel
errichtet worden, unser Personalstab wird jetzt zusammengestellt.
Er wird sich aus etwa 45 Personen zusammensetzen, von denen 30 bereits ernannt sind."

8

�"Das Problem der verschiedenen Sprachen wird keine Schwierigkeiten bereiten. Wir haben genuegend Leute, die mehrere Sprachen
soreohen. Unsere Arbeit wird in den vier offiziellen Sprachen
Englisch, Franzoesisch, Spanisch und Deutsch durchgefuehrt werden.
Der gesamte Schriftverkehr des IBFG und alle Veroeffentlichungen
dieser Organisation werden in vier Spraohen zur Verfuegung stehen."
Oldenbroek selbst ist fuer seine Kenntnisse in mehreren Sprachen bekannt, man sagt, er ist etwa in einem Dutzend verschiedener
Sprachen zu Hause.
Einen der ersten Schritte, die der IBFG unternahm, war die
Aufstellung eines Presse- und Publikationsprogramms. Der Englaender
E. Thompson wurde zum Leiter der Abteilung fuer Pressewesen und
Publikationen ernannt und wird mit der Ausarbeitung eines "Presseberichtes" beauftragt werden, der wahrscheinlich je nach Umfang der
vorliegenden Nachrichten vierzehn-taeglich oder monatlich erscheinen wird. Ein monatliches Magazin mit Nachrichten und Berichten
von der Arbeit der Gewerkschaft in aller. Welt wird ab Juli herausgebracht werden.
Oldenbroek wurde in Washington ueber die mutmasslichen Schwierigkeiten befragt, die mit den Waffenlieferungen nach Europa im Rahmen des europaeischen Verteidigungsprogramms auftauchen koennten.
Er beruhigte die Fragesteller und erklaerte, dass die Waffen an
ihren Bestimmungsort gelangen wuerden, ohne dass die Kommunisten
hieran etwas zu aendern vermoechten.
Der Kampf gegen den Kommunismus ist fuer Oldenbroek und diejenigen, die an seiner Seite stehen, eine historische Angelegenheit.
Sofort nach der Gruendung des IBFG im Dezember vorigen Jahres wurde
er zum Generalsekretaer ernannt. Damit hatte sein lebenslanger
Kampf um die Erzielung eines besseren Loses fuer die Arbeiter seine
Anerkennung gefunden. Seit seiner Jugend gehoerte er dem Internationalen Transportarbeiterverband an und kaempfte fuer das freie
Gewerkschaftswesen. Vor dem Kriege kaempfte er gegen die Kommunisten
und beteiligte sich dann aktiv an der Widerstandsbewegung der Alliierten. In Holland zwar geboren, ist Oldenbroek doch in ganz Europa
bekannt. In den kritischen Tagen des Zweiten Weltkrieges war er
tatsaechlich ein "Koordinator* gewerkschaftlicher Taetigkeiten. Die
Erfahrungen, die er im Kampf gegen den nazistischen Totalitarismus
sammelte, kommen ihm nun bei der Bekaempfung des Kommunismus zugute.
"Die Kommunisten verfuegen ueber grosse Hilfsquellen und Energien. Sie koennen jedoch geschlagen werden. Ihr einziger Wunsch
ist, mit Hilfe aller moeglichen Mittel zur Macht zu gelangen und diese Macht dann zu erhalten. Sie interessieren sich ueberhaupt nicht
fuer die Wohlfahrt der Arbeiterschaft, und das wissen die Arbeiter
in demokratisch regierten Laendern Europas, oder sie werden es sehr
schnell erkennen."
"Die Kommunisten glaubten, durch Sabotage des Marshall-Planes
den europaeischen Wiederaufbau unterbinden zu koennen. Wir sorgen
jedoch dafuer, dass ihnen dies nicht gelingen wird. Die Arbeiter
Europas wissen, was zu tun ist und was sie von den Kommunisten zu
halten haben."
Oldenbroek erklaerte, es sei von besonderer Bedeutung, sich mit
den ferngesteuerten Agitatoren unter den Transportarbeitern zu befassen, weil es die Kommunisten hauptsaechlich auf diese Gewerkschaftsmitglieder in den Hafenstaedten abgesehen haetten. In den Hafenstaedten muesste den sowjetischen Bemuehungen mit aller Energie
entgegengearbeitet werden.
- 9 -

�"Wir sind von den Gewerkschaften der Vereinigten Staaten in
hervorragender Weise unterstuetzt worden. Wir hoffen, uns auch
weiterhin dieser Hilfe wuerdig erweisen zu koennen. Wir koennen
nur dann mit Erfolgen rechnen, wenn wir uns alle - und hierzu gehoeren auch die amerikanischen und alle anderen Gewerkschaften - eng
zusammenschliessen und gemeinsam fuer ein besseres Los der Arbeiter
kaempfen."
Die naechste grosse Aufgabe biete sich der Gewerkschaftsbewegung in Asien, fuhr Oldenbroek fort. Der IBFG wird eine Sonderdelegation nach Suedostasien schicken, die die allgemeine Lage ueberpruefen und mit den Vertretern der Regierung und Gewerkschaften besprechen soll, was zur Hebung des Lebensstandards in jenem Teil
der Welt getan werden kann.
Damit der IBFG erfolgreich arbeiten und moeglichst viel leisten
kann, wird eine Reihe regionaler Dienststellen errichtet werden, und
zwar fuer Nord- und Suedamerika, im Nahen und Mittleren sowie im
Fernen Osten. •
Aufgabe dieser regionalen Dienststellen wird es sein, die freie
Gewerkschaftsbewegung der ganzen Welt zu foerdern und einen staendigen Kampf gegen den Totalitarismus in jeglicher Form, in der er auch
auftreten mag, zu fuehren.
Bevor Oldenbroek Washington verliess, fuehrte er noch Besprechungen mit dem Aussenminister Dean Acneson, dem Administrator der
Verwaltung fuer Wirtschaftliche Zusammenarbeit Paul G. Eoffman und
anderen Vertretern der Regierung.
The Laborer
V/50
Rub9n Levin:
ARBEITERFEINDLICHE AMERIKANISCHE ZEITSCHRIFT VERHERRLICHT STREIKBRUCH
Die sogenannten "populaeren" Magazine wie "Saturday Evening Post",
"Reader's Digest" und Collier's" werden mehr und mehr zu unanstaendigen Werkzeugen einer antigewerkschaftlichen und antiliberalen Propaganda. '
"Collier's", das dem Hause Morgan gehoert, lieferte in seiner
letzten Ausgabe den deutlichen Beweis fuer diese Politik. In einem
Leitartikel, der in grosser Aufmachung die Ueberschrift "John L.
Lewis wollte mich nicht arbeiten lassen" trug, versucht "Collier's",
den Streikbruch zu rechtfertigen und die organisierte Arbeiterschaft
herunterzureissen. Das Magazin hat sich die Reklame fuer diesen Artikel ein Vermoegen kosten lassen.
Ein junger Bergmann namens Joe Dickmon aus Library in Pennsylvanien musste seinen Namen fuer diesen Artikel hergeben, obwohl er
in Wirklichkeit von dem gutbezahlten Schreiber des Magazins, Walter
Davenport, verfasst worden war.
Wer ist Joe Dickmon? Er machte das erstemal von sich reden,
als im vorigen Winter die Bergarbeitergewerkschaft einen harten Kampf
um hoehere Loehne und bessere Sozialversorgung fuehrte. Viele
Bergleute brachten schwere Opfer, um diesen Kampf gewinnen zu helfen; Dickmon gehoerte jedoch nicht zu ihnen.
Dafuer richtete er damals einen wuetenden Brief an eine Pittsburger Tageszeitung, in dem er John L. Lewis als einen "Diktator" bezeichnete. Er feuerte nur so mit Wutausbruechen gegen die Gewerk- 10 -

�schaft um sich, die ohne ihn zu fragen, die 3 Tage-V/oche angeordnet hatte, und forderte schliesslich zu einer Revolte gegen den
Vorsitzenden der Bergarbeitergewerkschaft heraus und empfahl die
Beilegung des Streiks unter Annahme der Unternehmerbedingungen
auf. Es war praktisch ein Aufruf zum Streikbruch.
Die Bergarbeiter verachten eine solche Haltung. In keinem
Zweig der Gewerkschaftsbewegung ist der Streikbruch verhasster als
unter den Kumpels, die jahrelang schwer zu kaempfen hatten und wiederholt sogar hungern mussten, um sich bessere Lebensbedingungen
zu erkaempfen.
Junge Leute wie Dickmon wissen hiervon nichts. Er konnte noch
nicht zu den Erfolgen beitragen, die sich die Gewerkschaft schwer
erkaempfen musste. In dem gleichen Augenblick, als seine Kameraden von ihm verlangten, in einer kritischen Situation ein Opfer zu
bringen, lief er zu einer gewerkschaftfeindlichen Zeitung und stellte sich in den Dienst der Unternehmer.
Natuerlich wurde er von den anderen Kumpels als Feigling und
Verraeter verachtet. Sie weigerten sich, mit ihm zu arbeiten; er
wurde vielmehr vor Gericht angeklagt, durch falsche und verleumderische Angaben die Pflichten eines Gewerkschaftsmitglieds verletzt
zu haben. Nachdem er siqh geweigert hatte, aus der Gewerkschaft
auszutreten, beschlossen die Mitglieder,'ihn durch einen sechs monatigen Ausschluss aus der Gewerkschaft zu bestrafen.
Daraufhin eilte Dickmon zum "Collier*s"-Magezin, um seine
schmutzige Geschichte in Druck geben zu koennen. Die Herausgeber
belohnten ihn mit einer nicht unansehnlichen Summe - selbstverstaendlich hatten sie keinerlei Interesse an Dickmon oder an einem
persoenlichen Angriff gegen Lewis, aber sie sahen eine guenstige
Gelegenheit, der Gewerkschaftsbewegung einen schv.eren Schlag versetzen zu koennen.
Oft genug bruestete sich Dickmon damit, Soldttt gewesen zu
sein,und Frau und Kinder zu haben. Tatsache ist, dass Hunderttausende anderer ehemaliger Soldaten, die ebenfalls fuer "Onkel
Sara" gekaempft und eine Familis haben, nicht wie Dickmon ihrer Gewerkschaft in den Ruecken fielen. Im Gegenteil, sie zaehlen zu den
zuverlaessigsten Gewerkschaftern des Landes und denken nicht daran,
sich wie Dickmon zu benehmen.
Was ist nun eigentlich wahres an den Beschuldigungen Dickmons?
Ein Sprecher der Bergarbeitergewerkschaft erklaerte einem Vertreter
der Zeitschrift "Labor", dass jener "Artikel in"Collier's" von Unwahrheiten und halben Wahrheiten nur so strotze."
"Lewi3 hat mit dem Ausschluss Dickmons aus der Gewerkschaft
nicht das geringste zu tun. Ein solcher Ausschluss ist eine rein
lokale Angelegenheit. Die Abstimmung ueber seine Bestrafung wurde
in demokratischer ".'eise durchgefuehrt. Und wenn sich die uebrigen
Mitglieder weigerten, mit Dickmon Seite an Seite weiterzuarbeiten,
wer kann ihnen das verdenken?"
Dickmon hatte ausserdem behauptet, Lewis würde niemals Finanzberichte an die Lokalgewerkschaften schicken. "Tatsache i3t jedoch,
dass die Bergarbeitergewerkschaft schon seit Jahren allen Lokalgewerkschaften zweimal im Jahre ausfuehrliche Finanzberichte zukommen
laesst," erklaerte der Sprecher dem Journalisten.
"Was diese Vorwuerfe anbetrifft," fuehrte der Sprecher weiter
aus, "so handelt es sich hier um nichts anderes als ein sehr spaetes
- 11 -

�Soho jener Verdaechtigungen, die die Kohlenmagnaten und gewerkscfcaftsfeindlichen Zeitungen ueber Lewis in die Welt posaunen. Und
dies alles, weil es Lewis gelangen ist, einige Verbesserungen fuer
die Kumpels in den Gruben zu erringen."
"Ausserdem darf nicht^uebersehen werden, dass Lewis von den
Mitgliedern der Bergarbeitergewerkschaft mit grosser Mehrheit gewaehlt wurde. Die Richtlinien, nach denen er handelt, sind in Konventionen niedergelegt oder vom Exekutivausschuss beschlossen.
Der junge Dickmon beklagt sich ueber die Drei-Tage-Woche, die
waehrend des Kampfes der Gewerkschaften im vorigen Winter eingefuehrt
werden musste. Jedoch auch heute noch arbeiten die Kumpels im Durchschnitt nicht laenger als drei Tage -in der Woche, weil einfach die
Nachfrage nicht groesser ist.
"Statt dass man jedoch die vorhandenen Arbeitsmoeglichkeiten
einigermassen gleichmaessig verteilt - wogegen sich uebrigens Dickmon wehrte - gibt es heute Bergleute, die nur einen oder zwei Tage
in der Woche arbeiten koennen oder vollkommen ohne Arbeit sind."
"Was "Collier1s" und die Kohlenmagnaten nicht verzeihen koennen, ist die Tatsache, dass die Bergarbeiter bei den letzten Lohnkaempfen eine Lohnerhoehung von 95 Cents pro Tag zusaetzlich zu dem
Tagesgrundtarif von 15 Dollar und eine Erhoehung der von den Unternehmern gezahlten Praemie fuer den Wohlfahrtsfonds um 50% trotz
staerkster Opposition erzielen konnten."
"So haben sie sich diesen naiven jungen Mann als Werkzeug ausgesucht, mit dem sie ihrem Hass Luft machen. Hat man im "Collier's"
jemals nach der gewerkschaftlichen Seite dieser Geschichte gefragt?
Niemals.' Man war lediglich daran interessiert, dieser Gewerkschaft
und zugleich der gesamten Gewerkschaftsbewegung Schaden zuzufuegen.
"Dickmon wird sehr bald
zahlung des "Collier's" fuer
geschoben wird, wenn man ihn
einen abgetragenen Handschuh
er sich dessen nicht bewusst

entdecken, dass er trotz der guten Besein schmutziges Werk schnell beiseitenicht mehr brauchen kann, so wie man
wegzuwerfen pflegt. Anscheinend ist
- noch nicht.'"
LABOR
VII/8/50

3CHUMAN-PLAN-KOMITEE DES IBFG
Das Schuman-Plan-Komitee des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften (IBFG) trat auf Beschluss des Exekutivauq,schusses des
IBFG erstmalig in den Bueroraeumen des franzoesischen Gewerkschaftsbundes "Force Ouvriere" in Paris zusammen. Vertreter der Gewerkschaftsbewegung Frankreichs, Hollands, Italiens, der Saar, der Vereinigten von Amerika, der Internationalen Berufssekretariate der
Berg- und Metallarbeiter und des Gewerkschaftlichen Beratungsausschusses des Europaeischen Wiederaufbauprogrammes (ERP) nahmen an
der Konferenz teil. Den Vertretern der englischen, belgisohen, luxemburgischen, deutschen und schwedischen Gewerkschaftsbewegung war
es nicht moeglich, den Besprechungen beizuwohnen, weil wichtige Aufgaben in ihren Laendern die Reise unmoeglich machten oder sie an
Konferenzen ihrer eigenen Zentralen teilnehmen mussten.
Den Vorsitz fuehrte Rober Eothereau von der "Force Ouvriere".
Die Konferenz hatte nur vorbereitenden Charakter, sie befasste sich
mit den zukuenftigen Aufgaben, die dem Internationalen Bund Freier
- 12 -

�Gewerkschaften im Zusammenhang mit dem Schuman-Plan zufallen werden.
Das Komitee brachte erneut die Auffassung des IBFG zum Ausdruck, dass die freien Gewerkschaften an dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluss Westeuropas, der ohne die aktive Teilnahme der freien Gewerkschaften zu keinem Erfolg fuehren koenne,
lebhaft interessiert sind.
Die Mitarbeit der Gewerkschaften ist durch die Delegationen
Deutschlands, Belgiens, Hollands, Luxemburgs, Italiens und der
Saar gewaehrlefstet, gleichzeitig wurde jedoch auch die Bedeutung
einer direkten Vertretung des IBFG hervorgehoben.
Das Komitee befasste sich in grossen Zuegen mit dem SchumanPlan selbst und wies darauf hin, dass folgende Grundsaetze zu befolgen seien, wenn dieser Plan verwirklicht werden soll:
(a) Die vorgeschlagene Hohe Kommission muss einer demokratischen, oeffentlichen Kontrolle unterstellt werden.
(b) Fuer die Hohe Kommission selbst als auch fuer alle Nebenorganisationen des vorgesehenen Kommissions-Systems muessen
Persoenlichkeiten ernannt werden, die das Vertrauen der freien Gewerkschaften geniessen.
(c) Die Hohe Kommission muss mit entscheidenden Machtbefugnissen ausgestattet werden, insbesondere mit der Kontrolle der Produktionsinvestierungen und Preise, wobei sie die Erweiterung der
Wirtschaft und die Vollbeschaeftlgung zu beruecksichtigen hat.
(d) Loehne, Arbeitsbedingungen und Bestimmungen der sozialen Sicherheit muessen garantiert und verbessert werden.
Das Komitee ernannte einen Unterausschuss von sieben Mitgliedern, dessen Aufgabe es ist, die Bemuehungen der Gewerkschaften
fuer die Durchfuehrung des Schuman-Plans aufeinander abzustimmen
und vorwaerts zu treiben. Dieser Unterausschuss setzt sich aus
Gewerkschaftsvertretern der einzelnen Laender-Delegationen zu den
Besprechungen ueber den Schuman-Plan zusammen. Dem Unterausschuss
gehoert weiterhin ein Vertreter der amerikanischen Gewerkschaften,
ein Delegierter der"Force Ouvriere** - beide weilen staendig in
Paris - einem Vertreter des Internationalen Bergarbeiterverbandes
und ein Delegierter des Internationalen Metallarbeiterverbandes an.
Ein Vertreter des Sekretariats d9s Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften wird als Sekretaer dieses Unterausschusses fungieren, der je nach Bedarf waehrend der Schuman-Plan Besprechungen in
Paris zusammentreten wird.
Information Bulletin des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften
VI1/5/50
William Weiss:
DIE GESCHICHTE DER STAHLARBEITERGEWERKSCHAFT AMERIKAS IST MIT LETTERN IN BLUT GESCHRIEBIN
~~~
Wohlwollende Leute, die sich in der Gewerkschaftsbewegung nicht
auskennen, sind manchmal darueber erstaunt, welche eigensinnig erscheinende Haitnaeckigkeit Arbeiter an den Tag legen, wenn sie gegen grosse Unternehmen Streiks durchfuehren.
- lö -

�Wenn sie darueber erstaunt sind, dann sind sie es nur deshalb,
weil sie nicht verstehen, dass Arbeiter sich nicht scheuen, Leid
und Not auf sich zu nehmen, wenn sie gegen die Ungerechtigkeiten der
Unternehmer streiken.
In dem gleichen Augenblick, in dem sie sich entschliessen, ihre
Arbeit niederzulegen, sind sie sich auch der Folgen bewusst: lange
Stunden als Streikposten Wache stehen, Schmalhans als Kuechenmeister
und der staendige Druck zahlreicher Gruppen, die sie veranlassen
moechten, die Arbeit zu den von den Unternehmern gestellten Bedingungen wieder aufzunehmen. Sie wissen, welchen "^reis sie zahlen muessen
und sind trotzdem gewillt, ohne Ruecksicht auf ihre zahlreichen Widersacher ihre Chancen zum Sieg wahrzunehmen.
Dieser Geist der Entschlossenheit ist zum Erbgut der Stahlarbeitergewerkschaft des CIO in ihren Kaempfen gegen die Stahlkonzerne
geworden.
Im November 1592 sandte Henry Frick, der damalige Betriebsdirektor der Carnegie-Stahlwerke in Komestead (Pennsylvanien), seinem
Chef, Andrew Carnegie, der sich auf einer Reise zur Berichtigung der
europaeischen Gemaeidegalerien befand, das folgende Telegramm:
"Unser Sieg ist jetzt vollkommen und hoech st befriedigend.
Glauben Sie nicht, dass wir jemals wieder ernstliche Schwierigkeiten
mit den Arbeitern haben werden
Wir mussten unseren ^rDeitnehnern eine Lektion erteilen und wir haben dies in einer Weise getan,
dass sie immer daran denken werden."
Frick bezog sich mit diesem Telegraüju auf die Beendigung des
viermonetigen Streiks gegen die Carnegie-Gesellschaft, der vom Verband der Vereinigten Stahl-, Eisen- und Zinnarbeiter ausgerufen und
von einem Massenaufgebot von Pinkerton-Detektiven und 8,000 Polizeisoldaten gebrochen worden war. In einem regelrechten Feuergefecht
mit den Finkertons waren sieben Streikende und drei Detektive getoetet und mehr als 60 Mann verwundet worden.
Der Anlass zu diesem Streik war die Weigerung der Gesellschaft,
ihren Tarifvertrag mit der Gewerkschaft zu erneuern. Von 1892 bis
zum Jahre 1919 versuchten die Arbeiter der Stahlwerke erneut, sich
zu ihrem gegenseitigen Schutz zusammenzuschliessen. Im September
jenes Jahres traten 60.C00 Stahlarbeiter im Bezirk ^ittsburg in den
Streik, kurz darauf folgten 300.000 in Wheeling, Chikago, Cleveland,
Youngstown und Johnstown ihrem Beispiel.
Die gesamte Ceffentlichkeit wurde mit dem Niederschlagen des
Streiks vertraut gemacht. Zeitungen verschrieen die Streikenden
als "Auslaender" und lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit auf den
"auslaendischen Typ" der Agitatoren.
Mit der Erklaerung "Selbst Jesus Christus koennte in Duquesne
nicht fuer die AFL sprechen," liess der Buergermeister dieser Stadt
wenig Zweifel darueber, mit wem er sympathisierte.
Die Stahlgesellschaften anpellierten an das Nationalbewusstsein
der Buerger, indem sie in den Zeitungen erklaeren Hessen: "Es ist
sehr leicht moeglich, dass bei diesem Streik Barbaren ihre Hand im
Spiele haben, um den industriellen Fortschritt Amerikas zu behindern."
Die Unternehmer finanzierten gleich zwei StreikbrecherOrganisationen - die Corporations Auxiliary und den Sherman Service - und wiesen sie an, Serben und Italiener mit allen Mitteln niedertraechtiger
Propaganda gegeneinander aufzuhetzen. Sie schuerten selbstverstaendlich auch die Flammen des Rassenhasses, indem sie Neger aus dem Sueden
- 14 -

�heranschaffen liessen, die die Arbeitsplaetze der Streikenden uebernehmen sollten.
Der Streik brach trotz aller Aufopferung am 8. Januar 1920 zusammen, und die geschlagenen Maenner schlichen in die Fabriken zurueck - ausser jenen, dis auf der schwarzen Liste standen. Die Unternehmer hatten wieder einen bedeutenden Sieg errungen.
Die Wirtschaftskrise von 1929 aber traf die Stahlindustrie
schwer. Die Schlagzeilen in den Tageszeitungen galten jenen Aktionaeren, die sich in der New Yorker Wall-Street aus den Fenstern
stuerzten. Die Unternehmer jedoch trafen in aller Stille ihre Vorbereitungen fuer ein Gesetz, mit dem sie die Stahlarbeiter noch
besser ausbeuten konnten.
Am 1. Oktover 1931 begann dieser Prozess, als die US-Stahlund Bethlehem-Werke die Loehne der Arbeiter um volle 10fo kuerzten.
In den Weirton-Stahlwerken wurden die Loehne innerhalb von elf Monaten fQnfmal herabgesetzt. US-Stahl und Bethlehem erfassten die
neue Situation und, um nicht von einem anderen Unternehmen wiederum
uebertrumpft zu werden, kuerzte es die Loehne im l*ai 1932 rücksichtslos um 15%.
Im Jahre 1932 verdiente ein Stahlarbeiter - wenn er das Glueck
hatte, voll arbeiten zu koennen - woechentlich 13.20 Dollar. £&lt;ine
Untersuchung des Arbeitsministeriums ergab, dass der durchschnittliche
Wochenlohn fuer ungelernte Arbeiter der Stahlindustrie in jenem Jahre
11.71 Dollar betrug. Der Durchschnittsarbeiter verdiente jaehrlich
600 Dollar.
1933 entdeckten die Stahlmagnaten eine neue Methode, um ihren
Arbeitnehmern das Recht zu, verweigern, in Fragen des Lohnes oder der
Arbeitsbedingungen mitzureden. Sie fanden dieses Mittel in dem sogenannten "offenen Betrieb", bei dem es jedem Arbeiter freisteht, der
Gewerkschaft beizutreten oder ihr fernzubleiben. IZan machte sich
nicht einmal die Muehe, zu behaupten, die Arbeiter seien mit den
Plaenen der "Arbeitnehmervertretungen," wie man sie zu nennen beliebte, einverstanden.
Die Philosophie, die diesen Plaenen zugrundelag, kommt treffend
in den Worten eines millionensohweren Stahlmagnaten zum Ausdruck:
"Meine Leute wissen nicht, was gut fuer sie ist. Nur ich weiss dies.
Und ich weiss, dass eine Gewerkschaft nicht gut fuer sie ist."
Eugene Grace in Bethlehem war etwes offener, als er erklaerte:
"Selbst wenn 95% meiner Leute einer Gewerkschaft angehoerten, wQrde
ich sie nicht als Gewerkschafter anerkennen. Ich denke, das ist
bestimmt besser fuer sie."
Im Jahre 1934 gab es in 90 bis 95% aller Stahlwerke des Landes
derartige Unternehmervertraege. Wie sich spaeter herausstellen sollte, legte die Industrie mit diesen Abmachungen unbewusst den Grundstein fuer eine wirkliche Gewerkschaftsbewegung. In der Tat erleichterten sie dem Organisatbnsausschuss der Stahlarbeiter-Gewerkschaft
(SW0C) die Arbelt, als dessen Vertreter unter der Leitung Philip
Murrays im Jahre 1936 den inzwischen historisch gewordenen Organisationsfeldzug der Stahlarbeitergewerkschaft starteten.
Eine regelrechte Panik bemaechtigte sich der Industrie, als
Tausende und Abertausende von Arbeitern der neuen Gewerkschaft zustroemten, obwohl sich die Unternehmer bemuehten, durch hastige Lohnerhoehungen und verbesserte Arbeitsbedingungen diesen Zustrom aufzuhalten.
- 15 -

�Im Februar 1936 zaehlte die Stahlarbeitergewerkschaft 150.000
Mitglieder. Den groessten Schlag erlitten die Stahlmagn&amp;ten jedoch,
die etwas verfrueht den Organisationsfeldzug als "eine vollstaendige
Pleite" bezeichnet hatten, als im Maerz die Stahlwerke CarnegieIllinois, ein Schwesterunternehmen der US Stahl, einen Vertrag mit
der Stahlarbeitergewerkschaft abschloss. In diesem Vertrag wurde
diese Gewerkschaft als der einzige verhandlungsberechtige Partner
anerkannt, die Loehne um 10$ erhoeht und der Achtstundentag sowie
die 40 Stunden-Woche mit 50 prozentigem Lohnaufschlag bei Ueberstunden eingefuehrt.
Innerhalb von 3 Monaten hatte die Stahlarbeitergewerkschaft mit
140 Stahlunternehnern, darunter Jones &amp; Laughlin, einem der groessten
unabhaengi^en Unternehmen,Tarifvertraege abgeschlossen, und im Juli
waren bereits 75% der Stahlindustrie durch Tarife erfasst. Das "Un"moegliche" war verwirklicht worden.
Mit den restlichen 25% war es jedoch eine andere Sache, hierzu
gehoerten auch eine Anzahl kleinerer Werke. Bethlehem-Stahl, Republik-Stahl, Inland-Stahl und Youngstown Bleche &amp; Roehren weigerten
sich einfach, Tarife zu unterzeichnen. Am 26. Mai 1937 traten
79.000 Arbeiter dieser Y.Terke in den Streik.
Im gleichen Augenblick wurde Gewalt angewendet. In den Republik-Stahl-vVerken in Chikago-Sued schössen Polizisten in eine Gruppe
von 1000 Arbeitern, die sich zur Feier des "Memorial Tages" (Nationalfeiertag zum Gedaechtnis an die Beendigung des Zweiten Weltkrieges am 30. Mai) versammelt hatten. Zehn Arbeiter wurden getoetet
und 90 verletzt.
Weitere Todesopfer gab es in Massillon (Ohio), hier wurden drei
Arbeiter getoetet, in Youngstown (Ohio) wurden zwei Opfer gezaehlt
und eines in Beaver Falls (Pennsylvanien).
Es war ein Wirtschaftskrieg schlimmsten Ausmasses. Einige Zeit
spaeter berichtete das LaFollette-Komite dem amerikanischen Senat,
das3 die vier genannten Stahlkonzerne gemeinsam mit staatlichen, bezirklichen und oertlichen Behoerden mehr als 178.000 Dollar fuer
Munition ausgegeben hatten, um damit den Streik brechen zu koennen.
Die unerschuetterliche solidarische Haltung der Stahlarbeiter
zwang schliesslich auch diese Stahlkonzerne zur Unterschrift. Heute
erkennen sie die Stahlarbeitergewerkschaft als Verhandlungspartner
an, der die Interessen der Arbeitnehmer vertritt.
Die Unternehmer moechten jene Tage gern in Vergessenheit geraten lassen - die Maenner jedoch, die an gluehenden Oefen und in Werkstaetten mit tropischen Temperaturen arbeiten, koennen niemals die
Jahre vergessen, als ihnen noch keine Gewerkschaft als Schutz und
Hilfe zur Seite stand.
The CI0 News
V/15/50
16 -

Office of Labor A f f a i r s
AP0 757

QFFICIAL

HIC0G R-1J37 L A B Julj 50 19 C

•

�Internationale

ARBEITSMITTEIUINGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen and deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 21

Frankfurt, 27. Juli 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Ein interessantes Experiment - - - - - - - - - Der Seeleutestreik in Argentinien - - - - - - Gewerkschaftliche "Rechte" unter einen
kommunistischen Regime - - - - - - - - - - Die Entwicklungsgeschichte einer Gewerkschaft Belgische Textilarbeiter gewinnen vierwöchigen Streik - - - - - - - - - - - - - Lohn- und Arbeitsstreitigkeiten in Indien - - Forderungen amerikanischer Eisenbahnergewerkschaften - - - - - - - - - - - - - - -

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EIN INTERESSANTES EXPERIMENT
In Holland ist eine zentrale Koerperschaft ins Leben gerufen worden, die Arbeitgeber, Gewerkschaften und Regierung vertritt und das soziale und wirtschaftliche Leben des Landes regeln soll.
Diese Koerperschaft, die sich Sozialwirtschaftsrat nennt,
ist mit der Aufgabe betraut worden, die industrielle Wohlfahrt
des Landes zu ueberwachen und die Regierung in Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Gesetzgebung zu beraten.
Ihr besonderes Aufgabengebiet umfasst die Verhuetung von
Arbeitslosigkeit, die Erweiterung der Beschaeftigungsmoeglichkeiten, die Überwachung der Loehne und Arbeitsbedingungen und
die Besichtigung und Kontrolle der Betriebe.
Die 15 Gewerkschaftsmitglieder des Rates setzen sich aus
7 Vertretern des Sozialistischen Niederlaendischen Gewerkschaftsbundes, 5 Vertretern der Romanisch-Katholischen Gewerkschaftsbewegung und 3 Vertretern der Protestantisch-Christlichen Gewerkschaftsbewegung zusammen.
Arbeitsmitteilungen der ECA
V/19/50

- 1-

�DER SEELEUTESTREIK IN ARGENTINIEN
Sollen auch die letzten Spuren einer freien
GewerkschaftsOrganisation in Argentinien verwischt werden? Dies ist die Kernfrage, ueber
die in dem gegenwaertigen Streik des Allgemeinen Verbandes der Seeleute und verwandter
Berufe Argentiniens (Confederaciön General de
Gremios Maritimos y Afines, abgekuerzt CGGMA)
entschieden wird. Das Ergebnis wird fuer die
Gewerkschaftsbewegung der ganzen Welt von
groesster Bedeutung sein.
Mit dieser Auseinandersetzung musste seit der Machtuebernahme durch General Peron - der damals noch Oberst war - gerechnet werden. Beim Beginn seiner Herrschaft war die gesamte Gewerkschaftsbewegung gegen ihn eingestellt, aber eine bedeutende
Gewerkschaft naoh der anderen wurde auf seine Seite gebracht,
sei es durch Kauf, durch Ueberredung, durch Zwang oder Beschwatzung - mit einer Ausnahme, und das war die Seeleutegewerkschaft und die ihr angeschlossenen Verbaende. Dem Allgemeinen Argentinischen Gewerkschaftsbund, der argentinischen
Gewerkschaftszentrale, erging es nicht anders. Nur ging Peron
etwas schlauer als Hitler vor: wo es nur irgend ging, tarnte
er die eiserne Hand mit dem Sammethandschuh; war es jedoch unvermeidlich hart zu sein, so wurde der Handschuh eben abgelegt.
Den Gewerkschaftsfuehrern wurden gutbezahlte Stellungen, in
denen fast nichts zu arbeiten war, als Belohnung fuer ihre
"Unterstuetzung" geboten; einige Funktionaere liessen sich leider kaufen. Andere wurden durch die Tatsache geblendet, dass
das Peron-Regime scheinbar die wirtschaftlichen Verhaeltnisse
der Arbeiter verbessert hatte, ohne sioh darueber klar zu werden, dass sie mit der Annahme der Bedingungen Perons die Freiheit ihrer Gewerkschaften verkauften. Wo es Peron oder seiner
Frau Eva Peron jedoch nicht gelang, Funktionaere zu korrumpieren oder zu beschwatzen, wurden schaerfere Massnahmen angewendet. Irgendeine erdlohtete Anklage wird gegen die Gewerkschaft
erhoben; es findet daraufhin eine sogenannte "Intervention" statt,
das heisst, ein Beauftragter der Regierung - unter Umstaenden
ein Oberst oder Admiral - wird mit der Leitung der Gewerkschaft
beauftragt. Dann wird der alte Ezekutivaussohuss aufgeloest
und ein neuer gewaehlt. Das Ergebnis dieser Wahl liegt sohon
vorher fest, und wieder ist eine Organisation der Arbeiterschaft,
die in jahrelangen, aufopfernden Anstrengungen geschaffen ist,
der Anhaengerkollektion des Diktators hinzugefuegt.
Es ist richtig, dass noch eine Reihe kleinerer Gewerkschaften nicht gleichgeschaltet ist und zuweilen sogar noch nicht
einmal unter Druck stehen. Peron haelt es jedoch fuer zweckmaessig, einen oder auch zwei solcher Faelle anfuehren zu koennen, wenn man ihm vorwirft, er bediene sioh diktatorischer Methoden. So existieren auch noch einige Peron-feindliche Zeitungen, die trotz ihrer manchmal recht scharfen und offenen Angriffe auf das Regime bestehen bleiben duerfen. Hunderte anderer Zeitungen wurden verboten oder waren gezwungen, ihre Herausgabe einzustellen, weil sie von der Papierversorgung abgeschnitten wurden. "La Vanguardia", das Organ der sozialistischen Partei, musste seinen Betrieb schliessen, weil die Druckereiraeume
angeblich den nsanitaerenn Bedingungen nicht entsprachen. Als
ein anderer Betrieb den Druok der Zeitung uebernahm, wurden die
gleiohen Beanstandungen erhoben. Es gibt jedooh nooh einige
groessere oppositionelle Zeitungen, die auf Grund ihres traditionellen internationalen Rufes weiterhin erscheinen duerfen;
dies erscheint Peron guenstiger als ein Verbot. Sie nstehen jedoch staendig unter Druck; der grossen Tageszeitung La Prensa"
wurden eines Tages saemtliche Papiervorraete beschlagnahmt, damit
sie "gerecht" verteilt werden koennten. Sie wird nun von Tag zu
Tag mit derart geringen Papiermengen beliefert, dass ihr Tagesbedarf gerade gedeckt ist.
2 -

�Je schwaecher eine Gewerkschaft oder eine Zeitung ist und
Je weniger Einfluss sie haben, umso groesser ist ihre Chance,
bestehen zu bleiben. Wenn irgendein oppositioneller Einfluss
bestehen geblieben ist, dann nur deshalb, weil das Regime die
Zeit noch nicht fuer gekommen hielt, ihn zu beseitigen. Und
dies war bislang bei der Seeleutegewerkschaft der Fall. Selbst
jetzt wird sie von dem Regime noch nicht offen angegriffen, es
hat jedoch eine andere GewerkschaftsOrganisation "mit der Wahrnehmung der Interessen der Seeleute" beauftragt. Damit koennte
die Angelegenheit von einem Aussenstehenden als eine "intergewerkschaftliche Streitigkeit" abgetan werden.
Auf diese Weise ist der gegenwaertige Konflikt zustandegekommen. Die argentinischen Seeleute sind nun gute Gewerkschafter, sie haben deshalb auch immer ihre Unabhaenglgkelt zu
wahren gesucht. Dies fuehrte dazu, dass die Gewerkschaft heute
in eine grosse Anzahl verschiedener Berufsverbaende aufgespaltet
ist. So gibt es die Eapitaene der Binnenschiffe und die Lotsen,
die Eapitaene und Schiffsoffiziere der Hochsee-Passagierschiffe,
die Eapitaene der Handelsschiffahrt und der Hochseefischerei,
die Funker und Techniker, die Zahlmeister, die Besatzung der
Signalsohiffe und schliesslich eigentliche Seeleute, und diese
Organisationen sind wiederum zum Teil auf lokaler oder regionaler Basis aufgeteilt. Man hatte in der Vergangenheit versucht,
sie alle in einer einzigen Gewerkschaft zu vereinigen, ist jedoch lange Zeit zu keinem Ergebnis gekommen.
Eine Reihe dieser Seeleutegewerkschafteri, die erkannt haben,
dass sie nur in engster Verbundenheit dem Peron-Regime Widerstand
leisten und ihre Unabhängigkeit bewahren koennen, schlössen sich
mit einigen Organisationen der Hafenarbeiter zusammen und gruendeten den Allgemeinen Verband der Seeleute und aehnlicher Berufe
Argentiniens (CGGMA). Zu Anfang waren es dreizehn Organisationen,
Ende 1949 bereits 21. Zwei weitere Organisationen haben in diesem
Jahre ihre Aufnahmegesuche eingereicht, sodass die Mitgliederzahl
sich heute auf ueber 16.000 belaeuft.
Dieser CGGMA ist nun staendig aufgefordert worden, sich dem
Allgemeinen Gewerkschaftsbund (CGT) anzuschliessen - und damit
seine Unabhaenglgkelt aufzugeben. Bis jetzt hat er sich jedoch
entschieden geweigert, es ist ihm obendrein trotz der feindlichen
Haltung der Regierung gelungen, die Interessen seiner Mitglieder
erfolgreich zu vertreten und eine Reihe besserer Bedingungen fuer
sie zu erringen.
Unter der "Schirmherrschaft" des Sekretariats fuer Arbeit und
Wohlfahrt, das inzwischen in den Rang eines Ministeriums erhobem
ist, wurde im Jahre 1947 ein sogenanntes "Gemeinsames Komitee" gebildet, das die Arbeitsprobleme der Seeleute und Hafenarbeiter
untersuchen und loesen soll. Die Vertretung der Arbeitnehmer
setzte sich urspruenglich ausschliesslich aus Mitgliedern des
CGGMA zusammen; der CGT - die peronistische Dachorganisation versuchte Jedoch bald durch die Ausuebung eines starken Druckes,
eine Vertretung in diesem "Eomitee" zu erzielen, obwohl ihm nur
eine kleinere, unter dem Protektorat der staatlichen Schiffahrtslinie "Dodero" stehende Seefahrergewerkschaft angeschlossen war.
Der CGGMA weigerte sich, dieser Organisation eine Vertretung zuzugestehen; seit dieser Zeit hatte das Eomitee praktisch keine
Funktionen mehr.

3

�Im Jahre 1949 wurde durch die Regierung ein Transportministerium geschaffen, das das Aufgabengebiet des Arbeltsministeriums in allen Arbeitsangelegenheiten des Transportgewerbes uebernahm; das fruehere "Gemeinsame Komitee" wurde offiziell aufgeloest. Dabei wurde versprochen, dass ein neuer Ausschuss gebildet wuerde, der sich lediglich aus den Mitgliedern der dem CGGMA
angehoerenden Gewerkschaften zusammensetzen sollte. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht gehalten. Am 26. August 1949 unterzeichnete der CGGMA im Namen der ihm angeschlossenen Gewerkschaften einen Tarifvertrag mit dem Arbeitsdirektor des Transportministeriums, in dem sich dieser verpflichtete, einige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durohzufuehren, sowie ein neues "Gemeinsames Komitee" zu ernennen, das sich nooh vor Jahresschluss
mit dringenden Problemen befassen sollte. Der CGGMA und die
Reeder ernannten, wie es vereinbart war, ihre Vertreter fuer
diesen Ausschuss, der jedoch niemals zusammentreten sollte.
Ende April 1950 stellte der Minister fuer Arbeit und Wohlfahrt ein anderes Komitee zusammen, dem diesmal jedoch keine
Vertreter des CGGMA oder seiner angeschlossenen Gewerkschaften
angehoerten, sondern nur von der CGT - Dachorganisation Perons ernannte ArbeitnehmerVertreter.
Damit wurde natuerlich bezweckt, den CGGMA als Tarifpartner fuer Seeleute zu verdraengen,
und ihn duroh eine andere Koerperschaft zu ersetzen. Hier ist
der Ausgangspunkt des gegenwaertigen Konfliktes zu sehen. Inwieweit die Regierung das Recht hat, ihn als einen "inter-gewerkschaftlichen Streit" zu bezeichnen, kann der Leser wohl
selbst beurteilen. Die gemeinsame Verlautbarung der Regierung
und der peronistischen Presse besagt, der CGGMA handele auf Befehl einer; kommunistisch inspirierten Orgapisation, des Internationalen Transportarbeiterverbandes, und versuche mit unpatriotischen Massnahmen die nationale Wirtschaft zu stoeren und die
argentinische Handelsmarine zu vernichten. Laecherlioh hierbei
ist in diesem Zusammenhange die Erklaerung der von der Regierung kontrollierten Presse, der Streik sei von auslaendIschen
Kapitalisten und Imperialisten angestiftet, die in der zunehmenden Staerke der HandelsSchiffahrt Argentiniens eine Gefahr saehen.
So viel ueber die Hintergründe und wahren Gruende des gegenwaertigen Konfliktes. Der aeussere Anlass war ein drei-taegiger
Streik, der am 3. Mal von dem CGGMA ausgerufen wurde und den
Förderungen der Gewerkschaft nach hoeheren Loehnen und der Wiedereinführung des "Gemeinsamen Komitees" Nachdruck verleihen
sollte. Zuvor hatten zwei kleinere Streiks stattgefunden, einer
im Maerz und einer im April, die den Behoerden beweisen sollten,
dass die Seeleute geschlossen hinter ihrer Gewerkschaft standen.
Nach Beendigung des Streiks am 6. Mai wurden eine Anzahl Seeleute von der staatlich kontrollierten Schiffahrtslinie "Dodero"
entlassen. Am 10. Mai wurden die Mitgliedsgewerkschaften des
CGGMA - aber nicht der CGGMA selbst - vom Transportministerium
zu Verhandlungen eingeladen. Hier vereinbarte man, die Entlassenen wieder einzustellen. Kurz danach wurde den Gewerkschaftsvertretern jedoch erklaert, dass eine Wiedereinstellung von dem
Austritt mehrerer Gewerkschaften aus dem CGGMA abhaengig gemacht
wuerde.
Die angeschlossenen Gewerkschaften beriefen eine Sonderkonferenz ein und,beschlossen, diese Bedingungen abzulehnen und ihre
Mitglieder aufzufordern, die Arbeit am 18. Mai niederzulegen und
nicht eher an ihre Arbeitsplaetze zurueckzukehren, bis die folgenden, wirklich gerechtfertigten Forderungen bewilligt seien:

- 4 -

�1.

Wiedereinstellung aller von der "Dodero"Schiffahrtslinie Entlassenen.

2. Verwirklichung des Artikels IV des am
26. August 1949 von dem Vertreter des
Transportministeriums unterzeichneten
Vertrages ueber die Bildung eines "Gemeinsamen Komitees".
3.

Anerkennung des Rechtes der in Frage
kommenden Gewerkschaften, ihre eigene
Gewerkschaftspolitik frei zu bestimmen.

Mit Ausnahme weniger Schiffe, die zum groessten Teil der
Dodero-Linie angehoeren, deren Offiziere einberufene Reservisten
und deren Mannschaften voellig eingeschuechtert sind, ist der
Streik vollkommen durchgefuehrt, obwohl er bereits ueber zwei
Monate andauert, und obwohl man den Streikenden mit persoenlichen Repressalien, wie der Einbehaltung ihrer Papiere, gedroht
hat, wenn sie die Schiffe verliessen. Berichten, die uns zugegangen sind, ist zu entnehmen, dass bis jetzt mehr als 90 Mitglieder der CGGMA verhaftet wurden.
Alle diese Informationen koennen als unbedingt zuverlaessig
angesehen werden. Bevor sich der Exekutivausschuss der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft entschloss, den Boykott
argentinischer Schiffe anzuordnen, wollte der Generalsekretaer
0. Becu sich nach Buenos Aires begeben, um sich selbst ueber die
Lage zu informieren und zu versuchen, mit dem argentinischen Arbeitsminister die Angelegenheit zu besprechen. Die argentinische
Gesandtschaft in London versicherte, dass fuer diese Besprechungen Vorkehrungen getroffen wuerden. Bei seiner Ankunft in Montevideo wurde dem Generalsekretaer die Einreiseerlaubnis jedoch verweigert. Es gelang ihm jedoch, mit Vertretern der CGGMA zusammenzukommen und zuverlaessige Informationen ueber die tatsaechliche
Lage einzuholen. Waehrend seines Aufenthaltes in Montevideo
teilte die argentinische Regierung dem CGGMA mit, dass sie bereit
sei, einen Versuch zur Beilegung der Streitigkeiten zu unternehmen, und zwar auf der Grundlage dieser beiden Bedingungen:
1. Dass die zwei Vertreter des Argentinischen
Gewerkschaftsbundes (CGT) lediglich als Beobachter in das vorgeschlagene "Gemeinsame
Komitee" aufgenommen wuerden.
2.

Dass die gesamte Mitgliedschaft des CGGMA
ueber die Frage abstimmen solle, ob der
CGGMA dem CGT beitreten soll oder nicht.

Der Generalsekretaer des CGGMA besprach diese Vorschlaege mit
dem Generalsekretaer des Internationalen Transportarbeiterverbandes Becu und erklaerte, dass er sie fuer annehmbar halte, da er
nichts zu befuerchten habe, sei es hinsichtlich der Abstimmung
oder der Vertretung des CGT im "Gemeinsamen Komitee". Eine beobachtende Vertretung des CGT koenne, so meinte er, das Ansehen
ihrer Organisation eher schmaelern als verbessern. Bevor die
Vorschlaege angenommen werden konnten, zog sich die argentinische
Regierung jedoch von den Besprechungen zurueok. Die Gruende hierfuer sind bis jetzt noch nicht bekannt, doch lassen sie sich
leicht erraten.

5 -

�Nach seiner Rueckkehr von Montevideo besprach der Generalsekretaer des Internationalen Transportarbeiterverbandes diese
Angelegenheit eingehend mit Vertretern der angeschlossenen Gewerkschaften, die daraufhin mit Genehmigung des Exekutivausschusses auf der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf beschlossen, den Boykott argentinischer Schiffe zu erklaeren.
Dieser Entschluss kam erst nach reiflicher üeberlegung zustande. Zuvor ist alles versucht worden, die Streitigkeit auf
friedlichem Wege beizulegen. Die argentinische Regierung machte
dies jedoch unmoeglich, da sie dem Generalsekretaer die Einreiseerlaubnis verweigerte. Diese Tatsache allein beweist in ausreichendem Masse, dass die Regierung Argentiniens entschlossen ist,
nicht einer einzigen groesseren argentinischen Gewerkschaft ihre
Unabhaengigkeit zu belassen. Es ist klar, dass ihre gegenwaertige Politik das Ziel verfolgt, den Streik solange andauern zu lassen, bis Hunger und Not die Seeleute zum Nachgeben zwingt oder
der CGGMA auseiranderbricht, damit ausser jener unbedeutenden Organisation, die dem CGT untersteht, keine Gewerkschaft mehr vorhanden ist, die die Interessen der Seeleute vertreten koennte.
Die Bedeutung dieser Auseinandersetzung fuer den Internationalen Transportarbeiterverband und fuer die ihm angeschlossene Organisation' in Argentinien und darueber hinaus fuer die Zukunft der
freien Gewerkschaftsbewegung in der ganzen Welt ist noch nicht zu
uebersehen. Es steht ausser Zweifel, dass dieser Angriff auf den
CGGMA die letzte Anstrengung Perons darstellt, eine voellig totalitaere Gewerkschaftsbewegung zu errichten. Wenn der CGGMA
trotz dieser Machenschaften als freie und demokratische Organisation erhalten werden kann, dann waere dem Prestige des PeronRegimes, das wirtschaftlich bereits auf recht schwachen Fuessen
steht, ein. schwerer Schlag versetzt.
Der Internationale Transportarbeiterverband ist deshalb entschlossen, dem CGGMA jede nur moegliche Unterstuetzung zukommen
zu lassen und hofft, dabei von den ihm angeschlossenen Gewerkschaften tatkraeftig unterstuetzt zu werden. Die argentinischen
Seeleute verkennen nicht die Tatsache, dass der CGT eine Organisation ist, die voellig unter dem Einfluss der Regierung steht,
und dass sie ihre Freiheit einbuessten, wenn sie dieser Organisation beitreten wuerden. Sie bilden eine unabhaengige Gemeinschaft und haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie in der
Lage sind, einen Streik monatelang zu fuehren, wenn es erforderlich ist. Selbst wenn Hunger und Not sie schliesslich zwingen
sollten, den Kampf aufzugeben, so wird der Geist, der sie heute
beseelt, in ihnen weiterleben, auch wenn dieser Kampf mit einer
schweren Niederlage fuer die freie Gewerkschaftsbewegung enden
wuerde.
Aufgabe des Internationalen Transportarbeiterverbandes und
der ihm zugehoerigen Organisationen muss es sein, dies mit allen
Mitteln zu verhindern. Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften hat bereits jede Unterstuetzung zugesagt.
"Press Report" des Internationalen
Transportarbeiterverbandes VIl/10/50

- 6-

�GEWERKSCHAFTLICHE "RECHTE" UNTER EINEM KOMMUN IS TISCHEN REGIME
Die Regierung der chinesischen "Volksrepublik" hat kuerzlichfireivorlaeufige Befehle ueber die Beziehungen zwischen
Industrie und Gewerkschaften erlassen. Wenn man sich mit diesen Anordnungen etwas naeher befasst, kann man feststellen, dass
die kommunistische Regierung Chinas, die angeblich die Rechte
der Arbeiter den Unternehmern gegenueber verankern will, Methoden eingefuehrt hat, die der Arbeiterschaft das elementare Reoht
des Kollektivverhandlungswesens entreisst. Diese Methoden gleichen durchaus denen, die in allen anderen Laendern hinter dem
europaeisehen Eisernen Vorhang angewendet werden.
Waehrend die Regierung in diesen Anordnungen behauptet, den
Gewerkschaften werde das Recht eingeraeumt, mit den Unternehmern
ueber Loehne, Arbeitszeit und andere Arbeitsbedingungen sowohl
mit dem einzelnen Privatunternehmer als auch mit der gesamten Industrie zu verhandeln, ist es den Gewerkschaften tatsaechlich
keinesfalls erlaubt, als freie Verhandlungspartner aufzutreten.
Landestarlfvertraege muessen von dem Arbeitsamt der Volksrepublik
genehmigt werden, und Einzelbestimmungen zum Abschluss von Tarifverträgen mit einzelnen Unternehmern unterliegen ebenfalls der
endgueltigen Genehmigung des Arbeitsamtes.
Das Streikrecht wird den Gewerkschaften in Indirekter Weise
versagt. Der Regierungsbefehl bestimmt, dass Arbeitsstreitigkeiten, die von den Partnern selbst nicht beigelegt werden koennen,
dem Arbeitsamt zur Vermittlung oder Schiedssprechung unterbreitet
werden muessen, das heisst, dass Streitfaelle von der Regierung
geklaert werden muessen. Solenge das Vermittlungs- oder Schiedsspruchverfahren laeuft, muessen beide Partner die Produktion aufrechterhalten, auch die Arbeitsdisziplin muss eingehalten werden.
Die Anordnungen der kommunistischen Regierung enthalten eine
allgemeine Lohnstopbestimmung. Nur bei aussergewoehnlich niedrigen
Loehnen koennen die Tarife durch Tarifvertraege abgeaendert werden, aber auch in diesem Falle ist dies nur moeglich, wenn das
staatliche Arbeitsamt diese Lohnaenderungen genehmigt. Auf der
anderen Seite muss jedoch erwaehnt werden, dass die Lohntarife
dem Preisindex fuer lebensnotwendige, Gueter von Zeit zu Zeit angepasst werden.
Die Arbeitszeit wurde in diesen Anordnungen auf 8 bis 10
Stunden taeglich festgesetzt, sie kann jedoch durch Tarifvertraege verlaengert oder verkuerzt werden, wenn die Regierung hierfuer
ihre Zustimmung gibt. Sollte es sich zur "Erreichung der Produktionsquoten" jedoch als notwendig erweisen, so kann die Arbeitszeit auf zwoelf Stunden taeglich ausgedehnt werden. Bestimmungen ueber die Bezahlung der Ueberstunden sind in diesen
Anordnungen nicht zu entdecken.
Die Regierung des kommunistischen China hat die Arbeiter in
jenen Zustand der Unterwuerfigkeit zurueckversetzt, wie er in
allen Laendern hinter dem Eisernen Vorhang vorgefunden wird.
Die Feststellung ist jedoch vielleicht nicht uninteressant, dass
es auch dieser Regierung nicht gelungen ist, das schreckliche
Elend und die Not der Millionen zu lindern, die seit dem kommunistischen "Befreiungsfeldzug" in China anzutreffen ist. General
Lin Piao, der Vorsitzende des Militaer- und Verwaltungsrates der
Provinzen Honan, Hupeh, Hunan, Kiangsi, Kwantung und Kwangsi gab
in einer Rede, die er kuerzlich in Hankau hielt, zu, dass in seinem Verwaltungsbezirk zehn Millionen Menschen unter der Hungersnot litten, die landwirtschaftliche Produktion dreissig Prozent
niedriger als vor dem Buergerkriege sei und die Landreform in
fuenf der von ihm verwalteten sechs Provinzen ueberhaupt noch
nicht begonnen habe.
Information Bulletin des IBFG
V/50
- 7 -

�Joseph 0. Moreschi, Generalpraesident der International Hod
Carriers', Building and Common Laborers * Union of America:
DIE ENTWICKLUNGSGESCHICHTE EINER GEWERKSCHAFT
Die 45-jaehrige Geschichte der Internationalen Amerikanischen Gewerkschaft der Handlanger, Bauhilfs- und Erdarbeiter
berichtet von den Kaempfen und Erfolgen von Hunderttausenden
von Arbeitern dieses Landes um die Anerkennung ihrer Rechte
und die Humanisierung der Bedingungen, unter denen sie lebten
und arbeiteten.
Am £8. April 1903 uebergab der Amerikanische Gewerkschaftsbund AFL unserer Organisation die Satzung, nach der sie fast ein
halbes Jahrhundert lang arbeitete. Zu jener Zeit fing die Gewerkschaftsbewegung gerade an, innerhalb der Nation eine Macht
darzustellen. Die AFL bestand erst seit 17 Jahren und hatte
nicht mehr als 1.750.000 Mitglieder.
In keinem anderen Berufszweig wurde eine Gewerkschaft dringender benoetigt als bei uns. Auf Grund des grossen Zustromes
von Einwanderern war die Zahl der ungelernten Arbeiter sehr
gross. Wenn auch nicht alle, so fielen doch die meisten von
ihnen dem "Patronatssystem" zum Opfer, das darin bestand, dass
ein Unternehmer sie anheuerte und aus ihrer Arbeit Profit schlug.
Der Druck, den diese Unternehmer ausuebten, war groesstenteils
sehr stark, und das Los seiner "Schuetzlinge" war nicht viel
besser als das regelrechter Sklaven.
Zahlreiche Versuche wurden unternommen, die Arbeiter zu
organisieren; es fehlte jedoch an der noetigen Zusammenarbeit,
und diese Bemuehungen waren somit meist nur voruebergehender
Natur. Jeder zog nach einer anderen Richtung. Die ersten Versuche zur nationalen Organisierung wurden in Lowell (Mass.) und
Dayton (Ohio) unternommen. Die Idee, alle Bauhilfs- und Erdarbeiter in einer Organisation zu vereinigen erwachte, und
Samuel Gompers rief zur ersten Konvention auf.
Mit der Eroeffnungskonferenz am IS. April 1903 in Washington war eine entscheidender Schritt getan. 80 Delegierte aus
22 Staedten waren als Vertreter von fast-5.000 Mitgliedern anwesend. Aus dieser Konvention ging unsere heutige Organisation
hervor.
Zu Anfang bestand die Arbeit der Gewerkschaft darin, Lokalgewerkschaften zu organisieren und die Arbeiter zu bewegen, die
Differenzen zwischen den einzelnen Lokalgewerkschaften innerhalb
der Staedte und die innerhalb der Lokalgewerkschaften entstehenden Streitfragen zu begleichen. Andere Taetigkeiten galten der
Beilegung von Zustaendigkeitsstreitlgkeiten, der Unterstuetzung
der in Streiks befindlichen Lokalgewerkschaften und der Sicherstellung guenstiger Tarifvertraege, kuerzerer Arbeitszeit und
besserer Arbeitsbedingungen.
Fuer das Gedeihen der Organisation war die Zeit aeusserst
guenstig. Das Gewerkschaftswesen Amerikas war im Aufschwung begriffen. Arbeiter stroemten zu Tausenden den Gewerkschaften zu,
und die Unternehmer fingen an, die Gewerkschaften "anzuerkennen"
und mit ihnen zu verhandeln.

8 -

�Unsere Organisation begann mit 20 Lokalgewerkschaften und
nahm im Laufe des ersten Jahres 112 weitere Organisationen auf.
Die Mitgliederzahl belief sich am Ende des ersten Jahres auf
8.200.
Die Lebenshaltungskosten waren niedrig, aber auch die Loehne.
Aus einem Bericht der Regierung aus jener Zeit geht hervor, dass
das jaehrliche Durchschnittseinkommen der Fabrikarbeiter $449
betrug.
Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts waren ruhelos und
von der Ausdehnung des Grosskapitals gekennzeichnet. Die Haltung 'der Unternehmer in jener Zeit kommt in einem Brief von
Georg F» Baer, dem Praesidenten einer Bergwerks-Gesellschaft in
Pennsylvanien, zum Ausdruck:
"Die Rechte und Interessen des arbeitenden Menschen werden
nicht von den Gewerkschaftsagitatoren, sondern von den christlichen Maennern beschuetzt und wahrgenommen, denen Gott in seiner unendlichen Weisheit die Kontrolle ueber die EigentumsInteressen dieses Landes in die Hand gelegt hat", schrieb der Grossindustrielle.
Mit den grossen und maechtigen Gewerkschaftsgruppen hatte
der Arbeiter nun einen Spreoher fuer seine Sache und die Moeglichkeit, seine Meinung oeffentlich zum Ausdruck zu bringen.
Heute stellen die mehr als 7 Millionen Mitglieder der AFL einen
Hauptfaktor in der Stabilisierung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften dar.
Vor 45 Jahren, als unsere Organisation entstand, kam der
Gruppe der Handlanger und Bauhilfsarbeiter eine besondere Bedeutung innerhalb der Bauindustrie zu. Heute besteht dieser Begriff
in seiner frueheren Bedeutung nicht mehr. Moderne Baumethoden
haben die Arbeitsbedingungen sehr veraendert und Maschinenkraft
und Aufzuege ersetzen die veraltete Tragmulde. Damit duerfte
unser Name heute eine falsche Bezeichnung sein, denn unsere
Leute verrichten zahlreiche Arten von Arbeiten, von denen viele
nicht mehr in die Sparte der ungelernten Berufe gehoeren. Wenn
wir die Vergangenheit kurz befragen und einen Rueckblick auf die
Entwicklung unserer Gewerkschaft halben, koennen wir den Umfang
unseres gegenwaertigen Arbeitsgebietes besser verstehen. Urspruenglich hatte die Organisation im Jahre 1903 23 Lokalgewerkschaften und einen Bezirksausschuss und zaehlte 8.000 Mitglieder. Heute haben wir 910 Lokalgewerkschaften, 39 Bezirksausschuesse und die durchschnittliche Mitgliedszahl belief sich
im Jahre 1947 auf 306.456.
Auf Veranlassung des Exekutiv-Ausschusses der AFL wurde uns
bereits fruehzeltig die Zustaendigkeit fuer Zement- und Betonarbeiter im Baugewerbe, den Schiffswerften und dem Strassenbau
zugesprochen.
1917 fand eine Verschmelzung mit einer Gewerkschaft statt,
die zuvor direkt der AFL angeschlossen war. Es war die Gewerkschaft der Unterwasser- und Fundamentarbeiter.

- 9

�Im Jahre 1929 schloss sich die Internationale Gewerkschaft
der Tunnel- und Untergrundbahnarbeiter unserer Organisation an.
Diese Gruppe setzte sich aus "Freiluft"-Arbeitern zusammen, im
Gegensatz zu den oben erwaehnten, die in luftdicht abgeschlossenen Raeumen arbeiten.
1937 vereinigte sich die Internationale Gewerkschaft der
Pflasterer mit unserer Organisation. Diese Gruppe war fuer
saemtliche Strassenarbeiter zustaendlg. Damit hatten wir zu
jener Zeit die unbestrittene Zustaendigkeit ueber alle Strassenarbeiten, ob Zement oder Asphalt, erlangt.
Das Einflussgebiet unserer Gewerkschaft ist heute durch
Verschmelzungen und organisatorisches Anwachsen sehr gross geworden. Wir glauben, dass unsere Taetigkeiten von grundlegender
Bedeutung fuer alle Berufe des Baugewerbes sind, und wer sich den
Artikel 2 unserer Verfassung besieht, wird sich von dem Umfange
unseres Taetigkeitsgebietes ueberzeugen koennen.
Unsere Mitglieder mischen und beioerdern alle Materialien,
die von Maurern, Pflasterern, Zimmerleuten und anderen Bauarbeitern verwendet werden. Auch mit Aufraeumen und Beseitigen von
Truemmern sind sie beschaeftigt.
Unsere Leute verrichten die wichtigsten Vorarbeiten zum
Bauen. Sie bauen Gerueste fuer Maurer und Pflasterer und schachten aus. Anlegen von Graeben, Daemmen, Fundamenten und Erdaushoebdungen gehoeren zu ihren Arbeiten; sie graben, planieren und
stuetzen Fundamente, Daemme und Deiche ab.
Die Zustaendigkeit fuer Betonarbeiter ist umfassend und
sohliesst Betonarbeiten an Daemmen, Fundamenten, Decken und
sonstigen Objekten ein; hierunter fallen auch das Mischen, Befoerdern und Verarbeiten des Betons. Ebenso das Abreissen, Abstreifen, und Abschaelen von Betonformen.
TThsere Zustaendigkeit erstreckt sich auf Strassen, Wege und
Bruecken, umfasst Ausschachtung, Vorbereitung, Betonieren, Asphaltieren, Einrammen, Einzaeunen und Fertigstellen von Strassen,
Wegen, Hoefen, Unterfuehrungen, Ueberfuehrungen, Bruecken und das
Anpassen dieser Objekte an die Landschaft.
An Strassen und Wegen ziehen die uns angehoerenden Arbeiter
Graeben und Kanaele zum Verlegen von allen moeglichen Leitungen.
Sie heben die Graeben aus und befoerdern das gesamte, fuer diese
Arbeiten notwendige Material.
Unsere Leute bauen Schaechte, Tunnel, Untergrundbahnen, Unterwasserkammern, Deiche, Daemme, Wasserleitungen, Flussregulierungen und Flughaefen.
Unsere Mitglieder stuetzen, unterbauen und heben und bewegen
saemtliche Konstruktionen. Alle, die mit dem Bau luftdicht abgeschlossener Kammern beschaeftigt sind, und die dazugehoerigen
Signalleute gehoeren unserer Gewerkschaft an.

10 -

i

�Unsere Zustaendigkeit erstreckt sich auf die allgemeinen
Ausschachtungs- und Planierungsarbeiten. Wir organisieren Arbeiter in Fabriken und Schiffswerften, Materiallagern, Schrottlagern, Asphalt-, Beton- und Zementwerken. Diejenigen, die
Strassen, Wege und Kanaele reinigen, werden von uns betreut.
Wir vertreten alle Bohrer, Sprenger, Signalleute und Arbeiter
in Steinbruechen und Kies- und Sandgruben.
Aus dieser Aufzaehlung kann ersehen werden, dass unsere
Maenner in erster Linie vorbereitende Arbeiten verrichten. Sie
sind jedoch fuer das Gelingen des Ganzen unerlaesslich und ermoeglichen erst die Ausfuehrung von vielen anderen Facharbeiten
auf dem Gebiete des Bauwesens.
Diese umfassende Zustaendigkeit erfordert fachliches Koennen und schliesst ein grosses Mass an Verantwortung ein. Wir
glauben, dieser Verantwortung unseren Mitgliedern gegenueber
waehrend der vergangenen 45 Jahre vollauf gerecht geworden zu
sein.
Die steigende Lohnkurve der vergangenen Jahre ist wohl der
beste Beweis fuer die erfolgreiche Taetigkeit unserer Organisation. Soweit es das Selbstaendigkeitsbewusstsein unserer Gewerkschaft zuliess, haben wir in freundschaftlicher V/eise mit der
AFL, Abteilung fuer Bauberufe, zusammengearbeitet, um einen
staendigen Bedarf an Arbeitskraeften zu sichern.
Unsere eigentliche Aufgabe ist es, fuer unsere Mitglieder
zu kaempfen. Sie brauchen einen Freund, der fuer sie spricht.
Als bestes Beispiel fuer unsere Erfolge auf diesem Gebiet kann
der Arbeitevertrag gelten, der zwischen Gewerkschaften und der
Tennessee-Tal-Behoerde (TVA) zustandekam. Die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, wie si6 in der TVA verwirklicht sind, werden fortwaehrend als beispielhaft fuer die
Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Parteien bezeichnet.
Was unsere Organisation im Kriege geleistet hat, ist einzigartig. Lange vor Pearl Harbor haben unsere Leute an dem Aufbau "des Arsenals der Demokratie" gearbeitet.
Unsere Mitglieder haben bei dem Bau der fuer den Krieg und
die Verteidigung so wichtigen Projekte eine wesentliche Rolle
gespielt. Sie waren an dem Bau der grossen Alaska-Strasse im
eisigen Norden beteiligt. Ihre Arbeitszeit beim Aufbau der
Ruestungsbetriebe war sehr lang.
Sie betaetigten sich in den
Laendern der feuohten Tropen und des kalten Nordens. In den
Vereinigten Staaten, auf den Inseln und an geheimen Ueberseebasen waren sie beschaeftigt.
In seiner Stellungnahme zum Bauprogramm erklaerte der Chef
der Technischen Einheiten der Armee nach dem Kriege: "Bis zur
Beendigung des Krieges haben unsere Feinde die Baukapazitaet
Amerikas, einen wesentlichen Machtfaktor unseres Landes, fortwaehrend unterschaetzt. Es war dies ein Element unserer Staerke,
fuer das sie keine Vergleichsbasis hatten. Derartiges, hatten
sie nie gekannt."
Der Krieg hat grosse Anforderungen an uns gestellt, und
unsere Leute sind stolz, ihren nicht unwesentlichen Beitrag
geleistet zu haben.

- 11

�Unsere amerikanischen Bauarbeiter mussten in jener Zeit
50 Lager, 30 Aufnähmelager, 19 Unterkuenfte fuer Ersatztruppen, 52 Hafenprojekte, 16 Projekte fuer die Luftwaffe und
nahezu 150 Truppenunterkuenfte hauen. Darüberhinaus mussten
Fabriken und Lager mit den notwendigen Einrichtungen versehen
werden. Hierzu gehoerten Geschaefte aller Art, Strassen,
Kanaele, Wasser und Strom.
Beispiellos jedoch in der Kriegsgeschichte unserer Gewerkschaft ist Wake Island. Auf dieser kleinen Insel im Pazifik befanden sich etwa 5.000 Menschen, davon mehrere tausend
Zivilisten und ein paar hundert Soldaten, die zum groessten
Teil der amerikanischen Marine angehoerten. Die Geschichte
von der Verteidigung Wake Islands ist ein Epos des Mutes und
der Tapferkeit. Die Zivilisten kaempften Schulter an Schulter
mit den Marinesoldaten. Viele von ihnen waren Bauarbeiter und
Mitglieder unserer Gewerkschaft. Sie sind stolz darauf, mitgeholfen zu haben, eines der stolzesten Kapitel in die ruhmreichen
Annalen der amerikanischen Marine zu schreiben.
Die Bemuehungen unserer internationalen Gewerkschaft sind
jedoch auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet. Unser Ziel
ist das gleiche wie vor 45 Jahren: den Arbeitern ein besseres
Los erkaempfen zu helfen. Die Zeiten aendern sich, und die Gewerkschaften muessen bestrebt sein, sich den neuen Gegebenheiten und Verhaeltnissen anzupassen. Wir haben dies getan und
glauben, dass die Anpassungsfaehigkeit unserer Gewerkschaft
eine ihrer wertvollsten Eigenschaften zum Wohle ihrer Mitglieder ist. Mit Genugtuung haben wir von der Loyalitaet und der
Bereitwilligkeit unserer Mitglieder Kenntnis genommen, mit der
sie ihre Gewerkschaft unterstuetzen. In den kritischen Kriegsjahren gab es bei uns keine einzige Unterbrechung der Arbeiten.
Wenn in irgendeinem Teile des Landes die Situation kritisch zu
werden drohte, schickten die Gewerkschaften sofort einen Vertreter, der sich mit der Angelegenheit befasste.
Praesident Truman ist der Auffassung, dass der staendige
Zuwachs an Menschen in unserem Lande umfassende Verbesserungen
der Wohnungsverhaeltnisse, der Strassen, der Projekte zur richtigen Bewirtschaftung des Ackerbodens und anderer Sektoren
erfordert, in denen unsere Gewerkschaftsmitglieder die wichtigsten Vorarbeiten zu verrichten haben. Oertliche Projekte bringen neue Arbeltsmoeglichkeiten an Daemmen, Bruecken, Bewaesserungsanlagen und anderen Einrichtungen grossen Umfanges mit sich.
Mit der Entwicklung des Zeitalters der Luftfahrt wird unser
Land grosse und viele kleine Flughaefen benoetigen; auch auf
diesem Gebiete koennen unsere Arbeiter mit umfangreichen Beschaeftigungsmoeglichkeiten rechnen. Der Praesident hat erklaert,
dass innerhalb von 10 Jahren 45 % unserer Landstrassen erneuert
werden muessten. Damit werden Hunderttausende von Arbeitsplaetzen
entstehen. Mit dem Anwachsen der Staedte werden zusaetzliche
Transportmoeglichkeiten, wie Strassen, Unterfuehrungen, Ueberfuehrungen, usw. notwendig sein.
Der Wohnungsbau ist eines der zukunftsreichsten Arbeitsgebiete. Der Praesident wuerde es begruessen, wenn in den naechsten 10 Jahren mehr als 1 Million Wohnungen jaehrlich erstellt
werden koennten.
Die ungeheuren Beschaeftigungsmoeglichkeiten
angesichts eines solchen Vorhabens liegen auf der Hand.

12 -

�Seit 1903 werden alle angeschlossenen Lokalgewerkschaften
mit beglaubigten, vierteljaehrlichen Finanzberichten beliefert,
die von allen Mitgliedern unserer Gewerkschaft bei den Ortsverwaltungen eingesehen werden koennen.
Unser Gewerkschaftsbeitrag ist einer der niedrigsten aller
in der AFL gezahlten Beitraege - monatlich 35 Cents, von denen
7,5 % einem Lebensversicherungsfonds zugefuehrt werden. Wir
kennen keine Diskriminierung unserer Mitglieder auf Grund ihrer
Rasse, Religion oder Farbe. Mit Recht kann unsere Gewerkschaft
"das grosse Sammelbecken Amerikas" genannt werden.
Zahlreiche Gewerkschaften haben gegen das Taft-HartleyGesetz energisch Stellung genommen. Auf dieses Gesetz hin hat
unsere Gewerkschaft gewisse Aenderungen ihrer Satzungen vornehmen muessen, wodurch ein weiterer Beweis fuer die Anpassungsfaehigkeit unserer gewerkschaftlichen Organisation und Taetigkeit
gegeben ist.
Unsere Gewerkschaft war eine der ersten, die nachdruecklichst
erklaerte, dass das Taft-Hartley-Gesetz unanwendbar und undurtehfuehrbar sei. In einer ausfuehrlichen Empfehlung an den GeneralRechtsvertreter des Bundesausschusses fuer Arbeitsfragen (National
Labor Relations Board) brachten wir unseren Standpunkt klar zum
Ausdruck. In gemeinsamer Zusammenarbeit haben wir unser eigenes
ueberindustrielles System zur Beilegung von Zustaendigkeitsstreitigkeiten aufgebaut.
Ungeachtet unserer offiziellen oder persoenlichen Einstellung dem Taft-Hartley-Gesetz gegenueber ist es unsere Pflicht,
dieses Gesetz zu achten, da es sich um ein Landesgesetz handelt
und solange befolgt werden muss, bis es aus unserer Verfassung
wieder gestrichen ist.
Wir sehen mit Zuversicht und Hoffnung der Zukunft entgegen.
Unsere besondere Hoffnung gilt der Zukunft unserer Arbeiter.
Wir glauben an dieftukunftAmerikas und der amerikanischen Arbeiter, die unser Land zu seiner gegenwaertigen Groesse erhoben
und den Boden fuer eine vielversprechende Zukunft bereitet haben.
"The Laborer", V/50
BELGISCHE TEXTILARBEITER GEWINNEN VIER-WOECHIGEN STREIK
Als sich die belgischen Unternehmer der Textilindustrie
hartnaeckig weigerten, die von den christlichen Und sozialistischen Gewerkschaften geforderten hoeheren Loehne zu zahlen,
traten mehr als 85,000 Arbeiter am 30. Mai in den Ausstand.
Die belgische Textilindustrie befindet sich zur Äeit in
einer sehr guenstigen Lage; sie war im Februar am Gesanlteiport
des Landes mit 31 % beteiligt. Die Textilarbeiter glaubten sich
deshalb im Recht, als sie eine Lohnerhoehung forderten, zumal
ihre Loehne weit niedriger als diejenigen der uebrigen Industrien
waren. Tatsaechlich arbeiten noch einige von ihnen fuer 13,50
Franken pro Stunde, und der Tarif fuer Facharbeiter betraegt
16 Franken. Auf der anderen Seite behaupteten die Arbeitgeber,
dass die von ihnen gezahlten Loehne um 20-30 # hoeher als diejenigen der hollaenjSischen Textilindustrie seien, obwohl die
Differenz zwischen den belgischen und hollaendischen Loehnen im
allgemeinen nicht ueber 8-10 % hinausgeht. Sie versuchten sogar,
eine allgemeine Kampagne zur Senkung der Loehne auch in anderen
Industrien einzuleiten, um ihren Standpunkt damit zu rechtfertigen.

- 13

�Die Folge war, dass die Arbeiter einstimmig einen Mindeststundenlohn fuer ungelernte Arbeiter von 15 Franken fuer Maenner
und 10,50 Franken fuer Frauen forderten. Von den beiden grossen belgischen Gewerkschaften unterstuetzt waren die Textilarbeiter entschlossen, diesen Kampf bis zur siegreichen Beendigung
fortzufuehren.
Der Streik dauerte 4 Wochen und wirkte sich hauptsaechlich
in dem Gebiet von Ghent und anderen flaemischen Gegenden aus (die
Arbeiter der Gebiete Verviers und Mouscron waren an andere Vertraege gebunden und setzten ihre Arbeit fort).
Der Belgische Textilarbeiterverband gewaehrte den Streikenden seine volle Unterstuetzung und bat zu diesem Zweck alle ihm
angeschlossenen Organisationen um eine Sonderabgabe in Hoehe von
10 Franken pro Kopf.
Die grossen belgischen Arbeitgeber der Textilindustrie und
viele kleinere Arbeitgeber waren gezwungen, den Forderungen der
Arbeiter stattzugeben, und am 22. Juni wurde ein neuer Tarifvertrag unterzeichnet. Am 26. Juni wurde die Arbeit wieder aufgenommen .
Nach den Bestimmungen dieses Vertrages erhoeht sich der Mindest-Stundenlohn fuer Maenner auf 15 Franken und fuer Frauen auf
10,50 Franken (nach Vollendung des 21. Lebensjahres und dreimonatiger Arbeitszeit in der Industrie).
Die Grundtarife fuer die im Stundenlohn bezahlten Arbeiter
und auch fuer diejenigen, die Akkordloehne beziehen, haben sich
fuer Maenner bei einem Stundenlohn von 15 Franken um 5 #, zwischen
15 und 16,50 Franken um 4 # und fuer Loehne ueber 16,50 Franken
um 3 # erhoeht. Die Lohnaufbesserung betraegt fuer Frauen bei
Loehnen bis zu 10,50 Franken 5 #, zwischen 10,50 und 11,60 Franken 4 % und 3 % fuer die darueber liegenden Loehne. Die 10 #igen
Sonderpraemien fuer Akkordarbeiter werden auf 13 % erhoeht, die
zur Zeit fuer besonderen Fleiss, Qualitaetsarbeit, etc. gezahlten
Praemien werden durch Heraufsetzen des Prozentsatzes dieser Sonderpraemien verguetet werden.
Mit der Anwendung dieses Vertrages werden etwa 40 % der in
der Baumwoll-, Spinn- und Webindustrie besohaeftigten Arbeiter
hoehere Loehne beziehen, waehrend in der Leinenindustrie, in der
die Loehne am niedrigsten waren, fast alle Lohnempfaenger in den
Genuss hoeherer Tarife kommen.
Information Bulletin des
Internationalen Bundes
Freier Gewerkschaften
VII/5/50
LOHN- UND ARBEITSSTREITIGKEITEN IN INDIEN
Gewisse Anzeichen Hessen im Jahre 1948 darauf schliessen,
dass sich die Realloehne in Indien mehr und mehr ihrem Vorkriegsstand naeherten, ohne ihn Jedoch voellig erreicht zu haben. In
dem Ansteigen der Lebenshaltungskosten war der Hauptgrund fuer
die Streitigkeiten in der Industrie zu sehen. Die Zahl der Arbeitsstreitigkeiten erhoehte sich von 820 im Jahre 1945 auf 1629
im Jahre 1946 und erreichte die Rekordziffer von 1811 im Jahre
1947. 1948 Jedoch ging sie wieder zurueck. Die Arbeitslosenziffern und die Anzahl der Streiks in der Industrie stiegen im
Verlaufe des Jahres 1949 in Indien leicht an. Die Lebenshaltungskosten der-Lohnempfaenger stabilisierten sich im allgemeinen.
- 14

�1949 gingen wegen Streitigkeiten in der Industrie monatlich zwischen 400.000 und 750.000 Arbeitstage verloren. Im
April 1947, als die britische Herrschaft in Indien ihrem Ende
entgegenging, hatte diese Zahl eine bisher nie gekannte Hoehe,
naemlich 2,5 Millionen, erreicht. Im September 1948 war sie
auf 15,000 herabgesunken.
Die folgenden Zahlen wurden vom indischen Arbeitsamt ausgearbeitet und in dem offiziellen "India Record" veroeffentlicht:
1948
Anzahl
der
Streitigkeiten:
"T7636
n
" Arbeiter:
Verlorengegangene Arbeitstage: 8,214,456

. 1949
Jan.1950
"T7I45 "
100
76.000
6,366,761

230.000

Feb.1950

§6
45.000
340.000

Ein staendiges Absinken der Anzahl der Streitigkeiten in der
Industrie ist seit dem Hoehepunkt im Jahre 1948 festzustellen, als
die steigenden Lebenshaltungskosten den Arbeitern mit Liliputeinkommen unertraegliche Lasten auferlegten. Der Verlust an Arbeitstagen im Februar war zum groessten Teil auf Aussperrungen, und
zwar besonders in der Textilindustrie, zurueckzufuehren.
Der Arbeitsminister berichtete von einer anhaltenden Verschlechterung der Beschaeftigungslage, wobei weniger Einstellungen
vorgenommen wurden und weniger offene Stellen zur Verfuegung standen. Zur Behebung des Mangels an Facharbeitern wurden jedoch von
der Regierung zur Schulung von etwa 17,000 Personen im Laufe des
Jahres Ausbildungsprogramme durchgefuehrt.
Die Lebenshaltungskosten der Lohnempfaenger, die waehrend des
Krieges und in den Nachkriegs Jahren rapide in die Hoehe gegangen
waren, waren 1949 unveraendert geblieben. Im letzten Vierteljahr
war der Index der Lebenshaltungskosten in den meisten Industriestaedten der gleiche oder wenig niedriger als ein Jahr zuvor.
Der durchschnittliche Fabrikarbeiter in Indien verdiente
schaetzungsweise jaehrlich 500 - 1.200 Rupien (40 - 90 Pfund
Sterling), wobei in den verschiedenen Gebieten, Industriezweigen
und Berufsgruppen grosse Unterschiede herrschten.
Information Bulletin des
Internationalen Bundes
Freier Gewerkschaften
VII/5/50
FORDERUNGEN AMERIKANISCHER EISENBAHNKRGBWBRKSCHATTEN
Der Vorschlag eines Untersuchungsausschusses des Praesidenten
sieht vor, da'ss fuer etwa 75.000 Eisenbahnangestellte die Woche
mit 6 Arbeitstagen und 48 Arbeitsstunden durch die 5-Tage Woche
mit 40 Arbeitsstunden ersetzt werden soll. Als Ausgleich fuer
die kuerzere Arbeitszeit sollen die Stundenloehne um 18 Cents
erhoeht werden. Diese Bestimmungen wuerden, falls sie von den
Gewerkschaften und den Eisenbahngesellschaften gebilligt werden,
am 1. Oktober in Kraft treten.
Diese Empfehlung kam zustande, nachdem Verhandlungen zwischen
Eisenbahngesellschaften und zwei GewerkschaftsOrganisationen, der
Gewerkschaft der Zugbegleiter und dem Verband der Zugfuehrer, ergebnislos verlaufen waren. Aehnliche Vorschlaege wurden fuer
- 15 -

�4.000 Rangiermeister, die in der Gewerkschaft der Rangiermeister
Amerikas organisiert sind, unterbreitet. Die Exekutivausschuesse
der Gewerkschaften der Zugbegleiter und Zugfuehrer traten zusammen, um den Bericht des Untersuchungsausschusses zu besprechen
und weitere Verhandlungen mit den Eisenbahnunternehmern vorzubereiten.
Seitdem es den nicht im Zugverkehr eingesetzten Arbeitern
der Eisenbahnen im September vorigen Jahres gelungen war, die
40-Stunden Woche ohne Kuerzung ihrer Loehne einzufuehren, ist
der Druck der Gewerkschaft der Rangierer nach gleiohen Bedingungen immer staerker geworden. Auch anders Gewerkschaften, wie die
Ranglergewerkschaft von Nordamerika (AFL) und die der Heizer und
Lokomotivfuehrer haben aehnliche Schritte unternommen, um die
40-Stunden Woche fuer ihre Mitglieder einfuehren zu koennen.
Die Lokomotivtechniker dagegen fordern eine Lohnerhoehung von
20 %. Die im Pendelverkehr auf kleineren Strecken beschaeftigten
Eisenbahner haben keine geregelte Arbeitszeit. Die Dauer ihres
Dienstes haengt groesstenteils von der Laenge der befahrenen
Strecken und der Fahrtzeit von einer Station zur anderen ab.
"Weekly Labor News Digest"
U.S. Arbeitsministerium
VI/21/50

- 16 -

Office of Labor A f f a i r s , HICOG
APO 757

HICOG B-1392 I I I iugust 50 19 K

CFFICIAL

�Internationale

ARBEITSMITTE1LUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

T U - 22

F r a n k f u r t , 4 . August 1950
INHALTSVE

R Z E I C H N I S

Weltgewerkschaftsbund befuerwortet Vollbesenaeftigung - - - - - - - - - - - - - - - - Falsche
Streiks

1

Auffassungen ueber die Kosten eines
--

_ _ - - - - _ _ - _ - - - - -

Die britische Textilarbeiter-Gewerkschaft
Oesterreich und das ERP

- - -

3
8

- - - - - - - - - - - - 1 5

Hollaendische Gewerkschaft zum Marshall-Plan - - 16

WELTGEWERKSCHAFTSBUND BEFUERWORTET VOLLBESCHAEFTIGUNG
J. H. Oldenbroek, der Generalsekretaer des Internationalen
Bundes freier Gewerkschaften (IBFG), hat nach eingehender Beratung mit den Mitgliedern des Notfall-Ausschusses des IBFG dem
Generalsekretaer der Vereinten Nationen eine Erklaerung unterbreitet, in der die freie Gewerkschaftsinternationale zu der
nationalen und internationalen Politik der Vollbeschaeftigung
Stellung nimmt. Trygve Lie hatte den IBFG aufgefordert, zu dem
Bericht ueber nationale und internationale Massnahmen zur Vollbeschaeftigung Stellung zu nehmen. Dieser Bericht, der von
einer Gruppe Sachverstaendiger ausgearbeitet war, die der Gene
ralsekretaer der Vereinten Nationen hierzu bestellte, bildete
den Gegenstand der Besprechungen des Wirtschafts- und Sozial- 1

�rates dieser Weltorganisation auf seiner letzten Konferenz.
Es wurde beschlossen, alle angeschlossenen Regierungs- und
Nicht-Regierungs-Organisationen aufzufordern, zu diesem fuer
die Wohlfahrt der Arbeiter und der ganzen Welt so entscheidenden Problem Stellung zu nehmen.
In seiner Erklaerung begruesst und befuerwortet der IBFG
den Bericht der Sachverstaendigen der Vereinten Nationen. Besonders wird die Bedeutung hervorgehoben, die die Sachverstaendigen der Vereinten Nationen der nationalen und internationalen
Politik der Vollbeschäftigung beimessen. ' Gebilligt wird ausserdem deren Standpunkt, dass das Ziel der Vollbeschaeftigung
unter Wahrung aller demokratischen Rechte und Einrichtungen und
aller wirtschaftlichen und sozialen Systeme erreicht werden kann,
vorausgesetzt, dass die feste Entschlossenheit vorhanden ist,
Massnahmen anzuwenden, die saemtliche wirtschaftliche Unausgeglichenheiten, die zur Massenarbeitslosigkeit fuehren, beseitigen koennen.
In der Erklaerung des IBFG wird ausserdem hervorgehoben,
dass eine Wirtschaft der Vollbeschaeftigung nur bestehen kann,
wenn alle Massnahmen wirtschaftlicher und sozialer Art aufeinander abgestimmt sind, und ein gut entwickeltes und fortschrittliches System der sozialen Sicherheit vorhanden ist. Hierbei
ist ein hohes Mass Anpassungsfaehigkeit seitens der Regierungen
in ihrer Politik erforderlich, und zwar besonders in der Finanz-,
Waehrungs- und Kreditpolitik, oder auch in oeffentlichen Investitionen und oeffentlichen Arbeiten.
In der Verlautbarung des IBFG wird vor allem die Notwendigkeit betont, die Beweglichkeit der Arbeitskraefte durch Lockerung
der Aus- und Einwanderungsbeschraenkungen durch Austausch der Beschaeftigungsmoeglichkeiten und durch Ausbildungs- und annehmbare Wohnungsbauprogramme zu foerdern. Es wird eine Vergroesserung
des Volumens langfristiger, internationaler Kredite, die Verteilung dieser Geldmittel durch die internationale Wiederaufbaubank,
eine Liberalisierung der Kreditbestimmungen der internationalen
Bank, ausreichende finanzielle und technische Unterstuetzung fuer
wirtschaftlich rueckstaendige Laender und eine umfassendere finanzielle Basis fuer den internationalen Waehrungsfonds gefordert,
um damit den internationalen Handel und Zahlungsverkehr auszudehnen und zu stabilisieren.
Ausserdem macht der IBFG die Vereinten Nationen darauf aufmerksam, dass eines der groessten Hindernisse fuer die Vollbeschaeftigung die Unfaehigkeit ist, Realloehne und Arbeitszeit mit
der steigenden Produktionsleistung auf gleichem Niveau zu halten.
"Fuer die Politik der Vollbeschaeftigung", heisst es in der Erklaerung weiter, "ist es deshalb von groesster Wichtigkeit und
verdient besonders erwaehnt zu werden, dass mit allen Mitteln
verhindert werden muss, dass die Loehne hinter der Produktionsleistung und den Lebenshaltungskosten zurueckbleiben, und dass
diejenigen Loehne, die bereits unter dem Stand der Produktionsleistung und Lebenshaltungskosten liegen, entsprechend aufgebessert werden muessen."
Der IBFG nimmt ferner zu den nachteiligen Auswirkungen der
nationalen un&lt;? internationalen Privatmonopole auf die Kaufkraft
der Verbraucher Stellung und ruft zu wirksamen Massnahmen zur
Bekaempfung dieser Monopole auf.

- £-

�Er ist sich ausserdem der Bedeutung wirksamer internationaler
Massnahmen zur Errichtung eines weltumfassenden Wirtschaftssystems
der Vollbeschaeftigung bewusst.
Die Erklaerung enthaelt eine Reihe von Vorschlaegen, rueckstaendige Laender in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu unterstuetzen, damit die Beschaeftigungsmoeglichkeiten in
jenen Gebieten zu steigern und die Beschaeftigungslage in solchen
Laendern zu stabilisieren, die in besonderem Masse auf den Aussenhandel angewiesen und deshalb fuer internationale Wirtschaftskrisen besonders anfaeilig sind.
Um die Ziele der nationalen und internationalen Politik der
Vollbeschaeftigung erreichen zu koennen, schlaegt der IBFG in
seiner Stellungnahme zu dem Bericht der Sachverstaendigen der
Vereinten Nationen vor, dass der Wirtschafts- und Sozialrat der
Vereinten Nationen in enger Zusammenarbeit mit der internationalen Arbeltsorganisation einen Ausschuss ernennt, der mit dem Entwurf einer Internationalen Konvention beauftragt werden soll, in
der sich alle Teilnehmerstaaten verpflichten, die Vollbeschaeftigung, soweit dies in ihrer Macht liegt, zu verwirklichen und aufrechtzuerhalten und ihre nationale und internationale WirtschaftsFinanz- und Sozialpolitik mit den in dem Bericht der Sachverstaen-'
digen der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebrachten Empfehlungen
und den Vorschlaegen des IBFG in Einklang zu bringen.
Information Bulletin des IBFG
V/50
FALSCHE AUFFASSUNGEN ÜEBER DIE KOSTEN EINES STREIKS
Der folgende Artikel erschien in der Zeitschrift "Ammunition" dem Organ des Amerikanischen Automobilarbeiter-Verbandes (CIO).
Er behandelt das Problem der Streikkosten
und Streikschaeden und venucht darzulegen,
dass weder die Arbeiter noch die Unternehmer
notwendigerweise geschaedigt werden. Wir
drucken diesen Artikel ab ohne uns mit Form
und Inhalt zu identifizieren.
im w Tflße des Streiks in den Chrysler-Werken wurde in den
"Automotive A f t e r n Organ der Automobilindustrie, erklaert, dass
dieser Streik insgesamt 1, 091,732,200 Dollar gekostet haette. Ist
dies nun wahr oder unwahr?
Die gleichen pruefbaren statistischen Zahlen tauchen bei jedem
Streik auf. So wandte man sie auch bei dem Bergarbeiterstreik
an.
Die Bergwerksunternehmen multiplizierten die d « 0 * « ^ " ^ *
TaKesoroduktion an Kohle mit der Anzahl der Tage, die die Bergl^elllv
gestreikt hatten, und erklärten dass das Ergebnis die
Zahl der verlorengegangenen Tonnen Kohle darstelle. Sie verviel
faeltigten die Anzahl der Tonnen Kohle, die waehrend des Streiks
n?oht fefoerdert wurde, mit dem Preis je Tonne und behaupteten,
dass dfes der S u R E S i g sei, den die Unternehmer verloren haetten.
q?« multinlizierten ausserdem die Anzahl der Tage, an denen die
Berg?eutePgeltreik? hatten, mit dem durchschnittlichen Tagesverdienst und sagten, dass dies der Gesamtbetrag der eingebuessten
Soehne Sei. Dann zaehlten sie alle Arbeiter zusammen, von denen
m«n annahm d e ^ s i e wegen des Mangels an Kohle entlassen werden
Susstent^d'multloUzifrten diese^ahl mit • ä « * " ^ ^ SJiSt?
Tageslohn. Dies sei der Betrag, so behaupteten sie, der den Gesamt

- 3-

�Verlusten des Bergarbeiterstreiks hinzugerechnet werden muesse.
Dann zaehlten sie die Tage zusammen, an denen in den Betrieben
wegen Mangels an Kohle nicht gearbeitet werden konnte, und
multiplizierten diese Zahl mit dem durchschnittlichen Wert
einer Tagesproduktion. Alle diese Ziffern zusammengezaehlt
wuerden, so erklaerten sie, die durch den Bergarbeiterstreik
verursachten Verluste ergeben.
Hat dieser Streik nun tatsaechlich soviel Unkosten verursacht?
"Business Weekn berichtete, dass die Bergleute zur Zeit vier Tage
in der Woche arbeiteten. Es ist zu erwarten, dass sie im Hochsommer nur noch an drei Tagen in der Woche beschaeftigt werden
koennen. Im Herbst wird hoechstwahrscheinlich die Arbeit zeitweise eingestellt werden muessen. Die Bergleute haben nachtraeglich all die Kohle gefoerdert, die waehrend des Bergarbeiterstreiks nicht gefoerdert worden war. Sie haben sogar mehr Kohle
gebrochen, als im Land verbraucht werden kann. In Wirklichkeit
hat der Bergarbeiterstreik also keinen Verlust an Kohle verursacht.
Dieser Streik hatte lediglich zur Folge, dass die Produktion von
einem Abschnitt des Jahres auf einen anderen verlegt wurde. Damit
ist die Behauptung ueber den angeblichen ProduktionsVerlust nicht
mehr haltbar.
Die Kohlenproduktion hat somit keinerlei Verluste zu verzeichnen. Wie verhaelt es sich nun mit den Loehnen? Die Bergarbeiter arbeiten zur Zelt vier Tage woechentlich. Wenn sie
waehrend der ganzen Zeit in der sie streikten, Kohle gefoerdert
haetten, laegen die Vorraete an Kohle schon vor Monaten weit
ueber der absetzbaren Menge, und die Bergarbeiter waeren nur
noch drei oder noch weniger Tage je Woche beschaeftigt gewesen.
Die waehrend des Streiks verlorengegangenen Loehne waeren also
auf jeden Fall verloren.
Was haben die Bergleute waehrend des Streiks nun tatsaechlich
eingebuesst? Sie haben lediglich auf ihre Arbeitslosenunterstuetzung verzichten muessen.
Nun zu den Betrieben und Eisenbahnen, die durch den Bergarbeiterstreik angeblich gezwungen waren, ihren Betrieb zu
schliessen. Nicht alle Betriebe, die waehrend des Bergarbeiterstreiks die Arbeit einstellten, mussten tatsaechlich wegen dieses
Streiks die Arbeit einstellen. Jede Gesellschaft, die Arbeiter
wegen Mangels an Auftraegen entliess, beeilte sich zu erklaeren,
dass dies auf Grund des Streiks erforderlich sei. Damit wollte
man die streikenden Bergarbeiter fuer alles verantwortlich
machen. Wenn in gewissen Faellen die Betriebe tatsaechlich wegen
des Bergarbeiterstreiks schliessen mussten, dann hatten sie Gelegenheit, die verlorengegangene Produktion wieder nachzuholen.
Damit waren also auch die Arbeiter in der Lage, wieder in den
Besitz der verlorengegangenen Loehne zu kommen. Wenn die betroffenen Arbeiter Ueberstunden leisten mussten, um die Produktion
nachholen zu koennen, dann hatten sie durch den Bergarbeiterstreik nur finanzielle Vorteile, d.h. die regulaere Arbeitszeit,
die ihnen verlorenging, wurde zum Teil durch Ueberstunden ersetzt, die den 1 1/2-fachen oder doppelten Verdienst einbrachten.
Abgesehen von den falschen Angaben ueber die Verluste im Bergarbeiterstreik ging der Wirtschaft des Landes nichts verloren.
Nur die Bergarbeiter hatten einen Verlust zu verzeichnen und
zwar den dex* Arbeitslosenunterstuetzung. Wenn die Unternehmer,
die fuer die Bergarbeiter waehrend der Streiks so großes Mitleid
zeigten, diesen Verlust vermeiden wollen, dann koennen sie das
auf einen sehr einfache Art und Weise. Sie brauchen sich nur
mit dem C.I.O. in Verbindung zu setzen und die Gesetzgeber des
Staates zu bewegen, die Gesetze der Arbeitslosenversicherung so
abzuaendern, dass die Arbeiter waehrend der Streiks Arbeitslosenunterstuetzung beziehen.
4 -

�Wenn die Bergarbeiter ihre Arbeitslosenunterstuetzung jedoch
verloren haben, dann war auch diese Einbusse nicht vergebens.
Die Bergwerksunternehmen wuerden den Bergarbeitern ohnehin
fuer eine bestimmte Zeit nichts gegeben haben, auch wenn sie nicht
gestreikt haetten; was die Bergarbeiter jedoch an Arbeitslosenunters tue tzung verloren, kam ihnen durch die im Streik erzielten
Erfolge wieder zugute.
Der durchschnittliche Verlust an Arbeitslosenunters tue tzung betrug weniger als 400 Dollar fuer den einzelnen Arbeiter, in den meisten Faellen war der Betrag weit geringer.
Im Gegensatz hierzu sei der Gewinn in bar gestellt: 70 Cents je
Tag als Lohnzuschlag; eine Erhoehung der Pensions- und Wohlfahrts-»
unterstuetzung, die sich auf etwa 5.000 Dollar je Arbeiter (dies
allein ist bereits ein genuegender Gewinn.') belaeuft. Selbst bei
nur 200 Arbeitstagen je Jahr, was einen hohen Grad der Arbeitslosigkeit bedeutet, gleichen allein die durch den Streik erzielten Lohngewinne in zwei Jahren den gesamten Verlust an Arbeitslosenunters tue tzung aus. Die 5.000 Dollar je Arbeiter, die fuer
die Pensions- und Wohlfahrtsunterstuetzungen erzielt werden konnte, sind somit Reingewinne fuer die Bergleute.
Hat die Gesamtwirtschaft durch den Bergarbeiterstreik etwas
gewonnen oder verloren? Verloren hat sie ueberhaupt nichts, sie
hat nur wesentliche Gewinne erzielt. Und zwar deshalb, weil die
Bergarbeiter mitgeholfen haben, jenes Sicherheitssystem zu propagieren, das fuer alle Arbeiter erreicht werden muss. Ein weiterer Gewinn fuer die Wirtschaft besteht darin, dass durch den
Erfolg dieses Streiks vdas nationale Einkommen gerechter verteilt
wird, und zwar in eineV Weise, die die Wahrscheinlichkeit einer
erneuten Wirtschaftskrise sehr gering werden laesst. Den Arbeitern wird eine staerkere Kaufkraft in die Hand gegeben; mit diesem Geld koennen mehr Lebensnotwendigkeiten gekauft werden und
damit anderen Arbeitern die Beschaeftigung gesichert werden.
Dies sind jedoch keineswegs saemtliche Vorteile, die durch
den Bergarbeiterstreik entstanden sind. Nehmen wir an, die Bergarbeiter haetten nicht gestreikt und somit auch keinen Streik gewonnen, sie haetten sich ohne weiteres den Forderungen der Unternehmer gebeugt und zugelassen, dass ihr Wohlfahrtsfonds sabotiert
wuerde - ein grausamer Schlag gegen jeden alten Bergarbeiter waere
dies gewesen. Nehmen wir an, sie haetten sich von den Unternehmern
ueberreden lassen, nicht zu streiken. Was waere dann geschehen?
Dann haetten sich vielleicht die Unternehmer des ganzen Landes ein
Herz gefasst und einen grossen Schlag gegen die Gewerkschaften gefuehrt. Es waere fuer die Unternehmer sogar eine Ermutigung gewesen, von neuem zu versuchen, gegen die Gewerkschaften vorzugehen.
Sie haetten die Reformvorschlaege zur Pensions- und Krankenversicherung einfach abgelehnt; sie haetten vielleicht sogar versucht,
die Loehne zu kuerzen und das Arbeitstempo in den Fabriken heraufzudruecken.
Im Bergarbeiterstreik und in allen anderen grossen Streiks
hat jeder einzelne Arbeiter viel aufs Spiel gesetzt. Das, was
jeder Arbeiter durch einen Streik fuer sich gewinnen kann, ist
ebenfalls ein Teil des Gesamtgewinns der Bergleute. Diesem Gewinn muss ausserdem der Betrag hinzugefuegt werden, den die Arbeiter nicht verloren, well der Streik gewonnen wurde.
Das war der Bergarbeiterstreik. Wie steht es nun mit dem
Streik in den Chrysler-Werken? Ist es richtig, dass durch diesen
Streik am 58. Tage 1.091.732.200 Dollars verlorengegangen seien?

- 5

�Natuerlich bringen einige Streiks gewisse Verluste mit sich.
Es waere falsch zu behaupten, die Arbeiter der General-Motors-Werke
haetten waehrend ihres Streiks 1945/46 keine persoenlichen Verluste
gehabt. Aber selbst jene Arbeiter verloren wesentlich weniger, als
ihnen durch den Streik wieder zugute kam. Es wird gesagt, dass
der Mangel an Stahl und Benzin zu laengeren Stillegungen der Betriebe fuehrte - diese Stillegungen wurden jedoch zum Teil durch
Ueberstunden, zum Teil durch Vollbeschaeftlgungswochen ausgeglichen.
Auch der Barbetrag, der gewonnen wurde, und derjenige, der
verlorengegangen waere, wenn kein Streik stattgefunden haette, muessen dem direkten Verlust an Lohn gegenuebergesteilt werden. Was
den Produktionsverlust betrifft, so gab es ueberhaupt keinen,
weil die Hoehe der Stahlerzeugung nicht willkuerlioh gesteigert
werden kann und somit nur so viel Kraftwagen hergestellt werden,
wie an Stahl zur Verfuegung steht, und jede Tanne Stahl, die erzeugt und fuer Kraftwagen bestimmt wurde, wurde auch dafuer verwendet.
Damit kommen wir zum Chrysler-Streik. Man darf vor allem
nicht vergessen, dass in gewissen Faellen unbedingt gestreikt werden muss, ganz gleich, wie hoch die dadurch entstehenden Verluste
sind.
Es gibt gewisse Beweise dafuer, dass die Chrysler-Werke mit
anderen Automobilfirmen fuer den Streikfall Vereinbarungen getroffen hatten. Es war auch bekannt, dass diese Gesellschaft entschlossen war, bis zum letzten zu kaempfen, um ein Pensionsprogramm durchzusetzen, das bei dem ersten Anzeichen ruecklaeufiger
Preise haette beseitigt werden koennen. Chrysler ist der Typ einer
von Aufsichtsraeten und Banken kontrollierten Gesellschaft. Diese
Gremien kontrollieren auch andere Unternehmen, die die Pensionsansprueche der Arbeiter ebenfalls bekaempfen. Sie hatten allem
Anschein nach die Chrysler-Werke zum Versuchsballon bestimmt, um
den Kampf gegen die Pensionen der Arbeiter auszutragen. Die Differenz zwischen den von den Chrysler-Werken angebotenen Pensionen
und denen, die durch den Streik durchgesetzt wurden, belaeuft sich
allein fuer die Automobilindustrie auf Hunderte von Millionen
Dollars. In fuenf Jahren koennte die Differenz zwischen den von
der Automobilarbeitergewerkschaft durchgesetzten und den von den
Chrysler-Werken angebotenen Pensionen den Unterschied zwischen den
erzielten Pensionssaetzen und den angebotenen kuemmerlichen PseudoPensionen ausmachen (natuerlich ist dieser Vergleich unsinnig!).
Wenn die Arbeiter die Vorschlaege der Chrysler-Werke akzeptiert
haetten, waere das gesamte Pensionsprogramm fuer alle Industriearbeiter in Frage gestellt worden. Lieses Beispiel zeigt, wie
eine Gewerkschaft fuer alle anderen kaempfen muss. Fuer einen
einzelnen Arbeiter ist es hart, sich unter denen zu befinden, die
diesen Kampf fuehren muessen. Mit den Jahren gleicht sich das
jedoch aus. Die Arbeiter der Chrysler-Werke haben auch fuer
andere Erfolge erzielt, sie haben andererseits aber auch durch
die Kaempfe anderer Arbeiter Vorteile erzielen koennen.
Theoretisch muesste es moeglich sein, mit ausreichenden Streikfonds die Kosten eines Kampfes der-gesamten organisierten Arbeiterschart zu decken. Die zwoelf-woechige Sonderabgabe von einem Dollar
je Woche stellte einen ersten Schritt auf dem Wege zu dieser besonderen KampfVersicherung dar. Durch einen solchen Fonds blieben
zahlreichen Arbeitern der Chrysler-Werke viele Haerten erspart.
Wohnungskuendigungen wuerden vermieden, fuer aerztliche Betreuung
waere gesorgt, in Notfaellen koennten Mahlzeiten verabreicht werden,
und die Streikenden waeren zugleich gegen die schwersten Folgen des
Streiks geschuetzt.

6 -

�Es ist sehr einfach klarzulegen, wie das finanzielle Problem
im Streikfall geloest werden kann. Wenn man den 89.000 Arbeitern
der Chrysler-Werke eine woechentliche Streikunterstuetzung von
20 Dollar haette zahlen wollen, so waeren 1.780.000 Dollar je
Woche erforderlich gewesen. Damit waere der gesamte Ertrag der
zwoelf-woechigen Ein-Dollar-Sondererhebung in weniger als einem
Monat aufgebraucht.
Um jedoch auf die Kosten des Chrysler-Streiks selbst zurueckzukommen: Dem Lohnverlust eines jeden Streikenden nach 58 Streiktagen, der in den "Automotive News" auf 749,79 Dollar geschaetzt
wurde, muss gegenuebergestellt werden, dass die Unternehmer in
Erwartung des Streiks staendig Ueberstunden arbeiten Hessen, die
auch durch erhoehte Ueberstundenbezahlung verguetet wurden. Nachdem der Streik jetzt beigelegt ist, wird d&gt;er Verlust wiederum durch
Ableistung von Ueberstunden und Vollbeschaeftigungswochen (sechs
anstatt fuenf Arbeitstage) weiterhin reduziert. Von dem Bruttoverlust gehen ausserdem noch die Ausgaben ab, die die Arbeiter
bei der Arbeit haben, wie etwa fuer Mahlzeiten und Einkommensteuer.
Diese Betraege sind zwar nicht sehr hoch, aber sie muessen immerhin beruecksichtigt werden. Unterstuetzungen, wie z.B. durch den
Streikfonds, reduzieren weiterhin die Verluste des einzelnen Streikenden.
Die Verluste der Arbeiter der Chrysler-Werke haben in gewissen Paellen Arbeitern anderer Unternehmen Gewinne gebracht. So
kann gesagt werden, dass die Ueberstunden- und Sonnabendarbeit in
den Ford- und General-Motors-Werken auf den Chrysler-Streik zurueckzufuehren ist.
Selbst in den "Automotive-News" wird zugegeben, dass die Gesellschaft ihre Verluste durch Ueberstundenarbeit in den Betrieben
innerhalb von 18 Monaten wieder wettmachen koennten. Wenn die
Ueberstundenarbeit in den Chrysler-Werken eingefuehrt werden sollte,
dann wuerden die Arbeiter mehr gewinnen, als sie waehrend des
Streiks insgesamt verloren hatten, und gleichzeitig wuerden die
zeitweiligen Verluste des Unternehmens wieder ausgeglichen werden.
Was fuer Chrysler und seine Arbeiter zutrifft, trifft natuerlich auch fuer deren Zubringerfirmen zu.
Tatsache ist also, dass die Behauptungen ueber die durch den
Streik entstandenen Verluste nicht ganz richtig sind. In den meisten Faellen jedoch waeren den Arbeitern die Verluste, die sie
fuer eine Folge des Streiks halten, ohnehin durch Arbeitslosigkeit
entstanden, luer die Arbeiter bringen Streiks Entbehrungen mit
sich, von ihrer Bereitwilligkeit jedoch, fuer eine gerechte Bezahlung ihrer Arbeit zu streiken, haengt letzten Endes das Los
saemtlicher Arbeiter der Vereinigten Staaten ab.
Und bei den meisten Streiks sind die wirtschaftlichen Vorteile
der Arbeiter weit groesser als die durch direkten Lohnverlust
entstehenden Nachteile. Wenn bei anderen Streiks tatsaechllch
Lohnverlust entsteht, dann ist er nicht so gross, wie die Unternehmer
behaupten.
Im allgemeinen kann gesagt werden, dass das, was die Arbeiter
durch einen Streik gewinnen, fast ausnahmslos mehr ist, als sie
durch irgendeinen Streik verlieren.
UAW-CI0 Ammunition
V/1950

- 7-

\

�Andrew Naesmith, Generalsekretaer der Textilarbeiter-Gewerkschaft:
DIS BRITISCHE TESTILARBEITERGEWERKSCHAFT
i

Die britische Textilarbeitergewerkschaft ist mit ihren 33
angeschlossenen Bezirksverbaenden die groesste gewerkschaftliche
Vereinigung Englands. Sie vertritt die Interessen der Textilarbeiter von Lancashire und der umliegenden Gebiete von WestYorkshire, Cheshire and Derbyshire.
Die Gewerkschaft zaehlt zu ihren Mitgliedern nicht nur die
Baumwoll- und Kunstseidenweber, sondern auch alle jene Arbeiter,
die mit den Vorbereitsungsprozessen und anderen untergeordneten
Aufgaben beschaeftigt sind.
Die jetzige Organisation stammt aus dem Jahre 1884. Es gab
jedoch zuvor aeltere Formen gewerkschaftlicher Vereinigungen britischer Weber. Bereits im Jahre 1754 kann von einem Versuch gesprochen werden, die englischen Arbeiter in einer sogenannten
"Combination" oder "Conspiracy" (Verschwoerung) zusammenzusohliessen,
und im Jahre 1758, so heisst es in einem Bericht, sol.len "gewisse
Webern ein Parlamentsgesetz in Vorschlag gebracht haben, das das
Lehrlingswesen und die Stueckarbeit regeln sollte.
In Glasgow bestand um das Jahr 1778 fuer kurze Zeit ein sogenannter "Textilarbeiter-Club". Im Verlauf von Lohnstreitigkeiten wurde in Bolton (Lancashire) "auf Anordnung dieses Komitees"
eine Kampfschrift herausgegeben, die aus dem Jahre 1808 datiert.
Berichte parlamentarischer Ausschuesse beweisen, dass der
Lebensstandard der Textilarbeiter von 1800 an staendig gesunken
ist. Die Loehne der Weber wurden fortwaehrend geringer. 1829
z.B. wurden einem Weber fuer die Herstellung eines Kupons Batist
nur 5,5 Schillinge gezahlt, waehrend im Jahre 1800 der Lohn fuer
die cleiche Arbeit noch 25 Schillinge betrug.
In jenen Zeiten gab es grosse technische Veraenderungen, und
bei den industriellen Fortschritten, die sich mit der Einfuehrung
neuer Maschinen und Erfindungen eroeffneten, kuemmerte man sich
.venig um die menschliche Persoenlichkeit. Lancashire wurde zum
Zentrum der Industrialisierung, und zugleich das Zentrum schrecklicher Kinderarbeit, langer Arbeitszeit, niedriger Loehne und
groesster Armut.Francis Place erklaert: "Die Leiden der in der Baumwollweberei beschaeftigten Menschen waren unglaubliche; sie wurden
kuenstlich in Machenschaften verwickelt, verraten, verfolgt und
schuldig gesprochen, verurteilt und unerhoert streng bestraft.
Sie fuehrten ein jaemmerliches Dasein."
Dabei muss daran erinnert werden, dass die Arbeitszeit in
den britischen Textilfabriken erst im Jahre 1812 von 80 Stunden
auf 72 Stunden in der Woche reduziert wurde. Erst in Jahre 1847
wurde die Arbeitszeit durch das lOStundengesetz auf 60 Stunden
woechentlich festgelegt. Das Blutbad von Peterloo im Jahre 1819
gibt einen Begriff von den Verhältnissen, unter denen die Arbeiter in jener Zeit lebten, sodass es zu Rebellionen kommen musste.

8 -

�Mitten in dieser bewegten Zeit, etwa zu dem Zeitpunkt, als
das sogenannte Koalitionsgesetz (Combination Law) widerrufen
wurde, fand in Manchester eine Delegiertentagung der Baumwollweber statt, die das Ziel hatte, eine staendige Organisation zu
gruenden, die Senkung der Lohntarife zu verhindern und die Einigkeit unter den Arbeitern herzustellen. Dieser Organisationsversuch verlief nicht allzu erfolgreich; die Folge war, dass die
Lancashirer Weber noch groessere Leiden und Entbehrungen auf sich
nehmen mussten, bevor ihre Organisation endgueltig festen Fuss
gefasst hatte.
Die Spinnereiarbeiter waren zu jener Zeit ebenfalls eifrig
bemueht, eine einflussreiche Organisation zu gruenden. Auch ihnen
gelang es jedoch nicht; erst im Juli 1830 wurde die Nationale Vereinigung zum Schutze der Arbeit (National Association for the Protection of Labor) gebildet. Diese Foederation bestand aus etwa
150 verschiedenen "Clubs", die in Manchester, Clitheroo, Ashton,
Stalybridge, Dukinfield, Macclesfield, Derby and Blackrod bestanden. Ungefaehr 2 Jahre lang konnte diese nationale Vereinigung erfolgreich arbeiten; sie fiel dann wieder auseinander.
In der Zeit von 1830 bis 1850 scheint die gewerkschaftliche
Qrganisationstaetigkeit unter den Textilarbeitern sehr gering
gewesen zu sein. Ein "Komitee fuer kurze Arbeitszeit" (ShortTime Committee) hatte das 10-Stunden-Gesetz im Januar 1.647 durchgesetzt, musste jedoch bald aufgeloest werden. Nach 1850 jedoch
waren die Bemuehungen der Gewerkschaftspioniere von groesserem
Erfolg gekroent. In zahlreichen Bezirken wurden gewerkschaftliche
Vereinigungen gebildet, denen es gelang, sich durchzusetzen; sie
bestehen auch heute noch.
Im Jahre 1842 gab es in Preston nachweisbar eine Organisation
der Textilarbeiter; die heutige Textilarbeiter-Gewerkschaft stammt
jedoch erst aus dem Jahre 1858. Eine aehnliche Vereinigung wurde
1852 in Redcliff ins Leben gerufen; die Textilarbeiter-Gewerkschaft
von Bickburn entstand im Jahre 1854. Von 1840 an existierten
mehrere gueltige Tariflisten fuer Stueckarbeit in der Textilindustrie T So vor allem die Liste ia Bezirk Ashton aus dem Jahre
1843, ferner die von Burnley aus dem gleichen Jahre und die von
Oldham, die drei Jahre spaeter entstand.
Eine der wichtigsten Tariflisten fuer die spaetere Lohnentwicklung wurde die von Blackburn, die im August 1853 formuliert
wurde. Die Textilarbeiter-Gewerkschaft von Padiham, die 1856 gebildet wurde, erregte bald einiges Aufsehen, denn im Maerz 1859
fand ein Streik statt, mit dem die Verbindlichkeit der BlackburnTarife erzwungen werden sollte.
Um diesen Streik durchfuehren zu koennen, wurden 29 Wochen
lang in ganz Lancashire Sammlungen durchgefuehrt. In zahlreichen
Webereigebieten wurden Textilarbeiter-Verbaende gebildet und die
Arbeiter, die frueher nur heimlich in Feldern oder Scheunen in
den Aussenbezirken der Staedte sich versammeln konnten, durften
von jetzt an ihre gewerkschaftliche Taetigkeit unter guenstigeren
Bedingungen fortsetzen.
Alle diese Organisationen waren in sich abgeschlossene Einheiten mit eigenen Satzungen und Funktionaeren. Man erkannte
die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses, durchaus an die ersten
Versuche zur Vereinigung der Lokallcomitees In der "East Lancashire
Amalgamated Power Loom Weavers Association" (Vereinigte Webereigewerkschaft Ost-Lancashire) wurden im Jahre 1858 unternommen.

- 9 -

�Aufgabe dieser Organisation war es, bestehende Lohntarife
entsprechend der Tarifliste aufrechtzuerhalten und jegliche Versuche, diese herabzusetzen, abzuwehren. Ausserdem sollte sie
verhindern, dass ein Unternehmer fuer qualitativ und quantitativ
gleiche Arbeit weniger als ein anderer bezahlte, und die Tarife
jener Unternehmer, die die niedrigsten Loehne zahlten, mussten
entsprechend gesteigert werden. Der Verband hatte die besondere
Aufgabe, einen fachlich geschulten Tarifkalkulator einzusetzen,
der die Interessen der Arbeiter in den zahlreichen Lohnberechnungsstreitigkeiten vertreten konnte, zu denen die komplizierten
Tariflisten Änlass gaben, die fuer die damalige Situation in der
britischen Baumwollindustrie bezeichnend sind. Die "North-East
Lancashire Amalgamated Weavers Association", wie sie spaeter
genannte wurde, setzte sich aus 14 lokalen Verbaenden in der
naeheren Umgebung Blackburns zusammen und zaehlte 26.000 Mitglieder.
Erbitterte Kaempfe wurden in jener Zeit gegen Lohnsenkungen
und schlechte Arbeitsbedingungen gefuehrt. Im April 1878 wirkte
sich ein oertlicher Streik und eine Aussperrung auf etwa 100.000
Arbeiter in Nord und Nord-Ost Lancashire aus und dauerte ueber
neun Wochen. Die Mitgliederzahl der Gewerkschaft von Nord-Ost
Lancashire belief 3ich zu jener Zeit auf etwa 16.000; diese
Mitglieder erhielten Streikunterstützungen in einer Gesamthoehe
von 4.729 Pfund Sterling, was einer Unterstuetzung von etwa sechs
Schillingen fuer neun Wochen, oder von etwa acht Pennies fuer eine
Woche je Arbeiter' entspricht.
Die Gewerkschaft von Nord-Ost Lancashire war eifrig bemueht,
die oeffentliche Aufmerksamkeit auf die durch Abgase und Staubentwicklungen hervorgerufenen gesundheitsschaedlichen Zustaende
in den Webereien zu lenken. Daraufhin wurde von der Regierung
im Jahre 1883 eine Kommission eingesetzt, die sich mit dieser
Angelegenheit befassen sollte. Die Gewerkschaft von Nord-Ost
Lancashire setzte ihre Taetigkeit
bis zum Jahre 1903 fort.
Dadurch existierten, wie die folgenden Ausfuehrungen ergeben,
mehrere Jahre lang zwei Gewerkschaften nebeneinander; beiden war
eine ganze Reihe von Bezirksverbaenden angeschlossen.
Es folgten jedoch Jahre der Untaetigkeit. Die LancashireGewerkschaft wurde durch die unzureichende Form ihrer Organisation
eine Quelle der Schwaeche. Von irgendwelchen Koordinierungsbemuehungen und Interessengemeinschaften konnte kaum die Rede sein.
Diese Schwaeche der Organisation blieb den argwoehnischen Arbeitern
von Lancashire nicht verborgen, zumal sie zu jener Zeit eine fuehrende Stellung in der Textilindustrie innehatten. Sie unternahmen
deshalb, nachdem aufkommende Streitigkeiten in Blackburn 1884
beigelegt waren, geeignete Schritte, um eine weit umfassendere
BeLirksorganisation zu gruenden.
Die heutige Textilarbeiter-Gewerkschaft wurde auf einer
Konferenz von den Vertretern 29 verschiedener Bezirksverbaende
am 27. April 1884 gegruendet. Urspruenglich hiess sie die
"Northern Counties Amalgamated Weavers Association" (Vereinigte
Webergewerkschaft der noerdlichen Grafschaften). Thomas Birtwistle, der Sekretaer der Gewerkschaft von Nord-Ost Lancashire,
wurde zum Sekretaer der neuen Organisation ernannt, und David
Holmes, ein anderer wohlbekannter Gewerkschaftspionier der Weber,
wurde ihr Praesident.
Die neue Organisation zaehlte im Jahre 1884 wenig mehr als
37.000 Mitglieder. Sie wuchs jedoch in den folgenden Jahren ununterbrochen. Sie hatte sofort mit Schwierigkeiten zu kaempfen,
da in Burnlev und anderen Bezirken bereits in den ersten Monaten
ihres Be3tenens schwere Streiks gefuehrt wurden. Das Gefuehl
der Solidaritaet und des Optimismus waren jedoch ausgepraegter als
je zuvor. Die Bewegung wurde durch das mutige Eingreifen eines
Verlegers in Ashton-under-Lyne, J. Andrew, gestaerkt, der eine
Fachzeitung herausgab ("The Gotton Factory Times"). Diese Zei- 10 -

�tung hat in den langen Jahren ihres Bestehens der Gewerkschaft
wertvolle Dienste geleistet.
Als Unternehmer in Nelson, Ramsbottom, Burnley, Preston,
Accrington und anderen Bezirken versuchten, die Loehne zu kuerzen, wurden zahlreiche Streiks beschlossen. Viele Arbeitsniederlegungen erfolgten auch deshalb, um die Unternehmer zu zwingen,
die Gewerkschaft anzuerkennen. Aus dem gleichen Grunde fand in
Bamoldswick im Januar 1887 ein vier-monatiger Streik statt.
In Macclesfield wurde 1888 gegen eine Lohnkuerzung um 5 %, die
sogenannten "lokalen Abzuege" gestreikt. Im September des gleichen Jahres traten 31 Textilarbeiterfamilien mit ihren Kindern
auf Kosten der Gewerkschaft die Reise nach den Vereinigten
Staaten an. Um diese Auswanderung zu verhindern, telegrafierte
der Webereibesitzer nach den Vereinigten Staaten, hatte hiermit
Jedoch keinen Erfolg. In den Geschaeftsbuechern der Organisation
aus Jenem Jahre ist vermerkt, dass diese Auswanderung 361 Pfund
Sterling gekostet hat, wohingegen der Streik selbst Unkosten in
Hoehe von 2.818 Pfund Sterling verursachte.
Die Frage der kuenstlichen Erhoehung des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft in den Webereien tritt in den Besprechungen des
Gentralrates immer wieder zutage. Im Maerz 1889 wurde eine Resolution zur Abschaffung des Dampfsystems in den Webereien gefasst. Im Verlauf der gesamten Gewerkschaftsgeschichte stand
diese Frage stets im Vordergrund; in den spaeteren Jahren ging
die Gesetzgebung dazu ueber, die nachteiligen Auswirkungen auf
die Gesundheit der Arbeiter, die in den Feuchtluftwebereien beschaeftigt waren, zu reduzieren.
In Jenen Jahren wurden zahlreiche Versuche unternommen, die
Einheitlichkeit der Textilarbeiter-Tarife durchzusetzen. Thomas
Birtwistle und seine Kollegen leisteten auf diesem Gebiete beachtliche Arbeit, und schliesslich wurde am 24. Juni 1892 einr einheitliche Tarifliste fuer Textilarbeiter aufgestellt. Sie blieb
mit ihren Abaenderungen und Nachtraegen bis 1935 in Kraft, als
sie von einer rechtsgueltigen Einheitsliste ersetzt wurde. Versuche, diese Tarife als rechtsgueltig und allgemeinverbindlich
erklaeren zu lassen, lassen sich bis ins Jahr 1898 zurueckverfolgen, als im Generalrat eine Resolution gefasst wurde, in der
man ein Parlamentsgesetz forderte, das es als ungesetzlich erklaerte, wenn irgend ein Unternehmer oder mehrere Unternehmer
niedrigere Loehne zahlten, als sie zwischen den Arbeitgeberund Arbeitnehmer-Organisationen vereinbart waren.
In zunehmendem Masse interessierte sich die Arbeiterschaft
fuer die Fragen der Gesetzgebung.
Der Generalrat diskutierte
im September 1900 die Frage einer Arbeitervertretung im Parlament. Man entschloss sich jedoch, diese Idee nicht zu verwirklichen. In der Frage der Kinderarbeit herrschten d&amp;mals unter
den Arbeitern selbst noch grosse Meinungsverschiedenheiten. Im
Jahre 1900 wurde zugunsten des freien Sonnabend-Nachmittags eine
lebhafte Agitation durchgefuehrt.
Dieser fortschrittliche Gedanke konnte jedoch erst im Januar 1902 durch das Betriebsgesetz
(Factory Act) von 1901 verwirklicht werden, in dem die woechentliche Arbeitszeit auf 55 1/2 Stunden festgesetzt wurde. Diese
Regelung blieb von 1902 bis 1919 gueltig.

- 11

�In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts herrschte unter
den Textilarbeitern grosse Empoerung ueber das sogenannte "slate
System** (System des Schwarzen Bretts). Es war eine heimtueokische Methode, die Arbeiter durch die Bekanntgabe ihrer Loehne
an einem schwarzen Brett im Betrieb gegenseitig anzutreiben.
Aus der Zeit von 1901 bis 1903 wird von zahlreichen Selbstmorden
unter den Textilarbeitern berichtet, die auf die Schwarze-BrettMethode zurueckzufuehren sind.
In den Jahren 1905 und 1906 erlitt die TextilarbeiterGewerkschaft einen schweren Schlag, als sie drei ihrer wertvollsten Maenner verlor. Es waren der Sekretaer W. H. Wilkinson,
der Praesident David Holmes und Joshua Barrows, der als Agent
und Organisator taetig war. Zum Andenken an die drei verstorbenen Funktionaere wurden am Ruskin College in Oxford Stipendien
gestiftet. D.J. Shackleton, das spaetere Parlamentsmitglied, ,
wurde zum Praesidenten und Joseph Cross zum Sekretaer ernannt.
Von besonderer Bedeutung in der Geschichte der Textilarbeiter-Gewerkschaft wurden die Jahre 1907 und 1908, in denen langwierige Verhandlungen gefuehrt wurden, die zur Aufstellung gemeinsamer Richtlinien zur Beilegung von Streitigkeiten fuehrten.
Nach mehreren misslungenen Versuchen wurde eine endgueltige Vereinbarung getroffen; die gemeinsamen Richtlinien traten mit dem
1. Januar 1909 in Kraft. Sie bildeten die praktische Grundlage
der gemeinsamen Auffassung ueber die Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer und sind seit der damaligen Zeit
bis heute befolgt worden.
Die Textilarbeiter-Gewerkschaft war durch eine grosse Zahl
nicht-gewerkschaftlich organisierter Arbeiter, denen all das
automatisch zugute kam, was sich die Gewerkschaftsmitglieder
mit so viel Muehe erkaempft haben, stark behindert. Im Dezember 1911 fand eine zwei-woechige Aussperrung statt, und fast
400.000 V/ebstuehle standen still, weil es in dieser Frage Meinungsverschiedenheiten zwischen Unternehmemund Gewerkschaften
gab. Ein anderes Problem, das den Textilarbeitern jahrelang
Schwierigkeiten bereitete, war die Bestrafung von Arbeitern
durch die Unternehmer. Euer die Herstellung angeblich fehlerhaften Tuches wurden Lohnabzuege vorgenommen.
Abordnungen des parlamentarischen Ausschusses des britischen
Gewerkschaftsbundes (Trade Union Gongress) wurden im Jahre 1912
in dieser Frage beim Innenminister vorstellig, ohne jedoch eine
Regelung erlangen zu koennen. In den folgenden Jahren klagte die
Textilarbeiter-Gewerkschaft unter grossem Zeit- und Geldaufwand
vor den Gerichten, um die Beseitigung dieser ungerechten Strafen
zu erzielen.
Im Jahre 1913 kam ein sehr wesentliches Gesetz zustande.
Es war das sogenannte "Gewerkschaftsgesetz" (Trade Union Act),
durch das der tatsaechlich unbefriedigenden Lage ein Ende bereitet wurde. Dieses Gesetz behinderte die Gewerkschaften in ihren
Bemuehungen, Vertretungen im Parlament zu erlangen. Das Gesetz
von 1913 gestattete die Erhebung von Abgaben fuer politische
Zwecke, wobei dieser Fonds unter Zugrundelegung verschiedener
politischer Grundsaetze zu verwalten war. In einer Abhandlung
ueber dieses neue Gesetz erklaerte der damalige Gewerkschaftssekretaer J. Cross in seinem Jahresbericht:
"In dieser Zeit ist es unbedingt notwendig, dass sich der
Arbeiter unmittelbar
an der Politik beteiligt und dafuer sorgt,
dass seine T.'.ruensche von den Gesetzgebern beruecksichtigt werden.
Das beste Mittel, dieses Ziel zu erreichen, ist eine Vertretung
der Arbeiterpartei im Unterhaus.

- 12 -

�"Es ist anerkennenswert, dass die Mitglieder der Gewerkschaften durch ihre Abstimmung ihre Absicht so deutlich zum
Ausdruck gebracht haben, sich in Zukunft an der Gesetzgebung
des Landes zu beteiligen, und zwar dadurch, dass sie eine Arbeiterpartei unterstuetzen, die ihre Vertreter in das Parlament entsenden will."
Auch vor 1913 waren die Textilarbeiter-Gewerkschaften an
sozialen und legislativen Fragen stark interessiert. Hierbei
soielte besonders jene Organisation eine Rolle, die als "United
Textile Factory Workers• Association" (Vereinigte TextilarbeiterGewerkschaft) bekannt und im Jahre 1890 gegruendet war. Diese
Gewerkschaft, die sich aus den wichtigsten Verbaenden in allen
Zweigen der Textilindustrie in Lancashire zusammensetzte, hat
seit ihrer Gruendung hoechst wertvolle Arbeit geleistet.
In neuerer Zeit hat sie die Wahl verschiedener Parlamentsmitglieder ermoeglicht, die den Textilarbeitern im besonderen
und der britischen Gewerkschaftsbewegung im allgemeinen die
groessten Dienste erwiesen haben.
Waehrend des 1. Weltkrieges nahm die Textilarbeiter-Gewerkschaft die Interessen ihrer Mitglieder wahr und verhandelte in
Verbindung mit anderen Gewerkschaften der Textilindustrie ueber
Lohnerhoehungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Die
Verhaeltnisse in der Industrie litten jedoch unter zahlreichen
Misstaenden, und es gab immer wieder lange Krisenzeiten der
Arbeitslosigkeit.
Die Erwerbslosigkeit stellte nach dem Kriege
ein sehr ernstes Problem dar.
Durch einen drei-woechigen Streik im Jahre 1919 konnte
die 48-Stundenwoche sichergestellt werden. Dies war ein grosser
Fortschritt und fuer die Mitglieder eine wirkliche Genugtuung.
Noch mehrere Nachkriegs jähre hindurch blieben die Verhaeltnisse in der Textilindustrie ungeklaert. 1922 verursachte eine
drei-woechige Aussperrung der Organisation Unkosten in Hoehe von
207.000 Pfund Sterling. 1926 wurde die Textilarbeiter-Gewerkschaft
durch den Generalstreik betroffen; zur Unterstuetzung der Bergleute stellte sie 30.000 Pfund Sterling zur Verfuegung. Die Verpflichtungen gegenueber den eigenen Mitgliedern beliefen sich auf
fast 54.000 Pfund Sterling. Die Unternehmer versuchten auch weiterhin, den Lohnstandard zu senken. Im Jahre 1929 wurde daraufhin
erneut die Arbeit eingestellt. Mehr als 178.000 Pfund Sterling
an Unterstuetzungen hatte die Organisation damals an die Streikenden zu zahlen. Besonders gross war die Erbitterung im Jahre
1931, als die Unternehmer, vor allem die Webereien von Burnley,
den Versuch machten, an den gewoehnlichen, nicht-automatischen
"/ebstuehlen von Lancashire ein System einzufuehren, nach dem ein
'"feber mehrere V/ebstuehle zu bedienen gehabt haette. Die Arbeiter
widersetzten sich diesen Versuchen; ein Streik in neun Webereien
von Burnley fuehrte zu einer Aussperrung fuer die Textilarbeiter
der ganzen Stadt und spaeter fuer die des ganzen Bezirks. Im
folgenden Jahr verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den
Arbeitgebern und Arbeitnehmern betraechtlich. Die Unternehmer
hielten sich nicht mehr an gemeinsam getroffene Vereinbarungen,
nahmen willkuerliche Lohnkuerzungen vor und weigerten sich, Arbeiter, die gestreikt hatten, wieder einzustellen. Dann erklaerte
der Arbeitgeberverband dieses Bezirks saemtliche zuvor abgeschlossenen Vertraege fuer ungueltig - das Resultat war ein Streik im
ganzen Bezirk. Der Leiter der Vermittlungsabteilung im britischen
Arbeitsministerium wurde entsandt, um den Vorsitz bei den Verhandlungen zu fuehren, die inzwischen beruehmt geworden sind.
Durch sein Eingreifen wurde dieser Streik beendet, nachdem er
die Gewerkschaft ueber 355.800 Pfund Sterling gekostet hatte.

13

�Der Erfolg dieser gemeinsamen Besprechungen, die eine Woche
andauerten, bestand darin, dass ein Abkommen getroffen wurde,
das hoechstwahrscheinlich als das bedeutendste in d«r gesamten
Textilindustrie von Lanoashire anzusprechen ist: das "Midland
Agreement". Durch dieses Abkommen wurde der Geltungsbereich der
gemeinsamen Bestimmungen ueber Streitigkeiten erweitert und die
Bildung eines Vermittlungsausschusses unter unabhaengigem Vorsitz vorgesehen.
Wie im 1. Weltkrieg wurde die Gewerkschaft auch im 2. Weltkrieg schwer mitgenommen. Fast 50 # der Webereien dieser Industrie wurden "zusammengelegt", um hierdurch Facharbeiter fuer
kriegswichtige Aufgaben in Maschinen- und Flugzeugfabriken freizubekommen. Dadurch entstanden zahlreiche Probleme, und an die
Mitglieder der Textilarbeiter-Gewerkschaft wurden grosse Anforderungen gestellt. Man bemuehte sich waehrend des Krieges durch
ein gemeinsames Abkommen, in dem die Lohntarife mit dem Lebenshaltungskosten-Index des Arbeitsministeriums gekoppelt wurden,
die Loehne in der Textilindustrie zu stabilisieren. Durch das
Inkrafttreten dieses Abkommens wurden viele Streitigkeiten
vermieden.
Nach dem Kriege tauchten andere Probleme auf. Die Industrie
bemuehte sich, zahlreiche neue Arbeitskraefte heranzuziehen, und
im Jahre 1946 fanden, hauptsaechllch um die Textilindustrie neuen
Arbeitern schmackhafter zu machen, gemeinsame Besprechungen statt,
die mit der Einfuehrung der 45-Stundenwoche endeten. Das bedeutete
Neun-Stunden-Tage, aber nur fuenf Arbeitstage in der Woche und
die Aussetzung der Arbeit am Sonnabend Vormittag.
Bevor der Bericht ueber die Geschichte der TextilarbeiterGewerkschaft beendet wird, muss noch zu einem oder zwei anderen
Punkten Stellung genommen werden. Wie bereits erwaehnt wurde,
sind dem Ruskin College Stipendien zur Verfuegung gestellt worden. Nach einer Reihe von Jahren hoerte das Interesse der Gewerkschaft fuer dieses Institut jedoch auf. 1923 wurde beschlossen, die Ruskin Stipendien durch Freistellen an Sommerschulen
zu ersetzen, die sich fuer eine grosse Anzahl Mitglieder als sehr
wertvoll erwiesen haben. Die Arbeiterbildungsvereinigung nimmt
die Verteilung dieser Freistellen vor und Jahr fuer Jahr koennen
zwoelf Studenten an den Sommerschulen der Bangor-Universitaet in
Nord-Wales zwei Wochen lang teilnehmen. Bis jetzt haben etwa
300 Mitglieder von dieser Gelegenheit Gebrauch gemacht.
Die Textilarbeitergewerkschaft besitzt ein eigenes Erholungsheim in der Naehe von Blackpool. Dieses Heim wurde zum Andenken
an den frueheren Sekretaer Joseph Cross erbaut. Die Baukosten
beliefen sich auf ueber 106.000 Pfund Sterling. Es wurde 1931
eroeffnet, und Tausende von Mitgliedern der Gewerkschaft, denen
diese Einrichtung bereits zugutekam, wissen ihren Wert zu schaetzen.
Die Mitgliederzahl der Textilarbeiter-Gewerkschaft stieg von
1848 an staendig und erreichte im Jahre 1921 mit 224.000 Organisierten ihren hoechsten Stand.
Seit jener Zeit sind verschiedene
Ereignisse eingetreten, die die Gewerkschaftsmitglieder vor
schwere Proben gestellt haben, wie z.B. die lange Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit, die in den Jahren zwischen den
beiden Kriegen herrschte, sowie die aeusserst drastisch durchgefuehrte Zusammenlegung der Industrie von Lancashire im Verlauf
des 2. Weltkrieges.

- 14 -

�In harter, besonders organisatorischer, Arbeit erholt sich
die Gewerkschaft der Textilarbeiter langsam wieder. Die Mitgliederzahl liegt augenblicklich um 80.000, was ungefaehr 80 K, der
potentiellen Staerke darstellt.
Es muss noch viel getan werden. Die Wirtschaftslage des
Landes zwingt die Industrie, Rationalisierung und Modernisierung
aktiv voranzutreiben. Die Notwendigkeit, Ueberholtes auszuschalten und alte Ideen aufzugeben, wird Immer groesser.
Die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind als harmonisch anzusprechen. Ein neuer Rat der Baumwollindustrie (Cotton Council) wird gerade gebildet, der die
wertvolle Arbeit, die von dem Baumwollbuero (Cotton Board) noch
geleistet wird, weiterfuehren und ausdehnen soll. Die Tariflisten werden sowohl in den Spinnereien als auch in den Fertigungsbetrieben ueberprueft und ueberholt. Die TextilarbeiterGewerkschaften in anderen Laendern duerfen ueberzeugt sein, dass
sioh die Textilarbeiter-Gewerkschaft von Lancashire der Notwendigkeit bewusst ist, eine wirksame und tatkraeftige Organisation
sein zu muessen, um die zahlreichen Probleme, die ihr gestellt
werden, wirksam und gerecht loesen zu koennen.
The

American Federationist
VII/50

OESTERREICH UND DAS ERP
Dem kuerzlich veroeffentlichten offiziellen Bericht der
oesterreichischen Regierung ("Oesterreich und dös ERP, Erstes
Vierteljahr 1950") zufolge sind in diesem Land Arbeitslosigkeit
und Lebenshaltungskosten in den ersten drei Monaten des Jahres
1950 erheblich zurueckgegangen.
Die Gesamtzahl der Erwerbslosen in Oesterreich hatte Mitte
Februar 195.000 - 9,6 # der Erwerbsbevoelkerung erreicht; sie ist
gegen Ende April jedoch auf 75.000 = 5,9 # gesunken.
Obwohl der Index der Grosshandelspreise im ersten Vierteljahr
um 6 % anstieg, waren die Lebenshaltungskosten fuer eine vierkoepfige Arbeiterfamilie in Wien um 5 % niedriger. Dies ist
hauptsaechlich auf das Absinken der Lebensmittelpreise zurueckzufuehren.
In der 72 Seiten umfassenden Abhandlung wird von einer allgemeinen wirtschaftlichen Verbesserung gesprochen und festgestellt,
"dass alle wesentlichen wirtschaftlichen Verbesserungen in Oesterreich seit dem zweiten Quartal des Jahres 1948 nur durch die
ERP-Hilfe moeglich gewesen seien - selbst da, wo eine Ueberpruefung der Vergangenheit zeigt, dass die Erfolge teilweise ohne fremde •
Hilfe erzielt werden konnten."
In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass das WiederaufbauProgramm des Landes nicht mehr unter dem Vorzeichen der Not, sondern unter dem der direkten Investierungen stehe. So ist der Anteil der wichtigsten Importwaren an der Gesamtzahl der ERP-Bewilligungen fuer Oesterreich von 9 $&gt; im zweiten Quartal 1948 auf 23,3 #
im ersten Quartal 1950 angestiegen. Gleichzeitig ging der Prozentsatz der Lebensmitteleinfuhren von 61,9 # auf 52,1 % zurueck.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VI1/6/50

15

�HOLLASNDISCHE GEWERKSCHAFT ZUM MARSCHALL-PLAN
Eine hollaendische Gewerkschaft veroeffentlichte einen Bericht,
in dem die Erfolge des Marshall-Plans beschrieben sind und die gegen ihn gerichtete sowjetische Propaganda abgewiesen wird. Der
Bericht, der den Titel "Zwei Jahre Mö^shall-Plan" traegt, wurde
von der Allgemeinen Holla'endi sehen Bauarbeiter-Gewerkschaft veroeff entlicht. Es wird darin betont, dass der Marshall-Plan
hoechstwahrscheinlich in den beiden ersten Jahren die in ihn gesetzten Hoffnungen erfuellt habe. Ohne die Hilfe dieses Planes,
erklaert die Gewerkschaft, "haetten wir mit Massenarbeitslosigkeit
rechnen und zugleich fuer die Zukunft das Schlimmste befuerchten
muessen. Ausserdem waeren die Lebensmittelzuteilungen Anfang 1949
um 20 &lt;% geringer gewesen, als sie es tatsaechlich waren."
In dem Bericht werden dann die wesentlichen Fortschritte angefuehrt, die dem Europahilfsprogramm zu verdanken seien:
1.

Die Produktion ist in allen Teilnehmerstaaten um
durchschnittlich 22 % gestiegen.

2.

Die Fertigungsindustrien stehen mit einer Erhoehung
der Produktion um 30 $ an der Spitze.

3.

In den Grundstoffindustrien ist die Produktion um
25 % gesteigert worden und liegt damit um 15 # ueber
dem Vorkriegsstand.

4.

Die landwirtschaftliche Produktion ist auf einigen
Gebieten um 46 % in die Hoehe gegangen, sie koennte
jedoch noch hoeher getrieben werden und den Stand
von 1938 ueberbieten.

In der Veroeffentlichung wird gleichfalls zu Missverstaendnissen
in einzelnen Fragen des Marshall-Plans Stellung genommen und erklaert: "Es ist tatsaechlich etwas schwierig,um zu verstehen, warum
das amerikanische Volk bereit ist, einen Teil seiner Prosuktion
an Europa abzugeben, ohne dass sie bezahlt werden muesste. Kein
vsrstaendiger Amerikaner wird behaupten, da3S diese Hilfe fuer
Europa nur ein Akt der Naechstenliebe sei. Aber fuer die amerikanische Regierung ist ein wirtschaftlich gesundes Europa deshalb
besonders wichtig, weil Friede und Fortschritt in der V.Telt und
damit auch in Amerika bedroht waeren, wenn Europa wirtschaftlich
nicht auf festen Fuessen stuende.
Die Veroeffentlichung enthaelt einen lueckenlosen Bericht
ueber die Geschichte des Marshall-Plans, angefangen von der historischen Rede General Marshalls in Harvard im Juni 1947, der Weigerung Sowjet-Russlands, sich zu beteiligen, und den fortwaehrenden
sowjetischen Versuchen, den Plan zu sabotieren.
Die Gewerkschaft weist in dem Bericht die Behauptung der
kommunistischen Presse zurueck, dass Amerika durch den MarshallPlan seine ueberschuessigen Fertigprodukte loswerden wolle, die
"fuer Europa ueberfluessig" seien. An Hand von statistischen
Angaben wird die Unrichtigkeit dieser Behauptung bewiesen. Der
groesste Teil des unter dem Marshall-Plan gelieferten Materials
besteht aus Maschinen, Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Hilfsmitteln fuer die Fertigindustrie und die Landwirtschaft - ist also
absolut notwendig fuer die Neuausruestung der hollaendischen Industrie und der Erhaltung des Lebensstandards in ernaehrungstechni3Cher Hinsicht.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VII/3/50
- 16 Office of Labor AffairB
APO 757

OFFICIAL
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�Internationale

ÄRBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 23

Frankfurt, 11. August 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
600 000 Arbeiter in der franzoesischen Baumwollindustrie - - - - - - - - - - - - - 1
Vorschlaege des Kanadischen Gewerkschaftsbundes zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit 2
Mitgliedszahlen Kollaendischer Gewerkschaften 3
Dubinsky zur Rolle des. IBFG
3
Das Problem der Vereinigung der Gewerkschaften
Amerikas - - - - - - - - - - - - - - - 4
Die internationalen Berufssekretariate - - 8
Ein amerikanisches Kongressmitglied nimmt zum
Punkt-Vier-Programm Stellung - - - - - n
Zusammenschluss der freien Gewerkschaften
Italiens - - - - - - - - - - - - - - - 13
Gewerkschaften Amerikas unterstuetzen Trumans
Mobilisierungsplan - - - - - - - - - - 14
Bevins Gewerkschaft besitzt Fonds fuer politische Zwecke
Hilfe fuer Indien
16

600 000 ARBEITER IN DER FRANZ 0ESISCH3N BAUL'W OLL INDUS TR IE
Heute sind insgesamt etwa 600 000 Arbeiter direkt oder indirekt
fuer die franzoesische Baumwollindustrie taetig. Diese Industrie
hat durch die Marshallplan-Lieferungen fast ihre alte Kapazitaet
wiedergewonnen. 290 Spinnereien arbeiten auf vollen Touren, 40%
der Gesamterzeugung wird exportiert, um dadurch Frankreichs Handelsbilanz zu verbessern und gleichzeitig Devisen zu sohaffen.
Die Verhaeltnisse in der Baumwollindustrie sind wesentlich anders als zu jener Zeit nach dem Ende des Krieges. Die Rohmateriallager waren gepluendert, die meisten Fabriken waren zerstoert, beschaedigt oder ruiniert.
Dann kam aus den Vereinigten Staaten Hilfsmaterial, es kamen
neue Ausruestungen und Hunderte von Tonnen Baumwolle.
Noch staerkere Hilfe wurde durch die Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit geleistet. Waehrend des Rechnungsjahres
- 1-

�1949/50 wurden ECA-Kredite in Hoehe von 128 Millionen Dollar bereitgestellt, damit Baumwolle eingekauft werden konnte. Weitere drei
Millionen wurden fuer den Ankauf von Ausruestungsmaterial bereitgestellt. Die franzoesische Industrie erwartet jetzt die Aera der
freien Konvertierbarkeit der Waehrungen und des freien Handels,
zwei Haupterfordernisse der europaeischen wirtschaftlichen Gesundung. Das Verschwinden der Handelsschranken wuerde, so meinen die
Baumwollspinner, sich durchaus zu ihrem Vorteil auswirken.
Inzwischen waren die Hafenarbeiter in Le Havre schwer damit
beschaeftigt, Baumwolle zu entladen, die per Schiff gebracht wurde
und die in den Lagerhaeusern des fuehrenden franzoesischen Baumwollhafens jetzt darbuf wartet, in die Spinnereien transDOrtiert zu
werden. Es sind 191 000 Tonnen Baumwolle, die in Le
Havre im vergangenen Jahr ausgeladen wurden und wovon mehr als 90%
auf grund von ECA-Krediten geliefert wurden.
Labor Information Paris
VORSCHLAEGE DES KANADISCHEN G^VERKSCHAFTSBUNDES ZUR BESEITIGUNG DER
ARBEITSLOSIGKEIT
Eine Delegation des Kanadischen Gewerkschaftsbundes hat unlaengst
die Regierung Kanadas gewarnt, die Gefahren zunehmender Arbeitslosigkeit nicht zu unterschaetzen. Zu gleicher Zeit hat die Delegation
praktische Vorschlaege zur Bekaempfung dieser kritischen Situation
unterbreitet.
Die Denkschrift wurde von A. R. Mosher und Pat Conroy, dem Vorsitzenden und dem Hauptkassierer des 360.000 Mitglieder starken Kanadischen Gewerkschaftsbundes, Premierminister St. Laurent ueberreicht.
In ihr wird festgestellt, dass mehr als 7,4% der erwerbstaetigen Bevoelkerung arbeitslos ist. Von offizieller Seite wird behauptet,
die genaue Ziffer sei 10.4%.
Die Gruende fuer diese Zunahme seien in technischen Faktoren zu
suchen. In der Denkschrift heisst es: "Wenn es uns nicht gelingt,
unseren Lebensstandard so zu heben, dass er mit der Zunahme der Erwerbsbevoelkerung Schritt halten kann, so wird die Arbeitslosigkeit wenn auch mit saisonbedingten Schwankungen - weiterhin ansteigen."
Es ist damit zu rechnen, dass das nationale Einkommen dieses Jahres
nur wenig hoeher als das des Vorjahres sein wird. Der Premierminister schaetzte die voraussichtliche Erhoehung des Nationalproduktes
auf etwas mehr als 1.5%.
"Das ist sicherlich nicht genug, um ein weiteres Ansteigen der
Arbeitslosigkeit zu verhindern. Noch etwas anderes ist erforderlich:
Eine planmaessige Steigerung des Verbrauchs, der staendig unserer
Produktlonskapazitaet angepasst werden muss."
Die Vorschlaege des Kanadischen Gewerkschaftsbundes zur Behebung
der Arbeitslosigkeit sehen folgende Massnahmen vor: 1) Eine Waehrungs- und Finanzpolitik der Regierung, die auf die Erhaltung einer
laufenden Nachfrage nach Industrieproduktion ausgerichtet ist; 2)
Ein umfassendes Programm der sozialen Sicherheit muss die Kaufkraft
erhalten; 3) Vorausschauende Placierung der Industrien muss die
richtige Verteilung der Arbeitskraefte erleichtern; 4) Massnahmen
zur Regulierung saisonbedingter Schwankungen der Beschaeftigungslage;
5) Programme fuer oeffentliche Arbeiten und 6) neue Methoden zur
Erweiterung der Absatzmaerkte in Uebersee und 7) die Einfuehrung
der 40-Stunden Woche.
Die Delegation wies die Behauptung zurueck, dass saisonbedingte
Arbeitslosigkeit eine "normale" Erscheinung sei und erklaerte, wenn
sie in Kriegszeiten unbekannt sei, dann koennte sie auch im Frieden
- 2-

�vermieden werden.
"Einige Aenderungen unserer wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen moegen notwendig sein," heisst es in dem Memorandum.
"Aber diese Einrichtungen sind fuer die Menschen da und nicht die
Menschen fuer die Einrichtungen."
Information Bulletin des
Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften
V/3/50
MITGLIEDSZAHLEN

EOLLAENDISCKER GEWERKSCHAFTEN

Die Mitgliederzahl des Hollaendischen Freien Gewerkschaftsbundes ist seit Januar 1946 um mehr als 50% angestiegen (von 240,000
auf 390,000), wie kuerzllch von der Gewerkschaft berichtet wurde.
Im Hollaendischen Gewerkschaftsbund, der groessten Gewerkschaft
Hollands, sind 29 Organisationen vertreten, von den Metall-, Bau-,
Transport- und Fabrikarbeitern bis zu den Musikern, Theater-Angestellten und landwirtschaftlichen Arbeitern.
Aus den Angaben der Gewerkschaft geht hervor, dass die Mitgliederzahl seit Beendigung des Krieges staendig gewachsen ist. Sie
betrug sieben Monate nach der Befreiung 240,000, ging dann sprungartig in die Hoehe und erreichte am 1. Januar 1947 300,000, am 1.
Januar 1948 330,000, am 1. Januar 1949 365,000, am 1. Januer 1950
381,554 und im Maerz 1950 390,000 Mitglieder.
Arbeitsmitteilungen der ECA
V/19/50
DUBINSKY ZUR ROLLE DES IBFG
In einem interessanten Bericht, der im "Foreign Affairs", der
einflussreichen amerikanischen Vierteljahres-Zeitschrift erschien,
leistet David Dubinsky, der Praesident der Internationalen Damenoberbekleid. angsarbeiter-Gewerkschaft, einen bemerkenswerten Beitrag
zu jenen Prozess der Wiedererneuerung gewerkschaftlicher Grundsaetze,
mit dem sich aktive Gewerkschafter und alle diejenigen, die sich
ernsthaft mit der Gewerkschaftsbewegung befassen, eine Zeitland eingehend beschaeftigt haben.
Nach einem Ueberblick auf die Ereignisse, die zu dem Zerfall
des Weltgewerkschaftsbundes und zur Gruendung»des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften fuehrte, erklaert Dubinsky, dass es ein
Irrtum sei, anzunehmen, letzterer sei nur deshalb entstanden, um
die Luecke auszufuellen, die durch den Zusammenbruch der alten Gewerkschaft sinternationale entstanden war. Dubinsky schreibt der
Neuorientierung der Internationalen Gewerkschaftsbewegung drei Faktoren zu.
Zu allererst sei das deutliche Anwachsen der Gewerkschaftsbewegung zu beachten: In Amerika gibt es gegenwaertig 16 Millionen Gewerkschafter; die britischen Gewerkschaften haben sich eine neue
Machtstellung erobert; die freien Gewerkschaften des demokratischen
Europas sind trotz der grausamen Zerstoerung durch die Nazis wiedererstanden; allein* in Westdeutschland zeehlt der neue Freie Gewerkschaftsbund mehr als 5 Millionen Mitglieder. In Japan sind heute
etwa 6 Millionen Arbeiter gewerkschaftlich organisiert, und das gleiche trifft fuer die uebrigen Gebiete der Welt zu.
"Zweitens," erklaert Dubinsky, "ist diese neue Internationale
von allen ihren Vorgaengern grundverschieden. Die Ziele und Taetig3 -

�keit der europaelschen Gewerkschaften, die zwar sehr bedeutend ist,
bildet nicht ihre Hauptkraftquelle. Die gegenwaertige potentielle
Staerke der neuen Organisation liegt in grossem Masse in der Staerke der Gewerkschaftsbewegung der westlichen Hemisphäre und den
staendig wachsenden Gewerkschaften Asiens und Afrikas begruendet."
Dubinsky sieht eine der ermutigendsten Eigenschaften der Organisation darin, dass die Grossmaechte keinerlei Beherrschung ausueben;
von den 19 Mitgliedern des EiekutivausSchusses kommen 8 aus Laendern
ausserhalb Europas und Nordamerikas, wo die Gewerkschaften gegenwaertig die meisten Mitglieder zaehlen.
Der dritte Faktor, der nach Ansicht Dubinskys die Gruendung
des IBFG ermoeglichte, ist die Tatsache, "dass in den Reihen der
freien Gewerkschaftsbewegung in den letzten Jahren ueber die Grundlagen des Gewerkschaftswesens viel nachgedacht wurde." Eine grosse
Anzahl falscher Propheten sahen eine Spaltung zwischen den nichtsozialistischen, amerikanischen- Gewerkschaften und den sozialistisch
orientierten Gewerkschaften Europas und anderer Gebiete voraus, beovor der Londoner Kongress stattfand. Diese Voraussagen erwiesen
sich als falsch, weil "die amerikanischen Gewerkschafter erkannt
haben, dass die Demarkationslinie, die die Menschen heute sowohl
innerhalb jeder Nation, als auch die Nationen untereinander trennt,
nicht zwischen jenen verlaeuft, die die Regierung als Eigentuemer
einiger Industrien sehen moechten und denen, die diese Industrien
in den Haenden der Privatunternehmer belassen moechten, sondern
zwischen denjenigen, fuer die Menschenrechte, Menschenwuerde und
Freiheit die hoechsten Werte sind. Dieses neue gemeinsame Ziel
stellt die wertvollste Einigung dar, die je unter den Gewerkschaftern Europas, Asiens, Afrikas und Amerikas erzielt wurde."
Dubinsky unterstrich, das* der IBFG jegliche Formen der Diktatur unbedingt ablehnt. Er weist darauf hin, dass mit der Niederlage
des nazistischen Deutschlands "der Moskau-hoerige Kommunismus zur
Hauptgefahr fuer Demokratie und Weltfrieden geworden ist." Eine
militaerische Verteidigung genuege nicht. Die sicherste Garantie
fuer die erfolgreiche Abwehr der totalitaeren Bedrohung sei die
Verwirklichung des Programms des IBFG der politischen Freiheit, sozialen Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Sicherheit. Wirtschaftliche Hilfe fuer die rueckstaendigen Gebiete und volle nationale Unabhaengigkeit fuer die abhaengigen Voelker bilden zusammen mit einer
Gleichschaltung des wirtschaftlichen Lebens der freien Laender in
eine ausgeglichene und gesunde Weltwirtschaft die wesentlichen Massnahmen zur Verteidigung der Demokratie.
"Weil die freie Gewerkschaftsbewegung eine so dynamische Rolle
spielt," schliesst Dubinsky, "greifen die Kommunisten mit solcher
Erbitterung den IBFG an. Die Errichtung dieser neuen Weltorganisation i=st eine kategorische Abkehr von dem Mythos, dass der sowjetische Totalitari3mus eine fortschrittliche Idee sei, oder dass das
kommunistische System die Interessen der internationalen Arbeiterklasse in irgend einer Weise foerdere." Es sei unvermeidbar, dass
der Karanf zwischen dem Weltgewerkschaftsbund und dem IBFG an Haerte
und Erbitterung zunehme, denn beide Organisationen "kaempfen um den
groessten Preis der Welt - die Herzen und Seelen vieler Millionen
von Arbeitern in allen Laendern der Welt."
Information Bulletin des IBFG
V/50
DAS PROBLEM DER VEREINIGUNG DER GEWERKSCHAFTEN AMERIKAS
I
De.? Gedanke der Vereinigung der beiden grossen Gewerkschaftsverbaence stand bei allen muendlichen und schriftlichen Beratungen
- 4

�zwischen AFL und CIO in der Nachkriegszeit immer wieder ia Vordergrund.
Am 6. Dezember 1946 richtete der Vorsitzende des CIO Murray an
die leitenden Funktionaere der AFL und der verschiedenen Eisenbahnerge"werkschaften ein Schreiben, in dem er Grundsaetze ueber die
Einheit der Gewerkschaften vorschlug. Diese Grund3aetze waren umso noetiger, da sich beide Gewerkschaften gegen die erwartete antigewerkschaftliche Taetigkeit des 80. Kongresses verteidigen mussten.
Diese Korrespondenz zwischen den Vorsitzenden Murray und Green wurde
bis zum Maerz 1947 fortgefuehrt, als die Plaene fuer eine Reihe von
Besprechungen zwischen der AFL und dem CIO, die die endgueltige
Vereinigung zum Gegenstand haben sollten, formell fertig waren.
Diese Besprechungen wurden am 1. und 2. Mai 1947 im Hotel Statler in Washington abgehalten. Dies war die vierte Besprechung zwischen den beiden Gewerkschaftsverbaenden, auf der die Vereinigung
behandelt wurde. Fruehere Konferenzen in den Jahren 1937, 1939 und
1941-43 hatten zu keinem Abkommen gefuehrt.
Die Sprecher de3 CIO waren zu jener Zeit der CIO-Vorsitzende
Philip Murray, Walter Reuther, der Vorsitzende des Automobilarbeiterverbandes, der Vorsitzende der Vereinigten Bekleidungsarbeiter von
Amerika Jacob S. Potofsky, Emil Rieve, der Vorsitzende der Textilarbeitergewerkschaft von Amerika und Albert J. Fitzgerald, der Vorsitzende der Vereinigten Elektro-, Radio und Meschinenarbeiter, eine
Gewerkschaft, die zu jener Zeit dem CIO angeschlossen war.
Die Delegation der AFL bestand aus dem AFL-Vorsitzenden Green,
dem Generalsekretaer George Meany. dem Vorsitzenden John L. Lewis
von der Bergarbeitergewerkschaft (jetzt nicht mehr angeschlossen),
Daniel Tobin, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Fahrer, und
William Hutcheson von der Gewerkschaft der Zimmerleute.
Der Vorschlag des CIO auf dieser Konferenz umfasste vier Punkte:
1. Der antigewerkschaftlichen Gesetzgebung gemeinsam entgegenzuwirken.
2. Ein Abkommen zu treffen, um Zustaendigkeitsstreitigkeiten
unmoeglich zu machen und gegenseitige Uebergriffe und Boykotte
zu verhindern.
3. In der vereinigten Gewerkschaftsbewegung die Grundsaetze
der Industrieverbaende und die autonomen Rechte Internationaler
Gewerkschaften anzuerkennen und ein wirksames Instrument der
Gewerkschaften fuer die erforderlichen politischen Aktionen zu
schaffen.
4. Die Moeglichkeiten zur Ausschaltung von Zustaendigkeitsstreitigkeiten zu untersuchen und gemeinsame Programme vorzubereiten.
Die AFL schlug vor:
1. Dass sich die verschiedenen Gewerkschaften des CIO einfach
der AFL angliederten, wie es die Bergarbeitergewerkschaft bereits getan hatte.
2. Dass dieser "Zusammenschluss" bis zur Oktoberkonvention der
AFL vollzogen wird und Delegierte saemtlicher Gewerkschaften an
dieser Konvention teilnehmen sollten.
3. Dass das gemeinsame Komitee weiterhin zusammentreten sollte,
um sich mit Einzelheiten zu befassen und die gemeinsamen gewerk- 5-

�schaftlichen Bemuehungen auf wirtschaftlichem und gesetzgeberischem Gebiet zu koordinieren.
Die beiden Komitees trennten sich nach zweitaegigen Verhandlungen, da sie keine Einigung ueber die beiden Vorschlaege erzielen
konnten. Sie gaben jedoch eine gemeinsame Erklaerung ab, in der
sie die einmuetige Meinung zum Ausdruck brachten, dass "die organische Einheit innerhalb der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung hergestellt werden soll." In dieser Erklaerung hiess es weiter, dass
die beiden Gruppen "sich fuer die Verwirklichung dieses gemeinsamen
Zieles einsetzen wuerden. Inzwischen wuerden sie ihre Bemuehungen
fortsetzen, die Annahme gewerkschaftsfeindlicher Gesetze zu verhindern, die von dem Kongress der Vereinigten Staaten zur Zeit in Erwaegung gezogen seien."
II
Damit endeten die Besprechungen, die der Vereinigung dienen
sollten, im Jahre 1947 ohne Ergebnis; diese Frage blieb jedoch auch
weiterhin staendigen Untersuchungen unterworfen.
Auf dem CIO Kongress, der im Jahre 1947 in Boston stattfand,
sorach man von "dem vernichtenden Angriff, den das Kapital gegen
die Gewerkschaften fuehre," und von der Notwendigkeit, "die fortschrittlichen Kraefte der Nation zur wirksamen wirtschaftlichen und
politischen Taetigkeit in den einzelstaatlichen und Ortsgewerkschaften zu organisieren."
In der gleichen Resolution wurde der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, "dass eine vereinigte Gewerkschaftsbewegung notwendig und
moeglich ist.... wir glauben in aller Aufrichtigkeit, dass eine gemeinsame Aktion innerhalb der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
die uns gestellte Aufgabe erfuellen kann, die Beseitigung aller
nichtswuerdigen antigewerkschaftlichen Gesetze zu erzwingen. Wir
werden unermuedlich fuer diese Ziele arbeiten.... um zur Verwirklichung der Einheit in der Gewerkschaftsbewegung beizutragen und das
Volk gegen die Kraefte der Reaktion zu vereinigen. Der CIO ist bereit, mit anderen Gewerkschaften gemeinsame Abkommen zu treffen, damit jegliche Zustaendigkeitskonflikte verhindert und die Organisationsstatuten gegenseitig respektiert werden."
Tatsaechlich haben eine Reihe Gewerkschaften des CIO derartige
formelle und nichtformelle Einvernehmen mit Gewerkschaften der AFL
zu3töndegebracht. Als Beispiel hierfuer kann der Vertrag gelten, den
die Automobilarbeitergewerkschaft des CIO mit dem unabhaengigen Internationalen Metallarbeiterverband abgeschlossen hat, in dem bestimmt
war, da3s keine der beiden Gewerkschaften versucht, Mitglieder der
anderen Organisation fuer sich zu werben.
III
Am 15. Dezember 1948 richtete der Vorsitzende Murray erneut ein
Schreiben, das Vorschlaere zur Vereinigung enthielt, an den Vorsitzenden der AFL William Green und die leitenden Funktionaere der Einsnbahnergewerkschaft. In diesem Schreiben, das etwa einen Monat
nach den Wahlen des Jahres 1948 verfasst wurde, wird eine enge Zusammenarbeit saemtlicher groesserer Gewerkschaftsgruppen vorgeschlagen, um ein Gesetzgebungsprogramm des Neuen Plans im Jahre 1949 verwirklichen zu helfen. Murray erklaerte: "Sowohl der CIO als auch
die AFL sind sich im wesentlichen darueber einig, dass sie das Programm der Gesetzgebung unterstuetzen muessen, das vcn Praesident Truman und seiner Regierung angekuendigt wurde. Das gleiche trifft fuer
die Gewerkschaften der Eisenbahner zu."
Die AFL lehnte zu jener Zeit den Vorschlag des CIO zur gemein~amen Handlung ab.
- 6-

�Murrays Schreiben stellte in gewissem Sinne die Zusammenfassung
einer Rede dar, die er vor der Schlussitzung des CIO Kongresses 194S
in Portland (Oregon) gehalten hatte. In dieser Rede sagte er:
"Der CIO ist bereit, mit Vertretern der AFL zusammenzutreten, um
Plaene sozialer, wirtschaftlicher und politischer Natur zu eroertern, die das amerikanische Volk vorwaertsbringen koennen. Wir
schlagen vor, wenn es irgend moeglich ist, ein System der Zusammenarbeit nicht nur mit dieser Organisation, sondern mit allen anderen Gewerkschaftsorganisationen in den Vereinigten Staaten zu entwickeln, um gemeinsam an der Verwirklichung unserer Ziele zu arbeiten."
IV
In den folgenden Jahren trat der Wunsch nach der Vereinigung
der Gewerkschaften auf einzelsttatlicher und oertlicher Ebene immer
deutlicher zutage. Waehrend der Streiks der Berg-, Stahl- und Automobilarbeiter im Jahre 1949 leistete man sich gegenseitige Hilfe
und Unterstuetzung - gewoehnlich durch Geldspenden, Darlehen fuer
Streikfonds und auch legalen Beistand, wo dies moeglich und zweckmaessig war.
Zur gleichen Zeit - die Wahlen des Jahres 1948 standen vor der
Tuer - machte sich in zunehmendem Masse der Gedanke der Einheit
der Aktion in den oertlichen und einzelstaatliohen Gewerkschaften
des CIO, der AFL, der Eisenbahnergewerkschaft und anderer unabhaengiger Gewerkschaften bemerkbar. Das nationale Buero des CIO ist im
Besitz zahlreicher Berichte ueber Beratungen und Resolutionen, die
die Betaetigung auf dem Gebiete der Gesetzgebung in Staaten und
Staedten, der Streikunterstuetzung und politischen Aktion fordern.
Die Taetigkeit auf dem politischen Gebiet kam dedurch zum Ausdruck,
dass Joseph Keenan, der Direktor der Gewerkschaftlichen Vereinigung
der AFL fuer Politische Erziehung, auf der Nationalen CIO-Konferenz
der Politischen Aktion, die am 16. Juni 1950 in Washington stattfand, anwesend war und hier eine Rede ueber dieses Thema hielt.
In diesem Jahre beschaeftigen sich bereits ueber 30 einzelstaatliche oder oertliche Gewerkschaftskomitees gemeinsam mit wichtigen politischen Fragen und den Problemen der Gesetzgebung.
V
Ein weiterer Gesichtspunkt der Tendenz der Vereinigung der
Gewerkschaften bildete sich auf dem Gebiet der internationalen Angelegenheiten heraus. Diese Tendenz kam in Verbindung mit den Plaenen fuer eine neue WeltgewerkschaftsOrganisation zustande, des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften, der auf der internationalen Konferenz in London Ende November 1949 gegruendet wurde.
Plaene zum Anschluss der AFL und des CIO an diese neue Organisation wurden in gemeinsamen Besprechungen, die am 28. April 1949
in Washington stattfanden, entworfen. Die naechste Ausgabe der
Zeitschrift "CIO Nachrichten" berichtete bereits, dass die "Besprechung in freundschaftlichem Geist" verlaufen und in mehreren
Punkten eine Einigung erzielt worden sei." Hierzu gehoerte u.a.
die Frage der gleichstarken Vertretungen der AFL und des CIO in
verschiedenen exekutiven Koerperschaften und Ausschuessen des neuen IBFG; in den "CIO Nachrichten" wurde ausserdem berichtet, "es
sei vereinbart worden, dass die CIO- und AFL-Delegierten der Kongresse der neuen WeltgewerkschaftsOrganisation bestrebt seien, im
voraus sich untereinander zu beraten, um sich in ihrer Politik einigen zu koennen."

- 7

�VI
Ein Schreiben, das der CIO-Vorsitzende Murray am 4. April
1950 an den AFL-Vorsitzenden Green, die leitenden Funktionaere der
Bergarbeiter-Gewerkschaft, den Internationalen Metallarbeiterverband,
die Gewerkschaft des Zugpersonals, die Gewerkschaft der Lokoniotivfuehrer und die Gewerkschaft der Eisenbahnbediensteten richtete,
ist der juengste Versuch der Vereinigung.
In diesem Brief schlug Murray die Bildung eines gemeinsamen Gewerkschaftskomitees vor, "das sich aus anerkannten Vertretern unserer verschiedenen Organisationen zusammensetzen soll, die befugt
sind, ein gemeinsames Programm zu entwerfen und zu verfolgen. Diesem Komitee muss eine zweifache Aufgabe gestellt werden. Es muss
sofort mit den noetigen Vollmachten ausgestattet werden, um unsere
Bemuehungen in der organisatorischen, legislativen und politischen
Sphaere zu koordinieren. Es muss ausserdem versuchen, die organisatorische Einheit saemtlicher Gewerkschaften in Amerika zu erreichen."
Auf dieses Schreiben Murrays kamen zusagende Antworten vom Vorsitzenden des Internationalen Metallarbeiterverbandes AI Hayes, von
John L. Lewis, dem Vorsitzenden der Bergarbeitergewerkschaft, und
von dem Vorsitzenden W. P. Kennedy von der Gewerkschaft des Zugpersonals.
Der Vorsitzende Green vom AFL erwiderte am 7. April 1950, dass
die Angelegenheit im Exekutivausschuss der AFL am 8. Mai 1950 zur
Sprache gebracht wuerde. Nach dieser Konferenz berichtete er dem
Vorsitzenden üurray: "Der Exekutivausschuss der AFL hat mich ermaechtigt und angewiesen, Ihnen und Ihrer Organisation mitzuteilen,
dass wir gewillt sind, einen Ausschuss zu waehlen, der mit dem gleichen Komitee der CIO ueber die baldige und erfolgreiche Verwirklichung der Vereinigung unserer in Frage kommenden Organisationen auf
dauernder und sicherer Basis konferieren soll."
Green erklaerte, dass die AFL noch immer in erster Linie daran
interessiert sei, die organisatorische Einheit herzustellen, und er
fuegte hinzu: "Wir sind uns voellig einig ueber die Notwendigkeit,
auf allen Gebieten der Gewerkschaftstaetigkeit die Einheit zu erzielen."
In den darauffolgenden Wochen wurden von der AFL und dem CIO
die Komitees ernannt, die weiterhin ueber die Frage der Vereinigung
verhandeln sollen.
Das Konitee des CIO besteht aus: Vorsitzender Murray, Finanz3ekretaer James B. Carey, Vizevorsitzender Allan S. Haywood, Vorsitzender Joseph Curran von der Nationalen Seefahrergewerkscnaft, Vorsitzender Walter Reuther von der Automobilarbeitergewerkschaft, dem
Vorsitzenden der Textilarbeitergewerkschaft Amerikas Emil Rieve, L.
S. Buckmaster, dem Vorsitzenden der Gummiarbeitergewerkschaft und
Frank Rosenblum, dem Finanzsekretaer der Vereinigten Bekleidungsarbeiter von Amerika.
Dem Komitee der AFL gehoeren an: Vorsitzender Green, Vorsitzender Dan Tobin von der Gewerkschaft der Fahrer, der Vorsitzende der
Gewerkschaft der Kesselmacher Charles McGowan und der Vorsitzende der
Gewerkschaft der Elektroarbeiter Daniel Tracey.
Denkschrift der Propaganda-Abteilung des CIO
VII/G/50
DIE INTERNATIONALEN BERU7SSEKR5TARIATE
Die nachstehenden Auszuege sind einem Artikel von Martin Bolle,
dem Generalsekretaer des Internationalen Verbandes der Angestell8 -

�ten im Oeffentlichen und Zivilen Dienst, entnommen, der im Magazin des amerikanischen Gewerkschaftsbundes AFL nThe American
Federationist" veroeffentlicht wurde. Hier wird die Aufgabe
der Internationalen Berufssekretariate geschildert und ihre Arbeit
in der Praxis.
Die Internationalen Berufssekratariate sind internationale Gewerkschaftsorganisationen, die sich aus Laender-Gewerkschaften zusammensetzen, in denen die Arbeiter eines bestLTjnent Berufs- oder
Industriezweiges vertreten sind. Hierzu einige Beispiele:
Dar Internationale Transportarbeiter-Verband, das groesste
bestehende Internatiqnale Berufssekretariat, setzt sich aus den
Laendor-Gewerkschaften der Transportarbeiter (Seeleute, Eisenbahner
usw.) zusammen.
Der Internationale Metallarbeiter-Verband, das zweitgroesste
Internationale Berufssekretariat, besteht aus den Laender-Gewerkschaften, die die Arbeiter der Metall- und Stahl-Berufe vertreten.
Der Internationale Verband der Angestellten im Oeffentlichen
und Zivilen Dienst, das drittgroesste Internationale Berufssekretariat, besteht aus jenen Gewerkschaften, in denen die Arbeitnehmer im
oeffentlichen und zivilen Dienst, wie Regierungsangestellte, staedtische Angestellte, Feuerwehrleute, Arbeitnehmer in Elektrizitaets-,
Gas- und Wasser-V»'erksn usw. organisiert sind. Im ganzen gibt es
19 solcher Internationaler Berufssekretariate, die insgesamt rund
20 Millionen Mitglieder repraesentieren.
Die Internationalen Berufssekretariate sind viel aelter als
die allgemeine internationale Gewerkschaftsbewegung, die vor dem
Krieg durch den Internationalen Gewerkschaftsbund (im Jahre 1913
gegruendet) vertreten wurde und jetzt im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) zusammengefas3t ist.
Der Internationale Verband der Lederarbeiter z.B. wurde im
Jahre 1839 gegruendet, waehrend eine grosse Anzahl anderer Internationaler Berufssekretariate, wie z.B. die Metallarbeiter, Textilarbeiter, Drucker, Tabak- und Transportarbeiter, erst in den 90er
Jahren aufkamen.
Es ist nicht erstaunlich, dass sich zuerst die Gewerkschaften
jener Arbeiter, die in gleichen Industrien und Berufen taetig waren,
der Notwendigkeit einer internationalen Zusammenarbeit bewusst
wurden. Die Gleichheit ihrer Arbeit und ihrer Interessen war eine
starke Triebkraft zur internationalen Kooperation.
Bereits in der damaligen Zeit empfanden die einzelnen Gewerkschaf tan das Beduerfnis, ihre gemeinsamen Interessen zu besprechen
und Wege zu finden, diese Interessen durch internationale Aussprachen und Beschluesse zu foerdern.
Durch ihre Fuehlungnahme mit Arbeitern und Organisationen in
anderen Laendern erwarben sich die einzelnen Gewerkschaften neue
Kenntnisse, sie erwarben sich zugleich ein groesseres Verstaendnis
und eine breitere Erfahrung,als sie mit der Entwicklung in anderen
Laendern bekannt wurden und die Errungenschaften ihrer Kollegen
in anderen Teilen der Welt kennen lernten.
Sehr oft haben diese Kenntnisse und Erfahrungen es den Gewerkschaften ermoeglicht, in ihrem eigenen Land bessere Arbeit zu leisten. Die Funktionen der Internationalen Berufssekretariate haben,
im grossen gesehen, folgende Arbeitsaufgaben:
- 9-

�1.

Informationsdienst fuer die angeschlossenen Gewerkschaften.

2. Regelmaessiger Meinungs- und Erfahrungs-Austausch ueber die
Arbeit, die die einzelnen angegliederten Gewerkschaften in ihrem
eigenen, besonderen Taetigkeitsbereich verrichten.
3. Wahrnehmung der Interessen der angeschlossenen Gewerkschaften bei internationalen Koerperschaften.
Die Sorge fuer einen regelmaessigen Austausch von Informationen, Meinungen und Erfahrungen unter den angeschlossenen Organisationen und ihrer Mitgliederschaft ist zweifellos eine der Hauptaufgaben
der Internationalen Berufssekretariate. Dieser Austausch wird in
grossem Umfang durch die Veroeffentlichungen der. Internationalen Beruf ssekretariate verwirklicht, die gewoehnlich in vier oder fuenf
Sprachen erscheinen. Abgesehen von diesen Informationsdiensten besteht natuerlich auch ein persoenlicher Kontakt unter den Vertretern
der angeschlossenen Organisationen.
Eine internationale Gewerkschaftsorganisation wuerde ihren
Zweck vollstaendig verfahlen, wenn sie ihren Mitgliedern nicht die
Gelegenheit gaebe, miteinander regelmaessig in persoenlichen Kontakt
zu kommen. Es gibt keine Methode, die besser geeignet waere, das
internationale Verstaendnis und den guten Willen wachzurufen.
Diese persoenliche Fuehlungnahme kam natuerlich nicht durch
die Konferenzen der exekutiven Koerperschaften der internationalen
Organisationen und auch nicht durch die Kongresse, die alle zwei
oder drei Jahre zur Festlegung ihrer Richtlinien abgehalten werden,
allein zustande.
Von vielleicht noch groesserer Bedeutung sind jene Tagungen,
die von den verschiedenen Internationalen Berufssekretariaten in
regelmaessigen Zeitabstaenden fuer die verschiedenen Berufszweige
einberufen werden. Bei solchen Zusammenkuenften ist es einer ziemlich grossen Zahl einfacher Gewerkschaftsmitglieder moeglich, mit
ihren Kollegen aus anderen Laendern zusammenzukommen, um die besonderen Verhaeltnisse und Interessen zu besprechen, die fuer ihren
Beruf oder ihre Industrie bezeichnend sind. Auf solchen Tagungen
werden auch die Moeglichkeiten eroertert, die sich auf internationaler Basis zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den einzelnen
Berufszweigen bieten.
Ein ausserordentlich wichtiger Bestandteil des Aufgabenbereichs
der Internationalen Berufssekretariate ist 4i© Wahrnehmung der Interessen ihrer angeschlossenen Organisationen bei internationalen
Koerperschaften.
Es bestehen eine Reihe solcher Koerperschaften: Die Internationale Arbeitsorganisation, der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, die Welt-Gesundheits- Organisation, die UNESCO usw. Viele Internetionale Berufssekretariate unterhielten waehrend einer Reihe von Jahren Beziehungen zur Internationalen Arbeits-Organisation
(IAO). Einige von ihnen sind vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen anerkannt worden. Diese internationalen Koerperschaften bieten den Internationalen Berufssekretariaten die Moeglichkeit, den Interessen ihrer Mitglieder auf internationaler Ebene
zu dienen. Damit koennen sie mithelfen, die Arbeitsbedingungen und
den Lebensstandard in den rueckstaendigen oder unterentwickelten
^aendern zu verbessern.
Die Zusammenerbeit der Internationalen Berufssekretariate wird
durch ihren Koordinierungssausschuss ermoeglicht, der vor einem Jahr
gebildet wurde. Sie heben ebenfalls vereinbart, mit dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften eng zusammenzuarbeiten.
- 10 -

�Es kann eine durchaus brauchbare Abmachung ueber eine derartige Zusammenarbeit und die Koordinierung gewisser internationaler
Taetigkeiten bei den Beratungen getroffen werden, die zwischen dem
Exekutivausschuss des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften
und dem Koordinierungsausschuss der Internationalen Berufssekretariate gefuehrt werden.
Eine derartige Vereinbarung zur Koordinierung zwischen den
Internationalen Berufssekretariaten und dem IBFG wurde auf einer
Konferenz des Exekutivausschusses der letzteren Organisation in
Bruessel getroffen. Die Vereinbarung sieht die gegenseitige Vertretung der betreffendsn Organisationen in ihren Konferenzen und
exekutiven Koerperschaften vor. Die Internationalen Berufssekretariate bewahren ihre Selbstaendigkeit und bilden gleichzeitig mit
dem IBFG eine vereinigte Gewerkschaftsbewegung.
Es muss daran erinnert werden, dass sich von den rund 20
Millionen Mitgliedern der Internationalen Berufssekretariate etwa
zwei Millionen in Laendern oder Gewerkschaften befinden, die dem
IBFG gegenwaertig nicht angeschlossen sind. Die Berufssekretariate sind deshalb der Auffassung, dass sich ihre Zusammenarbeit mit
dem IBFG nicht nur als nutzbringend erweisen wird, sondern dass
sie auch in der Lage sein werden, dieser neuen Organisation bei
der Vergroesserung ihres Einflusses in den verschiedenen Teilen
der Welt tatkraeftig Hilfe zu leisten. Die Internationalen Berufssekretariate betrachten es als ihre Pflicht, das freie Gewerkscheftswesen ueberall und besonders da, wo die Gewerkschaften entweder
noch nicht bestehen oder noch in den Kinderschuhen stecken, foerdern zu helfen. Dies ist nicht nur fuer die Arbeiter jener rueckstaendigen Laender von grosser Bedeutung, sondern auch fuer die
Erhaltung des Lebensstandards der Arbeiter in fortschrittlichen
Laendern.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VII/12/50
EIN AMERIKANISCHES KONGRESSMITGLIED NIMMT ZUM PUNKT-VIER-PROGRAMM
STELLUNG
'Vir geben hier Auszuege aus einer Rede wieder, die John F.
Shelley vor dem Kongress der Vereinigten Staaten ueber das
Punkt-Vier-Programm gehalten hat. Kongressmitglied Shelley,
der ebenfalls Praesident des Kalifornischen Gewerkschaftsbundes ist, sprach sich fuer die Unterstuetzung der rueckstflndigen Geoiete der Welt aus. Seine Ausfuehrungen sind von besonderem Interesse, weil sie die Probleme der Arbeit und der Produktionsleistung beruehren.
Das Punkt-Vier-Programm wird das Tor zu dem umfangreichen
Schatz technischer Errungenschaften unseres eigenen Landes und der
uebrigen industrialisierten Laender oeffnen. Mit einem kuehnen
Schlag wird dieses Programm unsere weitreichenden Kenntnisse und
Erfahrungen auf dem Gebiet der Erziehung, der Gesundheit, der Forschung und der Landwirtschaft jenen Laendern zugaenglich machen,
die diese noch nicht kennen. Dieses Punkt-Vier-Programm wird ihnen helfen, die umfassenden Probleme der industriellen Organisation und der wechselseitigen Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und
Arbeitgeber in der Industrie zu verstehen. Die Vereinigten Staaten,
haben vorgeschlagen,diese Aufgabe selbst zu uebernehmen oder die
Vereinten Nationen und ihre Fachabteilungen damit zu beauftragen.
Diese Abteilungen sind die Organisation fuer Ernaehrung und Landwirtschaft, die Weltgesundheitsorganisation und die Internationale
Arbeitsorganisation.
- 11 -

�Der grosse staatsmaennische Erfolg des Punkt-Vier-Programms
lie^t darin begruendet, dass ein Mittel geschaffen wird, mit dem
alle Gruppen der Gesellschaft, - Unternehmer, Gewerkschaften, Bauern, Erzieher, Aerzte, usw. - gemeinsam an dem gleichen Ziel arbeiten koennen. Die wirtschaftliche Entwicklung haengt von den
gleichgerichteten Bemuehungen aller dieser Gruppen ab. Wir koennen
von den Banken und ihren Kunden nicht erwarten, dass sie ihr Geld
investieren, wenn keine Facharbeiter vorhanden sind, die ihre Kapitalanlage produktiv gestalten koennen. Wir koennen von Arbeitern
und Bauern nicht verlangen, dass sie fuer die Verwirklichung dieser
Ziele arbeiten, wenn sie fuer ihre Arbeit nicht den gerechten Anteil
erhalten, der sich aus der erhoehten Produktionsleistung ergibt.
Jene Gesichtspunkte des Punkt-Vier-Programms sind besonders
wichtig, die mit der Arbeit in Zusammenhang stehen. '.Vir wissen, dass
die Arbeiter die erste Zielscheibe fuer totalitaere Angriffe sind,
denn die totalitaeren Maechte wissen sehr genau, dass ihnen mit der
Kontrolle ueber und dem Einfluss auf die Arbeiterschaft das maechtige strategische Organ in die Hand gegeben ist, mit der sie das
Chaos schaffen koennen, das ihnen zur Macht verhilft. Unter Anwendung dieser Methode hat der Totalitarismus auf der ganzen Welt gearbeitet: Hitlers Arbeitsfront, Mussolinis Korporationsstaat und
in neuerer Zeit die Neuauflage dieser Methode in der Tschechoslowakei, wo sich die Kommunisten zuerst der Gewerkschaften bemaechtigten,
um dieses unglueckliche Land in ihre Hand spielen zu koennen. Wir
duerfen nicht zulassen, dass sich dieses "Spiel" in den unterentwickelten Gebieten der Welt wiederholt.
Wir muessen dafuer sorgen, dass die Vorteile der wirtschaftlichen
Entwicklung allen Menschen in diesen l&gt;aendern zugutekommen. Das l3t
auch der Kernpunkt und der Zweck und das Ziel des Punkt-Vier-Programms.
Die Hebung des Lebensstandards und der Arbeitsbedingungen, die Steigerung der V-.'uerde der Menschen und die Foerderung der wirtschaftlichen und sozialen Freiheit sind die grundlegenden Ziele des PunktVier- Programms. Aus diesem Grunde muss besonders auf die Gesichtspunkte dieses Programms hingewiesen werden, die mit der Arbeit in
Zusammenhang stehen: Die Menschen davor zu schuetzen, ausgebeutet
zu werden, und dafuer zu 3orgen, dass sie ihren gerechten Anteil
an der erhoehten Produktionsleistung erhalten. Um diesen Kampf erfolgreich fuehren zu koennen, muss entschlossen daran gearbeitet werden, dass der Reichtum, den die Entwicklung der einzelnen Hilfsquellen durch den Aufruf menschlicher Intelligenz und Erfahrung mit
sich bringt, dazu verwendet wird, die Lebens- und Arbeitsbedingungen
der breiten Masse des Volkes zu verbessern.
Es ist klar, dass zwei Hauptfaktoren hiermit Hand in Hand gehen: Erstens muessen die Arbeiter fuer die Fachberufe geschult
werden, die notwendig sind, um die Produktionsleistung steigern zu
koennen. Zweitens, jedoch nicht weniger wichtig, muss den Arbeitern,
Unternehmern und Regierungen der wirtschaftlich unterentwickelten
Laender geholfen werden, den Arbeitsstandard so zu verbessern, dass
die Gewinne allen Menschen zugutekommen. Der Aufbau einer neuen Industrie erfordert neues fachliches Können, auch die Ausdehnung einer
Industrie bedingt neue Methoden der Wechselbeziehungen der Industrie
und neue soziale Anschauungen. Es muss und wird unser Ziel sein,
dafuer zu sorgen, dass dies verwirklicht wird; dass der Fortschritt
in der Industrialisierung wenig entwickelter Gebiete den Bewohnern
in Form einer hoeheren Entlohnung fuer ihre Arbeit, besserer Arbeitsbedingungen und groesseren Wohlstands zugutekommt. Nur auf diese
Weise kann der Kampf gegen den Totalitarismus gewonnen werden.
Durch Unterweisung in modernen Produktionsmethoden am Arbeitsplatz, durch Ausbildung von Lehrlingen, Entwicklung wirksamer Organisationen fuer Arbeitsvermittlung, durch Hebung der Erfahrungen
- 12 -

�auf dem Gebiet der Arbeitsgesetzgebung, der industriellen Gesundheit und Sicherheit, der Arbeiosstatistik, der Beschaeftigung von
Frauen und in der entscheidenden Frage der Wechselbeziehungen in
der Industrie koennen die amerikanische Industrie, die amerikanischen Gewerkschaften und die Experten in unserer Regierung den
wirtschaftlich weniger entwickelten Gebieten helfen, ihre Produktionsleistung zu steigern.
So wie es Methoden und Grundsaetze fuer eine gute Organisation
der Industrie gibt, so gibt es auch gute Methoden und Grundsaetze
fuer die gewerkschaftliche Organisation. Gewerkschaftsorganisationen muessen vor allemfrei, demokratisch und verantwortungsbewusst
sein. Wir haben uns in den vielen Jahren, in denen die arbeitende
Bevoelkerung sich zum Zwecke erfolgreicher TarifVerhandlungen organisierte, zahlreiche Kenntnisse ueber die besten Formen der gewerkschaftlichen Organisation in den Vereinigten Staaten erworben. Wir
koennen unsere iegenen Erfahrungen jenen arbeitenden Menschen als
Grundstock zur Verfuegung stellen, damit sie umso nachdruecklicher
mit ihrer Hilfe ihre eigenen Probleme in Angriff nehmen koennen.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VI1/19/50
ZUSANMENSCHLUSi: DUR FREIEN GEWERKSCHAFTEN ITALIENS
Anlaesslich eines grossen Treffens in Rom, auf dem der Zusammen3Chluss der freien italienischen Gewerkschaften gefeiert wurde, wies
Giulio Pastore, der kuerzlich gewaehlte Generalsekretaer der vereinigten nichtkomraunistischen Gewerkschaftsbewegung Italiens, auf die
Notwendigkeit hin, einen umfassenden Produktivitaets-Vorstoss in
Italien einzuleiten.
Eine unuebersehbare ^enge Gewerkschafter fuellte das geraeumige
Adriana-Theater in Rom, als der neugegruendete italienische Gewerkschaftsbund (Confederazione Italiano Sindicati Lavoratori - CISL)
den offiziellen Zusammenschluss aller nichtkommunistischen Gewerkschaften, einschliesslich LCGIL, FIL und mehrerer anderer selbstaendiger Gewerkschaften feierlich beging.
Viertausend Repraesentanten dieser Gewerkschaften waehlten
Guilio Pastore, den ehemaligen Sekretaer des LCGIL, zum Generalsekretaer und ernannten fuenf Fuehrer anderer Gewerkschaften zu Sekretaeren.
In einem historischen Rueckblick berichtete Pastore den Delegierten von dem Kampf um die Errichtung einer starken freien und unabhaengigen Gewerkschaft in Italien, die dem von den Kommunisten beherrschten ICGIL gegenuebergestellt werden konnte, der nach Kriegsende der einzige Landesfrewerkschaftsbund in Italien war. Dabei wies
Pastore darauf hin, dass er mit anderen Gewerkschaftsfuehrern, die
an der Entwicklung eines demokratischen Italiens interessiert seien,
schon bei Beginn dieses Kampfes beschlossen habe, am Marshall-Plan
tatkraeftig mitzuarbeiten und sich an der Bildung der nichtkommunistischen Gewerkschaftsinternationale, dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften, in London gegen Ende vorigen Jahres zu beteiligen.
Pastore unterstrich die Bedeutung, die den Bemuehungen der
Verwaltung fuer Wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) und der Organisation fuer die V/irtschaf tliche Zusammenarbeit Europas (OEEC) zukomme,
die Produktionsleistung zu steigern, die Wirtschaftseinheit herzustellen, den freieren Austausch von Arbeitskraeften zu ermoeglichen
und die politische Einheit zu verwirklichen.
—

ii&gt;

—

�In bezug auf die Erhoehung der Produktionsleistung erklaerte
Pastore im einzelnen, wie diese letzten Endes allen Arbeitern zugutekomme. Er betonte, dass eine bessere Verteilung der Gewinne
erforderlich sei, um den Lebensstandard der Arbeiter so zu steigern, wie sie es verdient haben. Er forderte nachdruecklichst den
italienischen Unternehmerverband "ConfIndustrie" auf, fuer eine
gleichmaessi^.ere Besetzung der Betriebsausschuesse und der Tarifverhandlungskomitees zu sorgen.
Pastore sagte, -der CISL sei fuer eine "Reform des Wirtschaftssystems, wobei es erforderlich ist, dass die Gewerkschaften auch in
der Betriebsleitung selbst mitwirken." Er bestaetigte erneut das
uneingeschraenkte Recht der Arbeiter zu streiken, fuegte jedoch
hinzu, dass die neue Organisation gegen jeden Versuch, Streiks fuer
politische Zwecke auszunutzen, ankaempfen werde.
Er versicherte ausserdem den selbstaendigen Gewerkschaften,
dass sie im CISL gleiche Rechte haetten. Er forderte alle Arbeiter
auf, ihre Aufgabe als Gewerkschafter sehr ernst zu nehmen und nicht
zu vergessen, dass die Gewerkschaftsbewegung fuer das Leben der
breiten Masse der italienischen Arbeiter und fuer das Volk selbst
von ausschlaggebender Bedeutung sei. Er forderte weiter die Intensivierung der Mitgliederwerbung, die bereits im Gange ist.
Abschliessend erklaerte Pastore, dass es zu einer Zeit, in
der man versucht, die Arbeiter gegen die Sicherheit ihres eigenen
Landes und womoeglich fuer einen Eroberer zu mobilisieren, es unumgaenglich notwendig sei, dass "die demokratischen Arbeiter von
neuem ihren Glauben und ihre Liebe fuer Italien bestaetigen muessen."
Es wurde betont, dass sich die 1.600.000 Gewerkschaftsmitglieder
des neuen Gewerkschaftsbundes verpflichten, zur Erringung wirtschaftlicher Verbesserungen zugunsten der Arbeiterschaft einen
nichtpolitischen Kurs einzuschlagen.
LCGIL, FIL und die selbstaendigen Gewerkschaften wurden durch
eine Erklaerung offiziell aufgeloest, die von Roberta Guzzaniti
verlesen wurde und daraufhin die offizielle Gruendung des CISL proklamierte. Er sagte: "Der CISL verpflichtet sich, fuer folgende
Ziele zu kaempfen: 1) das Recht auf Arbeit, 2) das Recht auf
soziale Sicherheit, 3) das Recht, an der Gestaltung der '.'Wirtschaftspolitik des Landes teilzunehmen, 4) das Recht auf Sicherheit der
Beschaeftigung, 5) das Recht auf soziale Sicherheit in ihrer umfassendsten Form, 6) das Recht, sich in Gewerkschaften zusammenzuschliessen und jede gewerkschaftliche Taetigkeit frei auszuueben,
wozu auch das Recht des Streiks gehoert, 7) "das Recht der Vertretung und der Anerkennung, um es der Arbeiterschaft zu ermoeglichen,
bei der Formulierung der Sozialpolitik des Landes ihren Einfluas
auszuueben, und 8) das Recht der Gewerkschaften, an der Betriebsleitung und an dem Besitz der Produktionsmittel beteiligt zu sein.
Mach der Wahl Pastores zum Generalsekretaer wurden die folgenden
fuenf Gewerkschafter von den Delegierten zu Sekretaeren ernannt:
Giovanni Canini, Paolo Consoni, Roberto Cuzzaniti, Luigi Morella und
Enrico Parri. Zu Vizesekretaeren wurden gewaehlt: Alberto Caielli,
Dionigi Coppo, Giuseppe Giuffre, Amleto Mantegazza, iinselmo Martoni,
A^nio Claudio Rocchi, Bruno Stroti und Ermanno Trebbi.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VI/8/50
GEWERKSCHAFTEN AMERIKA! UNTERSTUET2EN TRUMANS MOBILISIERUNGSPLAN
Die amerikanischen Gewerkschaften haben Praesident Truraans Forderung von 10 Milliarden Dollar, mit denen die Vereinten Nationen
die Republik S-ued-Korea unterstuetzen sollen, sofort befuerwortet.
- 14 -

�Der Vorsitzende Philip Murray beglueckwuenschte im Namen des
CIO den Praesidenten zu "dem grossen Programm, das er zur Abwehr
des kommunistischen Angriffs auf den V/eltfrieden in Korea und zur
Staerkung der Verteidigung der Nationen gegen alle internationalen
Bedrohungen des Friedens vorgeschlagen hat.n
Murray erkläerte, dass der CIO nicht nur die 10 Milliarden
Forderung, sondern auch die Vorschlaege zur Kontrolle der industriellen Produktion und Einrichtungen sowie des Verbraucherkredits
unterstuetze. "Das amerikanische Volk muss den Anforderungen, die
mit der unvermeidlichen Erhcehung der Ausgaben fuer militaerische
Zwecke gestellt werden, gerecht werden."
Zuvor hatte Vorsitzender William Green vom Amerikanischen Gewerkscheftsbund AFL erklaert, die Reaktion, die die Forderungen
Trumans in seiner Organisation ausgeloest habe, sei "sehr guenstig"
gewesen. Wir sind der Auffassung, dass die Verwaltung soviel Geldmittel zur Verfuegung haben muss, wie noetig sind, um die Aufgaben,
die unseren Streitkräften gestellt werden, erfuellen zu koennen."
Green sagte, er halte Preiskontrollen, Lohnstops oder die Verpflichtung der Gewerkschaften, nicht zu streiken, bis jetzt nicht fuer
erforderlich. Die Gewerkschaftsbewegung würde der Regierung in der
Korea-Krise ihre volle Unterstuetzung zuteil werden lassen.
Die Vorsitzenden Green und Murray sind zusammen mit anderen leitenden Funktionaeren amerikanischer Gewerkschaften Mitglieder eines
Komitees, das mit Vertretern der Regierung Verhandlungen fuehrt, um
Massnahmen zur Unterstuetzung der Handlungen der Vereinten Nationen
fuer Notfaelle zu planen.
Arbeitsmitteilunr-en der ECA
VII/26/50
Ray Boyfield, Sekretaer der Organisationsabteilung des Britischen
Gewerkschaftsbundes (TÜC):
BSVINS GEWERKSCHAFT BESITZT FONDS FUER POLITISCHE zraCKE
Mehr als ein Viertel saemtlicher Gewerkschafter Englands gehoeren drei grossen Gewerkschaften an. Die groesste i^t die Gewerkschaft der Transport- und Allgemeinen Arbeiter (Transport and General
Workers' Union).
Die GTAA zaehlt augenblicklich mehr als 1.250.000 I itglieder und
setzt sich aus etwa 50 verschiedenen Organisationen zusammen, die
frueher selbstaendig waren. Sie wurde im Jahre 1922 durch den Zusaramenschluss von 14 Gewerkschaften gebildet, in denen heuptsaechlich Dockarbeiter, Strassen-, Transportarbeiter und Arbeiter schlechthin organisiert waren.
Ihre Gruender, zu denen auch Ernest Bevin, der erste Sekretaer
der Gewerkschaft, gehoerte, hatten den Wunsch, fuer des ganze Land
verbindliche Tarifvertraege abzuschliessen. Sie erkannten dabei,
dass eine starke Organisation erforderlich ist, um mit den einzelnen Organisationen der Unternehmerschaft erfolgreich verhandeln zu
koennen.
Fuer die Gewerkschaft arbeiten etwa 600 hauptamtliche Funktionaere, die jedoch in keinem Fall das Recht haben, als Delegierte an
einer Konferenz teilzunehmen oder in irgendeinem der Ausschuesse ihre
Stimme abzugeben. Offene Stellungen koennen nur von Mitgliedern besetzt werden, die in dem betreffenden Beruf taetig sind. Mitglieder
kommunistischer oder faschistischer Organisationen koennen jetzt
- 15 -

�nicht mehr Gewerkschaftsfunktionär werden und koennen die Gewerkschaft auch nicht in den verschiedenen Koerperschaften vertreten,
denen sie angegliedert ist.
Mit dem Kapital, das der Gewerkschaft zur Verfuegung steht,
(es belaeuft sich auf ueber 76.440.000 DM) und ihrem umfangreichen
Personalstab ist es ihr moeglich, auch solche Referate zu unterhalten, deren Ziel die Forschung, Erziehung, Gesetzgebung und Politik ist und die ausschliesslich auf die gewerkschaftliche Arbeit
zugeschnitten sind. Die Rechtsabteilung steht den Funktionaeren beratend zur Seite, wenn es sich um ünfaelle, angeblich ungerechtfertigte Entlassungen, Uebertretungen des Gesetzes ueber den Strassentransport und aehnliches handelt; es ist ausserdem ihre Aufgabe,
die Ursachen von Berufskrankheiten festzustellen und neue Sicherheitsmassnahmen zu entwickeln.
Die politische Aktivitaet wird aus einem Sonderfonds finanziert, der aus freiwilligen Zuwendungen gespeist wird. Nahezu eine
Million Mitglieder der Gewerkschaft zahlen diese Abgabe fuer politische Zwecke, die dazu verwendet wird, die von der Delegiertenkonferenz (praktisch die Labour Party) bevorzugte politische Partei und
die Gewerkschaftskandidaten in oertlichen und Parlamentswahlen zu
unterstuetzen. Bei den letzten allgemeinen Wahlen wurden 26 Gewerkschaftsmitglieder in das Unterhaus gewaehlt.
AFL Wedkly News Service
VII/25/50
HILFE FUER INDIEN
Eine Mission des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften,
die den Fernen Osten und Suedostasien bereiste, hat den Vorschlag
gemacht, die Wirtschaft" Indiens anzukurbeln und zu erweitern und
die dadurch entstehenden Gewinne den Gewerkschaften!dieses Landes
zugute kommen zu lassen.
Nach einer Aussprache mit fuehrenden indischen Persoenlichkeiten,
zu denen auch Premierminister Nehru gehoerte, erklaerte ein Sprecher
der Gruppe, ein Teil der wesentlichen Hilfsmassnahmen fuer Indien,
wie zum Beispiel die Erschliessung seiner natuerlichen Hilfsquellen,
koenne nicht durch die Aufbringung auslaendischen Privatkapitals
geloest werden, ^in Mitglied des Ausschusses unterstrich die Dringlichkeit des Ernaehrungsproblems in Asien und forderte sofortige
materielle Hilfe fuer die asiatischen Voelker.
Der fuenfkoepfigen Mission des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften gehoeren Gordon Chapman und John Brophy als Vertreter der AFL und des CIO an, ferner F. W. Dalley vom Britischen Gewerkschaftsbund (TUC), Roger de Keyzer vom Belgischen Gewerkschaftsbund
und Deven Sen^ vom Indischen Gewerkschaftsbund. Unter Zugrundelegung der von der Gewerkschaftsmission angestellten Beobachtungen wird
der Internationale Bund Freier Gewerkschaften die Errichtung eines
gewerkschaftlichen Stuetzpunktes einer regionalen Organisation in
Asien und die Eroeffnung mindestens einer Gewerkschaftsschule zur
Ausbildung junger Gewerkschafter fuer dieses Gebiet beschliessen.
Weekly Labor News Digest
VI1/18/50
- 16 Office of Labor A f f a i r s
AP0 757

ÖFFICIAL

HICCCta-U7e L H

*-gust 50 19t C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder,
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

T U _ 2-i

Frankfurt, 18. August 1950
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Vollbeschaeftigung, ein grundlegendes Ziel der
Gewerkschaftsbewegung - - - - - - - - - - l
„FL: Hoehere Kaufkraft, ein Mittel zur Behebung
der Arbeitslosigkeit
- - - - - - - - - - 8
Das Probler- der erwerbslosen Jugend in Oesterreich
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 1
.Amerikanische Gewerkschaften sichern der Regierung ihre Unterstuetzun? in kritischen
Situationen zu - - - - - - - - - - - - - - - 12
Die Gewerkschaften Amerikas sind produktivitaet3bewusst - - - - - - - - - - - - - - - - 1 3
Zum Erfolg ^ehoert ebenso der Verstand wie
Kraft! -'14
Landkultivierung In Italien schafft 500.000
Arbsitsplaetze - - - - - - - - - - - - - - - 1 6
Alfred Braunthal:
VXLI-SSCIli.EFTIGUKG, SIN GRUNDLEGENDE0 ZIEL DER GEV ERKSClkFTSBE.VECUNG
Seit dem Anbruch des industriellen Zeitalters ist die wirtschaftliche Unsicherheit zum Fluch des Arbeiters geworden; er hat
sich immer nach einer wirtschaftlichen und sozielen Ordnung gesehnt,
in der ihm die staendige Beschaeftigung, ein anstaendiger Lebensstandard und anstaendige Arbeitsbedingungen gesichert sind. Es ist
unbestritten, dass die Geissei der Massenarbeitslosigkeit vermieden
und die Vollbeschaeftigung durch kluges Handeln geschaffen und beibehalten werden kann, um so mehr muessen die freien Gewerkschaften
auf der Errichtung eines Wirtschaftssystems bestehen, in dem die
Vollbeschaeftigung garantiert ist. Damit sind sie zu den Verfechtern
der systematischen Vollbeschaeftis'ungspolitik geworden. Es war deshalb eine Selbstverstaendlichkeit, dass der Internationale Bund Freier
Gewerkschaften auf seiner Gruendungskonferenz in London sowohl in
seiner Satzung- als auch in seiner Erklaerung zu den wirtschaftlichen
und sozialen Forderungen ein Wirtschaftssystem fordert, das die
Vollbeschaeftigung ermoeglicht.
Das Vollbeschaeftigungsprogramm des IBFG, wie es in diesen beiden grundlegenden Dokumenten niedergelegt ist, zeigt, dass immer
groessere Kreise der Arbeiterschaftsich der Bedeutung der Vollbeschaef tigung bewusst werden. Diese neue Wartung des Begriffs der
Vollbeschäftigung wiederum findet in der Erweiterung der Ziel- 1-

�setzung der Gewerkschaftsbewegung ihren Niederschlag, die in den
Forderungen des IBFG am deutlichsten zum Ausdruck kommen.
Vor dem Kriege konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der
internationalen GewerkschaftsOrganisation wie ueberhaupt das Interesse und die Sorge der organisierten Gewerkschaftsbewegung
schlechthin fast ausschliesslich auf die Industriestaaten der Welt.
Natuerlich fehlte es auch nicht an Anteilnahme an dem Los jener Arbeiter, die in den industriell weniger fortgeschrittenen Gebieten
der Welt leben. Die organisierte Arbeiterschaft lehnte aufrichtig
eine koloniale Ausbeutung der Arbeiter in den rueckstaendigen Gebieten *ab. Da die Probleme der Arbeiter jener Gebiete Jedoch immer
ziemlich nebensaechlich schienen, war die Gewerkschaftsbewegung der
Industriestaaten wenig bemueht, diese Probleme zu loesen oder nach
Mitteln und Wegen zu ihrer Loesung zu suchen.
Das Interesse der Gewerkschaftsbewegung an einem Wirtschaftssystem der Vollbeschaeftigung war auf die Industriestaaten konzentriert. Die wahre Vorstellung von der Vollbeschaeftigung blieb auf
die industriellen Sektoren der Weltwirtschaft beschraenkt. Der
Einstellung zu dem Vollbeschaeftigungsproblem schwebte die Beschaeftigunesstruktur in Industriestaaten vor. In diesen Laendern
ist die Arbeitslosigkeit groesstenteils periodisch und tritt infolge des zyklischen Kachfragemangels fuer Massenbedarf auf. Es ist
*ene Art der Arbeitslosigkeit, die an erster Stelle fuer die grosse
Wirtschaftskrise zu Anfang der dreissiger Jahre verantwortlich war.
Die unbeschreibliche Not, die die Arbeiter als Folge dieser Katastrophe traf, bestaerkte sie in ihrer Entschlossenheit, nie wieder
das Aufkommen einer solchen Krise zu dulden. Seit jener Zeit hat
die Gewerkschaftsbewegung den Problemen der periodischen Massenarbeitslosigkeit in Industriestaaten groesste Aufmerksamkeit gewidmet
und sich damit ausreichende Erfahrungen in der Politik zur Verhuetung dieser Arbeitslosigkeit erworben.
Inzwischen hat die internationale Gewerkschaftsbewegung jedoch
ihren .Virkungsbereich weit ueber die Grenzen der Industriestaaten
der Welt hinaus ausgedehnt. Der IBFG hat von Anfang an nicht nur
versucht, alle Arbeiter in allen freien Staaten der Welt ohne Ruecksicht auf den Grad der industriellen Entwicklung ihres Landes zu
erfassen und ihnen zu helfen, sich zu organisieren und die gemeinsamen Ziele zu erreichen, sondern war auch mit allen Mitteln bemueht, inre besondere Tot und Probleme zu verstehen und zu berueck3iOhtigen. Der IBFG hat damit erreicht, dass das Beschaeftigungsoroblem sowohl fuer die Arbeiter der Industriestaaten als auch fuer
diejenigen der industriell weniger entwickelten Laender als das bedeutsamste anerkannt wird; er ist sich jedoch darueber im klaren,
da33 3ich das Beschaeftigungsproblem in dem letztgenannten Sektor
der Weltwirtschaft wesentlich von dem im industriellen Sektor unterscheidet.
Waehrend das Beschaeftigungsproblera der Industriestaaten vornehmlich von periodisch auftretenden Faktoren gekennzeichnet ist,
ist es in den meisten wirtschaftlich weniger entwickelten Laendern
chronisch, obwohl die Arbeitslosigkeit dort meistens von dem Deckmantel der Unterbeschaeftigung verborgen wird. Tatsaechlich ist das
Beschaeftigungsproblem in dem industriell unterentwickelten Sektor
der 'Weltwirtschaft im wesentlichen ein Entwicklungsproblem, und der
IBFG hat durch die Tatsache, dass er die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung jener Gebiete in seinen beiden grundlegenden Satzungen
besonders verankerte, sein eingehendes Verstaendnis fuer die Beschaeftigungsprobleme bewiesen.
Es ist bemerkenswert, dass der IBFG nicht die einzige internationale Organisation ist, die sich mit den Problemen der Vollbe- 2-

�achaeftigung beschaeftigt hat. Die organisierte Arbeiterschaft ist
ebenso direkt wie indirekt in weltumfassenden internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation vertreten, und es ist erfreulich, festzustellen, dass
sich die Einstellung dieser internationalen Koerperschaften zum
Beschaeftigungsproblem in der gleichen Richtung entwickelt hat wie
die der internationalen freien Gewerkschaftsbewegung. Beide Organisationen haben in juengster Zeit mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit
dem Problem der Vollbeschaeftigung mit seinen verschiedenen Blickpunkten in Industriestaaten und in industriell unterentwickelten Laendern gewidmet. Die Vereinten Nationen und die Internationale ArbeitsOrganisation haben unlaengst die Ergebnisse umfassender Studien auf
diesem Gebiet veroeffentlicht und haben sie zum Gegenstand von Besprechungen gemacht, die zum erstenmal waehrend der Sitzung des
'.Virtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen im Januar 1950
gefuehrt und bei den Sitzungen dieses Rates und der Internationalen
Arbeits-Organisation im Sommer fortgesetzt wurden. Der IBFG hat
sich bereits aktiv an diesen Besprechungen beteiligt und wird auch
weiterhin sich nachdruecklichst fuer reale und wirksame Aktionsprogramme einsetzen.
In diesem Artikel wird versucht, die Probleme kurz zu erlaeutern, die einerseits mit der periodischen Arbeitslosigkeit, wie sie
fuer die Industriestaaten kennzeichnend ist, und andererseits mit der
chronischen Arbeitslosigkeit in Zusammenhang stehen, die in industriell
wenig- entwickelten Laendern vorherrschen. Es wird ausserdem versucht
werden, und zwar unter Zugrundelegung jener Beobachtungen, die der
IBFG zu dem Bericht der Vereinten Nationen ueber die Vollbeschaeftigungsfrage angestellt hat, die von den freien Gewerkschaften in Erwaegung gezogenen Loesungen dieser Probleme klarzulegen.
Es muss von Anfang an darauf hingewiesen werden, dass selbst
in Industriestaaten Massenarbeitslosigkeit nicht immer periodisch
bedingt ist. Arbeitslosigkeit kann auch andere Ursachen haben, wie
zum Beispiel die Vernichtung der Kapitalquellen durch den Krieg.
In kriegszerstoerten Laendern wie Deutschland und Oesterreich ist
dies selbst heute noch ein Faktor, der fuer die Massenarbeitslosigkeit mitverantwortlich ist, obwohl die Marshall-Plan-Hilfe viel
dazu beigetragen hat, diese Notzeit zu ueberwinden. Eine andere,
nichtperiodische Ursache der Massenarbeitslosigkeit ist der ungeheure Zustrom von Ausgewiesenen und Fluechtlingen nach Deutschland
und Oesterreich, fuer deren Beschaeftigung es an den erforderlichen
Voraussetzungen in diesen Laendern fehlt,"d.h. an Arbeitsplaetzen,
Betrieben, Rohmaterialien und aehnlichem.
Diese Art Arbeitslosigkeit ist in Industriestaaten jedoch verhasltnismaessig selten. Der vorherrschende Typ der Massenarbeitslosigkeit ist durch periodische Schwankungen des Wirtschaftsablaufs bedingt. Zur Erklaerung dieser Art Arbeitslosigkeit hat sich eine Auffassung eingebuergert, die auf die Beschaeftigungstheorie Lord
Keynes» zurueckgeht. Die Tatsache, dass die Auffassung Keynes' nicht
nur unter den zeitgenoessischen Volkswirtschaftlern und in den Reihen
der Gewerkschaftsbewegung ziemlich allgemein verbreitet ist, sondern
auch die theoretische Grundlage der beiden von den Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeits-Organisation durchgefuehrten
Studien bildet, ist zwar kein Beweis fuer ihre Richtigkeit, sie zeigt
aber auf jeden Fall, dass sie viele im Zusammenhang stehende Tatsachen
auf befriedigende Art und Weise aufeinander abstimmt und wertvolle
Hilfe in der Schaffung einar konstruktiven Auffassung in der Frage
der industriellen Arbeitslosigkeit und der Mittel und Wege zur Bekaeimfung dieses Uebels leistet.
Gemaess dieser Auffassung kann in einem Industriestaat die Vollbeschaef tigung nur gesichert und erhalten werden, wenn der Massen- 3-

�bedarf an Waren und Dienstleistungen zum Zwecke des Verbrauchs,
der Investierungen, der Ausgaben der Regierung und - sichtbar oder
unsichtbar - der Exporte den Massenaufwendungen fuer Verbrauch,
Ersparnisse, Besteuerung und - sichtbar oder unsichtbar - fuer
Importe gleichkommen oder sie uebertreffen. Es gibt keine automatische Garantie dafuer, dass der Gesamtbetrag der linken Seite
dieser Gleichung dem auf der rechten Seite entspricht oder ihn
usbertrifft. Es kann sehr wohl vorkommen, dass die Nachfrage aus
*'angel an Kaeufen zurueckgeht, wenn z.B. ein Teil der Ersparnisse
nicht investiert wird und gleichzeitig ein Teil des Steueraufkommens
von der Regierung nicht ausgegeben wird und die Importe groesser
sind als die Exporte. Wenn die Kachfrage nach produzierten Waren
aus Mangel an Kaeufen zurueckgeht, d.h. wenn ein Teil der durch die
Produktion von Waren erzeugten Kaufkraft nicht dazu verwendet wird,
diese Waren zu kaufen, kann ein bestimmter Prozentsatz der produzierten Waren und der zur Verfuegung stehenden Dienstleistungen
nicht verkauft werden; daraus ergibt sich ein Rueckgang der Produktion unter ihre volle Kapazitaet, und ein Teil der Produktionsmittel, also auch die Arbeitskraft, bleiben untaetig.
Waehrend kein automatischer Mechanismus zur Verhuetung der
Massenarbeitslosigkeit als Folge einer zu geringen Nachfrage besteht, gibt es eine Tendenz, die auf die Behebung der wirtschaftlichen Unausgeglichenheit gerichtet ist, die zur Massenarbeitslosigkeit fuehrt. Denn dieses Fehlen des Gleichgewichts bewirkt ein
Absinken der Einkommen, der Ersparnisse, des Steueraufkommens und
der Importe, sodass das Gleichgewicht zwischen der Nachfrage nach
produzierten Waren und den Ausgaben der Nation unter Umstaenden
wieder hergestellt wird. Aus eben diesem Grunde ist jede Massenarbeitslosigkeit, die durch den Mangel an Nachfrage hervorgerufen
ist, eher periodischer als chronischer Natur. Auf der anderen Seite ist es in der modernen Gesellschaft der Industriestaaten dieser
periodische Charakter der Massenarbeitslosigkeit und folglich der
Beschaeftigungsmoeglichkeiten, der dem Arbeiter die wirtschaftliche Sicherheit nimmt, nach der er sich sehnt. Wenn die periodische
Massenarbeitslosigkeit nicht durch eine wirksame Politik der Vollbeschaeftigung ausgeschaltet wird, kann ein Arbeiter zwar zu gewissen Zeiten eine gute Moeglichkeit haben, einen Arbeitsplatz zu
finden, niemals jedoch kann er mit Sicherheit aussagen, wie lange
seine Beschaeftigung andauern und wann er dann eine neue finden
wird. Die Erfahrung hat ausserdem gelehrt, dass periodische Wirtschaftskrisen einen sehr grossen Prozentsatz von Arbeitern ihre
Beschaeftigung nehmen, die Arbeitslosigkeit kann eine ganze Reihe
von Jahren andauern.
Wirtschaftskrisen sind jedoch gluecklicherweise keine uebernatuerlichen Vorgaenge, denen die Menschen machtlos gegenueberstehen.
Es sind wirtschaftliche Entwicklungen, die, wenn sie klar erkannt
werden, durch Gegenmassnahmen wirksam bekaempft werden koennen, die
durch zielbewusstes Handeln in der Wirtschaft selbst hervorgerufen
werden koennen. Vor allem in den letzten Jahren ist diese Erkenntnis nicht nur.aksdemische Wissenschaft geblieben, sondern sie ist mit
groesstem Erfolg in verschiedenen Laendern angewandt worden. Die
beiden kuerzlich erschienenen Veroeffentlichungen der Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeits-Organisation ueber Vollbeschaeftigung haben ausserdem wertvolle Beitraege zu den Erfahrungen
erbracht, die auf diesem Gebiet bereits erworben wurden, und sie
enthalten konstruktive Vorschlaege zu einem Plan nationaler und internationaler Massnahmen zur Schaffung einer Wirtschaft der Vollbeschaeftigung.
Waehrend es unmoeglich waere, in diesem Artikel den Riesenkomplex sozialwirtschaftlicher Fragen zu besprechen, die in der Politik
der Vollbeschaeftigung eine Rolle spielen, koennen die wichtigsten
Grundsaetze, sofern sie fuer die Industriestaaten zutreffend sind,
hier kurz eroertert werden.
- 4 -

�einige Prinzipien der Politik der Vollbeschaef tigung
Die wichtigsten dieser Grundsaetze sind folgende: Zu allererst
i~t eine Wirtschaft der Vollbeschaeftigung, im Gegensatz zu den
Behauptungen der Propagandisten autoritaere-r Systeme, kein Monoool
dieser Systeme. Die Vollbeschaeftigungstheorie hat gezeigt, und
die Erfahrung hat bewiesen, dass eine Wirtschaft der staendigen Vollbeschaef tigung in wirklich demokratischen Laendern moeglich ist, und
zwar bei einem weit hoeheren Lebensstandard und weit besseren Arbeitsbedingungen als in autoritaeren Staaten, weil freie Arbeiter,
in freien Gewerkschaften organisiert, einen weit hoeheren Lohnstand
und kuerzere Arbeitszeit erringen koennen, als autoritaere Regierungen
unter gleichen Bedingungen ihren Arbeitern gewaehren wuerden.
Zweitens erfordert eine 'Virtschaft der Vollbeschaeftigung keine
grundlegenden Veraenderungen in der wirtschaftlichen und sozialen
Struktur des Lande?, sondern nur eine feste Entschlossenheit, alle
Massnahmen anzuwenden, die geeignet sind, jegliches Fehlen d-js wirtschaftlichen Gleichgewichtes, das die Massenarbeitslosigkeit verursacht, zu beseitigen oder auszugleichen. Ob und in welchem Ausmass
es ein Land vorzieht, Privatunternehmen zu verdraengen und das verstaatlichte Unternehmen an seine Stelle zu setzen oder neue Industrien auf privater oder oeffentlicher Basis aufzubauen, und ob und
bis zu welchem Grad sich ein Land entschliesst, die verschiedenen
°ektoren der Wirtschaft, wie Preise, Loehne, Produktion und Investierung zu regulieren, wird von der vorherrschenden wirtschaftlichen
und sozialen Auffassung abhaengen. Ein Wirtschaft der Vollbeschaeftigung kann in jedem der verschiedenen Systeme errichtet werden,
vorausgesetzt, dass des Land entschlossen ist, erforderlichenfalls
jegliche Kombination der Massnahmen anzuwenden, die das die Massenarbeitslosigkeit verursachende Fehlen des wirtschaftlichen Gleichgewichts auszubleichen vermag.
Drittens, de das Fehlen des wirtschaftlichen Gleichgewichts auf
dem Gebiet des Verbrauchs,der Investierungen und der Ersparnisse,
der Steuern und der oeffentlichen Ausgaben, der Exporte und Importe,
auftreten kann, koennen auch die Abhilfen auf irgendeinem dieser
Gebiete gefunden werden und muessen nicht unbedingt in denjenigen
Gebieten angewandt werden, in denen dieses Fehlen des wirtschaftlichen Gleichgewichts entstanden ist. In welchem Sektor der Wirtschaft eine Ausdehnung gefoerdert werden rauss, um den Mangel an
T'achfrarre auszugleichen, wird davon abhaengen, wie leicht unter den
gegebenen Verhaeltnissen der eine oder andere Sektor ausgedehnt werden kann; aber auch die politischen, sozialen und wirtschaftlichen
Gesichtspunkte, die in einem Lande vorherrschen, werden hierbei eine
Rolle spielen.
Aus diesen drei Grundsaetzen ergibt sich, dass die Wirtschaft
der Vollbeschaeftigung nicht, an ein starres sozialwirtschaftliches
"'chema gebunden ist, das alle sozialen und politischen Kraefte zwingen wuerde, in ihren Handlungen eine bestimmte Linie genauestens zu
befolgen, sondern dass sie weiten Spielraum fuer Diskussionen und
Verfechtungen verschiedener Standpunkte offen laesst, besonders zwischen konservativen und fortschrittlicheren Gruppen, und Raum fuer
AIternetivloesungen freibleibt. Es ergibt sich ausserdem, dass
die Tatseche, dass gewisse wirtschaftliche und soziale Massnahmen
zur Vollbeschaeftigung beitragen, unsere Unterstuetzung dieser Massnahmen en sich nicht rechtfertigt, wenn Alternativmassnahmen moeglich waeren, die in gleichem Messe zur Vollbeschaeftigung beitreten wuerden, eber voa fortschrittlichen Stendpunkt der freien Gewerkschaften aus zu bevorzugen waeren.
Das deutlichste Beispiel einer sozial unerwuenschten Politik
der Vollbeschaeftigung ist die der Sowjetunion, die spaeter von den
- 5-

�Sowjets auch ihren Satelliten aufgezwungen wurde. Das Vollbeschaeftigungssystem dieser Länder beruht auf einer uebermaessi^en
Ausdehnung der Investierungen und Aufwendungen fuer mllltierische
Zwecke auf Kosten des Verbrauchssektors der Wirtschaft, d.h., auf
Kosten eines niedrigen Lebensstandards und klaeglicher Arbeitsbedingungen.
Sine fortschrittliche Politik der Vollbeschaeftigung muss sich
dagegen bei Jedem Versuch, die Vollbeschaeftigung zu schaffen und zu
erhalten, auf den Verbrauchssektor konzentrieren. Das schliesst jedoch nicht ein, dass freie Gewerkschaften in Prinzip oder in der
"Praxis der Foerderung von Kapitalinvestitionen als ausgleichende
Massnahme feindlich gegenueberstehen. 2s gibt zunaechst einmal
viele Formen der Kapitalanlagen, insbesondere der oeffentlichen Anlagen, die an sich von sozialen Standpunkt aus hoechst wuenschenswert sind, wie z.B. Wohnungsbau, Errichtung von Schulen, Krankenhaeu3ern und aehnliches; ferner ist unter gewissen Umstaenden, wie z.B.
al3 Folgeerscheinung von Kriegsschaeden oder industrieller Stoerungen
jeglicher Art ein Anstieg in der Kapitalanlagerate wuenschenswert,
selbst wenn sie den Gewerkschaften voruebergehend eine Zurueckhaltung
in ihren Forderungen nach Lohnerhoehungen auferlegt. Ausserden erweist sich eine wirtschaftliche Ausdehnung besonders von oeffentlichen Investierungen (oeffentliche Arbeiten) haeufig als aeusserst
prompte und wirksame Methode zur Bekaempfung der Arbeitslosigkeit.
Im allgemeinen jedoch wird die Politik der-freien Gewerkschaften auf eine Erweiterung des Verbrauchssektors der Wirtschaft gerichtet 3ein. Sie beruht auf der Ueberzeugung, dass der sozial wuenschenswerteste und wirtschaftlich gesuendeste Weg zum Aufhalten oder
zur Verhuetung der Massenarbeitslosigkeit im allgemeinen eine Steigerung des Verbrauchs und seine Foerderung ist. 2s ist selbstverstaendlich die Aufgabe der Gewerkschaften selbst, zur Erreichung
dieses Zieles beizutragen, indem sie Lohnkuerzungen in Depressionsnerioden verhindern und auf Lohnaufbesserungen bestehen, wo immer
dies wirtschaftlich moeglich ist. Sie.werden aber auch darauf bestehen muessen, dass die Regierungspolitik auf die Ausdehnung des
Verbrauchs gerichtet ist, was in folgenden Massnahmen zum Ausdruck
kommen muss: anstaendige Mindestloehne, angemessene Leistungen der
Sozialversicherung, Familien- und Kinderbeihilfen, Herabsetzung der
Steuern, die den Verbrauch einschraenken, Massnahmen zum Niedrighalten der Preise, insbesondere eine wirkungsvolle Antimonopol-Politik,
Beihilfen fuer die Landwirtschaft und aehnliches.
Es ist aber .nicht nur von Wichtigkeit, die Ursachen fuer das
Fehlen des wirtschaftlichen Gleichgewichtes zu verstehen und zu
wissen, wie sie ueberwunden werden koennen; die Frage der Zeit,
die diese ausgleichenden Massnahmen in Anspruch nehmen, ist nicht
weniger wichtig. Wenn es wahr ist, dass fuer jeden Aktlonsplan
der Faktor Zeit von Bedeutung ist, dann trifft es im besonderen
fuer Massnahmen zugunsten der Vollbeschaeftigung zu, dass Schnelligkeit der Kern der Sache ist. Wirtschaftsdepressionen, die sich
selbst ueberlassen bleiben, haben naemlich die Tendenz, sich stetig
und rapid zu verschlimmern. Wenn Produktion und Beschaeftigungsstand in einem Sektor der Wirtschaft absinken, wird das sich hieraus ergebende Fallen der Kaufkraft zu einer Einschraenkung des Bedarfs auch fuer andere Gueter fuehren, und die nach unten gerichtete Spirale wird schliesslich die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.
Es ist deshalb wichtig, dass ausgleichende Massnahmen in einem
sehr fruehen Stadium einer jeden wirtschaftlichen Abwaertsentwicklung
beschlossen und ausgefuehrt werden, um eine sich selbst foerdernde
Verschlechterung der Wirtschaftslage zu verhindern. Di3s erfordert
- 6 -

�schnelle Entscheidungen durch Regierungen und gesetzgebende Organe,
las heilst, eine bewegliche Regierungs- und Gesetzgebungsmaschinerie, die in der Lage ist, die Wirtschafts- und Sozialpolitik den
sich aendernden Wirtschaftsverhaeltnissen so schnell wie moeglich
anzupassen.
Die Anpassung der Politik an sich aendernde Verhaeltnisse
wird durch Massnahmen erheblich erleichtert, die mehr oder weniger
automatisch funktionieren, sobald sich die Bedingungen aendern.
Der bedeutendste dieser "eingebauten Stabilisatoren" ist ein
fortschrittliches Arbeitslosenversicherungssystem. Wenn jeder
Arbeiter, der seine Beschaeftigung verloren hat, Anspruch auf Arbeitslosenunterstuetzung hat, wenn ihm eine Wartezeit erspart
bleibt, wenn die Unterstuetzung in einem angemessenen Verhaeltnis
zu seinem frueheren Einkommen steht, und wenn er das Recht hat,
Unterstuetzung fuer die Gesamtdauer seiner Arbeitslosigkeit zu beziehen, dann wird der durch Arbeitslosigkeit verursachte Verlust an
Kaufkraft auf ein Minimum reduziert, und die Faehigkeit des Verbrauchssektors der V.'irtschaft, das in anderen Sektoren auftretende
Fehlen des wirtschaftlichen Gleichgewichts auszugleichen, gestaerkt.
Andere stabilisierende Massnahmen sind ein reichlicher Vorrat an
oeffentlichen Arbeiten, mit denen bei einer Verschlechterung der
Beschaef tigungsbedin.^ungen begonnen werden kann, und Massnahmen, die
zu einer weitgehenden Beweglichkeit der Arbeitskraefte beitragen,
sodass in einer Industrie arbeitslos gewordene Arbeiter muehelos in
andere Industrien hinueberwechseln koennen. Zu diesen Massnahmen
gehoeren Entschaedigungen, die bei der Entlassung gezahlt werden,
Regierungszuschuesse zu den Umzugskosten, leistungsfaehige oeffentliche Arbeitsvermittlungsbehoerden, entsprechende Schulungs- und Umschulungseinrichtungen und eine umfassende Versorgung mit anstaendinen Wohnungen.
Die Notwendigkeit internationaler Massnahmen
Es muss klar erkannt werden, dass die Beschaeftigungsbedingungen
in industrialisierten Laendern nicht allein von der Politik der betreffenden Laender abhaengig sind. Es ist zuvor bereits auseinandergesetzt worden, dass unter den Sektoren der Wirtschaft, die den Beschaef tigungsgrad beeinflussen, derjenige der Wirtschaftsbeziehungen
zum Ausland eine Rolle spielt. In einigen Laendern steht der Aus3enhandel zu der volkswirtschaftlichen Produktion in einem derartigen
Verhaeltnis, dass der Beschaeftigungsstand weitgehend von dem Volumen
d9s Aussenhandels abhaengig ist. Diese Laender reagieren deshalb
besonders leicht auf Veraenderungen im Welthandel und koennten deshalb schwerlich die Beschaeftigung durch eigene Massnahmen allein
stabilisieren, es sei denn, dass sie von wirksamen Vollbeschaefti^ungsma3snahraen in anderen Laendern begleitet sind. Im Gegensatz
hierzu gibt es Laender, wie z.B. die Vereinigten Staaten, deren Aussenhandel im Vergleich zu ihrer Produktion verhaeltnismaessig gering
ist, aber doch einen sehr wichtigen Faktor auf den Weltmaerkten darstellt. Ein Fehlen das wirtschaftlichen Gleichgewichtes, das die
Beschaeftigungslage in solchen Laendern in Mitleidenschaft zieht,
hat immer die Tendenz, sich auf viele andere Laender auszudehnen.
Aus diesen Betrachtungen ergibt sich, dass die Vollbeschaeftigungspolitik ausser nationalen auch internationale Massnahmen erfordert. Damit die Vollbeschaeftigungspolitik in Laendern, die auf
Aussenhandel angewiesen sind, durch das Fehlen des wirtschaftlichen
Gleichgewichts, das vom Ausland kommend sich ausdehnt, nicht vereitalt wird, muss die Vollbeschaeftigungspolitik in allen industrialisierten Laendern durch internationale Massnahmen koordiniert werden.
Diese Massnahmen sind ausserdem erforderlich, um den Aussenhandel
staendig auf der gleichen Stufe zu halten und angesichts eines Rueckgansrs der Nachfrage nach ausleendischen Waren den exportierenden
Laendern, die von einem solchen Nachlassen der Nachfrage nach ihren
- 7-

�Waren betroffen werden, zu helfen, ihren ^rcduktions- und Beschaeftigungsstand aufrechtzuerhalten.
Es wird eine der groessten Aufgaben der Vereinten Nationen
und der Internationalen Arbeits-Organisation sein, eine internationale Koordinierung der Vollbeschaeftigungspolitik aller industrialisierten Laender zustendezubringen. Zur Ermutigung und Stabilisierung des Aus^enhandels and der Zahlungsbilanzen sind verschiedene
Schritte unternommen worden, insbesondere die Schaffung des Internationalen Waehrungsfonds , internationale Handelsvertraege, die
Vorbereitungen zur Errichtung einer Internationalen Handelsorganisation und die amerikanische Hilfe fuer Europa in Form des Marshallr,
lans. Was noch zu tun bleibt, ist, alle internationalen Massnahmen
auf diesem Gebiet auf das Ziel einer international koordinierten
WirtsChaft der Vollbeschaeftigung in allen Laendern zu konzentrieren.
Es kann jedoch nicht genug darauf hingewiesen werden, dass
das Weltproblem der Vollbeschaeftigung ungeloest bliebe, wenn selbst
eine noch so folgerichtige und beharrliche Politik der Vollbeschaeftigung, auf nationaler und internationaler Basis, auf den industriellen Sektor der Welt beschraenkt bliebe; die industriellen Laender
wuerden letzten Endes die Verlierer sein, wenn sie die Tatsache
vernachlaessigten, dass die industriell weniger entwickelten Laender
aoch mehr unter dei chronischen Unterbeschaeftigung leiden als sie
selbst unter den periodischen Zyklen der Massenarbeitslosigkeit.
Da die freien Gewerkschaften der industrialisierten und der industriell rueckstaendigen Gebiete der demokratischen Welt eine einzige
internationale Organisation gebildet und 3ich entschlossen haben,
gemeinsam als eine Einheit fuer die Verbesserung des Arbeiterloses
in allen Laendern zu kaempfen, muessen die -Menschen all dieser
Laender zusammenstehen. Im Bewusstsein der Gleichheit nicht nur
ihrer politischen, sondern auch ihrer sozialen und wirtschaftlichen
Interessen muessen sie sich zur gemeinsamen Loesung ihrer Probleme
zusammenschliessen. Das Problem der Vollbeschaeftigung muss als
eines der ersten in Angriff genommen werden.
Freie Gevverkschaftswelt
VI 1/50
AFL:

HOEHERE KAUFKRAFT. EIN MITTEL ZUR 3EhEBlfoG DLR - ARBEITS LOT IGKE IT

Der Exekutivausscnuss des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes
AFL erklaerte, die Forderung nach 60 Millionen Arbeitsplaetzen fuer
Amerikaner sei "ueberholt". Unternehmer und Regierung muessten dafuer sorgen, dass die Beschaeftigtenziffer staendig hoeher geschraubt werde. Die Gewerkschaften koennten ihr Teil dazu beitreten, indem sie neue, allgemeine Lohnerhoehungen durchsetzten, um
die Kaufkrait der Verbraucher als ein Mittel zur Erhaltung der hohen Beschaeftigung zu steigern. Die Einnahmen der Unternehmer im
ersten Quartal 1950 haetten bewiesen, dass sie sich jetzt wesentliche
Lohnerhoehungen leisten koennten.
Der Text der vom Sxekutivausschuss abgegebenen Erklaerung zur
Arbeitslosigkeit lautet:
Es waere gefaehrlich, der kuerzlichen Erklaerung des Statistischen Amtes allzu viel Bedeutung beizumessen, die besagte, dass
die Arbeitslosigkeit in den letzten beiden Monaten dieses Jahres
stark zurueckgegangen sei.
Die Gesamtzahl der erwerbslosen Arbeiter wurde von diesem Amt
vor zwei Monaten auf 3.500.000 geschaetzt, was ein Absinken gegenueber dem Vormonat um 600.0C0 und gegenuebe:? dem Monat zuvor um fast
- 8-

�1.200.000 bedeutet. Gleichzeitig war die Beschaeftigtenziffer vor
zwei Monaten um 1.100.000 uoeher als vor drei Monaten.
Obwohl dies eine hoffnungsvolle Entwicklung darstellt, bedeutet
es nicht, dass das Arbeitslosenproblem fuer die Vereinigten Staaten
nicht mehr besteht. Wichtig sind nicht nur die Veraenderungen von
Monat zu Monat, sondern vor allem die Tendenzen, die sich in einem
laengeren Zeitabschnitt abzeichnen. Man kann sicn nicht auf den
Bericht nur eines oder zweier Monate stuetzen, wenn man das Problem
der Arbeitslosigkeit beheben will.
Eine gruendliche Analyse der wirtschaftlichen Entwicklungen der
letzten Jahre, die die Arbeitslosigkeit beeinflussen, fuehrt zu
folgendem Ergebnis:
1. In der Fruehjahrssaison ist mit einem Ansteigen der Beschaeftigenziffer und einem Rueckgang in der Arbeitslosigkeit
zu rechnen. Im Baugewerbe und im Einzelhandel nimmt die
Beschaeftigung gewoehnlich zu. Darueberhinaus wurden in diesem
Jahre von der Bundesregierung mehr als 100.000 Zaehler fuer
die Volkszaehlung 1950 fuer zwei Monate voruebergehend beschaeftigt.
2. Obwohl sich die Lage vor zwei Monaten gebessert hatte, war
die Zahl der Arbeitslosen in diesem Monat hoeher als in dem
gleichen Monat der letzten Jahre seit 1941..
3. Der Prozentsatz der Erwerbslosen, die seit laengerer Zeit
ohne Arbeit leben muessen, ist bedenklich hoch. Von je drei
Erwerbslosen ist etwa einer 4 Monate oder noch laenger ohne
Beschaeftigung. Im vorigen Jahr war dieses Verhaeltnis nur
5:1.
4. Obwohl die Arbeitslosigkeit in gewissen Teilen des Landes
bedrohlichere Formen annimmt als in anderen (besonders in den
Staaten New-England, Middle-Atlantic und dem Westen), kann
sie nicht als rein lokales Problem angesehen werden. Alle
Gebiete sind von ihr in Mitleidenschaft gezogen.
5. Alle moeglichen Arbeiter, junge und alte, gelernte und
ungelernte, sind von der Arbeitslosigkeit betroffen. Den vorliegenden Angaben ist zu entnehmen, dass die aelteren Facharbeiter besonders schwer unter ihr zu leiden haben.
6.. Eine der Hauptursachen fuer die zunehmende Arbeitslosigkeit
ist die wesentliche Steigerung der Produktionsleistung. Die
Rekordausgaben seitens der amerikanischen Unternehmer "?uer
neue Maschinen und Einrichtungen in den Nachkriegsjahren spieg3ln sich in dem hoeheren Ausstoss je Arbeitskraft wider.
Wenn der Absatzmarkt fuer die in den Fabiiken hergestellten Waren nicht erweitert wird, muss auch weiterhin der Mangel an
Arbeitsplaetzen bestehen.
7. Durch den unausgeglichenen Haushaltsplan der Regierung,
der durch den Marshall-Plan und die grossen Ausgaben fuer die
Verteidigung bedingt ist, wird die Arbeitslosenziffer heruntergedrueckt.
Alle diese Probleme koennen nicht ueber Nacht geloest werden.
Es sind keine natuerlichen Nachkriegserscheinungen. Nur in sehr wenigen Faellen herrscht immer noch Mangel an Waren, die waehrend des
Krieges knapp waren (z.B. billige Wagen und Wohnungen).
- 9-

�Das Problem von heute ist, eine wirklich funktionierende
Wirtschaft mit hohen Beschaeftigungsziffern zu entwickeln. Wir
duerfen uns nicht mit einer V.'irtschaft zufrieden geben, die nicht
allen Sektoren unserer Bevoelkerung Wohlstand bringt. Obwohl es
selbstverstaendlich immer Arbeitslosigkeit in einem gewissen Grade
geben wird, muessen wir bestrebt sein, eine Wirtschaft aufzubauen,
in der kein qualifizierter Arbeiter, der seinen Arbeitsplatz verliert, lange warten muss, bevor er eine neue Beschaeftigung findet.
Es genuegt nicht, dass wir ein Abnehmen der Beschaeftigtenziffer verhindern. Unsere Wirtschaft muss staendig ausgedehnt
werden, damit sie die zahlreichen Arbeitskraefte aufnehmen kann,
die alljaehrlich dem Arbeitsmarkt neu hinzustroemen.
Das vielbesprochene Ziel, 60 Killionen Arbeitsplaetze zur
Verfuegung zu haben, ist ueberholt, weil der Arbeitsmarkt jaehrlich um fast eine Killion Arbeiter vergroessert wird. Kit dieser
Vergroe3serung Schritt zu halten, ist natuerlich keine leichte Aufgabe. Alle Teile unserer Wirtschaft - Unternehmer, Landwirtschaft,
Arbeiterschaft und Regierung - muessen gemeinsam an der Loesung
dieser Aufgabe arbeiten.
Bei der Ausarbeitung eines besonderen Programms, das uns einer
Wirtschaft mit hohen Beschaeftigungsziffern Aaeherbringen soll, ist
dem Problem des Verbrauche reinkoinmens nicht genuegend Aufmerksamkeit
gewidmet worden.
Wenn das Einkommen der Verbraucher des Landes auf einem hohen
Stand gehalten wird, kann auch ein hoher Beschaeftigungsstand garantiert werden. Wenn die Geschaeftsleute die Gewissheit haben, das3
sie ihre Erzeugnisse absetzen koennen, werden sie auch daran interessiert sein, ihre Betriebe zu erweitern und damit mehr Arbeitsnlaetze zur Verfuegung zu stellen. Es ist unsere Meinung, dass
wir zur Entwicklung einer Wirtschaft mit hohen Beschaeftigungsziffern besonders darauf bedacht sein muessen, den Verbrauchern
eine hohe Keufkraft zu sichern.
Obwohl der gegenwaertige Stand der Arbeitslosigkeit keine
"Krise" und keinen "Notfall" darstellt, fordert er doch dazu auf,
gewisse Schritte zu unternehmen. Wir muessen dafuer Sorge tragen,
dass die Arbeitslosen und ihre Familien versorgt werden und dass
Massnahmen ergriffen werden, die die groesstmoegliche Leistungsfaehigkeit unserer Wirtschaft garantieren.
Wir schlagen deshalb folgendes vor:
1. Das System der Arbeitslosenunters tuetzung muss gruendlich
revidiert werden, damit die Unterstuetzungszeit verlaengert und
die Unterstuetzungssaetze erhoeht werden.
2. Zur Erhoehung des Verbrauchereinkommens muessen die Gewerkschaften fortwaehrend um hoehere Loehne kaempfen. Die erhoehte
Kaufkraft als Folge des hoeheren Lohnstandes wird die Absatzmaerkte
fuer alle Arten von Waren und Dienstleistungen erweitern und die
Leistungsfaehigkeit der Verkaeufer anregen und die Umsaetze steigern.
Gleichzeitig muss die gesamte arbeitende Bevoelkerung in den
Genuss der Vorteile kommen, die Gewerkschaften und der hoehere
Lohnstand mit sich bringen. Damit wird die Bedeutung unterstrichen,
die dem zur Zeit gefuehrten Werbefeldzug der AFL zur Gewinnung
einer weiteren Million neuer Mitglieder im Verlauf des Jahres
1950 zukommt.
- 10 -

�3. Es muss alles getan werden, was in unseren Kraeften steht,
um leprliche fuehlbar9 Erhoehung der Verbraucherpreise zu verhindern.
Solange ein Mangel an Wohnraum besteht, wird zum Beispiel eine im
Bundesstaat einheitliche Mietkontrolle erforderlich sein, um unbegruendete Erhoehungen der Mietpreise zu verhindern. Die Geschaeftsieute muessen sich der Notwendigkeit bewusst sein, die preise
staendig zu senken; andernfalls werden sie mit feindlichen Reaktionen seitens der uebrigen Bevoelkerung zu rechnen haben.
4. Lokalausschuesse fuer Vollbeschaeftigung koennen wertvolle
Dienste leisten, indem sie die Aufmerksamkeit auf die Probleme
besonderer Gebiete lenken und Massnahmen zur Hebung des dortigen
Bescheeftipiungsgrades ergreifen. Da diese lokalen Ausschuesse auf
zahlreiche Ursachen der Arbeitslosigkeit keinen Einfluss nehmen
koennen, muessen ihre Taetigkeiten sorgsam koordiniert werden, um
don^elte und unnoetige Arbeit zu vermeiden.
5. Die verschiedenen Programme der Regierung, die unser wirtschaftliches Leben betreffen, muessen revidiert werden, um sie
wirkungsvoller fuer die Erreichung einer Wirtschaft mit hohen Beschaeftigungszahlen einsetzen zu koennen. So ist z.B. das bestehende Gesetz, welches die Vorplanung oeffentlicher Arbeiten vorsieht,
gaenzlich unzulaenglich. Andere Sachgebiete, die einer sorgfaeltigen Ueberpruefung beduerfen, sind Steuerwesen, ^ntitrust-Programme,
Landwirtschaftspolitik und Erschliessung neuer Hilfsquellen.
Weekly News Service
V/12/50
DAS PROBLEM DER SR VSRBSLOGEN JUGEND IN OESTERREICH
Die oesterreichischen Behoerden und Organisationen, die fuer
die Berufsausbildung der Jugendlichen zustaendig sind, stellen mit
Besorgnis fest, dass die Zahl der 14-jaehrigen Jungen und Maedchen,
die alljaehrlich die Volksschulen verlassen, staendig zunimmt. Sie
wird sich im Jahre 1950 auf 72.988 belaufen, 1951 jedoch auf 84.678,
1952 auf 92.660, 1953 auf 136.697, 1954 auf 151.824 unfl 1955 auf
161.464 ansteigen. Nach 1955 wird sie wieder absinken. Die Geburtenziffer war in Oesterreich im Jahre 1939 (136.697 Geburten)
sprungartig in die Hoehe gegangen, weil die Nazis ntich der Besetzung
dieses Landes durch ihre Politik den Anstieg der Geburtenziffer in
jeder V/eise beguenstigt hatten, sei es durch Kinderbeihilfen, Steuerermaessigungen, psychologischen Druck und aehnliche Massnahmen.
Dieser Anstieg hielt bis zum Jahre 1941 an (161.464 Geburten), als
durch die Einberufung zur Wehrmacht viele Maenner von ihren Familien
getrennt wurden. Etwa 20% der Vierzehnjaehrigen gehen weiter zur
Schule, um eine hoehere Schulbildung zu erwerben, 80% jedoch verlassen in diesem Alter die Schule.
Die Dringlichkeit des Problems, zahlreichere Lehrstellen zu
finden, ist durch die Tatsache bewiesen, dass von 56.978 Jungen
und Maedchen, die 1949 aus den Schulen entlassen wurden, 10.873
bis jetzt noch keine nässende Lehrstelle finden konnten. Da die
Zahl der Schulentlassenen bis zum Jahre 1955 staendig ansteigen
wird, muss das Problem der Arbeitslosigkeit der Jugend immer groesser
werden.
Der Arbeitsminister Oesterreichs hatte kuerzlich Vertreter der
in Frage kommenden Körperschaften der Regierung, der Laender, der
Arbeitsaemter, der Gewerkschaften, der Arbeitgeber- und Jugendorganisationen einberufen.
In dem Bericht des Arbeitsministeriums heisst es, dass bei den
Arbeitsaemtern gegenwaertig 15.546 arbeitslose Jugendliche regi11 -

�striert sind. Unter Beruecksichtigung der nichtregistrierten
Jugendlichen belaeuft sich die Gesamtzahl auf etwa 20.000 Jugendliche die ohne Arbeit sind. In Anbetracht der Tatsache, dass
die Zahl der Schulentlassenen in den naechsten Jahren rapide in
die Hoehe gehen wird, ist damit zu rechnen, dass sich die Lage
noch mehr verschlechtern wird.
Im Verlauf der Besprechungen wiesen die Vertreter der Arbeiterschaft auf die Wichtigkeit hin, den jungen Leuten, die die
Schule verlassen, eine Gelegenheit zur Berufsausbildung zu geben.
Es kann den Privatunternehmern nicht ueberlassen bleiben, erklaerten sie nur eine beschraenkte Zahl Lehrstellen bereitzustellen
und immer mehr junge Leute auf berufliche Kenntnisse verzichten zu
lassen.
Die folgenden Vorschlaege wurden in diesen Besprechungen unterbreitet: Fuer diejenigen Berufe, fuer die nicht genuegend Lehrstellen zur Verfuegung stehen, sollen Lehrwerkstaetten errichtet
werden. Groessere Unternehmen sollen verpflichtet werden, einen
bestimmten MindestDrozentsatz (10-12$) an jungen Arbeitern zu beschaeftigen. Unternehmen, die eine bestimmte Zahl Jugendlicher
beschaeftigen oder neue Lehrstellen bereitstellen, sollen Steuerermassigungen erhalten. Wo die Lehrlingsausbilding in groesserem
Umfang wegen Mangel an Unterkunftsmoeglichkeiten bisher nicht
durchgefuehrt werden konnte, soll fuer Wohnmoeglichkeiten gesorgt
werden. Die Grundschulausbildung soll auf neun Jahre verlaengert
und ein modernes Gesetz ueber das Lehrlingswesen verfasst werden.
Anton Proksch, der Generalsekretaer des Oesterreichischen
Gewerkschaftsbundes sprach im Namen der Gewerkschaften und wies
darauf hin, dass eine solide Berufsausbildung der jungen Arbeiter
unbedingt notwendig sei, um Oesterreich auf dem V/eltmarkt wieder
konkurrenzfaehig werden zu lassten. Jeder Junge und jedes junge
Maedchen haetten das Recht, einen Beruf zu erlernen. Ein Artikel,
den der Sprecher im vorigen Jahre veroeffentlicht hatte, und in
dem er die Errichtung oeffentlicher Lehrwerkstaetten vorschlug,
wurde von den Privatunternehmern ohne jede Diskussion abgelehnt.
Er erklaerte weiter, dass das Problem der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen die Ordnung und Stabilitaet des Landes bald gefaehrden
wusrde, wenn nicht rechtzeitig wirksame Massnahmen zu dessen Behebung ergriffen wuerden.
Schliesslich erklaerte sich die Konferenz mit dem Vorschlag
des Arbeitsministers Karl Maisei einverstanden, im Ministerium einen Sonderausschuss mit den entsprechenden Ausschuessen in den
Laendern zu bilden, die sich mit der Frage der erwerbslosen Jugend
befassen sollen. In allen diesen Ausschuessen werden die Gewerkschaften, die Arbeitgeberorganisationen und die Regierung vertreten
sein. Die Ausschuesse werden ein Programm ausarbeiten, das der
wachsenden Gefahr, die dieses Problem darstellt, begegnen soll.
Das Programm selbst wird Gegenstand einer spaeteren Konferenz sein.
Trade Union News Bulletin from Austria
VII/1/50
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTEN SICHERN DER REGIERUNG IHRE UNTERSTUETZUNG
IN KRITISCHEN SITUATIONEN ZU
Nach einer Besprechung mit W. Stuart Symington, dem Vorsitzenden
des Nationalen Verteidigungsausschusses zur Ueberwachung und Sicherung der Hilfsquellen des Landes (National Security Resources Board),
sagten die Gewerkschaften fuer kuenftige Notfaelle der Regierung ihre
volle Unterstuetzung zu. Diese Konferenz war von Symington einberufen worden, um Bereitschaftsprobleme in allen Sektoren der amerikanischen Wirtschaft zu besprechen.
- 12 -

�Die Rolle, die die Gewerkschaften in einer Krise spielen sollen, wurde von dem Vorsitzenden der Amerikanischen Arbeltsfoederation (AFL) William Green in folgender Erklaerung erlaeutert:
"'.Vir haben Symington .^egenueber zum Ausdruck gebracht, dass im
Falle einer gegenwaertigen oder zukuenftigen Bereitstellung
der amerikanischen Hilfsquellen die uneingeschraenkte und
zweckmaessigste Vertretung der Gewerkschaftsbewegung in den
Dianenden und vollziehenden Aemtern der betreffenden Dienststellen der Regierung gewaehrleistet sein muss. Wir wiesen ausserdem darauf hin, dass die Bildung solcher Koerperschaften,
die lediglich beratenden Charakter haben, in diesen Dienststellen den Anforderungen, die die Nation an sie stellt, nicht gerecht werden koennen, und dass sich diese Art der Beratung in
der Vergangenheit als unwirksam erwiesen hat."
Im gesamten Verlauf der Unterredung mit •Tymington hoben die
Gewerkschaftsfunktionaere hervor, dass der Schluessel zu einer
erfolgreichen Zusammenarbeit in der freiwilligen Handlungsweise
zu finden sei und dass jede Zwangsmassnahmen, wie die Dienstver-iflichtung von Arbeitskraeften, vermieden werden muessten.
Die Gewerkschaftsfuehrer ernannten einen neun-koepfigen Ausschluss, der mit Symington ueber Fragen der RuestungsProduktion
und, falls erforderlich, ueber die Bereitstellung von Arbeitskraeften beraten soll. Die Kitglieder dieses Ausschusses sind:
Vorsitzender William Green (AFL), Finanzsekretaer George
üeany (AFL), George M. Harrison, der Vorsitzende der Gewerkschaft
der Bueroangestellten der Eisenbahn un der Dampfschiffahrt (AFL),
'.'/alter P. Reuther, der Vorsitzende der Automobilarbeitergewerk?chaft (CIO), Jacob S. Potofsky, der Vorsitzende der Bekleidungsarbeitergewerkschaft (CIO), Emil Rieve, Vorsitzender der Textilarbeitergewerkschaft (CIO), John L. Lewis, der Vorsitzende der
Bergarbeitergewerkschaft, George E. Leighty, Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahnbediensteten, und AI. J. Hayes, der Vorsitzende des Internationalen Metallarbeiterverbandes.
Weekly Labor News Digest
VI1/12/50
George P. Delaney, Internationaler Vertreter der AFL:
DIE GE'^RKSCHAFTIN AMERIKAS fIND PR0DUKTiyiT^ETSBEV.TJ5ST
Die amerikanischen Arbeiter sind von dem Streben p.ach hoher
Produktionsleistung durchdrungen. Sie wissen, dass hoehere Loehne
und kuerzere Arbeitszeit der Erfolg der Produktivitaet ist. ^&gt;ie
haben nichts gegen hoehere Gewinne der Unternehmen, vorausgesetzt,
dass ihr eigener Lebensstandard sich im gleichen Verhaeltnis steigert. °ie haben sich in einer starken Gewerkschaftsbewegung zusammengeschlossen, um sich damit ihren Anteil an dem groesseren
^roduktionsausstoss zu sichern.
Die Arbeiter Amerikas wissen, dass ihre Arbeitszeit unter
dam "Gib-und-Nimm" System einer freien 'Wirtschaft und freier Gewerkschaften innerhalb einer demokratischen Gesellschaftsordnung
und der ersten fuenfzig Jahre dieses Jahrhunderts fast durchweg
auf 40 Stunden woechentlich herabgesetzt worden ist. ^ie wissen,
dass trotz der Kuerzung der Arbeitszeit die Realloehne gestiegen
sind. Sie haben bessere Wohnungen, eine bessere Ernaehrung und
verbesserte Ausbildungsmoeglichkeiten.
- 13 -

�Die amerikanischen Arbeiter sind sich bewusst, dass alle
diese Fortschritte der gesteigerten Produktionsleistung zu verdanken ist, die wiederum auf der Zusammenarbeit tatkraeftiger Gewerkschafter und hilfquellenreicher Unternehmer beruht.
Es ist kein Geheimnis, dass die Gewerkschaften Amerikas all
die Jahre ihres Wirkens ihr Hauptziel in der Erringung hoeherer
Loehne gesehen haben. Unsere Gewerkschaften haben diese Lohnerhoehungen in aktiver Zusammenarbeit mit den Unternehmern zustandegebracht, indem sie die Gestehungskosten reduzierten, Verluste
durch Vergeudung ausschalteten und den Ausstoss der Produktion
steigerten.
Die amerikanischen Gewerkschafter sind aufrichtig bemueht,
ihren Kollegen auf der ganzen Welt ihre Erfahrungen zugaenglich zu
machen, damit auch sie in den Genuss der sich daraus ergebenden
Vorteile kommen. Sie behaupten nicht, ein Monopol der Erfahrungen
in der Zusammenarbeit zu besitzen, sie sind jedoch ihren Kollegen
auf dem Gebiet dieser Erfahrung in den Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitern und Unternehmern weit voraus. Sie wuerden es begruessen,
wenn die Arbeiter Europas, Asiens, Suedamerikas und Afrikas in der
Lage waeren, sich die gleichen Moeglichkelten zunutze zu machen.
Ein Beispiel fuer das, was erreicht werden kann, i'st in den
Statistiken ueber die Produktion der Schuhindustrie enthalten. Im
Jahre 1949 wurden in den Vereinigten Staaten fuer jeden Mann, jede
Frau und jedes Kind drei Paar Schuhe hergestellt. Viele andere
Laender produzieren jaehrlich nicht einmal ein Paar Schuhe je Kopf
der Bevoelkerung. Und die Preise fuar die Schuhe sind dort so
hoch, dass man sie fuer nicht unbedingt notwendige Luxusgegenstaende halten koennte.
Ein Programm zur Steigerung der Produktionsleistung in Schuhfabriken und zur Reduzierung der Gestehungskosten, danit die Schuhe
zu erschwinglichen Preisen gekauft werden koennten, wuerde sofort
fuer einen grossen Teil der Bevoelkerung anderer Länder von Vorteil
sein.
Wir sind der Auffassung dass die in Europa jetzt errichteten
Produktivitaetszentren die Stellen sind, an denen begonnen werden
muss. Diese Zentren haben den Vorteil, auf dreigeteilter Basis
errichtet worden zu sein: Gewerkschaften, Unternehmer und Regierung
sind vertreten.
Hier koennen die Moeglichkeiten und Leistungen neuer Maschineneinrichtungen und besserer Produktionsmethoden studiert werden.
Hier kann ausserdem auf der Basis des gegenseitigen guten Willens ein wirkliches Kollektivverhandlungsverfahren aufgebaut werden,
das dafusr sorgt, dass die Gewinne gerecht verteilt werden, die
sich au3 der gesteigerten Produktionsleistung ergeben. Gleichzeitig muss ein ausreichender Schutz gegen voruebergehende Betriebsstillegungen geschaffen werden, die bei der Erneuerung der Werkzeuge und der Einfuehrung arbeitssparender Maschinen oder Methoden
unvermeidlich sind.
The American Federationist
VII/50
Allan L. Swira:
ZUM SRF.OLO GEHOERT EBENSO DER VERSTAND WIE KRAFT.»
Ein Mann, der viel in der Welt herumgekommen und mit inter- 14 -

�nationalen Angelegenheiten ausgezeichnet vertraut ist, erklaerte
mir kuerzlich, dass die Kommunisten wuessten, wofuer sie kaempfen,
wir Jedoch nur wuessten, wogegen wir kaempfen.
"Als ein gutbezahlter und gut ernaehrter Amerikaner," fuhr er
fort, "halte ich es fuer sehr einfach, die Kommunisten und all das,
was sie wollen, zu hassen, aber es wuerde mich wundern, wenn ich
als einfacher chinesischer Kuli die gleiche Meinung haette, der
sein ganzes Leben lang fast immer ein Hungerdasein gefuehrt hat."
Dieser Mann erwaehnte zweifellos die Arbeiter Chinas deshalb,
weil er lange Jahre China bereist hat und aus erster Hand die Bedingungen kennen lernte, unter denen diese Menschen arbeiten und
leben muessen.
Abschliessend erklaerte er: "Wenn Sie jahrelang ausgebeutet
und buchstaeblich versklavt worden sind, ist es wahrscheinlich
nicht schwer fuer Sie, von ihrem alten Herrn zu einem neuen hinueberzuwechseln - besonders dann, wenn Ihnen der Neue einige Hoffnungen macht."
Dieser Mann ist zwar keine bedeutende amerikanische oder
internationale Persoenlichkeit, er steht jedoch der heutigen Situation realistischer gegenueber, als es bei den meisten Amerikanern
der Fall zu sein scheint. Seine Bemerkungen, so scheint es mir,
werfen unwillkuerlich die folgenden Fragen auf: Nehmen wir an,
wir gewinnen den Krieg in Korea, was hoechstwahrscheinlich der Fall
^ein wird, was dann? War unsere Haltung den Arbeitern in Asien
gegenueber in der Vergangenheit so, dass sie unsere Lebensweise
der von den Kommunisten versprochenen ohne weiteres vorziehen
wuarden? Denken jene Arbeiter, die zweifellos von unseren britischen, hollaendischen und franzoesischen Verbuendeten ausgebeutet
wurden, dass die Vereinigten Staaten Demueht sein werden, den Weltfrieden herzustellen oder nehmen sie an, wir fuehrten einen imperialistischen Krieg? Koennen unsere wohlformulierten Erklaerungen
ueber die Herrlichkeiten der Demokratie und des Kapitalismus auf
die farbigen Voelker des Ostens irgend einen nachhaltigen Eindruck
machen, die von den Herabwuerdigungen gehoert haben, denen die
Farbigen in unserem eigenen Lande ausgesetzt sind?
Dies sind Fragen, die wir alle uns vorlegen sollten, und auf
die wir bestreit sein muessen, eine ehrliche Antwort zu finden.
Bis jetzt ist unsere Propaganda etwa nach dem folgenden Motto
betrieben worden: "Handeln, wie wir gehandelt haben, und die Dinge,
die wir besitzen, werden uns auch in Zukunft gehoeren." Dies mag
ein gutes Mott© fuer alle diejenigen sein, die wissen, was wir besitzen, und die auch in der Lage sind, genau so wie wir zu hendeln.
Ist es jedoch auch ein gutes Motto fuer alle jene, die eine Massenproduktion noch niemals gesehen haben und noch niemals in den Genuss
der daraus entstehenden Vorteile gekommen Sind?
Die kommunistischen Versprechungen ueber die Gestaltung der
Zukunft, die da kommen soll, klingen maerchenhaft - aber es sind
immerhin Versprechungen. Was hingegen koennen wir versprechen?
Koennen wir mit gutem Gewissen dem Osten erklaeren: "Haltet zu uns,
und wir werden Euch helfen, Hungersnot und Seuchen zu vertreiben
und allen dort lebenden Menschen einen besseren Lebensstandard zu
sichern?"
Koennen wir es versprechen? Sollen wir es tun? Es ist dies
eine Frage, ueber die wir uns als Nation so schnell wie moeglich
klar werden muessen - um dann bis zum letzten zu unserer Entscheidung zu stehen.
- 15 i

�Wie bereits erwaehnt, haben die Vereinigten Stauten bewiesen,
dass sie in der Lage sind, einen militaerischen Krieg zu fuehren,
der in erster Linie von der Produktionskraft abhaengig ist.
Fuer die Art, in der die Vereinigten Staaten auf ideologischem
Gebiet Krieg fuehren, haben sie jedoch noch keinen Preis gewonnen.
Wir sind mit unseren Propagandadollars zu geizig gewesen. Zu oft
haben wir versucht, echt amerikanische, absolut handelstechnische
Methoden anzuwenden, um Ideen zu verkaufen, fuer die solche Methoden
voellig ungeeignet sind. Wir koennen eine schoene Geschichte erzaehlen - eine viel bessere als die Russen sie je zu bieten vermoegen.
"ir hab2n mehr Waren, die wir verkaufen koennen. Abor verkaufen wir
sie tatsaechlich? Und stellen wir in unserem Lande solche Dinge
her, die unsere Position im ausländ staerken koennten?
Der Konflikt in Korea ist nicht nur ein Scharmuetzel. Sein
Ausgang wird im gewissen Sinn nicht jene Probleme loesen, die durch
die verschiedenen Anschauungen entstanden sind.
Wir als Nation sollten uns diese Tatsache jetzt schon vor Augen
halten, und wir sollten uns auch darueber im Klaren sein, dass wir
nicht,wie ueblich, nach unserer ueblichen Wirtschaftstheorie vorgehen und gewinnen koennen.
Wir muessen vermeiden, uns selbst zum Narren zu halten, und
die falsche Idee aufgeben, dass wir diesesmal mit hinter dem Ruecken
verschraenkten Haenden gewinnen koennten.
Dieser Krieg nimmt uns ganz in Anspruch. Eine Menge Geld, Arbeitskraefte und Menschenleben werden geopfert werden muessen, bevor
er vorueber ist. Frueher oder spaeter muss sich die Nation, wenn
sie den grossen Kampf gewinnen soll, vergegenwaertigen, dass wir
unser Gehirn ebenso wie unsere Arme anstrengen muessen; zumal Ideen
und Ideale ebenso maechtig wie Geschosse sind. Ausserdem sind sie
gewoehnlich nicht so kostspielig.
CIO News
VIII/7/1950
LANDKULTIVIERUNG IN ITALIEN SCHAFFT 500.000 ARBSIT5PLAETZE
Man erwartet, dass das Landwirtschaftsprogramm des Marshall
Plan3 in Italien, eines der groessten Kultivierungs- und Bewaesserungsprojekte in der europaeischen Geschichte, fuer fast eine halbe
Million Menschen bessere und dauernde Arbeitsplaetze schaffen wird.
Diese Voraussage sprach Harry McClelland in Washington aus, der
M^heri^e Leiter *er Abteilung fuer Nahrungsmittel und Landwirtschaft
der ECA Mission in Italien. Er bezifferte die Zahl der neuen Arbeitsplaetze, die durch das laufende Landwirtschaftsprogramm geschaffen
wuerden, auf 150.000 und erklaerte, dass die Situation der Landarbeiter durch bessere Arbeitsbedingungen und gesicherte Jahresbeschaeftigung in den meisten Faellen verbessert wuerde.
Das Landwirtschaftsprogramm, das die Anwendung von Hybridenmais und sonstiger neuer Zuchtprodukte der Landwirtschaft in gesteigertem Umfan ermoegliche, hat den Prozess der landwirtschaftlichen
Wiedergesundung Italiens eingeleitet. Im Verlauf des ersten Jahres
seien nahezu 100$ und in den folgenden Jahren etwa 60$ der Kosten
durch die Gegenwertfonds des Marshall Plans gedeckt worden.
ECA Labor Information
8/8/50
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEH
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 2 5

Frankfurt, 25. August 1950
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Der "Tag der Arbeit" und seine Geschichte - - - 1
Belgische Gewerkschafter berichten von ihren Eindruecken in Amerika - - - - - - - - - - - - 3
Oesterreichische Landarbeiter fordern hoehere
Loehne - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 4
Weltgewerkschaftsbund lehnt Unterstuetzung Koreas
ab
5
Britische Gewerkschaften werden vor dem "Stockholmer Friedensappell" gewarnt - - - - - - - - 6
Amerikanische Gewerkschaften fordern Hilfe fuer
Indien
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_ _ _ _ - 7
Eiserne Disziplin der nordkoreanischen Arbeiter 8
Hohe Produktionsleistung lohnt sich - - - - - - 8
Arbeitsgesetzgebung in Indien - - - - - - - - - 11
CIO Funktionaer.fordert wirksames 7,'irtschaftsprogramm - - - - - - - - - - - - - - - - - - 13
CIO gegen Kuerzung des Punkt-Vier-Programms - - - 16

DER "TAG DER ARBEIT" UND SEINE GESCHICHTE
Der "Tag der Arbeit" wird am ersten Montag im September gefeiert. Er ist ein offizieller gesetzlicher Feiertag in den Vereinigten Staaten. Die Idee, einen gesetzlichen Feiertag zu Ehren der
Arbeit einzux'uehren, stammt von den Gewerkschaften selbst, und die
gesetzliche Verwirklichung dieser Idee wurde durch sie eingeleitet
und gefoerdert. Heute feiern nicht nur die Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung, sondern die gesamte Bevoelkerung der Vereinigten
Staaten diesen Tag und huldigen dem arbeitenden Menschen.
Der "Tag der Arbeit" wird heute in den Vereinigten Staaten von
mehr als 16 Millionen organisierter Arbeiter festlich begangen. In
allen Gewerkschaftszentren finden Kundgebungen, Demonstrationen,
Veranstaltungen, Ausfluege, Reden und Sportfeste statt, die von den
Gewerkschaften organisiert werden. Nicht nur die Gewerkschaftsmitglieder mit ihren Frauen und Kindern, sondern darueberhinaus nehmen
- 1 -

�Millionen amerikanischer Buerger, die ausserhalb der Gewerkschaftsbewegung stehen, an dieser groessten Feier zu Ehren der Arbeit teil.
Ueberall, in den grossen Staedten und den kleinen Doerfchen der
Vereinigten Staaten, treffen sich Menschen aus allen Schichten des
Volkes, um der Arbeit zu huldigen.
In ganz Westeuropa wird der "Tag der Arbeit" von den Angestellten der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) gefeiert werden, der zahlreiche Vertreter amerikanischer Gewerkschaften
angehoeren.
Das Amt des europaeischen Sonderbotschafters in Paris und die
ECA-Missionen der meisten Teilnehmerstaaten beschaeftigen aktive
Gewerkschafter in Schluesselstellungen, die am europaeischen Wiederaufbauprogramm mithelfen. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung,
die den Marshall Plan von Anfang an unterstuetzt hat, hat viele
faehige Funktionaere dieser Organisation zur Verfuegung gestellt,
damit sie der Sache des Wiederaufbaues und des Friedens dienen koennen.
Der "Tag der Arbeit" geht, verglichen mit seinen ersten Urspruengen, weit ueber die Traeume und Hoffnungen der urspruenglichen
Foerderer und Gruender dieses Tages hinaus.
Am ersten Montag im September des Jahres 1882 fuehrte Peter
McGuire, der Vorsitzende der Gewerkschaft
der Zimmerleute, in New
York eine Gewerkschaftskundgebung durch. Im gleichen Jahre unterbreitete er der Zentral-Gewerkschaft von New York den Vorschlag,
einen bestimmten Tag des Jahres als allgemeinen Feiertag fuer das
arbeitende Volk vorzusehen.
Zu dieser Zeit hatte die organisierte Gewerkschaftsbewegung
schwere Kaempfe zu fuehren und musste um diesen Feiertag hart kaempfen. In opfervollen Streiks der Eisenbahner, der Bergleute und der
Arbeiter der Eisen-Industrie war es den Gewerkschaften gelungen, gesetzgeberische Massnahmen wie z.B. das Heimstaetten-Gesetz als Landesgesetze durchzusetzen. Bei jener historischen Kundgebung sangen
die Arbeiter eines jener Lieder, die die traditionelle Entschlossenheit und Kampfbereitschaft der Gewerkschaften zum Ausdruck brachten:
"Millionen Schaffender wachen jetzt auf,
Seht, wie sie vorwaexts marschieren;
Die Tyrannen sie beben und zittern zuhauf,
Bald werden sie die Macht verlieren.
Ihr Ritter der Arbeit, beseitigt die Maechte
Kaempft fuer Freiheit und Brot,
Fuer alle Menschen die gleichen Rechte.
Kampf den Tyrannen, Kampf der Not.
ßie Idee eines gesetzlichen und nationalen Feiertages der Arbeit fand ueberall Anklang.
Im ganzen Lande wurden von den Gewerkschaftsorganisationen
Entschliessungen gefasst und an die lokalen, einzelstaatlichen und
bundesstaatlichen gesetzgebenden Koerperschaften weitergeleitet. Inzwischen feierten die Mitglieder der organisierten Gewerkschaftsbewegung am ersten Montag im September der Jahre 1883 und 1884 ihren
Tag der Arbeit mit Kundgebungen und Demontrationen. Im Jahre 1884
forderten die Pioniere der Gewerkschaftsbewegung in der Generalversammlung, dass der erste Montag im September zum Feiertag der Arbeit
erklaert und gesetzlioh als solcher festgelegt werden solle.
Am 21. Februar 1887, 5 Jahre nach der ersten Kundgebung am
Tage der Arbeit, wurde im Staate Oregon, in einer Entfernung von
- 2 -

�mehr als 3000 Meilen von New York auf der anderen Seite des amerikanischen Kontinents ein Gesetz erlassen, in dem der erste Montag im
September zum gesetzlichen Feiertag unter dem Namen "Tag der Arbeit"
erklaert wurde. Am 15. Maerz entstand in Colorado ein aehnliches
Gesetz. Dann folgten New York, New Jersey und Massachusetts. Die
Gewerkschaftsbewegung fuehrte jetzt einen Feldzug zur Schaffung
eines Gesetzes fuer die ganze Nation, und am 26. Juni 1894 vollendete der Kongress seine Arbeit in dieser wichtigen gesetzgeberischen Angelegenheit. Zwei Tage spaeter unterzeichnete Praesident
Cleveland die Vorlage, die somit zum Gesetz wurde. Samuel Gompers,
der damalige Praesident der AFL, einer der bedeutendsten Pioniere
der Gewerkschaftsbewegung Amerikas, erhielt jene Feder, mit der
Praesident Cleveland dieses Gesetz unterschrieb und die heute noch
von den Gewerkschaften aufbewahrt wird.
Gompers erklaerte damals: "i)er Tag der Arbeit unterscheidet
sich wesentlich von den anderen Feiertagen des Jahres und denen aller
anderen Laender. Alle anderen Feiertage sind mehr oder weniger mit
der Erinnerung an Konflikte und Kaempfe verbunden, die aus der Ueberlegenheit des Einen ueber den Anderen, aus Streit und Uneinigkeit,
aus Geldgier oder Machtgeluesten, oder aus dem Sieg einer Nation
ueber die andere entstanden sind."
Der "Tag der Arbeit" dagegen bedeutet eine neue Epoche in den
Annalen der Geschichte der Menschheit. Er iBt zugleich ein Manifest
der Anerkennung des Kampfes der Massen gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit, er ist ein Ansporn fuer Maenner, Frauen und Kinder unserer
Zeit, fuer das Recht zu kaempfen, und er gibt uns die Hoffnung, dass
wir das Ziel, das wir uns fuar die gesamte Menschheit gesetzt haben,
erreichen werden.
Der "Tag der Arbeit" ist in den Vereinigten Staaten laengst
selbstverstaendlich geworden und so wie die Mitgliederstaerke der
Gewerkschaftsbewegung waechst, wie sie reifer wird und in den zahlreichen Sektoren der amerikanischen Gemeinschaft aufgeht, so wird
dieser Tag fuer alle Amerikaner an Bedeutung gewinnen.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VIII/8/50
BELGISCHE GENRES CHAFTSR BERICHTEN VON IHREN EINDRUECKEN IN AMERIKA
Die hohe Produktionsleistung und der hohe Lebensstandard der
amerikanischen Arbeiter sind in erster Linie auf die grossen Absatzmaerkte fuer die Erzeugnisse der amerikanischen Industrie zurueckzufuehren.
Diese Feststellung traf eine belgische Gewerkschaftergruppe,
die soeben von einer Studienreise durch Amerika zurueckgekehrt sind.
Die slebenkoepfige Gruppe besuchte die Vereinigten Staaten im
Auftrage der Marshall-Plan-Verwaltung der drei grossen Gewerkschaftsverbaende Belgiens, um die Produktionsleistung und die Wechselbeziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern in diesem Lande zu
studieren.
Die Besucher waren von dem hohen Lebensstandard des Durchschnittsarbeiters beeindruckt und berichteten, dass "der Lebensstandard der
amerikanischen Arbeiter auf seinem hohen Produktionsleistungsstand
beruht. Dieser wiederum ist ein Ergebnis der riesigen inlaendischen
Absatzmaerkte."
Das kleine Belgien verfuegt nicht ueber einen derart umfangreichen Inlandsbedarf, der aureichen wuerde, eine so hohe Produktionsleistung aufzunehmen, und deshalb muss Belgien Absatzmaerkte im
Ausland finden.
- 3-

�Die Mitglieder der Gruppe sind der Auffassung, dass fuer gewisse belgische Erzeugnisse eine grosse Nachfrage in Amerika bestehen wuerde, wenn die Vereinigten Staaten ihre Einfuhrzoelle
ermaessigten. In Europa halten sie eine Erweiterung und Vertiefung des wirtschaftlichen Zusammenschlusses, wie im Fall der
Benelux Staaten, fuer notwendig.
Mit diesen neuen, verhaeltnismaessig leicht zugaenglichen Absatzmaerkten hofft die Gruppe auf eine betraechtliche Erhoehung
der Produktionsleistung in Belgien, die zugleich hoehere Loehne
und eine kuerzere Arbeitszeit bedeutet.
Die belgischen Gewerkschafter stellten nur ein geringes Klassenbewusstsein unter den amerikanischen Arbeitern fest. Sie berichteten, dass besonders der Arbeiter ueberwiegend mit dem Bewusstsein
lebe, amerikanischer Buerger zu sein. Sein Interesse gaelte sodann
seiner Gewerkschaft, sei jedoch kaum in Richtung eines Klassenbewusstseins orientiert. "Der amerikanische Arbeiter ist unabhaengiger als seine belgischen Kollegen und verlaesst sich weniger auf
die Unternehmer. Die Gruppe wohnte einigen Sitzungen der Beschwerdeausschuesse bei und war von der Tatsache beeindruckt, dass sich
der amerikanische Gewerkschafter seinem Unternehmer gegenueber als
gleichberechtigt betrachtet.
n

Diese Auffassung ist traditionsgemaess in Belgien ueberhaupt
nicht vorhanden. Diese Gruppe hofft jedoch, die in Belgien vorherrschenden Anschauungen zu gegebener Zeit aendern zu koennen."
Die Belgier beschafften sich weiterhin einen Einblick in das
amerikanische TarifVerhandlungswesen und stellten fest, dass die
amerikanischen Gewerkschaften nach einem praktischen und keinem
theoretischen Programm arbeiten, was ihnen schnelle und wertvolle
Erfolge einbringt. Die Besucher betonten, dass der Lebensstandard
und die Arbeitsbedingungen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter wesentlich besser als die der nichtorganisierten seien.
Die belgischen Gewerkschaftsfuehrer waren der Meinung, dass in
der Arbeitsgesetzgebung der verschiedenen amerikanischen Staaten,
die sie besucht hatten, sehr grosse Unterschiede aufweist. Besonders kritisch war ihre Haltung den sozialen Versicherungsgesetzen
der Vereinigten Staaten gegenueber und sie erklaerten, dass die
wirtschaftliche Lage eines Arbeiters, der nicht im zwischenstaatlichen Handel beschaeftigt sei und nicht unter die Bestimmungen der
bundesstaatlichen Arbeitsgesetze falle, viel zu wuenschen uebrig
lasse. Der amerikanische Arbeiter erspare trotz seines hohen Lebensstandards nicht genuegend Geld, und die soziale Versicherung sei im
Falle ernsthafter Wirtschaftskrisen recht unzulaenglich.
Arbeitsmitteilungen der ECA
OSSTKRREICHISCKK LANDARBEITER FORDERN HOEHERE LOEHNE
Wie in vielen anderen Laendern ist auch die Gewerkschaftsbewegung in Oesterreich bemueht, die Lebensbedingungen der Arbeiter, die
die geringsten Loehne erhalten, zu verbessern - und das sind in
Oesterreich die Landarbeiter. Ein gelernter Landarbeiter verdient
heute ausser der Abgeltung in Naturalien monatlich durchschnittlich
150 Schillinge, - dies reicht gerade aus, ein Paar billige Schuhe zu
kaufen.
Der Kampf der Landarbeiter um einen fuer das ganze Land verbindlichen Tarifvertrag ist vier Monate lang ohne Ergebnis gefuehrt worden, bis auf einer Konferenz die Gewerkschaftsfunktionaere beschlossen
einen Streik auszurufen, wenn bis zum 19. Juni kein Vertrag erzielt
4 -

�sei. Daraufhin unterzeichneten die Arbeitgeberorganisation in bestimmten Laendern Oesterreichs mit der 60.000 Mitglieder starken
Land- und Forstarbeitergewerkschaft einen Vertrag, der wesentlich
bessere Bedingungen als der fruehere enthaelt. Die monatlichen Loehne in bar sind bei freier Unterkunft, Heizung, Licht und Brennstoff
von 70 auf 100 Schillinge erhoeht worden, line neue Bestimmung des
Vertrages sieht vor, dass die Arbeiter und ihre Familien das Recht
haben, von den Bauern Nahrungsmittel zu Preisen zu kaufen, die in
einer besonderen Liste-niedergelegt sind.
In anderen oesterreichischen Laendern konnten die streikenden
Landarbeiter aehnliche Erfolge erziBlen. In der Steiermark haben
sich die Arbeitgeber jedoch unnachgiebiger gezeigt und versucht,
die Streikenden durch Drohungen und Polizelmassnahmen einzuschuechtern. Auch hat man Streikbrecher eingestellt, deren Loehne viel
hoeher als die von der Gewerkschaft geforderten lagen. Eine der
Laenderregierungen hat sogar beschlossen, bei TarifVerhandlungen
nur die von den Arbeitgebern errichteten "gelben" Gewerkschaften
als Verhandlungspartner anzuerkennen.
Keine dieser Massnahmen hat die Haltung der Landarbeiter aen-«
dern koennen, die aus allen Teilen des Landes und besonders von den
Industriearbeitern zahlreiche Solidaritaetserklaerungen erhielten.
Es ist nicht uninteressant festzustellen, dass in den
Oesterreich angrenzenden Teilen Westdeutschlands die Moegllchkeit
eines aähnlichen Landarbeiterstreiks besteht, nachdem die Lohnverhandlungen abgebrochen werden mussten. Die deutschen Gewerkschaften
sind der Auffassung, dass die Arbeitgeber mit ihrer Weigerung einen
Druck auf die Bundesregierung ausueben und damit durchsetzen wollen,
dass der Brotpreis erhoeht wird.
Information Bulletin des IBFG
VII/26/50

•

WELTGEWERKSCHAFTSBUND LEHNT UNTERSTÜETZÜNG KOREAS AB
Auf die Frage, ob sie ihre Einrichtungen und Hilfsquellen dem
Vereinigten Oberkommando in Korea zur Loesung der Probleme der
Zivilbevoelkerung zur Verfuegung stellen wollten, gaben die beiden
Gewerkschaftsbuende vor einer Konferenz des Sozial-Ausschusses des
Wirtsohafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen in Genf eine
voellig verschiedene Antwort.
Toni Sender erklaerte im Namen des neugegruendeten, nichtkommunistischen Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften, dass die
freie GewerkschaftsOrganisation bei der Loesung aller Probleme tatkraeftig mithelfen wuerde, die in den wiederbesetzten Gebieten auftauchen koennten, und dass sie mit allen ihr zur Verfuegung stehenden Mitteln "die Opfer der Aggression in Korea" unterstuetzen wuerde.
Georges Fisher, der Vertreter des von den Kommunisten beherrschten Weltgewerkschaftsbundes, erklaerte dagegen, dass sich diese
Organisation weigern wuerde, sich an Hilfeleistungen fuer die notleidende Zivilbevoelkerung im Gebiet der Vereinten Nationen zu beteiligen, selbst wenn er den WGB darum ersuchte.
Der Ausschuss befasste sich mit einer vor kurzem gefassten
EntSchliessung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, in der
zur Unterstuetzung der Zivilisten aufgerufen wird, die in dem unter
dem Oberkommando der Vereinten Nationen stehenden Gebiet von Korea
wohnen. Fisher lehnte diese EntSchliessung und auch die Taetigkeit
5 -

�der Vereinten Nationen in Korea ab und stellte im Namen des WGB
die Forderung, sowohl die nord- als auch die suedkoreanischen Zivilisten zu unterstuetzen. Der Vorsitzende des Ausschusses C. G.
Corley-Smith, Grossbritannien, stellte fest, dass die Erklaerung
Fishers "voelllg abwegig" sei, weil vor dem Komitee nur die Entschliessung des Sicherheitsrates zur Debatte stand. Seine Absage
an den Spreoher des WGB wurde von dem Ausschuss gebilligt, der sich
weigerte, weitere Argumente des kommunistischen Weltgewerkschaftsbundes anzuhoeren.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VIII/14/50
BRITISCHE GEWERKSCHAFTEN WERDEN VOR DEM "STOCKHOLMER FRIEDENSAPPELL" GEWARNT
Unter den Resolutionen, die zur diesjaehrigen Jahreskonferenz
der Labour Partei eingereicht wurden, befindet sich eine, in der
versichert wird, dass "der Marshall-Plan Grossbritannien und den
Laendern Westeuropas in den letzten drei Jahren eine unermessliche
Hilfe geleistet hat." Gefasst wurde diese Entschliessung von der
Gewerkschaft der Arbeitnehmer oeffentlicher Betriebe, die mit ihren
mehr als 800.000 Mitgliedern die zweitgroesste Gewerkschaft Grossbritanniens ist. In der Resolution, ober die die Jahreskonferenz
der Labour Partei in der ersten Oktoberwoche in Margate abstimmen
wird, heisst es:
"Die Konferenz erklaert, dass
nien und den Laendern Westeuropas
unermessliche Hilfe geleistet hat,
gegen die Wirren und Zerstoerungen
aufreibender gewesen.

der Marshall-Plan Grossbritanin den letzten drei Jahren eine
denn ohne ihn waere der Kampf
der Nachkriegsjähre laenger und

"Wir.sind dem amerikanischen Volke deshalb fuer seine rechtzeitige und grosszuegige Hilfe zu unserer Wiedergesundung und unserem wirtschaftlichen Wiederaufbau grossen Dank schuldig»
"Die Konferenz weiss die Fortschritte unserer Wirtschaft zu
schaetzen, sie weist aber darauf hin, dass die Zeit naht, in der
unser Lebensstandard von unseren eigenen Mitteln abhaengen wird,
und es ist deshalb von ausschlaggebender Bedeutung, dass wir unentwegt an der Steigerung unserer Leistungsfaehigkeit und der Produktion unserer Industrien arbeiten.
"Die Konferenz sichert der Labour Regierung ihre volle Unterstuetzung in allen Massnahmen zu, die zur Erweiterung der Produktion und des Aussenhandels ergriffen werden und eine guenstige
Zahlungsbilanz und die Erhaltung der V0llbeschaeftigung sichern."
Auf der Jahreskonferenz der Labour Partei, die die politischen
Richtlinien der britischen Gewerkschaftsbewegung festlegen wird,
werden sowohl die meisten britisciien Gewerkschaften vertreten sein,
die der Labour Partei unmittelbar angehoeren, als auch die "getrennte Labour Partei," in der viele Gewerkschafter Einzelmitglied sind.
An alle oertlichen Stellen der Labour Partei wurde in dieser
Woche die Warnung gerichtet, sich vor Versuchen in acht zu nehmen,
die sie noch vor der Konferenz zu stalinfreundlichen Resolutionen
verleiten wollen. "Man wird sagen," erklaerte Victor Feather, der
stellvertretende Sekretaer des britischen Gewerkschaftsbundes (TUC)
"dass die selbstaendigen Labour Parteien von den Gewerkschaften
ueberrannt werden. Man wird versuchen, den Delegierten der oertlichen Organisationen der Labour Partei vorzugaukeln, dass sie von

�den Gewerkschaften tyrannisiert werden, und dass sie dem Sozialismus einen guten Dienst erweisen, wenn sie sich von den Gewerkschaften lossagen. Man wird bemueht sein, die selbstaendigen Organisationen der, Labour Partei glauben zu machen, dass sie an der Nase
herumgefuehrt werden, und dass ihre eigene Exekutive ei-: doppeltes
Spiel betreibt."
Feather wies'im besonderen darauf hin, dass an die Hintermaenner der kommunistischen Partei Befehle ergangen seien, die Konferenz
dar Labour "Partei in eine sogenannte "Friedenskundgebung" umzuwandeln. Die Theoretiker der kommunistischen Partei haetten niemals
an den Frieden geglaubt. Er sei fuer sie nur ein politisches Werkzeug.
Sowohl der britische Gewerkschaftsbund (TUC) als auch die
Labour Partei forderten die ihnen angeschlossenen Organisationen
auf, 3ich in keiner V/eise in die kommunistisch beherrschte Kampagne
d33 britischen Friedenskomitees zugunsten des "Stockholmer Friedensaooell3" einspannen zu lassen.
Arbeitsraitteilungen der ECA
VIII/9/50
AFRIKANISCHE GEV/ERKSCKAFTEN FORDERN HILFE FUER

INDIEN

Bevor iie Fernost-Delegation des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften Neu-Delhi verliess, um den naechsten Abschnitt ihrer
Kissionsreise anzutreten, war es ihr moeglich, mit dem indischen
Premierminister Pandit Nehru zusammenzukommen und mit ihm die wichtige Rolle zu besprechen, die die freien Gewerkschaften in der dringenden Aufgabe der wirtschaftlichen Entwicklung in Indien zu spielen
haben.
In einer Verlautbarung, die nach der Konferenz veroeffentlicht
wurde, wies die Delegation auf die Tatsache hin, dasg das grundlegende "V.'irtschaftsproblem Indiens die Notwendigkeit einer Ausdehnung
seiner Kapitalstruktur sei, und dass die Gefahr einer zunehmenden
Arbeitslosigkeit bei den besonderen Verhaeltnissen in Indien solange
bestuende, als eine derartige Ausdehnung nicht von der Forderung der
Gewerkschaften nach einem verbesserten Lebensstandard begleitet sei.
"Die Schwierigkeit des Problems liegt darin," erklaerte ein
Mitglied der Delegation, "dass die indischen Kapitalisten grosse
und schnelle Gewinne beanspruchen und damit den gleichen Fehler begehen wie ihre Ebenbilder im zaristischen Russland und im heutigen
Frankreich und Italien."
Mit auslaendischem Privatkapital allein koennten Indiens Probleme niemals geloesi, werden. "Was Indien braucht, sind Dinge,
die mit Privatkapital nicht beschafft werden koennen, so z.B. die
Entwicklung der kuen3tlichen Bewaesserung und der Aufforstung."
Die amerikanischen Mitglieder der Delegation zeigten den gegenwaertigen Bemuehungen Amerikas zur Unterstuetzung wirtschaftlich unterentwickelter Laender gegenueber eine kritische Einstellung. Diese
Hilfe ist -ihrer Meinung nach "viel zu gering und kommt viel zu
spaet." In einer telegrafischen Sonderbotschaft an den CIO unterstrich John Brophy, ein amerikanisches Mitglied der Delegation,
diesen Punkt und fuehrte aus: "Die asiatischen Laender muessen in
ihrem Kampf um Freiheit gegen die Bedrohung des Kommunismus von den
freien Voelkern der westlichen Welt unterstuetzt werden. Mit der
Kuerzung der Geldmittel'des Punkt-Vier-Programms 'on 35 auf 10
Millionen Dollar, hat der Bewilligungsausschuss des Senats cfie Sache der Demokratie in Suedostasien erheblich geschwaecht. Die Dele- 7

�gation des IBFG fordert den CIO nachdruecklich auf, alles zu tun,
damit diese Kuerzung nicht durchgefuehrt wird."
Die Delegation hat sich jetzt in zwei Gruppen aufgeteilt, deren
eine sich nach Tokio, Kalkutta, Dacca und Chittagong begeben wird,
um sioh mit der anderen Gruppe in Bangkok wieder zu treffen.
Information Bulletin des IBFG
VI1/26/50
2ISERNE DISZIPLIN DER NORDKOZEANISCHEN ARBEITER
Nordkoreanischen Quellen und der kommunistischen Tageszeitung
"Der Arbeiter" zufolge ist Nordkorea eine "demokratische Volksrepublik."
Ein entsprechender Kabinetssbeschluss, der soeben in Washington verfuegbar wurde, enthaelt folgende Bestimmungen:
Die Arbeiter muessen die "Arbeitsdisziplin" wahren und die
Befehle ihrer Vorgesetzten "rechtzeitig und genau" au»fuehren; sie
duerfen mit "Angelegenheiten, die sie nichts angehen," keine Zeit
vergeuden; sie muessen die Produktionsquoten "erfuellen und uebertreffen"; sie muessen sich "liebevoll um Material, Maschinen, Werkzeuge usw. kuemmern und schonend damit umgehen"; sie muessen das
"Geheimnis des Betriebes wahren."
Verletzungen dieser Bestimmungen ziehen Bestrafung durch die
Betriebsleitung und das Gericht nach sich. Es gibt keine Berufung.
Wer laenger als 30 Minuten von seinem Arbeitsplatz entfernt bleibt,
gilt als abwesend und verliert damit das Anrecht auf seine Lebensmittelration. Diejenigen, deren Arbeitsleistung unter der Norm
liegt, werden "nach den gesetzlichen Bestimmungen und den Verordnungen des Staates materiell zur Verantwortung gezogen, dies
schliesst Verweis und Bestrafung nicht aus."
Ohne Genehmigung des Arbeitgebers kann niemand den Arbeitsplatz
oder seinen Beruf wechseln; wer irgendeiner dieser Bestimmungen zuwiderhandelt, und "nicht ausfindig gemacht werden kann oder auf eine
Mitteilung nicht antwortet", kann von dem Arbeitgeber bestraft werden,
ohne dass der Betroffene eine Erklaerung vorbringen kann.
Arbeitsmitteilungen der ECA
VIII/9/50
HOHE PRODUKTIONSLEISTUNG LOHNT SICH
Eine 42-prozentlge Steigerung der Produktionsleistung in einer
Kopenhagener Schuhfabrik hat in ueberzeugender Weise bewiesen, wie
sich diese zum Vorteil der Arbeiter und Verbraucher ausgewirkt hat.
Diese 42-prozentige Erhoehung der Arbeitsleistung der Arbeiter
seit 1939 bedeutet: 1} eine Erhoehung der Beschaeftigtenziffer um
etwa 23%; 2) eine Lohnerhoehung fuer alle Arbeitnehmer; 3) ein
Preisrueckgang der von der Fabrik hergestellten Schuhe um 10%; 4)
eine wesentliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen und 5) einen
Arbeitsaufwand des einzelnen Arbeiters, der nicht hoeher ist als vor
dem Beginn der Massnahmen zur Steigerung der Produktionsleistung.
Anstatt angetrieben zu werden, werden die Arbeiter, die schneller arbeiten, als es die wissenschaftlich erarbeitete Norm vor-

8

�schreibt, tatsaechlich aufgefordert, ihr Arbeitstempo zu verringern.
Nach den Bestimmungen der Betriebskrankenkasse dieser Fabrik zahlt
die Firma einem wegen Krankheit abwesenden Arbeiter drei Monate lang
seinen Lohn, und es ist festgestellt worden, dass Krankheit, die
auf Ueberanstrengung zurueckzufuehren ist, sowohl dem Einzelnen als
auch dem Unternehmen letzten Endes nur Verlust an Zeit, Arbeitsfähigkeit und Geld einbringt.
Berichte des Unternehmens zeigen auf, dass im Jahre 1939 die
taegliche Produktionsleistung dieser Fabrik je Arbeiter 2,8 Paar
Schuhe betrug. Im zweiten Quartal 1950 war sie auf 4 Paar Schuhe
je Arbeitstag gestiegen. In den 15 Monaten von Januar 1949 bis
April 1950 hatte sich der Ausstoss weiter von 3,6 auf 4,0 Paar
Schuhe erhoeht.
In diesen 15 Monaten stieg die Zahl der Arbeitnehmer von 131
auf 158. Im gleichen Zeitraum ging die taegliche Gesamtproduktion
an Schuhen von 465 auf G2£ Paar in die Hoehe. Die Verbraucherpreise
fuer diese Schuhe wurden gleichzeitig um 10$ reduziert.
Der Betriebsleiter K. B. Larsen macht fuenf Faktoren fuer die
bedeutende Steigerung der Produktionsleistung des Betriebes verantwortlich: 1. Modernisierung und Gruppierung der Betriebsanlagen;
2. gute Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern;
3. Anwendung der Ausbildungsmethoden des betriebstechnischen Schulungsprogramms; 4. Auswertung von Zeit- und Bewegungsstudien und
5. ein neues kostenaufzeigendes Syst«* dar Buchhaltung.
Die Modernisierung und die Verbesserung der Gruppierung der
Werksanlagen machten den Kauf neuer Naehmaschinen, die Einrichtung
eines Transportbandsystems und die Anbringung einer besseren Beleuchtungsanlage erforderlich. Die neuen Maschinen sind vor allem in
England und den Vereinigten Staaten gekauft worden. Die Verbesserung
der Beleuchtungsanlagen in der Zuschneidewerkstatt hat zu einer
durchschnittlichen lirhoehung der Lux-Zahl von 20 auf 600 je Arbeitsplatz gefuehrt. Die von Larsen vorgelegten Betriebsstatistik zeigt,
dass der woechentliche Elektrizitaetsverbrauch von 31.000 Kilowatt
im Jahre 1944 auf 73.000 Kilowatt in der Gegenwart angestiegen ist.
Durch die Einrichtung der zwei Transportbaender ist die Leistungsfaehigkeit der Maschinenarbeiter in einer Werkstatt betraechtlich erhoeht worden. Die Arbeiter, die parallel zum Transportband
an ihren Maschinen sitzen, betaetigen nur einen Knopf, um dem Arbeiter am Ende des Transportbandes anzuzeigen, was sie benoetigen. Dort
befindet sich ein elektrisches Schaltbrett mit farbigen Lichtern.
Das Material wird dann auf dem Transportband zu dem betreffenden
Arbeitsplatz befoerdert. Frueher, als dieses Transportband noch
nicht eingebaut war, musste jeder Arbeiter viel Zeit vergeuden und
seine Maschine verlassen, um sich das benoetigte Material zu holen.
Am Ende des Transportbandes oeffnet sich eine Gleitbahn, die zum
naechsten Fertigungsprozess in der tieferliegenden Werkstatt fuehrt.
Ueber diese Gleitbahn gelangen die Arbeitsstuecke in den Raum, wo
die letzten Fertigungsprozesse durchgefuehrt werden.
Larsen hob besonders die Bedeutung der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern fuer die Foerderung einer gesteigerten Produktionsleistung hervor. Das Unternehmen hat mit den
daenischen Gewerkschaften einen Vertrag abgeschlossen und ist verpflichtet, die im Lohntarif vorgesehenen Loehne zu zahlen. Larsen
erklaerte jedoch, dass die Unternehmer in vielen Faellen aus eigener
Initiative heraus hoehere Loehne zahlten. "Wenn wir feststellen,M
sagte er, "dass ein Arbeiter mehr produziert und dadurch Anspruch
auf einen hoeheren Verdienst hat, dann steigern wir seinen Lohn."
9 -

�"Die Idee, dass hoehere Produktionsleistungen wuenschenswert
sind, fand bei den Arbeitern zu Anfang nur wenig Anklang. Ihr
Widerwille kam darin zum Ausdruck, dass sie sich den Zeit- und Bewegungsstudien widersetzten. Noch vor drei Jahren war ihre Opposition
so stark, dass sie mit Streik drohten, wenn eine neue Maschine eingefuehrt werden sollte. Sie wollten zuerst nicht glauben, dass die
Erhoehung der Loehne nur auf die gesteigerte Produktionsleistung zurueckgefuehrt werden muss, denn sie wussten, dass sie nicht schwerer
zu arbeiten hatten." Seit jener Zeit hat sich die Zusammenarbeit
zwischen Unternehmern und Arbeitern jedoch hoechst zufriedenstellend
entwickelt.
Viele Erfolge dieses Unternehmens in der Arbeitsweise des Betriebes und den Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, so erklaerte Larsen, beruhten auf der Anwendung der Methoden des innerbetrieblichen Schulurgsprogramms. "Viele unserer Probleme wurzeln in der Haltung des Menschen, und wir sind mit Erfolg
bemueht, unter Zuhilfenahme des innerbetrieblichen Schulungsprogramms
alle Vorgesetzten zum klugen Handeln zu erziehen." Niemand koenne
in der Fabrik Vorgesetzter werden, wenn er nicht an einem Ausbildungs*
kursus im Rahmen dieses Programms teilgenommen habe. Er berichtete
ausserdem, dass auch die Betriebsraete sich an einem aehnlichen Kurs
beteiligen muessten, und da3s ihnen die gleichen Informationen zur
Verfuegung stuenden, die den Vertretern des Unternehmers gegeben worden.
Die Unternehmer wenden das Zeit- und BewegungsStudium an, und
auch auf diesem Gebiete wuerde den Gewerkschaftsfuhktionaeren die
gleiche Ausbildung zuteil wie den Vertretern der Arbeitgeber. Die
allgemeine Politik gehe dahin, die Arbeiter ueber alles, was vor sich
geht, zu unterrichten.
Vor zwei Jahren sei ein neues System der Buchhaltung eingefuehrt
worden, das auf der Kostenfeststellung beruhe. Dadurch wuerde eine
genaue Ueberpruefung aller Arbeitsgaenge im einzelnen und innerhalb
einer gesamten Abteilung ermoeglicht.
Larsen erklaerte ferner, dass die Arbeitswoche in Zeit gemessen
wuerde und die Norm 2810 Minuten woechentlich betrage. "Wir wissen
dadurch genau, wieviel jeder Arbeiter gearbeitet hat."
In dem Verlangen der Arbeiter, unter anstaendigen und wuerdigen
Verhaeltnis^en zu arbeiten, sieht Larsen einen positiven Pluspunkt
fuer die Steigerung von Produktion und Produktionsleistung; er fordert jedoch von den Unternehmern, dass sie alles tun, um diese Verhaeltnisse zu schaffen und zu erhalten.
Ein anderer Faktor, der zu den guten Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern beitrage, sei die Tatsache, dass der
Belegschaft Berichte zur Verfuegung stehen und die Arbeiter jederzeit
in die Betriebsstatistik des Unternehmens Einblick nehmen koennen. Regelmaessige monatliche Zusammenkuenfte, denen Arbeitgeber und Arbeiter
beiwohnen, seien den gemeinsamen Problemen gewidmet, die eingehend
und offen besprochen wuerden.
Zur Zeit wird die Werkkantine vergroessert, damit den Arbeitern
dort Mahlzeiten vom fruehen Morgen bis zum Verlassen des Werkes verabreicht werden koennen. Einmal nachmittags wird den Arbeitern eine
Tasse Kaffee gerefcht. Der Betrieb verfuegt ueber Umkleideraeume mit
abgeschlossenen Schraenken und ueber Duschraeume; man ist dabei, die
Duschen in den Umkleideraeumen der Frauen zu installieren.
"Wir glauben, "so schloss Larsen*, "dass es fuer die Gesinnung
unserer Leute sehr wichtig ist, dass man sich um sie kuemmert. Sie
werden dafuer ihr Bestes zum erfolgreichen Arbeiten unseres Betriebes
geben."
Arbeitsmitteilungen der EGA
VI1/24/50
- 10 -

�ARBEITSGESETZGEBUNG IN INDIEN
Die Arbeitslage war in der letzten Periode ziemlich gesund. Die
industrielle Unrast ist im Abklingen begriffen und augh das Fernbleiben von der Arbeit weniger ausgepraegt. Die Arbeitsverdienste hielten
ziemlich Schritt mit den erhoehten Lebenskosten mit dem Ergebnis, dass
der Rueckgang der Realloehne gering war. Die Arbeitsgestzgebung hat
Fortschritte in der Regelung der Arbeitsbedingungen, der Erhoehung des
Wohlfahrtsstandards, und der Sicherung weiterer Erleichterungen an die
Arbeiterschaft gemacht. Die bemerkenswertesten der kuerzlich erlassenen Gesetzgebungen sind: Das Mindestlohngesetz, das staatliche Angestellten-Versicherungsgesetz und das Fabrikgesetz von 1948.
Im Jahre 1947 betrug die Anzahl der verlorenen Arbeitstage 16,56
Millionen, verglichen mit 12,72 Millionen im Jahre 1946, und 4,99 Millionen im Jahre 1939. Diese Verschlechterung der Industriebeziehungen
war ein Hemmschuh fuer die Industrieproduktion, die ihrerseits einen
schaedlichen Einfluss auf die nationale Wirtschaft hatte. Um einer
Intensivierung der Produktion den Weg zu ebnen, mussten die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern verbessert werden. Im Hinblick
darauf kam im Dezember 1947 die Zentralregierung ueberein, eine Konferenz der Vertreter der Arbeiter und Arbeitgeber und der Zentral- und
Provinzialregierungen einzuberufen. Bei dieser Konferenz beschlossen
beide, Arbeiter und Arbeitgeber, den Burgfrieden waehrend der naechsten
zwei Jahre aufrechtzuerhalten. Die Wirkung dieses Abkommens ueber die
Beziehungen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern zeigte sich im naechsten Jahr, wo als Ergebnis der Streitigkeiten die verlorenen Arbeitstage auf 7,84 Millionen zurueckgingen. Diese Verbesserung wurde im
Jahre 1949 aufrechterhalten. Waehrend der ersten sieben Monate des
Jahres betrug die Anzahl der verlorenen Arbeitstage 4,88 Millionen,
verglichen mit 6,22 Millionen in der Parallelzeit des Vorjahres.
Als Ergebnis besserer Arbeitsorganisation und auch als Folge der
Regierungspolitik haben die Industrieloehne waehrend des Krieges und
nachher mit den ansteigenden Preisen ziemlich Schritt gehalten. Im
ganzen hatte die Arbeiterschaft nur einen sehr geringen Rueckgang in
ihren Realloehnen zu verzeichnen. Die durchschnittlichen Jahresverdienste der Fabrikarbeiter in der Provinz Bombay erhoehten sich von
370 R. im Jahre 1939 auf 814,7 R. im Jahre 1945 oder um 120 f0 waehrend
die Lebenskosten in der Stadt Bombay in der gleichen Periode von 103
auf 224 oder um nahezu 128 % stiegen. Um noch einige weitere Beispiele zu nennen: In Assam erhoehten sich die durchschnittlichen Jahresverdienste von 263,7 R. im Jahre 1939 auf 820,4 R. im Jahre 1948
oder um 210 %. In dieser Provinz betrug die Erhoehung der Arbeiterloehne 24 % zwischen dem Jahre 1945 und 1949, waehrend die Erhoehung
der Lebenskosten 30 % ausmachte. In Uttar Pradesh erhoehten sich die
Arbeitsloehne je Kopf zwischen 1939 und 1948 von 235,6 R. auf 887,1 R.
- eine Erhoehung um 235 % - waehrend die Lebenskosten im hauptsaechlichsten Industriezentrum dieser Provinz, in Kanpur, von 105 auf 315
oder um 200 f0 anstiegen.
Der erste Schritt zur Festlegung von Mindestloehnen wurde im
April 1946 unternommen, als die Mindestlohnvorlage der zentralgesetzgebenden Versammlung unterbreitet wurde. Die Vorlage wurde angenommen und im Maerz 1948 zum Gesetz erhoben. Sie ist unter der Bezeichnung "Mindestlohngesetz,, bekannt. Dieses sieht Massnahmen vor zur
Festlegung von Mindestloehnen bei Anstellungsverhaeltnissen, wo
Schwerarbeit vorherrscht oder wo eine weitgehende Moeglichkeit der
Ausnuetzung der Arbeitskraefte besteht. Die in der zusaetzlichen
Liste des Gesetzes aufgefuehrten Industrien, wo die zu bezahlenden
^indestloehne durch die Zentral- oder Provinzialregierungen festzulegen sind, umfassen Reis-, Dal- (eine indische Linsenart) oder Mehlmuehlen, Tabakfabriken, Plantagen, Oalmuehlen, Strassen- und Haeuserbau, Gerbereien und Lederfabriken, Lackproduktion, Glimmerwerke, oeffentliche Motortransporte und Landwirtschaft.
- 11 -

�Was die Massnahmen fuer die soziale Sicherheit anbelangt, ist
das früeheste Gesetz dafuer das Arbeiterentschaedigungsgesetz von
1923. Dieses Gesetz wurde im Jahre 1934 revidiert, wobei die Revision auf den Empfehlungen der koeniglichen Arbeitskommission basierte.
Dieses Gesetz sieht die Zahlung von Entschaedigungen durch die Arbeitgeber an die Arbeiter im Falle von Verletzungen vor, die durch Unfaelle
bei und waehrend der Arbeit entstehen.
Das Spar- und Gratifikationsplangesetz fuer Kohlenbergwerkarbeiter
vom Jahre 1948 sieht die Errichtung eines obligatorischen Unterstuetzungsfonds und die Entrichtung von Dienstleistungs- und Produktiansgratifikationen an Kohlenbergwerkarbeiter vor.
Die wichtigste Gesetzgebung im Einblick auf Massnahmen fuer die
soziale Sicherheit stellt das staatliche Angestelltenversicherungsgesetz
von 1948 dar. Das Gesetz findet erstinstanzlich auf alle Fabriken einschliesslich diejenigen in Regierungsbesitz - Anwendung, ausgenommen saisonbedingte Fabriken. Alle entloehnten Arbeiter dieser Fabriken oder in Verbindung mit^ ihnen, ausgenommen diejenigen mit einem
Monatsgehalt von ueber 400 R., sind versicherungspflichtig. Das Gesetz sieht je nach dem Fall folgende Vergünstigungen fuer die Versicherten oder ihre Familien vor:
1. Krankheitsunterstuetzung; 2. Cutterschaftszuschuesse;
3. Unterstuetzung im Falle von Arbeitsunfaehigkeit; 4. Hinterlassenenfuersorge und 5. Zuschuesse im Falle aerztlicher Behandlung.
Der staatliche Angestelltenversicherungsfonds wird aus Beitraegen
der Arbeitgeber sowie der Arbeitnehmer, Stiftungen, Schenkungen usw.,
Beitraegen der Zentral- und Provinzialregierungen, von lokalen Behoerden oder irgend einer industriellen Koerperschaft gespeist. Die Einzelheiten des Planes werden noch ausgearbeitet und werden zuerst in
der Provinz Delhi zur Anwendung kommen.
Das indische Gewerkschaftsgesetz von 1926, mit der Abaenderung
vom Jahre 1947, sieht statutarische Bestimmungen fuer die obligatorische
Anerkennung durch die Arbeitgeber einer repraesentativen Gewerkschaft
der Arbeiter vor. Es spricht der Gewerkschaft gewisse Rechte und Privilegien zu, wie Schutz gegen Strafverfahren bezueglich irgendeines
Abkommens zum Zwecke der Foerderung eines gesetzlichen Zieles der
Gewerltschaft usw. Das Gesetz bezeichnet auch gewisse Handlungen als
unfaire Art des Vorgehens seitens der anerkannten Gewerkschaften und
gewisse andere als unfaires Vorgehen seitens der Arbeitgeber. Zur
Foerderung des industriellen Friedens sieht das Gesetz fuer Industriestreitigkeiten gewisse Massnahmen vor, durch welche Streitigkeiten an
Industrleausschuesse, Untersuchungsgerichte oder 1ndustrietribunale
weitergeleitet werden koennen. Die Ueberweisung von Streitfaellen an
die Ausschuesse, Gerichte oder Tribunale ist obligatorisch seitens der
Zentralregierung, wenn beide Parteien, entweder getrennt oder gemein- •
sam, um eine solche Ueberweisung nachsuchen, im anderen Falle steht
eine solche im Ermessen der Regierung.
Die Regierung ist befugt, einen Arbeitgeber eines Betriebes mit
1.000 oder mehr Arbeitern aufzufordern, einen Betriebsausschuss, bestehend aus Vertretern der Arbeitgeber und Arbeiter dieses Betriebes,
zu errichten. Die Pflichten solcher Ausschuesse bestehen darin, Massnahmen zur Sicherung und Festigung der Freundschaft und der guten Beziehungen zwischen Leitung und Arbeiterschaft zu treffen. Die Regierung ist auch ermaechtigt, SchlichtungsOffiziere fuer ein bestimmtes
Gebiet oder eine spezielle Industrie zu ernennen.

- 12 -

�Artikel 31 bis 34 der neuen Verfassung Indiens beziehen sich auf
die Arbeitspolitik und bilden eine Arbeitscharta. Artikel 33 legt dar,
dass der Staat Bestimmungen zur Sicherung anstaendiger und menschlicher
Arbeitsbedingungen und Mutterschaftsunterstuetzungen zu treffen hat.
Artikel 34 fuehrt aus, dass der Staat bestrebt sein soll, durch eine
angemessene Gesetzgebung oder wirtschaftliche Organisation oder auf
irgendeine andere Art, allen Arbeitern - den Industriearbeitern sowie
auch den anderen - Arbeit, einen ausreichenden Lohn, Arbeitsbedingungen,
die einen anstaendigen Lebensstandard und volle Freizeitverguetung ermoeglichen, sowie soziale und kulturelle Notwendigkeiten zu gewahrleisten.
So wurde der Arbeiterschaft anstaendige und ehrenhafte Behandlung
zugesichert, ein anstaendiger Lohn garantiert und gerechte und menschliche Arbeitsbedingungen geschaffen. Es liegt nun an den Arbeitern,
mitzuhelfen, das Nationaleinkommen zu erhoehen, so dass der Lebensstandard des Landes weitgehend gehoben werden kann.
Bulletin der indischen Gesandtschaft
in Bern
VIII/50
CIO FUNKTIONAER FORDERT WIRKSAMES WIRT SC HAFTS PROGRAMM
Emil Rieve, der Vorsitzende des Vollbeschaeftigungsausschusses
des CIO und Praesident der Textilarbeitergewerkschaft von Amerika (CIO),
forderte eine Gesetzgebung zur Kontrolle der Preise, die Schaffung zuverlaessiger Rationierungsgesetze und eine "drastische Revision" der
Steuergesetze.
Rieve prophezeite, dass ohne Preiskontrollgesetze der "Preisinflation, die die Kaufkraft bereits stark verringert hat, nicht Einhalt
geboten werden kann."
In diesem Zusammenhange fuegte er hinzu, "dass bereits viel uninformiertes Gerede ueber den Lohnstop gefuehrt worden ist. Das aendert
jedoch nichts an der Tatsache, dass im Rahmen der bestehenden Preisund Gewinnspannen genuegend Moeglichkeiten fuer die Tarifverhandlungen
bestehen, ohne dass die Preise in die Hoehe getrieben werden rauessen."
Rieve erklaerte, dass fuer das Land "dringend eine wirksame Steuer
fuer uebermaessige Gewinne erforderlich ist
mit dem die Preisspekulation und die hohen Gewinne gesteuert werden koennen." Er forderte ausserdem die Abaenderung der Einkommensteuer fuer Personen mit
hohen Einkommen und die Schliessung bestehender Luecken in der Steuers truktur.
Die Erklaerung Emil Rieves lautet:
"In Anbetracht der grossen Probleme, die unsere Nation zu bewaeltigen hat, muss der Kongress unverzueglich ein Wirtschaftsprogramm bewilligen, das unseren Verteidigungsbeduerfnissen voll gerecht wird.
"Es ist offensichtlich, dass wir ein angemessenes Programm zur
Kontrolle der schnell ansteigenden Preise benoetigen, ein Programm,
das die zuverlaessige Rationierung knapper Waren und eine drastische
Revision der Steuertabellen vorsieht, die uns helfen werden, unsere
Ausgaben fuer die Verteidigung zu finanzieren und PreisSpekulationen
und hohe Gewinne zu kontrollieren.
- 13 -

�"In keinem wirklich ausgeglichenen Programm zur Mobilisierung der
Hilfsquellen unseres Landes kann irgendeiner dieser drei Faktoren unberücksichtigt bleiben. Wir muessen uns im Interesse unserer eigenen
Sicherheit jetzt und in Zukunft mit ihnen befassen. Der Praesident
und der Kongress muessen in ihren Empfehlungen und Aktionen ihrem
Programm den fundamentalen Grundsatz zugrundelegen, dass alle Teile
der Bevoelkerung gleichermassen an den Lasten beteiligt werden muessen.
• Preiskontrollgesetze sind jetzt unbedingt erforderlich.
"Ohne eine derartige Gesetzgebung kann die PreisInflation, die
bereits zu einem grossen Teil die Kaufkraft beeintraechtigt hat, nicht
abgebremst werden. In den beiden Wochen, die der Botschaft des P r e sidenten an den Kongress ueber die Teilmobilisierung vorangingen, ist •
der Tagesindex, den das amerikanische Arbeitsministerium fuer Verbrauchsgueter aufstellt, um 10 % in die Hoehe gegangen. In den folgenden Tagen setzte sich diese Aufwaertsbewegung um weitere 5 # fort.
"An den neueren Preissteigerungen fuer Lebensmittel ist die Landwirtschaft unbeteiligt, sie sind vielmehr auf spekulative Methoden in
der Verteilung zurueckzufuehren.
"Um den amerikanischen Verbrauchern weitere Haerten zu ersparen,
muessen auf dem schnellsten Wege Gesetze zur Entrolle der Preise erlassen werden, ohne dass dadurch Luecken entstehen, die den Spekulanten
Gewinn bringen.
"In Verbindung mit den Preiskontrollen ist viel ueber Lohnstops
geredet worden, wobei schlechte Informationen zugrunde lagen. Das
aendert jedoch nichts an der Tatsache, dass im Rahmen der bestehenden
Preis- und Gewinnspannen genuegend Raum fuer Tarifverhandlungen bleibt,
ohne die Preise in die Hoehe schrauben zu muessen. Die bestehenden
Unzulaengliclikeiten und Ungleichheiten der Kaufkraft amerikanischer
Lohnverdiener kann und darf nicht uebersehen werden.
"Praesident Truman ersuchte um die Ermaechtigung, ueber die Produktionskraft des Landes willkuerlich verfuegen und die Ausdehnung bestimmter, wesentlicher Produktionsmittel durchfuehren zu koennen.
Diese Forderungen muessen als erster notwendiger Schritt auf dem Wege
zur Mobilisierung der wirtschaftlichen Energiequellen unseres Landes
betrachtet werden. Wir muessen jedoch darauf vorbereitet sein, weit
ueber diese ersten, vorlaeufigen Massnahmen hinauszugehen, wenn unsere
Wirtschaft den Anforderungen gerecht werden soll, die unsere demokratische Verteidigung gegen die kommunistische Aggression in Korea oder
anderswo in der Welt an sie stellen wird.
"Noch haben wir nicht unter ernsthafter oder dauernder Knappheit
an Verbrauchsguetern zu leiden. Es waere jedoch gewagt zu prophezeien,
dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Bestimmungen ueber zuverlaessige Massnahmen zur Durchfuehrung eines Rationierungsprogramms
muessen gesetzlich verankert werden. Eine derartige Gesetzgebung wird
eine erste Verteidigungslinie gegen umfassende wirtschaftliche Steuerungen bilden. Sie wird ausserdem fuer grosse Teile unserer Bevoelkerung,
deren wirtschaftliche Lage den Einkauf von Vorraeten nicht gestattet,
eine Atmosphaere des Vertrauens schaffen.
"Ebenso wichtig ist, dass wir sofort ein Steuerprogramm genehmigen,
das mit den Anforderungen und Zielen unserer nationalen Verteidigung
vereinbar ist. Wir mue3sen bestrebt sein, einen grossen Teil unserer
militaerischen Ausgaben durch laufende Steuern zu decken. Es muessen
aber auch neue Gesetze ueber Einkommensteuer ausgearbeitet werden, die
den Hauptzweck haben muessen, jede Inflation sowie Preis- und Gewinnspekulationen zu bekaempfen»
- 14 -

�n

Der Praesident hat in dieser Richtung zwei Wege vorgeschlagen: eine Erhoehung der bundesstaatlichen Einkommensteuer und der
allgemeinen Gesellschaftssteuer. Das genuegt jedoch nicht.
"Die Vereinigten Staaten benoetigen dringend wirksame Bestimmungen zur Besteuerung uebermaessiger Gewinne. Damit koennten die
spekulativen Preissteigerungen viel besser gedrosselt werden als
mit der Erhoehung der Saetze der Zusatzsteuern fuer Gesellschaften,
wie es dem Praesidenten vorgeschlagen wurde. Mit einer einfachen
Erhoehung des Zusatzsteuersatzes kann der Unternehmer die hierdurch
entstenende Belastung viel leichter auf den Verbraucher abwaelzen,
als es ihm bei einer Erhoehung der Steuer fuer uebermaessige Gewinne moeglich waere.
"Innerhalb des gegenwaertigen Programms entwickelt sich die
Inflation aus der PreisSpekulation; Vorschlaege zur Erhoehung der
äinkommensteuer fuer Angehoerige der niedrigen Einkommensgruppen
sind deshalb unvernuenftig. Die Steuerbelastung dieser Gruppe ist
bereits zu hoch. Die Erhoehungen der Einkommensteuern der Lohnempfaenger sollten nur ifl den Steuergrup^en mit ueber 2.000 Dollar
versteuerbaren Einkommens im Jahr vorgenommen werden.
"Durch eine wirksame Besteuerung aussergewoehnlicher Gewinne
zur Beseitigung der Preis- und Gewinnspekulation, durch eine Erhoehung der Einkommensteuer des Einzelnen fuer Angehoerige der hoeheren Einkommensgrupoen und durch das Schliessen bestehender Luecken,
wozu auch die steuerliche Trennung der Einkommen eines Ehepaares
gehoert, ist es moeglich, die aus der gegenwaertigen Situation entstehenden hoeheren Ausgaben zu bestreiten. Der Umfang des Bewaffnungsprogramms ist zur Zeit noch nicht so gross, dass es nicht durch
ein erhoehtes Steueraufkommen finanziert werden koennte.
"Der Grundgedanken in der Botschaft des Praesidenten scheint
zu sein, dass wir es uns nicht leisten koennen, die Einfuehrung einer Steuer fuer uebermaessige Gewinne bis zu einem spaeteren Zeitpunkt des Jahres aufzuschieben. Dieser Vorschlag haette in der
jetzigen Gesetzesvorlage enthalten sein muessen. Der Kongress muss
in dieser Angelegenheit sofort etwas unternehmen.
"Der vorliegende Steuervorschlag scheint der kuerzlich angekuendigten Wohnungsbaupolitik zu aehneln. Die Kontrolle des privaten Wohnungsbaus durch die Erhoehung der Anzahlungsbetraege beim
Kauf von Wohnhaeusern, wie es vorgeschlagen wurde, muss Familien
der niedrigen Einkommengruppen schaedigen, waehrend sie denjenigen,
die ueber grosse Geldbetraege verfuegen, nichts ausmacht. Die Anordnung, das Programm des oeffentlichen Wohnungsbaus zu kuerzen,
trifft ebenfalls unmittelbar diejenigen, die am dringlichsten eine
anstaendige und billige ««ohnungen benoetigen. Keiner dieser Vorschlaege kann ein umfassendes Wohnungsbauprogramm ersetzen, das
diejenigen mit anstaendigen Wohnungen versorgt, die sie tatsaechlich
benoetigen.
"Das amerikanische Volk ist sich voellig der grossen Ereignisse
bewusst, In die es verwickelt ist. Es ist bereit, alle vernuenftigen Forderungen, die gestellt werden, zu erfuellen. Es verlangt
ein Programm, das den Erfordernissen der Zeit gerecht werden kann.
Es wuenscht ein Programm, in dem die"gleiche Verteilung der Lasten
auf alle Schultern Grundsatz und nicht nur Schlagwort ist."
Mitteilungen des CIO
VIII/1/50
- 15 -

�CIO GEGEN KUERZUNO DES PUNKT-VI ER-PROGRAMMS
Der CIO hat den Bewilligungsausschuss des
die angekuendigte Kuerzung der Mittel fuer das
um 35 Millionen Dollar rueckgaengig zu machen,
mit ein nationales Bollwerk zu einem Zeitpunkt
mit einem Angriff gerechnet werden muesse.

Senats aufgefordert,
Punkt-Vier-Programm
da der Ausschuss dazerstoere, in dem

"Unseres Erachtens ist es im Interesse einer erfolgreichen
Aussenpolitik, zu der auch die Entwicklung in Korea gehoert, notwendig, die Geldmittel in voller Hohe zu bewilligen," heisst es in
einem Telegramm des CIO an den Vorsitzenden des Bewilligungsausschusses des Senats Kenneth McKeXXar.
Das Telegramm ist von dem Vorsitzenden des Internationalen
Komitees des CIO Jacob S. Potofsky und von Nathan Cowan, dem Direktor der Rechtsabteilung d'es CIO, unterzeichnet.
In seiner Stellungnahme zu den Handlungen des Bewilligungsausschusses erklaerte Potofsky:
"Die angekuendigte Kuerzung der Mittel fuer das Punkt-VierProgramm um 35 auf 10 Millionen ist ein typischer Fall 'einer voellig falschen Wirtschaftspolitik'.
"Keine amerikanische Gemeinde wuerde jemals "sparen", indem
sie ihre Feuerwehr aufloest - besonders wenn in einer Entfernung
von zwei Meilen ein Waldbrand ausgeborchen ist.
"Die Mitglieder des Bewilligungsausschusses des Senats koennen offenbar nicht begreifen, dass in ganz Asien ein ideologischer
und militaerischer Brand wuetet; es besteht die Gefahr, dass er
sich in den kommenden Monaten noch staerker ausbreitet.
"In vielen Teilen Asiens, Afrikas und Suedamerikas stallt das
Punkt-Vier-Programm eine erste Linie zur Verteidigung der demokratischen Lebensform dar. Hungrige, ausgebeutete Menschen koennen
und werden keine zuverlaessigen Verbuendeten in der Verteidigung
gegen totalitaere Aggressionen sein.
"Durch technische und humanitaere Projekte unseres Punkt-VierProgramms haben wir Millionen Menschen ein neues demokratisches Lebensziel gesetzt, ein Ziel, das auch uns in den kommenden Jahren
Nutzen bringen wird.
"Verbesserungen in der Landwirtschaft, Einfuehrung neuer technischer Methoden der industriellen Produktion, Massnahmen zum Schlitze
der Gesundheit - all dies sind wichtige Exportgueter unserer amerikanischen Demokratie. Wir haben die moralische Verpflichtung und
die politische Verantwortung, den Voelkern in rueckstaendigen Gebieten zu helfen, ihren Lebensstandard und ihre Lebensweise zu verbessern.
"Die gedankenlose und mutwillige Zerstoerung dieses Prograiums
durch unnuetze und falsche Sparmassnahmen kann nur dazu dienen,
die Sache der amerikanischen Demokratie zu schaedigen und der kommunistischen Infiltration und Aggression neue Wege zu eroeffnen.
"Im Namen von Millionen Mitgliedern des sCI0 richte ich an den
Senat die Forderung, so schnell wie moeglich diese verheerende Art
indirekter Hilfe fuer den Kreml einzustellen und die von Praesident
Truman angeforderten Mittel fuer das Punkt-Vier-Programm zu bewilligen, um den Mindestbedarf dieses Programms decken zu koennen."
- 16 -

HICOG R - l ^ l L H

Sectember 50 2 H

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 26

'

Frankfurt, 1. September 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Botschaften an die amerikanischen Gewerkschaften
zum Tag der Arbeit 1950 - - - - - - - - - - - 1
Hollaendische Gewerkschaften gegen kommunistische
Zweckstreiks - - - - - - - - - - - - - - - - 8
Rundfunksendung einer US-Gewerkschaft zum Tag
der Arbeit
- - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 1
Green und lSsany zum amerikanischen Verteidigungsprogramm
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 2
Der Generalsekretaer des Internationalen Bundes
Freier Gewerkschaften, J. H. Oldenbroek, zum
Tag der Arbeit an die amerikanischen Gewerkschaften - - - - - - - - - - —
---- ---15
Eiler Jensen, Vorsitzender der daenischen Gewerkschaften zum Tag der Arbeit - - - - - - - - - - 1 6

BOTSCHAFTEN AN DIE AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN ZUM TAG DER ARBEIT

T93ö~
!,feurice J. Tobln, Arbeitsminister der Vereinigten Staaten:
Der Tag der Arbeit hat im Jahre 1950 eine besondere Bedeutung.
Er wird zu einer Zeit gefeiert, in der die Vereinigten Staaten den
Fehdehandsohuh des Totalitarismus angenommen haben und das Volk von
Sued-Korea und alle anderen Voelker, die von der kommunistischen
Aggression bedroht sind, verteidigen. Die Gewerkschaftsbewegung
hat sich mit ganzer Seele und mit aller Macht in diesen Kampf geworfen.
Die Gewerkschaftsbewegung ist frei und kann nur in einer Demokratie frei sein. Die amerikanischen Gewerkschaften sind sich bewusst, dass die Arbeiter in kommunistisch beherrschten Laendern nicht
frei sein koennen. Die freien Arbeiter wissen, dass sie es sich
selbst und ihren unterdrueckten Bruedem in den totalitaeren Laendern
schuldig sind, sich rueckhaltlos fuer den Kampf zur Sicherung der
Freiheit der Arbeiterschaft in allen Teilen der Welt zusammenzuschliessen.
- 1 -

�Die Amerikaner lieben den Frieden. Sie haben einen Geist internationaler Kameradschaft an den Tag gelegt, wie er nicht fuer
moeglich gehalten worden waere. Unsere Handlungen haben den Geknechteten und Unterdrueckten anderer Laender Hilfe und Hoffnung
gebracht. Wir sind damit zu Beschuetzern hilfloser Maenner und
Frauen auf der ganzen Welt geworden.
Wir lieben keine Verfolgungen und keine Tyrannei. Wir haben
uns schon vor vielen Jahren von jeder Unterdrueckung frei gemacht.
Wir"achten die Rechte eines freiheitsliebenden Volkes, Wir haben
niemals gezoegert, anderen zu den gleichen Rechten zu verhelfen.
Deshalb sind wir Sued-Korea zu Hilfe gekommen. Wir haben feierlich gelobt, ein Land, dessen Unabhaengigkeit von den Vereinigten Staaten anerkannt wurde, schuetzen zu helfen.
Die Vereinigten Staaten haben sich fuer die Erhaltung der Freiheit und des Friedens den unterdrueckten Menschen der Welt zur Verfuegung gestellt. Die Gewerkschaften haben ihre eigene grosse
Rolle in diesem Kampf zu spielen, der den Menschen die segensreichen Gaben der Demokratie sichern soll.
In dem Jahre, in dem sich der Geburtstag Samuel Gompers, der
sein Leben der Verteidigung der Rechte aller Arbeiter der Welt gewidmet hat, zum hundertsten Male jaehrt, strebt die Gewerkschaftsbewegung diesem grossen Ziele zu. Die Gewerkschaftsfuehrer von
heute haben das gleiche Ziel vor Augen. Die Gewerkschaftsbewegung,
die soviel Ungerechtigkeit und Elend kennen lernte, ist nicht nur
um ihrer selbst willen, sondern auch zum Schutze anderer auf der
Hut, die der brutalen Anmassung des Kommunismus in dieser ungluecklichen Welt ausgesetzt sind.
Mit allen, die Freiheit und Recht lieben, kaempfen die Gewerkschaften gegen die kommunistische Aggression, wann und wo sie auch
immer ihr abscheuliches Haupt erheben mag.
William Green, der Vorsitzende der AFL;
Der Tag der Arbeit dieses Jahres sieht die amerikanische Nation wieder vor schwere Aufgaben gestellt. Die Aggression des internationalen Kommunismus zwingt sie, durch ein umfassendes Verteidigungsprogramm die freien Nationen der Welt und die eigene vor
einem Ueberfall zu schuetzen. Wenn wir uns die schwierigen Probleme vor Augön halten, denen wir gegenueberstehen, kommen wir unwillkuerlich zu der Schlussfolgerung, dass die Erhaltung des Weltfriedens von ueberragender Bedeutung ist. Bei der Haltung, die
der Kreml einnimmt, besteht die einzige Garantie des Friedens darin,
dass wir auf eine "ueberlegene bewaffnete Streitmacht zaehlen koennen. Damit muss unsere nationale Wirtschaft aufs neue mit hoeheren
Steuern und wirtschaftlichen Kontrollen dieser kritischen Situation
ang3passt und dem riesigen und kostspieligen Verteidigungsprogramm
der Vorrang gegeben werden.
Soweit es sich um die organisierte Gewerkschaftsbewegung handelt, betrachten wir den Krieg als den groessten Feind der Menschheit, und keine Kosten werden uns zu hoch sein, wenn sie einen dritten Weltkrieg verhindern koennen.
Noch mehr als den Krieg hassen wir die Unterdrueckung. Die
Gewerkschaftsbewegung ist entschlossen, alles zu tun, um die Welt
davor zu bewahren, von der kommunistischen Aggression, der kommunistischen Sklaverei und der kommunistischen Zerstoerung ueberrannt
zu werden.

�Der amerikanische Gewerkschaftsbund AFL hat von Anfang an in
Sowjetrussland den Feind der freien und wirklichen Zivilisation gesehen. Er hat wieder und wieder vor der kommunistischen Aggression
gewarnt. Wir wiederholten staendig unsere Warnungen. Nicht nur
in unserem eigenen Lande, sondern auch in Suedamerika, Europa.und
Asien kaempften wir Jahr um Jahr gegen alle Versuche der Kommunisten, die Arbeiter der Welt zu unterjochen.
Endlich wird nun der kommunistische Verrat und die Gefahr der
kommunistischen Bedrohung in ihrem vollen Umfang allen Amerikanern
und allen freiheits- und friedensliebenden Menschen offenbar.
Trotz der Tragik, die in der koreanischen Invasion liegt, koennen wir fuer die Warnung dankbar sein, die damit an uns gerichtet
wurde, und die uns daran erinnert, was noch bevorstehen kann. Sie
bietet uns eine Gelegenheit, uns auf das vorzubereiten, was Sowjetrussland oder seine Satelliten noch im Schilde fuehren moegen.
Nun muessen alle Amerikaner mehr denn je gemeinsam denken, dienen und handeln. Ausserdem muessen wir die Menschen aller heute
noch freien Nationen dazu auffordern, uns zu helfen und mit uns in
vollendeter Zusammenarbeit zu handeln. In dem Weltkampf um die
Erhaltung des Friedens und der Demokratie be.noetigen wir jede verfuegbare Hilfe und die moralische Unterstuetzung derjenigen, die
wie wir an Gottes Gerechtigkeit glauben.
Amerikas groesste Staerke in dieser kritischen Zeit ist die
aufrechte Gesinnung seiner Arbeiter. Diese Gesinnung wiederum
haengt von der Freiheit der amerikanischen Arbeiter ab. Im vorigen
Krieg haben die freien amerikanischen Arbeiter durchaus bewiesen,
das3 sie die versklavten Arbeiter unserer Feinde in der Produktionsleistung weit uebertreffen konnten. Sie werden bei jeder kommenden
Gelegenheit diese Tatsache erneut unter Beweis stellen, vorausgesetzt, dass ihnen ihre Freiheit erhalten bleibt.
Bekanntlich gibt es in der amerikanischen Verfassunr ein Gesetz, das die Freiheit der amerikanischen Arbeiter untergraebt.
Die Arbeiter unseres Landes werden sich niemals mit den Freiheitsbeschraenkungen einverstanden erklaeren, die ihnen das Taft-Hartley
Gesetz auferlegt. Dieses schaendliche Gesetz ist ein maechtiges
PropagandaWerkzeug in den Haenden der Kommunisten. In ihren Propagandabotschaften an die Arbeiter in anderen Laendern weisen sie auf
dieses Gesetz hin und bezeichnen es als einen Beweis fuer die Unwahrheit der amerikanischen Behauptung, allen Buergern die gleiche
Behandlung zuzusichern.
Ich bin der Auffassung, dass die Abschaffung des Taft-Hartley
Gesetzes in unserem nationalen Verteidigungsprogramm die erste Stelle einnehmen muss. Dies wuerde den Arbeitern unseres Landes neuen
Mut geben und sie wie keine andere Massnahme anspornen, die ungeheuer grosse Aufgabe, die ihnen bevorsteht, in Angriff zu nehmen.
Ich kann mit voller Üeberzeugung aussprechen, dass die ^roduktionsschlacht im voraus zur Haelfte gewonnen waere, wenn der Kongress
jetzt das Taft-Hartley Gesetz rueckgaengig machen und es durch ein
gerechtes Gesetz ersetzen wuerde, unter dem Arbeiterschaft und Unternehmer ihre schweren Aufgaben zur Verteidigung des Landes ohne
Furcht vor einer Benachteiligung oder einseitigen Behandlung seitens der Regierung erfuellen koennen.
Die Grosskapitalisten und ihre maechtigen Verbuendeten im 81.
Kongress werden jedoch nicht freiwillig ihre Taft-Hartley Gemeinschaft zugunsten der Arbeiter aufgeben. Unsere Gewerkschaftsbewegung
- 3-

�hat deshalb die Pflicht, den Kampf zur Beseitigung dieses Gesetzes
mit verdoppelter Energie bis zu unserem Siege weiterzufuehren.
Wir koennen diesen Kampf gewinnen, wenn die arbeitenden Maenner und Frauen Amerikas und ihre wahlberechtigten Familienmitglieder
und Freunde bei den Kongresswahlen im November ihre Stimme abgeben.
Wenn die Wahlbeteiligung der Arbeiter hundertprozentig ist, wird
es keine Schwierigkeiten bereiten, das Taft-Hartley-Gesetz zu beseitigen, und damit waere der Sieg ueber zahlreiche Reaktionaere und
die Wahl eines wahrhaft demokratischen 82. Kongresses gesichert.
Die Arbeiter schliessen sich enger zusammen, um dieses Ziel zu
erreichen und das Verteidigungsprogramm erfolgreich durchfuehren zu
koennen.
Zum erstenmal in den letzten 15 Jahren versprechen die Verhandlungen ueber die Einigung der AFL und des CIO Erfolg. Hoffen wir,
dass in dem kommenden Jahr eine einzige, vereinigte Gewerkschaftsbewegung in Amerika zusammengeschmiedet wird, die mit neuer Staerke
und groesserer Macht, die dem Zusammenschluss fuer die gemeinsame
und grosse Sache entspringt, die Rechte der Arbeiter wahren und die
Demokratie erfolgreich verteidigen kann.
Vincent Tewson, Generalsekretaer des Britischen Gewerkschaftsbundes
(TUC):
Der Tag der Arbeit in Amerika faellt in diesem Jahre in eine
Zeit schwerer internationaler Krisen. Im Namen der organisierten
Arbeiter Grossbritanniens versichere ich unseren Gewerkschaftskolle?en in Amerika, dass in dieser Krise ihre Sache die unsrige ist.
Es ist die Sache der Vereinten Nationen, die wir alle als ein Mittel
zur Erhaltung der Ordnung und des Gesetzes auf der ganzen Welt unterstuetzen.
Im Kriege standen wir Schulter an Schulter, wir brachten gemeinsam unzaehlige Opfer. Der kalte Krieg fand uns ebenfalls Seite
an Seite, und wieder stehen wir zusammen, um unsere Kraefte zu mobilisieren, damit wir der Aggression begegnen koennen.
Von Eurer Seite aus darf nicht uebersehen werden, dass es dem
Marshall-Plan zu verdanken ist, wenn wir heu'te mit Euch als Partner
in den Vereinten Nationen kaempfen und unserem Wollen Nachdruck
verleihen. Urteilt selbst, wie weit es den europaeischen Nationen
ohne diese Wiedergesundung moeglich gewesen waere, ihre Solidaritaet
in der Un'terstuetzung der von den Vereinten Nationen in Korea unternommenen Schritte zu demonstrieren. Wenn das Europaeische Wiederaufbauprogramm nicht so weit vorangetrieben waere, wuerde die Zukunft
fuer uns alle weit aussichtsloser sein.
Im Verlauf dieses Jahres ist viel getan worden, um die Freundschaft und Zusammenarbeit der amerikanischen und britischen Gewerkschaftsbewegungen zu foerdern. Seitdem ich im vorigen Jahre am Tag
der Arbeit zu Euch sprach, sind unsere gemeinsamen Bemuehungen, eine
wirksame internationale freie GewerkschaftsOrganisation der Welt zu
gruenden, von Erfolg gekroent worden.
Unser Internationaler Bund Freier Gewerkschaften unterstuetzt
aktiv den Kampf der freien Voelker der '.Veit zur Erhaltung ihrer Freiheit. In dieser harten Auseinandersetzung der Ideen, die alle Formen bewaffneter Konflikte uebertrifft, teilen wir die Auffassung
unserer Gewerkschaftskollegen in den Vereinigten Staaten, dass Wahrheit und Gerechtigkeit bestehen wird, wie lange dieser Kampf auch
dauern mag, und selbst wenn dieser Krieg keine Loesung schafft.

�An Eurem Tag der Arbeit sind unsere Gedanken mit Euch. Fuer
uns sowohl als auch fuer Euch ist es ein Tag, der neuen und dringenden Aufgaben gewidmet ist und der die kameradschaftliche Verbundenheit erneuern soll, die uns in unserer Hoffnung und unserem Glauben,
dass eine bessere und gluecklichere Welt aufgebaut werden muss und
aufgebaut werden wird.
Karl Malsel, Praesident der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft
Oesterreichs: "
Ich freue mich, im Namen der Metall- und Bergarbeitergewerkschaft Oesterreichs den amerikanischen Arbeitern die allerbesten
Gruesse und Wuensche zum Tag der Arbeit uebermitteln zu koennen.
Wir wissen die grossen Erfolge der drei amerikanischen Metellarbeitergewerkschaften und der Bergarbeitergewerkschaft zu schaetzen.
Wir Berg- und Metallarbeiter-Oesterreichs wissen, wie schwer es
war, diese Ziele zu erreichen.
Die letzten erfolgreichen Kaempfe der Berg- und Automobilarbeiter haben uns erneut die Macht der amerikanischen Gewerkschaften vor
Augen gefuehrt. Der hohe Lebensstandard amerikanischer Arbeiter ist
der beste Beweis fuer ihren Kampfgeist. Ihr seid die Garanten der
demokratischen Freiheit in Eurem eigenen Lande und ein Verbuendeter
in dem Freiheitskampf der ganzen Welt.
Ich gruesse herzlichst alle amerikanischen Arbeiter und hoffe,
dass sie durch ihre Gewerkschaften weitere Fortschritte erzielen
werden.
Fotis Makris, Sekretaer des Allgemeinen Gewerkschaftebundes Griechenlands :
Heute, wie im vorigen Jahre, nimmt die Arbeiterschaft Griechenlands, vertreten in ihrer obersten Gewerkschaftsorganisation, mit
ganzen Herzen an der Feier des Tages der Arbeit ihrer Brueder in
den Vereinigten Staaten teil.
Die vergangenen Jahre haben dazu beigetragen, die engen Bande,
die die Arbeiterschaft unserer beiden befreundeten und verbuendeten
Nationen umschliessen, weiter zu staerken. Die beiden freien Gewerkschaftsbewegungen sind sich im letzten Jahre durch ihre Teilnahme an der Gruendung des IBFG naehergekonmen, der Organisation,
auf die die Blicke aller freien Arbeiter der Welt gerichtet sind,
die sich in ihrem Kampf um Brot, Freiheit und Frieden vereinigt
haben.
In diesem Jahre haben es die Arbeiter der Vereinigten Staaten,
getreu den Grundsaetzen der Atlantik Charta und der Unabhaengigkeitserklaerung und getreu den Grundsaetzen des IBFG, unternommen,
die Freiheit und Demokratie der Welt mit ihrem Blute zu verteidigen.
Sie kaempfen in heroischer Weise im Namen der Vereinten Nationen,
um die neue brutale Aggression abzuwehren, die die roten Faschisten
angezettelt haben.
Die gesamte amerikanische Nation steht bereit. Die Fabriken
arbeiten intensiv, um Waffen der Freiheit zu produzieren, die es
den demokratischen Voelkern ermoeglichen werden, ihre Unabheengigkeit gegen die Bedrohung brutaler Gewalt zu verteidigen.
Die Arbeiter Griechenlands, die noch bis vor kurzen ihr Blut
fuer das gleiche hohe Ziel hingaben, und die noch immer den gleichen
- 5-

�verraeterischen und verbrecherischen Feind gegenueberstehen, verfolgen mit Bewunderung und Stolz die Beschluesse ihrer tanferen
Brueder in den Vereinigten Staaten. Sie uebermitteln ihnen durch
mich an diesem Tag der Arbeit ihre herzlichsten, bruederlichen
Gruesse.
Glarence Hunter, Leiter der SCA-Mission fuer Holland:
Als Leiter der SCA-Mission in Holland moechte ich Euch, amerikanische Arbeiter, die Gruesse Hollands zum Tag der Arbeit uebermitteln und Euch einige Worte ueber einen Eurer wertvollsten Verwendeten, die hollaendische Gewerkschaftsbewegung, sagen. Die
demokratische Gewerkschaftsbewegung Hollands wird von einer Million
Mitglieder getragen. Ihre Fuehrung ist eine der dynamischsten
und fortschrittlichsten in Westeuropa, die standhaft an der Verwirklichung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ziele des
Marshall-Plans mitarbeitet.
•

In gemeinsamem Streben nach Frieden ist die hollaendische Gewerkschaftsbewegung mit dem amerikanischen Volke eng verbunden.
Die N W , die sozialistische Gewerkschaft Hollands, vertritt 40% der
gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Hollands. Sie hat gerade
eine Reihe von Massenkundgebungen in ganz Holland abgehalten, um
gegen die kommunistische Aggression in Korea zu protestieren und
die freie arbeitende Menschheit der ganzen Welt zur Unterstuetzung
der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen im Fernen Osten
zusammenzuschliessen. Als erste der groesseren europaeischen Gewerkschaften hat sie die Entscheidung des Sicherheitsrates in Korea
gebilligt.
Die Funktionaere der hollaendischen Gewerkschaften und die
Bereitwilligkeit der Arbeiterschaft Hollands, die wirtschaftliche
Vereinigung und die europaeische Zahlungsunion zu foerdern, lassen
mich auf eine Zukunft hoffen, in der die amerikanischen und hollaendischen Arbeiter geraeinsam an der Erringung anstaendiger Lebensverhaeltnisse in einer friedlichen Welt arbeiten werden, die jenes Ungeheuer nicht mehr kennt, das sie heute bedroht.
Paul G. Hoffman. Administrator der Verwaltung fuer Y.'irtschaftliche
Zusammenarbeit (SCA):
Am Tag der Arbeit gruesse ich die amerikanischen Gewerkschaften
und die freien Gewerkschafter Europas. Die zunehmende internationale
Zusammenarbeit der freien Gewerkschafter der Welt ist ein ermutigendes Zeichen in dieser unruhigen Zeit. Ich bin der Auffassung, dass
diese internationale Zusammenarbeit, die besonders in der Gruendung
des IBFG zum Ausdruck kommt, unseren Kampf gegen die kommunistische
Aggression in den kommenden Jahren in zunehmendem Masse unterstuetzen
.vird. Ich moechte bei dieser Gelegenheit meine hohe Anerkennung zum
Ausdruck bringen, die ich der hervorragenden Zusammenarbeit am Marshall-Plan seitens der amerikanischen und nicht-kommunistischen Gewerkschaf tsbevvegungen Europas zolle; denn vieles, was wir erreicht
haben, waere ohne diese Hilfe unmoeglich gewesen.
Philipp Murray, Vorsitzender des CIO:
Am Tag der Arbeit 1950 sind die amerikanischen Arbeiter entschlossen, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um die Kraefte
der Demokratie in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt
zu staerken. Wir sind uns darueber im klaren, dass die kommunistische Aggression in Korea oder anderswo gestoppt werden muss. Wir
sind aber ebenso entschlossen, Armut und wirtschaftliche Unsicher- 6-

�heit, jene Agenten der fuenften Kolonne des Kommunismus, zu beseitigen.
Der CIO wird in dem kommenden Jahre fortfahren, den IBFG und
die demokratischen Gewerkschaftsorganisationen in jedem Lande mit
allen Mitteln zu unterstuetzen. Durch internationale Zusammenarbeit der Gewerkschaften und durch die Fortsetzung konstruktiver
Wirtschaftsprogramme, wie das Europaeische Wiederaufbauprogramm
und das Punkt-Vier-Projekt, wird die amerikanische Gewerkschaftsbewegung dazu beitragen, die Kraefte des Gewerkschaftswesens und der
Demokratie ueberall in der freien Welt zu staerken.
Das ist unser Versprechen und unser Ziel.
A. F. Lyon, geschaeftsfuehrender Finanzsekretaer des Bundes der
Eisenbahnergewerkschaft:
Anlaesslich des Tages der Arbeit in Amerika, am 4. September,
uebermitteln die Eisenbahnergewerkschaften der Vereinigten Staaten
allen Mitgliedern der freien und demokratischen Gewerkschaften
Westeuropas ihre bruederlichen Gruesse und besten Wuensche. Wir
bringen die Hoffnung und die Ueberzeugung zum Ausdruck, dass die
Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstuetzung durch den IBFG und
den internationalen Transportarbeiterverband fortgesetzt und gesteigert wird.
A. L. Hayes, Praesident de3 Internationalen Metallarbeiterverbandes:
Der Tag der Arbeit in den Vereinigten Staaten ist ein Beweis
dafuer, dass Gewerkschaftswesen mehr bedeutet als hoehere Loehne
und kuerzere Arbeitszeit. Es ist die Wuerde unserer Arbeit, die
Achtung vor unserem Koennen und die gerechte Behandlung des Arbeiters, die an diesem Tage gewuerdigt wird.
Aufrechte Gewerkschaften, die nicht von einer Regierung bevormundet werden, koennen nicht unter einer Diktatur gedeihen, ob sie
sich nun nazistisch oder kommunistisch nennt* Aus diesem Grunde
haben wir unserer Regierung unsere volle Unterstuetzung zu Kause,
am Arbeitsplatz und auf dem Schlachtfeld zugesagt.
Praesident Truman hat die Vorgaenge in Korea als einen Kampf
um eine Welt bezeichnet, in der alle Menschen in Frieden und Freiheit unter sich staendig verbessernden Lebensbedingungen und unter
selbstgewaehlten Regierungen leben koennen.
Darum kaempfen wir Gewerkschafter.
Konrad Nordahl, Vorsitzender des norwegischen Gewerkschaftsbundes:
Am Tag der Arbeit gruesse ich die amerikanischen Arbeiter. Die
gemeinsamen Ziele der Gewerkschaften haben stets gemeinsame Bande
geschaffen, und besonders im letzten Jahr sind diese Bande zwischen
der amerikanischen und der norwegischen Gewerkschaftsbewegung immer
enger geknuepft worden. Diese Beziehungen haben ihren Niederschlag
in einer engen internationalen gewerkschaftlichen Zusammenarbeit gefunden, deren organisatorischen Hoehepunkt der Internationale Bund
Freier Gewerkschaften bildet. Wir Gewerkschafter Norwegens anerkennen und schaetzen die Unterstuetzung des Marshall-Plans durch die
amerikanischen Arbeiter; wir sehen in diesem Plan ein Mittel zum
Wiederaufbau Norwegens und Europas. Der Wiederaufbau ist in unseren
- 7-

�Augen fuer Frieden und Sicherheit von
ausschlaggebender Bedeutung. Wir haben
zusammen mit den amerikanischen Gewerkschaften durch unsere Regierungen den
Atlantik-Pakt als ein Mittel zur Erhaltung unserer Sicherheit als demokratische Nation nachdruecklich unterstuetzt.
In der gegenwaertigen Weltkrise,
die sich in den Vorgaengen in Korea abspiegelt, stehen wir an ihrer Seite zur
Unterstuetzung der Vereinten Nationen,
die die kleinen Nationen gegen Angriffe von aussen verteidigen. Wir sind
der Auffassung, dass mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau die Schaffung und
Erhaltung einer freien Gesellschaftsordnung Hand in Hand gehen muss, in der
freie Gewerkschaften in demokratischer
Weise die Arbeiter in ihrer Forderung,
diese Probleme zu loesen, vertreten
koennen.
In dieser Botschaft an die amerikanische Gewerkschaftsbewegung moechte
ich zum Ausdruck bringen, dass die norwegische Gewerkschaftsbewegung zusammen mit den amerikanischen Gewerkschaften entschlossen fuer den Aufbau
einer freien Welt sich einsetzt, in
der Sicherheit und Freiheit grundlegende und wesentliche Faktoren sind.
Durch unsere internationale Zusammenarbeit und die verschiedenen Organisationen unserer Regierungen, in denen wir
eine aktive Rolle spielen, koennen wir
in gegenseitiger Zusammenarbeit zur
Erreichung dieses Zieles beitragen.
HQLLAENDISCHE GEWERKSCHAFTEN GEGEN KCdk
MÜNISTISCHE ZWECKSTREIKS
Der hollaendische sozialistische
Gewerkschaftsbund, in dem 40$ der Arbeiter Hollands organisiert sind, fasste
die folgende Resolution gegen den Kommunismus, die auf sieben Massenkundgebungei
zur Diskussion stehen wird, die Anfang
September abgehalten werden. Die Resolution lautet:
Die grosse Mehrheit des hollaendischen Volkes lehnt, wie alle anderen
demokratischen Voelker, Krieg und Militarismus ab. Die kommunistische Beschuldigungen, dass die demokratischen
Voelker aggressive Absichten gegen den
Sowjetblock hegten, muss deshalb als
falsch und aufwieglerisch zurueckgewiesen werden. Das Vorhandensein starker
Gewerkschaftsbewegungen und sozialistischer Parteien in einer freien demokratischen Welt muesste einer wirklich sozialistischen Regierung in Sowjtetrusslam
- 8-

�eine ausreichende Garantie dafuer sein,
dass sie keinen bewaffneten Angriff
zu befuerchten haben.
Den Kampf, den der hollaendische
Gewerksohaftsverband mit aller Macht
sowohl auf nationaler als auch auf
internationaler Ebene gegen die kommunistische Weltanschauung, die sich
der Diktatur und Unterdrueckung bedient, zu fuehren beabsichtigt, muss
und wird mit moralischen Waffen gefuehrt werden.
Dieser Kampf kann nur erfolgreich zu Ende gefuehrt werden, wenn
es der nichtkommunistischen Welt gelingt, eine soziale Wirtschaftsordnung zustande zu bringen, die sich
auf Freiheit und soziale Gerechtigkeit stuetzt.

Paul Flnet
Vorsitzender des Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes

Der von den zahlenmaessig ueberlegenen Kraeffien der Nordkoreaner,
die von Sowjetrussland ausgeruestet
und ausgebildet sind, vom Zaun gebrochene Angriff gegen die Republik
Korea zeigt, dass die kommunistischen und insbesondere die russischen Diktatoren den Kampf der sich
widerstrebenden Weltanschauungen mit
Waffengewalt fuehren wollen.
Die Gewerkschaftsbewegung hat
sich verpflichtet, nicht nur Frieden,
sondern auch Freiheit, Demokratie
und nationale Unabhaengigkeit anzustreben.
Die Erfahrung der sogenannten
Muenchener Politik in den Dreissiger Jahren hat gezeigt, dass der
Friede nicht gesichert werden kann,
wenn man sich mit einer Aggression
abfindet, sondern dass diese Politik die Aggressionsgefahr sogar noch
vergroessert. Nur ein System kollektiver Sicherheit, bietet eine
Moeglichkeit zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit.
Jede Nation, deren Existenz durch
eine Aggression bedroht ist, hat Anspruch auf die Unterstuetzung und
Hilfe aller friedliebenden Voelker.
Indem diese Voelker ihre Hilfe anbieten, erklaeren sie sich in keiner
Weise mit dem politischen oder sozialen Wirtschaftssystem solidarisch,
das in den angegriffenen Laendern
tonangebend war.
Der niederlaendische Gewerkschaftsbund billigt deshalb die Beschluesse des Sicherheitsrates der
- 9-

J . H. Oldenbroek
Generalsekreteer des I.F.G.B.

Irving Brown
Europa-Vertreter der CIO,
der amerikanischen Industriegewerkschaften

�Vereinten Nationen und die militaerische und sonstige Unterstuetzung,
die der angegriffenen Republik Korea geleistet wird.
Ein neuer Weltkrieg;kann nur verhindert werden, wenn die durch
den Angriff der Nordkoreaner hervorgerufene Provokation, die von
den russischen Herrschern stillschweigend oder ausdruecklich gebilligt wird, auf die feste Entschlossenheit der friedens- und freiheitsliebenden Voelker trifft, Widerstand zu leisten und die groessten Opfer zu bringen.
Den Bemuehungen des hollaendischen Gewerkschaftsbundes, die
von den Kommunisten gefuehrten Streiks in Holland durch Anwendung
des Boykotts und schwarzer Listen derjenigen Arbeiter, die sich weigern, an ihren Arbeitsplatz zurueckzukehren,zu verhindern, wurde
am Samstagabend in einer Rundfunkansprache des Premierministers
Dr. Willem Drees Nachdruck verliehen. In einem Rueckblick auf die
Erfolge der letzten fuenf Jahre, in denen industrieller Friede
herrschte, zu dem die hollaendischen Gewerkschaften, Unternehmer
und Regierung beigetragen haben, erklaerte Dr. Drees, dass die Kommunisten mit diesen Streiks versuchten, diese Harmonie zu stoeren,
die ihnen ein Dorn im Auge sei. Dr. Drees beschuldigt den Kommunismus, versucht zu haben, das wirtschaftliche Leben Hollands fuer ihre
eigenen Zwecke zu stoeren, genau so wie sie es in anderen europaeischen Laendern getan haetten. Er erklaerte, dass ihnen jedes Mittel
recht sei, um Holland zu ihrem eigenen Nutzen zu ruinieren.
Die Regierung wird alles tun, was in ihrer Macht steht, um den
Schaden zu beheben, den die Streiks in unserem Wirtschaftsleben angerichtet haben. Sie wird jedoch nicht von ihrer Forderung abweichen, dass die Arbeitsbedingungen in Verhandlungen mit den anerkannten Gewerkschaften geregelt werden muessen. Weder mit der kommunistischen Gewerkschaft EVG, noch mit dem sogenannten "Aktionskomitee'',
hinter dem sich diese Gewerkschaft verbirgt, werden Verhandlungen
gefuehrt werden. Ob sich diese inoffiziellen Streiks ausbreiten
werden oder nicht, ob sie von langer oder nur von kurzer Dauer sein
werden, das wird in keiner Weise die Haltung der Regierung beeinflussen.
Dr. Drees erklaerte unumwunden, dass der Staat Amsterdam nicht
mehr mit Baumaterialien beliefern wuerde, wenn der Bauarbeiterstreik
dort fortgesetzt wuerde. Er wies auf den Schaden hin, der dem Handel von Amsterdam und Rotterdam durch die dortigen Schiffahrtstreiks
zugefuegt wurde. Er forderte die Arbeiter auf, zu ihren Arbeits^laetzen* in dieser Woche zurueckzukehren und sagte, dass sie mit aller
Macht gegen Bedrohungen und Terror geschuetzt wuerden. In den totalitaeren Laendern, die die Kommunisten "Volksdemokratie" zu nennen
pflegten, sei jeder Streik ein strafbares Verbrechen, fuer das jeder
Arbeiter unweigerlich mit Konzentrationslager bestraft wuerde.
Hunter, der Leiter der ECA-Mission, beglueckwuenschte Drees telefonisch zu seiner Rede. Die kommunistische Gewerkschaft EVC hatte
bekanntlich gefordert, dass der kommunistisch beherrschte Y.'eltgewerkschaftsbund alle hollaendischen Schiffe boykottiere.
.Heute wird berichtet, dass 2500 Dockarbeiter in Rotterdam unter Polizeischutz ihre Arbeit wieder aufgenommen haben, und dass
der dortige Streik als gebrochen angesehen werden kann. Ueber
den Abbruch anderer Streiks wird noch verhandelt.
Fernschreiben Paris
VIII/24/50
- 10 -

�RUNDFUNKSENDUNG EINER US GEWERKSCHAFT ZUM TAG DER ARBEIT
Am Tag der Arbeit 1950 wird ein dramatisches Hoerspiel ueber
den amerikanischen Rundfunk gesendet, das den Aufbau und die Entwicklung einer amerikanischen Gewerkschaft, des Internationalen Metallarbeiterverbandes, schildert. Diese Veranstaltung ist voellig neu
in der Geschichte tfe3 Rundfunks. Der Keld dieses Hoerspiels ist
ein Metallarbeiter frueherer Zeiten, genannt- "Booner Jones", der
Tausende tapferer Maenner verkoerpert, die gelitten und Opfer gebracht haben, um diese Gewerkschaft aufbauen zu koennen.
Eine Reihe bekanntester Hollywood Stars haben ihre Zeit und
ihr Talent zur Verfuegung gestellt, damit allen Amerikanern vor
Augen gefuehrt werden kann, in welchem Masse Maschinisten und Mechaniker gekaempft haben, um eine Gewerkschaft, die das Recht der Tarifverhandlung besitzt, gruenden zu koennen. Zu den Filmstars dieses
Hoerspiels, - die uebrigens selbst alle Gewerkschaftsmitglieder sind gehoeren Brian Donlevy, der aus mehr als 60 Filmen bekannt ist, wie
z.B. "Wake Island", "The Big Haireut", "Command Decision", "Impact"
und viele andere. Beteiligt ist weiter William Holden, der sich in
"Golden Boy" einen Namen machte und in "Our Town", "Arizona", "The
Fleet's In" und "Born Yesterday" als Hauptdarsteller mitwirkte.
Schliesslich sei Marie McDonald genannt, die u.a. in den Filmen
"Guest in the House," "Getting Gertie's Garter" und "Kit Parade of
1951" die HauDtrolle spielte.
Direktor Mel Ferrer hat bereits Rundfunkprogramme wie "The Hit
Parade", "Mr. District Attorney" und "The Hildegarde Show" geleitet.
Er ist Filmdirektor und selbst Filmschauspieler. In dem Film "The
Brave Bulls", der in Kuerze erscheinen wird, spielt er die Hauptrolle.
Die Musik fuer diese Sendung des Metallarbeiterverbandes wurde
von David Raskin, einem der besten aus Hollywood, komponiert und
dirigiert. Seiner Feder entstammt die musikalische Gestaltung der
Filme "Laura", "The Secret Life of Walter Mitty" und vielen anderen
mehr.
Verfasst wurde "Boomer Jones" von Morton Wishengrad, einem der
ersten Rundfunkdramatiker Amerikas. Er war massgeblich an den Texten fuer "Cavalcade of America", "Words at War", "They Call Me Joe"
und ""\'e Came this Way" beteiligt. Er stellt ausserdem das Sonntagsprogramm das NBC "The Eternal Light" zusammen. Er gewann mit
"Communist-US Brand" 1948 den ersten Preis fuer Rundfunkverfasser.
Produzent Morris Novik hat sich seit langem dafuer eingesetzt,
dass die Gewerkschaften einen regeren Gebrauch der Rundfunkmoeglichkeiten machen. Novik ist Rundfunkberater der AFL, der gewerkschaftlichen Vereinigung fuer politische Erziehung, der internationalen
Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft und der Automobilarbeitergewerkschaft (CIO).
Drei grosse Gewerkschaften auf dem Gebiet der Unterhaltung,
naemlich die Schauspielergewerkschaft, der amerikanische Verband der
Kuenstler des Rundfunks und die Musiker haben ihre volle Unterstuetzung
und Mitarbeit zugesagt, um dieses dramatische, halbstuendige Rundfunkhoerspiel fuer den Metallarbeiterverband zu ermoeglichen.
Die Vorbereitungen fuer diese Sendung haben acht Monate gedauert. Sie wurde von dem Exekutivausschuss des Internationalen Metallarbeiterverbandes angeordnet, um den Amerikanern ein Rundfunkprogramm
zu bieten, das ihnen helfen soll, Verstaendnis dafuer aufzubringen,
was Mitgliedschaft im Internationalen Metallarbeiterverband bedeutet.
- 11 -

�••Boomer Jones" ist ein Hoerspiel, dem die wirkliche Geschichte
des Internationalen Metallarbeiterverbandes von ihren fruehesten Anfaengen an zugrundeliegt. Brian Donlevy wird die Geschichte eines
Metallarbeiters namens Eddie Jones (William Holden) und seiner Frau
Maggie (Marie MacDonald*) erzaehlen.
The Machinist
7111/17/50
GREEN UND MEANY ZUM AMERIKANISCHEN*VERTEIDIGUNG^PROGRAMM
Auf der Sitzung des Gewerkschaftsverbandes des Staates New York
nahmen William Green und George Meany, Vorsitzender bzw. Haupt-Kassie
rer der AFL, zu der Frage Stellung, welche Richtung die Gewerkschaften in ihren Bemuehungen zur Durchfuehrung des Verteidigungsprogramms
der Nation einzuschlagen haben.
Green erklaerte, dass die Loyalitaet der amerikanischen Arbeiter
in kritischen Zeiten immer die groesste Staerke dieses Landesn gewesen sei. Zur Aufmunterung der Arbeiter Amerikas forderte er als
erste Massnahme unseres nationalen Verteidigungsprogramms die sofortige Aufhebung des Taft-Hartley-Gesetzes. Dieses schaendliche Gesetz, w versicherte Green, "ist ein ausgezeichnetes Propagandawerkzeug in den Haenden der Kommunisten. Sie weisen in ihren Propagandabotschaften an die Arbeiter anderer Laender auf dieses Gesetz hin,
um damit die Unrichtigkeit der amerikanischen Behauptung zu beweisen, dass allen Buergern Amerikas die gleiche Behandlung zuteil
wuerde." Green schloss seine Rede, indem er der Hoffnung Ausdruck
gab, dass "die organische Gewerkschaftseinheit nicht in allzuweiter
Ferne liegen moege," und er prophezeite ein hoechst wirksames Produktionsprogramm in einer vereinigten Gewerkschaftsbewegung.
Meany erklaerte: "Ich zweifle nicht daran, dass sich die Arbeiterschaft, wenn es an der Zeit ist, verpflichten wird, nicht zu
streiken. Wie steht es jedoch mit dem Versprechen der Handelskammer
und der Arbeitgebervereinigung der Vereinigten Staaten, keine uebermaessigen Profite zu dulden?"
Weekly Labor News Digest
VIII/2/50
BRITISCHE GEWERKSCHAFTEN-BEN OETIGEN PRODUKT IONS EXPERTEN
Es ist hoechste Zeit, dass die grossen Gewerkschaften ihre eigenen Produktionsexperten erhalten. Der Britische Gewerkschaftsbund
(TUC) selbst muesste einen technischen Stab beschaeftigen, der den
Gewerkschaften dabei hilft, Abteilungen fuer Produktionsfragen zu
errichten, und anderen Gewerkschaften technische Unterstuetzung leistet, die zu klein sind, um sich eigene Experten leisten zu koennen.
Zehn Gewerkschaftsfunktionaere brachten diese Vorschlaege den Arbeitern und ihren Organisationen gegenueber offen zum Ausdruck. Zwanzig weitere Vorschlaege stammen ebenfalls von ihnen.
Zu den Funktionaeren gehoeren Vorsitzende, Generalsekretaere,
Mitglieder der Exekutivausschuesse. und regionale Organisatoren aus
zehn bedeutenden Gewerkschaften der Techniker, Berg-, Bau- und Textilarbeiter.
Die in dem Bericht zum Ausdruck gebrachten Ansichten dieser
Funktionaere stellen in keinem Falle die ihrer Gewerkschaften dar.
Sie wurden nach langen Unterredungen im Anschluss an ihre eigenen
- 12 -

�selbstaendigen Untersuchungen unabhaengig voneinander niedergeschrieben. Der TÜC hat bei der Veroeffentlichung dieses Berichtes
lediglich als Vermittler fuer diese Besuchergruppe gehandelt.
Es sind genuegend Beweise dafuer vorhanden, dass die britischen Gewerkschaften fortwaehrend den Wunsch haben, Spezialisten
zu Rate zu ziehen und sogar zu ernennen.
Vor dem Kriege gab es in vielen fuehrenden Geschaeftsstellen
der Gewerkschaften Experten auf dem Gebiet der Arbeiterunfallversioherung. Sie bildeten einen Stab, aus dem sich in den groesseren Gewerkschaften Rechtsabteilungen entwickelt heben. Rechtsberater wurden hinzugezogen, wenn schwierige Rechtsfragen zu klaeren
waren, und medizinische Berater, wenn es sich um Berufskrankheiten
und Verletzungen handelte.
Einige Gewerkschaften verfuegen nun ueber kleine Abteilungen,
deren Arbelt sich auf die Ausdehnung erzieherischer Taetigkelten
konzentriert, waehrend in vielen anderen Wirtschaftler, Statistiker und Forschungsexperten ausgebildet wurden, die mithelfen, die
Richtlinien der Gewerkschaften zu entwickeln und die Forderungen
nach besseren Loehnen und Arbeitsbedingungen ueberzeugend zu formulieren.
Auf allen diesen Gebieten stehen die Faohabteilungen des
TUC und seine Ausschuesse den angeschlossenen Gewerkschaften und
besonders denen, die aus Mangel an Mitteln keine eigenen technischen Experten beschaeftigen koennen, beratend zur Seite.
Eine Bewegung jedoch, die bemueht ist, den Arbeitern das Recht
zu sichern, sich an der Leitung der Industrie in immer wirksamerer
Form zu beteiligen, und fuer die sich taeglioh innerhalb der Betriebe Probleme im Zusammenhang mit Bewegungsstudien, Leistungsloehnen, Arbeitsauswertung, neuen industriellen Verfahren und den
Tricks und Methoden einer angeblich wissenschaftlichen BetriebAeitung ergeben, wird selten zu dem industriellen Berater gehen, um
sich Informationen und Ratschlaege einzuholen.
Gleichzeitig mit dem Wunsch einer staendigen Vollbeschaeftigung und eines steigenden Lebensstandards haben sich die Arbeiter
durch ihre Gewerkschaften damit einverstanden erklaert, dass ihre
Industrien moderner und leistungsfaehiger werden muessen. Sie sind
damit einverstanden, dass in Ermangelung groesserer Reserven an
Arbeitskraeften, auf die die Industrie zur Erledigung von Extraauftraegen zurueckgreifen kann, die hoehere Produktion dadurch ermoeglicht werden muss, dass das berufliche Koennen der Beschaeftigten
eine bessere Verwendung findet. Sie haben sich einverstanden erklaert, durch ihre Gewerkschaften und die gemeinsamen Produktivitaetsausschuesse die Bestrebungen zur Steigerung der Produktionsleistung zu unterstuetzen.
Die Gewerkschaften sind sich ueber das "Warum" der Produktionsleistung einig geworden - das heisst, mehr Waren zu niedrigeren Preisen und bessere und billigere Dienstleistungen. Nun haben
sie sich mit dem "Wie" zu beschaeftigen.
Die zehn Funktionaere, deren Berichte von den Gewerkschaften
zur Zeit geprueft werden, sind sich ueber die Methoden und die
Gruende im klaren.
Wo mit der fortschrittlichen Einstellung der Unternehmer gerechnet werden kann, die in der Modernisierung ihrer Werkstaetten
und in der Umgestaltung ihrer Produkt!onsmethoden zum Ausdruck
- 13 -

�kommt, muessen auoh die Gewerkschafter in der Lage sein, fuer die
neuen Entwicklungen Verstaendnis aufzubringen und die Schwierigkeiten und Vorteile der Vorschlaege zu sehen, die sich im Laufe gemeinsamer Beratungen ergeben, und sie muessen dafuer sorgen, dass
die Verdienstmoeglichkeiten verbessert und nicht gekuerzt werden.
In Paellen, in denen sich die Unternehmer mit alten, unguenstigen Methoden zufriedengeben, durch die die Preise hochgehalten
werden, muessen die Gewerkschaften die Initiative ergreifen, um
die Leistungsfaehigkeit steigern zu koennen.
Durch Wochenend- und Sommerschulkurse kann in dieser Hinsicht
viel getan werden, um den Gewerkschaftsmitgliedern die Vorzuege
der Vollbeschaeftigung zu erklaeren. Damit wird dem einsichtigen
Gewerkschafter geholfen werden, seine eigene Industrie im Lichte
der wirtschaftlichen Lage seines Landes zu sehen.
Fuer das Verstaendnis der Probleme seines eigenen Arbeitsplatzes braucht der Arbeiter jedoch genauere Instruktionen. Er
wird wissen wollen, wie sich Vorschlaege zu Bewegungsstudien, zu
Betriebsvergroesserungen oder zu der Elnfuehrung neuer Maschinen
auf seinen Lohn und den seiner Kollegen, sowie auf seinen Arbeitsaufwand auswirken werden. Er wird wissen wollen, welche Anforderungen die neue Arbeit an sein berufliches Koennen stellen wird.
Um sich erfolgreich mit diesen Problemen beschaeftigen zu koennen, muessen die Betriebsvertreter in den Produktionsmethoden geschult werden und in der Lage sein, auf den Konferenzen der Arbeitsausschuesse eine praktische und realistische Kritik zu ueben. Sie
muessen nach Ansicht der Gruppe von technischen Experten geschult
werden, die im Dienste ihrer eigenen Gewerkschaft stehen, wenn sie
sich das leisten kann,, oder die von der gewerkschaftlichen Vertretung der gemeinsamen Industrieausschuesse gestellt werden.
Aufgabe des TUC muss sein, Hilfe und Anleitung bei der Errichtung solcher neuen Abteilungen zu geben und fuer diejenigen Gewerkschaften, die noch nicht in der Lage sind, sich einen eigenen Expertenstab zu halten, die Funktionen dieser Abteilung selbst zu uebernehraen. Den regionalen Beratungsausschuessen des TUC sollte ein
kleiner Technikerstab zur Verfuegung gestellt werden, dar die Gewerkschaften in ihrem Bezirk unterstuetzt«
Die Mitglieder der Gruppe erklaeren, dass es nicht damit getan
sei, einfach den Titel eines Mannes, der e*ls Organisator taetig
ist, in den eines Produkt!onstechnikers umzuwandeln. Diesen neuernannten Experten mues eine erstklassige Ausbildung zuteil werden,
bevor sie mit der Schulung anderer beginnen. Sie muessen zum mindesten ebenso befaehigt sein wie die industriellen Berater und Techniker, die gegenwaertig in grosser Zahl den Arbeitgebern zur Verfuegung stehen.
Der Bericht enthaelt keinerlei Anzeichen dafuer, dass die Gruppe wuenscht, dass die Gewerkschaften ihr hauptamtliches Personal
von den Universitaeten und technischen Hochschulen rekrutieren sollen. Man beguenstigt vielmehr den Gedanken, Maenner und Frauen zu
verwenden, die in der Industrie und in den Gewerkschaften aufgewachsen sind, und sie in besonderen Ausbildungskursen fuer ihre Aufgaben vorzubereiten.
Waehrend die Gewerkschaften die finanzielle Seite dieses Vorhabens nur. mit aller Vorsicht behandeln, erklaerten die Mitglieder
der Gruppe, sie seien "ueberzeugt, dass die aus diesem Programm
entstehenden materiellen und ideellen Vorteile die damit verbundenen
Unkosten mehr als ausgleichen werden."
Labour
VIII/50
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�DER GENERALSEKRETÄR DES INTERNATIONALEN BUNDES FREIER GEWERKSCHAFTEN. J. H. OLDENBROEK, ZUM TAG DER ARBEIT AN DIE AMERIKANISCHEN
GEWERKSCHAFTEN
"An diesem Tag der Arbeit jgruessen wir die amerikanische Gewerkschaftsbewegung. Es ist der erste Tag der Arbeit, der alle amerikanischen Gewerkschaften zusammen mit Arbeitern aus der ganzen
Welt in einer internationalen Organisation, dem IBFG, vereinigt findet. Im Namen von ueber 50 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern aus
53 verschiedenen Laendern uebermitteln wir der Arbeiterschaft der
Vereinigten Staaten und Kanadas unsere bruederlichen Gruesse, und
wir sind gewiss, dass sich noch weitere Millionen unseren Gruessen
anschliessen wuerden, wenn sie nicht durch diktatorische Regierungen daran gehindert waeren, selbstgewaehlten Gewerkschaften anzugehoeren.
"Wir vertreten die wirtschaftliche und politische« Demokratie
fuer alle und ein wuerdiges Leben fuer alle Arbeiter. Eine wirkliche Bruederschaft der Menschen kann niemals ohne Gleichheit der sozialen Stellung und Moeglichkeiten aller, ungeachtet ihrer Rasse,
Herkunft oder ihres Glaubens, bestehen. Wir wuenschen wahren Frieden; wir wuenschen den Frieden am vordringlichsten fuer die Menschen in Korea, die der kommunistischen Aggression in ihrer systematischen Absicht, die totalitaere Einflussphaere zu vergroessern,
zum Opfer gefallen sind. Wir'sind der Auffassung, dass die Vereinten Nationen in ihrer jetzigen Form zur Erhaltung des Friedens geeignet sind, vorausgesetzt, dass dem Miasbrauch des Vetorechts ein
Ende gemacht wird.
"Wir vereinigen uns mit den aufrichtigen, friedensliebenden Menschen der ganzen Welt und blicken mit Stolz auf die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung, die alles daran setzt, die Kraefte der Vereinten Nationen zu mobilisieren und die Aggressoren gegen die Republik Korea zurueckzuschlagen. Wir stehen Seite an Seite mit der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegung in ihrem Kampf um Vollbeschaeftigung und wahre soziale Sicherheit, die eine ununterbrochene Wachsamkeit gegen die Tuecken feindlicher Arbeitsgesetzgebung erfordert.
Die Forderungen nach einer einflussreicheren und wuerdigeren Stimme
in den obersten Koerperschaften der Regierung muss gehoert werden.
"Insbesondere loben wir die amerikanischen Gewerkschaften fuer
ihre grosszuegige und weitsichtige Unterstuetzung des MarshallPlans , der die kriegsbetroffenen Laender Europas und die wirtschaftlich rueckstaendigen Gebiete unterstuetzt, in denen das Elend das
Volk in die Arme der Diktatoren zu treiben droht. Nur wohlhabende
Voelker koennen freie Voelker bleiben. Die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur wird durch die Schnelligkeit entschieden werden, mit der die demokratische Welt den ueberbevoelkerten,
in Elend lebenden Voelkern helfen kann, auf eigenen Fuessen zu stehen.
"In diesem grossen Kampf hat die Geschichte die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung in den Vordergrund gestellt. Von Samuel Gompers' bescheidenem Buero in New York ist die amerikanische Gewerkschaftsbewegung zu einer Riesenorganisation angewachsen, die 17 Millionen organisierter Arbeiter in den Vereinigten Staaten und Kanada
umfasst; es ist eine konstruktive, maechtige und forschrittliche Gewerkschaftsbewegung. In diesem Kampf um ein besseres Leben, sowohl
in der alten als auch in der neuen Welt, sind wir vom Internationalen
Bund Freier Gewerkschaften stolz darauf, mit der Arbeiterschaft Amerikas verbuendet zu sein und wir vertrauen auf die grosse Rolle,
die sie in diesem Kampf zu spielen hat."
Arbeitsmitteilungen der ECA
VI11/25/50
- 15 -

�Sowjetrussland hält jetzt die militärische Spitze Westliche Demokratien

Sowjetstaaten u. Satelliten

Militärische
Stärke

aber die Produktivität der Westdemokratien ist stärker!
Westliche Demokratien

Sowjetstaaten ^Satelliten

ProduktionsKraft

30

MUHon
Tonnen

430

Million
Tonnen

im

10Q,ooo
Million
KWH

299

Hillion
Barrels
HHHHininmnn

US.

(1 Barrel-120 Liter)

Andere

EILER JENSEN, VORSITZENDER DER DAENISCHEN GEWERKSCHAFTEN ZUM TAG
DER ARBSJT:
An diesem Tag der Arbeit sind die Gedanken der daenischen Arbeiterschaft bei den Arbeitern und dem Volk der Vereinigten Staaten. Die
wirtschaftliche Erholung, die durch die Unterstuetzung des Marshall"lans in den letzten zwei Jahren sich in Westeuropa durchgesetzt hat,
ist von Anfang an ein Dorn in den Augen der diktatorisch regierten
Staaten gewesen. Trotz aller dunklen Schatten werden wir Hand in
Hand mit den demokratischen Staaten arbeiten. Wir versprechen
loyale und kameradschaftliche Zusammenarbeit und gruessen in diesem
3i"ne die amerikanischen Arbeiter.
- 16 HICOO R-1585 L » b SapMabNT 50 2 L

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 27

Frankfurt, 8. September 1950

I W H A L T S T 1

R Z E I C H N I S

Amerikaner ziehen Arbeit der Arbeitslosenunterstuetzung vor - - - - - - - - - - - - - - - 1
Welche Kaufkraft werden die Loehne in Zukunft
besitzen? - - - - - - - - - - - - - - - - - 2
Die Holle der Gewerkschaften in der modernen
Gesellschaft - - - - - - - - - - - - - - - - 4
Die Realloehne in den Laendern hinter dem Eisernen Vorhang - - - - - - - - - - - - - - - - n
Amerikanische Gewerkschaft verpflichtet sich,
nicht zu streiken
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Delegation amerikanischer Gewerkschafter
schlaegt Verbesserung des ECA-Programms vor - 13
730 Frauen in Spitzenstellungen in Amerika - - - 14
Neue Tabellen ueber das Arbeitsalter amerikanischer Arbeiter - - - - - - - - - - - - - - - - 1 5
Kanadische Eisenbahner drohen mit Streik - - - - 16

Robert C. Goodwin:
AFRIKANER ZIEHE?! ARBEIT DER ARBEITSLOSEFUNTERSTUETZUNO VOR
"Die grosse I.'ehrheit der amerikanischen Arbeiter zieht Arbeit
und Lohn der Arbeitslosenunterstuetzung vor," sagte Robert C.
Goodwin, Direktor des Bueros fuer die Sicherheit des Arbeitsplatzes im amerikanischen Arbeitsministerium, in einer Erklaerung
an Arbeitsminister Tobin anlaesslich des 50. Jahrestages des Gesetzes der Sozialen Sicherheit.
"Die Statistik zeigt, dass der Umfang der von den Arbeitern
geforderten und an sie ausgezahlten Unterstuetzungen durch das Vorhandensein von Beschaeftigungsmoeglichkeiten und nicht von Unterstuetzungen bestimmt wurde."
- 1-

�Goodwin berichtete, dass sein Inkrafttreten der bundesstaatlichen und staatlicnen Gesetze der Arbeitslosenversicherung etwa
acht Milliarden Dollar an Unterstuetzungen an versicherte Arbeiter ausgezahlt worden seien.
"In den zahlreichen Perioden seit 1939, in denen die wirtschaftliche Lage sehr kritisch war, hat die Arbeitslosenversicherung Millionen von Arbeitern ueber die Zeit der Erwerbslosigkeit
hinweggeholfen," erklaerte Goodwin. "Das Arbeitslosenversicherungsprograram hat sich als sehr wertvoll erwiesen, vor allem in dem
ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich das Land auf
Friedensproduktion umstellte und mehr als fuenf Millionen Arbeiter Arbeitslosenunterstuetzung bezogen. Auch in der Zeit vom
1. Juli 1949 bis 30. Juni 1950, in die zum Teil der wirtschaftliche Rueckgang faellt, der mit der Beendigung der Neueinrichtung
der Betriebe gegen Ende des Jahres 1948 eingesetzt hat, wurden
7,5 Millionen Arbeiter gezaehlt, die Arbeitslosenunterstuetzung
bezogen. Die hoechsten Unterstuetzungen wurden also immer dann
gezahlt, wenn die Arbeitslosigkeit rapid anstieg.
"Das Prograiiim spielt nicht nur eine lebenswichtige Rolle fuer
die Arbeiter, es hat sich auch fuer die Unternehmer und die Allgemeinheit als wertvoll erwiesen," fuhr Goodwin fort. "Es ist bekannt, dass es in Gegenden, in denen viele Betriebe geschlossen
wurden, zur Erhaltung der Kaufkraft und der Geschaeftsmoral beigetragen hat."
Goodwin berichtete, dass sicn seit der Bewilligung des Sozialversicherungsgesetzes in den verschiedenen Staaten im Rahmen ihrer
eigenen Arbeitslosenversicherungsgesetze ein Gesamtbetrag von
13.451.000.000 Dollar angehaeuft hat.
Mit den Zinsen, die die Geldreserven der Sozialversicherung
in den einzelnen Konten der verschiedenen Staaten im bundesstaatlichen Verwaltungsfonds fuer Arbeitslosenversicherung eingebracht
haben, belaufe sich der Gesamtbetrag der fuer Unterstuetzungszwecke seit Inkrafttreten, des Programms gesparten Gelder auf
14.639.000.000 Dollar.
Von Beginn des Programms bis zum 30. Juni 1950 zahlten die
verschiedenen Staaten Unterstuetzungen an versicherte, erwerbslose Arbeiter in Hoehe von insgesamt 7.950.000.000 Dollar. Damit belaeuft sich das Guthaben im Verwaltungsfonds gegänwaertig auf
6.689.000.000 Dollar.
Pressedienst des US Arbeitsministeriums
VIII/21/50
V/ELCHE KAUFKRAFT Y/ERDEN DIE LOEHNS IN ZUKUNFT BESITZEN?
'.Verden mit dem Durchschnittslohn der amerikanischen Arbeiter
in Zukunft mehr Gueter und mehr Dienstleistungen gekauft werden koennen als bisher?
Fuehrende Persoenlichkeiten der amerikanischen Industrie haben diese Frage mit "Ja" beantwortet.
Sie sind der Ansicht, dass innerhalb von 30 Jahren mit dem
Lohn der Arbeiter doppelt so viel gekauft werden kann, wenn.die
"Produktionsleistung je Arbeiter und je Arbeitsstunde auch weiterhin im gleichen durchschnittlichen Masse gesteigert wird wie bisher. Und diese Steigerung halten sir fuer moeglich.

�Diese Feststellungen wurden von dem Komitee fuer wirtschaftliche Entwicklung bekanntgegeben. In dem Bericht des Komitees, "Wie
kann der Reallohn erhoeht werden", wird zum Ausdruck gebracht,
dass der Lebensstandard der Arbeiter sich nur dann verbessern
wird, wenn auch die tatsaechliche Kaufkraft seines Lohnes und
nicht nur der aeussere Betrag erhoeht wird.
In den letzten ÖO Jahren haben sich die Realstundenloehne in
den Vereinigten Staaten mehr als verdreifacht; der Arbeitnehmer
verdient heute durchschnittlich etwa 1.33 Dollar in der Stunde,
waehrend sein Stundenlohn im Jahre 1900, gemessen an den Preisen
des Jahres 1949, nur 43 Cents betrug. Auch das indirekte Einkommen, das nicht in barem Geld besteht, hat sich erhoeht, und zwar
in Form einer laengeren Freizeit auf Grund der kuerzeren Arbeitszeit.
Diese Verbesserungen sind nach Angaben des Komitees fuer
wirtschaftliche Entwicklung zurueckzufuehren auf 1) umwaelzende
oder beinahe umwaelzende Veraenderungen in den Produkt!onsvorgaengen, 2) die groessere Ansammlung Kapitalien in Form von Fabriken,
Ausruestungen und Material, die jedem Arbeiter zugutekommen, indem sie ihm helfen, mehr zu produzieren, 3) bedeutende Fortschritte
auf dem Gebiet des Gesundheitswesens und der Berufsausbildung und
4) verbesserte Betriebsleitungsmethoden.
Jede zukuenftige Erhoehung der Realloehne wird von den gleichen vier Faktoren und noch einem fuenften, naemlich dem Interesse
des Arbeiters, abhaengen.
Interessierte Arbeitnehmer produzieren mehr. Die Betriebsleitung ist dafuer verantwortlich, dass den Arbeitern die Bedeutung
ihrer Arbeit bewusst wird, und dass sie an der Verbesserung ihrer
Arbeitsmethoden interessiert sind. Die Arbeiter muessten regelmaessig Gelegenheit haben, Verbesserungen der Methoden und Erzeugnisse vorzuschlagen, heisst es in dem Bericht.
Das Komitee fuer wirtschaftliche Entwicklung verwarf insbesondere den Gedanken, dass der Ausstoss je Arbeiter und Je Arbeitsstunde und damit die Produktionsleistung selbst dadurch gesteigert
werden kann, dass man den Arbeiter zwingt, eine groessere koerperliche Anstrengung aufzuwenden. "Es gibt einige Beispiele dafuer,
dais die Arbeiter absichtlich nicht so viel produzieren, wie sie
in der Lage waeren, im allgemeinen jedoch ist die Tagesleistung des
Arbeiters normal." Die grosse Steigerung der Produktion, die notwendig ist, um die Reallöhne wesentlich verbessern zu koennen,
muss mit besseren Methoden, groesseren Kapitalien, besserer Berufsausbildung der Arbeiter und besserer Betriebsleitung erzielt werden.
Zehn Ziele muss die amerikanische Industrie erreichen, wenn
die Kaufkraft der Loehne in 30 Jahren verdopoelt werden soll: 1)
die saisonbedingte Arbeitslosigkeit muss reduziert werden; 2) fuer
aeltere Leute muessen mehr Beschaeftigungsmoeglichkeiten geschaffen
werden; 3) das Leistungsprinzip mu;s verfeinert werden; 4) systematische Methoden muessen ausgearbeitet werden, um Wissen und
Koennen der erwerbstaetigen Bevoelkerung voll zum Einsatz zu bringen; 5) die Importe der Vereinigten Staeten muessen im Vergleich
zu ihren Exporten vermehrt werden; 6) das Anwachsen der Industrie
muss stabilisiert und ernsthafte wirtschaftliche Rueckschlaege
vermieden werden; 7) der Gewohnheit. Arbeit zu schaffen, wo keine
ist, muss ein Ende gemacht werden; 8) veraltete Ausruestungen
muessen schneller ersetzt werden und 10) muss das Steuersystem
einer Reform unterzogen werden, um den Unternehmern des Eingehen
eines Risikos zu erleichtern.
- 3-

�Die Aussichten auf einen schnellen technologischen Fortschritt in den Vereinigten Staaten sind dank der hohen Aufwendungen fuer die Forschung- und ihre hohe ^ualitaet gute. Allein
die bundesstaatliche Regierung stellt zur Zeit jaehrlich eine
Milliarde Dollar fuer Forschungszwecke zur Verfuegung.
Ebenso kann laufend mit einer umfangreichen Reserve privater
Ersparnisse gerechnet werden, die die Grundlage neuer industrieller Investierungen bildet. In den vergangenen 50 Jahren ist dem
Bericht zufolge etwa ein Zehntel des Nettowertes der Produktion
der Vereinigten Staaten staendig gespart worden. Es ist anzunehmen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird, und es ist
von grosser Wichtigkeit, dass die Sparer durch die allgemeine
Politik fuer Neuinvestierungen gewonnen werden. Das bedeutet nach
Ansicht des Komitees fuer wirtschaftliche Entwicklung, dass die
Steuerstruktur einer Uebernruefung unterzogen werden muss.
Ausserdem ist mit einer fortschreitenden Verbesserung der
gesundheitlichen Verfassung und der Berufsausbildung der Arbeiter
und mit der Einfuehrung besserer Methoden der Betriebsleitung zu
rechnen, was als Ergebnis der Erforschung der Probleme der Betriebsleitung an den Universitaeten angesehen werden kann.
In dem Bericht wird an der Gewohnheit der Gewerkschaften Kritik geuebt, dort Arbeit zu schaffen, wo keine ist, jedoch nur soweit es sich um Methoden handelt, durch die die Einfuehrung neuer
Maschinen verhindert und die unwirtschaftliche Arbeitsweise beibehalten werden soll. "Der verschwenderische Einsatz von Arbeitskraeften ist eine Belastung fuer die Allgemeinheit, weil er die
"Produktion reduziert. Die Gewerkschaften wuerden es fuer vorteilhaft halten, diese Regeln fuer die kuenstliche Erzeugung von
Yrbeit aufzugeben, wenn damit eine Erhoehung der Loehne verbunden
waere. Gluecklicherweise ist dieser Brauch der Arbeitsbeschaffung
in der amerikanischen Industrie nicht weitverbreitet, und viele
Gewerkschaften lehnen ihn ab."
"Vor allem," heisst es abschliessend in dem Bericht, "sind
die Verhaeltnisse und Institutionen in den Vereinigten Staaten
fuer den wirtschaftlichen Fortschritt guenstig." Der scharfe
Wettbewerb der Produkte und Arbeitsverfahren, die Gewohnheit, alte
Einrichtungen und Arbeitsverfahren aufzugeben, wenn neue verfuegbar werden, die grossen Moeglichkeiten, neue Ideen zu verwirklichen, und der riesengrosse vereinigte Inlandsmarkt, der ein entsprechend grosser Ansporn ist, - dies alles sind Faktoren, denen
das Komitee fuer wirtschaftliche Entwicklung entnimmt, dass die
Loehne in Zukunft fuer die Arbeiter und ihre Familien einen groesseren Gegenwert bedeuten werden.
Arbsitsmitteilungen der ECA
VII/7/50
Edwin E. Witte, üniversitaet Wisconsin:
DIE ROLLE DER GEWERKSCHAFTEN IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
Es ist Jedem bekannt, dass die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten von heute einen sehr bedeutenden Platz einnehmen. Gelegentlich sprechen Leute,, die den Gewerkschaften nicht wohlgesinnt sind, noch davon, das3 nur ein geringer Prozentsatz, aller
Arbeiter gewerkschaftlich organisiert sei. Die ErwerbsbevoelJcerung Amerikas zaehlt 62 Villionen Menschen, und nur 15 Millionen

�davon sind Gewerkschaftsmitglieder. Noch haeufiger Jedoch spreohen
Jene Gegner in alarmierender Weise von der monopolistischen Machtstellung der Gewerkschaften. Erst vor einigen Wochen wies Generalanwalt Denham vom Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen, auf die Gewerkschaft der Fahrer hin, die eine derartige Macht besaesse, dass
sie durch einen ueber die ganze Nation sich ausbreitenden Streik
die gesamte Wirtschaft unseres Landes innerhalb weniger Tage zum
Stillstand bringen koenne.
Eine ganze Reihe Akademiker, die ueber die Wechselbeziehungen
in der Industrie schreiben, haben sich hierzu in aehnlicher Weise
geaeussert. Ein kuerzlich erschienenes Buch, "Gewerkschaften und
Kommunismus" von Charles E. Lindbloom, einem Volkswirtschaftler
abstrakt-theoretischer Praegung an der Yale Universitaet, hat
nicht nur in akademischen, sondern auch in nichtakademischen Kreisen grosse Beachtung gefunden. In diesem Buch zeigt sich Lindbloom aeusserst beunruhigt ueber die wachsende Macht der Gewerkschaften. Das heutige Gewerkschaftssystem fuehre nach seiner
Ansicht zur Zerstoerung des auf Konkurrenz beruhenden Preissystems,
zur"systematischen Desorganisation der Absatzmaerkte und zur staendigen Untergrabung der Autoritaet der Betriebsleitung". Gewerkschaften unterminieren den Kapitalismus und druecken unserer gesamten Wirtschaft den Stempel des Syndikalismus auf. In weniger alarmierenden Worten hat Sumner H. Slichter von der Harvard-Universitaet, einer der bekanntesten amerikanischen Volkswirtschaftler,
eingehend ueber die "gewerkschaftlich ausgerichtete Gesellschaft"
gesprochen, zu der sich nach seiner Ansicht die Vereinigten Staaten
entwickelt haben.
Es ist nicht verwunderlich, dass diese Auslegungen ueber die
Rolle der Gewerkschaften in der modernen Gesellschaft seitens jener Wirtschaft ihrer Theoretiker, deren Ansehen und öbjektivitaet
ausser Frage steht, von solchen Leuten hastig aufgegriffen wurden,
die die Gewerkschaften gern verkleinert, wenn nicht sogar zerstoert sehen moechten. In all dieser umfassenden Propaganda, die
sich zur Zeit gegen die Gewerkschaften richtet, wird ihre monopolistische Machtstellung und ihre ungeheure Macht besonders hervorgehoben. Gleichzeitig wird diese Propaganda Jedoch mit der voellig haltlosen Behauptung unterstrichen, dass die Gewerkschaften
letzten Endes nur von einer kleinen Minderheit der Arbeiterschaft
unterstuetzt wuerde.
Keine dieser widerspruchsvollen Behauptungen ueber die Stellung der Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten von heute beruht auf Tatsachen. Die amerikanischen Gewerkschaften haben in
der Tat grosse Fortschritte erzielt und eine Staerke erreicht, die
noch vor zwei Jahrzehnten niemand fuer moeglich gehalten haette.
Sie ueben jedoch keine monopolistische Kontrolle ueber Loehne und
sonstige Arbeitsbedingungen aus, von der Produktion, den Preisen
oder Gewinnen ganz zu schweigen. Sie kontrollieren nicht die Regierung, und es besteht auch wenig Aussicht fuer sie, eine derartige Kontrolle in absehbarer Zeit auszuueben. Das Gewerkschaftswe3en
ist keine einzige zentralorganisierte Bewegung, sondern ist in
zwei Hauptverbaende und zahlreiche, nicht angeschlossene Gewerkschaften aufgespalten. Die Gewerkschaftsverbaende setzen sich aus
mehr als 100 internationalen Gewerkschaften zusammen, die wiederum
in mehr als 50 000 Lokalgewerkschaften untergliedert sind. In Verhandlungen mit den Unternehmern und wesentlichen anderen Taetigkeiten treten die Gewerkschaften dieses Landes stets einzeln auf.
Fast ueberall bilden die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter
mit ihren Familien nur eine Minderheit der Bevoelkerung, und selbst
ihren Spitzenfunktionaeren bleiben aus sozialen Gruenden die Wege
in die sogenannten "besseren Kreise" verschlossen. Unsere Gesell- 5-

�sohaftsordnung ist nur in dem Sinne "gewerkschaftlich", als das
Gewerkschaftswesen grosse Erfolge erzielt hat und anfaengt, der
Herrschsucht grosser Gesellschaftskreise die Stlrne zu bieten.
Sie besitzen jedoch weder monopolistische Kontrollmoeglichkeiten
ueber Industrien, noch sprechen sie das Hauptwort in den Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung fuer die Vereinigten Staaten von
heute.
Das Gewerkschaftswesen der Vereinigten Staaten ist fast so alt
wie die Nation selbst. In den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts
gab es bereits Streiks und Gewerkschaften, die jedoch nur eine kurze Lebensdauer hatten. Die ersten Qrtsverwaltungen entstanden in
den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts, und auch die Gruendung der
ersten unabhaengigen Arbeiterpartei faellt in jene Zeit. Der erste
bundesstaatliche Gewerkschaftsverband stammt aus den 30er Jahren
des 19. Jahrhunderts und die ersten noch bestehenden internationalen
Gewerkschaften, wie die der Drucker, aus den 50er Jahren des 19.
Jahrhunderts. Es gibt zur Zeit einige Lokalgewerkschaften, die auf
ein ueber 100-jaehriges, ununterbrochenes Bestehen zurueckblicken.
Zur Zeit des Buergerkrieges gab es eine Gewerkschaftsbewegung
mit einigen Gewerkschaften in allen oder fast allen Nordstaaten. In
den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts war die Gewerkschaftsbewegung,
deren Mittelpunkt damals die Organisation "Knights of Labor" (Ritter
der Arbeit) bildete, weit umfassender. In der zweiten Haelfte dieses Jahrzehntes entstand neben dieser Organisation der amerikanische
Gewerkschaftsbund A.F.L., der bald zum Mittelpunkt der Gewerkschaftsbewegung wurde. Danach erlebte diese Gewerkschaft Aufstiege und
Rueckschlaege, Zeiten zunehmender und abnehmender Mitgliedschaft.
Zumindest seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts jedoch hat das
Gewerkschaftswesen eine wirklich bedeutsame Rolle im oeffentlichen
Leben Amerikas gespielt.
Das grosse Anwachsen der Gewerkschaftsbewegung in Amerika fand
im Verlauf der letzten 15 Jahre statt. Zu Beginn der Zeit des New
Deal war die Gewerkschaftsbewegung auf einem Tiefstand angelangt,
nachdem die Mitgliederzahl in den 20er Jahren der wirtschaftlichen
Bluete staendig abgenommen hatte. Die gesamte Mitgliedschaft
zaehlte nicht mehr als 3 Millionen gegenueber 5 Millionen im Jahre
1920. Doch selbst zu dieser Zeit waren die Berufe des Bau- und
Druckereigewerbes sowie der Bekleidungsindustrie und einige .andere
gelernte Berufe gut organisiert. In den grossen Industrien der
Massenproduktion jedoch bestanden fast ueberhaupt keine Gewerkschaften. Ein grosser Teil der amerikanischen Industrie war antigewerkschaftlich eingestellt und legte sich praktisch keinerlei Einschraenkung in den Methoden auf, die zur ünterdrueckung der Gewerkschaften
angewandt wurden.
Die wirtschaftliche Krise erweckte bei den amerikanischen Arbeitern mehr Verstaendnis fuer die Gewerkschaftsbewegung und der New
Deal schuf ein politisches Klima, das fuer die Entwicklung der Gewerkschaften guenstig war. Die Gesetzgebung legte den Unternehmern
Einschraenkungen in den Methoden auf, die sie zur ünterdrueckung und
zur Schwaechung der Gewerkschaftsbewegung gern angewandt hfltten,
und machten es ihnen zur gesetzlichen Pflicht, mit den Gewerkschaftsvertretern als Repraesentanten der Mehrheit ihrer Arbeitnehmer Verhandlungen zu fuehren. Waehrend die Regierung die Arbeiterorganisationen niemals direkt unterstuetzt hat, wie es etwa bei dem Zusammenschluss der Landarbeiter bisher zu beobachten war, zeigt sie heute
der Gewerkschaft gegenueber eine positivere Einstellung und foerdert
das TarifVerhandlungswesen.
- 6-

�Unter diesen guenstigen Bedingungen, vor allem jedoch deshalb,
weil die Gewerkschaftsbewegung und eine aggressive Fuehrung tatsaeohlioh benoetigt wurden, nahmen Macht und Mitgliederstaerke der
Gewerkschaften zu. Dieser Aufstieg begann im Jahre 1933, griff Jedoch auf die Industrien der Massenproduktion erst ueber, nachdem
der CIO (Kongress der Industrieverbaende) im Jahre 1936 gegruendet
war und die Vereinigten Staaten im Jahre 1937 beschlossen hatten,
das Wagner Gesetz aufrechtzuerhalten und weitgehendst zur Durchfuehrung zu bringen.
Aus weniger als 3 Millionen Mitgliedern im Jahre 1933 wurden
7,400,000 im Jahre 1937, und 1940 waren es bereits 8,500,000. In
den letzten der 30er Jahre wurden die Gewerkschaften von vielen
der groessten Gesellschaften anerkannt und konnten mit ihnen ihre
ersten Vertraege absohliessen. Die Mitgliederzahl stieg in den
Kriegs Jahren rapide an und erreichte mit 13,750,000 im Jahre 1944
ihren Hoechststand, obwohl zu jener Zeit 3 Millionen Gewerkschaftsmitglieder unter den Waffen standen. In der Zeit der grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten unmittelbar nach dem Kriege konnten
die Gewerkschaften weitere, wenn auch nur kleinere Erfolge erzielen.
Das Taft-Hartley Gesetz, das vom Kongress 1947 bewilligt wurde,
bremste in einer Zelt zunehmender Beschaeftigung den Aufstieg der
Gewerkschaften weiterhin ab. Die Gewerkschaften konnten jedoch
wenigstens ihre Mitgliederziffern halten. Es ist wahrscheinlich,
dass die Mitgliederzahl der Gewerkschaften im letzten Jahr im Zusammenhang mit der abnehmenden Beschaeftigungsziffer geringfuegig
zurueckgegangen ist. Die Zahl von 15 Millionen, mit der gegenwaertig die Mitgliederstaerke der Gewerkschaften gewoehnlich beziffert
wird, ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen, wenn damit nur die beitragzahlenden Mitglieder gemeint sind. Sie waere jedoch zu niedrig,
wenn alle Arbeitnehmer darin enthalten waeren, die sich als Gewerkschaftsmitglieder betrachten. Die Zahl der Arbeitnehmer solcher Betriebe, in denen die Arbeitsbedingungen nur teilweise durch
Tarifvertraege festgelegt sind, ist etwas geringer geworden, ^ine
ganze Reihe Gewerkschaftsmitglieder arbeiten in solchen Industrien
und Betrieben, in denen man keine Vertraege abzuschliessen wuenscht
oder die Gewerkschaften nicht anerkennt. Ihre Zahl ist etwas hoeher
als die der nichtorganisierten Arbeiter in solchen Betrieben, die an
Tarifvertraege gebunden sind. Nach Schaetzungen des Statistischen
Bueros des Arbeitsministeriums der Vereinigten Staaten arbeiteten Ende
1946 14,800,000 Menschen unter tarifvertraglichen Regelungen, denen
13,300,000 Gewerkschaftsmitglieder gegenueberstanden. Seit jener
Zeit sind keine Schaetzungen der HÜtgliederzahlen der Gewerkschaften
oder der unter Tarifvertraegen stehenden Arbeiter mehr vorgenommen
worden. Beide Werte sind jedoch wahrscheinlich inzwischen etwas angestiegen.
Die Mitgliederstaerke der Gewerkschaftsbewegung hat in den beiden letzten Dekaden in absoluten Zahlen und prozentual gesehen noch
nachhaltiger zugenommen. Seit 1939 hat sich die Mitgliederschaft
der Gewerkschaften verfuenffacht, und die Zunahme in der letzten Dekade betraegt mehr als 75%. Die Zahl derjenigen Arbeiter, fuer die
Tarifvertraege abgeschlossen sind, hat sich jedoch kaum veraendert.
Die gesamte Erwerbsbevoelkerung Amerikas belaeuft sich zur Zeit
auf 62 Millionen. Da nur 14 Millionen gewerkschaftlich organisiert
sind, wird oft behauptet, dass die organisierte Gewerkschaftsbewegung weniger als ein Viertel der Arbeiter des Landes umfasse. Die
Gesamtzahl der Erwerbsbevoelkerung enthaelt jedioch auch dieHnÜJCht
einer Gewerkschaft angehoerenden Unternehmer, die Bauern und die
selbstaendigen Arbeiter in Staedten, ja sogar die Maenner und Frauen der Armee und alle Angestellten. Hierzu gehoeren die Betriebsleiter und andere Vorgesetzte in vergesellschafteten Unternehmen, sowie
alle Buero- und technischen Angestellten. Waehrend die Erwerbsbe- 7-

�voelkerung me°hr als 62 Millionen Menschen zaehlt, uebe« nur 40
Millionen Taetigkeiten aus, fuer die es eine gewerkschaftliche Organisation gibt. Die organisierte Arbeiterschaft stellt jedoch
selbst unter Beruecksichtigung dieser Einschraenkuhgen weniger
als 40% aller Arbeiter in Berufsgruppen, fuer die es Organisationen gibt, und weniger als ein Drittel aller Arbeitnehmer, ausschliesslich der Vorgesetzten, dar.
Hinter diesen Zahlen bleibt die Tatsache verborgen, dass in
zahlreichen wichtigen Industrien ein weit hoeherer Prozentsatz
der Arbeiterschaft gewerkschaftlich organisiert ist. In allen
Fertigungsindustrien stehen schaetzungsweise 70% der Produktionsarbeiter unter Tarifvertraegen. Im Bergbau und dem Bau- und Transportgewerbe ist dieser Prozentsatz noch hoeher, wogegen er in den
Betrieben der oeffentlichen Versorgung unter 60%, bei dem Dienstlers onal unter 40% und im Handel, Finanzwesen, der Regierung und
Landwirtschaft unter 20% liegt. In bestimmten Industriezweigen und
Berufsgruppen innerhalb dieser Unterteilung in grossen Zuegen gibt
es ausserdem Faelle, in denen der Prozentsatz der gewerkschaftlich
organisierten Arbeiter noch hoeher ist. In nur wenigen Industrien
oder Berufsgruppen ist die gewerkschaftliche Organisation jedoch
100%ig. Dies mag fuer kleine Berufsgruppen wie Photogravuerendrucker, Zuschneider, Fensterglasschneider und ein paar andere
zutreffen. Doch selbst im Kohlenbergbau ist die Zahl der nichtorganisierten Arbeiter betraechtlich,und es besteht dort eine
nicht zu uebersehende Konkurrenzgewerkschaft, die gewillt ist,
die Arbeit fortzufuehren, wenn die Mitglieder der Bergarbeitergewerkschaft in Streik getreten sind.
Die alarmierenden Warnrufe ueber die monopolistische Stellung, die die Gewerkschaften einnaehmen, scheinen am wenigsten
gerechtfertigt zu sein, wenn ein Vergleich zwischen der Staerke
der Gewerkschaften und der der groesseren Gesellschaftsunternehmen
angestellt wird. In vielen Beziehungen ist die Gewerkschaft das
Gegenstueck des Gesellschaftsunternehmens. Beides sind Vereinigungen, die sich in ihrer Gesamtheit und in ihrer Existenz von der
ihrer Mitglieder unterscheiden. Es gibt in Amerika etwa-500.000
aktive Gesellschaftsunternehmen - das sind zehnmal soviel, wie es
Gewerkschaften gibt. Zwei Drittel aller Geschaefte, die in den
Vereinigten Staaten heute geteetigt werden, gehen durch ihre Haende.
Mehr als 95% der gesamten Produktion unterstehen ihnen, und dieser
Prozentsatz ist noch hoeher im Finanzwesen, den Betrieben der
oeffentlichen Versorgung und im Transportgewerbe.
Die grosse Mehrheit der Gesellschaftsunternehmen unterscheidet sich von den individuellen oder Teilhaberunternehmen nur dadurch, dass sie zu einer Koerperschaft vereinigt und ihren Besitzern gegenueber nur beschraenkt haftbar sind. Sie befinden sich
im Privat- oder Familienbesitz und stellen keine grosse Anhaeufung
gesellschaftlicher Macht und finanzieller Mittel dar.
Waehrend die Unternehmen dieser Art die grossen Gesellschaftsunternehmen zahlenmaessig weit uebertreffen, verfuegen letztere
ueber weit mehr Finanzmittel und Macht als alle kleineren Unternehmen zusammen. Eine Untersuchung des wirtschaftstechnischen
Komitees kurz vor Beginn des zweiten 7/eltkrieges hat ergeben, dass
7S0 Gesellschaften, von denen jede ueber Kapitalien in Hoehe von
50 Millionen Dollar od3r mehr verfuegt, nur'zwei Zehntel aller
Gesellschaften repraesentieren, aber im BesitzTOn 52% des Gesamtkasitals aller Gesellschaften waren. Drei.-sig Unternehmen nannten
ein Kapital von mehr als einer Milliarde Dollar ihr eigen. Die
beiden groessten dieser umfangreichen Gesellschaften hatten ein
- 8 -

�Kapital, das groesser war als der gesamte Besitz aller Menschen
in 38 von den 48 Staaten der Vereinigten Staaten. Seitdem dieser
Bericht vor 10 Jahren ausgearbeitet wurde, sind jedoch die grossen
Gesellschaften betraechtlich angewachsen und kontrollieren hoechstwahrscheinlich einen noch groesseren Prozentsatz der Produktion
und des Besitzes der Nation.
Im Gegensatz zu dem grossen Wohlstand dieser Gesellschaften
sind die Mittel der Gewerkschaften von bjeute ausserordentlich gering. Eine vor kurzem durchgefuehrte Erhebung ueber die finanzielle Staerke von 50 internationalen Gewerkschaften, deren Gesamtmitgliederschaft nahezu 12 Millionen betraegt, das sind vier
Fuenftel aller Gewerkschaftsmitglieder des Landes, hat ergeben,
dass sich ihr Gesamtkapital einschliesslich aller Versicherungsfonds auf 339 Millionen Dollar belaeuft. Nur eine Gewerkschaft, die
der Eisenbahner, besitzt ein Kapital von ueber 50 Millionen Dollar,
waehrend bereits vor zehn Jahren, wie schon erwaehnt, 780 Unternehmen ueber diese und noch hoehere Summen verf6eg1fen. Nur 28 der
internationalen Gewerkschaften besitzen ein Kapital von 1 Million
Dollar. Die Fonds der Lokalgewerkschaften sind nicht einer aehnlichen Studie unterzogen worden, und ueber die Gesamtmittel aller
unserer Gewerkschaften sind nur Schaetzungen verfuegbar. Dr.
Alexander S. Lipsett von der Floyd L. Carlisle, Inc., Berater
fuer oeffentliche Beziehungen der Arbeitgeberorganisationen, hat
kuerzlich schaetzungsweise angegeben, dass alle Gewerkschaften Amerikas uebei ein Gesamtkapital in Hoehe von drei bis vier Milliarden
verfuegtsn - ein Betrag, der von mehr als einem halben Dutzend unserer grossen Gesellschaftsunternehmen ueberboten wird.
In anderer Hinsicht sind die grossen Unternehmen ebenfalls
viel maechtiger als die groessten Gewerkschaften oder alle Gewerkschaften zusammen. In vielen grossen Gesellschaften ist die Zahl
der Aktienbesitzer groesser als die der Arbeitnehmer. Das ist von
besonderer Bedeutung, weil diese Gesellschaften von ihren Aktienbesitzern fast einj«:uetig unterstuetzt werden, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Den grossen Gesellschaften stehen ausserdem weit
mehr Propagandamittel zur Verfuegung, und sie koennen im allgemeinen auf regulaeren Nachrichtenwegen die oeffentliche Meinung zu
ihren Gunsten beeinflussen. Die Betriebsleiter und Vorgesetzten
in den Gesellschaften sind zur Zeit die bestbezahltesten Leute in
Amerika. Ihre soziale Stellung verschafft ihnen uebertill Zugang,
und ihren Ansichten wird auf allen Gebieten groesste Beachtung geschenkt. Dagegen sind die Gewerkschaftsfuehrer aus den sogenannten
"besseren Kreisen" ausgeschlossen und sind in den Augen eines
grossen Teiles der Oeffentlichkeit zumindest verdaechtig.
Viel Laerm ist um das wachsende politische Bewusstsein in
den Gewerkschaften geschlagen worden. Aber selten werden Leute
aus Gewerkschaftskreisen in irgendwelche fuehrenden Stellungen der
Vereinigten Staaten gewaehlt. Wahrscheinlich ist keine andere,
groessere Schicht der Bevoelkerung in den Aemtern relativ so gering vertreten wie die Arbeiter der Industrie. In diesem Zusammenhang muss man sich vor Augen halten, dass in fast allen Staaten
die. Arbeiter mit ihren Familien nur eine Minderheit der Bevoelkerung
darstellen und die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter nur eine
Minderheit aller Arbeiter darstellen.Ausserden ist es selten, wenn
nicht ausgeschlossen, dass alle Gewerkschafter gleich waehlen.
Wenn die Arbeiterschaft, politisch gesehen 2rfolg haben soll, muss
sie von anderen Gruppen unterstuetzt werden. Gewiss ist, dass sie
noch weit davon entfernt ist, die -politische Bildflaecne oder die
Regierung in irgendeiner Hinsicht zu beherrschen.
Aus all diesen Ueberlegungen ergibt sich die Schlussfol^erung,
dass die Gesellschaftsordnung der Vereinigten Staaten heute viol
- 9-

�eher den Stempel der Unternehmer als den der Arbeitnehmer traegt.
Die Industrie ist die ^wichtigste Einnahmequelle, und die Industrie,
oder zumindest die Grossindustrie, liegt in den Haenden der Unternehmer. Die Mehrzahl der grossen Gesellschaften wird von den Unternehmern kontrolliert, und sie ernennen normalerweise die Direktoren. Die Unternehmer sind weitgehend tonangebend in der gesamten Gesellschaft und ueben damit einen grossen Einfluss auf alle
oeffentlichen Institutionen aus.
In gewissem Sinne ist die Gewerkschaftsbewegung eine Kampfansage an den Absolutismus der Unternehmer. Wo eine Gewerkschaft besteht, hat der Arbeitgeber in vielen Fragen der Arbeitsbedingungen
keine voellig freie Hand mehr. Diese sind innerhalb der verschiedenen Gewerkschaften und darueber hinaus von Zeit zu Zeit Veraenderungen unterworfen. Allgemein gesprochen, haben die Gewerkschaften die Tendenz, sich um mehr und mehr Angelegenheiten zu kuemmern.
Dies hat zu dem Notschrei der Unternehmer gefuehrt, dass ihre Rechte durch die Gewerkschaften beschnitten wuerden, und zu dem Vorwurf, alles, was mit Gewerkschaften zu tun habe, wolle das Unternehmertum stuerzen oder verlange zumindest eine gleichberechtigte
Stimme in der Vertretung der Aktienbesitzer, das heisst in der Betriebsleitung.
In den 50.000 Gewerkschaften des Landes gibt es Beispiele fuer
fast alle moeglichen Dinge. Was die Organisation und Struktur,
die Groesse und Macht, die Ziele und Methoden anbetrifft, so gibt
es bei den Gewerkschaften ebenso grosse Unterschiede wie bei den
Unternehmen. Die kleinste internationale Gewerkschaft hat nur 100
Mitglieder, die groesste ueber eine Million. Es gibt einige Gewerkschaften, die Geschaeftsorganisationen sind und Gewinne erzielen; einige andere sind Genossenschaften; und wieder andere sind
richtige mittelalterliche Gilden, denen nur Meister und Gesellen
angehoeren. Wieder andere Gewerkschaften haben dem guten Ruf der
Gewerkschaftsbewegung geschadet, weil sie Ausbeutermethoden, Terror
und Gewalt anwandten. Es gibt Gewerkschaften, die ihre Hauptaufgabe im Dienst an fremden Ideologien und Nationen zu sehen scheinen. Auf der anderen Seite gibt es Gewerkschaften im Dienste der
Unternehmer, deren Zweck in Wirklichkeit darin besteht, die wahre
Gewerkschaftsbewegung zu unterminieren und die Arbeiter im Interesse
der Unternehmer zu betruegen.
Die Gewerkschaftsbewegung ist zu gross und zu vielseitig, um
sie erschoepfend und genau in ein paar kurzen Saetzen beschreiben
zu koennen. Was von einzelnen Gewerkschaften hier gesagt wurde,, ist
jedoch nicht zu verallgemeinern. Es hat in der Gewerkschaftsbewegung Fehlschlaege gegeben, jedoch nicht mehr als in anderen Schichten der Gesellschaft. Gewerkschaften und Gewerkschafter haben sich
manchmal gesetzeswidriger Methoden bedient, aber wer hat das nicht
getan? Im Laufe der Jahre sind die Faelle immer seltener geworden,
in denen bei Arbeitsstreitigkeiten Gewalt angewandt wurde. Die Gewerkschaftsbewegung hat unter der kommunistischen Infiltration und
den Versuchen der Kommunisten gelitten, das Gewerkschaftswesen zur
Foerderung ihrer Parteiinteressen zu missbrauchen. Aber niemand hat
im Kampf gegen die kommunistischen Beherrschungsversuche soviel geleistet wie gerade die Gewerkschaften. Eine starke Gewerkschaftsbewegung ist die beste Sicherheit gegen die Moeglichkeit, dass die
Arbeiter den falschen Versprechungen jener erliegen, die die Wirtschaft und die Regierung unterminieren moechten.
"New Frontiers of Unionism"
(Neue Grenzen des Gewerkschaftswesens)
II/2/50
- 10 -

�DIE REALLOEHNE IN DEN LAENDERN HINTER DEM EISERNEN VORHANG
Vergleiche sind wie geschichtliche Parallelen manchmal hinkend
und oft ungenau. Besonders schwierig ist es, den Lebensstandard der.
Arbeiter in Laendern hinter dem Eisernen Vorhang mit dem amerikanischer Arbeiter-zu vergleichen, und zwar vor allem deshalb, weil Statistiken in jenen Laendern Staatsgeheimnisse sind. Angaben in der
New-York Post werfen jedoch etwas Licht auf den gegenwaertigen Wert
der in Rubel, Zlotys, Lei, Lewa und tschechischen Kronen bezahlten
Loehne im Vergleich zu den amerikanischen Dollarloehnen. Franz
Pick, der Herausgeber des "Picks Kursbericht der Welt", ist Experte
in Finanzfragen, und von ihm stammen die folgenden Werte: (Natuerlich muss dabei darauf hingewiesen werden, dass eine solche Umrechnung manche Maengel aufweisen muss, zumal die Regierungen jener
osteuropaeischen Staaten der Meinung sind, dass der Umrechnungskurs
ein gerechter sei, da die Kosten wichtigster Lebensmittel ausserordentlich niedrig sind, sodass aus diesem Grunde der vorgeschriebene Kurs sich verantworten Hesse. Aber die Unterschiede sind derart gross, dass diese Argumente nicht durchschlagen.)
In Moskau ist der offizielle Kurs vier Rubel fuer einen Dollar,
der nichtoffizielle dagegen 40 Rubel fuer einen Dollar. In Sofia
steht der Dollar mit 285 Lewas offiziell, nichtoffiziell mit
1.275 Lewas im Kurs. In Bukarest werden offiziell 150 Lei, nichtoffiziell 610 Lei fuer den Dollar gezahlt. In Budapest liegt der
amtliche Kurs bei 11.80 Forints je Dollar, im geheimen bezahlen
die Spekulanten Ungarns jedoch bis zu 53 Forints. 400 Zlotys sind
in Warschau nach dem amtlichen Kurs einen Dollar wert, der nichtamtliche Kurs ist jedoch 1.370 Zlotys und manchmal noch mehr. Der
offizielle Kurs in Prag ist 50 Kronen fuer einen Dollar, nichtoffiziell werden 520 Kronen gezahlt. In Peiping steht dem amtlichen
Kurs von 38.750 der nichtamtliche von 152.500 gegenueber. In Berlin hat der Dollar naoh dem offiziellen Kurs einen Wert von fuenf
Ostmark, auf dem Schwarzmarkt dagegen wird er fuer 45 und mehr Ostmark verkauft. Damit ist nach den Angaben Picks und der New York
Post der Dollar auf dem nichtkontrollierten Markt mindestens viermal soviel wert wie nach dem offiziellen Umrechnungskurs.
Der nichtoffizielle Kurs ist selbstverstaendlich sehr starken
Schwankungen unterworfen. Die von Franz/Pick angegebenen Werte scheinen die hoechsten zu sein, die ein Privatspekulant zahlen wird. Nach
Aussagen von Fluechtlingen aus anderen Laendern innerhalb des Rubelblockä sind diese Schaetzungen jedoch ziemlich genau oder waren es
zumindest vor einigen Wochen.
Angenommen, diese Zahlen stimmen ungefaehr mit dem Realwert der
Waehrungen Sowjetrusslands und seiner Satelliten ueberein, dann waere
die Feststellung interessant, wieviel der normale Arbeiter in jenen
Laendern verdienen muss, um den glei-chen Lebensstandard wie der amerikanische Arbeiter zu haben. Der Durchschnittslohn eines amerikanischen Industriearbeiters betraegt etwa 250 Dollar monatlich.
Um so wie der amerikanische Arbeiter leben zu koennen, muesste
der durchschnittliche russische Fabrikarbeiter nach dem offiziellen
Kurs monatlich 1000 Rubel verdienen, nach dem nichtoffiziellen oder
tatsaechlichen Kurs aber 10.000 Rubel. In Wirklichkeit verdient er
jedoch 600 Rubel. In Bulgarien muessten ihm nach dem amtlichen Kurs
70.000 Lewas, naoh dem tatsaechlichen Kurs 312.000 Lewas gezahlt
werden; nach den neuesten Berichten verdient der bulgarische Arbeiter aber nur 16.000 Lewas im Monat. Der ungarische Industriearbeiter hat ein Monatseinkommen von etwa 600 Forints; damit sein Lebensstandard dem des amerikanischen Arbeiters gleich waere, muesste er
3.000 Forints oder nach dem hoechsten nichtoffiziellen Kurs 15.000
- 11 -

�Forints verdienen.
Der durchschnittliche Monatslohn in Rumänien betraegt etwa
5000 Lei. Das ist nur ein Sechstel des durchschnittlichen amerikanischen Arbeiterlohnes nach dem offiziellen Kurs, und nach dem
tatsaechlichen Kurs muesste der rumaenische Arbeiter zumindest
150.000 Lei im Monat verdienen, um den amerikanischen Lebensstandard erreichen zu koennen. Der Monats lohn des polnischen Fabrikarbeiters muesste nach dem amtlichen Kurs bei 100.000 Zlotys und
nach dem nichtamtlichen Kurs zwischen 250.000 und 460.000 Zlotys
liefen. Nach Stachanow wuerde es in der Tat heroischer Anstrengungen beduerfen, um soviel verdienen zu koennen, dass sein Lebensstandard dem des amerikanischen Arbeiters gleichkaeme. In Polen
betraegt der Mindestlohn zur Zeit 12.500 Zlotys monatlich, und besonders gut bezahlte Bergleute verdienen 27.300 Zlotys, was dem
Verdienst eines amerikanischen Bergmannes fuer fuenf Tage entspricht. In der Tschechoslowakei betraegt der monatliche Durchschnittslohn etwa 3.500 Kronen; dagegen muessten es nach dem amtlichen Kurs 12.300 und nach dem freien Kurs 125.000 Kronen sein,
wenn der tschechische Arbeiter den Lebensstandard des amerikanischen
Arbeiters haben sollte.
Arbeitsmitteilungen der ECA
V/17/50
AMERIKANISCHE GE//SRKECHAFT VERPFLICHTET SICH, NICHT ZU STREIKEN
Der Internationale Elektroarbeiterverband (CIO) hat sich fuer
die Dauer eines Drei-Jahrespaktes, der mit der Spterry Gyroscope
Company in deren Betrieb in Lake Success abgeschlossen wurde, verpflichtet, keinen Streik zu fuehren.
Die wichtigsten Bestimmungen dieses Abkommens, das sich auf
etwa 5.500 Arbeiter erstreckt, die mit der Herstellung von Kriegsmaterial beschaeftigt sind, sind folgende:
1. Rueckwirkend bis 15. April wird der Stundenlohn, um 5 Cents
erhoeht und eine automatische jaehrliche Aufbesserung yoii 4 Cents
je Arbeitsstunde zugesichert. Der durchschnittliche Stundenlohntarif betraegt im Jahre 1950 1.72 Dollar.
2. Die Loehne sind an den Lebenshaltungskosten-index fuer
New York des Statistischen Bueros des Arbeitsministeriums gekopoelt, und jede Srhoehung dieses Index um einen Punkt wird durch eine
Stundenlohnerhoehung um 1 Cent ausgeglichen. Die Loehne duerfen Jedoch nicht niedriger werden, als in dem Erstabkommen vorgesehen
ist.
3. Ein nicht beitragspflichtiges Gesundheits- und V.ohlfahrtsDrogramm wird eingefuehrt und das beitragspflichtige Pensionsprogramm weitergefuehrt.
4. Beide Vertragspartner kommen ueberein, in der Beibehaltung
gerechter Produktionsnormen und guter Arbeitsbedingungen zusammenzuarbeiten.
Sprecher der Elektroarbeitergewerkschaft und der Sperry Company
erklaerten, dass der Abschluss dieses Vertrages durch den gemeinsamen 'Vunsch beschleunigt worden sei, eine ununterbrochene Kriegsmaterialproduktion zur Verteidigung des Landes zu gewaehrleicten.
V/eekly Labor News Digest
VIII/2/50
- 12 -

�DELEGATION AFRIKANISCHER GEWERKSCHAFTER SCHLAEGT VERBESSERUNG DES
ECA-PROGRAMMS VOR
Ein groesserer Anteil an den Mitteln der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte direkt den Lohnempfaengern in
Deutschland&gt; Italien und Frankreich zugute kommen. Dies war der
Sinn der Erklaerungen, die John W. Livingstone, der zweite Vorsitzende der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (CIO), in
der vergangenen Woche abgab. Livingstone sprach hier als Beauftragter der Delegation der 12 Gewerksch&amp;ftsfunktion&amp;ere, die jetzt
von einer sechswoechigen Reise durch europaeische Kraftwagen- und
Flugzeugfabriken zurueckkehrten.
Die Delegation forderte verbesserte Lebensbedingungen in den
genannten drei europaeischen Laendern, da dies der wirksamste Weg
sei, den Drohungen einer kommunistischen Kontrolle entgegenzutreten. Die Mittel des Marshall-Plans haben, wie die Gruppe sich
ueberzeugen konnte, die Profite der Gesellschaften anschwellen lassen, deren Fabriken wieder neu gebaut werden konnten. Zur selben
Zeit haben die geringen Loehne der Arbeiter ihre Moral und ihr
Selbstbewusstsein untergraben. Die Kritik der Gruppe richtet
sich, wie erklaert werde, gegen die unkorrekte Verwendung der
ECA-Mittel, nicht jedoch gegen die eigentlichen Ziele der MarshallPlan-Hilfe. In Grossbritar.nien habe die Gruppe, so erklaerte
Livingstone, feststellen koennen, dass dj.e Fabriken ebenfalls wieder aufgebaut und modernisiert seien, dass aber auch die Arbeitsbedingungen sich wesentlich verbessert haben.
Weekly Labor News Digest
VIII/16/50
750 FRAUEN IN SPITZENSTELLUNGEN IN AMERIKA
In Washington ist ein sehr aufschlussreicher Bericht erschienen, der sich mit den Stellungen von 730 Frauen beschaeftigt, die
in den Vereinigten Staaten Spitzenstellungen errungen haben. Es
handelt sich hierbei um Volkswirtschaftierinnen, Anwaelte, Wissenschaftlerinnen, Verwaltungsspezialistinnen, Patentprueferinnen,
Aerztinnen, Bibliothekarinnen, Statistikerinnen, Autoren, Spezialistinnen fuer Personalabteilungen und Buchhaltungen und aehnlicher
Berufe.
Aber die Zahl der Frauen in Spitzenstellungen ist gering. Sie
betraegt im Staatsdienst nur 3% aller Angestellten. Sie ist zwar
langsam angestiegen, aber wenn man weiss, dass 24% aller Arbeitskraefte weibliche sind, so ist die erwaehnte Zahl sehr gering.
Ueber die Haelfte dieser weiblichen Kraefte in Spitzenstellungen ist aelter als 45 Jahre. Sieben von acht dieser Frauen
haben auf einer Universitaet ihr Examen abgelegt, drei von fuenf
haben noch andere, schwierigere Pruefungen mit Erfolg bestanden.
32 dieser 730 Frauen haben ein Jahresgeh&amp;lt von mehr als 8000
Dollar. Aber wenn hier zu den maennlichen Kollegen Vergleiche gezogen werden, so ergibt sich, dass &amp;j&gt; der Maenner Gehaeiter von
mehr als 8000. pollar im Jahr beziehen, waehrend es nur 0.1% der
Frauen sind.
Die meisten dieser Freuen, die weit ueber dem Durchschnitt
mit ihren Bezuegen stehen, sind auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaft spezialisiert. Es handelt sich bei ihnen um Fachkraefte
fuc-T Betriebsanalysen, aber auch Spezialistinnen in Baumwolle,
Strickwaren, Gummierzeugnisse, um Berichterstatterinnen ueber
Lohn- und Preisbewegungen, ueber Lobneinzelheiten, ueber Wohnfragen
- 13 -

�und. Einkommensverteilung, ueber Nahrungsmittelverbrauch und aehnliche Dinge. Aus der Statistik geht hervor, dass der Krieg der
Mehrzahl dieser Fachkraefte erst den Weg zu diesen Aemtern oeffnete. Es gibt somit eine ganze Anzahl Kraefte, die bereits 20
Jahre und mehr auf solchen Posten stehen, aber die meisten haben
doch erst fuenf bis sechs Jahre Dienst in diesen Positionen hinter
sich. Drei Fuenftel dieser durch den Krie;? in diese Stellung gekommenen Frauen haben ein Gehalt zwischen 6400 und 7400 Dollar und
50% dieser Kraef te bezogen Gehaeiter zwischen 7600. und 8600 Dollar.
Es duerfte in Deutschland ueberraschen, dass unter diesen
Snitzenkraeften auch mehr als 50 Frauen zu finden sind, die auf
dem Gebiot der Sozialen Wohlfahrtspflege taetig sind. Dabei faellt
auf, dass disre Kraefto keine eigentliche Spezialausbildung genossen haben, aber es wird hier der groessere Wert auf die Praxis
gelegt, die weit wichtiger als jede wissenschaftliche Theorie ist.
Jedenfalls i-t dies drueben die Auffassung, die in diesem Falle
auch durch die Vorbildung dieser Spezialistinnen bestaetigt wird.
Unter den Spezialistinnen, die nicht die hoechsten Gehaltsstufen erreichen, aber trotzdem weit ueber dem Durchschnitt verdienen, stehen etwa 400 Frauen, von denen 41 in Physik oder Biologie
eine Sonderausbildung durchgemacht haben, 34 sind Aerztinnen, Krankenpflegerinnen oder Spezialkraefte auf einem Sondergebiet der
oeffentlichen Gesundheitsarbeit. 30 Kraefte betaetigen sich auf
dem Gebiet der Erziehung, 18 als Bibliothekarinnen, 14 als Statistikerinnen, 13 als Herausgeber oder Fachschriftstellerinnen, waehrend 33 Spezialistinnen auf dem Gebiet der Informationen sind.
Arnold Beichman, New Yorker Korrespondent der AFI News Service:
AFRIKANISCHE GEWERKSCHAFT SCHULT IHRE FUEHRER
Die Internationale Damenoberbekleidungsarbeiter-Gewerkscheft
(ILGVJU) der AFL hat einen Versuch unternommen, der die Aufmerksamkeit der gesamten Gewerkschaftsbewegung auf sich ziehen wird.
Es handelt sich um ein Ausbildungsinstitut dieser Gewerkschaft,
an dem zukuenftige Funktionaere und Fuehrer der ILGWU jeweils
fuer die Dauer eines Jahres unterrichtet und geschult werden, um
sich dann in fuehrenden Positionen der Gewerkschaften weitere
berufliche Kenntnisse zu erwerben.
Im Hauptquartier der ILGVJU, New York, 1710 Broadway, wurde
mit der Schulung einer Gruppe von 37 jungen Leuten - 32 Maenner und
fuenf Frauen - begonnen. Es ist eine Tagesschule, und der Lehrgang dauert ein ganzes Jahr, wov&gt;on 7 Monate theoretischer und 5
Monate praktischer Arbeit gewidmet sind.
Fuer die praktische Ausbildung sind Betriebsbesuche vorgesehen; ausserdem soll Einblick in die Arbeit von Organisatoren, Betriebsleitarn und Arbeitsvorgesetzten genommen werden. Ferner werden das schiedsrichterliche Verfahren und Faelle der Wechselbeziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern studiert.
Der Lehrplan des ersten Jahres enthaelt die Geschichte der
ILGWU, ihren Aufbau und ihre Arbeitsweise, die Geschichte der Demenoberbekleidungsindustrie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, die
Verwaltung der Gewerkschaften, die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung und die Gesetzgebung, die Einfuehrung in das Tarifverhandlungsverfahren und eine Studie der grundlegenden Berufe.
- 14 -

�N

Der Lehrkoerper des Instituts setzt sich nicht nur aus Gewerkschaftsfunktionaeren, sondern auch aus aussenstehenden Dozenten zusammen. Hierzu gehoeren Dr. PhiliD Taft von der Brown Universitaet, Frau Elizabeth Pollock vom polytechnischen Institut und andere. Leiter der Schule der ILGWU ist Arthur A. Eider, der seit
' Jahren Vizepresident der Gewerkschaft der Lehrer ist.
Die zugelassenen Studenten zahlen keine Unterrichtsgelder,
muessen aber fuer ihren Lebensunterhalt aufkommen. Sie muessen
zumindest eine hoehere Schulbildung haben, und nach erfolgreichem
Abschluss des Lehrgangs wird ihnen eine Anstellung bei der ILGWU
zugesichert.
Zur Finanzierung des Instituts bewilligte der Exekutivausschuss 100.000 Dollar.
Anlaesslich der Eroeffnung der Schule sprachen Vizepresident
Julius Hochmtn, der Leiter des Erziehungsausschusses der ILGWU
und David Dubinsky, der Praesident der ILGWU. Dubinsky erklaerte,
dass sich fuer die Gewerkschaftsbewegung die Notwendigkeit ergeben
habe, ihre zukuenftigen Fuehrer zu schulen.
"Das Problem der Gewerkschaftsfuehrung", sagte er, "ist heute
ein anderes als in den vergangenen Jahren. Die Organisationsmethoden unterscheiden sich von denen, die vor 40 oder 50 Jahren angewendet wurden. Die Verhandlungsmethoden haben sich geaendert und
ebenso die Unternehmer. Deshalb muss auch die Gewerkschaftsfuehrung
eine andere sein.
"Angesichts der Dringlichkeit dieses Problems gibt es keine
bessere Moeglichkeit als junge Menschen auszubilden, die irgendeine Ausbildung genossen und ein Interesse daran haben, sich in der
Gewerkschaftsbewegung zu betaetigen, und die bereit sind, einer Sache zu dienen, die ihnen geistige Befriedigung und zugleich «ine
Laufbahn bietet."
Weekly News Service (AFL)
V/5/50
NEUE TABELLEN UEBER DAS ARBEITSALTER AMERIKANISCHER ARBEITER
Das Statistische Buero des US-Arbeitsministeriums hat von
einer wichtigen Errungenschaft auf dem Gebiet der Statistik berichtet: es sind Tabellen ausgearbeitet worden, die anzeigen, mit wieviel Jahren beruflicher Taetigkeit ein amerikanischer Arbeiter im
Durchschnitt rechnen kann.
Die neuen Tabellen ueber die Dauer des Arbeitslebens zeigen
die zunehmende Spanne zwischen dem Gesamtlebensalter und der Dauer
der beruflichen Taetigkeit der Maenner in den Vereinigten Statten
auf.
Danach hat sich das Lebensalter, mit dem ein 20*jaehriger
maennlicher Arbeiter der weissen Rasse im Durchschnitt rechnen
kann, in der Zeit von 1900 bis 1940 um 5 1/2 Jahrs erhoeht, waehrend diese Erhoehung fuer die Dauer seiner beruflichen Taetigkeit
nur 2 1/2 Jahre betraegt. Die Zahl der Jahre im Ruhestand, mit
denen er rechnen kann, hat sich in dieser Zeitspanne verdoppelt.
Wenn diese Entwicklung weitergeht, heisst es in*dem Bericht des
statistischen Bueros, wird sich die Spanne zwischen der zu erwartenden Gesamtlebensdauer und der der beruflichen Taetigkeit in der
Zeit von 1900 bis 1975 verdreifachen.
- 15 -

�Der Tabelle zufolge konnte im Jahre 1940 ein 20-jaehriger
Landarbeiter der" weissen Rasse dar.it rechnen, fast 3 Jahre laenger
als ein Arbeiter aus der Stadt zu arbeiten. Das zu erwartende Arbeitsalter des 20-jaehrigen, nicht der weissen Rasse angehoerenden
Arbeiters war um fast 6 Jahre kuerzer als das des Arbeiters der
weissen Rasse.
Durch die Tatsache veranlasst, dass aeltere Leute einen zunehmenden Prozentsatz der Bevoelkerung bilden, hat das statistische Buero im Jahre 1945 an diesen Tabellen zu arbeiten begonnen.üeber das Arbeitsalter der Frau werden zur Zeit gleiche Tabellen
entwickelt.
Die Tabellen werden dem Studium des wirtschaftlichen Problems
der Abhaengigkeit alter Leute zugrundegelegt und beir. Veranschlagen der Beschaeftigungsmoeglichkeiten fuer verschiedene Berufsgruppen auf lange Sicht verwendet werden. Sie werden bei der
Berufsberatung wertvolle Helfer sein. Da sie einen Ueberblick ueber die Zahl derjenigen Arbeiter bestimmter Beschaeftlgungssparten
geben, die wahrscheinlich sterben oder in den Ruhestand treten
werden, koennen mit ihrer Hilfe neue Arbeiter in die Berufe gelenkt werden, fuer die grosser Nachwuchsbedarf besteht.
Das statistische Buero wird in Kuerze einen Bericht ueber die
Tabellen des Arbeitsalters (Bulletin Kr. 1001 des statistischen
Bueros) veroeffentlichen. Ausserdem wird, beginnend im August,
in der Veroef fentlichung "BLS Monthly, Labor Review" zu diesem Thema
eine Serie von fuenf Artikeln erscheinen.
Die Fertigstellung der Tabellen wurde kurz nach Beendigung
der Nationalen Konferenz ueber das Alter angekuendigt, die die
Bundesstaatliche Sicherheitsbehcerde vom 13.-15. August abhielt.
Die Konferenz wurde in Antwort auf die Forderung Praesident Trumans
einberufen, sich eingehend mit den Problemen zu befassen, die mit
dem staendigen Ansteigen des Anteils der aelteren Leute an der
Gesamtbevoelkerung des Landes in Zusammenhang stehen.
Pressemitteilung des US Arbeitsministeriums
VIII/21/50
KANADISCHE EISENBAHNER DROHEN MIT STREIK
Fuenfzehn kanadische Eisenbahnergewerkschaften, in denen
nicht im Fahrdienst beschaeftigte Eisenbahner organisiert sind,
kuendigten den Eisenbahngesellschaften an, dass sie in den Ausstand treten wuerden, wenn ihre Forderungen nach einer kuerzeren
Arbeitswoche bei einer gleichzeitigen Lohnerhoehung nicht bis zu
einem bestimmten Tage erfuellt wuerden.
Die mehr als 90.000 Mitglieder dieser Eisenbahnergewerkschaften
verlangen ohne eine Kuerzung ihrer Loehne an Stelle der 43-Stunden
Woche *die Einfuehrung der 40-Stunden V/oche und eine Erhoehung des
Stundenlohnes um 7 Cents. Mit dieser Streikankuendigung fanden
die Verhandlungen einen neuen Hoehepunkt, die uebrigens seit mehr
als einem Jahre im Gange sind. Nachdem die Unternehmer die Forderungen der Gewerkschaften zurueckgewiesen hatten, befasste sich
ein kanadischer bundesstaatlicher Vermittlungsausschuss mit dem
Problem. Die Mehrheit des Ausschusses huette Vorschlaege gemacht,
erklaerten die Gewerkschaften, die "voellig unannehmbar" gewesen
./aeren.
'.Veekly Labor News Digest
VIII/9/50
- 16 HICOO R.U3* t » » a»P« 5» * «

�International«

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 28

Frankfurt, 15. September 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die Arbeiterschaft zur Frage der Steigerung der
Produktionsleistung - - - - - - - - - - - - Der Marshall Plan in einem franzoesischen Hafen Betrachtungen zur Aussenpolitik der Vereinigten
Staaten - - - - - - - - - - - - - - - - - - Britische Gewerkschaften entscheiden sich fuer
die Nutzanwendung der Berichte ihrer Auslandskommission - - - - - - - - - - - - - - - - - 17 westeuropaeische Nationen unterstuetzen
Binnenwanderungsprogramm - - - - - - - - - - Fabrikbaukontrolle in England gelockert - - - - Kupers besucht griechische Gewerkschaften - - - Norwegische Gewerkschaften stellen sich hinter
die Vereinten Nationen - - - - - - - - - - - 15 Jahre Sozialfuersorge in den Vereinigten
Staaten - - - - - - - - - - - - - - - - - - Oesterreichische Arbeitskammer baut Lehrlingsheim
Die Gewerkschaften ruesten sich fuer politische
Machtansprueche - - - - - - - _ - - _ - _ _ -

1
2
3
7
9
11
12
13
14
15
iß

'S. Schevenels:
DIE ARBEITERSCHAFT ZUR FRAGE DER STEIGERUNG DER PRODUKTIONSLEISTUNG
Obwohl der Wiederaufbau der kriegszerstoerten Laender bereits
weit vorangeschritten ist, hat die grosse Mehrheit der Bevoelkerung, insbesondere die Industriearbeiter, ihren Vorkriegslebensstandard noch nicht wieder erreicht. Sie sind Jahr fuer Jahr in
ihrer Hoffnung auf verbesserte Lebensbedingungen enttaeuscht worden«
Und heute besteht in diesen hochentwickelten Industriestaaten tat- 1-

�saeohlich die Gefahr eines wirtschaftlichen Stillstands. Ausserdem
sind grosse Gebiete der Welt in die Weltwirtschaft einbezogen worden, und Hunderten von Millionen Mensohen in diesen Laendern kommt
es immer staerker zum Bewusstsein, wie ausserordentlich niedrig
ihr Lebensstandard ist. In diesen wirtschaftlich rueckstaendigen
Laendern ist die Notwendigkeit einer wesentlichen Verbesserung des
Lebensstandards noch viel groesser und dringender als in den wirtschaftlich entwickelten Staaten.
Es gibt nur eine Moeglichkeit, diesen dringenden Bedarf an
einer hoeheren Erzeugung und an
einer Vermehrung der Dienstleistungen zu decken: die Steigerung1der Produktionsleistung auf der
ganzen Welt. Hoehere Produktionsleistung kann mit vielen Mitteln
erreicht werden: bessere Einrichtungen und zahlreichere Maschinen;
bessere Organisation der Produktion; groessere Lelstungsfaehigkelt
und Vermeidung der Verluste bei der Verteilung und dem Transport;
Ausdehnung der Absatzmaerkte, wozu eine bessere Verteilung der Arbeitskraefte, eine groessere Spezialisierung und Normung der Produktion erforderlich ist. Jede dieser Massnahmen und alle zusammen
koennen und muessen eine groessere Produktion und niedrigere Gestehungskosten ermoeglichen.
Der wirkliche Erfolg jeglicher Bemuehungen zur Steigerung der
Produktionsleistung haengt von der Bereitwilligkeit der Arbeiter
zur Zusammenarbeit ab. Um diese Zusammenarbeit zu sichern, ist es
notwendig, die Arbeiter davon zu ueberzeugen, dass sie sich durch
ihren Beitrag zur Steigerung der Produktionsleistung niedrigere
Preise und hoehere Loehne und damit einen hoeheren Lebensstandard
fuer jedermann und ueberall sichern.
Die Arbeiterschaft hat in der Vergangenheit bittere Erfahrungen
mit der Elnfuehrung neuer Maschinen und arbeitssparender Einrichtungen und Methoden gemacht, die zur Massenarbeitslosigkeit, niedrigeren
Loehnen und schlechteren Arbeitsbedingungen gefuehrt haben. Es ist
wahr, dass ohne hoehere Produktionsleistungen keine Moeglichkeit besteht, die gegenwaertlgen Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern, und der Arbeiter ist sich dessen durchaus bewusst.
Es duerfte deshalb nicht allzu schwer sein, die Arbeiterschaft
fuer eine Steigerung der Produktionsleistung zu gewinnen, vorausgesetzt, dass sie ueberzeugt werden kann, dass die aus der hoeheren
Produktionsleistung entstehenden Vorteile unter alle Schichten der
Bevoelkerung gerecht verteilt werden, und dass vor allem die gesteigerte Produktionsleistung ihnen in Form hoeherer Loehne, zahlreicherer und billigerer Waren und die Vollbeschaeftigung zugutekommt.
Die Arbeiter wissen, dass dies erreicht werden kann. Wenn es
jedoch nicht erreicht werden kann, dann nur deshalb, weil irgendwo
irgendjemand dagegen arbeitet.
Labour News Bulletin on ERP
VII/15 - VIII/15/50
DER MARSHALL PLAN IN EINEM FRANZCESISCHEN HAFEN
Der franzoesische Hafen Le Havre hat 60% seiner Vorkriegskapazitaet wieder erreicht. Hieraus hat sich eine rege Geschaeftstaetigkeit und Beschaeftigungmoeglichkeit fuer die Bewohner von Le Havre
ergeben, die sonst arbeitslos waeren.
Le Havre ist der bedeutendste franzoesische Einfuhrhafen fuer
Baumwolle. 191.000 Tonnen Baumwolle, wovon ueber 80% Marshall Plan
- 2 -

�Lieferungen entstammen, wurden im Laufe des vergangenen Jahres in
diesem Hafen ausgeladen. Damit wurde nicht nur der franzoesisehen
Textilindustrie geholfen, die nach einer weiteren Zuteilung von
Z Millionen Dollar fuer Neuanschaffungen mit grosser Zuversicht
der Beseitigung der Zollschranken entgegenblickt, sondern einem
der groessten Haefen Frankreichs wurde auch seine industrielle Geschaeftigkeit aus der Vorkriegszeit zurueckgegeben.
Die Schiffahrt ist die Lebensader von Le Havre, und es war
selbstverstaendlich, dass die Wiederherstellung der kriegszerstoerten Dockanlagen den Vorrang vor allen anderen Bauvorhaben einnehmen
musste. Als naechstes wird nun der Wohnungsbau fuer diese bedeutende Hafenstadt mit einer Einwohnerzahl von 135.000 in Angriff genommen. Das Wiederaufbauprogramm, das 1948 und 1949 anlief, wird in
diesem Jahre einen grossen Aufschwung nehmen, nachdem 1,706 Millionen Franken (5.114.000 Dollar) aus Gegenwertfonds des Marshall Planes fuer den Wiederaufbau der kriegszerstoerten Wohnhaeuser bereitgestellt wurden.
14$ der in dem Wohnungsbauprogramm fuer Le Havre vorgesehenen
Arbeiten sind zur Zeit in der Ausfuehrung begriffen, und man erwartet, dass 1500 Familien, die zur Zeit in Notwohnungen untergebracht
sind, gegen Ende des Jahres neue Wohnungen haben werden.
Die Marshall Plan Hilfe fuer Le Havre stellt nur einen Teil
des gesamten ERP Fonds fuer Wohnungsbauzwecke fuer ganz Frankreich
dar, der sich auf 62.285.000 Dollar (fast 22 Milliarden Franken aus
Gegenwertfonds) belaeuft.
Labour News Bulletin on ERP
VII/15 - VIII/15/50
Edward G. Miller, Jr., stellvertretender Aussenminister fuer interamerikanische Angelegenheiten:
BETRACHTUNGEN ZUR AUSSENPOLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN
Die Taetigkeit der Gewerkschaftsbewegung macht sich in LateinAmerika immer staerker bemerkbar. Der Aufstieg der Bewegung ging
langsam vor sich, und sie hatte gelegentlich, wie auch in anderen
Laendern, gegen eine hertnaeckige Opposition zu kaempfen. Besonders
in den letzten Jahren jedoch hat sie sich in politischen Angelegenheiten in zunehmendem Masse Gehoer verschafft. Niemand weiss, wie
stark die Gewerkschaftsbewegung in Latein-Amerika ist. Ich habe
Schaetzungen gehoert, die um mehr als 100% variieren. Doch selbst
wenn die Bewegung zahlenmaessig klein ist, ihre Bedeutung ist gross.
Das trifft besonders fuer jene Laender zu, in denen die grosse Masse
des Volkes nicht aufgeklaert und politisch kaum organisiert ist.
Die Gewerkschaftsbewegung spricht im Namen des Volkes, und sie muss
besonders bemueht sein, fuer die Verwirklichung der wahren Bestrebungen des Volkes zu arbeiten.
Die Gewerkschaften sind an der Foerderung der demokratischen
Ideale und Einrichtungen in Amerika und im Ausland interessiert.
Das gleiche gilt fuer das Aussenministerium. Liberale Gruppen in
USA selbst und in Latein-Amerika haben jedoch manchmal die Politik
der Vereinigten Staaten nicht verstanden, und zwar deshalb, weil
sie die Hintergruende dieser Politik nicht voellig erkannten. Heute
ist man geneigt, bei jeder Gelegenheit das U.S. Aussenministerium zu
beschuldigen. Die schwierigen Situationen in der Welt haben grösstenteils verwickelte und tiefverwurzelte Ursachen. Diese Probleme
koennen nicht ueber Nacht geloest werden. Gerade weil die Politik

3

�von einigen Gruppen missverstanden wird, die sich als Verfechter
demokratischer Ideale aufspielen, moechte ich ueber zwei Fragen
sprechen, die fuer die Allgemeinheit von Bedeutung sind: erstens,
warum halten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre diplomatischen Beziehungen zu Regierungen aufrecht, die nicht demokratisch
sind, und zweitens, warum arbeiten die Vereinigten Staaten mit derartigen Regierungen wirtschaftlich zusammen?
Die Politik der Vereinigten Staaten stellt das Ergebnis eingehender und ernsthafter Studien, Versuche und der praktischen Anwendung unserer grundlegenden Prinzipien dar. Sie entstammen einem
gesunden Menschenverstand und sind dazu bestimmt, der Arbeiterschaft
so schnell vorwaertszuhelfen, wie es die dabei auftretenden Schwierigkeiten erlauben.
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit einer Regierung
haengt erstens davon ab, ob diese Regierung die zivile Ordnung aufrechterhalten kann oder nicht. Hierauf wird selbstverstaendlich
jede Regierung zuerst geprueft. Ausserdem muss man wissen, ob man
sich darauf verlassen kann, dass diese Regierung ihren internationalen Verpflichtungen nachkommt, das heisst, dass sie sich an ihre
Abmachungen und die internationalen Gesetze haelt. Allgemein gesprochen, ist die Form dieser Regierung nicht ausschlaggebend. Wenn
eine Regierung gewaltsam gestuerzt wurde, stehen die Vereinigten
Staaten vor der Frage, ob die neue Regierung, die an die Stelle der
alten tritt, anerkannt werden soll oder nicht. Die Vereinigten Staaten sind bestrebt, sich mit den anderen Regierungen der westlichen
Hemisphaere zu verstaendigen, damit die Aktionen der amerikanischen
Voelkergemeinschaft so weit wie moeglich koordiniert werden koennen.
Diese Zusammenarbeit hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, und
die amerikanischen Laender sind sich dadurch naehergekommen; ausserdem hat diese Methode in der Oeffentlichkeit grosses Verstaendnis
fuer die Probleme und fuer die Politik der Vereinigten Staaten erweckt*
Die gegen diese Politik gerichteten Argumente werfen oft die
Frage auf, was "Intervention in die inneren Angelegenheiten" eigentlich ist. Diplomatische Anerkennung einer Regierung darf nicht als
eine moralische Hilfe angesehen werden, mit der eine innere Reform
ermoeglicht werden soll. Es ist offensichtlich, dass die Vereinigten Staaten zu vielen Laendern, deren Regierungen unseren Idealen
nioht entsprechen, Beziehungen unterhalten und diese auch beibehalten. Die Tatsache, dass sie dabei mit ihren Prinzipien nicht einverstanden sind, ist um so mehr ein Grund, sich die Wege des gegenseitigen Gedankenaustausches offenzuhalten. Der Fortschritt der
Zivilisation beruht u.a. auf dem Austausch von Persoenlichkeiten und
Ideen. Die Vereinigten Staaten moegen sich nicht mit einem Eisernen
Vorhang umgeben. Wenn das internationale Verstaendnis gefoerdert
werden soll, muessen die Wege offenbleiben.
Einige Gewerkschaften Latein-Amerikas waren unzufrieden, weil
ihnen keine Hilfe angeboten wurde, die der Unterstuetzung Europas
und gewisser asiatischer Laender im Rahmen des Marshall Planes
gleichgekommen waere. Die gleichen Gewerkschaften und auch einige
Amerikaner haben protestiert, weil sich die Vereinigten Staaten nicht
auf diejenigen Laender beschreenkt haben, deren Regierungen sich an
die demokratischen Grundsaetze halten. Die amerikanische Hemisphaere
ist durch das sogenannte interamerikanische System vereinigt, das
in der "Organisation Amerikanischer Staaten" zum Ausdruck kommt.
Wenn wir nicht einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung dieser
Organisation werfen, muessen wir unwillkuerlich die tatsaechlich
grossen Erfolge unterschaetzen, die in bezug auf die Vereinigung der
amerikanischen Voelkerfamilie seit der Gruendung der Pan-Amerikani- 4-

�sehen Union durch James G. Blaine und seine Mitarbeiter errungen
wurden. Wenn man naemlich weiter zurueckgeht, kann man mit Bestimmtheit sagen, dass der grosse suedamerikanische Fuehrer Bollvar
hoechst begeistert ueber das sein wuerde, was zur Verwirklichung
seines Ideals, einer vereinigten Hemisphaere, inzwischen getan
wurde. Auf den Konferenzen in Montevideo (1939), Buenos Aires
(1936), Lima (1938), Panama (1939) und Havanna (1940) wurden bedeutende Schritte zur Vereinigung der amerikanischen Nationen unternommen. In Rio de Janeiro (1942), in Mexiko (1945), wiederum in Rio
de Janeiro (1947) und in Bogota (1948) wurde diese Solidaritaet erneut unter Beweis gestellt.
Die Wirksamkeit des geschaffenen Systems hat seine erste Probe
bestanden, als sich die "Organisation der Amerikanischen Staaten"
gemaess dem Vertrag von Rio de Janeiro k'uerzlich mit Streitigkeiten
um die Karibische See befasste. Dies waere nicht moeglich gewesen,
wenn die amerikanische Gemeinschaft in einzelne Gruppen entsprechend den verschiedenen Ideologien der Mitgliederstaaten getrennt
gewesen waere.
Die Vereinigten Staaten glauben an diese Gemeinschaft, und mit
den Staaten meinen sie das Aussenministerium und die Bevoelkerung.
Sie muessen bestrebt sein, diese Gemeinschaft zu staerken, damit
die* Feindseligkeiten und Streitigkeiten auf dem amerikanischen Kontinent zu aller Nutzen und zur allgemeinen Verbesserungen des Lebensstandards auf friedliche Weise beigelegt werden koennen.
Erinnern wir uns an die tragischen Verhaeltnisse, die die Vereinigten Staaten veranlassten, Europa zu unterstuetzen. Der Krieg
hat West-Europa, ein Industriegebiet mit einer umfangreichen Wirtschaft, verwuestet. Die Fabriken, in denen die Arbeiter ihren
Lebensunterhalt verdienten, wurden zerstoert. Es war kein Kapital
vorhanden, um die Betriebe wieder aufzubauen. Die Arbeiter lebten
in groesster Armut, sie hatten auch keine Gelegenheit, selbst Nahrungsmittel anzubauen, denn dazu fehlte es an Ackerland. Sie mussten ernaehrt werden, und die Vereinigten Staaten halfen, sie mit
Lebensmitteln zu versorgen. Sie mu3sten Arbeitsaufgaben bekommen,
denen sie gewachsen waren. Die Vereinigten Staaten halfen beim
Wiederaufbau der Fabriken, der Handel bluehte wieder auf, und Bauern und Arbeiter konnten ihre Erzeugnisse austauschen. Damit halfen die Vereinigten Staaten, eine Katastrophe zu verhindern.
Die Lage in Latein-Amerika ist gaenzlich verschieden. Dort
dreht es sich nicht darum, grosse Industriestaaten wiederaufzubauen, sondern die wirtschaftliche Entwicklung zu foerdern. Diese Aufgabe nimmt Zeit in Anspruch. Bleibende Einrichtungen, wie die Export- Import- Bank, die Weltbank und der Internationale Waehrungsfond,
die nicht wie die Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit
(E.C.A.) nach Beendigung einer wirtschaftlichen Krise wieder aufgeloest werden, stellen lediglich eine Form der Hilfe dar. Diese Institutionen bieten die finanzielle Unterstuetzung, die von den
Regierungen fuer die wirtschaftliche Entwicklung zur Verfuegung gestellt werden kann.
Die technische Unterstuetzung ist fuer Latein-Amerika ebenfalls
von groesster Notwendigkeit. Seit acht Jahren unterstuetzt die Regierung der Vereinigten Staaten das Institut fuer Interamerikanische
Angelegenheiten. Die Aufgabe dieser Organisation weiss man in
Washington wohl zu schaetzen, und in der letzten Sitzung des Kongresses wurde einstimmig fuer eine Verlaengerung ihres Bestandes
um fuenf Jahre gestimmt. Das Institut fuer Interamerikanische Angelegenheiten und das Komitee fuer Wirtschaftliche und Kulturelle Zusammenarbeit bilden einen Pruefstein fuer das Punkt-Vier-Programm
- 5-

�Praesident Trumans. Ein erweitertes Programm der technischen Unterstuetzung wird Latein-Amerika und anderen Teilen der Welt Gelegenheit bieten, eine wirksame technische ünterstuetzung zur Entwicklung der Landwirtschaft und Industrie mit eigenem oder ausländischem Kapital unter geringem Kostenaufwand zu erhalten. Ohne
einen politischen Einfluss ausuebsn zu wollen, soll dir finanzielle
ünterstuetzung der Laender Latein-Amerikas die wirtschaftliche
Entwicklung foerdern und eine Lahmlegung des Handels verhindern,
ohne dass dabei versucht wird, die inneren Angelegenheiten eines
Landes durch Aufdraengen eigener Ideen zu beeinflussen.
In der heutigen Welt beschraenken sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Laendern nicht auf die Regierungen selbst, sondern gehen in jeder Hinsicht ueber die Regierungen hinaus. Die
Handelsbeziehungen, der Fremdenverkehr, die kulturellen Beziehungen
und die indirekten Auswirkungen des Verhaltens der USA auf die
Entwicklung der öffentlichem Meinung liegen ausserhalb der Einflus3phaere der Regierungen.
In der Denkungsweise der Vereinigten Staaten und ihrem politischen Schrifttum besteht die Tendenz, die Rolle der Regierung uebermaessig zu betonen und ein Volk oder ein Land mit der Regierung zu
entzweien, die gerade an der Macht ist. Wenn die Programme der
Zusammenarbeit auf diesem Kontinent wirksam sein sollen, muessen
sie von Dauer sein. Die USA duerfen sich nicht von der Abneigung
gegen eine Regierung, die an der Macht ist, irrefuehren lassen.
Nichts kaeme den Feinden der Vereinigten Staaten gelegener, als
wenn sie sich ihrer Unfehlbarkeit ruehmen wollten.
Damit kommen wir zu einer wichtigen Frage: Wie kann nach unserer Auffassung die Demokratie in Latein-Amerika gestaerkt werden?
Es ist unmoeglich eine erschoepfende Erklaerung ueber Demokratie
abzugeben. Demokratie ist mehr als die Summe ihrer Bestandteile es ist der sie beherrschende Geist. Sie kann nicht durch irgendeine Theorie oder praktische Massnahme geschaffen werden. Die wahre
Demokratie beruht auf dem Selbstbewusstsein und auf dem Glauben
eir.es Volkes, dass selbst Meister seines Schicksals ist. Die Demokratie kann einem lenksamen oder nicht-denkenden Volk nicht dadurch
beigebracht werden, dass man es zwingt, sich von seiner Regierung
zu distanzieren. Wohl ist es richtig, dass die Vereinigten Staaten
durch Nichtanerkennung und wirtschaftliche Sanktionen gegen eine
Regierung eines kleineren Landes deren Sturz herbeifuehren koennen.
Damit wÄren jedoch nicht die Ursachen beseitigt, die zu dieser Regierung gefuehrt hatten. Ausserdem hat die Erfahrung genuegend
gelehrt, dass Nationalismus die Urteilsfaehigkeit zerstoert und
ein Volk halsstarrig macht, sodass alle Anfeindungen gegen seine Regierung nur dazu fuehren, dass es umso verzweifelter an ihr festhaelt.
Die Demokratie wird nicht nur durch einen gewaltsamen Sturz
einer Regierung erzeugt. Einige unglueckliche Laender in LateinAmerika haben zahllose Umstuerze erlebt, ohne den demokratischen
Freiheiten in irgendeiner V/eise naehergekommen zu sein. Demokratie
erfordert rechtmae3sigen Fortschritt und die Erweiterung des Begriffs der Freiheit. Sie erfordert das Selbstbewusstsein eines
Volkes, den Glauben an die Moeglichkeit, ^ein eigenes Schicksal am
vorteilhaftesten selbst gestalten zu koennen und den Drang nach Unabhaengigkeit. Demokratie beruht auf Erziehung, auf einer aufgeklaerten Waehlerschaft und einer Wirtschaft, die allen gleich guenstige Moeglichkeiten bietet, all das muss Latein-Amerika heute geboten werden - technische Ünterstuetzung im Erziehungswesen, in der
Landwirtschaft und in der Industrie.

�Jegliche politische Debatte dreht sich heutzutage letzten Endes um den Kommunismus. Nach dem letzten Kriege hatten die Kommunisten viele der einflussreichsten Stellungen in der latein-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung inne. Doch seitdem haben sie staendig an Boden verloren, und heute beherrschen sie in erster Linie
nur jene Splittergewerkschaften, die offen und eindeutig zupeben,
dass sie kommunistisch gefuehrt sind. Dabei gibt es bemerkenswerte
Ausnahmen. In einigen Laendern ist der Kampf im Gange; und wenn
auch die kommunistischen Fuehrer in anderen Laendern augenblicklich
noch eine starke Machtstellung einnehmen, so koennen diese Regierungen oder Voelker weder als treue Anhaenger des Kommunismus betrachtet werden, noch koennen die Kommunisten damit rechnen, die Kontrolle ueber die Gewerkschaftsbewegung in jenen Laendern noch lange
Zeit auszuueben.
In diesem Zusammenhang muss auf das Anwachsen des Interamerikanischen Gewerkschaftsbundes (CIT) seit seiner Gruendung im Jahre
1948 hingewiesen werden. Diese zunehmende Staerke des C.I.T. trug
sicherlich zu dem staendigen Machtverlust des von Moskau beherrschten C.T.A.L. (Latein-Amerikanischer Gewerkschaftsbund) bei. Nachdem nun A.F. of L. und C.I.O. im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften zusammenarbeiten und sich diese Zusammenarbeit auch auf
ihre Beziehungen zu den Latein-Amerikanischen Gewerkschaften erstreckt, ist die Lage noch guenstiger. Der Gedanke muss zurueckgewiesen werden, dass die Vereinigten Staaten ihre Missbilligung einer
autokratischen Regierung dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie
ihr die diplomatische Anerkennung oder die wirtschaftliche Zusammenarbeit versagen. Dies waere eine negative Antwort auf das Problem
und so muss man sich die Frage vorlegen: Mit welchen moralischen
Mitteln kann die Demokratie in Latein-Amerika gestcerkt werden?
Unser Glaube an die demokratischen Prinzipien muss selbstverstaendlich immer wieder zum Ausdruck gebracht werden, und die Gewerkschaften muessen ihren Einfluss geltend machen, um sie zu foerdern. Sie
sind an der Verankerung der Demokratie im eigenen Lande beteiligt.
Der Welt muss immer wieder vor Au^en gefuehrt werden, dass das demokratische System in der Praxis das beste ist. Mit friedlichen und
anstaendigen Mitteln muss zusammen mit den Voelkern Latein-Amerikas
weiterhin an der Entwicklung ihrer Laender gearbeitet werden, damit
sie eine Staette werden, in der alle Menschen Amerikas im Vertrauen
auf ihre Staerke und ihren Glauben an die demokratische Lebensweise
leben koennen.
Pressemitteilungen des U.S. Aussenministeriums
V/5/50
BRITISCHE GEWERKSCHAFTEN ENTSCHEIDEN SICH FUER DIE NUTZANWENDUNG
DER BERICHTE IHRER AUS UNDSK OMISSIONEN
Der Bericht der Kommission britischer Gewerkschafter, die die
Vereinigten Staaten erst kuerzlich besucht haben und dort den Beitrag der amerikanischen Gewerkschaften zu dem hohen Stande der industriellen Produktivitaet studiert haben, wird von den meisten britischen Zeitungen als geradezu "revolutionaer" bezeichnet. Nachdem
der Bericht gerade vor echt Tagen der Oeffentlichkeit zugaenglich
gemacht wurde, ist er heute der Gegenstand langer Artikel und Leitartikel in jeder britischen Tageszeitung.
Der Vizevorsitzende des britischen Bergarbeiterverbandes fuehrte diese Kommission, der Vertreter fast jeder bedeutenden Industriegruppe in England angehoerten. Diese Vertreter wurden durch den
Gewerkschaftskongress selbst ausgewaehlt, wobei die Gewerkschaften
dem Kongress verschiedene Vorschleege unterbreitet hatten. Die

7

�Reise durch die Vereinigten Staaten wurde durch die europaeische
Verwaltung fuer Zusammenarbeit (ERP) ermoeglicht, die eine Abteilung
der Marshallplanverwaltung ist.
Im Gegensatz zu allen anderen Kommissionen, die von den britischen Gewerkschaften zur Foerderung des Marshallplans in die Vereinigten Staaten entsandt wurden, um dort die Rolle der Gewerkschaften im amerikanischen Wirtschaftsleben zu studieren, beschraenkte
sich diese Kommission einzig und allein darauf, einen einzigen,
dafuer aber umso wichtigeren Punkt zu studieren, naemllch die Beziehungen der Gewerkschaftspolitik zu der hohen Produktionsleistung
und der Hoehe des Lebensstandards genauer kennen zu lernen.
Die Bemerkungen der Kommission zu diesen Feststellungen wird
die Grundlage einer Diskussion in der britischen Gewerkschaftsbewegung sein - aber auch in anderen Laendern Europas, in denen es freie
Gewerkschaften gibt. Die Diskussionen selbst werden sich ueber
laengere Zeit erstrecken. Heute bereits hat jedoch die Kommission
und im Anschluss daran die britische Presse in ihrer Reaktion auf
diesen Bericht die Empfehlungen in den Vordergrund gerueckt, die
jene zehn Gewerkschaftsfunktionaere machten, damit die britischen
Gewerkschaften kuenftig sich positiven Aktionen verschreibt, um
den Feldzug fuer die Erhoehung der Produktionsleistung Britanniens
gewinnen zu koennen.
Der entscheidendste der 22 Empfehlungen ist der Vorschlag,
dass die Gewerkschaften kuenftig "bei der Anwendung wissenschaftlicher Massnahmen, auch wenn diese in exaktem Sinne keine rein wissenschaftlichen sind, einen wertvollen Beitrag zur Steigerung der Produktionsleistung leisten koennen. Um diese Zusammenarbeit zu verwirklichen, erklaert die Kommission, dass die britischen Gewerkschaften technische Produktionsabteilungen einrichten und
Produktions-Ingenieure heranbilden aussen .damit diese in den einzelnen Provinz- oder Bezirksbueros der Gewerkschaften die Interessen
der Gewerkschaftsmitglieder, in weitestem Sinne gesprochen, unterstuetzen und foerdern koennen.
Der Gewerkschaftskongress sollte, so faehrt der Bericht fort,
seinen eigenen technischen Stab vergroessern und die einzelnen Gewerkschaften unterstuetzen, ihre eigenen technischen und Forschungsabteilungen aufzubauen. Ebenso sollte der Kongress veranlassen,
Gewerkschaftsmitgliedern zu helfen, die den Komitees zur Foerderung
der Zusammenarbeit zwischen der Regierung und den Gewerkschaften
angehoeren, damit auch diese mit den britischen Produktionsproblemen besser bekannt werden.
Diese Produktionsexperten der Gewerkschaften und des Kongresses
sollten weiter die Pflicht haben, die oertlichen Gewerkschaftsfunktionaere der einzelnen Betriebe ueber die technischen und arbeitsmaessigen Probleme zu unterrichten, damit auch hier die Wichtigkeit
einer gemeinsamen Beratung auf der Ebene des einzelnen Betriebes
erreicht wird.
Wenn Gewerkschafter wuenschen, dass der Lebensstandard staendig hoeher werden soll, koennen sie niemals ein Widerstreben gegen
die Einfuehrung neuer oder modernisierter Maschinen fuer richtig
halten. Wenn jedoch ein Uebersteigern der erforderlichen Arbeitsweise sich bemerkbar macht, dann muss die Betriebsfuehrung mit den
Gewerkschaften sich an den Verhandlungstisch setzen, um gemeinsam
"gerechte Arbeitsbedingungen auszuarbeiten". Sind diese jedoch
gegeben, dann sollte auch einem verstaerkten Gebrauch mechanischer
Hilfsmittel fuer die Durchfuehrung von Zeit- und Bewegungsstudien
nichts im Wege stehen, wobei jedoch dann aber auch Moeglichkeiten
- 8-

�gegeben sein muessen, um die Verdienstmoeglichkeiten maximal zu
steigern.
Die Gewerkschaften muessen weiterhin ihre Kenntnisse verbessern,
die sie in bezug auf Finanzpraktiken der Wirtschaft haben. Hierbei
muss im Vordergrund die Moeglichkeit stehen, sofort Aktionen durohzufuehren, wenn die Verbraucherpreise eine unnoetige Hoehe erreichen. Ganz besonders sollen sich die Gewerkschaftsfunktionaere jedoch vergewissern, dass in allen Faellen, wo die Unternehmer sich
weigern, ueberhoehte Verbraucherpreise herunterzuschrauben, die zugleich eine Gefahr fuer den Beschaeftigungsstand und den Verbrauch
darstellen, die Gewerkschaften Musterfaelle vorbereiten, um sie solchen Koerperschaften wie dem Preisregulierungskomitee und dem Monopol- und Einschraenkungskomitee vorzulegen.
Des weiteren, so heisst es in dem Bericht, sollte die Gewerkschaft technische Ratschlaege und Unterstuetzung an solche Firmen
geben, deren Gewinngrenze in einem solchen Grade gefallen ist,
dass sie sowohl die Beschaeftigungssicherheit als auch den Lohnstand bedroht. In anderen Faellten koennten derartige Beratungsmethoden dazu fuehren, um Musterfaelle fuer Moeglichkeiten der
Preisherabsetzung zu demonstrieren.
Sehr vieles von dem Geist dieses Berichtes ist in einem Para;raph zusammengefasst, in dem es heisst: Wo das Unternehmertum fortschrittlich denkt und bestrebt ist, wissenschaftlich-technische
Arbeitsmethoden in einer vernuenftigen Weise einzufuehren, um die
Produktion voranzutreiben, sollten sich die Gewerkschaften zu einer
Zusammenarbeit bereiterklaeren. Wenn das Unternehmertuxa versucht,
in dieser Produktionsankurbelung besonders scharf vorzugehen, ist
eine wirklich aktive Gewerkschaft besonders von Noeten - nicht etwa
um sich der neuen Entwicklung entgegenzustemmen, sondern um dafuer
zu sorgen, dass Missbraeuche vermieden werden,und dass die Ungenauigkeiten der wissenschaftlichen Arbeitsmethoden sich nicht zum
Nachteil der arbeitenden Kraefte auswirken. Wenn das Unternehmertum jedoch nicht genuegend Unternehmergeist zeigt und rueckschrittlich eingestellt ist, es nicht gewillt ist, wirtschaftliche Moeglichkeiten auszunutzen oder bestehende Maerkte durch niedrigere Preise
»ich zu erschliessen, muss die Gewerkschaft mit allen Kitteln dafuer
Sorge tragen, dass diese Moeglichkeiten ausgenutzt werden."
Zum Schluss empfiehlt die Kommission einen staendigen und vergroesserten Kontakt zwischen amerikanischen und britischen Gewerkschaften, um einmal Erfahrungen auszutauschen und zum andern sich
gegenseitig bei der Loesung bestimmter Probleme zu unterstuetzen.
Besonders typisch fuer die Zeitungsberichte ueber diese Gewerkschaftsdenkschrift war der des News Chronicle, in dem es heisst:
"Hier zeigt sich eine Revolution in der bisherigen Theorie der Gewerkschaften. Es bleibt einem nur uebrig, fuer diesen Bericht unseren Dank auszusprechen."
17 WESTEUROPAS ISCHE NATIONEN UNTERSTUETZEN BINi:ENArANDERUNGSPROGRA?!I.i
Es sind weitreichende Anstrengungen gemacht worden, um die
ueberseeische Wanderung aus den uebervoelkerten Laendern Westeuropas zu foerdern. 18 Marshallplan-Laender haben kuerzlich mit Hilfe
von ECA-Mitteln ein Hilfsprogramm von einer Million Dollar unterzeichnet, um eine vollkommene internationale Wanderungsmaschinerie
aufzubauen.
9 -

�Waehrend bestimmte Laender bereits Versuchsprojekte durchfuehrten und Wanderungsabkommen trafen, will das neue Programm ein
breites, auf Zusammenarbeit beruhendes Plansystem in Gang bringen,
durch das es den westlichen Demokratien auf einer systematischen
und wissenschaftlichen Basis moeglich wird, die Ueberbevoelkerung zu
bekaempfen, in deren Gefolge chronische und langzeitige Arbeitslosigkeit und ein niedriger Lebensstandard zu finden sind.
Um einen umfassenden Angriff zu finanzieren, sind die Mitgliedstaaten des Bueros fuer europaeische wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) uebereingekommen, den Gegenwert von 200 000 Dollar in
Landeswaehrung bereitzustellen, um damit die Kosten dieses Prograrrjus
in ihrem eigenen Lande zu decken. Ebenso heben sie die ECA-Verwaltung gebeten, einen Betrag von schaetzungsweise 788 000 Dollar bereitzustellen, um jene Ausgaben zu decken, die sich in Verbindung
mit der Ueberpruefung und der Schulung im Programm dieses Projektes ergeben.
Das ECA-Buero teilte kuerzlich mit, dass dieses Gesuch genehmigt wurde, und dass aus dem Marshallplan eine Million Dollar fuer
dieses Programm bereitgestellt worden ist.
Die Laender, die bei diesem Projekt zusammenarbeiten, haben
die Internetionale Arbeits-Organisation gebeten, - dies ist eine Abteilung der Vereinten Nationen - die Verantwortung fuer die Verwaltung eines technischen Hilfsprogramms zu uebernehmen, das die
Wanderungen erleichtern kann.
Zweck dieses Eine-Million-Dollar-Projekts ist die Gewaehrung
technischer Ratschlaege an jene Laender, die als typisch fuer Einund Auswanderung angesehen werden koennen, damit sie die erforderlichen Dienste bei den Wanderungsbewegungen leisten koennen. Diese
Dienste sollen umfassen: Festlegung der Gebiete mit ueberschuessiger oder mangelnder Arbeitskraft, Durchfuehrung von Eignungspruefungen fuer Bewerber in Auswanderungslaendern, nachdem die Arbeitsmoeglichkeiten in den Einwanderungslaendern genau analysiert wurden,
Durchfuehrung von Berufsertuechtigungskursen, Betreuung von Fachleuten mit dem Studium von Wanderungsproblemen, wobei Regierungsstellen unterstuetzend eingreifen, und schliesslich die Einfuehrung von
Praktiken, die die Transporte und die Wiederansiedlung der Wandernden erleichtern.
Diese Bemuehungen 3ind aehnliche in der Richtung der Erzielung
einer Vollbeschaeftigung und eines hoeheren Lebensstandards. In
einigen Laendern, vor allem in Italien und in Westdeutschland, ist
der Bevoelkerungsdruck derart stark, dass saemtliche Hilfsquellen
nicht dezu beitregen koennen, dass die Bevoelkerung einen wuerdigen
Lebensstandard erreicht - wobei es keine Rolle spielt, wie wirksam
diese Hilfe und in welcher Hoehe sie gewaehrt worden ist.
Die Anschauung der Arbeiterschaft und der Gewerkschafter in
bezug auf das Problem der Uebervoelkerung spiegelt sich in einer
Resolution wider, die auf der dritten Jahreskonferenz der ERP-Ge
werkschaftsberatungskommission kuerzlich in Rom angenommen wurr?e.
Die Konferenz erklaerte, dass die Gewerkschaften erkennen, dass, soweit einzelne Laender betroffen sind, wo die Ueberschuesse an Arbeitskräften ein ausserordentliches Mass erreicht haben, die notwendigen Massnahmen in breitestem Masse die Form der Wanderung der
Arbeitskraefte in weniger entwickelte, ueberseeische Laender erforderlich mache, seitdem der Abzug groesserer Massen auslaendischer
Arbeiter in schneller Folge in hochindustrielisierte Laender Westeuropas die Gefahr der Entbloessung von Arbeitskraeften mit sich
bringe.
- 10 -

�Die erwaehnte Konferenz in Rom empfahl eine gewisse binneneuropaeische Beweglichkeit der Arbeitskraefte, denn hieraus ergibt
sich eine graduelle 'A'iederverteilung der Produktionskraefte auf
grund der Liberalisierung der Handelsbeziehungen, die von den
ERP-Leendern vorgesehen sind, und die notwendigerweise zu einer
entsorechenden Beweglichkeit und Wiederverteilung der Arbeitskreefte fuehren mues~en, von der die gegenwaertigen und zukuenftigen
"Ueberschuesse" nicht ausgeschlossen werden duerfen.
Als die leitenden Koerperschaften der Internationalen Arbeitsorganisation die OEEC-Vorschleege auf ihrer letzten Wenderungskonferonz und spaeter in der Genfer Verhandlung behandelten, ergab
sich, dass die Delegierten der Gewerkschaften gemeinsam mit den
Delegierten der Unternehmer und der Regierungen die Vorschlaege billigten. Amerikanische und deutsche Gewerkschaftszentralen haben
lebhaft nach Loesungen gesucht, die die chronische Arbeitslosigkeit
verhindern koennen, in deren Gefolge stets die allgemeinen Sa^tze
des Lebensstandards herabgesetzt werden.
Die Dollarhilfe des Marshallplans wurde durch den Kongress der
Vereinigten Staaten gebilligt, als die Auslandshilfsakte des Jahres
1950 genehmigt wurde. Als dem Verwalter des ECA-Fonds, Faul Hoffmann, die Genehmigung zur Verwendung der Summe gegeben wurde, nannte der Praesident der Vereinigten Staaten, Harry S. Trumen, dieses
Programm einen notwendigen Schritt zur Loesung eines der grundlegenden Probleme, das Westeuropa bei der Durchfuehrung seiner wirtschaftlichen Erholung stoert und sich dagegen auswirkt. Indem er seine
Befriedigung ueber die Zusammenarbeit und die Verwirklichung dieses
ECA-Hilfsprogramms durch die OEEC-Laender und die Internetionale
Arbeits-Organisetion eussprech, nannte Praesident Trumen dieses Vorhaben einen zusätzlichen Beweis der Entschlossenheit der US-Regierung, in jeder Beziehung zusammenzuerbeiten, un die vollste Nuetzlichkeit der Vereinten Kationen und ihrer angeschlossenen Laendcr
eufzuzeigen.
Die europaeischen Leender, die sich diesem Projekt engeschlossen
heben, sind Oesterreich, Belgien, Luxemburg, Deenemerk, Frankreich,
die ''.'estdeutsche Bundesrepublik, Griechenlend, Islend, Irlend, Itelien, die Niederlende, Norwegen, Portugel, Schweden, die Schweiz,
Triest, die Tuerkei und Grossbritennien.
FABRIKBAUKCKTRQLLE IN ENGLAND GELOCKERT
Bei der feierlichen Inbetriebnehme der Cebot-Febrik in Merseyside kuendigte Herold Wilson, der Praesident der Hendelsbehoerde en,
dass die britische Regierung beschlossen habe, gewisse Bauprojekte
im Rahmen des den Gemeinden zur Verfuegung stehenden Investitionskepitels weiterzufuehren, wenn dadurch in gewissen Bezirken, die
von der Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht seien, vorwiegend
meennliche Arbeitskraefte in Arbeit gehalten werden koennten, selbst
wenn diese Projekte keine Dollars einbringen oder sparen wuerden.
In bestimmten Gebieten wuerde der Schiffsbeu reduziert und Kohlengruben stillgelegt, weil die Kohlenvorreete erschoepft sind, oder
Stehl- und Eisenblechindustrien einer Neuorgenisetion unterzogen;
infolgedessen sei mit ueberzeehligen Arbeitskraeften zu rechnen,
und die Probleme seien dort deshalb besonders ernst, erklaerte Wilson. Weit mehr Hilfe waere fuer diese Bezirke erforderlich, eis in
dem Gesetz zur Verteilung der Industrie vorgesehen sei.
Der Minister gab der Hoffnung Ausdruck, dass auf diese Ankuendigunp hin die Industriellen, die frueher bereit gewesen waeren, neue
- 11 -

�Industrien in jenen Bezirken zur Beschaeftigung vorwiegend maennlicher Arbeitskraefte aufzubauen, die aber durch die einschraenkenden
Bestimmungen der Kapitalinvestierung davon zurueckgehalten worden
seien, nun erneut Gesuche einreichen moechten, die von der Handelsbehoerde jetzt guenstiger beurteilt wuerden, weil damit jenen Bezirken des Landes geholfen werden koennte, die fuer die Arbeitslosigkeit am anfaelligsten seien.
Die neue Fabrik wurde mit amerikanische», von der ECA zur Verfuegung gestelltem Kapital aufgebaut, um die Arbeitslosigkeit zu
bekaempfen, die in dem Bezirk Merseyside auszubrechen drohte, weil
die oertliche Sohiffsbauindustrie einen Rueckgang zu verzeichnen
hatte.
Die Bauarbeiten wurden von englischen Arbeitern ausgefuehrt
und nahmen wenig mehr als ein Jahr in Anspruch.
Mit einer Jahresproduktion dieser neuen Fabrik von 8 bis
10.000 Tonnen Russ wird Grossbritannien eine Million wertvoller Dollars sparen; Russ ist ein wichtiger Grundstoff in der Gummiherstellung, den England bisher aus den Vereinigten Staaten importieren
musste.
Labour News Bulletin on ERP
711/15 - VIII/15/50
KUPERS BESUCHT GRIECHISCHE GEWERKSCHAFTEN
Die freien Gewerkschaften Europas haben die Aufgabe, sich darueber Klarheit zu verschaffen, dass eine gesteigerte Produktion sich
durch einen hoeheren Lehensstandard des Arbeiters bezahlt macht.
Evert Kupers, ein bekannter hollaendischer Gewerkschafter und
Vorsitzender des Beratungskomitees der Gewerkschaften fuer das ERP,
beglueckwuenschte die Gewerkschaften zu dieser Aufgabe auf einer
Pressekonferenz, die vor wenigen Tagen in Athen stattfand. Als
Vertreter des Internationalen Bundes freier Gewerkschaften (IBFG)
hilft Kupers den griechischen Gewerkschaftsfunktionaeren bei der
Vorbereitung des in Kuerze stattfindenden zehnten griechischen Gewerkschaftskongresses.
Die Gewerkschaften haben es niemals bedauert, so erklaerte Kupers, sich fuer den Marshall-Plan eingesetzt zu haben.
n

In meinem eigenen Lande wuerden die Arbeiter heute 25% weniger
verzehren koennen, wenn es keine Marshall-Plan Hilfsmittel gaebe.
In anderen Laendern wie Frankreich und Italien hat der Marshall-Plan
praktisch den Unterschied zwischen der Erhaltung der Freiheit und
dem Sieg des kommunistischen Totalitarismus bedeutet.
"Natuerlich muss die wirtschaftliche Wiederbelebung, die der
Marshall-Plan ermoeglicht hat, von einer Erhoehung des Lebensstandards der arbeitenden Klasse begleitet sein, wenn dieser Plan auf
die Dauer gesehen erfolgreich sein soll. Das bedeutet jedoch, dass
die Arbeiter selbst helfen muessen, diesen erhoehten Lebensstandard zu erreichen, indem sie ihre eigene Produktivitaet erhoehen.
"Die Arbeiter erhalten jedoch nicht automatisch die Vorteile
einer gesteigerten Produktivitaet. Hier ist es Aufgabe der freien
Gewerkschaften, dafuer Sorge zu tragen, dass die erhoehte Produktivitaet von einem hoeheren Lebensstandard begleitet wird."
12 -

�Indem er in grossen Zuegen auf die Entwicklungen der internationalen Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit einging, schilderte Kupers die Beherrschung dieser Organisation durch den Kommunismus, die zu dem Austritt der freien Gewerkschaften aus dem Weltgewerkschaftsbund fuehrte, der heute ein kommunistisches Rumpfgebilde
ist.
Die Spaltung musste kommen, als die Kommunisten sich weigerten,
auch nur die Frage einsr Unterstuetzung des Marshall-Plans durch
die Arbeiter diskutieren zu lassen. "Die Sowjetunion widersetzte
sich dem Marshall-Plan, weil sie nicht die Wiederherstellung eines
gesunden Westeuropas mit einem hohen Lebensstandard wuenschte. Nur
wenn es erwerbslose und notleidende Massen gibt, nur wenn die Arbeiterschaft keinerlei Hoffnungen fuer eine bessere Zukunft hegen kann,
dann gibt es fuer die Kommunisten eine Chance."
Kupers erwaehnte dann, dass die Bestrebungen des Internationalen
Bundes freier Gewerkschaften und die des Marshall-Plans grundsaetzlich in gleicher Richtung laufen - beide wuenschen die Verbesserung
des Lebensstandards, die Zerschlagung der wirtschaftlichen Absperrungen zwischen den freien Voelkern und eine Erweiterung des Bereichs
der Freiheit.
Der Internationale Bund freier Gewerkschaften hofft, dass der
Kongress der griechischen Gewerkschaften zu einer staerkeren gewerkschaftlichen Bewegung fuehren werde, in der die griechischen Gewerkschaften der verschiedensten Berufszweige sich zusammenfinden. Nur
eine starke und unabhaengige Gewerkschaftsbewegung in engster Zusammenarbeit mit dem IBFG kann den griechischen Arbeitern helfen, die
groesstmoeglichsten Nutzen durch den Marshall-Plan sicherzustellen.
NORWEGISCHE GEWERKSCHAFTEN STELLEN SICH HINTER DIE VEREINTEN NATIONEN
Die norwegischen Gewerkschaften haben an ihre Mitglieder einen
Appell gerichtet, alle Massnahmen zu unterstuetzen, die von den Vereinten Nationen getroffen wurden, um der kommunistischen Aggression
in Korea entgegenzutreten.
Ein langer und eingehender Bericht ueber die Vorgeschichte des
Konflikts in Korea wurde vom "Arbeiderbladet" veroeffentlicht, das
weiter ein zweifarbiges Flugblatt herausgab, das den Titel traegt
"Krieg in Korea" und in 500 000 Exemplaren unter der norwegischen Arbeiterschaft verteilt wurde. Das Flugblatt zeigt auf, dass Norwegen,
das an die Sowjetunion angrenzt, ebenfalls eines Tagas das Ziel eines
aehnlichen Angriffes sein kann und weist darauf hin, dass es die
hoechste Zeit war, dass die Vereinten Nationen den sowjetischen
Aggressionen entgegentreten. Der beste Weg, um den Frieden zu erhalten, ist eine feste, bestimmte Haltung, wobei gleichzeitig Raum fuer
Verhandlungen bleiben muss.
Das Flugblatt stellt die Frage "Wer begann den Krieg?" und
laeast sowohl die Erklaerung der Kommunisten als auch jene der Vereinten Nationen zu Worte kOixmen.
Aber bereits aus dieser Gegenueberstellung ergibt sich ohne jeden Zweifel, auf welcher Seite die Piraten des Friedens zu finden
sind, wie es wörtlich dort heisst. Weiter heisst es, dass nicht nur
die Vereinten Nationen in Gefahr gebracht wurden, sondern alle friedliebenden Demokratien. Wenn auch weiterhin die Demokratien tatenlos
zusehen, wie ein Land nach den anderen durch Diktatoren geschluckt
wird,
dann muessen die demokratischen Voelker, vor allem jene in
- 13 -

�Asien, jeden Glauben an eine Solidaritaet der Demokratien verlieren.
Und in Korea handelt es sich um eine Aggression. Der Artikel
42 der Satzungen des Sicherheitsrates sieht ausdruecklich vor, das-:
im Falle einer Aggression die Mitgliederstaaten verpflichtet siüd,
mit bewaffneten Kraeften zu Lande, zu Wasser und in der Luft dem
bedrohten Staat zu helfen. "Ruhe und Sicherheit muss wieder hergestellt werden, In Uebereinstimmung mit diesem Artikel hat Praesident Truman den Befehl gegeben, die Demokratie in Korea zu verteidigen.
Dieser Entschluss der Vereinten Nationen, gegen die Aggressoren in Korea vorzugehen, bringt eine Reihe Wagnisse mit sich. Aber
die Vereinten Nationen haetten sich selbst aufgegeben, wenn sie
diesem Angriff tatenlos zugesehen haetten, denn dann waere die Gefahr gegeben, dass ein demokratisch regierter Staat nach dem anderen "weggepickt" wuerde, je nachdem, wie die Umstaende sich ergeben.
Und dieses Risiko konnte nicht uebernommen werden. Gewiss
bedeutet das Eingreifen der Vereinten Nationen in Korea, dass dort
jetzt Krieg herrscht. Auf lange Sicht gesehen jedoch bedeutet dieser Schritt einen Dienst an der Sache der demokratischen Staaten,
denn erst durch die Zurueckweisung der kommunistischen Aggression
in Korea werden andere unmoeglich gemacht. Diese klare und ueberzeugende Demonstration fuer die Sache des Friedens wird die Freiheit und Unabhaengigkeit kleinerer Staaten schuetzen helfen - dies
waere nicht der Fall, wenn die Vereinten Nationen die Aggression in
Korea unbeantwortet gelassen haetten.
Das Flugblatt schliesst mit den Saetzen, dass der beste Weg,
d9n Frieden zu erhalten, darin besteht, eine feste Entschlossenheit zu zeigen,, sich im Falle eines Angriffs zu verteidigen, wobei
jedoch fuer Verhandlungen durchaus Raum bleiben darf.
15 «JAHRE S OZIALFUERS CRGE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Bisher mehr als 15 Milliarden Dollar an Unterstuetzungen gezahlt.
Seit dem Jahre 1935, als das Sozialfuersorgesystem in den Vereinigten Staaten begruendet wurde, sind mehr als 15 Milliarden Dollar zugunsten der Sozialversicherten ausgezahlt worden, wie vor
wenigen Tagen der Leiter der Bundesfuersorge, Oscar R. Ewing, mitteilte. Waehrend der ersten Amtsperiode des Praesidenten Franklin
D. Roosevelt wurde das Gesetz fuer soziale Sicherheit in Kraft gesetzt, das ein sich ueber die ganze Nation erstreckendes zweigleisiges System der Sozialversicherung festlegte, um Lohnempfaenger
und ihre Familien gegen den Verlust ihrer Verdienstmoeglichkeiten
zu schuetzen, die durch Erwerbslosigkeit, hohes Alter oder Tod verloren gehen koennen.
Im wesentlichen koennen diese beiden Grundsysteme als Erwerbslosenhilfe und Altersversicherung bezeichnet werden. Bei der Arbeitslosenunterstuetzung werden dem Erwerbslosen woechentliche Zahlungen geleistet, die aus jenen Fonds herruehren, fuer die die Unternehmer eine Lohnsummensteuer zahlen. Die Unterstuetzungen bewegen sich zwischen 20 und 25 Dollar je Woche, wie es in den meisten
Einzelstaaten der Fall ist, obgleich hier einige aendernde Faktoren
zu verzeichnen sind. Waehrend des Monats Juni dieses Jahres betrugen die laufenden Unterstuetzungszahlungen auf grund des Erwerbslosenversicherungsprogramms insgesamt etwa 8 Milliarden Dollar.
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�Das zweite System, das der Altersversicherung, sieht monatliche Zahlungen fuer Pensionaere und Hinterbliebenenrenten fuer die
Familie des Arbeiters vor, wenn dieser stirbt. Auf Grund dieses
Plans erhalten gegenwaertig etwa 2 100 000 Pensionaere und
750 000 junge Muetter und Kinder ünterstuetzungen.
Gegenwaertig betraegt die monatliche Unterstuetzung fuer
einen Pensionaer 26 Dollar, aber dieser Satz wird im Durchschnitt
um 77$ durch jene Gesetze erhoeht werden, die jetzt durch den Kongress angenommen wurden.
Das Gesetz fuer Altersfuersorge sieht ein Anteilsystem vor,
das gemeinsam von Arbeitern und Unternehmern getragen wird und
dessen Mittel durch eine Steuer auf die Lohnsummen aufgebracht
werden.
Ausser diesen beiden Hauptgesetzen sieht das Sozialfusrsorgegesetz auch Hilfe fuer notleidende Personen vor, wie fuer verlassene Kinder, Blinde und gleichzeitig Zuschuesse fuer die Einzelstarten, die diese fuer ihren Mutter- und Kindergesundheitsdienst,
fuer verkrueppelte Kinder und Kinderwohlfahrtsausgaben aufwenden.
Unter Bezugnahme auf die Fortschritte in der sozialen Sicherheit
in den Vereinigten Staaten erklaerte der Kommissionsvorsitzende
Arthur J". Altmeyer: "Wir haben ein ordentliches, ueber die ganze
Nation sich erstreckendes System sozialer Versicherungen, die Arbeiter und ihre Familien gegen Einkommensausfall schuetzt, wenn
die Verdienstmoeglichkeiten aufhoeren, sei es auf grund des hohen
Alters oder des Todes des Ernaehrers der Familie. Wir haben weiterhin ein ordentliches System der Unterstuetzung solcher Arbeiter,
die zeitweise arbeitslos sind, das von den Einzelstaaten verwaltet
wird, aber sich ueber die ganze Nation erstreckt. Grosse Fortschritte sind bereits gemacht worden, aber sie genuegen nicht fuer
eine fortschrittliche Nation. Es gibt hier noch genuegend Moeglichkeiten fuer Verbesserungen."
OSSTERREICHISCHS ARBEITSKAI.'MER BAUT LEHRLINGSHEIM
An der Stelle, wo das Wiener Rothschild Palais stand, das von
den Nazis in eine Folterkammer umgewandelt wurde, wird von der
oesterreichischen Arbeiterbewegung ein Lehrlingsheim errichtet
werden.
Karl Mantler, der Praesident der Wiener Arbeitskammer, gibt
bekannt, dass dort ungefaehr 200 bis 300 Lehrlinge Unterkunft finden werden. Das wird die Schwierigkeit beheben, vor der die jungen
Leute, darunter viele Waisen, standen, als sie keine Lehrstelle fan
den, weil sie nicht wussten, wo sie sich einquartieren sollten.
Sie werden nun ein Heim haben und damit die Moeglichkeit, einen
Beruf zu erlernen, ^ie Ausbildung der jungen Generation zu tuechtigen und leistungsfaehigen Arbeitern ist fuer Oesterreich wichtig; es muss seine Leistungsfaehigkeit steigern, um auf dem internationalen Markt konkurrenzfaehig zu sein. Das Grundstueck wurde
gewaehlt, da es sehr zentral gelegen ist, gute Verkehrsverbindungen
hat und durch seine Groesse die Moeglichkeit zur Einrichtung von
Erholungsstaetten fuer die jungen Lehrlinge bietet. Das zerbombte
Palais wird abgebrochen werden, um dem neuen Gebaeude Platz zu machen. Das Projekt wird durchgefuehrt und finanziert von der Wiener
Arbeitskammer, einer rechtlichen Koerperschaft, die aus Beitraegen
der Arbeiterschaft finanziert wird und deren Interessen in allen
wirtschaftlichen, sozialen und gesetzgeberischen Fragen, sofern
sie Arbeitsangelegenheiten betreffen, vertritt. Die Beamten der
- 15 -

�Kammer werden in freier Wahl gewaehlt, an der alle Arbeiter berechtigt sind, teilzunehmen, ^ie Arbeitskaxnmer arbeitet eng mit den
Gewerkschaften zusammen.
Der Vorschlag zum Bau eines Lehrlingshoims wurde von der &lt;Tugendabteilung des oesterreichischen Gewerkschaftsbundes gemacht
und von allen Mitgliedern der Kammer einstimmig angenommen.
Anton Proksch, der Sekretaer des oesterreichischen Gewerkschaftsbundes, begruesste diesen Entschluss mit folgenden Worten:
"Es ist viel ueber Lehrlingserziehung gesprochen worden; das hier
ist der erste praktische Schritt, der unternommen wurde. Die Arbeiterschaft ist sich der Dringlichkeit des Problems voll bewusst und
wird alles tun, was in ihrer Macht steht, um den jungen Leuten bei
ihrer Suche nach produktiven Arbeitsmoeglichkeiten zu helfen. Es
»handelt sich hier um ein Schluesselproblem unserer Wirtschaft. Wenn
es uns gelingt, hochqualifizierte Arbeiter heranzubilden, wird unser
Land in der Lage sein, mit anderen Laendern zu konkurrieren. Wenn
es uns misslingt, wird Oesterreich nicht aus den Schwierigkeiten
herauskommen. Alle Dienststellen und Einrichtungen des oeffentlichen Lebens muessen an der Loesung dieses Problems zusammenarbeiten."
Arbeitsmitteilungen der ECA
VIII/25/50
DIE GEWERKSCHAFTEN RUESTEN SICH FUER POLITISCHE MACKTANSPRUECHE
Die organisierte Gewerkschaftsbewegung der Vereinigten Staaten
verstaerkte ihre Bemuehungen, um einen politischen Sieg anlaesslich
der bevorstehenden Kongresswahlen sicherzustellen, die am 7. November durchgefuehrt werden.
Die "CIO-Nachrichten" haben in dieser Woche ihrer Zeitung eine
12-seitige Beilage beigefuegt, die einen Vorbericht ueber die diesjaehrigen Wahlen gibt. Der Schriftleiter bittet seine Leser, diesen
Bericht als einen Leitfaden anzusehen, der dazu beitragen will, dass
die Wahlen zu diesem Kongress "einen Beitrag zu den Noeten und Problemen des Arbeitenden" leisten. Eine genaue Aufstellung zeigt vom
Standpunkt der CIO-Gewerkschaft aus an, ob der Abgeordnete "richtig
oder falsch" bei besonderen wichtigen Anlaessen gestimmt hat.
In Ohio haben die Funktionaere der AFL und des CIO ihre Hilfsmittel zusammengelegt, um die Wahl von Joseph T. Ferguson (Demokratische Partei) sicherzustellen. Ferguson ist der Gegenkandidat des
Senators Robert A. Taft (Republikanische Partei), der Mitbearbeiter
des Taft-Hartley-Gesetzes. In der letzten Woche ergab sich jedoch
eine Zersplitterung der Stellung der Gewerkschaften gegen Taft, als
265 Delegierte oertlicher Gewerkschaftsvereinigungen in Ohio ankuendigten, dass sie eine "Gewerkschaftsliga fuer Taft" bilden
wuerden.
- 16 -

Hicoc R-1670 u i

a*pt 50 5 »

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.
^_^^^^^^^^^_^^^^^^^^^^____^^__

ITI - 30

Frankfurt, 29. September 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I

S

Freie Gewerkschaftsbewegung entscheidend fuer
Wiederaufbau - - - - - - - - - - - - - - Arbeitslosigkeit in Europa sinkt - - - - - - Negersaenger warnt seine Kollegen - - - - - Amerikanische Gewerkschaften helfen ihren
europaeischen Kollegen - - - - - - - - - Die ECA-Verwaltung gibt 350 Millionen DM frei
Der 69. Kongress der American Federation of
Labor - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Eric Johnston wuenscht
Diplomatendienst Veber die Terminologie
begriffes - - - - -

Gewerkschafter im
- - - - - - - - - - - des P r o d u k t i v i t a e t s - - - - - - - - - - - -

Angestelltenproblem und IBFG - - - - - - - - Wiederaufbau Norwegens steigert Beschaeftigungsziffer und Produktion - - - - - - - -

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6
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n
13
15
16

FRETT GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG ENTSCHEIDEND FUER WIEDERAUFBAU
Eine starke und unabhaengige Gewerkschaftsbewegung ist in den
Marshallplanlaendern erforderlich, wenn sie ihre Produktivitaet wieder voellig herstellen sollen. Dies war die Quintessenz der Ausfuehrungen, die ein Beauftragter der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit - ECA - anlaesslich des Jahreskongresses der
American Federation of Labor in Houston/Texas den Delegierten vortrug.
Dieser Beauftragte war Bert M. Jewell, der Berater fuer Gewerkschaftsangelegenheiten bei der ECA, der an die AFL einen Appell richtete, "ihren Rat und ihre Kilfe" auch weiterhin den freien Gewerk- 1 -

�Schäften angedeihen zu lassen, damit diese auch in jenen Laendern
Fuss fassen koennen, wo die Gewerkschaften heute noch unter der
direkten oder indirekten Beeinflussung durch den Kreml zu leiden
haben.
Das allgemeine Problem des Wiederaufbaus sowie die schwierigen Probleme der militaerischen Verteidigung koennen ganz allgemein in jenen Laendern am besten geloest werden, in denen es freie
und unabhaengige Gewerkschaften gibt.
In England, den skandinavischen Laendern, Holland und Belgien
sind die Erfolge bereits deutlich sichtbar und sie werden sich
auch weiterhin durch die Fruechte der vergroesserten Produktion
und die Erhoehung der Kaufkraft fuer die Allgemeinheit zeigen.
Diese Laender verfuegen ueber starke und freie Gewerkschaften,
die ausschliesslich fuer die Interessen der Arbeiterschaft taetig
sind. In diesen Laendern besteht fuer die Schergen des Kremls
keinerlei Moeglichkeit, sich in den Vordergrund zu spielen, geschweige dass sie die Kraft haben, die Arbeit der Gewerkschaften zu
stoeren. In Frankreich, Italien und zu einem geringeren Grade in
Westdeutschland gibt es in dieser Frage einige Probleme, weil in
diesen Laendern der Kommunismus noch ueber einen gewissen Einfluss
verfuegt.
Jewell betonte, dass Wiederaufbau, Frieden und Freiheit in
jenen Laendern, wo der Kreml noch einige Anhaenger zaehlt, nicht
auf einem sicheren Fundament ruhen, vor allem dort nicht, wo der
Einfluss in gewissen Gewerkschaften sehr stark ist, die dann behaupten, fuer die Mehrzahl der Arbeiter zu sprechen.
Er nannte als Beispiel Frankreich, ein Land, in dem die Arbeiterschaft ausserordentliche Vorteile durch den Marshallplan
erfahren hat,, aber die Kaufkraft der Bevoelkerung und insbesondere
der Arbeitenden nicht mit dem Tempo der allgemeinen Wirtschaftserholung Schritt gehalten hat. Der Kreml behauptet, fuer die Masse
der franzoesischen Arbeiterschaft durch jene Gewerkschaften zu sprechen - aber der Kreml ist gegen jeden Wiederaufbau, gegen jede
Freiheit, gegen jeden Frieden und jeden Wohlstand. Die freien,
antikommunistischen Gewerkschaf tagin Frankreich sind heute noch nicht
stark genug, um eine weitere und gleichmaessigere Verteilung der
Wiederaufbaugewinne durchzusetzen, die bis heute erreicht werden
konnten.
Die ECA und andere Koerperschaften der Vereinigten Staaten
setzen sich energisch dafuer ein, dieses Problem zu loesen. Die
franzoesische Regierung muss eine groessere Staerke zeigen, um
mit diesen Fragen fertig zu werden. Regierungen sind jedoch eingeengt durch Gesetze und parlamentarische Spielregeln. Die Gewerkschaftsbewegung wird jedoch durch derartige Dinge nicht behindert.
Die Gewerkschaften muessen lernen, wie sie der Demokratie besser
dienen koennen, vor allem auf wirtschaftlicher Basis.
Jewell berichtete dann dem Kongress, dass die ECA wie in der
Vergangenheit auch in der Zukunft die franzoesische Regierung beraten wird, ebenso jedoch die freien Gewerkschaften in den Grenzen
der Gesetze. Aber die ECA-Aemter koennen nichts diktieren, sie
koennen auch nicht in die internen Angelegenheiten eines freien
Volkes eingreifen oder etwa intervenieren. Der Internationale
Bund Freier Gewerkschaften, die internationalen Sekretariate, die
verschiedenen Gewerkschaften sind die besten Strassen,auf denen
die freien franzoesischen Arbeiter vorwaertsschreiten koennen, um
eine bessere Gewerkschaftsbewegung aufzubauen.
- 2 -

�Die freie Gewerkschaftsbewegung von praktisch allen Laendern
der freien '.Veit hat klare und direkte Strassen, durch deren Beschreiten sie sich gegenseitig helfen koennen.
State Department Report
9/26/50
ARBEITSLOSIGKEIT IN EUROPA SINKT
Der Beschaeftigungsstand in den meisten europaeischen Staaten
ist verhaeltnismaessig hoch geblieben. In jenen Laendern jedoch,
wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch gewesen ist, konnte in diesem
Sommer ein bedeutender Rueckgang verzeichnet werden. Eine Uebersicht der Berichte der Gewerkschaften und der Behoerden zeigt auf,
dass Norwegen, Schweden und Grossbritannien auch weiterhin einen
hohen und stebilen Beschaeftigungsstand haben. Die Arbeitslosigkeit in diesen Laendern hat in den letzten drei Jahren niemals
2$ ueberschritten, soweit es sich um nichtlandwirtschaftliche Berufe
und Gehaltsempfaenger handelt.
In den Laendern, in denen eine hohe Arbeitslosigkeit zu verzeichnen ist, wie in Belgien, Westdeutschland und Italien, hat sich
die Arbeitsmarktsituation seit kurzem gebessert. Hierzu hat nicht
nur der Beschaeftigungsanstieg in der Sonmersaison beigetragen,
sondern auch die Schaffung neuer und staendiger Arbeitsplaetze, die
vor allem in der verarbeitenden und in den Grundstoffindustrien zu
verzeichnen war und die in erster Linie auf ECA-Hilfsprogramme zurueckzufuehren ist.
Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit in diesen Laendern eine
sehr hohe, auch wenn eine Reihe von Rueckgaengen verzeichnet werden
konnte.
Belgien. Die Arbeitslosigkeit wurde im Juli auf etwa 202,500
Erwerbslose geschaetzt, nachdem ein stetiger und scharfer Rueckgang des Hoechststandes im Winter mit 310,000 Arbeitslosen festzustellen war. Der Stand im Juli 1950 ist um etwa 12,000 geringer
als im Juli des vergangenen Jahres. Die hohen Vv'interzahlen bilden
die Spitze des bestaendigen Anwachsens der Arbeitslosigkeit in Belgien, die im Herbst 1947 begann. Die fuer den Winter genannte
Ziffer bedeutet, dass 11% aller Lohn- und Gehaltsempfaenger keinen
Arbeitsplatz finden konnten.
'Yestdeutschland. Es kann ein staendiger Rueckgang der Arbeitslos igkeTtseitFebrüar festgestellt werden. In diesem Monat wurde
die Spitze mit 1,960,000 Arbeitslosen erreicht. Man schaetzt, dass
der Prozentsatz der Arbeitslosen seit jener Zeit von 13% auf weniger als 10% aller Beschaeftigteh gesunken ist, obgleich Saisoneinfluesse und aehnliche rein zeitlicher Natur wesentlich zu diesem
Rueckgang beigetragen haben. Ein wesentlicher Aufschwung der Beschaef tigungszahl konnte im Export, in der Metallindustrie und im
Baugewerbe festgestellt werden, wobei das Ruhrgebiet an erster
Stelle steht.
Die gegenwaertige Arbeitslosigkeit wird auf 1,450,000 geschaetzt,
waehrend es 194S nur 600,000 waren. Diese ausserordentliche Erhoehung muss auch auf den Fluechtlingszustrom aus Ostdeutschland zurueckgefuehrt werden. Die Einreihung dieser Fluechtlinge wird auch weiterhin ein schwieriges Problem darstellen.
In den freien Westsektoren Berlins haben die vorgesehenen oeffentlichen Hilfsprogramme, die in erster Linie durch ECA-Gegenwert- 3-

�fonds finanziert v/erden, es ermoeglicht, dass mehr als 40,000 Arbeitskraefte seit dem Juni wieder einen Arbeitsplatz gefunden haben.
Dennoch ist die Arbeitslosigkeit in Westberlin besonders hoch.
Italien. Im Maerz hat die Regierung 1,970,000 Stellungsuchende registriert. Diese Zahl kann aber nur eine oberflaechliche
Schaetzung der wirklichen Situation auf dem italienischen Arbeitsmarkt darstellen. Diese Ziffer ist immerhin um 160,000 geringer
als im Maerz 1949 und um 290,000 geringer als im Maerz 1948.
Obwohl genaue Ziffern noch nicht erhaeltlich sind, kann in
diesem Sommer sowohl ein saisonbedingter Aufechwung als auch ein
verhaeltnismaessig stetiges Wachsen der Beschaeftigtenziffer in
der Industrie festgestellt werden, vor allem im Wohnungsbau sowie
im gesamten Baugewerbe. Die durch ECA-Mittel finanzierten landwirtschaftlichen Nutzungsarbeiten, die vor allem im Sueden grosse
Projekte erfassen, versprechen fuer die Zukunft ebenfalls betraechtliche Rueckgaenge der Zahl erwerbsloser Landarbeiter.
Neben diesen beiden Laendern mit besonders hohen Arbeitslosenziffern und jenen der annaehernden Vollbeschaeftigung lassen sich
noch zwei andere Gruppen ermitteln. Frankreich, Holland und die
Schweiz erfreuen sich eines verhaeltnismaessig hohen Beschaeftigtenstandes, obwohl eine vor kurzem durchgefuehrte Erhebung der
Vereinten Nationen1 im Mai 1950 unter dem Titel "Die wirtschaftliche
Situation Europas* zeigt, dass seine Aufrechterhaltung als weit
gefaehrdeter angesehen werden muss als in Skandinavien oder Grossbritannien.
Oesterreich, Daenenark, Irland und Triest muessen sich ebenfalls mit Arbeitslosenproblemen beschaeftigen, aber der Bericht der
Vereinten Nationen kennzeichnet die Situation in diesen Staaten als
ungefaehrlich.
In Frankreich waren durch die Behoerden im Juni 126,000 Arbeitslose registriert. Diese Ziffer bildet nur einen sehr groben Beitrag zur Frage der Erwerbslosigkeit. Der Stand der Arbeitslosigkeit ist noch ungefaehr der gleiche wie im vergangenen Jahre, jedoch
doppelt so hoch wie im Sommer 1948. Sie zeigt jedoch einen scharfen Rueckgang im letzten Winter auf, der die staerkste Erwerbslosenzahl seit dem Krieg aufwies. Die Zahl der in der Industrie Beschaeftigten ist weiterhin hoch und belaeuft sich auf etwa 7,5
Millionen.
Holland verzeichnete im Juni 62,000 Erwerbslose. Das sind
12,000 mehr als zur gleichen Zeit des vergangenen Jahres und mehr
als doppelt so viel als im Sommer 1948. Die Zahl der Beschaeftigten ist jedoch weiterhin stabil und um etwa 10% hoeher als in der
Zeit vor dem Kriege.
Die Schweiz berichtet einen scharfen Rueckgang der Erwerbslosigkeit in diesem Sommer, nachdem im Winter der Hoechststand erreicht war. 5% aller Beschaeftigten waren damals erwerbslos. Heute
liegt diese Ziffer unter 1%. Der Beschaeftigungsstand ist verhaeltnismaessig konstant geblieben, obwohl die Periode des Marshallplans
beruecksichtigt werden muss. Im ganzen liegt die Beschaeftigungszahl um 20 und 30$ hoeher als vor dem Kriege.
Von jenen Laendern, in denen zwar eine Arbeitslosigkeit festzustellen ist, die aber keinen ernsten Charakter traegt, berichten
Daenemark und Irland ueber keine besonderen Aenderungen. Die Zahl
der Erwerbslosen belaeuft sich hier auf etwa 5-6% der Beschaeftigten, wobei die landwirtschaftlichen Arbeitskraefte und die Gehalts- 4

�empfaenger nicht nitgezaehlt werden. Der Beschaeftigungsstand
hat sich nicht verringert und ist um ungefaehr 25% hoeher als
vor dem Kriege.
Oesterreich berichtet, dass im Juli 95,801 Erwerbslose zu
verzeichnen waren. Dies bedeutet einen entscheidenden Rueckgang
seit der schwierigen Situation im letzten Winter, obgleich die
Zahl der Arbeitslosen noch um 70,000 hoeher ist als im Juni des vergangenen Jahres.
In Triest ging die Arbeitslosigkeit waehrend des Sommers nur
wenig zurueck. Sie belief sich im Juli auf 18,251. Im grossen
und ganzen hat sie damit den Stand des letzten Sommers trotz der
Saisoneinfluesse des Winters wieder erreicht.
ECA Labor Information
FYI-146/8/30/50
NEGERSAENGER WARNT SEINE KOLLEGEN
Ein Neger3aenger teilte vor kurzem mit, dass er aufgefordert
wurde, sich fuer die Kommunisten zu erklaeren, obwohl er selbst
sich scharf gegen den Kommunismus wendet. Der Saenger Josh White
sprach damit fuer die vielen Kuenstler in den Theatern und den
Konzertsaelan, deren Talente von den Kommunisten ausgenutzt wurden, weil sie sich in politischer Hinsicht leicht taeuschen
lassen.
"Kuenstler sind nicht immer sehr bewandert in politischen
Dingen. Wir wissen
sehr wenig ueber die verschiedenen Bewegungen
und die Parteien.1. *Aber wir wissen durchaus, dass wir mit unserem
Herzen fuer die Sache der Gerechtigkeit und der Freiheit sind und
uns daher sehr leicht taeuschen lassen koennen von jenen, die
vorgeben, hierfuer zu kaempfen." White bat um die Moeglichkeit,
vor dem Komitee fuer unamerikanische Betaetigungen sprechen zu
koennen, weil er auf einer Konzertreise durch Europa gelesen hatte,
dass er zur kommunistischen Front gehoere. Da er tatsaechlich entgegengesetzt handelte und ueberdies immer echt amerikanische Gedankengaenge verteidigte, betraf ihn diese Mitteilung sehr stark.
Er beendete daher seine Konzertreise, um in seine Heimat zurueckzukehren und hier diese Vorwuerfe zu entkraeften. "Ich habe
niemals wissentlich zu einer Organisation gehoert oder diese etwa
unterstuetzt, deren Ziel es ist, die Regierung der Vereinigten
Staaten zu stuerzen. Aber ich erschien verschiedentlich auf Kundgebungen und Veranstaltungen, bei denen man mir zuvor zu erklaeren
versuchte, dass es sich um foerderungswuerdige Begebenheiten handele." White bestaetigte, dass er noch immer auf der Seite der
Gleichheit und der'Naechstenliebe stehe. Er wurde in Suedkarolina
geboren. Er war Zeuge von Lvnchaktionen und er selbst wurde in
seiner Kindheit gemein beschimpft. Die Tatsache jedoch, dass die
Kommunisten derartige Beschwerden fuer ihre eigenen Zwecke ausbeuten, kann natuerlich solche Beschwerden unwirklich machen.
"Der Saenger Paul Robeson kann niemals fuer die Rasse der Neger sprechen," betonte White. "Ich hege fuer Robeson grosse Bewunderung, aber nur als Schauspieler und Saenger; und wenn das, was
in den Zeitungen steht, wahr ist, muss ich mich ueber die Hilfe
schaemen, die er einem Volke gibt, das Amerika vernichten will.
Er hat das Recht, seine eigene Meinung zu haben, aber wenn er oder
irgendein anderer behauptet, fuer eine ganze Rasse zu sprechen,
- 5 -

�so wird er albern. Seine Feststellung, dass die Neger nicht fuer
ihr Land gegen Sowjetrussland oder einen anderen feindlichen Staat
kaempfen wuerden, ist ebenso falsch wie beleidigend. Ich bin jederzeit bereit, gegen Russland und jeden Feind Amerikas in den Kampf
zu gehen.
"Es ist mir gesagt worden, dass es einige Kommunisten unter
Negern gibt, genau so wie unter anderen Amerikanern, aber jene sprechen nicht fuer die uebrigen, ebenso wenig wie weisse Kommunisten
fuer weisse Amerikaner sprechen koennen. Ich habe gehoert, dass
der Anteil der schwarzen Mitglieder in der kommunistischen Partei
eher kleiner ist als die Zahl anderer Rassen. Aber es wird eine
Masse daraus gemacht, um bestimmten Zwecken zu dienen.
"Wenn Kommunisten und ihre Helfer ueber Demokratie und Gleichheit sprechen, so reden sie mit doppelten Zungen. Sie benutzen
heute solche Worte in ihrer Manier, alles auf den Kopf zu stellen,
um ihre schlechten Gedankengaenge zu verbergen. Auch fuer einfache Leute, die diese Kunst nicht kennen, jedes Wort im Munde umzudrehen, ist etwas Zeit notwendig, um hinter diese Dinge zu
kommen."
White richtet sich mit seinem Rat vor allem an junge Saenger
und Kuenstler, die gern bereit sind, sich fuer wuerdige Gelegenheiten verpflichten zu lassen. Aber er warnt sie zugleich mit
den Worten: "Man muss immer vorsichtig sein und hinter das Revers des Jackets schauen."
Labour News from the U. S.
9/14/50
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTER HELFEN IHREN EUROPAEISCHEN KOLLEGEN
Zwei Projekte stehen vor der Vollendung, die die Entsendung
amerikanischer Gewerkschafter vorsehen, um ihre europaeischen Kollegen in den verschiedenen Stadien gewerkschaftlicher Entwicklung
zu beraten und zu unterstuetzen.
Der eine Plan sieht die Entsendung von 100 amerikanischen Gewerkschaftern nach Frankreich, Italien und Deutschland vor. Die
amerikanischen Funktionaere werden vorbereitet, um in besonderen
Besprechungen jenen Unterstuetzungsersuchen zu entsprechen, die
ihnen in diesen europaeischen Laendern unterbreitet werden. Die
Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) und von der
AFL, dem CIO und der Internationalen Vereinigung der Maschinisten
zusammengestellten beratenden Komitees werden sich gemeinsam an
den Kosten dieses Programms beteiligen. Die Gewerkschaftsfunktionaere, die in den drei Staaten darueber Bericht erstatten werden,
wie die Gewerkschaften in den Vereinigten Staatin sich betaetigen,
werden durch die beteiligten Gewerkschaftsverbaende und den Verband
der Maschinisten gewaehlt werden.
Ein zweites Projekt, das von den Gewerkschaften selbst durchgefuehrt wird, betrifft die Entsendung von etwa 20 Gewerkschaftsvorsitzenden in solche Laender, die dem ECA-Programm angeschlossen
sind. Die amerikanischen Gewerkschaftsvertreter werden wahrscheinlich ein Jahr im Ausland verbringen.
Eines der Ziele dieser beiden Projekte ist die Verankerung
einer festeren Zusammenarbeit zwischen den amerikanischen und den
europaeischen Gewerkschaften und damit die Foerderung der Sache
der Mitglieder des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
- 6

�DIE ECA-VERWALTUNG GIBT 550 MILLIONEN DM FREI
Der Chef der ECA-Mission fuer West-Deutschland, Robert M.
Hanes, teilte mit, dass insgesamt 350 Millionen DM aus Mitteln des
Marshallplan-Gegenwertfonds der deutschen Regierung zur weiteren
Durchfuehrung ihres industriellen und landwirtschaftlichen Erweiterungs-Programms zur Verfuegung gestellt werde.
Dieser Betrag stellt einen Teil des von der Bundesregierung
verkuendeten zweiten grossen Investitionsprogramms aus Mitteln
des Gegenwertfonds dar, das insgesamt 1 150 Millionen DM fuer den
deutschen Wiederaufbau vorsieht. ECA-Beamte gaben ihrer Hoffnung
Ausdruck, dass diese Gelder auf schnellstem Wege in die Hand
derer gelangen wuerden, fuer die sie bestimmt sind. Entsprechend
dem Grundsatz, zehn Prozent aller aus dem ECA-Gegenwertfond freigegebenen Mittel der Stadt Berlin zuzuteilen, werden 35 Millionen
DM fuer Aufbauzwecke nach Berlin abgezweigt werden. Auch die
deutschen Fluechtlinge werden bei der Vergebung der Summen Beruecksichtigung finden.
Diese erneute Freigabe von Geldmitteln, des dritten Postens
von insgesamt 1 150 Millionen DM, wurde mit einem Brief Robert M.
Hanes an den ERP-Minister Franz Bluecher bewilligt. Die Gelder
werden verschiedenen deutschen Industriezweigen zugeteilt werden.
Fruehere Freigaben aus der Gesamtsumme von 1 150 Millionen
DM wurden im vergangenen Juni (ebenfalls 350 Millionen DM) und im
Mai (114 Millionen DM) bewilligt. Beamte der ECA-Mission fuehrten
aus, dass die Restbetraege auf Ersuchen der Bundesregierung verfuegbar gemacht werden sollen, wenn die bisher bewilligten Gelder
aufgebraucht sind.
Das Gesamtprogramm, das als Maximalbeitrag zur weiteren Produktivitaet, zur Arbeitsbeschaffung und zur Foerderung des europaeischen Handels und des Handels mit den Dollar-Gebieten gedacht ist,
sieht die Zuteilung von ueber 425 Millionen DM fuer die Industrie
und den Handel '/.'Ostdeutschlands vor. Die kleineren Industriezweige
und die Handwerksbetriebe, die Eisen- und Stahlindustrie, die
Maschinenbauindustrie, die Elektroindustrie, sowie die chemische
und die Textil-Industrie werden innerhalb des industriellen Sektors
die groessten Zuweisungen erhalten.
ECA-Beamte erklaerten, dass die Investitionsfonds die Durchfuehrung der Modernisierungs- und Ausbau-Plaene ermoeglichen, die
jetzt in Angriff genommen oder fortgesetzt werden koennen. Den
Investitionen aus Mitteln des Gegenwertfonds stehen in den meisten
Faellen private Investitionen gegenueber, sowie im Staatshaushalt
vorgesehene Fonds der Bundesregierung und der Laenderregierungen.
Weitere 285 Millionen DM wurden fuer den Ausbau der westdeutschen Energiequellen, einschliesslich der Kohlenbergwerke und Elektrizitaetswerke, zur Verfuegung gestellt. Diese Gelder sollen durch
Stromknappheit entstehende Produktionsverluste der Industrie verhindern und einen weiteren Ausbau der Industrie ueber den Vorkriegsstand hinaus ermoeglichen, wodurch wiederum der deutschen
Wirtschaft finanzielle Einkuenfte zufHessen werden, welche die
fuer die Energiewirtschaft investierten Summen bei weitem uebersteigen.
179,5 Million DM werden fuer die Durchfuehrung von mehr als
zehn Programmen auf dem Gebiete der Ernaehrung und Landwirtschaft
bereitgestellt, die die Kapazitaet der Lebensmittelerzeugung erhoehen sollen. Hierzu gehoeren auch so lebenswichtige Plaene wie
- 7-

�die Ansiedlung von Fluechtlingen, die Urbarmachung von Land, Forschungsarbeiten, Mechanisierung, Verbesserungen im Viehbestand und
der Weiden.
Fuer das Transportwesen, einschliesslich des Baues und der
Reparatur von Hauptverkehrsstrassen, der Instandsetzung von Westdeutschlands Binnenschiffen und Wasserstrassen, sowie fuer Hafenreparaturen werden 109,1 Millionen DM zur Verfuegung gestellt.
Um zur Entspannung der kritischen Lage auf "dem Wohnungsmarkt
beizutragen, wurden 122,8 Millionen DM fuer Neubauten bestimmt.
Groessere Bauprojekte werden weiter aus Mitteln des Gegenwert-Fonds
unterstuetzt werden. Diese Gelder sollen in erster Linie zur Behebung der Wohnungsnot in Industriegebieten dienen, welche die
lebensnotwendige Produktion behindert. Neubauten und Reparaturen
von im Kriege beschaedigten Haeusern und Wohnungen sind darin eingeschlossen.
Der Rest der Gesamtsumme von 1 150 Millionen DM, ungefaehr
27,5 Millionen, wird fuer verschiedene andere Zwecke zur Verfuegung
gestellt werden, einschliesslich des westdeutschen "Feldzugs zur
Exportsteigerung" (Dollar Drive) und der Markterforschung.
Von den obigen Betraegen wird Westberlin fuer die Ausweitung •
seines Industriepotentials und die weitere Durchfuehrung lebenswichtiger Projekte, einschliesslich des Wohnungsbaus, des Transportwesens und des Handels etwa 10%, d.h. 111,7 Millionen DM, erhalten.
Das 1 150 Millionen DM umfassende Programm stellt fuer die
Bundesrepublik das zweite grosse Programm dieser Art dar. Der
erste Investitionsplan grossen Stiles wurde im Dezember 1949 bekanntgegeben, als die ECA die deutsche Regierung ermaechtigte,
1 036 Millionen DM in Gegenwertmitteln zu investieren. Diese Summe
ist inzwischen ganz fuer die deutsche Wirtschaft freigegeben worden.
Fruehere Freigaben aus Mitteln des Marshall-PIan-Gegenwertfonds wurden im September 1949 bewilligt. Sie bezogen sich auf 57
Millionen DM fuer die Eisenbahnen, Flusshaefen und oeffentlichen Anlagen der franzoesischen Zone; 44 Millionen DM waren fuer die BEWAG
Elektrizitaetsgesellschaft in Berlin bestimmt und 50 Millionen DM
fuer Kohlenbergwerke. Ausserdem wurden bis heute fuer verschiedene
Investitions-Zwecke 445 Millionen DM aus dem GARIOA-Gegenwertfonds
freigegeben.
Bericht der ECA-Verwaltung
9/20/50
DER 69. KONGRESS DER AMERICAN FEDERATICT OF LABOR
Die AFL hielt in Houston (Texas) ihren 69. Kongress ab, zu dem
750 Delegierte von den verschiedensten angeschlossenen Gewerkschaftsorganisationen entsandt worden waren. Der Vorsitzende der AFL,
William Green, betonte, dass dieser Kongress in einer optimistischen
Stimmung abgehalten werde, weil aus Korea gute Nachrichten vorl&amp;egen
und diese Meldungen von den Delegierten offen begruesst werden.
Green erklaerte, dass die Taft-Hartley-ükte, die der gewerkschaftlichen Arbeit eine, ganze Reihe Behinderungen auferlegt, eigentlich
die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln sollte.
Dieses Gesetz ist an 3ich schlecht, aber durch die Art der Anwendung,
wie sie von Robert Denham, dem Berater der Behoerde fuer Arbeitsbeziehungen, gepflogen wurde, wurde es untertraeglich. Auf Anordnung
des Praesidenten Trumen ist Denham jetzt entlassen worden. Green
- 8-

�wies darauf hin, dass es heute das Hauptanliegen der Gewerkschaften, vor allem der AFL und der in dieser Frage mit ihr einigen
CIO sei, bei den bevorstehenden Wahlen "wirkliche Freunde der Gewerkschaften" zu waehlen, die jenes Gesetz schleunigst ausser
Kraft setzen.
Green erinnerte an die Prinzipien, die der Gruender der AFL,
Samuel Gompers, verfolgte, und dessen Standpunkt umrissen werden
kann mit den Worten "Alles, was der Gesetzgeber auferlegt, kann
die Arbeiterschaft wieder verschwinden lassen." Die grossen Erfolge, die die Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten erringen konnte,
wurden in erster Linie durch ihre wirtschaftliche Kraft gewonnen,
durch die Kollektivvertraege und durch die Staerke ihrer Gewerkschaften - erst sie konnte die Errungenschaft aufrechterhalten und
weitere Fortschritte erzielen. Eine solche Feststellung will jedoch nicht besten, flass die AFL ihre politische Aktivitaet vermindern will, ganz im Gegenteil, eine umfangreichere und nachdruecklichere Aktion als Je zuvor wird auf politischem Gebiet geplant.
Diese Politik besagt, dass die Gewerkschaften ihren Glauben weder
den Handlungen der Regierung hoch den Gesetzen anvertrauen werden,
sondern einzig und allein der Staerke ihrer Bewegung.
Der Bericht des Exekutivrates zeigt, dass diese Gewerkschaftsorp-anisation weiter gewachsen ist. Im vergangenen Jahrhundert
zaehlte sie wenig mehr als 500 000 Mitglieder, heute äind es fast
acht Millionen. V/aehrend des vergangenen Jahres wurden 3 624 448
Dollar fuer die Organisation, fuer die Schulung und andere Aufgabengebiete ausgegeben, und diese Betraege wurden neben den Milllonenbetraegen der angeschlossenen Organisationen aufgewendet.
Der 232-seitige Bericht, der dem Kongress am ersten Verhandlungsrag unterbreitet wurde, verdient mehr Raum bei der Betrachtung
internationaler Fragen als irgendein anderer Bericht der AFL seit
ihrer Gruendung im Jahre 1881. Der Exekutivrat lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass der von den Kommunisten ausgeloeste
Kalte Krieg die internationalen Beziehungen beherrscht und klagt
die Sowjetunion an, die Vereinten Nationen zu sabotieren, das Vetorecht zu missbrauchen und den Sicherheitsrat seiner Machtmittel zu
berauben. Die AFL bekennt sich jedoch zum Atlantikpakt, der gegen
den sowjetischen Imperialismus Verteidigungsschranken aufrichtet.
Auch wenn auf die Vereinigten Staaten ein hoher Anteil dieser Verteidigungskosten entf aellt, so muessen diese Ausgaben uebernoiimen
werden, um die imperialistischen Absichten der Sowjetunion zu unterbinden. Hierbei wird ein 7/ort Lenins zitiert; "Die Existenz einer
kapitalistischen Nation, die irgendwo in der Welt existiert, bedeutet fuer den Kommunismus eine Bedrohung." Dieses Dogma regiert
die sowjetische Politik, sodass die Kommunisten entschlossen sind,
alle Nationen zu Fall zu bringen, auf die dieses Wort "kapitalistisch"
zutrifft - und das sind in erster Linie die Vereinigten Staaten,
aber auch alle demokratischen oder sozialistischen Staaten.
Der Bericht besagt weiter, dass der Marshallplan, der der Wiederherstellung Europas gilt, und der durch den Atlantikpakt und die
militaerische Unterstuetzung Westeuropas seine Abrundung erfaehrt,
den Willen zum Widerstand in den freien Laendern gestaerkt hat, wobei nicht uebersehen werden darf, dass auch die Taetigkeit der Internationale der freien Gewerkschaften diese Bestrebungen unterstuetzt. Die Erholung waehrend der zwei letzten Jahre ist schlechthin erstaunlich. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist dieser Fortschritt auf die Beteiligung der europaeischen und amerikanischen Gewerkschaften zurueckzufuehren. Die amerikanischen Gewerkschaften
haben in vollstem Masse mit der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit - ECA - gemeinsam gearbeitet, indem sie ihre Erfahrungen
- 9-

�ueber die Moeglichkeiten austauschten, die Produktivitaet zu steigern, und dies hat wiederum die Bande internationaler gewerkschaftlicher Bruederlichkeit wesentlich verstaerkt. Die wirtschaftliche
Vollkommenheit der europaeischen Wirtschaft auf einer kontinentalen Basis wurde zeitweilig gestoert, aber sie bleibt die Endloesung,
die gegebenenfalls auch erreicht werden wird. Der Glaube an die
Demokratie und die Hoffnung auf die Zukunft laesst sich unter den
freien Voelkern Europas nur langsam wieder herstellen.
Der Exekutivrat sprach sich erneut nachdruecklich dafuer aus,
so schnell wie moeglich Friedensvertraege mit Oesterreich, Deutschland und Japan abzuschliessen, wobei gleichzeitig die Sowjetunion
angeprangert werden soll, die so lange Zeit diese Friedensvertraege
verhindert hat. Der Schumanplan fuer die Vervollkommnung der europaeischen Wirtschaft wurde im Prinzip gebilligt.
Gleichzeitig berichtete der Exekutivrat von den Fortschritten,
die die Hilfe fuer die lateinamerikanischen Gewerkschaften in ihrem
Kampf fuer die Demokratie bewerkstelligte. Hier wurde erneut klargestellt, dass die AFL jegliche Kundgebungen des Totalitarismus
und des Militarismus in der Alten Welt missbilligt, genau so wie
sie aehnliche Entwicklungen an anderen Orten ablehnt, auch wenn
ein solches Regime etwa in Suedamerka keine Bedrohung des Weltfriedens darstellt.
Die Leistungen der Internationalen Arbeits-Organisation - IAO einer Zweigabteilung der Vereinten Nationen, das einzige Ueberbleibsel des entschlafenen Voelkerbundes, die durch den ersten Praesidenten der AFL, Samuel Gompers, gegruendet wurde, werden in dem Kongressbericht eingehend beschrieben. Dann folgt eine Uebersicht
ueber die Organisation des Internationalen Bundes freier Gewerkschaften, ebenso ueber die wichtige Aufgabe, die die amerikanische Gewerkschaftsbewegung hier erfuellt. Erneut wird herausgestellt, dass
eine der Hauptaufgaben des IBFG darin besteht, den Arbeitern im Fernen Osten, in Afrika und Suedamerika zu helfen, wie ueberall dort,
wo freie Gewerkschaften Hilfe benoetigen und wo entweder der Faschismus oder der Kommunismus ihre Freiheiten bedroht, damit diese Gewerkschaften stark genug werden, um diesen Drohungen begegnen zu
koennen.
Die Leitidee, die sich in diesem gesamten Berichtsteil verfolgen laesst, ist die Feststellung, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung bereit und willens ist, ueberall und jederzeit der
Arbeiterschaft zu helfen, nicht nur in dem Kampf gegen Faschismus
und Kommunismus, sondern auch gegen Armut und Ungerechtigkeit. Die
unaufhoerlichen Bemuehungen der AFL, die Sklavenarbeit in Russland
der Weltoeffentlichkeit bekannt zu geben, werden ebenfalls erwaehnt.
Es wird dann berichtet, dass die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen (UN) fuer Erziehung (E), Wissenschaft (S) und Kultur (C, 0 - Organisation) zwar etwas widerwillig, aber dennoch die
Tatsache akzeptierte, dass die Welt geteilt ist in Demokratien und
Totalitarismus, in Freie und Sklaven. Das Programm der UNESCO,
das das Analphabetentum ueberwinden will, menschliche Rechte zu beschuetzen wuenscht, den ungehinderten Fluss der Nachrichten garantieren will, das bessere Verstehen der Voelker untereinander zu
foerdern bestrebt ist, wird rueckhaltlos von der AFL gebilligt, waehrend das gleiche Programm von der Sowjetunion abgelehnt wird.
Rundfunksendung des US-Gewerkschaftssenders, Sprecher W. Oak
9/20/50
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�ERIC -TQHNSTCEJ WUENSCHT GE'.VERKSCHAFTER IM DIPLOMATECTIENST
"Wir brauchen mehr Leute in der Regierung und im diplomatischen
Dienst, die aus der Arbeiterbewegung kommen und ueber gewerkschaftliche Erfahrungen verfuegen, weil das Schlachtfeld oder besser gesagt das Feld der Entscheidungen heute der Lebensstandard des
Arbeiters ist."
Diese Erklaerung gab vor kurzem Eric Johnston ab, der Vorsitzende der Vereinigung amerikanischer Tonfilmunternehmen und frueherer
Vorsitzende der US-Handelskammer. Er veroeffentlichte seinen Aufsatz unter dem Titel "Die Gewerkschaften wissen, wie sie es anzustellen haben", im September im "American Federationist," dem monatlich erscheinenden Organ der AFL.
Johnston lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung die besten Erfahrungen darueber verfuegt, wie mit den Kommunisten umgegangen werden muss. Die
Gewerkschaften wissen, wie die Infiltration in ihren eigenen Reihen versucht worden ist, diese Versuche, ihre Abwehr und ihre Ueberwindung haben sie in der Praxis erlebt.
"Diplomatie ist gewoehnlich eine Art Pokerspiel zwischen den
Regierungen, aber heute hat es die amerikanische Regierung direkt
mit den Voelkern zu tun, so wie bisher keine andere Regierung mit
ihnen zu tun hatte. Wir benoetigen daher unter unseren diplomatischen Vertretern Maenner und Frauen, die die Voelker kennen, sie
verstehen und mit ihnen eng verbunden sind." 'Vir haben in dieser
Richtung bereits einige Fortschritte gemacht, in einzelnen Schluesselstellungen der ECA-Verwaltung sind bewaehrte Gewerkschaftsfunktionaere taetig. Die Aufgabe, die heute vordringlich ist, liegt in
der Vtehl geeigneter Sprecher, die die beste Vertretung der Vereinigten Staaten im Ausland sind - und hier verfuegen garade die Gewerkschaftsvertreter ueber eine ganze Reihe von Vorzuegen. So wissen
unsere Gewerkschafter, wie sie zum Beispiel mit Leuten vom Schlage
Jacob Kaliks umzugehen haben. Kit dieser Type haben sie bereits
seit Jahren zu tun gehabt, und zwar in einem"etwas abgewandelten,
gerade auf die amerikanischen Verhaeltnisse zugeschnittenen Stil.
Die amerikanischen Gewerkschafter beherrschen somit diese Taktik
und ihre Technik, und sie koennen ihr vor allem in ueberlegener Weise
entgegentreten.
Der Sowjetvertreter Malik spricht russisch und seine Widersacher sprechen englisch. Aber sie sprechen nur dann eine gemeinsame
Sprache, wenn eine lange Erfahrung mit dem kommunistischen Wortschatz eine sprachliche Verstaendigung moeglich macht. Und unsere
Gewerkschaftsvertreter wissen, wie sie dem Kreml die Maske herunterreissen koennen."
ECA Labor Information
FYI 160 - 9/20/50
FIGARO SCHLAEGT PRODUKTIVITAETSMQUELLE VOR
Der "Figaro", die konservative franzoesische Zeitung, hat einen Artikel veroeffentlicht, in dem vorgeschlagen wird, dass gewisse
Fabriken ausgewaehlt werden sollten, um hier Methoden einzufuehren,
durch die die industrielle Produktivitaet gesteigert werden kann.
Durch solche Beispiele koennte der gesamten franzoesischen Industrie
sehr gedient werden.
Diese Empfehlung an das franzoesische Komitee fuer die Steigerung der Produktivitaet ist in einem Artikel zu finden, der von

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•u

�Francois Fennelot unterzeichnet ist. Er 3agt hier, dass eine gesteigerte Produktivitaet das einzige Mittel ist, um franzoesischen
Arbeitern einen vernuenftigen Lebensstandard zu sichern.
Mennelot erwaehnt, dass der hoechste Mindestlohn, wie er
kuerzlich von der Regierung festgesetzt wurde, sich fuer einen Arbeiter in Paris auf monatlich 16 800 Franken belaeuft. Der "Figaro" sagt hier ganz offen-, dass es auf die Frage, ob irgend jemand
mit diesem Betrage einigermassen anstaendig oder als Durchschnittsmensch leben koenne, es nur eine einzige Antwort geben koenne,
naemlich eine verneinende.
Der "Figaro" sagt weiter, dass der Lebensstandard der Schluessel dazu ist, ob die Wiedergesundung der franzoesischen V.'irtschaft
weiter fortschreiten wird oder ob die Wirtschaft sich weiterhin
im Stadium eines blossen Vegetierens bewegen wird.
Die Zeitung bekannte sich zu einer kuerzlichen Erklaerung
des Premierministers Rene Pleven, dass die allgemeine Wiederbelebung der Wirtscheft abhaengig ist von einer Erhoehung der Kaufkraft der breiten Masse der Bevoelkerung - und das ist vor allem
die Arbeiterschaft. Dann wiederholt der "Figaro" jene Beobachtungen, die ein franzoesischer Gewerkschafter der Oeffentlichkeit
uebermittelte, als er aus den Vereinigten Staaten zurueckkehrte:
Produktivitaet und ihre Steigerung bedeutet, dass ein Unternehmer,
der seinen Arbeitern unter dem Druck der Gewerkschaften Lohnerhoehungen gewaehren muss, mit allen Mitteln bestrebt sein mussfzu
rationalisieren und nicht seine Verkaufspreise zu erhoehen, denn
die Vermeidung einer solchen Preiserhoehung ist fuer ihn von elementarer Bedeutung. Ein Unternehmer, der hier als Symbol gelten
koennte, sagte zu Mennelot: "Wer kann schon meine Erzeugnisse kaufen, wenn der Arbeiter unzureichend bezahlt wird?" Auf der anderen
Seite muessen die Arbeiter zumeist gegen das kommunistische Schlagwort Stellung nehmen, dass eine steigende "Produktivitaet lediglich
die Steigerung der Produktionsquoten bis zu einem sich toedlich
auswirkenden Takt bedeutet. Hierbei bemerkt der "Figaro", dass
Russland die eigentliche Heimat solcher Stossarbeiter ist. Aber
auch wenn technische Verbesserungen die Einsparung einzelner Arbeitsplaetze zur Folge haben, muss der Arbeiter dart-n denken, dass
auf der anderen Seite wiederum neue Arbeitsplaetze bereitgestellt
werden, sei es durch die Produktion neuer Maschinen oder durch die
Bedienung dieser Maschinen bei einm groesseren Ausstoss als bisher.
Die oekonomische Zukunft haengt ebenso wie unsere soziale Zukunft
davon ab, dass wir beharrliche und groessere Anstrengungen machen,
diese jedoch gemeinsam getragen werden muessen. Produktivitaet ist
weder eine mythische Angelegenheit noch eine Art Kinderkrankheit,
wie etwa unser alter Bestand an Ideologien sich noch immer bemueht,
diese Mythen aufrechtzuerhalten. Angesichts hoher Loehne, die
die amerikanischen Arbeiter durch den kaempferischen Geist ihrer
Gewerkschaften erzielen konnten, wird der amerikanische Unternehmer
gezwungen, jede nur moegliche Reformmethode in bezug auf arbeitstechnische oder allgemein technische Fragen anzuwenden. Diese bestaendigen Bemuehungen, eine Rationalisierung der Arbeit durchzufuehren, bedeutet, jede unnuetze Zeit auszuschalten, die deshalb
sich so kostspielig auswirkt, weil Arbeit nun einmal teuer ist.
Und hier liegen jene Moeglichkeiten durchaus offen, die auch in
Frankreich durchgefuehrt werden koennen.
"Vor einiger Zeit wurde in Frankreich eine Produktivitaetskomitee gegruendet. Sein Schicksal wird das gleiche sein wie das
zahlreicher anderer offiziellen Organisationen, wenn es nicht in
aller Kuerze seine Arbeit auch wirklich aufnimmt. Was wir wünschen, ist der Ausbau einer Reihe Fabriken im ganzen Lande, die
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l

�als Musterbeispiel dienen koennen, aber gleichzeitig begruessten
wir es, wenn die Initiative jenes Komitees zur Steigerung der Produktivitaet nun endlich aufgenommen wuerde."
Am Schluss des Artikels wird den Unternehmern empfohlen, den
Grundsatz zu beachten, dass jede Firma, die nicht binnen eines
Jahres eine Verbesserung ihrer Erzeugnisse, ihrer Arbeitsmethoden
oder eine Reduzierung der Produktionskosten erreichen konnte, sich
darueber im klaren sein muss, dass dieses Unternehmen nur noch vegetiert und ueber kurz oder lang eingehen wird.
ECA Labor Information
LI-39 7 - 20/9/50
UEBER DIE TERMINOLOGIE DES PRODUKTIVITAETSBEGRIFFES
Das Wort "Produktivitaet" erhaelt haeufig *i«mlich unterschiedliche Auslegung; Zweck dieser Zeilen ist, den Sinn festzulegen, in
dem die Arbeitsgruppe des Rates der OEEC den Begriff "Produktivität
der Arbeit" normalerweise anwendet. Gleichzeitig werden Bezugshinweise und kurzgefasste Definitionen_fuer die von europaeischen Forschungswissenschaftlern gebrauchten'Ausdruecke gegeben, die eine
moeglichst genaue Vergleichsgrundlage fuer die Feststellungen schaffen, die sie in ihren Heimatlaendern durchzufuehren haben.
Produktivitaet ist der Quotient, den man erhaelt, wenn ;ian die
"Produktionsleistung durch einen der Produktionsfaktoren teilt. Auf
diese V/eise ist es moeglich, von der Produktivitaet des Kapitals,
der Investitionen oder des Rohmaterials zu sprechen, je nachdem, ob
die Leistung auf Kapital, Investitionen oder Rohmaterial bezogen
wird.
Die gebraeuchlichste Anwendung des Begriffs Produktivitaet ist
die der menschlichen Arbelt. Wird das Wort "Produktivitaet" ohne
naehere Bestimmung gebraucht, dann ist die Produktivitaet der Arbeit
gemeint. Produktivitaet der Arbeit (=Arbeitsproduktiviteet) ist
der Mengenwert, der in einer bestimmten Arbeitszeit produziert wird.
Dieses Verhaeltnis gewinnt dann wissenschaftliche Bedeutung, wenn
die Art und die technischen Bedingungen der in dem Zaehler erscheinenden Produktionsleistung und die fuer den Nenner gewaehlten Faktoren festgelegt worden sind.
Es ist zu beachten, dass Arbeitsproduktivitaet ein I'asstab der
allgemeinen '.Virksamkeit beim Einsatz der Arbeitskraefte und nicht
der Arbeitsleistung ist. Sie wird beeinflusst durch das Zusammenwirken einer grossen Anzahl gesonderter, wenn auch miteinander verbundener Faktoren, wie Menge und Guete der verwandten Ausruestung,
technische Verbesserungen, Leistungsfaehigkeit der leitenden Stellen, Zustrom von Material und andere Komponenten, wie die relativen
Beitraege der Einheiten auf verschiedenen Ebenen der Wirksamkeit
wie auch die Geschicklichkeit und Leistung der Arbeiter.
Relative Unterschiede in der Produktivitaet koennen gemessen
werden durch den Vergleich der Leistung einer Firma, Industrie usw.
in verschiedenen Zeitperioden oder zwischen verschiedenen Laendern
oder Gebieten. Aber auch die Produktivitaet zweier oder mehrerer
produzierender Einheiten ka.n verglichen werden (Betriebe, Firmen,
Gesellschaften). Der Zweck des Vergleichs besteht darin, einen Anhaltspunkt zu geben, welche Stellung eine produzierende Einheit
(eine Firma, eine Industrie öder eine Nation) gegenueber der Leistung anderer produzierender Einheiten oder ihrer eigenen Leistung
in einem anderen Zeitraum einnimmt; die Analyse der Grundlagen des
- 13 -

�Produktivitaetsniveaus, wie es auch sein r&amp;g, zu ermoeglichen und
die Position dieser Einheit zu verbessern, u-ine Messung der Produktivitaet und eine begleitende Analyse der Gruende und Faktoren koennte deshalb fuer die Zwecke einer allgemeinen wirtschaftlichen Analyse verwandt werden (z.B. bei der Beurteilung der gegenwaertigen und zukuenftigen Produktionsleistung eines Landes
oder einer Industrie, des Bedarfs an Arbeitskraeften oder die
Wettbewerbsfaehigkeit). Sie dienen jedoch auch als Grundlage fuer
die Beurteilung der Leistungsfaehigkeit und Ziele der leitenden
Stellen einzelner Betriebe und Firmen. Produktivitaetsmessungen
koennen zusammengestellt werden entweder durch Verwertung der vorhandenen statistischen Unterlagen oder durch Angaben, die direkt
fuer diesen Zweck gesammelt werden.
Die Leistung bezieht sich, je nachdem, wie der Fall liegt,
auf das Leistungsprodukt einer einzelnen Maschine, oder einer Abteilung (Arbeitsgang), eines einzelnen Betriebes, einer Gesellschaft, einer Industrie oder auf die ganze Volkswirtschaft. Vorzugsweise sollte sie nach physischen Werten gemessen werden und auf
den gleichen Arbeitsbereich bezogen werden. Sobald man sich jedoch von einer einzelnen Maschine, oder von einer einzelnen Abteilung oder Industrien mit einfacher Erzeugungsstruktur, bei denen
die Produktion eines einzelnen homogenen Produktes gemessen wird,
entfernt, werden rein physische Messungen schwieriger und andere
als physische Messmethoden (in der Hauptsache messbare Werte, wie
Waehrungen) muessen ueberhaupt oder zumindest beim Abwaegen angewandt werden, d.h. Summierung der Leistung verschiedener Sektoren
einer Industrie oder Wirtschaft. Die Erfahrung zeigt, dass die
Messung der Leistung das schwierigere Verfahren ist, und demzufolge wird die Genauigkeit der Messung der Produktivitaet weitgehend von der Art, in der Leistung gemessen wird, abhaengen.
Sowohl im Falle von Produktion pro Kopf und Stunde und nro
Kopf und Jahr kann der Begriff "Arbeitskraefte" Arbeiter allein oder
alle Beschaeftisrten einschliessen. Im ersten Fall kann er unmittelbare oder mittelbare Produktionsarbeiter umfassen. Die Unterscheidung zwischen "koerperlich" und "nicht-koerperlich" Arbeitenden (wie Buero-, Verwaltungs-, und technischen Kraeften) ist nicht
absolut. Sowohl die tatsaechliche Handhabung in der Industrie als
auch die statistische Handhabung sind je nach Land oder Firma verschieden. Der Unterschied kann in der Art der Entlohnung liegen
(in der Regel werden Arbeiter woechentlich, andere Kraefte monatlich entlohnt) oder in der Stellung (Arbeiter umfassen die
Stellen bis einschliesslich der Vorarbeiter). Einen Massstab fuer
die Entscheidung ueber Granzfaelle unter den Arbeitern kann der
Grad von Initiative abgehen, den die Arbeit verlangt.
Bei den Arbeitern kann unterschieden werden zwfechen unmittelbaren Arbeitern, das sind die im eigentlichen ^roduktionsgang
beschaeftigten Arbeiter, zum Unterschied von den mittelbaren Arbeitern, die sich mit anderen Taetigkeiten, wie Unterhaltung,
Lagerung, innerbetrieblichen Transporten und allgemeinen Arbeiten
befassen. Auch diese Unterscheidung kann wiederum je nach Land
und sogar je nach der Firma verschieden sein.
Produktivitaet pro Beschaeftigter umfasst die Arbeit aller
Personen einschliesslich z.B. der in Buchfuehrung oder Kassenwesen Taetigen. Bei der Messung der Produktivitaet in der Fertigwarenindustrie schliesst man am besten die Arbeit der im Vertrieb, sowie in Reklame und Werbung Taetigen aus. Bei Vergleichen zwischen Firmen ist es wesentlich, in allen Faellen die gleichen Funktionen mit ein- oder auszuschliessen. Wo die Grenzlinie
gezogen wird, haengt von den Zwecken ab, fuer die diese Statistiken
zusammengestellt werden.
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�Bei der Messung der Arbeitsleistung koennen gewoehnlich das
Alter oder Geschlecht der Arbeiter oder die verschiedenartigen
Fertigkeiten nicht beruecksichtigt werden, obwohl eine solche Unterscheidung wuenschenswert waere.
Einige Wissenschaftler messen der Berechnung der Gesamtprodukt ivitaet, die nicht nur alle in den obigen Berechnungen eingeschlossenen Arbeitsstunden oder Beschaeftigten, sondern auch alle
diejenigen umfasst, die die bei der Produktion verwendeten Kapitalgueter, Energie und Rohstoffe erzeugen, grosse Bedeutung bei.
Hierbei wird letztere Kategorie in Arbeitsstunden oder Beschaeftigtenzahl umgewandelt.
Die Genauigkeit der Produktivitaetsmessung wird weitgehend von
"der Art abhaengen, in der die Leistung gemessen wird, aber auch von der
Art, in der die Arbeit gemessen wird, uri&amp;der Art, in der die Messung dieser beiden Faktoren verglichen werden kann. Je kleiner
die Produktionseinheit ist, auf die sich die Messungen beziehen,
und je unmittelbarer die Veranschlagung sowohl der Produktionsleistung als der Arbeit erfolgt, desto genauer ist die Berechnung. Es
waere ratsam, der Berechnung mo?glichst eine Scheatzung des Fehlerfaktors beizufuegen.
ERP-Beratungsausschuss des DGB
9/4/50
ANGESTELLTEN^ OBLEME UND IBFG
Fuer das kommende Jahr hat der Internationale Bund Freier Gewerkschaften eine Konferenz vorgesehen, bei der alle Fragen, die
den Angestellten betreffen, behandelt werden sollen und die auf
internationaler Basis die Loesung dieses Problems in Angriff nehmen soll. Die Konferenz wird in Bruessel stattfinden und zwar zu
einem sehr fruehen Termin. Der IBFG hat ein vorbereitendes Komitee gebildet, das alle Vorbereitungen zu dieser Konferenz treffen
soll. Es wird Wert darauf gelegt, dass auf dieser Konferenz auch
jene Angestellten vertreten sind, die in der Privatindustrie und
in Bshoerden beschaeftigt sind, wobei aber auch Banken und Versicherungen erfasst werden sollen und vor allem ^ene Angestellten, die
leitende Stellungen bekleiden. Hierbei sollen vor allem die Gewerkschaften der Journalisten, der Lehrer, der Angestellten, der
Techniker, der Beschaeftigten der oeffentlichen Dienste, zu denen
auch die Beamten gehoeren, der Flugzeugfuehrer und sehnlicher Gruppen ihre Unterstuetzung gewaehren, wie ueberhaupt jene Gewerkschaften, die zu ihren Mitgliedern zahlreiche Angestellte zaehlen, tvie
es etwa bei der AFL und dem CIO der Fall ist oder bei britischen
und hollaendischen Gewerkschaften, dem franzoesischen CGT-FO und
der Gewerkschaft der Werkmeister, den internationalen Berufssekretariaten der Transport- und Metallarbeiter, dem schwedischen TGO,
den deutschen DGB, den franzoesischen Post-, Telegraf- und Telefonbediensteten und aehnlichen Gewerkschaften, die dem IBFG angeschlossen sind.
Die folgenden allgemeingehaltenen Vorschlaege wurden dem beratenden Komitee bereits unterbreitet:
1. Jene Fragen zu bearbeiten, die fuer die nicht-handarbeitenden
und berufstaetigen Arbeitenden eine besondere Bedeutung haben, einschliesslich der Probleme der Angestelltengewerkschaft und ihrer
Organisation und alle geeigneten Schritte vorbereiten, die zur Loesung der besonderen Probleme dieser Gruppe derxArbeitenden beitragen koennen;
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�2. In gemeinsamer Zusammenarbeit ~iit dem IBFG die Gruendung
besonderer internationaler Berufssekretariate voranzutreiben, fuer
die eine nicht-handarbeitende Taetigkeit der Gewerkschaftsmitglieder charakteristisch ist und die bisher ohne eine eigene Stimme
in den internationalen Gewerkschaften vertreten waren; eine solche Unterstuetzung wuerde vor allem fuer solche Berufskategorien
wie Lehrer, Journalisten, Buehnen- und Filmfachkraefte von besonderer Bedeutung sein;
3. Besondere Probleme wie die der Schulung in bezug auf industrielle und D'roduktivitaetssteigernde Leistung muessen hier behandelt werden;
4. Diesem Mitgliederkreis mit Unterstuetzung des IBFG eine
besondere Vertretung fuer nicht-hendarbeitende und berufstaetige
Arbeitende in den Vereinten Nationen und in den besonderen Ausschuessen zu verschaffen.
Das Komitee unterbreitete diese Empfehlungen dem IBFG in
Bruessel auf das Ersuchen J. H. Oldenbroeks, des Generalsekretaers
der 50 Millionen nichtkommunistischer Mitglieder zaehlenden internationalen Gewerkschaftsorganisation. Mitglieder des Komitees sind
Ernest Bell, britischer Gewerkschaftsbund (TUC) Vorsitzender,
M. C. Bolle, Internationale Gewerkschaft oeffentlicher Bediensteten,
Albin Karl, Deutscher Gewerkschaftsbund, R. Richard, franzoesische
GGT-FO, R. Speyser, franzoesische CCO, M. van de Moortel, belgische
CGSP, Kai Nissen und Einar Nielsen, daenische TUC, Walter Amann,
schwedische TUC, W. G. Spiekman, Internationaler Verband der Angestellten und Techniker, Charles G. J. Everling, belgischer FGTS,
Harry Martin, Vorsitzender der amerikanischen Journalisten-Gewerkschaft (CIO), 0&gt; Valkeners, franzoesische Gewerkschaft der Post-,
Telegrafen- und Telefonbediensteten (PTT), J. H. Oldenbroek, G. de
Muynck und Albert Heyer, IBFG und Eimer Cope, CIO. Das Mitglied
des Komitees Irving Brown, AFL, war verhindert, an dieser Sitzung
teilzunehmen.
ECA-Airgram A 333
9/5/50
WIEDERAUFBAU NORWEGENS STEIGERT BESCHAEFTIGUNGSZIFFER UND PRODUKTION
Die Beschaeftigungsziffer und die Produktion steigen in Norwegen 3taendig an.
Dem Bericht der norwegischen Regierung ueber die wirtschaftlichen
Entwicklungen im ersten Quartal des Jahres 1950 zufolge ist damit zu
rechnen, dass die Produktion fuer das ganze Jahr groesser sein wird,
als in norwegischen Haushaltsplan geschaetzt worden war.
Im Laufe des ersten Quartals dieses Jahres hat sich die Beschaeftigungsziffer um 14.5000 erhoeht gegenueber einer Zunahme um
13.6000 im gleichen Zeitabschnitt des Vorjahres. Die Zahl der Industriearbeiter stieg um 6.400 und in der Land- und Forstwirtschaft
vermehrte sich die Zahl der Lohnempfaenger um 3.600.
Die Steigerung der Produktion erstreckt sich auf fast alle
Zweige der Wirtschaft. Die industrielle Produktion war zum Beispiel im ersten Quartal um 7% hoeher als im Vorjahr.
Labor News Bulletin
VII/15 - VIII/15/50
- 16 -

HICCG H-1734 L » B Oct 50 5 M

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNCEN
Di« folgenden Artikel «teilen Aaszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauck gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HIC0G, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auck einzelnen Interessenten direkt durch die Post lugeleü-'t.
Der Inkalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 31

Frankfurt, 6. Oktober 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Europaeische Wirklichkeiten

- - - - - - - - -

l

Die Strategie der Gewerkschaften - - - - - - -

4

Bessere Loehne - die HauptVoraussetzung fuer
die Poerderung der Demokratie in Asien - -

6

Wahrheit und Anstaendigkeit sind die L^eitsaetze
der Gewerkschaftspresse - - - - - - - - - 9
Green fordert Preiskontrolle und Sondersteuern
auf Kriegsgewinne - - - - - - - - - - - - 9
Das Roosevelt-College in Chlkago - - - - - - -

io

Neues rumaenisohes Arbeitsgesetz - - - - - - -

n

Arbeitsminister Maurice J. Tobin - USA:
EUROPAEISCHE WIRKLICHKEITEN
Niemals in der Geschichte war es fuer die Amerikaner wichtiger als heute, die Voelker Westeuropas zu kennen und zu verstehen.
Wenn die Vereinigten Staaten jene Rolle im internationalen Geschehen spielen wollen, die die Vorbestimmung ihnen zugewiesen hat,
so muss das amerikanische Volk das klarstmoegliche Bild von den
europaeischen Hoffnungen und Wirklichkeiten haben.
Ueber den Regierungen und Voelkern Westeuropas lastet der
bedrohliche Schatten des kommunistischen Imperialismus. Diese
Bedrohung ist weniger furchterweckend geworden seit der wirtschaft- 1 -

�liehen und militaarischen Unterstuetzung, die die Vereinigten Staaten gewaehren. Die moralische Staerke Westeuropas hat sich gehoben, seitdem Amerika seine Hilfe zur Verfuegung stellt. Ueberall
finden sich Zeichen der Erholung - die Fortschritte sind in kleinerem
und groesserem Ausmass zu bemerken.
Unsere europaeischen Freunde erkennen dies dankbar an. Sie
schaetzen auch durchaus die amerikanische Grosszuegigkeit. Aber
trotzdem haben sie noch viele Sorgen. Wenn sie zum Beispiel sowjetische Propaganda hoeren, die darin ausmuendet, dass die Dinge
in diesem Lande nicht reoht vorwaertsgehen, fangen einige sich
zu wundern an, ob die Bastion der Demokratie, die ihre Hauptstuetze ist, etwa ihre Staerke verliere . . . .
Deshalb ist es notwendig, die Quellen des amerikanischen
Wohlstandes klarzulegen. Es muss an die verschiedenen Formen der
Vorbeugungspolitik erinnert werden, die gegen wirtschaftliche Rueckschlaege aufgebaut wurden, an Altersrenten und freie oeffentliche
Stellenvermittlungsdienste, an Arbeitslosenunterstuetzungen und
die Garantierung der Sicherheit der Spargelder, ah Mindestlohnvorschriften und Arbeitszeitverordnungen, an die Unterstuetzung
der Landwirtschaft und an die Entwicklung bestimmter Hilfsquellen,
an die grundsaetzliche Verantwortlichkeit fuer die Vollbeschaeftigung, an die Elektrifizierung auf dem Lande und an alle die anderen Massnahmen, die seit 1933 durchgefuehrt werden, um die Wirtschaft der Vereinigten Staaten stabil zu erhalten und damit zum
Wohle des Volkes als ganzem zu wirken.
Aufgrund dieser Fortschritte werden die Vereinigten Staaten
niemals wieder eine solch schwere Wirtschaftskrise durchmachen
muessen wie es 1930 der Fall war. Im letzten Jahre drohte die
Zahl der Erwerbslosen stark anzusteigen, es schien, dass sich die
USA auf einem absteigenden Ast des Wirtschaftslebens befinden,
wie es gewoehnlich mehr oder weniger schnell nach einem Krieg* der
Fall ist.
Aber die Flut, die alles zu ueberschwemmen schien, ging sehr
schnell wieder zurueck. Die Vorsichtsmassregeln, die gegen die beginnende Krise in Anwendung kamen, setzten sich ausserordentlich
wirkungsvoll und nachdruecklich durch. Die Vereinigten Staaten
haben gelernt, wie die furchtbaren Folgen der Krisenzyklen sich
vermeiden lassen.
Wer daran zweifelt, der sieht nicht mehr die Wirklichkeit.
Die Zahl der Beschaeftigten hat ihren hoechsten Friedensstand in
der Geschichte der USA erreicht - fast 62 Millionen sind in verschiedensten Stellungen taetig. Das Land steckt mitten in einem
Wohnbau- und allgemeinen Bauprogramm, das die Bautaetigkeit in
diesem Jahr zu neuen Hoechstziffern bringen wird. Die Stromerzeugung hat alle bisherigen Rekorde uebertroffen. Die Gesamtproduktion steht heute bei etwa 265 Milliarden Dollar im Jahre. Sieht
das etwa danach aus, dass ein wirtschaftlicher.Zusammenbruch bevorsteht.
Vom 3. April bis zum 31. Mai 1950 haben die Vereinigten Staaten durch ECA, das amerikanische Hilfsprogramm fuer Europa, so
viel wie 9,115 Millionen Dollar fuer den Wiederaufbau einer gesunden .Wirtschaft und die Wiederfestigung der Demokratie in der uebrigen Welt ausgegeben. Hier muessen 162,5 Millionen Dollar fuer
das Deutschland-Programm hinzugefuegt werden - dann hat man einen
Begriff von der wirtschaftlichen Unterstuetzung, die Amerika Europa
gegeben hat. Weiter muss eine Schaetzung von etwa 1 Milliarde
Dollar fuer militaerische Hilfe hinzugefuegt werden und jedermann
- 2 -

�wird ueberzeugt sein, dass die europaeischen Voelker diesseits
des Eisernen Vorhangs allen .Grund zu dem Glauben haben, dass Amerika ihr Freund und Helfer ist.
Im Juni kam die Nachricht, dass die ferngesteuerten nordkoreanischen Streitkraefte in die friedliche Republik Suedkorea eingedrungen sind. Suedkorea hat amerikanische Unterstuetzung erhalten,
es befand sich auf dem Wege zu Frieden, Freiheit und sozialer
Gerechtigkeit, als die Vereinten Nationen ihm die Unabhaengigkeit
gaben. Dieser brutale und nichtprovozierte Angriff erschuetterte
die Voelker "'Osteuropas zutiefst. Sofort fragten sie: "Was- wird
Amerika unternehmen?" Das war die Frage, die zwei Tage alles
ueberschattete. Dann antwortete Praesident Truman in einer Form,
die die ganze Welt in Spannung versetzte.
Die eindeutige Stellungnahme Praesident Trumans wird von'
Europaeern dahin ausgelegt, dass hier der amerikanische Charakter
und der amerikanische Verantwortungssinn triumphierte. Die demokratischen Staaten antworteten auf diesen Beweis der Verpflichtung und des Mutes nicht nur mit Lobpreisungen, sondern mit allen
Zeichen des Bewusstseins ihrer eigenen Verantwortung, der kommunistischen Bedrohung entgegenzutreten.
Die Demokratien in Europa sind Amerikas Nachbarn, wie sie es
bisher niemals gewesen sind. Die USA schulden ihnen und der gesamten freien Welt jede Unterstuetzung, die dieses Land mit seinem Reichtum und seiner Staerke bieten kann. Jede Unterlassung,
diese Macht zugunsten des Guten der Menschheit einzusetzen, wuerde
die groesste Suende der Undankbarkeit sein, die eine Nation wie
die Vereinigten Staaten jemals begehen koennten. Die Vorsehung
ist bisher so guetig gewesen - die Vereinigten Staaten wuerden
zutiefst ihre Verpflichtung verkennen, wenn sie sich weigerten,
das, w.as sie besitzen, zu teilen und die Sache der Gerechtigkeit
und der Freiheit ueberall zu unterstuetzen.
Das ist eine unabaenderliche Pflicht. Aber man betrachte
einmal, was es bedeutet haette, wenn die USA in dem gegenwaertigen
Stand der Ereignisse in der Welt sich zurueckgehalten haetten. Man
haette dem sowjetischen Imperialismus den Weg sehr leicht gemacht
und zugesehen, wie demokratische Freunde versklavt wuerden. Und
geradezu zwangslaeufig wuerden die Folgen einer solchen Haltung
vernichtend auf die Vereinigten Staaten zurueckschlagen. Denn aus
dieser wachsweichen Haltung, die sich aus dieser Untaetigkeit ergeben wuerde, ergaebe sich fuer den Kommunismus am Schluss eine
ausgezeichnete Position, in der gleichen Weise mit den Vereinigten
Staaten selbst zu verfahren. Indem diese den Demokratien helfen,
sowohl wirtschaftlich als auch militaerisch staerker zu werden,
befestigen sie ihre eigene Freiheit und die Vereinten Nationen können den Schlaegen und den Geschicken der kommenden Zeit besser
widerstehen.
Die Vaterlandsliebe der Arbeiterschaft in allen westlichen
Demokratien hat sich in unermesslicher ?/eise durch die Antwort verstaerkt, die der kommunistischen Herausforderung in Korea erteilt
worden ist. Franzoesische Arbeiter und erst einmal Franzosen,
bevor sie etwas anderes sind. Italienische Arbeiter sind in erster
Linie Italiener und sonst nichts. Sie alle lieben ihre Heimat.
Die Binden sind von ihren Augen gerissen. Wie freie Arbeiter ueberall, lassen sie sich nicht mehr von jenen Agenten zum Narren halten, die sich fuer die Feinde ihres eigenen Landes einsetzen.
Die Aktion, die durch die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen durchgefuehrt wird, hat die Atmosphaere gereinigt
und gleichzeitig den Weg gezeigt, der beschritten werden muss, wenn
- 3

�die Freiheit gerettet werden soll. Die amerikanische Betrachtungsweise hat sich von der Verwirrung und den Zwistigkeiten in eine
feierliche Uebernahme der Verantwortlichkeit geaendert. Die USA
sind heute vollkoüjnen davon ueberzeugt und auch bereit, nicht
nur die Dinge in Korea wieder in Ordnung zu bringen, sondern auch
jede andere kommunistische Aggression zurueckzuschlagen, wo auch
immer sie sich praesentieren mag.
Noch klammert sich jeder an das Ideal des Friedens. Die
Hoffnung ist nicht aufgegeben, dass, nachdem die Rechte Suedkoreas
wiederhergestellt sind, die Kommunisten keinem anderen Satellitenstaat zu irgendwelchen Aktionen veranlassen. Was aber noch
immer geschehen mag - die Voelker muessen zu einem lebendigen
Bewusstsein jener Rolle kommen, die sie in internationalen Angelegenheiten spielen muessen.
Als die rechte Hand der Vereinten Kationen muessen die USA
unerschuetterlich sein in der Abwehr jeder Aggression. Das Schicksal aller freien Voelker der Erde ist ein unteilbares. Die USA
werden in dieses Geschehen unweigerlich hineingezogen, wo blosse
Kraft ueber Freiheit und Menschenrechte triumphiert, fuehlen die
Voelker die Schlaege. Die Amerikaner wissen, dass sobald die
Freiheit irgendwo ausgeloescht wird, die Glocke auch fuer sie
bald schlagen wird.

DIE STRATEGIE DER GSTBRKSCKAFTEN
Dieser Beitrag ist die Uebersetzung eines Artikels, der kuerzlich im "Populaire" erschienen ist, dem Organ der franzoesischen sozialistischen Partei.
Die Resultate, die in den letzten Monaten erreicht werden
konnten, werfen ein staerkeres Licht auf die Aktivitaet und die
Geschicklichkeit der amerikanischen Gewerkschaftsfuehrer. Hierbei nuss jedoch in betracht gezogen werden, dass eine ganze Anzahl besonderer Ereignisse ihnen in ausserordentlichem Masse zugute kam. Dank der hohen Loehne, die es den Arbeitern ermoeglicht, auch verhaeltnismaessig höbe Beitraege zu zahlen, verfuegen die Gewerkschaften ueber hohe Kassenbestaende, die es ihnen
erlauben, einen Streik viele Wochen hindurch zu finanzieren und
die erforderlichen Streikunterstuetzungen zu zahlen. Die Gewerkschaften koennen weiterhin mit der Solidaritaet jener Arbeiter
Fechnsn, die in anderen Werken weiterhin in Arbeit bleiben, weil
diese Solidaritaet nicht auf freiwillige Gaben aufgebaut ist, sondern auf einem System zeitweiliger Sonderbeitraege, die von der
Gewerkschaft erhoben werden. Dank dem System des "closed shops",
bei den der Unternehmer sich damit einverstanden erklaert, ausschliesslich solche Arbeitskraefte zu engagieren, die der Gewerkschaft aneehoeren, mit der der Tarifvertrag abgeschlossen worden
ist, koennen die Gewerkschaften waehrend einer solchen Aktion
nicht durch rivalisierende Gewerkschaften unterminiert werden.
Selbstverstaendlich machen die Gewerkschaften vollen Gebrauch
von den Moeglichkeiten, Lohnerhoehungen durchzusetzen, denn bei
der segenwaertigen Konjunktur sind Arbeitskraefte unentbehrlich.
Das ist gegenwaertig in der Automobilindustrie der Fall, morgen
wird es in der gesamten Metall- und Ruestungsindustrie so sein,
die gegenwaertige Wiederaufruestung fuehrt automatisch dazu.

- 4

�Die Gewerkschaften haben weiterhin die Anwendung des Teilstreiksystems anzuwenden gelernt, durch die ein Schluesselunternehmen lahmgelegt wird und die gesamte davon abhaenpige Industrie
zur üntaetigkeit gezwungen wird. Das gleiche gilt fuer den
"Sitzstreik*1, den auch die Italiener kennen, ihn aber nur mit geringem Erfolg benutzen konnten, da er in erster Linie fuer politische Zwecke ausgenutzt werden sollte.
Und schliesslich haben es die Gewerkschaften mit Lnternehmern
zu tun, die nicht weniger profitgierig sind als ihre europäischen
Kollegen, wenn auch in einer etwas anderen V.'eise. Fuer den europaeischen Unternehmer ist der Arbeiter, wie es die Nationalsozialisten offen sagten, eine Art niedrigeren '.Yesens, der dazu verurteilt ist, in Elendsvierteln zu leben, aermliche Kleider zu tragen
und minderwertige Nahrung zu sich zu nehmen. Fuer den amerikanischen Unternehmer ist der Arbeiter jedoch ein Verbraucher, ein
Kunde, dem man genuegend Geld geben muss, damit er die produzierten Dinge auch wirklich kaufen kann. Die gesamte amerikanische
Wirtschaft der letzten achtzig Jahre basiert auf diesem Grundsatz
der hohen Loehne und des hohen Verbrauchs.
Aber alle diese Tatsachen, die eine Lektion fuer die Europaeer sein sollten, koennen nicht den Erfolg Amerikas erklaeren,
wenn nicht die geistigen Faehigkeiten der leitenden Persoenlichkeiten in betracht gezogen wuerden. Die beiden Hauptpunkte hierbei
sind die Tatsachen, dass sie weder politische noch metaphysische
Persoenlichkeiten sind, wenigstens nicht in einem bemerkenswerten
Grade. Das "Klima" der Vereinigten Staaten gestattet ihnen einfach
nicht, sich als Politiker zu beschaeftigen. Amerika ist ein Land,
in dem 50% der Y/aehler nicht an die Wahlurne gehen, in dem von
selten des Staates nur selten Vorteile erwartet werden, sondern
im Gegenteil, nur aufgrund einer privaten Initiative. Es ist bedeutsam genug, dass die Alterspensionen der Arbeiter nicht von
Staat auf einer annehmbaren Hoehe festgelegt werden, sondern aufgrund besonderer Vereinbarungen zwischen den Gewerkschaften und
den Unternehmern. Diese Methode ist voellig verschieden von der
in Europa angewendeten. In Europa sind die Hauptgewinne, die die
Arbeiter erzielen konnten, auf dem "rege der Gesetzgebung erreicht
worden, das heisst also auf politischem V/ege. Dieses System hat
jedoch den Nachteil, dass die Arbeiter sogenannten schwachen Gewerkschaften nicht anzugshoeren brauchen, da sie ohnehin die gleichen Vorteile sich automatisch erwirken. Die Amerikaner sind jedoch weder Metaphysiker noch Theoretiker, soweit es sich um Gewerkschafter und Unternehmer handelt. Zweifellos haben sie ihre eigene
Auffa-.sung ueber Komplexe und "Entkomplexierungen" ueber Verwicklungen und Entwirrungen, sie sind sich auch darueber klar, dass jede
Lohnbewegung in gewissem Sinne ein Rueckschlag ist; aber sie weigern
sich absolut, eine Verwirrtheit zu erzielen, wie sie etwa hervorgerufen werden koenn';e durch ein geistiges Spinnwebennetz, das die
kapitalistischen Unternehmer in ihren Diskussionen mit den Gewerkschaftsvertretern durchaus anzuwenden wussten.
Tatsaechlich sind aber diese Maenner wirkliche Realisten, die
sehr genau ueber ihre eigene Kraft und Staerke informiert sind aber genau so gut ist es auch der Gegner. Sie wenden sich sowohl
an die Gerichte als an die Moeglichkeit, die Arbeit zu unterbinden.
Vor allem John Lewis, der Vorsitzende der Bergarbeitergewerkschaft,
ist ein ausgezeichneter Kenner der Materie und ruft gern die Gerichte an. Es ist somit verstaendlich, dass diese Maenner die gegebenen Moeglichkeiten kennen und genau wissen, wie sie eine tuechtige
Strategie zu entwickeln haben. Diese Maenner werden von den Arbeitern als wirkliche Persoenlichkeiten geschaetzt und geachtet, sodass
ihnen ohne Zoegern und ohne jede Vorbehalte zugestimmt und gefolgt
wird.
- 5-

�Henry G. Fleischer:
3SrSERE LOEHNE - DIE HAUPTVORAUSSETZUNG FUER DIE FOERDERUNG DER
DSVOKRATIS IN ASIEN
John Brophy, der soeben von einer 50.000-km-Reise quer durch
Asien zurueckgekehrt ist, brachte zum Ausdruck, dass die Amerikaner
alle3 tun sollten, um Dutzenden nichtkommunistischer Laender zwischen Iran und Tapan ihre Hilfe zur Verfuegung zu stellen.
BroDhy, der Vorsitzende des industriellen Ausschusses des CIO
und alter amerikanischer Gewerkschafter, fasste seine Beobachtungen
in Asien wie folgt zusammen:
Die asiatischen Gewerkschaften gehen jetzt an die Arbeit. In
vielen Laendern sind die Probleme, mit denen sie zu kaempfen haben,
weit groesser als die, denen wir jemals gegenueber standen. Aber
hier findet sich noch eine betraechtliche Begeisterung und wir
haben die Verpflichtung, ihnen zu helfen, um auf demokratischen
Wegen vorwaerts zu schreiten.
Brophy bereiste die asiatischen Laendsr als Mitglied einer
Sondermission, die vom Internationalen Bund Freier Gewerkschaften
beauftragt wurde, mit den nichtkommunistischen Gewerkschaften dieser Laender Kontakt aufzunehmen. Die Kommission verliess Bruessel,
den Sitz des I.B.F.G., am 1. Juli und blieb zwei Monate in Asien.
In diesen beiden Monaten scrach Brophy mit Dutzenden von Gewerkschaf tsfunkwionaeren, Regierungsvertretern und Unternehmern. Er
erlebte, wenn auch nur fuer eine Stunde, eine Hitze von 57° auf
dem Flugplatz von Basra, er sah einen Zirkus mit 62 Elefanten in
Kandy auf Ceylon (Brophy will sie gezaehlt haben.') und hoerte
einer Debatte im Parlament von Ceylon zu, jetzt eine sich selbst
verwaltende Kolonie des britischen Imperiums. Zwei Mitglieder
des Senats sind trotzkistische Kommunisten, einer stalistischer
Kommunist, aber alle drei haben fuer die Vereinigten Staaten
nichts uebrig.
Brophy vom I.B.F.G.-Komitee uebergab einen Bericht seiner
Eindruecke dem Exekutiv-Komitee in Bruessel. Er enthaelt eine
Uebersicht ueber die Gewerkschaftsbewegung und ihre Probleme in
Asien, wobei gleichzeitig die Methodik erwaehnt wird, wie die Organisationen der Arbeiterschaft gefoerdert werden koennen. V.'eitere Vorschlaege sehen die Gruendung mehrerer Gewerkschaftsbueros
und gleichzeitig die Einrichtung von Schulen, um Gewerkschafter
auszubilden, vor und schliesslich Empfehlungen, die kommunistische Propaganda und Infiltration zu bekaempfen.
Die demokratischen Kraefte in Asien werden sich erheblichen
Schwierigkeiten gegenueber sehen, wenn ihre F reU nde in Europa und
Amerika nicht sofort Hilfe leisten koennen. Die Stimme Amerikas
ist nicht viel mehr als ein leises Wispern in Asien, wenn man die
ruecksichtslose Agitation der Kommunisten betrachtet. Leider
glauben viele Asiaten, dass die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit bedrohen koennen. Seit Jahren bemueht sich die kommunistische Propaganda, diese Schlagworte ueberall zu verbreiten
aber geeignete Massnahmen muessen ergriffen werden, und zwar
durah Taten und durch V/arte zugleich.
John Brophy sagte, dass seine Reise in Asien zwischen Iran
und Japan ihn ueberzeugt hat, dess hier ein revolutionaerer Wirkungsstoff zu finden ist, allerdings verschiedene Grade der Intensitaet im gesamten Asien anzutreffen sind.
Brophy weist darauf hin, dass die Voelker Asiens Nationalisten
sind, sie wuenschen fuer ihre Laender Unabhaengigkeit und Gleich6 -

�heit mit den anderen Nationen der Welt. Dieses Streben nach nationaler Unabhängigkeit war das Ziel revolutionaerer Bemuehungen der
Kommunisten, um durch diesen Wirkstoff Volkstuemlichkeiten zu erhaschen, heute muessen sie aber die Voelker taeuschen, um die
asiatischen Nationalisten in das sowjetische Lager herueberzuziehen.
In fast allen Laendern sind die Gewerkschaften hoch schwach,
obgleich sie sich in Japan ausgezeichnet entwickelt haben. Das
Fussfassen des I.B.F.G. in Asien hat einen neuen "Lebensanspruch"
der Arbeiter bewirkt und einen neuen Begriff der Organisationsarbeit fuer viele asiatische Gewerkschaftsorganisationen bewirkt,
von denen bereits ein grosser Teil dem I.B.F.G. angehoert.
Obgleich viele Gewerkschafter absolute Nationalisten sind und
ihre Gewerkschaften in der nationalrevolutionaeren Bewegung eingegliedert sind, interessieren sie sich auf der anderen Seite fuer
den gewerkschaftlichen Internationalismus, wie ihn der I.B.F.G.
vertritt und sie vertreten durchaus die Schaffung neuer oertlicher
I.B.F.G.-Verbaende, um durch den Aufbau einzelner Gewerkschaftsgruppen eine machtvolle Organisation zu begruenden.
Die Milliarden Menschen, die auf dem asiatischen Kontinent leben, haben den niedrigsten Lebensstandard der Menschen der Welt.
Wenn sie sich, der Sache der weltweiten demokratischen Politik verschreiben wollen, somuss ein Beginn damit gemacht werden, ihren
Lebensstandard zu verbessern.
Die Vertreter des Komitees erkannten sehr schnell, dass ihre
gesamte Organisation den asiatischen Arbeitern helfen muss. Ein
Weg, auf dem dies geschehen kann, ist die unter Drucksetzung europaeischer und amerikanischer Gesellschaften, die mit diesen Laendern geschaeftliche Beziehungen haben. Durch diesen Druck muss
erreicht werden, dass sie 3ich zu einer Verbesserung der Lebenshaltung fuer Hunderttausende von Arbeitern bereit erklaeren.
Gerade jetzt koennten viele dieser Gesellschaften, die zum Beispiel mit Gummi, Oel, Zinn, Tee oder anderen kolonialen Guetern
Handel treiben, wesentlich zu einer Steigerung der Lebenshaltung
in Asien .beitragen. Viele asiatische Arbeiter sind es gewohnt nur
im Lichte dieser Gesellschaften Amerika zu beurteilen. Man kann
sich dabei vorstellen wie die Eindruecke beschaffen sind, die sich
hier gebildet haben.
Natuerlich benutzen die Kommunisten jeden Vorteil, der sich
aus dieser Situation ergab und sie haemmern unablaessig auf diesem
Thema des "amerikanischen Imperialismus" herum. Aber diese Artikel
erscheinen in vielen nichtkommunistischen Zeitungen und Zeitschriften und sprechen zu einer weiten Oeffentlichkeit.
Ungluecklicherweise scheinen unsere Propagandisten diese Probleme nicht zu erkennen, dadurch wird die amerikanische Lebensauffassung in einer sehr engen Bahn dargestellt.
Die aussen jedoch haben eine wesentlich bessere Kenntnis der
augenblicklichen Schwierigkeiten und der bestehenden Vorurteile
und sie wissen sich dieser Moeglichkeiten sehr gut zu bedienen. Die
meisten asiatischen Gewerkschaftsfuehrer glauben an eine Zukunft,
in der sie die bestehenden Gesellschaften als eine Kombination des
Gemeinbesitzes ansehen, in die die allgemeine Industrie und die der
Grundstoffe einbezogen wird, wobei jedoch private Unternehmen weiter
bestehen sollen.
Jeder Versuch, so warnt Brophy ausdruecklich, das freie Unternehmertum als das einzige Mittel d.es wirtschaftlichen Fortschrittes
7 -

�hinzustellen, wuerde uns voellig in eine Sackgasse fuehren. Ganz
Asien ist ausserordentlich an den verschiedenen Programmen interessiert, die mit technischen Unterstuetzungen den Lebensstandard
verbessern sollen« üine dieser Moeglichkeiten ist von Praesident
Truman in seinem Punkt-Vier-Programm mit einem Anfangsbetrag von
25 Millionen Dollar in Gang gebracht worden. Die CTO-Vertreter
haben von Anfang an scharfe Kritik an diesem Betrag geuebt, weil
er viel zu gering erscheint, um sich auswirken zu koennen.
Die Briten arbeiten an einem aehnlichen Plan. Die Vereinigten Staaten haben eine ganze Anzahl Projekte laufen, um Gesundheitswesen, Handel, Landwirtschaft und Finanzfragen in verschiedenen asiatischen Laendern zu foerdern.
Die Delegation des I.B.F.G. bestand neben Brophy aus Gordon
Chapmann von der AFL, J". W. Dalley von den britischen Gewerkschaften, Robert Dekeyzer von der belgischen Gewerkschaftsbewegung und
Deven Sen vom indischen National-Kongre3S der I.B.F.G. Gewerkschaften. Sie wurden von Tay Krane vom I.B.F.G.-Vorstand begleitet,
der frueher fuer den CIO in Europa arbeitete, und Richard Deverall,
dem ehemaligen Schulungsleiter der Automobilarbeitergewerkschaft,
der baute die AFL in Indien vertritt.
Bevor die Ke^imission nach Asien fuhr, besuchte sie Genf, um
einer Konferenz der Internationalen Arbeits-Organisation beizuwohnen. Hier hatte sie Gelegenheit, mit einer ganzen Reihe asiatischer Gewerkschaftsvertreter zu sprechen, und konnte hier bereits ihre Reiseplaene und Vereinbarungen fuer Konferenzen festlegen.
Das I.B.F.G.-Komitee teilte sich in zwei Untergruppen, damit
alle Staaten, die besucht werden sollten, auch tatsaechlich besucht
wurden. Eine Gruppe ging nach Pakistan, Indien, Ceylon, Hongkong,
Singapur, den Malaiischen Staaten, Siam, Philippinen, Japan und
Formosa. In jeder Stadt wurde die Kommission durch die Vorsitzenden der oertlichen Gev^erkschaf tsbewegung willkommen geheissen,
dann begannen eingehende Unterhaltungen, die in englisch oder mit
Hilfe des Dolmetschers oertliche Gewerkschaftsprobleme zum Gegenstand hatten.
Durch diese Gespraeche sind fast alle Probleme zum Vorschein
gekommen, die in Asien existieren. Alle diese Voelker arbeiten,
sie denken nach und sind zu Experimenten bereit.
Sie sind ueberaus interessiert, zu hoeren, was unsere Gewerkschaften tun und sie legen grossen Wert auf Ratschlaege, was sie
selbst tun koennen, um ihre eigenen Organisationen wirksam aufbauen zu koennen.
In einigen Laendern sind natuerlich die wirtschaftlichen Fragen in erster Linie landwirtschaftlicher Art, in anderen besteht
eine betraechtliche Industrie fuer Stahl, Textilien oder Gummi,
und hier werden die Gewerkschaften auch nach und nach staerker.
Ueberall jedoch waren die Leute sehr begeistert ueber den Schritt
des I.B.F.G., und sie wollen noch mehr darueber erfahren. Es besteht eine ausgezeichnete Moeglichkeit, um den demokratischen
Fortschritt zu sichern und eine moderne Gewerkschaftsbewegung in
Asien zu gruenden. Es haengt allerdings viel davon ab, ob diese
Moeglichkeiten sich in naechster Zukunft realisieren lassen.
CIO News
9/18/50

- 8-

�WAHRHEIT UND ANSTÄNDIGKEIT SIND DIE LEITSAETZE DER GEWSRKSCHAFTSPRESSE"
Die Gewerkschaftspresse hat eine schwere Verantwortlichkeit
gegenueber der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu erfuellen.
Ebenso wie die Gewerkschaftsbewegung muss die Gewerkschaftspresse
immer daran denken, dass sie ueber jede Verdaechtigung erhaben
se^n muss. Die Gewerkschaftspresse hat grosse Fortschritte in
der Hoehe der Auflage, ihrem Einfluss und ihrem Prestige waehrend
der letzten 20 Jahre ?u verzeichnen. Dieser wachsende Einfluss
Ist zum groessten Teil auf die wahren und ungeschminkten Berichte
ueber alles Geschehen in den Gewerkschaften zurueckzufuehren, die
die Gewerkschaftspresse in ihren Nachrichtenspalten den Lesern
mitteilt. Jene Gewerkschaftsorgane, die Anzeigen aufnehmen,
wachen darueber, dass keine unwahren, verdaechtigen und gegen die
Gewerkschaftsbewegung gerichteten Berichte als bezahlte Anzeigen
veroeffentlicht werden und da sie s,ich immer ihrer Verantwortlichkeit bewusst sind, den guten Nfimen der Gewerkschaftsbewegung zu
erhalten, bemuehen sie sich, uebergenau zu sein, wenn der Eindruck entstehen koennte, dass eine Druckmassnahme angewendet wird
oder eine Ungeschicklichkeit durch die Wirkung des Anzeigenteils
entstehen koennte. Das wachsende Prostige der Gewerkschaftsnresse
wird dann und wann von skrupellosen Geschaeftsleuten zu stoeren
versucht, die sich darum bcmuehen, diese Anstrengungen dadurch
zunichte zu machen, indem sie sogenannte "unabhaengige" Gewerkschaftszeitungen schaffen, deren einziger Zweck es ist, sich von
solchen Unternehmen Anzeigen geben zu las-stn, die nur wenig od^r
ueberhaupt nicht ueber die Dinge informiert sind und diesen sonderbaren Druckmethoden nachgeben. Niemals wuerdeein wirklicher
Gewerkschaftsvertreter einer solchen Praxis irgendwelchen Raum
geben, weil er weiss, dass er damit der i'ache der Gewerkschaftsbewegung ausserordentlich schaden wuerde. Die Konferenz der Gewerkschaftspresse bestaetigte erneut ihren festen Entschluss, ihre
bisherigen Methoden beizubehalten und sie weiter beizubehalten,
um mit allen Mitteln den guten Namen der Gewerkschaften reinzuhalten und sich von allen Massnahmen gewissenloser und lediglich auf
den Profit bedachter Einzelgaenger abzusetzen. Die Konferenz der
Gewerkschaftspresse bestfeetigte, dass die uebervviegende Majoritaet
der Gewerkschaftsorgane sich ihrer Verantwortlichkeit bewusst ist
und diese auch freiwillig sich auferlegt, ^urch diese ;.!ar,s nahmen
traegt auch die Gewerkschaftspresse dazu bei, da3s die Macht und
das Prestige aller Gewerkschaftszeitungen steigt. Die Konferenz
der Gewerkschaftszeitungen begruesstö die kuorzlichen Aktionen des
Exekutivrtts der amerikanischen Fedöration of Labor gegen den
"Gswerkschartskourier" und bittet nachdruecklich den Exekutivrat,
weiterhin seine Untersuchungen gegen unwahre Praktiken fortzusetzen und geeignete und wirksame Massnahmen gegen jedes und alle
sogenannten nGewerkschafts"-Zeitungen durchzufuehren, ganz gleich
ob sie bedeutender oder unbedeutender sind, sobald sie schuldig
werden, unsaubere und schmutzige Praktiken in ihrem Anzeigenteil
zu dulden.
AFL Weekly News Service
9/8/50
GREEN FORDERT PREISKONTROLLE UND S ONDSRSTSUERN AUF KRIEGS GEWINNE
Der wiedergewaehlte Vorsitzende der amerikanischen Federation
of Labor, William Green, verlangte eine wirksame Preiskontrolle
fuer die wichtigsten Waren und eine Steuer auf ueberhoehte Gewinne,
die zugleich eine wirksame finanzielle Hilfe sein kann, den Krieg
in Korea zu beenden und eine verderbliche Inflation unmoeglich
zu machen.
•
- 9-

�Diese Forderungen brachte Green in einer Ansprache zum Ausdruck, die er anlaesslich einer Tagung der Gewerkschaftsliga fuer
politische Erziehung hielt. Der Vorsitzende des nationalen Sicherheitsausschusses, W. Stuart Symington, sprach hier ebenfalls und
sagte: "Wenn Korea uns eins gelehrt hat, so ist es die Tatsache,
dass eine friedliebende Demokratie nicht auf weitere Angriffsakte
warten darf, um eine Mobilisierung durchzufuehren, die dieser
Aggression begegnen soll. Wir muessen heute eine Verteidigung aufbauen, die ausreichend ist, um mit unseren Verbuendeten jene Entscheidungen der Vereinten Nationen durchzufuehren, die im Interesse
eines Weltfriedens gemacht worden sind." Green fuehrte im einzelnen aus: "Ein tatsaechliches und wirksames Verteidigungsprogramm
erfordert eine schnelle Umstellung unserer industriellen Kapazitaet
und einen voelligen Wechsel unserer nationalen Wirtschaft. Dies
ist keineswegs ein mueheloses Beginnen. Wir brauchen eine Sondersteuer fuer uebermaessige Gewinne, weil seit dem Beginn des KoreaKonfliktes sowohl unser Verteidigungsprogranm als auch jeder einzelne Verbraucher durch die sich in weitesten Kreisen breitmachende Profitsucht geschaedigt worden sind. Wir benoetigen Preiskontrollen fuer viele Waren und Dienstleistungen, weil die Preise
waehrend der letzten sechs Wochen zuweilen wolkenkratzeraehnlich
gestiegen sind. Unter Umstaenden koennen die Löhne stabilisiert
werden, aber dies erscheint ziemlich unmöeglich, da die Loehne
sich nicht veraendert haben, seitdem jene Notzeit' begann. Der von
mehr als 99% aller amerikanischen Arbeiter nach Hause gebrachte
Lohn ist unveraendert geblieben, waehrend die Preise in die Hoehe
geschossen sind. Wenn heute die Loehne auf dem alten Stand verbleiben sollten, so waere es eine Ungerechtigkeit, die gegenwaertigen Verhaeltnisse zu stabilisieren. Es muss eine Gelegenheit gegeben werden, die Loehne wieder auf einen paritaetischen Stand
mit den gestiegenen Preisen zu bringen, ehe irgendein Versuch gemacht wird, eine Lohnkontroll©, auszuueben. Die Ansprache des Vorsitzenden William Green war der Hoehepunkt einer Gedenkfeier in
Chikago, an der 75,000 Personen teilnahmen. Bei Beginn der Feierlichkeiten wurde ein riesiges Portrait des Gruenders der AFL,
Samuel Gompers, enthuellt.
AFL Weekly News Service
9/8/50
Dan Smith:
JA° R 00SEVELT-C OLLEGE ITT ClilKAOO
Das College in Chikago ist die groesste Schule der Gewerkschaften. Unter den annaehernd 100 Universitaeten und Hochschulen, die
ietzt Kurse ueber Geverkschaftsfragen durchfuehren, steht das
Roosevelt-College in Chikago an der Spitze. Das Roo'sevelt-College
i3t wahrscheinlich das am schnellsten gro sgewordene Erziehungsinstitut. Es ist die einzige Hochschule, die fuer die gewerkschaftliche Erziehungsarbeit eine eigene Schule zur Verfuegung stellt.
Die Abteilung fuer gewerkschaftliche Schulung an dieser Kochschule
hat denselben Status wie die Wirtschaftshochschule, die Hochschule
fuer Kuenste und Wissenschaften und die Hochschule fuer "usik.
Ihr Programm steht allen Arbeitern offen, ohne Ruecksicht auf eine
akademische Qualifikation oder eine fruehere schulische Erfahrung.
Heute nehmen ueber 700 Studenten an £? gewerkschaftlichen Schulungskursen teil, fuer die 18 Lehrkraefte taetig sind, die teilweise aus den Gewerkschaften kommen, zum teil jedoch aus dem Dosentenstab der Hochschule gestellt werden, ein kleinerer Teil
kommt aus der praktischen industriellen Arbeit. Der Verantwortliche fuer die gewerkschaftliche Schulungsarbeit ist Frank
- 10 -

�McCallister. Die meisten Kurse werden einmal in jeder Woche an
einem Abend in Gewerkschaftsraeumen durchgefuehrt. Dies erfolgte auf das Ersuchen der Gewerkschaften, die ihre Mitglieder dieser Schulungsarbeit zufuehren will. Darueber hinaus befinden
sich vier Klassen in den eigenen Raeumen der Hochschule im alten
Auditorium Chikagos. Die hier abgehaltenen Kurse haben als Thema
gewerkschaftlichen Journalismus, Wirtschaftswissenschaften, Zeitund Bewegungsstudien und parlamentarische Formeln. Die ausserhalb der Hochschule durchgefuehrten Kurse fuehren in ihrem Vortragsprogramm Gewerkschaftsgeschichte und Funktionaerschulung,
Auswertung des Arbeitsplatzes und die Beziehungen der industriellen Technik zu Tarifvertraegen und anderes. Obgleich die Hochschule mehr als 6 000 Studenten 7jaehlt, besteht sie erst fuenf
Jahre. Sie oeffnete im September 1945 mit 1 200 Studenten ihre
Pforten und zaehlte damals 84 Lehrkraefte. Die Gruendung der
Hochschule ist auf einen Streit zwischen Dr. Edwards J". Sparling,
dem Gruender und Rektor, und dem Aufsichtsrat der zentralen
Y.M.C.A.-Hochschule zurueckzufuehren, die damals Dr. Sparling leitete. Dr. Sparling ueberwarf sich mit dem Aufsichtsrat der
Y.M.C.A.-Hooiischule , als dieser darauf bestand, ein QJuotensystem
fuer die Minoritaetengrupoen festzulegen. Ebenso wuenschte Sparling, ein Arbeiterschulungsprogramm an dieser Y.M.C.A.-Hochschule
einzufuehren, was jedoch von dem Verwaltungsrat abgelehnt wurde.
Die meisten Lehrkraefte der Y.M.CA.-Hochschule und eine grosse
Anzahl der Studenten folgten Dr. Sparling in seine neue Hochschule
Heute sitzen zwei Gewerkschaftsangestellte im Aufsichtsrat. Der
eine Ast Morris Bialis vom Ortsausschuss der Chikagoer Damenoberbekleidungsarbeiter-Gewerkschaft, waehrend Harold Ickes Aufsichtsratsvorsitzender ist.
Studenten, die sich fuer gewerkschaftliche Schulungskurse
einschreiben lassen, muessen eine Gebuehr von neun Dollar fuer
jeden achtwoechigen Kursus zahlen, aber die gewerkschaftliche
Schulungsabteilung greift hier oft helfend ein durch die Sonderbeitraege, die die Gewerkschaften entrichten. Die Gewerkschaft
der Damenoberbekleidungs-Arbeiter ueberwies in diesem Jahre der
Hochschule £500 Dollar. Im vergangenen Dezember gelang es den
Chikaflroer Gewerkschaften 10,000 Dollar dadurch aufzubringen, dass
sie ein Dinner fuer William 0. Douglas vom amerikanischen Obersten Gerichtshof gaben, wobei jedes Gedeck 100 Dollar kostete.
In seiner Gruendungsakte, die das Datum des 17. April 1945 traegt,
hat die Hochschule ihre Absichten mit folgenden Worten niedergelegt: "Fuer diese Hochschule soll ein Lehrerkollegium geschaffen
werden, das frei und unabhaengig die Wahrheit lehrt und weitertraegt, und gleichzeitig die Schulungsmoeglichkeiten allen Menschen beider Geschlechter und der verschiedenen Rassen zu gleichen
Bedingungen sicherstellt.
AFL Weekly News Service
8/22/50
NEUES RUMAINISCHES ARBEITSGESETZ
"Die Veroeffentlichung eines neuen Arbeitsgesetzes hat eine
starke Beunruhigung unter den rumaenischen Arbeitern zur Folge
gehabt."
Dies ist die Schlussfolgerung eines Aufsatzes in der Zeitung
"Der Gewerkschafter im Exil", die von der Internationale der
Freien Gewerkschaften im Exil in Paris herausgegeben wird. Der
erwaehnte Artikel entstammt der Feder Stere Inoescu-Visan, der
frueher der Gewerkschaft der Berg- und Transportarbeiter in Bukarest angehoerte. Der Artikel stellt heraus, dass nach dem neuen
Arbeitsgesetz jedes einzelne Unternehmen besondere "interne Arbeitsregeln" festlegen muss, die nach dem Wortlaut des Gesetzes
- 11 -

�"die Arbeitsorganisation und die Disziplin in den einzelnen Werken regeln muessen." (Artikel 24). Liese Regeln werden durch
gemeinsame Vereinbarungen zwischen deii "Gewerkschaften" und den
Behoerden festgelegt, wie es sich aus dem Artikel 25 ergibt.
"Es koennte angenommen werden", so heisst es in dem Bericht,
"dass diese Vereinbarungen mit den obwaltenden Begebenheiten in
Uebereinklang stehen. Aber es muss darauf hingewiesen werden,
dass in den volksdemokratischen Staaten die Gewerkschaften nicht
durch die Arbeiter in freien Wahlen gebildet werden, sondern
durch die kommunistische Partei "beauftragt" werden. Und koennen solche "ernannten" Leute gegen die Entscheidung ihres Unternehmers Staat handeln? Natuerlich nicht, und aus diesem Grunde
richten sich die Arbeitsregulierungen ausschliesslich gegen die
Arbeiterschaft."
Weiterhin "werden die Standardleistungen, die von diesen
Organisationen festgelegt worden sind, staendig erhoeht . . . .
Nur die Verantwortlichkeit und die Verpflichtung der Arbeiter
werden genau festgelegt, waehrend die Verpflichtungen der Unternehmer ueberhaupt nicht erwaehnt werden. Kann ein solches Gesetz
sich in irgendeiner Weise zugunsten der Arbeiterschaft auswirken?"
Nach einer Analyse der Lohnabzuege fuer irgendwelche "Verfehlungen", die in dem neuen Arbeitsgesetz ebenfalls enthalten ist,
sei es, dass durch eine solche "Verfehlung" die festgesetzte Norm
nicht erreicht wird, oder Arbeitsverweigerungen kleineren Massstabes oder Sachschaeden sHch ergeben,,immer buerdet das neue
Arbeitsgesetz den Arbeitern eine Fuelle von Verpflichtungen auf,
anstatt die Interessen der Arbeitenden in irgendeiner Weise zu
beruecksichtigen. Das ganze Gesetz gibt ausschliesslich dem Staate
Vorteile, einem Unternehmer-Staat, der die Arbeiter jeder Rechte
beraubt und sie ruecksichtslos ausbeutet.
"Die Arbeiter freier Laender moegen hieran erkennen, .dass die
Arbeitsgesetzgebung in der rumaenischen Volksrepublik, ebenso wie
in der IJdSSR, die getreulich kopiert wird, eine voellig ueberholte
Form der Arbeitsgesetzgebung in anderen Laendern ist."
"Der kommunistische Vorsitzende der rumaenischen Gewerkschaftsbewegung, der dieses Gesetz als ein leuchtendes Beispiel gegenueber
gleichen Gesetzen in sogenannten- kapitalistischen Sta&amp;ten kennzeichnete, muss entweder diese Gesetze der kapitalistischen Staaten
nicht kennan oder er hat andere Ursachen, die Wahrheit zu verschweigen."
- 12 -

O f f i c e of L a b o r A f f a i r s ,
APO 757-A

HICOG

HICOO R-1780 L 4 B Oct 5 0 5 M

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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEK
Di* folgenden Artikel stellen Aaszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG. APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auck einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inkalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Heben Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

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Frankfurt, 13. Oktober 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Griechenland braucht starke Gewerkschaftsbewegung
Arbeitsminister Tobin fordert Unterstuetzung der
geknechteten polnischen Arbeiter - - - - - - Kubanische Gewerkschaft bricht mit Kommunisten Abschluss der AFL-Jahreskonvention - - - - - - Fast eine Million neue Wohnungen in den Vereinigten Staaten - - - - - - - - - - - - - - - - Norwegische Gewerkschaftsdelegation in Russland Niederlage der Kommunisten in einer oesterreichischen Gewerkschaft - - - - - - - - - - - Shishkin berichtet der AFL vom Wiederaufbau
Europas - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schweden gibt 3000 Auslaendern Arbeit - - - - - Vereinigungsfreiheit in Venezuela bseintraechtigt
IBFG fordert internationale Preiskontrollen - - Amerikanische Stahlarbeiter fordern Lohnerhoehung
Gewerkschaften aus aller Welt billigen die Massnahmen der Vereinten Nationen in Korea - - - Funktionaer -des CIO vertritt IBFG bei den
Vereinten Nationen - - - - - - - - - - - - - -

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GRIECHENLAND BRAUCHT STARKE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
In ihren Reden an den Zehnten Panhellenischen Gewerkschaftskongres3 ueberbrachten Evert Kupers und Percy Knight den griechischen Gewerkschaften die Gruesse des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften und erklaerten vor den 1800 Delegierten, dass ihre
Beschluesse nicht nur fuer die griechische Arbeiterschaft, sondern
fuer die Arbeiter der ganzen Welt von Bedeutung seien.
Eüide Redner wiesen auf die Bedeutsamkeit einer starken Gewerkschaftsbewegung hin, die im Auftrag ihrer Kitglieder und unabhaengig von der Regierung, den Arbeitgebern und den politischen
Parteien freie TarifVerhandlungen fuehrt. In diesem Zusammenhang
forderte Kupers insbesondere die Abschaffung derjenigen Gesetze,
die einen Gewerkschaftspflichtbeitrag vorsehen, der der Regierung
zugefuehrt wird, und die den Ministern fu9r Arbeit und Finanzen
die Festlegung der Loehne uebertragen. Sowohl er als auch Knight
schlugen eine vereinfachte Organisation der griechischen Gewerkschaftsbewegung vor, wobei die Rolle der Landesverbaende der verschiedenen Berufsgruppen besonders unterstrichen werden muessen.
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�Kupers berichtete den Delegierten, wie der groesste Teil
der demokratischen Gewerkschaftsgruppen nach dem Kriege versucht
hat, mit den Arbeitern in den Laendern der sowjetischen Einflusssphaere zusammenzuarbeiten, und wie sie sich durch die Gruendung
des Weltgewerkschaftsbundes mit ihnen vereinigten. Dann ging er
zu den Versuchen der Kommunisten ueber, den Weltgewerkschaftsbund
als ein Werkzeug zur Verwirklichung ihrer politischen Herrschaft
zu gebrauchen. Er erzaehlte, wie die freien Gewerkschaften
schliesslich gezwungen waren, sich von dieser Organisation loszusagen und den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften ins
Leben zu rufen, dessen Aufgabe es ist, die Bemuehungen der Arbeiter
zur Erreichung eines hoeheren Lebensstandards zu koordinieren,
eine Aufgabe, in der der Weltgewerkschaftsbund versagt hatte.
Der endgueltige Bruch mit dem Weltgewerkschaftsbund, erklaerte
Kupers, sei besiegelt gewesen, als die Kommunisten versuchten,
den Marshall Plan zu unterbinden und dadurch den Wiederaufbau
Europas zu sabotieren.
"Wir haben niemals bereut, dass wir den Marshall plan unterstuetzen," sagte er und wies darauf hin, dass die Arbeiter seines
eigenen Landes, Hollands, ohne den Marshall Plan heute 25$ weniger
zu essen haetten. "Die ablehnende Haltung der Kommunisten dem
Marshall Plan gegenueber ist auf deren Bestreben zurueckzufuehren,
den Wiederaufbau eines wohlhabenden Westeuropas mit einem hohen
Lebensstandard zu verhindern."
"Die kommunistischen Fuehrer wissen," fuehrte er weiter aus,
dass es ihnen niemals gelingen wuerde, die Demokratie durch ihren
Totalitarismus zu ersetzen, wenn die Arbeiter der Demokratien
unter anstaendigen Lebensverhaeltnissen leben."
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Knight unterstrich ausserdem die Bedeutung, die der Hebung
des Lebensstandards der Arbeiter im Kampf gegen den Totalitarismus
zukommt. "Keine Nation, die bestrebt ist, mit dem Fortschritt
anderer Nationen Schritt zu halten, kann es sich leisten, die
schlechten Bedingungen, unter denen ihre Arbeiter ihr Tagewerk
verrichten, und die Verhaeltnisse, unter denen sie leben, unbeachtet zu lassen."
Arbeitsmitteilungen der ECA
1/2/50
ARBEITSMINISTER TOBIN FORDERT UNTERSTUETZUNG DER GEKNECHTETEN
POLNISCHEN ARBEITER
"Die Arbeiter in Polen werden bald erkennen, dass sie weit
davon entfernt sind, ihre eigenen Herren zu sein, wie es ihnen ihr
Staat glauben machen moechte; ihr einziger Lebenszweck unter dem
kommunistischen Regime ist die Produktion," erklaerte der amerikanische Arbeitsminister Maurice J. Tobin in einer Rundfunkanspraohe
in den Vereinigten Staaten.
Tobin forderte die amerikanische Arbeiterschaft auf, das polnische Volk in seinen Freiheitsbestrebungen zu ermutigen. "Es
ist an der Zeit, dass die freien Menschen der ganzen Welt gemeinsam
bitten und arbeiten, um jene zu befreien, die der kommunistischen
Aggression und Unterdrueckung hinter dem Eisernen Vorhang zum
Opfer gefallen sind."
Bezugnehmend auf eine polnische Arbeitsverordnung, das Gesetzjournal Nr. 20, gab der Minister einige Beispiele zu Strafen, die
in Polen wegen Verletzung der Arbeitsdisziplin verhaengt werden:
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�Wenn ein Arbeiter zum erstenmal ohne "Berechtigung" seinem
Arbeitsplatz fernbleibt, wird er verwarnt oder zu einer Geldstrafe verurteilt, die einem Tagesverdienst entspricht. Dabei entscheidet der Ministerrat, was "berechtigt" und was "nicht berechtigt" ist.
Wenn er ohne Entschuldigung drei Tage lang oder zum drittenmal in einem \Kalender jähr abwesend ist, erhoeht sich die Strafe
auf zwei Tagesloehne fuer jeden Tag der Abwesenheit. Es ist ausserdem sehr leicht moeglich, dass der Arbeiter an einen schlechter
bezahlten Arbeitsplatz gestellt wird.
Wenn ein Arbeiter vier Tage ununterbrochen oder vier Tage im
Verlauf eines Kalenderjahres seiner Arbeitsstelle fernbleibt, wird
er zu einer gerichtlichen Strafe verurteilt, die darin besteht,
dass er bis zu drei Monaten mit einer Lohnkuerzung von 10 bis
25$ die gleiche Arbeit verrichten muss.
Das Gesetz sieht ausserdem die Bestrafung eines Arbeitgebers
vor, der den Arbeitern gegenueber zu nachgiebig ist. Er setzt
sich einer Gefaengnisstrafe bis zu drei Monaten oder einer Geldstrafe bis zu 150.000 Zlotys (was einem Verdienst von 4 1/2 Monaten entspricht) oder auch beiden Strafen aus, wenn er "absichtlich
und im Gegensatz zu den Tatsachen die Abwesenheit eines Arbeiters
als gerechtfertigt befindet," keine Strafe verhaengt oder den Fall
nicht zur Anzeige bringt.
"Dies soll ein Beispiel fuer Produktion und Fortschritte
unter der Herrschaft der Kommunisten sein," fuehrte Tobin aus.
Der Minister wies darauf hin, dass es in Polen zwar Gewerkschaften gibt, diese jedoch keine Vertretergewerkschaften sind, deren Aufgabe die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Hebung
des Lebensstandards ist, sondern die lediglich Organisationen von
Arbeitskraeften darstellen, die die Ziele des kommunistischen Programms verfolgen.
"Die Gewerkschaften dienen nicht als Verhandlungsagenten oder
Beschwerdeausschuesse und verhandeln nicht einmal Vertraege. Nein,
ihr einziger Zweck besteht darin, fuor Arbeitsleistung und Arbeitskraef te zu sorgen und eine verwaltungsmaessige Kontrolle ueber die
Arbeiter auszuueben. Es ist richtig, dass ein polnischer Arbeiter
einer Gewerkschaft beitreten kann. Tut er dies nicht, und stellt
er sich nicht fuer den Produktionsprozess zur Verfuegung, dann geraet er in Schwierigkeiten. Es ist ihm erlaubt, sich den vielen
Millionen "befreiter" Menschen anzuschliessen, die als Zwangsarbeiter fuer die Kommunisten schaffen."
Tobin sagte, er sei ueberzeugt, dass sich die amerikanische
Arbeiterschaft, "die, wie Samuel Gompers vor 26 Jahren erklaerte,
immer fuer sich und fuer die Kinder der ganzen Welt gekaempft hat,
um das Unrecht zu beseitigen und dem Recht zum Sieg zu verhelfen,"
sich der "ethischen Verpflichtung" von heute nicht entziehen wird,
die von den Kommunisten unterjochten Menschen zu unterstuetzen.
Labor Press Service, US Department of
Labor
X/2/50
KUBANISCHE GEWERKSCHAFT BRICHT MIT KOMMUNISTEN
Der unabhaengige nationale Verband der Arbeiter der Elektrizitaet3-, Gas- und Wasserwerke von Kuba hat sich auf seiner Jahre s- 3

�konvention einstimmig fuer den Abbruch aller Beziehungen zu den
beiden kommunistischen Internationalen, dem Lateinamerikanischen
Gewerkschaftsbund und dem Weltgewerkschaftsbund, ausgesprochen.
Dies teilte das Arbeitsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika mit.
Die Gewerkschaft stimmte ausserdem einstimmig dafuer, alle,
die als Kommunisten bekannt sind, aus der Organisation auszustossen.
Dieser Verband ist eine der wenigen bedeutsamen Gewerkschaften
Kubas und war bisher nicht dem kubanischen Gewerkschaftsbund angeschlossen, der Mitgliedsverband des nichtkommunistischen Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften ist.
Labor Press Service, US Arbeitsministeriua
Z/2/50
AB5CHLUSS DER AFL- JAHPJSSK OKVENTI CR
Vor der Jahreskonferenz der AFL, die am 23. September in
Houston ihren Abschluss fand, gaben Beobachter dei Gewerkschaftsbewegung aus der ganzen Welt einen Rueckblick auf die internationalen
Entwicklungen in der Gewerkschaftsbewegung.
Irving Brown» der Vertreter der AFL in Europa, stellte folgende Forderungen: "Die ideologische Wiederbewaffnung", die die
europaeischen Lae'nder im Kampf gegen den kommunistischen Einfluss
vereinigt, die Ablehnung jeglicher Buendnisse mit Diktaturen wie
diejenigen Frankos und die industrielle und militaerische Mobilisierung zur Unterstuetzung der gemeinsamen Verteidigung Europas.
Aloizy Adamczyk, der Praesident des Internationalen Freien Gewerkschaftszentrums im Exil, dankte dem Freien Gewerkschaftskomitee
der AFL fuer die Hilfe, die es seiner Organisation zuteil werden
Hess.
Die Delegierten billigten den Bericht des AFL Ausschusses
fuer internationale Arbeitsbeziehungen, in dem vorgeschlagen wird,
dass die Vereinigten Staaten innerhalb der Organisation der Vereinten Nationen eine Kampagne zur Beseitigung "der letzten Spuren von
Kolonialismus und imperialistischen Methoden" fuehren. Ausserdem
wurde dem Marshall Plan Programm, dem Punkt-Vier-Programm Praesident Trumans und einem Vorschlag zur Schaffung einer staendigen
Sicherheitsstreitmacht der Vereinten Nationen die Unterstuetzung
zugesagt.
Fuer die Vereinigten Staaten selbst forderte der Arbeitsminister Maurice J. Tobin Selbstbeschraenkung in den Lohnforderungen
der Gewerkschaften, um Preis- und Lohnkontrollen zu vermeiden. Er
wies auf die drohenden Gefahren der Inflationsspirale hin, die durch
steigende Loehne und damit verbundene Preissteigerungen in Bewegung
gebracht wuerde. Die AFL billigte ein Wirtschaftsprogramm, nach
dem sofortige Lohnkontrollen abgelehnt werden. Die Delegierten stimmten in der Auffassung ueberein, dass Produktionsleistung und Erhoehungen der Lebenshaltungskosten bei der Festlegung des Lohnstandes
mitbestimmend sein muessen. Ausserdem wurde eine Resolution angenommen, in der Massnahmen zur Vereinigung zwischen AFL und CIO gutgeheissen werden.
Die Zahl der beitragszahlenden Mitglieder, die die Wahlstaerke
der der AFL angeschlossenen Gewerkschaften widerspiegelt, ist um
fast 100.000 niedriger als im vorigen Jahre. Die Mitgliederstaerke
der AFL wurde von ihrem Praesidenten, William Green mit 8 Millionen

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�angegeben. Eine AFL Gewerkschaft hatte einen starken Rueckgang
der Mitgliederzahl zu verzeichnen. Es ist der Verband der Hotelund Gaststaettenangestellten, der 63.000 Mitglieder verlor. Vier
der groessten AFL Gewerkschaften, die der Fahrer, Zimmerleute,
Damenoberbekleidungsarbeiter und Elektroarbeiter berichteten,
dass sich die Zahl ihrer beitragszahlenden Mitglieder nicht veraendert hat. Die Gewerkschaften der Handlanger und der Angestellten im Gebaeudedienst hatten Erhoehungen ihrer Mitgliederzahlen
um je 15.000 zu verzeichnen.
William Green wurde zum 27. Male zum Praesidentan wiedergewaehlt. Auch George Meany, der Finanzsekretaer der AFL, und 13
Mitglieder des Exekutivausschusses wurden durch Wahl in ihren Stellungen bestaetigt.

FAST EINE MILLION NEUE WOHNUNGEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Vorlaeufige Schaetzungen des statistischen Bueros des US Arbeitsministeriums zufolge haben, Wohnungsbauf irmen im Verlauf des
Monats August mit dem Bau von 141.000 neuen, staendigen, niohtlaendlichen Wohnungseinheiten begonnen. Damit erhoeht sich die
Gesamtzahl der in den ersten acht Monaten des Jahres 1950 begonnenen Wohnungsbauten auf 988.400.
Die Gesamtzahl aus den ersten acht Monaten des Jahres 1950
liegt um 54$ hoeher als die der gleichen Monate des Vorjahres.
Obwohl die Zahl der im August neubegonnenen Wohnungsbauten etwas
niedriger als die des Monats Juli ist, ist sie um 42% hoeher als
die des gleichen Monats im Jahre 1949.
Nach neuesten Berichten erhoeht sich die Schaetzung fuer
den Monat Mai auf 149.000, die hoechste Monatszahl des Jahres 1950.
Labor Press Service, US Arbeitsministerium
X/2/50
NORWEGISCHE Gff.VERKSCHAFTSDELEGATION IN RUSSLAND
Odvar Larsen, der Praesident der Eisenbahner-Gewerkschaft Norwegens, besuchte als Mitglied einer Gewerkschaftsdelegation Russland.
Nach seiner Rueckkehr nach Norwegen schrieb er einen Zeitungsbericht ueber diesen Besuch. Darin hatte er viel von der Sowjetunion zu berichten, Gutes und Schlechtes. Er sprach sich anerkennend ueber die Gastfreundlichkeit seiner Gastgeber, die interessanten Museen, von denen eines dem Zar gewidmet ist, und die
schoenen Hotels aus. Zu beanstanden hatte er, dass zahlreiche
Frauen schwere koerperliche Arbeiten verrichten, dass den Arbeitern
moderne technische Hilfsmittel fehlen und das Arbeitstempo in den
sowjetischen Betrieben ungesund ist. Auch die einheitlichen Gewerkschaftsvertreter, der allgemein niedrige Standard der Arbeitsloehne und der Mangel an Verbrauchsguetern fanden nicht seine Zustimmung. Enttaeuscht war er ausserdem ueber den Mangel an Informationen aus der uebrigen Welt.
Abschliessend erklaerte Larsen in seinem ArtiKelj, "Unsere
Gastgeber haben uns aufgefordert, nach unserer Rueckkehr unseren
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�Landsleuten von allen unseren Eindruecken zu berichten."
Dies tat Larsen, aber seine Gastgeber hatten sich.inzwischen
anscheinend eines anderen besonnen. In einem Schreiben an die
sowjetische Veroeffentlichung "Novoje Vremja" erklaerte der Praesident der sowjetischen Eisenbahner-Gewerkschaft, dass Ltirsen
einen "verlogenen und verleumderischen" Artikel geschrieben haette, ohne jedoch genau anzugeben, welche Feststellungen Larsens
unzutreffend sind.
Arbeitsmitteilungen der ECA
U/28/50
NIEDERLAGE DER KCH.TOTISTEN ET EINER OESTERREICHISCHEN GEVTERKSCHAFT
Eine kommunistische Resolution, die 50 000 Chemiearbeiter
Oesterreichs dem kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund
wieder zugefuehrt hatte, ist auf dem zweiten Nachkriegskongress
der Chemiearbeiter in '.Vien abgeschlagen worden. Delegierte, die
90$ der oesterreichischen Arbeiter der Chemie-, Papier-, Gummi-,
Seifen-, Arznei-, Teer-, Asphalt- und Streichholzindustrien vertreten, lehnten ebenfalls eine gegen die Atombombe gerichtete
kommunistische Resolution nach der Art des Stockholmer Friedensappells ab.
Dr. Bruno' "ittermann, ein sozialistisches Mitglied des oesterreichischen Parlaments, erklaerte vor den Delegierten, dass schwere
soziale Konflikte bevorstuenden, wenn die oesterreichischen Arbeitgeber die Forderung weiterhin.unbeachtet Hessen.
Die Gewerkschaften unters tuetzten das europaeis che '.Yiederaufbaupro.^ramm, weil es eine fuer die .Viedergesundung dar oesterreichischen 'Virtschaft unerlaessliche Blutuebertragung sei. Bei der
Verteilung der ECA Hilfe muesste jedoch besonders durch Berufsausbildung und Wohnungsbauprogramme zu niedrigen Preisen den Interessen
der Arbeiter mehr Beachtung geschenkt werden.
Er sarte ausserdem, dass die V.'eigerung massgebender Kreise,
mit der Arbeiterschaft zusammenzuarbeiten, fuer die Schwaeche der
oesterreichischen Republik gegenueber des von Hitler ausgeuebten
Druckes vor dem Kriege mitverantwortlich sei. Dies haette zu Arbeitslosigkeit, zivilen Konflikten und dem Aufstieg der Nazis gefuehrt.
"Heute," so erklaert Pittermann, "wuerden die gerechten Forderungen der Arbeiter nach verbesserten Loehnen und Lebensbedingungen in aehnlicher .'/eise ignoriert. l'aa haette es versaeumt, AntiTrust-Gesetze zu erlassen, und die AUS- und Einfuhrpolitik wuerde
ohne Beruecksichtigung der Interessen der Arbeiterschaft betrieben.
Die oesterreichischen Arbeiter, fuehrte er abschliessend aus,
wuerden sich der uneingeschraenkten Profitmacherei ebenso entschlossen wie dem Totalitarismus widersetzen.
Arbeitsmitteilunfen der ECA
IX/E7/5Ö
SKTSWKIN BERICHTET DER AFL 7CM WIEDERAUFBAU EUROPAS
In einam Bericht an die 69. -Tahreskonvention der AFL hat Boris
Shishkin, der Direktor der Arbeitsabteilung fuer Europa in der
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Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit, die bisher erzielten Erfolge und zukuenftigen Probleme der an dem europaeischen
.Viederaufbauprogramm beteiligten Arbeiter dargelegt.
Shishkin sprach in Houston (Texas). Er dankte der AFL dafuer,
dass sie dem M&amp;rshall Plan wertvolle Unterstuetzung leistet, und
bezeichnete die uebliche Behauptung der Kommunisten, dass der Arbeiter an den Gewinnen aus den Wiederaufbau nicht beteiligt sei,
als eine "unverfaelschte Luege."
Er berichtete von den Vorteilen, die die europaeischen Arbeiter aus dem ERP gezogen heben, und wies in diesem Zusammenhang auf
die grossen Mengen importierter Nahrungsmittel bei Beginn des Programms hin, als die Lebensmittel knapp waren, auf die Rohmaterialien und Maschinen, durch die die Betriebe wieder eroeffnet werden
konnten, und durch die eine unheilvolle Arbeitslosigkeit in allen
westeuropaeischen Laendern vermieden werden konnte. Er sagte,
dass die grundlegenden Ziele des Marshall Planes allmaehlich erreicht wuerden, wodurch der Inflation Einhalt geboten, die '.Vaehrungen wiederhergestellt und der Handel, zwischen den Teilnehmerstaaten angeregt wurde.
Shishkin berichtete ferner von den einzelnen Arbeitsprogrammen,
die von der ECA noch weiter ausgedehnt werden, wie z.B. der Austausch von Studiengruppen von Gewerkschaftern zwischen Europa und
den Vereinigten Staaten, die Zusammenarbeit der Arbeitsaemter der
Teilnehmerstaaten, die Aufstellung von Berufsausbildungsprogrammen
fuer Arbeiter und die Verwendung von Gegenwertfonds zur Durchfuehrung billiger V/ohnungsbauprojekte.
Diese Erfolge, so betonte er vor seiner amerikanischen Zuhoererschaft, seien sowohl durch die direkte amerikanische Hilfe
als auch durch die gegenseitige Zusammenarbeit der europaeischen
Laender und ihre eigenen Progratime der Selbsthilfe ermoeglicht
worden. Die Gewerkschaften haetten sich an allen Phasen dieses
,7iederauf bauprogramms beteilirt.
Diese Erfolge koennten jedoch nicht ueber die Tatsache hinwegtaeuschen, dass der europaeische Arbeiter noch schwierigen Problemen gegenueberstsht. So herrsche in Italien und Westdeutschland infolge der Ueberbevoelkerung bedenkliche Arbeitslosigkeit, und die
ECA sei bemueht, durch Umwanderung, Neuansiedlung und die Schaffung
neuer Arbeitsplaetze diese Schwierigkeiten ueberwinden zu helfen.
Und vor allem bliebe das grundlegende Problem des zu niedrigen Lebensstandards und besonders der niedrigen Realloehne. "Es
steht ausser Frage," sagte der amerikanische Gewerkschafter, "dass
in einigen Laendern - vor allem in Frankreich - Schritte unternommen werden muessen, um den wirklich niedrigen Lebensstandard der
Arbeiter schneller zu heben."
"Es ist jedoch auch wichtig, sich vor Augen zu halten, dass
die demokratischen Regierungen dieser Laender und nicht die ECA
fuer die Massnahmen und Programme verantwortlich sind, mit denen
diese Ziele erreicht werden koennen."
"Die ECA kann und darf nicht fuer die gesetzliche Festlegung
der Loehne verantwortlich gemacht werden. Die Verbesserung der
Loohne in Frankreich und anderen Laendern ist eine Aufgabe, die
die freien Gewerkschaften durch Kollektivverhandlungsverfahren
loesen muessen."
"Die staerkste Macht, die heute in Westeuropa als Bollwerk
g '-Ton den Kommunismus besteht, sind die freien Gewerkschaften. Sie
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�ihrer grundlegenden Macht - naemlich der Kollektivverhandlung dadurch berauben zu wollen, dass die Regierung allein die Lohnbestinmung vornimmt, waere nach unserer Auffassung die Zerstoerung
der Lebensader der freien Gewerkschaftsbewegung."
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"In der Organisation fuer die wirtschaftliche. Entwicklung
Westeuropas und in der Organisation der westeuropaeischen Verteidigung gegen Aggressionen sind Massnahmen dringend notwendig, die
eine gerechte Besteuerung gewährleisten und die Ausdehnung der
Monopolherrschaft ueber die europaeischen Industrieunternehmer
verhindern."
"Diese Massnahmen, Reformen und Verbesserungen muessen jedoch, " so hob Shishkin hervor, "aus den europaeischen Laendern
selbst kommen und von der freien, organisierten Arbeiterschaft unterstuetzt werden."
Ohne die grosszuegige Unterstuetzung seitens der Arbeiterschaft Amerikas waere der Marshall Plan unmoeglich gewesen, safte
Shi3hkin, und die wichtigste aufgäbe bestuende fuer die amerikanische Gewerkschaftsbewegung nun darin, den freien Gewerkschaften
Europas weiterhin zu helfen und damit die Gewerkschaftsbewegung
der gesamten freien Welt zu staerken.
Arbeitsmitteilungen der ECA

SCHWEDEN GIBT 5000 AUSLAENDERN ARBEIT
Schweden, eines der £-roessten Einfuhrlaender fuer Arbeitskraefte in Europa, beabsichtigt etwa 3000 auslaendischen Arbeitern
in den kommenden zwoelf Monaten Arbeitsplaetze zu verschaffen.
Hierzu gehoeren 600 Facharbeiter aus Italien fuer die Metallund Elektro-Industrien, 300 ungelernte,meist weibliche Arbeitskräfte aus Schleswig-Holstein, 300 Arbeiter aus Daenemark fuer die
Eisenindustrie, 500 Walderbeit er aus Finnland fuer die Holzindustrie, 1000 weibliche Hausangestellte, die zum groessten Teil aus
Deutschland kommen, und 100 Aerzte aus Oesterreich.
Ausserdem wird Schweden 150 Lungenkranke aus Italien und
Oesterreich zur Behandlung in schwedischen Sanatorien aufnehmen.
Nach ihrer Genesung werden sie in Schweden beschaeftigt werden.
Ausser den auf normalem Wege rekrutierten Arbeitern fuellt
ein staendiger Zustrom von Fluechtlingen aus L£Snciern hinter demEisernen Vornan? die Reihen der Fremdarbeiter. In der Zeit vom
1. Juli 1949 bis 1. Juli 1950 sind 1650 Fluechtlinge, die zum
groessten Teil aus den baltischen Laendern Estland, Lettland und
Litauen kamen, in Schweden aufgenommen worden. Die meisten von
ihnen haben dort arbeitsplaetze gefunden.
Schweden nimmt auslaendische Arbeiter auf, weil seine Bescheeftigungsziffer sehr hoch ist. Sie betraogt gemäss den im Mai 1950
veroeffentlichten Zahlen etwa 98%. Inzwischen hat sich der Beschaeftigungsstand noch erhoeht.
Die Imoortierung von Arbeitskraeften wuerde wahrscheinlich in
noch groesserem Masstabe durchgefuehrt, wenn in Schweden nicht ein
ernsthafter Mangel an Wohnungsmoeglichkeiten bestuende. Es koennen
jeweils nur soviel Arbeiter aufgenommen werden wie passende Wohnungen
zur Verfuegung stehen.
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Seit einer Reihe von Jahren hat Schweden Arbeitskraefte eingefuehrt, und die Zahl der auslaendischen Arbeiter belaeuft sich
nun auf etwa 90 000. Die groessten nationalen Gruppen stammen
aus Finnland, Daenemark, den baltischen Laendern, Norwegen,
Deutschland, Polen und Italien. Seit 1947 sind \etwa 1500 italienische Arbeiter nach Schweden, gekommen.
Fast die ITfllfte der auslaendischen Arbeiter in Schweden sind
in der Industrie und zum groessten Teil in den Metall- und Textilindustrien und die uebrigen in der Landwirtschaft, Schiffahrt und
dem Kotel- und Gaststaettengewerbe beschaeftigt.
Zur Anheuerung von Arbeitern schickt der koenigliche Arbeitsmarktausschuss der schwedischen Regierung Y/erbebeamte ins Ausland,
denen sich die Antragsteller vorstellen, und die Vorkehrungen zu
ihrer Ueberfuehrung nach Schweden treffen.
Die Zulassung auslaendischer Arbeiter muss von der fuer die
betreffende Industrie zustaendigen schwedischen Gewerkschaft bewilligt werden. Obwohl die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft
nicht erforderlich ist, hat man festgestellt, dass sich die meisten Arbeiter einer schwedischen Gewerkschaft anschliessen. Nach
dem schwedischen Gesetz werden alle auslaendischen Arbeiter nach
den im Lande gueltigen Lohntarifen bezahlt.
Arbeitsmitteilungen der ECA
IX/29/50
V3REINIGUNGSFREIKEIT IN VENEZUELA BEEINTRASCHTIOT?
In einem Bericht der Sonderkommission der Internationalen
Arbeitsorganisation fuer Venezuela, der vom Internationalen Arbeitsamt veroeffentlicht wurde, heiss-t es, dass "die Vereinigungsfreiheit in Venezuela weit davon entfernt ist, vollstaendig zu sein."
Die Mission, die von Jef Rens, dem ersten stellvertretenden
Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation gefuehrt
wurde, hielt sich auf Einladung der venezuelischen Regierung im
Sommer des Jahres 1949 sieben Wochen lang in diesen Lande auf,
um sich "vollstaendige und unparteiische Informationen ueber die
sozialen Probleme, die allgemeinen Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Industrien, die Einkuenfte und den Schutz, der den
Arbeitern nach den bestehenden Gesetzen von der Regierung gewaehrt
wird, und ueber die Entwicklung und die Arbeit der Gewerkschaften
in Venezuela" zu beschaffen. Diese Einladung erfolgte, nachdem
sich die Gewerkschaftsko'nferenz von Venezuela (CTV) bei der Internationalen Arbeitsorganisation darueber beschwert hatte, dass die
Vereinigungsfreiheit in diesem Lande beeintraechtigt sei. Die
Mission uebersandte dem Exekutivausschuss der IAO einen Bericht,
und es wurde auf der Konferenz im Juni 1950 von diesem Ausschuss
beschlossen, diesen Bericht zusammen mit jeglichen Stellungnahmen,
die die venezualische Regierung noch einreichen koennte, zu veroeffentlichen. Diese Stellungnahmen werden bei ihrem Erscheinen
der Oeffentlichkeit'zur Kenntnis gebracht werden.
Die Mission unterhielt sich mit Gewerkschaftsfunktionaeren,
Unternehmervertretern und Regierungsbeamten. Sie wurde in jeder
Hinsicht bei der Durchfuehrung ihrer Untersuchungen unterstuetzt.
Lediglich die Erlaubnis wurde versagt, mit gewissen, in Haft befindlichen Gewerkschaftsfuehrern zu sprechen.
Der Bericht enthaelt genauere Informationen ueber die
c0^^waertige Dasorganisation der Gewerkschaftsbewegung des Landes und
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�die sich hieraus ergebenden Gefahren fuer die wirklich fortschrittlichen venezuelischen Schutzgesetzvorschlaege, deren Verwirklichung zum grossen Teil von den Gewerkschaften abhaengt.
Die Mission schlug "in Anbetracht der von ihr ueberprueften
Lage" vor, dass die venezuelische Regierung, den folgenden Massnahmen "vollste und ernsthafteste Beachtung schenkt, Massnahmen,
die das normale Arbeiten einer gesunden Gewerkschaftsbewegung
ermoeglichen sollen:
1. Die Wiederwahl ehemaliger Mitglieder von Gewerkschaftsausschuessen der Unternehmer müss verboten werden.
2. Die Verpflichtung, dass zur Abhaltung einer Gewerkschaftskonferenz vorherige Genehmigung eingeholt werden muss, muss abgeschafft werden.
S. Den Gewerkschaften muss wieder das Recht zugesprochen
werden, in voller Unabhaengigkeit nationale Verbaende und Buende
zu bilden.
4. Das Recht zu streiken und auszusperren muss innerhalb
der im Arbeitsrecht niedergelegten Grenzen wiederhergestellt werden.
5. Die Zusammenarbeit aller an der Produktion Beteiligten,
die durch freie, starke und unabhaengige Arbeitgeber- und Arbeitnehmer Organisationen vertreten sind, muss auf wirtschaftlichen und
sozialem Gebiet gefoerdert werden."
Seit der Abreise der Mission hat die Regierung folgende Massnahmen getroffen, soweit sie nicht den oeffentlichen Frieden gefaehrden: die Korrespondenz und das Keim wurden wieder fuer unverletzlich erklaert, jeder kann frei reisen und seinen Wohnsitz
wechseln, und alle politischen Gefangenen, einschliesslich der
Gewerkschafter, wurden befreit; ausserdem sind alle Erwachsenen
berechtigt, an allgemeinen Vfehlen teilzunehmen. Die Mission nahm
in ihrem Bericht zu diesen Massnahmen Stellung und erklaerte,
dass sie "ainen bedeutenden Schritt vorwaerts darstellten, jedoch
nur ein Meilenstein auf dem V/ege zur Wiedererrichtung der verfassungsmae3sigen Garantien seien, ohne die die Gewerkschaftsbewegung
nicht frei ihren Pflichten nachgehen kann."
IBFG FORDERT INTERKATIONALS PREISKONTROLLEN
Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften hat internationale Preis- und Marktkontrollen fuer wesentliche Verbrauchsgueter vorgeschlagen, durch die den durch die kommunistische Aggression in Korea verursachten inflationistischen Tendenzen begegnet
werden soll.
Der Notfallsausschuss des IBFG hat auf einer Konferenz in
Bruessel vor kurzen an die Vereinten Nationen die Aufforderung
gerichtet, die Regierungen der einzelnen Laendor anzuweisen, internationale Vereinbarungen ueber Verbrauchsgueter zu treffen.
"Der Hauptzweck dieser Vereinbarungen", heisst es in der
Erklaerung des IBFG, "soll darin bestehen, die "Preise und den
Absatz erstrangiger Gueter, die auf internationalen Maerkten gehandelt werden, unter strenger internationaler Kontrolle zu halten. Die an solchen Abkommen beteiligten Laender sollen zu
einem gemeinsamen Fonds beitragen, aus dem Subventionen gezahlt
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�werden koennen, um die Preise erstrangiger Verbrauchsgueter niedrig zu halten."
Diese Massnahme sei notwendig, erklaerte der IBFG, weil die
Lebenshaltungskosten seit der Invasion Suedkoreas durch kommunistische Streitkraefte infolge panischer Angstkaeufe, militaerischer
Versorgung und spekulativer Einkaeufe lebenswichtiger Produkte
rapide in die Hoehe gegangen sind.
Inlaendische I.5assnahmen zur Bekaempfung der Inflation muessen
durch internationale Massnahmen ergaenzt werden, weil dieser Anstieg der Preise fuer Verbrauchsgueter über die ganze V/elt verbreitet ist und sich besonders bei wesentlichen Verbrauchsguetern,
die auf internationaler Basis gehandelt werden, bemerkbar macht.
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Die Vereinten Nationen sind verpflichtet, die durch die
kommunistische Aggression verursachten wirtschaftlichen und sozialen Gefahren ebenso entschlossen zu bekaenpfen, wie sie sich
der militaerischen Aggressionen widersetzt haben," heisst es abschliessend in der Verlautbarung des IBFG.
Arbeitsmitteilung der ECA
IX/27/50
AFRIKANISCHE STAHLARBEITER FORDERN L OHNERE OEIIUNG
Die vereinigten Stahlarbeiter von Amerika (CIO) fordern von
den 1400 Fabrikanten und stahlerzeugenden Gesellschaften hoehere
Loehne. Sie greifen damit den nach den gueltigen Vertraegen, die
etwa 650.000 Arbeiter umfassen, neuzueroeffnenden TerifVerhandlungen vor.
Der Exekutivausschuss der Vereinigten Stahlarbeiter stimmte
diesen Forderungen zu, weil auch in anderen Industrien, besonders
in der Automobilindustrie, unlaengst Lohnerh-oehungen vorgenommen
wurden, um die Loehne den steigenden Lebenshaltungskosten anzunassen. Philip Murray, der Praesident der Stahlarbeiter, versicherte jedoch, dass die Forderungen der Gewerkschaft ueber eine Angloichung an die Lebenshaltungskosten hinausgingen. Der Lebensstandard
der Arbeiter koenne auf diese V/eise niemals verbessert werden.
Man nimmt an, dass auf einer zvveitaegigen Konferenz des Ausschusses
fuer Lohnpolitik die Lohnziel'e der Stahlarbeitergewerkschaft festgelegt werden.
Inzwischen hat die Gewerkschaft ein freiwilliges Angebot der
Aluminiumkompanie von Amerika angenommen, welches eine Lohnaufbesserung um 10% mit Wirkung vom 1. Oktober vorsieht. Bei der Annahme dieses Angebots hat die Stahlarbeitergewerkschaft jedoch erklaert, dass immer noch ungerechtfertigte Ungerechtigkeiten und
Verschiedenheiten bestuenden und hat um weitere Besprechungen zur
Loesung dieser Probleme ersucht. Nahezu 20.000 Arbeiter, die in
der Gewerkschaft vertreten sind, werden gemaess dem Angebot der
Kompanie
einen Aufschlag von 15 Cents auf ihre Stundenloehne
erhalten.
GETERIXCKAFTSr; AUS ALLER WELT BILLIGEN DIE MASSNAHMEN DER VEREINTEN NATIONEN IN KOREA
In einer gemeinsamen Erklaerung haben die grossen Gewerkschaftsbuende von Kanada, der Berufs- und Gewerkschaftskongress (AFL) und
- 11 -

�der kanadische Gewerkschaftskongress (CIO), den Vereinten Nationen
in ihren Handlungen in Korea ihre uneingeschraenkte Unterstuetzung
zugesagt.
In Stockholm hat der Internationale Verband der Bergarbeiter
einstimmig eine Resolution angenommen, in der die "Politik und
die Handlungen der Vereinten Nationen in bezug auf Korea" gebilligt werden.
Der Gewerkschaft3kongress Englands nahm auf seiner Jahreskonferenz, die am 4. September eroeffnet wurde, mit einer Mehrheit
von 10:1 eine Entschliessung an, in der zur Unterstuetzung der
Vereinten Nationen aufgefordert und Nordkorea als der Angreifer
bezeichnet wird.
In Norwegen ruft die norwegische Gewerkschaftsbewegung in
einer Broschuere mit dem Titel "Krieg in Korea" die Arbeiterschaft
auf, die Handlungen der Vereinten Nationen zu unterstuetzen, und
weist darauf hin, dass die Verteidigungsmassnahmen in Korea von
den Vereinten Netionen und nicht von den Vereinigten Staaten eingeleitet wurden.
FUNKTIONAER DES CIO VERTRITT IBFG BEI DEN VEREINTEN NATIONEN
John Brophy, ein langjaehriger Funktionaer des CIO, ist in
das New Yorker Buero des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften berufen worden, welchem die Vertretung des IBFG in der Organisation der Vereinten Nationen obliegt.
Brophy ist vom CIO beurlaubt worden, um diese Ernennung beim
IBFG annehmen zu koennen. In den vergangenen Jahren war er Direktor der Industriegewerkschaftsraete des CIO.
Dem IBFG ist im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen der zur uiitberatung berechtigende Status der "Kategorie A"
zuerkannt worden. Mitgliederorganisationen der "Kategorie A"
sind berechtigt, an den Konferenzen des Rates teilzunehmen, Diskussionspunkte fuer die Tagesordnung des Rates vorzuschlagen und
den Konferenzen der neun Kommissionen des Rates beizuwohnen.
Weekly Press Service, US-Arbeitsministerium
" X/2/50
- 12 -

O f f i c e of L a b o r A f f a i r s
HICOG, APO 757

OFFICIAL

BIOOO B-1825 L t B Oct 50 5 H

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 33

Frankfurt, 20. Oktober 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Das Problem der alten Leute in den USA - - -

1

Brief an einen "Friedenspartisanen - - - - -

3

Der sowjetische Seemann

- - - - - - - - - -

6

Praesident Truman gegen Taft-Hartley-Gesetz

8

IAO startet technisches Hilfsprogramm

- - -

9

Indien braucht Bauern und Gewerkschafter - -

10

Livingston widerlegt kommunistische Vorwuerfe 13
Die Aussenpolitik der amerikanischen Gewerkschaften - - - - - - - - - _ _ _ - _ _ _

14

DAS PROB LS?' DER ALTS" LEUTE IN DEN USA
Sine kuerzlich abgehaltene Konferenz ueber das Lebensalter
der Bevoelkerung wurde in den Vereinigten Staaten als der erste
Schritt zu einer koordinierten Loesung eines Problems fuer die
ganze Nation bezeichnet, das den Gewerkschaftsfuehrern schon lange
Sorgen bereitet. Dieses Problem ist der zunehmende Prozentsatz
alter Leute an der amerikanischen Bevoelkerung.
Ifehr als 300 Delegierte der an dem Problem interessierten
Gruppen, einschliesslich der Gewerkschaften, kamen auf Einladung
Praesident Trumans in Washington zusammen. Sie empfahlen u.a.
einen Landesausschuss zu bilden, der die Arbeiten der zahlreichen
- 1-

�Gruppen koordinieren soll, die versucht haben, dieser Situation
zu begegnen, die sich in den folgenden Zahlen widerspiegelt:
1. Vor 50 Jahren war unter 25 Amerikanern einer, der ueber
65 Jahre alt war; heute ist das Verhaeltnis 1:13, und die Zahl
der alten Leute steigt weiterhin an.
2. Von 150 Millionen Amerikanern sind etwa 11.5 Millionen
ueber 65 Jahre alt; davon sind 8.5 Millionen ohne Beschaeftigung,
was auf die festgesetzten Altersgrenzen zurueckzufuehren ist, bei
deren Erreichen die Arbeiter in den Ruhestand treten muessen.
3. Mehr als die Haelfte' dieser bejahrten Amerikaner haben
ein Bareinkommen von weniger als 1000 Dollar im Jahr, was
selbst bei einer Unterstuetzung seitens ihrer Familien in einer
7/irtschaft mit hohen Preisen ein ernstes Problem darstellt.
Hand in Hand mit der Erhoehung der Zahl alter Leute ging
eine zunehmende Industrialisierung innerhalb der amerikanischen
Gesellschaftsordnung vor sich. Dies hat zu einer Abnahme der Zahl kleiner Familien und* kleiner Staedte gefuehrt; in dem schnelleren
Tempo einer Grosstadt ist das Leben fuer aeltere Leute sehr oft
nicht leicht, denn die Moeglichkeit ist fuer sie geringer, mit
ihren Familien oder engeren Freunden zusammenleben zu koennen,
und oft muessen sie ihren Lebensunterhalt nur mit ihrem eigenen
Einkommen bestreiten.
Die Gewerkschaften waren um dieses Problem besonders besorgt, weil die Arbeiter meistens nur wenig Geld fuer ihre alten
Tage sparen konnten. Aus diesem Grunde haben die Gewerkschaften
den erfolgreichen Kampf um Altersrenten gefuehrt, die von der
Regierung bezahlt werden. Vor kurzem haben sie damit begonnen,
Alterspensionen direkt in die Vertraege zwischen Gewerkschaft und
Unternehmer aufzunehmen; Vertraege mit grossen Automobilgesellschaften, die Pensionen von mehr als 100 Dollar monatlich (einschliesslich der Renten der Regierung) vorsehen, sind Meilensteine
dieser Entwicklung.
Die einzelnen Bemuehungen von Gewerkschaften und anderen
interessierten Gruppen sind niemals zentral geplant worden, und
diese Erkenntnis fuehrte zu der von dem Praesidenten einberufenen
Konferenz. Die Konferenz ist ein Beweis dafuer, dass eine Demokratie entstehende Probleme loesen und ihre Loesung auf kooperativer Grundlage vorbereiten kann.
Ausser Vorschlaegen fuer verbesserte Pensionen und aerztliche
Betreuung fuer alte Leute hat die Konferenz empfohlen:
1.. Einen Landesausschuss zum Austausch von Informationen und
zur Koordinierung von Plaenen der an der Unterstuetzung alter Leute interessierten Gruppen;
2. Eine Ueberpruefung der Pensionspolitik der Regierung, um
festzustellen, ob nicht zuviel Leute gezwungen werden, in den
Ruhestand zu treten, waehrend sie noch arbeitsfaehig sind, und
damit zum Nichtstun verurteilt werden. Man ist der Ansicht, dass
die Regierung anderen Arbeitgebern beispielgebend vorangehen
muesse, indem sie die Pensionierung als ein Problem betrachtet,
das individuell behandelt werden muss und nicht durch die schiedsrichterliche Festsetzung der Altersgrenzen fuer die Pensionierung.
3. Eine Kampagne, in der alle Arbeitgeber aufgefordert werden, sich von ihrem Vorurteil gegen die Einstellung alter Leute
frei zu machen.
- 2 -

�4. Geplante Programme der einzelnen Lokalbehoerden, die
den aelteren Leuten Erholung und Ausbildungsmoeglichkeiten bieten.
5. Eine intensivierte Ausbildung beruflicher Experten, die
sich mit den physischen und psychologischen Problemen alter Leute
befassen.
Arbeitsmitteilungen der ECA
IX/26/50
BRIEF AN EINEN *FRIEDENSPART%SA:TENW
Der Generalsekretaer des kommunistisch beherrschten, franzoesischen Transportarbeiterverbandes der CGT richtete ein Schreiben an den Nationalen Transportarbeiterverband der Force
Ouvridre (Mitgliedsverband der ITF), in den er letztere Organisation um ihre Unterstuetzung bei der Sammlung von Unterschriften fuer den sogenannten "Stockholmer Friedensappell"
ersuchte. Die Antwort, die Sekretaer Felce vom Nationalen
Transportarbeiterverband auf dieses Schreiben hin gab,, scheint
uns so interessant zu sein, dass wir sie unseren Lesern zur
Kenntnis bringen moechten. Die Uebersetzung des Briefes hat
folgenden Wortlaut:
"Sehr geehrter Herr:
Ich bestaetige den Empfang Ihres Briefes. Kit der Adresse
"An die Kameraden, Praesidenten und Sekretaere der Transportarbeitergevverkschaft des CFTC - CGC - Force Ouvriere", zeugt er von
einem stark entwickelten Sinn fuer Humor, obwohl dies - ich beeile mich, es hinzuzufuegen - eine etwas grausige Art von Humor
ist.
Uebergehen wir, dass ich in Ihrer Achtung um einen Grad gestiegen zu sein scheine. Gestern "ein imperialistischer Lakai",
habe ich heute die Ehre - denn dies muss doch wohl als Ehre angesehen werden, nicht wahr? - zu Ihren "Lieben Freunden" zu gehoe, ren. Wenn ich nicht an jenes Gleichnis denken muesste, das gewisse Umarmungen mit dem Tod durch Ersticken gleichsetzt, wuerde
ich Ohne weiteres dieses Kompliment erwidern. Ich bin von Na.tur
aus eher geneigt, meinen Naechsten als "lieben Freund" anzusprechen, als ihm unfreundliche Absichten zu unters teilen. In Ihrem
Falle jedoch - denn es ist noch nicht genug Zeit verflossen, um
alle Erinnerungen der Vergangenheit auszuloeschen - besteht fuer
mich noch Grund, argwoehnisch zu sein. Bevor ich mich deshalb
als "Ihr Kamerad" bezeichne, muss ich noch eine Aufklaerung ueber
Ihre wirklichen Gefuehle verlangen. Indem ich dies so offen
zum Ausdruck bringe, mache ich mich vielleicht eines Verstosses
gegen die guten Sitten schuldig. Sie werden mir jedoch, die Sie
die Offenheit zweifellos schaetzen, hierfuer dankbar sein.
Doch gehen wir nun zum eigentlichen Thema Ihres Schreibens
ueber. Sie sind, wie Sie sagen, ueber den Verlauf, den die Weltereignisse nehmen, beunruhigt. Sie fuerchten, dass sich der Konflikt in Korea ausdehnen und die ganze Welt in Mitleidenschaft
ziehen koennte. Sie fuerchten ebenfalls eine Bedrohung der gesamten Menschheit durch die etwaige Anwendung der Atombombe, und
Sie rufen deshalb alle Menschen guten Willens auf, sich gemeinsam
dafuer einzusetzen, damit diese fürchtbare Katastrophe vermieden
wird, deren Vorzeichen bereits den Horizont verdunkeln.
S -

�Diese Beunruhigung und diese Furcht, die Sie an den Tag legen, wird von mir in gleichem Masse geteilt. Ihre Methode jedoch, fuer den Frieden zu sprechen, erschreckt mich noch mehr
als das Vorhandensein von Vorraeten an Atom- oder bakteriologischen Waffen in dem einen oder anderen Lande. Selbst Ihr Kamnf
fuer den Frieden - auch hier lassen Sie mich in brutaler Weise
offen sein - scheint mir eine jener Kriegslisten zu sein, die
von Raeubern und Fanatikern so bereitwillig angewendet wurden,
um die Wachsamkeit ihrer ausgesuchten Opfer zu unterminieren
oder die Skeptiker zu ueberzeugen.
In Bezug auf Ihr Schreiben habe ich bereits erwaehnt, dass
es ein Meisterstueck schauerlichen Humors ist. Es duerfte Ihnen
klar sein, dass ich es auch als ein Meisterstueck der Heuchelei
betrachte. Ich habe hierzu folgende Gruende:
1. Als ob es fu^r Sie zu offensichtlich waere, um Ihre
Zeit damit zu vergeuden, dies zu beweisen, behaupten Sie, dass
die amerikanische Politik die einzige Gefahr fuer den Frieden
darstelle. "Die amerikanische Armee", sagen Sie, "mischt sich
in die Ereignisse in Korea ein und droht damit, die Atombombe zur
Anwendung zu bringen. Die dadurch heraufbeschworene Lage kann
sehr leicht den Krieg in Korea erweitern und sich auf die ganze
Veit ausdehnen."
2. Als ob es fuer Sie zu offensichtlich waere, um Ihre Zeit
damit zu verschwenden, es zu beweisen, bezeichnen Sie die Atombombe als die einzige wirklich zerstoerende Kriegswaffe.
3. Und als ob es wiederum zu augenscheinlich fuer Sie
waere, um Ihre Zeit damit zu vergeuden, es zu beweisen, erheben
Sie "die sofortige und totale üechtung der Atomwaffe" zur wesentlichen und einzig moeglichen Bedingung zur Erhaltung des Friedens.
Oh, nein.' Die Gefahr, die Ursache dieser Gefahr und die
Mittel zu ihrer Beseitigung sind nicht - wie Sie sehr wohl wissen jene, die Sie genannt haben. Die Gefahr ist nicht durch das heraufbeschworen, was Sie "die Einmischung der amerikanischen Armee
in Korea" zu nennen belieben. Sie ist auch nicht durch das blosse
Vorhandensein von Waffen entstanden (Atom-, biologische, chemische Waffen etc.).
Die Gefahr kommt von der brutalen und offenen Aggressionspolitik, die jene betreiben, die Sie bewundern, und denen Sie diene;i.
Jene, die russische Panzer geschickt haben, die von koreanischen
Haenden gesteuert werden und durch die Taeler Sued-Koreas rollen,
sind die wahren Kriegstreiber. Jene, die sich weigern, dem von
den Vereinten Nationen erlassenen Befehl des Feuereinstellens Folge zu leisten, sind die wahren Kriegstreiber. Jene, die zwischen
"sauberen" und "schmutzigen" Kriegen unterscheiden, sie sind die
wahren Kriegstreiber. Auch Sie, die Sie die Erfolge dieser gleichen koreanischen Panzer bewundern, die Sie die Handlung der
Vereinten Nationen als "imperialistisch" bezeichnen, die Sie jeden Krieg als "gerecht und gut" proklamieren, der mit dem "Segen
und der Unterstuetzung" des "begnadeten und geliebten Fuehrers
des internationalen Proletariats" gefuehrt wird, Sie sind ebenfalls ein Kriegstreiber.
Und gerade Sie, der willige und begeisterte Komplize dieses
groessten Kriegstreibers, den die Welt je gekannt hat, Sie wollen uns erzaehlen, wie ein Krieg am besten vermieden werden kann?
Wie wollen Sie das tun? Sie behaupten, die Forderung nach
einer sofortigen und totalen Aechtung der Atomwaffe wuerde genuegen?
- 4 -

�Was bedeutet dies eigentlich? Sind Sie der Ansicht, dass
das Vorhandensein von Vorraeten von Atomwaffen in irgendeinem
Teil der Welt die Kriegsgefahr vergroessert und dass die Nationen
weniger kriegslustig waeren, wenn diese Vorraete nicht mehr bestuenden?
Oder meinen Sie, dass ein Krieg, der ohne die Atomwaffe gefuehrt wird, annehmbar sei, und dass wir uns mit allem (Granaten,
gewoehnlichen Domben und Genickschuessen)»nur nicht mit der Atomboabe abfinden koennten?
Ihre Auffassung ist nur mit einer dieser beiden Vorstellungen
zu erklaeren. Sie bleibt jedoch immer noch, ganz gleich, wie man
sie versteht, sinnlos.
Die Kriegsgefahr hat niemals zu der zerstoerenden Kraft bestehender V.'affen in einem Verhaeltnis gestanden. M n e ziemlich
weit verbreitete Anschauung, naemlich die von ^asteur, besagt,
dass die Kriegsgefahr im umgekehrten Verhaeltnis zur Zerstoerungsfaehigkeit der Kriegswaffen stuende, und es besteht durchaus
Grund zu der Annahme, dass die uns gegenwaertig bedrohende Katastonhe gerade deshalb nicht ueber uns hereinbrechen wird, weil
sie zu vollstaendig und nicht wieder gutzumachen waere.
Seien wir ganz offen. Die Atomwaffe hat zumindest den Vorteil, dass sie selbst die Kriegslustigsten unter uns zwingt, Vorsicht v/alten zu lassen; und diejenigen, die andernfalls geneigt
waeren, den Krieg gegen andere zu riskieren, werden es nicht tun,
weil ihr Sieg mit zu hohemuKostenaufwand erkauft werden muesste.
Ist die Atomwaffe demnach eine Kriegsursache? Im Gegenteil.
Sie zwingt die Menschen zu ueberlegen, bevor sie losschlagen.
Die Sache lohnt sich nicht mehr, und es wird deshalb keinen Krieg
geben.
Die schreckliche Angst, die der Gedanke an einen Krieg unter den Menschen all jener Laender verbreitet, wo das Recht der
freien Rede garantiert ist, zwingt ihre Regierungen, eine Friedenspolitik zu verfolgen.
Leider ist es wahr, dass nicht alle Menschen im Besitze dieses Rechtes sind. Millionen sehmachten noch unter der totalitaeren Tyrannei, und diese gleiche totalitaere Gewaltherrschaft ist
deshalb eine staendige Ursache sowohl kalter als auch heisser
Kriege.
Die Idee der Freiheit gewinnt jedoch unter den Voelkern der
Welt an Boden. Die diktatorischen Staatsgebilde koennen schon
jetzt nur noch dadurch bestehen, dass sie sich einer demokratischen
Schaufensterkunst bedienen, und der Zeitpunkt naehert sich, an
dem die versklavten Massen die stählernen Bande brechen werden,
die sie zu erdrueoken drohen. Die freie Gewerkschaftsbewegung und
die Kaempfer, die ihr ihre Schlagkraft verleihen, werden gewiss
alles tun, was in ihrer Macht steht, um den Anbruch dieses Tages
zu beschleunigen. Dies ist der wertvollste Beitrag, den sie zur
Verteidigung, oder besser zur Erreichung des Friedens, leisten
koennen.
ITF - Press Report
1/9/50
- 5 -

�DER SOWJETISCHE SEEMANN
Omer Beöu, der Generalsekretaer des Internationelen Transportarbeiterverbandes, erklaerte unlaengst, dass der Lebensstandard der Seeleute, die unter panamesischer, polnischer und russischer Flagge fahren, weit niedriger als in anderen Laendern sei.
Der Internationale Transportarbeiterverband sei entschlossen,
die Seeleute auf panameslachen Schiffen zu organisieren und hoehere Loehne fuer sie zu erringen, i'uer die sowjetischen und polnischen Seeleute koenne jedoch nichts unternommen werden, weil
sie keine freien Gewerkschaften haetten.
Becu berichtete ausserdem, dass die russischen und polnischen Schiffe, die zwischen Gdynia und Schweden verkehren, nur
halb so hohe Frachtkoeten verlangten wie die schwedischen Schiffe
verlangen muesste.n, wenn sie einen Gewinn erzielen wollten. Ein
Grund hierfuer liegt darin, dass den Seelsuten auf den polnischen
und russischen Schiffen Loehne gezahlt werden, fuer die kein
schwedischer Seemann arbeiten wuerde.
Die schwedische Seeleutegewerkschaft versuchte vor kurzem,
sich bei russischen und polnischen Seeleuten Informationen ueber
die Arbeltsbedingungen auf ihren Schiffen einzuholen. Man musste
jedoch feststellen, dass dies auf dem normalen Wege, naemlich
durch eine Aussprache von Mann zu Mann, nicht moeglich war. Die
Seeleute erklaerten, es sei ihnen streng verboten, irgendwelche
Auskuenfte zu geben. Darueberhinaus werden die sowjetischen Seeleute staendig bewacht und haben Angst, frei zu sprechen. Sie
sind isoliert, damit die Welt nichts von den Verhaeltnissen in
der Sowjetsphaere erfahren kann, und damit diese Leute nioht zu
viel von der sogenannten kapitalistischen Welt hoeren.
Unter den Tausenden und aber Tausenden von Fluechtlingen aus
Sowjetrussland und seinen Satellitenstaaten sind jedoch au; h zahlreiche Seeleute, die trotz der Wachsamkeit ihrer Offiziere"in auslaendischen Haefen von ihren Schiffen desertieiten. Einer von ihnen, ein Estlaender namens Enno Kustin, fluechtete von dem russischen Schiff "Tosno", waehrend es in Vasteras lag. Er berichtete
dem Magazin "Sjomannen", dem Organ der schwedischen Seeleutegewerkschaft, von seinen Erfahrungen, und seine Geschichte wurde im
"Seafarers Log" in USA wiederveroeffentlicht.
Seine Geschichte ist die gleiche wie die von Dutzenden baltischer, russischer und polnischer Seeleute, die in anderen Haefen
ihre Schiffe verlassen haben. Hierzu gehoeren auch die 100 Polen, die im Februar 1949 im Hafen von New York von der "Sobieski"
flohen. Dieser polnische Dampfer verkehrte zwischen Italien und
New York. Die Seeleute hatten in Erfahrung gebracht, dass ihr
Schiff an Sowjetrussland ueberwlesen werden sollte, und sie entkamen, bevor sie in ihre Heimat zurueckgebracht werden sollten. Die
"Sobieski" faehrt nun unter Hammer und Sichel auf dem Schwarzen.
Meer. Diese' polnischen Seeleute sind nun in Amerika sicher, haben
Arbeit gefunden und sich gut eingelebt. Sie sind empoert ueber
das, was sie "den Raub der 'Sobieski* durch Sowjetrussland" nennen. Sie erzaehlen, dass ihr altes Schiff in "Gruzia" umgetauft
wurde und als einer der sechs Luxusdampfer des Schwarzen Meeres,auf denen die Sowjetelite ihre Ferien verbringt, zwischen Odessa
und Batum kreuzt.
Sie besteetigen ebenfalls die Richtigkeit der Aussagen Enno
Kustins. Da in den Sowjetlaendern Seeleutenhoehere Loehne gezahlt
werden als Fabrikarbeitern, ist die Rivalitaet um Arbeitsnlaetze
- 6

�auf Schiffen besonder gross. Um angeheuert werden zu koennen,
muss man zuerst eine Seemannsschule besuchen, berichtet Kustin.
Ausserdem is-t eine schriftliche Empfehlung von drei Parteimitgliedern, ein Zeugnis eines der letzten Arbeitgeber (in diesem Falle
der Leiter eines staatseigenen Betriebes) und eine Bescheinigung
des lokalen Polizeichefs erforderlich. Der Bewerber muss genaue
Auskunft ueber seine Verwandten geben. Diejenigen, die keine
Verwandten im Ausland haben, und deren Eltern in Sowjetrussland
oder Polen leben, werden bevorzugt. Wenn sie dort Frau und Kinder haben, dann sind die Chancen, eine Anstellung zu bekommen,
noch groesser. Die Bewerber werden schliesslich von einer politischen Kommission genau geprueft.
Kustin beendete seine Ausbildung im Jahre 1948 und arbeitete auf verschiedenen Kuestenfahrzeugen. Sohlieselioh gelang es
ihm, einen Pass zu bekommen, und er wurde einem Schiff zugeteilt,
das nach einem schwedischen Hefen fuhr. Er liess sich diese Gelegenheit nicht entgehen und fluechtete. Das war jedoch nioht
leicht. Sowjetische Seeleute duerfen sich an Land nur in Gruppen
bewegen und werden von einem politischen Kommissar streng bewacht.
Dieser wird schwer bestraft, wenn ein Mitglied seiner Mannschaft
entflieht.
Eine Beschaeftigung in der Seesohiffahrt ist besonders begehrt, und zwar nicht nur,weil die Loehne viel hoeher sind als in
den Fabriken, sondern auch weil sie den Gegnern des Regimes eine
Gelegenheit bietet,zu fluechten. Viele Seeleute sind der kommunistischen Partei nur beigetreten, um auf ein Schiff zu kommen
und fliehen zu koennen. Das ist unklug, wie hier lebende Polen
erklaert haben, weil die Gesetze der Vereinigten Staaten und vieler anderer Laender Kommunisten die Einreise versagen.
Als gewoehnlicher Seemann verdiente Kustin im Monat 465 Rubel. Das entspricht einer Kaufkraft von etwa 40 Dollar, dem Wochenverdienst eines ungelernten Arbeiters der niedrigsten Einkommensgruppe in Amerika. Der amerikanische Seemann verdient fttnfmal soviel wie der russische, naemlich 200 und in einigen Faellen
sogar 230 Dollar. Ein Viertel von Kustins Lohn wurde, fuer Einkommensteuer, Gewerkschaftsbeitrag, Staatsanleihen und andere Abgaben abgezogen. Die Abgaben amerikanischer Seeleute fuer vergleichbare Zwecke sind weit geringer.
Der Rubel hat auf dem Weltmarkt keinen Tauschwert, sodass
russische Seeleute ihre Rubel nioht in auslaendische Waehrungen
umwechseln koennen. Dies ist ueberdies nur in den Haefen der sowjetischen Satellitenstaaten erlaubt. Diese Staaten sind gezwungen,
den Rubel zu einem sehr unguenstigen Tausohkurs anzunehmen, der so
festgesetzt ist, dass sowjetische Buerger und die Regierung zu
billigen Preisen einkaufen und zu Athen Preisen verkaufen koennen.
Den Seeleuten werden manchmal kleine Summen der in den angelaufenen
Haefen gueltigen Waehrungen ausgezahlt, damit sie sich bestimmte
Waren kaufen koennen.
Wenn sowjetische Seeleute Landurlaub haben - der nur sehr
sohwer zu bekommen ist - gehen sie an Land, um einzukaufen. In
einer besonderen Liste ist angegeben, welche Gegenstaende gekauft
werden'duerfen. Alle Einkaeufe muessen schriftlich angegeben werden. Nichtangegebene Artikel werden beschlagnahmt. Ein Grund zur
Besohraenkung der Einkaeufe ist darin zu sehen, dass die Kommunisten nicht wuenschen, dass die Seeleute ihren Verwandten in Russland erzaehlen, im Ausland sei alles und zu niedrigen Preisen zu
bekommen. Selbst in den Satellitenstaaten gibt es viel mehr und
viel billigere Waren als in Russland.
- 7

�Der Kapitaen eines Schiffes ist dem politischen Kommissar unterstellt. Der Kommissar ist verantwortlich fuer die politische
Schulung der Mannschaft, fuer die Durchfuehrung des Stachanowsystems
und fuer das Verhalten der Seeleute in auslaendischen Haefen. Zu
seinen Aufgaben gehoert das Einschmuggeln und Verteilen kommunistischer Literatur im Ausland. Er nimmt ausserdem, wie die zahlreichen gefluechteten Seeleute versichern, geheimes "Material in
Empfang, das von russischen Spionen und Angehoerisen der Fuenften
Kolonne gesammelt wurde, und uebermittelt ihnen Anweisungen.
"Auf Gewerkschaftskonferenzen stehen niemals die Arbeltsbedingungen und Löhne zur Debatte," berichtet Kustin. "Es ist gefaehrlich, solche Probleme anzuschneiden oder Beschwerden zu erwaehnen.n Der Kommissar gibt den Mitgliedern Anweisungen, nimmt
Berichte entgegen ueber die, die ihre Arbeitsnormen erfuellt oder
nicht erfuellt haben, und organisiert sogenannte sozialistische
Wettbewerbe. Er ist verpflichtet, die Mannschaft von den Seeleuten und anderen Arbeitern der freien Welt isoliert zu halten, sie
unter Druck zu setzen und bis zum Ende ihrer Kraefte auszubeuten.
All dies erklaert, warum der Lebensstandard der russischen
und polnischen Seeleute zwar hoeher als der der Fabrikarbeiter in
ihrer Heimat, aber niedriger als der der schwedischen und anderer
Seeleute ist, die unter dem Schutz freier Gewerkschaften stehen.
Es erklaert uns, warum russische und polnische Schiffe ihre
Frachtsaetze weit unter denen der Schiffe demokratischer Laender
halten koennen.
News Section, Talks Unit
X/3/50
PRASSIDENT TRüMAN GEGEN TAFT-HARTLEY GESETZ
Praesident Truman erklaerte der 69. Konvention der AFL, dass
die Mitglieder der AFL unbedingt im Recht seien, wenn sie die
Aufhebung des Taft-Hartley Gesetzes forderten. Es folgt der Wortlaut der Botschaft des Praesidenten:
Sehr geehrter Mr. Green,
Uebermitteln Sie bitte den Funktionaeren,
Delegierten und Mitgliedern, die an der 69. Jahreskonvention der
AFL teilnehmen, meine herzlichen Gruesse. Waehrend es mir die
internationale Lage nicht ermoeglicht, ihre Einladung anzunehmen
und zu der Konvention zu sprechen, wuensche ich Ihnen- allen im
Interesse der ihrer Organisation angehoerenden Arbeiter und der
Staedte und Gemeinden von Kueste zu Kueste, denen diese Organisation so rechtschaffen dient, zu dieser Konferenz Erfolg.
Die AFL kann auf eine lange Geschichte zurueckblicken, in
deren Verlauf sie den Arbeitern diente und es ihnen ermoeglichte,
ihren Arbeits- und Lebensstandard in einem so bemerkenswerten
Grade zu verbessern, dass sie damit der Nation als Ganzes einen
grossen Dienst erwiesen hat. Die gemeinsamen Bemuehungen der organisierten Arbeiterschaft zur Erreichung eines Programms der Gesetzgebung., das den Arbeitern, Bauern, der Industrie, den Geldanlegern
und der Oeffentlichkeit zugute kommt, haben mitgeholfen, uns zur
wohlhabendsten und fortgeschrittensten Nation der Weltgeschichte
zu machen.
Seit Ihrer letzten Konvention ist das Sozialversicherungsgesetz von 1935, ein bedeutender Bestandteil unseres vorwaertsstrebenden Gesetzcebungsprogramms, durch den 81. Konpress dadurch ver8 -

�bessert worden, dass die Versicherungsbetraege verdoppelt und
10 Millionen Menschen mehr in das Sozialversicherungssystem einbezogen wurden - einschliesslich derjenigen, deren Versicherungsansprueche durch den 80. Kon(?ress aufgehoben worden waren. Das
Taft-Hartley Gesetz, ein weiteres Werk des 80. Kongresses, ist
jedoch noch in Kraft. Ihre Mitglieder und endere Arbeiterorganisationen sind unbedingt im Recht, wenn sie sich den fuer die Arbeiterschaft ungerechten Bestimmungen dieses Gesetzes widersetzen.
Es muesste, wie ich bereits wiederholt erklaert habe, im Interesse
der arbeitenden Maenner und Frauen, die in ihren auf dieses Ziel
gerichteten Bemuehungen nicht nachlassen, abgeschafft werden.
Inzwischen werden die amerikanischen Arbeiter, dessen bin
ich gewiss, alles daransetzen, um unsere Gesamtproduktion zu steigern, damit wir uns selbst bewaffnen und mithelfen koennen, die
freie Welt zu bewaffnen. Auf diese Weise werden wir den Vereinigten Staaten und den demokratischen Nationen die noetige Macht
verleihen, um dem kommunistischen Imperialismus, der heute die
Welt bedroht, entgegentreten zu koennen.
Unsere Arbeiter werden sich mit der Industrie und den Bauern in der gemeinsamen, amerikanischen Anstrengung vereinigen, um
das zu produzieren, was unsere Streitkraefte und die Vereinten Nationen brauchen, um die- gegenwaertige Weltlage meistern zu koennen. Diese Aufgabe wird noch besser als im zweiten Weltkrieg geloest werden, als wir alle Produktionsrekorde brachen und dadurch
mithalfen, die Gefahr zu bannen, die der Freiheit der freiheitsliebenden Voelker drohte.
Unsere Kapazitaet ist heute noch groesser, die Gefahr droht
noch immer, und wir sind wie immer in unserer Geschichte entschlossen, die amerikanische Lebensweise fuer unsere Kinder und Kindeskinder zu erhalten. Wir werden dies tun, indem wir zusammenarbeiten und die Opfer bereitwillig gemeinsam tragen, damit die Einrichtungen der Demokratie erhalten bleiben, denen wir als Nation
unser Glueck verdanken.
Ihr Harry Truman.
IAO STARTET TECHNISCHES. FILFSPROGRAMM
Die Internationale Arbeitsorganisation hat damit begonnen, im
Rahmen des Programms der Fachorganisationen der Vereinten Netionen fuer die wirtschaftliche Entwicklung unterentwickelter Laender
ihren Mitgliedstaaten technische Unterstuetzung zur Verfuegung zu
stellen.
Der Beitrag der IAO zu-diesem Programm wird von dem Ausschuss
fuer technische Unterstuetzung mit den Arbeiten der 'uebrigen Stellen koordiniert. Dieser Ausschuss wurde auf eine Resolution hin
gebildet, die vom Wirtscheft- und Sozialrat und von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen worden war.
54 Regierungen haben zur Finanzierung dieses Programms bis
zum 31. Dezember 1951 Dienstleistungen im Gesamtwerte von £0 Millionen Dollar zugesagt. Davon werden rund 2 Millionen Dollar der
IAO zugeteilt werden.
Die Unterstuetzung der IAO erstreckt sich auf die Gebiete der
Berufsberatung und Berufsausbildung, Arbeitsvermittlung, Schleusung
von Arbeitskraeften, Arbeitsstatistik, handw rkliche Berufe, Wohlfahrt in der Industrie, Arbeitskontrolle, Arbeitsgesetzgebung, Betriebsklima in der Industrie, Arbeits- und Lebensbedingungen in
- 9-

�der -Landwirtschaft, Sozialversicherung, Gesundheitsschutz und
Gesundheitspflege in der Industrie. Auch bei der Loesung besonderer Probleme in bestimmten Industriezweigen oder Personengruppen wird die IAO helfend eingreifen.
Die technische ünterstuetzung wird durch Millionen geleistet,
die sich aus Sachverstaendigen zusammensetzen, und wird durch
Seminare, Ausbildungsinstitute, Konferenzen fuer den Informationsaustausch und'auf sonstige Art und Weise vervollstaenddgt.
Seit den fruehesten Jahren der Organisation hat die IAO ihren
Mitgliedsstaaten in technischen Fragen helfend zur Seite gestanden. Durch die im Rahmen dieses neuen Programms zur Verfuegung
gestellten Geldmittel haben sich die Moeglichkeiten, diese Arbeit der Organisation auszudehnen, erheblich erweitert.
Zu den Laendern im Verantwortungsbereich der IAO, die um
technische ünterstuetzung ersucht haben, gehoeren Burma, Ceylon,
Kolumbien, Ecuador, Indien, Indonesien, Iran, Israel, Libanon,
Pakistan, Siam und die Tuerkei.
Vorlaeufige Arbeiten.qn einigen der von diesen Laendern vorgeschlagenen Projekte sind von dem Ausschuss fuer technische
ünterstuetzung in die Wege geleitet worden. Einige Projekte werden von der IAO in Zusammenarbeit mit einer oder mehreren anderen
internationalen Organisationen, die an dem Programm beteiligt
sind, ausgefuehrt.
Schritte zur Ausfuehrung eines Abkommens sind unternommen
worden, das verschiedene Formen der technischen ünterstuetzung vorsiehjt und von einer gemeinsamen Mission der UNESCO und IAO, die
vor kurzem Ecuador besuchte, und der Regierung dieses Landes unterzeichnet worden war.
Verschiedene Projekte zur ünterstuetzung der iranischen Regierung bei der Ausfuehrung ihres 7-Jahresplanes werden zur Zeit
ueberpruef t.
Ein von der UNESCO und IAO ernannter technischer Bereter,
wird in Kuerze nach Libanon abreisen, um festzustellen, welche Ünterstuetzung dieses Land auf dem Gebiet der Erziehung, Berufsberatung und Berufsausbildung benoetigt.
Es ist- beschlossen worden, einen oertlichen Repraesentanten
fuer technische ünterstuetzung in Pakistan zu ernennen, der bei
der Abfassung der Gesuche um technische ünterstuetzung und der
Korrdinierung der Unterstuetzungsprogramme der verschiedenen
Teilnehmerorganisationen dieses Landes behilflich ist.
Die UNESCO und die IAO werden gemeinsam eine Mission naoh
Siam schicken, die sich aus vier Experten fuer Erziehung und Beruf sausbildungsfragen zusammensetzt, und die die technische ünterstuetzung dieses Landes bewerkstelligen soll.
ILO News Service
H/I/50
Arnold Beichman, New Yorker Korrespondent des AFL Nachrichtendienstes:
INDIEN BRAUCHT BAUERN UND GEWERKSCHAFTER
Ein staemmiger, laechelnder Irlaender aus iBroaklya 1&amp;% aus
dem Osten zurueckgekommen und berichtete, was in Asien vor sich
10 -

�geht und brachte ein Schock Vorsohlaege, was dort zu tun ist, mit.
Der Ire ist Diok Deverall, der zum St.ab des freien Gewerkschaftskomitees der AFL gehoert und die Aussenposten im Pazifik t
als Gesandter der Arbeiterschaft bereiste. Er kam zurueok, um dem
69. Kongress der AFL in Houston (Texas) von den Dingen zu beriohten, ueber die er sich masslos aergerte, naemlioh - Hollywood-Filme, Gangstergesohichten und Sexualromane.
Deverall erklaerte vor dem Kongress der AFL, dass ein grosser
Teil seiner Arbeit darin bestuende, dem indischen Volk und Jenen
anderen Voelkern klarzumachen, wie das amerikanische Leben in
Wirklichkeit aussieht. Dieser Experte mit dem kurzgeschorenen,
blonden Ha«r sagte dann:
"Hollywood-Filme, Sexualromantl und Gangstergeschichten richten
in Asien heute den groessten Sohaden an. Die Menschen in Asien
muessen unseren Filmen entnehmen, dass kein Amerikaner arbeitet,
und dass er staendig von einem schwarzen Mann bedient wird. Sie
sehen Filme, in denen der weisse Mann auf Indianer - amerikanische Indianer - schiesst, und diese werden immer ueberwunden.
Man legte mir in Indien fortwaehrend die Frage vor, wann wir endlich aufhoeren wuerden, unsere Indianer zu massakrieren . . .
"Die Inder sind Alkoholgegner und wuenschen ein Alkoholverbot. Trotzdem schickt ihnen Hollywood einen Film wie "Das verlorene Wochenende", der in jenem Teil der Welt eine fuerchterliche
Resonanz zur Folge hatte.
"Wenn die angesehene indische Preise ueber die amerikanischen Gangstergeschichten und Sexualromajie berichtet, nennt sie
dies immer einenTeil der Kultur des "Onkel Sham", so ist es recht,
Onkel Sham - sham heisst Schwindel.
"Ein gefaehrlicher Verbrecher wird in der indischen Presse
immer als ein typischer •Chikago-Gangster' bezeichnet. Man stellt
sich in Indien vor, dass es in Amerika keine Armut und keine
Elendsviertel gibt, und dass der Durchschnittsamerikaner nicht
arbeitet.
"Wenn wir ihnen einmal Filme schicken, die ihnen das wirkliche Amerika zeigen sollen, sind es solche wie "Eine Reise mit
Greyhound durch Kalifornien" oder "Eisbrecher im Nordatlantik"
und obendrein noch in englischer Sprache.
"Die Sowjetunion sendet den Indern Filme, in denen das Leben
des kleinen Mannes beschrieben wird, und diese Filme sind nicht
in Russisch, sondern in einer Sprache, die die meisten Inder verstehen, naemlich Hindostani."
Deverall ist 38 Jahre alt und Mitglied der Gewerkschaft der
Bueroangestellten (AFL). In Columbia hat er Technik studiert.
Von 1946 bis 1948 war er Leiter des Bueros fuer Arbeit und Schulung in Japan.
Um sicher zu sein, dass die Uebersetzer seine Reden an die
japanischen Arbeiter nicht entstellten, erlernte er ihre SpJ-ache,
die er nun lesen und schreiben kann.
1949 begann er in Bombay mit seiner Arbeit fuer das Freie
Gewerkschaftskomitee der AFL. Seine Aufgabe war, mit den nichtkommunistischen Gewerkschaftern jenes asiatisch*n Nebenkontinents
Verbindung aufzunehmen und sie davon zu ueberzeugen, dass die amerikanischen Arbeiter weder Wall-Street Agenten noch Kriegstreiber
sind.
- 11 -

�Die der AFL angeschlossenen Gewerkschaften haet.ten in hervorragender '"eise mit ihfci zusammengearbeitet, erklaerte Deverall,
und haetten ihm auf sein Ersuchen hin 50 bzw. 100 Kopien aller
Veroeffentlichungen geschickt - Satzungen, Tarifvertraege, Broschueren, Zeitungen und aehnliches. Mehr als eine Tonne Material amerikanischer Gewerkschaften ist ihm von AFL-Organisationen uebersandt worden; es wurde zur Errichtung von Buechereien
in jedem Gewerkschaftszentrum indischer Staedte verwandt. Auch
die Buechereien der zehn groessten Universitaeten Indiens wurden
mit diesem Material versorgt.
Weiter wurden Broschueren ausgearbeitet, die besonders fuer
die indische Gewerkschaftsbewegung bestimmt und mit allem Verstaendnis fuer die Kulturhoehe des indischen Volkes geschrieben
waren. Er handelt sich um Handbuecher, in denen beschrieben
wird, wie eine Gewerkschaftskonferenz abgehalten werden kann,
dann werden Erlaeuterungen ueber das Tarifverhandlungswesen gegeben, das Betriebsratspystem und die Organisation der Berufs- und
Industriegewerkschaften sind eingehend erklaert.
•"Die Gewerkschaftsbewegung Indiens gewinnt mehr und mehr an
Bedeutung," sagt Deverall. "So ist zum Beispiel das Kastensystem
in diesem Lande ein sehr ernstes Problem, an das nicht geruehrt
werden darf. Innerhalb der Gewerkschaftsbewegung kann man jedoch
bereits Abweichungen von diesem System feststellen.
"Waehrend der Unruhen in Kalkutta im Februar und Maerz waren
es Gewerkschaftsfuehrer aller.Konfessionen, die Moslems und Hindus aufforderten, friedlich und vernuenftig zu sein.
"Wir muessen mehr Durchschnittsamerikaner und zwar Leute
aus dem Volk nach Indien schicken. Je mehr dieser Leute wir dorthin schicken, umso besser ist es fuer unsere Aussenpolitik,
"Leider kommt die koloniale Haltung zahlreicher amerikanischer
Arbeitgeber 'den Kommunisten zustatten. Sie beschaeftigen z.B.
einen Amerikaner und einen ebenso faehigen Inder, ueide verrichten
die gleiche Arbeit, dem Amerikaner werden 1000, dem Inder jedoch
nur 50 Rupien gezahlt.
"i^iese Form der Lohndiskriminierung wird als Beispiel amerikanischer Demokratie hingestellt, um zu zeigen, wie betruegerisch
sie ist. Die asiatischen Voelker hassen geradezu unseren Ausspruch, dass "wir sie retten, wollen", weil er ebenso grosspurig
wie herablassend erscheint.
"Was wir nach Indien schicken muessen, sind Bauern, die die
praktische Arbeit kennen, Experten der Genossenschaften, Leute
aus Kreditinstituten und viele Gewerkschafter. Diese Maenner haetten etwas zu bieten - sie koennten den Indern erklaeren, wie sie
sich selbst helfen koennen, wie man die Arbeitsmethoden in der
Landwirtschaft verbessert, wie man mit den Kreditgebern fertig
wird, die das Volk aussaugen, und wie der Lebensstandard der indischen Arbeiter gehoben werden kann.
"Ich denke, es Ist noch Zeit genug, um dort drueben eine
gute Arbeit zu leisten, und einige Laender wie Malaya, die Philippinen, Indien, Ceylon, Pakistan und Thailand schreien geradezu
nach dieser Form der Hilfe. Geben wir sie ihnen, solange wir die
Moeglichkeit dazu haben."
AFL Weekly News Service
IX/29/50
- 12 -

�LITINGSTON WIDERLEGT KOMMUNISTISCHE VORWUERFE
An alle Vorsitzenden der Lokalgewerkschaften der Automobilarbeitergewerkschaft (CIO) :
"Die kommunistische Partei, kommunistische Veroeffentlichungen und andere, die im Dienst der kommunistischen Partei stehen,
fuehren eine Kampagne, in der sie fortwaehrend eine Erklaerung
falsch auslegen, die ich im Namen der Delegation der Vereinigten
Automobilarbeiter des CIO, die vor kurzem Europa besuchte, abgegeben hatte.
Diese Kampagne der falschen Auslegung soll durch die Entstellung von Tatsachen und durch die absichtliche Uebergehung
anderer Euch und die Oeffentlichkeit zu dem Glauben bringen, dass
Eure Delegation den Marshall Plan und das Europaeische Wia deraufbauprogramm fuer fehlgeschlagen ansieht.
Nichts ist der Wahrheit ferner als diese Behauptung. Kit
den anderen Fuehrern und Mitgliedern der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO haben wir die Grundprinzipien des Marshall Planes
und des Europaeisehen "Wiederaufbauprogramms unterstuetzt und
werden es auch weiterhin tun. Wir wuenschen, dass das Volk der
Vereinigten Staaten auch in Zukunft durch seine Regierung die
notwendigen Geldmittel bereitstellen laesst, um den im Krieg
verarmten Wirtschaften Europas auf die Beine zu helfen und ihren
Voelkern zu zeigen, dass demokratische Einrichtungen fuer die
Wohlfahrt aller Menschen arbeiten koennen.
Der grundlegende Unterschied zwischen dem Grundsatz der
Automobilarbeitergewerkschaft und dem der kommunistischen ^artei
und ihrer Verbuendeten besteht darin, dass wir wuenschen, dass
der Marshall Plan so arbeitet, wie es beabsichtigt war, waehrend
die Kommunisten ihn zum Scheitern bringen wollen.
Wir uebten in dem vollen Bewusstsein Kritik, dass die Kommunisten versuchen wuerden, diese Kritik zur Rechtfertigung ihres
Standpunktes zu gebrauchen. Kritik musste jedoch geuebt werden.
Der Kommunismus kann niemals die Herzen, Seelen und die Treue
der europaeischen Arbeiter gewinnen, wenn sie nicht infolge eines
Versagens der Demokratie dieser schrecklichen Alternative in
die Arme getrieben werden. Die Arbeiter koennen ihre Familien
nicht mit Schlagworten ueber Freiheit ernaehren. Die Arbeiter
werden nicht durch verlogene Propaganda der kommuni3tischen°Versklavung zum Opfer fallen, wenn sie wissen, dass sie in der Demokratie beides, Brot und Freiheit, haben koennen.
Wir von der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO bestehen
darauf, dass die Marshall-Plan-Hilfsmittel fuer diesen Zweck verwendet werden, und wir bereiten diesbezuegliche Vorschlaege an
die zustaendigen Behoerden unserer Regierung vor, die, wenn sie
angenommen werden, die vom amerikanischen Volk zur Verfuegung gestellten Geld- und Hilfsmittel zu einem maechtigen Werkzeug zur
Erreichung dieses Zieles machen werden.
Diejenigen Leute in unserem Lande und in Europa, die dafuer
verantwortlich sind, dass die aus dem Wiederaufbau entstehenden
Gewinne nicht dem europaeischen Arbeiter zugutekommen, sind die
besten Verbuendeten des Kommunismus. Wir, die wir ein besseres
Leben und einen hoeheren Lebensstandard fuer die Arbeiter der
ganzen Welt wuenschen, sind Feinde des Kommunismus. Und die Kommunisten wissen das.
- 13

�Wir haben bereits gesagt, und wir sagen es erneut, dass die
Arbeiter in EuroDa nicht ihren gerechten Anteil an den Gewinnen
erhalten, waehrend sich die Profite der Industriellen staendig
mehren. Dies muss aufhoeren. Ss darf nicht zugegeben werden,
dass der Kommunismus aus Hunger und Armut Nutzen zieht, um sein
totalitaeres Regime ueber die Voelker Europas auszubreiten.
Mit kollegialem Gruss
Euer
John W. Livingston
Internationaler Vizevorsitzender
DIE AUSSMPOLITIK DER AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTEN
Die amerikanischen Gewerkschaften, insbesondere die AFL, haben die Aussenpolitik der amerikanischen Regierung scharf kritisiert. Diese Kritik bezog sich vor allem auf die Vorgaenge im
Fernen Osten. Umso staerker begruessten es die Gewerkschaften,
dass in der amerikanischen Aussenpolitik eine entscheidende Wendung zu verzeichnen ist, die sich dem Standpunkt der Gewerkschaften
genaehert hat und die Vorgaenge im Fernen Osten jetzt staerker unter dem Blickwinkel des dortigen Arbeiters betrachtet.
In einem Rundfunkinterview wies der stellvertretende Vorsitzende der amerikanischen Foederation der Arbeit, kurz AFL genannt,
auf die beiden grundlegenden Prinzipien hin, die die amerikanische
Aussenpolitik zu beachten hat. Einmal darf die Regierung der Vereinigten Staaten keinerlei imperialistische Neigungen in irgend
einer Form an den Tag legen, zum anderen muss sie jenen Laendern,
die sich in wirtschaftlichen Noeten befinden, eine staendige und
zunehmende Hilfe zur Verfuegung stellen. Nur in dieser Form koennen die Gefahren beseitigt werden, die durch die kommunistische
Aggression entstehen. Der Aufbau einer freien Gewerkschaftsbewegung ist das staerkste Bollwerk fuer eine demokratische Entwicklung und bedeutet zugleich eine Steigerung des Lebensstandards.
Wenn auf der anderen Seite die Vereinten Nationen ihren Prinzipien
treu bleiben und jeden Missbrauch ausschliessen, so formen sie eine
sichere und entschlossene Abwehr geg'3n jegliche Aggression. Natuerlich muessen auch Agrarreformen und soziale Fortschritte vorangetrieben werden, um jene Ungerechtigkeiten abzuschaffen, auf die
kommunistische Kreise 'immer wieder hinweisen. Im Vordergrund muss
aber eine festere Einigkeit aller freien Voelker stehen.
Wirtschaftlicher Fortschritt, militaerische Staerke und politische Einigkeit, das sind die drei Grundprinzipien, zu denen sich
die amerikanischen Gewerkschaften bekennen.
Die Vorschlaege, die die lahreskonvention der AFL in dieser
Richtung macht, sind dazu bestimmt, die Voraussetzung zu staerken,
so dass auch in militaerischer Hinsicht durch die Sowjets keinerlei Aggressionen mehr moeglich sind.
Wir fordern die amerikanische Regierung auf, die amerikanische
Delegation im Rat der Vereinten Nationen zu veranlassen, eine Deklaration der Rechte und Pflichten der Mitgliedsstaaten zu erlassen.
In dieser Deklaration muss zum Ausdruck kommen, dass die Vorbereitungen, die Organisierung und die Unterstüetzung sogenannter "Buergerkriege" und Unruhen durch irgend einen Staat in Gebiet eines
anderen Staates als ungesetzlich erklaert wird. Um solche Massnahmen durchzufuehren, fordern die amerikanischen Gewerkschaften die
Einrichtung einer staennigen Kommission der Vereinten Nationen, die
- 14 -

�beauftragt wird, derartige Beschwerden im Augenblick und sofort zu
behandeln und gleichzeitig geeignete Schritte zu unternehmen, um
solche Verletzungen des Friedens zu verhindern. Aus diesem Grunde
richtet die AFL an alle Gewerkschaften, die dem Internationalen
Gewerkschaftsbund angeschlossen sind, die Bitte, eine gleiche Forderung ihren Regierungen vorzulegen, um zu veranlassen, dass die
einzelnen Delegationen der Vereinten Notionen den Vorschlag unterstuetzen.
Die Kominform und der Weltgewerkschaftsbund haben nicht nur
die bewaffnete Aggression in Korea durchgefuehrt, sie fuehren darueber hinaus eine systematische Sabotage der Vereinten Nationen
durch. Es sei nur an die zersetzenden politischen Streiks in den
verschiedenen Laendern erinnert, an die Gewalttaetigkeiten in Indien, an den Buergerkrieg in Indo-China, an die Propagandawellen
in Asien und Afrika, die einen Rassenhass heraufbeschwoeren, die
Wirtschaftssabotage in Gross-Britannien, Westdeutschland, Frankfeich und Italien, die militaristischen Drohungen in Persien, die
Verfolgung der Gewerkschaften, der Kirchen und unablaessige gesetzwidrige Vorgaenge in den Satellitenstaaten, und schliesslich
eine weltweite Verleumdungskampagne gegen das amerikanische Volk.
Diese Aktionen der Kominform und des Weltgewerkschaftsbundes haben
im Grunde alle den gleichen Zweck. Sie dienen der von Moskau befohlenen Eroberungssucht und Weltherrschaftsgeluesten und schliesslich der Unterwerfung der gesamten Menschheit unter die Sklaverei
des kommunistischen TotalitärIsmus. Es bedarf keiner besonderen
Begruendungen, dass diesen Bemuehungen ein Ende gesetzt werden muss.
Beim Ausbruch des Korea-Konfliktes haben alle friedliebenden
Nationen, die in den Vereinten Nationen zusammengeschlossen sind,
den Entschluss gefasst, diese Verletzungen des Friedens mit allen
Mitteln zurueckzuweisen. Die freien Voelker Asiens haben zum
ersten Mal gemeinsam mit den demokratischen Staaten der uebrigen
Welt ein Verteidigungsprogramm angenommen, das alle teilhabenden
Voelker ohne Ruecksicht auf Glauben oder Rasse in gleicher Weise
beschuetzen soll, um ihnen allen eine aehnliche Sicherheit zu geben, wie sie fuer das freie Europa durch den Atlantikpakt garantiert wird.
Die AFL begruesst auch aus diesem Grunde die schnelle und
nachdrueckliche Hilfeleistung, die im Rahmen des Truman-4-PunkteProgramras allen jenen Gebieten zugute kommt, die in industrieller
Beziehung zurueckgeblieben sind und deren Wirtschaft sich mit entsnrechenden Hilfsmassnahmen in betraechtlichem Masse weiterentwickeln Hesse. Die amerikanischen Gewerkschaften sind der Meinung,
dass dieses Wirtschaftsprogramm weitergefuehrt werden sollte auf
einer Basis, die jenen Laendern auch moderne Schulen und Erziehung,
Kultur und Gesundheitsfuersorge, Sozialnassnahmen und Berufsausbildung zugute kommen laesst. Gleichzeitig muessen hier die Rechte
der Arbeiterschaft gesichert und der Lebensstandard erhoeht werden.
Bei
der Ausarbeitung dieses Programms sollten fortschrittliche
ü
ersoenlichkeiten der einzelnen Laender einschliesslich der Gewerkschaf tsfuehrer herzugezogen werden, damit in jedem Lande eigene
und geeignete Stimmen zu Wort kommen, um bei der Planung dieser
Massnahmen und ihrer Durchfuehrung zu helfen.
Als Beispiel sei hier erwaehnt, dass die Vereinten Nationen
nicht nur die Unabhaengigkeit und die Einheit der Republik Korea
garantieren sollen, sondern auch alles daransetzen muessen, um
das durch den Krieg verwuestete Land wieder aufzubauen und damit
zugleich den guten Willen der friedliebenden Nationen demonstrieren.
Im Rahmen des Marshall-Plans spielt die Gewerkschaftsbewegung
bereits eine staendig wachsende Rolle. Die gleichen Prinzioien der
•wirtschaftlichen Hilfe muessen auch auf Asien, Afrika und Latein- 15 -

�Amerika angewendet werden. Dabei muss jedoch vorausgesetzt werden,
dass bei der Festlegung dieser Politik und bei der verwaltungsaaessigen Durchfuehrung dieser Hilfsmassnahmen die Gewerkschaften
ein gleichberechtigter Partner neben der Regierung und dem Unternehmertun sein mflsser.
Der Internationale Gewerkschaftsbund hat bereits ein weitreichendes Programm ausgearbeitet, um freie Gewerkschaftsbewegungen
in diesen Gebieten zu entwickeln und zu festigen. Die Gewerkschaften sind nicht nur das beste Bollwerk gegen den Totalitarismus; ihre
Arbeit ist ebenso wichtig, um den Lebensstandard der Massen zu steigern, die heute in Not und Elend darben. Der Internationale Gewerkschaftsbund will bei diesem unblutigen Krieg gegen Armut, Ungerechtigkeit und Unsicherheit in der vorderstan Frontlinie kaemnfen, damit auch dort der Kommunismus nicht mehr gedeihen kann.
Die AFL haelt es hierbei fuer bedauerlich, dass diese wirtschaftliche Hilfe nicht auch auf China ausgedehnt wird, denn hier
ist die Regierung durch auslaendische Intrigen und militaerische
Interventionen an die Macht gekommen. Um so nachdruecklicher mues3en sich daher die Gewerkschaften fuer den wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt in jenen Laendern einsetzen, in denen die Demokratie gegen den Totalitarismus verteidigt werden muss. Ss ist
deshalb auch erforderlich, dass die Gewerkschaften aller Laender
einen Druck auf ihre Regierung ausueben, um endlich die Friedensvertraege mit Westdeutschland und Japan zu unterzeichnen und gleichzeitig den ungerechten Vertrag beseitigen, den Italien kurz nach Beendigung des II. Weltkrieges annehmen musste. Es ist weiterhin unbedingt notwendig, kollektive Sicherheitsmassnahmen zu schaffen, indem die gesamte Arbeitskraft der freien Welt mobilisiert wird und
eine machtvolle Verteidigungsmaschinerie aufgebaut wird, die von
vornherein jeden Aggressor entmutigen muss. Durch diese Massnahmen
fuer die Sicherung des Friedens wird jede Aggression von vornherein
unzweckmaessig. Westdeutschland ist ein entscheidender Teil der
wirtschaftlichen und politischen Einheit Westeuropas. Das deutsche
Volk sollte seine volle Souveraenitaet wiedererhalten und als Gleicher unter Gleichen im Kreis der freien Nationen behandelt werden.
Die Deutschen sollten veranlasst werden, ihren Anteil an der Verantwortung zu tragen, dem Totalitarismus zu widerstehen. Aber
ebenso ollten sie sich auch aller Vorteile einer kollektiven Sicherheit erfreuen.
Bisher haben die sowjetischen Delegierten in den Vereinten Kationen das Vetorecht 45mal benutzt, um Entscheidungen unwirksam zu
machen. Die AFL setzt sich deshalb dafuor ein, dass die Vereinten
Nationen eine Sonderkommlasion gruenden, die eine Revision der
Grundsaetze vorbereitet und gleichzeitig Vorbereitungen trifft, um
eine staendige Sicherheitsstreitkraft zu schaffen. Natuerlich
muessen dabei die Prinzipien geaendert werden, die das Vetorecht
betreffen. Denn nur dadurch koennen jene unangenehmen Erfahrungen
der Vergangenheit beseitigt werden und fuer die Zukunft ein besseres
und schnelleres Funktionieren der Vereinten Nationen zugunsten der
ihr angeschlossenen Laender sicherstellen.
Das Volk in Korea hat eine harte Lehre kennengelernt. Y'aehrend
die Kommunisten dort herrliche Versprechungen machten, beweist heute
ihre abgrundtiefe Niedortracht, dass sie Luegner und Heuchler sind.
Die Arbeiter Ost-Suropas und der Sowjet-Union haben diese Lektion
schon laengst hinter sich. Die amerikanischen Arbeiter blicken mit
ihnen in die Zukunft, 3ie wissen, dass diese Voelker sich nach der
Stunde der Befreiung sehnen, nach der Stunde, in der wieder freie
Gewerkschaften im Geists wirklicher Internationalitaet gegruendet
werden koennen. Nur auf diesem Weg koennen die Arbeiter der ganzen
Welt ihrem Ziel entgegen gehen: Dem Frieden und dem Wohlstand in
Freiheit.
AFL-Rundfunksendung
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 34

Frankfurt, 27. Oktober 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Der blutige Weg der Kommunisten Italiens - - -

1

Oesterreichische Gewerkschafter berichten
von Amerika - - - - - - - - - - - - - - - -

3

Oldenbroek begruendet die Politik des IBFG - -

5

Hie internationale Transportarbeiterfoederation
zum Marshall-Plan - - - - - - - - - - - - -

e

Die Gewerkschaftsbewegung ist ihrer Aufgabe
gewachsen - - - - - - - - - - - - - - - - -

12

Methoden und Verfahren der Beschaeftigungssicherheit - - - - - - - - _ - - _ _ - _ _

15

DER BLUTIGE WEG DER KOMMUNISTEN ITALIENS
M

Ein Kommunist," schrieb Lenin, "muss bereit sein, jedes
Opfer zu bringen, und darf, wenn noetig, vor keiner Verschwoerung und keiner List zurueckschreoken, er muss illegale Methoden
anwenden und die Wahrheit verbergen, wenn es darum geht, in die
Gewerkschaften einzudringen, darin zu bleiben und in ihnen
revolutionaer zu wirken.1*
Was diese "Verschwoerungen, Listen und illegalen Methoden"
fuer die freien Arbeiter in Wirklichkeit bedeuten, ist erneut

- 1

�in einem Weissbuch des italienischen Gewerkschaftsbundes CISL
aufgedeckt worden.
Mehr als 50 Faelle kommunistischer Gewalttaetigkeiten gegen
freie Gewerkschaftsmitglieder sind in dieser grausigen Liste
aufgefuehrt, die der Konvention der AFL unlaengst vorgelegt wurde. Zwei italienische Gewerkschafter, Enrico Parri und Luigi
Morelli, erklaerten den Amerikanern, dass die italienischen
Kommunisten "einen Krieg des Terrors fuehrten, wie er in der
Geschichte der Gewerkschaften ohne Beispiel sei. Er sei durch
jede Art der Gevalttaetigkeit, von der unglaublichsten Misrhandlung bis zum vorsaetzlichen und kaltbluetigen Mord gekennzeichnet.
In dem Dokument wird ebenfalls die kommunistische Methode
angeprangert, Unruhen anzustifen und dann die Opfer als Maertyrer zu preisen.
Medina, eine Stadt in der Poebene, war der Schauplatz einer
solchen Unruhe. Im Januar vorigen Jahres organisierten die
kommunistischen Fuehrer einen Demonstrationszug, den sie in einen
Aufstand umwandelten, bei dem sechs Arbeiter getoetet wurden.
Zwei Tage spaeter riefen sie einen Streik Im ganzen Lande
aus, leiteten eine Kampagne zur Unterstuetzung der Witwen und
Waisen dieser Opfer ein und brachten in einer Sammlung 40,000
Dollar zusammen. Sechs Monate spaeter wurde ein Ortsfunktionaer
des kommunistisch beherrschten italienischen allgemeinen Gewerkschaftsbundes (CGIL) wegen missbraeuchlioher Verwendung dieses
Geldes verhaftet. Man stellte fest, dass die Familien der Getoeteten weniger als 10,000 Dollar erhalten hatten. Der Rest war
dem CGIL und der kommunistischen Partei zugeflossen.
Dies ist nur ein Beispiel aus diesem Weissbuoh. Die Kommunisten suchten auf dem Lande, in den Fabriken und Doerfern die
aktivsten Mitglieder der freien Gewerkschaften aus, um sie zu
misshandeln oder zu ermorden.
So starb Guiseppe Fanin mit 24 Jahren. Auf einer Farm geboren und grossgezogen, promovierte er an der Universitaet Bologna
und hatte die Absicht, die Bauern zu organisieren. Er schloss
sich der freien Gewerkschaftsbewegung an. Die Bauern hoerten
ihm interessiert zu, wenn er von der Demokratie spraoh. Als er
vor zwei Jahren am Abend des 4. November mit dem Rad nach Hause
fuhr, wurde er von vier Maennern ueberfallen und starb wenige
Stunden spaeter. Drei Wochen danach bekannten sich vier kommunistische Funktionaere zu dieser Tat.
Dies ereignete sich in dem Bezirk Bologna-Emilia - der
"roten Hochburg". Parri und Morelli nennen diesen Bezirk eine
"blutgetraenkte Gegend". Und dies hat seinen Grund.
Sechs Landarbeiter wurden von einer lOOkoepfigen Menge geschlagen und gezwungen, ihre Arbeitsplaetze zu verlassen. Ein
Arbeiter und seine Frau, eine werdende Mutter, wurden gesteinigt
und misshandelt. Zwei Maenner wurden von 120 Demonstranten gezwungen, ihre Arbeit auf dem Lande aufzugeben. Zehn Landarbeiter
wurden von den Feldern vertrieben, ein anderer Arbeiter wurde
von sechs Maennern ueberfallen. Bei einem Ueberfall einer Bande
von tausend Kommunisten auf 35 Erntearbeiter wurden zwei Frauen
schwer misshandelt. Vier Maenner wurden auf dem Wege zur Arbeit
entfuehrt. Ein anderer, der mit Landaufbesserungsarbeiten beschaeftigt war, wurde gesteinigt und musste zwoelf Tage im Krankenhaus behandelt werden.
- 2 -

�In allen Faellen wurden diese Untaten veruebt, weil die Betreffenden Mitglieder freier Gewerkschaften waren.
Die Liste hoert jedoch hier nooh nicht auf. Im gleichen Gebiet wurde ein Bauer von neun Maennern verpruegelt, weil er freie
Gewerkschafter beschaeftigt hatte. Der Sekretaer einer Gewerkschaft wurde geschlagen und beinahe gelyncht. Der Wald eines
Bauern, in dem Mitglieder der freien Gewerkschaftsbewegung als
Holzfaeller arbeiteten, wurde besetzt und zerstoert. Die Bueros
des CISL in Mesola wurden voellig vernichtet.
Dieses Regime des Terrors, das von den beiden Gewerkschaftern als eine "ernste Gefahr fuer die Organisation der freien Gewerkschaften bezeichnet wird," hat zur Folge, dass die Arbeiter
davor zurueckschrecken, sich und ihre Familien derartigen Gewelttaetigkeiten auszusetzen, in denen die Kommunisten so gute
Meister sind.
Und doch trotzen freie Arbeiter immer wieder dieser Gefahr.
Das beweisen die Vorfaelle in dem Gebiet von Bologna-Emilia, von
denen in ganz Italien erzaehlt wird.
Piemont, eine Winternacht vor zwei Jahren:
Luigi Leonarduzzi, ein Vertreter der freien Gewerkschaften,
begab sich zu einer Konferenz des Komitees fuer Arbeitslosenunterstuetzung. Er wurde ueberfallen und schwer verletzt. Im Fruehjahr 1949 arbeitete Maria Vincenti in einem Geschaeft, in dem
freie Gewerkschafter zugelassen waren. Sie wurde ueberfallen und
sohwer verletzt. Im Fruehjahr des folgenden Jahres folgte
Giovanni Arrigoni, ein Freiheitskaempfer waehrend des Krieges,
nicht dem Befehl kommunistischer Demonstranten, seine Arbeit in
einer Saegemuehle niederzulegen. Er wurde verletzt.
Lombardei, Ende des Jahres 1948: Das Buero des Bezirksvorstandes des CISL wird durch eine Bombe zerstoert. Fruehjahr
1949: Ein Mann wird vor den Toren seiner Arbeitsstaette niedergeschlagen. Mai dieses Jahres: Ein Gewerkschaftsdelegierter, der
bei der Besprechung eines Problems von allgemeinem Interesse eine
Meinung vertritt, die den Kommunisten nicht gefaellt, wird von
drei Maennern misshandelt. Im gleichen Monat des gleichen Jahres:
Fuenf Gewerksohafterinnen werden von einer bewaffneten Bande angegriffen.
In ganz Italien nichts als Gewalttaetigkeiten, wo immer man
der kommunistischen Linie nicht folgt und das demokratische Gewerkschaftswesen unterstuetzt. In ganz Italien sind es dennoch
nur wenige Leute, die die gewalttaetige Lehre des stalinistischen
Kommunismus dem friedlichen Dienst an der Sache der italienischen
Arbeiter voranstellen.
Arbeitsmitteilungen der ECA
1/11/50
OESTERREICHISCHE GEWERKSCHAFTER BERICHTEN VON AMERIKA
Sechs oesterreichische Gewerkschaftsfuehrer kehrten von einer
Reise nach den Vereinigten Staaten zurueck und erklaerten, dass
der Marshallplan der Faktor ::r. 1 im wirtschaftlichen Wiederaufbauprogranm ihres Landes sei, dass die Zukunft Jedoch in den Haenden der Oesterreicher selbst laege.
Sie sagten, sie "kaemen zurueck, um sich fuer die Schaffung
der Vereinigten Staaten von Europa einzusetzen. Wenn Europa das
- 3-

�langersehnte Ziel des Wohlstandes erreichen soll, muessen die
bestehenden nationalen Grenzen verschwinden. Dies ist die Hoffnung Oesterreichs und aller europaeischen Laender."
Die Gruppe kam gerade von einer sechswoechigen Reise zurueck, die sie zum Studium des Gewerkschaftswesens und der Produktivitaetsmethoden in den Vereinigten Staaten und der Schirmherrschaft des Marshallplanes unternommen hatte.
"Ein Amerikaner fragte mich, wie es in Europa aussieht,"
erklaerte Plus Schneeberger, der Vorsitzende der oesterreichischen Land- und Forstarbeiter-Gewerkschaft. "Ich sagte ihm, er
solle sich die 48 Staaten der USA als getrennte nationalistische
Laender vorstellen, dann wuerde er unsere Probleme kennen."
Die Gruppe war der Auffassung, dass die Vereinigten Staaten die
volle Bedeutung des Wortes Zusammenarbeit erkannt haben.
Die Besucher wurden in Le Havre von Vertretern der bedeutenden franzoesischen freien Gewerkschaften, der "Force Ouvriere",
der Christlichen Arbeitergewerkschaft und des Vorarbeiter-Verbandes bei ihrer Ankunft in Europa gerade in dem Zeitpunkt begruesst,
als der kommunistische Versuch, Oesterreich in einen Generalstreik zu stuerzen, klaeglich gescheitert war.
Die Gruppe erklaerte, dass sie mit der gegenwaertigen Lage
nicht vertraut sei, dass sich aehnliche Vorfaelle Jedoch in jedem
Jahre so sicher "wie der Herbst" wiederholten. Die grosse Mehrheit der oesterreiohischen Gewerkschafter, einschliesslich derer,
die in der Sowjet-Zone wohnen, steht nicht unter dem Einfluss
der Kommunisten. Selbst in Industrien, die sich in russischem
Besitz befinden, gibt es Betriebe, in denen nicht mehr als 20%
der Belegschaft kommunistischen Gewerkschaften angehoeren. Die
Oesterreicher wissen nur zu gut, dass ihr Land unter der Herrschaft der Kommunisten zu einem Satellitenstaat werden wuerde.
Sie sind der Auffassung, dass die oesterreiohischen Kommunisten
von Oesterreich selbst in Schach gehalten werden koennen, wenn sie
nicht von einer Fremdmacht direkt unterstuetzt werden.
Die Oesterreicher berichteten, dass sie ein wirkliches Freundschaftsverhaeltnis zwischen der amerikanischen und ihren eigenen
freien Gewerkschaften festgestellt haetten. "Wir waren erstaunt
darueber," sagten sie, "dass amerikanische GewerkschaftsOrganisationen, die sich mit eigenen Problemen zu beschaeftigen haben, so
sehr an der gegenwaertigen Weltlage interessiert und sich ihrer
internationalen Verantwortlichkeiten vollauf bewusst sind. Wir
kommen mit dem Bewusstsein zurueck, dass wir jenseits des Ozeans
wirkliche Brueder besitzen, deren Freundschaft nicht nur in schoenen Worten besteht."
Die Gewerkschaftsfuehrer kamen mit einem gefestigten Glauben
an die Lebensweise der westlichen Welt aus Amerika zurueck, wo sie
sahen, wie die organisierte Arbeiterschaft schnell zu einem maechtigen demokratischen Bollwerk einer freien Gemeinschaft werden kann.
Ignaz Koock, der selbst in der russischen Zone beheimatet und
Sekretaer des bundesstaatlichen Sekretariats des Gewerkschaftsbundes ist, zeigte an Hand eines Beispiels, wie frei die amerikanische Lebensgemeinschaft ist: "Wenn ich hierfuer niemals einen
Beweis hatte, so erhielt ich ihn, als ich eine Teitilfabrik in
Tennessee besuchte, wo von 1300 Arbeitern nur ein einziger nicht
Gewerkschaftsmitglied war und niemand versuchte, ihn zum Eintritt
in die Gewerkschaft zu zwingen. Das ist wahre Demokratie!"

- 4 -

�Die oesterreichischen Besucher reisten von New York nach
Chikago und dann in den Sueden bis nach Texas und waren begeistert ueber die umfassenden Erziehungsprogramme der amerikanischen
Gewerkschaften, die sie fuer ihre Mitglieder durchfuehren. Als
direktes Ergebnis hiervon seien sich die amerikanischen Gewerkschafter nicht nur der Vorteile einer hohen Produktionsleistung
bewusst, sondern in vielen Faellen sei es die Gewerkschaft selbst,
die bei der Rationalisierung der Produktion zur Erreichung hoher
Produktivitaetsziele eine bedeutende Rolle spiele.
Ihre Eindruecke umfassend erklaerten die oesterreichischen
Gewerkschaftsfuehrer, dass nichts vollkommen sei, und auch das amerikanische System gewisse Fehler enthalte. "Diese stehen jedoch
in keinem Verhaeltnis zu den bereits erzielten Erfolgen."
Die Mitglieder der oesterreichischen Besuchergruppe waren:
Pius Schneeberger, Ignaz Koock, Edmund Holzfeind, der Zentralsekretaer der Post- und Telegraphenarbeiter, Leopold Wolff als Vertreter der Chemiearbeiter, Edmund Hofeck, Vize-Praesident der
Arbeitskammer und Fritz Matzner, der Landeshauptmann der Provinz
Steiermark und Fuehrer der dortigen Gewerkschaftsbewegung.
Arbeitsmitteilungen der ECA
X/10/50
OLDENBROEK ÜEGRUENDET DIE POLITIK DES IBFG
J. H. Oldenbroek, der Generalsekretaer des Internationalen
Bundes Freier Gewerkschaften, hat eine ausfuehrliche Erklaerung
abgegeben, warum die freien Arbeiter die Aggression in Nord-Korea
und andere folgenschwere Handlungen des Kominform, wie die Bewaffnung Albaniens an der jugoslawischen Grenze, ablehnen.
Oldenbroek ueberbrachte der 82. Jahreskonferenz des britischen Gewerkschaftskongresses die Gruesse der 50 Millionen Mitglieder des IBFG und wies erneut darauf hin, dass diese Organisation die Verteidigungsmassnehmen der Vereinten Nationen in Korea
und den Marshall-Plan unterstuetzt.
Er berichtete ausserdem von der zunehmenden Staerke des
IBFG in seinem weltweiten Konkurrenzkampf mit der kommunistischen
Marionettenorganisation, dem Weltgewerkschaftsbund. Er ist der
Auffassung, dass die Hauptaufgabe in Korea in der Loesung der
Frage besteht, ob eine Aggression gegen die Vereinten Nationen
unbeantwortet bleiben soll oder nicht.
"Es geht nicht um die Frage, welche Art von Regierung in
Suedkorea bestand," sagt Oldenbroek. "Diese Regierung wurde in
geheimer Wahl unter Aufsicht der Kommission der Vereinten Nationen fuer Korea gewaehlt, die von den Kommunisten daran gehindert
wurde, freie Wahlen in Nordkorea abzuhalten."
"Die Aggression ist es, die die freien Arbeiter verwerfen,"
erklaerte er. "Wir sind grundsaetzlich gegen eine Aggression,
und wir lehnen sie ausserdem ab, weil sie zu einem neuen Krieg
fuehren kann. Aus diesem Grunde befuerworten wir die Massnahmen
der Vereinten Nationen. In den Panzerschränken des Kominform
liegen Plaene bereit, und in einer Reihe von Laendern hegen die
Menschen die Befuerchtung, dass sie als naechste an der Reihe sein
koennten."

- 5 -

�"Wenn die Aggression gegen Korea erfolgreich verlaufen waere,
was waere dann aus Finnland, Jugoslawien, Persien, der Tuerkei
und Oesterreich geworden?" fragte der Gewerkschaftsfuehrer. "Denken wir einmal an Oesterreich mit seiner wohlorganisierten und
starken Gewerkschaftsbewegung. Wer verhindert den Abschluss
eines Staatsvertrages mit Oesterreich? Niemand anderes als die
Sowjetunion."
"Was Jugoslawien betrifft, so moechte ich nicht Fuersprecher
dieses Staates sein, aber ich moechte auch nicht, dass er das
Opfer einer Aggression wird. Und dann stelle ich an dieser Stelle die Frage, warum Waffen und Munition mit polnischen Schiffen
von Gdingen und anderen Haefen nach Albanien transportiert werden, das von russischen, polnischen und anderen Statthaltern beherrscht wird?"
Auf die kommunistischen Friedensappelle bezugnehmend, in
denen die demokratischen Laender aufgefordert werden, ihre Atomwaffen sofort zu zerstoeren, sagte Oldenbroek: "Die Atombombe,
Wasserstoffbombe oder sonstige Bomben und Waffen duerften natuerlich nicht zur Anwendung kommen. Dies ist jedoch nur moeglich,
wenn eine internationale Kontrolle ausgeuebt werden kann. Die
Vorschlaege der westlichen Welt zur Durchfuehrung einer internationalen Kontrolle sind in den Vereinten Nationen von der Sowjetunion abgelehnt worden."
"Ausser dem Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse kennen wir jedoch auch den Missbrauch des menschlichen Gehirns fuer
verwerfliche Zwecke, wie ich die angewandte Psychologie bezeichnen moechte. Man will den Menschen durch Einh'aemmern zu jeder
Stunde bei Tag und bei Nacht glauben machen, dass die Amerikaner
dieEindringlinge in Korea sind. Es Ist die gleiche endlose Beschuldigung, die man auch gegen Jugoslawien richtet, das den Mut
hatte, sich dem Kominform zu widersetzen. Es ist der Aufruf des
Weltgewerkschaftsbundes an die Arbeiter der Post und des Rundfunks in allen Laendern, dass sie sich weigern sollen, jegliches
Material, das die Haltung der Sowjetregierung kritisiert, weiterzuleiten."
"Und dabei ist das Recht der freien Rede und der Pressefreiheit im Programm des W.G.B. verankert.' Die Kommunisten fordern
jeden auf, zu streiken und vor allem sich an Generalstreiks zu
beteiligen. In ihren eigenen Laendern jedoch haben sie das Streikrecht abgeschafft. Sie erheben somit den Betrug zur hoechsten
Tugend." In Bezug auf den kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund erklaerte Oldenbroek ausserdem, dass es zwar keine
Moeglichkeit gaebe, die Taetigkeiten der Kommunisten hinter dem
Eisernen Vorhang zu pruefen, ihre Behauptung Jedoch, in Frankreich
fuenf Millionen und in Italien fuenfeinhalb Millionen Mitglieder
zu besitzen, 'vollkommen unsinnig' sei.
Im Gegensatz hierzu steige die Mitgliederzahl des IBFG staendig an, und bis zum Kongress im naechsten Jahre wuerde sich die
Zahl der Mitgliederstaaten von 50 auf 60 erhoeht haben, was eine
Zunahme um mehrere Millionen der gegenwaertigen Mitgliederzahl
von 50 Millionen zur Folge haben wird.
Oldenbroek wies auf das wachsende Interesse und die Machtstellung des IBFG in Asien und Latein-Amerika hin, wo der Weltgewerkschaftsbund nach der Herrschaft strebte. In diesen Gebieten
muesse die Arbeit des IBFG dezentralisiert werden. Regionale
Kommissionen werden es ermoeglichen, die allgemeine Politik des
IBFG so durchzufuehren, wie es die Menschen der betreffenden Ge-

�biete in besserer Kenntnis der lokalen Verhaeltnisse als am guenstigsten erachten.
Oldenbroek erklaerte dem britischen Gewerkschaftskongress,
dass sich der IBFG fuer baldige nationale Freiheit und Selbstregierung aller Menschen einsetze und dieses Streben auch seinem
Interesse an unterentwickelten Gebieten zugrundeliege. Er kuendigte an, dass der IBFG im Januar naechsten Jahres in Mexiko
einen internationalen Kongress fuer Latein-Amerika und zu einem
spaeteran Zeitpunkt, wenn moeglich vor Ende naechsten Jahre3, eine
asiatische regionale Konferenz abhalten wird.
Eine europaeische regionale Tagung wird ebenfalls in Kuerze
stattfinden, und mit dem Hinweis auf zahlreiche Taetigkeiten des
IBFG in Europa erklaerte Oldenbroek, dass die Organisation eine
aktivere Rolle beim Marshall-Plan spielen wird, "der soviel geleistet hat und vor allem zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit,
der Verbesserung des Lebensstandards, der Steigerung der Produktion und zum wirtschaftlichen Wiederaufbau beigetragen hat."
"Wir wuensohen nicht, dass sich aus dem Schumanplan ein
Kartell entwickelt, und wir werden unsere Unterstuetzung dieses
Planes von der Beteiligung der freien Gewerkschaften an diesem
grossen Wagnis abhaengig machen."
Der IBFG ueberpruefe die Probleme der besoldeten Angehoerigen freier Berufe und erwarte die Bildung internationaler Berufssekretariate fuer Lehrer, Journalisten und Schauspieler. Die
internationale Koerperschaft beabsichtige in Kuerze eine Konferenz
ueber Arbeiterbildung durohzufuehren. Die Fuehrer des IBFG forderten die europaeischen Regierungen auf, ihre Arbeiter gegen jegliche Steigerungen der Lebenshaltungskosten zu schuetzen, die als
Folgeerscheinung der koreanischen Krise auftreten koennten.
Der IBFG bleibe allen Formen der Diktatur abgeneigt. "Wir
werden unseren Kampf sowohl gegen die militaristischen und faschistischen als auch gegen die Methoden der Unterdrückung in den sogenannten "Volksdemokratien" fortsetzen."
"Wir lehnen alle Zugestaendnisse an Franko-Spanien ab, dem
ein betraechtlicher Kredit - um es genau zu sagen, 62 1/2 Millionen
Dollar - fuer seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau versprochen
wurde."
Auf die Unterschiede zwischen den Gewerkschaften in kommunistischen und den in demokratischen Laendern hinweisend bemerkte
Oldenbroek, dass fuer das urspruengliche Programm des W.G.B. zur
Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter nichts getant worden
sei. Dieses Programm ist von freien Gewerkschaftern aufgestellt
worden, als sie noch Mitglieder dieser Organisation gewesen seien.
Als die Kommunisten sich
mitzuhelfen, haetten sich die
aus dem Weltgewerkschaftsbund
wirklichung des WGB-Programms

geweigert hatten, am Marshall-Plan
freien Arbeiter gezwungen gesehen,
auszutreten. Seitdem sei zur Vernichts mehr unternommen worden.

"Und nachdem sich die freien Gewerkschaften vom Weltgewerkschaftsbund getrennt hatten und diese Organisation zu nichts
weiter als einem Werkzeug des Kominform geworden ist, wird sie
nichts mehr fuer die Verwirklichung ihrer Programmpunkte tun. Die
konstruktive Arbeit ist und wird immer von freien Gewerkschaften
geleistet werden nuessen und nicht von totalitaeren Organisationen,
die nur das eine Ziel verfolgen, die Befehle ihrer Herren auszu-

- 7-

�fuahren, und die deshalb keine Zeit fuer konstruktive Arbeit haben, sondern sich nur zersetzenden und umstuerzlerisohen Aufgaben
widmen.n
Telegramm der ECA
IX/8/50
DIE INTERNATIONALE TRANSPORTARBEITERFOEDERATION ZUM MARSHALL-PLAN
Europas TransportSystem hat unter dem zweiten Weltkrieg vielleicht mehr gelitten als jede andere Industrie. Nach Beendigung
der Feindseligkelten sah es sich vor grosse Probleme des Wiederaufbaus und der NeuOrganisierung gestellt. Die Internationale
Transportarbeiterfoederation wusste, dass zu allererst das
Strassen-, Eisenbahn- und Wassertransportsystem Europas wieder
instandgesetzt werden musste, bevor ein allgemeiner wirtschaftlicher Wiederaufbau beginnen konnte. Lange vor Beendigung des
Krieges beschaeftigte sich die ITF mit den Problemen, die sie
nach dem Kriege zu loesen hatte. Sie entwickelte Plaene zur
rationellen Entwicklung der europaeischen Transportverhaeltnisse,
die, so hoffte sie, zu einer europaeischen Wirtschaftseinheit und
zur Zusammenarbeit fuer den Frieden fuehren wuerden.
Zuerst mussten die dringendsten Instandsetzungsarbeiten ausgefuehrt werden. Die Bemuehungen der europaeischen Laender, die
von der zum grossen Teil von den USA finanzierten UNRRA unterstuetzt wurden, hatten 1947 bereits so gute Ergebnisse gezeitigt,
dass schaetzungsweise 80$ der dringendsten Aufgaben geloest waren.
Die Transportarbeiter legten in Jenen Jahren ein grosses Prlichtbewusstsein an den Tag. Die ITF ist jedoch der Ansicht, dass
bessere und schnellere Ergebnisse haetten erzielt werden koennen.
Waehrend des Krieges und kurz nach Kriegsende hegte sie den
Gedanken, dass die europaeischen Laender ihre Hilfsquellen zusammenlegen und nach einem gemeinsamen Plan arbeiten muessten. Zu
diesem Zweck wurden eine Reihe Vorschlaege ausgearbeitet. Auf
der Konferenz des Ausschusses der Internationalen Arbeitsorganisation fuer Binnentransport, die im Dezember 1945 in London stattfand, bekannten sich die Vertreter der Regierungen und der Arbeitgeber zu den Vorschlaegen der ITF und fassten viele von ihnen
in einer EntSchliessung zusammen. Diese EntSchliessung blieb
jedoch, im ganzen gesehen, ein toter Schemen. Mit diesen Vorschlaegen hatte die ITF groessere Ziele als nur den physischen
Wiederaufbau im Auge. Sie wuensohte naemlich, dass die Europaeer
gemeinschaftlich zusammenarbeiten und in dieser kritischen Zeit
einen Plan der Zusammenarbeit entwerfen wuerden, der auch fuer
die langfristige Aufgabe des wirtschaftlichen Wiederaufbaus beispielhaft haette sein koennen.
Einige langfristige Instandsetzungsarbeiten und dringende
Programme der Neuausruestung wurden im Jahre 1946 begonnen; die
Hilfsquellen der verschiedenen europaeischen Laender reichten jedoch nicht aus, um alle notwendigen Investierungen durchfuehren
zu koennen. Schon drohte die gesamte europaeische Wiederaufbaubewegung zusammenzubrechen, da kamen im Sommer 1947 Nachrichten
ueber ein amerikanisches .Unterstuetzungsprogramm fuer den Wiederaufbau Europas von der anderen Seite des Atlantiks.
Die Fuehrer des ITF hatten schnell die Bedeutung der Marshallolan-Vorschlaege erkannt. Zu jener Zeit konnte sich die ITF
dank der .Tatsache, dass sie ihre Unabhaengigkeit gegenueber dem
Weltgewerkschaftsbund bewahrt hatte, zum Marshallplan bekennen,
der vom Weltgewerkschaftsbund abgelehnt wurde.
- 8-

�Auf einer Konferenz im November 1947 in London wurde vom
Generalrat des IT? eine Entschliessung gefasst, in der der Marshallplan als eine "Gelegenheit zur Zusammenarbeit, besonders
auf dem Gebiet des Transportwesens, zur Sicherung einer fortschrittlichen und zivilisierten Zukunft Europas," herzlich willkommen geheissen wurde. Der Generalrat erkannte, dass den
Transportarbeitern bei der Verwirklichung dieses Planes eine
bedeutende Rolle zufiel. Wenige Monate spaeter wurde eine Tagung der Transportarbeitergewerkschaften der 16 beteiligten Laender einberufen, auf der die Auswirkungen des Planes auf die Gewerkschaftsmitglieder eroertert wurden.
Die im April 1948 in Luxemburg abgehaltene Konferenz erwies
sich als ein Markstein in der Einstellung der europaeischen Gewerkschaften zum Marshallplan. Die Konferenz sprach ihre Anerkennung ueber "die Grosszuegigkeit der amerikanischen Regierung
aus, die im Rahmen des ERP wirtschaftliche Hilfe in bisher ungekaantem Ausmasse angeboten hatte." Zahlreiche Delegierte bedauerten, dass der kommunistisch gefuehrte Teil der europaeischen
Gewerkschaftsbewegung den Marshallplan aus politischen Gruenden
ablehnte, und alle versprachen im Namen ihrer Gewerkschaften,
den Gedanken der internationalen Solidaritaet, der diesem Programm zugrundelag, zu unterstuetzen.
Die bedeutendsten Fachgruppen der ITF folgten bald diesem
Beispiel. Ein Monat nach der Luxemburger Konferenz wurde auf
einer internationalen Konferenz der Autobus- und Strassenbahnarbeiter erklaert: "Diese Konfernz sieht in dem Gelingen des
Marshallplans die Moeglichkeit, die wirtschaftlichen Verhaeltnisse
und den Lebensstandard in den beteiligten Laendern zu verbessern
und damit ihre Freiheit und ihre demokratische Lebensform zu
erhalten." Einige Monate spaeter brachte die internationale Konferenz der Dockarbeiter und Seeleute ihre Entschlossenheit zum
Ausdruck, alle kommunistischen Versuche, den Marshallplan durch
zersetzende Taetigkeiten in europaeischen Haefen zu sabotieren,
abzuschlagen.
Die bejahende Einstellung der ITF dem Marshallplan gegenueber beruhte auf den folgenden fuenf triftigen Gruenden:
1. Die Wiederherstellung der europaeischen Haefen, Eisenbahnen und Strassen musste die Arbeit der Transporterbeiter erleichtern und ihren Arbeitsplatz fuer die Zukunft sichern.
2. Indem der Marshallplan den allgemeinen wirtschaftlichen
Wiederaufbau Europas unterstuetzte, musste er den Lebensstandard
aller Arbeiter verbessern.
3. Der wirtschaftliche Wiederaufbau, der bessere soziale
Verhaeltnisse schafft, staerkt die Demokratie in Europa und
hilft mit, die Gefahr irgendeiner Form der Diktatur zu beseitigen.
4. Dadurch, dass amerikanische Gewerkschaften den Marshallplan unterstuetzen, wird die Zusammenarbeit der amerikanischen
Arbeiterschaft mit europaeischen Gewerkschaften gefoerdert - ein
Ziel, nach dem die ITF schon lange strebte.
5. Die ITF hoffte, dass der Marshallplan den Zusammenschluss des europaeischen Transportsystems anregen und damit den
wirtschaftlichen Wiederaufstieg Europas erleichtern wuerde.
Waehrend der beiden ersten 2 1/4 Jahre des Marahallplanes
sind dem europaeischen Transportwesen 330 Millionen Dollar an
- 9-

�direkten Aufwendungen zur Verfuegung gestellt worden. Der grosste
Teil hiervon wurde fuer Ausruestungen wie Motorfahrzeuge, Lokomotiven und Flugzeuge verwendet. Ausserdem haben europaeische
Laender aus Gegenwertfondsmitteln etwa 550 Millionen Dollar fuer
den Wiederaufbau von Eisenbahnen, Strassen, Bruecken, Wasserwegen,
Hafenanlagen und Flugplaetzen freigegeben.
Die Marshall-Hilfe fuer das Transportwesen beschraenkte sich
jedoch nicht nur auf Europa. Von besonderem Interesse fuer die
Transportarbeiter war der Ausbau Abidjous, eines Hafens an der
franzoesischen Westafrika-Kueste, der bereits als Afrikas "Hafen
der Zukunft" bezeichnet wurde.
Ein anderes, besonders erwaehnenswertes Bauvorhaben, fuer
das 9 Millionen Dollar der ECA und 15 Millionen aus Gegenwertfonds
zur Verfuegung gestellt wurden, ist die Umbettung des Rheins auf
einer Strecke von 65 Meilen oberhalb Strassburgs.
Der 21. Kongress der ITF nahm einstimmig eine Resolution des
Dankes fuer die Marshallplan-Hilfe an: "Dieser Kongress bringt
dem amerikanischen Volk und besonders den amerikanischen Arbeitern
gegenueber seine Anerkennung fuer die zur Foerderung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in Europa geleistete Hilfe zum Ausdruck. "
Die ITF war jedoch nicht mit dem Platz zufrieden, der ihr bei
den ueberstaatlichen Besprechungen ueber die neue Organisierung
und die vorausschauende Planung des europaeischen Transportwesens
eingeraeumt wurde. J. H. Oldenbroek, der fruehere Generalsekretaer der ITF und Jetzige Generalsekretaer des IBFG, hat erklaert,
dass der wichtigste Faktor des Marshallplanes darin bestehe, die
"Notwendigkeit einer inter-europaeischen Planung hervorzuheben;
und dieser Gesichtspunkt erscheint in unseren Augen noch wichtiger
als die sofortige Unterstuetzung, die uns der Marshallplan bringt."
Seit ihrem Hamburger Kongress im Jahre 1924 hat sich die
ITF fuer die Sozialisierung des europaeischen Transportwesens als
den ersten Schritt zur Beseitigung der wirtschaftlichen üebel des
Kontinents eingesetzt, um eine weitere Sicherheit gegen Kriege
in Europa zu sohaffen. Auf den folgenden Kongressen wurde im
einzelnen zu diesem Thema Stellung genommen und 1935 eine Erklaerung abgegeben, in der es heisst, dass es "Pflicht der Transportarbeiter sei, dieser Forderung die groesstmoegliche Unterstuetzung
zu geben* In anbetraoht der Tatsache, dass sie als erste unter
chaotischen Verhaeltnissen im Transportwesen zu leiden haben, sind
sie diejenigen, die gleichzeitig sowohl ihre eigenen Interessen
als auch die der uebrigen Menschheit vertreten."
Alle Moeglichkeiten einer europaeischen Zusammenarbeit und
Einheit wurden zu jener Zeit durch die Ausbreitung des Faschismus
zunichtegemacht. Diese Vorschlaege sind jedoch Vorlaeufer der
von der ITF waehrend und nach dem zweiten Weltkrieg entworfenen
Plaene fuer ein vereinigtes Transportsystem.
Anfang des Jahres 1945 veroeffentlichte das Organ der ITF
einen Leitartikel mit dem Titel "Ein vereinigtes Transportsystem
fuer Europa". Hierin wurde zur Schaffung eines Transportausschusses fuer Europa aufgerufen, der einen Plan zur Organisierung
des Transportwesens unter Zugrundelegung einer europaeischen
Wirtschaftseinheit entwerfen sollte.
Die Fachabteilung der ITF fuer Eisenbahner schlug zu einem
spaeteren Zeitpunkt des Jahres 1943 vor, dass die ITF selbst
einen solchen Plan entwerfen solle. Ein Programm wurde aufge- 10 -

�stellt und von der ITF angenommen. Ihm lag die Forderung nach
einer europaeischen Transportbehoerde mit der notwendigen Befugnis zur Kontrolle und Bestimmung der Politik in Bezug auf das
europaeische Transportwesen zugrunde. Die ITF war sich zu jener
Zeit bewusst, dass Europa nach dem Kriege wieder zu einem Kont
nent vieler Staaten werden wuerde, erklaerte jedoch in ihrem
Programm, dass das endgueltige Ziel der europaeischen Transportbehoerde sein solle, dafuer zu sorgen, das- der Transport der Verwirklichung einer groesseren Einheit des europaeischen Lebens dienen soll.
Im Programm wurde ausserdem die Forderung erhoben,
dass die Gewerkschaften bei der nach dem Kriege notwendigen Neuorganisation eine wichtige Rolle zu spielen haben.
Die im Kriege gemachten Erfahrungen und die Arbeit der ITF
fuehrten dazu, dass die alliierten Regierungen zwar weniger kuehne,
aber doch aehnliche Absichten hegten. 1942 bildeten die Alliierten den interalliierten technischen Beratungsausschuss fuer Landtransport, der sich vorlaeufig mit aehnlichen Fragen dieser Art
befassen sollte. Dieser Ausschuss wurde spaeter in "Landtransportkomitee" umbenannt und mit groesseren Befugnissen ausgestattet.
Die ITF empfahl die Schaffung einer europaeischen Transportorganisation. Eine vorlaeufige Organisation - die europaeische Zentralorganisation fuer Landtransport - wurde 1945 von den Regierungen
zwoelf verschiedener Laender ins Leben gerufen.
Sie hatte die Aufgabe, die europaeischen Laender bei der
Wiedererrichtung ihrer inlaendischen Transportsysteme zu unterstuetzen. Die ITF sicherte sich eine Vertretung in dieser Organisation, die die Aufgabe hatte, bei der Eroerterung von Arbeitsfragen im Transportwesen beratend mitzuwirken. Bei der Aufloesung
der Organisation im Jahre 1947 bestanden zwischen der ITF und der
europaeischen Zentralorganisation fuer Landtransport sehr freundschaftliche Beziehungen.
An ihre Stelle trat die europaeische Transportkommission eine Zweigorganisation der europaeischen Wirtschaftskommission
der Vereinten Nationen. Aufgrund ihres mitberatenden Statuts
beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen ist der. ITF
eine Vertretung in dieser Koerperschaft und das Recht, den Standpunkt der Arbeiter zu vertreten, zugesprochen worden.
Dann wurde die Organisation fuer europaeische Wirtschaftszusammenarbeit (OEEC) gegruendet, die in erster Linie die Programme
des Marshall-Planes der westeuropaeischen Laender koordinieren
3011. Einer internationalen Gewerkschaftsunterorganisation, dem
Gewerkschaftlichen Beratungsausschuss fuer das ERP, ist von der
OEEC ein mitberatendes Recht zugebilligt worden. Die Gewerkschaftsverbaende der Teilnehmerstaaten sind diesem Ausschuss angeschlossen.
Die ITF ist jedoch der Auffassung, dass sie zu den beiden Transportkomitees der OEEC direkten Zutritt haben muesse. Bis jetzt
ist diese Forderung abgelehnt worden.
Obwohl die Fuehrer der ITF ueber den Erfolg des Marshall-Plans
erfreut sind, der in der Wiederherstellung der Transportmoeglichkeiten der verschiedenen Laender besteht, sind sie darueber enttaeuscht, dass die Moeglichkeit, eine europaeische Transporteinheit zu verwirklichen, nur in geringem Masse wahrgenommen wurde.
Ihr Vorschlag, eine europaeische Transportbehoerde ins Leben zu
rufen, wird von der beratenden Versammlung des Europarates in
Strassburg zur Zeit eroertert.
Arbeitsmitteilungen der ECA

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�ü. S. Arbeitsminister Maurice J. Tobin:
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IST IHRER AUFGABE GEWACHSEN.
Im Jahre 1924 erklaerte Samuel Gompers: "Die amerikanische
Arbeiterschaft ist zu dem Zwecke organisiert, gegen das Unrecht
und fuer das Recht zu kaempfen - und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten. Ueberall, wo Ungerechtigkeiten auftreten,
gibt es Arbeit fuer uns; und ueberall, wo ein Recht noch nicht
besteht, gibt es ebenfalls Arbeit fuer uns."
Diese Theorie von der internationalen Verantwortung der
Gewerkschaftsbewegung hat heute eine besondere Bedeutung. Die
Hundertjahrfeier des Geburtstags Samuel Gompers trifft die Gewerkschaften in einer Weltkrise an, die in ihrer Geschichte einmalig
ist. Die Vereinigten Staaten waren schon frueher schweren Gefahren
ausgesetzt, aber niemals unter den gleichen Umstaenden, wie sie
heute die Welt erschuettern.
Die amerikanischen Gewerkschaften haben erklaert, dass sie
die von der US-Regierung getroffenen Massnahmen zum Schutze der
freien Voelker und zur Erhaltung des Weltfriedens von ganzem
Herzen unterstuetzen. Praesident Truman erklaerte, dass die
Bedeutung Koreas in dem Entschluss der freien Welt liege, "einer
gesetzwidrigen Aggression mit Gewalt zu begegnen." Unmittelbar
danach kuendigte eine "Einheit3konferenz" von Sßrechern der AFL
und des CIO in Washington die "voellige Entschlossenheit der
Gewerkschaftsbewegung an, der Regierung der Vereinigten Staaten
in dieser kritischen Zeit uneingeschraenkte und gemeinsame Unterstuetzung zu gewaehren." Dieser Entschluss steht im Einklang mit
dem Kampf der Gewerkschaftsbewegung gegen den Kommunismus im
eigenen Lande und im Ausland.
Die von amerikanischen Gewerkschaften auf internationalem
Gebiet geleistete Arbeit verdient die Anerkennung aller freiheitlich Denkenden. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung ist eine
der staerksten Waffen, mit der verhindert wird, dass auslaendische
Gewerkschafter der kommunistischen Propaganda erliegen. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung, die immer im Brennpunkt des Kampfes
stand, beteiligte sich an der Gruendung des Internationalen Bundes
Freier Gewerkschaften, der im Ausland als demokratische Macht
aktiv taetig ist, den Kommunisten entgegenarbeitet und die Lehre
der freien Gewerkschaften in einer freien Welt verbreitet.
Die Bemuehungen der Gewerkschaftsbewegung in dieser Richtung
werden durch die amerikanische Lebensweise gefoerdert. Die amerikanischen Lohnempfaenger sind weit davon entfernt, Arbeitssklaven
kommunistischer Praegung zu sein. Sie sind freie Menschen, die
einen staendig wachsenden Einfluss auf die Funktion der amerikanischen Demokratie ausueben. Die Arbeiter erfreuen sich in Amerika
der Vorteile sozialen und wirtschaftlichen Wohlstandes. Die Gewerkschaftsbewegung hat sich ihren Platz im amerikanischen Leben gesichert - einen Platz der Ehre und Macht gemaess dem amerikanischen,
traditionellen Grundsatz: Gleiche Moeglichkeiten fuer Alle. Im
Gegensatz zu dieser vorbildlichen Praxis kann der Kommunismus den
Arbeitern nur Sklaverei und Ketten bieten.
Soeben sprach ich von den Vorteilen, die der amerikanische
Arbeiter fuer sich buchen kann. Lassen Sie mich vor allem die
sich staendig verbessernden Loehne und den sich steigenden Lebensstandard erwaehnen. Im Jahre 1910 betrug der durchschnittliche
Wochenverdienst der Industriearbeiter rund 10 Dollar fuer 51 Ar-

- 12 - •

�beitsstunden, 1950 dagegen liegt der durchschnittliche Wochenverdienst ueber 59 Dollar fuer eine 40-Stunden Woche. Was den
Lebensstandard betrifft, so hat die durchschnittliche amerikanische Familie in bezug auf die ihr zur Verfuegung stehenden
Waren und Dienstleistungen, die sie sich durch ihre finanziellen
Mittel leisten kann, eine Stufe erreicht, die noch vor einer
Generation unvorstellbar gewesen waere. Der materielle Fortschritt des amerikanischen Volkes ist so schnell und so vollkommen vor sich gegangen, dass die amerikanischen Lebensverhaeltnisse heute einzigartig dastehen.
Ich moechte hierauf naeher eingehen. Eine Ueberpruefung
der Kaufkraft der Stundenloehne in den Vereinigten Staaten und
18 anderen Laendern zeigt, dass der russische Arbeiter im Fruehjahr 1949 fuenf bis siebenmal solange arbeiten musste wie der
amerikanische Arbeiter, um eine bestimmte Menge Lebensmittel
kaufen zu koennen. Der Arbeiter in Moskau musste 25 Minuten
arbeiten, um ein Pfund Brot kaufen zu koennen, der amerikanische
Arbeiter dagegen nur sechs Minuten. Fuer ein Pfund Rindfleisch
arbeite der russische Arbeiter 254 Minuten oder 4£ Stunden, der
amerikanische Arbeiter 29 Minuten. Ein Dutzend Eier entspricht
dem Verdienst des russischen Arbeiters in 158 Minuten, dem des
amerikanischen Arbeiters aber in 27 Minuten. Dieser Vergleich
scheint mir eine deutliche Sprache zu sprechen. Und die Kommunisten wollen uns erzaehlen, dass ihr Land ein Paradies der
Arbeiter ist.
Die fuehrende Stellung, die die Gewerkschaften heute in den
Vereinigten Staaten errungen haben, ist nicht nur ein Ausdruck
ihrer festgelegten oder ausgeuebten Macht. Sie zeigt vielmehr,
bis zu welchem Grade die Gewerkschaften zum schoepferischfin Faktor
im amerikanischen Leben geworden sind. Sie spielen nicht nur die
Hauptrolle im Kampf gegen den Kommunismus im Ausland, sondern leisten
ihren eigenen unerlaesslichen Beitrag bei der Loesung der Probleme
des eigenen Landes.
Die Gewerkschaftsfuehrer weigern sich mehr und mehr, in ihrem
Handlungsbereich sich einengen zu lassen, weil sie wissen, dass
die Wohlfahrt des Landes von vielen Faktoren abhaengig ist. Sie
fordern wirtschaftliche Gerechtigkeit, weil nur auf dieser Grundlage die Demokratie am besten gedeihen kann. Die amerikanische
Gewerkschaftsbewegung hat einen umfassenden Begriff von der Arbeit,
die sie in einem Staate leisten kann und muss, in dem die freie
Wirtschaft nach sozialen Gesichtspunkten gehandhabt wird.
Weil sich die amerikanische Arbeiterschaft als ein Glied der
demokratischen Gemeinschaft betrachtet, ist sie darauf bedacht,
ihren Kollegen in der ganzen Welt zu helfen, sich vor den Uebergriffen der Tyrannei zu schuetzen. Weil die freie Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten ein Symbol der politischen
und wirtschaftlichen Freiheit ist, fuehlen sich die Arbeiter
Amerikas mit den Arbeitern anderer Laender, die im Kampf gegen den
Kommunismus stehen, verbunden.
Unlaengst ist die Alters- und Hinterbliebenenversicherung in
den Vereinigten Staaten wesentlich erweitert worden. Dies ist ein
bemerkenswerter Fortschritt in der Loesung des Pensionsproblems.
Bemerkenswert dabei ist die Tatsache, dass diese Neuregelung mit
verhaeltnismaessig wenig Schwierigkeiten vom Kongress gebilligt
wurde. Selbst die Konservativen schienen froh zu sein, hierbei
mithelfen zu koennen. Was sie im Jahre 1935 als furchtbar ansahen,
ist nun in ihren Augen eine Staerkung der Wirtschaft und eine Kraftquelle von grossem sozialem Wert.

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�Es waere zu wuenschen, dass auch bei der Verbesserung der
Arbeitslosenversicherung in diesem Geiste gehandelt wird; und es
waere ausserdem zu wuenschen, dass in demselben Geist gegen den
Zusatzantrag von Knowland vorgegangen worden waere. Praesident
Truman hat sich gegen diesen Zusatzantrag ausgesprochen und nannte ihn ebenso ungluecklich wie unbegruendet. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass er bald aus den Gesetzbuechern wieder gestrichen werden moege.
Der Zusatzantrag von Knowland hindert den Arbeitsminister
daran, seiner Verpflichtung nachzukommen, dass die Staatsgesetze
den vom Kongress festgesetzten Normen entsprechen.
Nachdem der Zusatzantrag von Knowland nun in Kraft getreten
ist, muessen Tausende Arbeiter sich damit abfinden, dass man
ihnen die Arbeitslosenunterstuetzung verweigert, weil sie es ablehnen, Streikbrecherarbeit zu leisten oder in bestreikten Betrieben eine andere bezahlte Arbeit anzunehmen, oder Vertraege zu unterschreiben, in denen sie verpflichtet werden, keiner Gewerkschaft
beizutreten, oder bei ihrem Eintritt in eine Gewerkschaft sich
mit ihrer Kuendigung einverstanden erklaeren. Unsere Nation kann
es sich nicht leisten, die Lohnempfaenger um ihre wohlverdienten
Gewinne zu bringen.
In unserer Demokratie geht es um die Behauptung der Rechte
der Arbeiterschaft. Ihre Erfolge muessen geschuetzt werden, wenn
sie nicht staendigen Angriffen ausgesetzt sein soll. Wir koennen
nicht zugeben, dass unsere Arbeitsgesetze unterminiert werden.
Wir koennen es uns nicht leisten, ein so wichtiges Bollwerk unserer Wirtschaft wie es die Arbeitslosenversicherung darstellt, so
umzuwandeln, dass sie nicht mehr ihren urspruenglichen Zwecken
entspricht.
So wie wir uns den Problemen der Zukunft widmen und uns
gegen die Bedrohung des sowjetischen Imperialismus ruesten,
muessen wir auch dafuer sorgen, dass unsere eigene Demokratie erhalten bleibt. Die beste Verteidigung gegen den Kommunismus ist
eine wirklich dynamische Demokratie - einer Demokratie, die in
ihren Zielen und Idealen den eigenen Volke Form und Inhalt gibt.
Was wir nicht vergessen duerfen, ist, dass unsere Demokratie auf
die Probe gestellt ist: Ausschlaggebend ist allein ihre Verwirklichung. Die Zeit ist vorueber, in der schoene Worte galten.
Aus diesem Grunde fordere ich die Arbeiter dieses Landes und
ihre Freunde auf, sich dafuer einzusetzen, dass der Zusatzantrag
von Knowland beseitigt wird. Bei der naechsten Sitzung des Kongresses muss dieser verlorengegangene Boden wiedergewonnen werden
und zwar nicht nur, weil der Zusatzantrag von Knowland einen
Nachteil fuer die Lohnempfaenger darstellt, sondern weil er zu
weiteren und groesseren Uebergriffen in die Rechte der amerikanischen Arbeiter fuehren koennte.
Die Gewerkschaftsbewegung ist an der Mobilisierung unserer
Hilfsquellen voll beteiligt, zu der wir durch die Vorgaenge in
Korea gezwungen sind. Die Arbeiterschaft wird Seite an Seite mit
der Unternehmerschaft bei der Planung und auch bei der Ausfuehrung
der Programme zur Mobilisierung unseres Industriepotentials ihren
rechtmaessigen Platz einnehmen. In Anbetracht der gegenwaertigen
Weltlage muessen wir unseren Arbeitseffekt erweitern und unsere
Produktionsleistung steigern. Ich weiss, dass wir bei der Mobilisierung unserer Industrie auf die Unterstuetzung der Arbeiterschaft zaehlen koennen.

- 14 -

�Keine andere Gruppe in unserem Lande wird, dessen bin ich
gewiss, weniger geneigt sein, den feindseligen Angriffen, die
unsere Nation in ihrem Beschluss schwaechen soll, sich der kommunistischen Aggression zu widersetzen, irgendwelche Beachtung
schenken. Ich denke hier an den "Stockholmer Friedensappell*»,
der an dieses Land und an die ganze Welt gerichtet ist und sich
angeblich an alle Menschen guten Willens wendet. Diese Forderung
ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein kommunistischer Propagandatrick, indem die Kommunisten an den Friedenswillen der Menschheit appellieren, hoffen sie, die Bevoelkerung der Vereinigten
Staaten in einen Zwiespalt zu stuerzen.
Unsere auswaertige Politik ist auf die Erhaltung des Friedens ausgerichtet. Innerhalb der Vereinten Nationen setzen wir
uns fuer dieses Ziel ein, um einen wahren Frieden zustande zu
bringen und die Menschen der ganzen Welt von der Bedrohung aggressiver Kraefte zu befreien. Die Zukunft dieses sogenannten Friedensappells besteht nicht darin, den Frieden zu festigen, sondern
die freie Welt in ein falsches Gefuehl der Sicherheit zu wiegen
und umso leichter eine Beute zukuenftiger kommunistischer Aggressionen zu werden.
Ich glaube nicht, dass sich viele Amerikaner durch diesen
offenkundigen Betrug irremachen lassen. Ich bin jedoch beunruhigt ueber eine andere Quelle der Schwaeche in unserem Volk:
seine Selbstsucht. Wir preisen unser System des Privatunternehmens. Wenn wir jedoch jede Sabotage in unserem eigenen Lande vermeiden wollen, muessen diesem System moralische Sanktionen auferlegt werden. Ich denke hier an jene Spekulanten, die die Preise
fuer Rohmaterialien in die Hoehe treiben, an Hersteller, die die
Preise einer Kontrolle entziehen wollen, und an Lieferanten, die
die Zeit fuer gekommen halten, grosse Gewinne einzustreichen. All
jene und eine grosse Zahl Warenhorter erkennen nicht die gefaehrlichen Folgen ihrer Selbstsucht.
Wir muessen die ethische Aufgabe dieser Stunde erkennen. Diese Aufgabe erfordert von uns Patriotismus im gleichen Masse wie
uns der Bestand unserer Nation wert und teuer ist. Ich zweifle
nicht daran, dass dieser Ruf von den meisten Amerikanern edelmuetig beantwortet wird. Ich weiss, dass wir hierbei in erster Linie
auf die amerikanische Arbeiterschaft zaehlen koennen, die, wie
Samuel Gompers vor 26 Jahren sagte, fuer sich selbst und fuer
die Menschheit der ganzen Welt stets fuer das Recht und gegen das
Unrecht gekaempft hat.
US Arbeitsministerium
H/4/50
METHODEN UND VERFAHREN DER BESCHAEFTIGUNOSSICHERHSIT
Die Arbeiterschaft ist sich der bedeutenden Rolle voll bewusst, die der Teilnahme des gesamten Volkes an der Entwicklung
eines Programms der Beschaeftigungssicherheit zukommt. Der wirtschaftliche Erfolg jedes Unternehmens kann durch das Vertrauen
und den guten Willen der Gemeinschaft, der es dient, bestimmt
werden. Fachmaennisches Koennen auf diesem Gebiet kann nicht von
einem Tage zum andern erreicht werden.
Mit der Einfuehrung der allgemeinen Tauglichkeitspruefung
ia Mai 1947 wurde der Berufsberatung ein hoechst fachmaennisches
und wertvolles Werkzeug in die Hand gegeben. Die Erfahrungen mit
diesem Beratungssystem auf dem allgemeinen Gebiet der Berufswahl
haben seinen Wert ausser Frage gestellt.
-15 -

�Gegen Ende des Jahres 1947 wurden Plaene entworfen, um dieses
neue System bei der Entwicklung eines kooperativen Schulungsprogramms fuer die Arbeitsplatzvermittlung zu verwenden. Ziel dieses Programms ist es, vor allen den Jugendlichen so frueh wie
moeglich an den fuer ihn passenden Arbeitsplatz zu lenken. Dies
ist viel besser, als so lange zu warten, bis diese jungen Menschen zusammen mit zahlreichen ruhelosen und unzufriedenen Personen zu den Vermittlungsstellen kommen und niemals den rechten
Platz in der Industrie finden, fortwaehrend ihren Arbeitsplatz
wechseln und auf der Suche nach etwas sind, worueber sie im Grunde
selbst nicht orientiert sind.
Eine Reihe Schwierigkeiten trat mit der Durchfuehrung dieses
Systems auf. Die eine bestand darin, dass fuer die einzelnen
Arbeitsaemter eine Ausbildung in diesem Beratungssystem noetig
war. Bis zu jener Zeit war die Tauglichkeitspruefung nur in einem
Viertel der staatlichen Bueros angewandt worden, die man auf Grund
bestimmter Faktoren wie zum Beispiel zahlreiche Elnstellungsmoeglichkeiten, entsprechenden Personals und ausgebildeter Berater
durchfuehren konnte. Eine Anwendung im ganzen Statte machte die
Ausbildung vieler zusaetzlicher Pruefungskommissionen notwendig,
um die Pruefung richtig durchfuehren zu koennen und es den Beratern zu ermoegliohen, die Pruefungsergebnisse auszuwerten. Diese
Ausbildung fuer alle Staaten war im Mai 1948 durchgefuehrt.
Fuer die Durchfuehrung der Schulungsarbelt fuer den Stellenvermivtlungsdienst wurde eine Vereinbarung ausgearbeitet und
durch besondere Arbeitsmethoden und Verfahren ergaenzt. Waehrend
die Unterzeichnung dieser Vereinbarung weder fuer die Schule noch
fuer das Amt fuer Arbeitsvermittlung obligatorisch ist, dient sie
dennoch dazu, ein gegenseitiges Uebere.inkommen und eine Einigung
ueber die Frage zu erreichen, wie die jungen schulentlassenen
Menschen von dem Amt fuer Arbeitsvermittlung unterstuetzt werden
sollen und welche Rolle die Schulen und das Amt fuer Arbeitsvermittlung bei der Verwirklichung eines wohlabgerundeten Programms
spielen soll.
Jede hieran beteiligte Schule wird mit Abschriften der Fragebogen des Amtes der Arbeitsvermittlung versorgt, die von den zur
Entlassung kommenden Schuelern auszufuellen sind. Hieraus ersehen
die Beratungsstellen die Zahl der Schueler, die nach ihrer Entlassung in den Arbeitsmarkt einzutreten beabsichtigen.
Die meisten dieser Neulinge auf dem Arbeitsmarkt haben keinen wirklichen Begriff von ihren eigenen beruflichen Faehigkeiten,
zumeist nicht einmal von ihren Interessen. Die Teilnahme der
Jugendlichen an diesem Programm ist jedoch voellig freiwillig.
Da viele auswertigen Schulen gross sind und die Zahl des ansaessigen Lehrpersonals beschraenkt ist, ist es oft notwendig, die Pruefungen auf eine repräsentative Elitegruppe zu beschraenken, wobei
darauf zu achten ist, dass nicht eine Gruppe ausgesucht wird, die
nur bestimmte Problemgebiete vertritt.
Dieses Programm besteht jetzt bereits zwei Jahre. Am Ende
des Fruehjahrs 1949/50 haben mehr als 60% der Schulentlassenen
den Wunsch ausgedrueckt, nach ihrem Examen ein Arbeitsverhaeltnis
einzugehen. Der Wunsch der Unternehmer, qualifizierte Jugendliche
einzustellen, wird durch die Berufsberatungsstellen unterstuetzt.
Dies geschieht durch Einladungen an die Unternehmer, die Arbeit
der Beratungsstellen zu beobachten, wie ueberhaupt allen nur moeglichen Kontakt in dieser Richtung, wobei andere Hilfsmittel wie
BriefPropaganda, Pressenachrichten und Rundfunkaufrufe unterstuetzend eingreifen.
Employment Security Review
6/50
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge au* der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

I I I - 35

Frankfurt,

INHAL TSVER

3 . November 1950

Z E I C H N I S

Union-Shop-Klauseln in der Statistik - - - 1
Britische Gewerkschafter berichten, was sie
von Amerika lernen koennen - - - - - - 3
Hoehere Bauarbeiterloehne in Amerika - - - 5
Japanische Gewerkschaften im Jahre 1950 - 6
IAO unterstuetzt europaeische Umsiedler - - 10
Marshall-Plan muss Loehne der Arbeiter Europas verbessern - - - - - - - _ - - _ _ _
u
Fortschritte des Punkt-Vier-Programms - - H
Zwei Resolutionen der AFL gegen das TaftHartley Gesetz - - - - - - - - - - - - 15

UNION-SHOP-KLAUSELN IN DER STATISTIK
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung unterscheidet in
ihrer Arbeit drei Betriebsformen, den "closed-shop", den "unionshop" und den "open-shop". Ueberall, wo ein "closed-shop" besteht,
muessen alle Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert sein, um
ueberhaupt in diese Betriebe eingestellt zu werden. Wenn eine
neue Stelle frei wird, so muss der Unternehmer sich an die zustaendige Gewerkschaft wenden, die ihm dann geeignete Bewerber in Vorschlag bringt. Dort, wo "union-Shops" vorhanden sind, muss der
eingestellt© Arbeitnehmer sich innerhalb einer bestimmten Frist,
die meist zwischen 30 und 90 Tagen schwankt, entscheiden, ob er
der fuer ihn zustaendigen Gewerkschaft beitreten will. Verweigert
er seinen Beitritt, so muss er aus dem Betrieb wieder ausscheiden.
In dem "open-shop" bestehen derartige Klauseln nicht. Hier kann
der einzelne Arbeitnehmer der Gewerkschaft angehoeren oder ihr
fernbleiben. Es ist selbstverstaendlioh, dass in den gewerkschaftlich gut organisierten Berufen der "open-shop" nur sehr selten
anzutreffen ist. Als neue Form hat sich in der letzten Zeit
- 1 -

�der "preferential-shop" entwickelt. Der "preferential-shop" ist
insofern eine Erweiterung des "union-shops", als auch hier der
Arbeitgeber nicht selbstaendig freie Stellen besetzen kann, son- •
d e m erst die zustaendigen Gewerkschaften um entsprechende Vorschlaege ersuchen muss. Erst wenn die Gewerkschaften keine geeigneten Bewerber stellen koennen, kann der Unternehmer auf dem
freien Arbeitsiuarkt sich die gewuenschten Fachkraefte besorgen.
Das Bureau fuer Arbeitsstatistik in Washington veröffentlicht einen Bericht ueber die "unlon-Shops" und stellt fest, dass
bei der Auswertung eines typischen Musterbeispiels,das 215*9
Vertraege mit mehr als 4 Millionen Arbeiter umfasst, festgestellt
wurde, dass ueber die Haelfte der Betriebe die Form des "unionshop" haben. Die der AFL angeschlossenen Gewerkschaften haben
47% dieser Klauseln unterzeichnet, die CIO Gewerkschaften 40%
(hierbei sind die spaeter ausgeschiedenen Gewerkschaften mitberuecksichtigt), waehrend auf die selbstaendigen Gewerkschaften 13%
entfallen.
Zwei grundsaetzliche Klausel-Typen Hessen sich bei den Tarifvertraegen der "union-shop" Betriebe feststellen:
1. Neueingestellte, die noch nioht waehrend des Zeitpunktes
der Einstellung Gewerkschaftsmitglieder waren, muessen diesen
innerhalb einer bestimmten Zeit beitreten, nachdem sie ihre Arbeit
aufgenommen hüben. Diese Voraussetzung war in 987 dieser Vereinbarungen anzutreffen.
Hierbei war in 120 Faellen eine modifizierte Form des Munion-shop" festgelegt, die eine gewisse Gruppe Neueingestellter von den Vereinbarungen ausschloss. In weiteren 165
Faellen wurden Gewerkschaftsmitgliedern der Vorrang gegeben, wenn
neue Stellungen zu besetzen waren.
2. Neu Einzustellende muessen Gewerkschaftsmitglieder sein,
bevor die Arbeit
aufgenommen wird. In weniger als 1/10 (93) aller
"unlon-shopw-Vereinbarungen ist diese Klausel anzutreffen. In einigen Vereinbarungen wird nicht besonders hierauf hingewiesen, aber
die festgelegten Einstellungsbedingungen waren in einer Form gehalten, dass die grosse Mehrzahl der einzustellenden Arbeiter Gewerkschaftsmitglieder sein muss.
Das Buero fuer Arbeitsstatistik
beschreibt die anderen gewerkschaftlichen Sicherheitsvereinbarungen
in seinem Bericht als "Mitglieder-Bevorzugungstyp" oder den Typ des
"unabdingbaren" Tarifs. Die erste Form beruht darauf, dass alle
Eingestellten, die Gewerkschaftsmitglieder waren, als ein Tarifvertrag wirksam wurde oder die einer Gewerkschaft beitreten, waehrend
der Tarifvertrag Gueltigkeit hat, Gewerkschaftsmitglieder bleiben
muessen, solange das Abkommen Gueltigkeit hat. 21$ (444) aller
Vereinbarungen der verschiedenen Art des Musterbeispiels waren in
dieser Form abgeschlossen. "Unabdingbare" Tarifvertragsvereinbarungen sind jene, in denen die Gewerkschaften das Reont erhalten,
fuer alle Beschaeftigten eines Betriebs einen Tarifvertrag abzuschliessen, ganz gleich, ob der Einzelne Mitglied der Gewerkschaft
ist oder nicht. 29% der Vereinbarungen (635) beruhten auf dieser
Moeglichkeit. Der Einzug der Gewerkschaftsbeitraege durch die
Lohnbuchhaltung war in 64% aller analysierten Kontrakte festzustellen, aber diese Form des Beitr&amp;gseinzugs ist nicht notwendigerweise
ein Teil irgend einer Type der gewerkschaftlichen Sicherheitsvorkehrungen. Der Beitragseinzug verpflichtet den Unternehmer, den
Beschaeftigten bestimmte gewerkschaftliche Verpflichtungen aufzuerlegen, die auch in Geldbussen fuer etwaige Verletzungen der gewerkschaftlichen Disziplin bestehen koennen und die der Arbeitgeber von
dem Lohn des Beschaeftigten ebenso wie die Beitraege an die Gewerkschaft abfuehren muss.
Labor Press Service
8/28/50

�Lewis Wright:
BRITISCHE GEWERKSCHAFTER BERICHTEN. WAS SIE VCN AFRIKA LERNEN
KOENNEN
Lewis Wright, der Verfasser dieses Aufsatzes und Sekretaer der
Textilarbeiter-Gewerkschaft, besuchte Amerika, um Produktionsmethoden zu studieren. In diesem Artikel erlaeutert er einige der Problemej die sich aus der gesteigerten Erzeugung ergeben. Gleichzeitig berichtet er ueber seine Eindruecke
ueber die Form der Zusammenarbeit. Der Aufsatz wurde im
FORWARD veroeffentlicht, dem Wochenorgan der'Britischen Arbeiterpartei fuer Schottland.
Mein Besuch in den Vereinigten Staeten fuehrte mich zu der
Erkenntnis, dass an erster Stelle Unternehmer und Betriebsfuehrer
etwas lernen koennen. Dies ergibt sich bereits aus den Berichten
der 15 britischen Besuchergruppen, die die dortigen Verhaeltnisse
studiert haben. Das besagt jedoch nicht, dass unsere Gewerkschaften nichts zu lernen haetten. Im Gegenteil, die amerikanischen
Gewerkschaften koennen uns sehr vieles lehren, aber die vitale
und fundamentale Basis der ueberaus hohen Produktivitaet liegt in
Amerika bei der Betriebsfuehrung.
Es hat sich bisher nicht die Notwendigkeit gezeigt, dass die
amerikanischen Gewerkschaften mit den Unternehmern zusammenarbeiten.
Es genuegt ihnen, jeweilige Gruende zum Kampf zu haben, um einen
so grossen Anteil wie moeglich an dem wachsenden Wohlstand zu
erkaempfen, der durch neue Maschinen und neue Methoden erworben
werden konnte. Nur selten muessen sie darauf bestehen, die Betriebsf uehrung zur Einfuehrung technischer Aenderungen und neuer
Maschinen zu veranlassen. Sie haben genug zu tun mit den weitreichenden Aenderungen, die sich aus der dynamischen Kraft und
den Bedrohungen der Unternehmer ergeben.
Der amerikanische Unternehmer baut auf mit dem Arbeitsplatz.
Jede neue Maschine, vor allem jede arbeitsparende Moeglichkeit,
wird sofort genutzt. Es spielt dabei keine Rolle, ob diese eines
Tages doch unmodern werden und spaeter entfernt werden muessen.
Der Druck der immer staerker werdenden Vervollkommnung zwingt
ihn, einen hohen Prozentsatz der Profite wieder in sein Geschaeft
zurueckf Hessen zu lassen. Er muss einen groesseren Grad an
//irksamkeit suchen, weil er ihn finden muss. Er muss den Anlagen
und dem Strom des Geschehens seine volle Aufmerksamkeit schenken.
Er muss seinem Unternehmen die Hilfe aller modernen und wirtschaftlichen Gedankengaenge sichern. Er weiss, dass er nicht mit
niedrigen Loehnen davonkommen kann, er muss irgendwelche anderen
Wege finden, - und er hat sie gefunden.
Es ist Tatsache, dass dieser staendige technische Fortschritt
an bestimmten Stellen Verluste an Arbeitsplaetzen mit sich bringt.
Der amerikanische Arbeiter glaubt jedoch, dass neue arbeitsparende
Maschinen und Methoden zwar einen zeitweiligen Verlust von Arbeitsmoeglichkeiten mit sich bringen, auf die Dauer gesehen jedoch bedeutet das eine hoehere Zahl Arbeitsplaetze. Insoweit, wenn auch
mit gewissen Grenzen, ist dieser Weg gegangen worden.
Die amerikanischen Gewerkschaften akzeptieren die Unvermeidbarkeit des hohen Angebotes an Waren und Dienstleistungen als
eines Mittels, einen hoeheren Lebensstandard zu erreichen. Das
hohe Alter eines Teiles der Beschaeftigten bedeute dagegen fuer
den jungen Arbeiter eine Buerde. Er ist der beweglichste in
einer beweglichen Bevoelkerung. Insoweit wird der Ueberfluss entscheidend beeinflusst durch den hohen Anteil der hoeheren Altersstufen.
- 3

�Gross-Britannien verlaesst sich auf einen internetlonalen
Markt, wo der Kunde immer recht hat und er keineswegs das k&amp;ufen
wird, was wir zu verkaufen wuenschten. Die industrielle Ausrichtung der beiden Laender ist voellig verschieden. Es ist klar,
dass das einfache Kopieren amerikanischer Methoden uns ebenso
schaden koennte, wie ihre Nichtbeachtung. Dies vor allem muessen
unsere Unternehmer lernen.
Der erste Punkt i3t, dass billige Arbeit keine Foerderung der
technischen Neuausstattung ist. Blut ist nicht billiger als Maschinen. Amerika hat laengst entdeckt, dass dies nichts mit ethischen Erwaegungen zu tun hat, sondern mit wirtschaftlichen.
In Gross-Britannien pflegen die Unternehmer in Redewendungen
zu denken wie: "Erhalten wir auch eine angemessene Verzinsung des
Kapitals?" In Amerika steht im Vordergrund: "Arbeiten wir wirksam genug, wie es moeglich sein koennte?" Die amerikanische Industrie ist gewohnt, sich nach effektiven und finanziellen Ergebnissen zu richten. In Gross-Britannien genuegt es dagegen, wenn
die Verzinsung des Kapitals eine ausreichende ist. Der amerikanische Unternehmer fragt nicht nach einer ausreichenden Nutzung der
Arbeitskraft, bis seine Fabrik und seine Anlagen alle Voraussetzungen erfuellen. Er sorgt dafuer, die besten Maschinen fuer die
einzelnen Arbeitsplaetze zu bekommen und achtet darauf, dass dies
auch wirklich der Fall ist. Erst dann fordert er eine Pruefung
der Arbeitsleistung.
In Gross-Britannien macht sich eine wachsende Tendenz vieler
Unternehmer bemerkbar, in einer besseren Arbeitsleistung und in
festgelegten Zeitstudien, die der Himmel oder Amerika einmal geliefert hat, Moeglichkeiten zu technischen Verbesserungen zu sehen. 'Air muessen jedoch ihre Koepfe von diesen Meinungen reinigen.
Was kann der Arbeiter daraus lernen? Der amerikanische Arbeiter arbeitet nicht um der arbeit willen. Er wuenscht eine
40-Stundenlohnwoche und gute Loehnung, um die vielen Konsumgueter
kaufen zu koennen. Er wuenscht keine Kantinen, er wuenscht so
wenig Zeit wie moeglich in den Fabriken zu verbringen und so
schnell wie moeglich sich aus ihnen wieder zu entfernen. Der
Sinfuehrung neuer Maschinen widersetzt er sich nicht, auch wenn
dies weniger ArbeitSDlaetze bedeuten wuerde. Er glaubt jedoch,
dass dadurch letzten Endes mehr Arbeitsmoeglichkeiten geschaffen
werden. Er ist genuegend Pragmatiker, um in Zeitstudien einzuwilligen, weil er weiss, dass er auch unter ihnen leben kann.
Wie weit koennen wir in dieser Richtung gehen? Schichtarbeit
kann nach und nach eingefuehrt werden. Es gibt in diesem Lande
eine Reihe sozialer Schwierigkeiten, denen bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In Amerika ist die Schichtarbeit jedoch seit langer Zeit bekannt und die soziale Angleichung hat mit
dieser Aenderung Schritt gehalten, /unerikanische Schichtarbeiter
wissen, dass fuer ihre Beduerfnisse gesorgt wird und dass die
Schichtarbeit, auch wenn sie hier besondere Beachtung findet, doch
im Zusammenhang mit den auftauchenden sozialen Problemen gebracht
werden muss.
Vir muessen jedoch der Tatsache netgegentreten, dass, wenn
wir heute eine moderne Maschinerie mit hohen Kapitalkosten fordern, wir nicht darauf bestehen koennen, dass sie nur 40 Stunden
in der Woche laufen darf, waehrend sie in Amerika und in anderen
Laendern 120 Stunden arbeitet. Ein solches Missverhaeltnis des
Wettbewerbs kann nur durch niedrige Loehne ausgeglichen werden.
- 4 -

�Es gibt noch einige weitere Beispiele jener Weigerungen, arbeitsparende Maschinen zu verwenden, weil zeitweilig Arbeitsplaetze
ausfallen. Kann man eine solche Einstellung ueberhaupt noch billigen?
Die amerikanischen Gewerkschaften widersetzen sich den Zeitstudien nicht unbedingt. Die meisten Gewerkschaften haben sich
ausserordentlich scharf gegen die "wissenschaftlichen Betriebsstudlen" gewandt. Sie behaupten, dass sie keineswegs wissenschaftlich sind, sondern lediglich ein Werkzeug der Betriebsfuehrung
seien und in sehr vielen Faellen sind diese Zeitstudien auch tatsaechlich nur darauf abgestellt, die Geschwindigkeiten zu erhoehen. Aber wie es bei empfindlichen Leuten der Fall ist, gehen
sie einfach ueber Dinge hinweg, die sie in Betrecht ziehen muessen.
Viele Gewerkschaften haben Studien- und Ingenieur-Abteilungen errichtet, auch wenn es sich hierbei lediglich um Verteidigungsmassnahmen handelt. Es wuerde gefaehrlich sein, die Lektion allzu
stark zu vereinfachen, die hier gelernt werden koennte, aber wenn
dies moeglich waere, wuerde ich die folgenden Punkte herausstellen:
Dem Unternehmer wuerde ich sagen, verwende moderne Maschinen und
benutze Anlagen mit einer genuegenden Leistung. Dem Arbeiter wuerde ich sagen, innerhalb, des Rahmens der Gewerkschaften solltest
Du Dich damit einverstanden erklaeren, in den bestmoeglichen Gebrauch der Arbeitskraft, die notwendig ist, um eine vernuenftige
Belastung anzuerkennen, einzuwilligen. Weder der Unternehmer noch
der Ausfuehrende ist berechtigt, allein das eine oder das andere
zu tun. Sie muessen zusammenarbeiten. Ob es uns passt oder
nicht ist diesdarWeg, den wir gehen muessen, sei es in einer kapitalistischen oder in einer sozialistischen Wirtschaft. Die Mechanik der Produktion ist unter jedem politischen System die gleiche.
Alles in allem: Die Ergebnisse, die diese Besuchergruppen
mitbrachten, erscheinen sehr mager, aber die Entscheidungen zeigen
Gemeinschaftssinn. Durch die Gewerkschaften ist die Arbeiterschaft
in diesen Laendern gross genug, stark genug und gesichert genug,
um der Entwicklung mit Vertrauen entgegenzusehen.
Das schlechteste, was wir tun koennen,waere, Amerika einfach
nachzuaeffen. Der dortige Lebensweg unterscheidet sich stark von
dem unsrigen. Dort sind die Probleme andere, das Klima ist ein
anderes, die Leute dort sind anders.
Amerika ist kein besseres Land als das unsrige. Es ist ein
anderes Land. Es kann die Gueter in seiner eigenen Weise produzieren. Es liegt an uns, das Schlechte zu vermeiden und das Gute anzuerkennen. Wir koennen dies tun, wenn wir nur den Willen dazu
haben.
ECA Labor Information
FYJ 159-29/9/20/5
HOEHERE BAUAHB3IT5RL0EHNE IN AMERIKA
Die vierteljaehrliche Untersuchung, die das Statistische Buero des US-Arbeitsministeriums ueber die sieben wichtigsten Berufe
des Baugewerbes in 85 Staedten anstellt, hat ergeben, dass die
Lohntarife in den gewerkschaftlich organisierten Berufen des Baugewerbes im zweiten Quartal des Jahres 1950 um 2 1/2% in die Hoehe
gegangen sind, was die groesste Aufbesserung der Loehne im Baugewerbe seit dem mit dem 1. April 1948 beginnenden %uartel darstellt.
- 5-

�Fuer mindestens eine Berufsgruppe in 61 der 85 beruecksichtigten Staedte haben sich die Lohntarife zum Nutzen von zwei
Fuenfteln der 525.000 in der Erhebung beruecksichtigten Arbeiter
erhoeht. Nach Schaetzungen des statistischen Bueros belief sich
der durchschnittliche Stundenlohn aller gewerkschaftlich organisierten Arbeiter das Baugewerbes am 3. Juli 1950 auf 2,27 Dollar.
Die Tarife der Gewerkschaften sind Kindestlohntarife, die in
Kollektivverhandlungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften
vereinbart wurden. Ueberstunden, die die Koechststundenzahl pro
Tag oder pro Woche ueberschreiten, sind nicht beruecksichtigt.
Auch Lehrlingstarife oder Praemientarife sind in den Tabellen
nicht enthalten.

Als Folge der zunehmenden Bautaetigkeit und der sich hieraus
ergebenden Nachfrage nach Handwerkern haben sich die oertlichen
Tarife in dem mit dem 3. Juli 1950 endenden Quartal zum grossen
Teil erhoeht. Am haeufigsten ist eine vereinbarte Aufbesserung
von 10 oder 12 1/2 Cents pro Stunde festzustellen. Die Lohnaufbesserung fuer die Zimmerleute steht mit einem Durchschnitt von
7,7 Cents pro Stunde an der Spitze, fuer Stukkateure und Maurer
ist sie im Durchschnitt etwas geringer.
Labor Information Bulletin
US-Arbeitsministerium
IX/1950
JAFANI.r;CHS GLV/ERKSCHAFTEN TU JAHRS 1950
Die bedeutendsten Entwicklungen des letzten Jahres in der
japanischen Gewerkschaftsbewegung sind die voellige Neuorientierung
der Gewerkschaften nach gemeinsamen Gesichtscunkten und ihre Neu6 -

�Organisation unter verantwortlicheren Funktionaeren.
Bemerkenswert ist ausserdem die Intensivierung und Erweiterung der Arbeitererziehung mit dem Ziele, die Gewerkschaftsmitglieder zu einer staerkeren Aktivitaet und einem hoeheren Verantwortungsbewusstsein zu erziehen, sowie die Verbesserung und
Erweiterung des Kollektivverhandlungswesens,wozu auch die Umgrenzung und Anerkennung der Vorrechte der Arbeitgeber und Gewerkschaften gehoert.
*T^T '
Seit dem Kriege haben Minderheitsgruppen wiederholt versucht, die japanische Gewerkschaftsbewegung als Mittel zur Gewinnung politischer Macht und zur Stoerung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus des Landes zu missbrauchen. Waehrend die Zahl der
Gewerkschafter, die mit radikalen Elementen sympathisieren, immer
sehr gering gewesen ist, ist es gutorganisierten Minderheiten in
zahlreichen Gewerkschaften zeitweilig gelungen, Funktionaere und
Sprecher in den Vordergrund zu stellen, die die Gewerkschaften
zu Taetigkeiten verleiteten, die nicht mehr rein gewerkschaftlicher Natur waren und gelegentlich zu Spannungen fuehrten.
In diesem Zusammenhang waeren der Nationalkongress der
Industriegewerkschaften (Sanbetsu) und der Nationale Verbindungsrat der Gewerkschaften (Zenroren) zu nennen. Der Sanbetsu, einer der beiden fuehrenden Gewerkschaftsbuende der Nachkriegszeit,
wurde Mitte des Jahres 1946 organisiert. Auf der Hoehe- seiner
Macht wurde er von mehr als 1 1/4 Millionen Arbeitern aus 19 nationalen Industriegewerkschaften unterstuetzt. Der Zenroren,
der dem Weltgewerkschaftsbund angeschlossen war, wurde unter der
Schirmherrschaft des Sanbetsu zu dem offen zugegebenen Zweck gegruendet, die japanische Gewerkschaftsbewegung zu"vereinigen."
Fuer kurze Zeit erfreute sich diese Organisation der Unterstuetzung der meisten fuehrenden Gewerkschaftsgruppen.
Gegen Ende des Jahres 1948 wurde die sogenannte "Demokratisierungs"-Bewegung von den gemaessigten Gewerkschaftsfuehrern
ins Leben gerufen, die in gemeinsamem Bemuehen sich der wachsenden Kontrolle der Gewerkschaften durch Minderheitsgruppen entledigen wollten. Die neue Bewegung wurde schnell groesser und vereinigte gegen Ende des Jahres 1949 mehr als vier Millionen Gewerkschafter, das heisst sie hatte ungefaehr 2/3 der gesamten organisierten Arbeiterschaft hinter sich. Der groesste Teil der japanischen Arbeiterschaft unterstand damit endgueltig gemaessigten Gewerkschaftsfuehrern. Die Anhaenger der neuen Bewegung setzten
sich zum groessten Teil aus Leuten zusammen, die mit der Politik
des Sanbetsu, des Zenroren und mehrerer grosser anderer unabhaengi
gen Industriegewerkschaften nicht einverstanden waren, die bis
dahin von extremen Elementen beherrscht war. Ein anderer grosser
Teil der japanischen Arbeiterschaft, der sich spaeter dieser Bewegung anschloss, war durch den Allgemeinen Bund Japanischer Gewerkschaften vertreten, dem ersten Gewerkschaftsbund der Nachkriegszeit, der im Jahre 1946 von Funktionaeren des japanischen Gewerkschaftsbundes der Vorkriegszeit "Sodomei gegruendet worden war.
Nach dem Krieg hatte der Sodomei im Jahre 1948 mit mehr als einer
Million seine hoechste Mitgliederzahl erreicht.
Die neu orientierte Mehrheit der japanischen Arbeiterschaft
entsandte mit Begeisterung fuenf Delegierte zum Gruendungskongress des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften und schloss
sich dieser Organisation an. Drei japanische Delegierte wurden in
die Ausschuesse des IBFG gewaehlt, um die Interessen der asiatischen Laender in dieser Organisation zu vertreten.
- 7-

�Fruehere Versuche des Sanbetsu und des Zenroren, die japanischen Gewerkschaften zu vereinigen, waren fehlgeschlagen, weil
der groesste Teil der Gewerkschaftsbewegung den Vorschlaegen dieser radikalen Organisationen nicht zustimmte. Der Erfolg der
gemaesslgten Gewerkschaft jedoch, die sich der Unterstuetzung
der Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft erfreute und Japans
Mitarbeit im Internationalen Bund Freier Gewerkschaften sichern
konnte, hat erneut Veranlassung gegeben, eine Vereinigung anzustreben. Bemerkenswerte Fortschritte sind in dieser Hinsicht bereits gemacht worden.
Ein Generalrat Japanischer Gewerkschaften (Sohyogikai) ist
im Juli 1950 gegruendet worlen. Er besteht gegenwaertig aus etwa
20 groesseren jaDanischen Industriegewerkschaften und Verbaenden,
die annaehernd 4 1/2 Millionen Arbeiter repraesentieren. Andere
grosse Gewerkschaftsgruppen treffen Vorbereitungen zum baldigen
Anschluss an diese Organisation.
In der Satzung dieses Gewerkschaftsrates ist festgelegt und das ist auch die Absicht seiner Funktionaere - dass er einen
gewissen Grad an Autoritaet ueber die angeschlossenen Gewerkschaften haben soll. Der Zweck dabei ist, die bestehende chaotische
Struktur der japanischen Gewerkschaftsbewegung zu beseitigen, die
Organisationsform zu vereinfachen und starke Industriegewerkschaften aufzubauen.
Ein weiterer Auftrieb zur Vereinigung wurde durch den Beschluss der Funktionaere des Sohyogikai gegeben; ihre Organisation
aufzuloesen und dafuer einzutreten, dass sich ihre Mitgliederorganisationen dem Gewerkschaftsrat anschliessen sollen. In vollem
Einverstaendnis mit den Absichten des Gewerkschaftsrates haben die
Funktioneere des Sodomei versprochen, ihre Industriegewerkschaften
mit anderen verwandten Industriegewerkschaften zu vereinigen.
Der freiwillige Entschluss der Funktionaere dieser groessten
Gewerkschaftsorganisation, die ueber 848,000 Arbeiter repraesentiert, ihre Organisation aufzuloesen, um die Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung zu foerdern, war entscheidend fuer den spaeteren Zusammenschiuss. Er veranlasste viele noch zoegernde Gewerkschaftsgruppen, an der Vereinigung mitzuarbeiten und die gemaesslgten Gewerkschaftsfuehrer zu unterstuetzen. Dass die alten und
hoechst einflussreichen Funktionaere des Sodomei die Bestrebungen
deä Gewerkschaftsrates zur Vereinigung unterstuetzten, erweckte
das Vertrauen, dass diese Bemuehungen ernstgemeint und wert waren,
unterstuetzt zu werden.
Die Minderheit, die die Politik der Extremisten beguenstigten,
blieb
auch weiterhin in einigen dem Rat angeschlossenen grossen
Gewerkschaften bestehen: die demokratischen Elemente besitzen jedoch jetzt eine genuegende Mehrheit, um die Kontrolle ueber ihre
Gewerkschaften ausueben zu koennen.
Die Opposition hat jetzt einen Gegenschachzug gefuehrt, um
ihre Kraefte zu vereinigen und zu staerken. Im April 1950 beschloss
der Sanbetsu, dessen Mitgliederzahl auf 1/4 Million zusammengeschrumpft war, die Organisation aufzuloesen und vereinigte sich mit
lern Zenroren, der sei-erseits neu organisiert werden sollte.
Diese Organisation, deren Mitgliederzahl Anfang 1950 auf weniger als 1/2 Million zurueckgegengen war, sollte in einem Gewerkschaftsbund als linksgerichteter Gegenspieler des allgemeinen Gewerkschafters tes umgewandelt werden.
- 8-

�Die Tarifverhandlung ist in den Wechselbeziehungen zur Industrie zum allgemein anerkannten Verfahren geworden, obwohl
viele Phasen dieses Verfahrens und viele Verhandlungsprozesse
noch im ^nfangsstadium stehen oder nicht voellig verstanden sind.
Alle Arbeiter mit Ausnahme von etwa 1,6 Millionen Regierungsangestellten sind gesetzlich berechtigt, formelle Tarifvertraege
abzuschliessen. Am 1. Januar 1950 standen von jenen Gewerkschaften und ihren Mitgliedern, die die Berechtigung zum Abschluss von
Tarifvertraegen hatten, ueber 60%, oder 23.805 Lokalgewerkschaften und mehr als 80%, oder 651.000 Gewerkschafter unter formellen
Tarifvertraegen.
Waehrend des Jahres 1949 bestand auf der Seite der Unternehmer die Tendenz, beim Abschluss von neuen Tarifvertraegen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, der Vorrechte der Arbeiter und
ihrer Loehne auf wesentlich niedrigeren Normen als denen frueherer Tarifvertraege zu bestehen. Diese Tendenz ist zum Teil darauf zurueckzufuehron, dass die Unternehmer versuchten, einige
der Zugestaendnisse rueckgaengig zu machen, die sie gegeben hatten, als sie sich ihrer veraenderten Stellung nach dem Kriege bewu3st wurden. Zum andern ist sie durch die Schwierigkeit der
gegenwaertigen wirtschaftlichen Verhaeltnl3se bedingt. Im Verlaufe der Verhandlungen werden die Rechte der Arbeiter und Unternehmer jedoch genau festgelegt. Beim Abschluss von Vertraegen
neigt man im allgemeinen dazu, langfristige Vertraege zustandezubringen und Einrichtungen zur Bearbeitung von Beschwerden,
schiedsrichterliche Schlichtung von Streitigkeiten und Auslegungsunter^chiedlichkeiten der Vertraege und eine Fristgewaehrung im
Falle von Arbeitsniederlegungen in den Bestimmungen der einzelnen
Vertraege vorzusehen.
Die Einrichtungen zur Regelung der Wechselbeziehungen zur
Industrie werden Tag fuer Tag in Anspruch genommen. Im vergangenen Jahre wurde die Arbeit der zentralen und der Bezirkskommissionen fuer Wechselbeziehungen zur Industrie dadurch unterstuetzt,
dass das Gesetz zur Angleichung der Wechselbeziehungen der Arbeit
revidiert und das Gesetz zur Angleichung der Wechselbeziehungen
der Arbeit in Gesellschaften der Oeffentlichen Hand verkuendet
wurde. Die zentralen und praefektoralen Kommissionen waren massgeblich an der Verhinderung und Beilegung aller wichtigeren Streitigkeiten beteiligt und haben mitgeholfen, auch fast alle kleineren Streitigkeiten zu schlichten.
Es wird berichtet, dass die unsichere wirtschaftliche Lage
Japans nach dem Kriege und die Verworrenheit der japanischen
Lohnstruktur im letzten Jahre dazu beigetragen haetten, die Errichtung eines sich aus drei Partnern zusammensetzenden Lohnausschusses zu verhindern, wie er im Gesetz fuer Arbeitsnormen vorgesehen war. Dieser Ausschuss haette die Aufgabe gehabt, einen
Mindestlohn vorzuschlagen. Waehrend dank des wirtschaftlichen
StabilisierungsProgramms eine relative Stabilitaet der Loehne erzielt wurde, ist die Verworrenheit der Lohnstruktur geblieben.
Diese Tatsache hindert zusammen mit anderen wirtschaftlichen und
politischen Faktoren die japanische Regierung an dem Versuch, einen Mindestlohn festzusetzen. Der Druck der Gewerkschaften laesst
jedoch nicht nach, und die Regierung wird es wohl fuer ratsam erachten, die notwendigen Massnahmen zu ergreifen.
Obwohl von keinem Fortschritt auf dem Wege zu einem Mindestlohn berichtet werden kann, ist es ermutigend, festzustellen,
dass im vergangenen Jahr eine Verbesserung der Realloehne und der
Kaufkraft der japanischen Arbeiter eingetreten i3t. Im Maerz
- 9-

�1949 lag der Index der Loehne in der Herstellerindustrie, wenn
ein Vorkriegsstand von 100 zugrundegelegt ist, bei 231, waehrend
er sich fuer Verbraucherpreise in Tokio auf 314 belief, was einem Verhaeltnis von 62% der Loehne aufgrund des Vorkriegsstandes
von 1934-1936 gleichkommt. Von Maerz 1949 bis Maerz 1950 erhoehten sich die Loehne in der Herstellerindustrie um 14%, waehrend
die fuer Tokio gueltigen Verbraucherpreise um 9% zurueckgingen,
wodurch das Lohnverhaeltnis in Anbetracht der Preise auf .77% des
Vorkriegsstandes gebracht wurde. Waehrend diesen Zahlen lediglich ein Vergleich mit den Verbraucherpreisen in Tokio zugrundeliegt, weil nur fuer dieses Gebiet einigermassen zuverlaessige
Angaben ueber Verbraucherpreise der Vorkriegszeit vorhanden sind,
verbesserten sich die Realloehne der Arbeiter tatsaecnlich In ganz
Japan.
International Labor Review
Vol. LXIl/No. 1
IAO UNTERSTUETZT EUROPAEISCHZ UMSIEDLER
Die 18 Marshall-Plan Laender haben ein Hilfsprogramm im
Werte von einer Million Dollar begonnen, das mithelfen soll, die
internationale Umsiedlungsmaschinerie zu vervollkommnen.
Das neue Programm wird ein grossangelegtes, kooperatives
Unternehmen ermoeglichen, an dem sich alle westeuropaeischen Demokratien beteiligen werden, indem sie systematisch und mit wissenschaftlichen Mitteln der Ueberbevoelkerung zu Leibe gehen, die
chronische und staendige Arbeitslosigkeit und einen niedrigen
Lebensstandard zur Folge hat.
Zur Finanzierung dieses umfassenden Unternehmens haben sich
die Mitgliedernationen der OEEC bereit erklaert, in ihrer eigenen
Waehrung einen Betrag im Werte von 200.000 Dollar fuer die Durchfuehrung des Programms im eigenen Lande zur Verfuegung zu stellen.
Ausserdem hat die Marshall-Plan-Verwaltung eine Million Dollar gewaehrt, mit denen die Aufwendungen fuer Erhebungen und Ausbildungsprojekte im Rahmen des Programms gedeckt werden sollen.
Die Netionen, die an diesem Projekt mitarbeiten, haben die
Internationale Arbeitsorganisation - eine Fachorganisation der
Vereinten Nationen - gebeten, die Verantwortung fuer die Verwaltung eines technischen Hilfsprogramms zu uebernehmen, das die Umsiedlung von Arbeitskraeften erleichtern soll.
Der Zweck dieses Millionen-Projektes ist, die Laender mit
Aus- und Einwanderungsmoeglichkeiten bei der Entwicklung der notwendigen Einrichtungen im Zusammenhang mit der Umsiedlung in
technischen Fragen zu unterstuetzen.
Diese Einrichtungen haben die Aufgabe, die Gebiete festzulegen, die einen Ueberschuss bzw. Mangel an Arbeitskraeften haben,
sowie die Arbeitsmoeglichkeiten in den Einwanderungslaendern zu
untersuchen, Dienststellen einzurichten, die einen Nachweis ueber
offene Arbeitsplaetze fuehren, Stipendien an Beauftragte der Regierungen zu vergeben, um ihnen das Studium der Umsiedlungsprobleme
zu ermoeglichen, und eine Organisation aufzubauen, die die Wanderung und Wiederansiedlung von Umsiedlern erleichtern soll.
Auch dieses Vorhaben ist darauf ausgerichtet, eine Vollbeschaeftigung und einen hoeheren Lebensstandard zu erreichen. In
- 10 -

�einigen Laendern, besonders in Italien und der deutschen Bundesrepublik, ist das Problem der Ueberbevoelkerung so dringend,
dass alle Hilfsquellen selbst bei groesstmoeglicher Intensivierung nicht ausreichen, um der Bevoelkerung einen angemessenen
Lebensstandard zu sichern.
S JD

AFL Weekly News Service
IX/15/1950
MARSHALL-PLAN MUSS LOEHNE DER ARBEITER EUROPAS VERBESSERN
Drei amerikanische Gewerkschafter, die soeben eine Ueberpruefung der Industriezentren Frankreichs im Auftrag der ECA beendet haben, sind der Auffassung, dass der Marshall-Plan sofort
umfassender und besser gestaltet werden muesse, um die Loehne der
freien Gewerkschafter Europas erhoehen zu koennen. Es handelt
sich um Carmen Lucia, der zweiten Vorsitzenden der Hutmachergewerkschaft der AFL, Harold Gibbons, dem Kassierer der Ortsgewerkschaft Nr. 688 der Fahrergewerkschaft der AFL, und J. William
Belanger, dem Vorsitzenden des Industriegewerkschaftsrates von
Massachusetts.
"Der Lebensstandard der frenzoesischen Arbeiter muss erhoeht werden, wenn Frankfreich eine Hochburg der Demokratie in
Westeuropa bleiben soll," sagten sie in ihrer Erklaerung. "In
den ersten beiden Jahren des Marshall-Planes musste Frankreich
notwendigerweise mit Lebensmitteln, Rohmaterialien und Maschinen
versorgt werden, um seine Industrie wieder aufbauen zu koennen.
Dieses Ziel ist zum groessten Teil erreicht worden. Wenn Jedoch
jetzt kein Programm in die Wege geleitet wird, das die drei
grundlegenden Faktoren des Lebensstandards, naemlich Ernaehrung,
Bekleidung und Wohnung verbessert, wird das franzoesische Volk
nicht stark genug sein, sich einer totalitaeren Aggression zu
widersetzen. Diese Aufgabe muss von der ECA, der frenzoesischen
Regierung, der franzoeischen Industrie, von den Vereinigten Staaten beraten und unterstuetzt, der Organisation fuer europaelsche
Wirtschaftszusammenarbeit (OEEC) und von den Gewerkschaften in Angriff genommen werden."
Der Vorsitzende der AFL, William Green, hatte im April
dieses Jahres erklaert, dass seine Organisation mit den Arbeitern
WesteuroDas sympathisiere, die um hoehere Loehne kaempfen, und
hatte ihnen die volle Unterstuetzung der AFL zugesichert.
Weekly News Service, AFL
H/15/50
Capus M. Waynick, Administrator des Amtes fuer Technische Zusammenarbeit und Unterstuetzung:
FORTSCHRITTE DES PUNKT-VIER-PROGRAMMSj
Durch das Punkt-Vier-Programm werden anderen Voelkern unsere
Erfahrungen und Kenntnisse angeboten, um ihnen zu helfen, bessere
Lebensbedingungen fuer sich zu schaffen. Das Programm wird uns
in diesem ersten Jahre 34 1/2 Millionen Dollar kosten, das ist
weniger als o,l% der 36 Milliarden Dollar, die Praesident 2'ruman
fuer den Gesamthaushalt bewilligt hat. Dieser verhaeltnismaessig
kleine Betrag wird jedoch eine grosse kooperative Bewegung einleiten, in deren Rahmen ^iele Nationen gemeinsam mit ihren Kenntnissen
und Hilfsquellen dazu beitragen werden, die V/elt fuer ihre Bewohner
besser zu gestalten.
- 11 -

�Dieses Programm muss unsere Antwort auf den Wunsch der Voelker sein, sich ein besseres Leben zu sichern. Sie muessen mit
ihren eigenen Augen sehen und am eigenen Leib erfahren, was die
Demokratie fuer sie und ihre Familien bedeuten kann.
Das Punkt-Vier-Programm ist die «ntwort auf den Kommunismus
fuer lange Sicht. Die Programm-Ziele gehen ueber die gegenwaertige
Auseinandersetzung hinaus und bestehen darin, fuer die Dauer Friede
und Wohlstand fuer jene Menschen zu schaffen, die dies wuenschen.
Der konstruktive Wert des Punkt-Vier-Programms ist die neue Hoffnung und der neue Mut fuer Millionen Menschen in vielen Teilen der
Welt.
Das Problem einer grossen Anzahl dieser Laender besteht nicht
darin, die physischen Grenzen zu oeffnen, sondern den Menschen zu
helfen, die Ketten abzuschuetteln, in denen sie gefangengehalten
werden. Sie sind krank und hungrig und elend, weil sie furchtbar
arm sind. Sie sind arm, weil sie zu wenig Nahrungsmittel und zu
wenig Waren produzieren; sie produzieren zu wenig, weil sie unterernaehrt, kraenklich und des Lesens und Schreibens unkundig sind,
und weil es ihnen an Erfahrung und Kapital fehlt.
Wie kann dieser sich selbst schaedigende Kreislauf aufgebrochen werden? Die Antwort hierauf gab Praesldent Truman in seiner
AnsDrache anlaesslich der Einfuehrung des Punkt-Vier-Programms:
"Hoehere Produktion ist der Schluessel zu Wohlstand und Frieden. Und der Schluessel zur hoeheren Produktion ist eine vielseitigere und bessere Anwendung des modernen wissenschaftlichen
und technischen Wissens."
Das ist die Loesung, die das Punkt-Vier-Programm diesen Menschen bietet.
Aber selbst mit dieser Hilfe koennen sich die Menschen der
wirtschaftlich rueckstaendigen Gebiete nicht ueber Nacht einen
hoeheren Lebensstandard sichern. Dies ist eine Aufgabe von laengerer Dauer, das darf uns jedoch nicht entmutigen.
Auch unser eigener hoher Lebensstandard konnte nicht ueber
Nacht errungen werden. Aber die Dringlichkeit ist gross und die
wirtschaftliche Entwicklung nimmt viel Zeit in Anspruch. Je frueher
wir jedoch damit beginnen, umso besser ist es. Es gibt Leute, die
die Frage stellen, ob wir nicht eine Konkurrenz schaffen, die unsere eigenen Produzenten eines Tages ruinieren wird, wenn wir anderen Voelkern helfen, ihre Wirtschaft zu entwickeln. Ich bin der
Auffassung, dass diese Furcht unbegruendet ist. Ginge es uns
besser oder schlechter, wenn die hochentwickelten Industriestaaten
wie Kanada und Gross-Britannien, die die gleichen Dinge herstellen wie wir, ploetzlich aufhoerten, Industriestaaten zu sein und
auf das wirtschaftliche Niveau der unterentwickelten Gebiete absinken wuerden?
•

Alle Statistiken zeigen, dass die hochentwickelten Laender, die
ueber eine hohe Kaufkraft verfuegen, die besten Abnehmer und die
besten Nachbarn sind, wenn die Demokratie in ihnen nicht untergraben wird. Je schneller die rueckstaendigen Gebiete entwickelt werden koennen, um so groesser wird die Moeglichkeit sein, sich am
Welthandel zu beteiligen, und umso mehr Geld wird den Menschen in
diesen Gebieten zum Ankauf von Waren zur Verfuegung stehen.
Technische Unterstuetzung ist eine ziemlich abstrakte Bezeichnung fuer eine sehr praktische Angelegenheit, die darin besteht,
dass man Menschen lehrt, wie bestimmte Dinge zu tun sind und Methoden
- 12 -

�anzuwenden, die sie zuvor nicht kannten. Es ist eine alte Form
der Erziehung: die Uebermittlung von Erfahrungen und technischen
Koennens an andere. In diesem Falle sollen besondere Kenntnisse
und jene Faehigkeiten ausgetauscht werden, die ein besseres Leben ermoeglichen. Hier muss jedoch der Unterschied und die Schwierigkeiten beachtet werden, dass der Austausch dieser Erfahrungen
mit Menschen vieler verschiedener Nationen stattfinden muss.
Im Rahmen des Punkt-Vier-Programms schicken wir amerikanische
Techniker der Landwirtschaft ins Ausland, um dort verbesserte Arbeitsmethoden vorzuf uehren,. die immer den oertlichen Verhaeltnissen
angepasst werden muessen. Wir werden Aerzte und Krankenschwestern
entsenden, um den Menschen dort die elementarsten Gesundheitsregeln mitzuteilen und ihnen zu zeigen, wie man vermeidbare Krankheiten, wie zum Beispiel die Malaria, bekaempfen kann, indem eine
den Gesundheitsvorschriften entsprechend bessere Wasserversorgung
und ein zweckmaessiges Kanalisationssystem hergestellt wird. Wir
werden amerikanische Erzieher ins Ausland schicken, die den Lehrern in anderen Laendern helfen sollen, bessere Methoden zur
Ueberwindung des Analphabetentums zu ermitteln, das in einigen
Laendern die erschreckende Zahl von 90% erreicht hat. Wir werden
auch weiterhin intelligente und vorwaertsstrebende Menschen aus
jenen Laendern zu ihrer technischen Ausbildung nach den Vereinigten Staaten bringen.
Das Punkt-Vier-Programm setzt sich aus zwei ineinandergreifenden Faktoren zusammen: Die technische Unterstuetzung und die
Kapitalinvestierung. Das Programm fuer die technische Unterstuetzung ist vom Kongress genehmigt worden, der fuer diesen Zweck
34 1/2 Millionen Dollar bewilligt hat. Von diesem Betrag werden
wir 12 Millionen Dollar fuer das technische Hilfsprogramm der
Vereinten Nationen zur Verfuegung stellen. 49 andere Laender
haben gemeinsam weitere 8 Millionen Dollar bereitgestellt. Damit
hat sich der Betrag auf 20 Millionen Dollar erhoeht, der fuer das
technische Hilfsprograum der Vereinten Nationen und ihrer Fachorganisationen zur Verfuegung gestellt worden ist.
Wenn die verschiedenen Ansuchen um technische Unterstuetzung
beim Aussenministerium eingegangen sind, werden sie von jedem Gesichtspunkt aus sorgfaeltig geprueft werden. Wir werden feststellen, ob die einzelnen Vorschlaege mit dem Zweck des Punkt-VierProgramms vereinbar sind und ob das betreffende Land die angeforderte Unterstuetzung tatsaechlich gut verwenden kann. Wir werden
pruefen, ob das vorgeschlagene Projekt mit einem anderen sich ueberschneidet oder einem anderen entgegenlaeuft, das von den Vereinten
Nationen oder irgendeiner anderen internationalen Behoerde geplant
ist.
Mit den vom Kongress bewilligten Geldmitteln muessen wir in
der Lage sein, in diesem ersten Jahre des Punkt-Vier-Programms
mehr als 1000 amerikanische Techniker mit Auftraegen fuer technische Unterstuetzung ins Ausland zu schicken. Wir rechnen damit,
mehr als 10000 geeignete Personen aus diesen zu unterstuetzenden
Laendern zur technischen Ausbildung in die Vereinigten Staaten zu
holen. Die Regierung wird ausserdem mit amerikanischen privaten
Unternehmen Vertraege abschliessen, um die technischen Hilfsmassnahmen noch staerker zu intensivieren und sich zugleich zu bemuehen,
ebenfalls geeignete Persoenlichkeiten als Wegbereiter heranzuziehen, und sich an der Ausbildung auslaendischer Techniker in den
Vereinigten Statten zu beteiligen.
Sehr oft jedoch wird noch mehr benoetigt, als nur eine technische Unterstuetzung, um das gewuenschte Ziel zu erreichen. Dieses
"mehr" ist die Investierung von Kapital. In einigen Faellen ist
- 13 -

�das Kapital fuer Projekte der wirtschaftlichen Entwicklung mit
Recht von der Regierung zur Verfuegung gestellt worden, wie zum
Beispiel durch die Kredite der Export-Import Bank in Washington
und der Welt-Bank. Praesident Trumen hat jedoch klar herausgestellt, dass der groesste Teil der fuer die Investierung in unterentwickelten Gebieten benoetigten Kapitalien aus privaten Quellen kommen muss.
Tatsache ist, dass in zählreichen wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten die Anlagemoegliohkeiten fuer private Investierungen augenblicklich nicht guenstig sind.
Diese unguenstigen Bedingungen koennen zum Teil rechtzeitig
durch den Einsatz technischer Unterstuetzungsmassnahmen ausgeglichen werden. Unsere eigenen Erfahrungen, die wir vor 50 Jahren
in Kuba, Kanada und auf den Philippinen machten, haben bewiesen,
dass nach einer Reform der gesundheitlichen und sanitaeren Verhaeltnisse sowie der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen
Privatkapitalien in einem Land angelegt werden koennen, und neue
Unternehmen, neue Arbeitsplaetze und neue Moeglichkeiten ins
Leben gerufen werden koennen. Eine? der grossen Werte der technischen Unterstuetzung besteht darin, dass sie dazu beitraegt, eine
Umgebung zu schaffen, die dem gesteigerten Fluss von Investitionskapitalien foerderlich ist. Der Investition von Kapital sind
jedoch in einigen rueckstaendigen Gebieten sowohl durch die Regierung als auch durch die natuerlichen Verhaeltnisse Grenzen
gesetzt. Einige Regierungen haben strenge und offensichtlich
laestige Beschraenkungen fuer die Investition auslaendischen Kapitals eingefuehrt. Schwierigkeiten in der Transferierung der Waehrungen verursachen zusaetzliche Probleme. Das Aussenministerium
ist mit allen Mitteln bestrebt, die Schwierigkeiten zu beseitigen,
die einer groesseren Investition amerikanischen Kapitals im Ausland im Wege stehen. Wir sind dabei, neue Handelsvertraege mit
einer Reihe von Laendern abzuschliessen, die Bestimmungen enthalten, die eine gerechte Behandlung sowohl der amerikanischen Kreditanleger als auch der Laender, in denen sie ihre Investitionen
vornehmen, gewaehrleisten sollen.
\ Aber dies ist im besten Falle ein langwieriger Vorgang. Um
den Fluss amerikanischen Kapitals ins Ausland zu beschleunigen,
hat die Verwaltung des Punkt-Vier-Programms empfohlen, die
Export- und Import-Bank zu ermae cht igen,» begrenzte Buergschaf ten
fuer ausserordentliche Risiken zu uebernelimen, denen im Ausland
investiertes Kapital unterworfen ist. Es ist vorgeschlagen, dass
die Bank gegen einen gewissen Zins im Ausland investiertes Kapital gegen Enteignung ohne ausreichende Verguetung und gegen die
Uoeglichkeit versichert, dass dieses Kapital und die Gewinne in
anderen Waehrungen nicht in Dollar tranferiert werden koennen.
Derartige Investitionen sollen dagegen nicht gegen gewoehnliche
Geachaeftsrisiken gesichert werden.
Unsere Regierung bietet mit diesen Vorschlaegen neuen Boden;
und sie wird eine Formel suchen, die sich sowohl fuer die amerikanischen Investitionen als auch fuer die auslaendischen Regierungen
als zufriedenstellend erweisen wird. Wir moechten den amerikanischen Kapitalanlegern einen angemessenen Schutz und eine gerechte
Behandlung zusichern. Wir moechten jedoch auf der anderen Seite
vermeiden, besondere Vorrechte fuer die im Ausland investierten
amerikanischen Kapitalien und die Anleger zu beanspruchen.
The Department of State Bulletin
IX/25/50
- 14 -

�Z'VEI RESOLUTIONEN DER AFL GEGEN DAS TAFT-HARTLEY GESETZ
Der Amerikanische Gewerkschaftsbund (AFL) fuehrt zur Zeit
seinen groessten Feldzug, um die Wahl eines liberalen Kongresses
zu sichern, der das gewerkschaftsfeindliche und ungerechte TaftHartley Gesetz abschaffen soll.
Die Mitglieder der AFL sind aufgerufen, diejenigen Kandidaten zu unterstuetzen, die fuer den Widerruf dieses Gesetzes stimmen werden. Millionen von Worten sind zu diesem Zwecke geschrieben und gesprochen worden.
Das Wesentliche des Standpunktes der AFL ist in zwei Resolutionen zusammengefasst, die von der 69. Konvention in Houston
(Texas) angenommen wurden. Den acht Millionen Gewerkschaftsmitgliedern der AFL, den Berichterstattern der Zeitungen, den Kommentatoren des Rundfunks und der Oeffentlichkeit soll die klare und
unzweideutige Stellungnahme der AFL zum Taft-Hartley Gesetz zur
Kenntnis gebracht werden, warum und wie sie versuchen wird, dieses
Gesetz im 82, Kongress, der am 7. November gewaehlt wird, abzuschaffen:
Der Text dieser Resolution Nr. SO - die von dem Delegierten
Thomas A. Murray vom Gewerkschaftsbund des Staates New York eingebracht wurde, lautet:
Weil das Gesetz ueber die Arbeitgeber-Arbeitnehmer Beziehungen des Jahres 1947, das unter dem Namen Taft-Hartley Gesetz
besser bekannt ist, die demokratischen Rechte der amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung verletzt und sie ihrer fundamentalen Freiheit und Organisationsmoeglichkeiten beraubt und deshalb von der
gesamten Gewerkschaftsbewegung ausnahmslos abgelehnt wird, und
Weil das Gesetz seit seinem Inkrafttreten die rechtmaessigen gewerkschaftlichen Taetigkeiten eingeschraenkt und gewisse
Unternehmer ermutigt hat, im Vertrauen auf bestimmte hintertueren
im Gesetz, die es ihnen erlauben, sich ihrer Verantwortlichkeit
zu entziehen, sich den Forderungen der Gewerkschaften kompromisslos und hartnaeckig zu widersetzen, tatsachenentstellende Forderungen der Unternehmer zu befuerworten, Unternehmergewerkschaften
im geheimen aufzustellen und den Gewerkschaften ohne Begruendung
unfaires Verhalten vorzuwerfen, und
Weil, ungeachtet der ablehnenden Haltung des ganzen Landes
diesem Gesetz gegenueber, was durch die Wiederwahl" Praesident
Trumans bewiesen ist, eine reaktionaere Koalition von Republikanern und Sueddemokraten jeden Versuch, den Widerruf durchzusetzen,
unterbunden hat, und
Weil dieser fortwaehrende Missbrauch unvermeidbar zu der Unterminierung des Gebaeudes unserer Demokratie fuehren und letzten
Endes die freie Gewerkschaftsbewegung, die immer ein Bollwerk gegen Reaktion und Totalitarismus gewesen ist, in Misskredit bringen wuerde, wird hiermit beschlossen,
Dass diese Konvention die Politik mit allen Mitteln unterstuetzt, die von der AFL und den gewerkschaftlichen Kraeften in
unserem Lande in dem Bestreben eingeschlagen wurde, das amerikanische Volk ueber die gefaehrlichen Uebergriffe der Kraefte der Reaktion und des Totalitarismus aufzuklaeren, und
Dass wir unsere unabaenderliche ablehnende Haltung dem TaftHartley Gesetz gegenueber und unsere Entschlossenheit erneut zum
- 15 -

�Ausdruck bringen, unaufhoerlich gegen diesenruchlosen Akt der
Gesetzgebung zu kaempfen, und
Dass wir unsere Repraesentanten im Kongress und im Senat
der Vereinigten Staaten auffordern, den Wilien des amerikanischen Volkes zu respektieren und mitzuhelfen, das Taft-Hartley
Gesetz rueckgaengig zu machen, und
Dass wir den Kongress der Vereinigten Staaten, und die
Politiker beider Parteien auffordern, dieses verhasste Gesetz
aus unseren Verfa3sungsbuechern zu streichen.

Die zweite Resolution traegt die Nummer 88 - und wurde von
den Delegierten Jack Wieselberg, Norman Zukowsky, Edward Friss
und Morris Fuchs von der Gewerkschaft der Sattler und Portefeuiller eingebracht. Sie lautet: •
Weil der organisierten Arbeiterschaft in ihrem Kampf um
die Erhaltung ihrer Grundrechte von reaktionaeren Elementen erbitterter Widerstand geleistet wird, und
Weil in dem Wagner-Gesetz, das mit Recht die Magna Charta
der Gewerkschaften genannt wurde, den Arbeitern das Recht zuerkannt wurde, sich frei zu organisieren und Tarife abzuschliessen,
und
Weil die reaktionaeren Elemente, die den 80. Kongress beherrschten und eine Kombination von Tory-Republikanern und Dixiecrat-Demokraten darstellten, der organisierten und nichtorganisierten Arbeiterschaft mit dem Erlass des schaendlichen TaftHartley Gesetzes einen schweren Schlag versetzten, und
Weil die Waehler unseres Landes geschlossen ihre Entruestung
ueber dieses Gesetz zum Ausdruck brachten, indem sie Harry S.
Truman wieder zum Praesidenten waehlten, nachdem er ihnen versprochen hatte, sich dafuer einzusetzen, dass das Taft-Hartley Gesetz
widerrufen wird, und
Weil der gegenwaertig bestehende Kongress fortwaehrend gezeigt hat, dass er den mit der Wiederwahl zum Ausdruck gebrachten
Willen des Volkes nicht achtet, und
Weil jede fruehere Konvention der AFL eindringlichst die
sofortige Abschaffung des Tfcft-Hartley Gesetzes verlangt hat,
Wird von der 69. Konvention der AFL beschlossen, dass wir
die unverzuegliche Beseitigung des Taft-Hartley Gesetzes und den
Neuerlass des Wagner-Gesetzes in der Weise verlangen, wie es von
Praesident Truman in seiner Botschaft an den 81. Kongress empfohlen wurde.
.

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AFL Weekly News Service
X/17/50

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di* folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 36

Frankfurt, 10. November 1950
I N H A L T S V S R

Z E I C H N I S

Automobilarbeitergewerkschaft Amerikas gegen
Krediteinschraenkungen - - - - - - - - - - - i
Die Gewerkschaften in den Kolonien erwarten Hilfsmassnahmen - - - - - - - - - - - - - - - - - z
Der Kongress derTorce Ouvriere" - - - - - - - - 5
Die Arbeitsweise der Gewerkschaften in Amerika - 6
Entwicklungen in der gesamtamerikanischen Gewerkschaftsbewegung - - - - - - - - - - - - - - - g
Die chilenischen Gewerkschaften - - - - - - - - - 1 0
Die Gewerkschaftsbewegung Schwedens - - - - - - - n
Warum die Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlassen - 14
Englische Amerikabesucher fuer Normung der
Produktion - - - - - - - - - - - _ - _ _ _ _ - 15
Schweizerische Gewerkschaften fuer den Marshallplan
16

AUTOMOBILARBEITERGäY/iliRKSCHAFT AMERIKAS GEGEN KREDITEINSCHRAENKUNGEN
Die Automobilarbeitergewerkschaft des C.I.O. hat zum Ausdruck
gebracht, dass sie die neuen Richtlinien ueber Beschraenkung der
Wohnungsbau- und Anschaffungskredite ablehnt.
In einem Schreiben an den Vorsitzenden des Bundesausschusses
zur Ueberwachung und Sicherung der Hilfsquellen des Landes (National Security Resources Board), W. Stuart Symington, haben Funktionaere dieser Gewerkschaft gefordert, dass diese Bestimmungen, die
von der Bundesstaatlichen Verwaltung fuer Waehrungskontrolle herausgegeben wurden, solange nicht in Kraft gesetzt wuerden, bis
die von der Regierung einberufene Konferenz von Arbeitnehmern und
Arbeitgebervertretern der betreffenden Industrien Vorschlaege
hierzu gemacht haette.
Die Funktionaere bezeichneten diese neuen Bestimmungen als
einen "Dolchstoss in den Ruecken der amerikanischen Familien mit
niedrigem Einkommen."
- 1-

�"Durch die Beatimmungen soll in erster Lieie das Problem der
Materialverknappung geloest werden," heisst es in dem Schreiben;
"sie erfuellen jedoch ihren Zweck einfach dadurch, dass sie den
Verbrauchern mit niedrigem Einkommen die Moeglichkeit nehmen, sich
'Wohnungen, Autos und andere Ansohaffungsgueter zu kaufen."
Die Automobilarbeitergewerkschaft ist der Auffassung, dass
die Probleme der Wohnungsbau- und Anschaffungskredite durch eine
Erweiterung der Produktion geloest werden muessen.
Die Einschraenkungen, besonders der Wohnungsbaukredite, wurden von Symington als eine wirksame Waffe im Kampf gegen die Inflation verteidigt. "Wir befinden uns in einer Zeit der Mobilisierung," sagte er, "und direkte Lohn-Preiskontrollen wuerden die
gesamte Wirtschaft in eine Zwangsjacke stecken. Wenn jedermann
mithilft, auch die Unternehmer und Gewerkschaften, waere es einfach, indirekte Kontrollen auszuueben." Symington verurteilte
ausserdem die greisen Profite, die nach seiner Aussage im dritten
Quartal dieses Jahres hoeher waren als in irgendeinem anderen
Lande zu irgendeinem Zeitpunkt in der Weltgeschichte.
Leon Keyserling, der Vorsitzende des Ausschusses wirtschaftlicher Berater, forderte eine weitere Steuererhebung, um die
Kaufkraft zu absorbieren. Keyserling befuerwortete ausserdem in
einer Rundfunkansprache die Errichtung eines Bueros zur Kontrolle
von Loehnen und Preisen, die man schnell in Aktion setzen
koennte, wenn die inflationistische Tendenz bestehen bliebe.
Auch Bernhard Baruch hat sich fuer hoehere Steuern und Kontrollen ausgesprochen und warnend erklaert, dass die Auffassung,
Kontrollen der Regierung koennten durch freiwillige Einschraenkungen vermieden werden, eine bequeme Selbsttaeuschung sei.
Am gleichen Tage sagte Cyrus Ching, der Vorsitzende des neuen Ausschusses fuer Lohnstabilisierung, dass es ausschliesslich
die Schuld der Gewerkschaften und der Industrie waere, wenn Lohnund Preiskontrollen bald eingefuehrt wuerden. "Ich habe niemanden gesehen, der nicht Lohn- und Preiskontrollen bejaht hätte, aber fuer andere und nicht fuer sich selbst," sagte er.
Man erwartet demnaechst weitere Kontrollen fuer Warenkredite
grosser Kaufhaeuser und fuer private Gelddarlehen. Symington
setzt sich bei der Bundesstaatlichen Verwaltung fuer Waehrungskontrolle fuer diese Einschraenkungen ein.
Daily News Service, Labor Press Association
X/23/50
DIE GEWERKSCHAFTEN IN DEN KOLONIEN ERWARTEN KILFSMASSNAIiMEN
Der Aufstieg der Gewerkschaftsbewegungen in den Kolonien unter den Nichteuropaeern ist ebenso rasch wie bemerkenswert. In
den britischen Kolonien gehen mit einigen Ausnahmen in Westindien die fruehesten Entwicklungen auf 10 bis 12 Jahre zurueck.
Die Ausdehnung der Gewerkschaftsbewegung hat sich so schnell
vollzogen, dass gegenwaertig rund 1.000 Gewerkschaften in britischen Kolonien mit einer Gesamtmitgliederzahl von etwa 600.000 zu
verzeichnen sind. Nach europaeischen Begriffen sind sie zahlenmae^sig noch ziemlich unbedeutend, ihre Mitgliederzahlen belaufen
sich im Durchschnitt auf einige Hundert oder hoechstens einige
Tausend.

�Die Lage dieser jungen und kaempferischen Organisationen in
den Kolonien erinnert an die Anfaenge der britischen Gewerkschaftsbewegung vor 150 Jahren. Jede Gleichsetzung mit den Urspruengen
der britischen Gewerkschaften waere jedoch irrefuehrend. Wie die
Pioniere in diesem Lande sahen sich die Gewerkschaften in den Kolonien ungeheuren Problemen gegenueber, die durch die Armut und Unerfahrenheit verursacht sind; auf der anderen Seite jedoch hatten
sie nicht im gleichen Masse unter der feindseligen Haltung oder
Unterdrueckungsmassnahmen durch die Regierungen zu leiden.
Diesen Gewerkschaften fehlen lediglich Anregungen, Ratschlaege
und Unters tuetzung. Zwar sind bisweilen in kritischen Situationen
schwere Fehler gemacht worden, im allgemeinen jedoch konnten diese
Gewerkschaften mit der Ruecksichtnahme und sogar einer gewissen
Ermunterung durch die Regierungen oder das Kolonialamt rechnen.
Immer konnten sie sich jedoch auf die Unters tuetzung des Britischen
Gewerkschaftskongresses (TUC) verlassen.
Waehrend dieser Phase der Vorbereitung hat der TUC ununterbrochen und regelmaessig mit den neuen Organisationen in Verbindung
gestanden. Obwohl diese Verbindungen aus der Zeit vor 1939 datieren, konnten erst nach Kriegsende viele der urspruenglichen Absichten verwirklicht werden.
Ueber einen Kolonialen Beratungsausschuss, der zwei Jahre vor
dem Kriege gebildet wurde und sich aus einigen besonders befaehigten Experten in Kolonialfragen und aus Mitgliedern des Generalrates
zusammensetzt, die alljaehrlich ernannt werden, hat der TUC in
seiner Gewerkschaftsarbeit in den Kolonien im wesentlichen zwei
Ziele verfolgt: erstens in staendiger taetiger Verbindung mit den
neuen Kolonialgewerkschaften zu bleiben und ihnen sowohl auf direktem Wege als auch ueber das Kolonialamt Rat und Unterstuetzung
zu vermitteln; und zweitens Gewerkschafter aus den Kolonien in die
Ideen und Methoden des Gewerkschaftswesene in England einzufuehren.
Das Erziehungsprogramm, das in frueheren Jahren nur auf oberflaechlicher Basis durchgefuehrt wurde, ist seit 1945 staendig weiter ausgebaut worden. In sieben Kolonien sind Gewerkschafter von
ihren eigenen Organisationen gewaehlt worden, die ein Jahr lang
Universitaeten oder Schulen in England besuchen sollen.
Ausserdem wird an Hand der Briefkurse der Ruskin-Hochschule
Unterricht erteilt. Die Gewerkschafter aus den Kolonien und die
eingeborenen Funktionaere der kolonialen Arbeitsaemter, die von
ihren Regierungen zur Ausbildung nach England geschickt wurden,
werden zu den einmonatigen Ausbildungskursen der Erziehungsabteilunp des britischen Gewerkschaftskongresses zugelassen. Auch an
den Wochenend- und Sommerschulen des TUC sind Plaetze fuer diese
Gewerkschafter aus den Kolonien bereitgestellt worden.
Um die Organisierung der neugegruendeten Gewerkschaften zu
unterstuetzen, wurden Handbuecher in grossen Mengen gedruckt und
verschickt. Die beste Form der Hilfe, die vom TUC in Zusammenarbeit mit der Regierung geleistet wird, ist sehr wahrscheinlich die,
dass man britische Gewerkschaftsfunktionaere als Gewerkschaftsberater auf Posten im Kolonialdienst berufen hat.
Das Kolonialamt hat seit der Einfuehrung dieses Planes im
Jahre 1942 bereits 23 erprobte Gewerkschafter ernannt, was sich besonders bei der Lenkung der neuen Gewerkschaften als aeusserst
fruchtbar erwiesen hat. Die Zahl der Kollektivvertraege, die zum
erstenmal in den Kolonien abgeschlossen wurden, ist hierfuer ein
schlagender Beweis. In Arbeits- und Wirtschaftslagen der Kolonien
ist zwischen den Vertretern des Generalrates des TUC in zwei Kolo- 3

�nialaus-schuessen und der Regierung eine staendige Zusammenarbeit
festzustellen. Es sind dies der Beratungsausschuss fuer koloniale
Arbeitsfragen und der Ausschuss fuer koloniale Wirtschaft und
ihre Entwicklung. Der TUC hat ausserdem schon vor dem Kriege mit
den sechs Sonderkommissionen fuer bestimmte Kolonien regelmaessig
in Verbindung gestanden.
Der TUC hat nicht versucht, die Verbindungen der Kolonialgewerkschaften mit der uebrigen Welt einzuschraenken. Sie wurden
im Gegenteil tatkraeftig unterstuetzt, um es ihnen zu ermoeglichen,
sich an der Nachkriegsentwicklung der Internationalen Gewerkschaftsbewegung positiv zu beteiligen. Ihre Verbindung mit dem
Weltgewerkschaftsbund, die erst seit 1945 besteht, war zu kurz,
um sich im guten oder im schlechten Sinne fuer sie auswirken zu
koennen. Ein betraechtlicher Teil der Gewerkschaften in den Kolonien hat sich laengst dem IBFG angeschlossen.
Die Absicht des IBFG, Landesorganisationen ins Leben zu rufen,
wird sich unmittelbar auf die Gewerkschaften in den Kolonien auswirken. Dieses Landes^rogramm wird jedoch keinesfalls der aktiven
Politik des TUC im Wege stehen, die in engster Verbindung mit der
Gewerkschaftsbewegung in den britischen Territorien betrieben wird.
Als die Delegierten aus den Kolonien beim ersten Kongress
des IBFG mit dem kolonialen Beratungsausschuss des TUC im Dezember des vergangenen Jahres zusammenkamen, wurden die dringlichsten
Probleme der Gewerkschaften in den Kolonien eingehend eroertert.
Die Delegierten wiesen hierbei auf die drei wichtigsten Notwendigkeiten hin:
1. Den Besuch britischer Gewerkschafter in den Kolonien, um
die Verhaeltnisse an Ort und Stelle kennenzulernen und Anregungen
zu geben.
2. Buero- und Werbematerial sowie Kraftfahrzeuge zur Verfuegung zu erhalten; und schliesslich
3. eine regelmaessige und ausreichende Versorgung mit brauchbaren Veroeffentlichungen.
Wie sehr gewerkschaftliches Lesematerial in den Kolonien erwuenscht ist, beweist die Tatsache, da?s Westindien hundert Exemplare der Gewerkschaftsgeschichte von Webbs angefordert hat. Um
passende Buecher und sonstige Literatur vor allem fuer Leser in
den Kolonien zur Verfuegung zu stellen, konnten ohne Schwierigkeiten 5000 Pfund Sterling aufgewendet werden. Diese Hilfe ist sehr
willkommen. Weit besser waere es jedoch, in jede Kolonie einen
erfahrenen Gewerkschafter zu schicken, der dort die oertlichen
Verhaeltnisse und Schwierigkeiten studiert und sofort beratend
eingreifen kann. Jeder Besuch dieser Art wuerde etwa o50 Pfund
Sterling kosten. Ausserdem muessen die einmal aufgenommenen Beziehungen aufrechterhalten werden. Zur Finanzierung eines Anfangsnrogramms fuer die beiden naechsten Jahre hat der Generalrat des
TUC den Delegierten des Kongresses eine Summe von annaehernd
27,000 Pfund Sterling vorgeschlagen und fuer die folgenden Jahre
einen weiteren Betrag von je 10,000 Pfund Sterling.
Die bis jetzt geleistete Arbeit ist aus einem Sonderfonds
finanziert worden, der im Jahre 1947 durch eine Spende von 500
Pfund Sterling aus Geldern des TUC und verschiedener anderer Zuwendungen angeschlossener Gewerkschaften in Hoehe von 2700 Pfund Sterling entstanden ist. Diese Mittel sind viel zu gering, um wirksam
zu sein. In dem Sonderbericht an den Kongress heisst es: "Die
finanziellen Belastungen sind gross; im Verhaeltnis zu der lebens-

�wichtigen Aufgabe, die erfuellt werden muss, sind sie jedoch keinesfalls uebertrieben. Die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung
in den Kolonien ist zum grossen Teil durch das Beispiel der Gewerkschaftsorganisationen Grossbritanniens gelenkt worden. Vor
allem aufbaumaessig koennen diese Gewerkschaften aus der Erfahrung
des TUC lernen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass sich die
Bewegung in Grossbritannien im Lichte eigener Verhaeltnisse entwickelt hat und damit nicht fuer die Kolonien als Beispiel gelten
kann. Die industriellen, sozialen und im allgemeinen auch die
schulungsmaessigen Normen sind dort verschieden.
In England hat sich die Bewegung auf rein industrieller Basis
entwickelt. Dagegen koennen, was auch tatsaechlich vorgekommen
ist, die Gewerkschaften in den Kolonien von Leuten missbraucht werden, die in diesen industriellen Organisationen eine Moeglichkeit
sehen, ihre persoenlichen politischen Wuensche zu erfuellen. Die
Zeit fuer eine erfolgreiche Entwicklung der Gewerkschaften ist noch
zu kurz, wenn man unter Gewerkschaften auch dort Arbeiterorganisationen versteht, die danach trachten, die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder zu wahren, und unabhaengige Organisationen
zu sein, die ihre Politik selbst bestimmen und unabhaengig handeln.
Sie brauchen die Hilfe und Anleitung durch Sachverstaendige, um die
sie uns gebeten haben.
Labor
IX/50
DER KONGRESS DER "FORCE OUVRIERE"
Ein entscheidender Schritt zur Einigung mit anderen nichtkommunistischen, franzoesischen Gewerkschaften wurde von 1000 Delegierten der franzoesischen Gewerkschaft "Force Ouvriere" auf einem
Kongress in Paris getan.
Die Delegierten, die eine Million Mitglieder Frankreichs und
seiner Kolonien vertreten, kamen vom 25. - 28. Oktober zusammen,
um zu beraten, wie sie ihre Gewerkschaft staerken koennten. "Force
Ouvriäre" ist ein nichtkonmunistischer Gewerkschaftsbund, der seit
drei Jahren besteht und sich vom kommunistisch beherrschten Allgemeinen Gewerkschaftsbund (Confeder&amp;tion General du Travail) getrennt hat.
Die Delegierten beschlossen, Mitglieder anderer, nichtkommunistischer Gewerkschaften einzuladen, an ihren Sitzungen teilzunehmen.
Ausserdem wandten sie sich mit der Bitte um Vereinigung der französischen Gewerkschaftsbewegung an diese anderen nichtkommunistischen
Grupoen, vor allem an die Gewerkschaft der Christlichen Arbeiter
(C.F.T.C.) und den Verband der Vorarbeiter (C.G.C.). Hierzu wurden
die folgenden drei Forderungen gestellt:
1. Gruendung eines staendigen, gemeinsamen Gewerkschaftskomitees, das die Moeglichkeiten der Vereinigung eroertern soll.
2. Wirkliche Zusammenarbeit der Gewerkschaften, um gemeinsam
die Forderungen der Arbeiter vertreten zu koennen.
3. Der Vorschlag darf die Gewerkschaften nicht ihrer Selbststaendigkeit und des Rechtes berauben, vor Abschluss eines allgemeinen Abkommens eigene Entscheidungen zu treffen.
Die Delegierten beschlossen ausserdem:
1. Die Gewerkschafts- und Aufnahmebeitraege zu verdoppeln,
die damit 50 Franken im Monat, beziehungsweise 20 Franken betragen.
- 5-

�2. Kit anderen Gewerkschaftsgruppen im Internationalen Bund
Freier Gewerkschaften enger zusammenzuarbeiten.
3. Die Loehne vom Lebenshaltungskostenindex und der Produktionsleistung abheengig zu machen. Diese bewegliche Tabelle war
die positivste Massnahme,die von den Delegierten in ihrem .Virtschaftsund Sozialprogramm getroffen wurde.
4. Die einsichtigeren franzoesjschen Arbeitgeber zu ermutigen,
nicht nur darauf bedacht zu sein, Gewinne zu erzielen, sondern auch
die Produktion zu steigern und die Gestehungskosten zu senken.
5. Das Kartell zur groessten Gefahr fuer wirksame Verhandlungen der Arbeitnehmer zu erklaeren.
6. Sich die Kenntnisse zunutze machen, die sich Besuchergruppen bei amerikanischen Gewerkschaften im Rahmen des Frogramms zur
technischen Unterstuetzung erworben haben.
7. Fuer ein vereinigtes Europa als Vorbedingung fuer einen
hoeheren Lebensstandard zu arbeiten.
Der Kongress wies mit Stolz auf die von der "Force Ouvriere"
erzielten Erfolge hin.
1. Sie hat den franzoesischen Arbeiter von der Sinnlosigkeit
einer Steigerung der Nominalloehne ueberzeugt.
2.

Sie hat die Loehne von der Kontrolle der Regierung befreit.

3.

Sie hat das Tarifverhandlungswesen eingefuehrt und

4. hat sie ein Gesetz erlassen, dass einen Mindestlohn von
159 Franken pro Stunde festsetzt.
Die Delegierten dankten ausserdem dem amerikanischen Arbeiter
fuer die Marshallplan Hilfe. Als Gewerkschaftsdelegierte aus dem
Ausland waren anwesend:
J. H. Oldenbroek, der Generalsekretaer des I.B.F.G., Irving
Brown, der Vertreter der A.F.L. in Europa, Eimer Cope, der C.I.O.Repraesentant in Europa, Victor Reuther von der Automobilerbeitergewerkschaft des C.I.O., Paul Finet, der Praesident des I.B.F.G.,
Giulio Pastore, der Generalsekretaer des italienischen Gewerkschaftsbundes C.I.S.L., Hans vom Hoff aus Deutschland, Alfred Roberts, der
Vorsitzende des britischen Gewerkschaftsbundes T.U.C. und Körte aus
Norwegen.
ECA Labor Information
DIE ARBEITSWEISE DER GEWERKSCHAFTEN IN AMERIKA
Auf Grund "sehr freundschaftlicher, kooperativer und hoechst
konstruktiver Aussprachen" ist die Stimme der 15 Millionen organisierter Arbeiter jenseits des Atlantiks heute staerker denn ;e.
Die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten arbeiten aber
auch unter Anwendung von Methoden, die, wie der nachstehende Artikel beweist, von den westeuropaeischen gaenzlich verschieden
sind.
Mit dem Wunsch, ueber die seit 14 Jahren bestehende Kluft zwischen ihren beiden Organisationen eine Bruecke zu schlagen, sind
vor kurzem Funktionaere des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes AFL
- 6

�und des Kongresses der Industrieverbaende (CIO) zusammengetreten,
um zu beraten, wie sie in wirksamer Weise gemeinsam handeln koennten. Diese Beratungen haben zu einer engeren Zusammenarbeit gefuehrt, aus der eines Tages eine vereinigte Gewerkschaftsbewegung
in den Vereinigten Staaten entstehen koennte.
I..an wurde sich darueber einig, dass Meinungsverschiedenheiten
in Organisationsfragen am besten am gemeinsamen Verhandlungstisch
beseitigt werden koennten, um alle Fragen zu politischen Massnahmen
von hoechster Stelle aus gemeinsam zu bearbeiten. Man bildete einen staendigen "Vereinigungsausschuss" und ein Komitee, die auf
friedlichem Wege alle anderen Fragen behandeln soll, ueber die die
beiden Organisationen geteilter Meinung sind.
Gleichzeitig sind andere Ursachen dieser Spaltung zwischen
den beiden nationalen Gewerkschaftsgruppen in schnellem Verschwinden begriffen. Der Konflikt begann im Jahre 1936 mit einer Auflehnung gegen die zoegernde Haltung der Berufsgewerkschaften, die
rapide aufbluehenden Industrien der Massenproduktion organisatorisch zu durchdringen, und heute nimmt der CIO in seine eigenen
grossen Mitgllederverbaende der Gummi-, Automobil-, Stahl-, Glasund Elektroindustrie Berufsgewerkschaften auf. Auf der anderen
Seite vereinigt die AFL Industrieverbaende mit den Berufsgewerkschaften, die seit langem in ihren Reihen bestehen.
Darueberhinaus sind sich beide Organisationen in ihrem organisatorischen Aufbau bereits sehr aehnlich. So wie der britische
Gewerkschaftskongress (TUC) sind sie beide Verbaende auf der Basis
der einzelnen Staaten, die sich aus angeschlossenen Gewerkschaften
zusammensetzen, die ihrerseits weitgehend autonom sind. Beide
organisieren in ganz Amerika und Kanada die Arbeiter in ihren sogenannten "internationalen" Gewerkschaften. Beide bieten den
ihnen angeschlossenen Verbaenden von einer Zentralstelle aus
Dienstleistungen. Und die Gewerkschaften beider Organisationen
haben als Grundlage ihres organisatorischen Aufbaus die Einzelgewerkscheft oder "Lokalgewerkschaft", deren Mitgliedschaft sich in
den Industrieverbaenden aus der gesamten Belegschaft eines Betriebes, gleich welchen Ranges oder Berufes, und in den Berufsgewerkschaften aus den Handwerkern und Angehoerigen einer bestimmten Beruf sgruppe zusammensetzt; letztere gehoeren in der Regel kleineren Betrieben in irgendeinem bestimmten Gebiet an.
Was die amerikanische Lokalgewerkschaft so sehr von der britischen unterscheidet, ist der Grad ihrer Selbstaendigkeit. Mit
ihren eigenen Bueros und ihrem eigenen Verwaltungs- und Bueropersonal bearbeiten die Lokalgewerkschaften Streitigkeiten und Beschwerden. Haeufig arbeiten sie Richtlinien aus unter Beachtung
der gewerkschaftlichen Grundsaetze und Entscheidungen, die auf
Konferenzen getroffen wurden. Da man jedoch in den Vereinigten
Staaten Tarifverhandlungen auf industrieweiter Basis im allgemeinen ablehnt, fuehren sie auch Verhandlungen mit "ihren" Unternehmern.
Verschiedene Faktoren haben zu dieser weitgehenden Selbstaendigkeit des Handelns beigetragen. Kollektivverhandlungen werden
dann auf betrieblicher Ebene durchgefuehrt, wenn die Belegschaft
durch Abstimmung entschieden hat, welche Gewerkschaft sie fuehren
soll. Wenn die Mitglieder einer Lokalgewerkschaft an einer einzigen Arbeitsstelle zusammengefasst sind, ist es leicht, eine Fuehlungnahme und persoenliche Beziehungen herzustellen, im uebrigen
hat die Lokalgewerkschaft, sehr oft nur mit einem einzigen Unternehmen zu tun.
Praktisch besteht der einzige Unterschied der meisten Lokalgewerkschaften nur in der Zahl der Arbeitnehmer der Betriebe, fuer
- 7-

�die sie zustaendig sind. In der Stahlindustrie schwanken die Mitsdiederzahlen der Lokalgewerkschaften zwischen 15 und 15.000.
Die Lokalgewerkschaft Nr. 600 (Ford) der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO zaehlt 62.000 Mitglieder und hat 16 verschiedene
Referate.
Zur Deckung ihrer Verwaltungsunkosten hat jede Gewerkschaft
bestimmte Mitgliedsbeitraege festgesetzt, die, wie in England, in
den einzelnen Organisationen verschieden sind, aber im allgemeinen
sowohl in der AFL als auch dem CIO zwischen vier und zehn DM im
Monat liegen. Aber an Stelle des Kassierers, der bei den Mitgliedern die Beitraege abholt, wendet man das sogenannte "check-off
System an, nach dem die Arbeitgeber die Beitraege von den Loehnen
abziehen und auf das Konto der Gewerkschaften ueberweisen.
Etwa alle sechs Monate kommen eigens dafuer vorgesehene Rechnungspruefer zu den Lokalgewerkschaften, um die Konten und Geschaeftsbuecher zu ueberpruefen und die Gewerkschaftsstatistiken
auf dem laufenden zu halten. Das einkassierte Geld wird fuer Zwecke
der Verwaltung, Forschung, V/ohlfahrt, Renten, Schulung und Presse
verwendet. In der Regel behaelt die Lokalgewerkschaft etwa die
Haelfte der Beitraege ein, den Rest ueberweist sie an die Zentralstelle der Gewerkschaft, die ihrerseits wieder bestimmte Beitraege
fuer ihre Mitgliedschaft zu leisten hat. Diese betragen im CIO
etwa 0.30 DM pro Mitglied und in der AFL 0.15 DM.
Britische Gewerkschafter, die vor kurzem in Amerika waren,
haben berichtet, dass mit .ausnähme einiger hoeher bezahlter Gewerkschaftsvorsitzender die dortigen Gewerkschaftsfunktionaere nur wenig
mehr oder ebensoviel verdienen wie ihre Kollegen diesseits des Atlantiks, wenn man den Unterschied in den Lebenshaltungskosten beruecksichtigt.
Zu den anderen Auslagen der Gewerkschaften gehoeren Wohlfahrtsunterstuetzungen und Krankengelder sowie die Erstattung von Krankenhauskosten, Sterbegeldern und Pensionen. Arbeitslosenunterstuetzungen sind nur in wenigen Faellen vorgesehen.
'Yas die Alterspensionen betrifft, so haben sich einige Gewerkschaften mit Erfolg fuer zusaetzliche Pensionen -aus Arbeitgeberfonds
eingesetzt, die durch Tarifvertraege festgelegt sind. In der Stadt
New York haben die Maler und Elektriker zum Beispiel mit ihren Unternehmern Vereinbarungen getroffen, wonach diese Betraege in Hoehe
von 2% ihres Lohnlistenbetrages in die Pensionskassen der Gewerkschaften zahlen, üuch die Forderung der Stahlarbeiter nach einer
Sonderpension neben der von der Regierung gezahlten ist von den
Unternehmern angenommen worden.
Auf dem Gebiet der Arbeiterbildung sind einige amerikanische
Gewerkschaften viel weiter fortgeschritten als die Mehrzahl der
Gewerkschaften in England und Westeuropa - in erster Linie deshalb,
weil man in England keine Arbeiterbildungsvereinigung und keinen
Nationalrat der Gewerkschaftsschulen hat. Das Referat fuer Arbeiterbildung in der AFL zum Beispiel organisiert Hunderte von Lehr&lt;*aengen, erteilt Vorlesungen, stellt Studiengruppen im ganzen Lande
zusammen, arbeitet gemeinsam mit den oeffentlichen Buechereien,
stellt Redner zur Verfuegung und gibt Ratschlaege ueber Filme und
Rundfunksendungen. Aehnlich wie die Autoraobilarbeitergewerkschaft
des CIO haben sich auch andere Gewerkschaften auf die Schulung der
in den Ortsgewerkschaften
arbeitenden Funktionaere in alltaeglichen Problemen konzentriert.
Film, Rundfunk und Beziehungen zur Oeffentlichkeit sind andere
Gebiete, fuer die Gowerkschaftsgelder verwendet werden. Filmvor- 8-

�füehrungen und Lichtbildvortraege gewinnen in der Schulungsarbeit
der Gewerkschaften immer mehr an Bedeutung, und mit erhoehter Aufmerksamkeit ist man darauf bedacht, sich die Unterstuetzung der
Oeffentlichkeit fuer gewerkschaftliche Probleme durch eine "gute
Presse" zu sichern. Und einige Gewerkschaften, wie die Automobilarbeitergewerkschaft oder die Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft, bedienen sich des Rundfunks in der Ueberzeugung, dass er
in allernaechster Zeit einen tiefen Einfluss auf die. Hoerer, die
Gewerkschaftsmitglieder sind, und auf die Oeffentlichkeit ueberhaupt haben wird.
Fuer eine Sache geben die amerikanischen Gewerkschafter jedoch kein Geld aus, und zwar fuer irgendeine politische Partei,
der sie vielleicht sogar angehoeren. Es gibt in Amerika keine
"politischen Abgaben" der Gewerkschaften. Auch gibt es keine
Arbeiterpartei, die von den organisierten Arbeitern direkt unterstuetzt wuerde oder eine Politik betriebe, an deren Formulierung
sie beteiligt waeren.
Es sind jedoch Anzeichen dafuer vorhanden, dass die amerikanischen Gewerkschafter der Auffassung sind,dass ihnen die "pressure
group" Methode in Washington und in den Hauptstaedten der einzelnen Staaten nicht dienlich genug ist.
Schon seit einiger Zeit
macht sich der CIO durch sein politisches Aktionskomitee bemerkbar, das sowohl Roosevelt als auch Truman zum Einzug ins Weisse
Haus verholfen hat. Als neueste Massnahme kommt nun diese wichtige
Vereinbarung zwischen AFL und CIO hinzu, politisch gemeinsam zu
handeln und gegen die kommunistischen Umtriebe in ihren Organisationen aeusserst wachsam zu sein.
Als gutes Vorzeichen fuer die Zukunft ist ausserdem der Einsatz fuer die Gruendung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften durch die freie Weltarbeitskonferenz im Dezember vorigen Jahres zu deuten, wo zum erstenmal auf einer internationalen
Konferenz Delegierte des CIO und der AFL Seite an Seite standen
und gemeinsam am Aufbau einer wirksamen demokratischen Organisation mitarbeiteten.
*

*

*

Ausser diesen beiden grossen Organisationen (AFL mit etwa
acht und CIO mit rund sechs Millionen Mitgliedern) gibt es in den
Vereinigten Stauten noch andere unabhaengige gewerkschaftliche Organisationen. Die bedeutendsten hiervon sind die Organisationen
der Eisenbahner, die in der "Railway Brotherhood" zusammengefa^st
sind, die Vereinigten Bergarbeiter von Amerika und die Internationale Gewerkschaft der Maschinisten. Die letztgenannte trifft jedoch Vorbereitungen, um sich der AFL anzuschliessen.
Labour
X/1950
ENTWICKLUNGEN IN DER GESAMTAMSRIKANISCHEN GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
I

Drei bedeutende mexikanische Gewerkschaftsorganisationen und
Kolumbiens staerkster Gewerkschaftsbund sind Ende des Jahres 1949
und zu Anfang des Jahres 1950 au3 dem Lateinamerikanischen Gewer'kschaftsbund {CTAL) ausgetreten, der als Parallele zum kommunistisch
orientierten Weltgewerkschaftsbund (WGB) fuer die westliche hemisphaere anzusehen ist. Im Mai 1950 hatte der CTAL einen regionalen
"Kongress des Suedens" abgehalten, der den Zweck hatte, "Arbeitsprobleme der suedamerikanischen La ender*zu eroertern" und zur
"moralischen Solidaritaet der Arbeiterschaft in den Vereinigten
Staaten und Kanada" aufzurufen. Der Exekutivaujschuss des Inter- 9-

�amerikanischen Gewerkschaftsbundes (CIT), der im Juli 1950 zusammentrat, kuendigte an, dass geplant sei, in Zusammenarbeit mit
dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften auf einer regionalen Konferenz einen neuen Gewerkschaftsbund fuer die amerikanische
Hemisphaere zu gruenden.
Der Mexikanische Gewerkschaftsbund (CTM), die groesste und
eine der aeltesten Gewerkschaftsorganisationen in Mexiko, fuehrte
auf seinem Landeskongress im April 1950 die Satzungsaenderungen
durch, die fuer seine internationale Mitgliedschaft und fuer seinen Austritt aus dem Weltgewerkschaftsbund und dem Lateinamerikanischen Gewerkschaftsbund (CTAL) notwendig sind. Ein neues Landeskomitee wurde fuer sechs Jahre gewaehlt, das befugt ist, zukuenftige Mitgliedschaften in internationalen Organisationen nach eigenem Ermessen zu bestimmen. In Gewerkschaftskreisen Mexikos erwartet man allgemein, dass sich der Mexikanische Gewerkschaftsbund in
Kuerze dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften anschllessen
und einer der Hauptteilnehmer an dem bevorstehenden regionalen Konvent des IBFG in der Stadt Mexiko sein wird. Unter der Fuehrung
von Vincente Lombardo Toledano hatte der CTM den CTAL im Jahre
1936 gegruendet und blieb das Bollwerk fuer diese Organisation,
bis Lombardo Toledano im Jahre 1948 ausgestossen wurde.
Auf ihrem Nationalkongress im Dezember 1949 hatte sich auch
die Gewerkschaft der mexikanischen Petroleumarbeiter (STPRM) vom
Weltgewerkschaftsbund und vom Lateinamerikanischen Gewerkschaftsbund zurueckgezogen und einen nichtkommunistischen Exekutivausschuss gewaehlt, um die Funktionaere zu ersetzen, die mit allen
Mitteln versucht hatten, einen kommunistisch gelenkten lateinamerikanischen Gewerkschaftsbund der Petroleumarbeiter zu organisieren. Zur gleichen Zeit war die Organisation aus der Allgemeinen
Union der Arbeiter und Bauern Mexikos (UGOCM) ausgetreten; diese
Union war im Juli 1949 von dem Vorsitzenden des CTAL Lombardo
Toledano kurze Zeit nach seinem Ausschluss aus dem Interamerikanischen Gewerkschaftsbund (CIT) gegruendet worden. Die Gewerkschaft
der mexikanischen Petroleumarbeiter war seit Bestehen der Allgemeinen Union der Arbeiter und Bauern Mexikos eine der Hauptstuetzen dieser Organisation gewesen.
Die Nationale Gewerkschaft der Berg- und Metallarbeiter Mexikos - die als einzige noch der Allgemeinen Union der Arbeiter und
Bauern Mexikos angeschlossen war - sprach sich auf ihrem letzten
Landeskongress fuer ihren Austritt aus dieser Organisation und
aus dem Interamerikanischen Gewerkschaftsbund aus. Der Kongress
waehlte einen nichtkommunistischen Gewerkschaftsvorstand.
Notes on Labor Abroad
8/50
DIE CHILENISCHEN GEV.TSRKSCHAFTEN
Die Taetigkeit der Gewerkschaften auf dem Gebiet der Tarifverhandlungen hat in Chile im Jahre 1949 zu Lohnaufbesserungen gefuehrt, denen jedoch fortwaehrende Steigerungen der Lebenshaltungskosten gegenueberstehen. Die wichtigste sozialpolitische Taetigkeit der Regierung bestand in der Erstellung billigen Wohnraums.
Der Wohnraummangel stellt noch immer eines der groassten Probleme
Chiles dar.
Die chilenische Gewerkschaftsbewegung ist noch in eine Reihe
konkurrierender und politisch entgegengerichteter Gruppen gespalten, und es gibt bisher keine zentrale Organisation, die von der
Mehrheit der chilenischen Arbeiter unterstuetzt wuerde. Ueber den
- lü -

�Prozentsatz der organisierten Arbeiter Chiles sind keine statistischen Angaben verfuegbar. Die wichtigste organisatorische Entwicklung im Verlauf des Jahres 1949 war das Anwachsen der Foederation der Privatangestellten (CEPCH) und der Nationalgewerkschaft
der Angestellten (JUNECH) - beides Angestelltengewerkschaften.
Das Fehlen einer vereinigten Gewerkschaftsbewegung und der
von der Regierung ausgeuebte Druck, um Streitigkeiten vor Ausbruch
eines Streiks beizulegen, hatten zur Folge, dass im vergangenen
Jahre verhaeltnismaessig friedliche Arbeitsbeziehungen herrschten.
Von 792 formellen Forderungen, die den Unternehmern von den Gewerkschaften unterbreitet wurden, und die sich auf etwa 114.000
Arbeiter und Angestellte bezogen, wurden 543 Forderungen in direkten Verhandlungen oder unter Zuhilfenahme staendiger Schlichtungsausschuesse stattgegeben; 68 blieben unberuecksichtigt, weil man
entweder Hintertueren im Gesetz anwandte, oder weil die interessierten Parteien nicht auf ihren Forderungen bestanden. 33
wurden von besonderen Schiedsausschuessen beigelegt und die uebrigen standen gegen Ende des Jahres in Schiedskommissionen zur Debatte. Praktisch gab es keinen ernsthaften Streik. An den insgesamt 23 Streiks waren offiziellen Angaben zufolge 8.700 Arbeitnehmer beteiligt. Obwohl keine Schaetzungen ueber den durch
Streiks verursachten Verlust an Arbeitszeit vorliegen, waren die
meisten Streiks von verhaeltnismaessig kurzer Dauer.
Durch die Beilegung der Streitigkeiten kamen etwa 79.100
Arbeitern 405 Millionen Pesos in Form von Loehnen oder sonstigen
Verguetungen zugute. Statistische Angaben der Regierung besagen,
dass die Tagesloehne in den verschiedenen Industriezweigen zwischen
81.88 Pesos fuer die Arbeiter in der Lederindustrie und 173.06
Pesos fuer die in der Papier- und Kartonagenindustrie Beschaeftigten schwanken. Der durchschnittliche Tageslohn belief sich auf
120.20 Pesos. Die in den meisten neuen Arbeitsvertraegen vorgesehenen Lohnaufbesserungen des Jahres 1949 lagen zwischen 16 und
24$, sie waren somit nicht hoeher als der Anstieg der Lebenshaltungskosten. Trotz der Bemuehungen der Regierung, den Anstieg
der Lebenshaltungskosten aufzuhalten, stieg er ungefaehr um den
gleichen Satz wie in den vorangegangenen drei Jahren.
Obwohl keine erschoepfenden Statistiken ueber Beschaeftigtenziffer und Erwerbsbevoelkerung vorliegen, kann mit Sicherheit angenommen werden, dass Chile einen hohen Beschaeftigungsstand zu
verzeichnen hat. Im Baugewerbe herrschte eine gewisse Arbeitslosigkeit, in der Schuhindustrie und im Kupferbergwerk kam es verschiedentlich zu Betriebsstillegungen. Ein ernsthaftes Arbeitslosigkeitsproblem besteht jedoch nicht. Die Zahl der bei den
Arbeitsvermittlungsaemtern registrierten Personen betraegt 4.792,
nach den Angaben des chilenischen Arbeitsministeriums muss mit
weiteren 12.000 Arbeitslosen gerechnet werden, die bei den Arbeitsvermittlungsaemtern der Regierung nicht registriert waren.
Notes on Labor Abroad
8/50
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG SCHWEDENS
Die Erwerbsbevoelkerung in Schweden zaehlt drei Millionen, wovon etwa 1/2 Million selbstaendige Arbeiter sind. Die Arbeitslosigkeit unter Gewerkschaftsmitgliedern wurde im Jahre 1949 mit
2,7% beziffert, im Mai 1950 mit 1,4%, im Gegensatz zu einem Vorkriegsdurchschnitt von 9 - 10%. Diese geringfuegige Arbeitslosigkeit ist z.T. durch Arbeitsplatzwechsel und z.T. durch Wohnraum- 11 -

�mangel bedingt. In genz Schweden herrscht Vollbeschaeftigung und
fuer bestimmte Fachberufe sogar ein Mangel an Arbeitskraeften.
Der Durchschnittsstundenlohn in der Industrie betrug im vorigen
Jahre fuer maennliche Arbeiter 2,61 schwedische Kronen und fuer
Frauen 1,85 schwedische Kronen. Der durchschnittliche Jahresverdienst maennlicher Industriearbeiter belief sich auf 5.784 schwedische Kronen. Im allgemeinen hat die Arbeitswoche in der schwedischen Industrie 43 Arbeitsstunden. In einigen Industrien, wie
z.B. im Untertagebergbau, ist sie kuerzer. Der satzungsmaessig
festgelegte bezahlte Urlaub von zwei Wochen soll in allernaechster
Zukunft auf drei Wochen erhoeht werden.
95 - 98$ aller Industriearbeiter in Schweden sind in Gewerkschaften organisiert, die dem Schwedischen Gewerkschaftsbund (L.O.)
angehoeren. Die Gesamtmitgliederzahl dieser Organisation belaeuft
sich zur Zeit auf annaehernd 1.256.000 und umfasst sowohl die
Angestellten der Eisenbahnen, des Staates und der Gemeinden als
auch die landwirtschaftlichen Arbeiter. Angestellte und Angehoerige freier Berufe sind in zwei Gewerkschaften organisiert, die
der Zentralorganisation der Angestellten (T.C.O.) angeschlossen
sind. Diese Berufsgruppen sind zu 50 bis 55% gewerkschaftlich organisiert, die Mitgliederzahl des T.C.O. betraegt augenblicklich
260 000.
Enge Beziehungen bestehen zwischen der Gewerkschaftsbewegung
und der Sozialdemokratischen Partei. Der T.C.O. jedoch betreibt
auf Grund der Tatsache, dass ein grosser Teil seiner Mitglieder anderen politischen Parteien angehoert, eine ueberparteiliche Politik. Die nationalen Gewerkschaften des L.O. und die grosse Mehrheit der Lokal-Gewerkschaften stehen unter sozialdemokratischer
Fuehrung. Viele lokalen Gewerkschaften gehoeren geschlossen der
Partei an, doch steht es den einzelnen Mitgliedern frei, anderen
oder keiner Partei anzugehoeren. Axel Strand, der Vorsitzende
des L.O. , und Walter Aman, der Direktor des T.C.O., sind beide
Mitglieder des Schwedischen Parlaments (Riksdag) und haben infolgedessen die Moeglichkeit, den Standpunkt ihrer Organisationen in
diesem Forum zu vertreten.
Sowohl der L.O. als auch der T.C.O. haben sich dem neuen Internationalen Bund Freier Gewerkschaften angeschlossen. Der L.O. hat
die Internationalen Berufssekretariate, besonders den Internationalen Transport-Arbeiter-Verband, tatkraeftig unterstuetzt. Seine
ihm angeschlossenen Laodesgewerkschaften halten inoffizielle, aber
enge Beziehungen mit den entsprechenden Gewerkschaftsgruppen in
anderen skandinavischen Laendern und Finnland aufrecht.
Der Arbeitsmarkt Schwedens ist im allgemeinen unabhaengig und
die schwedische Regierung betreibt eine Politik der Nichteinmischung, die sowohl von den Unternehmern als auch von den Gewerkschaften gebilligt wird. Der Arbeitsgesetzgebung liegen die folgenden drei Hauptgrundsaetze zugrunde:
1. Das Recht der Arbeitnehmer oeffentlicher und privater
Unternehmen, sich zu organisieren und Tarifvertraege abzuschliessen,
ist garantiert.
2. Ein Schlichtungsdienst der Regierung ist gesetzlich festgelegt, die Entscheidungen der Schlichter sind jedoch nicht bindend.

3. Die Arbeitsgerichtsbarkeit wurde.zu dem Zweck ins Leben
gerufen, die Auslegung der. bestehenden Vertraege zu eroertern. Seine Entscheidungen sind endgueltig und bindend fuer die Vertragspartner.
- 12 -

�Die grundlegenden Richtlinien ueber die 'Yechselbeziehungen
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern fuer ganz Schweden sind in
Abkommen zwischen dem schwedischen Arbeitnehmerverband, dem L.O.
und dem T.CO. niedergelegt. Industrieweite Vereinbarungen zwischen Arbeitgebervereinigungen und Landesgewerkschaften regeln
Lohntarife, Ueberstunden und andere Einzelheiten. Ein solches Abkommen wurde z.B. zwischen der schwedischen Vereinigung der Eisenund Stahlwerke und der schwedischen Metallarbeitergewerkschaft abgeschlossen. Der "closed Shop" als solcher besteht in Schweden
nicht, die weitgehend organisierte Gewerkschaftsbewegung laeuft
jedoch praktisch auf dasselbe hinaus.
Die Gewerkschaftsbewegung in Schweden spielt eine hoechst
verantwortliche Rolle im Staate, was durch die Tatsache bewiesen
ist, dass L.O. und T.C.O. Ende 1948 und 1949 in Unterstuetzung
der Stabilisierungspolitik der schwedischen Regierung ihre angeschlossenen Gewerkschaften gebeten haben, keine Lohnaufbesserungen
fuer die Jahre 1949 und 1950 zu fordern. Alle Landesgewerkschaften erklaerten sich hiermit einverstanden. Die Regierung vernflichtete sich ihrerseits, die Lebenshaltungskosten zu stabilisieren, was ihr im allgemeinen auch gelungen ist. Fuer 1951 ist
eine Aufhebung der Lohnkontrolle in begrenztem Umfang vorgesehen,
wobei sich die Gewerkschaften eine Selbstbeschraenkung auferlegen
und die Regierung fortfahren soll, die Preiskontrolle so wirksam
wie moeglich auszuueben.
Seit dem grossen Metallarbeiterstreik im Jahre 1945 hat kein
bedeutender Streik stattgefunden. Ein paar voellig belanglose
Streiks wurden zum groessten Teil von den Kommunisten angestiftet
und dauerten nur wenige Stunden.
Wie zu erwarten war, haben die Kommunisten einen grossen Teil
ihrer Propaganda auf die Tatsache gestuetzt, dass die Gewerkschaften mit der Regierung bei dem Stabilisierungsprogramra zusammenarbeiten. Trotzdem jedoch ist der kommunistische Einfluss in den
Gewerkschaften im Laufe der letzten vier Jahre staendig zurueckgegangen. Dieser Rueckgang steht ungefaehr im Verhaeltnis zu den
Wahlniederlagen der Kommunisten gegen Ende des Jahres 1950, als sie
nur 50% ihrer Stimmen von 1946 erhielten. Waehrend die Kommunisten
niemals irgendeinen Einfluss auf die Fuehrung des Gewerkschaftsbundes hatten, setzten sie sich in der Mitgliedschaft der Metallarbeitergewerkschaft durch und beherrschten bis vor kurzem sogar
die beiden groesseren Ortsgewerkschaften Stockholm und Goeteborg.
Sie fuehrten den langwierigen Metallarbeiterstreik im Jahre 1945
erfolgreich durch. Zur Zeit beherrschen sie nur etwa 150 der fast
9.000 Ortsgewerkschaften im L. 0. , die jedoch alle nur klein sind.
Etwa 10$ saemtlicher Mitglieder des L.O. gehoeren der kommunistischen Partei an.
In Schweden besteht kein allgemeines staatliches Arbeitslosenversicherungssystem. Die schwedische Regierung ueberwacht und unterstuetzt jedoch Arbeitslosenversicherungsprogramme, die von den einzelnen nationalen Gewerkschaften aufgestellt werden.
Seit vielen Jahren gibt es in Schweden ^.lterspensionen. Jeder
Buerger bezieht heute im Alter von 67 Jahren eine Pension von 1.000
Kronen. Die Hoechstpension, die einem Ehenaar gezahlt wird, betraegt 1.600 Kronen. Kinderbeihilfen werden in Hoehe von jaehrlich
265 Kronen je Kind gezahlt. Fuer die ülterspensionen und auch die
Kinderbeihilfen bedarf es keines Nachweises ueber die Bedürftigkeit.
Ein umfassendes System einer allgemeinen obligatorischen Krankenversicherung, das vom Reichstag unmittelbai' -,ach dem zweiten
- 13 -

�Weltkriege verfuegt wurde und 1950 in Kraft treten sollte, wurde
auf 1951 verschoben. Inzwischen hat man beschlossen, es bis zu
dem Zeitpunkt aufzuschieben, an dem das notwendige medizinische
Personal und die erforderlichen Einrichtungen verfuegbar sind.
In der Zwischenzeit sind etwa 60% der Bevoelkerung bei oertlichen
Versicherungsgesellschaften, die von der Regierung finanziel unterstuetzt werden, freiwillig gegen Krankheit versichert.
Arbeitsmitteilungen der ECA
10/18/50
WARUM DIE ARBEITER IHREN ARBEITSPLATZ VERLASSEN
Welcher Betrieb haelt seine Arbeiter am laengsten - der kleine
oder der grosse?
Die meisten werden sagen: der kleine Betrieb. Dort ist der
Besitzer zugleich Betriebsleiter. Er kennt seine Arbeiter persoenlich, sieht sie haeufig und ist in der Lage, Schwierigkeiten
schnell und an Ort und Stelle zu beseitigen.
Dies mag noch immer zutreffen, aber die von dem britischen
Institut fuer Betriebsleitung festgestellten Tatsachen ergeben ein
anderes Bild. Dieses Institut hat 287 Firmen aus 36 verschiedenen
Industriezweigen, die ueber 300.000 Arbeiter beschaeftigen, einer
sechs-monatigen Studie unterzogen und ist zu der folgenden Schlussfolgerung gekommen: je kleiner der Betrieb, umso grösser die
jaehrliche Zahl der Arbeitsplatzwechsel. Mit anderen Worten, in den
kleinen Unternehmen verlassen mehr Arbeiter ihren Arbeitsplatz als
in den grossen. Die Ueberzaehligkeit von Arbeitskraeften in diesen Betrieben spielt hierbei natuerlich eine grosse Rolle. Der
kleine Betrieb kann es sich nicht wie der grosse leisten, Arbeiter
zu bezahlen, wenn keine Arbeit fuer sie vorhanden ist. Auch ist
es in einem grossen Betrieb leichter, fuer einen ueberzaehligen
Arbeiter einen anderen Arbeitsplatz im gleichen Unternehmen zu
finden.
Die Grundursachen fuer Arbeitsplatzwechsel, die von dem Institut angefuehrt werden, koennen in zwei Worten zusammengefasst werden: Entlassungen und Arbeitsniederlegung durch den Arbeitnehmer.
Ueberzaehligkeit und Nichteignung fuehrten zu Entlassungen. Kuendigungen durch den Arbeitnehmer waren durch Unzufriedenheit mit
Loehnen und Arbeitsbedingungen oder durch schlechtes Einvernehmen
mit den Vorarbeitern oder Arbeitskollegen und schliesslich durch
persoenliche Umstaende bedingt.
In den ueberprueften Fabriken war unter zehn Arbeitern, die
ihren Arbeitsplatz verliessen, einer, der unzufrieden war. In
einem von acht Faellen war er ueberzaehlig. Eine von je sechs Frauen verliess ihren Arbeitsplatz, um ihren Verpflichtungen im Haushalt nachkommen zu koennen. Aber in nur einem von je zehn Faellen
war Ueberzaehligkeit der Grund der Entlassung. Von einem grossen
Teil der Maenner und Freuen, die ihren Arbeitsplatz aufgaben,
wurde als Grund "Verlassen des Wohnorts" angegeben. Dies ist in
Anbetracht des Wohnraummangels ueberraschend. Ermutigend ist die
Tatsache, dass nur wenige ihren Arbeitsplatz verliessen, weil
sie sich mit ihren Vorgesetzten oder Meistern nicht verstanden.
Waehrend in allen berücksichtigten Betrieben die Durchschnittsquote fuer Arbeitsplatzwechsel 27,6% fuer Maenner und 45.4% fuer
Frauen betraegt, ist sie in den einzelnen Industrien natuerlich
sehr verschieden. Die niedrigste Quote wurde in der Oel- und
"^etroleumindustrie, die hoechste im Baugewerbe und bei Vertragsfirmen festgestellt.
- 14 -

�Die Untersuchung des Instituts hat weiterhin ergeben, dass
in den ueberprueften Industrien von fuenf maennlichen Arbeitnehmern, die ihren Arbeitsplatz verliessen, einer und bei Frauen
von je sieben eine ihren Arbeitsplatz weniger als vier Wochen innehatten.
Das Institut weist darauf hin, dass diese Zahlen eine Lehre
fuer die Unternehmer enthalten. "Zwar moegen alle Arbeitsniederlegungen, die auf die Arbeitsbedingungen zurueckzufuehren sind,
nicht unvermeidbar oder durch den Arbeitgeber verschuldet sein,
aber sie sollten ihn veranlassen, Untersuchungen anzustellen und
die notwendigen Abhilfemassnahmen zu treffen."
Labour 10/50
ENGLISCHE AMERIKABESUCHLR FUER NORMUNG DER PRODUKTION
Wenn eine Besuchergruppe der britischen Industrie die Vereinigten Staaten bereist, um dort Fragen der Produktivitaet zu studieren, dann bringt sie in erster Linie neue Ideen und neue Anregungen mit. Ihre Berichte sind wertvolle Fingerzeige fuer alle,
die sie lesen. Dann aber kommt der dritte entscheidende Abschnitt:
es muessen geeignete Massnahmen getroffen werden, um die gemachten Vorschlaege auch zu verwirklichen.
Seit einem Jahr besuchen britische Produktivitaetsgruppen die
Vereinigten Staaten. Sie besuchen Fabriken, halten Konferenzen
ab und unterhalten sich mit der Industrie und der Arbeiterschaft,
um snaeter den Inhalt ihrer Berichte der Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.
Eine Besuchergruppe ist noch weitergegangen. Durch Vermittlung des Anglo-Amerikanischen Produktivitaets-Ausschusses hat sie
von ihren Taetigkeiten seit ihrer Rueckkehr aus den Vereinigten
Staaten berichtet und zu den Problemen Stellung genommen, die sich
im Laufe dieser Beratungen ergeben haben.
Diese Gruppe von Sachverstaendigen, die sich vor allem mit
den Problemen der Normung beschaeftigte und darueber berichtete,
hat festgestellt, dass man ihr in erster Linie drei Fragen vorlegte:
Wuerde eine Normung, d.h. eine Reduzierung der in einer Firma hergestellten Typen, den Kaeufer nicht benachteiligen? Wuerde
sie sich auf die Exportbestrebungen hinderlich auswirken? Wuerde
sie die Schwierigkeiten der Verkaeufer noch vergroessern, die bestrebt sind, groessere Auftraege einzubringen?
Auf die erste Frage gibt es eine eindeutige Antwort: Die
Furcht, dass eine Normung letzten Endes zu einer unzureichenden
Auswahl fuer den Abnehmer fuehren wuerde, ist unbegruendet. Betriebe, die die gleichen Erzeugnisse herstellen, muessen nicht unbedingt den gleichen Typ produzieren und koennen die Zahl ihrer
verschiedenen Arbeitsprozesse verkleinern.
Auch die Vorstellung, dass Normung schlechtere Q,ualitaet bedeuten muss, entspringt einer allzu gelaeufigen Selbsttaeuschung,
die zweifellos auf die Tatseche zurueckzufuehren ist, dass I.'asnenprodukte manchmal wertlos sind, ^ualitaet ist ebenfalls eine
Frage festgesetzter Normen, an die man sich halten muss.
In diesem Falle kann der Konstrukteur hej Ten. i-ine wirksame
Politik der Normung sollte schon im Stadium des Entwurfs beginnen.
- 15 -

�Was die Auswirkungen der Normung auf das Exportprogramm eines
Betriebes betrifft, so ist die Gruppe der Ansicht, dass man hier
schwerlich eine allgemeine Linie ziehen kann. Die Wuensche der
auslaendi^chen Absatzmaerkte sind sehr verschieden, und es duerfte
einige Zeit in Anspruch nehmen, um die Kaeufer in Uebersee von
den Vorteilen einer geringeren Auswahl an Produkten zu ueberzeugen.
Die Gruppe hat ausserdem die Loesung eines Problems gesucht,
das sich dann ergibt, wenn die Verkaufsabteilung eines Betriebes
mehr Sorten verlangt und gleichzeitig eine Preissenkung erwartet,
waehrend die Hersteller eine groessere Auswahl ablehnen, weil
hoehere Gestehungskosten damit verbunden sind. Die Loesung dieses
Problems bestehe darin, dass die Betriebsleitung eine engere Zusammenarbeit zwischen Verkaeufer und Hersteller verlangen muesse.
Eine genaue Kenntnis der Absatzmaerkte nuesse ausserdem gewaehrleistet sein, und die Gestehungskosten muessten so ueberprueft werden,
dass ein guenstiger Preis gesichert ist.
Die Gruppe wendet dieser Frage der Gestehungskosten besondere
Aufmerksamkeit zu. Eine nutzlose Vielfaeltigkelt an Sorten wird
von zahlreichen Firmen beibehalten, weil die Gestehungskosten nicht
genau genug kalkuliert sind.
Firmen jedoch, die ihre Gestehungskosten sorgfaeltig ausarbeiten, sind in der Lage, ihre Preise zu senken, weil sie genau
wissen, wo eine Verschwendung stattfindet und wo ein Mangel an
Produktivitaet zu suchen ist, aber auch wie sie beseitigt werden
koennen.
Labour
X/50
SCHWEIZERISCHE GEWERKSCHAFTEN FUER DEN MARSHALLPLAN
"Der Marshallplan ist fuer uns lebenswichtig. Ohne dieses
Wiederaufbauprogramm waere Europa laengst vom Kommunismus ueberrannt worden."
Dieser bedeutsame Ausspruch stammt von Ernst Bircher, der
Mitglied des Exekutiv-Ausschusses des schweizerischen Gewerkschafts
bundes und Vorsitzender der Gewerkschaft der Bekleidungs- und Lederarbeiter ist. Er sprach vor kurzem auf dem Gewerkschaftskongress in Luzern, auf dem die Gewerkschaften den Anschluss an den
Internationalen Bund Freier Gewerkschaften billigten.
Bircher erklaerte, dass der Marshallplan einigen ausländischen Konkurrenten schweizerischer Industrien wieder auf die Beine
geholfen hat, dass "wir jedoch diese Konkurrenz vorziehen und uns
inmitten von Laendern sehen, die frei sind und sich auf dem Weg
zum Wohlstand befinden, als inmitten eines kommunistischen Kontinents zu "leben" oder vielleicht auch zu sterben."
Der Gewerkschaftsfuehrer der traditionsmaessig neutralen
Sciiweiz sagte, dass es fuer die Gewerkschaften seines Landes unmoeglich gewesen waere, ausserhalb der Reihen des IBFG zu stehen,
weil diese 7'eltge;verkschaf tsorganisat ion an einem wirksamen Programm im Interesse aller freien Arbeiter arbeite.
Bircher und der Generalsekretaer des schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Giacome Bernasconi, betonten, dass die Gewerkschaften der Schweiz entschlossen seien, mit den freien Gewerkschaften
in anderen Laendern eine solidarische Front zu bilden.
ECA Labor Information
11/3/50

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Aaszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankhirt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 37

Frankfurt, 17. November 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die Gewerkschaftsbewegung der Philippinen - - - - -

i

IBFG Konferenz plant Errichtung internationaler
Gewerkschaftsschulen - - - - - - - - - - - - - -

%

*!itglied3staerke der dem IBFG angeschlossenen
Gewerkschaften - - - - - - - - - - _ _ _ _ _ _ _
Japanische Arbeitsproblerae
Regierung und Gewerkschaften

3

- - - - - - - - - - - -

7

- - - - - - - - - - -

10

I.:arshallplan foerdert griechische Fischerei - - - - 15
Berufssekretariate fuer Geistesarbeiter im IBFG - - 15

DI5 OE'.VERKSCHAFTSBE'.VEGUNO DER PHILIPPINEN
Verwirrung, Ziellosigkeit und Chaos herrschen noch immer innerhalb der Gewerkschaftsbewegung der Philippinen, eine freie
Gewerkschaftsbewegung, die nicht der Bevormundung der Regierung
und der Einmischung der Unternehmer unterliegt und nicht von gewissenlosen angeblichen Gewerkschaftsfuehrern missbraucht wird,
befindet sich noch im Anfangsstadium. Dieser kaempfenden aber
ehrlichen Bewegung muss jede nur moegliche Hilfe geleistet werden,
da sie die einzige Garantie dafuer bietet, dass Unternehmer und
Arbeiter ihre Beziehungen durch eine wirkliche Gewerkschaft regeln, die ausserdem von kommunistischer Beherrschung frei ist.
Nur eine starke, freie demokratisch orientierte Gewerkschafts
bewegunfr bietet eine Gewaehr dafuer, dass Machtstellungen in Gewerkschaftsorganisationen nicht missbraucht werden und dass die
Arbeiterschaft einer Gewerkschaftsbewegung ihr Vertrauen entgegenbringen kann. Das Gesetz muss darueber hinaus direkt vorschreiben, auf welche Loehne und Praemien die Arbeiter Anspruch haben.
Dies darf nicht auf dem Wege ueber einen angeblichen "Vermittler"
geschehen, sondern die Arbeiter muessen das erhalten, was sie tatsaechlich verdient haben.
- 1-

�Selbst unter den aufrichtigen Gewerkschaftern herrscht ein
fuehlbarer Mangel an Erfahrung in der Organisation freier Gewerkschaften und die Festlegung vernuenftiger Tarifvertraege. Eine
kleine Grupne tuechtiger Gewerkschafter aus Amerika, die die Gewerkschaften der Philippinen in diesen Fragen unterstuetzen und
beraten koennten, waere ein gutes Mittel, das Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und den kommunistischen Einfluss in der
philippinischen Gewerkschaftsorganisation zu beseitigen, üine
solche Gruppe muesste sich aus drei Personen zusammensetzen, die
die AFL, den CIO und die Eisenbahnergewerkschaft vertreten.
Die Gewerkschaften der Philippinen haben es verabsaeumt, eine
wirkliche Schulung ihrer Mitglieder durchzufuehren. Der Begriff
Lehrlingsausbildung scheint hiernach gaenzlich unbekannt zu sein.
In einigen Berufsgruppen fehlt es zur Zeit an gelernten Handwerkern, und es ist schwierig, eine Uebersicht zu gewinnen, wie die
Industrialisierung des Landes ohne eine groessere Anzahl angelernter Arbeitskraefte vorangetrieben werden kann. Die Ausbildung
der Arbeiter findet fast immer erst am Arbeitsplatz statt. Unter
der Anleitung der Regierung muessten die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Unternehmern ein Lehrlingsprogramm entwickeln,
sodass die erforderlichen Facharbeiter fuer die Industrie herangebildet werden koennen.
Ein solches Programm koennte eine wertvolle Ergaenzung der
Berufsschulausbilduns: sein. Die vorgeschlagene Grunpe amerikanischer Gewerkschafter koennte bei der Aufstellung eines solchen
Lehrlingsprogramms eine wertvolle technische Hilfe leisten.
OILA-Memora nd um

1/11/12/50
IBFG KONFERENZ PLANT ERRICHTUNG INTERNATIONALER GEWERKSCHAFTSSCHULEN
Die Errichtung internationaler Gewerkschaftsschulen als Teil
eines allgemeinen Programms zur Erweiterung der Schulung der Arbeiterschaft ist von der europaeischen Konferenz fuer Erziehungsfragen befuerwortet worden.
Die Konferenz, die vom Internationalen Bund Freier Gewerkschaften einberufen wurde, fand dieser Tage in Bruessel statt.
Hans Gottfurcht, Sachbearbeiter der Abteilung fuer Erziehung
c*es IBFG, berichtete, dass derartige Schulen in verschiedenen Teilen der Vvelt geplant seien. Er kuendigte ausserdem an, dass nach
diesem ^lan bis zum Sommer naechsten Jahres mindestens zwei Schulen
in Europa eingerichtet wuerden.
An der Konferenz nahmen mehr als 60 Delegierte aus 15 Laendern
teil.
Die Delegierten, die eine umfangreiche Tagesordnung zu erledigen hatten, eroerterten die Rolle der Gewerkschaftsbewegung in
der allgemeinen Erziehung, der Schulung von Erwachsenen und die
Rolle des Arbeiterbildungswesens innerhalb der Gewerkschaftsbewegung,
"Der IBFG wuenscht, zu der fortschrittlichen Entwicklung des
ICrziehungswesens beizutragen," erklaerten die Delegierten in einer
von der Konferenz gebilligten offiziellen Verlautbarung. Die Erklaerung, die einen Ueberblick ueber die Taetigkeiten des IBFG auf
dem Gebiet der Erziehung geben soll, erstreckt sich auch auf die
allgemeine Erziehung in jenen Gebieten, fuer die die Arbeiterschaft
ein besonderes Interesse zu heben scheint.

�"Ueberzeupt von der Tatseche, dass gewerkschaftliche und
Arbeitererziehung von der allgemeinen Erziehung nicht getrennt
werden kann," heisst es in der Verlautbarung, ''ist die Gewerkschaftsbewegung auf Landesbasis und internationaler ^bene an allen Gebieten der Erziehung interessiert und wird sich aktiv an
f'.er Planung allgemeiner Erziehungsprojekte beteiligen. Es muss
zur Gewohnheit werden, dass fuer alle ^usschuesse und Koerperschaften, die 3ich mit Verbesserungen oder Veraenderungen des Erziehungswesens befassen, Gewerkschaftsvertreter herangezogen werden. Das
Wissen der technischen Experten, die eine Hochschulbildung genossen
haben in allen Fragen der Erziehung muss durch die praktische
Erfahrung der Gewerkschaftsvertreter ergaenzt werden."
^n der Konferenz nahmen Gewerkschaftsvertreter aus Belgien,
Daenenerk, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Holland, Italien, Luxemburg, Malta, Korwegen, Oesterreich, dem Saargebiet,
Schweden, der Schweiz und Spaniens teil, ausserdem waren Vertreter
verschiedener internationaler Berufssekretariata zugegen.
Man rechnet damit, dass in Verbindung mit dem Generalkoneress
des IBFG in Kuerze eine weitere Konferenz ueber Erziehungsfragen
stattfinden wird.
Arbeitsmitteilungen der ECA
MITGLI5DSST&gt;iERKE DER DE!,'! IBFG ANGESCHLOSSENEN GEWERKSCHAFTEN
(Stand Oktober 1950)
Land

Organisation

Argentinien

MitgliedsstHrke, wie
sie dem IBFG im ^ugust
1950 mitgeteilt wurde
Arbeiterkomitee fuer unabhaengige
40.000
Gewerkschaftsaktion (Comite Obrero
Accion
Sindical IndependienteC0Ar:l) - Im Exil

Barbados

nrbeiterunion von Barbados

Baskenland

Solidaridad de Trabajadores Vascos

Belgien

Allgemeiner Belgischer Gewerkschaftsbund (Föderation Generale du
Travail de Belgique - FGTB)

Bolivien

Bolivianischer Gewerkschaftsbund
(Confederacion Boliviana de Trabajadores - CBT)

Brasilisn

Londesfoederation der Arbeiter des
Handels (Confederacion Nacional
dos Trabalhadores na Comercia -

10.000
5.000
550.000

12.500 *

1.200.100

Zuverlaessigen i.uendlichen Informationen zufolge hat sich ""iese
Organisation vor kurzem dem IBFG angeschlossen. Sie wird noch
nicht in den offiziellen Mitgliederlisten gefuehrt, die von der
2,entralstelle des ISFG in Bruessel herausgegeben werden. Die
Mitgliedsstaerke fuar November 1949 wurde mit 12.500 beziffert.
- 3-

�Brasilien

Landesfoederation der Industriearbeiter (Confederecion Necionel
dos Trabalhadores na Industria -

2.000.000

CKTI)
Landesfoederation der Hafenarbeiter
(Federacao Nacional dos Trabalhadores em Transportes J.üaritimos FNTI.I)

100.000

Landesfoederation der äisenbehnerb e i t e r (Federacao dos T r a b a l h a d o r e s
em lunnrezas de C a r r i s Urbanos GNTCü)

75.000

L a n d e s f o e d e r a t i o n der F a h r e r (Federacao 200.000
N a c i o n a l dos Conductores de V e i c u l o s
Rodoviarios)
L a n d e s f o e d e r a t i o n der a n g e s t e l l t e n
d e s Fremdenverkehrsgewerbes und der
Krankenhaeuser (Federacao Nacional
dos ^mpregados de Turisine e liospitalidade)
Britisch-Guyene

A r b e i t e r u n i o n von B r i t i s c n - G u y a n a

B r i t i s c h Honduras a l l g e m e i n e ^ r b e i t e r u n i o n
Kanada

200.000

1.500
2.000

B e r u f s - und ^ . r b e i t e r k o n g r e s s Kanadas
(Trades and Labour Congress of
Canada - TLC)

400.000

Kanadischer Gewerkschaftskongress

350.000

(Canadian Congress of Labour - CCC)
Ceylon
Chile
China
Kolumbien

Gewerkschaftskongress von Ceylon

50.000

C h i l e n i s c h e r Gewerkschaftsbund
Confederecion d e l Traba/jo - CTCH)
C h i n e s i s c h e r Gewerkschaftsbund . a r b e i t e r l i g a des F r e i e n Chine
Gewerkschaftsbund von Kolumbien
(Confederecion de T r e b e j e d o r e s
de Colombia - CTC)

115.000

Union d e r A r b e i t e r Kolumbiens
(Union de T r e b e j e d o r e s de Colombie UTC)

473.998
150.000

250.000

Costarica

Arbeiterfoederation von Costerice
(Confederecion Constarricense del
Trabajo "Herum Kovarum" - CCT)

20.000

Kuba

Kubanische Arbeiterfoederation
(Confederecion de Trebejedores de
Cube - CTC)

80C.000

Cypern

«rbeiterfoederation Cyperns

Daenemark

Deenischer Gewerkscheftsbund
(De semvirkende Fegforbund - D.s.F.)

4.000
615.000

�Deutschland

Deutscher Gewerkschaftsbund - DGB

4.850.0Q0

Frankreich

Allgemeiner Gewerkschaftsbund
"Fo^ce O u v r i e r e " ( C o n f e d e r a t i o n
N
Generale du T r a v a i l - Force O u v r i e r e
CGT-FO)

1.000.000

Gambia

Gewerkschaftsunion von Gambia

Griechenland

Allgemeiner G r i e c a i s c h e r Gewerkschaftsbund - GSEE

Grossbritannien

Gewerkschaftskongress - TUC

Grenada

A r b e i t e r u n i o n von Grenada

HollaendischGuyana

A r b e i t e r o r g a n i s a t i o n von Surinam
(Surinaamse Y.'erknemers O r g a n i s a t i e )
B e r g a r b e i t e r u n i o n von Surinam
(Surinaamse Mihnwerkers Unie)

18.000

Allgemeine Gewerkschaft von Hongkong

80.700

Hong-Kong

2.000
200.000
7.937.091
2.000

4.000

und Kowloon
Indien

Italien

Japan
Korea

Hind Mazdoor Sabha
I n d i s c h e r N a t i o n a l e r Gewerkschaftskongress
F o e d e r a t i o n I t a l i e n i s c h e r Gewerks c h a f t e n (Confederazione I t a l i a n e d e i
S i n d a c a t i d e i L a v o r a t o r i - CISL)
G e n e r a l r a t J a p a n i s c h e r Gewerkschaften
(Sohyogikai)
S u e d k o r e a n i s c h e Gewerkschafts-

668.000
1.320.804
1.702.000
4.100.000
800.000

foederation
Libanon
Luxemburg

Liga L i b a n e s i s c h e r Gewerkschaften

14.000

Allgemeine G e w e r k s c h a f t s f o e d e r a t i o n
(ConflTderation Generale du T r a v a i l -

20.000

Malta

CGT)

Mauritius

Allgemeine A r b e i t e r u n i o n

15.400

Mexiko

G e w e r k s c h a f t s r a t von M a u r i t i u s

16.000

Nationale Arbeiterfoederation
11.235
(Confederacion Nacional de Traba.iadores CNT)
Nationale Proletarierfoederation
250.000
(Confederacion P r o l e t a r i a N a c i o n a l CPN)
Neuseeland
Neuseelaendische Gewerkschaftsfoedera200.000
tion
" 200.000 Mitglieder zaehlte diese Organisation zur Zeit ihres *aiachlu^ses an den IBFG im Mai 1950. Inzwischen sind 70.000 Mitglieder aus der Neuseelaendischen Gewerkschaftsfoederation ausgetreten,
sodass sich die gegenwaertige Mitgliedsstaerke auf etwa 130.000
belaeuft.
- 5-

**

�Niederlande

Niederlaendischer Gewerkscheftsverbend
(Nederlands Verbond van Vakverenigingen - N W )

359.993

Norwegen

Norwegischer Gewerkscheftsbund
(Arbeidernes Faglige Landsorganisasjon i Norge - NfFLN)

450.000

Oesterreich

Oesterreichischer Gewerkscheftsbund

Persien

Gewerkschaftsfoederation Persischer
Arbeiter (Union Syndicale des
Travailleurs et Agriculteurs - ESKI)

120.000

Peru

Peruanische Arbeiterfoederation
(Confederacion de Trabajadores del
Peru - CTP)

350.000

Puerto Rico

Allgemeine A r b e i t e r f o d e r a t i o n von
Puerto Rice, I n c . (Confederacion
General de Trabajadores de Puerto
Rico, I n c . )

100.000

Freie Foederation der A r b e i t e r von Puerto
Rico (Federacion Libre de l o s
Trabajadores de Puerto Rico)
Saargebiet

Einheitsgewerkschaft

Schweden

Landesorganisation Schwedischer
Gewerkschaften (Landesorganisationen
i Sverige - L0)
Z e n t r a l o r g a n i s a t i o n der Angestellten
(Teanstemannens C e n t r a l o r g a n i s a t i o n TCO)

1.260.000

20.000

105.000
1.255.000

253.304

Sierra Leone

Gewerkschaftsrat von Sierra Leone

10.000

Spanien

Allgemeine Union Spanischer Arbeiter
(Union General de Trabajadores de
Espana - UGT) - Im Exil

20.000

St. Kitts

Gewerkschaftsunion von S t . Kltts-Nevis

St. Lucia

St. Lucia Workers' Union
(Gewerkschaftsunion von St. Lucia)

Schweiz

Schweizerischer Gewerkschaftsbund
(Union Syndicale Sulsse - USS)

Triest

Vereinigte Arbeitskammer (Camera Conföderale del Lavoro - CdL)

Trinidad

Gewerkschaft der Seeleute und Hafenarbeiter (Seamen and WaterfrontWorkers'
Trade Union)

1.686
4.000
376.000
63.800

4.000

Eisenbahnergewerkschaft (Railwaymen's
Union)
Uruguay

Koordinationskomitee Unabhaengiger Gewerkschaften (Comite de Coordinacion de
Sindicatos Autonomos)

20.000

�USA

Venezuela

AFL

7.000.000

010

6.300.000

Bergarbeitergewerkschaft

600.000

Arbeiterfoederation von Venezuela
(Confederacion de Trabajadores de
Venezuela) - Im Exil

200.000

Department of Labor
11/50
JAP AN I SC HE A RB EI TS PR OBLEME
Die bemerkenswerteste Entwicklung in der jepanischen Wirtschaft
im vergangenen Jahre war der Umschwung auf dem Arbeitsmarkt. Seit
Kriegsende ist das Problem der ueberzaehligen ^rbeitskraefte in
Janen immer ernster geworden. Diese Entwicklung hat nicht in einer
grossen Zahl Arbeitsloser, die Arbeit suchen, ihren Niederschlag
gefunden und die Lage war auch nicht so kritisch wie etwa in den
Laendern des Westens, "ie Ursachen h'ierfuer sind zwei Faktoren
des sozialen Lebens in Japan: erstens ist es ueblich, dass Hilfsbeduerftige von ihren Verwandten unterstuetzt werden, und zweitens
sorgen die Arbeitgeber dafuer, dass ihre Arbeiter auf den Lohnlisten weitergefuehrt werden, selbst wenn sie nicht fuer die Produktion gebraucht werden.
Doch im vergangenen Jahre war es selbst unter diesen Bedingungen unmoeglich, die entstandenen Lasten zu tragen. Die Familien
konnten es sich nicht leisten, Verwandte mitzuernaehren, und die
Unternehmer waren aufgrund der Einsparungen, zu denen das wirtschaftliche Stabilisierungsprogramm seit Dezember 1948 besonders
in jenen Industrien, die auf internationalen Ivlaerkten konkurrieren,
aufgerufen hatte, gezwungen, Arbeiter in grosser Zahl zu entlassen.
Infolgedessen hat sich seit "itte 1949 die Zahl der bei behoerdlichen Dienststellen arbeitsuchenden Personen gesteigert; die Zahl
der offenen Stellen in der Privatindustrie ist dagegen geringer geworden, und der Arbeitsinarkt in der Industrie hatte tatsaechlich
einen Stillstand zu verzeichnen.
Die Regierung hat Vorbeugungsmassnehmen getroffen und Programme ausgearbeitet, um die Arbeitslosen vor schwerer Not zu bewahren.
Das Arbeitslosenproblem, das auf die Umstellung der Wirtschaft zurueckzufuehren ist, kann zur Zeit noch gemeistert werden. Im
Februar 1950 waren in 152,679 Unternehmen, die fuenf oder mehr Personen beschaeftigten, 5,673,799 Arbeiter gegen Arbeitslosigkeit
versichert. Dieses im Jahre 1947 eingefuehrte Arbeitslosenversicherungssystem bestand seine erste schwere Probe in der Zeit von
Februar 1949 bis Februar 1950, als sich die Zahl der Arbeiter, die
Arbeitslosenunterstuetzung beanspruchten, auf annaehernd 293,000
verzehnfachte. Die Arbeitsaemter bewaeltigten diese Riesenaufgabe
mit nur geringen Erweiterungen ihres Personalstabes, und im allgemeinen sind keine Faelle bekennt, in denen die faellige Arbeitslosenunterstuetzung nicht rechtzeitig gezahlt worden waere.
Gesren Ende 1949 wurde aie Arbeitslosenversicherung auch auf
nichtstaendige Arbeiter ausgedehnt. Das Kontrollsystem, das nach
dem britischen Stempelplan gehandhabt wird, ist in den Arbeitsaemtern eingefuehrt, die Unterstuetzungen werden in den lokalen
Bueros in bar ausgezahlt. Unterstuetzungen fuer nichtstaendige
Arbeiter werden fuer 13 bis 17 Tage in einem Älonat gewaehrt. Die
Arbeiter koennen jeden Monat erneut ein Gesuch stellen, und sie
- 7 -

�sind unterstuetzungsberecntigt, wenn sie während der zwei vorhergehenden :'onbte 3L Tage lang beschaeftigt waren. Frueher waren
die nichtsteendigen Arbeiter von allen offiziellen sozialen Versicheruncssystenen ausgeschlossen, und sie waren somit von professionellen Agenten oder solchen Unternehmern abhaengig, die die
Notlage dieser Arbeiterschaft ausnutzten, um sie auszubeuten,
("labour bosses") Der durch arbeitslosen- und Unfallversicherung
nunmehr gewaehrte Schutz wird mithelfen, diese Kategorie Arbeiter
von einem derartigen Abhaengigkeitsverheeltnis zu befreien.
Im Mai 1949 wurde das Kotstandsgesetz fuer Gegenmassnahmen
zur Bekaenpfung der Arbeitslosigkeit erlassen. Nach diesem Gesetz
stellt der Arbeitsminister die tatseechliche und potentielle Arbeitslosigkeit auf bezirklicher Basis fest, arbeitet wirtschaftlich wertvolle «rbeitsprojekte fuer solche Gegenden aus, in denen
die Arbeitslosigkeit besonders gross ist, und unterstuetzt, wenn
es erforderlich ist, finanziell die Durchfuehrung derartiger Projekte auf dem Weg ueber die lokalen Behoerden. Dieses System
steht in enger Verbindung mit dem «rbeitsvermittlungsdienst.
Fuer das laufende Haushaltsjahr wurden Geldmittel genehmigt, die
die Bescheeftigung von 100,000 Arbeitern fuer ein Jahr lang an
Arbeitshilfsprojekten ermoeglichen. Man hat nicht einer Degrenzten Zahl von Bewerbern Vollbeschaeftigung geboten, sondern die im
Rahmen dieser Fro.iekte zur Verfuegung stehende Arbeit wurde unter
alle Arbeitslosen und vornehmlich solche verteilt, die eine Familie zu ernaehren und um die Unterstuetzung der Arbeitsaemter gebeten haben.
Kurz nach Kriegsende konnte man feststellen, dass die fuer
die Gesundheit und die Wohlfahrt der Bevoelkerung erforderlichen
Erzeugnisse und Materialien weitgehendst vermehrt werden konnten,
wenn man bestimmte ^rten von Bauprojekten in die Wege leitete.
Ein koordiniertes oeffentliches Arbeitsprogramm befindet sich seit
Herbst 1946 in Ausfuehrung. Die fuer das laufende Haushaltsjahr
genehmigten Mittel uebersteigen bei weitem die frueheren, und man
erwartet, dass durch oeffentliche Bau- und Instandsetzungsarbeiten
annaehernd eine Million „rbeitsjähre zur Verfuegung gestellt werden koennen.
Ausser diesen oben angefuehrten Massnahmen wird die allgemeine industrielle Entwicklung durch die Ereigabe von Gegenwertfondsmitteln der von den Vereinigten Staaten geleisteten Hilfe in Form
von Krediten fuer die Regierung und fu^r Geschaeftsunternehmen gefoerdert, um z.B. Eisenbahnen und "..'asserkraftwerke bauen zu koennen. Hierdurch werden nicht nur die potentielle Produktivitaet
der Kation gesteigert, sondern auch die '.»'irtschaf tstaetigkeit angeregt und neue Beschaeftiffunsrsmoegi ichkeiten beschaffen.
Gegen die sogenannten "Labour Bosses" ist man mit artolft vorgegangen. Ihre Methoden hatten sich allgemein eingebu3rgert, aber
trotzdem sind schaetzungsweise etwa die Haelfte der 2 l/£ Millionen Arbeiter, die vorher unter der Kontrolle solcher Unternehmer
standen, inzwischen von ihnen befreit worden.' Etwa 200,000 hiervon wurden dank der Bemuehungen der ^rbeitsaeniter in der Zeit von
Maerz 1949 bis Maerz 1950 befreit.
Im vergangenen Jahre haben zahlreiche Industrielle festgestellt, dass es vorteilhaft fuer sie ist, die Gesetze "egen diese
Ausbeuter zu unterstuetzen. Sie waren sich ausserdem bewusst,
dass die Vorteile hieraus nicht nur ihren Arbeitern, sondern auch
ihnen selbst zugutekamen. Waehrend frueher ^rbeitsagenten Arbeiter fuer eine gewisse Geldsumme zur Verfuee-ung stellten, haben
heute die Unternehmer die Arbeiter auf ihre eigenen Lohnlisten
gesetzt, und sie haben herausgefunden, da^s sie sich in der Versor- 8-

�gung mit nichtstaendigen «rbeitskraeften auf die ^rbeitsaemter
verlassen koennen.
Vesentliehe Fortschritte wurden im vergangenen Jahre ausserdem bei der Durchfuehrung eines Planes gemacht, der die ^rbeitsagenten in den Haefen beseitigen soll. Kach den Bestimmungen dieses Planes, der sich in einem grossen Hafen derartig erfolgreich
bewaehrt hat, dass er jetzt in allen anderen grossen Haefen Japans Anwendung findet, sollen sich die Arbeitgeber der Hafen- und
Dockarbeiter ihre Arbeitskraefte dadurch sichern, dass sie sich
entweder an das Arbeitsamt wenden, oder die erforderlichen Arbeitskraef te von anderen Unternehmern leihweise uebernehmen. In dem
Hafen, in dem dieser Plan zum erstenmal angewendet wurde, ist
ein besonderer offizieller Arbeitsvermittlungsdienst mit erfahrenem Pjrsonal eingerichtet worden, das in der Lage ist, die angeforderten Arbeitskraefte in kurzer Zeit zu beschaffen. Die Vermittlung ist unentgeltlich, und die Arbeitgeber haben zum Ausdruck gebrecht, dass sie mit dem Plan zufrieden sind. Offene
Arbeitsplaetze werden im allgemeinen nach einem sogenannten "Rotationssystem" besetzt, das jedem Arbeiter seinen gerechten Anteil
an den anfallenden Arbeiten sichert. Die Arbeiter ziehen es
ausserdem vor, ihren vollen Lohn direkt von ihrem Arbeitgeber zu
erhalten.
Die Frau betaetigt sich heute in Japan immer staerker auf
politischem und gewerkschaftlichem Gebiet. Mehr und mehr Frauen
ueben freie Berufe aus oder bekleiden Stellungen im hoeheren
Staatsdienst, im Erziehungswesen oder auf anderen Gebieten, -iine
vor kurzem durchgefuehrte Erhebung hat ergeben, dass zu Ende des
Jahres 1949 nahezu 20% saemtlicher Regierungsangestellten Frauen
waren. Im Jahre 1940 machte ihre Zahl dagegen nur 8&gt; aus. Von
den 632 weiblichen Regierungsangestellten waren 85;o in den Jahren
1948 und 1949 eingestellt worden.
Die 1 1/2 Million Frauen, die gewerkschaftlich organisiert
sind, spielen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung eine aktivere
Rolle und sind in den Exekutivorganen ihrer Gewerkschaften gut
vertreten. Die Frauenabteilungen, die ihre Hauptaufgabe in der
Ausbildung der Frauen sehen, damit sie sich an der Gewerkschaftsarbeit beteiligen koennen, haben diese Entwicklung sehr gefördert.
Die ungesetzliche Beschaeftigung von Kindern ist abgeschafft.
Junge Arbeiter sind von ^rbeitsplaetzen entfernt v.'orden, die als
senaedlich oder sefaehrlich befunden wurden, ihre Arbeitszeit ist
genau festgelegt.
Ohne zu uebertreiben, kann man behaupten, dass in grossen
Unternehmen die ungesetzliche Kindesarbeit ueberhaunt nicht mehr
besteht, und dass sich die kleinen und mittleren Betriebe mehr und
mehr an die einschraenkenden Bestimmungen auf diesem Gebiete helten. Viele der bedauerlichen Methoden, die sich in Japan eingebuergert hatten, wie z.B. Arbeitsvertraege, in denen die Arbeiter
durch Vorauszahlung ihrer Loehne verpflichtet wurden, oder gewisse
Restriktionen der Freiheit der Arbeiter, die in Schlafsaelen untergebracht waren, oder die Ausbeutung von Frauen und Kindern, sind
in raschem Verschwinden.
Das Buero fuer Frauen und Minderjaehrige, das seit 2 1/2 Jahren besteht, hat sehr viel fuer die Besserstellung der Frau in
allen Berufen und fuer den Schutz junger Arbeiter getan. In seinen Zentral- und Bezirksstellen wird aktiv an der Schulung und
Aufklaerung der Arbeiterschaft gearbeitet. Plakate, Flugblaetter,
Broschueren und Filme sind dem Bedarf entsprechend zur Verfuegung
gestellt worden. Besondere Kampagnen wurden organisiert, wie die
- 9-

�"Woche der Frau" und die "Woche zum Schutz jugendlicher Arbeiter",
um die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf die?e Probleme zu
konzentrieren.
In Verbindung mit der "Woche der Frau" wurden von einer Landeskonferenz die wichtigen Fragen der gleichen Bezahlung, der Verbesserung der Lebensverhaeltnisse auf dem Lande und der Reform
des Familiensystems eroertert. Das Buero beschaeftigt sich ausser
dem mit Sonderprogrammen, die sich um Fragen wie die Selbstbestimmung der Arbeiter in Schlafsaelen - um nur ein Beispie] fuer
die Besonderheit der Probleme in Japan zu geben - die Mitwirkung
der Gewerkschaft, der Erweiterung der Beschaeftigungsmoeglichkeiten und Verbesserung der sozialen Einrichtungen drehen.
Probleme, die fuer die Frauen und jugendlichen Arbeiter von
besonderem Interesse sind, hat man studiert und dabei die Arbeitsbedingungen in Seidenspinnereien, die Beschaeftigung von Frauen
im Staatsdient, die Probleme der Jugendlichen im Strassenhandel,
Arbeitsbedingungen fuer Krankenschwestern und die industrielle
Heimarbeit untersucht.
International Labour Review, ILO
VII/50
Arbeitsminister Maurice J. Tobin:
REGIERUNG UND GEWERKSCHAFTEN
Die beruehmten Briefe der Paepste Leo XIII. und Pius XI. haben durch die Aufforderung zur sozialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit im System der freien Wirtschaft mehr getan als jede
andere Erklaerung, die im letzten Jahrhundert in diesen Zusammenhang abgegeben wurde.
Die paepstlichen Rundschreiben sind von einer unmittelbaren
Bedeutung, weil sie den Arbeitern das uneingeschraenkte Recht einraeumen, sich zu organisieren, waehrend das Taft-Hartley Gesetz
darauf hinzielt, die wachsende Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten auf einen Bruchteil zu verkleinern - im Vergleich
natuerlich zu dem Umfang, den die Bewegung angenommen haette, wenn
dieses Gesetz nicht im Wege gestanden haette.
"Rerum Novarum", die Enzyklika des Papstes Leo ueber tlie Lage
der Arbeiterschaft" erschien im Jahre 1891. Zu dieser Zeit war
der Marxismus im Werden begriffen. Die Ursache hierfuer war die
missliche Lage, in der sich die Arbeiter befanden, und hierdurch
ergab sich ihre Aufgeschlossenheit fuer den Ruf zum Sozialismus.
Deshalb und weil die Kirche immer schon befaehigt war, ihre Lehre
von der Naechstenliebe und Gerechtigkeit auf neue Verhaeltnisse abzustimmen, gab Papst Leo XIII. diese ausgezeichnete Erklaerung ab.
Er wuenschte, den erbitterten Klassenkampf zu beseitigen,
indem er dan Menschen, die im Dunkel wandelten, wieder Hoffnung und
Staerke gab. Er sah, dass dem System der freien Wirtschaft, des
Kapitalismus und des Besitztums eine ethische Richtung gegeben
werden musste. Er glaubte, dass das moralische Gesetz auf wirtschaftlichem Gebiet ebenso bindend sein muesse wie auf jedem anderen Gebiet menschlichen Strebens.
Er erlaeuterte deshalb in seiner Erklaerung die gegenseitigen
Rechte und Pflichten des Kapitals und der Arbeiterschaft angesichts
der Verhaeltnisse, die der Industrialismus geschaffen hatte. Er
sprach fuer das freie Unternehmen, versicherte aber auch, dass es
- 10 -

�dem Arbeiter freistehen muesse, sich zum eigenen Schutze in Gewerkschaften zusammenzuschliessen. Er ging noch weiter und erklaerte, dass es Pflicht des Staates sei, dort einzugreifen, nwo
eine bestimmte Klasse in Not oder bedroht sei."
Das war vor 60 Jahren; aber die damals aufgeworfenen Fragen
sind heute noch akut. Die Probleme, denen die amerikanische Regierung heute gegenuebersteht, wurden bereits von Papst Leo behandelt, und die Loesungen dieser Probleme sind in diesem beruehmten Dokument enthalten.
Gewisse Kreise, die mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind, haben ein ziemliches Geschrei ueber "SozialIsmus"
und den Wohlfahrtsstaat" angestimmt. Es ist eine historische
Ironie, dass die auf diese V.'eise angegriffene Politik bereits vor
zwei Generationen von einem Papst geistig vor Augen gefuehrt wurde, der die steigende Flut des Sozialismus aufzuhalten bemueht war.
Papst Leo sagte: "Es ist unbestreitbar, dass die Wohlfahrt
der Nationen keiner anderen Quelle als der Arbeit der Arbeiter
entspringt. Es ist deshalb nicht mehr als gerecht, wenn die Regierung dafuer sorgt, dass der Arbeiter das erhaelt, was er mit
seiner Arbeit fuer die Allgemeinheit verdient, und dass er eine .Wohnung und Kleidung besitzt und sozial so gesichert ist, dass
er ein Leben ohne Not leben kann. Deshalb muessen alle Massnahmen
beguenstigt we.-den, die in irgendeiner Weise die soziale Lage der
Arbeiterschaft verbessern koennen. Dadurch waere nicht nur niemandem geschadet, sondern eher waere allen geholfen."
Papst Leo ging noch weiter. Er sagte, dass die Arbeiter unter den besonderen Schutz und der Fuersorge des Staates stehen
und von jeder wilden Profitgier befreit werden muessen. Er forderte Schutz fuer die berufstaetige Frau und die Kinder und warnte vor den Gefahren, die sich aus der Beschaeftigung von Kindern
ergeben. Er forderte nicht nur freie TarifVerhandlungen, sondern
bestand auch darauf, dass diese in einer moralischen Atmosphaere
gefuehrt wuerden. Es genuege nicht, die freie Zustimmung der
Verhandlungspartner zu besitzen, sagte er, sondern die Loehne
muessten wirklich ausreichen, um dem haushaelterischen und anstaendigen Arbeiter seinen Lebensunterhalt zu sichern. "Wenn
ein Arbeiter haertere Bedingungen annimmt, weil sie der Arbeitgeber oder der Vertragspartner fordern, dann unterwirft er sich
damit einer Gewalt, die jeglichem Gefuehl fuer Gerechtigkeit
Hohn spricht."
Am 1. Mai 1931, genau 40 Jahre nach dem Erscheinen des von
Papst Leo verfassten Briefes, erliess Papst Plus seine Enzyklika
"Quadragesimo Anno", "ueber die Wiederherstellung der sozialen
Ordnung". Papst Pius bestaetigte die Doktrin seines Vorgaengers
und brachte sie in eine direktere Form. Vieles hatte sich inzwischen ereignet: ein Weltkrieg, eine Inflation, Krisen - und die
Gefahren, die zur Zeit Papst Leos bestanden, waren noch groesser
geworden. Was im Jahre 1891 eine schwere Gefahr zu sein schien,
war zurungeheuren Krise geworden. Die Zeit fuer eine Verwirklichung der Grundsaetze Papst Leos war gekommen.
Dieser hatte erklaert, dass das Recht, Eigentum zu besitzen,
nicht bedeutet, dass man es willkuerlich verwenden kann. Er hatte
gesagt, dass ein Arbeiter soviel Lohn haben muss, dass er sich
und seiner Familie ein annehmbares Leben bieten kann. Er hatte
ausserdem gesagt, dass der Arbeiter vor allem nicht als Mittel
zum Geldverdienen dienen darf und nicht ausgebeutet werden soll.
Papst Pius stellte erneut diese Forderungen auf und passte sie den
neuen Verhaeltnissen an.
- 11 -

�Er vertrat die Auffassung, dass der Wohlstand, der durch sozialen und wirtschaftlichen Fortachritt staendig vergroesssrt
wird, zur Foerderung der gemeinsamen Sache allen LIenschen zugute
kommen muss. Des bedeutet, dass Besitztum den Sigentuemer dazu
verpflichtet, es anerkannt sozialen Zwecken zur Verfuegung zu
stellen. Kit der Feststellung, dass die L&amp;cht unter einem System
der uneingeschraenkten, freien Konkurrenz nur wenigen in die Haende gelegt war, kam Papst Pius zu der Schlussfolderung, dass unter
diesem System nur diejenigen bestehen koennten, "die am staerksten sind, was sehr oft bedeutet, dass es jene sind, die am
ruecksichtslosesten kaempfen und den Geboten des Gewissens am
wenigsten Gehoer schenken." Das sei fuer das Wirtschaftssystem
ebenso schaedlich, wie es vom moralischen Standpunkt aus zu verurteilen ist.
Die 40 Jahre, die zwischen diesen beiden paepstlichen Rundschreiben liegen, sind durch grosse ''isstaende gekennzeichnet. Im
Jahre 1919 war jedoch das Programm des Bischofs veroeffentlicht
worden, das sich fusr den sozialen Wiederaufbau ausspricht. Dieses Programm, das unmittelbar nach dem Ersten '»Veitkrieg bekannt
wurde, \.ar von Vater Ryan ausgearbeitet worden, der versuchte, der
Erklaerung Papst Leos eine besondere amerikanische Note zu geben.
Hierbei wurde Vater Ryan eine besondere amerikanische Tote zu
geben. Hierbei wurde Vater Ryan selbst von katholischer Seite
vorgeworfen, er sei zu weit gegangen. Die Enzyklika des Jahres
1931 war in ihrer Auswirkung eine Bestaetigung des Programms des
Bischofs und damit eine Rechtfertigung der Arbeit Vater Ryans.
Dies war nicht nur eine Ehre fuer einen grossen Priester,
sondern brachte seine Vision auch der Verwirklichung einen Schritt
naeher. Es ist nicht uebertrieben, wenn man behauptet, dass das
Programm des Bischofs fuer den sozialen Wiederaufbau eine Erklaerung ist, die in keinem Verhaeltnis zu den Fruechten steht, die
sie zur sozialen Verbesserung des amerikanischen Lebens beigetragen hat. Vater Ryan legte die allgemeinen Grundsaetze, die in
der Enzyklika Papst Leos enthalten sind, als Forderungen fuer
konkrete soziale Reformen aus. Seine Vorschlaege waren somit 7orlaeufer des New Deal und Fair Deal.
Vierzehn Jahre vor dem Amtsantritt Franklin D. Roosevelts
forderte Vater Ryan eine grosse Anzahl der Gesetze, die nach dem
4. Maerz 1933 erlassen wurden. Die Erfolge, die diese Gesetzgebung seit jenem Tag erzielt tat, bestehen in den Arbeitsvermittlungsdiensten, dem oeffentlichen Wohnungsbau, dem Gesetz ueber
Mindestloehne, der Sozialversicherung gegen Arbeitslosigkeit und
Alter, der gesetzlichen Verankerung des Rechtes der Arbeiter, sich
zu organisieren, und in einer Wirtschaft, deren Wohlstand sich
auf die I'assenkaufkraft gruendet. All das und noch mehr wird
bereits in dem Programm des Bischofs vorgeschlagen und in Betracht
gezogen.
Das Taft-Hartley Gesetz ist mit den Grundsaetzen der erwaehnten paepstlichen Rundschreiben unvereinbar. Was wir brauchen, ist
ein Gesetz, das mit den Zielen der wirtschaftlichen Demokratie
vereinbar ist. Danach muss unser Streben gerichtet sein*
Die Kritik, die im allgemeinen an dem Taft-Hartley Gesetz
geuebt wird, sollte vermieden werden. Es genuegt zu sagen, dass
ihm eine falsche Voraussetzung zugrundeliegt. Wenn seine Verfasser
es auch nicht zugeben wollen, so sollte es doch ein Mittel zur
Einschraenkung der gewerkschaftlichen Rechte sein. Es ist somit
praktisch gegen die Gewerkschaftsbewegung gerichtet. Es widerspricht dem Geist unserer Zeit. Es ist nicht nur undurchfuehrbar,
- 12 -

�sondern stellt auch eine Gefahrenquelle fuer das Verhaeltnis der
Gewerkschaften zu den Unternehmern dar.
Es bedarf keines besseren Beweises fuer seine ihm anhaftende
Schwaeche als die Tatsache, dass Senator Taft selbst mehr als 20
Abaenderungen dieses Gesetzes vorgeschlagen hat. Die Verzettelung
der Funktionen des Bundesausschusses fuer Arbeitsfragen hat eine
so missliche Lage geschaffen, dass man sie nicht mit Worten bezeichnen kann. Wenn jemals eine Einrichtung in entgegengesetzte Bestandteile aufgespalten wurde, dann ist es diese hoffnungslose
Zersplitterung in einen Ausschuss und in rein juristische Komplexe.
Praesident Truman hat das Richtige getroffen, als er forderte,
dass diese Spaltung aufgehoben und dem Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen erlaubt wird, sich wie andere Verwaltungsbehoerden seiner
Aufgaben nach einem festgelegten Schema zu entledigen, wobei seine
Befugnisse klar und eindeutig umrissen werden muessen. Stattdessen
herrscht unter dem gegenwaertigen System eine starke Verwirrung,
da die einzelnen Funktionen sich ueberschneiden. Solange dieser
Misstand fortbesteht, werden weder die Gewerkschaften noch die
Unternehmer zu ihrem Recht kommen. Ein vorbildliches Regieren,
ein ersprieas] iches gegenseitiges Verstaendnis und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmern sind unmoeglich, wenn der Bundesausschuss fuer Arbeitsfragen aufgespalten
bleibt.
Die paeDstliche Enzyklika betont den Grundsatz, dass die Arbeiter Anspruch auf den besonderen Schutz der Regierung haben.
Das Taft-Hartlay Gesetz bewirkt das Gegenteil. Ihm liegt die
Voraussetzung zugrunde, dass die Gewerkschaften nur Vereinigungen
von Arbeitermassen sind, die ueberwacht und gelenkt werden muessen.
Es stellt eine Reihe Verbote auf, die ein gutes Verhaeltnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhindern. Mit der Vorgabe,
es solle ein Gleichgewicht zwischen der Macht der Gewerkschaften
und der Unternehmer hergestellt werden, schraenkt es in Wirklichkeit die schwer erkaempften Rechte der Gewerkschaftsbewegung ein
und verleiht der anderen Seite damit Vorrechte, die ihr nicht zustehen. Dies ist nicht der Weg, der zu friedlichen Arbeitsbeziehungen fuehrt. Dieses Gesetz ist somit nichts weiter als ein Anreiz zur betonten Feindseligkeit.
Mit dem Taft-Hartley Gesetz kam es wieder zur Ausuebung des
Streikverbots durch die Regierung, e.ne alte und unwuerdige Methode,
um Streiks zu brechen. Die Taft-Hartley Methode, durch derartige
Zwangsanwendung nationale Notstaende zu ueberwinden, ist im Kohlenstreik auf die Probe gestellt worden und hat klaeglich versagt.
Es ist wirklich an der Zeit, bessere Methoden anzuwenden, um
mit solchen Schwierigkeiten fertigzuwerden. Das Taft-Hartley-Gesetz muss beseitigt werden. Man sollte sich dagegen auf den Kollektivverhandlungsweg einigen. Es ist klar, dass waehrend des
langwierigen Kohlenstreiks beide Parteien im Schatten des TaftHartley-Gesetzes handelten. Das heisst, keiner der beiden Partner
war bestrebt, sich an wirklichen Kollektivverhandlungen zu beteiligen. Sie handelten dagegen so, als ob die im Gesetz enthaltenen
Beschraenkungen und Moeglichkeiten ein entscheidender Faktor wären.
Das ist keine Atmosphaere fuer aufrichtige und ernsthafte Verhandlungen.
"Soll das gesamte Leben eines Landes wegen eines Streiks in
bestimmten wichtigen Industrien zum Stillstand gebracht werden?
Was geschieht, wenn der Streik nicht durch TarifVerhandlungen beigelegt werden kann?" Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten.
- 13

�Die Vereinigten Staaten sind demokratisch, und es ist deshalb
unmoeglich, allein durch Autorttaet regieren zu wollen. Amerika
ist ein Land, dessen Buerger die groesstmoegliche, mit der 'Wohlfahrt des Staates zu vereinbarende Freiheit geniessen, eine Kation,
die den menschlichen Werten und menschlichen Freiheiten den ersten
Platz einraeumt.
Unter einem solchen System gibt es keinen "Gaensemarsch", das
heisst, man folgt weder blindlings noch automatisch; und kein Konzentrationslager. Die Arbeiter haben politische und soziale Lochte, die denen anderer Gruppen nicht untergeordnet werden duerfen.
Dies koennte zu Konflikten fuehren, die eine Industrie zum Stillstand bringen. Und damit koennte die Ordnung eines ganzen Landes
erschuettert werden. Dies ist jedoch bis zu einer bestimmten Grenze der Preis, den wir um der Freiheit willen, d.h. der Freiheit
der Gewerkschaftsbewegung, zahlen muessen.
Die Frage ist jedoch "Wo liegt diese bestimmte Grenze?" Natuerlich gibt es Faelle, in denen das Interesse der Allgemeinheit
den Forderungen der Arbeiter oder Unternehmer voranzustellen ist.
Um einer schweren Krise vorzubeugen, kann Praesident Truman einen
Ausschuss einsetzen, der auch bei der Beilegung des Stahlstreiks
eine so bedeutende Rolle spielte. Dieser Ausschuss hoerte beide
Seiten an, studierte"'die Probleme und verfasste einen Bericht, der
Empfehlungen enthielt, die die oeffentliche Meinung zutiefst beeindruckten. Ein Gesetz, das die ueber Tarife und Lohnbedingungen
streitenden Gewerkschaften und Unternehmer verpflichtete, sich an
einen solchen objektiven Ausschuss zu wenden, waere durchaus angebracht.
Das beste Mittel zur Beilegung von Streitigkeiten und der Erzielung friedlicher Beziehungen in der Industrie ist die Kollektivverhandlung, die, wenn sie in dem richtigen Geist und mit dem
wirklichen Wunsch gefuehrt wird, zu einer Einigung zu kommen, auch
zu Erfolgen fuehrt. Die Tragweite dieser Kollektivverhandlungen
ist viel groesser, als sich die meisten Menschen es vorstellen.
Schlagzeilen ueber angebliche Gewaltakte und Gegenwehraktionen, die
vereinzelt vorkommen moegen, fallen mehr ins Auge als die grosse
Zahl der auf friedlichen Y.'ege erzielten Abkommen, die in den meisten Industrien zur Selbstverstaendlichkeit geworden sind.
Friedliche Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
sind in vielen Industrien laengst das uebliche, wobei alle Beteiligten auf den wirtschaftlichen Erfolg der Arbeit der Industrie
bedacht sind. Das gilt fuer die Arbeiter nicht weniger als fuer
die Unternehmer. Hier zeigt, was dort bereits geleistet werden
konnte, wo die Gewerkschafter hinter der Idee ihrer Funktionaere
stehen.
Und das ist immer dort moeglich, wo der Grundsatz der Gerechtigkeit herrscht, gepaart mit der sich selbst auferlegten Bereitwilligkeit, sich gegenseitig Zugestaendnisse zu machen, um Ordnung
und Zufriedenheit zu schaffen, anstatt Streit und Verwirrung herauf zubeschwoeren. Die katholische Philosophie, die in den paepstlichen Rundschreiben verankert ist, besagt, dass diesemfairen Verhalten und dieser Art Selbstbestimmung Prinzipien zugrundeliegen
muessen, die dem menschlichen Fortschritt den Vorrang geben. Die
Demokratie hat in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern das gleiche Ziel vor Augen.
U.S. Arbeitsministerium
IV/4/50
- 14 -

�MA.RSIIALLPLAN FOERDERT GRIECHISCHE FISCHEREI
Einern griechischen Fischfangunternehmen in Kalamata ist aus
Marshallplan-Fondsmitteln ein Kredit in Hoehe von 12 Millionen
Drachmen (34.000 DM) zur Verfuegung gestellt worden. Diese Massnahme hat sich auf die gesamte Industrie des suedlichen PeloDoniies positiv ausgewirkt.
Die Firma Gebr. Dragonas erhielt vor fast zwei Jahren diesen
Kredit und richtete damit Kuehlwagentransporte fuer Fische ein.
Frueher war Fisch ein teures Nahrungsmittel in dieser Gegend, weil
erstens der Fischfang mit primitiven Booten sehr kostspielig ist,
und zweitens die Fischer nicht eher wieder in See fahren konnten,
bis sie ihren letzten Fang restlos verkauft hatten. Das heisst,
die Fischer verkauften wenig Ware fuer hohe Preise anstatt grosse
Mengen zu niedrigeren Preisen abzusetzen.
Das Bild hat sich voellig geaendert. Wo dieses Unternehmen
vor Erhalt des Kredites mit einem Fischfangboot operierte und
taeglich etwa 500 Kilo Fische fing, setzt es heute neun Dampfboote ein, die durchschnittliche Tagesausbeute betraegt jetzt
12.000 Kilo.
Waehrend der Preis fuer ein Pfund Fisch in der Hafenstadt
Kalamata frueher etwa 50 Pfennige betrug, wird die gleiche Menge
heute in den Gebirgsdoerfern fuer 15 bis 20 Pfennige verkauft.
Die Fische werden jetzt von Kalamata schnell nach den Gebirgsdosrfern verfrachtet und dort zu niedrigen Preisen in grossen Mengen abgesetzt. Das Geschaeft der Firma Gebr. Dragonas blueht und
die Verbraucher werden taeglich in ausreichenden Masse mit Frischfisch versorgt; auch auf dem Speiseplan der Bewohner der Gebirgsdoerfer nimmt dieses Nahrungsmittel jetzt einen bedeutenden Platz
ein. Infolge der reichlichen Versorgung der Ma/erkte mit Fischen
ist der Preis fuer Fleisch zurueckregangen.
Dank der Marshallnlan^Hilfe fangen heute mehr Fischer 3Chaetzungsweise 30.000 - in den griechischen Gewaessern mehr
Fische als je zuvor. V/aehrend vor dem Kriege jaehrlich 25 Millionen Kilo gefangen wurden, waren es im vergangenen Jahre 45 Millionen Kilo, und die 50 Millionen Grenze duerfte in diesem Jahre
ueberschritten werden.
Rund 40$ der griechischen Fischdampfer wurden waehrend des
Krieges zerstoert und die Einrichtungen vernichtet. Von der UKRRA
und aus Mitteln des Marshallplans sind 10 Millionen Dollar fuer
den Aufbau der griechischen Fischereiflotte zur Verfuegung gestellt worden.
Marshallplan News
I/Nr. 4
BERUFSSEKRETARIATE FUER GEISTESARBEITER IM IBFG
Der Internationale Bund Freier Gewerkschaften wird vom 18.21. April 1951 in seiner Zentralstelle in Bruessel eine Weltkonferenz fuer Angestellte abhalten.
Auf einer Tagung des neuen Konsultativausschusses des IBFG
fuer Referenten, Angestellte im Verwaltungsdienst und Handel und
Vorgesetzte wurden die Termine fuer das erste Welttreffen der
Geistesarbeiter festgelegt. Sie werden unmittelbar vor dem V/eltkongress am 16. und 17. April zusammentreten und ausserdem eine
- 15 -

�ausserordentliche "lanungskonferenz am 21. und 22. Dezember in
Bruessel abhalten.
Inzwischen wer en den Plaenen dieses Ausschusses zufolge die
ersten entscheidenden Schritte zur Errichtung internationaler Sekretariate fuer Lehrerorganisationen unternommen werden, die entweder kurz vor oder kurz nach der Tagung der Angestellten im April
zusammenkommen werden. Pachdem die amerikanischen (CIO), franzoesichen (Force Ouvriere), oesterreichischen, italienischen und
deutschen Gewerkschaften der Journalisten und Schriftsteller ihre
Teilnahme zugesagt haben, hat der ausschuss das Sekretariat des
IBFG ermaechtigt, eine vorlaeufige Konferenz der -Journalistengewerkschaften anzuberaumen, die sich mit den Moeglichkeiten des
Aufbaus einer neuen Internationale fuer Presseane-estellte befassen
wird, die an die Stelle der alten, kommunistisch beherrschten
Internationalen Organisation der Journalisten treten soll.
Der Ausschuss hat ausserdem die Funktionaere des IBFG ersucht,
bei der britischen Journalistengewerkschaft und den gleichen 7erbaenden der Beneluxstaaten und Skandinaviens vorstellig zu werden
und sie um ihre Teilnahme an 3iner derartigen vorbereitenden Konferenz zu bitten. Ken vereinbarte, dass die Teilnahme an diesen
vorbereitenden Besprechungen fuer alle Journalistenorganisationen
der einzelnen Kationen unverbindlich sein soll, und dass sie sich
nach dieser ersten Konferenz* selbst entscheiden sollen, ob sie
dar neuen Organisationen sich anschliessen wollen.
Der Konsultativausschuss legte die Berufskategorien fest,
aus denen die einzelnen Landesgewerkschaftsbewegungen Delegierte
zu der Tagung der Geistesarbeiter im ^pril entsenden koennen:

1.

Saeintliche Lehrberufe.

2.
3.
4.

Gruppe Unterhaltung (Schauspieler, Artisten, Kusiker usw.)
Gruppe Schrifttum (Journalisten, Pressephotographen usw.)
Gesundheitsdienst (Aerzte, Zahnaerzte, «potheker, Optiker,
Krankenpfleger und Krankenhauspersonal)
Angestellte des oeffentlichen Dienstes.
Industrie, Handel und Uebermittlungsdienste (Wissenschaftler, Techniker und Verwaltungspersonal)

5.
6.

Ernest Bell vom Britischen Gewerkschaftskongress (TUC), der
Vorsitzender des Ausschusses in der Zeit seines vorlaeufigen,
nichtoffiziellen Bestehens war, wurde zum staendisen Vorsitzenden
ffewaehlt, als dem neugegruendeten Konsultativausschuss vom Potstandsausschuss des IBFG seine Satzung im September ueberreicht
wurde.
•Der oberste Ausschuss des IDFG gab dem Konsultativausschuss
folgende Anweisungen:
1. Fräsen zu eroertern, die fuer die Geistesarbeiter von besonderem Interesse sind, sich mit ihren Arbeitsbedingungen und Organisationsproblemen zu beschaeftigen und bestrebt zu sein, eine
einheitliche Linienfuehrung in den Bemuehungen zur Loesung der Probleme dieses Personenkrsises zu erzielen.
2. In Zusammenarbeit mit dem IBFG die Errichtung internationaler Berufssekretariate fuer Geistesarbeiter zu unterstuetzen, die
gegenwaertig noch ohne eine internationale gewerkschaftliche Stimme
sind. Hierzu soll die Mitarbeit von Lehrkraeften, Journalisten,
Theater- und Filmschauspielern etc. sichergestellt werden.
'.Veiter sollen die Angestellten Vertretungen des IBFG in bestimmten UN-Organisationen eingebaut werden sowie spezielle Berufsfragen beraten und bearbeiten.
- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge ans der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure« der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Der lahalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohea Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierang der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 38

Frankfurt, 24. November 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Das zunehmende Lebensalter und die damit verbundenen
wirtschaftlichen Probleme - - - - - - - - - - - -

l

Die Knowland-Gesetzesvorlage - - - - - - - - - - - Wohnungen fuer Rentner - - - - - - - - - - - - - - -

4
7

Kaufleute fordern wirtschaftliche Zusammenarbeit
der freien Welt - - - - - - - - - - - - - - - - 8
Steigerung der Kaufkraft - die beste Abwehr des
Totalitarismus - - - - - - - - - _ - - _ _ - _ 9
Amerikanische Gewerkschaften und europaeischea
Wiederaufbauprogramm - - - - - - - - - - - - - - 11
Labour Partei Englands billigt Walter Reuthers Plan 12
Mangel an Facharbeitern in Amerika - - - - - - - - - 1 3
"CIO staerker als je zuvor" - - - - - - - - - - - - 14
Hoechster Staudamm der Welt entsteht in den franzoesischen Alpen - - - - - - - - - - - - - - - - - - 16
Billigere Sohuhe - - - - - - - - - - - - - - - - - - 16

DAS ZUNEHMENDE LEBENSALTER UND DIE DAMIT VERBUNDENEN WIRTSCHAFTLICHST! PROBLEMS
Als Ergebnis des grossen Fortschrittes der medizinischen
Wissenschaft und der allgemeinen Hebung des Lebensstandards ist
das durchschnittliche Lebensalter bemerkenswert angestiegen. Zur
gleichen Zeit haben eine Reihe sozialer und wirtschaftlicher Faktoren dazu beigetragen, dass die Betaetigung alter Leute auf dem
Arbeitsmarkt zurueokgeht. Dies trifft besonders auf Personen zu,
die mehr als 65 Jahre alt sind. Das bedeutet, dass sich fuer
den Durchschnittsarbeiter der Zeitraum verlaengert hat, in dem
er seine Lebenshaltungskosten aus einer aaderen Quelle als seiner
eigenen Haende Arbeit decken muss.
Um sich an Hand von Zahlen einen Ueberblick ueber diese
Entwicklung verschaffen zu koennen, hat man fuer das Jahr 1900
Sohaetzungen ueber die durchschnittlich zu erwartende Zeit der
Arbeitsfaehigkeit angestellt. Es ist jedoch zu bemerken, dass
- 1-

�diese Schaetzungen nicht genau mit denen von 1940 und 1949 verglichen werden koennen, weil im Jahre 1900 in den elf Staaten, in
denen die "Registrierung von Todesfaellen Pflicht war, nur die Angehoerigen der weissen Rasse registriert wurden. Trotzdem sind
diese Schaetzungen ein klarer Beweis fuer die Zunahme der Zeitspanne, in der alte Leute sich nicht mehr selbst ernaehren koennen.
Unter Zugrundelegung der Sterblichkeitaziffern und der Zahlen
ueber die Dauer der Erwerbstaetigkeit hatte ein junger Mann der
weissen Rasse damals im Alter von 20 Jahren eine durchschnittliche zusaetzliche Lebensspanne von 42,2 Jahren; die Dauer seiner
Arbeitsfaehigkeit betrug 39,4 Jahre. Er musste demnach damit rechnen, 2,8 Jahre lang nicht erwerbstaetig sein zu koennen. ' In der
Zeit von 1900 bis 1940 steigerte sich die zu erwartende Lebensdauer
eines weissen Mannes im Alter von 20 Jahren um 5,5 Jahre. Die
Dauer seiner zu erwartenden Arbeitsfaehigkeit wurde jedoch nur um
2,6 Jahre groesser. Die Spanne zwischen der zu erwartenden Gesantlebenadauer und der Zeit der Arbeitsfaehigkeit hatte sich demnach
auf 5,7 Jahre erweitert - etwa doppelt soviel wie im Jahre 1900.
Fuer diejenigen, die ein Alter von 60 Jahren erreichten, ist
dieser Unterschied ebenso verblueffend. Waehrend die Lebensei Wartung eines 60 Jahre alten Mannes in der Zeit von 1900 bis 1940 fast
um ein Jahr anstieg, ging seine.au erwartende durchschnittliche
Dauer der Arbeitsfaehigkeit um mehr als zwei Jahre zurueck, was
auf die allgemeine Tendenz zur frueheren Versetzung in den Ruhestand zurueckzufuehren ist. Beide Vergleiche zeigen also eine betonte Erweiterung der zu erwartenden Zeitspanne des Ruhestandes im
Verlauf der vier Dekaden auf.
Wenn diese Tendenz lediglich ein Ergebnis der Tatsache waere,
dass die Arbeiter es vorziehen, sich zeitiger pensionieren zu
lassen, und dazu finanziell besser in der Lage sind, so wuerde sie
kein ernsthaftes soziales Problem darstellen. Die Bedeutung dieser Entwicklung ist jedoch in der entgegengesetzten Richtung zu
suchen. Wenn es fuer die aelteren Arbeiter heute schwieriger ist,
eine Beschaeftigung zu finden, so sind hierfuer eine ganze Reihe
Faktoren verantwortlich zu machen. Die Beschaeftigungsmoeglichkeiten wurden mehr und mehr von landwirtschaftlichen Taetigkeiten
auf nichtlandwirtschaftliche Industrieberufe und von kleineren Familienbetrieben auf grosse Geschaeftsunternehmen uebertragen. Die
moderne Industrie, die ruecksichtslosere und unpersoenlichere Massstarebe anlegt, die groesseren Wert auf Schnelligkeit legt, und in
der es ueblich ist, willkuerlich Altersgrenzen fuer die Einstellung
und die Versetzung in den Ruhestand festzulegen, bietet Arbeitern
in vorgeschrittenem Alter verhaeltnismaessig geringe Beschaeftigungsmoeglichkeiten. Hinzu kam die Massenarbeitslosigkeit der
Dreissiger Jahre, die viele aeltere Leute veranlasste, die Suche
nach Arbeit aufzugeben, selbst wenn sie noch in der Lage waren,
produktiv in der Wirtschaft taetig zu sein.
Diese langzeitige Entwicklung steht in krassem Gerensatz zu
den Erfahrungen, die man in der Zeit von 1940 bis 1947~machen konnte. Der Uebergang von einer Depression in eine Wirtschaft der
Vollbeschaeftigung hatte zur Folge, dass wesentlich mehr Personen
im fuenften und sechsten Lebens Jahrzehnt erwerbstaetig waren. Infolgedessen wurde von 1940 bis 1947 trotz der beachtlichen Zunahme
des Lebensalters die durchschnittliche Dauer der Nichtbeschaeftigung nicht groesser.
Auf grund der Vorkriegstendenz und der neueren Erfahrungen
waehrend der letzten Dekade koennen fuer die Zukunft zwei verschiedene Auffassungen ueber die Dauer der Arbeitsfaehigkeit aufgestellt
werden. Zur besseren Veranschaulichung sind zwei Schaetzungen fuer

�die zu erwartende Dauer der Arbeitsfaehigkeit im Jahre 1975 aufgestellt worden. Der ersten Schaetzung legt man den Anteil der
juengeren Altersgruppen an der Erwerbsbevoelkerung von 1940 und
den staendig zurueckgehenden Prozentsatz der Erwerbstaetigen von
55 Jahren und darueber nach den Zahlen der Zeit von 1920 bis 1940
zugrunde. Bei der zweiten Schaetzung setzt man voraus, dass sich
der zahlenmaessige Anteil an der Erwerbsbevoelkerung von 1947
nicht aendert.
Bei beiden Voraussetzungen nimmt man an, dass die guenstige
Tendenz in der Sterblichkeit auch weiterhin anhaelt, was auch aus
den Voreusbestimmungen der Bevoelkerungszahlen zu ersehen ist, die
vom statistischen Buero der Vereinigten Staaten unlaengst veroeffentlicht wurden. Demnach betraegt im Jahre 1975 die Lebenserwartung eines 20-jaehrigen Mannes fast 73 Jahre im Vergleich zu
68 Jahren im Jahre 1947; im Alter von 60 Jahren wuerde sein durchschnittliches Lebensalter auf fast 77 Jahre erhoeht, das sind 1 1/2
Jahre mehr als im Jahre 1947.
Wenn man von der ersten Moeglichkeit ausgeht, die darin besteht, das3 der Zeitpunkt der Versetzung in den Ruhestand immer weiter vorverlegt wird, dann wuerde das durchschnittlich zu erwartende
Arbeitsalter eines 20-jaehrigen Mannes im Jahre 1975 das gleiche
sein wie im Jahre 1947, naemllch etwas weniger als 43 Jahre. Die
durchschnittliche Lebenserwartung im Ruhestand wuerde sich jedoch
auf fast 10 Jahre erweitern, verglichen mit fuenf Jahren im Jahre
1947 und weniger als drei Jahren (fuer maennliche Arbeiter der
weissen Rasse) im Jahre 1900.
Im Alter von 60 Jahren ist der Kontrast ebenso betont. Der
sechzigjaehrige Arbeiter, der im Durchschnitt noch fast 17 Jahre zu
leben hat, kann damit rechnen, nur noch acht Jahre erwerbstaetig
zu bleiben und neun Jahre im Ruhestand zu leben. Es ist daher zu
erwarten, dass die Dauer der Arbeitstaetigkeit mehr und mehr zurueckgeht und der Zeitraum, in dem sich der Arbeiter im Ruhestand
befindet, immer groesser wird.
Die zweite Moeglichkeit, die sich auf die Zusammensetzung der
Erwerbsbevoelkerung aus dem Jahre 1947 gruendet, fuehrt zu voellig
verschiedenen Ergebnissen. Die Zunahme der Gesamtlebensdauer
wuerde hauptsaechlloh der Dauer des Arbeitslebens hinzugefuegt
werden. Fuer einen Zwanzigjaehrigen wuerde sich das durchschnittlich zu erwartende Arbeitsleben im Vergleich zu 1947 um mehr als
drei Jthre steigern, und die Dauer des Ruhestandes ginge um 1 1/2
Jahre in die Hoehe. Die zukuenftige Dauer des Arbeitslebens wuerde
sich im Vergleich zu 1947 um fast ein ganzes Jahr erhoehen.
Bei diesen Vergleichen sind natuerlich nicht alle Faktoren
berücksichtigt, die die jeweilige wirtschaftliche Last abhaengiger
alter Leute beeinflussen koennen. Veraenderungen in der Altersstruktur der Bevoelkerung werden z.B. von erheblicher Bedeutung sein und
von den zukuenftigen Tendenzen der Geburtenziffer, der Zahl der
Einwanderer und der gesteigerten Lebenserwartung beeinflusst werden.
Die voraussichtlichen Kosten fuer Alterspensionen und aehnliche
Programme werden auch davon abhaengen, wie sich die Uhterstuetzungsansprueche, die Unterstuetzungsbetraege und andere Bestimmungen dieser Programme veraendern. Veraenderungen de3 durchschnittlichen
Einkommens- und Produktivitaetsstandes werden sich ebenfalls auf
die entsorechenden Kosten der Unterstuetzungsprogramme fuer alte
Leute auswirken.
Diese Vergleiche konzentrieren jedenfalls die Aufmerksamkeit
auf einen der wesentlichsten Gesichtspunkte des Problems der Versorgung alter Leute. Im einzelnen und im allgemeinen werden in den
- 3

�kommenden Dekaden wichtige Beschluesse in bezug auf die letzten
Lebensjahre und auf die Pensionierung und die fortgesetzte Erwerbstaetigkeit getroffen werden. Diese Beschluesse wiederum werden wesentliche Auswirkungen auf die Zahl der Erwerbsbevoelkerung des
Landes, das Sozialprodukt und auf den kuenftigen Lebensstandard
des amerikanischen Volkes zur Folge haben.
Tables of Working Life
US Arbeitaministerium
VII1/50
John W. Gibson, stellvertretender Arbeitsminister:
DIE KNOWLAND-GESETZESVORLAGE
Nach dem bundesstaatlichen System der Arbeitslosenversicherung
sind die einzelnen Staaten verpflichtet, sich an bestimmte J'lndestnormen zu halten. Die Zahl dieser festgesetzten Normen ist sehr
gering. Eine davon ist jedoch von groesster Bedeutung fuer die
Arbeiterschaft: die sogenannten Arbeitsnormen. Nach diesen Bestimmungen kann ein Einzelstöat einem Arbeiter die Arbeitslosenunterstuetzung nicht verweigern, wenn dieser einen neuen Arbeitsplatz
nicht annehmen will, der infolge eines Streiks oder anderer Arbeitsstreitigkeiten unbesetzt ist, oder wenn Löhne, Arbeitszeit und
andere Arbeitsbedingungen weit unter denen liegen, die in dem Bezirk vorherrschen, oder wenn er mit seinem Arbeitsantritt gezwungen waere, einer Betriebsgewerkschaft beizutreten oder aus einer
Gewerkschaft auszutreten, fuer die er sich bereits entschieden hat.
Die Knowland-Gesetzesvorlage bringt Vorlagen ueber die Abaenderung der Sozialversicherungsgesetze. Sie koennte, wenn sie zum
Gesetz wuerde, die bundesstaatlich festgelegten Normen im Arbeitslosenversicherungssystem ernsthaft gefaehrden. Insbesondere wuerde
sie dem Arbeitsminister jegliche Intervention verbieten, wenn ein
Staat diese Normen nicht einhaelt, es sei denn, dass dieser Nichteinhaltung eine Abaenderung des einzelstaatlichen Gesetzes durch
die gesetzgebenden Organe des Einzelstaates zugrundtliegt. Senator
Knowland behauptete, dass seine Gesetzesvorlage einzig und allein
den Zweck haette, den Arbeitsminister zu zwingen, solange zu warten,
bis ein derartiges Vorkommnis der Nichteinhaltung des Gesetzes von
den staatlichen Gerichtshoefen bearbeitet sei. Wenn man die Gesetzesaenderung jedoch genauer studiert, stellt man fest, dass der
Arbeitsminister nur dann Einspruch erheben kann, wenn die staatliche Behoerde fuer Beschaeftigungssicherheit die Beschluesse des
hoechsten staatlichen Gerichtes nicht befolgt hat; dabei ist es
gleichgueltig, ob diese Beschluesse den bundesstaatlichen Bestimmungen entsprechen oder nicht. Mit anderen Worten, jeder Staat koennte diese Bestimmungen verschiedenartig auslegen, ohne dass der
Arbeitsminister etwas hiergegen unternehmen koennte. Die KnowlandGesetzesvorlage kann infolgedessen die einzige auf bundesstaatlicher
Ebene geregelte Bestimmung der Arbeitslosenversicherung, naemlich
die der Arbeitsnormen, unterminieren. Wenn diese Gesetzesvorlage
zum Gesetz wuerde, waere es unmoeglich, die von Praesident Truman
vorgeschlagenen zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzungen gesetzlich festzulegen, deren Koechstsatz woechentlich 30 Doller*zuzueglich der Beihilfen fuer unterstuetzungsbeduerftige Angehoerif-e betragen soll, und die 26 Wochen lang gezahlt wird. Den Befuerwortern der Knowland-Gesetzesvorlage wuerde e's bei einer etwaigen Bewilligung ohne Zweifel gelingen, die neuen bundesstaatlichen Bestimmungen zu unterhoehlen.
Wer steht hinter der Knowland-Gesetzesvorlage? Sie wurde von
dem Arbeitgeberverband an der Kueste des Pazifiks und den Reedern
der Westkueste geschaffen, weil der Arbeitsminister sie daran gehin-

�dert hatte, die Arbeiter gelegentlich mehrerer Streiks im Jahre
1948 zu uebervorteilen. Die Arbeitgeber der Kueste Kaliforniens
und Washingtons hatten es naemlich fertiggebracht, dass die
Appellationsgerichte dieser Staaten beschlossen, allen Gewerkschaftsmitgliedern, ob sie an den Streiks beteiligt waren oder
nicht, die Arbeitslosenunterstuetzung zu verweigern, selbst wenn
sie schon vor dem Streik arbeitslos waren und ünterstuetzungen
bezogen. Die gleiche Methode wurde bei einm Streik der Zimmerleute in Spokane (Washington) angewandt. Nachdem man sich beim
Arbeitsminister hierueber beschwert hatte, stellte dieser fest,
dass sich der Staat Washinton nicht an die bundesstaatlichen Vorschriften gehalten hatte, worauf die Gerichte sofort ihre Beschluesse fuer ungueltig erklaerten. Da die Entscheidungen der
kalifornischen Berufungsgerichte nicht zur allgemeinen Anwendung
kamen und versichert wurde, dass den Arbeitern, die nicht am
Streik beteiligt waren, die Arbeitslosenunterstuetzung nicht verweigert wuerde, wurde das Verfahren gegen den Staat Kalifornien
eingestellt.
Die erfolglosen Arbeitgeber der pazifischen Kueste haben sioh
im Kampf um die Durchsetzung der Knowland-Gesetzesvorläge im Hintergrund gehalten und Hessen ihre Interessen durch Stanley
Rector, den Kulissenschieber im Dienste der Vereinigung fuer Berater in ArbeitslosWunterstuetzungsfragen (Unemployment Benefit
Advisors, Inc.) vertreten. Diese Vereinigung ist eine von den
Arbeitgebern finanzierte Organisation, die urspruenglich in Wisconsin zu dem Zweck ins Leben gerufen wurde, die Arbeitgeber des
Staates Wisconsin zu beraten, wie sie sich der Verpflichtung zur
Zahlung von Betraegen zur Arbeitslosenunterstuetzung entziehen
koennten. Rector war vorher Rechtsberater der Abteilung fuer
Arbeitslosenunterstuetzung in der Industriekommission von Wisconsin. Er hatte diese Fosition aufgegeben, um fuer die Organisation
in Washii&amp;on die Gesetzgebung zugunsten der Unternehmer zu beeinflussen, eine Aufgabe, die ihm jaehrlich 20.000 Dollar einbringt,
und der er sich seit Jahren gewidmet hat; er hat alles moegliche
getan, um ein wirksames Sozialversicherungsprogramm zu sabotieren
und zu zerstoeren.
Offiziellen Angaben zufolge, ueber die der Kongress naoh dem
Gesetz ueber die Registrierung von Rechtsvertretern der Arbeitnehmerverbaende verfuegt, hatte die Vereinigung fuer Berater in Fragen
der Arbeitslosenunterstuetzung, die Rector als ihren Direktor bezeichnet, im Jahre 1949 Einnahmen in Hoehe von 102.415 Dollar und
36.175 Dollan an Ausgaben zu verzeichnen. In einem einzigen Quartal des Jahres 1949 hatte diese Vereinigung Zuwendungen von 499
Dollar und mehr von jedem einzelnen der 24 groessten Unternehmen
des Landes gemeldet. Die General-Motors in Detroit hat z.B.
3.500 Dollar an die Gesellschaft gezahlt, und die Zuwendungen der
folgenden grossen Unternehmen betrugen in jedem Einzelfall mehr
als 1.000 Dollar: J. Schitz Brewing Co., Milwaukee; Allis-Chalmers
Manufacturing Company, T.Cilwaukee; Atlantic Refining Company, Philadelphia; J. L. Hudson Company, Detroit; Marshall Field Company,
Chikago; American Cynamid Company, New York; und die American Can
Company, New York. Nicht zu vergessen sind Briggs und Stratton in
I'ilwaukee, die in einem einzigen Quertal mit je 800 Dollar diese
"wohltaetige" Organisation unterstuetzten, die dazu bestimmt ist,
der Arbeiterschaft die Lebensader abzuschneiden.
Rector hat -mehrere Schreiben abgefasst, in denen er den Zweck
der Knowland-Gesetzesvorlage entstellt und die Handlungsweise des
Arbeitsministers bei den Vorfaellen in den Staaten Kalifornien und
Washington kritisiert. In diesen Schreiben hat Rector absichtlich
die Tatsachen in einer Weise gefaelscht, dass sich die Unternehmer
benachteiligt glauben muessen. Rector behauptete, in Kalifornien
und Washington habe man den Mitgliedern der Seeleutegewerkschaften
5 -

�Harry Bridges' die Arbeitslosenunterstuetzungen verweigert. In
Wirklichkeit wer keine der vier streikenden Gewerkschaften weder
offiziell noch im geheimen mit Harry Bridges verbunden. Rector
deutete ausserdem an, dass "das Arbeitsministerium, um sich die
Staaten gefuegig zu machen, seine umfassenden willkuerlichen Vollmachten immer dann anwenden wuerde, wenn der Standpunkt der Gewerkschaften nicht mit dem der staatlichen Behoerden zu vereinbaren
sei. Er behauptete ausserdem, dass der Arbeitsminister nicht dem
Beispiel des frueheren Beauftragten fuer Sozialversicherung, Arthur
J. Altmeyer, folge und mit der Bearbeitung von Problemen nicht warte, bis die staatlichen Gerichtshoefe hierzu Stellung genommen
haetten. In Wirklichkeit waren zu der Zeit, als das Programm fuer
Beschaeftigungssicherheit von Altmeyer verwaltet wurde, viele
Streitfragen direkt bearbeitet worden, ohne dass die Gerichtshoefe
davon in Kenntnis gesetzt wurden. Die gleichen Leute, die unter
Altmeyer gearbeitet hatten, deckten die üebertretungen der Bundesgesetze in Kalifornien und Washington auf und unterrichteten den
Arbeitsminister darueber.
In einem Schreiben an seine Arbeitgeber behauptete Rector,
das Arbeitsministerium lasse es sich Tausende von Dollars kosten,
um auf dem Wege ueber die Administratoren der Behoerden fuer Beschaeftigungssicherheit die einzelnen Staaten davon abzubringen,
seine Gesetzesvorlage zu unterstuetzen. Er erklaerte ausserdem
woertlich: "Es ist anzunehmen, dass diese Geldzuwendungen den bundesstaatlichen Behoerden fuer die Kontrolle der Finanzen einzelstaatlicher Behoerden nicht unbekannt sind." Keine dieser Behauptungen entspricht der Wahrheit. Nicht das Aussenministerium wendet Tausende von Dollars auf, sondern die Administratoren der Einzelstaaten selbst, die sie fuer Telegramme an ihre Senatoren und
Repräsentanten und fuer persoenliche Besuche in Washington fuer
die Knowland-Gesetzesvorlage verwenden. Was die Behauptung betrifft, durch bundesstaatliche Geldzuwendungen an die Einzelstatten
wuerde ein Druck auf die Behoerden der Einzelstaaten ausgeuebt, so
ist dazu zu sagen, dass der Ezekutivausschuss der interstaatlichen
Konferenz in einer Resolution im vorigen Winter offiziell erklaerte, dass Geldzuwendungen des Bueros fuer Beschaeftigungssicherheit
niemals dazu verwendet wurden, auf die Einzelstaaten in irgendeiner
Weise einen politischen Druck auszuueben, und die Konferenz kann
dies zu jeder Zeit erneut versichern.
Das Arbeitsministerium ist gegen jede finanzierte Unterstuetzung dieser Gesetzesvorlage. Auf Rectors Betreiben haben die Unternehmer eine Unzahl von Briefen geschrieben, in denen sie sich
fuer die Gesetzesvorlage aussprechen und die schlimmsten Dinge
prophezeie», falls sie nicht bewilligt werden sollte. Ein Kongressmitglied hat uns z.B. einen Brief eines Unternehmers gezeigt,
in dem es heisst, dass das System der Arbeitslosenversicherung auf
bundesstaatliche Ebene ausgedehnt und die Unters tue tzun.^en erhoeht
und die Unterstuetzungszeiten verlaengert worden, wenn die Knowland-Gesetzesvorlage nicht zum Gesetz wuerde. Ich persoenlich
wuerde eine solche Entwicklung begruessen. Die Bewilligung der
Knowland-Gesetzesvorlage dagegen wuerde die Arbeitslosenversicherung zu einer Waffe machen, die in den Haenden der Unternehmer dazu
geeignet waere, Streiks ruecksichtslos zu brechen.
Einige Administratoren der einzelstaatlichen Arbeitslosenversicherungen arbeiten mit Rector Hand in Hand, weil sie natuerlich
froh waeren, von jeglicher bundesstaatlichen Kontrolle oder Ueberwachung frei zu sein - obwohl sie ihre Stellungen und die Gesetze
an erster Stelle der bundesstaatlichen Gesetzgebung zu verdanken
haben. Die meisten einzelstaatlichen Administratoren der Arbeitslosenversicherung, die im ganzen Lande eingesetzt sind, werden
von Rector und seiner Vereinigung fuer Berater in Arbeitslosenunterstuetzungsfragen an der Nase herumgefuehrt. Sie unterstuetzen und
t

- 6-

�und beguenstigen, sie ermoeglichen deshalb durch ihre Handlungsweise und die der interstaatlichen Konferenz eine antigewerkschaftliche Taetigkeit. Nur wenn die organisierte Gewerkschaftsbewegung
durch sofortiges Handeln, durch Telegramme und persoenliches Vorstelligwerden bei den Senatoren und Kongressmitgliedern und besonders bei den Mitgliedern der Konferenzen ueber die Abaenderung
der Sozialversicherungsgesetze dieser Sabotage entgegenarbeitet,
koennen wir hoffen, dass der Bestand dea bundesstaatlichen Systems
der Arbeitslosenversicherung gesichert bleibt.
Ich kann nicht genug darauf hinweisen, dass es bei allen Besprechungen im Verlaufe dieses Kongresses wichtig ist, sich der
luegnerischen Propaganda bewusst zu werden, die in diesem Lande
von Interessen getrieben wird, die denen unserer bundesstaatlichen
Verwaltung in Washington genau entgegengesetzt sind. Zum Abschluss
moechte ich dazu auffordern, das Fair Deal Programm zu unters tuetzen, weil es zu groesserem Wohlstand derer fuehren muss, die sich
ihren Lebensunterhalt erarbeiten muessen. Dieses Programm allein
wird dem amerikanischen Volke letzten Endes eine staerkere Wirtschaft und einen hoeheren Lebensstandard geben koennen.
US Arbeitsministerium
VII/19/50
WOHNUNGEN FUER RENTNER

Heutzutage wird den Problemen der aelteren Leute in England
eine besonders sorgfaeltige Beachtung geschenkt. Die seit 1945
erlassenen Gesetze sind weitgehend darauf ausgerichtet, ihnen
bessere Wohnmoeglichkeiten zu bieten.
Nach Paragraph 21 des Fuersorgegesetzes sind die obersten Be- •
zirksbehoerden verpflichtet, alten Leuten, die nicht mehr selbst
fuer sich sorgen koennen, Wohnungen zur Verfuegung zu stellen. Die
Wohnungen muessen ihnen bestimmte Erleichterungen, wie die unentgeltliche Inanspruchnahme von Hauswaeschereien, bieten. In einigen Faellen ermoeglicht man ihnen sogar Ferienaufenthalte.
Natuerlich wuerden viele alte Leute lieber in den Wohnungen
bleiben, die sie sich selbst eingerichtet haben, statt in die besonders fuer sie vorgesehenen Wohnblocks zu ziehen, obwohl diese
genuegend Raum fuer alle bieten.
Als weitere Dienstleistung sieht das Fuersorgegesetz vor, dass
die oertlichen Behoerden irgendwelche freiwilligen Organisationen
unterstuetzen, die die Kbsten fuer Erholungsaufenthalte und Kahlzeiten mittragen.
Ausserdem sollen die oertlichen Behoerden dafuer sorgen, dass
den alten Leuten in buergerlichen Restaurants Mahlzeiten zum Selbstkostenpreis verabreicht werden koennen. Einige Behoerden haben es
eingerichtet, dass Diabetiker und Wagenkranke mit den fuer sie erforderlichen Lebensmitteln versorgt werden, oder sie treffen mit
den Krenkenhaeusern Abmachungen, damit diese Leute durch die Diaetkuechen bekoestigt werden koennen.
Die Unterstuetzung im Haushalt ist nicht vergessen worden.
Man schaetzt, dass Dreiviertel jener Hilfen, wie sie im Paragranh
29 des Gesetzes fuer den Gesundheitsdienst vorgesehen ist, den
staendig Arbeitsunfaehigen und den alten Leuten zugutekommt.
Arbeitssparende Wohnungen sind fuer alte Leute besonders wichtig. Das Leben und Arbeiten in diesen kleinen 'Wohnungen erfordert
ein Minimum an koerperlicher Anstrengung. Es gibt keine Stufen und
- 7-

�keine dunklen Ecken. Die Mieten richten sich nach den Einkommen
aller Mieter, und fortschrittliche Wohnungsaernter uebernehmen
haeufig einen Teil der Kosten.
Uni einen Uindestlebensstandard zu gewaehrleisten, hat der
Fuersorgeausschuss erklaert, dass er zu niedrige Einkommen aus
eigenen Mitteln aufbessern wird.
In Zukunft kann jeder, dessen Einkommen nach Abzug der Miete
unter 43 1/2 Schillingen (etwa 25.50 DM) fuer ein Ehepaar liegt,
Unterstuetzung beantragen. Ein Ehepaar, das z.B. nach dem Versicherungsgesetz nur 42 Schillinge bezieht, wuerde eine zusaetzliche
Unterstuetzung von ein Schilling secha Pence und seine Miete erhalten.
Jeder, der nach dem Fuersorgegesetz Anspruch auf Unterstuetzung hat, kann sie erhalten. Wenn auch die Fuersorgebeamten wissen
wollen, wie hoch die Miete ist, und wieviel ein einzelner oder
eine Familie gespart hat, so wird diese Fuersorge doch ganz anders
gehandhabt als zu der Zeit, als die aelteren Arbeiter die verhasste
Ueberpruefung ihrer Mittel ueber sich ergehen lassen musste.
Heute braucht niemand mehr Schlange zu stehen, um den Fuersorgebeamten von seinen Noeten berichten zu koennen. Diese Beamten haben jetzt eine Sonderausbildung genossen und behandeln die
Faelle mit allem Wohlwollen unter Beachtung der Bestimmungen des
Fuersorgegesetzes. Wenn es gewuenscht wird, so besucht er einen
Antragsteller auch zu Hause.
Um ein Beispiel zu geben, wie man das Vermoegen berechnet,
greifen wir ein Ehepaar heraus, das von seiner Pension lebt. Wenn
das Ehepaar weniger als 350 Pfund Sterling an Kriegsanleihen pro
Person besitzt, wird dieser Betrag nicht baruecksichtigt. Das gleiche gilt fuer sonstige Ersparnisse bis zu einem Betrag von 74 Pfund
Sterling.
Ein Ehepaar kann deshalb 774 Pfund Sterling besitzen, ohne
dass dieses Vermoejen beruecksichtigt wird. Alle darueberliegenden Betraege werden so berechnet, dass jeder weitere Betrag von
25 Pfund Sterling einem woechentlichen Einkommen von einem halben
Schilling entspricht.
Zahlreiche andere Einkommensarten koennen ausserdem bei den
Berechnungen der Fuersorgebeamten unberuecksichtigt bleiben; so
z.B. bis zu 10 1/2 Schillingen woechentlich an Pensionen od-er Krankengeldern aus einer Gewerkschafts- oder Wohlfahrtskasse; 20 Schillinge woechentlich an Pensionen fuer Arbeitsunfaehige und 20 Schillinge woechentlich, wenn es sich um keine staendigen Einkommen handelt. In keinem Falle jedoch duerfen diese Einnahmen den Betrag
von 20 Schillingen ueberschreiten.
Gewerkschafter und alle anderen aktiven Buerger muessen sich
dafuer einsetzen, dass alle alten Leute in den Genuss dieser Hilfeleistungen kommen. V/eil sie nicht selbst so fuer sich sorgen koennen, wie es ihnen gebuehrt, muessen sie auf diese V/eise unterstuetzt
werden.
Labour, TUC Magazine
VI/ 50
KAUFLEUTE FORDERN WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT DER FREIEN WELT
Um eine Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern, ist es notwendig, nach und nach die internationalen Handelsschranken zu be-

�seitigen und eine hoehere Produktionsleistung der freien Welt anzustreben, erklaerten kuerzlich die Delegierten des 37. Lendeskonvents fuer Aussenhandel in New York in einer Verlautbarung, die
von dem Konvent gebilligt wurde.
Dieses Ziel laesst sich nur durch gemeinsames Handeln der
freien Nationen der V/elt ermoeglichen, heisst es in der Erklaerung
weiter. Die Ruestungs- und Zivilproduktion, die fuer den Freiheitskampf unerlaesslich sei, muesse von anderen Nationen und den
Vereinigten Staaten gemeinsam unterstuetzt werden.
Mehr als 8.000 Aussenhandelskaufleute und Investoren nahmen
an dem dreitaegigen Jahreskonvent teil, der von dem Nationalen
Handelsausschuss einberufen worden war.
In den von dem Konvent gebilligten Empfehlungen wird erklaert,
dass trotz der grossen Hilfsquellen und trotz des dynamischen
Wirtschaftssystems der Vereinigten Staaten diese allein der Aufgaben nicht Herr werden koennten, die der freien Welt gestellt
sind.
Der Kongress hob hervor, dass sich die freie Y/elt angesichts
der kommunistischen Aggression der Wiederaufruestung widmen muesse,
dass jedoch die wirtschaftlichen Erfolge, die durch den MarshallPlan erzielt worden seien, nicht aufs Spiel gesetzt werden duerften.
Die Delegierten verurteilten in scharfen Worten die engstirnigen Methoden, die eine fortschrittliche wirtschaftliche Entwicklung in Europa verhindern. In der Resolution hierzu heisst es:
"Es ist mehr als je zuvor ein Gebot der Stunde, dass die engstirnigen Meti öden des wirtschaftlichen Nationalismus einer wirksameren Zusammenarbeit unter den Nationen weichen, und dass die wirtschaftliche Traegheit, ob sie nun ein Ergebnis des Sozialismus
oder des monopolistischen Kapitalismus ist, durch ein Streben und
einen Drang nach einer dynamischen Konkurrenzwirtschaft ersetzt
wird. Nur auf diese Weise wird es moeglich sein, die Produktionsziele zu erreichen, die notwendig sind, um der Kachfrage nach
Ruestungs- und Zivilprodukten in dieser kritischen Zeit der Wiederaufruestung genuegen zu koennen.
Der Konvent forderte, dass die Handelskontrollen auf ein Minimum beschraenkt, die Zollverfahren vereinfacht, Exportkontrollen
auf Mangelwaren beschraenkt und laestige Restriktionen, wie Visa
und polizeiliche Bescheiningungen, aufgehoben werden.
Er forderte ausserdem die freie Konvertierbarkeit der Waetirungen und die Beseitigung der Kontrollen im Zahlungsverkehr als
wesentliche Ziele anzustreben.
Das Punkt-Vier-Programm wurde von dem Konvent gutgeheissen,
man verlangte weiter, dass ein staendiger Kapitalfluss zur Investierung in unterentwickelten Gebieten gesichert und gefoerdert
wird.
ECA Labor Information
XI/16/50
STEIGERUNG DER KAUFKRAFT - DIE BESTE ABWEHR DES TOTALITARISMUS
Durch den Marshall Plan, dem amerikanischen Hilfsprogramm
zur Wiedergesundung der demokratischen Nationen Europas, ist eine
erstaunliche Wandlung der Dinge eingetreten.
9 -

�Dieser Plan besteht seit ueber zwei Jahren. Er hat viel
zum Wiederaufbau beigetragen, aber in einigen Laendern sind die
Riesenerewinne hieraus allein den Geschaeftsleuten und der Industrie zugeflossen. Fuehrende Beamte der Marshall-Flan-Verwaltu
haben nun erklaert, dass hier eine Aenderung eintreten muesse.
Einise Beamte haben auf ihren Auslandsreisen festgestellt, dass
der Kommunismus nicht besiegt werden kann, wenn die amerikanische
Hilfe nur den Unternehmern groessere Gewinne einbringt, ohne die
tCaufkre-ft der ^rbeiterloehne zu steigern.
Diese Erkenntnis hat dazu gefuehrt, dass der neue Leiter
der Mershall-Plan-Verwaltung, William C. Foster, ein ehemaliger
Industrieller der Stahlindustrie, den europaeischen Unternehmern
rundweg erklaerte, dass sie den Lebensstandard des Volkes heben
muessten, wenn sie wirklich den Wunsch haetten, die kommunistische
Gefahr abzuwenden.
Funktionaere amerikanischer Gewerkschaften und Gewerkschaftsvertreter innerhalb der Marshall-Plan-Verwaltung haben dies schon
vor langer Ziet betont, und sie sind selbstverständlich erfreut,
wenn Industrielle wie Foster ihren Standpunkt jetzt teilen.
Foster gab seine sensationelle Erklaerung vor einer Gruppe
europaeischer Betriebsleiter der Eisenbahnen und jener Fabriken
ab, die Ausruestungsgegenstaende fuer die Eisenbahnen herstellen.
Die Gruppe hatte sechs Wochen lang in den Vereinigten Staaten die
Methoden der Eisenbahngesellschaft "Iron.Korse" und der Zubringerindustrien fuer die Eisenbahn studiert.
Der Leiter der ECA sagte, er hoffe, dass sie die treibende
Kraft erkannt haetten, die hinter der amerikanischen Wirtschaft
stehe - das heisst, die staendig sich steigernde Massenproduktion»
mit der ein Massenabsatzmarkt beliefert wird, in dem jeder einzelne ueber eine hohe Kaufkraft verfuegt.
Wir legen grossen Wert darauf, dass die Fruechte der Produktionsleistung gerecht verteilt werden. Diese gerechte Verteilung
ist zumindest teilweise den von den Gewerkschaften gefuehrten Verhandlungen mit. den Unternehmern zu verdanken.
"Wenn nur wenige Leute in den Genuss der Fruechte der Massenproduktion kommen, koennen auch nur wenige etwas kaufen," erklaerte Foster warnend. "Bittere Erfahrungen haben uns zu dieser Erkenntnis gebracht."
Er betonte darauf, dass sich die Industriellen Europas diese
Erkenntnis zunutze machen sollten und die Gewinne aus der gesteigerten Produktionsleistung durch hoehere Loehne bei kuerzerer Arbeitszeit gerecht verteilen.
Mr. Leon Dayton, der Leiter der Marshall Plan-Mission fuer
Italien, sprach eine aehnliche Warnung aus. Er sagte den italienischen Unternehmern unumwunden, dass sie Gefahr liefen, den Koramu
nisten die Macht in die Ilaende zu spielen, wenn sie der grossen
Masse des Volkes nicht mehr Kaufkraft in die Haende gaeben.
Er warf einigen italienischen Unternehmern vor, zu grosse Gewinne erhaschen zu wollen und Preise festzusetzen, die das Fuenffache der Gestehungskosten betragen.
Vor den Eisenbahnunternehmern sprach in Washington ausserdem
Bert M. Jewell, ein altes Mitglied der Sisenbahnergewerkschaften.
Jewell ist jetzt erster Berater fuer Arbeitsfragen bei der Marshall-Plan-Verwaltung. Jahrelang fuehrte er die Eisenbahnerabtei- 10 -

�lunc der AFL und ist seit fast einem halben Jahrhundert Mitglied
der Kesselbauergewerkschaft.
Woertlich sagte Jewell zu der Unternehmergruppe: "Die Arbeiter der amerikanischen Eisenbahnen haben sich schon immer fuer
gesteigerte Produktion und hoehere Produktionsleistung eingesetzt,
sie haben aber auch auf ihrem ihnen zustehenden Anteil an den Gewinnen bestanden."
Die Gewerkschaften haetten sich ihre Erfolge allerdings schwer
erkaempfen muessen; die Streitigkeiten mit den Unternehmern haetten
dazu gefuehrt, dass die Eisenbahnen heute nominell in den Kaenden
der Regierung liegen.
Jewell fuegte hinzu, er wuensche nicht, diese Spannungen zu
verbergen, aber ebenso muesste man auch wissen, dass zwischen Gewerkschaften und Eisenbahngesellschaften in Fragen, die fuer beide
Teile von Bedeutung und Interesse sind, eine gute Zusammenarbeit
geleistet worden ist.
Er fuehrte zahlreiche Beispiele aus der Gesetzgebung und anderen Gebieten an, in denen die beiden Vertragspartner erfolgreich
zusammengearbeitet haben.
•

Labor
X/28/50
AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTEN UND EUROPASISCHES WIEDERAUFBAUPROGRAMM
Der Direktor der Abteilung fuer Arbeitsfragen in der MarshallPlan-Verwaltung in Europa, Boris Shishkin, der als amerikanischer
Gewerkschafter eine fuehrende Stellung in der Marshall-Plan-Verwaltung bekleidet, befand sich vor kurzem in den Vereinigten Staaten, um Praesident Truraan Bericht zu erstatten. In seiner an die
arbeitende Bevoelkerung der Vereinigten Staaten gerichtete Ansprache erküa erte Boris Shishkin:
"Die durch den Marshall-Plan erzielte Verbesserung dss Lebensstandards der Arbeiterschaft muss beibehalten und gesteigert werden, wenn die Verteidigungsbemuehungen der freien Welt von Erfolg
sein sollen. Diese Verbesserung stellt einen Faktor der inneren
Sicherheit Westeuropas dar, der ebenso wichtig ist wie die aeussere
Sicherheit.
"Die Gewerkschaftsprogramme des ERP gewinnen mehr und mehr an
Bedeutung. Die Marshall-Plan-Verwaltung baut einige dieser Programme weiter aus, wie z.B. den Austausch europaeischer und amerikanischer Studiengruppen, die Koordinierung der Arbeitsvermittlungsaemter der Teilnehmerstaaten, die Berufsausbildung der Arbeiter und
die Verwendung der Gegenwertfondsmittel fuer die Durchfuehrung billiger Wohnungsbauprojekte.
"Die franzoesischen und italienischen Arbeiter verstanden anfaenglich nicht, dass dieser Plan ihnen helfen sollte. Nachdem
jedoch diese Programme, die Maschinen und andere Hilfeleistungen
der ECA dazu beigetragen haben, die Produktion zu steigern und den
Lebensstandard der Arbeiter zu verbessern, beginnen sie einzusehen,
dass der Marshall Plan keine leere Phrase ist, sondern den Zweck
hat, ihnen unter Wahrung des Rechtes zu helfen, freie Franzosen
und Italiener zu bleiben.
"Trotzdem besteht noch immer das grundlegende Problem des
niedrigen Lebensstandards und besonders der zu geringen Realloehne.
- 11 -

�Zweifellos muesseji in bestimmten Laendern und vornehmlich in
Frankreich Massnahmen ergriffen werden, um den zu niedrigen Lebensstandard der Arbeiter schneller zu heben.
"Man muss sich jedoch darueber im klaren sein, dass die demokratischen Regierungen dieser Laender und nicht die Marshall-PlanVerwaltung die Verantwortung fuer diese Programme und fuer ihre
Durchfuehrung zu uebernehmen haben. Die Verbesserung der Loehne
in Frankreich und den anderen Laendern ist eine Aufgabe, die von
den freien Gewerkschaften durch Kollektivverhandlungen geloest
werden muss.
"Zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Verteidigung Westeuropas gegen Aggressionen ist dringend eine Politik erforderlich,
die eine gerechte Besteuerung gewaehrleistet und die Ausbreitung
von Monopolen, die die europaeische Industrie beherrschen, verhindert.
"Aber diese politischen Programme und diese Verbesserungen
und Reformen muessen von den europaeischen Laendern selbst unter
tatkraeftiger Unterstuetzung der freien Gewerkschaftsbewegung eingeleitet werden."
Gewerkschaftliches Naohrichtenblatt des
Gewerkschaftlichen Beratungsausschusses des SRP
XI/10/50
LAB PUR PARTEI ENGLANDS BILLIGT WALTER REUTKERS PLAN
Zwanzig Parlamentsmitglieder der Labour-Partei haben in dieser Woche der britischen Labour-Regierung den Plan des Vorsitzenden der Automobilarbeitergewerkschaft des CIO, Walter Reuther,
fuer eine "Totale Friedensoffensive" unterbreitet.
Zu den 20 Abgeordneten gehoeren R. Sorensen und Fenner Brockway, zwei altbewaehrte Sorecher der Labour-Partei fuer die Rechte
der Kolonialvoelker. Die Abordnung schlug in einer Ergaenzung
der Rede des Koenigs vor, dass die Regierung die ausfuehrlichen
und schoepferischen Vorschlaege Walter Reuthers vom Kongress der
Industrieverbaende der Vereinigten Staaten in Betracht ziehen und
hierzu bald eine Erklaerung abgeben moege.
Die Rede des Koenigs, mit der jede Eroeffnungssitzung des
englischen Parlaments beginnt, wird fuer ihn von der Regierung aufgesetzt. In ihr werden wichtige Gesetze behandelt, die die Regierung waehrend dieser Parlamentssitzung einzufuehrsn beabsichtigt,
und die Regierung nimmt ausserdem zu wichtigen Tagesfraren Stellung.
In der Rede des Koenigs wurde zum Ausdruck gebracht, dass
die Regierung die Bemuehungen der Fachabteilungen der Vereinten Nationen zur Verbesserung des Lebensstandards-in verarmten oder
rueckstaendigen Gebieten unterstuetzt. Die Regierung verpflichtete
sich ferner, weiterhin Plaene zu studieren, die die wirtschaftliche
Entwicklung Sued- und Suedostasiens foerdern. "Meine Regierung,"
sagte der Koenig, "wird sich auch in Zukunft um die Entwicklung
der Kolonialgebiete und die Wohlfahrt dieser Menschen kuemmern und
durch entsprechende Gesetzgebung die fuer diesen Zweck nach dem
Gesetz fuer koloniale Entwicklung und Wohlfahrt (1945) zur Verfuegung gestellten Summen ergaenzen."
Der wesentlichste Punkt des Reuther-Planes ist ein Vorschlag
an die Vereinigten Staaten, den Vereinten Nationen jaehrlich 13
Milliarden Dollar zur Verfuegung zu stellen, um "den Menschen in
- 12 -

�anderen La endern zu helfen, durch Entwicklung und Erweiterung
ihrer wirtschaftlichen Hilfsquellen und Moeglichkeiten sich selbst
zu helfen." Den Vereinten Nationen soll die uneingeschraenkte Kontrolle ueber diese Fonds uebertragen werden.
Der Nachtrag zur Koenigsrede wurde von H. C. Usborne vorgetragen. Er wurde befuerwortet von Sorensen, Brockway, Douglas
Houghton, A. C. Manual, einem langjaehrigen Funktionaer der Eisenbahningenieure und Vorarbeiter, Charles Grey, ein Bergarbeiter aus
Durham, Rhys Davies, ein ehemaliger Funktionaer der Gewerkschaft
der Arbeiter des Verteilergewerbes und aehnlicher Berufe und einer
der ersten Organisatoren der Fabrikarbeiter Englands, W. T. Procter,
ein frueherer Funktionaer der Nationalgewerkschaft der Eisenbahner,
und mehreren bekannten Journalisten, darunter Michael Foote, dem
Herausgeber der "Tribüne", und R. H. S. Crossman.
Mittlerweile beschaeftigt sich die Forschungsabteilung der
Labour-Partei eifrig mit der Ausarbeitung des "Weltplans fuer gegenseitige Hilfe," ueber die kuerzlich in der Erklaerung der LabourPartei, "Gewerkschaften und die moderne Gesellschaft" berichtet
wurde. In diesem Zusammenhang wird die "Totale Friedensoffensive"
Valter Reuthers ausfuehrlich eroertert.
Informationsabteilung der ECA LIission
fuer England
XI/9/50
:.IA?:GJ:L AN FACHARBEITERN IN AMERIKA

Waehrend die Produktionsleistung des einzelnen Arbeiters in
Amerika ihren hohen Stand beibehaelt und die Arbeitgeber bestrebt
sind, Arbeitskraefte fuer die Ruestungsproduktion zu finden, macht
sich in den Industriezentren des Landes der Mangel an Facharbeitern
immer staerker bemerkbar. Im vergangenen Monat ist die Zahl der
zur Verfuegung stehenden Arbeitsplaetze weiterhin leicht angestiegen. Besonders fuer die Metallberufe herrscht eine grosse, schwer
su befriedigende Nachfrage nach Facharbeitern. Dieser staendige
Tfengel in der Metallindustrie in einer Zeit verhaeltnismaessig geringer Ruestungsproduktion ist besonders kennzeichnend fuer die
zu geringen Facharbeiterreserven in Amerika.
Die Zahl der nichtbesetzten Arbeitsplaetze in nichtlandwirtschaftlichen Berufen, die den arbeitsstatistischen Aemtern der einzelnen Staaten gemeldet wurden, erhoehte sich un annaehernd ein
Viertel auf insgesamt 32.934. Hiervon waren wenig mehr als 10%
bei den oeffentlichen Arbeitsvermittlungsaemtern registriert.
In den gelernten und angelernten Berufen^ war die Zunahme der
offenen Arbeitsplaetze am augenfaelligsten. Der Bedarf an Arbeitskraeften in diesen Berufsgruppen betraegt gegenwaertig zwei Drittel
der gesamten Zahl der offenstehenden Arbeitsplaetze, wobei der
Bedarf in der Kategorie der gelernten Berufe am groessten ist.
Die Zahl des zur Verfuegung stehenden Buero- und Verkaufspersonals
und der ungelernten Arbeitskraefte belaeuft sich auf 8% der Gesamtnachfrage. In der Landwirtschaft hat sich die Zahl der nichtbesetzten Arbeitsplaetze um 7.500 auf ueber 39.000 gesteigert. Der
groesste Teil hiervon erstreckt sich auf landwirtschaftliche Helfer
fuer Baumwollfarmen, vornehmlich in Arkansas und Arizona.
Der Mangel an gelernten und angelernten Arbeitern hat sich
auf eine beschraankte Zahl von Berufsgrunpen konzentriert. In
zehn verschiedenen Arten gelernter Berufe, die mehr als die Haelfte aller offenstehenden Arbeitsplaetze umfassen, war die Steigerung
der Nachfrage nach Arbeitskraeften am groessten. Ein besonders
- 13 -

�grosser Mangel an Maschinisten herrscht vor allem in Pennsylvanien, Kansas und Oregon.
In etwa 26 Staaten ist kaum damit zu rechnen, dass die Nachfrage nach fast 1.000 Werkzeug- und Mustermachern gedeckt werden
kann. Ueber 20 Staaten, darunter vor allem Pennsylvanien, Connecticut, Ohio und Wisconsin berichten von oertlichen ungedeckten
Fachfragen nach Drehern und Fraesern. In Kansas und Kalifornien
herrscht ein betraech^licher Mangel an gelernten Arbeitern fuer
den Flugzeugbau. Verhaeltnisraaessig gross ist auch die Zahl der
fehlenden Facharbeiter fuer den Kraftfahrzeugmotorenbau, die
Flugzeugmechanik und - reparatur, die Blech- und Elektroindustrie,
die Formerei und Giesserei.
Die bedeutsamste Entwicklung in der Kategorie der angelernten Berufe ist die Zunahme der offenstehenden Arbeitsplaetze fuer
Holzfaeller, Floesser und Arbeiter der holzverarbeitenden Industrie, deren Zahl sich von 3,600 auf insgesamt 5 X 0 gesteigert
hat. Vier Fuenftel dieser Arbeiter werden in dem Staate Maine benoetigt.
Ebenso gross ist die Nachfrage nach Elektro» und Maschineningenieuren, nach gelernten Krankenschwestern und Zeichnern. An
Buero- und Verkaufsberufen sind die der Stenographen und Stenotyoisten am meisten gefragt. Etwa 29 Staaten berichten von 1.758
offenen Arbeitsplaetzen fuer diese Berufe; die groesste Nachfrege
wird aus Ohio, Illinois, Minnesota, Virginia, Iowa und dem Bezirk
Columbia gemeldet.
The Labor Market and Employment Security
X/50
"CIO STAERKER ALS JE ZUVOR"
"Der Kongress der Industrieverbaende (CIO) ist staerker, einiger und entschlossener als je zuvor, die demokratischen Grundsaetze zu verwirklichen," erklaerte Praesident Philip Murray in
seiner Eroeffnungsrede zum 12. Kongress des CIO in Chikago.
Der CIO ist eine der bedeutendsten GewerkschaftsOrganisationen der Vereinigten Staaten mit einer Gesamtmitgliedzahl von
etwa sechs Millionen, in der viele Arbeiter der Grundstoffindustrien organisiert sind.
In seinem Jahresbericht an den Kongress hielt Murray einen
Rueckblick auf die Erfolge der Organisation in in- und auslaendischen Angelegenheiten. Er erklaerte den Mitgliedern, dass "sie
auf die Tatsache stolz sein koennen, in einer schweren Zeit der
amerikanischen Geschichte eine Organisation aufgebaut zu haben,
die zum Bollwerk der demokratischen Gesellschaftsordnung geworden
ist." Er erinnerte daran, dass er kurz nach Beginn der Aggression
in Korea Praesident Truman mitgeteilt habe, dass "der CIO alle
Anstrengungen unterstuetze, die darauf gerichtet sind, dieser
kommunistischen Aggression einen Riegel vorzuschieben und den Frieden in Asien wiederherzustellen. Wir billigen ebenfalls die Entschliessung der Vereinten Nationen, diesen Friedensbruoh durch
die nordkoreanische Regierung abzulehnen, und wir billigen es,
dass Sie dieser Entschließung prompt ihre Zustimmung zugesichert
haben."
"Mit der Ablehnung dieser kommunistischen Aggression in Korea
haelt der CIO an seiner traditionellen Gewohnheit fest, sich
Kriegstreibern zu widersetzen und fuer den Weltfrieden zu arbeiten."
- 14 -

�Murray erinnerte ausserdem daran, dass der CIO die auslaendischen HilfsProgramme der Vereinten Nationen immer unterstuetzt
hat,
die den Zweck haetten, die Lebensbedingungen der Arbeiter
anderer Laender zu verbessern und die Demokratie gegen die Propagandaversprechungen der kommunistischen Bewegung zu staerken.
Bezugnehmend auf das europaeische Wiederaufbauprogramm wies
er darauf hin, dass Funktionaere des CIO eine Reihe von Vorschlaegen zur Verbesserung dieses Programms angeboten haetten, "damit
die amerikanische Hilfe den Arbeitern und Bauern zugutekommt den beiden Gruppen, die unsere Hilfe am dringendsten benoetigen."
Zum Punkt-Vier-Programm Praesident Trumans fuer die wirtschaftliche und technische Unterstuetzung unterentwickelter Gebiete erklaerte Murray:
"Seit der kommunistischen Aggression in Korea hat dieses
Programm staendlg an Bedeutung gewonnen. Obwohl der CIO von der
Notwendigkeit eines umfassenden Ruestungsprogramms zur Verteidigung der freien Welt gegen Aggressionen voeliig ueberzeugt ist,
hat er unaufhoerlich gefordert, dass wir die Programme zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen fortsetzen muessen,
wenn, wir unsere Ziele erreichen wollen."
Wie in frueheren Jahren forderte Murray, dass den Gewerkschaften in den hohen Exekutivausschuessen der Regierung eine staerkere
Vertretung gewaehrt wird:
"Die Fuehrer der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sind
mit der Forderung nach einer groesseren Beteiligung der Gewerkschaften an der Aussenpolitik bestrebt, die Errungenschaften zu
wahren, die jedem amerikanischen Buerger wert und teuer sind:
Demokratie und Freiheit."
In einer Stellungnahme zu dem Internationalen Bund Freier
Gewerkschaften, der im vorigen Jahre von Gewerkschaftsvertretern
aus 53 verschiedenen Laendern in London gegruendet wurde, bemerkte Murray, dass sowohl der CIO als die AFL, die beiden bedeutendsten
Gewerkschaftsvereinigungen der Vereinigten Staaten, sich als Mitglieder und rueckhaltlose Unterstuetzer dieser neuen internationalen Organisation fuehlen.
"Wir sind ueberzeugt,"sagte er, "dass der IBFG in den kommenden Jahren bedeutsame und konstruktive Beitraege zur Wohlfahrt der
Gewerkschaftsbewegungen in allen Teilen der Welt leisten wird,
und dass seine Taetigkeit fuer Millionen von Menschen von Nutzen
sein werde."
Zu den Vorgaengen im Inland berichtete Murray, dass der CIO
die kommunistische "Hemmungskampagne" ueberwunden habe , die der
Organisation in der Vergangenheit dadurch hinderlich gewesen sei,
dass man seit dem Kongress von 1949 elf kommunistisch beherrschte
Mitgliedsorganisationen ausgestossen und die kommunistischen Durchdringungsversuche voeliig vereitelt habe.
"Ich bin gewiss, dass binnen kurzem der Einfluss der kommunistischen Partei in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung endgueltig und vollkommen beseitigt sein wird."
Zu den Fortschritten der Organisation auf wirtschaftlichem
Gebiet versicherte der Praesident des CIO, dass das "Programm seiner Organisation einen bisher ungekannten Grad an Sicherheit und
Stabil!taet in Millionen amerikanischer Familien gebracht hat."
- 15 -

�Auf die Erhoehung der Stundenloehne in den HerstellerIndustrien von 66.1 Cents im Jahre 1940 auf 1,43 Dollar in der ersten
Haelfte des Jahres 1950 und auf die Steigerung der Woohenloehne
von 25,20 auf 57,12 Dollar eingehend, sagte Murray:
"Die von den Gewerkschaften des CIO aufgestellten Masstaebe
wurden auf Millionen von Lohn- und Gehaltsempfaengern im ganzen
Lande ausgedehnt. Bestimmungen ueber Krankenunterstuetzungen und
Pensionen sind in den letzten Jahren zu einem selbstverstaendlichen Bestandteil der Tarifvertraege des CIO geworden. Fast in
allen Industrien gibt es bezahlten Urlaub und Ueberstundenbezahlung
fuer Sonnabend-, und Sonntags- und Feiertagsarbeit.
Daily Wireless Bulletin
XI/20/50
H0ECHST5R STAUDAMM D&amp;R WELT ENTSTEHT IN DEN FRANZOESISCHEN ALPEN
Der hoechste Staudamm der Welt wird von der franzoesischen
Slektrizitaetsgesellschaft "Electrioite de France" bei Tignes in
den franzoesischen Alpen gebaut. Der Bau wird ohne die ueblichen
unters tuetzenden Strebepfeiler ausgefuehrt; die Hoehe des Dammes
betraegt 187 Meter, das sind 0,30 m mehr als der groesste amerikanische Staudamm gleicher Bauweise. Zwei franzoesische Ingenieure, Jean Audy und F. Combe, haben im Rahmen des Marshall-PlanProgranms fuer technische Unterstuetzung eine neunwoechige Studienreise nach den Vereinigten Staaten unternommen, um festzustellen, wie die Arbeit an dem neuen Staudamm in Tignes beschleunigt werden kann. Sie studierten amerikanische Masohinen, die den
in Tignes angewendeten gleich sind, und hielten sich 15 Tage lang
an dem Staudamm "Hungry Horse" in Glory Hole, Montana,* auf. Dieses Bauprojekt ist ebenfalls dem Projekt in Tignes sehr aehnlich.
Marshall Plan News
1-4
BILLIGERE SCHUHE
Das Programm fuer technische Unterstuetzung der MarshallplanVerwaltung hat bei verhaeltnismaessig geringem Kostenaufwand gute
Ergebnisse gezeitigt. So verbrachten zum Beispiel 18 Experten
aus der franzoesischen Schuhindustrie im Fröhjahr dieses Jahres
sechs Wochen in den Vereinigten Staaten. Fuer das Projekt waren
22.000 Dollar erforderlich, einschliesslich der Kosten fuer drei
Dolmetscher. Unter den Besuchern befand sich Bernard Charrois
von der Schuhfabrik Picard. Er ist technischer Direktor und fuer
den Entwurf der Modelle und die Planung der Produktion verantwortlich. Nach seiner Rueckkehr entwarf er neue Modelle unter Beruecksichtigung der in den Vereinigten Staaten festgestellten Prinzipien. Allein durch diese Aenderung konnte er den ^reis fuer ein
Paar Schuhe, der vorher 3.000 Francs betrug, um 600 Francs oder
20$ reduzieren.
Marshall Plan News
1-4

16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel •teilen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar «ad dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kaaa uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

III - 39

Frankfurt, 1. Lezenber 1950

I N H A L T S V E R Z E I C H N I

5

Kriegsgewinne verstaatlichter britischer Stahlindustrie unnoeglich - - - - - - - - - - - -

1

Die Lage der Gewerkschaften in Venezuela

3

- - -

Das US-Arbeitsministeriun und seine Funktionen

5

50 Jahre Kanadische Gewerkschaften

- - - - - -

9

- - - - - - - - - - -

n

Der CIO zun Suropaelschen Y/ieäeraufbauprogramm

14

Berufsschulen in Holland

Produktionssteigerung verhindert Inflation

- - 15

KRIEGSGEWINNE VERSTAATLICHTER BRITIfCHER STAKLINDUlTKIa LTw'O^GLICIi
Groessere Produktion, hoehere Leistungsfaehigkeit und Ausschliessung jeglicher Gewinne bei der A'iederaufruestung sind die
drei ^rossen Vorteile, die die britische Labour-Partei in der
Verstaatlichung der britischen Stahlindustrie sieht.
Die Regierung wird am 15. Februar 1951 die Aktien und Schuldverschreibungen von 92 Eisen- und Stahlgesellschaften uebernehnen.
Die Besitzer werden Schuldverschreibungen der Regierung erhalten,
die mit 3# verzinst werden. Vorher wurden ihnen durchschnittlich
fuenf bis sechs Prozent Zinsen gezahlt. Die Regierung ist jedoch
der Ansicht, dass der neue Zinssatz in Anbetracht der groesseren
Sicherheit der neuen Aktien durchaus gerechtfertigt isv.
Die Anhaenger der Labour-Partei erklaeren, die Verstaatiichun.'•
sei notwendig, um die Stahlindustrie erweitern und äer T-edarf fu.jr
- 1-

�die Wiederaufruestung und die zivile Wirtschaft decken zu koennen
und ausserdem die umfangreichen Plaene zur Entwicklung der rueckstaendigen Unternehmen durchfuehren zu koennen, die die Gewerkschaften ausgearbeitet haben. Sie weisen darauf hin, dass sich
die Stahlmagnaten vor dem Kriege einer Erweiterung und Modernisierung ihrer Industrie mit Erbitterung widersetzten. Schliesslich
haben sie sich jedoch angesichts der drohenden Nationalisierung
eines besseren besonnen. Aber die Wohlfahrt des Landes, sagen
die Mitglieder der Labour-Partei, duerfe nicht von den Entscheidungen einer Handvoll reicher Leute abhaengen.
Auch die groessere Leistungsfaehigkeit ist ein Ziel der
Labour-Partei. Die Gesellschaften werden so, wie sie sind, uebernommen, und im Anfang werden auch keine wesentlichen Aenderungen
vorgenommen. Mit der Zeit werden sie jedoch mehr und mehr kombiniert werden, damit ihre Leistungsfaehigkeit gesteigert werden
kann. Veraltete Betriebe sollen aufgegeben und modernere gebaut
werden. Die durchschnittliche Groesse der englischen Stahlunternehmen ist so, dass die 92 Betriebe zusammen nur halb soviel erzeugen wie ein einziges amerikanisches Unternehmen,die "US Steel",
und nur wenig mehr als das Unternehmen "Bethlehem".
Die Labour-Partei. sagt ausserdem, dass sich die englischen
Arbeiter mit groesserer Energie an den »Yiederaufruestungsanstrengungen beteiligen wuerden, wenn sie wissen, dass privaten Aktienbesitzern nicht noch mehr Geld in ihre Taschen fliesst. Die
Stahlindustrie ist massgebend fuer die gesamte V/iederaufruestung.
Mit der Uebertragung ihrer Besitzrechte an die Oeffentlichkeit
wird die Tatsache umso staerker hervorgehoben, dass man sich zum
Schutze der Demokratie in England und nicht zum Vorteil des Grosskapitals zur -Viedereufruestung entschlossen hat.
Wie steht es nun mit den Stahlarbeitern selbst? Das Verhaeltnis zwischen ihnen und ihren ürbeitgebern ist lange nicht S D
schlecht wie in den Bergwerken vor ihrer Verstaatlichung. Seit
einer Generation hat es tatsaechlich keinen bedeutenden Streik gegeben. Die Stahlarbeitergewerkschaften sind jedoch seit 1932 bestrebt, die Stahlindustrie zu verstaatlichen, und die Kandidaten
der Labour-Partei haben sich in den grossen Industriestaedten der
Stahlindustrie bei den Wahlen im Februar die meisten Stimmen sichern koennen.
Die grosse Sorge der Stahlarbeiter ist die Gefahr der Betriebsstillegung in Zeiten wirtschaftlicher Depressionen. Um ihren Teil
zu den Wiaderaufbaubemuehungen beizutragen, haben sich die Gewerkschaften im Jahre 1948 entgegen ihrem Programm rr.it einem siebentaegigen ununterbrochenen ürbeitsgan^ an den Hochoefen einverstanden erklaert. Die Gewerkschafter der Stahlindustrie wuenschen jedoch nicht, eines Tages keine Arbeit mehr zu haben. Sie sehen
deshalb, kurz gesagt, in der Verstaatlichung eine groessere Sicherheit fuer ihre Arbeitsplaetze.
Churchill und seine konservativen ünhaenger haben damit gedroht, die Stahlindustrie wieder in Privatbesitz ueberzufuehren,
wenn sie die neechsten Wahlen gewinnen sollten. Das Volk ist zum
groessten Teil jedoch hiermit nicht einverstanden. Der DurChschnittsenglaender sieht in der Verstaatlichung der Stahlindustrie
keine Gefahr fuer seine Lebensweise und seine Lebenshaltung.
Daily News Service
Labor Press Association
X/24/50
2 -

�DIE LAGE DER GEWERKSCHAFTEN IN VENEZUELA
Weder in den Kreisen der Regierung noch der Industrie Venezuelas leugnet man es ab, dass die Gewerkschaftsfuehrer dieses
Landes Repressalien ausgesetzt sind. Waehrend die Gewerkschafter
jedoch der Ansicht sind, dass diese Massnahmen ihre Bewegung zerstören sollen, behauptet die Regierung, die Gewerkschaftsbewegung
sei nur deshalb in Mitleidenschaft gezogen, weil sie zu enge Beziehungen zu der Partei fuor Demokratische Aktion unterhalte. Der
Arbeitsminister versicherte, er sei sich der Tatsache bewusst, dass
die Koalitionsfreiheit im engen Sinne des Wortes im Vergleich zu
den hochentwickelten Laendern Europas und Nordamerikas in Venezuela
nicht bestehe, und dass sich an dieser Lage solange nichts aendern
werde, bis die Gewerkschaftsbewegung so wie in den erwaehnten Laendern den ihr gebuehrenden Kurs einschlage und unabhaengig von politischen Parteien sei.
Die grundlegenden Arbeitsbestimmungen in bezug auf die Organisationsfreiheit und die Garantie des Rechtes, sich zu organisieren, entsprechen den meisten Prinzipien der Konvention der Internationalen Arbeits-Organisation. Nach dem venezolanischen Arbeitsgesetz von 1936 ist der "closed-shop" gestattet, "und unter Währung
der Selbstaendigkeit der Gewerkschaften ist ihr Taetigkeitsbereich
genau festgelegt. Legale Gewerkschaften koennen ihre Mitglieder
registrieren und sie vertreten, um die Einhaltung der Bestimmungen
dieses Gesetzes zu gewaehrleisten, Tarifvertraege abzuschliessen
usw. Die Registrierung kann auf unwiderruflichen Beschluss eines
Gerichtshofes fuer ungueltig erklaert werden, wenn sich die Gewerkschaften anderen als mit ihren legalen Zielen zu vereinbarenden
Taetigkeiten widmen. Die politische Betaetigung in Verfolgung dieser Ziele wird als rechtmaessig betrachtet, wenn "die Verfolgung
politischer Ziele" nicht der einzige Zweck der Organisation ist.
Eine Organisation kann durch Rechtsprechung nur dann aufgeloest
werden, wenn sie sich einer nationalen oder internationalen politischen Vereinigung oder Partei anschliesst.
Im November 1948 waren 1.014 Gewerkschaften, in Landes- und
Industrleverbaende unterteilt, registriert. Das war ein aussergewoehnlicher Erfolg seit den Anfaengen der Gewerkschaftsbewegung
im Jahre 1936. Vier.Fuenftel der organisierten Arbeiterschaft pehoerten dem Venezolanischen Gewerkschaftsbund an, der im November
1947 von 17 Landes- und sieben Industrieverbaenden gegruendet worden
war, die fast ausnahmslos eine Zusammenarbeit alt der die Regierung
bildenden Partei fuer demokratische Aktion beguenstigten. Sine Reihe
Funktionaere des Venezolanischen Gewerkschaftsbundes wurden in die
gesetzgebende Behoerde Venezuelas gewaehlt. Die Arbeitnehmerorganisationen wuchsen viel schneller an als die der Arbeitgeber, woraus
ein falsches Kraefteverhael-tnis in den Wechselbeziehungen zwischen
Arbeitnehmern und Arbeitgebern entstand.
In der Zeit von November 1948 bis Februar 1949 hat die dann
an die Macht gekommene Militaer-Junta die folgenden vier Massnahmen
durchgesetzt:
1. Bestimmte verfassungsmaessige Garantien wurden durch eine
Verordnung bis zu der Zeit aufgehoben, in der die Lage sich geaendert hat, auf grund derer diese Verordnung erlassen wurde. Damit
war die Regierung befugt, Korrespondenz, Dokumente, Finanzen, Veroeffentlichungen und Konferenzen der Gewerkschaften tu kontrollieren, Haussuchungen in den Bueroraeumen der Gewerkschaften und den
Wohnungen der Mitglieder durchzufuehren und Gewerkschaftsfunktionaere
die sich gesetzlich nicht genehmigten Taetigkeiten widmeten, auszuweisen oder zu inhaftieren. Die Behoerden unterrichteten die
Internationale Ärbeits-Organisation darueber, dass die Aufhebung

�dieser verfassungsmaessigen Garantien auch die Suspendierung des
Streikrechtes mit einschliesse.
2. Das Gerichtswesen wurde einer Revision unterzogen. Weil
die Gerichtshoefe bei der Registrierung oder Aufloesung der Gewerkschaftsorganisationen eine aeusserst wichtige Rolle spielten,
bestand die Gefahr, dass die staatlichen Behoerden ueber Sein
oder Nichtsein der Gewerkschaften willkuerlich entscheiden konnten.
3. Der Venezolanische Gewerkschaftsbund und die ihm angeschlossenen Organisationen wurden aufgeloest. Ein Sprecher der
Regierung hatte erklaert, dass dieses "kuenstliche Gerippe" von
der Partei fuer Demokratische Aktion (im Dezember 1948 aufgeloest)
nach Verfolgung der unabhaengigen Organisationen aufgestellt worden sei und weiterhin das politische Werkzeug dieser Partei
bliebe. Obwohl die oertlichen Gewerkschaften nicht aufgeloest
und die wenigen, nichtangeschlossenen Organisationen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, hatte diese Aufloesung die schwersten
Folgen fuer die Gewerkschaftsbewegung.
4. Die oertlichen Gewerkschaften wurden aufgefordert, neue
Vorstaende zu waehlen, da ihre Funktionaere nicht dazu berechtigt
seien, ein Amt zu bekleiden. Gewerkschaftsversammlungen, die
anfaenglich verboten waren, wurden zu dem einzigen Zwecke genehmigt, neue Vorstaende zu waehlen und die Finanzberichte zu ueberpruefen. Diese Konferenzen mussten jedoch im voraus von den staatlichen Behoerden genehmigt werden und wurden von der Polizei und
Gewerkschaftsinspektoren beaufsichtigt, die sioh in zahlreichen
Faellen sogar einmischten. Vielen Gewerkschaften, besonders in
den laendlichen Bezirken, war es nicht moeglioh, die fuer die Abhaltung der Konferenzen gestellten Bedingungen zu erfuellen. Ebenso
bedeutsam war die Unmoeglichkeit, die gesetzlich anerkannten Gewerkschaften zu vereinigen. Landesverbaende wurden von der Regierung zwar nicht verboten, aber sie hatten mit den gleichen Schwierigkeiten zu kaempfen, die auch den Gewerkschaften zu schaffen
machten. Die Errichtung eines neuen Zentralverbandes wurde nicht
gestattet.
In einer Stellungnahme zu den Auswirkungen der Massnahmen der
Jlilitaer-Junta auf das Tarifverhandlungswesen hat die Internationale
Arbeits-Organisation erklaert, dass das TarifVerhandlungswesen
zwar nicht direkten Beschraenkungen unterworfen sei, aber doch
stark geaendert zu sein scheine, und dass weitere Verbesserungen
durch TarifVerhandlungen aeusserst schwierig, wenn nicht unmoeglich
geworden seien. Nur durch die Wiedereinfuehrung des Rechtes, sich
gewerkschaftlich zu organisieren, und durch andere, wesentliche
Garantien koenne dem Tarifverhandlungssystem wieder seine volle
Wirksamkeit verliehen werden.
Bis jetzt waren Tarifvertraege in Venezuela von grosser Bedeutung. Dem Arbeitsgesetz zufolge mus3 ein Unternehmer einen Tarifvertrag abschliessen, wenn dies von einer Gewerkschaftsorganisation oder sonstigen Gruppen verlangt wird, die dann darum ersuchen
kann, wenn mindestens 75% ihrer Mitglieder es wuenschen. Die Zahl
der registrierten Vertraege ging zu Anfang des Jahres 1949 stark
zurueck, und nur wenige der abgelaufenen Vertraege wurden erneuert. (Viele Vertraege erloschen in den Jahren 1949 und 1950).
Die Behoerden teilten der Internationalen Arboits-Organisation mit,
dass die Tarifvertraege weiterhin in Kraft blieben, selbst wenn
sie nicht erneuert wuerden. Wenn dies zutrifft, so sind die Verhaeltnisse zum mindesten stabilisiert. Nach dem Arbeitsgesetz sind
die Gewerkschaften an erster Stelle mit der Aufgabe betraut, die
Anwendung der Tarifvertraege zu ueberwachen. Diese Aufgabe faell*-.
- 4-

�sodann der Arbeitsverwaltung und schliesslich den besonderen Arbeitsgerichten zu. Es ergibt sich die Frage, ob die auf sich gestellten Gewerkschaften, die von keinem Gewerkscheftsverband
unterstuetzt werden, tatsaechlich von ihren gesetzlich verankerten Rechten vollen Gebrauch machen koennen.
Das Arbeitsgesetz sieht obligatorische Schlichtung und freiwillige Schiedssprechung durch Ausschuesse vor, in denen die
beiden in Streitigkeiten verwickelten Parteien vertreten sind.
Die Verfahren der Schiedssprechung und Schlichtung, soweit sie
noch weiterbestehen, bieten den Arbeitern jedoch nicht mehr die
gleichen Garantien wie unter normalen Bedingungen. Das Kampfmittel eines Streiks oder einer Aussperrung ist jetzt ausgeschlossen,
und die in dem Arbe4.tsgesetz beschriebene Verhandlungsmaschinerie
laeuft Gefahr, paralysiert zu werden, selbst wenn der Wortlaut
des Gesetzes unveraendert bleibt.
Monthly Labor Review
X/50
Maurice J. Tobin:
DAS US-ARBEITSMIKISTERIPM UND SEINE FUNKTICKEN
Das Arbeitsministerium wurde im Jahre 1913 von dem Kongress
mit folgendem Auftrag gebildet: "Zweck des Arbeitsministeriums
soll 9ein, die Wohlfahrt der Lohnempfaenger in den Vereinigten
Staaten zu foerdern und zu entwickeln, ihre Arbeitsbedingungen zu
verbessern und die Moeglichkelten fuer eine eintraegliche Beschaeftigung zu steigern.n
Der Begriff "Lohnempfaenger• umfasst mehr[^ als nur die organisierte Arbeiterschaft. Er umschliesst die ueberwaeltigende
Mehrheit aller Amerikaner, weil die meisten von ihnen in einem
Arbeit3verhaeltnis stehen. Das Arbeitsministerium befasst sich
unmittelbar mit dem Wohlergehen der Arbeiter im allgemeinen und
beschaeftigt sich indirekt mit allen Dingen, die das Leben des
amerikanischen Volkes verbessern koennen.
Dem Arbeitsministerium wird haeufig der Vorvmrf gemacht, es
sei parteiisch und wuerde beeinflusst. Dieser Vorwurf ist unbegruendet und jeder, der gewohnt ist, mit Zahlen umzugehen, wird
dies einsehen. Von der Voraussetzung ausgehend, dass das Arbeitsministerium versucht, seine urspruengliche Aufgabe zu erfuellen,
und wenn man beruecksichtigt, dass die Lohnempfaenger in den Vereinigten Steaten fast die Haelfte der gesamten Bevoelkerung darstellen, wird man einsehen, dass es unmoeglich ist, dass das Arbeitsministerium nur eine besondere Schicht des Volkes vertritt.
Das Ministerium wird haeufig beschuldigt, das Werkzeug der
organisierten Arbeiterschaft des Landes zu sein. Das Ministerium
hatte jedoch immer nur das Wohl des gesamten Volkes im Auge und
seine Funktionen waren dementsprechend festgelegt. Das Amt fuer
Arbeitsstatistik und das Buero fuer Arbeitsnormen haben staendig
auf objektiver Grundlage gearbeitet. Deshalb werden ihre Entscheidungen von den Arbeitgebern akzeptiert, und ihre Hilfe ist
deshalb wertvoll und begehrt. Niemand kann behaupten, dass sich
das Arbeitsministerium nicht immer streng an die Gesetze gehalten hat, wozu es als eine vom Kongress fuer einen bestimmten Zweck
gebildete Behoerde verpflichtet ist.
Wenn es sich mit den Rechten und der Wohlfahrt der Lohnemnfaenger befasst, dann sollte dies ein Beweis dafuer sein, dass
- 5

�das Ministerium nicht gewillt ist, das Wohl des ganzen Landes zum
Vorteil einer besonderen Klasse zu opfern. Die Lohnempfaenger
der Vereinigten Staaten bilden nicht nur fast die Heelfte der
Genamtbevoelkerung, sondern sie stellen auch den groessten Teil
d?r Verbraucher des Landes dar. Ihr Wohlergehen findet im Wohlstand oder der Depression des Landes seinen direkten Niederschlag.
Wer behauptet, das Arbeitsministerium sei lediglich eine Art
Fuorsprecher fuer die Lohnempfaenger der Vereinigten Staaten,
laesst die Bedeutung, die der Arbeiterschaft in einer Demokratie
zufaellt, voellig ausser acht. Es waere das gleiche, wenn man
annaehme, dass das, was fuer die Arbeiter gut ist, fuer die Industrie schlecht sei, obwohl gerade das Gegenteil der Fall ist. Es
waere das gleiche, wenn man annaehme, Arbeiter und Unternehmer
seien unvermeidlich Gegner, obwohl sie in Wirklichkeit nur verschiedene Einger an einer Hand sind, die nach dem gleichen Ziel
streben.
Die Lehre von dem unvermeidlichen Konflikt zwischen Arbeitern
und Unternehmern muss somit zurueckgewiesen werden-. Wenn das
Arbeitsministerium die Sache der Lohnempfaenger foerdert, dann
leistet es einen Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt. Selbst im
Kongress, wo haeufig eine scharfe Kritik am Arbeitsministerium
geuebt wird, laesst sich eine allgemeine Veraenderung in der Einstellung beobachten. Auch aus diesem Grunde gewinnt das Ministerium, das in den vergangenen Jahren viele seiner Funktionen verloren hatte, dieselben nun wieder zurueck. Die Untersuchungskommission Hoovers, die staendig die Zusammenlegung der Funktionen
gefordert hat, hat hierbei mitgeholfen, ihre Empfehlungen waeren
vom Kongress jedoch nicht gutgeheissen worden, wenn sich die alte
Behauotung, dass das Ministerium der Interessenvertreter einer
kleinen Gruppe sei, inzwischen nicht als falsch erwiesen haette.
Dem Arbeitsministerium wurde im vorigen Jahre das Buero fuer
Beschaeftigungssicherheit wieder angeschlossen, das den Arbeitsvermittlungsdienst und das Buero fuer Arbeitslosenversicherung umfasst.
Traesident Truman hat vor kurzem dem Kongress den Reorganisationsplan ?7o. 19 uebersandt, der einen weiteren Vorschlag der
Hoover-Kommission enthaelt, nach dem die Funktionen des Bueros
fuer Unfallversicherung dem Arbeitsministerium uebertragen werden
sollen, dessen Programme Sterbegelder und Unterstuetzungen bei
Arbeitsunfaehigkeit vorsehen und sich auf 2 Millionen Arbeiter
der Bundesregierung, 500.000 Hafenarbeiter, 250.000 Industriearbeiter im Bezirk Columbia und etwa 100.000 Arbeiter privater Vertragsfirmen in Ueberseehaefen der Vereinigten Staaten erstrecken.
Mit der Genehmigung dieses Vorschlages durch den Kongress ist zu
rechnen.
Das Arbeitsministerium wird also groesser, und wenn das TaftHartley-Gesetz aufgehoben wird - dies waere fuer ein besseres Verhaeltnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wuenschenswert wird das Ministerium wieder den Vermittlungs- und Schlichtungsdienst uebernehmen, auf den es nach allen Regeln einer logischen
und guten Verwaltung Anspruch hat. Wenn diese Zeit kommt, wird
dem Arbeitsminister die Aufgabe zufallen, ueber Streiks zu entscheiden; unter dem Taft-Hartley-Gesetz war dies bisher unmoeglich.
Die Anpassung der Arbeitsvertraege an niedrigere Gestehungskosten ist eine Frage-, die dringend einer Loesung bedarf. Im grossen und ganzen wird die^Frage der Produktionskosten von den Arbeitgebern und den meisten (Gewerkschaften als ein Vorrecht des Unter- 6-

�nehmertums betrachtet. Damit werden sie nicht direkt bei den
Tarifverhandlungen und den Tarifvertraegen beruecksichtigt. Indirekt jedoch ist das Tarifverhandlungsverfahren in den Augen der
meisten Gewerkschaften und vieler Unternehmer ein Faktor, der
bei der Reduzierung der Produktionskosten eine wesentliche Rolle
spielt. Friedliche Wechselbeziehungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern reduzieren die Zahl kostspieliger Streiks und unnöetiger Streitigkeiten innerhalb eines Betriebes und tragen damit zur hoeheren Produktionsleistung und zu niedrigeren Gestehungskosten bei.
Einige Gewerkschaften, besonders die der Damenoberbekleidungsarbeiter (AFL), der Vereinigten Bekleidungsarbeiter von Amerika
(CIO), der Vereinigten Stahlarbeiter von Amerika (CIO) und der
Vereinigten Automobilarbeiter (CIO) haben technische Abteilungen,
die auf Wunsch die Unternehmer in technischen Fragen beraten.
In der Bekleidungsindustrie haben die Gewerkschaften der
Damenoberbekleidungsarbeiter und der Bekleidungsarbeiter von Amerika wiederholt mitgeholfen, die Arbeitsgaenge zu rationalisieren,
um es den Unternehmern zu ermoeglichen, die Produktionskosten zu
senken. In einigen Faellen ist diese Zusammenarbeit durch direkte
finanzielle Unterstuetzung der Gewerkschaft in Form von Krediten
ergaenzt worden, die es den Unternehmern ermoeglichten, ihr Geschaeft auf eintraeglicher Basis weiterzufuehren.
Der Scanlon-Plan zeigt einen neuen Weg, die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu regeln. Dieser Plan ist
nach -Joe Scanion benannt, der nicht nur Produktionskostenpruefer,
sondern auch Berufsboxer war und direkt am Hochofen arbeitete. Tun
nimmt er im Technologischen Institut von Massachusetts eine fuehrende Stellung ein.
Im Jahre 1936 arbeitete Scanion fuer
eine Stahlgesellschaft"und wurde nicht nur Praesident dar Ortsgewerkschaft der Vereinigten Stahlarbeiter, sondern fand auch eine
?&gt;'oef?lichkeit, eine Idee auf die Probe zu stellen, die vielleicht
von revolutionaerer Bedeutune fuer die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sein kann, Kit seinen Erfahrungen als
Produktionskostenpruefer und Industriearbeiter entwarf er einen
^lan, der die Aufmerksamkeit Clinton Goldens, des Vize-Praesidenten
der Stahlarbeitergewerkschaft, auf sich zog und zur Veroeffentl'ichung des Buches "Die dynamischen Kraefte der Demokratie in der
Industrie" fuehrte, das von Golden und Harold Ruttenberg geschrieben wurde.
Der Scanlon-Plan ist ein Produktivitaetsplan der Gewerkschaften und der Unternehmer, der den Arbeitern eine Praemie fuer fuehlbare Einsparungen in den Gestehungskosten bietet. Dieses Programm
steht nicht nur auf dem Papier. Es ist mehrere l'ale auf die Probe
gestellt worden und hat sich in grossen und kleinen Unternehmen
bewaehrt.
Der Plan von ocanlon gruendet sich auf die Beteiligung der
Arbeiter, und zwar eine Beteiligung nicht im Sinne allzu zahlreicher Unternehmer, sondern diese besteht darin, Mittel und '.'ege zu
finden, um die Arbeiter fuer jede Steigerung der Produktionsleistung zu entschaedigen und diesen Grundsatz zu einer wirksamen
Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitern auszubauen, die
sie zu einer Interessengruppe mit gemeinsamen Zielen werden laesst.
Wenn dies gelungen ist, wird man feststellen, dass die Produktionsleistung zum Hauptinteresse nicht nur der Unternehmer, sondern auch
der Arbeiter wird.
Um den Plan von Scanion erfolgreich anwenden zu koennen, muessen die normalen Betriebskosten fuer ein Unternehmen festgesetzt
- 7-

�und danach eine.Methode eusgearbeitst werden, um die Arbeiter an
den Gewinnen zu beteiligen. Esraussalso eine Beziehung zwischen
dem Arbeiter und der Produktionsleistung des ganzen Betriebes hergestellt werden, angesichts des unterschiedlichen Produktionsschemas der Industrie ist dies eine besonders wichtige Aufgabe
fuer die Produktionskostenpruefer.
Nachdem eine Formel gefunden ist, werden $lle Faktoren nach
ihr ausgerichtet. Die Einsoarungen an Gestehungskosten kommen den
Arbeitern zugute, und die Gewinne der Unternehmer ergeben sich aus
dem gesteigerten Absatz. Die Praemien werden allen Arbeitern gezahlt und nicht nur einzelnen," die wertvolle Vorschlaege gemacht
haben.
Um den Scanlon-Plan moeglichst erfolgreich gestalten zu
koennen, muss eine Gewerkschaft vorhanden sein. Es ist jedoch
stats ein Unterschied zwischen gewerkschaftlichen Fragen und Fragen der Produktionsleistung zu machen. Beschwerden werden getrennt von geschaeftlichen Fragen behandelt, mit denen sich Produktivitaetsausschue3se der Gewerkschaft und Unternehmer befassen.
Manchmal wird dieser Plan in die Tarifvertraege aufgenommen, haeufig geschieht dies jedoch nicht. Immer jedoch stellt der Plan
die Gemeinschaft in einem Betrieb her, die den Arbeiter zu einem
Bestandteil des Unternehmens werden laesst, und die die moderne
Massenproduktion durch die Initiative des einzelnen foerdert, die
eine Zeitlang voellig zu fehlen schien.
Um ein solches Ziel erreichen zu koennen, muessen Unternehmer
und Gewerkschaftsfunktionaere natuerlich den Willen zur Zusammenarbeit und gegenseitiges Versteendnis zeigen, und sie muessen bestrebt sein, in einem Unternehmen die besten Ergebnisse zu erzielen. Der Arbeiter ist damit mehr als nur eine beschaeftigte Arbeitskraft. Er v«/ird selbst sozusagen Unternehmer. Auch der
Gewerkschaftsfunktionaer wird dadurch veranlasst, sich weniger
auf die Gewalt als auf die Staerke zu verlassen, die die wirkliche
wirtschaftliche Gleichberechtigung dem Arbeiter verleiht. Entscheidungen werden nach Besprechungen unter gegenseitigen ^upestaendnissen in wahrhaft demokratischer '.eise getroffen.
Auf diese V.'eise arbeitet die Demokratie in der Industrie.
Die Tarifverhandlung ist keine halsabschneiderische Taetigkeit
mehr, sondern wickelt sich in einer Atmosphaere des guten Willens
ab, dem gute Arbeit zu Grunde liegt. Das "Klima" in einem Betrieb,
in dem wirklich zusammengearbeitet wird, in dem die Arbeiter das
Interesse haben, die Gestehungskosten niedrig zu halten, und in
dem die Unternehmer jeden Grund haben, die Mitarbeit ihrer Arbeiter zu begruessen, muss von einer solchen Art sein, wie sie bisher
in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern noch
ziemlich unbekannt war. Arbeiter, die zu der Erkenntnis gekommen
sind, dass sie wirklich zu dem Betrieb gehoeren, werden entsprechend handeln, Sie werden zu schoepferischen Mitarbeitern werden dies wurde bisher innerhalb der Industrie selbst fuer unmoeglich
gehalten.
Joe Scanion hat ein neues Blickfeld eroeffnet, das grenzenlose
Moeglichkeiten bietet. Wenn der Arbeitsfriede zur Wirklichkeit
werden soll, darf ein anspornender Faktor nicht vergessen werden,
der von noch groesserer Bedeutung ist als Geld oder eine gute
Stellung. Dieser Ansporn besteht darin, dass man der schoepferischen Taetigkeit des Arbeiters Moeglichkeiten bietet und ihn als
menschliches Wesen anerkennt, das bereit ist, sich sein eigenes
Glueck und sein eigenes Wohlergehen zu gestalten. Dieser AnsDorn
liegt darin begruendet, dass sich die Unternehmer ihrer moralischen
Verantwortlichkeit und den Regeln der Demokratie unterwerfen.
8 -

�Aber auch die Arbeiterschaft hat Verpflichtungen, die sie
Tenau 30 wie die Unternehmer einhalten muss und denen sie sich
nicht entziehen kann. Wenn das System der freien Wirtschaft erhulten bleiben soll, muss es Gewinne geben. Die Art und Weise jedoch, in der sie erzielt und verteilt werden, in der Arbeiter und
Unternehmer eine "oeglichkeit finden, gerecht belohntzu werden,
und das Verhaeltnis, das zwischen ihnen besteht - ob als Brueder
in gemeinsamen Streben oder als erbitterte Gegner - all dies wird
darueber entscheiden, ob die Arbeiterschaft und das ganze Volk
unter chaotischen Vnrhaeltnissen weiterleben oder den sozialen
und wirtschaftlichen Frieden erlangen werden.
Pressemitteilung des ü.S»
Arbeitsministeriums
17/12/50
50 JAHRS K^NADISCHS OSWZRrsCHAFTEN
l'it der -Verkuendunp- des Schlichtungspesetzes im Juni des Jahres
1900 wurde da3 heutige Arbeitsministerium Kanadas gegruendet.
50 Jahre spaeter, im Sentember dieses Jahres, brachte das Arbeitsministerium aus diesem Anlass eine Tubilaeunsausgabe der
"Labour Gazette" heraus.
Natuerlich wird in dieser ausgäbe der "Labour Gazette", die
:?onat fuer :,Tonat aus offiziellen Quellen,und meist an Hand von
Zahlen von den Geschehnissen berichtet, die fuer die Arbeiterschaft
von Bedeutung sind, eine illustrierte Beschreibung der Geschichte
des Arbeitsministeriums und der Arbeitsverhaeltnisse in der ersten
Haelfte des 20.'Jahrhunderts gegeben.
Es ist dies eine der besten Beschreibungen der fuer die Arbeiterschaft Kanadas so bedeutungsvollen Entwicklung, die ueberhaupt besteht.
Es ist eine sachliche Darstellung der allmaehlichen Umwandlung eines Landwirtschaftsgebietes, das eine Kolonie Grossbritanniens war, in einen Staat, der im wesentlichen industriell ist
und dessen Wirtschaftsfaeden in New York zusammenlaufen.
Auch von den Gesetzen wird berichtet, die in das Buch der
Verfassung im Laufe der Zeit aufgenommen wurden, und die den Menschen eines Industriestaates ihr Los erleichterten.
Die Veraenderungen der Loehne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen sind ebenfalls niedergelegt.
Die Tatsache findet Beruecksichtigung, dass Kanada ein Einwandererstaat ist. Die Geschichte des Volkes, das dieses Land aufgebaut hat, beginnt mit den 28 franzoesischen Ansiedlern, die sich
in, Quebec einschanzten, um den ersten kanadischen Winter im Jahre
1682 zu ueberleben. Sie endet mit der heutigen Zeit, in der noch
immer ^latz fuer neue Ansiedler ist und hollaendische Bauern sich
gegenwaertig im Lande niederlassen.
Natuerlich werden auch die historischen Entwicklungen der kanadischen Gewerkschaftsbewegung in ausgezeichneter Weise wiedergegeben.
Die Nachteile dieses Werkes sind nicht so gross, dass man sie
nicht uebersehen koennte. Einmal besteht die Tendenz, das Arbeitsministerium und nicht die Wohlfahrt der Lohnempfaenger als Zweck
- 9-

�aller Taetigkeiten des Ministeriums hinzustellen. Zum andern
werden die historischen Ereignisse, die die Erfolge der Arbeiter
Kanadas kennzeichnen, so beschrieben, als ob sie einem parlamentarischen Ausschuss oder den Eingebungen MacKenzie Kings entstammten.
Ausser einer voellig unzutreffenden Bemerkung ueber den Generalstreik in V.'innipeg, deren drei Illustrationen den Text jedoch widerlegen, bleiben die Bemuehungen der kanadischen Arbeiter, ihr
eigenes Los zu verbessern, im grossen und ganzen unerwaehnt.
Und hier einige Auszuege aus dem Bericht der "Labour Gazette"
ueber die GewerkschaftsOrganisationen:
Bericht der KoenigLjcJien Kommission ueber Kapital und Arbeiterschaft
im Jahre 1869.
"GewerkschaftsOrganisationen sind notwendig, um den Arbeitern
es zu ermoeglichen, auf gleichberechtigter Basis mit ihren Unternehmern zu verhandeln. Ihre Beauftragten empfehlen, dass diese
Organisationen in Anbetracht dessen, was sie bereits fuer die
Arbeiterschaft geleistet haben, mit allen gesetzlichen I'itteln f-efoerdert werden; und dass ein Tag im Jahr als "Tag der Arbeit" von
der Regierung zum gesetzlichen Feiertag erklaert wird."
Stellungnahme der Koeniglichen Kommission zu den Beziehungen
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Jahre 1919.
"Bei den Unternehmern sind drei verschiedene Gruppen zu unterscheiden: erstens diejenigen, die ihren Arbeitnehmern das Recht
verweigern, sich gewerkschaftlich zu organisieren; zweitens diejenigen, die ihren Arbeitnehmern dieses Recht zwar nicht verweigern, aber die Organisationen ihrer Arbeitnehmer nicht anerkennen
wollen; und drittens diejenigen, die ihren Arbeitnehmern das Recht,
sich zu organisieren, nicht nur zugestehen, sonderndiesOrganisationen auch anerkennen und mit ihnen verhandeln.
".... wir sind der Auffassung, dass es nicht mehr angebracht
ist, dass die Unternehmer ihren Arbeitern nicht gestatten, sich
zu organisieren. Wir glauben, dass eine der schwerwiegendsten
Ursachen des Unfriedens beseitigt waere, wenn die Unternehmer dieses Recht offen anerkennen würden.".
Offizielle Erklaerung des Nationalen Ausschusses fuer Arbeitsfragen in Kriep-szeiten (National War Labour Board) aus dem Jahre 1945.
".... die grosse Kasse der Unternehmer hat bis vor verhaeltnismaessig kurzer Zeit noch alle ihr zur Verfuegung stehenden
Waffen eingesetzt, um die Gewerkschaftsbewegung zu bekaempfen und
sie zu entmutigen. Es muesste zur Pflicht gemacht werden, sich an
das Prinzip der Tarifverhandlung zu halten ..."
Die Lebensbedingungen vor 50 Jahren im Jahre 1900
"Es gab fast keine Sozialversicherung. Erziehung und andere
."oeglichkeiten des Gemeinwesens waren in ihrem Umfang begrenzt. Die
Arbeitszeit der meisten Arbeiter war sehr lang. Fuer Hygiene, Gesundheitspflege und Erholungsaufenthalte wurde sehr wenig getan.
Es gab keine Autobusse, die die Arbeiter zur Arbeitsstelle und
wieder nach Hause brachten, und Kohleoellanpen und Holzoefen
waren Standardeinrichtungsgegenstaende in den Wohnungen der «rteiter.
"Der Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiter im Jahre 1900
betrug sieben Dollar woechentlich, im Jahre 1950 44 Dollar. Die
Gesamtzahl der Fabrikarbeiter belief sich iß» Jahre 1900 auf
230.000, im Jahre 1950 auf 1.300.000 Dollar.
- 10 -

�Das Volumen der industriellen Produktion hat sich um das
zehnfache gesteigert. Die Zahl dar Arbeiter ist etwas mehr als
viermal so hoch.
Die Arbeitswoche zaehlte im Jahre 1900 im Durchschnitt 60
Stunden, im Jahre 1950 44 Stunden.
Der erste Abschnitt der Geschichte der Gewerkschaftsbewegunsr
beginnt etwa mit dem Jahre 1S27, als Arbeitergruppen oertliche
Handwerkerorganisationen bildeten, die ueber Loehne verhandelten
und ausserdem den Zweck hatten, sich gegenseitig zu unterstuetzen.
Hieran waren vor allem die Drucker, Kuefer, I.!aurer und Schuhmacher
beteiligt.
Der zweite Abschnitt der kanadischen Gewerkschaftsgeschichte
ist durch den Anschluss kanadischer Lokalgewerkschaften an die
US-Gewerkschaften der Former, Drucker, Eisenbahner und Schuhmacher
gekennzeichnet.
T'achdem die Drucker im Jahre 1872 einen Streik gefuehrt hatten, um ihrer Forderung nach dem Teunstundentag Nachdruck zu verleihen, der seinen Hoeheounkt in der Festnahme der Gewerkschaftsfuehrer fand, wurde das Gewerkschaftsgesetz erlassen, das die
Gewerkschaften fuer legal erklaerte.
Im dritten Abschnitt der kanadischen Gewerkschaftsgeschichte
vollzieht sich der Zusammenschluss der Organisationen in Landesverbaenden. Der erste war die kurzlebige kanadische Gewerkschaftsunion, es folgte der Gewerkschaftsbund "Knißhts of Labour" (Ritter
der Arbeit), und im Jahre 1886 wurde der Berufs- und Arbeiterkongress von Kanada (Trades and Labour Congress of Canada) gegruendet,
der heute noch besteht.
Die Ausstossung der Organisationen des Gewerkschaftsbundes
"Knights of Labour" und anderer Gewerkschaften, die als Rivalen
der internationalen Gewerkschaften des Berufs- und Arbeiterkongresses angesehen wurden, fuehrte zur Gruendung des Kanadischen
Berufs- und Arbeiterkongresses, des Vorlaeufers des Kanadischen
und Katholischen Gewerkschaftsbundes, der sich mit den Gewerkschaften des CIO zusammenschloss, um den letztgenannten Gewerkschaftsbund von heute zu bilden.
Der Kanadische und Katholische Gewerkschaftsbund begann sein
Dasein mit einer Aussperrung der Schuhmacher in Quebec im Jahre
19.00. Unter dem Jiinfluss des Erzbischofs Begin nahm er im Jahre
191£ Formen an, und die gegenwaertige Organisation entstand auf
einer Konferenz in Chicoutimi im Jahre 1920.
Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder Kanadas belaeuft
sich heute auf eine Million.
UAW-CTO Ammuni tion
X/50
BERUFSSCHULE!: IX HOLLAND
Jan van der Bend will Dreher werden, £r ist ein stattlicher
junger Kann mit geschickten Haenden. Er hatte keine Gelegenheit,
waehrend des Krieges einen Beruf zu erlernen. Nach der Befreiung
arbeitete er fuer kurze Zeit als Bueroangestellter, konnte an dieser Taetiekeit jedoch keinen Gefallen finden.
Im Jahre 1945 trat er in die hollaendische Armee ein und diente vier Jahre lang, zum Teil auch in In* Or China.
- 11 -

�Nun ist Jan wieder Zivilist und einer der 4.000 jungen Hollaender, die an den sogenannten hollaendischen Staatsschulen
fuer Berufsausbildung unterrichtet werden. Wie die uebrigen
Schueler der 34 Schulen in 33 hollaendischen staedten wird er
solange die Schule besuchen, bis er einen Beruf erlernt hat. Danach wird er nach sechsmonatiger praktischer Arbeit seinen Gesellenbrief erhalten, vorausgesetzt, dass er die Eignungspruefung besteht.
Es handelt sich hier um eine Handwerkerschule, an der Zimmerleute, Maurer und Tischler ausgebildet werden. Die Zimmermannsund Maurerlehrlinge arbeiten drei Wochen lang taeglich eine Stundo
mit. ihren Werkzeugen, aber ohne Material. Zimmerleute z.E. lernen, in immer schnellerem Rhythmus Maegel einzuschlagen. Diese
Ausbildung dauert fuer Tischler zwei lochen.
Die Verwaltung fuor wirtschaftliche Zusammenarbeit hat vor
kurzem ein Gesuch der hollaendischen Regierung bewilligt, 3.000.000
Gulden aus Gegenwertfonds fuer Berufsschulen zu verwenden. Diese
Fonds sind Gelder, die von hollaendischen Abnehmern der Mershallplan Produkte in ihrer Landeswaehrung bezahlt und von der holländischen Regierung fuer Projekte verwendet werden, die die Marshallplan-Verwaltung fuer vorteilhaft fuer die wirtschaftliche
Zukunft des Lendes erachtet.
Derartige Berufsschulen bestanden in Kolland in kleinerem
Umfang bereits vor dem Kriege. Sie wurden in verschiedenen Gegenden des Landes wieder ero'effnet, sobald dies nach der Befreiung
moeglich war. An diesen Schulen sind schaetzungsweise 17.000
junge Leute ausgebildet worden, um den dringenden Bedarf Hollands
an Facharbeitern decken zu koennen.
Zur Zeit herrscht grosser Mangel an Facharbeitern fuer
Wiederaufbauprojekte. Auch Arbeiter zum ^ufbau von Wohnungen,
Schulen und Fabriken sind gesucht, um das Problem der Ueberbevoelkerung in Holland bewaeltigen zu koennen. Auf Grund der hohen Geburtenziffer und der niedrigen Sterbeziffer nimmt die Bevoelkerung Hollands schneller zu als in irgendeinem anderen
Lande. Holland muss seine Wirtschaft industrialisieren, wenn
sein Bestand gesichert sein soll. Es braucht ausserdem eine noch
groessere Zahl gelernter Arbeiter, wenn es in der Lage sein soll,
zur gegenseitigen Verteidigung Westeuropas beizutragen.
Die Anzahl der die Schule besuchenden Schueler hat den Rekordstand von 3.000 erreicht. Wenn man jedoch in Schichten unterrichten wuerde, koennten noch weitere 3-4.000 Schueler aufgenommen
werden. Die Lehrnlaene sind genormt, sodass die Schueler mitten
in einem Lehrgang von einer Schule auf die andere umwechseln koennen. Nicht alle Schulen unterrichten in saemtlichen Lehrfaechern.
Die Wahl der Faecher haengt von dem Bedarf der jeweiligen Gegend
ab. Die Lehrer sind tuechtige Fachleute, die ueber eine langjaenrige Erfahrung in der Privatindustrie verfuegen.
Die bestbesuchten Lehrgaenge sind die der Mechaniker und
Zimmerleute. Die ersteren dauern 4 - 5 Monate, waehrend die angehenden Zimmerleute die Schule im allgemeinen 7 - 8 Monate besuchen muessen.
Die Regierung bezahlt die Schueler waehrend ihrer Ausbildung.
Die Schule prueft saemtliche Bewerber, um sich ueber ihre Faehigkeiten zu informieren. Haeufig beraten sie die Bewerber auch, welches Handwerk sie auf Grund ihrer Faehigkeiten, die in den Befaehigungspruefungen festgestellt wurden, waehlen sollen.
- 12 -

�Nehmen wir den Fall Jan. Nachdem er vergeblich Artfeit gesucht hatte, kam er vor etwa seche '.Yochen zur Schule. Er wollte
einen Beruf erlernen, wusste aber nicht welchen. Die Pruefungen
ergaben, dass er die Eignung fuer einen Maschinendreher besass,
und damit begann seine Ausbildung. Seine Lehrer sagen, dass er
gute Fortschritte macht. Jan selbst liebt seine Arbeit. Er
spricht etwas englisch, das er in Glasgow gelernt hatte, als seine
Einheit dort sechs Monate lang stand.
Jan bekommt waehrend seiner Ausbildung woechentlich 32,50
Gulden. Im Vergleich zur Kaufkraft entspricht dieser Betrag etwa
30 Dollar in den Vereinigten Staaten. Jan bekommt etwas mehr
als die uebrigen Schueler, weil er aelter ist.
Viele Schueler stehen im fortgeschrittenen Alter- Die meisten sind 20 und mehr Jahre alt. Einige sind verheiratet und
wenige haben Kinder. Jan ist der Sohn eines Friseurs und wohnt
bei seinen Eltern, einem aelteren Bruder und einer Schwester.
Sein Bruder ist Buchhalter, auf Grund seines jugendlichen Alters
nahm Jan nicht am Kriege teil. Er hatte jedoch wie seine uebricen
Altersgenossen keine Gelegenheit, einen Beruf zu erlernen.
Mit 230 anderen Schuelern der Schule hat er -in der Woche 45
Stunden Unterricht. Sein Lehrgang dauert 4 - 5 Monate. Er muss
alle Gebiete der Metallbearbeitung kennenlernen. Gegenwaertig
nimmt er an einen kurzfristigen Schweisser-Lehrgang teil. In Kuerze werden die Schuelor lernen, mit Maschinen umzugehen.
Spaeter werden sie das Bohren erlernen und danech wird man
sie mit saemtlichen Werkzeugen eines Maschinendrehers vertraut
machen. Sie muessen lernen, ihre eigenen besonderen Werkzeuge
selbst herzustellen. Auch in den Sicherheitsbestimmungen werden
sie genauestens unterrichtet. Zum Schluss werden sie zahlreiche
Gegenstaende auf der Drehbank herstellen und lernen, wie sie
ihre Maschinen reparieren und die fuer derartige Reparaturen erforderlichen Einzelteile herstellen.
In einem angrenzenden Raum arbeiten andere junge Leute mit
elektrischen Hobeln und Saegen, die sie eines Tages als Zinmerleute verwenden werden, angehende Mechanikertieschaeftigensich
mit Bohrern. Eine andere Grupre erlernt das Elektroschweißen,
waehrend eine Bauarbeiterklasse draussen im Hof einen Teil eines
Baues errichtet und Eisentraeger hochwindet. Eine andere Klasse
mauert mit Ziegelsteinen und Moertel. Da der Moertel nicht haltbar
ist, koennen die Steine wieder abgenommen und von einer anderen
Klasse verwendet werden.
Nach der Beendigung ihrer Lehrgaenge lassen sich die Berufsschueler bei den Arbeitsvermittlungsaemtern der Regierung registrieren. Dies ist zwtr keine Garantie dafuer, dass sie einen
Arbeitsplatz bekommen, aber viele Arbeiter haben auf diese .Veise
schon Arbeit gefunden.
Coert T. Hertzinger, Beauftragter fuer Berufsschulen, erklaerte: "V.'ir koennen behaupten, dass unsere Absolventen das noetie-e
Ruestzeug haben, um in die Industrie zu gehen. Sie verfuegen ueber
ein allgemeines Wissen in ihren Berufen und es fehlt ihnen nur
die praktische Erfahrung, die notwendig ist, um ihre Kenntnisse
anwenden zu koennen."
ECA Labor Information
XI/7/50
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�DUR CIO ZUM KUROTAEISCHEN WIEDLRAUFBAUPROGRAMM
Der CIO stellt mit grosser Genugtuung fest, dass fuer das
Europaeische '.Yiederaufbauprogramm in den meisten Teilnehmerstaaten
ununterbrochene Erfolge erzielt werden. Der CIO hat den Marshallolan von Anfang an unterstuetzt. Die Enttaeuschungen,die die in
einigen Laendern erzielten Ergebnisse hervorgerufen haben, stehen
in krassem Gegensatz zu dem allgemeinen Gelingen de3 Planes in den
meisten Teilnehmerstaaten. Der Kongress des CIO sichert deshalb
dem ERP erneut seine Unterstuetzung zu, fordert jedoch gleichzeitig energische Mausnahmen, um eine gerechtere Verteilung der Einkommen in den einzelnen Laendern zu gewaehrleisten.
Der CIO fordert, dass Massnahmen ergriffen werden, die den
Lebensstandard der Arbeiter der Marshallplan-Teilnehmerstaaten,
besonders in Italien, Frankreich und Westdeutschland verbessern,
wo'die Notwendigkeit am dringlichsten ist, gesetzgeberische und
wirtschaftliche Reformen durchzufuehren, die den arbeitenden Menschen eine groessere Beteiligung an den Gewinnen aus dem Wiederaufbau sichern. Gleichzeitig fordert der CIO die Unterstuetzung
des Aufbaus starker und freier Gewerkschaftsbewegungen in diesen
Laendern und dient damit dem grundsaetzlichen Zweck dieses Kongresses, der darin besteht, das V.'achstum aller demokratischen Kraefte zu foerdern.
Der CIO erkennt die Tatsache an, dass die Marshallplan-Verwalitgeholfen hat, die wirtschaftliche Erholung aus dem Chaos
des zweiten Weltkrieges zu verwirklichen; ei ist jedoch der Auffassung, das- diese Behoerde ihr Programm nun darauf abstimmen
muss, den Lebensstandard als einen wesentlichen Faktor des Procjraians der e-egenseitigen Verteidigung zu verbessern. Es ist erforderlich, dass man den Arbeitern Frankreichs, Italiens und
..Ostdeutschlands eine Lebensweise bietet, die es wert ist, verteidigt zu werden, wenn man auf ihre Beteiligung an einem Widerstand sagen die Gefahr einer kommunistischen Aggression zaehlen
will. Die Marshallplan-Verwaltung muss deshalb darauf bestehen,
dass die Regierungen der Teilnehmerstaaten so handeln, dass eine
gerechte Verteilung der Fruechte des Wiederaufbaus an alle Schichten der Voelker gesichert ist.
In Italien ist ein grossangelegtes Programm zur Landreform
von wesentlicher Bedeutung, weil es Millionen armer Bauern
die Moeglichkeit einer Eingliederung in das Wirtschaftssystem dieses Landes bietet. Die Massnahmen, die erfreulicherweise von der
Marsha11plan-Verwaltung in dieser Hinsicht bereits ergriffen wurden, muessen so schnell wie moeglich erweitert werden. Die franzoesische Regierung muss sich darueber im klaren sein, dass das Geld,
das weiterhin von amerikanischen Steuerzahlern zur Verfuegung gestellt wird, im Interesse aller Menschen verwendet werden muss,
wobei der dringenden Notwendigkeit einer allgemeinen Revision der
Steuergesetze, der Modernisierung der Industrie, ihrer Neuorientierung in bezug auf die Wechselbeziehungen zwischen Arbeit und
Produktionsleistung, der Bedeutung eines grossangelesrten Programms
zur Erstellung geeigneten Wohnraums fuer die Arbeiter und zur Beseitigung der Konzerne und anderer hinderlicher Methoden, die
eine Wirtschaft mit niedrigen Preisen und hohen Loehnen unmoeglich
machen, besondere Beachtung geschenkt werden muss.
Der CIO kennt und billigt im allgemeinen das Bestreben der
Marshallplan-Verwaltung, eine Einmischung in die internen Angelegenheiten der befreundeten europaeischen Nationen zu vermeiden.
Er ist jedoch der Ansicht, dass die amerikanischen Buerger nicht
laenger mit zusehen koennen, wenn amerikanische Steuergelder dazu
verwendet ».erden, um die Gewinne einiger '.Veniger anzuhaeufen und
- 14 -

�eine feudalistische V/irtschef t3Ordnung zu erhalten, anstatt den
Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen der breiten Masse zu
verbessern. Zs ist die feste Ueberzeugung des CIO, dass bei der
Bewilligung von Marshallplan-Geldern Bedingungen gestellt werden
muessen, die eine gerechte Verteilung der Gewinne gewaehrleisten.
Solange die Regierungen Italiens, Frankreichs und Westdeutschlands keine derartigen Schritte unternehmen, ist es zweifelhaft,
ob ein dauernder Wohlstand, gegruendet auf eine hohe Kaufkraft
der Verbraucher, erzielt werden kann.
Und wenn man
zugibt, dass die wirtschaftliche Demoralisierung der Arbeiter, die auf die immer groesser werdende Spanne
zwischen Preisen und Loehnen zurueckzufuehren ist, weiter um sich
greift, werden die Kommunisten die einzigen Nutzniesser sein.
Das Problem der Ueberbevoelkerung ist in Europa und besonders in Italien und 'Westdeutschland von dringender Bedeutung und
verzoegert den 'Viederaufbau Europas auf einer gesunden Wirtschaftssrundlage. Der CIO fordert, dass Geldmittel der Marshallplan-Verwaltung dazu verwendet werden, die Umschichtung der europaeischen
^rbeitskraefte und die Loesung oertlicher Probleme der Ueberbevoelkerung zu unterstuetzen. Um "das europaeische .Viederaufbauprogramrc
zu foerdern, fordert der CIO von der ÜS-Regierun*?, dass sie sich
auf internationalen Konferenzen aktiv fuer die Foerderung von Plaenen zur Umsiedlang und Auswanderung von Arbeitern einsetzt. Der
CIO ist der Ansicht, dass der Kongress die Einwanderungsgesetze
und -beStimmungen der Vereinigten Staaten dahingehend abaendern
muss , dass e3 diesen Land moeglich ist, zusammen mit enderen freien Nationen zur Loesung dieses Problems beizutragen.
3er CIO unterstuetzt das militaerische Hilfsprogramm, mit dem
die Regierung den befreundeten Nationen in Europa hilft. Dieses
Programm und die eigene Entschlossenheit, an der Verteidigung der
Teltdsmokratie teilzunehmen, kann Suropa die fuer seinen Wiederaufbau notvvendige Zuversicht geben. Dieses Programm laeuft
oarallel mit der staendigen Hilfe fuer Friedenszwecke, kann diese
jedoch in keiner Beziehung ersetzen. Der CIO verlangt, dass'das
Pro^rarom fuer militaerische Unterstuetzung verwirklicht wird, ohne
dass den weniger beguenstigten Teilen der Bevoelkerung ungebuehrende Opfer auferlegt werden. Der ClO t8ilt die Auffassung Paul
Floffaans, dass '.Vesteuropa hierzu imstande ist; Amerika muss dafuer
sorren, dass die entsprechenden Planungen durchgefuehrt werden.
ECA Labor Information
PRODUKTI-ONS^TEIGSRUtTG VLRnLMDLRT INFLATION
'.V. Stuart Syraington, der Vorsitzende des US-Verteidigungsausschusses zur Ueberwachung und Sicherung der Hilfsquellen des
Landes und der oberste Leiter der industriellen Mobilisierung, ist
Geschaeftsmann. Ueberraschenderweise ist er jedoch der Ansicht,
dass in Kriegszeiten selbst Geschaeftsleute anstaendig sein
muessen.
Viele Leute halten es vielleicht fuer richtig, in normalen
Zeiten an ihrem Lande und der Oeffentlichkeit zu profitieren.
Symington meint jedoch, dass zu einer Zeit, in der Amerikaner auf
fremden Schlachtfeldern ihr Leben hingeben und die Menschen in der
Heimat Opfer bringen, um ihr Land gegen eine weltweite Bedrohung
zu verteidigen, auch die Geschaeftsleute ein faires Spiel durchfuehren muessen.
- 15 -

�Viele von ihnen tun dies natuerlich. Symington ist jedoch
ungehalten, weil er festgestellt hat, dass einige profitsuechtige Industrielle immer noch bestrebt sind, die Produktion niedrig
zu halten, um die Preise hochtreiben zu koennen. Seinen Unwillen
hierueber brachte er in einer Rede in Houston (Texas) zum Ausdruck. Er spraoh ausserdem die Warnung aus, dass diese geldgierigen Leute nicht unbestraft bleiben.
In einer frueheren Warnung vor uebertriebenen Formen der Gewinnsucht hatte Symington versprochen, dass er die Namen schuldiger Personen und Unternehmen nennen wuerde. Seine Freunde glauben, dass er den Mut hat, diese Drohung wahrzumachen, wenn die
Zeit hierzu gekommen ist. In Houston haette er es beinahe schon
getan.
Er sprach zum Beispiel von einer Gesellschaft, wahrscheinlich
aus der Stahlindustrie, die sich entschlossen hatte, keine Produktionserweiterung vorzunehmen, weil sie dachte, es sei guenstiger, die Waren knapp zu halten. Die Gewinne dieses Unternehmens
hatten sich in der Zeit von 1945 bis 1950 um mehr als 750&gt; gesteigert.'
Den Betriebsleitern dieser Gesellschaft sei von ihren V.'irtschaftsberatern erklaert worden, der Bedarf der Vereinigten Staaten an Automobilen sei gedeckt, und es sei deshalb nicht zweckmaessig, die Produktion zu erweitern. Symington ist jedoch der
Auffassung, dass das "amerikanische Volk und nicht irgend eine
Industrie oder Industriegruppe daruebsr zu entscheiden hat, wieviel Automobile im Lande hergestellt werden koennen."
Symington berichtete dann von dem Betriebsleiter eines Kupferwerkes, der glaubte, die Produktion niedrig halten zu muessen,
zugleich sich jedoch nicht seine Gewinnmoeglichkeiten nehmen
lassen wollte, denn die Einnahmen seines Unternehmens betrugen
allein im zweiten Quartal des Jahres 1950 weit mehr als im gesamten
Rechnungsjahr 1945.
Das Bestreben, die Preise zu steigern, nur um hoehere Gewinne
zu erzielen, muss unwillkuerlich zu Preiskontrollen fuehren. Die
Regierung hat versucht, derartige Kontrollen zu vermeiden. V/enn
sie jedoch notwendig werden, wird die Regierung die Preisentwicklungen seit Korea in den einzelnen Industrien und fuer die einzelnen Produkte genau untersuchen.
Die Profitmacher sollten dann nicht ueberrascht sein, wenn
sie gezwungen wuerden, ihre Preise herabzusetzen.
Obwohl Symington kein Politiker und nicht darauf bedacht ist,
Stimmen fuer sich zu gewinnen, und in seinem ganzen Leben niemals
einer Stellung nachgelaufen ist, brachte er erneut zum Ausdruck,
dass er die Notwendigkeit anerkennt, die Arbeiter vor steigenden
Preisen zu schuetzen.
"Die Arbeiterschaft behauptet, dass- diese Preissteigerungen
in ihrer Auswirkung Lohnsenkungen bedeuten, und diese Behauptung
ist richtig."
Um diesen Preissteigerungen zu begegnen, koennen die Loehne
der Arbeiter heraufgesetzt werden. Fuer ein aelteres Ehepaar jedoch,
das von einer Pension lebt, ist die Lege viel schwieriger. Und
noch schwerer hat es eine Kriegerwitwe, die monatlich um 60 Dollar
bekommt.
Labor
XI/11/50
16

—

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° &lt;»-"-*» M W 5 * l f

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Antrüge aas der amerikanischen Presse und anderen Qaellen dar und dien—
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauck gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden dieae auck einzelnen Interessenten direkt durch die Poat zugeleitet.
Der Inkalt der „Arbeitsmitteilungen" iat nicht ala offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufaaaen.

I I I - 40

Frankfurt, 8. Dezember 1950

I K H Ü L T S T Ü H Z M C E K I S

Beschleunigte Preisindex-Revision fuer Verbrauchsgueter - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

l

CIO fordert Gewerkschafter ir\ Aussenministerium - - 2
Automatische Angleichung der Loehne an die Lebenshaltungskosten in den USA. - - - - - - - - - - 3
Gewerkschaften Englands fordern Lohnerhoehung - - - 4
Dies ist unsere groesste Aufgabe - - - - - - - - 5
Weltkrise und Facharbeitermarkt in Amerika - - - - 7
Aussenpolitische Erklaerung des C I O - - - - - - - - 8
Ein Jahr IBFG - - - - - - - - - - - - - - - - - - 9
Sonderbertter Trumans fordert Fortsetzung der
Europahilfe nach 1952 - - - - - - - - - - - - - 10
Der argentinische Diktator tritt in die Fusstapfen
Hitlers
-__
__
12
US-Gewerkschaften gegen 45-Stunden Woche - - - - - 14
Der Gewerkschaftskongress der Schweiz - - - - - - - 1 5

BESCHLEUNIGTE PREIS INDEX-REVISION FUER VERBRAUCHSGUETKR
Die Revision des Lebenshaltungskostenindex', die fuer den
Sommer naechsten Jahres vorgesehen war, ist beschleunigt worden
und wird gegen Ende dieses Jahres beendet sein.
Ewan Clague, der Beauftragte des Bueros fuer Arbeitsstatistik, erklaerte, dass der revidierte Index die Kosten fuer viele
neue Verbrauchsgueter anzeigen werde, darunter Konserven, Nahrungsmittel fuer Saeuglinge, Dauerwellen, Fernsehgeraete und
Brotroester; auch Krankenhauskosten und die juengsten Kietpreiserhoehungen wuerden berücksichtigt.
Die Revision, sagte Clague, sei aufgrund des Krieges in
Korea und der neuen Wirtschaftskontrollgesetze "unbedingt notwendig."

1

�Der revidierte Index wird den Experten fuer wirtschaftliche
Stabilisierung sowie Gewerkschafts- und Unternehmervertretern bei
Tarifverhandlungen ein genaueres Bild der Preisentwicklungen fuer
Verbrauchsgueter geben. Die Zahl der Gewerkschaftsvertraege, in
denen die Loehne von dem Index abhaengig gemaoht werden, nimmt
staendig zu. Den neuesten Schaetzungen zufolge fallen «ine
Million Arbeiter unter die Bestimmungen derartiger Vertraege. Reffierungsbeamte sind gesetzlich verpflichtet, bei der Ausarbeitung
der Wirtschaftsprogramme den gegenwaertigen Preisen im Vergleich
mit denen vom 25. Juni, als die Kommunisten nach Suedkorea eindrangen, "sorgfaeltige Beachtung" zu schenken.
Die Revision haette schon lange vorgenommen werden muessen.
Die Gewerkschaften beschwerten sich bereits waehrend des Zweiten
Weltkrieges und danach darueber, dass der Index ueberholt sei und
ein falsches Bild von den Lebenshaltungskosten gaebe. So ist bis
jetzt zum Beispiel die Bevoelkerungszahl von 1942 zugrundegelegt
worden. Die Veraenderungea in den Gewohnheiten des Einkaufens und
der Ernaehrung sind nur wenig beruecksichtigt worden. Einige
durchaus uebliche Ausgaben im Haushalt einer Familie Würden ueberhaupt nicht mitberechnet.
Mit der Ankuendigung einer beschleunigten Revision des Lebenshaltungskosten-Index berichtete Clague ausserdem, dass der Preisindex fuer Verbrauchsgueter trotz eines Rueckgangs der Nahrungsmittelpreise in den vier Wochen vor dem 15. September um 1/2 Prozent angestiegen sei.
Zu dieser Zeit stand der Index auf 173.8. Clague kuendigte
an, dass mit einem weiteren Anstieg im Verlauf des gesamten kommenden Winters zu rechnen sei.
Daily News Service
Labor* Press Association
10/24/50
CIO FORDERT GEWERKSCHAFTER IM AUSSBNYINISTERIUM
Der CIO ist der festen Ueberzeugung, dass es fuer die USA von
direktem Vorteil sein wird, wenn sie Maenner und Frauen aus den
Reihen der Gewerkschaftsbewegung fuer einflussreiche Stellungen
in den Planungs- und Exekutivabteilungen des Aussenministeriums
heranbildet. Eine derartige Schleusung gewerkschaftlich gesinnter
Buerger in die Aussenpolitlk wuerde bedeuten, dass man sich endlich
der Notwendigkeit bewusst ist, jedes Mittel, das den USA zur Verfuegung steht, zur Loesung der ungeheuer bedeutungsvollen Probleme
zu verwenden, die sich der Regierung in der ganzen Welt bieten.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung verfuegt ueber genuegende
Beziehungen und Verbindungen mit anderen Laendern, deren Auswertung
fuer die erfolgreiche Durchfuehrung einer demokratischen Aussenpolitlk Amerikas wesentlich ist.
Die Beteiligung der Gewerkschaften am Marshallplan hat zum
grossen Teil zu den Erfolgen des Wiederaufbauprogramms beigetragen.
Den gewerkschaftlichen Aufrufen an die Moral der Arbeiter und ihrer
Erfahrung ist es zu verdanken, dass eine Politik vermieden wurde,
die das Verstaendnis der breiten Masse der europaeischen Arbeiter
fuer den Marshallplan hStte schwaechen koennen.
Es ist wesentlich, dass sich die Delegationen der Vereinigten
Staaten in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, dem Wirtschafts- und Sozialrat und den verschiedenen Kommissionen und Fachbehoerden die Erfahrungen der amerikanischen Gewerkschaften zunutze
machen.
- 2-

�Der groesste Fehler der amerikanischen Aussenpolitik besteht
darin, dass die amerikanische Arbeiterschaft in den obersten Aussohuessen nicht vertreten ist. In fast allen Nationen spielt die
organisierte Gewerkschaftsbewegung in wirtschaftlichen und politischen Angelegenheiten eine immer bedeutungsvollere Rolle. Es
ist offensichtlich, dass die USA-Regierung Leute braucht, die die
Gewerkschaftsbewegungen anderer Laender verstehen und mit ihnen
zusammenarbeiten. Die amerikanischen Gewerkschaften koennen aus
ihren eigenen Reihen faehige Experten zur Verfuegung stellen, die
der Regierung und der demokratischen Bewegung wertvolle Dienste
leisten koennen.
ECA Labor Information
AUTOMATISCHE ANGLEICHUNG DER LOEHNE AN DIE LEBENSHALTUNGSKOSTEN
IN DEN USA
Aufgrund der Bekanntmachung, dass die Lebenshaltungskosten in
den Vereinigten Staaten eine Rekordhoehe erreicht haben, werden
Hunderttausende amerikanischer Arbeiter automatische Lohnaufbesserungen erhalten.
Diese Erhoehungen sind in den sogenannten "gleitenden" Klauseln der Gewerkschaftsvertraege vorgesehen, die bestimmen, dass
die Loehne gesteigert werden muessen, wenn das statistische Buero
des Arbeitsministeriums eine Steigerung der Lebenshaltungskosten
feststellt.
Die ersten Gewerkschaftsvertraege, die eine automatische
Lohnaufbesserung vorsehen, wurden im vorigen Jahre von Walter
Reuthers Automobilarbeitergewerkschaft (CIO) abgeschlossen und sind
seitdem von vielen anderen grossen Gewerkschaften uebernommen.
Es war fuer die Entwicklung der neuen Elektroarbeitergewerkschaft James B. Careys von wesentlicher Bedeutung, dass sie derartige Klauseln in ihre Tarifvertraege aufnahm. Sie trugen zu
den Erfolgen der neuen Elektroarbeiterorganisation bei, die sich
von der alten Gewerkschaft der Vereinigten Elektroarbeiter losgeloest hatte , die als kommunistisch beherrschte Organisation vor
einem- Jahr aus dem CIO ausgeschlossen wurde.
Sprecher der Unternehmer erklaerten, dass sich die Kosten fuer
diese automatischen Lohnaufbesserungen fuer eine Dauer von drei
Monaten, beginnend mit dem 1. Dezember, elleir; fuer die Automobilindustrie auf rund 17 Millionen Dollar belaufen wuerden. Die Aufbesserung der Stundenloehne betraegt drei Cents. In den letzten
drei Monaten ist der Lebenshaltungskostenindex von 172.5 auf
174.8 gestiegen.
Mit der Ankuendigung dieser. Lohnaufbesserungen wurde zugleich
von wesentlichen Lohnsteigerungen fuer die Arbeiter der Schwerindustrie berichtet. Das erste Abkommen kam zwischen der Gewerkschaft der Vereinigten Stahlarbeiter, deren Vorsitzender der CIOPraesident Philip Murray ist, und der US Steel Corporation zustande, die der groesste Stahlproduzent der Vereinigten Staaten ist.
Dieses Abkommen sieht eine Stundenlohnerhoehung von 16 bis
19 Cents vor. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass durch dieses
Abkommen jede Unterbrechung ifc der MetallDroduktion, die das
Rueckgrat der Ruestungsproduktion bildet, von vornherein unmoeglich gemacht wird.
Arbeitgebervertreter des Stahlunternehmens Bethlehem haben
sich nach Pittsburgh begeben, um mit Murray und seinen Verhandlungs- 3-

�kolleren zu beraten. Man erwartet, dass sie in Kuerze aehnliche
3rtra3f£ abschliessen werden.

Tr

Ja v;ird ausserdem damit gerechnet, dass eine Preissteigerung
fuer Stahl von sechs Dollar pro Tonne dem Abschluss der Vertraege
unmittelbar folgen wird. Die Beauftragten fuer wirtschaftliche
Stabilisierung werden vere'inbatfungsgemaess gegen diese Preiaerhoehung keinen Einspruch erheben.
Cyrus S. Ching, der Vorsitzende des neuen Ausschusses fuer
Lohnstabilisierung, erklaerte waehrend einer Besprechung ueber die
automatischen Lohnaufbesserungen und die neuen Tarifvertraege in
der Stahlindustrie, dass das Buero fuer Arbeitsstatistik die Tendenzen der Lebenshaltungskosten in den naechsten Monaten nur oberflaschlich uebersehen koenne. Allem Anschein nach ist mit einer
weiteren- Steigerung zu rechnen.
Als Walter Reuther die Lohnaufbesserungen fuer seine Automobilarbeiter im Rahmen der "gleitenden" Klauseln ankuendigte, kritisierte er in scharfen Worten die Steigerung der Lebenshaltungskosten, die diese Lohnerhoehungen notwendig gemacht haetten. Er
bezeichnete die Indexspirale als "gefaehrlich und inflationistisch"
und fuegte hinzu, "dass dieser neueste Anstieg der Lebenshaltungskosten ein Vorgeschmack dessen sei, was noch kommen koenne, wenn
die Regierung nicht schnell wirksame Massnahmen ergreife."
Mitteilungen des U.S. Aussenministeriums
11/30/50
GfrVERKSCHAffTEN SNGLAT-TDS FORDERN LOHNERHÜEKUNG
Der Beschluss des Britischen Gewerkschaftskongresses, seine
Lohnstabilisierungspolitik zu beenden, hat die ersten Ergebnisse
gezeitigt.
um 12. Oktober hatte bereits nahezu die Haelfte der acht Millionen Mitglieder der britischen Gewerkschaften Lohnerhoehungen
gefordert oder sie in Betracht gezogen.' Zugleich rechnete man mit
weiteren Lohnforderungen. Inzwischen hatte sich die Labour-Farty
auf ihrer Jahreskonferenz mit sichtlichem Widerwillen mit der. Aenderung der Politik des britischen Gewerkschaftskongresses (TUC)
einverstanden erklaert.
Sprecher von 37 Organisationen, die zu dem Verband der Schiffsbau- und Technikergewerkschaften gehoeren, wiesen die Angebote der
Unternehmer ab, die ihnen fuer 2.500.000 Mitglieder Lohnaufbesserungen vorschlugen, und sprachen sich durch Abstimmung fuer eine
schiedsrichterliche Entscheidung ueber ihre Forderung nach einem
Pfund Sterling Lohnerhoehung je Woche aus.
Es sah so aus, als ob auch der Exekutivausschuss der britischen
Bergarbeitergewerkschaft ein. Angebot des Nationalen Gerichtshofes
der verstaatlichten Kohleindustrie ablehnen wuerde. Dieses Angebot
sollte sich auf rund 10 Millionen Dollar fuer 400.000 der in Frage
kommenden Arbeiter mit niedrigeren Loehnen beziehen.
Fuer den Fall, dass der Arbeitsminister nicht rechtzeitig
eine Schlichtung oder Schiedssrrechung anordnen wuerde, stuende
es den Angehoerigen der Lokomotivfuehrer und Heizergewerkschaft
frei, fuer 72.000 Arbeiter um eine Lohnerhoehung von 15% zu erkaennfen.
—•«JJiti&amp;ZJ'SfSfeP d e r Transportarbeiter und der Arbeiter des
oeffentlichen Dienstes hatte beschlossen, fuer 226.000 AUtobus- 4-

�und Strassenbahnerbeiter und fuer 70.000 Dockarbeiter ebenfalls
Lohnerhoehungen zu fordern.
Auch die maechtige britische Medizinische Vereinigung, das
Gegenstueck der American Medical Association, drohte dar.it,
19.000 Aerzte aus dem gebuehrenfreien Gesundheitsprogramm der
Regierung herauszunehmen, wenn sie keine bessere Bezahlung erhielten.
Mit Ausnahme des Falles der Aerzte herrscht wenig Zweifel,
dass Lohnerhoehungen fuer die englischen Arbeiter schon lange
faellig waren. Nach genauen Schaetzungen haben sich die Einkommen der Aerzte verdoppelt, waehrend die Loehne der Arbeiter durch
die seit zweitJahren betriebene Lohnstabilisierungsnolitik, von
der niemand geglaubt hatte, dass sie fuer immer bestehen bleiben
wuerde, sich unveraendert erhielten. Ausserdem stiegen die Preise,
wenn auch nicht so rapid an wie in den Vereinigten Staaten.
Es wird angenommen, ddss ein neues Lohnniveau durch Tarifverhandlungen oder Schiedssprechung mit einem Minimum an Schwierigkeiten und Streitigkeiten sich aufstellen laesst. Ob die britische
Wirtschaft die neue Kaufkraft absorbieren kann, wird letzten
Endes, so glaubt man, ganz allgemein von dem Produktionsstand
und der Produktionsleistung des einzelnen Arbeiters abhaengen.
Was die Aerzte betrifft, so nehmen nur wenige ihre Drohung,
ihre Arbeit niederzulegen, ernst. Alle Parteien, ob Labour,
Konservative oder Liberale, wuerden eine solche Handlungsweise
mit Befremden aufnehmen. Man zweifelt uebrigens daran, ob die
britische medizitische Vereinigung ueberhaupt in der La^e ist,
die angedrohte Rueckziehung durchzufuehren.
Daily News Service
Z/13/50
DIES IST UNSERE GROESSTE AUFGABE
In den unterentwickelten Laendern der Welt leben zwei Drittel der Weltbevoelkerung staendig im Schajtten des Hungers, der
Krankheiten und der Armut - ein breites Band des Elends, das die
Erdkugel von Mittel- und Suedamerika ueber Afrika und den Mittloren Osten bis zu den Laendern Suedostasiens umspannt. In all
diesen Gebieten liegt die Kindersterblichkeit weit ueber dem
'Durchschnitt-, die Zahl der Analphabeten ist erschreckend, der
Lebensmittelverbrauch ist gering. Armut und Rueckstaendigkeit
entspringt zahlreichen Ursachen, deren bedeutendste die schwierigen klimatischen Verhaeltnisse und der Mangel an natuerlichen
Hilfsquellen sind.
Das Land selbst ist haeufig unfruchtbar. Raubbau und Erosion
haben in weiten Gebieten diese Schwierigkeiten vermehrt. Primitive Methoden und eine rueckstaendige soziale Organisation haben
jede Steigerung der Produktion verhindert, ohne die keine Besserung
des Lebensstandards und keine Erweiterung der sozialen Betreuung
und der oeffentlichen Y/ohlfahrtseinrichtungen noeglich ist. In
weiten Gebieten Afrikas zum Beispiel haben Mangel an Wasser und
Seuchen, die durch Insekten uebertragen werden und Menschen, Tiere
und Ernten staendig gefaehrden, die Arbeit in der Landwirtschaft
zu einem unaufhoerlichen grimmigen Kampf gegen Kunger und Krankheit werden lassen. Das Leben spielt sich dadurch auf einem sehr
niedrigen Niveau ab.
- 5 -

�Die Menschen dieser Gebiete sind allein nicht dazu in der
Lage, den Stand der sozialen und wirtschaftlichen Taetigkeit
zu heben. Sie verfuegen weder ueber die erforderlichen Hilfsquellen noch ueber das notwendige technische Wissen. Sie muessen
von beguenstigteren Laendern unterstuetzt werden. Seit dem Jahre
1945 hat man diese Notwendigkeit immer staerker erkannt. Weltwohlstand und Weltfriede sind aber immer zwei unzertrennliche Begriffe.
Die freien Nationen der Welt haben die doppelte Aufgabe,
den unterentwickelten Gebieten zu helfen, ihren Lebensstandard
zu verbessern und zugleich diese Menschen fuer ein neues demokratisches Weltsystem zu gewinnen, das noch ausgebaut werden muss.
Eine Welt, aufgespalten in industriell fortgeschrittene Laender,
die sich eines hohen Lebensstandards erfreuen, und in rueckstaendige Laender, in denen Millionen in furchtbarer Armut leben*
waere eine Welt der Furcht, der Erbitterung und des Hasses.
Man muss sich vor Augen halten, dass die Koloniennicht arm
und rueckstaendig sind, weil sie Kolonien sind. Die politische
Struktur unterentwickelter Laender hat mit ihren grundlegenden
wirtschaftlichen Problemen nur wenig zu tun. Solange nicht fuer
ausreichende Erziehungsmoeglichkeiten, eine genuegende soziale
Versorgung und einen angemessenen Lebensstandard gesorgt ist,
kann eine wirksame demokratische Selbstregierung nicht verwirklicht werden. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei der
wirtschaftlichen Entwicklung jede nur moegliche Hilfe zu leisten.
Kuerzlich kamen auf einer Konferenz in Sydney die Vertreter
von sechs Staaten des Commonwealth zusammen, um ein Unterstattzungsprogramm auszuarbeiten, das eine erste Hilfeleistung fuer die
Voelker Suedostasiens sein soll. Man beschloss, die im Gange
befindlichen Vorbereitungen zur technischen Unterstuetzung durch
ein Acht-Millionen-Dollar-Programm zu ergaenzen, das von einem
in Colombo zu errichtenden Amt des Commonwealth verwaltet werden
soll.
Die Wirtschaft der unterentwickelten Gebiete und die der
Industriestaaten ergaenzen sich. Ein besserer Lebensstandard der
••rueokstaendigen" Voelker wuerde eine groessere Nachfrage nach
Fertigprodukten zur Folge haben. Ein groesserer Ausstoss an Rohmaterialien und Halbfertigwaren zu niedrigeren Freisen wuerde
auch die Preise fuer Fertigwaren verbilligen. Arbeitslosigkeit
'n den Industriestaaten, die natuerlich von einem Nachlassen der
lachfrage nach Erzeugnissen aus den Tropen begleitet waere, wuerde
wie in der Zeit zwischen den beiden Kriegen zu einer Warenanhaeufung in den Kolonien fuehren. Die Unterstuetzung rueckstaendiger
Gebiete kann deshalb zu einem bedeutenden Faktor in einer sich
ausdehnenden Weltwirtschaft werden, der den Lebensstandard in der
ganzen Welt verbessern kann.
-

—

-

•

-

Die Vereinigten Staaten haben durch das Punkt-Vier-Programm
Praesident Trumans, das eine umfassende technische Unterstuetzung
fuer Laender vorsieht, bewiesen, dass sie um die 7/ohlfahrt der
Menschen in diesen Gebieten besorgt sind. Die fuer dieses Programm zur Verfuegung gestellten Geldmittel belaufen sich auf etwa
20 Millionen Dollar. Im Rahmen des Marshall-Plans, der von der
Verwaltung fuer Wirtschaftliche Zusammenarbeit verwaltet wird,
sind britische Ueberseegebiete durch Zurverfuegungstellung technischer Experten und durch Dollarkredite zum Ankauf von amerikanischem Ausruestungsmaterial fuer Srschliessungsnrojekte unterstuetzt
worden. Die Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit verfuegt zu diesem Zweck ueber einen Reservefonds von etwa 20 Millionen Dollar.

�Durch die den Vereinten Nationen angeschlossenen Fachorganisationen wie die Weltgesundheitsorganisation, die Organisation
fuer Ernaehrung und Landwirtschaft, die Internationale Arbeitsorganisation, usw. beteiligen sich viele Nationen an diesem guten Werk. Im Juni 1950 wurde von den Vereinten Nationen ein
erweitertes Programm der technischen Unterstuetzung mit einem
Geldaufwand von rund 20 Millionen Dollar gestartet, eine Summe,
die sich aus Zuwendungen etwa 50 verschiedener Mitgliederstaaten
zusammensetzt. Es ist bedeutsam, dass weder Russland noch irgend
ein anderes Land des russischen Blocks einen Beitrag hierzu geleistet hat.
Die Labour-Party hat in ihrer neuen nolitischen Erklaerung
"Labour und die Neue Gesellschaft" einen Vorschlag fuer einen
VVeltDlan ausgearbeitet, der eine Kombinierung der Hilfsquellen
der fortgeschrittenen Nationen zur Bekaempfung der Armut vorsieht. Dieser glueckliche Gedanke koennte, wenn er verwirklicht
wuerde, zu dem groessten Erfolg des 20. Jahrhunderts werden.
FACT
The Labour Party Bulletin
IX/50
WELTKRISE UND FACHARBEITSMARKT IN AMERIKA
Waehrend das nationale Verteidigungsorogramm der Vereinigten Staaten eine immer groessere Bedeutung gewinnt und die zivile
Wirtschaft auf vollen Touren arbeitet, macht sich der Mangel an
Facharbeitern staendig mehr bemerkbar. Das Buero fuer Beschaeftigungssicherheit meldet aus allen bedeutenden Industriebezirken
des Landes, dass der Mangel an Facharbeitern, insbesondere in
der Metallverarbeitung, dem Baugewerbe, der mechanischen Fertigung und des Reparaturgewerbes, zunimmt. Der groessere Bedarf
an gelernten Arbeitskraeften stellt die wesentlichste Entwicklung
der vergangenen Monate dar, die in einer neueren Zaehlung der unbesetzten offenen Arbeitsplaetze von dem Buero fuer Beschäeftigungssicherheit festgestellt wurde, das seine Informationen von
den ihm angeschlossenen oertlichen Behoerden der Einzelstaaten
erhaelt.
Den August-Zaehlungen 23 verschiedener Staeten zufolge hat
sich die Zahl der offenstehenden nichtlandwirtschaftlichen Arbeits
nlaetze in den beiden letzten Monaten nahezu verdoppelt und ist
seit dem 28. Juni von 13.306 auf 26.373 angestiegen. Am staerksten ist die Nachfrage nach gelernten Arbeltern (etwa 40# aller
offenen Stellen).
•

In den Fachberufen besteht vor allen in den Staaten Ohio,
Kalifornien, Connecticut und Illinois eine grosse Nachfrage nach
Maschinisten und Einrichtern; ferner besteht eine grosse Nachfrage nach .Yerkzeugma ehern vornehmlich in Michigan. Dreher und
Fraeser sind vor allem in den Staaten Kalifornien, Ohio, Michigan,
Minnesota, Connecticut, Wisconsin und Illinois gesucht.
Etwa 22 Staaten berichten von einem Bedarf an insgesamt 786
Zimmerleuten, v*aehrend sich der ?fengel an Maurern besonders in
New York, Ohio und Delaware bemerkbar macht. Offene Arbeitsplaetze fuer Eisenblechfacharbeiter werden aus 29 Staaten gemeldet,
wobei die Flugzeugindustrie in Kalifornien ueber die Haelfte des
Gesamtbedarfs zu verzeichnen hat. Gefragt sind ausserdem ^utomechaniker und Reparaturmechaniker fuer Karosserien, und die meisten
zur Verfuegunc stehenden unbesetzten Arbeitsnlaetze werden aus
- 7-

�Vashington gemeldet. In Georgia und Kalifornien sind Radiomechaniker, Instandsetzungsmechaniker, Dieselmechaniker und Instrumentenmacher sehr gesucht.
Die Herstellung von Dauer- und Verbrauchsguetern konnte bisher noch der gesteigerten Nachfrage der Verbraucher gerecht werden,
sie wurde jedoch durch die Korea-Krise und die Besorgnisse einer
Verknapnung und einer Materialrationierung weiterhin angeregt.
Der Mangel an Facharbeitern in der Metallverarbeitung und dem
Baugewerbe, der sich in weiten Teilen des Landes bemerkbar machte,
hat sich im allgemeinen bislang, noch nicht nachteilig auf die
Produktion ausgewirkt.
Der Mangel an gelernten Arbeitern des Baugewerbes, der im
^"ai Tnur ausfteniganGegenden rarichtet wurde, hatte sich bis
zum uli fast Liuf alle Bezirke ausgedehnt. An naechster Stelle
auf der Liste der fehlenden Berufe stehen Maschinen-, Zlektround - Flugzeugingenieure, Maschinisten, .Verkzeugmacher und .Verkzeugzeichner. ^uch die meisten Zentren der Flugzeugindustrie
klagen ueber Facharbeitermangel. In einem Falle fehlte es 30gar
an angelernten Monteuren. V.'eitere Schwierigkeiten ergaben sich
fast in allen Bezirken in der Suche nach gelernten Giessereiarbeitern, Konstrukteuren und Facharbeitern in der Bekleidungsmaschinenindustrie, Automechanikern und erfahrenen Bueromaschinenarbeitern, aber auch Buerofachangestellteiiund Stenografen. Die
ausserbezirkliche "A'erbung von gelernten Arbeitskraeften nahm mit
Ausnahme der Bauberufe zu, von denen man weiss, dass sie in
allen Bezirken knapp sind.
US Department of Labor
Buereau of Employment Security:
The Labor Market and Emoloyment Security
50/9 Washington
AUSSENPOLITISCHE ERKLÄRUNG DES CIO
Der CIO-Kongress gab zur Aussennolitik der Vereinigten Staaten folgende Erklaerung ab:
1. Der CIO unterstuetzt die Vereinigten Staaten und die
Vereinten Nationen in ihrem "Kamnf gegen die kommunistische Aggression in Korea und gegen jede weiters Aggression der rotchinesischen Marionetten der Sowjet-Union."
2. Er unterstuetzt die Vereinten Kationen in ihren Handlungen, die ein dauerhaftes System der kollektiven Sicherheit zum
Ziel haben.
3. Sr unterstuetzt ferner alle aufrichtigen Bemuehungen um
eine allgemeine Abruestung, einschliesslich der internationalen
Kontrolle der Atomenergie, "weist jedoch mit Verachtung die falschen Friedensanpelle zurueck, wie sie in Stockholm, Sheffield
und Warschau verkuendet wurden. Diese Friedens^laene sind kommunistische Pro^arandamanoever, die ueber die exnansionistische
Aggression der Sowjetunion hinwegtaeuschen sollen.
4. Der CIO befuerwortet positive Friedensaktionen durch
energische soziale und wirtschaftliche Massnahmen, Vvie sie besonders im Punkt-Vier-Pro^ramm Praesident Trumans enthalten sind,
und begruesst als "einen Schritt in der bleichen Richtung die
unlaengst abgehaltene britische Commonv.ealth-Konferenz, auf der
Methoden zur Unterstuetzung der wirt^chaftlichen Entwicklung Suedostasiens ausgearbeitet wurden."

�5. Der CIO billigt den Schuman-Plan als ein Mittel zur
Staerkung der Einheit Europas und als ein Programm zur uebernationalen Koordinierung der Schwerindustrien des Kontinents, das
den sofortigen Abschluss eines Friedensvertrages mit Westdeutschland notwendig macht. In der Resolution heilst es jedoch, dass
9s "ein Verrat an deutschen Volke sei, wenn einige deutsche Industrielle die kommunistische ^artei durch Reklame in der kommunistischen Presse finanziell unterstuetzen.
6. Der CIO billigt den Beschluss, Mitglieder der Gewerkschaftsbewegung in hohe aussenpolitische Ausschuesse zu berufen,
"weil sich der Appell der Kommunisten an die Arbeiter richtet,
und von den Arbeitern selbst am besten abgeschlagen werden kann."
7. Der CIO fordert die Berufung von Maennern und Frauen
aus der Gewerkschaftsbewegung in die planenden, legislativen
und exekutiven Abteilungen des Aussenministeriums. Er fordert,
dass die Erfahrungen aus der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
in der Delegation der Vereinigten Staaten beim Generalrat der
Vereinten Nationen, in ihrem »Virtschafts- und Sozialausschusa
und in den verschiedenen Kommissionen und Fachorganisationen verwendet werden. "Die groesste Unzulaenglichkeit der amerikanischen
Aussenpolitik besteht darin, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung in den obersten Ausschuessen des. Landes nicht vertreten
ist." Die Tatsache, dass die Gewerkschaftsbewegung an der Verwaltung fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit (EGA) beteiligt ist,
hat viel zu den populaeren Erfolgen des Wiederaufbauprogramms
beigetragen.
8. Der CIO untorstuetzt die Bemuehungen des Aussenministeriums, mit den wirklich demokratischen Kraefteh der ganzen Welt
zusammenzuarbeiten und sie zu ermutigen.
9. Er fordert die Einstellung der wirtschaftlichen Ünterstuetzung der totalitaeren Diktaturen Franco-Spaniens und PeronArgentiniens.
Mitteilung des US Aussenministeriums
9/23/50
5I?T JAHR IBFG
Gemeinsam mit den freien Gewerkschaftern der ganzen Welt
wuerdigten die arbeitenden Maenner und Frauen Amerikas das ein.iaehrige Bestehen des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
Spitzenfunktionaere der amerikanischen Gewerkschaften sprachen sich anerkennend ueber die Fortschritte aus, die der IBFG im
vergangenen Jahre bei der Foerderung der wirtschaftlichen Sicherheit und des Weltfriedens zu verzeichnen hatte.
Der CIO, der sechs Millionen amerikanische Arbeiter vertritt,
erklaerte, dass sich der IBFG in den zwoelf Monaten seines Bestehens "die Achtung ueberall da gesichert habe, wo er bekannt
ist - und das ist von einem Linde der Welt bis zum anderen."
Der CIO ht.t zusammen mit der AFL und anderen grossen Gewerkschaften der Vereinigten Staaten mitgeholfen, den Internationalen
Bund Freier Gewerkschaften zu gruenden, der der «ufgabe dient,
den Zielen und Sehnsuechten der freien arbeitenden Menschheit im
Gegensatz zu dem kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbund
stimme und Cehoer zu verleihen.
- 9 -

�Besonders anerkennenswert ist die Tatsache, schreibt das
Organ des CIO, "The CIO News", dass der IBFG praktische Ziele verfolgt und nicht lediglich von der negativen Absicht als reine
OiDOsition zum Kommunismus beherrscht wird.
Dieses Organ zitierte eine Erklaerung des IBFG, in der es
hiess: "Der IBFG und die ihm angeschlossenen Organisationen widersetzen sich zweifellos der Zersetzungspolitik, die die Kommunisten innerhalb der Gewerkschaftsbewegung verfolgen. Sie bekaemnfen diese Politik jedoch nicht als ein besonderes Ziel oder
als snezielle Aufgabe, sondern nur insofern, als sie der Gewerkschaftsbewegung in ihrem Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit,
Friede und Freiheit im »Vege steht."
Heute sind nahezu 50 Killionen Gewerkschafter in 36 verschiedenen Laendern im IBFG vertreten, obwohl er erst ein Jahr besteht.
In dem ersten Jahr ihres Bestehens ist dieser Organisation
das mitberatende otatut in der Internationalen Arbeitsorganisation,
dam .Virtschafts- und Sozialrat der Vereinten Kationen und der Organisation fuer Erziehung, Wissenschaft und Kultur in der gleichen
Organisation (UNESCO) zuerkannt worden. Sie hat in der Schweiz
ein Verbindungsbuero zur Internationalen Arbeits-Organisation eroaffr.et.
Auch in der ^rricutung regionaler Organisationen sind For.tscnritte erzielt worden, oo wurden auf einer Konferenz in der
Stadt !'exiko eine interamerikanische Organisation und spaeter in
Karachi in Pakistan eine asiatische Organisation in Angriff genommen, eine regionale Organisation fuer Westeuropa ist bereits
durchgefuehrt worden.
iCine SuissIon des IBFG bereiste Asien, eine andere wird in
Kuerze Afrika besuchen, auf Grund des Besuchs in Asien wird zur
Zeit ein Informationsbuero in Singapur errichtet.
Daily Vireless Bulletin
18/6/50
SOTTD^HBISRATH TRUM/J'S -/3KDJRT FQRlT.LlZUirC D£R äUROPAKILFä "ACH 1952
Der ehemalige Heeresminister Gordon Gray hat vor kurzem in
ainem Bericht an rraesident Truman die Fortsetzung der nichtmilitaerischen, wirtschaftlichen Hilfe der Vereinigten Statten fuer
Westeuropa ueber des Jahr 1952 hinaus, in dem der Marshall Plan
ablaeuft, empfohlen und zu den Zielen der wirtschaftlichen Aussenoolitik der USA Stellung genommen.
Praesident Truman hatte vor einiger Zeit Gray nach seinem
Austritt aus der Armee gebeten, das umfassende Gebiet der Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten im Ausland zu uebernruefen
und ueber etwaige zukuenftige Massnahmen Bericht zu erstatten.
Kaehrend der Oray-^usschuss an der Arbeit war, starteten
die nordkoreanischen Kommunisten ihren angriff in Korea. '.Vie es
in dem Bericht heisst, "ist diese Aggression ein Beweis fuer die
unmittelbare militaerische Gefahr und die Notwendigkeit, die Kraefte zur Verteidigung der freien Welt zu staerken."
NatuerlicL bedeutet dies, wie es auch offen in. Bericht von
Gray zum Ausdruck koiomt, Wiederaufruestung unter den freien Nationen; es bedeutet jedoch auf keinen Fall, das^ der wirtschaftliche
Fortschritt ueber einer berichten Wettproduktion von Maschinen- 10 -

�gewehren vergessen werden muss. "Auf wirtschaftlichem und sozialen Gebiet muessen die freien Nationen in der Offensive bleiben,"
heisst es in dem Bericht, der sodann die Grundlage der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten in den Worten zusammenfasst: "Mithelfen, die wirtschaftlichen Bedingungen und Beziehungen zu schaffen, die zum Aufbau demokratischer Staaten notwendig sind, die
sich selbst verteidigen und ihren Lebensstandard verbessern koennen." Der Bericht geht dann naeher auf die mit dieser zweifachen
Aufgabe verbundenen besonders verwickelten Probleme ein - naemlich
einmal die Demokratien zu verteidigen und zweitens Demokratien
mit besseren sozialen Verhaeltnissen zu schaffen - und enthaelt
die folgenden Vorschlaege:
1. "Um die erforderliche Ausdehnung des westeuropaeischen
Verteidigungssystems in Uebereinstimmung mit gemeinsamen Plaenen
zu erleichtern, muessen die Vereinigten Staaten bereit sein, ihre
Hilfslieferungen, abgesehen von Kriegsmaterial, weitere drei
oder vier Jahre hindurch fortzusetzen. Der Umfang der benoetigten Hilfe haengt von den aregenwaertigen Wiederaufruestungsbemuehungen der einzelnen Laender und von deren Auswirkungen auf einzelne Wirtschaften ab. Diese beiden Faktoren werden in erster
Linie von den "^lanungsbehoerde-n fuer Wirtschaft und Produktion
innerhalb der Organisation des Nordatlantikpaktes berechnet."
2. "Die Hilfe fuer Westeuropa muss auf der Grundlage des
allgemeinen Bedarfs und nicht an Hand einzelner Projekte geplant
und getrennt von der militaerischen Unterstuetzung durch Waffenlieferungen verwaltet werden
"
3. "Die Hilfe muss so gegeben werden, dass dadurch die volle
Nutzung der europaeischen Hilfsquellen, eine gesteigerte Handelstaetigkeit unter den europaeischen Laendern und der Zusammenschluss der Wirtschaften Westeuropas gefoerdert wird; insbesondere
wird in dem Bericht gefordert, dass die Vereinigten Staaten weiterhin die europaeische Zahlungs-Union unterstuetzen, die die
Konvertierbarkeit der Waehrungen der Laender Westeuropas erleichtert."
4. "Bei der gemeinsamen Planung der Sicherheitsprogramme,
besonders in der Unterstuetzung 'Westeuropas zur Staerkung seiner
Verteidigungskraefte, muss der Bedeutung eines grossen europaeischen ExportVolumens besondere Beachtung geschenkt werden, das
das einzige Mittel darstellt, wirtschaftlich selbstaendig zu
werden, obwohl sich natuerlich die internen Verpflichtungen, die
die Wiederaufruestung mit sich bringt, auf den Verbrauchs- und
Investitionsstand auswirken werden."
5. In Anbetracht der Bedeutung der britischen Waehrung auf
dem Weltmarkt ist es besonders wichtig, Mittel und Wege zu finden,
um England bei der Wiederauf ruestung zu unterstuetzen, ohne dass
sich seine wirtschaftliche Position im üusland ernstlich verschlechtert.
Welche Zukunft bietet sich nun den Wirtschaften Westeuropas
angesichts der durch die stalinistische Aggression aufgezwungenen
Wiederauf rue st ungsbemuehunc-en?
"Westeuropa," so heisst es in dem Bericht, "duerfte sich auf
die Moeglichkeit vorbereiten, dass die Kosten fuer seine Importe
steigen, waehrend die Preise fuer seine Exporte zurueckgehen, sodass sein gegenwaertiger Fortschritt auf dem Wege zur wirtschaftlichen Selbstaendigkeit in Frage gestellt werden kann. Diese Entwicklungen bergen die grosse Gefahr der Inflation in den westeuropaeischen Laendern in sich und koennen ihre Bemuehungen zur
Verteidigung unterminieren."
- 11 -

�"Die Schwierigkeiten der westeuropaeischen Laender bestehen
nicht mehr darin, Absatzmaerkte im Ausland zu finden, sondern genuegend Waren zu produzieren, um den neuen und groesseren Bedarf
an Kriegsmaterial und den '.Cindestbedarf der Zivilbevoelkerung,
einschliesslich der fuer die wirtschaftliche Selbstaendigkeit
noetigen Exporte zu decken."
"Im Interesse der gemeinsamen Verteidigung koennen und werden
sich die westeuropaeischen Laender Einschraenkungen im Verbrauch
und den Investitionen auferlegen; es gibt jedoch Grenzen, unter
die sie nicht heruntergehen duerfen, wenn sie nicht die gesunde
Struktur ihrer Wirtschaft und ihren politischen Zusammenhalt gefaehrden wollen. Eine ausreichende Herstellungsquote von Kriegsmaterial wuerde diese Grenzen wahrscheinlich ueberschreiten, und
in dem Masse, in dem die Exporte reduziert werden muessen, verringert sich die einzige Uoeglichkeit, die diese Laender haben, um
wirtschaftlich selbstaendig zu werden."
Deshalb heisst es in dem Bericht von Gray: "Vorausgesetzt,
dass sich die westeuropaeischen Laender in angemessenem Ivtesse der
Verteidigung widmen, werden wir bereit sein, eine weitere Dollarhilfe zu leisten, um ihnen die Buerde ihrer eigenen Produktion an
Kriegsmaterial tragen zu helfen, soweit sie die Opfer uebersteigt,
die diese Laender zu bringen imstande sind."
"Vom Standpunkt unserer eigenen Sicherheit und der Sicherheit
der freien '.Veit aus ist Westeuropa das kritischste Gebiet."
In dem Bericht wird ausserdem der Frage grosse Beachtung geschenkt,' wie man es anderen Kationen leichter machen kann, mit den
Vereinigten Staaten und untereinander Handel zu treiben. Die
Vereinigten Staaten werden aufgefordert, ihr Programm der gegenseitigen Handelsabkommen fortzusetzen, durch das die Zollgebuehren
reduziert werden, ferner voruebergehend Gesetze zu bewilligen,
die fuer besondere Verbrauchsgueter eine Herabsetzung der Zollgebuehren Trermoeglichen, und die umfassenden Reformen dür Zollverfahren der ereinif ten Gta. ten weiterzufuehren. In dem Bericht wird
ausserdem eine allmaehliche Reform der amerikanischen Subventionsoolitik fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse und der Verteilung
ueberzaehli'Kcr Erzeugnisse empfohlen, wenn diese die wirtschaftlichen Beziehungen mit deni ausländ behindern.
Weitere Vorschlaege erstrecken sich auf internationale Zusammenarbeit bei der ^bst-tzplanung knapper Rohmaterialien, die fuer
die Ruestungsproduktion erforderlich sind, und auf eine einzige
amerikanische 3eho:;rde, die sich mit auslaendischen Hilfs- und
anderen Wirtschaftsprogrammen befassen soll, anstelle der zahlreichen zur Zeit bestehenden Dienststellen i^ebertregen wird.
Der Ueberschuss der Exporte ueber die Importe der Vereinigten
Staaten ist im Laufe dieses Jahres, als die stalinistisphe Aggression
das '.Veitbild so sehr veraenderte, geringer geworden. In dem Bericht
wird festgestellt, dass der bisherige stetige Exportueberschuss
tatsaechlich verschwunden ist, was teilweise auf die Tatsache zurueckzufuehren sei, dass Amerika aufgrund der Anregung der Ifarshall^lan-Vorwaltun^ in Europa wieder Einkaeufe taetigt.
ECri Labor Information
11/17/50
Dir. „ ^ T T L O ; - .

DI::T,AOK TRITT I P DIE FU^STAPFIT UITLERS

Der Diktator Tuan Peron von Argentinien tritt .letzt in die
Fusstapfen eines anderen Tyrannen der Heuzeit.
- 12 -

�So wie Hitler es in Deutschland vorexerzierte, so war Peron
von Anfang an bestrebt, die freien Gewerkschaften zu zerstoeren,
heisst es in "Free Labour World", dem Monatsblatt des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften. Ein Beweis hierfuer ist die
Tatsache, dass der 90-taegige Streik der Gewerkschaft der Seefahrer und verwandter Berufe mit einer Niederlage geendet habe.
In einigen Beziehungen ist Peron schlauer als Hitler. Durch
Bestechung und Versorechungen hat die Ein-Mann-Regierung Argentiniens eine Anzahl Gewerkschaftsfuehrer fuer sich gewonnen, "die
sich selbst die Ketten anlegen, die Peron fuer sie bereithaelt."
Um seine Ziele zu erreichen, hat Peron aber auch Gewalt und Mord
angewendet.
Die Foederation der Seefahrer, eine Gruppe von 20 Seefahrerund Hafenarbeitergewerkschaften, war zu der Zeit, als der Streik
begann, die letzte freie argentinische Gewerkschaftsorganisation,
die noch uebriggeblieben war. Sie verfolgte mit ihrem Streik
folgende Ziele: Die Wiedereinstellung der Arbeiter, die von der
groseen, in Regierungsbesitz befindlichen Schiffahrtsgesellschaft
Dodero entlassen worden waren; die Durchfuehrung eines Abkommens,
das vom Transportministerium unterzeichnet war, und nach dem ein
gemeinsames Komitee zu bilden war unter Anerkennung des Rechtes
der Gewerkschaften, ihre eigene Gewerkschaftspolitik zu betreiben.
Die Internationale Transoortarbeiterfoederation, der die argentinische Foederation angeschlossen war, sagte sofort ihre Unterstuetzung in diesem Streik zu. Sie erklaerte einen Boykott gegen
argentinische Schiffe in allen Haefen der Welt. Hafenarbeiter
anderer Laender weigerten sich, auf argentinischen Schiffen zu
arbeiten. Trotzdem gelang es Peron, die streikenden Gewerkschaften
nach 90 Tagen zum Nachgeben zu zwingen. Die Gewerkschaften erklaerten, dass ihre wirtschaftliche Widerstandskraft erschöpft sei. Und
so war es tatsaechlich.
Peron und seine beruehmte Frau Evita wandten einige bewaehrte
Methoden an, um den Streik zu brechen. Auf der einen Seite wurde
die traditionsgemaess stark antikommunistische Internationale Transportarbeiterfoederation als "offenkundig kommunistisch durchsetzte
Organisation" verschrieen. Auf der anderen Seite bezeichnete dagegen Evita den Seefahrerstreik selbst als eine "vorwiegend kapitalistische Machenschaft." Zufaellig ist Evita der /irbeitsminister
ihres Mannes fuer alle praktischen Zwecke.
Die Seefahrerfoederation war diu letzte freie Ge\.erkschaftsgruooe, nachdem Peron mit Evitas Hilfe andere grosse Streiks gebrochen und die Gewerkschaften zerschlagen hatte. La November 1949
streikten die Arbeiter der Zuckerindustrie der Provinz Tucuman,
um hoehere L )ehne zu erzielen. Unlaengst wurden sieben Arbeiter
festgenommen, weil sie eine "illegale" Versammlung abgehalten hatten. Sie wurden von Perons Leuten misshandelt, sie versuchten"Gestaendnisse" aus ihnen herauszupressen. Ein Arbeiter namens Carlos
Aguirre wurde hierbei getoetet. Sein verstuemmelter Leichnam wurde
von einem der Polizisten "gefunden", die ihn festgenommen hatten.
Vor diesem Streik wurde bereits ein Ausstand der Gewerkschaft der
Arbeiter der Fleischverarbeitungsindustrie niedergeschlagen.
Die falschen Vorstellungen, die man sich ueber Peron gemacht
hatte, brachen vor drei Jahren zusammen, als Vertreter der AFL und
der amerikanischen Eisenbahnergewerkschaften auf eine persoenliche
Einladung des Diktators Argentinien besuchten. Peron dachte natuerlich, dass er alles gut verborgen habe, sonst haette er die
Amerikaner nicht nach Argentinien gerufen. Hierin hatte er sich
jedoch getaeuscht. Die amerikanischen Gewerkschafter stellten ihn
in einem Bericht ueber ihre Reise voellig bloss.
- 13 -

�Die Amerikaner entdeckten, dass Peron zwei Methoden anwandte,
um die Kontrolle ueber die Gewerkschaften zu erhalten. Einmal
versagte er ihnen die gesetzliche Anerkennung, die sogenannte
"personeria gremial", die argentinische Gewerkschaften benoetigen,
um legal zu sein. Zum andern beauftragte er seine eigenen
"administratoren" mit der Leitung der Gewerkschaftsangelegenheiten. Die Administratoren entzogen entweder den gewaehlten Funktionaeren einer Gewerkschaft alle Macht oder sie liessen solange
waehlen, bis solche Kandidaten einen Wahlsieg davontrugen, die
der Regierung genehm waren. Selbst Josef Stalin haette dies nicht
viel besser fertig bringen koennen.
SHORTS
Labor Fress Association
X/27/50
US-GEWERKSCHAFTEN GEGEN 45-STUNDEN WOCHE
Die Gewerkschaftsbewegung hat sich gegen die 45-Stunden Woche
ausgesprochen, die von dem Praesidenten der General Motors C. E.
Wilson vorgeschlagen worden war. Die Gewerkschaften sind gewillt
und bereit, zu den Verteidigungsbemuehungen beizutragen, aber
die Gewerkschaftsfuehrer sind der Meinung, dass die Industrie in
der Lage ist, fuer die laengere Arbeitszeit die uebliche Ueberstundenbezahlung zu gewaehren.
Wilsons Vorschlag, in der jetzigen Zeit des Notstands erst
bei 45 Stunden mit der Ueberstundenbezahlung zu beginnen und nicht
bei 40 Stunden, wie es die geltende bundesstaatliche Gesetzgebung
vorsieht, sollte eine Loesung des Problems des Mangels an Arbeitskraeften darstellen. Seit Mitte des Jahres belief sich die durchschnittliche Arbeitswoche der 12.900.000 Arbeiter der US-Industrie
auf ueber 41 Stunden. Die Sprecher der Gewerkschaften wiesen
darauf hin, dass sich die Gestehungskosten mit der Verlaengerung
der Arbeitswoche senkten, und bewiesen an Hand statistischer Unterlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, dass sich die Gestehungskosten
selbst bei betraechtlichen Ausgaben fuer Ueberstundenarbeit nicht
erhoehen.
Ein Vertreter der AFL erinnerte daran, dass der Kongress der
AFL in Houston in Anbetracht der notwendigen Massnahmen zur Verteidigung seine Resolution fuer die Durchfuehrung der 30-Stunden
Woche aufgeschoben habe.
Die Vereinigten Automobilarbeiter des CIO erklaerten sofort,
dass sie mit dem Vorschlag Wilsons nicht einverstanden seien.
Der Sekretaer der VAA, Emil Masey, sagte woertlich: "In dem bundesstaatlichen Gesetz ueber Loehne und Arbeitszeit und in den Vertraegen der Automobilarbeitergewerkschaft gibt es keine Bestimmung, die
die Industrien darin hindert, mehr als 40 Stunden in der Woche
arbeiten zu lassen, um den zivilen Bedarf und den fuer die Verteidigung erforderlichen zu decicen."
"Der Praesident der General Motors Wilson schlaegt lediglich
vor, die Arbeiter woechentlich fuenf Stunden laenger arbeiten zu
lassen, ohne ihnen diese Ueberstunden bezahlen zu wollen, wozu
die Gesetze und Vertraege die Unternehmen verpflichten.-"
"Die Automobilarbeitergewerkschaft hat zweimal in diesem Monat darauf hingewiesen, dass die Gewinne der Automobil- und Automobilzubehoerproduzenten skandaloese Ausmasse angenommen haben.
Wenn dauernde Ueberstundenarbeit notwendig wird, reichen diese
Profit© gewiss bei weitem aus, um die Unkosten decken zu koennen,
- 14 -

�ohne dass die Regierung oder Privatkaeufer fuer Automobile hoehere Preise zahlen muessen."
Mazey vertrat die Auffassung, dass Krediteinschraenkungen,
die den Verkauf von Automobilen gedrosselt haetten, ferner der
Mengel an Stahl und anderer Materialien sowie noch nicht erteilter
Ruestungsauftraege "zumindest fuer eine gewisse Zeit Betriebsstillegungen und Arbeitslosigkeit, aber keinen Mangel an Arbeitskraeften zur Folge haetten."
Am darauffolgenden Tage berichtete die Lokalgewerkschaft Fr.
6C0 der Automobilarbeiterg^werkschaft (Ford-Betriebe), dass die
Ford Motor Connany beabsichtige, "sofort" eine Betriebsstillegung
vorzunehmen, wodurch 15% der 65.000 Arbeiter der Fabrik Rouge
ihre Arbeit verlieren wuerden.
In Telegrammen an Fraesident Trumen, "'. Stuart Symington,
den Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsausschusses zur
Ueberwachung und Sicherung der Hilfsquellen des^Landes, an Henry
Ford II und '"alter Reuther, den Vorsitzenden der Automobilarbeitergewerkschaft, erklaerte der Vorsitzende dieser Lokalgewerkschaft,
Carl Stellatoi: ".Vir stehen vor sofortigen Entlassungen unserer
Mitglieder auf Grund der angekuendigten Produktionskuerzungen fuer
Automobile."
Stellatoi stellte folgende Forderungen: Die Aufhebung der
Kontrollen fuer Kredite mit einem Drittel Anzahlung und 15 Moneten
AbZahlungsfrist; die Erweiterung der Produktionskapazitaet privater Stahifirmen mit der von der Regierung gesteuerten Stahlerzeugung als Alternative; eine Ueberpruefung der Ruestungsauftraege, um zu verhueten, dass zur Zeit arbeitende Betriebe Arbeiter
entlassen muessen; festzustellen, inwieweit Mangel en allen wesentlichen Materialien herrscht; und schliesslich eine groessere Beteiligung der Gewerkschaften an den Entscheidungen, die mit der
Kriegs- und Zivilproduktion in Zusammenhang stehen.
Sprecher der Gesellschaften erklaerten, die Betriebsstillegungen seien nur voruebergehender Natur und durch Umstellungen
auf neue Modelle bedingt.
SHORTS
Labor Press Association
X/27/50
DER GK'-'ERKbCII^FTSKONGRESS DER SCHYJEIZ
Interne Angelegenheiten der Schweiz und der Anschluss an den
Internationalen Bund Freier Gewerkschaften beschaeftigten den 31.
Jahreskongress der schweizerischen Gewerkschaften.
Der Beschlusss, dem IBFG beizutreten, fuer den mit 325 gegen
22 Stlamen gestimmt worden war, war der letzte Akt einer dreitaegigen Sitzung, die in der Kongresshalle in Luzern stattfand.
Nahezu 500 Personen nahmen an den Sitzungen teil, von denen
375 Delegierte waren, die fest 400.000 organisierte Arbeiter der
Schweiz repraesentierten.
Einer kleinen kommunistischen Gruppe gelang es nicht, die Arbeit des Kongresses zu behindern. Zu Beginn der Sitzungen hatten
die Kommunisten bei einer Abstimmung ueber eine Resolution, die die
bundesstaatlichen Finanzreformen unterstuetzoe, den 335 Stimmen 16
ablehnende gegenueberstellen koennen. Dieser Resolution lag die
- 15 -

�Ueberzeugung der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung zugrunde,
dass das Steueraufkommen der Zentralregierung nicht ausreicht, um
die lebenswichtigen allgemeinen Beduerfnisse decken zu koennen,
und dass die einzelnen Kantone ueber zuviel Steuergewalt verfue^en.
Die Resolution fordert insbesondere, dass- die Gewerkschaften diese
Steuerreformen unterstuetzen, *venn das Schweizer Volk in einer Urabstimmung ueber sie zu entscheiden hat.
Der Generalsekretaer des Kongresses Giacomo Bernasconi ist
der Ansicht, dass die Kommunisten durch ihre fruehzeitige und
ueberwaeltigende Niederlage mutlos wurden. Infolgedessen wurden
alle uebrigen Resolutionen zu internen Fragen einstimmig angenommen. Auch der Verwaltungsbericht der Exekutive fuer die vergangenen drei Jahre fand die Zustimmung des Kongresses.
In den vom Kongress angenommenen Resolutionen wurde eine Gesetzgebung gefordert, die
1. allen Kollektivvertraegen eine gesetzliche Grundlage gibt.
Gegenwaertig unterliegen nur einzelne, von der Regierung anerkannte Vertraege der Gerichtsbarkeit der Gerichtshoefe.
£. die verschiedenen Arbeitsgesetze in einem umfassenden, modernen Gesetz zusammenfasst, das vor allem die Verkuerzung der Arbeitszeit entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe der Industrie
vorsieht, den jungen Arbeitern in Uebereinstimmung mit den bestehenden internationalen Konventionen den vorgesehenen Schutz gewaehrt,
den Arbeitern die Beteiligung an der Verwaltung der sozialen Einrichtungen sichert und die Unfallversicherung verbessert.
3. die staatliche Kontrolle ueber das private Transnortgewerbe in bezug auf Tarif-, Ladunga-, und Entfernungsbestimmungen erweitert, um eine bessere Grundlage fuer die Tarifverhandlungen der
Gewerkschaften zu schaffen.
4. die Lebensversicherungsoraemien fuer selbständige Arbeiter
senKt und groessere Sicherheit gegen eine missbreeucMiche Verwendung der Lebensversicherungsfonds fuer andere Zwecke bietet.
5. die Bestimmungen ueber Arbeitslosigkeit revidiert, damit
die Unternehmer groessere Beitraege an die Arbeitslosenversicherung
zahlen und zwar als Kopf- und nicht als Pauschalbetraege, und die
gegen den I^issbrauch der Arbeitsvermittlungsbueros gerichtet ist,
die an Arbeitslose Arbeitsolaetze vermitteln sollen.
In einer anderen Erklaerung von internationaler Bedeutung brachte der Kongress warnend zum üusdruck, dass der Konflikt in Korea
und seine wirtschaftlichen Folgen die Stabilitaet der Preise in
der Schweiz gefaehrdet und die bisherigen Erfolge im Kampf gegen
die Inflation in Frage stellt. Durch die Wiederaufruestung, heisst
es in einer einstimmig angenommenen Resolution, stiegen die Preise
an, und die Regierung hat noch keine Gegenmaßnahmen ergriffen.
Die Gewerkschaften waren mit der Aufhebung der Preiskontrollen
nicht einverstanden und sprachen die Warnung aus, dass sie sich das
Recht vorbehielten, die Lbehne zukuenftigren Steigerungen der Lebenshaltungskosten anzupassen.
ECA Labor Informa-tion
- 16 -

HKCC (11-12-50) 21U 5 U 1 C

�Internationale

ARBEITSMITTEIUIHGEN
DU folgenden Artikel stellen Auszüge ans der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzulassen.

111

~

41

Frankfurt, 15. Dezember 1950

I K H A L T S V E R Z E I G H N I S
Besteuerung uebermaessiger Unternehmergevinne in
den USA gefordert - - - - - - - - - - - - - Regierungspolitik, Gewerkschaften und SchlQsselindustrien - - - - - - - - - - - - - - - - Eugenie Anderson spricht zu daenischen Gewerkschaftern - - - - - - - - - - - - - - - - - VMa Kapitalien fuer Anlageguetsr verfuegbar - Pensionsfonds fuer hollaendische Bauarbeiter - Hauptziel des Punkt-Vier-Programms ist Produkte onsSteigerung - - - - - - - - - - - - - - Leiter der ECA fordert gerechte-en Anteil fuer
die Arbeiter - - - - - - - - - - - - - - - V/illiam G-rsen fordert sofortige Preiskontrollen
Parkman: Weltfriede haengt von der Haltung
europaeischer Arbeiter a b - - - - - - - - - -

1
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BESTEUERUNG UEBKRTIASSSIGER mTTERNEffiOLRGEA'INNE IN DEN USA GEFORDERT

Der amerikanische Finanzsekretaer John B. Snyder hat den zustaendigen Ausschuss des Repraesentantenhauses ersucht, eine
Steuer auf uebermaessige Gewinne grosser Gesellschaftsunternehmen
zu bewilligen.
Diese Steuer soll dann auferlegt werden, wenn die Gewinne
eines Unternehmens 75$ seiner in den drei besten Jahren des Zeitraums 1946 - 1949 erzielten Profite ueberschreiten. Auch das
investierte Kapital soll bei der Berechnung der Steuer zugrundegelegt werden, wenn die Gewinne des Unternehmens auf dieser Basis
einfacher zu errechnen sind.
Obwohl Snyder eine vorbereitete Erklaerung vorl .s, die eine
meisterhafte Darlegung vieler Gesichtspunkte darstellte, die im
- 1-

�Zusammenhang mit einer Steuer fuer uebermaessige Gewinne eine
"tolle snielen, stellte er, nachdem Kongressmitglieder Fragen an
ihn richteten, erneut unter Beweis, dass er im Grunde ein konservativer Finanzmann ist. Vor seiner Berufung ins Kabinett
war er Bankier in St. Louis.
Snyder brachte seinen Antrag ein, nachdem Praesident Truman
am Tafe zuvor den Vorsitzenden des Ausschusses, Bob Doughton aus
"ord-Karolina, ersucht hatte, eine Steuer fuer uebermaessige Gewinne rueckwirkend bis zum 1. Juli 1950 einzufuehren. Snyder
weigerte sich .'edoch, dieses Saturn der Rueckwirkung zu befuer.j .arten, und man ..eiss, dass er da_..it üiclit einverstanden ist.
Seine Antworten auf verschiedene Fragen bewiesen ausserdem, dass
er in bezug auf dieses Gesetz kein uneingeschraenkter Fuersprecher des Fair Deal ist.
Snyders Srklaerungen zufoLre würde die Vervvirklichung des
Regierungsvorschlags das Steueraufkommen des mit dem 1. Juli
1950 beginnenden Haushaltsjahres 1951 um vier Milliarden Dollar
erhoehen. Er forderte jedoch, dass der Kongress keinen Termin
festlegt, an dem das Steuernrogramm beendet sein soll, das sich
ueber eine Reihe von Jahren erstrecken wird. Er wies darauf
hin, dass dieser Vorachleg zu einer Besteuerung uebermaessiger
Gewinne nur ein Vorlaeufer anderer, noch einschneidenderer Vorschlao.-e sei, mit denen man rechnen muesse, sobald das Verteidicungsprogramm im Gange sei.
Die Gewinnsteuer vvuerde auf folgende ..'eise berechnet werden:
ein Gesellschaftsuntemehmen, das wesentliche Gewinne bei der
rriegsi.-iatarial-roduktion erzielt, muesste sich zuerst entscheiden, ob drei Jahre des Zeitraums 1946 - 1949 oder sein investiertem Kapital (in dem Unternehmen investiertes Geld einschliesslich
"einbehaltener ^rsparnisse")als Steuergrundlage verwendet worden
sollen.
Nehmen wir an, dass man sich fuer einen Zeitraum entschieden
und herausgefunden hat, dass die Jahre 1947 bis 49 dem Unternehmen
nach dem Kriege die meisten Gewinne eingebracht hat. Nehmen wir
weiter an, dass sich die Gewinne in diesen Jahren durchschnittlich auf zehn Millionen Dollar beliefen. 75/o dieses Betrages sind
7.5CO.OOO Dollar, ^lle Jahresgewinne ueber diesen Betrag hinaus
unterliegen einer oesteuerung fuer uebermaessige Gewinne, die
ueber 75;0 hinausgehen. Die "normalen" Gewinne dagegen werden
nach der regulaeren Gesellschaftseinkommensteuer mit -±5/0 versteuert.
Snyder lehnte die Vorschlaege des Komitees fuer V.'irtschaftliohe Entwicklung und rationalen Fabrikantenverbandes (National
Association of Manufacturers) ab. Das Komitee fuer 'Virtschaftliche Entwicklung hatte eine einfache Erhoehung des Steuersatzes
fuer Unternehmereinüommen vorgeschlagen. Snyder erwiderte, dass
damit alle Gesellschaftsunternehmen unterschiedslos eine Steuer
von 57/o zanlen muesrsten, wodurch "sich das Verteidigungsprogramm
noch unterschiedlicher auswirken und solchen Unternehmen, deren
-ankommen zurueckgehen, besondere Eaeiten auferlegen v.uerden." Er'
erklaerte ausserdem, er habe zusammen mit seinen Mitarbeitern
einen Vorschlag des Nationalen Fabrikanten-Verbandes "in Betracht
gezogen", der vorsieht, keine Steuer auf uebermaessige Gewinne
einzufuehren, den gegenwaertigen Steuersatz fuer Unternehmereinkommen zu senken und den Unternehmern eine Umsatzsteuer aufzuerlegen, die letzten Endes die Verbraucher bezahlen muessten.
Der Sekretaer fuehrte weiter aus, dass der Praesident mit der
.•teuer fuer uebermaessige Gewinne drei Ziele zu erreichen gedenke:
- 2

�Die gesteigerten Kosten fuer die Produktion von Kriegsmaterial zu
decken, der Inflation zu begegnen und die grossen Gewinne bei der
Kriegsmaterlelproduktion zu versteuern. Kr wollte jedoch nioht
den 3indruck erweoken, dass er sich den Wuenschen des Praesidenten
ansohliesse.
Daily !Tews Service
11/5/50
John 'V. Gibson, stallvertretender US-Arbeitsminister:
•^GI^RUNG: POLITIK, GS"::JRKSCE,.FTZN UND

5c;;iuzoszLinDi;s?RiEN

2s ist noch ^arnicht allzu lange her, dass das Interesse
der amerikanischen Regierung am Tarifverhandlungswesen, offen gesagt, ziemlich negativer ^rt gewesen ist. Jene Arbeiter, die
3ich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zu gewerkschaftsaehnlichen
Vereinigungen zusammenschlössen, wurden als Verschwoerer gegen
ihre Arbeitgeber Gerichtlich verfolgt. Diese wirksamen Gegenmassnahmon fuehrten dazu, dass jene Maenner und Frauen, die nach Gerechtigkeit bei den r-'aennern suchten, an deren 1,'aschinen sie arbeiteten, in ihren Bemuehungen behindert und enttaeuscht wurden.
Vor mehr als einhundert Jahren wurde diese negative Einstellung der Regierung zun; erstenmal durchbrochen. Im Jahre 1841 erklärte ein staatlicher Gerichtshof in Lissachusetts, dass der
Zusammenschluss der ^rbeiter in Gewerkschaften eine legale Handlung sei. Doch selbst nach dieser Zeit wurden die Unternehmer in
ihrer antigewerkschaftlichen Taotigkeit aatuerlich keineswegs behindert. Von 1341 bis zum Beginn des New Deal wandelte sich die
ufsnruenglich gewerkschaftsfaindliche Haltung der Regierung in
glsichgueltige Neutralitaet. Rein technisch gesehen hatten die
Arbeiter das Recht, sich zu organisieren; Gleichzeitig jedoch waren die Unternehmer berechtigt, alle Arbeiter zu entlassen, die
von diesem ihren Recht Gebrauch machten, «ngesichts der groesseren wirtschaftlichen Staerko der Unternehmer hoben sich diese beiden Rechte nicht nur gegenseitig auf, sondern die "neutrale" Haltung der Regierung war in ihrem Zndeffekt praktisch eine Unterstuetzung der Unternehmer. Die Zeit der sogenannten Neutralitaet fanl
mit der Bewilligung des Gesetzes von Norris LaGuardia im Jahre
1932 ihr Ende, in den die unglueckseligon, sogenannten "yellowdog"-Vertraege ("gelbe Hunde") fuer ungesetzlich erklaert und es
den privaten Vertragspartnern unmoeglich gemacht wurde, gesetzliche
Streikverbote gegen die Gewerkschaften durchzusetzen.
I"xellow-dogn-Vertraege enthalten die Bestimmung, dass der Arbeiter keiner Gewerkschaft angehoeren darf, andernfalls er sich mit
seiner Entlassung einverstanden erklaert).
Mit Beginn des New Deal begann ein neuer abschnitt in der Entwicklung der Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern,
3ine Zeit, in der die Regierung keine uninteressierte neutrale
Haltung mehr in der Frage der Kollektivverhandlungen einnahm. Sie
erklaerte stattdessen eindeutig und unverbruechlich, dass sie gewillt
sei, das Koalitionsrecht der Gewerkschaften zu schuetzen. Garantiert
wurde dieses Recht zum erstenmal im Nationalen ..iedeT*sufbau Gesetz
(National Recovery ^ct). Innerhalb von 40 Tagen, nachdem dieses
Gesetz fuer verfassungswidrig erklaert worden war, unterzeichnete
Rrassident Roosevelt dann das Gesetz zur Regelung der Beziehungen
zwischen Arbeitgebern und /irbeitnelimern (National Labor Relatiöns
Act). Dieses Gesetz, das gewoehnlich als '7a ^ner-Gesetz bezeichnet
wird, ist seitdem fuer die Sevoelkerung der Vereinigten Staaten der
Ausgangspunkt fuer eine fortschrittliche Arbeitsgesetzgebung gewesen.
- 3-

�Sa hat der nationalen Politik eine neue Form gegeben, indem.es
die Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften,
die naturgeniaass die .Virtschaft in Mitleidenschaft ziehen, in
die Intere33ensohaere der Bundesregierung einbezog. In dem Gesetz wird festgestellt, dass unzulaenrliche Beziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf die "Veigerung der Unternehmer
zurueckzufuehren sind, ihren Arbeitnehmern das Tarifverhandlungsrecht zuzugestehen. Sa heisst darin nicht nur, dass Tarifverhandlungen erlaubt sind - diese Politik war seit vielen Jahren
betrieben worden - sondern der Kongress ging weiter und erklaerte, die Regierung beguenstige TarifVerhandlungen. In der Zwischenzeit waren die Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den Vereinigten Staaten einer Untersuchung unterzogen worden, die die Ursachen dieser Streitigkeiten und ihre
nachteiligen Auswirkungen auf die Wirtschaft als Gesamtheit beleuchtet hatte. Diese Ergebnisse fuehrten zu der Folgerung, dass
die Arbeiter erxuutigt werden muessen, sich Organisationen anzuschliessen, die fuer sie mit den Arbeitgebern verhandeln. Das
Gesetz stellte jedoch nicht nur eine blosse Erklaerung zu der
neuen Politik der Regierung dar. Es errichtete ausserdem einen
Rahmen, in dem diese Politik zur Ausfuehrung kommen sollte. So
wurde der Bundesausschuss fuer Arbeitsfrageh (National Labor Relations Board) geschaffen, der seine Entscheidungen im Falle einer
Verletzung dieser Rechte zu treffen hatte, und dem es oblag, eine
Einrichtung in Funktion zu setzen, deren Aufgabe es war, eine demokratische Schlichtungsmethode auszuarbeiten, durch die mit Hilfe
von Abstimmungen ueber Tarifverhandlungen und unter Vermeidung
von Streiks festzustellen war, ob die Arbeitnehmer wuenschen,
durch eine Gewerkschaft in Tarifverhandlungen ::iit den Arbeitgebern vertreten zu werden.
Bei einer solchen Teuerung mussta natuerlich mit einer hartnaeckigen Opposition gerechnet werden. Diese Opposition kam
zwoelf Jehre spaeter zun Erfolg, als es ihr gelang, die Bewilligung des Taft-Hartley-Gesetzes durchzusetzen. Das Wagner-Gesetz
hatte jedoch auf die Gemueter der arbeitenden Menschen der Vereinigten Staaten einen solchen Eindruck gemacht, dass die Urheber
des Taft-Hartley-Gesetzes nicht umhin konnten, wenigstens nach
aussen hin die Ziele des Wagner-Gesetzes zu uebernehmen. Sie taten dies, indem sie die in dem .Vagner-Gesetz enthaltene Erklaerung
aufrechterhielten, die besagt, dass Tarifverhandlungen im Sinne
der Politik der Vereinigten 'Staaten gefoerdert werden muessen. Die
Bestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes widersorechen jedoch den
in diesem Gesetz festgelegten Zielen.
Um eine Basis zu schaffen, von der aus die Arbeitspolitik der
US-Regierung eroertert werden kann, muss gezeigt werden, in welcher Hinsicht das Taft-Hartley-Gesetz der in ihm zum Ausdruck gebrechten Absicht widerspricht, das Koalitionsrecht der Arbeiter
schuetzen zu wollen. Nach dem Wu.^nor-Gesotz waren die Unternehmer
verpflichtet, mit den Gewerkschaften zu verhandeln. Nachdem die
beiden Parteien jedoch uebereingekommen sind, bleiben sie nach
diesem Gesetz bei der Bearbeitung ihrer Probleme sich selbst ueberlassen. Nach dem Teft-Hartley-Gesetz dagegen bleibt die Regierung
bei den Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften
nicht ausgeschlossen, sondern sie zwingt den beiden Parteien ihre
Entscheidungen selbst dann auf, wenn die Verhandlungen schon im
Gange sind. Die Regierung ist in dieser Laste mit einer unerwuenschten Schwiegermutter zu vergleichen, die den Jungverheirateten nach
der Hochzeit niciit von der Seite weicht und dadurch den Neuvermaehlten die vercbredeten Plaene vereitelt.
Experten auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer sind der Ansicht, dass, nachdem die Rechte beider
- 4-

�Parteien stabilisiert sind und sie von diesen Rechten freien Gebrauch machen koennen, die Regierung bei TarifVerhandlungen solange
nichts zu suchen hat, bis es die Umstaende erfordern, dass sie
sich einschaltet, um die Streitfragen schlichten zu helfen. V/ie
verschieden sind aber die Ziele, die man mit dem Taf t-HartleyGesetz verfolgt:
Nach seinen Bestimmungen mischt sich die Regierung in die
Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ein und erklaert zum Beispiel, sie sollten sich nicht fauf die sogenannte
"closed-shop" Betriebsform einigen, selbst wenn sich dieses System
in ihrer Industrie jahrelang bewaehrt hat. (Ein "closed-shop" tat
ein Betrieb, in dem ^eder gewerkschaftlich organisiert
sein muss). Die Regierung erklaert den Gewerkschaften - nicht
den Unternehmern - dass sie ihrer! Finanzbericht der einen Behoerde
und eidesstattliche, schriftliche Erklaerungen ueber die Fichtzugehoerigkeit der Funktionaere zur kommunistischen Partei einer
anderen vorlegen ^auessen, bevor sie die Regierung um eine Zusicherung ihrer Rechte ersuchen. Sie erklaert der Gewerkschaft ausserdem, dass sie einen "union-shop" Vertrag nur dann beantragen kann,
wenn zuvor eine Abstimmung stattgefunden hat, bei der sich die
Mehrheit aller Wahlberechtigten dafuer ausgesprochen bat, dass die
Gewerkschaft eine derartige Vertragsbestimmung beantraft. Auf
diese und viele andere Arten des Einflusses sitzt die Regierung
am Verhandlungstisch und mehrt an die Rechte beider Parteien. Die
^•fcierung ist damit zum erstenmal in der Geschichte der USA in
die Substanz und nicht nur in das Verfahren der Tarifverhandlung
eingedrungen. Dies ist ein fuer die Arbeiterschaft und auch fuer
die Unternehmer gefaehrlicher Praezedenzfall.
Es ergibt sich nun die Frage, welcher Platz der Regierung auf
dem allgemeinen Gebiet der KollektivVerhandlung zukommt. Die Regierung selbst stellt eine Verschmelzung zweier entgegengesetzter
Tendenzen dar. Auf der einen Seite ist sie "ein Mononol des
Zwangs" - sie legt den Buergern Beschraenkungen in ihren Taetigkeiten auf, wenn diese Taetigkeiten mit den Freiheiten anderer
nicht zu vereinbaren sind. Unter diesem Blickwinkel sind diejenigen, die am wenigsten regiert werden, am besten regiert. Die entgegengesetzte Tendenz ist die der Zusammenarbeit. Die Regierung
hilft den Buergern, sich gegenseitig zu helfen. Die ^erschraelzunsdieser beiden Tendenzen bestimmt den Charakter einer jeden Regierung. In einer Demokratie werden die Aspekte des Zwangs, den die
Regierung ausuebt, auf ein Minimum reduziert, und die Momente
der gegenseitigen Selbsthilfe auf ein Maximum ausdehnt.
Die allgemeine Politik der USA-Regierung in der Arbeitsgesetzgebung muss aus zwei Gruenden durch eben diese Betonung der
gegenseitigen Selbsthilfe gekennzeichnet sein: sie ist dadurch
demokratischer, und sie funktioniert besser.
Als Charles 2. Wilson, der Praesident der General Motors, im
Jahre 1947 vor dem Senatsausschuss fuer Arbeitsfragen sein Gutachten erstattete, wies er auf die Tatsache hin, dass seine Gesellschaft von dem Nationalen Ausschuss fuer Arbeitsfragen (National
Yar Labor Board) in der Kriegszeit gezwungen worden war, eine Bestimmung in ihren Vertrag mit der Gewerkschaft aufzunehmen, nach
der die Arbeiter verpflichtet waren, ihre Mitgliedschaft in der
Gewerkschaft aufrechtzuerhalten. Er wies auf seine damalige Erklaerung hin, in der er sich gegen die Annahme einer solchen Vertragsbestimmung ausgesprochen hatte:
"Die General-Motors Gesellschaft ist der Auffassung, dass die
Gesetze der Vereinigten Staaten so beschaffen sind, dass jeder freie
waehlen kann, ob und welcher Gewerkschaft er angehoeren will. Und
- 5 -

�damit haiton wir an unserer Ueberzeugung fest, dass es unangebracht
ist, eine Gesellschaft zu zwingen, ihren Arbeitnehmern die Aufrocht«erhaltung ihrer "itr-1 iedschaft in der Gewerkschaft als Beschaefti"unp'sbedingunn* t.uf zuerleren. "
?Tj.cr: dien friere war das gleiche Unternehmen und die Gewerkschaft in einen langwierigen Streik verwickelt, Siner der umstrittensten ""unkte war die Aufrechterhaltung- der !*itgliedschaft in
der Gev. arhschaft. Dieses Problem wurde schliesslich dadurch geloest, dass sich die Gewerkschaft mit der Beibehaltung des Systems
der Si.nziehung der Ge..erkschaftsbeitracge durch das Lohnbuero
einverstanden erklaerte. Das Verfahren der Kollektivverhandlung
in einer freien Gesellschaftsordnung hat die Haltung der beiden
Parteien inzwischen jedoch soweit geaendert, dass sie sich in dem
ausgezeichneten Fuenf .Jahresvertrag auf eine Bestimmung ueber gewerkschaftliche Sicherheit einigen konnten, die noch wesentlich
weiter geht als die Klauseln, gegen die nilson waehrend und unmittelbar nach dem Kriege Einspruch erhoben hatte. In einer Ansprache an den Nationalen Presseklub in Washington konnte Wilson
sagen:
"Wir sind der Auffassung, dass die Vertragsbestimmungen ueber
die gewerkschaftliche Sicherheit, die das Problem der "union-3hop"
Betriebsform loesen, praktisch und durchfuehrbtr sind, und im öinre
unserer-bestehenden Arbeitsgesetzgebung liefen, sie entsprechen"
auch den '.Vuenschen der I.'ehrzahl unserer Arbeitnehmer, die unter
die Bestimmungen dieses Vertrages fallen."
Ein anderer Gesichtspunkt dieser Politik, die weit eher auf
Zusammenarbeit als auf Zwang beruht, ist die Forderung, dass die
Regierung groesseren ..ert darauf legt, Streitigkeiten auf den
Grund zu gehen als otreiks beizulegen, üin positives Programm zur
Vermeidung eines Streiks ist wichtiger als die ^rfolp-e in der Beilegung von Streiks. ±s ist Professor Feinsinger in seinem interessanten Artikel ueber die Entwicklung der Arbeitsgesetzgebung
in der letzten .Tahrhunderthaelfte ausserordentlich gut gelungen,
diesen Gesichtspunkt in .''orte zu fassen. Professor Feinsinger
sagt:
"Der industrielle Unfriede im Jahre 1950 kann nicht dadurch
behoben werden, dass man otreiks und Aussperrungen verbietet,
".'ie die Erfahrung hier und im ausländ gelehrt hat, w^ere dieser
Kurs nicht nur undemokratisch, sondern auch unwirksam. Die ^rfahrunc hat ebenfalls gezeigt, dass auf dem heiklen Gebiet der Beziehungen zwischen x^rbeitgebern und Arbeitnehmern Gewalt nur noch
staerkere Gegenkraefte erzeugt und nicht nur wirkungslos bleibt,
sondern die Achtung vor dem Gesetz untergraebt."
Was die Streitigkeiten in den Schluessel industrien betrifft,
so wird mancher sagen, "es sei recht schoen, von freiwilligen Loesungen der Probleme zwischen ..rbeitem und Unternehmern zu sprechen; wie verhalte es sich jedoch mit jenen wichtigen Industrien,
die vor d.^r Oeffentlichkeit einen streik nicht verantworten koennen? Ist in jenen Faellen ein gewisser Zwang nicht unvermeidlich?"
Z.vanp- waere als Loesung moeglich, wenn er nicht zwei \ Grundprinzipien der allgemeinen Politik der U S A widern- rechen wuerdc. Zo
schwer es auch erscheinen mag, muss die Anwendung einer schnellen
Heilmethode vermieden werden; es muss mit allen I'itteln daran gearbeitet werden, Vorkehrungen zu schaffen, durch die Streiks vermieden werden koennen.
Das Taft-Hartley Gesetz enthaelt eine otreikbestimmung fuer
Totfaelle, die jedoch erst dann 'wirksam wird, nachdem der reiste
- 6-

�I

Schaden angerichtet ist. Nan darf nicht auf T"otfaelle warten, um
zu handeln. Vor allem ist es sehr schwierig, zu definieren, was
ein Notfall ist. Die gleiche Streitigkeit in 'einer Schluesselindustrie kann oder kann auch nicht ein rotfall sein, was von den
folgenden drei Bedingungen abhaengt: erstens kann die vorherrschende wirtschaftliche Lage darueber entscheiden, ob es sich um einen
Notfall handelt oder nicht. Ein Eisenbahnerstreik kann zum BeisDiel viel eher zu einem Notstand fuehren als ein Stahl- oder Kohlestreik im Sommer. Zweitens kann auch die politische ^tnosphaere,
in der die Streitigkeiten gefuehrt vverden, darueber entscheiden,
ob ein Notstand vorliegt. In Anbetracht der heutigen internationalen Spannungen kann ein Streik in der Flugzeugindustrie viel
eher einen Notstand heraufbeschwoeren als beispielsweise v,or 15
Jahren, üin dritter entscheidender Faktor ist der Grad der gewerkschaftlichen Organisation der in die Streitigkeit verwickelten
Gewerkschaft. '-Venn nur zehn Prozent der Arbeiter einer wichtigen
Industrie organisiert sind und mit streik drohen, ist es bei weitem
nicht so bedeutungsschwer, als wenn die gesamte Erwerbsbevoelkerung
droht, die ,irbeit niederzulegen, x*uf der anderen Seite kann eine
kleine Gruppe Arbeitnehmer in einer Schluesselstellung in der Industrie das Schicksal der gesagten Industrie in ihren Haenden halten.
Das Interesse der Oeffentlichkeit an der Behandlung der Streitigkeiten in Schluesselindustrien entsteht der in den letzten
zwanzig Jahren um sich greifenden Tendenz, Schluesselindustrien zu
zentralisieren, und die bereits reoht starken Gewerkschaften in
diesen Industrien noch zu vergroessern. Industrie und Gewerkschaften betreiben in zahlreichen bchluesselindustrien eine eng koordinierte Arbeitsnolitik.
Pressemitteilung des US-Arbeitsministeriums
6/29/50
EUGENIE ANDERS CT SPRICAT ZU DAETISCITEN Gs.V^NKSC;-AFT^RN
Eugenie Anderson ist Gesandtin der Vereinigten Staaten in
Daenemark. Es ist bezeichnend genug, dass das amerikanische
Aussenministerium eine Frau nach Kopenhagen delegierte. Die daenischen Gewerkschaften schaetzen Eugenie Anderson, obwohl sie
mit der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung nur geringe Beruehrungspunkte hatte.
Eugenie Anderson berichtete in ihrer Rede zu daeni-chen Gewerkschaftern in Kopenhagen ueber die Fortschritte, die die amerikanischen Gewerkschaften in den letzten 15 Jahren erzielt haben. Von 150 "illionen ^merikanersn sind 15 Nillionen gewerkschaftlich organisierte Gewerkschafter, 1930 waren es nur drei
Nillionen. Im Gegensatz zu Daenemark und auch zu Deutschland
gibt es in den Vereinigten Sttaten fuenf groessere Gewerkschaften:
Die amerikanische Föderation der Arbeit (AFL)mit acht Nillionen
Nitgliedern, den Kongreß der industriellen Organisationen (CIO)
mit sechs Nillionen Nitgliedern, die Bruderschaft der Eisenbahner,
die Vereinigte 3ergarbeitergewerkschaft und die Unabhaengige Naschinistenge werkschaft.
Alle diese Gewerkschaften arbeiten gemeinsam mit den uebrigen kleineren Verbaenden unablaessig an der wirtschaftlichen Besserstellung der Arbeiterschaft. Dies ist jedoch nicht nur auf dem
",'ege ueber Tarif Verhandlungen geschehen, sondern auch durch den
Einfluss der Gewerkschaften auf die Arbeitsgesetzgebung. So betrug die Zahl der Arbeitsstunden in der V.'oche bereits im vergangenen Jahr durchschnittlich -±0 Stunden, waehrend vor 5C .Tahren im
Durchschnitt 59 Stunden das uebliche waren. Die loehne des Jahr??,
1900 sind schwer mit denen von heut3, in Dollar berechnet, zu ver- 7-

�gleichen, aber der heutige Durchschnittswochenlohn von 57 Dollar
fuer einen Fabrikarbeiter ist, in Kaufkraft gerechnet, mehr als
don^alt so hoch als im Jahre 19C0.
Andere gewerkschaftliche Erfolge wurden vor allem auf dem
Gebiet der Arbeitsbedingungen und der Sozialversicherung erzielt.
Heute konzentriert sich das Interesse
der Göwerkscheften auf Unterstuetzungseinrichtungen, auf:Kranken- und Rentenversicherungen.
Im vergangenen Jahr haben die Stahl- und die Automobilarbeiter
neue Tarifvertraege unterzeichnet, in denen eine Mindestpension
von 100 Dollar im Monat festgelegt ist.
Die Gewerkschaften waren sich sehr frueh darueber im klaren,
dass nur dann Erfolge bleibender Natur erzielt werden koennen,
wein auch auf das politische Geschehen Einfluss genommen wird.
Sie blieben aber.voellig undoktrlhaer in ihrem politischen Charaktar, sie konnten somit auch nicht sozialistisch orientiert sein.
Die sozialistische Partei ist in den Vereinigten Staaten ebenso
klein und einflüsslos wie andere Splitterparteien, sie hat weder
im Kongress noch im Senat auch nur einen einzigen Vertreter. So
er°;ab sich fuer die amerikanischen Gewerkschaften das eigenartige
Bild, das sie in dem einen Staat fuer die Kandidaten der demokratischen, in dem anderen fuer den der republikanischen Partei
sich einsetzten. Die Hauptsache war nicht die Partei, sondern
die Persoenlichkeit - zeigte sich diese als Freund der Arbeiterschaft und als Gegner des Unternehmertums, so war sie der Unterstuetzung der Gewerkschaften sicher.
Diese Periode der gewerkschaftlichen politischen Arbeit erfuhr jedoch eine Aenderung, als 1946 das Taft-Hartley-Gesetz angenommen wurde, das die Gewerkschaften, wie von ihror Seite aus immer
wieder betont wird, in ihrer Arbeit schwer behindert. Seit jener
Zeit wurden immer staerker die Demokraten unterstuetzt. Hier
haben die Gewerkschaften auch im Laufe der Zeit einen nicht unbetraechtlichen Einfluss gewonnen. Der Gedanke, eine eigene Arbeiterpartei zu gruenden, ist immer wieder verworfen worden, da allgemein die Ansicht vorherrscht^, es sei besser, in einer der bestehenden Parteien eine genuegende Staerke zu entwickeln. Zu gleicher
Zeit begannen die Gewerkschaften damit, die praktische Schulungsarbeit einzufuehren und die Organisation weiter auszubauen.
Heute beschaeftigen die groesseren gewerkschaftlichen Verbaende hauptamtliche Sekretaere, die einzig und allein fuer die politische Arbeit verantwortlich sind. Sie verfuegen ueber einen
Stab hauptamtlicher Sekretaere, die auch in der Zeit zwischen den
Wahlen ununterbrochen taetig sind. In besonderen Kursen wird die
politische Situation erlaeutert, aber im Vordergrund steht die
politische Schulung, wobei die Hoerer nicht nur in die Gesetzgebung und die kommende politische Entwicklung eingefuehrt werden,
a andern zugleich die Technik und die Praxis des Vfehlkampfes kennen
lernen. Diese konsequente politische Schulungsarbeit hat dazu gefuehrt, dass die Vorstaende der Demokratischen Partei der meisten
grossen noerdlichen Industriestaaten entweder Gewerkschaftsfunktionaere oder Persoenlichkeiten sind, die mit den Bestrebungen der
Gewerkschaften stark sympathisieren. Die fruehere Form der Parteimasehinerie besteht im Grunde nicht mehr, wie es noch vor zehn
-Jahren der Fall war. Heute stehen an der Spitze der oertlichen
Parteiorganisation der Demokraten sehr haeufig Gewerkschafter, die
die sogenannte Kleinarbeit darchfuehren und vor allem die Werbetrommel ruehren. Es kommt hinzu, dass neben dem gewerkschaftlichen
Einfluss in den einzelnen Ortsgrunpen auch auf der Landesbasis eine
staendigo Einvernahme zwischen Gewerkschaften und demokratischen.
Politikern die Regel ist.
- 8-

�yoch auf einen anderen Erfolg der Gewerkschaften muss hingewiesen werden, auch wenn diese Politik fuer den Aussenstehenden
nicht allzu wichtig erscheint. Die gewerkschaftliche Arbeit ist
Iraner staerker in den Gemeinden zu verspueren. Zwar ist diese
Entwicklung nur allmaehlich vor sich gegangen. Es^muss vorausgeschickt werden, dass es in den einzelnen Gemeinden eine groessere
Anzahl Buergervereinigungen gibt, die nicht selten ziemlich offen
recht eigennuetzige Ziele verfolgen. Sie verfuegen oft ueber nicht
allzu viele Mitglieder, die jedoch durch eine geschickte und
zweckmaessige Publizitaet mehr als wettgemacht wird. Gerade diese
Zersplitterung der Interessen, die Vielfalt und die gegenseitige
Konkurrenz der Buergervereine erleichterte es den Gewerkschaften,
sich in der Kommunalarbeit sehr schnell durchzusetzen. Heute sprechen die Stadtvaetsr zumeist zuerst mit den Gewerkschaften ueber
ihre Plaene, um ihre Unterstuetzung zu gewinnen. Willigen die Gewerkschaften ein, wobei nicht selten die Plaene einige Aenderungen
erfahren, so werden die Gewerkschaftsmitglieder ueber die Projekte
unterrichtet und sie helfen dann, dass diese Projekte verwirklicht
werden koennen. Die Gewerkschaften selbst sorgen dann fuer die
notwendige Propaganda, wobei auch die erforderlichen finanziellen
Mittel zur Verfuegung gestellt werden.
Die Arbeit in den Kommunalverbaenden hat indirekt den Wirkungsbereich der Gewerkschaften betraechtlich vergroessert. Es
liegt auf der Hand, dass sich in den kommunalen Koer^rschaften
Vertreter der Gewerkschaften und der Unternehmer begegnen. In diesen Verhandlungen waren die beiden Interessentenvertreter oft der
gleichen Meinung, wenn es sich um Antraege handelte, die dem wohlverstandenen Nutzen der Gemeinde diente. Die in diesen Verhandlungen zutage tretende Atmosphaere der gegenseitigen Achtung und
v/ertschaetzung fuehrte dazu, dass auch bei Tarif Verhandlungen eine
entspanntere Situation gegeben war. In jedem Falle haben die Gewerkschaften durch ihre uneigennuetzige Taetigkeit in den Gemeinden sich sehr viele Sympathien erworben. Den Beweis hierfuer lieferte der grosse Streik der Stahl- und Automobilarbeiter im Jahre
1946, der bei den Gemeindevertretern eine wohlwollende Sympathie
fand - frueher bedeutete jeder Streik fuer den Buerger eine scheussliche Angelegenheit. Ebenso ist der wachsende Einfluss der Ortsgewerkschaften auf die Unzahl der. Buergervereine nioht zu verkennen,
mit der Unterstuetzung der Gewerkschaften geht es zumeist leichter
und flotter. Natuerlich buerden sich die Gewerkschaften mit diesem
neuen Arbeitsgebiet eine viel groessere Verantwortlichkeit auf,
aber sie foerdern damit indirekt ihren organisatorischen Einfluss
und ihre Staerke.
Die amerikanischen Gewerkschaften haben aber nicht nur in der
Innenpolitik eine wichtige Rolle gespielt, sie haben nach dem Kriege
einen ebenso bedeutungsvollen Einfluss auf die Aussenpolitik erzielt.
Als Beispiel sei nur erwaehnt, dass Minister Marshall, kurz nachdem er die Idee des Marshallplanes herausstellte, er eine seiner
ersten eingehenderen Reden ueber diesen Plan'auf dem CIO-Kongress
hielt. Der CIO unterstuetzt trotz aller wuetenden Angriffe der
Kommunisten diesen Plan, die damals noch ueber eine nicht unbedeutende Anhaengerschaft verfuegten. Die Gewerkschaften hatten somit
eine umfassende Aufklaerungsarbeit zu leisten, um ihre Mitgliedschaft von dem Zweck und dem Nutzen des Marshallplans zu ueberzeugen. Das war umso notwendiger, als dieser Plan fuer die amerikanische Bevoelkerung hoehere Steuern und hoehere Preise bedeutete die Gewerkschaften setzten ihren ganzen Apparat ein, um jedem zu
erklaeren, dass dieser Plan eine absolute Notwendigkeit sei, wenn
die Freiheit weiter am Leben bleiben soll. Und der amerikanische
Gewerkschafter und der amerikanische Buerger begriffen sehr bald,
dass In seinen Lande nur dann Sicherheit und Freiheit gewaehrleistet
- 9 -

�ist, wenn auch anderen Voelkern und Staaten Freiheit und Sicherheit
erhalten bleibt.
In der /ashinrtoner Zentrale der l^rshallnlanverwaltunp: bildet
die Abteilung der ^-.rbeitsattachees eine der wichtigsten. iTeder
SCA-Klsslon gehoeren wiederum mehrere Arbeitsattachees an, die zumeist fruehere fuehrende Gewerkscnaftsfunktionaere sind und im Interesse der Sache diese Posten uebernommen haben. Der ii-influss der
Arbeitsattachees hat auf die Aussenpolitik der amerikanischen Regierung starke Wirkungen ausgeuebt, zumal die Leiter der auslaendischen SCA-Mis3ionen ebenfalls haeufig massgebliche Gewerkschafter waren. Auch die Vereinten Nationen, die Amtsstellen des
Atlantikpaktes, die des lülitaerisehen Hilfsplans und aehn] icher
Organisationen auf uebernationaler Basis zaehlen in ihren Reihen
bekannte Gewerkschafter, sie werden alle von den Gewerkschaften unterstuetzt und gefoerdert. Und diese Foerderung ist keineswegs nur
diatonischer Natur oder ein blosses Lippenbekenntnis, der gesamte
gewerkschaftliche Schulungsdienst widmet sich der auf'klaerungsarbeit fuer diese Aktionen und Plaene, wobei natur^emaess der gewerkschaftliche Standpunkt herausgestellt wird.
Diese unablaessige Schulungsarbeit hat bereits dazu gefuehrt,
dass die amerikanischen Gewerkschaften bestimmte Gesichtspunkte in
den Vordergrund stellen konnten, die sich nach und nach in der amerikanischen Gesamtpolitik auch durchsetzten. Heute ist es bereits
Allgemeingut geworden, dass wirtschaftliche Sicherheit gekoppelt
sein muss mit Vollbe-^chaeftigung und einem zunehmenden Lebensstandard; erst diese Verbindung ergibt die Basis fuer eine gesunde Demokratie. Wirtschaftlicher V.'ohlstand allein kann jedoch niemals
die Sicherheit der freien Voelker garantieren, die durch Aggressionen bedroht werden. Und hier ist die Basis fuer den Atlantikpakt
gegeben, denn nur in der Zusammenarbeit liegt die Staerke. Wenn
der Frieden erhalten bleiben soll, dann muss in gemeinschaftlichem
Handeln alles gesciiehen, um jede Aggression zu vermeiden.
Eugenie Anderson wies an dieser Stelle darauf hin, da33 es fuer
sie eine Ermutigung ist, dass auch Daenenark wie so viele anderen
freien Laender sich dem Atlantikpakt angeschlossen haben. Die duenisenen Gewerkschaften viie auch jene dar anderen freien Demokratien
hüben diesen Bestrebungen ihre volle moralisch Unterstuetzung re..aehrt. Die Politik der Ge.,erkrchaften dient der Sicherung des
Friedens, aber auch dem Prinzio Freiheit und Brot fuer jeden Buerp-er.
Die Gewerkschaften wissen aber ebenso gut, dass nur eine gegen jede
Aggression gerichtete Politik sie vor dem Schicksal bewahren kann,
Instrumente eines autorltaeren Staates zu werden, dem Freiheit und
Sicherheit de3 einzelnen ueberhaunt nichts mehr bedeuten.
In diesem Kampf stehen die Gewerkschaften jedoch keineswegs
allein, sie werden unterstuetzt von der breiten Uasse der Buerger
aller demokratischen Staaten - und dadurch haben sich die Gewerkschaften innerhalb von zehn fahren eine ^chtung und -Vertschaetzung
erworben, die einen staendig groesner werdenden Einfluss auf das
weltpolitische Geschehen zur Folge hat. Hit ihrem tiefen Glauben
an die Demokratie, an Freiheit, Sicherheit und Brot haben sie den
Weg gemeinsamer Zusammenarbeit vorgezeichnet, der von den daenischen
wie allen anderen we"teuropaeischen und aussereuropaeischen Gewerkschaften voller Eintracht beschritten ist.
Labor Information FYI 170
YEBRJKAPITALIEN FUER A N L A G E G U E T E R VLRFUEGBAR
Die allgemeine Aufwaertsentwicklung ist eines der Hauptmerkmale
der !.larkterweiterungspolitik und dem Kapitalinvestierungsprogramm
- 10 -

�der amerikanischen ..irtschaft. Steigende Umsaetze und Gewinne in»
Verein r.it doif drohenden Beschraenkunrsmassnahmen haben angesichts
der internationalen Situation dazu beigetragen, auf die Investitionsentschluesse einen massgeblichen Einfluss zu gewinnen.
Der .nnlapewert der in zweiten Halbjahr 1950 geplanten Anlagen
hat einen Gegenwert von 9,8 Milliarden Dollar, er liegt somit in
gleicher Hoehe mit jenem Hoechstwert des Jahres 1948 und ist etwa
9?, hoeher als die Spitzenwerte der letzten sechs Monate des Jahres
1949.
Die ausgearbeiteten Plaene fuer das dritte und vierte Quartal
des Jahres 1950 sind in jeder Industrie ausserordentlich bedeutsame, sie betreffen sowohl die Anlagen als auch die Ausruestung der
geseilten Industrie.
Die Ausgaben fuer das dritte und vierte Quartal 1950 werden
auf 4,8 bis 5,1 Milliarden Dollar geschaetzt. Hierbei ist jedoch
zu beruecksichtigen, dass die Kosten fuer Neukonstruktionen und
«usruestungen stark angestiegen sind, nachdem in den ersten Monaten
des Jahres 1950, ein geringes absinken dieser Kosten festzustellen
war. Aus diesen gestiegenen Kosten ergibt sich, dass wahrscheinlich nur drei Fuenftel der Erweiterungsnlaene im Vergleich zu dem
Jahre 1949 durchgefuehrt werden, da zu jener Zeit die Kosten vvesentlich geringer waren und damals fuer die Gesamtolanunpen nur ein
Betrag von 4,4 bis 4,6 Milliarden Dollar hatte aufgewendet werden
muessen.
Da aber auch aus anderen Gruenden mit gewissen Beschraen'kungen
gerechnet werden mu3S, erscheint es sehr wahrscheinlich, dass ein
betraechtlicher Teil der fuer die Planungen bereitgestellten Kanitalbetraop-e ueberhaunt nicht fuer diese Zwecke verwendet werden kann,
i.us diesen C-ruenden rechnet man in Industriekreisen bereits damit,
d e s die Kt pitalfluessigkeit Anfang 1951 eine besonders hohe sein
wird.
"v'enn sich die gerenwaertigen Plaene noch durchfuehren lassen
und das letzte Vierteljahr des Jahres 1950 noch der Durchfuehrung
dieser Planungen dienen konnte, dann werden sich die Gesamtausgaben
fuer neus ^nlaren und Feuausruestungen in den Industrien der Vereinigten Staaten auf rund 17,9 Milliarden Dollar belaufen, das ist
nur \% weniger als im Jahre 19*9, wenn nur der Dollarbetrag als
solcher zugrunde gelegt wird, da die .'.'erto selbst sich nicht mehr
vergleicLen lassen« Das InvestitionsProgramm des Jahres 1950
schliesst vor allem die gewerblichen Industrien ein sowie die Stromund Gaserzeugungsanlagen, hier wurde fuer das Jahr 1950 ein um 8%
hoeheres Kapital als im Vorjahr den Planungen zugrundegelegt. Angesichts 4sr i-.östiegenen Kosten bedeutet dies Ergebnis natuerlich,
dass diese Planungen hinter den vorangeheaden -Yerten zurueckbleiben
mues ^en.
Einschliesslich der gewerblichen Industrie liegen alle "Innungen
der Industrie wesentlich ueber den Vorjahrskapitalziffern. Eine
ausnähme bilden hierbei jedoch die Textil- und A^parateindustrie,
*.ie "^etroleuraindustrie und die Industrie nicht-automatischer Trans~&gt;ortmittelausruestung. ^ie bedeutungsvollsten Investitionen des
Jahres 1950 sind in der Automobil-, der Elektroindustrie sowie in
dem Industriezweig der Steine und Erden zu finden - es sind zugleich
auch jene Industriezweige, in denen gegenwaertig die Machfrage und
damit die sehr hohen Gewinne besonders guenstig sind.
Labor Market 10/50
- 11 «

�P3NSTCTVTS?CETDS FUER IIOLLAETTDISCHE BAUARBEITER
Zweihunderttausend holLaendische Bauarbeiter, die bei dem
industriellen Pensionsfonds fuer Bauarbeiter in Holland registriert
3ind, werden in Kuerze Anspruch auf Alterspensionen haben. Unternehmer und Arbeiter werden jaehrlich Praemien in Hoehe von 20
Millionen Gulden hierfuer zahlen nuessen.
Der Pensionsbeitrag betraegt woechentlich 2 1/2 Gulden. Die
Hfllfjte dieses Betrages wird von dem Unternehmer gezahlt. Bit Inkrafttreten des Penslonsfonds werden die Bauarbeitjr eine Lohnerhoahung erhalten, damit sie diesen Beitrag ohne Einkorrimensverlust
zahlen koennen. Die Pension wird den Arbeitern gewaehrt, sobald
sie ein Alter von 65 Jahren erreicht haben.
ECA Labor Information
11/16/50
"HAUPTZIEL DES PUNKT-VIBR-PROGBAKMS IST PRODUKTIONSSTillGERUNG

Henry G. Benett erklaerte in seiner ersten oeffentlichen Rede
als Administrator des amerikanischen Punkt-Vier-Programms zur technischen Unterstuetzung, dass es der Hauptzweck dieses Programmes
seil mitzuhelfen, die Produktionsleistung der Arbeiter in den unterentwickelten Gebieten der Welt zu steigern.
"Wenn ein Volk im Hoechstmass produzieren kann, stehen ihm
auch Waren im Hoechstmass zur Verfüegung," sagte Benett in einer
Rede vor einer Gruppe amerikanischer Geschaeftsleute. "Es ist
dies eine einfache Lehre, die wir Amerikaner gelernt haben. Sie
hat fuer die ganze Welt Gueltigkeit."
Benett, der frueher Praesident der Hochschule fuer Landwirtschaft und Technik in Oklahoma war, wurde in der vorigen Woche
von dem Senat der Vereinigten Staaten als Administrator des
Punkt-Vier-Programms bestaetigt.
An seinem Programm arbeiten gegenwaertig 350 amerikanische
Techniker an Projekten in 36 Laendern. Hierzu gehoeren auch die
Projekte, die bereits in Bearbeitung waren, bevor das erweiterte
Programm fuer technische Zusammenarbeit in Kraft getreten war,
und solche, die im Rahmen von Punkt-Vier-Vertraegen begonnen wurden, die innerhalb der letzten drei Monate abgeschlossen wurden.
Benett wies darauf hin, dass das Punkt-Vier-Programm der
Vereinigten Staaten "ein bescheidenes Programm mit einem bescheidenen Budget von 34.500.000 Dollar fuer das laufende erste Haushaltsjahr ist. Das Programm ist in Wirklichkeit erst drei Monate alt. Das erste Jähr des Programms war vornehmlich der Planung, Personalauswahl und Stellenbesetzung fuer die neuen Projekte gewidmet. Wir hoffen, im naechsten Jahr und den darauffolgenden Jahren in der Lage zu sein, den Bedarf an Technikern zu
decken und die Gelegenheiten auszunutzen, die sich uns bieten."
Benett bezeichnete das Punkt-Vier-Programm fuer den Bestand
der Nation als "nicht weniger machtvoll und nioht weniger wesentlich" als die militaerische Verteidigung.
"Die militaerische Wiederaufruestung ist eine unglueckselige
NotwendigKeit. Aber die wirtschaftliche Entwicklung ist nicht
nur eine Notwendigkeit, sondern auch eine einzigartige Gelegenheit, die uns grosse Moeglichkeiten bietet. Es ist eine Gelegenheit, die Saat der Demokratie unter den Voelkern zu saeen,
- 12 -

�die sich nicht ;:.ehr laenger dar.it abfinden, dasc Armut, Krankheit
und Unwissenheit unvermeidliche Bestandteile des Lebens sein sollen. 2s ist eine Gelegenheit, ihren Fortschritt zu foerdern,
nicht, indem man ihnen dj.e amerikanische Lebensweise aufzwingt,
sondern ihnen hilft, sich selbst zu helfen. 2s ist eine Gelegenheit, neuen 'Wohlstand zum Nutzen aller freien Menschen zu schaffen. "
"Lateinamerika, üfrika, der Mittlere und der Ferne Osten
verfuegen ueber ungekannten Reichtum an natuerliehen Hilfsquellen, die darauf warten, erkannt, genutzt und in- den Dienst der
Menschheit gestellt zu werden, "fuhr Benett fort. "Die Menschen
dieser Gebiete benoetigen den Reichtum an Nahrungsmitteln und
Rohstoffen, der sie umgibt, gerade so wie wir. Auch die EuropBer
brauchen ihn, deren Industrien und deren Lebensweise von den
wichtigsten Produkten dieser Gebiete abhaengen."
"V/enn man netuerliche Hilfsquellen besitzt, braucht man zur
wirtschaftlichen 2ntwicklung Kapital," fuehr er fort und wies
insbesondere darauf hin, dass Kapital zur Schaffung der notwendigen Transportmoeglichkeiten notwendig ist. Er erinnerte an die
entscheidende Rolle, die auslaendisches Kapital bei der Entwicklung der Vereinigten Staaten spielte und sagte: "Ohne dieses
Kapital, ohne Wagnisse, Phantasie und Vertrauen waere es moeglich
gewesen, dass dieser hochindustrielle, zusammengeschlossene Kontinent Amerika bis zum heutigen Tage ein unterentwickeltes Gebiet
geblieben waere."
Benett deutele an, dass das Punkt-Vier-Programm selbst das
beste Mittel sein koenne, um den Kapitalfluss in Gang zu bringen,
und das "konkrete Ergebnis" der Zusammenarbeit wuerde guenstige
politische und wirtschaftliche Bedingungen schaffen.
Selbst wenn natuerliche Hilfsquellen und Kapital vorhanden
waeren, bliebe der Kern des Problems der wirtschaftlichen Entwicklung bestehen: "Die Produktionsleistung des Einzelnen, die
Lebensmoeglichkeit, das benfliehe Koennen und der Unternehmungsgeist, die es den Menschen ermoeglichen, sich ein Leben in Wohlstand zu erarbeiten."
Es sei das Ziel der technischen Experten der Vereinigten
Staaten, anderen Voelkern bei der Steigerung ihrer Produktionsleistung zu helfen. 2r ging &amp;uf ihre Taetigkeit ein und erklaerte:
"Sie arbeiten hauptsaechlich auf drei Gebieten: Gesundheit, Nahrungsmittelerzeurung und Erziehung. 2s ist ein Missverstaendnis,
wenn die Allgemeinheit der Auffassung ist, dass durch das PunktVier- Programm Fabriken, Staudaemme und Kraftwerke gebaut werden.
Eines Tages vielleicht, aber noch nicht jetzt, «ir muessen mit
den einfachen, notwendigsten Beduerfnissen beginnen. '«Vir muessen
dort beginnen, wo es um den Menschen geht."
Daily Wireless Bulletin
XII/13/50
LEITER DES EGA FORDERT GERECHTEREN ANTEIL FUER DIE ARBEITER
'.Villiam C. Fost^r, der Administrator der SCA, hat vor dem
hoechsten Planungsausschuss des europaeischen Wiederaufbaupropramms
erklaert, dass die westeuropaeischen freien Gevverkschaf ten mit
Recht eine gerechtere Verteilung der Fruechte der gesteigerten
Produktionsleistung fusr die Arbeiter forderten.
In einer Rede vor dem Ministerrat der Organisation fuer die
Wirtschaft!ich3 Zusammenarbeit Europas (OSES), der die Verwendung
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�der "arshall-^lan-Oelder plant, eroerterto Foster die gegenwaerti^o wirtschaftliche Lage in Westeuropa und ging in besonderen auf
die Probiene der freien Arbeiterschaft ein.
"Eine gerechtere Verteilung der Fruech'te der Produktionsleistung ist ein sehr bedeutungsvolles Problem, de... '"esteurooa heute
gsgenuebersteht. Die freien Gewerkschaften koennen mit Recht darauf bestehen, dass die Arbeiter fuor ihre produktivere Arbeit gerecht belohnt werden. Pur wenn das Los aller Menschen der Welt
verbessert wird, kann die Demokratie auf einer stetigen fortschrittlichen Grundlage ihren Krieg gegen den Totalitarisnus gewinnen. •
Auf die wirtschaftlichen Probleme eingehend, die sich mit
der Notwendigkeit der Wiederaufruestuns: fuer Westeuropa ergeben
haben, betonte Poster, dass ein ".gesundes Gleichgewicht zwischen
militaerlschen Ausgaben und denen, die die zivile .Virtschaft staerken helfen, gehalten werden muss.
w

Der Fabrikarbeiter ist nicht weniger als der Soldat darauf
angewiesen, dasa er genug zu essen hat. «Vir brauchen Brot und
Waffen."
Foster forderte ausserdem die Vertreter der OEEC auf, sich
dafuer einzusetzen, den Wert der westeuropaeischen Produktion
bi3 zu dem Zeitpunkt, an dem der llarshall-Plan im Jahre 195£ enden soll, um 100 Milliarden zu erweitern. Eurooa koenne dieses
Ziel erreichen, wenn auch in Zukunft mit dem gleichen ^ifer und
dem bleichen Geist* der Zusammenarbeit wie bisher an dem iederaufbauprogranm weitergearbeitet wird.
"Die wirtschaftliche Staerke, die in dieser Ziffer zum Ausdruck kommt, koennte nicht nur einen viel besseren Lebensstandard fuer die "enschsn Europas zur Folge haben, sondern auch
eine militaerische Staerke, vor der jeder Aggressor unbedingt
Halt machen duerfte."
In Beantwortung einer auf einer Pressekonferenz gestellten
Frage betonte Foster, dass die ECA fortfahren werde, einen besseren Lebensstandard in Europa als einen wesentlichen Teil der Verteidigung der Demokratie gegen die Aggression anzustreben.
Er begruesste insbesondere, dass Warshall-Plan-Gelder bereits fuer die Erstellung billiger i.rbeiterwohnun^en verwendet
wurden, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die europaeischen Regierungen aehnliche Projekte dieser Art in Angriff nehmen. .Viederaufoauprojekte koennten im Rahmen der koonorativen struktur
des Programms nur durchgefuehrt werden, wenn die westeuropaeischen Regierungen darum ersuchten.
ECA Labor Information
12/4/50
WILL IAH GREZTC FORDERT r. QFORTICL, ?REIc 7. 3-TTR OLLEW
William Green, der Vorsitzende der AFL, forderte die Delegierten zweier AFL-Kongresse auf, fuer die sofortige Einfuehrung
von Preiskontrollen und fuer Lohnerhoehungen zu kaempfen, um das
Preis-Lohnverhaeltnis wie vor Koraa wiederherzustellen.
Er sagte, das amerikanische Volk 3ei bereit, Orfer zu bringen, um den sowjetischen Imperialismus aufzuhalten, es verlange
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�iedoch "gleiche Opfer von allen" und verwerfe es, dass seine Steuern erhoeht wuerden, waehrend die Unternehmer uebermaassige Gewinne
anhaeuften.
Er erklaerte ausserdem, dass mit der Lohnstabilisierung in
irgendeiner Form zu rechnen sei, die Loehne aber nicht eher gestoppt
wuerden, als bis sie den Preisen angeglichen waeren.
"Die Form der Lohnstabilisierung ist besonders wichtig," sagte Green. "Wir lehnen grundsaetzlich alle ruecksichtslosen Methoden ab, die Lohnveraenderuncren mit Veraenderung.en der Lebenshaltungs
kosten verbinden wuerden. Es muss immer genug Spielraum fuer
Lohnveraenderungen bleiben, um Ungleichheiten innerhalb der Betriebe und der Industrie zu beseitigen und die Loehne bei gesteigerter
Produktionsleistung erhoehen zu koennen."
Green sagte ferner, die weniger wichtigen öektoren der Bauindustrie sollten abgebaut werden, noch bevor das Wohnungsbauprogramm reduziert wuerde. Die ^FL wuerde ihren Kampf um ein angemessenes Wohnungsbauprogramm fortsetzen.
Der AFL-Vorsitzende forderte die Delegierten der Elektroarbeitergewerkschaft auf, sich an dem Kamof gegen das Taft-KertleyG^setz zu beteiligen. Dieses Gesetz stuende den Verteidigungsbemuehunsen im "'ege, indem es den Gewerkschaften verbiete, Arbeiter
fuer Arbeitsplaetze heranzuziehen, die schwer zu besetzen sind.
"Der groesste Beitrag, den der Kongress zu den Verteidigungsbemuehungen leisten koennte," sagte er, "waere der sofortige
Widerruf des Taft-Eertley-Gesetzes. Man hat uns den Vorwurf gemacht, wir weigerten uns, in Bezug auf dieses Gesetz Zugestaendnisse zu machen. Warum sollten wir uns auf Kompromisse einlassen?
,'uerden wir mit dem Kommunismus oder irgendeiner anderen Macht,
die bestrebt ist, uns zu vernichten, Kompromisse schliessen? Es
waere nicht nur unklug, es zu tun, sondern auch unmoralisch."
Eine starke Gewerkschaf tsbev.egung ist eine der Garantien dafuor, dass wir in den Vereinigten Staaten niemals wieder eine
grosse wirtschaftliche Depression erleben muessen, erklaerte der
amerikanische Arbeitsminister Maurice -T. Tobin vor einer Versammlung der Elektroarbeitergewerkschaft. .."eitere Garantien gegen eine
Depression sind: Eine ausreichende Arbeitslosenversicherung, die
den Arbeitslosen hilft, ihre Kaufkraft zu erhalten; Gesetze ueber
T'ine'est loehne, die die Lohnstruktur bei einem Ueberangebot an ,,rbsitskr«, eften nach unten begrenzen; ein widerstandsfaehiges Banksystem; gesicherte Einko.jnen in der Landwirtschaft, die nicht .von
den Schwankungen der Preise fuer Verbrauchsgueter abhaengig sind;
und schliesslich eine Regierung, die nicht laenger untaetig mitansieAt und zulaesst, dass die '.Virtschaft des Landes in ihren alton 3ahnen weiterlaeuft, so wie es ihr beliebt.
Tobin riet den Delegierten dringend, gegen die Inflation und
die 3ehauptunr anzukaompfen, dass hoehere Steuern unvermeidlich
waeren. Die Gefahr einer Inflation sei nicht in dem /.ugenblick beendet, in de::: die amerikanischen Soldaten Korea verliessen, weil
bereits Milliarden Dollar fuer Ruestungszwecke bestimmt seien.
Er erklaerte ferner, der Praesident
gewisse Kontrollen auferlogen, aber eine
ternehmer und Gewerkschaften koenne ihre
schwaechen und den Umfang der Kontrollen

muesse wahrscheinlich
wirksame Lenkung durch Unnachteilige Wirkung abeinschraenken.
Daily News Service
1/17/50

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�PARKMAN:

WELTFRIEDE EA3K0T VCK DER HALTUNG SURQPAEISCHER ARBEITER

"Die Verteidigung der freien Welt und folglich auch der Friede
in der freien Welt haengen zum grossen Teil von der Haltung der
europaeischen «rbeiter ab," erklaerte Henry Parkman, der Leiter
der SCA-Mission fuer Frankreich.
In einer Rede in Marseilles brachte Parkman unlaengst erneut
zum Ausdruck, dass die Marshall-Plan-Beauftragten in einem hoeheren Lebensstandard der Arbeiter auch weiterhin ein Hauptziel des
Wiederaufbauprogramms sehen werden.
"Wir haben Frankreich geholfen, sich aus seinen Ruinen zu erheben, seine Industrie neu auszuruesten und zu modernisieren. Die
Menschen jedoch, fuer die diese Industrie besteht, naemlich die
kleinen Leute auf der Strasse, haben immer noch das Gefuehl, dass
sie am Rande eines Abgrundes leben. Sie leben zwar besser, aber
immer noch nicht gut genug. Es scheint mir, dass sie der Ueberzeugung sind, an den Fruechten das Wiederaufbaus ihres Landes nicht so
beteiligt zu werden, wie sie es verdient haben."
Dieses Problem, so hob der Leiter der ECA-Mission hervor, sei
in Anbetracht der'gespannten internationalen'Lage kein rein internes Problem mehr der einzelnen Laender.
"Der Weltfriede haengt, wie ein Agent des Kremls vor einiger
Zeit erklaerte, nur noch an einem Faden," fuehrte Parkman aus. Er
hat Recht. Ich moeehte hir.zufuegen: die Verteidigung d\r freien
Welt und demnach auch der Weltfriede haengen zum grossen Teil von
der Haltung der europaeischen Arbeiter ab. Armut ist, wie wir alle
wissen, die beste Brutsta^tte fuer den Fanatismus."
Parkman verurteilte die Machenschaften der Stalinisten, die
versuchten, die franzoesische Gewerkschaftsbewegung in einem Augenblick zu schwaechen, in dem sie gegebene Gelegenheiten wahrnehmen muesste, den Lebensstandard der Arbeiter zu verbessern. Eine
erhoehte Kaufkraft sei sowohl fuer die Arbeiterschaft als auch fuer
die Unternehmer von groasster Wichtigkeit, weil die Industrie ohne
eine Erweiterung der Kaufkraft sich nicht ausdehnen koenne.
Der Wohnungsbau sei ebenfalls ein wesentlicher Faktor in den
7/iederaufbaubestrebungen, fuhr Parkman fort, und seine Verwaltung
"begruesse mit grosser Genugtuung den Vorschlag der franzoesischen
Regierung, zwoelf Milliarden Franken aus Gegenwertfondsmitteln
fuer den Bau billiger Wohnungen bereitzustellen. Dies scheint der
Anfang einer wirklich grossen Anstrengung auf diesem Gebiete zu
sein."
"Der europaeische Wiederaufbau ist nicht nur ein technisches
und materielles, sondern auch ein psychologisches und moralisches
Problem. Es ist notwendig, fuer den Wohlstand des Landes zu arbeiten, und die Arbeit fuer den Wohlstand ist auch eine Arbeit fuer
die Sicherheit. Die Buerger werden dadurch staerkere und einleuchtendere Gruende haben, zur Verteidigung ihres bedrohten Erbes zu
kaerapfen."
ECA Labor Information
10/31/50
- IG -

HUOG (19-12-50) ao.

suc

�International«

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Aaszüge aas der amerikanischen Presse and anderen Quellen dar nnd dienen
dar Information deutscher Redakteare, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
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Hohes Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
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III - 42

Frankfurt, 22. Dezember 1950

I N H A L T S V E R Z E

I C E N I S

Gewerkschaftliche Einigkeit ist notwendig - Die GewerkschaftsDewegung in Uruguay- - - - Nationalkonferen2 fuer Arbeitsgesetzgebung
tritt zusammen - - - - - - - - - - - - - Die Jugend muss beim Eintritt in das Berufsleben unterstuetzt werden - - - - - - - IBFG erfolgreich im Kampf gegen den
Komuunismus - - - - - - - - - - - - - - Die Hilfe fuer Jugoslawien, China und Argentinien und der Standpunkt der AFL - - - Verbesserungen der Sozialversicherung
Amerikas gefordert - - - - - - - - - - - Aussenpolitische Erklaerung des CIO zur
Vereinigung Europas - - - - - _ _ - _ _ Selbstaendigkeit der Marshall-Plan-Laender
ist garantiert - - - - - - - - - - - - - ECA-Leiter fordert hoeheren Lebensstandard
fuer Europa - - —
- - - _ - _ - . _ _ _
ILCWU wuenscht neues Invalidenschutzgesetz -

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AI Eayes, Vorsitzender der Nationalen !.5aschinisten Gewerkschaft:
GII.TERKSCKATTLICliE EINIGKEIT IST NOTWENDIG
Jeder von uns ist an der Gestaltung unserer Geschichte beteiligt. Y'enn wir keinen konstruktiven Einfluss auf sie ausueben, so
beeinflussen wir sie durch eigene Schuld in negativem oder schaedlichem Sinne. Das Lebenswerk Samuel Gompers war die Schaffung der
organisierten Gewerkschaftsbewegung Amerikas. Es ist sein Vermaechtnis an die Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten. Dieses
Vermaechtnis ist nicht auf eine bestimmte Gruppe Gewerkschaften
beschraenkt. Es stellt vielmehr die allgemeine Einstellung der
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�Gewerkschaftsbewegung einer Anzahl Prinzioien und den Kollektivverhandlungswesen gegenueber dar. Es steht im Zusammenhang nit der
Solidaritaet der Arbeiterschaft auf der ganzen Welt. Die Philosophie Gompers gruendete sich auf die Erkenntnis "Einigkeit nacht
stark." Und diesen Rat gab er freimuetig allen Arbeitern der ganzen Welt.
Diese Wahrheit beleuchtet das ungeheure Problem, den die Gewerkschaften zur Zeit gegenueberstehen, und stellt die uebrigen
Probiene der Gewerkschaftsbewegung weit in den Schatten.
Die organisierte Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten bildet keine vereinigte Organisation, und diese Desorganisation hindert sie daran,# sich ihrer historischen Verantwortung der Arbeiterschaft gegenueber zu unterziehen. Ausserdem nacht diese Spaltung
innerhalb der Reihen es der Gewerkschaftsbewegung unnoeglich, ihre
recl.tnaessige Rolle zu spielen und eine demokratische Reniierungsform in den Vereinigten Staaten und sonstwo in dieser äusserst zerruetteten und tragischen ".Veit zu erhalten.
Wie verheerend sich eine Gewerkschaftsbewegung, die gegen sich
selbst aufgespalten ist, auswirken kann, ist fast bei jeder normalen Organisierungskampagne in den Vereinigten Staaten ersichtlich.
Wenn sich dieser Werbsfeldzug auf eine betraechtliche Anzahl unorganisierter Arbeiter erstreckt, konkurrieren in allgemeinen zwei
oder drei oder nanchnal noch mehr verschiedene Gewerkschaften miteinander. Sie benuehen sich um die Aufmerksamkeit und die Gefolgstreue der Arbeiter fuer eine bestimmte Gewerkschaft und nicht fuer
alle Gewerkschaften. In jedem Falle besteht die Moeglichkeit, Ätna
die Mehrheit dieser Arbeiter der Gewerkschaftsbewegung voellig
fremd gegenuebersteht. Wie kann eine Gewerkschaft in einer solchen Situation ihre Werbung so durchfuehren, dass sie nicht die
Grundlagen der Solidaritaet unterminiert, auf denen die Gewerkschaftsbewegung ruhen muss?
Warum vergeudet die Gewerkschaftsbewegung ihre Energie und
onfert ihren Einfluss und ihre Schlagkraft, indem sie sich um
einige zehntausend bereits organisierte Arbeiter streitet, wenn
noch 43 Millionen Arbeiter nicht organisiert sind? Dies sind sehr
unangenehme Fragen, weil es keine vernuenftigen Antworten darauf
gibt.
Frueher wandten gewerkschaftsfeiadliche Unternehmer viel
Energie und Geld auf, un die Gefolgstreue der Arbeiter zur Gewerkschaftsbewegung zu erschuettern. Sie waren in allgemeinen bestrebt, Zwietracht zu stiften und dadurch die Arbeiterschaft zu
beherrschen. Heutzutage snalten und erschuettern einzelne Gewerkschaften selbst ihre eigenen Grundseetze, ohne dass sie hi :rzu
von einen feindlich gesinnten Arbeitgeber gezwungen waeren. Vie
lange dauert es, um die '"unden eines erbitterten Konkurrenzkampfes
der Gewerkschaften zu heilen? Wie lange dauert es noch, bevor
eine wirklich machtvolle Gewerkschaft beanspruchen kann, eine geeinigte Organisation zu sein? Man frage nur irgendeinen praktischen Organisator, der heutzutage diese Ziele erstrebt. Wie wirken sich diese Spaltung und Erbitterung auf die Verhandlungen mit
den Unternehmern aus? Man frage irgend jemanden, der fuer seine
Gewerkschaft Verhandlungen fuehrt und nach einer solchen Kamnagne
einen Vertrag ausarbeitet.
Wie ganz anders waere es, wenn eine Gewerkschaft odor eine
GrupDe verwandter Gewerkschaften ohne die Einmischung einer konkurrierenden Gewerkschaft arbeiten koennten. Die Tatsache, dass
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�jeder einzelne in jeder Situation organisatorisch taetig sein
muss, duerfte ein Deweis dafuer sein, mit welchem Erfolg dies getan werden kann, wenn die Zwietracht in der Gewerkschaftsbewegung
nicht bestuende. Es gibt noch andere entscheidende und dringende
Gruende fuer die Notwendigkeit, die Gewerkschaftsbewegung zu
einigen.
Tatsaechlich s.tsht die Arbeiterschaft seit Beendigung des
letzten Krieges in dir Defensive. Alle Kraft und einen grossen
Teil der Hilfsquellen nuessen aufgewendet werden, wenn kein Boden
verlorengegeben und Schritt fuer Schritt langsam vorwaertsgekommen werden soll. Die amerikanische Arbeiterschaft befindet sich
in einer anti-gewerkschaftlichen Atmosphaere, die vor kurzem noch
oro-gewerkschaftlich gestimmt war und den Gewerkschaften die
guenstigste Stellung einreeumte, die sie je in den Vereinigten
Staaten innehatte. V/as durch die eigene Zwietracht verloren
geht, ist vor allem dann zu ermessen, wenn ueberlegt wird, wie
stark die Gewerkschaften trotz der Spaltung in ihren eigenen Reihen noch immer sind. Es ist nicht schwierig,sich vorzustellen,
um wieviel staerker der Kampf gegen gev.erkschaftsfeindliche Kreise waere
wenn die Arbeiterschaft einir weere. Heutzutage sind
rund 15 Millionen arbeitende I'aenner und Frauen in festgefuegten
und verantwortungsbewussten Gewerkschaften organisiert. Diese
Gewerkschaften repraesentieren und handeln oraktisch fuer alle
Arbeitnehmer der lebenswichtigsten Industrien. Ihre Mitglieder
bilden das hochge~chulte Schlue.;selpersonal der amerikanischen
Industrio gemeinsam mit der ..eniger geschulten, aber deshalb
nicht weniger vvesentlichen Erwerb.sbevoelkerung. abgesehen von
der strategischen Bedeutung ihrer Funktionen innerhalb der Industrie bilden sie als Sektor der Bevoelkerung die groesste organisierte Gruppe der Vvirtscnaft.
Welche Rolle muesste eine Organisation solchen Umfangs normalerweise und besonders in der heutigen Zeit in den Vereinigten
Staaten spielen, in der die Nation in eine internationale Krise
verwickelt ist, die so schwierig und so gefahrvoll ist wie nie
zuvor in der Geschichte unseres Landesl Die Antwort auf diese
Frage heisst: Die Gewerkschaftsbewegung muss eine Rolle spielen,
die an Bedeutung und Einfluss hinter keiner anderen Gruppe zurueckstehen darf.
In der internationalen Krise gibt es besondere Gruende fuer
eine derertige Rolle der Gewerkschaftsbewegung. Dieses 'Veltrinsren
dreht sich um die Lebensweise. 2s dreht sich um die Regierungsformen und ist eine Kraftprobe zwischen Demokratie und Totalitär ismus , ein Kampf zwischen ^'unerika und Russland.
Wo ist der Platz der Gewerkschaftsbewegung in diesem Kaimf?
In welcher Beziehung steht die Zwietracht zu -diesem viel groesseren Problem? Was haben die kleinen Streitigkeiten zwischen den
Gewerkschaften mit diesem grossen Konflikt zu tun? Hierueber kann
es nur eine Meinung geben!
Um ihrer Verantwortung: gep:enueber den amerikanischen Arbeitern und ^merika gerecht zu werden, muss die Gewerkschaftsbewegung
die Interessen der Arbeiterschaft bei jeder Gelegenheit in der
diplomatischen oder politischen '.Valtkontroverse vertreten. Hierzu ist 3ie aufgrund der Besonderheit dieser Streitickeiten verpflichtet. Die Interessen #der Arteiterschaft stehen im Vordergrund vor allen anderen Interessen. Russland appelliert in seinem Streben um die 7/eltnacht direkt und ausschliesslich an die
Arbeiterschaft.

�Nie zuvor in der amerikanischen Geschichte lag es im Interesse der Wohlfahrt des ganzen Landes so wesentlich begruendet wie
letzt, dass die Gewerkschaftsfuehrung vor der Welt demonstriert,
was eine aktive, freie Demokratie ist, und was sie fuer die Zukunft
der Welt bedeuten kann. Die freien Gewerkschaften auf der ganzen
Welt werden von ihren Regierungen und von den historischen Kraeften der Logik und Notwendigkeit gemahnt, ihre eigene Freiheit und
die der Welt vor dem Untergang zu retten.
Seit 150 Jahren arbeitet die schaffende Bevoelkerung der Vereinigten Staaten an der Verbesserung und Vertiefung der Demokratie. Sie hat ihre Erfahrungen in den Gewerkschaftsversammlungen
gesammelt. Sie hat ihr Ziel trotz ununterbrochener Anfeindungen
anderer Schichten der Bevoelkerung verfolgt, die im Verlauf der
Geschichte die Gewerkschaftsbewegung immer missverstanden oder
sogar verleumdet haben, so wie sie es heute noch tun.
Von grosser Bedeutsamkeit ist an dieser Stelle ausserdem die
Frage, wie sich die Gewerkschaften eine demokratische Regierungsform in den Vereinigten Staaten vorstellen. Ihre Auffassung, dass
die Demokratie durch Tarifverhandlungen auch den Weg in die Industrie finden kann, verbesserte nicht nur ihr eigenes L03, sondern
breitete sich auch aus und wurde von der gesamten Bevoelkerung des
Landes gebilligt.
Hauptsaechlich aus diesem Grunde ist eine freie organisierte
Gewerkschaftsbewegung fuer alle Menschen mit reifem Verstand eine
wesentliche Voraussetzung fuer den Neuaufbau einer zivilisierten
Gesellschaftsordnung mit Hilfe des Marshall-Plan-Wiederaufbauprogranms.
Die Mitglieder der Gewerkschaften wissen, was Freiheit und
Demokratie bedeuten, und sie wissen es, weil die Vorfahren dieser Mitglieder in der Vergangenheit und die Mitglieder selbst in
der Gegenwart sich Freiheit und Demokratie selbst erarbeiten
mussten. Dies ist eine der groesst-en Leistungen, die die Gewerkschaftsbewegung zum Wohle der Vereinigten Staaten vollbracht hat.
Der Weltkamof drehte sich praktisch um die Demokratie. Sie
befindet sich in einer wirklichen gefaehrlichen Krise. Die Demokratie in der Welt ist bedroht.
Die Notwendigkeit einer einigen amerikanischen Gewerkschaftsbewegung ist heute so offensichtlich, dass man hierueber kaum
zu argumentieren braucht. Die Gewerkschaften koennen sich nicht
mehr den Luxus der Genugtuung erlauben, etwas besser als eine andere Gewerkschaft zu sein. Die Zeit ist leenget gekommen, so zu
handeln, wie es andern staendig gepredigt wird.
Die Hindernisse, die einer allgemein geeinigten Gewerkschaftsbev^egung zur Zeit im '.Vege stehen - und moegen sie gegenwaertig
noch so unueberwindlich erscheinen - sind recht gering im Vergleich
zu der Art und dem Umfang der Kindernisse, die die Zwietracht dem
Fortschritt der Arbeiterschaft in den Weg stellt. Wenn die Ursachen der Zwietracht geprueft und. ihnen auf den Grund gegangen
wird, muss man feststellen, dass es sich nicht um unloesbare Problems handelt. £• ist fuer viele Gewerkschafter die feste Ueberzeugung, dass die Funktionaere der verschiedenen Gewerkschaften,
die .jetzt gegeneinander argumentieren, es aufrichtig wuenschten,
Mittel und -Vege finden zu koennen, um ihre organisatorischen
Unterschiede auszugleichen, die Gewerkschaftsbewegung zu vereinigen und die Interessenkonflikte im Rahmen einer vereinigten Gewerkschaft beizulegen.
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�Die Mitglieder aller in Frage kommenden Gewerkschaften werden
mit Begeisterung einen derartigen Vorschlag begruessen und ihm
ihre Unterstuetzung nicht versagen.
Die Vertreter der heutigen Gewertcschaf tsbewegung koennen den
Namen "Samuel Gompers" nicht besser ehren als durch die Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung. Auf diese V/eise bekennen sich alle
Gewerkschafter zu ,aeinem '.Vahlspruch: "Einigkeit macht stark."
The Machinist
XII/14/50
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG IN URUGUAY
Die Gewerkschaftsbewegung Uruguays blickt auf eine ebenso demokratische Tradition zurueck wie das Land selbst. Uruguay konnte sich lange ruehmen, eine der demokratischsten Nationen des südamerikanischen Kontinentteils zu sein, woran sich auch in den
letzten Jahren trotz ernsthafter wirtschaftlicher Probleme nichts
geaendert hat
Von 1943 bis 1948 erfreute sich dieses Land - wie
alle uebrigen Laender Latein-Amerikas - aufgrund der Entwicklung
und der Vielseitigkeit seiner Landwirtschaft und seiner Industrien
eines unbegrenzten Wohlstandes. Im Sommer des Jahres 1948 stand es
jedoch vor einer schweren wirtschaftlichen Krise, die durch die
Steigerung der Preise und eine starke Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war.
Die Forderungen der Arbeiter nach hoeheren Loehnen, die aufgrund der erhoehten Lebenshaltungskosten berechtigt waren, stellten den Lohnausschuessen schwere Aufgaben, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Uruguay bestehen. Diese Ausschuesse setzen
sich aus drei Vertretern der Regierung und je zwei Delegierten
der Gewerkschaften und Unternehmer zusammen. In jedem Industrieund Handelszweig gibt es einen derartigen Ausschuss, und die Gewerkschafts- und Unternehmervertreter in diesen Koerperschaften
werden alle zwei Jahre von 5den Arbeitern und Unternehmern des betreffenden Industriezweige* gewaehlt. Die Ausschuesse setzen
nicht nur die Loelme, sondern auch die Arbeitsbedingungen fest
und regeln auch andere Fragen in bezug auf die wirtschaftliche
Lage der Arbeiter.
Die Lohneusschuesse haben im allgemeinen versucht, die Loehne
mit den Lebenshaltungskosten auf einer Stufe zu halten. Hiergegen
leisteten die Unternehmer jedoch besonders in den letzten I'onaten
hatnaeckigen Widerstand und in den Ausschuessen wurden langwierige Verhandlungen gefuehrt. In einigen Faellen kam es zu mehr
oder weniger ernsthaften Streiks. Unter anderem traten die Taxichauffeure, die Fleischveroacker, die Baecker und die Arbeiter
der Woll- und der Metallindustrie in den Ausstand. In jedem Falle
wurde der Streik beendet, nachdem sich die Regierung einverstanden erklaert hatte, die erforderlichen Lohnaufbesserungen zu gewaehren. Die Arbeiter wissen jedoch, dass hiermit die Loesung des
Lohnproblems nur iiinausgeschoben ist.
Trotz dieser Schwierigkeiten zaehlen der Lebensstandard und
die soziale Sicherheit der Arbeiter Uruguays zu den besten Lateinamerikas. Wie die uebrige Bevoelkerung des Landes bekennt sich
auch die Gewerkschaftsbewegung zu den Ideen der politischen und
sozialen Demokratie, und diese demokratische Gewerkschaftsbewegung
ist in dem Koordinierungsausschuss der unabhasngigen Gewerkschaften zusammengefasst.
- o

�Bis jetzt war es nicht moeglich, dieses Konitee in einen richtiggehenden Gewerkschaftsbund umzuwandeln. Der Grund hierfuer ist
vor allein die Tatsache, dass die uruguayische Gewerkschaftsbewegung
eine der aermsten des Kontinents ist und praktisch keine bezahlten Gewerkschaftsfunktionaere kennt. Infolgedessen ist sie gezwungen, die Funktionaere in ihrer Freizeit fuer die Gewerkschaft arbeiten zu lassen. Man hofft jedoch, dass bis zur Regionalkonferenz
des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften im Januar 1951 in
Mexiko ein Bund der unabhaengigen Gewerkschaften Uruguays bestehen
wird.
Interamerican Labor News
XII/50
NATIOTALKONFERENZ FUER ARBEITSGESETZGEBUNG TRITT ZUSAMMEN
Der amerikanische Arbeitsminister Maurice 7, Tobin forderte
die Delegierten der 17. Nationalkonforenz fuer Arbeitsgesetzgebung
auf, sich mit allen Mitteln dafuer einzusetzen, da3s ihre Staaten
wirksame Programme ausarbeiten, mit denen der fuer die "Verteidigung notwendige Bedarf an Arbeitskraeften gedeckt werden kann.
Die dreitaegige Konferenz fand im Bezirksauditorium in 77ashinrton statt. rtn ihr nahmen Vertreter der Gouverneure der staatlichen Aemter fuer Arbeitsangelegenheiten und Delegierte der Gewerkschaftsbewegung teil. Abgeordnete aus 41 Staaten, dem Distrikt
Columbia, "^uerto Rico und Alaska waren zugegen.
William L. Connolly, der Direktor des Amtes fuer Arbeitsnormen in US-^rbeitsministerium, der den Vorsitz fuehrte, verlas eine
Botschaft des Praesidenten an die Konferenz. In dieser Botschaft
hiess es:
"Sie treten in einer Zeit zusammen, in der Arbeitskraefte
fu3r die Ruestungsproduktion von lebenswichtiger Notwendigkeit fuer
unsere Mation sind, die sich in einem grossen Kampf gegen die
A^£?ression zur Erhaltung des Friedens befindet. Niemals ist die
Zusammenarbeit des ganzen Volkes notwendiger denn jetzt, wenn unsere Anstrengungen von Erfolg sein sollen, AUS diesem Grunde sind
die Erfahrungen und Ratschlaege der Vertreter der Gouverneure auf
dieser Konferenz von so besonderer Notwendigkeit, um angemessene
Arbeitsnormen fuer eine ununterbrochene Produktion auf lange Sicht
in den einzelnen Staaten zu sichern.
w

Ihre Erfindungsgabe und Ihre Erfahrungen koennen mithelfen,
dii Stac ten und die gesamte Nation bei.der Ausarbeitung der Richtlinien und Methoden zu unterstuetzen, die unsere Produktionsmaschinerie auf dem schnellsten V.'ege zu hoechster Leistungsfaehigkeit
bringen kann. n Vir erwarten voll Ungeduld ihre Vorschlaere und
Empfehlungen.
Arbeit3minister Tobin, der die Eroeffnungsrede hielt,, erklaerte: "Es ist jetzt erforderlich, dass unsere Ideen und unsere Energie darauf ausgerichtet werden, unsere Nation stark und unverwundbar zu machen. Zu diesem Zweck muessen wir bestrebt sein, die
grosse produktive Staerke Amerikas zu mobilisieren. Natuerlich
ist diese Staerke von den Maennern und Frauen ebhaengig, die im
Arbeitsprozeßs 3tehen und die Maschinen bedienen, die die Mittel
zu unserer Verteidigung herstellen.
n

Es ist un-ere ^ufgabe, unsere Ruestungsproduktion so schnell
wie moegj.ich zu erweitern und gleichzeitig die Ziviloroduktion auf
- 6

�einen hohen Stand zu halten. Es wird nicht leicht sein, die Arbeitskräfte fuer die Ruestungsproduktion, fuer die militaerischen
Streitkraefte und fuer die Zivilproduktion zugleich zu sichern
und dabei noch die richtigen L;ute zur rechten Zeit an den richtigen Platz zu stellen. Deshalb muessen wir versuchen, den Anforderungen der Zukunft bereits jetzt gerecht zu werden. Ich betone erneut, dasa wir damit nicht
solange warten koennen, bis die Krise
ueber uns hereinbricht.n
m

Die fruehere Leiterin des Arbeitsministeriums Frances Perkins,
die waehrend ihrer Amtszeit die erste Nationales Konferenz fuer
Arbeitsgesetzgebung einberief, ergriff ebenfalls das V,rort. Frau
Perkins, die jetzt Mitglied der Staatsdierfitkommission der Vereinigten Staaten ist, gab einen Rueckblick auf die Geschichte dieser
Konferenz und wies besonders auf die Vorteile hin, die dem amerikanischen Arbeiter aus dem Gedanken- und Erfahrungsaustausch .ueber
die Arbeitsprobleme in den einzelnen Staaten erwachsen sind.
Ein Vorschlag der Konferenz zur sofortigen vViedereinf uehrung
einer bundesstaatlichen systematischen Verwaltung der oeffentlichen
Arbeitsvermittlungsaemter wurde lebhaft diskutiert. Fuer ^en Fall,
dass eine derartige verwaltungstechnische Zusammenfassung eintreten sollte, emnfahl die Konferenz dringenjd^die Verwaltung der
oef fentlichen Arbeitsvermittluns-saemter dem Arbeitsministerium der
Vereinigten Staaten zu ueberlassen.
Die Konferenz billigte ausserdem einen Vorschlag, wonach der
Kindeststundenlohn, der im Gesetz fuer gerechte Arbeitsnormen festgelegt worden war, von 75 Cents auf einen Dollar erhoeht^ird
und allen Arbeitnehmern, die noch nicht unter die Bestimmungen
dieses Gesetzes fallen, dieser Schutz gewaehrt werden soll.
Labor Press Service
US-Department of Labor
12/11/50
Robert C. Goodwin, Direktor des Amtes fuer Beschaeftigungssicherhoit:
DIE JUGEND MUSS 3El:: EINRITT IN DAS BERUFSLE3EK UNTERLTÜETZT '.. ERDEN
Kuerzlich wurde ich gefragt: "Warum sind Sie so sehr an einem
zwoelfmonatigen Berufsvorbereitungsprograr.ja fuer die schulentlassene Jugend interessiert? Letzten Endes koennen die .iungen Menschen,
die in das Berufsleben eintreten, sich selbst helfen. Die Arbeitgeber wuenschen doch, dass neues Blut in ihre Betriebe kommt. Die
aelteron Leute 3ind es, denen wir unbedingt helfen mue^sten, Arbeit
zu finden."
Ja, es besteht die allgemeine Auffassung, dass es fuer die
iunp;9n Leute verhaeltnismaessig leicht sei, eine bestimmte berufliche Laufbahn zu beginnen. Und es ist gewiss richtig, dass ein
aelterer Arbeiter^, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, besondere
Schwierigkeiten hat, einen neuen zu finden. Aber untersuchen wir
einmal die Tatsachen und stellen fest, warum wir in den ^.rbeitsvermittlungsaemtern unsere besondere Aufmerksamkeit den Jugendlichen,
die in das Berufsleben eintreten, und den eelteren Arbeitern, die
einen neuen Arbeitsolatz suchen, widmen muessen.
Vor allem wissen wir, dass jaehrlich mindestens 1 1/2 Millionen junge Menschen in den auf Konkurrenz basierenden lATbeitsi-arkt
eingereiht werden. Es i3t ausserdem allgemein bekannt, dass ,;un^e
Menschen, die Arbeit suchen, um einen Anfang fuer ein produktives
- 7-

�Arbeitsleben zu finden, einen zahlenmaessig grossen und bedeutsamen Teil der Arbeitslosen unseres Landes darstellen. Das bedeutet,
dass diese jungen Menschen verhaeltnismaessig groessere Schwierigkeiten haben, eine Beschaeftigung zu finden als irgendeine andere
Altersgruppe, und dass es den jungen Leuten nahegelegt werden
muesste, solange in der S&amp;hule zu bleiben, wie es fuer sie von
Vorteil ist. Ausserden wissen wir, dass viele junge Leute, die
als beschaeftigt registriert sind, nur als Lueckenbuesser eingesetzt sind oder Arbeiten verrichten, die ihnen kein angemessenes
Einkommen einbringen oder keine Moeglichkeit des Fortkommens bieten.
Weshalo interessiere ich mich also so sehr fuer ein zwoelfmonatiges Berufsvorbereitungsprogramm faer die schulentlassene
Jugend? Weil ich gleube, dass es die Pflicht und die Verantwortung
unseres gesamten Systems der Arbeitsvermittlungsaemter ist, diese
Kluft zwischen der Schulentlassung und dem Beginn einer geeigneten beruflichen Laufbahn fuer Hunderttausende junger Leute zu
ueberbruecken. Es ist in moralischer Hinsicht voellig falsch, die
Jugendlichen auf einer ziellosen Suche nach einer Arbeitsmoeglich-*
keit umherirren zu lassen, bevor wir Schritte unternehmen, um
diesem Misstand abzuhelfen. Auch erfuellen wir nicht unsere Pflicht
als oeffentliche ^rbeitsvermittlungsbehoerde, wenn wir bis zur
letzten 'Yoche vor Schulschluss warten, um Vorkehrungen fuer die
Registrierung der Schulentlassenen zu treffen.
Wir koennen die Probleme jener jungen Arbeitsuchenden am
besten dadurch loesen, dass wir sie im Voraus in Angriff nehmen
und Plaene ausarbeiten, die einen geeigneten Uebergeng von der Schule auf den Beruf gewaehrleisten. Das verstehe ich unter einem
zwoelfmonatigen Berufsvorbereitungsdienst fuer die Jugend, der,
wie ich es sehe, folgendermassen aussehen muss:
Mit den hoeheren Schulen und Universitaeten muessen Vereinbarungen getroffen werden, die den Verantwortungsbereich beider
Gruppen genau festlegen.
Mit allen Studenten und Schuelern muss im ersten Semester
ihres letzten Schul- oder Studienjahres Fuehlung aufgenommen werden,
um sich ueber ihre Absichten und Plaene zu informieren.
Eine sich selbst verwaltende Einrichtung muss geschaffen werden, mit der im Voraus festgestellt werden kann, wer, um einen
Arbeitsplatz zu finden, die Uhterstuetzung des Arbeitsvermittlungsbueros in Anspruch zu nehmen gedenkt.
Es muessen Vorkehrungen zur Registrierung und Pruefung all
derer getroffen werden, die eine Unterstuetzung benoetipen und die
bereit sind, die Hilfe des betreffenden Arbeitsver:JLttlungsamtes
zu akzeptieren.
Beratungen in den oertlichen Arbeltsvermittlungsaemtern
muessen fueu diejenigen ermoeglicht werden, die sie benoetigen
und wuenschen.
Die Ausarbeitung, Verteilung und Auswertung einschlaegigen
aktuellen Inforr.ationsmaterials uebar den oertlichen Beschaefti'ungsstand und die r.rbeits.?iarktlage muessen durch Vorlesungen,
Rundschreiben, Beratungen, Fabrikbesuche und Zeitungsartikel gevvaehrleistet sein, aussprachen alt Arbeitgebern oder andere Methoden, die die Bewerber mit einer passanden Beschaeftirungsrcoeglichkeit bereits vor ihrer Schulentlassung in Beruehrun^ bringen,
nuessen arrangiert werden.
- 8-

�Dies sind nur die wenigsten Massnahmen, die notwendig sind,
wenn ein zwoelfmonatiges Berufsvorbereitungsprogramm fuer die Jugend von Erfolg sein soll. Wenn man sich vergegenwaertigt, dass
505t der Schueler, die laenger als acht Jahre in der Schule bleiben, vor Beendigung des zwoelften Schuljahres diese verlassen,
gewinnt man einen weiteren Einblick in die Probleme der jungen
Arbeitsuchenden. Gewiss wird duroh ein wirksames Programm in irgendeiner Weise denen geholfen werden koennen, die die Schule verlassen, ohne eine vollstaendige Ausbildung an einer hoeheren Schule
genossen zu haben. Viele dieser Jugendlichen koennen und muessen
auf Grund des Gesetzes ueber Kinderarbeit und der augenblicklichen
und spaeteren Auswirkung einer beschraenkten schulischen Austildun/r
auf ihre Verwendungsfähigkeit in die Sohule zurueckverwiesen werden.
Die Arbeitsvermittlungsaemter muessen die Bestrebungen der
Zungen Leute unterstuetzen, eine annehmbare zeitweilige oder Ferienbesohaeftigung zu finden. Kooperative Arbeitsprogramme der Schulen,
die den Lehrplan bereichern und die Schueler zum Bleiben an den
Schulen veranlassen, muessen ebenfalls in Erwaegung gezogen werden.
Alle diese und viele andere Moegllchkeiten bieten sich uns
in Form eines wertvollen und produktiven Jugendprogramms. Wir
koennen es nicht oft genug wiederholen, dass die jungen Menschen
von heute, die Buerger von morgen sind. Diese jungen Leute bilden
ausserdem im Notfall unsere Hauptquelle militaerischer Macht.
Sie werden in der naechsten Generation Eltern, Arbeitgeber und
Staatsmaenner sein. Wir koennen sie nicht in Stich lassen, wenn
wir uns selbst nicht aufgeben wollen. Aus diesem Grunde glaube
ich, dass wir ein zwoelfmonatiges Berufsvorbereitungsprogramm fuer
die Jugend brauchen.
Employment Seourity Review
4/50
IBFG ERFOLGREICH IM KAMPF GEGEN DEN KOflflUNISMtTS
Wie der Generalsekretaer des Internationalen Bundes Freier
Gewerkschaften, J. H. Oldenbroek, erklaerte, kann diese Organisation einige bedeutende Erfolge aufweisen, die sie in den zwoelf
Monaten seit ihrer Gruendung im Dezember vorigen Jahres in London
erzielt hat. Als Erfolge bezeichnete Oldenbroek unter anderem,
wobei die Reihenfolge nicht unbedingt der Bedeutsamkeit entsprechen muss:
,
In Brue^sel wurde eine Zentralstelle errichtet, deren Stab
sich zur Zeit aus 40 Mitgliedern zusammensetzt, die zwoelf verschiedenen Nationalitaeten angehoeren und 14 Sprachen sprechen.
Im Juli vorigen Jahres wurde in New York und vor kurzem in Singapur ein Verbindungsbuero eingerichtet. Ein weiteres wird in Genf
eroeffnet werden.
Durch die Neuaufnahme von sechs Laendern (Kolumbien, Falkland
Inseln, Neuseeland, Malayische Staaten, Pakistan und Thailand)
und den anfeenglich provisorischen Anschluss des Schweizerischen
Oewerkschaftsbundes ist die Zahl der im IBFG vertretenen Arbeiter
um eine Million erhoeht worden.
Ein eurooaeisches Sekretariat ist errichtet worden, das die
Arbeit der 21 Millionen Mitglieder zaehlenden Mitgliederorganisationen des IBFG koordiniert, die frueheren Funktionen des gewerkschaftlichen Beratungsausschusses fuer den Marshallplan uebernimmt
und die Taetigkeiten des IBFG in Verbindung mit dem Schuman-Plan
zur Zusammenfassung der Stahlindustrie koordiniert.
- 9-

�Durch die Aufnahme von Hunderttausenden asiatischer Arbeiter
in den IBFG sind dem Kom-unismus in Asien schwere Schlaege versetzt
worden. Man erwartet, dass sich auch Burma der Organisation anschliessen wird. Auch in Mittel- und Suedamerika hat der Kommunismus Rueckschlaege erlitten, von wo ein "staendiges Absinken"
des kommunistisch gefuehrten Weltgewerkschaftsbundes gemeldet wird.
Selbst in Afrika mussten die Kommunisten Niederlagen einstekken, wo die allgemeine Arbeiterunion von Tunis bereits aus dem
'Veitgewerkschaftsbund ausgetreten i^t und sich wie viele andere
afrikanische Gewerkschaftsgruppen dem IBFG an^chliessen werden.
Durch die Teilnahme an Programmen wie dem Schuman-Plan ist
auf die europaeische Vereinigung hingearbeitet worden. "Trotz gewisser Bedenken, die noch aus dem Wege geraeumt werden muessen,
unterstuetzen wir den Schuman Plan," erklaerte Oldenbroek hierzu,
"viele der Vorschlaege, die wir i... Interesse der Arbeiter gjtt der Ver
besserung seines Lebensstandards unterbreitet haben, sind angenommen worden, und man hat uns ersucht, Kandidaten fuer die Hohe Behosrde und andere Koerperschaften,
die dieses Unternehmen verwalten
werden, namhaft zu machen.n
Durch die Mitarbeit im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, in dem der IBFG in mitberatender Eigenschaft vertreten ist, und durch die Taetigkeit im Internationalen Arbeitsamt
ist wirksam an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter
gearbeitet worden.
"Wir glafiben jedoch, dass dei totalitaeren Gefahr am besten begegnet werdet! kann, wenn wir unsere Forderungen nach sozialem
Fortschritt, besonders in den unterentwickelten Gebieten der :A'elt, verwirklichen," lautete die Feststellung Oldenbroeks. Der Exekutivausschuss billigte auf seiner letzten Konferenz im November einen
ausfuehrlichen Bericht ueber die wirtschaftliche Lage der Arbeiter
in diesen Laendern, der als Ausgangspunkt fuer Programme dienen
kann, unter denen Millionen Arbeiter im Kampf um Brot, Friede und
Freiheit vereinigt werden koennen."
Daily News Service
XII/8/50
DI5 HILFS gUSR JUGlPSLATTSN, CHINA UND ARGENTINIEN UND DER STANDPUNKT S S Q f t
'
Marschall Tito hat in Belgrad mitgeteilt, dass die Vereinigten
Staaten eine guenstige Haltung in der Frage djr Eilfsmassnahmen
fuer Jugoslawien einnehmen, dass sich durch die Duerre in diesem
Tahre einer Hungersnot gegenueber sieht. Tito sagt, dass die Amerikaner in den einleitenden Diskussionen an die zu leistende wirtschaftliche Eilfe keinerlei Bedingungen oder Forderungen geknuepft
haetten und "damit beweisen, dass Amerika gewillt ist, den notleidenden Voelkern durch die Tat zu helfen und ihre „orte keine leeren
^roDu-andaPhrasen sind". Er erinnerte daran, dass Amerika, als es
durch die UNNRA zum .Viederaufbau Jugoslawiens einen Beitrag von
i30 Millionen Dollar leistete, daran keine Bedingungen oder Einschraenkunfen geknuepft haette.
Gleichzeitig erklaerte Tito, dass Jugoslawiens Unabhaenrie-keit
noch immer durch die bewaffneten Streitkraefte der sowjetischen
Satellitenstaaten entlang seiner Grenze bedroht sei.
Im Einblick auf diese ins Auge gefasste wirtschaftliche Hilfe
durch Amerika, die das jugoslawische Volk in diesem V.'inter vor- einer
- 10 -

�Hungersnot bewahrt, ist es interessant, zu erfahren, welche Stellung der Exekutiv-Ausschuss der Americcn Föderation of Labor zu
dieser Frage einnimmt.
Sie verurteilt die "skrupellose imperialistische Politik dar
3owiet-Regierung, die ueberall versucht, von den kleinen T'ationon
besitz zu ergreifen und sie zu absorbieren, ihre nationale Unabhaen•i^keit zunichte zu machen und sie in das System der sowjetischen
Satelliten- und Sklavanstraten zu Dresden." Die AFL stellt weiter
fast, da^rs diese Bedrohungn30 akut geworden ist, dass sich ein
'Viderstand dagegen selbst im eigenen Lages des totalitaeren Kommunismus entwickelt hat."
Die Erklaerung des Exekutiv-Ausschusses der AFI faehrt fort:
"Die Rebellion Titos bedeutet eine ernste Gefahr fuer den russischen Imperialismus und sollte von allen freiheitsliebenden Voelkarn be^ruesst und ermutigt werden." Aber die AFL erklaert ausdruecklich, dass, "waehrend wir den V/iderstand Titos gegen Russlands Versuch, die Unabhaengigkeit Jugoslawiens zu zerstoeren, begruessen, wir keineswegs sein despotisches inneres Regime billigen
oder bestaetigen." Die AFL wirft dem Tito-Regime vor, dass es
die freie Gewerkschaftsbewegung und andere demokratische Rechte
der jugoslawischen Arbeiter unterdrueckt hat. Sie faehrt dann
fort: "Waehrend wir wirtschaftliche und andere Hilfe leisten, um
Rußlands Versuch, die nationale Unabhaengigkeit Jugoslawiens zu
zerstoeren, | durchkreuzen, duerfen wir jedoch nicht zoegern, Titos systematische Vernichtung der echten demokratischen Kraefte zu
verdammen."
Die Erklaerung scnliesst: "Die AFL verpflichtet sich, allest
was in ihrer Macht steht, zu tun, um nicht nur dem jugoslawischen'
Volke bei der Erhaltung seiner nationalen Unabhaengigkeit zu helfen"
und drueckt die Hoffnung aus, dass der Tag nicht mehr fern sei, an
dem Jugoslawien als eine wahrhaft demokratische Republik errichtet
wird."
Es erhebt 3ich die Frage: Wenn die amerikanische Arbeiterschaft
die wirtschaftliche Hilfe an Jugoslawien unterstuetzt, warum widersetzt sie sich dann einer derartigen Hilfe an des kommunistische
Ghina, oder an die Regierung Perons in Argentinien? Die Erklaerung
Ü9gt wohl darin, dass die Unabhaengigkeit Jugoslawiens bedroht ist,
waohrend die Chinas und Perons Argentinien es nicht ist. IJE -erentail, die AFL erklaert, dass China seine Unabhaengigkeit bereits
verloren hat und dass die chjiresischen Kreml-Lakaien durch Waffengewalt versuchen, die kommunistische Herrschaft auch ueber die
TCachbarnationen zu erstrecken.
Oder genauer gesagt, die AFL erhebt
die Klage, dass die Anhaenger rerons versuchen, die Kontrolle uebor
die Gewerkschaften aller lateinamerikanischen Statten zu gewinnen,
oder, fall3 ihnen des nicht gelingt, diese zu zerstoeren und Konkurrenzgewerkschaften zu gruenden.
"Unsere Regierungjwuerde im Interesse ihres Einflusses und
ihres Ansehens unter den demokratischen Kraeften der Welt klug
handeln, wenn sie diesen Verfechtern totalitaerer Dogmen und den
Vertretern eines totalitaeren Despotentums keine Freundschaft zeigen und ihnen keine Zugestaendnisse machen wuerde," heisst es weiter in der Erklaerung der AFL.
Sie weist jedoch darauf hin, dass &gt;ie zwischen dem diktatorischen Regime in Russland, 3einen Satelliten in China, Argentinien, Franco-Spanien, Jugoslawien und anderen Laendern mit totalitaBren Regierungen und den Voelkern selbst, denen diese Tyrannei
aufgezwungen ist, eine klare Linie zieht. Sie sichert erneut ihre
Freundschaft, Sympathie und Solidaritaet den VoeUfern dieser Laender
- 11 -

�zu, deren ueberwaeltigende Mehrheit sowohl den Kommunismus als
auch den Faschismus ablehnt, denen man jedoch das Recht verweigert,
fuer die Freiheit sich zu entscheiden.
Durch den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften, der in
Kuerze regionale Organisationen in Asien, Afrika und Lateinamerika
errichten wird, wird die amerikanische Gewerkschaftsbewegung fortfahren, die demokratischen Gewerkschaften auf diesen Kontinenten
zu unterstuetzen.
News Section Talks Unit
10/31/50
VERBESSERUNGEN DER SOZIALVERSICHERUNG AMERIKAS GEFORDERT
Robert Ball vom bundesstaatlichen Buero fuer soziale Sicherheit wies darauf hin, dass selbst rfach den neuesten Verbesserungen der Sozialversicherungsgesetzgebung "noch viel getan werden
muesse," Die Sozialunterstuetzung muesse noch auf weitere grosse
Teile der Bevoelkerung ausgedehnt werden, die zur Zeit hiervon
noch ausgeschlossen sind. Auch Arbeitsunfaehige oder kranke Arbeiter muessten besser geschuetzt werden, zumal die Arbeitslosenversicherung unzureichend ist. Er forderte ein umfassendes freiwilliges oder obligatorisches Krankenversicherungsprogramm, um
die umfangreichen Kosten fuer Krankenbehandlung decken zu koennen.
Lane Kirkland von der Forschungsabteilung der AFL ging auf
Einzelheiten hierzu ein und erklaerte: "Nur eine obligatorische
Krankenversicherung waere eine Gewaehr dafuer, dass die Mindestnormen medizinischer Behandlung eingehalten werden koennen.
Murray Latimer, ein Sozialversicherungsexperte, erklaerte,
die juengsten Fortschritte der Gewerkschaften bewiesen, dass sich
die Unternehmer durchaus fuer die V/ohlfahrt der Familien ihrer
Arbeitnehmer verantwortlich fuehlen. Vor Inkrafttreten des Pensionsplanes haetten die Pensionierten von unzureichenden Unterstuetzungen aus der Sozialversicherung leben muessen, und Witwen
waeren oft gezwungen gewesen, zu arbeiten, um hierdurch die unzureichenden Hinterbliebenenrenten zu ergaenzen.
Kenneth Kramer von der Textilarbeitergewerkschaft des CIO
sagte, dass der CIO eint, fuehrende Stellung in dem wirtschaftlichen Ringen unser3r Zeit und des Kampfes um die Verbesserung des
allgemeinen Lebensstandards einnaehme und nicht nur die finanziellen Interessen seiner eigenen Mitglieder vertreten wuerde. Der
CIO hat Programme unterstuetzt, die die Unzulaenglichkeiten des
gegenwaertigen Sozialversicherungssystems beseitigen wuerden.
Er forderte Progranne zur Unterstuetzung Arbeitsunfähiger, eine
ausreichende Arbeitslosenunterstuetzung und eine bundesstt.atliche
Krankenversicherung. "Wir muessen fuer die Probleme der Kinder
und der Familien unserer Arbeiter Verstaendnis haben. '.Vir muessen
versuchen, hoehere Loehne, Vollbeschaeftigung, soziale Sicherheit
und Sozialunterstuetzung fuer alle Schichten unserer Bevoelkerung
durchzusetzen.M
Daily News Service
XII/6/50
AÜSSSTTPOLITISGr^

EAKI^EULTG

DES CIO ZUR VEREINIGUNG EUROPAS

Der CIO b e g r u . e s s t den S c h u m a n - P l a n a l s e i n M i t t e l z u r G t a e r k u n g
d e r E i n h e i t E u r o p a s , d e s s e n .Programm d i e Z u s a m m e n a r b e i t d e r S c h w e r i n d u s t r i e n d e s K o n t i n e n t s auf g e s a m t e u r o p a e i s c h e r B a s i s v o r s i e h t .
- 12 -

�Vir empfehlan den Vertretern des IBFG, dem Plan, dessen Entwicklung
sie mit Interesse verfolgt haben, weiterhin ihre Aufmerksamkeit
zu schenken. .Vir wiederholen, da3s der Erfolg des Planes davon
abhaengig ist, ob seine Einzelheiten in einer fuer die Gewerkschaften, die an den diesbezueglichen Konferenzen teilnehmen, befriedigenden Weise ausgearbeitet werden.
Wir sind der Auffassung, dass alle Maasnahmen, die auf eine
engere Zusarjnenarbeit Westeuropas gerichtet sind, von unserer Regierung mit allen Mitteln unterstuetzt werden muessen.
Zur Verwirklichung der wirtschaftlichen Vereinigung Europas
muss die Macht der Kartelle, die die Produktion einschraenken und
das wirtschaftliche Leben Europas beherrschen wollen, gebrochen
werden. Die Wirtschaft ist so zu organisieren, dass ein Maximum
an Produktion gewaehrleistet wird und den wirtschaftlichen Beduerfnissen der Menschen in genuegendem Masse entsprochen ist.
Wir fordern unsere Regierung auf, den Abschluss eines Friedensvertrages mit Y/estdeutsohlend zu beschleunigen. Der Wiederaufbau eines*vereinigten demokratischen Deutschlands ist durch Russland unmoeglich gemacht worden, weil es mit den drei westlic'
33satzungsmaechten nicht zusammenarbeiten will. Ein weitere,
warten waere gefaehrlich. Der Ausschluss des deutschen Volkes aus
der europaeischen Gemeinschaft und das Fehlen einer selbstaendigen
Regierung schwaechen unsere Freunde in Deutschland und drohen, die
militaristischen und nazistischen Ueberbleibsel in Deutschland zu
staerken.
Das deutsche Volk muss sich viel eifriger der Aufgabe widmen,
sein Land von frueheren nazistischen Einfluessen auf dem gesamten
Sozialgebiet zu befreien, wenn es in der Gemeinschaft freier Nationen ein vollberechtigtes Mitglied werden soll. Wir sprechen den
Gewerkschaften unsere Anerkennung fuer ihre Bemuehungen in dieser
Richtung aus und sichern ihnen in ihrem Kampf gegen den Kommunismus unsere uneingeschraenkte Unterstuetzung zu. Wir fordern sie
auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um die Zusammenarbeit deutscher Industrieller und Kartelle mit Sowjetrussland und seinen
Satelliten anzuprangern und zu bekaempfen. Wenn einige deutsche
Industrielle die Kommunistische Partei Deutschlands durch Reklame
in der kommunistischen Presse finanziell unterstuetzen, so ist
das ein Verrat am deutschen Volk. Diese Versuche, Sowjetrussland
durch Geldgeschenke an die kommunistische Partei, als Reklame getarnt, zu beschwichtigen, nehmen dem deutschen Volke die Hoffnung,
sich in die Weltgemeinschaft der freien Nationen einzureihen.
ECA Labor Information
SELBSTÄNDIGKEIT DER MARSHALL- PLAN-LAENDER IST GARANTIERT
William C. Gausmann, der ECA-Beauftragte fuer Arbeitsinformationen in Grossbritannien, versicherte vor kurzem den Gewerkschaftern Schottlands, dt-ss die Marshall-Plan-Politik keine Einmischung
in die grundlegende Wirtschaftspolitik der Regierungen darstelle,
und wies damit erneut die uebliche kommunistische Behauptung zurueck, die Laender, die Mittel der Marshall-Plan-Hilfe erhalten,
seien zu Werkzeugen der Wall Street geworden.
Er wies darauf hin, dass die demokratischen Regierungen, die
sich am 'Yiederaufbauprogramm beteiligen, in der Art und Weise, in
der sie ihre wirtschaftlichen Probleme zu loesen suchen, grosse
Unterschiede aufweisen. Einige von ihnen sind ihrem Wesen entspre- 13 -

�chend kapitalistisch, v*t»afcraa* andara sosifcllstiscfa &lt;*ind. Verantwortlich sind sii jedoch nur ihrer ".'a ahler^chaft ge.'enueber. T'ur
die Voelker selbst haben das Recht, ihre grundlegenden Regierungsprogramme zu formulieren, waehrend der Marshall-Plan dazu bestimmt
ist, ihnen in jeder Weise zu helfen, ihren Lebensstandard zu verbessern.
"In England sehen wir ein ausgezeichnetes Beispiel hierfuer,"
sagte Gausmann. "Der kommunistischen Propaganda zufolge waere
die vor kurzem erfolgte Nationalisierung der britischen Stahlindustrie unter den I'arshell-Plen niemals moeglich gewesen - weil
"Vall Street es nicht zugelassen haette - ... Die Vereinigten Staaten betrachteten diese Frage jedoch immer als eine Angelegenheit,
ueber die das englische Volk allein zu entscheiden hat."
Gausmann beschrieb in einzelnen die GescLichte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und unterstrich die Tatsache, dass
Amerika, geographisch gesehen, ein Kontinent ist, der sich aus
sehr verschiedenen Wirtschaftsgebieten zusammensetzt, und dass
diese geographische Vielfalt noch durch die unterschiedliche kulturelle Tradition der amerikanischen Erwerbsbevoelkerung unterstrichen wird. "Die Folge hiervon war, dass sich" die organisatorische
Arbeit der Gewerkschaften aeusserst schwierig gestaltete. Sie
musste auf rein gewerkschaftlicher Basis und auf bezirklicher und
nicht staatlicher Ebene durchgefuehrt werden."
"Es dauerte lange, bis zumindest die Arbeiter Amerikas auf
Grund der wirtschaftlichen Krise das Vertrauen zum unkontrollierten Kapitalismus verloren. Dank der Gesetzgebung des New :&gt;*al
vor allem wurde die Schwerindustrie organisiert, die Bedeutung
der Sozialgesetzgebung anerkannt und die Gewerkschaften gewannen
nicht nur lokale, sondern darueber hinaus fuer ganz Amerika eine
umfassende Bedeutung."
"Die amerikanischen Gewerkschaften, die heute politisch aktiver als je zuvor sind, streben nicht nach der Kontrolle des Landes, sondern nach den Einfluss, durch den sie sich die Hilfe der
Regierung zur Erreichung ihrer zukuenftigen Ziele sichern koennen.
Diese bestehen in erroesserer Sozial- und Beschaeftigungssicherheit, hoeheren Reailoehnen und der Angleichung der niedrigeren
Loehne an die der besser bezahlenden Industrien. Ausserdem soll
dafuer gesorgt werden, dass.das Einkommen eines Arbeiters aus der
Zeit, in der er an besten verdient, nicht reduziert wird, wenn.,auf
Grund seines alters seine Verdienstfaehigkeit naQhlaesst. Ferner
sollen unsere Hilfsquellen zum Nutzen der gesamten Bevoelkerung
besser ausgebeutet werden."
Lab'our News from the ü. S. ,
American Smbassy, London
XII/11/50
'JCA-LEII^R

.

-V:D^RT

::CLi:ER.,r

LEBENSSTANDARD FUER EUROPA

Botschafter Tülton Katz, -der hoechste Amtstraeger der ECATÜssion in Sttrooa, ist der Tfeinung, dass ein hoeherer Lebensstandard der Arbeiter von ausschlaggebender Bedeutung fuer ein freies
Europa ist.
Katz ist der Auffassung, dass die Zukunft des freien Europa
davon abhaengt, ob die folgenden vier Ziele erreicht werden: gesteigerter Export, besonders nach den Dollargebieten; hoehere Investitionen fuer die eigene Ausruestung; ein besserer Lebensstandard
- 14 -

�fuer die ^rbeiter und genuegende Verteidi^ungsmassnahmen gegen
Aggressionen.
"In der heutigen 'Veit," so erklaerte Botschafter Katz vor kurzem vor dem Franzoesischen Parlamentsausschuss fuer Handel," sind
diese Notwendigkeiten nicht sofort und restlos zu erfuellen. .Vir
niuessen .iedoch danach streben, sie so zu erfuellen, dass sie ein
gewisses Gleichgewicht bilden, und um diese lebenswichtigen Erfordernisse in vernuenftigem Masse befriedigend und ein angemessenes
Gleichgewicht unter ihnen herstellen zu koennen, muss die Produktions
leistung erhoeht werden."
"Unter Produktivitaet," fuhr der Botschafter fort, "verstehe
ich eine bessere Kombination von Arbeitskraft, Geld, Maschinen,
Material und Zeit, um mit den gleichen Anstrengungen mehr Waren
als bisher zu produzieren und zu verteilen."
Im Jahre 1900 3ei die Produktionsleistung in Europa, gemessen
an der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion pro Mann
und pro Arbeitsstunde, die gleiche gewesen wie in den Vereinigten
Staaten. Seitdem sei sie aus vielen begreiflichen Oruenden, vor
allem durch die destruktive Auswirkung zweier verheerender Kriege,
auf ein Drittel bezw. ein Viertel der Produktionsleistung der Vereinigten Staaten zurueckgegangen.
Heute belaeuft siel, die Gesamtproduktion Suropas auf etwa
135 Milliarden Dollar jaehrlich.. Wenn das freie Europa seine Produktion um ein Drittel des UnteT-'-chiedos zur Produktion der Vereinigten Staaten steirern koennte, so wuerde das eine zusaetzliche
Produktion von Guetern im ".'erte von 100 Milliarden Dollar jaehrlich
bedeuten, ein Ziel, das nach ansieht der ECA-Sechverstaandipen zu
erreichen ist und wesentlich dabei helfen wuerde, die genannten
vier Notwendiskeiten zu erfuellen.
Eine derartige Steigerung der Produktion zu erreichen, waere
solb3t fuer eine V.'elt, in der-alle guten Willens sind, eine r*ros-e
Aufgabe. Jedoch ist haute nicht die ganze Welt auf dan Wohl Europas bedacht. "Die ^oelker und Regierungen" Europas muessen ihre
Arbeit unter ruecksichtslosen und unablässigen Anfeindungen des
reaktionaeren Ko;:r,iunismus verrichten."
An die vielen Methoden erinnernd, durch die die Reaktionaere
in Moskau versucht haben, den Marshall-Plan und andere Wiederaufbaubemuehungen der freien Welt zum Scheitern zu bringen, wies Katz
auf den durch die kommunistische Invasion in Suedkorea eingetretene
Wende in der kommunistischen Politik hin.
"Zum erstenmal," sagte er, "ging die kommunistische Aggression
ueber politische und Guerillaatttcken hinaus und brach eine regelrechte, aggressive Offensive ueber eine politische Grenze hinaus
vom Zaun."
"Bis jetzt waren die im Marshall-Plan vereinten freien Nationen im Kamof gegen Hunger, Verzweiflung, Chaos und Furcht in Europa siegreich," fuhr Katz fort. "Europa hat seine Produktion, seinen
Handel und seine WaehrungsSysteme wieder aufgebaut. Die Inflation
wurde im allgemeinen ueberwunden, es herrscht ein hoher Beschaeftigungsstand, und der Kommunismus verlor fast alle politischen Wahlen und auch seine Herrschaft ueber die Gewerkschaften. Das freie
Europa hat staendig seinen Gemeinschaftssinn unter Beweis gestellt
und die Hoffnung und den Willen wiedererlangt, einer Zukunft entgegenzugehen, die man zwer noch nicht genau uebersehen, an die man
jedoch glauben kann."
- 15 -

�"Bis zu den Vorfaellen in Korea waren die Ziele und der "Vorlauf des Wiederaufbauprogramms durch die Verhaeltnisse gerechtfertigt. Die Grund prob lerne wurden erkannt und In Angriff genommen; unter den euroDaeischen Arbeitern, besonders in Frankreicii und
Italien, herrschte grosse Unzufriedenheit, und es wurden wirksame
Massnahmen ergriffen, um diesem Uebelstand. abzuhelfen.
Angesichts der Ereignisse in Korea haette sich dieses Programm
iedoch als unzureichend und zu langsam erwiesen, aber die zukuenftigen Aufgaben sind durcn den letzten Schlag der Sowjets klarer
zutage getreten.
"In der kommenden Zeit," so versicherte Katz, "muessen wir gemeinsam die militaerische Staerke und die politische Macht des
freien Europas wiederherstellen. Wir muessen gemeinsam Mittel und
Wege finden, um Deutschland zu einem verlaesslichen und geachteten
Mitglied der freien europaeischen Gemeinschaft zu .gewinnen."
"Die Bedingungen muessen geschaffen werden, unter denen die
benachteiligten Arbeiter Frankreichs und Italiens den Glauben an
die Gemeinschaft, zu der sie gehoeren, wiedererlangen und ihre Gewerkschaften von der Umklammerung des Kommunismus befreien koennen."
Katz schloss mit den Worten: "Das freie Europa muss die Vision
der Zukunft im Auge behalten, und seine Bestrebungen darauf ausrichten, einen Frieden in Gerechtigkeit und Freiheit zu schaffen
und dem Einzelnen die Moeglichkeit geben, vorwaertszukoramen. Der
Schluessel zu diesen Dingen ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes
und ein angemessener Lebensstandard."
EGA Labor Information
12/13/50
ILGWU WUENSCHT ivnSUSS INVAIIDENSCHUTZGESETZ .
Die Internationale Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft
(ILGWU-AFL) hat vorgeschlagen, das gegenwaertig gueltige Gesetz fflr
Invalidenunterstuetzung abzuschaffen und es durch ein "gesundes
und angemessenes Gesetz" zu ersetzen.
James Lipsig, der stellvertretende Exekutivsekretaer der
ILGWU, erklaerte vor einem gemeinsamen legislativen Ausschuss fuor
Arbeitsfragen in New York, dass dieses Gesetz den Grundprinzipien
einer gesunden Sozialversicherung widerspricht. Er zeigte an Hand
der Ergebnisse einer Untersuchung, dass letzlich die ürbeiter die
Kosten fuer die Invalidenversicherung zu tragen haben, und schlug
vor, sofort eine Neufassung des Gesetzes herauszugeben, die eine
Finanzierung der Versicherung durch die Unternehmer vorsieht. Er
berichtete, dass 220,000 Mitglieder der Damenoberbekleidungsarbeitergewerkschaft nur von der Invalidenunterstuetzung leben muessen, wenn
nicht der Gesundheits- und Wohlfahrtsfonds ihrer eigenen Gewerkschaften einen Zuschuss gibt.
Die Methode, die Unterstuetzungen aufgrund des durchschnittlichen Wochenverdienstes einer 40-Stunden-Woche zu erreichnen, sei
aausserst ungerecht und muesse abgeschafft werden. Er befuerwortete
die Verfahren und Methoden des Arbeitslosenversicherungsgesetzes.
Daily News Service
12/5/50
- 16 (27-12-50) 2222 5 • 1 C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die foigeadea Artikel «teilen Auszug« aaa der aaterikaalecliea Preeae aad aaderaa Qaellea dar aad dienen
der laiaraiatioa deatacher Sedakteur*, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen aad deren Mitglieder.
•OB dieeem Material kenn aaelagoeekrlakt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können koatealoe bei
Office ei Labor Affair»
HICOG, APO 757, Frankfurt
aagelordert werden. Aal Wunsch werden dioae auch eiatelaea Iatereeeeotoa direkt durch die Poet angeleitet.
Dar Inhalt dar „Arbeitamltteiluugea" lat aiebt ala offitielle Meinung oder Stellungnahme der amerikaniachen
MlUtafioglomag, noch irgendeiner Dienststelle der Regiemag der Vereinigten Staaten aafaafaeeea.

II - 43-44

Frankfurt, 6. Januar I950

INHALTSVERZEICHNIS
Kommunisten I t a l i e n s fuer den Marshall Plan
Feuerfestes Haus fuer achttausend Dollar

2

—

. . .

Index der Iebenshaltungskosten in den U.S. revidiert

- -

3
4

Bessere Aussichten fuer die berufstaetige Frau in Amerika 5
Britische Metallarbeiter berichten ueber amerikanische
Produktionsleistung . . . . . .

. . . . . . . . . . .

6

100.000 Dollar fuer Gewerkschaftschule der IIGWÜ . . . .

18

CIO Resolution zur Gemeinschaft Bauer-Arbeiter

18

Arbeit durch Marshall Plan . . .

—

— . . . .

. . .

IQ

�KOMMUNISTEN ITALIENS FUER TEN MARSHALL PLAN.
Der Gewinn, den die Marshall Plan Hilfe I t a l i e n b r i n g t , l i e g t fuer jeden
so klar auf der Hand, dass selbst die Kommunisten ihre Bemuehungen abgedaempft
haben, die darauf z i e l t e n , dieses Programm i n Misskredit zu bringen»
Die neue und ermutigende Tendenz kam i n dem freundlichen Empfang zum
Ausdruck, der dem Leiter der ECA Sondermission i n I t a l i e n , Mr. James D. Zellerbach , waehrend einer Besichtigungsreise durch die Region Emilia b e r e i t e t
wurde. Dieses Gebiet i s t a l s eine der staerksten komministisehen Hochburgen
des Landes bekannt. In vielen Sektoren sind 8O5S der gesamten Bevoelkerung
Kommunisten.
Im Verlaufe seiner 3-taegigen Reise wurde Mr. Zellerbach von fuenf kommunistischen Bu erger meistern und einem kommuni s t i sehen Hilf sbu er germe i s t e r willkommen geheissen. Vier der Buergermeister sprachen oeffentlich zugunsten des Mars h a l l Planes. Viele kommunistische Fuehrer nahmen zusammen mit der ECA Gruppe
an Essen t e i l , bei denen ausser Mr. Zellerbach auch Andrew H. Berding, Chef der
Informationsabteilung, und Thomas A. Lane, Leiter der Abteilung fuer Arbeit, zugegen waren.
I n Bologna, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und der Region Emilia,
h i e l t Buergermeister Dozzi , ein prominenter Kommunist, der i n Moskau geschult
wurde, eine Rede, i n der er sagtet "Sie brauchen nur die hiesige ERP Ausstellung
zu besuchen, und Sie werden konkrete Beweise fuer die unleugbaren Gewinne haben,
die I t a l i e n dem Marshall Hilfsprogramm zu verdanken hat.*
Buergermeister Dozzi hat kuerzlich Raeume im Stadtzentrum zur Verfuegung
g e s t e l l t , i n denen die Marshall Plan Ausstellung kostenlos untergebracht werden
kann.
Die Ergebnisse seiner Reise zusammenfassend e r k l a e r t e Mr. Zellerbach i n San
Franzisko, Kalifornien, am 30. November 1 "Man kann dieses Phaenomen, das heute
Gegenstand so v i e l e r Kommentare i n I t a l i e n i s t , i n verschiedener Weise erklaeren;
die einfachste und treffendste Darstellung i s t jedoch durch die Tatsache gegeben, dass die kommunistischen Fuehrer sich nicht laenger den sichtbaren Tatsachen
verschliessen und zugeben, dass durch den Marshall Plan I t a l i e n geholfen wird.
"Es i s t noch nicht so v i e l e Monate h e r , dass die Kommunisten Tag und Nacht
die Trommeln schlugen, um die Bevoelkerung auf ihre Beschuldigungen aufmerksam
zu machen, dass der Marshall Plan den Ruin I t a l i e n s bedeuten wuerde. Da die
Gefolgsleute der Kommunisten j e t z t offenkundige Beweise fuer die durch den Mars h a l l Plan bewirkten Verbesserungen i n ganz I t a l i e n vor Augen haben, laufen ihre
Fuehrer Gefahr, ihre Anhaengerschaft zu v e r l i e r e n , wenn sie auch weiterhin das,
was augenscheinlich i s t , leugnen."
•

Waehrend Zellerbach seine guten Erfahrungen a l s weiteren Beweis fuer den
Krebsgang des Kommunismus i n ganz Europa begruesste, warnte er seine Zuhoererschaft davor zu glauben, dass der Kampf gegen den Kommuni smus gewonnen s e i . Er
erklaerte t
"Noch tobt der Kampf, noch sind die Schlachtlinien gezogen, und die kommunistischen Fuehrer, die die Befehle Moskaus befolgen, sind immer noch Agenten der
russischen P o l i t i k . Gerade j e t z t i s t nicht der Augenblick, i n unserer Wachsamk e i t nachzulassen oder unsere Anstrengungen zu verringern« 1 *
ECA Labor Information
15. Dezember 1949

- 2 -

�FEUERNESTES HJUS FUER ACHTTAUSEND DOLLAR.
(Von Dan Smyth, Korrespondent des AFL NEWS SERVICE i n Chikago).
Der Gewerkschaftsrat der Bauarbeitergewerkschaften i n Chikago s e t z t sich
fuer e i n Gesetz ein« nach dessen Bestimmungen nur Baumaterialien verwendet
werden s o l l e n , d i e bei Ausbruch e i n e s Brandes dem Feuer solange widerstehon,
b i s die Bewohner i h r e Wohnung v e r l a s s e n und d i e Feuerwehrleute e i n g r e i f e n
koennen.
Ein vorgeschlagenes neues Gesetz, das nun dem Stadtrat v o r l i e g t , wuerde
die Verwendung e i n e s PflanzenfaserProduktes g e s t a t t e n , das sich schon bei dem
Brand des H o s p i t a l s i n Effingham, 1 1 1 . , a l s a e u s s e r s t g e f a e h r l i c h erwiesen
h a t . Dieser Katastrophe im April d i e s e s Jahres f i e l e n 74 Menschenleben zum
Opfer. Die National Fire Protection A s s o c i a t i o n (Nationale Feuerschutz G e s e l l schaft) s c h r e i b t das Feuer i n dem B o t e l "LaSalle", bei dem e b e n f a l l s sehr v i e l e
Menschen umkamen, zum grossen T e i l derselben Ursache z u .
Die Bauarbeitergewerkschaften der AFL bauen zusammen mit der National
A s s o c i a t i o n of Real Estate Boards (Nationaler Verband der Grundstuecksmakler)
i n Chikago zu demonstrativen Zwecken e i n Haus, um zu beweisen, dass die Wohnungen, die s i c h die arbeitende Bevoelkerung l e i s t e n kann, auch sicher s e i n
koennen.
Byron Dalton, der Geschaeftsfuehrer der Stuckarbeitergewerkschaft i n Chikago, v e r t r i t t die I n t e r e s s e n der Baugewerbe bei diesem Projekt. Er kaempft
gegen eine Lockerung i n den s t a e d t i s c h e n Bauvorschriften an, durch die eine
w e i t e r e Verwendung von E r s a t z s t o f f e n fuer Gips i n der Decken- und Wandkonstruiction erlaubt wuerde.
Dieses Haus s o l l keine Antwort auf die Atombombe s e i n , sagte Dalton, aber
e s wird gegen Feuer oder Explosion widerstandsfaehiger a l s irgendein anderes
s e i n . £ s gibt h i e r keine losen oder hervorstehenden Verzierungen, d i e im
F a l l e e i n e r Explosion zu Wurfgeschossen werden koennten.
"Und Sie koennten e s s e l b s t mit einem Flammenwerfer n i c h t i n Brand
stecken*, sagte Dalton.
Das Haue s o l l 8,000 Dollar k o s t e n . Nach Beendigung der Vorfuehrung wird
e s v e r s t e i g e r t werden, und der E r l o e s f l i e s s t dem Chikago Community Fund, einer
WohltaetigkeitsrOrganisation, z u . Die Grundstuecksmakler werden fuer das Grundstueck und eine Garantie p o l i c e sorgen; d i e Gewerkschaften s t e l l e n Arbeitskraefte
und Material zur Verfuegung.
Das Baugrundstueck wird 121, Fuss lang und 45 Fuss b r e i t s e i n . Das Haus
hat 5 Schlafzimmer und wird aus Zementbioecken gebaut. Der Rissboden i s t aus
Beton. Die Aussenwaende und das Dach werden mit einer Portland Zement-PerlitGips Mischung unter Anwendung e i n e r Maschine, einer Moertelpumpe, v e r p u t z t .
Diese Maschine besteht aus einem grossen T r i c h t e r , der auf v i e r kleinen
Raedern s t e h t , daran e i n 3-Z0II Schlauch, durch den d i e Mischung aus Zement und
Gips g e t r i e b e n wird. Sie i s t b e r e i t s bei einem s t a a t l i c h e n Wohnungsbauprojekt
i n Chikago zur Anwendung gekommen, wird jedoch im Kleinwohnungsbau nun zum
erstenmal e i n g e s e t z t .
Die Maschine a r b e i t e t s c h n e l l e r und b i l l i g e r a l s die a l t e Methode des Verputzens mit der Maurerkelle. Waehrend e i n Arbeiter die Mischung mit dem Schlauch
an die Wand s p r i t z t , g l a e t t e t e i n anderer mit einem B r e t t nach. Ausserdem i s t
d i e s e s Verfahren weit sauberer a l s die frueheren, denn der grosse Mischer kann
ausserhalb des Hauses b l e i b e n , waehrend der Moertel durch den Schlauch i n die
Raeume gebracht wird.
AFL Weekly News Service
8 . November 1949

-3 -

�INDEX. DER LEBENSHALTUNGSKOSTEN IN DEN U . S . REVIDIERT.
Die Regierung begann eine schon lange f a e l l i g e Revision i h r e s Index fuer
Lebenshaltungskosten. Nach dein bestehenden Index wurden die Schwierigkeiten
der Arbeiter staendig unterscriaetzt, die s i e h a t t e n , um mit ihrem Lohn ihre
Beduerf n i e s e decken zu koennen.
AFL Funktionaere begruessten d i e s e Aktion und ersuchten die Gewerkschaft e r , ihre Kongressteilnehmer daran zu erinnern, dass zur Vollendung des d r e i jaehrigen 4 Millionen Dollar Projektes noch weitere Geldmittel b e w i l l i g t werden
muessten. In der e r s t e n Sitzung des 8 1 . Kongresses wurden nur 1.126.000
Dollar fuer die Arbeiten des e r s t e n Jahres zur Verfuegung g e s t e l l t .
• S e i t langer Z e i t fordern wir diese R e v i s i o n , " sagte George Brooks. Mr.
Brooks i s t Direktor der Forschun^sabteilung i n der Gewerkschaft der Papiermuehlenarbeiter unc Vorsitzender des Beratungsausschusees der AtL im S t a t i s t i schen Amt des Arbeitsministeriutns«
•Die R e v i s i o n h a e t t e schon lange durchgefuehrt werden s o l l e n , " sagte er«
"Der Index hat bestaendig die Lebenshaltungskosten der Arbeiter a l s v i e l zu
n i e d r i g angegeben, denn der f e s t g e s e t z t e Mietbetrag war bei weitem nicht ausreichend."
Ein anderer AFL Funktionaer meinte, dass der Wechsel "auf die j e t z i g e ,
r e l a t i v groeesere Bedeutung des F l e i s c h e s gegenueber der Kartoffel" zurueckzufuehren s e i . Darin s p i e g e l e s i c h die Umwandlung i n den hoeheren Lebensstandard
wider, die s i c h s e i t der Depression von 1935* a l s d e r j e t z i g e Index a u f g e s t e l l t
wurde, v o l l z o g e n h a t .
Der Finanzsekretaer der AFL, George Meany, fuehrte waehrend des Krieges
einen schweren Kampf, um den Lebenshaltungskosten-Index so r e v i d i e r e n zu koennen, dass er hoehere P r e i s e , niedrigere Qualitaeten und den Mangel an Waren
w i d e r s p i e g e l t e . Es gelang damals, e i n i g e Zugestaendnisse h i n s i c h t l i c h der Verschlechterung der Qualitaet zu bekommen, aber die Regierung weigerte s i c h ,
grundlegende Probleme zur Berichtigung e i n e s fuer den Arbeiter unguenstigen
Index i n Angriff zu nehmen.
Man erwartet von dieser R e v i s i o n , dass e i n wahrheitsgetreueres Bild e n t stehen wird. Die fuer den Arbeiter unguenstige Lage wird jedoch nicht ganz bes e i t i g t werden koennen, w e i l mit Beginn der neuen Erhebung die Preise im sinken
b e g r i f f e n waren.
Der Index i s t e i n e monatliche Zusammenstellung der P r e i s e von mehr a l s
1.500 Verbrauchsguetern oder D i e n s t l e i s t u n g e n , die von Familien i n der Stadt
mit Durchschnittseinkommen (3.000 Dollar j a e h r l i o h ) gekauft worden s i n d . Preise
fuer Lebensmittel, Bekleidung, M i e t e , Hausrat, T r e i b s t o f f , E l e k t r i z i t a e t und
Gas, sowie fuer verschiedene andere Waren und D i e n s t l e i s t u n g e n sind darin enthalten.
Iwan Clague, der Beauftragte des S t a t i s t i s c h e n Amtes im U . S . Arbeitsministerium, e r k l a e r t e , dass der Index erneuert werden muesste, um auch den Haushaltsausgaben fuer gefrorene Nahrungsmittel, Fernsehgeraete, e l e k t r i s c h e Kuehlschraenke und Gefluegel Rechnung tragen zu koennen.
Er kuendigte a n , dass die Erhebung 34 Staedte umfassen werde und b i s zum
] | . November i n 11 von ihnen mit den Untersuchungen begonnen werden s o l l . Angaben ueber etwa 500,000 Wohnungen, ueber Ausgaben i n mehr a l s 20.000 Familien
und ueber P r e i s e i n Tausenden von Laeden des Einzelhandels und D i e n s t l e i s t u n g s betrieben s o l l e » gemacht werden.
Der neue Index s o l l im Jahre 1952

zum

- k -

Gebrauch f e r t i g s e i n .

�Mr. Brooks e r k l a e r t e , dass e s der AFL vor allem daran gelegen s e i , den
Mietkoraponenten b e r i c h t i g t zu sehen. Er s a g t e , dass dieser s i c h sehr nachteil i g fuer die Arbeiter auswirke, da die ungeheuer grosse Zahl der Wohnungen,
die s e i t dem Kriege neu gebaut wurden, nicht b e r u e c k s i c h t i g t s e i . Ebenso
z e i g e er nicht die hoeheren Kosten fuer Eigentuemer a l t e r oder auch neuer
liaeuser. Er z i e h t ferner n i c h t d i e steigende Anzahl von Arbeiterfamilien i n
Betracht, die e i n e i g e n e s Haus b e s i t z e n , und d i e oftmals zum Ankauf e i n e s
Hauses gezwungen gewesen s i n d , w e i l z u f r i e d e n s t e l l e n d e Mietswohnungen nicht
vorhanden waren.
Inzwischen s t e i g t der Lebenshaltungskosten-Index an. Er ging um £/6 im
September i n d i e Hoehe und i s t nun 27JC hoeher a l s im Juni 194&amp;. a l s die i T e i s kontrollen aufgehoben wurden, und 72% hoeher a l s im August 1939« Ki n Jaor
zuvor l a g er nur um 35g t i e f e r .
AFL Weekly News Service
8« November 1949

BESSERE AJSSICnTEN FJER DIE BERUFSTAETIGE IRAU IN AMERIKA.
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Frauen erobern sich immer mehr Ber u f e , wie aus verschiedenen Veroeffentlichungen der Frauenabteilung im ü . S . Ar beitsminieterium hervorgeht. Waehrend den Frauen vor hundert Jahren m r
sieben Berufe offenstanden, a r b e i t e n s i e heute b e r e i t s i n rund 440 v e r s c h i e denen Berufsgruppen S e i t e an S e i t e mit ihren maennlichen Kollegen»
Die bestbezahlten l o s t e n finden Frauen nach den juengsten Schaetzun^en
i n g e i s t i g e n Berufen, a l s selbstaendige Unternehmer und a l s l e i t e n d e Anges t e l l t e oder Beamte. I n d i e s e n Berufen sind heute ungefaehr 2 Millionen
Frauen t a e t i g .
S e i t 1940 haben etwa eine halbe M i l l i o n Hausangestellte i h r e Stellungen
aufgegeben, um s i c h besser bezahlte Arbeit zu suchen. Insgesamt gibt e s i n
den Vereinigten Staaten gegenwaertig rund 17.5 Millionen b e r u f s t a e t i g e Frauen,
das sind 30%.aller Frwerbstaetigen und 3US der weiblichen Bevoelkerung der
U.S.A. ueber 14 Jahren. Unter den Arbeiterinnen befinden s i c h w e i t meU v e r h e i r a t e t e a l s l e d i g e Frauen.
Nach den bisherigen'Erfolgen der b e r u f s t a e t i g e n Frau zu u r t e i l e n und i n
Anbetracht der Tatsache, dass die Faehigkeiten der Frau i n den U.S.A. wie nie
zuvor anerkannt werden, i s t anzunehmen, dass s i e noch erhebliche F o r t s c h r i t t e
auf diesem Gebiet machen w i r d . Vor allem wird die Frau i n weit staerkerem
Masse a l s bisher auch i n q u a l i f i z i e r t e Berufe eindringen. I n v i e l e n Berufsgruppen halen s i e e r s t einen k l e i n e n Vorstoss gemacht und werden zahlenmaessig
noch weit von den Maennern u e b e r t r o f f e n . Einige g e i s t i g e und h o c h q u a l i f i z i e r t e
technische Berufe sind den Frauen nach wie vor so gut wie v e r s c h l o s s e n . Wie
die L e i t e r i n der Frauenabteilung im Arbeitsamt b e t o n t , muss auf dem Gebiet
der Erziehung und Ausbildung von Frauen zu g e l e r n t e n Fachkraeften und fuer
g e i s t i g e Berufe noch v i e l getan werden.
Die hoechsten S p i t z e n p o s i t i o n e n locken d i e Frauen zu weiterem Vordringen.
Allerdings erfordern d i e s e S t e l l u n g e n mehr Vorbildung, a l s die Frauen im a l l gemeinen erwerben koennen. Aber die Zahl derjenigen Frauen, d i e d i e s e Moegl i c h k e i t e n erkennen, wird zwangslaeufig entsprechend den mit d i e s e n Posten
verbundenen hohen Gehaeltern und Ehren wachsen.

�BRITISCHE METALLARBEITER BERICHTEN UEBER AMERIKANISCHE PRODUKTIOKSiailSTONSEK.
Im Maerz und April 1949 besuchte eine Gruppe britischer Metallarbeiter, Techniker und Industrieller die Vereinigten Staaten um die
Produktionsmethoden der amerikanischen Stahlerzeugung zu studieren«
Die Arbeitervertreter waren von den Gewerkschaften ernannt worden«
Der ausfuehrliche und gut fundierte Bericht dieser Gruppe, die sich
•Productivity Team" nannte, sind nicht nur von allgemeinem Interesse,
sondern besonders wertvoll weil es sich um den ersten Studienbesuch
dieser Art handelte. Hier folgen die Schlussfolgerungen des *Team"t
0

Es muss vorausgeschickt werden, dass die Ursachen der hohen Produktionsl e i s t u n g i n den Vereinigten Staaten e i n e r s e i t s psychologischer oder verwaltungstechnischer Art sind, und dass sie a n d e r e r s e i t s i n der Anwendung besonderer
Produktionsmethoden zu suchen s i n d .
Das Team war von dem weitverbreiteten Produktiv!taetsbewusstsein besonders
beeindruckt. Es i s t mehr a l s nur Produkt!onsbewusstsein» Es s c h e i n t , dass man
i n Amerika weit groesseren Wert auf Produktionsleistung l e g t - d . h . die Leistung
des Einzelnen steht im Vordergrund, waehrend die Gesamtproduktion des Betriebes
logischerweise a l s Ergebnis der Leistungen der Arbeiter gewertet wird« Dieses
Produktivitaetsbewusstsein i s t bei a l l e n Arbeitnehmern, ob Geschaeftsfuehrer
oder einfacher A r b e i t e r , vorzufinden.
Es i s t allgemein anerkannt, dass hohe Produktionsleistung der gesamten Belegschaft zugute kommt« Fuer a l l e Arbeitnehmer gibt es anspornende Momente,
und in Geldform sind sie aus zwei Gruenden besonders wirksam» die Besteuerung
i s t nicht so hoch, dass die Bezahlung fuer die groessere Leistung dadurch ganz
oder f a s t ganz aufgehoben wuerds, und zweitens sind genuegend Waren vorhanden,
um die Extraloehne umsetzen zu koennen.
Nicht nur der hohe Lebensstandard und das Bestreben der Hausfrauen, den
Lebensstandard i h r e r Familie zu verbessern, wirken a l s Ansporn fuer den Arbeiter,
sondern auch eine gewisse Furcht« Da es nicht so umfangreiche Arbeitslosenunterstuetzung wie bei uns i n England g i b t , kann eine A r b e i t s l o s i g k e i t schliume
Folgen fuer den Lohnempfaenger haben. Eine besser bezahlte Beschaeftigung i s t
a l s o gewissem»ssen auch eine Versicherung gegen A r b e i t s l o s i g k e i t ! und hohe
Produktionsleistung i s t der goldene Weg, der zu hohen Loehnen f u e h r t .
Das Wettbewerbssystem i s t i n der gesamten I n d u s t r i e Amerikas vorherrschend«
Stahlgieseereien muessen nicht nur mit Schweissereien und Gesenkschmieden konk u r r i e r e n , sondern auch mit Fabriken, die keinen Stahl verarbeiten« Innerhalb
e i n e r geographischen Gruppe von Stahlgiessereien herrscht eine besonders starke
Konkurrenz um den Absatz i n ihrem Bezirk« Bei einer Verschlechterung der Wirtschaftslage f a l l e n die Preise gewoehnlich, und die Unzulaenglichkeit v i e l e r
Preissysteme l a e s s t vermuten, dass Preissenkung l e i c h t zum halsabschneiderisehen
Wettbewerb werden kann, der weder der Industrie noch ihren Abnehmern Gewinn
bringt.
Unter den Vorarbeitern und sonstigen Arbeitsvorgesetzten h e r r s c h t ebenfalls
e i n schwerer Konkurrenzkampf, denn diese Stellungen sind die sichersten und b e s t bezahlten. Jedermann kann Vorgesetzter werden, sofern er d i e erforderlichen
Paehigkeiten und die noetige Energie besitzt« Deshalb gibt es v i e l e , die danach
streben, diejenigen abzuloesen, die sich a l s unfaehig erwiesen haben*
Diese Konkurrenz i s t a l s Bestandteil des amerikanischen Lebens bezeichnet
worden« Sie s o l l zu niedrigeren Preisen und hoeherer Produktionsleistung fuehren
und wird deshalb von a l l e n Amerikanern bewusst u n t e r s t u e t z t j man nimmt a l l e ihre
Folgeerscheinungen a l s etwas Selbstverstaeridlidies h i n . Selten widersetzt man
sich dem allgemeinen Kurty der Produktionsleistungssteigerung, s e l b s t wenn der
Wettbewerb durch ihn i n t e n s i v i e r t wird,
- 6 -

�Diese Einstellung bringt eine gewisse R ü c k s i c h t s l o s i g k e i t i n der Produkt i o n mit sich. Betriebsleitung und Geschaeftsfuehrung folgen klar vorgezeichneten R i c h t l i n i e n , i n denen festgelegt i s t , was produziert wird, welche Qualit a e t und welche Arbeitsmethoden gewaehlt werden, wie und was genormt wird, und
sogar wie d i e Beziehungen zu den Arbeitnehmern zu g e s t a l t e n sind. Alle ihre
Bemuehungen sind auf das gemeinsame Ziel a u s g e r i c h t e t , und jeglicher Aufwand an
Kraft, die diesem Zwecke nicht d i e n t , wird a l s ueberfluessig betrachtet und
unterbunden. Waehrend sich der eine Unternehmer e n t s c h l i e s s t , nur genormte
Massenartikel fuer einen bestimmten Absatzmarkt h e r z u s t e l l e n , und zu diesem
Zwecke eine Giesserei aufbaut, i n der Arbeiter mit wenig Fachkenntnissen beschaeftigt werden koennen, kann sich ein anderer zum Beispiel auf Gussverfahren
verlegen, die besonders schwierig sind und einen hohen Grad an verstaendnisvoller Zusammenarbeit zwischen Vorgesetzten und Arbeitern erfordern. Der eine
wird hochqualifiziertes Verkaufspersonal haben, waehrend es fuer den anderen
nur darauf ankommt, einige Abnehmer zu finden, die mit seiner Ware zufrieden
sind und sich auf diese eine Bezugsquelle verlassen. Jeder i s t von dem B e s t r e ben b e s e e l t , sein Geschaeft so zu fuehren, dass seine Waren moeglichst b i l l i g
h e r g e s t e l l t und verkauft werden koennen.
Wenn man den psychologischen Faktor kennt, der im amerikanischen I^ben mits p i e l t , dann versteht man auch, warum in einer Zeit des Geschaeftsrueckganges Amerika befand sich in einer solchen S i t u a t i o n , a l s das Team sich dort aufh i e l t - das Arbeitstempo trotzdem nicht nachlaesst. Im Gegenteil, i n solchen
Zeiten scheint die Konkurrenzfreudigkeit neu aufzuleben.
Die P r o d u k t i v i t a e t , a l s Stundenarbeitsleistung pro Mann und pro Tonne gesehen, l i e g t in den Vereinigten Staate*n zweifellos hoeher a l s i n England und
zwar um 50 - 905?. Das Team i s t der Ansicht, dass die oben zum Ausdruck gebrachten Momente eine treibende Kraft d a r s t e l l e n , die die S t a h l a r b e i t e r Amerikas zu
staendig hoeherer Produktionsleistung anspornen muss. Zusammengefasst h e i s s t
dasi unter dem Zwange des ausgepraegten Konkurrenzgeistes, ohne den man sich das
moderne Amerika nicht v o r s t e l l e n kann, s t r e b t man bewusst nach hoeherer Produkt i o n s l e i s t u n g , und die Arbeiter der amerikanischen Stahlindustrie werden zu hoeher e r A r b e i t s l e i s t u n g angespornt.
Es s o l l nicht behauptet werden, dass dies die einzigen Kraefte sind, die den
Arbeiter zu groesseren Angstrengungen veranlassen. Auch Furcht und Selbstin'teresse haben sich immer a l s maechtige Triebkraefte erwiesen, die unmittelbar auf
das menschliche Wesen wirken koennen, und es gehoert nicht zu den Leltsaetzen
des Team, diese durch Gegenvorschlaege ersetzen zu wollen.
Unter welchen Bedingungen diese psychologischen Kraefte im allgemeinen zur
Geltung kommen koennen, s o l l nun einzeln angefuehrt werden.
Die physische Grundlage hoher Produktionsleistung besteht in der Anwendung
von Maschinen. Bei der Gruppierung der Fabriken müssen SparsamkeitsErundsaetze
in Betracht gezogen und die Maschinen und bedienenden Arbeiter raeumlich so e i n g e t e i l t werden, dass der Arbeitsvorgang vereinfacht wird, d i e Arbeiter sich
moeglichst wenig von ihrem Arbeitsplatz entfernen und der Bedarf an Arbeitakraeften, die nicht d i r e k t i n den Produktionsprozess eingeschaltet sind, weitgehendst reduziert wird. Die Reihenfertigung v i e l e r Waren bedingt eine Gruppierung des Produktionsvorganges, die den jieibungslosen Ablauf des Arbeitsvorgangs
foerdert; man kann das auch mit guten Raushaitsfuehrungsmethoden vergleichen.
Der hohe Produktivitaetsstand kann nur aufrechterhalten werden, wenn soviel
Gueter produziert werden, dass der Aufwand an Maschinen damit g e r e c h t f e r t i g t i s t .
•Ohne grossen Produktionsumsatz i s t hohe Produktivitaet unmoeglich.«
Fuer diesen Umsatz i s t durch den amerikanischen Absatzmarkt Sorge getragen,
der sich mit der amerikanischen konkurrenzbejahenden und durch die Massenproduktion bedingten Mentalitaet entwickelt hat und durch s i e geformt wurde. Bezeichnend fuer den amerikanischen Absatzmarkt i s t das Vorhandensein vereinheitl i c h t e r Produkte, s e l b s t wenn sie Teile verschiedener Fertigwaren sind. Sobald

7

�sich die Verbraucher an die Gueter der Massenproduktion gewoehnt haben, kommt
die I n d u s t r i e in die Lage, auch kleinere Mengen zu niedrigen Preisen herzustell e n , obwohl die Produktionsleistung i n solchen Faellen erheblich geringer i s t .
Die Anwendung von Maschinen Laesst von vornherein auch auf groessere Anwendung mechanischer Energie schliessen. Bin grosser T e i l der mit der Hand
a u s g e f ü h r t e n Arbeiten muss maschinell v e r r i c h t e t werden, mechanische Hilfsmittel
zum Transport des Materials sind e r f o r d e r l i c h und die Produktionsprozesse haben
sich unter groesstmoeglichem Einsatz von Maschinen zu vollziehen. Die Bereitw i l l i g k e i t des acierikanisehen A r b e i t e r s , neue Maschinen, Arbeitsverfahren und
den Gebrauch neuer Materialien zu akzeptieren, i s t o f f e n s i c h t l i c h . Es gibt
keine eingefleischte Voreingenommenhe'it, die zu ueberwinden waere, sondern eine
ausgesprochene Begeisterung fuer a l l e s Neuartige.
Da Arbeitskraefte teuer sind, macht man den bestmoeglichsten Gebrauch von
ihnen. Die Arbeit i s t 90 e i n g e t e i l t , dass die Leute dauernd i n einem gewissen
Arbeitsrhythmus gehalten werden; Fachleute l e i s t e n nur Facharbeit und werden
staendig von unter ihnen stehenden Arbeitern bedient. Man benoetigt keine Fachkraefte zur Bedienung der Maschinen, sondern Leute, die ueber grosse Geschickl i c h k e i t verfuegen, koennen diese Arbeit v e r r i c h t e n . Zum Bedienen der Maschinen
eignen sich am besten die Arbeiter, die nicht ueberlegen, wie das Produkt herges t e l l t werden s o l l t e , sondern einfach wie ein bestimmter Rhythmus und eine
Gleichmaessigkeit in die Produktionsbewegungen gebracht werden koennen. Hochq u a l i f i z i e r t e Fachkraefte l e i s t e n k e i n e r l e i Handarbeit.
Die Beschaffenheit der Giessereiprodukte muss dem betreffenden Zweck e n t sprechen. Man verlangt keine*Vollkommenheit, wenn sie nicht erforderlich i s t ,
und Fehler an unwichtigen Teilen werden von den Verbrauchern nicht beanstandet.
Die der Ausfuehrung gesetzten Toleranzgrenzen werden nicht enger a l s noetig gezogen. Was man v e r l a n g t , i s t "Gut genug".
1

Gruensandgiessverfahren werden i n grossen Gussformen durchgefuehrt. Die
Entwicklung der Sandgiesserei i n England hat den Hoechststand der Produktion i n
Amerika e r r e i c h t , der Arbeitsvorgang i s t jedoch nicht so regslmaessig und einfach
wie dort* In Amerika i s t naemlich Bentonit und hochwertige Kieselerde %n n i e d r i gen Preisen verfuegbar, die sich besonders zu Gussverfahren unter Anwendung synthetischen Sandes eignen. Man i s t b e s t r e b t , feinkoernigen Sand zu verwenden, um
bessere Walzen zu ermoeglichen und die. Gusspritzarbeiten zu reduzieren.
Die Schmelzebfaelle haben einen geringen Gehalt an Schwefel und Phosphor,
koennen i n Saeureschmelzoefen v e r a r b e i t e t werden und haben deshalb trotzdem die
erforderlichen Schwefel- und Phosphor-Spezifikationen.
Elektrische Energie i s t i n genuegender Menge vorhanden. Kein Unternehmen
braucht sich damit aufzuhalten, Reservevorrichtungen aus Angst vor Stromsperren
e i n z u r i c h t e n . Maschinen koennen bei kurzer L i e f e r f r i s t gekauft werden.
Innerhalb der Berufe werden offen Ideen und Informationen ausgetauscht, und
a l l e Arbeitsvorgesetzten sind an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung i n der
Stahlindustrie i n t e r e s s i e r t .
Besonders anerkennenswert i s t die A r b e i t , die von der Steel Founders*
Society of America (Gesellschaft der Stahlgiesser Amerikas) auf dem technischen
Gebiet und im Erfahrungsaustausch i n der gesamten I n d u s t r i e g e l e i s t e t wird. Neue
Forschungsergebnisse werden ihren Mitgliedern so bald wie moeglich m i t g e t e i l t ,
ohne dass der laufende Arbeitsprozess dadurch gestoert wird. Die Ergebnisse
werden in einer Weise veranschaulicht, die a l l e n Stahlgiessern und nicht nur
geschulten Technikern verstaendlich i s t . Diese Mitteilungen haben oft die Form
d i r e k t e r Empfehlungen, die einem grossen Ereis zur Pruefung vorgelegt werden,
ohne dass man eine Bestaetigung bestimmter Instanzen abvtartet. In dieser Beziehung legen die amerikanischen Stahlgiesser eine Unternehmungslust an den Tag,
die nicht zu leugnen und, man kann sagen, nicht zu ihrem Nachteil i s t . Viele i n

- 8 -

�England bekannte naetnoaen, aie man nier nur mit Zoegern anzuwenden versucht,
sind in den amerikanischen Giessereien schon weit verbreitet«
Durch die Betonung der Sicherheit (besonders vor Silikosis) wird die Produktionsleistung, wenn auch nicht entscheidend, so doch stark beeinflusst. Alle
Stahlarbeiter, die Staubkrankheiten ausgesetzt sind, werden laufend geroentgt
und duerfen nicht bis zur voelligen Arbeitsunfaehigkeit weiterarbeiten.
Neger sind wertvolle Arbeitskraefte, besonders wenn es sich um Reihenfertigung handelt, die Geschicklichkeit und koerperliche Anstrengung erfordert. Bin
Neger als Vorgesetzter ist jedoch eine Seltenheit.
Im Zusammenhang mit der Produktionsleistung gibt es fuer den Amerikaner keine
Gewerkschaftsprobleme. Die Gewerkschaften unternehmen nichts, was die Produktion
beeintraechtigen koennte. Alle Arbeiter, die im Lohnverhaeltnis stehen, koennen
Gewerkschaf tsmitgüeMer werden. Die Hauptaufgaben der Gewerkschaften bestehen
darin, gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen unter groesstmoeglicher Sicherheit trotz der durch den Wettbewerb bedingten Umstaende fuer ihre Mitglieder zu
erzielen.
lrotz dieser positiven Feststellungen muss der aufmerksame Beobachter amerikanischer Lebensverhaeltnisse zugeben, dass staendig Unvereinbarkeiten auftauchen, die aus zwei sich widersprechenden Motiven im Leben Amerikas zu erklaeren
sind*
Das eine ist der ausgepraegte, selbstbewusste Individualismus, der in dem
Eonkutrrenzgeist zum Ausdruck kommt - dem Recht jedes einzelnen, seinen eigenen
Weg zu gehen und seine eigenen Ziele zu verfolgen»
Dieser Konkurrenzgeist zwingt jedoch auch zur Vereinheitlichung der Produkte, was wiederum eine Vereinheitlichung der Verbrauchsgueter, der Lebensweise
und der Denkungsart zur Folge hat und in krassem Widerspruch zu den Grundsaetzen
des Individualismus steht. Je mehr das zweite Motiv in Erscheinung tritt, das
in dem Streben nach einem hohen Lebensstandard und nach Befreiung von schwerer
Arbeit besteht, umso mehr konzentriert sich die Wahl des einzelnen auf vereinheitlichte Mittel und Wege, die zur persoenlichen Zufriedenheit fuehren»
Es waere seltsam, wenn keine krassen Gegensaetze in einem Volke bestuehden,
das zugleich dem Individualismus und der Einheitlichkeit huldigt.
EMPFEHLUNGEN.
Bis jetzt hat das Team in seinem Bericht Tatsachen wiedergegeben und daraus
Schluesse gezogen, wie die Produktionsleistung in den amerikanischen Stahlgiessereien mit der durchschnittlichen Leistung in England verglichen werden kann,
was die Ursachen der hohen amerikanischen Produktivitaet sind, und mit welchen
Mitteln sie erreicht werden kann.
Bevor das Team dazu uebergeht, Vorschlaege zu machen, deren Verwirklichung
nach aalner^jAnsicht zu hoeherer Produktionsleistung in den englischen Giessereien
fuehrt, muss eine Frage gestellt werden:
Wuenschen die englischen Stahlgiesser tatsaechlich eine hoehere Produktionsleistung?
Es ist leicht, die Frage einfach zu bejahen; weniger leicht jedoch ist folgende Fraget
Was ist wichtiger, hoehere Produktivitaet oder die alten Grundsaetze der
verschiedenen Interessengruppen?

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�Solange man diese beiden Fragen nicht ehrlich zu beantworten gewillt i s t ,
bedeutet jegliche Bemuehung nur unnoetigen Z e i t v e r l u s t . Und eine ehrliche
Stellungnahme muss von a l l e n Kreisen der Industrie verlangt werden, so wie
auch die Mitglieder des Produktivitaets-Team aus a l l e n Kreisen kommen und sich
bemueht haben, einen wahrheitsgetreuen Bericht ueber ihre Beobachtungen zu
geben.
Um den Interessen des Lesers entgegenzukommen, kann die Frage folgendermassen
noch besser veranschaulicht werden:
(a) I s t hohe Produktionsleistung wichtiger a l s Organisation und herkoemmliche Gebraeuche der Berufsgenossenschaft?
(b) Muss auf die hohe Produktivitaet verzichtet werden, um die bestehenden Methoden der Unternehmerverbaende beibehalten zu koennen?
(c) Muessen die Gepflogenheiten der Gewerkschaften, die sich in den Jahren
vor der gegenwaertigen wirtschaftlichen Krise entwickelt haben, auf Kosten der
hohen Produktivitaet unveraendert bleiben?
Die Frage i s t i n diese Formen zerlegt worden, um die Aufmerksamkeit der
drei Interessengruppen zu erwecken, denen dieser Bericht eigentlich g i l t . Jede
d i e s e r drei Gruppen hat ihre Verantwortung und Autoritaet im Industrie System
Englands, Es i s t in der Vergangenheit v i e l davon gesprochen worden, dass mit
groesserer Autoritaet auch groessere Verantwortung erwaechst. Die verantwortlichen Teile muessen aber auch darauf hingewiesen werden, dass sie nicht nur
Vorwuerfe fuer Pflichtversaeumnisse hinzunehmen haben, sondern dass s i e selber
versuchen muessen, f e s t z u s t e l l e n , inwiefern sie schuldig sind. Jeder Versuch,
sich der eigenen Verantwortung zu entziehen, "einem andern die Schuld in die
Schuhe zu schieben", deutet darauf h i n , dass die Autoritaet des Betreffenden
i n besser befaehigte Haende gelegt werden muss. Diese drei verschiedenen Fragen
sind deshalb i n Wirklichkeit nur e i n e ; keine der d r e i genannten Gruppen kann
sich i h r e r Verantwortung in dem Augenblick entziehen, in dem sie sich fuer oder
gegen die hohe Produktivitaet e n t s c h e i d e t .
Wie die Antwort ausfallen muss, haengt davon a b , was es bedeuten wuerde,
wenn sie verneinend waere. In den Berichten ueber wirtschaftliche Untersuchungen bedient man sich hoeflicherweise der Wirtschaftsterminologie. Die w i r t schaftlichen Untersuchungen haben jedoch ergeben, um es ganz offen auszusprechen, dass uns bei Nichtannahme erhoehter Produktivitaet die Hungersnot bevors t e h t . Wenn unal diese Erkenntnis i n Fleisch und Blut uebergegangen i s t , dann
kann man hoffen, dass F o r t s c h r i t t e gemacht werden koennen.
Dem Team geht es in seinem Bericht darum, k l a r z u s t e l l e n , was falsch gemacht
wird. Sa will anderen jedoch nicht mehr Schuld zur Last legen, a l s e* selber
zu uebernehmen gewillt i s t , wenn ihfli von aussenstehender Seite Vorwuerfe ueber
Ungenauigkeiten in der Beobachtung und Schlussfolgerung gemacht werden. Alle
Leser dieses B e r i c h t e s , ob sie V e r t r e t e r der Interessen der Gewerkschaften, Beruf sgenossenschaften, Arbeitgeber, Arbeiter oder sogar nur Zuschauer sind,
muessen ihren eigenen Anteil an Verantworung uebernehmen, um r i c h t i g z u s t e l l e n ,
was ihnen a l s falsch e r s c h e i n t . Es i s t zu hoffen, dass ein Teil der K r i t i k ,
die an den Vorschlaegen geuebt wird, sich a l s unbegruendet erweist und bericht i g t wird.
Das Verstaendnis fuer die Notwendigkeit g e s t e i g e r t e r Produktionsleistung
muss bei a l l e n , vom juengsten Lehrling b i s zu dem, der kurz vor seiner Pensionierung s t e h t , vorhanden sein. Dieses Verstaendnis zu erwecken, i s t nicht
a l l e i n Aufgabe der oeffentlichen Koerperschaften. A l l e , die darum wissen, sind
v e r p f l i c h t e t , dieses .Verstaendnis ueberall da, v/o es vorhanden sein muss, zu
foerdern. Jeder Leser dieses Berichtes ueberzeuge s i c h , dass die Leute aus der
S t a h l i n d u s t r i e , mit denen er in enger Verbindung s t e h t , wissen, was mit Produk- 10 -

�t i v i t a e t geineint i s t und zwar genuegt nicht eine formelle Erklaerung, sondern
eine Erklaerung in der taeglichen Umgangssprache i s t notwendig. Es i s t von
groesster Wichtigkeit, dass die drei Gruppen, denen dieser Bericht g i l t , eng
zusammenarbeiten. Jede muss,auf die Ausdehnung des Verstaendnisses auf die
Allgemeinheit bedacht sein und a l l e s t u n , was in ihrem Bereich des Moeglichen
l i e g t , um das nachzuholen, ras in der Vergangenheit versaeumt worden i s t .
Zunaechst i s t es e r f o r d e r l i c h , die hohe.Produktionsleistung zum Pruefstein
der I n d u s t r i e zu machen. Traditionelle Methode i s t a l l z u oft nur e i n mildernder
Ausdruck fuer H a l s s t a r r i g k e i t und berufliche Gewohnheit fuer Dickkoepfigkeit.
Beide sind fuer den Export ohne jegliche Bedeutung. Produktionsleistung dagegen
wirkt sich direkt auf den Export a u s . Die verschiedenen Bestandteile, die eine
Industrie bilden, haben ihre eigenen, besonderen I n t e r e s s e n , und viele dieser
Interessen stehen wohl im Schutze herkoemmlicher Gewohnheiten, die sich in der
Vergangenheit entwickelt haben. Man nimmt jedoch nicht a n , dass die Fuehrer
der Getverkschaf t e n , Berufs- und Unternehmerverbaende so ideenarm s i n d , dass sie
nur in der i n d u s t r i e l l e n Struktur a l t e n Musters ihre besonderen Interessen
nachhaltig gewahrt sehen koennten. Weder Vorschriften nfecb Verfahren koennen
eine Hungersnot verhindern. Die hohe Produktionsleistung kann e s a b e r . Es i s t
n u t z l o s , i n schoenen Phrasen von dem zu sprechen, was vermutlich die Erfolge in
den vergangenen Jahren ermoeglicht h a t . Fast das Wichtigste haben wir verlor e n , - unsere i n d u s t r i e l l e Fuehrung - und die geringeren Erfolge werden zu Staub
und Asche werden, wenn wir nicht beginnen, die Sache von einer anderen Warte
aus zu sehen, und die hohe Produktionsleistung an e r s t e S t e l l e ruecken, die
a l l e i n die Befreiung von der Angst vor wirtschaftlicher Not bringen kann. Dass
e s dabei Regeln, Vorschriften und Bestimmungen geben wird, die mit den b i s h e r i gen Produktionsgrundsaetzen nicht i n Einklang zu bringen sind, i s t unumgaenglich.
fis i s t jedoch nicht zu vergessen, dass jede einzelne dieser Vorschriften aus
bestimmten Gruenden bestehen muss «. entweder um gewisse Bedingungen zu verbessern,
hilfsbeduerftige Gruppen zu unterstuetzen und zu schuetzen oder um zusaetzliche
Sicherheiten zu b i e t e n . Wenn jedoch irgendeine Regel, Methode oder Bestimmung
die hohe Produktionsleistung b e e i n t r ä c h t i g t , dann wirkt sie sich zum Kachteil
der Gesamtheit des Volkes a u s , das aus Privatinteressen nicht i n eigennuetziger
Weise uebergangen werden darf. Gerade i n dieser Frage muessenneue Ideen geschaffen und t o l e r a n t e s Experimentieren muss ermoeglicht werden, um sicherzus t e l l e n , dass diejenigen, die ein legales Interesse an der sich entfaltenden
hohen Produktionsleistung haben, auch entsprechendgeschuetzt werden.
Eine staendige
Beachtung der Grundsaetze hoher Produktionsleistung a l s
Wegweiser in der Industriefuehrung, i s t in e r s t e r Linie die Aufgabe der fuehrenden Maenner der I n d u s t r i e , die die allgemeinen Richtlinien beeinflussen und
Vereinbarungen t r e f f e n , und nicht der Lohnempfaenger und der gehaltsempfangenden
Vorgesetzten, durch die die hohe Produktiv!taet bewirkt wird. Leute, deren
Beschaeftigung nicht v i e l Voraussicht e r f o r d e r t , koennen eine bevorstehende Gefahr nicht erkennen, solange s i e noch in entferntem Bereich l i e g t , Sie erkennen
nicht die Dringlichkeit des Problems und bestimmt auch nicht die Anzeichen der
bevorstehenden Not. Um auch ihre Aufmerksamkeit zu erregen, sind einige Massnahmen sofort zu e r g r e i f e n und direkte Belohnungen fuer gesteigerte Produktionsl e i s t u n g auszusetzen« Eine Handlungsweise, bei der das Verstaendnis der gesamten Bevoelkerung fuer verworrene wirtschaftliche Problemevorausgesetzt werden
muesste, wuerde vergebliche Muehe s e i n . Auch eine Erziehung des Volkes zu gefuehlsmaessiger Einsicht wuerde zu v i e l Zeit in Anspruch nehmen, und der Erschuetterung, die die Beendigung des Marshall Planes mit sich bringen wirf, koennte nicht r e c h t z e i t i g begegnet werden. Es i s t deshalb wichtig, dass ein d i r e k t e r
Ansporn i n irgendeiner Form gegeben wird. Dieser Ansporn i s t auf a l l e , d i e fuer
die Produktion mit verantwortlich sind, gleichmajaesig zu v e r t e i l e n . An diesem
Ansporn muessen a l l e Schichten, die an der Produktion b e t e i l i g t sind, gleichen
Anteil haben, - sonst fuehrt er zu gegenseitigem Misstrauen. Es i s t k l a r , dass
A r b e i t e r , Vorgesetzte, B e t r i e b s l e i t e r und Techniker das Recht haben, daran bet e i l i g t zu sein; e s i s t nicht mehr a l s gerecht, wenn man zugibt, dass auch Inhaber und diejenigen, die Geld i n Maschinenausruestung angelegt haben, um dadurch

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�mehr Waren erzeugen zu koennen, ebenfalls am Gewinn beteiligt werden muessen.
Die Abnehmer der Industrie muessen dureh niedrigere Preise belohnt werden, besonders dann, wenn sie die Erzeuger in ihren Produktionsaufgaben unterstuetzen.
Alle Partner in Lohnverhandlungen sollten es sich zum Grundsatz machen,
die Einsparungen an Herstellungskosten, die der gesteigerten Produktionsleistung
zu rerdanken sind, gerecht unter Verbrauchern und den an der Herstellung Beteiligten zu verteilen» Dies duerfte einfach genug sein, und ausserdem waere ein
erhoehtes gegenseitiges Vertrauen die Folge.
Damit ist es jedoch noch nicht getan. Eine Belohnung in Form hoeherer
Loehne'in den Haenden der Bevoelkerung ist nutzlos, wenn sie nicht in Waren umgesetzt werden kann, die eine angemessene Belohnung fuer den Mehraufwand an Anstrengung darstellen. Wenn die erhoehte Kaufkraft als Eräjbnis der gesteigerten
Produktionsleistung von den vorhandenen, mehrerzeugten Verbrauchsguetern nicht
absorbiert werden kann, .dann koennte es leicht zu einer Erschuetterung des
Gleichgewichtes und damit zu einer Inflation kommen. Die Wirtschaft der englischen Industrie muss von hoechster Instanz aus gelenkt werden, damit das System
der erhoehten Loehne fuer gesteigerte Produktiv!taet mit den allgemeinen Interessen zu vereinbaren ist. Verfehlt man e_s, diese Lenkung der Wirtschaft vorzunehmen, dann besteht die Gefahr, dass die Mehrverdienste ein Ausmass annehmen,
das sie von ihrem eigentlichen Zweck entfernt und die gegenwaertigen Schwierigkeiten noch vergroessert.
- Es ist ganz klar, dass hohe Produktivitaet mit industrieller Leistungsfaehigkeit eng verbunden ist« Die Erkenntnisse hoher Produktivitaet lehren uns,
dass es nur gerecht ist, wenn ein Betrieb mit niedriger Produktionsleistung
zugrundegeht oder ein Arbeitnehmer, dessen Leistungen ungenuegend sind, seine
Beschaeftigung verliert. Es ist gefaehrlich, Leistungsunfaehigkeit zu schuetzen,
ganz gleich, um wen es sich dabei handelt. Den Verfassern dieses Berichtes
steht es nicht zu, Vorschlaege zu machen, wie Leistungsunfaehigkeit zu bekaempfen
ist. Sie empfehlen jedoch den Berufsverbeenden, Unternehmerorganisationen,
Gewerkschaften, Betriebs- und Werkstattsleitern sowie den gemeinsamen Produktion s-Ausschuessen, dieses Problem ins Auge zu fassen und sich mit ihm zu beschaeftigen.
Das, was im Vorangegangenen gesagt wurde, soll Klarheit ueber die groesseren
und allgemeinen Probleme schaffen, damit die einzelnen Vorschlaege in der ihnen
eigenen Perspektive betrachtet werden koennen. Sie werden im Folgenden zum
Ausdruck gebracht.

Gruppierung der Werksanlagen und Ausruestung mit Maschinen.
In vielen Stahlgiessereien Englands hat sich aufs Geratewohl ein Durcheinander von Gebaeuden und Werksanlagen entwickelt, in dem es schwierig ist, den
einfachsten Verlauf des Produktionsprozesses einzuhalten. Es wird viel Zeit
in Anspruch nehmen, die Umgruppierung in der Richtigen Weise durchzufuehren,
aber es bleibt keine andere Wahl - entweder werden die Betriebe so aufgebaut,
dass sie leistungsfaehig sind, oder sie kommen unter den Hammer, der die Leistungsunfaehigen erwartet. Da es eine langwierige Arbeit sein wird, den Erfordernissen entsprechend neu zu gruppieren, besteht umsomehr Grund, sofort damit
zu beginnen. Durch Abwarten wird das Problem nicht einfacher*
Langfristige Projekte werden jedoch nicht schnell genug eine guenstige Beeinflussung unserer Industrie bewirken. Die bestehenden Produktionsmethoden
koennen jedoch schon durch Neueinteilung der Arbeiten verbessert werden. Es
ist in Kundengiessereien allgemein ueblich, dass sich ein Former zur Ausfuehrung
seiner Arbeit in einem bestimmten Baum bewegen kann. Er fuehrt jede Arbeit an
einer anderen Stelle aus, und seine Werkzeuge und Geraete muessen jedesmal zu
dem anderen Platz gebracht werden. Nach den amerikanischen und den besten britischen Methoden wird diese Arbeit in die Fliessbandfertigung mit einbezogen.

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�sodass der Former mit seinen Geraeten und Materialien eine bestimmte S t e l l e inneh a t , zu der das zu bearbeitende Stueck hin- und auch wieder wegbefoerdert wird.
(Dies i s t n a t u e r l i c h nur bei Vterkstuecken k l e i n e r und m i t t l e r e r Groesse moeglich).
Auch i n anderen Abteilungen der Giessereien koennen durch Umgruppierung der Maschinen und Werksbaenke der Arbeitsvorgang vereinfacht und unnoetige Arbeiten
vermieden werden, die dadruch entstehen, dass die Gusstuecke aufgestapelt werden
und spaeter i n Kaesten zur Bearbeitung weiterbefoerdert werden muessen.
Durch die I n s t a l l a t i o n von zusaetzlichen Maschinen kann in vielen Betrieben
die Produktionsleistung in kurzer Zeit verbessert werden. In a l l e n amerikanischen
Giessereien kann man f e s t s t e l l e n , dass zur Befoerderung des Materials gute Transp o r t m i t t e l zur Verfuegung stehen. Schnell arbeitende Kraene, Rollwagen mit gabelfoermiger Hebevorrichtung und S c h l i t t e n mit Raedern zum Transport der Gusskasten sind drei wichtige H i l f s m i t t e l . Ausserdem hat man Laufhebekraene, die
die Former, Schleifer oder Gussputzer an ihren Arbeitsplaetzen bedienen«
Die Anwendung von Produktionsmaschinen kann noch weiter.ausgedehnt werden,
und der Arbeitseinsparung i s t dabei groessere Beachtung zu schenken. Ob maschinelle Gussverfahren ratsam sind, wird in den meisten Faellen von der Beschaffenh e i t des Absatzmarktes abhaengen. Die einzelnen Auftraege fuer Gusstuecke sind
i n den meisten Faellen nur k l e i n , und deshalb werden die Modelle mit der Hand
geformt. Im ganzen betrachtet muessen die gleichen Arbeiten aber oft genu^ wiederholt werden, sodass eine maschinelle Herstellung g e r e c h t f e r t i g t waere, vorausgesetzt n a t u e r l i c h , dass diese maschinelle Methode auch bei der Herstellung kleiner
Mengen angewendet werden kann. Eine sofortige Ueberpruefung der sich wiederholenden Arbeiten in den Stahlgiessereien Englands wuerde f a s t mit Sicherheit ergeben,
dass weit mehr Gussverfahren maschinell ausgefuehrt werden koennten.
In den Reinigungs- und Endprozessen s t e l l e n grosse mechanische Luftstrahlgeblaese - weit groesser a l s s i e i n England vorzufinden sind - eine wertvolle
Hilfe bei der Reinigung der Gusstuecke mit einem Minimum an Arbeitskraft d a r .
Baldige Versuche mit grossen Luftstrahlgeblaesen und die Vorfuehrung der e r z i e l ten Erfolge vor Vertretern der Industrie koennen zu bedeutender Steigerung der
Produktionsleistung fuehren.
Die Stahlschmelzoefen i n Amerika schmelzen den Stahl v i e l schneller a l s die
in England, weil sie unter mehr Aufwand an elektrischer Energie a r b e i t e n . Hier
in England i s t die Stahlgiesserei durch den Mangel an Energie in ihrer Arbeit
gehemmt. Solange noch dieser Mangel b e s t e h t , kann nicht allgemein empfohlen
werden, die Ldchtbogenoefen unter groesserem Einsatz elektrischen Stromes arbeitenzu l a s s e n . Es waere jedoch ratsam, solange noch nicht genug Strom vorhanden i s t ,
eine oder zwei Giessereien versuchsweise nach diesem Verfahren arbeiten zu l a s s e n .
Mit dem Einsatz groesserer Strommengen wird Zeit e r s p a r t . Ausserdem spart man in
Amerika durch eine verbesserte Elektrodenkontrolle auch an Energie. Viele Schraelzoefen in England sind mit veralteten Elektrodenkontrollgeraeten ausgeruestet, die
dringend durch neue e r s e t z t werden muessten. Dadurch wuerden nicht nur die
Schmelzkosten r e d u z i e r t , sondern es wuerde auch elektrische Energie eingespart.
Anspornendes Lohnsystem.
Einfachheit und Gerechtigkeit s o l l t e n wesentliche Bestandteile eines Lojhnsystems s e i n , bei dem sich die Bezahlung nach der Arbeitsleistung r i c h t e t . Ohne komp l i z i e r t rechnen zu muessen, muss ein Arbeiter wissen, welche Entschaedigung er
zu erwarten h a t . Er muss ferner die Gewissheit und das Vertrauen haben, dass ihm
ein gerechter Anteil an dem aus seiner Arbeit entstehenden Gewinn sicher i s t .
Das gegenwaertige Lohnkalkulationssystem i n der b r i t i s c h e n Stahlindustrie i s t
weder einfach noch u e b e r s i c h t l i c h . Die Stuecklohnsysteme werden durch den nationalen Bonus noch verwickelter. Man bedient sich haeufiger der Lohnkalkulation,
a l s dies noetig waere| selbst wenn ein Arbeiter ausschliesslich Akkord a r b e i t e t ,
muss seine Zeitkarte auf die g e l e i s t e t e n Arbeitsstunden geprueft werden, um den
nationalen Bonus errechnen zu koennen. Diese unproduktive Arbeit erfordert i n

- 13 „
1

�jeder Woche eine betraechtliehe Anzahl von Arbeitsstunden. Man hat damit ein
ebenso verschwenderisches wie unlogisches System verewigt, das bei Verhandlungen
auf nationaler Ebene den Anschein der E i n h e i t l i c h k e i t geben s o l l t e . Die Vereinfachung des Lohnsystems in der Industrie i s t schon lange f a e l l i g und wuerde sofortige Einsparungen mit sich bringen.
Gerechtigkeit bei der Verteilung der Gewinne, die aus hoher Produktionsleistung entstehen, i ä t b e r e i t s a l s grundlegende Notwendigkeit bezeichnet worden.
Von ebenso grosser Bedeutung i s t die gerechte Einteilung der einzelnen Stueckloehne. Wenn es sich um Reihenfertigung handelt, i s t die Stoppuhr i n der Hand eines
geschulten Beobachters ein unuebertreffliches Mittel i n der gerechten Durchfuehrung der Z e i t s t u d i e n . Voraussetzung i s t jedoch die Mitarbeit der Leute, deren
Arbeitszeit untersucht wird. Studien die'ser Art erfordern guten Willen und Vertrauen auf beiden S e i t e n . Es wird dringend empfohlen, dass da, wo man auf guten
Willen zaehlen kann, eingehende Zeitstudien der Festsetzung der Akkordloehne fuer
Arbeiten der Reihenfertigung zugrundegelegt werden. Wo das gegenseitige Vertrauen
nicht b e s t e h t , s o l l man zuerst das Misstrauen b e s e i t i g e n . Es wird ausserdem Toleranz und Grosszuegigkeit bei der Anwendung der neuen Methoden empfohlen. Ernste
Gefahren bedrohen die I n d u s t r i e , wenn es nicht g e l i n g t , eine hoehere Produktionsl e i s t u n g zu e r z i e l e n , und um i h r e r Herr zu werden, bedarf es des Vertrauens und
der Weitsicht der fuehrenden Persoenlichkeiten i n der I n d u s t r i e , und von a l l e n
Werkzeugen, die uns.durch die Produktion und die Betriebsleitung in die Hand gegeben sind, muss staerkster Gebrauch gemacht werden»
Arbeitseinsatz.
Bs i s t nicht zu erwarten, dass der Absatzmarkt'fuer Stahlwaren s t e t s mit der
gesteigerten Produktionsleistung S c h r i t t halten wird. Deshalb i s t mit einer Arb e i t sverlagerung zu rechnen, und zwar im gleichen Masstabe, in dem die Produktivit a e t a n s t e i g t . Sich aus diesem Grunde jedoch einer Erhoehung der Produktionsleistung widersetzen zu wollen, waere ebenso verfehlt und unbegreiflich wie die Einwaende, die im 19« Jahrhundert gegen die Anwendung e l e k t r i s c h e r Spinnmaschinen
und Webstuehle gemacht wurden. Es gibt andere Produktionszweige, in denen die
ueberschuessigen Arbeitskraefte der Stahlgiessereien solange beschaeftigt werden
koennen, wie der Mangel an Industrieprodukten das Leben der Nation b e e i n t r a e c h t i g t .
Es i s t unangenehm, die Alternative betonen zu muessen, die es zur zwingenden Notwendigkeit macht, diesen Weg zu be^bhreiten. Hungersnot und Armut sind unangenehme
Worte, aber wir nehmen lieber mit den Worten a l s mit i h r e r Verwirklichung v o r l i e b .
In verschiedenen amerikanischen Stahlgiessereien konnte man beobachten, dass man
e s sich zum Grundsatz machte, mit sinkendem Absatz das {festgesetzte Arbeitspensum
pro Tag zu reduzieren. Damit entschaefti^te in gewissem Sinne die Weiterbeschaeftigung und Verhinderung der Erwerbslosigkeit fuer den Verlust an Lohn. Die Probleme, die entstehen koennten, wenn, die Produktionsleistung die Absatzmoeglichkeiten u e b e r s t e i g t , erfordern zu ihrer Loesung Klugheit und staatsmaennisches
Eoennen.
Sicherheit.
Die^Royal Society for the Prevention of Accidents" (Kbenigliche Gesellschaft
zur Verhuetung von ünfaellen) setzt sich b e r e i t s t a t k r a e f t i g fuer die Sicherheit
i n den Betrieben e i n . Sie neigt jedoch naturgemaess dazu, i n . i h r e n Vorschlaegen
jjnd Empfehlungen zu allgemein zu s e i n . Die "Steel Founders' Society of America"
hat sich weit eingehender mit der genauen Art der Ünfaelle i n den Stahlgiessereien
befasst und bestimmte Vorschlaege und Instruktionen herausgegeben} ü n f a e l l e , deren
Ursachen besonders deutlich in Erscheinung t r e t e n , werden dieser Gesellschaft mitg e t e i l t . Diese Aufgaben s o l l t e n eigentlich von der Berufsgenossenschaft e r f u e l l t
werden, und wenn man dazu andere Koerperschaften i n Anspruch nehmen muss, i s t
keine Unterstuetzung eines solchen S c h r i t t e s zu erwarten. Sine verantwortliche
Koerperschaft, wie es die Berufsgenossenschaft i s t , s o l l t e soviel Autoritaet
haben, dass sie die notwendigen S t a t i s t i k e n sammeln und sie dort veroeffentlichen
kann, wo e s erforderlich i s t . Sie muss ihre Mitglieder dahingehend beeinflussen,
dass zeitraubende Ünfaelle moeglichst r e d u Ä e r t werden. Die Verantwortlichkeit
sei a l s o in gerechter, offener Weise der Berufsgenossenschaft a n v e r t r a u t , ohne

- H-

�Der b r i t i s c h e Absatzmarkt i s t weit kleiner und uneinheitlicher. Selbst
wenn man mit grosser Kuehnheit bei der Standardisierung seiner Bestandteile vorgeht, i s t nicht zu erwarten, dass dieselben einheitlichen- Produktionsverfahren
in den englischen Stahlgiesaereien durchgefuehrt werden koennen. Die englischen
Techniker sind jedoch keine Toren. Sie wissen sehr wohl, dass sie durch e i n h e i t l i c h e Produktionsverfahren i n ihren Betrieben die Herstellungskosten reduzieren koennen, und wenn es ihnen g e l i n g t , in den Stahlgiessereien P r e i s v o r t e i l e
durch neue Produktionsverfahren fuer sich buchen zu koennen, werden s i e nicht
zoegern, diese neue Waffe auch in ihrem Kampf um die auslaendischen Maerkte einzusetzen. Die augenblickliche P r e i s p o l i t i k der englischen Stahlgiessereien
3ieht jedoch keine regelmaessigen Preissenkungen bei Massenproduktion vor. Und
bevor d i e s nicht der F a l l i s t , fehlt eine maechtige Antriebskraft zur allgemeinen Standardisierung. Ausserdem kann ohne einen Absatzmarkt, der Massenfertigung o r f o r d e r t , die aeusserst gute maschinelle Giessmethode, die b e r e i t s i n
vielen englischen Stahlgiessereien angewendet wird, nicht weiter v e r b r e i t e t
werden.
Es waere falsch anzunehmen, dass mit der Standardisierung Kompromisse verbunden sein muessen. Bin solcher Glaube i s t vermutlich fuer die oppositionelle
Haltung verantwortlich zu machen, die man der Standardisierung gegenueber i n
England einnimmt. Es i s t wichtig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren
und irgendwelchen Kompromissen entgegenzuwirken. Man muss bereit s e i n , a l l e
ueberlieferten Grundsaetze, die fuer die Durchfuehrung der Standardisierung unwesentlich sind, aufzugeben. Dies bezieht sich auf a l l e s Herkoemmliche, ob es
sich um I n s t a l l a t i o n e n oder Gruppierung, Kontrollberichte, Inspektion oder Produktionsmethoden handelt. Die Schwierigkeiten, diese Grundsaetze zu verwirklichen,
beweisen, mit wieviel I n t e l l i g e n z an das Problem der hohen Produktivitaet herangegangen werden mu.s, und die ungeteilte Aufmerksamkeit in dieser Beziehung wird
a l l e n aus der Stahlindustrie empfohlen.
Produktionsmethoden.
Die wichtigsten Lierkmale der in Amerika beobachteten Produktionsmethoden
sind in diesem Bericht und seinen Ergaenzungen ausfuehrlich beschrieben worden,
und es besteht keine Veranlassung, sie h i e r zu wiederholen. Einige, die nach
Ansicht des Team wesentlichen KLnfluss auf die Produktion haben, und deren Anwendung auch fuer die englischen Stahlgiessereien v o r t e i l h a f t e Folgen zeitigen
koennten, s o l l jedoch im Folgenden besondere Beachtung geschenkt werden.
Stahlschmelzen.
Die Methode des Beschickens von Lichtbogen-Schmelzoefen mit Hilfe von Laderutschen e r s p a r t v i e l Z e i t , wenn es sich um Oefen handelt, die nicht von oben
her beschickt werden koennen. Der Schmelzofen wird nach vorne gekippt und die
Beschickung, die aus schwerem, kurzem Schrott besteht und sich auf einem langgestreckten, gleitbahnaehnlichen Greifer befindet, durch die Arbeitstuer eingef u e h r t . Die erforderlichen Vorrichtungen sind einfach, und es i s t l e i c h t , dieses
Verfahren durchzufuehren.
Sand.
In England beschaeftigt man sich b e r e i t s eingehend mit Studien ueber Formsand, sodass es ueberfluessig erscheinen mag, zu diesem Punkte h i e r noch weitere
Vorschlaege zu machen. Das Abstreifen und Putzen der Gusstuecke i s t durch die
Anwendung feinkoernigen Sandes jedoch dermassen e r l e i c h t e r t worden, dass es
schon die Muehe wert i s t , die besondere Aufmerksamkeit der Stahlfachleute auf
diese Tatsache zu lenken.

- 15 -

�dass wir uns •wohlwollend und dienstbeflissen* einmischen wollen.
Im einzelnen wird empfohlen, dassman vor allem alle Augenverletzungen in
den Putzereien verhuetet, indem man das Betreten einer Werkstatt ohne anerkannten Augenschutz, wie Schutzbrille, Gesichtsschild o. ae., zum industriellen
Vergehen stempelt. In den britischen Stahlgiessereien beeilt man sich jetzt,
Massnahmen zu treffen, die den staendigen Gebrauch von Atmungsgeraeten in staubigen Werkstaetten zur Pflicht machen, und man erweitert die Moeglichkeiten,
Arbeitnehmer, die dem Staub ausgesetzt sind, mit Roentgenstrah@4»n zu untersuchen.
In der letztgenannten Entwicklung stehen die englischen Giessereien hinter den
amerikanischen zurueck.
Es soll ebenfalls gesagt werden, dass Sicherheitsbewusstsein nichts mit
Furchtsamkeit zu tun hat. laute Heulsirenen, die vor einer bevorstehenden Gefahr
warnen, sind eine praktische Einrichtung, um gefaehrliche Zonen unter geringstem
Zeitverlust von den Arbeitern raeumen zu lassen. Sie sind Methoden vorzuziehen,
bei denen Arbeitszeit verschwendet wird, denn uebertriebene Sicherheitsmassnahmen
beeintraechtigen die Produktionsleistung.

Annehmlichkeiten und Arbeitsbedin/^ungen.
Die im Garrett Report zum Ausdruck gebrachten Vorschlaege sind in den britischen Stahlgiessereien bereits wohlbekannt, und man ist eifrig bemueht, sie zu
verwirklichen. Ein gleicher Standard liegt den amerikanischen Grundsaetzen zugrunde, und in dem 70?liegenden Bericht werden keine weiteren Empfehlungen hierzu
gegeben. Durch die Anwendung von Arbeitsmethoden, die dieses Ziel verfolgen,
kann viel zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen getan werden«

Betriebsleitung.
Eine Revision der Betriebsleitungsmethoden ist erstrebenswert, und dem wirksamen Einsatz der Facharbeiter muss dabei besondere Beachtung geschenkt werden*
Es muss untersucht werden, welche Beweggruende Anlass zu zeitweiligen Arbeitseinstellungen geben, und deren Ursachen muessen abgestellt werden. Es ist dies
eine Aufgabe, die nicht von der Betriebsleitung allein geloest werden kann.» Ein
williges Mitarbeiten seitens der Arbeiterschaft ist erforderlich, um die Uebel,
die zu Verzoegerungen fuehren, bei der Wurzel anpacken zu koennen. Es ist gewiss,
dass auch die Arbeitsvorgesetzten und Meister von einem wahren Verlangen nach gesteigerter Produktionsleistung beseelt sein muessen, wenn das Ziel erreicht
werden soll und dass sie diesen Eifer auf die unter ihrer Aufsicht stehenden
Maenner uebertragen koennen.
Dieser Schritt kann sofort getan werden, ohne auch nur auf eine einzige
Maschine warten zu muessen* Die gemeinsamen Produktionsausschuesse koennen mit
Werkstattsleitern und anderen lauten aus den Giessereien paritaetisch zusammenarbeiten, um zusammen mit Betriebsleitern und Aufsichtführenden Arbeitsmethoden
zu entwickeln, die am wirtschaftlichsten sind.

Absatzmaerkte.
Das Ausmass der Spezialisierung in den amerikanischen Maschinenbaugesellschaften mit dem Ziele, den ungeheuren inlaendisehen Absatzmarkt wirtschaftlich
versorgen zu koennen, ist mit der amerikanischen Bereitwilligkeit zur Standardisierung gepaart, eine Tatsache, die den Stahlgiessereien Anlass zur Spezialisierung und damit zu einheitlichen Produktionsmethoden gibt. Auch lassen die Preislisten niedrigere Preise fuer massenmaeösig hergestellte Waren erkennen.

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�Neue Methoden
Die erfolgreiche Anwendung von Washburn-Kernen i s t in Amerika w e i t v e r b r e i t e t .
Dieses Verfahren i s t einigen Fachleuten aus der Stahlgiesserei Englands bekannt,
kann sich aber nur langsam durchsetzen. Der Austausch technischer Erfahrungen in
verstaendlicher Form muss gefoerdert werden, damit neue Methoden ohne langes Experimentieren in jeder einzelnen Giesserei eingefuehrt werden koennen»
Gusstrichter mit exothermischem Material«
Die Verwendung von "Risotherm" i n den exothermischen Legierungen kurzer,
weitgeoeffneter Gusstrichter i s t v o r t e i l h a f t und v e r d i e n t , ' d a s s man sich eingehend
mit i h r beschaef t i g t . Auch i n England s o l l t e dieses Material verfuegbar « i n , wenn
seine Anwendung ratsam erscheinen s o l l t e .
Erforschung der Probleme der S t a h l g i e s s e r e i .
Die Dringlichkeit einer wirksamen Erforschung der Probleme in der englischen
Stahlgiesserei l i e g t nun k l a r auf der Hand und braucht an dieser S t e l l e nicht hervorgehoben zu werden. Was betont werden muss, i s t , wie unfieheuer wichtig es waere,
den r i c h t i g e n Mann zu haben, der den Stahlgiessern persoenlich das u e b e r m i t t e l t ,
was b e r e i t s bekannt und erforscht i s t , und wie die Ergebnisse der Forschung prakt i s c h zu verwerten s i n d . Die Stahlgiesser sind an die Luft in den Giessereien
gewoehnt. Sie koennen i n der verduennten Atmosphaere, die die hoechsten Gipfel
der wissenschaftlichen Forschung umgibt, nicht atmen. Sie benoetigen einen Moses,
der von jenen Gipfeln zu ihnen herabsteigt und ihnen Anordnungen und einfache Massregeln g i b t , in denen die Ergebnisse komplizierter Forschung i n verstaendlicher
Form zum Ausdruck gebracht werden. Es kommt mehr auf die Persoenlicbkeit dessen
a n , der die Ergebnisse der Forschung der Industrie u e b e r m i t t e l t , a l s auf das Koennen, mit dem die Forschung selbst betrieben wird.
Es waere wuenschenswert, dass die Probleme der Stahlgiesserei auch i n den
Reihen der unteren Arbeitsvorgesetzten zur Sprache gebracht werden. Die Konferenzen des I n s t i t u t s der b r i t i s c h e n Stahlgiesser ( I n s t i t u t e of B r i t i s h Foundrymen) bieten gegenwaertig n i c h t , wie es noetig waere, den Stahlgiessern Gelegenh e i t , freie Besprechungen zu fuahren, die k e i n e r l e i formellen Charakter haben,
und die nicht protokollarisch festgehalten werden. Leider sind die b r i t i s c h e n
Stahlgiesser weniger dazu i n der Lage, ihre Meinung k l a r zum Ausdruck zu bringen,
a l s dies i n Amerika der F a l l i s t . Wir legen dieses Problem dem I n s t i t u t e of
B r i t i s h Foundrymen, den technischen Ausschuessen der Berufsgenossenschaften und
a l l den Koerperschaften, die sich mit Forschung i n der Stahlgiesserei befassen,
besonders nahe.
S c h l i e s s l i c h raoechten die Mitglieder des Team i h r e r festen Ueberzeugung Ausdruck verleihen, dass die b r i t i s c h e n S t a h l g i e s s e r , wenn sie die Bedeutung hoeher e r Produktionsleistung h i n s i c h t l i c h i h r e r Erfindungsgabe und Findigkeit in keiner
Weise hinter unseren guten Freunden aus der amerikanischen Stahlindustrie zurueckstehen werden,
Anmerkung der Redaktion. Wir haben die Schlussfolgerungen i n diesem Ber i c h t des Britischen "Productivity Teams" ungekuerzt wiedergegeben, obwohl wir i n verschiedener Hinsicht mit den Ansichten der Verfasser nicht
uebereinstimmen. Wir moechten besonders betonen, dass der einfache Arbeit e r und die Gewerkschaften in den U.S. die wirtschaftlichen und technischen
Zusanmenhaenge der Produktionsleistung mit groesstem Interesse verfolgen.
Die amerikanischen Gewerkschaften sind zu der Ueberzeugung gekommen, dass
erhoehte Produktionsleistung nicht unbedingt mit Ausbeutung gleichzusetzen
i s t , und dass eine wirtschaftliche Einsetzung der Arbeitskraft nicht eine
Verausgabung groesserer Energien fuer den Arbeiter d a r s t e l l e n muss. Die
Gewerkschaften sind diesen Problemen gegenueber aeusserst wachsam, sind
aber der Auffassung, dass inuGrossen und Ganzen gesehen die gesteigerte
Produktionsleistung sich zum Vorteil der Arbeiterschaft auswirkt.
/

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�100.000 DOLLAR FJER GEWERKSCHAFTSCHPLE DER ILGWÜ.
Die I n t e r n a t i o n a l e Gewerkschaft der Damenbekleidungs-Arbeiter (ILGWÜ ) hat
v o r l a e u f i g 100.000 D o l l a r s zur Verfuegung g e c t e l l t , mit denen e i n e neue Schule
zur Ausbildung von G e s c h a e f t s l e i t e r n , Organisatoren und Verwaltungsangestellten
fuer die Gewerkschaft e i n g e r i c h t e t werden s o l l . Ab 1 . Januar werden regulaere
Tageskurse gegeben.
David Dubinsky, der P r e s i d e n t der ILGWU, e r k l a e r t e , dass e i n gesamtes
Stookwerk des Gewerkschaftshauses i n New York City fuer die Schule r e s e r v i e r t worden
i s t . Arthur A. E i d e r , der fruehere Direktor der Z w e i g s t e l l e der U n i v e r s i t a e t
Michigan, i s t zum Direktor der Schule*ernannt worden*
Die Ausbildung dauert 12 Monate. Die akademischen Kurse i n Geschichte.
Arbeitsoekonomie und aehnlichen Faechern nehmen 8 Monate i n Anspruch. In den
r e s t l i c h e n 4 Monaten b e f a s s t man sich mit praktischer A r b e i t , wie zum B e i s p i e l
der Teilnahme an Kollektiv-Verhandlungen und dem Vertrautwerden mit der Arbeit
i n der Werkstatt und den Arbeitsmethoden.
Es koennen 4 ° Studenten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren an den Kursen
teilnehmen. Die Teilnehmer werden von dem Erziehungs-Ausschuss des Gewerkschaf taratee. der Vertrauensmaenner bestimmt. Absolventen wird von der Gewerkschaft Besciiaeftigung z u g e s i c h e r t .

CIO RSS0HJTIC1I ZUR GEM'gNSCHAKT BÜJER-ARBEITER.
Das amerikanische Volk i s t der e r s t e Abnehmer der landwirtschaftlichen Erzeugnisse unseres Landes, und die Geschichte hat bewiesen, dass die Landwirtschaft nur dann gedeihen kann, wenn s i c h die Millionen unserer Lohn- und Geh a l t sempfaenger hoher Realloehne und e i n e s allgemeinen Wohlstandes erfreuen»
Werden die Verdienste der Arbeiter i n den Staedten n i e d r i g e r , dann verringern
s i c h auch fuer die Bauern Amerikas A b s a t z m ö g l i c h k e i t e n , Preise und somit der
Lebensstandard. Umgekehrt gehen i n d u s t r i e l l e Produktion und Lebensstandard i n
den Staedten zurueck, wenn die Bauern verarmen. Ein allgemeiner n a t i o n a l e r Wohlstand i s t nur moeglich, wenn er f e s t i n der Stadt und auf dem Lande verwurzelt
ist.
Die Monopolisten haben bei allgemeiner Verknappung gute Z e i t e n , das Volk
jedoch, wenn Ueberfluss an Waren h e r r s c h t . Die monopolistischen I n t e r e s s e n
gehen dahin, einmal eine Verknappung i n d u s t r i e l l e r Produkte kuenstlich h e r b e i zufuehren, um hohe Preise zu e r z i e l e n , und zum andern die Bauern durch niedrige
Preise fuer i h r e r e i c h l i c h vorhandenen Lebensmittel und ihre Baumwolle zu benachteiligen.
Die Drahtzieher der Monopolindustrie sind b e s t r e b t , die Loehne der Indus t r i e a r b e i t e r n i e d r i g zu h a l t e n und i h r e s o z i a l e S i c h e r h e i t und die ihrer Famil i e n zu untergraben; g l e i c h z e i t i g moechten s i e die P r e i s e fuer landwirtschaftl i c h e Erzeugnisse druecken und die Ausgaben der Bauern erhoehen.
Es g i b t keinen Kompromiss mit dem monopolistischen Programm, der den Arb e i t e r n auf dem Lande oder i n der Stadt d i e n l i c h s e i n koennte. S i e muessen
gemeinsam dagegen Front machen.
Die S i c h e r h e i t , d i e die Bauernfamilie durch P r e i s s t a b i l i s i e r u n * und die Arb e i t e r f a m i l i e durch TarifVerhandlungen sucht kann nur gewaehrleistet werden,
wenn sich Bauern und Arbeiter geschlossen hinter d i e nationale P o l i t i k und ihre
Programme s t e l l e n , d i e darauf a u s g e r i c h t e t s i n d , die Vollbeschaeftigung zu s i chern, den Arbeitern ihren rechtinaessigen Antei4 an dem E r l o e s fuer die I n d u s t r i e produkte zukommen zu l a s s e n und den Bauern angemessene P r e i s e fuer Lebensmittel
und Baumwolle zu b i e t e n .
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�Wenn Arbeiter und Bauern Schulter an Schulter gegen die Reaktion stehen,
dann I s t der Erfolg sicher. Eine Uneinigkeit waere in keiner Weise gerechtfert i g t und darf deshalb nicht aufkommen. Dieselben monopolistischen Interessen,
die den Bauern vernuenftige Preise verweigern, machen den Arbeitern aus der
Stadt eine angemessene Bezahlung s t r e i t i g . Es sind die gleichen Reaktionaere,
die Erzeuger- und Verbrauchergenossenschaften zugrunde richten und die Gewerkschaftsbewegung beseitigen moechten. Dieselben Profitmacher, die die Bauern zu
betruegen versuchen, moechten einen unendlichen Vorrat an "billigen" Arbeitskraeften in den Staedten sehen.
Der CIO (Congress of Industrial Organizations) hat s e i t seiner Gruendung
jedes Programm fuer die Landwirtschaft mit allen Mitteln unterstuetzt, wenn es
g a l t , den Lebensstandard der Bauern zu heben, den Ackerboden des Landes zu
schuetzen, die landwirtschaftlichen Gebiete mit Elektrizitaet zu versorgen und
die Lebensbedingungen der amerikanischen Bauernfamilien zu verbessern. In der
Zwischenzeit versuchen die Monopolisten im Kongress und im ganzen Land in boahafter Weise, sich a l s Freunde des Bauern aufzuspielen, waehrend sie ihn zur gleichen
Zeit gegen seine Gewerkschaftsfreunde und seine wahren eigenen Interessen aufhetzen.
DESHALB SOLL NUN BESCHLOSSEN WERDEN x
Der CIO verlangt, dass die Bemuehungen in seinen Reihen fortgesetzt und erweitert werden, die ein unzerbrueetliches Band zwischen den Bauern, Arbeitern und
ihren Gewerkschaftsorganisationen knuepfen s o l l e n .
Diese Konvention ruft jede lokale Gewerkschaft und jeden Gewerkschaftsrat
auf, sich durch gegenseitiges Kennen- und Verstehenlarnen mit den benachbarten
Bauern zu sammenzu seh Hessen.
Wir gewaehren auch in Zukunft der Landbevoeltcerung jedmoegliche Unterstuetzung durch Zusicherung vernuenftiger Preise und Loehne, Kreditmoeglichkeiten,
Elektrisierungsprogramme, Schutz des Bodens, Foerderung der Genossenschaften,
Linderung des Elends auf dem Lande, Gesundheits- und Erziehungsprojekte, ausreichende Versicherung der Ernte und andere notwendige Programme.
Diese Konvention b i l l i g t den Brannan Plan-, der folgende Forderungen s t e l l t i
vernuenftige Preise und Verdienste fuer die Landbevoelkerung zu sichern, den
Kleinbauern besondere Unterstuetzung zu l e i s t e n , den Bauern zuzusichern, dass
ihre erzeugten Lebensmittel abgesetzt werden koennen und zur Ernaehrung des Volkes verwendet werden, und es zu gleicher Zeit den Verbrauchern zu ermoeglichen,
die im Ueberf luss vorhandenen Produkte der amerikanischen Bauern zu tragbaren
Preisen kaufen zu koennen.
Wir wollen auch weiterhin darum kaempfen, dass die Bauern und ihre Organisationen von den Problemen und Programmen der Arbeiterschaft unterrichtet werden,
damit allgemein und klar erkannt wird, dass der CIO dem Arbeiter und Bauern a l s
Freund und Verbuendeter in ihrem Kampf gegen Not, Furcht und Elend jederzeit zur
Seite steht*
Economic Cutlook des CIO
November 1949

ARBEIT DPRCH MARShüLL PLAN.
Zwei neue Marshall Plan Projekte i n I t a l i e n zur Verbesserung der Elsenbahnen
des Landes und des Post-, Telefon- und Telegrafendienstes werden ueber 15 Millionen Arbeitstage fuer italienische Arbeiter ermoeglichen.

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�Zu i h r e r Finanzierung hat die Marshall Plan Verwaltung etwa 60 Billionen
Lire aus dem i t a l i e n i s c h e n Gegenwertfonds freigegeben»
An den vorgeschlagenen Verbesserungen der Bisenbahnen werden 140.000 Arbeit e r 100 Tage land beschaeftigt werden koennen. Diese Verbesserungen bestehen in
Wiederaufbau der G l e i s - und Bahnhofsanlagen, Instandsetzung rollenden Materials
und Herstellung von Werkzeugmaschinen und Vorrichtungen zur Beseitigung gebrauch sunfaehigen Materials« Darueberhinaus wird die laufende Beschaeftigungsz i f f e r zur Bedienung der wiederhergestellten und neuen Anlagen b e t r a e c h t l i c h
erhoeht werden muessen.
Im Rahmen der Ausdehnung und Modernisierung des Telefon*, Telegrafen- und
Postdienstes i n I t a l i e n wird 14*000 Arbeitern 100 Tage lang beim Aufbau und bei
der Beschaffung des erforderlichen Materials Beschaeftigung geboten.
BCA Labor Information
28» November 1949
- 20 -

Office of Labor Affairs
HK0G, APO 757

QFFICIAL

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&lt;p&gt;AFL kritisiert Adenauers Äußerungen&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Das Problem der kleinen Einkommen&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Amerikanische Gewerkschaften warnen vor arbeiterfeindlicher Propaganda&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Das internationale freie Gewerkschaftswesen erzielt Fortschritte&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Arbeiterfeindliche amerikanische Zeitschrift verherrlicht Streikbruch&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Schuman-Plan-Komitee des IBFG&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Die Geschichte der Stahlarbeitergewerkschaft&amp;nbsp;Amerikas ist mit Lettern in Blut geschrieben&lt;/p&gt;</text>
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