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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. November 1994

SONDERDIENST

AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG
DER FREIHEIT IN DER ZEIT NACH DEM
KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN
STAATEN
Rede von Anthony Lake

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK

DYNAMIK FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
MUSS BEWAHRT WERDEN
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor Studenten und Fakultätsmitgliedern der Georgetown University stellte
Außenminister Warren Christopher am 24. Oktober 1994 fest, der arabisch-israelische Konflikte nähere sich
seinem Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt habe. Gleichzeitig, warnte
der Außenminister, dürfe man den Feinden des Friedens - den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah
sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak - nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Christopher.

Vater O'Donovan, meine Damen und Herren.
Herr Dekan, ich danke Ihnen für die einleitenden
Worte. Es ist mir eine große Ehre, mit einem meiner
verehrten Vorgänger hier sein zu dürfen, einem
Mann, unter dem ich die Ehre hatte, Stellvertretender Außenminister zu sein - Ed Muskie.
Wenige Institutionen haben mehr für die Ausbildung
und Bewährung derjenigen getan, die später außenpolitische Verantwortung getragen haben, als
Georgetown. Da wäre natürlich vor allem Präsident
Clinton zu nennen. Nur in Amerika kann man von
dem hohen Amt eines studentischen Vorsitzenden
des Prüfungsausschusses für Nahrungsmittel von
Georgetown zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte
werden. Auch Professor Madeleine Albright, unsere
ausgezeichnete UN-Botschafterin, hat in Georgetown
studiert. Georgetown hat den Intellekt zahlloser
vergangener und gegenwärtiger Botschafter und
anderer Diplomaten geschult und wird dies auch in
Zukunft tun.
Seit die grausamen Spaltungen des Kalten Krieges
verschwunden sind, hat sich viel auf der Welt
verändert. Die amerikanische Außenpolitik muß sich
nicht länger auf die Eindämmung der Sowjetunion
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten haben eine
neue Chance zum Aufbau einer sichereren und
integrierteren Welt mit offenen Gesellschaften und
offenen Märkten.
Einiges verändert sich jedoch nicht. Vor vier Jahrzehnten hielt Präsident Truman in seinem letzten

AMERIKA DIENST 44

Bericht zur Lage der Nation den unveränderten
Charakter unserer nationalen Zielsetzung fest:
"Umstände ändern sich, und aktuelle Fragen nehmen
häufig unterschiedliche Formen an und werden Jahr
um Jahr komplizierter. Die großen Themen dahinter
lauten jedoch nach wie vor gleich: Wohlstand,
Sozialwesen, Menschenrechte, effektive Demokratie
und vor allem Frieden."
Die außergewöhnlichen Ereignisse der vergangenen
Wochen erinnern uns erneut daran, daß die dauerhaften Interessen unserer Nation unverändert sind.
Dasselbe trifft auf unsere Verpflichtung zu, diese
Interessen durch kontinuierliche und stetige Diplomatie zu verfolgen, gegebenenfalls unterstützt von der
Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt. Diese Art von
Diplomatie strebt keine unmittelbaren Ergebnisse auf
Kosten langfristiger Ziele an. Wie wir in diesem
bemerkenswerten Herbst beobachten konnten,
kommt der Gewinn mit der Zeit.
In Haiti war die triumphale Rückkehr von Präsident
Aristide der Höhepunkt des dreijährigen Engagements zur Wiederherstellung einer demokratischen
Regierung. Als jedes Mittel für eine friedliche Lösung
erschöpft war, mobilisierten wir das Militär. Dank
unserer Bereitschaft, unser Engagement mit dem
Einsatz von Gewalt zu untermauern, konnten wir
unsere anfänglichen Ziele mit einem Maximum an
Geschwindigkeit und einem Minimum an Blutvergießen erreichen. Die Anführer des Putsches haben
das Land verlassen. Die rechtmäßige Regierung ist
wiedereingesetzt. Die Flüchtlinge kehren zurück. Wir
haben Möchtegern-Putschisten eine eindeutige

Seite 1

�T

Botschaft gesandt: Die Demokratie, der Schlüssel
zu Stabilität auf beiden amerikanischen Kontinenten,
kann nicht ohne Strafe gestürzt und den Menschen
nicht gestohlen werden. Ebenso wie andernorts
dürfen wir auch im Falle Haitis nicht selbstzufrieden
sein. Aber wir haben große Fortschritte erzielt.
Unsere entschlossene Diplomatie bei der nordkoreanischen Nuklearfrage hat zu einem Rahmenabkommen geführt, das die seit langem bestehenden
amerikanischen Zielsetzungen voranbringt. Wenn es
umgesetzt ist, wird es Nordostasien vom Gespenst
des nuklearen Rüstungswettlaufs befreien. Während
der 16monatigen Verhandlungen führten wir häufige
Konsultationen mit Südkorea, Japan und der Internationalen Atomenergie-Organisation. Wir haben mit
China, Rußland und anderen Mitgliedern des UNSicherheitsrats zusammengearbeitet und die Androhung von Wirtschaftssanktionen in die Realität
umgesetzt. Die Folge: Ein breit unterstütztes,
verifizierbares Abkommen, das Frieden und Stabilität
in einen Region bewahrt, die für uns von vitalem
Interesse ist.
Die jüngsten Leistungen in Haiti und bei der nordkoreanischen Nukleartrage waren das direkte Ergebnis
der kontinuierlichen Führungsrolle, Koalitionsbildung
und der vom Einsatz von Gewalt unterstützten
Diplomatie der Vereinigten Staaten.
Dieselbe
Zielsetzung und dasselbe Engagement waren das
Merkmal der Politik dieser Administration gegenüber
dem Nahen Osten. Heute möchte ich mich auf die
dramatischen Veränderungen konzentrieren, die sich
in dieser entscheidenden Region vollziehen. Der
arabisch-israelische Konflikt nähert sich seinem
Ende, wobei die amerikanische Führung eine entscheidende Rolle gespielt hat.
Am morgen nach seiner Wahl vor fast zwei Jahren
bekräftige Präsident Clinton die dauerhaften Interessen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er
gelobte, den arabisch-israelischen Friedensprozeß
zu einer seiner obersten Prioritäten zu machen. Und
er setzte eine umfassende Strategie zur Beschleunigung der Fortschritte in die Praxis um.
Diplomatisch haben die Vereinigten Staaten zur
Belebung und Fortsetzung der in Madrid in die Wege
geleiteten Verhandlungen auf der Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
beigetragen. Wirtschaftlich haben wir die internationale Unterstützung für die Grundsatzerklärung
zwischen Israel und der PLO gewonnen, die amerikanisch-israelische-jordanische Wirtschaftskommission gegründet und auf eine Beendigung des arabischen Boykotts gedrängt. Strategisch haben wir
unsere sicherheitspolitischen Verbindungen zu Israel
und unseren wichtigsten arabischen Freunden

Seite 2

gestärkt und ein Bollwerk gegen eine Aggression der
verbrecherischen Regime der Region errichtet,
insbesondere gegen Irak und Iran.
Heute zeitigt diese Strategie historische Ergebnisse.
In 24 Stunden wird der Präsident eine Reise antreten,
die jedes Element dieses Ansatzes verstärken wird.
Erstens wird der Präsident zur Förderung des Friedensprozesses der Unterzeichnung eines uneingeschränkten Friedensvertrags zwischen Israel und
Jordanien als zweitem arabischem Staat beiwohnen.
In Damaskus wird Präsident Clinton versuchen, auf
diese Dynamik durch das Drängen auf Fortschritte
bei den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien
aufzubauen. Zweitens wird der Präsident im Vorfeld
der Wirtschaftskonferenz von Casablanca Gespräche
mit Israel, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien
führen. Bei dieser Konferenz werden 900 führende
Unternehmer aus Israel, den arabischen Staaten und
der ganzen Welt die durch die Umgestaltung des
Nahen Ostens und Nordafrikas geschaffenen Möglichkeiten sondieren. In Kuwait wird Präsident Clinton
schließlich den amerikanischen Soldaten einen
Besuch abstatten - einem Teil der vor zwei Wochen
zur Abwehr von Saddam Husseins Bedrohung seiner
Nachbarn entsandten Streitmacht.
Während seiner Reise wird der Präsident eine
unmißverständliche Botschaft übermitteln:
Die
Vereinigten Staaten werden alles in ihrer Macht
Stehende tun, um den Aufbau einer neuen Zukunft im
Nahen Osten zu fördern. Wir können den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah sowie verbrecherischen Staaten wie Iran und Irak nicht erlauben, die Aussichten für den Frieden zunichte zu
machen. Seite an Seite mit Israel und ihren arabischen Partnern werden die Vereinigten Staaten den
Kurs steuern um sicherzustellen, daß die Kräfte der
Zukunft über die Kräfte der Vergangenheit triumphieren.
Bei der Unterzeichnungszeremonie werden auch
Jordanien und Israel eine Botschaft übermitteln.
König Hussein und Ministerpräsident Rabin haben
sich zum Aufbau eines "kooperativen" Friedens
verpflichtet. Diese beiden mutigen Politiker sind
entschlossen, ihre Grenze zu einem Tor statt einer
Barriere zu machen. In israelischen Zeitungen sieht
man bereits Anzeigen für Rundfahrten zu den großen
historischen Stätten Jordaniens in Petra und Jerash.
Dank der Arbeit der trilateralen amerikanisch-jordanisch-israelischen Koalition
wurden Pläne zur
Entwicklung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte, zur
gemeinsamen Nutzung der Wasservorkommen und
zur Erschließung des Jordantales unterbreitet. Dank
dieser Projekte werden menschliche Kontakte geknüpft und gemeinsame Interessen vereint. Sie
werden einen dauerhaften Frieden konsolidieren.

AMERIKA DIENST 44

�Im vergangenen Jahr hat der Nahe Osten eine
tiefgreitende Umgestaltung begonnen, die meines
Erachtens grundlegend ist. Die Veränderungen
vollzogen sich so rasch und waren so konstant, daß
wir heute vor zwei Jahren scheinbar undenkbare
Entwicklungen als selbstverständlich hinnehmen.
Die Grundsatzerklärung zwischen Israel und der
PLO gewährt über 800.000 Palästinensern in Gaza
und Jericho die Selbstbestimmung. Es wurde ein
Abkommen erzielt, das dem Westjordanland frühzeitig neue Befugnisse verleiht, und für die palästinensischen Wahlen wurden Verhandlungen aufgenommen. Natürlich gibt es noch große Schwierigkeiten.
Aber Yitzhak Rabin, Schimon Peres und Yasser
Arafat sind entschlossen, den Frieden Realität
werden zu lassen.
Wirtschaftliche Entwicklung ist unabdingbar für den
Erfolg der Palästinenser. Die Palästinenser brauchen Beweise, daß der Frieden ihr Leben verbessern wird. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten die Gemeinschaft der Geberländer zur
Unterstützung der palästinensischen Selbstbestimmung mobilisiert. Aus diesem Grund haben wir eng
mit dem PLO-Vorsitzenden Arafat zusammengearbeitet, damit die Projekte beginnen können. Es muß
jedoch noch mehr getan werden, um die Hilfe zu
erleichtern und ihre Wirkung zu maximieren.
Wenn der größte Bedarf der Palästinenser wirtschaftliche Entwicklung ist, so ist die größte sie
konfrontierende Bedrohung die Terrororganisation
Hamas. So sicher wie das Massaker der letzten
Woche gegen die Israelis gerichtet war, sollte es
auch die Hoffnungen der Palästinenser zerschlagen.
Wenn Frieden nur weitere Terroranschläge hervorbringt, kann der Aussöhnungsprozeß nicht aufrechterhalten werden. Mehr als alle anderen werden die
Palästinenser leiden. Es ist unabdingbar, daß Arafat
seiner Verantwortung gerecht wird, den Terror in den
seiner Kontrolle unterstehenden Gebieten auszumerzen. Denselben Mut, den er beim Friedensschluß
an den Tag legte, muß er nun beim Kampf gegen
die Feinde des Friedens zeigen.
Auch die israelisch-syrische Verhandlungsschiene
hat sich im vergangenen Jahr entscheidend verändert. Zum ersten Mal haben diese einst bitteren
Feinde ernsthafte Verhandlungen zur Beendigung
ihres Konflikts aufgenommen. Ich habe unzählige
Stunden in intensiven Gesprächen mit Präsident
Assad und Ministerpräsident Rabin verbracht. Beide
Männer wollen das zentrale Thema einer Lösung
unbedingt ansprechen. Es ist uns gelungen, die
Meinungsverschiedenheiten zu verringern, aber es
bleiben noch wichtige Probleme bestehen.

AMERIKA DIENST 44

Meines Erachtens kommt die Zeit rasch näher, in der
wir schwierige Entscheidungen treffen müssen.
Wenn diese Gespräche Erfolg haben, wenn sie den
"Frieden der Mutigen" hervorbringen sollen, von dem
Präsident Assad spricht, dann muß das Tempo der
derzeitigen Verhandlungen einem mutigeren Ansatz
Platz machen.
Wir sind uns über die damit einhergehenden Risiken
und Kosten im klaren. Für Syrien bedeutet der
Frieden, Jahrzehnte des Mißtrauens zu überwinden
und die auf Konfrontation ausgerichtete Politik zu
beenden. In dem Umfeld eines echten und umfassenden Friedens, in dem es keinen Platz für
Terroristen an Israels Grenzen gibt, blicken wir auch
auf den Tag, an dem sich die Beziehungen zwischen
Syrien und den Vereinigten Staaten verbessern
werden. Für Israel bedeutet der Frieden mit Syrien
schwierige Entscheidungen. Aber die Realität des
Friedens wird unmißverständlich sein: Das Ende des
arabisch-israelischen Konflikts, das Ende der Bedrohung durch einen Krieg und Israels uneingeschränkte Integration in das politische und wirtschaftliche Leben des Nahen Ostens.
Es gibt harte Proben für den Frieden zwischen Israel
und Syrien. Erstens muß es ein echter Frieden sein,
der eine aktive Verpflichtung zur Versöhnung widerspiegelt. Es ist von Bedeutung, daß Präsident Assad
gesagt hat, Syrien habe eine strategische Entscheidung für den Frieden mit Israel getroffen und sei
bereit, seine objektiven Erfordernisse zu erfüllen. Die
Anforderungen eines echten Friedens sind für alle
klar: Ein vereinbarter Rückzug, volle diplomatische
Beziehungen, Grenzen, die den Transfer von Menschen und Waren erleichtern und die Verpflichtung,
sich gegenseitig nie wieder zu bedrohen.
Zweitens muß der Frieden zwischen Israel und Syrien
Sicherheit für beide Seiten bieten. Nach Jahrzehnten
der Feindschaft muß jede Seite den Sicherheitsbelangen der anderen Seite gegenüber aufgeschlossen sein. Falls erforderlich, sind die Vereinigten
Staaten in geeigneter Form zur Beteiligung an den
zwischen den Parteien ausgehandelten Sicherheitsarrangements bereit.
Ich möchte folgenden Punkt unmißverständlich
klarstellen:
Das strategische Engagement der
Vereinigten Staaten für Israel ist unerschütterlich.
Wir wollen Israels qualitativen militärischen Vorteil
und seine Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufrechterhalten. Wie Präsident Clinton versprochen hat,
werden die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die von Israel für den Frieden
einzugehenden Risiken so gering wie möglich zu
halten.

Seite 3

�Schließlich muß der Frieden zwischen Israel und
Syrien den Weg zu einem umfassenden Frieden
ebnen. Ein israelisch-syrisches Abkommen wird
zwangsläufig den Kreis der arabischen Staaten
erweitem, die Frieden mit Israel schließen. Und es
wird das Vertrauen aller stärken, daß der Frieden
dauerhaft sein wird. Aus diesem Grund erachten wir
ein Abkommen zwischen Israel und Syrien als
Schlüssel zu einem umfassenden Frieden. Unsere
Vision ist einfach: Einerseits ein sicheres Israel, das
in Frieden mit allen arabischen und islamischen
Staaten guten Willens lebt, andererseits eine arabische Welt, die ihre Ressourcen der Wirtschaftsentwicklung und den Bedürfnisse ihres Volkes
zukommen lassen kann.

Die Neudefinierung des Nahen Ostens von einer
Zone kontinuierlicher Konflikte zu einer, die Versöhnung verbreitet, ist die Chance, die wir ergreifen
müssen. Und diese Chance müssen wir vor den
Feinden des Friedens schützen. Die jüngste Welle
des Terrors gegen Israel wurde von verzweifelten
Kräften ausgelöst, die wissen, daß ihr Extremismus
in einer Region auf dem Weg zum Frieden keine
Zukunft hat. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, ein
Nachhutgefecht der Gewalt zu kämpfen, das darauf
ausgerichtet ist, den Nahen Osten erneut in eine
tragische Vergangenheit der Angst und des Konflikts
zu stürzen.

Wir machen dramatische Fortschritte zu einem
umfassenden Frieden. Mit amerikanischer Förderung haben Marokko und Tunesien im vergangenen
Monat offiziell Kontakte zu Israel aufgenommen.
Und bei einem Gespräch mit mir bei den Vereinten
Nationen haben Saudi-Arabien und die anderen
Staaten des Golfkooperationsrats ein Ende des
sekundären und tertiären Boykotts von Firmen
bekanntgegeben, die mit Israel handeln. Dies
eröffnet sowohl für Israel als auch für die amerikanischen Unternehmer enorme Handels- und Investitionschancen. Wir hoffen, den ganzen Boykott
schon sehr bald in die Geschichtsbücher verbannt
zu sehen.

Die internationale Staatengemeinschaft muß den
Terror der Hamas, Hisbollah und anderer Extremisten
ablehnen. Die scharfe Verurteilung des Terrors,
insbesondere seitens der arabischen Nachbarn
Israels, ist ein unerläßlicher Ausgangspunkt. Aber
Verurteilung ist nicht genug. Eine echte Strafe muß
verhängt werden. Wir müssen gemeinsam alle
ausländischen Finanzquellen für Terroranschläge sowohl öffentliche als auch private - unterbinden. Im
Ausland angesiedelte Frontorganisationen, die mit
Terrorismus in Verbindung stehen, müssen zerschlagen werden. Und die Organisatoren und
Ausführenden von Terroranschlägen müssen bestraft
werden.

In der nächsten Woche werden in Casablanca die
Fortschritte im Nahen Osten zu einer neuen Zukunft
einen Sprung nach vorne machen, wenn der marokkanische König Hassan die Gipfelkonferenz über
den Nahen Osten und Nordafrika einberuft. Ebenso
wie Madrid das Tabu politischer Kontakte zwischen
Israel und den Arabern gebrochen hat, wird Casablanca das Tabu über die Zusammenarbeit im
Privatsektor brechen.

Das ist der Kurs, von dem wir die Regierungen im
Nahen Osten und weltweit überzeugen wollen. Und
das ist der Kurs, den wir verfolgen werden. Wir
werden alles in unserer Macht Stehende tun - und
gegebenenfalls rechtliche Unterstützung suchen - um
sicherzustellen, daß die Hamas und andere Terroristen keine Unterstützung aus den Vereinigten Staaten erhalten.

Unsere Botschaft wird unmißverständlich sein: Der
Nahe Osten ist für Unternehmen offen. Durch
Investitionen, Handel und Gemeinschaftsunternehmen kann die Privatwirtschaft Bande knüpfen, die
den Frieden zwischen Regierungen in einen Frieden
zwischen Menschen umwandeln. Nur ein pulsierender Privatsektor kann das Wachstum herbeiführen
und die Integration vornehmen, die zur Untermauerung eines dauerhaften Friedens erforderlich sind.
Ich freue mich, daß amerikanische Unternehmen in
Casablanca vertreten und bereit sein werden, die
enormen neuen Möglichkeiten zu nutzen. Auch die
Regierungen müssen ihren Beitrag leisten. Sie
müssen Wirtschaftsbarrieren abbauen und die
Infrastruktur aufbauen, die den Nahen Osten auf den
Land- und Luftweg sowie per Fax und Mikrochip
verbindet.

Seite 4

Wir werden ihren Erfolg nicht zulassen.

Natürlich können radikale Gruppen ihre Greueltaten
nicht fortsetzen ohne die Unterstützung reaktionärer
Staaten. Iran und Irak sind nach wie vor die gefährlichsten Akteure der Region. Mit ihrer Politik der
doppelten

Eindämmung

führen

die

Vereinigten

Staaten die Welt bei der Bekämpfung der Bedrohung
an, die diese beiden Länder darstellen.
Iran ist der bedeutendste staatliche Förderer von
Terrorismus und der vehementeste Gegner des
Friedens im Nahen Osten. Die internationale Staatengemeinschaft war viel zu tolerant gegenüber dem
verachtenswerten Verhalten des Iran. Waffenverkäufe und wirtschaftliche Präferenzbehandlung, die
dem Iran die Umleitung seiner Ressourcen für
terroristische Zwecke erleichtern, sollten verboten
werden. Es gibt erdrückende Beweise: Der Iran hat
die Absicht, Terror und Extremismus im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 44

�und darüber hinaus zu verbreiten. Nur konzertierte
internationale Bestrebungen können das Land
aufhalten.
In jüngster Zeit hat der verbrecherische Staat Irak
unsere Entschlossenheit auf die Probe gestellt, und
wir haben den Test bestanden. In einem in erschreckender Weise dem vor der Invasion Kuwaits
im Jahr 1990 gleichenden Szenario bewegte Saddam Hussein Truppen an die kuwaitische Grenze.
Binnen Stunden dislozierte Präsident Clinton amerikanische Streitkräfte nach Kuwait. Saddam hat die
Botschaft erhalten, abrupt haltgemacht und die
Truppen zurückgezogen.
Unter amerikanischer Führung verabschiedete der
UN-Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution mit der
Forderung, daß Saddam Hussein seine in den
Süden verlegten Truppen abzieht. Dadurch wurden
zukünftige Aktionen Saddam Husseins zur Verstärkung seiner dort stationierten Streitkräfte verhindert. Und Saddam Hussein wurde gewarnt, nie
wieder seine Nachbarn oder UN-Operation im Irak
zu bedrohen.
Saddam hat sich als Wiederholungstäter erwiesen,
dem weder international noch in der arabischen Welt
getraut wird. Wir haben ihn wissen lassen, daß
jeder Wiederholung seiner jüngsten Bedrohungen
mit allen erforderlichen Mitteln begegnet wird,
einschließlich militärischer Macht.

Das irakische Volk sollte verstehen, daß allein
Saddam Husseins brutales Regime für sein Leiden
verantwortlich ist. Saddam hat weiterhin die Ressourcen des Irak für militärische Unternehmen
verschwendet.
Er hat sich geweigert, die UNResolutionen zu nutzen, die eine Erfüllung der
humanitären Bedürfnisse gestattet hätten. Saddam

*

AMERIKA DIENST 44

*

Hussein wird die Vereinten Nationen nicht dahingehend einschüchtern, die Sanktionen aufzuheben. Er
weiß, daß die Sanktionen nur gelockert werden
können, wenn der Irak alle entsprechende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vollständig einhält. Aber
das ist der einzige Ansatz, den er nicht versucht hat.
Saddam Husseins kontinuierliche Aggression und die
jüngste Terrorkampagne der Hamas unterstreichen
die Tatsache, daß die Kräfte des Hasses und Extremismus im Nahen Osten immer noch am Werk
sind. Wir werden jedoch nicht zulassen, daß ihre
Gewalt uns für den sich in der Region abzeichnenden
Lauf der Geschichte blind macht.
Erstaunliche
Veränderungen vollziehen sich. Während sich dieses
Jahrhundert seinem Ende zuneigt, stehen Araber und
Israelis an der Schwelle zu einer neuen Zukunft einer Zukunft der Hoffnung und des Friedens, nicht
der Verzweiflung und des Krieges.
Die Führungsrolle, Macht und Diplomatie der Vereinigten Staaten war über Administrationen beider
Parteien unerläßlich, um uns zu diesem vielversprechenden Augenblick zu bringen. Wenn die
Vereinigten Staaten nichts unternommen hätten,
könnten die irakischen Streitkräfte wieder in Kuwait
sein, Nordkorea würde den Bau von Nuklearwaffen
fortsetzen und die Haitianer würden immer noch unter
den Militärdiktatoren leiden. Unsere jüngsten Leistungen führen uns vor Augen, daß nur die Vereinigten
Staaten die strategische Vision und die globalen
Fähigkeiten zu einer Führungsrolle haben.
Und die amerikanische Führungsrolle ist mehr denn
je entscheidend um sicherzustellen, daß das Versprechen des Friedens Realität wird. Wir können und wollen - nicht zulassen, daß die Kräfte der
Vergangenheit diese historische Chance zerstören.
Die Dynamik für den Frieden muß bewahrt werden.

*

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK

DIE NEUE GEOPOLITIK: VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT
IN DER ZEIT NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Stellvertretenden Außenministers
OXFORD - (AD) - In einer am 20. Oktober 1994 an der Oxford University gehaltenen Rede äußerte der
Stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott: "Universell macht sich zunehmend die - von Völkern auf
jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht breit, daß Demokratie die beste Form politischer Organisation
und der freie Markt die erfolgreichste Form wirtschaftlicher Organisation ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Aus drei Gründen bin ich besonders erfreut, heute
Nachmittag vor Ihnen sprechen zu dürfen. Der erste
ist persönlicher, der zweite politischer und der dritte
historischer Natur.
Ich bin mir sicher, daß Sie an Ihre transatlantischen
Vettern gewöhnt sind, die ihr Herz auf der Zunge
tragen. Ich möchte Sie daher nicht enttäuschen: Ich

sie habe eine historische Chance in der amerikanischen Außenpolitik. Während jeder Zeitraum per
definitionem eine Periode der menschlichen Geschichte ist, markieren einige den Beginn eines
neuen Kapitels, sogar eines neuen Buches. Dies ist
ein neues Buch.
Wir erleben jetzt den dritten großen definierenden

liebe diesen Ort - diese Stadt und diese Universität.

Moment dieses turbulenten Jahrhunderts. An diesen

Hier habe ich die besten drei Jahre meines Lebens
verbracht. Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein.

Punkt bringt uns natürlich das Ende des großen
Kampfes, der über 40 Jahre dauerte - die globale
Rivalität zwischen zwei Lagern, auf zwei Supermächte konzentriert.

Dann gibt es die Bande, die Ihr Land und meines
verbinden. Sicher, wir hatten unsere schlechten
Momente, wie im Jahr 1814, als Ihre Landsleute
meine Heimatstadt in Brand setzten. Die amerikanisch-britischen Beziehungen haben jedoch größtenteils Lord Palmerstons berühmtem Diktum getrotzt:
In einigen seltenen Fällen schaffen permanente
Interessen permanente Freundschaften, oder zumindest besondere Beziehungen zwischen Nationen.
Großbritannien war unser Hauptpartner bei der
wichtigsten Veränderung der amerikanischen Außenpolitik: Dem aktiven Engagement der Vereinigten
Staaten für die übrige Welt nach einer Zeit nicht
allzu glorreicher Isolation vor etwas mehr als einem
halben Jahrhundert. Dieses Umdenken wurde durch
das anglo-amerikanische Bündnis im Zweiten
Weltkrieg ausgelöst und dann zum unerläßlichen
Bestandteil der amerikanischen Sicht- und Handlungsweise während der darauffolgenden zwei
Generationen.
Nun zum dritten Grund, aus dem ich mich über Ihre
Einladung freue, heute vor Ihnen sprechen zu
dürfen: Mir wird die Chance geboten zu erörtern,
warum die Clinton-Administration der Auffassung ist,

AMERIKA DIENST 42

Das Ende des Kalten Krieges ähnelt in einer Hinsicht
der Phase des Übergangs, der stattfand, als zu
einem früheren Zeitpunkt heiße Kriege endeten. Aus
der Erschöpfung der Kombattanten entsteht eine
neue Entschlossenheit zur Einführung neuer Verhaltensweisen, Arrangements und Strukturen. Einige
davon werden zu Fixpunkten im internationalen
Umfeld, andere entstehen und verschwinden, noch
andere explodieren vor unseren Augen.
Im 17. Jahrhundert endete der 30jährige Krieg
beispielsweise mit dem Westfälischen Frieden, mit
dem die Ordnung in den Ruinen des Heiligen Römischen Reichs wiederhergestellt werden sollte.
Westfalen wird häufig als erstes Beispiel des modernen Nationalstaats angeführt, in dem die Menschen,
die eine Sprache sprachen oder einer Religion
angehörten, sich unter einer Flagge innerhalb einer
Grenze versammeln konnten. Keine schlechte Idee,
aber auch nicht perfekt. Heute kämpfen wir noch mit
ihren extremeren Unzulänglichkeiten, insbesondere in
der Katastrophenzone, die als Jugoslawien bekannt
war.

Seite 1

�Im 19. Jahrhundert endeten die Napoleonischen
Kriege mit dem Wiener Kongreß, der das Gleichgewicht der Kräfte als Leitprinzip der internationalen
Ordnung verankerte. Das Konzert der europäischen
Mächte war auf die Prämisse gegründet, daß kein
Staat auf dem Kontinent zu stark werden sollte.
Wiederum keine schlechte Idee, aber auch sie hatte
ihre Schwächen. Das Konzept des Gleichgewichts
der Kräfte und die mit ihm einhergehende Diplomatie
tendiert dazu, wertfrei zu sein. Verfechter des
Gleichgewichts der Kräfte argumentieren, das Wesentliche eines Staates oder seiner Regierung sei
vornehmlich seine Größe und Stärke, nicht so sehr
sein Wesen. Dies impliziert, daß der Unterschied
zwischen einer Demokratie und einer Diktatur nicht
so erheblich ist, als wenn zwischen ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens besteht.
Diese Sichtweise fördert die Idee, daß die internationale Stadt nur ein Interesse am Erhalt des
Gleichgewichts zwischen Staaten hat, anstatt daran,
was in diesen Staaten geschieht. Wird diese Idee
zu eng ausgelegt, kann sie zur Norm für die Duldung
des Unerträglichen werden.
Das offenkundige
Beispiel aus unserem Jahrhundert ist der Holocaust.
Er hätte die Welt betroffen machen sollen, wenn
Hitlers einzige Opfer deutsche Juden gewesen
wären. Hätte die Welt jedoch je irgend etwas
unternommen um ihn aufzuhalten, wenn Hitler nicht
den Genozid gegen die Deutschen mit Aggression
gegen die Nachbarn Deutschlands verbunden hätte wenn er nur mörderisch im eigenen Land, aber
zurückhaltender im Ausland gewesen wäre? Diese
Fragen quälen die Denkschule des Gleichgewichts
der Kräfte in internationalen Beziehungen, sie
unterstreichen die Notwendigkeit für Staatskunst, um
sowohl von der Ethik als auch der Physik hergeleitete Prinzipien einzubeziehen.
Während der vergangenen 100 Jahre wurden wir
Zeuge zweier Weltkriege und zweier Versuche, den
Weltfrieden herbeizuführen. Der Erste Weltkrieg war
in vieler Hinsicht eine doppelte Katastrophe. Er
führte nicht nur zum Ermordung einer Generation,
sondern verspielte auch die Gelegenheit zu Frieden,
die sich in Versailles geboten hatte.
Mein Land, das zum Erfolg auf den Schlachtfeldern
dieses Krieges beigetragen hat, trug auch zu dem
darauffolgenden Scheitern bei. Der amerikanische
Kongreß lehnte die amerikanische Beteiligung am
Staatenbund ab und verabschiedete dann das
Smoot-Hawley-Gesetz - ein Monument für den
Protektionismus.
Häufig wurde gesagt, dieses
Gesetz trug dazu bei, die Große Depression zu einer
wirklich großen zu machen. Diese und andere
Dummheiten der Zeit zwischen den beiden Welt-

Seite 2

kriegen schufen ein internationales Klima, das einen
Nährboden für den Aufstieg des Faschismus und
damit eines weiteren Flächenbrandes darstellte.
Die Anführer der großen Koalition, die im Zweiten
Weltkrieg triumphierte, lernten mehrere, wenn nicht
alle Lektionen, die sich im Gefolge des Ersten
Weltkriegs ergaben. Statt ihre besiegten Feinde zu
demütigen und verarmen zu lassen, waren die Sieger
dieses Mal beim Wiederaufbau Japans und Deutschlands behilflich. Durch den Marshallplan, das GATT
und die in Bretton Woods ins Leben gerufenen
internationalen Finanzinstitutionen bildeten die bei der
Schaffung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg
anwesenden Staatsmänner die Grundlage für eine
Gemeinschaft westlicher Demokratien sowie für eine
zunehmend interdependente und wohlhabende
globale Gemeinschaft.
Der Zweite Weltkrieg löste auch einen weiteren
Versuch zur Gründung einer Institution aus, die sich
dem Völkerrecht, der kollektiven Sicherheit und der
Durchsetzung des Friedens widmen sollte. Das
Ergebnis - die Vereinten Nationen - war eine entscheidende Verbesserung gegenüber dem Staatenbund, obwohl sie noch einen weiten Weg zurückzulegen haben, bis sie die Vorstellungen ihrer Gründer - und ihrer derzeitigen Mitglieder - erfüllen.
In Wirklichkeit war der Frieden, der dem Sieg der
Alliierten über die Achse folgte, überhaupt kein
Frieden. Clausewitz könnte es folgendermaßen
formuliert haben: Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die internationale Politik nahezu ein
halbes Jahrhundert lang zur Kriegführung mit anderen Mitteln.
Ebenso wie der Kalte Krieg mit anderen Mitteln
geführt wurde - Propagandakampagnen, Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt, dem nuklearen
Rüstungswettlauf - wurde er auch über andere
Themen geführt als diejenigen, die Nationen traditionell zu Gegnern werden ließen. In vorherigen
Zeitaltern waren die Ursache des Krieges und die
Beute des Sieges für gewöhnlich eine Kombination
von Land und Macht. Selbst bei im Namen der
Religion geführten Kriegen lautete die Frage stets:
Wer würde welche Flagge auf welches Stück Land
stellen?
Der "casus belli" des Kalten Krieges war anders nicht vollständig anders, aber doch in beträchtlichem
Maße. Das Kernproblem, wegen dem Großbritannien, die Vereinigten Staaten und der Westen den
Kalten Krieg gegen die Sowjets und ihre Satellitenstaaten führten, beinhaltete zweifelsohne Land und
Macht. Die Landkarte war farblich markiert in blau unsere Seite - und rot - ihre Seite.

AMERIKA DIENST 42

�Der Kalte Krieg drehte sich jedoch nicht nur um
Land und Macht. Er war auch ein in die Länge
gezogener, grausamer und in der Tat häufig eher
heißer Konflikt zwischen konkurrierenden Konzepten
der Organisation des politischen und wirtschaftlichen
Lebens von Einzelpersonen, einzelnen Staaten und
dem Planeten als Ganzes.
Natürlich spielte Macht eine Rolle. Wie häufig
festgestellt wird, erwies sich die NATO als das
erfolgreichste Militärbündnis der Geschichte. Die
verankerte, vom Westen verfolgte Politik der Abschreckung und Eindämmung hatte spektakulären
Erfolg.
Hierbei handelte es sich jedoch nicht nur um eine
Gruppe von Staaten, die sich zur Verteidigung eines
anderen zusammenschlössen. Es war vielmehr eine
Reihe von Ideen, die den Sieg über andere davontrugen. Es gab Befürworter und Gegner dieser
erfolgreichen Ideen auf beiden Seiten der Kampflinien - oder, um genauer zu sein, auf beiden Seiten
des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Die liberalen
Werte, die die NATO-Mitgliedstaaten verbinden,
haben in unterschiedlichem Maße von Estland im
Baltikum über Albanien an der Adria, Kirgisistan und
der Mongolei an der Grenze zu China bis zu Wladiwostok am Pazifik Fuß gefaßt.

auf jedem Kontinent geteilte und verteidigte - Ansicht
breit, daß Demokratie die beste Form politischer
Organisation und der freie Markt die erfolgreichste
Form wirtschaftlicher Organisation ist.
Zweifelsohne sind Wahlen weder ein Allheilmittel für
soziale Miseren noch eine Garantie für eine aufgeklärte Regierung. Häufig wird darauf verwiesen, daß
Hitlers Nationalsozialistische Partei bei den Wahlen
1932 gewann. Wladimir Schirinowskis in grotesker
Weise falsch benannte Liberaldemokratische Partei
schnitt bei den russischen Parlamentswahlen im
Dezember letzten Jahres nur allzu gut ab, als daß
irgend jemand außer ihm selbst glücklich darüber
sein könnte. Dennoch führt die Demokratie im
allgemeinen Wohlstand für das Volk und Frieden für
die Nachbarn herbei.
Als Beweis möchte ich die Entwicklungen auf meiner
Seite des Atlantiks anführen. Noch vor 15 Jahren
herrschten in den meisten Nationen Lateinamerikas
Militärdiktaturen. Heute erhebt jede Regierung mit
Ausnahme Kubas einen echten Anspruch auf demokratische Legitimität. Während diese Staaten einen
demokratischen Kurs einschlugen, haben sie auch
eine Abkehr von der Planwirtschaft vollzogen.
Demokratisch gewählte Politiker in Mexiko, Argentinien, Chile und Brasilien konnten umfassende Wirtschaftsreformen durchführen.

Natürlich gibt es immer noch einige wenige Länder,
die weiterhin ihre Flaggen mit roten Sternen schmük-

ken und Lippenbekenntnisse für Marx, Engels und
Lenin ablegen. Dazu gehört das bevölkerungsreichste Land der Welt - China. Aber auch diese Relikte
kommunistischer Herrschaft bieten Grund zu einem
gewissen strategischen Optimismus - wenn auch
gemischt mit taktischer Geduld, Klugheit und Entschlossenheit.
Ein Grund für Optimismus ist die Durchlässigkeit
selbst schwerbewachter Grenzen für Radio- und
Fernsehsendungen sowie subversiv tätige Einflüsse
wie Telefax und elektronischer Post. Zu den Kräften, die Löcher in den Eisernen Vorhang rissen,
zählten die ständigen verbalen Bombardierungen
durch die Voice of America, Radio Free Europe und
Radio Liberty sowie die BBC. Die Revolution im
Kommunikationswesen hat nicht nur die Übertragung
von Nachrichten ermöglicht - sie hat auch zur
wichtigsten und überzeugendsten guten Nachricht
unserer Zeit beigetragen: Dem Niedergang der
Diktatur und dem Aufstieg der Demokratie.
Während die Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht, gelangen wir zu einem beispiellosen
Konsens, wie wir uns innerhalb des jeweiligen
Staates und untereinander organisieren sollten.
Universell macht sich zunehmend die - von Völkern

AMERIKA DIENST 42

Auch Südasien hat sich entschieden Demokratie und
freien Märkten verschrieben.
Im vergangenen
Jahrzehnt haben 260 Millionen Menschen in Pakistan, Bangladesch und Nepal das Recht zur Stimmabgabe bei freien und fairen Wahlen zurückerhalten.
In Indien, wo demokratische Institutionen fest verankert sind, führen Ministerpräsident Rao und Finanzminister Manmohan Singh beeindruckende Reformen
durch, mit denen die Volkswirtschaft des Landes
umgestaltet werden soll: Sie haben die Rupie zu
einer konvertierbaren Währung gemacht und sind mit
einer Überarbeitung des Banksektors sowie der
Privatisierung von Staatsbetrieben befaßt. Ähnliche
Erfolgsgeschichten vernimmt man aus Asien und
Afrika, aus so unterschiedlichen Nationen wie Südkorea, Südafrika und Malawi.
Bei all diesen Fällen besteht eine enge Verbindung
zwischen demokratischer Politik und freien Marktwirtschaften. Auf der ganzen Welt haben demokratisch
gewählte Politiker sich eher als ihre autoritären oder
totalitären Vorgänger geneigt gezeigt, sich für die
wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahmen zu entscheiden, von denen ihr Volk am meisten profitieren
wird.
Dies trifft sogar auf die ärmsten Regionen der Welt
zu. Der Harvard-Wirtschaftswissenschaftler Amartya

Seite 3

�Sen - ein ehemaliger Dozent von Oxford - hat
festgestellt, daß "in einem Land mit einer demokratischen Regierungsform und einer relativ freien
Presse nie eine größere Hungersnot vorgekommen
ist". Indien hatte beispielsweise bis zum Zeitpunkt
der Unabhängigkeit im Jahr 1947 Hungersnöte zu
verzeichnen. Die letzte und eine der größten
Hungersnöte fand 1943 statt, als schätzungsweise 2
bis 3 Millionen Menschen starben. Seit der Unabhängigkeit und der Einführung eines demokratischen Mehrparteiensystems gab es keine größere
Hungersnot mehr, obwohl gravierende Mißernten
und Lebensmittelknappheit nur allzu häufig vorkamen.
Dank der von den demokratisch gewählten Regierungen in Botswana und Simbabwe durchgeführten
Programme zur Verhinderung von Hungersnöten
gelang es auch diesen Ländern, ernsthafte Mißernten Anfang der achtziger Jahre zu überstehen.
Während des gleichen Zeitraums erlebten der Sudan
und Äthiopien mit einer vergleichsweise geringeren
Abnahme der Lebensmittelproduktion, aber dem
großen Nachteil antidemokratischer Regime gravierende Hungersnöte.
Der Aufstieg der Demokratie hat ebenfalls eine
dramatische Verringerung von Akten der Aggression
eines Staates gegen einen anderen bewirkt. Lateinamerikanische Staaten beispielsweise führten während eines Großteils dieses Jahrhunderts Scharmützel gegeneinander. Es gab richtige Kriege zwischen
Costa Rica und Panama, Bolivien und Paraguay,
Peru und Ecuador, Honduras und El Salvador. Der
entscheidende Punkt ist jedoch: Zum Zeitpunkt
dieser Konflikte waren alle betroffenen Nationen
einer Diktatur unterworfen. Seit sich Anfang der
achtziger Jahre die Demokratie in der westlichen
Hemisphäre rasch zu verbreiten begann, hat keine
lateinamerikanische Nation Krieg gegen eine andere
geführt. Der eine Fall, bei dem ein lateinamerikanisches Land einen Krieg gegen eine europäische
Macht begonnen hat, ist in mehr als einer Weise
aufschlußreich. Ich beziehe mich natürlich auf das
Schicksal der argentinischen Militärjunta nach ihrem
Fehlschlag auf den Falklandinseln. Die Mitglieder
der Junta wurden daraufhin wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und von demokratisch gewählten Zivilisten abgelöst.
Mit jedem weiteren Jahr wird es zunehmend offenkundig, daß die Maxime "Demokratien führen keinen
Krieg gegeneinander" nicht nur ein Allgemeinplatz ist
- sie trifft so sehr den Kern der Wahrheit, daß sie
wahrscheinlich als empirische Wahrheit in die Politikwissenschaft eingeht.

Seite 4

Wie Außenminister Christopher erklärt hat, leben wir
heute zum Teil aus diesem Grund "in einem einzigartigen historischen Augenblick, in dem keine Großmacht eine andere als unmittelbare militärische
Bedrohung ansieht".
Die Vereinigten Staaten haben immer noch Kontroversen mit Rußland und China - und bei einigen
Fragen mit Ihrer Regierung - sowie mit Frankreich,
Deutschland und Japan. Aber erstmals gibt es keine
charakteristische Polarisierung der Weltpolitik, keine
Kraftprobe zwischen zwei Giganten, deren Nullsummenspiel für die übrige Welt - Teilnehmer und
Zuschauer gleichermaßen - die Regeln festsetzt. Es
gibt beispielsweise kein Äquivalent zu Sparta gegen
Athen, Rom gegen Karthago oder Großbritannien
gegen Spanien im 16. Jahrhundert - oder für irgendeine andere der gigantischen Rivalitäten, die einen
großen Teil der Geschichte bestimmt haben.
Dieser Zustand ist vornehmlich das Ergebnis des
weitverbreiteten, zunehmend unbestrittenen Engagements für Demokratie, freien Handel und freie Märkte.
Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind
praktisch alle führenden Wirtschafts- und Militärmächte der Welt pluralistische, marktwirtschaftliche Demokratien. Dasselbe gilt auch für die meisten Verbündeten der Großmächte.
Aus diesem Grund ist Präsident Clinton der Meinung,
daß unsere Generation eine historische Chance zur
Gestaltung unserer Welt hat. Und er vertritt die
Ansicht, da uns vor allem der Triumph von Demokratie und Märkten zum Sieg im Kalten Krieg verhalf, wir
uns jetzt vor allem von der Verteidigung von Demokratie und Märkten leiten lassen sollten.
Es liegt eindeutig in unserem Interesse, die Tendenz
zur Demokratisierung zu unterstützen. Sollte dieser
Trend ins Gegenteil verkehrt werden, würde das
unser Wohlergehen beeinträchtigen.
Die Wahrscheinlichkeit militärischer Rivalität unter den Großmächten wächst, wenn auch nur eine dieser Mächte
ihr Engagement für freien Handel, offene Märkte und
eine offene Gesellschaft aufgibt und wieder in eine
totalitäre Politik und Kommandowirtschaft zurückfällt.
In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, daß
wir uns heute der Bedrohung unserer gemeinsamen
Sicherheit durch den Irak und Nordkorea stellen zwei Staaten, die der weltweiten Demokratiewelle
widerstanden haben.
Obwohl Demokratie und Marktwirtschaft im Aufstieg
begriffen sind, haben sie nicht überall Fuß gefaßt.
Weit gefehlt. In vielen im Übergang befindlichen
Nationen stecken die erforderlichen Institutionen - die
politische und ökonomische Kultur - noch in den
Kinderschuhen. Wie Außenminister Christopher bei

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�mehreren Gelegenheiten äußerte, bedürfen gerade
die jungen Demokratien am stärksten der internationalen Unterstützung.
Aus diesem Grund haben Ihre und unsere Regierung sich in Haiti mit 28 anderen Nationen zusammengeschlossen und damit die außergewöhnlichen
Feierlichkeiten am Samstag letzter Woche in Portau-Prince aus Anlaß der Wiederherstellung der
demokratischen Regierung dieses Landes ermöglicht. Resolution 940 des UN-Sicherheitsrats zur
Genehmigung der Entsendung einer multinationalen
Koalition war ein Wendepunkt: Erstmals bezeichneten die Vereinten Nationen die Verteidigung der
Demokratie als Berechtigung zum Einsatz "aller
erforderlichen Mittel" - mit anderen Worten, militärischer Gewalt.
Die Mission der Vereinten Nationen in Haiti legt fest,
daß die internationale Staatengemeinschaft nicht nur
eingreifen darf, wenn ein Regime seine Nachbarn
angreift, sondern auch, wenn es seine eigene Bevölkerung brutal behandelt. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber - und das wird stets der Fall
sein - wie weit die Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft reicht und in welchem Fall
sie Anwendung findet. Es besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir die Geopolitik neu definieren.
Gleichzeitig haben wir keinesfalls die traditionellen
Konzepte von Souveränität und Sicherheit aufgegeben oder dem traditionellen Mittel abgeschworen,
diejenigen, die den Frieden gefährden oder verletzen, abzuschrecken und notfalls in ihre Schranken
zu verweisen.
Halten Sie sich die Reaktion der Vereinten Nationen
auf die jüngste aggressive Mobilisierung Saddam
Husseins vor Augen. Bei diesem Vorfall haben wir
aufgrund sehr viel konventionellerer geopolitischer
Überlegungen als in Haiti gehandelt. Im Irak ist die
internationale Staatengemeinschaft gegen einen
Tyrannen vorgegangen, der seinen Nachbarn bedrohte und die weltweite Energieversorgung gefährdete. Aber auch diese Konfrontation enthält einen
dramatischen Beweis dafür, wie die Welt sich nach
dem Ende des Kalten Krieges zum Besseren gewandelt hat: Nach anfänglichem Widerstreben hat
Rußland gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
und Großbritannien sowie den übrigen Mitgliedern
des UN-Sicherheitsrats Resolution 949 unterstützt,
die die Fähigkeit Saddams zur bedrohlichen Stationierung seiner Armee weiter beschränkt.
Ich möchte jetzt kurz darauf zu sprechen kommen,
welche Auswirkungen die neue Geopolitik - unser
Versuch einer Neudefinition der nationalen und
internationalen Sicherheit - auf diese Region der

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Welt hat: auf Europa. Schließlich war der europäische Kontinent das Hauptschlachtfeld des Kalten
Krieges. Hier wurde dieser Kampf gewonnen, hier
müssen wir die Errungenschaften des Sieges konsolidieren.
Hier in Europa müssen wir wie überall auf der Welt
den Grundsatz der Verteidigung der Demokratie
anwenden, wo diese am schwächsten und verwundbarsten ist.
Wir in der Gemeinschaft etablierter marktwirtschaftlicher Demokratien müssen den postkommunistischen
Reformern Hilfestellung leisten. Wir müssen ebenso
ausdauernd wie sie sein. Es wäre ein schrecklicher
Fehler, selbstgefällig davon auszugehen, auch ohne
unsere Hilfe würden Demokratie und Marktwirtschaft
überall dort erfolgreich sein, wo sie jetzt Fuß gefaßt
haben. Und es wäre ein noch viel schlimmerer
Fehler, fatalistisch der Angst zu erliegen, trotz unserer Hilfe wären die Reformen in diesen Ländern zum
Scheitern verurteilt.
Während des Kalten Krieges hatte die Entschlossenheit des Westens unentbehrliche Verbündete in den
östlichen Reformern und den Menschen selbst - eine
Tatsache, die oftmals in der selbstgefälligen und
triumphierenden Rhetorik einiger Vertreter des
Westens unterging. Die Opfer des Kommunismus
wurden zu Siegern über den Kommunismus, und wir
müssen sie in unsere Planung für die Welt nach dem
Kalten Krieg einbeziehen.
Das ist das erste Prinzip der amerikanischen Europapolitik. Es ist der Hauptgrund dafür, daß Präsident
Clinton bei seinen drei Europareisen Anfang dieses
Jahres sein Engagement für Integration unterstrich:
Zusammenarbeit innerhalb der transatlantischen
Partnerschaft beim Aufbau eines ungeteilten Europa,
eines Europa, das durch das gemeinsame Engagement für Demokratie, freie Marktwirtschaft und
gegenseitige Respektierung der Grenzen geeint ist.
Was bedeutet das in praktischer Hinsicht?
Es
bedeutet die Einbeziehung der östlichen Staaten in
die Wirtschaftsinstitutionen des Westens - in das
GATT, die Europäische Union und die OECD. Wenn
die Länder Mitteleuropas und der ehemaligen Sowjetunion den Mut besitzen, die schmerzlichen aber
erforderlichen Maßnahmen für Wirtschaftsreformen zu
ergreifen, müssen wir bereit sein, unseren Beitrag zu
leisten. Wie Präsident Clinton bereits sagte: "Es
ergibt wenig Sinn, wenn wir einerseits ihren marktwirtschaftlichen Reformen applaudieren und ihnen
andererseits nur selektiven Zugang zu unseren
Märkten anbieten."

Seite 5

�Integration bedeutet auch, daß wir weiterhin die
erste Sicherheitsstruktur nach dem Kalten Krieg
entwickeln müssen - die Partnerschaft für den
Frieden. Vor zwei Wochen trat Armenien ihr als 23.
Nation bei. Seit die Partnerschaft im Januar auf
dem NATO-Gipfel ins Leben gerufen wurde, hat sie
praktischen Inhalt, eine konsistente Form und einen
vielversprechenden Kurs erhalten. Sie hat bereits zu
dem sensationellen Ereignis gemeinsamer Übungen
ehemaliger Gegner aus der NATO und dem Warschauer Pakt in Polen geführt. Ende dieses Monats
soll ein zweites Manöver dieser Art in den Niederlanden stattfinden.

Der Fall Bosnien veranschaulicht darüber hinaus in
dramatischer Weise ein globales Problem: nationalistisch inspirierten Separatismus und Bürgerkrieg,
Fehden unter Volksgruppen, die das Banner der
Selbstbestimmung gehißt haben, die neue Weltunordnung - ein Phänomen, das als Amoklauf des Westfälischen Friedens oder des Versailler Vertrags
bezeichnet werden könnte. Wir sind Zeuge des
Scheiterns von Staaten wie Ruanda und Somalia.
Wir sehen, wie ethnische Konflikte im Kaukasus
regionale Instabilität verursachen. Der innere Zerfall
von Staaten stellt auf dem Weg zum Ziel der Integration ein bedeutendes Hindernis dar.

Auch die NATO ist in einem Entwicklungsprozeß
begriffen. Präsident Clinton, Vizepräsident Gore,
Außenminister Christopher und Verteidigungsminister
Perry haben versprochen, daß die NATO neue
Mitglieder aufnimmt. Sie wird das von Fall zu Fall,
im Einklang mit den Interessen und Wünschen der
Mitgliedstaaten entscheiden, und keine andere
Macht besitzt in diesem Prozeß ein Vetorecht.

Das ist ein zusätzlicher Grund dafür, daß wir den
Konflikt in Bosnien nicht ignorieren können. In den
kommenden Tagen und Wochen werden wir eng mit
unseren Kollegen in der Kontaktgruppe zusammenarbeiten - Großbritannien, Frankreich, Rußland und
Deutschland als Vertreter der Europäischen Union.
Wir werden uns für die Stärkung der immer noch
instabilen Föderation in Bosnien einsetzen. Wir
werden nach Wegen suchen, die Grenze zwischen
Serbien und Bosnien noch dichter zu schließen. Wir
werden auf eine strengere Durchsetzung der UNSchutzzonen drängen.

Die Erweiterung der NATO kann, wenn sie richtig
gehandhabt wird - und das ist der Fall - der größeren Sache der europäischen Integration, Sicherheit
und politischen Stabilität dienen.
Mit anderen
Worten: Die Evolution der NATO kann dazu beitragen, die Evolution Europas zu leiten. Die Aufnahme
neuer Mitglieder in die NATO muß und darf nicht zu
neuen Spaltungen zwischen Ost und West führen.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch andere
Wege der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
sondieren, die - wie die Partnerschaft für den Frieden - alle Nationen der euro-atlantischen Welt
einbeziehen. Derzeit prüfen die 52 Teilnehmerstaaten der KSZE in Budapest, wie diese Organisation
zu einem effektiveren Instrument für den Umgang
mit regionalen Konflikten und die Errichtung eines
gemeinsamen Sicherheitsraums auf der Grundlage
gemeinsamer Werte und Verhaltensnormen umgestaltet werden kann.
Die Vereinigten Staaten
werden sich entschlossen für den Erfolg dieser
Bestrebungen einsetzen.
Dieser Versuch gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, wenn wir nicht die Herausforderung im ehemaligen Jugoslawien angehen. Die Situation in dieser
überschatteten Region Europas ist weiterhin
schrecklich. Die bosnischen Serben verüben Greueltaten und widersetzen sich dem Willen der internationalen Staatengemeinschaft. Bosnische Muslime und Kroaten sehen einem schrecklichen Winter
unter Belagerung entgegen. Wenn sich die Kämpfe
ausweiten, könnten wir mit grausiger Symmetrie
dieses Jahrhundert mit einer Wiederholung der
Balkankriege von 1912 und 1913 abschließen.

Seite 6

Inmitten des Schreckens im ehemaligen Jugoslawien
gibt es, wenn auch schwache, Anzeichen guter
Nachrichten. In dem Bestreben zur Beendigung des
Konflikts hat der UN-Sicherheitsrat erstmals die
NATO als Instrument zur Durchsetzung des Willens
der Vereinten Nationen eingesetzt. Die UN-Schutztruppe für das ehemalige Jugoslawien, UNPROFOR,
hat zahlreiche Mitglieder der Partnerschaft für den
Frieden, darunter nicht nur Großbritannien, Kanada
und Frankreich, sondern auch Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts wie Polen, die Ukraine und
Rußland zusammengebracht.
Die Bereitschaft
Rußlands, gemeinsam mit dem Westen diplomatische
und militärische Mittel zur Beendigung des Konflikts
einzusetzen, ist eher der bemerkenswerteste Beweis
dafür, daß wir tatsächlich in einer neuen Welt leben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich noch
auf Rußland eingehen, das Land, dessen Sprache,
Literatur, Kultur und Geschichte ich in meiner Zeit
hier in Oxford studiert habe.
In Moskau machen sich viele Menschen Sorgen
darüber, ihr Land werde am Ende aus einer erweiterten und integrierten europäischen Sicherheitsstruktur ausgeschlossen. Genauer gesagt haben sie
Angst, die Partnerschaft für den Frieden und die
beabsichtigte Erweiterung der NATO seien gegen
Rußland gerichtet. Im vergangenen Monat bemühte
sich Vizepräsident Gore, diese Besorgnis zu beschwichtigen. In Berlin legte er dar, warum die

AMERIKA DIENST 42

�Erweiterung der NATO mit den Sicherheitsinteressen
Rußlands vereinbar ist. Er stellte fest: "Instabilität in
Zentraleuropa, der Ursprungsregion europäischer
Kriege, hat zweimal in diesem Jahrhundert Tragödien über den Kontinent gebracht." Das russische
Volk litt stark unter diesen Tragödien und hat daher
wie jeder andere allen Grund, weitere Instabilität in
Zentraleuropa zu fürchten. Somit hat Rußland ein
ebenso großes Interesse wie jedes andere Land an
Stabilität in Zentraleuropa - und genau das ist das
Ziel einer erweiterten NATO. Die Erweiterung sollte
nicht als eine gegen irgend jemanden gerichtete
Aktion betrachtet werden, sondern als wichtiger
Bestandteil regionaler Sicherheit und Stabilität.
Man könnte sich jedoch fragen - und viele Menschen
tun das auch - wie es um die Stabilität innerhalb
Rußlands bestellt ist. Wir wissen einfach nicht, wie
das Rußland des 21. Jahrhunderts aussieht. Dieses
riesige, stolze, reiche, kultivierte und krisengeschüttelte Land befindet sich inmitten eines Prozesses der
Neudefinition, und das wird auch in Zukunft noch
längere Zeit der Fall sein. Wir wissen jedoch schon
genau, was für eine Art von Rußland wir anstreben:
eine starke, wohlhabende Demokratie, die in das
wirtschaftliche und politische Leben der übrigen Welt
integriert ist, sicher in ihren derzeitigen Grenzen lebt
und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale
Integrität ihrer Nachbarn respektiert, insbesondere
jener Nachbarn, die - wie Rußland selbst - Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind.
Das erhoffen nicht nur wir uns für Rußland - zahlreiche Russen wünschen das für ihre Heimat. Dazu
gehören viele der heutigen russischen Politiker und
ihre aufstrebenden jüngeren Kollegen. Das sind
jedoch nicht die einzigen Bestrebungen im Getümmel der Duma und des Föderationsrats sowie bei
den Wahlen, nachdem jetzt endlich die Realpolitik
Einzug im Land gehalten hat. Es gibt Kräfte, die
offen vorgehen und jene, die hinter den Kulissen, im
Untergrund und in dunklen Gassen operieren, die
häßlich, bedrohlich, rückständig und Schlimmeres
sind.
Rußland führt also derzeit einen Kampf um seine
Zukunft, Identität, Seele und seinen Platz in Europa.

*

AMERIKA DIENST 42

*

Wie Präsident Clinton darlegte, muß sich das russische Volk fragen, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert eine Großmacht zu sein, ob es das in den
Kategorien der Vergangenheit oder der Zukunft
definiert. Offener gesagt: Werden sich die Menschen in diesem Land für Imperialismus und Unterdrückung oder Integration und Freiheit entscheiden?
Wir müssen alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung der Kräfte unternehmen, deren Sieg in
diesem Kampf wir wünschen. Wenn sie Oberhand
gewinnen, werden diese Kräfte Rußland gestatten,
wirkliche Sicherheit und Wohlstand zu erlangen.
Wir dürfen jedoch das Ergebnis dieses Kampfes nicht
vorwegnehmen und insbesondere unser erstes Urteil
nicht auf Vorurteile oder historische Stereotypen
gründen, auf aufgewärmte Ideologie aus der Zeit des
Kalten Krieges, wenn wir nicht den Fehler begehen
wollen, dieses Ergebnis herbeizureden. Wir müssen
Voltaire erinnern, der davor warnte, unsere Alpträume
für eine Vorahnung der Zukunft zu halten.
Um es ganz offen zu sagen: Sollten wir unsere
Politik auf die pessimistische Annahme gründen,
Rußland werde Rückschritte machen anstatt sich
weiterzuentwickeln, würden wir in den letzten Jahren
dieses Jahrhunderts einen groben strategischen
Fehler begehen, der dem in den ersten Jahren dieses
Jahrhunderts - in Versailles und danach - begangenen gleichkommt.
Ich möchte diesen Punkt auch etwas positiver formulieren, mehr im Geiste des strategischen Optimismus,
der nach Ansicht Präsident Clintons die amerikanische Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
leiten sollte. Wir können die Chancen dieser Übergangszeit ergreifen. Wir werden dazu wahrscheinlich
eher in der Lage sein, wenn wir verstehen, warum
alle früheren Versuche zur Schaffung eines dauerhaften Friedens - Westfalen, Wien, Versailles, München
und Jalta - scheiterten oder Unzulänglichkeiten
aufwiesen. Wir können aus der Geschichte lernen
und auf dem Vermächtnis unserer Vergangenheit
aufbauen, während wir eine Strategie für unsere
Zukunft entwickeln. Und diesmal können wir es
richtig machen.

*

*

Seite 7

�AUSSENPOLITIK

MACHT UND DIPLOMATIE DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von Anthony Lake
HARVARD - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Oktober 1994 vom Nationalen Sicherheitsberater Anthony Lake an der Harvard University gehaltene Rede.

Das Thema meiner heutigen Ausführungen sind die
Beziehungen zwischen Macht und Diplomatie insbesondere Macht und Diplomatie der Vereinigten
Staaten - in einer dramatisch gewandelten Welt.
Auf der internationalen Bühne durchleben wir einen
außergewöhnlichen Moment. Die einzigartige, alles
umfassende Bedrohung des Kalten Krieges ist
verschwunden. Das internationale Umfeld ist völlig
umgestaltet und unterscheidet sich stark von der
alten strategischen Landkarte, auf der jede Bewegung und Veränderung im Zusammenhang mit der
sowjetischen Bedrohung gesehen wurde.
Aber selbst in diesem neuen Zeitalter behalten
einige alte Wahrheiten ihre Gültigkeit.
Die erste lautet, daß Meinungsverschiedenheiten
und Debatten über unsere Rolle in der Welt so alt
sind wie unsere Republik. Auf der einen Seite
stehen stark beschränktes Engagement im Ausland
und Protektionismus, auf der anderen aktives
Engagement der Vereinigten Staaten im Ausland im
Namen von Demokratie und Ausweitung des Handels.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Debatte,
großenteils aufgrund der Bedrohung durch die
Sowjetunion, zugunsten eines aktiven Engagements
beigelegt. Heute werden wir, ebenso wie Ende der
vierziger Jahre, erneut mit dem alten Impuls konfrontiert, uns zurückzuziehen. Und ebenso wie Ende
der vierziger Jahre erfordern unsere Interessen
heute, daß wir diesen Impuls unter Kontrolle halten.
Unsere Aufgabe ist jetzt jedoch weitaus schwieriger,
da wir sie nicht unter Gegebenheiten wie Ende der
vierziger, sondern wie in den zwanziger Jahren
erfüllen müssen: Ein Großteil unserer Gesellschaft
strebt eine Pause von den Härten des internationalen Engagments an, und es gibt keine einzelne

AMERIKA DIENST 43

Gefahr, gegen die man die Öffentlichkeit mobilisieren
könnte.
Die zweite alte Wahrheit lautet folgendermaßen:
Ideen sind von Bedeutung. Sie stehen bei den
meisten der derzeit weltweit ausgetragenen Kämpfe
auf dem Spiel. Wie Präsident Clinton äußerte: "In
dieser neuen Welt sehen wir uns jedoch einem
Wettstreit gegenüber, der so alt ist wie die Geschichte selbst - einem Kampf zwischen Freiheit und
Tyrannei, zwischen Toleranz und Bigotterie... Es ist
ein Kampf zwischen denen, die freie, von Gesetzen
regierte Gesellschaften aufbauen wollen und denjenigen, die ihren Willen mit Gewalt durchsetzen möchten. Der heute von uns geführte Kampf in einer Welt,
die stärker als jemals zuvor von Spitzentechnologie
bestimmt ist, sich schneller verändert, chaotischer
und vielfältiger ist als je zuvor, ist der jahrhundertealte Kampf zwischen Hoffnung und Angst."
Das führt mich zu der dritten, in diesem neuen
Zeitalter gültigen alten Wahrheit: Macht ist immer
noch von Bedeutung. Wir sind nicht der Weltpolizist.
Aber in diesem Kampf zwischen Hoffnung und Angst
wird unsere Macht etwas Entscheidendes bewirken,
ebenso wie es in den beiden Weltkriegen und während des Kalten Krieges der Fall war. Das Kernstück
der amerikanischen Macht ist die Androhung oder der
Einsatz militärischer Gewalt. Ohne sie würde sich in
Haiti heute nicht eine schwierige, aber aufregende
Chance für die Demokratie abzeichnen. Und ohne
sie würde der Irak heute seine Nachbarn durch
gefährliche Truppenbewegungen an der Grenze zu
Kuwait bedrohen.
Mit anderen Worten: Von der Macht losgelöste
Diplomatie führt normalerweise zum Scheitern.
Gleichzeitig läuft Macht ohne Diplomatie Gefahr,
planlos zu sein.

Seite 1

�Das ist kein neuer Gedanke. In der Antike schilderte
Thucydides im Fall der Insel Milos anschaulich die
Schwäche der nicht durch Macht unterstützten
Diplomatie. Die fundierten Argumente der Bewohner
von Milos für die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
stellten keine Verteidigung gegen ein auf Unterwerfung abzielendes Athen dar. Ohne die Macht zur
Untermauerung ihrer Position wurden die Männer
von Milos enthauptet, Frauen und Kinder als Sklaven
verkauft.
Dieselben Meinungsverschiedenheiten wurden in
Europa Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts von Hitler und seiner Politik der Panzer und im
Pazifik durch Pearl Harbor beigelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg setzte sich der weitblickende
Staatsmann Dean Acheson dafür ein, daß die
Amerikaner diese Lektion nicht vergaßen. Acheson
und andere kluge Politiker wußten, daß die Vereinigten Staaten aller Instrumente der Diplomatie
und Macht bedurften, um ihre vitalen Interessen zu
verteidigen und im Kalten Krieg langfristig den Sieg
davonzutragen. Es war Acheson, der erstmals
davon sprach, "aus einer Position der Stärke heraus
zu verhandeln".
Heute bezieht die amerikanische Diplomatie natürlich
einen großen Teil ihrer Stärke aus unserer Wirtschaftsmacht und der Macht unseres Beispiels.
Es ist nicht nur die Tatsache, daß unser globaler
ökonomischer Geltungsbereich der Stimme Amerikas
bei nahezu jeder internationalen Angelegenheit
Gehör verschafft - die neue Weltwirtschaft könnte
auch eine

kleine

Revolution

in der

Diplomatie

auslösen.
Da die Volkswirtschaft jeder Nation
zunehmend von der Teilnahme am Weltmarkt
abhängt, werden immer mehr Länder auch ungeschützter gegenüber den Auswirkungen wirtschaftlicher Isolation.
Das bedeutet, daß sie gleichermaßen empfänglich
für ökonomische Anreize und Strafen werden.
Südafrika bietet hierfür ein anschauliches Beispiel.
Und wir haben gesehen, wie effektiv Anreize und
Sanktionen bei unseren Verhandlungen mit Nordkorea über das Atomwaffenprogramm dieses Landes
waren. Wir begrüßen die Entscheidung Nordkoreas,
die zur heutigen Unterzeichnung eines Abkommens
führte. Das Abkommen liegt sowohl im Interesse
Nordkoreas als auch der Vereinigten Staaten, da es
einen Beitrag zur Beendigung der wirtschaftlichen
und politischen Isolation des Landes leisten kann.
Es war aber wahrscheinlich kein Zufall, daß bei den
Gesprächen im vergangenen Sommer wirkliche
Fortschritte erzielt wurden als deutlich wurde, daß
wir dem UN-Sicherheitsrat eine Resolution über
Sanktionen vorzulegen beabsichtigten.

Seite 2

Die Macht von Sanktionen zeigt sich auch am Verhalten Serbiens. Man sieht in der Tat eine direkte
Verbindung zwischen den dramatischen Auswirkungen der Isolierung der serbischen Wirtschaft und der
sich abzeichnenden Politik von Slobodan Milosevic.
Das Kernstück der amerikanischen Macht ist jedoch
militärische Macht. Aus diesem Grund hat Präsident
Clinton zugesagt, daß unsere Streitkräfte die am
besten ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und
einsatzbereitesten der Welt bleiben sollen. Ich sage
"bleiben sollen", da die effiziente und schnelle Art und
Weise, auf die unser Militär kürzlich die Operationen
am Golf und in Haiti durchführte, keinen Zweifel an
seiner derzeitigen Einsatzbereitschaft und Stärke
lassen.
Die Kassandrarufe der Kritik an unserer Einsatzbereitschaft treffen nicht zu: Wir haben Waffen in
Krisenherden wie dem Persischen Golf voreingelagert, unsere See- und Lufttransportfähigkeiten erweitert und die Finanzmittel für Operationen und Instandhaltung im Haushaltsjahr 1995 um 5,7 Prozent
erhöht. Es gibt Fragen zu unserer zukünftigen
Einsatzbereitschaft und Mobilität, die wir ansprechen
müssen und wollen, aber der schnelle und höchst
effiziente Aufmarsch unserer Truppen in Haiti und
Irak hat unsere Zuversicht bestärkt, daß wir weiterhin
praktisch gleichzeitig in zwei regionalen Konflikten
größeren Ausmaßes kämpfen und gewinnen können.

Die sich uns stellende Herausforderung ist nicht nur
der Erhalt unserer Militärmacht. Wir müssen heute
auch eine neue nationale Debatte über die entscheidenden Fragen führen, wann, wo und wie wir unsere
militärische Macht einsetzen. Ende der vierziger und
Anfang der fünfziger Jahre wurden solch umfassende
Diskussionen nur über Fragen der Nukleardoktrin und
des begrenzten Krieges geführt. Wir benötigen heute
einen ähnlichen Gedankenaustausch, und Sie müssen bei der Gestaltung der Debatte und somit unserer gemeinsamen Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Wann werden wir Gewalt einsetzen? Die kurze
Antwort lautet stets gleich: Wenn unsere Interessen
das von uns verlangen.
Während des Kalten Krieges wurden unsere Interessen vorwiegend vor dem Hintergrund der Bedrohung der Vereinigten Staaten durch die sowjetischen Nuklearwaffen definiert. Dies führte zur Politik
der nuklearen Abschreckung. Wir verdanken es zum
Teil dieser Politik, daß wir am Leben sind und uns
heute hier frei versammeln können.
Die Politik der Eindämmung war auch das Resultat
der Definition amerikanischer Interessen angesichts

AMERIKA DIENST 43

�der sowjetischen Bedrohung. Der nationale Konsens über die Eindämmung trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Aber wie der Vietnamkrieg zeigte, wurden
die Beziehungen zwischen Mitteln und Zielen beim
Führen begrenzter Kriege nie zufriedenstellend
definiert.
Heute benötigen wir angesichts der immer größeren
Auswahl zwischen möglichen Missionen in einer sich
schnell wandelnden Welt genauere Definitionen.
Ebenso wie bei der Förderung von Demokratie und
Marktwirtschaft konzentrieren wir uns auf die Gebiete, in denen unsere Interessen auf dem Spiel stehen, und wir müssen so klar wie möglich definieren,
wann und wo wir unsere Militärmacht einzusetzen
gedenken. Denn es gibt keine wichtigere Entscheidung, die ein Präsident trifft.
Ungeachtet dessen, wie klar unsere Militärdoktrin
formuliert ist, muß und sollte diese Entscheidung auf
einem Urteil basieren, das die Bedeutung einer
Mission im Hinblick auf unsere Interessen und ihre
mutmaßlichen Kosten gegeneinander abwägt.
Ich möchte kurz, wenn auch nicht streng nach
Prioritäten geordnet, die sieben nationalen Interessen aufführen, die nach Ansicht dieser Administration allein oder in Kombination den Einsatz unseres
Militärs rechtfertigen, insbesondere in Gebieten von
größter strategischer Bedeutung:

Verteidigung der Vereinigten Staaten, ihrer
Bürger im In- und Ausland sowie ihrer Verbündeten gegen direkte Angriffe.
Abwehr von Aggression, was für den Erhalt einer
friedlichen Welt von zentraler Bedeutung ist.
Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet steht für die
Amerikaner bei unserem internationalen Engagement persönlich am meisten auf dem Spiel.
Bewahrung, Förderung und Verteidigung der
Demokratie, die wiederum unsere Sicherheit
erhöht und unsere Werte verbreitet.
Verhinderung der gefährlichen Weiterverbreitung
von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen sowie terroristischer Gewalttaten.
Bewahrung unserer Verläßlichkeit. Wenn die
Vereinigten Staaten anderen Nationen gegenüber
Verpflichtungen eingehen, müssen sie ihre
Versprechen halten.

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Dasselbe gilt auf dem Gebiet humanitärer Angelegenheiten, beispielsweise beim Kampf gegen
Hunger und Naturkatastrophen sowie bei ernsthaften Menschenrechtsverletzungen.
Eine Reihe von Interessen zu haben bedeutet nicht,
daß wir keine Prioritäten setzten könnten. Unsere
hier dargelegten Interessen - mit der sicheren
Ausnahme von Angriffen auf unsere Nation und
unsere Verbündeten und der möglichen Ausnahme
von Aggression andernorts - sollten nicht automatisch
zu Gewaltanwendung führen. Je mehr dieser Interessen in Gefahr sind, desto wahrscheinlicher werden
wir wieder unser Militär zu Hilfe rufen. Aus diesem
Grund sahen wir uns in Haiti zur Intervention gezwungen angesichts der Verweigerung von Demokratie, Bedrohung unserer Grenzen, Gefährdung unserer
Verläßlichkeit und Errichtung eines brutalen Regimes
direkt vor unseren Küsten.
Es sind nicht allein unsere Interessen, die entscheiden, wann und wo wir Gewalt anwenden. Wir
müssen Kosten und Nutzen jeder einzelnen Operation gegen die auf dem Spiel stehenden Interessen
abwägen und uns die folgenden Fragen stellen: Gibt
es eine klar definierte, durchführbare Mission?
Welche Risiken gehen wir ein? Wie groß sind die
Aussichten auf Erfolg? Was benötigen wir zur
Erreichung unserer Ziele? Wie hoch sind die möglichen - humanitären und finanziellen - Kosten des
Engagements? Haben wir eine realistische Erfolgsstrategie?
Es gibt hier keinen Algorithmus, keine einfache
Formel, bei der wir nur Zahlen einzusetzen brauchen,
um die Risiken und Erfordernisse zu kalkulieren. Wir
wissen jedoch, welche Faktoren wir bei unserer
Entscheidung darüber in Erwägung ziehen müssen,
wann und wo wir unsere Männer und Frauen in die
Gefahr entsenden.
Es gibt auch eine Reihe von Richtlinien, die uns beim
Einsatz von Gewalt behilflich sind, und sie befassen
sich mit dem Nutzen der Operation. Wenn wir
amerikanische Truppen ins Ausland schicken, haben
sie eine klare Aufgabe und verfügen über die erforderlichen Mittel. Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir sie unerschrocken anwenden. Sonst würden wir
die Interessen gefährden, die wir eigentlich verteidigen wollen sowie die Truppen, die wir entsenden.
Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Die
Entsendung unseres Militärs wird oftmals nicht zur
Lösung der zugrundeliegenden Probleme führen, und
wir müssen die von uns beschlossenen Missionen
sorgfältig begrenzen. Gewalt kann einen Aggressor
besiegen, wird jedoch keine Demokratie ins Leben

Seite 3

�rufen oder zu Wohlstand führen. Sie bewirkt vielleicht erst im Nachhinein eine Lösung.
Wenn wir handeln, tun wir das wenn möglich gemeinsam mit anderen, wenn nötig aber auch im
Alleingang. In einigen Fällen, in denen wir nicht
unilateral vorgehen sollten, könnten wir uns zur
Teilnahme an einer multilateralen Aktion entscheiden, bei der Lasten und Risiken aufgeteilt werden.
Die Vereinigten Staaten haben konsequent die
Bestrebungen angeführt, Koalitionen zu bilden, um
den Bedürfnissen der internationalen Staatengemeinschaft gerecht zu werden. Wenn wir uns
zusammen für eine gemeinsame Sache einsetzen,
werden wir alle stärker und haben mehr moralische
Autorität.
Je mehr unsere Interessen bedroht sind, desto eher
sind wir geneigt, im Alleingang zu handeln. Aus
diesem Grund haben wir gesagt, wir werden am
Persischen Golf wenn nötig unilateral handeln - und
haben dies auch getan, als die Iraker einen Anschlag auf das Leben des ehemaligen Präsidenten
der Vereinigten Staaten und damit gegen unser
ganzes Volk planten.
Schließlich möchte ich noch eine Warnung bezüglich
einer anderen möglichen Leitlinie anbringen. Einige
haben sich zugunsten einer vereinfachten Politik
ausgesprochen: Wir sollten uns in unserer eigenen
Hemisphäre und in begrenzten Gebieten im Ausland
einen Einflußbereich sichern und den anderen die
Aufgabe überlassen, die Stabilität und Ordnung in
ihrer jeweiligen Sphäre aufrechtzuerhalten.
Diese Sichtweise ist in gefährlicher Weise falsch.
Zweifelsohne zählt Nähe. Läge Haiti nicht so nahe
vor unseren Küsten, hätten wir wahrscheinlich nicht
gehandelt. Der dramatische Vormarsch der Demokratie in dieser Hemisphäre ist eine der wirklich
beeindruckenden Entwicklungen unserer Zeit, und
wir haben ein offenkundiges Interesse, eine Beeinträchtigung dieser Entwicklung zu verhindern.
Wir sind uns bewußt, daß alle Nationen stärker um
ihre unmittelbare Umgebung besorgt sind als um
entfernte Regionen. Aber als große Nation, deren
Interessen und Ideale globale Ausmaße haben,
können - und wollen - wir nicht anderen das Recht
überlassen, sich je nach ihrem Gutdünken ohne
Rücksicht auf internationale Normen in die Angelegenheiten ihrer Nachbarn einzumischen. Wir müssen von anderen insbesondere erwarten, daß sie die
Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn
respektieren.

Seite 4

Dies sind also die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die in
der Vergangenheit hinter unseren Einsätzen militärischer Macht standen und uns in der Zukunft leiten
werden.
Bei jedem Einsatz von Gewart haben wir die Interessen und Kosten gegeneinander abgewogen. Und
in jedem Fall hat der Einsatz unseres Militärs unsere
Diplomatie untermauert und uns Fortschritte erlaubt,
die wir ansonsten nicht erzielt hätten.
Beim Irak handelt es sich um einen Fall drohender
Aggression, bei der ein breites Spektrum amerikanischer Interessen in Gefahr ist. Aus diesem Grund
führen wir die Koalition unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen an - sind jedoch bereit, im
Alleingang zu handeln, wenn wir müssen. Das
Ergebnis des entschlossenen Handelns des Präsidenten war nicht nur die in greifbare Nähe gerückte
Lösung der derzeitigen Krise, sondern eine neue
Verfügung des Sicherheitsrats bezüglich einer weiteren irakischen Aggression.
In Haiti, wo geringere, aber dennoch wichtige Interessen auf dem Spiel stehen, haben wir ebenfalls
gehandelt - aber zu erheblich niedrigeren Kosten. Im
Verlauf von drei Jahren hatten wir alle Verhandlungsmöglichkeiten und die Verhängung von Wirtschaftssanktionen bei unseren Bestrebungen erschöpft, das
Versprechen zweier Administrationen zur Wiederherstellung der demokratisch gewählten Regierung auf
Haiti zu erfüllen. Nur der Einsatz von Gewalt konnte
schließlich den Erfolg herbeiführen. Als die haitianischen Generale die Nachricht erhielten, daß die 82.
Luftlandedivision gestartet und auf dem Weg nach
Haiti war, gaben sie nach. Infolgedessen erreichten
wir auf friedlichem Wege, was wir mit Feuerkraft zu
erzielen bereit waren. Wenn man zum Einsatz von
Gewalt bereit ist, kann man Sun Tzus Worten zufolge
"den Feind ohne Kampf unterwerfen". Der alte
Stratege bezeichnete dies als "das Höchstmaß an
Geschicklichkeit".
In Bosnien konnten wir nicht alle von uns gewünschten Fortschritte machen, aber als die Diplomatie
Hand in Hand mit militärischer Macht ging, konnten
wir eine positive Bewegung beobachten. Das Ultimatum von Sarajevo hatte beispielsweise vor allem
Erfolg, weil die Androhung von Luftangriffen der
NATO konkret war. Die Entscheidung der NATO zum
Einsatz der Luftstreitkräfte hat den Druck auf Sarajevo maßgeblich verringert, den Fall von Gorazde
verhindert und die Grundlage für das Abkommen vom
Frühjahr zwischen den Bosniern und den bosnischen
Kroaten bereitet, ihren Konflikt zu beenden und eine
Föderation zu bilden. Die jüngste NATO-Entscheidung, größere Klarheit und Flexibilität der Vereinten

AMERIKA DIENST 43

�Nationen in Bosnien anzustreben, war ein Schritt in
die richtige Richtung.
In Ruanda und Somalia waren unsere Missionen
vornehmlich humanitär und unsere Interessen begrenzt. Nur das amerikanische Militär konnte das
Geleistete vollbringen und Hunderttausende Menschenleben retten.
Längerfristig rechtfertigten
unsere Interessen jedoch nicht mehr als die Unterstützung der multilateralen Friedenssicherungsbestrebungen nach Abschluß unserer Mission. Wie
überall können die internationalen Friedenssicherungsbestrebungen auch dort einer zersplitterten
Gesellschaft nur eine Chance bieten - eine Zeit
relativer Sicherheit - in der sie ihre Wunden heilen
kann. Keine Kraft von außen kann einer Gesellschaft das auferlegen, was letztlich ihre eigene
Verantwortung ist.
Ein letzter Punkt: Natürlich hat Politik in einem
Vakuum weder Erfolg noch Mißerfolg. Zu Recht
spielen die öffentliche Meinung und der Kongreß
eine zentrale Rolle dabei, wie die Vereinigten
Staaten ihre Macht im Ausland ausüben. Die
wichtigste von uns in Vietnam gelernte Lektion war
vielleicht, was Les Gelb einmal als "den unerläßlichen Dominostein" bezeichnet hat: Die öffentliche
Meinung. Dieser Konflikt lehrte uns, sorgfältiger
über Kosten, Willens- und Feuerkraft sowie die
Länge des Einsatzes nachzudenken. Vor allem aber

Keines dieser Gefühle sollte uns überraschen oder
bestürzen. Beide Reaktionen sind Ausdruck des
hohen Werts, den Amerikaner dem menschlichen
Leben beimessen. Und aus diesem Grund sind wir
bessere Menschen.
Aber während wir als einzelne diese schmerzliche
Ambivalenz teilen können, obliegt der Regierung die
Verantwortung, reale Entscheidungen zu treffen und
zu handeln - zwischen dem Wesentlichen und den
Marginalien zu entscheiden, auf der Grundlage
dessen zu handeln, was richtig ist, und dann, wenn
Maßnahmen ergriffen worden sind, sie ohne Zögern
und Wankelmut durchzuführen.
Um dies zu tun, benötigen wir ein besseres Verständnis der Zusammenarbeit zwischen der Exekutive
und dem Kongreß. Beide müssen natürlich der
Öffentlichkeit für ihre Entscheidungen Rechenschaft
ablegen. Und dies bedeutet eine notwendige und
angemessene Vorsicht bezüglich der Kosten einer
Militäraktion. Es ist schließlich das amerikanische
Volk, das die Last und die Kosten trägt.
Aus unserer jüngsten Erfahrung am Persischen Golf
wissen wir jedoch auch, daß das amerikanische Volk
dem Einsatz von Gewalt nicht so ablehnend gegenübersteht wie manche denken, insbesondere, wenn
klassische Interessen wie die Sicherheit in Europa
oder im Nahen Osten bedroht sind. Und wie eine

lehrte er uns, daß die Vereinigten Staaten ohne die

neue Rand-Studie belegt, wollen die Amerikaner, daß

Unterstützung durch die öffentliche Meinung keinen
Kampf lange durchhalten können.

wir erfolgreich sind, wenn wir uns einmal engagiert
haben.

In unserem Zeitalter bildet sich die öffentliche Meinung in noch verwirrenderer Weise als während des
Vietnamkrieges. Dies trifft insbesondere auf humanitäre und andere nicht herkömmliche Interventionen
zu. Der von CNN und anderen Sendern bei der
Berichterstattung vollführte Quantensprung bedeutet,
daß praktisch jeder Amerikaner jeden Tag mit einer
schmerzlichen Ambivalenz konfrontiert werden muß.

Wie wir gesehen haben, unterstützt auch der Kongreß den Einsatz von Gewalt, wenn die klassischen
Interessen der Nation auf dem Spiel stehen. Das ist
ein großer Vorteil, denn es ist unabdingbar, daß die
Exekutive und der Kongreß in der Außenpolitik
zusammenarbeiten.

Bilder von Gewalt, Leid und Brutalität rufen natürlich
den Impuls zu intervenieren hervor. Der Fernsehschirm setzt einen bestimmten Vorfall in eine anscheinend universelle Gegebenheit um. Die Kamera
hat bedauerlicherweise keinen periphären Blickwinkel. Mein Land, und wahrscheinlich nur mein Land denkt der Zuschauer - kann etwas gegen dieses
Blutbad unternehmen.
Aber wenn Bilder von Opfern - unseren Opfern erscheinen, ändert sich alles sofort. Die Kosten
werden schmerzlich offenbar und es erhebt sich die
Frage: Kann dies auch nur ein amerikanisches
Menschenleben wert sein?

AMERIKA DIENST 43

In der Welt nach dem Kalten Krieg müssen wir
jedoch auch die Kapazität für den begrenzten Einsatz
von Gewalt unter neuen Gegebenheiten haben. Zu
häufig in solchen Fällen reagieren einige im Kongreß,
indem sie nur Warnungen äußern, nur die Kosten
und die Opfer sehen, statt den Nutzen und die
Chancen.
Ich wiederhole: Wenn wir Gewalt einsetzen, müssen
wir dies unerschrocken tun. Sonst setzten wir unsere
Ziele aufs Spiel und gefährden unsere Truppen,
sowohl bei der spezifischen Mission als auch weltweit. Wenn der Kongreß fast automatisch Resolutionen in Erwägung zieht, die einen frühzeitigen Abzug
unserer Truppen fordern, wenn sie in ungewohnter
Umgebung stationiert sind, unterminiert er unsere
Ziele und vergrößert das Risiko für unsere Truppen.

Seite 5

�Es ist praktisch eine Einladung für den "Verbrecher
des Monats", herauszufinden, ob er unseren Rückzug aus einem schwierigen Teil der Welt erzwingen
kann, indem er unsere Soldaten angreift.
Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Präsident Clinton
im Herbst den übereilten Rückzug aus Somalia
abgelehnt. Das wäre der falsche Ausweg gewesen
und hätte die falsche Botschaft übermittelt. Statt
dessen erhöhte er das Truppenniveau bevor er es
langsam, rechtzeitig und ohne weitere Opfer wieder
abbaute.

wissen auch, daß vor uns eine Chance zum Aufbau
einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und
Pluralismus liegt. Eine solche Chance bietet sich
höchstens einmal in einem Zeitalter. Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chance zu ergreifen,
müssen wir unsere Kreativität und unser gesamtes
diplomatisches Geschick aufbieten. Und diese
Geschicklichkeit müssen wir stets mit unserer Macht
untermauern. Wir sollten also die Lehre von Friedrich
dem Großen, einem der großen Röalisten der Aufklärung, im Gedächtnis behalten, der sagte: "Diplomatie ohne Waffen ist Musik ohne Instrumente".

Dieses Thema geht über die tägliche Zusammenarbeit mit dem Kongreß hinaus. In Anerkennung der
Rolle des Kongresses hat diese Administration in
beispielloser Weise Konsultationen mit ihm geführt 75mal allein im Falle Haitis.

Wir sollten gegen die Gefahr des Schleuderns und
Rückzugs gewappnet sein. Wir müssen die Rufe von
links und rechts ebenso wie die Rhetorik der Neonichtwisser ohne eigene Meinung zurückweisen, zu
Hause zu bleiben, statt uns zu engagieren.

Erforderlich sind jedoch ein Kriegsmächtemechanismus und Konsultationssystem, die funktionieren. Im
kommenden Jahr werden wir mit dem Kongreß
ernsthafte Gespräche über eine Neuformulierung der
Kriegsmächteresolution führen in dem Versuch, den
zwei Jahrhunderte währenden Kampf zwischen
diesen Regierungszweigen zu beenden. Er wird und
sollte vielleicht niemals beigelegt werden. Aber die
Bedingungen und der Ton bei der Formulierung
unserer nationalen Sicherheitspolitik müssen verbessert werden und etwas von ihrem derzeitigen parteipolitischen Gepräge verlieren, oder unsere Nation
und unsere Truppen könnten einen unnötig hohen
Preis bezahlen.

Die in diesem Raum Anwesenden sind vielleicht nicht
der Auffassung, daß wir eine neue Runde des alten
Kampfes zwischen Engagement und Verschanzung
kämpfen. Die Debatte ist nicht so klar definiert wie in
der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber
jedes Mal, wenn eine Gesetzesvorlage drastisch
gekürzt, die Stationierung von Truppen aus ideologischen statt praktischen Gründen abgelehnt oder ein
gutes Handelsabkommen attackiert wird, ist es Teil
der herkömmlichen Argumentation. Der Impuls, sich
von der Welt zurückzuziehen wie sich Nebelschwaden auflösen, kommt unbemerkt. Daher bitte ich Sie,
gemeinsam mit uns zu verhindern, daß unsere Nation
angesichts einer neuen Welt mit andauernden
Gefahren die Orientierung verliert. Denn dies ist
auch eine Zeit enormer Chancen. Ich glaube, wir
werden sie mutzen.

Amerikaner wissen, daß das Ende des Kalten Krieges - so ermutigend es auch ist - nicht bedeutet,
daß wir in einer Welt wirklicher Sicherheit leben. Wir

* * * * *

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AMERIKA DIENST 43

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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. November 1998

22

KOSOVO

EINE CHANCE FÜR FRIEDEN
von Samuel R. Berger

USA-EUROPA

DIE BEDEUTUNG DER EUROATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Stuart Eizenstat

HANDEL

DIE AMERIKANISCH-EUROPAISCHEN
HANDELSBEZIEHUNGEN
Rede von Charlene Barshefsky

MEDIEN

"UNTERDRÜCKUNG DER PRESSE DURCH
MILOSEVIC MUSS AUFHÖREN"
von Jonathan Spalter

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�KOSOVO
4. November 1998

Eine Chance für Frieden
von Samuel R. Berger

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel R. Berger, der
erstmals in The Washington Post vom 21. Oktober 1998 erschien. Copyright: The Washington Post, 22. 10.
1998.

In der vergangenen Woche zwang die Bereitschaft der
NATO zum Einsatz von Gewalt im Kosovo Slobodan
Milosevic, den Forderungen der internationalen
Gemeinschaft zuzustimmen. Die von ihm eingegangenen Verpflichtungen werden - wenn er sie vollständig
erfüllt - die humanitäre Krise im Kosovo mildern und
wichtige Ziele der Vereinigten Staaten umsetzen.
Einige haben im Nachhinein in Frage gestellt, was die
internationale Gemeinschaft gewonnen hat. Das
endgültige Ergebnis werden wir erst in den kommenden Tagen kennen, wenn wir feststellen, ob Milosevic
seinen Worten Taten folgen läßt. Aber einige erste
Schlußfolgerungen sind klar:
Die von Milosevic gemachten Zusagen erfüllen die von
uns gesetzten Ziele. Die internationale Gemeinschaft
hatte im Kosovo drei übergeordnete Ziele: Die Beendigung der Gewalt, die sich auf Nachbarländer ausweiten und die zerbrechliche Stabilität auf dem Balkan
bedrohen könnte. Zu verhindern, daß die humanitäre
Krise zu einer Katastrophe wird durch Beendigung der
Unterdrückung der Kosovo-Albaner und Gewährleistung der sicheren Rückkehr der Vertriebenen in
ihre Dörfer. Die Rückführung der Kosovaren auf den
Weg zu Autonomie, indem Milosevic zu friedlichen
Verhandlungen mit ihnen gezwungen wird.
Die von Milosevic eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen alle drei Ziele. Er hat der vollständigen
Einhaltung von Resolution 1199 des UN-Sicherheitsrats zugestimmt, die fordert, daß er den Waffenstillstand aufrechterhält, vor kurzem stationierte Streitkräfte und Spezialeinheiten aus dem Kosovo abzieht,
die übrigen in die Kasernen verlegt und den Mitarbeitern humanitärer Hilfsorganisationen uneingeschränkten und unverzüglichen Zugang zu den

AMERIKA DIENST 22

Notleidenden gewährt. Und er hat einem speziellen
Zeitplan für den Abschluß der Gespräche mit den
Kosovo-Albanern zugestimmt, die ihnen demokratische Wahlen, eine autonome Regierung und ihre
eigene Polizei vor Ort zugestehen werden - mit
anderen Worten, Rechte, die sie gefordert haben, seit
Milosevic sie im Jahr 1989 ihrer Autonomie beraubte.
Nur durch eine politische Lösung, die zum Abzug der
Kräfte der Unterdrückung und echter Autonomie führt,
kann es eine Chance für Stabilität im Kosovo geben.
Der Beweis zeichnet sich ab. Wie Präsident Clinton
klargemacht hat, sind Zusagen nicht dasselbe wie
Einhaltung. Aus diesem Grund forderte die internationale Gemeinschaft - und Präsident Milosevic hat
dieser Forderung zugestimmt - eine beispiellose
internationale Präsenz, der er sich bisher vehement
widersetzt hatte: Ein äußerst eingehendes Verifikationssystem am Boden und in der Luft. Dazu zählen
2.000 internationale Beobachter im Kosovo, die als
"Wachhunde" fungieren um sicherzustellen, daß der
Waffenstillstand eingehalten wird, die serbischen
Streitkräfte abziehen und gleichzeitig unter den
Kosovaren Vertrauen in eine Rückkehr in ihre Dörfer
aufgebaut wird. Und das wird eine umfassende
Luftüberwachung durch die NATO beinhalten - die die
NATO mit nur einer Stunde Vorankündigung in die
Wege leiten kann - um die Einhaltung zu überwachen
und Verletzungen schnell aufzudecken.
Die Verifikationsteams werden von der 54 Nationen
umfassenden Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit im Europa zusammengestellt und von
Botschafter Bill Walker geleitet - einem außerordentlich
erfahrenen amerikanischen Diplomaten. Sie werden
von einer Eingreiftruppe der NATO unterstützt um zu

Seite 1

�gewährleisten, daß sie gegebenenfalls sicher abgezogen werden können. Und wir haben gegenüber
Präsident Milosevic klargestellt, daß er mit den
schwerwiegendsten Konsequenzen zu rechnen hat,
wenn seine Truppen versuchen, internationalen
Beobachtern oder Mitarbeitern humanitärer Hilfsorganisationen Schaden zuzufügen oder sie als
Geiseln zu nehmen. Die ersten regulären Überflüge
mit U-2 und anderen Aufklärungsflugzeugen haben an
diesem Wochenende begonnen.
Bisher hat es zwar keine vollständige, aber doch eine
gewisse Einhaltung in vier Schlüsselbereichen gegeben. Erstens hat der Waffenstillstand im Großen und
Ganzen zwei Wochen lang gehalten, trotz gelegentlicher Gefechte zwischen serbischen Sicherheitskräften
und der Kosovo-Befreiungsarmee.
Zweitens sind die meisten humanitären Hilfsorganisationen wieder so zahlreich im Kosovo wie vor dem
Abzug, bei minimaler Einmischung der serbischen
Behörden. Viele beabsichtigen eine Erhöhung ihrer
Präsenz. Acht Konvois mit humanitären Hilfsgütern darunter Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente sind bereits im Kosovo eingetroffen.
Drittens ist die Polizeipräsenz der Serben weniger
allgegenwärtig. Aber bis heute ist Milosevic im
Hinblick auf den Abzug der bei Beginn der Krise im
Kosovo stationierten Streitkräfte und den Abzug seiner
Sonderpolizei noch nicht schnell genug weit genug
gegangen. Es gibt Gründe für den Verbleib einiger
Streitkräfte im Kosovo, um die Sicherheit der Grenzen
zu gewährleisten - aber keine Rechtfertigung für die
Streitkräfte, die zur Unterdrückung der albanischen
Bevölkerung eingesetzt werden. Der Oberfehlshaber
der NATO, General Wesley Clark, hat Präsident
Milosevic eine detaillierte Liste von Militär- und Polizeieinheiten gegeben, die er abziehen oder in Kasernen

*

Seite 2

*

verlegen muß. Anhand der Luftüberwachung und der
Berichte von Beobachtern vor Ort wird die NATO
entscheiden, ob Milosevic diese Vorgaben einhält.
Viertens sind infolge des sich verbessernden, aber
immer noch unzulänglichen Sicherheitsumfelds
zwischen 15.000 und 35.000 Vertriebene aus den
Bergen in ihre Dörfer zurückgekehrt und so der
tödlichen Gefahr eines Winters ohne Unterkunft
entkommen. Aber eine große Zahl von Flüchtlingen rund 35.000 - sind immer noch in Gefahr. Unter der
Voraussetzung, daß der Waffenstillstand hält und
Milosevic seine Verpflichtungen zur Verbesserung der
Sicherheitslage erfüllt, mehr Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Beobachter ins Land kommen und
mehr serbische Streitkräfte abziehen, sollte sich das
Vertrauen der verbliebenen Flüchtlinge erhöhen - und
die meisten von ihnen werden aus der Kälte in ihre
Dörfer zurückkehren können.
Die NATO muß weiterhin zum Handeln bereit sein,
wenn Milosevic es nicht tut. Um weiter Druck auf
Milosevic auszuüben, seine Verpflichtungen einzuhalten, hat die NATO den Finger am Abzug: Der
Aktivierungsbefehl zum Einsatz von Gewalt ist weiterhin in Kraft, aber bis zum 27. Oktober ausgesetzt,
während wir die Einhaltung durch Präsident Milosevic
prüfen und bewerten. Wenn er bis zu diesem Datum
keine maßgeblichen Fortschritte gemacht hat, kann die
NATO mit den Luftangriffen beginnen, um die Einhaltung zu erzwingen und Milosevics Fähigkeit zur
Durchführung seiner Unterdrückungskampagne gegen
die Kosovo-Albaner zu beeinträchtigen.
Die letzten Kapitel der Kosovo-Krise müssen noch
geschrieben werden. Aber dank der starken Haltung
der NATO gibt es eine Chance, das Leid und die
Unterdrückung zu beenden - und die Region auf den
Weg zu Frieden zu bringen.

*

*

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�USA-EUROPA
4. November 1998

Die Bedeutung der euroatlantischen Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
Rede von Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für wirtschaftliche,
unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, im Nixon
Center vom 16. Oktober 1998.

Einleitung
Vielen Dank. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen,
heute vor Ihnen eine Rede halten zu dürfen. Ich
möchte unsere Zusammenkunft zum Anlaß nehmen,
kurz über die amerikanisch-europäischen Beziehungen, ihre Synergien, ihre Irritationen und ihre Aussichten zu sprechen.
Die Bedeutung der amerikanisch-europäischen
Partnerschaft
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, besteht die Notwendigkeit einer Partnerschaft und eines Bündnisses
mit Europa fort. Heute ist unser Schicksal ebenso eng
verbunden wie vor 50 Jahren. Wenn Europa in
Frieden lebt, ist Amerika sicherer. Wenn Europa
prosperiert, tut Amerika das ebenso. In vieler Hinsicht
ist Europa der beste Partner, den wir haben. Unsere
Partnerschaft mit Europa könnte vielleicht mehr als die
mit jedem anderen Teil der Welt als "bereichernde
Beziehung" bezeichnet werden. Das heißt, wenn die
Vereinigten Staaten und Europa zusammen sind,
können wir eine mächtige Kraft für Fortschritt auf
nahezu allen Gebieten sein.

ralen Handelsabkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie im Wert
von Milliarden Dollar erzielt. In Zusammenarbeit mit Kanada und Japan stellten die
Vereinigten Staaten und Europa die erforderliche kritische Masse zur Erlangung dieser
wichtigen Abkommen bereit.
Das Anfang dieses Jahres zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU unterzeichnete Abkommen über gegenseitige Anerkennung
(Mutual Recognition Agreement - MRA) wird
doppelte Produkttests bei gehandelten Waren
im Wert von rund 60 Milliarden Dollar abschaffen.
Die Ressourcen der EU haben einige unserer
wichtigsten außenpolitischen Initiativen ermöglicht. Das Hilfspaket der EU für den
Nahen Osten in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar
ist von elementarer Bedeutung für den Friedensprozeß, und die Hilfe der EU für Osteuropa - einschließlich Bosniens - in Höhe
von 1,7 Milliarden Dollar ist sehr viel höher als
unser eigenes Hilfspaket.

Die Vereinigten Staaten und die EU haben bereits die
wichtigsten gegenseitigen Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt geschaffen - die sich auf über
eine 1 Billion Dollar belaufen - und es gibt viele andere
Bereiche, in denen unsere Zusammenarbeit fruchtbar
war:

Unser umfassender und andauernder politischer Dialog mit der EU hat uns geholfen,
gemeinsame, konstruktive Positionen zu
verschiedenen Problemen in Afrika, auf dem
Balkan, in der Slowakei, der Ukraine und
andernorts zu erarbeiten.

Ohne die amerikanisch-europäische Führungsrolle hätten wir keine wichtigen multilate-

Die Vereinigten Staaten und die EU haben im
Bereich der nuklearen Sicherheit das gemein-

AMERIKA DIENST 22

Seite 1

�same Ziel, das Atomkraftwerk Tschernobyl in
der Ukraine bis zum Jahr 2000 endgültig zu
schließen, und wir arbeiten bei der Stilllegung
anderer Kernreaktoren zusammen.
Die Vereinigten Staaten und die EU schaffen
in der Ukraine, Rußland und in den anderen
Neuen Unabhängigen Staaten ein Netz regionaler Umweltzentren.
Unsere Fähigkeit, unsere Differenzen zu
überwinden und uns auf gemeinsame Ziele zu
konzentrieren, war ein entscheidender Faktor
bei der Erlangung des Abkommens zum
Kyoto-Protokoll über Klimawandel.
Der Beitrag der EU zur Koreanischen Energieentwicklungsorganisation (KEDO) war entscheidend für die Organisation bei der Bewältigung der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung und der Förderung von regionaler
Stabilität auf der koreanischen Halbinsel.
Unsere Zusammenarbeit war ein wichtiger
Bestandteil beim erfolgreichen Abschluß der
Internationalen Konvention der Vereinten
Nationen über die Verhinderung von Terroranschlägen.
Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen.
In der Tat hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts
beide Seiten des Atlantiks gelehrt, daß wir eine
Partnerschaft benötigen, in der Europa auf uns zählen
kann und wir auf Europa zählen können. Diese
Lektion gilt auch für das 21. Jahrhundert.
Drei Herausforderungen
An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend sehen
wir drei grundlegende Herausforderungen, die die
euroatlantische Partnerschaft motivieren.
Die erste liegt in Europa selbst. Präzise gesagt,
ermutigen wir die andauernde Integration des Kontinents durch die Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union. Dieser Prozeß fördert einen
wohlhabenden und demokratischen Kontinent, der
nicht durch Waffengewalt, sondern die Möglichkeiten
des Friedens geeint ist. Wir müssen ferner unsere
Ziele Sicherheit, Wohlstand und Demokratie nach
Osten ausweiten, indem wir weiterhin neue Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine eingehen.
Dabei zielen wir darauf ab, Krieg und Konflikt im
östlichen Teil des Kontinents so undenkbar zu machen, wie sie es im westlichen Teil geworden sind.
Unseres Erachtens hat die Europäische Wirtschaftsund Währungsunion das Potential, in hohem Maße zur
europäischen Integration beizutragen, indem sie einen
stabileren Finanzsektor und offenere Märkte fördert,

Seite 2

insbesondere, wenn die EWWU mit Strukturreformen
einhergeht, die für den Abbau der Arbeitslosigkeit so
entscheidend sind.
Unsere zweite Herausforderung ist die Vertiefung der
Beziehungen zwischen Europa und Amerika. Unsere
umfassenden Handels- und Investitionsbeziehungen
sind die Quelle von Wohlstand für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie sind
die doppelten Säulen von Wachstum und Stabilität, die
in dieser unsicheren Zeit für die globale Wirtschaft von
besonderer Bedeutung sind. Von der Kennedy- bis zur
Uruguay-Runde haben die Vereinigten Staaten und die
EU die Welt zu offenen Märkten geführt - und zur
Vermehrung des Wohlstands, den eine solche Liberalisierung mit sich bringt. Die neue gemeinsame Initiative der Vereinigten Staaten und der EU, die
Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (Transatlantic Economic Partnership - TEP), versucht, die
bereits beeindruckenden Grundlagen unserer transatlantischen Beziehungen durch Zusammenarbeit und
den weiteren Abbau bilateraler und multilateraler
Hemmnisse für internationalen Handel und Investitionen zu stärken. Die TEP wird sich auf über ein
Dutzend Sektoren erstrecken, darunter für die Vereinigten Staaten entscheidende Bereiche wie Dienstleistungen, Biotechnologie und elektronischer Handel.
In der Zusammenarbeit im Rahmen der TEP sehen wir
nur eine Erweiterung unserer Fähigkeit, eine positive
Kraft für Wandel und Wirtschaftswachstum auf der
ganzen Welt zu sein, und wir hoffen, die Europäische
Kommission erhält beim nächsten US-EU-Gipfeltreffen
ein Verhandlungsmandat für die TEP.
Die dritte und bedeutendste Herausforderung geht
über Europa und Amerika hinaus. Wir müssen
gemeinsam handeln, um herkömmliche regionale
Krisen zu meistern und gemeinsame Strategien für
neue Arten von Bedrohungen unserer Bürger zu
entwickeln. Diese Bedrohungen beinhalten häufig den
illegalen Fluß von Menschen, Geld, Waffen, Technologie, Toxinen, Gewalt, Drogen oder Krankheiten über
nationale Grenzen hinweg, den keiner von uns im
Alleingang effektiv bekämpfen kann.
Der Hauptgrund für Irritationen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU
Diese Drittregionen oder bündnisfremdes Gebiet
betreffenden Probleme haben die transatlantischen
Beziehungen in den vergangenen Jahren am meisten
auf die Probe gestellt. Obwohl unsere Erfahrung zeigt,
daß wir die Probleme billiger, schneller und effektiver
lösen konnten, wenn wir gemeinsam gehandelt haben,
war diese Zusammenarbeit nicht immer möglich.
Dafür gibt es eine Reihe von Erklärungen. Die Aussichten einer globalen Supermacht und einzelner EUMitgliedstaaten unterscheiden sich. Das Tempo, mit
dem die Vereinigten Staaten auf Ereignisse und die
Operationen einer neuen und sich entwickelnden

AMERIKA DIENST 22

�Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik in der EU
reagieren, ist nicht synchron. Das heißt, wo wir nicht
gemeinsam gehandelt haben, waren die amerikanischen und europäischen Bestrebungen außerhalb
der Region schwieriger zu verwirklichen.
Die amerikanische Sanktionspolitik gegenüber Iran,
Libyen und Kuba veranschaulicht diesen Punkt.
Wenige Europäer würden nicht mit dem Ziel unseres
Sanktionsgesetzes für Iran und Libyen (ILSA) übereinstimmen, Teheran und Tripolis von der Unterstützung
des Terrorismus oder der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abzuhalten. Entsprechend teilen
und befürworten die meisten Europäer unsere Ziele für
Menschenrechte und Demokratie in Kuba.
Bezüglich der Mittel zum Zweck haben wir und die EU
jedoch Meinungsverschiedenheiten. Als Mittel der
Außenpolitik haben unsere europäischen Partner sehr
viel weniger Vertrauen in Wirtschaftssanktionen als
wir. In den Fällen, in denen sie Sanktionen eine Rolle
einräumen, bevorzugen sie nahezu ausschließlich
umfassende, multilaterale Maßnahmen. In der Tat
ziehen die Europäer unilaterale Wirtschaftssanktionen
- die die Zielländer leichter umgehen können - als rein
symbolischen Akt in Betracht was die Auswirkungen
auf die Zielländer anbetrifft. Insbesondere im Hinblick
auf ILSA und Libertad sahen die Europäer die Gesetze
als unilaterale Versuche, nichtamerikanischen Unternehmen amerikanische Gesetze aufzuzwingen - den
so genannten extraterritorialen Anspruch - und fühlten
sich zum Widerstand gezwungen.

Zusammenarbeit bei Nichtverbreitung, Terrorismusbekämpfung und der Energieentwicklung am Kaspischen
Meer verpflichtet wurden.
Im Hinblick auf das Libertad-Gesetz haben wir vereinbart, daß wir im Rahmen einer neuen transatlantischen
Partnerschaft für politische Zusammenarbeit intensivere Konsultationen mit unseren europäischen
Partnern über den Einsatz von Sanktionen und
unseren Umgang mit verbrecherischen Staaten führen
werden. Die Europäer haben ihrerseits zum ersten
Mal die in unserer Vereinbarung vom 18. Mai niedergelegte Politik des Widerstands gegen Investitionen in
enteignetes Eigentum angenommen, die wir gleichermaßen durch öffentliche Erklärungen und Demarchen
publik machen möchten. Sie werden der Regierung
wirtschaftliche Hilfe und Unterstützung für Investitionen
in enteignetes Eigentum verweigern und aufgrund der
Geschichte von Enteignungen in Kuba auch einen
besonderen "Filter" für Anträge auf staatliche Unterstützung oder wirtschaftliche Hilfe für Investitionen in
Kuba einführen. Die Vereinbarung - in der die EU zum
ersten Mal die Illegalität der kubanischen Enteignungen anerkannte - wird tiefgreifende Auswirkungen auf
die Entscheidungen potentieller Investoren haben, weil
sie nur zurückhaltend vorgehen werden, wenn sie
wissen, daß sie keine Hilfe von ihrer Regierung
erwarten können, sollte sich ein Disput ergeben.
Castro sieht die Vereinbarung zu Recht als die Internationalisierung der Libertad-Prinzipien und macht
vehement dagegen Werbung.
Sanktionsreform

Der darauf folgende Zank schadete unseren bilateralen Beziehungen zu Europa und lenkte von unserem
wirklichen Ziel ab, das Verhalten in Teheran, Tripolis
und Havanna zu ändern. Die Europäer hatten das
Gefühl, ihre Firmen seien die unbeabsichtigten Opfer
unserer Sanktionen, während wir frustriert über die
anscheinende Widerwilligkeit oder Unfähigkeit der
europäischen Partner waren, angesichts einer eindeutigen Sicherheitsbedrohung und lange andauernden politischen Unterdrückung Schnell und entschlossen zu handeln.
Schadensbegrenzung
So ärgerlich ILSA und Libertad für die transatlantischen Beziehungen sind - und ich möchte ihre Auswirkungen nicht minimieren - konnten wir mit unseren
europäischen Partnern genügend gemeinsames
Terrain finden, um zu verhindern, daß unsere Kontakte
irreparablen Schaden erleiden. Im Fall South Pars
entschied die Außenministerin, daß eine Aussetzung
effektiver als Sanktionen für die Erlangung der Ziele
von ILSA ist - der Eindämmung der Unterstützung des
Irak für Massenvernichtungswaffenprogramme und
Terrorismus. Beim US-EU-Gipfel in London am 18.
Mai erzielten wir Einigung zu drei gemeinsamen
Erklärungen, mit denen die Parteien zu verstärkter

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Obwohl wir in diesem Jahrzehnt häufig auf Sanktionen
als Instrument der Außenpolitik zurückgegriffen haben,
scheint ihre Wirkung abzunehmen. In der heutigen
interdependenten, globalen Wirtschaft ist die Fähigkeit
der Vereinigten Staaten, einem Zielland unilateral
entscheidende wirtschaftliche Vorteile zu verweigern,
drastisch eingeschränkt. Es gibt wenige Produkte oder
Dienstleistungen, für die die Vereinigten Staaten der
einzige Lieferant sind.
Am aufschlußreichsten ist jedoch, daß unsere Erfahrung mit dem Einsatz von unilateralen Sanktionen
deutlich zeigt, daß sie in der großen Mehrheit der Fälle
das Verhalten des Ziellandes nicht verändern. Bestenfalls sind sie ein mitwirkender - und kein entscheidender - Faktor bei der Sicherstellung der Verhaltensänderungen oder Politik, die wir anstreben. Sanktionen benötigen Zeit um zu greifen, und sie fordern
einen beträchtlichen Tribut von anderen amerikanischen Interessen. Sanktionen sind also kein Allheilmittel, kein "Patentrezept" und nicht kostenfrei.
Aus diesen Gründen möchten wir in der Administration
mit dem Kongreß an der Verbesserung des Dialogs
über die Sanktionspolitik zusammenarbeiten, Einigung
über diese Frage erzielen und unsere Effektivität bei

Seite 3

�der Förderung der nationalen Interessen der Vereinigten Staaten verbessern. Ich war bei mehreren
Gelegenheiten im Kongreß, unter anderem letzten
Monat, wo ich der überparteilichen Task Force des
Senats für Wirtschaftssanktionen die Ansichten und
Sorgen der Administration im Hinblick auf einige der
dem Kongreß vorliegenden Sanktionsreformen
dargelegt habe. Darüber hinaus habe ich eine aktive
Rolle bei der Aushandlung von grundlegenden, letzte
Woche verabschiedeten Gesetzesbestimmungen zur
weltweiten Förderung der Religionsfreiheit gespielt um
sicherzustellen, daß die Gesetze dem Präsidenten
angemessene Aussetzungsbefugnisse und Flexibilität
verleihen und andere im Einklang mit unseren Sanktionsreformzielen stehende grundlegende Bestimmungen enthalten. Ich bin der Ansicht, daß unsere Arbeit
in diesem Fall bei der Erlangung des hehren Ziels, das
wir alle anstreben, - Ermutigung der freien Religionsausübung - helfen wird, ohne potentiell gefährliche
Differenzen mit unseren Verbündeten zu provozieren.
Wir sind der Ansicht, daß die Aufnahme angemessener außerordentlicher Aussetzungsbefugnisse zum
Schutz nationaler Interessen in die Sanktionsgesetzgebung das wichtigste Element für die Gewährleistung
der Effektivität unserer Sanktionsgesetze ist. Eine
solche Befugnis gibt dem Präsidenten entscheidende
Flexibilität bei der Auswahl der besten Methoden für
die Erlangung amerikanischer Ziele. Tatsächlich war
der Einsatz oder der potentielle Einsatz der dem
Präsidenten verliehenen außerordentlichen Befugnis
zur Aussetzung von Sanktionsgesetzen der Hauptgrund dafür, daß wir Anfang dieses Jahres mit der EU
Übereinstimmung über das ILSA- und das LibertadGesetz erzielten.
Unsere europäischen Verbündeten werden sich
wahrscheinlich freuen zu hören, daß ein anderes
Grundprinzip, das nach Ansicht der Administration
unsere Diskussionen über Reformen bestimmen sollte,
lautet, daß Sanktionen besser funktionieren, wenn sie
breite, multilaterale Unterstützung genießen. Multilaterale Sanktionen maximieren den internationalen Druck
auf den abtrünnigen Staat und demonstrieren internationale Geschlossenheit.
Darüber hinaus ist es
schwieriger, multilaterale Sanktionen zu umgehen oder
zu unterminieren, und sie halten den Schaden für die
amerikanische Konkurrenzfähigkeit möglichst gering,
indem sie die Kosten der Maßnahmen gerechter auf
viele Länder verteilen.
Vor diesem Hintergrund müssen wir jedoch immer zu
unilateralem Vorgehen bereit sein, wenn wichtige
nationale Interessen oder Grundwerte auf dem Spiel
stehen und wir kein multilaterales Regime aufbauen
können. Wir können nicht zulassen, daß andere
Länder durch ihre Untätigkeit Einspruch gegen unsere
Sanktionen erheben.

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Eine euroatlantische Partnerschaft für das 21.
Jahrhundert
Ich möchte meine Ausführungen abschließen, indem
ich unsere Strategie für die Umsetzung der Vision des
Präsidenten für unsere transatlantische Partnerschaft
darlege.
Im Mai lud Präsident Clinton in Berlin unsere europäischen Partner ein, sich an der Definition seiner Vision
von einem freien, ungeteilten und integrierten, in
Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten lebenden
Europa zu beteiligen. Wir machen die nächsten
logischen Schritte. Wir bezeichnen unseren Plan als
euroatlantische Partnerschaft für das 21. Jahrhundert.
Ziel ist der Einsatz der drei grundlegenden transatlantischen Institutionen - amerikanisch-europäische
Beziehungen, NATO und OSZE - in einer modernen,
dynamischen und integrierten Partnerschaft, die
wahrhaft globale Effektivität hat. Der Zweck ist, die
drei von mir erwähnten Herausforderungen - innerhalb
Europas, zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa und über die Vereinigten Staaten und Europa
hinaus - zu bewältigen.
Ein Instrument - die für 1999 anberaumten Gipfel
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU, der
NATO und der OSZE - bietet eine echte Chance, die
Weichen für diese neue Partnerschaft zu stellen. Wir
möchten nicht, daß diese Gipfeltreffen ausschließlich
oder auch nur hauptsächlich dazu dienen, frühere
Leistungen zu feiern, die durchaus zahlreich sind.
Vielmehr wollen wir, daß sie zu den ersten erfolgreichen Gipfeln des 21. Jahrhunderts werden.
Zuerst möchte ich einige Anmerkungen zur NATO
machen. Unser Ziel für den Gipfel aus Anlaß des 50.
Jahrestags der NATO besteht darin, auf ein größeres,
flexibleres Bündnis hinzuarbeiten, das der kollektiven
Verteidigung verpflichtet und in der Lage ist, sich
einem breiten Spektrum von Herausforderungen an die
Interessen des Bündnisses zu stellen.
Kollektive Verteidigung in Europa ist der Grundstein
des Bündnisses und wird es auch immer bleiben. Wir
dürfen das nie vergessen oder zulassen, daß irgendetwas geschieht, das unsere Fähigkeit zur Umsetzung
dieses absoluten Engagements gefährdet, Risiken
gemeinsam die Stirn zu bieten oder gemeinsame
Pflichten zu übernehmen. Darum ging und geht es bei
der NATO.
Bedrohungen des Territoriums eines NATO-Mitgliedstaats - die unter Artikel 5 des Nordatlantikvertrags
fallen, dem zufolge ein bewaffneter Angriff gegen eine
oder mehrere Parteien als ein Angriff gegen alle
gesehen wird - kommen aus neuen Quellen. Ein
potentieller Angriff mit ballistischen Raketen unter
Einsatz von Massenvernichtungswaffen
gegen
irgendeine große europäische Hauptstadt durch einen

AMERIKA DIENST 22

�verbrecherischen Staat oder eine terroristische
Vereinigung ist eine Bedrohung, der die NATO gewachsen sein muß.
Während des Kalten Krieges war es sinnvoll tür die
Europäer, sich auf ihr eigenes Territorium zu konzentrieren, und für die Vereinigten Staaten, die Hauptverantwortung für die Verteidigung der gemeinsamen
transatlantischen Interessen andernorts zu übernehmen. Dieser Ansatz ergibt jedoch weniger Sinn, wenn
neue Bedrohungen unserer gemeinsamen Interessen
von außerhalb unserer Grenzen kommen. Bei den
europäisch-amerikanischen Beziehungen befassen wir
uns oft kollektiv mit denselben Fragen wie in der
NATO. Beispielsweise kann Bedrohungen durch
Massenvernichtungswaffen im Rahmen der NATO und
durch Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU begegnet werden, um Staaten von der
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen oder der
Entwicklung von Mitteln für ihren Einsatz abzuschrekken. Wir sollten Wege sondieren, wie wir im Rahmen
von NATO, EU und OSZE mit gemeinsamen Problemen umgehen können.
Tatsächlich können Ereignisse vor Ort schneller
stattfinden als der Planungsprozeß. Die Bestrebungen
zur Implementierung des Daytoner Abkommens in
Bosnien sind ein Beispiel für die Art von institutioneller
Zusammenarbeit, die zur Bewältigung der Herausforderungen des Europas nach dem Kalten Krieg
erforderlich ist. Die NATO, OSZE und EU haben eine
wichtige Rolle bei diesen Bestrebungen. Ebenso sind
die neuen Bestrebungen zur Wiederherstellung des
Friedens im Kosovo und die Suche nach einer politischen Lösung des Kosovo-Konflikts ein anderer Fall,
bei dem alle Institutionen des neuen Europas eine
wichtige Rolle spielen - die OSZE beispielsweise durch
ihre Führungsrolle bei der Verifizierungsmission am
Boden, die NATO in der Luft und die EU durch ihre
Hilfsprogramme.
Die Aufstellung einer ehrgeizigen Agenda für die
amerikanisch-europäischen Beziehungen im Rahmen
der Neuen Transatlantischen Agenda (NTA) bleibt der
Schlüssel zu unserer neuen Vision. Die NTA hat uns
als Rahmen für verstärkte amerikanisch-europäische
Kooperation gut gedient. Unser Engagement für den
NTA-Prozeß ist ein Ausdruck unserer Unterstützung
für ein starkes, nach außen gerichtetes Europa als
globaler Partner in Diplomatie, Handel und anderen
transnationalen Fragen wie der Umwelt.
Unsere Agenda im Rahmen der NTA hat fünf Schlüsselelemente:
Erstens werden wir die fortgesetzte Erweiterung und Integration der EU unterstützen. Die
Aussicht darauf, einer demokratischen und
wohlhabenden Europäischen Union anzugehören, ist ein großer Anreiz, die demokrati-

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schen und marktwirtschaftlichen Reformen in
Zentral- und Osteuropa fortzusetzen.
Zweitens möchten wir, daß die Vereinigten
Staaten und die EU in für die Weltwirtschaft
schwierigen Zeiten Säulen für Wachstum und
wirtschaftliche Stabilität sind. Dementsprechend engagieren wir uns gemeinsam mit
mehreren führenden EU-Mitgliedstaaten stark
für die Koordinierung der Pläne zur Beilegung
der internationalen Finanzkrise.
Darüber
hinaus unterstützen wir die Einführung einer
gemeinsamen europäischen Währung.
Drittens werden wir Wege finden, unsere
politische Partnerschaft mit Europa effektiver
zu gestalten. Wir müssen in der Lage sein,
schnell gemeinsam zu handeln, um plötzliche
Krisen in Europa und darüber hinaus zu lösen.
Viertens wollen wir unsere Fähigkeit verbessern, mit der EU an der Bekämpfung
alltäglicher Bedrohungen zu arbeiten, die in
der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges
auftreten, einschließlich organisiertem Verbrechen, Drogenhandel, Terrorismus und
Kinderpornographie.
Fünftens möchten wir unsere Partnerschaft
über den staatlichen Bereich hinaus auf das
Leben der Menschen ausweiten. Im Rahmen
des vierten Kapitels der NTA ermutigen wir
Elemente der bürgerlichen Gesellschaft zur
Bildung neuer Bündnisse und der Beteiligung
an politischen Prozessen. Dies manifestiert
sich vor allem im Transatlantischen Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), aber wir beobachten auch
parallele Bestrebungen der Interessen der
Arbeitnehmer im Transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD),
von Verbrauchergruppen im Transatlantischen
Verbraucherdialog und von Umweltschützern
im Transatlantischen Umweltdialog (Transatlantic Environmental Dialogue - TAED).
Das wichtigste Ziel der beiden für 1999 anberaumten
Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union werden Fortschritte bei der
Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft und der
Knüpfung noch engerer transatlantischer Wirtschaftsbeziehungen sein.
Schließlich möchten die Vereinigten Staaten die OSZE
in die Lage versetzen, noch effektiver mit Krisen
umzugehen, bevor diese ausbrechen, und ihre
Ursachen zu bekämpfen, einschließlich unzureichender demokratischer Entwicklung. Durch ihre Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsinstitutionen ist
die OSZE ein Schlüsselinstrument für die Gewähr-

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�leistung des Erfolgs unseres strategischen Ziels der
Schaffung eines geeinten, freien, wohlhabenden und
friedlichen Kontinents.
Unseres Erachtens ist es an der Zeit für die OSZE,
ihren Horizont durch die Ausweitung ihrer Zone von
Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und Zusammenarbeit
auf die Neuen Unabhängigen Staaten im Kaukasus
und in Zentralasien zu erweitern. Wir haben bereits
den ersten Schritt unternommen - mit der Entscheidung zur Gründung von OSZE-Büros in jedem zentralasiatischen Staat. Der OSZE-Gipfel im kommenden
Jahr wird die Gelegenheit bieten, ein größeres regio-

nales Mandat in das OSZE-Dokument/die OSZECharta aufzunehmen. Der Gipfel wird uns auch die
Chance bieten, Optionen für die Entwicklung neuer
OSZE-Instrumente auszuarbeiten.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich sagen, daß wir dem nächsten Jahr erwartungsvoll entgegensehen, während wir
eine engere Partnerschaft mit den Europäern für die
Bewältigung der Herausforderungen des kommenden
Jahrhunderts aufbauen. Vielen Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 22

�HANDEL
4. November 1998

Die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen
Rede von Charlene Barshefsky

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede der US-Handelsbeauftragten Charlene Barshefsky vor
dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vom 20. Oktober 1998.

Guten Tag. Gestatten Sie mir, Herrn Dr. von Wartenberg und dem Bundesverband der Deutschen Industrie
für diese Veranstaltung zu danken. Mein Dank gilt
ferner Botschafter John Kornblum für seine freundliche
Einführung und seine Gastfreudschaft während meines
kurzen Aufenthalts hier in Bonn. Darüber hinaus
möchte ich Ihnen allen ganz herzlich dafür danken,
daß Sie heute Nachmittag hierher gekommen sind.
Ich bin zu einem interessanten und aufregenden
Zeitpunkt hier, an dem Ministerpräsident Schröder das
Amt des Bundeskanzlers antritt, die Europäische
Union ihre Erweiterung vorbereitet und wir alle uns mit
der weltweiten Finanzkrise befassen. Ich freue mich
darauf zu hören, was Sie über diese Themen denken
und werde gerne Ihre diesbezüglichen Fragen beantworten. Zunächst möchte ich einen kurzen Überblick
über unsere Handelsbeziehungen zu Europa und die
Herausforderungen geben, mit denen wir in den
nächsten Jahren konfrontiert werden.
Unsere Grundannahme ist folgende: Die Partnerschaft
zwischen Amerika und den europäischen Demokratien
ist seit 50 Jahren das Fundament für Frieden und
Wohlstand über den Atlantik hinweg und weltweit. Und
sie kann im nächsten Jahrhundert eine wichtige Rolle
spielen, wenn wir drei Herausforderungen bewältigen:
Unsere Beziehungen zur Europäischen Union
haben für beide Seiten große Vorteile, die wir
weiter ausbauen können; sie sind jedoch auch
durch ernsthafte Dispute gekennzeichnet, die
wir beilegen müssen.
Unsere Beziehungen stellen einen Bund dar,
der auf den Werten Demokratie, offene Märkte

AMERIKA DIENST 22

und Rechtstaatlichkeit gründet. Wir können
ihn stärken, indem wir diesen Prinzipien
verpflichtete Nationen in die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen des Westens
eingliedern.
Unsere Beziehungen sind eine Kraft für
Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt,
auf der wir bei der Bewältigung der Finanzkrise und der Stärkung des multilateralen
Handelssystems aufbauen müssen.
Zuerst möchte ich ein einige Worte über Deutschland
und die Bedeutung sagen, die wir ihm beimessen.
Deutschland sieht sich sowohl im Hinblick auf seine
eigene Entwicklung als auch im Hinblick auf seinen
Platz in der EU einem neuen Zeitalter gegenüber. Die
Stärke der deutschen Volkswirtschaft bleibt das
verläßlichste Zugpferd für künftigen europäischen
Wohlstand. Sie sind hier mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: Der vollständigen Integration
der östlichen Bundesländer, der Anpassung der
Volkswirtschaft als Ganzes an eine Weltwirtschaft, die
zunehmend auf Information anstatt auf Produktion
basiert.
Die Fähigkeit Deutschlands, bestimmte
Aspekte seiner Volkswirtschaft zur Bewältigung dieser
Herausforderungen umzugestalten, wird großen
Einfluß auf die Einstellung anderer EU-Mitgliedstaaten
haben. Die deutsche Haltung zur zukünftigen Gestalt
der EU wird ebenfalls von zentraler Bedeutung sein.
Während die neu gewählte Bundesregierung Form
annimmt und Maßnahmen ergreift, die Auswirkungen
auf die deutsche und internationale Politik haben, wird
die Welt - nicht zuletzt die Vereinigten Staaten - genau
beobachten, welche Richtung Deutschland einschlägt.

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�Der amerikanisch-europäische Handel heute
Lassen Sie mich über die erste der drei von mir
genannten Herausforderungen sprechen - unsere
bilateralen Beziehungen.
Die EU ist heute der größte Wirtschaftspartner der
Vereinigten Staaten. Unser bilateraler Handel - Waren
und Dienstleistungen zusammengenommen - belief
sich im letzten Jahr auf mehr als 400 Milliarden Dollar.
Und unsere Beziehungen zählen weltweit zu denen mit
dem schnellsten Wachstum. Im vergangenen Jahr
überstieg die Zunahme unserer Exporte in die EU im
Wert von 13 Milliarden Dollar unsere gesamten
Exporte nach China. Und man erwartet, daß die
Exporte der EU in die Vereinigten Staaten dieses Jahr
um 20 Milliarden Dollar anwachsen.
Die andere Seite unserer Beziehungen - der bilaterale
Investitionsfluß - leistet einen ebenso großen Beitrag
zu unserem Wohlstand. Die amerikanischen Halbleiterfabriken in Irland, die europäischen Autohersteller in
South Carolina, das neue Unternehmen DaimlerChrysler sind nur die am stärksten sichtbaren Elemente von Direktinvestitionen, die jetzt die 750-MilliardenDollar-Marke übersteigen. Mehr als ein Zehntel
unserer ausländischen Direktinvestitionen stammt aus
Deutschland. Jeder zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist derzeit bei einem europäischen Unternehmen angestellt. Und die 369 Milliarden Dollar, die wir
in Europa investiert haben - darunter 43,9 Milliarden
Dollar in Deutschland - sind fast die Hälfte unserer
weltweiten Qesamtinvestitionen außerhalb unseres
Landes.
Unsere Handelsbeziehungen sind jedoch auch durch
ernsthafte Dispute charakterisiert. Einige - beispielsweise der Bananen- und der Rindfleischstreit - betreffen Prinzipien, die den Kern produktiver Beziehungen
bilden: Fragen der Transparenz; die Anwendung
wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Landwirtschaft,
einschließlich Biotechnologie. Wenn wir uns nicht mit
diesen Disputen befassen und sie schnell beilegen,
werden sie unsere Beziehungen unterminieren.
Die bilaterale Handelsagenda
1995 riefen wir die Neue Transatlantische Agenda
(New Transatlantic Agenda - NTA) ins Leben. Sie
beinhaltet ein Abkommen über gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition Agreement - MRA),
das durch Vorschriften geschaffene Handelshemmnisse im Wert von 60 Milliarden Dollar abschafft,
darunter bei medizinischem Gerät, Pharmazeutika und
Telekommunikationsgerät. Femer einigten wir uns auf
Zusammenarbeit im Zollwesen und die Anpassung von
Veterinärnormen und -verfahren. Und wir stellten die
Weichen für ein noch ehrgeizigeres gemeinsames
Projekt: Die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft
(Transatlantic Economic Partnership - TEP), die im Mai

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beim Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union gegründet wurde. Im Rahmen
dieser Initiative identifizieren wir sieben Gebiete, auf
denen wir gemeinsame Interessen finden, den Handel
ausbauen, Meinungsverschiedenheiten ansprechen
und Hindernisse überwinden können.
Dazu zählen:
Technische Normen, bei denen der Transatlantische Wirtschaftsdialog europäischen
und amerikanischen Unternehmen Milliarden
Dollar an Einsparungen bringen kann.
Die Landwirtschaft - durch die Gewährleistung, daß Farmer und Viehzüchter sichere,
wissenschaftlich erprobte Biotechnologie
einsetzen können und daß bei Vorschriften
und Lebensmittelsicherheit
Transparenz
gewährleistet ist.
Geistiges Eigentum, insbesondere bei der
Zusammenarbeit im Kampf gegen Produktpiraterie bei optischen Medien und anderen
neuen Technologien in Asien und Rußland.
Staatliche Beschaffung.
Dienstleistungen.
Elektronischer Handel.
Die Förderung gemeinsamer Werte durch die
Ermutigung von Transparenz bei der WTO
und die Beteiligung der Bürger an der Formulierung der Handelspolitik sowie die Arbeit an
einem Konsens über Fragen wie Handel,
Umweltschutz und grundlegende Arbeitsnormen.
Jeder dieser Punkte hat konkrete Vorteile für beide
Seiten. Und die Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft ist als Ganzes wichtiger als ihre Bestandteile,
denn sie gewährleistet ständige Kontakte zwischen
uns, während die EU durch eine gemeinsame Währung gestärkt und durch die Aufnahme neuer Mitglieder erweitert wird.
Die EU-Erweiterung
Das bringt mich zur zweiten Herausforderung: Weiterhin in der Haltung zu Reformen in Zentraleuropa und
darüber hinaus geeint zu sein, während die EU
erweitert wird und Rußland darum kämpft, seine
Finanzkrise zu überwinden.
Im Hinblick auf Zentraleuropa ist der springende Punkt,
daß die Vereinigten Staaten die europäische Integration unterstützen. Wir betrachteten sie in den
fünfziger Jahren als Beitrag zu Wachstum und Stabili-

AMERIKA DIENST 22

�tat in Europa und tun das auch weiterhin. Und wir
erachten den Erfolg der Wirtschaftsreformen und
Demokratisierung in Zentraleuropa als historische
Gelegenheit zu weiteren Schritten. Daher sind wir
stolz, bei der NATO-Erweiterung eine Führungsrolle
übernommen zu haben, und wir unterstützen die
Einladung der EU, neue Mitglieder aufzunehmen. Wir
werden die Einzelheiten der EU-Erweiterung jedoch
genau verfolgen.
Wirtschaftliche Integration wird von Vorteil für die Welt
und die Bürger und Verbraucher der EU sein, wenn sie
auf der Basis von Offenheit gegenüber der Welt erfolgt.
Und unseres Erachtens wird die Erweiterung der
Europäischen Union in den meisten Fällen unsere
Aussichten für Handel und Investitionen in Zentraleuropa und die anderer zukünftiger Mitglieder verbessern. Wenn Integration jedoch zu höheren Handelshemmnissen führt, schadet sie den amerikanischen Interessen und fördert weitere Meinungsverschiedenheiten. Aus diesem Grund werden wir engen
und ständigen Kontakt zur EU halten, während sich
dieser Prozeß in der Übergangsphase befindet, und
wir führen mit Polen und anderen zentraleuropäischen
Regierungen separate Konsultationen.
Die Neuen Unabhängigen Staaten
Wir sind davon überzeugt, daß der Erfolg der Reformen in Zentraleuropa uns weiter im Osten etwas lehrt.
Wirtschaftsreformen und Demokratisierung in Rußland,
der Ukraine und den anderen Neuen Unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind von elementarem Interesse für die Vereinigten Staaten. Aus
diesem Grund haben wir für die politischen und
wirtschaftlichen Reformen gleichermaßen technische
Hilfe angeboten und die Hilfspakete des IWF für
Rußland unterstützt.
Letzten Endes müssen Rußland und die anderen
Neuen Unabhängigen Staaten jedoch selbst ihre
Wirtschaftssysteme reformieren und starke rechtliche
und staatliche Institutionen gründen. Auch wenn wir
ihnen helfen können, können wir die Arbeit nicht für sie
erledigen. Und wir sollten nicht überrascht über
Rückschritte und schwierige Zeiten sein. Dies sind
jedoch langfristige Bestrebungen, und wir sollten keine
Schwarzseher oder Pessimisten sein.
Wir bleiben der Unterstützung von Reformen daher
weiter verpflichtet, und unsere Handelspolitik muß in
dem Prozeß eine Rolle spielen. Die Prinzipien der
WTO und unsere bilateralen Abkommen mit diesen
Nationen - Transparenz, offene Märkte, Rechtsstaatlichkeit - werden zu deren langfristigem Wachstum, der Integration in die Weltwirtschaft und innenpolitischen Reformen beitragen. Das ist die Erfahrung
praktisch aller zentraleuropäischen und baltischen
Staaten. Wir arbeiten sorgfältig und eng mit der EU

AMERIKA DIENST 22

und allen an einer WTO-Mitgliedschaft Interessierten
zusammen. Es ist keine leichte Aufgabe, aber wir
werden bald die Aufnahme Lettlands und Kirgistans in
die WTO sehen und erwarten, daß ihnen andere
folgen, wenn sie dazu bereit sind.
Die Finanzkrise
Das führt mich zur dritten Herausforderung: Unseren
Pflichten als weltweit führende Wirtschaftsmacht.
Sie beginnen mit der Finanzkrise. Wie Präsident
Clinton bei der Tagung von IWF und Weltbank vor
zwei Wochen erklärte, stellen die Ereignisse, die im
vergangenen Jahr mit starken Schwankungen der
thailändischen Währung begannen, jetzt die gravierendste Finanzkatastrophe der letzten 50 Jahre dar.
Und als weltweit größte Volkswirtschaften müssen wir
und die EU - sowie Japan - die Bestrebungen anführen, eine Lösung zu finden.
Unser Ansatz - Reformprogramme mit dem IWF im
Mittelpunkt - bringt Ergebnisse hervor. Länder wie
Thailand und Korea haben Reformen durchgeführt,
ihre Währungen stabilisiert und die Zinssätze auf das
Niveau von vor der Krise gebracht. Mit Geduld und
Reformen kann dasselbe in Rußland und anderen
betroffenen Ländern geschehen. Dennoch hat die
Krise weiterhin das Potential, sich zu verstärken und
auszuweiten. Daher müssen wir wachsam sein und
gewährleisten, daß der IWF über die Ressourcen und
die politische Unterstützung verfügt, die er im Fall
neuer Notfälle benötigt.
Und wir müssen sicherstellen, daß Japan seiner
Verantwortung gerecht wird, indem es nachfrageorientiertes Wachstum wiederherstellt, sein Finanzsystem
reformiert und seine Märkte öffnet.
Und von der handelspolitischen Perspektive aus
gesehen müssen wir unseren Prinzipien und den im
Frühjahr beim letzten asiatisch-europäischen Gipfel
und beim G 8-Gipfel gemachten spezifischen Zusagen
treu bleiben, indem wir unsere offenen Märkte erhalten
und die multilaterale Liberalisierung fortsetzen. Etwas
anderes würde die Gefahr einer Wiederholung der
dreißiger Jahre beinhalten, als sich der Protektionismus in den Vereinigten Staaten und Europa verstärkte und die Weltwirtschaftskrise verlängerte. Jeder
von uns wird sich dem Druck wachsender Importe beispielsweise von Stahl - ausgesetzt sehen, aber
Europa muß einen Teil der Last übernehmen. Sollte
die EU diese Herausforderung nicht bewältigen, wird
der Druck auf uns alle verstärkt.
Das multilaterale Handelssystem
Abschließend möchte ich noch etwas über die nächsten Schritte im multilateralen Handelssystem sagen.
Ich möchte ganz offen sein. Zuerst müssen wir das

Seite 3

�bestehende System respektieren. Jeder von uns muß
die Verpflichtungen der Uruguay-Runde erfüllen und
die Entscheidungen der Streitschlichtungsausschüsse
respektieren.
Dies ist ein großes Anliegen. Wir haben jetzt Fälle
gegen die EU im Hinblick auf die Bananenmarktordnung und das Verbot von amerikanischem Rindfleisch in der EU abgeschlossen. In beiden Fällen
entschieden die WTO-Streitschlichtungsausschüsse
und Berufungsbehörden zugunsten der Vereinigten
Staaten. Die EU hat die Verpflichtung, diese Ergebnisse zu respektieren und umzusetzen - was sie
bislang nicht getan hat. Die Mißachtung der Entscheidungen des Ausschusses schwächt die Unterstützung für das Handelssystem, seine Abschreckung
von Protektionismus und die Unterstützung für unsere
bilateralen Beziehungen.
Ferner müssen wir auf wirtschaftlich sinnvoller Grundlage weiterhin gemeinsam an der Aufnahme Chinas,
Taiwans und anderer Volkswirtschaften in die WTO
arbeiten, die eine Mitgliedschaft anstreben. Die
Gespräche mit China verlaufen ziemlich schleppend.
Das ist meines Erachtens auf die Sorge der chinesischen Regierung über die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, die Umgestaltung des staatlichen Sektors
und andere innenpolitische Fragen zurückzuführen.
Obwohl die Mitgliedschaft Chinas wichtig ist, sind die
Prinzipien des Systems ebenso wichtig. Daher werden
wir weiterhin mit China an dieser Frage arbeiten, sind
jedoch bereit zu warten, bis es ernsthafte Angebote
vorlegt. Ich hoffe, daß wir bei dieser Frage weiterhin
eng mit der EU zusammenarbeiten werden.
Im Vorfeld der neuen WTO-Verhandlungen müssen wir
auch nach Gemeinsamkeiten suchen. Wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Entwicklung des
elektronischen Handels, der Öffnung des Dienstleistungsmarktes, einer besseren Durchsetzung des
Rechtsauf eistiges Eigentum bei Computersoftware

und neuen Technologien und der Gewährleistung von
Fairness bei staatlicher Beschaffung. Und die europäische Agrarpolitik stellt ein grundlegendes und zentrales Anliegen dar. Die europäischen Steuerzahler
und Verbraucher, die Amerikaner und unsere Handelspartner - sie alle haben großes Interesse an weitreichenden Agrarreformen, einschließlich der Abschaffung von Exportsubventionen, der Verringerung von
Preisstützungen in Verbindung mit der Produktion und
an Transparenz des staatlichen Handelssystems.
Schließlich müssen wir die Werte fördern die sicherstellen, daß das Handelssystem Bestand hat: Transparenz und Beachtung der Anliegen der Bürger. Wir
müssen die WTO durch die Öffnung von Streitschlichtungsverfahren und die beschleunigte Veröffentlichung
der Berichte der Streitschlichtungsausschüsse transparenter gestalten. Die EU kann in diesem Bereich
sehr viel mehr tun. Und wir müssen dafür sorgen, daß
Handel mit Umweltschutz und grundlegenden Arbeitsnormen einhergeht.
Schlußbemerkung
Dies sind komplexe Fragen und enorme Verpflichtungen. Die Welt erwartet von uns eine Führungsrolle
und die Übernahme von Verantwortung auf eine seit
Jahren nicht mehr dagewesene Art - vielleicht sogar
seitTruman und Adenauer nicht mehr, als das moderne Handelssystem geschaffen wurde und Europa
seine ersten Schritte zur Integration unternahm.
Meines Erachtens sind wir der Herausforderung
jedoch gewachsen. Unsere Wirtschaftsbeziehungen
sind äußerst produktiv und für beide Seiten von Vorteil.
Wir haben internationale Institutionen aufgebaut, die
Frieden und Wohlstand im atlantischen Raum und
weltweit sichern. Unsere Beziehungen sollten die Welt
in dem vor uns liegenden Jahrhundert weiterhin
inspirieren und gestalten.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 22

�MEDIEN
4. November 1998

"Unterdrückung der Presse durch Milosevic
muß aufhören"
von Jonathan Spalter

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Direktors und leitenden
Medienbeauftragten des US-Informationsamts (U.S. Information Agency - USIA), Jonathan Spalter, der erstmals
in der französischen Zeitung La Croix erschien. Spalter verurteilt darin das vom serbischen Parlament am 20.
Oktober 1998 verabschiedete neue Mediengesetz und fordert ein Ende der Unterdrückung unabhängiger
serbischer Medien durch Milosevic.

Während die Clinton/Gore-Administration und ihre
NATO-Partner Schritte unternehmen, um die Möglichkeit des Friedens für die Menschen im Kosovo Realität
werden zu lassen, setzen die serbischen Behörden
ihre Unterdrückung der bedrängten unabhängigen
Medien des Landes fort. Die Lage der Journalisten
verschlimmert sich weiter, nachdem das serbische
Parlament am Dienstag ein neues Informationsgesetz
verabschiedet hat, das die Grundfreiheit der objektiven
und unabhängigen Berichterstattung weiter einschränkt.
Diese Maßnahme ist Teil umfassenderer Bestrebungen von Seiten der Regierung Milosevic, im ganzen
Land die Pressefreiheit zu unterdrücken. Seit Mai
verweigern die serbischen Behörden den meisten
Rundfunk- und Fernsehstationen Serbiens die Sendegenehmigung. Diejenigen, die den Mut zu objektiver
Berichterstattung haben, werden bedroht und schikaniert. Im September warnte der Hardliner und serbische Stellvertretende Ministerpräsident Vojislav Seselj
die örtlichen Journalisten offiziell, sie würden für
Luftangriffe der NATO zur Rechenschaft gezogen.
"Wir können nicht jedes Flugzeug der NATO abschießen", erklärte er, "aber wir können gegen jene
Beauftragten vorgehen, die vor Ort sind".
Die serbischen Behörden haben ihren Worten eine
Vielzahl bedenklicher Taten folgen lassen. Anfang
dieses Monats sabotierten sie eine vom Europarat
geförderte und von Radio 92 veranstaltete Konferenz
für die serbische Vereinigung unabhängiger Rundfunkund Fernsehsender über unabhängige Medien. Und

AMERIKA DIENST 22

das diese Woche vom serbischen Parlament angenommene neue Mediengesetz verbietet die Übertragung von serbischsprachigen Programmen ausländischer Medienorganisationen wie BBC, Deutsche
Welle, Voice of America und Radio Free Europe/Radio Liberty.
Medien mit Verbindungen zum Ausland sind den
unterdrückerischen Taktiken Milosevics besonders
stark ausgesetzt. Der Fernsehsender Negotin wurde
vor einem Monat wegen seiner Teilnahme an einem
Programm der Voice of America verboten. Und die
serbischen Behörden haben einen der populärsten
Fernsehsender Belgrads, Radio Index, sowie Radio
Senta, einen zweisprachigen Fernsehsender in der
Vojvodina, geschlossen.
Die unabhängigen Zeitungen des Landes sind ebenfalls weiterhin in Gefahr, nachdem das Informationsministerium letzte Woche die Schließung von drei der
bedeutendsten unabhängigen Tageszeitungen des
Landes, Danas, Nasa Borba und Dnevni Telegraf
verfügte.
Diese Aktionen sind inakzeptabel. Die hart erkämpften
Freiheiten der Ära nach dem Ende des Kalten Krieges
- und die damit einhergehende bürgerliche Verantwortung - werden jetzt praktisch in jedem Land Zentralund Osteuropas hoch gehalten. Das ehemalige
Jugoslawien ist die einzige Ausnahme. Wenn Milosevic seine Kontrolle über die Medien festigen kann, wird
es für die Menschen in Serbien noch schwieriger, den
Ruf der internationalen Gemeinschaft nach politischem

Seite 1

�Behörden ihren Sender aus dem Äther vertrieben
haben, gelingt es ihr und ihren Mitarbeitern immer
noch, Berichte über das Internet zu verschicken. Und
sie ist nicht die Einzige. Selbst angesichts des entsetzlichen Leidens und der Zerstörung im Kosovo sah
ich viele weitere Beweise für den Mut und die Fantasie
der Journalisten.

Pluralismus, ethnischer Toleranz und ihre Forderung
nach uneingeschränkter Erfüllung der Bedingungen
von Resolution 1199 des UN-Sicherheitsrats zu hören
und ihnen zu folgen.
Trotz des scharfen Vorgehens von Präsident Milosevic
schicken mehrere unabhängige Journalisten weiterhin
trotzig die Nachrichten aus Serbien-Montenegro in die
Wohnzimmer der Welt. Ich war vor kurzem im Kosovo
und traf dort mit mehreren dieser mutigen Männer und
Frauen zusammen, die um der Berichterstattung willen
oft ihr Leben aufs Spiel setzen. Eine Journalistin, eine
Albanierin namens Aferdita Saracini-Kelmendi, begann
mit Unterstützung der Vereinigten Staaten in einem
kleinen Haus in Pristina den Sendebetrieb des albanischsprachigen Radio 21. Obwohl die serbischen

* *

Seite 2

Natürlich kann allein eine freie Presse den ethnischen
Haß im Kosovo oder andernorts nicht ersticken. Aber
Pressefreiheit ist die Vorbedingung für Fortschritte bei
Frieden und Toleranz. Wenn Serbien-Montenegro in
die Gemeinschaft der Nationen integriert werden soll,
muß dieses krisengeschüttelte Land eine starke,
objektive und unabhängige Presse zulassen.

*

AMERIKA DIENST 22

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United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 08 - 8 54 32

Nummer

4. Dezember 1974

25

Inhalt

INFORMATION:
Moderne Verkaufshilfen
-Ausstellung im US-Handelszentrum-

WIRTSCHAFT:
,

Präsident der US-Bundesbank fordert nachdrückliche Maßnahmen zur
Lösung des Ol-Problems
-Burns vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des Kongresses-

Energie und internationale Zusammenarbeit
Von Stephen W. Bosworth
Leiter des Referates für Brennstoff und Energie im US-Außenministerium

DOKUMENTATION:
Das Gemeinsame amerikanisch-sowjetische Kommunique von Wladiwostok
-WortlautGemeinsame amerikanisch-sowjetische Erklärung zu SALT
-Wortlaut-

WISSENSGHAFT UND TECHNIK:
Looping am Jupiter
-PIONIER 11 besucht zwei GroßplanetenVon Gertrud Weiss

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

In forma Hon

300

Telex:08-85432

25/1974

MODERNE VERKAUFSHILFEN
Ausstellung im US-Handelszentrum
--(AD)— Zwanzig amerikanische Firmen beteiligen sich an der Ausstellung "Moderne Verkaufshilfen", die vom 14. bis 17. Januar im Frankfurter US-Handelszentrum (Zürich-Haus am Opernplatz) stattfindet. Ein Teil der Aussteller ist
neu auf dem deutschen Markt und sucht hier in erster Linie Vertretungen, Lizenznehmer oder Partner für gemeinsame Projekte.
Die Amerikaner zeigen in Frankfurt unter anderem Maschinen zum Bedrucken
von Klebeetiketten, Anhängern und Heftetiketten, Geräte zum halbautomatischen
Anheften von Etiketten, Markier Stempel, ein Computer-System einschließlich Terminal, sowie tragbare Datenerfassungs-, Übertragungs-und Empfangsgeräte für
Lagerorganisation, Bestandsaufnahme, Auftrags-und Anfragenbearbeitung, BarCode-Leser und -Drucker sowie Drucker für lesbare Codes mit Eingabemöglichkeit
über Computer-Interface oder zur direkten Tastatureingabe, Klimaanlagen zur
Dachinstallation für Supermärkte etc., Aluminiumtüren für Kühl-und Lagerräume,
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für Großläden.
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Bockenheimer Landstraße 2-4, Tel.72 08 Ol, Telex: 416535

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PRÄSIDENT DER US- BUNDESBANK FORDERT NACHDRÜCKLICHE MASSNAHMEN
ZUR LÖSUNG DES ÖL-PROBLEMS
-Burns. vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des Kongresses-

WASHINGTON »-(AD)-- Der Präsident des amerikanischen Federal Reserve System
(Bundesbank), Arthur Burns, hat am 27. November vor dem Gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des US-Kongresses nachhaltige Maßnahmen zur Lösung des Ölproblems, darunter verordnete Einsparungen, gefordert.
Wenn die Ölpreise auf der gegenwärtigen Höhe bleiben, wird nach Auffassung von Burns eine Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen
Macht in der Welt eintreten und einige Industriestaaten könnten einen wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch erleben. Alle Nationen müßten
Öl sparen und - ohne Handelsrestriktionen - eine verantwortungsbewußte Anpassung vornehmen. Die aussichtsreichste Methode, um das Ölkartell der
OPEC zu brechen, sei die Verringerung der Importe aus diesen Ländern.
Die USA und andere Importeure sollten alternative Energiequellen entwickeln und sofort verschärfte Maßnahmen zur Senkung des Ölverbrauchs ergreifen.
Im

�Im folgenden geben wir die Ausführungen des Präsidenten des Federal
Reserve System in wesentlichen Auszügen wieder:
Der Anstieg der Ölpreise hat zu einer spektakulären Steigerung des Einkommens der OPEC-Länder geführt. Allein die Vereinigten Staaten werden in
diesem Jahr für Brennstoffeinfuhren rund 27,5 Milliarden Dollar ausgeben im Gegensatz zu 8,8 Milliarden Dollar für das im wesentlichen gleiche Importvolumen im Jahre 1973. Die höheren Preise für Importöl stellen praktisch eine
schwere Besteuerung des amerikanischen Verbrauchers dar und haben auf schwächeren Binnenmärkten bereits ihre Opfer gefordert.
Während der ersten zehn Monate des Jahres 1974 haben die OPEC-Länder von
anderen Ländern rund 75 Milliarden Dollar für Ölverkäufe eingenommen, also
fast dreimal so viel wie während des ganzen Jahres 1973. Die Importe der OPECLänder sind prozentual zwar rasch angestiegen, aber sie sind weit hinter den
erhöhten Einnahmen zurückgeblieben. Als Ergebnis haben die ölerzeugenden Länder schätzungsweise einen Überschuß von 45 Milliarden Dollar an Gütern und
Dienstleistungen allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres erzielt. Der
größte Teil dieses Geldes ist in höchst flüssigen,kurzfristigen Papieren des
EURO-Währungsmarkt es und auf den britischen und amerikanischen Geldmärkten investiert worden.
Von den 45 Milliarden Dollar sind etwa 10,5 Milliarden Dollar in den
Vereinigten Staaten angelegt worden.
Der weit größte Anteil - etwa 16,5 Milliarden Dollar oder über ein Dritf

tel der Gesamtsumme - ist auf den EURO-Währungsmarkt gekommen. Fast alle diese Gelder sind in Form von EURO-Dollar-Einlagen angelegt, deren durchschnitt»

�durchschnittliche Laufzeit sehr kurz ist. Die Hauptempfänger dieser Einlagen
sind Banken in Großbritannien gewesen.
Während der ersten 10 Monate des Jahres 1974 stiegen die OPEC-Anlagen in
Pfund Sterling um den Gegenwert von etwa 6,5 Milliarden Dollar.
Die bisher spezifizierten OPEC-Anlagen - in den Vereinigten Staaten,
Großbritannien und auf den EURO-Währungsmärkten - belaufen sich in etwa auf
dreiviertel des Gesamtzuwachses der OPEC-Guthaben von 45 Milliarden Dollar.
Von dem restlichen Geld sind schätzungsweise 3,5 Milliarden Dollar an Regierungsinstitutionen auf dem westeuropäischen Festland und in Japan verliehen
worden.
Schuldverschreibungen, die von internationalen Finanzinstitutionen herausgegeben wurden oder Anleihen an den Internationalen Währungsfonds zur Verwendung im Rahmen der Ölfinanzierungseinrichtung

belaufen sich auf zwei

Milliarden Dollar. Weitere zwei Milliarden Dollar sind für Zuwendungen oder
Kredite an weniger entwickelte Länder entweder direkt oder durch Beiträge an
regionale Entwicklungsbanken bereitgestellt worden. Der größte Empfänger
solcher Hilfe ist wahrscheinlich Ägypten gewesen. Der verbleibende Zuwachs an
OPEC-Guthaben - auf vier Milliarden Dollar geschätzt - ist auf andere Anlagen,
einschließlich privater Papiere und Immobilien in Kontinental-Europa und in
Japan verteilt worden.
Bisher sind die gewaltigen Geldströme nach und von den OPEC-Ländern in
erster Linie - und einigermaßen gut - von Privatmärkten, vor allem Handelsbanken, aufgefangen worden. Aber es besteht kein Anlaß zur Selbstgefälligkeit
bezüglich der Zukunft.
Grob

-3-

�Grob gesprochen werden sich die Einnahmen der OPEC-Länder in einer Grössenordnung von 100 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen, wenn sie ihre gegenwärtigen Ölexporte und -preise aufrechterhalten. Das ist das Vierfache der
Summe des'Jahres 1973. Auf der Importseite haben einige der OPEC-Länder - wie
etwa Indonesien, der Iran, Nigerien und Venezuela - eine große Aufnahmefähigkeit. Ein beträchtlicher Teil der Einnahmen der anderen Ölexporteure - vor
allem Saudi-Arabien und die Staaten des Persischen Golfes - werden jedoch in
naher Zukunft nicht für zusätzliche Importe ausgegeben werden. Die beiden anderen entscheidenden Faktoren im Gesamtbild - der Strom von Investitionserträ«=
gen nach den OPEC-Ländern und der Transfer von Mitteln aus den OPEC-Ländern
nach weniger entwickelten Ländern - spielen bisher noch eine geringe Rolle im
Vergleich zu dem Strom der Öleinnahmen. Während der künftige Umfang der von
den OPEC-Ländern geleisteten Hilfe ungewiß ist, versprechen jedoch ihre Investitionserträge mit einer sehr raschen Rate anzuwachsen.
All dies deutet auf sehr große OPEC-Überschüsse hin, die im Jahre 1975
etwa in der Größenordnung von 55 bis 60 Milliarden Dollar liegen dürften, bei
50 Milliarden Dollar im Jahre 1976 und noch mindestens für fünf weitere Jahre
sehr groß sein dürften. Diesen Überschüssen würde praktisch die Anhäufung
eines gewaltigen Schuldenberges der öl importierenden Länder gegenüberstehen
- es sei denn, der Ölpreis geht herunter oder die Verbraucherländer unternehmen wesentliche Schritte, um ihre Abhängigkeit vom Importöl zu verringern...
Die Tatsache, daß die "Recycling"-Techniken in den Vordergrund des Interesses gerückt sind, hat die bedauerliche Nebenwirkung gehabt, die Aufmerk»
samkeit von der fundamentalen Notwendigkeit abzulenken, den Ölpreis herunterzubekommen. Wenn dies nicht geschieht, dann ist es äußerst fraglich, ob die

�die durch den gewaltigen Anstieg des Ölpreises hervorgerufenen finanziellen
Probleme überhaupt in den Griff zu bekommen sind. Praktisch gesehen bedeutet
"Recycling" nichts weiter, als daß die öl importierenden Länder immer tiefer
in Schulden geraten werden. Wenn man Schulden auf Schulden häuft - oder, realistischer gesprochen, fragwürdige Schulden auf gute Schulden häuft - dann
kann dies nicht unendlich weitergehen noch sollte es unendlich weitergehen.
Wenn der Ölpreis in etwa auf dem gegenwärtigen Stand bleibt - und es
gibt in OPEC-vLändern immer wieder Bemühungen, ihn noch höher zu setzen - dann
wird dies eine massive Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht
unter den Ländern der Welt bedeuten. Das allein schon birgt Gefahren für die
Zukunft unseres Landes.
Es liegt auf der Hand, daß in dem Maße, in dem die finanziellen Guthaben
in den Händen der OPEC-Länder wachsen, der Schuldendienst für diese Guthaben
wachsen wird. Die Last der künftigen Rückzahlung wird wachsen. Darüber hinaus
wird in dem Maße, in dem die Möglichkeit für die Verlagerung von Einlagen von
einer Bank zu einer anderen wächst, die Anfälligkeit der Finanzinstitutionen
hier und dort zunehmen. Das gleiche könnte für Devisenmärkte gelten, wenn
Mittel abrupt bewegt und in großem Ausmaß von einer Währung in eine andere
transferiert werden. Man kann diese Gefahren natürlich leicht übertreiben,
aber sie können nicht außer acht gelassen werden. Ebenso wenig dürfen wir die
Möglichkeit ignorieren, daß dies oder jenes andere Industrieland, das sich
bereits in einer geschwächten Position befindet, nicht mehr in der Lage wäre,
sich in ausreichendem Maße an den belastenden Ölpreis anzupassen und als Ergebnis einen wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch erleiden würde...
Die
-5-

�Die finanzielle Klugheit setzt der Bereitschaft der Banken Grenzen, sich
auf große,zinsbringende und potentiell sehr bewegliche Einlagen einer relativ kleinen Zahl von Kunden zu stützen. Banken müssen darauf aus sein, daß die
Laufzeitstruktur ihrer Guthaben und Verpflichtungen nicht ihre Liquidität ge~
fährdet. Sie müssen darauf aus sein, daß sie nicht in zu hohem Maße einem einzelnen Land ausgeliefert sind. Sie müssen darauf aus sein, daß das Verhältnis
ihres Kapitals zu ihren Verpflichtungen sich nicht negativ entwickelt. Die in
der Öffentlichkeit wohlbekannten Schwierigkeiten einiger Banken, die sich
stark in internationalen Finanzgeschäften engagiert haben, haben als Warnung
gedient, die die Bankiers nicht übersehen haben. Und auch ihre Aufsichtsbehörden haben nicht gänzlich geschwiegen.
Es liegt daher auf der Hand, daß die Klugheit gebietet, daß Banken die
Rolle des Zwischenträgers für die Ströme von Ölgeld nicht in dem Umfang fortsetzen können, wie dies in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist. In dem
Maße, in dem Banken sich in den Grenzen einer verantwortungsbewußten Mittlerrolle bewegt haben, haben sie sogar begonnen, die Zinssätze zu senken, zu denen sie große neue Einlagen auf kurzfristiger Basis akzeptierten. In den
jüngsten Monaten haben die OPEC-Länder keinen so großen Anteil ihrer Guthaben
mehr in die EURO-Währungsmärkte eingebracht wie sie dies im ersten Halbjahr
1974 getan haben. Und es gibt gewisse Hinweise auf eine größere Streuung von
OPEC-Guthaben auf verschiedene Länder.
Es ist jedoch noch keine große Verlagerung auf langfristige Anlagen durch
die OPEC-Länder eingetreten. Wie bereits festgestellt, bestehen die meisten
ihrer Einlagen weiterhin in kurzfristigen Anlagen,,,., Als große und immer bedeutendere Kreditoren müssen sie ein zunehmendes Interesse an der internationalen Finanzstabilität haben und sie sollten dazu beitragen, indem sie sich

�sich rascher entschließen, langfristige Anlagen zu erwerben. Eine weitere Senkung der Zinssätze für große kurzfristige Einlagen dürfte eine solche Bewegung beschleunigen.
Aber selbst dann bietet die Lage der Länder, deren schwache Finanzposition es ihnen unmöglich macht, auf internationalen Geldmärkten zu leihen, weiterhin großen Anlaß zur Sorge. Wenn den Ländern in einer schwachen Finanzsituation keine Hilfe gewährt wird, dann könnten sie dazu getrieben werden, eine
Handelspolitik auf Kosten der Nachbarn einzuschlagen und damit würden die internationalen Handelsbeziehungen gestört. Sie könnten zu einer exzessiv knappen Binnenpolitik getrieben werden mit der Drohung einer anhaltenden Rezession
und Störung der politischen Ordnung. Und in ihrer verzweifelten Not könnten
sie versucht sein, sich dem politischen Willen ölexportierender Länder zu
beugen, um Kredite zu erhalten.
Es liegt daher im Interesse der Vereinigten Staaten und der gesamten Ge
meinschaft der Industrieländer, daß wir Institutionen entwickeln, um die finanziellen Belastungen zu erleichtern, die auf das eine oder andere dieser Länder
zukommen könnten. Wenn die schwächeren Länder

ungeschützt ihrer Ölrechnung

ausgesetzt werden, dann könnten sie zu Sonderabmachungen mit ölproduzierenden
Ländern gezwungen sein. Solche Abmachungen könnten die Verhandlungsposition
der ölverbrauchenden Länder unterlaufen und den Tag hinauszögern, an dem die
gegenwärtigen exorbitanten Ölpreise gesenkt werden...
Der amerikanische Vorschlag für einen neuen Finanzmechanismus, der zusammen mit der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) ausgearbeitet werden soll, würde den beteiligten Ländern, die - nachdem

-7-

�nachdem sie ihrerseits alle denkbaren Anstrengungen zur Bewältigung ihrer
Ölimport-und Zahlungsbilanprobleme unternommen haben, in Schwierigkeiten geraten, einen finanziellen Beistand bieten. Der Vorschlag zielt darauf ab, die
Zusammenarbeit unter ölimportierenden Ländern zu fördern und den vernünftigen
Dialog mit den ölexportierenden Ländern zu erleichtern. Er soll nicht dazu dienen, den privaten Markt und andere offizielle Kanäle wie etwa den Internationalen Währungsfonds zu ersetzen, sondern diese Einrichtungen ergänzen.
Im Hinblick auf diese Sicherheit sollten die beteiligten Länder kooperative Anstrengungen unternehmen, um die Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern. Sie sollten sich ferner verpflichten, eine verantwortungsbewußte Anpassungspolitik zu verfolgen, und zwar unter Vermeidung von Handelsrestriktionen.
Die Einrichtung könnte durch direkte Beiträge der beteiligten Regierungen oder
durch Kreditgarantien finanziert werden, wobei das Kreditrisiko aufgeteilt würde. Für eine Beteiligung der Vereinigten Staaten wird auf jeden Fall die Erteilung einer Vollmacht durch den Kongreß notwendig sein.
Das von der Administration vorgeschlagene Programm hat also zum Ziel ,die
wichtigen ölverbrauchenden Länder zu einer gemeinsamen Anstrengung zusammenzubringen. Es hat zwei Hauptaspekte: Zusammenarbeit zur Verringerung der Abhängigkeit von Importöl und finanzielle Zusammenarbeit.

Finanzielle Zusammenar-

beit allein reicht nicht. Selbst bei einer ordnungsgemäßen Finanzierung der
Defizite bleibt doch weiterhin die gewaltige Last des Schuldendienstes und
der schließlichen Rückzahlung. Die finanzielle Zusammenarbeit mag den Übergang
erleichtern, aber sie bietet keine Antwort auf die höchst beunruhigende Frage
"Übergang zu was?".
Das

-8-

�Das fundamentale Problem ist die gewaltige Ölrechnung der importierenden
Länder und eine fundamentale Lösung erfordert eine Senkung des Ölpreises. Das
OPEC-Kartell wird nicht ewig bestehen und der vielversprechendste Weg, es zu
brechen oder zu schwächen, besteht darin, Veränderungen im Verhältnis von
Nachfrage und Angebot auf dem Ölmarkt herbeizuführen. Einige Veränderungen in
diesem Verhältnis finden bereits statt. Die 'Jberschußkapazität der Ölerzeuger
ist heute bereits sehr viel größer als im vorigen Jahr. In Bolivien, China,
Malaysia und Mexiko, um nur einige Länder zu nennen, sind neue Ölvorkommen
entdeckt worden. Die bestätigten Ölvorkommen in der Nordsee haben sich im
letzten Jahr verdoppelt. In den Vereinigten Staaten ist das Potential der Ölfelder im Küstenvorfeld gewaltig. Der hohe Preis regt also zur Suche nach neuen Ölfeldern an und auch zur Entwicklung von Kohle-und Nuklearenergie sowie
zur Entwicklung von alternativen Energiequellen.
Während die Auswirkungen dieser Anpassungen auf die Versorgungsseite
nicht sofort sichtbar werden, finden bereits unmittelbare Anpassungen auf der
Nachfrageseite statt. Der Ölverbrauch in den Importländern wird dieses Jahr
etwa drei Prozent unter dem des Vorjahres liegen. Eine Reihe von Ländern hat
in jüngster Zeit die Maßnahmen zur Einsparung von Öl intensiviert. Frankreich
hat eine Grenze für die Ausgaben für Ölimporte gesetzt. Im neuen britischen
Haushalt wird die Benzinsteuer erneut erhöht, und als Folge davon werden die
britischen Autofahrer jetzt etwa 1,20 Dollar für die Gallone bezahlen müssen.
Die Vereinigten Staaten verbrauchen rund 30 Prozent der Weltölerzeugung.
Zum Teil aus diesem Grund und zum Teil wegen unserer strategischen Rolle in
der

Welt erwarten andere Länder von uns Führung. Die Administration hat

-9-

�hat andere Industriestaaten eingeladen, zusammen mit uns eine nachhaltige
Anstrengung zu unternehmen, um mit dem ersten Ölproblem fertig zu werden. Wir
sollten jetzt das unsrige tun, indem wir entschlossener handeln, um Energie
zu sparen,indem wir gezielter handeln, um im eigenen Lande Alternativen zum
Importöl zu entwickeln, und indem wir unsere Anfälligkeit gegenüber der Drohung eines Embargos durch die Erhöhung unserer Lagerkapazität verringern.
Im Oktober dieses Jahres hat der Präsident eine Reihe von Vorschlägen
unterbreitet,um Energie zu sparen und alternative Quellen im eigenen Lande zu
entwickeln....
Das Sofortziel des Programms war die Erreichung einer Senkung des Ölverbrauchs um eine Million Barrel pro Tag bis 1975. Die Vorschläge des Präsidenten verdienen die nachhaltige Unterstützung durch den Kongreß und die Öffentlichkeit.
Obwohl das Programm des Präsidenten den Nachdruck auf freiwilliges Handeln legt, sollte nicht vergessen werden, daß er angedeutet hat, daß in Zukunft einschneidende Maßnahmen zur Verringerung der Abhängigkeit vom Importöl notwendig werden könnten. Im Hinblick auf den Ernst der internationalen
Energiesituation bin ich der Auffassung, daß sofort mit der Vorausplanung für
schärfere Maßnahmen zur Verringerung des Verbrauchs im eigenen Lande begonnen
werden sollte. Zu diesen Maßnahmen könnte eine fühlbare Besteuerung von Benzin
oder Importöl oder von Automobilen nach Gewicht und PS-Zahl gehören...

Die

-10-

�Die Politik, für die ich heute hier eingetreten bin,ist eine Politik
der Sparsamkeit. Ich bin mir darüber im klaren, daß sie klug und vorsichtig
durchgeführt werden muß - wenn möglich ohne Verschärfung der Rezessionstendenzen, die sich in unserer Wirtschaft bereits zeigen. Wenn wir die Dinge
treiben lassen, dann, so fürchte ich, könnte dies zu einem stetigen Abstieg
der wirtschaftlichen und politischen Macht unseres Landes in einer äußerst
unruhigen Welt führen.

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ENERGIE UND INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
Von Stephen W. Bosworth
Leiter des Referates für Brennstoff und Energie im US-Außenministerium

Die wechselseitige Abhängigkeit, d.h. die Interdependenz in der
Weltwirtschaft ist im letzten Jahr auf schmerzliche Weise sichtbar geworden. Das jüngste Olembargo hat eine Reihe von Entwicklungen ausgelöst,
die direkte Auswirkungen auf Industriestaaten wie Entwicklungsländer hatten.
Im Dezember 1973, auf dem Höhepunkt des Embargos, lag die Olförderung der arabischen Länder um 24 Prozent unter dem Stand vor Beginn der
Einschränkungen. Obwohl der Rückgang, auf die gesamte Olförderung der Welt
bezogen, noch keine 8 Prozent ausmachte, bekamen alle Industriestaaten
- auch die Vereinigten Staaten - die Auswirkungen in Form von rückläufiger
Gütererzeugung und steigender Arbeitslosigkeit zu spüren.
Gleichzeitig begann die Veränderung des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage auf den internationalen Ölmärkten - die bereits Ende
der sechziger Jahre eingesetzt hatte - aufgrund von Marktstörungen und
hieraus resultierenden Unstimmigkeiten zwischen den Ölimporteuren immer

�4

i

immer größere Ausmaße anzunehmen. Die Ölerzeuger machten sich diese Uneinigkeit der Verbraucher zunutze und nahmen über die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) eine Reihe massiver Preiserhöhungen vor. Im Januar 1974 lagen die Ölpreise um rund 400 Prozent über dem Stand vom Januar
1973, und sie sind seitdem das ganze Jahr hindurch weiter gestiegen.
Diese massiven und plötzlichen Preiserhöhungen haben für die Weltwirtschaft eine Reihe ernster Probleme geschaffen:
-«• die bereits zu hohe Inflationsrate zog noch weiter an;
-- praktisch alle Industriestaaten und Entwicklungsländer wiesen hohe
Zahlungsbilanzdefizite auf;
-- die privaten Finanzmärkte wurden starken Belastungen ausgesetzt;
-- und, was vielleicht am schwersten wog, im internationalen Wirtschaftsklima machte sich eine große Unsicherheit bemerkbar.
Die starke Abhängigkeit vom Importöl bedeutete eine wirtschaftliche und
politische Anfälligkeit, die einfach nicht mehr tragbar-war. Die amerikanische
Reg ierung hat daher ein

Reihe binnenwirtschaftlicher und internationaler

Initiativen ergriffen mit dem Ziel, diese Anfälligkeit zunächst einmal einzugrenzen und dann zu verringern.
Die Vereinigten Staaten stehen gegenwärtig im Begriff, ein nationales
Energieprogramm auszuarbeiten, das die Abhängigkeit vom Importöl in den kommenden Jahrzehnten ganz wesentlich verringern wird. Das kurzfristige Ziel ist
die Verringerung der Ölimporte um 1 Million Barrel pro Tag bis Ende 1975.
Langfristig wollen die Vereinigten Staaten bis zum Jahre 1985 die Ölimporte
sogar auf 1 Millium Barrel pro Tag senken - gegenüber gegenwärtig über
6 Millionen Barrel pro Tag. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Vereinig-

2-

�Vereinigten Staaten ihre großen einheimischen Ol-, Kohle- und sonstigen Energiequellen mobilisieren. Gleichzeitig muß die Wachstumsrate des Energieverbrauchs der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate angepaßt werden.
Anfang 1975 wird der Präsident auf eine Reihe umfassender politischer
Empfehlungen zurückgreifen können, die bis dahin aus dem Entwurf für das
"Projekt Unabhängigkeit" erarbeitet sein werden. Hohe Prioritäte in der im
Januar beginnenden neuen Sitzungsperiode des Kongresses wird der Verabschiedung von Gesetzen zukommen, die die Energiepolitik der USA in den kommenden
Jahrzehnten bestimmen werden.
Im Verlauf der letzten 12 Monate war klar geworden, daß wohl kaum ein
Land über eine ausreichende Machtposition auf den internationalen Olmärkten
verfügt, um einseitig eine Lösung der Ölkrise zu erreichen. Nur durch umfassende internationale Zusammenarbeit - zunächst zwischen den Verbraucherländern und dann zwischen Verbrauchern und Erzeugern - kann eine ausreichende
Energieversorgung zu vernünftigen Preisen sichergestellt werden.
Als direktes Ergebnis der Washingtoner Energiekonferenz vom Februar
dieses Jahres haben die Vereinigten Staaten und 15 weitere große Ölverbraucherländer ein Abkommen über die Schaffung eines Internationalen Energieprogrammes (IEP) unterzeichnet. Dieses Programm, das von der als autonome Institution innerhalb der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) geschaffenen neuen Internationalen Energiebehörde verwaltet wird, stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung auf eine wirksame Zusammenarbeit der Verbraucherländer in Energiefragen dar.
Das

-3-

�Das Programm besteht aus zwei wichtigen Teilen, die sich beide mit dem
Problem der Abhängigkeit vom Importöl befassen: Einmal geht es kurzfristig
um eine Krisenvereinbarung und zum anderen langfristig um ein gemeinsames
Vorgehen.
Die sich an dem Programm beteiligenden Länder haben ein integriertes
Krisenprogramm vereinbart, um, falls es dazu kommen sollte, auf jede künftige Unterbrechung der Ölversorgung vorbereitet zu sein und dann handeln zu
können. Dieses Krisenprogramm enthält drei Zusagen der beteiligten Länder,
die in einem engen Zusammenhang zueinander stehen:
»- Erstens, diese Länder werden einen gemeinsamen Grad der Selbstversorgung in Krisenfällen festlegen, der sich

jeweils nach ihrem Potential rich-

tet, ohne Importe auskommen zu können. Sie werden dieser Zusage im allgemeinen durch Anlegen von Ölvorräten entsprechen.
-- Zweitens, diese Länder haben vereinbart, Programme zur Einschränkung der
Nachfrage zu entwickeln, so daß sie im Falle einer Unterbrechung der Versorgung unverzüglich den Ölverbrauch um eine gemeinsame Rate senken können.,
-- Und drittens, diese Länder haben beschlossen, das verfügbare Öl
- d.h. die einheimische Förderung und die weiterlaufenden Importe - im Falle
einer Krise der Gruppe zur Verfügung zu stellen, um die Ausfälle proportional
auf die Mitglieder aufzuteilen. Dieses System wird im Falle eines allgemeinen
Embargos wie auch eines selektiven, nur gegen ein oder zwei Mitglieder der
Gruppe gerichteten Embargos angewandt werden.
Damit besitzen wir jetzt einen Rahmen für eine Solidarität der Verbraucher, so daß wir uns bei einer erneuten Unterbrechung der Versorgung in einer
weitaus besseren Position befinden werden. Wir müßten dadurch eine Aushöhlung

�Aushöhlung unserer politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, wie dies bei
dem kürzlichen Embargo der Fall war, vermeiden können.
Bei dem Krisenprogramm, so nötig dies auch ist, handelt es sich jedoch
im Grunde nur um eine kurzfristige Politik, die Sicherheit geben soll. Daher
haben sich die Mitgliedsstaaten der neuen Energiebehörde ferner verpflichtet,
gemeinsame langfristige Anstrengungen zu unternehmen, um ihre Abhängigkeit
vom Importöl für immer zu verringern.
Den nationalen Programmen, wie zum Beispiel dem amerikanischen"Projekt
Unabhängigkeit" muß dabei die Hauptaufgabe zufallen. Doch ist es notwendig,
daß solche Programme im Rahmen einer multilateralen Zusammenarbeit erfolgen.
Von einem Land auf dem Energiesektor durchgeführte Programme wirken sich ganz
zwangsläufig auch auf andere Länder aus. Daher hat die Internationale Energiebehörde ein umfassendes Programm für eine langfristige Zusammenarbeit bei der
Energieeinsparung, der Erschließung neuer Energiequellen, der Energieforschung und -entwicklung sowie der Urananreicherung aufgenommen.
Zwar liegt der Schwerpunkt bei der Schaffung eines Rahmens für eine Zusammenarbeit der Verbraucherländer, doch haben die Vereinigten Staaten gleichzeitig auch ihren Dialog mit den Erzeugerländern zu verstärken gesucht. Es wurden bilaterale Kommissionen mit bestimmten Energieexportländern, vor allem im
Nahen Osten, gebildet. Diese Kommissionen haben neue Beziehungen auf Gebieten
wie Investitionen, Handel, Technologie, Wissenschaft und Kultur angebahnt.
7AP\

dieser Kommissionen war es, den Bestrebungen dieser Länder durch Entgegen-

kommen auf anderen Bereichen zu entsprechen. Die Vereinbarungen selbst gereichen beiden Seiten zum Vorteil und sollen die Beziehungen auf anderen Handelsgebieten fördern.

Darüber

�i
Darüber hinaus haben sich die Vereinigten Staaten verpflichtet,mit den
anderen Verbraucherländern in der Internationalen Energiebehörde zusammenzuarbeiten, um die Beziehungen zu den Erzeugerländern zu verbessern. Die Erzeugerländer müssen sich jedoch mehr als bisher darüber klar sein, welche schwerwiegenden Auswirkungen die hohen Olpreise und die Unterbrechung der Versorgung
auf die Weltwirtschaft haben. Sie müssen ferner begreifen, daß alle Länder
-Ölexporteure wie Ölimporteure - ein entscheidendes Interesse an Stabilität
und Prosperität der Weltwirtschaft haben müssen.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten schließt die wachsende Zusammenarbeit der Verbraucherländer im Rahmen des internationalen Energieprogramms in
keiner Weise eine Zusammenarbeit mit den weniger entwickelten Verbraucherländern oder den Ölerzeugern selbst aus. Das Krisenprogramm ist defensiver und
nicht offensiver Natur.
Die Vereinigten Staaten und die übrigen Mitgliedsstaaten des Internationalen Energieprogramms wollen genau das erreichen, was verschiedene Erzeugerländer ihnen nahegelegt haben, nämlich Energie sparen und gleichzeitig die
Entwicklung alternativer Energiequellen beschleunigen.

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25/1974

DAS GEMEINSAME AMERIKANISCH-SOWJETISCHE KOMMUNIQUE VON WLADIWOSTOK
- Wortlaut -

WLADIWOSTOK —(AD)-- Im Anschluß an das Treffen zwischen dem amerikanischen
Präsidenten Gerald R. Ford und dem Generalsekretär des Zentralkomitees der
KPdSU, Leonid I. Breschnew, am 23. und 24. November in der Nähe von Wladiwostok wurde am 24. November folgendes gemeinsame amerikanisch-sowjetische
Kommunique veröffentlicht:
In Übereinstimmung mit dem früher bekanntgegebenen Übereinkommen fand
am 23. und 24. November 1974 in der Nähe von Wladiwostok ein Arbeitstreffen
zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Gerald R. Ford
und dem Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, L.I.Breschnew, statt.
An den Gesprächen nahmen teil der Außenminister der Vereinigten Staaten von
Amerika und Berater des Präsidenten für Fragen der Nationalen Sicherheit,
Henry A. Kissinger, und das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der
KPdSU und Außenminister der UdSSR, A.A. Gromyko.
Sie erörterten einen weiten Bereich von Fragen bezüglich der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen und der gegenwärtigen internationalen Lage.
An

�An den Gesprächen nahmen ferner teil:
auf amerikanischer Seite: Walter J. Stoessel, Botschafter der USA in der
UdSSR; Helmut Sonnenfeldt, Leiter der Rechtsabteilung des amerikanischen Aussenministeriums; Arthur A. Hartman, Unterstaatssekretär für Europäische Angelegenheiten; Generalleutnant Brent Scowcroft, Stellvertretender Berater des
Präsidenten für Fragen der Nationalen Sicherheit; und William Hyland, Leitender Bediensteter des amerikanischen Außenministeriums;
auf sowjetischer S-ite: A. Dobrynin, Botschafter der UdSSR in den USA;
A.M. Alexandrow, Berater des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU;
und G.M. Kornijenko, Mitglied des Kollegiums des Außenministeriums der UdSSR.

I.
Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion bekräftigen ihre
Entschlossenheit, ihre Beziehungen in der Richtung weiter zu entwickeln, wie
sie in den fundamentalen gemeinsamen Entschließungen und Grundverträgen sowie
Abkommen zwischen den beiden Staaten in den letzten Jahren festgelegt worden
sind.
Sie sind überzeugt, daß der Kurs der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, der auf die Stärkung des Weltfriedens, die Vertiefung des Abbaus der internationalen Spannungen und die Ausweitung einer beiderseits vorteilhaften
Zusammenarbeit von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftssysteme ausgerichtet
ist, den Lebensinteressen der Bevölkerung beider Staaten und anderer Völker
entspricht.
Beide Seiten sind der Ansicht, daß auf der Grundlage der zwischen ihnen
erreichten Abkommen bei der fundamentalen Neugestaltung der amerikanisch-2-

�ft
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen auf der Basis der friedlichen Koexistenz
und der gleichen Sicherheit wichtige Ergebnisse erzielt worden sind. Diese Ergebnisse bilden eine feste Grundlage für Fortschritte in der Neugestaltung
der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen.
Dementsprechend haben sie die Absicht, ohne in der Schwungkraft nachzulassen die Ausweitung des Ausmaßes und der Intensität ihrer kooperativen Anstrengungen auf allen Gebieten fortzusetzen, wie dies in den Abkommen niedergelegt ist, die sie unterzeichnet haben, damit der Prozeß der Verbesserung der
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR ohne Unterbrechung
andauern und nicht mehr umkehrbar sein wird.
Es wurde beiderseits die Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, die gegenseitigen Verpflichtungen strikt und voll einzuhalten, die von den Vereinigten Staaten und der UdSSR in Übereinstimmung mit den zwischen ihnen abgeschlossenen Abkommen und Verträgen eingegangen worden sind.

II.
Besondere Aufmerksamkeit wurde im Verlaufe der Gespräche einem Angelpunkt der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen geschenkt: Maßnahmen zur Beseitigung der Drohung eines Krieges und zur Beendigung des Wettrüstens.
Beide Seiten bekräftigen, daß die zwischen den Vereinigten Staaten und
der UdSSR erreichten Abkommen über die Verhütung eines Nuklearkrieges und die
Begrenzung der Strategischen Rüstungen ein guter Anfang in dem Prozeß sind,
Garantien gegen den Ausbruch eines nuklearen Konfliktes und eines Krieges
allgemein zu schaffen. Sie brachten ihre tiefe Überzeugung zum Ausdruck, daß
es notwendig ist, diesen Prozeß voranzutreiben, und äußerten die Hoffnung,

-3-

�»

I
Hoffnung, daß andere Staaten ebenfalls dazu beitragen werden. Die Vereinigten
Staaten und die UdSSR ihrerseits werden weiterhin nachhaltige Anstrengungen
unternehmen, um diese historische Aufgabe zu erfüllen.
Eine gemeinsame Erklärung zur Frage der Begrenzung strategischer Offensivwaffen wird getrennt herausgegeben.
Beide Seiten unterstrichen erneut die Bedeutung und Notwendigkeit einer
ernsthaften Anstrengung zur Verhütung der Gefahren, die mit der Ausbreitung
von Nuklearwaffen in der Welt verbunden sind. In diesem Zusammenhang unterstrichen sie die Bedeutung einer Erhöhung der Wirksamkeit des Vertrages über
die Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen.
Es wurde festgestellt, daß in Übereinstimmung mit früheren Abkommen erste
Kontakte zwischen Vertretern der Vereinigten Staaten und der "dSSR über Fragen hergestellt worden sind, die mit unterirdischen Nuklearexplosionen für
friedliche Zwecke, Maßnahmen zur Überwindung der Gefahren einer Anwendung von
Techniken zur Veränderung der Umwelt für militärische Zwecke sowie Maßnahmen
zu tun haben, die sich mit den gefährlichsten tödlichen Mitteln der chemischen
Kriegführung befassen. Es wurde vereinbart, die aktive Suche nach beiderseits
akzeptablen Lösungen dieser Fragen fortzusetzen.

III.
Im Verlauf des Treffens fand ein Meinungsaustausch über eine Reihe von
internationalen Fragen statt: besondere Aufmerksamkeit wurde den bereits in
Gang befindlichen Verhandlungen geschenkt, an denen beide Seiten beteiligt
sind und die dazu dienen sollen, bestehende Ursachen der Spannungen zu besei-

-4-

�beseitigen und die

Stärkung der internationalen Sicherheit und des Weltfrie-

dens herbeizuführen.
Nach einer Erörterung der Situation auf der Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa kamen beide Seiten zu dem Schluß, daß die Möglichkeit für einen baldigen erfolgreichen Abschluß dieser Konferenz besteht.
Sie gehen von der Annahme aus, daß die im Laufe der Konferenz erzielten Ergebnisse ihren Abschluß auf höchster Ebene erlauben werden, und damit ihrer Bedeutung für die Sicherung der friedlichen Zukunft Europas entsprechen werden.
Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken messen ebenso den Verhandlungen über eine beiderseitige Verringerung von Streitkräften und Rüstungen sowie damit zusammenhängenden Maßnahmen in Mitteleuropa große Bedeutung bei. Sie stimmen darin überein, aktiv
zur Suche nach beiderseits akzeptablen Lösungen auf der Basis des Grundsatzes
unverminderter Sicherheit für jeden der Beteiligten und der Verhinderung von
einseitigen militärischen Vorteilen beizutragen.
Nach Erörterung der gegenwärtigen Lage im östlichen Mittelmeer erklären
beide Seiten ihre feste Unterstützung der Unabhängigkeit, Souveränität und
territorialen Integrität von Zypern und werden jede Anstrengung in dieser Richtung unternehmen. Sie sind der Auffassung, daß eine gerechte Lösung der Zypernfrage auf der strikten Durchführung der Resolutionen beruhen muß, die vom
Sicherheitsrat und der Vollversammlung der Vereinten Nationen bezüglich Zyperns
gefaßt worden sind.
Im Verlaufe ihres Meinungsaustauschs über den Nahen Osten brachten beide
Seiten ihre Besorgnis über die gefährliche Lage in dieser Region zum Ausdruck.

-5-

�Ausdruck. Sie bekräftigten ihre Absicht, alle Anstrengungen zu unternehmen,
um eine Lösung der Schlüsselfragen eines gerechten und dauerhaften Friedens
in diesem Gebiet auf der Grundlage der Resolution Nr. 338 der Vereinten Nationen zu fördern, wobei die legitimen Interessen aller Völker des Gebietes einschließlich des palästinensischen Volkes, und die Achtung des Rechtes auf unabhängige Existenz für alle Staaten in dem Gebiet berücksichtigt werden sollen.
Beide Seiten sind der Überzeugung, daß die Genfer Konferenz eine wichtige
Rolle bei der Herstellung eines gerechten und dauerhaften Friedens im Nahen
Osten spielen und ihre Arbeit so bald wie möglich wieder aufnehmen sollte.

IV.
Der Stand der Beziehungen wurde auf dem Felde der kommerziellen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Bindungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken überprüft. Beide Seiten bestätigten die große Bedeutung, die ein weiterer
Fortschritt auf diesen Gebieten für die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen
haben würde, und brachten ihre feste Absicht zum Ausdruck, die Ausweitung und
Vertiefung der beiderseits vorteilhaften Kooperation fortzusetzen.
Beide Seiten unterstrichen die besondere Bedeutung, die sie der Entwicklung einer langfristigen Basis für die kommerzielle und wirtschaftliche Zusammenarbeit beimessen, einschließlich beiderseits nützlicher Großprojekte.
Sie sind der Überzeugung, daß eine derartige kommerzielle und wirtschaftliche
Kooperation der Sache einer Stärkung der Stabilität der sowjetisch-amerikani-

-6-

�amerikanischen Beziehungen dienen wird.
Beide Seiten stellten mit Befriedigung den Fortschritt in der Durchführung
von Abkommen und bei der Entwicklung der Bindungen und der Kooperation zwischen
den Vereinigten Staaten und der UdSSR auf den Gebieten der Wissenschaft, Technologie und Kultur fest. Sie sind überzeugt, daß die weitere Expansion einer
derartigen Zusammenarbeit den Völkern beider Länder zugutekommen und ein wichtiger Beitrag zur Lösung weltweiter wissenschaftlicher und technischer Probleme sein wird.
Die Gespräche wurden in einer Atmosphäre der Offenheit und des gegenseitigen Verständnisses geführt, die den konstruktiven Wunsch beider Seiten erkennen lassen, das friedliche kooperative Verhältnis zwischen den Vereinigten
Staaten

von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zu

stärken und weiter auszubauen und den Fortschritt in der Lösung offener internationaler Probleme im Interesse der Erhaltung und Stärkung des Friedens zu
sichern. Die Ergebnisse der Besprechungen stellten eine überzeugende Demonstration des praktischen Wertes sowjetisch-amerikanischer Gipfeltreffen und
ihrer außergewöhnlichen Bedeutung für die Gestaltung eines neuen Verhältnisses
zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion dar.
Präsident Ford erneuerte die Einladung an L.I.Breschnew,den Vereinigten
Staaten im Jahre 1975 einen offiziellen Besuch abzustatten. Das genaue Datum
des Besuches wird später vereinbart werden.

Für die Vereinigten Staaten von Amerika
gez. Gerald R. Ford
Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika
24. November 1974
-H-i-7-

Für die Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken
gez. L. I. Breschnew
Generalsekretär des Zentralkomitees
der KPdSU

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24/1974

GEMEINSAME AMERIKANISCH-SOWJETISCHE ERKLÄRUNG ZU SALT
- Wortlaut WASHINGTON --(AD)— Die am 24. November in Wladiwostok herausgegebene gemeinsame amerikanisch-sowjetische Erklärung zu den SALT~Verhandlungen, auf die
im gemeinsamen Kommunique verwiesen wird, hat folgenden Wortlaut:
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Gerald R. Ford, und
der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, L.I. Breschnew, erörterten während ihres Arbeitstreffens in der Nähe von Wladiwostok am 23. und
24. November 1974 im einzelnen die Frage weiterer Begrenzungen der strategischen Offensivwaffen.
Sie bekräftigten erneut die große Bedeutung, die beide, die Vereinigten
Staaten und die UdSSR, der Begrenzung der strategischen Offensivwaffen beimessen. Sie sind überzeugt, daß ein langfristiges Abkommen über diese Frage
ein bedeutsamer Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sowie
zur Verringerung der Kriegsgefahr und der Förderung des Weltfriedens sein würde. Unter Hinweis auf den Wert früherer Abkommen über diese Frage, darunter
das Interimsabkommen vom 26. Mai 1972, bekräftigten sie ihre Absicht, ein

-1-

�ein neues Abkommen über die Begrenzung der strategischen Offensivwaffen zu
schließen, das bis Ablauf des Jahres 1985 gelten soll.
Als Folge des Gedankenaustausches über die Substanz eines solchen neuen
Abkommens kamen der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU zu dem Schluß, daß günstige Aussichten für einen Abschluß der Arbeiten an diesem Abkommen im Jahre 1975 bestehen.
Es wurde Übereinkunft darüber erzielt, daß weitere Verhandlungen auf der
Grundlage folgender Bestimmungen geführt werden:
1. In das neue Abkommen werden die relevanten Bestimmungen des Interimsabkommens vom 26. Mai 1972 mit aufgenommen werden, die bis Oktober 1977 in
Kraft bleiben werden.
2. Das neue Abkommen wird sich über den Zeitraum von Oktober 1977 bis zum
31. Dezember 1985 erstrecken.
3. Gestützt auf den Grundsatz der Gleichheit und gleichen Sicherheit
wird das neue Abkommen die folgenden Begrenzungen einschließen:
a) Beide Seiten werden berechtigt sein, eine bestimmte vereinbarte
Gesamtzahl von strategischen Trägerwaffen zu besitzen.
b) Beide Seiten werden berechtigt sein, eine bestimmte vereinbarte Gesamtzahl von ICBMs (Interkontinentalraketen) und SLBMs (unterseebootgestützte
Raketen) mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVS)

zu besitzen.

4. Das neue Abkommen wird eine Bestimmung über weitere nicht später als
1980-81 beginnende Verhandlungen über die Frage einer weiteren Begrenzung und
möglichen Reduzierung der strategischen Waffen im Zeitraum nach 1985 enthalten.
5.

�5. Verhandlungen zwischen den Delegationen der Vereinigten Staaten und
der UdSSR mit dem Ziel der Ausarbeitung eines neuen, die vorgenannten Punkte
umfassenden Abkommens werden im Januar 1975 in Genf aufgenommen werden.

+++

-3-

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25/1974

LOOPING AM JUPITER
PIONIER 11 besucht zwei Großplaneten

Von Gertrud Weiss

- (AD) - Zum zweiten Mal bekam Jupiter, der riesige Ball aus Wasserstoff
und Helium, Besuch von der Erde. Für die amerikanische Forschungssonde PIONIER 11,
die am 5. April 1973 vom Kennedy-Raumfahrtzentrum in Florida die ca. 1 Milliarde
km weite Reise zum größten Planeten unseres Sonnensystems antrat, begann in der
Nacht zum 3. Dezember 1974 der wohl kritischste Teil der ganzen Mission. Sie
hatte, von Süden her kommend, in 136 000 km Abstand vom Jupiter die inneren
Strahlungsgürtel zu passieren, wo das Bombardement von Elektronen und Protonen
fast 40 OOO mal intensiver ist als in den Strahlungsgürtel.der Erde.

Die Schwestersonde PIONIER 10, die als Pfadfinder zu den Großplaneten vor
einem Jahr den Jupiter und dessen Umgebung zum ersten Mal sondiert hatte, war
in Äquatorhöhe schräg in diese Zone eingeflogen und deshalb relativ lange dem
Partikelbombardement ausgesetzt. Als Folge davon fielen einige Instrumente eine
Zeitlang aus oder arbeiteten mit verminderter Leistung.

Um dieses Risiko bei

PIONIER 11 möglichst klein zu halten, galt es, die Sonde auf schnellstem Wege
und senkrecht durch den Bereich stärkster Strahlung zu bringen.
Zweck vorgenommene

Die zu diesem

Kurskorrektur bewirkte u.a., daß sich PIONIER 11 dem Planeten

Jupiter bis auf 41 000 km (PIONIER 10: ca. 130 OOO km) näherte, wcbei der Roboter auf 172 000 km pro Stunde bzw. 48 000 m/sec (PIONIER 10: 132 000 km pro

- I -

�pro Stunde bzw. 36 650 m/sec) beschleunigt wurde. Vermutlich absorbierte
PIONIER 11 nur ein Viertel der Strahlungsdosis, die der Vorgänger abbekam.

Ballspiel nach den Gesetzen der Himmelsmechanik

Die enorme Beschleunigung im Schwerefeld des Giganten, der mehr als
140 000 km Äquatordurchmesser, das 317fache der Erdmasse und das 1347fache
des Erdvolumens aufweist, führte außerdem zu einer krassen Veränderung der
Flugbahn der Sonde. In Gegenrichtung zur Jupiter-Rotation - der Planet dreht
sich in der kurzen Zeit von nur 9 Stunden und 55 Minuten einmal um die eigene
Achse - raste PIONIER 11 über den Nordpol wieder davon, zurück in den inneren
Bereich der Heliosphäre.

Die geheimnisvollen Kräfte der Gravitation hatten

eine Bahnänderung erzwungen, die einem halben Looping um die Jupiter-Pole vergleichbar ist. Der Kurs führt in einem weiten Bogen über Erdbahn und Sonne
hinweg bis zur Umlaufbahn des Planeten Saturn.

Fünf Jahre, genau bis zum September 1979, wird PIONIER 11 brauchen, um
die ca. 3,2 Milliarden km bis zur Saturn-Bahn zurückzulegen.

Dabei passiert

er noch nie erforschte Räume, denn die neue Flugbahn verläuft bis zu 15 Grad
(oder mehr als 160 Millionen km) über der Ebene der Ekliptik, d.h. der Bahnebene der Erde relativ zum Himmelsäquator.
selbst "sieht"

Die inneren Planeten und die Sonne

PIONIER 11 also eine Zeitlang aus einer Art Vogelperspektive.

Eine Kurskorrektur einige Wochen nach dem Rendezvous mit Jupiter soll dafür
sorgen, daß der absteigende Bogen auf der dem Looping-Punkt gegenüberliegenden
Seite, jenseits der Sonne, die Bahn des Planeten Saturn an einem bestimmten
Punkt schneidet.

PIONIER 11 wird diesen Punkt im September 1979 just zu der

Zeit erreichen, in der auch der Saturn auf seinem Lauf um die Sonne sich dort
befindet.

�»
Ist der Ringplanet dem Jupiter ähnlich?

Dieser Planet mit 10 bisher bekannten Monden und einem System flacher,
leuchtender Ringe um den Äquator umkreist die Sonne in einem mittleren Abstand
von 1,438 Milliarden km.

Er braucht für einen Umlauf 29,46 Erdenjahre. Fern-

rohrbeobachtungen vermitteln den Eindruck, als ob auch die Saturn-Oberfläche
eine

Streifenstruktur aufweist, wie man sie vom Jupiter kennt und dank der

PIONIER-Sonden aus der Nähe studieren konnte. Allerdings scheint dieser zweitgrößte Planet im Sonnensystem eine geringere mittlere Dichte als Jupiter und
im Gegensatz zu diesem kein Magnetfeld zu haben.

Jedenfalls war das Magnetfeld,

falls es doch existieren sollte, bisher nicht festzustellen.

Wenn die Bordinstrumente von PIONIER 11 das Strahlenbombardement am Jupiter
- der nach den bisherigen Erkenntnissen der Astrophysik vielleicht sogar als
"Halbbruder"

der Sonne betrachtet werden kann - und den weiten Weg durch die

Heliosphäre ohne nennenswerte Schäden überstehen, hätte die Wissenschaft in
knapp fünf Jahren zum ersten Mal die Möglichkeit, auch den fernen Saturn zum
ersten Mal aus der Nähe zu sondieren.

Eine der fünf zur Wahl stehenden Passagen

am Saturn würde zwischen dem Zentralkörper und dem inneren Ring hindurchführen.
In diesem Fall würde PIONIER 11 den Planeten von der rechten Seite her anfliegen
und danach, wie PIONIER 10, das Sonnensystem schließlich verlassen.

Die Projekt-

leiter am Arnes-Forschungsinstitut der NASA in Kalifornien können sich jedoch
noch Zeit lassen mit der Entscheidung, welcher "Fein"-Kurs zum Ziel Nr. 2 genommen werden soll.

Mit der jetzt auch am Jupiter praktizierten

"Swing-by"-Technik

wird die

Gravitationskraft eines anderen Himmelskörpers dazu benutzt, ein von Menschenhand geschaffenes Fluggerät weit draußen im Weltraum auf eine andere Bahn zu
katapultieren.

Zum ersten Mal wurde dieses Verfahren Anfang 1974 bei der Sonde

MARINER lO mit großem Erfolg erprobt, die unter dem Einfluß der Gravitationskraft des Planeten Venus eine Bahnveränderung um ca. 90 Grad erfuhr, so daß
sie ein paar Wochen später den Planeten Merkur aus wenigen Hundert Kilometern
Abstand fotografieren konnte.
Um

- 3-

�Um die Flugbahn einer "Swing-by"-Sonde
lose Fremdfaktoren, d.h. Daten

berechnen zu können, müssen zahl-

anderer Himmelskörper, berücksichtigt werden.

Aber dadurch wird es möglich, ohne technische Neuentwicklungen, z.B. neuartige
Antriebssysteme, Forschungsgeräte sowohl zu den erdnächsten Planeten und zur
Sonne als auch in die äußeren Bereiche unseres Sonnensystems zu dirigieren.

Energieentladungen - "Kurzschluß" im Jupiter-Magnetfeld?

Die Projektgruppe für das Experiment

PIONIER 11 hofft, aus den Meßdaten

der Bordinstrumente Hinweise auf den Mechanismus der ungeheuren Energieentladungen am Jupiter zu bekommen.

Für Beobachter auf der Erde ist neben der Sonne

der Planet Jupiter eine der "lautesten"

Quellen von Radiostrahlung.

Nach den

gegenwärtigen Erkenntnissen scheint der Jupitermond Jo, der den Planeten in
ca. 350 OOO km Abstand umkreist, die starken elektrischen Entladungen auszulösen - vielleicht in der Weise, daß er magnetische Kraftlinien im Jupiterfeld
verbindet.

Die Messungen an dem viele Millionen Kilometer in den Raum hinaus-

reichenden, stark pulsierenden Magnetfeld sowie in den Strahlengürteln des
Jupiter zählen zu den wichtigsten Aufgaben von PIONIER 11. Auf Grund ihrer
Flugbahn vermag die Sonde die Veränderungen während einer kompletten Rotation
zu registrieren.

Schon im November begann PIONIER 11 mit den Farbaufnahmen, von denen etwa
500 erwartet werden.

In Ergänzung zu den Bildern, die PIONIER lO von den

horizontalen Wolkenbändern samt ihrer Feinstruktur und dem

"Roten Fleck" über-

mittelte, sieht PIONIER 11 beim Überfliegen der Polarzonen die Wolkenbänder
als konzentrische Ringe. Vielleicht ist es über den Polen, wo die Atmosphäre
dünner sein muß als im Äquatorgebiet, sogar möglich, mehr Informationen über
tieferliegende Regionen zu bekommen.

Mehr als neun Monate waren die am PIONIER-Projekt beteiligten Wissenschaftler
mit der Auswertung der PIONIER 10-Ergebnisse beschäftigt, um eine vorläufige
Bilanz zu ziehen.

Sie ergab u.a., daß der größte Planet ein rotierender Ball

von flüssigem Wasserstoff sein muß, Falls er überhaupt einen Gesteinskern be- 4 -

�besitzt, so wäre dieser außerordentlich klein und verflüssigt.

Konzentrationen

von festen Massen, wie sie etwa einer Kruste entsprechen, waren nicht zu finden.

Die obere Atmosphäre besteht zu 82 Prozent aus Wasserstoff, zu 17 Prozent
aus Helium und zu einem Prozent aus anderen Elementen.

Infrarot-Beobachtungen

ergaben außerdem das Vorhandensein von Äthan und Azethylen in der Atmosphäre
- von Molekülen also, die für die Entwicklung von Leben erforderlich sind.
Das heißt jedoch nicht, daß Leben auf dem Jupiter vermutet wird.

Die Existenz

dieser Moleküle hat jedoch insofern Bedeutung, als sie die chemische Evolution
des Planeten deuten hilft.

Unter der ca. 240 km dicken Wolkendecke dürfte sich im unteren Teil der
Atmosphäre eine ca. 1000 km tiefe Übergangszone befinden, in der Wasserstoff
aus dem gasförmigen in den flüssigen Zustand übergeht.

Eine weitere Übergangs-

zone mit flüssigem und metallischem Wasserstoff liegt etwa 25 OOO km tief.
o
Dort erreichen die Temperaturen bis zu 11 000 C und der Druck dürfte drei
Millionen Mal höher sein als auf der Erde.

Falls im Zentrum (66 740 km unterhalb der Außenzone) ein Kern existiert,
wäre dort mit Temperaturen um fast 30 000

C zu rechnen.

PIONIER 10 bestätigte

auch die Anfang der sechziger Jahre geäußerte Vermutung, daß der Jupiter mehr
Energie abgibt als er von der Sonne aufnimmt. Auf Grund der Sonden-Messungen
strahlt er zwei- bis dreimal mehr Wärme ab. . Die Wissenschaftler nehmen heute
an, daß der Jupiter sich verdichtet, an Volumen verliert und abkühlt.

Die

dabei abgegebene Wärme wäre dann Restenergie aus der Zeit seiner Entstehung.

Das "Wetter" auf dem Jupiter hat mit dem auf der Erde keine Ähnlichkeit.
Nach Prof. Andrew Ingersoll (Technische Universität Kalifornien) sind die grauweißen Bänder Wolkengipfel aufsteigender Atmosphäre.
die orangefarbenen und bräunlichen Gürtel

"Wolkentäler"

die etwa 20 km tiefer liegen als die weißen Wolken.
bekannten

"Roten Fleck"

Im Gegensatz dazu sind
absinkender Atmosphäre,

Bei dem seit 300 Jahren

dürfte es sich um einen riesigen Wirbel handeln, in

dem, ähnlich wie bei einem Hurrikan auf der Erde,Materie nach oben gesogen wird.
Seine Zusammensetzung ist jedoch noch immer ungeklärt.
Auch
- 5 -

�Auch die atmosphärische Zirkulation ist von der auf der Erde völlig verschieden.

Die Wolken sind so weit auseinandergezogen, daß sie sich wie Bänder

um den Planeten legen.

Dies dürfte nicht nur eine Folge der gewaltigen Rota-

tionsgeschwindigkeit sein (sie liegt bei 35 200 km pro Stunde), sondern auch
der Wärmestrahlung aus dem Planeteninneren.

Die Dichte von vier Jupitermonden wurde: mit Hilfe von PIONIER 10 ziemlich
genau bestimmt.

Jo, der innerste der großen Monde, hat etwa die gleiche Dichte

wie der Erdmond.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Dichte dieser

vier Monde ihrem Abstand vom Jupiter direkt proportional ist.

Die Monde Jo

und Europa weisen die größte Dichte auf, so daß anzunehmen ist, daß sie aus
Gestein bestehen.

Ganymed und Callisto dagegen sind weniger dicht und dürften

aus einem Gemenge von Wassereis und Gestein aufgebaut sein.

Im Gegensatz zum Erdmond haben wahrscheinlich alle Monde des Jupiter - der
13. wurde erst im September 1974 entdeckt - eine Atmosphäre.

Sie ist sehr dünn,

so daß es PIONIER 10 sogar gelang, optische Eindrücke von der Oberfläche der
zwei größten Jupiter-Satelliten zu übermitteln. Auf dem Mond Ganymed scheint
es hoch- und tiefliegende Gebiete zu geben, dem Hochland und den "Meeren" auf
dem Erdenmond vergleichbar.

+ + + + +

- 6 -

�</text>
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nroimciuon
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

4 . Dezembei

48

1985

[ N h A L T

DOKUMENTATION
Hochtechnologie:

Die neue industrielle Revolution

- Von Botschafter Richard R. Buit -

WISSENSCHAFT JND TECHNIK
Monteure im Raumanzug
- ATLANTI5-Unternehmen bereltetf

wichtige Zukunftspro jek 1 e

vor * * * * *

Um Über/endung von
ßckgcHcmpIcwcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�4. Dezember 1985

48

HOCHTECHNOLOGIE:

DIE NEUE INDUSTRIELLE REVOLUTION

- Von Botschafter Riciard R. Burt -

FRANKFURT
- (AD) - Der Botsch ifter der Vereinigten Staaten
vcn Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Richard R. Burt,
hat am 4. Dezember 1985 vor der Am jrikanischen Handelskammer in
Frankfurt ausführlich über die \ erausforderung der modernen
Hochtechnologie für die heutige G esellschaft gesprochen.
Die
durch die Hochtechnologie herbeige führte Revolution habe nicnt
nur tiefgreifende Auswirkungen au f die Beziehungen der Industriestaaten untereinander und zi i den neuentstehenden Industrieländorn, sondern auch auf das Verhältnis zwischen Ost und
West. Dia Vereinigten Staaten unc die Bundesrepublik Deutschlc-nd, so erklärte Botschafter Burl , "sind führend in der Welt
auf technologischem Gebiet, und wi : müssen diese führende Rolle
dazu nutzen, die sozialen und wirt schaftlichen Probleme unserer
demokratischen Gesellschaften zu li isen." Der Erfolg dabei werde' unseren Wohlstand und unsere Sic herheit stärken.

Die Ansprache des amerikanischen Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
Schon bald nach meiner Ankunft in Bonn bat mich der Präsident dieser angesehenen Organisation, Fred Drake, Ihr Ehrenpräsident zu werden. Ich habe gern angenommen. Ich betrachte diesen Titel nicht nur als eine symbolische Ehre, die routinemäßig
je'dem amerikanischen Botschafter zuteil wird. Ich betrachte es
als eine Aufforderung, Ihre Aufgate aktiv zu unterstützen, und

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�unterstützen, und ich darf Ihnen versichern, daß Sie meine volle Mitarbeit haben werden. Ihre Präsenz hier in der Bundesrepublik Deutschland ist gut für die Bilanzen Ihrer Unternehmen
- zumindestens hoffe ich es. Amerikanische Investitionen bringen auch über eine Million Arbeitsplätze für die deutsche Wirtschaft. Das ist eine Leistung mi1. wichtigen wirtschaftlichen,
sozialen und politischen Folgen, auf die wir alle stolz sein
können.
In einem größeren Zusammenhang gesehen ist Ihre Präsenz hier auch eines der wichtigs:en Bande, die unsere beiden
Länder miteinander verbinden.
Ich möchte, daß dieses Band erhalten und gefestigt wird.
In früheren Reden habe ich der gegenwärtigen Stand der BeZiehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepub u k Deutschland als eine "reife Partnerschaft" bezeichnet,
Mit der jüngsten Erneuerung des amerikanischen Selbstbewußtseins ging hier in Deutschland eir wachsendes Vertrauen in die
wirtschaftliche Stärke und die po Litische Stabilität der Bundesrepubl:.k einher. Die Vereinigt en Staaten sind heute bereiter als in der Vergangenheit, ihre Macht und ihre Verantwortung
zu teilen. Wir Amerikaner sind we Tiger geneigt, einseitige LöSLingen der Weltprobleme zu suchen
Die Bundesrepublik ihrerseits ist eher bereit, sich als ei 1 führendes Mitglied der Völkergemeinschaft zu sehen. Die Deu tschen sind weniger in ihren
eigenen Angelegenheiten befangen, Ich möchte wünschen, daß wir
in diesem Geiste zusammenarbeiten, um kreativ auf die Herausforderungen des Wandels in der hei tigen Welt zu reagieren. Ich
möchte mi :h in meinen heutigen Au&lt; führungen auf eine der wichtigsten dieser Herausforderungen l onzentrieren:
Die Hochtechnologie.
Ich brauche einer Zuhörerschaf t von führenden Wirtschaftsleuten nicht zu sagen, daß wir m itten in einer rasch und in
viele Richtungen voranschreitenden wissenschaftlichen und technologischen Revolution stehen, d Le unsere Volkswirtschaften,
unsere Gesellschaften und unser tä gliches Leben verändert. Sie
sind diejenigen, die computerges :euerte Werkzeugmaschinen in
de;n Produktionsprozeß einbauen. £ ie sind diejenigen, die Computer an das Fernmeldenetz angesch ;lossen und radikale Veränderungen in unserer Arbeits- und Le bensweise vorgenommen haben,
Sie sind diejenigen, die die pharm azeutische, chemische und Lebensmitteiindustrie durch Biotechni k verändern werden.
Angst vor dem Neuen
Ich brauche Ihnen auch nicht ?u sagen, daß viele Leute im
Westen diese neue wissenschaftliche und technologische Revolution auch mit gemischten Gefühlen betrachten. Daß die Einführung neuer Technologien Gefühle der Angst und Entfremdung hervorrufen können, ist nichts Neues.
Die Menschen machen sich
Sorgen, daß sie ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Sie ha- 2 -

�Sie haben auch tieferliegende Befürchtungen, daß die Gesellschaftsordnung, die sie kennen, zerbrechen könnte - daß sie irgendwie die Fähigkeit verlieren konnten, ihr eigenes Leben zu
bestimmen. Wir alle erinnern uns an die Maschinenstürmer, die
die neuen Textilmaschinen zerschlugen, die Anfang des 19. Jahrhunderts in den englischen Midlands eingeführt worden waren.
Die heute in der Bundesrepublik zum Ausdruck gebrachten Befürchtungen mögen nicht so heftig sein, aber sie sind trotzdem
real und sie kommen auch in anderen Industriestaaten zum Ausdruck. Die Leute sagen, verstärkt? Automation bedeutet Verlust
an Arbeitsplätzen. Wenn man am Fließband gearbeitet hat, dann
kann man nicht lernen, Software zu entwickeln. Fabriken werden
schließen.
Ganze Gemeinden werden leiden.
Die biotechnische
Revolution läßt auch Besorgnisse bezüglich der öffentlichen Sicherheit und grundlegendere moralische Zwangslagen aufkommen.
Die neue Informationstechnologie fordert unsere Fähigkeit heraus, geistiges Eigentum zu schützen. Sie dringt in unsere Privetsphäre ein.
Ich vernehme auch allgemeinere mehr ins Philosophische gehende Fragen bezüglich der Auswir &lt;ungen der neuen Technologie
auf unsere gesellschaftlichen und politischen Systeme. Bedeutet die Forderung nach höchstkomp] izierten technologischen Fahigkeiten, daß unsere Gesellschaft elitär wird? Wie fair ist
die Verteilung der Erträge?
Wie sehen jene mit technischer
Ausbildung die politischen und v irtschaftlichen Trends, die
sich aus der Technologie ergeben? Wie sehen Politiker und Regierungsvertreter - selbst Botschal 'ter - , die keine technische
Ausbildung haben, die Kräfte des V andels in der heutigen Welt?
Wenn unsere führenden Persönlichk eiten schon Probleme haben,
wie geht es dann dem durchschnittli chen Wähler?
Regierungen und Meinungsmacher fürchten auch, daß ein anderes Land die Führung in der modernen Technologie übernehmen
könnte und sie in wirtschaftlicher Stagnation oder sogar sozialem Niedergang zurücklassen könnte.
Noch vor wenigen Jahren
wurde in weiten Kreisen der Bundesrepublik diese Befürchtung
zum Ausdruck gebracht. Sie kam gf.nz besonders deutlich in einem Buch mit dem Titel "The World After Oil" (Die Welt nach dem
öl), von Bruce Nussbaum, einem amerikanischen
Journalisten
deutlich, der 1983 schrieb: "Die technologische Grundlage, auf
die sich das deutsche Wirtschaftsvunder stützte, veraltet mehr
und mehr... Westdeutschland ist heute ein Land, das voll Vertrauen durch das 20. Jahrhundert ueht und sich überhaupt nicht
über die wirtschaftliche Katastropie im klaren ist, der es bereits ausgesetzt ist". Die Befürchtung, zurückzubleiben, ist
nicht auf Deutschland beschränkt.
Es gibt vielmehr eine Art
Pyramide von Besorgnis. Die Amerikaner sorgen sich darum, mit
Japan Schritt zu halten. Die Deutschen sorgen sich darum, mit
Japan und den Vereinigten Staaten Schritt zu halten. Die Franzosen und die Briten sorgen sich darum, mit Japan, den Vereinigten Staaten und Deutschland Schiritt zu halten usw. Ich fra- 3 -

�Ich frage mich, um wen sich die Japaner Sorgen machen - wahrscheinlich um Korea, Singapur und Taiwan.
Die durch die Hochtechnologie herbeigeführte Revolution hat
tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Beziehungen zwischen der Industriestaaten und ihren Konkurrenten unter den
neuentstehenden Industrieländern, sondern auch und vielleicht
am tiefgreifendsten auf das Verhältnis zwischen Ost und West.
Wenn Amerika sich Sorgen über eine mögliche japanische Führungen in der Technologie macht, wenn sich Deutsche über eine mögliche japanische und amerikanische Führung Sorgen machen, dann
darf man sicher sein, daß die Sowjetunion sich Sorgen über die
sehr viel größere und immer größer werdende Kluft zwischen sich
und den westlichen Nationen insgesamt macht.
Es ist einfach eine Tatsache, daß das sowjetische System,
ohnehin nicht besonders wettbewerbsfähig, selbst auf den Gebieten der Schwerindustrie, ganz abgesehen von der Landwirtschaft,
ganz besonders ungeeignet ist, mit der neuen technologischen
Revolution Schritt zu halten.
Dieses System ist nicht besonders ermutigend für Innovation, Unternehmertum und Risikofreudigkeit, die die heutigen
technologischen Durchbrüche hervordringen, und sie kommerziell
nutzbar machen.
Und in gleicher Weise sind die Gebiete, auf
denen diese Durchbrüche stattfinden - beispielsweise Mikroelektronik und Informationssysteme - gerade jene, die eine Verbreitung von Information und den EntScheidungsprozeß erleichtern
und voranbringen - Dinge, die im Gegensatz zum sowjetischen System stehen.
Wenn man von dem seit langem bestehenden Streben der Sowjetunion zur Aufrechterhaltung e.ner Verteidigung gegen ballistische Raketen ausgeht, dann dürfen wir sicher sein, daß ihre Ablehnung der Strategischen Verteidigungsinitiative Präsident Reagans nicht aus der Ablehnung des Konzepts der strategischen Verteidigung an sich entspringt. Diese Ablehnung entspringt vielmehr der Befürchtung diBr Sowjets, daß die technologischen Fähigkeiten des Westens diesem einen Vorsprung auf diesem Gebiet erlauben könnten. Und vielleicht macht man sich in
Moskau auch darüber Sorgen, daß dss SDI-Programm der technologischen Kapazität des Westens auch auf anderen Gebieten einen
Auftrieb geben könnte.
Der Westen mußte bereits den materiellen und personellen
militärischen Vorsprung der Sowjet;, durch die Aufrechterhaltung
eines qualitativen Vorsprungs in militärischem Gerät ausgleichen.
Die neuesten Technologien bieten uns die Möglichkeit,
diesen Vorsprung aufrechtzuerhalten.
Auf lange Sicht könnte
man hoffen, daß die jüngste Revolution in der Technologie und
der sowjetische Wunsch, auf diesen Gebieten wettbewerbsfähig zu
werden, auch sie zu einem offeneren, dezentralisierteren und
flexibleren Wirtschafts- und Gesellschaftssystem führen werden,
wie es offensichtlich China jetzt anzustreben scheint.
Falls die

�Falls die Sowjetunion sich zu solchen wirtschaftlichen und
sozialen Reformen entschließen könnte, würden sich die Möglichkeiten für den Ost-West-Handel zweifellos vergrößern.
Solange
jedoch die Sowjetunion westliche Interessen bedroht und einen
solch großen Teil ihres Reichtums und ihrer internen Anstrengungen dem militärischen Sektor widmet, müssen wir den Technologiefluß kontrollieren und verhindern, daß die Errungenschaften westlichen Erfindergeistes gegen uns gerichtet werden.
Technologie und Fortschritt
Wenn die Technologie eine Her ausforderung unserer Ges eilscha ften darstellt, so bietet sie auch größere Möglichkei ten .
Die Geschichte hat gezeigt, daß dit? neue Technologie zwar v ielleic ht zunächst neue Eliten hervo rbringen kann, daß aber auf
lang e Sicht die Erträge - wenn sie in die Wirtschaft aufge nornmen und über die Bildungssysteme weitergegeben wird - b reit
vert eilt verden. Gestern war der Computer noch etwas für ein
Heute tre ffen
Fers chungslaboratorium oder eine Riesenfirma.
Sie ihn in den meisten Büros und in vielen Wohnungen an. Die
rieh tige Antwort auf die Herausfoi derungen der technologis chen
Revo lution besteht nicht darin, dii 5 Technologie abzulehnen oder
sich , wie das manche Leute möchtei1, sich in eine Art vori nduDie richtige Ant owrt
st rieller Vergangenheit zurückzuzi ehen.
best eht darin, die Technologie seli ist zu nutzen, um die Pro bleme z u lösen, die aufgrund des techn ologischen Wandels entste hen.
Bei der Überwindung der Besorgnisse über Verluste von Arbeit splätzen und die industriellen Verzerrungen, die durch die
tech nologische Revolution hervorgeträcht wurden, können die Indu striestaaten aus ihren gegenseitigen Erfahrungen lernen, Aus
dies em Grunde treiben wir das Arbeitsprogramm für struktur eile
Anpa ssung voran, das in der OECD in Angriff genommen wo rden
ist. Wie wir in jedem Stadium der industriellen Revolution erfahr en haben, brauchen wir uns vor dem Wandel nicht zu fü rchten. Es war ironischerweise Karl 4arx, der vorausgesagt ha tte,
daß es die industrielle Revolution sei, die jene Prosper ität
herb eiführen werde, die dafür sorgen werde, daß für eine Verbess erung der Lage der Arbeiterklasse und eine geringere R adikeli tat sorge.
Was die Besorgnis der Bundesrepublik Deutschland angeht,
mit den Vereinigten Staaten und Japan "Schritt zu halten", so
giaube ich, daß die Wirklichkeit vielschichtig ist.
Die Art
von Pessimismus, wie sie Nussbaum zum Ausdruck gebracht hat,
ist sicherlich nicht gerechtfertigt, aber ebenso ungerechtfertigt ist Selbstgefälligkeit
Seit meiner Ankunft in Bonn habe ich versucht, mich aus
erster Hand darüber zu informieren, was die Bundesrepublik
Deutschland im Bereich der Hochtechnologie unternimmt.
Im
Oktober besuchte ich das Berliner Innovations- und Gründerzent-

�und Gründerzentrum, das gemeinsam /on der Technischen Universität und dem Senat finanziert wird.
Seit seiner Gründung im
Jahr 1983 sind 26 Firmen dort eingezogen oder wurden dort gegründet, die in Bereichen wie Software, Vollautomation und
elektronische Präzisionsinstrumente arbeiten. Das ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Firmen mit einer Universität
zusammenarbeiten können. Anfang November hatte ich das Vergnügen, die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und
Raumfahrt in Oberpfaffenhofen zu jesuchen, wo ich das hochmoderne Kontrollzentrum für die D-i. Mission besichtigte.
Erst
jüngst stattete ich der Gesellschaft für biotechnologische Forschung in Braunschweig einen Besteh ab.
Gegründet mit Hilfe
eines Zuschusses der Volkswagen-Stiftung, bietet diese Gesellschaft dis Gewähr dafür, daß der Bundesrepublik - und insbesondere dem Land Niedersachsen - der Einstieg in eines der wichtigsten Gebiete der Revolution in Hochtechnologiebereich gelingt.
Auf derselben Reise sah :.ch noch mehr Beweise dafür,
daß Norddeutschland nicht gewillt ist, bei der Hochtechnologie
gegenüber dem Süden hintan zu s ;ehen.
Bei der Krupp Atlas
Elektronik in Bremen wurden mir auf eindrucksvolle Weise die
Möglichkeiten bei der Datenverarbeitung und bei Simulatoren für
Atomreaktoren und Umweltkontrollsystemen demonstriert.
Meine Beweisführung mag anekdo :ischen Charakter haben, aber
sie war eindrucksvoller Natur und wird durch das Wirtschaftsministerium der Bundesrepublik erhärtet, das in einer Untersuchung vom vergangenen Jahr zu dem Schluß gelangt, daß die Wettbewerbslage der Bundesrepublik Deutschland insgesamt noch immer
stark ist. Die Studie zeigte, daü die Vereinigten Staaten und
Japan noch immer im Bereich Computer und Mikroelektronik führend sind, daß jedoch - bei einer breiteren Definition des Begriffs hochtechnologische Produkte - der Anteil der Bundesrepublik Deutschland am Weltmarkt stabil geblieben ist.
Was für
die Bundesrepublik gilt, würde sicherlich für Europa als Ganzes
noch eher gelten, wenn die binneiwirtschaftlichen Hindernisse
beseitigt würden und ein echter gemeinsamer Markt bestünde.
Auch eine jüngere Untersuchung der Universität Sussex
stellt einige der herkömmlichen Kritiken an der angeblichen
Schwäche Europas in Frage, den technologischen Wandel zu vollziehen und von ihm zu profitieren.
Sie zeigt, daß Europa im
Bereich Forschung und Entwicklung zwar weniger als die Vereinigten Staaten, aber mehr als Japan aufwendet.
Sie verdeutlicht, daß Europas Stärke auf dem Gebiet der Chemie und der
Kernenergie liegt und daß es bei der Metallverarbeitung und bei
Automobilen vor den Vereinigten Staaten rangiert, vor Japan
aber im Bereich der Luftfahrt und bei den Technologien zur RohstofVerarbeitung.
Überraschenderweise zeigt die Studie auch,
daß Europa bei der Kommerzialisierung neuer Software-Produkte
vor Japan liegt sowie vor den Vereinigten Staaten bei der Vollautomatisation.
Hindernisse für

�Hindernisse für das Wachstum
Wenn man einige der pessimistischeren Urteile korrigiert,
sollte man jedoch nicht die Probleme aus den Augen verlieren,
die es noch immer gibt. In den vergangenen Jahren habe ich aus
den verschiedensten Quellen von Beninderungen und Verkrustungen
gehört, die es in der deutschen Wirtschaft gibt.
Herbert
Giersch, der Direktor des Instituis für Weltwirtschaft an der
Universität Kiel prägte den Ausdruck "Eurosklerose", um die Lage zu beschreiben. Der Analyse von Dr. Giersch zufolge ist die
europäische Industrie - zum größten Teil als Ergebnis staatlicher Subventionen und gewerkschaftlicher Verkrustungen - noch
nicht in der Lage, mit dem größeren Maß an Flexibilität Schritt
zu halten, das von einem weltwirtschaftlichen Umfeld verlangt
wird, dessen Wettbewerb sich auf dramatische Weise verschärft
hat.
Auch Hans-Dietrich Genscher hat in seiner überzeugenden
Rede über die technologische Herausforderung, die er im Dezember 1983 hielt, auf einige diese]' Probleme hingewiesen - und
einige einfallsreiche Lösungen vorgeschlagen.
Vier zentrale Problembereiche
Vielfalt der Kritik heraus.

kristallisieren

sich aus der

Erstens wird geltend gemacht, daß der deutsche Unternehmer
zu mehr Vorsicht tendiert als sein amerikanisches Pendant. Man
weist darauf hin, daß Absolventen von Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland eher geneigt sind, in eine große, etablierte Firma einzutreten, als selbst eine neue zu gründen.
Während anerikanische Unternehmer ihr Auge mehr auf eine Marktstrategie werfen, die finanziellen Gewinn abwirft, neigen Deutsche mehr dazu, dem technischen Erfolg um seiner selbst willen
nachzugehen.
Man argumentiert auch, daß deutsche Unternehmer
eher darauf hinarbeiten, bestehende Technologien noch zu perfektionieren, als neue zu erproben.
Deutsche
Unternehmer
scheinen mehr an der Sicherheit des Arbeitsplatzes interessiert
und weniger bereit zu sein, Risiken einzugehen. In der Bundesrepublik neigt man dazu, einen Fehlschlag im Geschäftsleben als
ein dauerndes Stigma anzusehen, während Amerikaner auch nach
einem Zusammenbruch wieder Mut fassen und mit der Aufmunterung,
die ihnen die Gesellschaft gibt, einen neuen Anfang wagen können. John Diebold geht in seinem Buch "Making the Future Work"
(Bewältigung der Zukunft) sogar so weit, vorzuschlagen, wir
sollten zusätzliche Anreize bieten, um Risikobereitschaft und
Experimentierfreudigkeit zu verstärken. Seinem Argument zufolge wagt beim derzeitigen System niemand, Änderungen vorzuschlagen, weil er Angst davor hat, sich lächerlich zu machen, wenn
die Dinge schiefgehen. Wir müssen, so Diebold, das Recht auf
Fehlschlag haben.
Ein zweiter Problembereich, auf den viele Beobachter hinweisen, ist ein Mangel an Mobilität der Arbeitnehmer. Wie sie
feststellen, ist die deutsche Arbeitnehmerschaft zwar hervorra-

�zwar hervorragend ausgebildet, abtir neue Arbeitskräfte einzustellen, ist wegen der hohen Löhne und der kostspieligen Sozialleistungen teuer. So wurde zum Beispiel darauf hingewiesen, daß die Lohnnebenkosten, vor allem die Sozialleistungen,
in der Bundesrepublik Deutschland 80 Prozent der Lohnkosten
ausmachen - verglichen mit 28 Prozent in den Vereinigten Staaten.
Die europäische Verpflichtung der Nachkriegszeit zur
Vollbeschäftigung war unvereinbar mit den stagnierenden Wirtschaftsbedingungen Ende der siebziger und Anfang der achtziger
Jahre. Das Ergebnis war eine zunehmende Verkrustung - der Versuch, Arbeitsplätze sogar in rückgängigen Industriezweigen zu
garantieren. Aber die vielen Erschwernisse bei der Entlassung
von Mitarbeitern erschweren den Firmen die Anpassung, insbesondere in Hochtechnologiebereichen, wo neue Produkte schon nach
einigen Jahren wieder veraltet sind.
Ein dritter Problembereich, dei 1 einige Beobachter anführen,
ist die fehlende organische Bez: ehung zwischen akademischer
Welt und Geschäftswelt.
Die deu tsche wissenschaftliche Forschung ist von höchster Qualität, aber man sagt, daß deutsche
Wissenschaftler zögern, wenn es d arum geht, Teilzeitarbeit in
Firmen zu verrichten oder eine eic ene Firma zu gründen. Darüber hinaus sagt man mir, daß viele Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit der
Wirtschaft die Stirne runzeln, d iß Wissenschaftler, die sich
dazu entschließen, in der oder fü r die Privatindustrie zu arbeiten, oft mit Geringschätzung bet rachtet werden.
Deshalb werden neue Entdeckungen in den Primärwissenschaften oft nicht in neue Produkte umgesetzt, die wiederum zu neuen
Umsätzen und neuen Arbeitsplätzen führen würden. Die meisten
neuen Produkte erfordern eine Kombination aus wissenschaftlichem Können, unternehmerischem
Geschick und Risikokapital.
Günstigerweise teilen die meisten der großen Universitäten in
den Vereinigten Staaten diese Abneigung gegen eine Zusammenarbeit mit der Privatindustrie nicht. Infolgedessen hat die Forschung an den Universitäten auf den Märkten Früchte getragen.
Viertens und letztens wird festgestellt, daß die etablierten Geldinstitute - trotz der Tatsache, daß es in der Bundesrepublik wahrscheinlich auch keinen Mangel an Risikokapital geben
würde - dabei zögern, jungen, unabhängigen Unternehmern Kredite
zu gewähren. Risikokapital ist ein entscheidendes Element bei
der Entwicklung und der Produktion neuer Hochtechnologieprodukte, wo die Entwicklungskosten in die Millionen gehen können.
Ein ermutigendes Signal in diesem Bereich ist jedoch die sich
breitmachende Erkenntnis in Europa, daß, wie Konrad Seitz vom
Auswärtigen Amt es formulierte, das Unternehmertum in zunehmendem Maße als der Weg angesehen wird, der dazu beiträgt, uns aus
den wirtschaftlichen Schwierigkeiten herauszubringen. Ein weiteres ermutigendes Zeichen in der Bundesrepublik war die verstärkte Gründung neuer Firmen im vergangenen Jahr - 260 000

�Jahr - 260 000 - nach dem rückläufigen Trend der siebziger Jahre. Ich trete nicht dafür ein, daß die Bundesrepublik Deutschland die Vereingten Staaten kopieren sollte. Unsere Kulturen
und Gesellschaften sind unterschiedlich. Es ist nicht überraschend, daß unsere persönlichen Prioritäten sich unterscheiden.
Die Unabhängigkeit, die Risikobereitschaft und die hohe Mobilität, die für mein Land charakteristisch sind, brachten zusammen
mit ihren Vorteilen auch einige Nachteile oder zumindest soziale Kosten. In der Hochtechnologie jedoch bieten sich die Chancen in schwindelerregendem Tempo. Um sie auszuschöpfen, sollten eine Wirtschaft und eine Gesellschaft so offen und flexibel
wie möglich sein. Der Schlüssel ;:ur Fähigkeit der Bundesrepublik Deutschland zur Aufrechterhaltung einer starken Position
in der Hochtechnologie könnte daher in ihrer Fähigkeit liegen,
einige ihrer Verkrustungen zu lösen. Derlei Veränderungen werden nicht, über Nacht kommen und sie werden sicherlich nicht
leicht sein.
Und Widerstand gegen Wandel ist nicht nur ein
Problem, das sich auf die Hochtechnologie bezieht. Es bezieht
sich auf die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzem. Um
ein banales Beispiel anzuführen: Ich bin erstaunt über den Widerstand, der in der Bundesrepublik bezüglich der Liberalisierung der Ladenschlußzeiten zu bestehen scheint. Was diese Angelegenheit anbetrifft, so spreche ich lediglich als ein vielbeschäftigter Konsument, der gerne mehr Geld in der Bundesrepublik ausgegeben hätte, aber bisher wenig Gelegenheiten dazu bekommen hat. Sicherlich würde jedur Wirtschaftsfachmann bestätigen, daß weniger starre Ladenschlußzeiten sowohl Verbrauch
als auch Beschäftigung steigern würde. Ladenbesitzer und die
Gewerkschaften mögen sich vor einem solchen Wandel fürchten
- aber langfristig gesehen würden gerade diese Gruppen der
deutschen Gesellschaft aus derlei Gesetzesänderungen Nutzen
ziehen.
Ich habe jetzt genug von den Problemen gesprochen, die es
bei der Hochtechnologie gibt. Ich möchte mich nun den Vorteilen zuwenden - und insbesondere den Vorteilen, die sich aus enger deutsch-amerikanischer Zusammelarbeit ergeben können. Auch
hier brauche ich mich vor dieser Zuhörerschaft nicht über die
Vorteile auszulassen, da sie Ihnen wohlvertraut sind.
Unser
Leben wird ständig durch die Vorzüge bereichert, die man sich
noch vor einer Generation nur schwer vorstellen konnte - in der
Medizin, im Fernmeldewesen, im Umweltschutz, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Hochtechnologieindustrie wächst rascher
a.\s die traditionelleren Sektoren.
Sie ist der Schlüssel zu
unserem zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstand.
Während die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik auf
diesem Gebiet in einem - sicherlich heilsamen - Wettbewerb stehen, arbeiten wir gleichzeitig eng zusammen.
Wir Amerikaner
möchten mit der Bundesrepublik zusammenarbeiten, weil wir ihre
Fähigkeiten kennen.
Für mich war es keine Überraschung, daß
dieses Jahr ein deutscher Wissenschaftler mit dem Nobelpreis
- 9 -

�dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde.
Wir sind uns
auch der Tatsache bewußt, daß sich die Regierung der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen eines freien Marktes bemüht, die
deutschen technologischen Fähigkeiten zu vergrößern.
Die engere bilaterale Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik stehen überhaupt nicht im
Gegensatz zur Entwicklung von engeren Beziehungen der europäischen Staaten untereinander auf diesem Gebiet. Wir begrüßen
die kooperativen Programme der Europäischen Gemeinschaft und
wir verfolgen im gleichen Geiste die führende Rolle, welche die
Bundesrepublik in der Entwicklung des Eureka-Projektes übernommen hat. Unsere bilaterale Zusammenarbeit kann von den Früchten der europäischen Initiativen profitieren, und umgekehrt.
Gleichzeitig sollten wir aber nicht vergessen, daß der Großteil
des wirklichen Fortschritts auf diesem Gebiet nicht durch Regierungsprogramme oder durch Zusanmenarbeit zwischen Regierungen bewirkt wird, sondern durch das Ausmaß, in welchem unsere
Gesellschaften Risikokapital, mobile Arbeitskraft und unternehmerischen Geist zur Nutzung des Wardeis bereitstellen.
Was die Zukunft anbetrifft, £0 sehe ich drei Gebiete der
Hochtechnologie, auf welche sich die Kooperationsbemühungen der
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik konzentrieren sollten:
bilaterale Programme, Abb&lt;.u von Handelsschranken für
Hochtechnologieerzeugnisse
und
-dienstleistungen
sowie die
Handhabung unserer Programme zur Ixportkontrolle auf eine Weise, die cen Fluß von Hochtechnoiocieerzeugnissen und -Informationen zwischen unseren Ländern nicht unnötigerweise behindert.
Unser Erfahrungsreichtum mit bilateralen Programmen ist
groß.
Der kontinuierliche Austausch von Wissenschaftlern und
Informationen zwischen unseren be.den Ländern auf Gebieten wie
Raumfahrt und Energie bis zu Gesuidheit und Verkehr wird durch
eine Reihe von Wissenschafts- und Technologieabkommen erleichtert.
Außerdem existiert eine Vielzahl von privaten Programmen. Zwei der aktivsten werden von der Alexander-von-HumboldtStiftung durchgeführt, wodurch jedes Jahr fast 200 amerikanische Wissenschaftler in die Bundesrepublik kommen.
Natürlich bildet die Raumfahrt den sichtbarsten und aufregendsten Sektor unserer Zusammenarbeit. Der besonders erfolgreiche Flug der D-1-Mission bilde :e den Höhepunkt von mehr als
20 Jahren gemeinsamer Arbeit, die in den frühen sechziger Jahren mit einem Versuchsraketenprogramm begann.
Vor mehr als
zehn Jahren startete die NASA die erste deutsche Sonnensonde
"Helios", die immer noch wertvolle Daten zurück zur Erde funkt.
Partner in einem Team zu sein, dessen Erfolg auf sich ergänzenden Fähigkeiten beruht, was im übiigen auch bei der multinationalen Spacelab-Besatzung der Fall war, bedeutete ein herausragendes Symbol gemeinsamer nationaler Talente und Ziele.
Wir
freuen uns schon auf die D-2-Mission 1988 und wir begrüßen den
- 10 -

�begrüßen den wesentlichen Beitrag zur bemannten Raumstation,
den die Bundesrepublik Deutschland über die Europäische Raumfahrtbehörde ESA zu leisten beabsichtigt.
Ein anderer Sektor, auf dem wi r eine engere Zusammenarbeit
erhoffen, ist die Strategische Ver teidigungsinitiative. Dieses
enorm komplexe Projekt, das eine A jsdehnung der Grenzen unserer
technologischen Fähigkeiten und wi ssenschaftlicher Erkenntnisse
zur Folge hat, benötigt die beste i Köpfe und die fortschrittlichsten Produktionstechniken der Welt. Wir wissen, daß diese
in der Bundesrepublik vorhanden si id, und wir hoffen, daß deutsehe Firmen und Forscher sich an d Lesem Projekt beteiligen werden. Wir sind bereit, mit der Bui idesrepublik Deutschland Vereinbarungen zu treffen, die dies ; Zusammenarbeit erleichtern
und es den beteiligten deutschen Firmen erlauben würden, den
größtmöglichen Gewinn aus dieser Be teiligung zu ziehen.
Ein zweites Gebiet der Zusam nenarbeit ist der Abbau von
Sehranken für den Handel mit Hochl echnologie. Auf einer kürzlieh abgehaltenen OECD-Konferenz t etonte die amerikanische Delegation, daß die enormen Anlau 'kosten für Innovationen in
Hechtechnologieindustrien den Zuc ang zu den internationalen
Märkten zur entscheidenden Frage m achen. Trotz dieser Tatsache
scheinen iie Schranken für den fre ien Fluß von HochtechnologieRegierungen
gütern und -dienstleistungen weit er zuzunehmen.
benutzen das Argument von der "Ind jstrie in den Kinderschuhen",
Etablierte öffentliche und
um neue Unternehmungen zu schützen
private Monopole versuchen, ihre privilegierten Positionen zu
erhalten.
In bilateralen Gespräc!ien zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Gerne inschaft sowie in der neuen
Runde der GATT-Verhandlungen, die , wie wir hoffen, nächstes
Jahr beginnen und die die höchst wichtigen Verhandlunger über
dem Handel mit Dienstleistungen e inschließen wird, werden wir
eng mit der Bundesrepublik zusamme narbeiten, um die auf Gebieten wie Zöllen, Normen, öffentlicl ien Beschaffungen, Herkunftsnachweisen und geistigen Eigentums noch existierenden Schranken
abzubauen und in einigen Fällen gar z zu beseitigen.
In der Zwischenzeit haben wir mit bilateralen Konsulta tionen auf einem Gebiet begonnen, auf welchem amerikanische Fi rmen
mit extrem starren und restriktive n deutschen Richtlinien konfrontiert sind: dem Fernmeldewese^ i. Amerikanische Firmen wünsehen besseren Zugang zum deutsch sn Markt, die Besorgnis über
die Restriktionen der Bundespost r aben sich von der amerik anisehen Industrie auf die Administra tion und den Kongreß über tragen. Aber dies ist nur die eine S eite des Problems. Ein gr ößerer, wichtigerer, Teil liegt in c er negativen Auswirkung, die
selche Restriktionen auf die deuts che Wirtschaft haben, da sie
es für jede Firma schwieriger und kostspieliger machen auf diese;m Gebiet tätig zu sein. Die ne ]ativen Folgen für Innova tion
und wirtschaftliches Wachstum in D eutschland sind entsprech end.
E:.ne Runde von Informati- onsgesp rächen über dieses Thema hat
11 -

�Thema hat gestern in München begonnen. Ich hoffe, daß wir bald
Fortschritte auf diesem Gebiet erreichen können.
Was den dritten Sektor der Zusammenarbeit, die Exportkontrollen, anbetrifft, so möchte ich lediglich eine vorsichtige
Anmerkung wagen.
Die Notwendigkeit solcher Kontrollen liegt
auf der Hand.
Die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt erwerben, und in einigen Fällen stehlen, westliche
Erzeugnisse und Technologie, mit denen sie ihr militärisches
Potential stärken können. Zum Beispiel werden einige von Ihnen
die Ähnlichkeiten zwischen der neuen sowjetischen Raumfähre und
unserer eigenen bemerkt haben. Ni n mag Nachahmung ja die aufrichtige Art von Schmeichelei sein. Wenn diese sich aber so
ausdrückt, daß unsere eigene Techrologie gegen uns selbst verwandt wird, dann kann solche Schmeichelei tödliche Folgen haben.
Die ceutsche und die amerikanische Regierung bemühen sich
ernsthaft, den Transfer solcher Guter und Technologien in den
Ostblock zu unterbinden. Wir müssen jedoch sicherstellen, daß
wir diese Kontrollen auf eine Weise handhaben, die den freien
Fluß von Handel und wissenschaftlichen Informationen zwischen
Ihrem Land und meinem nicht erstickt. Das große Interesse dieser Kammer an diesem Thema ist mir bewußt und, zusammen mit anderen Angehörigen meiner Botschaft, bin ich bereit, bei der Lösung aller auftretenden Probleme mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Ich möchte gleichzeitig anmerken, daß meiner Meinung nach Behauptungen, die Vereinigten Staaten benützten Exportkontrollen
zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil oder zur Bewahrung
unserer technologischen Überlegenheit, jeder Grundlage entbehren. Amerikanische Firmen wären die ersten, die Ihnen erklären
würden, daß sie von der Art und Weise, wie die amerikanische
Regierung ihre nationale Sicherheit und ihre Exportkontrollen
handhabt, weit mehr benachteiligt werden als ihre ausländischen
Konkurrenten.
Zum Schluß möchte ich noch einnal betonen, daß ich von dem,
was ich in der Bundesrepublik Deutschland an hochtechnologischen Fähigkeiten gesehen habe, teeindruckt bin.
Franz-Josef
Strauss und Lothar Späth haben mir ihre Politik in Bayern und
Baden-Württemberg erläutert und, wie ich vorhin schon einmal
betonte, aufregende Entwicklungen finden nicht nur im Süden
dieses Landes statt. Der Bürgermeister von Hamburg, Klaus von
Dohnanyi, ermutigt Privatfirmen zur Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der neuen Technischen Hochschule dieser Stadt, um
die örtliche Wirtschaft zu stärken.
Als amerikanischer Botschafter würde ich es begrüßen, wenn sich die wirklich vorhandenen Stärken der Bundesrepublik auf diesem Gebiet vergrößern
würden - durch Lösung von Verkrustungen, durch die Innovationen
erstickt werden können, und durch Steigerung der zwischen unseren Ländern existierenden beiderseits vorteilhaften Zusammenarbeit. Ich fände dies gut, nicht nur weil die Deutschen unsere
Freunde sind und wir ihnen Erfolg wünschen. Die Bundesrepublik
- 12 -

i

�Die Bundesrepublik Deutschland ist auch ein führendes Mitglied
der Welthandelsgemeinschaft und des Atlantischen Bündnisses.
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik sind führend in
der Welt auf technologischem Gebiet, und wir müssen diese führende Rolle dazu nutzen, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme unserer demokratischen Gesellschaften zu lösen.
Die
Wirtschaft muß bei dieser Zusammenarbeit in der vordersten
Front stehen. Ihr Erfolg auf diessm, wie auf anderen Sektoren,
wird unseren Wohlstand und unsere Sicherheit stärken.

* » * * *

- 13 -

�4. Dezombe N 1935

46

MONTEURE IM RfUMANZUG
ATL^NTI5-Unternehmen bereitere wichtige lukuiftsprojekte

voi -

- (AD' - Ein 14 m hohes Gerüst aus 95 Alumir iumiohren und
33 Verbintiung:;gelenken sowie eine auf dem Kopf stehende Pyramide aus 3,6 m langen Aluminiumst relien waren die eisten "Bauwerke", die Astronauten im Weltcaum montieiten und anachl eßend
wieder zerlerten.
Die Versuche wurden mehrmals wledeholt,
schließlich alle Teile zur Erde zui ückcjebrccht.
Beim zweiten Einsatz des amerikanischen Raumtranspnrters
ATLANTIS .26. November bis 3. Dezember 19B5) mit einer s ebenkepficen Besatzung an Bord ging es u.£. dsrum, wissenschaftlich
verweitbaie Daten für das menschliche; Leistungsvermögen unter
extrenen Bedingungen zu bekommen.
Außerdem wurden erstmals
"vor Ort" Techniken im Zusammen!-ang mit Montagearbeiter erprobt, die; in den neunziger Janren beim Aufbau der ernten, permanent besetzten Raumstation erforcerlich sein werden.
Mit S' ereoaufnahmen von Jerry Ross und Sherwood Sprint' während i.hre:: jeweils sechsstündigen Außenarbeiten in und ze tweise außerhalb der offenen Ladebucht der ATLANTIS, sollte jede
Körperbewegung der beiden Astronaiten erfaßt werden. D e m allein schon Belegungen und Körperhaltung lassen Rückschlüsse ajf
Kraftaufwand, bestmögliche Position oder auch Schwierigkeiten
beim Zusanmenfügen großer Teile im freien Raum zu - von Kommentaren der Astronauten, die ebenfalls aufgezeichnet, wurden, einmal ganz angesehen.
Axbeit sphysio.logen, Mediziner und Ingenieure brauchen Anhaltspunkte dafür, wie sich körperliche Arbeit im Weltraun ganz

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Weltraum ganz allgemein auf den menschlichen Organismus, auswirkt. Wie groß ist die tatsächliche BeLastung, wie groß das
Leistungsvermögen der Monteure im Raumanzug? Wann oder wodurch
kommt es zu Ermüdungserscheinungen?
Wie werden diese erkennbar, *ie wirken sie sich aus? Beispielsweise spürten Roas und
Spring an Ende der ersten sechsstündigen Außentätigkeit kaum
mehr :.hre Hände - höchste Zeit zur Rückkehr in die Kabine.
Exakte Synchronisation der i'ernsehkamer as zur ständigen
dreidimensionalen Beobachtung dei zwei Astronauten war eine
Methode von vielen, um Störungen bei den Arbeiten im Weltraum
zu erpass3n und später zu analysieren. Die in der Flugleitzentrale Hoistor aufgezeichneten Bi!der werden u.a. benut?t, um
Computermodel Le zum Kraft- und Zeitaufwand für die Durchführung
spezielle: Ajfgaben auszuarbeite 1.
Sie sollen helfen, die
bestgeeignete i Ausrüstungen für den Bau großer Strukturen im
A I sowie für sichere und optimale Montageverfahren zi entw. cke n.
Das Kernstück der künftigen Faumstation wird aus meoreren
D.'ucknodu Len zusammengesetzt.
S:e dienen als Wohnguartiere,
Laboratorien und Lager. Die Segmente dazu werden, wie auoh die
meisten zusätzlichen Komponenten, mit Raumtransportern in die
vorgesehene Umlaufbahn gebracht urd dort nont.iert. Die Bahnhöhe der Raumstation liegt allerdings ein paar Hundert Kilometer
über jeneT von ATLANTIS während der Montageexperimente, die
Ross und Spring ca. 340 km über de~ Erde ausführten.
Bei ihrem Jungfernflug (3. - 7. Oktober .'985) hatte ATLANTAS mit !&gt;15 -&lt;m den oisher größte! Erdabstand eines amerikanischen Ratmtrcnsporters erreicht.
Damals wurden bereits Flugtechniken erprobt, die für das Absetzen des rrehrere Tonren
sehwe~en Weltraumteleskops Mitte rächsten Jahres in fast 600 km
Höhe erforderlich sind. Von diesem Instrument, an dem länger
a.'.s ein Jahrzehnt gearbeitet wuroe, versprechen sich Astrophysiker in aller Welt wesentliche Fortschritte für die Erforschung de5 Universums.
Nachrichtensatellit auf Vorrat
Die ATLANTIS-Besatzung unter Kommandant Brewster H. Shaw
und Filot Bryan O'Connor hatte diesmal ein &lt;;ehr umfangreiches
Programm zu bewältigen. Schon wenige Stunden nac;a dem Start in
Kap Canaveral wurde der erste v Dn drei Nacnrichtensatelliten
aoges^tzt. Es war MORELOS-B, der im Auftrag der mexikanischen
Regierung gestartet wurde. In deo zwei nächsten Tagen folgten
AUSSÄT II für Australien und SATi:0M K-2 für das amerikanische
Fernm?ldejnternehmen "RCA American Communications Inc.".
Bai SATCOM K-2, einem Objekt im Wert von 50 Millionen Dollnr, hancelte es sich um den ersten kommerziellen Satelliten,
- 2 -

�kommerziellen Satelliten der nicht versichert war.
Wäre es,
wie s:hon mehrfach geschehen, zu einer schwerwiegenden Panne
gekomrren, hätte RCA das Verlustrisiko selbst tragen müssen.
Wie e;.n Sprecher der RCA vor dem Start erklärte, habe man sich
für diesen Modus entschieden, well angesichts der häufigeren
Inanspruchnahme der Versicherunger in jüngster Zeit diese die
Piämien von sechs bzw. acht Prozent des Objektwertes, wie vor
zvei Jahren noch üblich, auf 30 Prozent angehoben hätten.
De s Absetzen des 630 kg schweren MORELOS-B wurde ven Dr.
Rodolfo Neri Vela, dem ersten mexikanischen Astronauten an Bord
einer amerikanischen Raumfähre, überwacht. Dieser zweite Nachrichtensatellit für das Land Mexiko wird allerdings erst In ca.
drei Dahren in Betrieb genommen.
Bis dahin hält man ihn auf
seinei "Parkbahn" in Reserve. Er soll dann als Relaisstation
an Himmel in ständiger Verbindurg mit 12 Erdefunkstellen im
Fe'rnmeldedien:;t des Landes für Telefongespräche, Funk- und
FeTnsehsendungen, Faksimileübertregungen und die Übermittlung
ge'sche ftl:.cher Daten eingesetzt werden.
Die Regierung entschloß sich zum "Start auf Vorrat", weil in drei Jahren die
Transportqebühren etwa das Vierfache der zehn Millionen Dollar
betragen dürften, die sie jet^t ZJ entrichten hatte. Übrigens
wfir mit Rücksicht auf das Einsteiern dieses Satelliten in die
für ihn vorgesehene Bahn die Raunfähre ATLANTIS in der Nacht
geistartet worden - der zweite: Nechtstart, den die NASA seit
Aufnahme der Raumtransporterflüge .m April 198L ansetzte.

i

Während seines ersten Raumfluges führte Vela, von Hause aus
promovierter Physiker und Elektroniksoezialist, im Auftrug mex;.kan:.scher Wissenschaftler auch eine Reihe von medizinischen
und biologischen Experimenten durch. So betreute er u.a. eine
Studie zur Messung der Aufnahme /on Nährstoffen durch Bohnenpflanzen. Mit einer Spezialkamera machte er Aufnahmen von Mex:.ko sowie, für Geophysiker, von den vom jüngsten Erdbeban besonders hart betroffenen Regioner.
Von einem Teil der Fotos
e'hof*t man sich Hinweise auf noch unbekannte Mineralvorkommen
sowie auf Art und Umfang der Vegetation in weiten Teilen des
großen, oft nur schwer zugänglichen Landes. Vielleicht bringen
d .e Aufnahmen auch neue Informationen zur D/namik der Meere,
von denen Mexiko umgeben ist.
Auch Afrika wurde unter die Totolupe genommen. Mit einer
optisch besonders leistungsstarken Kamera fotografierte die
Astroiautin Mary Cleave während des ATLANTIS-Fluges immer wieder den riesigen Kontinent.
Bei der Bildauswertung geht es
hauptsächlich um noch unentdeckte Wasservorkonmen an oder unter
der Oberfläche.
Zeitweise konzentrierten sich die Aufnahmen
ganz auf Äthiopien und Somalia, *o katastrophaler Wassermangel
herrs :ht.
Selbstversuche
- 3 -

�Selbstversuche
Mit Spannjng werden die Ergebnisse einer Serie von Selbstversuchen erwartet, die Neri Vela im Auftrag mexikanischer Mediziner mit einem Gerät für Elektroakupunktur durchführte.
D&amp;s Experiment sollte helfen, herauszufinden, ob oder inwieweit
die Akupuokturmethode zur Bekämpfung der Raumkrankheit anwendbar ist. Da;; schon seit 400D Jahren im chinesischen Kulturkreis übliche Verfahren, mit dem durch Einstechen dünner Nadeln
an gaiz bestimmten Punkten in die Haut gestörte Regulationskreise im merschlichen Körper wiederhergestellt werden sollen,
findet inzwischen hier und dDrt auch Anwendung in der westlicher Medizin.
Eine der abgewandelten neuen Formen ist die
Eiektio-Akupunktur, bei der über die Nadeln schwache Stromstöße
in de i Körper geleitet werden. Sie sollen die Normalisierung
gestöiter Regjlationen unterstützen. Das Verfahren wird in bestimmten Fällen z.B. zur Schmerzbekämp *ung eingesetzt.
Etenfalls um die Raumkrankheic ging es hei einem medizinischen Experiment, an dem Vela und Dr. Charles Walker (von der
Firma McDonneLl Douglas) teilnahmen. Beide testeten im SelbstVersuch zuei Medikamente gegen die Bewegungskrankheit (T/lenol
und Seopedex) in verschiedener Dosierung. An Hand von Blutproben, die sie sich gegenseitig ahnahmen, soll u.a. ermittelt
werder, ii
welchem Umfang die Medikamente unter Weltraumbedingunger von Blut absorbiert werden.
Industrie setzt auf Biotechnik
Mit drei biotechnischen Experimenten waren die amerikanischen Firmen McDonnell Douglas und "3M Company" dabei. Dr.
Charles Walker, der jetzt zum dritten Mal an einem Raumflug
teilnahm, betreute sowohl das Elektrophorese-Experiment, das
seine Firma nun schon zum siebenten Mal im Weltraum durchführen
ließ, als auch das 3M-Experiment zur Züchtung organischer Kristalle.
Das 1stztgenannte Verfahren wurde vor einem Jahr zum ersten
Mal im Weltraum erprobt. Die 3M-Wissenschaftler hoffen, jetzt
mehr organische Kristalle höchster Reinheit zu bekommen.
Sie
sollen für "optische Schalter" sowie in Computern verwendet
werden können, in denen Informationen mit Licht anstatt mit
elektrischem Strom verarbeitet werden. "Hier auf der Erde wird
die Ausbildung solcher Kristalle von der Gravitation beeinträchtigt", sagt Christoph Chow, der Leiter des 3M-Laboratoriums für Weltraumforschung.
"Sie fallen im Reaktor, in dem sie
wachsen sollen, zu Boden und verklumpen dort wie Kohlestücke im
Ofen.
In der Schwerelosigkeit dagegen wächst jeder einzelne
Kristall voll aus, ohne mit anderen Kristallen zu verbacken.
Und die Moleküle, aus denen sich die Kristalle aufbauen, setzen
sich präzise an den ihnen zukommenden Stellen an." Diese prä.. 4 _

�Diese präzise Molekülorientierung sei eine ideale Vorbedingung
zur Übertragung von Signalen mit Licht. Nach Meinung mancher
Fachleute dürfte bereits die nächste Computergeneration mit Materialien ausgerüstet sein, die Informationsverarbeitung durch
optische Signale ermöglichen.
Schlagzeilen macht jedoch das Elektrophorese-Experiment der
Firma Mcfonnell Douglas.
Das Geheimnis um das Hormon, das
durch die Gewinnung im Weltraum in ausreichenden Mengen für medizinische Zwecke verfügbar würde, ist gelüftet:
Es handelt
sich jm Erythropoetin.
Dieses vorwiegend in Niere und Leber
ei zeugte Hormon regt die Bildung und Freisetzung von Pro-Erytfrozyten (Vorstufe für rote Blutkörperchen) im Knochenmark an.
Wenn sie von dort ausgeschwemmt sind, reifen sie innerhaLb weniger Tage im Blut zu Erythrozyten heran.
Eryth'opo Btin wäre in vielen Situationen von großer Bedeutung •• angefangen vor der Vorbereitung eines F'atienten auf eine
Operation, un eventuell Bluttransfusionen überflüssig zu machen, bis zur Dauerbehandlung von anämischen Personen, deren
Körper z.3. infolge bestimmter Schädigungen der Nieren da- Hormon nur unzureichend produziert.
Heute sind solche Patienten
noch auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen. riies birgt
aber manche Cefahren in sich, die be'. Verfügbarkeit von hochreinem und kostenmäßig erschwinglichen Erythropoetin vernieden
wi rden.
Die Reinh eit des Produkts.die bei Gewinnung durch Elektrophorese im W eltraum nach Angaben des McDonnell Douglas-Forsc hungsteams zu fast 100 Prozent garantiert werden könne, ist
ein ganz wie!" tiger Faktor. Er spielt vor allem bei Patienten
eine Rolle, i Jie Langzeitbehandlung brauchen.
Aufgrund der im
Verlauf von e echs Raumflügen bei McDonneJl Douglas gesammelten
Ei fahrungen k önne gesagt werden, daß der Reinheitsgrad viermal
giößer ist al s bei Produkten aus stationären Laboratorien, und
deß die Ausbe ute im Weltraum bei Anwendung der ElektrophoreseMethode mit k ontinuierlichem Materialfluß bis zum 700fachen der
menge betrage n kann, die unter irdischen Schwerebedingunnen zu
ej zielen sei. Erythropoetin werde bisher vor allem deshalb reletiv wenig ;ingewandt, weil bei den herkömmlichen Gewinnungsve rfahren Net enprodukte, die dem Körper schaden, nicht ausgefiltert werde n können. Mitte nächsten Jahres werde ein neues
S} stem in der Weltraumproduktion verwendet, das wegen seiner
Gxöße nicht m ehr im Mitteldeck des Raumtransporters, sondern in
de r Ladebucht installiert werden müsse.
Es soll /4ma: leist ungsfäh iger sein als das jetzige.
Die Mikrobiologen und Biochemiker von McDonnell Douglas
kc nzentrieren sich auf der Suche nach einem geeigneten Hormontiäger auf eine Zelle, die mit gentechnischen Methoden in Mengen reproduzierbar ist, die für die Extraktion des Hormons genügend "RDhstoff" darstellen. Dank dieser Technik ergeben sich
- 5 -

�ergeben sich neue, vielversprechende Aspekte für die Medizin
- wenn es nämlich gelingt, Hormone oder F3roteine, die der gesunde Körper selbst produziert, d.e aoer bei bestimml.en Krankheiten fehlen, in der Schwerelosigkeit als reines Produkt zu
gewinnen und für therapeutische Zwecke verfügbar zu machen.

* * * * *

•

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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1,*%

4. Dezember 1991

US-AUSSENPOLITIK

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

EUROPA

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA NACH
DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins

KONGRESS

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken
Bildungsfonds

UMWELTSCHUTZ

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

AMERIKA HEUTE

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�US-AUSSENPOLITIK
4. Dezember 1991

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Dem Stellvertretenden US-Außenminister Lawrence Eagleburger zufolge müssen sich
die Vereinigten Staaten heute an "eine andere und zutiefst herausfordernde Welt" anpassen. In einer Rede bei
der Elliott School of International Affairs der George Washington University erklärte Eagleburger am 21.
November 1991 in der amerikanischen Hauptstadt, die Unterscheidung zwischen Außen- und Innenpolitik sei
"zunehmend künstlich". Es sei wichtig, das amerikanische Volk auf die Integration in eine hochkomplizierte und
von scharfem Wettbewerb gekennzeichnete Weltwirtschaft vorzubereiten. Dies, so stellte er fest, "ist heute
unsere wichtigste außenpolitische Herausforderung".
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.
Jahrestage sind für gewöhnlich ein Anlaß, um Rückschau zu halten, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und zu feiern. Genau dies tun wir am heutigen
Abend, indem wir nicht nur die Gründung der Elliott
School of International Relations vor 25 Jahren würdigen sondern auch die Beiträge der George Washington University zu internationalen Studien in diesem
Land seit dem Zeitpunkt, als die Vereinigten Staaten
am Ende des vergangenen Jahrhunderts das erste
Mal zur Weltmacht aufstiegen.
Zufällig stehen wir gleichzeitig am Vorabend einiger
wichtiger Jahrestage in der amerikanischen Geschichte, von denen jeder für uns ein Grund ist, eine Bestandsaufnahme dessen vorzunehmen, woher wir kommen und wohin wir in einer Zeit revolutionärer Veränderungen in der ganzen Welt gehen.
In wenigen Monaten würdigen wir den 500. Jahrestag
der Ankunft von Kolumbus in Amerika und die Geburt
einer neuen Welt in dieser Hemisphäre.
In wenigen Wochen begehen wir den 50. Jahrestag
des Angriffs auf Pearl Harbor und der Übernahme
weltweiter Pflichten sowie des Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur Supermacht.
Und morgen gedenken wir jenes Freitags im November vor etwas über einem Vierteljahrhundert, als ein
Attentäter der Psyche dieser Nation - die bis zu jenem
Zeitpunkt im Kampf des kalten Kriegs um die Vorherrschaft in der Welt enthusiastisch jeden Preis bezahlte
und jede Last ertrug - einen schweren Schlag versetzte.
AMERIKA DIENST 48

Das Bemerkenswerte beim Verlauf der Zeit besteht
darin, daß er unsere Sichtweise zu Ereignissen verändern kann, deren Bedeutung ehemals felsenfest zu
sein schien. So sprechen wir zum Beispiel nicht mehr
von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, als ob
jene, die vor ihm an diese Gestade kamen und seit
Jahrtausenden hier lebten, vor seiner Ankunft nicht
existiert hätten.
Heute sind wir uns auch des Leids bewußt, das die
Ankunft der Europäer sowohl für die Ureinwohner
Amerikas als auch für die Afro-Amerikaner bedeutete,
die in Ketten hierher kamen. Und mit dem Näherrükken des 7. Dezember beginnen wir erneut darüber
nachzudenken, welch hohen Preis wir bezahlt und
welche Lasten wir während des Großteils eines halben
Jahrhunderts getragen haben, um nicht nur für uns
selbst den Frieden zu sichern und die Freiheit zu
verteidigen sondern auch für einen Großteil der Welt.
Aber trotz alledem ist unbestreitbar, daß die Eroberung der neuen Welt durch die alte der Menschheit ihre
atemberaubendste Chance verschaffte, um den Fesseln der althergebrachten Sitten, Gebräuche und
Überzeugungen zu entkommen und sich selbst neu zu
definieren. Es ist unleugbar, daß zumindest in diesem
Land unsere Vorväter diese Chance nicht vergeudeten
sondern statt dessen freie politische Institutionen
schufen, die weiterhin dazu beitragen, den amerikanischen Traum heute ebenso zur Realität zu machen wie
zur Zeit der ersten Einwanderer. Es ist ebenfalls
unbestreitbar, daß wir die Freiheit während des ge-

Seite 1

�samten gefahrvollsten Jahrhunderts der Geschichte
geschützt haben, indem wir vor 50 Jahren die Führungsrolle in der Welt übernahmen.
Es kann für das, was wir als Gemeinwesen und Weltmacht erreicht haben, kein beredteres Zeugnis geben
als die Tatsache, daß unsere ideologischen Gegner
gescheitert sind und die Welt nahezu einmütig hinter
unseren politischen Idealen steht. Gleichwohl hat
unser Erfolg im kalten Krieg die Frage aufgeworfen,
was wir im außenpolitischen Bereich als nächstes tun
sollten. Es steht außer Frage, daß wir die alte Politik
im Licht der neuen und sich verändernden Umstände
überprüfen sollten. In einer Demokratie ist die kritische
Untersuchung dieser Art eine Notwendigkeit. In einem
Wahljahr kann sie auch eine Katastrophe sein. Den
Vereinigten Staaten ist jedoch die Tatsache eigen, daß
jede Generation nicht nur über die Vorzüge dieser oder
jener Politik diskutiert sondern über den existentiellen
Zweck der amerikanischen Außenpolitik selbst. Eine
solche Debatte wäre in den meisten anderen Ländern
undenkbar, in denen die Außenpolitik nationalen Interessen dienen soll, die als zeitlos und unveränderlich
angesehen werden.
In den Vereinigten Staaten neigen wir jedoch seit jeher
zu der Annahme, daß unsere Außenpolitik einem
moralischen Zweck dienen muß, und wir haben eine
sehr düstere Ansicht zu dem vertreten, was wir als den
unmoralischen Kampf um egoistische Vorteile betrachteten, derdie Beziehungen zwischen souveränen
Staaten seit Menschengedenken kennzeichnete.
Bisweilen waren wir versucht, diese verderbte Welt
nach unserem Ebenbild neu zu erschaffen, und manchmal wurden wir gezwungen zu intervenieren, um einen
internationalen Drachen zu töten. Historisch gesehen
bestand unsere Position jedoch darin, uns von der
gefallenen Welt jenseits unserer Gestade so weit wie
möglich fernzuhalten.
Diese Politik des Ausweichens vor den Rivalitäten
zwischen den großen Mächten wurde von einigen
unserer brilliantesten Denker und prominentesten
Persönlichkeiten der frühen Republik als Klugheit
empfohlen. Als es uns jedoch nicht länger möglich
war, Sicherheit in der Isolation zu finden, erachteten
wir es für notwendig, unser Engagement nicht im Sinne
des nationalen Interesses sondern auf der Grundlage
eines moralischen Kreuzzuges zu rechtfertigen, eines
Kreuzzuges, um die Welt im Ersten Weltkrieg sicherer
für die Demokratie zu machen, eines Kreuzzuges
gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg und
eines Kreuzzuges gegen den Kommunismus und
sowjetischen Expansionismus im kalten Krieg.
Aber auch Kreuzzüge nehmen ihren Lauf, und wir
finden uns dann nach Beendigung des Kreuzzuges
ohne eine au ßenpolitische Grundlage wieder. Daraus

Seite 2

resultierten unsere Rückkehr zum Isolationismus nach
dem Ersten Weltkrieg und die überhastete Demobilisierung unserer Streitkräfte nach der Niederlage der
Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg.
Es könnte durchaus dazu kommen, daß wir uns in den
letzten Jahren dieses Jahrhunderts an der Schwelle
einer Periode befinden, in der ebenfalls keine klaren
Ziele vorhanden sind. Der moralische Kreuzzug gegen den Kommunismus ist vorbei. Nach dem Ende
des kalten Kriegs suchen wir eine neue Grundlage, um
unseren Standort und unser Ziel in der Welt zu bestimmen. Und selbst der missionarische Impuls scheint in
einer Welt, die einer raschen Übernahme unseres
ModeRs und unserer Ideale immer näher kommt, überholt
zu sein.
Vor mehreren Jahren spürte ich bereits, daß diese
existentielle Debatte auf uns zukommen würde, und
ich hielt aus diesem Anlaß eine Rede, in der ich vor der
Gefahr der Selbstzufriedenheit warnte, vor der Gefahr,
daß wir der Versuchung erliegen könnten, das Spiel für
beendet und gewonnen zu erklären und das Spielfeld
zu verlassen. Mein Argument lautete damals, daß wir
von der relativ stabilen aber historisch ungewöhnlichen bipolaren Struktur des kalten Kriegs in eine Ära
eintreten würden, in der Macht und Einfluß unter einer
Vielzahl von Staaten verteilt sind. Dies müsse sich der
Natur der Sache nach als instabile Lage erweisen,
argumentierte ich und fuhr fort, daß auch in den
folgenden Jahren eine weltweite Führungsrolle der
Vereinigten Staaten zur Vermeidung des Chaos erforderlich sein würde. Ich wurde deshalb als Nostalgiker
des kalten Kriegs beschuldigt.
Rückblickend machte ich mich meines Erachtens jedoch ehereines Understatements schuldig. Einerseits
ist heute dank Saddam Hussein, der Ereignisse in
Jugoslawien und andernorts klar, daß die Welt nach
dem kalten Krieg instabiler ist als ich vorhergesehen
hatte und für den internationalen Frieden und die
amerikanischen Interessen echte Gefahren birgt.
Andererseits habe ich nicht vorhergesehen, in welchem Maß die Debatte über Außenpolitik nicht nur von
Selbstgefälligkeit sondern auch von den Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage bestimmt werden
würde.
Trotzdem diskutieren wir heute über den Standort der
Vereinigten Staaten in der Welt nach dem kalten Krieg
zu einer Zeit innenpolitischer Schwierigkeiten und am
Vorabend einer Präsidentschaftswahl. Dies sind sicherlich keine idealen Bedingungen. Die Debatte läuft
Gefahr, ausschließlich von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt zu werden. Darüber hinaus läuft sie
Gefahr, von kurzfristigem politischem Kaikühl beherrscht
zu werden. Demagogie im Hinblick auf Auslandshilfe
und Außenpolitik hat bereits ihr häßliches Gesicht

AMERIKA DIENST 48

�gezeigt. Aber in der Demokratie ist alles erlaubt, und
die Verfechter einer verantwortungsbewußten Außenpolitik für die vor uns liegende instabile Phase werden
Mut beweisen und ihre Argumente dem amerikanischen Volk überzeugend präsentieren müssen.
Was mich angeht, so werde ich nicht einen Augenblick
lang die Tatsache in Frage stellen, daß wir ernste
Probleme im Inland haben, die unsere Ressourcen
und unsere Aufmerksamkeit erfordern. Ich habe keine
Zweifel an der Notwendigkeit sicherzustellen, daß die
Auslandshilfe konkreten amerikanischen Interessen
dient und für diese Hilfe im Licht der veränderten
internationalen Bedingungen neue Prioritäten festzulegen.
Im Gesamthaushalt ist die Auslandshilfe jedoch nur ein
verschwindend geringer Teil, und die Politiker wissen
dies. Die unlängst im Kongreß geäußerte Behauptung, wir könnten unsere innenpolitischen Probleme
lösen, indem wir die Auslandshilfe streichen, ist ein
Trugbild und meines Erachtens ein Beispiel für Demagogik der übelsten Sorte.

Trotz der Gefahr einer zu starken Vereinfachung bin
ich der Auffassung, daß es drei Kriterien der Ära nach
dem kalten Krieg gibt, die die von den Vereinigten
Staaten vertretene Außenpolitik und internationale
Rolle bestimmen sollten. Erstens, die Tatsache einer
zerfallenden und instabilen Weltordnung. Zweitens,
der relative Niedergang der amerikanischen Macht
oder zumindest der Fähigkeit, unseren Weg im Alleingang zu gehen. Und drittens, die Tatsache einer
integrierenden Weltwirtschaft.
Die Realität einer zerfallenden Weltordnung hängt
zunächst mit der Tatsache zusammen, daß die Welt
nicht länger dem Regime von zwei Blocksystemen
unterliegt, die während des gesamten kalten Kriegs
existierten. Noch vor wenigen Jahren wäre Saddam
Hussein beispielsweise durch seinen Herrn und Meister entmutigt und es wäre ihm verboten worden,
einseitige Schritte zu unternehmen, die das Risiko
einer umfassenderen Konfrontation bergen. Diese
Beschränkung besteht nicht mehr. Und auch das
Band, das den Westen zusammenhielt - die Angst vor
der Sowjetunion - existiert nicht mehr.

Andererseits habe ich überhaupt keine Probleme mit
der Behauptung, die Vereinigten Staaten sollten nicht
mehr dieselben finanziellen, politischen und militärischen Lasten der weltweiten Führungsrolle tragen wie
während des kalten Kriegs. Tatsache ist doch, daß wir
Verbündete in Westeuropa und Asien haben, die
beginnen müssen, Verantwortung für die weltweite
Stabilität zu übernehmen, die mit ihrem erheblichen
Wohlstand in Einklang steht.

Die zerfallende Weltordnung spiegelt sich auch in dem
Verlust der Kontrolle einer wachsenden Zahl souveräner Staaten über ihre inneren Angelegenheiten wider.
Dieser Niedergang der Autorität der Zentralmacht, den
wir in Jugoslawien, der Sowjetunion und allen Entwicklungsländern beobachten, ergibt sich aus einer Reihe
von Faktoren wie etwa der Schuldenkrise, der Bevölkerungsexplosion und dem allgemeinen Scheitern der
Kommandowirtschaften sowie der repressiven Regime, mit einer internationalen freien Marktwirtschaft
Ich darf Ihnen versichern, daß ich bei all der Zeit, die ich
Schritt zu halten. Zunehmend resultiert er auch aus
damit verbringe, die Amerikaner dazu zu ermahnen,
der Unfähigkeit unterschiedlicher ethnischer Gruppen,
weiterhin zu tun, was wir in der Welt tun müssen,
Seite an Seite, geschweige denn, unter einem Dach zu
mindestens ebensoviel Zeit darauf verwende, andere
leben.
Länder dazu aufzurufen, mehr zu tun als sie derzeit
leisten. Kurzum, es muß eine neue Verteilung von
Mit anderen Worten, der Status quo befindet sich
Rollen und Pflichten unter den führenden demokrati- weltweit im Belagerungszustand, wir müssen uns jedoch
schen Mächten geben.
vor Augen führen, daß er sich zum ersten Mal im
Atomzeitalter im Belagerungszustand befindet. Wie
Ich möchte jedoch auf die aufflammende Debatte im
sicher ist eine Welt, in der die Sowjetunion mit TausenInland über unsere angemessen Rolle in der Welt
den von Nuklearwaffen in Anarchie oder Bürgerkrieg
zurückkommen. Wir sind gefährlich nahe daran, diese
verfallen könnte? Wie sicher ist eine Welt, in der selbst
Debatte ausschließlich an Ressourcen oder vielmehr
kleine Nationen den Wettlauf mit ihren Nachbarn ander Besorgnis über Ressourcen festzumachen. Und
treten, um Nuklearwaffenfähigkeiten zu erwerben?
dann liegt es nahe, unsere Schlußfolgerungen von der
Wie sicher ist eine Welt, in der Saddam Hussein
Frage der Ressourcen diktieren zu lassen. Meines
Massenvernichtungswaffen anhäufen kann? OffenErachten hieße dies, den Karren vor das Pferd zu
kundig überhaupt nicht.
spannen.
Als erstes sollten wir die Herausforderungen definieren. Was für eine Welt liegt jetzt vor uns? Was sind
unsere nationalen Interessen? Wie lauten die Bedrohungen dieser Interessen? Und was für eine Welt
wollen wir für unsere Kinder? Nur nach Beantwortung
dieser Fragen können wir die Themen Strategie,
Maßnahmen und Ressourcen angehen.

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Das heißt, ein Versuch der Vereinigten Staaten, Sicherheit im Rückzug oder in der Isolation zu finden, ist
heute ebensowenig gültig wie zu dem Zeitpunkt als sie
zum ersten Mal durch sowjetische Interkontinentalrakten angreifbar wurden. Die Quintessenz ist, daß wir
von einer stabilen internationalen Ordnung abhängen
und unseren Beitrag zur Gestaltung einer solchen

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�Ordnung leisten müssen. Es ist gleichfalls eine Tatsache, daß wir im Hinblick auf Arbeitsplätze, Kapital,
Technologie und Know-how von der Weltwirtschaft
abhängen und unseren Teil zur Gewährleistung eines
offenen und stabilen internationalen Handelssystems
beitragen müssen.
Kurzum: Leben und Arbeitsplätze in den Vereinigten
Staaten, unsere Sicherheit und unser Wohlstand hängen
in höherem Maße als je zuvor seit wir eine unabhängige Nation wurden vom Ausland ab. Die Unterscheidung zwischen Innen-und Außenpolitik wird zunehmend künstlich, und wir werden teuer für eine billige
Außenpolitik bezahlen müssen. Wir werden auch
teuer bezahlen müssen, wenn wir in einem multipolaren Zeitalter zu leicht den Gedanken akzeptieren, daß
einzelne Nationen ungeachtet des Gemeinwohls ihren
eigenen Weg gehen. Angesichts der Tatsache, daß
wir nach wie vor der einzige Kandidat für eine internationale Führungsrolle sind, wird unsere Reaktion auf
diese beiden Sirenengesänge entscheidend dazu
beitragen, ob der kalte Krieg einer neuen Weltordnung
oder Instabilität internationalen Ausmaßes den Weg
bereitet.
Meines Erachtens benötigen wir als erstes eine Außenpolitik, die auf den offenkundigen Leistungen der
US-Diplomatie während des kalten Kriegs aufbaut den institutionalisierten Mustern der Zusammenarbeit
zwischen den westlichen Demokratien. Die in Institutionen wie NATO, OECD und GATT verkörperte Zusammenarbeit erwuchs aus der Erkenntnis, daß zum
ersten Mal in der Geschichte alle Nationen des Westens sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen sahen,
die ein gemeinsames Schicksal teilten. Wir müssen
jetzt diesen Kreis erweitern, um die vielen neuen
Mitglieder der demokratischen Staatengemeinschaft
aufzunehmen - in Osteuropa, Lateinamerika und
andernorts - und in der Tat die Neigung zu Kompromiß
und Beilegung von Meinungsverscheidenheiten allgemeingültig machen, die sowohl während des kalten
Kriegs als auch heute unabdingbar für die Sicherheit
des Westens war und ist. Ob wir wollen oder nicht - wir
müssen auch bereit sein, solange kontinuierlich internationale Krisen zu bewältigen, wie der Aufbau eines
neuen internationalen Systems oder Gleichgewichts

nach dem kalten Krieg dauert.
Ich frage mich, wie diejenigen, die uns auffordern,
auswärtigen Angelegenheiten den Rücken zu kehren,
auf Saddam Husseins Aggression in einer Region von
großer Bedeutung für unsere Wirtschaft und Sicherheit reagiert hätten. Ich frage mich, ob sie die durch
unseren Sieg gebotene Chance ergriffen hätten, um
Verhandlungen in die Wege zu leiten, die auf lange
Sicht sehr wohl amerikanische Menschenleben retten
könnten. Ich frage mich, ob sie die Notwendigkeit
erkannt hätten, die NATO in einer Periode großer
Instabilität in Europa zusammenzuhalten und das
Augenmerk auf Themen wie die Verbreitung von

Seite 4

Massenvernichtungswaffen und freien Handel zu lenken, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben
und den Lebensunterhalt des amerikanischen Volkes
haben könnten. Ja, all dies sind Themen auf der
außenpolitischen Tagesordnung, aber ich möchte den
sehen, der ihre Relevanz für die innenpolitische Tagensordnung in Frage stellt.
Darüber hinaus benötigen wir einen Außenpolitik, die
sich der Unterstützung eines Kongresses erfreut, der
immer noch an der Tradition der Überparteilichkeit von
Rayburn und Vandenberg, Acheson und Dulles, Truman und Eisenhower festhält - einem Kongreß, der
nicht das Weite sucht, wenn zu Hause alles aus dem
Ruder läuft. Die Außenpolitik des Landes wird zweifelsohne Schwierigkeiten haben, wenn die Führung
sich nur nach der öffentlichen Meinung richtet statt
offen mit dem amerikanischen Volk über die Gefahren
zu reden, mit denen wir uns konfrontiert sehen und die
Verantwortung, die wir in einer instabilen und sich verändernden Welt weiterhin auf uns nehmen müssen.
Femer müssen der Kongre ß und alle Amerikaner - was
das anbetrifft, auch ich - aufhören, beides haben zu
wollen. Wir können nicht einerseits behaupten, unsere
Ressourcen seien begrenzt - was tatsächlich der Fall
ist - während wir andererseits handeln, als könnten wir
auf der Welt unseren Willen noch immer so und in dem
Maße durchsetzen wie vor 20 Jahren.
In diesem Land wird praktisch immer noch automatisch angenommen, wenn wir Gewalt oder irgendeine
Krise im Fernsehen sehen, müßten die Vereinigten
Staaten Abhilfe schaffen. Es herrscht immer noch
automatisch die Neigung, einen ausländischen Schurken zu bestrafen, selbst wenn wir durch unseren
Alleingang nur uns selbst bestrafen würden. Es herrscht
immer noch automatisch die Neigung, einem bevorzugten Land Schutz zu gewähren, selbst seitens derjenigen, die am lautesten von uns verlangen, unsere
Auslandshilfeprogramme zu kürzen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß unsere Fehlertoleranz in der Außenpolitik geschrumpft ist, und zwar
beträchtlich. Wir werden mehr als in der Vergangenheit für unsere diplomatischen Fehler bezahlen müssen und benötigen deshalb eine Außenpolitik, die
nuancierter ist als bisher. Die amerikanische Diplomatie wird sich auf Realität gründen und viel mehr gegen
die Konsequenzen als de Absichten abgewogen werden
müssen. Und sie wird konkreten amerikanischen
Interessen ebenso wie amerikanischen Idealen dienen
müssen.
Vor allem müssen wir erkennen, daß die Förderung
sowohl unserer Ideale als auch unserer Interessen die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen erfordert. Das
ist eine Binsenwahrheit in der Ära nach dem kalten
Krieg. Sie bedarf der Kompromisse und des Engagements in einer Welt, die für gewöhlich nicht im Einklang
mit unseren Idealen steht und die nicht länger attraktiv

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�für unser Sendungsbewußtsein und unseren moralischen Auftrag ist.
Schließlich - und vor allem -werden wir eine Außenpolitik benötigen, die die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen Volkes genießt. Einige
unserer neoisolationistischen Kritiker haben kürzlich
beklagt, daß unser internationalistischer Ansatz seit
dem Zeiten Weltkrieg elitär war und den echten Bedürfnissen der Amerikaner nicht Rechnung trug. Ich
muß ihnen indirekt zustimmen, auch wenn das amerikanische Volk keine Elite braucht, um ihm zu sagen,
was es zu tun habe - selbst wenn es hart auf hart geht,
wie es jüngst am Golf der Fall war.
Meines Erachtens enthält das Argument jedoch ein
Quentchen Wahrheit, daß die öffentliche Unterstützung für eine internationalistische Außenpolitik nicht
automatisch dem Zusammenbruch eines bösen Imperiums folgt. Es liegt für die meisten Amerikaner nicht
auf der Hand, warum wir weiterhin internationale Verpflichtungen auf uns nehmen sollten insbesondere,
wenn die wohlhabenden Demokratien, die so lange
von unserer Größe profitiert haben, noch nicht bereit
sind, ihren gerechten Anteil der Last zu übernehmen.
Und wir könnten psychologisch noch nicht bereit sein
zur Unterstützung einer aktiven Außenpolitik im Namen
so prosaischer Ziele wie internationaler Stabilität und
moralisch neutraler wie nationaler Interessen.
Der Prozeß der amerikanischen Anpassung an eine
andere und zutiefst herausfordernde Welt muß beginnen, und zwar jetzt. Es ist natürlich in gewissem Maße
eine Frage der Erziehung, wenn auch nicht zwangs-

läufig der Erziehung im Hinblick auf unsere Herausforderungen und Verantwortung in der Außenpolitik
schlechthin. Dies war die Art von Erziehung, die wir
während des kalten Kriegs nahezu ausschließlich den
außenpolitischen Eliten und Experten zukommen ließen. Wir haben gute Arbeit geleistet. Nehmen Sie
zum Beispiel die Leistungen der Elliott School, die wir
heute Abend würdigen. Nehmen Sie schließlich unseren historischen Sieg im kalten Krieg selbst.
Es ist vielmehr eine Frage der Vorbereitung des
amerikanischen Volkes auf die Integration in eine
hochentwickelte und von scharfer Konkurrenz geprägte Weltwirtschaft. Das ist heute unsere erste Herausforderung in der Außenpolitik. Wir müssen wettbewerbsfähigerwerden und, um dies zu werden, müssen
wir ein besser ausgebildetes und kosmopolitischeres
Volk werden: ein Volk, das Fremdsprachen lernt und
offen für ausländisches Know-how und Innovationen
ist. Falls uns dies gelingt, werden wir feststellen, daß
wir auch eine Öffentlichkeit ausgebildet haben, die die
kreative internationale Führungsrolle eher versteht
und unterstützt, die wir in der Ära nach dem kalten
Krieg weiterhin spielen müssen.
Die Herausforderung ist da und nicht allzuschwer
auszumachen. Es liegt an Institutionen wie der Elliott
School sicherzustellen, daß diese Herausforderung in
Angriff genommen und bewältigt wird, so daß in 25
Jahren, wenn eine andere Generation zusammenkommt, um 50 Jahre des Fortschritts zu würdigen, sie
dies in einem Amerika tut, das noch immer die größte
Hoffnung der Menschheit ist. Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 48

*

Seite 5

�EUROPA
4. Dezember 1991

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA
NACH DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins
BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Vertreter bei den Europäischen Gemeinschaften, Botschafter James
Dobbins, erklärte am 22. November 1991, der erfolgreiche Aufbau neuer euro-atlantischer Strukturen zur
Bewältigung der Herausforderungen des Wandels in Europa "wird die Fähigkeit der westlichen Nationen unter
Beweis stellen, ihre Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt anzupassen".
In einer Rede vor der 8. Jahresversammlung des Center for European Policy Study (CEPS) mit dem Thema "Zu
einer Euro-atlantischen Gemeinschaft" erläuterte Dobbins im einzelnen die Anpassungen, die der Westen in den
vergangenen Jahren aufgrund von Ereignissen wie der Befreiung Osteuropas, der Vereinigung Deutschlands
und der Umgestaltung in der Sowjetunion vornehmen mußte.
Dobbins zufolge sollten die atlantischen Partner zum gegenwärtigen Zeitpunkt zusätzlich zu neuen Strukturen
"weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden unterschiedlichen institutionellen Ressourcen - insbesondere
NATO, EG und KSZE - nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittel- und Osteuropa
sowie der ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euroatlantische Gemeinschaft zu schaffen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Dobbins im Wortlaut.

Wir kommen heute hier zu einer Zeit äußerster Aktivität zusammen, die das Gefüge der europäischen und
atlantischen Beziehungen verändern wird.
Am 22. Oktober vereinbarten die EG und die
EFTA, den Europäischen Binnenmarkt auf 19
Länder und 380 Millionen Menschen auszuweiten.
Am 8. November haben die Staats- und Regierungschefs der NATO alle Nationen des ehemaligen Warschauer Pakts zum Beitritt zu einer
von der NATO geförderten neuen Sicherheitsstruktur eingeladen, die sich "von Wladiwostok
bis Vancouver" erstreckt.
Am 9. November gelang es dem Präsidenten
der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Kommission und den Vereinigten Staaten bei einem Treffen in Den Haag, die Handelsgespräche der Uruguay-Runde einem frühzeitigen Abschluß näherzubringen.
Vom 9.-10. Dezember werden die Staats- und
Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht zusammenkommen, um die

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Pläne für eine europäische politische und
Währungsunion abzuschließen.
Am 20. Dezember werden die Außenminister
der Sowjetunion und ihrer fünf ehemaligen Verbündeten im NATO-Hauptquartier in Evere am
ersten Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen.
Innerhalb dieses Zeitrahmens beabsichtigen wir eine
europäische Energiecharta zu vervollständigen, und
die EG hofft, die Assoziierungsabkommen mit der
Tschechoslowakei, Polen und Ungarn zu verabschieden.
In nur zwei Monaten können die atlantischen Partner
gemeinsam und im Alleingang so endgültig folgendes
schaffen:
einen Europäischen Wirtschaftsraum,
eine Europäische Währungsunion,
eine Europäische Politische Union,
ein internationales Handelsabkommen,

Seite 1

�eine Europäische Energiecharta und
ein euro-atlantisches Sicherheitsforum.
Der Erfolg dieser Unternehmungen wird die Fähigkeit
der westlichen Nationen unter Beweis stellen, ihre
Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt
anzupassen. Konfrontiert mit Turbulenzen im Osten
haben Nordamerika und Westeuropa ihre Tagesordnung fest im Griff. Als Reaktion auf den Zusammenbruch des Kommunismus bietet der Westen neue
institutionelle Strukturen, um die Entwicklung zu
Demokratie und freien Marktwirtschaften in ganz Europa zu unterstützen. Angesichts der Herausforderung
zum Aufbau einer neuen Weltordnung unternehmen
die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
entschiedene Schritte zur Schaffung einer echten Euroatlantischen Gemeinschaft.
Diese kreativen Impulse zu neuen euro-atlantischen
Strukturen wurden vor nahezu zwei Jahren gegeben.
Ihre erste Phase fand im Jahr 1990 statt, als Reaktion
auf die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung
Deutschlands. Die zweite Phase erhielt 1991 Auftrieb
durch das sich immer noch beschleunigende Tempo
der Veränderungen in der Sowjetunion selbst.
So ehrgeizig die bereits in die Wege geleiteten Modifizierungen der europäischen und atlantischen Architektur auch sein mögen, so müssen die atlantischen
Partner auf noch weiterreichende Veränderungen in
der Zukunft vorbereitet sein, während wir auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Auflösung des sowjetischen Imperiums reagieren, indem
wir den Menschen im Osten neue Strukturen, Institutionen und kooperative Arrangements anbieten, denen sie sich anschließen können.
Phase 1: Die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung Deutschlands
Phase 1 der euro-atlantischen institutionellen Anpassung erhielt ihren mächtigsten Impuls durch die Ereignisse am 9. November 1989 in Berlin. Die Mauer fiel
und das deutsche Volk manifestierte seinen Wunsch
nach Vereinigung. Einen Monat später, am 12. Dezember, bot Außenminister Baker in Berlin einen ersten Beitrag zur europäischen Architektur nach dem
kalten Krieg an.
Bei dieser Gelegenheit sprach er von einem neuen
Europa und einem neuen Atlantizismus. Er unterbreitete folgende Vorschläge:
eine wiederbelebte NATO mit neuer politischer
Verantwortung,
eine institutionalisierte KSZE mit neuen Strukturen und Mandaten und
eine geschlossenere Europäische Gemeinschaft
mit stärkeren, offiziellen Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten.
Seite 2

Gleichzeitig war der am meisten beachtete Teil der
Rede, daß Außenminister Baker als vierten Pfeiler
dieses neuen Europas und neuen Atlantizismus' ein
vereinigtes Deutschland ausmachte.
Binnen weniger als einem Jahr wurde diese Vision
verwirklicht. Im Juli 1990 nahmen die Staats- und
Regierungschefs der NATO bei ihrem Londoner Treffen Abstand von neuen Nuklearwaffenstationierungen. Sie erklärten Atomwaffen zum "letzten Ausweg".
Sie luden alle Länder des Warschauer Pakts ein,
Vertreter nach Evere zu entsenden und direkte Beziehungen mit dem Atlantischen Bündnis aufzunehmen.
Am 3. Oktober gelangten die "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen über die Vereinigung Deutschlands zu
ihrem historischen Abschluß.
Am 21. November unterzeichneten die europäischen
Staats- und Regierungschefs in Paris den Vertrag zur
Begrenzung der Konventionellen Streitkräfte in Europa und vereinbarten eine neue institutionelle Grundlage für die KSZE, unter anderem ein Sekretariat, ein
Konfliktverhütungszentrum, ein Büro für freie Wahlen
und eine parlamentarische Versammlung.
Zwei Tage später, am 23. November, gaben die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft
eine gemeinsame Erklärung heraus. Sie erweiterten
den Rahmen ihrer Zusammenarbeit und vereinbarten,
sechs Treffen auf höchster Ebene pro Jahr abzuhalten
- zwei Gipfel, zwei Treffen der 12 Außenminister der
EG mit dem der Vereinigten Staaten sowie zwei Treffen hochrangiger Mitglieder der Kommission und des
amerikanischen Kabinetts. Ferner kamen sie überein,
diesen dichtgedrängten Terminplan von Kontakten auf
höchster Ebene durch ein erweitertes Gefüge der
Zusammenarbeit auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter und Experten zu unterstützen.
Phase 2: Umbruch in der Sowjetunion
Kaum waren diese Innovationen der europäischen und
atlantischen Architektur eingeführt, begann sich das
Tempo der Veränderungen im Osten erneut zu beschleunigen. 1990 hatten die atlantischen Partner ihre
Zusammenarbeit für Verhandlungen mit einem befreiten Osteuropa und einem vereinigten Deutschland
verstärkt. Im Jahr 1991 verlagerte sich ihr Augenmerk
auf die Liberalisierung und die sich abzeichnende
Auflösung der Sowjetunion.
Am 18. Juni, durch Zufall wiederum in Berlin, unterbreitete Außenminister Baker weitere amerikanische
Vorschläge für europäische und atlantische Strukturen. Indem er die Evolution in Westeuropa zu supranationalen Autoritätsformen der Auflösung im Osten
gegenüberstellte, argumentierte Baker, die grundlegende Herausforderung der Demokratie bestehe darin, "ethnische Bande auf der Basis gemeinsamer - und
viel stärker noch universeller Werte - zu umfassen und
zu repräsentieren, aber auch zu überwinden". Im

AMERIKA DIENST 48

�Osten wie im Westen mußten neue Strukturen und
Muster multikultureller internationaler und vielleicht
supranationaler Zusammenarbeit geschaffen werden.
Das langfristige Ziel, so gab er zu verstehen, bestehe
in der Schaffung einer "Euro-atlantischen Gemeinschaft", die im Lauf der Zeit die atlantische Partnerschaft freier Völker und demokratischer Regierungen
auf das Gebiet "von Vancouver bis Wladiwostok"
ausdehnen solle.
Um diesem Ziel näherzukommen, schlugen die Vereinigten Staaten eine zusätzliche Erweiterung des NATOMandats zur Zusammenarbeit mit ehemaligen Gegnern sowie neue Funktionen für die KSZE vor, darunter
die Fähigkeit zur Reaktion auf Krisen sowie die Ausdehnung ihrer rüstungskontrollpolitischen Tagesordnung.
Aufbau einer Euro-atlantischen Gemeinschaft: Die
vor uns liegende Aufgabe
Bei seiner Verkündung im vergangenen Juni erschien
dieses Ziel einer Euro-atlantischen Gemeinschaft als
Arbeit für eine ganze Generation. Im August hatte
diese Aufgabe jedoch nach dem gescheiterten Putsch
in der Sowjetunion bereits neue Dringlichkeit gewonnen.
Die gegenwärtig stattfindende zweite russische Revolution könnte wie die erste fehlschlagen. Eine Form der
Diktatur könnte durch eine andere ersetzt werden.
Ethnische Konflikte und nationale Rivalitäten könnten
auf massive Art und Weise die Tragödie wiederholen,
die sich heute in Jugoslawien vollzieht.
Das erste russische Experiment mit der Demokratie
lief unter dem Druck des Weltkriegs aus dem Ruder.
Im Vergleich zu 1917 ist das internationale Klima heute
jedoch wesentlich freundlicher. Mit der richtigen Mischung aus Rat und Tat hat der Westen dieses Mal
eine gute Chance, der zweiten russischen Revolution
dabei zu helfen, sich irgendwo in der Mitte des politischen Spektrums zu stabilisieren.
In ganz Osteuropa haben wir bereits gesehen, daß
sich eine künstlich eingeimpfte Feindschaft, die nicht
aus tiefverwurzeltem historischem Groll entstanden
ist, rasch in herzliche Freundschaft verwandeln kann.
Der Beginn eines solchen Umschwungs ist auch unter
reformorientierten Elementen der sowjetischen Gesellschaft offenkundig. In den kommenden Monaten
könnte der Westen die Chance haben, ein Verhältnis
zur ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken
aufzubauen, das in gewisser Weise mit dem Verhältnis
der Vereinigten Staaten zu Deutschland und Japan
nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist - ein
Verhältnis, bei dem auf aufgeklärtem Eigeninteresse
beruhende Großzügigkeit unsererseits dauerhaften
Respekt und Freundschaft seitens der Völker der
ehemaligen Sowjetunion fördert.

AMERIKA DIENST 48

Die dominierende Herausforderung wird für die sowjetische "Außen"-politik der kommenden Monate die
Neugestaltung der Beziehungen mit ihren Republiken
sein. Neben dieser Aufgabe wird das Hauptaugenmerk der nach außen gerichteten Politik des Zentrums
und der meisten Republiken, insbesondere Rußlands,
darauf konzentriert sein, die Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten und Westeuropa zu stärken und
engere Beziehungen mit den verschiedenen westlichen Institutionen, einschließlich von G-7, IWF, IBRD,
OECD, Europarat, EG und NATO, herzustellen. Wir
werden sorgfältig prüfen müssen, wie wir auf diese
Ouvertüren reagieren. Einerseits müssen wir die
Integrität und Effektivität unserer Institutionen bewahren, während wir uns gleichzeitig anschicken, die
aufstrebenden Demokratien im Osten in eine erweiterte euro-atlantische Partnerschaft einzubeziehen.
Die atlantische Partnerschaft beruht auf drei Hauptpfeilern - NATO, KSZE und amerikanisch-europäische
Beziehungen. Jeder dieser drei Pfeiler wird eine
wichtige Rolle bei der Stützung der Reformen im Osten
und Schaffung breiterer Strukturen der Zusammenarbeit spielen müssen.
Die NATO hat - zumindest seit dem Harmel-Bericht zur
Mitte der sechziger Jahre - eine doppelte Mission der
Verteidigung und des Dialogs. Als Reaktion auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Umgestaltung der Sowjetunion wird das Dialogelement des
NATO-Mandats stark erweitert.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der KSZE wird
ebenfalls intensiviert. Der jüngste NATO-Gipf el hat mit
dem Vorschlag, ein Büro zur Entwicklung demokratischer Institutionen zu gründen, soeben einen weiteren
Schritt zur Institutionalisierung dieses paneuropäischen
Prozesses unter kommen.
Der Europäischen Gemeinschaft fällt bei der Entwicklung einer Euro-atlantischen Gemeinschaft eine zentrale Rolle zu. Die Erweiterung der ursprünglichen
Gemeinschaft hat bereits Stabilität, Wohlstand und die
Konsolidierung der Demokratie in Spanien, Portugal
und Griechenland gefördert. Viele erwarten heute von
der EG, ebenfalls die Umgestaltung im Osten zu
bewirken, die sie bereits so erfolgreich an ihrer westlichen und südlichen Peripherie gefördert hat.
Läßt man die Frage der Mitgliedschaft einmal beiseite,
so kann die Europäische Gemeinschaft mehrere wichtige Beiträge zur Integration Mittel- und Osteuropas,
einschließlich der Sowjetunion, in den umfassenderen
internationalen Rahmen leisten. Erstens ist und bleibt
die Gemeinschaft eine unverzichtbare Quelle der
Solidarität unter den Staaten Westeuropas bei der
Bewältigung dieser Aufgaben. Zweitens liefert die
Gemeinschaft, wie ich bereits ausführte, den Völkern
des Ostens ein Modell und eine Quelle anhaltender
Inspiration. Die Geschichte der Europäischen Ge-

Seite 3

�meinschaft in den vergangenen 40 Jahren ist ein
Paradebeispiel dafür, daß historische Gegensätze und
ethnischer Haß durch geduldigen, mühsamen Aufbau
supranationaler Strukturen überwunden werden können. Drittens kann die Gemeinschaft zusammen mit
den Vereinigten Staaten und anderen den sich entwickelnden Demokratien des Ostens konkrete Hilfe
und, was vielleicht noch wichtiger ist, Zugang zu ihren
Märkten bieten. Die führende Rolle der EG-Kommission beim G-24-Prozeß ist symptomatisch für die
zentrale Rolle der Europäischen Gemeinschaft in diesen Fragen.
Bei der Erörterung der künftigen Entwicklung der
Gemeinschaft sind sich die Amerikaner bewußt, daß
der Erfolg der Europäischen Gemeinschaft in den
vergangenen 40 Jahren ebenso stark aus ihrem moralischen Gehalt wie aus dem Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik resultierte. Die Verpflichtung, nationalen Ehrgeiz
einem umfassenderen Ideal - dem Ideal eines vereinten Europas - unterzuordnen, hat die Gemeinschaft
durch alle Krisen geleitet und ihr gestattet, aus jeder
dieser Krisen mit gestärkten Institutionen hervorzugehen. Wenn die Gemeinschaft nun die Frage ihrer
Erweiterung innerhalb eines Kontinents erörtert, der
plötzlich frei von ideologischen Schranken ist, hoffen
wir, daß sie Lösungen finden wird, die diesen grundlegenden und entscheidenden Impuls bewahren.
Gemeinsame Ziele, sich überschneidende Kompetenzen
In den kommenden Monaten werden NATO, KSZE
und EG, deren Kompetenzen sich bisweilen überschneiden, weiterhin ihre Aktivitäten und Beziehungen
nach Osten erweitern. Dies wird vielleicht ein gewisses Maß an Überschneidungen, Konkurrenz und sogar
Verwirrung nach sich ziehen. Zu einer Zeit, da der
Westen jedoch die größtmöglichen Anstrengungen
unternehmen muß, um Beziehungen mit den demokratischen Kräften in der Sowjetunion aufzubauen und
deren Erfolgsaussichten zu stärken, ist es sinnvoll, all
unsere institutionellen Ressourcen einzusetzen und
gleichzeitig einige grundsätzliche Festlegungen im
Hinblick auf institutionelle Mandate und Mitgliedschaft
in den wichtigsten westlichen Organisationen zurückzustellen, bis der Lauf der Ereignisse in der Sowjetunion klarere Konturen gewinnt.
Zum jetzigen Zeitpunkt sollten die atlantischen Partner
deshalb weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden
verschiedenen institutionellen Ressourcen, insbesondere NATO, EG und KSZE, nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittelund Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion
und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euro-atlantische Gemeinschaft zu
schaffen. Wir sollten das Liaisonkonzept der NATO
mit allen unseren ehemaligen Gegnern zu einer wahrhaft kooperativen Sicherheitsbeziehung ausbauen. Die
Intensivierung der europäischen Integration und die

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Öffnung der Märkte der EG sowie der Vereinigten
Staaten für Osteuropa und die Sowjetunion sollten
parallel ablaufen. Vor allem sollten die atlantischen
Partner weiterhin die Reformen und Reformer in der
Sowjetunion unterstützen und sich bemühen, die
Sowjetunion und ihre Republiken in die umfassendere
Euro-atlantische Gemeinschaft zu integrieren sowie
die grundlegenden europäischen und atlantischen
Institutionen in einem Tempo und in eine Richtung neu
zu orientieren, die von dem Tempo und dem Umfang
bestimmt werden, in dem diese Reformen Fuß fassen.
Die Zukunft Osteuropas und besonders die Zukunft
der Sowjetunion können nicht ausschließlich im europäischen oder auch euro-atlantischen Kontext betrachtet werden. Ein Großteil der Sowjetunion liegt in
Asien. Entwicklungen in diesem Land sind für Japan
ebenso wichtig wie für die Vereinigten Staaten oder
Europa. Die Probleme der sowjetischen Wirtschaft
sind einfach zu umfangreich als daß sie nur im regionalen Kontext behandelt werden könnten. Deshalb
liegt es sowohl im amerikanischen als auch im europäischen Interesse, daß internationale Institutionen wie
IWF, Weltbank, OECD und GATT eine zentrale Rolle
bei der Integration der Sowjetunion und ihrer Republiken in die Weltwirtschaft spielen. In diesem Zusammenhang ist ein erfolgreicher Abschluß der UruguayRunde eine besonders wichtige Komponente jeder
Strategie, die darauf ausgerichtet ist, den Erfolg der
Umgestaltung Osteuropas und der Sowjetunion zu
Marktwirtschaften und demokratischen Gesellschaften zu sichern.
Ich habe meine Ausführungen mit der Feststellung
begonnen, daß wir inmitten einer dramatischen Periode des Wandels zusammenkommen. Die potentiellen
Errungenschaften dieses Herbstes - ein Europäischer
Wirtschaftsraum, ein Nordatlantischer Kooperationsrat, ein weltweites Handelsabkommen, eine Europäische Energiecharta, eine Europäische Politische Union
und eine Europäische Währungsunion - werden uns
besser in die Lage versetzen, die im Osten stattfindenden Veränderungen zu bewältigen. Das Tempo des
Wandels beschleunigt sich dort jedoch noch. Unsere
Fähigkeit zur Innovation und Anpassung wird in den
kommenden Monaten weiter auf die Probe gestellt.
Wir werden sowohl auf die kurzfristigen Hilfsanforderungen der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Republiken reagieren müssen als auch auf ihre langfristigen
Bedürfnisse der Eingliederung in eine umfassendere
Gemeinschaft demokratischer Staaten und freier
Marktwirtschaften. Wir müssen dem Bürgerkrieg in
Jugoslawien ein baldiges Ende setzen - dem ersten
Krieg Europas nach 1945. Wir sollten zusammenarbeiten, um eine europäische Verteidigungsidentität zu
fördern und sicherzustellen, daß ihre Entwicklung auch
die lebenswichtige atlantische Verbindung verstärkt.
Aufgrund der Bilanz der vergangenen beiden Jahre
und der in den nächsten Wochen für uns in greifbarer
Nähe liegenden Errungenschaften gehe ich davon
AMERIKA DIENST 48

�aus, daß die atlantischen Partner in der Lage sein
werden, diesen Herausforderungen im Vertrauen auf
unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum Treffen
* *

AMERIKA DIENST 48

schwieriger Entscheidungen und zur Schaffung einer
echten Euro-atlantischen Gemeinschaft zu begegnen.
*

*

Seite 5

�KONGRESS

4. Dezember 1991

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken, Bildungsfonds

WASHINGTON - (AD) - Vor den langen Parlamentsferien hat der 102. Kongreß noch eine Reihe von Maßnahmen verabschiedet. In der letzten Woche vor der Pause fanden in beiden Kammern Marathonsitzungen statt.
Zu den getroffenen Entscheidungen gehören die Zustimmung zu einem Hilfspaket, mit dem sowjetische
Abrüstungsmaßnahmen unterstützt werden sollen, die Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
sowie die Bereitstellung zusätzlicher Gelder, um in Schwierigkeiten geratene Banken zu retten. Ein besonderer Bildungstreuhandfonds wurde geschaffen, um auf die veränderte Weltlage zu reagieren. Ein Ausschußbericht stellte darüber hinaus fest, daß der irakische Präsident Saddam Hussein schweres Gerät aus dem Irak
verlegt und damit die UN-Sanktionen verletzt.

Plan zur Unterstützung sowjetischer Abrüstungsmaßnahmen verabschiedet

Irak verletzt UN-Verbot durch Verlegung von Gerät
in den Iran

Der Kongreß bewilligte 500 Millionen Dollar - die dem
Verteidigungshaushalt entnommen werden - zur Unterstützung der Sowjetunion beim Abbau ihrer Kernund C-Waffenarsenale. Die Abgeordneten gehen
davon aus, daß der Plan im nationalen Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten liegt, da er dazu
beitragen wird, die Sicherheit sowjetischer Waffen vor
möglichem Mißbrauch zu verbessern, falls es in den
Republiken während des erwarteten harten Winters in
der Sowjetunion zu Unruhen kommen sollte.

Einem Sonderbericht des Auswärtigen Ausschusses
des Senats zufolge verletzt Bagdad mit der Verlegung
von schwerem Gerät in den Iran ein von den Vereinten
Nationen verhängtes Verbot.

Mit dieser Maßnahme werden 400 Millionen Dollar für
die 50prozentige Reduzierung von Moskaus nuklearen Gefechtsköpfen bewilligt -15.000 von 30.000. Die
verbleibenden 100 Millionen werden für Flüge amerikanischer Militärmaschinen zum Transport von Nahrungsmitteln in die sowjetischen Republiken im Rahmen der Soforthilfe für diesen Winter eingesetzt.
Der Kongreß genehmigte die Mittel als Teil eines
Gesetzes, mit dem die Regelungen des historischen
Vertrags über die Verringerung der konventionellen
Streitkräfte in Europa (KSE) umgesetzt werden, der
vom Senat am 25. November 1991 ratifiziert worden
war.

AMERIKA DIENST 48

Ein am 27. November 1991 vom Ausschuß veröffentlichtes Dokument stellte fest, im Nordirak operierende
kurdische Verbände, die in Opposition zu Saddam
Hussein stehen, hätten berichtet, daß "ganze Fabriken" mit verbotenem Gerät über die Grenze gebracht
worden seien. Die Kurden sprachen direkt mit Mitarbeitern des Kongresses, die sich in der Gegend aufhielten.
Diese Mitarbeiter beobachteten selbst Aktivitäten, die
die Behauptungen der Kurden untermauern. Ein führendes Mitglied der amerikanischen Gruppe erklärte:
"Es ist klar, daß der Irak seine Infrastruktur zu Schleuderpreisen in den Iran exportiert." Er habe in einer
Grenzstadt Bulldozer, Kräne, Bagger und Muldenkipper gesehen, die auf ihre Weiterfahrt in den Iran
warteten.
Dem Bericht zufolge kontrollieren kurdische Widerstandskräfte 80 Prozent des kurdischen Gebiets im

Seite 1

�Irak. Mindestens 600.000 Kurden haben jedoch keine
Unterkunft und es steht ihnen ein katastophaler Winter
bevor. Massengräber wurden gefunden und legen den
Schluß nahe, daß 182.000 angeblich vom Regime
1988 in den Süden umgesiedelte Kurden statt dessen
von Saddam Husseins Truppen ermordet wurden,
stellt der Bericht fest.

Den in Schwierigkeiten geratenen Banken werden bei
Anzeichen drohender Zahlungsunfähigkeit striktere
Kontrollen ihrer Aktivitäten auferlegt. Die Bundesaufsichtsbehörde hat die Befugnis, die Aktiendividenden
und die Zinssätze auf Einlagen zu begrenzen sowie
hohe Gehälter und Prämien für leitende Mitarbeiter
und Angestellte zu verbieten.

Der Ausschuß Vorsitzende Claibome Pell drängte auf
äußerst strikte Durchsetzung der UN-Sanktionen gegen
den Irak und forderte begrenzte Militärhilfe für die
Kurden und andere irakische Rebellen, um Saddam
Husseins Regime zu stürzen.

In dem Bestreben, einen weiteren Skandal wie den der
Bank of Credit and Commerce International (BCCI) zu
vermeiden, hat der Kongreß der Bundesnotenbank die
Befugnis zur Prüfung aller ausländischen Bankoperationen in den Vereinigten Staaten erteilt. Die Zentralbank wäre ferner befugt, neue Büros ausländischer
Banken zu schließen und die Eröffnung neuer Büros
zu verbieten.

Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
Am 27. November verabschiedete der Kongreß ein
Verkehrsgesetz in Höhe von 151 Milliarden Dollar.
Das Repräsentantenhaus stimmte mit 372 zu 47, der
Senat mit 79 zu 8 Stimmen für die Maßnahme.
Das Gesetz sieht 119,5 Milliarden Dollar für Bau und
Instandhaltung von Straßen und Brücken sowie 31,5
Milliarden Dollar für Bau und Erweiterung des Nahverkehrsnetzes vor. Die Kongreßabgeordneten begrüßten die Maßnahme mit der Begründung, daß damit in
den nächsten vier bis sechs Jahren zwischen 2 und 4
Millionen Arbeitsplätze geschaffen würden. Präsident
Bush hat die Unterzeichnung der Gesetzesvorlage
zugesagt.
Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Finanzinstitutionen
Der Kongreß stimmte für die Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Bundesbehörden,
die mit dem Zusammenbruch von Finanzinstitutionen
kämpfen müssen. Die praktisch zahlungsunfähige
Bundeseinlagen-Versicherungsgesellschaft wird damit
zur Aufstockung der Anleihen von 5 Milliarden Dollar
auf 30 Milliarden Dollar in der Lage sein, die sie bei der
öffentlichen Hand aufnimmt. Darüber hinaus kann sie
dann Anleihen in Höhe von bis zu 90 Prozent der
Vermögenswerte aufnehmen, die sie von bankrotten
Institutionen beschlagnahmt hat.
Der Gesamtumfang der durch diese beiden Programm
getätigten Anleihen beläuft sich auf 70 Milliarden Dollar.

*

Seite 2

Genehmigung eines internationalen Bildungsfonds
Die Gesetzgeber haben der Bereitstellung von 150
Millionen Dollar für das umfassendste internationale
Programm im Bereich der Hochschulbildung seit 1950
zugestimmt. Der Fonds dient der Unterstützung eines
internationalen Bildungstreuhandfonds, der Stipendien
für Auslandsstudien, zum Studium von Fremdsprachen sowie Mittel für Universitäten zur Erweiterung
ihrer Fremdsprachen- und Landeskundeprogramme
vorsieht.
Der Fonds beträgt zunächst 35 Millionen pro Jahr. In
den folgenden Jahren erfolgt die Finanzierung durch
Zinsen aus dem verbleibenden Kapital.
Die Mittel kommen aus dem Bildungsbudget. Der
Vorsitzende des Bildungsausschusses des Senats,
David Boren, erklärte, der Fonds spiegele die neue
Realität der Zeit nach dem kalten Krieg wider. "Vier
Jahrzehnte lang sprach die Welt unsere Sprache.
Diese Zeit ist vorüber", so Boren.
"Um wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu sein und unsere diplomatischen und nationalen Sicherheitsinteressen zu schützen, müssen wir international denken",
stellte er fest. "Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir
eine entscheidende Bedrohung unserer nationalen
Sicherheit und unserer Fähigkeit ignorieren, eine
Führungsrolle in der Welt zu spielen."

*

AMERIKA DIENST 48

�UMWELTSCHUTZ
4. Dezember 1991

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Unternehmen bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für verbesserten
Umweltschutz - Zusammenarbeit mit Umweltexperten im US-Kongreß, Aufwendung beträchtlicher Mittel zur
Erfüllung der Auflagen zur Reinhaltung der Luft sowie Recycling und Entwicklung alternativer Energiequellen.
Der Autor ist freiberuflicher Schriftsteller. Der nachfolgende Artikel wurde erstmals in The American Legion
Magazine veröffentlicht. Copyright (c) 1990.

Die Herstellung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen
(FCKW) war ein solides Geschäft mit einem Jahresumsatz von 750 Millionen Dollar für E l . Du Pont de
Nemours &amp; Co., den amerikanischen Chemiegiganten. Wissenschaftliche Untersuchungen gelangten
jedoch zu dem Schluß, daß FCKW die Ozonschicht
der Erde abbauen. Daher gab Du Pont die Einstellung
der Produktion des profitablen Kühl- und Reinigungsmittels bekannt und wendete bis zu 1 Milliarde Dollar
zur Erforschung eines Ersatzstoffes auf.
Werden sie zu Umweltfanatikern? Du Pont gibt freiwillig schätzungsweise 50 Millionen Dollar mehr für
Umweltprojekte aus, als Gesetze und Auflagen fordern.
Räumen die Fanatiker das Feld? Nicht ganz. Anhand
der bei der Reinigung und Verbesserung ihrer Chemiefabriken gesammelten Erfahrungen hat Du Pont eine
Abteilung zur Unterstützung anderer Industriefirmen
eingerichtet, die Probleme mit giftigen Stoffen haben eine Abteilung mit prognostizierten Jahreseinnahmen
in Höhe von rund 1 Milliarde Dollar. Das Unternehmen
geht davon aus, daß die Abteilung und neue umweltfreundliche Produkte bis 1995 Jahresumsätze von bis
zu 8 Milliarden Dollar erzielen werden.
Dem Vorsitzenden von Du Pont, Edgar Woolard Jr.,
zufolge ist der Druck der Umweltschützer "ein zweischneidiges Schwert. Eine Schneide ist Verletzbarkeit, die andere sind Chancen."

AMERIKA DIENST 48

Du Pont ist nur eines von vielen amerikanischen Unternehmen, die Chancen zur Entwicklung eines Umweltbewußtseins ausgemacht haben. Nach nahezu 20
Jahren des Meckerns über Gesetze zur Reinhaltung
von Luft und Wasser, Verzögerungstaktiken bei deren
Erfüllung und gelegentlichem Kampf bis aufs Messer
über diese Gesetze werden Unternehmen mit Köpfchen zunehmend umweltbewu ßt - und es ist eine kluge
Untemehmensentscheidung.
In seinem Buch The Environmental Factor schrieb
der Autor Michael Silverstein: "Um es einmal ganz
unmoralisch zu formulieren: Bisher konnte man gutes
Geld damit verdienen, die Umwelt zu ignorieren oder
zu ihrer Zerstörung beizutragen. In Zukunft wird man
noch besseres Geld damit verdienen, zur Beseitigung
des Mülls beizutragen."
Zu den Rennern der von Börsenmaklern angebotenen
Aktien zählen die von Umweltschutzfirmen. Unternehmen von der herkömmlichen Müllabfuhr bis zu Firmen,
die Abgaskontrollgeräte, Umweltschutztechnologien
und alternative Energiequellen entwickeln, expandieren am schnellsten.
"Umweltbewußte Verbraucher" wählen bereits Produkte oder Markenzeichen, die das umweltfreundlichste Image verbreiten. Um Justizminister Hubert
Humphrey III. aus Minnesota zu zitieren: "Wir beobachten eine grüne Revolution in den Regalen der
amerikanischen Geschäfte."

Seite 1

�An Wall Street vollzieht sich ein Szenenwechsel. Für
berufliche Aufsteiger hei ßt das Schlagwort Umwelt. In
Berufen, die vor 10 Jahren noch nicht existierten,
beschäftigen führende petrochemische Unternehmen
und kleinere Dienstleistungsbetriebe Tausende von
Ingenieuren, Chemikern, Laboranten, Biologen sowie
Spezialisten für die Arbeit im Umweltschutz. Einige
Unternehmen vergeben sogar Prämien und Gehaltserhöhungen zur Belohnung des umweltbewußten
Verhaltens der Geschäftsführung.
In altruistisch anmutender Kooperation arbeiten viele
Großunternehmen mit Umweltexperten auf dem Kapital bei der Erarbeitung noch strengerer Auflagen zusammen. In einem Artikel in National Review stellt
David Brooks in einem Leitartikel jedoch fest: "Ein
Großunternehmen kann Gesetzeshürden überspringen, die kleinere Firmen vom Aufstieg abhalten." Obwohl
damit der Wettbewerb verringert wird, profitiert die
Gesundheit des Planeten dennoch.
Egal aus welchem Blickwinkel man es auch betrachtet
- die Umwelt ist das Thema der neunziger Jahre.
"Umweltbewu ßtsein wird das entscheidende Kriterium
sozialer Reformen und das absolut wichtigste Thema
für die Unternehmen sein", erklärt Gary Miller, ein
Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit an der Washington
University in St. Louis (Missouri). Präsident Bush will
das Amt für Umweltschutz (EPA) zu einem Ministerium machen. Und wie der Vorsitzende von Monsanto,
Richard J. Mahoney, bei einem Abendessen der National Wildlife Foundation zu Ehren der Umweltschutzarbeit seines Unternehmens sagte: "Die Fackel des
Umweltschutzes ist - wenn sie auch noch nicht hell
leuchtet - in amerikanischen Unternehmen zumindest
entzündet worden."
Sie wurde teils durch die Spannungen zwischen Auflagen auf Bundes-, Staaten- und Gemeindeebene sowie
die Kosten der - fahrlässig oder routinemäßig verursachten - Umweltverschmutzung gezündet. Strafen
werden in Form von Geldbußen, Gerichtsverfahren
und Reinigungskosten verhängt und es wird öffentlich
Unmut geäußert wie im Fall des durch die Exxon
Valdez verursachten Ölteppichs in Alaska. Bei Fabriken sind die Strafen für die Nichteinhaltung der Grenzwerte inzwischen höher als das durch die Verschmutzung gesparte Geld. Intellekt, Fähigkeiten und Bestrebungen kluger Wissenschaftler, Ingenieure und Führungskräfte konzentrieren sich auf Sparmaßnahmen
und die Umwelt.
Zu viele staatliche Vorschriften waren schon immer ein
Greuel für Unternehmen und viele Bürger. Man kann
jedoch argumentieren, daß Umweltvorschriften in die
Kategorie fallen, die von Ökonomen als "das Gemeinwohl" bezeichnet werden wie ein solides Bildungswesen und eine ausreichende nationale Verteidigung.

Seite 2

Die Öffentlichkeit ist eindeutig zu Ausgaben bereit. Bei
einer von der New York Times und CBS regelmäßig
durchgeführten Meinungsumfrage wird die Frage gestellt,
ob Umweltschutz so wichtig ist, daß die Auflagen nie
zu streng sein können und ob Verbesserungen unabhängig von den Kosten vorgenommen werden sollten.
1981 stimmten nur 45 Prozent zu, während 42 Prozent
dies ablehnten. In jüngster Zeit stimmten nahezu 80
Prozent der Öffentlichkeit zu.
Zahlreiche Umfragen belegen, daß fast alle sich in
gewissem Maße als Umweltschützer betrachten. Es
überrascht daher nicht, daß in den Reihen der amerikanischen Führungskräfte das Umweltbewußtsein
Einzug hält. Generationen, die Ende der sechziger
Jahre erwachsen wurden, als die verheerenden Auswirkungen der Verschmutzung offenkundig wurden,
nehmen jetzt Führungspositionen ein. Anstatt die Industrie von außen zu bekämpfen, ändern sie sie von
innen heraus. "Unternehmen wie unseres erleben
das, was nur als Revolution des Umweltbewußtseins
bezeichnet werden kann", stellt Mahoney fest.
Die Unternehmen geben derzeit schätzungsweise 32
Milliarden Dollar jährlich für die Erfüllung der Auflagen
zur Reinhaltung der Luft aus. Die klugen wenden
jedoch noch mehr auf. "Wenn man einen Betrieb baut,
der die Vorschriften jetzt gerade eben erfüllt, wird man
in Zukunft sehr viel mehr bezahlen müssen", erklärt
Lester Lave, Professor für Öffentlichkeitsarbeit und
Ingenieur an der Wirtschaftsfakultät der CarnegieMellon University in Pittsburgh (Pennsylvania).
Ein Vertreter der Minnesota Mining &amp; Manufacturing
(3M) stimmt dem zu. "Die Bestimmungen drohen uns
zu überschwemmen", so Robert Bringer, Vizepräsident für Umweltschutz und Abgaskontrolle. "Die einzige Art und Weise, damit fertigzuwerden, besteht in
der Reduzierung der Emissionen, die die Auflagen
nach sich ziehen."
Die 3M-Produktion beschichteter Erzeugnisse, etwa
selbstklebender Notizzettel und Videobänder, war früher
mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden. Durch
die Wiederaufbereitung von Lösungsmitteln, die einst
in die Atmosphäre gelangten sowie den Ersatz flüchtiger Lösungsmittel durch solche auf Wasserbasis, hat
die Firma die Notwendigkeit teurer Geräte zur Eindämmung von Umweltbelastungen verringert.
Innovative Unternehmen reduzieren nicht nur die
Emissionsmenge, die in die Atmosphäre abgegeben
wird, sondern auch den Materialanteil, der in Mülldeponien entsorgt wird, deren Gebühren zur Zeit explosionsartig in die Höhe schießen. Diese Praktiken
führen überdies zu einer besseren Nutzung von Ressourcen. So hat zum Beispiel ein unternehmensweites
Projekt der ölfirma Chevron mit dem beziehungsrei-

AMERIKA DIENST 48

�chen Titel "Save Money and Reduce Toxics (SMART)"
den von der Firma verursachten Sondermüll seit 1986
um über 60 Prozent verringert.
Die Beschäftigung mit Sondermüll und selbst mit
gewöhnlichem Müll ist zu einem extrem gewinnträchtigen Geschäft geworden. Waste Management of
North America, das im Jahr 1989 einen Umsatz von 4,5
Milliarden Dollar und einen Gewinn von 562 Millionen
Dollar verzeichnete, bedient als führendes Müllentsorgungsunternehmen der Vereinigten Staaten 7,6 Millionen Haushalte. Obwohl es eine Zielscheibe von
Umweltschützern ist, die Waste Management einer
Reihe von Umweltvergehen beschuldigen, ist das
Unternehmen in aller Stille ebenfalls zur führenden
Recyclingfirma der USA geworden.
Waste Management sammelt in 1,2 Millionen Haushalten Aluminium, Glas, Zeitungen und Kunstoffe.
Dieser Nebenerwerb ist zwar noch nicht in der Gewinnzone, bietet aber gute Wachstumsaussichten. "Der
Enthusiasmus für die Wiederverwertung ist überwältigend. Die Leute haben das Gefühl, daß sie etwas
bewirken können", erklärt der Vorsitzende von Waste
Management, Dean L Buntrock.
Diese Begeisterung und ein wachsender Markt für
wiederverwertetes Material bringen wirtschaftliche
Möglichkeiten hervor. Der Präsident von Hafner Industries in New Haven (Connecticut), Edwin Hafner,
beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Entwicklung und
Finanzierung eines Verfahrens zur Wiederverwertung
von PVC und anderen Kunststoffen. "Ich kann PVC
wiederaufbereiten und dabei eine 10Oprozentig neuwertige Qualität zu lediglich 20 Prozent der Energiekosten erreichen, die bei der Herstellung neuen PVCs
anfallen", erklärt Hafner.
In The Environmental Factor stellt Silverstein fest,
daß etwa 2.500 Hersteller heute umweltorientierte
Erzeugnisse und Geräte produzieren und über 3.000
Firmen Umweltberatung anbieten. An der Wall Street
werden die Aktien von etwa 80 Firmen in diesem
Bereich notiert. Das Umsatzwachstum der größten
Umweltdienstleistungsunternehmen übersteigt 20
Prozent im Jahr, wobei einige Umsatzsprünge von 40
bis 80 Prozent verzeichnen.
Neben Empfehlungen, in Dienstleistungsunternehmen
zu investieren, messen Anlageberater bei der Aktienbewertung auch der Umweltbilanz eines Unternehmens immer größere Bedeutung bei. Eine Firma, die
sich nicht energisch um den Abbau von Umweltbelastungen kümmert, mag zwar heute noch profitabel
sein, bietet jedoch Risiken für den künftigen Ertrag.
Und Verbrauchergruppen können diesen Ertrag kontrollieren. So gibt es heute bereits "grüne" Wertpapier-

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fonds, die ihre Investitionsentscheidungen großenteils
aufgrund der umweltpolitischen und sozialen Praktiken von Unternehmen treffen. Die Franklin Research
&amp; Development Corporation in Boston sowie der Calvert Social Investment Fund in Maryland legen kein
Geld in Firmen an, die eine schlechte Umweltbilanz
aufzuweisen haben.
Die Betonung der Umwelt bereitet auch anderen Unternehmen den Weg, insbesondere im Bereich alternativer Energien. Nach einem Jahrzehnt der Enttäuschungen sind Windkraftwerke - vielleicht die umweltfreundlichste Form der Elektrizitätsgewinnung - heute
gesunde Unternehmen, die Investitionen selbst von
konservativen Firmen der Wall Street anziehen.
Die Windenergie, die Mitte der achtziger Jahre mit dem
Wegfall von Steuervergünstigungen in eine Krise geriet, schafft es heute auch ohne steuerliche Anreize. In
Kalifornien, wo über 90 Prozent der Weltwindenergie
gewonnen werden, hat ein Konsortium aus der Pacific
Gas &amp; Electric Company, U.S. Wind Power und dem

Electrical Power Research Institute ein mit 15 Millionen
Dollar ausgestattetes, auf fünf Jahre ausgelegtes
Programm zur Entwicklung einer neuen Generation
von Windturbinen gestartet. U.S. Wind Power, das
größte Unternehmen seiner Art, beschäftigt 300 Mitarbeiter.
Die Sorge um die Umwelt schafft auch Arbeitsplätze.
So arbeiten etwa 16.000 Mitarbeiter für das amerikanische Umweltbundesamt EPA, während 27.000
Beschäftigte der Bundesstaaten und viele mehr bei
den Kommunen im Umweltbereich tätig sind. Etwa
5.000 Techniker arbeiten seit 1985 an der Reinigung
von Sondermülldeponien. Das Kongreßbüro für die
Bewertung von Technologien (Office of Technology
Assessment) schätzt, daß bis 1995 insgesamt 22.000
benötigt werden. Du Pont beschäftigt etwa 3.000
Mitarbeiter im Bereich Umwelt, deren Gehälter und
Sozialleistungen sich zusammengenommen auf 240
Millionen Dollar belaufen.
Schulen bilden Schüler für den wachsenden Arbeitsmarkt im Umweltbereich aus - in Fähigkeiten, die die
Wirtschaft benötigt und von Neueinstellungen zunehmend auch verlangt. Über 700 Universitäten veranstalten heute Umweltprogramme, und zahlreiche traditionelle Studiengänge zur Ausbildung von Chemikern
und Ingenieuren widmen heute der Umwelt größere
Aufmerksamkeit.
Produkte, die Umweltfreundlichkeit verbreiten, werden vom Verbraucher bevorzugt. In einer Reihe von
Umfragen gaben Verbraucher an, sie seien bereit, für
Verpackungen, die entweder aus wiederverwertetem
Material gewonnen, selbst wiederverwertbar oder biologisch abaubar sind, bis zu 5 Prozent mehr zu zahlen.

Seite 3

�Unter Berücksichtigung dieses Trends hat die Firma
Procter &amp; Gamble damit begonnen, den Kunststoffanteil an ihren Verpackungen zu verringern. So enthalten
zum Beispiel ihre Flaschen mit Crisco Oil weiterhin die
gleiche Menge öl, aber der Kunstoffanteil der Flasche
wurde um 28 Prozent verringert.
Das Unternehmen fördert heute die Herstellung von
Konzentraten - die dem Produkt Vorrang vor der
Verpackung gibt - in sogenannten "Enviropaks". Es
hat eine Linie "multifunktionaler" Produkte entwickelt,
zum Beispiel das Waschmittel Tide mit Bleichmittel, so
daß der Verbraucher ein Paket anstatt zwei kauft.
Darüber hinaus laufen Markttests für eine Reihe von
Reinigungsmitteln und Weichspülem in Kunstofflaschen aus Altmaterial.
Genau dies ist die Art von "grünen" Produkten, die WalMart Stores, der Einzelhandelsgigant mit einem Jahresumsatz von 16 Milliarden Dollar, heute seinen Kunden
empfiehlt. In einem ehrgeizigen Programm fordert der
Konzern seine Lieferanten auf, an ihren Produkten und

*

Seite 4

Verpackungen Umweltverbesserungen vorzunehmen,
die dann von Wal-Mart in den Geschäften besonders
herausgestellt werden.
Umweltschutz ist in den Vereinigten Staaten zu einer
nationalen Leidenschaft geworden. Ein Professor
stellte in diesem Zusammenhang fest: "Unsere Gesellschaft hat einen neuen Konsens gefunden, wonach
Umweltverschmutzung moralisch falsch ist - nicht nur
schädlich oder gefährlich sondern falsch."
Wir müssen uns jedoch auch der Tatsache bewußt
sein, daß Umweltbelastungen ein Nebenprodukt von
Herstellungsprozessen sind, von Erzeugnissen und
Dienstleistungen, die den Amerikanern eine Lebensqualität geliefert haben, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Die Tatsache, daß die amerikanische
Gesellschaft es sich leisten kann, Mittel fürdie Verbesserung der Umweltqualität einzusetzen, ist ein Zeichen nationaler Stärke. Wenn die Wirtschaft in den
neunziger Jahren gesund bleibt, wird die amerikanische Wirtschaft sicherlich eine grüne Wirtschaft sein.

* * *

*

AMERIKA DIENST 48

�AMERIKA

HEUTE
4. Dezember 1991

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney
WASHINGTON - (AD) - Gedanken über die Zukunft nehmen in den Vereinigten Staaten zunehmend breiten
Raum ein, und eine wachsende Zahl von Klein- und Großunternehmen wenden sich an professionelle
Futurologen zur Prognose der Trends von morgen.
Paul Sweeney ist freiberuflicher Schriftsteller in Washington. Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig in
American Way, dem Flugmagazin von American Airlines. Copyright (c) 1991, American Airlines.

In New York lesen die Angestellten von Inferential
Focus pro Monat 300 Publikationen, wobei sie ihr
Augenmerk insbesondere auf ominöse Artikel über
anscheindend unzusammenhängende Themen wie
die asiatische Wirtschaft und Rockmusik lenken.
Warum? Weil 52 Kunden der kleinen Unternehmensberatung jährlich über 2 Millionen Dollar für die Beschaffung eines breiten Spektrums an Informationen
zahlen, anhand dessen es die Zukunft der Welt prog nostiziert. Die Unternehmen, die solche Vorhersagen
in Auftrag geben, kommen aus allen Sparten des
Geschäftslebens, von Converse-Sportschuhen bis zu
Fidelity Investments, einer Investmentgesellschaft.
Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, daß diese
Prognosen zu besseren Unternehmensentscheidungen beitragen.
Das Erahnen der Zukunft bevor sie eintritt ist zu einem
florierenden Geschäft geworden. Die Futures Group
in Washington ist beispielsweise eine Untemehmensberatung mit einem Umsatz von 20 Millionen Dollar, die
eine ganze Bandbreite von Experten einsetzt - von
ehemaligen Offizieren des militärischen Nachrichtendienstes bis hin zu Soziologen - und versucht, alles von
Schauplatz und Grausamkeit des nächsten größeren
Kriegs bis zur sich abzeichnenden Bevölkerungsentwicklung in Erfahrung zu bringen. Die Unternehmen
bezahlen für die Zukunftsprognosen der Unternehmensberatung. Der Präsident von The Futures Group,
Robert H. Smith, räumt jedoch ein, "Wir prophezeien
nicht, wir prognostizieren. Prophezeien ist die Domäne der Wahrsager."
Wie auch immer sie ihre Arbeit beschreiben, so sind
die wachsenden Legionen der "Futurologen", wie wir
sie bezeichnen, emsig damit beschäftigt, über morgen
AMERIKA DIENST 48

[

- und darüber hinaus - nachzudenken. Für gewöhnlich
verlassen sich Futurologen auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, leistungsfähige Computer, wissenschaftliche Forschungsmethoden, umfangreiche Lektüre und
kreatives Denken. Viele haben sogar ihre Talente in
Studien über Futurologie an Colleges wie der Univer-

sity of Hawaii oder der University of Houston in Texas
vertieft.
"Futurologen betrachten das gesamte Zusammenspiel der Kräfte - sozialer, politischer, technologischer,
wirtschaftlicher und umweltpolitischer", erklärt Thomas Mandel, 44, der Direktor des VALS-Programms
bei SRI International (einem Forschungs- und Beratungsunternehmen in Menk) Park, Kalifornien, mit einem
Jahresumsatz von 300 Millionen Dollar), der sein Examen
in Futurologie abgelegt hat. "Sie geben keine Zukunftsprognosen unter nur einem Aspekt ab", fügt er hinzu.
"Sie erfassen die Trends und Unwägbarkeiten vielmehr durch die Entwicklung alternativer Szenarien."
Darüber hinaus blicken die Futurologen weiter voraus
als je zuvor. "Jeder weiß, was in den nächsten zwei
oder drei Jahren geschehen wird", so Mandel, "aber
die Nachfrage nach langfristiger Forschung steigt.
Professionelle Futurologen prognostizieren die nächsten 10 Jahre und darüber hinaus."
Gedanken über die Zukunft wird zunehmend Aufmerksamkeit und Respekt zuteil. "Insbesondere an der
Seh welle der neunziger Jahre besteht ein wachsendes
Interesse an langfristigen Zukunftsstudien von Regierungen und Organisationen aller Art", erklärt Timothy
H. Willard, geschäftsführender Redakteur von The
Futurist, einer von der World Future Society in Bethesda (Maryland) herausgegebenen Zeitschrift.
Seite 1

�"Es gibt immer mehr Gruppen, die 'Futurologe' in ihrem
Titel führen", so Willard. "Das Interesse wird auch
durch die wachsende Zahl von Ländern belegt, die
Studien zum 'Jahr 2000' erstellen. An die 50 oder 60
Regierungen untersuchen das nächste Jahrhundert.
Selbst Schulverwaltungen, die nie über das nächste
Jahr hinausdachten, fragen: 'Was ist unser Bedarf im
Jahr 2000?'"
Auf die Frage, wieviele Futurologen es tatsächlich
geben könnte, gibt es keine eindeutige Antwort insbesondere, weil keine Einigung darüber besteht,
was einen Futurologen genau ausmacht. Michael
Marien, Redakteur von Future Survey, stellt fest:
"Viele Menschen, die über die Zukunft schreiben oder
nachdenken, bezeichnen sich nicht als 'Futurologen'."
Marions Meinung nach sollte der Titel eines Futurologen "sehr viele Akademiker einbeziehen, die sich
selbst als 'Analysten' bezeichnen sowie Tausende von
Umweltschützern". Mandel von SRI zufolge sind alles
in allem vielleicht 5.000 bis 10.000 Menschen in den
Vereinigten Staaten professionell an Trends, Vorhersagen und möglichen Folgen interessiert. Unter ihnen,
stellt Marien fest, sind viele diametral entgegengesetzter Meinung, was legitim ist und was Torheiten oder
sogar Scharlatanerie ausmacht.
Nimmt man zum Beispiel den Fall von Michael S.
Jenkins, einem Anlageberater und Herausgeber von
Stock Cycles Forecast, einem Börseninformationsdienst. Jenkins gründet seine Prognosen über die
Fluktuationen des Aktienmarkts auf die KondratieffWelle, eine Theorie, derzufolge der Markt von 54 bis 60
Jahre dauernden Zyklen gekennzeichnet ist. Jenkins
sieht in den neunziger Jahren "ein Zeitalter der Liquidation" und drängt die Investoren, ihr Geld in Edelmetallen wie Gold anzulegen.
Jenkins kann auf eindrucksvolle Erfolge verweisen.
Sein Informationsdienst hat beispielsweise den Zusammenbruch des Markts im Oktober 1987 genau
antizipiert. Dennoch erzeugt die Theorie der Kondratieff-Welle vornehmlich Skepsis unter den vielen Futurologen. Jenkins räumt ein, daß "viele über unsere
Arbeit lachen".
Nicht, daß die meisten Futurologen der Geschichte
nicht Tribut zollen würden. Aber nicht viele betrachten
die Vergangenheit als bombensicheren Wegweiser in
die Zukunft. So erklärt Smith von der Futures Group
zum Beispiel: "Die Geschichte ist kein Prophet für die
Zukunft, sie ist lediglich deren Vorläufer. Wenn man
seine Schlüsse ausschließlich aus der Geschichte
zieht, ist es ebenso wahrscheinlich, Recht zu haben
wie Unrecht."
Recht zu haben, war jedoch nicht immer das Ziel der
Zukunftsforscher. Frühe Futuristen wie die Schriftsteller Aldous Huxley (Schöne neue Welt) und George

Seite 2

Orwell (1984) benutzten ihre Gedanken über die Zukunft eher, um ihre Mitbürger zu schockieren und als
politische Aussagen über eine außer Kontrolle geratene Technik. In den letzten beiden Jahrzehnten sind
jedoch Sachbücher zum bevorzugten Genre von Autoren geworden, die sich mit der Zukunft beschäftigen.
Alvin Tofflers Werke Der Zukunftsschock und The
Third Wave sowie Paul Ehrlichs The Population
Bomb erwiesen sich überraschenderweise als Bestseller. In jüngster Zeit ging Ronald Reagans sozialer
und politischer Optimismus mit den von Zuversicht und
Optimismus geprägten Büchern Megatrends und
Megatrends 2000 John Naisbitts einher. Trotz eines
ausgesprochen schwachen Echos seitens der Futuristengemeinde haben sich die Megatrends-Bücher
erstaunlich gut verkauft.
An sich waren wirtschaftliche Entscheidungsträger
bisher im großen und ganzen geneigt, Erörterungen
über die Zukunft in Bausch und Bogen als Unsinn zu
verdammen. Um eine Aufgabe durchzuführen, verlasse man sich lieber auf harte Arbeit, Intuition und
angeborene Erfindungsgabe.
Es deuten sich jedoch bereits Veränderungen an. So
beschäftigte die Werbeagentur J. Walter Thompson
einmal einen Vize-Präsidenten mit dem Titel "Futurologe". Ein weiteres Beispiel ist der Fall des multinationalen ölkonzems Royal Dutch/Shell. In den Annalen
der Wirtschaft gibt es in der Tat nur wenige Unternehmen, die es an Weitblick und Planung in den vergangenen 20 Jahren mit Shell Oil aufnehmen können.
Als der durch den arabisch-israelischen Krieg im Oktober 1973 ausgelöste erste ölschock die ölverbraucherstaaten traf, war Shell das am besten vorbereitete
Unternehmen der ölbranche. Donald N. Michael, ein
Unternehmensberater und Zukunftsforscher aus San
Francisco, verweist darauf, daß Shell bereits "Alternativszenarien" für den Fall von Unruhen im ölreichen
Nahen Osten ausgearbeitet hatte und deshalb "unbeschadet aus dieser Episode hervorging".
Und zu Beginn der achtziger Jahre mit ihrer "Forderung nach Straffung und Umstrukturierung", schrieb
Pierre Wack, ein ehemaliger Strategieplaner für Shell
Oil in der Zeitschrift Harvard Business Review, "war
Shell bereit, weil das Unternehmen diesen Prozeß
bereits frühzeitig eingeleitet hatte. Shell prognostizierte für die achtziger Jahre konsequent ein sehr geringes
Wachstum des Energieverbrauchs."
Aufgrund solcher Erfolge in wichtigen Bereichen der
Wirtschaft hat die Zukunftsforschung an Glaubwürdigkeit gewonnen. Trotzdem sind Unternehmen, die sich
um Vorausschau bemühen, häufig über die Zukunftsaussichten verärgert - insbesondere, nachdem sie
Zehntausende Dollar an Beraterhonoraren gezahlt
haben. M.H. Roboff, Direktor für strategische Planung

AMERIKA DIENST 48

�bei Converse Inc., einem Unternehmen aus der Schuhbranche, findet nicht immer Gefallen an dem, was er
von Inferential Focus zu hören bekommt: "Meistens ist
das, was man uns erzählt, für uns nur schwer zu
akzeptieren", erklärt Roboff.
Trotzdem sei die Bilanz von Inferential Focus so gut,
daß die leitenden Angestellten die Ermahnungen dieser Firma berherzigten. "Ihre Prognose zu Osteuropa
war in berkenswertem Maße korrekt", so Roboff. "Sie
sagten die Veränderungen ein Jahr vor ihren Eintreten
voraus." Darüber hinaus habe Inferential Focus sein
Unternehmen frühzeitig auf negative Entwicklungen
wie etwa den schwindenden Einfluß von Donald Trump
(dem Multimillionär und Stadtentwickler aus New York),
den Niedergang der Fernsehserien Denver-Clan und
Dallas sowie von Gucci-Handtaschen hingewiesen,
was IF als Trendwende zu einer Abkehr von öffentlich
zur Schau getragenem Reichtum interpretierte. Die
amerikanische Gesellschaft wird bodenständigeren
Ansätzen mehr Wert beimessen. Diese Art von Wissen könnte Roboff zufolge bei der Neukonzeption
einer Marketing-Kampagne seines Unternehmens
ausschlaggebend sein.
Es nimmt nicht wunder, daß auch der US-Kongreß
diesen Faden aufgenommen hat. Das Congressional
Clearinghouse on the Future, eine kaum bekannte
Organisation mit Sitz in Washington, wurde im Jahr
1976 geschaffen, um rund 100 Kongreßabgeordnete
und Senatoren über "sich anbahnende Themen" zu
informieren. Es gibt darüber hinaus ein Congressional
Institute for the Future, eine gemeinnützige bildungspolitische Organisation, die mit dem Kongreß sowie
führenden Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft

*

AMERIKA DIENST 48

und regionalen Verwaltungen zusammenarbeitet. Mit
Mitteln der Carnegie-Stiftung untersucht das Institut
die politischen Auswirkungen neuer Technologien.
Obgleich viele von Futurologen entworfene mögliche
Szenarien Furcht einflößen - Atomkrieg, weltweiter
Zusammenbruch der Wirtschaft, rasche Klimaveränderungen durch den Treibhauseffekt -, sehen andere
eine Zukunft, die von solchem Unheil verschont bleibt.
Es gibt sogar Erwartungen, da ß bessere Technologien
den Alterungsprozeß aufhalten und die Gesundheit
verbessern sowie die Lebenserwartung verlängern
werden. Auch Fortschritte bei Robotik und Heimcomputern könnten die Lebensqualität im Alltag enorm
verbessern.
Das Morgen könnte also eine Verbesserung des Heute
bringen. Anstatt über die Unberechenbarkeit des
Menschen zu lamentieren und sich auf Sterndeuter zu
verlassen, so die Futurologen, müssen wir mehr über
die Beschaffenheit des Universums in Erfahrung bringen.
Moderne Zukunftsforscher könnten den Wink des
Römers Cicero aufgenommen haben, der vor 2000
Jahren feststellte: "Von Beginn der Welt an war
bestimmt, daß gewisse Zeichen gewisse Ereignisse
ankündigen sollten." Clarke Burnham, ein Experimentalpsychologe an der University of Texas in Austin, lobt
die ernsthafte Arbeit der Futurologen und stellt fest,
daß sie sowohl die Reichweite als auch den Umfang
des menschlichen Einflusses erweitert. "Mit der
modernen Technologie und dem Wissen dieses Landes sollten wir das Gefühl bekommen, daß wir mehr
Kontrolle über die Zukunft haben als frühere Kulturen."

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Das Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Martin Schwarzschild: astronomische Forschung von der Stratosphäre aus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Fredric Appel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Weltraumforschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Explorer-Messdaten erschüttern wissenschaftliche Hypothesen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sonnenobservatorium jenseits der Atmosphäre&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Literatur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gedichte noch immer "en Vogue"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Funk und Fernsehen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Literatur aus aller Welt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikas viertes großes Fernsehnetz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die lutherische Stunde&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Lanny Budd" als Fernsehspiel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Prix Italia" für amerikanisches Fernsehdokumentarfilm&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Homer als Fernsehautor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;ABC ehrt Roosevelt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hörfunk als literarisches Katheder&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gedenktage im Januar 1962&lt;/strong&gt;</text>
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                    <text>nrofflicicion
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. Januar 1983

INHALT

DOKUMENTATION
Reagan bekräftigt Unterstützung für afghanische Freiheitskämpfer
- Erklärung zum dritten Jahrestag der sowjetischen Invasion Carstens und Burns unterstreichen Bedeutung des Jugendaustauschprogramms
- Dreitägiges Symposium in Bonn -

HINTERGRUNDMATERIAL
State Department veröffentlicht Bericht über Lage in Afghanistan
- Widerstandsbewegung wurde stärker USA leisten Hauptbeitrag für afghanische Flüchtlinge

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Erstflug der Raumfähre "CHALLENGER"
- Größter Nachrichtensatellit der Welt als Nutzlast

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. Januar 1983

REAGAN BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG FÜR AFGHANISCHE FREIHEITSKÄMPFER
- Erklärung zum dritten Jahrestag der sowjetischen Invasion -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 26. Dezember 1982
anläßlich des dritten Jahrestages des sowjetischen Einmarsches in
Afghanistan unterstrichen, daß die Vereinigten Staaten die afghanischen Freiheitskämpfer nicht vergessen werden, die der sowjetischen Invasion Widerstand leisteten. Gleichzeitig gab er der
Hoffnung Ausdruck, daß die neue sowjetische Führung, die sich
im neuen Jahre bietenden Möglichkeiten nützen werde, um eine
politische Lösung für Afghanistan zu erreichen.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden
Wortlaut: Während dieser Feiertage, da die meisten Amerikaner sich
im Schöße ihrer Familien wohlfühlen und sich der Segnungen ihres
Landes erfreuen, kann man sich schwer vorstellen, daß in einem
weit entfernten Gebirgsland ein tapferes Volk einen Kampf um die
Freiheit führt, der uns alle angeht. Wie weit auch dies alles
von unserem täglichen Leben entfernt sein mag: In Afghanistan
findet eine Auseinandersetzung statt, die wir nicht vergessen
dürfen.
Afghanistan ist

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Afghanistan ist wichtig für die Welt, weil das afghanische
Volk dem sowjetischen Imperialismus widersteht. Vor drei Jahren,
am 27. Dezember 1979, marschierte die Sowjetunion in Afghanistan
ein und etablierte einen neuen kommunistischen Führer für das
marxistische Regime, das 1978 die Macht ergriffen hatte. Zum
erstenmal seit dem Zweiten Weltkrieg setzten die Sowjets außerhalb
ihrer Grenzen und Osteuropas eine große militärische Streitmacht
ein in dem Versuch, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Sollte
dieser Aggression Erfolg beschieden sein, wird sie gefährliche
Auswirkungen auf die Sicherheit freier Menschen überall haben.
Drei Jahre nach der Invasion ist die sowjetische Besetzung
Afghanistans immer noch erfolglos geblieben. Selbst mit der Aufstockung ihrer Streitkräfte auf nahezu 105 000 Mann in diesem Jahr
waren die Sowjets und ihr Karmal-Marionettenregime nicht in der
Lage, das weite Land zu kontrollieren oder zahlreiche Städte zu
sichern. Sie waren nicht in der Lage, die kommunistisch befehligte
afghanische Armee wiederaufzubauen und eine wirksame Regierung
einzusetzen.
Dies ist auf den Geist und den Willen der Mehrheit des afghanischen Volkes zurückzuführen sowie auf die Mujahedin, die Freiheitskämpfer, die den sowjetischen Invasoren auch weiterhin Widerstand
leisten. Sie konnten sich im Verlauf der immer wieder gegen sie
vorgetragenen Offensiven im Frühling und Sommer dieses Jahres
zurückziehen und dann ihre Positionen wiedererlangen, nachdem die
sowjetischen Streitkräfte abgezogen waren. Ihre Kräfte und ihr
Wille blieben intakt.
Wir müssen

�Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die Kosten an
Menschenleben in diesem Kampf gewaltig sind. In den verstärkten
Kämpfen des Jahres 1982 stiegen die Verluste auf beiden Seiten an,
und die Zivilbevölkerung litt mehr denn je zuvor. Die Ernten
und die Felder wurden von den Sowjets zerstört, die damit versuchten,
den Freiheitskämpfern die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung zu verwehren. Häuser und selbst ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Wir haben überzeugende Beweise für den Einsatz chemischer Waffen seitens der Sowjets gegen die Afghanen.
Der Flüchtlingsstrom nach Pakistan und in Afghanistan selbst ist
immer größer geworden, nachdem die Landbevölkerung vor der Zerstörung des Krieges flieht. Es ist eine traurige und bewegende
Geschichte.
Die Vereinigten Staaten werden dieses tapfere Volk und seinen
Kampf nicht vergessen. Wir haben wiederholt erklärt, daß wir eine
Lösung auf dem Verhandlungswege für Afghanistan auf der Grundlage
des völligen Abzugs der sowjetischen Truppen unterstützen. Wir
haben uns im November erneut der großen Mehrheit der Weltgemeinschaft angeschlossen in der Unterstützung einer Resolution, die
eine Regelung auf dieser Basis forderte. Erst vor einigen Wochen
habe ich mit dem pakistanischen Präsidenten Zia während seines
Besuches in den Vereinigten Staaten die Notwendigkeit für eine
Lösung des Afghanistan-Problems erörtert. Wir haben uns beide
einer Lösung auf dem Verhandlungswege verpflichtet, die Afghanistan
in die Reihen unabhängiger und blockfreier Nationen zurückkehren
läßt.
Wir in den Vereinigten Staaten hoffen inständig, daß die
neue Führung der Sowjetunion die Möglichkeiten nutzen wird, die
das neue Jahr ohne Frage für das Erreichen einer Lösung in

- 3 -

�Lösung in Afghanistan bringen wird. Die Vereinigten Staaten
möchten nicht, daß das Leiden und die Entbehrungen für das
afghanische Volk andauern;
aber wir werden weder in unserer
Unterstützung nachlassen noch dieses Volk und seine Sache der
Freiheit im Stich lassen.
Wir hoffen, daß im Jahre 1983 eine freie und unabhängige
afghanische Nation ihren Platz in der Weltgemeinschaft wieder
einnehmen kann. Wir werden nicht aufhören, die auf dieses Ziel
gerichteten afghanischen Anstrengungen zu unterstützen.

- 4 -

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. Januar 1983

CARSTENS UND BURNS UNTERSTREICHEN BEDEUTUNG DES JUGENDAUSTAUSCHPROGRAMMS
- Dreitägiges Symposium in Bonn -

BONN - (AD) - Bundespräsident Karl Carstens und der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Arthur F.
Burns, haben anläßlich eines dreitägigen deutsch-amerikanischen
Symposiums in Bonn, das vom 12. bis 15. Dezember 1982 stattfand,
die Bedeutung des Jugendaustausches zwischen beiden Ländern
unterstrichen. Carstens betonte, daß er im Jahre 1948 an der
Universität Yale studiert habe und ein sehr gutes Beispiel für
die Nützlichkeit des Jugendaustausches sei. Er sei überzeugt,
daß sein Leben anders verlaufen wäre, wenn er nicht diese Erfahrungen in den Vereinigten Staaten hätte machen können.
Botschafter Burns wies darauf hin, daß durch den Jugendaustausch Mißverständnisse zwischen den einzelnen Ländern beseitigt
werden könnten. Die Austauschprogramme förderten die internationale
Harmonie, den internationalen Frieden und die internationale
Prosperität.
Die Ausführungen

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Ausführungen von Bundespräsident Carstens haben folgenden
Wortlaut:
Meine Damen und meine Herren, ich heiße Sie sehr herzlich
willkommen als die Teilnehmer an dem Deutsch-Amerikanischen
Symposium für den Jugendaustausch. Ich messe den deutsch-amerikanischen Beziehungen eine sehr große Bedeutung bei, und ich
messe eine ganz besonders große Bedeutung dem Jugendaustausch
zwischen unseren beiden Ländern bei. Und ich will das kurz begründen warum.
Ich denke, die deutsch-amerikanischen Beziehungen bestehen
nicht nur in unserer Zugehörigkeit zum gemeinsamen Bündnis, obwohl
das auch sehr wichtig ist, sondern sie haben lang in die Geschichte
zurückreichende Wurzeln. Unsere beiden Kulturen, unsere beiden
Zivilisationen ruhen auf gleichartigen Wertvorstellungen über
Demokratie und Freiheit und Recht und Menschenwürde. Unsere beiden Länder haben sich gegenseitig in ihrer Geschichte sehr befruchtet. Es sind viele meiner Landsleute in den zurückliegenden
Jahrhunderten nach Amerika ausgewandert. Nächstes Jahr wollen
wir den 300. Jahrestag der Ankunft der ersten Deutschen in Amerika,
nämlich in Philadelphia, feiern. Es waren, wenn ich das mit
einem bescheidenen Respekt sagen darf, mit die besten unserer
Landsleute, die uns in diesen Jahrhunderten verlassen haben und
nach Amerika gegangen sind. Es waren Landsleute, die hier verfolgt wurden wegen ihrer religiösen oder ihrer politischen Überzeugung - und später aus rassischen Gründen - und die in Amerika
Zuflucht gesucht und Freiheit gefunden haben. So haben Deutsche
einen Beitrag zur Entwicklung Amerikas geleistet. Aber umgekehrt
hat Amerika einen bedeutenden

�einen bedeutenden Beitrag zur geistigen Entwicklung unseres Landes
geleistet, und ich spreche hier insbesondere von dem Einfluß der
amerikanischen Freiheitsideen, so wie sie sich in der Erklärung
von Philadelphia und in der amerikanischen Verfassung niedergeschlagen haben auf Deutschland, auf die deutsche Geistesentwicklung und auf die deutschen Verfassungen.
Und wenn ich einen Augenblick die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ins Auge fasse, dann möchte ich diese Gelegenheit benutzen,
um den Vereinigten Staaten von Amerika ein Wort herzlichen Dankes
zu sagen. Der Marshallplan hat die deutsche Wirtschaft ebenso
wie die europäische Wirtschaft nach den schweren Zerstörungen im
Zweiten Weltkrieg wieder in Gang gebracht. Die Luftbrücke nach
Berlin hat Berlin 1948/49 in einer lebensbedrohenden Krise gerettet. Seit Anfang der 50iger Jahre gehören wir dem gleichen
Bündnis an, seitdem stehen amerikanische Soldaten als unsere
Bundesgenossen in Deutschland. Ihnen gilt mein besonderer Dank,
und ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um auf das schärfste
die Anschläge zu verurteilen, die in letzter Zeit gegen amerikanische Soldaten und amerikanische Einrichtungen verübt worden
sind.
Das sind alles Dinge, die uns miteinander verbinden, aber,
natürlich gibt es auch Unterschiede der Politik der Vereinigten
Staaten und unseres Landes. Diese Unterschiede hängen mit den
Interessen und den Verantwortlichkeiten jedes der beiden Länder
zusammen. Die amerikanische Verantwortung is weltweit. Sie
umfaßt Zentralamerika, Südamerika, Afrika, den Nahen Osten, den
Fernen Osten, Südostasien und die Ost-West-Beziehungen - die
Beziehungen zur Sowjetunion und den Partnern des Warschauer Paktes.
Unsere Politik wird sehr stark bestimmt durch die letzteren,

- 3 -

�t

die letzteren, durch die Ost-West Beziehungen, und die Politik
unseres Landes noch in besonderer Weise dadurch, daß unser Land
geteilt ist und ein Viertel der Deutschen zum Warschauer Pakt,
zum Herrschaftssystem der Kommunisten, gehören. Dies macht es
notwendig, daß Deutsche und Amerikaner sich regelmäßig miteinander unterhalten, sich aufeinander abstimmen und daß sie dort,
wo unterschiedliche Auffassungen vertreten werden, klären, warum
das so ist und wie man diese Auffassungsunterschiede überwinden
kann. Deswegen ist es so wichtig, daß Austausch stattfindet und
insbesondere daß Jugendaustausch stattfindet.
Ich selbst bin ein Beispiel für die Nützlichkeit des Jugendaustausches zwischen Amerika und Deutschland: Ich bin nämlich vor
34 Jahren, 1948, als Austauschstudent nach Amerika an die Universität Yale gegangen, und mein ganzes Leben wäre anders verlaufen;
ich wäre noch heute Rechtsanwalt in meiner Heimatstadt in Bremen,
wenn ich nicht diese Erfahrung damals in Amerika gemacht hätte.
Deswegen unterstütze ich und befürworte ich den Jugendaustausch, und ich danke Ihnen allen herzlich dafür, daß Sie daran
mitwirken, daß Sie diesen Austausch organisieren; und wir alle
wollen dazu beitragen, daß er noch stärker, noch intensiver wird
als bisher.
Die Erklärung des amerikanischen Botschafters hat folgenden
Wortlaut:
Herr Bundespräsident, Ihre Begeisterung für das Jugendaustauschprogramm und Ihre Unterstützung kann ich nur voll und ganz
teilen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich, bevor ich als Botschafter
hierher kam, nur wenig darüber gewußt habe und mein Interesse daran
sehr gering war. Aber seit ich hier bin und meinen Posten als

- 4 -

�Posten als Botschafter angetreten habe und mich ganz und gar mit
den politischen Beziehungen meines Landes zu Ihrem Lande beschäftige - und damit auch in einem gewissen Maße zu ganz Europa habe ich erfahren, daß oft Mißverständnisse bestehen. Und sie
bestehen nicht nur zwischen unseren Geschäftsleuten und unseren
Landwirten und unseren Fabrikarbeitern und unseren Universitätslehrern und Studenten, sondern auch zwischen hohen Regierungsvertretern. Ich habe herausgefunden, daß sie oft schlecht uebereinander informiert sind, über ihre Motive, und daß es nur einen Weg
gibt, um dieses Problem zu überwinden, nämlich daß sie mehr miteinander zusammenkommen und immer ehrlich und gründlich miteinander reden.
Eines habe ich jedoch jetzt gelernt: Das Jugendaustauschprogramm ist außerordentlich wichtig. Es versetzt junge Menschen
in dem Alter, in dem sie die entscheidenden Eindrücke bekommen,
in die Lage, einander kennenzulernen, ein anderes Land kennenzulernen, zu lernen, wie andere Menschen leben, was sie denken,
was sie lesen und was ihnen wichtig ist; mit anderen Worten, mit
einer anderen als der eigenen Kultur vertraut zu werden.
Herr Bundespräsident, Sie werden im nächsten Jahr nach den
Vereinigten Staaten kommen, um an der Feier des 300. Jahrestages
der deutschen Einwanderung nach Amerika teilzunehmen. Ich muß
Ihnen sagen, daß das deutsche Volk viel geleistet hat, um Amerika
aufzubauen und es zu dem zu machen, was es heute ist; und wir sind
zutiefst dankbar dafür. Ich bin sicher, daß Sie die Gefühle, die
Sie heute zum Ausdruck gebracht haben, ebenso beredt, ja noch
beredter zum Ausdruck bringen werden, wenn Sie nach den Vereinigten Staaten kommen. Ihr Englisch ist ausgezeichnet; sie mögen
Amerika; die Amerikaner mögen Sie, und Sie werden ein herzliches
Willkommen erleben, wenn Sie in unser Land kommen. über welches

- 5 -

�über welches Thema Sie dann sprechen werden, ist eine Sache, die
Sie zur rechten Zeit entscheiden werden, und es wäre völlig unangebracht, wenn ich als Botschafter Ihnen etwas vorschlagen würde.
Ich kann mir also nicht anmaßen, Vorschläge zu machen, aber ich
darf eine Hoffnung, oder einen Wunsch, zum Ausdruck bringen. So
hoffe ich also sehr, daß Sie es angebracht finden werden, wenn
Sie in unser Land kommen, Ihre Gefühle zum Jugendaustauschprogramm
zum Ausdruck zu bringen und vielleicht auch, wie Sie das heute
getan haben, über die Rolle zu sprechen, die das Jugendaustauschprogramm in Ihrem eigenen Leben gespielt hat.
Sie alle, die Sie mit dem Jugendaustauschprogramm zu tun haben«
dienen nicht nur den Interessen guter Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten, sondern
Sie dienen darüber hinaus der fundamentalen Zielsetzung der internationalen Harmonie, des internationalen Friedens und der internationalen Prosperität. Ich möchte Ihnen allen im Namen meines
Landes danken, und ich möchte Ihnen, Herr Bundespräsident, noch
einmal besonders dafür danken, daß Sie diese Zusammenkunft ermöglicht und mich zu Ihnen eingeladen haben.

+ + +

- 6 -

�5. Januar 1983

STATE DEPARTMENT VERÖFFENTLICHT BERICHT ÜBER LAGE IN AFGHANISTAN
- Widerstandsbewegung wurde stärker -

WASHINGTON - (AD) - Die Widerstandsbewegung in Afghanistan
wurde im Jahre 1982 trotz der militärischen Operationen der Sowjets
in vielen Teilen des Landes stärker und besser organisiert. Zu
dieser Beurteilung kommt ein Bericht des amerikanischen Außenministeriums, der jetzt unter dem Titel: "Afghanistan - Drei Jahre
Besetzung" veröffentlicht worden ist.
In dem
gegenwärtig
Afghanistan
Afghanistan
der Grenze,

Bericht wird darauf hingewiesen, daß die Sowjetunion
rund 135 000 Mann im Zusammenhang mit dem Krieg in
eingesetzt hat - schätzungsweise 105 000 Soldaten in
selbst sowie 30 000 Mann auf der sowjetischen Seite
die mit Nachhut- und Nachschubaufgaben betraut sind.

Der Bericht stellt ferner fest, daß die militärischen Operationen der Sowjets im Jahre 1982 massiver und sorgfältiger vorbereitet gewesen seien als 1981. Sie seien offensichtlich darauf
abgestellt gewesen, nicht nur die Stützpunkte der Freiheitskämpfer
zu zerstören, sondern auch die Zivilbevölkerung einzuschüchtern
und sie von einer Unterstützung der Mujahedin abzuhalten. Trotzdem
sei es den Sowjets im allgemeinen nicht gelungen, "die Widerstands-

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�"die Widerstandskräfte zu entmutigen oder sie aus ihren Stützpunkten zu vertreiben". Die Aktivität der Freiheitskämpfer, so
heißt es weiter, habe sich in den letzten Monaten selbst in der
Hauptstadt Kabul trotz aller sowjetischer Maßnahmen innerhalb
und außerhalb der Stadt in dramatischer Weise verstärkt.
Das amerikanische Hintergrundpapier gibt einen umfaßenden
Überblick über die militärische, politische und wirtschaftliche
Situation in Afghanistan drei Jahre nach der sowjetischen Invasion.
Dabei werden in der Analyse folgende Hauptpunkte herausgestellt:
- Die Sowjetunion hat im Jahre 1982 weiterhin tödliche chemische
Waffen gegen die afghanischen Freiheitskämpfer eingesetzt. Dies
geschah selektiv - im allgemeinen gegen die Mujahedin in relativ
unzugänglichen Bereichen. So wurden chemische Kampfstoffe gegen
Freiheitskämpfer eingesetzt, die sich in Höhlen oder unterirdischen
Kanälen verbargen. Eine genaue Untersuchung zweier sowjetischer
Gasmasken, die kürzlich erbeutet wurden, hat den bereits früher
gehegten Verdacht bestätigt, daß die Sowjets tödliche Trichothecen Mykotoxine - als "Gelber Regen" bekannt - angewendet haben.
- Ein Haupthindernis für militärische Erfolge der Sowjets ist
die Unfähigkeit Moskaus, die afghanische Armee wieder aufzubauen.
Es gibt nicht nur zu wenige Rekruten, sondern auch die Loyalität
des Offizierskorps muß in Zweifel gezogen werden. Das Regime in
Kabul war nicht in der Lage, eine Armee von 30 000 - 40 000 Mann
aufzustellen; durch Desertationen gehen im Jahr etwa 10 000 Soldaten
verloren, die Ausfälle betragen rund 5 000 Mann.
- Gerüchte über einen Plan der Regierung, ein ziviles Verteidigungskorps von Jugendlichen (16-18 Jahre alt) und älteren Männern
(40-45 Jahre alt) für Bewachungsaufgaben aufzustellen, haben große
Unruhe in der Bevölkerung ausgelöst. Kinder im Alter von 10-15
Jahren sollen in der Schule eine militärische Ausbildung erhalten,

- 2 -

�Ausbildung erhalten, um auf diese späteren Aufgaben vorbereitet
zu werden. Damit soll ein Teil der Polizeitruppe für Kampfeinsätze freigestellt werden. Der Plan soll angeblich im März 1983
in Kraft gesetzt werden.
- Aufgrund der Schwerpunktverlagerung auf große Militäreinsätze
im Jahre 1982 haben die sowjetischen Verluste zugenommen. Um diese
wieder herabzuschrauben, haben die Sowjets in großem Maße zu
Luftangriffen Zuflucht genommen und die afghanischen Einheiten zu
Bodeneinsätzen gezwungen.
- Der von den Sowjets eingesetzte Babrak Karmal weist immer wieder
darauf hin, daß der Zusammenbruch der afghanischen Wirtschaft ein
politisches Problem sei, das die Parteimitglieder lösen müßten.
Das Regime hofft auf bessere wirtschaftliche Verhältnisse, um
Unterstützung für die Regierung zu gewinnen; die Wirtschaft kann
jedoch keinen Aufschwung erleben, solange sich ein so großer Teil
des Landes unter der Kontrolle der Freiheitskämpfer befindet.
- Die afghanische Erdgasindustrie ist der einzige Sektor der
Wirtschaft, der mehr oder weniger normal funktioniert. Fast das
gesamte Erdgas, das aus Lagerstätten nahe der sowjetischen Grenze
stammt - von den Sowjets Anfang der sechziger Jahre entwickelt wird in die Sowjetunion exportiert. Nur die nominellen Preiserhöhungen, die seit der Besetzung ausgehandelt wurden, sorgen dafür,
daß die Wirtschaftsstatistiken Afghanistans nicht noch schlechter
aussehen, als dies ohnehin schon der Fall ist.
- Wenn auch der Hauptnachdruck Moskaus im Jahre 1982 auf der
Verfolgung seiner militärischen Ziele lag, ist die Sowjetunion

- 3 -

�die Sowjetunion ebenfalls um eine langfristige Politik der Stimulierung eines günstigeren politischen Klimas für sich und seine
Schützlinge bemüht. Dabei spielt eine besondere Rolle die Schaffung
eines loyalen Kaders junger Menschen und zwar durch die Sowjetisierung des afghanischen Erziehungssystems sowie durch umfangreiche
Ausbildungsprogramme für junge Afghanen in der Sowjetunion.
- Moskau schafft eine Infrastruktur nach sowjetischem Muster in
Afghanistan, um die Menschen nach sowjetischen Vorstellungen zu
'
formen. Dabei sollen solche Organisationen wie die nationale
vaterländische Front allmählich unter der Bevölkerung Fuß fassen.
- Die Mission der Vereinten Nationen zur Förderung einer politischen Lösung der Afghanistan-Krise hat in Verfahrensfragen
gewisse Fortschritte erzielt. Die von der Weltorganisation geför- ,
derten indirekten Gespräche in Genf begannen im Juni damit, sich
mit Sachfragen zu befassen; die entscheidende Phase der Verhandlungen liegt jedoch noch in der Zukunft. Der Vertreter der Vereinten Nationen, Diego Cordovez, wird in Kürze seine Bemühungen
um eine Ausweitung dessen, was er als ein Gebiet der Übereinstimmung zwischen den Parteien ansieht, wieder aufnehmen. Der
Erfolg oder der Fehlschlag dieser Verhandlungen wird jedoch
letztlich davon abhängen, ob die Sowjetunion zu einem Abzug ihrer
Truppen aus Afghanistan bereit ist.
+ + +

- 4 -

�5. Januar 1983

USA LEISTEN HAUPTBEITRAG FÜR AFGHANISCHE FLÜCHTLINGE

WASHINGTON - (AD) - Die amtliche und private Hilfe aus den
Vereinigten Staaten für die afghanischen Flüchtlinge stellt den
Hauptbeitrag zur Linderung der Not der Opfer der sowjetischen
Invasion dar. Seit die Sowjets vor drei Jahren im Dezember 1979
in das unabhängige und blockfreie Land einmarschierten, sind
schätzungsweise 2,7 Millionen Afghanen nach Pakistan geflüchtet;
weitere 1,5 Millionen halten sich an der iranischen Grenze auf.
Zusammen stellen sie die größte Flüchtlingsgruppe der Welt dar.
Mit Unterstützung durch die Vereinten Nationen, die Vereinigten Staaten und andere Länder, darunter die Bundesrepublik Deutschland, stellen die Pakistanis den Flüchtlingen große Mengen an
Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Hilfsgütern zur Verfügung.
Den weitaus größten Beitrag leisten die Vereinigten Staaten, die
allein 40 Prozent des Lebensmittelprogramms der Vereinten Nationen
seit 1979 rund 217 Millionen Dollar - aufbringen.
In dem andauernden

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�In dem andauernden Zermürbungskrieg, durch den rund ein
Fünftel der afghanischen Bevölkerung ihre Heimat verloren hat,
haben sich die Afghanen gut gehalten. Nach ihren Angaben
kontrollieren die Sowjets nur 20 Prozent des Landes, einschließlich
der großen Städte und der Hauptstadt Kabul.
Im November 1982 hat der amerikanische Justizminister William
French Smith afghanische Flüchtlingslager in Peschawar besucht
und den dort lebenden Afghanen die feste Unterstützung der Vereinigten Staaten zugesichert.
Nach Angaben des amerikanischen Außenministeriums haben die
Vereinigten Staaten 1982 rund 27,15 Millionen Dollar - 30 Prozent
der Mittel des Flüchtlingshochkommissars der Vereinten Nationen
für das Afghanistan-Flüchtlingshilfeprogramm - bereitgestellt.
Für das Haushaltsjahr 1983 sind weitere 27,15 Millionen Dollar
zugesagt - eine Zahl, die noch erhöht werden dürfte.
Die Vereinigten Staaten haben ferner dem Welternährungsprogramm über 70 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt und dem
Internationalen Komitee des Roten Kreuzes 3 Millionen Dollar.
Alle mit der Betreuung von afghanischen Flüchtlingen befaßten Organisationen berichteten übereinstimmend, daß diese
Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren wollen, daß dies jedoch
nicht vor dem Abzug der sowjetischen Truppen und einer annehmbaren politischen Lösung möglich sei.
Eine wichtige

- 2 -

�Eine wichtige Rolle bei der Flüchtlingsbetreuung spielt
unter anderem das Internationale Rettungskomitee in New York,
eine gemeinnützige Organisation, die mit privaten Spenden
arbeitet. Das Komitee legt den Hauptnachdruck auf Hilfe zur
Selbsthilfe. Eine ähnliche Aufgabe hat sich das ebenfalls
gemeinnützige Afghanistan-Hilfskomitee in New York gesetzt.
Der Erfolg der Hilfstätigkeit ist vor allem auf die Werbung
im amerikanischen Fernsehen zurückzuführen, darunter auch
durch eine Kabelfernsehorganisation, die 18 Millionen amerikanische Haushalte erreicht.
Allein der Afghanistan-Hilfsfonds konnte im Jahre 1982
den Flüchtlingen Medikamente im Werte von 175 000 Dollar zur
Verfügung stellen; weitere Medikamente im Werte von 300 000
Dollar durch die Internationale Direkthilfe in Santa Barbara
in Kalifornien sind auf dem Wege.

+ +

+

- 3 -

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1J

SB

Wi//en/chaft
vnd Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. Januar 1983

ERSTFLUG DER RAUMFÄHRE "CHALLENGER"
Größter Nachrichtensatellit der Welt als Nutzlast
Von G. Weiss

- (AD) - CHALLENGER, die amerikanische Raumfähre Nr. 2, soll Ende Januar in Kap Canaveral zum ersten Flug starten. STS-6 (Kurzbezeichnung für
den sechsten Einsatz des Raumtransporters) steht unter dem Kommando von Paul
J. Weitz (50), der im Jahr 1973 an Bord von SKYLAB bereits 28 Tage im Weltraum verbrachte und u.a. auch Außenbordarbeiten durchführte. Für seinen Kopiloten Karol J. Bobko (45) sowie für die beiden Wissenschaftsastronauten
Donald H. Peterson (50) und Story Musgrave (47) wird es der erste Raumflug
sein. Ursprünglich waren nur drei Tage dafür angesetzt. Das Unternehmen
dürfte jedoch um zwei Tage verlängert werden, damit das Ausstiegsmanöver nachgeholt werden kann, auf das beim fünften Flug der COLUMBIA (11. bis 16. November 1982) wegen technischer Mängel an den neuen Schutzanzügen verzichtet
werden mußte.
COLUMBIA wird gegenwärtig umgerüstet, um das in Bremen gebaute Weltraumlabor (SPACELAB) aufnehmen und einer mindestens vierköpfigen Besatzung mehr
Bewegungsfreiheit geben zu können.

Der Zugangstunnel zwischen der Mannschafts-

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�der Mannschaftskabine der Raumfähre und dem im Frachtraum installierten Weltraumlabor wird derzeit in einer Serie rigoroser Tests erprobt.

Im September

1983 steht COLUMBIA wieder zur Verfügung, um zum ersten Mal mit SPACELAB an
Bord zu starten.

Bis dahin wird CHALLENGER von Januar bis Juli im Dreimonats-

rhythmus eingesetzt.
Die neue Raumfähre wurde kürzlich aus der Montagehalle des KennedyRaumflugzentrums zur Startrampe gebracht, wo Probezündungen zur Oberprüfung
ihrer drei Haupttriebwerke vorgenommen werden.

Die Leistung der modifizier-

ten Triebwerke ist um jeweils 6800 kp größer als die der COLUMBIA-Triebwerke
und liegt jetzt bei 177 058 kp (am Boden in Seehöhe).

Durch Gewichtseinspa-

rungen sowohl am großen Außentank, der die flüssigen Treibstoffe transportiert,
als auch an den beiden riesigen Feststoffraketen, deren Innenvolumen und damit
Aufnahmefähigkeit für Festtreibstoffe gleichzeitig vergrößert wurde, erhöht
sich die Ladekapazität des Raumtransporters um 2,7 Tonnen.

Größter Nachrichtensatellit für 36 000-km-Bahn
Das wichtigste und mit Abstand bisher größte und schwerste Frachtgut
einer Raumfähre wird ein neuartiger Nachrichtensatellit des US-Amtes für Luftund Raumfahrt (NASA) sein.

Es handelt sich um den TDR-Satelliten ("Tracking

and Data Relay Satellite" - Satellit zur Bahnbeobachtung und Datenübermittlung),
der nach dem Absetzen in der Erdumlaufbahn in 270 km Höhe in einem sog. erdsynchronen Orbit in 36 000 km Höhe stationiert werden soll.
Ein Direktstart mit einer der üblichen Trägerraketen für Nachrichtensatelliten von der Erde aus wäre wegen des hohen Gewichts von TDRS gar nicht
möglich.

Er wiegt 18 Tonnen, wovon allerdings der größte Teil auf sein eigenes

Antriebssystem entfällt.

Das Gerät hat 3 m Durchmesser und ist 5,77 m hoch;

bei der Stationierung an seinem "Betriebsort" hat TDRS immerhin noch 2,5 Tonnen Gewicht und wird somit der größte Nachrichtensatellit der Welt in einer
geostationären Bahn sein.

Er ist mit Kollektoren für Sonnenenergie ausge-

�Sonnenenergie ausgerüstet.

Mit ausgefahrenen Solarzellenflügeln beträgt der

Durchmesser 17 m.
Bei Ausnutzung seiner vollen Kapazität wird TDRS in der Lage sein, zu
28 anderen Satelliten zu "sprechen", die von staatlichen Stellen oder kommerziellen Organisationen betrieben werden.

Die dabei erfaßten Daten werden

nicht verarbeitet, sondern direkt zur Bodenstation übermittelt.

Auch der

Funksprechverkehr mit der Raumfähre wird künftig über TDRS laufen.

Bisher

war die NASA auf 13 über die ganze Erde verstreute Bodenstationen angewiesen,
um mit einem Raumtransporter bzw. dessen Besatzung Verbindung zu halten.

Den-

noch gab es immer wieder Lücken in der Kommunikation, d.h. Zeitspannen, fn
denen sich das Fluggerät außerhalb der Reichweite der nächstgelegenen Boden•,s£ationen für den Empfang seiner Funksignale befand.
Im Juli 1983 soll von CHALLENGER aus ein zweiter Satellit dieses Typs
gestartet werden.

Jeder ist in der Lage, pro Sekunde 37 Millionen Informa-

tionseinheiten aufzunehmen und zu übermitteln,

über eine einzige Bodensta-

tion in New Mexico kann dann die NASA ständige Funkverbindung zu den Raumfähren und zu zahlreichen anderen Satelliten halten.

Die bei der kalifor-

nischen Firma TRW, Inc. gebauten TDRS-Geräte werden von dem Unternehmen "Space
Communications" betrieben, einer Tochtergesellschaft von Western Union,
Fairchild Industries und Continental Telephones.
TDRS-System für zehn Jahre gemietet.

Von ihr hat die NASA das

Wenn im September 1983 zum ersten Mal

SPACELAB - betreut von dem deutschen Wissenschaftsastronauten Ulf Merbold •JJD-Raumtransporter zum Einsatz kommt, wird das neue Nachrichtensystem voll
betriebsfähig sein.

Experimente
An Bord der CHALLENGER befinden sich wieder einige Experimentierausrüstungen in sog. "Getaway"-Kanistern, in denen die Versuche wartungsfrei
ablaufen.

Die Kanister gibt es in drei verschiedene Größen.

Jedermann bzw.

jedes Unternehmen oder Forschungsinstitut kann die Dienste der NASA zur Durch- 3 -

�zur Durchführung bestimmter Experimente in Nikrogravitation (in der Erdumlaufbahn ist im Vergleich zur Erdoberfläche nur ein winziger Bruchteil von Schwerkraft wirksam) in Anspruch nehmen.

Je nach Größe des Kanisters oder Inan-

spruchnahme von Raum an Bord werden Gebühren in verschiedener Höhe an die NASA
entrichtet.

So bezahlt die japanische Zeitung Asahi Shimbun für die Mitnahme

eines von ihr geförderten Experiments 10 000 Dollar.

Der Kanister enthält eine

90 kg schwere Apparatur zur Produktion von Schneeflocken.

Man will herausfin-

den, ob in der Schwerelosigkeit gleichmäßig große und einheitlichere Eiskristalle als auf der Erde zu erzeugen sind.
Ein ähnliches, von amerikanischen Studenten ausgearbeitetes Experiment
wurde bereits beim COLUMBIA-Flug STS-5 mitgeführt; die Kristalle wuchsen in
einer chemischen Lösung.

Für die Elektronik- und Computer-Industrie können

solche Versuche sehr wichtig sein, wenn es darum geht, mit besseren Kristallen
aus verschiedenen Materialien leistungsfähigere und langlebigere Bauelemente
für Schaltkreise zu entwickeln.
Kadetten der Luftwaffenakademie in Colorado Springs zahlten ebenfalls
10 000 Dollar für die Mitnahme einer wartungsfrei arbeitenden Versuchsausrüstung, in der man unter Schwerelosigkeit Metalle, die sich auf der Erde
nicht mischen lassen, verbinden will. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums in Bonn war im November 1982 ein Experiment dieser Art mit an Bord
der COLUMBIA genommen worden. Die Bundesrepublik hat insgesamt 25 "Getaway
Special Canisters" zur Mitnahme bei Raumtränsporterflügen gebucht.
Die amerikanische Firma Park Seed Company in Greenwood, Südkarolina,
entrichtet eine Gebühr von 3000 Dollar für einen Kleinkanister, der 46 Arten
von Blumen-, Gemüse- und Kräutersamen enthält.

Das Experiment soll Aufschluß

darüber bringen, ob bestimmte Methoden des Ansetzens der Samen ihr Keimen
und das Wachsen der jungen Pflänzchen fördern.

Solche Informationen könnten

wichtig sein, wenn bei späteren bemannten Raumflügen bzw. in einer Raumstation
zusätzliche Nahrungsquellen oder Möglichkeiten für die Produktion von Frischkost erschlossen werden sollen.

Einem Bericht von NASA-Direktor James M.

Beggs zufolge hat die NASA mit acht Konsortien aus der Industrie und von Uni- 4 -

�von Universitäten Studien über die Notwendigkeit und Nützlichkeit von Raumstationen vereinbart. Die Ergebnisse sollen Anfang 1983 vorgelegt werden.
Eine Reihe anderer wissenschaftlicher und technischer Experimente,
die in früheren Raumfähren-Flügen begonnen wurden, laufen an Bord der
CHALLENGER weiter. Dazu gehört z.B. die Beobachtung von Blitzen auf der
Tag- und Nachtseite der Erde, ferner der Betrieb eines kleinen Reaktors zur
Produktion winziger Latex-Kügelchen einheitlicher Größe, die als Träger für
Medikamente dienen können, sowie einer Elektrophorese-Apparatur.

+ + + + +

5 -

�</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C
5. Januar 1994

CLINTON-BILANZ

CLINTON HAT 1993 BEEINDRUCKENDE
GESETZE ERLASSEN
Bilanz der Tagesordnung und
Zielsetzungen des Präsidenten

VEREINTE NATIONEN

USA ERFREUT ÜBER VON DEN
VEREINTEN NATIONEN ERZIELTE
FORTSCHRITTE
Rückblick auf 1993

PARTNERSCHAFT FÜR FRIEDEN AMERIKANISCHE POLITIK
KONZENTRIERT SICH GLEICHZEITIG
AUF EUROPA UND DEN PAZIFISCHEN RAUM
Interview mit John Shalikashvili

PORTRAT

RUSSLAND-EXPERTE UND ENGER FREUND
DES PRÄSIDENTEN SOLL NEUER
STELLVERTRETENDER AUSSENMINISTER
WERDEN
Porträt von Strobe Talbott

US-MI LITAR

HILFESTELLUNG IN DER ÜBERGANGSZEIT
von Don Ward

LITERATUR

DER "TYPISCHE AMERIKANER"
Interview mit der Autorin Gish Jen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�CLINTON-BILANZ
5. Januar 1994

CLINTON HAT 1993 BEEINDRUCKENDE
GESETZE ERLASSEN
Bilanz der Tagesordnung und Zielsetzungen des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Während seines ersten Jahres im Weißen Haus hat Präsident Clinton eine Reihe
bahnbrechender Gesetze erlassen, obwohl weder die
Medien noch die Öffentlichkeit die ihm seiner Ansicht
nach gebührende Anerkennung gezollt haben.
Clinton kann 1993 auf eine Leistungsbilanz seiner
Präsidentschaft zurückblicken, die in den letzten Jahrzehnten ihresgleichen sucht. Seine Initiativen führten
zu weiteren Fortschritten bei der Einkommensteuer,
niedrigen Zinssätzen, Kürzungen beim Zuwachs der
Bundesausgaben und zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen im Privatsektor innerhalb von zehn Monaten als während der vergangenen vier Jahre zusammengenommen.
Clinton artikulierte seine Vision eines neuen Wohlstands, der durch die mit zunehmendem Welthandel
einhergehende Schaffung von Arbeitsplätzen genährt
wird. Mit Appellen seinerseits, Präsidalerlassen oder
indem er dem Kongreß die Zustimmung zu den Gesetzesvorlagen abrang, scheint Clinton den Grundstein für ein neues Zeitalter amerikanischer Wettbewerbsfähigkeit gelegt zu haben.
Auf dem Weg dorthin hat Clinton - der es angeblich
allen recht machen will - dennoch viele der Lobbyisten
irritiert, die ihm beim Wahlkampf geholfen hatten, und
die Gewerkschaften mit seinem vehementen Drängen
auf das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(North American Free Trade Agreement - NAFTA)
ebenso verärgert wie sogenannte gemäßigte Demokraten mit seinem Vorschlag für die Gesundheitsreform sowie die Bürgerrechtler, indem er von einem
umstrittenen Kandidaten für die Schlüsselposition im
Justizministerium für Bürgerrechtsfragen Abstand nahm.
Der Präsident stellte jedoch auch Frauengruppen durch
die Liberalisierung der Vorschriften für Schwangerschaftsabbruch, die bürgerlich Gesinnten durch die

AMERIKA DIENST 1

Aufhebung einiger Beschränkungen für die Wählerregistrierung und Umweltschützer durch die Unterzeichnung des Gesetzes zur Erhaltung der Natur zufrieden.
Mit objektiven Maßstäben und zweifelsohne anhand
derer der letzten zwei Jahrzehnte hat der Präsident
umfassende Veränderungen bewirkt.
Er hat die Aktenschränke mit allen festgefahrenen
liberalen Gesetzen buchstäblich leergefegt - mit Ausnahme eines Gesetzes, das den Unternehmern den
Ersatz von Arbeitskräften während eines Streiks verbietet - und versprochen, auf die Verabschiedung
dieses Gesetzes im kommenden Jahr hinzuarbeiten.
Der Präsident unterzeichnete Präsidialerlasse, mit denen
das Verbot von medizinischer Beratung bei Schwangerschaftsabbruch aufgehoben wurde sowie für die
Wiedereinführung der Verwendung von fetalem Gewebe in der Forschung zu Heilverfahren für die Parkinsonsche oder Alzheimersche Krankheit. Er verlieh von
vorherigen Präsidenten abgelehnten Maßnahmen durch
seine Unterschrift Gesetzeskraft, einschließlich der
Brady-Gesetzesvorlage, die Bestimmungen für den
Kauf von Handfeuerwaffen verschärft, den Zusatzartikeln zum Hatch-Gesetz, das Bundesbediensteten eine
aktivere Beteiligung an der Parteipolitik gestattet sowie
weiteren Gesetzen, mit denen die Registrierung von
Wählern erleichtert wird und Arbeitnehmern Urlaubstage aus familiären Gründen ohne Sorge um ihren
Arbeitsplatz gewährt werden.
Der Präsident erhob seine im Wahlkampf gegebenen
Versprechen zu Gesetzen, Ausbildungskredite kostengünstiger zu gestalten, Collegestudenten die
Zahlung von Studiengebühren im Austausch für einen
nationalen Sozialdienst als Polizist, Arzt oder Krankenschwester zu ermöglichen, die Einkommensteuer
für die wohlhabendsten amerikanischen Privatpersonen und Unternehmen zu erhöhen und Richtlinien für
die Modernisierung der Regierung aufzustellen.

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�Die beiden herausragendsten Siege waren jedoch der
Erfolg des Präsidenten beim Gesetz zum Abbau des
enormen Haushaltsdefizits des Landes - dank dem
dieses in den nächsten fünf Jahren hoffentlich um
500 Milliarden Dollar verringert werden soll - und dem
Gesetz zur Umsetzung des NAFTA, das bei seiner
vollständigen Verwirklichung eine Freihandelszone von
Alaska bis zur Südgrenze Mexikos schaffen soll.

tiver als ursprünglich angestrebten Politik sind. Andere Kritiker verweisen darauf, daß es Clinton nicht
gelungen sei, ein wirksames Mittel gegen die Verschleppungstaktik der Republikaner im Senat zu finden, die sein Paket wirtschaftlicher Anreize scheitern
ließ.

Beim ersten Sieg hatte er die überwiegende Zustimmung seiner Partei und die kleinstmögliche Mehrheit
von einer Stimme. Den zweiten errang er, indem er
sich einer Vielzahl von Gegnern stellte - dem Unabhängigen Ross Perot, vielen Gewerkschaftsmitgliedern,
die seine Wahl unterstützt hatten, zahlreichen Kritikern
aus der eigenen Partei und sogar einigen ihrer führenden Kongreßabgeordneten. Der Sieg gelang ihm
durch den Aufbau einer wirksamen, überparteilichen
Koalition aller, die überzeugt werden konnten, und zur
Überraschung der meisten Politiker und Politologen
mit einigen überzähligen Stimmen.

Einigen Amerikanern gehen diese Veränderungen nicht
schnell genug vonstatten. Und vielen scheint, daß die
Beurteilung der Ereignisse nicht mit der Realität übereinstimmt.
Einer für Time Magazine und CNN durchgeführten
Umfrage zufolge waren 48 Prozent der Befragten der
Ansicht, der Kongreß habe sich 1993 in einer ebensolchen "Pattsituation" befunden wie 1992, und lediglich
43 Prozent sahen Fortschritte während des Jahres
1993 bei der Überwindung der festgefahrenen Parteiensituation.

Im Rückblick auf die 1993 von ihm erzielten Leistungen
erklärte Clinton in einem kürzlich durchgeführten InterEine ähnliche überparteiliche Koalition unterstützte view der Zeitschrift Rolling Stone, ihm sei von den
Clinton bei der Frage der finanziellen Unterstützung für Medien und folglich auch von der Öffentlichkeit keine
Rußland und die anderen Nachfolgestaaten der ehe- Anerkennung für die Dinge gezollt worden, die er für
maligen Sowjetunion. Obwohl dieses Thema nicht so die Amerikaner getan habe.
umstritten wie das NAFTA war, mußte Clinton den
Andere stimmen dem zu. "Die Tatsache, daß dieser
Kongreß - zu einer Zeit, in der die Abgeordneten ihre
Kongreß sehr produktiv war, gehört in unserem Land
Zustimmung zur Unterstützung der Amerikaner verzu den am besten gehüteten Geheimnissen", erklärte
weigerten - von der Notwendigkeit überzeugen, zwei
Senator John Breaux im Congressional Quarterly.
Milliarden Dollar an Steuergeldern für die Hilfe an
"Die Menschen glauben immer noch, der Kongreß
Rußland beim Übergang zur Demokratie aufzuwenleiste nichts."
den.
Auch in akademischen Kreisen ist man der Ansicht,
Der Kongreß wies einen der schwierigsten Vorschläge daß die Partnerschaft Clintons mit dem Kongreß nicht
des Präsidenten für eine Veränderung zurück, wobei genügend artikuliert wird. "Es ist keine Frage, daß
die Verschleppungstaktik des Senats Clintons Plan dieser Kongreß sehr aktiv und äußerst produktiv war,
zur Ankurbelung der amerikanischen Wirtschaft durch ob einem die erzielten Ergebnisse gefallen oder nicht",
höhere Aufwendungen für die Schaffung von Arbeits- so Roger Davidson, Politologe an der University of
plätzen selbst angesichts des anwachsenden Haus- Maryland.
haltsdefizits scheitern ließ. Dieses Experiment mußte
verschoben werden, um die Annahme anderer Be- Es wäre vielleicht zu euphorisch, die aus der ersten
schränkungen der Staatsausgaben zu erlangen.
Sitzungsperiode des 103. Kongresses gezogene Bilanz mit den Kongressen der "Great Society" unter
Von einigen Kritikern wird behauptet, Clinton sei zu Präsident Lyndon Johnson zur vergleichen - wie dies
kompromißbereit gewesen und hätte Einzelheiten seines einige führende Politiker der Demokraten getan haben
ursprünglichen Konzepts geopfert, um im Kongreß - Analysten behaupten jedoch, daß es in Washington
Stimmen zu gewinnen. Im Hinblick auf seinen Einsatz kein so produktives erstes Amtsjahr eines Präsidenten
für das Recht Homosexueller, im Militär zu dienen, oder Kongresses gegeben habe, seit Johnson 1969
stellen sie beispielsweise fest, wie verschieden Clin- das Amt verließ.
tons im Wahlkampf gemachte Versprechungen zu
diesem strittigen Thema von seiner letztlich viel restrik-

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AMERIKA DIENST 1

�VEREINTE

NATIONEN
5. Januar 1994

USA ERFREUT ÜBER VON DEN
VEREINTEN NATIONEN ERZIELTE FORTSCHRITTE
Rückblick auf 1993

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten sind
erfreut über die im letzten Jahr von den Vereinten
Nationen bei der Durchführung interner Reformen und
dem Umgang mit internationalen Problemen erzielten
Fortschritte.
Der führende UNO-Experte im US-Außenministerium,
Douglas Bennet, Abteilungsleiter für internationale
Organisationen, umriß am 23. Dezember 1993 die
Haftung der Vereinigten Staaten.
Obwohl 1993 "ein von sichtbaren Erfolgen und Fehlschlägen im Bereich der Friedenssicherung gekennzeichnetes Jahr" war, so Bennet, wurde anderen Aktionen der UNO, die zu "einigen substantiellen Fortschritten" führten, wenig Aufmerksamkeit zuteil. Diese
Fortschritte wurden u.a. durch eine Änderung der
amerikanischen Politik möglich, sind aber "teilweise
auf eine grundlegende Änderung des internationalen
Klimas" zurückzuführen.
Präsident Clinton erklärte im September 1993 in seiner
Rede vorder UN-Generalversammlung, die Vereinten
Nationen müßten ihre Funktionsweise neu erfinden.
"Offensichtlich wird eine Anzahl lebensfähiger UNInstitutionen eine viel besser funktionierende Nachbarschaft schaffen", erklärte Bennet, "und wir sind der
Ansicht, daß hierbei wichtige Fortschritte erzielt wurden."
Im letzten Sommer stellten die Vereinigten Staaten
auch eine Liste mit den wichtigsten Zielen der UNGeneralversammlung für ihre Sitzungsperiode im Herbst
auf, die von größerer Rechenschaftspflicht des UNSystems zu Haushaltsfragen und von Menschenrechtsproblemen zu einer veränderten Schubkraft der UNResolutionen über den Nahen Osten reichten. Der
neue Haushalt der UNO sieht keine Ausgabensteigerung und eine bedeutende Umverteilung der Fonds für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten vor,

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was ihm zufolge Prioritäten der Vereinigten Staaten
sind.
Eines der jüngsten und sichtbarsten Ergebnisse der
amerikanischen Führungsrolle in der Weltorganisation
ist ihm zufolge die Einrichtung des Amts eines UNHochkommissars für Menschenrechte - eine von den
Vereinigten Staaten seit Ende der vierziger Jahre
gestellte Forderung. Der Hochkommissar wird ein
Streiter für die Menschenrechte sein, auf die Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen hinarbeiten und
den Versuch zum Beginn eines Dialogs mit den Regierungen unternehmen, die Probleme mit den Menschenrechten haben.
Bennet führte drei "ziemlich bedeutende" Errungenschaften der Generalversammlung im Rüstungskontrollbereich an - Resolutionen, die den Abschlu ß eines
umfassenden Vertrags über das Verbot von Atomtests
fordern, die Produktion von spaltbarem Material für
Waffen verbieten und ein Moratorium für den Export
von gegen lebende Ziele gerichteten Landminen beantragen. Er begrüßte auch die Unterstützungserklärung
der Generalversammlung für den Friedensprozeß im
Nahen Osten.
Anfang 1993 schuf UN-Generalsekretär Boutros-Ghali
einen Posten mit dem Mandat zur Erfüllung der Aufgaben eines Generalinspekteurs. Dieses Konzept wurde
von der Generalversammlung begrüßt. "Es bleibt
noch mehr zu tun... aber wir sind der Ansicht, daß wir
dieses Jahr hierbei mehr Fortschritte gemacht haben
als erwartet", so Bennet.
Im UN-Sicherheitsrat übten die Vereinigten Staaten
ihm zufolge einen wichtigen Einfluß auf die Beibehaltung der Wirtschaftssanktionen gegen Irak und Libyen
aus.
Bennet wies auch auf die "viel nüchternere Einschätzung" des Sicherheitsrates bei der Erwägung neuer

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�friedenssichemder Operationen hin. "Unser Ansatz
war die Entwicklung von Leitlinien, politischen Maßnahmen, Praktiken, Erfahrungen und Einschätzungen, die uns eine disziplinierte Untersuchung jeder
dieser neuen Situationen erlaubt hätte", erklärte er.
Auf die Frage, ob der Schwerpunkt von der Friedenssicherung auf die Friedensschaffung verlegt werde,
räumte Bennet ein, "diese Unterscheidungen seien es
wert, diskutiert zu werden", aber schwer vorzunehmen. "Die internationale Staatengemeinschaft muß
sich auf eine Vielzahl von friedenssichernden Aktivitäten vorbereiten", ließ er wissen.
"Sie muß in den Bereichen präventive Diplomatie und
Konfliktverhütung viel bessere Arbeit leisten", äußerte
er. "Die Frühwarnsysteme müssen besser funktionieren. Die diplomatischen Interventionen müssen viel
subtiler sein als bisher."

Ihm zufolge sind die meisten Länder der Ansicht, daß
die Bestrebungen zur Erweiterung des Sicherheitsrates zu einer Zahl von nicht viel mehr als zwanzig
Mitgliedern führen werden. "Den Vereinigten Staaten
liegt keine Zahl vor, und es bleibt zu sehen, wo sie
liegen wird. Aber alles darüber Hinausgehende wäre
zu groß", betonte Bennet.
Auf die Frage nach der Wirksamkeit der U NO-Sanktionen antwortete er; "Wir wissen aus Erfahrung, daß
Sanktionen alleine in der Regel nicht zur schnellen
Änderung einer Politik führen, mit der Zeit kann das
jedoch - wie in Südafrika - der Fall werden.
"Sanktionen sind ein stumpfes Instrument. Sie ziehen
Bevölkerungen in Mitleidenschaft, bei denen das gar
nicht wünschenswert ist. Sie liefern manchen Regierungen eine Entschuldigung für die Fortsetzung unerwünschter Verhaltensweisen."

Er verlieh der Hoffnung der Vereinigten Staaten Ausdruck, daß ihr Anteil an der Friedenssicherung von
über 30 Prozent auf ungefähr 25 Prozent gesenkt
werde, "was unserem Anteil am Haushalt entspricht".
Die derzeitige Veranlagungsformel stammt aus dem
Jahr 1974.

Bennet zufolge erwarten die Vereinigten Staaten, daß
die Einsetzung eines Kriegsverbrechertribunals zur
Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen im
ehemaligen Jugoslawien zu "einer ernsthaften Strafverfolgung" führt. Der Staatsanwalt des Tribunals soll
seine Arbeit im Februar aufnehmen. "Das Tribunal
wurde lange Zeit nach der Verübung der Verbrechen
Sollten Japan u nd Deutschland wie erwartet M rtglieder eingesetzt, und die Beweisführung wird in einigen
des Sicherheitsrates werden, würde sich diese Veran- Fällen sehr schwierig sein. Das ist das größte Prolagung ändern. "Meines Erachtens ist es für die blem, dem wir uns gegenübersehen", so Bennet.
Institution Vereinte Nationen von Nachteil, zu mehr als
25 Prozent von einem einzigen Land abhängig zu sein, Er bezeichnete die Beziehungen der Vereinigten Staaund das war auch das wichtigste Grundprinzip bei der ten zu Generalsekretär Boutros-Ghali als "ausgezeichFestsetzung anderer Höchstsätze", so Bennet.
net" und stellte fest: "Wir unterhalten sehr gute Beziehungen zu ihm; das ist nicht immer einfach, aber
Die Generalversammlung setzte eine Arbeitsgruppe äußerst konstruktiv." Boutros-Ghali sei amerikanizur Oberprüfung der Frage einer Erweiterung des Si- schen Ansichten gegenüber "extrem aufgeschlossen"
cherheitsrats ein. "Unserer Meinung nach ist es für gewesen." Er stimmte nicht immer mit ihnen überein,
den Sicherheitsrat von großer Bedeutung, seine Effi- aber ich könnte mich nicht erinnern, daß auch nur ein
zienz beizubehalten", so Bennet. "Er darf nicht zu groß einziges Mal eine von den Vereinigten Staaten geäusein, damit er seine Arbeitslast bewältigen kann."
ßerte Meinung unberücksichtigt gelassen oder ungeprüft verworfen worden wäre."

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�PARTNERSCHAFT

FÜR

FRIEDEN
5. Januar 1994

AMERIKANISCHE POLITIK KONZENTRIERT SICH
GLEICHZEITIG AUF EUROPA UND DEN
PAZIFISCHEN RAUM
Interview mit John Shalikashvili
WASHINGTON - (AD) - Dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General John Shalikashvili, zufolge
hat die amerikanische Politik eine zweifache Ausrichtung: Den pazifischen Raum und Europa.
Der hochrangige Vertreter des amerikanischen Militärs teilte am 3. Januar 1994 im Programm WorldNet
Dialogue des US-Informationsamts (USIA) mit, Präsident Clinton arbeite an "pazifischen Übereinkünften",
die jedoch nicht vom tiefverwurzelten Interesse der
Vereinigten Staaten "an der Sicherheit und Stabilität
Europas" ablenken würden.
"Es handelt sich hier nicht um zwei widersprüchliche
Ideen", ließ der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs die Journalisten aus Bonn, Paris, Prag und
Warschau wissen. Als Weltmacht hätten die Vereinigten Staaten "die Fähigkeit, sich mit derselben Energie
zwei Regionen der Welt" gleichzeitig zu widmen.
Der für den 10. Januar in Brüssel anberaumte NATOGipfel wird ihm zufolge den Vereinigten Staaten die
Gelegenheit zur Bekräftigung ihrer Absicht geben,
"ihre Präsenz in Europa beizubehalten", und Präsident
Clinton werde das bei den anderen Staats- und Regierungschefs nochmals betonen. Shalikashvili erklärte,
der Präsident werde in Brüssel auf die "zentrale Bedeutung" des Bündnisses für die transatlantische Sicherheit hinweisen und unterstreichen, daß Frieden
und Stabilität in Mittel- und Osteuropa am meisten
gedient ist, "wenn keine neuen Divisionen aufgestellt
werden".
Die Präsenz von 100.000 amerikanischen Soldaten in
Europa, einschließlich zweier Divisionen und dreier
Gegenstücke zu taktischen Jagdgeschwadern der USLuftwaffe bis zum Ende des Haushaltsjahres 1996, sei
"die richtige Anzahl". Dazu soll eine ausreichende Zahl
an der Küste stationierter Seestreitkräfte zur Unterstützung eines Trägerverbands sowie einer amphibischen Landungsgruppe im Mittelmeer gehören. Der
General wies jedoch auch darauf hin, daß sich die
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Vereinigten Staaten das Recht vorbehalten, die sicherheitspolitische Lage in Europa jedes Jahr neu zu
bewerten, um festzustellen, ob sie diesen schrittweisen Abbau auf ungefähr 100.000 Soldaten verlangsamen oder beenden sollen.
Das vorgeschlagene Programm Partnerschaft für
Frieden geht dem Vorsitzenden der Vereinigten
Stabschefs zufolge wirksam und gleichzeitig alle Moskau,
Warschau, Budapest und Prag betreffenden Probleme an. Die Partnerschaft für Frieden baue Hindemisse ab und sei für den transatlantischen Raum von
Vorteil, erklärte er. Sie werde die beteiligten Militärs
durch gemeinsame Übungen, Planung und Operationen einander näherbringen und die Gelegenheit zur
Beseitigung von Problemen im Bereich der Transparenz bieten.
Im Hinblick auf einen angemessenen Zeitrahmen für
das Programm erklärte Shalikashvili, "es obliegt den
Ländern Mittel- und Osteuropas, das Tempo der zu
erzielenden Fortschritte zu bestimmen". Er sehe keinen Grund, warum das Programm Partnerschaft für
Frieden nicht bereits Anfang 1994 "erste positive
Ergebnisse" zeitigen sollte. Obwohl die Teilnahme an
dem Programm "nicht gleichbedeutend" mit einer
künftigen NATO-Mitgliedschatt sei, befänden sich die
Staaten "in einer besseren Position", zu einem früheren Zeitpunkt ernsthaft in Betracht gezogen zu werden.
In bezug auf die jüngsten Wahlen in Rußland unterstrich Shalikashvili, in der Wahlberichterstattung sei
anfänglich die Zustimmung der Wähler zu dem nationalistischen Wladimir Schirinowskij übertrieben dargestellt worden. Das Abschneiden Schirinowskijs sollte
"nicht den von uns bei unseren Beziehungen zu den
östlichen Ländern eingeschlagenen Kurs ändern".
Dem General zufolge sollten die Wahlergebnisse für
die reformistischen und demokratischen Kräfte in
Rußland einen "Aufruf zum Handeln" darstellen, ihre
Seite 1

�Bemühungen um die Gewährleistung eines korrekten
Ablaufs des Reformprozesses zu verstärken und die
Zweifler "möglichst bald davon zu überzeugen, daß
Reformen zur Zeit das beste Heilmittel in Rußland
sind".
Es sei wichtig, den Reformkräften, die "Rußland zu
gestärkten demokratischen Institutionen und einer
Marktwirtschaft hinführen", die größtmögliche Unterstützung zukommen zu lassen.
Shalikashvili geht davon aus, daß die Vereinigten
Staaten und Rußland im neuen Jahr "auf niedriger
Ebene" militärische Übungen durchführen werden.
Der Abbau der Mauern zwischen den Militärs beider
Länder sollte ihm zufolge zur Unterstützung der russischen Reformkräfte führen. Der General bezeichnete
es auch als wichtig, daß Rußland "bei den friedenssichernden Operationen (der UNO) ein vollwertiger
Partner" wird.

zahlen bereit oder in der Lage seien. Fortgesetzte
humanitäre Hilfsbestrebungen "retteten Hunderttausende von Menschenleben" und Sanktionen "haben
auf Serbien bedeutende Auswirkungen gehabt". Sollten sich die drei Kriegsparteien in Bosnien auf einen
Friedensplan verständigen, so Shalikashvili, könnten
die Streitkräfte zu seiner Umsetzung eingesetzt werden.
Zum Thema Somalia ließ der General wissen, der für
den 31. März geplante Abzug amerikanischer Truppen
verfolge das Ziel, "den Vereinten Nationen und den
verbleibenden Ländern die größte Chance" für die
Fortsetzung humanitärer, friedenssichernder und friedensschaffender Operationen zu geben.
Trotz des Verdachts einer von Nordkorea ausgehenden atomaren Bedrohung verfolgten die Vereinigten
Staaten 'Veine besonderen Pläne", ihre Arsenale
konventioneller Waffen in Südkorea zu verstärken.

Nach dem NATO-Gipfel wird Präsident Clinton nach Auf Fragen zur Rüstungskontrolle erklärte der GenePrag reisen, "um die Bedeutung zu unterstreichen, die ral, die gesetzten Fristen lägen zwar noch in weiter
er den Staaten Mitteleuropas beimißt".
Feme, es sei aber dennoch von Bedeutung, "unsere
Anstrengungen zu verdoppeln, um zu gewährleisten",
Zur Situation in Bosnien-Herzegowina äußerte der daß diese atomaren Gefechtsköpfe "so schnell und
General, für die Bosnien-Frage gebe es keine militäri- sicher wie möglich abgebaut werden", wie im STARTsche Lösung zu einem Preis, den die Nationen zu Il-Vertrag vorgesehen.
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�PORTRAT
5. Januar 1994

RUSSLAND-EXPERTE UND ENGER FREUND
DES PRÄSIDENTEN SOLL NEUER
STELLVERTRETENDER AUSSENMINISTER WERDEN
Porträt von Strobe Talbott
Am 28. Dezember 1993 gab US-Au ßenminister Christopher bekannt, er habe Botschafter Strobe Talbott für das
Amt seines nächsten Stellvertreters ausgewählt und bezeichnete ihn als "begnadeten Strategen und Manager".

Auf einer Pressekonferenz in Los Angeles teilte der Außenminister mit, er habe Talbott für die zweithöchste
Position in seinem Ministerium vorgeschlagen und Präsident Clinton habe der Nominierung zugestimmt, die jetzt
noch der Bestätigung des Senats bedarf.

Strobe Talbott war früher als Journalist tätig und spielte
eine Schlüsselrolle bei der Konzeption der RußlandPolitik der Administration zur Unterstützung des russischen Präsidenten Boris Jelzin.
Der 47jährige Talbott, langjähriger Freund Bill Clintons
sowie ehemals Chef vom Dienst und Kolumnist des
Time Magazine, ist der führende Experte des Präsidenten für die Politik gegenüber Rußland und den
anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion sowie ein unbeirrbarer Befürworter der Reformbewegung in diesen Republiken.
Talbott, der sich in drei Jahrzehnten durch seine
Kommentare zu außenpolitischen Fragen einen Namen
gemacht hat und fließend Russisch spricht, wurde am
2. April 1993 zum Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafterund Sonderberater des Außenministers fürdie neuen unabhängigen Staaten derfrüheren
Sowjetunion ernannt.
Er soll eine wichtige Rolle beim Entwurf des auf dem
Treffen in Vancouver zwischen Präsident Clinton und
Präsident Jelzin bekanntgegebenen amerikanischen
Hilfspakets für Rußland gespielt haben sowie bei dem
später auf dem Tokioter Gipfel der führenden Industrienationen angekündigten internationalen Hilfspaket.
Talbott ist ein enger Vertrauter von Außenminister
Christopher und kennt den Präsidenten seit der Zeit,
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als Clinton und er vor 25 Jahren als Rhodes-Stipendiaten an der Oxford University ein Zimmer teilten. Seitdem sind sie befreundet, und wenn Clinton als Gouverneur von Arkansas nach Washington reiste, wohnte er
oft bei Talbott.
Bei seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß
des Senats im März 1993 hatte Talbott erklärt, er hätte
einen Großteil der vergangenen 30 Jahre mit dem
Versuch verbracht, Rußland und die anderen Republiken der früheren Sowjetunion zu verstehen. Talbott,
der an der Hotchkiss School, einer weiterführenden
Privatschule in Connecticut, Russisch gelernt und an
den Universitäten von Yale und Oxford russische
Literatur studiert hat, erwarb seinen Ruf als Sowjetunion-Experte, als er die mündlich Überlieferten Memoiren des ehemaligen sowjetischen Staatschefs Nikita
Chruschtschow übersetzte und veröffentlichte (Khrushchev Remembers, 1970 und Khrushchev Remem
bers: The Last Testament, 1974).
Am 23. März 1993 äußerte Talbott vor dem Senatsausschuß: "Ich werde zwar erstmals im Dienst derRegierung arbeiten, der Gegenstand meiner Arbeit ist
jedoch ein Thema, dem ich bereits einen Großteil
meines Lebens gewidmet habe."
In der Vergangenheit wurde ihm zufolge die nationale
sicherheitspolitische Rechtfertigung amerikanischer
Ru Bland hilf e vorwiegend negativ formuliert: "Hilfe für
Rußland, damit es nicht explodiert und uns dabei in
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�Mitleidenschaft zieht; Hilfe für Rußland, damit es nicht resultierenden Härten für die russischen Bürger zu
das Rad der Geschichte wieder zurückdreht."
mildern. Anstelle einer "Schocktherapie", die nach
Meinung mancher zur Umwandlung der ehemaligen
"Ich würde jedoch behaupten, daß unsere Ziele und Planwirtschaft erforderlich sei, wird Talbott zufolge das
unsere Politik positiver sein können und sollten. Mit neue Ziel "weniger Schock und mehr Therapie für das
anderen Worten: Die amerikanische Politik sollte nicht russische Volk sein. Das ist kurz zusammengefaßt
nur auf die Verhinderung des Schlimmsten abzielen, das Ziel unserer Bemühungen...".
sondern auch auf die Förderung des Besten, das in der
ehemaligen Sowjetunion geschehen könnte. Das betrifft Talbott machte an der Yale University seinen Aballe Nachfolgestaaten, nicht nur Rußland... Sie haben schluß als Bachelor of Arts und Master of Arts. Er
mit ihrer Vergangenheit gebrochen und gestalten ihre erhielt außerdem von der Oxford University einen
Zukunft neu. Wir werden ihnen dabei helfen."
Master in Literaturwissenschaft sowie die Ehrendoktorwürde des Monterey Institute of Strategie Studies.
Talbott unterstrich anschließend die Unterstützung
der Vereinigten Staaten für "die Reformen und die Talbott hat seit 1974 die Rüstungskontrollgespräche
Reformer, seien sie politisch in der Offensive oder der genau verfolgt, Rußland, China, den Nahen Osten,
Defensive, seien ihre Vertreter im Kreml, im Parlament Kuba und Iran bereist und ausführlich über diese
oder im Herzen des Landes." Er fügte hinzu: Während Länder berichtet. Bevor er dem Außenministerium
Rußland und die anderen unabhängigen Staaten ihren beitrat, umfaßte seine Arbeit für das Time Magazine
heroischen Übergang vom Kommunismus zur Demo- auch Tätigkeiten als diplomatischer Korrespondent,
kratie durchlaufen, müssen wir unsere eigene Über- Berichterstatter des Außenministeriums und des Weißen
gangszeit durchleben - von der Führungsmacht einer Hauses, Osteuropa-Korrespondent, Chef vom Dienst
gegen die Sowjetunion gerichteten Koalition zum in Washington, Herausgeber und außenpolitischer
Anführer einer strategischen Allianz mit den Nachfol- Kolumnist.
gestaaten der Sowjetunion."
Seine Werke über Rüstungskontrolle und die amerikaAuf einer Pressekonferenz nach den jüngsten Ruß- nisch-russischen Beziehungen umfassen unter
landwahlen, die der Partei des ultranationalistischen anderem: At the Highest Levels: The Inside Story
Wladimir Schirinowskij eine erstaunlich große Unter- of the End of the Cold War (Auf höchster Ebene: Das
stützung brachten, betonte Talbott nochmals, daß die Ende des Karten Krieges und die Geheimdiplomatie
Administration ihre Unterstützung der russischen der Supermächte 1989-91; dt. 1993, zusammen mit
Reformen nicht einstellen werde und es keine Anzei- Michael Beschloss), The Master of the Game: Paul
chen dafür gebe, daß das russische Volk das getan Nitze and the Nuclear Peace, Reagan and Gorbahabe.
chev (zusammen mit Michael Mandelbaum), Deadly
Gambits: The Reagan Administration and the
"Das sollte uns eine Lehre sein", fuhr er fort, "daß wir Stalemate in Nuclear Arms Control (Raketenschach,
unsere eigenen nationalen Interessen an einer Förde- dt. 1984) sowie Endgame: The Inside Story of SALT
rung der Reformkräfte stärker im Auge behalten soll- Two.
ten, die auch im neuen Parlament und ganz gewiß in
der Jelzin-Regierung ziemlich mächtig sein werden." Für seine Berichterstattung erhielt Talbott 1980 und
1985 den Edward Weintal-Preis für hervorragende
Talbott gab auch bekannt, die Administration werde diplomatische Berichterstattung sowie 1979, 1981,
mehr Zurückhaltung bei ihrem Drängen auf schnelle 1987 und 1988 Auszeichnungen des Overseas Press
Wirtschaftsreformen in Rußland zeigen, um die daraus Club.
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�US-MILITAR
5. Januar 1994

HILFESTELLUNG IN DER ÜBERGANGSZEIT
von Don Ward
Zu einer Zeit, in der amerikanische Militäreinrichtungen in den gesamten Vereinigten Staaten abgebaut oder
geschlossen werden, ergreifen Verantwortliche dieser Stützpunkte und anderer Anlagen die Initiative bei der
Karriereplanung für die Tausenden von Militär- und Zivilangestellten, die entlassen oder entwurzelt werden. Der
nachfolgende Artikel beschreibt diese Stellenvermittlung. Sein Verfasser, Don Ward, ist Journalist bei der Navy
Times.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Government Executive, Mai 1993.
Copyright (c) 1993 National Journal, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Alyce El gehört zu den 8.700 Angestellten der Marineschiffswerft und dem Marinestützpunkt von Philadelphia, die durch die 1995 geplante Schließung dieses
Stützpunktes ihren Arbeitsplatz verlieren.
Die 24jährige Mitarbeiterin des Personalbüros wartet
mit ihrer Suche nach einem neuen Arbeitsplatz aber
nicht bis zu ihrer Entlassung. El nutzt das besondere,
auf dem Stützpunkt errichtete sogenannte Übergangszentrum, um ihre Fähigkeiten zu bewerten und neue
Karrieremöglichkeiten zu erkunden.
Das Übergangszentrum von Philadelphia wurde im
März 1993 eröffnet, um Zivilangestellten des USMilitärs bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen in
Regierungsbehörden oder der Privatwirtschaft behilflich zu sein. Durch seine dem neuesten Stand der
Technik entsprechenden Computer, zahlreichen Softwareprogramme und sein Korps von Schiffswerftmanagem, die auch eine Beraterfunktion einnehmen,
gehört es zu den am besten ausgerüsteten Zentren
seiner Art. Die angebotenen Dienste sollen den Zivilangestellten bei der Beurteilung ihrer Fähigkeiten, der
Vorbereitung aussagekräftiger Lebensläufe und der
Bewerbung um staatliche Stellen helfen.
In einigen Fällen stehen den Arbeitnehmern, die sich
zu einem Berufswechsel entschlossen haben, Umschulungsprogramme zur Verfügung. Arbeitsplatzmessen und -clubs sind ebenfalls geplant.
"Ich fand das Zentrum außerordentlich hilfreich, um
meine Arbeitsplatzsuche zu organisieren und zu sehen, welche Qualifikationen ich hierzu vorweisen muß",
so El. "Die Berater haben mir geholfen, meinen
Lebenslauf noch ansprechender zu gestalten. Und sie

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haben mich auf Fähigkeiten hingewiesen, von denen
ich gar nicht wußte, daß ich sie besitze."
Philadelphia ist nur einer von zahlreichen Militärstützpunkten, auf denen die Hilfe für Zivilangestellte bei der
Suche nach einem neuen Arbeitsplatz nahezu eine
nationale Freizeitbeschäftigung geworden ist. Vor
mehreren Jahren begann das Verteidigungsministerium mit der Bereitstellung einer ähnlichen Übergangshilfe für Zivil- und Militärangestellte durch Familienunterstützung sowie Büros für ehemalige Angestellte auf
den Stützpunkten. Die jüngsten Stützpunktschließungen und der derzeitige Streitkräfteabbau erfordern
jedoch eine Verstärkung dieser Bemühungen. (Ende
Juni 1993 empfahl der Ausschuß für die Schließung
und Neuorientierung der Militärstützpunkte die Schließung oder Verkleinerung von ungefähr 30 großen
Militäreinrichtungen und einer Vielzahl kleinerer Stützpunkte, was zur Entlassung oder Entwurzelung von
mehr als 125.000 Zivil- und Militärangestellten führte.
Der unabhängige Ausschuß handelte im Einklang mit
seinem Mandat gemäß einem 1990 vom Kongreß
entwickelten Verfahren, um einengerechten, unparteiischen, öffentlichen Entscheidungsprozeß über die
Stützpunktschlie ßung sieherzustellen).
Als Folge davon riefen Mitarbeiter verschiedener Stützpunkte mit eigenen Geldmitteln auf eigene Faust von
der Basis ausgehende Übergangshilfeprogramme ins
Leben, von denen jedes auf die besonderen Bedürfnisse der Stützpunktmitarbeiter zugeschnitten ist.
"Es gibt hier alle möglichen Sonderprogramme", erklärt Ellen Tunstall, Programmanagerin für Unterstützungsberechtigung des Abteilungsleiters für Personalpolitik für Zivilangestellte im Verteidigungsministerium.
Seite 1

�"Auf den Stützpunkten hat man sich wirklich etwas
einfallen lassen. Sie haben mit dem Arbeitsministerium und Beschäftigungsausschüssen zusammengearbeitet. Außerhalb des Ministeriums gab es allgemeine
Anleitung, und einige Einrichtungen erhielten Unterstützung in Form von Geldern oder Programmen, aber
ein Großteil der Aktionen war wirklich innovativ und
ging von der Basis aus. Und das ist das Verdienst der
Manager und Angestellten dort."
Im März 1992 eröffneten zivile Angehörige des Personalbüros im Armeedepot von Sacramento (Kalifornien) ein Zentrum, das dem in Philadelphia ähnelt,
jedoch kleiner ist, nachdem dieser Militärstützpunkt
1991 auf die Liste der zu schließenden Einrichtungen
gesetzt wurde. Der stellvertretenden Zentrumsleiterin
Mary Romero zufolge soll es 6.500 Zivil- und Militärangestellten sowie ihren Familien behilflich sein. Bisher
hat das Zentrum nahezu 70 Mitarbeitern des Armeedepots eine neue Anstellung verschafft. Das Depot,
dessen Schließung für 1997 geplant ist, ist auf die
Reparatur von Radaranlagen und Telekommunikationseinrichtungen spezialisiert.
Im Juli 1991 begannen Beamte des Luftwaffenstützpunktes Mather nahe Sacramento, dessen Schließung im Rahmen des Verfahrens von 1988 ins Auge
gefaßt wurde, ein Programm zur Unterstützung von
1.600 Zivilangestellten bei der Suche nach einem
neuen Arbeitsplatz oder der Umschulung für einen
neuen Beruf. Durch dieses Programm, dem ersten
seiner Art in der US-Luftwaffe, wurden bislang 750
Mitarbeiter beraten und 133 zu einem neuen Arbeitsplatz verholten, so die Koordinatorin Joann Morse.
Im Zuge des fortgesetzten Streitkräfteabbaus nehmen
weitere Bestrebungen dieser Art Gestalt an.
Das Pentagon plant bis zum 1. Oktober 1993 die
Reduzierung der Zahl seiner Zivilangestellten um 40.000,
wodurch die Streitkräfte bis zum Ende des Haushaltsjahres 1993 auf 966.000 Angehörige verringert werden
sollen. Voraussichtlich werden ungefähr 25.000 Mitarbeiter das Militär freiwillig verlassen, die übrigen sollen
-je nach Art ihrer Beschäftigung und ihres Dienstalters
-durch finanzielle Anreize von bis zu 25.000 Dollar pro
Person zum Abschied bewegt werden.
Auf vielen Stützpunkten könnte der Personalabbau
schon viel früher beginnen. Zahlreiche Stützpunkte
haben bereits um die Erlaubnis gebeten, ihre Mitarbeiter gehen zu lassen. Beispielsweise hat Philadelphia
das Ersuchen gestellt, seine Mitarbeiterzahl um 800
bis 1.200 zu senken, da für die große Belegschaft nicht
genügend Arbeit vorhanden ist.

die von den Kürzungen des Verteidigungshaushalts
und der Stützpunktschließung betroffen sind.
Mittlerweile haben Verantwortliche zahlreicher Stützpunkte vom Arbeitsministerium Gelder für die Umschulung erhalten und Freiwillige vor Ort für Beratertätigkeiten gewonnen, um den Angestellten des Militärs
einen reibungslosen Übergang in den Privatsektor
oder andere Regierungsbehörden zu erleichtern.
In Philadelphia richteten für Zivilangestellte zuständige Mitarbeiter des Personalbüros des Flottenkommandos ein Übergangszentrum ein, das anderen zur
Schließung oder Neuorientierung vorgesehenen Militärstützpunkten als Modell dienen könnte. Nancy
Doody, der Spezialistin für Personalführung und Gestalterin des Zentrums, zufolge stellte die große Zahl
entlassener Arbeitnehmer und ihre stark spezialisierte
Arbeit eine ziemlich große Herausforderung dar. "Die
meisten Karrierezentren sind wie Arbeitsämter, aber
das von mir Entworfene in Philadelphia verfolgt eine
andere Linie", erklärt Doody. "Ich habe Karriereplanung und Entwicklung miteinander verknüpft, da viele
der Betroffenen neue Entscheidungen hinsichtlich ihrer
Zukunft zu treffen haben. Sie müssen ihre Optionen
und Qualifikationen prüfen und sich unter dem Gesetz
zur Berufsausbildung und Stellensuche für einen anderen
Beruf ausbilden lassen, da viele ihrer Arbeitsplätze
wegfallen."
Doody ermutigt ihre Klienten, sich selbst als Unternehmen zu verstehen, "das Ihre Fähigkeiten vermarkten
und Ihr Produkt - Sie - verkaufen soll".
Das Zentrum verfügt über Computer und Laserdrucker
zur professionellen Erstellung von Lebensläufen, Softwareprogramme zur Einschätzung beruflicher Fähigkeiten, Nachschlagewerke, damit die Qualifikationen
auf potentielle Arbeitgeber abgestimmt werden können, Branchenverzeichnisse zur Sondierung von Industriekontakten sowie Computerprogramme zur Bewerbung bei staatlichen Stellen. Zudem stehen dem
Zentrum mehr als ein Dutzend ehrenamtliche Berufsberater zur Verfügung - eine Mischung aus Schiffswerftmanagern und Betriebsratsmitgliedern, die entlassenen Klienten bei ihrem neuen Anfang zur Seite
stehen.
Das Ziel ist die Unterstützung von entlassenen Zivilangestellten bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz innerhalb der 120 Tage betragenden Kündigungsfrist.

"Bisher war es ein wirklicher Erziehungsprozeß, den
Menschen begreiflich zu machen, daß wir keine Stellenvermittlung sind", erklärt die vor Ort tätige ManageEinen Tag vor Bekanntgabe der Stützpunktschließun- rin Cindy Anderson. "Unsere Aufgabe besteht darin,
gen und Neuorientierungsempfehlungen für das Jahr die Angestellten mit den für ihre Vermarktung bei der
1993 kündigte Präsident Clinton im März ein Hilfspaket Stellensuche erforderlichen Werkzeugen auszustatin Höhe von 20 Milliarden Dollar zur Unterstützung von ten. Viele Menschen entdecken das erst, wenn sie hier
Industriezweigen, Arbeitnehmern und Gemeinden an, sind."

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�Da viele dieser Arbeitnehmer seit Jahren nicht mehr
auf dem Arbeitsmarkt waren, stellt das Zentrum Beratung zur Streßbewältigung und Videokassetten zur
Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen zur Verfügung und probt mit den Klienten gestellte Personalgespräche.

se einschätzen und ihm bei seinem neuen Anfang
helfen zu können. Alles ist auf den einzelnen abgestellt. Es gibt hier kein Standardformat."

Doody plant auch die Einrichtung einer kleineren Version des Zentrums von Philadelphia beim Flottenkommando in Ariington (Virginia) für die 12.000 bei den
"In der staatlichen Verwaltung gibt es für so viele Dinge zahlreichen Kommandosystemen der US-Marine
Vorschriften", stellt Anderson fest. "Für uns gibt es beschäftigten ZivilangestelHen. "Wenn es in Philadelkein business-as-usual. Wir sind vollständig auf unse- phia funktioniert, tut es das überall", so Doody.
ren Kunden ausgerichtet, um wirklich seine Bedürfnis-

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�LITERATUR
5. Januar 1994

DER "TYPISCHE AMERIKANER"
Interview mit der Autorin Gish Jen
WASHINGTON - (AD) - Was ist der "typische Amerikaner"? Eine chinesisch-amerikanische Autorin hat sich in
ihrem sarkastischen, aufschlußreichen ersten Roman, der von Literaturkritikern in den Vereinigten Staaten
gelobt wurde, die Beantwortung genau dieser Frage zum Ziel gesetzt.
Der Roman Typical American von Gish Jen ist die Geschichte von Yi-feng Chang - in Amerika Ralph Chang
- der im Jahr 1974 seinen Vater, einen wissenschaftlichen Angestellten, seine Mutter und seine ältere Schwester
in einer kleinen, nahe Schanghai gelegenen Stadt zurückläßt, um in New York Ingenieurwesen zu studieren.
Ralph gibt sich große Mühe, durchläuft jedoch einen Akkulturationsprozeß, bis seine Schwester Teresa und ihre
Freundin Helen zu ihm nach New York kommen. Das Buch beschreibt ihren bisweilen schmerzlichen, manchmal
witzigen Weg, Amerikaner zu werden.

Die in Amerika als Kind chinesischer Einwanderer
geborene Gish Jen wuchs in Jonkers und Scarsdale
(New York) auf. Als Romanautorin ist sie eine Art
Abtrünnige in einer Familie, der unter anderem drei
Geschäftsleute - ihre Brüder - und eine Ärztin - ihre
jüngere Schwester - angehören.

Nach ihrer Rückkehr aus China studierte sie Literatur,
heiratete 1983 David O'Connor (der kein Chinese ist)
und widmete sich ausschließlich hausfraulichen Tätigkeiten. Als sie dreißig war, verspürte sie jedoch den
dringenden Wunsch nach beruflichem Erfolg und begann
zu schreiben.

Als "gehorsame Tochter" besuchte Jen ein Jahr lang
die Stanford Business School. Aber kurz nach Beginn
des zweiten Jahres wurde ihr klar, daß eine Laufbahn
in der Wirtschaft einfach nicht das Richtige für sie ist.
Sie ging nach China und erteilte dort Bergbauingenieuren Englischunterricht.

Ursprünglich wollte Jen keinen Roman über chinesische Einwanderer schreiben, erklärte sie in einem
Interview mit dem US-Informationsamt (USIA). "Das
Thema ergab sich irgendwie" aus einer Serie von
Kurzgeschichten, die sie über die fiktive Familie geschrieben hatte und die viele verschiedene Themen
behandelte. "Nachdem ich drei oder vier dieser Geschichten geschrieben hatte, wurde mir klar, daß ich
genug Interesse an diesen Charakteren hatte, um ein
Buch über sie zu schreiben", teilte sie mit.

In China entdeckte sie, daß sie den dortigen "Gemeinschaftssinn" liebte. "Es gab dort viele Dinge, die mir
gefielen und die ich wunderbar beruhigend fand.
Gleichzeitig war ich mir der Unterschiede sehr bewußt."
"Beispielsweise hatte ich eine ganz andere Einstellung
zur Autorität alsdie meisten Chinesen, die ich traf. Sie
akzeptieren, daß der Staat sehr viel und der einzelne
keine Macht haben sollte. Wenn man in Amerika
aufgewachsen ist, akzeptiert man diese Idee nicht.
Wenn man dort mit willkürlichem Machtmißbrauch
konfrontiert wird, ist man entrüstet. Die Chinesen sind
das nicht, und sie können auch nicht verstehen, warum
eine 'nette Chinesin' entrüstet ist. Der Grund ist, daß
ich in Amerika aufgewachsen bin. Ich bin Amerikanerin und habe diesen Dingen gegenüber eine amerikanische Einstellung."

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"Ich habe wahrscheinlich einen Roman über Einwanderer geschrieben, weil meine Eltern Einwanderer
waren", stellte sie in einem im März 1991 von Houghton Mifflin/Seymour Lawrence veröffentlichten Buch
fest. "Damals entwickelte ich auch Interesse an Amerika
betreffenden Themen. Es interessierte mich zu wissen, wer wir als Amerikaner sind. Und es schien, daß
die Einwanderer die wirklichen Außenseiter waren,
was uns zeigte, woraus die amerikanische Kultur wirklich besteht."
Was ist denn der "typische Amerikaner"?
Bisher, teilte Jen dem US-Informationsamt mit, wurde
der "typische Amerikaner" vornehmlich von Menschen
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�europäischer Herkunft definiert, aber die Definition
muß jetzt erweitert werden. "Ich versuche zu argumentieren, daß wir jetzt angesichts neuer Einwanderungswellen den typischen Amerikaner' als jemanden
sehen müssen, der bestimmte Fragen zu seiner eigenen Person stellt. Der typische Amerikaner ist beispielsweise jemand, der viel Zeit mit der Untersuchung
der Frage verbringt, wer er ist. Diese Frage wird in
anderen Ländern nicht gestellt: Was jemand aus sich
macht."

"Jede Art von Wachstum beinhaltet meiner Meinung
nach Wandel. Jeder Wandel beinhaltet Verlust. Hier
besteht ein wirklicher Verlust, das möchte ich gar nicht
leugnen. Ein gegen diesen Wandel gerichteter Standpunkt ist ein gegen das Leben gerichteter Standpunkt.
Jeder Elternteil, der stirbt, ist ein Verlust. Dennoch
können wir als Kinder nicht einfach das Leben unserer
Ehern wiedererschaffen, um ihr Leben fortzusetzen."

Jen betonte, ihr Buch handele zwar von Amerikanern
chinesischer Herkunft, richte sich jedoch nicht an eine
"In anderen Ländern ist man einfach man selbst, bestimmte Leserschaft. Beim Verfassen ihres Buches
insbesondere in älteren Kulturen wie in China. Man ist habe sie "große Anstrengungen unternommen, um
das Kind seiner Eltern. Man ist vorwiegend an seinem eine sehr detaillierte psychologische Beschreibung
Platz in der Gesellschaft. Hier in Amerika werden wir meiner Charaktere zu geben, die eher menschlich als
mit all diesen anderen Botschaften bombardiert - 'man 'exotisch' wirken sollten." Jen hofft, daß ihre Leser in
sollte alles sein, was man sein kann', und so fort. den Vereinigten Staaten "auf die chinesisch-amerikaMeines Erachtens sind wir eine von einer Idee und nischen Erfahrungen schauen, darin ihre eigenen
diesen Gedanken geeinte Nation."
Erfahrungen sehen und sich gleichzeitig der Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewußt werden".
Jen zufolge kann man jahrelang in Japan, Frankreich
oder Italien leben, ohne jemals Japaner, Franzose An ihre Leser in Übersee richtet Jen die folgende
oder Italiener zu werden. Man kann jedoch in Amerika Botschaft: "Mein Buch enthält eine Art Warnung
leben und ein wirklicher Amerikaner werden.
bezüglich der Freiheit hier (in den Vereinigten Staaten), welche Nachteile sie haben kann und welche
"Der Grund dafür ist, daß in Amerika - beispielsweise Grenzen das in diesem 'Paradies' Gebotene hat. Ein
im Unterschied zu Japan, wo das Wesen des Japaners Mensch hat hier viel weniger Beschränkungen als in
eng verbunden mit Rasse, Geschichte und Blut ist - jedem anderen Teil der Welt, aber es gibt immer noch
das Wesen des Amerikaners etwas mit bestimmten Grenzen. Die Freiheit kann für große und edle Dinge
gemeinsamen Ideen zu tun hat", erläuterte sie. "Wir genutzt werden, aber auch für unehrenhafte und gesind eine Nation, die sich von jeder anderen auf der fährliche... Sie beinhaltet sowohl Gefahren als auch
Welt stark unterscheidet. Wir sind 'das großartige Chancen."
Experiment'. Wir sind ein auf Gedanken und Vorstellungen basierendes Land, was bedeutet, daß jeder zu Sie räumt ein, daß die amerikanische Gesellschaft ihre
uns gehören kann. Wie könnte jemand ein wirklicher "willkürlichen Grenzen" hat, wobei der Rassismus die
Japaner werden, so wie das dort verstanden wird?"
am stärksten vorherrschende ist. "Eine der Grenzen,
die in diesem Land am schwersten abzuschaffen sind,
USIA befragte Jen zu der vorherrschenden Ansicht ist die der Rasse. Jeder scheint automatisch anzunehaller Nichtamerikaner, daß der amerikanische "Markt- men, daß die Rasse der wichtigste Aspekt eines
platz der Ideen" unkontrolliert, chaotisch und bisweilen Menschen ist. Das stellt eine wirkliche Schwierigkeit
gefährlich instabil ist.
dar, wenn die Menschen einander einschätzen", so
Die Autorin lachte. "Das ist ein Teil der amerikanischen Jen.
Natur - daß jeder argumentiert und eine Meinung
vertritt. Wir haben diese Art von Anarchie und jeder
nimmt daran teil. Das macht einfach Spaß."

Das Leben in den Vereinigten Staaten wird ihr zufolge
stärker von den Grenzen der eigenen Vorstellungskraft eingeschränkt. "In diesem Land, in dem man sein
Jen hatte beobachtet, daß viele Chinesen, die in die Leben nach den eigenen Wünschen gestalten kann,
Vereinigten Staaten ziehen, Angst vor der Assimilie- wird man von den eigenen Vorstellungen vom Leben
rung haben, die sie für einen gefährlichen Verlust ihres beschränkt. Manchmal habe ich den Eindruck, die
Selbst halten. "Wahr ist meines Erachtens, daß jeder, Menschen haben nicht ausreichend darüber nachgeder mit klarem Kopf darüber nachdachte, in einer dacht, wer sie werden wollen, bevor sie einfach losanderen Kultur Fuß zu fassen, in Angst und Schrecken stürmen, um diese Person zu werden. Das geschieht
mit Ralph in meinem Buch. Er folgt aus bestimmten
versetzt wurde", meinte sie.
Gründen einfach der falschen Spur. Er hätte mehr
"Meiner Ansicht nach ist es jedoch auch unvermeid- nachdenken sollen, wie sich in meinem Buch herauslich, daß die jeweilige Umgebung einen Menschen stellt."
verändert. Und das halten die Menschen oftmals für
schrecklich: Man verliert sein Erbgut! Ich halte das "Damit will ich einfach sagen, daß es in Amerika diese
enormen Chancen gibt, aber auch viele Stricke, um
aber eher für einen Teil des Lebens."
sich zu erhängen. Es gibt beides, und die Menschen
sollten Vorsicht walten lassen."
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AMERIKA DIENST 1

�Jen würde sich freuen, wenn ihr Buch zur Verständigung zwischen den Kulturen beitragen würde. Ihr
wirkliches Ziel besteht jedoch darin, Literatur mit wahrhaft
künstlerischem Wert zu schaffen, die über ethnische
Grenzen hinausgeht.

Jen, die kürzlich ein Guggenheim-Stipendium erhielt,
arbeitet zur Zeit an ihrem zweiten Roman. Eine ihrer
Kurzgeschichten, The Water-Faucet Vision, erscheint
in einer kürzlich veröffentlichten Anthologie asiatischamerikanischer Literatur mit dem Titel Charlie Chan
is Dead (Penguin Books, 1993. Herausgeberin Jessica Hagedom).

* * * * *

AMERIKA DIENST 1

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